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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Th. M. Dostojewsky - Eine biographische Studie - -Author: Nina Hoffmann - -Release Date: June 9, 2016 [EBook #52283] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - - - - - Th. M. Dostojewsky. - - - Eine biographische Studie - von - N. Hoffmann. - - Mit Bildnis. - - Berlin. - Ernst Hofmann & Co. - 1899. - - Nachdruck verboten. - Übersetzungsrecht vorbehalten. - - Meinen russischen Freunden - gewidmet. - - - [Griechisch: Daimôn]. - - Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, - Die Sonne stand zum Grusse der Planeten, - Bist alsobald und fort und fort gediehen - Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. - So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen, - So sagten schon Sibyllen, so Propheten; - Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt - Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. - - Goethe. - - - - - Inhalts-Übersicht. - - - Seite - I. Das Milieu 1 - II. Kindheit und Jugend 17 - III. Katastrophe 59 - IV. Semipalatinsk 130 - V. Petersburg 171 - VI. Publizistik 191 - VII. Zweite Vermählung. Schuld und Sühne. Abreise 252 - VIII. Vierjähriger Aufenthalt im Auslande 276 - IX. Briefwechsel aus der Fremde 300 - X. Petersburg; die letzten zehn Jahre 405 - _Anhang._ Bibliographische Übersicht 443 - Personen- und Sach-Verzeichnis 446 - - - - - An meine Leser. - - -»Vorreden sind immer Entschuldigungen«, hat jüngst ein geistvoller -Schriftsteller in einer der seinigen gesagt. Der Verfasser des -vorliegenden Buches geht weiter. Er erhebt Einspruch dagegen, dass seine -Arbeit als ein litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie -durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persönlichkeit -betrachtet wissen, und wünscht als einzigen Erfolg dieses Buches, dass -etwas von dem zwingenden und zugleich versöhnenden Geiste des grossen -Dichters durch seine Blätter wehe und die Gemüter in seinem Sinne -erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wäre am Platze: dem Dichter und -dem unerschöpflichen Material gegenüber, das ganz zu bewältigen dereinst -die Arbeit Vieler ausmachen wird. - -Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier ihre Stelle finden. -Im grossen Ganzen habe ich den Stoff chronologisch geordnet. An einigen -Stellen indes schien es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten -plastisch hervortreten zu lassen, spätere briefliche Äusserungen des -Dichters sofort heranzuziehen. - -Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme der »Armen -Leute«, in die Periode des Tastens und der Nachahmungen einreihen muss, -habe ich nicht im Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben -Gesichtswinkel zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit -und Feinheit psychologischer Einzelheiten -- vom Standpunkt der -russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt --, nicht -allzusehr von einander differenzieren. - -Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele Etappen auf -dem Wege zur Vollendung seines Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer -Ausgeprägtheit und ihres Verstandenseins durch den westeuropäischen -Leser mehr oder weniger breit behandelt. - -Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben muss, die aus -vielfachem Material geschöpft hat und auf Glaubwürdigkeit Anspruch -erheben darf, befand ich mich in einiger Verlegenheit. Für den deutschen -Leser wären Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen, da -ich aus unübersetzten russischen Autoren schöpfte. Auch die den Werken -des Dichters entnommenen Stellen könnte der deutsche Leser nicht in den -umlaufenden Ausgaben nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem -Verständnisse aus dem Original übersetzte. Der russische Leser aber -kennt alles, was über Dostojewsky geschrieben worden, sofern er sich für -diesen Dichter und seine Richtung interessiert, vortrefflich und findet -in den Namen und Quellen, die ich im Texte reichlich angab, genug -Anhaltspunkte zum Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise, -die mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen mussten. - -_Wien_, Januar 1899. - - N. Hoffmann. - - - - - I. - Das Milieu. - - -Über Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner Gesamt-Erscheinung als -Dichter, Psychologe, als Ethiker und Mensch zu sprechen, ein -erschöpfendes Bild seines Lebens und seiner künstlerischen, sowie vor -allem seiner seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wäre heute, -sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes Unternehmen. -Einerseits ist er der gegenwärtigen Generation noch zu nahe; alles was -über ihn gesagt werden könnte, stünde noch im Zeichen des Kampfes. Er -hat ja, wie alle mächtig ausgeprägten Individualitäten, im Leben bis zu -seinem letzten Atemzuge heftig gekämpft und Kampf erzeugt. - -Anderseits leben seine nächsten Angehörigen, seine Freunde noch, und -diese sind im Besitze der intimeren Erinnerungen und Äusserungen seines -persönlichen Lebens, die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben -nicht geneigt sein können; ganz abgesehen davon, dass die Ausnützung -intimer Lebensverhältnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches, ohne -Hinblick auf die inneren Zusammenhänge und die Einheitlichkeit des -Wesens, dem man nahe zu kommen trachtet, nicht scharf genug als müssige -Indiskretionen gebrandmarkt und verpönt werden können. - -Wir Europäer hinwieder bringen dem Dichter eines uns in hohem Grade -interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher, verblüffter Neugierde -entgegen, zu der uns der grosse Seelen- und Krankheitskenner und Maler -wohl zwingt, lehnen aber die nähere Bekanntschaft seines tiefen -Zusammenhanges mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus Furcht vor dem -Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie Nietzsche sagt, »die -allerstärkste und erstaunlichste Kraft, zu wollen, in sich -aufgespeichert hat, mit der ein Denker der Zukunft wird rechnen müssen«. -Dazu tritt noch, dass unser grosses Publikum alles, was von Russland -kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders fesselt, -wenn es die Äusserungen sozialistischer, revolutionärer, atheistischer -Anschauungen einer unter harter Despotie seufzenden Intelligenz -vermittelt. Äusserungen, deren Intensität im Gegensatze zu den sie -hervorrufenden Zuständen, es fast als litterarische Pikanterie geniesst. - -Aber mit der eigentümlichen Erscheinung eines Dichters, der zugleich -lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und mystisch religiös, der -durchaus demokratisch und dabei durchaus konservativ ist, wissen wir -nichts anzufangen. - -Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der grösste -Repräsentant dieser merkwürdigen Konstellation, und wir müssen die -scheinbaren Widersprüche, die darin liegen, in der Grösse seines Genies -und seines Herzens auflösen und etwa so ansehen, wie wir die -Widersprüche der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West mit -einem grossen Ringe umspannt. Vor allem dürfen wir Dostojewsky nicht -litteraturmässig auffassen, sondern als einen grossen, seelenbewegenden -Schöpfer »in einem ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen«. Unter -uns hört man oft den Ausspruch: »Dostojewsky ist ein grosser Künstler, -aber sein mystisches Christentum ist sehr störend«. So angesehen -zerfällt sein Bild sofort in einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er -ist ein Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an die -Läuterung _auch Europas_ durch das russische Volk, und er kann, vermöge -seines unvergleichlichen Dichtergenius, seine Wahrheiten nicht anders -hinausrufen, als in Werken von hohem künstlerischen Werte. - -So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit, die wir in allen -seinen Werken wiederfinden, so fest und kompakt wie etwa ein Urgestein, -das bei dem kleinsten Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt. - -Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im Auge haben, wenn wir -es versuchen, an der Hand lückenhafter russischer Biographieen, sowie -des Materials, das uns seine Tagebücher, die Aufzeichnungen seiner -Gattin, seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke -vermitteln, ein, soweit es möglich ist, getreues Bild seines Lebens und -Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben. - -Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten, müssen wir einige -Vorbemerkungen über das Milieu einschalten, dem der Dichter entsprossen -ist. - -Wenn wir nämlich die Werke französischer, englischer, italienischer, -kurz europäischer Schriftsteller lesen, so bringen wir ihrem Milieu so -viel Kenntnis und Anpassungsvermögen entgegen, dass wir ohne weiteres -sagen, der oder jener schildere die _Menschen_ so oder so. Lesen wir -indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir sehen ein -fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und darin -- einen _Russen_, -den wir uns erst in unser Menschliches übersetzen müssen, wobei wir oft -unsere liebe Not haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da wohl -mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen Kräften, mit -einem Volke, das wir erst kennen lernen, demgegenüber wir manches -»umlernen« müssen. - -Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er sich nicht eine -lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat, kein lebendiges und ganz -zutreffendes Bild von Russland und seinem Volke entwerfen. Lässt ja -Dostojewsky selbst in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein -Gespräch miteinander führen, in dem der eine ungefähr sagt: »Der M. N. -giebt vor, zu wissen, was Russland ist -- ja wissen wir es denn selbst?« - -Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so zu eigen gemacht, -dass er ihre intimen Nüancen, die familienhafte Unmittelbarkeit ihrer -Laute nachempfindet, ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke -und ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele, die diese -Sprache ausdrückt, gewahr werden. Dies ist hier um so leichter der Fall, -als alles Russische ein so durchaus uneuropäisches Gepräge an sich -trägt. - -Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes gehender Zug vor -allem auffallen muss, ist die familienhafte Zusammengehörigkeit und -Brüderlichkeit aller mit allen. Dies drückt sich schon in der Sprache -aus: Väterchen, Mütterchen, du mein Verwandter, oder: du meine Verwandte -sind die gebräuchlichsten Formen der Anrede. Dieses Familiengefühl geht -von unten hinauf, nicht umgekehrt, allein das ist es, was ihm ewige -Dauer sichert. Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede -keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen mit dem höflichen -Zusatz des Vatersnamens zulässt, geht eine, wenigstens formale Intimität -durch die ganze Nation, von welcher sich kein modern »demokratisches« -Volk etwas träumen lässt. Nicht nur der Bauer, sondern auch der Hoflakai -führt für den Kaiser oder Grossfürsten keine andere Benennung oder -Anrede im Munde als etwa: »Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna -lässt Euch bitten« oder ähnliches. Für das Volk ist diese Form eine -intime Herzenssache, für die »Gesellschaft« hat sie nur den Wert einer -patriarchalischen Reminiscenz, und das Volk selbst als »Brüder« zu -betrachten, ja einen wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und -Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend bis heute -noch nicht geträumt. Darin liegt wohl, wie es scheint, die scharfe -Trennung der konservativen russischen Kreise von den neueren liberalen. -Allerdings wachsen auf diesem Gebiete Missverständnisse wie die Disteln -empor. Denn, indem sich viele energische Liberale nicht auf die -Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum Volke, auf den guten Einfluss der -Bildung allein beschränken, die sie diesem hochintelligenten, aber in -tiefe, abergläubische Religiosität eingesponnenen Kinde vermitteln, so -fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hände, welche von der -Vernichtung der Unwissenheit und des Aberglaubens auch jene des Glaubens -und der Ehrfurcht befürchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum -Volke in ein Gebiet übergeleitet, das sich von den ursprünglichen -Absichten allmählich und unbemerkt entfernt. - -Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des russischen Volkes geht -(die Gesellschaft als solche aus dem Spiel gelassen), ist eine Fähigkeit -zum Leiden und Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher -erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame Fingerzeige; das -Volk nennt jeden Verbrecher einen »Unglücklichen«, und die Sprache -selbst, welche für das Menschliche drei Ausdrücke streng unterscheidet, -nämlich: »Menschlich«, »Allgemeinmenschlich« und »Allmenschlich«, sie -hat für die Nüancen der Schuld, die wir dreifach besitzen: -»Übertretung«, »Vergehen«, »Verbrechen«, ausser dem Worte Schuld nur das -eine Wort »Übertretung« (Prestupljenie). - -Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu thun haben, als mit -unserem europäischen Mitleid, das die Franzosen unter anderem »une -fonction purement cérébrale« nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im -Gegensatze zur allmächtigen und allberechtigten »passion«. Hier ist eine -Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen von Ost -und West, die man nicht ernst genug betrachten kann. - -Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur ist die mit tiefer -Religiosität verbundene Demut des Russen, die auch da erhalten bleibt, -wo, wie in den Kreisen der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede -Spur von Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit, sein -Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie sich um deswillen vor -Freund und Feind zu demütigen oder anzuklagen. Da nun ein solcher -Einsichtswechsel bei seiner nervösen, grübelnden und immerfort »die -Wahrheit« suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er uns -Westländern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren Gebrechen -kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger Selbsterniedrigung. Denn der -Westen versteht heute zumeist unter dem Begriff »Charakter haben«, dass -man nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm um viel -realere Güter zu thun, als um die bei den Russen in jeder Lebenslage -auftauchende Sorge und Frage »wie soll mein Leben sein?« - -Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem Russen auffällt, ist -das, was wir Deutsche Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Regellosigkeit -nennen müssen. Wenn man die Unmöglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind -der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen bestimmten Ort -zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner Tageseinteilung auch nur das -geringste System oder die geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen, -so möchte man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen: »Dem -Glücklichen, sowie dem Russen, schlägt keine Stunde«. Russen können zu -jeder Stunde des Tages ihr Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt -sind, zu jeder Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen. -(Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf bannenden Nächte -eine grosse Rolle.) Aber nicht das allein. Sie bringen ihre Freunde zu -anderen Freunden, ohne Anfrage, ohne Umstände, zu allen Mahlzeiten, -mitten in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa krank, -erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten dort eine schwere -Nachricht -- so ist das ganze fremde Haus, das nun nicht mehr ein -fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen. Man bleibt zusammen auf, man -quartiert den Freund des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem -Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es ist eine -selbstverständliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe, dem man einmal seine -absolute Unpünktlichkeit vorwarf, erwiderte mit vielem Ernste: »Ja, das -Leben ist eine schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt -sein wollen und viel wichtiger sind, als das pünktlichste Worthalten.« - -Und nun die russischen Frauen. Sie leben und weben von innen heraus, sie -haben grosse Ziele, ernste Interessen, ein offenes Auge für die -Aussenwelt, für das, was sie umgiebt und was not thut. Die russische -Frau verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen Mädchens -mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des Mannes; sie hat etwas -Jünglinghaftes an sich. Dabei nimmt sie es allerdings mit der bis ins -kleinste gehenden Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis -in die feinste Abschattung durchgeführten Eindrucks-Delikatesse der -Französin nicht auf. Das Daheim einer echten Russin wird mitunter ein -Chaos aufweisen, das unsere Landsmänninnen, namentlich jene des Nordens, -abschrecken müsste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere -Vorstellungen über Genauigkeit und Ordnung antworten: »Ja, jeder -Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine darf das Grosse, das -Detail nicht das Allgemeine verbauen«, und wir hörten einmal eine Russin -sagen, dass die Petersburger Frauen und Mädchen auf der Strasse sehr -eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man sehen könne, wie sie -einem Ziele entgegen gehen, während die Frauen europäischer Grossstädte -so gehen, als wäre die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die »breite -russische Natur« (»schirokaia russkaia natura«), wie sie es nennen, was -sich überall geltend macht, und wir möchten uns, gerade auf diese so -unharmonisch scheinende Verbindung gestützt, der Anschauung Dostojewskys -anschliessen, welcher sagt, dass die nächste Zukunft des -Menschengeschlechtes in der Hand der Russin liegt. - -Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese Umgestaltung nicht auf -dem Wege der Frauenbewegung als vor sich gehend gedacht werden darf. -- -Die russische Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung längst -vollzogen und zwar -- wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen -- ganz -organisch, von einem rein natürlichen Standpunkt aus in Angriff -genommen, von dem der Mütterlichkeit. Sie will und muss die Gefährtin, -ja Führerin ihrer männlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen, -in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt im Gemüte der -russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor allem der Wunsch, -nützlich zu sein, ihrem Volke zu dienen. So ist es gekommen, dass die -Russin heute ihre Fähigkeit zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben -bewiesen hat, während die europäische bewegte Frau ihre Freiheit und -Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fähig sei, abseits von -der Familie zum Leben zu gelangen. Dies ist ein grundlegender -Unterschied. - -Den genannten Hauptcharakterzügen des Russen gesellt sich ein -unausrottbares Misstrauen in allen seinen Beziehungen zum Nebenmenschen -bei, allein ein Misstrauen, das viel mehr dem immerwachen Gefühle der -eigenen Unzulänglichkeit und »Sündhaftigkeit« entspringt, als dass es -sich auf den Unwert des anderen bezöge. Es ist das Misstrauen der Demut -im Gegensatze zum Misstrauen der Routine. - -Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen Hintergrund an, -aus dem heraus sich diese Volkspersönlichkeit entwickelte, so finden wir -ein ungeheures, kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem -unermesslichen Horizont, wo das träumende Auge des Steppenbewohners in -eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt, dünn bevölkert, ohne -bedeutende Küstenentwicklung, ohne namhaften Welthafen -- »ein Riese in -einer grossen, niedern Stube«, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale -Einheit ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden -Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten, kein fremdes Blut, es -sei denn finnisches, hat diesen Riesenkörper durchädert. Sein »weisser -Kaiser« ist ihm Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer -in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk macht seine -Entwickelungsprozesse langsam durch, steht heute in seiner Kindheit und -wandelt seinem Mittelalter zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute -seine vornehmlichen Lebensquellen, die Städte sind dünn gesäet, der -Kleinhandel ist in den Händen des moskowitischen Kleinbürgers, -Grosshandel und Industrie ebenfalls in den Händen des grossen Moskauer -Kaufherrn, sowie in denen des Ausländers und des Juden. So giebt es denn -kein eigentliches grosses Bürgertum, und die Gesellschaft, die wir heute -Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen Landsassen -- Gutsbesitzer --- und dem Beamtenstande zusammen. - -Dieses höchst langsame, doch organische Wesen der Volksentwickelung hat -Peter der Grosse mit seinen Reformen durchrissen. Ein mit unermesslichen -Mühen und Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn und -gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thätigkeit. Petersburg, -das »ausgebrochene Fensterchen« gegen Europa zu, hat europäische Luft -und europäisches Wesen, Europas Sitten und Unsitten, Europas -Philosophie, Aufklärung und Dekadenz, kurz den »Europäismus«, wie sich -Dostojewsky ausdrückt, hereindringen lassen. Die kompakte Masse des -Volkes indessen ist von diesen Neuerungen nicht berührt worden, und wenn -auch hie und da in den Städten der altrussische Bart der europäischen -Schere, und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europäischen Kleide -zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis auf den heutigen Tag -nicht zum Bewusstsein seiner Bürgerrechte im europäischen Sinne erwacht. -Gleichwohl ist er im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und --freiheiten (Obscina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenössischer -Agrarier als die einzige Lösung aller Schwierigkeiten des Grundbesitzes -und als das einzige Arcanum gegen die Proletarisierung des Bauernstandes -erscheinen. Ob dies eine richtige Anschauung sei, können wir hier nicht -untersuchen.[1] Auch über die wichtigste Streitfrage, welche die -führenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit bewegt hat -und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlöschen zu sein scheint, können -wir hier nur ganz kurz sprechen, müssen sie jedoch berühren, weil die -zwei Hauptströmungen des russischen Lebens aus ihr entspringen und dem -Europäer nur durch den Einblick in diese Frage das Verständnis für -Russland und sein künftiges Werden aufzugehen vermag. Es ist dies die -Frage, die v. Reinholdt in seiner »Geschichte der russischen Litteratur« -folgendermassen formuliert: »Wie verhält sich die orthodoxe Kirche zur -römischen und protestantischen? als ursprüngliche Gemeinschaft -anfänglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher, auf dem Wege späterer -Entwickelung und des Fortschritts andere, höhere Formen religiöser -Weltanschauung sich entwickelten, oder als ewig dauernde und -ungeschmälerte Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der -occidentalen Welt der römisch-germanischen Anschauungen sich -unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole sich spaltete«? -Endlich: »Worin besteht der Gegensatz zwischen der russischen und der -westeuropäischen Zivilisation? -- bloss in der Entwickelungsstufe oder -in der Eigentümlichkeit der Bildungselemente? Steht es der russischen -Zivilisation bevor, nicht allein von den äusseren Resultaten, sondern -auch von den Grundlagen der westeuropäischen Bildung durchdrungen zu -werden? -- oder wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches -geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen, künftigen -Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?« - -[Fußnote 1: Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk -»Russia«, sowie auf Leroy-Beaulieus »L'Empire des Tsars et les Russes«.] - -Die Anhänger der westlichen Einflüsse bejahen den ersten Teil dieser -Frage, die Slavophilen den zweiten. Einige Slavophilen, -darunter J. Kirejewsky, erwarten von einer Synthese beider, -einander so widersprechender Bildungsformen das Heil künftiger -Menschheitsentwickelung und zwar so, dass die westliche Kultur die -Gedankenwelt des Ostens entwickele und kläre, die östliche tiefe -Seeleneinheitlichkeit hinwieder die Gefühlswelt und Ethik des Westens -mit ihrer »Allmenschlichkeit« befruchte. Und in der That, wer seine -Hoffnungen und Schlüsse für die Zukunft des grossen Volkes mit der -»erstaunlichen Kraft zu wollen« nicht nur auf seine Historie, sondern -auf diese in jedem Russen zu findende latente und eigenartige -Menschheitskraft und Fähigkeit aufbaut, der muss, unbefangen urteilend, -finden, dass nicht sowohl Russland von unserer Zivilisation etwas -Umgestaltendes zu erwarten hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft -eine Rückkehr zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen gewärtig -sein können. - -Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden Führer im -Streite ihre Sache selbst führen zu lassen. Die slavophile Richtung -wurde zum erstenmale theoretisch formuliert durch den unter Katharina -II. lebenden Geschichtschreiber, Fürsten Michael Schtscherbatow, um das -Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten späteren Vertreter -dieser Richtung sind Kirejewsky,[2] Chomjakow, die Brüder Aksakow u. a. -Die westlichen Einflüsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen, -Granowsky u. a. - -Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage durch Dostojewsky -behandelt, wie wir dies in seinem Leben und seinen Werken erkennen. -Indessen geht schon durch die ganze russische Litteratur neben der Frage -nach dem Werte der westlich-östlichen Kultur, ja als Wurzel dieser Frage -die Sorge des russischen Menschen hindurch: »wie soll mein Leben sein?« --- Dostojewsky hat in seiner berühmten Puschkin-Rede im Jahre 1880 in -Moskau die Bedeutung Puschkins, dessen Standbild man eben enthüllte, -dahin erklärt, dass dieser Dichter -- nachdem mehr als ein Jahrhundert -nach Peters Reformen verflossen war, ehe sich der Keim einer russischen -Litteratur entwickelte -- nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des -russischen Geistes grösste und einzige, sondern auch seine prophetische -Offenbarung gewesen sei. Dostojewsky führt in dieser Rede den Gedanken -aus, dass Puschkin schon in seiner früheren Periode der Nachahmung André -Cheniers und Byrons plötzlich einen neuen, ganz und nur russischen Ton -gefunden hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die »verfluchte -Frage«, wie er sie anführend nennt, »nach dem Glauben und der Wahrheit -des Volkes«. Diese Antwort laute: »Demütige dich, stolzer Mensch, und -vor allem brich deinen Hochmut, demütige dich, eitler Mensch, und vor -allem mühe dich auf heimatlichem Boden« -- und weiter: »nicht ausser dir -ist deine Wahrheit, sondern in dir selbst; finde dich in dir und du -wirst die Wahrheit schauen«. - -[Fußnote 2: s. Masaryks vortreffliche Studie »Iwan Wassiljewitsch -Kirejewsky« in seinen »slovanske studie«. Prag, Bursik u. Kohout.] - -Wir haben diese Stelle wörtlich angeführt, weil sie für Dostojewskys -Stellung in der Litteratur und seine Auffassung vom Apostolat des -Dichters und namentlich des Publizisten von grosser Wichtigkeit ist. - -Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten Werken, K. Slutschewsky, -sagt in seiner Vorrede ganz im Sinne Dostojewskys: »Mit ganz besonderer -Schärfe treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche, -ausschliesslich ihm zukommende Züge hervor. Schon im Jahre 1861, in der -Anzeige von der Ausgabe der »Wremja« hat Dostojewsky gesagt, dass -vielleicht die russische Idee die Synthesis aller jener Ideen sein -werde, welche Europa entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle -Sprachen sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen -aller europäischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt bei keiner -anderen Nation vorkommt. Unser zweiter, ausschliesslich uns gehöriger -Zug, den Dostojewsky wiederholt dargelegt und mit Zähigkeit in That und -Wort durchgeführt hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis -seiner »Sündigkeit«, eine Erkenntnis, welche es sehr gut erklärt, warum -wir so leicht verzeihen, so geneigt zur Selbstgeisselung sind, warum wir -unsere Unvollkommenheit nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten -»Rechtsverhältnisse« nicht anzuerkennen vermögen und gerne das Kreuz -innerer Reinigung und äusserer schwerer That tragen mögen, sei es auch -unserem eigensten Ich zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtgläubige -Religion, die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus und -Protestantismus (von den anderen zu schweigen), als streitende Kirche -aufgetreten ist.« - -Fügen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden aus Dostojewskys -Erlebnissen hinzu, die hierher gehören, so haben wir annähernd ein Bild -von dem Milieu gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius -entwickelt und auf das er hinwieder gewirkt hat. - -K. Aksakow erzählt im März 1881, schon nach Dostojewskys Tode, -folgendes: Auf einer Durchreise Dostojewskys geschah es, dass er sich in -Moskau aufhielt und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer Art -Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus Pawlowitsch zu -sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde der Vergangenheit das -historische Bild dieses Monarchen grossartig abhebt, eines Monarchen, -der fest an seine Würde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch ihm, -Dostojewsky, dieses Bild sei. Während unseres Gespräches trat der -englische Reisende Mackenzie Wallace bei uns ein, welcher schon einmal -drei Jahre in Russland gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach -und mit der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr, dass -er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine Neugierde und er lauschte -gespannt dem bei seinem Eintritte unterbrochenen und von Dostojewsky -wieder aufgenommenen Gespräch über Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky -führte seine Rede zu Ende, ohne den Engländer im geringsten zu beachten, -und entfernte sich bald darauf. - -»Sie sagen, dies sei Dostojewsky,« fragte uns der Engländer. »Ja wohl.« -»Der Verfasser des >Totenhauses<?« »Derselbe.« »Das kann nicht sein; er -ist ja doch zur Zwangsarbeit verschickt gewesen.« »Ganz richtig, was -weiter?« »Ja, wie kann er denn einen Menschen loben, der ihn zur -Zwangsarbeit verurteilt hat?« »Euch Ausländern ist das schwer zu -begreifen,« antworteten wir, -- »uns aber ist es als ein durchaus -nationaler Zug begreiflich.« - -Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis erzählt K. -Slutschewsky, Dostojewsky sei einige Monate vor seinem Tode auf einen -Ball in irgend eine höhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er -damals schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer aufrichtig -liebte, war hoch erfreut und drängte sich dicht um ihn. - -»Wir fingen zu plaudern an,« erzählt er selbst, »und sie begannen eine -Diskussion. Sie baten mich, ich solle von Christus reden. Ich fing an zu -sprechen und sie lauschten mit grosser Aufmerksamkeit.« »Eine Predigt -über Christus auf einem Balle und nicht im geringsten durch die Musik -und den Tanz zurückgeschreckt -- fährt Slutschewsky fort -- das Lob des -Machthabers, der uns zur Zwangsarbeit verurteilte -- wo könnte das -jemals vorkommen als in Russland?« - -Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters zu. Wir verdanken, -was wir davon wissen, den zu einem Buche vereinigten Aufzeichnungen -zweier seiner nächsten Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die -Durchsicht seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker -Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick in die Papiere des -Prozesses Petraschewsky zugestanden wurde (was er jedoch nicht -auszunutzen verstand) und dem mehrjährigen publizistischen Mitarbeiter -Dostojewskys, Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den -Erzählungen seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia, alter -Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber dem »Tagebuch eines -Schriftstellers«, jenem Blatte, das der Dichter in seinen letzten -Lebensjahren allein besorgte und das sehr viel autobiographisches -Material enthält. - -Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit grosser Pietät alles -zusammengetragen, was sie teils selbst miterlebten, teils durch -Mitteilungen anderer, namentlich eines jüngeren Bruders, Andreas, sowie -der Gattin des Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach -einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters scheinen, -als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der Öffentlichkeit -übergaben, schlecht beraten gewesen seien und manchen intimen Brief ganz -unbeschadet der Diskretion mit anderen hätten vertauschen sollen, -die sich in immerwährenden Wiederholungen der Geldnot und -Schuldenkalamitäten bewegen. Es ist, als hätte ein neidischer Geist -heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter, dessen Tod von -Hunderttausenden öffentlich betrauert wurde, dessen Leichenzug ganz -Petersburg war, dessen Hülle 63 Deputationen Kränze brachten und der Hof -die letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen, sondern all -diese Teilnahme lieber als einzelnes, die Leiden eines Kämpfenden -verherrlichendes Faktum hinzustellen, als sie zu Ungunsten lebender -Dichter auch noch durch eine bedeutende Korrespondenz zu bestätigen. -Indessen sind auch die veröffentlichten Briefe interessant genug, um -auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen, was im weiteren Verlaufe -unserer Aufzeichnungen an seiner Stelle geschehen wird. Die erwähnten -Wiederholungen schildern, wie schon gesagt, unzählige immer -wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten, von einer -unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem ewigen Ringen um die -Bestreitung des täglichen Unterhaltes für sich und die Seinen. Wir -bekommen durch sie einen Blick in die unaufhörlichen Kämpfe mit Not, -Krankheit, Widerwärtigkeiten aller Art, und staunen immer wieder über -die ausserordentliche Kraft, die das alles überwand. - - - - - II. - Kindheit und Jugend. - (1821-1849.) - - -Theodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn eines in Civildienste -übergetretenen Militär-Arztes, welcher unter dem Titel eines Stabsarztes -im Moskauer Armenspital angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen -Familie eine aus zwei, später drei Zimmern, einem Vorzimmer und einer -Küche bestehende Wohnung einnahm. Bei der Knappheit der Räumlichkeiten -half man sich, wie man sich in den minder wohlhabenden Familien in -Russland zu helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher -Holzverschlag teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon der vordere, mit -dem Fenster versehene als Entrée, der rückwärtige, halb finstere Teil -als Schlafzimmer der beiden ältesten Kinder, Michael und Theodor, -diente. - -Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821 geboren. Zu seinen -ersten Erinnerungen gehört jene aus seinem dritten Lebensjahre, dass er -einmal von der Kinderfrau in die gute Stube geführt und veranlasst -worden war, hier, vor der »heiligen Ecke« kniend, in Gegenwart einiger -Freunde der Eltern sein tägliches Abendgebet aufzusagen. Das Gebet -lautete: »Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf dich, Mutter Gottes, nimm -mich unter deinen Schutz.« Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben -lang bewahrt und dieses später seinen Kindern übermittelt. Vier Jahre -alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten Unterricht im -Buchstabieren nach alter Methode besorgte die Mutter, später bekamen die -Knaben einen Lehrer für französische Sprache und die üblichen -Schulgegenstände, sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen -»die hundertundvier Geschichten des alten und neuen Bundes« vortrug und -damit den grössten Eindruck auf sie machte. - -Man muss hier beide Brüder immer zusammen nennen, denn es verband sie -ausser der Kameradschaft so naher Altersgenossen (sie waren nämlich nur -um ein Jahr im Alter von einander getrennt) ein Band innigster -Freundschaft, das ihr ganzes Leben hindurch währte. Der ältere, Michael, -war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor, welcher überschäumend -von Temperament war, »das reine Feuer«, wie ihn die Eltern nannten. Er -war natürlich Angeber und Anführer in allen Spielen, während sich -Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden war es zumeist -ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng verbrachten Arbeitstage -vornahmen, wobei Theodor, in seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft -betrog. - -Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines Landgütchen bezogen -hatte, im nahegelegenen Birkenwäldchen meist »Indianer«; sie kleideten -sich dazu ganz aus, tättowierten sich, schmückten sich mit Laubgürteln -und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und führten erbitterte -Kämpfe. Der Gipfel des Vergnügens war erreicht, wenn die Mutter an einem -heissen Sommertage ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und -ihnen unter irgend ein Gebüsch ihr Essen stellen liess, das sie ohne -Benutzung von Gabel und Messer verzehrten, sodass sie bis in den späten -Abend hinein »wild« bleiben durften. Ein Übernachten im Walde jedoch, -das sie so sehr wünschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben -grösser wurden, übernahm der Vater den vorbereitenden Lateinunterricht -für das Gymnasium. Das war eine harte Plage. Der Vater nahm sie -gewöhnlich abends nach seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der -Unterricht währte meistens eine Stunde, wobei die Schüler, nicht nur -sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal an den Tisch lehnen -durften. In dieser Zeit verschlang Theodor viele Bücher. Namentlich -begeisterte ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzählige Male -las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes Privat-Pensionat kamen -(die Eltern zogen dies, obwohl es sie grosse Opfer kostete, dem übel -beleumundeten Gymnasium vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause -gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch aus; -namentlich erzählten sie gerne die schlechten Streiche ihrer Kameraden. -»Dabei gab unser Vater,« so erzählt Andreas Dostojewski, »den Brüdern -keinerlei Lehren. Bei der Erzählung verschiedener Streiche, die in der -Klasse verübt worden waren, sagte er nur: >Ei, der Nichtsnutz, ei, der -Elende< -- -- --, allein er sagte nicht ein einziges Mal: >sehet zu, -dass ihr es nicht auch so macht.< Damit sollte angedeutet werden, dass -der Vater solche Schelmenstücke auch nicht im entferntesten von ihnen -erwartete.« - -Die Brüder lasen fortwährend sehr viel. Michael, der zumeist Gedichte -las, versuchte sich auch poetisch, Theodor war zu ungeduldig, um jemals -etwas in gebundener Rede auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa -vor und las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte -immer wieder. In Puschkin aber einigten sich die Brüder und es gab keine -damals bekannte Dichtung Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt -hätten, wie denn auch Theodor überhaupt ein leidenschaftlicher -Deklamator war, dessen Vortrag die Grenzen künstlerischer Mässigung -immer überschritt. Im Jahre 1837 starb die Mutter, und die Söhne -verliessen die Vaterstadt, um in die höhere Militär-Ingenieurschule in -Petersburg einzutreten. Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion -eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat war und so -den Jünglingen zu einer, bei ihren geringen Mitteln sehr -wünschenswerten, schnelleren Karriere helfen konnte. - -Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende Arzt den älteren -Bruder, der kerngesund war, für krank erklärte, während er Theodor, der -von Kindheit an kränklich und schwächlich war, für tauglich annahm. Das -führte die Trennung der Brüder herbei. Michael kam in die medizinische -Akademie nach Reval, während Theodor in Petersburg blieb. Um diese Zeit -besuchte ihn ein Freund des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein -Äusseres folgendermassen schildert: »Ein ziemlich runder, voller, heller -Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestülpter Nase ... die -hellkastanienfarbigen Haare waren kurz geschoren. Unter einer hohen -Stirne und schwachen Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen -wie verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen besäet, die -Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund etwas wulstig. Theodor war -bedeutend lebhafter, beweglicher, heftiger als sein gesetzter Bruder.« -... Die kränkliche Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr früh -gesteigerten nervösen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch vor seiner -Gefängniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als Kind hatte er manchmal -Hallucinationen gehabt, an deren eine er die Erinnerung an den Bauer -Marej knüpft. Er erzählt diese Geschichte in seinem »Totenhause«, und -ein zweites Mal im Januarheft 1876 seines »Tagebuchs eines -Schriftstellers« mit derselben Betonung der »Volkswahrheit« wie dort. - -Wir fügen hier diese kleine Begebenheit samt den Betrachtungen ein, -welche der Dichter 46 Jahre später daran knüpft. Er beginnt damit, wie -er in der Strafkaserne in Sibirien oft von Erinnerungen an die -Kinderzeit heimgesucht worden war, und fährt fort: »Ich erinnerte mich -an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war hell und trocken, doch -etwas kühl und windig; der Sommer ging zur Neige und nun hiess es: bald -nach Moskau zurück und wieder den ganzen Winter hindurch über den -französischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das Dorf zu -verlassen. Ich ging um die Scheunen herum, stieg in den Hohlweg hinab -und wieder durch die »Schlucht« hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk -von uns genannt, das jenseits des Hohlweges bis zum Wäldchen hinanstieg. -Da verlor ich mich tiefer ins Gebüsch und hörte, wie, ungefähr 30 -Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer ganz allein die -Pflugschar führte. Ich erkenne, dass er gegen die steile Höhe hinauf -pflügt, dass das Pferd mühsam hinaufklimmt, und höre, wie hie und da des -Bauern Zuruf »Nu, nu!« zu mir herüberklingt. Ich kenne fast alle unsere -Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von ihnen eben pflügt. Aber es ist -mir ganz gleich, denn ich bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch -ich bin beschäftigt; ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit die -Frösche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schön, aber so unhaltbar --- ganz anders als die Weidengerten! Auch die hartgeflügelten Käferchen -interessieren mich, ich sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter. -Ich liebe auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den -schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen fürchte ich. Übrigens -trifft man die Schlänglein bei weitem seltener an als die Eidechsen. -Schwämme giebt es hier wenige. Nach Schwämmen muss man ins -Birkenwäldchen gehen und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der -Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwämmen und wilden -Beeren, mit seinen Käfern und Vögelchen, den Igelchen und Eichhörnchen -und dem mir so angenehmen feuchten Geruch verwesender Blätter. Und jetzt -auch, da ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwäldchens -leibhaftig verspürt. Diese Eindrücke bleiben fürs Leben. Plötzlich, -mitten in das tiefe Schweigen hörte ich laut und deutlich einen Schrei: -»Der Wolf kommt«. Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend -geradeaus nach der Wiese auf den pflügenden Bauer los. - -Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es einen solchen Namen -giebt, aber alle nannten ihn Marej. Es war ein Bauer von etwa fünfzig -Jahren, stämmig, ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten -dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich bis dahin nicht -ereignet, dass ich mit ihm gesprochen hätte. Er brachte sein Pferdchen -zum Stehen, als er mein Schreien gehört hatte, und als ich im vollen -Anlauf mit einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an seinen -Ärmel hing, da erkannte er mein Entsetzen. - -»Der Wolf kommt,« schrie ich atemlos. - -Er wendete den Kopf und sah sich unwillkürlich ein wenig im Kreise um, -mir einen Augenblick fast glaubend. - -»Wo ist der Wolf?« - -»Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen: der Wolf kommt,« stammelte -ich. - -»Was sagst du, was sagst du, was für ein Wolf -- geschienen hat es dir, -geh! Was soll hier für ein Wolf sein!« murmelte er, mich beruhigend. -Allein ich zitterte noch immer und klammerte mich noch fester an seinen -Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich mit einem -beunruhigten Lächeln an und war offenbar um mich in Angst und Sorge. - -»Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj!« sagte er kopfschüttelnd. »Genug, -mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!« - -Er streckte die Hand aus und streichelte mir plötzlich die Wange. - -»Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das Kreuz.« Allein ich -bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel zuckten und das scheint ihn -besonders ergriffen zu haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde -beschmutzten Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berührte damit -ganz leise meine zuckenden Lippen. - -»Geh doch, aj,« lächelte er mich mit einem mütterlichen, auf seinen -Lippen verweilenden Lächeln an. »Herrgott, was ist denn das, geh doch, -aj, aj!« - -Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass mir etwas wie ein -Schrei »der Wolf kommt« nur so geklungen hatte. Der Schrei war übrigens -sehr laut und deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von -Wölfen) hatte ich schon früher ein- oder zweimal zu vernehmen geglaubt -und ich wusste davon. (Später vergingen diese Hallucinationen mit den -Kinderjahren.) - -»Nun werde ich gehen,« sagte ich fragend und schaute ihn furchtsam an. - -»Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich werde dich schon dem -Wolf nicht geben!« fügte er hinzu, indem er mir immer noch mütterlich -zulächelte, »nu, Christus sei mit dir, nu geh,« und er machte das -Zeichen des Kreuzes über mich, dann über sich selbst. - -Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem zehnten Schritte um. -Marej blieb, so lange ich ging, mit seinem Pferdchen immer da stehen und -schaute mir nach, mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend. -Offen gestanden schämte ich mich ein wenig vor ihm, darüber, dass ich -solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste mich auch im Gehen noch -hie und da, ehe ich nicht zur ersten Riege des Abhanges gelangt war. -Hier verliess mich die Angst schon ganz; und plötzlich, wie vom Boden -heraus, sprang mir unser Hofhund Wölfchen entgegen. Mit ihm an meiner -Seite wurde ich schon ganz mutig und wendete mich zum letzten Male nach -Marej um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden, aber -ich fühlte, dass er mich noch immer mit demselben zärtlichen Lächeln -ansah und mit dem Kopfe nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er -winkte mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an. - -»Nu, nu!« hörte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch, das Pferdchen -zog wieder an seiner Pflugschar. -- - -Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzählte ich niemand mein -Erlebnis. Ja, was war es denn auch für ein Erlebnis? Auch Marej habe ich -damals sehr bald vergessen. Wenn ich ihn später seltene Male traf, so -sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch überhaupt. Und -plötzlich jetzt, zwanzig Jahre später in Sibirien, fiel mir diese ganze -Begegnung mit einer solchen Klarheit, bis in das kleinste Detail ein. -Das heisst also, dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte, -unbewusst, ganz allein und ohne meinen Willen, und plötzlich ist sie -dann aufgetaucht, wann sie nötig war. - -Es tauchte dieses sanfte, mütterliche Lächeln des armen leibeigenen -Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein Kopfschütteln, sein »Geh schon, -bist erschrocken, Kleiner!« Und besonders sein dicker, mit Erde -beklebter Finger, mit welchem er still und mit sanfter Zärtlichkeit -meine zuckenden Lippen berührt hatte. Gewiss hätte ein jeder einem -kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser einsamen Begegnung -geschah etwas von gleichsam ganz anderer Art, und wenn ich sein -leiblicher Sohn gewesen wäre, so hätte er mich nicht mit einem von -hellerer Liebe leuchtenden Blicke ansehen können -- wer aber hat ihn -dazu genötigt? Er war unser eigener Höriger, ich aber war immerhin sein -junges Herrchen; das hätte niemand erkannt, als er mich streichelte und -mich es nicht fühlen liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder? -Solche giebt es. Die Begegnung war in völliger Abgeschiedenheit erfolgt, -auf einem öden Feld, und nur Gott sah vielleicht von oben, mit welchem -tiefen und heiligen Menschheitsgefühl, und mit welcher feinen, fast -weiblichen Zartheit das Herz manches groben, tierisch unwissenden, -leibeigenen russischen Bauern erfüllt sein kann, eines solchen, der -seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht ahnte. -- Sagt mir, -ist es nicht das, was Konstantin Aksakow verstand, als er von der hohen -Bildung unseres Volkes sprach? - -Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg und mich rings -umsah, da, ich erinnere mich dessen, fühlte ich plötzlich, dass ich mit -ganz anderen Blicken auf diese Unglücklichen zu schauen vermochte, und -dass mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und jeder Zorn in -meinem Herzen ausgelöscht war. Ich ging umher und schaute in die -Gesichter der mir Begegnenden. Jener geschorene und entehrte Bauer, -gebrandmarkt, berauscht, der da sein betrunkenes heiseres Lied brüllte, -das kann ja ebenfalls der nämliche Marej sein; ich kann ja nicht in sein -Herz hineinschauen.« - -Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den Jünglingen die Nachricht -vom tragischen Ende Puschkins. Hätten sie nicht schon Trauergewänder -getragen, so hätten sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin -anlegen zu dürfen. In jedem Falle verabredeten sie sich auf der Reise -nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft den Ort aufzusuchen, wo das -Duell stattgefunden, und die Stube, wo der Dichter seinen Geist -ausgehaucht hatte. - -Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten Pferden und -wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen und poetischen -Stimmungen, namentlich des älteren Bruders, der: »täglich etwa drei -Gedichte machte, auch unterwegs« --, wie Theodor in seinem Tagebuche -1876 erzählt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die -Aufnahmeprüfung in der Mathematik: er deklamierte, disputierte und -ereiferte sich über poetische Fragen, hatte aber doch offene Sinne für -alles, was um ihn her vorging. So machte ihm eine Scene Eindruck, die er -vom Fenster des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es war -an das Stationsgebäude eine Kurier-Trojka herangeflogen, ein betresster -und befiederter Feldjäger sprang herab, trank ein Gläschen Schnaps und -schwang sich auf die Telega zurück, wo indessen der neue Kutscher, ein -junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht hatte. Kaum -hatte sich dieser Junge auf seinen Platz geschwungen, als der Feldjäger -aufstand und ihm ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der -Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte. Unmittelbar darauf -setzte der Kutscher diesen Hieb in einen Knutenstreich auf die Pferde -um. Das wiederholte sich so lange, als der Zuschauer das Gefährt nicht -aus dem Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie durch -eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang. Dostojewsky erwähnt -in späten Jahren diese Begebenheit gelegentlich eines Artikels über den -Petersburger Tierschutzverein, dem er diesen Vorgang als Emblem auf das -Petschaft gravieren lassen möchte. - -Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die erste Korrespondenz -hervor. Wir finden darin die erste reale Misère um einiger Kopeken -willen und den ersten philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon -in der, Dostojewsky eigentümlichen, mystischen Weise ausdrückt. So sagt -er in einem Briefe an den Bruder: »Ich weiss nicht, ob meine traurigen -Gedanken je verstummen werden -- mir scheint unsere Welt ist ein -Fegefeuer himmlischer Seelen -- die ein sündiger Gedanke verwirrt hat -- -aus der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist -- eine Satire -herausgekommen.« -- -- -- Weiter sagt er: »Sehen, wie unter einer -spröden Hülle sich eine Welt in Qualen windet, wissen, dass ein -Willensausbruch genügt, sie zu zerbrechen, und mit der Ewigkeit -zusammenzufliessen, das wissen und dem niedersten der Geschöpfe gleich -sein -- -- schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet, -Hamlet!« Weiter heisst es: »Pascal sagt einmal: Wer gegen die -Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph« -- eine traurige -Philosophie das!« -- - -Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass seine Lektüre sich den -Franzosen zugewendet hat; er zählt einmal auf, was er im Übungslager -alles gelesen hat: »Mindestens nicht weniger, als Du«, ruft er dem -Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor Hugo, den er unter -anderem mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit mit Homer vergleicht, einen -Homer in »christlichem, engelhaftem Sinne« nennt. Einen ganz -ausserordentlichen Eindruck macht auf ihn George Sand, »eine der -hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden glücklichen -Zukunft.« So drückt er sich im Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches -aus. In der Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung der -französischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten: »Hast du Cinna -gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht gelesen hast! Besonders das -Gespräch Augusts mit Cinna, wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst -sehen, so sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen? Lies -ihn, erbärmlicher Mensch, und sinke in den Staub vor Corneille ..... -Übrigens«, schliesst er begütigend, »sei mir um meiner beleidigenden -Ausdrücke nicht böse .....« - -Sehr merkwürdig ist seine Beurteilung des Vaters. »Mir ist leid um den -armen Vater. Ein seltsamer Charakter! Ach, wieviel Unglück hat er nicht -schon ertragen! Es ist bis zu Thränen bitter, dass man ihn mit nichts -erfreuen kann! -- Und, weisst du? -- Papachen kennt die Welt ganz und -gar nicht; er hat fünfzig Jahre darin gelebt und ist bei der Meinung -über die Menschen geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen -gehabt hat. Glückliche Unwissenheit! -- Allein er fühlt sich sehr -enttäuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein.« Hier bietet sich -schon ein Stück echt Dostojewskyscher psychologischer Feinheit, welche -im Vater die Enttäuschung über die Welt und zugleich die Unfähigkeit -sieht, daraus Nutzen zu ziehen und anderer Meinung über die Menschen zu -werden. - -Übrigens finden wir nur in den Jugendbriefen und erst wieder in den -Briefen aus des Dichters letzten Jahren Ausbrüche persönlichster -Innerlichkeit, wie wir das nennen möchten. Dies ist indessen zum grossen -Teil auf die unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe -zurückzuführen, deren wir oben erwähnten. Es ist da, als ob die -Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut und die ewigen -Nahrungssorgen des Dichters so recht herauskehren wollten. Sein späterer -Briefwechsel mit seiner Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr während -seiner kleinsten Abwesenheiten täglich, so dass sie, die immer nur sehr -kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm besitzt), den die Witwe -aus begreiflichen Gründen zurückhält, ist voll von solchen Ausbrüchen. -Allein wir würden irren, wenn wir annähmen, dass es schwunghafte -Dichterbriefe seien. Nein, so schlicht, dabei gegenständlich bis ins -kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem Stolz über -einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung, wenn er wieder so nichtswürdig -schwach gewesen, alles zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch -sind sie, wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem -gewissen Sinne. So frägt er in einem Briefe aus Moskau, wohin er zur -Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser Feier: Was meinst du, soll ich -im Frack erscheinen oder im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz -später. - -Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche mir vom Besitzer zur -Verfügung gestellt wurde, ist leider im Schlosse des Grafen Alexis -Tolstoi, dessen Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze Schloss -zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In dieser Korrespondenz hätten wir -wohl viel Polemisches, vieles über des Dichters politische Anschauungen -ausgedrückt gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen über -Arbeitspläne, als jene Briefe enthalten, die wir vor uns haben. -Dostojewsky hatte eine Art darüber in Briefen zu schweigen, welche die -Annahme nicht zulässt, als habe er dies nur je nach der Person und dem -Augenblick gethan. Zur Zeit seiner grössten litterarischen Thätigkeit -bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um Äusserliches. Doch auch -davon später. - -Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky sehr zurückhaltend; er -schloss sich immer ab, mischte sich nicht in die gemeinsamen -Unternehmungen und teilte sich niemand mit. Die Schwächeren, namentlich -die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden hatten, -verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfächern blieb er im -geometrischen Zeichnen und im Reglement zurück, so dass er ein Jahr -wiederholen musste, was ihn um des Vaters willen sehr kränkte. Seine -Briefe an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um Geld -und Aufzählung seiner notwendigsten Ausgaben. An den Bruder schreibt er -einmal: »Du beklagst dich über deine Armut -- -- auch ich bin nicht -reich -- da ist nichts zu sagen -- wirst du mir glauben, dass ich, als -wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf dem Marsche -erkrankte ich infolge Erkältung und Hunger (es regnete den ganzen Tag -und wir gingen blank) und ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle -mit einem Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde wieder -gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand ein erbärmlicher, bis ich -Väterchens Geld bekam. Da bezahlte ich die Schulden und behielt das -Übrige zurück. Aber die Beschreibung deines Zustandes übersteigt alles. -Kann man denn wirklich fünf Kopeken nicht haben, sich mit Gott was -füttern müssen, und nur mit lüsternen Blicken die herrlichen Beeren -betrachten, die du sehr liebst!« Er hat eben erst erzählt, dass er, -hungrig und krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees gehabt; -dies scheint er aber in der Entrüstung darüber, dass sich der Bruder die -geliebten Beeren nicht kaufen kann, ganz zu vergessen. - -Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal an den Bruder, -der ihm vorwirft, Schiller nicht zu kennen: er habe ihn mit einem teuern -Freunde gelesen, der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch -der Name Schiller ihm wehe thue, nicht über seine Lippen komme. Er -bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne, ebenso auch Puschkins Boris -Godunow; beide Manuskripte sind in Verlust geraten. Überhaupt sieht man -ihn viel heimlich schreiben, Nächte hindurch, und einige seiner -Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfältigsten -ausgearbeiteten Roman »Arme Leute« in der ersten Fassung schon in der -Akademie begonnen. - -Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt, mit Belassung in -der Anstalt, um den Offizierskurs zu vollenden, und am 11. August 1842 -wird er nach bestandener Prüfung in die Offiziersklasse versetzt. In -dieser Zeit scheint er schon auswärts gewohnt, nach dem Tode des Vaters -seine Erbschaft angetreten und den jüngeren Bruder Andreas bei sich -beherbergt zu haben, was ihn sehr einengt und worüber er sich gegen -Michael beklagt. - -Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem höheren Offizierskurs aus und -wurde dem Petersburger Kommando des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun -scheint ein freies, genusssüchtiges und sehr kostspieliges Leben für ihn -begonnen zu haben. Seine Jahreseinkünfte waren durchaus nicht gering; er -bezog eine jährliche Rente und einen Offiziersgehalt, die zusammen 5000 -Rubel ausmachten. Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte, -andererseits ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner -Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte sehr fleissig das -Theater, »auch das Ballett«, sagt Orest Miller, alle kostspieligen -Konzerte etc. Zudem mietete er eine geräumige Wohnung, nur weil ihm das -Gesicht des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser Mann -nie stören würde. Freilich standen in der grossen Wohnung nur ein Bett, -ein Divan, ein Tisch und einige Stühle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur -sein Arbeitskabinett heizbar war, also lebte er in diesem, behielt -jedoch die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung -seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen Diener bei sich -behielt, der ihm auch so sympathisch war, dass keine Mahnung, er solle -ihn weggeben, da er ihn bestehle, bei ihm Eingang finden konnte. »Mag er -mich doch bestehlen,« sagte Dostojewsky, »er wird mich nicht ruinieren.« -Thatsächlich, erzählt O. Miller, ruinierte dieser Diener ihn doch, denn -er hatte eine Geliebte mit grosser Familie, die schliesslich alle auf -Kosten seines Herrn lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in -Schulden geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste. Als es -anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von allem zurück, schloss -sich in sein Arbeitszimmer ein und verkehrte mit niemand. Nach den -Mitteilungen des Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft -besuchte, war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend, ohne -es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge einer schweren -Halskrankheit, die er noch im Elternhause durchgemacht hatte, beständig -heiser, seine Gesichtsfarbe erdfahl. - -Hier beginnt seine intensive Beschäftigung mit der Litteratur; er liest -viel französisch: Balzac, George Sand, Victor Hugo, Lamartine, Soulié. -Entwürfe zu Erzählungen jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen -Beschäftigungen war ihm sein militärischer Beruf eine grosse Last, die -er indes nicht abzuschütteln wagte, weil der Vormund ihm mit Entziehung -seiner Rente drohte. - -Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu jener Zeit waren, -davon giebt uns die Erzählung Dr. Riesenkampfs ein drastisches Bild. Zur -Zeit der grossen Fasten im Jahre 1842 sei plötzlich ein Geldzufluss bei -Dostojewsky sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der eben -angekommen war, sowie die des Sängers Rubini und eines berühmten -Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn Riesenkampf in einer Aufführung von -Puschkins »Ruslan und Ludmila«. Im Mai aber schloss er sich abermals ein -und versagte sich jedes Vergnügen, um sich zur letzten Prüfung -vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf zur medizinischen -Prüfung vorbereitet, erkrankte infolge zu grosser Anstrengung und hütete -noch am 30. Juni das Bett. Da erscheint plötzlich Dostojewsky an seinem -Lager, bis zur Unkenntlichkeit verändert; strahlend, gesund aussehend, -mit sich und dem Schicksal zufrieden, denn er hatte eben die Prüfung -sehr gut bestanden, war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen; hatte -überdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme erhalten, dass er imstande -war, seine Schulden zu bezahlen. Zudem hatte er einen längeren Urlaub -bekommen, den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich -inzwischen verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er am folgenden -Morgen zu unternehmen gedachte. Nun zerrt er den Freund aus dem Bette, -kleidet ihn an, setzt ihn auf einen Wagen und führt ihn in eines der -ersten Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein gesondertes -Zimmer mit einem Flügel, bestellt ein lukullisches Mahl mit kostbaren -Weinen und nötigt den kranken Freund, mit ihm zu essen und zu trinken. -Diese zwingende Heiterkeit wirkte wohlthätig auf den Kranken; er ass und -trank, musizierte und -- wurde gesund. Am anderen Morgen begleitete er -den Freund zum Dampfer! - -In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche Unduldsamkeit einen -sehr üblen Eindruck empfangen zu haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen -die Deutschen, denen er höhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt -liess. - -Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner Frau Theodor mit -neuer Wäsche und Kleidern ausgestattet und bat nun Riesenkampf, welcher -auch nach Reval gekommen war, er möge, da er sich in Petersburg -niederlasse, gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er, der -niemals etwas über den Stand seiner Habe wisse, sich an dessen deutscher -Ordnungsliebe ein Beispiel nehme. Als Riesenkampf im September 1843 nach -Petersburg zurückkam, erfüllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor ohne -eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar auf Kredit, lebend. -»Theodor Michailowitsch,« schliesst er den Bericht, »gehört zu jenen -Personen, neben denen zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in -Not sind.« Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner -Vertrauensseligkeit und Güte wollte er den Dingen weder auf den Grund -gehen noch seine Diener samt Anhang beschuldigen, die sich seine -Harmlosigkeit zu nutze machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem -Arzte war ein neuer Anlass zu vergrösserten Auslagen. »Jeden armen -Teufel nämlich, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, nahm er wie einen -teuren Gast auf,« erzählt Orest Miller. -- Darüber zurecht gewiesen, -antwortete er entschuldigend: »Da ich mich daran mache, die Lebensweise -armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit habe, -das Proletariat der Hauptstadt näher kennen zu lernen.« Bei Abschluss -der Monatsrechnungen fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren -Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte; nicht nur Bäcker -und Krämer, sondern auch Schneider und Schuster reichten unerhörte -Rechnungen ein. Dazu war die Wäsche und Garderobe, die bei jedem -Geldzufluss immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz -zusammengeschmolzen. Seine äusserste Not dauerte um diese Zeit zwei -Monate. Da plötzlich fand ihn der Doktor eines Tages laut, selbstbewusst -und stolz im grossen Saale auf und ab gehen -- er hatte aus Moskau 1000 -Rubel erhalten. »Am anderen Morgen aber,« erzählt Dr. Riesenkampf, »kam -er wieder in seiner gewöhnlichen stillen, sanften Weise in mein -Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.« Der grösste Teil des -Geldes war zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was übrig -blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten 50 Rubel -waren ihm von einem Fremden, den er zu sich gerufen und in seinem Zimmer -allein gelassen hatte, gestohlen worden. - -Im März 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg scheiden und Theodor -Michailowitsch zurücklassen, ohne dass sein deutsches Beispiel etwas -gefruchtet hätte. - -Um diese Zeit herum beschäftigt sich der Dichter, um Geld zu verdienen, -mit Übersetzungen. Er übersetzt Eugenie Grandet von Balzac, Schillers -Don Carlos und George Sand, wofür er 25 Papierrubel für den Druckbogen -erhält. Nun reicht er um Entlassung aus dem Militärdienst ein, »denn«, -schreibt er an den Bruder, »ich bin des Dienstes überdrüssig, -überdrüssig wie einer Kartoffel« -- -- -- - -In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er: »Ich habe einen Roman -geschrieben, im Umfange der Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin -seiner Dienstentlassung) werde ich gewiss schon Antwort darüber haben. -Er ist ziemlich originell.« - -Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch so zu begegnen, dass -er auf seinen Gutsanteil verzichtet, wenn man ihm 500 Silberrubel -sofort, später abermals 500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer -»verloren«, wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht um aller -Heiligen willen, der Bruder möge ihm helfen, sonst müsse er ins -Gefängnis. »Chlestakow« (aus Gogols »Revisor«), sagt er, »erklärt sich -bereit ins Gefängnis zu gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich -aber nobel ins Gefängnis gehen, wenn ich keine Hosen habe?« Dabei ist -der Brief noch immer aus der kostspieligen Wohnung datiert. In der -Nachschrift heisst es: »ich bin mit meinem Roman ausserordentlich -zufrieden«. Er blickt auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er -sieht in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und nun, -nachdem er ihn dem Dichter Njekrássow übergeben, welcher damals an der -Redaktion des »Zeitgenossen« teilnahm, kommt für ihn die bedeutende -grosse Lebenswende, die er uns 30 Jahre später in seinem Tagebuch eines -Schriftstellers folgendermassen erzählt, wobei begreiflicherweise im -Gedächtnis des Dichters eine kleine Verschiebung bezüglich des -Zeitpunktes stattfindet. - -»Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; wir haben einander -[hier ist der Dichter und Njekrássow gemeint] nicht oft im Leben -gesehen, es hat auch Missverständnisse zwischen uns gegeben -- aber -etwas hat sich doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals -habe vergessen können. Und nun, als ich unlängst Njekrássow besuchte, -fing er, der Kranke und Erschöpfte, beim ersten Worte an, von diesen -Tagen zu sprechen. Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so -jugendliches, frisches, hübsches, eine der Begebenheiten, die für immer -im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir waren damals etwas über zwanzig -Jahre alt. Ich lebte nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon -ein Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen würde, voll von -dunklen, unbestimmten Zielen. Es war im Mai des Jahres 1845. Anfangs des -Winters hatte ich plötzlich meine Erzählung »Arme Leute« begonnen, ohne -vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzählung beendet -hatte, wusste ich nicht, was ich damit anfangen, wem ich sie übergeben -sollte. Litterarische Bekanntschaften hatte ich absolut gar keine, -ausser etwa D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst ausser -einer kleinen Erzählung für eine Sammlung (die Erzählung hiess -»Petersburger Leiermänner«) noch nichts geschrieben. Ich glaube, er war -damals im Begriff nach seinem Landsitz hinauszufahren; vorläufig wohnte -er für einige Zeit bei Njekrássow. Als er einmal zu mir kam, sagte er: -»Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es selbst noch nicht -gelesen); Njekrássow will zum nächsten Jahr ein Sammelwerk herausgeben, -und da will ich ihm das Manuskript zeigen.« Ich brachte es ihm, sah -Njekrássow etwa eine Minute -- wir reichten einander die Hand. -- Ich -schämte mich bei dem Gedanken mit meinem Werke gekommen zu sein und ging -so schnell als möglich fort, fast ohne mit Njekrássow ein Wort -gesprochen zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser »Partei -der Vaterländischen Annalen« (eine Zeitschrift, welche damals von einer -Anzahl vortrefflicher und gesinnungstüchtiger Schriftsteller und -Kritiker herausgegeben wurde), wie man sie damals nannte, fürchtete ich -mich. Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung, aber -er erschien mir fürchterlich, dräuend und -- der wird meine »Armen -Leute« verlachen -- dachte ich manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich -hatte die Erzählung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thränen -geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese Augenblicke, die -ich mit der Feder in der Hand bei dieser Erzählung verlebt hatte, sollte -das alles Lüge, Gaukelei, unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte -ich nur für Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich wieder. - -Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift abgegeben hatte, -ging ich irgendwo hin, weit fort, zu einem ehemaligen Kameraden; wir -sprachen die ganze Nacht durch über die »toten Seelen«; wir lasen darin, -ich weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter den jungen -Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen: »Wollen wir nicht etwas im Gogol -lesen, meine Herren?« Sie setzten sich und lasen -- wohl meist die ganze -Nacht durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die -von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten. Ich -kehrte nach Hause zurück -- es war schon vier Uhr morgens, eine weisse, -taghelle Petersburger Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als ich -in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht zu Bette, sondern -öffnete das Fenster und setzte mich daran. Plötzlich höre ich zu meinem -grössten Erstaunen die Thürklingel ertönen -- und da stürzen auch schon -Gregorowitsch und Njekrássow über mich her, umarmen mich in voller -Entzückung, und es fehlt nur noch, dass sie beide zu weinen anfangen. -Sie waren am Vorabend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die -Hand genommen und zur Probe zu lesen angefangen -- »nach zehn Seiten -wird man schon sehen«. -- Aber nachdem sie zehn Seiten gelesen hatten, -beschlossen sie weitere zehn zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne -Unterbrechung die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablösend, -wenn dieser ermüdet war. »Er liest vom Tode des Studenten«, erzählte mir -später, als wir allein waren, Gregorowitsch, »und da, an der Stelle, da -der Vater dem Sarge nachläuft, merke ich, wie Njekrássows Stimme -umschlägt, einmal, das zweite Mal, und plötzlich hält er's nicht aus und -schlägt mit der flachen Hand auf das Manuskript »Ach! dass ihn doch! -- -damit meinte er Sie, und so gings die ganze Nacht«. - -Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!), da beschlossen sie -einstimmig, sofort zu mir zu gehen. »Was liegt daran, dass er schläft, -wir wecken ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf!« -- Wenn ich -später den Charakter Njekrássows betrachtete, wunderte ich mich öfters -über diesen Augenblick. Sein Charakter ist verschlossen, misstrauisch, -vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er mir immer erschienen, -sodass dieser Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die -Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben damals etwa -eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben Stunde sprachen wir, weiss -Gott was alles durch, einander in halben Worten verstehend, in -Ausrufungen, hastig -- -- Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der -»damaligen Lage«, natürlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus seinem -Revisor, aus seinen »toten Seelen« citierten. Aber hauptsächlich -sprachen wir von Belinsky. »Noch heute bringe ich ihm Ihre Erzählung, -und Sie werden sehen -- ja das ist ein Mensch, o was für ein Mensch ist -das!« rief Njekrássow mit Entzücken, indem er mich mit beiden Händen an -den Schultern fasste und schüttelte. »Nun aber gehen Sie schlafen, -schlafen Sie, wir gehen fort und morgen -- zu uns«. Wie hätte ich -daraufhin einschlafen können! Welches Entzücken, was für ein Erfolg! und -vor allem das kostbare Gefühl, ich erinnere mich dessen sehr gut: hat -ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglückwünscht ihn, man kommt -ihm entgegen -- aber seht, diese kommen mit Thränen in den Augen -herbeigelaufen, um vier Uhr morgens, um mich zu wecken, »weil das mehr -wert ist, als der Schlaf«! -- Ach! wie schön! so dachte ich; wo wäre da -Schlaf gekommen? - -Njekrássow brachte das Manuskript den selben Tag zu Belinsky. Er betete -Belinsky an und es scheint, dass er ihn sein lebenlang mehr geliebt hat, -als alle andern. Damals hatte Njekrássow noch nichts von der Bedeutung -geschrieben, wie dies ihm im nächstfolgenden Jahre gelingen sollte. -Njekrássow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefähr sechzehn Jahre -in Petersburg. Er schrieb ungefähr schon seit seinem sechzehnten Jahre. -Über seine Bekanntschaft mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat -ihn gleich anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen -Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des damals noch -jugendlichen Alters Njekrássows und des grossen Altersunterschiedes, der -zwischen ihnen bestand, waren sicherlich auch damals solche Augenblicke -vorgekommen und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche auf das -ganze Leben Einfluss nehmen und unlösbare Bande knüpfen. - -»Ein neuer Gogol ist erstanden«, rief Njekrássow, als er, die »armen -Leute« in der Hand, bei Belinsky eintrat. »Bei Euch wachsen die Gogols -wie die Pilze«, antwortete ihm strenge Belinsky, -- aber er nahm das -Manuskript. -- Als Njekrássow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen -»geradezu bewegt«: bringen Sie ihn her, bringen Sie ihn schnell! - -Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage) zu ihm. Ich erinnere -mich, dass mich beim ersten Anblick sein Äusseres sehr frappiert hat; -seine Nase, sein Kinn -- ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus -anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren Kritiker. -Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst und grosser Zurückhaltung. -»Nun es muss ja auch so sein«, dachte ich bei mir; allein es verging -kaum eine Minute und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst -einer bedeutenden Persönlichkeit, eines grossen Kritikers, welcher einem -22jährigen Jünglinge entgegen kam, der eben seine schriftstellerische -Laufbahn betritt, sondern dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung -vor jenen Gefühlen, die er so schnell als möglich in mich giessen -wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen sich gedrängt -fühlte. Er redete mich nun leidenschaftlich, mit leuchtenden Augen an: -»Ja, verstehen Sie denn selbst -- wiederholte er mehreremale, nach -seiner Gewohnheit schreiend --, was Sie da geschrieben haben?« Er schrie -immer, wenn er in starker Bewegung sprach, »das haben Sie nur durch -unmittelbares Gefühl, nur als Künstler schreiben können. Aber haben Sie -denn selbst die schreckliche Wahrheit bedacht, auf die Sie uns -hingewiesen haben? Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das -verstehen könnten. Ja, dieser Ihr unglücklicher Beamte, ja, der ist -schon dahin gekommen und hat sich selbst schon dahin gebracht, dass er -sich selbst aus Erniedrigung sogar nicht mehr einen Unglücklichen zu -nennen wagt und die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der -es nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglücklich zu sein, -und als ihm der gute Mensch, der General, jene 100 Rubel giebt, ist er -ganz zermalmt, ganz vernichtet vor Verwunderung, dass »ihre Excellenz -haben« einen solchen, wie er ist, bemitleiden können, »ihre Excellenz -haben«, wie Sie ihn sich ausdrücken lassen, nicht »seine Excellenz hat«. -Und der abgerissene Knopf, und der Augenblick, da er dem General das -Händchen küsst, ja, da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglücklichen, -da ist Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas Grauenhaftes, -das ist eine Tragödie. Sie haben das innerste Wesen der Sache getroffen, -das allerwichtigste mit einem Strich gezeigt. Wir Publizisten und -Kritiker beurteilen nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklären, -aber Sie, der Künstler, stellen mit einem Strich die tiefste Wesenheit -der Sache im Bilde hin, so dass man es auf einmal fassen kann, dass dem -urteilslosesten Leser mit einem Male alles begreiflich werde. Da haben -Sie das Geheimnis des Künstlertums, da haben Sie die Wahrheit in der -Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie offenbart und verkündet -als einem Künstler; Sie haben sie als ein Geschenk empfangen. -- -Schätzen Sie also diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden -ein grosser Künstler werden!« - -Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er auch später über -mich vielen anderen, die jetzt noch leben und es bezeugen können. Ganz -berauscht ging ich von ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses -stehen, sah den Himmel über mir, sah den hellen Tag, die -Vorübergehenden, und fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass in meinem -Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, ein Durchbruch nach -der Ewigkeit, etwas ganz Neues; aber etwas, das ich damals auch in -meinen leidenschaftlichsten Träumen nicht vermutet hatte (und ich war -damals ein schrecklicher Träumer!). »Wär' es möglich, bin ich in -Wahrheit so gross?« -- dachte ich schamhaft, in einer Art schüchterner -Entzückung, bei mir. O, lachet nicht! Niemals nachher habe ich gedacht, -dass ich gross sei, aber damals -- konnte man denn das ertragen! O, ich -werde dieses Lobes würdig sein! -- Und was für Menschen, was für -Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten so prächtig zu -werden wie sie, ich werde ausharren, getreu sein! O, wie bin ich doch -leichtsinnig! Wenn Belinsky nur sähe, was für niedere, schändliche Dinge -in mir sind! Übrigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen -allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das Gute und -Wahre siegen und triumphieren überall. -- So werden wir über das Böse -und das Laster siegen -- o, zu ihnen also, mit ihnen! ...... - -Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks in seiner ganzen -Klarheit, und niemals habe ich ihn später vergessen können; das war der -hinreissendste Moment meines ganzen Lebens. - -Mit dieser Erzählung »Arme Leute«, sagt N. Strachow, »hat Dostojewsky -einen neuen Ton in die russische Litteratur gebracht. Die Situation und -die Figur des armen Helden, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der -Hauptfigur aus Gogols »Mantel« hat, weist Züge rührender Schönheit und -Herzenseinfalt auf, während Gogol nur das Factum, das Erniedrigende und -Lächerliche desselben darstellt«. Dass Dostojewsky mit vollem -Bewusstsein diesen grossen Schritt gethan und diesen echt russischen Zug -von Teilnahme und Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die -Litteratur gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin (der -Held), dem das geliebte Mädchen Bücher leiht und einmal Gogols »Mantel« -zu lesen anrät, diese Erzählung als ein böswilliges Pasquill auf alle -Armen aufnimmt, »die man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann«, und -sich in seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben -- einen Rausch -antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schärfste Kritik Gogols, den er im -übrigen unendlich bewundert und den er sich infolge ähnlicher Anlage zum -Humor eine Zeit lang äusserlich zum Muster nimmt. -- Wir mussten länger -bei dieser Erzählung verweilen, weil sie eigentlich schon das -»Leitmotiv« der litterarischen Thätigkeit von Dostojewskys ganzem Leben -anstimmt. Im Gegensatze zu anderen Dichtern, welche in ihren -Erstlingswerken höchst unoriginal sind und erst später zu sich selbst -kommen, setzt Dostojewsky kräftig und zielbewusst mit dem Ton an, der -durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hört, und um deswillen -allein er schreibt. Seine Biographen und Arbeitsgenossen nennen vier -Anlässe oder Anläufe des Dichters, welche seine vier, nach ihrer -Grundidee bedeutendsten Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse -Etappen auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters Freund -und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: »In seiner litterarischen -Thätigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft und Energie gezeigt, wie -kein Zweiter. Er hatte Perioden der Erschlaffung, gleichsam des -Verfalles -- dann aber hat er sich immer wieder höher aufgeschwungen als -je zuvor und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt. Man kann -vier solche neue Krafterhöhungen bei ihm nachweisen: 1. »Arme Leute«, 2. -»Das Totenhaus«, 3. »Schuld und Sühne« und endlich 4. »Das Tagebuch -eines Schriftstellers«. - -Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich äusserliche zu sein. Die vier -Grundideen, welche sich in diesen vier Werken äussern, sind durchaus -einheitlich und nur verschiedene Äusserungen des in »Arme Leute« -angeschlagenen Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden, -so wird man, nämlich seiner Wirkung nach aussen nach, finden, dass zwei -andere Werke es noch kräftiger, eindringlicher, zwingender durchführen. -Diese Werke sind: »Der Idiot« und »Die Brüder Karamasow«. Wir werden bei -der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf zurückkommen. -Gleichwohl wird der aufmerksame Leser von Dostojewskys Werken in Bezug -auf seine litterarische Entwickelung zwei Epochen seiner -schriftstellerischen Thätigkeit unterscheiden. Die erste Phase, welche -gleich nach dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in »Arme -Leute« beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl der Stoffe, als -was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar nach dem Erfolge der »Armen -Leute«, die indessen noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrássow -die Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden sollte, erst -1846 herauszugeben dachte -- also im Jahre 1845 macht sich Dostojewsky -daran, den »Doppelgänger«, den er schon lange mit sich herumgetragen und -von dem er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen. -Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhältnisse gequält, schreibt er, -wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval, an seinen Bruder: - -.... »Wie traurig war es mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr -...... Wenn mein Leben in diesem Augenblicke abgerissen wäre, so wäre -ich, scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat sich zu -Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den verwaisten Schlüssel -meines 600 Rubel-Quartiers, dessen Zins ich schuldig bin ... -Gregorowitsch und Njekrássow sind nicht in Petersburg .... Sie werden -kaum bis zum 15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten -muss, um zu leben. Meine Arbeit verträgt keinen Zwang ... Ich bin jetzt -selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem ich mich übrigens gleich -morgen beschäftigen werde. Goljadkin, der abscheuliche Schuft, will -durchaus nicht vorwärts, will durchaus vor der Hälfte November seine -Carriere nicht vollenden« .... - -Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: »Überall unglaubliche -Ehrerbietung, überall eine schreckliche Neugierde in Bezug auf mich: -Fürst Odojewsky bittet mich, ihn mit meinem Besuch zu beglücken, und -Graf Sologub reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat ihm -gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den Staub tritt«. -Weiter schreibt er: »Dieser Tage war ich ohne einen Groschen; Njekrássow -hat indessen »Zuboskala«, einen prächtigen humoristischen Almanach, ins -Leben gerufen, dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede hat -Lärm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld hatte, ging ich zu -Njekrássow, und als ich so bei ihm sass, kam mir die Idee eines Romans -in neun Briefen. Nach Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer -Nacht; er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt werden. Du -wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter ist, als Gogol«. Weiter -schreibt er: »Ich denke, ich werde Geld bekommen; Goljadkin wird -vortrefflich -- er wird mein chef d'oeuvre sein«. Als Nachschrift heisst -es: »Belinsky schützt mich vor den Unternehmern«. Eine zweite -Nachschrift lautet: »Ich habe meinen Brief überlesen und finde mich -erstens ungrammatikalisch und zweitens einen Prahler«. Eine letzte -Nachschrift sagt: »Die Minnuschkas, Claruschkas und Mariannen etc. sind -unglaublich schöner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich -waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich über mein unordentliches -Leben ausgescholten«. In einem Briefe vom 1. Februar 1846 teilt -Dostojewsky seinem Bruder mit, dass er endlich am 28. des -vorhergegangenen Monates »seinen Schuft Goljadkin« vollendet habe. Dann -weiter: »Für Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen; ausserdem -erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich nach meinem Abschied von -Dir schon 3000 ausgegeben habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das -ist die ganze Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schön -möblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr gut«. (Folgt die -Adresse, zufällig dasselbe Haus, in dem er starb.) Zum Schluss schreibt -er: »Ich bin nervenkrank und fürchte ein Nervenfieber; regelmässig leben -kann ich nicht, so sehr bin ich unordentlich«. - -Zwei Monate später, am 1. April, schreibt er: - -»In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so vieles, das für -mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes und Widerwärtiges auch, -dass ich selbst nicht Zeit habe, darüber nachzudenken. Erstens bin ich -sehr beschäftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhörlich. Denke -nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens habe ich gerade 4500 -Rubel verbraucht seit der Zeit, da wir uns trennten, und habe um 4000 -Papierrubel von meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts, -mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb zweier Monate wurde -35 mal in verschiedenen Werken von mir gesprochen ... aber was widrig -und quälend ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem -Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses Entzücken, -Reden, Lärm, Auseinandersetzungen, dann Kritik: Alle, das heisst die -Unsern und das ganze Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so -langweilig und fade, so in die Länge gezogen ist, dass es unmöglich ist, -ihn zu lesen.« Weiter sagt er zu seinem eigenen Troste: »Alle sind -zornig über diese Längen, und alle lesen es doch über Hals und Kopf und -lesen es wieder über Hals und Kopf.« Noch weiter sagt er: »Ich habe ein -schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und Ehrliebe ... mir -ist jetzt Goljadkin widerwärtig; vieles darin ist in Hast und Ermüdung -geschrieben. Die erste Hälfte ist besser als die letzte; auf glänzend -geschriebene Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die -Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist es, was mir in -der ersten Zeit zur Hölle wurde, und ich bin aus Kummer krank geworden.« - -Man sieht aus diesen überschwänglichen Mitteilungen, wie sehr der erste -Erfolg dem 24jährigen Dichter zu Kopf gestiegen war und seine -Selbstkritik geschädigt hatte, da er den Roman in neun Briefen »eine -Perle, nicht schlechter als Gogol« und den Doppelgänger sein chef -d'oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen angestossen, -fällt sein Selbstbewusstsein, da »Alle, alle, die Unsern, sowie das -Publikum über den Doppelgänger losziehen.« - -Es ist für den Dichter eben jetzt erst die Zeit der Nachahmung und des -Suchens nach seinem Stil angebrochen, ein Herumtasten, das ihn -einerseits auf die Wege Gogols und der Humoristen führte, denen er -seiner Anlage nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs und -George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der überwuchernde Reichtum seiner -ethischen Phantasie und namentlich die Lust an Scenen- und -Situationenwechsel verführen mochte. Dieser Periode des Tastens -entsprangen ausser dem Doppelgänger und dem Roman in neun Briefen sehr -bemerkenswerte kleinere und grössere Erzählungen, auf die wir an ihrer -Stelle im einzelnen zurückkommen werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine -unwiderstehliche Situationskomik, wie in der »Frau des Andern«, »Eine -heikle Geschichte«, ferner ein kräftig satirischer Zug, wie in »Das -Krokodil«, und eine unendliche Zartheit und ehrfürchtige Jugendlichkeit -in der Zeichnung weiblicher Gestalten, wie in »Njetotschka Njezwanowa« -und »Helle Nächte«. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe -von Dostojewskys Schöpfungen in deutscher Sprache giebt, welche sie in -der Reihenfolge ihrer Entstehung und damit ein übersichtliches Bild der -inneren und äusseren Entwickelung des Dichters brächte. Es würden daraus -dem eindringenden Leser die zwei Phasen vor und nach Sibirien sofort -erkennbar werden; es würde daraus erhellen, wie der Dichter allmählich -sich wieder findet, auf die glänzendste Komik und die reichste -Ausgestaltung der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und Geldmangel, -oder weil ihm der Humor ausgegangen wäre, verzichtet, und immer -kräftiger, unentwegter auf das Ziel seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis -er zuletzt zum »Tagebuch eines Schriftstellers« gelangt, das ihm -ermöglicht, ganz subjektiv, ohne Umschweife und künstlerische Umwege, -rein publizistisch »die Wahrheit« zu verkünden. -- »Denn«, sagt er immer -wieder, »ein Journal ist eine grosse Sache«. - -Wir haben diese Abschweifung für notwendig erachtet, weil mit dem -Hinweis auf die einheitliche Grundidee seines ganzen Lebenswerkes, die -sich so mächtig in seinen Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen -ist, von wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thätigkeit und sein -Streben bis ans Ende klar überblicken können. - - »Der Doppelgänger« schildert den Zustand eines im Grunde - mittelmässigen Menschen, welcher aus dem Unvermögen heraus, das - wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er - darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs - zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensäusserungen, die - seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem - Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verübt, so ist - Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so dass - er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich, das, er - sein möchte, als Hallucination fortwährend an seiner Seite sieht, - bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in ein Irrenhaus - gebracht wird. Nun wäre dieser Vorgang an sich verständlich und - mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ergreifend, deutlich, - wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit verübt hätte, - welche die Einheit des Werkes und dadurch dessen Klarheit - zerstört. Er stellt nämlich da, wo es zum Ausbruch der - Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen sichtbaren - Doppelgänger und zugleich Namensvetter des Herrn Goljadkin mitten - in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult, unter - Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lässt in Wirklichkeit den - Narren durch seinen klugen, streberhaften Doppelgänger - verdrängen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes Mittel - gefunden hätte, um uns zu zeigen, dass oft kluge Routine allein - sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht ausreicht, um - in der Erscheinung ein Charakter zu werden. Man wüsste sonst - nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte deus ex machina - auftaucht, dessen es nicht bedurft hätte, um die Tragödie eines - isolierten Charakters, wie ein geistvoller Essayist den - Doppelgänger nennt, darzustellen. - -In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen darüber, dass -das Buch ein »Bekenntnis« und ein specifisch russisches Bekenntnis ist, -dass es einem Grundfehler des »russischen Menschen« an den Leib geht und -dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige Zerrüttung -beginnt, die im Wahnsinn endet. - -Der »Roman in neun Briefen« entstand, wie wir gesehen haben, ebenfalls -in der ersten Epoche von Dostojewskys schriftstellerischer Thätigkeit -und, wie wir ja aus seinem Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht. -Er ist nichts weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der -Dichter mit Meisterschaft die ebenbürtige, wenn auch sehr verschieden -nuancierte Niederträchtigkeit von fünf Personen in knappster Weise in -neun Briefen heraus arbeitet. - -Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem Brief an den Bruder noch -einmal auf den unglücklichen Goljadkin zurück und erzählt, Belinsky habe -eigens einen Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew -eingeladen gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser Erzählung höre. -Allein Turgenjew entfernte sich sehr bald nach Beginn der Vorlesung, -äusserte sich sehr lobend, war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder -vier Kapitel hätten Belinsky sehr gefallen, »obwohl sie es nicht wert -waren«, wie Dostojewsky sich ausdrückt, worauf er sagt, dass diese -Erzählung, der eine der ernstesten Ideen zu Grunde liege, welche der -Dichter bis heute in die Litteratur eingeführt habe, dennoch misslungen -sei. Er hat sie nach 15 Jahren einer gründlichen Umarbeitung unterzogen, -sie aber dann noch als eine »völlig misslungene Sache« bezeichnet. -- - -Des Dichters äussere Verhältnisse zeigen in dieser Zeit immer dasselbe -Bild grösster Veränderlichkeit und Unordnung, dem immer auch ein Wechsel -in der Stimmung entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses -Selbstgefühl. So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845: »Ein ganzer -Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht«. Die bedeutendsten -darunter scheinen ihm Gontscharow und Herzen zu sein. »Man lobt sie -ausserordentlich«, fährt er fort »der Vorrang aber bleibt vorläufig noch -mir und wird wohl immer mir bleiben«. - -Allerlei Pläne schwirren in seinem Kopfe herum. Er beginnt für Belinskys -»Vaterländische Annalen« zwei kleine Geschichten: »Der rasierte -Backenbart« und »Die zerstörten Kanzleien«. -- Diese letztere dürfte -wohl die unter dem Namen »Herr Prohartschin« später erschienene -Geschichte sein. »Beide«, sagt er, »haben ein erschütterndes, tragisches -Interesse und sind -- dafür stehe ich Dir gut -- schneidig bis aufs -äusserste«. Auch eine gemeinsame Übersetzung von Goethes Reineke Fuchs -schlägt er dem Bruder vor. - -Nach einem zweiten Besuch in Reval kündigt er dem Bruder an, dass er -abermals ausziehen werde, zwei kleine, möblierte Zimmer in Aftermiete -genommen habe, wohin er indes, wie wir später sehen werden, gar nicht -übersiedelt. Er erzählt ferner, dass im »Zeitgenossen«, einer von -Njekrássow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges Vermächtnis -erscheine, worin dieser sich von allen seinen Werken lossage. »Also,« -fügt er hinzu, »ziehe selbst den Schluss daraus.« -- Dass man seinen -Prohartschin in der Zeitschrift Njekrássows zu besprechen beginne, teilt -er auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von Trauer und -Melancholie, »wo es am besten sei zu schweigen«. Es ist diese Stimmung -nämlich die Folge eines rivalisierenden Geplänkels der Redakteure, denen -er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld zu kommen. -Namentlich scheint Njekrássow immer in sehr kaufmännischer Weise alle -Transaktionen geleitet zu haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von -Dostojewskys Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter -einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend in sein -äusseres Leben eingreifen. Es sind die Brüder Beketow, vor allem aber S. -D. Janowsky, mit dem er noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen -sollte. Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung, sich -unabhängig zu machen, und voll Durst nach heiliger Kunst, nach einer -reinen, heiligen Arbeit, mit der ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens, -»das noch nie in ihm so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue -Bilder in seiner Seele erstehen. Bruder,« sagt er, »ich bin in einer -Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern auch physisch; noch -niemals habe ich eine solche Fülle und Klarheit in mir getragen, so viel -Gleichmässigkeit des Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden. -Darin bin ich meinen teueren Freunden Beketow und -- anderen tief -verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thätige, gescheite Menschen, -Menschen, die ein vortreffliches Herz, Seelenadel, Charakter haben ... -sie haben mich durch ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe -ich ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten; wir haben -eine grosse Wohnung aufgenommen, und die Gesamtauslagen für die -Erhaltung jedes einzelnen übersteigen nicht 1200 Rubel jährlich. So -gross ist die Wohlthat der Association.« - -Dieser Schluss dürfte, wie Orest Miller richtig bemerkt, wohl schon im -Zusammenhang mit Dostojewskys neuester Beschäftigung stehen, mit dem -Sozialismus: - -Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschäftigung mit dem Sozialismus ist -wohl der Umstand, dass sich der Dichter nachträglich in seiner eigenen -Beurteilung der »Armen Leute« von der rationalistischen Anschauung -Belinskys beeinflussen lässt, welcher die positiven Schönheiten dieses -Buches durchaus nicht in den weichen Schatten sieht, welche »Armut im -Geiste« über die Gestalt des Helden breitet, sondern ganz einfach in -gewissen, schärfer hervortretenden, gleichsam das Mitleiden -escomptierenden Zügen dieser missbrauchten, zertretenen Figur. -Dostojewsky selbst schliesst sich, vermöge der seinen Geist jetzt -beschäftigenden Ideen von Kollektivismus und Association, dieser -flacheren Betrachtung an, und wir werden später sehen, wie er sich, -seinem innersten Wesen nach, wieder davon lossagt. - -Über des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47 geben uns sowohl die -Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys und anderer Freunde, als auch -seine stets die Stimmung des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder -ein ziemlich klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit den -Freunden lebt, »angenehm und ökonomisch,« wie er sagt, leidet seine -nervöse Konstitution doch schwer unter den doppelten Qualen eines -schöpferischen Dranges, die Probleme, die ihn förmlich bestürmen, -auszulösen, sie mit allerfeinster analytischer Genauigkeit -herauszuarbeiten, und der misstrauischen Ängstlichkeit, mit welcher er -auf den Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei seine -Eigenliebe bald den Gipfel des entzückten Triumphes und der -Selbstüberschätzung erklimmt, bald abgrundtief in Kränkung und -melancholischen Unwillen versinkt. Zudem plagt ihn das Ungeordnete, das -dem Schriftsteller-Handwerk durch die Zahlungs-Verhältnisse zwischen -Dichter, Redakteur und Verleger an und für sich anhaftet, doppelt. -Dennoch finden wir nicht einen Augenblick wirklicher Mutlosigkeit oder -eines Nachlasses in der Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein -schriftstellerischer Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt hat, -eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwärtigkeiten, die -schwere, sich entwickelnde Epilepsie und die daraus entstehende -Gedächtnisschwäche überwindet und geradezu verblüffende Leistungen -schafft. Im Dezember 1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in -Arbeit versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich nur hie und -da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufügt, an der italienischen -Oper. Er schreibt an der Erzählung »Njetotschka Njezwánowa« -- »auch -eine Beichte«, sagt er, »wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone. -Mir scheint immer«, fährt er fort, »als führte ich einen Prozess gegen -unsere gesamte Litteratur; und mit den drei Teilen meines Romans, die in -den Vaterländischen Annalen erscheinen werden, stelle ich auch für -dieses Jahr meinen Vorrang gegenüber meinen Neidern fest.« Anfangs 1847 -drückt er dem Bruder sein Bedauern darüber aus, dass dieser »ohne -Umgebung« lebe. Wir haben oben gesehen, wie sehr ihm die Deutschen der -Ostseeprovinzen missfielen. Doch tröstet er ihn mit Worten, welche -gleichfalls die neue, seinem ursprünglichen Wesen widersprechende -Richtung kennzeichnen. Weiter berichtet er in überschwenglichen -Ausdrücken über seine »Wirtin«, die er eben schreibt, gerade so -selbstzufrieden, als mit dem Roman in neun Briefen. »Diese Erzählung -wird besser, als die »Armen Leute«, sie ist in derselben Art«, meint er. -»Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so wie bei -Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen Sommer lang herumquälte.« - - »Herr Prohartschin« ist eine jener Erzählungen aus der Zeit - einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine - lächerliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und - ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe »in Kost und - Wohnung« und von den anderen durch allerlei abgekartete - Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und Tod - geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins - gefördert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes - Kapital von kleinen Münzen nicht in der schmutzigen Matratze - vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe deckt. - - Die Aufhäufung menschlicher Schwächen und Lächerlichkeiten im - Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten aller - jener Züge im Helden, welche Teilnahme erwecken müssten, also ein - forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus mit Anklängen an - Gogol und Dickens, und Stellen feiner Detailschilderung, die - jener würdig wären, kennzeichnen diese Erzählung, an welcher sich - der Dichter »einen Sommer lang herumquälte«. - - »Die Wirtin« wurde von Belinsky, wie wir später erfahren, sehr - abfällig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade von - Belinskys Seite erklärlich genug. Vor allem konnte dem scharfen - Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in diesen Tagen - der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine tendenziös - auszunutzende Pointe nicht genügen. Andererseits war sein - Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten im - Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen Romantismus, der im - Hauptteil der Erzählung zu Tage tritt, nicht zu empfinden. Er - hätte diese Mängel allenfalls milder beurteilen können, wenn sich - dahinter eine zeitgemässe Forderung oder Anspielung verborgen - hätte. Wie dem auch sei -- wir sind trotz jener Fehler von diesem - Jugendwerke hingerissen und erschüttert. - - Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzählung, - wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung, wie sie - nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine Nähe - kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen - Sieg über das »schwache Herz«, das sich an seiner Seite - vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich - losmachen möchte und ihm doch immer wieder anheimfällt. Ein - Grauen durchbebt uns bei dem nächtlichen Bekenntnis Katjas, das - in der geheimnisvoll-süssen Sprache der Primitiven mehr - verschweigt als enthüllt, und die Schilderung der Brandnacht, - jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme »nicht - dreie tragen kann«, hüllen uns, eine ossianische Ballade, in alle - Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser Sprache, - die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch - wirken -- das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser Art - wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war wohl - jene reife, frühreife Menschenkenntnis, die er in den »Armen - Leuten« so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der Taumel des - 26jährigen, »von einer Quelle der Inspiration getriebenen« - Dichters enttäuschen, dem Himmel und Hölle aus diesen zwei - Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch konnte er unmöglich - darüber hinwegsehen, dass Ordynow, der nominelle Held der - Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein Deus ex machina, - eine Entladungsstelle für die elektrischen Pole Muryn und - Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch und Knochen, - sondern ein Bündel Nerven, an dem die Geschichte ausgeht. Auch - könnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte - Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich - Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrät als zeigt, - nicht über das Schattenhafte alles übrigen ausgesöhnt werden. Wir - aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen - Seelenahnung auch vom Wesen der Frau -- an welches der Dichter in - der ersten Periode seines Schaffens überhaupt mit ehrfürchtiger - Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzählung spricht der Dichter - durch den Mund Ordynows an folgender Stelle seinen Hauptgedanken - aus: - - »Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht gestört - war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als er sie ein - schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein Geheimnis sie mit - dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne ihre Schuld zu - erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine Macht gekommen - war. Wer waren sie? Er wusste es nicht; allein ihm träumte - unaufhörlich von der tiefen, unentrinnbaren Tyrannei über ein - armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz wurde unruhig und pochte - in ohnmächtiger Entrüstung in seiner Brust. Es schien ihm, dass - man vor die erschreckten Augen der plötzlich erwachenden Seele - hinterlistig ihren Fall hingestellt, in listiger Weise ihr armes, - schwaches Herz gequält, Wahres und Falsches vor ihr vermengt - hatte, da, wo es nötig schien, ihre Blindheit absichtlich - unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen Neigungen ihres - aufstürmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte; dass man nach - und nach die Flügel ihrer fessellosen, freien Seele stutzte, so - dass sie zuletzt nicht mehr fähig war, sich aufzurichten, noch - ihren freien Schwung zu nehmen in das Leben der Wirklichkeit.« - - Vielen Lesern dieser Erzählung hat sie unklar und unvollendet - geschienen. Dies muss auch bei jenem französischen Übersetzer der - Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie mit der 17 Jahre - später geschriebenen Erzählung »Memoiren aus einem Souterrain«[3] - (deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt) - zusammenzuschweissen und unter dem Titel »l'Esprit souterrain« zu - veröffentlichen. Derselbe französische Übersetzer hat es auch - gewagt, die »Brüder Karamazow« einer Verstümmelung zu - unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche beginnen - lässt. Traduttori traditori! - -[Fußnote 3: Anlässlich einer Besprechung der Übersetzer-Sünden und -Kühnheiten hat Dr. Friedrich Löhr in einem Heft der »Deutschen Worte« -auch dieses französischen Kraftstückes Erwähnung gethan und sich bei der -Erhärtung dessen, dass »Die Wirtin« und die »Memoiren aus einem -Souterrain« ganz getrennte Arbeiten Dostojewskys sind, auf eine -Mitteilung von mir berufen. Leider hatte ich damals in der russischen -Ausgabe die verdruckte Jahreszahl 1846 anstatt 1864 gefunden und gab -sie, da in des Dichters Briefen nie bestimmte Angaben über Namen und -Zeitpunkt seiner Publikationen zu finden sind, als authentisch an. -Indessen wurde ich bei genauerer Verfolgung der chronologischen Lebens- -und Arbeitsdaten bald den Irrtum inne, den ich hiermit berichtige; was -jedoch auf den Umstand keinerlei Einfluss hat, dass die zwei Erzählungen -sowohl durch eine lange Zeit, als durch ihre Veranlassung und ihren -Inhalt vollständig getrennt sind und keinerlei Berechtigung vorhanden -ist, sie in eins zu verschmelzen.] - -Die »Wirtin« wurde also von Belinsky sehr übel behandelt, was den -Dichter tief kränkte, obwohl er sich gar nicht schriftlich darüber -geäussert hat. Seine nächsten Mitteilungen an den Bruder sind wieder -Berichte über angestrengte Thätigkeit, bestellte Arbeit, die man mit -Vorschüssen sichert, »kurz eine Hölle«. Hier muss erwähnt werden, was er -in allen seinen Briefen während der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer -wieder betont: »Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es -mir zugeschworen. Von solcher Arbeit würde ich zu Grunde gehen!« -- Der -einzige Weg, den er einschlug, um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen, -war der, dass er von den vielen Plänen und fertigen Entwürfen, die er -immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen den bekannten -Redakteuren vorschlug und einen Termin angab, bis zu welchem er die -Arbeit vollenden könnte. Meistens wusste er von vornherein fast ganz -genau, wieviele Druckbogen sie ausmachen würde, und überschritt selten -das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet sich Dostojewskys -äusseres Leben sehr bewegt. Nach der einen Seite findet er im Hause des -Malers Maikow, eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens, -Anregung und Förderung durch den Verkehr mit Schriftstellern und -bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow, Dudyschkin, A. Maikow und -andere. Er hat Gelegenheit, dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in -das kleinste Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch -seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher »den meisten Lesern -unverständlich« war, findet aber auch im Ehepaar Maikow thatkräftige -Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitäten hilfreich beispringen. - -Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit einem Kreis junger -Leute, welche den neuen Ideen huldigen. Ein Brief aus dieser Epoche vom -9. September 1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des Bruders -Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er rät ihm, gemeinsam eine -Gesamtausgabe von Schillers Dramen, die er ja übersetzt habe, zu -veranstalten, und schliesst mit den Worten: »Warte nur, Bruder, wir -werden schon hinauf kommen; es ist unmöglich, dass wir beide uns nicht -durchschlagen.« Am Rande schreibt er: »Siehst Du, was Association -bedeutet? Arbeiten wir getrennt, so gehen wir unter, zusammen aber gehen -wir einem grossen Ziele entgegen -- das ist etwas ganz anderes!« - -Hier haben es die Herausgeber für angebracht befunden, eine Lücke von -nahezu zwei Jahren in die Korrespondenz zu reissen, welche allerdings -nicht sehr ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein dürfte. Die -»neuen Ideen« Sozialismus, Fourierismus hatten den Feuerkopf ergriffen. -Er schloss sich um diese Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem über -die künftigen Umgestaltungen Russlands, über eine Änderung der -Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde. Dies war aber zu einer Zeit, -da es geradezu gefährlich sein mochte, sich eine Ansicht über den -Umschlag des Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon im -Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so hütete man sich wohl, die -Worte, die gefallen waren, nach aussen auszusprechen oder -aufzuschreiben; so kann es wohl sein, dass nicht viele Briefe -Dostojewskys an seinen Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war -an und für sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah es -zumeist in nervöser, durch Gegensatz und Widerspruch oder durch eine -aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene Kampfstimmung. - -Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im Besitze der -Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in der schwierigen Lage -befinden, den Dichter lavierend nach beiden Seiten hin schützen und -immer fürchten zu müssen, ihn nach rechts oder nach links zu -kompromittieren. Es wäre zu untersuchen, ob nicht ein kühnes -Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung des -Sachverhalts, Veröffentlichung auch der »gravierendsten« Briefe, mit -einem Schlage die Luft um seine Erscheinung von allen Miasmen der -Missgunst, des stillen Grolls und der Verurteilung zu reinigen -vermöchte. - - - - - III. - Katastrophe. - - -Der Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit neuen Ideen führte -Dostojewsky immer tiefer in dieselben ein, und die vielen, wenn auch -sicher fruchtlosen, so doch von aufrichtiger Glut für Freiheit, -Menschen- und Bürgerrechte beseelten Debatten im Hause des -Ministerialbeamten Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und -Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche für 23 Männer -verschiedenen Alters und Berufs verhängnisvoll werden sollte. Für -Dostojewskys Leben, seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie für sein -künstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von den -entscheidendsten Folgen sein. - -In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen Artikel: -»Meine erste Bekanntschaft mit Belinsky«, nennt der Dichter diese Epoche -seines Lebens »eine schwere, schicksalsvolle Zeit.« Es muss angenommen -werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus eingeführt -worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrückt, »leidenschaftlich -zu eigen gemacht hat«, obwohl ihm Belinsky von vornherein das Axiom -entgegenschleudert: »die Revolution hat vor allem das Christentum zu -vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegründet«. -Dostojewsky scheint sich der bestrickenden Persönlichkeit Belinskys doch -so weit hingegeben zu haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe -trat; allein wir finden noch 22 Jahre später in einem Briefe an N. -Strachow, sowie in einem Artikel seines »Dnewnik Pisatela« (Tagebuch -eines Schriftstellers) heftige Ausfälle gegen Belinsky, gleichsam unter -dem unverwischten Eindruck der Entrüstung, welche jener Streit für und -wider das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. »Dieser Mensch« -- -sagt er da -- »hat Christum vor mir beschimpft, dabei ist er doch -niemals imstande gewesen, sich selbst oder irgend einen von allen -Führern der ganzen Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er -vermochte nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht, Zorn, -Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber Eigensucht in ihm -selbst und in allen anderen vorhanden ist. Als er Christum beschimpfte, -sagte er sich niemals: was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa -uns, die wir so hässlich sind? -- nein, er hat sich auch niemals darauf -besonnen, dass er hässlich ist, er war im höchsten Grade mit sich -zufrieden«. - -Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie -Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger Jahre beschäftigte, und -wie klar doch bei alledem in ihm die Grenze vorgezeichnet war, die er -vermöge seiner innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht -hätte, so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen -christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten. - -Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher, hatten sich aus dem -Schosse der Universität heraus mehrere Studentenkreise gebildet, die ein -ernsteres Streben vereinigte, als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie -bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek an, -wobei wissenschaftliche Werke des In- und Auslandes, darunter nicht -wenige eingeschmuggelte Bücher, erworben wurden. So machten sie sich mit -den Werken L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs, -Proud'hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener ehemalige -Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium des Äusseren -Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um die sogenannte »Gesellschaft der -Propaganda« durch alle möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die -einzelnen Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der »Fünf« eines, -dem bei uns unter dem Namen »Schneeballen« bekannten, ähnlichen -Vorganges. Die Teilnehmer der einzelnen Kreise sollten einander nicht -persönlich kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in Fühlung -sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja aus den letzten -Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt hat, finden wir die Stelle: »die -Sozialisten (die russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen -hervorgegangen; die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut«. -»Ebenso glaubten sie« -- diktierte er weiter -- »dass das Volk mit ihnen -sei und« -- fügt er hinzu -- »sie hatten eine Grundlage dafür, denn das -Volk war leibeigen.« - -Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür zu sein, warum sich -Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden des Petraschewskyschen -Kreises bei diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von jeher -das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal und hoffte und -wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle -seine Reden hatten vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt -einer der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden Roman von einem -Genossen, dem er Dostojewskys Worte in den Mund legt. Er sagte still und -langsam: »die Befreiung der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in -unsere grosse Zukunft sein«. - -Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als -einen, »dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe; still, -einsilbig, nicht mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen -auszusprechen«, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer -hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn -bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus, -wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermöge der Macht seiner -Persönlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises, -sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise liess -man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewähren, zum Teil darum, -weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen -besessen hätte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig -teilnehmen zu können, und das über dem »Vorurteile« erhaben wäre, -welches den Namen eines Angebers brandmarkt. -- Endlich fand man einen, -diesen »erhabenen Standpunkt« einnehmenden Menschen in einem Beamten des -auswärtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit -Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem -in keiner nahen persönlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende -besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der -Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen -wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt müsse von oben -gemacht werden. »Wenn er aber nicht geschieht?« warf man ein, -- »ja -dann meinetwegen mit Gewalt.« Bei Durow hingegen wurde die Frage einer -geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befürwortet, allein -von der Versammlung abgelehnt. - -In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen -dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie -irrtümlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt -und nach dem Hause der »dritten Abteilung« der geheimen Polizei -abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, authentische Daten über -diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch -gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente -desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden keine allzugrossen -Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes -Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustände andere und andere -Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol, -welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, längst publiziert -und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des -Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geöffnet, welche in -einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So -hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der -reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie über den -kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven -vervollständigt. - -Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten des Ministeriums des -Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht -übergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe -von Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine -Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines »Verhaltens« im Gefängnis, seine -Befreiung, sein Avancement zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels -und seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis nach -Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner -Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, nachdem er 50 Jahre im -Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen -mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung -überlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer -Stelle, hier im Anschluss. - - Kopie. - III. Abteilung - von Sr. Majestät des - Kaisers Privatkanzlei. -- - Expedition St. Petersburg, - 22. April 1849. - No. 675. - - Geheim. - Dem Herrn Major der Petersburger - Gendarmerie-Division - Tschudin. - - Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren - (Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht, - den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch - Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des - Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in - der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere - und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der - dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu bringen. - - Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu wachen, dass - von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde. - - Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse Menge von - Papieren und Büchern vorfinden, so dass es nicht möglich sein - wird, sie sofort in die dritte Abteilung zu befördern. In diesem - Falle sind Sie gehalten, eines wie das andere in eine oder zwei - Stuben, je nach dem es nötig ist, niederzulegen, diese Stuben zu - versiegeln und Dostojewsky selbst unverweilt in der dritten - Abteilung abzuliefern. - - Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere und Bücher - aussagen sollte, dass einige darunter irgend einer anderen Person - gehören, so haben Sie dieser Aussage keine Beachtung zu schenken, - sondern auch diese zu versiegeln. - - In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste Achtsamkeit - und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden. - - Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps, - General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung - befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei und die - unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen. - - Der General-Adjutant - Graf Orloff. - -Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet: - - Geheim 148/6. - - Hochgeehrter Herr! - Iwan Alexandrowitsch! - - Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere hat sich - nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache hätte. Es wurde - nur gefunden: ein Brief von Belinsky, enthaltend eine Einladung - zu einer Gesellschaft bei einer Person, mit der er noch nicht - bekannt war, ein Brief aus Moskau von Pleschtschejew, in welchem - er von seinem Eindruck bei der Ankunft der kaiserlichen Familie - in Moskau spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu - bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören. Zwei Bücher - unter dem Titel: Le berger de Cravan und La consécration du - Dimanche. - - 16. Mai 1849. - - Fürst Alex. Galitzin. - - Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission. - - »In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre, Euer Excellenz - den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher sich unter den bei - Dostojewsky gefundenen Papieren befand, zu übermitteln. - - 17. Mai 1849. - - Nabokow.« - - Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript, d. h. der - III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur der - »Vaterländischen Annalen« übergeben worden war, wo es im Maiheft - 1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April) der III. - Abteilung, »ohne Unterschrift des Verfassers«. Diese Erzählung, - Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden. - - Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern - richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere ins - Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und - politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe des - Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er nicht im - geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, also - nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische Schriften, - namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener Zeit bei ihm - gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der Zettel - Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie diese Namen - trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden und als wertlos - in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei Schriftstücke - zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose, Stellen aus - dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir auch in - Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die Dossiers - gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen für uns - nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen, es wäre - denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte Freunde, - die zu Durow kommen, »salut et fraternité« entboten wird. - -Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung mit einem -gewissen Humor in einem Blatte, das er 1860 der Tochter seines Freundes, -des Schriftstellers A. Miliukow, widmet: - -»Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich gegen 4 Uhr morgens -von Grigorjew nach Hause, legte mich zu Bette und schlief sofort ein. -- -Nicht später als nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf -hindurch, dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige Leute in meine -Stube getreten waren. - -Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend etwas gestreift hatte. -Was geht da Seltsames vor? Ich öffne mit Mühe die Augen und höre eine -weiche, sympathische Stimme: »Stehen Sie auf!« -- Ich schaue: da steht -der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders Kommandierter mit -hübschem Backenbart. Allein er hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau -gekleideter, mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr -gesprochen. - -»Was ist geschehen?« frage ich, mich aufrichtend. -- »Auf Befehl« ... -- -Ich schaue: richtig »auf Befehl«. In der Thüre steht ein Soldat, -ebenfalls blau. Sein Säbel war es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha! -also das ist's ... dachte ich bei mir. - -»Erlauben Sie mir doch ...« begann ich -- »Macht nichts, macht nichts! -kleiden Sie sich an. Wir werden warten,« sagt der Oberstlieutenant mit -noch sympathischerer Stimme. -- Während ich mich ankleide, verlangen sie -die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen -- sie fanden nicht viel, -wühlten aber alles durch. Die Bücher und Schriften banden sie ordentlich -mit einem Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser -Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen und stöberte mit -meinem Tschibuk in der kalten Asche herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier -stieg auf sein Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber -vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf die Erde. Da -überzeugten sich die umsichtigen Herren, dass sich nichts auf dem Ofen -befand. Auf dem Tische lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der -Pristaw betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem -Oberstlieutenant zu: »Ist's am Ende ein falsches?« fragte ich. »Hm, das -muss man doch auch untersuchen,« murmelte der Pristaw und endigte damit, -dass er auch dieses Stück dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten -hinaus. Uns begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der -zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art stumpfer, dem Ereignis -angemessener Feierlichkeit dreinschaute; übrigens einer nichts weniger -als feiertägigen Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche, -zuerst stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der -Oberstlieutenant. Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke beim -Sommergarten. Dort gab es viele Leute und ein bewegtes Kommen und Gehen. -Es begegneten mir viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam. -Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem Range, besorgte den -Empfang ...... ununterbrochen kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein -...... Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, der eine -Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand mit Bleistift -geschrieben: »Agent der aufgedeckten Sache: Antonelli«. -- So, also -Antonelli ist es -- dachten wir. -- Man postierte uns in verschiedene -Winkel, in der Erwartung der endgiltigen Anordnung, wohin man einen -jeden unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren -unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), der -Untersuchungs-Richter, herein -- aber hier unterbreche ich meine -Erzählung. Es wäre viel zu erzählen. Aber ich versichere Sie, dass -Leonty Wassiljewitsch ein höchst angenehmer Mensch war.« - -Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich des Dichters Bruder -Andreas erzählen sehr eingehend den weiteren Verlauf der Haft, des -Verhörs, der ganzen Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir -nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den oben erwähnten -34 Verhafteten wurden jene ausgewählt, welche auch zu Petraschewsky -kamen -- es waren 23, darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer -- die -übrigen waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller und -Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky war, wie schon -oben gesagt, nur irrtümlicherweise verhaftet worden und das anstatt des -ältesten Bruders Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum -Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch -gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus dieser Gesellschaft -entliehen hatte, was offenbar unter falschem Vornamen angegeben worden -war. Andreas war also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht -worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft und ihn -erstaunt fragt: »Was machst denn du da, Bruder?« Allein er konnte nicht -antworten, da ein Gendarm sie trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen -warum, in Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt und -fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl handeln mag. - -Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, in -was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky stehe, ganz naiv -die Gegenfrage stellt: »Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn -der zweite?« bringt seine Unschuld an den Tag, und man hält ihn nur noch -zurück, damit er in der Stadt nicht mit Leuten zusammen komme, »die er -nicht zu treffen habe«. Es stellt sich heraus, dass man auf den -Richtigen gekommen war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den man am -5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei gibt. Eine Stelle aus -einem Briefe Theodor Michailowitschs an den Bruder Andreas drückt noch, -nach einem Zeitraum von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser -das Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. »Ich erinnere mich -daran,« sagt er, »du mein Teurer, erinnere mich, wie wir einander, es -war wohl das letzte Mal, im weissen Saale begegneten. Es kostete dich -damals nur ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen können, -und du wärst sofort, als irrtümlich statt des älteren Bruders -festgenommen, frei gelassen worden. Aber du folgtest meinen -Vorstellungen und Bitten, du gingst grossmütig in die Thatsache ein, -dass der Bruder in sehr engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben -erst in den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt habe -- du -begriffst das alles und bliebst im Gefängnis, um den Bruder Zeit zu -lassen, seine Frau vorzubereiten und sie nach Möglichkeit für eine -vielleicht lange Zeit seiner Abwesenheit sicherzustellen.[4] - -[Fußnote 4: Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher -zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys -besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen Saale einander zwar -begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser der Begrüssung, mit einander -gewechselt hatten. Auch Orest Miller ist dieser Widerspruch während der -Bearbeitung seiner Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich -veranlasst sah, Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail -jenes Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner »Materialien zu -einer Biographie Dostojewskys« klärt er uns denselben auf. Die Brüder -hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit einander gewechselt, -allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, auf einem Zettel alle -diese Vorstellungen dem Bruder zukommen zu lassen, welchen Zettel dieser -aber niemals erhielt.] - -»Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt hast«, fährt -Dostojewsky fort, »so konnte ich dich ja auch nicht vergessen und musste -ich ja deiner, als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.« - -Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt Orest Miller, dass -der General Rostowzew Dostojewsky nahe gelegt habe, »alles zu erzählen«. -Dieser beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. Da -wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: »Ich kann nicht glauben, -dass ein Mensch, welcher »Arme Leute« geschrieben hat, mit diesen -lasterhaften Menschen gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich. -Sie sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im Namen des -Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen, wenn Sie die ganze Sache -erzählen.« Ich schwieg, erzählte Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte -General-Lieutenant Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen -Rostowzew gewendet lächelnd: »Ich habe es Ihnen ja gesagt«, worauf -dieser schrie: »Ich kann Dostojewsky nicht mehr sehen«, in die nächste -Stube lief und von da heraus rief: »Ist Dostojewsky schon -hinausgegangen? Sagt mir, wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen«. -Dies alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein. - -Aus den Protokollen in den Archiven der dritten Abteilung entnehmen wir, -dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission unter Vorsitz des -General-Adjutanten Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung dieser -Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 neunzig Sitzungen -widmete. Die Kapitalanklage gegen Petraschewsky lautete auf: -»Verbrecherische Versuche, die bestehende Staats-Verfassung in Russland -zu stürzen, Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und -jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften, -Verbreitung schädlicher Ideen über die Religion, Erweckung von Hass -gegen die Obrigkeit, und endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur -Erreichung dieser verbrecherischen Ziele zu gründen«. - -Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: »dass er ebenfalls (gleich Durow) -an diesen verbrecherischen Plänen teilgenommen, dass er einen Brief -Belinskys an Gogol verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die -rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und dass er den -Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von Schriften gegen die Obrigkeit -im Verein mit anderen eine geheime Lithographie herzustellen.« - -Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der Arretierung ihm sehr -beschwerlich gewesen war, wurde nach seiner acht Monate währenden -Untersuchungshaft bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und -das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen und -schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so dass er endlich, dessen -müde, sich selbst einen bedeutend grösseren Anteil bei der Sache -vindicierte, als er in der That daran genommen hatte, und so hoffte, -dieselben Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken. - -Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen -lassen wir hier in getreuer Übersetzung des Original-Manuskripts folgen. -Oberflächlichen Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen -dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt dieser, -im August 1898 in der »N. Fr. Presse« durch uns veröffentlichten -Verteidigungsschrift lediglich ein »advokatorisches Meisterstück«. Wer -des Dichters Grundnatur und seinen inneren Entwickelungsgang näher -kennt, wird dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky -»das Zeug zum Verschwörer« haben mochte, wie man von ihm sagte, und -so oft er selbst von einer »Umkehr« spricht, lag doch der -slavisch-mystische Wesenskeim zu tief in seiner Natur, um nicht bei der -ersten Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden und -endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der Atheismus, welchem er -sicher um jene Zeit gehuldigt haben muss, und der sich dreissig Jahre -später im herrlichen Kapitel »Der Grossinquisitor« wiederspiegelt, -dieser Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen -Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus in -Glaubenssachen, wie er das endgiltige Merkmal des echten Revolutionärs -ist. Wenn wir hier diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf -hinweisen, dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit und -berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche Wahrheit enthalten -ist, namentlich an jener Stelle, wo Dostojewsky die bekannte Aksakowsche -Geschichts-Anschauung entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen -Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht, um ihn »rein -zu waschen« oder »päpstlicher als der Papst« zu sein, sondern um den -Wendungen und Windungen dieser höchst komplizierten Natur nachzugehen, -die sich oft »zur Wahrheit durchlog«, mit der Wahrheit spielte und der -es doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig bewegte Geist -nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede lautet wie folgt: - - Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse - Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der - Untersuchungs-Kommission unter dem Vorsitze des - General-Adjutanten Nabokow am 20. Juni 1849. - -»Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über Petraschewsky und -über jene Leute, welche seine Freitags-Abende besuchten, weiss, aussagen -soll, das heisst, man verlangt meine Aussage über Fakten und meine -persönliche Meinung über diese Fakten. - -Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre zusammenhalte, so -schliesse ich, dass man von mir eine genaue Antwort auf folgende Punkte -fordert: - -1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky als Mensch im -allgemeinen und als Politiker im besonderen hatte. - -2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei Petraschewsky -vorging, sowie meine Meinung über diese Abende. - -3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der Gesellschaft -Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky selbst ein für die -Gesellschaft schädlicher Mensch und in welchem Grade er es war. - -Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky gestanden, -obwohl ich an Freitags-Abenden zu ihm kam und auch er mich besuchte. - -Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir nicht allzu viel -gelegen war, da ich weder im Charakter noch in vielen Anschauungen mit -Petraschewsky übereinstimmte. Darum erhielt ich diese Beziehung nur -insoweit, als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte ihn -etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. Ihn aber vollständig -aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; überdies war es mir manchmal -interessant, seine Freitage zu besuchen. - -Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten im -Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere Bekanntschaft begann sogar -damit, dass er bei der ersten Zusammenkunft durch seine -Absonderlichkeiten meine Neugierde erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft -zu ihm; es geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm war. -Im vorigen Winter war ich vom September angefangen nicht mehr als -achtmal bei ihm. Wir waren niemals intim mit einander, und ich glaube, -dass wir während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals mehr als -eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander gesprochen haben. Ich -habe sogar entschieden bemerkt, dass er, indem er zu mir kam, gleichsam -eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes -Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe der Fall, da wir, -wie ich wiederhole, weder in den Ideen noch in den Charakteren -Vereinigungspunkte hatten. Wir fürchteten beide, länger mit einander zu -sprechen, da wir vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten, -dies aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere -gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens weiss ich, dass -ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft nicht sowohl um seiner selbst -willen und wegen der »Freitage« fuhr, als um dort manche Leute zu -treffen, die ich, obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich -selten sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky -immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen geachtet. - -Über seine Excentrizitäten und Absonderlichkeiten sprechen viele, fast -alle, welche ihn kennen oder von ihm gehört haben, und beurteilen ihn -sogar danach. Ich habe mehreremale die Meinung äussern hören, dass -Petraschewsky mehr Geist als Vernunft habe; thatsächlich wäre es sehr -schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten zu erklären. Es geschah nicht -selten, dass man ihn bei einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin -er gehe und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches -antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er soeben -auszuführen ginge, dass man nicht wusste, was man vom Plan und von -Petraschewsky selbst denken sollte. Um einer Sache willen, welche keinen -Deut wert ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein ganzes -Vermögen handle. Ein andermal eilt er auf eine halbe Stunde irgend -wohin, um ein ganz kleines Geschäftchen abzumachen, beendet aber dieses -»kleine Geschäftchen« ungefähr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der -sich fortwährend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung ist, den -immer irgend etwas treibt. Er liest viel, schätzt das System Fouriers -und hat es sich bis ins Detail angeeignet. Ausserdem beschäftigt er sich -hauptsächlich mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was ich -von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche zu unvollständig sind, -um einen Charakter solcher Art vollkommen zu beurteilen. Denn das -wiederhole ich noch einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen -zu ihm gestanden. - -Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische Person -betrachtet) irgend ein bestimmtes System in seinen Meinungen, irgend -eine bestimmte Anschauung in politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe -bei ihm nur Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht das -seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass besonders Fourier es -ist, welcher ihn daran hindert, die Dinge selbständig anzusehen. Ich -kann übrigens unbedingt sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der -Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen Systems auf -unsere gesellschaftlichen Zustände möglich sei. Davon war ich immer -überzeugt. - -Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei ihm versammelte, -bestand fast ausschliesslich aus seinen nahen Freunden oder alten -Bekannten; so denke ich wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue -Personen auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, ziemlich -selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich nur einen sehr kleinen Teil -genauer. Andere kenne ich nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre -Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys -kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit einem oder zwei Jahren -an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. Allein, obwohl ich nicht alle -Personen gut kenne, habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle -diese Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die eine -widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit in der -Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei Richtung, keinerlei -gemeinschaftliches Ziel. Man kann unbedingt sagen, dass man dort nicht -drei Menschen fände, welche in irgend einem Punkte über ein beliebig -aufgegebenes Thema übereinstimmten. Daher gab es viele Debatten, daher -der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! An einigen -dieser Streitigkeiten habe auch ich teilgenommen. - -Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen Streitigkeiten -teilgenommen habe und über welches Thema ich hauptsächlich sprach, muss -ich einige Worte über das sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich -weiss ich bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man hat mir -nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen Besprechungen bei -Petraschewsky teilgenommen, dass ich wie ein Freidenker gesprochen und -zuletzt einen Artikel vorgelesen habe: »Briefwechsel Belinskys mit -Gogol«. Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute das -Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, Liberaler zu -definieren. Was versteht man unter diesem Worte: Einen Menschen, welcher -ungesetzlich spricht? Ich habe aber Menschen gesehen, für die es -gesetzwidrig sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf -schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche im stande -sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, was nur ihre Zunge -herunterzudreschen vermag. Wer hat meine Seele gesehen? Wer hat den Grad -von Treubruch, von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen -man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese Bestimmung gemacht -worden? Es kann sein, dass man nach einigen Worten urteilt, welche ich -bei Petraschewsky gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe -ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht politischen -Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit und menschlichen Egoismus. -Ich erinnere mich nicht, dass irgend etwas Politisches oder -Freidenkerisches in meinen Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht, -dass ich mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen und -mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein ich kenne mich, und -wenn man meine Anklage auf einige Worte gründet, die man im Fluge -erhascht und auf einen Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich -auch eine solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen -Beschuldigungen die gefährlichste ist; denn es giebt nichts -Verderblicheres, Verwirrenderes und Ungerechteres als einige in der -Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von weiss Gott wo -herausgerissen sind, sich auf weiss Gott was beziehen, im Fluge gehört -und im Fluge verstanden worden, am alleröftesten jedoch gar nicht -verstanden worden sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte -sogar eine solche Anschuldigung nicht. - -Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei ist, so bin ich -vielleicht in diesem Sinne ein Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem -Sinne, in welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden kann, -der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, ein Staatsbürger zu -sein, das Recht empfindet, seines Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in -seinem Herzen sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein -trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen werde. - -Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er sich auf das Mögliche -oder das Unmögliche? Mag man mich auch beschuldigen, die Veränderung, -den Umsturz auf gewaltsamem, revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu -Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte nicht, dessen -überführt zu werden, denn keine Angeberei der Welt wird mir etwas geben -oder etwas nehmen: keine Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu -sein, als ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, dass -ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu schweigen andere als -ihre Pflicht erachten, nicht etwa, weil sie sich fürchten, etwas gegen -die Obrigkeit zu sagen (das kann man ja auch nicht im Gedanken!), -sondern weil nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von dem -es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut bespricht. Ist es das? -Mich aber hat sie sogar immer verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die -eher imstande ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu -sein. Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit nicht -genügenden Schutz gewähren, und dass man um eines leeren Wortes, um -einer unvorsichtigen Phrase willen verloren sein konnte. - -Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, dass man ein lautes, -offenes Wort, das halbwegs einer Meinung ähnlich sieht und geradaus, -ohne Hinterhalt, ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet! -Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser wäre, wenn -wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger wären. Es hat mir immer -Kummer gemacht, dass wir alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas -fürchten, dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen Plätzen -zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, finster anschaut, ihn -von der Seite misst und wir immer irgend jemanden verdächtigen. Fängt -zum Beispiel irgend wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar -flüsternd und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die Republik -seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man wird sagen: »Es ist auch -besser, dass man bei uns nicht auf dem Markte schreit.« Ohne Zweifel -wird niemand ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein -übertriebenes Schweigen und eine übermässige Angst werfen auf unser -Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles in einem freudlosen, -unfreundlichen Lichte erscheinen lässt, und was das Beleidigendste ist, -dieses Kolorit ist ein falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos, -unnütz (ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter nichts -als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen nur selbst -unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei und unser -Misstrauen. Denn aus diesem gespannten Zustande entsteht oft viel Lärm -um nichts. Da erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort -bedeutend mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt durch die -Excentricität, in der es da erscheint, manchmal kolossale Dimensionen an -und wird unrichtigerweise anderen (ungewöhnlichen und nicht wirklichen) -Ursachen zugeschrieben. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine -bewusste Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, die nicht -widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem Winde umgeworfen wird, -der sich erhebt. Das Bewusstsein aber reift nicht, lebt sich nicht aus, -wenn du schweigst. Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir -zerbröckeln uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. Wer -trägt aber an diesem Zustande die Schuld? Wir, wir selbst und kein -anderer -- ich habe immer so gedacht. - -Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche als Beispiel -angeführt habe, so bin ich doch selbst weit entfernt davon, ein Schreier -zu sein; dies wird jeder von mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es -nicht, viel und laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich -sehr wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo ich auch -den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen Menschen habe. Ich -habe sehr wenig Bekanntschaften; die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit -ein, welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die Krankheit, die -in hypochondrischen Anfällen besteht, an welchen ich schon nahezu drei -Jahre leide. Es bleibt kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren, -was in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt daher äusserst -wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt gegen das System des allgemeinen, -gleichsam systematischen Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so -geschieht es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung -auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu verteidigen. Allein -wessen klagt man mich denn an? Man klagt mich an, dass ich über Politik, -über den Westen, über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht -denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt nicht an sie? -Wozu habe ich denn gelernt, warum ist durch das Studium Wissbegierde in -mir erweckt worden, wenn ich nicht das Recht haben soll, meine -persönliche Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer -anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine Autorität ist? -Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, spielt sich ein ungeheures Drama -ab; es kracht und zerbröckelt sich die Jahrhunderte alte Ordnung der -Dinge. Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen jeden -Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation bei ihrem Einsturz mit -sich zu reissen. 36 Millionen Menschen stellen jeden Tag buchstäblich -ihre ganze Zukunft, ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf das -Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit, -Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die Seele zu erschüttern? Dies ist -dasselbe Land, welches uns Wissenschaft, Bildung, europäische -Zivilisation gegeben hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist -schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre von der -Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, uns, denen man einen -gewissen Grad von Bildung gegeben, in denen man den Durst nach -Kenntnissen und Kultur geweckt hat -- kann man uns denn dafür anklagen, -dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und da über den Westen, -über die politischen Ereignisse zu sprechen, die Bücher vom Tage zu -lesen, der Bewegung des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu -studieren? Kann man mich denn deswegen anklagen, dass ich mit einem -gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche das unglückliche -Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst, dass ich vielleicht diese -historische Krisis für unumgänglich halte, als einen Übergangszustand -(wer kann es jetzt beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte, -welcher endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese Meinung, -weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei über den Westen und -die Revolution niemals erstreckt. - -Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen habe, wenn ich -mir erlaubt habe, über die gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt -daraus, dass ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen -hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass ich diese -untergrabe? -- Unmöglich! Für mich hat es niemals einen grösseren Unsinn -gegeben, als die Idee einer republikanischen Staatsform in Russland. -Allen, welche mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja, -endlich wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen Überzeugungen, -meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es kann sein, dass ich mir noch die -Revolution des Westens und die historische Unumgänglichkeit der Krisis, -welche sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige -Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger Kampf der -Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen, welche sich durch -Eroberung, Gewaltsamkeit und Unterdrückung auf einer Fremdkultur -gründete. Und bei uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen -gebildet, davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das Sinken -Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der Schwächung und -Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände der Nowgorodschen -Republik, einer Republik, welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf -slavischer Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die -zweimalige Rettung Russlands durch die Macht der Autorität, durch die -Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch die Vertreibung der -Tataren, das zweite Mal in der Reform Peters des Grossen, da nur der -warme kindliche Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand -setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben zu ertragen. Ja, -und wer denkt denn bei uns an Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen, -so wird es sogar für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag, -dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch kräftigeren -Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in revolutionärer Weise vor -sich gehen sollen. Ich denke nicht, dass in Russland ein Liebhaber des -russischen Aufstandes gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele -davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon lange her ist, -dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe ich mich jetzt an meine -eigenen oft wiederholten Worte erinnert, dass alles Gute, das es nur -jemals in Russland gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer -von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten aber noch nichts -aufgetaucht ist als Eigensinn und Rohheit. Diese meine Meinung wissen -viele, die mich kennen. - -Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose Strenge in -unserer Zeit; ich habe darüber geklagt, denn ich habe gefühlt, dass da -ein Missverständnis sich gebildet hat, aus welchem ein für die -Litteratur schwerer und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war -mir ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren Tagen -durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; dass die Zensur den -Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben hat, als eine Art -natürlichen Feind der Obrigkeit ansieht und sich daran macht, seine -Manuskripte mit einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es -macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk verbietet, nicht -weil man darin irgend etwas Liberales, Freidenkerisches, der Obrigkeit -Widerstreitendes fände, sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung -oder der Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild darin -aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in der Gesellschaft -anklagt oder verdächtigt, und obwohl die Tragödie selbst auf eine -durchaus zufällige und äusserliche Weise vor sich gegangen. Man möge -doch alles durchsehen, was ich geschrieben, sei es gedruckt oder -ungedruckt, man möge die Handschriften meiner schon gedruckten Werke -durchlesen, da wird man sehen, wie sie vor der Übergabe an die Zensur -beschaffen waren; man suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die -Sittlichkeit und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet wäre. Und -dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot unterworfen, einzig nur -darum, weil das Bild, das ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt -war. Wenn sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses -verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor der -Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, schlimmer als -das, denn die Arbeit gab mir die Mittel zu meiner Erhaltung. - -Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei allem Harm, ja fast -in Verzweiflung (denn von der Geldfrage ganz abgesehen, ist es bis zur -Verzweiflung unerträglich, das Werk, das man geliebt hat, daran man -Arbeit, Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus -_Missverständnis_, aus _Misstrauen_ verboten zu sehen), ich musste also -überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung so viele leichte, -heitere Stunden finden, um in dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit -heiteren, rosenfarbigen, angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben -musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich geredet habe, wenn -ich mich ein wenig beschwert habe (und ich habe mich so wenig beklagt!) --- war ich darum ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert? -Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich mit allen Kräften -gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder Schriftsteller schon von -vornherein verdächtigt wird, dass man ihn ohne Verständnis, mit -Misstrauen ansieht, und habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf -erhoben, dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses -verderbliche Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum, weil es -für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten Lage zu bestehen. -Ganze Kunstarten müssen auf diese Weise verschwinden. Die Satire, die -Tragödie können nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge -unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ja sogar keine -Puschkins bestehen. Die Satire verspottet das Laster und meistens das -Laster, das unter der Tugendmaske einhergeht. Wie kann man sich jetzt -auch nur die geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in allem -eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter sei, dass das -vielleicht vom Autor auf irgend eine Persönlichkeit, auf irgend eine -Ordnung der Dinge gemünzt sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass -ich, alles Harms vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der -Zensor in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft -schädlich und für den Druck unzulässig erachtete. Ich lachte darum, weil -in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe gar niemandem als dem Zensor in -den Kopf kommen konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert -man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor sichtlich mit der -Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte wie einer ewigen unwandelbaren -Idee nachjagt, die sein Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen -hat, die er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst in seiner -Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, selbst mit furchtbaren, -nie dagewesenen Farben ausgemalt hat, bis er zuletzt sein Phantom -mitsamt der unschuldigen Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen -Satz des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man das Laster -und die traurige Seite des Lebens verdeckt, damit vor dem Leser auch das -wirkliche Laster und die traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein! -Der Schriftsteller wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens -vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken, sondern -vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, dass er nicht aufrichtig, nicht -gerecht sei. Ja, kann man denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann -denn die helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen -Hintergrund? Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht und -Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum einen Begriff, weil auch -Schatten vorhanden ist. Man sagt: man beschreibe nur Vorzüge und -Tugenden. Aber wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; die -Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden, dass das -Gute und das Böse immer nebeneinander dagewesen sind. Wollte ich aber -nur daran denken, Rohheit, Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu -bringen, sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen, wird -denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne Ausnahme anwende. -Ich bin nicht auf die Schilderung des Lasters und der düsteren Seiten -des Lebens erpicht! Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich -spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich sah und mich -davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur und der Zensur ein -Missverständnis bestehe (nur Missverständnis, weiter nichts), habe ich -darüber geklagt, habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so -schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur liebe und -nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren, weil ich weiss, dass -die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, ein Spiegel der -menschlichen Gesellschaft ist. Mit der Kultur und Zivilisation treten -neue Begriffe auf, welche eine Bestimmung, eine russische Benennung -brauchen, um dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist es, -das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte, da die -Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern von oben. Nur jene -Gesellschaft vermag den neuen Begriffen einen Namen zu geben, welche die -Zivilisation vor dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der -Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen kultiviert -worden ist. Wer ist es denn, der die neuen Ideen in eine solche Form -giesst, dass das Volk sie verstehe? Wer anders als die Litteratur! Ohne -sie wird die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke -aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was man von ihm will. -Wie war die russische Sprache zur Zeit Peters des Grossen beschaffen? -Halb russisch und halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe, -deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten. Allein das -russische Volk spricht nicht deutsch, und das Erscheinen Lomonossows -sofort nach Peter dem Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die -Gesellschaft nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen war, und -ich wiederhole es zum zehntenmale: das Missverständnis, das zwischen der -Litteratur und den Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich. -Da redete ich -- allein ich redete nie von Übereinstimmung, von -Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses. Ich hetzte -niemanden um mich herum auf, _da ich ein Glaubender war_. Ja, und ich -sprach davon nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen -Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei? - -Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende bei Petraschewsky den -Artikel »Korrespondenz Belinskys mit Gogol« vorgelesen habe. Ja, ich -habe diesen Artikel gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt -hat, sagen, für welche der beiden korrespondierenden Personen ich Partei -genommen habe? Er möge sich nur erinnern, ob etwa in meinen Ansichten -(die ich übrigens zurückhielt), oder etwa in meiner Intonation, in -meinen Gesten etwas lag, das kundgegeben hätte, ob ich mich der einen -oder der anderen Person gegenüber parteiischer verhalten habe! Natürlich -wird er das nicht sagen. Belinskys Brief ist allzu seltsam geschrieben, -als dass er irgend welche Sympathie erwecken könnte. Schmähungen stossen -die Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief aber ist von -Schmähungen und Galle erfüllt. Endlich ist der ganze Brief ein Beispiel -ohne Beweiskraft -- ein Mangel, den Belinsky in seinen kritischen -Artikeln niemals ablegen konnte und der im Verhältnisse zur Erschöpfung -seiner physischen und geistigen Kräfte durch die Krankheit immer -zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre seines Lebens zur Zeit -seines Aufenthaltes im Auslande geschrieben worden. Eine gewisse Zeit -lang war ich ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch -betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit, welche ihn -niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen. Sie hat seine Seele -grausam und starr gemacht und sein Herz mit Galle erfüllt. Seine -zerrüttete, überspannte Einbildungskraft vergrösserte alles ins -Kolossale und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte. Es -traten bei ihm Mängel und Fehler auf, von welchen im gesunden Zustande -auch keine Spur vorhanden war. Unter anderem zeigte sich eine äusserst -reizbare und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren -Mitarbeitern er zählte und wo er seiner Krankheit wegen sehr wenig -arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hände gebunden und liess ihn -nicht allzu ernste Artikel schreiben. Das verletzte ihn. In dieser -Stimmung nun war es, dass er seinen Brief an Gogol schrieb. In der -Schriftstellerwelt ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige -Entzweiung mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens nicht unbekannt. -Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung bekannt: es handelte -sich um Ideen über Litteratur und um die Richtung derselben. Meine -Anschauung war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt. Ich -machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemühe, der Litteratur eine -besondere, ihrer nicht würdige Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur -Beschreibung -- wenn man so sagen darf -- von _Zeitungsfakten_ oder -skandalösen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm namentlich, dass -man mit Galle niemanden an sich ziehe, sondern vielmehr alle und jeden -tödlich langweilen werde, wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg -läuft, anpackt, jeden Vorübergehenden am Knopfe seines Rockes festhält, -ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines Besseren belehren will. - -Belinsky wurde böse auf mich, und so gingen wir endlich von Erkältung zu -förmlichem Bruch über, so dass wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten -Lebensjahres nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt, diese -Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz ein ziemlich -bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt. Sowohl Belinsky als Gogol -sind höchst bedeutende Persönlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander -sind sehr interessant -- umsomehr für mich, da ich mit Belinsky bekannt -gewesen war. Petraschewsky hatte diese Briefe zufällig in meiner Hand -erblickt und gefragt: Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie -sogleich zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu bringen. -Ich hatte mich selbst dazu angetragen und musste nun mein Wort halten. -Ich habe diesen Artikel wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr, -nicht weniger, vorgelesen, fest überzeugt, dass er niemanden verlocken -könne, obwohl er eines gewissen litterarischen Wertes nicht ermangelt. -Was mich anbelangt, so bin ich buchstäblich nicht mit einer einzigen der -Übertreibungen einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte -ich, folgenden Umstand in Erwägung zu ziehen: Würde ich es denn -unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen, mit welchem ich -gerade um seiner Ideen willen im Streite gelegen hatte (das ist kein -Geheimnis, es ist vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken -Zustande, in geistiger und seelischer Zerrüttung geschriebenen Artikel, -würde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen, ihn als ein Vorbild, -eine Formel aufzustellen, der man nacheifern muss? Ich habe erst jetzt -begriffen, dass ich damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht -in der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber damals habe ich -mich nicht besonnen, denn ich habe auch nicht geahnt, wessen man mich -beschuldigen kann, habe keine Sünde darin vermutet. Aus Achtung für -einen schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden Menschen, -dessen Urteil man um einiger litterarisch-ästhetischer Artikel willen -schätzt, die thatsächlich mit grosser Kenntnis der Litteratur -geschrieben sind; endlich aus dem heiklen Gefühl, welches gerade durch -meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche vielen bekannt -sind) in mir verursacht wurde, las ich die ganze Korrespondenz, mich -jeder Bemerkung enthaltend und mit vollständiger Unparteilichkeit. - -Ich habe erwähnt, dass ich über Politik, über Zensur und anderes -gesprochen habe; aber da habe ich unnütz über mich ausgesagt. Ich wollte -damit nur ein Bild meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei -Petraschewsky über diese Gegenstände gesprochen. Ich habe bei ihm nur -dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen: einmal über Litteratur -anlässlich eines Streites mit Petraschewsky über Krylow, und ein -zweitesmal über Persönlichkeit und über Egoismus. Im allgemeinen bin ich -kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut zu sprechen, wo -mir fremde Personen gegenwärtig sind. Meine Denkungsart, sowie meine -ganze Person sind nur sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen -Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern nach, nur um in Ruhe -gelassen zu werden. Aber ich wurde zu diesem litterarischen Streite -herausgefordert durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess, -dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die Kunst sich selbst -Zweck ist, dass der Autor sich nur um das Künstlerische zu kümmern habe; -die Idee werde schon selbst erscheinen, denn sie ist die unumgängliche -Bedingung des Künstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass -diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung diametral -entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt, dass ich diese -Richtung schon durch mehrere Jahre vertrete. Endlich haben alle bei -Petraschewsky unseren Streit gehört, alle können das bezeugen, was ich -gesprochen habe. Es hat damit geendigt, dass es sich zeigte, dass -Petraschewsky dieselben Ideen über Litteratur hatte, wie ich, dass wir -einander aber nicht verstanden. Dieses Resultat unseres Streites haben -viele gehört, und ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus -Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys genaue -Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was nun das zweite Thema -anbelangt, über Persönlichkeit und Egoismus, so wollte ich darin -nachweisen, dass unter uns mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Würde -vorhanden sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbröckelung der -Persönlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher Eigenliebe, aus -Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer Arbeiten. Dies ist ein rein -psychologisches Thema. Ich habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche -bei Petraschewsky zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein, -nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken noch in der -Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien ein Streit zu sein, der -einmal begann, um niemals beendet zu werden. Um dieses Streites willen -kam auch die Gesellschaft zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast -jedesmal ging man auseinander, um das nächstemal den Streit wieder mit -erneuerter Kraft aufzunehmen, da man fühlte, dass man auch nicht den -zehnten Teil dessen gesagt habe, was man hätte sagen mögen. Ohne -Debatten wäre es bei Petraschewsky höchst langweilig gewesen, weil nur -Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem Charakter zu -verbinden vermochten. Man sprach über alles, aber über nichts -ausschliesslich, und man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der -sich zufällig zusammenfindet. Ich bin überzeugt davon. Und wenn ich -manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky teilgenommen habe, wenn ich -zu ihm ging und nicht erschrak, wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde, -so geschah dies deshalb, weil ich vollkommen überzeugt war (und das bin -ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft, im Kreise -gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys, aber nicht öffentlich vor -sich ging. So war es thatsächlich, und wenn man jetzt eine so -ausschliessliche Aufmerksamkeit dem zuwendet, was bei Petraschewsky -vorging, so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky durch seine -Sonderbarkeiten und Excentricitäten fast ganz Petersburg bekannt war und -daher auch seine Abende bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass -das Gerede ihre Bedeutung übertrieb, obwohl im Gerede der Leute mehr -Spott über Petraschewskys Abende enthalten war als Besorgnis. - -Darüber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen wurde (aber immer im -Sinne des Zweifels und so, dass Streit daraus entstand), war ich nicht -beunruhigt, weil es nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein -hitziges Paradoxon, irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt -(natürlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise), -anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang zu bleiben, sich in seiner -Seele zu verhärten und einzuwurzeln. Gemeinsamer Streit ist nützlicher -als Vereinsamung. Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der gesunde -Verstand wird den Sieg davontragen. So habe ich diese Versammlung -betrachtet und bin auf Grund dieser Anschauung manchmal hingegangen. Die -Erfahrung hat mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhörte, über den -Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als Lehre betrachtet, -von allen Seiten mit Spott überschüttet. Wenn aber bei Petraschewsky -irgend jemand es unternommen hätte, über eine Anwendung des Fourierschen -Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen, so hätte man ihm -sofort ohne alle Umstände ins Gesicht gelacht. Ich spreche so, weil ich -von der Wahrheit meiner Aussage überzeugt bin. - -Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein geheimer Zweck von der -Gesellschaft Petraschewskys verfolgt wurde, kann man auf das -nachdrücklichste sagen, dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders -von Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen, Charakteren, -Persönlichkeiten, Spezialitäten, dieser Streitigkeiten, welche fast bis -zur Feindseligkeit gingen und nichtsdestoweniger nur Debatten blieben, -in Anbetracht also alles dieses kann man auf das nachdrücklichste sagen, -dass unmöglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem Chaos vorhanden -sein konnte. Hier war auch nicht der Schatten einer Einheit und könnte -auch keiner bis an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl ich -nicht alle Männer und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys kannte, so -kann ich unbedingt nach dem, was ich gesehen habe, sagen, dass ich mich -nicht irre. - -Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage, zur Antwort, welche -meine Rechtfertigung abschliesst; es ist diese: Ist Petraschewsky selbst -ein gefährlicher Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft -schädlich? - -Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte, konnte ich sie nicht -geradeaus beantworten. Ich hätte vorher in mir eine ganze Reihe von -Fragen und Zweifeln entscheiden müssen, welche sofort in meinem Geiste -entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle beantworten konnte, -welche einen bestimmten Grad von Sammlung forderten, und darum stand ich -da, ohne zu wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles -klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen Erwägungen, als -auch schliesslich die Antwort auf die mir gestellte Frage als -Schlussfolgerung dieser Erwägungen hier vorlegen. - -Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der Gesellschaft schädlich -sei, so verstehe ich darunter vor allem, ob er es als Fourierist, als -Anhänger und Verbreiter der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng -beschriebenes Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich die -Schrift darin erkennen würde. Ich kenne Petraschewskys Handschrift -nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert und ich habe unbedingt nicht -vermutet, dass er sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit -Überzeugung); darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als einem -Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine theoretischen -Überzeugungen, ja und diese kaum, da wir auch ein theoretisches Gespräch -über Fourier selten, fast niemals anknüpften, da unsere Gespräche sich -sofort in Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plänen aber -und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals etwas mitgeteilt, und ich -weiss endgiltig nicht, hat er solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn -er auch solche gehabt hätte, was ich durchaus nicht weiss, so würde er -sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand und keine grosse -Freundschaft uns verband, sicherlich (ich bin davon überzeugt) alles vor -mir verborgen und mir kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits -hatte auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu lernen. -Deshalb kann ich unbedingt nichts über Petraschewsky als Fourieristen -sagen, ausser in einem rein wissenschaftlichen Sinne. - -Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers schätzt; als -Fourierist kann er natürlich nichts anderes wünschen, als dass man mit -ihm sympathisiere. Aber man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache. -Zieht er nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in der -Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung der -Fourierschen Lehre in der Jugend zu bewirken? Ich erwidere: ich kann -unbedingt nichts über diese Sache sagen, weil ich keine genügenden Daten -habe und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne. Man hat -mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden ein gewisser Lehrer Toll -sich befinde. Allein Toll ist mir vollkommen unbekannt, und dass er ein -Lehrer sei, habe ich erst kürzlich erfahren. Was aber Jastrzembski -anbelangt, so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als er über -politische Ökonomie sprach. Sonst kenne ich keinen Lehrer. Da ich nicht -nur in keinerlei nahen, sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll -stehe, so kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit -Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander kennen lernten, noch -die Beziehungen, in welchen sie zu einander standen; mit einem Worte, es -war mir ganz uninteressant, das zu wissen. Was nun Jastrzembski -anbelangt, so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art seiner -ökonomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur zweimal in der Lage war, -ihn zu hören. Er ist, so viel mir scheint, ein Ökonomist der neuesten -Schule und lässt den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten -Professoren thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch seine -kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil seiner Arbeit viel -wissenschaftlich Nützliches geleistet. Mit einem Worte, ich nehme an, -dass Jastrzembski weit davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und -dass er von Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken, -dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht kenne, dass ich niemals ein -Gespräch mit ihm angeknüpft habe, und es scheint, dass auch er sich in -der gleichen Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild seiner -Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von den meinen hat. Also kann -ich über Petraschewsky als Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen -und Vorstellungen urteilen. - -Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich weiss, dass meine -Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende angenommen wird; -immerhin wird sie eine Aussage bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der -Irrtum wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir eine -Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich früher nichts wusste. -Ich habe einen Satz dieser Handschrift gelesen. In diesem Satze ist der -heisse Wunsch ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als -möglich siegen möge. Wenn die ganze Handschrift in diesem Sinne -geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als die seine anerkannt hat, so -hat er natürlich die Verbreitung des Fourierschen Systems gewünscht. Ob -er jedoch thatsächlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat, ist -mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine Geheimnisse -unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich Glauben schenken kann. -Niemand wird aussagen können, dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr -nahen Beziehungen gestanden hätte. Ich kam an Freitagen als Bekannter zu -ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen seiner Pläne und habe zum ersten -Male diese Handschrift gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze -durchaus nicht kenne. Und so vermag ich nichts darüber zu sagen, ob er -irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen habe. Allein man möge -mir erlauben, einige meiner eigenen Gedanken darzulegen, welche meine -tiefsten Überzeugungen ausmachen, über welche ich lange nachgesonnen -habe, welche mir früher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge -welcher endlich ich bei der ersten Frage über die Strafbarkeit -Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben konnte. Ich begriff, wie -wichtig in den Augen der Richter Petraschewskys solche Beweise sein -müssen, wie Bücher, Handschriften und Reden, welche abrissweise -niedergeschrieben worden sind. Da man mich aber über ihn befragt, so -möge man mir erlauben, meine Ansichten über seine ganze Angelegenheit -hier auszusprechen. - -Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers ist ein -friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schönheit, es bestrickt -das Herz durch jene Menschenliebe, welche Fourier beseelte, als er sein -System schuf, versetzt den Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und -zieht nicht durch bittere Ausfälle an sich, sondern beseelt jeden mit -der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es keinen Hass. -Politische Reformen setzt sich Fourier nicht vor. Seine Reform ist eine -ökonomische. Sie greift weder die Obrigkeit noch den Besitz an, und in -einer der letzten Sitzungen der Kammer hat Victor Considérant, der -Repräsentant der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die Familie -abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches und wird niemals -populär werden. - -Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der Februar-Revolution -nicht ein einziges Mal auf die Gasse herabgestiegen, sie sind in der -Redaktion ihres Journals geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20 -Jahre mit Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère -zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich, erstens schon -darum allein, weil es ein System ist; zweitens, wie schön es auch sei, -bleibt es immer eine wesenlose Utopie, aber der Schaden, den diese -Utopie anrichtet, ist, wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher -komisch als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das in -einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und ausgepfiffen worden -wäre, wie das System Fouriers im Westen. Es ist schon lange tot, und -seine Führer bemerken selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als -lebendig Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke jedes -System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich, denn die hungrigen -Proletarier ergreifen in der Verzweiflung jedes Mittel, und aus jedem -Mittel sind sie imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem -Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt der Hunger die -Leute auf die Gasse, den Fourierismus aber hat man aus Geringschätzung -vergessen. Und sogar der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt -ist, erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt, -Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig Schritte auf der -Strasse zu machen, um sich zu überzeugen, dass der Fourierismus auf -unserem Boden nur bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen -Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen, -träumerischen Seele, aber nicht anders als in der Form einer Idylle, -oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig Gesängen. Der Fourierismus kann -keinen ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein -ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein schon eine -Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit langsam vollziehen. -Um das System Fouriers vollkommen zu begreifen, muss man es studieren; -das aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein Dutzend Bände -durchlesen. Kann denn ein solches System populär werden? Vom Katheder -herunter durch die Lehrer? Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen -des Umfanges der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein -ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das System Fouriers -nicht entstehen, und wenn ein Fourierist Schaden bringt, so thut er es -höchstens sich selbst, in der öffentlichen Meinung, bei denen, welche -gesunden Menschenverstand besitzen; denn für mich ist die höchste Komik --- eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus aber und mit -ihm jedes System des Westens sind für unseren Boden so unbrauchbar, -unseren Umständen so entgegen, dem Charakter unserer Nation so fremd, -andererseits aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein Produkt -des dortigen abendländischen Standes der Dinge, in welchem die -proletarische Frage um jeden Preis entschieden wird, dass der -Fourierismus mit seiner eindringlichen Unvermeidlichkeit jetzt bei uns, -wo es kein Proletariat gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die -allerunnützeste, in ihren Folgen die allerkomischeste wäre. Dies ist es, -warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky für gescheiter halte und -ihm niemals ernstlich zugetraut hätte, weiter als bis zu einer -theoretischen Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. Alles -übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz zu halten. Der -Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer Mensch -- das ist -meine Meinung. Endlich hat meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon, -so viele ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen Kräften -halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein Beweis davon ist, dass -in Frankreich im Verlaufe eines Jahres fast alle Systeme fielen, und -zwar durch sich selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste -Bekräftigung herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss ich sagen, -dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht weiss, ich wiederhole es -noch einmal), dass Petraschewsky, vor keinerlei Spott zurückschreckend, -sich noch immer um die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich -dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der Gesellschaft -Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, in welcher Weise könnte -Petraschewsky als Verbreiter des Fourierismus schädlich sein? Das geht -über meine Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine -Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen auf die mir -gestellte Frage antworten kann. Endlich ist in mir noch eine Erwägung -aufgetaucht, die ich nicht verschweigen kann, eine Erwägung rein -menschlicher Natur, wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange -die Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von einer gewissen -Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war Eigenliebe, die ihn -veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, es war auch Eigenliebe, -dass ihm die Freitage nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte -er viele Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er -besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als eine persönliche -Beobachtung von mir, eine Mutmassung, denn, ich wiederhole es, alles, -was ich über Petraschewsky weiss, weiss ich unvollständig, nicht -vollkommen, sondern nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und -gehört habe. - -Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen. - - Theodor Dostojewsky. - -Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember vom Kaiser -unterschrieben worden war, verlesen wurde, war keiner unter ihnen, der -Reue empfunden hätte. Sein persönliches Verhalten in dieser »längst -vergangenen Geschichte«, sagt er in seinem »Tagebuche«, änderte sich -erst viel später. - -Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen Untersuchungshaft -verlief verhältnismässig günstig, was die äusseren Umstände betrifft. Er -war im Alexejschen Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich -auf eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung, -spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben und lesen. Seine -Gesundheit wurde merkwürdigerweise gerade in dieser Zeit fester. Sein -ganzes Wesen war durch das Ereignis so erschüttert und nach innen -gekehrt, dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis zum -Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete, -- derart, -dass nach den Aussagen seines Bruders Andreas fast jede Nacht auf seinem -Tischchen ein Zettel lag, worauf geschrieben stand: »heute kann ich in -lethargischen Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen -begraben!« -- jede Angst und Sorge um sein Leben und seine Gesundheit -verlor und schon dadurch widerstandsfähiger wurde. Seine innere Stimmung -war zwar wechselnd, doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen -Arbeitskraft quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder am 18. -Juli: »Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... manchmal fühlst du -sogar, als seist du an dieses Leben schon gewöhnt und es sei alles eins -... aber ... ein anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen -Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle Tage, und es -ist etwas freundlicher geworden ... auch habe ich Beschäftigung. Ich -habe die Zeit nicht vergeudet, habe drei Erzählungen und zwei Romane -ausgedacht; an einem derselben schreibe ich jetzt.« - -Dieser »Roman« war nach Dostojewskys späteren Aufzeichnungen die -Erzählung »Ein kleiner Held«, welche in den »Vaterländischen Annalen« -anonym erschien, und zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der -Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder Michael hatte -das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch fügt seinen -Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort konnte man nur das Unschuldigste -schreiben). Der Biograph O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei -aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische Figur -aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten habe, und führt eine -sehr charakteristische Stelle aus dieser Personalbeschreibung an. Sie -lautet: »Auf alles hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz -besonders versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre tiefe Sympathie -für die Menschheit darzulegen ... endlich, um unumstösslich die Romantik -zu geisseln, d. h. zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes -Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.« - -Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit in die Hände -einer eigenen, im Namen des Kaisers amtierenden Gerichtskommission unter -dem Vorsitz des Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle -Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die Sache ging jedoch -an das General-Auditoriat über, wo sie kriegsrechtlich behandelt wurde. -Sie wurde also kraft der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet, -dass alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, ohne -Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung der -Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder mit revolutionären Mitteln -angestrebt hatten, ob sie überhaupt einen Umsturz der Staatsverfassung -angestrebt, oder, wie Dostojewsky, einen Brief »voll frecher Ausdrücke -gegen Kirche und Staat« vorgelesen hatten -- zum Tode durch Füsilieren -verurteilt wurden. - -Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, wann das Urteil -verlesen werden würde. Am frühen Morgen des 22. Dezember -- so erzählt -O. Miller -- bemerkten sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und -ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer der Gefangenen, -Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass dies um 6 Uhr war, und um 7 -Uhr setzte man sie auf die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten -Dostojewskys hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen Gewänder -anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines Aufsehers geschickt wurden. -Speschnew, welcher nicht begreifen konnte, wohin man sie führe, -vermutete, man wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber -kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im -Ordonnanzhause geschehen. - -Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew fragte unterwegs -den Soldaten: »wohin führt man uns?« Dieser antwortete: »Es ist nicht -befohlen zu sagen«. Es war starker Frost und so konnte man durch die -beeisten Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf welcher Strasse -man fahre .... Um sich davon zu überzeugen, wohin er geführt werde, -versuchte Speschnew mit dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu -machen, allein der Soldat sagte: »Thun Sie das nicht, sonst schlägt man -mich«. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche Neugierde -zu befriedigen. Es wurde schon oben gesagt, dass der Gedanke an die -Todesstrafe ihnen gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch -daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und durch den -Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger vorgelesen werden -würde, zum Zwecke, ihnen einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu -verursachen. Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, brachte -man sie auf den Semenowskyschen Platz und führte sie in einer gewissen -Ordnung hinaus. Darauf führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor -Michailowitsch erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und elf auf -die andere Seite. - -Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, den -Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung an den Bruder -schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe -Darlegung des erschütterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet: - -»Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz -hinausgeführt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das -Kreuz zu umfassen gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen -zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet. -Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den -Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei -und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran -kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich -dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst -du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; da erst erkannte ich, -- wie -sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew, -Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden. -Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen führte man -zurück und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestät uns das Leben -schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm -ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.« - -In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren -verwertet hat, können wir in der Erzählung des Idioten, im Roman dieses -Namens ersehen. - -Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere Kerkerstrafen -war schon früher eigenhändig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an -den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese -Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in -achtjährige Zwangsarbeit wurde in eine vierjährige Frist mit -nachträglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt. - -Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen. - - No. 522. - - 24. Dezember 1849. - - An den Herrn General-Adjutanten - Graf Orloff. - - Rapport. - - Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher - wurden: laut der von Seiner Majestät beschlossenen - Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der - Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow, - Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach - Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom - Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg - in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und - Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im - Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die - Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen. - - Der Festungs-Kommandant, - General-Adjutant Nabokow, - der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch. - -[Fußnote 5: Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie auch -ihre ganze Strafzeit abbüssten.] - -Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys -und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den -Moskauer Adelsarchiven und lautet: - - Archiv des Moskauer Adels. - Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II - (September 1850). - - Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der - dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des - Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres -- - enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten - Bericht über die, durch das Kriegsgericht als - Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die - Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres - verurteilten Verbrecher -- hiermit an: dass, unbeschadet der - erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten - Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich - wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener - Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten - Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden - verurteilt: der nicht gedient habende Edelmann (dworjanin) Alexei - Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor - Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch - Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser - (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten - Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe - Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als - Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon - eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte, - auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach - als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde. - -Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem »Tagebuche eines -Schriftstellers« aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag -zurückkommend, sagt: »Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und -hörten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich -nicht für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu -irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens -die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet -hätte, seine Überzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode -durch Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz -vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest überzeugt, dass es -vollstreckt werden würde, und verlebten mindestens zehn furchtbare -Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von -uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt), -und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prüften, -mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche -bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des -Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden, -die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten -- sie -stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern -sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, um dessentwillen uns -vieles verziehen würde.« Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die -»längstvergangene Geschichte« ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit -und Reinheit seiner »Umkehr«; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität oder -irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die -ehemaligen Parteigenossen und jüngeren Propagandisten vorwarfen, -veranlasst, so würde er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines -überzeugten Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht er sich direkt -und später in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise über seine -Umkehr aus, am prägnantesten, wo er sagt: »Es ist uns recht geschehen -mit dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.« - -Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von europäischen Lesern -richtig aufgefasst zu werden, eines längeren und eingehenderen -Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzählung rechtfertigen -könnte, ja als er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit -Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene -Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhärten, welche auch dem -»Gast auf eine Weile« nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort -Dostojewskys zu erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen -Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen des Westens in -die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wünsche für dasselbe -hineintragen. Das Volk »mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker -der Zukunft wird zu rechnen haben«, dieses Volk im Namen unserer -verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen, -ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch -Reformen, einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende, -Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste -ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht verstehen, und einem Kaiser -Josef auf dem Throne würde es einen passiven Widerstand leisten, der -dräuender und gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in -Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum -Bewusstsein dieser »Kraft zu wollen« kommen werden, nach einem -Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist höchst -intelligent und beharrlich, ja hartnäckig daneben), da wird es seine -eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und -dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur -in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller -kindlichen Liebe für sein Väterchen, den Zar für den Antichrist hält, -und die vom Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht[6], ein solches -Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener -Historien, und es bedarf heute und für alle Zeiten (das bedingt seine -Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei -uns finden könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird -selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverständlicher -Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der -Entscheidung seines eigenen Geschickes. - -Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute -revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter -anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als -man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da -weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer Studenten -vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der -Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das -Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den -Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk -zusammen und fiel über die Studenten her. Es entstand ein blutiger -Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden währte, sich bis an den -Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei -niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche -Dostojewskys »Tagebuch eines Schriftstellers« kannten, wohl wussten, -dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und -»abgestrafter Staatsverbrecher« sei, und volles Vertrauen in sein Urteil -setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine -Anschauung über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen. - -[Fußnote 6: Vergl. Leroy-Beaulieu: L'empire des tsars et les Russes Bd. -III.] - -Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg -antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu -finden. Der Brief lautet: - - »Petersburg, am 18. April 1878. - - Sehr geehrte Herren Studenten. - -Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser -meinem thatsächlichen Unwohlsein haben auch andere Umstände meine -Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den -Tagesblättern antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das aus -Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich sei, wenigstens dass -es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich zu beantworten. Zweitens -dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da -beantworten? Eure Fragen umfassen alles -- unbedingt das ganze interne -Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? -- eine profession de -foi? - -Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu -schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im höchsten Grade unverständlich zu -sein. Das aber wäre mir sehr unangenehm. - -Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, die Frage zu lösen, -inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was für Schlüsse -sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis -ziehen sollen? - -Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in den Beziehungen der -heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau -gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton -»_vorbeugender_ herablassender Entschuldigung« (Euch gegenüber, heisst -das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle -nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr -abgegriffener Occasionston. - -Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts -zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um -ihr unwiderrufliches Urteil den »wilden Völkern« zu künden (dikim -narotam). - -Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden sich ab, ja und sie -haben (die Mehrzahl wenigstens) gar nichts mit Euch zu schaffen. Allein -es giebt Leute, und derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der -Gesellschaft, welche der Gedanke niederdrückt, dass die Jugend sich _vom -Volk_ entfernt hat (das ist die Hauptsache und das erste) und dann, d. -h. jetzt, auch von der Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in -Träumereien und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in -Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu lehren. Zuletzt -aber, jetzt, ist sie _unzweifelhaft_ irgend einer ganz aussen stehenden -(wnjeschnej) führenden, politischen Partei in die Hände geraten, die mit -der Jugend schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur als -Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen und besonderen -Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, meine Herren; es ist so. - -Ihr fraget, meine geehrten Herren: »inwiefern Ihr selbst, die Studenten, -schuldig seid?« Hier meine Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in -gar nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, die Ihr -jetzt hinter Euch lasset und welche »eine Lüge nach allen Seiten« ist. -Aber indem er sich von ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet -sich unser Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, in -den »Europäismus«, in das abstrakteste Reich eines niemals dagewesenen -Kosmopoliten, und bricht auf diese Weise auch mit dem Volke, indem er es -verachtet und verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der -er sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im Volke unser -ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges Thema) ... die Losreissung -aber vom Volke kann ebenfalls nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend -gesetzt werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, _das Volk erdenken_ -(dodumatsoja do nawka)? - -Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk die Losreissung der -intelligenten russischen Jugend gesehen und bemerkt hat; und das -schlimmere dabei ist, dass es die von ihm bemerkten jungen Leute -Studenten nennt. Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu -Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen beim Volke -selbst nur Widerwillen erweckt. - -»Junge Herrchen«, sagt das Volk (diese Benennung kenne ich; ich -garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei aber besteht im -wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite des Volkes, weil es noch -niemals bei uns, in unserem russischen Leben eine solche Epoche gegeben -hat, da die Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem -Wendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in ihrer ungeheueren -Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, reinen Herzens, mehr nach Wahrheit -dürstend, mehr als jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die -Wahrheit und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, die echte -grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich schon lange und habe schon -seit langem begonnen darüber zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt -heraus? Dieses Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das sucht -sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin ebenfalls mit der -angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, zusammentreffend), aber -nicht im Volke, nicht im Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem -gegebenen Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das Volk -kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu leben, gehen die jungen -Leute, nichts im Volke kennend, sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen -tief verachtend, zum Beispiel den Glauben, in das Volk -- nicht um es zu -studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit Geringschätzung --- ein rein aristokratischer Herrenstreich! »Junge Herrchen«, sagt das -Volk und es hat recht. Seltsam: überall und immer sind die Demokraten -fürs Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter russischer -Demokratismus mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet; sie gehen -ins Volk, »um ihnen Gutes zu thun«, und verachten dabei seine Sitten und -seine Grundlagen. Geringschätzung führt nicht zur Liebe! - -Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen junger Leute den -Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, macht Skandal. »Höret, -würde ich diesen Kasanern sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht -gesagt), Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum aber -kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? Und das Volk -nannte sie noch einmal »Jungherrchen« (Bartschenki) und, schlimmer als -das, gab ihnen den Namen »Studenty«, obwohl viele Hebräer und Armenier -darunter waren (die Demonstration war, wie es sich erwies, eine -politische, von aussen hineingetragene). So hat, nach der That der -Sassúlitsch, unser Volk abermals die Revolvermänner der Strasse -»Studenten« genannt. Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten -dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich schon merkt, dass Hass -und Zwietracht begonnen haben. Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine -Herren, das Moskauer Volk »Fleischer«, sowie die ganze intelligente -Presse sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer nicht zum -Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch Minin war ein Fleischer.[7] -Die Entrüstung lodert nur über die Art auf, wie sich das Volk geäussert -hat. Aber wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt wird, es -sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist ein Bauer. Gerade hier -lag die Lösung des Missverständnisses, allerdings eines alten, -angehäuften Missverständnisses (was sie nicht merkten) zwischen dem -Volke und der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der am -hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge -- der Jugend. Die Sache -ging allzu hässlich und durchaus nicht so regelrecht, wie sie hätte -ausgehen sollen; denn mit den Fäusten kann man nie und nirgends etwas -beweisen. So aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim -Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings gar oft die Fäuste -gegen seine Gegner in Aktion, und in der französischen Revolution -brüllte das Volk vor Freude und tanzte vor der Guillotine, während sie -thätig war. Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das -Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur die Fleischer; -da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder dem anderen Wörtchen) gegen -die Jugend aufgestanden ist und sich die Studenten angemerkt hatte; -andererseits aber ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die -Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt haben, das -Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): »das ist ja nicht Volk, das -ist Pöbel!« - -[Fußnote 7: Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod, mit -dessen Hülfe der Fürst Pozarsky die Angriffe der Polen siegreich -zurückschlagen konnte.] - -Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, das nicht mit Euch -übereinstimmt, so werdet Ihr besser daran thun, nicht böse zu werden. Es -giebt ohnedies des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist -Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. Fest und -mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat sich seit den letzten zwei -Jahren eine Dissonanz mit uns (raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen -haben, indem sie das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit -Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre europäische Lüge -eintreten werde, in die Aufklärung, wie sie es nannten. Aber das Volk -hat sich selbständig gezeigt und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit -Bewusstsein die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu -begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben es erleuchtet und -neu gestärkt. Aber es macht einen Unterschied nicht nur unter seinen -Feinden, sondern auch unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende -Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit strebend, ins -Volk, um seine Leiden zu erleichtern. Aber was geschieht? Das Volk -treibt sie fort und anerkennt ihre redlichen Bemühungen nicht, weil -diese Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine Grundlagen -hasst und geringschätzt und ihm Arzneien reicht, die in seinen Augen roh -und sinnlos sind. - -Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel weiss wie. Unter der -Jugend wird der Revolver gepredigt und herrscht die Überzeugung, dass -die Obrigkeit sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor gering -schätzen, halten sie es für gar nichts und merken nicht, dass dieses sie -wenigstens nicht fürchtet und niemals den Kopf verlieren wird. Was dann, -wenn weitere Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren Zeit, -meine Herren! - -Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich konnte. Wenigstens -antworte ich offen, wenn auch nicht vollständig auf Euere Frage: nach -meiner Meinung sind nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals -ist unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was kein kleines -Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, ein historisches ist). Allein -das Übel liegt darin, dass unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei -Jahrhunderte unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich -die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, und man kann ihr -keine Schuld beimessen; um so weniger, wenn sie plötzlich selbst als -parteiische (und schon beleidigte) Teilnehmerin der Sache aufgetaucht -ist. Allein, wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige, -glücklich diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den rechten Weg -zu finden! Die Losreissung vom Milieu muss bei weitem stärker sein, als -z. B. nach der socialistischen Lehre die Trennung der künftigen -Gesellschaft von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu gehen und -mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem, dass man verlerne es zu -verachten, und das ist unserer oberen Gesellschaftsschicht bei ihren -Beziehungen zum Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel -auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun schon endgiltig -unserem Europäismus nicht möglich (obgleich man in Europa an Gott -glaubt). - -Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es gestattet, so schüttele -ich Euch die Hand. Wenn Ihr mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so -haltet mich um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger -von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, die Wahrheit nach meinem -Herzen und Gewissen zu sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie -dachte, wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr thun, als -seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben. - - Ganz der Ihre - Theodor Dostojewsky. - -Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit muss für Dostojewsky -anfangs etwas Furchtbares gehabt haben. Eine andere Stelle des oben -zitierten ersten Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust -geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 in einer -Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: »Besser wär's, 15 Jahre mit der -Feder in der Hand in den Kasematten; der Kopf, welcher geschaffen hat, -welcher ein höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich an -die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte, er ist mir jetzt -schon von den Schultern geschlagen.« Beim Abschied vom Bruder, wozu man -ihnen eine halbe Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden, -wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: »Auch im Strafhaus sind -nicht wilde Tiere, sondern Menschen, vielleicht bessere als ich, -vielleicht würdigere als ich ... Ja, wir werden uns noch sehen, ich -hoffe es, ich zweifle nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt -mir Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird ja lesen -können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um den Bruder zu trösten.) Wenn -ich aber heraus komme, so fange ich zu schreiben an ... in diesen -Monaten habe ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, die -vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff zum schreiben -geben«. - -Über die Beschwerden des langwierigen Transports nach Sibirien bei -vierziggradigem Frost, über erfrorene Hände und Füsse, einen bösen -Ausschlag, welcher infolge der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis -auf des Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten war, über -die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege einen Schluck Thee zur -Erwärmung zu beschaffen, über das Benehmen der Aufseher und Zugführer, -die schmutzigen, finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei -schimpfenden und fluchenden Verbrechern auf den Etappen -zusammengepfercht waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst -- -erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit in seinem -»Tagebuch eines Schriftstellers«, und nur in seinem Buche »Memoiren aus -einem Totenhause« hat er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer -Vollendung, als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet. -Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch »das beste, das bis nun in -Russland geschrieben worden, Gogol nicht ausgenommen.« Der Dichter wurde -später in Russland oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche -in Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern und lehnte es -ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich war, dass man dies »als eine -Anklage betrachten könnte«. - -Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch einen Leidensgenossen -Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher sehr eingehend über diese Erlebnisse -berichtet hat. Er fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg -gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende zu machen, und -sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben auszuführen. Die nähere -Bekanntschaft mit Dostojewsky aber, sein sanftes Wesen, der stille, -eindringliche Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass er -seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer von sich gewiesen -habe. - -Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky ausser in den »Memoiren -aus einem Totenhause« in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« aus dem -Jahre 1873 eingehender, weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf -ihn ausgeübt hat. Es heisst da: »Als wir in Tobolsk in Erwartung einer -nachkommenden Partie im Festungshofe sassen, erbaten sich die Frauen der -Dezembristen (der Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten -Verschwörung) beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in seiner Wohnung -eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. (Es waren dies, nach den -Worten Jastrzembskis, die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter -und von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes Mittagessen -mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also diese grossen Dulderinnen, -welche ihren Gatten freiwillig nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in -gar keine Schuld verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles -ertragen, was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen. Unser -Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten uns zu unserem weiteren -Weg, machten das Zeichen des Kreuzes über uns und beschenkten jeden von -uns mit einem Evangelium -- dem einzigen Buche, welches im Gefängnis -erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem Kopfkissen im Strafhaus -gelegen. Ich habe darin gelesen, manchmal auch anderen daraus -vorgelesen. Ich habe auch einen Sträfling aus diesem Buche lesen -gelehrt.« - -Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren Leben des Dichters -während der vier Jahre der Zwangsarbeit machen wollen, müssen wir uns -eben an die detaillierten Schilderungen halten, welche in den »Memoiren -aus einem Totenhause« niedergelegt sind. Sie sind bis in alle -Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir sofort wissen: -all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie so vollendet künstlerisch -und objektiv, ja fast feindesliebevoll herausgearbeitet, dass wir sofort -empfinden, das ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier -drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf, die sich wie -ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz Reuters Schilderungen seiner -siebenjährigen Festungszeit, eine Schilderung, die sich zum Humor -erhebt, und sind geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren -persönlichen Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen. Bei -tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache jedoch durchaus -anders dar. Ganz abgesehen davon, dass Fritz Reuter nur mit -Seinesgleichen eingeschlossen war, Stunden des Alleinseins und wieder -solche des Gedankenaustausches mit Gleichgesinnten hatte, während -Dostojewsky mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien vom -Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum achtfachen Mörder in -ununterbrochener Gemeinschaft lebte und während seiner vierjährigen Haft -auch nicht eine Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren -Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser Unterschied. -Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz subjektiv, aber doch eigentlich -gleichsam unpersönlich; für die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war -sich selbst ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben -offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich hervorsprudeln -musste. Da ihm aber nun, wie wir in seinen Aufzeichnungen sehen, gerade -in dieser schwersten Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und »seines -Volkes Wahrheit« durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, sich erst -da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung von Anbeginn in ihm gelegen -und sich in den »Armen Leuten« ausgesprochen hatte, so handelte es sich -für ihn gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, und -wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische Ader versiegen -lassen, im Vollgefühl dessen, dass der Humor für die grössten Aufgaben -und Probleme nicht ausreicht. Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie -sich diese reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren -Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit aufzuzwingen, -gleichsam Genüge geschehen ist, und sich der alte Schalk kichernd -zwischen den schweren Falten der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben -die unbesiegbare Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums, der -immer wieder hervorbricht. - -Die Herausgeber der »Materialien«, namentlich O. Miller, schöpften bei -der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig -authentischen Quelle, die wir oben anführten: den »Memoiren aus einem -Totenhause«. Sie schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung, -Ehrlichkeit und -- Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als -Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei -russischer Zustände hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger -»gerecht« wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er -sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes hält, -welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten -versündigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivität er -nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn -seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit -gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, welche gleichsam als -Passepartout für alles Gräuliche und Qualvolle gelten kann, dem er in -derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe -auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es -unter anderem heisst: »Die »Memoiren aus einem Totenhause« sind von ganz -Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch -geschätzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen -Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgeändert sind.« -»Theodor Michailowitsch« -- fährt O. Miller fort -- »fand es für nötig, -im Auslande auf diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen -jenen mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem -Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung -der »Memoiren aus einem Totenhause« wäre vor der Regierung Alexanders -II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte -Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen -Menschenrückens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte -man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge abgeschafft -hatte.« Nach diesem Eingange, welcher für uns die Konjektur offen lässt, -wie weit die Gepflogenheiten einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung -und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne -heute noch diesem thatsächlich entspricht,[8] ist es dem Biographen -möglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefängnislebens aus -den Schilderungen der Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden -schärfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser -selbst es je gethan hätte. - -[Fußnote 8: Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den wird es -geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich darin -liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer Apparat das Staatsleben -bedient und auch das Einzelleben in sein Räderwerk reisst; dass oft -gute, meist kluge Absichten für das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang -setzen und durch den Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam -einerseits, oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter -Unterbeamten und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte -Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus dieser -Maschine herauskommen.] - -Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist -des Dichters eigene Worte anführt. - -»Ich erinnere mich deutlich daran -- sagt Dostojewsky -- dass mir vom -ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam -nichts Auffallendes, nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt, -nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel -leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin -vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht -so zwangsarbeitsmässig, und erst ziemlich viel später kam ich darauf, -dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit dieser Arbeit nicht so sehr -in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine -gezwungene, aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.« - -»Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky -befand, gehörten Arrestanten« -- fährt O. Miller fort --, »welche unter -kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen -eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die -anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, die beim Bau, und -die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur -für die Edelleute schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum, -weil Kommando und Organisation ganz militärisch und denjenigen der -Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich waren ... immer in Ketten, -immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei -anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt ... -die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die -Arbeit; später aber hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden -- und -das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass sie diesen -nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft -besassen als sie.« »Was mich anbelangt, erwähnt Theodor Michailowitsch, -so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff, -um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen im Wege, -überall störte ich sie, überall jagten sie mich mit Thätlichkeiten -davon.« Nichtsdestoweniger fühlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine -Gesundheit, seinen Körper stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher -Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters, -was ihm eigentlich leicht erschien. »Eine andere Arbeit, zu der man mich -beorderte,« sagt er weiter, »war in der Werkstätte das Drehen des -Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte -eine vortreffliche Motion.« Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten -liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt die -Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer -vornahm. Im Sommer musste man durch ungefähr zwei Monate täglich von dem -Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau -einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber Ziegel tragen. »Diese -Arbeit,« sagt Dostojewsky, »gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem -man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber -mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich -entwickelte.« Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwölf Pfund -ein jeder, zu tragen, später aber brachte er es zu zwölf und fünfzehn. -»Physische Kraft«, fährt er fort, »ist im Gefängnis nicht weniger nötig, -als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten -Lebens zu ertragen.« - -Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das Brot sogar in der Stadt -geschätzt; dafür war die Kohlsuppe sehr dünn und wimmelte von -Küchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor -Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher -schützen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben -von Thee usw. aufzubessern. - -Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Sträflingen, -da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwöhnter waren, -gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als -Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen, -Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres -Loses niemals länger als Tage anhielt. - -Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des -Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich -in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte, -nämlich das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere -Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen gerade von Seiten jener vor -sich, die er ans Herz drücken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten -ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er -aller Lasten dieses »verfluchten Lebens« mit ihnen gleich teilhaftig -war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen, -Misstrauen. Als er mit einigen anderen »Politischen« sich ihnen einmal -anlässlich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen -der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas -geneigter war: »ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst -ja doch vom Eigenen?« -- »Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja -solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen -- nun -und da mussten wir doch auch -- aus Kameradschaft.« - -»Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?« fragte er erstaunt. - -»Ich dachte«, fährt der Dichter fort, »ob nicht irgend eine Ironie, ein -Zorn, ein Spott in diesen Worten liege -- aber nein, einfach: keine -Kameradschaft, weiter nichts.« - -Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern -angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer -vertiefende Überzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken, -an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt -russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefühl, das -jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als -mit einem jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl -anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich und andere, oder die -schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft, -um aufs neue in Schuld und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys -»Schuld an allem und an allen«, wie er sich ausdrückt, ruft zum Leben, -zur Liebe und zur That auf -- das ist die grosse Trennungslinie zwischen -seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Völker, die -auf diesen Namen hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die -»Unglücklichen«, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft nicht -anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst. -»Ich schloss die Augen,« sagt er, »und wollte nicht schauen; unter den -bösen und gehässigen Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die guten -nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu fühlen, ungeachtet der -höchst widerwärtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den -bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche, -entgegenkommende Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche -Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche -vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.« - -Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte -er immer mehr die anderen. »Du meinst,« sagt er an anderer Stelle, »das -sei ein Tier und kein Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine -Minute, da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, nach -aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches -Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden, -dass dir förmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar -deinen Augen und Ohren nicht traust.« In seinem »Tagebuch eines -Schriftstellers« des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche -seiner Wiedergeburt, seiner »Umwandlung«, wie er es nennt, seines -Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir -es nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren -Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen Vereinigung mit ihm, im -Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. »Dies vollzog sich -nicht so schnell,« sagte er, »sondern allmählich und nach einer sehr -langen Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt -zu erzählen.« -- Doch hat er sie uns ja ausführlich in seinen »Memoiren -aus einem Totenhause« erzählt. - -Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein -Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche -finden. Es heisst da: »Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch -erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.« - -Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie -in jedem Detail gelebt hat, beweisen tausend kleine Episoden aus seinem -Gefangenenleben -- so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden -Mädchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die -durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie immer, in Ketten -geschmiedet und geschoren zur Messe geführt wurden und nur gedrängt vor -der Kirchenthüre bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als -Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die allerniedersten -Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den -Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem väterlichen Gütchen vor die -Kirchenthüre drängten, während er als »Herrschaft« im Betstuhle sass. -Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere -ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden, -waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen, -oft zu hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft durch die -hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; das gräuliche Dampfbad, in -das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem -Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll ihrer -Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die an die Beine -geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die -sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette -herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören. -Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen, -so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital -doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen -gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare -Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch Krankheit, Alter und alle -Unreinlichkeiten früherer Häftlinge besudelte und übelriechende, nie -gereinigte Krankengewand anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten -sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen: -den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren -Körperstrafen hatten erdulden müssen, 50 -- 100 -- 150 Stockschläge, -unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische -zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit -im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte: -»Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott,« er verhängte die schwersten -Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er einem der -Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: »Wir sind -keine Vagabunden, sondern politische Gefangene.« »Hun -- dert -- Strei --- che, gleich diesen Augenblick!« schrie in wahnsinniger Wut der »Gott« -des Strafhauses. Der »alte Mann« (er war über fünfzig Jahre alt) legte -sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die -Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich -zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen überaus und sie -begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, obwohl er ein Edelmann und noch -dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der -Rutenstrafe zum Gebet ging. - -Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die -Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; »man -kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen,« meint er. »Die -anderen, höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,« -erläutert er, »sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon früher -manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den -Sträflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die -Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.« - -Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das -Beiwohnen solch unmenschlicher Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die -schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz -klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche Züchtigungen -hätte müssen über sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen -ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der -Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und -Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen Züchtigung -unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen -ganz genügenden Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen -Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das hatte erkennen -wollen, was sie war. - - - - - IV. - Semipalatinsk. - (1854-59.) - - -Das letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er in fieberhafter -Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bücher -lesen, an seine Angehörigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer -den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nämlich zur -Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur -selben Jahreszeit stattfinden. »Mit welcher Ungeduld,« sagt er, -»erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des -Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe -verbleicht!« Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige für -ihn; je näher der Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er. -Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er -damit zu, noch einmal um das Gebäude herumzugehen und die Pfähle des -Pallisadenzauns zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner -Gefangenschaft an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt hatte. -Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen -drückten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und -gerührt, aber doch wie einem »Herrn«, manche wendeten sich ab, um einem -Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig nach; auf dem -Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrückt -- »von -morgen an bist du nie unter uns gewesen.« - -Orest Miller setzt in seinen »Materialien« die Enthaftung Dostojewskys -auf den 2. März 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in -den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor, -dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen -Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) »am -Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des -sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.« - -Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehörigen -sind die »Materialien« noch nicht genügend informiert. Seit der -Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben -sich mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, welche -auch schon teilweise in verschiedenen Blättern durch die Witwe -veröffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser -unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach -Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie -sich die ganze Familie, wohl aus Furcht »sich zu kompromittieren«, die -ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir, -gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür -gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn -Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehörigen und -andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen -Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Beförderung -an ihre Adresse übermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters, -welcher diese Daten mit uns zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer -unermüdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in -diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren. -Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das -7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen, -ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende -Stellen: - -»Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief -samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofür ich Dir -herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post -versäumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein Teurer, -dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir -ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja -so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können? -Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht -selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das -sicher. Übrigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?« -Nach einer warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, deren er -jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darüber aus, dass der -Bruder einen Erwerbszweig gefunden habe, der ihn beschäftigt. Michael -Dostojewsky hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet, -wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. »Du hast -Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich nötig, verdiene es Dir, -verstärke Deine Thätigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht -fallen, was Du begonnen hast.« - -»Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es -bekümmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit -nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine -Gesundheit würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber -habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine -Allerhöchste Gnade und hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum -kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge! -Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das -Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen -zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge, -der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist -ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt -ist ziemlich gross und bevölkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die -offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer als -in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein -Bäumchen -- die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist -ein Fichtenwäldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da -ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume giebt es da -nicht. -- Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die -europäischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann. -Einmal werde ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es -lohnt die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke mir -welche, Bruder -- keine Zeitungen; aber schicke mir europäische -Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot, -Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie -sind alle ins Französische übersetzt). Endlich den Koran und ein -deutsches Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben -kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie -(sei's auch eine französische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche -die billigsten und gedrängtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal, -langsam nach einander. Auch für weniges werde ich Dir dankbar sein. -Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! Übrigens brauche ich -Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um -Gottes willen vergiss nicht - - Deinen Th. Dostojewsky.« - -Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859 -geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das -Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten -nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung, -über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. Der nächste Brief -an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich über -sein langes Schweigen in folgender Weise: »Ich versichere Dir, mein -Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum -Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten -gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine günstigere Zeit, -immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht -in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder kannst es ja -erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. Exerzieren, Musterungen der -Brigade- und Divisions-Kommandanten und Vorbereitungen dazu. Ich bin im -März hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich -so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung -in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht -als die anderen.« - -Weiter schreibt er: »Wie fremd Dir auch all dieses sein möge, so denke -ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist, -dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen -Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt -ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient«. -Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern -(beide hatten sich inzwischen vermählt), beschwört den Bruder, doch -nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere, -ehe einer vom anderen Nachricht habe. »Jetzt kennst Du ja meine -Beschäftigungen«, führt er fort, »andere Erlebnisse hat es nicht -gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, besondere Vorfälle -ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist -- was gewachsen, -was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das -kann man nicht auf einem Stückchen Papier sagen und wiedergeben« .... -Weiter berührt er seine Krankheit, über welche er, wie oben gesagt -worden, noch immer nicht im klaren ist, und fährt fort: »Übrigens sei so -freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller -Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen -bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen -ist alles von Gott und in Gottes Hand.« Zum Schluss meint er, der -Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige -Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er -beschwört ihn, bald zu schreiben, obwohl es traurig genug sei, nur -brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fünf Jahre nicht -gesehen habe. - -Der zweite der, von der Witwe des Dichters im März 1898 dem Redakteur -der Monatsschrift »Niva«, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung -übergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben -Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem -spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefühl der Vereinsamung aus, das -uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt. - -»Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!« -- heisst es darin -- -»da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht -ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich -zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen -Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wüsstest, in welcher bitteren -Einsamkeit ich mich hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so -lange schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, mir -wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal -ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das -ihre; eine alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen -und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, mich zu -vergessen. Wie könnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen -erklären? Auf mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange -Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, zweitens -aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten -sind; da ermüde ich und -- versäume die Post, welche hier nur einmal -wöchentlich abgeht. Bei Dir ist's etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel -thatsächlich nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens was immer, -seien's auch zwei Zeilen. Mir käme dann nicht der Gedanke, dass Du mich -verlässest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9] -ähnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr -peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir -um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein -dahingeworfener Stein, -- dass mein Charakter immer schwermütig, -krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn -meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja -selbst überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein -Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer zu ertragen, und -ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren könnte, als Dich -selbst.« - -Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zuständen, nach -der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des -kaufmännischen Unternehmens Michaels durch genügenden Unterhalt der -Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von -der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen lossagte, -die seinem Charakter angemessener waren. »Was soll ich Dir über mein -Leben sagen?« heisst es weiter. »Bei mir ist alles im alten, alles im -gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts -verändert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind -Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brüsten, lieber -Freund; sie ist nicht ganz gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird -es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so -viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so -rede Dir das gefälligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist -vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen.« Der Brief schliesst mit -hundert Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt unseren -Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem -durch die Einsamkeit gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem -seinem Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, als ihm -erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn während der Jahre der -Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschäfte der -Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der -Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das alles bestärkt -uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von -beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse -nur bestätigt wird. - -[Fußnote 9: Dieser Brief dürfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven -angeführte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat.] - -In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein, -Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind -erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge -Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn auch oft -stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser Personen ist Marja -Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an -Lungentuberkulose verstorbenen Beamten. - -Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow -gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: »Diesen -Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr -junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit -vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus -dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land -kennen zu lernen, nützlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient, -wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich -Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit zu schenken und -womöglich näher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte -über seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein sanftes -Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit -trägt. Ich wünschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie näher mit -ihm bekannt würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische, -freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt mir nicht -ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche -Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten -Einflüssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es -wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur -für das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas -argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und etwas ungleich -in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit -ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.« - -Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel -Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in -Russland nützlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem -Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten Eingang -verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem -Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen -intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen, -wie man leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und -Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten -gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben -jenem sterbenden Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln -auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem -Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet ihm der Dichter vom Tode -des »unglücklichen Issajew«, spricht über die traurige Lage seiner Witwe -Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete -Summe zu senden. An der Wärme im Ton dieses Briefes ist leicht -ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt -er: »Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott -geben möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin -und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglückliche Marja -Dmitrjewna erzählt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie -schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In -den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie -zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhörlich: »Was wird mit Dir -geschehen, was wird mit Dir geschehen?« Erinnern Sie sich an ihren -kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung -ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette, -läuft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode -gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die -ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn ärmlich -begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war -ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den -Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar -nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei -Silberrubel geschickt. »Die Not hat mir die Hand hingestossen, es -anzunehmen,« schreibt sie, »und ich habe ... das Almosen angenommen!« -- -Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser -der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten -Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert. - -In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August 1855 erwähnt er noch -einmal diese Geldangelegenheit, erzählt Marja Dmitrjewna habe ihm -schwere Vorwürfe gemacht, dass eigentlich doch er, der selbst nichts -habe, der Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt zu -haben. »Wenn Sie hierher kommen,« fährt er fort, »werde ich Ihnen ihren -Brief zeigen. Mein Gott! was ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie -sie so wenig kennen!« Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache -zurückkommend schliesst er: »Werden Sie ihr ein paar Worte schreiben?« - -Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs Jahre von jedem -ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung an edle Frauen abgetrennten -Staatsgefangenen (zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den -»Memoiren aus dem Totenhause«, auch das strenge Sträflingsleben für -untergeordnete Kostgänger des Staates nicht ohne Möglichkeit gewesen zu -sein), eine tiefe Sympathie, eine überschwängliche Bewunderung für das -erste weibliche Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden ein -Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine seltene Begabung -und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen musste. Einen -Anhaltspunkt für die Vorstellung vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir -in dem Umstande, dass der Herausgeber der »Biographischen Materiale«, -Orest Miller, den Roman des Dichters »Erniedrigte und Beleidigte« als -jenen bezeichnet, in welchem wir, den äussern Thatsachen nach, neben den -»Memoiren aus dem Totenhause« die deutlichsten Spuren einer -Autobiographie verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass, -als eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna eingetreten -war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, eine plötzliche -Leidenschaft zu einem anderen fasste und Dostojewsky, aus innigstem -Mitgefühl für ihre Leiden, sich eifrig bemühte, diesem anderen zu einer -Stelle und einem Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der -Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen vollzog, das -erfahren wir aus den diskreten Notizen O. Millers nicht. - -Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen, werden wir -gewiss nicht fehl gehen, wenn wir die Zeichnung Nataschas als nach ihrem -Vorbilde entworfen annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes -von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters Vermählung geschrieben, also -genug nahe, um jene Eindrücke noch ganz frisch in sich zu tragen, und -genug ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er hatte früher -eine längere Erzählung, die er anfangs Roman nennt, geschrieben, welche -er über zwei Jahre mit sich herumgetragen hatte; dies war die uns unter -dem Namen »Tollhaus und Herrenhaus« bekannte Erzählung »Das Dorf -Stepantschikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb er aus Not eine -kleine Erzählung nieder, die ihn auch schon lange beschäftigt hatte: -»Onkelchens Traum«. - -In der Gestalt der Natascha[10] nun sind, ganz abgesehen von den -äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja Dmitrjewna erinnern. Ja, -der Dichter, welcher sich in seiner grandiosen Unbekümmertheit um -Wiederholungen wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an -Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben einfachen -Worte, die er dann an der betreffenden Stelle im Roman ausspricht: »Sie -sagte mir selbst: >ja<. Das, was ich Ihnen über sie im vergangenen -Sommer schrieb« -- fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort ---, »hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... sie hat -sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt .... o wenn Sie -wüssten, was diese Frau ist!« ... Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde -in einem uns nur bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in -Kuznezk vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht. Dieser -Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen Wrangels, dessen -komplizierten Beziehungen zum Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich -vor zu grosser argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse -sagt er: »..... grosse Umwandlungen in unserem Leben helfen da immer. -Ich war im höchsten Grade hypochondrisch, wurde aber durch die scharfe -Umwälzung, welche in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.« - -[Fußnote 10: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allen Lesern -Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende Besprechung -desselben nötig wäre. Auch gehört es nicht in den Rahmen dieses Buches, -ästhetisch-kritische Besprechungen der Werke des Dichters aufzunehmen. -Indessen hat dieser Roman gerade von russischen Kritikern die schärfste -Verurteilung erfahren. Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe -unter der Linie der ästhetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler -dieses Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben -Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich auf -die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat, dem Mädchen -seiner Liebe zu einem andern Glück zu verhelfen, als auf ein -ästhetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und Möglichkeit grob -sündige. Hier sind sie ihren rein subjektiven Anschauungen gefolgt. Es -kann ja ein solches Vorgehen wirklich nur »einer Kopfliebe entspringen«, -wie sie sagen, und jedem gesunden Menschen unsympathisch sein. -- Dass -es aber vollkommen wahr ist, weil es möglich war, das beweist -Dostojewskys Geschichte unwiderleglich. Der künstlerische Fehler in der -Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt, darin, -dass dieser selbstlose Held der Erzähler ist und wir aus seinem Vortrag -nicht gewahr werden, dass er mehr als ein Zuschauer sein könnte.] - -Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters übergehen, die von -Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren, möchten wir jenen Brief -Dostojewskys hier einschalten, der über die letzten Augenblicke Marja -Dmitrjewnas berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe zu -gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden gebracht zu haben -scheint. - -Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen intimer Beziehungen. -So finden wir nur sehr spärliche Äusserungen in einigen derselben -zerstreut. Viel reichlicher sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den -Stiefsohn Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges und der dazu -kaum ausreichenden materiellen Mittel, als auch später seines -unzuverlässigen Charakters wegen manche Prüfung auferlegt. Das -Zusammenleben des Dichters nun mit seiner Gattin scheint zu -Schwierigkeiten geführt zu haben, welche wohl in gewissen -Charakterähnlichkeiten zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein, -dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester Arbeit -und später auch erzielter grosser Honorare nie dazu gebracht hat, einen -sorgenfreien Augenblick, ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu -geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich unfähig waren, -sich das äussere Leben erträglich einzurichten. - -Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer dieselbe Bewunderung -und Liebe für Marja Dmitrjewna ausgedrückt, obgleich er auf eine -örtliche Trennung eingehen musste, welche auf Anraten der Ärzte um der -Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb denn Theodor -Michailowitsch in Petersburg, während Marja Dmitrjewna nach dem milderen -Moskau übersiedelte. - -Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch entwickelt zu haben -scheint, eilt der Dichter an das Krankenbett der Gattin und bringt dort, -selbst sehr leidend, unter »allseitigen« Qualen, wie er sagt, und unter -dem Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu. - -Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an ihrer Seite, schreibt -während des dringende Geschäftsbriefe an den Bruder, denen wir eben nur -die wenigen Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während das -unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft ihn auch hier -nicht verlässt. - -Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift »Wremja«, -Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln über »Theoretismus und -Phantasterei«, die, wie er sagt, »nicht eine Polemik sein wird, sondern -eine That,« wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse, nämlich -eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für eine Zeit überwältigt, -so dass er gar nicht schreiben kann, obwohl er noch kurz vorher schrieb: -»Meine Frau ist sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick, -da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind furchtbar und finden ihren -Widerhall in mir, weil ja ... das Schreiben aber ist keine mechanische -Arbeit, dennoch aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen -- doch -fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in die Länge. -Manchmal denke ich, es wird ein Quark, dennoch schreibe ich mit Feuer, -ich weiss nicht, was daraus wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum -Schreiben, obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe -- -dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit für mich -und ich habe manchmal ganz anderes im Kopfe; dann noch eins: ich -fürchte, der Tod meiner Frau wird bald eintreten, dann wird aber eine -Unterbrechung der Arbeit unvermeidlich sein -- wenn diese Unterbrechung -nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.« - -Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch ihre kühle -Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir es nicht schon an vielen -anderen Beispielen aus dem Leben grosser Dichter und Künstler erfahren -hätten, dass sie, während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin -vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt sind. Dieses -absorbierende, despotische Etwas, das sie hat, lässt zu Zeiten nichts -übrig für die Erdengenossen, die sich ihnen angelobt. - -Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den Bruder als Nachschrift: -»Gestern um 2 Uhr nachts habe ich diesen Brief geschlossen. Später wurde -Marja Dmitrjewna sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. Ich -ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte nach dem Priester. Die -ganze Nacht sassen sie bei ihr; die Sakramente empfing sie um 4 Uhr -morgens. Um 8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um 10 Uhr -wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in diesem Augenblicke -besser.« - -Unter dem 15. schreibt er: »Gestern hatte Marja Dmitrjewna einen -entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung trat ein, die einen Druck auf -die Brust und Würganfälle hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir -waren alle an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte sich -mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen Familie sendete sie -Grüsse und Wünsche langen Lebens, ganz besonders an Emilie Fjodorowna. -Auch sprach sie das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du -weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt war, Du -seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht brachte sie schlecht zu. Heute -aber, soeben sagt Alexander Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute -- -sterben wird. Und das ist unzweifelhaft. - -Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann es aber verweigern, weil -sie vielleicht keines bei der Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen -werde. Dich aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse -Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! Um Gotteswillen -- -ich werde es abdienen.« -- - -Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um das Tragische dieses -Lakonismus der Not hervorzuheben. Ein Dichtergenius, der ganz wie das -arme Volk erlebt: dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen -und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund legt, als: Geld! - -Als Nachschrift heisst es: »Marja Dmitrjewna stirbt sanft bei vollem -Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie im Geiste gesegnet.« - -Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir Einblick haben, in -welchem Dostojewsky über Marja Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr -spricht, ist vom 31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende -Stelle lautet: »Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer -Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir über meinen -verhängnisvollen Verlust, den Tod meines Schutzengels, Bruder Mischas -(der Bruder war bald nach Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber -Sie wissen nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat. Ein -zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos liebte, meine -Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr vorher übersiedelt war, an -Tuberkulose gestorben. Ich bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen -Winter 1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April des vorigen -Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; und da sie von allen -Abschied nahm, und aller gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden -wollte, gedachte sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen Gruss, -lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein gutes und freundliches -Erinnern. O, mein Freund, sie hat mich grenzenlos geliebt, und auch ich -liebte sie über die Massen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander. -Ich werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen -- jetzt sage ich -nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass wir mit einander -unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen, argwöhnischen und -krankhaft-phantastischen Charakters wegen) -- nicht aufhören konnten, -einander zu lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr -liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge, dennoch war es -so. Sie war die ehrlichste, die edelste und grossherzigste aller Frauen, -welche ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb -- habe -ich, obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick ihres -Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und mit tiefem Schmerze -empfand, was ich mit ihr begraben würde -- da habe ich in keiner Weise -die Vorstellung davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem -Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie schüttete. Und nun -ist schon ein Jahr vergangen, und dieses Gefühl schwächt sich nicht ab -.... Da eilte ich, nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder --- nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch er, nachdem -er im ganzen einen Monat, und das ganz leicht, krank gewesen war, so -dass die Krisis, welche dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei -Tagen eintrat. - -Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es war mir geradezu -furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben war in zwei Teile zerbrochen. In -der einen Hälfte, die ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt -hatte, und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles fremd, -alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden ersetzen könnte. Es -war mir buchstäblich nichts geblieben, wofür ich leben sollte. Neue -Bande knüpfen, ein neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war -mir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass ich sie durch -niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der Welt geliebt, und dass eine -neue Liebe zu fassen ganz unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich -herum wurde kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, so -warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da wurde mir so traurig -zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken kann. Aber nun hören Sie -weiter.« - -Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun Tagen wieder -fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters unzerstörbare Lebenskraft -wieder an der Arbeit, diesmal an der Ordnung der trostlosen -Verhältnisse, in welchen der Bruder seine Familie zurückgelassen. - -Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurück, die noch vor -seiner gänzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren. -Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten -beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die Erlaubnis zu -drucken, die Befreiung vom Militärdienst und endlich die Rückkehr nach -Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach -Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den -dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt -Wrangel eingehend und dringlich darüber und fügt hinzu: »Sollte man -nicht etwa das Gedicht beischliessen?« Unter dem »Gedicht« ist eine Art -Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für die Sache -der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte -und welcher in den Archiven der »Dritten Abteilung« aufbewahrt worden -war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben) -erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es -ist künstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wärme und den -Schwung bemerkenswert, mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen -Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute durch den Spott -interessant, den er über jene christlichen Nationen, namentlich die -Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Ungläubigen stehen. Die -Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in -einer Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor die Thore -Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom April 1856 erwähnt der -Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krönung Alexanders des Zweiten, -des von ihm »vergötterten Kaisers«. Orest Miller berichtet, dass dieses -Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es -die Gefühle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines -Teils der Gefährten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys -ausdrücke. So viel Platz man nun den überschwänglichen Hoffnungen -einräumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge -Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft auf dem Throne -nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue -Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der -Gesellschaft ausgelöst wird, so dürften doch diese Worte des allzu -eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht -anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur -ein Teil von ihnen so hoch über dem Niveau von Verbitterung und -Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und -hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie -Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch -begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem -in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und -mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht. - -Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichter um diese Zeit -schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt hinzu: »ich möchte nicht ein -Wort aus diesem Artikel hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen -Patriotismus würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit einem -Pamphlet zu beginnen«. Er vernichtet also diesen Artikel, nimmt aber -vieles davon in eine Schrift über die Kunst hinüber, die er, wie er -sagt, zehn Jahre mit sich herumgetragen hat, nun niederschreibt und der -Grossfürstin Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie -widmet, da er meint, dadurch schneller die Druckerlaubnis zu erlangen. -»In manchen Kapiteln,« sagt er, »werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet -enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des Christentums in -der Kunst.« Über die weiteren Schicksale dieses Artikels wissen die -Herausgeber der Materialien nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles -daraus in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky -seinerzeit in seiner Zeitschrift »Wremja« als Polemik gegen den Kritiker -Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir werden weiter unten bei der -Besprechung seiner publizistischen Thätigkeit näher auf diese -Kunstanschauungen eingehen. - -Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt ihn vor allem sein -ganz persönliches Schicksal. Die Liebe zu Marja Dmitrjewna, welche durch -gegenseitige Eifersucht seine Qualen und durch diese seine Krankheit -steigert; die übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem -Rivalen zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen Gnadengabe, -sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz in einem Gymnasium zu -verhelfen, »ehe sie heiratet, weil sie nach der Vermählung (mit dem -anderen natürlich) nichts bekommt;« der heftige Wunsch, den Abschied zu -erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien bleiben müsste --- dies alles steigerte seine seelischen und physischen Leiden auf das -höchste. Am Schlusse seines Briefes vom 21. Juli sagt er: ... »ich aber --- bei Gott -- ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen« .... Dabei -ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, erwartet von da -ausgehend (wie er denn immer ganz im Sinne der historischen Entwickelung -seiner Heimat Reformen von oben für segensreicher und dauerhafter hält, -als Revolutionen von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands. Der -Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung für ihn berichtet, -bringt ihn in Entzücken über diesen letzteren, er vergisst der eigenen -Leiden und schwingt sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch -wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung einer nahen, -schöneren Zukunft. »Mehr Glauben« -- ruft er aus -- »mehr Einigkeit ... -und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend -einer zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen, -sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre mein Schicksal doch schon -entschieden!« Ein Handbillet ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober -1856 zum Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt. -Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau lebenden -Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden hatten, leihweise 600 -Rubel aufnehmen, da er schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe, -das er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten könne. -»Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,« ruft er aus, »und ich bin -verloren, dann ist es besser, nicht zu leben!« An anderer Stelle sagt -er: »Ich bin bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu schreiben, -wenn auch _für immer_.« - - Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im - Gefängnis _vor_ Sibirien geschriebene Erzählung »Ein kleiner Held«, - welche der Dichter damals »eine Kindergeschichte« genannt hatte. - - Diese »Kindergeschichte« hat der Dichter, wie wir wissen, in den - Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, »wo man nur - das Unschuldigste schreiben konnte«. Dass er aber in der Zeit - zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch -- - erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nämlich Bücher und - Schreibmaterialien zugesprochen -- imstande war, nicht nur etwas - so »Unschuldiges« zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so - entzückender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das - allergrösste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrösse. Aber auch - noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekräftigt: - Dostojewskys hohes künstlerisches Können, da wo ihn weder eine - innere Ungeduld, noch eine äussere Not daran hinderte, an der - feinen Ausführung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu - meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des - Erlebnisses durchgeführt. - - Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der - Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem - Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen Dame - bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende - Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die er halb - unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von - der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere - servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst - hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen Blondine - eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge der Freundin - vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten decken will. In - innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass etwas - Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, flieht - der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst. - Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thüre. Er - schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen. - Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen - Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein - ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten - Betäubung. »Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze - Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern - angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige Reiter sassen - schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den Equipagen Platz .... - Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und - nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz -- ich spähte - intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war - nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus - und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie - meine jüngste Schmach vergessend ....« - - Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und - vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung, - Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da - unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe, - vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! Wer erinnert sich - nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver, - leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der - reiferen Jahre? - - Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass »alles seinen Herrn - hat« und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu - besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es - vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen, - und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige - Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen - Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein - der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in - seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben erblickt und - den »weinerlichen« Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein - Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen - seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück zu vollbringen, schwingt - er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus - dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbügel Fuss fassen - konnte. Zum Glück für den kleinen Reiter stolpert das Tier an - einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den - Pferden der zu Hilfe eilenden übrigen Reiter bedrängt, die seine - Zügel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt - den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben - wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine - erweist sich in ihrer Zerknirschung als treue, zärtliche - Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen - Blick herzlicher Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet. - - Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im - Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung. - Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines - schweren Abschiedes zwischen »seiner« Dame und einem Gaste, - welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte - und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes - zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom - Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, endlich - seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre - Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes Päckchen - ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen - Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und - verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht, - findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine - sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren, - dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird, - dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt - und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über ihr Befinden, da - man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in - einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das Päckchen, das er - in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist - in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr übermitteln und - doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen - will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt nur, dass sie an der - Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch - den Park machen werde -- in Begleitung ihres kleinen Ritters. - Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schöne - tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des - kleinen Ritters vergessend, der erfreut und gequält zugleich an - ihrer Seite wandelt. - - Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen - Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen könne. Sie - nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer Gartenbank - Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines Buches, - während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. Endlich hat - der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde - einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die Mäher den letzten - Wiesenschmuck niedermähen. Er springt davon, um den Strauss zu - pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns - psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt der Erzählung zu - sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrönt - wird. Der Knabe läuft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs - Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am - Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft - hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an - Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Gärtner - beneiden könnte. Immer voller und dichter lässt er ihn werden, - bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst und mit feinen - Gräsern bindet und jetzt -- lässt er klopfenden Herzens das - Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief - ganz sichtbar, mit jedem Stückchen Weges aber, um das sich der - Knabe der Trauernden nähert, wird ihm ängstlicher zu Mute und - stösst er das Päckchen tiefer in die bunte Hülle hinein, bis er - -- am Ziele angelangt -- es ganz und gar darin vergraben hat. Nun - überreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur - zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die - Bank. Betrübt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf - das Gras, stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die - Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt - summend die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst - endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene. - Der Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen, - auf und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald - auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach dem - Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da - fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden - Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre - Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, und - zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er - »erwacht« mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchlein - über sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und - -- er ist allein. - -Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters folgt eine Pause in -seinem Briefwechsel mit Wrangel, während welcher ein häufigerer -Gedankenaustausch mit dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht -unterbrochen war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen[11], Briefe -entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden worden -sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 finden wir die Beziehung auf -einen schweren Geldverlust des Bruders, wodurch es Theodor -Michailowitsch doppelt peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an -den Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er Beziehungen zu -Katkow, dem Redakteur des »Russkij Wjestnik«, angeknüpft habe, welcher -ihm einen Vorschuss von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem »sehr -gescheiten und liebenswürdigen Briefe« gebeten habe, »sich mit der -Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin zu arbeiten.« - -Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich trägt, verschiebt er für -seine Rückkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, »liegt eine -ziemlich glückliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter -Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich -in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der -Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfüllt sind, so -bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen -bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.« - -O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter könne nur Raskolnikow -gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch -russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene -Einblick in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt hätten. -Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen -- so findet Miller und wir -müssen ihm vollkommen beistimmen -- ist der Grundtypus dieses neuen -russischen Charakters in den »Memoiren eines Totenhauses« an jener -Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: »Die Eigenschaften eines -Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen -unsrer Tage vor.[12] Indessen«, sagt der Dichter, »schreibe ich zwei -Erzählungen, welche eben nur erträglich sein werden.« Weiter spricht -sich Dostojewsky über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten erstaunt -sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen -aller seiner Werke aufdrängt, nämlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf -Detail, der Spontaneität, die sich überall darin fühlbar macht. Es ist -eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl -zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen 3 und 4 Druckbogen -anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekämpft dessen -Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse. -»Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir -anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich -sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen -daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und füge ihr -mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt -alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie, -freilich, wird nichts daraus.« - -[Fußnote 11: Unsere Nachforschungen in der »Dritten Abteilung« haben zur -Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an Verwandte -geführt.] - -Inzwischen hat der Dichter die Erzählung »Onkelchens Traum« für das -Journal »Russkoje Slowo« geschrieben, »per Eilpost«, wie er sagt, rein -nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermählung durch den -Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen. -Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwähnte »Dorf -Stepantschikowo«, für den Herbst. Diese beiden Erzählungen scheinen uns -eine Art Interimsepoche in des Dichters Thätigkeit darzustellen. -Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens -gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt, -innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien -gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer äusseren Gestaltung -eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich -vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische -Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys -künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch weder zu jenen Werken -des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens -mit Humor und Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein -Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner -Glutnatur verkünden und besiegeln. - -[Fußnote 12: Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.] - -In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie -seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden -könnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem -anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel für -den Druckbogen erhielt, während Turgenjew damals schon 400 Rubel per -Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der -Werke in zwei Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche uns -zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas -sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben -vermag. Bezeichnend ist dabei die häufige Wiederkehr der absoluten -Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich -der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, -- höchstens ins Wasser -- -oder -- ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: »Höre, -Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl -den, dass er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, ist, -dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein bestes Werk -ist.« Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt -erst spät von dieser Meinung zurück. »Ich habe ihn zwei Jahre hindurch -geschrieben (mit der Unterbrechung »Onkelchens Traum«), Anfang und Mitte -sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine -Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass -ich mich darin ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird noch -vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig -Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z. -B. im »Adeligen Nest«) -- aber er enthält zwei ungemein typische -Charaktere, die ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos -(nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe -- Charaktere, welche -durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht -dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das würdigen wird, -aber wenn das Publikum meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich -bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen -und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegründet. -- -Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich -denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von -Kuschelew schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. Es -wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur -»Onkelchens Traum« geschrieben hat. Freilich kann ich mich sehr über -meinen Roman und seinen Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine -Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im »Russkij Wjestnik« (Katkow) Erfolg -hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die »armen -Leute« gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer -gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort -angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein -Täubchen, du mein ewiger Helfer -- zum Januar oder Februar des kommenden -Jahres zwei Bändchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1) -erster Band: »Arme Leute«, »Njetoschka Njezwanowa« (die ersten 6 Kapitel -sind überarbeitet und haben allen gefallen), »Helle Nächte«, -»Kindergeschichte« (die Erzählung, welche Dostojewsky im Gefängnis -schrieb und später »Ein kleiner Held« nannte) und »Christbaum und -Hochzeit«; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: »Das Dorf -Stepantschikowo« und »Onkelchens Traum«. Der zweite Band hat 24 -Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten oder, besser gesagt, -neugeschriebenen »Doppelgänger« und andre gesondert herausgeben. Das -wäre der dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)« - -»Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man -kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch -1½ Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf -der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen: -die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber -natürlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den -Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten -und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.« - -»NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu 100 Rubeln, macht 1500 -Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel -des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten, -also sind 700 Rubel herausgenommen.« - -»Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür aber erhalte ich dann in -der allernächsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an, -man kann sich wenigstens umdrehen.« - -Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys -Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese -Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für -des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, Klugheit und -Optimismus, sowie die Umschläge seiner Stimmung von überschwänglichem -Selbstgefühl zu vollständiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit. - -Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert. -Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei -argwöhnische Vermutungen über die Treue des Freundes zu nähren, greift -er mit alter Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über sein -neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht -erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurück -denkt: »Wenn Sie nach mir fragen« -- sagt er -- »was soll ich da -antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie -nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich -will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten -- nicht schlechter. -Ich würde mich gerne mit Ärzten beraten -- aber solange ich nicht nach -Petersburg kann -- werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummköpfen -herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer -als Semipalatinsk -- -- düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei -Bewegung, keinerlei Interessen -- nicht einmal eine ordentliche -Bibliothek ist da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich von -hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst sonderbar: ich betrachte -mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf -persönlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel -zurückerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles -Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau -hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich hätte vor zwei Monaten -einreichen müssen, jetzt aber ist Fürst Dolgorukow abwesend.« -- -- So -plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum, -fürchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den -anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in Twer bleiben zu -müssen, wo er in allem gelähmt ist. Endlich führt er die Idee aus, die -er schon eine Zeit bei sich herumträgt, einen offenen Brief an den -jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage -darzulegen. - -Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P. -Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben -erwähnten Gedicht den Herausgebern der »Materialien« mitgeteilt, sowie -auch uns das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, Gehilfen -des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen Chef der ehemaligen -III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus -diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen. - -Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als -»ehemaliger Staatsverbrecher« einführt, erzählt er in Kürze: - -»Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg -verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach -Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten Grades in die Festung auf vier -Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als -Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat -ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis von Omsk als -Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855 -wurde ich zum Unteroffizier befördert und im darauf folgenden Jahre 1856 -wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät beglückt und zum -Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestät den erblichen -Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der -Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit -eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach -Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer übersiedelt. -Meine Krankheit nimmt fortwährend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich -sichtlich an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen -Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist -- Lähmung, Tod oder Wahnsinn. - -Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das ich zu sorgen habe. -Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und -allein durch litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen -Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei aber geben mir die -Ärzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand gründen, dass meine -Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich -ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo -sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der -Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer Majestät! In Ihrer Hand liegt mein -ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach -Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. Erlösen Sie mich -und schenken Sie mir die Möglichkeit, mit der Herstellung meiner -Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem -Vaterlande nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder -ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über zehn Jahre getrennt -bin; ihre brüderlichen Bemühungen um mich könnten dazu beitragen, meine -schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen, -kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin -und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche Hilfe zurücklassen. So lange noch -ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten, -um sie zu sichern -- allein über die Zukunft waltet Gott, und -menschliche Hoffnungen sind unzuverlässig. - -Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestät mir auch die -zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu -gewähren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn -Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er -ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs Alexander Issajew, -welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im -Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät gestorben ist -- einzig und allein -darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden Lande -unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche -Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein -Gymnasium unmöglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in -eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden -seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn täglich lehrt, um das Glück -Euer Kaiserlichen Majestät und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie, -Herr, sind wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte scheint. -Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, beglücken Sie auch eine -arme Waise, seine Mutter und einen unglücklichen Kranken, von dem der -Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort -sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines Volkes, hinzugeben.« - -Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem -Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der -Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm -das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben überschwänglicher -Unterwürfigkeit, die im Munde eines Europäers nur servil wäre, im Munde -eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das -vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche und Leiden dem -»Väterchen« zu Füssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der -Erzählung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern -und Begründen der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief als eine -intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwürfigkeit des -Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in -einem europäischen Majestätsgesuch der Fall sein könnte. - -Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des -Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den -er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild. - -»Sie schreiben,« -- heisst es darin -- »warum ich, da ich die -Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur -Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das -Elend, lieber Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt -beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er -entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da, -wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach -Petersburg übersiedle, er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in -Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich -hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem -Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon -abgeraten, da er fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir -eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst gebeten, -und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie müssen selbst -zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es -nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht -abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg) -und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu übergeben, folglich hat er -als Gouverneur für mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits -unzart, in aller Stille fortzufahren. -- Und darum habe ich folgendes -ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten« usw. - -Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und -dort anzustossen, schnell durchgeführt werden könne. - - Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe - Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur - Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier - nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben. - Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente, - welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren - Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören: - ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April - 1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut - gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht - gelegentlich des Orientkrieges in den »Petersburger Nachrichten« - veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die - besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des - General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung - Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), die - Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel - wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats - (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der - Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge - aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane - Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender - geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober - 1856 Nr. 6118). - -Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens noch sehr lange über -Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in -seinen späten Lebensjahren irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer -kleinen Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts davon -gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein -dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur -allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten -Dostojewskys und des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte -der in der »Niva« veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene -an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist -vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner -Bemühungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert -ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt. -Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens -praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen -Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse, -der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in -der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszuführen vermochte. Darüber -spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe -kannte, in seinem Beitrage zu den »Materialien« eingehend aus. »Ich muss -hauptsächlich darum in Petersburg sein, um den Verkauf meiner Werke zu -betreiben. Übrigens habe ich einen Plan im Kopfe -- nämlich: die Sachen -nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das nötig -sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie -geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim -Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies -scheint mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu -weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) Ich -würde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in -Petersburg Geld zum Leben hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky -bekomme).[13] Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da -ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte nicht à la lettre und -verkaufe die Sachen für Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu -bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg -zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wäre schon Zeit, zu -drucken -- sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns -verloren .... - -Aber -- der Teufel hole das Geld! Dich möcht' ich umarmen -- das ist's! -Könnt' ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise -sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so -sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du -ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird -es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja -vier Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung man für -den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf, -Bruder. Es ist, als wären gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht -andre: weder Talent, noch Fähigkeiten -- es werden aber Leute aus ihnen, -sie hinterlassen ein Kapital. -- Wir aber kämpfen, kämpfen, schlagen uns -herum .... Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr -Geschick und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist -ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen -auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschäft angefangen. Wie -viele Mühe und was für Resultate?[14] Was hast Du verdient? Du musst -noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder -erziehen konntest. Dein Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in -die Höhe, dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von Deinen -Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken und das recht -ernstlich. Wir müssen etwas wagen und irgend ein litterarisches -Unternehmen ins Werk setzen -- eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens -werden wir darüber nachdenken und miteinander darüber reden. -- -- -- - -[Fußnote 13: Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten Gattin -Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese praktische Idee bis -in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen verstand. Er hat -jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen letzten Lebensjahren -die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu geniessen begonnen.] - -Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen -ist sehr wenig, und ich erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber -wie brauch' ich's! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar -noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles -interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebühren mir nach -Abtragung meiner Schuld an Dich (von 375 Rubel) -- 175 Rubel, nicht 125 -Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als möglich zu -erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht -entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von -hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als möglich. - -[Fußnote 14: Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik bessere -Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden jeder Schachtel eine -kleine Überraschung beilegte. Da er aber damit nicht wechselte, so bekam -jeder Käufer so und so viele Messerchen zusammen und hörte auf, dort -seinen Bedarf zu decken.] - -Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als möglich. - - Dein - Dostojewsky. - -Wenn der Roman erscheint -- teile mir sofort und bis ins Kleinste alles -mit, was Du über ihn hören wirst, was für Meinungen geäussert werden, -wenn überhaupt Meinungen da sein werden.« - -Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original -trägt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow, -den Bescheid: - -»Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die -nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte -schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.« - - - - - V. - Petersburg. - - -Der Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die -Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere Unterbrechungen. - -Über den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf -die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P. -Miljukows, den wir hier nachcitieren. »Einmal«, sagt Miljukow, »kam -Michael Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft zu -mir, dass man entschieden habe, der Bruder dürfe in Petersburg leben, -und dass er am nämlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof -der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren -Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend -brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es -mir, war physisch gar nicht verändert; sein Blick war sogar kühner als -früher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner -gewöhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von -den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es -ist mir im Gedächtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten -Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer -Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu -jede Woche.« - -In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu den Erlebnissen in -Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, dass er »sich niemals über sein -eigenes Schicksal beklagte ... freilich« -- sagt er -- »auch von anderen -zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit gehabt, heftige -Klagen zu hören, allein bei diesen kam das von der, dem Russen -angebornen, Eigenschaft, das Böse zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch -vereinigte sich diese Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von -Dankbarkeit gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit gegeben -hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen Menschen, sondern -auch zugleich sich selbst besser verstehen zu lernen«. - -Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später durch den Mund des -»Idioten«, den er mit vielem Eigenen ausgestattet hat, ausgesprochen: -»es schien mir, dass man auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden -kann«. »Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise« -- fährt Miljukow -fort -- »glichen jenen, die im Durowschen Kreise stattgefunden hatten, -in vielem nicht mehr. Und konnte das anders sein? Es war, als hätten das -westliche Europa und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die -Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich fortreissenden -humanitären Utopien in Rauch aufgegangen, und die Reaktion hatte überall -den Sieg errungen; hier aber begann vieles zur Thatsache zu werden, -wovon wir geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich -Reformen, welche das russische Leben erneuerten und neue Hoffnungen -keimen machten. Es ist natürlich, dass der ehemalige Pessimismus in -unseren Unterhaltungen keinen Raum mehr fand.« - -Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild der jungen, auf -Alexander und seine Reformen gesetzten Hoffnungen sein mögen, scheinen -als eine Reminiscenz an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der -»Russkaja Starina« (Maiheft p. 35-36-40) publiziert worden zu sein und -werden wohl von uns Westeuropäern trotz allen Beklagens der bei uns in -Rauch aufgegangenen Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung -über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden, die in irgend einer -Epoche der russischen Zeitgeschichte für den »Pessimismus keinen Raum -mehr fand.« - -Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter bald genug von den -Beschwerden des Petersburger Lebens angewidert und schon anfangs 1860 -ersehen wir aus kleinen Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass -Petersburg im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche -Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem Fragment eines -Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau Sch., das nach des Dichters Tode -ebenfalls in der »Russkaja Starina« (wohl auch durch Miljukow) -mitgeteilt wurde: »Wenn man nur auf acht Tage dieses hässliche -Petersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt unser Ausflug -nach Moskau doch zustande.« Nach seiner Rückkunft aus Moskau schreibt -er: »Da bin ich nun wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins -Ladoga-Eis, in die Langweile zurückgekommen.« .... Weiter heisst es: -»Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen -Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. Ich will was gutes -schreiben, ich fühle, dass Poesie darin ist, ich weiss, dass von seinem -Gelingen meine ganze schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei -Monate lang wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen -- (es -handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, um den -grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). Im selben Briefe treten die -warmen Beziehungen zu Tage, welche Dostojewsky zu den litterarischen -Versuchen der jungen Generation unterhält. »Ich habe Krestowsky -gesehen,« schreibt er einmal, »ich habe ihn sehr lieb. Er hat ein -Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. Wir haben ihm alle -gesagt, dass dieses Gedicht etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir -unter uns übereingekommen sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? nicht -im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler Junge. Er gefällt mir -so sehr (immer mehr und mehr), dass ich ihm nächstens einmal beim -Trinken das Du anbieten werde.« -- -- - -Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und Wirken Dostojewskys, -welcher mit der wichtigsten Wandlung in der Geschichte Russlands -zusammenfällt, nämlich zum Heraustreten des Dichters in die Arena des -politischen Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er sich seiner -Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies gegen Ende des Jahres 1861, da -er die Monatsschrift »Wremja« gründet, um darin seine Gedanken über die -grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februar erfolgte -Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. Diese Epoche ist uns -Westländern nicht genug bekannt, um uns einen klaren Überblick der -damaligen politisch-litterarischen Situation des Landes zu gewähren, ist -aber so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil der -Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir hier weiter -ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern der »Materialien« das -Wort lassen. - -N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die Besprechung der -damaligen politischen Lage mit einer Präzisierung des Wortes -»Liberalismus«, »des russischen Liberalismus«, der von den Westländern -nicht richtig verstanden werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es: -»Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen, -ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen Erläuterungen ein sehr -grosser Wirrwarr in den Begriffen, welcher natürlich durch unsere -Lehrmeisterin Europa unterhalten wird, und der wahre Sinn des -Liberalismus ist fast gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der -Liberale im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein muss, -aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär, das wissen und -begreifen wohl sehr wenige.« -- »Einen solchen wirklichen Liberalismus,« -fährt Strachow fort »bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein -Lebensende, sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete Mensch -bewahren soll.« - -Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als nach Strachows -Meinung der russische Liberalismus. Strachow versteht unter -»Progressist« nicht einen für den Fortschritt im allgemeinen -Eintretenden, sondern vielmehr jene Gattung von Politikern, welche den -Fortschritt der russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen -Fortentwickelung auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten -Anwendung der Lehren des Westens sahen und anstrebten. Auch Dostojewsky -hat sich, ohne ein »Progressist« zu sein, immer und überall für den -Fortschritt eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er den -müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: »Ich wüsste wohl eine -Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering -achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch -nur einen kleinen Bauernjungen lesen.« »Ich will hier« -- setzt der -Berichterstatter fort -- »eines der wichtigsten Vorkommnisse jener Zeit -erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, welche sich zu Ende des -Jahres 1861 abspielte und den damaligen Zustand der Gesellschaft am -vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten sicherlich -verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich werde sie nicht -berühren, sondern ihre äussere öffentliche Erscheinung schildern, welche -sowohl für die Mehrzahl der Agierenden als auch der Zusehenden von der -grössten Bedeutung war. - -Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte die Universität immer -mehr und mehr von Leben und von Bewegung über, leider aber von einem -solchen Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die -Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten eine Kasse, eine -Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, übten ein Richteramt über ihre -Kameraden aus usw., aber alles dieses zerstreute sie und regte sie so -sehr auf, dass die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und -Gescheitesten unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab auch nicht -wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung der Grenzen aller -möglichen Dispense, und so entschloss sich die Studien-Obrigkeit endlich -Massregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um -sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte sie sich -einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte, Kassen, -Deputationen und Ähnliches verboten wurde. Der Befehl wurde im Sommer -ausgegeben, und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität -zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten dachten, -sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, es einzig und allein durch -einen Widerstand zu thun, welchen die liberalen Grundsätze -sanktionieren, d. h. durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie -hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den Behörden soviel -Arbeit und der Sache soviel Publicität als möglich zu schaffen. Sie -brachten höchst künstlich den ausgiebigsten Skandal zustande, den man -nur in Scene setzen kann. - -Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder dreimal bei Tage, auf -offener Strasse in grossen Haufen fortzuführen. Zur grösseren Freude der -Studenten setzte man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie -unterwarfen sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem Urteilsspruch -der Verschickung, welche für viele eine sehr schwere und langwährende -wurde. Nachdem sie das gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu -haben, was nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung ihrer -Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die Grenzen der -Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe über sich -ergehen lassen, gleichsam rein nur darum, weil sie von ihren Forderungen -nicht abgewichen waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe in -Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so führten die -Studenten dieses liberal-juridische Drama zum Nutz und Frommen der -übrigen Staatsbürger tadellos und mit wahrer Begeisterung durch. Es war -durchaus kein Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse. - -Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, dass sich damals -Leute fanden, welche sehr wünschten, diese Geschichte in einen Aufruhr -umzuwandeln, dass man Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug, -irgend eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine fatale Lage -brächte usw. Revolutionäre Elemente waren in der Gesellschaft -herangereift, allein diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit, -und es war nur eine grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam -eine Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung. - -Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. Man hatte -gestattet, dass die Eingeschlossenen besucht würden, und so kamen -täglich sehr viele Besucher in die Festung. Auch von der Redaktion der -»Wremja« ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael -Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten und mit -Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer Flasche roten Weines in die -Festung gesandt. Als man endlich begann, jene Studenten, welche man als -die Schuldigsten befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde und -Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Die -Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut und die Verschickten schauten -zum grossen Teil wie Helden drein.« - -Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen innehalten und über -die Selbstverständlichkeit und Einfachheit staunen, mit welcher ein -»russischer Liberaler« von Festungsstrafen und Verschickung junger -Schwärmer spricht. Es tritt uns da förmlich eine »erbliche Belastung« -mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch der liberalste -Russe heute nicht frei sein kann. - -»Diese Geschichte« -- fährt Strachow fort -- »wickelte sich im selben -Geiste weiter ab. Man schloss die Universität, um sie einer -vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen. Da baten die Professoren um -die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese -Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess ihnen ihre Säle -zu diesem Zwecke, und so wurden die Universitätskurse eröffnet. Alle -Schritte für das Arrangement der Vorlesungen sowie die Sorge für die -Aufrechthaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit -dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz darauf. -Allein ihre Gedanken waren nicht mit der Wissenschaft beschäftigt, um -welche sie sich augenscheinlich so bemüht hatten, sondern mit etwas -anderem, und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung dieser -Rathaus-Universität war der bekannte »litterarisch-musikalische« Abend -des 2. März 1862. Dieser Abend war mit der Absicht veranstaltet worden, -gleichsam eine Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen -Kräfte vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne war auf -das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das Publikum war im selben -Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit -welchen die litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den -Frauen und Töchtern von Schriftstellern »der guten Richtung« ausgeführt. -Theodor Michailowitsch war in der Zahl der Lesenden und seine Nichte in -jener der Mitwirkenden. - -Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt wurde, -sondern um die Ovationen, welche man den Vertretern fortschrittlicher -Ideen brachte. Der Lärm und Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat -mir später immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt war, -den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht hatte, und -zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. Eine -Episode dieses Abends bildete den Beginn des Verfalls und der -Entzauberung unserer damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P.... -las an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere das -vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet worden war. Er las ihn -ohne jede Abänderung, aber mit so ausdrucksvollen Intonationen und -Gesten, dass ein durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es -entstand ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. -- - -Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass -der Professor arretiert und aus Petersburg fortgeschickt worden sei. Was -war nun zu thun? In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel -protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass die Entfernung -eines Professors eine Bedrohung der übrigen Professoren in sich -schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen nicht fortsetzen könnten, -wenn sie nicht dadurch zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für -schuldig erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen -wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität zu schliessen und -dadurch gegen jeglichen Zwang zu protestieren -- ein bekanntlich sich -fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten, -etwas das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die Studenten -setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von Betrübnis und Zorn -erfüllt sein werde, wenn so plötzlich die Hauptquelle ihrer Aufklärung -verstopft würde. Die Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten -und sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder zweier von -ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale machten. Endlich mischte sich -die Obrigkeit hinein und machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den -Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.« - -»Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es zeigte sich gleich, -dass der schlimme Plan die Gesellschaft aufzuregen und sie gegen die -Obrigkeit aufzureizen vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich -nicht, und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig. Die -Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung, dass der -Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen wurde, der Ausdruck der -allgemeinen Stimmung sei und dass es so leicht sein werde, das Publikum -zu täuschen. In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben, -dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung sei. Die -Unterlage der Sache war allen gar zu durchsichtig, namentlich als zu -gleicher Zeit eine Proklamation nach der andern auftauchte, deren erste -hunderttausend Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt -hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte, »die Strassen mit -Blutströmen zu begiessen und keinen Stein auf dem andern stehen zu -lassen.« - -»Wie immer das nun gewesen sein möge, war die Obrigkeit, welche -beständig bemüht gewesen war, den liberalen Charakter der Ereignisse zu -wahren, in eine sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede -liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft, -welche sich dieser Massregel zu ihren eigenen Zwecken bedient, welche -durchaus nicht liberal, sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten -fanden nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den polnischen -Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man das Böse nicht dulden und -seinem natürlichen Lauf nicht überlassen darf, wenn es so erschreckende -Dimensionen angenommen hat.« - -Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden Ausdruck des russischen -ehrlichen Liberalkonservativen reinsten Wassers, nämlich jener Richtung -des Liberalismus, der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern -die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln für -gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten einschränkt -- -eine Anschauung, über die sich streiten lässt, die aber gerade in den -Konstellationen der russischen Parteistandpunkte besondere Beachtung -verdient. Dass diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und -berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus seinem ganzen -Leben und Wirken klar geworden. Wie er sich speziell zur -Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren wir aus den Mitteilungen -O. Millers, welcher uns jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren -und weniger doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders -beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei Berichte so recht -in die Stimmung und das Milieu der grossen Befreiungsepoche -hineinversetzt. Natürlich haben wir es auch hier mit einem Vertreter der -konservativ-liberalen Richtung zu thun. - -Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der Parteien besprochen, -welche aus sehr verschiedenen Gründen gegenüber der Aufhebung der -Leibeigenschaft und ihren Folgen Stellung nahmen, und meint: »man begann -uns eindringlich das >Sterben< zu lehren -- gerade dann, als man uns -hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, fest zu leben,« -- -fährt er fort: »das ist's, was ein Mensch bei uns antreffen musste, der -aus Sibirien geschrieben hatte: »Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn -noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan.« »Das alles war den -Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem revolutionären -Radikalismus -- sei es auch vom entgegengesetzten Ende -- ging der -Konservatismus sehr wohl zusammen, der -- ganz ebenso revolutionär war, -wie ihn J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, dass -jenem >Nihilismus<, dessen erste Formation sozusagen Turgenjew in der -Person des Studenten mit burschikosem Unterfutter Bazarow aufgestellt -hatte, derselbe Samarin ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen -gestellt hatte. Das französische Sprichwort »les extrêmes se touchent« -ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit geworden. - -Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig an jenem denkwürdigen -litterarischen Lese-Abend gegenwärtig war, da der zur 1862 -stattfindenden Feier des tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste -Artikel vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der -Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des Millenniums -vollzogen und man hätte nun dieses, sollte man meinen, mit beruhigtem -Gewissen und einem furchtlosen Blick in die Zukunft feiern können. Als -der Lesende zum »Wermutsbecher« gekommen war, »den das russische Volk im -Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren müssen,« sagte er: »Zur -Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers und -Imperators lief der Becher über ...« Man liess ihn nicht vollenden: -»dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen, welcher -sich durch die Leibeigenschaft darin angehäuft hatten -- man fasste -seine Worte in einem durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie -gesagt worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von Applaus und -Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute, mit welchem -wollüstigen Entzücken damals gerade die Repräsentanten des nicht -verpönten Nihilismus applaudierten -- dies war an den Dekorationen -ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie sich in ihren -»heiligsten Gefühlen« verletzt fühlten. Als nun der Vortragende zum -Satze kam: »Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes,« da -floss der Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem -Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen -- obwohl, natürlich, jede der -extremen Richtungen das Wort >Administratoren< in ihrer Weise verstand.« - -O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an jenem Abende -teilgenommen habe, findet aber den zehn Jahre später im Roman »Die -Besessenen« beschriebenen Leseabend den getreuen Spiegel der hier -vorgefallenen Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem -anderen Leseabend Teile aus den »Memoiren aus einem Totenhause« -vorgelesen und das mit Absicht in einem Sinne und Geiste, welcher jenem -der Einberufer entgegengesetzt war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler -obzuwalten, der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem Berichte -dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum betreffs der -Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte. Die Erzählungen jener -lärmenden Begebenheit selbst jedoch weichen, wie wir sehen, ziemlich von -einander ab, und was wir Westländer daraus gewinnen können, ist -vornehmlich der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, wie sie -in dem von politisch-litterarischem Leben so heftig pulsierenden -Russland sogar innerhalb einer und derselben Partei möglich sind. Die -Herausgeber der Materialien gehören beide der konservativ-liberalen -Richtung an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei aller -Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen, fast -möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, während O. Miller mit der -feinen Anführung des »Generals-Nihilismus« dem eigenen Konservatismus -gleichsam die Spitze abbricht. - -Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der -Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch -von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen längeren Artikel -widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren -von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin -und Herzen. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und -seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe -seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten -Ereignisse erfolgten, Enthebung des Professors von seinem Lehramte und -der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und -namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen darüber -entstanden; »die Gefängnishaft« -- fährt Miller fort -- »hatte -bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend nur erhöht, das sie antrieb, -neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem übrigens durchaus -ernsten und edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener -Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein -Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts -zu höherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese -Forderung zu erfüllen.« Wer das nicht wusste, dem musste diese -Auflehnung »um irgend welcher Matrikel willen« in der grossen Stunde der -Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. -- Das Volk wusste natürlich -nicht, um was es sich handle -- und urteilte: »Die jungen Herrlein -rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.« Zu Dostojewsky und -seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse -übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem »Tagebuch eines -Schriftstellers« aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und -eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische -Satire »das Krokodil«[15] ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor -des Romans »Was thun?« - -»Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky« -- sagt Dostojewsky -- -»bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rückkunft aus -Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es -geschah. - -Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr selten, sprachen -miteinander, aber sehr wenig. Übrigens reichten wir einander jedesmal -die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen -unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine -Manieren. Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine Manier -ganz wohl. - -[Fußnote 15: Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in -Russland »Krokodile« genannt, ob dies infolge Dostojewskys Satire -geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, haben wir nicht -ermitteln können.] - -Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, auf der Klinke des -Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals -auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die -Aufschrift: »An die junge Generation.« Man kann sich nichts -Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der -lächerlichsten Form, welche nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen -können, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute -und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals -alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese -Leute gründlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht -recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so -leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als -einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung -anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre -historischen Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche ein -ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfüllen -wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende -geschrieben. - -Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem -Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung -einverstanden war, -- mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als -schämte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei -Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen Erscheinungen zugesehen -hatte -- verblüffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie -mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage -hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Plötzlich, noch ehe es -Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals -bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu -gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen« .... - -»Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?« und ich zog die Proklamation aus -der Tasche. - -Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte Sache, und las -sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen. - --- »Nun, was denn?« fragte er mit einem leichten Lächeln. - --- »Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? Sollte es denn nicht -möglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende -zu machen?« - -Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: -- »Glauben -Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich -imstande gewesen wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?« - --- »Das ist's eben, dass ich das nicht voraussetzte,« -- antwortete ich --- »und ich finde es sogar überflüssig, Ihnen das zu versichern. Allein -auf jeden Fall ist es nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr -Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre -Meinung fürchten.« - --- »Ich kenne keinen von ihnen.« - --- »Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist durchaus nicht nötig, -sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur -laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen -gelangen.« - --- »Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese -Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.« - --- »Dennoch aber schaden sie allen und allem« .... - -.... »Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich -vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran -glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern -nicht >solidarisch< gewesen ist.« - -Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende -Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen -Anschauungen, welche an die Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu -bedeutungsvoll für die Beleuchtung der damaligen Situation und mit -einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen -dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen. - -»Wenn aber nun eine solche Erscheinung« -- fährt Miller fort -- »zur -Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre »Nichtigkeit« in ihrer Art komisch -war, so kann man das natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von -1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass ich, als ich -damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben -schenkte, in dem, was sie über die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen -verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine -vorurteilslose, -- mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man -thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, über unsere -Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele -- Jacob -Grimms. Er erkannte vollkommen und begrüsste freudig mit seinem -allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte, -»riesenhafte Bewegung nach vorwärts«. Und da musste diese Bewegung -aufgehalten werden! -- Und zur Befriedigung jener europäischen -Majorität, welche nicht über den edlen Geist eines Grimm verfügte, -entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen -Terrorismus. - -Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr geringschätzig über die -»Nichtigkeit« der Erscheinung aussprechen, hier konnte er nicht anders, -als von einem entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten -Dostojewsky bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die Edelsten -unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht verzeihen. Wenn wir -indes uns jenes Kapitels aus den »Memoiren aus einem Totenhause« -erinnern, wo von den politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir, -dass der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern mit voller -Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor Michailowitsch verletzte nur -ihr hochmütiges »je hais ces brigands« im Verkehr mit den Sträflingen, -in denen er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. -- -Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung Dostojewsky erscheinen, ein -Hohn auf die ganze russische Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier -erharrt hatte, die polnische Rebellion, und das gerade in diesem -gesegneten Augenblick, -- eine Rebellion, der als armseliges, aber doch -immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen mit den darauffolgenden -»dummen«, aber immerhin »unheilverkündenden« Proklamationen dienten. -Während unsre »Herrlein« gleichsam nur zufällig in den Augen des Volkes -zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte man im polnischen Aufstand -schon ganz ernsthaft den alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der -von Verachtung gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen war es, und -nicht das polnische Volk, das endlich vom selben russischen Kaiser mit -Grund und Boden beteilt worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er -hasste jenen traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes -Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren hatte. Diesen alten -Geist Polens musste er hassen, wie ihn Proud'hon hasste und viele von -den Polen selbst hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften -polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky verhasst -als einem Socialisten -- und ein Socialist im weiten, menschlichen Sinne -dieses Wortes zu sein hat er niemals aufgehört. - -Aber die Sache steht so, dass unsre -- nicht nur »Liberalen«, sondern -auch »Socialisten« bereit gewesen wären, den polnischen »Pany« die -brüderliche Hand zu reichen -- weil sie bei ihnen einen reichlichen -Vorrat von Unzufriedenheit wahrnahmen --, und bei uns hatte sich damals -schon jener Opportunismus entwickelt, welcher keinerlei unzufriedene -Elemente verschmäht, worauf die Briefe Samarins an Herzen so deutlich -hinweisen. - -Dostojewsky war niemals ein »getreuer Unterthan« der Revolution (wie -sich Samarin in diesen Briefen an Herzen ausdrückt), darum aber war er -auch niemals »Opportunist«. - -Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von Glauben und Liebe -zurückgekehrt, sowie mit dem heissen Verlangen nach Einigkeit bei der -schöpferischen Thätigkeit zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit -wachsender Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr -hervortretenden Anzeichen einer negativen Thätigkeit im Dienste der -Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich, dass er sich bei seiner -Geradheit mehr und mehr Feinde machte. -- In dieser Situation und unter -diesen Umständen war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit -wieder neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft aufgehoben -wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder Michael Michailowitsch die -Herausgabe der Zeitschrift >Wremja<.« - - - - - VI. - Publizistik. - - -Mit der Gründung der Zeitschrift »Wremja« wird Dostojewskys tiefster -Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem das Verkünden des »wahren Christus« vor -allem andern als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem -Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte erfüllen -können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen, endlich direkt und -unzweideutig und, wie er schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur -Gewaltsamkeit »seine Wahrheit« verkünden zu können. Diese Epoche ist zu -wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck in seinem ersten Exposé des -Unternehmens zu bezeichnend, als dass wir es uns versagen dürften, jenen -Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden später jede -der drei Ankündigungen neuer Journalgründung, welche dieser ersten -folgten, ins Auge fassen müssen, um uns daraus den Beweis zu holen, wie -geschlossen und unerschütterlich einheitlich sein Streben, sich in einer -Zeitschrift auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn auch oft -genug wiederholt: »ein Journal ist eine grosse Sache«. -- Zugleich holen -wir uns, als Fremde, ein Bild jener Epoche der russischen Geschichte. - -N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener Zeitschrift, teilt -uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den Brüdern Dostojewsky die -Herausgabe einer voluminösen Monatsschrift geplant gewesen war, zu -welcher sie eifrig nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th. -Michailowitsch war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts, -welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt gewesen (weit -über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt) und forderte ihn -infolgedessen zur Mitarbeit an der Monatsschrift auf. Auch Strachow -findet die Ankündigung so bezeichnend für Dostojewskys damaligen -Ideengang, dass er sie wörtlich wiedergiebt. - -Sie lautet: - - »Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen - »_Wremja_« (Die Zeit), - eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden - von 25-30 Bogen grossen Formats. - -»Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es eigentlich für nötig -erachten, ein neues, öffentliches Organ unserer Litteratur zu gründen, -wollen wir einige Worte darüber sagen, wie wir unsere Zeit und -namentlich den gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens -verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist und die Richtung -unserer Zeitschrift dienen. - -Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten und kritischen -Zeitepoche. Wir werden jedoch zur Darlegung unserer Anschauung -ausschliesslich auf jene neuen Ideen und Forderungen der russischen -Gesellschaft hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben -während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat. Wir werden -nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, welche in unserer Zeit -ihren Anfang genommen hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und -Anzeichen jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich -friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu vollziehen, -obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit allen wichtigsten -Ereignissen, ja sogar der Reform Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist -das Ineinanderfliessen der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen -des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen russischen Nation mit -allen Elementen unseres gegenwärtigen Lebens -- einer Nation, welche -sich schon vor 170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und seit -jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit hat, welcher -abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles Leben lebte. - -Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar ist deren -Wichtigstes die Verbesserung der Lage unserer Bauern. Jetzt sind es -nicht mehr tausende, jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche -in das russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten Kräfte -hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. Kein Klassenhass zwischen -Siegern und Besiegten, wie in Europa, darf der Entwickelung der -künftigen Urelemente unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht -Europa, und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte geben. -Die Reform Peters des Grossen hat uns auch ohne das allzuviel gekostet: -sie hat uns mit dem Volke entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie -abgelehnt. Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung -mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch mit seinen -Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach seinem Mass berechnet und -ihm nicht zeitgemäss. Es nannte sie »deutsch«, nannte die Nachfolger des -grossen Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des Volkes -von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern und Anführern zeigt, -wie teuer uns das damalige neue Leben zu stehen kam. Allein -- obwohl -mit der Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr als einmal -hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie mit ausserordentlichen, -krampfhaften Bemühungen geäussert, weil es allein war und ihm das schwer -wurde. Es wandelte im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem -gesonderten Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine Lage hinein, -versuchte es, sich selbst seine Anschauung zu verdeutlichen, zerfiel in -geheime, schädliche Sekten, suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben, -neue Formen. Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, nicht -kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk beim Betreten jener -neuen Bahnen gethan, welche es sich mit so vielen Beschwernissen -aufgefunden hatte. Bei alledem aber nannte man es den Bewahrer der alten -vorpeterschen Formen, des stumpfen Altgläubertums. - -Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne Führer und auf seine -eigenen Kräfte allein angewiesen blieb, manchmal absonderlich, seine -Versuche einer neuen Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in -ihnen war eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher -Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. Nach der Reform hat es -zwischen ihm und uns, den gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der -Einigung gegeben -- das Jahr 1812 -- und wir haben gesehen, wie sich das -Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals, _was_ das Volk eigentlich -sei. Das Elend liegt darin, dass es _uns_ nicht kennt und nicht -versteht. - -Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche Reform, welche sich -ununterbrochen bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, ist endlich an ihre -letzte Grenze angelangt. Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? Es -giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, welche Peter den -Grossen nachgeahmt haben, haben Europa kennen gelernt, sich europäischem -Leben angeschlossen und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten -wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum Europäismus; heute -denken wir anders. Wir wissen heute, dass wir nicht Europäer sein -können, dass wir nicht im stande sind, uns in eine der westländischen -Formen hineinzuzwängen, welche Europa aus seinen eigenen nationalen, uns -fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet und ausgelebt -hat -- geradeso wie wir etwa ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das -nicht nach unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich -überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind, eine im -höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass unsere Aufgabe ist -- -uns eine neue, uns eigene, heimische Form aufzubauen, eine Form, die wir -unserer eigenen Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen -entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen Boden zurückgekehrt. -Wir leugnen unsere Vergangenheit nicht ab, wir anerkennen auch das -Vernünftige darin. Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont -erweitert, dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in der grossen -Familie aller Völker kennen gelernt haben. - -Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer chinesischen Mauer -von der Menschheit absondern werden. Wir ahnen, und ahnen mit -ehrfürchtigem Sinn, dass der Charakter unserer künftigen Thätigkeit im -höchsten Grade allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee -vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche Europa mit -solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit in seinen -verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt; dass vielleicht alles -Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung und fernere Entwickelung im -russischen Volkstum finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle -Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den Interessen -eines jeden europäischen Volkes teilgenommen, den Sinn und die Vernunft -von Erscheinungen verstanden, welche uns vollständig fremd waren; nicht -vergebens haben wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die -alle Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns darob -gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit, ohne Vaterland -geheissen, ohne zu bemerken, dass die Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang -von seinem Boden loszureissen, um nüchterner und unparteiischer auf sich -selbst zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke -Eigentümlichkeit ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit dem Auge des -Versöhners anzusehen, ist die höchste und edelste Gabe der Natur, welche -nur sehr wenigen Nationalitäten verliehen ist. Die Angehörigen anderer -Nationen haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht -... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein neues Leben ein. - -Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue Leben ist die Versöhnung -der Anhänger der Peterschen Reform mit jenen der Volksgrundlage -unvermeidlich geworden. Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und -nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber verhält sich -unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir sprechen von der Aussöhnung der -Zivilisation mit dem Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander -endlich verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich zwischen -ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft haben, aufklären und dann in -Harmonie und Eintracht mit vereinten Kräften einen neuen breiten und -ruhmvollen Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie kosten -möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer, und das so schnell als -möglich -- das ist unser leitender Gedanke, das ist unsere Devise. - -Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem Volke? Wie macht man den -ersten Schritt, um sich ihm zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge, -die alle teilen sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die -das Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück aber -- ist -unser Glück. Es versteht sich, dass der erste Schritt zur Erreichung -jeglicher Übereinstimmung das Alphabet und die Bildung ist. Das Volk -wird uns niemals verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. Es -giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem wir dies -aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so lange es an den -gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt zu thun, haben sie ihre -Situation auszunützen, mit allen Kräften auszunützen. Kräftige, -schleunige Verbreitung von Bildung, koste es was es wolle, das ist die -Hauptaufgabe unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit. - -Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer Zeitschrift -ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist ihrer künftigen Thätigkeit -angedeutet. -- Allein wir haben noch einen zweiten Grund, der uns -veranlasst, ein neues, unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir -haben schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter unserer -Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige Abhängigkeit und -Unterordnung gegenüber den litterarischen Autoritäten entwickelt hat. Es -versteht sich, dass wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der -Käuflichkeit anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu überall in dem -europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und Tagesblätter, welche ihre -Überzeugungen um Geld veräussern und ihre niederen Dienste, sowie ihre -Herren mit anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die -anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, dass man seine -Überzeugung verkaufen kann, wenn auch nicht um Geldeswert. Man kann sich -zum Beispiel aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen, -oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung mit den -litterarischen Autoritäten willen, als Dummkopf ausgerufen zu werden. -Die goldene Mittelmässigkeit zittert manchmal sogar ganz uneigennützig -vor den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur -festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen kühn, keck und frech -ausgesprochen wurden. Manchmal verschafft nur diese Keckheit und -Frechheit einem nicht dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu -benutzen versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer -Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen -ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss auf die Massen. -Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast immer äusserst furchtsam, -ungeachtet ihres augenscheinlichen Dünkels, und unterordnet sich willig: -die Furchtsamkeit aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein in -der Litteratur darf es keine Sklaverei geben. - -In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, nach litterarischer -Überlegenheit, nach einem litterarischen Range ist mancher sogar alte -und angesehene Schriftsteller oftmals imstande, sich zu einer so -unerwarteten und seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie -unwillkürlich Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen -hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen Anekdoten über -die russische Litteratur der Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die -Nachkommenden übergehen wird. Und solche Vorkommnisse ereignen sich -immer öfter und öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten -Einfluss aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, daran zu -rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch heute einige festgesetzte -Ideen und Meinungen, welche nicht die geringste Selbständigkeit besitzen -und doch als unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, weil -es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt haben. Die -Kritik wird immer flacher und unbedeutender; in manchen Publikationen -werden gewisse Schriftsteller ganz umgangen, weil man fürchtet, sich, -über sie sprechend, zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens -und nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, welcher -durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich ist, deckt mit Erfolg -die Talentlosigkeit und wird in Pflicht genommen, um Subskribenten -heranzulocken. Ein strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird -immer seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, der sich -in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische Zeitschriften in -vornehmlich kommerzielle Unternehmungen um, die Litteratur aber und ihr -Nutzen treten in den Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal -gedacht. - -Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, welche, -ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen Autoritäten, doch -vollkommen unabhängig von ihnen sein, in freiester und aufrichtiger -Weise auf alle litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen -wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung für die russische -Litteratur. - -Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien oder -Voreingenommenheiten hegen. Wir werden sogar bereit sein, unsere eigenen -Irrtümer und Fehlschüsse einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden -uns aber gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu rühmen. -Wir werden auch der Polemik nicht aus dem Wege gehen und wir werden auch -davor nicht zurückschrecken, die litterarischen Gänse manchmal zu -reizen. Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt das Wetter -an, wenn es auch nicht immer das Kapitol rettet. Eine besondere -Aufmerksamkeit werden wir dem kritischen Teile unseres Blattes widmen. -Nicht nur jedes bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte -litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, wird -unbedingt in der unseren analysiert werden. Die Kritik darf also nicht -verschwinden, rein nur, weil man beginnt die Bücher nicht separat, wie -ehedem, sondern in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal »Wremja« -alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige durch Schweigen -umgehen wird, wenn es nicht geradezu schädlich ist, wird es alle -halbwegs wichtigen litterarischen Kundgebungen verfolgen, die -Aufmerksamkeit auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun -positiver oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich -Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten -Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, wo immer sie sich -zeigen mögen. Erscheinungen des Lebens, umlaufende Meinungen, -festgestellte Principien, welche aus allgemeinen und allzu persönlich -passenden oder unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und -ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der Kritik genau -wie ein eben erschienenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Unsere -Zeitschrift spricht sich das unabänderliche Reckt zu, offen über jede -litterarische und ehrenhafte, ehrliche Arbeit ihre Meinung -auszusprechen. Der weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt -ist, verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger -dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals zu dem jetzt -allgemein gebrauchten Kniff herablassen -- einem bekannten -Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente vorzureden, um das Recht zu -haben, eine nicht ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen. -Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht nach der -Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen Ankündigung an Raum -gebricht, auf alle Details unserer Publikation einzugehen, wollen wir -nur sagen, dass unser, von der Obrigkeit bestätigtes, Programm -ausserordentlich reichhaltig ist.« - -Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, sowie die -Ankündigung, dass die Mitarbeiter, entgegen dem alten Brauch, nicht -genannt werden, und endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch -Dostojewskys, da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) unter -polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur nicht officiell -bestätigt werden konnte. - -Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich nur in ihrer -äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé finden wir schon die ganze, klare -Richtung nach dem Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur -Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen Partikularismen, -und die ganze Hartnäckigkeit, diese Richtung einzuhalten und andere -hineinzubringen. - -Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke Dostojewskys finden wir nun -»eine Reihe von Artikeln über die russische Litteratur«, welche aus den -Heften der »Wremja« und zwar vom Januar, Februar, Juli, August und -November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft von Theodor -Michailowitsch stammen, obgleich sie damals ohne Unterschrift erschienen -waren. Die ersten derselben haben, nach Millers Meinung, einen grossen -Teil jenes Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie wir -wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna gewidmet gewesen und -später verschwunden ist. - -Diese Artikel »über die russische Litteratur« sind durch zwei Momente -für uns besonders interessant. Erstens und vor allem durch das -Persönliche, das Verlebendigende, wenn man so sagen darf, das -Dostojewsky hier wie überall, wo er es mit einer Sache ernst meint (und -wo thut er das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, welchen -wir da in die Anschauungen der Russen über die Litteratur und ihre -Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen sind uns durch die Jugendlichkeit -ihres Ernstes zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht -unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, in die sich die -Russen über litterarische Streitfragen stürzen. Allein es will uns -bedünken, dass gerade in diesem jugendlichen Ernst, der heute, im -neunzehnten Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens beste -Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, eine Mahnung liegt, -von der litterarischen Spielerei zum Leben und zu seinen ernsten -Forderungen zurückzukehren. - -Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden -Betrachtung über die Art, wie die nach Russland kommenden Fremden -Russland verstehen; der Deutsche, der Franzose, der Engländer, jeder in -seiner Weise und jeder -- falsch. »Für Europa,« heisst es da, »ist -Russland das Rätsel der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder -das Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, der -russische Geist, sein Charakter und seine Richtung vom Westen erfasst -werden wird. In dieser Beziehung ist sogar der Mond jetzt weit -ausführlicher erforscht als Russland. Wenigstens weiss man entschieden, -dass dort niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort Menschen -leben und sogar russische Menschen --, aber was für Menschen, das ist -bis heute noch ein Rätsel, obwohl die Europäer überzeugt sind, dass sie -uns schon lange begriffen haben.« - -Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche nach Russland kommen. Er -geht der Reihe nach die Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger -und Raritätenschausteller durch und langt bei dem gebildeten und -ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich ernstlich mit -der russischen Litteratur beschäftigt, um schliesslich Cheraskows -Russiade in das -- Sanskrit zu übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der -Franzose hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss alles, -er versteht alles -- auch ohne etwas zu lernen. Er hat sein Buch über -Russland schon in Paris um gutes Geld verkauft und gönnt sich dafür die -Reise von 28 Tagen, um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu -beglücken und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt auch -sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel »Petroucha«, -»welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das russische Leben getreu -charakterisiert und 2. dass sie gleichzeitig auch das Leben auf den -Sandwichinseln schildert Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man -schon, dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken hat, -welcher eine grosse Wendung in den Geschicken Russlands herbeigeführt -hat, und jede Portiersfrau, der du in später Nachtstunde zurufst: »Le -cordon s'il vous plaît«, brummt schlaftrunken in sich hinein: »Sieh mal, -wäre in Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so wärest du -heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris, au centre de la -civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten in der Nacht aufwecken und -aus vollem Halse »le cordon s'il vous plaît« schreien.« - -Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Dostojewsky auf den -Standpunkt zu sprechen, den die Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache -gegenüber einnehmen. Da ist es namentlich der vornehme, der an -ausländische Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem »dunklen Volke« -gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar bittet, ihm -Wasser geben zu lassen, nur um nicht selbst ein russisches Wort an den -Lakaien zu richten, welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er -hundertmal lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf und daraus -allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und Würden macht, das ihn -ein- für allemal vom Volke trennt. - -Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande nichts zu thun finden, -nach grossen Thaten ächzen, sich gegenseitig ihren Weltschmerz klagen -und sich ihrer Nichtswürdigkeit anklagen: »ach, Bruder, sieh, ein so -gemeiner Schuft bin ich!«, so wird jene Art Byrons daraus, welche sich -wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche Welt hat klagen und -weinen können, was eines Lords ganz unwürdig ist, während sie zum -höheren Byronismus übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet -hatte: ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu spielen -und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken zu ziehen. Diesen Byrons -ruft er zu: »Ich habe eine Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht -leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die -uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.« - -Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt Dostojewsky -allmählich auf das Gebiet der Forderungen, die aus den Bedürfnissen oder -vielmehr der Bedürftigkeit des Volks entstehen und für das Volk -eintreten. Er tritt leidenschaftlich für die Volksbildung ein und -widerlegt den Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz -alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse füllen. -Jawohl, antwortet er -- weil diese Bildung oder eigentlich Halbbildung -noch ein Privileg ist und Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit -im Gefolge haben. - -So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme, ganz einfache -Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes Russen, für sich und »unsern -Bruder«, wie das hübsche Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch -den Dichter so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach dem, -was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort in den Mund gelegt, -das nun eine stereotype Redensart ist, und das er bei den kleinsten -Zwischenfällen unwillkürlich anwendet. Er sagt da nicht: »was soll ich -thun«, sondern: »wie habe ich zu sein?« - -Aus der »verfluchten Frage« heraus: »Wie soll mein Leben sein?« ist eben -das russische Leben, seine Kunst und Kritik einzig zu verstehen. Nun -begreifen wir auch, warum die Russen Turgenjew trotz seiner hohen -Künstlerschaft nicht zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur -und ihre mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten. -Das, was Schilderung, getreues Nachbilden russischen Lebens ist, was mit -allen Künsten der Farbengebung, der Licht- und Schattenverteilung, der -»Lasur«, wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer -entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, so fein -zubereitet, gerade genug, um »anzuregen«, ohne allzusehr wehe zu thun, -das wird den Russen beleidigen, der von seinem Dichter vor allem -Mitarbeit an seinem schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel -deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers, Wandlung zum -Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem er der hohen Kunst abgeschworen, -die im Roman »Krieg und Frieden« ihren vollendetsten Ausdruck gefunden, -heute, da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft, in -Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören, heute erst rechnet -er sich selbst zu den führenden Geistern seines Volks und wird von ihm -dazu gezählt. Andere Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir -in direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren Verlauf der -»litterarischen Artikel«, da, wo der Dichter den Parteihader schlichten -will, welcher zwischen Utilitaristen und Vertretern der »Kunst als -Selbstzweck« entbrannt ist. - -Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über belletristische Werke -gehört wohl seine an Strachow gerichtete Kritik Tolstojs. Strachow hatte -gesagt, dass Tolstojs »Krieg und Frieden« zu den vortrefflichsten Werken -der gesamten russischen Litteratur gerechnet werden müsse, darauf -Dostojewsky: - -»... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, Lomonossow -- das -sind Genies. Mit dem »Mohr Peters des Grossen« und mit »Bjelkin« -hervortreten, das heisst unbedingt mit einem genialen, neuen Wort -auftauchen, das bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war. -Allein mit »Krieg und Frieden« auftreten, das heisst nach diesem Worte -kommen, das schon von Puschkin gesagt worden war; und das in jedem -Falle, wie hoch und weit auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor -ihm schon durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen möge. -Ich denke, das ist sehr wichtig usw.« - -An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs »neues Wort« das -»Gutsbesitzer-Wort«[16], das allerdings bei Tolstoj unendlich -bedeutender zum Ausdruck komme. - -Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky an vielen Orten -gesagt, am feurigsten aber in seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen -grossen Puschkinrede. Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken: -»Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit, -»Allmensch« und nur dieser Allmensch vermag die Idee des lebendigen -Christentums in sich zu tragen und sie zu verbreiten.« - -Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky die unvollendete -Erzählung Puschkins »Der Mohr Peters des Grossen« und die »Novellen -Bjelkins«, zwei Werke, die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher -stellt, als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke. - -In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten Ausdruck der -russischen Eigenart, wie sie in Peter dem Grossen, »dessen -Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt ist,« ihren elementaren -Ausbruch findet. Jene Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle -Sprachen eigen zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen -Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es seine bessere -Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, sich schuldig zu bekennen, -alles dies, was ihn dem Europäer unverständlich macht, was dieser als -Unpersönlichkeit an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu jener -Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die Einigung der -Menschen herbeiführt -- im Gegensatz zu den immer komplizierteren -Trennungen der europäischen Nationen, die wohl nicht »in der Jeanne -d'Arc und den Kreuzzügen ihren Ursprung« haben dürften und auch nicht -durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift hiermit wieder -die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: Glauben oder Wissen, Gott -oder Ich, die er ja in allen seinen Werken in tiefsinnige Probleme -aufblättert. In einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit -seinem letzten Romane nichts anderes will, als »das Dasein Gottes -beweisen«. - -[Fußnote 16: Ein Ausspruch, den Dostojewsky _heute_, was Tolstoj -anlangt, sicher zurücknehmen würde.] - -Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, der dies synthetische -Wesen des Russen erkannt und in sich gerade aus seiner westlichen und -künstlerischen Kultur heraus verkörpert habe. »Die kolossale Bedeutung -Puschkins,« sagt er, »ersteht vor uns immer mehr und mehr ... Für alle -Russen ist er der vollendetste künstlerische Ausdruck dessen, was -eigentlich der russische Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und -wie namentlich das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt -Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation schon -früh reif geworden ist, und dass seine Früchte nicht faule, sondern -herrliche, goldene Früchte sind. Alles, was wir aus der Bekanntschaft -mit den Europäern über uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt -- -alles, worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben wir uns -erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten und harmonischsten -Weise in Puschkin geoffenbart. Wir haben aus ihm herausverstanden, dass -das russische Ideal All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit -ist usw.« - -Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage über, welche seit Jahren -die russischen Schriftsteller in streitende Parteien geschieden hatte, -nämlich dem Kampf der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die -Vertreter der reinen Kunst. - -Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. In zwei -prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen beweist er beiden -Teilen ihre Berechtigung, sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die -Blindheit, in der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der selbst -ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der Hand in den Mund -lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser Gattung verwerfen, selbst wenn -es, wie bei Schtschedrin, durchaus künstlerisch hingestellt ist, und -hält den Utilitaristen vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort -verlangen, wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter verlangt. Es sind -also die Menschen, welche Litteratur und Kunst treiben, nicht aber diese -für ihre Wirkungen verantwortlich zu machen. - -»Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist es immer gewesen -und, was die Hauptsache ist, wird es immer bleiben,« sagt Dostojewsky -da. »Die Gesellschaft leidet oft an schweren Übeln und greift nach den -Mitteln, die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr eine -Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat sie es geleistet, -so war es gewiss künstlerisch.« Braucht aber die Zeit noch Anthologien, -so möge sie nur noch danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die -Freiheit der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw. - -Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der »freien Eingebung« -aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit der Tendenz, -Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes, antikisierende oder -mittelalterliche Schrullen, wie auch Abwendung von der Gegenwart im -allgemeinen, Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn. - -Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky folgendes -drastische Beispiel an: - -»Versetzen wir uns,« sagt er da, »in das 18. Jahrhundert, gerade an den -Tag des Erdbebens von Lissabon. Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde, -Häuser stürzen ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der -Zurückbleibenden hat einen schweren Verlust erlitten -- entweder Hab und -Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute taumeln -verzweifelnd in den Strassen umher, durch das Entsetzen ihrer Sinne -beraubt. Zu dieser Zeit lebt in Lissabon irgend ein berühmter -portugiesischer Dichter. Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer -des Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure). Das Blatt, -das in einem solchen Augenblicke erscheint, erregt sogar einiges -Interesse in den Gemütern der unglücklichen Stadtbewohner, ungeachtet -dessen, dass sie nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen; -sie hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, welches -ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen, die spurlos zu Grunde -Gegangenen Nachricht zu geben usw. Da -- an irgend einer in die Augen -springenden Stelle -- erblicken sie etwas in folgender Art:[17] - - »Leises Flüstern, lindes Fächeln, - Nachtigallen-Trillersang, - Silberleuchten, träumend Wiegen - All den klaren Bach entlang, - Nächt'ge Helle, nächt'ge Schatten, - Unbegrenztes Dämmerlicht, - Zaub'risch wechselnde Bewegung - In der Liebsten Angesicht; - Rosenglut im Wolkenschleier, - Wiederschein wie Bernsteinlicht, - Küsse, Thränen, sanftes Feuer - Und -- Morgenröte, Morgenlicht!« - -[Fußnote 17: Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch -Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter lyrischer -Gedichte, worunter »Abende und Nächte« das bedeutendste ist, welchem -auch wohl die herangezogene Strophe entnommen ist. Seine Übersetzungen -des ganzen Horaz, Juvenal, des Faust, sollen meisterhaft sein. -Dostojewsky mochte ihn wegen eben dieser Abwendung von der brennenden -Frage der Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir -sehen hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn -»justifiziert«.] - -»Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons ihren Merkur -aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren Poeten würden sie öffentlich -auf dem Marktplatze justifizieren. Durchaus nicht darum, weil er ein -Gedicht ohne Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt -der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört hatte, und -das »Wiegen« des Baches in einem Augenblicke solchen Wiegens der ganzen -Stadt auftrat, dass die armen Leute nicht nur durchaus keine Lust -verspürten, die »Rosenglut im Wolkenschleier« oder das »Bernsteinlicht« -zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des Dichters allzu -beleidigend und unbrüderlich erscheinen musste, der in einem solchen -Augenblicke ihres Lebens so amüsante Dinge zu singen wusste. -- Bemerken -wir übrigens folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten -ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle so erzürnte -(sei's auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), konnte doch seiner -künstlerischen Vollendung nach herrlich sein. Ja noch mehr, den Dichter -haben sie hingerichtet, aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm -auf dem Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen -Verse im allgemeinen und der »Rosenglut« im besonderen. Es zeigt sich, -dass nicht die Kunst schuldig geworden ist an dem Tage des Erdbebens. -Das Gedicht, für das sie den Dichter justifizierten, hatte -möglicherweise als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern -sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen später -Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief und sich als ein -erquickender Tau auf die Seele der jungen Generation niedersenkte. -Folglich war nicht die Kunst schuldig, sondern der Dichter, welcher die -Kunst in einem Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an der -Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre -- -- das war -natürlich arg und ausserordentlich dumm seinerseits, aber immer war eben -er schuldig und nicht die Kunst ist es gewesen.« - -Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks sehr am Herzen -liegt, ja eigentlich sein Herzblatt ist, zeigt er uns auch auf andere -Weise als durch das auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung. -Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher Weise der -Mangel an Kunst der besten Idee schaden könne, und dass die hohe -künstlerische Vollendung, etwa der Iliade, auch nach Jahrtausenden -niemals die Wirkung versage. - -Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung holt er sich -ein sehr angesehenes Opfer, den bekannten und in jenen Tagen -vielbewunderten Kritiker N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere -Bogen seiner Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik. - -Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa den Leser in einen -Raum führen, wo gegenüberstehende Spiegel eine endlose Reihe von -Reflexen erzeugen. Wir halten uns aber an das, worauf es hier ankommt -- -das Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums zu fördern. - -Es handelt sich um die Erzählung »Mascha« der kleinrussischen -Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem Pseudonym Marko Wowtschók -zwei Bände Volkserzählungen im kleinrussischen und im grossrussischen -Dialekt geschrieben hat; Turgenjew hat die ersteren in das -Grossrussische übersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzählungen -hauptsächlich das so oft erörterte Verhältnis der Leibeigenen zu ihrer -Herrschaft. »Mascha« ist ein junges Bauernmädchen, das sich auf alle -Weise der ihr von der Gutsherrin auferlegten Arbeit widersetzt und nur -»frei« arbeiten will. Schon in ihrer frühesten Kindheit hat sie immer -nach den Gründen jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau nicht grüssen -wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt. Später hat sie allen -Vorstellungen ihrer Muhme, die sie und ihren Bruder als Waisen -aufgezogen hatte, immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht für uns -ein, wo ist unser Recht? Später will sie weder spinnen, noch im Garten -jäten, und als ihr die Herrin einmal selbst die Sichel in die Hand -drückt und sagt: »Da, schneide das Gras hier« -- schneidet sie sich -sofort in die Hand; die Gutsherrin, »die noch obendrein nicht von der -schlimmen Gattung, sondern liberal ist«, verbindet dem Mädchen die -blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche, das dieses aber zu Hause -sofort zornig von der Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube -wirft. Endlich geht das Mädchen nicht mehr am Tage aus der Hütte, damit -man ihrer »Krankheit« Glauben schenke -- wandert nur Nächte lang im -Hausgärtchen umher, isst nicht, spricht nicht und »schmilzt vor den -Augen der Muhme zusammen«. Da kommt eines Tages der Bruder heim und -verkündet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen gestattet habe, sich -freizukaufen. Das Mädchen stürzt sich mit einem Schrei dem Bruder zu -Füssen: »Kaufe uns los,« schreit sie, »verkaufe alles und kaufe uns los, -ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen!« Er verkauft alles, und -die Heroine ist gerettet. - -Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik ans Licht, welche ein -Kunstwerk darum preist, weil man darin ganz gescheit über -Selbstverständliches spreche, während es doch nichts unwahreres, -puppenhafteres und weniger russisches geben könne, als dieses -Bauernmädchen, das da über Freiheit und Menschenrechte deklamiere und -»unbewusst heroisch« werde. Der Dichter greift nun diese unkünstlerische -Art der polemischen Litteratur -- »womit Ihr Euch nur selbst schadet, -meine Herren« -- auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen -Nutzen eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er dem Autor -(man wusste damals offenbar noch nicht, dass dies eine Frau sei) und dem -Kritiker zuspricht, die unsterbliche Wirkung der Antike entgegen. - -Hier kehrt Dostojewsky zu seinem früheren Ausspruch zurück, den er als -Argument der Künstler gegen die Utilitaristen ins Feld geführt hatte. -»In der That,« heisst es da, »wenn man auch die Kunst nur von einem -Standpunkte, dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja der -normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst der Menschheit -gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es wäre schwer, die ganze Masse -von Nutzen zu berechnen, welche z. B. die Ilias oder der Apollo von -Belvedere der Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge, die -unserer Zeit offenbar durchaus nicht nötig sind. Seht, es hätte z. B. -irgend einer, als er noch ein Jüngling war, in jenen Tagen, da noch »des -Daseins Bilder frisch und neu«, einmal den Apollo von Belvedere -angesehen, und das erhabene und unendlich schöne Bild des Gottes hätte -sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprägt. Dies scheint ein leeres -Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an der Statue erfreut und ist -darauf fortgegangen. Allein dieses Sicherfreuen hat ja keine Ähnlichkeit -mit der Bewunderung z. B. einer schönen Damentoilette! »Dieser Marmor -ist ja ein Gott« -- Ihr möget so viel Ihr wollt die Nase rümpfen, seine -Gottheit nehmt Ihr ihm nicht. Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch -ist nichts dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck, den -der Jüngling empfing, ein heisser, einer, der die Nerven erschütterte, -der die Haut kalt überrieselte; ja -- wer weiss es denn! vielleicht geht -im Menschen bei solchem Empfinden einer hohen Schönheit, bei solcher -Nervenerschütterung irgend eine innere Veränderung, irgend ein Umsatz -der Moleküle, irgend eine galvanische Strömung vor sich, welche in einer -Sekunde das Vorhandene zu einem anderen, ein Stück Eisen zum Magnete -macht. Es giebt freilich eine grosse Menge von Eindrücken auf der Welt, -allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht wohl nicht -spurlos vorüber. Nicht vergebens bleiben denn auch solche Eindrücke fürs -Leben. Und, wer weiss: als dieser Jüngling etwa zwanzig, dreissig Jahre -nachher, bei irgend einem grossen Ereignisse des öffentlichen Lebens, -sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen und nicht nach -der anderen Richtung hervorthat, kann es leicht sein, dass in der Masse -der Ursachen, welche ihn veranlassten, so und nicht anders zu handeln, -ihm ganz unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig Jahre -vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen hatte usw.« - -Die weiteren Aufsätze in der »Wremja« enthalten, wie gesagt, schon -deutlicher die ersten Anklänge jenes Glaubensbekenntnisses, das -Dostojewsky sein Leben lang erfüllte und das, wie wir wissen, in der -Puschkin-Rede seinen scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand. - -Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brüder so leicht und -so amüsant als möglich zu gestalten. Es lag ihnen, wie Strachow -erläutert, damals ganz besonders daran, ihren national-politischen -Überzeugungen, welche sich damals noch vom reinen Slavophilentum -abtrennten, so rasch als möglich einen grossen Leserkreis zu -verschaffen, um allen etwaigen Missverständnissen in dieser Richtung von -vornherein entgegenzutreten oder da, wo sich noch keine Meinung gebildet -hatte, die ihrige einzusetzen. Einen breiten Boden aber konnten sie nur -gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die weitesten -Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane lesenden Publikums -machten und Erzählungen brachten, wie: »Johann Casanovas Flucht aus den -Bleidächern Venedigs«, »Der Prozess Lassenare« usw. Einer ihrer -bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich namentlich durch -die Schärfe und Tiefe seiner kritischen Studien einen Namen gemacht -hatte, der aber nur von wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit -dieser Führung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch Theodor -Michailowitsch Feuilleton-Romane für die »Wremja« schrieb, dem -Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er lasse den Bruder wie ein -Postpferd für das Blatt arbeiten, was diesen sicherlich an seiner -Gesundheit und an seinem Talent schädigen müsse. - -Einige Jahre später, im Jahre 1864, nimmt Theodor M. Dostojewsky diesen -Streit auf und veröffentlicht in der später gegründeten »Epoche« eine -Entkräftung dieser Anschuldigung, die wir hier vorbringen: - -»Erstens können die (angeführten) Worte Grigorjews auf keine Weise als -Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt werden, welcher mich liebte, mich -als Schriftsteller nur allzu parteiisch hochschätzte und sich über mir -gewordene Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser -edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd in seinem -Journal zu verwenden. Offenbar handelt es sich in diesem Briefe -Grigorjews um meinen Roman »Erniedrigte und Beleidigte«, welcher damals -im »Wremja« gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben -habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich allein, ich ganz allein -daran schuld. So habe ich mein ganzes Leben lang geschrieben, so -- habe -ich alles geschrieben, was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme -der Erzählung »Arme Leute« und einiger Kapitel der »Memoiren aus einem -Totenhause«.« (Wir müssen hier den »Kleinen Held« anfügen, von dem wir -ja wissen, dass er in der Petersburger Festungshaft _vor_ dem -Todesurteil geschrieben wurde und aus diesem Umstand so »unschuldig« -ausfiel.) »Es hat sich in meinem litterarischen Leben sehr oft ereignet, -dass der Anfang eines Kapitels von einem Roman oder einer Erzählung -schon in der Druckerei und schon gesetzt war, während das Ende desselben -noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis morgen geschrieben sein -musste. Gewohnt so zu arbeiten, that ich das Gleiche mit den -»Erniedrigten und Beleidigten«, allein durchaus ohne von irgend jemand -dazu gedrängt worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegründete -Zeitschrift, deren Erfolg mir über alles teuer war, brauchte einen -Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an. Ich selbst -versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan dazu schon lange in mir -fertig sei (was nicht der Fall war), dass es mir leicht sein werde, zu -schreiben, der erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht -um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen ein, dass in -meinem Roman viele Gliederpuppen statt Menschen vorkommen[18], dass -wandelnde Bücher[18] finden sind und nicht Personen, welchen -künstlerische Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und -Ausprägung der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind). Zur -Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer nicht, -ahnte es höchstens. Allein, was ich wirklich wusste, als ich zu -schreiben anfing, war dies: 1. dass, wenn der Roman auch nicht gelingt, -er Poesie haben würde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen -darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere darin -vollkommen wahr und sogar künstlerisch dargestellt sein werden. Mit -dieser Überzeugung begnügte ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage, -allein es sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich -stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass ich mein -ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich gebe zu, dass dies sehr -schlecht ist aber ... Der Leser möge mir diese schöne Rede über mich -selbst und meine »hohe Begabung« verzeihen, sei es nur mit Rücksicht -darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst über meine Werke -etwas gesagt habe[19].« - -[Fußnote 18: Anführung von Grigorjews Ausdrücken.] - -[Fußnote 19: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allerdings eines -der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen will, vor -allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand gehalten und sicher -durchgeführt ist. Diese Natascha, welche zuerst den Erzählenden, Iwan -Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, liebt und dann aus dem -Elternhause zu dem Sohn des Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast -schwachsinnigen Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht -liebt, dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später -aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern hin und -her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren und doch in -die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, -- sie alle _wollen_ -offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind nicht wirkliche -Beleidigte -- denn: ein kleiner Druck am Räderwerk des Ganzen, eine -logische und vernünftige Schlussfolgerung, ein energisches Halt, und sie -sind es nicht und alles wäre anders. - -Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige und Unwürdige -der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz besonders übel genommen. -Ein Mann, der den Liebesroman seiner Braut mit einem Andern schildert, -der darin als helfender Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte -verrät, wie ihm dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche -Figur erscheinen, ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die -Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den äusseren -Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, in der Entsagung -Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; dass ferner dieses bei Hinz -und Kunz sicher unwürdige, mindestens befremdliche Vorgehen bei dem eben -aus dem Totenhause befreiten, durch das Evangelium und die dort -gewonnene Volksdemut zu »seiner Wahrheit« durchgedrungenen Dichter eine -viel kompliziertere und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass -gerade dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den -Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch nur -anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch gestaltet -werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat dennoch Recht, wenn er -sagt, dass dieser Roman »zwei, drei Stellen enthält, die warm und -kraftvoll sind, und ein halbes Hundert Seiten, auf die er stolz sei«.] - -In der weiteren Ausführung der Differenzen der »Wremja« mit ihrem -Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt Dostojewsky: »Drittens ist es -vollkommen wahr, dass sich in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres -Bestandes Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen -- nicht in der -Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit. Auch in manchen -Überzeugungen hat es Irrtümer gegeben. Allein die Richtung konnte sich -nur mit den Jahren formulieren. Eine Richtung haben und sie klar und für -alle verständlich formulieren können -- ist zweierlei. Das letztere -erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit, das Leben, und es steht in -direkter Beziehung zur Entwickelung der Gesellschaft selbst. Eine -abstrakte Formel ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat, -der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige Formeln, -die man der Routine entlehnt, namentlich solche älteren Datums, d. h. -wenn schon alle einen gewissen Begriff von ihnen haben, gelingen weit -besser, gefallen der Gesellschaft weit mehr, als Überzeugungen, die ihr -noch nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verständlich, die -schon viel herumgetragen wurden. Wir sind aufrichtig bereit, unsere -früheren Irrtümer einzugestehen, allein wir haben sie ja damals selbst -nicht zu sehen vermocht, gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach -unserer festen Überzeugung handelten.« - -An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt der Dichter: »Ich -will noch eine letzte allgemeine Bemerkung machen. Von jenen prächtigen, -historischen Briefen (11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen -auch nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in welchen -sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollständig einer der -russischen Hamlets unserer Zeit (ein wirklicher Hamlet) zeichnet -- von -diesen herrlichen Briefen sage ich, kann auch heute nicht alles ohne -Vorbehalt von der Redaktion der »Epoche« (die nach dem Auseinanderfallen -der »Wremja« von Dostojewsky gegründete Monatsschrift, welche von Anfang -1864 bis incl. Februar 1865 bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel, -jeder litterarische Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies ist, -scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen für einen wirklichen -Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener und ein leidenschaftlicher -Dichter, aber er war auch launenhaft und heftig wie ein -leidenschaftlicher Dichter -- -- -- Grigorjew war, wenn auch ein -wirklicher Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet beginnt, und -bei unseren modernen russischen Hamlets und Hamletchen aufhört, einer -jener Hamlets, welche weniger doppellebig sind, als die übrigen, und -auch weniger reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch, in -vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwüchsiger und knorriger Mensch. -Er war vielleicht, als Natur (nicht als Ideal genommen, das versteht -sich von selbst), der russischeste Mensch unter allen seinen -Zeitgenossen. Daher kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch -in einer allgemeinen Sache in so hohem Grade für organisch und -unvermeidlich für die ganze Sache, von ihr für so untrennbar hielt, dass -die geringste Nichtbeachtung dieses Ausbruches ihm manchmal schon als -ein Zusammenbrechen der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im -Leben weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand, ebenso -bequem, wie jeder »Held unserer Tage«, mit der einen Hälfte seines -Wesens sich zu grämen und zu quälen, mit der anderen Hälfte aber den -Gram und die Qual der ersten Hälfte zu beobachten, zu erkennen und zu -beschreiben, manchmal sogar in wunderschönen Versen mit -Selbstvergötterung und einer gewissen Feinschmeckerei, so wurde er ganz -und gar, durch und durch -- in seinem ganzen Menschen, wenn ich so sagen -darf -- von seinem Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine -Briefe geschrieben. - -»Ich bin Kritiker und nicht Publizist«, hat er mir mehrere Male, sogar -kurze Zeit vor seinem Tode, als Antwort auf meine Bemerkungen, selbst -gesagt. Allein jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne, -als es die Pflicht eines jeden Kritikers ist -- nicht nur feste -Überzeugungen zu haben, sondern sie auch ausführen zu können. Dieses -Vermögen aber, seine Überzeugungen auszuführen, ist die wesentlichste -Eigenheit jedes Publizisten. - -Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der Welt ruhig hätte -verbleiben können; wenn er aber sein eigenes Journal gehabt hätte, so -würde er es selbst fünf Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet -haben usw.« - -Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie uns scheint, von einer -Seite, welche der Leser seiner belletristischen Werke, sowie der Kenner -seiner eigenen Lebensführung nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die, -wenn auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist wohl nicht -die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung Grigorjews bekundet, -die wir ja an ihm, dem »Realisten des Innern« kennen, was uns hier -frappiert, sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die Führung -einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit welchem die Thätigkeit -der Publizistik von Dostojewsky selbst, sowie von seiner Zeit und -Umgebung betrachtet wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl -seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche Fülle von -Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen von eines -Menschen innerster Wahrhaftigkeit. Wir begreifen danach sein Axiom: »ein -Journal ist eine grosse Sache«. -- Allein diese Anschauung und ihre -Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz nicht nur zu -Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den Slavophilen, welche sich um -Aksakow gruppierten, sowie zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst -nahmen und, durch die landläufige, journalistische Behandlung ernster -Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, »von der Hand in den -Mund-Leben« Dostojewskys weder für ihn noch für die gute Sache ein Heil -finden konnten. Sie vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es -sich hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu für den -Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, ein solches Publikum nicht -aus den Augen und aus der Hand zu lassen und ihm immer wieder seine -Ration Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky -immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es nicht anders sein, als -dass auch er sich etwas von der journalistisch gangbaren Litteratur -abwandte, nachdem er sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861 -energisch mit folgenden Sätzen vertreten: »Man liest einen oder den -anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich zum Schluss, -dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt und auf uns schaut, wie -auf ein fremdes Geschlecht, als wäret Ihr aus dem Monde zu uns herunter -gekommen, als lebtet Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der -gleichen Zeit, nicht das nämliche Leben! -- Es ist, als machtet Ihr mit -jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen unter dem Mikroskop an! Aber -das ist ja Eure eigene, Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn -so von oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr seid ja -selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!« - -Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs gleichfalls vornehm -vom Journalismus fernehielt, hatte Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow -erzählt uns darüber folgendes: »Ich trat erst später in die -belletristische Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem -wissenschaftlichen Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit -scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen Hochmut -entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei zu entgehen -und bemühte mich, meine Artikel vollkommen auszuarbeiten. Diese -Bestrebungen riefen gewöhnlich Theodor Michailowitschs Spott hervor: -»Sie sorgen immer für eine >Vollständige Ausgabe< Ihrer Werke« -- sagte -er. -- »Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe erscheinen«, -antwortete ich. Allein ich wurde bald in die Litteratur hineingezogen -und begann ihre Interessen mit grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.« --- »Wie immer dies nun sein möge«, fährt N. Strachow weiter fort, »das -Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist bekannt. Am -Ende seiner Laufbahn, als er sich schon als vollständiger Slavophile -bekannte, war er imstande, sich über unsere Intelligenz und ihre -Bestrebungen fast mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als -die gewesen, die ihn in den Blättern des »Denj« (Tag) so sehr beleidigt -hatte. Was aber seine Vorliebe für die feuilletonistische Form der -Zeitschriften betrifft, so ist sie bei ihm niemals ganz verschwunden. Er -zwang sich sogar manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein -Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den Jahren jedoch -wurde seine Art zu schreiben immer strenger; ja, auch früher schon -konnte man in seinen Feuilletons nicht wenige Seiten finden, welche eine -künstlerische Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die -Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.« - -Wir begegnen also hier abermals einer von jenen Wandlungen tieferer -Natur, welche so oft im Leben Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern -verurteilt, von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt -werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung nicht zutreffend, die -Beschönigung überflüssig. Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es -zu oberflächlich ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt einer -ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz des Ausgangspunktes -hinzustellen. Die Beschönigung aber ist überflüssig, weil Dostojewskys -Wandlungen und Wendungen nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt -werden dürfen, die man gemeinhin »Festigkeit«, »Charakter« nennt. Was -ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen um ein unsichtbares -Zentrum zu durchlaufen, war jene Kraft, die jedes Urphänomen in sich -trägt und die meist erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern -und Moralisten rückblickend begriffen wird. -- Dostojewskys Lebensweise -entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, und es wäre schwer zu -sagen, welche von der anderen bedingt war. »Dostojewsky schrieb fast -ausschliesslich bei Nacht«, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine -Witwe. »Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben hatte, blieb er -allein mit seinem Samovar, und während er einen kühlen, nicht -allzustarken Thee schlürfte, schrieb er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er -stand um 2, auch 3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem -Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei Freunden.« - -Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich ein sehr unangenehmer. -Er schildert in dem Roman »Erniedrigte und Beleidigte« seinen eigenen -Zustand, wenn er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: »Es ist -mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir herumzutragen, darüber -nachzusinnen, wie ich sie schreiben werde, als sie in der That -niederzuschreiben, und doch war es nicht Faulheit. Was war es also?« - -Strachow antwortet darauf sehr richtig: »Es war die Überfülle geistigen -Schaffens, die in ihm brodelte, für die das Niederschreiben eine -Unterbrechung war«. »Dennoch phantasierte Theodor Michailowitsch oft -davon« -- schliesst Strachow -- »was für wunderschöne Dinge er -ausarbeiten könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens waren, -wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner Werke in einem Zug ohne -Umarbeitung entstanden -- allerdings als Folge innerlich schon -ausgetragener Ideen.« - -Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell und -materiell anspannenden Doppelthätigkeit des Schriftstellers und -Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen Redakteurs andererseits, -muss man sich den Dichter einer Krankheit unterworfen denken, die sich -durch die Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens nur -steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige -Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess. Über die Art, wie -seine Krankheit auftrat, hat er uns im »Idiot« eine genaue Schilderung -gegeben. Sie ist sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was -wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem epileptischen Anfalle -gehört oder gesehen haben. Strachow erzählt uns als Augenzeuge eines -solchen Anfalles darüber Folgendes: - -»Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr einmal im Monat --- das war der gewöhnliche Verlauf. Allein manchmal, obwohl sehr selten, -waren sie häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche vor. Im -Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber auch infolge des -günstigeren Klimas, kam es vor, dass vier Monate ohne einen Anfall -vergingen. Er hatte immer ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies -indessen auch täuschen. Im Roman »Der Idiot« ist eine ausführliche -Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in solchem Falle -durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal Zeuge, wie ein Anfall -gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch überraschte. Es war -wahrscheinlich im Jahre 1863, gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11 -Uhr abends, zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch. Ich -kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber ich weiss, dass es -ein sehr wichtiges und abstraktes Thema war. Theodor Michailowitsch ging -in gehobener Stimmung in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische. -Er sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich seinem Gedanken -mit einer Bemerkung zustimmte, wendete er mir sein begeistertes Gesicht -zu, worin sich zeigte, dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht -hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für seine -Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit gespannter -Aufmerksamkeit an, im Gefühle, dass er etwas Aussergewöhnliches sagen, -dass ich eine Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem -Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, und er sank -bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. Der Anfall war diesmal nicht -stark. Der ganze Körper streckte sich nur krampfhaft aus und in den -Mundwinkeln zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er zu sich, -und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es nicht weit dahin war. -Oft hatte mir Theodor Michailowitsch erzählt, dass er vor den Anfällen -Minuten eines entzückten Zustandes habe. »Für einige Augenblicke« -- -sagt er -- »empfinde ich ein solches Glück, wie es in einem gewöhnlichen -Zustande nicht möglich ist und wovon andere keine Vorstellung haben -können. Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und -dieses Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige Sekunden -solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja meinetwegen das ganze -Leben hingeben könnte.[20]« - -[Fußnote 20: Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen, welche -der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiz im Jahre 1885 unter dem Titel -»Dostojewsky als Psychopathologe« in Moskau publizierte. Es ist für uns -sehr wichtig, gerade aus dem Munde eines bedeutenden Fachmannes eine -Belehrung darüber zu empfangen, wie sehr Dostojewskys Lucidität -in pathologischen Dingen einerseits durch seine eigenen -Krankheits-Erscheinungen erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle -seiner psychologischen Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und -Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst. -Nachdem Tschiz den Beweis erbracht hat, dass Dostojewsky in den 25 -pathologischen Wesen, welche in seinen Romanen vorkommen, die -mannichfaltigsten Nuancen mit der feinsten Beobachtung ausgestattet und -nirgends einen Strich verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und -Epileptiker vom Dichter als einem »Kompetenten« behandelt werden, fügt -er folgendes hinzu: »Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit ihm vieles -über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und vieles konnte er -aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist es heute dem Arzt, schon -aus Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinen Leiden, nicht -gestattet, vieles darüber zu sagen. Hier aber trifft ganz besonders zu, -was Dostojewsky selbst sagte: »Nicht auf den Gegenstand kommt es an, -sondern auf das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der -Gegenstand. Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner -Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige Sache, -was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine Wolke«.« - -Diese letzte Anführung Tschiz' erhält ihre Bekräftigung an jener Stelle, -wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows definierend, das -Axiom von »Genie und Wahnsinn« mit folgenden Worten widerlegt: »Der -bekannte Satz, dass Genie und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch -nicht mehr als ein Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer -Mensch psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein -Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte Gegensatz des -Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände tiefer, von viel mehr -Seiten als der gewöhnliche Verstand; der psychisch Kranke sieht entweder -weniger als der Gesunde oder er kann im besten Falle etwas nur einseitig --- und darum eben falsch -- begreifen«. - -Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen, als diese -Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky selbst anzuwenden, so -klar ihm auch das Krankheitsbild des Dichters vor Augen steht. Zur Zeit, -da diese Studie geschrieben wurde und die Mitwelt noch unter dem -Eindrucke von Dostojewskys Genius stand, würde es weder einem Laien noch -einem Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie -mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. Heute aber -und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung allmählich Platz -gegriffen hat, dass Dostojewskys Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner -Krankhaftigkeit zu erklären seien, heute kann man es nicht genug -betonen, wie irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der -Wissenschaft betrachtet, in nichts zerrinnt.] - -Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die, dass er manchmal -zufällig beim Fallen heftig an etwas stiess. Selten zeigte sich Röte im -Gesicht, manchmal Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke das -Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach vollkommen -zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung war dann auch eine sehr -gedrückte; er konnte seiner Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden. -Der Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten darin, dass er -sich als ein Verbrecher fühlte; es schien ihm, als drücke ihn eine -unbekannte Schuld, eine grosse Missethat nieder.« - -Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände zu überwinden, und -trotz des geschwächten Gedächtnisses in wenigen Nächten zwei bis drei -Druckbogen fertig zu stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft -bedürfte, so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der Dichter nun, -seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der Erfassung und -Beleuchtung der brennenden Tagesfragen entfaltete. - -Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von 1861 bis 1881, seinem -Todesjahre, redigierten Zeitschriften folgen: die »Wremja« wurde, wie -oben gesagt, im Jahre 1861 gegründet und erschien vom Januar dieses -Jahres bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflösung dieses -Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen kommen. In dieser -Monatsschrift erschienen, wie schon erwähnt, als Feuilleton-Roman »Die -Erniedrigten und Beleidigten«, ferner eine Reihe von Artikeln über -Kunst, wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864 wurde die -Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankündigung, die wir weiter unten zu -bringen uns ebenfalls nicht versagen können. Diese Monatsschrift -erschien auch nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen -1865 und 1872 fällt ein langer Aufenthalt in Deutschland und Italien, -der Tod des Bruders, Schuldenlast, böse Zeiten überhaupt, über die uns -manche seiner Briefe betrübenden Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich -übernimmt Dostojewsky die Redaktion des vom Fürsten Meschtschersky -gegründeten »Grashdanin«, dessen Feuilleton er zumeist selbst unter dem -Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« besorgt. Später, im Jahre 1876, -gründet er neben dem Grashdanin eine selbständige Monatsschrift unter -dem gleichen Titel »Tagebuch eines Schriftstellers«, die zwei volle -Jahrgänge 1876 und 1877 durchlaufen hat, wovon aber, offenbar aus Mangel -an Subskribenten und Geld, später nur im August 1880 und im Januar 1881 -unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien. In der -Gesamtausgabe seiner Werke sind die Aufsätze aus dem Grashdanin vom -Jahre 1873, sowie die Jahrgänge von 1876 und 1877 in drei Bänden -erschienen, wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren 1880 -und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der neuen Monatsschrift -scheint gleich anfangs ein sehr grosser gewesen zu sein. Sie hatte im -ersten Jahre 2300, im zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg -dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche Kräfte wie -Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser Grigorjew, Strachow und den -Brüdern Dostojewsky an der Arbeit teilnahmen. - -Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der Belletristik geruht zu -haben und Theodor Michailowitschs Bestrebungen im eigentlichen Bereich -seiner volklich-religiösen Mission entweder nicht genug betont, oder vom -Publikum nicht genug herausgefühlt und von den Slavophilen reinsten -Wassers nicht anerkannt worden zu sein; sonst hätte unmöglich jenes -Missverständnis entstehen können, das schliesslich zum Verbot der -Monatsschrift und zu jenen Streitschriften führte, als deren eine ein -Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im weiteren Verlauf -unserer Aufzeichnungen Platz zu finden. Die ganze Sache, welche so -wichtige Folgen für das Blatt und die Verhältnisse der Brüder -Dostojewsky haben sollte, entstand durch einen Artikel N. Strachows über -den polnischen Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir müssen hier -einiges über die ehrliche und freundschaftliche Beziehung -vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow verband und später das -volle Eintreten des Dichters für Strachows Arbeit zur Folge hatte, -trotzdem er gleich anfangs eine gewisse litterarische Unzufriedenheit -über dessen Abstraktheit und Unverständlichkeit dem Autor gegenüber -angedeutet hatte. Was Strachow über ihre Beziehungen sagt ist -bezeichnend: »Unsere damalige Freundschaft« -- sagt er (Materialien p. -224) -- »war, obwohl sie vornehmlich einen intellektuellen Charakter -hatte, damals doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der Menschen -hängt von ihrer beiderseitigen Natur ab und überschreitet auch bei den -günstigsten Bedingungen nicht ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht -gleichsam eine Kreislinie um sich herum, über die hinweg er niemanden -zulässt, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann. So fand unsere -Annäherung ein Hindernis in unseren beiderseitigen seelischen -Eigenschaften, wobei ich mir durchaus nicht den geringsten Teil dieses -Hindernisses zusprechen will. Über Theodor Michailowitsch kamen manchmal -Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er argwöhnisch: »Strachow hat -niemand, mit dem er reden könnte, darum hält er sich an mich.« Diese -vorübergehenden Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf -unser gegenseitiges Verhältnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch -einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich, wieder zur Besinnung -gekommen, in einem unerträglichen seelischen Zustande. Alles reizte und -schreckte ihn, und er litt unter der Gegenwart der allernächsten -Freunde. Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu -schicken -- in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter, und so er erholte -sich nach und nach.« »Indem ich mich daran erinnere« -- fährt Strachow -fort -- »so erneuere ich in meinem Gedächtnisse einige meiner besten -Empfindungen und denke, dass ich damals ein besserer Mensch war, als -heute.« - -Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt annahmen, welche dem -Blatte ein jähes Ende bereiten sollten, konnte Theodor Michailowitsch, -dem die Ärzte eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das -Redaktions-Bureau für einige Zeit verlassen. So finden wir ihn auf einem -Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris, Köln, Düsseldorf, Mainz, -Basel und Genf, wo er mit Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie -gemeinsam nach Luzern, dann über den Mont-Cenis nach Turin und Genua, wo -sie sich nach Livorno einschifften, um dann mittels Eisenbahn nach -Florenz zu gelangen. Spuren dieser ersten Reise finden wir nur in einem -Briefe an Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung für das -Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen, ferner in -den Aufzeichnungen Strachows und in einem Aufsatze des Dichters, worin -er seiner Galle über Paris und die Franzosen Luft macht und der unter -dem Titel: »Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke« im -dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten ist. In jenem Briefe drückt -sich der Dichter, er, dessen Kenntnis europäischer Litteratur fast -ausschliesslich aus französischen Quellen geschöpft war, der begeisterte -Verehrer Balzacs und Jünger der George Sand, über die Franzosen in -natura folgendermassen aus: »Der Franzose ist still, ehrenhaft, höflich, -aber falsch; und das Geld ist bei ihm alles.« (In gallig-humoristischer -Weise finden wir diese Beobachtung im oben erwähnten Aufsatz illustriert -und müssen dabei der Romane Balzacs, dieses umfassenden Genies und -tiefen Menschenkenners denken, wo die Tugend zuletzt doch zu ihren -40-50000 Frs. Rente kommt.) »Ideale keine. Nicht nur Überzeugungen, -sondern Überlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau der -allgemeinen Bildung ist äusserst niedrig. (Ich spreche hier nicht von -den beeideten Gelehrten. Aber auch diese sind nicht zahlreich, und -übrigens ist dann Gelehrtheit auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt -sind, dieses Wort zu verstehen?)« -- Weiter fährt er fort: »Noch eins, -mein Täubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier die Seele von -Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, beängstigendes Gefühl.« -- -»Freilich -- fährt er fort -- war mir im Auslande bis heute alles -ungünstig; schlechtes Wetter und das, dass ich noch immer im Norden -Europas herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den Rhein -gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist wirklich ein Wunder!) Was -dann weiter sein wird, wenn ich von den Alpen in die Ebene Italiens -niedersteige? -- Ach! wären wir doch beisammen! Wir sehen Neapel, -spazieren in Rom herum -- liebkosen gar eine junge Venetianerin in der -Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?). Aber .... »nichts, nichts und -Schweigen«, wie im gleichen Fall Poprischtschin sagt.« - -Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt, welcher er sich von Genf -aus angeschlossen, ist nicht sehr viel. Er erwähnt Dostojewskys -Zusammenkunft mit Herzen in London, worüber der Dichter selbst im -Feuilleton des Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser -habe sich Herzen gegenüber sehr »weich« verhalten, so dass die -»winterlichen Betrachtungen« ein wenig unter dem Zeichen dieses -Einflusses ständen. Später aber, in den folgenden Jahren, habe -Dostojewsky oft seinen Unwillen darüber geäussert, dass Herzen nicht -imstande sei, den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die -Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. »Der Aufklärungshochmut, -die verachtende Geringschätzung Herzens empörten Dostojewsky, der sie -sogar in Gribojedow, dem Verfasser des Stückes: »Wehe dem Gescheidten«, -gerade so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen -Denunzianten.« Was Strachow über ihr Zusammensein in Italien erzählt, -bestätigt nur, was wir aus des Dichters späteren Dresdener Briefen -erfahren, nämlich, dass er nicht nur die gewöhnliche, »offizielle Art, -verschiedene merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, -verachtete,« sondern sich überhaupt weder um die Natur noch um die -Kunstschätze eines Ortes kümmerte, sondern immer nur dahin ging, wo es -am lebhaftesten war und möglichst viele Menschen aller Kategorien und -Klassen zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die Uffizien -gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten Plan vorgingen, -der sie schnell zu den Meisterwerken geführt hätte, so war Theodor -Michailowitsch schon sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort -gingen, ohne bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren -ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und ihrer Umgebung, -obwohl sie auch hier nicht bis zu den Cascinen kamen, sehr erfreulich, -sowie ihre Nachtgespräche bei einem Glase roten Nostranos. - -Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow anfangs des Jahres -1863 im »Wremja« veröffentlichte, erschien unter dem Titel »Eine -verhängnisvolle Frage« und behandelte den polnischen Aufstand, ein -Ereignis, über welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme -jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt war, ohne dass -irgend ein Blatt noch das Wort darüber ergriffen hätte. Es waren -allerdings schon vor dem Aufstande Stimmen darüber laut geworden, dass -Russland Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und es -wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu geben. Allein seit -Beginn des Aufstandes schwieg Alles. In diese Spannung hinein kam -Strachows Artikel, der unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass -er von allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden -ihn als einen Abfall von der russischen Sache des Volkes; die Regierung -in ihrem Fühlorgan der Zensur sah eine Parteinahme für die Polen gegen -die Obrigkeit darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass die -Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den Ihren zählten, den -Artikel abdruckten, sowie ihn auch die Revue des deux mondes brachte: -das Missverständnis lag darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen -hervorhob, die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen -und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur eine ewig edelmännische, -volksfeindliche gewesen sei und es bleiben werde und müsse, hatte der -Autor so theoretisch und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es -verstanden, den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, der darin -lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer unüberbrückbar zwischen -diesem Volke ritterlicher Vergangenheit und jenem gähnt, dessen ganze -Entwickelung auf den Elementen des Volkslebens sich langsam aufbaut. - -In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow unter anderem: »Der -polnische Aristokratismus ist an und für sich sowohl, als auch im -Verhältnis zu den russischen Provinzen für jeden Russen etwas -Widerwärtiges. Ja, er ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde -gerichtet hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus entwickelt und -erhält sich noch heute durch eine alte Aneignung europäischer Kultur. -Daraus geht hervor, dass das Böse auch in einer so guten Sache enthalten -sein kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal besser ist, in -der Kultur zurückzubleiben, aber seine seelische Gesundheit zu bewahren -und nicht in jenen hoffnungslosen Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen -zu geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem Sinne hatte -ich meinen Artikel »Eine verhängnisvolle Frage« betitelt. Ich war bereit -gradaus zu sagen, dass für die Polen keine Rettung mehr möglich sei, -dass die Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe. - -Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar ausgedrückt, es -stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen und wurde verkehrt -aufgefasst.« - -Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr zufrieden gewesen, -was Strachow anfangs verletzte. Als aber in der Folge das Blatt von -allen Seiten angefeindet und endlich auch durch die Zensur verboten -wurde, da war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr -persönlichen Replik gegen die »Moskauer Wjedomosti« dafür eintrat. Er -sagte unter anderem: »Ja, was haben wir denn die ganzen drei Jahre her -in unserer Zeitschrift gepredigt? Eben dies, dass unsere (heutige -russische) von Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie -mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, dem russischen -Volke nicht passt; dass dies heisst, einen Erwachsenen in ein -Kindergewand zwängen, endlich, dass wir unsere Elemente, unsere -Grundlagen, unsere nationalen Grundlagen haben, welche Selbständigkeit -und Selbstentwickelung verlangen; dass die russische Erde ihr neues Wort -sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal das neue Wort der -allgemein menschlichen Zivilisation sein und die Zivilisation der ganzen -slavischen Welt in sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen -unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale der Scholle -sehen können, während in jener Europas die Merkmale des Aristokratismus -und Exklusivismus zu sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir, -d. h. alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von unserem -Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren haben, so sehr, -dass wir an unsere eigene russische Kraft, an unsere Eigenart nicht -glauben und uns wie Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub -niederwerfen, über das Wort »nationale Grundlagen« lachen und es als -einen Rückschritt, einen Mystizismus betrachten.« »So haben wir denn in -unserem Artikel auf das hingewiesen -- was Sie (der Gegner) auch im -Traum nicht wagen würden -- auf das, was auch der Kaiser Alexander der -Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher eben aus Achtung für die -polnische Zivilisation den Polen höhere Einrichtungen gab, als den -Russen, die er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als jene -...« - -Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen und Bestrebungen -vollkommen entsprechend, jedoch, wie es scheint, war er blind für das, -was das Blatt _thatsächlich_ an politisch-nationaler Mission in diesen -drei Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst sagt, der -belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher gewesen, als -der politische, der eigentlich noch nicht in dem Fahrwasser gewesen sein -muss, wie wir es bei den später von Dostojewsky redigierten -Zeitschriften sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt, -den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow machte und -welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: Aksakow schreibt 6. Juli 1863: -»... Sie berufen sich vergebens auf die »Richtung« der »Wremja«. -Obgleich sie fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe, -hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die Bedeutung eines -guten belletristischen Journals gehabt, das reiner und ehrenhafter war -als andere, aber ihre Prätensionen waren allen lächerlich. Dort konnten -gute Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., allein dies -alles hat der »Wremja« keinerlei Farbe, keinerlei Kraft gegeben. Es -gebrach ihr an höheren sittlichen Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit -höherer Ordnung. Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm -auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das in der -russischen Litteratur die Existenz eines russischen Volkstums entdeckt -und proklamiert habe! Es giebt keinen so grossen Feind des -Slavophilentums, den dies nicht empören würde. Und dann die naive -Verkündigung, dass das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der -Weg zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der »Wremja« zu finden sei! Die -Slavophilen können alle, bis auf den letzten, sterben, dennoch wird die -von ihnen eingeschlagene Richtung nicht zu Grunde gehen -- und damit -verstehe ich diese Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit, -nicht für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums -zugerichtet. -- Dieses Buhlen um die Gunst des Publikums, dieser Wunsch, -den Unseren und den Eueren zu dienen, dieses Von-oben-herab- und -verächtliche Traktieren der Slavophilen im ersten Programm der »Wremja«, -das ist's, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung zu Falle -gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie wissen, _nirgends_, nicht -mit einem einzigen Worte an die »Wremja« gerührt haben, weil unsere -Überzeugungen eben keine Frage persönlicher Eigenliebe sind .... -Übrigens kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher -Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, um das -gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die ist -- Petersburg zu -hassen mit unserer ganzen Seele und allen unseren Kräften. Ja, man kann -sich überhaupt nicht zum christlichen Glauben bekennen (und das -Slavophilentum ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des -Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen und -loszuspucken[21].« - -Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich darum, weil -einige darin befindliche Worte der Anerkennung über die Zeitschrift sich -doppelt vorteilhaft von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben. -Eine weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei und -verwahrt sich dagegen, da weder er noch die Brüder Dostojewsky, noch -einer der anderen Mitarbeiter Petersburger seien, sondern echte -Moskowiten, in denen ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein -starkes Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung gegen das -kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt hatte. - -Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und Bezeichnende die -Kluft, welche damals noch zwischen den Heisssporn-Slavophilen und -Dostojewsky bestand und welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren -immer rückhaltslosere Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings bei -Aufrechthaltung _seiner_ Eigenart, immer kleiner wurde. Die Zeitschrift -wurde also verboten, was den Herausgeber Michail Michailowitsch in -grosse Geldverlegenheiten stürzte, da die Subskriptionsgelder schon -eingelaufen und verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten, -und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt innegehabten -Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb durch die Feder angewiesen -war und eine grössere Familie zu erhalten hatte. - -[Fußnote 21: Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung -gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges, viel und ernst -gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschätzenden Ausdrücke der -Russen ist. »Ich habe mich mit Europa auseinandergespuckt,« sagt -Dostojewsky ganz ernst an einer Stelle im »jungen Nachwuchs«.] - -Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf dessen Gesundheit der -erste Aufenthalt im Auslande sehr günstig gewirkt hatte und der nun -durch die Auflösung des Journals freier wurde, notwendig geworden, -abermals Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal auf den -Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky habe schon bei -seinem ersten Ausfluge nach Paris Bekanntschaft mit dem Roulettespiel -gemacht und sei so glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen -habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen sei, in ihm aber -die Erwartung zurückgelassen habe, er werde ein anderes Mal vom Glück -ebenso begünstigt werden. Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn -eine doppelte. Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den -wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die Nahrung, deren -er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, ohne die er nicht leben -konnte, so fand der feine und scharfe Beobachter in der ganzen Situation -eine Fülle von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im -Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher -Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus seinem eigenen Wesen -heraus so wohl verstand und zu deuten wusste. - -Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja viele der -tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen des Menschwesens in -Dostojewskys Werken, und wenn irgend einer dazu berufen ist, uns die -neue Ethik des Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und -Verstricktheit von gut und böse zu verkünden und zu sagen: »Sieh', dies -ist der Mensch und so ist es gemeint, dass du ihn lieben sollst«, so ist -es Dostojewsky, der bei aller Hassenskraft, die er gegen das Laster -ausströmt, bei allem Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und -namentlich des _Herzens_ verfolgt und vertilgen möchte, doch der Einzige -ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was man mit dem Leben und -Lieben eigentlich alles anfangen kann. - -Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter Reise ist sein Roman: -»Der Spieler«. Hören wir in einem Briefe an Strachow, vom 30. September -1863, was er selbst darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer, -die alte Geschichte ab -- _die Idee_ zum Roman ist da, Geld keines -- -also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die zwingenden Wiederholungen, -das Ausrechnen, bis zu welchem Tage das Geld eintreffen _müsse_, sonst -sei er verloren, kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und -Überzeugenwollen, wie wir es schon kennen! Er fährt also fort: »_Jetzt_ -habe ich nichts fertig. Allein es hat sich ein ziemlich (wie ich selbst -urteile) günstiger Plan zu einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum -grössten Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon anfangen -wollen, ihn aufzuschreiben, allein -- es geht hier nicht. Es ist sehr -heiss und zudem bin ich an einen solchen Ort, wie Rom ist, auf _eine -Woche_ gekommen. Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben? -Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner Erzählung ist -folgendes: -- ein Typus des Russen im Auslande. Bemerken Sie: über die -Russen im Auslande wurde diesen Sommer in den Journalen viel -geschrieben. Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall finden. -Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige Zustand unseres internen -Lebens wiederspiegeln (so weit als möglich natürlich). Ich nehme eine -Natur, die Unmittelbarkeit besitzt, dabei hochentwickelt, in allem -unfertig, dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, nicht zu -glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend und sie doch fürchtend. -Er beruhigt sich damit, dass er nichts in Russland zu thun habe -- -daher: strenge Kritik der Leute, welche aus Russland die im Ausland -Weilenden herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen. Es ist -eine lebendige Person -- (er steht förmlich leibhaft vor mir) -- man -wird es lesen müssen, wenn es geschrieben sein wird. Der Hauptwitz dabei -ist der, dass alle seine Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit -- -alles von der _Roulette_ verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und kein -gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter Puschkins ein -gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus keine Vergleichung meiner -selbst mit Puschkin, ich sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in -seiner Art ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst -dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit -empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des _Risiko_ ihn in den eigenen -Augen hebt. Die ganze Erzählung ist eine Erzählung davon, wie er schon -das dritte Jahr in den Spielhäusern Roulette spielt. - -Wenn das »Tote Haus« die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gelenkt -hat, als eine Darstellung von Sträflingen, welche niemand vorher aus -eigener Anschauung geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt -durch die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des -Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, dass -solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem Interesse gelesen werden, -hat das Hazardspiel in den Badeörtern, besonders in Bezug auf die im -Auslande befindlichen Russen, eine gewisse Bedeutung. - -Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich alle diese höchst -interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl, mit Vernunft und in einem -Fluss darstellen werde.« - -Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, wie man auf -dieses noch nicht geschriebene Buch bei Boborykin, dem damaligen -Redakteur der »Lesebibliothek«, voraus Geld nehmen könne. Michael -Michailowitsch protestierte vergebens dagegen, dass sein Bruder eine -Arbeit bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen, -dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis der Bruder sie in einem -neu zu gründenden Blatte herausgeben könnte. Allein die Not drängte, so -wurde man Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück. -Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, sondern erst -viel später, im Jahre 1867 unter Umständen, welche eine grosse Wandlung -in des Dichters Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher -genommene Geld musste endlich nach Gründung der »Epocha« auf Drängen -Boborykins wieder herausgegeben werden. - -Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, breitet sich auch -sehr über die Nebenumstände und Details jener Geldkalamität aus, -unterlässt es aber merkwürdigerweise, hier über die abermals unrichtige -Wertschätzung des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu -verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier wieder ein -solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten des Dichters mit unterlief, -wie damals, als er den Roman »in neun Briefen« den »Armen Leuten« an die -Seite stellte. Allerdings ist »Der Spieler« künstlerisch als Ganzes -genommen eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo der Spieler -das geliebte Mädchen am späten Abend in seinem Hotelzimmer zurücklässt -und zum Roulettetisch eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu -gewinnen, das sie von dem zweideutigen Franzosen retten soll, der ihren -Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen giebt es nicht allzuviele in der -Weltlitteratur. Der Spieler hat nämlich mit dem letzten Goldstück -unerhörtes Glück gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000; -von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt, ihm nach die -Rotte, die sich an die Fersen der Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach -dem anderen wird geschlossen, er bleibt bis zuletzt -- endlich, es ist -längst Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in sein -Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr steht eine angezündete -Kerze auf dem Tische. Sie sieht ihn verblüfft an -- er hatte sie -vergessen, ihre Situation, die Ursache seines Spiels und ihres -Hierseins. Man kann wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich -das Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von Liebe und -Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte Warte-Nacht des Mädchens, -das ihm in sprachlosem Erstaunen zusieht, wie er den Inhalt seiner -vollen Taschen triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei -aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit mancher -anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen Zeichnung der alten -Grossmutter, kann man nicht begreifen, wie Dostojewsky so nach -- -Publicisten-Art die Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die -Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als wirkten da zwei -Faktoren mit, um seine Objektivität, die ohnedies sehr gering war, zu -paralysieren. Erstens die allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über -ihre eigenen Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens -jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis auf die -Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes erstreckte. »Das Volk -hätte uns gerichtet«, und »wir haben es verdient«, sagt er wiederholt; -wie hätte er dies Buch anders taxieren sollen, als eine, auf »eigene -Anschauung gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse«? - -Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am Herzen liegen, da er ja -nicht nur den »Augenschein« schilderte, sondern den Seelenzustand, den -er selbst mehrmals in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat. -Unwillkürlich sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen -kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern Karten spielt und -in seiner Ungeduld das »Glück korrigiert«; und doppelt verständlich wird -uns die Mission des Dichters, der selbst so viel »vom Stoff der Schuld« -in sich getragen. - -Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in der Zeit von 1862-64 -haben wir ausser den oben von Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig -Kenntnis. Seine Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl -im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; auch die -Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, Maikow und anderen scheint -entweder zu stocken, oder es ist nach allem, was wir vermuten dürfen, -den noch Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen einem -weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern getrost auf -gewisse intimere Details verzichten, als wir uns gerade bei Dostojewsky -nichts aus den Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter -umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder weniger von den -kleinen Episoden seines Lebens in unsere Schilderung einzureihen; -Episoden, die ihn nicht erhellen, sondern vielmehr von seinem ein für -allemal feststehenden Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten. -Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit; _da_ ist es -also, bei den grossen Ereignissen der Heimat und den grossen Interessen -der Menschheit, wo wir ihn aufsuchen müssen. - -Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch die Verschlimmerung im -Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas ihren Grund gehabt zu haben. Wann -sie stattfand, weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja -Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt worden und das wohl -bald nach den grossen Petersburger Bränden, den polnischen Unruhen und -ihres Gatten Abreise, also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere -Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft. Wir finden -ihn im November dieses Jahres in Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da -ihn geschäftliche Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem -handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines neuen Journals, dem -die Brüder den Namen »Die Wahrheit« geben wollen. - -Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich unter dem neuen Namen -das Blatt und seine Richtung kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der -ersten Zeile darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit -(Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, welche nach dem -Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten war, wusste nicht mehr recht, -was zu gestatten, was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und -so musste man sich für »Epocha« entscheiden. In welcher Weise Theodor -Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit auf breitester Basis -dachte, bezeugt die Stelle in einem Briefe an den Bruder, wo es heisst: -»Der zweite Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den -Leitartikel haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen Romans und -jenes von Pissemsky würden grossen Effekt machen und, was die Hauptsache -ist, unserem Programm gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen -und beiden gerecht werden -- also: Wahrheit«. - -Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse Erfolg der durch ein -Missverständnis eingegangenen »Wremja« machte die Brüder über den zu -erwartenden Erfolg der »Epocha« allzu sanguinisch sicher. Unter den -Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, Njekrassow und der -glänzende Kritiker Apollon Grigorjew. Indessen hatte das Blatt sehr bald -gegen intellektuelle und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den -tieferen Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten berühmten -Dichter, welchen die immer stärker zu Tage tretende slavophile Richtung -der Brüder nicht zusagte, die schnell aufeinander folgenden Todesfälle, -deren Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch und -zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge davon war in erster Linie der -Irrtum im Publikum, dass der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es -bewunderte, woraus eine geringere Teilnahme und Subskription entstand, -welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten der -Redaktion nach sich zog. Die ersten Hefte waren, da der Dichter in -Moskau am Krankenbette seiner Gattin weilte, in der Petersburger -Typographie sehr schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen -Druckfehlern und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das -Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor hatte sagen wollen. -Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor Michailowitsch übermenschlich, -schrieb in wenigen Nächten 2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf -nahezu 40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum Aufschwung des -Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher sich die Zensur ihrer Arbeit -entledigte. Strachow bringt dafür Daten, die unglaublich klingen, doch -authentische Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten -Entscheidungen der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft am 23. -April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft am 20. August, das Juliheft -am 19. September, das Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am -22. November, das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft am -24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am 25. Januar 1865 freigegeben. - -Zu den grössten Missständen rechnet Strachow jedoch die sanguinische -Selbsttäuschung der Brüder und ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine -Sache stetig und praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die -Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, die er in einer -allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen Steigen und Sinken von -Stimmungen findet, und schliesst mit folgender konkreten Darstellung: -»Was die Dostojewskys betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch -durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; er war -ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor Michailowitsch jedoch war, -ungeachtet seines raschen Geistes, ungeachtet der erhabenen Ziele -- ja, -besser gesagt: gerade infolge dieser höheren Ziele -- ausserordentlich -unpraktisch. Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut; -allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden Anläufen, -war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und das Chaos wuchs in -jeder Minute um ihn herum. Die »Epocha« wurde ohne einen Heller -gegründet. Als sie einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht -nur die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch jenen Teil -der Erbschaft von einer reichen Moskauer Tante (etwa 10000 Rubel für -jeden der Brüder), die sie sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000 -Rubel Schulden, welche nach Eingehen der »Wremja« Michael Michailowitsch -zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die »Epocha« für das Jahr -1865 noch immer 1300 Abonnenten aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne -alte Lasten, hätte sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles -und Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des Bruders, 15000 -Rubel und dessen unversorgter Familie zurück.« - -Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, welcher in dieser Zeit -als Sekretär der russischen Gesandtschaft in Kopenhagen lebte, erzählt -im Detail die Widerwärtigkeiten der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem -Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil daran und -seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist dies derselbe Brief vom 31. -März 1865, dem wir weiter oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod -entnommen haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt -Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf: - -»Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit wurde auch sein -Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem blieben gegen 25000 Rubel -Schulden, wovon 10000 nicht beängstigend für die Familie waren, 15000 -jedoch auf Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, mit -welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des Journals herausgeben -können (er starb im Juli 1865). Allein er hatte einen ungeheuren Kredit -und konnte ausserdem Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen. -Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel zusammen. Keine -Kopeke zur Herausgabe, dabei aber noch sechs Nummern auszugeben, was im -Minimum 18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen, -wozu 15000 Rubel nötig waren -- also 33000 R. um den Jahrgang zu -vollenden und eine neue Subskription zu erreichen. Seine Familie blieb -buchstäblich aller Mittel bar -- am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige -Hoffnung, und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich im -Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben zwei Wege übrig: -1. das Blatt nicht weiterführen, es, da ein Journal immerhin einen -Besitz repräsentiert, den Gläubigern samt den Möbeln und dem ganzen -Hausrat übergeben und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten, -litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und Waisen des Bruders -erhalten. 2. Geld aufnehmen und die Herausgabe fortsetzen, koste es, was -es wolle. Wie schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden -habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten haben, aber die -Familie hätte die Erbschaft abgelehnt, wäre dadurch gesetzlich von jeder -Zahlung befreit gewesen. Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre -an der Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel jährlich -verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren -- natürlich wenn -ich mein ganzes Leben vom Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich -habe den zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben. -Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte. Alle meine Freunde und -früheren Mitarbeiter waren derselben Meinung. - -Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden mussten, ich wollte -nicht, dass eine schlechte Meinung das Andenken seines Namens beflecke. -Dafür gab es ein Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen -Teil der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr zu Jahr -besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn die Schulden bezahlt -wären, das Blatt irgend jemand abgeben und die Familie des Bruders -sichern. Dann würde ich aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu -schreiben, was ich schon lange auf dem Herzen habe. - -Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, bat mir bei einer -reichen alten Tante 10000 R. aus, die sie in ihrem Testament als meinen -Anteil bestimmt hatte, und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die -Herausgabe des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die Sache war -schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis der Zensur zur Herausgabe -des Journals eingeholt werden. Man zog die Sache so hinaus, dass das -Juniheft erst Ende August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar -nichts damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur -gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu setzen, weder als -Herausgeber noch als Redakteur. Ich musste mich zu energischen -Massregeln entschliessen: Ich begann in drei Druckereien auf einmal -drucken zu lassen, sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. -- Ich -allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich mit Autoren und -mit der Zensur herum, besserte Artikel aus, bemühte mich um Geld, sass -bis sechs Uhr morgens auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich -Ordnung in die Sache brachte -- es war zu spät. -- -- Was mich das alles -gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, dass ich bei all dieser Zwangs- -und Schmutzarbeit nicht imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile -Eigenes zu drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar nicht und -sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, wusste es nicht, dass ich -das Blatt redigiere. Und plötzlich brach bei uns eine allgemeine -Journal-Krisis herein. - -Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis auf ebenso viele -Jahre wandern, könnte ich dadurch alle Schulden bezahlen und mich wieder -frei fühlen. Jetzt werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der -Rute zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird -effektvoll werden, aber brauch' ich nur das! Die Arbeit aus Not um des -Geldes willen hat mich erstickt und zerstört. -- -- Ich habe Ihnen nun -alles beschrieben und sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines -Geistes und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung davon -gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange wir schriftlich -verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben und kann über mich nicht in -bestimmten Grenzen schreiben. Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre -liegen zwischen uns, und was für Jahre! -- -- - -Im Auslande bin ich zweimal gewesen -- im Sommer 1862 und 1863. Jedesmal -bin ich auf drei Monate fortgegangen. Ich war in Deutschland (fast -überall), in der Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall). -Meine Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher -Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, alljährlich auf drei -Monate zu verreisen, umsomehr, als das in materieller Beziehung bei der -Teuerung unseres hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte -reisen, um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen und um so -tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres in Russland zu arbeiten. -Allein im vorigen Jahre hat des Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig -hier zu bleiben. Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen -Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, zu -erneuern« .... usw. - -»Mit diesem Briefe« -- sagt Strachow -- »kann man einen besonderen -Abschnitt in Dostojewskys persönlichem Leben abschliessen, die Periode -von seiner Zurückkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der -Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt -zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat ihn nicht -betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hälfte seines Lebens: ihn -erwarteten sehr grosse Mühen und Beschwerden, allein zugleich auch neue, -höhere Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben, -unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit und endlich, -in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, genügendes Auskommen -und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und -angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 »Schuld und Sühne« -(Raskolnikow), 1868 »Der Idiot«, 1870 »Die Besessenen«. Strachow -schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die »Epocha« -eingegangen war und seine Kräfte nicht aufbrauchte. »Theodor -Michailowitschs übriges Leben«, fährt Strachow fort, »kann man von hier -an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, während welcher -alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar -und zum grössten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche -mit der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert die -neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des -»Grashdanin« und des »Tagebuchs« -- allein das ist eine weniger -beschwerliche, verhältnismässig ruhige, und nach aussen durch die -Ordnung der Verhältnisse -- und den öffentlichen Erfolg sich immer -glücklicher gestaltende Periode.« - - - - - VII. - Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise. - (1865-1867.) - - -Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine -wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden -datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon -wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie -Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar -dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis -dahin bedeutendsten Werkes: »Schuld und Sühne« -- und am 4. Oktober -desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine künftige -zweite Gattin, kennen. - - »Schuld und Sühne« -- oder, wie es in manchen Übersetzungen - heisst, »Raskolnikow« -- ist jenes von Dostojewskys Werken, - welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung - gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden - ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen - Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher - die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es - das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, sodass sich - das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen ungeheuren Kreis - verbreitete. Als das Buch endlich in die Hände der ästhetischen - Kritiker gelangte, da fanden erst seine künstlerischen - Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher das gröbere - litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war - es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das - Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie - hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um - aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten verbrecherischen - Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters - herauszulösen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur - bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht - Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben - selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans - in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem - Aufwand einer grossen schöpferischen Kraft durch die Beobachtung - der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten - Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man - einerseits mit Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem - Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner - Art zu erzählen, die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der - feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein - Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem - Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die - gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine - neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem neuen - Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete. - Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf - das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen - haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und - nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein - verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit, - nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie - weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern - ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck - dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus zu - formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen - Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man - die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen - Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen - allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen - Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns - haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in - seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so - hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst. - - Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen und für - Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus - Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene - Stellen immer wieder, wo es heisst: »Ich muss erst in Russland - sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.« So - bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den - Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er - schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft nach - Russland schreiben werde, offenbar auf »Schuld und Sühne«, »-- da - dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen - Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach - der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfüllt - sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen - Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland - zurückkomme.« Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe - ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen, - dass der erste grössere Roman, den er in Russland schrieb, jener - lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er »Russland brauchte«: - »Schuld und Sühne«. - - Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger, - aussergewöhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer - elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht, - versteckt sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe - Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten - Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten, - die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne - Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere - Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und - Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das - Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze - Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit - und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit seines - Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen - peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie - der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses - thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens - ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen -- ein altes - Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit - sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon - I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert - worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein - Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer - Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr - Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen Jüngling mit der - Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle - Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fällt, empfindet - aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergräbt - die aufgefundenen Wertgegenstände unter einen Stein im Hofraum - eines entlegenen Hauses, verfällt aber bald danach in ein - hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich - verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen - seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die - Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der - Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zuführen. Im Epilog - ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Sühne ausgesprochen. - Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im - Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch - unendlich Reinen, eingeleitet. - - Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor uns, - die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten und - Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen - Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine - Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mädchen - kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold von - einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die hungrigen - kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse - Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl tiefen - Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er - von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr - anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht - Liebe zu dem Mädchen -- er will nur reden, einen Teil seiner - Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und - menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben - worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen - Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk - aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der - Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben haben, - wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst äusserliche - Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas - Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, aus dem - Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den - Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu töten, - da er stärker ist als die andern -- wie das alles eingeleitet, - gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische - Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen - Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen - Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die - aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über - sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass; - die Scham, auch »eine Laus zu sein wie alle andern«, und endlich - die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas, - welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen hier, - obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die - bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die echt - russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld und - Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen. - - »Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht - recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin - ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass - sie dumm sind -- dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann - habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle - gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. -- Dann habe ich - weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die - Menschen sich nicht ändern werden und niemand da ist sie - umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! Ja, so ist - es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ... - Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im - Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der hat bei - ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr - Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am - meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer - sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!« - - »Ich bin damals darauf gekommen« -- fuhr er in feierlichem Tone - fort -- »dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich - zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur - Eines: es heisst nur wagen!« - - »Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in - meinem Leben -- ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir - ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so klar wie die - Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute - niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser - Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu - fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich - dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte - ich mich, Sonja -- da hast Du die ganze Ursache!« - - »O, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sonja, die Hände - zusammenschlagend. -- »Von Gott haben Sie sich entfernt, und Gott - hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!« - - »Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so - dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?« - - »Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer -- nichts, - nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er begreifen!« - - »Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss ja - selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja, - schweige!« wiederholte er finster und nachdrücklich -- »ich weiss - alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert, - als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich schon mit mir - selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten Zug, und weiss - nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir damals dieses ganze - Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich wollte alles vergessen - und frisch anfangen, Sonja, und aufhören zu schwatzen! Und - glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein Dummkopf, aufs - Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, und das ist's, - was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst Du denn, ich hätte - nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, wenn ich schon anfing - mich selbst zu fragen: habe ich das Recht zur Macht? -- ich schon - kein Recht zur Macht mehr habe? Oder wenn ich die Frage stelle: - ist der Mensch eine Laus? er für mich keine Laus mehr ist, - sondern für den, dem das auch gar nicht in den Kopf kommt und der - geradeaus hingeht .... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der - Frage herumquälte, ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so - fühlte ich ja schon deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die - ganze, ganze Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten, - Sonja, habe alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne - Kasuistik umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich - habe darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der - Mutter zu helfen habe ich getötet -- Unsinn! Nicht darum habe ich - getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein - Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach - getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend - jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie eine - Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte - ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz gleich - sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich - brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich so sehr - nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles .... - Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend, - niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte es, ein - anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand dahin; ich - musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich auch eine - Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde ich es - vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich's nicht - vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu bücken oder - nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht - ...« - - »Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?« rief Sonja händeringend. - - »Eh, Sonja!« rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern, - hielt sich aber verächtlich zurück. -- »Unterbrich mich nicht, - Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals der - Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt hat, dass ich - kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche Laus bin, - wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, und nun siehst Du, - bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich keine Laus - wäre, käme ich da zu Dir? Höre: als ich damals zur Alten ging, da - ging ich nur hin, um zu probieren ... das wisse!« - - »Und gemordet haben Sie, gemordet!« - - »Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, geht man - denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? Habe ich - denn die Alte umgebracht? Mich habe ich umgebracht und nicht die - Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr umgebracht, in alle Ewigkeit! - Diese Alte hat der Teufel umgebracht, nicht ich ... Genug, genug, - Sonja, genug. Lass mich« -- schrie er plötzlich mit krampfhafter - Angst -- »lass mich!« - - Als er sie fragt: »Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich - dort sitzen werde?« -- und sie ihm antwortet: -- »O ich komme, - ich komme!« da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht sie an und, - sonderbar, ihm war's plötzlich schwer und leid, dass man ihn so - liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche Empfindung! Als - er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt, dass in ihr all seine - Hoffnung und seine endgiltige Ruhe enthalten sei; er gedachte - wenigstens einen Teil seiner Qualen hier niederzulegen, und nun, - plötzlich, da ihr ganzes Herz sich ihm zugewendet hatte, da - fühlte und erkannte er es plötzlich, dass er unendlich viel - unglücklicher geworden war, als er früher gewesen.« - - Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit - Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals - dasselbe Bild wie im »Totenhause«. Auch auf Raskolnikow macht die - Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch er fühlt, dass - er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch - hingesetzten Nuance, dass er »keinen Glauben« hat. Anfangs fühlt - er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob seines freien - Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil sie ihre - Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht ertrug. - Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht habe. - - »Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht - begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer - stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. Er - begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen - Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt, - eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später erst - erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, »Du - bist ein Gottloser,« sagen sie -- »Du glaubst nicht an Gott, Dich - soll man erschlagen.« Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung - gefolgt war und im Städtchen, wo die Festung lag, sich ihr - kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den - anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf Minuten sehen und - sprechen zu können, Sonja wurde von allen geliebt. »Mütterchen, - Sofia Semjonowna,« sagten sie, »Du unsere Mutter, Du blasse, - kranke usw.« »Warum?« fragt er sich, »warum lieben sie sie?« - Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital gebracht. - Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal, - Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmächtige - Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte, - wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt - Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm - an seinem Sehnen und Bedürfen nach ihrer weichen und starken - Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung auf. An einem schönen - frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist, - entfernt er sich für einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt - sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint plötzlich - Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie - schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf - die Erde, da: - - »Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich packte - ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und umklammerte - ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr - Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd - an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles - begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glück auf; - sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel mehr, dass er sie - liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war, - diese Minute.« ... - - »Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thränen - standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig, - allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon - die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem - neuen Leben. -- -- - - Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn mit - Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher - aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie - nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das - Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung - erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute - hatte er es nicht aufgeschlagen. - - Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte - ihn: »Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von jetzt an - nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen - wenigstens.« - - »Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in - der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so überaus - glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor ihrem - Glücke erschrak. Sieben Jahre, _nur_ mehr sieben Jahre! Zu Anfang - ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf - diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es - ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen - werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen - künftigen That bezahlen müssen.« - - Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch - russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das - hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine russischen - Leser machen musste. Schon im »Totenhause« hatte er es - ausgesprochen, dass »in jedem russischen Menschen unserer Tage - der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.« Das war wohl die - Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen Boden, - russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass - für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes - anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft sei, so muss - darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe - immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht _ausser_ die - anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich - zusammenfassend und im Christentum einigend dachte. - - Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte - Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist - nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem - Zweck, das Werk von der russischen »breiten« Ethik aus zu - beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger - scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der - harmlose »ehemalige Student« und Freund Raskolnikows. Ihm legt - der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame - Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas - angeheitertem Zustande: »Ich liebe es, wenn man lügt; das Lügen - ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen - voraus hat. Lügst du -- so wirst du schon zur Wahrheit kommen! - Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lüge. Nicht zu _einer_ - Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht früher 14mal, ja - vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise - ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal ordentlich nach unserem - Verstande lügen! Du lüge mich an, aber lüge nach deinem eigenen - Wesen, und ich werde dich küssen. In seiner Weise lügen, das ist - ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle - bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die - Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man - zerstören -- es hat Beispiele gegeben. - - Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in - unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren - Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem Liberalismus, unserer - Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten - Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit - fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben -- hineingefressen haben - wir uns!« -- - - »... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.« -- Die zweite - Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen kann, ist - die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die Unschuld des - Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er - ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der Alten für einen Rubel - versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer - leeren Wohnung mit dem Streichen der Wände beschäftigt gewesen, - als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem - anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schäkernd und Ulk - treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur, - wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in - den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre - gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht, - um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen - ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er - zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als - man ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er: - »weil man mich verurteilen wird«. Es ist etwas Ergreifendes in - dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später - eine Art mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu - erklären, zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows - Thäterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber - greift mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um - »unsere Jurisprudenz« anzuklagen, welche »niemals, niemals die - subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen - Unmöglichkeit, einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick - sich mit einem Kameraden zu balgen,« in Betracht ziehen wird, - »weil man die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte - erhängen wollen«, »was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht - schuldig gefühlt hätte.« Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo - das echt russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer - Selbstverständlichkeit benützt wird, wie sie an das Unbewusste - grenzt, uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen - muss. Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn - gekommen, eine solche unbegründete Selbstanklage als - glaubwürdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen. - -Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze Begegnung der Freunde -in Kopenhagen eingeleitet zu haben und wieder durch diese aufgefrischt -worden zu sein, und so finden wir den häufigsten Austausch von -persönlichen und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem -Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser Briefe aus Wiesbaden -heisst es unter anderem: »-- diesmal will ich Ihnen über mich schreiben, -eigentlich aber nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen -werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise anschwärzt. -Da aber in einem solchen Falle Phrasen vollkommen unfruchtbar und auch -schwer sind, so will ich Ihnen offen bekennen, dass ich -- in meiner -Dummheit vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich hatte. -Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang meines Wiesbadener -Aufenthalts an, aber ich hatte Glück, sogar bedeutendes Glück -(verhältnismässig gesprochen), habe mich aber dann in meiner Dummheit -vergaloppiert, alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der -abscheulichsten Situation, die man sich vorstellen kann, und kann aus -Wiesbaden nicht heraus.« - -Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um nur vom Hôtel -loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er jemand sicher zu finden hofft, -der ihm helfen wird. In einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten -Briefe beklagt er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er -bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken, »obwohl es ihm -nun nicht mehr radikal helfen könne«, und fügt hinzu, dass die -Erzählung, die er eben schreibe, mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er -das Geld in einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen können, -die er von Katkow, dem Redakteur des Russky Wjestnik, als -Abschlagszahlung für seine Erzählung (Raskolnikow) erhalten werde. Ein -dritter Brief vom 8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf -eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. Er erzählt darin -von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen, die er sofort und im Verlauf -einer Woche erlitten hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden -gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der vollkommenen -Deroute in der Familie des Bruders, die ihn erwartet habe, und der er -alles gleich gab, was er besass, und ausserdem 100 R., die er dazu -aufnahm. Er bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst nach -der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl 2500 R. einbringen -werde. Noch einmal aber von Katkow vorausnehmen will er nicht. Er findet -es nicht politisch, unmöglich, hässlich; es seien durchaus die -Beziehungen nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er seines -Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für welchen er ebenfalls -sorgt, der ihm aber niemals Freude gemacht hat, sowie eines kranken -Bruders, der nicht mehr lange zu leben habe. - -Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg am 18. Febr. -1866: »Bester alter Freund Alexander Jegorowitsch, ich bin durch mein -langes Schweigen vor Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld. -Es würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, die Ursache -meines langen Schweigens klar zu machen. Die Ursachen sind vielfach und -kompliziert, und ich kann sie darum nicht beschreiben, will nur einiges -andeuten. Erstens sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist -das der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman in sechs -Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben und fertig; ich habe -alles verbrannt, dass kann ich jetzt bekennen. Es hat mir selbst nicht -gefallen. Eine neue Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich -habe frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch arbeite -ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, dass ich jeden Monat 6 -Druckbogen an den Russkij Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar, -allein ich würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein Roman -ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner Vollendung der Ruhe für -Seele und Phantasie. Mich aber quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen, -mich einsperren zu lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen -fertig werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich's überhaupt -werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig sind und meinen -Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf 5 Jahre zu verteilen. Mit anderen -aber konnte ich bis jetzt nicht in Ordnung kommen. - -Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das zerreisst mir Kopf und -Herz, verstimmt auf mehrere Tage. Da setze dich dann hin und schreibe! -Manchmal ist das ganz unmöglich. Darum ist's auch schwer, eine ruhige -Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig zu plaudern, -weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, nach meiner Rückkunft, hat -mich die Hinfallende schrecklich geplagt; es war, als hätte sie die drei -Monate nachholen wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt -aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden. Sie haben von -dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle sein können, wahrscheinlich -keine Vorstellung. Nun sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie -sichs eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im Februar und -März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn Tage(!) war ich gezwungen auf -meinem Divan zu liegen, vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand -nehmen können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss ich fünf -Druckbogen schreiben! Und liegen müssen, wenn man organisch ganz gesund -ist, nur darum, weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass sofort -Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan erhebt! -- - -Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es wäre besser, wenn ich -in Staatsdienst träte; kaum. Mir ist dort besser, wo ich mehr Geld -bekommen kann. In der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen, -dass ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück Brot, ja -sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie es ja auch in continuo -bis zum letzten Jahr der Fall war. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen -von meinen gegenwärtigen litterarischen Geschäften erzählen, und Sie -werden daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande aus, da ich -durch die Umstände bedrängt war, stellte ich Katkow den für mich -niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel für den Druckbogen ihres Blattes, 150 -vom Format des »Sowremjennik«. Sie waren einverstanden. Später erfuhr -ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses Jahr nichts -Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt nichts, und mit Leo Tolstoi -haben sie sich zerstritten. Ich bin als Lückenbüsser erschienen (das -alles weiss ich aus sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich -laviert und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche -Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es schreckte sie für -25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu 125 Rubel zu zahlen. Mit einem -Wort: ihre ganze Politik lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt), -den Preis per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu steigern. -Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, sie wollen offenbar, dass -ich nach Moskau komme. Ich aber halte aus. Folgendes ist dabei mein -Zweck: Hilft Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich -möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die Hälfte des -Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird damit erreicht sein, dann erst -fahre ich nach Moskau und sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im -Gegenteil, es kann sein, dass sie hinzufügen. -- Das wird zu Ostern -sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, drücke -mich zusammen und lebe wie ein Bettler, werde nur das Nötigste -verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, so bin ich moralisch nicht mehr -frei, wenn ich später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle. -Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im ersten Januarheft -des Russkij Wjestnik erschienen. Er heisst: »Schuld und Sühne«. Ich habe -schon viele entzückte Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und neue -Sachen darin.« - -Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky einiger -Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und schliesst: »Übrigens bin -ich sehr froh darüber, dass Sie unser intimes russisches, geistiges und -bürgerliches Leben so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde -sehr angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. Sie sehen -vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus -ausländischen Zeitungen? Dort wird systematisch alles verunglimpft, was -sich auf Russland bezieht. -- Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man -kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, thatsächlich unter -den Einfluss der auswärtigen Presse. Sonst aber fühle ich, dass ich in -vielem und sogar sehr mit Ihnen übereinstimme usw.« - -Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: »Bester Alexander Jegorowitsch! Ich -habe mich mit der Antwort verspätet und eile nun, das Versäumte -nachzuholen. Glauben Sie mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander -Jegorowitsch, das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur um -8 Tage früher gekommen -- ich hätte Ihnen sofort alles geschickt. Lachen -Sie nicht, wenn ich so spreche. Hier meine Situation. Den ganzen Winter -habe ich wie ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit -zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. -- Wohin -sind sie gekommen? Ja, man reisst alles nur so von mir! In der Charwoche -bin ich zu Katkow nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu -nehmen.[22] Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden zu -fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und meinen Roman ganz -ungestört zu vollenden. Anderswo, hier in Petersburg, kann ich ihn -unmöglich vollenden. Die Anfälle nehmen zu (was im Auslande nicht der -Fall ist). Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto -zudringlicher werden sie. Indessen sollten sie mir dafür dankbar sein, -dass ich nach meines Bruders Tode die Wechsel auf meinen Namen schreiben -liess und einen Teil schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel -nicht auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen. -- -Allein die Sache hat sich so gewendet, dass diesmal zur Erteilung des -Passes ins Ausland besondere Formalitäten nötig wurden, sich dadurch -alles hinauszog, der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche -noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben die Gläubiger -die Klage eingereicht und so ist mein Tausender in Rauch aufgegangen. - -Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch sitze ich da und -setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller Kräfte fort. In diesem -Augenblick ist er -- meine einzige Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500 -Rubel zu bekommen haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn -für die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als 1500 (man -handelt schon darum). Von Katkow aber werde ich nicht früher als im Juli -Geld herausbekommen. So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli -schicken. Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden -(das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon um die zweite -Auflage handeln, ehe der Roman vollendet ist), so schicke ich gleich. -Sie aber bitte ich, mir, wenn auch nur in zwei Worten, meine vorjährige -Schuld in Reichsthalern zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe -und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau entsinne. Ich füge -hinzu, dass es mir peinlicher ist, als Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt -nicht schicken kann. Sie werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich -andere befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner -Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht geschehen ist; -sie sind neben mir und haben mich so bedrängt, dass ich nicht zu Atem -kam -- so habe ich alles willenlos hingegeben usw.« -- - -[Fußnote 22: Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der -vorangegangenen Äusserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu wollen. -Dieser Widerspruch findet seine Lösung in dem Umstande, dass der Roman -schon seit Januar zu erscheinen begonnen hatte, eine solche -Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen war, als eine im -November 1865.] - -Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus seiner Erinnerung, dass -der Eindruck des Romans ein ungeheurer war, dass gesunde Leute fast -krank davon wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben -mussten. Was aber die grösste Sensation machte, war der Umstand, dass -zur nämlichen Zeit, als der Teil des Romans erschien, in welchem sich -die Beschreibung des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger -Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen einen Mord -vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis auf die damals in der Luft -schwebenden falschen Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind, -um das Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky schon -in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben angeführten Worte schrieb. - -Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe von des Dichters -bis dahin erschienenen Werken veranstaltet werden. Der Herausgeber, -Stellowsky, ein Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste -Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende Bedingung -gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung eine Erzählung ein, welche -noch nirgends gedruckt worden ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein. -Für diese Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky dem -Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk um einen Tag später, so -erhält Dostojewsky für die Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht, -eine Gesamtausgabe zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky. -Der Dichter hatte nun die Erzählung »Der Spieler« niederzuschreiben -begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche seines Bruders Tod auf -ihn gewälzt hatte, so beunruhigt, dass er fürchten musste, nicht die -nötige Sammlung zur Arbeit zu finden. Ein Brief aus Dresden an N. -Strachow, sowie die Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte, -mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt: - -»Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise -erworben: Ich war in entsetzlichen Verhältnissen. Nach dem Tode meines -Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen -und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als -Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der »Epocha« -- meines -Bruders Journal -- zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den -geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als -Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel, -es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der -Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe -ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode) -einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich -angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen -Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten -würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es. - -Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln D.s und eines anderen -(ich erinnere mich seines Namens nicht) zu verfolgen. Von der andern -Seite präsentierte Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz -arbeitete, ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt -hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden, Journals -brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit, sendet Stellowsky zu -mir und lässt mir vorschlagen, ob ich ihm nicht meine sämtlichen Werke, -samt einem ganz neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., d. -h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete ich nur ein wenig, -so bekam ich von den Buchhändlern für das Recht der Publikation -wenigstens das Doppelte, liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann -bekam ich sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite -Auflage von »Schuld und Sühne« allein gegen 7000 Rubel Schulden -eingetauscht (immer Journalschulden -- an Bazunow, Pratz und einen -Papier-Agenten). Auf diese Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift -und seine Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner -Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf mir lasten. -Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage Bedenkzeit. Das war auch die -Klagefrist für den Schulden-Arrest. Dazu müssen Sie wissen, dass meine -Wechsel an D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals auch -geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie es scheint, -Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) präsentiert wurden. In diesen -10 Tagen schlug ich mich überall herum, um Geld für die Auslösung der -Wechsel zu bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen Handel mit -Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich achtmal, fand ihn aber nie -zu Hause. Endlich erfuhr ich durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij), -den ich kennen lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter -Freund Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte ich ein, -und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie in Ihren Händen ist. Ich -bezahlte D...., Gawrilow und die anderen und reiste mit dem Rest von 35 -Halbimperialen ins Ausland. - -Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen Roman »Schuld und -Sühne« zurück, nachdem ich mit dem Russkij Wjestnik (Katkow) in -Verbindung getreten war und von diesem schon einiges Geld voraus -erhalten hatte. Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky -unterfertigt hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht imstande -sein würde, den ihm versprochenen Roman bis zum 1. November 1865 zu -vollenden. Er erwiderte mir, dass er dies auch nicht verlange und nicht -vor einem Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich aber, -zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies alles wurde mündlich -und unter vier Augen verabredet, aber das schreckliche Pönale, wenn ich -zum 1. November 1866 nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.« - -Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte uns Anna -Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich den schon im Jahre 1863 -geplanten und in vielen kleinen Notizen, namentlich im Gedächtnisse -festgehaltenen Roman »Der Spieler« Anfang Oktober 1866 zu schreiben -begonnen und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte, so -sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er werde die Arbeit gar -nicht machen können. Da machte ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer -Hilfskraft zum Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs -eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor der -Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren von ihm den Namen -seiner besten Schülerin A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um -dem jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz vorher -ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und bald darauf ihren Vater -verloren. Aus dem Wunsche heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern -und auch um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors -Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde zukam, anzunehmen. Als sie -gar hörte, wem sie in der Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll -Freude und Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem grossen -Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen würde. Sie trat zitternd -bei ihm ein, wurde jedoch bald durch einige freundliche Worte, -namentlich aber dadurch ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und -der Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren vom 4. Oktober -bis 1. November noch sieben Druckbogen zu schreiben und alle ins Reine -zu bringen. Anna Grigorjewna pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor -Michailowitsch zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander -arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der von ihr mitgebrachten -Reinschrift durch, was er gestern diktiert hatte, dann diktierte er -weiter. So ging es bis zum 30. Oktober fort. - -Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky durch Eilboten -gesandt. Er war verreist, unauffindbar. Sandte man das Päckchen durch -die Post, so kam es einige Tage später in Stellowskys Hände, und -Dostojewsky war verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte -Stenographin auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu -tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den Empfänger mit dem -Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das geschah und der Dichter war -gerettet. Die dreitausend Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden -waren, hatte Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit der -anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die ihm dazu gedient -hatten, den Dichter in die Enge zu treiben, wieder eingestrichen. - -So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, mehr noch durch ihre -kluge und findige Art, des Dichters Interessen zu fördern, ihm eine -unentbehrliche Helferin erstanden, die er nicht mehr missen konnte. -Gegen das Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie in -ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, der mit ihnen -lebte, kennen zu lernen. Schon nach wenigen Besuchen erklärte der -Dichter Anna Grigorjewna und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin -auch gern zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen, das mit -grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte sich niemals eine solche -Annäherung träumen lassen. Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger -als anziehend. So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in der 20 -jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin anfangs ein -erschrecktes Staunen hervor. Doch war es keine kleine Versuchung für -sie, an der Seite eines Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen -Ruhm in stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie -thatsächlich und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um ihnen auch -Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit der Hoffnung eines -sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie willigte also ein. »Als ich seine -Gattin wurde« -- sagte sie uns --, »da empfand ich nur Verehrung für -ihn, aber nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von ihm -erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.« Die Vermählung fand am 15. -Februar 1867 statt, nicht ohne vieles Abraten von Seiten der Familie -Michael Michailowitsch, welche eine Heirat des Dichters als ihren -Interessen schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit -der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten musste, wenn man in -Petersburg blieb, den Dingen eine energische Wendung zu geben, indem sie -zur Abreise antrieb, welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger -und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war. - -Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche am 22. Februar 1868 -in Genf geboren wurde und ebenda am 12. Mai desselben Jahres starb. Die -zweite Tochter, Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren -und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, teilweise auf einer -Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in -Petersburg geboren wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim -und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele Ehren und Preise -gewonnen haben. Ein viertes Kind, Alexei, wurde am 12. August 1875 in -Stara Russa geboren und starb in Petersburg im Mai 1878. - - - - - VIII. - Vierjähriger Aufenthalt im Auslande. - (1867-1871.) - - -Zwei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am 14. April 1867, ging das -Ehepaar Dostojewsky nach dem Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit -länger zu bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. In -einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die Erklärung dazu. -Mit der Rückkehr Dostojewskys nach Russland wären so viele Zahlungen und -Verpflichtungen an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse -nicht hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen -Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder für die Familie des -Bruders noch für seine eigene hätte aufkommen können. Er musste also im -Auslande bleiben, um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse -Schuldenlast, welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich -abzutragen. - -Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen von vielen schweren -Sorgen, von der fast ausschliesslichen Einsamkeit und den -Beschwernissen, welche Familienzuwachs in der Fremde bei beschränktesten -Mitteln mit sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in -materieller wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei kein -Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen und den langen -und ungestörten Meditationen, sich in dem Dichter die ganz besondere -Ausgestaltung jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm -gelebt hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite seines -Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen, dass er es nicht mehr -für sich allein zu behalten vermochte, wie er dies früher gethan. Von -dieser durchgreifenden Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen -vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten hat sie sich sehr -klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch von seiner Auslandsreise -zurückkam. Unaufhörlich lenkte er das Gespräch auf religiöse Themata. -»Nicht genug an dem« -- sagt Strachow -- »er war auch in seinem Benehmen -mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt hatte, ja manchmal -geradezu zur Sanftmut wurde, verändert. Sogar seine Gesichtszüge trugen -die Spuren dieser Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes -Lächeln getreten. Ich erinnere mich« -- fährt Strachow fort -- »an eine -kleine Episode im »Slavischen Comité«. Wir traten zugleich ein und -wurden von J. Petrow begrüsst. Wer ist das? fragte mich Theodor -Michailowitsch, der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da -er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft begegnete. Ich -sagte es ihm und fügte hinzu: was für ein wunderbarer, höchst -wunderbarer Mensch! Theodor Michailowitschs Augen leuchteten freundlich -auf, er sah alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: »Ja, -alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.« - -Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der Dichter im Laufe seiner -Abwesenheit von der Heimat an die Freunde schrieb, wollen wir Strachows -orientierende Erzählung über die Reisestationen und das Lebensdetail -dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben. Das Ehepaar ging -im April über Berlin nach Dresden, wo es sich zwei Monate aufhielt. Der -Dichter schrieb hier an seinem Artikel: »Meine Erinnerungen an -Belinsky«, welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow -schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung übergab, worauf -die Arbeit, sowie auch alle anderen, für diese Sammlung vorbereiteten -Artikel, spurlos verschwunden sind. In Dresden war es namentlich Anna -Grigorjewna, welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor -Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich dabei jedoch -immer auf seine Lieblinge: »Die Sixtina«, Correggios »Nacht«, Tizians -»Zinsgroschen«, den Christuskopf von Annibale Caracci und die -»Abendlandschaft« Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde -Rujsdaels, namentlich seine »Jagd«. - -Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche wir aus dem Munde Anna -Grigorjewnas haben und welche einmal durch den Briefwechsel des Dichters -mit seiner Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre -eigentliche Beleuchtung erhalten wird. - -Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in den bekannten, sehr engen -Verhältnissen lebend, beschliesst Dostojewsky von dort aus einen -Abstecher nach Homburg zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller -Blüte stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) sein Glück zu -versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt sich diesem Vorhaben -durchaus nicht; weiss sie ja doch, dass in solchem Falle ein Begehren -sich ins Unerträgliche steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch -ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der praktische -Beweggrund -- so viel zu gewinnen, um eventuell in die Heimat -zurückkehren zu können -- allein ist, der den Dichter aus Dresden -forttreibt, sondern wohl in ebenso hohem Grade sein nervöses und -künstlerisches Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen das -ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert Thaler mit, die ihm zum -Glück helfen sollen, über deren Verlust hinaus aber er nichts riskieren -will. Nun beginnt jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und -Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen Briefen an die -Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. Selbstanklage, Zerknirschung, -Verhimmelung des jungen Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit -ihm durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm noch einmal -Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen, ihn heimbringen soll, -dies alles ohne Vorwurf und Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom -Augenblick und der Leidenschaft so oft beherrschten »schlechten -Charakter«, wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie -sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die ihn durch -Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut zu lenken weiss. - -Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar von Dresden ab, um -in die Schweiz zu gehen. In Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen -festgehalten, da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel hatte -hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so viel verloren hatte, -dass er sich nur mit dem von Katkow ihm gesandten Gelde loskaufen konnte -und mit einem Rest von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine -Stimmung jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, als er nur -der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung, am Roulettetisch gewinnen zu -müssen, entronnen war. - -In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 zu, wo er den »Idioten« -schrieb, welcher Roman im »Russkij Wjestnik« mit dem Januar 1868 zu -erscheinen begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11 oder 12 Uhr -stand der Dichter auf, trank Kaffee und setzte sich zur Arbeit, an der -er bis 3 Uhr verblieb. Dann diktierte er seiner Gattin aus dem -Brouillon. Um 4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. Dann -las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen Abend machte man einen -Spaziergang, dann nahm man den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch -ungefähr um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr morgens -arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser Ogarew, welcher sie hier -und da besuchte und ihnen in Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs. -lieh. Am 22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen, Sophie, -geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte deren Tod, den der Dichter -so schwer empfunden und nie verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für -das Ehepaar aber auch noch manche andere Beschwerden und -Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon losrissen und in -Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer über verblieben. Anfangs September -gingen sie über den Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in -Mailand zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz nieder. -Die ganze Zeit wurde die Arbeit am »Idiot« fortgesetzt, dessen Schluss -als Separat-Anhang des »Russkij Wjestnik« im Januar- oder Februarheft -1869 erschien. - - War »Schuld und Sühne«, ohne dass man dies in Europa beachtete, - ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen - Prinzipien und Probleme, so finden wir im »Idiot«, der, wie wir - sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas ganz - anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden bietet den - Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für sie, während - zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem Zorn - und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen Landsleuten - Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, mit welcher der - Dichter die Gesinnungsgenossen einer »längst vergangenen Zeit« - brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in dem Roman »Die - Besessenen« noch in höherem Masse durchgeführt. - - Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. Auch - sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, die - Charaktere der jungen Generation übertrieben, die Handlung - gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und es wird ihr - gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks russisch - grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden aber, welche - dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, kaum - auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird uns mit - allen Mängeln der Dichtung aussöhnen. - - Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des - russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja - schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf - seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu den - russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer schärfer - hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form seiner - christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher aus - der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen. - - Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere Sühne der - Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und Lieben, so - steht hier in diesem »Idioten« eine Verkörperung hoher, - christlicher Weisheit, ohne jegliches »Prinzip«, ohne Zwang, in - grösster Anmut vor unseren Augen. - - Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys setzt - die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen wir, dass - der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist, sondern der - »reine Thor«, jene herrliche Gestalt, welche in der Litteratur so - vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage im Parsifal - unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht sagenhaft, als - Held, sondern als ein Kind des Volkes, »Iwanuschka-Duratschók« - noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt und - bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst ein Stück - russischer Sage darstellen wird. - - Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; er ist - ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse friert; - er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei sich und - erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit eines - Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte eines - väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem Lande - untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen geheilt - werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet - werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, seine - Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor zwei Jahren - sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt habe ihn aber - dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn gesorgt und ihn - erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach Petersburg geschickt, - ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts mitgeben können, so - dass er nun ohne eine Kopeke anlange und noch nicht wisse, was er - beginnen werde. Seine Reisegefährten sind: Rogoschin, der Sohn - eines ebenso reichen als geizigen und despotischen Kaufmannes, - dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet hat, um sie einer - berühmten Schönheit zweifelhaften Rufes zu verehren. (Nun ist der - Vater plötzlich gestorben und er kehrt zurück, um sein Erbe - anzutreten.) Ferner ein mit allen Salben geriebener kleiner - Beamte, schlechtester Sorte. Beide lächeln über die Harmlosigkeit - des jungen Fürsten, der selbst erzählt, man hätte ihn in der - Schweiz einen Idioten genannt, was er auch sicherlich ohne die - treue Pflege jenes Arztes geworden wäre, nun aber nicht sei, wenn - er sich auch noch nicht ganz genesen nennen könne. - - Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna, - kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren - scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude und - Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen sei, um - je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser das Bild - Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten klar, - was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an Nastassja, - sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten Generalstochter, - die ihn liebt, in das reinste Licht stellt. - - Nachdem die Reisegefährten angekommen sind, bietet Rogoschin dem - Fürsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser will sich - vorerst an den General Epantschin wenden, dessen Gattin ebenfalls - eine Fürstin Myschkin ist, und hofft sich dort wegen der - Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die Heimat - geschickt hatte, Rat holen zu können. Da er keinen Wert auf diese - Sache legt, sie nur nebenher erwähnt und hilflos-vergnügt mit - seinem Bündelchen weiter zieht, fragt auch niemand nach dieser - Angelegenheit, und er tritt nach einem schüchternen Läuten in die - Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener misstrauisch - von oben bis unten ansieht und endlich gnädig hereinlässt. Die - hier folgende Scene, da der junge Fürst seinen Namen nennt, aber - mit seinem Bündelchen in der Hand lieber in der Dienerstube - bleibt, als dass er in das Wartezimmer der Gäste ginge, ist ganz - ausserordentlich geschildert. - - Der Diener hält den Besucher natürlich bald für einen »Idioten«, - gewinnt aber allmählich und unbewusst Sympathie und eine gewisse - Achtung für diesen jungen Menschen, den er gleichwohl nirgends - einzureihen weiss. Für den Leser ist aber von den ersten Worten, - die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen - tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den - letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich - kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen - Forderungen, lässt uns diese genialische Seele keinen Augenblick - über sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz - überwunden, ist auch hier sehr künstlerisch verwendet. Nicht ein - Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier - sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so - dass auch darüber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem - »gebildeten Geist« zu thun haben, sondern mit einem natürlich - entfalteten Wesen. - - Manche russische Kritiker haben es abfällig beurteilt, dass - Dostojewsky dem Fürsten Aussprüche tiefster Weisheit in den Mund - legt. Wir können diesem Urteil nicht beipflichten. Der Dichter - hat es wohl abgewogen, welcher Art die Weisheit sein müsse, die - er den jungen Menschen aussprechen lässt. Immer ist es eine auf - das Reinmenschliche gerichtete Wahrheit, eine Feinheit, die aus - dem Gemüt quillt und zum Gemüt dringt, keinerlei Reflexions- oder - Dogma-Weisheit. Und selbst da, wo Myschkin über den Katholicismus - spricht, holt er seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer - erworbenen Tradition oder einem ausgeklügelten Axiom. Hören wir, - was er gleich zu Anfang der Erzählung mit dem Kammerdiener des - Generals in der Dienerstube über die Todesstrafe sagt. Der Diener - fragt nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den - Strafen. Da erzählt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung - durch die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine, - wie sie so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das - sei noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin: - - »Wisst Ihr was? -- seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken - alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine, so - ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in den Kopf - gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wäre? Das scheint - Euch lächerlich, ja toll; bei einiger Vorstellung kommt einem - aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket: wenn man z. B. - die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und Wunden, - körperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der seelischen - Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abquälst bis zum - letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der Hauptschmerz, der - heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in den Wunden, sondern - darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst, dass nach einer - Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute, - dann sofort -- Deine Seele dem Körper entflieht, dass Du dann - kein Mensch mehr sein wirst und dass das schon sicher sein wird; - die Hauptsache ist, dass es _wirklich_ geschehen wird. Siehst Du, - wenn Du den Kopf unter das Messer legst und hörst, wie es über - ihm knirscht, diese Viertelsekunde, siehst Du, das ist das - schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das ist nicht meine - Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so überzeugt davon, - dass ich Euch offen meine Meinung sagen will. Einen Totschlag mit - einem Totschlag zu sühnen ist eine unermesslich grössere Strafe, - als das Verbrechen selbst. Das Töten infolge eines Urteilsspruchs - ist unvergleichlich furchtbarer, als der Totschlag eines Räubers. - Derjenige, welchen die Räuber erschlagen, bei Nacht, im Walde - oder sonst wie zerhauen, hofft unbedingt, bis zum letzten - Augenblicke, noch auf Rettung. Es hat Beispiele gegeben, da - Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten war, noch hoffte, dass - er noch lief oder flehte. Hier aber nimmt man ihm diese ganze - letzte Hoffnung, mit der zu sterben es zehnmal leichter ist; man - nimmt sie ihm thatsächlich, unwiderruflich fort. Hier ist ein - Urteilsspruch und darin, dass Du ihm wirklich nicht entrinnen - kannst, darin sitzt ja die furchtbare Qual. Und eine furchtbarere - Qual als diese giebt es nicht auf der Welt. Stellt einen Soldaten - im Krieg vor die Mündung einer Kanone und schiesst auf ihn, er - wird immer noch hoffen, aber leset diesem nämlichen Soldaten das - wirkliche Todesurteil vor, so wird er wahnsinnig[23], oder er - fängt an zu weinen. Wer hat gesagt, dass die menschliche Natur - imstande ist, das auszuhalten, ohne verrückt zu werden? Wozu ist - eine solche Beschimpfung, eine so unsinnige, unnötige, so - unnütze? Vielleicht giebt es auch einen solchen Menschen, dem man - sein Urteil vorgelesen, den man sich abquälen liess und dem man - dann gesagt hat: »Geh hin, man hat Dir verziehen«; das wäre ein - Mensch, seht ihr, der was erzählen könnte! Von dieser Qual und - diesen Todesschrecken hat auch Christus gesprochen. Nein! mit - einem Menschen darf man nicht so verfahren!« - - [Fußnote 23: Anmerkung: Einer der im Prozess Petraschewsky zum Tode - Verurteilten, der Lieutenant eines Grenadierregiments Nikolaus - Grigorjew, war auf dem Schaffot wahnsinnig geworden.] - - Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht seines - eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt, doch ist - dies so glaubwürdig aus dem Herzen des »Idioten« herausgesagt, - dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung gereift, - hier wie eine Ahnung möglicher Qualen, wie ein Protest gegen - diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes - beleuchten. Mit diesem Gespräch und dem gleich darauf folgenden - Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und - ihren drei schönen Töchtern einiges aus seinem Leben in der - Schweiz erzählt, ist gleichsam das »Leitmotiv« des ganzen Romans - angeschlagen, durch dessen wirre, gedrängte, mit Personen und - Zufälligkeiten überfüllte Handlung die Gestalt des Idioten wie - ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet. - - Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen - Essay »ein grausames Talent« und meint, die »Wollust an unnützer - Qual der Nebenmenschen« sei das charakteristische Merkzeichen - seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich immer nur um das - Verhältnis von Wolf und Schaf herumbewege. In der ersten Hälfte - seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky mit Vorliebe bei - den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf gefressen werde, - später aber habe er mit wahrer Wollust die Gefühle des Wolfes - geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese Vorstellung hat - Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt, welchen der - »Idiot« und später »Die Besessenen« in ihm mochten hervorgerufen - haben. Es giebt in der That kaum je eine Lektüre, welche - stellenweise solche Qualen hervorzurufen vermöchte. Allein die - Deutung Michailowskys ist durchaus herbeigezwungen, denn auch - hier, in diesen »grausamsten« Werken des grossen Dichters und - ganz besonders im »Idioten«, wiewohl er künstlerisch weit - schwächer ist als »Die Besessenen«, steht er nicht nur auf der - Seite des Schafes, sondern er löst die heitere, unbefangene, - starke und überzeugte Milde seines Helden wie einen glänzenden - Kern aus dem stachlichen Gehäuse des um ihn sich schliessenden - Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung, diese Menschen und ihre - Zustände, namentlich aber ihr Verhalten gegen den kranken und - durch das Mitleid so überaus erregbaren jungen Mann, das alles - hat etwas Widerwärtiges an sich, das indessen nur zur Hälfte als - Vorwurf auf des Dichters Rechnung zu setzen ist. Wo er die junge - Generation nihilistischer, atheistischer Färbung schildert, da - ist er beissend, ja bissig bis ins Ungerechte, subjektiv bis zur - Blindheit. Er, der im gemeinen Verbrecher des Totenhauses den - göttlichen Funken, die »russische Wahrheit« sucht und findet, ist - unerbittlich gegen Verirrungen und Trugschlüsse des Geistes, - Irrtümer des Herzens, die er selbst einmal geteilt hatte. Hier - liegt die Vermutung nahe, dass er eben darum, weil er gelernt - hatte, diese Richtung in sich selbst aufrichtig zu verdammen, das - Mass für die Beurteilung der selben Ideen in Anderen verlor. Was - uns aber sonst als quälend und unbehaglich in der Umgebung - Myschkins entgegentritt, ist das zusammengewürfelte Milieu, das - in Russland in gewissen mittleren Kreisen sich bildet, dem der - Dichter in jüngeren Jahren wohl selbst mochte angehört haben, das - ihn aber sicher als Romancier mehr locken musste, als die - ausgeglichene Eleganz der hohen Kreise oder die Einheitlichkeit - des Dorflebens. - - In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfältigste Leben. Es - verkehren Menschen mit einander, die ursprünglich nicht zusammen - gehörten. Die einen wollen hinauf, die andern müssen hinunter, - alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht - verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen. - Das kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser - Existenzen nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in - Aftermiete (meblirovannye komnaty); der verabschiedete General, - der kleine Beamte mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit - ihrer Tochter, verwitterte Excellenzen, versoffene Kollegienräte, - Hochstapler, Spieler, Cigaretten rauchende »Generalinnen«, das - alles lebt in einzelnen Zimmern auf einem Gange »bei Vermietern«. - In den Mietwohnungen minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft - des Lebens; man lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu - dem anderen der Stubennachbarn, man führt politische Gespräche, - trinkt, spielt bis tief in die Nacht, streitet und versöhnt sich - usw. Jener merkwürdige Typus »verlorener Kinder« wie sie - Dostojewsky als Sonja in Schuld und Sühne, als Nastassja - Philippowna im Idiot schildert, ist auch aus diesem Milieu - hervorgeholt. Was einer solchen Menschengemeinschaft vom - Standpunkt geordneter und vornehmer Verhältnisse als Makel - anhaften muss, das bildet wohl einen Vorzug im Leben jener von - unserer Gesellschaft zur Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky, - der konservative Politiker, ist als Mensch im weitesten Sinne - frei und zeigt uns in diesen Gestalten eine merkwürdige Mischung - von Verderbnis und Naivetät. - - Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit und - dieser Stolz der »Verlorenen«, die sich verschenkt, aber nicht - verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie, wiewohl - sie schon »vom Stoff der Schuld« viel mehr in sich trägt, als die - sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum - »Liebesmahle« heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es - aus des Generals Kanzlei zu den Damen hinüberbringen. In einem - der leeren Säle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet, - bleibt er stehen, betrachtet dieses schöne, bleiche, magere - Gesicht mit den tiefen Augen und -- drückt plötzlich einen - innigen Kuss darauf. Wir bleiben aber nicht lange über den Sinn - dieses Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen - von der Schweiz erzählen muss, da sagt er, dass er dort so überaus - glücklich gewesen sei. Man lächelt, fragt, nötigt ihn zu reden. - »Ich war nicht verliebt -- ich war dort .. anders glücklich.« Nun - dringt man noch mehr in ihn und er fährt fort: »Dort -- waren - immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern, nur - mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der ganze - Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie - unterrichtet hätte -- o nein, dazu war der Schulmeister da, Jules - Thibaut; übrigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber ich war - die meiste Zeit nur so mit ihnen -- und so sind mir vier Jahre - vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit ihnen über - alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten - wurden alle böse auf mich, weil die Kinder zuletzt gar nicht mehr - ohne mich sein konnten und sich immer um mich scharten. Auch der - Schullehrer wurde am Ende mein grösster Feind. Es erstanden mir - dort viele Feinde und alle um der Kinder willen. Sogar Schneider - (jener Arzt, der ihn aufgenommen hatte) beschämte mich. Aber was - fürchtete er denn? Einem Kinde kann man alles sagen -- alles. - Mich hat immer der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die - Grossen die Kinder kennen, ja wie schlecht Väter und Mütter ihre - eigenen Kinder verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu - verbergen, unter dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu früh - für sie sei. Was für ein trauriger und unglücklicher Gedanke! Und - wie gut bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie für zu - klein erachten, um etwas zu verstehen, während sie alles - verstehen. Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in - der schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag. - Ach Gott, wenn dich dieses gute Vögelchen ansieht, so vertrauensvoll - und glücklich, so muss man sich ja schämen es zu betrügen«. -- - Weiter heisst es dann: »Anfangs lachten mich die Kinder aus, dann - warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es gesehen hatten, wie - ich Marie küsste. Ich habe sie aber ein einziges Mal geküsst .... - Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich der Fürst zu sagen, um das - Lächeln seiner Zuhörerinnen aufzuhalten -- da war nichts von - Liebe vorhanden. Wenn Sie wüssten, was das für ein unglückliches - Geschöpf war, so würde Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie - mir. Sie war aus unserem Dorfe usw.« - - Nun erzählt der Fürst die Geschichte dieses armen, demütigen - Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente; - dabei war sie schwindsüchtig. Einmal war ein französischer Kommis - des Weges daher gekommen, hatte sie bethört und mit sich - genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da war sie die - vielen Werst zu Fuss zurückgegangen, eine ganze Woche lang, war - in Lumpen gehüllt, elend, erkältet heimgekommen. Die Mutter, - welche einen ganz kleinen Handel im Fenster ihrer Kammer versah - und davon lebte, beschimpfte sie, gab sie dem Hohn und den - Schmähungen der Dorfbewohner preis. Man nahm sie nirgends mehr - zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt wollte ihr keinen Teil der - Herde anvertrauen. Schweigend ging sie aber doch dem Vieh nach - und hütete es gut, sodass er ihr hie und da etwas Brot und Käse - gab. Da war es, dass der junge Fürst sie einmal traf und ihr 8 - Francs gab, die er für eine kleine Diamantnadel eingelöst hatte. - - »Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich - begegnete sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem - Seitenpfade hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und - sagte ihr, sie möge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts - haben würde. Dann aber küsste ich sie und sagte ihr, sie möge - nicht denken, ich hätte böse Absichten, dass ich sie nicht darum - küsse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie mir so - sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten für - schuldig, nur für sehr unglücklich erachtet hätte. Ich hatte so - sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trösten und zu überzeugen, - dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe, aber sie - hat das, scheint es, nicht verstanden.« »Dann, als ich geendet - hatte, küsste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich die ihre - und wollte sie auch küssen, allein sie zog sie rasch zurück. Da - erblickten uns plötzlich die Kinder, eine ganze Schar. Ich erfuhr - nachher, dass sie mich schon lange belauscht hatten. Sie begannen - zu pfeifen, mit den Händchen zu klatschen und zu lachen, Marie - aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie aber begannen Steine - auf mich zu werfen.« - - Weiter fährt er fort: »Ich erzählte ihnen, wie unglücklich Marie - sei; bald hörten sie auf zu schmähen und gingen schweigend davon. - Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich verbarg - ihnen nichts, erzählte ihnen alles. Sie lauschten mit vielem - Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche von - ihnen begrüssten sie nun schon zärtlich, wenn sie ihnen begegnete« - usw. -- Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: »nous t'aimons - Marie«! Als sie stirbt, überschütten sie die Kinder mit Blumen, - legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum Friedhof - tragen. Da sie es nicht vermögen, folgt die ganze Schar ihm - weinend nach, und der Grabhügel blüht seither unter ihrer Obhut. - Er aber, der junge Fürst, wird der Kinder unzertrennlicher - Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem Lehrer - angefeindet. Auch sein Beschützer, der Arzt Schneider, tadelt ihn - darob und nennt ihn ein »ewiges Kind«. - - Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen am - ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da - handelt. Der junge Fürst ist ungeladen zu jener Schönen, - Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft - zusammengerufen worden, um ihren Entschluss zu hören: ob sie, - mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja - Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen - nehmen will, heiraten wird oder nicht. - - Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun haben - werde, und tritt nun, seine Scheu überwindend, in die verblüffte - Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen Gaste - zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes, Wichtigeres - bringen. Alles ist gespannt. -- Da stürzt Rogoschin, des Fürsten - wüster Reisegefährte, mit einem Schwarm betrunkener Genossen - herein und legt ein Päckchen von 100000 Rubeln auf den Tisch, - womit er Nastassja als Geliebte für sich loskaufen will; diese - schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung - den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden alten Liebhaber - Totzky ins Gesicht. - - »Auch noch verpflichtet wäre ich ihm, so meint er wohl; er hat - mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Gräfin gehalten, und - Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anständigen Gatten - hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und was - glaubst du -- ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm gelebt, - habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im Recht! - Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm die - Hunderttausend und jag' ihn fort, wenn's dich ekelt. Freilich ist - es ekelhaft .... Ich hätte auch schon lange heiraten können und - andere, als diesen hier -- aber das ist ja schon gar ekelhaft! - Und wofür habe ich meine fünf Jahre in diesem Zorn vergeudet? Und - wirst du's glauben (sie wendet sich da an eine Freundin) oder - nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht - habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen - sollte? Das hab' ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir - damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich hätte ihn sicher - dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu - gedrängt, ob du's glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen, - denn er ist schon gar zu gierig, hält nicht Stand. Und später, - Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert? - Da hab' ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass, wenn er - auch um mich gefreit hätte, ich ihn nicht genommen hätte. Ganze - fünf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist's schon besser auf - die Strasse, wohin ich auch gehöre! Entweder mich mit Rogoschin - verlottern, oder morgen unter die Wäscherinnen gehen! Denn es ist - nichts mein eigen, was ich da trage. Geh' ich fort, so werf ich - ihm alles hin, den letzten Fetzen lass' ich hier -- wer aber - nimmt mich ohne alles -- frage nur den da, Ganja, ob er mich - nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der Spassmacher der - Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....« - - »Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja - Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch«, unterbrach sie - dieser; »dafür hingegen -- nimmt Euch der Fürst! Ihr sitzet so da - und lamentiert -- schaut nur einmal den Fürsten an! Ich beobachte - ihn schon lange ...« - - Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem Fürsten um. - - »Ist es wahr?« fragt sie ihn. - - »Es ist wahr,« sagt er leise. - - (Der Eindruck dieser Scene ist unbeschreiblich.) - - »Da hab' ich einen Wohlthäter gefunden!« sagt Nastassja »Übrigens - spricht man vielleicht die Wahrheit über ihn, dass er .... _so_ - ist. Wovon wirst du denn leben, wenn du so verliebt bist, die - Rogoschinskaia zu nehmen, für dich, als -- Fürstin?« - - »Ich nehme Euch als eine Ehrenhafte, Nastassja Philippowna, nicht - als eine Rogoschinskaia«, sagte der Fürst. - - »Ich, ehrenhaft?« - - »Ja, Ihr,« usw. - - Nun wird die Frage des Unterhalts erörtert und es stellt sich aus - einem Briefe, den Myschkin bei sich trägt, heraus, dass er der - Erbe einer steinreichen Verwandten ist und es eben diese - Angelegenheit war, um deren willen man ihn nach Russland gesandt - hatte. - - Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst - retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des - Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen höchst aufregenden und - den Leser in quälende Spannung versetzenden Episoden setzt - Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht mehr - stand hält, doch endlich die Vermählung durch. Schon im - Brautgewande und vor dem Altar -- entflieht die Braut. Spät in - der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint - Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man lässt - ihn nicht ein. Er stellt sich gegenüber Rogoschins Fenster auf, - dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen - schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Fürst, den schon wiederholte - Anfälle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens zu - berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mühe, um zu - begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin führt ihn hinter den - Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis über den - Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Körper. Ein nackter Fuss, wie - aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende sichtbar und - ringsum weisse Gewänder, Spitzen, Brillanten -- -- -- Sie war mit - Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen, »damit - Myschkin sie nicht finde«. Hier hatte sie die Nacht auf seinem - Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer ins Herz gestossen. - Darauf hat er sich zu Füssen des Bettes vor den Vorhang - hingesetzt und gewartet. Nun erzählt er das alles, vom Fieber - geschüttelt, dem Fürsten. »Du sollst aber keinen Anfall hier - bekommen und schreien, sonst musst du fort.« -- -- Allmählich - verlässt beide das Bewusstsein. -- Am andern Morgen findet man - Rogoschin im Fieber schreiend und rasend, Myschkin neben ihm auf - dem Boden sitzend, nun vollständig blödsinnig -- und dem Kranken - bei jedem Schrei zärtlich Haar und Antlitz streichelnd ..... - -Es ist wohl hier der Platz für einen Brief, welchen der Dichter neun -Jahre später an einen jener Korrespondenten richtete, die ihn in seinen -letzten Lebensjahren so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen. -Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und in mehr als einer Richtung -bedeutsam und interessant. - -Er lautet: - - »Petersburg, 14. Februar 1877. - - Geehrter Herr Kowner! - -»Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich ein kranker Mensch bin -und sehr schwer an meiner Monatsschrift arbeite. Auch muss ich jeden -Monat einige Dutzende von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine -Familie und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe -thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine längere -Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich. Besonders mit Ihnen. - -Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben wäre, als Ihr -erster Brief an mich (Ihr zweiter Brief ist etwas für sich). - -Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin über sich selbst -sagen. -- Über Ihr einstmals begangenes Verbrechen haben Sie sich so -klar und (wenigstens was mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt, -dass ich, ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese jetzt -mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst. - -Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich natürlich nicht mit Ihnen -reden; doch hat es mir gefallen, dass Sie den »Idiot« als den besten -darunter hervorheben. Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon -fünfzig Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch -alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren Anzahl von -Exemplaren. Ich habe den »Idioten« darum jetzt genannt, weil alle, die -mit mir darüber als von meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes -in der Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich sehr -berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung nun auch -bei Ihnen findet, so ist das für mich nur um so besser, natürlich wenn -Sie aufrichtig sind. Aber wenn es auch nicht so wäre .... - -NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, dass Sie keinerlei -Reue über das von Ihnen begangene Verbrechen in der Bank empfinden, sind -nicht recht nach meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die -Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen -Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein jeder sich verpflichtet -fühlen muss (das heisst, wieder als einem Symbol). Sie sind vielleicht -so gescheit, dass Sie sich über diese unerbetene Offenheit meiner -Bemerkung nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser, -als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine falsche Demut, -wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie auch in meinem Herzen -freispreche (so wie ich auch Sie auffordere, mich freizusprechen), so -ist es immer besser, wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun. -Scheint Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine kleine -Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der höhere, ideale Christ -sagt: »Ich habe meinen Besitz mit den armen und niederen Brüdern zu -teilen, ich habe ihnen allen zu dienen.« Der Kommunard aber sagt: »Du -hast mit mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu dienen.« -Der Christ wird recht, der Kommunard wird unrecht haben.) Übrigens ist -Ihnen vielleicht jetzt noch unverständlicher, was ich Ihnen sagen -wollte. - -Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann man sich in einem Briefe -nicht aussprechen, besonders mit Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit, -dass wir einen solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht -erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will Ihnen nur sagen, -dass ich auch von anderen Israeliten Briefe mit ähnlichen Bemerkungen -bekommen habe. So habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen -Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit bitteren Vorwürfen -schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst durch diese mir von Israeliten -gemachten Vorwürfe, einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches -schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen habe, da -ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen Anfalles leidend -bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, dass ich durchaus kein Feind der Juden -bin, niemals ein solcher war. Allein -- schon ihr, vierzig Jahrhunderte -währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass dieses -Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, welche im Laufe -seiner ganzen Geschichte nicht anders konnte, als sich als verschiedene -status in statu formulieren. Ein sehr kräftiger status in statu ist -unbestreitbar auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es aber -so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie, wenigstens -teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen Volksfamilie eine -Dissonanz bilden? Sie weisen auf die Intelligenz der Juden hin -- nun, -Sie selbst sind ja auch eine Intelligenz und -- sehen Sie nur ... - -Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. Ich habe viele -Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen, die mich auch jetzt oft um Rat -angehen. Doch lesen sie das »Tagebuch eines Schriftstellers«; und obwohl -sie, wie alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich sind, -so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch zu mir. - -Was die Sache der Kornilowa[24] anlangt, bemerke ich nur, dass Sie -nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. Aber was sind Sie doch -für ein Lehrling. Mit einem solchen Blick auf das Herz des Menschen und -seine Handlungen bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse -zu versinken ... - -... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres Briefes, gar nicht. Ihr -Brief (der erste) ist hinreissend schön und gut. Ich will mit voller -Seele glauben, dass Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie -nicht aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit -in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst komplizierte und -sehr tiefe Sache. -- - -[Fußnote 24: Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der -Schwangerschaft ihr Stieftöchterchen aus dem Fenster geworfen hatte und -für die Dostojewsky öffentlich eintrat.] - -Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir -dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich aber im Geiste und -formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es ja bis zum heutigen Tage -gesucht, oder nicht? - -Mit aufrichtiger Hochachtung - - Ihr - Th. Dostojewsky.« - -Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten, kündet uns dieser Brief -die ganze Eigenart Dostojewskys. Gleichsam im Vorübergehen, wie -unbewusst, streift er einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart -und löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude über jene, -welche den »Idioten« als sein bestes Werk ansehen, steckt eine ganze -Ethik der unbefleckten Wahrheit, so wie in jener Parallele zwischen -Christ und Kommunard sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. Die -Andeutung über die Lüge, die »in gegebenem Falle eine sehr ernste und -komplizierte Sache« ist, deckt sich mit dem Ausspruch, den er Rasumichin -in den Mund legt: »Lügen wir uns zur Wahrheit durch«, und reisst -gleichsam vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander, das -oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; und wie gewandt endlich kehrt er, -in der Berührung der Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe -gegen diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die »nationale -Grundlage« des Volks zu erhärten. -- - -Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das in Genf gewesen, doch -gab es hier viele Kunstsammlungen, welche nicht nur von Anna -Grigorjewna, sondern auch von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden. -Des Dichters Lieblinge waren hier Rafaels »Madonna della Sedia« und -»Johannes der Täufer«. Ganz besonders entzückte den Dichter der -Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. Auch ein Lesesaal war -hier, wo man russische Zeitschriften finden konnte. Ausserdem -beschäftigte sich Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er -Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte Russen gab es hier -gar keine, so dass das Ehepaar zehn Monate in Florenz zubrachte, ohne -mit irgend jemand ein russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand -Theodor Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das -italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr ähnlich. In -Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten, weil sie allzuwenig Geld -hatten, um sich ein solches Vergnügen zu gestatten. - -Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest, Wien und Prag nach -Dresden. Venedig machte auf den Dichter einen besonders bezaubernden -Eindruck und es blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs -vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger und Palacky näher -bekannt zu werden, welche ihn sehr interessierten. Der Umstand jedoch, -dass in Prag keine möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn, -Dresden zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am 14. September -(1869) die zweite Tochter geboren und das brachte neue Freuden und neue -Sorgen in das Leben der Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt -einer Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede freie Minute, -wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen war. Zu Ende des Jahres -schrieb Dostojewsky den »Hahnrei« und das ganze Jahr 1870 hindurch die -»Dämonen« (in einer Übersetzung »Die Besessenen« genannt), welche -anfangs 1871 im »Russkij Wjestnik« zu erscheinen begannen. - -Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren Bekannten; übrigens -liebte er es nicht besonders, im Auslande Verkehr mit Russen zu pflegen, -die er nur oberflächlich kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus -russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit sich genommen -oder sich verschrieben hatte, so die Werke Belinskys, »Krieg und -Frieden« von Tolstoj und einige andere. Das Buch jedoch, zu welchem er -immer wieder zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der -Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, nie verlassen -hatte, war das Evangelium. - -In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben und, wie Anna -Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten gerade diese zwei Jahre zu -den schwersten Zeiten der freiwilligen Verbannung. »Er litt immer mehr -darunter,« sagte sie, »dass er sich von Russland entfernt habe, es nicht -mehr kenne.« In seinen Briefen drückt er oft diese Sehnsucht nach -Russland aus. Allein die Rückkehr war schwer zu bewerkstelligen, weil -man dazu von vornherein grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass -man nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg übersiedelte, -sondern die Wechsel und Schulden einlöste, welche von der Leitung der -»Epocha« her noch unbeglichen waren. Lange warteten sie auf günstige -Umstände, aber so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres -höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte Geld zu diesem -verbraucht. Ein bedeutender Teil ging für die Erhaltung der Witwe des -dahingeschiedenen Bruders, ein anderer für die des (offenbar nicht -wohlgeratenen) Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die -Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die zuletzt doch -verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen diesen Schwierigkeiten vor -sich sahen, dabei aber fühlten, dass es ihnen unerträglich wurde, unter -diesen Verhältnissen in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie -sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu nehmen, und kehrten -am 8. Juli 1871 nach Petersburg zurück, wo am 16. desselben Monats ihr -erster Sohn Theodor geboren wurde. - - - - - IX. - Briefwechsel aus der Fremde. - (1867-1871.) - - -Blättern wir nun in den Briefen des Dichters aus dieser Zeit der -Selbstverbannung, so finden wir darin die Bestätigung alles dessen, was -Strachow darüber berichtet und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles -was wir durch sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen -erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir aus zwei -Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der uns vorliegenden, 42, einen -Umfang von etwa zehn Druckbogen grossen Formats einnimmt, die Länge -einzelner oft sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material -für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber, und dies ist -wichtiger, weil seine Richtung durch alles Vorangegangene und namentlich -durch das Tagebuch besser gekennzeichnet ist als durch diese Briefe, -deren Wiederholungen mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche -geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von einem deutschen Publikum -gleichgiltig, ja wohl missverständlich müsste aufgenommen werden. Auch -jenen Briefen, welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung -voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl selbst gemacht -hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys Wesen hervorgehoben zu werden -verdient. Des Dichters Briefe sind alles andere eher als »geistreiche -Briefe«; sie sind in noch viel höherem Grade als seine künstlerischen -und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig. In seiner -Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei allem Raffinement des Künstlers) -hier wie überall um die Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen -und Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht stellen -könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach wie die -Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir glauben ihm aufs -Wort, was er noch im Jahre 1856 aus Sibirien an Apollon Maikow schrieb: -»-- -- Verzeihen Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe -kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum eben kann ich die -Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat allzu gute Briefe geschrieben.« -Dostojewskys Stil ist sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so, -wie ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): »nicht der -kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu vornehmer -Einfachheit geadelten Alltäglichkeit«. - -Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick haben, ist vom -28. August 1867 aus Genf datiert, an Maikow gerichtet. Nach einer -einleitenden Entschuldigung, dass er so lange geschwiegen habe, und -einem jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer wie die -Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem wir ihn den besten -Freunden gegenüber manchmal ertappen, beginnt er die zusammenfassende -Erzählung seines Reiselebens wie folgt: - -»Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen Gründen. Der -Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur die Gesundheit, nein, das Leben zu -retten. Die Anfälle wiederholten sich schon in jeder Woche; diese -Nerven- und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, das -war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich sich zu zerrütten. Das -ist thatsächlich wahr. Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal -zu Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war diese: die -Gläubiger konnten nicht mehr länger warten, und zur Zeit meiner Abreise -war schon durch Latkin und später durch Petschatkin die Klage gegen mich -eingereicht. Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. Nehmen wir an -- -ich will keine schönen Worte machen und mich aufschmücken -- nehmen wir -an, das Schuldgefängnis wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich: -Aktualität, Material, ein zweites »Totenhaus«; mit einem Wort, es gäbe -Material mindestens für 4-5000 Rubel, aber ich habe eben erst geheiratet -und, ausserdem, würde ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause -aushalten? Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir aber unmöglich -geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden Anfällen, litterarisch -thätig zu sein -- wie hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die -Verpflichtungen waren schrecklich angewachsen. - -Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans Ausland habe ich -nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt, der geistige Einfluss des -Auslandes werde ein sehr schädlicher sein. Allein, ohne Material, mit -einem jungen Geschöpf, das sich mit naiver Freude anschickte, mein -Wanderleben zu teilen -- ich aber sah in dieser naiven Freude viel -Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte und quälte mich sehr. -Ich fürchtete, Anna Grigorjewna werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir -langweilen; auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. In mich -aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen ist krankhaft, und ich sah -voraus, dass sie sich mit mir abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich -Anna Grigorjewna als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt -und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir geradezu ein -Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, Zwanzigjähriges, das -wunderschön und natürlich unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber -kaum die Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der Abreise -vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna Grigorjewna sich -kräftiger und trefflicher erwies, als ich gedacht hatte, so bin ich -dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) Endlich bedrückte mich die -Kargheit unserer Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen -Barschaft und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an Katkow ab. -Ich rechnete allerdings damit, dass ich im Auslande sofort zu arbeiten -beginnen würde. Was aber kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder -nahezu nichts geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und -endgiltig an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan -habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden und -manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, Schwarz auf Weiss ist noch -wenig da, dieses Schwarz auf Weiss aber ist ja das Endgiltige, das -allein wird bezahlt. Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als -möglich hinter uns gelassen -- wo ich mich einen Tag aufhielt, wo die -langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine Nerven bis zur Bosheit -zu reizen, und wo ich das russische Bad besuchte -- gingen wir nach -Dresden, mieteten eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest. - -Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame: sofort warf sich mir -die Frage auf: wozu bin ich in Dresden, gerade in Dresden und nicht -anderswo, und was zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu -verlassen und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja klar -(Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche war auch das, dass -ich es zu deutlich empfand, dass es für mich jetzt, wo immer ich auch -leben mochte, ganz gleich sei -- ob in Dresden oder anderswo. Überall -war ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück. Ich wollte -mich sofort an die Arbeit machen und fühlte, dass es damit durchaus -nicht gehe, dass der Eindruck durchaus nicht der richtige sei. Ich las, -ich schrieb einiges, war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält -- die -Tage vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische im Grossen -Garten spazieren, hörten billige Musik, dann lasen wir, dann gingen wir -schlafen. In Anna Grigorjewna's Charakter kam ein entschieden -antiquarischer Zug zum Vorschein (das freut mich und unterhält mich -sehr). Es ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme -Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, was sie -mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und womit sie schon sieben -Büchlein vollgeschrieben hat. Aber mehr als alles hat sie die Galerie -eingenommen und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil -dadurch in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind, um Langweile -aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie täglich besucht. - -Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über die Petersburger und -die Moskauer gesprochen und debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna --- es war teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich Ihnen -nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert. Ich habe -russische Zeitungen gelesen und mir damit das Herz erleichtert. Da habe -ich's endlich empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt -hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands Europa -gegenüber und über die oberste Schichte der russischen Gesellschaft. -Aber, was soll man davon reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht, -unser russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem Glauben an -Europa und die Zivilisation -- ebenfalls. Die Vorgänge in Paris waren -ein Schlag für mich. Auch die guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la -Pologne! Puh! wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie -wohldienerisch! Ich habe mich in meiner früheren Idee nur noch bestärkt, -dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft ist, dass uns Europa nicht -kennt und so schlecht kennt. Die Details aber des Prozesses Berezowski! -Wie viel fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist --- wie wenig sind sie mit ihren Reden noch weiter gekommen, wie ist -alles noch auf demselben Fleck, alles auf demselben Fleck! - -Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus plastischer, das -ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit und unerwarteten Reife des -russischen Volkes angesichts all unserer Reformen (sei es auch nur die -der Gerichtsbarkeit), und gleichzeitig die Kunde von dem durch den -Kreisrichter des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten Kaufmann -erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische Volk dank seinem -Wohlthäter und dessen Reformen nach und nach in eine solche Lage -gekommen ist, dass es unwillkürlich Thatkraft, selbständiges Sehen -erlernt, und darin liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit -ist, was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger als die -Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So schnell als möglich nach dem -Süden, so schnell als möglich[25]; darauf kommt alles an. Bis dahin -überall die rechte Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse -Wiedergeburt! (Über all dieses denkt man hier nach, träumt man, über all -dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier fast mit niemand -verkehre, kann man doch nicht umhin, manchmal unversehens auf jemand zu -stossen. - -In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig im Auslande lebt, -alljährlich auf drei Wochen nach Russland reist, seine Einkünfte -einstreicht und wieder nach Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und -Kinder hat, die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem: -warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete wörtlich (mit -gereizter Heftigkeit): »hier ist Zivilisation, bei uns aber Barbarei. -Ausserdem giebt es hier keine Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé -und konnte den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen -unterscheiden.« - -[Fußnote 25: Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die -Gewinnung eines Welthafens, Konstantinopels.] - -»Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?« - -»Wie denn nicht, natürlich!« - -»Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? Der Franzose ist vor -allem Franzose, der Engländer -- Engländer, nur sie selbst zu sein ist -ihr höchstes Ziel, ja noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.« - -»Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, und wir werden -erst dann glücklich sein, wenn wir vergessen werden, dass wir Russen -sind und jeder allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow -hören!« - -»Sie also lieben Katkow nicht?« - -»Er ist ein Nichtswürdiger!« - -»Warum?« - -»Weil er die Polen nicht liebt.« - -»Lesen Sie sein Journal?« - -»Nein, ich lese es niemals.« - -Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser Mensch gehört zu -den jungen Progressisten, hält sich aber übrigens, wie es scheint, -abseits von allen anderen. In was für knurrigen und verachtenden -Spitzigkeiten bewegen sie sich doch im Auslande! - -Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. Aber du mein -Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, d. h. eine so erhabene -Vorstellung des Menschen, dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen -kann, und dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das Ideal -der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber -- --[26] haben sie uns -hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen Schönheit, auf welche sie -spucken, sind sie alle so niedrig, selbstsüchtig, so schamlos -aufreizend, so leichtfertig, hochmütig, dass es unverständlich ist, was -sie erhoffen und was ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat -er abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet habe ist -dies: alle diese Liberälchen und Progressisten, namentlich jene, die -noch aus der Schule Belinskys sind, halten es für ihr vornehmstes -Vergnügen und ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der -Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach Russland -schmähen und ihm offen den Zusammenbruch wünschen (vor allem den -Zusammenbruch!) Diese Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland -lieben. Dabei aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland -halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen und mit Lust -in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn man ihnen thatsächlich ein -Faktum vorlegte, das man auf keine Weise leugnen oder in eine Karikatur -verstümmeln könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein -müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur Qual, bis zur -Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens habe ich bemerkt, dass sie (wie -alle, welche lange Zeit nicht in Russland gewesen sind) entschieden die -Thatsachen nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich -jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz gewöhnliche -Fakten nicht begreifen, die unser russischer Nihilist nicht einmal -leugnet, sondern nur in seinem Sinne karikiert. Unter anderem hat er -gesagt, dass wir vor den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen -allen gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, und -dass alle Anläufe zum Russismus und zur Selbständigkeit -- Schweinerei -und Dummheit sind .... - -[Fußnote 26: Im Abdruck ausgelassene Stellen.] - -Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna die Unruhe und -Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu kamen hauptsächlich zwei Fakten: -1. Nach Briefen, welche mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal -geschrieben), zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht -hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der Tilgung nicht zu denken. -2. Fühlte meine Gattin sich in gesegneten Umständen (dies bitte ich, -unter uns, die neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man -umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit meinen -Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der Schwägerin), mit Pascha und -einigen anderen? Geld. Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir -irgendwo überwintern, so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna -Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit ihr ein wenig -reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo in der Schweiz oder in Italien -den Winter zuzubringen. Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon -sehr stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm die ganze -Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um 500 Rubel Vorschuss gebeten. -Wie denken Sie? er hat's geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher -Mensch! Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. Aber -hier muss ich meine Niedrigkeiten und Laster erzählen. - -Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle, dass ich Sie als meinen -Richter ansehen kann. Sie sind ein Mann von Herz, wovon ich mich schon -lange überzeugt habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer -hochgeschätzt. Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen schuldig zu -bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie allein. Geben Sie mich dem -Urteil der Menschen nicht preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es -mir ein, mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende Gedanke, -10 Louisd'ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. als Zugabe zu gewinnen, -das wäre ja dann genug auf vier Monate, um mit allem und allen -Petersburgern zu leben; das schlimmste war, dass ich auch früher schon -manchmal gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur -niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in allem gehe ich -bis an die äusserste Grenze, mein ganzes Leben habe ich das Mass -überschritten. Der Teufel hat dann auch sofort ein Stückchen mit mir -aufgeführt: In drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit -4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir nun alles -darstellte. Von der einen Seite dieser leichte Gewinnst -- von 100 Frcs, -in drei Tagen 4000 --, von der anderen Seite -- Schulden, -Klageschriften, seelische Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland -zurückzukehren. Endlich drittens, die Hauptsache -- das Spiel selbst. -Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, da -ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir vor allem Geld um Geldeswillen -nötig war. Anna Grigorjewna beschwor mich, ich solle mich mit den 4000 -Frcs. zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte und -mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche Beispiele! Ausser -dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich, wie andere zu 20 und 30000 Frcs, -einziehen. (Die Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie's -verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte also weiter -und verlor. Ich fing an mein Letztes zu verlieren, wurde aufgeregt bis -zum Fieber -- und verlor. Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna -Grigorjewna versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein -Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem verfluchten -Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede, wohin wir übersiedelt -waren!). Endlich war's genug -- alles war verloren. Endlich musste man -sich retten und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals an Katkow, -bat abermals um 500 Rubel (ohne der Umstände zu erwähnen; allein der -Brief war aus Baden datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er -hat's ja geschickt! Hat's geschickt! So sind also jetzt 4000 vom -»Russkij Wjestnik« vorausgenommen!« - -Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky dem Freunde die -Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, dass sie in Genf -angekommen seien, bei zwei alten Frauen Quartier genommen haben und nun -am vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche und weitere 50 -Rubel für die zwei nächsten Monate in Aussicht haben. Nun folgt einer -jener bekannten kindlich schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen -ausführlichen Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung und -Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters Menschliches und -Allzumenschliches! In einem Briefe vom 15. September an denselben Freund -erwähnt er, dass dessen 125 Rubel sie gerettet haben. - -Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über seine Gesundheit, -welcher das Klima schade, da er jeden zehnten Tag ungefähr einen Anfall -habe, nach welchem er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich -folgende Stelle: »Habe ich Ihnen schon über den hiesigen -Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben nicht nur keinen -solchen Unsinn gesehen oder gehört, sondern nicht einmal angenommen, -dass die Menschen solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie sie -sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und wie sie die -Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich schon früher keinen Zweifel -darüber, dass ihr erstes Wort Zank sein werde. So geschah es auch. Sie -fingen mit dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen -überflüssig seien und dass man lauter kleine daraus machen solle; dann: -dass es keinen Glauben zu geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei -und Geschimpfe: Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen -davon lesen und hören, sehen wahrlich alles verkehrt. Nein mit eigenen -Augen solltet Ihr schauen, mit eigenen Ohren hören.« Über Genf, seine -ungünstigen klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine -Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem Briefe vom 21. -Oktober geradezu verzweifelt aus. Im Zornausbruch sagt er: »Und was sind -das für selbstzufriedene Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer -Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier hässlich, faul, -teuer, Alles ist hier betrunken! So viele Renommisten und so viele -betrunkene Schreiliesen giebt es sogar in London nicht. Und alles bei -ihnen, jeder Pfosten -- ist herrlich und grossartig. »Wo ist die Rue N. -N.?« -- »Voyez monsieur, vous irez tout droit, et quand vous passerez -près de cette majestueuse et élégante fontaine en bronze, vous prendrez -etc.« -- Diese majestueuse élégante fontaine -- ist der -allerhinfälligste, geschmackloseste Rococo-Quark; aber man kann nicht -anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse fragt usw.« - -Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. Der nächste Brief -an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In -diese Zeit fällt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so -sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz über ihren drei -Monate später erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener -Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand -gegeben worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April 1868 -wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: »Einzig und allein das Kind -zerstreut uns beide, -- aber es ist eine quälende Freude -- wenn Du in -die Zukunft blickst -- ach!« - -Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon -den ganzen Brief. »Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir -sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst, -dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe -gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen -eine Woche krank -- eine Lungenentzündung war's. Ach, Apollon -Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich -gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen vielen -Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber ausgedrückt haben! Es war -ja nur ich, der für sie lächerlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben -fürchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so -armselig, so klein -- für mich war es schon eine Persönlichkeit und ein -Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie -lächelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen -Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint -oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie hat zu weinen -aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich -würde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige -Persönlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich's aus, die -Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? Nun -- lassen wir -das, meine Frau weint. Übermorgen werden wir uns endlich von unserem -kleinen Grabhügel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna -(Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des -Kindes Tode gekommen.« - -»Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe -ich gar nicht arbeiten können. Abermals habe ich eine Entschuldigung an -Katkow geschrieben, und im Maiheft des »Russkij Wjestnik« werden -abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und -Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, und vom Juniheft angefangen -wird der Roman wenigstens anständig erscheinen.« (Es handelt sich um den -»Idiot«.) - -Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist, -entschuldigt sich der Dichter über sein langes Schweigen damit, dass er -trotz vieler Anfälle und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht -gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend sagt er noch -einmal: »Niemals bin ich unglücklicher gewesen, als in dieser ganzen -letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit -vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger -stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt -Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie -hat mich an ihrem Todestage -- als ich aus dem Hause ging, um die -Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben -würde -- da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, dass ich es -bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das -vergessen und niemals werde ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn -auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es -lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann -nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen -werde.« - -In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn »nicht böse sei«, -schreibt er am 19. August nach einer Klage darüber, dass er keine -Antwort erhalten habe: »Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf -mich über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der -Ihre in Verlust geraten.« - -»Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte, -vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es möglich wäre, -nach so herzlichen Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich -zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust -geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und liest alle meine -Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie -wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste -leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in -geheimer Verbindung steht -- wie ich sicher weiss -- einige meiner -Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes -Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdächtigt (weiss der -Teufel wessen verdächtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe -zu eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere, -um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest, -dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist. -(NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis -zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen hingegeben hat, der den -Kaiser vergöttert -- wie soll er Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu -irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27] ertragen ...! Unwillkürlich -sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht -alles von den Schuldigen bei uns übersehen, und den Dostojewsky -verdächtigen sie!)« - -An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses -»Nichtglauben an das böse sein« mehr als Festigung für sich gesagt habe, -denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: »Apollon -Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund -genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem -Gedanken, dass Sie böse auf mich sind! - -[Fußnote 27: Die von Herzen in London herausgegebene revolutionäre -Zeitschrift.] - -Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: sind Sie böse, so -erklären Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass -Sie mich lieben.« - -Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar für vieles -im Leben und in den Werken des Dichters. - -»Mit dem Roman«, fährt er fort, »bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich -habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen: -Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den -dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman -- erhole ich mich selbst; -wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglücklich -gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht. -Meine Gesundheit ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt -die Nerven«, hiess es an anderer Stelle. -- - -Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7. -Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen über sein -längeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines -Missverständnisses zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits zu -teilen scheint. Dies redet er jenem aus: »Nein, mein Herz ist anders -geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt -(zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das -Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen -Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick --- sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und -Seele ich glaube, den ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen -die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als -dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre -Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein -sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und -erschöpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im Monat -schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von -russischen Eindrücken ringsherum; für meine Arbeit war das aber von -jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans -loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. Es quält -mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen Roman voraus, etwa ein -Jahr voraus schreiben, und hätte dann zwei bis drei Monate zu -Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskäme -- -dafür stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich -es deutlich.« - -Weiter heisst es dann: »Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer. -Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun -schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung. -Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, übersiedelten wir nach -Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey -reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte -sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten -über den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber -das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem -- tötliche -Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach -Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trübselig und -klösterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfänglich, thätig; hier -kann sie sich mit nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt, -und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1½ Jahren, so -drückt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen -Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive -steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so wäre -ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist schwer zu denken -- -keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den -Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein -Arbeitsmensch. Gefängnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht, -folglich werde ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich -dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn -mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe liessen -- sie haben mir aber durch drei -Jahre keinen ruhigen Moment gelassen --, so würde ich dazu kommen, ihnen -nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend -auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was -ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch -fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des »Idioten« Sprünge -bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist -wenig Effekt darin; Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich -notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die -etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal -vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich -nach Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte; -hab' ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf, -begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft, -keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon -gar nicht begreifen, das sind -- Wahnsinnige. - -Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu -bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz -übersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich -immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen, -obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, mit der Vollendung des -Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow. -Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an -Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst -vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert. - -Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen -weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich über -die Nachricht von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals -etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, dass Nikolai -Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner würdige Beschäftigung -findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein -Ressort in der neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des -Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also, -was kann es jetzt besseres für Nikolai Nikolajewitsch geben? Die -Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann. - -Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen -Geiste gehalten sei -- so wie Sie und ich das verstehen --, wenn auch, -sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber -Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht -allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in -Moskau haben nämlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die -Russen von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht -haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven zu imponieren; dabei -sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an -Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in -Prag z. B., uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom -französischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar -darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die -allgemein angenommenen Formen der abendländischen Civilisation -bekümmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren --- das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur -Verbrüderung hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich -hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen brüderlich -handeln, das sollen wir unbedingt. - -Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch -eine politische Schattierung verleihen wird -- von Selbsterkenntnis gar -nicht zu reden. Selbsterkenntnis -- das ist unsere lahme Stelle, die -brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glänzend -machen, und ich bereite mich mit unersättlicher Lust darauf vor, seine -Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der »Epocha« nicht gelesen -habe. Es wäre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als -möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel -für Sachen im Genre »Minin« oder anderer historischer Dramen von -Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann -man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste man, nach -meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen -bezahlen, sondern lediglich das Werk -- was bis heute noch keine -Zeitschrift zu thun gewagt hat, »Wremja« und »Epocha« nicht ausgenommen. -Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer -Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich -anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.« - -Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr -eilig und geschäftsmässig geschrieben. Über den »Idiot« finden sich -folgende Stellen darin: »Ich habe mich entschlossen, für das -Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den -Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine. -Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben -müssen. Ich habe plötzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun, -ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles übrige -schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig -weiss. Wenn der »Idiot« Leser hat, so werden diese vielleicht durch das -Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem -Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste. -Überhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss -betrachtet. Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen; -aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund -eines oder das andere darüber, was ich selbst davon denke.« - -In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer -Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie -gekommen ist. Da heisst es: »Die verfluchten Gläubiger werden mich -endgiltig umbringen -- dumm hab ich's gemacht, dass ich ins Ausland -ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu -sitzen. Könnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich -nicht, weil ich persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich -darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter -nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedürften und dabei -unbestreitbar Geld einbringen würden. Es ist mir solches ja schon -manchmal gelungen. - -Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist -»Atheismus«. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die -ganze Bibliothek der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen -durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren -fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft, -schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet, -und nicht ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei Jahren ist, -verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem -Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich -bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet. -(Psychologisches Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) Der Verlust -des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und -Umstände -- sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den -Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, Einsiedlern -und Priestern. Unter anderem fällt er sehr stark einem agitatorischen -Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der -Flagellanten und -- am Ende findet er Christum und die russische Erde, -den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen -Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe -ich -- ja sterben will ich meinetwegen daran, aber -- ich spreche mich -ganz aus). - -Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und -dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist -realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir -Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung -durchlebt haben -- würden da die Realisten nicht schreien, dass dies -Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja -eigentlich Realismus, nur tiefer, während er bei ihnen seicht -einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil -der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit unserem -Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein -Täubchen, lachen Sie nicht über mein Selbstgefühl, aber ich bin wie -- ---: »lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben«. - -Indessen aber muss man leben. Den »Atheismus« schleppe ich nicht zum -Verkauf (über den Katholicismus und die Jesuiten im Verhältnis zur -Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu -einer ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die mich sehr -anzieht. Noch eine Idee hab' ich. Zu was soll ich mich entschliessen und -wem die Arbeiten anbieten?« - -Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher -Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brüdern -Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu -sagen anhebt, dabei der Dichter »meinetwegen sterben« will. Eine sehr -bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle finden wir in des Dichters -Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: »Die Nichtswürdigen -haben mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen -Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche Kraft der -Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in dem »Inquisitor« und dem -vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als -Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an -Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen über meine -mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine -solche Kraft der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. An -ihnen ist's, mich zu lehren!« - -Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. »Florenz ist -schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten »Boboli« blühen bis -heute im Freien. Und was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich -habe im Jahre 1863 die »Madonna della Sedia« übersehen! Nun besehe ich -mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser -ihr, wie viel Göttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des -Romans stehen gelassen.« - -Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafür, dass -Dostojewsky, der grosse Dichter und Schöpfer ein Apostel war, aber kein -»Kunstliebhaber« und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen -Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschätze muss es -merkwürdig berühren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des -Herrlichen zu finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder -der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue -Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts von alledem bei -Dostojewsky; ja, die ewige Klage: »fern von Russland keine Anregung, -keine Arbeit möglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh«, -sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische -Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermöchte. So sehen -wir ihn kämpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden -Geistern europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung -in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch -nachspürt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu -Tage tritt und dem Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu -ein Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl -vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl -schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu seinen Werken veranlasst; so -ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche -Erschütterung, als eine ästhetische Anregung. - -Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung russischen -Schriftwesens -- heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht -- das -künstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten -Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste -von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der -letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der -künstlerischen Auffassung des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns -aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke -ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu -liesse, so müssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realität noch -feiner herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen -der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgründlicher -uns aufgeschlossen würden. Allein die Gegenständlichkeit der äusseren -Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der -Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst -gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in -den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher -die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als -vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Träger -aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem -modernen französischen Impressionismus diametral entgegengesetzter -Vorgang. - -Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so -schlagend mit Thatsachen belegen zu können, als dies während des -Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich -uns darbietet. Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist -ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868. -Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und -nach Vergleichen mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter -mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: »Dass die -Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, das ist vollkommen richtig. -Ja, eigentlich hat sie schon aufgehört, wenn man's so nehmen will. Und -das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus -muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt -russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehört; -ist kein Genius in Sicht -- so hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat -sie aufgehört. Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen. -Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier -auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. Übrigens aber ist es ihm -nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen, -und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. -- -Was sagen Sie aber da über sich? »Nein, hoffen Sie nicht auf mich!« -Diese Worte können doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai -Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist, -immerfort für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht -es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrücken -zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein -beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie -niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel im -Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben, -namentlich wenn Sie in die Wärme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur -an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um -einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie -zu lenken. Aber die Hauptsache ist -- die Redaktion. Die Redaktion ist -die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere -immerwährende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die -Hauptsache.« - -Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow -feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Gründung des neuen -Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue -Blatt angreift, Stand zu halten. »Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen -nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne -Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, dass der Erfolg eines Blattes -von der Minderheit abhängt. Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch -sein (sogar ungeachtet aller »Plutzer« und Irrtümer des Blattes, welche -es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des -Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so überzeugend -spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt -unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu -wachsen, während alle anderen »klein werden« müssen. - -Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen -das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen -wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander -setzen werdet, wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar -Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, fortschrittliche -und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig -werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen. -Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken -immer im Veralteten und Abgestandenen. Die »Vaterländischen Annalen«, -das »Djelo« rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten. - -Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch -die Zukunft gehört. Nun aber wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und -viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die grosse -Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so gross und erfordern so viel -Vertrauen und Zähigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll -erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem -Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion -half. Aber die »Wremja« und die »Epocha« haben sich, wie Sie selbst -wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres -Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse -gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache -begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.« - -Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung der -Begriffe »liberal« und »abgestanden« zu folgen oder ihr gerecht zu -werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverständnisse, die -zwischen den Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen -und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten. -Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen -in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden -hinzutretender »europäischer« Elemente vermöchte uns darüber zu -belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt. - -In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Sie haben eine -unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoj, schon seit der -ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der -»Zarja« [dem neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten -Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie -sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als -mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [»Krieg und Frieden«]. Im -»Golos« hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen -Fatalismus teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, aber -daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute, -sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle und Ausdrücke? Was heisst -»historischer Fatalismus«? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene -Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht, -als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden -kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen, -daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo -Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche von -Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken über Tolstoj aus. Man -könnte sich nicht klarer ausdrücken, der nationale russische Gedanke ist -da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht -verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen -Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der -Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im höchsten Grade vollendet -niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht -einverstanden. Natürlich würden wir persönlich anders miteinander -sprechen können, als es schriftlich geschieht. - -Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen Repräsentanten -unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehört. Aber wissen Sie was? -Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone, -dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser -Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre Ungewohnheit, zu -bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie müssen unbedingt drei -grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen, -glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine -geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie -offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die -klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie -nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen, -Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit, -und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht -unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen -und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben -Sie nicht einmal das Recht; ich würde dann der Erste sein, Sie zu -verfluchen.« - -In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Ich danke Ihnen sehr, -dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst -meine Anfälle sind sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten -Zeit, vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des »Idioten« sehr -beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung -darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung -über das Schöpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast -phantastisch und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das -eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit der -Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner -Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte -begegnen Sie Berichten über die wirklichsten und die absonderlichsten -Geschehnisse. Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie -befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit, -weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn bemerken, beleuchten und -beschreiben? sie sind alltäglich, allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen --- -- >ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich -mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig -bringe.< Was für abgestandenes Zeug! Was für ein armseliger, leerer -Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch über den russischen -Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und -Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer -dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit -uns vor der Nase vorüber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten -und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung will ich gar nicht -reden -- der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein -phantastischer »Idiot« Wirklichkeit, ja die alltäglichste Wirklichkeit? -Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen -Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in -der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles -im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen. -Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern -für meine Idee ein.« - -Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein -Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: »Jetzt will ich Ihnen, als einem -alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich -ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als -Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines -jetzigen Schweigens zu sein; er hat plötzlich den Briefwechsel mit mir -abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie -Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon -Nikolajewitsch zu schicken (wie das immer in diesen Fällen geschah), und -ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu -übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe -bekommen hätte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe. -»Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu -hat er keines« -- das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wüsste, in -welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus -dem »Russkij Wjestnik« entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so -schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche im Leihhaus ist. -(Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des »Russkij Wjestnik« aber -wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber -stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht -geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht -zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein -ich habe während der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen -3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach -Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon -ich hätte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals -gemahnt; so habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden Monat -gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese 100 R. an Emilie F. müssen -ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie -sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der -Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlässt, -höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie -etwas darüber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir's mit, mein -Täubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst -freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen uns -besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin ich ohnedies von -allen vergessen.« - -Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter über das -»Missverständnis« ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: »Ich danke -Ihnen ... drittens für die gute Nachricht über Apollon Nikolajewitsch. -Ich werde seinen Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich -habe in dieser letzten Zeit des »Missverständnisses«, welches durch -meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner -herzlichen Beziehung zu ihm eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter -und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten -Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut -verständigt haben.« - -Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen -entgegen bringt, finden wir folgende, für des Dichters Ernst und seine -fast kindliche Herzensgüte bezeichnende Stelle: »Die zweite Nummer hat -mir einen ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren -Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist, -gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere, -und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt -sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist -ja -- das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus. -Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, seine populäre Form, -ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese -Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen -überein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die -Ähnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner -Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben -darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel, -vorbereite, in ganz demselben Gedankengange und mit denselben -Folgerungen. Wie freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den -Gedanken, die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet habe, -schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit -einer ungewöhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe -wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller -meiner Anstrengungen, niemals erreichen könnte. - -Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich -täglich auf die Post laufe und mir alle Möglichkeiten eines schnelleren -Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen, -weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige -Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass -Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung -darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der -Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen -Grund-Elemente in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind. -[Dostojewsky gebraucht das Wort »Christus« nicht als Personennamen, -sondern stets als Personifikation, wie das für einen aufmerksamen Leser -in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner -Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen, -künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und -die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zukünftigen Seins. Aber mit -einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu -reden angefangen.« - -Weiter heisst es: »Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und -solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat, -dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn -wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden? Das wäre nach -meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu -schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat -erst am Ende seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und -Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen. -Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass ich Sie auch einem solchen -Vorkommnis gegenüber für weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so -fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man -ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und noch dazu erscheint -ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher, -je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er -ihnen allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie, -aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass ->sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen<. Ja, diese noch mehr -als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen, -und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein -Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky -begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist -Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel -Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu -streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht verlieren und die -Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht, -bitte. Gehen Sie -- so ist's mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.« - -Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort -auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzählung von etwa -3 Druckbogen vor. »Diese Erzählung«, sagt er, »habe ich schon vor vier -Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon -Grigorjews schreiben wollen, der mein »Zapiski iz Podpolja« sehr gelobt -und gesagt hatte: >In diesem Genre sollst du weiter schreiben<.« - - Die »Memoiren aus einem Keller«, wie wir jene Erzählung nennen - möchten, welche unter dem Titel »Aus dem dunkelsten Winkel einer - Grossstadt« in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das - als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste - Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein - Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der - Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses - Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze. - Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir - irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen - seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber - subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen, - mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das - Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines - Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch, - analytisch. - - W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem - bemerkenswerten »kritischen Kommentar« zur »Legende vom - Grossinquisitor« auch über diese Memoiren als über das - philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur - wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis - erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen, - dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir - meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen - Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich - trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu - diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so - hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der - Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu - machen. - - Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig - getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt - ist, in's rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende - Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken durch, - dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln, - die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe. - Es werde dahin kommen, dass der immer »logischer« entwickelte - Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen - Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei - der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene - Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf - seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen, - dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes, - wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und - bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein - Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches - Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche - aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. »Die Gesetze - der Logik,« sagt er, »sind eines, die des Menschseins ein - anderes.« Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch - geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend, - Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche - Unabhängigkeit und Freiheit -- womit er immer wieder alle jene - schönen Dinge umwirft. Der Mensch -- so lautet das Resumé -- wird - also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden - durch den »Ameisenhaufen« des Wissens und der Erkenntnisse, - sondern -- ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden, - sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes - innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es - ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen >Mensch< - trägt. - - Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des - Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil - in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors - gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich - am klarsten die Herrlichkeit alles »Hohen und Schönen« - vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von »allerlei grossen - und kleinen Lastern« versinkt, der durch seine Gewohnheit alles - bis auf die »letzte und allerletzte Ursache« durchzudenken, nie - mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen - Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick - von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über - einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky - Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist, - ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will - einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen, - meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That - kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich, - dass es wieder so kommen werde. - - In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft - und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen - veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die - ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an, - insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles - dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und - Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen - gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer - weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch - betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus - nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig - bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im - Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner - Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er - steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines - tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und - seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall - von Schmerz und Verzweiflung hinein -- »nicht ohne selbst bewegt - zu sein«, wie er sagt, aber doch »buchmässig, litteraturmässig«; - er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn - aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle. - - Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er - weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde. - Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9 - Uhr abends so wohl zumute, dass er »ziemlich süss« zu träumen - beginnt: ... »ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei. - Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich - stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht - warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich wirft sie - sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass - ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt - liebe. Ich erstaune, aber ... »-- Lisa, sage ich, glaubst du - denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles - gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu - sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja - Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit - dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein - Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist; - ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das - undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine - europäische, George-Sand'sche, unerklärbar edle Feinheit hinein). - Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist - -- mein herrliches Weib!« - - Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit - seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme - Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten - Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie - hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und - poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen - Gebahren nur das eine: dass er leidet, und -- bleibt. Ihre Güte - erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und - endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit - Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf - dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin - derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt - sie aus. -- -- -- - - Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre - Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach - >Lebt wohl< sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen - Fünfrubelschein in die Hand -- »aus Zorn«, wie er sagt, - »hineingehetzt«, »buchmässig« that er das. Nun eilt er zur - Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube - zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische - vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach. - Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden - sein -- -- Er bleibt stehen und fragt sich: »Wohin ist sie denn - gegangen? und -- warum laufe ich ihr denn nach?« »Wird es nicht - besser für sie sein«, phantasiert er weiter, »wenn sie diese - Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung -- das ist - ja Reinigung!« Weiter sagt er: »Was ist besser, ein billiges - Glück oder ein erhabener Schmerz?« - - »So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause - sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich - soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch -- konnte denn irgend - ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege - zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie - wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich - lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des - Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer - fast krank wurde.« - - Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne - des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der - Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich, - ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber -- »zum Beispiel - lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem - finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel - eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch - immer genährte Bosheit verfehlt habe -- das ist bei Gott nicht - interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber - sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden - zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen - sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom - Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere - weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das - wirkliche >lebendige Leben< fast als eine Arbeit ansehen, fast - wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es - nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir's - manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir - wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn - man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun, - gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend - einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis, - verringert die Obhut und wir -- ich versichere Euch -- wir werden - uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr - wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den - Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren - in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von >uns allen< zu - sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch - dieses >wir alle<. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe - ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr - nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure - Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst - betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich - lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir - wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist - und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch -- sofort - verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns - halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir - achten, was wir verachten sollen. Sogar das >Mensch sein< wird - uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch - und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend - eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind - Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen - Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir - kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus - irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug« usw. - - Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee, - die Logik, das Gesetz -- das alles macht keine Menschen. Blut, - Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des - Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr - unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten -- das ist für - Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits - von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu - thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch - nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab. - Aus dem >Labyrinth der Brust<, aus den eigenen tausendfältigen - Möglichkeiten der >Sünde< wie der höchsten Entzückung heraus ist - sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele - einzudringen und die Kraft, mit welcher er unablässig nach - Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu - lassen. - -»Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,« fährt Dostojewsky in dem -Briefe fort; »es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen -Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai -Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige, -besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung kann ich sehr schnell -niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir -unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht -aufgeschrieben. Ich kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion -schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in -zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwärtig -an der »Zarjá« beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu -schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten.« Nun -folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und -Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen müssen. - -Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 sind einige Stellen -litterarischer Kritik bemerkenswert. Da heisst es: »Ein für allemal -- -schweigen Sie doch und reden Sie nicht von Ihrem »Unvermögen« und den -»zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln«. Es wird einem übel, das zu -hören. Man kommt auf den Gedanken, dass Sie sich verstellen. Noch -niemals haben Sie so viel Klarheit, Logik, so viel Scharfblick und -überzeugte Beweisführung gehabt. Allerdings, Ihre »Armut der russischen -Litteratur« hat mir besser gefallen als der Artikel über »Tolstoj«. Jene -wird breiter sein; dafür aber ist die erste Hälfte des Artikels über -Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: das ist das Ideal einer -kritischen Ausführung. Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler -in dem Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind solche -Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser Idealismus; dieses -aber schadet einer Arbeit nicht, sondern fördert sie. Alles in allem -habe ich in der russischen Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen. - -Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, aber nach der -»Kapitänstochter« (Puschkins) habe ich nichts ähnliches gelesen. [Dies -bezieht sich auf eine im neuen Blatt »Zarjá« publizierte Komödie -Awerkiews: »Frol Skobjejew«, die Dramatisierung des altrussischen Romans -gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer und blickt auf seine Krämer -sehr von oben herab. Wenn er schon einen Kaufmann in Menschengestalt -darstellt, so ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder -Zuschauer: Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen Sie, ich -glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist richtiger, als das -Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky thatsächlich die ganze Idee -seines »Dunkeln Königreichs« nicht in den Sinn gekommen ist, aber -Dobroljubow hat sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg -verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der Phantasie und des -Talents in Awerkiew zeigen wird, wie bei Ostrowsky; allein seine -Darstellung und der Geist dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher. -Keinerlei vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig, der -Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter hingestellt -haben. Wissen Sie, der Grossbojar, Naschtschokin, Lycikow -- das sind ja -unsere ehemaligen Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist -ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese kann man nicht -nur keine Karikatur-Lächerlichkeit werfen à la Ostrowsky, sondern im -Gegenteil, man muss sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches -Bojarentum verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der höchsten -Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer lächeln wollte, er es -höchstens darüber kann, dass der Kaftan einen anderen Schnitt hat. Vor -allem und hauptsächlich fühlt man, dass das eine Darstellung der -Wirklichkeit ist, dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist -ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige. Es -wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie ausreichte.« - -Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung einige Zeilen. Er -will Florenz verlassen, da die Hitze sehr gross ist, und möchte einem -neuen Familienereignis lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich -mit Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet er Geld und -kann nicht fort, fragt, ob Strachow krank oder etwas in der Redaktion -vorgefallen sei. Bezeichnend für Strachow ist die Notiz, die er diesem -Briefe anfügt: »Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene 125 Rubel -(Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja Grigorjewna [D.s Schwägerin] -abgeliefert hatte. Obwohl ich nun am selben Tage an Theodor -Michailowitsch geschrieben hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel -schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen -erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen Verdruss doch nicht -abgeschickt. So verschob sich der Empfang von einem Tag auf den andern, -ich wusste nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor, dass ich -dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.« - -Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben Jahres aus Dresden -erhielt, beginnt: »Klagen Sie sich um Ihres Schweigens willen vor mir -nicht an, Nikolai Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und -dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel mit Freunden, -geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber, aus Ihrem Zusatz an den Brief -unseres teuern Apollon Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie -mir wie früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil der -Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer weniger werden. Ich bin -selbst schuld daran, habe mich im Auslande allzu festgerannt und bringe -mich nicht genug in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche -zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst seit zehn Tagen --- ja ich bin im ganzen erst drei Wochen von Florenz fort! Ich habe den -ganzen Juli dort zugebracht und bin auch noch in den August -hineingekommen. Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals jemand -eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches Schwitzbad -- nur damit -kann man das vergleichen, noch dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein, -das ist wahr, der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist's -unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in grossem, -gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und stellen Sie sich vor, obwohl -alle Ausländer entweder in deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind, -so sind doch eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche, -sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau getragen, sind -herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn Sie wüssten, bis zu welchem -Grade ich mich hier als ein ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle! --- Und so sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein Kind haben, -ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, hoffnungsvoll und zaghaft. -Überhaupt habe ich eine sehr sorgenvolle Zeit« usw. - -Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow wieder einmal einen von -der Not diktierten Brief, der jeden Leser durch seine rührende und -stolze Kindesschlauheit ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen -hier: - -»Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern und sagen, welcher Art -die Hilfe ist, die ich als ein Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens -ist mir vor drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow, -geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, das Kind -ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind glücklich. (Denken Sie -daran, dass wir Sie zum Taufpathen berufen werden. Anja bittet Sie mit -gefalteten Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld haben -wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie mich nicht der -Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist niemand schuldig. Wir haben in -Florenz berechnet, dass das vom »Russkij Wjestnik« gesandte Geld für -alles reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen geht -- wir -haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten -einzulassen; aber die Sache ist die, dass, wenn ich auch an den höchst -zartfühlenden, gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der -Redakteur des »Russkij Wjestnik«, M. Katkow, gemeint] schreiben will, -dass er aushelfe -- gleich zu schreiben, nachdem ich vor so kurzer Zeit -Geld von ihm bekommen habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu -unmöglich. Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen ist weder -die Hebamme noch der Arzt bezahlt, und obwohl wir jeden Heller um und -umdrehen -- ohne Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht! - -Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute zugleich mit diesem -Briefe an Sie sende ich ein Schreiben an Kaschpirew persönlich, da ich -weiss, dass Strachow nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben -schildere ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung, die -Geburt eines Kindes (alles wie sich's gehört), habe aber dabei gelogen, -dass mir fünfzehn Thaler geblieben seien, während nicht einmal zehn da -sind, und schliesse mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel -zu senden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer Erzählung für die -»Zarjá« arbeite und diese Arbeit schon bis zur Hälfte gediehen ist (dies -alles ist richtig), so sehe ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang -von 3½ Bogen des »Russkij Wjestnik« (d. h. fast 5 Bogen der »Zarjá«) -haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon im Frühling 300 Rubel -von der »Zarjá« erhalten habe, habe ich demnach nach Vollendung der -Erzählung ungefähr für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie noch -nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss in die Redaktion -der »Zarja« gesandt. Dies ist ganz sicher. Zweitens: obwohl ich nicht -das Recht habe, auf dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so -bitte ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ mir -auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies aber gleich zu -bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte ich ihn, nur 75 Rubel sofort -abzusenden (dies um mich aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht -umfallen zu lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, bitte -ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich mit dieser -letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] 50 Rubel auszufolgen. Auf -diese Weise wird die erbetene Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen. -Da ich Kaschpirews Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe ich -in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas nachdrücklichen -Tone. - -Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew auch meine zweite -und hauptsächlichste Bitte. Nämlich, wenn er sich damit einverstanden -erklärt, meine Bitte um Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel -sofort, unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich an -die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens wende; dass er über das -Drängen, sofort und unverweilt das Geld zu senden, nicht beleidigt sein, -sondern in die Sache eingehen und begreifen möge: dass für mich die -Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. Ich fügte -hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine Bitte abgelehnt werde, von -der Hand seines Redaktions-Sekretärs nur eine Zeile zu erhalten, aber -sofort, damit ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen -ergreifen könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit einer -Geldsendung warte. - -Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe an Kaschpirew gelogen in -Bezug auf die »letzten Massnahmen«, indem ich ihm erklärte, dass ich -genötigt sein würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen -zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert ist, deren 20 -bekommen würde; was ich natürlich werde zu thun gezwungen sein, um drei -Wesen das Leben zu retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es -auch eine befriedigende Antwort. -- Dass ich in einer Woche anfangen -werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn ich kein Geld bekomme, -das ist vollkommen wahr -- denn anders geht es auf keine Weise; allein -ich habe darin gelogen, dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen -verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche 100 Thaler wert -waren, sind schon längst, gleich nach unserer Ankunft in Dresden, -versetzt und thatsächlich anstatt um 100 nach der Schätzung -- um 20 -Thaler. Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den Paletot und -meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch an Katkow schreibe, so -wird dennoch von dorther vor einem Monat kein Geld einlangen, obwohl es -sicher einlangt.« - -In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des Dichters ganze -persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn er sagt: ... »(dies unter uns) -ich bitte ja nur sozusagen um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem -Monat alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche, -vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten Schriftsteller eine solche -Nachsicht gewährt, so dass, wenn man mir in der »Zarjá« das verweigert, -ich nur allzusehr begreifen werde, auf welche Stufe man mich in -litterarischer Beziehung dort stellt.« -- Dostojewsky konnte nach allem -Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung keine Rede sein würde --- dennoch immer wieder der empfindliche Zweifel. -- »Auch fürchte ich, -fährt er fort, dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch -nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist, ich habe ja -persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, ich verstehe es nicht, -über heikle Gegenstände an Fremde zu schreiben, und habe später erst -beim Überlesen des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein -schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen 50 Rubel in die -Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, mein Teurer, diese Belästigung und -erfüllen Sie es um Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie -Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide volles Recht, über -eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet zu sein; aber mögen sie sogar -beleidigt sein, sie sind im Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und -ihnen ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. Da sie -durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage ich bin und warum ich -ihnen so armselig aushelfe, so sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner -Rechtfertigung.« »P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man -mir damals von der »Zarjá« 300 Rubel herausschickte, kugelte das Geld -einen Monat herum. Ich kenne diese Stückchen. Die Hauptsache ist, dass -mir N. Strachow später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird. -Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld fortschickt, -sodass es ebenso schnell ankommt wie ein Brief, d. h. in drei Tagen.« - -Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen soll, Geld so -abzusenden, dass der Empfänger es rechtzeitig erhalte. Diese -Auseinandersetzung gewinnt durch den nächstfolgenden Brief vom 28. -Oktober [also einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige -Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit Wut und -Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, die uns, würden wir -nicht zugleich von Teilnahme für den Dulder bewegt, ungemein belustigen -könnten. Es kommt thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm -mitteilt, er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in Dresden das -Geld senden lassen und schliesse hier den Wechsel ein. Dostojewsky eilt -zu Hirsch, dieser liest den Wechsel und sagt: »Hier steht: laut Bericht, -das heisst, dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf -privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich kann ich nicht -zahlen.« Nun läuft Dostojewsky jeden Tag in das Bankkontor, wo man über -ihn zu lächeln beginnt -- aber kein Avis erscheint. »Da ich die Geduld -verliere und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm meine -Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass er den Avis an Hirsch -sende. Mein Brief ist vom 9. Oktober datiert -- keine Antwort! Bei Gott, -ich dachte, es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich -täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe -wahrscheinlich den Avis »vergessen«. Nun ging ich in zwei, drei andere -Bankgeschäfte mich zu erkundigen -- überall sagte man, dass auf meinen -Wechsel mit den Worten »laut Bericht« niemand Geld giebt, ohne einen -solchen zu haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal solche -Wechsel zum Spass ausgegeben werden. - -Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew -- am zwölften Tage nach -Absendung des meinen! und bemerken Sie, er schreibt am 3. Oktober -unseres Stils, und der Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober -auf. Das heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache -drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse einen 5. aus -dem 3. gemacht! Begreift er denn nicht, dass mich das verletzt? Ich habe -ihm ja über die Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben -- und -darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung? Und nun -schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser sage, der Avis sei -abgegangen und er begreife nicht, warum ich nichts erhalten hätte; -ferner habe er Chessin veranlasst, einen zweiten Avis zu schicken, dass -er folglich jetzt überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten -(woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das Geld noch nicht -haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken; er werde mir am Tage nach -dem Erhalt dieses Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier -lautenden absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu, ich möge -ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich telegraphieren, -»natürlich auf meine Kosten«, worauf er sofort, ohne die Ankunft des -anderen Wechsels abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt -er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen 75 Rubel senden -werde (bemerken Sie, dass das alles am 3. Oktober geschrieben wurde). - -Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den 21. Oktober nicht, -denn wo sollte ich zwei Thaler für ein Telegramm hernehmen? Konnte er -sich nach meinen zwei Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine -Kopeke, buchstäblich nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste, wie -ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, um ihm zu -telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen und ihm telegraphiert: »Kein -Avis, Hirsch giebt nicht Geld«; das war am Freitag. Sonnabend schicke -ich den Wechsel zurück.« - -Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am fünften Tage nach -Rücksendung des Wechsels endlich der Avis einlangt, der nun zu nichts -nützt. Endlich gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt, -weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung gemäss auf »ohne -Bericht« ausgestellt, während der Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt -»ohne« -- »laut« geschrieben habe. -- Man kann wohl begreifen, wie es -dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die Existenz oft »gar -nicht litteraturmässig zu Mute war«, wie er das in einem der nächsten -Briefe gesteht. -- - -Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe Thema variieren, wozu -die unlösbaren Verstrickungen seines Lebens den Anlass nie abreissen -lassen. Wir übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen -Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen -Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom 19. Dezember heisst es: -»Wissen Sie, was ich jetzt mache? Nachdem ich in 2½ Monaten neun -enggeschriebene Druckbogen fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit -aller Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, als -ich mit der Erzählung beschäftigt war.« [Es ist die Erzählung »Der -Hahnrei«.] Dann aber, in drei Tagen, setzte ich mich zu dem für den -»Russkij Wjestnik« bestimmten Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich -Pfannkuchen backe: wie hässlich und abscheulich auch das herauskommen -möge, was ich schreiben werde; die Idee des Romans und ihre Bearbeitung -sind mir Armen, d. h. dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das -ist kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste auch. -Natürlich werde ich's verpatzen; aber was ist zu thun!« - - »Der Hahnrei« nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys eine - eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen, welche - der europäische und der russische Leser in Dostojewskys Werke - legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch - gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter - geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und - Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies - söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit - des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des - Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er - nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für - sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel an - Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und - sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das - unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, sowie - das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten - des Buches -- allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er - alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst in sich. Er - sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf - Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein - künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lässt ihn - das vollendetste Kunstwerk nur kalt. - - Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen gelernt, - Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke durchgesehen: - es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder Erwähnung des - »Hahnrei« (ausser jener Strachows in seinem Briefe nach Dresden - 1870-1871) in die Hände gekommen. Auch der Dichter selbst dürfte - nicht viel von dieser Sache gehalten haben, die er in 2½ Monaten - niederschrieb. Das darf uns nicht stören. Wissen wir ja doch, wie - oft er sich über seine Werke täuschte. »Prochartschin«, mit dem - er sich »einen Sommer lang herumquälte«; »Der Doppelgänger«, den - er immer wieder umarbeitete; dann »Die Besessenen«, die er zu - seiner Qual, wie wir später sehen werden, nicht vorwärts gehen - sah -- auf alle diese Werke hielt er die grössten Stücke, meinte, - da seien seine besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut - getreten, während dies nur bei dem letzten derselben, und das nur - teilweise und bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir - versuchen in die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen - das russische Kunstwerk entsteht, ist gerade im »Hahnrei« eine - der tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als - hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich - disponiert ist. - - Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters hat ihn - getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die - Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter - Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen Europäer - bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit einer - Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von - hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit, - die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten, - die in der »breiten slavischen Natur« bei einander wohnen, hat er - hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und - dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der Form, - doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die »Memoiren aus dem - Kellerloch«. - - Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des - Dichters, ist auch die des »Hahnrei« (der russische Titel ist: - »Der ewige Gatte« und entspricht der später gegebenen Definition - dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort). - - Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann von 39 - Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem Prozess - nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen Vermögens, - eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er hat alles - andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen Egoismus; - das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt leben, - um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes schmackhaftes - »Diner«, seine feine Toilette niemals werde entbehren müssen. - Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant ein - Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige, aber - vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des Hauswächters - recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch diesen - äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame Art von - Hypochondrie. - - Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den - Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa damit - belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner - Vergangenheit ein, die er »lieber nicht gethan hätte«. Da ist das - junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und samt ihrem Kinde - verlassen hat; der junge Fürst, dem er für nichts und wieder - nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere - mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie über einen - klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, käme - die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Fürstin dennoch das - Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen das Bein abzuschiessen -- - heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das, - lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den - russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus - äusseren Gründen, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort - empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner - bald das Feld für neue Thaten räumen wird. - - An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und - gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet fast - täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen - ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass - Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er müsse den - Mann »einmal gekannt haben«. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt - er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle - der Petersburger Nächte zu decken bestimmt ist, auseinander und - sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig -- den Mann mit dem - Trauerhute stehen und spähend auf sein Fenster blicken. Kaum ist - er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon - über die Strasse und -- gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt - in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da - kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es - an der Thürklinke. Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und - vor ihm steht der Mann »mit dem Krepp«, in welchem er mit - einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit - dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren - in der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte. - Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung über den - nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf - dem Heimwege vorübergegangen und, »ohne es eigentlich zu wollen, - zufällig« heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass er, um in ein - anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen - sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er - auf den Krepp auf seinem Hute. »Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im - heurigen März!« beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er - den überraschten und mehr, als er's vermutet hatte, erschütterten - Weltschaninow mit süsslich stichelnden Anspielungen so in die - Enge zu treiben, dass dieser in die höchste Aufregung kommt und - ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein - unvorsichtiges Wort entschlüpft. Diese Szene ist voll - vortrefflicher kleiner Züge, die das innerste Wesen dieser beiden - Menschen aufdecken. - - Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort, - schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet - auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort - der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem - Schluss, dass sie verderbt war -- mit seiner Beihilfe, wie der - Dichter »im Vorübergehen« bemerkt -- ohne sich im geringsten - dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen - Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. »Seiner Ansicht - nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie »ewige - Gatten« oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter - nichts.« »Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich - einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich - verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu - verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen - unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen - Gatten bildet -- ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter - nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist, - nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon, - sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.« - - Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse - geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung, - halbangekleidet -- ein kläglich bittendes Kind züchtigend. Es ist - Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, »das uns geboren wurde, als - Sie schon -- wie lange fort waren?« Er zählt die Monate: ja acht - Monate, nachdem Sie fort waren. -- Das Kind ist furchtbar - eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass - Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber - gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe. - Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und - führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche - Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das - Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass - Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm - umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den - Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich - in trunkenem Zustande bei einigen »Damen«. Als er ihm mitteilt, - dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten - an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: - »Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem - gehen Sie wegen der Bestattung.« Der Rausch allein versetzt ihn - in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem - Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in - nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller - und Pfennig. - - Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes, - als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst - gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen - diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des - feigen »Gatten« spielen sich Szenen widriger »Vergebung«, Küsse, - Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow -- da er sich im - Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss - dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben - jetzt physisch entsprechend konstituiert ist -- auf keine Weise - entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den - Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich - auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie - aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich -- - eine Braut erwählt habe. Es ist dies die sechste der Haustöchter, - Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der - auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt - hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte - Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja - und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut. - - Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys - stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow - in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich - leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er - nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals - in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz - und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als - Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit - und Anmassung der Jugend -- eine meisterhafte Szene -- Trussotzky - verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so - lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang - Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat - sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn - schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem - unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere - Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt - abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter - Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er - schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine - grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt. - - Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn, - ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt - halbmurmelnd: »Sie -- Sie -- Sie sind besser als ich! Ich - begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.« -- Trussotzky löscht - das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. - Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere - Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt - ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen - beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als - Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn - plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war - auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu - ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu - können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei - Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei. - - Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin - eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei - andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt - darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute - zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war. - Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet, - dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft - und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft - abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet. - - Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag - herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich - damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf, - verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu, - welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen - Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet - nach der Wasserflasche: »Wasser möcht' ich«, flüstert er. - Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen - Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt - Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer - zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen - hat. - - Wir lassen hier den Dichter erzählen: »Seine Schmerzen waren ganz - vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit, - jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss - Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den - ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten - sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark - gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn - Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte, - erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in - das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft, - wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul - Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen, - dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht - wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst - immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht - erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei - irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. »Wenn er sich schon - seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen -- fiel ihm unter - anderem ein --, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine - Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, - das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.« - - Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und - damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu - betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene - Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das - >Analyse< überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner - Folgerungen -- nachdem er Trussotzky entlassen hat -- - folgendermassen wieder auf. »Diese Leute,« dachte er, »eben diese - Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den - Hals abschneiden oder nicht, -- wenn die schon einmal das Messer - in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen - Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim - Schneiden allein -- den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter: - >zum Wohlsein<, wie die Arrestanten sagen. So ist es.« - - Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden - zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der - Kairowa, welche »noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie - weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde«. Auch in - jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er - habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen - Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum - -- »es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich - gebetet haben«, meint er -- auch hier ist das Mysterium betont, - die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele, - über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag. - - Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky - zu seltsamen Schlüssen: »Wenn es also entschieden ist, dass er - mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte - Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in - den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem - zornigen Augenblick?« »Er löste die Frage seltsam, -- damit, dass - Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der - Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal - eingefallen war.« Kürzer gesagt: »Paul Pawlowitsch wollte - umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte. - Das ist unsinnig, aber es ist so,« dachte Weltschaninow: »er ist - wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!« »Und war denn - das wahr, das alles wahr,« rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen - erhebend und die Augen öffnend, »alles, was dieser ... Verrückte - mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn - zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?« - »Vollkommene Wahrheit,« entschied er, sich immer mehr in die - Analyse vertiefend, »dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und - edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu - verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes - Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er - zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre - lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine - >Aussprüche< -- Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er - konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er - mir seine Liebe erklärte und sagte: >werden wir quitt?< Ja, aus - Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.« - - Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen - Eindruck er auf diesen »Schiller in der Form eines Quasimodo« - gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein - Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] - Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art, - sie zu tragen; »denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie - sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle - Seele, gar aus dem Geschlechte der >ewigen Gatten<.« Weltschaninow - geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natürlich in der - Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. »Wenn auch dieser, wem - kann man danach noch trauen!« -- »Nach einem solchen Aufschrei - wird man ein Tier!« denkt er bei sich. - - »Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu - weinen«, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt - hat -- das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei, - es sei »um mich zu umarmen und mit mir zu weinen« ... Auch Lisa - hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte, - da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er - schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat - sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in - Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung. - (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!) - Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich - wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht - herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine - Abwechselung zu machen -- vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich - und mich wollte er retten -- mit gewärmten Tellern! ...« - - Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht - mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass »alles - vorüber sei«, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich - zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu - erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem - ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen - muss. »Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen - tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er - gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.« - - Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische - Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei - gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den - Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem - »Quittwerden« mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein - einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar - oder unmittelbar ausgesprochen würde, sehen wir, wie er sich - allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen - dieser Beiden herausschält. - - Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder, - begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas »Bräutigam«, in - angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys - anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren - Vermutung folgend: »-- -- hat sich erhenkt«. »Ei was erhenkt, wir - haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken, - auch auf Ihr Wohl.« -- -- - - Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift »Der - ewige Gatte«, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, - verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen - »hypochondrischen Schrullen« belachend, auf der Reise. Er hat - seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, - hat sein tägliches gutes, kleines »Diner«, verkehrt wieder mit - der »Gesellschaft«, wo ihn »alle« wieder aufs freundlichste in - ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur »verreist gewesen«. Er - fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine - interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange - zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der - Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, - eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf - der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die - Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er - noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von - 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen »Anstoss von aussen«. - - Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem - Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend - gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, - sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und - ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht - schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich - ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow - eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden - Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem - eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit - über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes »Dddanke!« und streckt - sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft. - - Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, - scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen - Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der, - weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein - bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade - auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor - Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt - ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die - Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten - Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend: - »Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von - Weltschaninow gesprochen?« Olympia Semjonowna ladet nun diesen - dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch - bestimmt zusagt. - - Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem »jungen - Verwandten« in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung - zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen - abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur - Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: »Paul Pawlowitsch! - Paul Pawlowitsch!« Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und - fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der -- nun - durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite -- - Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: »Wollen Sie, - ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich - einmal umbringen wollten -- ha?« »Was wollt Ihr, Herr, was wollt - Ihr -- Gott bewahre Euch.« »Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!« - hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. »Nun, - gehen Sie endlich« sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie - charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der - einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder »gutmütig - anlacht«; wie echt russisch auch!] - - »Also Sie kommen nicht?« flüsterte fast verzweifelt Paul - Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die - Hände bittend vor ihm zusammen. »Ich schwöre es Ihnen ja, ich - komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.« Und er streckte - ihm behäbig breit die Hand entgegen -- er streckte sie hin -- und - zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar - die seine zurück. - - Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging - nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären - Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an - Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul - Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. »Wenn schon ich, ich - Ihnen diese Hand reiche« -- und er wies ihm die linke Handfläche, - in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war -- - »so können Sie sie wohl nehmen!« stiess er leise mit zitternden, - erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich - geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über - sein Gesicht. »Und Lisa. Herr?« lallte er im schnellen - Flüstortone -- und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen - heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen - Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. »Paul - Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!« brüllte man aus dem Waggon, als - würde dort jemand umgebracht -- und plötzlich ertönte ein Pfiff. - Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und - begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in - Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen, - und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen - Waggon. - - Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen - anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher - eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf - dem Landgute fuhr er nicht -- es war ihm so gar nicht danach zu - Mute. Und wie hat er das später bereut!« - - Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache - Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des »ewigen - Gatten«, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht - »quitt« werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was - allein den »irrationalen Rest« zwischen Begierde und Erfüllung - aufhebt: einen Gott -- der Künstler hat sie in jedem von ihnen - gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten »wie - hat er das später bereut!« entlässt, ihn also seine Ruhe - endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so - schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden, - widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst - die Worte entstiegen: »Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel - geliebt.« - -In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, ebenfalls an -Maikow, unter anderem: »Ich bin wieder in einer solchen Not -- es ist um -sich nur aufzuhängen!« Weiter heisst es: »Nach einer langen Pause -zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder zu quälen und -ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie mich an der Arbeit hindern. -Ich habe eine reiche Idee in Angriff genommen. Ich rede nicht von der -Ausführung, nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine -unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas in der Art wie -»Schuld und Sühne«, allein noch näher, der Wirklichkeit mehr an den Leib -gerückt und sich auf die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend«. - -In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870 finden wir eine -Wiederholung des abfälligen Urteils über frühere besprochene Nummern der -»Zarjá«, worin auch eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten -Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen Ausdrücken sind -sowohl in den Briefen, als auch in den Werken Dostojewskys sehr häufig -und für ihn charakteristisch. Hier, in diesem Briefe ist die -Wiederholung allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser -Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen persönlichen -Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen höchst wohlthuend -berührt, ja Bedürfnis war. In noch viel grösserem Ausmasse finden wir -diese Offenheit in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich an -den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um Rat und Zuspruch -wandten. Wir werden die bemerkenswertesten dieser Antworten weiter unten -anschliessen. In einem Briefe an Strachow heisst es: »Ihr Artikel aber, -obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich spreche hier -nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von dem der Abonnenten). -Übrigens, wer hat Ihnen gesagt, dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser -sei, als der über Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr -schöne und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie gleichsam -Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der heraus Sie Ihre Thätigkeit -fortzusetzen gedenken -- so sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem -einverstanden (was ich früher nicht war), und lehne von allen den paar -tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab -- nicht mehr, nicht weniger ---, mit welchen ich mich unbedingt nicht einverstanden erklären kann. -Doch davon später.« - -Die Aufforderung, an der »Zarjá« beständig mitzuarbeiten, beantwortet -Dostojewsky mit der Bedingung, dass ihm Honorarraten vorgeschossen -würden. »Ein Thema habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht -ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas Neueres, -Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. Ich kann so sprechen, -ohne der Ruhmsucht geziehen zu werden, da ich nur vom Thema spreche, von -der Idee, die in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der -Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich kann auch alles -verderben, was sich schon oft bei mir ereignet hat; allein eine innere -Stimme sagt mir, dass mich die Inspiration nicht verlassen wird. Aber -für die Neuheit des Gedankens und die Originalität der Inscenierung -verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken auf diese Idee. Es -wird ein Roman in zwei Teilen sein, nicht weniger als zwölf, keinesfalls -mehr als fünfzehn Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am -1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann mich der Zeit -versichern, um ordentlich zu schreiben. (NB. Der Roman könnte auch schon -zum 1. November zugestellt werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es -sehr unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male eine grössere -Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu schreiben. Wäre es nicht besser, -so wie jetzt, erst zum Januar oder Februar des künftigen Jahres? -Übrigens könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) Zum -Schluss die Stelle: »Anna Grigorjewna grüsst Sie und gedenkt Ihrer mit -Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit unserer Ljubotschka herum. Ach, warum -sind Sie nicht verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai -Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel unseres -Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen wohl nur ein Viertel. -- -Werde ich denn auch heute nicht die »Zarjá« erhalten?« -- heisst es am -Schlusse -- »ich spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel >Die -Frauenfrage< -- was für ein Thema! Ich verspreche mir einen -ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber schreiben, wie es -nötig ist usw.« - -Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, vielfache Änderungen -der Ausführung und lange Verzögerungen zu erleiden. Schon am 5. April -1870 schreibt der Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: »Ich will -Ihnen offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den Roman -auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen kann oder zu versprechen -wage. - -Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij Wjestnik schreibe, baue -ich grosse Hoffnungen, aber nicht vom künstlerischen Standpunkt aus, -sondern von dem der Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken -herauszusagen, sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen. Aber -es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz bei mir aufgehäuft hat; -mag ein Pamphlet daraus werden, ich spreche mich doch dabei aus. Ich -hoffe auf Erfolg -- übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne -auf Erfolg zu hoffen?« Weiter heisst es: »Ich beendige bald, was ich für -den »Russkij Wjestnik« schreibe, und werde mich mit Wollust zum Roman -setzen. Die Idee zu diesem Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein -früher fürchtete ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in -Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, der ganze -Plan des Romans; und ich denke, dass ich den ersten Teil desselben, d. -h. jenen, welchen ich für die »Zarjá« bestimmt, auch hier beginnen kann, -da die Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie sich nicht -darüber, dass ich von einem »ersten Teil« spreche. Die ganze Idee -verlangt einen grossen Umfang, mindestens einen so grossen, wie Tolstojs -Roman »Krieg und Frieden«. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane -bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit Ausnahme der -zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, als ganz -selbständige Erzählungen oder, einzeln herausgegeben, als ganz -vollständige Dinge werden erscheinen können. Der Gesamtname übrigens -wird sein: »Das Leben eines grossen Sünders«, während die einzelnen -Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil (d. h. Roman) wird -nicht mehr als fünfzehn Bogen haben. Zum zweiten Teil muss ich schon in -Russland sein. Die Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich -gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich kenne, so muss -ich dennoch dazu in Russland sein. Ich würde überaus gern des näheren -mit Ihnen darüber sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage -noch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen; -drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte Arbeit, -vielleicht sogar eine gute. Wenigstens habe ich aus dieser Idee das Ziel -meiner ganzen künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf -nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen. - -Möge die »Zarjá« nicht unwillig darüber werden, dass sie neun Monate -voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal auch zwei Jahre voraus Geld -bekommen .... um Eines bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch, --- wenn die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich, als -alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich. Mein Elend wächst -in solcher Weise, dass ich keine Zeit verlieren kann, um endlich sicher -zu sein. Ich habe für Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem -Ruhe und Sicherheit .... - -Das Märzheft der »Zarjá« habe ich mit grossem Vergnügen durchgelesen. -Ich erwarte daher mit Ungeduld die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles -darin zu erfassen. Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler -darstellen und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen wollen; ist -es so?« N. Strachow erläutert hier in einer Fussnote, dass es sich um -seinen Artikel »Herzens litterarische Thätigkeit« handle, dessen erster -Teil in der dritten Nummer der »Zarjá« im März 1870 erschienen war .... -»Sie haben«, fährt Dostojewsky fort, »sehr treffend Herzens -Hauptgesichtspunkt hingestellt -- den Pessimismus; aber erklären Sie -seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) für unlösbar? Sie umgehen das, wie -es scheint, und, wie es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren -Hauptgedanken aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich mit -fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; es ist ein allzu -brennendes und zeitgemässes Thema. Wie wird das aber sein, wenn Sie -beweisen werden, dass Herzen früher als viele andere gesagt hat, dass -der Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler aus -Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob das bei Ihnen -herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei gesagt, obwohl ich in das -Thema Ihres Artikels gar nicht eingehen will. Finden Sie nicht, dass es -noch einen Gesichtspunkt für die Bestimmung und Feststellung des -Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich den, dass er -immer und überall vor allem Poet war. Der Poet hat in ihm überall, in -allem, in seiner ganzen Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator: -Poet, Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten Grade: -Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir scheint, es könnte vieles -in seiner Thätigkeit, sogar durch seinen Leichtsinn und seinen Hang zum -Calembourg, auch in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen -erklärt werden -- was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig ist. - -Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner Ansicht nach, -vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum ich in der »Zarjá« -ungenügendes Selbstvertrauen gefunden habe, will ich beantworten. Ich -habe mich vielleicht nicht genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind -allzu, allzu weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche in -der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für sie. Würden Sie -etwas zorniger, gröber über sie herfallen, so wäre es besser. Nihilisten -und Westler brauchen definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über -Tolstoj flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem letzten -Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art Niedergeschlagenheit und -Entzauberung, gerade da, wo nach meiner Ansicht der Ton triumphierend -und freudig bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie -- -werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den Briefen des -Kosiza verstehen? -- -- Mit einem Wort: in einem solchen Tone nicht zu -schreiben -- ist Ihnen unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und -Achtung für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton ist ein -hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern der »Zarjá« ausmacht. -Allein manchmal muss man, denke ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche -in die Hand nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um viel -gröber darein zu fahren. Das ist's, was ich unter Selbstvertrauen -verstand. Übrigens -- vielleicht urteile ich falsch, vom Zorn geleitet. -Die zwei Zeilen über Tolstoj, mit denen ich nicht ganz einverstanden -bin, sind die, wo Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur -Grosses in unserer Litteratur vorhanden ist.« Hier folgt jene Stelle -über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung von Dostojewskys -Kunst-Anschauungen anführten. - -Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky das Thema seines -Romans in einem Briefe an Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch -Bande persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten, -wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen sich gedrungen -fühlt. Nach einer Entschuldigung über sein langes Schweigen beginnt der -Dichter mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der Fremde: -»Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit und die Ängstlichkeit, -welche durch die Vereinsamung entstanden ist. Angst um die Gesundheit; -ich hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig, und ich -habe keinen Schlaf. Ich ging also doch zu einem Arzt, einem der -berühmten Professoren; er hat mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur -Nerven, aber diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von Dresden -weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa, ein wenig baden. Auch für -die Frau wäre es gut -- besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft -der Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe sagten, ist -goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten. Aber, Apollon -Nikolajewitsch, wissen Sie denn nicht, warum ich nicht zurückkehre und -dieses verfluchte Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen -und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis zu einem gewissen -Zeitpunkt kann ich auf keine Weise zurückkehren; und denken Sie denn, -dass ich nicht selbst Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer -Seele nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist es mir denn -heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen? - -Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus Fakten, dass meine -Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung dort dreimal besser stünden, -als sie hier stehen. Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen -aussprechen. Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich mich nicht daran -stossen wollte, dass man mich unbedingt in den Schuldarrest setzt -- ich -habe wohl schon anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr ab -und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn das früher (noch vor -fünf Jahren) möglich war, es jetzt -- das weiss ich ganz sicher -- -unbedingt unmöglich wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein -halbes Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: arbeiten -könnte ich nichts. Themata habe ich zum Schreiben -- einen Haufen. Über -das Schreiben hier in der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde -thatsächlich abgetrennt, -- nicht vom Zeitalter, nicht von der Kenntnis -dessen, was bei Euch vorgeht -- ich weiss das wahrhaftig besser als Sie, -denn ich lese täglich drei russische Zeitungen, bis auf die letzte -Zeile, und erhalte zwei Monatsschriften -- aber von dem lebendigen Quell -des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, sondern von ihrem -Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! wie sehr beeinflusst es die -künstlerische Arbeit! Alles dies ist wahr, aber wie soll ich's machen?« -... - -Und weiter: »Übrigens werde ich im Sommer ernstlich darüber nachdenken, -wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich für den -»Russkij Wjestnik«. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den -»Hahnrei« in die »Zarjá« gegeben, habe ich mich bei jenen in eine -zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich für jene -das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von -mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher -Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache -- ich habe -das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die -Nihilisten und Westler über mich zu schreien anfangen, dass ich ein -Reaktionär bin! Der Teufel sei mit ihnen -- ich aber will mich bis aufs -letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke? -Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht? -Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfällt und ich aus -einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass -es ganz misslingt.« [Es ist immer von den »Besessenen« die Rede.] »Aber -lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen -mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knüttel aufs Haupt -versetzt mit Ihrer Bemerkung über die »Anstrengungen der -Vorstellungskraft«, die Sie im »Hahnrei« gefunden haben. Was hat mir das -für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist -es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer -- -folglich hoffe ich.« - -Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der -geschäftlichen Lage des Dichters, welche mit den Worten beginnt: -»Indessen aber bin ich jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister -Micowber). Kein Heller Geld« usw. Dann fährt er fort: »Das, was ich -jetzt für den »Russkij Wjestnik« schreibe, vollende ich sicherlich in -drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, würde ich mich zur Arbeit -für die »Zarjá« setzen. Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts -gearbeitet (den »Hahnrei« zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet -mich jetzt. Über dem, was ich für den »Russkij Wjestnik« schreibe, werde -ich nicht abgespannt werden; dafür verspreche ich der »Zarjá« eine gute -Sache. - -Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die »Zarjá« in meinem Kopfe -reift. Es ist dieselbe Idee, über welche ich Ihnen schon geschrieben -habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von »Krieg und -Frieden«; die Idee würden Sie gut heissen -- soweit ich wenigstens nach -meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus -fünf grossen Erzählungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen -werden von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede einzelne -verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme ich eben für -Kaschpirew [die »Zarjá«]; hier ist die Handlung aus den vierziger -Jahren. Der gemeinsame Titel ist: »Das Leben eines grossen Sünders«, -aber jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage, -welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich, -bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgequält habe -- das Dasein -Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein -Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist. - -Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten -Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann -endlich, dass ich nicht nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein -will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung -Tichon Zadonsky[28] als Hauptfigur hinstellen, natürlich unter einem -anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im -Kloster verlebt. Ein 13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines -Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne -diesen Typus), der künftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im -Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts -wegen. Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen -(Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze -ich Tschaadajew[29] (natürlich auch unter anderem Namen). Warum soll -Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es -nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die Ärzte jede Woche -begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in französischer -Sprache eine Broschüre gedruckt -- es wäre ja sehr möglich, dass man ihn -dafür auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew können auch -andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin. -(Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus -in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und -der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das -russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon -und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles -mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als -müsste ich mich schämen; Ihnen aber beichte ich. Für andere mag das -keinen Groschen wert sein, für mich ist's ein Schatz. Über Tichon -sprechen Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben, -aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich da eine grossartige, -unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein -Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows -und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur -den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzücken -in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als -eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie's also niemand. - -[Fußnote 28: Bischof von Woronesch, ein als Heiliger verehrter Mönch.] - -[Fußnote 29: Der bekannte Oberst Tschaadajew, welcher das Heil für -Russland in der katholischen Idee findet und seine Gedanken über -Russlands Mangel an Originalität in einem philosophischen Briefe an eine -Dame niederlegte.] - -Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss ich in Russland sein. -Ach, wenn es gelänge! Die erste Erzählung aber -- bringt die Kindheit -des Helden. Natürlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat -begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich -schlage dies der »Zarjá« vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel, -Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln, -werden sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist's ihre -Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als -möglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas -anderes unternehmen« usw. - -Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines »letzten Romans« -[der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow -»beichtet«, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den -Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman -Dostojewskys »Die Brüder Karamasow«, empfangen wir ein ziemlich -deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die -Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh -jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil -wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel -versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist, -dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er -indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters -als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte, -hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von -des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden -Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der -Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen -des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden -Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die -»Verderbtheit« des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman -verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass -uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die -Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese -bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder -und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in -sich darstellt. In den »Memoiren aus einem Totenhause« hat Dostojewsky -den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der -Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag -vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es -nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen -Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene -Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort -an Aljoscha erinnert? - -[Fußnote 30: Aus Gogols »Tote Seelen«.] - -[Fußnote 31: Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman »Was thun?«] - -Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: »Über den Nihilismus -ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener, -die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen -Sie was? Mir kommt's oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen, -niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste, -russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: -»Potschwenniki« bedeutet genauer: »am nationalen Boden Haftende«; die -Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die -übrigen -- mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie -verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!« --- -- - -Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: »Ich danke Ihnen für Ihren -Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die -Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische -Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so: -wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen -Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng -unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken -Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten -philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die -Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h. -seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen -und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben, -was die »Zarjá« zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und -die richtige Anschauung dafür hat. Wenn also auch nur dies für Euch -spräche, so wäre das schon ungeheuer viel. - -Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse -nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen -Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, -und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die -unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob -sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, »die ohne Sie auch schon -so gedacht haben«. Das ist nicht richtig. - -Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die -Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift »Zarjá« ist vor allem ein -Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3 -Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber -unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des -Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese -Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus. - -Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden Struwe loben! -Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas -schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat -mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die -Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir -hauptsächlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die -gegenwärtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein -wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen -zurückgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen -bewaffnet, während bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist. -Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss -gelesen. Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre -Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. Das aber, Sie -mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt -werden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich -gegen die gegenwärtige Manier des Philosophierens verhalten, und würde -es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was für ein -ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die -Unordnung und Verwirrung in den Ideen -- nun, Gott mit ihnen -- die -musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit, -welche Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester -Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein falscher! Was sind das für -Philosophen, was für Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafür giebt es -aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen -- und so -geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese -Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, und Sie werden -sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge -Professor, der mit seinen Leitartikeln im »Golos« Katkow vollkommen -geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses -Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als möglich -teilen Sie ihn mit!«[32] - -»Ja, noch eins« -- heisst es im nächsten Briefe -- »ich wollte Sie schon -lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn -kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir -ungemein interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe sehr -wenig über ihn als Privatperson erfahren. - -Ich schreibe für den »Russkij Wjestnik« mit grossem Eifer und kann -durchaus nicht erraten, was herauskommt. Noch niemals habe ich ein -solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. -- Dabei quäle -ich mich mit dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland -einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, es ist mir so -unerträglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben -kann! - -[Fußnote 32: Es ist Gradowsky gemeint.] - -Von den mir gesandten 500 Rubeln -- heisst es weiter -- liess ich mir -nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. Da sind nun aber zwei Wochen -darüber hinaus vergangen; die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt, -alles ist ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind erkrankt, -und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie das -auf meine Beschäftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu -sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz -unfähig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel -monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann -in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es -Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich -wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine -Sendung ausser der »Zarjá« rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll -man mir aber keine Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin. -Ich schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit -der Sendung für mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende -kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die -Möglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der -Arbeit -- kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert« usw. ... - -»Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des »Wjestnik Ewropy« in -die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist -es denn möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit --- wenn man etwa die »bulgarische nordische Biene« ausnimmt -- einen -solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da -sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine Anpassung -an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus! -Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens -geschickt: am ersten jeden Monats und -- Schriftsteller in Fülle. Ich -habe unter anderem »Die Hinrichtung Tropmans« von Turgenjew -durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein -- mich aber hat dieser -aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer -verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn -er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. -- Aber kein Mensch, -der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das -zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafür giebt es die höchsten -sittlichen Gründe. »Homo sum et nihil humanum« usw. ... das Komischste -von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es -nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: »Seht, meine Herren, wie -zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten können!« Übrigens -giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis -ist -- eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit getriebene -Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und -das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man -übrigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte -Turgenjew für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen -Schriftsteller -- was immer Sie auch »in Sachen Turgenjews« schreiben -mögen. -- Sie müssen schon verzeihen. -- -- - -Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch -das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese -Verdriesslichkeiten!« - -Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21. -Oktober 1870) seine Freude über den wieder aufgenommenen Briefwechsel -aus: »Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in -meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach -Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht erfüllt; die Mittel waren -ungenügend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frühling -zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen. - -Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstäblich, ohne -den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman für den »Russkij Wjestnik« -sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft -umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht -zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen, -ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der -allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans -aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht -sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über dem Anfang. Ein schlechtes -Zeichen; und dennoch möchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und -Manier müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; das ist -wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem -Wort, niemals hat mir irgend etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h. -zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine -herausgequälte, gemachte Sache von oben herab. Später kam wirklich -Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: es tauchte noch eine -neue Persönlichkeit mit der Prätension auf, der wirkliche Held des -Romans zu werden, sodass der erste Held -- eine interessante, doch den -Namen Held nicht rechtfertigende Figur -- auf den zweiten Plan zu stehen -kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die -Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des -»Russkij Wjestnik« gesandt habe -- bin ich plötzlich erschrocken: ich -fürchte ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; ernstlich -fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs -geradewohl eingeführt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des -Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz -und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwägungen -besteht. Darum, denke ich, wird eine Persönlichkeit herauskommen, ja -vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit, -auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz -hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: denn mit -diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit verloren und schrecklich -wenig geschrieben. - -Über den »Wjestnik Ewropy« und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als -dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im -trivialen, nicht im populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht -anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky hat mir ungemein -gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die -eigentliche Poesie besteht. Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn -Sie sich darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche, -gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch, -dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit -unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue -auseinandersetzen. Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und -sich viel Nutzen bringen. Übrigens -- was lehre ich Sie denn! Sie sind -mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im -Buche auf; der Tag, an dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist -ein Feiertag für mich. - -Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rühmen --- das ist das Zuwidere! Jetzt kommt für mich ein Winter angestrengter -Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt -haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: nämlich ohne -aufzuatmen -- sonst kommt man nicht zu Ende. Ich führe ein langweiliges -und äusserst regelmässiges Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang, -lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden -alle diese gegenwärtigen, erschütternden Ereignisse eine unmittelbare -Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die -Litteratur. In jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke -nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung -verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn -man liest, z. B. russische Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade -das alles frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den »Moskowskija -Wjedomosti« natürlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer -Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken werden Sie mich. Ich aber verspreche, -dass ich pünktlich sein werde.« - -Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage -über die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekämpfen -habe. Es ist dies der Roman »Die Besessenen«, dessen wir schon -wiederholt erwähnten. - - Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu - brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit - aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder - grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen - musste. Er musste, um seine Geissel so hart und schwer als - möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der - »Gottlosen« niedersausen zu lassen, diesen »Besessenen« auch - jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie - entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren - Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche - Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den - göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und - zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das - dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens - konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen - erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten - Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den - tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem - Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der - sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord - seinen Abschluss findet. - - In den Mund Stepan Trofimowitsch', den geistreich-sentimentalen - Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des - Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne - thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses - grosse, eitle, >genialische< Kind in einer fremden Herberge - erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden - Frauenzimmer gepflegt wird, das er >ma chère innocente< oder - >chère et incomparable amie< nennt, da fällt ihm plötzlich ein, - sie solle ihm »von den Säuen« vorlesen; »de ces cochons« -- »ich - erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind - ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen, - warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich - es haben.« -- -- Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem - Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor - sein Werk gesetzt hat: - - »Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem - Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen - zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. - - Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und - die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.« - - »Meine Freundin,« sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in - grosser Aufregung, »savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche - Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses - .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit - meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke - gekommen -- une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele - Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland. - Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das - sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel - und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren - Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit - Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que - j'aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille - beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es - werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit, - all' diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault - hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu - fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das - sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec - lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen - und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden - alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja - nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, »sitzen zu - den Füssen Jesu« ... und alle werden es mit Verwunderung schauen - ... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das - alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons - ensemble. - -Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurück und -nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist -noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die -Stelle: »Turgenjews >König Lear< hat mir gar nicht gefallen. Ein -aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid, -weiss Gott!« - -In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den -uns bekannten geschäftlichen Erörterungen am Schlusse eine Stelle, -welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in -Dingen der europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir den -Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern -höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und -Deutschland, so lange er dort lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal -der Franzosen anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das ganz -subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings -einheitlichen, Untergrunde des »Nichteuropäers«. Er spricht zuerst von -seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr -erwarten können, und fährt fort: - -»Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles -furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr das von hier -aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wüssten, was für einen blutigen Hass, -bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat! -Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über Europa! Nun, ist -jener Russe nicht ein Säugling (das sind aber fast alle), welcher daran -glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar -schamlos: eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine -Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?). - -Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen -die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie -gezweifelt; und wenn sie dort keine Böcke schiessen, indem sie Frieden -schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen -hinausgejagt und dann -- welche Schande! Da hätte man viel zu schreiben --- und ich könnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung -mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich -aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und -fortführt. Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum -Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, sie -einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen -Einrichtungsstücke), wird, da sie eigene Möbel hat, verpflichtet, auf -ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben -drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie -ja auf 20-30 Thaler. -- Ich selbst habe einige Briefe von jungen -deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehörigen -(Krämer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie -krank, wie hungrig! - -Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende Beobachtung: Anfangs -wurde die Wacht am Rhein sehr oft auf der Strasse in der Menge gesungen --- jetzt gar nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich die -Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber -- nicht besonders; -sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen an jedem Abend in der Lesehalle. -Einer mit einem schneeweissen Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter, -schrie vorgestern sehr laut: »Paris muss bombardiert werden!« Das sind -die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht der Gelehrsamkeit, so -- -der Dummheit. Mögen sie Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche -Dummköpfe! Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann lesen und -schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, dumm, stumpf, von den -untergeordnetsten Interessen erfüllt« usw. - -Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen Kritiken fort und -es fällt dabei ein Streiflicht auf Russlands Verhältnis zu Frankreich, -das wegen seiner heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den -Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da (30. Januar -1871): »-- -- Was Sie über unsere Gesellschaft sagen, habe ich mit -Kummer in Ihrem Briefe gelesen; und was man von den deutschen -Angelegenheiten denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug -kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte wollen sie -Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie sich ihn und seine -Nachkommenschaft für alle Ewigkeit zu Sklaven machen wollen, ihm aber -dafür die Erbfolge sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht -- das -ist klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung tagen -wird, so werden sie dieselbe durch die Unmässigkeit ihrer -(ausgeklügelten) Forderungen zwingen, damit nicht einverstanden zu sein -und dann -- werden sie den Napoleon proklamieren. - -Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: >Wer zum Schwert greift, -wird durch das Schwert umkommen?< Nein, was durch das Schwert aufgebaut -ist, wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie »Jung Deutschland«. -Umgekehrt -- es ist eine Nation, die ihre Kraft verbraucht hat -- denn -nach einem solchen Geist, nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee -des Schwertes, des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal -ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit korporalsmässiger -Grobheit lachen, was ist das anders. Nein, das ist eine tote Nation, -eine Nation ohne Zukunft. Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie, -glauben Sie mir, nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest -erstehen sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert wird von -selbst fallen. - -Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands ist so gross, dass -es kaum mehr vier Monate Widerstand aushalten wird. Wenn sie von -Frankreich zurückkommen, werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön -thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie schon früher -gröblich verschnappen. - -Gott schütze den Zar und Russland -- aber für Europa ist die Zukunft -wirklich kritisch.« - -Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren Seite von -Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit zu. In einem Briefe vom 14. März -1871 an Apollon Maikow sagt der Dichter: »Ihr schmeichelhafter Ausspruch -über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken versetzt. Gott, wie -habe ich gefürchtet und wie fürchte ich noch! Wenn Sie dies lesen, -werden Sie wahrscheinlich auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils -im Februarheft des »Russkij Wjestnik« gelesen haben. Was werden Sie -sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere anbelangt, so bin ich -einfach in Verzweiflung, ob ich's zurecht bringe. -- Nebenbei gesagt: -das Werk wird ja im ganzen vier Teile haben -- 40 Bogen. Stepan -Trofimowitsch wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar nicht von -ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng mit den übrigen (Haupt-) -Vorgängen des Romans verknüpft, und darum habe ich ihn gleichsam zum -Eckstein des ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch im -vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird das sehr originelle Ende -seines Schicksals Platz finden. Für alles andere stehe ich nicht, aber -für diese Stelle verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen, -wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.] - -Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich, wie eine geschreckte -Maus. Die Idee hat mich berückt, und ich habe sie furchtbar -leidenschaftlich erfasst. Komme ich aber durch, oder ist der ganze Roman -ein .....? Das ist das Elend. - -Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt verschiedene -Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten habe. Das hat mir sehr, -sehr viel Mut gemacht. Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich -gerade heraus, dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.« -Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die erste Hälfte des -ersten Teiles gelesen hatte, worin eben Stepan Trofimowitsch die -Hauptrolle spielt. »Erstens« -- fährt Dostojewsky fort -- »werden Sie -mir ja nicht schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung -ein genialer Gedanke hervorgesprungen: »Das sind Turgenjews Helden im -Alter«. Das ist genial! Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas -Ähnliches. Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit einer Formel -bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese Worte. Sie haben mir das ganze -Werk beleuchtet. - -Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling heimzukehren, da -werden wir was plaudern!« - -In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der Dichter an Strachow: -»Wenn ich lange keine Anfälle gehabt habe und sie sich plötzlich wieder -entladen, so folgt darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da -bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese Schwermut etwa drei -Tage nach einem Anfalle gedauert, jetzt aber hält sie sieben, acht Tage -an, obwohl die Anfälle selbst in Dresden seltener auftreten, als -irgendwo sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit. Es ist -nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. Ich muss nach Russland, wenn -ich auch das Petersburger Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es -was es wolle, ich muss heimkehren ..... - -Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige und schwere Gedanken -mich beim Lesen Ihres Briefes bedrängt haben. Was heisst denn das? -»Alles das, wodurch die »Zarjá« originell war, alles, was ihr vor allen -anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles das hat man -als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt. Und das ist die einzige -russische Zeitschrift, in der sich noch die reine litterarische Kritik -erhalten hat! Gerade darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben -jetzt nötig. Sie hat der »Zarjá« ihre Physiognomie verliehen. Vor dem -Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen! Im Gegenteil; in jeder -Nummer hätten sie auf ihrer Idee bestehen sollen, und ihrer wäre die -Zukunft gewesen. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe -jedesmal nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten und -mich daran berauscht. Es versteht sich, dass ich manchmal nicht ganz -einverstanden war (so z. B. mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer -allzugrossen Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser -Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) -- aber mein Interesse -daran war immer ein ausserordentliches. Ihr Artikel über Karamsin ist so -tief und so männlich offen, dass ich hier eine helle Freude darüber -hatte, dass bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben mir, so -nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo etwas darüber gelesen und, -so weit auch ich selbst urteilen kann, scheint es so, dass man den -Artikel reaktionär findet. Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?« - -In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der Dichter eingehend -über Strachows Verhältnis zur »Zarjá«, erteilt ihm litterarische -Ratschläge und schliesst: »Abermals wiederhole ich, dass ich mit grosser -Sehnsucht, ja mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den -früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier muss ich aber noch -eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn sich die Gelegenheit dazu böte, -mit niemand von meiner baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich -möchte gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr von den -Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte es, dass sie gleich auf -mich losstürzen; ich fürchte das aber, weil ich kein Geld habe, sondern -nur Erwartungen. -- Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch, -oder mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur -- weil ich -Russland brauche. Um jeden Preis muss ich zurück. Mir scheint, ich werde -in der Mitte des Sommers bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit -der Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit meinem jungen -Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso jungen Gattin zurückkehre, so -ist's doch auch mit Kindern! Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt, -das zweite aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf der Reise -sein!« - -In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April (a. St.) 1871, -welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist, spricht er ebenfalls über -die Nötigung der Heimkunft, welche aber durch die im August zu -erwartende Niederkunft Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden -könnte. Er hat sich an die Redaktion des »Russkij Wjestnik« gewendet, um -1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung zu erlangen. Nun schickt man -ihm allerdings einiges Geld für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber -bittet man ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: »Indessen ist -es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs August soll meine Frau in -die Wochen kommen; darum ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor -der Niederkunft zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren -Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir ohne Dienerin und -mit einem kleinen Kinde reisen müssen. Nach der Geburt hier bleiben, ist -aber auch unmöglich; man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im -Oktober reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist schon das -allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna schon ganz umbringen, -durch die Verzweiflung, deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist -thatsächlich vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr ein Jahr -ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier bleibe, aus mir bekannten -Ursachen nicht imstande sein, den Roman zu beenden, und kann in -geschäftlicher Beziehung noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde -ich Ihnen beim Wiedersehen erklären. - --- -- Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen, Schlüsse, die Sie -sicherlich ebenfalls kennen, von deren Wahrheit Sie aber noch nicht -vollständig durchdrungen sind, wie auch ich es bis in die allerletzte -Zeit nicht gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der grossen -Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis zu dem Kreise des rein -Litterarischen, ist bei uns die allgemeine Bildung und Erkenntnis auf -einige Zeit zersplittert, zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich -eingebildet, dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur -(gleichsam einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und es -ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller litterarischen -Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass jeder Kritiker, der etwa -bei uns auftauchen sollte, jetzt gar nicht die richtige Wirkung -hervorrufen würde. Dobroljubow und Pissarew haben gerade darum Erfolg -gehabt, weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen -- das ganze -Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann man das unmöglich, -sondern man muss gleichwohl in seiner kritischen Thätigkeit fortfahren. -Verzeihen Sie mir also den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde. - -Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche Idee aus und, was -die Hauptsache ist, es geschah dies zum erstenmale in unserer -Litteratur. Es ist diese: dass jedes halbwegs bedeutende und wirkliche -Talent bei uns -- immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl -zuwandte, volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck Puschkin -plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows, den -Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen, d. h. früher, als alle -Slavophilen, ihre ganze Wesenheit ausgedrückt und -- nicht genug an dem --- er hat dies unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis -auf den heutigen Tag gethan haben. - -Sehen Sie hingegen Herzen an -- fährt der Dichter fort -- wie viel -Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad zurückzukehren, und welches -Unvermögen dazu, infolge seiner widerwärtigen persönlichen -Eigenschaften! Noch mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann -man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen Faktoren -verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten; derart, dass man -zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus entwickeln könnte. Nämlich: Wenn -ein Mensch wirklich Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer -schon verwitterten Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden; -wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so wird er nicht nur in der -verwitterten Schichte verbleiben, sondern sich verpflanzen, katholisch -werden usw. -- -- Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade -durch sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum Russland -verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt (von Belinsky wird man -noch einmal vieles zu sagen haben, Sie werden es schon sehen). Allein -die Sache ist die, dass in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel -Kraft liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt -werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses Thema, entwickeln -Sie es im Einzelnen. Man wird sich gewiss darüber freuen. Es wird -dieselbe Kritik sein, nur in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze -im Jahre, und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird das -Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie in einen Kreis -getreten sind, wo man Sie besser versteht. Die Hauptsache ist: wozu die -Litteratur aufgeben? - --- -- Ich kehre erst im Juni heim, so haben sich meine Geldmittel -gestaltet. -- Hören Sie, was ich Ihnen noch über Ihre letzte Beurteilung -meines Romans sagen will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes -darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie ungemein fein -auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja, ich habe darunter gelitten und -leide darunter; ich verstehe bis heute nicht (ich hab' es nicht -gelernt), meine Mittel richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner -Romane drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass noch -Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich richtig -ausgesprochen. Und wie habe ich selbst schon viele Jahre darunter -gelitten, da ich es selbst erkannte!« - -Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote einen Abriss seines -kritischen Briefes an Dostojewsky, der im wesentlichen unseren Eindruck -vom Roman »Die Besessenen« bestätigt. Er lautet: - - »Im zweiten Teile der »Besessenen« sind wunderbare Dinge - enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in - einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und - scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in der - Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow -- das sind - lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf - das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht - dies Ziel der Erzählung nicht und verliert sich in der Menge der - Personen und Episoden, deren Verknüpfung ihm nicht klar ist. - Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile - schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschläge - zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten, - welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an - Ihrer Thätigkeit hinzunehmen bitte.« - - »Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der - Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im - Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über - allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit - ausgebreitet ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil - für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen zu - sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer - Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. »Der - Spieler« zum Beispiel und »Der Hahnrei« haben die klarsten - Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den »Idioten« - gelegt haben, verloren ging.« - - Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der zwei - zuerst genannten Werke beipflichten. Über den »Idiot« haben wir - weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen. - - »Dieser Mangel« -- fährt Strachow in jenem Briefe fort -- »steht - natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein geschickter - Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den zehnten Teil - Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt machen und als - Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur - einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass - die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der Analyse reduziert - werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich - mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte. - Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir, - dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es - nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten - wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rühre, - dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag vorlege -- den, - dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören Dostojewsky zu sein. - Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch - verstehen werden.« - -Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht klarer und prägnanter -kennzeichnen, als dies hier Strachow thut. Allerdings geschieht dies nur -nach der positiven Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des -Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung hervorquellen. -Was uns als Mangel erscheinen muss, das Fehlen jeder Teilnahme für die -Reize und Gewalten der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des -Menschen entströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, das -hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht damit gethan. Er mochte -wohl fühlen, dass diese Mängel zu jenen gehören, welche am innigsten mit -unserer Lebenswurzel verflochten sind und nicht genannt werden dürfen, -weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, sie von sich zu -lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende müssen diese Mängel -als das erscheinen, was sie sind: ein Übergewicht des inneren Realismus -über den äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem der -Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt. Uns fehlen -in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals die tiefen und geheimnisvollen -Anlässe in den Handlungen seiner Charaktere, wohl aber fast immer die -äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen Übergänge, wie sie -unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven so reichlich verarbeiten. Diese -Mängel nun scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein anderes -ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte. - -»Es giebt aber noch ein Schlimmeres,« fährt er in jenem Briefe an -Strachow fort, »ich mache mich, ohne meine Mittel zu berechnen, und nur -vom poetischen Zuge hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken -auszudrücken, dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist die Kraft der -poetischen Begeisterung immer, z. B. bei Victor Hugo, stärker als die -Mittel zur Ausführung. Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser -Zweiheit erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. -- Ich füge hinzu, dass -die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen diesen Sommer über, -dem Roman sehr schaden werden.« - -Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt in die Zeit der -Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, einen jener Aussprüche des -Dichters über Sozialismus und Kommunismus zu hören, wie er sie breiter -und ausführlicher in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in seinen -letzten Tagebuchnotizen und seinen »Winterlichen Bemerkungen über -Sommer-Eindrücke« ausgesprochen hat, wovon wir weiter unten einige -bedeutsame Stellen folgen lassen. Der Brief lautet: - - »Dresden, 18. (30.) Mai 1871. - - Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch! - -Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit Belinsky angefangen! -Das habe ich vorausgeahnt. Aber sehen Sie doch nach Paris, auf die -Kommune. Sind Sie wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder -nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen, der Umstände? -Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch träumt diese Bewegung entweder -von einem Paradies auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie -zeigt, knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes Unvermögen, -auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. Im wesentlichen ist's -immer wieder derselbe Rousseau und der Traum, die Welt mittels des -Verstandes, der Erfahrung aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es -sind doch, scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass -ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige Erscheinung -ist. - -Sie schlagen Köpfe ab -- warum? Einzig und allein darum, weil das das -leichteste von allem ist. Irgend etwas sagen ist unvergleichlich -schwerer. Der Wunsch nach einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie -wünschen das Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des -Rousseauschen Wortes »Glück« stehen, d. h. bei einer Phantasie, welche -nicht einmal von der Erfahrung bestätigt worden. Der Brand von Paris ist -eine Ungeheuerlichkeit. »Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt -untergehen.« Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Welt und -Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen anderen) diese -Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, sondern als _Schönheit_. Und -so hat sich im neuen Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee -getrübt. Die sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus -entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag sich selbst -nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren Wünschen und Idealen. -Sind denn endlich, jetzt, nicht genug Fakten vorhanden, um zu zeigen, -dass man nicht auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht -diese Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher komme, wie sie -bis heute meinten? Woher denn? Sie werden viele Bücher schreiben, die -Hauptsache aber auslassen: Im Westen hat man Christum verloren und darum -sinkt der Westen, einzig und allein darum. - -Das Ideal ist ein anderes geworden -- wie klar ist das! Und das Sinken -der päpstlichen Macht zugleich mit dem Sinken der römisch-germanischen -Welt (Frankreichs und der anderen) -- welch' ein Zusammentreffen! - -Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was -ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und -diese ganze .... jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben -wir nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch -warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft -antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu -aufrichten und glücklich sein. Sie würden es nie zugeben, dass man, -betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der -Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach -den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter träumen würden. Hier habe -ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens -getadelt, denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste, -schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung -liegt -- in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere -Sie, Belinsky würde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht -darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem -französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalität in sich -bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen -Nationalität enthalten und das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche -zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen würde er -sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland -beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen -- um -Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre, -an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den -Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde er hocherfreut -annehmen. - -Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt -und gesehen und habe ihn jetzt völlig ergründet. Dieser Mensch hat mich -einen ...... geschmäht, indessen aber war er niemals fähig, sich selbst -und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu -stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher -Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber -hauptsächlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei. -[Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter oben Seite 60 angeführt, wo -sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig -schien.] Er hat sich niemals gefragt: »Was werden wir denn an seine -Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich -niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er war im -höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche, -schändliche, persönliche Stumpfheit. Sie sagen, er sei talentvoll -gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn -gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich -einigen seiner rein künstlerischen Urteile lauschte (z. B. über die -toten Seelen): er hat sich gegenüber den Typen Gogols bis zur -Unmöglichkeit oberflächlich verhalten und war nur bis zum Entzücken -erfreut darüber, dass Gogol betrog. - -Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er -hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und -mit den Erzählungen Bjelkins und seinem »Arap« hervortrat. Er hat mit -Verwunderung die Nichtigkeit von »Bjelkins Erzählungen« verkündet. Er -hat in der Erzählung Gogols »Die Kutsche« keine künstlerisch -zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, sondern nur eine spasshafte -Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des »Eugen Onjegin« abgelehnt. -Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei ist das aber -nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung »Drei Porträts« ausgesprochen. -Ich könnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um -Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines »empfänglichen -Vibrirens« zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er -selbst ein Dichter war). Über Belinsky und über viele Erscheinungen -unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge -ausserordentlicher Vorurteile hindurch. - -Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich -habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten -- mit Begeisterung, allein -auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die -Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er über -manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls -nicht ernst nimmt), so hätten Sie auch gestehen sollen, dass seine -grosse künstlerische Befähigung in seinen letzten Werken zurückgegangen -ist und zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als -Künstler sehr zurückgegangen. Der »Golos« meint, dies sei darum der -Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber -sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frühere -Künstlergrösse zu. Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht -(nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres -Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt -- -- Aber -wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles -gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein -dieses, im höchsten Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein -neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch nicht gegeben, -war auch noch nicht möglich. Die Rjeschotnikows[33] haben nichts -verkündet; aber immerhin drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend -etwas Neuem in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht mehr -landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche Weise thun. - -Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe -keine Vorstellung darüber, wann ich zurückkomme (unter uns: ich trachte -in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse, -dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig. - -Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird -(habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird -doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist meine -jetzige Devise.« - -[Fußnote 33: Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller wurde -und Bauernerzählungen schrieb. Er starb in jungen Jahren.] - -Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: »-- -- Ich meine nur im -allgemeinen, dass es für die Zeitschriften nicht übel wäre -- wenn auch -nur eine den Anfang machte -- sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die -»Zarjá« nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter -mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich -könnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen -darüber entwickeln kann!« - - - - - X. - Petersburg; die letzten zehn Jahre. - (1871-1881.) - - -Mit der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen Ansiedelung in -Petersburg tritt des Dichters Leben in seine letzte, seine bedeutendste -Phase. Gleich einer Dichtung, die ein Meister vollendet, wo sich das -Wesenhafte immer deutlicher und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur -letzten Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich nach -dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist aber nicht in einem -behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen Abschliessens zu verstehen, -sondern in echt Dostojewskyscher Art: durch alle Lebensunruhe und allen -Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen hindurch der -Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende Einheit in leidenschaftlich -bewegter Vielheit war. - -Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug. Anna Grigorjewna -erzählt uns, dass sie nach Begleichung der Dresdener Schulden und der -Reisekosten mit einer Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg -ankamen, und das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft, -mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden, die man für sie -aufbewahrt oder versetzt hatte -- sie waren verfallen. Auch eines -Hausanteiles, auf welchen sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte, -war sie durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass es nun -hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, vor allem den -letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch legte von nun an den -administrativen Teil seiner Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den -endlichen glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte. - -Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die wir hier folgen -lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe -von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte: -Im Januar 1873 erschienen »Die Besessenen« in 3500 Exemplaren, im Januar -1874 der »Idiot« in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die »Memoiren -aus einem Totenhause« in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 »Schuld und -Sühne« in 2000 und im November 1879 »Erniedrigte und Beleidigte« in 2400 -Exemplaren. - -Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu -tilgen vermochte, ungemein über das Los seiner Familie, die in Armut zu -hinterlassen er stets hatte fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem -Tode ein Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus seinen -Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre genau verzeichnet -waren. So bezog er: - - Im Jahre 1877: - - aus »Schuld und Sühne« 487 R. 12 K. - eingebunden Ex. des »Tagebuchs eines - Schriftstellers« von 1876 497 " 80 " - »Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 561 " 63 " - Rest vom Jahre 1876 295 " 40 " - ================= - Sa. 1841 R. 95 K. - - Im Jahre 1878: - - »Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1199 R. 50 K. - »Schuld und Sühne« 548 " 98 " - Tagebuch 1876 281 " 68 " - Tagebuch 1877 346 " 50 " - ================= - Sa. 2376 R. 66 K. - - Im Jahre 1879: - - »Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1271 R. 99 K. - »Schuld und Sühne« 797 " 16 " - Tagebuch 1876 98 " 61 " - Tagebuch 1877 121 " 2 " - + »Erniedrigte und Beleidigte« 227 " 24 " - ================= - Sa. 2516 R. 2 K. - - Im Jahre 1880: - - »Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 1287 R. 20 K. - »Schuld und Sühne« 933 " 99 " - Tagebuch 1876 247 " 6 " - Tagebuch 1877 219 " 14 " - ================= - 2687 R. 39 K. - - + »Erniedrigte und Beleidigte« 548 " 51 " - + Tagebuch 1880 893 " 87 " - ================= - 4129 R. 77 K. - - »Brüder Karamasow« 3681 " 50 " - ================= - 7811 R. 27 K. - -Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die in den Zeitschriften -erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die »Vaterländischen -Annalen« i. J. 1875 für den Druckbogen des Romans »Junger Nachwuchs« -(Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der »Russkij Wjestnik« für -die »Brüder Karamasow« (1879-80) 300 Rubel. - -Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag -gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die -des Dichters schwerste Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute -eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder -neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein -noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und -Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen, -etwas ungedrucktes beizufügen. -- - -Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir P. Meschtschersky -den Dichter näher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion -seines Blattes »Grashdanin« zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche -mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, erhielt -der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar für -seine Beiträge. Diese Artikel waren meist Feuilletons über die -brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel »Tagebuch eines -Schriftstellers« führten. Sie bilden heute den ersten Band der unter -demselben Titel herausgegebenen Schriften. - -In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten und von ihm ganz allein -besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen »Tagebuch eines -Schriftstellers« gab, fand er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das -ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine -bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese -Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das -Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer -rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem -zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte Brief vom 9. -April 1876 beginnt mit einer Erörterung persönlicher Beziehungen und -fährt dann fort: - -»Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich mich im »Tagebuche« -in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehört. Hier -ist, was ich Ihnen unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem -unumstösslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der -künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte -Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grössten -Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glänzt damit -nach meiner Meinung einzig und allein -- Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo, -welchen ich als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige -Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er -sagte, »Schuld und Sühne« stehe höher als die »Misérables«, hat uns, ob -er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare -Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben -wären. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen -grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium -- -nicht der Wirklichkeit an und für sich, denn ich kenne sie ohne das -- -sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen. -Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum -Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige -russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz anders ist, als vor -zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere. - -Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit -hinter der gegenwärtigen Generation zurückbleiben. Ich habe unlängst -Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im -gegenwärtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe, -manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles -nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich bin ich mir ganz klar, -dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer -lehren könnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte -(und den er in einem halben Worte verstand), versteht er nicht etwa -vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. >Mir sind meine Ideale -teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen<, fügte er hinzu, >damit -will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben; -diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang -wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit -darauf< .... - -Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt habe, Christina -Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu -schreiben. Das ist's, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und -das »Tagebuch« führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht -verloren gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie z. B. glauben, -dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des -»Tagebuchs« klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die -Richte bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre -erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird? -Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn Themen, wenn ich mich zum -Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche -mich mehr einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum -einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden -dem Heft schaden, denn es wird dadurch einförmig, arm an Artikeln -werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein -wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich, -nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich treffe auf -Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die mich sehr einnehmen -- aber -wie soll man über das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu -unmöglich. - -So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele -Briefe, mit und ohne Unterschrift -- alle voll Teilnahme. Manche -darunter sind ausserordentlich interessant und originell, dazu gehören -sie allen möglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser -verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrüssung meiner -Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben, -namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den -ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der -Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt -unsere Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle, -die wir den verschiedenen Richtungen angehören, einigen könnten. Aber -als ich den Artikel schon überlegt hatte, sah ich plötzlich, dass es um -keinen Preis möglich wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun -aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben? - -Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da -plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie -kommen herein und sagen: »Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen, -schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie -würden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns -nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind -wir, N. N. und N. N.« Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch -ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, sie seien Studentinnen der -medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und -dass sie in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu erlangen -und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen -- diesen Typus neuer -junger Mädchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne -ich wohl sehr viele, bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie -gründlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine -bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen? -Welche Geradheit, welche Natürlichkeit, was für eine Gefühlsfrische, -Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und -welche alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich -viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen -- -der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben? -Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend -- unmöglich. Ja, es -ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem Falle für -Eindrücke eintragen? - -Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein -Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten -Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen -Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet, -welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer -anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, dass er eine _Schurkerei -begangen habe_, da hat er das _garnicht begriffen_. Nun, wie soll ich -das erzählen? Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch etwas -Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzählte, -jener Denkprozess in den Ansichten und Überzeugungen charakteristisch, -demzufolge er _nicht begriff_ und über welchen man ein interessantes -Wörtchen sagen könnte.« -- - -So beginnen dann endlich für den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach -und nach alle persönlichen sowie die vom Bruder übernommenen Schulden -und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende -noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens unweit der -Wladimirkirche innehatten, so haben seine äusseren Zustände an Ruhe und -Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was -Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller -persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und oft wechselndes -Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. »Ich habe einen schlechten -Charakter«, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, »aber -nicht immer, und das ist mein Trost.« - -Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwähnten, in -den vaterländischen Annalen den Roman: »Der Adolescent«. - - Wir haben über die Erzählung »Podrostok« (der Adolescent), welche - nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel »Junger Nachwuchs« - führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den russischen - Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden. W. - Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen Züge - enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch die Erwähnung auch - inneren Fühlens und Erlebens und seiner Eigenform versteht, so - kann man sagen, dass es kein Werk Dostojewskys giebt, das nicht - selbstbiographische Züge aufwiese. Auch die Schilderung manches - äusseren Geschehens tritt uns mit der Lebendigkeit des Erlebten - entgegen. - - So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, des - jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im Jahre - 1877 im Aprilheft des »Tagebuchs« erschienenen »Traumes eines - lächerlichen Menschen«. Ja, der aufmerksame Leser findet in allen - Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, immer - dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; schon - das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch - innenbiographisch. - - Der »Podrostok« nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier für - überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des Werkes - sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint uns vom - russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den Ideen - Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche junge - Russland, mit dem Dostojewsky seine »Brüder Karamasow« und somit - sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von »Schuld und Sühne«, - strenger genommen, von seiner Rückkehr nach Russland, angefangen, - sehen wir den Dichter unausgesetzt mit der Jugend, der russischen - Jugend, beschäftigt, die er, in unendlichen Variationen, von der - völligen Abwendung, wie in Stawrogin (»Die Besessenen«), bis zu - völliger Durchdringung, wie in Myschkin (»Idiot«) und Aljoscha - Karamasow mit dem Christentum in Contact bringt. Hier und da - setzt er Ausgereifte, Alte, welche das Christentum fertig in sich - tragen, als feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses - überschäumende Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer - Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn - auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan - Trofimowitsch in den »Besessenen« und die junge Sonja, die ihren - naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt. - - Von Raskolnikow, dem »Napoleon«, bis zum Bürschlein Kolja - Krassotkin, der -- im Epilog der »Karamasow« -- »für die Wahrheit - sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen«, zieht eine - endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren Seele der - Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der Dichter in - jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. sagt, dass - er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu verstehen. - Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe, seinem - Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde, dass - er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu sagen - hätte. - - Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art Raskolnikow. - Auch er hat seine »Idee«. Nicht ein Napoleon will er sein, - sondern ein Rothschild. Er will »ununterbrochen« und »hartnäckig« - Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben, die das Geld verleiht. - Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, sondern viel - hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich erlauben darf, - als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten. - - Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner »Idee«? Er ist ein - unehelicher Sohn, das Opfer der »zufälligen Familie« unserer - Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal ihm - schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst die - Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder, - sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese - Aufzeichnungen an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob - sie für einen Roman tauglich seien. - - Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des Dichters - eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist im Epilog - seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, was manche - Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht haben. Denn ein solches - Zusammenfassen und Aussprechen wirkt nur bei dem Starken, der - seine Ideen künstlerisch auf die Beine zu stellen versteht, als - Verstärkung, während sie für den Schwachen zum Rettungsanker für - die Verständlichkeit verwendet wird. - - Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten, - grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere - Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der - »zufälligen Familie«, die eine solche Jugend erzeuge wie die - heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman - unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein, welche - nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle Typen - schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen Menschen, die - ehelichen und unehelichen Kinder seines »zufälligen« Vaters, des - geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, und - schliesst: - - »Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese Familie -- - eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine Seele darüber - freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene Schlussfolgerung - richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt schon eine grosse - Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar und in Massen in - zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen Chaos, gemeinsame - Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? Auf einen Typus dieser - zufälligen Familien weisen ja auch Sie in Ihrer Handschrift hin. - Ja, Arkadji Makarowitsch, Sie -- sind Mitglied einer zufälligen - Familie, im Gegensatze zu unseren noch vorlängst bestehenden - alten Familientypen, die eine von der Ihrigen so sehr - verschiedene Kindheit und Jugend hatten. - - Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden der - zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit ohne - schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall -- noch - eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch vollendet - werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen, da ist ein - Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu viel erraten. - Was aber soll ein Schriftsteller thun, der wünschen würde, nicht - nur historisch zu schreiben, der von der Sorge um die Gegenwart - bedrängt ist? Raten und -- sich irren. - - Allein solche »Aufzeichnungen«, wie die Ihren, könnten, so - scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein - künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen - Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und das - Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler sogar für - die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche Formen finden, - dann werden solche Aufzeichnungen, wie die Ihrigen sind, - gebraucht werden und ein gutes Material abgeben -- wenn sie nur - aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und Zufälligen - darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte Züge - unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten können, - was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben Zeiten - bergen konnte -- eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis, denn - aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.« - -Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr zu Jahr für den -Dichter immer drückender wurde, nahm Dostojewskys intensive innere und -äussere Vorbereitung zu seinem »letzten Roman« einen immer grösseren -Raum in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster mit ihren ->Skity< (Einsiedeleien) wieder auf und widmet vor allem jeden freien -Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, dem praktischen Studium -der Rechtspflege; denn so wenig er etwas über die Theorie der -Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige -Krankheitstypen hinzeichnete -- an denen die Wissenschaft lernen könne, -wie Dr. Tschiz sagt --, ebensowenig hatte er sich ja um den Buchstaben -des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft bekümmern können, wenn man auch -den Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er nun in -Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines Lebens reichlich -Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit dem Wortlaut der Gesetze und -dessen praktischen Konsequenzen vertraut zu machen. - -Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein verstandesmässige -Gesetzeskenntnis mit den tieferen Quellen seines Wesens zusammen. Sein -Empfinden der menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde -und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir doch in den -grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den Schwurgerichten, den -Strafprozessen und ihrem Ausgang widmet, das eifrige Bemühen, den -lebendigen Strom subjektiver Wahrheit in das dürre Gebiet der -»objektiven« Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung -der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben Worten, die er im Epilog des -»Hahnreis« ausspricht: »Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten -konnte wissen, ob sie weiter schneiden werde« usw. - -Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit geht soweit, -dass er nach Verurteilung der Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr -sechsjähriges Stieftöchterchen vom Fenster ihrer Wohnung im vierten -Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme des -Prozesses drängt und das Gutachten der Ärzte herbeiführt, die nach -eingehender Prüfung des Sachverhaltes eine Geistesstörung während der -ersten Monate der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im -Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt ihres Kindes -weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde freigesprochen und -Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung der Gatten einzuleiten und durch -persönliche Teilnahme an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. -- -Diese Beschäftigung mit den »laufenden Dingen der Gegenwart« reift eben -die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im »Tagebuch eines Schriftstellers«. -Sie ist zugleich Vorbereitung für den Roman und Verkündung »seiner -Wahrheit« in diesem eigenartig redigierten Organ. - -Auch »die Gesellschaft« hatte sich in dieser Zeit dem Dichter genähert. -Er wird vielfach geladen, gefeiert, nimmt Teil an wohlthätigen -Veranstaltungen, Kinder- und Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor -seinem Tode sollte er bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die -Rolle des Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde aber durch -das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen Verlauf zum tötlichen -Ausgang nahm. -- - -Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde und einige -diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten während der -Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen, sowie seine Anschauungen über -Dinge, welche seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten z. -B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in Russland. So sehr -ihm die Studentinnen gefallen [wie wir oben sahen], so wenig will er -etwas davon wissen, dass sie »um Nutzen zu bringen« -- wie das -Losungswort der russischen Jugend lautet --, Feldscherinnen und Hebammen -werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung aller Spezialisten in -Russland (»ganz anders in Europa«) hin und verlangt von den jungen -Mädchen und Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: »die Mehrheit der -Studenten aber und der Studentinnen, das ist alles ohne jegliche -Erziehung. Was ist das für ein Nutzen für die Menschheit?« - -In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont Dostojewsky ihr -grosses Glück, Kinder zu besitzen. »Wie gut ist es, dass Sie Kinder -haben, wie sehr vermenschlichen diese unsere Existenz in einem höheren -Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, und ohne -sie giebt es kein Lebensziel. Und die europäischen Sozialisten verkünden -gemeinsame Erziehungshäuser! Ich kenne vortreffliche verheiratete -Menschen, die aber kinderlos sind -- nun denn: bei so viel Geist, bei -solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und wahrlich, in den höheren -Aufgaben des Lebens hinken sie irgendwie.« Wer Dostojewskys Werke -aufmerksam gelesen hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut -sein. Vom »kleinen Held« angefangen bis zum Schluss der »Brüder -Karamasow«, dem niedergeschriebenen wie dem ersonnenen, den er den -Freunden mitteilte, schlingt sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare -Reihe von Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so innig -ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft so viel hofft. - -Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat nach -des Dichters Tode unzählige Vorträge gehalten und Artikel über ihn und -seine Thätigkeit geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von -Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist bis zum Jahre 1897 -allein 190 grössere und kleinere Schriften und Werke auf, die sie im -dazu gegründeten »Museum Dostojewsky« in Moskau samt ungedruckten (von -der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) Fragmenten, z. B. gewisse -Kapitel aus den »Besessenen«, bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir -nicht wenige über das Thema: »Dostojewskys Kindertypen«. Wir haben nur -in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass sie alle das -nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in seinen Briefen über das -»winzige Wesen« Sonja wie ein lebendiger Liebesquell hervorbricht. In -der aufregendsten Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt, -immer wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens -Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich trug. Man denke -nur, was alles in seinen Werken über sein Verhältnis zu Kindern -ausgestreut liegt: an die Kinderfreundschaft in »Njetotschka -Njeswanowa«, das Kinderkapitel im »Idiot«, an alle kleinen Erzählungen -und Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder in den -»Karamasow«, und man wird erkennen, dass sie nicht zufällig da sind, -dass sie einen integrirenden Teil seiner Dichtung und seines Lebens -ausmachen. -- Die Anfrage eines seiner Korrespondenten, was dieser sein -noch sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet Dostojewsky -ungefähr mit: das Beste. Walter Scott, Schiller, Goethe, den Don -Quixote, Gil Blas, Prescott und die russischen Historiker, sowie -Puschkin und Tolstoj unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, »wenn er -wolle«, ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl. - -In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie ihn in seinen Werken -verstehe, was bei der gesamten litterarischen Kritik nicht der Fall sei, -und hegt nur den einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können, -wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den jetzt -hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der bei seiner -Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt habe: »Nach meiner tiefsten -Überzeugung weiss die Menschheit unendlich viel mehr, als sie bis heute -in ihrer Kunst und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.« - -Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in Broschüren und -Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys Zorn heraus, dem er aber -meist nur in seinem Notizbuch aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene -für die russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker K. -D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: »Sie sagen, das heisse sittlich -sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen handelt. Woher haben Sie -das genommen? Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, und -sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner Überzeugung zu -handeln ..... Blutvergiessen halten Sie nicht für sittlich, aber aus -Überzeugung Blut vergiessen, das halten Sie für sittlich. Das Sittliche -deckt sich nicht mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben, -weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht Folge zu -leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen bei seiner -Überzeugung verharrt, durch ein gewisses Gefühl davon abgehalten wird, -die Handlung auszuführen. Er tadelt und verachtet sich mit dem -Verstande, allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann er -sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht Feigheit -zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick lang geschwankt; es -ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen zu erheben, sagte sie sich. -Dieses Schwanken war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.« - -An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten und Anhänger -des Westens, welche jedoch die bureaukratischen Formen und Formeln -ablehnen: »Zerstört nur die administrativen Formeln!« heisst es da, »das -ist aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein Verleugnen -dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine Untreue an Peter dem -Grossen. O, auf eine Umgestaltung wird unsere Administration schon -eingehen, aber nur in einer untergeordneten Form, praktische Fragen -betreffend usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln sollte --- nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, welche im -Gegensatz zum Beamtentum auf dem Semstwo bestehen, wahrlich sie -widersprechen sich selbst! Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das -ist ja die Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von ihnen so -sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus in seiner jetzigen -Gestalt bestehen bleiben, wenn sich das gesetzmässige Semstwo -einwurzelt? Das ist die Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er -sich nicht erhält. - -Der Beamte, der jetzige Beamte indessen -- das ist der Europäismus, das -ist Europa selbst und sein Emblem, das ist gerade das Ideal der -Gradowskys, der Kawelins u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und -Europajunge, wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und -seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen, welche dem -Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen entsprächen. -Übrigens, was sage ich? Im wesentlichen treten sie ja auch dafür ein. -Gebt ihnen eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem -administrativen Schutze Russlands anvertrauen« .... - -Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: »Ja, Ihr werdet -die Interessen Eurer Gesellschaft vertreten, aber ganz und gar nicht die -des Volkes; Ihr werdet es auf's neue leibeigen machen, Kanonen werdet -Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse aber! Die Presse -werdet Ihr nach Sibirien schicken, so wie sie Euch nur nicht ganz -zusagt! Nicht nur Euch widersprechen wird« usw. - -Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der Begriffe und Wirrnis -der Werde-Elemente in Russland hindurch eines klar: dass das Beamtentum -eine furchtbare Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener -historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach Diener des -Staates allmählich zu Herren des Volkes werden und aus jedem Gemeinwesen -eine seelenlose Maschine zu machen vermögen, die alles zermalmt, was in -ihre Nähe gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines -Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt dieses Thema später -noch einmal in einem Briefe an Iwan Sergejewitsch Aksakow, mit welchem -er erst nach der denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere -Beziehungen trat. - -Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken des Dichters zu seinem -äusseren und inneren Gipfelpunkt. In diesem Jahre stellt er durch seine -grosse Puschkin-Rede gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen -Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet er sein -»letztes Werk«, die Krone von seines Lebens Sinnen und Schaffen, -Wünschen und Wirken, die »Brüder Karamasow«. - -Nikolaus Strachow erzählt in den »Materialien zu einer Biographie -Dostojewskys« [Petersburg, Suworin 1883] mit grosser Ausführlichkeit den -ganzen Verlauf der für die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll -gewordenen Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses -»nationalen Ereignisses« nicht nach. Für uns sind drei springende Punkte -wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet seien. Erstens die -Vorbedingungen, welche dieses Fest zu solcher Bedeutung erhoben, sodann -das Konkrete des Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung -auf die litterarisch-nationalen Parteien. - -Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der russischen -Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft in Westler und -Slavophile. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich da nicht um -Geschmacks- und Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um -die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte in -seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider Parteien. Gleichwohl -hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen der »Moskowskija Wjedomosti« -mit Katkow an der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz -über die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der -Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu »westlich«. Aus alledem lässt -sich begreifen, dass man von den angemeldeten Rednern etwas -Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete. - -Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war am Vortage durch -Acclamation zum Ehrenmitglied der Moskauer Universität ernannt worden. -Man sah in ihm »den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins«, da -auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche Züge aufwies: als -russischer Dichter mit westlicher Kultur. Turgenjew hatte seine Rede in -der Einsamkeit seines Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von -lebhaften Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung im -Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war jedoch eine -geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, ob Puschkin ein nationaler -Dichter sei oder nicht, ja auch nicht darauf einging, diese Frage zu -beleuchten. - -Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, dieser als Vertreter -des reinen Slavophilentums, sprechen. Aber schon als Dostojewsky begann, -und mit dem inneren Feuer, das in ihm brannte, den »russischen Menschen« -im Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten: -»Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, brich Deinen Hochmut, -demütige Dich, müssiger Mensch, und vor allem, mühe Dich auf -heimatlichem Boden« -- da fühlte dieser »russische Mensch«, der lautlos -den Saal füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und lauschte -bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in unerhörten Jubel ausbrach, -in einen Versöhnungsjubel, wie ihn Russland noch nie erlebt hatte. - -Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt getroffen und ans -Licht gebracht, der beide Strömungen versöhnte, nach dem es unbewusst -alle verlangte und der eine neue Aera des litterarischen Wirkens -anbahnte. Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche Kultur -durchaus national von ihm verwertet worden sei, dass er in sich eben -durch seine echt russischen Anschauungen die Verbindung mit dem Geist -des Westens in einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle -Nachkommenden sei, wie man das ja an seinen dichterischen Gestalten -sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine Gedanken mit Zuhilfenahme -einiger Beispiele aus, die -- uns ein Zeuge dieser Feste erzählte -- -durchaus nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren. -Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert indes selbst die -lebendige Wirkung dieser Rede als eine ungeheure, der man sich erst -später bei kühler Überlegung aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für -uns ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und erweisen -wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente heranzog, das war das -Wahre und Befruchtende an seiner Rede und das ist es wohl auch heute -noch, was, ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches modernen -Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, welche die Versöhnung -der streitenden Elemente anbahnte. - -Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters Wirken und Leben. - - Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu teil, dass - sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck seiner Kunst - war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen eines - ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden. Denn wenn - es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und seiner Freunde - beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der »Brüder Karamasow« - schon fertig in sich trug, wenn wir auch wissen, wie er sich die - Lösung dieses Problems im russischen Sinne vorgesetzt hatte, so - können wir der Meinung eines seiner nahesten Freunde nur - beipflichten, wenn wir annehmen, dass die Ausführung dieses - Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben wäre, als - überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen, Ausführungen hinter - genialen Entwürfen zurückstehen. In den »Brüdern Karamasow« aber - ist ja schon in der Exposition, d. h. im Kapitel vom Starez - Sosima, das Höchste als Ahnung und Ziel für den Helden Aljoscha - ausgesprochen; der Leser empfängt ja von diesem »vorläufigen« - Bilde des »russischen Christus«, das der Dichter in Aljoscha erst - ausführen wollte -- wie er andeutet und alle Freunde bezeugen -- - vollauf alles, was auf ihn wirken soll: die Ahnung, gleichsam die - Verheissung eines reinsten Zustandes. Hier musste jede Ausführung - zurückstehen, im besten Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber - dürfen wir dem Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo - er hinaus wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene, - die es nicht schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen - Zweifel über die Absichten des Dichters gebe. - - Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem Buche - voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung -- welche im - Kapitel vom Starez angezeigt ist -- liegen klar zu Tage. Allein - im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem Kapitel vom - Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein menschlich - ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden können, da - vibriert schon die tiefe russische Note mit, die russische Seele, - die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende Grübelei - zerspaltet. Das brennende Begehren nach dem Glauben, das diese - »Legende« geschaffen hat, ein Begehren auch in der Seele eines - mit allen Vorzügen westlicher Bildung ausgestatteten Geistes wie - Iwan Karamasow, das ist echt russisch. Diese Figur Iwans und - diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich, was Dostojewsky - unter seiner »russischen Allmenschlichkeit« versteht. Die ewige - Frage nach dem Gotte, die dieses Volk durch alle Zeiten hindurch, - auf allen Gebieten in sich behält, ist ihm Bürgschaft, dass diese - zwei Züge, so untrennbar wie sie es sind, zugleich allgemein - menschlich und echt russisch sind. - - Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und - durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst - dieses »an allem und für alle und alles schuldig sein« wie ein - Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis es in - den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält. Ja, Rósanow, - der geistvolle Kommentator, findet darin einen Fehler, dass nicht - auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen sind, die Iwan als - »unschuldig unter der Disharmonie der Welt Leidende« hinstellt; - dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde zugeteilt hat; - eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher ein feineres Gefühl den - Künstler glücklich bewahrt hat. - - Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis auf - Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der - russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken, - gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage - fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet, hier - bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das ganze - Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden jenes - Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der Iphigenie - in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. Aljoscha - sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima Gebot in - die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf sich nehmen. - Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen Sünderin - Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina[34] zu Falle - bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden und - verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert - wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer Schar von - Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt und leitet. Wem - fiele hier nicht der Zusammenhang mit der Erzählung des Idioten - von den Kindern ein, wem nicht der kleine Held, alle die - entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe entdeckt. Nun fällt - aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie Feuerschein in die - unerbittliche Geisselung der Gott-losen Jugend in den - »Besessenen«, im »Idiot«, im »Jungen Nachwuchs«, und wir sehen - den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen die Säulen - jenes Götzentempels umklammern, um sie in Trümmer - zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine Ungerechtigkeit - und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit an, auf dem Platze, wo - allein ein neuer Aufbau möglich ist. -- -- Diese Jugend sehen - wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, um jener anderen willen, - die er in der Seele trägt und welcher dereinst Russlands Zukunft - gehören soll. - - [Fußnote 34: Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname für - angeborene Wollust Geltung gewonnen hat.] - - Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit einer - Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl. klar - und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, dass er nur - wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges Urthema, aus dem er - immer wieder das Gerippe eines Problems aufbaut, das er in - lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre individuelle Seele - einhaucht. So fände ein Spurensucher in Dostojewskys Werken - reichliches Nachweismaterial für Varianten und Wiederholungen des - Grundthemas. Was gäbe es da für Ernten für einen Nachwuchs von - Kommentatoren im Sinne der Goethe-Forschung, wenn so etwas in - Russland möglich wäre! Was im jungen Russland nachgeforscht und - nachgewiesen wird, ist heute noch der Sinn, nicht das - i-Tüpfelchen des Mysteriums einer Dichtung. Dieser Nachweis aber - ist leicht, denn der Sinn der Wiederholungen ist immer - augenfällig. - - So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die »neuen Ideen« - in den »Tagebüchern«, in »Schuld und Sühne«, in »winterlichen - Betrachtungen über Sommereindrücke« [diese allerdings durch die - Londoner Einflüsse modificiert], in den »Besessenen« usw, nahezu - wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die Wirkung, - nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den »Traum eines - lächerlichen Menschen« träumen wir ihm zweimal nach, finden - dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, den er unter dem - Titel »Das goldene Zeitalter in der Tasche« im Januarheft des - Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt als positiven - Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft. Auch die Figuren - Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals zum Typus - herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten für das Auge des - Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, deren Gemeinsamkeit dem - europäischen Leser oft darum entgeht, weil ihm das Merkmal selbst - nichts sagt. So sind Iwan Karamasow und Raskolnikow, der Fürst - Walkowsky und Swidrigailow, der »Idiot« und Aljoscha Karamasow, - der Starez Sosima und der Wanderbettler Makar im »Jungen - Nachwuchs«, der Fürst Sokolsky ebenda und der alte Fürst in - »Onkelchens Traum« eigentlich Variationen einer Wesenheit, mit - künstlerischer Vollendung bis ins Kleinste individualisiert. Nur - Dmitri Karamasow steht ohne Gegenspielart da. Er ist auch der - Träger des echt Dostojewskyschen Elements des Unbewussten, das - eigentlich die Komplikation und den Abschluss des uns bekannten - Teiles der Fabel herbeiführt. - - Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins - Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer - blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche, - jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr - Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste Gattin war - nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst hatte, ohne - alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, hatte ihn bald - geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri und ihrer - Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen sich in - Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen Pathos - vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der ältere Sohn - der hysterischen »Schreiliesel«, die hinwieder der Gatte - prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa - Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner - Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha, - dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen, - wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der Sohn - der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder, ist die - Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt bestialischer - Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch genug, vom - Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol der verwandten - Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit. - - Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst - sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha einer - gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden. - - Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter, jeden in - seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. Bei Dmitri - treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen und - Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele ist dem - Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet, was ja auch - die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte Verteidigung und die - Verurteilung des unschuldig Schuldigen wegen Vatermords zur Folge - hat. - - In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier - gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung - des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht - eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er - »ablehnt«. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er - sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise - getroffen hat, um »echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes zu - sprechen«; wenn ich auch einen Gott annehme -- »seine Werke lehne - ich ab«. Schon früher hatte er gesagt: »Weisst du, was ich dahier - eben erst zu mir gesagt habe? Sollt' ich auch nicht mehr an das - Leben glauben, müsst' ich den Glauben an ein teures Weib, an die - Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich mich im Gegenteil - davon überzeugen, dass alles ein unordentliches, verfluchtes und - vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten mich auch alle - Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen -- dennoch werde - ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher angesetzt habe, so - will ich nicht eher davon lassen, als bis ich ihn nicht ganz - bewältigt habe. -- -- Ich habe mich oft gefragt: giebt es im - Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen wütenden und - vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen könnte, und - geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst bis zu meinem - dreissigsten Lebensjahr -- dann aber werde ich selbst nicht mehr - wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier nennen manche - schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich Poeten, - niedrig. Wahr ist's, es ist zum Teil ein Karamasowscher Zug, - diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch in dir sitzt - sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?« usw. »Die - klebrigen Frühlingsknospen lieb' ich, den blauen Himmel lieb' ich - -- das ist's. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier liebst - du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine ersten - jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?« - - Darauf Aljoscha: »Nur allzu gut usw.« ... Hier ist auch des - Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er »verstehe« - -- gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das Leben als - Werk einer Ordnung und Vernunft, als »Euklidische Geometrie« ab. - »Nicht Gott ist's, den ich ablehne, verstehe das, sondern die von - ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich ab, ich kann mich - nicht entschliessen, sie anzunehmen.« -- Nun folgt ein - leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan mit dem - Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso man seine - Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe es noch, aber - in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig und keiner sei - imstande, die Leiden des andern zu begreifen. An diese sehr - charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums - schliesst er sofort die Begründung seines Protestes gegen die - Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen tiefen Zug in - Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum schon gemildert - einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten ganz geläutert - auszuklingen: die Liebe zu den Kindern. - - Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass »die - Euklidischen Parallelen« sich in der Ewigkeit berühren, dass alles - Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie - aufgelöst sein wird -- wie kann ich eine Welt zugeben, in der - auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen - muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus der Zeit der - harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten Weise - einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen [der Dichter - benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente]. »Die - Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine Harmonie. - Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn möglich? Etwa - damit, das sie gerächt werden? Aber wozu brauch' ich die - Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger; was kann hier die - Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode gequält wurden? Was ist - das aber für eine Harmonie, wenn eine Hölle dazu da ist? Ich will - vergeben, ich will umarmen, ich will nicht, dass man weiter - leide. Und wenn die Leiden der Kinder darauf gegangen sind, um - jene Summe von Leiden voll zu machen, die für das Erkaufen der - Wahrheit unumgänglich nötig war, so behaupte ich von vornherein, - dass die ganze Wahrheit eines solchen Preises nicht wert ist. Ich - will endlich nicht, dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr - Kind durch Hunde zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu - verzeihen! Wenn sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag - sie dem Peiniger ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben, - allein die Leiden ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen, - dazu hat sie kein Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn - auch das Kind selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn - sie nicht verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der - ganzen Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich - will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Ich - will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber will - ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten - Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte. Allzu hoch - hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus über unsere - Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum beeile ich - mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und wenn ich ein - ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die Karte so - schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich auch« usw. -- -- - - Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: »>Ist in der - ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte<, sagst du. Aber - dieses Wesen ist und es kann >alles und allen vergeben< -- du - hast ihn vergessen.« -- -- Wir haben hier wieder das Problem des - Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch negativer Form; - hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer Lösung zu und es - tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, der Name Christi - und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor die wunderwirkende - Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden Christus als Person - auf. - - Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen - Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein - Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise - beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften Bruder - seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende. Zur - Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur - alltäglichen Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint, - ein müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort - erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da er - Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor mit - seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen und in ein - unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der Nacht öffnet - sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor tritt - herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte steht vor - ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer Lippe seine - Rede. - - Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen zu - sein. »Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du aus den - Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, dir, auf dein - Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für diese Freiheit. - Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt, für die Starken, - die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu nehmen vermögen, wenn - sie dir folgen. Aber die anderen? Bist du denn nur ein Gott der - Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir lieben die Menschen mehr als - du, wir lieben alle, wir nehmen ihre Leiden auf uns, wir - vollenden in deinem Namen das Werk, das du nur halb gethan. Und - du warst gewarnt. Jener furchtbare und tiefsinnige Geist, der - dich angeblich versucht hat, er hat dir drei Mittel an die Hand - gegeben, wie du die Menschen für alle Zeiten dir unterthan und - wie Kinder glücklich machen konntest. -- Du hast sie verschmäht. - Nun haben wir sie aufgenommen, diese Mittel, und die Menschen - sind beruhigt, beruhigt in deinem Namen. Wozu also bist du - gekommen unser Werk zu stören?« - - Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei - Darbietungen des »furchtbaren Geistes«, welche die Menschen für - alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und die - Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die - unerbittliche und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche - auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder, - hinter dem Geheimnis -- nichts ist, dass aber ihre Autorität durch - diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen - beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen, als - schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer - Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. »Und - morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi«, schloss der Greis seine - Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor eine - Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf den - Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen. - Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den Gefangenen - in die finstere Nacht. - - »Und der Alte?« fragt Aljoscha. »Der Kuss brennt auf seiner - Seele, doch er bleibt bei seiner Idee«, erwidert Iwan. »Und du - mit ihm, du mit ihm!« ruft Aljoscha kummervoll aus. Die Brüder - trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass er den - Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen nirgends - findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine - pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von - Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen der - Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei lässt - uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche - ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um Geldes willen - und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka, im Hader - lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben werden. Die - schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde und so, dass - aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld irgendwo - eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach des Vaters Garten - geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden und in rasendem - Zorn das Kommen der bestellten Schönen erlauern wollen. Da sieht - er den alten Lüstling zum Fenster treten und verbirgt sich. - Später will er fliehen, hört Stimmen, sieht sich verfolgt und - eilt zum Gartenzaun, über den er sich schwingt. Da wird er vom - alten Diener Grigorji am Fuss gepackt, der mit rauschheiserer - Stimme schreit: >Das ist er, der Vatermörder!< Da fällt der Alte - aber auch schon wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dmitri springt - in den Garten zurück, wirft die Keule ins Gras, betastet den Kopf - des Alten, der von Blut überströmt ist, und entflieht. - - Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln könnte, - Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der Erzählung. - Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen Sinne - zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des Lesers bis zur - Lösung offen halten will, sondern in gleichem Masse dem - künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen, - wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht. - Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: »Weisst du was? Ich - weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn nicht um, - vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich's thue - _in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht verhasst - wird_. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, seine Augen, sein - schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel fühle ich. Das - ist's, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten - können.« -- -- »Gott hat mich davor bewahrt«, sagt er später. - Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. Er hat den - Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt nun in das - Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den Starez Sosima - beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort den - Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend in - seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen - ermahnenden Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling - liebevoll und fragt ihn nach »dem Bruder«. Er denkt dabei nur an - Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und anderen - das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise in einen - hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, um die - Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen - und den Boden mit der Stirn berührt, »um des Furchtbaren willen, - das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen«. Um ihn vor diesem - Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas sanftes Antlitz nach - ihm ausgesendet. - - Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und uns wird - das »Geheimnis« offenbar, das der Dichter in das Motto [Ev. - Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und das in jenem - anderen, durch viele seiner Werke gehenden und selten - verstandenen Citate seine Gegenseite findet: »Wir alle sind für - alle und an allem schuldig.« - - Der Starez Sosima sagt: »Ich habe Dich zu ihm gesandt, Alexei, - weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. Aber - es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. >Wahrlich, - wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die - Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber - erstirbt, so bringt es viele Früchte.< - - Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male im - Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,« sagte - still lächelnd der Greis. »So denke ich von Dir: Du wirst aus - diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen -- als - Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst - werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das Leben - bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und das - Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen -- was das - Wichtigste von allem ist.« - - Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom »Dasein - Gottes«, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale - Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches - Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung - verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere - immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das - Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen, - sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen - zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit - deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte - erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer - Beimischung orthodoxer Kirchlichkeit. - - Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzählt er, da sei sein - einziger um zehn Jahre älterer Bruder an galoppierender - Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei früher ganz ungläubig - gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vöglein so - fröhlich im Baumschatten singen gehört, plötzlich sehr heiter und - liebevoll geworden und habe aus Freude darüber geweint, dass er - es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es ihm schwer, - sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern immer besonders - gesagt: »Warum kann ich nicht auch Euch bedienen.« »Mütterchen, - meine Freude,« sagte er, »es kann nicht wohl sein, dass es keine - Herren und Diener gäbe, aber lass mich doch auch der Diener - meiner Diener sein. Ja, und noch das sag' ich Dir, Mütterchen, - dass ein Jeder von uns für alle in allem schuldig ist, ich aber - mehr als alle.« Man lächelte und hielt diese Reden für - Fieberphantasieen. - - Jahre waren nach dem Tode des Jünglings und der Mutter vergangen; - der nun herangewachsene Junge war in einer Kadettenanstalt - erzogen worden und ist nun als Offizier in einer Provinzstadt - stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert er die Tochter - und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet sich - aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine schönen - Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer - mehrmonatlichen Abwesenheit zurückkehrt, findet er sie als die - Frau eines Mannes, den er auch früher oft im Hause getroffen. Er - hält sich für angeführt und verlacht, da er sich nicht zugestehen - will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines Tages - führt er absichtlich eine Herausforderung des jungen Gatten - herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden. - - Als der Junker in überaus reizbarer Stimmung spät abends nach - Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines - Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so - heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche - steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht, - lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch der - Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhöbe und vor - das Gesicht hielte. -- Der Junker legt sich zu Bette, schläft - einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr früh am Morgen - mit einem dumpfen Unglücksgefühl in der Brust. Was ist es doch? - Das Duell? Nein, er hat sich schon früher geschlagen, das ist es - nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da er jetzt ganz klar darüber - ist, dass er das Mädchen eigentlich nie geliebt hat. Nun hat - er's: der Diener, der sich nicht wehrte unter den blutigen - Schlägen. Der Offizier bedeckt sein in Scham erglühendes Gesicht - mit beiden Händen und wirft sich schluchzend auf sein Lager .... - - Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. »Komm, es ist - Zeit.« Sie gehen vor die Thür, zum Wagen hinaus. »Warte, ich - vergass meine Börse«, sagt der junge Duellant und eilt zurück, - geradaus in das Kämmerchen des Dieners. »Athanas, ich habe Dir - gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du mir.« Der Diener - schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft sich der Herr nieder, - mit der Stirn schlägt er den Boden. »Verzeihe mir!« wiederholt - er. »Euer Edelgeboren«, sagt der Bursche, »Väterchen, Herr -- -- - ja wie ist das -- -- ja bin ich das wert?« und bricht in Thränen - aus. -- Man fährt zum Zweikampf. Des Leutnants Stimmung ist ganz - umgewandelt; freudestrahlend, glücklich legt er den Weg zurück, - sodass der Sekundant sich des wackeren Haudegens freut. Man kommt - an und misst die Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss - ab und streift das Ohr des jungen Mannes ein wenig. »Gott sei - gepriesen«, schreit dieser, »es ist kein Mensch getötet worden!« - Dann drückt auch er seine Pistole ab -- in die Baumkronen des - Wäldchens. Er wendet sich zu seinem Gegner. »Geehrter Herr«, sagt - er, »verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie - beleidigt und jetzt auch noch dazu genötigt habe, auf mich zu - schiessen.« Jener wird zornig und fragt: »Ja, haben Sie denn - nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann - beunruhigen?« »Gestern«, erwiderte der Fröhliche, »war ich noch - dumm, heute bin ich klüger geworden.« Man schreit, man will ihn - nötigen. »Nein«, sagt er, »ich schiesse nicht. Sie aber -- thun - Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wäre, Sie thäten es - nicht.« Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das Regiment - entehre, worauf er erwidert: »Meine Herren, ist es denn wirklich - so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen, welcher selbst - seine Dummheit bereut und sich öffentlich schuldig bekennt?« Die - Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende. Der junge Bekenner - erhält den Abschied, er verlässt den Dienst und die Stadt, und so - wird dieses Erlebnis -- von innen heraus -- der erste Anlass - seines späteren Eintritts in ein Mönchskloster. - - An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen über - Dostojewsky sagt N. Strachow, man könne auf den Dichter die Worte - anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: »Er hat ein - grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns überlassen, es - auszudeuten.« Wir finden das nicht. Wir finden vielmehr, dass er - uns dieses Geheimnis in seinem grössten, monumentalen Werk - gekündet hat. Den »Gott, den er beweisen« wollte, hat er zuerst - mit den blendendsten Künsten der Dialektik vernichtet, um ihn - durch das einfache Gebot der Liebe in allen und in jedem wieder - aufzurichten. Er spricht durch den Mund Sosimas aus, dass es - möglich ist, den Bruder nicht zum Bösen zu zwingen, dass jeder - diese Möglichkeit unbewusst in sich trage und diese Blindheit es - ist, die alle für sich und alle andern an allem schuldig werden - lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen, was Dostojewsky mit diesem - Atridenbuch, das in die Zukunft, in die russische Zukunft weist, - hat sagen wollen. Wenn ich liebe, sagt er, so bin ich glücklich; - ich zwinge die anderen zum Glück, da ich nicht für mich leben, - sondern gleich dem Weizenkorn ersterben will, um Früchte zu - tragen. Das Vollgefühl aber dieser Liebe [vom Glauben ist gar - nicht mehr die Rede, da er Accessorium ist] ist -- Gott. Wer - dieses in sich trägt -- und nach des Dichters Meinung trägt es - jeder als Keim in sich, weiss es nur nicht und erwartet es nur - immer wieder vom Nächsten, was ja das »Geheimnis« ist -- der - erlöst schon, wie Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes - den darbenden Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind - wir alle, der wird täglich »für alle und an allem schuldig«. - - Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess gegen - Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist, um sich - aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten könnten, im - letzten Augenblicke es nicht mehr vermögen. Smerdjakow, der - wirkliche Mörder, erhängt sich, und Iwan wird im Gerichtssaal - wahnsinnig. - - Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegängnis eines - Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar - frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht - die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben, - das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften Knaben, dem - sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten in allen - Versuchungen des Lebens. - -September 1880 vollendet Dostojewsky die »Karamasow«. Nun wendet er sich -mit voller Kraft der Publicistik zu, da er vieles zu sagen hat und seine -gewonnene Autorität ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen. -Sehr entschieden drückt er sich auch in einem Briefe an Iwan Aksakow -aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und einigen gewechselten Briefen -näher getreten war. Er kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von -ihm herausgegebenen Zeitschrift »Rusj«. »Bei Ihnen (No. 1 der »Rusj«) -heisst es: >Peter der Grosse habe uns nach Europa hineingezogen und uns -europäische Civilisation gegeben<. Ja, Sie loben ihn fast gerade um -dieser europäischen Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist -es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt in Gestalt eines -verhängnisvollen Gürtels >bester Leute< in vierzehn Rangklassen.« - -Für den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter fieberhaft eine -grosse Nummer des Tagebuchs für das Jahr 1881 vor, welche eine Reihe von -Artikeln über das Verhältnis der »Intelligenz« zum Volke einleiten -sollte. Die Nummer war schon im Druck, Dostojewsky fürchtete jedoch sehr -viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel einer Kaution als einer -predwaritelnaia Zensura (vorprüfende Zensur) auf Gnade und Ungnade -ergeben musste. N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe -sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: »Es giebt dafür ein magisches -Wort: >Vertrauen zeigen<. Ja, unserem Volke kann man Vertrauen -entgegenbringen, denn es ist dessen würdig. Ruft nur die grauen Kittel -herbei und fragt sie selbst um ihre Bedürfnisse, um das, was ihnen not -thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir aber werden vielleicht -zum erstenmale die wirkliche Wahrheit hören.« - -Obwohl von kompetenter Seite über das Schicksal der Publikation -beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht. Am 25. Januar besuchte ihn -Orest Miller, um ihn an sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags -zu mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen, und Miller -verliess den Dichter, zwar ganz begütigt, dennoch in reizbarem Zustande. -Seit mehreren Jahren war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein -Lungenemphysem zu seinen anderen schweren Leiden getreten, und dieses -eigentlich secundäre Übel wurde nun die Ursache seines Todes. Eine -Lungen-Arterie borst an jenem verhängnisvollen Tage, was sich jedoch -anfangs nur durch Nasenbluten ankündigte. Am 26. fühlte er sich ganz -wohl; doch trat plötzlich eine Halsblutung ein. Der Hausarzt wurde -gerufen und ward Zeuge einer zweiten, stärkeren Blutung, die zur -Bewusstlosigkeit führte. Als der Dichter erwachte, verlangte er sofort -nach der Beichte und dem Abendmahl. Am 27. fühlte er sich wohler und -beschäftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da er sehr in Sorge -war, dass das Blatt am 31. erscheinen sollte. Am 28. ging es bis Mittag -ziemlich gut. Doch von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr -abliess, langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin des -Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzählte. Die Gattin -stillte, an seinem Bette sitzend, mit Tüchern das unaufhörlich langsam -dem Munde entrieselnde Blut. - -Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna, sein altes Evangelium -aufzuschlagen, das seit Sibirien immer bei seinem Kissen lag, und ihm -die Stelle vorzulesen, die sie von ungefähr zu Anfang der Seite finden -würde. Es war aber das Evangelium Matthäi III, 15: »Aber Johannes -wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde, -und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es -jetzt also sein; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.« -[Der russische Text weist den 11. Vers auf, sowie die Worte: aber -Johannes hielt ihn zurück usw., und Jesus antwortete ihm: halte mich -nicht zurück usw.] Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte -Dostojewsky: »Du hörst es -- halte mich nicht zurück -- das heisst, dass -ich sterben werde«, und damit schloss er das Buch ... Am Abend um 8 Uhr -38 Minuten desselben Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter für -immer seine Augen. - -Das Leichenbegräbnis wurde, niemand konnte es erklären wieso, zu einem -Ereignis für Russland. Schon bei der Aufbahrung in der engen Stube, die -auch sein Arbeitszimmer gewesen war, drängte sich die Menge derart und -erfüllte den Raum so vollständig, dass die Kerzen, die den Katafalk -umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen. 63 Abordnungen mit Kränzen -und 15 Gesangvereine gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz -Petersburg wälzte sich ihm zur Kirche vom »heiligen Geiste« lautlos -nach, ein in Russland noch nie gesehenes Schauspiel. Am selben Tage, dem -31. Januar, erblickte nach des Dichters heissem Wunsche die erste und -letzte Nummer des »Tagebuchs eines Schriftstellers für das Jahr 1881« -zensurfrei das Licht. - - - - - Anhang. - - -Von dem grösseren Anhang, welcher das vorliegende Buch durch politische, -prozessualische und kritische Aufsätze aus dem »Tagebuch« ergänzen -sollten, haben wir in letzter Stunde aus triftigen Gründen Abstand -genommen. Es folgt hier nur ein Index von den Werken des Dichters nach -ihrer Entstehung und Veröffentlichung. Hierbei wird der Leser -selbstverständlich auch alle jene Werke der ersten Periode von -Dostojewskys Schaffen eingereiht finden, die eingehend zu besprechen wir -von unserem Standpunkt aus nicht für dringend notwendig fanden. - -Ferner können wir es uns nicht versagen, einige der bedeutendsten -Kritiker anzuführen, in deren Arbeiten wir Einblick genommen haben. - - - Chronologische Reihenfolge - von _Th. M. Dostojewskys_ Werken nach ihrer Entstehung und - Publication. - - - I. Periode. 1844-1859. - -Arme Leute 1844. 1846 in der »Petersburger Sammlung« von Nekrássow. - -Der Doppelgänger 1846. 1846 in den »Vaterländischen Annalen«. Bd. 44 -umgearbeitet 1865 in der Gesamtausgabe von Stellowsky. - -Herr Prohartschin 1846. 1846 in den »Vaterländischen Annalen«. - -Roman in 9 Briefen 1847. 1847 im »Zeitgenossen« (Sowremennik). - -Die Wirtin 1847. 1847 in den »Vaterländischen Annalen«. - -Polsunkow 1848. 1848 im »Illustrierten Almanach« von Panajew und -Nekrássow. - -Ein schwaches Herz. 1848 in den »Vaterländischen Annalen«. - -Der Ehemann unterm Bett. 1848. In den »Vaterländischen Annalen« Bd. 56 -erschien die Erzählung »Die Gattin des anderen«; ebendaselbst im selben -Jahre Bd. 61 »Der eifersüchtige Gatte«. Beide Erzählungen wurden für die -Gesamtausgabe von Stellowsky 1865 unter dem Titel »Die Gattin des -anderen und der Gatte unterm Bett« verschmolzen. - -Der ehrliche Dieb. 1848 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 57. - -Christbaum und Hochzeit. 1848 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 60. - -Helle Nächte 1848. 1848 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 61. - -Netotschka Neswanowa (unvollendet) 1848. 1849 in den »Vaterländischen -Annalen« Bd. 62, 64. - -Der kleine Held 1849 (in der Peter-Pauls-Festung). 1857 in den -»Vaterländischen Annalen«. - -(Sibirien). - -Hymnus auf den Orientkrieg, Mai 1854. 1883 im »Graschdanin« No. 1. - -Onkelchens Traum. 1859 im »Russ. Wort« (Russkoe Slowo) Bd. 2. - -Dorf Stepantschikow und seine Bewohner 1858 (deutsch übersetzt als -Tollhaus und Herrenhaus). 1859 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 127. - - - II. Periode. - -Memoiren aus einem Totenhaus 1859-60. 1861 und 62 in der »Zeit« -(Wremja). - -Erniedrigte und Beleidigte 1861. 1861 in der »Zeit« (Wremja). - -Eine garstige Geschichte. 1862 in der »Zeit« (Wremja) IX. - -Winterliche Betrachtungen über Sommereindrücke. 1863 in der »Zeit« -(Wremja) II., III. - -Memoiren aus einem Keller 1864. 1864 in der »Epocha« I., II., IV. - -Der Spieler 1863 entworfen, 66 niedergeschrieben. 1867 in der -Gesamtausgabe von Stellowsky. - -Das Krokodil. 1865 in der »Epocha«. - -Schuld und Sühne 1866. 1866 im »Russ. Boten« (Russkij Wjestnik). - -Der Idiot 1868. 1868 im »Russ. Boten« (Russkij Wjestnik). - -Der Hahnrei 1869. 1870 in der »Morgenröte« (Zarjá) I., II. - -Die Besessenen 1870. 1871-72 im »Russ. Boten« (Russkij Wjestnik). - -Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 als Sammlung in einen Band -vereinigter -- 1861 in der »Wremja« und 1873 im »Graschdanin« -erschienener -- Aufsätze. - -Junger Nachwuchs 1875. 1875 in den »Vaterländischen Annalen«. - -Tagebuch eines Schriftstellers 1876. 1876 als Monatsschrift. - -Krótkaia 1876. 1876 im »Tagebuch eines Schriftstellers«. - -Weihnacht. 1876 im »Tagebuch eines Schriftstellers«. - -Tagebuch eines Schriftstellers 1877. 1877 als Monatsschrift. - -Die Brüder Karamasow 1870 begonnen. 1879-80 im »Russ. Boten« (Russkij -Wjestnik). - -Anhang zum Tagebuch eines Schriftstellers von 1877. In der Auflage von -1891. - -1. Heft: August 1880 (Puschkin-Rede). - -2. Heft: Januar 1881 (Politika). - -Eine grosse Anzahl von russischen Kritikern hat, sowohl noch zu -Lebzeiten des Dichters als auch nach seinem Tode, einzelne seiner Werke -in längeren oder kürzeren Abhandlungen besprochen. Die bedeutendsten -darunter sind unbestreitbar: der Vertreter der naturwissenschaftlichen -Anschauungen, Psychiater Dr. Tschisch in seiner Studie »Dostojewsky als -Psychopathologe«, Moskau 1885, und W. Rósanow, der Vertreter -orthodox-mystischer Anschauungen in seiner »Legende vom -Gross-Inquisitor, Versuch eines kritischen Kommentars«, Petersburg 1894. -Die bedeutendsten der übrigen in Zeitschriften und Revueen erschienenen -Artikel sind von Zelinsky im Jahre 1885 in einen Band zusammengestellt -worden, dem er ein Supplement nachfolgen liess; dazu gehören Aufsätze -von: Nekrássow, Belinsky, Dobroljubow, Grigorjew, Miljukow, Strachow, -Achscharumow, Annenkow, M. und W. Solowiow, Kawélin, Obolensky, -Michailowsky, O. Miller, G. Uspensky, K. Slutschewsky (mit -biographischem Abriss), Bulitsch, Arseniew, Tarassow, D. W. -Grigorowitsch und anderen. Von gesonderten Werken über einzelne -Schöpfungen Dostojewskys ist namentlich Andrejewskys Studie über die -Karamasow hervorzuheben. - - - - - Personen- und Sach-Verzeichnis. - - - A. - -Adolescent, 413. - -Aksakow, 12. 25. 221. 229. 236. 334. 422. 424. 439. - -Alexander I., 236. - -Alexander II., 122. - -Allmenschlichkeit, 207. 426. - -Anklage, 72. - -Anschauungen, Russische und polnische, 188. - -Antonelli, 62. 68. - -Arbeitsmethode, 158. 223. 324. - -»Arme Leute«, 30. 36. 37. 42. 43. 44. 52. 53. 55. 216. - -Atheismus, 73. 321. - -»Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt«, 335. - -Ausland, 231. 239. 276. - -Awerkiew, 342. - - - B. - -Baden-Baden, 280. 309. - -Beketow, Brüder, 51. - -Belinsky, 12. 37. 38. 39. 40. 42. 45. 49. 50. 54. 55. 57. 60. 278. 334. -396. 400. 401. 402. 403. - -Berlin, 303. - -»Besessene«, 183. 251. 281. 286. 298. 352. 373. 385. 386. 397. 406. 413. -419. 427. 428. - -Boborykin, 241. - -Brand von Paris, 400. - -Brief an Kowner, 293. - -Brief an Studenten, 110. - -Briefe aus der Fremde, 300. - -Briefe aus Sibirien, 132. - -Butaschewitsch-Petraschewsky, 61. - - - C. - -Charakterzüge, Nationale, 15. - -Chomjakow, 12. - -Christentum, 60. 126. - -Christina Danilowna, 410. 413. - -Christlicher Gedanke, 361. - -Christlicher Geist, 277. - -Christlicher Sozialist, 61. - -Christus, Russischer, 425. - -Christus, Wahrer, 191. - -Comité, Slavisches, 277. - - - D. - -Danilewsky, 332. 334. - -Dasein Gottes, 207. 374. - -»Denj«, 222. - -Deutschland, 390. - -Dichter, französische, 27. - -»Djelo«, 327. - -Dobroljubow, 151. 211. 342. 395. - -Dokumente, 105. - -»Doppelgänger«, 44. 47. 48. 352. - -Dostojewskaia, Anna Grigorjewna, 15. 28. 61. 66. 244. 271. 273. 274. -275. 278. 297. 299. 302. 303. 304. 308. 367. 382. 388. 394. 405. 406. -407. 441. - -Dostojewsky und Kaiser Nikolaus, 14. - -Dostojewsky, Andreas, 69. - -Dostojewsky, Michael, 138. 147. 215. 238. 241. 246. 247. - -Dostojewskys synthetische Natur, 208. - -Dresden, 299. 303. 344. - -Dudischkin, 57. - -Durow, 59. 63. - - - E. - -Ehe, 144. 148. - -Epilepsie, 53. 225. 266. 310. 365. 392. - -»Epocha«, 215. 219. 242. 245. 247. 271. 299. 327. - -Ernennung zum Offizier, 30. - -»Erniedrigte und Beleidigte«, 141. 215. 216. 224. 228. 406. - -Etappenweg, 119. - -Europa, 388. - - - F. - -Fatalismus, Historischer, 328. - -Fet, 209. - -Feuilletonist, 223. - -Florenz, 297. 320. 323. - -Fourierismus, 58. - -Franzosen, 231. - -Frauenfrage, 370. - -Frauen, Russische, 7. - -Frauenstudium, 418. - -Friedenskongress, 310. - - - G. - -Gawrilow, 272. - -Geburt und Tod eines Kindes, 280. 311. - -Geburt eines Sohnes, 300. - -Geburt einer Tochter, 298. 345. - -Gedicht zur Krönung Alexanders des Zweiten, 150. - -Gefängnis, 101. - -Generals-Nihilismus, 182. 184. - -»Genie und Wahnsinn«, 227. - -Genf, 280. 310. 311. - -Gerichtskommission, 103. - -Gogol, 325. 403. - -»Goldenes Zeitalter in der Tasche«, 428. - -»Goljadkin«, 45. 46. 49. - -»Golos«, 328. 380. 404. - -Gontscharow, 50. 57. 409. - -Gradowsky, 334. - -Granowsky, Dr., 12. 52. 401. - -»Grashdanin«, 149. 229. 232. 252. 408. - -Gribojedow, 233. - -Grigorjew, 215. 218. 219. 220. 221. 229. 245. 246. 334. 403. - -Grigorowitsch, 36. 37. 38. 44. - -Grimm, Jacob, 188. - -Grossfürstin Marja Nikolajewna, 151. - -Grossinquisitor, 73. - -Gutsbesitzer-Litteratur, 404. - -»Gutsbesitzerwort«, 206. - - - H. - -Haftbefehl, 64. - -»Hahnrei«, 298. 351. 352. 353. 373. 374. 398. 417. - -Hallucinationen, 20. - -»Helle Nächte«, 47. - -Herzen, 12. 50. 186. 232. 233. 369. 370. 396. - -Homburg, 279. - -Hugo, Victor, 399. 409. - - - I. - -Idiot, 43. 105. 172. 224. 225. 251. 280. 281. 286. 293. 313. 320. 329. -330. 398. 406. 413. 420. 427. - -Ignatiew, 163. - -Ingenieurkorps, 31. - -Issajew, Marja Dmitrjewna, 138. 141. 142. 147. 244. 246. - -Italien, 280. - - - J. - -Janowsky, 51. - -Jastrzembski, 118. - -Juden, 296. - -Junger Nachwuchs, 407. 427. - - - K. - -»Karamasow«, 43. 227. 322. 377. 407. 413. 419. 420. 423. 425. 438. - -Karamsin, 393. - -Kaschpirew, 345. 349. 374. - -Katastrophe, 59. - -Katkow, 157. 159. 264. 265. 267. 270. 273. 280. 308. 309. 313. 318. 330. -345. 380. 423. - -Kawélin, 420. - -Kinder des Dichters, 276. - -Kindertypen Dostojewskys, 419. - -Kirche, Orthodoxe, 11. - -Kirejewsky, 11. 12. - -»Kleiner Held«, 102. 152. 216. 419. 427. - -Kommune, 400. - -Konservativ-demokratisch, 2. - -Kornilowa, 296. 417. - -Krajewsky, 169. - -Kriegsgerichtliches Urteil, 103. - -Krestowsky, 174. - -Kunst, 208. 213. 228. - - - L. - -Latkin, 302. - -»Leben eines grossen Sünders«, 374. - -Lebensmut, 102. - -Lebensweise, 223. 280. - -Leroy-Beaulieu, 108. - -»Lesebibliothek«, 241. - -Letztes Jahr der Haft, 130. - -Liberalismus, 327. - -Liberalkonservative, 181. - -»Litterarische Artikel«, 205. - -Litterarische Kritik, 341. - -Litteratur, Russische, 201. - -Lomonossow, 205. - - - M. - -Maikow, 57. 244. 278. 301. 311. 313. 315. 330. 332. 344. 365. 371. 376. -387. 391. 394. - -Mailand, 315. - -»Mascha« von Wowtschok, 211. - -»Materialien«, 121. 131. 175. 230. - -»Memoiren aus einem Kellerloch«, 56. 353. - -»Memoiren aus einem Totenhause«, 118. 119. 121. 122. 127. 141. 158. 184. -189. 377. 406. - -Meschtschersky, 408. - -Michailowsky, 286. - -Milieu, Russisches, 3. 4. 287. - -Miljukow, 67. 69. 171. 273. - -Miller, Orest, 15. 31. 52. 60. 71. 102. 103. 121. 122. 123. 131. 141. -150. 157. 171. 174. 182. 183. 184. 188. 201. 440. - -»Misérables«, 409. - -Mission, 229. - -»Moskowskija Wjedomosti«, 235. 385. 423. - -Museum Dostojewsky, 419. - - - N. - -Nabokow, 71. - -Nietzsche, 2. - -Nihilismus, 182. 378. - -Nihilisten, 373. - -»Niva«, 136. 168. - -Njekrássow, 35. 36. 37. 38. 39. 40. 44. 45. 51. 229. 245. - -»Njetoschka Njezwánowa«, 47. 53. 420. - - - O. - -Odojewsky, 45. - -Offener Brief an den Kaiser, 163. - -Offiziersernennung, 152. - -Ogarew, 280. - -Olkin, 274. - -»Onkelchens Traum«, 142. 159. - -Ostrowsky, 229. 342. - - - P. - -Palacky, 298. - -Panajew, 45. - -Pascha, 265. 308. - -Perowsky, 103. - -Petersburg, 10. 20. 171. 172. 173. 300. 405. - -Petraschewsky, 59. - -Petrow, 277. - -Petschatkin, 302. - -Pissarew, 395. - -Pissemsky, 245. - -Pleschtschejew, 66. - -Politische Thätigkeit, 174. - -Polonsky, 384. - -»Porfiry Petrowitsch«, 262. - -Positivismus, 400. - -»Prochartschin«, 51. 54. 58. 352. - -Proklamation an die junge Generation, 186. - -Propaganda-Gesellschaft, 61. - -Psychisch-physische Krankheit, 130. - -Publizistik, 191. 221. - -Puschkin, 25. 205. 206. 207. 395. 399. 402. 403. 423. 424. 438. - -Puschkinrede, 12. 206. 214. 423. - - - R. - -»Raskolnikow«, 158. 227. 251. 413. - -»Rasumichin«, 262. - -Realismus, 321. 329. - -Rechtfertigungsschrift, 73. - -Rede auf einem Ball, 15. - -Reuter, Fritz, 120. - -Reval, 33. - -Revolutionäre Proklamation, 181. - -Rieger, 298. - -Riesenkampf, Dr., 20. 32. 33. 34. - -Rjeschotnikow, 404. - -»Roman in neun Briefen«, 45. 47. 49. - -Rósanow, 335. 413. 426. - -Rostowzew, 71. - -Rousseau, 400. - -Rückerstattung des erblichen Adels, 163. - -»Rus«, 439. - -Russe als Allmensch, 262. - -»Russkaja Starina«, 173. - -»Russkij Wjestnik«, 157. 252. 264. 265. 266. 268. 280. 298. 309. 313. -331. 345. 373. 374. 380. 383. 384. 391. 394. 407. - -»Russkoje Slowo«, 159. - -Russland ein Rätsel für Europa, 202. - - - S. - -Samarin, 182. - -Sassúlitsch, Vera, 421. - -Schaffot, 104. - -Schiller, 30. - -Schriftwesen, Russisches, 324. - -Schtschedrin, 208. 229. 245. - -Schtscherbatow, 12. - -Schuld- und Ausgleichsbedürfnis, Russisches, 36. - -»Schuld und Sühne«, 43. 252. 254. 268. 270. 272. 273. 281. 406. 409. -413. 428. - -Schweiz, 279. - -Sementkowsky, 136. - -Semipalatinsk, 130. 133. - -Sendung, Russische, 333. - -Slavennatur, 353. - -Slavophile, 319. - -Slutschewsky, 13. 15. - -Snitkina, Anna Grigorjewna, 252. - -Sologub, 45. - -Solowiew, 377. 420. - -Sonja, 313. - -Sozialismus, 52. 58. 60. - -Sozialismus und Kommunismus, 400. - -Sozialist, 189. - -Spiel, 239. 264. 279. 280. 309. - -»Spieler«, 240. 242. 271. 273. 398. - -Spital, 129. - -Stellowsky, 271. 272. 273. 274. 275. - -»Stepanschikowo«, 142. 159. - -Stiefsohn, 144. - -Strachow, 15. 42. 43. 52. 60. 168. 175. 178. 184. 191. 205. 214. 222. -223. 224. 225. 229. 230. 232. 233. 234. 236. 238. 239. 240. 242. 244. -246. 251. 252. 270. 271. 276. 277. 280. 318. 325. 332. 341. 343. 365. -369. 376. 378. 387. 388. 392. 397. 398. 399. 406. 423. 438. 440. - -Struwe, 379. - -Studenten, 176. 177. - -Swaljansky, 163. - -»Swidrigailow«, 262. - - - T. - -»Tagebuch eines Schriftstellers«, 16. 43. 48. 49. 60. 107. 118. 119. -127. 185. 229. 252. 400. 408. 417. 440. - -Tagebuchnotizen, 400. - -Tagebücher, 428. - -»Theoretismus und Phantasterei«, 145. - -»Thor, Der reine«, 282. - -Tjutschew, 409. - -Tod des Dichters, 441. - -Todesurteil, 101. 104. - -»Totenhaus«, 43. 241. 259. 261. - -Tolstoj, 118. 205. 206. 267. 324. 325. 327. 328. 370. 371. 380. 397. -404. 409. - -Totleben, 152. - -Transport nach Sibirien, 118. - -»Traum eines lächerlichen Menschen«, 413. 428. - -Turgenjew, 45. 204. 206. 212. 267. 324. 330. 382. 403. 423. 424. - -Turgenjews: »König Lear«, 387. - -Tschernyschewsky, 185. 187. 188. 245. - -Tschiz, Dr. M., 226. 416. - -Twer, 162. - - - U. - -Umkehr, 108. - -Unbewusstes im Handelnden, 359. - -Universitätsschliessung, 178. - - - V. - -»Vaterländische Annalen«, 50. 327. 407. - -Verhaftung, 63. 67. - -»Verhängnisvolle Frage«, 233. 235. - -Vermählung, 143. 275. - -Vevey, 280. 313. - -Volk und Gesellschaft, 4. - -Volk, Russisches, 109. - -Volksbildung, 204. - - - W. - -»Westler«, 373. - -»Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke«, 231. 400. 428. - -»Wirtin«, 53. 57. - -»Wjestnik Ewropy«, 381. 384. - -Wrangel, 138. 147. 152. 162. 244. 247. 252. 264. 265. 268. - -»Wremja«, 145. 151. 174. 189. 191. 192. 201. 214. 215. 218. 219. 228. -233. 236. 237. 245. 247. 327. - - - Z. - -»Zapiski iz Podpolja«, 335. - -»Zarja«, 327. 334. 346. 348. 365. 369. 370. 371. 373. 374. 376. 378. -379. 381. 392. 393. 405. - -Zivilisation, Russische, 11. - -»Zuboskala«, 45. - -Zwangsarbeit, 105. 117. 123. 124. - - - - - - - - Druck der _Nauck_'schen Buchdruckerei, Berlin SO. - - - - - - - - Verlag von Ernst Hofmann & Co. in Berlin SW. 46, Hedemannstr. 2. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Kaiser - Wilhelm II. - - Von - Friedrich Meister. - - Mit zahlreichen Illustrationen. - - 408 Seiten. - - Motto: »Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen - führe Ich Euch noch entgegen.« - - Brosch. M. 3,--; - in Prachteinband - M. 4,--. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Schopenhauers - Gespräche und Selbstgespräche. - - Hrsgeg. von Eduard Grisebach. - Geheftet M. 3,--; fein gebunden M. 4,--. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Deutsche Charaktere. - - Geheftet M. 5,50; fein gebunden M. 7,--. - - Von Richard M. Meyer. - - Inhalt: Der germanische Nationalcharakter. -- Über d. Begriff der - Individualität. -- Tannhäuser. -- Der Kampf um den Einzelnen. -- - M. R. Lenz. -- Friedrich Wilhelm IV. -- K. Immermann. -- A. - Graf v. Platen. -- Annette v. Droste-Hülshoff. -- Ferd. - Freiligrath. -- Victor Hehn.-- Fr. Rohmer. -- Paul de Lagarde. -- - Sechzig Selbstporträts. -- Die Gerechtigkeit der Nachwelt. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Erinnerungen eines Künstlers. - - Von Rudolf Lehmann (London). - - Mit 16 Lichtdrucken: - - Chopin, Pet. Cornelius, Eckermann, Friedrich III., Gladstone, Ferd. - Gregorovius, A. v. Humboldt, Lamartine, Liszt, Kardinal Manning, - Adolf Menzel, Pius IX., L. v. Ranke, Clara Schumann, Tennyson. - - 328 Seiten Großoktav. -- Splendide Ausstattung. - - Geheftet M. 7,--; in Damast gebunden M. 8,--. - - - Dramen von Max Nordau: - - Das Recht, zu lieben. Schauspiel. 2. Aufl.} Preis jedes - } Bandes: - Die Kugel. Schauspiel. 2. Aufl. } - } Geheftet M. 2,--. - Doktor Kohn. Trauerspiel. 2. Aufl. } Gebunden M. 3,--. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Peter der Große. - - Von - Dr. K. Waliszewski. - - Deutsche Ausgabe Von Prof. W. Bolin. - - Zwei Bände. 320 + 289 Seiten. Mit Bildnis. - - Preis: Geheftet M. 6,--; Leinenbd. M. 8,--; Halbfranzbd. M. 9,50. - - Das moderne Rußland ist die Schöpfung Peters des Großen. Bis zu - welchem Grade und in welcher Bedeutung erweist sich aus der - Geschichte seines Lebens und Wirkens. Auf urkundliche Zeugnisse - gestützt, die von bisherigen Forschern weniger berücksichtigt - oder auch erst später zugänglich wurden, entrollt der bedeutende - Geschichtsschreiber ein ebenso fesselndes wie durch seine - unbestechliche Wahrheitsliebe ergreifendes Bild von dem - nordischen Reformator. Ihm ist der Zar keineswegs eine heroische - Ausnahmegröße, wie legendarische Ausschmückung sie gestaltet und - unkritische Geschichtsauffassung sie willig geglaubt hat. Durch - Peter den Großen wird Rußland nur rascher auf der Bahn der - Entwickelung gefördert; durch ihn werden anderwärts bereits - gewonnene Kulturerrungenschaften einem Gebiet zugewandt, welches - durch eigentümliche, geographische wie geschichtliche, - Verhältnisse in seiner Entwickelung gehemmt worden war. Der Verf. - bringt den Zaren zugleich in seiner individuellen und nationalen - Eigentümlichkeit dem Leser mit Anschaulichkeit nahe. - - Das Waliszewskische Werk kann unzweifelhaft als die beste Biographie - Peters des Gr. bezeichnet werden. - - Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Biographische Blätter. - - Jahrbuch für lebensgeschichtliche Kunst u. Forschung. - - Unter Mitwirkung von - - PProf. DDr. M. Bernays, F. v. Bezold, A. Brandl, A. Fournier, L. - Geiger, K. Glossy, E. Guglia, S. Günther, O. Lorenz, K. v. - Lützow, J. Minor, F. Ratzel, Erich Schmidt, A. E. Schönbach - u. A. - - herausgegeben von Dr. Anton Bettelheim. - - Band I und II. -- Jeder Band (500 Seiten Lexikon-Format) ist - selbstständig und einzeln käuflich: Geheftet M. 10,--; fein - gebunden M. 11,50. - - Die »B. Bl.« zeigen die Lebensgeschichte von allen Seiten und in - allen Stadien, im Werden und Sein, in der Theorie wie der Praxis. - Abhandlungen und Essays, Quellen und Darstellungen, Kritiken und - Übersichten treten in einen Kreis zusammen, in dessen Mittelpunkt - der einheitliche Gedanke herrscht, daß Persönlichkeit, - Individualität, Menschendasein und -Wirken in einzigem Maße - erforschens-, wissens- und genießenswert ist und bleiben wird, so - lange Gelehrte, Schriftsteller und Publikum aus lebendigen - Menschen bestehen. - - Prof. A. Dove in der Münch. »Allgemeinen Zeitung«. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Geisteshelden. - - Eine Sammlung von Biographieen. - - Bisher erschienen folgende -- einzeln käufliche -- Bände: - - 1. Walther v. d. Vogelweide. 2. Aufl. Von Prof. A. E. Schönbach. - 2/3. Hölderlin * Reuter. 2. Aufl. Von Dr. Ad. Wilbrandt. - 4. Anzengruber. 2. Aufl. Von Dr. Anton Bettelheim. - 5. Columbus. Von Prof. Dr. Sophus Ruge. - 6. Carlyle. 2. Aufl. Von Prof. Dr. G. v. Schulze-Gaevernitz. - 7. Jahn. Von Dr. F. G. Schultheiß. Preisgekrönt. - 8. Shakspere. Von Prof. Dr. Alois Brandl. - 9. Spinoza. Von Prof. Dr. Wilhelm Bolin. - 10/11. Moltke, I. Von Oberstleutnant Dr. Max Jähns. - 12. Stein. Von Dr. Fr. Neubauer. Preisgekrönt. - 13/15. Goethe. Von Privatdozent Dr. Richard M. Meyer. - - Mit dem 1. Preise gekrönt. - - 16/17. 27. Luther. I. II, 1. Von Privatdoz. Dr. Arn. E. Berger. - 18. Cotta. Von Minister Dr. Albert Schäffle. - 19. Darwin. Von Prof. Dr. Wilhelm Preyer+. - 20. Montesquieu. Von Prof. Dr. Alb. Sorel. - 21. Dante. Von Pfarrer Dr. Joh. Andreas Scartazzini. - 22. Kepler. * Galilei. Von Prof. Dr. S. Günther. - 23. Görres. Von Prof. Dr. J. N. Sepp. - 24. Stanley. Von Paul Reichard. - 25/26. Schopenhauer. Von Konsul Dr. Ed. Grisebach. - 28/29. Schiller. Von Prof. Dr. Otto Harnack. - 30/31. inline:hand-left Von Dr. K. Waliszewski. - 32. Tennyson. Von Prof. Dr. Emil Koeppel. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Die - Kulturaufgaben der Reformation. - - Von - Dr. Arnold E. Berger. - - 312 Seiten Grossoktav. Geheftet M. 5,--, fein gebunden M. 6,--. - - Die in Tausenden von Exemplaren verbreitete, von hervorragenden - Gelehrten geschriebene Biographieen-Sammlung - - »Geisteshelden« - - bildet einen unentbehrlichen Bestandtheil aller Privat-, - öffentlichen und Schul-Bibliotheken; sie gewährt einen - gediegenen, anregenden und bildenden Lesestoff für Männer und - Frauen, reife wie reifende Leser. Im Unterschied zu den - nachträglich entstandenen Spezial-Sammlungen bieten die - »Geisteshelden« Lebensbilder aus allen Gebieten der Kultur, - Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Der Umfang der gediegen und - geschmackvoll ausgestatteten Bände umfaßt je 200-300 Druckseiten. - Der Text ist nicht durch gelehrte Anmerkungen beschwert; doch - wird Weiterstrebenden im Anhang durch genaue Quellenangaben - Material gewährt. - - In Vorbereitung: - - Uhland, von Professor Dr. Erich Schmidt. - Grillparzer, von Professor Dr. Alfred Freiherr von Berger. - Hans Sachs, von Privatdozent Dr. Max Herrmann. - Molière, von Professor Dr. Heinrich Morf. - Byron, von Professor Dr. Emil Koeppel. - Buddha, von Dr. Karl Eugen Neumann. - Helmholtz, von Professor Dr. Hugo Kronecker. - Friedrich der Große, von Kgl. Archivrat Dr. Georg Winter. - Napoleon I., von Professor Dr. Alois Schulte. - Tizian, von Dr. Georg Gronau in Berlin. - Michelangelo, von Professor Dr. Alfred Gotthold Meyer. - Bach * Händel, von Dr. Max Seiffert. - Mozart, von Professor Dr. Oskar Fleischer. - Richard Wagner, von Professor Dr. Max Koch. - - Preis jedes Bandes: Geheftet M. 2,40; in geschmackvollem - Leinenband (dunkelrot oder blau) M. 3,20; in feinem - Halbfranzband M. 3,80. - - - Die Wirtschaftspolitik des Vaterunser. - - Von - Prof. Dr. Gustav Ruhland. - - Zweites Tausend. -- 104 Seiten. -- M. 2,--. - - ---------------------------------------------------------------- - - - DIE LIEDER - DER - MÖNCHE UND NONNEN - GOTAMO BUDDHO'S. - - AUS DEM ALTINDISCHEN ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT - - VON - Dr. KARL EUGEN NEUMANN. - - 400 Seiten Lex.-Oktav. -- Geheftet 10 M.; in Halbfranzband 12 M. - - Das Werk ist für die weitesten Kreise bestimmt und wird diese - mächtig anziehen. Denn hier spricht echter, unverfälschter - Buddhismus aus jeder Zeile, die eigenen Worte des Stifters und - seiner Jünger. Es kommt hinzu, dass der Inhalt keineswegs - einseitig, sondern reichlichst gestaltet ist und sich über alle - menschlichen Verhältnisse verbreitet, ja sich stellenweise zu - novellenartiger Feinheit und Eleganz erhebt. Das Buch wird nicht - nur die Akademiker und Philologen, sondern alle Gebildeten, auch - verwöhnte Feinschmecker, lebhaft anregen. - - ---------------------------------------------------------------- - - - DIE SITTLICHKEIT - und der philosophische Sittlichkeitswahn. - - Von - Dr. Abr. Eleutheropulos - Privatdozent an der Universität Zürich. - - 148 Seiten Lexikon-Oktav. -- Preis M. 3,25. - - Selbst wer nicht Philosoph vom Fach ist, wird reiche Anregung aus - dem geistvollen Buche schöpfen, das auch in kulturhistorischer - Hinsicht beachtenswerte Erörterungen enthält. - - ---------------------------------------------------------------- - - - Deutsche Kern- und Zeitfragen. - - Von - Dr. Albert Schäffle, - K. K. Minister a. D. - - Erste Sammlung - 480 Seiten Lexikon-Oktav. - - Neue Folge. - 510 Seiten Lexikon-Oktav. - - Jeder Band ist selbständig und einzeln käuflich. Preis jedes - Bandes: Geheftet M. 10,--; in feinem Halbfranzband M. - 12,--. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Variierende Transliterationen der russischen Namen und Begriffe wurden -im Allgemeinen beibehalten, wie z. B. Neswanowa, Njeswanowa und -Njezwánowa. Lediglich offensichtliche Fehlschreibungen wurden -korrigiert, wie z. B. Njezwánowna zu Njezwánowa. - -Andere Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der russischen -Originale, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 6]: - ... Unpünktlichkeit, Regellossigkeit nennen müssen. ... - ... Unpünktlichkeit, Regellosigkeit nennen müssen. ... - - [S. 10]: - ... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen. ... - ... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen, ... - - [S. 11]: - ... Wir verweisen auf Makenzie Wallaces vortreffliches Werk ... - ... Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk ... - - [S. 28]: - ... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe - zurückzuführen; ... - ... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe - zurückzuführen, ... - - [S. 48]: - ... verständlich nnd mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ... - ... verständlich und mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ... - - [S. 72]: - ... uns veröffentlichten Verteidigungschrift lediglich ein - »advokatorisches ... - ... uns veröffentlichten Verteidigungsschrift lediglich ein - »advokatorisches ... - - [S. 77]: - ... von schlechtem Einfluss und Aufheztung bestimmt, dessen ... - ... von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen ... - - [S. 85]: - ... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, Von-Wisin, ... - ... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ... - - [S. 106]: - ... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzemski in Ketten ... - ... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten ... - - [S. 142]: - ... Stepanscikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb ... - ... Stepantschikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb ... - - [S. 218]: - ... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszuprechen. Fertige ... - ... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige ... - - [S. 232]: - ... Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolojewitsch, das ist ... - ... Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist ... - - [S. 233]: - ... merkmürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ... - ... merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ... - - [S. 245]: - ... einem Briefe an den Bruder, wo es heist: »Der zweite ... - ... einem Briefe an den Bruder, wo es heisst: »Der zweite ... - - [S. 276]: - ... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russ geboren ... - ... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russa geboren ... - - [S. 286]: - ... der ersten Häfte seiner litterarischen Laufbahn sei - Dostojewsky ... - ... der ersten Hälfte seiner litterarischen Laufbahn sei - Dostojewsky ... - - [S. 304]: - ... debattiert haben, über Sie und Anna Jwanowna -- es war ... - ... debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna -- es war ... - - [S. 307]: - ... karikirt. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ... - ... karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ... - - [S. 355]: - ... »Ja, sie; Natalje Wassiljewna! im heurigen März!« beantwortet ... - ... »Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im heurigen März!« beantwortet ... - - [S. 358]: - ... heute zufällig anf dem Tischchen neben dem Divan liegen - geblieben ... - ... heute zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen - geblieben ... - - [S. 386]: - ... in den See und ersoffen.« ... - ... in den See und ersoff.« ... - - [S. 420]: - ... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken Dotojewskys ... - ... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys ... - - [S. 449]: - ... »Njetoschka Njezwánowna«, 47. 53. 420. ... - ... »Njetoschka Njezwánowa«, 47. 53. 420. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY *** - -***** This file should be named 52283-8.txt or 52283-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/2/8/52283/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/52283-8.zip b/old/52283-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index f79bed0..0000000 --- a/old/52283-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h.zip b/old/52283-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a690810..0000000 --- a/old/52283-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/52283-h.htm b/old/52283-h/52283-h.htm deleted file mode 100644 index c6605df..0000000 --- a/old/52283-h/52283-h.htm +++ /dev/null @@ -1,21481 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Th. 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M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Th. M. Dostojewsky - Eine biographische Studie - -Author: Nina Hoffmann - -Release Date: June 9, 2016 [EBook #52283] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<div class="centerpic" id="img-portrait"> -<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -Th. M. Dostojewsky. -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Eine biographische Studie</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">N. Hoffmann.</span> -</p> - -<p class="ill"> -Mit Bildnis. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Berlin.</span><br /> -<span class="line2">Ernst Hofmann & Co.</span><br /> -<span class="line3">1899.</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="cop"> -Nachdruck verboten.<br /> -Übersetzungsrecht vorbehalten. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ded"> -<span class="line1">Meinen russischen Freunden</span><br /> -<span class="line2">gewidmet.</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> - <div class="motto"> -<p class="hdr"> -<span class="greek">Δαίμων</span>. -</p> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,</p> - <p class="verse">Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,</p> - <p class="verse">Bist alsobald und fort und fort gediehen</p> - <p class="verse">Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.</p> - <p class="verse">So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,</p> - <p class="verse">So sagten schon Sibyllen, so Propheten;</p> - <p class="verse">Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt</p> - <p class="verse">Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.</p> - </div> - <div class="stanza attr"> - <p class="verse">Goethe.</p> - </div> - </div> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="line1 chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a> -<span class="line1">Inhalts-Übersicht.</span> -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">I.</td> - <td class="col2">Das Milieu</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">II.</td> - <td class="col2">Kindheit und Jugend</td> - <td class="col_page"><a href="#page-17">17</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">III.</td> - <td class="col2">Katastrophe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">IV.</td> - <td class="col2">Semipalatinsk</td> - <td class="col_page"><a href="#page-130">130</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">V.</td> - <td class="col2">Petersburg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-171">171</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">VI.</td> - <td class="col2">Publizistik</td> - <td class="col_page"><a href="#page-191">191</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">VII.</td> - <td class="col2">Zweite Vermählung. Schuld und Sühne. Abreise</td> - <td class="col_page"><a href="#page-252">252</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">VIII.</td> - <td class="col2">Vierjähriger Aufenthalt im Auslande</td> - <td class="col_page"><a href="#page-276">276</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">IX.</td> - <td class="col2">Briefwechsel aus der Fremde</td> - <td class="col_page"><a href="#page-300">300</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">X.</td> - <td class="col2">Petersburg; die letzten zehn Jahre</td> - <td class="col_page"><a href="#page-405">405</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2"><em>Anhang.</em> Bibliographische Übersicht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-443">443</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Personen- und Sach-Verzeichnis</td> - <td class="col_page"><a href="#page-446">446</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="centerpic" id="img-0005"> -<img src="images/0005.jpg" alt="" /></div> - -<h2 class="line1 chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a> -<span class="line1">An meine Leser.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>V</span>orreden sind immer Entschuldigungen“, hat jüngst -ein geistvoller Schriftsteller in einer der seinigen gesagt. -Der Verfasser des vorliegenden Buches geht weiter. Er -erhebt Einspruch dagegen, dass seine Arbeit als ein -litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie -durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persönlichkeit -betrachtet wissen, und wünscht als einzigen -Erfolg dieses Buches, dass etwas von dem zwingenden und -zugleich versöhnenden Geiste des grossen Dichters durch -seine Blätter wehe und die Gemüter in seinem Sinne -erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wäre am Platze: -dem Dichter und dem unerschöpflichen Material gegenüber, -das ganz zu bewältigen dereinst die Arbeit Vieler ausmachen -wird. -</p> - -<p> -Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier -ihre Stelle finden. Im grossen Ganzen habe ich den Stoff -chronologisch geordnet. An einigen Stellen indes schien -es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten plastisch -hervortreten zu lassen, spätere briefliche Äusserungen des -Dichters sofort heranzuziehen. -</p> - -<p> -Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme -der „Armen Leute“, in die Periode des Tastens und -der Nachahmungen einreihen muss, habe ich nicht im -Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben Gesichtswinkel -zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit -und Feinheit psychologischer Einzelheiten — vom Standpunkt -<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a> -der russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt —, -nicht allzusehr von einander differenzieren. -</p> - -<p> -Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele -Etappen auf dem Wege zur Vollendung seines -Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer Ausgeprägtheit -und ihres Verstandenseins durch den westeuropäischen Leser -mehr oder weniger breit behandelt. -</p> - -<p> -Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben -muss, die aus vielfachem Material geschöpft hat und auf -Glaubwürdigkeit Anspruch erheben darf, befand ich mich -in einiger Verlegenheit. Für den deutschen Leser wären -Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen, -da ich aus unübersetzten russischen Autoren schöpfte. -Auch die den Werken des Dichters entnommenen Stellen -könnte der deutsche Leser nicht in den umlaufenden Ausgaben -nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem Verständnisse -aus dem Original übersetzte. Der russische Leser -aber kennt alles, was über Dostojewsky geschrieben worden, -sofern er sich für diesen Dichter und seine Richtung interessiert, -vortrefflich und findet in den Namen und Quellen, -die ich im Texte reichlich angab, genug Anhaltspunkte zum -Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise, die -mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen -mussten. -</p> - -<p> -<em>Wien</em>, Januar 1899. -</p> - -<p class="sign"> -<b>N. Hoffmann.</b> -</p> - -<h2 class="chimg chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/001.jpg" alt="" /></span> -<span class="line1"><br />I.</span><br /> -<span class="line2">Das Milieu.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Ü</span>ber Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner -Gesamt-Erscheinung als Dichter, Psychologe, als Ethiker -und Mensch zu sprechen, ein erschöpfendes Bild seines -Lebens und seiner künstlerischen, sowie vor allem seiner -seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wäre heute, -sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes -Unternehmen. Einerseits ist er der gegenwärtigen Generation -noch zu nahe; alles was über ihn gesagt werden -könnte, stünde noch im Zeichen des Kampfes. Er hat ja, -wie alle mächtig ausgeprägten Individualitäten, im Leben -bis zu seinem letzten Atemzuge heftig gekämpft und Kampf -erzeugt. -</p> - -<p> -Anderseits leben seine nächsten Angehörigen, seine -Freunde noch, und diese sind im Besitze der intimeren -Erinnerungen und Äusserungen seines persönlichen Lebens, -die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben nicht -geneigt sein können; ganz abgesehen davon, dass die Ausnützung -intimer Lebensverhältnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches, -ohne Hinblick auf die inneren Zusammenhänge -und die Einheitlichkeit des Wesens, dem man nahe -zu kommen trachtet, nicht scharf genug als müssige Indiskretionen -gebrandmarkt und verpönt werden können. -</p> - -<p> -Wir Europäer hinwieder bringen dem Dichter eines uns -in hohem Grade interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher, -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -verblüffter Neugierde entgegen, zu der uns der grosse -Seelen- und Krankheitskenner und Maler wohl zwingt, -lehnen aber die nähere Bekanntschaft seines tiefen Zusammenhanges -mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus -Furcht vor dem Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie -Nietzsche sagt, „die allerstärkste und erstaunlichste Kraft, -zu wollen, in sich aufgespeichert hat, mit der ein Denker -der Zukunft wird rechnen müssen“. Dazu tritt noch, -dass unser grosses Publikum alles, was von Russland -kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders -fesselt, wenn es die Äusserungen sozialistischer, -revolutionärer, atheistischer Anschauungen einer unter harter -Despotie seufzenden Intelligenz vermittelt. Äusserungen, -deren Intensität im Gegensatze zu den sie hervorrufenden -Zuständen, es fast als litterarische Pikanterie geniesst. -</p> - -<p> -Aber mit der eigentümlichen Erscheinung eines Dichters, -der zugleich lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und -mystisch religiös, der durchaus demokratisch und dabei -durchaus konservativ ist, wissen wir nichts anzufangen. -</p> - -<p> -Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der -grösste Repräsentant dieser merkwürdigen Konstellation, -und wir müssen die scheinbaren Widersprüche, die darin -liegen, in der Grösse seines Genies und seines Herzens -auflösen und etwa so ansehen, wie wir die Widersprüche -der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West -mit einem grossen Ringe umspannt. Vor allem dürfen -wir Dostojewsky nicht litteraturmässig auffassen, sondern -als einen grossen, seelenbewegenden Schöpfer „in einem -ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen“. Unter -uns hört man oft den Ausspruch: „Dostojewsky ist ein -grosser Künstler, aber sein mystisches Christentum ist -sehr störend“. So angesehen zerfällt sein Bild sofort in -einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er ist ein -Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -die Läuterung <em>auch Europas</em> durch das russische Volk, -und er kann, vermöge seines unvergleichlichen Dichtergenius, -seine Wahrheiten nicht anders hinausrufen, als in -Werken von hohem künstlerischen Werte. -</p> - -<p> -So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit, -die wir in allen seinen Werken wiederfinden, so fest und -kompakt wie etwa ein Urgestein, das bei dem kleinsten -Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt. -</p> - -<p> -Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im -Auge haben, wenn wir es versuchen, an der Hand lückenhafter -russischer Biographieen, sowie des Materials, das -uns seine Tagebücher, die Aufzeichnungen seiner Gattin, -seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke -vermitteln, ein, soweit es möglich ist, getreues Bild seines -Lebens und Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben. -</p> - -<p> -Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten, -müssen wir einige Vorbemerkungen über das Milieu einschalten, -dem der Dichter entsprossen ist. -</p> - -<p> -Wenn wir nämlich die Werke französischer, englischer, -italienischer, kurz europäischer Schriftsteller lesen, so -bringen wir ihrem Milieu so viel Kenntnis und Anpassungsvermögen -entgegen, dass wir ohne weiteres sagen, der oder -jener schildere die <em>Menschen</em> so oder so. Lesen wir -indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir -sehen ein fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und -darin — einen <em>Russen</em>, den wir uns erst in unser Menschliches -übersetzen müssen, wobei wir oft unsere liebe Not -haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da -wohl mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen -Kräften, mit einem Volke, das wir erst kennen -lernen, demgegenüber wir manches „umlernen“ müssen. -</p> - -<p> -Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er -sich nicht eine lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat, -kein lebendiges und ganz zutreffendes Bild von Russland -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -und seinem Volke entwerfen. Lässt ja Dostojewsky selbst -in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein Gespräch -miteinander führen, in dem der eine ungefähr sagt: „Der -M. N. giebt vor, zu wissen, was Russland ist — ja wissen -wir es denn selbst?“ -</p> - -<p> -Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so -zu eigen gemacht, dass er ihre intimen Nüancen, die -familienhafte Unmittelbarkeit ihrer Laute nachempfindet, -ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke und -ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele, -die diese Sprache ausdrückt, gewahr werden. Dies ist -hier um so leichter der Fall, als alles Russische ein so -durchaus uneuropäisches Gepräge an sich trägt. -</p> - -<p> -Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes -gehender Zug vor allem auffallen muss, ist die familienhafte -Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit aller mit -allen. Dies drückt sich schon in der Sprache aus: Väterchen, -Mütterchen, du mein Verwandter, oder: du meine -Verwandte sind die gebräuchlichsten Formen der Anrede. -Dieses Familiengefühl geht von unten hinauf, nicht umgekehrt, -allein das ist es, was ihm ewige Dauer sichert. -Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede -keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen -mit dem höflichen Zusatz des Vatersnamens zulässt, geht -eine, wenigstens formale Intimität durch die ganze Nation, -von welcher sich kein modern „demokratisches“ Volk etwas -träumen lässt. Nicht nur der Bauer, sondern auch der -Hoflakai führt für den Kaiser oder Grossfürsten keine -andere Benennung oder Anrede im Munde als etwa: -„Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna lässt Euch -bitten“ oder ähnliches. Für das Volk ist diese Form -eine intime Herzenssache, für die „Gesellschaft“ hat sie -nur den Wert einer patriarchalischen Reminiscenz, und -das Volk selbst als „Brüder“ zu betrachten, ja einen -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und -Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend -bis heute noch nicht geträumt. Darin liegt wohl, -wie es scheint, die scharfe Trennung der konservativen -russischen Kreise von den neueren liberalen. Allerdings -wachsen auf diesem Gebiete Missverständnisse wie die -Disteln empor. Denn, indem sich viele energische Liberale -nicht auf die Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum -Volke, auf den guten Einfluss der Bildung allein beschränken, -die sie diesem hochintelligenten, aber in tiefe, -abergläubische Religiosität eingesponnenen Kinde vermitteln, -so fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hände, -welche von der Vernichtung der Unwissenheit und des -Aberglaubens auch jene des Glaubens und der Ehrfurcht -befürchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum -Volke in ein Gebiet übergeleitet, das sich von den ursprünglichen -Absichten allmählich und unbemerkt entfernt. -</p> - -<p> -Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des -russischen Volkes geht (die Gesellschaft als solche aus -dem Spiel gelassen), ist eine Fähigkeit zum Leiden und -Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher -erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame -Fingerzeige; das Volk nennt jeden Verbrecher einen „Unglücklichen“, -und die Sprache selbst, welche für das Menschliche -drei Ausdrücke streng unterscheidet, nämlich: „Menschlich“, -„Allgemeinmenschlich“ und „Allmenschlich“, sie hat -für die Nüancen der Schuld, die wir dreifach besitzen: -„Übertretung“, „Vergehen“, „Verbrechen“, ausser dem -Worte Schuld nur das eine Wort „Übertretung“ (Prestupljenie). -</p> - -<p> -Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu -thun haben, als mit unserem europäischen Mitleid, das die -Franzosen unter anderem „une fonction purement cérébrale“ -nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im Gegensatze zur -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -allmächtigen und allberechtigten „passion“. Hier ist eine -Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen -von Ost und West, die man nicht ernst genug -betrachten kann. -</p> - -<p> -Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur -ist die mit tiefer Religiosität verbundene Demut des -Russen, die auch da erhalten bleibt, wo, wie in den Kreisen -der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede Spur von -Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit, -sein Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie -sich um deswillen vor Freund und Feind zu demütigen -oder anzuklagen. Da nun ein solcher Einsichtswechsel -bei seiner nervösen, grübelnden und immerfort „die Wahrheit“ -suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er -uns Westländern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren -Gebrechen kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger -Selbsterniedrigung. Denn der Westen versteht heute zumeist -unter dem Begriff „Charakter haben“, dass man -nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm -um viel realere Güter zu thun, als um die bei den Russen -in jeder Lebenslage auftauchende Sorge und Frage „wie -soll mein Leben sein?“ -</p> - -<p> -Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem -Russen auffällt, ist das, was wir Deutsche Unzuverlässigkeit, -Unpünktlichkeit, <a id="corr-0"></a>Regellosigkeit nennen müssen. -Wenn man die Unmöglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind -der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen -bestimmten Ort zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner -Tageseinteilung auch nur das geringste System oder die -geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen, so möchte -man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen: -„Dem Glücklichen, sowie dem Russen, schlägt keine -Stunde“. Russen können zu jeder Stunde des Tages ihr -Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt sind, zu jeder -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen. -(Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf -bannenden Nächte eine grosse Rolle.) Aber nicht das -allein. Sie bringen ihre Freunde zu anderen Freunden, -ohne Anfrage, ohne Umstände, zu allen Mahlzeiten, mitten -in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa -krank, erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten -dort eine schwere Nachricht — so ist das ganze fremde Haus, -das nun nicht mehr ein fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen. -Man bleibt zusammen auf, man quartiert den Freund -des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem -Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es -ist eine selbstverständliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe, -dem man einmal seine absolute Unpünktlichkeit vorwarf, -erwiderte mit vielem Ernste: „Ja, das Leben ist eine -schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt -sein wollen und viel wichtiger sind, als das pünktlichste -Worthalten.“ -</p> - -<p> -Und nun die russischen Frauen. Sie leben und -weben von innen heraus, sie haben grosse Ziele, ernste -Interessen, ein offenes Auge für die Aussenwelt, für das, -was sie umgiebt und was not thut. Die russische Frau -verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen -Mädchens mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des -Mannes; sie hat etwas Jünglinghaftes an sich. Dabei -nimmt sie es allerdings mit der bis ins kleinste gehenden -Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis -in die feinste Abschattung durchgeführten Eindrucks-Delikatesse -der Französin nicht auf. Das Daheim einer echten -Russin wird mitunter ein Chaos aufweisen, das unsere -Landsmänninnen, namentlich jene des Nordens, abschrecken -müsste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere Vorstellungen -über Genauigkeit und Ordnung antworten: „Ja, -jeder Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -darf das Grosse, das Detail nicht das Allgemeine verbauen“, -und wir hörten einmal eine Russin sagen, dass -die Petersburger Frauen und Mädchen auf der Strasse -sehr eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man -sehen könne, wie sie einem Ziele entgegen gehen, während -die Frauen europäischer Grossstädte so gehen, als wäre -die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die „breite -russische Natur“ („schirokaia russkaia natura“), wie sie es -nennen, was sich überall geltend macht, und wir möchten -uns, gerade auf diese so unharmonisch scheinende Verbindung -gestützt, der Anschauung Dostojewskys anschliessen, -welcher sagt, dass die nächste Zukunft des Menschengeschlechtes -in der Hand der Russin liegt. -</p> - -<p> -Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese -Umgestaltung nicht auf dem Wege der Frauenbewegung -als vor sich gehend gedacht werden darf. — Die russische -Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung längst vollzogen -und zwar — wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen -— ganz organisch, von einem rein natürlichen -Standpunkt aus in Angriff genommen, von dem der Mütterlichkeit. -Sie will und muss die Gefährtin, ja Führerin -ihrer männlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen, -in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt -im Gemüte der russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor -allem der Wunsch, nützlich zu sein, ihrem Volke zu dienen. -So ist es gekommen, dass die Russin heute ihre Fähigkeit -zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben bewiesen -hat, während die europäische bewegte Frau ihre Freiheit -und Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fähig -sei, abseits von der Familie zum Leben zu gelangen. Dies -ist ein grundlegender Unterschied. -</p> - -<p> -Den genannten Hauptcharakterzügen des Russen gesellt -sich ein unausrottbares Misstrauen in allen seinen -Beziehungen zum Nebenmenschen bei, allein ein Misstrauen, -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -das viel mehr dem immerwachen Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit -und „Sündhaftigkeit“ entspringt, als dass es -sich auf den Unwert des anderen bezöge. Es ist das -Misstrauen der Demut im Gegensatze zum Misstrauen -der Routine. -</p> - -<p> -Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen -Hintergrund an, aus dem heraus sich diese Volkspersönlichkeit -entwickelte, so finden wir ein ungeheures, -kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem unermesslichen -Horizont, wo das träumende Auge des Steppenbewohners -in eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt, -dünn bevölkert, ohne bedeutende Küstenentwicklung, ohne -namhaften Welthafen — „ein Riese in einer grossen, niedern -Stube“, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale Einheit -ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden -Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten, -kein fremdes Blut, es sei denn finnisches, hat diesen -Riesenkörper durchädert. Sein „weisser Kaiser“ ist ihm -Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer -in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk -macht seine Entwickelungsprozesse langsam durch, steht -heute in seiner Kindheit und wandelt seinem Mittelalter -zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute seine vornehmlichen -Lebensquellen, die Städte sind dünn gesäet, -der Kleinhandel ist in den Händen des moskowitischen -Kleinbürgers, Grosshandel und Industrie ebenfalls in den -Händen des grossen Moskauer Kaufherrn, sowie in denen -des Ausländers und des Juden. So giebt es denn kein -eigentliches grosses Bürgertum, und die Gesellschaft, die -wir heute Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen -Landsassen — Gutsbesitzer — und dem Beamtenstande -zusammen. -</p> - -<p> -Dieses höchst langsame, doch organische Wesen der -Volksentwickelung hat Peter der Grosse mit seinen Reformen -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -durchrissen. Ein mit unermesslichen Mühen und -Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn -und gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thätigkeit. -Petersburg, das „ausgebrochene Fensterchen“ gegen -Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen<a id="corr-1"></a>, -Europas Sitten und Unsitten, Europas Philosophie, Aufklärung -und Dekadenz, kurz den „Europäismus“, wie sich -Dostojewsky ausdrückt, hereindringen lassen. Die kompakte -Masse des Volkes indessen ist von diesen Neuerungen -nicht berührt worden, und wenn auch hie und da in den -Städten der altrussische Bart der europäischen Schere, -und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europäischen -Kleide zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis -auf den heutigen Tag nicht zum Bewusstsein seiner Bürgerrechte -im europäischen Sinne erwacht. Gleichwohl ist er -im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und -freiheiten -(Obščina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenössischer -Agrarier als die einzige Lösung aller Schwierigkeiten des -Grundbesitzes und als das einzige Arcanum gegen die -Proletarisierung des Bauernstandes erscheinen. Ob dies -eine richtige Anschauung sei, können wir hier nicht untersuchen.<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> -Auch über die wichtigste Streitfrage, welche die -führenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit -bewegt hat und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlöschen -zu sein scheint, können wir hier nur ganz kurz -sprechen, müssen sie jedoch berühren, weil die zwei Hauptströmungen -des russischen Lebens aus ihr entspringen -und dem Europäer nur durch den Einblick in diese Frage -das Verständnis für Russland und sein künftiges Werden -aufzugehen vermag. Es ist dies die Frage, die v. Reinholdt -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -in seiner „Geschichte der russischen Litteratur“ folgendermassen -formuliert: „Wie verhält sich die orthodoxe Kirche -zur römischen und protestantischen? als ursprüngliche Gemeinschaft -anfänglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher, -auf dem Wege späterer Entwickelung und des Fortschritts -andere, höhere Formen religiöser Weltanschauung sich entwickelten, -oder als ewig dauernde und ungeschmälerte -Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der occidentalen -Welt der römisch-germanischen Anschauungen sich -unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole -sich spaltete“? Endlich: „Worin besteht der Gegensatz -zwischen der russischen und der westeuropäischen -Zivilisation? — bloss in der Entwickelungsstufe oder in -der Eigentümlichkeit der Bildungselemente? Steht es der -russischen Zivilisation bevor, nicht allein von den äusseren -Resultaten, sondern auch von den Grundlagen der westeuropäischen -Bildung durchdrungen zu werden? — oder -wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches -geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen, -künftigen Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?“ -</p> - -<p> -Die Anhänger der westlichen Einflüsse bejahen den -ersten Teil dieser Frage, die Slavophilen den zweiten. -Einige Slavophilen, darunter J. Kirejewsky, erwarten von -einer Synthese beider, einander so widersprechender Bildungsformen -das Heil künftiger Menschheitsentwickelung -und zwar so, dass die westliche Kultur die Gedankenwelt -des Ostens entwickele und kläre, die östliche tiefe Seeleneinheitlichkeit -hinwieder die Gefühlswelt und Ethik des -Westens mit ihrer „Allmenschlichkeit“ befruchte. Und -in der That, wer seine Hoffnungen und Schlüsse für die -Zukunft des grossen Volkes mit der „erstaunlichen Kraft -zu wollen“ nicht nur auf seine Historie, sondern auf diese -in jedem Russen zu findende latente und eigenartige -Menschheitskraft und Fähigkeit aufbaut, der muss, unbefangen -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -urteilend, finden, dass nicht sowohl Russland von -unserer Zivilisation etwas Umgestaltendes zu erwarten -hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft eine Rückkehr -zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen -gewärtig sein können. -</p> - -<p> -Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden -Führer im Streite ihre Sache selbst führen zu -lassen. Die slavophile Richtung wurde zum erstenmale -theoretisch formuliert durch den unter Katharina II. lebenden -Geschichtschreiber, Fürsten Michael Schtscherbatow, -um das Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten -späteren Vertreter dieser Richtung sind Kirejewsky,<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> -Chomjakow, die Brüder Aksakow u. a. Die westlichen -Einflüsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen, -Granowsky u. a. -</p> - -<p> -Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage -durch Dostojewsky behandelt, wie wir dies in seinem Leben -und seinen Werken erkennen. Indessen geht schon durch -die ganze russische Litteratur neben der Frage nach dem -Werte der westlich-östlichen Kultur, ja als Wurzel dieser -Frage die Sorge des russischen Menschen hindurch: „wie -soll mein Leben sein?“ — Dostojewsky hat in seiner berühmten -Puschkin-Rede im Jahre 1880 in Moskau die Bedeutung -Puschkins, dessen Standbild man eben enthüllte, -dahin erklärt, dass dieser Dichter — nachdem mehr als -ein Jahrhundert nach Peters Reformen verflossen war, ehe -sich der Keim einer russischen Litteratur entwickelte — -nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des russischen Geistes -grösste und einzige, sondern auch seine prophetische Offenbarung -gewesen sei. Dostojewsky führt in dieser Rede -den Gedanken aus, dass Puschkin schon in seiner früheren -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Periode der Nachahmung André Cheniers und Byrons plötzlich -einen neuen, ganz und nur russischen Ton gefunden -hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die „verfluchte -Frage“, wie er sie anführend nennt, „nach dem -Glauben und der Wahrheit des Volkes“. Diese Antwort -laute: „Demütige dich, stolzer Mensch, und vor allem -brich deinen Hochmut, demütige dich, eitler Mensch, und -vor allem mühe dich auf heimatlichem Boden“ — und -weiter: „nicht ausser dir ist deine Wahrheit, sondern in -dir selbst; finde dich in dir und du wirst die Wahrheit -schauen“. -</p> - -<p> -Wir haben diese Stelle wörtlich angeführt, weil sie -für Dostojewskys Stellung in der Litteratur und seine Auffassung -vom Apostolat des Dichters und namentlich des -Publizisten von grosser Wichtigkeit ist. -</p> - -<p> -Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten -Werken, K. Slutschewsky, sagt in seiner Vorrede ganz -im Sinne Dostojewskys: „Mit ganz besonderer Schärfe -treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche, -ausschliesslich ihm zukommende Züge hervor. Schon im -Jahre 1861, in der Anzeige von der Ausgabe der „Wremja“ -hat Dostojewsky gesagt, dass vielleicht die russische Idee -die Synthesis aller jener Ideen sein werde, welche Europa -entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle Sprachen -sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen -aller europäischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt -bei keiner anderen Nation vorkommt. Unser zweiter, -ausschliesslich uns gehöriger Zug, den Dostojewsky wiederholt -dargelegt und mit Zähigkeit in That und Wort durchgeführt -hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis -seiner „Sündigkeit“, eine Erkenntnis, welche es -sehr gut erklärt, warum wir so leicht verzeihen, so geneigt -zur Selbstgeisselung sind, warum wir unsere Unvollkommenheit -nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -„Rechtsverhältnisse“ nicht anzuerkennen vermögen und -gerne das Kreuz innerer Reinigung und äusserer schwerer -That tragen mögen, sei es auch unserem eigensten Ich -zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtgläubige Religion, -die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus -und Protestantismus (von den anderen zu schweigen), -als streitende Kirche aufgetreten ist.“ -</p> - -<p> -Fügen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden -aus Dostojewskys Erlebnissen hinzu, die hierher gehören, -so haben wir annähernd ein Bild von dem Milieu -gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius entwickelt -und auf das er hinwieder gewirkt hat. -</p> - -<p> -K. Aksakow erzählt im März 1881, schon nach -Dostojewskys Tode, folgendes: Auf einer Durchreise -Dostojewskys geschah es, dass er sich in Moskau aufhielt -und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer -Art Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus -Pawlowitsch zu sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde -der Vergangenheit das historische Bild dieses Monarchen -grossartig abhebt, eines Monarchen, der fest an -seine Würde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch -ihm, Dostojewsky, dieses Bild sei. Während unseres Gespräches -trat der englische Reisende Mackenzie Wallace -bei uns ein, welcher schon einmal drei Jahre in Russland -gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach und mit -der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr, -dass er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine -Neugierde und er lauschte gespannt dem bei seinem Eintritte -unterbrochenen und von Dostojewsky wieder aufgenommenen -Gespräch über Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky -führte seine Rede zu Ende, ohne den Engländer -im geringsten zu beachten, und entfernte sich bald darauf. -</p> - -<p> -„Sie sagen, dies sei Dostojewsky,“ fragte uns der -Engländer. „Ja wohl.“ „Der Verfasser des ‚Totenhauses‘?“ -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -„Derselbe.“ „Das kann nicht sein; er ist ja doch zur -Zwangsarbeit verschickt gewesen.“ „Ganz richtig, was -weiter?“ „Ja, wie kann er denn einen Menschen loben, -der ihn zur Zwangsarbeit verurteilt hat?“ „Euch Ausländern -ist das schwer zu begreifen,“ antworteten wir, — -„uns aber ist es als ein durchaus nationaler Zug begreiflich.“ -</p> - -<p> -Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis -erzählt K. Slutschewsky, Dostojewsky sei einige -Monate vor seinem Tode auf einen Ball in irgend eine -höhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er damals -schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer -aufrichtig liebte, war hoch erfreut und drängte sich dicht -um ihn. -</p> - -<p> -„Wir fingen zu plaudern an,“ erzählt er selbst, „und -sie begannen eine Diskussion. Sie baten mich, ich solle -von Christus reden. Ich fing an zu sprechen und sie -lauschten mit grosser Aufmerksamkeit.“ „Eine Predigt -über Christus auf einem Balle und nicht im geringsten -durch die Musik und den Tanz zurückgeschreckt — fährt -Slutschewsky fort — das Lob des Machthabers, der uns -zur Zwangsarbeit verurteilte — wo könnte das jemals -vorkommen als in Russland?“ -</p> - -<p> -Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters -zu. Wir verdanken, was wir davon wissen, den zu einem -Buche vereinigten Aufzeichnungen zweier seiner nächsten -Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die Durchsicht -seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker -Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick -in die Papiere des Prozesses Petraschewsky zugestanden -wurde (was er jedoch nicht auszunutzen verstand) und -dem mehrjährigen publizistischen Mitarbeiter Dostojewskys, -Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den Erzählungen -seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia, -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -alter Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber -dem „Tagebuch eines Schriftstellers“, jenem Blatte, das -der Dichter in seinen letzten Lebensjahren allein besorgte -und das sehr viel autobiographisches Material enthält. -</p> - -<p> -Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit -grosser Pietät alles zusammengetragen, was sie teils selbst -miterlebten, teils durch Mitteilungen anderer, namentlich -eines jüngeren Bruders, Andreas, sowie der Gattin des -Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach -einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters -scheinen, als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der -Öffentlichkeit übergaben, schlecht beraten gewesen seien -und manchen intimen Brief ganz unbeschadet der Diskretion -mit anderen hätten vertauschen sollen, die sich in immerwährenden -Wiederholungen der Geldnot und Schuldenkalamitäten -bewegen. Es ist, als hätte ein neidischer Geist -heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter, -dessen Tod von Hunderttausenden öffentlich betrauert -wurde, dessen Leichenzug ganz Petersburg war, dessen -Hülle 63 Deputationen Kränze brachten und der Hof die -letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen, -sondern all diese Teilnahme lieber als einzelnes, die -Leiden eines Kämpfenden verherrlichendes Faktum hinzustellen, -als sie zu Ungunsten lebender Dichter auch noch -durch eine bedeutende Korrespondenz zu bestätigen. Indessen -sind auch die veröffentlichten Briefe interessant -genug, um auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen, -was im weiteren Verlaufe unserer Aufzeichnungen -an seiner Stelle geschehen wird. Die erwähnten Wiederholungen -schildern, wie schon gesagt, unzählige immer -wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten, -von einer unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem -ewigen Ringen um die Bestreitung des täglichen Unterhaltes -für sich und die Seinen. Wir bekommen durch sie -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -einen Blick in die unaufhörlichen Kämpfe mit Not, Krankheit, -Widerwärtigkeiten aller Art, und staunen immer -wieder über die ausserordentliche Kraft, die das alles -überwand. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<span class="line1">II.</span><br /> -<span class="line2">Kindheit und Jugend.</span><br /> -<span class="line3">(1821-1849.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span>heodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn -eines in Civildienste übergetretenen Militär-Arztes, welcher -unter dem Titel eines Stabsarztes im Moskauer Armenspital -angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen Familie -eine aus zwei, später drei Zimmern, einem Vorzimmer -und einer Küche bestehende Wohnung einnahm. Bei der -Knappheit der Räumlichkeiten half man sich, wie man -sich in den minder wohlhabenden Familien in Russland zu -helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher Holzverschlag -teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon -der vordere, mit dem Fenster versehene als Entrée, der -rückwärtige, halb finstere Teil als Schlafzimmer der beiden -ältesten Kinder, Michael und Theodor, diente. -</p> - -<p> -Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821 -geboren. Zu seinen ersten Erinnerungen gehört jene aus -seinem dritten Lebensjahre, dass er einmal von der Kinderfrau -in die gute Stube geführt und veranlasst worden war, -hier, vor der „heiligen Ecke“ kniend, in Gegenwart einiger -Freunde der Eltern sein tägliches Abendgebet aufzusagen. -Das Gebet lautete: „Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf -dich, Mutter Gottes, nimm mich unter deinen Schutz.“ -Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben lang bewahrt -und dieses später seinen Kindern übermittelt. Vier -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Jahre alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten -Unterricht im Buchstabieren nach alter Methode besorgte -die Mutter, später bekamen die Knaben einen Lehrer für -französische Sprache und die üblichen Schulgegenstände, -sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen -„die hundertundvier Geschichten des alten und neuen -Bundes“ vortrug und damit den grössten Eindruck auf -sie machte. -</p> - -<p> -Man muss hier beide Brüder immer zusammen nennen, -denn es verband sie ausser der Kameradschaft so naher -Altersgenossen (sie waren nämlich nur um ein Jahr im -Alter von einander getrennt) ein Band innigster Freundschaft, -das ihr ganzes Leben hindurch währte. Der ältere, -Michael, war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor, -welcher überschäumend von Temperament war, „das reine -Feuer“, wie ihn die Eltern nannten. Er war natürlich -Angeber und Anführer in allen Spielen, während sich -Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden -war es zumeist ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng -verbrachten Arbeitstage vornahmen, wobei Theodor, in -seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft betrog. -</p> - -<p> -Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines -Landgütchen bezogen hatte, im nahegelegenen Birkenwäldchen -meist „Indianer“; sie kleideten sich dazu ganz -aus, tättowierten sich, schmückten sich mit Laubgürteln -und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und -führten erbitterte Kämpfe. Der Gipfel des Vergnügens -war erreicht, wenn die Mutter an einem heissen Sommertage -ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und -ihnen unter irgend ein Gebüsch ihr Essen stellen liess, -das sie ohne Benutzung von Gabel und Messer verzehrten, -sodass sie bis in den späten Abend hinein „wild“ bleiben -durften. Ein Übernachten im Walde jedoch, das sie so sehr -wünschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -grösser wurden, übernahm der Vater den vorbereitenden -Lateinunterricht für das Gymnasium. Das war eine harte -Plage. Der Vater nahm sie gewöhnlich abends nach -seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der Unterricht -währte meistens eine Stunde, wobei die Schüler, -nicht nur sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal -an den Tisch lehnen durften. In dieser Zeit verschlang -Theodor viele Bücher. Namentlich begeisterte -ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzählige -Male las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes -Privat-Pensionat kamen (die Eltern zogen dies, obwohl es -sie grosse Opfer kostete, dem übel beleumundeten Gymnasium -vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause -gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch -aus; namentlich erzählten sie gerne die schlechten -Streiche ihrer Kameraden. „Dabei gab unser Vater,“ so erzählt -Andreas Dostojewski, „den Brüdern keinerlei Lehren. -Bei der Erzählung verschiedener Streiche, die in der Klasse -verübt worden waren, sagte er nur: ‚Ei, der Nichtsnutz, -ei, der Elende‘ — — —, allein er sagte nicht ein einziges -Mal: ‚sehet zu, dass ihr es nicht auch so macht.‘ Damit -sollte angedeutet werden, dass der Vater solche Schelmenstücke -auch nicht im entferntesten von ihnen erwartete.“ -</p> - -<p> -Die Brüder lasen fortwährend sehr viel. Michael, der -zumeist Gedichte las, versuchte sich auch poetisch, Theodor -war zu ungeduldig, um jemals etwas in gebundener Rede -auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa vor und -las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte -immer wieder. In Puschkin aber einigten sich -die Brüder und es gab keine damals bekannte Dichtung -Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt hätten, wie -denn auch Theodor überhaupt ein leidenschaftlicher Deklamator -war, dessen Vortrag die Grenzen künstlerischer -Mässigung immer überschritt. Im Jahre 1837 starb die -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Mutter, und die Söhne verliessen die Vaterstadt, um in -die höhere Militär-Ingenieurschule in Petersburg einzutreten. -Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion -eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat -war und so den Jünglingen zu einer, bei ihren geringen -Mitteln sehr wünschenswerten, schnelleren Karriere -helfen konnte. -</p> - -<p> -Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende -Arzt den älteren Bruder, der kerngesund war, für krank -erklärte, während er Theodor, der von Kindheit an kränklich -und schwächlich war, für tauglich annahm. Das führte -die Trennung der Brüder herbei. Michael kam in die -medizinische Akademie nach Reval, während Theodor in -Petersburg blieb. Um diese Zeit besuchte ihn ein Freund -des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein Äusseres -folgendermassen schildert: „Ein ziemlich runder, voller, -heller Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestülpter -Nase ... die hellkastanienfarbigen Haare waren -kurz geschoren. Unter einer hohen Stirne und schwachen -Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen wie -verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen -besäet, die Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund -etwas wulstig. Theodor war bedeutend lebhafter, beweglicher, -heftiger als sein gesetzter Bruder.“ ... Die kränkliche -Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr früh -gesteigerten nervösen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch -vor seiner Gefängniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als -Kind hatte er manchmal Hallucinationen gehabt, an deren -eine er die Erinnerung an den Bauer Marej knüpft. Er erzählt -diese Geschichte in seinem „Totenhause“, und ein zweites -Mal im Januarheft 1876 seines „Tagebuchs eines Schriftstellers“ -mit derselben Betonung der „Volkswahrheit“ -wie dort. -</p> - -<p> -Wir fügen hier diese kleine Begebenheit samt den -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Betrachtungen ein, welche der Dichter 46 Jahre später -daran knüpft. Er beginnt damit, wie er in der Strafkaserne -in Sibirien oft von Erinnerungen an die Kinderzeit -heimgesucht worden war, und fährt fort: „Ich erinnerte -mich an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war -hell und trocken, doch etwas kühl und windig; der Sommer -ging zur Neige und nun hiess es: bald nach Moskau -zurück und wieder den ganzen Winter hindurch über den -französischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das -Dorf zu verlassen. Ich ging um die Scheunen herum, -stieg in den Hohlweg hinab und wieder durch die „Schlucht“ -hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk von uns genannt, -das jenseits des Hohlweges bis zum Wäldchen hinanstieg. -Da verlor ich mich tiefer ins Gebüsch und hörte, wie, ungefähr -30 Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer -ganz allein die Pflugschar führte. Ich erkenne, dass er -gegen die steile Höhe hinauf pflügt, dass das Pferd mühsam -hinaufklimmt, und höre, wie hie und da des Bauern -Zuruf „Nu, nu!“ zu mir herüberklingt. Ich kenne fast -alle unsere Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von -ihnen eben pflügt. Aber es ist mir ganz gleich, denn ich -bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch ich bin beschäftigt; -ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit -die Frösche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schön, -aber so unhaltbar — ganz anders als die Weidengerten! -Auch die hartgeflügelten Käferchen interessieren mich, ich -sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter. Ich liebe -auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den -schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen fürchte -ich. Übrigens trifft man die Schlänglein bei weitem seltener -an als die Eidechsen. Schwämme giebt es hier wenige. -Nach Schwämmen muss man ins Birkenwäldchen gehen -und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der -Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwämmen -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -und wilden Beeren, mit seinen Käfern und Vögelchen, den -Igelchen und Eichhörnchen und dem mir so angenehmen -feuchten Geruch verwesender Blätter. Und jetzt auch, da -ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwäldchens -leibhaftig verspürt. Diese Eindrücke bleiben -fürs Leben. Plötzlich, mitten in das tiefe Schweigen hörte -ich laut und deutlich einen Schrei: „Der Wolf kommt“. -Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend geradeaus -nach der Wiese auf den pflügenden Bauer los. -</p> - -<p> -Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es -einen solchen Namen giebt, aber alle nannten ihn Marej. -Es war ein Bauer von etwa fünfzig Jahren, stämmig, -ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten -dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich -bis dahin nicht ereignet, dass ich mit ihm gesprochen -hätte. Er brachte sein Pferdchen zum Stehen, als er mein -Schreien gehört hatte, und als ich im vollen Anlauf mit -einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an -seinen Ärmel hing, da erkannte er mein Entsetzen. -</p> - -<p> -„Der Wolf kommt,“ schrie ich atemlos. -</p> - -<p> -Er wendete den Kopf und sah sich unwillkürlich ein -wenig im Kreise um, mir einen Augenblick fast glaubend. -</p> - -<p> -„Wo ist der Wolf?“ -</p> - -<p> -„Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen: -der Wolf kommt,“ stammelte ich. -</p> - -<p> -„Was sagst du, was sagst du, was für ein Wolf — -geschienen hat es dir, geh! Was soll hier für ein Wolf -sein!“ murmelte er, mich beruhigend. Allein ich zitterte -noch immer und klammerte mich noch fester an seinen -Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich -mit einem beunruhigten Lächeln an und war offenbar um -mich in Angst und Sorge. -</p> - -<p> -„Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj!“ sagte er kopfschüttelnd. -„Genug, mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!“ -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Er streckte die Hand aus und streichelte mir plötzlich -die Wange. -</p> - -<p> -„Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das -Kreuz.“ Allein ich bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel -zuckten und das scheint ihn besonders ergriffen zu -haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde beschmutzten -Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berührte -damit ganz leise meine zuckenden Lippen. -</p> - -<p> -„Geh doch, aj,“ lächelte er mich mit einem mütterlichen, -auf seinen Lippen verweilenden Lächeln an. „Herrgott, -was ist denn das, geh doch, aj, aj!“ -</p> - -<p> -Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass -mir etwas wie ein Schrei „der Wolf kommt“ nur so geklungen -hatte. Der Schrei war übrigens sehr laut und -deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von -Wölfen) hatte ich schon früher ein- oder zweimal zu vernehmen -geglaubt und ich wusste davon. (Später vergingen -diese Hallucinationen mit den Kinderjahren.) -</p> - -<p> -„Nun werde ich gehen,“ sagte ich fragend und schaute -ihn furchtsam an. -</p> - -<p> -„Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich -werde dich schon dem Wolf nicht geben!“ fügte er hinzu, -indem er mir immer noch mütterlich zulächelte, „nu, -Christus sei mit dir, nu geh,“ und er machte das Zeichen -des Kreuzes über mich, dann über sich selbst. -</p> - -<p> -Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem -zehnten Schritte um. Marej blieb, so lange ich ging, mit -seinem Pferdchen immer da stehen und schaute mir nach, -mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend. -Offen gestanden schämte ich mich ein wenig vor ihm, darüber, -dass ich solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste -mich auch im Gehen noch hie und da, ehe ich nicht -zur ersten Riege des Abhanges gelangt war. Hier verliess -mich die Angst schon ganz; und plötzlich, wie vom -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Boden heraus, sprang mir unser Hofhund Wölfchen entgegen. -Mit ihm an meiner Seite wurde ich schon ganz -mutig und wendete mich zum letzten Male nach Marej -um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden, -aber ich fühlte, dass er mich noch immer mit -demselben zärtlichen Lächeln ansah und mit dem Kopfe -nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er winkte -mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an. -</p> - -<p> -„Nu, nu!“ hörte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch, -das Pferdchen zog wieder an seiner Pflugschar. — -</p> - -<p> -Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzählte -ich niemand mein Erlebnis. Ja, was war es denn auch -für ein Erlebnis? Auch Marej habe ich damals sehr bald -vergessen. Wenn ich ihn später seltene Male traf, so -sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch überhaupt. -Und plötzlich jetzt, zwanzig Jahre später in -Sibirien, fiel mir diese ganze Begegnung mit einer solchen -Klarheit, bis in das kleinste Detail ein. Das heisst also, -dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte, unbewusst, -ganz allein und ohne meinen Willen, und plötzlich ist sie -dann aufgetaucht, wann sie nötig war. -</p> - -<p> -Es tauchte dieses sanfte, mütterliche Lächeln des -armen leibeigenen Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein -Kopfschütteln, sein „Geh schon, bist erschrocken, Kleiner!“ -Und besonders sein dicker, mit Erde beklebter Finger, mit -welchem er still und mit sanfter Zärtlichkeit meine zuckenden -Lippen berührt hatte. Gewiss hätte ein jeder einem -kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser -einsamen Begegnung geschah etwas von gleichsam ganz -anderer Art, und wenn ich sein leiblicher Sohn gewesen -wäre, so hätte er mich nicht mit einem von hellerer Liebe -leuchtenden Blicke ansehen können — wer aber hat ihn -dazu genötigt? Er war unser eigener Höriger, ich aber -war immerhin sein junges Herrchen; das hätte niemand -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -erkannt, als er mich streichelte und mich es nicht fühlen -liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder? Solche -giebt es. Die Begegnung war in völliger Abgeschiedenheit -erfolgt, auf einem öden Feld, und nur Gott sah vielleicht -von oben, mit welchem tiefen und heiligen Menschheitsgefühl, -und mit welcher feinen, fast weiblichen Zartheit -das Herz manches groben, tierisch unwissenden, leibeigenen -russischen Bauern erfüllt sein kann, eines solchen, -der seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht -ahnte. — Sagt mir, ist es nicht das, was Konstantin -Aksakow verstand, als er von der hohen Bildung unseres -Volkes sprach? -</p> - -<p> -Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg -und mich rings umsah, da, ich erinnere mich dessen, -fühlte ich plötzlich, dass ich mit ganz anderen Blicken -auf diese Unglücklichen zu schauen vermochte, und dass -mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und -jeder Zorn in meinem Herzen ausgelöscht war. Ich ging -umher und schaute in die Gesichter der mir Begegnenden. -Jener geschorene und entehrte Bauer, gebrandmarkt, berauscht, -der da sein betrunkenes heiseres Lied brüllte, -das kann ja ebenfalls der nämliche Marej sein; ich kann -ja nicht in sein Herz hineinschauen.“ -</p> - -<p> -Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den -Jünglingen die Nachricht vom tragischen Ende Puschkins. -Hätten sie nicht schon Trauergewänder getragen, so hätten -sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin anlegen -zu dürfen. In jedem Falle verabredeten sie sich -auf der Reise nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft -den Ort aufzusuchen, wo das Duell stattgefunden, -und die Stube, wo der Dichter seinen Geist ausgehaucht -hatte. -</p> - -<p> -Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten -Pferden und wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -und poetischen Stimmungen, namentlich des älteren -Bruders, der: „täglich etwa drei Gedichte machte, auch -unterwegs“ —, wie Theodor in seinem Tagebuche 1876 -erzählt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die Aufnahmeprüfung -in der Mathematik: er deklamierte, disputierte -und ereiferte sich über poetische Fragen, hatte -aber doch offene Sinne für alles, was um ihn her vorging. -So machte ihm eine Scene Eindruck, die er vom Fenster -des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es -war an das Stationsgebäude eine Kurier-Trojka herangeflogen, -ein betresster und befiederter Feldjäger sprang -herab, trank ein Gläschen Schnaps und schwang sich auf -die Telega zurück, wo indessen der neue Kutscher, ein -junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht -hatte. Kaum hatte sich dieser Junge auf seinen -Platz geschwungen, als der Feldjäger aufstand und ihm -ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der -Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte. -Unmittelbar darauf setzte der Kutscher diesen Hieb in -einen Knutenstreich auf die Pferde um. Das wiederholte -sich so lange, als der Zuschauer das Gefährt nicht aus dem -Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie -durch eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang. -Dostojewsky erwähnt in späten Jahren diese Begebenheit -gelegentlich eines Artikels über den Petersburger Tierschutzverein, -dem er diesen Vorgang als Emblem auf das -Petschaft gravieren lassen möchte. -</p> - -<p> -Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die -erste Korrespondenz hervor. Wir finden darin die erste -reale Misère um einiger Kopeken willen und den ersten -philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon in der, -Dostojewsky eigentümlichen, mystischen Weise ausdrückt. -So sagt er in einem Briefe an den Bruder: „Ich weiss -nicht, ob meine traurigen Gedanken je verstummen werden -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -— mir scheint unsere Welt ist ein Fegefeuer himmlischer -Seelen — die ein sündiger Gedanke verwirrt hat — aus -der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist — eine Satire -herausgekommen.“ — — — Weiter sagt er: „Sehen, wie -unter einer spröden Hülle sich eine Welt in Qualen windet, -wissen, dass ein Willensausbruch genügt, sie zu zerbrechen, -und mit der Ewigkeit zusammenzufliessen, das wissen -und dem niedersten der Geschöpfe gleich sein — — -schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet, -Hamlet!“ Weiter heisst es: „Pascal sagt einmal: Wer -gegen die Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph“ — -eine traurige Philosophie das!“ — -</p> - -<p> -Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass -seine Lektüre sich den Franzosen zugewendet hat; er -zählt einmal auf, was er im Übungslager alles gelesen -hat: „Mindestens nicht weniger, als Du“, ruft er dem -Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor -Hugo, den er unter anderem mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit -mit Homer vergleicht, einen Homer in „christlichem, -engelhaftem Sinne“ nennt. Einen ganz ausserordentlichen -Eindruck macht auf ihn George Sand, „eine -der hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden -glücklichen Zukunft.“ So drückt er sich im -Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches aus. In der -Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung -der französischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten: -„Hast du Cinna gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht -gelesen hast! Besonders das Gespräch Augusts mit Cinna, -wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst sehen, so -sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen? -Lies ihn, erbärmlicher Mensch, und sinke in den -Staub vor Corneille ..... Übrigens“, schliesst er begütigend, -„sei mir um meiner beleidigenden Ausdrücke -nicht böse .....“ -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Sehr merkwürdig ist seine Beurteilung des Vaters. -„Mir ist leid um den armen Vater. Ein seltsamer -Charakter! Ach, wieviel Unglück hat er nicht schon ertragen! -Es ist bis zu Thränen bitter, dass man ihn mit -nichts erfreuen kann! — Und, weisst du? — Papachen -kennt die Welt ganz und gar nicht; er hat fünfzig Jahre -darin gelebt und ist bei der Meinung über die Menschen -geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen gehabt -hat. Glückliche Unwissenheit! — Allein er fühlt sich sehr -enttäuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein.“ Hier -bietet sich schon ein Stück echt Dostojewskyscher psychologischer -Feinheit, welche im Vater die Enttäuschung über -die Welt und zugleich die Unfähigkeit sieht, daraus Nutzen -zu ziehen und anderer Meinung über die Menschen zu -werden. -</p> - -<p> -Übrigens finden wir nur in den Jugendbriefen und -erst wieder in den Briefen aus des Dichters letzten Jahren -Ausbrüche persönlichster Innerlichkeit, wie wir das nennen -möchten. Dies ist indessen zum grossen Teil auf die -unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen<a id="corr-6"></a>, -deren wir oben erwähnten. Es ist da, als ob -die Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut -und die ewigen Nahrungssorgen des Dichters so recht -herauskehren wollten. Sein späterer Briefwechsel mit seiner -Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr während seiner -kleinsten Abwesenheiten täglich, so dass sie, die immer -nur sehr kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm -besitzt), den die Witwe aus begreiflichen Gründen zurückhält, -ist voll von solchen Ausbrüchen. Allein wir würden -irren, wenn wir annähmen, dass es schwunghafte Dichterbriefe -seien. Nein, so schlicht, dabei gegenständlich bis ins -kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem -Stolz über einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung, -wenn er wieder so nichtswürdig schwach gewesen, alles -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch sind sie, -wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem -gewissen Sinne. So frägt er in einem Briefe aus Moskau, -wohin er zur Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser -Feier: Was meinst du, soll ich im Frack erscheinen oder -im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz später. -</p> - -<p> -Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche -mir vom Besitzer zur Verfügung gestellt wurde, ist -leider im Schlosse des Grafen Alexis Tolstoi, dessen -Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze -Schloss zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In -dieser Korrespondenz hätten wir wohl viel Polemisches, -vieles über des Dichters politische Anschauungen ausgedrückt -gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen -über Arbeitspläne, als jene Briefe enthalten, die wir vor -uns haben. Dostojewsky hatte eine Art darüber in Briefen -zu schweigen, welche die Annahme nicht zulässt, als habe -er dies nur je nach der Person und dem Augenblick gethan. -Zur Zeit seiner grössten litterarischen Thätigkeit -bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um Äusserliches. -Doch auch davon später. -</p> - -<p> -Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky -sehr zurückhaltend; er schloss sich immer ab, -mischte sich nicht in die gemeinsamen Unternehmungen -und teilte sich niemand mit. Die Schwächeren, namentlich -die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden -hatten, verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfächern -blieb er im geometrischen Zeichnen und im Reglement -zurück, so dass er ein Jahr wiederholen musste, -was ihn um des Vaters willen sehr kränkte. Seine Briefe -an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um -Geld und Aufzählung seiner notwendigsten Ausgaben. An -den Bruder schreibt er einmal: „Du beklagst dich über -deine Armut — — auch ich bin nicht reich — da ist -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -nichts zu sagen — wirst du mir glauben, dass ich, als -wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf -dem Marsche erkrankte ich infolge Erkältung und Hunger -(es regnete den ganzen Tag und wir gingen blank) und -ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle mit einem -Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde -wieder gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand -ein erbärmlicher, bis ich Väterchens Geld bekam. Da bezahlte -ich die Schulden und behielt das Übrige zurück. -Aber die Beschreibung deines Zustandes übersteigt alles. -Kann man denn wirklich fünf Kopeken nicht haben, sich -mit Gott was füttern müssen, und nur mit lüsternen -Blicken die herrlichen Beeren betrachten, die du sehr -liebst!“ Er hat eben erst erzählt, dass er, hungrig und -krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees -gehabt; dies scheint er aber in der Entrüstung darüber, -dass sich der Bruder die geliebten Beeren nicht kaufen -kann, ganz zu vergessen. -</p> - -<p> -Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal -an den Bruder, der ihm vorwirft, Schiller nicht zu -kennen: er habe ihn mit einem teuern Freunde gelesen, -der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch der -Name Schiller ihm wehe thue, nicht über seine Lippen -komme. Er bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne, -ebenso auch Puschkins Boris Godunow; beide Manuskripte -sind in Verlust geraten. Überhaupt sieht man ihn viel -heimlich schreiben, Nächte hindurch, und einige seiner -Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfältigsten -ausgearbeiteten Roman „Arme Leute“ in der -ersten Fassung schon in der Akademie begonnen. -</p> - -<p> -Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt, -mit Belassung in der Anstalt, um den Offizierskurs -zu vollenden, und am 11. August 1842 wird er nach bestandener -Prüfung in die Offiziersklasse versetzt. In dieser -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Zeit scheint er schon auswärts gewohnt, nach dem Tode -des Vaters seine Erbschaft angetreten und den jüngeren -Bruder Andreas bei sich beherbergt zu haben, was ihn -sehr einengt und worüber er sich gegen Michael beklagt. -</p> - -<p> -Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem höheren -Offizierskurs aus und wurde dem Petersburger Kommando -des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun scheint ein freies, genusssüchtiges -und sehr kostspieliges Leben für ihn begonnen -zu haben. Seine Jahreseinkünfte waren durchaus -nicht gering; er bezog eine jährliche Rente und einen -Offiziersgehalt, die zusammen 5000 Rubel ausmachten. -Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte, andererseits -ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner -Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte -sehr fleissig das Theater, „auch das Ballett“, sagt Orest -Miller, alle kostspieligen Konzerte etc. Zudem mietete -er eine geräumige Wohnung, nur weil ihm das Gesicht -des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser -Mann nie stören würde. Freilich standen in der grossen -Wohnung nur ein Bett, ein Divan, ein Tisch und einige -Stühle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur sein Arbeitskabinett -heizbar war, also lebte er in diesem, behielt jedoch -die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung -seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen -Diener bei sich behielt, der ihm auch so sympathisch war, -dass keine Mahnung, er solle ihn weggeben, da er ihn bestehle, -bei ihm Eingang finden konnte. „Mag er mich doch -bestehlen,“ sagte Dostojewsky, „er wird mich nicht ruinieren.“ -Thatsächlich, erzählt O. Miller, ruinierte dieser -Diener ihn doch, denn er hatte eine Geliebte mit grosser -Familie, die schliesslich alle auf Kosten seines Herrn -lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in Schulden -geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste. -Als es anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -allem zurück, schloss sich in sein Arbeitszimmer ein und -verkehrte mit niemand. Nach den Mitteilungen des -Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft besuchte, -war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend, -ohne es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge -einer schweren Halskrankheit, die er noch im Elternhause -durchgemacht hatte, beständig heiser, seine Gesichtsfarbe -erdfahl. -</p> - -<p> -Hier beginnt seine intensive Beschäftigung mit der -Litteratur; er liest viel französisch: Balzac, George Sand, -Victor Hugo, Lamartine, Soulié. Entwürfe zu Erzählungen -jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen Beschäftigungen -war ihm sein militärischer Beruf eine grosse -Last, die er indes nicht abzuschütteln wagte, weil der -Vormund ihm mit Entziehung seiner Rente drohte. -</p> - -<p> -Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu -jener Zeit waren, davon giebt uns die Erzählung Dr. Riesenkampfs -ein drastisches Bild. Zur Zeit der grossen Fasten -im Jahre 1842 sei plötzlich ein Geldzufluss bei Dostojewsky -sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der -eben angekommen war, sowie die des Sängers Rubini und -eines berühmten Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn -Riesenkampf in einer Aufführung von Puschkins „Ruslan -und Ludmila“. Im Mai aber schloss er sich abermals ein -und versagte sich jedes Vergnügen, um sich zur letzten -Prüfung vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf -zur medizinischen Prüfung vorbereitet, erkrankte -infolge zu grosser Anstrengung und hütete noch am -30. Juni das Bett. Da erscheint plötzlich Dostojewsky -an seinem Lager, bis zur Unkenntlichkeit verändert; -strahlend, gesund aussehend, mit sich und dem Schicksal -zufrieden, denn er hatte eben die Prüfung sehr gut bestanden, -war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen; -hatte überdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -erhalten, dass er imstande war, seine Schulden zu bezahlen. -Zudem hatte er einen längeren Urlaub bekommen, -den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich inzwischen -verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er -am folgenden Morgen zu unternehmen gedachte. Nun -zerrt er den Freund aus dem Bette, kleidet ihn an, setzt -ihn auf einen Wagen und führt ihn in eines der ersten -Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein -gesondertes Zimmer mit einem Flügel, bestellt ein lukullisches -Mahl mit kostbaren Weinen und nötigt den kranken -Freund, mit ihm zu essen und zu trinken. Diese zwingende -Heiterkeit wirkte wohlthätig auf den Kranken; er ass und -trank, musizierte und — wurde gesund. Am anderen -Morgen begleitete er den Freund zum Dampfer! -</p> - -<p> -In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche -Unduldsamkeit einen sehr üblen Eindruck empfangen zu -haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen die Deutschen, -denen er höhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt liess. -</p> - -<p> -Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner -Frau Theodor mit neuer Wäsche und Kleidern ausgestattet -und bat nun Riesenkampf, welcher auch nach Reval -gekommen war, er möge, da er sich in Petersburg niederlasse, -gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er, -der niemals etwas über den Stand seiner Habe wisse, sich -an dessen deutscher Ordnungsliebe ein Beispiel nehme. -Als Riesenkampf im September 1843 nach Petersburg -zurückkam, erfüllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor -ohne eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar -auf Kredit, lebend. „Theodor Michailowitsch,“ schliesst -er den Bericht, „gehört zu jenen Personen, neben denen -zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in Not -sind.“ Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner -Vertrauensseligkeit und Güte wollte er den Dingen weder -auf den Grund gehen noch seine Diener samt Anhang -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -beschuldigen, die sich seine Harmlosigkeit zu nutze -machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem Arzte -war ein neuer Anlass zu vergrösserten Auslagen. „Jeden -armen Teufel nämlich, der um ärztlichen Rat zum Doktor -kam, nahm er wie einen teuren Gast auf,“ erzählt Orest -Miller. — Darüber zurecht gewiesen, antwortete er entschuldigend: -„Da ich mich daran mache, die Lebensweise -armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit -habe, das Proletariat der Hauptstadt näher -kennen zu lernen.“ Bei Abschluss der Monatsrechnungen -fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren -Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte; -nicht nur Bäcker und Krämer, sondern auch Schneider -und Schuster reichten unerhörte Rechnungen ein. Dazu -war die Wäsche und Garderobe, die bei jedem Geldzufluss -immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz zusammengeschmolzen. -Seine äusserste Not dauerte um diese Zeit -zwei Monate. Da plötzlich fand ihn der Doktor eines -Tages laut, selbstbewusst und stolz im grossen Saale auf -und ab gehen — er hatte aus Moskau 1000 Rubel erhalten. -„Am anderen Morgen aber,“ erzählt Dr. Riesenkampf, -„kam er wieder in seiner gewöhnlichen stillen, -sanften Weise in mein Schlafzimmer und bat mich, ihm -5 Rubel zu leihen.“ Der grösste Teil des Geldes war -zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was übrig -blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten -50 Rubel waren ihm von einem Fremden, den er zu sich -gerufen und in seinem Zimmer allein gelassen hatte, gestohlen -worden. -</p> - -<p> -Im März 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg -scheiden und Theodor Michailowitsch zurücklassen, -ohne dass sein deutsches Beispiel etwas gefruchtet hätte. -</p> - -<p> -Um diese Zeit herum beschäftigt sich der Dichter, -um Geld zu verdienen, mit Übersetzungen. Er übersetzt -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Eugenie Grandet von Balzac, Schillers Don Carlos und -George Sand, wofür er 25 Papierrubel für den Druckbogen -erhält. Nun reicht er um Entlassung aus dem -Militärdienst ein, „denn“, schreibt er an den Bruder, „ich -bin des Dienstes überdrüssig, überdrüssig wie einer Kartoffel“ -— — — -</p> - -<p> -In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er: -„Ich habe einen Roman geschrieben, im Umfange der -Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin seiner Dienstentlassung) -werde ich gewiss schon Antwort darüber haben. -Er ist ziemlich originell.“ -</p> - -<p> -Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch -so zu begegnen, dass er auf seinen Gutsanteil verzichtet, -wenn man ihm 500 Silberrubel sofort, später abermals -500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer „verloren“, -wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht -um aller Heiligen willen, der Bruder möge ihm helfen, -sonst müsse er ins Gefängnis. „Chlestakow“ (aus Gogols -„Revisor“), sagt er, „erklärt sich bereit ins Gefängnis zu -gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich aber -nobel ins Gefängnis gehen, wenn ich keine Hosen habe?“ -Dabei ist der Brief noch immer aus der kostspieligen -Wohnung datiert. In der Nachschrift heisst es: „ich bin -mit meinem Roman ausserordentlich zufrieden“. Er blickt -auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er sieht -in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und -nun, nachdem er ihn dem Dichter Njekrássow übergeben, -welcher damals an der Redaktion des „Zeitgenossen“ teilnahm, -kommt für ihn die bedeutende grosse Lebenswende, -die er uns 30 Jahre später in seinem Tagebuch eines -Schriftstellers folgendermassen erzählt, wobei begreiflicherweise -im Gedächtnis des Dichters eine kleine Verschiebung -bezüglich des Zeitpunktes stattfindet. -</p> - -<p> -„Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -wir haben einander [hier ist der Dichter und Njekrássow -gemeint] nicht oft im Leben gesehen, es hat auch Missverständnisse -zwischen uns gegeben — aber etwas hat sich -doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals -habe vergessen können. Und nun, als ich unlängst Njekrássow -besuchte, fing er, der Kranke und Erschöpfte, -beim ersten Worte an, von diesen Tagen zu sprechen. -Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so -jugendliches, frisches, hübsches, eine der Begebenheiten, -die für immer im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir -waren damals etwas über zwanzig Jahre alt. Ich lebte -nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon ein -Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen -würde, voll von dunklen, unbestimmten Zielen. Es war -im Mai des Jahres 1845. Anfangs des Winters hatte ich -plötzlich meine Erzählung „Arme Leute“ begonnen, ohne -vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzählung -beendet hatte, wusste ich nicht, was ich damit -anfangen, wem ich sie übergeben sollte. Litterarische Bekanntschaften -hatte ich absolut gar keine, ausser etwa -D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst -ausser einer kleinen Erzählung für eine Sammlung (die -Erzählung hiess „Petersburger Leiermänner“) noch nichts -geschrieben. Ich glaube, er war damals im Begriff nach -seinem Landsitz hinauszufahren; vorläufig wohnte er für -einige Zeit bei Njekrássow. Als er einmal zu mir kam, -sagte er: „Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es -selbst noch nicht gelesen); Njekrássow will zum nächsten -Jahr ein Sammelwerk herausgeben, und da will ich ihm -das Manuskript zeigen.“ Ich brachte es ihm, sah Njekrássow -etwa eine Minute — wir reichten einander die -Hand. — Ich schämte mich bei dem Gedanken mit meinem -Werke gekommen zu sein und ging so schnell als möglich -fort, fast ohne mit Njekrássow ein Wort gesprochen -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser -„Partei der Vaterländischen Annalen“ (eine Zeitschrift, -welche damals von einer Anzahl vortrefflicher und gesinnungstüchtiger -Schriftsteller und Kritiker herausgegeben -wurde), wie man sie damals nannte, fürchtete ich mich. -Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung, -aber er erschien mir fürchterlich, dräuend und — -der wird meine „Armen Leute“ verlachen — dachte ich -manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich hatte die -Erzählung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thränen -geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese -Augenblicke, die ich mit der Feder in der Hand bei dieser -Erzählung verlebt hatte, sollte das alles Lüge, Gaukelei, -unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte ich nur -für Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich -wieder. -</p> - -<p> -Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift -abgegeben hatte, ging ich irgendwo hin, weit fort, -zu einem ehemaligen Kameraden; wir sprachen die ganze -Nacht durch über die „toten Seelen“; wir lasen darin, ich -weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter -den jungen Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen: -„Wollen wir nicht etwas im Gogol lesen, meine Herren?“ -Sie setzten sich und lasen — wohl meist die ganze Nacht -durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr -viele, die von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend -etwas erwarteten. Ich kehrte nach Hause zurück — es -war schon vier Uhr morgens, eine weisse, taghelle Petersburger -Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als -ich in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht -zu Bette, sondern öffnete das Fenster und setzte mich -daran. Plötzlich höre ich zu meinem grössten Erstaunen -die Thürklingel ertönen — und da stürzen auch schon -Gregorowitsch und Njekrássow über mich her, umarmen -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -mich in voller Entzückung, und es fehlt nur noch, dass -sie beide zu weinen anfangen. Sie waren am Vorabend -zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die Hand -genommen und zur Probe zu lesen angefangen — „nach -zehn Seiten wird man schon sehen“. — Aber nachdem sie -zehn Seiten gelesen hatten, beschlossen sie weitere zehn -zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne Unterbrechung -die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablösend, -wenn dieser ermüdet war. „Er liest vom Tode des -Studenten“, erzählte mir später, als wir allein waren, -Gregorowitsch, „und da, an der Stelle, da der Vater dem -Sarge nachläuft, merke ich, wie Njekrássows Stimme umschlägt, -einmal, das zweite Mal, und plötzlich hält er’s nicht -aus und schlägt mit der flachen Hand auf das Manuskript -„Ach! dass ihn doch! — damit meinte er Sie, und so -gings die ganze Nacht“. -</p> - -<p> -Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!), -da beschlossen sie einstimmig, sofort zu mir -zu gehen. „Was liegt daran, dass er schläft, wir wecken -ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf!“ — Wenn ich -später den Charakter Njekrássows betrachtete, wunderte -ich mich öfters über diesen Augenblick. Sein Charakter -ist verschlossen, misstrauisch, vorsichtig, wenig mitteilsam. -So wenigstens ist er mir immer erschienen, sodass dieser -Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die -Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben -damals etwa eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben -Stunde sprachen wir, weiss Gott was alles durch, einander -in halben Worten verstehend, in Ausrufungen, hastig — — -Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der „damaligen -Lage“, natürlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus -seinem Revisor, aus seinen „toten Seelen“ citierten. Aber -hauptsächlich sprachen wir von Belinsky. „Noch heute -bringe ich ihm Ihre Erzählung, und Sie werden sehen — -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -ja das ist ein Mensch, o was für ein Mensch ist das!“ -rief Njekrássow mit Entzücken, indem er mich mit beiden -Händen an den Schultern fasste und schüttelte. „Nun aber -gehen Sie schlafen, schlafen Sie, wir gehen fort und morgen -— zu uns“. Wie hätte ich daraufhin einschlafen können! -Welches Entzücken, was für ein Erfolg! und vor allem -das kostbare Gefühl, ich erinnere mich dessen sehr gut: -hat ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglückwünscht -ihn, man kommt ihm entgegen — aber seht, diese -kommen mit Thränen in den Augen herbeigelaufen, um -vier Uhr morgens, um mich zu wecken, „weil das mehr -wert ist, als der Schlaf“! — Ach! wie schön! so dachte -ich; wo wäre da Schlaf gekommen? -</p> - -<p> -Njekrássow brachte das Manuskript den selben Tag zu -Belinsky. Er betete Belinsky an und es scheint, dass er -ihn sein lebenlang mehr geliebt hat, als alle andern. Damals -hatte Njekrássow noch nichts von der Bedeutung geschrieben, -wie dies ihm im nächstfolgenden Jahre gelingen sollte. -Njekrássow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefähr -sechzehn Jahre in Petersburg. Er schrieb ungefähr schon -seit seinem sechzehnten Jahre. Über seine Bekanntschaft -mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat ihn gleich -anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen -Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des -damals noch jugendlichen Alters Njekrássows und des -grossen Altersunterschiedes, der zwischen ihnen bestand, -waren sicherlich auch damals solche Augenblicke vorgekommen -und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche -auf das ganze Leben Einfluss nehmen und unlösbare Bande -knüpfen. -</p> - -<p> -„Ein neuer Gogol ist erstanden“, rief Njekrássow, als -er, die „armen Leute“ in der Hand, bei Belinsky eintrat. -„Bei Euch wachsen die Gogols wie die Pilze“, antwortete -ihm strenge Belinsky, — aber er nahm das Manuskript. — -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Als Njekrássow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen -„geradezu bewegt“: bringen Sie ihn her, bringen -Sie ihn schnell! -</p> - -<p> -Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage) -zu ihm. Ich erinnere mich, dass mich beim ersten Anblick -sein Äusseres sehr frappiert hat; seine Nase, sein -Kinn — ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus -anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren -Kritiker. Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst -und grosser Zurückhaltung. „Nun es muss ja auch so sein“, -dachte ich bei mir; allein es verging kaum eine Minute -und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst -einer bedeutenden Persönlichkeit, eines grossen Kritikers, -welcher einem 22jährigen Jünglinge entgegen kam, der -eben seine schriftstellerische Laufbahn betritt, sondern -dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung vor jenen -Gefühlen, die er so schnell als möglich in mich giessen -wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen -sich gedrängt fühlte. Er redete mich nun leidenschaftlich, -mit leuchtenden Augen an: „Ja, verstehen Sie denn -selbst — wiederholte er mehreremale, nach seiner Gewohnheit -schreiend —, was Sie da geschrieben haben?“ Er -schrie immer, wenn er in starker Bewegung sprach, „das -haben Sie nur durch unmittelbares Gefühl, nur als Künstler -schreiben können. Aber haben Sie denn selbst die schreckliche -Wahrheit bedacht, auf die Sie uns hingewiesen haben? -Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das -verstehen könnten. Ja, dieser Ihr unglücklicher Beamte, -ja, der ist schon dahin gekommen und hat sich selbst schon -dahin gebracht, dass er sich selbst aus Erniedrigung sogar -nicht mehr einen Unglücklichen zu nennen wagt und -die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der es -nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglücklich -zu sein, und als ihm der gute Mensch, der General, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -jene 100 Rubel giebt, ist er ganz zermalmt, ganz vernichtet -vor Verwunderung, dass „ihre Excellenz haben“ einen -solchen, wie er ist, bemitleiden können, „ihre Excellenz -haben“, wie Sie ihn sich ausdrücken lassen, nicht „seine -Excellenz hat“. Und der abgerissene Knopf, und der -Augenblick, da er dem General das Händchen küsst, ja, -da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglücklichen, da ist -Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas -Grauenhaftes, das ist eine Tragödie. Sie haben das innerste -Wesen der Sache getroffen, das allerwichtigste mit einem -Strich gezeigt. Wir Publizisten und Kritiker beurteilen -nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklären, aber -Sie, der Künstler, stellen mit einem Strich die tiefste -Wesenheit der Sache im Bilde hin, so dass man es auf -einmal fassen kann, dass dem urteilslosesten Leser mit -einem Male alles begreiflich werde. Da haben Sie das -Geheimnis des Künstlertums, da haben Sie die Wahrheit -in der Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie -offenbart und verkündet als einem Künstler; Sie haben -sie als ein Geschenk empfangen. — Schätzen Sie also -diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden ein -grosser Künstler werden!“ -</p> - -<p> -Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er -auch später über mich vielen anderen, die jetzt noch leben -und es bezeugen können. Ganz berauscht ging ich von -ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses stehen, sah -den Himmel über mir, sah den hellen Tag, die Vorübergehenden, -und fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass in -meinem Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, -ein Durchbruch nach der Ewigkeit, etwas ganz Neues; -aber etwas, das ich damals auch in meinen leidenschaftlichsten -Träumen nicht vermutet hatte (und ich war damals -ein schrecklicher Träumer!). „Wär’ es möglich, bin ich in -Wahrheit so gross?“ — dachte ich schamhaft, in einer Art -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -schüchterner Entzückung, bei mir. O, lachet nicht! -Niemals nachher habe ich gedacht, dass ich gross sei, aber -damals — konnte man denn das ertragen! O, ich werde -dieses Lobes würdig sein! — Und was für Menschen, was -für Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten -so prächtig zu werden wie sie, ich werde ausharren, getreu -sein! O, wie bin ich doch leichtsinnig! Wenn Belinsky -nur sähe, was für niedere, schändliche Dinge in mir sind! -Übrigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen -allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das -Gute und Wahre siegen und triumphieren überall. — So -werden wir über das Böse und das Laster siegen — o, -zu ihnen also, mit ihnen! ...... -</p> - -<p> -Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks -in seiner ganzen Klarheit, und niemals habe ich ihn -später vergessen können; das war der hinreissendste Moment -meines ganzen Lebens. -</p> - -<p> -Mit dieser Erzählung „Arme Leute“, sagt N. Strachow, -„hat Dostojewsky einen neuen Ton in die russische Litteratur -gebracht. Die Situation und die Figur des armen Helden, -welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hauptfigur aus -Gogols „Mantel“ hat, weist Züge rührender Schönheit und -Herzenseinfalt auf, während Gogol nur das Factum, das -Erniedrigende und Lächerliche desselben darstellt“. Dass -Dostojewsky mit vollem Bewusstsein diesen grossen Schritt -gethan und diesen echt russischen Zug von Teilnahme und -Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die Litteratur -gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin -(der Held), dem das geliebte Mädchen Bücher leiht und -einmal Gogols „Mantel“ zu lesen anrät, diese Erzählung -als ein böswilliges Pasquill auf alle Armen aufnimmt, „die -man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann“, und sich in -seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben — einen -Rausch antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schärfste Kritik -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Gogols, den er im übrigen unendlich bewundert und den -er sich infolge ähnlicher Anlage zum Humor eine Zeit lang -äusserlich zum Muster nimmt. — Wir mussten länger bei -dieser Erzählung verweilen, weil sie eigentlich schon das -„Leitmotiv“ der litterarischen Thätigkeit von Dostojewskys -ganzem Leben anstimmt. Im Gegensatze zu anderen -Dichtern, welche in ihren Erstlingswerken höchst unoriginal -sind und erst später zu sich selbst kommen, setzt -Dostojewsky kräftig und zielbewusst mit dem Ton an, der -durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hört, -und um deswillen allein er schreibt. Seine Biographen -und Arbeitsgenossen nennen vier Anlässe oder Anläufe des -Dichters, welche seine vier, nach ihrer Grundidee bedeutendsten -Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse Etappen -auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters -Freund und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: „In seiner -litterarischen Thätigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft -und Energie gezeigt, wie kein Zweiter. Er hatte Perioden -der Erschlaffung, gleichsam des Verfalles — dann aber hat -er sich immer wieder höher aufgeschwungen als je zuvor -und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt. -Man kann vier solche neue Krafterhöhungen bei ihm nachweisen: -1. „Arme Leute“, 2. „Das Totenhaus“, 3. „Schuld -und Sühne“ und endlich 4. „Das Tagebuch eines Schriftstellers“. -</p> - -<p> -Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich äusserliche -zu sein. Die vier Grundideen, welche sich in diesen vier -Werken äussern, sind durchaus einheitlich und nur verschiedene -Äusserungen des in „Arme Leute“ angeschlagenen -Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden, -so wird man, nämlich seiner Wirkung nach aussen -nach, finden, dass zwei andere Werke es noch kräftiger, -eindringlicher, zwingender durchführen. Diese Werke sind: -„Der Idiot“ und „Die Brüder Karamasow“. Wir werden -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -bei der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf -zurückkommen. Gleichwohl wird der aufmerksame Leser -von Dostojewskys Werken in Bezug auf seine litterarische -Entwickelung zwei Epochen seiner schriftstellerischen Thätigkeit -unterscheiden. Die erste Phase, welche gleich nach -dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in „Arme -Leute“ beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl -der Stoffe, als was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar -nach dem Erfolge der „Armen Leute“, die indessen -noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrássow die -Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden -sollte, erst 1846 herauszugeben dachte — also im Jahre -1845 macht sich Dostojewsky daran, den „Doppelgänger“, -den er schon lange mit sich herumgetragen und von dem -er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen. -Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhältnisse gequält, -schreibt er, wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval, -an seinen Bruder: -</p> - -<p> -.... „Wie traurig war es mir zu Mute, als ich -nach Petersburg hineinfuhr ...... Wenn mein Leben -in diesem Augenblicke abgerissen wäre, so wäre ich, -scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat -sich zu Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den -verwaisten Schlüssel meines 600 Rubel-Quartiers, dessen -Zins ich schuldig bin ... Gregorowitsch und Njekrássow -sind nicht in Petersburg .... Sie werden kaum bis zum -15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten -muss, um zu leben. Meine Arbeit verträgt keinen Zwang ... -Ich bin jetzt selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem -ich mich übrigens gleich morgen beschäftigen werde. Goljadkin, -der abscheuliche Schuft, will durchaus nicht vorwärts, -will durchaus vor der Hälfte November seine Carriere -nicht vollenden“ .... -</p> - -<p> -Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: „Überall -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -unglaubliche Ehrerbietung, überall eine schreckliche -Neugierde in Bezug auf mich: Fürst Odojewsky bittet mich, -ihn mit meinem Besuch zu beglücken, und Graf Sologub -reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat -ihm gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den -Staub tritt“. Weiter schreibt er: „Dieser Tage war ich -ohne einen Groschen; Njekrássow hat indessen „Zuboskala“, -einen prächtigen humoristischen Almanach, ins Leben gerufen, -dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede -hat Lärm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld -hatte, ging ich zu Njekrássow, und als ich so bei ihm sass, -kam mir die Idee eines Romans in neun Briefen. Nach -Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer Nacht; -er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt -werden. Du wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter -ist, als Gogol“. Weiter schreibt er: „Ich denke, ich werde -Geld bekommen; Goljadkin wird vortrefflich — er wird -mein chef d’oeuvre sein“. Als Nachschrift heisst es: -„Belinsky schützt mich vor den Unternehmern“. Eine -zweite Nachschrift lautet: „Ich habe meinen Brief überlesen -und finde mich erstens ungrammatikalisch und zweitens -einen Prahler“. Eine letzte Nachschrift sagt: „Die Minnuschkas, -Claruschkas und Mariannen etc. sind unglaublich -schöner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich -waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich -über mein unordentliches Leben ausgescholten“. In einem -Briefe vom 1. Februar 1846 teilt Dostojewsky seinem Bruder -mit, dass er endlich am 28. des vorhergegangenen Monates -„seinen Schuft Goljadkin“ vollendet habe. Dann weiter: -„Für Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen; -ausserdem erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich -nach meinem Abschied von Dir schon 3000 ausgegeben -habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das ist die ganze -Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schön -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -möblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr -gut“. (Folgt die Adresse, zufällig dasselbe Haus, in dem -er starb.) Zum Schluss schreibt er: „Ich bin nervenkrank -und fürchte ein Nervenfieber; regelmässig leben kann ich -nicht, so sehr bin ich unordentlich“. -</p> - -<p> -Zwei Monate später, am 1. April, schreibt er: -</p> - -<p> -„In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so -vieles, das für mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes -und Widerwärtiges auch, dass ich selbst nicht -Zeit habe, darüber nachzudenken. Erstens bin ich sehr -beschäftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhörlich. -Denke nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens -habe ich gerade 4500 Rubel verbraucht seit der Zeit, da -wir uns trennten, und habe um 4000 Papierrubel von -meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts, -mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb -zweier Monate wurde 35 mal in verschiedenen Werken -von mir gesprochen ... aber was widrig und quälend -ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem -Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses -Entzücken, Reden, Lärm, Auseinandersetzungen, -dann Kritik: Alle, das heisst die Unsern und das ganze -Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so langweilig -und fade, so in die Länge gezogen ist, dass es unmöglich -ist, ihn zu lesen.“ Weiter sagt er zu seinem eigenen -Troste: „Alle sind zornig über diese Längen, und alle -lesen es doch über Hals und Kopf und lesen es wieder -über Hals und Kopf.“ Noch weiter sagt er: „Ich habe -ein schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und -Ehrliebe ... mir ist jetzt Goljadkin widerwärtig; vieles -darin ist in Hast und Ermüdung geschrieben. Die erste -Hälfte ist besser als die letzte; auf glänzend geschriebene -Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die -Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -es, was mir in der ersten Zeit zur Hölle wurde, und ich -bin aus Kummer krank geworden.“ -</p> - -<p> -Man sieht aus diesen überschwänglichen Mitteilungen, -wie sehr der erste Erfolg dem 24jährigen Dichter zu -Kopf gestiegen war und seine Selbstkritik geschädigt -hatte, da er den Roman in neun Briefen „eine Perle, nicht -schlechter als Gogol“ und den Doppelgänger sein chef -d’oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen -angestossen, fällt sein Selbstbewusstsein, da „Alle, alle, -die Unsern, sowie das Publikum über den Doppelgänger -losziehen.“ -</p> - -<p> -Es ist für den Dichter eben jetzt erst die Zeit der -Nachahmung und des Suchens nach seinem Stil angebrochen, -ein Herumtasten, das ihn einerseits auf die Wege -Gogols und der Humoristen führte, denen er seiner Anlage -nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs -und George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der überwuchernde -Reichtum seiner ethischen Phantasie und namentlich -die Lust an Scenen- und Situationenwechsel verführen -mochte. Dieser Periode des Tastens entsprangen -ausser dem Doppelgänger und dem Roman in neun Briefen -sehr bemerkenswerte kleinere und grössere Erzählungen, -auf die wir an ihrer Stelle im einzelnen zurückkommen -werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine unwiderstehliche -Situationskomik, wie in der „Frau des Andern“, „Eine -heikle Geschichte“, ferner ein kräftig satirischer Zug, -wie in „Das Krokodil“, und eine unendliche Zartheit und -ehrfürchtige Jugendlichkeit in der Zeichnung weiblicher -Gestalten, wie in „Njetotschka Njezwanowa“ und „Helle -Nächte“. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe -von Dostojewskys Schöpfungen in deutscher -Sprache giebt, welche sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung -und damit ein übersichtliches Bild der inneren -und äusseren Entwickelung des Dichters brächte. Es -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -würden daraus dem eindringenden Leser die zwei Phasen -vor und nach Sibirien sofort erkennbar werden; es würde -daraus erhellen, wie der Dichter allmählich sich wieder -findet, auf die glänzendste Komik und die reichste Ausgestaltung -der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und -Geldmangel, oder weil ihm der Humor ausgegangen wäre, -verzichtet, und immer kräftiger, unentwegter auf das Ziel -seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis er zuletzt zum „Tagebuch -eines Schriftstellers“ gelangt, das ihm ermöglicht, -ganz subjektiv, ohne Umschweife und künstlerische Umwege, -rein publizistisch „die Wahrheit“ zu verkünden. — -„Denn“, sagt er immer wieder, „ein Journal ist eine -grosse Sache“. -</p> - -<p> -Wir haben diese Abschweifung für notwendig erachtet, -weil mit dem Hinweis auf die einheitliche Grundidee -seines ganzen Lebenswerkes, die sich so mächtig in seinen -Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen ist, von -wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thätigkeit und -sein Streben bis ans Ende klar überblicken können. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -„Der Doppelgänger“ schildert den Zustand eines im Grunde -mittelmässigen Menschen, welcher aus dem Unvermögen heraus, -das wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er -darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs -zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensäusserungen, die -seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem -Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verübt, so ist -Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so -dass er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich, -das, er sein möchte, als Hallucination fortwährend an seiner -Seite sieht, bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in -ein Irrenhaus gebracht wird. Nun wäre dieser Vorgang an sich -verständlich <a id="corr-10"></a>und mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung -ergreifend, deutlich, wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit -verübt hätte, welche die Einheit des Werkes und dadurch -dessen Klarheit zerstört. Er stellt nämlich da, wo es zum Ausbruch -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -der Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen -sichtbaren Doppelgänger und zugleich Namensvetter des Herrn -Goljadkin mitten in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult, -unter Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lässt in -Wirklichkeit den Narren durch seinen klugen, streberhaften -Doppelgänger verdrängen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes -Mittel gefunden hätte, um uns zu zeigen, dass oft kluge -Routine allein sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht -ausreicht, um in der Erscheinung ein Charakter zu werden. -Man wüsste sonst nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte -deus ex machina auftaucht, dessen es nicht bedurft hätte, um -die Tragödie eines isolierten Charakters, wie ein geistvoller -Essayist den Doppelgänger nennt, darzustellen. -</p> - -</div> - -<p> -In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen -darüber, dass das Buch ein „Bekenntnis“ und -ein specifisch russisches Bekenntnis ist, dass es einem -Grundfehler des „russischen Menschen“ an den Leib geht -und dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige -Zerrüttung beginnt, die im Wahnsinn endet. -</p> - -<p> -Der „Roman in neun Briefen“ entstand, wie wir gesehen -haben, ebenfalls in der ersten Epoche von Dostojewskys -schriftstellerischer Thätigkeit und, wie wir ja aus seinem -Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht. Er ist nichts -weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der -Dichter mit Meisterschaft die ebenbürtige, wenn auch sehr -verschieden nuancierte Niederträchtigkeit von fünf Personen -in knappster Weise in neun Briefen heraus arbeitet. -</p> - -<p> -Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem -Brief an den Bruder noch einmal auf den unglücklichen -Goljadkin zurück und erzählt, Belinsky habe eigens einen -Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew eingeladen -gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser -Erzählung höre. Allein Turgenjew entfernte sich sehr -bald nach Beginn der Vorlesung, äusserte sich sehr lobend, -war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder vier Kapitel -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -hätten Belinsky sehr gefallen, „obwohl sie es nicht wert -waren“, wie Dostojewsky sich ausdrückt, worauf er sagt, -dass diese Erzählung, der eine der ernstesten Ideen zu -Grunde liege, welche der Dichter bis heute in die Litteratur -eingeführt habe, dennoch misslungen sei. Er hat sie nach -15 Jahren einer gründlichen Umarbeitung unterzogen, sie -aber dann noch als eine „völlig misslungene Sache“ bezeichnet. — -</p> - -<p> -Des Dichters äussere Verhältnisse zeigen in dieser -Zeit immer dasselbe Bild grösster Veränderlichkeit und -Unordnung, dem immer auch ein Wechsel in der Stimmung -entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses Selbstgefühl. -So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845: -„Ein ganzer Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht“. -Die bedeutendsten darunter scheinen ihm Gontscharow und -Herzen zu sein. „Man lobt sie ausserordentlich“, fährt -er fort „der Vorrang aber bleibt vorläufig noch mir und -wird wohl immer mir bleiben“. -</p> - -<p> -Allerlei Pläne schwirren in seinem Kopfe herum. Er -beginnt für Belinskys „Vaterländische Annalen“ zwei kleine -Geschichten: „Der rasierte Backenbart“ und „Die zerstörten -Kanzleien“. — Diese letztere dürfte wohl die unter -dem Namen „Herr Prohartschin“ später erschienene Geschichte -sein. „Beide“, sagt er, „haben ein erschütterndes, -tragisches Interesse und sind — dafür stehe ich Dir -gut — schneidig bis aufs äusserste“. Auch eine gemeinsame -Übersetzung von Goethes Reineke Fuchs schlägt er -dem Bruder vor. -</p> - -<p> -Nach einem zweiten Besuch in Reval kündigt er dem -Bruder an, dass er abermals ausziehen werde, zwei kleine, -möblierte Zimmer in Aftermiete genommen habe, wohin -er indes, wie wir später sehen werden, gar nicht übersiedelt. -Er erzählt ferner, dass im „Zeitgenossen“, einer -von Njekrássow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Vermächtnis erscheine, worin dieser sich von allen seinen -Werken lossage. „Also,“ fügt er hinzu, „ziehe selbst den -Schluss daraus.“ — Dass man seinen Prohartschin in der -Zeitschrift Njekrássows zu besprechen beginne, teilt er -auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von -Trauer und Melancholie, „wo es am besten sei zu -schweigen“. Es ist diese Stimmung nämlich die Folge -eines rivalisierenden Geplänkels der Redakteure, denen -er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld -zu kommen. Namentlich scheint Njekrássow immer in -sehr kaufmännischer Weise alle Transaktionen geleitet zu -haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von Dostojewskys -Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter -einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend -in sein äusseres Leben eingreifen. Es sind die Brüder -Beketow, vor allem aber S. D. Janowsky, mit dem er -noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen sollte. -Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung, -sich unabhängig zu machen, und voll Durst nach -heiliger Kunst, nach einer reinen, heiligen Arbeit, mit der -ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens, „das noch nie in ihm -so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue Bilder -in seiner Seele erstehen. Bruder,“ sagt er, „ich bin in -einer Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern -auch physisch; noch niemals habe ich eine solche Fülle -und Klarheit in mir getragen, so viel Gleichmässigkeit des -Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden. Darin -bin ich meinen teueren Freunden Beketow und — anderen -tief verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thätige, -gescheite Menschen, Menschen, die ein vortreffliches Herz, -Seelenadel, Charakter haben ... sie haben mich durch -ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe ich -ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten; -wir haben eine grosse Wohnung aufgenommen, und die -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Gesamtauslagen für die Erhaltung jedes einzelnen übersteigen -nicht 1200 Rubel jährlich. So gross ist die Wohlthat -der Association.“ -</p> - -<p> -Dieser Schluss dürfte, wie Orest Miller richtig bemerkt, -wohl schon im Zusammenhang mit Dostojewskys -neuester Beschäftigung stehen, mit dem Sozialismus: -</p> - -<p> -Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschäftigung -mit dem Sozialismus ist wohl der Umstand, dass sich der -Dichter nachträglich in seiner eigenen Beurteilung der -„Armen Leute“ von der rationalistischen Anschauung -Belinskys beeinflussen lässt, welcher die positiven Schönheiten -dieses Buches durchaus nicht in den weichen Schatten -sieht, welche „Armut im Geiste“ über die Gestalt des -Helden breitet, sondern ganz einfach in gewissen, schärfer -hervortretenden, gleichsam das Mitleiden escomptierenden -Zügen dieser missbrauchten, zertretenen Figur. Dostojewsky -selbst schliesst sich, vermöge der seinen Geist -jetzt beschäftigenden Ideen von Kollektivismus und Association, -dieser flacheren Betrachtung an, und wir werden -später sehen, wie er sich, seinem innersten Wesen nach, -wieder davon lossagt. -</p> - -<p> -Über des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47 -geben uns sowohl die Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys -und anderer Freunde, als auch seine stets die Stimmung -des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder ein ziemlich -klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit -den Freunden lebt, „angenehm und ökonomisch,“ wie er -sagt, leidet seine nervöse Konstitution doch schwer unter -den doppelten Qualen eines schöpferischen Dranges, die -Probleme, die ihn förmlich bestürmen, auszulösen, sie mit -allerfeinster analytischer Genauigkeit herauszuarbeiten, und -der misstrauischen Ängstlichkeit, mit welcher er auf den -Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei -seine Eigenliebe bald den Gipfel des entzückten Triumphes -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -und der Selbstüberschätzung erklimmt, bald abgrundtief -in Kränkung und melancholischen Unwillen versinkt. Zudem -plagt ihn das Ungeordnete, das dem Schriftsteller-Handwerk -durch die Zahlungs-Verhältnisse zwischen -Dichter, Redakteur und Verleger an und für sich anhaftet, -doppelt. Dennoch finden wir nicht einen Augenblick -wirklicher Mutlosigkeit oder eines Nachlasses in der -Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein schriftstellerischer -Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt -hat, eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwärtigkeiten, -die schwere, sich entwickelnde Epilepsie und -die daraus entstehende Gedächtnisschwäche überwindet und -geradezu verblüffende Leistungen schafft. Im Dezember -1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in Arbeit -versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich -nur hie und da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufügt, -an der italienischen Oper. Er schreibt an der Erzählung -„Njetotschka Njezwánowa“ — „auch eine Beichte“, -sagt er, „wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone. -Mir scheint immer“, fährt er fort, „als führte ich einen -Prozess gegen unsere gesamte Litteratur; und mit den drei -Teilen meines Romans, die in den Vaterländischen Annalen -erscheinen werden, stelle ich auch für dieses Jahr meinen -Vorrang gegenüber meinen Neidern fest.“ Anfangs 1847 -drückt er dem Bruder sein Bedauern darüber aus, dass -dieser „ohne Umgebung“ lebe. Wir haben oben gesehen, -wie sehr ihm die Deutschen der Ostseeprovinzen missfielen. -Doch tröstet er ihn mit Worten, welche gleichfalls die -neue, seinem ursprünglichen Wesen widersprechende Richtung -kennzeichnen. Weiter berichtet er in überschwenglichen -Ausdrücken über seine „Wirtin“, die er eben -schreibt, gerade so selbstzufrieden, als mit dem Roman -in neun Briefen. „Diese Erzählung wird besser, als die -„Armen Leute“, sie ist in derselben Art“, meint er. -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -„Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so -wie bei Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen -Sommer lang herumquälte.“ -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -„Herr Prohartschin“ ist eine jener Erzählungen aus der -Zeit einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine -lächerliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und -ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe „in Kost und -Wohnung“ und von den anderen durch allerlei abgekartete -Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und -Tod geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins -gefördert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes -Kapital von kleinen Münzen nicht in der schmutzigen -Matratze vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe -deckt. -</p> - -<p> -Die Aufhäufung menschlicher Schwächen und Lächerlichkeiten -im Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten -aller jener Züge im Helden, welche Teilnahme erwecken -müssten, also ein forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus -mit Anklängen an Gogol und Dickens, und Stellen feiner -Detailschilderung, die jener würdig wären, kennzeichnen diese -Erzählung, an welcher sich der Dichter „einen Sommer lang -herumquälte“. -</p> - -<p> -„Die Wirtin“ wurde von Belinsky, wie wir später erfahren, -sehr abfällig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade -von Belinskys Seite erklärlich genug. Vor allem konnte dem -scharfen Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in -diesen Tagen der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine -tendenziös auszunutzende Pointe nicht genügen. Andererseits -war sein Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten -im Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen -Romantismus, der im Hauptteil der Erzählung zu Tage tritt, -nicht zu empfinden. Er hätte diese Mängel allenfalls milder beurteilen -können, wenn sich dahinter eine zeitgemässe Forderung -oder Anspielung verborgen hätte. Wie dem auch sei — wir -sind trotz jener Fehler von diesem Jugendwerke hingerissen -und erschüttert. -</p> - -<p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzählung, -wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung, -wie sie nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine -Nähe kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen -Sieg über das „schwache Herz“, das sich an seiner Seite -vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich -losmachen möchte und ihm doch immer wieder anheimfällt. Ein -Grauen durchbebt uns bei dem nächtlichen Bekenntnis Katjas, -das in der geheimnisvoll-süssen Sprache der Primitiven mehr -verschweigt als enthüllt, und die Schilderung der Brandnacht, -jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme -„nicht dreie tragen kann“, hüllen uns, eine ossianische Ballade, -in alle Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser -Sprache, die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch -wirken — das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser -Art wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war -wohl jene reife, frühreife Menschenkenntnis, die er in den -„Armen Leuten“ so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der -Taumel des 26jährigen, „von einer Quelle der Inspiration getriebenen“ -Dichters enttäuschen, dem Himmel und Hölle aus -diesen zwei Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch -konnte er unmöglich darüber hinwegsehen, dass Ordynow, der -nominelle Held der Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein -Deus ex machina, eine Entladungsstelle für die elektrischen Pole -Muryn und Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch -und Knochen, sondern ein Bündel Nerven, an dem die Geschichte -ausgeht. Auch könnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte -Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich -Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrät als zeigt, -nicht über das Schattenhafte alles übrigen ausgesöhnt werden. -Wir aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen -Seelenahnung auch vom Wesen der Frau — an welches der -Dichter in der ersten Periode seines Schaffens überhaupt mit -ehrfürchtiger Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzählung -spricht der Dichter durch den Mund Ordynows an folgender -Stelle seinen Hauptgedanken aus: -</p> - -<p> -„Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -gestört war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als -er sie ein schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein -Geheimnis sie mit dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne -ihre Schuld zu erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine -Macht gekommen war. Wer waren sie? Er wusste es nicht; -allein ihm träumte unaufhörlich von der tiefen, unentrinnbaren -Tyrannei über ein armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz -wurde unruhig und pochte in ohnmächtiger Entrüstung in seiner -Brust. Es schien ihm, dass man vor die erschreckten Augen -der plötzlich erwachenden Seele hinterlistig ihren Fall hingestellt, -in listiger Weise ihr armes, schwaches Herz gequält, Wahres und -Falsches vor ihr vermengt hatte, da, wo es nötig schien, ihre -Blindheit absichtlich unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen -Neigungen ihres aufstürmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte; -dass man nach und nach die Flügel ihrer fessellosen, -freien Seele stutzte, so dass sie zuletzt nicht mehr fähig war, -sich aufzurichten, noch ihren freien Schwung zu nehmen in das -Leben der Wirklichkeit.“ -</p> - -<p> -Vielen Lesern dieser Erzählung hat sie unklar und unvollendet -geschienen. Dies muss auch bei jenem französischen -Übersetzer der Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie -mit der 17 Jahre später geschriebenen Erzählung „Memoiren aus -einem Souterrain“<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> (deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer -Grossstadt) zusammenzuschweissen und unter dem Titel „l’Esprit -souterrain“ zu veröffentlichen. Derselbe französische Übersetzer -hat es auch gewagt, die „Brüder Karamazow“ einer Verstümmelung -zu unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche -beginnen lässt. Traduttori traditori! -</p> - -</div> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Die „Wirtin“ wurde also von Belinsky sehr übel behandelt, -was den Dichter tief kränkte, obwohl er sich gar -nicht schriftlich darüber geäussert hat. Seine nächsten -Mitteilungen an den Bruder sind wieder Berichte über -angestrengte Thätigkeit, bestellte Arbeit, die man mit -Vorschüssen sichert, „kurz eine Hölle“. Hier muss erwähnt -werden, was er in allen seinen Briefen während -der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer wieder betont: -„Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es -mir zugeschworen. Von solcher Arbeit würde ich zu -Grunde gehen!“ — Der einzige Weg, den er einschlug, -um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen, war der, -dass er von den vielen Plänen und fertigen Entwürfen, -die er immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen -den bekannten Redakteuren vorschlug und einen Termin -angab, bis zu welchem er die Arbeit vollenden könnte. -Meistens wusste er von vornherein fast ganz genau, wieviele -Druckbogen sie ausmachen würde, und überschritt -selten das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet -sich Dostojewskys äusseres Leben sehr bewegt. Nach -der einen Seite findet er im Hause des Malers Maikow, -eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens, -Anregung und Förderung durch den Verkehr mit Schriftstellern -und bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow, -Dudyschkin, A. Maikow und andere. Er hat Gelegenheit, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in das kleinste -Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch -seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher „den meisten -Lesern unverständlich“ war, findet aber auch im Ehepaar -Maikow thatkräftige Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitäten -hilfreich beispringen. -</p> - -<p> -Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit -einem Kreis junger Leute, welche den neuen Ideen huldigen. -Ein Brief aus dieser Epoche vom 9. September -1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des -Bruders Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er -rät ihm, gemeinsam eine Gesamtausgabe von Schillers -Dramen, die er ja übersetzt habe, zu veranstalten, und -schliesst mit den Worten: „Warte nur, Bruder, wir -werden schon hinauf kommen; es ist unmöglich, dass wir -beide uns nicht durchschlagen.“ Am Rande schreibt er: -„Siehst Du, was Association bedeutet? Arbeiten wir getrennt, -so gehen wir unter, zusammen aber gehen wir -einem grossen Ziele entgegen — das ist etwas ganz -anderes!“ -</p> - -<p> -Hier haben es die Herausgeber für angebracht -befunden, eine Lücke von nahezu zwei Jahren in die -Korrespondenz zu reissen, welche allerdings nicht sehr -ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein dürfte. -Die „neuen Ideen“ Sozialismus, Fourierismus hatten -den Feuerkopf ergriffen. Er schloss sich um diese -Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem über -die künftigen Umgestaltungen Russlands, über eine -Änderung der Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde. -Dies war aber zu einer Zeit, da es geradezu gefährlich -sein mochte, sich eine Ansicht über den Umschlag des -Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon -im Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so -hütete man sich wohl, die Worte, die gefallen waren, nach -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -aussen auszusprechen oder aufzuschreiben; so kann es -wohl sein, dass nicht viele Briefe Dostojewskys an seinen -Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war an -und für sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah -es zumeist in nervöser, durch Gegensatz und Widerspruch -oder durch eine aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene -Kampfstimmung. -</p> - -<p> -Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im -Besitze der Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in -der schwierigen Lage befinden, den Dichter lavierend -nach beiden Seiten hin schützen und immer fürchten zu -müssen, ihn nach rechts oder nach links zu kompromittieren. -Es wäre zu untersuchen, ob nicht ein kühnes -Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung -des Sachverhalts, Veröffentlichung auch der „gravierendsten“ -Briefe, mit einem Schlage die Luft um seine -Erscheinung von allen Miasmen der Missgunst, des stillen -Grolls und der Verurteilung zu reinigen vermöchte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<span class="line1">III.</span><br /> -<span class="line2">Katastrophe.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit -neuen Ideen führte Dostojewsky immer tiefer in dieselben -ein, und die vielen, wenn auch sicher fruchtlosen, so doch -von aufrichtiger Glut für Freiheit, Menschen- und Bürgerrechte -beseelten Debatten im Hause des Ministerialbeamten -Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und -Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche -für 23 Männer verschiedenen Alters und Berufs verhängnisvoll -werden sollte. Für Dostojewskys Leben, -seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie für sein -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -künstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von -den entscheidendsten Folgen sein. -</p> - -<p> -In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen -Artikel: „Meine erste Bekanntschaft mit -Belinsky“, nennt der Dichter diese Epoche seines Lebens -„eine schwere, schicksalsvolle Zeit.“ Es muss angenommen -werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus -eingeführt worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrückt, -„leidenschaftlich zu eigen gemacht hat“, obwohl -ihm Belinsky von vornherein das Axiom entgegenschleudert: -„die Revolution hat vor allem das Christentum zu -vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegründet“. -Dostojewsky scheint sich der bestrickenden -Persönlichkeit Belinskys doch so weit hingegeben zu -haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe trat; -allein wir finden noch 22 Jahre später in einem Briefe an -N. Strachow, sowie in einem Artikel seines „Dnewnik -Pisatela“ (Tagebuch eines Schriftstellers) heftige Ausfälle -gegen Belinsky, gleichsam unter dem unverwischten Eindruck -der Entrüstung, welche jener Streit für und wider -das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. „Dieser -Mensch“ — sagt er da — „hat Christum vor mir beschimpft, -dabei ist er doch niemals imstande gewesen, -sich selbst oder irgend einen von allen Führern der ganzen -Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er vermochte -nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht, -Zorn, Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber -Eigensucht in ihm selbst und in allen anderen vorhanden -ist. Als er Christum beschimpfte, sagte er sich niemals: -was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa uns, -die wir so hässlich sind? — nein, er hat sich auch niemals -darauf besonnen, dass er hässlich ist, er war im -höchsten Grade mit sich zufrieden“. -</p> - -<p> -Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -machen, wie Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger -Jahre beschäftigte, und wie klar doch bei alledem in ihm -die Grenze vorgezeichnet war, die er vermöge seiner -innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht hätte, -so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen -christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten. -</p> - -<p> -Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher, -hatten sich aus dem Schosse der Universität heraus mehrere -Studentenkreise gebildet, die ein ernsteres Streben vereinigte, -als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie -bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek -an, wobei wissenschaftliche Werke des In- und -Auslandes, darunter nicht wenige eingeschmuggelte Bücher, -erworben wurden. So machten sie sich mit den Werken -L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs, -Proud’hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener -ehemalige Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium -des Äusseren Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um -die sogenannte „Gesellschaft der Propaganda“ durch alle -möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die einzelnen -Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der -„Fünf“ eines, dem bei uns unter dem Namen „Schneeballen“ -bekannten, ähnlichen Vorganges. Die Teilnehmer -der einzelnen Kreise sollten einander nicht persönlich -kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in -Fühlung sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja -aus den letzten Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt -hat, finden wir die Stelle: „die Sozialisten (die -russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen hervorgegangen; -die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“. -„Ebenso glaubten sie“ — diktierte er weiter — -„dass das Volk mit ihnen sei und“ — fügt er hinzu — „sie -hatten eine Grundlage dafür, denn das Volk war leibeigen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür -zu sein, warum sich Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden -des Petraschewskyschen Kreises bei -diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von -jeher das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal -und hoffte und wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung -der Leibeigenschaft. Alle seine Reden hatten -vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt einer -der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden -Roman von einem Genossen, dem er Dostojewskys Worte -in den Mund legt. Er sagte still und langsam: „die Befreiung -der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in -unsere grosse Zukunft sein“. -</p> - -<p> -Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky -sehr lebendig als einen, „dessen ganzes Wesen -sich zum Verschwörer geeignet habe; still, einsilbig, nicht -mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen auszusprechen“, -sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer hinreissenden, -alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn -bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen -des Sozialismus, wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, -vermöge der Macht seiner Persönlichkeit doch die -Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises, sowie jenes -andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise -liess man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange -gewähren, zum Teil darum, weil man lange kein geeignetes -Individuum fand, welches genug Wissen besessen hätte, -um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig teilnehmen -zu können, und das über dem „Vorurteile“ erhaben -wäre, welches den Namen eines Angebers brandmarkt. — -Endlich fand man einen, diesen „erhabenen Standpunkt“ -einnehmenden Menschen in einem Beamten des auswärtigen -Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht -mit Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -selbst stand mit diesem in keiner nahen persönlichen Verbindung, -obwohl er seine Freitagsabende besuchte, wo von -der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Unvermeidlichkeit -eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen -wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, -dieser Schritt müsse von oben gemacht werden. „Wenn -er aber nicht geschieht?“ warf man ein, — „ja dann -meinetwegen mit Gewalt.“ Bei Durow hingegen wurde -die Frage einer geheimen Druckerei aufgeworfen und von -Dostojewsky befürwortet, allein von der Versammlung abgelehnt. -</p> - -<p> -In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden -die Hauptpersonen dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter -ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie irrtümlicherweise auch -sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt und -nach dem Hause der „dritten Abteilung“ der geheimen -Polizei abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, -authentische Daten über diesen Prozess, soweit er Dostojewsky -angeht, zu erhalten, den Versuch gemacht, an Ort -und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente -desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden -keine allzugrossen Schwierigkeiten gemacht werden, da -einerseits nahezu ein halbes Jahrhundert verstrichen sei -und jetzt die Zustände andere und andere Personen am -Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol, -welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, -längst publiziert und aller Welt bekannt sei. Ausserdem -habe man die Archive des Ministeriums des Innern immer -bereitwillig jenen geöffnet, welche in einem litterarischen -Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So hat -der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor -der reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, -eine Studie über den kleinrussischen Dichter Schewtschenko -auch in jenen Archiven vervollständigt. -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten -des Ministeriums des Innern und des Kriegsministeriums -(da der Prozess dem Kriegsgericht übergeben worden war) -bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe von -Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, -seine Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines -„Verhaltens“ im Gefängnis, seine Befreiung, sein Avancement -zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels und -seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis -nach Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut -seiner Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, -nachdem er 50 Jahre im Aktenstaube vergraben gewesen -und vorerst von den massgebenden Personen mit grossem -Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung überlassen. -Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, -je an ihrer Stelle, hier im Anschluss. -</p> - -<div class="letter"> -<p class="left"> -Kopie.<br /> -III. Abteilung<br /> -von Sr. Majestät des<br /> -Kaisers Privatkanzlei. —<br /> -Expedition St. Petersburg,<br /> -22. April 1849.<br /> -No. 675. -</p> - -<p class="right"> -Geheim.<br /> -Dem Herrn Major der Petersburger<br /> -Gendarmerie-Division<br /> -Tschudin. -</p> - -<p> -Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren -(Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um -4 Uhr nach Mitternacht, den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant -Theodor Michailowitsch Dostojewsky, welcher -an der Ecke der kleinen Morskaia und des Wosnesensky-Prospekt, -im Hause Schill auf der dritten Etage in der -Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere -und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach -der dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu -bringen. -</p> - -<p> -Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -wachen, dass von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt -werde. -</p> - -<p> -Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse -Menge von Papieren und Büchern vorfinden, so dass es -nicht möglich sein wird, sie sofort in die dritte Abteilung -zu befördern. In diesem Falle sind Sie gehalten, eines wie -das andere in eine oder zwei Stuben, je nach dem es nötig -ist, niederzulegen, diese Stuben zu versiegeln und Dostojewsky -selbst unverweilt in der dritten Abteilung abzuliefern. -</p> - -<p> -Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere -und Bücher aussagen sollte, dass einige darunter irgend -einer anderen Person gehören, so haben Sie dieser Aussage -keine Beachtung zu schenken, sondern auch diese zu versiegeln. -</p> - -<p> -In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste -Achtsamkeit und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden. -</p> - -<p> -Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps, -General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung -befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei -und die unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen. -</p> - -<p class="center sign"> -Der General-Adjutant<br /> -Graf Orloff. -</p> - -</div> - -<p> -Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet: -</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Geheim 148/6. -</p> - -<p class="adr"> -Hochgeehrter Herr!<br /> -Iwan Alexandrowitsch! -</p> - -<p> -Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere -hat sich nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache -hätte. Es wurde nur gefunden: ein Brief von Belinsky, -enthaltend eine Einladung zu einer Gesellschaft bei einer -Person, mit der er noch nicht bekannt war, ein Brief aus -Moskau von Pleschtschejew, in welchem er von seinem Eindruck -bei der Ankunft der kaiserlichen Familie in Moskau -spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu -bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören. -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Zwei Bücher unter dem Titel: Le berger de Cravan und -La consécration du Dimanche. -</p> - -<p class="center date"> -16. Mai 1849. -</p> - -<p class="sign"> -Fürst Alex. Galitzin. -</p> - -</div> - -<div class="letter"> -<p class="noindent"> -Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission. -</p> - -<p> -„In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre, -Euer Excellenz den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher -sich unter den bei Dostojewsky gefundenen Papieren befand, -zu übermitteln. -</p> - -<p class="center date"> -17. Mai 1849. -</p> - -<p> -Nabokow.“ -</p> - -</div> - -<div class="smaller"> -<p> -Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript, -d. h. der III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur -der „Vaterländischen Annalen“ übergeben worden war, wo es -im Maiheft 1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April) -der III. Abteilung, „ohne Unterschrift des Verfassers“. Diese -Erzählung, Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden. -</p> - -<p> -Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern -richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere -ins Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und -politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe -des Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er -nicht im geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, -also nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische -Schriften, namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener -Zeit bei ihm gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der -Zettel Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie -diese Namen trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden -und als wertlos in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei -Schriftstücke zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose, -Stellen aus dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir -auch in Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die -Dossiers gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen -für uns nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen, -es wäre denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte -Freunde, die zu Durow kommen, „salut et fraternité“ -entboten wird. -</p> - -</div> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung -mit einem gewissen Humor in einem Blatte, das -er 1860 der Tochter seines Freundes, des Schriftstellers -A. Miliukow, widmet: -</p> - -<p> -„Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich -gegen 4 Uhr morgens von Grigorjew nach Hause, legte -mich zu Bette und schlief sofort ein. — Nicht später als -nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf hindurch, -dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige -Leute in meine Stube getreten waren. -</p> - -<p> -Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend -etwas gestreift hatte. Was geht da Seltsames vor? Ich -öffne mit Mühe die Augen und höre eine weiche, sympathische -Stimme: „Stehen Sie auf!“ — Ich schaue: da -steht der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders -Kommandierter mit hübschem Backenbart. Allein er -hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau gekleideter, -mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr gesprochen. -</p> - -<p> -„Was ist geschehen?“ frage ich, mich aufrichtend. — -„Auf Befehl“ ... — Ich schaue: richtig „auf Befehl“. In -der Thüre steht ein Soldat, ebenfalls blau. Sein Säbel war -es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha! also das -ist’s ... dachte ich bei mir. -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mir doch ...“ begann ich — „Macht -nichts, macht nichts! kleiden Sie sich an. Wir werden -warten,“ sagt der Oberstlieutenant mit noch sympathischerer -Stimme. — Während ich mich ankleide, verlangen -sie die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen -— sie fanden nicht viel, wühlten aber alles durch. Die -Bücher und Schriften banden sie ordentlich mit einem -Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser -Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen -und stöberte mit meinem Tschibuk in der kalten Asche -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier stieg auf sein -Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber -vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf -die Erde. Da überzeugten sich die umsichtigen Herren, -dass sich nichts auf dem Ofen befand. Auf dem Tische -lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der Pristaw -betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem Oberstlieutenant -zu: „Ist’s am Ende ein falsches?“ fragte ich. -„Hm, das muss man doch auch untersuchen,“ murmelte -der Pristaw und endigte damit, dass er auch dieses Stück -dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten hinaus. Uns -begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, -der zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art -stumpfer, dem Ereignis angemessener Feierlichkeit dreinschaute; -übrigens einer nichts weniger als feiertägigen -Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche, zuerst -stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der Oberstlieutenant. -Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke -beim Sommergarten. Dort gab es viele Leute und -ein bewegtes Kommen und Gehen. Es begegneten mir -viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam. -Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem -Range, besorgte den Empfang ...... ununterbrochen -kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein ...... -Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, -der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand -mit Bleistift geschrieben: „Agent der aufgedeckten Sache: -Antonelli“. — So, also Antonelli ist es — dachten wir. -— Man postierte uns in verschiedene Winkel, in der Erwartung -der endgiltigen Anordnung, wohin man einen jeden -unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren -unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), -der Untersuchungs-Richter, herein — aber hier unterbreche -ich meine Erzählung. Es wäre viel zu erzählen. -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -Aber ich versichere Sie, dass Leonty Wassiljewitsch ein -höchst angenehmer Mensch war.“ -</p> - -<p> -Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich -des Dichters Bruder Andreas erzählen sehr eingehend -den weiteren Verlauf der Haft, des Verhörs, der ganzen -Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir -nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den -oben erwähnten 34 Verhafteten wurden jene ausgewählt, -welche auch zu Petraschewsky kamen — es waren 23, -darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer — die übrigen -waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller -und Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky -war, wie schon oben gesagt, nur irrtümlicherweise -verhaftet worden und das anstatt des ältesten Bruders -Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum -Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch -gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus -dieser Gesellschaft entliehen hatte, was offenbar unter -falschem Vornamen angegeben worden war. Andreas war -also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht -worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft -und ihn erstaunt fragt: „Was machst denn du da, Bruder?“ -Allein er konnte nicht antworten, da ein Gendarm sie -trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen warum, in -Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt -und fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl -handeln mag. -</p> - -<p> -Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, -in was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky -stehe, ganz naiv die Gegenfrage -stellt: „Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn -der zweite?“ bringt seine Unschuld an den Tag, und man -hält ihn nur noch zurück, damit er in der Stadt nicht mit -Leuten zusammen komme, „die er nicht zu treffen habe“. -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Es stellt sich heraus, dass man auf den Richtigen gekommen -war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den -man am 5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei -gibt. Eine Stelle aus einem Briefe Theodor Michailowitschs -an den Bruder Andreas drückt noch, nach einem Zeitraum -von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser das -Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. „Ich erinnere -mich daran,“ sagt er, „du mein Teurer, erinnere -mich, wie wir einander, es war wohl das letzte Mal, im -weissen Saale begegneten. Es kostete dich damals nur -ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen -können, und du wärst sofort, als irrtümlich statt des -älteren Bruders festgenommen, frei gelassen worden. Aber -du folgtest meinen Vorstellungen und Bitten, du gingst -grossmütig in die Thatsache ein, dass der Bruder in sehr -engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben erst in -den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt -habe — du begriffst das alles und bliebst im Gefängnis, -um den Bruder Zeit zu lassen, seine Frau vorzubereiten -und sie nach Möglichkeit für eine vielleicht lange Zeit -seiner Abwesenheit sicherzustellen.<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -„Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt -hast“, fährt Dostojewsky fort, „so konnte ich -dich ja auch nicht vergessen und musste ich ja deiner, -als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.“ -</p> - -<p> -Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt -Orest Miller, dass der General Rostowzew Dostojewsky -nahe gelegt habe, „alles zu erzählen“. Dieser -beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. -Da wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: „Ich -kann nicht glauben, dass ein Mensch, welcher „Arme -Leute“ geschrieben hat, mit diesen lasterhaften Menschen -gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich. Sie -sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im -Namen des Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen, -wenn Sie die ganze Sache erzählen.“ Ich schwieg, erzählte -Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte General-Lieutenant -Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen -Rostowzew gewendet lächelnd: „Ich habe es Ihnen ja gesagt“, -worauf dieser schrie: „Ich kann Dostojewsky nicht -mehr sehen“, in die nächste Stube lief und von da heraus -rief: „Ist Dostojewsky schon hinausgegangen? Sagt mir, -wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen“. Dies -alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein. -</p> - -<p> -Aus den Protokollen in den Archiven der dritten -Abteilung entnehmen wir, dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission -unter Vorsitz des General-Adjutanten -Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung -dieser Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 -neunzig Sitzungen widmete. Die Kapitalanklage gegen -Petraschewsky lautete auf: „Verbrecherische Versuche, -die bestehende Staats-Verfassung in Russland zu stürzen, -Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und -jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften, -Verbreitung schädlicher Ideen über die -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Religion, Erweckung von Hass gegen die Obrigkeit, und -endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur Erreichung -dieser verbrecherischen Ziele zu gründen“. -</p> - -<p> -Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: „dass er -ebenfalls (gleich Durow) an diesen verbrecherischen Plänen -teilgenommen, dass er einen Brief Belinskys an Gogol -verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die -rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und -dass er den Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von -Schriften gegen die Obrigkeit im Verein mit anderen eine -geheime Lithographie herzustellen.“ -</p> - -<p> -Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der -Arretierung ihm sehr beschwerlich gewesen war, wurde -nach seiner acht Monate währenden Untersuchungshaft -bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und -das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen -und schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so -dass er endlich, dessen müde, sich selbst einen bedeutend -grösseren Anteil bei der Sache vindicierte, als er in der -That daran genommen hatte, und so hoffte, dieselben -Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken. -</p> - -<p> -Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm -vorgelegten Fragen lassen wir hier in getreuer Übersetzung -des Original-Manuskripts folgen. Oberflächlichen -Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen -dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt -dieser, im August 1898 in der „N. Fr. Presse“ durch -uns veröffentlichten <a id="corr-11"></a>Verteidigungsschrift lediglich ein „advokatorisches -Meisterstück“. Wer des Dichters Grundnatur -und seinen inneren Entwickelungsgang näher kennt, wird -dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky -„das Zeug zum Verschwörer“ haben mochte, wie -man von ihm sagte, und so oft er selbst von einer „Umkehr“ -spricht, lag doch der slavisch-mystische Wesenskeim -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -zu tief in seiner Natur, um nicht bei der ersten -Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden -und endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der -Atheismus, welchem er sicher um jene Zeit gehuldigt -haben muss, und der sich dreissig Jahre später im herrlichen -Kapitel „Der Grossinquisitor“ wiederspiegelt, dieser -Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen -Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus -in Glaubenssachen, wie er das endgiltige -Merkmal des echten Revolutionärs ist. Wenn wir hier -diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf hinweisen, -dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit -und berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche -Wahrheit enthalten ist, namentlich an jener Stelle, wo -Dostojewsky die bekannte Aksakowsche Geschichts-Anschauung -entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen -Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht, -um ihn „rein zu waschen“ oder „päpstlicher als der Papst“ -zu sein, sondern um den Wendungen und Windungen dieser -höchst komplizierten Natur nachzugehen, die sich oft „zur -Wahrheit durchlog“, mit der Wahrheit spielte und der es -doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig -bewegte Geist nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede -lautet wie folgt: -</p> - -<p class="center"> -Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse -Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der Untersuchungs-Kommission -unter dem Vorsitze des General-Adjutanten -Nabokow am 20. Juni 1849. -</p> - -<p> -„Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über -Petraschewsky und über jene Leute, welche seine Freitags-Abende -besuchten, weiss, aussagen soll, das heisst, man -verlangt meine Aussage über Fakten und meine persönliche -Meinung über diese Fakten. -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre -zusammenhalte, so schliesse ich, dass man von mir -eine genaue Antwort auf folgende Punkte fordert: -</p> - -<p> -1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky -als Mensch im allgemeinen und als Politiker im besonderen -hatte. -</p> - -<p> -2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei -Petraschewsky vorging, sowie meine Meinung über diese -Abende. -</p> - -<p> -3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der -Gesellschaft Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky -selbst ein für die Gesellschaft schädlicher Mensch -und in welchem Grade er es war. -</p> - -<p> -Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky -gestanden, obwohl ich an Freitags-Abenden zu -ihm kam und auch er mich besuchte. -</p> - -<p> -Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir -nicht allzu viel gelegen war, da ich weder im Charakter -noch in vielen Anschauungen mit Petraschewsky übereinstimmte. -Darum erhielt ich diese Beziehung nur insoweit, -als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte -ihn etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. -Ihn aber vollständig aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; -überdies war es mir manchmal interessant, seine -Freitage zu besuchen. -</p> - -<p> -Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten -im Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere -Bekanntschaft begann sogar damit, dass er bei der ersten -Zusammenkunft durch seine Absonderlichkeiten meine Neugierde -erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft zu ihm; es -geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm -war. Im vorigen Winter war ich vom September angefangen -nicht mehr als achtmal bei ihm. Wir waren -niemals intim mit einander, und ich glaube, dass wir -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals -mehr als eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander -gesprochen haben. Ich habe sogar entschieden bemerkt, -dass er, indem er zu mir kam, gleichsam eine Pflicht der -Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes -Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe -der Fall, da wir, wie ich wiederhole, weder in den Ideen -noch in den Charakteren Vereinigungspunkte hatten. Wir -fürchteten beide, länger mit einander zu sprechen, da wir -vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten, dies -aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere -gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens -weiss ich, dass ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft -nicht sowohl um seiner selbst willen und wegen der „Freitage“ -fuhr, als um dort manche Leute zu treffen, die ich, -obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich selten -sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky -immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen -geachtet. -</p> - -<p> -Über seine Excentrizitäten und Absonderlichkeiten -sprechen viele, fast alle, welche ihn kennen oder von ihm -gehört haben, und beurteilen ihn sogar danach. Ich habe -mehreremale die Meinung äussern hören, dass Petraschewsky -mehr Geist als Vernunft habe; thatsächlich -wäre es sehr schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten -zu erklären. Es geschah nicht selten, dass man ihn bei -einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin er gehe -und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches -antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er -soeben auszuführen ginge, dass man nicht wusste, was -man vom Plan und von Petraschewsky selbst denken -sollte. Um einer Sache willen, welche keinen Deut wert -ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein -ganzes Vermögen handle. Ein andermal eilt er auf eine -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -halbe Stunde irgend wohin, um ein ganz kleines Geschäftchen -abzumachen, beendet aber dieses „kleine Geschäftchen“ -ungefähr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der -sich fortwährend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung -ist, den immer irgend etwas treibt. Er liest viel, -schätzt das System Fouriers und hat es sich bis ins Detail -angeeignet. Ausserdem beschäftigt er sich hauptsächlich -mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was -ich von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche -zu unvollständig sind, um einen Charakter solcher Art -vollkommen zu beurteilen. Denn das wiederhole ich noch -einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen zu -ihm gestanden. -</p> - -<p> -Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische -Person betrachtet) irgend ein bestimmtes System in -seinen Meinungen, irgend eine bestimmte Anschauung in -politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe bei ihm nur -Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht -das seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass -besonders Fourier es ist, welcher ihn daran hindert, die -Dinge selbständig anzusehen. Ich kann übrigens unbedingt -sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der -Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen -Systems auf unsere gesellschaftlichen Zustände möglich -sei. Davon war ich immer überzeugt. -</p> - -<p> -Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei -ihm versammelte, bestand fast ausschliesslich aus seinen -nahen Freunden oder alten Bekannten; so denke ich -wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue Personen -auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, -ziemlich selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich -nur einen sehr kleinen Teil genauer. Andere kenne ich -nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre Gelegenheit -hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit -einem oder zwei Jahren an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. -Allein, obwohl ich nicht alle Personen gut kenne, -habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle diese -Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die -eine widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit -in der Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei -Richtung, keinerlei gemeinschaftliches Ziel. Man kann -unbedingt sagen, dass man dort nicht drei Menschen fände, -welche in irgend einem Punkte über ein beliebig aufgegebenes -Thema übereinstimmten. Daher gab es viele -Debatten, daher der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! -An einigen dieser Streitigkeiten habe -auch ich teilgenommen. -</p> - -<p> -Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen -Streitigkeiten teilgenommen habe und über welches Thema -ich hauptsächlich sprach, muss ich einige Worte über das -sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich weiss ich -bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man -hat mir nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen -Besprechungen bei Petraschewsky teilgenommen, dass ich -wie ein Freidenker gesprochen und zuletzt einen Artikel -vorgelesen habe: „Briefwechsel Belinskys mit Gogol“. -Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute -das Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, -Liberaler zu definieren. Was versteht man unter diesem -Worte: Einen Menschen, welcher ungesetzlich spricht? -Ich habe aber Menschen gesehen, für die es gesetzwidrig -sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf -schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche -im stande sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, -was nur ihre Zunge herunterzudreschen vermag. Wer hat -meine Seele gesehen? Wer hat den Grad von Treubruch, -von schlechtem Einfluss und <a id="corr-12"></a>Aufhetzung bestimmt, dessen -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese -Bestimmung gemacht worden? Es kann sein, dass man -nach einigen Worten urteilt, welche ich bei Petraschewsky -gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe -ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht -politischen Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit -und menschlichen Egoismus. Ich erinnere mich nicht, dass -irgend etwas Politisches oder Freidenkerisches in meinen -Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht, dass ich -mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen -und mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein -ich kenne mich, und wenn man meine Anklage auf einige -Worte gründet, die man im Fluge erhascht und auf einen -Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich auch eine -solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen Beschuldigungen -die gefährlichste ist; denn es giebt nichts Verderblicheres, -Verwirrenderes und Ungerechteres als einige -in der Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von -weiss Gott wo herausgerissen sind, sich auf weiss Gott -was beziehen, im Fluge gehört und im Fluge verstanden -worden, am alleröftesten jedoch gar nicht verstanden worden -sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte -sogar eine solche Anschuldigung nicht. -</p> - -<p> -Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei -ist, so bin ich vielleicht in diesem Sinne ein -Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem Sinne, in -welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden -kann, der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, -ein Staatsbürger zu sein, das Recht empfindet, seines -Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in seinem Herzen -sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein -trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen -werde. -</p> - -<p> -Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -sich auf das Mögliche oder das Unmögliche? Mag man mich -auch beschuldigen, die Veränderung, den Umsturz auf gewaltsamem, -revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu -Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte -nicht, dessen überführt zu werden, denn keine Angeberei -der Welt wird mir etwas geben oder etwas nehmen: keine -Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu sein, als -ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, -dass ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu -schweigen andere als ihre Pflicht erachten, nicht etwa, -weil sie sich fürchten, etwas gegen die Obrigkeit zu sagen -(das kann man ja auch nicht im Gedanken!), sondern weil -nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von -dem es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut -bespricht. Ist es das? Mich aber hat sie sogar immer -verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die eher imstande -ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu sein. -Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit -nicht genügenden Schutz gewähren, und dass man -um eines leeren Wortes, um einer unvorsichtigen Phrase -willen verloren sein konnte. -</p> - -<p> -Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, -dass man ein lautes, offenes Wort, das halbwegs einer -Meinung ähnlich sieht und geradaus, ohne Hinterhalt, -ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet! -Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser -wäre, wenn wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger -wären. Es hat mir immer Kummer gemacht, dass wir -alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas fürchten, -dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen -Plätzen zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, -finster anschaut, ihn von der Seite misst und wir immer -irgend jemanden verdächtigen. Fängt zum Beispiel irgend -wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar flüsternd -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die -Republik seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man -wird sagen: „Es ist auch besser, dass man bei uns nicht -auf dem Markte schreit.“ Ohne Zweifel wird niemand -ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein übertriebenes -Schweigen und eine übermässige Angst werfen -auf unser Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles -in einem freudlosen, unfreundlichen Lichte erscheinen lässt, -und was das Beleidigendste ist, dieses Kolorit ist ein -falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos, unnütz -(ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter -nichts als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen -nur selbst unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei -und unser Misstrauen. Denn aus diesem gespannten -Zustande entsteht oft viel Lärm um nichts. Da -erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort bedeutend -mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt -durch die Excentricität, in der es da erscheint, manchmal -kolossale Dimensionen an und wird unrichtigerweise anderen -(ungewöhnlichen und nicht wirklichen) Ursachen zugeschrieben. -Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine bewusste -Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, -die nicht widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem -Winde umgeworfen wird, der sich erhebt. Das Bewusstsein -aber reift nicht, lebt sich nicht aus, wenn du schweigst. -Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir zerbröckeln -uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. -Wer trägt aber an diesem Zustande die Schuld? -Wir, wir selbst und kein anderer — ich habe immer so -gedacht. -</p> - -<p> -Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche -als Beispiel angeführt habe, so bin ich doch selbst weit -entfernt davon, ein Schreier zu sein; dies wird jeder von -mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es nicht, viel und -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich sehr -wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo -ich auch den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen -Menschen habe. Ich habe sehr wenig Bekanntschaften; -die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit ein, -welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die -Krankheit, die in hypochondrischen Anfällen besteht, an -welchen ich schon nahezu drei Jahre leide. Es bleibt -kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren, was -in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt -daher äusserst wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt -gegen das System des allgemeinen, gleichsam systematischen -Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so geschieht -es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung -auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu -verteidigen. Allein wessen klagt man mich denn an? -Man klagt mich an, dass ich über Politik, über den Westen, -über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht -denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt -nicht an sie? Wozu habe ich denn gelernt, warum ist -durch das Studium Wissbegierde in mir erweckt worden, -wenn ich nicht das Recht haben soll, meine persönliche -Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer -anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine -Autorität ist? Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, -spielt sich ein ungeheures Drama ab; es kracht und zerbröckelt -sich die Jahrhunderte alte Ordnung der Dinge. -Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen -jeden Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation -bei ihrem Einsturz mit sich zu reissen. 36 Millionen -Menschen stellen jeden Tag buchstäblich ihre ganze Zukunft, -ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf -das Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit, -Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Seele zu erschüttern? Dies ist dasselbe Land, welches -uns Wissenschaft, Bildung, europäische Zivilisation gegeben -hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist -schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre -von der Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, -uns, denen man einen gewissen Grad von Bildung -gegeben, in denen man den Durst nach Kenntnissen und -Kultur geweckt hat — kann man uns denn dafür anklagen, -dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und -da über den Westen, über die politischen Ereignisse zu -sprechen, die Bücher vom Tage zu lesen, der Bewegung -des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu studieren? -Kann man mich denn deswegen anklagen, dass -ich mit einem gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche -das unglückliche Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst, -dass ich vielleicht diese historische Krisis für unumgänglich -halte, als einen Übergangszustand (wer kann es jetzt -beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte, welcher -endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese -Meinung, weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei -über den Westen und die Revolution niemals -erstreckt. -</p> - -<p> -Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen -habe, wenn ich mir erlaubt habe, über die -gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt daraus, dass -ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen -hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass -ich diese untergrabe? — Unmöglich! Für mich hat es -niemals einen grösseren Unsinn gegeben, als die Idee einer -republikanischen Staatsform in Russland. Allen, welche -mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja, endlich -wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen -Überzeugungen, meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es -kann sein, dass ich mir noch die Revolution des Westens -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -und die historische Unumgänglichkeit der Krisis, welche -sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige -Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger -Kampf der Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen, -welche sich durch Eroberung, Gewaltsamkeit und -Unterdrückung auf einer Fremdkultur gründete. Und bei -uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen gebildet, -davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das -Sinken Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der -Schwächung und Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände -der Nowgorodschen Republik, einer Republik, -welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf slavischer -Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die zweimalige -Rettung Russlands durch die Macht der Autorität, -durch die Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch -die Vertreibung der Tataren, das zweite Mal in der Reform -Peters des Grossen, da nur der warme kindliche -Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand -setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben -zu ertragen. Ja, und wer denkt denn bei uns an Republik? -Wenn auch Reformen bevorstehen, so wird es sogar -für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag, -dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch -kräftigeren Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in -revolutionärer Weise vor sich gehen sollen. Ich denke -nicht, dass in Russland ein Liebhaber des russischen Aufstandes -gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele -davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon -lange her ist, dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe -ich mich jetzt an meine eigenen oft wiederholten Worte -erinnert, dass alles Gute, das es nur jemals in Russland -gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer -von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten -aber noch nichts aufgetaucht ist als Eigensinn und -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Rohheit. Diese meine Meinung wissen viele, die mich -kennen. -</p> - -<p> -Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose -Strenge in unserer Zeit; ich habe darüber geklagt, -denn ich habe gefühlt, dass da ein Missverständnis sich -gebildet hat, aus welchem ein für die Litteratur schwerer -und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war mir -ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren -Tagen durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; -dass die Zensur den Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben -hat, als eine Art natürlichen Feind der Obrigkeit -ansieht und sich daran macht, seine Manuskripte mit -einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es -macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk -verbietet, nicht weil man darin irgend etwas Liberales, -Freidenkerisches, der Obrigkeit Widerstreitendes fände, -sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung oder der -Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild -darin aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in -der Gesellschaft anklagt oder verdächtigt, und obwohl die -Tragödie selbst auf eine durchaus zufällige und äusserliche -Weise vor sich gegangen. Man möge doch alles durchsehen, -was ich geschrieben, sei es gedruckt oder ungedruckt, -man möge die Handschriften meiner schon gedruckten -Werke durchlesen, da wird man sehen, wie sie -vor der Übergabe an die Zensur beschaffen waren; man -suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die Sittlichkeit -und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet -wäre. Und dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot -unterworfen, einzig nur darum, weil das Bild, das -ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt war. Wenn -sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses -verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor -der Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -schlimmer als das, denn die Arbeit gab mir die -Mittel zu meiner Erhaltung. -</p> - -<p> -Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei -allem Harm, ja fast in Verzweiflung (denn von der Geldfrage -ganz abgesehen, ist es bis zur Verzweiflung unerträglich, -das Werk, das man geliebt hat, daran man Arbeit, -Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus -<em>Missverständnis</em>, aus <em>Misstrauen</em> verboten zu sehen), -ich musste also überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung -so viele leichte, heitere Stunden finden, um in -dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit heiteren, rosenfarbigen, -angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben -musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich -geredet habe, wenn ich mich ein wenig beschwert habe -(und ich habe mich so wenig beklagt!) — war ich darum -ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert? -Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich -mit allen Kräften gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder -Schriftsteller schon von vornherein verdächtigt wird, dass -man ihn ohne Verständnis, mit Misstrauen ansieht, und -habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf erhoben, -dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses verderbliche -Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum, -weil es für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten -Lage zu bestehen. Ganze Kunstarten müssen auf diese -Weise verschwinden. Die Satire, die Tragödie können -nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge -unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, <a id="corr-13"></a>von Wisin, -ja sogar keine Puschkins bestehen. Die Satire verspottet -das Laster und meistens das Laster, das unter der Tugendmaske -einhergeht. Wie kann man sich jetzt auch nur die -geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in -allem eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter -sei, dass das vielleicht vom Autor auf irgend eine -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Persönlichkeit, auf irgend eine Ordnung der Dinge gemünzt -sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass ich, alles Harms -vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der Zensor -in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft -schädlich und für den Druck unzulässig erachtete. -Ich lachte darum, weil in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe -gar niemandem als dem Zensor in den Kopf kommen -konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert -man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor -sichtlich mit der Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte -wie einer ewigen unwandelbaren Idee nachjagt, die sein -Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen hat, die -er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst -in seiner Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, -selbst mit furchtbaren, nie dagewesenen Farben ausgemalt -hat, bis er zuletzt sein Phantom mitsamt der unschuldigen -Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen Satz -des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man -das Laster und die traurige Seite des Lebens verdeckt, -damit vor dem Leser auch das wirkliche Laster und die -traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein! Der Schriftsteller -wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens -vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken, -sondern vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, -dass er nicht aufrichtig, nicht gerecht sei. Ja, kann man -denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann denn die -helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen Hintergrund? -Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht -und Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum -einen Begriff, weil auch Schatten vorhanden ist. Man -sagt: man beschreibe nur Vorzüge und Tugenden. Aber -wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; -die Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden, -dass das Gute und das Böse immer nebeneinander -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -dagewesen sind. Wollte ich aber nur daran denken, Rohheit, -Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu bringen, -sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen, -wird denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne -Ausnahme anwende. Ich bin nicht auf die Schilderung -des Lasters und der düsteren Seiten des Lebens erpicht! -Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich -spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich -sah und mich davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur -und der Zensur ein Missverständnis bestehe (nur -Missverständnis, weiter nichts), habe ich darüber geklagt, -habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so -schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur -liebe und nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren, -weil ich weiss, dass die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, -ein Spiegel der menschlichen Gesellschaft ist. Mit -der Kultur und Zivilisation treten neue Begriffe auf, welche -eine Bestimmung, eine russische Benennung brauchen, um -dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist -es, das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte, -da die Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern -von oben. Nur jene Gesellschaft vermag den neuen Begriffen -einen Namen zu geben, welche die Zivilisation vor -dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der -Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen -kultiviert worden ist. Wer ist es denn, der die neuen -Ideen in eine solche Form giesst, dass das Volk sie verstehe? -Wer anders als die Litteratur! Ohne sie wird -die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke -aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was -man von ihm will. Wie war die russische Sprache zur -Zeit Peters des Grossen beschaffen? Halb russisch und -halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe, -deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten. -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Allein das russische Volk spricht nicht deutsch, -und das Erscheinen Lomonossows sofort nach Peter dem -Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die Gesellschaft -nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen -war, und ich wiederhole es zum zehntenmale: das -Missverständnis, das zwischen der Litteratur und den -Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich. -Da redete ich — allein ich redete nie von Übereinstimmung, -von Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses. -Ich hetzte niemanden um mich herum auf, -<em>da ich ein Glaubender war</em>. Ja, und ich sprach davon -nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen -Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei? -</p> - -<p> -Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende -bei Petraschewsky den Artikel „Korrespondenz Belinskys -mit Gogol“ vorgelesen habe. Ja, ich habe diesen Artikel -gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt hat, -sagen, für welche der beiden korrespondierenden Personen -ich Partei genommen habe? Er möge sich nur erinnern, -ob etwa in meinen Ansichten (die ich übrigens zurückhielt), -oder etwa in meiner Intonation, in meinen Gesten -etwas lag, das kundgegeben hätte, ob ich mich der einen -oder der anderen Person gegenüber parteiischer verhalten -habe! Natürlich wird er das nicht sagen. Belinskys Brief -ist allzu seltsam geschrieben, als dass er irgend welche -Sympathie erwecken könnte. Schmähungen stossen die -Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief -aber ist von Schmähungen und Galle erfüllt. Endlich ist -der ganze Brief ein Beispiel ohne Beweiskraft — ein -Mangel, den Belinsky in seinen kritischen Artikeln niemals -ablegen konnte und der im Verhältnisse zur Erschöpfung -seiner physischen und geistigen Kräfte durch die Krankheit -immer zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre -seines Lebens zur Zeit seines Aufenthaltes im Auslande -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -geschrieben worden. Eine gewisse Zeit lang war ich -ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch -betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit, -welche ihn niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen. -Sie hat seine Seele grausam und starr gemacht -und sein Herz mit Galle erfüllt. Seine zerrüttete, überspannte -Einbildungskraft vergrösserte alles ins Kolossale -und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte. -Es traten bei ihm Mängel und Fehler auf, von -welchen im gesunden Zustande auch keine Spur vorhanden -war. Unter anderem zeigte sich eine äusserst reizbare -und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren -Mitarbeitern er zählte und wo er seiner Krankheit wegen -sehr wenig arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hände -gebunden und liess ihn nicht allzu ernste Artikel schreiben. -Das verletzte ihn. In dieser Stimmung nun war es, dass -er seinen Brief an Gogol schrieb. In der Schriftstellerwelt -ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige Entzweiung -mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens -nicht unbekannt. Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung -bekannt: es handelte sich um Ideen über -Litteratur und um die Richtung derselben. Meine Anschauung -war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt. -Ich machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemühe, -der Litteratur eine besondere, ihrer nicht würdige -Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur Beschreibung -— wenn man so sagen darf — von <em>Zeitungsfakten</em> oder -skandalösen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm -namentlich, dass man mit Galle niemanden an sich ziehe, -sondern vielmehr alle und jeden tödlich langweilen werde, -wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg läuft, -anpackt, jeden Vorübergehenden am Knopfe seines Rockes -festhält, ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines -Besseren belehren will. -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Belinsky wurde böse auf mich, und so gingen wir -endlich von Erkältung zu förmlichem Bruch über, so dass -wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten Lebensjahres -nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt, -diese Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz -ein ziemlich bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt. -Sowohl Belinsky als Gogol sind höchst bedeutende -Persönlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander -sind sehr interessant — umsomehr für mich, da ich mit -Belinsky bekannt gewesen war. Petraschewsky hatte -diese Briefe zufällig in meiner Hand erblickt und gefragt: -Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie sogleich -zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu -bringen. Ich hatte mich selbst dazu angetragen und -musste nun mein Wort halten. Ich habe diesen Artikel -wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr, nicht -weniger, vorgelesen, fest überzeugt, dass er niemanden -verlocken könne, obwohl er eines gewissen litterarischen -Wertes nicht ermangelt. Was mich anbelangt, so bin ich -buchstäblich nicht mit einer einzigen der Übertreibungen -einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte ich, -folgenden Umstand in Erwägung zu ziehen: Würde ich -es denn unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen, -mit welchem ich gerade um seiner Ideen willen -im Streite gelegen hatte (das ist kein Geheimnis, es ist -vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken Zustande, -in geistiger und seelischer Zerrüttung geschriebenen Artikel, -würde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen, -ihn als ein Vorbild, eine Formel aufzustellen, der man -nacheifern muss? Ich habe erst jetzt begriffen, dass ich -damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht in -der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber -damals habe ich mich nicht besonnen, denn ich habe auch -nicht geahnt, wessen man mich beschuldigen kann, habe -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -keine Sünde darin vermutet. Aus Achtung für einen -schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden -Menschen, dessen Urteil man um einiger litterarisch-ästhetischer -Artikel willen schätzt, die thatsächlich -mit grosser Kenntnis der Litteratur geschrieben sind; -endlich aus dem heiklen Gefühl, welches gerade durch -meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche -vielen bekannt sind) in mir verursacht wurde, las ich die -ganze Korrespondenz, mich jeder Bemerkung enthaltend -und mit vollständiger Unparteilichkeit. -</p> - -<p> -Ich habe erwähnt, dass ich über Politik, über Zensur -und anderes gesprochen habe; aber da habe ich unnütz -über mich ausgesagt. Ich wollte damit nur ein Bild -meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei Petraschewsky -über diese Gegenstände gesprochen. Ich habe -bei ihm nur dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen: -einmal über Litteratur anlässlich eines Streites -mit Petraschewsky über Krylow, und ein zweitesmal über -Persönlichkeit und über Egoismus. Im allgemeinen bin -ich kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut -zu sprechen, wo mir fremde Personen gegenwärtig sind. -Meine Denkungsart, sowie meine ganze Person sind nur -sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen -Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern -nach, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Aber ich -wurde zu diesem litterarischen Streite herausgefordert -durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess, -dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die -Kunst sich selbst Zweck ist, dass der Autor sich nur um -das Künstlerische zu kümmern habe; die Idee werde schon -selbst erscheinen, denn sie ist die unumgängliche Bedingung -des Künstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass -diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung -diametral entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt, -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -dass ich diese Richtung schon durch mehrere Jahre -vertrete. Endlich haben alle bei Petraschewsky unseren -Streit gehört, alle können das bezeugen, was ich gesprochen -habe. Es hat damit geendigt, dass es sich -zeigte, dass Petraschewsky dieselben Ideen über Litteratur -hatte, wie ich, dass wir einander aber nicht verstanden. -Dieses Resultat unseres Streites haben viele gehört, und -ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus -Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys -genaue Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was -nun das zweite Thema anbelangt, über Persönlichkeit und -Egoismus, so wollte ich darin nachweisen, dass unter uns -mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Würde vorhanden -sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbröckelung -der Persönlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher -Eigenliebe, aus Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer -Arbeiten. Dies ist ein rein psychologisches Thema. Ich -habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche bei Petraschewsky -zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein, -nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken -noch in der Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien -ein Streit zu sein, der einmal begann, um niemals beendet -zu werden. Um dieses Streites willen kam auch die Gesellschaft -zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast -jedesmal ging man auseinander, um das nächstemal den -Streit wieder mit erneuerter Kraft aufzunehmen, da man -fühlte, dass man auch nicht den zehnten Teil dessen gesagt -habe, was man hätte sagen mögen. Ohne Debatten -wäre es bei Petraschewsky höchst langweilig gewesen, -weil nur Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem -Charakter zu verbinden vermochten. Man -sprach über alles, aber über nichts ausschliesslich, und -man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der sich -zufällig zusammenfindet. Ich bin überzeugt davon. Und -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -wenn ich manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky -teilgenommen habe, wenn ich zu ihm ging und nicht erschrak, -wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde, so geschah -dies deshalb, weil ich vollkommen überzeugt war -(und das bin ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft, -im Kreise gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys, -aber nicht öffentlich vor sich ging. So war es thatsächlich, -und wenn man jetzt eine so ausschliessliche Aufmerksamkeit -dem zuwendet, was bei Petraschewsky vorging, -so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky -durch seine Sonderbarkeiten und Excentricitäten fast ganz -Petersburg bekannt war und daher auch seine Abende -bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass das Gerede -ihre Bedeutung übertrieb, obwohl im Gerede der Leute -mehr Spott über Petraschewskys Abende enthalten war -als Besorgnis. -</p> - -<p> -Darüber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen -wurde (aber immer im Sinne des Zweifels und so, dass -Streit daraus entstand), war ich nicht beunruhigt, weil es -nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein hitziges Paradoxon, -irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt -(natürlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise), -anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang -zu bleiben, sich in seiner Seele zu verhärten und einzuwurzeln. -Gemeinsamer Streit ist nützlicher als Vereinsamung. -Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der -gesunde Verstand wird den Sieg davontragen. So habe -ich diese Versammlung betrachtet und bin auf Grund dieser -Anschauung manchmal hingegangen. Die Erfahrung hat -mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhörte, über den -Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als -Lehre betrachtet, von allen Seiten mit Spott überschüttet. -Wenn aber bei Petraschewsky irgend jemand es unternommen -hätte, über eine Anwendung des Fourierschen -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen, -so hätte man ihm sofort ohne alle Umstände ins Gesicht -gelacht. Ich spreche so, weil ich von der Wahrheit meiner -Aussage überzeugt bin. -</p> - -<p> -Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein -geheimer Zweck von der Gesellschaft Petraschewskys verfolgt -wurde, kann man auf das nachdrücklichste sagen, -dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders von -Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen, -Charakteren, Persönlichkeiten, Spezialitäten, dieser Streitigkeiten, -welche fast bis zur Feindseligkeit gingen und -nichtsdestoweniger nur Debatten blieben, in Anbetracht -also alles dieses kann man auf das nachdrücklichste sagen, -dass unmöglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem -Chaos vorhanden sein konnte. Hier war auch nicht -der Schatten einer Einheit und könnte auch keiner bis -an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl -ich nicht alle Männer und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys -kannte, so kann ich unbedingt nach dem, was -ich gesehen habe, sagen, dass ich mich nicht irre. -</p> - -<p> -Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage, -zur Antwort, welche meine Rechtfertigung abschliesst; es -ist diese: Ist Petraschewsky selbst ein gefährlicher -Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft -schädlich? -</p> - -<p> -Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte, -konnte ich sie nicht geradeaus beantworten. Ich hätte -vorher in mir eine ganze Reihe von Fragen und -Zweifeln entscheiden müssen, welche sofort in meinem -Geiste entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle -beantworten konnte, welche einen bestimmten Grad von -Sammlung forderten, und darum stand ich da, ohne zu -wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles -klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Erwägungen, als auch schliesslich die Antwort auf die mir -gestellte Frage als Schlussfolgerung dieser Erwägungen -hier vorlegen. -</p> - -<p> -Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der -Gesellschaft schädlich sei, so verstehe ich darunter vor -allem, ob er es als Fourierist, als Anhänger und Verbreiter -der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng beschriebenes -Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich -die Schrift darin erkennen würde. Ich kenne Petraschewskys -Handschrift nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert -und ich habe unbedingt nicht vermutet, dass er -sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit Überzeugung); -darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als -einem Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine -theoretischen Überzeugungen, ja und diese kaum, da wir -auch ein theoretisches Gespräch über Fourier selten, fast -niemals anknüpften, da unsere Gespräche sich sofort in -Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plänen -aber und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals -etwas mitgeteilt, und ich weiss endgiltig nicht, hat er -solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn er auch solche -gehabt hätte, was ich durchaus nicht weiss, so würde er -sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand -und keine grosse Freundschaft uns verband, sicherlich (ich -bin davon überzeugt) alles vor mir verborgen und mir -kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits hatte -auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu -lernen. Deshalb kann ich unbedingt nichts über Petraschewsky -als Fourieristen sagen, ausser in einem rein -wissenschaftlichen Sinne. -</p> - -<p> -Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers -schätzt; als Fourierist kann er natürlich nichts anderes -wünschen, als dass man mit ihm sympathisiere. Aber -man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache. Zieht er -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in -der Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung -der Fourierschen Lehre in der Jugend zu -bewirken? Ich erwidere: ich kann unbedingt nichts über -diese Sache sagen, weil ich keine genügenden Daten habe -und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne. -Man hat mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden -ein gewisser Lehrer Toll sich befinde. Allein Toll ist mir -vollkommen unbekannt, und dass er ein Lehrer sei, habe -ich erst kürzlich erfahren. Was aber Jastrzembski anbelangt, -so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als -er über politische Ökonomie sprach. Sonst kenne ich -keinen Lehrer. Da ich nicht nur in keinerlei nahen, -sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll stehe, so -kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit -Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander -kennen lernten, noch die Beziehungen, in welchen sie zu -einander standen; mit einem Worte, es war mir ganz uninteressant, -das zu wissen. Was nun Jastrzembski anbelangt, -so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art -seiner ökonomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur -zweimal in der Lage war, ihn zu hören. Er ist, so viel -mir scheint, ein Ökonomist der neuesten Schule und lässt -den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten Professoren -thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch -seine kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil -seiner Arbeit viel wissenschaftlich Nützliches geleistet. -Mit einem Worte, ich nehme an, dass Jastrzembski weit -davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und dass er von -Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken, -dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht -kenne, dass ich niemals ein Gespräch mit ihm angeknüpft -habe, und es scheint, dass auch er sich in der gleichen -Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -seiner Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von -den meinen hat. Also kann ich über Petraschewsky als -Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen und Vorstellungen -urteilen. -</p> - -<p> -Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich -weiss, dass meine Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende -angenommen wird; immerhin wird sie eine Aussage -bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der Irrtum -wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir -eine Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich -früher nichts wusste. Ich habe einen Satz dieser Handschrift -gelesen. In diesem Satze ist der heisse Wunsch -ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als -möglich siegen möge. Wenn die ganze Handschrift in -diesem Sinne geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als -die seine anerkannt hat, so hat er natürlich die Verbreitung -des Fourierschen Systems gewünscht. Ob er jedoch -thatsächlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat, -ist mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine -Geheimnisse unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich -Glauben schenken kann. Niemand wird aussagen können, -dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr nahen Beziehungen -gestanden hätte. Ich kam an Freitagen als -Bekannter zu ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen -seiner Pläne und habe zum ersten Male diese Handschrift -gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze durchaus -nicht kenne. Und so vermag ich nichts darüber zu sagen, -ob er irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen -habe. Allein man möge mir erlauben, einige meiner eigenen -Gedanken darzulegen, welche meine tiefsten Überzeugungen -ausmachen, über welche ich lange nachgesonnen habe, -welche mir früher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge -welcher endlich ich bei der ersten Frage über die -Strafbarkeit Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -konnte. Ich begriff, wie wichtig in den Augen der Richter -Petraschewskys solche Beweise sein müssen, wie Bücher, -Handschriften und Reden, welche abrissweise niedergeschrieben -worden sind. Da man mich aber über ihn -befragt, so möge man mir erlauben, meine Ansichten über -seine ganze Angelegenheit hier auszusprechen. -</p> - -<p> -Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers -ist ein friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schönheit, -es bestrickt das Herz durch jene Menschenliebe, welche -Fourier beseelte, als er sein System schuf, versetzt den -Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und zieht nicht -durch bittere Ausfälle an sich, sondern beseelt jeden mit -der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es -keinen Hass. Politische Reformen setzt sich Fourier nicht -vor. Seine Reform ist eine ökonomische. Sie greift weder -die Obrigkeit noch den Besitz an, und in einer der letzten -Sitzungen der Kammer hat Victor Considérant, der Repräsentant -der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die -Familie abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches -und wird niemals populär werden. -</p> - -<p> -Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der -Februar-Revolution nicht ein einziges Mal auf die Gasse -herabgestiegen, sie sind in der Redaktion ihres Journals -geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20 Jahre mit -Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère -zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich, -erstens schon darum allein, weil es ein System ist; zweitens, -wie schön es auch sei, bleibt es immer eine wesenlose -Utopie, aber der Schaden, den diese Utopie anrichtet, ist, -wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher komisch -als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das -in einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und -ausgepfiffen worden wäre, wie das System Fouriers im -Westen. Es ist schon lange tot, und seine Führer bemerken -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als lebendig -Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke -jedes System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich, -denn die hungrigen Proletarier ergreifen in der Verzweiflung -jedes Mittel, und aus jedem Mittel sind sie -imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem -Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt -der Hunger die Leute auf die Gasse, den Fourierismus -aber hat man aus Geringschätzung vergessen. Und sogar -der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt ist, -erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt, -Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig -Schritte auf der Strasse zu machen, um sich zu überzeugen, -dass der Fourierismus auf unserem Boden nur -bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen -Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen, -träumerischen Seele, aber nicht anders als in -der Form einer Idylle, oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig -Gesängen. Der Fourierismus kann keinen -ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein -ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein -schon eine Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit -langsam vollziehen. Um das System Fouriers -vollkommen zu begreifen, muss man es studieren; das -aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein -Dutzend Bände durchlesen. Kann denn ein solches System -populär werden? Vom Katheder herunter durch die Lehrer? -Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen des Umfanges -der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein -ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das -System Fouriers nicht entstehen, und wenn ein Fourierist -Schaden bringt, so thut er es höchstens sich selbst, in der -öffentlichen Meinung, bei denen, welche gesunden Menschenverstand -besitzen; denn für mich ist die höchste Komik -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -— eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus -aber und mit ihm jedes System des Westens sind für -unseren Boden so unbrauchbar, unseren Umständen so entgegen, -dem Charakter unserer Nation so fremd, andererseits -aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein -Produkt des dortigen abendländischen Standes der Dinge, -in welchem die proletarische Frage um jeden Preis entschieden -wird, dass der Fourierismus mit seiner eindringlichen -Unvermeidlichkeit jetzt bei uns, wo es kein Proletariat -gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die allerunnützeste, -in ihren Folgen die allerkomischeste wäre. -Dies ist es, warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky -für gescheiter halte und ihm niemals ernstlich -zugetraut hätte, weiter als bis zu einer theoretischen -Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. -Alles übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz -zu halten. Der Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer -Mensch — das ist meine Meinung. Endlich hat -meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon, so viele -ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen -Kräften halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein -Beweis davon ist, dass in Frankreich im Verlaufe eines -Jahres fast alle Systeme fielen, und zwar durch sich -selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste Bekräftigung -herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss -ich sagen, dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht -weiss, ich wiederhole es noch einmal), dass Petraschewsky, -vor keinerlei Spott zurückschreckend, sich noch immer um -die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich -dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der -Gesellschaft Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, -in welcher Weise könnte Petraschewsky als Verbreiter -des Fourierismus schädlich sein? Das geht über meine -Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen -auf die mir gestellte Frage antworten kann. Endlich ist -in mir noch eine Erwägung aufgetaucht, die ich nicht verschweigen -kann, eine Erwägung rein menschlicher Natur, -wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange die -Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von -einer gewissen Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war -Eigenliebe, die ihn veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, -es war auch Eigenliebe, dass ihm die Freitage -nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte er viele -Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er -besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als -eine persönliche Beobachtung von mir, eine Mutmassung, -denn, ich wiederhole es, alles, was ich über Petraschewsky -weiss, weiss ich unvollständig, nicht vollkommen, sondern -nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und -gehört habe. -</p> - -<p> -Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen. -</p> - -<p class="sign"> -Theodor Dostojewsky. -</p> - -<p> -Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember -vom Kaiser unterschrieben worden war, verlesen wurde, -war keiner unter ihnen, der Reue empfunden hätte. Sein -persönliches Verhalten in dieser „längst vergangenen Geschichte“, -sagt er in seinem „Tagebuche“, änderte sich -erst viel später. -</p> - -<p> -Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen -Untersuchungshaft verlief verhältnismässig günstig, was -die äusseren Umstände betrifft. Er war im Alexejschen -Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich auf -eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung, -spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben -und lesen. Seine Gesundheit wurde merkwürdigerweise -gerade in dieser Zeit fester. Sein ganzes Wesen war -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -durch das Ereignis so erschüttert und nach innen gekehrt, -dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis -zum Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete, -— derart, dass nach den Aussagen seines Bruders -Andreas fast jede Nacht auf seinem Tischchen ein Zettel -lag, worauf geschrieben stand: „heute kann ich in lethargischen -Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen -begraben!“ — jede Angst und Sorge um sein Leben und -seine Gesundheit verlor und schon dadurch widerstandsfähiger -wurde. Seine innere Stimmung war zwar wechselnd, -doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen Arbeitskraft -quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder -am 18. Juli: „Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... -manchmal fühlst du sogar, als seist du an dieses Leben -schon gewöhnt und es sei alles eins ... aber ... ein -anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen -Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle -Tage, und es ist etwas freundlicher geworden ... auch -habe ich Beschäftigung. Ich habe die Zeit nicht vergeudet, -habe drei Erzählungen und zwei Romane ausgedacht; -an einem derselben schreibe ich jetzt.“ -</p> - -<p> -Dieser „Roman“ war nach Dostojewskys späteren -Aufzeichnungen die Erzählung „Ein kleiner Held“, welche -in den „Vaterländischen Annalen“ anonym erschien, und -zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der -Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder -Michael hatte das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch -fügt seinen Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort -konnte man nur das Unschuldigste schreiben). Der Biograph -O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei -aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische -Figur aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten -habe, und führt eine sehr charakteristische Stelle -aus dieser Personalbeschreibung an. Sie lautet: „Auf alles -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz besonders -versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre -tiefe Sympathie für die Menschheit darzulegen ... endlich, -um unumstösslich die Romantik zu geisseln, d. h. -zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes -Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.“ -</p> - -<p> -Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit -in die Hände einer eigenen, im Namen des Kaisers -amtierenden Gerichtskommission unter dem Vorsitz des -Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle Angeklagten -aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die -Sache ging jedoch an das General-Auditoriat über, wo sie -kriegsrechtlich behandelt wurde. Sie wurde also kraft -der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet, dass -alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, -ohne Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung -der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder -mit revolutionären Mitteln angestrebt hatten, ob sie überhaupt -einen Umsturz der Staatsverfassung angestrebt, oder, -wie Dostojewsky, einen Brief „voll frecher Ausdrücke -gegen Kirche und Staat“ vorgelesen hatten — zum Tode -durch Füsilieren verurteilt wurden. -</p> - -<p> -Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, -wann das Urteil verlesen werden würde. Am frühen -Morgen des 22. Dezember — so erzählt O. Miller — bemerkten -sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und -ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer -der Gefangenen, Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass -dies um 6 Uhr war, und um 7 Uhr setzte man sie auf -die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten Dostojewskys -hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen -Gewänder anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines -Aufsehers geschickt wurden. Speschnew, welcher nicht -begreifen konnte, wohin man sie führe, vermutete, man -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber -kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im -Ordonnanzhause geschehen. -</p> - -<p> -Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew -fragte unterwegs den Soldaten: „wohin führt man uns?“ -Dieser antwortete: „Es ist nicht befohlen zu sagen“. -Es war starker Frost und so konnte man durch die beeisten -Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf -welcher Strasse man fahre .... Um sich davon zu überzeugen, -wohin er geführt werde, versuchte Speschnew mit -dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu machen, allein -der Soldat sagte: „Thun Sie das nicht, sonst schlägt man -mich“. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche -Neugierde zu befriedigen. Es wurde schon -oben gesagt, dass der Gedanke an die Todesstrafe ihnen -gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch -daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und -durch den Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger -vorgelesen werden würde, zum Zwecke, ihnen -einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu verursachen. -Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, -brachte man sie auf den Semenowskyschen Platz und -führte sie in einer gewissen Ordnung hinaus. Darauf -führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor Michailowitsch -erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und -elf auf die andere Seite. -</p> - -<p> -Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, -den Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung -an den Bruder schreibt. Es giebt nichts -Charakteristischeres als diese knappe Darlegung des erschütterndsten -Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet: -</p> - -<p> -„Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den -Semenowsky-Platz hinausgeführt, dort hat man uns allen -das Todesurteil vorgelesen und das Kreuz zu umfassen -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen zerbrochen -und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet. -Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung -des Todesurteils an den Pfahl gestellt. Ich stand als -sechster in der Reihe; man rief je drei und drei heraus, -folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran kommen, -und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. -Ich dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten -Augenblicke warst du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; -da erst erkannte ich, — wie sehr ich dich liebe, -teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew, Durow, -die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden. -Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl -Gebundenen führte man zurück und las uns vor, dass -Seine kaiserliche Majestät uns das Leben schenkt. Dann -folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm -ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.“ -</p> - -<p> -In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene -nach Jahren verwertet hat, können wir in der Erzählung -des Idioten, im Roman dieses Namens ersehen. -</p> - -<p> -Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere -Kerkerstrafen war schon früher eigenhändig vom -Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an den Rand des -Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns -diese Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene -Strafumwendung in achtjährige Zwangsarbeit -wurde in eine vierjährige Frist mit nachträglicher Einreihung -in den Liniendienst umgewandelt. -</p> - -<p> -Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen. -</p> - -<div class="letter"> -<p class="left"> -No. 522. -</p> - -<p class="right"> -24. Dezember 1849. -</p> - -<p class="adr"> -An den Herrn General-Adjutanten<br /> -Graf Orloff. -</p> - -<p class="center"> -Rapport. -</p> - -<p> -Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen -Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestät -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -beschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer -Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends, -abgefertigt: Durow, Dostojewsky und <a id="corr-14"></a>Jastrzembski in Ketten -geschmiedet nach Tobolsk<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> in Begleitung des Lieutenants -Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, -Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs -im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson -in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander -mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer -Durchlaucht Mitteilung zu machen. -</p> - -<p class="center sign"> -Der Festungs-Kommandant,<br /> -General-Adjutant Nabokow,<br /> -der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch. -</p> - -</div> - -<p> -Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung -Dostojewskys und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, -befindet sich in den Moskauer Adelsarchiven und lautet: -</p> - -<div class="block"> -<p class="unwrap center"> -Archiv des Moskauer Adels.<br /> -Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II<br /> -(September 1850). -</p> - -<p> -Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden -Inhalts: Der dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme -des Rapports des Herrn Kriegsministers vom -23. Dezember des vorigen Jahres — enthaltend den von -Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten Bericht über die, -durch das Kriegsgericht als Kriminal-Feldkriegsrat wegen -verbrecherischer Absichten gegen die Obrigkeit laut Ukas -vom 30. Dezember desselben Jahres verurteilten Verbrecher -— hiermit an: dass, unbeschadet der erflossenen -Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten Allerhöchsten -Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich -wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) -jener Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen -die genannten Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser -Personen wurden verurteilt: der nicht gedient habende -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Edelmann (dworjanin) Alexei Pleschtschjew und der verabschiedete -Ingenieur-Lieutenant Theodor Dostojewsky, -welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch -Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser -(Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten -Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe -Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte -als Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon -eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner -Standesrechte, auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung -geschickt und danach als Gemeiner in den Felddienst eingereiht -werde. -</p> - -</div> - -<p> -Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem „Tagebuche -eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873, wo er, -auf diesen Tag zurückkommend, sagt: „Wir Petraschewzen -standen auf dem Schaffot und hörten unser Todesurteil -an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich nicht -für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin -zu irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, -so doch mindestens die grosse Mehrzahl der Unseren es -als eine Ehrlosigkeit betrachtet hätte, seine Überzeugung -zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode durch -Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum -Scherz vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest -überzeugt, dass es vollstreckt werden würde, und verlebten -mindestens zehn furchtbare Minuten der Todeserwartung. -In diesen letzten Minuten stiegen manche -von uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich -weiss das bestimmt), und indem sie ihr noch so junges -Leben in einem Augenblicke prüften, mochten sie wohl -manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche -bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den -Tiefen des Gewissens ruhen); aber die Sache, um -derentwillen wir verurteilt wurden, die Gedanken, die -Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten — sie -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, -sondern sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, -um dessentwillen uns vieles verziehen würde.“ Uns scheint -diese klare Bezugnahme auf die „längstvergangene Geschichte“ -ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit und -Reinheit seiner „Umkehr“; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität -oder irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten -Umsattelung, die ihm die ehemaligen Parteigenossen und -jüngeren Propagandisten vorwarfen, veranlasst, so würde -er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines überzeugten -Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht -er sich direkt und später in allen seinen Werken in unzweideutiger -Weise über seine Umkehr aus, am prägnantesten, -wo er sagt: „Es ist uns recht geschehen mit -dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.“ -</p> - -<p> -Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von -europäischen Lesern richtig aufgefasst zu werden, eines -längeren und eingehenderen Kommentars, als unser Versuch -einer Lebens-Erzählung rechtfertigen könnte, ja als -er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit Russland -so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, -um jene Beobachtungen historisch und psychologisch zu -erhärten, welche auch dem „Gast auf eine Weile“ nicht -entgehen und geeignet sind, dies Wort Dostojewskys zu -erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen -Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen -des Westens in die Beurteilung des russischen -Volkes, in seine Wünsche für dasselbe hineintragen. Das -Volk „mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker -der Zukunft wird zu rechnen haben“, dieses Volk im -Namen unserer verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale -revolutionieren zu wollen, ist wirklich mehr als -ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch Reformen, -einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende, -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke -die heiligste ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht -verstehen, und einem Kaiser Josef auf dem Throne würde -es einen passiven Widerstand leisten, der dräuender und -gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in Jahrhunderten -vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen -zum Bewusstsein dieser „Kraft zu wollen“ kommen werden, -nach einem Kulturwege, der ausser unserer Berechnung -liegt (denn es ist höchst intelligent und beharrlich, ja -hartnäckig daneben), da wird es seine eigene Revolution -machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und dem -staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht -seiner Kultur in den Schoss werfen. Das Volk, von dem -ein grosser Teil, bei aller kindlichen Liebe für sein -Väterchen, den Zar für den Antichrist hält, und die vom -Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a>, ein solches -Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden -missverstandener Historien, und es bedarf heute und für alle -Zeiten (das bedingt seine Lage) anderer Lebensquellen, -als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei uns finden -könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird -selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz -selbstverständlicher Weise in das Staatsleben eintreten und -ein Wort mitsprechen bei der Entscheidung seines eigenen -Geschickes. -</p> - -<p> -Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische -Volk heute revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, -beleuchtet unter anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs -in Moskau im Jahre 1877, als man eine Partie -Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da -weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Studenten vereinigten sich zu einer grossen Demonstration -zu Gunsten der Gefangenen. Sie holten diese -auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das Geleite durch -die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den -Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich -das Marktvolk zusammen und fiel über die Studenten her. -Es entstand ein blutiger Kampf, ein Gemetzel, das zwei -Stunden währte, sich bis an den Abfahrts-Bahnhof hinzog -und nur durch das Einschreiten der Polizei niedergeschlagen -werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche Dostojewskys -„Tagebuch eines Schriftstellers“ kannten, wohl -wussten, dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger -Student und „abgestrafter Staatsverbrecher“ sei, -und volles Vertrauen in sein Urteil setzten, wandten sich -mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine Anschauung -über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen. -</p> - -<p> -Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe -aus Petersburg antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht -hier seine Stelle zu finden. Der Brief lautet: -</p> - -<p class="date"> -„Petersburg, am 18. April 1878. -</p> - -<p class="adr"> -Sehr geehrte Herren Studenten. -</p> - -<p> -Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht -antwortete; ausser meinem thatsächlichen Unwohlsein -haben auch andere Umstände meine Antwort verzögert. -Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den Tagesblättern -antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das -aus Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich -sei, wenigstens dass es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich -zu beantworten. Zweitens dachte ich: wenn ich -Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da beantworten? -Eure Fragen umfassen alles — unbedingt das -ganze interne Leben Russlands. Also ein ganzes Buch -schreiben? — eine profession de foi? -</p> - -<p> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine -Briefchen zu schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im -höchsten Grade unverständlich zu sein. Das aber wäre -mir sehr unangenehm. -</p> - -<p> -Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, -die Frage zu lösen, inwieweit wir selbst, die Studenten, -schuldig sind, was für Schlüsse sowohl die Gesellschaft, -als auch wir selbst aus diesem Geschehnis ziehen sollen? -</p> - -<p> -Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in -den Beziehungen der heutigen russischen Presse zur Jugend -sehr richtig und genau gekennzeichnet. In unserer Presse -herrscht ersichtlich ein Ton „<em>vorbeugender</em> herablassender -Entschuldigung“ (Euch gegenüber, heisst das). Das ist -sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle -nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, -schon sehr abgegriffener Occasionston. -</p> - -<p> -Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von -diesen Leuten nichts zu erwarten, welche von uns nichts -erwarten, sondern sich abwenden, um ihr unwiderrufliches -Urteil den „wilden Völkern“ zu künden (dikim narotam). -</p> - -<p> -Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden -sich ab, ja und sie haben (die Mehrzahl wenigstens) gar -nichts mit Euch zu schaffen. Allein es giebt Leute, und -derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der Gesellschaft, -welche der Gedanke niederdrückt, dass die -Jugend sich <em>vom Volk</em> entfernt hat (das ist die Hauptsache -und das erste) und dann, d. h. jetzt, auch von der -Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in Träumereien -und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in -Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu -lehren. Zuletzt aber, jetzt, ist sie <em>unzweifelhaft</em> irgend -einer ganz aussen stehenden (wnjeschnej) führenden, politischen -Partei in die Hände geraten, die mit der Jugend -schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -als Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen -und besonderen Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, -meine Herren; es ist so. -</p> - -<p> -Ihr fraget, meine geehrten Herren: „inwiefern Ihr -selbst, die Studenten, schuldig seid?“ Hier meine -Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in gar -nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, -die Ihr jetzt hinter Euch lasset und welche „eine -Lüge nach allen Seiten“ ist. Aber indem er sich von -ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet sich unser -Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, -in den „Europäismus“, in das abstrakteste Reich eines -niemals dagewesenen Kosmopoliten, und bricht auf diese -Weise auch mit dem Volke, indem er es verachtet und -verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der er -sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im -Volke unser ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges -Thema) ... die Losreissung aber vom Volke kann ebenfalls -nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend gesetzt -werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, <em>das Volk -erdenken</em> (dodumatsoja do nawka)? -</p> - -<p> -Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk -die Losreissung der intelligenten russischen Jugend gesehen -und bemerkt hat; und das schlimmere dabei ist, dass -es die von ihm bemerkten jungen Leute Studenten nennt. -Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu -Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen -beim Volke selbst nur Widerwillen erweckt. -</p> - -<p> -„Junge Herrchen“, sagt das Volk (diese Benennung -kenne ich; ich garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei -aber besteht im wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite -des Volkes, weil es noch niemals bei uns, in unserem -russischen Leben eine solche Epoche gegeben hat, da die -Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Wendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in -ihrer ungeheueren Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, -reinen Herzens, mehr nach Wahrheit dürstend, mehr als -jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die Wahrheit -und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, -die echte grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich -schon lange und habe schon seit langem begonnen darüber -zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt heraus? Dieses -Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das -sucht sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin -ebenfalls mit der angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, -zusammentreffend), aber nicht im Volke, nicht im -Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem gegebenen -Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das -Volk kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu -leben, gehen die jungen Leute, nichts im Volke kennend, -sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen tief verachtend, -zum Beispiel den Glauben, in das Volk — nicht um es zu -studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit -Geringschätzung — ein rein aristokratischer Herrenstreich! -„Junge Herrchen“, sagt das Volk und es hat recht. -Seltsam: überall und immer sind die Demokraten fürs -Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter -russischer Demokratismus mit den Aristokraten gegen das -Volk verbündet; sie gehen ins Volk, „um ihnen Gutes zu -thun“, und verachten dabei seine Sitten und seine Grundlagen. -Geringschätzung führt nicht zur Liebe! -</p> - -<p> -Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen -junger Leute den Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, -macht Skandal. „Höret, würde ich diesen Kasanern -sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht gesagt), -Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum -aber kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? -Und das Volk nannte sie noch einmal „Jungherrchen“ -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -(Bartschenki) und, schlimmer als das, gab ihnen -den Namen „Studenty“, obwohl viele Hebräer und Armenier -darunter waren (die Demonstration war, wie es sich -erwies, eine politische, von aussen hineingetragene). So -hat, nach der That der Sassúlitsch, unser Volk abermals -die Revolvermänner der Strasse „Studenten“ genannt. -Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten -dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich -schon merkt, dass Hass und Zwietracht begonnen haben. -Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine Herren, das Moskauer -Volk „Fleischer“, sowie die ganze intelligente Presse -sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer -nicht zum Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch -Minin war ein Fleischer.<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> Die Entrüstung lodert nur -über die Art auf, wie sich das Volk geäussert hat. Aber -wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt -wird, es sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist -ein Bauer. Gerade hier lag die Lösung des Missverständnisses, -allerdings eines alten, angehäuften Missverständnisses -(was sie nicht merkten) zwischen dem Volke und -der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der -am hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge — der -Jugend. Die Sache ging allzu hässlich und durchaus nicht -so regelrecht, wie sie hätte ausgehen sollen; denn mit den -Fäusten kann man nie und nirgends etwas beweisen. So -aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim -Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings -gar oft die Fäuste gegen seine Gegner in Aktion, und in -der französischen Revolution brüllte das Volk vor Freude -und tanzte vor der Guillotine, während sie thätig war. -Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur -die Fleischer; da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder -dem anderen Wörtchen) gegen die Jugend aufgestanden ist -und sich die Studenten angemerkt hatte; andererseits aber -ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die -Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt -haben, das Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): -„das ist ja nicht Volk, das ist Pöbel!“ -</p> - -<p> -Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, -das nicht mit Euch übereinstimmt, so werdet Ihr besser -daran thun, nicht böse zu werden. Es giebt ohnedies -des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist -Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. -Fest und mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat -sich seit den letzten zwei Jahren eine Dissonanz mit uns -(raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen haben, indem sie -das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit -Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre -europäische Lüge eintreten werde, in die Aufklärung, wie -sie es nannten. Aber das Volk hat sich selbständig gezeigt -und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit Bewusstsein -die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu -begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben -es erleuchtet und neu gestärkt. Aber es macht einen -Unterschied nicht nur unter seinen Feinden, sondern auch -unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende -Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit -strebend, ins Volk, um seine Leiden zu erleichtern. -Aber was geschieht? Das Volk treibt sie fort und anerkennt -ihre redlichen Bemühungen nicht, weil diese -Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine -Grundlagen hasst und geringschätzt und ihm Arzneien -reicht, die in seinen Augen roh und sinnlos sind. -</p> - -<p> -Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -weiss wie. Unter der Jugend wird der Revolver gepredigt -und herrscht die Überzeugung, dass die Obrigkeit -sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor -gering schätzen, halten sie es für gar nichts und merken -nicht, dass dieses sie wenigstens nicht fürchtet und niemals -den Kopf verlieren wird. Was dann, wenn weitere -Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren -Zeit, meine Herren! -</p> - -<p> -Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich -konnte. Wenigstens antworte ich offen, wenn auch nicht -vollständig auf Euere Frage: nach meiner Meinung sind -nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals ist -unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was -kein kleines Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, -ein historisches ist). Allein das Übel liegt darin, dass -unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei Jahrhunderte -unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich -die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, -und man kann ihr keine Schuld beimessen; um so weniger, -wenn sie plötzlich selbst als parteiische (und schon beleidigte) -Teilnehmerin der Sache aufgetaucht ist. Allein, -wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige, glücklich -diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den -rechten Weg zu finden! Die Losreissung vom Milieu -muss bei weitem stärker sein, als z. B. nach der socialistischen -Lehre die Trennung der künftigen Gesellschaft -von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu -gehen und mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem, -dass man verlerne es zu verachten, und das ist unserer -oberen Gesellschaftsschicht bei ihren Beziehungen zum -Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel -auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun -schon endgiltig unserem Europäismus nicht möglich (obgleich -man in Europa an Gott glaubt). -</p> - -<p> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es -gestattet, so schüttele ich Euch die Hand. Wenn Ihr -mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so haltet mich -um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger -von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, -die Wahrheit nach meinem Herzen und Gewissen zu -sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie dachte, -wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr -thun, als seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben. -</p> - -<p class="sign"> -Ganz der Ihre<br /> -Theodor Dostojewsky. -</p> - -<p> -Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit -muss für Dostojewsky anfangs etwas Furchtbares gehabt -haben. Eine andere Stelle des oben zitierten ersten -Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust -geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 -in einer Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: „Besser -wär’s, 15 Jahre mit der Feder in der Hand in den Kasematten; -der Kopf, welcher geschaffen hat, welcher ein -höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich -an die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte, -er ist mir jetzt schon von den Schultern geschlagen.“ -Beim Abschied vom Bruder, wozu man ihnen eine halbe -Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden, -wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: „Auch -im Strafhaus sind nicht wilde Tiere, sondern Menschen, -vielleicht bessere als ich, vielleicht würdigere als ich ... -Ja, wir werden uns noch sehen, ich hoffe es, ich zweifle -nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt mir -Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird -ja lesen können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um -den Bruder zu trösten.) Wenn ich aber heraus komme, -so fange ich zu schreiben an ... in diesen Monaten habe -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, -die vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff -zum schreiben geben“. -</p> - -<p> -Über die Beschwerden des langwierigen Transports -nach Sibirien bei vierziggradigem Frost, über erfrorene -Hände und Füsse, einen bösen Ausschlag, welcher infolge -der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis auf des -Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten -war, über die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege -einen Schluck Thee zur Erwärmung zu beschaffen, über -das Benehmen der Aufseher und Zugführer, die schmutzigen, -finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei schimpfenden -und fluchenden Verbrechern auf den Etappen zusammengepfercht -waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst -— erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit -in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“, und nur in -seinem Buche „Memoiren aus einem Totenhause“ hat -er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer Vollendung, -als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet. -Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch „das beste, -das bis nun in Russland geschrieben worden, Gogol nicht -ausgenommen.“ Der Dichter wurde später in Russland -oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche in -Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern -und lehnte es ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich -war, dass man dies „als eine Anklage betrachten könnte“. -</p> - -<p> -Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch -einen Leidensgenossen Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher -sehr eingehend über diese Erlebnisse berichtet hat. Er -fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg -gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende -zu machen, und sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben -auszuführen. Die nähere Bekanntschaft mit Dostojewsky -aber, sein sanftes Wesen, der stille, eindringliche -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass -er seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer -von sich gewiesen habe. -</p> - -<p> -Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky -ausser in den „Memoiren aus einem Totenhause“ in seinem -„Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873 eingehender, -weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf -ihn ausgeübt hat. Es heisst da: „Als wir in Tobolsk in -Erwartung einer nachkommenden Partie im Festungshofe -sassen, erbaten sich die Frauen der Dezembristen (der -Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten Verschwörung) -beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in -seiner Wohnung eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. -(Es waren dies, nach den Worten Jastrzembskis, -die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter und -von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes -Mittagessen mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also -diese grossen Dulderinnen, welche ihren Gatten freiwillig -nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in gar keine Schuld -verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles ertragen, -was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen. -Unser Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten -uns zu unserem weiteren Weg, machten das Zeichen des -Kreuzes über uns und beschenkten jeden von uns mit -einem Evangelium — dem einzigen Buche, welches im -Gefängnis erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem -Kopfkissen im Strafhaus gelegen. Ich habe darin gelesen, -manchmal auch anderen daraus vorgelesen. Ich habe auch -einen Sträfling aus diesem Buche lesen gelehrt.“ -</p> - -<p> -Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren -Leben des Dichters während der vier Jahre der Zwangsarbeit -machen wollen, müssen wir uns eben an die detaillierten -Schilderungen halten, welche in den „Memoiren aus -einem Totenhause“ niedergelegt sind. Sie sind bis in alle -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir -sofort wissen: all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie -so vollendet künstlerisch und objektiv, ja fast feindesliebevoll -herausgearbeitet, dass wir sofort empfinden, das -ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier -drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf, -die sich wie ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz -Reuters Schilderungen seiner siebenjährigen Festungszeit, -eine Schilderung, die sich zum Humor erhebt, und sind -geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren persönlichen -Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen. -Bei tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache -jedoch durchaus anders dar. Ganz abgesehen davon, dass -Fritz Reuter nur mit Seinesgleichen eingeschlossen war, -Stunden des Alleinseins und wieder solche des Gedankenaustausches -mit Gleichgesinnten hatte, während Dostojewsky -mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien -vom Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum -achtfachen Mörder in ununterbrochener Gemeinschaft lebte -und während seiner vierjährigen Haft auch nicht eine -Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren -Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser -Unterschied. Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz -subjektiv, aber doch eigentlich gleichsam unpersönlich; für -die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war sich selbst -ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben -offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich -hervorsprudeln musste. Da ihm aber nun, wie wir in -seinen Aufzeichnungen sehen, gerade in dieser schwersten -Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und „seines Volkes -Wahrheit“ durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, -sich erst da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung -von Anbeginn in ihm gelegen und sich in den „Armen -Leuten“ ausgesprochen hatte, so handelte es sich für ihn -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, -und wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische -Ader versiegen lassen, im Vollgefühl dessen, dass der -Humor für die grössten Aufgaben und Probleme nicht ausreicht. -Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie sich diese -reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren -Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit -aufzuzwingen, gleichsam Genüge geschehen ist, und sich -der alte Schalk kichernd zwischen den schweren Falten -der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben die unbesiegbare -Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums, -der immer wieder hervorbricht. -</p> - -<p> -Die Herausgeber der „Materialien“, namentlich O. Miller, -schöpften bei der Schilderung dieses Lebensabschnittes des -Dichters aus der einzig authentischen Quelle, die wir oben -anführten: den „Memoiren aus einem Totenhause“. Sie -schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung, -Ehrlichkeit und — Geschick. Denn es ist wohl nicht -leicht, heute als Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, -das die krasse Barbarei russischer Zustände hervorhebt, -das dem Dulder zugleich und dem Peiniger „gerecht“ -wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie -er sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes -hält, welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht -an dem Gepeinigten versündigt, in dessen Ton er nicht -einfallen, dessen Objektivität er nicht zur seinen machen -kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn seiner -Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der -Schwierigkeit gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, -welche gleichsam als Passepartout für alles Gräuliche und -Qualvolle gelten kann, dem er in derselben doch Eingang -verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe auf eine -Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, -wo es unter anderem heisst: „Die „Memoiren aus einem -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Totenhause“ sind von ganz Russland gelesen worden und -werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch geschätzt, -obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen -Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange -abgeändert sind.“ „Theodor Michailowitsch“ — fährt -O. Miller fort — „fand es für nötig, im Auslande auf -diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen jenen -mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, -die wir dem Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. -Schon allein die Drucklegung der „Memoiren aus einem -Totenhause“ wäre vor der Regierung Alexanders II. undenkbar -gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte -Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen -hervorgekommenen Menschenrückens, wie ihn -Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte man -nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge -abgeschafft hatte.“ Nach diesem Eingange, welcher für -uns die Konjektur offen lässt, wie weit die Gepflogenheiten -einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung und -die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe -Subalterne heute noch diesem thatsächlich entspricht,<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> ist -es dem Biographen möglich geworden, die furchtbaren Episoden -dieses Gefängnislebens aus den Schilderungen der -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden schärfer, -brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als -dieser selbst es je gethan hätte. -</p> - -<p> -Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers -folgen, der zumeist des Dichters eigene Worte anführt. -</p> - -<p> -„Ich erinnere mich deutlich daran — sagt Dostojewsky -— dass mir vom ersten Schritte in diesem Leben -das auffiel, dass ich darin gleichsam nichts Auffallendes, -nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt, nichts Unerwartetes -finden konnte .... es schien mir, als sei -es viel leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir -dies auf dem Wege dahin vorgestellt hatte. Selbst die -Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht so zwangsarbeitsmässig, -und erst ziemlich viel später kam ich -darauf, dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit -dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit -liege, als darin, dass sie eine gezwungene, -aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.“ -</p> - -<p> -„Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher -sich Dostojewsky befand, gehörten Arrestanten“ — fährt -O. Miller fort —, „welche unter kriegsrechtlicher Aufsicht -standen, und diese Kategorie war, nach seinen eigenen -Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als -die anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, -die beim Bau, und die erste, die in den Bergwerken -arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur für die Edelleute -schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum, -weil Kommando und Organisation ganz militärisch und -denjenigen der Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich -waren ... immer in Ketten, immer unter Bedeckung, -immer unter Schloss und Riegel. In den zwei anderen -Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt -... die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen -noch nicht an die Arbeit; später aber -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden — und das -nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass -sie diesen nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie -nicht so viel Kraft besassen als sie.“ „Was mich anbelangt, -erwähnt Theodor Michailowitsch, so habe ich einen -besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff, -um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen -im Wege, überall störte ich sie, überall jagten sie mich -mit Thätlichkeiten davon.“ Nichtsdestoweniger fühlte er, -dass die Arbeit ihn retten, seine Gesundheit, seinen Körper -stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher Dostojewsky -verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters, -was ihm eigentlich leicht erschien. „Eine andere -Arbeit, zu der man mich beorderte,“ sagt er weiter, „war -in der Werkstätte das Drehen des Schleifsteines; das war -schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte eine vortreffliche -Motion.“ Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten -liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt -die Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, -die man im Sommer vornahm. Im Sommer musste man -durch ungefähr zwei Monate täglich von dem Ufer des -Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten -Bau einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber -Ziegel tragen. „Diese Arbeit,“ sagt Dostojewsky, „gefiel -mir sogar, obwohl der Strick, an dem man die Ziegel -tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber -mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich -entwickelte.“ Anfangs war er nur imstande, acht -Ziegel zu zwölf Pfund ein jeder, zu tragen, später aber -brachte er es zu zwölf und fünfzehn. „Physische Kraft“, -fährt er fort, „ist im Gefängnis nicht weniger nötig, als -moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten -Lebens zu ertragen.“ -</p> - -<p> -Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Brot sogar in der Stadt geschätzt; dafür war die Kohlsuppe -sehr dünn und wimmelte von Küchenschaben. Wer -ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor Diebereien -der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch -die Aufseher schützen konnte, war in der Lage, sich -seine Kost durch kleine Beigaben von Thee usw. aufzubessern. -</p> - -<p> -Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten -unter den Sträflingen, da sie von Haus aus von zarter -Konstitution und verwöhnter waren, gewisse Erleichterungen -verschaffen wollten, sie zum Beispiel als Schreiber -in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele -Kabalen, Intriguen und Angebereien ringsherum, dass -eine solche Besserung ihres Loses niemals länger als -Tage anhielt. -</p> - -<p> -Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war -nach den Worten des Dichters das furchtbarste Jahr seines -Lebens. Jene Wandlung, welche sich in ihm der Anlage -seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte, nämlich -das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne -bittere Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen -gerade von Seiten jener vor sich, die er ans Herz drücken -wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten ihn, den Edelmann, -wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr -er aller Lasten dieses „verfluchten Lebens“ mit ihnen gleich -teilhaftig war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm -mit Widerwillen, Misstrauen. Als er mit einigen anderen -„Politischen“ sich ihnen einmal anlässlich einer allgemeinen -Pretensija, das heisst Generalklage, wegen der schlechten -Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas -geneigter war: „ja warum schliesst Ihr Euch denn der -Klage an? Ihr esst ja doch vom Eigenen?“ — „Ach -mein Gott! auch unter Euch giebt es ja solche, die -vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -— nun und da mussten wir doch auch — aus Kameradschaft.“ -</p> - -<p> -„Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?“ fragte er -erstaunt. -</p> - -<p> -„Ich dachte“, fährt der Dichter fort, „ob nicht irgend -eine Ironie, ein Zorn, ein Spott in diesen Worten liege -— aber nein, einfach: keine Kameradschaft, weiter nichts.“ -</p> - -<p> -Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen -Verbrechern angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, -wenn wir seine sich immer vertiefende Überzeugung -von der Generalschuld der Menschheit bedenken, -an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, -jenes echt russische, doch ihm allein in so hohem Masse -eigene Schuldgefühl, das jedoch mit der greisenhaften -Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als mit einem -jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl -anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich -und andere, oder die schwelgerische Zerknirschung, welche -sich mit dem Bekenntnis loskauft, um aufs neue in Schuld -und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys „Schuld -an allem und an allen“, wie er sich ausdrückt, ruft zum -Leben, zur Liebe und zur That auf — das ist die grosse -Trennungslinie zwischen seinem, dem russischen, Christentum -und jenem aller anderen Völker, die auf diesen Namen -hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die -„Unglücklichen“, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft -nicht anerkennen wollten. Auch fand er anfangs -Hindernisse in sich selbst. „Ich schloss die Augen,“ sagt -er, „und wollte nicht schauen; unter den bösen und gehässigen -Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die -guten nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu -fühlen, ungeachtet der höchst widerwärtigen Rinde, die -sie von aussen bedeckte. Unter den bissigen Worten bemerkte -ich manchmal gar nicht das freundliche, entgegenkommende -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne -jegliche Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus -einer Seele kam, welche vielleicht mehr gelitten und ertragen -hatte, als ich.“ -</p> - -<p> -Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt -hatte, gewahrte er immer mehr die anderen. „Du meinst,“ -sagt er an anderer Stelle, „das sei ein Tier und kein -Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine Minute, -da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, -nach aussen offenbart, und du erblickst einen solchen -Reichtum, ein solches Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen -eigener und fremder Leiden, dass dir förmlich die -Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar deinen -Augen und Ohren nicht traust.“ In seinem „Tagebuch -eines Schriftstellers“ des Jahrgangs 1873 bespricht er -immer noch diese Epoche seiner Wiedergeburt, seiner „Umwandlung“, -wie er es nennt, seines Fortschreitens in der -in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir es -nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im -unmittelbaren Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen -Vereinigung mit ihm, im Gleichwerden mit ihm, ja mit -seiner niedersten Stufe. „Dies vollzog sich nicht so schnell,“ -sagte er, „sondern allmählich und nach einer sehr langen -Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner -Wiedergeburt zu erzählen.“ — Doch hat er sie uns ja -ausführlich in seinen „Memoiren aus einem Totenhause“ -erzählt. -</p> - -<p> -Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten -ist auch ein Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, -den wir in seinem Notizbuche finden. Es heisst -da: „Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch -erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.“ -</p> - -<p> -Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre -verfocht, sondern sie in jedem Detail gelebt hat, beweisen -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -tausend kleine Episoden aus seinem Gefangenenleben — -so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden Mädchen -die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, -die durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie -immer, in Ketten geschmiedet und geschoren zur Messe -geführt wurden und nur gedrängt vor der Kirchenthüre -bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als -Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die -allerniedersten Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in -der Kinderzeit mit den Leibeigenen gehalten hatte, die -sich auf dem väterlichen Gütchen vor die Kirchenthüre -drängten, während er als „Herrschaft“ im Betstuhle sass. -Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen -oder andere ertragen sehen musste, namentlich solche, die -sich mit Ekel verbanden, waren wohl schwerer hinzunehmen: -das Schlafen auf den harten Pritschen, oft zu -hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft -durch die hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; -das gräuliche Dampfbad, in das sie auf Kommando gepfercht -wurden und worin sie in erstickendem Qualm und -ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll -ihrer Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die -an die Beine geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur -erinnert lebhaft an die sogenannten Geduldspiele, -wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette herausbringen -soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören. -Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher -Qualen ein wenig aufatmen, so nahmen sie ihre Zuflucht -zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital doch gewisse -Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen -gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie -der furchtbare Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch -Krankheit, Alter und alle Unreinlichkeiten früherer Häftlinge -besudelte und übelriechende, nie gereinigte Krankengewand -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten -sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie -im Spital ertragen: den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, -welche eben die schweren Körperstrafen -hatten erdulden müssen, 50 — 100 — 150 Stockschläge, -unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem -Fleische zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, -welcher zu jener Zeit im Strafhaus amtierte und -bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte: „Ich bin euer -Kaiser, ich bin euer Gott,“ er verhängte die schwersten -Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er -einem der Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser -gesagt hatte: „Wir sind keine Vagabunden, sondern -politische Gefangene.“ „Hun — dert — Strei — che, gleich -diesen Augenblick!“ schrie in wahnsinniger Wut der -„Gott“ des Strafhauses. Der „alte Mann“ (er war über -fünfzig Jahre alt) legte sich ohne Widerrede unter die -Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die Hand und ertrug -die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder -sich zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen -überaus und sie begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, -obwohl er ein Edelmann und noch dazu ein Pole war. -Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der Rutenstrafe -zum Gebet ging. -</p> - -<p> -Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders -hervor, dass die Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter -Fall gewesen sei; „man kann ja auch an einen -schlechten Menschen kommen,“ meint er. „Die anderen, -höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,“ -erläutert er, „sind sie selbst Edelleute, zweitens war es -schon früher manchmal vorgekommen, dass einige von den -Edelleuten unter den Sträflingen sich nicht unter die -Rutenhiebe legten, sondern sich auf die Vollstrecker -warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.“ -</p> - -<p> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden -und das Beiwohnen solch unmenschlicher -Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die schon vorher -nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist -ganz klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche -Züchtigungen hätte müssen über sich ergehen lassen. -Diese Annahme wurde von vielen ausgesprochen, und die -Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der Epilepsie, -davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und -Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen -Züchtigung unterworfen worden sei, und finden im -Zusehen und inneren Erleben einen ganz genügenden -Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen -Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das -hatte erkennen wollen, was sie war. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<span class="line1">IV.</span><br /> -<span class="line2">Semipalatinsk.</span><br /> -<span class="line3">(1854-59.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>as letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er -in fieberhafter Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen -erlangt, durfte Bücher lesen, an seine Angehörigen -schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer -den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da -er nämlich zur Winterzeit angekommen war, so konnte -seine Freilassung auch nur zur selben Jahreszeit stattfinden. -„Mit welcher Ungeduld,“ sagt er, „erwartete ich -den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des -Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und -das Gras der Steppe verbleicht!“ Die allerletzte Zeit -aber war wieder eine sehr ruhige für ihn; je näher der -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er. -Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne -brachte er damit zu, noch einmal um das Gebäude -herumzugehen und die Pfähle des Pallisadenzauns -zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft -an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt -hatte. Der Abschied von den Genossen war ein sehr -verschiedenartiger. Die einen drückten ihm herzlich die -Hand, einige sogar freundschaftlich und gerührt, aber doch -wie einem „Herrn“, manche wendeten sich ab, um einem -Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig -nach; auf dem Antlitz aller aber lag unverhohlen -der Gedanke ausgedrückt — „von morgen an bist du nie -unter uns gewesen.“ -</p> - -<p> -Orest Miller setzt in seinen „Materialien“ die Enthaftung -Dostojewskys auf den 2. März 1854. Indessen -geht aus den Dokumenten, welche uns in den Archiven -der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor, -dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des -General-Adjutanten Grafen Orloff an das Kriegsministerium -vom 17. November 1853 (No. 1920) „am Tage ihrer -Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des -sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.“ -</p> - -<p> -Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an -seine Angehörigen sind die „Materialien“ noch nicht genügend -informiert. Seit der Abfassung derselben, 1883, -also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben sich -mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, -welche auch schon teilweise in verschiedenen -Blättern durch die Witwe veröffentlicht worden sind; so -ein Brief vom 22. Februar und, da dieser unbeantwortet -blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach -Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht -geschrieben, sowie sich die ganze Familie, wohl aus Furcht -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -„sich zu kompromittieren“, die ersten Jahre seiner Strafzeit -wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir, gleichfalls -in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür -gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September -1856 neunzehn Briefe Theodor Michailowitschs an seinen -Bruder, seine Angehörigen und andere Personen durch -das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen -Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, -zur Beförderung an ihre Adresse übermittelt worden sind. -Ob die Witwe des Dichters, welcher diese Daten mit uns -zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer unermüdlichen -Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, -in diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das -wird die Zeit lehren. Der erste Brief nach der Enthaftung -und Einreihung Dostojewskys (in das 7. Linien-Infanterie-Bataillon -des sibirischen Corps), den wir kennen, -ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen -ihm folgende Stellen: -</p> - -<p> -„Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass -ich Deinen Brief samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber -erhalten habe, wofür ich Dir herzlich danke. Ich wollte -Dir auch gleich antworten, habe aber die Post versäumt. -Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein -Teurer, dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, -dass Deine Briefe mir ein wahrer Feiertag sind; darum: -sei nicht faul! Wir haben einander ja so lange nichts -geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können? -Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast -Du nicht selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind -aber erlaubt, ich weiss das sicher. Übrigens wirst Du -jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?“ Nach einer -warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, -deren er jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude -darüber aus, dass der Bruder einen Erwerbszweig gefunden -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -habe, der ihn beschäftigt. Michael Dostojewsky -hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet, -wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten -hatte. „Du hast Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich -nötig, verdiene es Dir, verstärke Deine Thätigkeit, -wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht fallen, -was Du begonnen hast.“ -</p> - -<p> -„Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem -Strafhause und es bekümmert Dich, dass ich im Hinblick -auf meine schlechte Gesundheit nicht um die Einreihung -in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine Gesundheit -würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es -nicht. Aber habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die -Versetzung in die Armee ist eine Allerhöchste Gnade und -hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum kann ich -nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge! -Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und -rufe mir das Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich -gut und hat sich in diesen zwei Monaten sehr gebessert; -da sieht man, was es heisst, aus der Enge, der Stickluft -und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima -ist ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische -Steppe. Die Stadt ist ziemlich gross und bevölkert, -Asiaten giebt es eine Menge. Rings die offene Steppe. -Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer -als in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation -keine Spur, kein Bäumchen — die nackte Steppe. Einige -Werst von der Stadt entfernt ist ein Fichtenwäldchen, -eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da ist -immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume -giebt es da nicht. — Wild die Menge. Es giebt einen -ordentlichen Markt, aber die europäischen Waren sind so -teuer, dass man nicht an sie heran kann. Einmal werde -ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es lohnt -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke -mir welche, Bruder — keine Zeitungen; aber schicke mir -europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich -alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, -Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie sind alle ins Französische -übersetzt). Endlich den Koran und ein deutsches -Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was -Du eben kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und -irgend eine Physiologie (sei’s auch eine französische, wenn -sie russisch zu teuer ist). Suche die billigsten und gedrängtesten -Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal, langsam -nach einander. Auch für weniges werde ich Dir -dankbar sein. Begreife, wie nötig mir diese geistige -Nahrung ist! Übrigens brauche ich Dir ja nichts zu sagen. -Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um Gottes -willen vergiss nicht -</p> - -<p class="sign"> -Deinen Th. Dostojewsky.“ -</p> - -<p> -Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume -von 1854-1859 geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie -wir sahen, durch das Corps-Kommando und die Generaladjutantur -ihren Weg an die Adressaten nahmen, geben -uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung, -über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. -Der nächste Brief an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 -datiert. Er entschuldigt sich über sein langes Schweigen -in folgender Weise: „Ich versichere Dir, mein Teurer, -dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit -zum Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige -freiere Minuten gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich -auf eine günstigere Zeit, immer hoffend, dass -diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht in -Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder -kannst es ja erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. -Exerzieren, Musterungen der Brigade- und Divisions-Kommandanten -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -und Vorbereitungen dazu. Ich bin im März -hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst -hatte ich so gut wie gar nichts gewusst, bin aber -doch im Juli bei der Musterung in Reih und Glied gestanden -und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht -als die anderen.“ -</p> - -<p> -Weiter schreibt er: „Wie fremd Dir auch all dieses -sein möge, so denke ich doch, Du wirst begreifen, dass -das Soldatenleben kein Spass ist, dass es mit all seinen -Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen Menschen mit -meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt -ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich -habe es verdient“. Im weiteren Verlauf des Briefes spricht -er liebevoll von den Schwestern (beide hatten sich inzwischen -vermählt), beschwört den Bruder, doch nicht auf Antwort -zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere, ehe -einer vom anderen Nachricht habe. „Jetzt kennst Du ja -meine Beschäftigungen“, führt er fort, „andere Erlebnisse -hat es nicht gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, -besondere Vorfälle ebenfalls nicht. Die -Seele aber, das Herz, den Geist — was gewachsen, was -herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen -worden, das kann man nicht auf einem Stückchen Papier -sagen und wiedergeben“ .... Weiter berührt er seine -Krankheit, über welche er, wie oben gesagt worden, noch -immer nicht im klaren ist, und fährt fort: „Übrigens sei -so freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch -und voller Bedenken bin, wie ich es in den letzten -Jahren in Petersburg gewesen bin. Dies alles ist vollkommen -vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen ist alles -von Gott und in Gottes Hand.“ Zum Schluss meint er, -der Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, -sei seine einzige Rettung, er solle aber nur dann schicken, -wann er etwas habe; er beschwört ihn, bald zu schreiben, -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -obwohl es traurig genug sei, nur brieflich mit einander zu -leben, wenn man einander fünf Jahre nicht gesehen habe. -</p> - -<p> -Der zweite der, von der Witwe des Dichters im -März 1898 dem Redakteur der Monatsschrift „Niva“, -Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung übergebenen -drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte -desselben Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 -datiert. Auch in diesem spricht sich das furchtbare Heimweh -und Gefühl der Vereinsamung aus, das uns in den -vorhergehenden Briefen entgegentritt. -</p> - -<p> -„Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!“ -— heisst es darin — „da ist nun schon eine sehr lange -Zeit vergangen, und es ist auch nicht ein Zeilchen von -Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich -zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so -werden, wie im vorigen Sommer. Mein Lieber, wenn Du -nur wüsstest, in welcher bitteren Einsamkeit ich mich -hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so lange -schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, -mir wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du -was? Mir kommt manchmal ein schwerer Gedanke. Mir -scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das ihre; eine -alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen -und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, -mich zu vergessen. Wie könnte man anders so -lange Pausen zwischen Deinen Briefen erklären? Auf -mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange -Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, -zweitens aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere -Arbeiten zu leisten sind; da ermüde ich und — versäume -die Post, welche hier nur einmal wöchentlich abgeht. Bei -Dir ist’s etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel thatsächlich -nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens -was immer, seien’s auch zwei Zeilen. Mir käme dann -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -nicht der Gedanke, dass Du mich verlässest. Lieber Freund, -als ich im Oktober des vorigen Jahres<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> ähnliche Klagen an -Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr peinlich, -sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei -mir um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam -bin, wie ein dahingeworfener Stein, — dass mein Charakter -immer schwermütig, krankhaft, empfindlich war. Bedenke -das alles und verzeihe mir, wenn meine Klagen ungerecht, -meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja selbst -überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch -ein Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer -zu ertragen, und ich habe ja niemand, der mich eines -besseren belehren könnte, als Dich selbst.“ -</p> - -<p> -Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen -Zuständen, nach der Familie, spricht er die Sorge -aus, ob denn der Erfolg des kaufmännischen Unternehmens -Michaels durch genügenden Unterhalt der Familie das -Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich -von der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen -lossagte, die seinem Charakter angemessener waren. -„Was soll ich Dir über mein Leben sagen?“ heisst es -weiter. „Bei mir ist alles im alten, alles im gleichen und -es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts verändert. -Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst -schwerer, sind Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann -ich mich nicht brüsten, lieber Freund; sie ist nicht ganz -gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird es. Wenn -Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, -so viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, -wie in Petersburg, so rede Dir das gefälligst aus; auch -nicht eine Mahnung davon ist vorhanden, wie von vielem -anderen, Gewesenen.“ Der Brief schliesst mit hundert -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt -unseren Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, -ganz abgesehen von seinem durch die Einsamkeit -gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem seinem -Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, -als ihm erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen -ihn während der Jahre der Haft und der Abwesenheit, -der Umstand, dass er, als die Geschäfte der Fabrik -schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der -Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das -alles bestärkt uns mindestens in der Annahme, dass -Theodor nicht der Empfangende von beiden sein mochte, -eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse nur -bestätigt wird. -</p> - -<p> -In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des -Dichters Leben ein, Personen, welchen es bestimmt war, -ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind erstens ein Baron -Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge -Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn -auch oft stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser -Personen ist Marja Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien -lebende Witwe eines dort an Lungentuberkulose verstorbenen -Beamten. -</p> - -<p> -Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an -Apollon Maikow gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 -folgendermassen aus: „Diesen Brief wird Ihnen Alexander -Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr junger Mensch -(Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit vortrefflichen -Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt -aus dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem -edeln Vorsatze, das Land kennen zu lernen, nützlich zu -sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient, wir haben -einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. -Da ich Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -zu schenken und womöglich näher mit ihm -bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte über -seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein -sanftes Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein -von Unnahbarkeit trägt. Ich wünschte sehr, um -seines Vorteils willen, dass Sie näher mit ihm bekannt -würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische, freiherrliche -Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt -mir nicht ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt -vortreffliche Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm -ersichtlich, was von alten Einflüssen zeugt. Wirken Sie -auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es wert. Er hat mir -sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur für -das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas -argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und -etwas ungleich in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm -zusammen kommen, sprechen Sie mit ihm offen, gerade -heraus, und holen Sie nicht weit aus.“ -</p> - -<p> -Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu -urteilen, sehr viel Gelegenheit gehabt zu haben, dem -Dichter sowohl in Sibirien als in Russland nützlich zu -werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem Gesuch -Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten -Eingang verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, -welche dem Dichter mit der Zeit geworden sind. -Auch scheint er diesem in eigenen intimen Angelegenheiten -volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen, wie man -leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und -Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. -Eine der ersten gemeinsamen Angelegenheiten beider -scheint die gewesen zu sein, eben jenem sterbenden -Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln -auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. -In einem Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -ihm der Dichter vom Tode des „unglücklichen -Issajew“, spricht über die traurige Lage seiner Witwe -Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen -verabredete Summe zu senden. An der Wärme im Ton -dieses Briefes ist leicht ersichtlich, wie nahe diese Menschen -seinem Herzen stehen. So schreibt er: „Er starb unter -entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott geben -möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, -seine Gattin und sein Kind segnend und nur um ihr Los -besorgt. Die unglückliche Marja Dmitrjewna erzählt mir -seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie schreibt, -diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. -In den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit -dem Tode) rief er sie zu sich, umarmte sie und wiederholte -unaufhörlich: „Was wird mit Dir geschehen, was -wird mit Dir geschehen?“ Erinnern Sie sich an ihren -kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von -der Verzweiflung ganz von Sinnen gekommen. Mitten in -der Nacht springt er aus dem Bette, läuft zum Bilde, mit -welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode -gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren -Worten um die ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. -... Man hat ihn ärmlich begraben, auf fremde Kosten -(es fanden sich gute Leute), sie aber war ganz besinnungslos .... -Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den Schlaf -verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie -hat gar nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend -jemand hat ihr drei Silberrubel geschickt. „Die Not hat -mir die Hand hingestossen, es anzunehmen,“ schreibt sie, -„und ich habe ... das Almosen angenommen!“ — Nun -folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher -Weise dieser der Witwe Issajew die verabredete Summe -schicken solle, mit den feinsten Details einer ausgesuchten -Delikatesse eingeleitet und motiviert. -</p> - -<p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August -1855 erwähnt er noch einmal diese Geldangelegenheit, erzählt -Marja Dmitrjewna habe ihm schwere Vorwürfe gemacht, -dass eigentlich doch er, der selbst nichts habe, der -Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt -zu haben. „Wenn Sie hierher kommen,“ fährt er fort, -„werde ich Ihnen ihren Brief zeigen. Mein Gott! was -ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie sie so wenig -kennen!“ Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache -zurückkommend schliesst er: „Werden Sie ihr ein paar -Worte schreiben?“ -</p> - -<p> -Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs -Jahre von jedem ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung -an edle Frauen abgetrennten Staatsgefangenen -(zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den „Memoiren -aus dem Totenhause“, auch das strenge Sträflingsleben -für untergeordnete Kostgänger des Staates nicht -ohne Möglichkeit gewesen zu sein), eine tiefe Sympathie, -eine überschwängliche Bewunderung für das erste weibliche -Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden -ein Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine -seltene Begabung und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen -musste. Einen Anhaltspunkt für die Vorstellung -vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir in dem Umstande, -dass der Herausgeber der „Biographischen Materiale“, -Orest Miller, den Roman des Dichters „Erniedrigte -und Beleidigte“ als jenen bezeichnet, in welchem wir, den -äussern Thatsachen nach, neben den „Memoiren aus dem -Totenhause“ die deutlichsten Spuren einer Autobiographie -verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass, als -eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna -eingetreten war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, -eine plötzliche Leidenschaft zu einem anderen fasste und -Dostojewsky, aus innigstem Mitgefühl für ihre Leiden, sich -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -eifrig bemühte, diesem anderen zu einer Stelle und einem -Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der -Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen -vollzog, das erfahren wir aus den diskreten Notizen -O. Millers nicht. -</p> - -<p> -Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen, -werden wir gewiss nicht fehl gehen, wenn wir -die Zeichnung Nataschas als nach ihrem Vorbilde entworfen -annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes -von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters -Vermählung geschrieben, also genug nahe, um jene Eindrücke -noch ganz frisch in sich zu tragen, und genug -ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er -hatte früher eine längere Erzählung, die er anfangs Roman -nennt, geschrieben, welche er über zwei Jahre mit sich -herumgetragen hatte; dies war die uns unter dem Namen -„Tollhaus und Herrenhaus“ bekannte Erzählung „Das Dorf -<a id="corr-15"></a>Stepantschikowo und seine Bewohner“. Dazwischen schrieb -er aus Not eine kleine Erzählung nieder, die ihn auch -schon lange beschäftigt hatte: „Onkelchens Traum“. -</p> - -<p> -In der Gestalt der Natascha<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> nun sind, ganz abgesehen -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -von den äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja -Dmitrjewna erinnern. Ja, der Dichter, welcher sich in -seiner grandiosen Unbekümmertheit um Wiederholungen -wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an -Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben -einfachen Worte, die er dann an der betreffenden -Stelle im Roman ausspricht: „Sie sagte mir selbst: ‚ja‘. Das, -was ich Ihnen über sie im vergangenen Sommer schrieb“ — -fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort —, -„hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... -sie hat sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt .... -o wenn Sie wüssten, was diese Frau ist!“ ... -Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde in einem uns nur -bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in Kuznezk -vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht. -Dieser Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen -Wrangels, dessen komplizierten Beziehungen zum -Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich vor zu grosser -argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse -sagt er: „..... grosse Umwandlungen in unserem Leben -helfen da immer. Ich war im höchsten Grade hypochondrisch, -wurde aber durch die scharfe Umwälzung, welche -in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.“ -</p> - -<p> -Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -übergehen, die von Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren, -möchten wir jenen Brief Dostojewskys hier einschalten, -der über die letzten Augenblicke Marja Dmitrjewnas -berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe -zu gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden -gebracht zu haben scheint. -</p> - -<p> -Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen -intimer Beziehungen. So finden wir nur sehr spärliche -Äusserungen in einigen derselben zerstreut. Viel reichlicher -sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den Stiefsohn -Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges -und der dazu kaum ausreichenden materiellen Mittel, als -auch später seines unzuverlässigen Charakters wegen -manche Prüfung auferlegt. Das Zusammenleben des Dichters -nun mit seiner Gattin scheint zu Schwierigkeiten geführt -zu haben, welche wohl in gewissen Charakterähnlichkeiten -zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein, -dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester -Arbeit und später auch erzielter grosser -Honorare nie dazu gebracht hat, einen sorgenfreien Augenblick, -ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu -geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich -unfähig waren, sich das äussere Leben erträglich einzurichten. -</p> - -<p> -Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer -dieselbe Bewunderung und Liebe für Marja Dmitrjewna -ausgedrückt, obgleich er auf eine örtliche Trennung eingehen -musste, welche auf Anraten der Ärzte um der -Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb -denn Theodor Michailowitsch in Petersburg, während Marja -Dmitrjewna nach dem milderen Moskau übersiedelte. -</p> - -<p> -Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch -entwickelt zu haben scheint, eilt der Dichter an das -Krankenbett der Gattin und bringt dort, selbst sehr leidend, -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -unter „allseitigen“ Qualen, wie er sagt, und unter dem -Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu. -</p> - -<p> -Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an -ihrer Seite, schreibt während des dringende Geschäftsbriefe -an den Bruder, denen wir eben nur die wenigen -Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während -das unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft -ihn auch hier nicht verlässt. -</p> - -<p> -Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift -„Wremja“, Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln -über „Theoretismus und Phantasterei“, die, wie er sagt, -„nicht eine Polemik sein wird, sondern eine That,“ -wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse, -nämlich eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für -eine Zeit überwältigt, so dass er gar nicht schreiben kann, -obwohl er noch kurz vorher schrieb: „Meine Frau ist -sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick, -da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind -furchtbar und finden ihren Widerhall in mir, weil ja ... -das Schreiben aber ist keine mechanische Arbeit, dennoch -aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen — doch -fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in -die Länge. Manchmal denke ich, es wird ein Quark, -dennoch schreibe ich mit Feuer, ich weiss nicht, was daraus -wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum Schreiben, -obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe — -dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit -für mich und ich habe manchmal ganz anderes im -Kopfe; dann noch eins: ich fürchte, der Tod meiner Frau -wird bald eintreten, dann wird aber eine Unterbrechung -der Arbeit unvermeidlich sein — wenn diese Unterbrechung -nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.“ -</p> - -<p> -Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch -ihre kühle Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir es -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -nicht schon an vielen anderen Beispielen aus dem Leben -grosser Dichter und Künstler erfahren hätten, dass sie, -während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin -vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt -sind. Dieses absorbierende, despotische Etwas, das sie -hat, lässt zu Zeiten nichts übrig für die Erdengenossen, -die sich ihnen angelobt. -</p> - -<p> -Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den -Bruder als Nachschrift: „Gestern um 2 Uhr nachts habe -ich diesen Brief geschlossen. Später wurde Marja Dmitrjewna -sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. -Ich ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte -nach dem Priester. Die ganze Nacht sassen sie bei ihr; -die Sakramente empfing sie um 4 Uhr morgens. Um -8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um -10 Uhr wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in -diesem Augenblicke besser.“ -</p> - -<p> -Unter dem 15. schreibt er: „Gestern hatte Marja -Dmitrjewna einen entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung -trat ein, die einen Druck auf die Brust und Würganfälle -hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir waren alle -an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte -sich mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen -Familie sendete sie Grüsse und Wünsche langen Lebens, -ganz besonders an Emilie Fjodorowna. Auch sprach sie -das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du -weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt -war, Du seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht -brachte sie schlecht zu. Heute aber, soeben sagt Alexander -Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute — sterben wird. -Und das ist unzweifelhaft. -</p> - -<p> -Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann -es aber verweigern, weil sie vielleicht keines bei der -Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen werde. Dich -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse -Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! -Um Gotteswillen — ich werde es abdienen.“ — -</p> - -<p> -Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um -das Tragische dieses Lakonismus der Not hervorzuheben. -Ein Dichtergenius, der ganz wie das arme Volk erlebt: -dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen -und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund -legt, als: Geld! -</p> - -<p> -Als Nachschrift heisst es: „Marja Dmitrjewna stirbt -sanft bei vollem Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie -im Geiste gesegnet.“ -</p> - -<p> -Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir -Einblick haben, in welchem Dostojewsky über Marja -Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr spricht, ist vom -31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende -Stelle lautet: „Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer -Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir -über meinen verhängnisvollen Verlust, den Tod meines -Schutzengels, Bruder Mischas (der Bruder war bald nach -Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber Sie wissen -nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat. -Ein zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos -liebte, meine Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr -vorher übersiedelt war, an Tuberkulose gestorben. Ich -bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen Winter -1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April -des vorigen Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; -und da sie von allen Abschied nahm, und aller -gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden wollte, gedachte -sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen -Gruss, lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein -gutes und freundliches Erinnern. O, mein Freund, sie hat -mich grenzenlos geliebt, und auch ich liebte sie über die -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Massen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander. Ich -werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen — -jetzt sage ich nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass -wir mit einander unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen, -argwöhnischen und krankhaft-phantastischen Charakters -wegen) — nicht aufhören konnten, einander zu -lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr -liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge, -dennoch war es so. Sie war die ehrlichste, die edelste -und grossherzigste aller Frauen, welche ich in meinem -ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb — habe ich, -obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick -ihres Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und -mit tiefem Schmerze empfand, was ich mit ihr begraben -würde — da habe ich in keiner Weise die Vorstellung -davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem -Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie -schüttete. Und nun ist schon ein Jahr vergangen, und -dieses Gefühl schwächt sich nicht ab .... Da eilte ich, -nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder — -nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch -er, nachdem er im ganzen einen Monat, und das ganz -leicht, krank gewesen war, so dass die Krisis, welche -dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei Tagen -eintrat. -</p> - -<p> -Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es -war mir geradezu furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben -war in zwei Teile zerbrochen. In der einen Hälfte, die -ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt hatte, -und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles -fremd, alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden -ersetzen könnte. Es war mir buchstäblich nichts geblieben, -wofür ich leben sollte. Neue Bande knüpfen, ein -neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -mir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass -ich sie durch niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der -Welt geliebt, und dass eine neue Liebe zu fassen ganz -unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich herum wurde -kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, -so warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da -wurde mir so traurig zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken -kann. Aber nun hören Sie weiter.“ -</p> - -<p> -Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun -Tagen wieder fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters -unzerstörbare Lebenskraft wieder an der Arbeit, diesmal -an der Ordnung der trostlosen Verhältnisse, in welchen -der Bruder seine Familie zurückgelassen. -</p> - -<p> -Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters -zurück, die noch vor seiner gänzlichen Befreiung aus -Sibirien (1859) von Bedeutung waren. Das, was den -Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten -beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die -Erlaubnis zu drucken, die Befreiung vom Militärdienst -und endlich die Rückkehr nach Russland zu betreiben. -Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach Petersburg -gereist war, hofft er auf den General Totleben, den -dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. -Er schreibt Wrangel eingehend und dringlich darüber und -fügt hinzu: „Sollte man nicht etwa das Gedicht beischliessen?“ -Unter dem „Gedicht“ ist eine Art Hymnus -gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für -die Sache der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges -1854 verfasst hatte und welcher in den Archiven -der „Dritten Abteilung“ aufbewahrt worden war. Das -Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben) -erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin -1883 im Druck. Es ist künstlerisch ganz unbedeutend -und nur durch die Wärme und den Schwung bemerkenswert, -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen -Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute -durch den Spott interessant, den er über jene christlichen -Nationen, namentlich die Franzosen ausgiesst, welche auf -der Seite der Ungläubigen stehen. Die Hoffnung auf die -Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in einer -Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor -die Thore Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom -April 1856 erwähnt der Dichter eines Gedichtes zur Feier -der Krönung Alexanders des Zweiten, des von ihm „vergötterten -Kaisers“. Orest Miller berichtet, dass dieses -Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter -sei, als es die Gefühle nicht nur aller patriotischen -Russen, sondern auch eines Teils der Gefährten Dostojewskys -in der Affaire Petraschewskys ausdrücke. So viel Platz -man nun den überschwänglichen Hoffnungen einräumen -muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge -Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft -auf dem Throne nachfolgt, in den Herzen eines Volkes -hervorruft, so viel neue Schwungkraft namentlich in Russland -bei diesen Gelegenheiten in der Gesellschaft ausgelöst -wird, so dürften doch diese Worte des allzu eifrigen -Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht -anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, -auch nur ein Teil von ihnen so hoch über dem -Niveau von Verbitterung und Misstrauen gestanden und -so gross und so frei, so liebe- und hoffnungsvoll auf die -Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie Dostojewsky. -Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die -uns noch begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, -weil sie gerade jenem in unseren Augen schaden, den -sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und mit einem Nimbus -umgeben wollen, den er gar nicht braucht. -</p> - -<p> -Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichter -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -um diese Zeit schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt -hinzu: „ich möchte nicht ein Wort aus diesem Artikel -hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen Patriotismus -würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit -einem Pamphlet zu beginnen“. Er vernichtet also diesen -Artikel, nimmt aber vieles davon in eine Schrift über die -Kunst hinüber, die er, wie er sagt, zehn Jahre mit sich -herumgetragen hat, nun niederschreibt und der Grossfürstin -Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie -widmet, da er meint, dadurch schneller die -Druckerlaubnis zu erlangen. „In manchen Kapiteln,“ -sagt er, „werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet -enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des -Christentums in der Kunst.“ Über die weiteren Schicksale -dieses Artikels wissen die Herausgeber der Materialien -nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles daraus -in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky -seinerzeit in seiner Zeitschrift „Wremja“ als Polemik -gegen den Kritiker Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir -werden weiter unten bei der Besprechung seiner publizistischen -Thätigkeit näher auf diese Kunstanschauungen eingehen. -</p> - -<p> -Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt -ihn vor allem sein ganz persönliches Schicksal. Die Liebe -zu Marja Dmitrjewna, welche durch gegenseitige Eifersucht -seine Qualen und durch diese seine Krankheit steigert; die -übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem Rivalen -zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen -Gnadengabe, sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz -in einem Gymnasium zu verhelfen, „ehe sie heiratet, weil -sie nach der Vermählung (mit dem anderen natürlich) -nichts bekommt;“ der heftige Wunsch, den Abschied zu -erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien -bleiben müsste — dies alles steigerte seine seelischen und -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -physischen Leiden auf das höchste. Am Schlusse seines -Briefes vom 21. Juli sagt er: ... „ich aber — bei Gott — -ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen“ .... -Dabei ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, -erwartet von da ausgehend (wie er denn immer ganz im -Sinne der historischen Entwickelung seiner Heimat Reformen -von oben für segensreicher und dauerhafter hält, als Revolutionen -von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands. -Der Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung -für ihn berichtet, bringt ihn in Entzücken über diesen -letzteren, er vergisst der eigenen Leiden und schwingt -sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch -wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung -einer nahen, schöneren Zukunft. „Mehr Glauben“ — ruft -er aus — „mehr Einigkeit ... und wenn noch Liebe -dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend einer -zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen, -sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre -mein Schicksal doch schon entschieden!“ Ein Handbillet -ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober 1856 zum -Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt. -Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau -lebenden Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden -hatten, leihweise 600 Rubel aufnehmen, da er -schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe, das -er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten -könne. „Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,“ -ruft er aus, „und ich bin verloren, dann ist es besser, -nicht zu leben!“ An anderer Stelle sagt er: „Ich bin -bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu -schreiben, wenn auch <em>für immer</em>.“ -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im -Gefängnis <em>vor</em> Sibirien geschriebene Erzählung „Ein kleiner Held“, -welche der Dichter damals „eine Kindergeschichte“ genannt hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Diese „Kindergeschichte“ hat der Dichter, wie wir wissen, -in den Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, -„wo man nur das Unschuldigste schreiben konnte“. Dass er aber -in der Zeit zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem -Urteilsspruch — erst nach Schluss der Untersuchung wurden -ihm nämlich Bücher und Schreibmaterialien zugesprochen — -imstande war, nicht nur etwas so „Unschuldiges“ zu schreiben, -sondern ein Kunstwerk von so entzückender Anmut zu schaffen, -dies ist, scheint uns, das allergrösste Zeugnis seiner Kraft und -Seelengrösse. Aber auch noch etwas anderes finden wir in -diesem Werke bekräftigt: Dostojewskys hohes künstlerisches -Können, da wo ihn weder eine innere Ungeduld, noch eine -äussere Not daran hinderte, an der feinen Ausführung des Kunstwerks -so recht nach seinem Sinne zu meistern. Ganz und gar -einheitlich ist die Schilderung des Erlebnisses durchgeführt. -</p> - -<p> -Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der -Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem -Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen -Dame bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll -ahnende Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die -er halb unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal -von der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren -Cavaliere servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung -gefasst hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen -Blondine eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge -der Freundin vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten -decken will. In innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass -etwas Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, -flieht der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst. -Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner -Thüre. Er schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich -entfernen. Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und -seinen Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt -ihn ein ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner -verzweifelten Betäubung. „Ich erhob mich und trat ans Fenster. -Der ganze Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen -Dienern angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Reiter sassen schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den -Equipagen Platz .... Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt -geplant worden war und nun, nach und nach, drang eine -Unruhe in mein Herz — ich spähte intensiv, ob mein Klepper -auch im Hofe sei. Aber der Klepper war nicht da, also hatte -man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus und im Nu war ich -unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie meine jüngste -Schmach vergessend ....“ -</p> - -<p> -Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und -vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung, -Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: -was wohl da unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche -Unruhe, vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! -Wer erinnert sich nicht aus seinen Kindertagen, dass diese -Schmerzen intensiver, leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle -Schmerzen der reiferen Jahre? -</p> - -<p> -Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass „alles seinen -Herrn hat“ und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das -niemand zu besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, -dem es vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu -besteigen, und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige -Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen -Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. -Allein der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses -eben in seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben -erblickt und den „weinerlichen“ Helden mit der Aufforderung -neckt, doch sein Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl -auch um vor den Augen seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück -zu vollbringen, schwingt er sich, bleich und bebend, auf -das Pferd, das nun mit ihm aus dem Hofthor jagt, ehe er noch -im zweiten Steigbügel Fuss fassen konnte. Zum Glück für den -kleinen Reiter stolpert das Tier an einem grossen Stein, macht -Kehrt und wird endlich, von den Pferden der zu Hilfe eilenden -übrigen Reiter bedrängt, die seine Zügel fassen, vor der Freitreppe -zum Stehen gebracht. Man umringt den kleinen Helden, -der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben wird, und bringt -ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine erweist sich in -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -ihrer Zerknirschung als treue, zärtliche Pflegerin, und die -traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen Blick herzlicher -Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet. -</p> - -<p> -Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und -streicht im Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle -der Dichtung. Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene -Zeuge eines schweren Abschiedes zwischen „seiner“ Dame -und einem Gaste, welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern -verlassen hatte und nun mit ihr in einem stillen Boskett des -Parkes zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann -sich vom Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, -endlich seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss -auf ihre Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes -Päckchen ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen -Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und -verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht, -findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine -sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren, -dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet -wird, dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten -Ausfahrt und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über -ihr Befinden, da man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat -sich indessen in einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das -Päckchen, das er in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft -in der Hand und ist in der peinlichsten Verlegenheit, da er es -ihr übermitteln und doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem -Geheimnisse zeigen will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt -nur, dass sie an der Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen -kleinen Gang durch den Park machen werde — in Begleitung -ihres kleinen Ritters. Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, -und die Schöne tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre -Wanderung an, des kleinen Ritters vergessend, der erfreut und -gequält zugleich an ihrer Seite wandelt. -</p> - -<p> -Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen -Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen -könne. Sie nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer -Gartenbank Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Buches, während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. -Endlich hat der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft -er ihr zu, er werde einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die -Mäher den letzten Wiesenschmuck niedermähen. Er springt -davon, um den Strauss zu pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs -erscheint uns psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt -der Erzählung zu sein, der nur durch den feinen und -sinnreichen Schluss gekrönt wird. Der Knabe läuft vom Strauch -zur Wiese, von der Wiese aufs Feld, vom Feld in den schattigen -Hain, von der Freude am Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden -echt kindhaft hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand -vereinigt, ist an Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um -den ihn jeder Gärtner beneiden könnte. Immer voller und dichter -lässt er ihn werden, bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst -und mit feinen Gräsern bindet und jetzt — lässt er -klopfenden Herzens das Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. -Anfangs bleibt der Brief ganz sichtbar, mit jedem Stückchen -Weges aber, um das sich der Knabe der Trauernden nähert, -wird ihm ängstlicher zu Mute und stösst er das Päckchen tiefer -in die bunte Hülle hinein, bis er — am Ziele angelangt — es -ganz und gar darin vergraben hat. Nun überreicht er mit -flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur zerstreut auf, -dankt und legt den Strauss neben sich auf die Bank. Betrübt -und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf das Gras, -stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die Augen. Da -kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt summend -die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst endlich den -Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene. Der -Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen, auf -und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald -auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach -dem Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. -Da fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden -Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre -Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, -und zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er -„erwacht“ mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchlein -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -über sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne -zu decken und — er ist allein. -</p> - -</div> - -<p> -Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters -folgt eine Pause in seinem Briefwechsel mit Wrangel, -während welcher ein häufigerer Gedankenaustausch mit -dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht unterbrochen -war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a>, Briefe -entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden -worden sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 -finden wir die Beziehung auf einen schweren Geldverlust -des Bruders, wodurch es Theodor Michailowitsch doppelt -peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an den -Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er -Beziehungen zu Katkow, dem Redakteur des „Russkij -Wjestnik“, angeknüpft habe, welcher ihm einen Vorschuss -von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem „sehr gescheiten -und liebenswürdigen Briefe“ gebeten habe, „sich mit der -Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin -zu arbeiten.“ -</p> - -<p> -Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich -trägt, verschiebt er für seine Rückkehr nach Russland. -In diesem Roman, sagt er, „liegt eine ziemlich glückliche -Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter Charakter. -Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich -in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, -nach der Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen -alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen -Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn -ich nach Russland zurückkomme.“ -</p> - -<p> -O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -könne nur Raskolnikow gemeint sein, das Produkt jener -Betrachtungen, welche der eben durch russische Nachrichten -und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene Einblick -in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt -hätten. Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen — so -findet Miller und wir müssen ihm vollkommen beistimmen -— ist der Grundtypus dieses neuen russischen Charakters -in den „Memoiren eines Totenhauses“ an jener Stelle -bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: „Die Eigenschaften -eines Scharfrichters finden sich im Keime fast bei -jedem jungen Menschen unsrer Tage vor.<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a> Indessen“, sagt -der Dichter, „schreibe ich zwei Erzählungen, welche eben -nur erträglich sein werden.“ Weiter spricht sich Dostojewsky -über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten -erstaunt sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was -sich uns beim Lesen aller seiner Werke aufdrängt, nämlich -der Raschheit, Achtlosigkeit auf Detail, der Spontaneität, -die sich überall darin fühlbar macht. Es ist eben immer -wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl -zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen -3 und 4 Druckbogen anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht -er dem Bruder, bekämpft dessen Ansicht, dass eine -Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse. „Ich -schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir -anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber -bearbeite ich sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere -mich zu mehreren Malen daran, nicht nur einmal (weil ich -diese Scene liebe), und füge ihr mehrere Male etwas zu -oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt -alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. -Ohne sie, freilich, wird nichts daraus.“ -</p> - -<p> -Inzwischen hat der Dichter die Erzählung „Onkelchens -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Traum“ für das Journal „Russkoje Slowo“ geschrieben, -„per Eilpost“, wie er sagt, rein nur, um Geld zu bekommen, -da er gelegentlich seiner Vermählung durch den Bruder -500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen -lassen. Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals -erwähnte „Dorf Stepantschikowo“, für den Herbst. -Diese beiden Erzählungen scheinen uns eine Art Interimsepoche -in des Dichters Thätigkeit darzustellen. Zwischen -das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens -gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb -beschleunigt, innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang -mit der in Sibirien gewonnenen Vertiefung des Dichters, -welche zu ihrer äusseren Gestaltung eben seine Gegenwart -in Russland forderte, stehen sie eigentlich vereinzelt da; -und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische -Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys -künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch -weder zu jenen Werken des Dichters, welche in die Zeit -des litterarischen Tastens und Spielens mit Humor und -Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein -Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln -seiner Glutnatur verkünden und besiegeln. -</p> - -<p> -In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder -einen Plan vor, wie seine bis dahin geschriebenen Werke -in eine Ausgabe vereinigt werden könnten, um wieder -einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem -anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky -100 Rubel für den Druckbogen erhielt, während Turgenjew -damals schon 400 Rubel per Bogen gezahlt wurden. Uns -interessiert hier nur seine Einreihung der Werke in zwei -Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche -uns zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber -doch immer etwas sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren -und Verlegern zu geben vermag. Bezeichnend ist -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -dabei die häufige Wiederkehr der absoluten Mutlosigkeit, -die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich -der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, — höchstens -ins Wasser — oder — ich bin verloren usw. In diesem -Briefe also heisst es: „Höre, Mischa! Dieser Roman hat -unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl den, dass -er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, -ist, dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein -bestes Werk ist.“ Dies meint der Dichter bei jedem eben -vollendeten Werke und kommt erst spät von dieser Meinung -zurück. „Ich habe ihn zwei Jahre hindurch geschrieben -(mit der Unterbrechung „Onkelchens Traum“), Anfang und -Mitte sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. -Aber ich habe meine Seele, mein Fleisch und Blut da -hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass ich mich darin -ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird -noch vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem -Roman wenig Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches -Element, wie z. B. im „Adeligen Nest“) — -aber er enthält zwei ungemein typische Charaktere, die -ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos -(nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe — Charaktere, -welche durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur -noch schlecht dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, -ob Katkow das würdigen wird, aber wenn das Publikum -meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich bekenne -es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen -und vor allem die Befestigung meines litterarischen -Rufes gegründet. — Jetzt bedenke: der Roman erscheint -heuer, vielleicht im September. Ich denke, dass, wenn -man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von Kuschelew -schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. -Es wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu -thun haben, der nur „Onkelchens Traum“ geschrieben hat. -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Freilich kann ich mich sehr über meinen Roman und seinen -Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine Hoffnungen. -Nun: wenn der Roman im „Russkij Wjestnik“ (Katkow) -Erfolg hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, -anstatt die „armen Leute“ gesondert herauszugeben, eine -neue Idee: Wenn ich werde nach Twer gekommen sein -(dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort -angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht -sich, mein Täubchen, du mein ewiger Helfer — zum Januar -oder Februar des kommenden Jahres zwei Bändchen meiner -Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1) erster Band: -„Arme Leute“, „Njetoschka Njezwanowa“ (die ersten 6 -Kapitel sind überarbeitet und haben allen gefallen), „Helle -Nächte“, „Kindergeschichte“ (die Erzählung, welche Dostojewsky -im Gefängnis schrieb und später „Ein kleiner Held“ -nannte) und „Christbaum und Hochzeit“; alles in allem -18 Druckbogen. Im zweiten Band: „Das Dorf Stepantschikowo“ -und „Onkelchens Traum“. Der zweite Band -hat 24 Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten -oder, besser gesagt, neugeschriebenen „Doppelgänger“ -und andre gesondert herausgeben. Das wäre der -dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)“ -</p> - -<p> -„Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel -kosten, nicht mehr. Man kann das Exemplar zu 3 Rubeln -verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch 1½ Jahre -einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf -der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man -kann es auch so machen: die Ausgabe an Kuschelew um -3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber natürlich sich jetzt in -keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den Erfolg -des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung -enthalten und dieser Erfolg wird alle Abmachungen -erleichtern.“ -</p> - -<p> -„NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -100 Rubeln, macht 1500 Rubel. Genommen habe ich von -ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel des Romans -eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten, -also sind 700 Rubel herausgenommen.“ -</p> - -<p> -„Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür -aber erhalte ich dann in der allernächsten Zeit von Katkow -700 oder 800 Rubel. Das geht noch an, man kann sich -wenigstens umdrehen.“ -</p> - -<p> -Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext -von Dostojewskys Briefen durch eine lange Reihe -von Jahren und sind, so monoton diese Briefe dadurch -auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für -des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, -Klugheit und Optimismus, sowie die Umschläge seiner -Stimmung von überschwänglichem Selbstgefühl zu vollständiger, -kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit. -</p> - -<p> -Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel -aus Twer datiert. Nach einer langen Pause, welche nicht -verfehlt hat, im Dichter allerlei argwöhnische Vermutungen -über die Treue des Freundes zu nähren, greift er mit alter -Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über -sein neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen -durchaus nicht erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht -an Semipalatinsk zurück denkt: „Wenn Sie nach -mir fragen“ — sagt er — „was soll ich da antworten? -Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe -sie nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht -zu Ende ist, und ich will nicht sterben. Meine Krankheit -ist beim alten — nicht schlechter. Ich würde mich gerne -mit Ärzten beraten — aber solange ich nicht nach Petersburg -kann — werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit -Dummköpfen herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, -und das ist schlimmer als Semipalatinsk — — -düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei Bewegung, keinerlei -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Interessen — nicht einmal eine ordentliche Bibliothek ist -da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich -von hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst -sonderbar: ich betrachte mich schon seit langem als vollkommen -begnadigt; man hat mir auf persönlichen Befehl -schon vor zwei Jahren den erblichen Adel zurückerstattet; -bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles Gesuch -(in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach -Moskau hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich -hätte vor zwei Monaten einreichen müssen, jetzt aber ist -Fürst Dolgorukow abwesend.“ — — So plagt sich der -Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum, fürchtet, -wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, -den anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in -Twer bleiben zu müssen, wo er in allem gelähmt ist. -Endlich führt er die Idee aus, die er schon eine Zeit bei -sich herumträgt, einen offenen Brief an den jungen Kaiser -zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage darzulegen. -</p> - -<p> -Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung -des Grafen N. P. Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen -III. Abteilung, samt dem oben erwähnten Gedicht den -Herausgebern der „Materialien“ mitgeteilt, sowie auch uns -das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, -Gehilfen des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen -Chef der ehemaligen III. Abteilung, Herrn von -Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus diesem -Schreiben die hervorragendsten Stellen. -</p> - -<p> -Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich -Dostojewsky als „ehemaliger Staatsverbrecher“ einführt, -erzählt er in Kürze: -</p> - -<p> -„Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in -Petersburg verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte -entkleidet und nach Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Grades in die Festung auf vier Jahre mit der Bestimmung -verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als Gemeiner -in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 -trat ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis -von Omsk als Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; -im Jahre 1855 wurde ich zum Unteroffizier -befördert und im darauf folgenden Jahre 1856 -wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät -beglückt und zum Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben -mir Euer Majestät den erblichen Adel zu erstatten geruht. -Im selben Jahre habe ich infolge der Epilepsie, welche -sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit eingestellt -hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, -nach Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt -nach Twer übersiedelt. Meine Krankheit nimmt fortwährend -zu. Nach jedem Anfalle verliere ich sichtlich -an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen -Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist — Lähmung, -Tod oder Wahnsinn. -</p> - -<p> -Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das -ich zu sorgen habe. Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe -mir den Lebensunterhalt einzig und allein durch -litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen -Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei -aber geben mir die Ärzte Hoffnung auf Genesung, die -sie auf den Umstand gründen, dass meine Krankheit keine -ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich -ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg -erlangen, wo sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit -der Erforschung der Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer -Majestät! In Ihrer Hand liegt mein ganzes Schicksal, -meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach -Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. -Erlösen Sie mich und schenken Sie mir die Möglichkeit, -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -mit der Herstellung meiner Gesundheit meiner Familie, -vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem Vaterlande -nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder -ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über -zehn Jahre getrennt bin; ihre brüderlichen Bemühungen -um mich könnten dazu beitragen, meine schwere Lage zu -erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen, -kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein -Tod meine Gattin und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche -Hilfe zurücklassen. So lange noch ein Tropfen Gesundheit -und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten, um sie zu -sichern — allein über die Zukunft waltet Gott, und menschliche -Hoffnungen sind unzuverlässig. -</p> - -<p> -Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche -Majestät mir auch die zweite Bitte und geruhen Sie, -mir eine ausserordentliche Gnade zu gewähren, indem Sie -anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn Paul -Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium -aufnehme. Er ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs -Alexander Issajew, welcher in Sibirien in der -Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im Dienste Ihrer -Kaiserlichen Majestät gestorben ist — einzig und allein -darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden -Lande unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und -Sohn ohne jegliche Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber -die Aufnahme Paul Issajews in ein Gymnasium unmöglich -sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in eines -der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. -Sie werden seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn -täglich lehrt, um das Glück Euer Kaiserlichen Majestät -und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie, Herr, sind -wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte -scheint. Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, -beglücken Sie auch eine arme Waise, seine Mutter -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -und einen unglücklichen Kranken, von dem der Bann bis -heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, -sofort sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines -Volkes, hinzugeben.“ -</p> - -<p> -Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die -Hoffnung aller nach dem Regierungsantritte des Zaren -Alexander II. genommen hatte, von der Zuversicht auf -die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die -ihm das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben -überschwänglicher Unterwürfigkeit, die im Munde eines -Europäers nur servil wäre, im Munde eines echten Russen -aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das -vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche -und Leiden dem „Väterchen“ zu Füssen legt. Der einfach -sachliche Ton, der in der Erzählung der Geschichte -dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern und Begründen -der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief -als eine intime Mitteilung erscheinen, an die sich die -Unterwürfigkeit des Schlusses und mancher Wendung ganz -anders anschliesst, als dies etwa in einem europäischen -Majestätsgesuch der Fall sein könnte. -</p> - -<p> -Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit -durch des Dichters Ungeduld geworden ist, davon -giebt ein Brief, der letzte, den er aus Twer an Wrangel -richtet, ein deutliches Bild. -</p> - -<p> -„Sie schreiben,“ — heisst es darin — „warum ich, -da ich die Einwilligung Dolgorukows und Timaschews -(des General-Adjutanten) zur Niederlassung in Petersburg -habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das Elend, lieber -Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt -beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und -jetzt wird schon Er entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur -auf einige Zeit hinzufahren, da, wenn Dolgorukow damit -einverstanden ist, dass ich endgiltig nach Petersburg übersiedle, -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in -Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin -komme. Ich hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, -und sprach davon mit dem Grafen Baranow (dem damaligen -Gouverneur). Allein der hat mir davon abgeraten, da er -fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir -eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst -gebeten, und ohne noch eine Antwort darauf erhalten -zu haben. Sie müssen selbst zugeben, lieber Freund, dass -ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es nicht gerne -sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht abreisen. -Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt -(durch Adlerberg) und hat dabei gebeten, es in seinem -Namen zu übergeben, folglich hat er als Gouverneur für -mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits unzart, -in aller Stille fortzufahren. — Und darum habe ich -folgendes ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten“ usw. -</p> - -<p> -Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die -Sache, ohne hier und dort anzustossen, schnell durchgeführt -werden könne. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe -Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls -zur Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier -nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben. -Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der -Dokumente, welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit -den wichtigeren Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. -Dazu gehören: ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk -an den Kaiser (15. April 1853), dass sich Durow und Dostojewsky -in der Festung gut gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches -Gedicht gelegentlich des Orientkrieges in den „Petersburger -Nachrichten“ veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), -die auf die besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg -und des General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung -Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -die Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel -wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats -(Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der -Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge -aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane -Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender -geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde -(20. Oktober 1856 Nr. 6118). -</p> - -</div> - -<p> -Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens -noch sehr lange über Dostojewsky gewaltet zu haben, da -sich seine Witwe erinnert, wie in seinen späten Lebensjahren -irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer kleinen -Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts -davon gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin -sein, dass ein dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es -deren in Russland nur allzuviele giebt, diesen geheimen -Schutz auf eigene Faust zum Besten Dostojewskys und -des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte -der in der „Niva“ veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar -an jene an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis -zur Heimkehr besprechen. Er ist vom 12. November 1859 -datiert und wiederholt die Reihe seiner Bemühungen, die -bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert -ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich -darin kundgiebt. Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine -bis in das Detail des Lebens praktische Natur gewesen, -allein er besass, wie die meisten genialen Menschen, eine -Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse, -der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die -er allerdings in der Wirklichkeit nicht festzuhalten und -auszuführen vermochte. Darüber spricht sich N. Strachow, -der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe kannte, -in seinem Beitrage zu den „Materialien“ eingehend aus. -„Ich muss hauptsächlich darum in Petersburg sein, um -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -den Verkauf meiner Werke zu betreiben. Übrigens habe -ich einen Plan im Kopfe — nämlich: die Sachen nicht um -Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn -das nötig sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in -Moskau zu drucken. Sie geben kein Geld, sondern drucken -die Werke und machen sich zuerst beim Verkauf bezahlt, -mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies scheint -mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu -weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) -Ich würde es unbedingt so machen, wenn ich -sofort nach meiner Ankunft in Petersburg Geld zum Leben -hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky bekomme).<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> -Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da -ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte -nicht à la lettre und verkaufe die Sachen für Geld, wenn -sich nur immer eine Gelegenheit dazu bietet. Diese -Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg -zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es -wäre schon Zeit, zu drucken — sie vergeht und dabei -gehen auch die Chancen des Gewinns verloren .... -</p> - -<p> -Aber — der Teufel hole das Geld! Dich möcht’ ich -umarmen — das ist’s! Könnt’ ich mich nur schon bald -neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise sein. Es ist -mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so -sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht -... Du ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas -erwarten! Ein Monat! Ja, wird es nach einem Monat -damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja vier -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung -man für den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. -Mich regt das alles sehr auf, Bruder. Es ist, als wären -gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht andre: -weder Talent, noch Fähigkeiten — es werden aber Leute -aus ihnen, sie hinterlassen ein Kapital. — Wir aber -kämpfen, kämpfen, schlagen uns herum .... Ich bin zum -Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr Geschick -und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... -Das ist ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden -sie reich und wir sitzen auf dem Sande. Du, zum Beispiel, -hast Dein Geschäft angefangen. Wie viele Mühe -und was für Resultate?<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> Was hast Du verdient? Du -musst noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon -Du leben und Deine Kinder erziehen konntest. Dein -Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in die Höhe, -dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von -Deinen Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken -und das recht ernstlich. Wir müssen etwas wagen -und irgend ein litterarisches Unternehmen ins Werk setzen -— eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens werden wir -darüber nachdenken und miteinander darüber reden. — — — -</p> - -<p> -Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: -13-14 Druckbogen ist sehr wenig, und ich -erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber wie brauch’ -ich’s! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar -noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr -mich dies alles interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen -1050 Rubel, folglich gebühren mir nach Abtragung meiner -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Schuld an Dich (von 375 Rubel) — 175 Rubel, nicht -125 Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als -möglich zu erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. -Wer weiss, vielleicht entscheidet sich mein Schicksal; -dann werde ich Geld brauchen, um von hier fortzukommen. -Darum schicke es so schnell als möglich. -</p> - -<p> -Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und -so bald als möglich. -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Dostojewsky. -</p> - -<p> -Wenn der Roman erscheint — teile mir sofort und -bis ins Kleinste alles mit, was Du über ihn hören wirst, -was für Meinungen geäussert werden, wenn überhaupt -Meinungen da sein werden.“ -</p> - -<p> -Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch -erledigt. Das Original trägt in der Handschrift des Chefs -der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow, den Bescheid: -</p> - -<p> -„Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs -Issajews die nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky -anbelangt, so ist seine Bitte schon nach dem -Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<span class="line1">V.</span><br /> -<span class="line2">Petersburg.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier -erleidet die Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere -Unterbrechungen. -</p> - -<p> -Über den Empfang des Dichters in Petersburg und -den Eindruck, den er auf die Freunde hervorgerufen, -citiert O. Miller den Bericht A. P. Miljukows, den wir -hier nachcitieren. „Einmal“, sagt Miljukow, „kam Michael -Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -zu mir, dass man entschieden habe, der Bruder -dürfe in Petersburg leben, und dass er am nämlichen Tage -ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof der Nikolaewsker -Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren -Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. -Den Abend brachten wir alle miteinander zu. Theodor -Michailowitsch, so schien es mir, war physisch gar nicht -verändert; sein Blick war sogar kühner als früher, und -sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner gewöhnlichen -Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, -wer von den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend -zugegen gewesen ist, allein es ist mir im Gedächtnis geblieben, -dass wir bei diesem ersten Beisammensein nur -Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer -Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir -einander nahezu jede Woche.“ -</p> - -<p> -In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu -den Erlebnissen in Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, -dass er „sich niemals über sein eigenes Schicksal beklagte -... freilich“ — sagt er — „auch von anderen -zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit -gehabt, heftige Klagen zu hören, allein bei diesen kam das -von der, dem Russen angebornen, Eigenschaft, das Böse -zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch vereinigte sich diese -Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von Dankbarkeit -gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit -gegeben hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen -Menschen, sondern auch zugleich sich selbst besser verstehen -zu lernen“. -</p> - -<p> -Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später -durch den Mund des „Idioten“, den er mit vielem Eigenen -ausgestattet hat, ausgesprochen: „es schien mir, dass man -auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden kann“. -„Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise“ — fährt -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Miljukow fort — „glichen jenen, die im Durowschen Kreise -stattgefunden hatten, in vielem nicht mehr. Und konnte -das anders sein? Es war, als hätten das westliche Europa -und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die -Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich -fortreissenden humanitären Utopien in Rauch aufgegangen, -und die Reaktion hatte überall den Sieg errungen; hier -aber begann vieles zur Thatsache zu werden, wovon wir -geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich Reformen, -welche das russische Leben erneuerten und neue -Hoffnungen keimen machten. Es ist natürlich, dass der -ehemalige Pessimismus in unseren Unterhaltungen keinen -Raum mehr fand.“ -</p> - -<p> -Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild -der jungen, auf Alexander und seine Reformen gesetzten -Hoffnungen sein mögen, scheinen als eine Reminiscenz -an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der -„Russkaja Starina“ (Maiheft p. 35-36-40) publiziert -worden zu sein und werden wohl von uns Westeuropäern -trotz allen Beklagens der bei uns in Rauch aufgegangenen -Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung -über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden, -die in irgend einer Epoche der russischen Zeitgeschichte -für den „Pessimismus keinen Raum mehr fand.“ -</p> - -<p> -Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter -bald genug von den Beschwerden des Petersburger Lebens -angewidert und schon anfangs 1860 ersehen wir aus kleinen -Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass Petersburg -im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche -Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem -Fragment eines Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau -Sch., das nach des Dichters Tode ebenfalls in der -„Russkaja Starina“ (wohl auch durch Miljukow) mitgeteilt -wurde: „Wenn man nur auf acht Tage dieses hässliche -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -Petersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt -unser Ausflug nach Moskau doch zustande.“ Nach seiner -Rückkunft aus Moskau schreibt er: „Da bin ich nun -wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins Ladoga-Eis, in -die Langweile zurückgekommen.“ .... Weiter heisst es: -„Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen -Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. -Ich will was gutes schreiben, ich fühle, dass Poesie darin -ist, ich weiss, dass von seinem Gelingen meine ganze -schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei Monate lang -wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen — (es -handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, -um den grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). -Im selben Briefe treten die warmen Beziehungen zu Tage, -welche Dostojewsky zu den litterarischen Versuchen der -jungen Generation unterhält. „Ich habe Krestowsky gesehen,“ -schreibt er einmal, „ich habe ihn sehr lieb. Er -hat ein Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. -Wir haben ihm alle gesagt, dass dieses Gedicht -etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir unter uns übereingekommen -sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? -nicht im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler -Junge. Er gefällt mir so sehr (immer mehr und mehr), -dass ich ihm nächstens einmal beim Trinken das Du anbieten -werde.“ — — -</p> - -<p> -Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und -Wirken Dostojewskys, welcher mit der wichtigsten Wandlung -in der Geschichte Russlands zusammenfällt, nämlich -zum Heraustreten des Dichters in die Arena des politischen -Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er -sich seiner Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies -gegen Ende des Jahres 1861, da er die Monatsschrift -„Wremja“ gründet, um darin seine Gedanken über die -grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februar -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. -Diese Epoche ist uns Westländern nicht genug bekannt, -um uns einen klaren Überblick der damaligen politisch-litterarischen -Situation des Landes zu gewähren, ist aber -so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil -der Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir -hier weiter ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern -der „Materialien“ das Wort lassen. -</p> - -<p> -N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die -Besprechung der damaligen politischen Lage mit einer -Präzisierung des Wortes „Liberalismus“, „des russischen -Liberalismus“, der von den Westländern nicht richtig verstanden -werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es: -„Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen, -ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen -Erläuterungen ein sehr grosser Wirrwarr in den Begriffen, -welcher natürlich durch unsere Lehrmeisterin Europa unterhalten -wird, und der wahre Sinn des Liberalismus ist fast -gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der Liberale -im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein -muss, aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär, -das wissen und begreifen wohl sehr wenige.“ — -„Einen solchen wirklichen Liberalismus,“ fährt Strachow -fort „bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein Lebensende, -sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete -Mensch bewahren soll.“ -</p> - -<p> -Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als -nach Strachows Meinung der russische Liberalismus. -Strachow versteht unter „Progressist“ nicht einen für den -Fortschritt im allgemeinen Eintretenden, sondern vielmehr -jene Gattung von Politikern, welche den Fortschritt der -russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen Fortentwickelung -auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten -Anwendung der Lehren des Westens sahen -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -und anstrebten. Auch Dostojewsky hat sich, ohne ein -„Progressist“ zu sein, immer und überall für den Fortschritt -eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er -den müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: „Ich -wüsste wohl eine Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie -nicht leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die -einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen -kleinen Bauernjungen lesen.“ „Ich will hier“ — setzt der -Berichterstatter fort — „eines der wichtigsten Vorkommnisse -jener Zeit erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, -welche sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte -und den damaligen Zustand der Gesellschaft am -vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten -sicherlich verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich -werde sie nicht berühren, sondern ihre äussere öffentliche -Erscheinung schildern, welche sowohl für die Mehrzahl der -Agierenden als auch der Zusehenden von der grössten -Bedeutung war. -</p> - -<p> -Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte -die Universität immer mehr und mehr von Leben und von -Bewegung über, leider aber von einem solchen Leben, das -die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die -Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten -eine Kasse, eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, -übten ein Richteramt über ihre Kameraden aus usw., aber -alles dieses zerstreute sie und regte sie so sehr auf, dass -die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und Gescheitesten -unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab -auch nicht wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung -der Grenzen aller möglichen Dispense, und so entschloss -sich die Studien-Obrigkeit endlich Massregeln zu ergreifen, -um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um -sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte -sie sich einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte, -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Kassen, Deputationen und Ähnliches verboten -wurde. Der Befehl wurde im Sommer ausgegeben, -und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität -zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die -Studenten dachten, sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, -es einzig und allein durch einen Widerstand zu thun, -welchen die liberalen Grundsätze sanktionieren, d. h. -durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie -hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den -Behörden soviel Arbeit und der Sache soviel Publicität -als möglich zu schaffen. Sie brachten höchst künstlich -den ausgiebigsten Skandal zustande, den man nur in Scene -setzen kann. -</p> - -<p> -Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder -dreimal bei Tage, auf offener Strasse in grossen Haufen -fortzuführen. Zur grösseren Freude der Studenten setzte -man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie unterwarfen -sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem -Urteilsspruch der Verschickung, welche für viele eine -sehr schwere und langwährende wurde. Nachdem sie das -gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu haben, was -nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung -ihrer Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die -Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine -schwere Strafe über sich ergehen lassen, gleichsam rein -nur darum, weil sie von ihren Forderungen nicht abgewichen -waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe -in Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so -führten die Studenten dieses liberal-juridische Drama zum -Nutz und Frommen der übrigen Staatsbürger tadellos und -mit wahrer Begeisterung durch. Es war durchaus kein -Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse. -</p> - -<p> -Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, -dass sich damals Leute fanden, welche sehr wünschten, -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -diese Geschichte in einen Aufruhr umzuwandeln, dass man -Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug, irgend -eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine -fatale Lage brächte usw. Revolutionäre Elemente waren -in der Gesellschaft herangereift, allein diesmal bewahrte -der Liberalismus seine Reinheit, und es war nur eine -grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam eine -Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung. -</p> - -<p> -Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. -Man hatte gestattet, dass die Eingeschlossenen -besucht würden, und so kamen täglich sehr viele Besucher -in die Festung. Auch von der Redaktion der „Wremja“ -ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael -Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten -und mit Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer -Flasche roten Weines in die Festung gesandt. Als man -endlich begann, jene Studenten, welche man als die Schuldigsten -befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde -und Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt -hinaus. Die Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut -und die Verschickten schauten zum grossen Teil wie -Helden drein.“ -</p> - -<p> -Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen -innehalten und über die Selbstverständlichkeit und Einfachheit -staunen, mit welcher ein „russischer Liberaler“ -von Festungsstrafen und Verschickung junger Schwärmer -spricht. Es tritt uns da förmlich eine „erbliche Belastung“ -mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch -der liberalste Russe heute nicht frei sein kann. -</p> - -<p> -„Diese Geschichte“ — fährt Strachow fort — „wickelte -sich im selben Geiste weiter ab. Man schloss die Universität, -um sie einer vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen. -Da baten die Professoren um die Erlaubnis, -öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese Erlaubnis -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess -ihnen ihre Säle zu diesem Zwecke, und so wurden die -Universitätskurse eröffnet. Alle Schritte für das Arrangement -der Vorlesungen sowie die Sorge für die Aufrechthaltung -der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und -waren mit dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden -und sehr stolz darauf. Allein ihre Gedanken waren nicht -mit der Wissenschaft beschäftigt, um welche sie sich augenscheinlich -so bemüht hatten, sondern mit etwas anderem, -und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung -dieser Rathaus-Universität war der bekannte „litterarisch-musikalische“ -Abend des 2. März 1862. Dieser Abend -war mit der Absicht veranstaltet worden, gleichsam eine -Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen Kräfte -vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne -war auf das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das -Publikum war im selben Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste. -Sogar die Musikstücke, mit welchen die -litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den -Frauen und Töchtern von Schriftstellern „der guten Richtung“ -ausgeführt. Theodor Michailowitsch war in der Zahl -der Lesenden und seine Nichte in jener der Mitwirkenden. -</p> - -<p> -Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt -wurde, sondern um die Ovationen, welche man den -Vertretern fortschrittlicher Ideen brachte. Der Lärm und -Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat mir später -immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt -war, den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht -hatte, und zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. -Eine Episode dieses Abends bildete -den Beginn des Verfalls und der Entzauberung unserer -damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P.... las -an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere -das vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -worden war. Er las ihn ohne jede Abänderung, aber mit -so ausdrucksvollen Intonationen und Gesten, dass ein -durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es entstand -ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. — -</p> - -<p> -Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich -die Nachricht, dass der Professor arretiert und aus Petersburg -fortgeschickt worden sei. Was war nun zu thun? -In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel -protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass -die Entfernung eines Professors eine Bedrohung der übrigen -Professoren in sich schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen -nicht fortsetzen könnten, wenn sie nicht dadurch -zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für schuldig -erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen -wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität -zu schliessen und dadurch gegen jeglichen Zwang -zu protestieren — ein bekanntlich sich fortwährend wiederholender -Vorgang an den russischen Universitäten, etwas -das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die -Studenten setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von -Betrübnis und Zorn erfüllt sein werde, wenn so plötzlich -die Hauptquelle ihrer Aufklärung verstopft würde. Die -Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten und -sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder -zweier von ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale -machten. Endlich mischte sich die Obrigkeit hinein und -machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den Professoren -überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.“ -</p> - -<p> -„Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es -zeigte sich gleich, dass der schlimme Plan die Gesellschaft -aufzuregen und sie gegen die Obrigkeit aufzureizen -vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich nicht, -und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig. -Die Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung, -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -dass der Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen -wurde, der Ausdruck der allgemeinen Stimmung sei und -dass es so leicht sein werde, das Publikum zu täuschen. -In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben, -dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung -sei. Die Unterlage der Sache war allen gar zu -durchsichtig, namentlich als zu gleicher Zeit eine Proklamation -nach der andern auftauchte, deren erste hunderttausend -Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt -hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte, -„die Strassen mit Blutströmen zu begiessen und keinen -Stein auf dem andern stehen zu lassen.“ -</p> - -<p> -„Wie immer das nun gewesen sein möge, war die -Obrigkeit, welche beständig bemüht gewesen war, den -liberalen Charakter der Ereignisse zu wahren, in eine -sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede -liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung -hervorruft, welche sich dieser Massregel zu ihren -eigenen Zwecken bedient, welche durchaus nicht liberal, -sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten fanden -nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den -polnischen Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man -das Böse nicht dulden und seinem natürlichen Lauf nicht -überlassen darf, wenn es so erschreckende Dimensionen -angenommen hat.“ -</p> - -<p> -Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden -Ausdruck des russischen ehrlichen Liberalkonservativen -reinsten Wassers, nämlich jener Richtung des Liberalismus, -der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern -die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln -für gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten -einschränkt — eine Anschauung, über die sich streiten -lässt, die aber gerade in den Konstellationen der russischen -Parteistandpunkte besondere Beachtung verdient. Dass -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und -berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus -seinem ganzen Leben und Wirken klar geworden. Wie er -sich speziell zur Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren -wir aus den Mitteilungen O. Millers, welcher uns -jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren und weniger -doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders -beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei -Berichte so recht in die Stimmung und das Milieu der -grossen Befreiungsepoche hineinversetzt. Natürlich haben -wir es auch hier mit einem Vertreter der konservativ-liberalen -Richtung zu thun. -</p> - -<p> -Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der -Parteien besprochen, welche aus sehr verschiedenen Gründen -gegenüber der Aufhebung der Leibeigenschaft und ihren -Folgen Stellung nahmen, und meint: „man begann uns eindringlich -das ‚Sterben‘ zu lehren — gerade dann, als man -uns hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, -fest zu leben,“ — fährt er fort: „das ist’s, was ein Mensch -bei uns antreffen musste, der aus Sibirien geschrieben -hatte: „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe -dazu kommt, so ist alles gethan.“ „Das alles war den -Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem -revolutionären Radikalismus — sei es auch vom entgegengesetzten -Ende — ging der Konservatismus sehr wohl -zusammen, der — ganz ebenso revolutionär war, wie ihn -J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, -dass jenem ‚Nihilismus‘, dessen erste Formation sozusagen -Turgenjew in der Person des Studenten mit burschikosem -Unterfutter Bazarow aufgestellt hatte, derselbe Samarin -ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen gestellt -hatte. Das französische Sprichwort „les extrêmes se -touchent“ ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit -geworden. -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig -an jenem denkwürdigen litterarischen Lese-Abend gegenwärtig -war, da der zur 1862 stattfindenden Feier des -tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste Artikel -vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der -Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des -Millenniums vollzogen und man hätte nun dieses, sollte -man meinen, mit beruhigtem Gewissen und einem furchtlosen -Blick in die Zukunft feiern können. Als der Lesende -zum „Wermutsbecher“ gekommen war, „den das russische -Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren -müssen,“ sagte er: „Zur Zeit der Thronbesteigung des -heute glücklich regierenden Kaisers und Imperators lief -der Becher über ...“ Man liess ihn nicht vollenden: -„dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen, -welcher sich durch die Leibeigenschaft darin -angehäuft hatten — man fasste seine Worte in einem -durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie gesagt -worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von -Applaus und Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, -als wäre es heute, mit welchem wollüstigen Entzücken -damals gerade die Repräsentanten des nicht verpönten -Nihilismus applaudierten — dies war an den Dekorationen -ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie -sich in ihren „heiligsten Gefühlen“ verletzt fühlten. Als -nun der Vortragende zum Satze kam: „Unsere Administratoren -stehen am Rande eines Abgrundes,“ da floss der -Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem -Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen — obwohl, natürlich, -jede der extremen Richtungen das Wort ‚Administratoren‘ -in ihrer Weise verstand.“ -</p> - -<p> -O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an -jenem Abende teilgenommen habe, findet aber den zehn -Jahre später im Roman „Die Besessenen“ beschriebenen -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -Leseabend den getreuen Spiegel der hier vorgefallenen -Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem -anderen Leseabend Teile aus den „Memoiren aus einem -Totenhause“ vorgelesen und das mit Absicht in einem -Sinne und Geiste, welcher jenem der Einberufer entgegengesetzt -war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler obzuwalten, -der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem -Berichte dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum -betreffs der Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte. -Die Erzählungen jener lärmenden Begebenheit selbst jedoch -weichen, wie wir sehen, ziemlich von einander ab, und -was wir Westländer daraus gewinnen können, ist vornehmlich -der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, -wie sie in dem von politisch-litterarischem Leben -so heftig pulsierenden Russland sogar innerhalb einer und -derselben Partei möglich sind. Die Herausgeber der -Materialien gehören beide der konservativ-liberalen Richtung -an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei -aller Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen, -fast möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, -während O. Miller mit der feinen Anführung des -„Generals-Nihilismus“ dem eigenen Konservatismus gleichsam -die Spitze abbricht. -</p> - -<p> -Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr -grosse Rolle in der Geschichte der russischen Reformjahre -spielt, ist wohl oft genug auch von der gegnerischen Seite -aus besprochen worden. Einen längeren Artikel widmet -ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen -Jahren von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel -zwischen Turgenjew, Kavelin und Herzen. Wir haben es -aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und seinem Standpunkt -zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe -seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch -die uns bekannten Ereignisse erfolgten, Enthebung des -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Professors von seinem Lehramte und der vorhergegangenen -Einschliessung der Studenten waren im Publikum und -namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen -darüber entstanden; „die Gefängnishaft“ — fährt Miller -fort — „hatte bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend -nur erhöht, das sie antrieb, neue Vorschriften abzulehnen, -indem sie sich von einem übrigens durchaus ernsten und -edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener -Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet -waren, ein Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene -jungen Leute des Zutritts zu höherer Bildung verlustig -wurden, welchen die Mittel fehlten, diese Forderung zu -erfüllen.“ Wer das nicht wusste, dem musste diese Auflehnung -„um irgend welcher Matrikel willen“ in der grossen -Stunde der Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. — -Das Volk wusste natürlich nicht, um was es sich handle -— und urteilte: „Die jungen Herrlein rebellieren, weil -man uns die Freiheit gegeben hat.“ Zu Dostojewsky und -seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse -übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem -„Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873 an, -welche sich darauf bezieht und eine Antwort auf die Zumutung -ist, als sei Dostojewskys phantastische Satire „das -Krokodil“<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a> ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor -des Romans „Was thun?“ -</p> - -<p> -„Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky“ — -sagt Dostojewsky — „bin ich im Jahre 1859, im ersten -Jahre nach meiner Rückkunft aus Sibirien, zusammengetroffen; -ich weiss nicht mehr, wo und wieso es geschah. -</p> - -<p> -Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -selten, sprachen miteinander, aber sehr wenig. Übrigens -reichten wir einander jedesmal die Hand. Herzen hat -mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen unangenehmen -Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine Manieren. -Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine -Manier ganz wohl. -</p> - -<p> -Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, -auf der Klinke des Schlosses, eine der bemerkenswertesten -Proklamationen, welche damals auftauchten; und -es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die -Aufschrift: „An die junge Generation.“ Man kann sich -nichts Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der -Inhalt aufreizend in der lächerlichsten Form, welche -nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen können, um -sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu -Mute und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. -Das war damals alles noch so neu und so nahe, -dass es sogar noch schwer war, sich diese Leute gründlich -anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht -recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr -ein so leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht -von der damaligen Bewegung als einem Ganzen, sondern -bloss von den Menschen. Was die Bewegung anbelangt, -so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre historischen -Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche -ein ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer -Geschichte ausfüllen wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint -es, noch lange nicht zu Ende geschrieben. -</p> - -<p> -Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner -Seele und meinem Herzen heraus weder mit diesen Leuten, -noch mit dem Sinne ihrer Bewegung einverstanden war, -— mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als schämte -ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich -schon drei Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Erscheinungen zugesehen hatte — verblüffte mich doch -diese Proklamation geradezu, erschien sie mir wie eine -neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem -Tage hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. -Plötzlich, noch ehe es Abend wurde, fiel es mir ein, -Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals bis auf -diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu -ihm zu gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall -gewesen“ .... -</p> - -<p> -„Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?“ und ich zog -die Proklamation aus der Tasche. -</p> - -<p> -Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte -Sache, und las sie durch. Es waren im Ganzen -zehn Zeilen. -</p> - -<p> -— „Nun, was denn?“ fragte er mit einem leichten -Lächeln. -</p> - -<p> -— „Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? -Sollte es denn nicht möglich sein, ihnen Einhalt zu thun -und dieser Abscheulichkeit ein Ende zu machen?“ -</p> - -<p> -Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: -— „Glauben Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch -bin, und meinen Sie, dass ich imstande gewesen -wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?“ -</p> - -<p> -— „Das ist’s eben, dass ich das nicht voraussetzte,“ -— antwortete ich — „und ich finde es sogar überflüssig, -Ihnen das zu versichern. Allein auf jeden Fall ist es -nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr Wort -ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass -sie Ihre Meinung fürchten.“ -</p> - -<p> -— „Ich kenne keinen von ihnen.“ -</p> - -<p> -— „Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist -durchaus nicht nötig, sie zu kennen und persönlich mit -ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur laut, wo immer, -Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen gelangen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -— „Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. -Ja, und diese Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.“ -</p> - -<p> -— „Dennoch aber schaden sie allen und allem“ .... -</p> - -<p> -.... „Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, -dass ich vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky -sprach und durchaus daran glaubte, wie ich -auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern nicht -‚solidarisch‘ gewesen ist.“ -</p> - -<p> -Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin -enthaltene treffende Beurteilung der Kluft zwischen den -russischen und polnischen Anschauungen, welche an die -Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu bedeutungsvoll für -die Beleuchtung der damaligen Situation und mit einigen -Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen -dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen. -</p> - -<p> -„Wenn aber nun eine solche Erscheinung“ — fährt -Miller fort — „zur Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre -„Nichtigkeit“ in ihrer Art komisch war, so kann man das -natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von 1863 -sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass -ich, als ich damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen -Zeitungen Glauben schenkte, in dem, was sie über -die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen verbreiteten. -Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine -vorurteilslose, — mehr als das, eine feierliche Stimme, -wie man thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, -über unsere Bauern-Reform. Es war die Stimme eines -Greises mit junger Seele — Jacob Grimms. Er erkannte -vollkommen und begrüsste freudig mit seinem allumfassenden, -menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte, -„riesenhafte Bewegung nach vorwärts“. Und da musste -diese Bewegung aufgehalten werden! — Und zur Befriedigung -jener europäischen Majorität, welche nicht über -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -den edlen Geist eines Grimm verfügte, entspann sich -gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen -Terrorismus. -</p> - -<p> -Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr -geringschätzig über die „Nichtigkeit“ der Erscheinung -aussprechen, hier konnte er nicht anders, als von einem -entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten Dostojewsky -bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die -Edelsten unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht -verzeihen. Wenn wir indes uns jenes Kapitels aus den -„Memoiren aus einem Totenhause“ erinnern, wo von den -politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir, dass -der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern -mit voller Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor -Michailowitsch verletzte nur ihr hochmütiges „je hais ces -brigands“ im Verkehr mit den Sträflingen, in denen -er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. -— Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung -Dostojewsky erscheinen, ein Hohn auf die ganze russische -Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier erharrt hatte, -die polnische Rebellion, und das gerade in diesem gesegneten -Augenblick, — eine Rebellion, der als armseliges, -aber doch immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen -mit den darauffolgenden „dummen“, aber immerhin -„unheilverkündenden“ Proklamationen dienten. Während -unsre „Herrlein“ gleichsam nur zufällig in den Augen des -Volkes zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte -man im polnischen Aufstand schon ganz ernsthaft den -alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der von Verachtung -gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen -war es, und nicht das polnische Volk, das endlich vom -selben russischen Kaiser mit Grund und Boden beteilt -worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er hasste jenen -traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren -hatte. Diesen alten Geist Polens musste er hassen, wie -ihn Proud’hon hasste und viele von den Polen selbst -hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften polnischen -Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky -verhasst als einem Socialisten — und ein Socialist -im weiten, menschlichen Sinne dieses Wortes zu sein hat -er niemals aufgehört. -</p> - -<p> -Aber die Sache steht so, dass unsre — nicht nur -„Liberalen“, sondern auch „Socialisten“ bereit gewesen -wären, den polnischen „Pany“ die brüderliche Hand zu -reichen — weil sie bei ihnen einen reichlichen Vorrat von -Unzufriedenheit wahrnahmen —, und bei uns hatte sich -damals schon jener Opportunismus entwickelt, welcher -keinerlei unzufriedene Elemente verschmäht, worauf die -Briefe Samarins an Herzen so deutlich hinweisen. -</p> - -<p> -Dostojewsky war niemals ein „getreuer Unterthan“ -der Revolution (wie sich Samarin in diesen Briefen an -Herzen ausdrückt), darum aber war er auch niemals -„Opportunist“. -</p> - -<p> -Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von -Glauben und Liebe zurückgekehrt, sowie mit dem heissen -Verlangen nach Einigkeit bei der schöpferischen Thätigkeit -zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit wachsender -Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr hervortretenden -Anzeichen einer negativen Thätigkeit im -Dienste der Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich, -dass er sich bei seiner Geradheit mehr und mehr Feinde -machte. — In dieser Situation und unter diesen Umständen -war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit wieder -neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft -aufgehoben wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder -Michael Michailowitsch die Herausgabe der Zeitschrift -‚Wremja‘.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -<span class="line1">VI.</span><br /> -<span class="line2">Publizistik.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>it der Gründung der Zeitschrift „Wremja“ wird -Dostojewskys tiefster Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem -das Verkünden des „wahren Christus“ vor allem andern -als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem -Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte -erfüllen können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen, -endlich direkt und unzweideutig und, wie er -schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur Gewaltsamkeit -„seine Wahrheit“ verkünden zu können. Diese -Epoche ist zu wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck -in seinem ersten Exposé des Unternehmens zu bezeichnend, -als dass wir es uns versagen dürften, jenen -Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden -später jede der drei Ankündigungen neuer Journalgründung, -welche dieser ersten folgten, ins Auge fassen müssen, um -uns daraus den Beweis zu holen, wie geschlossen und unerschütterlich -einheitlich sein Streben, sich in einer Zeitschrift -auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn -auch oft genug wiederholt: „ein Journal ist eine grosse -Sache“. — Zugleich holen wir uns, als Fremde, ein Bild -jener Epoche der russischen Geschichte. -</p> - -<p> -N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener -Zeitschrift, teilt uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den -Brüdern Dostojewsky die Herausgabe einer voluminösen -Monatsschrift geplant gewesen war, zu welcher sie eifrig -nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th. Michailowitsch -war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts, -welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt -gewesen (weit über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt) -und forderte ihn infolgedessen zur Mitarbeit an der -Monatsschrift auf. Auch Strachow findet die Ankündigung -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -so bezeichnend für Dostojewskys damaligen Ideengang, -dass er sie wörtlich wiedergiebt. -</p> - -<p> -Sie lautet: -</p> - -<p class="unwrap center"> -„Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen<br /> -„<em>Wremja</em>“ (Die Zeit),<br /> -eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden<br /> -von 25-30 Bogen grossen Formats. -</p> - -<p> -„Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es -eigentlich für nötig erachten, ein neues, öffentliches Organ -unserer Litteratur zu gründen, wollen wir einige Worte -darüber sagen, wie wir unsere Zeit und namentlich den -gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens -verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist -und die Richtung unserer Zeitschrift dienen. -</p> - -<p> -Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten -und kritischen Zeitepoche. Wir werden jedoch -zur Darlegung unserer Anschauung ausschliesslich auf jene -neuen Ideen und Forderungen der russischen Gesellschaft -hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben -während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat. -Wir werden nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, -welche in unserer Zeit ihren Anfang genommen -hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und Anzeichen -jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich -friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu -vollziehen, obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit -allen wichtigsten Ereignissen, ja sogar der Reform -Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist das Ineinanderfliessen -der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen -des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen -russischen Nation mit allen Elementen unseres gegenwärtigen -Lebens — einer Nation, welche sich schon vor -170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und -seit jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -hat, welcher abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles -Leben lebte. -</p> - -<p> -Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar -ist deren Wichtigstes die Verbesserung der -Lage unserer Bauern. Jetzt sind es nicht mehr tausende, -jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche in das -russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten -Kräfte hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. -Kein Klassenhass zwischen Siegern und Besiegten, wie in -Europa, darf der Entwickelung der künftigen Urelemente -unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht Europa, -und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte -geben. Die Reform Peters des Grossen hat uns auch -ohne das allzuviel gekostet: sie hat uns mit dem Volke -entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie abgelehnt. -Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung -mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch -mit seinen Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach -seinem Mass berechnet und ihm nicht zeitgemäss. Es -nannte sie „deutsch“, nannte die Nachfolger des grossen -Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des -Volkes von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern -und Anführern zeigt, wie teuer uns das damalige -neue Leben zu stehen kam. Allein — obwohl mit der -Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr -als einmal hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie -mit ausserordentlichen, krampfhaften Bemühungen geäussert, -weil es allein war und ihm das schwer wurde. Es wandelte -im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem gesonderten -Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine -Lage hinein, versuchte es, sich selbst seine Anschauung -zu verdeutlichen, zerfiel in geheime, schädliche Sekten, -suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben, neue Formen. -Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -nicht kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk -beim Betreten jener neuen Bahnen gethan, welche es sich -mit so vielen Beschwernissen aufgefunden hatte. Bei alledem -aber nannte man es den Bewahrer der alten vorpeterschen -Formen, des stumpfen Altgläubertums. -</p> - -<p> -Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne -Führer und auf seine eigenen Kräfte allein angewiesen -blieb, manchmal absonderlich, seine Versuche einer neuen -Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in ihnen war -eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher -Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. -Nach der Reform hat es zwischen ihm und uns, den -gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der Einigung -gegeben — das Jahr 1812 — und wir haben gesehen, -wie sich das Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals, -<em>was</em> das Volk eigentlich sei. Das Elend liegt darin, -dass es <em>uns</em> nicht kennt und nicht versteht. -</p> - -<p> -Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche -Reform, welche sich ununterbrochen bis auf unsere Zeit -fortgesetzt hat, ist endlich an ihre letzte Grenze angelangt. -Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? -Es giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, -welche Peter den Grossen nachgeahmt haben, haben Europa -kennen gelernt, sich europäischem Leben angeschlossen -und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten -wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum -Europäismus; heute denken wir anders. Wir wissen heute, -dass wir nicht Europäer sein können, dass wir nicht im -stande sind, uns in eine der westländischen Formen hineinzuzwängen, -welche Europa aus seinen eigenen nationalen, -uns fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet -und ausgelebt hat — geradeso wie wir etwa -ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das nicht nach -unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind, -eine im höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass -unsere Aufgabe ist — uns eine neue, uns eigene, heimische -Form aufzubauen, eine Form, die wir unserer eigenen -Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen -entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen -Boden zurückgekehrt. Wir leugnen unsere Vergangenheit -nicht ab, wir anerkennen auch das Vernünftige darin. -Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont erweitert, -dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in -der grossen Familie aller Völker kennen gelernt haben. -</p> - -<p> -Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer -chinesischen Mauer von der Menschheit absondern werden. -Wir ahnen, und ahnen mit ehrfürchtigem Sinn, dass der -Charakter unserer künftigen Thätigkeit im höchsten Grade -allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee -vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche -Europa mit solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit -in seinen verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt; -dass vielleicht alles Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung -und fernere Entwickelung im russischen Volkstum -finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle -Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den -Interessen eines jeden europäischen Volkes teilgenommen, -den Sinn und die Vernunft von Erscheinungen verstanden, -welche uns vollständig fremd waren; nicht vergebens haben -wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die alle -Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns -darob gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit, -ohne Vaterland geheissen, ohne zu bemerken, dass die -Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang von seinem Boden loszureissen, -um nüchterner und unparteiischer auf sich selbst -zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke Eigentümlichkeit -ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -dem Auge des Versöhners anzusehen, ist die höchste und -edelste Gabe der Natur, welche nur sehr wenigen Nationalitäten -verliehen ist. Die Angehörigen anderer Nationen -haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht -... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein -neues Leben ein. -</p> - -<p> -Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue -Leben ist die Versöhnung der Anhänger der Peterschen -Reform mit jenen der Volksgrundlage unvermeidlich geworden. -Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und -nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber -verhält sich unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir -sprechen von der Aussöhnung der Zivilisation mit dem -Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander endlich -verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich -zwischen ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft -haben, aufklären und dann in Harmonie und Eintracht -mit vereinten Kräften einen neuen breiten und ruhmvollen -Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie -kosten möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer, -und das so schnell als möglich — das ist unser leitender -Gedanke, das ist unsere Devise. -</p> - -<p> -Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem -Volke? Wie macht man den ersten Schritt, um sich ihm -zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge, die alle teilen -sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die das -Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück -aber — ist unser Glück. Es versteht sich, dass der erste -Schritt zur Erreichung jeglicher Übereinstimmung das -Alphabet und die Bildung ist. Das Volk wird uns niemals -verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. -Es giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem -wir dies aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so -lange es an den gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -zu thun, haben sie ihre Situation auszunützen, mit allen -Kräften auszunützen. Kräftige, schleunige Verbreitung von -Bildung, koste es was es wolle, das ist die Hauptaufgabe -unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit. -</p> - -<p> -Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer -Zeitschrift ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist -ihrer künftigen Thätigkeit angedeutet. — Allein wir haben -noch einen zweiten Grund, der uns veranlasst, ein neues, -unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir haben -schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter -unserer Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige -Abhängigkeit und Unterordnung gegenüber den litterarischen -Autoritäten entwickelt hat. Es versteht sich, dass -wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der Käuflichkeit -anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu -überall in dem europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und -Tagesblätter, welche ihre Überzeugungen um Geld veräussern -und ihre niederen Dienste, sowie ihre Herren mit -anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die -anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, -dass man seine Überzeugung verkaufen kann, wenn -auch nicht um Geldeswert. Man kann sich zum Beispiel -aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen, -oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung -mit den litterarischen Autoritäten willen, als -Dummkopf ausgerufen zu werden. Die goldene Mittelmässigkeit -zittert manchmal sogar ganz uneigennützig vor -den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur -festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen -kühn, keck und frech ausgesprochen wurden. Manchmal -verschafft nur diese Keckheit und Frechheit einem nicht -dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu benutzen -versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer -Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss -auf die Massen. Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast -immer äusserst furchtsam, ungeachtet ihres augenscheinlichen -Dünkels, und unterordnet sich willig: die Furchtsamkeit -aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein -in der Litteratur darf es keine Sklaverei geben. -</p> - -<p> -In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, -nach litterarischer Überlegenheit, nach einem litterarischen -Range ist mancher sogar alte und angesehene Schriftsteller -oftmals imstande, sich zu einer so unerwarteten und -seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie unwillkürlich -Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen -hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen -Anekdoten über die russische Litteratur der Hälfte des -19. Jahrhunderts auf die Nachkommenden übergehen wird. -Und solche Vorkommnisse ereignen sich immer öfter und -öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten Einfluss -aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, -daran zu rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch -heute einige festgesetzte Ideen und Meinungen, welche -nicht die geringste Selbständigkeit besitzen und doch als -unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, -weil es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt -haben. Die Kritik wird immer flacher und unbedeutender; -in manchen Publikationen werden gewisse Schriftsteller -ganz umgangen, weil man fürchtet, sich, über sie sprechend, -zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens und -nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, -welcher durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich -ist, deckt mit Erfolg die Talentlosigkeit und wird in -Pflicht genommen, um Subskribenten heranzulocken. Ein -strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird immer -seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, -der sich in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -Zeitschriften in vornehmlich kommerzielle Unternehmungen -um, die Litteratur aber und ihr Nutzen treten in den -Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal gedacht. -</p> - -<p> -Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu -gründen, welche, ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen -Autoritäten, doch vollkommen unabhängig von -ihnen sein, in freiester und aufrichtiger Weise auf alle -litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen -wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung -für die russische Litteratur. -</p> - -<p> -Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien -oder Voreingenommenheiten hegen. Wir werden -sogar bereit sein, unsere eigenen Irrtümer und Fehlschüsse -einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden uns aber -gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu -rühmen. Wir werden auch der Polemik nicht aus dem -Wege gehen und wir werden auch davor nicht zurückschrecken, -die litterarischen Gänse manchmal zu reizen. -Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt -das Wetter an, wenn es auch nicht immer das Kapitol -rettet. Eine besondere Aufmerksamkeit werden wir dem -kritischen Teile unseres Blattes widmen. Nicht nur jedes -bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte -litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, -wird unbedingt in der unseren analysiert werden. -Die Kritik darf also nicht verschwinden, rein nur, weil -man beginnt die Bücher nicht separat, wie ehedem, sondern -in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal -„Wremja“ alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige -durch Schweigen umgehen wird, wenn es nicht -geradezu schädlich ist, wird es alle halbwegs wichtigen -litterarischen Kundgebungen verfolgen, die Aufmerksamkeit -auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun positiver -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich -Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten -Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, -wo immer sie sich zeigen mögen. Erscheinungen -des Lebens, umlaufende Meinungen, festgestellte Principien, -welche aus allgemeinen und allzu persönlich passenden oder -unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und -ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der -Kritik genau wie ein eben erschienenes Buch oder ein -Zeitungsartikel. Unsere Zeitschrift spricht sich das unabänderliche -Reckt zu, offen über jede litterarische und ehrenhafte, -ehrliche Arbeit ihre Meinung auszusprechen. Der -weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt ist, -verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger -dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals -zu dem jetzt allgemein gebrauchten Kniff herablassen — -einem bekannten Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente -vorzureden, um das Recht zu haben, eine nicht -ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen. -Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht -nach der Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen -Ankündigung an Raum gebricht, auf alle Details unserer -Publikation einzugehen, wollen wir nur sagen, dass unser, -von der Obrigkeit bestätigtes, Programm ausserordentlich -reichhaltig ist.“ -</p> - -<p> -Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, -sowie die Ankündigung, dass die Mitarbeiter, -entgegen dem alten Brauch, nicht genannt werden, und -endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch Dostojewskys, -da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) -unter polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur -nicht officiell bestätigt werden konnte. -</p> - -<p> -Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich -nur in ihrer äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -finden wir schon die ganze, klare Richtung nach dem -Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur -Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen -Partikularismen, und die ganze Hartnäckigkeit, diese -Richtung einzuhalten und andere hineinzubringen. -</p> - -<p> -Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke -Dostojewskys finden wir nun „eine Reihe von Artikeln -über die russische Litteratur“, welche aus den Heften der -„Wremja“ und zwar vom Januar, Februar, Juli, August -und November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft -von Theodor Michailowitsch stammen, obgleich sie damals -ohne Unterschrift erschienen waren. Die ersten derselben -haben, nach Millers Meinung, einen grossen Teil jenes -Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie -wir wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna -gewidmet gewesen und später verschwunden ist. -</p> - -<p> -Diese Artikel „über die russische Litteratur“ sind -durch zwei Momente für uns besonders interessant. Erstens -und vor allem durch das Persönliche, das Verlebendigende, -wenn man so sagen darf, das Dostojewsky hier wie überall, -wo er es mit einer Sache ernst meint (und wo thut er -das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, -welchen wir da in die Anschauungen der Russen über -die Litteratur und ihre Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen -sind uns durch die Jugendlichkeit ihres Ernstes -zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht -unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, -in die sich die Russen über litterarische Streitfragen -stürzen. Allein es will uns bedünken, dass gerade in -diesem jugendlichen Ernst, der heute, im neunzehnten -Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens -beste Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, -eine Mahnung liegt, von der litterarischen Spielerei zum -Leben und zu seinen ernsten Forderungen zurückzukehren. -</p> - -<p> -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden -Betrachtung über die Art, wie die nach Russland -kommenden Fremden Russland verstehen; der Deutsche, der -Franzose, der Engländer, jeder in seiner Weise und jeder — -falsch. „Für Europa,“ heisst es da, „ist Russland das Rätsel -der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder das -Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, -der russische Geist, sein Charakter und seine Richtung -vom Westen erfasst werden wird. In dieser Beziehung -ist sogar der Mond jetzt weit ausführlicher erforscht als -Russland. Wenigstens weiss man entschieden, dass dort -niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort -Menschen leben und sogar russische Menschen —, aber -was für Menschen, das ist bis heute noch ein Rätsel, obwohl -die Europäer überzeugt sind, dass sie uns schon -lange begriffen haben.“ -</p> - -<p> -Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche -nach Russland kommen. Er geht der Reihe nach die -Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger und Raritätenschausteller -durch und langt bei dem gebildeten und -ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich -ernstlich mit der russischen Litteratur beschäftigt, um -schliesslich Cheraskows Russiade in das — Sanskrit zu -übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der Franzose -hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss -alles, er versteht alles — auch ohne etwas zu lernen. Er -hat sein Buch über Russland schon in Paris um gutes -Geld verkauft und gönnt sich dafür die Reise von 28 Tagen, -um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu beglücken -und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt -auch sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel -„Petroucha“, „welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das -russische Leben getreu charakterisiert und 2. dass sie -gleichzeitig auch das Leben auf den Sandwichinseln schildert -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man schon, -dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken -hat, welcher eine grosse Wendung in den Geschicken -Russlands herbeigeführt hat, und jede Portiersfrau, der du -in später Nachtstunde zurufst: „Le cordon s’il vous plaît“, -brummt schlaftrunken in sich hinein: „Sieh mal, wäre in -Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so -wärest du heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris, -au centre de la civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten -in der Nacht aufwecken und aus vollem Halse „le cordon -s’il vous plaît“ schreien.“ -</p> - -<p> -Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt -Dostojewsky auf den Standpunkt zu sprechen, den die -Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache gegenüber einnehmen. -Da ist es namentlich der vornehme, der an ausländische -Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem „dunklen -Volke“ gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar -bittet, ihm Wasser geben zu lassen, nur um nicht -selbst ein russisches Wort an den Lakaien zu richten, -welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er hundertmal -lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf -und daraus allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und -Würden macht, das ihn ein- für allemal vom Volke trennt. -</p> - -<p> -Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande -nichts zu thun finden, nach grossen Thaten ächzen, sich -gegenseitig ihren Weltschmerz klagen und sich ihrer Nichtswürdigkeit -anklagen: „ach, Bruder, sieh, ein so gemeiner -Schuft bin ich!“, so wird jene Art Byrons daraus, welche -sich wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche -Welt hat klagen und weinen können, was eines Lords -ganz unwürdig ist, während sie zum höheren Byronismus -übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet hatte: -ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu -spielen und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -zu ziehen. Diesen Byrons ruft er zu: „Ich habe eine -Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht leisten wollen, -sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die uns -jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen -lesen.“ -</p> - -<p> -Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt -Dostojewsky allmählich auf das Gebiet der Forderungen, -die aus den Bedürfnissen oder vielmehr der Bedürftigkeit -des Volks entstehen und für das Volk eintreten. Er tritt -leidenschaftlich für die Volksbildung ein und widerlegt den -Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz -alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse -füllen. Jawohl, antwortet er — weil diese Bildung -oder eigentlich Halbbildung noch ein Privileg ist und -Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit im Gefolge -haben. -</p> - -<p> -So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme, -ganz einfache Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes -Russen, für sich und „unsern Bruder“, wie das hübsche -Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch den Dichter -so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach -dem, was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort -in den Mund gelegt, das nun eine stereotype Redensart ist, -und das er bei den kleinsten Zwischenfällen unwillkürlich -anwendet. Er sagt da nicht: „was soll ich thun“, sondern: -„wie habe ich zu sein?“ -</p> - -<p> -Aus der „verfluchten Frage“ heraus: „Wie soll mein -Leben sein?“ ist eben das russische Leben, seine Kunst und -Kritik einzig zu verstehen. Nun begreifen wir auch, warum -die Russen Turgenjew trotz seiner hohen Künstlerschaft nicht -zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur und ihre -mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten. -Das, was Schilderung, getreues Nachbilden -russischen Lebens ist, was mit allen Künsten der Farbengebung, -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -der Licht- und Schattenverteilung, der „Lasur“, -wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer -entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, -so fein zubereitet, gerade genug, um „anzuregen“, -ohne allzusehr wehe zu thun, das wird den Russen beleidigen, -der von seinem Dichter vor allem Mitarbeit an seinem -schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel -deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers, -Wandlung zum Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem -er der hohen Kunst abgeschworen, die im Roman „Krieg -und Frieden“ ihren vollendetsten Ausdruck gefunden, heute, -da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft, -in Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören, -heute erst rechnet er sich selbst zu den führenden Geistern -seines Volks und wird von ihm dazu gezählt. Andere -Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir in -direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren -Verlauf der „litterarischen Artikel“, da, wo der Dichter -den Parteihader schlichten will, welcher zwischen Utilitaristen -und Vertretern der „Kunst als Selbstzweck“ entbrannt -ist. -</p> - -<p> -Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über -belletristische Werke gehört wohl seine an Strachow gerichtete -Kritik Tolstojs. Strachow hatte gesagt, dass -Tolstojs „Krieg und Frieden“ zu den vortrefflichsten -Werken der gesamten russischen Litteratur gerechnet -werden müsse, darauf Dostojewsky: -</p> - -<p> -„... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, -Lomonossow — das sind Genies. Mit dem „Mohr Peters -des Grossen“ und mit „Bjelkin“ hervortreten, das heisst -unbedingt mit einem genialen, neuen Wort auftauchen, das -bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war. -Allein mit „Krieg und Frieden“ auftreten, das heisst nach -diesem Worte kommen, das schon von Puschkin gesagt -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -worden war; und das in jedem Falle, wie hoch und weit -auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor ihm schon -durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen -möge. Ich denke, das ist sehr wichtig usw.“ -</p> - -<p> -An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs -„neues Wort“ das „Gutsbesitzer-Wort“<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a>, das allerdings -bei Tolstoj unendlich bedeutender zum Ausdruck komme. -</p> - -<p> -Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky -an vielen Orten gesagt, am feurigsten aber in -seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen grossen Puschkinrede. -Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken: -„Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit, -„Allmensch“ und nur dieser Allmensch vermag -die Idee des lebendigen Christentums in sich zu tragen -und sie zu verbreiten.“ -</p> - -<p> -Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky -die unvollendete Erzählung Puschkins „Der Mohr Peters -des Grossen“ und die „Novellen Bjelkins“, zwei Werke, -die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher stellt, -als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke. -</p> - -<p> -In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten -Ausdruck der russischen Eigenart, wie sie in Peter dem -Grossen, „dessen Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt -ist,“ ihren elementaren Ausbruch findet. Jene -Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle Sprachen eigen -zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen -Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es -seine bessere Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, -sich schuldig zu bekennen, alles dies, was ihn dem -Europäer unverständlich macht, was dieser als Unpersönlichkeit -an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -jener Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die -Einigung der Menschen herbeiführt — im Gegensatz zu den -immer komplizierteren Trennungen der europäischen Nationen, -die wohl nicht „in der Jeanne d’Arc und den -Kreuzzügen ihren Ursprung“ haben dürften und auch nicht -durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift -hiermit wieder die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: -Glauben oder Wissen, Gott oder Ich, die er ja in allen -seinen Werken in tiefsinnige Probleme aufblättert. In -einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit -seinem letzten Romane nichts anderes will, als „das Dasein -Gottes beweisen“. -</p> - -<p> -Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, -der dies synthetische Wesen des Russen erkannt und -in sich gerade aus seiner westlichen und künstlerischen -Kultur heraus verkörpert habe. „Die kolossale Bedeutung -Puschkins,“ sagt er, „ersteht vor uns immer mehr und -mehr ... Für alle Russen ist er der vollendetste künstlerische -Ausdruck dessen, was eigentlich der russische -Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und wie namentlich -das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt -Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation -schon früh reif geworden ist, und dass seine Früchte -nicht faule, sondern herrliche, goldene Früchte sind. Alles, -was wir aus der Bekanntschaft mit den Europäern über -uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt — alles, -worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben -wir uns erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten -und harmonischsten Weise in Puschkin geoffenbart. Wir -haben aus ihm herausverstanden, dass das russische Ideal -All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit ist usw.“ -</p> - -<p> -Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage -über, welche seit Jahren die russischen Schriftsteller in -streitende Parteien geschieden hatte, nämlich dem Kampf -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die Vertreter -der reinen Kunst. -</p> - -<p> -Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. -In zwei prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen -beweist er beiden Teilen ihre Berechtigung, -sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die Blindheit, in -der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der -selbst ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der -Hand in den Mund lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser -Gattung verwerfen, selbst wenn es, wie bei Schtschedrin, -durchaus künstlerisch hingestellt ist, und hält den Utilitaristen -vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort verlangen, -wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter -verlangt. Es sind also die Menschen, welche Litteratur -und Kunst treiben, nicht aber diese für ihre Wirkungen -verantwortlich zu machen. -</p> - -<p> -„Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist -es immer gewesen und, was die Hauptsache ist, wird es -immer bleiben,“ sagt Dostojewsky da. „Die Gesellschaft -leidet oft an schweren Übeln und greift nach den Mitteln, -die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr -eine Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat -sie es geleistet, so war es gewiss künstlerisch.“ Braucht -aber die Zeit noch Anthologien, so möge sie nur noch -danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die Freiheit -der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw. -</p> - -<p> -Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der „freien -Eingebung“ aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit -der Tendenz, Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes, -antikisierende oder mittelalterliche Schrullen, wie -auch Abwendung von der Gegenwart im allgemeinen, -Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn. -</p> - -<p> -Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky -folgendes drastische Beispiel an: -</p> - -<p> -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -„Versetzen wir uns,“ sagt er da, „in das 18. Jahrhundert, -gerade an den Tag des Erdbebens von Lissabon. -Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde, Häuser stürzen -ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der Zurückbleibenden -hat einen schweren Verlust erlitten — entweder Hab und -Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute -taumeln verzweifelnd in den Strassen umher, durch das -Entsetzen ihrer Sinne beraubt. Zu dieser Zeit lebt in -Lissabon irgend ein berühmter portugiesischer Dichter. -Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer des -Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure). -Das Blatt, das in einem solchen Augenblicke erscheint, -erregt sogar einiges Interesse in den Gemütern der unglücklichen -Stadtbewohner, ungeachtet dessen, dass sie -nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen; sie -hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, -welches ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen, -die spurlos zu Grunde Gegangenen Nachricht zu geben usw. -Da — an irgend einer in die Augen springenden Stelle — -erblicken sie etwas in folgender Art:<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Leises Flüstern, lindes Fächeln,</p> - <p class="verse2">Nachtigallen-Trillersang,</p> - <p class="verse">Silberleuchten, träumend Wiegen</p> - <p class="verse2">All den klaren Bach entlang,</p> - <p class="verse">Nächt’ge Helle, nächt’ge Schatten,</p> - <p class="verse2">Unbegrenztes Dämmerlicht,</p> - <p class="verse">Zaub’risch wechselnde Bewegung</p> - <p class="verse2">In der Liebsten Angesicht;</p> - <p class="verse">Rosenglut im Wolkenschleier,</p> - <p class="verse2">Wiederschein wie Bernsteinlicht,</p> - <p class="verse">Küsse, Thränen, sanftes Feuer</p> - <p class="verse2">Und — Morgenröte, Morgenlicht!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -„Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons -ihren Merkur aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren -Poeten würden sie öffentlich auf dem Marktplatze justifizieren. -Durchaus nicht darum, weil er ein Gedicht ohne -Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt -der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört -hatte, und das „Wiegen“ des Baches in einem Augenblicke -solchen Wiegens der ganzen Stadt auftrat, dass die armen -Leute nicht nur durchaus keine Lust verspürten, die -„Rosenglut im Wolkenschleier“ oder das „Bernsteinlicht“ -zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des -Dichters allzu beleidigend und unbrüderlich erscheinen -musste, der in einem solchen Augenblicke ihres Lebens so -amüsante Dinge zu singen wusste. — Bemerken wir übrigens -folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten -ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle -so erzürnte (sei’s auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), -konnte doch seiner künstlerischen Vollendung nach herrlich -sein. Ja noch mehr, den Dichter haben sie hingerichtet, -aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm auf dem -Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen -Verse im allgemeinen und der „Rosenglut“ im -besonderen. Es zeigt sich, dass nicht die Kunst schuldig -geworden ist an dem Tage des Erdbebens. Das Gedicht, -für das sie den Dichter justifizierten, hatte möglicherweise -als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen -später Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief -und sich als ein erquickender Tau auf die Seele der jungen -Generation niedersenkte. Folglich war nicht die Kunst -schuldig, sondern der Dichter, welcher die Kunst in einem -Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an -der Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre -— — das war natürlich arg und ausserordentlich -dumm seinerseits, aber immer war eben er schuldig und -nicht die Kunst ist es gewesen.“ -</p> - -<p> -Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks -sehr am Herzen liegt, ja eigentlich sein Herzblatt -ist, zeigt er uns auch auf andere Weise als durch das -auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung. -Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher -Weise der Mangel an Kunst der besten Idee schaden -könne, und dass die hohe künstlerische Vollendung, etwa -der Iliade, auch nach Jahrtausenden niemals die Wirkung -versage. -</p> - -<p> -Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung -holt er sich ein sehr angesehenes Opfer, den -bekannten und in jenen Tagen vielbewunderten Kritiker -N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere Bogen seiner -Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik. -</p> - -<p> -Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa -den Leser in einen Raum führen, wo gegenüberstehende -Spiegel eine endlose Reihe von Reflexen erzeugen. Wir -halten uns aber an das, worauf es hier ankommt — das -Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums -zu fördern. -</p> - -<p> -Es handelt sich um die Erzählung „Mascha“ der kleinrussischen -Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem -Pseudonym Marko Wowtschók zwei Bände Volkserzählungen -im kleinrussischen und im grossrussischen Dialekt geschrieben -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -hat; Turgenjew hat die ersteren in das Grossrussische -übersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzählungen -hauptsächlich das so oft erörterte Verhältnis der Leibeigenen -zu ihrer Herrschaft. „Mascha“ ist ein junges Bauernmädchen, -das sich auf alle Weise der ihr von der Gutsherrin -auferlegten Arbeit widersetzt und nur „frei“ arbeiten -will. Schon in ihrer frühesten Kindheit hat sie immer -nach den Gründen jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau -nicht grüssen wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt. -Später hat sie allen Vorstellungen ihrer Muhme, -die sie und ihren Bruder als Waisen aufgezogen hatte, -immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht für uns -ein, wo ist unser Recht? Später will sie weder spinnen, -noch im Garten jäten, und als ihr die Herrin einmal -selbst die Sichel in die Hand drückt und sagt: „Da, -schneide das Gras hier“ — schneidet sie sich sofort in die -Hand; die Gutsherrin, „die noch obendrein nicht von der -schlimmen Gattung, sondern liberal ist“, verbindet dem -Mädchen die blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche, -das dieses aber zu Hause sofort zornig von der -Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube wirft. -Endlich geht das Mädchen nicht mehr am Tage aus der -Hütte, damit man ihrer „Krankheit“ Glauben schenke — -wandert nur Nächte lang im Hausgärtchen umher, isst -nicht, spricht nicht und „schmilzt vor den Augen der -Muhme zusammen“. Da kommt eines Tages der Bruder -heim und verkündet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen -gestattet habe, sich freizukaufen. Das Mädchen stürzt -sich mit einem Schrei dem Bruder zu Füssen: „Kaufe -uns los,“ schreit sie, „verkaufe alles und kaufe uns los, -ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen!“ Er verkauft -alles, und die Heroine ist gerettet. -</p> - -<p> -Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik -ans Licht, welche ein Kunstwerk darum preist, weil man -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -darin ganz gescheit über Selbstverständliches spreche, -während es doch nichts unwahreres, puppenhafteres und -weniger russisches geben könne, als dieses Bauernmädchen, -das da über Freiheit und Menschenrechte deklamiere und -„unbewusst heroisch“ werde. Der Dichter greift nun -diese unkünstlerische Art der polemischen Litteratur -— „womit Ihr Euch nur selbst schadet, meine Herren“ — -auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen Nutzen -eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er -dem Autor (man wusste damals offenbar noch nicht, dass -dies eine Frau sei) und dem Kritiker zuspricht, die unsterbliche -Wirkung der Antike entgegen. -</p> - -<p> -Hier kehrt Dostojewsky zu seinem früheren Ausspruch -zurück, den er als Argument der Künstler gegen die Utilitaristen -ins Feld geführt hatte. „In der That,“ heisst -es da, „wenn man auch die Kunst nur von einem Standpunkte, -dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja -der normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst -der Menschheit gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es -wäre schwer, die ganze Masse von Nutzen zu berechnen, -welche z. B. die Ilias oder der Apollo von Belvedere der -Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge, -die unserer Zeit offenbar durchaus nicht nötig sind. Seht, -es hätte z. B. irgend einer, als er noch ein Jüngling war, -in jenen Tagen, da noch „des Daseins Bilder frisch und -neu“, einmal den Apollo von Belvedere angesehen, und -das erhabene und unendlich schöne Bild des Gottes hätte -sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprägt. Dies scheint -ein leeres Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an -der Statue erfreut und ist darauf fortgegangen. Allein -dieses Sicherfreuen hat ja keine Ähnlichkeit mit der Bewunderung -z. B. einer schönen Damentoilette! „Dieser -Marmor ist ja ein Gott“ — Ihr möget so viel Ihr wollt -die Nase rümpfen, seine Gottheit nehmt Ihr ihm nicht. -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch ist nichts -dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck, -den der Jüngling empfing, ein heisser, einer, der die -Nerven erschütterte, der die Haut kalt überrieselte; ja — -wer weiss es denn! vielleicht geht im Menschen bei solchem -Empfinden einer hohen Schönheit, bei solcher Nervenerschütterung -irgend eine innere Veränderung, irgend ein -Umsatz der Moleküle, irgend eine galvanische Strömung -vor sich, welche in einer Sekunde das Vorhandene zu einem -anderen, ein Stück Eisen zum Magnete macht. Es giebt -freilich eine grosse Menge von Eindrücken auf der Welt, -allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht -wohl nicht spurlos vorüber. Nicht vergebens bleiben denn -auch solche Eindrücke fürs Leben. Und, wer weiss: als -dieser Jüngling etwa zwanzig, dreissig Jahre nachher, bei -irgend einem grossen Ereignisse des öffentlichen Lebens, -sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen -und nicht nach der anderen Richtung hervorthat, kann es -leicht sein, dass in der Masse der Ursachen, welche ihn -veranlassten, so und nicht anders zu handeln, ihm ganz -unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig -Jahre vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen -hatte usw.“ -</p> - -<p> -Die weiteren Aufsätze in der „Wremja“ enthalten, wie -gesagt, schon deutlicher die ersten Anklänge jenes Glaubensbekenntnisses, -das Dostojewsky sein Leben lang erfüllte -und das, wie wir wissen, in der Puschkin-Rede seinen -scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand. -</p> - -<p> -Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brüder -so leicht und so amüsant als möglich zu gestalten. Es -lag ihnen, wie Strachow erläutert, damals ganz besonders -daran, ihren national-politischen Überzeugungen, welche -sich damals noch vom reinen Slavophilentum abtrennten, -so rasch als möglich einen grossen Leserkreis zu verschaffen, -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -um allen etwaigen Missverständnissen in dieser -Richtung von vornherein entgegenzutreten oder da, wo -sich noch keine Meinung gebildet hatte, die ihrige einzusetzen. -Einen breiten Boden aber konnten sie nur -gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die -weitesten Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane -lesenden Publikums machten und Erzählungen brachten, -wie: „Johann Casanovas Flucht aus den Bleidächern -Venedigs“, „Der Prozess Lassenare“ usw. Einer ihrer -bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich -namentlich durch die Schärfe und Tiefe seiner kritischen -Studien einen Namen gemacht hatte, der aber nur von -wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit dieser -Führung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch -Theodor Michailowitsch Feuilleton-Romane für die „Wremja“ -schrieb, dem Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er -lasse den Bruder wie ein Postpferd für das Blatt arbeiten, -was diesen sicherlich an seiner Gesundheit und an seinem -Talent schädigen müsse. -</p> - -<p> -Einige Jahre später, im Jahre 1864, nimmt Theodor -M. Dostojewsky diesen Streit auf und veröffentlicht in der -später gegründeten „Epoche“ eine Entkräftung dieser -Anschuldigung, die wir hier vorbringen: -</p> - -<p> -„Erstens können die (angeführten) Worte Grigorjews -auf keine Weise als Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt -werden, welcher mich liebte, mich als Schriftsteller nur -allzu parteiisch hochschätzte und sich über mir gewordene -Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser -edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd -in seinem Journal zu verwenden. Offenbar handelt -es sich in diesem Briefe Grigorjews um meinen Roman -„Erniedrigte und Beleidigte“, welcher damals im „Wremja“ -gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben -habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -allein, ich ganz allein daran schuld. So habe ich mein -ganzes Leben lang geschrieben, so — habe ich alles geschrieben, -was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme -der Erzählung „Arme Leute“ und einiger Kapitel -der „Memoiren aus einem Totenhause“.“ (Wir müssen -hier den „Kleinen Held“ anfügen, von dem wir ja wissen, -dass er in der Petersburger Festungshaft <em>vor</em> dem Todesurteil -geschrieben wurde und aus diesem Umstand so „unschuldig“ -ausfiel.) „Es hat sich in meinem litterarischen -Leben sehr oft ereignet, dass der Anfang eines Kapitels -von einem Roman oder einer Erzählung schon in der -Druckerei und schon gesetzt war, während das Ende desselben -noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis -morgen geschrieben sein musste. Gewohnt so zu arbeiten, -that ich das Gleiche mit den „Erniedrigten und Beleidigten“, -allein durchaus ohne von irgend jemand dazu gedrängt -worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegründete -Zeitschrift, deren Erfolg mir über alles teuer war, brauchte -einen Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an. -Ich selbst versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan -dazu schon lange in mir fertig sei (was nicht der Fall -war), dass es mir leicht sein werde, zu schreiben, der -erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht -um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen -ein, dass in meinem Roman viele Gliederpuppen statt -Menschen vorkommen<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a>, dass wandelnde Bücher<a class="fnote" href="#footnote-18">[18]</a> -finden sind und nicht Personen, welchen künstlerische -Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und Ausprägung -der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind). -Zur Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer -nicht, ahnte es höchstens. Allein, was ich wirklich -wusste, als ich zu schreiben anfing, war dies: 1. dass, -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -wenn der Roman auch nicht gelingt, er Poesie haben -würde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen -darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere -darin vollkommen wahr und sogar künstlerisch -dargestellt sein werden. Mit dieser Überzeugung begnügte -ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage, allein es -sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich -stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass -ich mein ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich -gebe zu, dass dies sehr schlecht ist aber ... Der Leser -möge mir diese schöne Rede über mich selbst und meine -„hohe Begabung“ verzeihen, sei es nur mit Rücksicht -darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst -über meine Werke etwas gesagt habe<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a>.“ -</p> - -<p> -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -In der weiteren Ausführung der Differenzen der -„Wremja“ mit ihrem Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt -Dostojewsky: „Drittens ist es vollkommen wahr, dass sich -in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres Bestandes -Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen — nicht -in der Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit. -Auch in manchen Überzeugungen hat es Irrtümer gegeben. -Allein die Richtung konnte sich nur mit den Jahren formulieren. -Eine Richtung haben und sie klar und für -alle verständlich formulieren können — ist zweierlei. Das -letztere erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit, -das Leben, und es steht in direkter Beziehung zur Entwickelung -der Gesellschaft selbst. Eine abstrakte Formel -ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat, -der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszu<a id="corr-18"></a>sprechen. Fertige -Formeln, die man der Routine entlehnt, namentlich solche -älteren Datums, d. h. wenn schon alle einen gewissen -Begriff von ihnen haben, gelingen weit besser, gefallen der -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Gesellschaft weit mehr, als Überzeugungen, die ihr noch -nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verständlich, -die schon viel herumgetragen wurden. Wir sind -aufrichtig bereit, unsere früheren Irrtümer einzugestehen, -allein wir haben sie ja damals selbst nicht zu sehen vermocht, -gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach -unserer festen Überzeugung handelten.“ -</p> - -<p> -An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt -der Dichter: „Ich will noch eine letzte allgemeine Bemerkung -machen. Von jenen prächtigen, historischen Briefen -(11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen auch -nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in -welchen sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollständig -einer der russischen Hamlets unserer Zeit (ein -wirklicher Hamlet) zeichnet — von diesen herrlichen Briefen -sage ich, kann auch heute nicht alles ohne Vorbehalt von -der Redaktion der „Epoche“ (die nach dem Auseinanderfallen -der „Wremja“ von Dostojewsky gegründete Monatsschrift, -welche von Anfang 1864 bis incl. Februar 1865 -bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel, jeder litterarische -Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies -ist, scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen -für einen wirklichen Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener -und ein leidenschaftlicher Dichter, aber er -war auch launenhaft und heftig wie ein leidenschaftlicher -Dichter — — — Grigorjew war, wenn auch ein wirklicher -Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet -beginnt, und bei unseren modernen russischen Hamlets -und Hamletchen aufhört, einer jener Hamlets, welche -weniger doppellebig sind, als die übrigen, und auch weniger -reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch, -in vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwüchsiger und -knorriger Mensch. Er war vielleicht, als Natur (nicht als -Ideal genommen, das versteht sich von selbst), der russischeste -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -Mensch unter allen seinen Zeitgenossen. Daher -kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch in -einer allgemeinen Sache in so hohem Grade für organisch -und unvermeidlich für die ganze Sache, von ihr für so -untrennbar hielt, dass die geringste Nichtbeachtung dieses -Ausbruches ihm manchmal schon als ein Zusammenbrechen -der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im Leben -weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand, -ebenso bequem, wie jeder „Held unserer Tage“, mit der -einen Hälfte seines Wesens sich zu grämen und zu quälen, -mit der anderen Hälfte aber den Gram und die Qual der -ersten Hälfte zu beobachten, zu erkennen und zu beschreiben, -manchmal sogar in wunderschönen Versen mit -Selbstvergötterung und einer gewissen Feinschmeckerei, -so wurde er ganz und gar, durch und durch — in seinem -ganzen Menschen, wenn ich so sagen darf — von seinem -Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine -Briefe geschrieben. -</p> - -<p> -„Ich bin Kritiker und nicht Publizist“, hat er mir -mehrere Male, sogar kurze Zeit vor seinem Tode, als -Antwort auf meine Bemerkungen, selbst gesagt. Allein -jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne, als -es die Pflicht eines jeden Kritikers ist — nicht nur feste -Überzeugungen zu haben, sondern sie auch ausführen zu -können. Dieses Vermögen aber, seine Überzeugungen auszuführen, -ist die wesentlichste Eigenheit jedes Publizisten. -</p> - -<p> -Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der -Welt ruhig hätte verbleiben können; wenn er aber sein -eigenes Journal gehabt hätte, so würde er es selbst fünf -Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet haben -usw.“ -</p> - -<p> -Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie -uns scheint, von einer Seite, welche der Leser seiner belletristischen -Werke, sowie der Kenner seiner eigenen Lebensführung -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die, wenn -auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist -wohl nicht die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung -Grigorjews bekundet, die wir ja an ihm, dem -„Realisten des Innern“ kennen, was uns hier frappiert, -sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die -Führung einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit -welchem die Thätigkeit der Publizistik von Dostojewsky -selbst, sowie von seiner Zeit und Umgebung betrachtet -wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl -seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche -Fülle von Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen -von eines Menschen innerster Wahrhaftigkeit. -Wir begreifen danach sein Axiom: „ein Journal -ist eine grosse Sache“. — Allein diese Anschauung und -ihre Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz -nicht nur zu Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den -Slavophilen, welche sich um Aksakow gruppierten, sowie -zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst nahmen -und, durch die landläufige, journalistische Behandlung -ernster Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, „von -der Hand in den Mund-Leben“ Dostojewskys weder für -ihn noch für die gute Sache ein Heil finden konnten. Sie -vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es sich -hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu -für den Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, -ein solches Publikum nicht aus den Augen und aus der -Hand zu lassen und ihm immer wieder seine Ration -Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky -immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es -nicht anders sein, als dass auch er sich etwas von der -journalistisch gangbaren Litteratur abwandte, nachdem er -sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861 energisch -mit folgenden Sätzen vertreten: „Man liest einen oder den -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich -zum Schluss, dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt -und auf uns schaut, wie auf ein fremdes Geschlecht, als wäret -Ihr aus dem Monde zu uns herunter gekommen, als lebtet -Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der gleichen -Zeit, nicht das nämliche Leben! — Es ist, als machtet -Ihr mit jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen -unter dem Mikroskop an! Aber das ist ja Eure eigene, -Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn so von -oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr -seid ja selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!“ -</p> - -<p> -Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs -gleichfalls vornehm vom Journalismus fernehielt, hatte -Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow erzählt uns darüber -folgendes: „Ich trat erst später in die belletristische -Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem wissenschaftlichen -Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit -scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen -Hochmut entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei -zu entgehen und bemühte mich, meine Artikel -vollkommen auszuarbeiten. Diese Bestrebungen riefen gewöhnlich -Theodor Michailowitschs Spott hervor: „Sie sorgen -immer für eine ‚Vollständige Ausgabe‘ Ihrer Werke“ — -sagte er. — „Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe -erscheinen“, antwortete ich. Allein ich wurde bald in die -Litteratur hineingezogen und begann ihre Interessen mit -grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.“ — „Wie immer -dies nun sein möge“, fährt N. Strachow weiter fort, „das -Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist -bekannt. Am Ende seiner Laufbahn, als er sich schon -als vollständiger Slavophile bekannte, war er imstande, -sich über unsere Intelligenz und ihre Bestrebungen fast -mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als die -gewesen, die ihn in den Blättern des „Denj“ (Tag) so -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -sehr beleidigt hatte. Was aber seine Vorliebe für die -feuilletonistische Form der Zeitschriften betrifft, so ist sie -bei ihm niemals ganz verschwunden. Er zwang sich sogar -manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein -Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den -Jahren jedoch wurde seine Art zu schreiben immer strenger; -ja, auch früher schon konnte man in seinen Feuilletons -nicht wenige Seiten finden, welche eine künstlerische -Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die -Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.“ -</p> - -<p> -Wir begegnen also hier abermals einer von jenen -Wandlungen tieferer Natur, welche so oft im Leben -Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern verurteilt, -von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt -werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung -nicht zutreffend, die Beschönigung überflüssig. -Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es zu oberflächlich -ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt -einer ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz -des Ausgangspunktes hinzustellen. Die Beschönigung aber -ist überflüssig, weil Dostojewskys Wandlungen und Wendungen -nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt -werden dürfen, die man gemeinhin „Festigkeit“, „Charakter“ -nennt. Was ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen -um ein unsichtbares Zentrum zu durchlaufen, war jene -Kraft, die jedes Urphänomen in sich trägt und die meist -erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern und -Moralisten rückblickend begriffen wird. — Dostojewskys -Lebensweise entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, -und es wäre schwer zu sagen, welche von der anderen -bedingt war. „Dostojewsky schrieb fast ausschliesslich -bei Nacht“, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine -Witwe. „Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben -hatte, blieb er allein mit seinem Samovar, und während -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -er einen kühlen, nicht allzustarken Thee schlürfte, schrieb -er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er stand um 2, auch -3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem -Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei -Freunden.“ -</p> - -<p> -Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich -ein sehr unangenehmer. Er schildert in dem Roman „Erniedrigte -und Beleidigte“ seinen eigenen Zustand, wenn -er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: „Es -ist mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir -herumzutragen, darüber nachzusinnen, wie ich sie schreiben -werde, als sie in der That niederzuschreiben, und doch -war es nicht Faulheit. Was war es also?“ -</p> - -<p> -Strachow antwortet darauf sehr richtig: „Es war die -Überfülle geistigen Schaffens, die in ihm brodelte, für die -das Niederschreiben eine Unterbrechung war“. „Dennoch -phantasierte Theodor Michailowitsch oft davon“ — schliesst -Strachow — „was für wunderschöne Dinge er ausarbeiten -könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens -waren, wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner -Werke in einem Zug ohne Umarbeitung entstanden — -allerdings als Folge innerlich schon ausgetragener Ideen.“ -</p> - -<p> -Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell -und materiell anspannenden Doppelthätigkeit des -Schriftstellers und Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen -Redakteurs andererseits, muss man sich den Dichter -einer Krankheit unterworfen denken, die sich durch die -Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens -nur steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige -Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess. -Über die Art, wie seine Krankheit auftrat, hat er -uns im „Idiot“ eine genaue Schilderung gegeben. Sie ist -sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was -wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -epileptischen Anfalle gehört oder gesehen haben. Strachow -erzählt uns als Augenzeuge eines solchen Anfalles darüber -Folgendes: -</p> - -<p> -„Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr -einmal im Monat — das war der gewöhnliche Verlauf. -Allein manchmal, obwohl sehr selten, waren sie -häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche -vor. Im Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber -auch infolge des günstigeren Klimas, kam es vor, dass -vier Monate ohne einen Anfall vergingen. Er hatte immer -ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies indessen auch -täuschen. Im Roman „Der Idiot“ ist eine ausführliche -Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in -solchem Falle durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal -Zeuge, wie ein Anfall gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch -überraschte. Es war wahrscheinlich im Jahre 1863, -gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11 Uhr abends, -zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch. -Ich kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber -ich weiss, dass es ein sehr wichtiges und abstraktes Thema -war. Theodor Michailowitsch ging in gehobener Stimmung -in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische. Er -sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich -seinem Gedanken mit einer Bemerkung zustimmte, wendete -er mir sein begeistertes Gesicht zu, worin sich zeigte, -dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht hatte. -Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für -seine Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich -sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an, im Gefühle, -dass er etwas Aussergewöhnliches sagen, dass ich eine -Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem -Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, -und er sank bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. -Der Anfall war diesmal nicht stark. Der ganze Körper -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -streckte sich nur krampfhaft aus und in den Mundwinkeln -zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er -zu sich, und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es -nicht weit dahin war. Oft hatte mir Theodor Michailowitsch -erzählt, dass er vor den Anfällen Minuten eines -entzückten Zustandes habe. „Für einige Augenblicke“ — -sagt er — „empfinde ich ein solches Glück, wie es in -einem gewöhnlichen Zustande nicht möglich ist und wovon -andere keine Vorstellung haben können. Ich fühle in mir -und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses -Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige -Sekunden solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja -meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a>“ -</p> - -<p> -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die, -dass er manchmal zufällig beim Fallen heftig an etwas -stiess. Selten zeigte sich Röte im Gesicht, manchmal -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke -das Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach -vollkommen zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung -war dann auch eine sehr gedrückte; er konnte seiner -Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden. Der -Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten -darin, dass er sich als ein Verbrecher fühlte; es schien -ihm, als drücke ihn eine unbekannte Schuld, eine grosse -Missethat nieder.“ -</p> - -<p> -Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände -zu überwinden, und trotz des geschwächten Gedächtnisses -in wenigen Nächten zwei bis drei Druckbogen fertig zu -stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft bedürfte, -so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der -Dichter nun, seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der -Erfassung und Beleuchtung der brennenden Tagesfragen -entfaltete. -</p> - -<p> -Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von -1861 bis 1881, seinem Todesjahre, redigierten Zeitschriften -folgen: die „Wremja“ wurde, wie oben gesagt, im Jahre -1861 gegründet und erschien vom Januar dieses Jahres -bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflösung -dieses Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen -kommen. In dieser Monatsschrift erschienen, wie schon -erwähnt, als Feuilleton-Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“, -ferner eine Reihe von Artikeln über Kunst, -wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864 -wurde die Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankündigung, -die wir weiter unten zu bringen uns ebenfalls -nicht versagen können. Diese Monatsschrift erschien auch -nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen -1865 und 1872 fällt ein langer Aufenthalt in Deutschland -und Italien, der Tod des Bruders, Schuldenlast, böse -Zeiten überhaupt, über die uns manche seiner Briefe betrübenden -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich übernimmt -Dostojewsky die Redaktion des vom Fürsten -Meschtschersky gegründeten „Grashdanin“, dessen Feuilleton -er zumeist selbst unter dem Titel „Tagebuch eines -Schriftstellers“ besorgt. Später, im Jahre 1876, gründet -er neben dem Grashdanin eine selbständige Monatsschrift -unter dem gleichen Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“, -die zwei volle Jahrgänge 1876 und 1877 durchlaufen hat, -wovon aber, offenbar aus Mangel an Subskribenten und -Geld, später nur im August 1880 und im Januar 1881 -unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien. -In der Gesamtausgabe seiner Werke sind die -Aufsätze aus dem Grashdanin vom Jahre 1873, sowie die -Jahrgänge von 1876 und 1877 in drei Bänden erschienen, -wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren -1880 und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der -neuen Monatsschrift scheint gleich anfangs ein sehr grosser -gewesen zu sein. Sie hatte im ersten Jahre 2300, im -zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg dürfte -dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche -Kräfte wie Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser -Grigorjew, Strachow und den Brüdern Dostojewsky an der -Arbeit teilnahmen. -</p> - -<p> -Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der -Belletristik geruht zu haben und Theodor Michailowitschs -Bestrebungen im eigentlichen Bereich seiner volklich-religiösen -Mission entweder nicht genug betont, oder vom -Publikum nicht genug herausgefühlt und von den Slavophilen -reinsten Wassers nicht anerkannt worden zu sein; -sonst hätte unmöglich jenes Missverständnis entstehen -können, das schliesslich zum Verbot der Monatsschrift -und zu jenen Streitschriften führte, als deren eine ein -Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im -weiteren Verlauf unserer Aufzeichnungen Platz zu finden. -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -Die ganze Sache, welche so wichtige Folgen für das Blatt -und die Verhältnisse der Brüder Dostojewsky haben sollte, -entstand durch einen Artikel N. Strachows über den polnischen -Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir müssen -hier einiges über die ehrliche und freundschaftliche Beziehung -vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow -verband und später das volle Eintreten des Dichters für -Strachows Arbeit zur Folge hatte, trotzdem er gleich anfangs -eine gewisse litterarische Unzufriedenheit über dessen -Abstraktheit und Unverständlichkeit dem Autor gegenüber -angedeutet hatte. Was Strachow über ihre Beziehungen -sagt ist bezeichnend: „Unsere damalige Freundschaft“ — -sagt er (Materialien p. 224) — „war, obwohl sie vornehmlich -einen intellektuellen Charakter hatte, damals -doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der -Menschen hängt von ihrer beiderseitigen Natur ab und -überschreitet auch bei den günstigsten Bedingungen nicht -ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht gleichsam eine -Kreislinie um sich herum, über die hinweg er niemanden -zulässt, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann. -So fand unsere Annäherung ein Hindernis in unseren -beiderseitigen seelischen Eigenschaften, wobei ich mir -durchaus nicht den geringsten Teil dieses Hindernisses -zusprechen will. Über Theodor Michailowitsch kamen -manchmal Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er -argwöhnisch: „Strachow hat niemand, mit dem er reden -könnte, darum hält er sich an mich.“ Diese vorübergehenden -Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf unser -gegenseitiges Verhältnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch -einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich, -wieder zur Besinnung gekommen, in einem unerträglichen -seelischen Zustande. Alles reizte und schreckte ihn, und -er litt unter der Gegenwart der allernächsten Freunde. -Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -schicken — in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter, -und so er erholte sich nach und nach.“ „Indem ich mich -daran erinnere“ — fährt Strachow fort — „so erneuere -ich in meinem Gedächtnisse einige meiner besten Empfindungen -und denke, dass ich damals ein besserer Mensch -war, als heute.“ -</p> - -<p> -Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt -annahmen, welche dem Blatte ein jähes Ende bereiten -sollten, konnte Theodor Michailowitsch, dem die Ärzte -eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das Redaktions-Bureau -für einige Zeit verlassen. So finden wir ihn -auf einem Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris, -Köln, Düsseldorf, Mainz, Basel und Genf, wo er mit -Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie gemeinsam -nach Luzern, dann über den Mont-Cenis nach Turin und -Genua, wo sie sich nach Livorno einschifften, um dann -mittels Eisenbahn nach Florenz zu gelangen. Spuren -dieser ersten Reise finden wir nur in einem Briefe an -Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung für das -Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen, -ferner in den Aufzeichnungen Strachows und -in einem Aufsatze des Dichters, worin er seiner Galle -über Paris und die Franzosen Luft macht und der unter -dem Titel: „Winterliche Betrachtungen über sommerliche -Eindrücke“ im dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten -ist. In jenem Briefe drückt sich der Dichter, er, -dessen Kenntnis europäischer Litteratur fast ausschliesslich -aus französischen Quellen geschöpft war, der begeisterte -Verehrer Balzacs und Jünger der George Sand, -über die Franzosen in natura folgendermassen aus: „Der -Franzose ist still, ehrenhaft, höflich, aber falsch; und das -Geld ist bei ihm alles.“ (In gallig-humoristischer Weise -finden wir diese Beobachtung im oben erwähnten Aufsatz -illustriert und müssen dabei der Romane Balzacs, dieses -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -umfassenden Genies und tiefen Menschenkenners denken, -wo die Tugend zuletzt doch zu ihren 40-50000 Frs. Rente -kommt.) „Ideale keine. Nicht nur Überzeugungen, sondern -Überlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau -der allgemeinen Bildung ist äusserst niedrig. (Ich spreche -hier nicht von den beeideten Gelehrten. Aber auch diese -sind nicht zahlreich, und übrigens ist dann Gelehrtheit -auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt sind, dieses -Wort zu verstehen?)“ — Weiter fährt er fort: „Noch -eins, mein Täubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier -die Seele von Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, beängstigendes -Gefühl.“ — „Freilich — fährt er fort — war -mir im Auslande bis heute alles ungünstig; schlechtes -Wetter und das, dass ich noch immer im Norden Europas -herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den -Rhein gesehen habe. (Nikolaj <a id="corr-22"></a>Nikolajewitsch, das ist -wirklich ein Wunder!) Was dann weiter sein wird, wenn -ich von den Alpen in die Ebene Italiens niedersteige? — -Ach! wären wir doch beisammen! Wir sehen Neapel, -spazieren in Rom herum — liebkosen gar eine junge Venetianerin -in der Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?). -Aber .... „nichts, nichts und Schweigen“, wie im gleichen -Fall Poprischtschin sagt.“ -</p> - -<p> -Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt, -welcher er sich von Genf aus angeschlossen, ist nicht sehr -viel. Er erwähnt Dostojewskys Zusammenkunft mit Herzen -in London, worüber der Dichter selbst im Feuilleton des -Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser -habe sich Herzen gegenüber sehr „weich“ verhalten, so -dass die „winterlichen Betrachtungen“ ein wenig unter -dem Zeichen dieses Einflusses ständen. Später aber, in -den folgenden Jahren, habe Dostojewsky oft seinen Unwillen -darüber geäussert, dass Herzen nicht imstande sei, -den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. „Der Aufklärungshochmut, -die verachtende Geringschätzung Herzens -empörten Dostojewsky, der sie sogar in Gribojedow, dem -Verfasser des Stückes: „Wehe dem Gescheidten“, gerade -so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen -Denunzianten.“ Was Strachow über ihr Zusammensein -in Italien erzählt, bestätigt nur, was wir aus des -Dichters späteren Dresdener Briefen erfahren, nämlich, -dass er nicht nur die gewöhnliche, „offizielle Art, verschiedene -<a id="corr-23"></a>merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, -verachtete,“ sondern sich überhaupt weder um -die Natur noch um die Kunstschätze eines Ortes kümmerte, -sondern immer nur dahin ging, wo es am lebhaftesten war -und möglichst viele Menschen aller Kategorien und Klassen -zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die -Uffizien gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten -Plan vorgingen, der sie schnell zu den Meisterwerken -geführt hätte, so war Theodor Michailowitsch schon -sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort gingen, ohne -bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren -ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und -ihrer Umgebung, obwohl sie auch hier nicht bis zu den -Cascinen kamen, sehr erfreulich, sowie ihre Nachtgespräche -bei einem Glase roten Nostranos. -</p> - -<p> -Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow -anfangs des Jahres 1863 im „Wremja“ veröffentlichte, erschien -unter dem Titel „Eine verhängnisvolle Frage“ und -behandelte den polnischen Aufstand, ein Ereignis, über -welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme -jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt -war, ohne dass irgend ein Blatt noch das Wort darüber -ergriffen hätte. Es waren allerdings schon vor dem Aufstande -Stimmen darüber laut geworden, dass Russland -Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -es wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu -geben. Allein seit Beginn des Aufstandes schwieg Alles. -In diese Spannung hinein kam Strachows Artikel, der -unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass er von -allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden -ihn als einen Abfall von der russischen Sache des -Volkes; die Regierung in ihrem Fühlorgan der Zensur -sah eine Parteinahme für die Polen gegen die Obrigkeit -darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass -die Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den -Ihren zählten, den Artikel abdruckten, sowie ihn auch die -Revue des deux mondes brachte: das Missverständnis lag -darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen hervorhob, -die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen -und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur -eine ewig edelmännische, volksfeindliche gewesen sei und -es bleiben werde und müsse, hatte der Autor so theoretisch -und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es verstanden, -den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, -der darin lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer -unüberbrückbar zwischen diesem Volke ritterlicher Vergangenheit -und jenem gähnt, dessen ganze Entwickelung -auf den Elementen des Volkslebens sich langsam -aufbaut. -</p> - -<p> -In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow -unter anderem: „Der polnische Aristokratismus ist an und -für sich sowohl, als auch im Verhältnis zu den russischen -Provinzen für jeden Russen etwas Widerwärtiges. Ja, er -ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde gerichtet -hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus -entwickelt und erhält sich noch heute durch eine alte -Aneignung europäischer Kultur. Daraus geht hervor, dass -das Böse auch in einer so guten Sache enthalten sein -kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, aber seine -seelische Gesundheit zu bewahren und nicht in jenen hoffnungslosen -Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen zu -geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem -Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine verhängnisvolle -Frage“ betitelt. Ich war bereit gradaus zu sagen, dass -für die Polen keine Rettung mehr möglich sei, dass die -Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe. -</p> - -<p> -Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar -ausgedrückt, es stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen -und wurde verkehrt aufgefasst.“ -</p> - -<p> -Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr -zufrieden gewesen, was Strachow anfangs verletzte. Als -aber in der Folge das Blatt von allen Seiten angefeindet -und endlich auch durch die Zensur verboten wurde, da -war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr persönlichen -Replik gegen die „Moskauer Wjedomosti“ dafür -eintrat. Er sagte unter anderem: „Ja, was haben wir -denn die ganzen drei Jahre her in unserer Zeitschrift gepredigt? -Eben dies, dass unsere (heutige russische) von -Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie -mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, -dem russischen Volke nicht passt; dass dies heisst, einen -Erwachsenen in ein Kindergewand zwängen, endlich, dass -wir unsere Elemente, unsere Grundlagen, unsere nationalen -Grundlagen haben, welche Selbständigkeit und Selbstentwickelung -verlangen; dass die russische Erde ihr neues -Wort sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal -das neue Wort der allgemein menschlichen Zivilisation -sein und die Zivilisation der ganzen slavischen Welt in -sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen -unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale -der Scholle sehen können, während in jener Europas -die Merkmale des Aristokratismus und Exklusivismus zu -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir, d. h. -alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von -unserem Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren -haben, so sehr, dass wir an unsere eigene russische -Kraft, an unsere Eigenart nicht glauben und uns wie -Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub -niederwerfen, über das Wort „nationale Grundlagen“ -lachen und es als einen Rückschritt, einen Mystizismus -betrachten.“ „So haben wir denn in unserem Artikel auf -das hingewiesen — was Sie (der Gegner) auch im Traum -nicht wagen würden — auf das, was auch der Kaiser -Alexander der Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher -eben aus Achtung für die polnische Zivilisation den -Polen höhere Einrichtungen gab, als den Russen, die -er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als -jene ...“ -</p> - -<p> -Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen -und Bestrebungen vollkommen entsprechend, jedoch, wie -es scheint, war er blind für das, was das Blatt <em>thatsächlich</em> -an politisch-nationaler Mission in diesen drei -Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst -sagt, der belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher -gewesen, als der politische, der eigentlich noch -nicht in dem Fahrwasser gewesen sein muss, wie wir es -bei den später von Dostojewsky redigierten Zeitschriften -sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt, -den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow -machte und welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: -Aksakow schreibt 6. Juli 1863: „... Sie berufen sich -vergebens auf die „Richtung“ der „Wremja“. Obgleich sie -fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe, -hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die -Bedeutung eines guten belletristischen Journals gehabt, -das reiner und ehrenhafter war als andere, aber ihre Prätensionen -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -waren allen lächerlich. Dort konnten gute -Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., -allein dies alles hat der „Wremja“ keinerlei Farbe, keinerlei -Kraft gegeben. Es gebrach ihr an höheren sittlichen -Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit höherer Ordnung. -Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm -auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das -in der russischen Litteratur die Existenz eines russischen -Volkstums entdeckt und proklamiert habe! Es giebt keinen -so grossen Feind des Slavophilentums, den dies nicht -empören würde. Und dann die naive Verkündigung, dass -das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der Weg -zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der „Wremja“ zu -finden sei! Die Slavophilen können alle, bis auf den letzten, -sterben, dennoch wird die von ihnen eingeschlagene Richtung -nicht zu Grunde gehen — und damit verstehe ich diese -Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit, nicht -für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums -zugerichtet. — Dieses Buhlen um die Gunst des -Publikums, dieser Wunsch, den Unseren und den Eueren -zu dienen, dieses Von-oben-herab- und verächtliche Traktieren -der Slavophilen im ersten Programm der „Wremja“, -das ist’s, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung -zu Falle gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie -wissen, <em>nirgends</em>, nicht mit einem einzigen Worte an die -„Wremja“ gerührt haben, weil unsere Überzeugungen eben -keine Frage persönlicher Eigenliebe sind .... Übrigens -kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher -Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, -um das gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die -ist — Petersburg zu hassen mit unserer ganzen Seele und -allen unseren Kräften. Ja, man kann sich überhaupt nicht -zum christlichen Glauben bekennen (und das Slavophilentum -ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen -und loszuspucken<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a>.“ -</p> - -<p> -Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich -darum, weil einige darin befindliche Worte der -Anerkennung über die Zeitschrift sich doppelt vorteilhaft -von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben. Eine -weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei -und verwahrt sich dagegen, da weder er noch die -Brüder Dostojewsky, noch einer der anderen Mitarbeiter -Petersburger seien, sondern echte Moskowiten, in denen -ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein starkes -Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung -gegen das kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt -hatte. -</p> - -<p> -Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und -Bezeichnende die Kluft, welche damals noch zwischen den -Heisssporn-Slavophilen und Dostojewsky bestand und -welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren immer rückhaltslosere -Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings -bei Aufrechthaltung <em>seiner</em> Eigenart, immer kleiner wurde. -Die Zeitschrift wurde also verboten, was den Herausgeber -Michail Michailowitsch in grosse Geldverlegenheiten -stürzte, da die Subskriptionsgelder schon eingelaufen und -verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten, -und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt -innegehabten Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb -durch die Feder angewiesen war und eine grössere Familie -zu erhalten hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf -dessen Gesundheit der erste Aufenthalt im Auslande sehr -günstig gewirkt hatte und der nun durch die Auflösung -des Journals freier wurde, notwendig geworden, abermals -Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal -auf den Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky -habe schon bei seinem ersten Ausfluge nach Paris -Bekanntschaft mit dem Roulettespiel gemacht und sei so -glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen -habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen -sei, in ihm aber die Erwartung zurückgelassen habe, er -werde ein anderes Mal vom Glück ebenso begünstigt werden. -Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn eine doppelte. -Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den -wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die -Nahrung, deren er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, -ohne die er nicht leben konnte, so fand der feine und -scharfe Beobachter in der ganzen Situation eine Fülle -von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im -Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher -Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus -seinem eigenen Wesen heraus so wohl verstand und zu -deuten wusste. -</p> - -<p> -Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja -viele der tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen -des Menschwesens in Dostojewskys Werken, und wenn -irgend einer dazu berufen ist, uns die neue Ethik des -Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und Verstricktheit -von gut und böse zu verkünden und zu sagen: -„Sieh’, dies ist der Mensch und so ist es gemeint, dass -du ihn lieben sollst“, so ist es Dostojewsky, der bei aller -Hassenskraft, die er gegen das Laster ausströmt, bei allem -Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und namentlich -des <em>Herzens</em> verfolgt und vertilgen möchte, doch der -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -Einzige ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was -man mit dem Leben und Lieben eigentlich alles anfangen -kann. -</p> - -<p> -Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter -Reise ist sein Roman: „Der Spieler“. Hören wir in einem -Briefe an Strachow, vom 30. September 1863, was er selbst -darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer, die -alte Geschichte ab — <em>die Idee</em> zum Roman ist da, Geld -keines — also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die -zwingenden Wiederholungen, das Ausrechnen, bis zu welchem -Tage das Geld eintreffen <em>müsse</em>, sonst sei er verloren, -kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und Überzeugenwollen, -wie wir es schon kennen! Er fährt also -fort: „<em>Jetzt</em> habe ich nichts fertig. Allein es hat sich -ein ziemlich (wie ich selbst urteile) günstiger Plan zu -einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum grössten -Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon -anfangen wollen, ihn aufzuschreiben, allein — es geht hier -nicht. Es ist sehr heiss und zudem bin ich an einen -solchen Ort, wie Rom ist, auf <em>eine Woche</em> gekommen. -Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben? -Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner -Erzählung ist folgendes: — ein Typus des Russen im -Auslande. Bemerken Sie: über die Russen im Auslande -wurde diesen Sommer in den Journalen viel geschrieben. -Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall -finden. Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige -Zustand unseres internen Lebens wiederspiegeln (so weit -als möglich natürlich). Ich nehme eine Natur, die Unmittelbarkeit -besitzt, dabei hochentwickelt, in allem unfertig, -dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, -nicht zu glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend -und sie doch fürchtend. Er beruhigt sich damit, dass er -nichts in Russland zu thun habe — daher: strenge Kritik -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -der Leute, welche aus Russland die im Ausland Weilenden -herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen. -Es ist eine lebendige Person — (er steht förmlich leibhaft -vor mir) — man wird es lesen müssen, wenn es geschrieben -sein wird. Der Hauptwitz dabei ist der, dass alle seine -Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit — alles von -der <em>Roulette</em> verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und -kein gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter -Puschkins ein gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus -keine Vergleichung meiner selbst mit Puschkin, ich -sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in seiner Art -ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst -dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit -empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des <em>Risiko</em> -ihn in den eigenen Augen hebt. Die ganze Erzählung ist -eine Erzählung davon, wie er schon das dritte Jahr in -den Spielhäusern Roulette spielt. -</p> - -<p> -Wenn das „Tote Haus“ die Aufmerksamkeit des -Publikums auf sich gelenkt hat, als eine Darstellung von -Sträflingen, welche niemand vorher aus eigener Anschauung -geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt durch -die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des -Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, -dass solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem -Interesse gelesen werden, hat das Hazardspiel in den -Badeörtern, besonders in Bezug auf die im Auslande befindlichen -Russen, eine gewisse Bedeutung. -</p> - -<p> -Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich -alle diese höchst interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl, -mit Vernunft und in einem Fluss darstellen werde.“ -</p> - -<p> -Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, -wie man auf dieses noch nicht geschriebene Buch bei -Boborykin, dem damaligen Redakteur der „Lesebibliothek“, -voraus Geld nehmen könne. Michael Michailowitsch protestierte -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -vergebens dagegen, dass sein Bruder eine Arbeit -bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen, -dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis -der Bruder sie in einem neu zu gründenden Blatte herausgeben -könnte. Allein die Not drängte, so wurde man -Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück. -Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, -sondern erst viel später, im Jahre 1867 unter -Umständen, welche eine grosse Wandlung in des Dichters -Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher genommene -Geld musste endlich nach Gründung der „Epocha“ -auf Drängen Boborykins wieder herausgegeben werden. -</p> - -<p> -Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, -breitet sich auch sehr über die Nebenumstände und Details -jener Geldkalamität aus, unterlässt es aber merkwürdigerweise, -hier über die abermals unrichtige Wertschätzung -des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu -verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier -wieder ein solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten -des Dichters mit unterlief, wie damals, als er den Roman -„in neun Briefen“ den „Armen Leuten“ an die Seite stellte. -Allerdings ist „Der Spieler“ künstlerisch als Ganzes genommen -eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo -der Spieler das geliebte Mädchen am späten Abend in -seinem Hotelzimmer zurücklässt und zum Roulettetisch -eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu gewinnen, -das sie von dem zweideutigen Franzosen retten -soll, der ihren Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen -giebt es nicht allzuviele in der Weltlitteratur. Der Spieler -hat nämlich mit dem letzten Goldstück unerhörtes Glück -gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000; -von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt, -ihm nach die Rotte, die sich an die Fersen der -Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach dem anderen wird -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -geschlossen, er bleibt bis zuletzt — endlich, es ist längst -Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in -sein Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr -steht eine angezündete Kerze auf dem Tische. Sie sieht -ihn verblüfft an — er hatte sie vergessen, ihre Situation, -die Ursache seines Spiels und ihres Hierseins. Man kann -wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich das -Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von -Liebe und Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte -Warte-Nacht des Mädchens, das ihm in sprachlosem Erstaunen -zusieht, wie er den Inhalt seiner vollen Taschen -triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei -aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit -mancher anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen -Zeichnung der alten Grossmutter, kann man nicht -begreifen, wie Dostojewsky so nach — Publicisten-Art die -Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die -Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als -wirkten da zwei Faktoren mit, um seine Objektivität, die -ohnedies sehr gering war, zu paralysieren. Erstens die -allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über ihre eigenen -Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens -jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis -auf die Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes -erstreckte. „Das Volk hätte uns gerichtet“, und „wir -haben es verdient“, sagt er wiederholt; wie hätte er dies -Buch anders taxieren sollen, als eine, auf „eigene Anschauung -gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse“? -</p> - -<p> -Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am -Herzen liegen, da er ja nicht nur den „Augenschein“ -schilderte, sondern den Seelenzustand, den er selbst mehrmals -in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat. Unwillkürlich -sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen -kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -Karten spielt und in seiner Ungeduld das -„Glück korrigiert“; und doppelt verständlich wird uns -die Mission des Dichters, der selbst so viel „vom Stoff -der Schuld“ in sich getragen. -</p> - -<p> -Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in -der Zeit von 1862-64 haben wir ausser den oben von -Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig Kenntnis. Seine -Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl -im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; -auch die Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, -Maikow und anderen scheint entweder zu stocken, oder -es ist nach allem, was wir vermuten dürfen, den noch -Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen -einem weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern -getrost auf gewisse intimere Details verzichten, -als wir uns gerade bei Dostojewsky nichts aus den -Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter -umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder -weniger von den kleinen Episoden seines Lebens in unsere -Schilderung einzureihen; Episoden, die ihn nicht erhellen, -sondern vielmehr von seinem ein für allemal feststehenden -Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten. -Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit; -<em>da</em> ist es also, bei den grossen Ereignissen -der Heimat und den grossen Interessen der Menschheit, -wo wir ihn aufsuchen müssen. -</p> - -<p> -Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch -die Verschlimmerung im Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas -ihren Grund gehabt zu haben. Wann sie stattfand, -weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja -Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt -worden und das wohl bald nach den grossen Petersburger -Bränden, den polnischen Unruhen und ihres Gatten Abreise, -also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft. -Wir finden ihn im November dieses Jahres in -Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da ihn geschäftliche -Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem -handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines -neuen Journals, dem die Brüder den Namen „Die Wahrheit“ -geben wollen. -</p> - -<p> -Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich -unter dem neuen Namen das Blatt und seine Richtung -kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der ersten Zeile -darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit -(Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, -welche nach dem Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten -war, wusste nicht mehr recht, was zu gestatten, -was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und -so musste man sich für „Epocha“ entscheiden. In welcher -Weise Theodor Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit -auf breitester Basis dachte, bezeugt die Stelle in -einem Briefe an den Bruder, wo es <a id="corr-24"></a>heisst: „Der zweite -Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den Leitartikel -haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen -Romans und jenes von Pissemsky würden grossen -Effekt machen und, was die Hauptsache ist, unserem Programm -gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen -und beiden gerecht werden — also: Wahrheit“. -</p> - -<p> -Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse -Erfolg der durch ein Missverständnis eingegangenen -„Wremja“ machte die Brüder über den zu erwartenden -Erfolg der „Epocha“ allzu sanguinisch sicher. Unter -den Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, -Njekrassow und der glänzende Kritiker Apollon Grigorjew. -Indessen hatte das Blatt sehr bald gegen intellektuelle -und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den tieferen -Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -berühmten Dichter, welchen die immer stärker zu Tage -tretende slavophile Richtung der Brüder nicht zusagte, -die schnell aufeinander folgenden Todesfälle, deren -Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch -und zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge -davon war in erster Linie der Irrtum im Publikum, dass -der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es bewunderte, -woraus eine geringere Teilnahme und Subskription -entstand, welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten -der Redaktion nach sich zog. Die ersten -Hefte waren, da der Dichter in Moskau am Krankenbette -seiner Gattin weilte, in der Petersburger Typographie sehr -schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen Druckfehlern -und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das -Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor -hatte sagen wollen. Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor -Michailowitsch übermenschlich, schrieb in wenigen Nächten -2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf nahezu -40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum -Aufschwung des Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher -sich die Zensur ihrer Arbeit entledigte. Strachow bringt -dafür Daten, die unglaublich klingen, doch authentische -Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten Entscheidungen -der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft -am 23. April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft -am 20. August, das Juliheft am 19. September, das -Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am 22. November, -das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft -am 24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am -25. Januar 1865 freigegeben. -</p> - -<p> -Zu den grössten Missständen rechnet Strachow -jedoch die sanguinische Selbsttäuschung der Brüder und -ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine Sache stetig und -praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, -die er in einer allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen -Steigen und Sinken von Stimmungen findet, und schliesst -mit folgender konkreten Darstellung: „Was die Dostojewskys -betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch -durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; -er war ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor -Michailowitsch jedoch war, ungeachtet seines raschen Geistes, -ungeachtet der erhabenen Ziele — ja, besser gesagt: gerade -infolge dieser höheren Ziele — ausserordentlich unpraktisch. -Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut; -allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden -Anläufen, war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und -das Chaos wuchs in jeder Minute um ihn herum. Die -„Epocha“ wurde ohne einen Heller gegründet. Als sie -einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht nur -die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch -jenen Teil der Erbschaft von einer reichen Moskauer -Tante (etwa 10000 Rubel für jeden der Brüder), die sie -sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000 Rubel Schulden, -welche nach Eingehen der „Wremja“ Michael Michailowitsch -zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die -„Epocha“ für das Jahr 1865 noch immer 1300 Abonnenten -aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne alte Lasten, hätte -sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles und -Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des -Bruders, 15000 Rubel und dessen unversorgter Familie -zurück.“ -</p> - -<p> -Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, -welcher in dieser Zeit als Sekretär der russischen Gesandtschaft -in Kopenhagen lebte, erzählt im Detail die Widerwärtigkeiten -der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem -Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil -daran und seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -dies derselbe Brief vom 31. März 1865, dem wir weiter -oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod entnommen -haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt -Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf: -</p> - -<p> -„Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit -wurde auch sein Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem -blieben gegen 25000 Rubel Schulden, wovon 10000 nicht -beängstigend für die Familie waren, 15000 jedoch auf -Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, -mit welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des -Journals herausgeben können (er starb im Juli 1865). -Allein er hatte einen ungeheuren Kredit und konnte ausserdem -Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen. -Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel -zusammen. Keine Kopeke zur Herausgabe, dabei aber -noch sechs Nummern auszugeben, was im Minimum -18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen, -wozu 15000 Rubel nötig waren — also 33000 R. -um den Jahrgang zu vollenden und eine neue Subskription -zu erreichen. Seine Familie blieb buchstäblich aller Mittel -bar — am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige Hoffnung, -und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich -im Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben -zwei Wege übrig: 1. das Blatt nicht weiterführen, es, da -ein Journal immerhin einen Besitz repräsentiert, den Gläubigern -samt den Möbeln und dem ganzen Hausrat übergeben -und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten, -litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und -Waisen des Bruders erhalten. 2. Geld aufnehmen und -die Herausgabe fortsetzen, koste es, was es wolle. Wie -schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden -habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten -haben, aber die Familie hätte die Erbschaft abgelehnt, -wäre dadurch gesetzlich von jeder Zahlung befreit gewesen. -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre an der -Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel -jährlich verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren -— natürlich wenn ich mein ganzes Leben vom -Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich habe den -zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben. -Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte. -Alle meine Freunde und früheren Mitarbeiter waren derselben -Meinung. -</p> - -<p> -Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden -mussten, ich wollte nicht, dass eine schlechte Meinung -das Andenken seines Namens beflecke. Dafür gab es ein -Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen Teil -der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr -zu Jahr besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn -die Schulden bezahlt wären, das Blatt irgend jemand abgeben -und die Familie des Bruders sichern. Dann würde ich -aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu schreiben, -was ich schon lange auf dem Herzen habe. -</p> - -<p> -Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, -bat mir bei einer reichen alten Tante 10000 R. aus, die -sie in ihrem Testament als meinen Anteil bestimmt hatte, -und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die Herausgabe -des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die -Sache war schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis -der Zensur zur Herausgabe des Journals eingeholt werden. -Man zog die Sache so hinaus, dass das Juniheft erst Ende -August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar nichts -damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur -gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu -setzen, weder als Herausgeber noch als Redakteur. Ich -musste mich zu energischen Massregeln entschliessen: Ich -begann in drei Druckereien auf einmal drucken zu lassen, -sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. — Ich -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich -mit Autoren und mit der Zensur herum, besserte Artikel -aus, bemühte mich um Geld, sass bis sechs Uhr morgens -auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich Ordnung -in die Sache brachte — es war zu spät. — — Was -mich das alles gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, -dass ich bei all dieser Zwangs- und Schmutzarbeit nicht -imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile Eigenes zu -drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar -nicht und sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, -wusste es nicht, dass ich das Blatt redigiere. Und plötzlich -brach bei uns eine allgemeine Journal-Krisis herein. -</p> - -<p> -Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis -auf ebenso viele Jahre wandern, könnte ich dadurch -alle Schulden bezahlen und mich wieder frei fühlen. Jetzt -werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der Rute -zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird -effektvoll werden, aber brauch’ ich nur das! Die Arbeit -aus Not um des Geldes willen hat mich erstickt und zerstört. -— — Ich habe Ihnen nun alles beschrieben und -sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines Geistes -und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung -davon gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange -wir schriftlich verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben -und kann über mich nicht in bestimmten Grenzen schreiben. -Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre liegen zwischen -uns, und was für Jahre! — — -</p> - -<p> -Im Auslande bin ich zweimal gewesen — im Sommer -1862 und 1863. Jedesmal bin ich auf drei Monate fortgegangen. -Ich war in Deutschland (fast überall), in der -Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall). Meine -Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher -Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, -alljährlich auf drei Monate zu verreisen, umsomehr, als -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -das in materieller Beziehung bei der Teuerung unseres -hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte reisen, -um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen -und um so tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres -in Russland zu arbeiten. Allein im vorigen Jahre hat des -Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig hier zu bleiben. -Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen -Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, -zu erneuern“ .... usw. -</p> - -<p> -„Mit diesem Briefe“ — sagt Strachow — „kann man -einen besonderen Abschnitt in Dostojewskys persönlichem -Leben abschliessen, die Periode von seiner Zurückkunft -aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der Vereinsamung, -da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt -zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat -ihn nicht betrogen. Von hier an beginnt die bessere -Hälfte seines Lebens: ihn erwarteten sehr grosse Mühen -und Beschwerden, allein zugleich auch neue, höhere -Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben, -unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit -und endlich, in den letzten Jahren, die Tilgung -aller Schulden, genügendes Auskommen und Ordnung in -seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und angestrengten -Zeit entstand im Jahre 1866 „Schuld und -Sühne“ (Raskolnikow), 1868 „Der Idiot“, 1870 „Die -Besessenen“. Strachow schreibt diese Fruchtbarkeit dem -Umstande zu, dass die „Epocha“ eingegangen war und -seine Kräfte nicht aufbrauchte. „Theodor Michailowitschs -übriges Leben“, fährt Strachow fort, „kann man von hier -an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, -während welcher alle diese Romane geschaffen wurden, -war sehr beschwerlich, fruchtbar und zum grössten Teil -im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche mit -der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -die neuen publizistischen Versuche, in der Form -einer Redaktion des „Grashdanin“ und des „Tagebuchs“ — -allein das ist eine weniger beschwerliche, verhältnismässig -ruhige, und nach aussen durch die Ordnung der Verhältnisse -— und den öffentlichen Erfolg sich immer glücklicher -gestaltende Periode.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<span class="line1">VII.</span><br /> -<span class="line2">Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise.</span><br /> -<span class="line3">(1865-1867.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise -im Auslande. Seine wieder aufgenommene Korrespondenz -mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden datiert, -wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er -schon wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze -Jahr 1866, das, wie Strachow sagt, das folgenreichste Jahr -seines Lebens war. Im Januar dieses Jahres begann im -Russkij Wjestnik die Publikation seines bis dahin bedeutendsten -Werkes: „Schuld und Sühne“ — und am -4. Oktober desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna -Snitkina, seine künftige zweite Gattin, kennen. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -„Schuld und Sühne“ — oder, wie es in manchen Übersetzungen -heisst, „Raskolnikow“ — ist jenes von Dostojewskys -Werken, welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung -gefunden hat und hier die erste Grundlage seines -Ruhmes geworden ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer -richtigen Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, -welcher die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst -war es das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, -sodass sich das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen -ungeheuren Kreis verbreitete. Als das Buch endlich in die -Hände der ästhetischen Kritiker gelangte, da fanden erst seine -künstlerischen Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -das gröbere litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, -so war es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, -wodurch sie das Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat -die Philosophie hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische -Detail, um aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten -verbrecherischen Handlung mit ihren Folgen das -ethische Prinzip des Dichters herauszulösen. Auch diese kam -auf ihre Rechnung, wenn auch nur bedingt; denn Dostojewskys -ethische Gestaltungen verdanken nicht Prinzipien ihre Entstehung, -sondern sind Probleme, wie das Leben selbst sie bietet. So ist -der endgiltige Eindruck dieses Romans in Europa der eines -sensationellen Verbrechens, das mit dem Aufwand einer grossen -schöpferischen Kraft durch die Beobachtung der feinsten psychologischen -Details zu einem Kunstwerk ersten Ranges ausgestaltet -wurde. Nicht so in Russland. Hier war man einerseits mit -Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem Stil schon -vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner Art zu erzählen, -die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der feste -Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein -Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf -gleichem Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, -die gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen -eine neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem -neuen Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete. -Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert -auf das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen -haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und -nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein -verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit, -nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie -weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern -ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck -dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus -zu formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen -Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht -man die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen -Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -seinen allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen -Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir -da vor uns haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren -in seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so -hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst. -</p> - -<p> -Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen -und für Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe -aus Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich -jene Stellen immer wieder, wo es heisst: „Ich muss erst in Russland -sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.“ -So bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an -den Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, -den er schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft -nach Russland schreiben werde, offenbar auf „Schuld und Sühne“, -„— da dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen -Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn -man nach der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen -alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman -mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland -zurückkomme.“ Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in -seinem Kopfe ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl -anzunehmen, dass der erste grössere Roman, den er in Russland -schrieb, jener lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er -„Russland brauchte“: „Schuld und Sühne“. -</p> - -<p> -Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger, aussergewöhnlich -begabter Student lebt in grosser Armut in einer -elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht, versteckt -sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe -Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten -Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten, -die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne -Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere -Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und -Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das -Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre -stolze Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit -und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -seines Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen -peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie -der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas -Grosses thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, -wenigstens ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen — -ein altes Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, -damit sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt -er sich. Napoleon I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet -und sind bewundert worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. -Auch ich bin ein Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, -ich folge einer Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt -immer mehr Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen -Jüngling mit der Lucifer-Seele; er vollbringt die That, -welche gegen alle Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf -ihn fällt, empfindet aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung -darauf, vergräbt die aufgefundenen Wertgegenstände unter -einen Stein im Hofraum eines entlegenen Hauses, verfällt aber -bald danach in ein hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht -erwacht, sich verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen -gegen seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, -die ihm endlich die Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar -seinem Schicksal, der Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, -zuführen. Im Epilog ist der Hinweis auf eine wahrhafte -innere Sühne ausgesprochen. Sie wird, eine neue Illustration zu -Goethes Schluss-Worten im Faust, durch die Liebe zu Sonja, -der Gefallenen und doch unendlich Reinen, eingeleitet. -</p> - -<p> -Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor -uns, die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten -und Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen -Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine -Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das -Mädchen kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold -von einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die -hungrigen kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine -gewisse Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl -tiefen Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, -da ist er von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht -Liebe zu dem Mädchen — er will nur reden, einen Teil seiner -Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und -menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben -worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen -Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk -aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe -der Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben -haben, wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst -äusserliche Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt -in Sonjas Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, -aus dem Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, -den Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu -töten, da er stärker ist als die andern — wie das alles eingeleitet, -gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische -Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen -Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen Selbstbeleuchtung -herauskommt: der Mord aus Prinzip, die aufleuchtende -Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über -sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass; -die Scham, auch „eine Laus zu sein wie alle andern“, und endlich -die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas, -welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen -hier, obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die -bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die -echt russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld -und Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen. -</p> - -<p> -„Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht -recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum -bin ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher -weiss, dass sie dumm sind — dass ich selbst nicht gescheiter -sein will? Dann habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten -wollte, bis alle gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. — -Dann habe ich weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen -wird, dass die Menschen sich nicht ändern werden und niemand -da ist sie umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! -Ja, so ist es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -ist es! ... Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist -und stark im Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der -hat bei ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der -ist ihr Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat -am meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird -es immer sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!“ -</p> - -<p> -„Ich bin damals darauf gekommen“ — fuhr er in feierlichem -Tone fort — „dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, -sich zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, -nur Eines: es heisst nur wagen!“ -</p> - -<p> -„Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten -Mal in meinem Leben — ein Gedanke, den noch niemand jemals -vor mir ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so -klar wie die Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso -denn bis heute niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an -all dieser Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim -Schwanz zu fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... -ich habe mich dreist machen wollen und habe gemordet ... -nur erdreisten wollte ich mich, Sonja — da hast Du die ganze -Ursache!“ -</p> - -<p> -„O, schweigen Sie, schweigen Sie!“ rief Sonja, die Hände -zusammenschlagend. — „Von Gott haben Sie sich entfernt, und -Gott hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!“ -</p> - -<p> -„Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so -dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?“ -</p> - -<p> -„Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer — -nichts, nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er -begreifen!“ -</p> - -<p> -„Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss -ja selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja, -schweige!“ wiederholte er finster und nachdrücklich — „ich weiss -alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert, -als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich -schon mit mir selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten -Zug, und weiss nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir -damals dieses ganze Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich -wollte alles vergessen und frisch anfangen, Sonja, und aufhören -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -zu schwatzen! Und glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein -Dummkopf, aufs Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, -und das ist’s, was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst -Du denn, ich hätte nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, -wenn ich schon anfing mich selbst zu fragen: habe ich das Recht -zur Macht? — ich schon kein Recht zur Macht mehr habe? -Oder wenn ich die Frage stelle: ist der Mensch eine Laus? er -für mich keine Laus mehr ist, sondern für den, dem das auch -gar nicht in den Kopf kommt und der geradeaus hingeht .... -Wenn ich mich schon so viele Tage mit der Frage herumquälte, -ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so fühlte ich ja schon -deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die ganze, ganze -Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten, Sonja, habe -alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne Kasuistik -umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich habe -darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der -Mutter zu helfen habe ich getötet — Unsinn! Nicht darum habe -ich getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein -Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach -getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend -jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie -eine Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte -ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz -gleich sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich -brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich -so sehr nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles .... -Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend, -niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte -es, ein anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand -dahin; ich musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich -auch eine Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde -ich es vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich’s -nicht vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu -bücken oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe -ich das Recht ...“ -</p> - -<p> -„Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?“ rief Sonja händeringend. -</p> - -<p> -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -„Eh, Sonja!“ rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern, -hielt sich aber verächtlich zurück. — „Unterbrich mich -nicht, Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals -der Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt -hat, dass ich kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche -Laus bin, wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, -und nun siehst Du, bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast -auf! Wenn ich keine Laus wäre, käme ich da zu Dir? Höre: -als ich damals zur Alten ging, da ging ich nur hin, um zu probieren -... das wisse!“ -</p> - -<p> -„Und gemordet haben Sie, gemordet!“ -</p> - -<p> -„Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, -geht man denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? -Habe ich denn die Alte umgebracht? Mich habe ich -umgebracht und nicht die Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr -umgebracht, in alle Ewigkeit! Diese Alte hat der Teufel umgebracht, -nicht ich ... Genug, genug, Sonja, genug. Lass -mich“ — schrie er plötzlich mit krampfhafter Angst — „lass -mich!“ -</p> - -<p> -Als er sie fragt: „Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen, -wenn ich dort sitzen werde?“ — und sie ihm antwortet: — „O -ich komme, ich komme!“ da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht -sie an und, sonderbar, ihm war’s plötzlich schwer und leid, -dass man ihn so liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche -Empfindung! Als er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt, -dass in ihr all seine Hoffnung und seine endgiltige Ruhe -enthalten sei; er gedachte wenigstens einen Teil seiner Qualen -hier niederzulegen, und nun, plötzlich, da ihr ganzes Herz sich -ihm zugewendet hatte, da fühlte und erkannte er es plötzlich, -dass er unendlich viel unglücklicher geworden war, als er früher -gewesen.“ -</p> - -<p> -Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit -Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals -dasselbe Bild wie im „Totenhause“. Auch auf Raskolnikow -macht die Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch -er fühlt, dass er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch -hingesetzten Nuance, dass er „keinen Glauben“ hat. Anfangs -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -fühlt er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob -seines freien Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil -sie ihre Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht -ertrug. Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht -habe. -</p> - -<p> -„Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht -begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer -stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. -Er begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen -Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt, -eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später -erst erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher -gegen ihn, „Du bist ein Gottloser,“ sagen sie — „Du glaubst -nicht an Gott, Dich soll man erschlagen.“ Sonja jedoch, welche -ihm in die Verbannung gefolgt war und im Städtchen, wo die -Festung lag, sich ihr kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur -um ihn, wenn er mit den anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf -Minuten sehen und sprechen zu können, Sonja wurde von allen -geliebt. „Mütterchen, Sofia Semjonowna,“ sagten sie, „Du unsere -Mutter, Du blasse, kranke usw.“ „Warum?“ fragt er sich, „warum -lieben sie sie?“ Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital -gebracht. Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als -er einmal, Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre -schmächtige Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. -Sie hatte, wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. -Nun erkrankt Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, -und jetzt erst geht ihm an seinem Sehnen und Bedürfen nach -ihrer weichen und starken Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung -auf. An einem schönen frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen -an der Arbeit ist, entfernt er sich für einen Augenblick -aus dem Heizraum und setzt sich am Flussufer auf einem Balken -nieder, da erscheint plötzlich Sonja und setzt sich still neben ihn. -Anfangs bleiben sie schweigend neben einander, er senkt den -Kopf und blickt starr auf die Erde, da: -</p> - -<p> -„Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich -packte ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und -umklammerte ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -furchtbar, und ihr Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf -und sah ihn zitternd an. Allein sofort, im selben Augenblick -hatte sie alles begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches -Glück auf; sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel -mehr, dass er sie liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich -gekommen war, diese Minute.“ ... -</p> - -<p> -„Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. -Thränen standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und -armselig, allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete -schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt -zu einem neuen Leben. — — -</p> - -<p> -Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn -mit Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher -aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach -sie nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das -Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung -erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. -Bis heute hatte er es nicht aufgeschlagen. -</p> - -<p> -Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte -ihn: „Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von -jetzt an nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen -wenigstens.“ -</p> - -<p> -„Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, -in der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so -überaus glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor -ihrem Glücke erschrak. Sieben Jahre, <em>nur</em> mehr sieben Jahre! -Zu Anfang ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide -imstande, auf diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. -Er wusste es ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst -zufallen werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es -mit einer grossen künftigen That bezahlen müssen.“ -</p> - -<p> -Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine -spezifisch russische Seite, die russischen Absichten des Dichters -und das hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine -russischen Leser machen musste. Schon im „Totenhause“ hatte -er es ausgesprochen, dass „in jedem russischen Menschen unserer -Tage der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.“ Das war -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -wohl die Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen -Boden, russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden -wollte, dass für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen -eines Volkes anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft -sei, so muss darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade -der Russe immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht -<em>ausser</em> die anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich -zusammenfassend und im Christentum einigend dachte. -</p> - -<p> -Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte -Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist -nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem -Zweck, das Werk von der russischen „breiten“ Ethik aus zu -beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger -scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der -harmlose „ehemalige Student“ und Freund Raskolnikows. Ihm -legt der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame -Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in -etwas angeheitertem Zustande: „Ich liebe es, wenn man lügt; -das Lügen ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor -allen Organismen voraus hat. Lügst du — so wirst du schon -zur Wahrheit kommen! Darum bin ich eben ein Mensch, weil -ich lüge. Nicht zu <em>einer</em> Wahrheit ist man gekommen, wenn -man nicht früher 14mal, ja vielleicht 114mal gelogen hat. Und -das ist in seiner Weise ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal -ordentlich nach unserem Verstande lügen! Du lüge mich an, aber -lüge nach deinem eigenen Wesen, und ich werde dich küssen. -In seiner Weise lügen, das ist ja besser, als eine fremde Wahrheit -nachreden; im ersten Falle bist du ein Mensch, im zweiten aber -bist du nur ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht verschwinden, -das Leben aber kann man zerstören — es hat Beispiele gegeben. -</p> - -<p> -Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), -in unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem -Denken, unseren Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem -Liberalismus, unserer Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem -noch in der ersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat -uns gefallen, uns mit fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben -— hineingefressen haben wir uns!“ — -</p> - -<p> -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -„... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.“ — -Die zweite Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen -kann, ist die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die -Unschuld des Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, -weil er ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der -Alten für einen Rubel versetzt hatte. Dieser Bursche war auf -derselben Stiege in einer leeren Wohnung mit dem Streichen der -Wände beschäftigt gewesen, als der Mord im oberen Stockwerk -geschah. Er war mit einem anderen jungen Burschen nach -gethaner Arbeit schäkernd und Ulk treibend die Treppe hinabgelaufen, -sie hatten sich im Hausflur, wie 8 Personen sehen -konnten, gebalgt und er war noch einmal in den Arbeitsraum -hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre gestellt. Dort -hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht, um in Untersuchung -gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen ihn, da -er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er zur Verantwortung -gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als man -ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er: „weil -man mich verurteilen wird“. Es ist etwas Ergreifendes in dieser -russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später eine Art -mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu erklären, -zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows Thäterschaft -schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber greift -mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um „unsere -Jurisprudenz“ anzuklagen, welche „niemals, niemals die subjektive -Thatsache der Stimmung, der psychologischen Unmöglichkeit, -einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick sich mit -einem Kameraden zu balgen,“ in Betracht ziehen wird, „weil man -die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte erhängen -wollen“, „was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht schuldig -gefühlt hätte.“ Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo das echt -russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer Selbstverständlichkeit -benützt wird, wie sie an das Unbewusste grenzt, -uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen muss. -Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn gekommen, -eine solche unbegründete Selbstanklage als glaubwürdiges retardierendes -Motiv in einem Romane anzubringen. -</p> - -</div> - -<p> -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze -Begegnung der Freunde in Kopenhagen eingeleitet zu -haben und wieder durch diese aufgefrischt worden zu sein, -und so finden wir den häufigsten Austausch von persönlichen -und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem -Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser -Briefe aus Wiesbaden heisst es unter anderem: „— diesmal -will ich Ihnen über mich schreiben, eigentlich aber -nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen -werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise -anschwärzt. Da aber in einem solchen Falle Phrasen -vollkommen unfruchtbar und auch schwer sind, so will ich -Ihnen offen bekennen, dass ich — in meiner Dummheit -vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich -hatte. Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang -meines Wiesbadener Aufenthalts an, aber ich hatte Glück, -sogar bedeutendes Glück (verhältnismässig gesprochen), -habe mich aber dann in meiner Dummheit vergaloppiert, -alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der abscheulichsten -Situation, die man sich vorstellen kann, und -kann aus Wiesbaden nicht heraus.“ -</p> - -<p> -Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um -nur vom Hôtel loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er -jemand sicher zu finden hofft, der ihm helfen wird. In -einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten Briefe beklagt -er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er -bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken, -„obwohl es ihm nun nicht mehr radikal helfen könne“, -und fügt hinzu, dass die Erzählung, die er eben schreibe, -mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er das Geld in -einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen -können, die er von Katkow, dem Redakteur des Russky -Wjestnik, als Abschlagszahlung für seine Erzählung -(Raskolnikow) erhalten werde. Ein dritter Brief vom -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf -eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. -Er erzählt darin von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen, -die er sofort und im Verlauf einer Woche erlitten -hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden -gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der -vollkommenen Deroute in der Familie des Bruders, die -ihn erwartet habe, und der er alles gleich gab, was er -besass, und ausserdem 100 R., die er dazu aufnahm. Er -bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst -nach der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl -2500 R. einbringen werde. Noch einmal aber von Katkow -vorausnehmen will er nicht. Er findet es nicht politisch, -unmöglich, hässlich; es seien durchaus die Beziehungen -nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er -seines Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für -welchen er ebenfalls sorgt, der ihm aber niemals Freude -gemacht hat, sowie eines kranken Bruders, der nicht -mehr lange zu leben habe. -</p> - -<p> -Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg -am 18. Febr. 1866: „Bester alter Freund Alexander -Jegorowitsch, ich bin durch mein langes Schweigen vor -Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld. Es -würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, -die Ursache meines langen Schweigens klar zu machen. -Die Ursachen sind vielfach und kompliziert, und ich kann sie -darum nicht beschreiben, will nur einiges andeuten. Erstens -sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist das -der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman -in sechs Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben -und fertig; ich habe alles verbrannt, dass kann ich jetzt -bekennen. Es hat mir selbst nicht gefallen. Eine neue -Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich habe -frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -arbeite ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, -dass ich jeden Monat 6 Druckbogen an den Russkij -Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar, allein ich -würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein -Roman ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner -Vollendung der Ruhe für Seele und Phantasie. Mich aber -quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen, mich einsperren zu -lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen fertig -werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich’s überhaupt -werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig -sind und meinen Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf -5 Jahre zu verteilen. Mit anderen aber konnte ich bis -jetzt nicht in Ordnung kommen. -</p> - -<p> -Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das -zerreisst mir Kopf und Herz, verstimmt auf mehrere Tage. -Da setze dich dann hin und schreibe! Manchmal ist das -ganz unmöglich. Darum ist’s auch schwer, eine ruhige -Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig -zu plaudern, weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, -nach meiner Rückkunft, hat mich die Hinfallende schrecklich -geplagt; es war, als hätte sie die drei Monate nachholen -wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt -aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden. -Sie haben von dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle -sein können, wahrscheinlich keine Vorstellung. Nun -sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie sichs -eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im -Februar und März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn -Tage(!) war ich gezwungen auf meinem Divan zu liegen, -vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand nehmen -können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss -ich fünf Druckbogen schreiben! Und liegen müssen, -wenn man organisch ganz gesund ist, nur darum, -weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -sofort Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan -erhebt! — -</p> - -<p> -Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es -wäre besser, wenn ich in Staatsdienst träte; kaum. Mir -ist dort besser, wo ich mehr Geld bekommen kann. In -der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen, dass -ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück -Brot, ja sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie -es ja auch in continuo bis zum letzten Jahr der Fall war. -Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen von meinen gegenwärtigen -litterarischen Geschäften erzählen, und Sie werden -daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande -aus, da ich durch die Umstände bedrängt war, stellte ich -Katkow den für mich niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel -für den Druckbogen ihres Blattes, 150 vom Format des -„Sowremjennik“. Sie waren einverstanden. Später erfuhr -ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses -Jahr nichts Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt -nichts, und mit Leo Tolstoi haben sie sich zerstritten. Ich -bin als Lückenbüsser erschienen (das alles weiss ich aus -sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich laviert -und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche -Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es -schreckte sie für 25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu -125 Rubel zu zahlen. Mit einem Wort: ihre ganze Politik -lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt), den Preis -per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu -steigern. Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, -sie wollen offenbar, dass ich nach Moskau komme. Ich -aber halte aus. Folgendes ist dabei mein Zweck: Hilft -Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich -möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die -Hälfte des Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird -damit erreicht sein, dann erst fahre ich nach Moskau und -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im Gegenteil, -es kann sein, dass sie hinzufügen. — Das wird zu Ostern -sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, -drücke mich zusammen und lebe wie ein Bettler, -werde nur das Nötigste verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, -so bin ich moralisch nicht mehr frei, wenn ich -später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle. -Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im -ersten Januarheft des Russkij Wjestnik erschienen. Er -heisst: „Schuld und Sühne“. Ich habe schon viele entzückte -Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und -neue Sachen darin.“ -</p> - -<p> -Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky -einiger Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und -schliesst: „Übrigens bin ich sehr froh darüber, dass Sie -unser intimes russisches, geistiges und bürgerliches Leben -so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde sehr -angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. -Sie sehen vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie -Ihre Kenntnisse nicht aus ausländischen Zeitungen? Dort -wird systematisch alles verunglimpft, was sich auf Russland -bezieht. — Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man -kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, -thatsächlich unter den Einfluss der auswärtigen Presse. -Sonst aber fühle ich, dass ich in vielem und sogar sehr -mit Ihnen übereinstimme usw.“ -</p> - -<p> -Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: „Bester Alexander -Jegorowitsch! Ich habe mich mit der Antwort verspätet -und eile nun, das Versäumte nachzuholen. Glauben Sie -mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander Jegorowitsch, -das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur -um 8 Tage früher gekommen — ich hätte Ihnen sofort -alles geschickt. Lachen Sie nicht, wenn ich so spreche. -Hier meine Situation. Den ganzen Winter habe ich wie -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit -zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. -— Wohin sind sie gekommen? Ja, man reisst -alles nur so von mir! In der Charwoche bin ich zu Katkow -nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu nehmen.<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a> -Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden -zu fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und -meinen Roman ganz ungestört zu vollenden. Anderswo, hier -in Petersburg, kann ich ihn unmöglich vollenden. Die Anfälle -nehmen zu (was im Auslande nicht der Fall ist). -Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto zudringlicher -werden sie. Indessen sollten sie mir dafür -dankbar sein, dass ich nach meines Bruders Tode die -Wechsel auf meinen Namen schreiben liess und einen Teil -schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel nicht -auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen. -— Allein die Sache hat sich so gewendet, dass -diesmal zur Erteilung des Passes ins Ausland besondere -Formalitäten nötig wurden, sich dadurch alles hinauszog, -der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche -noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben -die Gläubiger die Klage eingereicht und so ist mein Tausender -in Rauch aufgegangen. -</p> - -<p> -Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch -sitze ich da und setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller -Kräfte fort. In diesem Augenblick ist er — meine einzige -Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500 Rubel zu bekommen -haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn für -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als -1500 (man handelt schon darum). Von Katkow aber -werde ich nicht früher als im Juli Geld herausbekommen. -So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli schicken. -Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden -(das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon -um die zweite Auflage handeln, ehe der Roman vollendet -ist), so schicke ich gleich. Sie aber bitte ich, mir, wenn -auch nur in zwei Worten, meine vorjährige Schuld in Reichsthalern -zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe -und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau -entsinne. Ich füge hinzu, dass es mir peinlicher ist, als -Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt nicht schicken kann. Sie -werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich andere -befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner -Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht -geschehen ist; sie sind neben mir und haben mich so bedrängt, -dass ich nicht zu Atem kam — so habe ich alles -willenlos hingegeben usw.“ — -</p> - -<p> -Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus -seiner Erinnerung, dass der Eindruck des Romans ein -ungeheurer war, dass gesunde Leute fast krank davon -wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben -mussten. Was aber die grösste Sensation machte, -war der Umstand, dass zur nämlichen Zeit, als der Teil -des Romans erschien, in welchem sich die Beschreibung -des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger -Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen -einen Mord vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis -auf die damals in der Luft schwebenden falschen -Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind, um das -Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky -schon in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben -angeführten Worte schrieb. -</p> - -<p> -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe -von des Dichters bis dahin erschienenen Werken -veranstaltet werden. Der Herausgeber, Stellowsky, ein -Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste -Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende -Bedingung gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung -eine Erzählung ein, welche noch nirgends gedruckt worden -ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein. Für diese -Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky -dem Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk -um einen Tag später, so erhält Dostojewsky für die -Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht, eine Gesamtausgabe -zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky. -Der Dichter hatte nun die Erzählung „Der Spieler“ niederzuschreiben -begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche -seines Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, so beunruhigt, -dass er fürchten musste, nicht die nötige Sammlung zur Arbeit -zu finden. Ein Brief aus Dresden an N. Strachow, sowie die -Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte, -mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt: -</p> - -<p> -„Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf -die folgende Weise erworben: Ich war in entsetzlichen -Verhältnissen. Nach dem Tode meines Bruders im Jahre -1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen -und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von -einer Tante als Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der -Herausgabe der „Epocha“ — meines Bruders Journal — -zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den geringsten -Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als -Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. -Das Blatt aber fiel, es musste aufgegeben werden; dennoch -setzte ich die Bezahlung der Schulden meines Bruders -sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe ich da -ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -Tode) einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir -gekommen und hatte mich angefleht, des Bruders Wechsel -(er war sein Papierlieferant) auf meinen Namen zu schreiben, -und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten -würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es. -</p> - -<p> -Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln -D.s und eines anderen (ich erinnere mich seines Namens -nicht) zu verfolgen. Von der andern Seite präsentierte -Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz arbeitete, -ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt -hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden, -Journals brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit, -sendet Stellowsky zu mir und lässt mir vorschlagen, ob -ich ihm nicht meine sämtlichen Werke, samt einem ganz -neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., -d. h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete -ich nur ein wenig, so bekam ich von den Buchhändlern -für das Recht der Publikation wenigstens das Doppelte, -liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann bekam ich -sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite -Auflage von „Schuld und Sühne“ allein gegen 7000 Rubel -Schulden eingetauscht (immer Journalschulden — an -Bazunow, Pratz und einen Papier-Agenten). Auf diese -Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift und seine -Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner -Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf -mir lasten. Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage -Bedenkzeit. Das war auch die Klagefrist für den Schulden-Arrest. -Dazu müssen Sie wissen, dass meine Wechsel an -D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals -auch geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie -es scheint, Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) -präsentiert wurden. In diesen 10 Tagen schlug ich mich -überall herum, um Geld für die Auslösung der Wechsel zu -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen -Handel mit Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich -achtmal, fand ihn aber nie zu Hause. Endlich erfuhr ich -durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij), den ich kennen -lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter Freund -Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte -ich ein, und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie -in Ihren Händen ist. Ich bezahlte D...., Gawrilow und -die anderen und reiste mit dem Rest von 35 Halbimperialen -ins Ausland. -</p> - -<p> -Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen -Roman „Schuld und Sühne“ zurück, nachdem ich mit dem -Russkij Wjestnik (Katkow) in Verbindung getreten war -und von diesem schon einiges Geld voraus erhalten hatte. -Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky unterfertigt -hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht -imstande sein würde, den ihm versprochenen Roman bis -zum 1. November 1865 zu vollenden. Er erwiderte mir, -dass er dies auch nicht verlange und nicht vor einem -Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich -aber, zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies -alles wurde mündlich und unter vier Augen verabredet, -aber das schreckliche Pönale, wenn ich zum 1. November 1866 -nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.“ -</p> - -<p> -Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte -uns Anna Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich -den schon im Jahre 1863 geplanten und in vielen kleinen -Notizen, namentlich im Gedächtnisse festgehaltenen Roman -„Der Spieler“ Anfang Oktober 1866 zu schreiben begonnen -und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte, -so sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er -werde die Arbeit gar nicht machen können. Da machte -ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer Hilfskraft zum -Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor -der Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren -von ihm den Namen seiner besten Schülerin -A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um dem -jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz -vorher ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und -bald darauf ihren Vater verloren. Aus dem Wunsche -heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern und auch -um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors -Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde -zukam, anzunehmen. Als sie gar hörte, wem sie in der -Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll Freude und -Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem -grossen Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen -würde. Sie trat zitternd bei ihm ein, wurde jedoch bald -durch einige freundliche Worte, namentlich aber dadurch -ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und der -Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren -vom 4. Oktober bis 1. November noch sieben Druckbogen -zu schreiben und alle ins Reine zu bringen. Anna Grigorjewna -pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor Michailowitsch -zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander -arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der -von ihr mitgebrachten Reinschrift durch, was er gestern -diktiert hatte, dann diktierte er weiter. So ging es bis -zum 30. Oktober fort. -</p> - -<p> -Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky -durch Eilboten gesandt. Er war verreist, unauffindbar. -Sandte man das Päckchen durch die Post, so kam es einige -Tage später in Stellowskys Hände, und Dostojewsky war -verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte Stenographin -auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu -tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den -Empfänger mit dem Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -geschah und der Dichter war gerettet. Die dreitausend -Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden waren, hatte -Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit -der anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die -ihm dazu gedient hatten, den Dichter in die Enge zu -treiben, wieder eingestrichen. -</p> - -<p> -So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, -mehr noch durch ihre kluge und findige Art, des Dichters -Interessen zu fördern, ihm eine unentbehrliche Helferin -erstanden, die er nicht mehr missen konnte. Gegen das -Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie -in ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, -der mit ihnen lebte, kennen zu lernen. Schon nach -wenigen Besuchen erklärte der Dichter Anna Grigorjewna -und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin auch gern -zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen, -das mit grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte -sich niemals eine solche Annäherung träumen lassen. -Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger als anziehend. -So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in -der 20 jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin -anfangs ein erschrecktes Staunen hervor. Doch war es -keine kleine Versuchung für sie, an der Seite eines -Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen Ruhm in -stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie thatsächlich -und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um -ihnen auch Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit -der Hoffnung eines sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie -willigte also ein. „Als ich seine Gattin wurde“ — sagte -sie uns —, „da empfand ich nur Verehrung für ihn, aber -nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von -ihm erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.“ Die Vermählung -fand am 15. Februar 1867 statt, nicht ohne vieles -Abraten von Seiten der Familie Michael Michailowitsch, -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -welche eine Heirat des Dichters als ihren Interessen -schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit -der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten -musste, wenn man in Petersburg blieb, den Dingen eine -energische Wendung zu geben, indem sie zur Abreise antrieb, -welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger -und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war. -</p> - -<p> -Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche -am 22. Februar 1868 in Genf geboren wurde und ebenda -am 12. Mai desselben Jahres starb. Die zweite Tochter, -Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren -und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, -teilweise auf einer Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn -Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in Petersburg geboren -wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim -und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele -Ehren und Preise gewonnen haben. Ein viertes Kind, -Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara <a id="corr-27"></a>Russa geboren -und starb in Petersburg im Mai 1878. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<span class="line1">VIII.</span><br /> -<span class="line2">Vierjähriger Aufenthalt im Auslande.</span><br /> -<span class="line3">(1867-1871.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span>wei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am -14. April 1867, ging das Ehepaar Dostojewsky nach dem -Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit länger zu -bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. -In einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die -Erklärung dazu. Mit der Rückkehr Dostojewskys nach -Russland wären so viele Zahlungen und Verpflichtungen -an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse nicht -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen -Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder -für die Familie des Bruders noch für seine eigene hätte -aufkommen können. Er musste also im Auslande bleiben, -um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse Schuldenlast, -welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich -abzutragen. -</p> - -<p> -Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen -von vielen schweren Sorgen, von der fast ausschliesslichen -Einsamkeit und den Beschwernissen, welche Familienzuwachs -in der Fremde bei beschränktesten Mitteln mit -sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in materieller -wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei -kein Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen -und den langen und ungestörten Meditationen, -sich in dem Dichter die ganz besondere Ausgestaltung -jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm gelebt -hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite -seines Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen, -dass er es nicht mehr für sich allein zu behalten vermochte, -wie er dies früher gethan. Von dieser durchgreifenden -Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen -vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten -hat sie sich sehr klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch -von seiner Auslandsreise zurückkam. Unaufhörlich lenkte -er das Gespräch auf religiöse Themata. „Nicht genug an -dem“ — sagt Strachow — „er war auch in seinem Benehmen -mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt -hatte, ja manchmal geradezu zur Sanftmut wurde, verändert. -Sogar seine Gesichtszüge trugen die Spuren dieser -Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes -Lächeln getreten. Ich erinnere mich“ — fährt Strachow -fort — „an eine kleine Episode im „Slavischen Comité“. -Wir traten zugleich ein und wurden von J. Petrow begrüsst. -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -Wer ist das? fragte mich Theodor Michailowitsch, -der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da -er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft -begegnete. Ich sagte es ihm und fügte hinzu: was für -ein wunderbarer, höchst wunderbarer Mensch! Theodor -Michailowitschs Augen leuchteten freundlich auf, er sah -alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: -„Ja, alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.“ -</p> - -<p> -Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der -Dichter im Laufe seiner Abwesenheit von der Heimat an die -Freunde schrieb, wollen wir Strachows orientierende Erzählung -über die Reisestationen und das Lebensdetail -dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben. -Das Ehepaar ging im April über Berlin nach Dresden, -wo es sich zwei Monate aufhielt. Der Dichter schrieb -hier an seinem Artikel: „Meine Erinnerungen an Belinsky“, -welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow -schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung -übergab, worauf die Arbeit, sowie auch alle anderen, für -diese Sammlung vorbereiteten Artikel, spurlos verschwunden -sind. In Dresden war es namentlich Anna Grigorjewna, -welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor -Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich -dabei jedoch immer auf seine Lieblinge: „Die Sixtina“, -Correggios „Nacht“, Tizians „Zinsgroschen“, den Christuskopf -von Annibale Caracci und die „Abendlandschaft“ -Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde Rujsdaels, -namentlich seine „Jagd“. -</p> - -<p> -Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche -wir aus dem Munde Anna Grigorjewnas haben und welche -einmal durch den Briefwechsel des Dichters mit seiner -Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre -eigentliche Beleuchtung erhalten wird. -</p> - -<p> -Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -den bekannten, sehr engen Verhältnissen lebend, beschliesst -Dostojewsky von dort aus einen Abstecher nach Homburg -zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller Blüte -stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) -sein Glück zu versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt -sich diesem Vorhaben durchaus nicht; weiss sie ja -doch, dass in solchem Falle ein Begehren sich ins Unerträgliche -steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch -ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der -praktische Beweggrund — so viel zu gewinnen, um eventuell -in die Heimat zurückkehren zu können — allein ist, der -den Dichter aus Dresden forttreibt, sondern wohl in -ebenso hohem Grade sein nervöses und künstlerisches -Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen -das ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert -Thaler mit, die ihm zum Glück helfen sollen, über deren -Verlust hinaus aber er nichts riskieren will. Nun beginnt -jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und -Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen -Briefen an die Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. -Selbstanklage, Zerknirschung, Verhimmelung des jungen -Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit ihm -durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm -noch einmal Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen, -ihn heimbringen soll, dies alles ohne Vorwurf und -Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom Augenblick und der -Leidenschaft so oft beherrschten „schlechten Charakter“, -wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie -sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die -ihn durch Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut -zu lenken weiss. -</p> - -<p> -Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar -von Dresden ab, um in die Schweiz zu gehen. In -Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen festgehalten, -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel -hatte hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so -viel verloren hatte, dass er sich nur mit dem von Katkow -ihm gesandten Gelde loskaufen konnte und mit einem Rest -von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine Stimmung -jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, -als er nur der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung, -am Roulettetisch gewinnen zu müssen, entronnen war. -</p> - -<p> -In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 -zu, wo er den „Idioten“ schrieb, welcher Roman im -„Russkij Wjestnik“ mit dem Januar 1868 zu erscheinen -begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11 -oder 12 Uhr stand der Dichter auf, trank Kaffee und -setzte sich zur Arbeit, an der er bis 3 Uhr verblieb. -Dann diktierte er seiner Gattin aus dem Brouillon. Um -4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. -Dann las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen -Abend machte man einen Spaziergang, dann nahm man -den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch ungefähr -um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr -morgens arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser -Ogarew, welcher sie hier und da besuchte und ihnen in -Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs. lieh. Am -22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen, -Sophie, geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte -deren Tod, den der Dichter so schwer empfunden und nie -verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für das Ehepaar -aber auch noch manche andere Beschwerden und -Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon -losrissen und in Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer -über verblieben. Anfangs September gingen sie über den -Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in Mailand -zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz -nieder. Die ganze Zeit wurde die Arbeit am „Idiot“ -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -fortgesetzt, dessen Schluss als Separat-Anhang des -„Russkij Wjestnik“ im Januar- oder Februarheft 1869 -erschien. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -War „Schuld und Sühne“, ohne dass man dies in Europa -beachtete, ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen -Prinzipien und Probleme, so finden wir im „Idiot“, der, -wie wir sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas -ganz anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden -bietet den Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für -sie, während zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem -Zorn und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen -Landsleuten Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, -mit welcher der Dichter die Gesinnungsgenossen einer „längst vergangenen -Zeit“ brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in -dem Roman „Die Besessenen“ noch in höherem Masse durchgeführt. -</p> - -<p> -Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. -Auch sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, -die Charaktere der jungen Generation übertrieben, die -Handlung gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und -es wird ihr gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks -russisch grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden -aber, welche dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, -kaum auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird -uns mit allen Mängeln der Dichtung aussöhnen. -</p> - -<p> -Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des -russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja -schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf -seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu -den russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer -schärfer hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form -seiner christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher -aus der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen. -</p> - -<p> -Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere -Sühne der Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und -Lieben, so steht hier in diesem „Idioten“ eine Verkörperung -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -hoher, christlicher Weisheit, ohne jegliches „Prinzip“, ohne Zwang, -in grösster Anmut vor unseren Augen. -</p> - -<p> -Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys -setzt die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen -wir, dass der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist, -sondern der „reine Thor“, jene herrliche Gestalt, welche in der -Litteratur so vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage -im Parsifal unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht -sagenhaft, als Held, sondern als ein Kind des Volkes, „Iwanuschka-Duratschók“ -noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt -und bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst -ein Stück russischer Sage darstellen wird. -</p> - -<p> -Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; -er ist ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse -friert; er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei -sich und erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit -eines Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte -eines väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem -Lande untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen -geheilt werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet -werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, -seine Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor -zwei Jahren sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt -habe ihn aber dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn -gesorgt und ihn erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach -Petersburg geschickt, ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts -mitgeben können, so dass er nun ohne eine Kopeke anlange und -noch nicht wisse, was er beginnen werde. Seine Reisegefährten -sind: Rogoschin, der Sohn eines ebenso reichen als geizigen und -despotischen Kaufmannes, dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet -hat, um sie einer berühmten Schönheit zweifelhaften -Rufes zu verehren. (Nun ist der Vater plötzlich gestorben und -er kehrt zurück, um sein Erbe anzutreten.) Ferner ein mit allen -Salben geriebener kleiner Beamte, schlechtester Sorte. Beide -lächeln über die Harmlosigkeit des jungen Fürsten, der selbst -erzählt, man hätte ihn in der Schweiz einen Idioten genannt, -was er auch sicherlich ohne die treue Pflege jenes Arztes geworden -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -wäre, nun aber nicht sei, wenn er sich auch noch nicht -ganz genesen nennen könne. -</p> - -<p> -Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna, -kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren -scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude -und Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen -sei, um je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser -das Bild Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten -klar, was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an -Nastassja, sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten -Generalstochter, die ihn liebt, in das reinste Licht stellt. -</p> - -<p> -Nachdem die Reisegefährten angekommen sind, bietet Rogoschin -dem Fürsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser -will sich vorerst an den General Epantschin wenden, dessen -Gattin ebenfalls eine Fürstin Myschkin ist, und hofft sich dort -wegen der Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die -Heimat geschickt hatte, Rat holen zu können. Da er keinen -Wert auf diese Sache legt, sie nur nebenher erwähnt und hilflos-vergnügt -mit seinem Bündelchen weiter zieht, fragt auch niemand -nach dieser Angelegenheit, und er tritt nach einem schüchternen -Läuten in die Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener -misstrauisch von oben bis unten ansieht und endlich -gnädig hereinlässt. Die hier folgende Scene, da der junge Fürst -seinen Namen nennt, aber mit seinem Bündelchen in der Hand -lieber in der Dienerstube bleibt, als dass er in das Wartezimmer -der Gäste ginge, ist ganz ausserordentlich geschildert. -</p> - -<p> -Der Diener hält den Besucher natürlich bald für einen „Idioten“, -gewinnt aber allmählich und unbewusst Sympathie und eine -gewisse Achtung für diesen jungen Menschen, den er gleichwohl -nirgends einzureihen weiss. Für den Leser ist aber von den ersten -Worten, die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen -tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den -letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich -kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen Forderungen, -lässt uns diese genialische Seele keinen Augenblick über -sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz überwunden, -ist auch hier sehr künstlerisch verwendet. Nicht ein -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier -sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so -dass auch darüber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem -„gebildeten Geist“ zu thun haben, sondern mit einem natürlich -entfalteten Wesen. -</p> - -<p> -Manche russische Kritiker haben es abfällig beurteilt, -dass Dostojewsky dem Fürsten Aussprüche tiefster Weisheit -in den Mund legt. Wir können diesem Urteil nicht beipflichten. -Der Dichter hat es wohl abgewogen, welcher Art die -Weisheit sein müsse, die er den jungen Menschen aussprechen -lässt. Immer ist es eine auf das Reinmenschliche gerichtete -Wahrheit, eine Feinheit, die aus dem Gemüt quillt und zum -Gemüt dringt, keinerlei Reflexions- oder Dogma-Weisheit. Und -selbst da, wo Myschkin über den Katholicismus spricht, holt er -seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer erworbenen Tradition -oder einem ausgeklügelten Axiom. Hören wir, was er gleich -zu Anfang der Erzählung mit dem Kammerdiener des Generals -in der Dienerstube über die Todesstrafe sagt. Der Diener fragt -nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den Strafen. -Da erzählt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung durch -die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine, wie sie -so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das sei -noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin: -</p> - -<p> -„Wisst Ihr was? — seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken -alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine, -so ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in -den Kopf gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wäre? -Das scheint Euch lächerlich, ja toll; bei einiger Vorstellung -kommt einem aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket: -wenn man z. B. die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und -Wunden, körperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der -seelischen Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abquälst -bis zum letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der -Hauptschmerz, der heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in -den Wunden, sondern darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst, -dass nach einer Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach -einer halben Minute, dann sofort — Deine Seele dem Körper entflieht, -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -dass Du dann kein Mensch mehr sein wirst und dass das -schon sicher sein wird; die Hauptsache ist, dass es <em>wirklich</em> -geschehen wird. Siehst Du, wenn Du den Kopf unter das Messer -legst und hörst, wie es über ihm knirscht, diese Viertelsekunde, -siehst Du, das ist das schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das -ist nicht meine Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so -überzeugt davon, dass ich Euch offen meine Meinung sagen will. -Einen Totschlag mit einem Totschlag zu sühnen ist eine unermesslich -grössere Strafe, als das Verbrechen selbst. Das Töten -infolge eines Urteilsspruchs ist unvergleichlich furchtbarer, als -der Totschlag eines Räubers. Derjenige, welchen die Räuber -erschlagen, bei Nacht, im Walde oder sonst wie zerhauen, hofft -unbedingt, bis zum letzten Augenblicke, noch auf Rettung. Es -hat Beispiele gegeben, da Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten -war, noch hoffte, dass er noch lief oder flehte. Hier -aber nimmt man ihm diese ganze letzte Hoffnung, mit der zu -sterben es zehnmal leichter ist; man nimmt sie ihm thatsächlich, -unwiderruflich fort. Hier ist ein Urteilsspruch und darin, dass -Du ihm wirklich nicht entrinnen kannst, darin sitzt ja die furchtbare -Qual. Und eine furchtbarere Qual als diese giebt es nicht -auf der Welt. Stellt einen Soldaten im Krieg vor die Mündung -einer Kanone und schiesst auf ihn, er wird immer noch hoffen, -aber leset diesem nämlichen Soldaten das wirkliche Todesurteil vor, -so wird er wahnsinnig<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a>, oder er fängt an zu weinen. Wer hat gesagt, -dass die menschliche Natur imstande ist, das auszuhalten, -ohne verrückt zu werden? Wozu ist eine solche Beschimpfung, -eine so unsinnige, unnötige, so unnütze? Vielleicht giebt es -auch einen solchen Menschen, dem man sein Urteil vorgelesen, -den man sich abquälen liess und dem man dann gesagt hat: -„Geh hin, man hat Dir verziehen“; das wäre ein Mensch, seht ihr, -der was erzählen könnte! Von dieser Qual und diesen Todesschrecken -hat auch Christus gesprochen. Nein! mit einem Menschen -darf man nicht so verfahren!“ -</p> - -<p> -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht -seines eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt, -doch ist dies so glaubwürdig aus dem Herzen des „Idioten“ herausgesagt, -dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung -gereift, hier wie eine Ahnung möglicher Qualen, wie ein Protest -gegen diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes -beleuchten. Mit diesem Gespräch und dem gleich darauf folgenden -Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und -ihren drei schönen Töchtern einiges aus seinem Leben in der -Schweiz erzählt, ist gleichsam das „Leitmotiv“ des ganzen -Romans angeschlagen, durch dessen wirre, gedrängte, mit Personen -und Zufälligkeiten überfüllte Handlung die Gestalt des Idioten -wie ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet. -</p> - -<p> -Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen -Essay „ein grausames Talent“ und meint, die „Wollust an -unnützer Qual der Nebenmenschen“ sei das charakteristische -Merkzeichen seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich immer -nur um das Verhältnis von Wolf und Schaf herumbewege. In -der ersten <a id="corr-28"></a>Hälfte seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky -mit Vorliebe bei den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf -gefressen werde, später aber habe er mit wahrer Wollust die -Gefühle des Wolfes geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese -Vorstellung hat Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt, -welchen der „Idiot“ und später „Die Besessenen“ in ihm -mochten hervorgerufen haben. Es giebt in der That kaum je -eine Lektüre, welche stellenweise solche Qualen hervorzurufen -vermöchte. Allein die Deutung Michailowskys ist durchaus -herbeigezwungen, denn auch hier, in diesen „grausamsten“ Werken -des grossen Dichters und ganz besonders im „Idioten“, wiewohl -er künstlerisch weit schwächer ist als „Die Besessenen“, steht -er nicht nur auf der Seite des Schafes, sondern er löst die heitere, -unbefangene, starke und überzeugte Milde seines Helden wie -einen glänzenden Kern aus dem stachlichen Gehäuse des um -ihn sich schliessenden Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung, -diese Menschen und ihre Zustände, namentlich aber ihr Verhalten -gegen den kranken und durch das Mitleid so überaus erregbaren -jungen Mann, das alles hat etwas Widerwärtiges an sich, das -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -indessen nur zur Hälfte als Vorwurf auf des Dichters Rechnung -zu setzen ist. Wo er die junge Generation nihilistischer, atheistischer -Färbung schildert, da ist er beissend, ja bissig bis ins -Ungerechte, subjektiv bis zur Blindheit. Er, der im gemeinen -Verbrecher des Totenhauses den göttlichen Funken, die „russische -Wahrheit“ sucht und findet, ist unerbittlich gegen Verirrungen -und Trugschlüsse des Geistes, Irrtümer des Herzens, die er -selbst einmal geteilt hatte. Hier liegt die Vermutung nahe, dass -er eben darum, weil er gelernt hatte, diese Richtung in sich selbst -aufrichtig zu verdammen, das Mass für die Beurteilung der selben -Ideen in Anderen verlor. Was uns aber sonst als quälend und -unbehaglich in der Umgebung Myschkins entgegentritt, ist das -zusammengewürfelte Milieu, das in Russland in gewissen mittleren -Kreisen sich bildet, dem der Dichter in jüngeren Jahren wohl -selbst mochte angehört haben, das ihn aber sicher als Romancier -mehr locken musste, als die ausgeglichene Eleganz der hohen -Kreise oder die Einheitlichkeit des Dorflebens. -</p> - -<p> -In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfältigste Leben. -Es verkehren Menschen mit einander, die ursprünglich nicht zusammen -gehörten. Die einen wollen hinauf, die andern müssen -hinunter, alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht -verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen. Das -kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser Existenzen -nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in Aftermiete -(meblirovannye komnaty); der verabschiedete General, der kleine Beamte -mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit ihrer Tochter, verwitterte -Excellenzen, versoffene Kollegienräte, Hochstapler, Spieler, -Cigaretten rauchende „Generalinnen“, das alles lebt in einzelnen -Zimmern auf einem Gange „bei Vermietern“. In den Mietwohnungen -minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft des Lebens; man -lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu dem anderen der -Stubennachbarn, man führt politische Gespräche, trinkt, spielt bis -tief in die Nacht, streitet und versöhnt sich usw. Jener merkwürdige -Typus „verlorener Kinder“ wie sie Dostojewsky als -Sonja in Schuld und Sühne, als Nastassja Philippowna im Idiot -schildert, ist auch aus diesem Milieu hervorgeholt. Was einer -solchen Menschengemeinschaft vom Standpunkt geordneter und -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -vornehmer Verhältnisse als Makel anhaften muss, das bildet wohl -einen Vorzug im Leben jener von unserer Gesellschaft zur -Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky, der konservative Politiker, -ist als Mensch im weitesten Sinne frei und zeigt uns in -diesen Gestalten eine merkwürdige Mischung von Verderbnis und -Naivetät. -</p> - -<p> -Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit -und dieser Stolz der „Verlorenen“, die sich verschenkt, -aber nicht verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie, -wiewohl sie schon „vom Stoff der Schuld“ viel mehr in sich trägt, als die -sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum „Liebesmahle“ -heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es aus -des Generals Kanzlei zu den Damen hinüberbringen. In einem -der leeren Säle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet, bleibt -er stehen, betrachtet dieses schöne, bleiche, magere Gesicht mit -den tiefen Augen und — drückt plötzlich einen innigen Kuss -darauf. Wir bleiben aber nicht lange über den Sinn dieses -Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen -von der Schweiz erzählen muss, da sagt er, dass er dort so überaus -glücklich gewesen sei. Man lächelt, fragt, nötigt ihn zu -reden. „Ich war nicht verliebt — ich war dort .. anders glücklich.“ -Nun dringt man noch mehr in ihn und er fährt fort: „Dort — -waren immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern, -nur mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der -ganze Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie -unterrichtet hätte — o nein, dazu war der Schulmeister da, -Jules Thibaut; übrigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber -ich war die meiste Zeit nur so mit ihnen — und so sind mir vier -Jahre vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit -ihnen über alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern -und Verwandten wurden alle böse auf mich, weil die Kinder zuletzt -gar nicht mehr ohne mich sein konnten und sich immer um -mich scharten. Auch der Schullehrer wurde am Ende mein -grösster Feind. Es erstanden mir dort viele Feinde und alle um -der Kinder willen. Sogar Schneider (jener Arzt, der ihn aufgenommen -hatte) beschämte mich. Aber was fürchtete er denn? -Einem Kinde kann man alles sagen — alles. Mich hat immer -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die Grossen die Kinder -kennen, ja wie schlecht Väter und Mütter ihre eigenen Kinder -verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu verbergen, unter -dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu früh für sie sei. -Was für ein trauriger und unglücklicher Gedanke! Und wie gut -bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie für zu klein -erachten, um etwas zu verstehen, während sie alles verstehen. -Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in der -schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag. -Ach Gott, wenn dich dieses gute Vögelchen ansieht, so vertrauensvoll -und glücklich, so muss man sich ja schämen es zu -betrügen“. — Weiter heisst es dann: „Anfangs lachten mich die -Kinder aus, dann warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es -gesehen hatten, wie ich Marie küsste. Ich habe sie aber ein -einziges Mal geküsst .... Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich -der Fürst zu sagen, um das Lächeln seiner Zuhörerinnen aufzuhalten -— da war nichts von Liebe vorhanden. Wenn Sie -wüssten, was das für ein unglückliches Geschöpf war, so würde -Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie mir. Sie war aus -unserem Dorfe usw.“ -</p> - -<p> -Nun erzählt der Fürst die Geschichte dieses armen, demütigen -Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente; -dabei war sie schwindsüchtig. Einmal war ein französischer -Kommis des Weges daher gekommen, hatte sie bethört -und mit sich genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da -war sie die vielen Werst zu Fuss zurückgegangen, eine ganze -Woche lang, war in Lumpen gehüllt, elend, erkältet heimgekommen. -Die Mutter, welche einen ganz kleinen Handel im -Fenster ihrer Kammer versah und davon lebte, beschimpfte sie, -gab sie dem Hohn und den Schmähungen der Dorfbewohner preis. -Man nahm sie nirgends mehr zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt -wollte ihr keinen Teil der Herde anvertrauen. Schweigend ging -sie aber doch dem Vieh nach und hütete es gut, sodass er ihr -hie und da etwas Brot und Käse gab. Da war es, dass der -junge Fürst sie einmal traf und ihr 8 Francs gab, die er für -eine kleine Diamantnadel eingelöst hatte. -</p> - -<p> -„Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich begegnete -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem Seitenpfade -hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und -sagte ihr, sie möge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts -haben würde. Dann aber küsste ich sie und sagte ihr, sie möge -nicht denken, ich hätte böse Absichten, dass ich sie nicht -darum küsse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie -mir so sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten -für schuldig, nur für sehr unglücklich erachtet hätte. -Ich hatte so sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trösten und -zu überzeugen, dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe, -aber sie hat das, scheint es, nicht verstanden.“ „Dann, als ich -geendet hatte, küsste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich -die ihre und wollte sie auch küssen, allein sie zog sie rasch -zurück. Da erblickten uns plötzlich die Kinder, eine ganze -Schar. Ich erfuhr nachher, dass sie mich schon lange belauscht -hatten. Sie begannen zu pfeifen, mit den Händchen zu klatschen -und zu lachen, Marie aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie -aber begannen Steine auf mich zu werfen.“ -</p> - -<p> -Weiter fährt er fort: „Ich erzählte ihnen, wie unglücklich -Marie sei; bald hörten sie auf zu schmähen und gingen schweigend -davon. Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich -verbarg ihnen nichts, erzählte ihnen alles. Sie lauschten mit -vielem Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche -von ihnen begrüssten sie nun schon zärtlich, wenn sie ihnen begegnete“ -usw. — Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: „nous t’aimons -Marie“! Als sie stirbt, überschütten sie die Kinder mit Blumen, -legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum -Friedhof tragen. Da sie es nicht vermögen, folgt die ganze Schar -ihm weinend nach, und der Grabhügel blüht seither unter ihrer -Obhut. Er aber, der junge Fürst, wird der Kinder unzertrennlicher -Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem -Lehrer angefeindet. Auch sein Beschützer, der Arzt Schneider, -tadelt ihn darob und nennt ihn ein „ewiges Kind“. -</p> - -<p> -Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen -am ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da -handelt. Der junge Fürst ist ungeladen zu jener Schönen, -Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft zusammengerufen -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -worden, um ihren Entschluss zu hören: ob sie, -mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja -Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen -nehmen will, heiraten wird oder nicht. -</p> - -<p> -Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun -haben werde, und tritt nun, seine Scheu überwindend, in die verblüffte -Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen -Gaste zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes, -Wichtigeres bringen. Alles ist gespannt. — Da stürzt Rogoschin, -des Fürsten wüster Reisegefährte, mit einem Schwarm betrunkener -Genossen herein und legt ein Päckchen von 100000 Rubeln auf -den Tisch, womit er Nastassja als Geliebte für sich loskaufen -will; diese schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung -den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden -alten Liebhaber Totzky ins Gesicht. -</p> - -<p> -„Auch noch verpflichtet wäre ich ihm, so meint er wohl; er -hat mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Gräfin gehalten, -und Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anständigen -Gatten hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und -was glaubst du — ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm gelebt, -habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im -Recht! Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm -die Hunderttausend und jag’ ihn fort, wenn’s dich ekelt. Freilich -ist es ekelhaft .... Ich hätte auch schon lange heiraten können -und andere, als diesen hier — aber das ist ja schon gar ekelhaft! -Und wofür habe ich meine fünf Jahre in diesem Zorn vergeudet? -Und wirst du’s glauben (sie wendet sich da an eine Freundin) -oder nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht -habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen -sollte? Das hab’ ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir -damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich hätte ihn -sicher dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu -gedrängt, ob du’s glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen, -denn er ist schon gar zu gierig, hält nicht Stand. Und später, -Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert? -Da hab’ ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass, -wenn er auch um mich gefreit hätte, ich ihn nicht genommen -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -hätte. Ganze fünf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist’s -schon besser auf die Strasse, wohin ich auch gehöre! Entweder -mich mit Rogoschin verlottern, oder morgen unter die Wäscherinnen -gehen! Denn es ist nichts mein eigen, was ich da trage. Geh’ -ich fort, so werf ich ihm alles hin, den letzten Fetzen lass’ ich -hier — wer aber nimmt mich ohne alles — frage nur den da, -Ganja, ob er mich nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der -Spassmacher der Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....“ -</p> - -<p> -„Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja -Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch“, unterbrach sie -dieser; „dafür hingegen — nimmt Euch der Fürst! Ihr sitzet so -da und lamentiert — schaut nur einmal den Fürsten an! Ich -beobachte ihn schon lange ...“ -</p> - -<p> -Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem -Fürsten um. -</p> - -<p> -„Ist es wahr?“ fragt sie ihn. -</p> - -<p> -„Es ist wahr,“ sagt er leise. -</p> - -<p> -(Der Eindruck dieser Scene ist unbeschreiblich.) -</p> - -<p> -„Da hab’ ich einen Wohlthäter gefunden!“ sagt Nastassja -„Übrigens spricht man vielleicht die Wahrheit über ihn, dass -er .... <em>so</em> ist. Wovon wirst du denn leben, wenn du so verliebt -bist, die Rogoschinskaia zu nehmen, für dich, als — Fürstin?“ -</p> - -<p> -„Ich nehme Euch als eine Ehrenhafte, Nastassja Philippowna, -nicht als eine Rogoschinskaia“, sagte der Fürst. -</p> - -<p> -„Ich, ehrenhaft?“ -</p> - -<p> -„Ja, Ihr,“ usw. -</p> - -<p> -Nun wird die Frage des Unterhalts erörtert und es stellt -sich aus einem Briefe, den Myschkin bei sich trägt, heraus, dass -er der Erbe einer steinreichen Verwandten ist und es eben diese -Angelegenheit war, um deren willen man ihn nach Russland -gesandt hatte. -</p> - -<p> -Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst -retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des -Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen höchst aufregenden -und den Leser in quälende Spannung versetzenden Episoden -setzt Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht -mehr stand hält, doch endlich die Vermählung durch. Schon im -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -Brautgewande und vor dem Altar — entflieht die Braut. Spät -in der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint -Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man -lässt ihn nicht ein. Er stellt sich gegenüber Rogoschins Fenster -auf, dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen -schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Fürst, den schon wiederholte -Anfälle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens -zu berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mühe, um zu -begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin führt ihn hinter den -Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis über -den Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Körper. Ein nackter -Fuss, wie aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende -sichtbar und ringsum weisse Gewänder, Spitzen, Brillanten — — -— Sie war mit Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen, -„damit Myschkin sie nicht finde“. Hier hatte sie die -Nacht auf seinem Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer -ins Herz gestossen. Darauf hat er sich zu Füssen des Bettes -vor den Vorhang hingesetzt und gewartet. Nun erzählt er das -alles, vom Fieber geschüttelt, dem Fürsten. „Du sollst aber -keinen Anfall hier bekommen und schreien, sonst musst du fort.“ -— — Allmählich verlässt beide das Bewusstsein. — Am andern -Morgen findet man Rogoschin im Fieber schreiend und rasend, -Myschkin neben ihm auf dem Boden sitzend, nun vollständig -blödsinnig — und dem Kranken bei jedem Schrei zärtlich Haar -und Antlitz streichelnd ..... -</p> - -</div> - -<p> -Es ist wohl hier der Platz für einen Brief, welchen -der Dichter neun Jahre später an einen jener Korrespondenten -richtete, die ihn in seinen letzten Lebensjahren -so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen. -Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und -in mehr als einer Richtung bedeutsam und interessant. -</p> - -<p> -Er lautet: -</p> - -<p class="date"> -„Petersburg, 14. Februar 1877. -</p> - -<p class="adr"> -Geehrter Herr Kowner! -</p> - -<p> -„Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich -ein kranker Mensch bin und sehr schwer an meiner Monatsschrift -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -arbeite. Auch muss ich jeden Monat einige Dutzende -von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine Familie -und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe -thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine -längere Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich. -Besonders mit Ihnen. -</p> - -<p> -Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben -wäre, als Ihr erster Brief an mich (Ihr zweiter -Brief ist etwas für sich). -</p> - -<p> -Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin -über sich selbst sagen. — Über Ihr einstmals begangenes -Verbrechen haben Sie sich so klar und (wenigstens was -mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt, dass ich, -ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese -jetzt mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst. -</p> - -<p> -Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich -natürlich nicht mit Ihnen reden; doch hat es mir gefallen, -dass Sie den „Idiot“ als den besten darunter hervorheben. -Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon fünfzig -Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch -alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren -Anzahl von Exemplaren. Ich habe den „Idioten“ darum -jetzt genannt, weil alle, die mit mir darüber als von -meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes in der -Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich -sehr berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung -nun auch bei Ihnen findet, so ist das für mich nur -um so besser, natürlich wenn Sie aufrichtig sind. Aber -wenn es auch nicht so wäre .... -</p> - -<p> -NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, -dass Sie keinerlei Reue über das von Ihnen begangene -Verbrechen in der Bank empfinden, sind nicht recht nach -meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die -Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein -jeder sich verpflichtet fühlen muss (das heisst, wieder als -einem Symbol). Sie sind vielleicht so gescheit, dass Sie -sich über diese unerbetene Offenheit meiner Bemerkung -nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser, -als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine -falsche Demut, wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie -auch in meinem Herzen freispreche (so wie ich auch Sie -auffordere, mich freizusprechen), so ist es immer besser, -wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun. Scheint -Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine -kleine Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der -höhere, ideale Christ sagt: „Ich habe meinen Besitz mit -den armen und niederen Brüdern zu teilen, ich habe ihnen -allen zu dienen.“ Der Kommunard aber sagt: „Du hast mit -mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu -dienen.“ Der Christ wird recht, der Kommunard wird -unrecht haben.) Übrigens ist Ihnen vielleicht jetzt noch -unverständlicher, was ich Ihnen sagen wollte. -</p> - -<p> -Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann -man sich in einem Briefe nicht aussprechen, besonders mit -Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit, dass wir einen -solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht -erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will -Ihnen nur sagen, dass ich auch von anderen Israeliten -Briefe mit ähnlichen Bemerkungen bekommen habe. So -habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen -Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit -bitteren Vorwürfen schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst -durch diese mir von Israeliten gemachten Vorwürfe, -einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches -schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen -habe, da ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen -Anfalles leidend bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -dass ich durchaus kein Feind der Juden bin, niemals ein -solcher war. Allein — schon ihr, vierzig Jahrhunderte -währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass -dieses Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, -welche im Laufe seiner ganzen Geschichte nicht anders -konnte, als sich als verschiedene status in statu formulieren. -Ein sehr kräftiger status in statu ist unbestreitbar -auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es -aber so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie, -wenigstens teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen -Volksfamilie eine Dissonanz bilden? Sie weisen auf die -Intelligenz der Juden hin — nun, Sie selbst sind ja auch -eine Intelligenz und — sehen Sie nur ... -</p> - -<p> -Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. -Ich habe viele Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen, -die mich auch jetzt oft um Rat angehen. Doch lesen sie -das „Tagebuch eines Schriftstellers“; und obwohl sie, wie -alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich -sind, so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch -zu mir. -</p> - -<p> -Was die Sache der Kornilowa<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a> anlangt, bemerke ich nur, -dass Sie nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. -Aber was sind Sie doch für ein Lehrling. Mit einem -solchen Blick auf das Herz des Menschen und seine Handlungen -bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse -zu versinken ... -</p> - -<p> -... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres -Briefes, gar nicht. Ihr Brief (der erste) ist hinreissend -schön und gut. Ich will mit voller Seele glauben, dass -Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie nicht -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit -in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst -komplizierte und sehr tiefe Sache. — -</p> - -<p> -Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich -Ihnen die mir dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich -aber im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben -es ja bis zum heutigen Tage gesucht, oder nicht? -</p> - -<p> -Mit aufrichtiger Hochachtung -</p> - -<p class="sign"> -Ihr<br /> -Th. Dostojewsky.“ -</p> - -<p> -Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten, -kündet uns dieser Brief die ganze Eigenart Dostojewskys. -Gleichsam im Vorübergehen, wie unbewusst, streift er -einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart und -löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude -über jene, welche den „Idioten“ als sein bestes Werk -ansehen, steckt eine ganze Ethik der unbefleckten Wahrheit, -so wie in jener Parallele zwischen Christ und Kommunard -sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. -Die Andeutung über die Lüge, die „in gegebenem Falle -eine sehr ernste und komplizierte Sache“ ist, deckt sich -mit dem Ausspruch, den er Rasumichin in den Mund legt: -„Lügen wir uns zur Wahrheit durch“, und reisst gleichsam -vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander, -das oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; -und wie gewandt endlich kehrt er, in der Berührung der -Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe gegen -diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die -„nationale Grundlage“ des Volks zu erhärten. — -</p> - -<p> -Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das -in Genf gewesen, doch gab es hier viele Kunstsammlungen, -welche nicht nur von Anna Grigorjewna, sondern auch -von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden. Des -Dichters Lieblinge waren hier Rafaels „Madonna della Sedia“ -und „Johannes der Täufer“. Ganz besonders entzückte -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -den Dichter der Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. -Auch ein Lesesaal war hier, wo man russische -Zeitschriften finden konnte. Ausserdem beschäftigte sich -Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er -Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte -Russen gab es hier gar keine, so dass das Ehepaar zehn -Monate in Florenz zubrachte, ohne mit irgend jemand ein -russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand Theodor -Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das -italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr -ähnlich. In Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten, -weil sie allzuwenig Geld hatten, um sich ein solches Vergnügen -zu gestatten. -</p> - -<p> -Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest, -Wien und Prag nach Dresden. Venedig machte auf den -Dichter einen besonders bezaubernden Eindruck und es -blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs -vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger -und Palacky näher bekannt zu werden, welche ihn sehr -interessierten. Der Umstand jedoch, dass in Prag keine -möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn, Dresden -zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am -14. September (1869) die zweite Tochter geboren und das -brachte neue Freuden und neue Sorgen in das Leben der -Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt einer -Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede -freie Minute, wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen -war. Zu Ende des Jahres schrieb Dostojewsky -den „Hahnrei“ und das ganze Jahr 1870 hindurch die -„Dämonen“ (in einer Übersetzung „Die Besessenen“ genannt), -welche anfangs 1871 im „Russkij Wjestnik“ zu erscheinen -begannen. -</p> - -<p> -Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren -Bekannten; übrigens liebte er es nicht besonders, im Auslande -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -Verkehr mit Russen zu pflegen, die er nur oberflächlich -kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus -russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit -sich genommen oder sich verschrieben hatte, so die Werke -Belinskys, „Krieg und Frieden“ von Tolstoj und einige -andere. Das Buch jedoch, zu welchem er immer wieder -zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der -Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, -nie verlassen hatte, war das Evangelium. -</p> - -<p> -In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben -und, wie Anna Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten -gerade diese zwei Jahre zu den schwersten Zeiten der -freiwilligen Verbannung. „Er litt immer mehr darunter,“ -sagte sie, „dass er sich von Russland entfernt habe, es -nicht mehr kenne.“ In seinen Briefen drückt er oft diese -Sehnsucht nach Russland aus. Allein die Rückkehr war -schwer zu bewerkstelligen, weil man dazu von vornherein -grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass man -nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg -übersiedelte, sondern die Wechsel und Schulden einlöste, -welche von der Leitung der „Epocha“ her noch unbeglichen -waren. Lange warteten sie auf günstige Umstände, aber -so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres -höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte -Geld zu diesem verbraucht. Ein bedeutender Teil ging -für die Erhaltung der Witwe des dahingeschiedenen Bruders, -ein anderer für die des (offenbar nicht wohlgeratenen) -Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die -Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die -zuletzt doch verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen -diesen Schwierigkeiten vor sich sahen, dabei aber fühlten, -dass es ihnen unerträglich wurde, unter diesen Verhältnissen -in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie -sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -nehmen, und kehrten am 8. Juli 1871 nach Petersburg -zurück, wo am 16. desselben Monats ihr erster Sohn -Theodor geboren wurde. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<span class="line1">IX.</span><br /> -<span class="line2">Briefwechsel aus der Fremde.</span><br /> -<span class="line3">(1867-1871.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">B</span>lättern wir nun in den Briefen des Dichters aus -dieser Zeit der Selbstverbannung, so finden wir darin die -Bestätigung alles dessen, was Strachow darüber berichtet -und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles was wir durch -sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen -erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir -aus zwei Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der -uns vorliegenden, 42, einen Umfang von etwa zehn Druckbogen -grossen Formats einnimmt, die Länge einzelner oft -sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material -für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber, -und dies ist wichtiger, weil seine Richtung durch alles -Vorangegangene und namentlich durch das Tagebuch besser -gekennzeichnet ist als durch diese Briefe, deren Wiederholungen -mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche -geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von -einem deutschen Publikum gleichgiltig, ja wohl missverständlich -müsste aufgenommen werden. Auch jenen Briefen, -welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung -voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl -selbst gemacht hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys -Wesen hervorgehoben zu werden verdient. Des -Dichters Briefe sind alles andere eher als „geistreiche -Briefe“; sie sind in noch viel höherem Grade als seine -künstlerischen und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig. -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -In seiner Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei -allem Raffinement des Künstlers) hier wie überall um die -Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen und -Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht -stellen könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach -wie die Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir -glauben ihm aufs Wort, was er noch im Jahre 1856 aus -Sibirien an Apollon Maikow schrieb: „— — Verzeihen -Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe -kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum -eben kann ich die Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat -allzu gute Briefe geschrieben.“ Dostojewskys Stil ist -sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so, wie -ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): „nicht -der kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu -vornehmer Einfachheit geadelten Alltäglichkeit“. -</p> - -<p> -Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick -haben, ist vom 28. August 1867 aus Genf datiert, -an Maikow gerichtet. Nach einer einleitenden Entschuldigung, -dass er so lange geschwiegen habe, und einem -jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer -wie die Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem -wir ihn den besten Freunden gegenüber manchmal ertappen, -beginnt er die zusammenfassende Erzählung seines Reiselebens -wie folgt: -</p> - -<p> -„Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen -Gründen. Der Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur -die Gesundheit, nein, das Leben zu retten. Die Anfälle -wiederholten sich schon in jeder Woche; diese Nerven- -und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, -das war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich -sich zu zerrütten. Das ist thatsächlich wahr. -Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal zu -Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -diese: die Gläubiger konnten nicht mehr länger warten, -und zur Zeit meiner Abreise war schon durch Latkin und -später durch Petschatkin die Klage gegen mich eingereicht. -Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. -Nehmen wir an — ich will keine schönen Worte machen -und mich aufschmücken — nehmen wir an, das Schuldgefängnis -wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich: -Aktualität, Material, ein zweites „Totenhaus“; mit einem -Wort, es gäbe Material mindestens für 4-5000 Rubel, -aber ich habe eben erst geheiratet und, ausserdem, würde -ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause aushalten? -Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir -aber unmöglich geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden -Anfällen, litterarisch thätig zu sein — wie -hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die Verpflichtungen -waren schrecklich angewachsen. -</p> - -<p> -Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans -Ausland habe ich nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt, -der geistige Einfluss des Auslandes werde ein sehr schädlicher -sein. Allein, ohne Material, mit einem jungen Geschöpf, -das sich mit naiver Freude anschickte, mein -Wanderleben zu teilen — ich aber sah in dieser naiven -Freude viel Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte -und quälte mich sehr. Ich fürchtete, Anna Grigorjewna -werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir langweilen; -auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. -In mich aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen -ist krankhaft, und ich sah voraus, dass sie sich mit mir -abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich Anna Grigorjewna -als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt -und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir -geradezu ein Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, -Zwanzigjähriges, das wunderschön und natürlich -unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber kaum die -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der -Abreise vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna -Grigorjewna sich kräftiger und trefflicher erwies, als ich -gedacht hatte, so bin ich dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) -Endlich bedrückte mich die Kargheit unserer -Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen Barschaft -und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an -Katkow ab. Ich rechnete allerdings damit, dass ich im -Auslande sofort zu arbeiten beginnen würde. Was aber -kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder nahezu nichts -geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und endgiltig -an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan -habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden -und manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, -Schwarz auf Weiss ist noch wenig da, dieses Schwarz auf -Weiss aber ist ja das Endgiltige, das allein wird bezahlt. -Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als möglich -hinter uns gelassen — wo ich mich einen Tag aufhielt, -wo die langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine -Nerven bis zur Bosheit zu reizen, und wo ich das russische -Bad besuchte — gingen wir nach Dresden, mieteten -eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest. -</p> - -<p> -Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame: -sofort warf sich mir die Frage auf: wozu bin ich in -Dresden, gerade in Dresden und nicht anderswo, und was -zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu verlassen -und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja -klar (Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche -war auch das, dass ich es zu deutlich empfand, dass es -für mich jetzt, wo immer ich auch leben mochte, ganz -gleich sei — ob in Dresden oder anderswo. Überall war -ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück. -Ich wollte mich sofort an die Arbeit machen und fühlte, -dass es damit durchaus nicht gehe, dass der Eindruck -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -durchaus nicht der richtige sei. Ich las, ich schrieb einiges, -war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält — die Tage -vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische -im Grossen Garten spazieren, hörten billige Musik, dann -lasen wir, dann gingen wir schlafen. In Anna Grigorjewna’s -Charakter kam ein entschieden antiquarischer Zug zum -Vorschein (das freut mich und unterhält mich sehr). Es -ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme -Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, -was sie mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und -womit sie schon sieben Büchlein vollgeschrieben hat. -Aber mehr als alles hat sie die Galerie eingenommen -und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil dadurch -in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind, -um Langweile aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie -täglich besucht. -</p> - -<p> -Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über -die Petersburger und die Moskauer gesprochen und -debattiert haben, über Sie und Anna <a id="corr-29"></a>Iwanowna — es war -teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich -Ihnen nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert. -Ich habe russische Zeitungen gelesen und -mir damit das Herz erleichtert. Da habe ich’s endlich -empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt -hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands -Europa gegenüber und über die oberste Schichte -der russischen Gesellschaft. Aber, was soll man davon -reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht, unser -russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem -Glauben an Europa und die Zivilisation — ebenfalls. Die -Vorgänge in Paris waren ein Schlag für mich. Auch die -guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la Pologne! Puh! -wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie wohldienerisch! -Ich habe mich in meiner früheren Idee nur -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -noch bestärkt, dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft -ist, dass uns Europa nicht kennt und so schlecht kennt. -Die Details aber des Prozesses Berezowski! Wie viel -fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache -ist — wie wenig sind sie mit ihren Reden noch -weiter gekommen, wie ist alles noch auf demselben Fleck, -alles auf demselben Fleck! -</p> - -<p> -Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus -plastischer, das ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit -und unerwarteten Reife des russischen Volkes angesichts -all unserer Reformen (sei es auch nur die der Gerichtsbarkeit), -und gleichzeitig die Kunde von dem durch den Kreisrichter -des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten -Kaufmann erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische -Volk dank seinem Wohlthäter und dessen Reformen nach -und nach in eine solche Lage gekommen ist, dass es unwillkürlich -Thatkraft, selbständiges Sehen erlernt, und darin -liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit ist, -was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger -als die Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So -schnell als möglich nach dem Süden, so schnell als möglich<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a>; -darauf kommt alles an. Bis dahin überall die rechte -Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse Wiedergeburt! -(Über all dieses denkt man hier nach, träumt man, -über all dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier -fast mit niemand verkehre, kann man doch nicht umhin, -manchmal unversehens auf jemand zu stossen. -</p> - -<p> -In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig -im Auslande lebt, alljährlich auf drei Wochen nach Russland -reist, seine Einkünfte einstreicht und wieder nach -Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und Kinder hat, -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem: -warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete -wörtlich (mit gereizter Heftigkeit): „hier ist Zivilisation, -bei uns aber Barbarei. Ausserdem giebt es hier keine -Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé und konnte -den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen -unterscheiden.“ -</p> - -<p> -„Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?“ -</p> - -<p> -„Wie denn nicht, natürlich!“ -</p> - -<p> -„Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? -Der Franzose ist vor allem Franzose, der Engländer — -Engländer, nur sie selbst zu sein ist ihr höchstes Ziel, ja -noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.“ -</p> - -<p> -„Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, -und wir werden erst dann glücklich sein, wenn -wir vergessen werden, dass wir Russen sind und jeder -allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow -hören!“ -</p> - -<p> -„Sie also lieben Katkow nicht?“ -</p> - -<p> -„Er ist ein Nichtswürdiger!“ -</p> - -<p> -„Warum?“ -</p> - -<p> -„Weil er die Polen nicht liebt.“ -</p> - -<p> -„Lesen Sie sein Journal?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich lese es niemals.“ -</p> - -<p> -Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser -Mensch gehört zu den jungen Progressisten, hält sich aber -übrigens, wie es scheint, abseits von allen anderen. In -was für knurrigen und verachtenden Spitzigkeiten bewegen -sie sich doch im Auslande! -</p> - -<p> -Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. -Aber du mein Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, -d. h. eine so erhabene Vorstellung des Menschen, -dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen kann, und -dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -Ideal der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber — —<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a> -haben sie uns hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen -Schönheit, auf welche sie spucken, sind sie alle so niedrig, -selbstsüchtig, so schamlos aufreizend, so leichtfertig, hochmütig, -dass es unverständlich ist, was sie erhoffen und was -ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat er -abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet -habe ist dies: alle diese Liberälchen und Progressisten, -namentlich jene, die noch aus der Schule Belinskys -sind, halten es für ihr vornehmstes Vergnügen und -ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der -Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach -Russland schmähen und ihm offen den Zusammenbruch -wünschen (vor allem den Zusammenbruch!) Diese -Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland lieben. Dabei -aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland -halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen -und mit Lust in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn -man ihnen thatsächlich ein Faktum vorlegte, das man auf -keine Weise leugnen oder in eine Karikatur verstümmeln -könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein -müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur -Qual, bis zur Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens -habe ich bemerkt, dass sie (wie alle, welche lange Zeit -nicht in Russland gewesen sind) entschieden die Thatsachen -nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich -jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz -gewöhnliche Fakten nicht begreifen, die unser russischer -Nihilist nicht einmal leugnet, sondern nur in seinem Sinne -<a id="corr-32"></a>karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor -den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen allen -gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -und dass alle Anläufe zum Russismus und zur -Selbständigkeit — Schweinerei und Dummheit sind .... -</p> - -<p> -Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna -die Unruhe und Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu -kamen hauptsächlich zwei Fakten: 1. Nach Briefen, welche -mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal geschrieben), -zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht -hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der -Tilgung nicht zu denken. 2. Fühlte meine Gattin sich -in gesegneten Umständen (dies bitte ich, unter uns, die -neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man -umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit -meinen Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der -Schwägerin), mit Pascha und einigen anderen? Geld. -Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir irgendwo überwintern, -so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna -Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit -ihr ein wenig reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo -in der Schweiz oder in Italien den Winter zuzubringen. -Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon sehr -stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm -die ganze Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um -500 Rubel Vorschuss gebeten. Wie denken Sie? er hat’s -geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher Mensch! -Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. -Aber hier muss ich meine Niedrigkeiten und -Laster erzählen. -</p> - -<p> -Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle, -dass ich Sie als meinen Richter ansehen kann. Sie sind -ein Mann von Herz, wovon ich mich schon lange überzeugt -habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer hochgeschätzt. -Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen -schuldig zu bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie -allein. Geben Sie mich dem Urteil der Menschen nicht -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es mir ein, -mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende -Gedanke, 10 Louisd’ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. -als Zugabe zu gewinnen, das wäre ja dann genug auf vier -Monate, um mit allem und allen Petersburgern zu leben; -das schlimmste war, dass ich auch früher schon manchmal -gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur -niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in -allem gehe ich bis an die äusserste Grenze, mein ganzes -Leben habe ich das Mass überschritten. Der Teufel hat -dann auch sofort ein Stückchen mit mir aufgeführt: In -drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit -4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir -nun alles darstellte. Von der einen Seite dieser leichte -Gewinnst — von 100 Frcs, in drei Tagen 4000 —, von -der anderen Seite — Schulden, Klageschriften, seelische -Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland zurückzukehren. -Endlich drittens, die Hauptsache — das Spiel selbst. -Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre -es Ihnen, da ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir -vor allem Geld um Geldeswillen nötig war. Anna Grigorjewna -beschwor mich, ich solle mich mit den 4000 Frcs. -zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte -und mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche -Beispiele! Ausser dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich, -wie andere zu 20 und 30000 Frcs, einziehen. (Die -Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie’s -verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte -also weiter und verlor. Ich fing an mein Letztes -zu verlieren, wurde aufgeregt bis zum Fieber — und verlor. -Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna Grigorjewna -versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein -Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem -verfluchten Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede, -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -wohin wir übersiedelt waren!). Endlich war’s genug — -alles war verloren. Endlich musste man sich retten -und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals -an Katkow, bat abermals um 500 Rubel (ohne der -Umstände zu erwähnen; allein der Brief war aus Baden -datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er hat’s -ja geschickt! Hat’s geschickt! So sind also jetzt 4000 -vom „Russkij Wjestnik“ vorausgenommen!“ -</p> - -<p> -Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky -dem Freunde die Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, -dass sie in Genf angekommen seien, bei zwei -alten Frauen Quartier genommen haben und nun am -vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche -und weitere 50 Rubel für die zwei nächsten Monate in -Aussicht haben. Nun folgt einer jener bekannten kindlich -schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen ausführlichen -Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung -und Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters -Menschliches und Allzumenschliches! In einem Briefe vom -15. September an denselben Freund erwähnt er, dass -dessen 125 Rubel sie gerettet haben. -</p> - -<p> -Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über -seine Gesundheit, welcher das Klima schade, da er jeden -zehnten Tag ungefähr einen Anfall habe, nach welchem -er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich folgende -Stelle: „Habe ich Ihnen schon über den hiesigen -Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben -nicht nur keinen solchen Unsinn gesehen oder gehört, -sondern nicht einmal angenommen, dass die Menschen -solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie -sie sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und -wie sie die Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich -schon früher keinen Zweifel darüber, dass ihr erstes Wort -Zank sein werde. So geschah es auch. Sie fingen mit -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen -überflüssig seien und dass man lauter kleine -daraus machen solle; dann: dass es keinen Glauben zu -geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei und Geschimpfe: -Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen -davon lesen und hören, sehen wahrlich alles -verkehrt. Nein mit eigenen Augen solltet Ihr schauen, -mit eigenen Ohren hören.“ Über Genf, seine ungünstigen -klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine -Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem -Briefe vom 21. Oktober geradezu verzweifelt aus. Im -Zornausbruch sagt er: „Und was sind das für selbstzufriedene -Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer -Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier -hässlich, faul, teuer, Alles ist hier betrunken! So viele -Renommisten und so viele betrunkene Schreiliesen giebt -es sogar in London nicht. Und alles bei ihnen, jeder -Pfosten — ist herrlich und grossartig. „Wo ist die Rue -N. N.?“ — „Voyez monsieur, vous irez tout droit, et -quand vous passerez près de cette majestueuse et élégante -fontaine en bronze, vous prendrez etc.“ — Diese majestueuse -élégante fontaine — ist der allerhinfälligste, geschmackloseste -Rococo-Quark; aber man kann nicht -anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse -fragt usw.“ -</p> - -<p> -Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. -Der nächste Brief an Maikow ist nach einem Zeitraum -von sechs Monaten geschrieben. In diese Zeit fällt -die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so -sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz -über ihren drei Monate später erfolgten Tod ersehen. -Eine Reihe intimer Briefe aus jener Zeit ist teilweise in -Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand gegeben -worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -1868 wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: -„Einzig und allein das Kind zerstreut uns beide, — aber -es ist eine quälende Freude — wenn Du in die Zukunft -blickst — ach!“ -</p> - -<p> -Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust -des Kindes schon den ganzen Brief. „Meine Sonja -ist gestorben, vor drei Tagen haben wir sie begraben. -Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst, -dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor -der Katastrophe gesagt, dass ihr besser sei und dass sie -leben werde. Sie war im ganzen eine Woche krank — eine -Lungenentzündung war’s. Ach, Apollon Nikolaewitsch! -mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich -gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen -vielen Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber -ausgedrückt haben! Es war ja nur ich, der für sie lächerlich -war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben fürchte ich mich -nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so armselig, -so klein — für mich war es schon eine Persönlichkeit -und ein Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, -lieb zu haben, sie lächelte, wenn ich auf sie zukam. -Wenn ich ihr mit meiner komischen Stimme Lieder sang, -so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint -oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie -hat zu weinen aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun -sagen sie mir zum Troste, ich würde noch andere Kinder -haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige Persönlichkeit, -um derentwillen ich, offen spreche ich’s aus, die -Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? -Nun — lassen wir das, meine Frau weint. Übermorgen -werden wir uns endlich von unserem kleinen Grabhügel -trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna -(Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine -Woche vor des Kindes Tode gekommen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -„Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von -Sonjas Krankheit, habe ich gar nicht arbeiten können. -Abermals habe ich eine Entschuldigung an Katkow geschrieben, -und im Maiheft des „Russkij Wjestnik“ werden -abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe -jetzt Tag und Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, -und vom Juniheft angefangen wird der Roman wenigstens -anständig erscheinen.“ (Es handelt sich um den „Idiot“.) -</p> - -<p> -Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an -Maikow gerichtet ist, entschuldigt sich der Dichter über -sein langes Schweigen damit, dass er trotz vieler Anfälle -und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht gearbeitet -habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend -sagt er noch einmal: „Niemals bin ich unglücklicher gewesen, -als in dieser ganzen letzten Zeit. Ich will Ihnen -nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit vorschreitet, -umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger -stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die -Augen. Es giebt Minuten, die ich nicht ertragen kann. -Sie hat mich schon gekannt, sie hat mich an ihrem Todestage -— als ich aus dem Hause ging, um die Zeitungen -zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben -würde — da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, -dass ich es bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher -sehe. Nie werde ich das vergessen und niemals werde -ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn auch ein -anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich -es lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche -Sonja! Ich kann nicht begreifen, dass sie nicht da ist und -ich sie niemals mehr sehen werde.“ -</p> - -<p> -In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf -ihn „nicht böse sei“, schreibt er am 19. August nach einer -Klage darüber, dass er keine Antwort erhalten habe: -„Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf mich -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief -oder der Ihre in Verlust geraten.“ -</p> - -<p> -„Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: -Ihr Brief (der letzte, vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen -kann, dass es möglich wäre, nach so herzlichen -Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich zu -werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in -Verlust geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und -liest alle meine Briefe, und da der Genfer .... allen -gegebenen Daten nach (bemerken Sie wohl, nicht Annahme, -sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste leistet, -so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem -er in geheimer Verbindung steht — wie ich sicher weiss — -einige meiner Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich -habe ich ein anonymes Schreiben erhalten, das mir mitteilt, -ich werde verdächtigt (weiss der Teufel wessen verdächtigt), -und dass befohlen worden sei, meine Briefe zu -eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich -sie passiere, um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. -Darum glaube ich fest, dass Ihnen entweder mein -Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist. (NB. Aber -wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen -bis zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen -hingegeben hat, der den Kaiser vergöttert — wie soll er -Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu irgend welchen -Polaken oder dem Kolokol<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a> ertragen ...! Unwillkürlich -sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. -Wen haben sie nicht alles von den Schuldigen bei uns -übersehen, und den Dostojewsky verdächtigen sie!)“ -</p> - -<p> -An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass -Dostojewsky dieses „Nichtglauben an das böse sein“ -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -mehr als Festigung für sich gesagt habe, denn als einen -Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: „Apollon Nikolajewitsch, -mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund -genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, -bei dem Gedanken, dass Sie böse auf mich sind! -</p> - -<p> -Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: -sind Sie böse, so erklären Sie die Ursachen, und sind Sie -es nicht, so schreiben Sie, dass Sie mich lieben.“ -</p> - -<p> -Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist -Kommentar für vieles im Leben und in den Werken des -Dichters. -</p> - -<p> -„Mit dem Roman“, fährt er fort, „bin ich unzufrieden -bis zum Ekel. Ich habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, -konnte aber nichts machen: Die Seele ist krank. -Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den dritten -Teil machen. Verbessere ich den Roman — erhole ich -mich selbst; wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese -ganze Zeit unglücklich gewesen. Sonjas Tod hat mich -sowohl als meine Frau heruntergebracht. Meine Gesundheit -ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt -die Nerven“, hiess es an anderer Stelle. — -</p> - -<p> -Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist -schon vom 7. Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen -Entschuldigungen über sein längeres Schweigen kommt -Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines Missverständnisses -zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits -zu teilen scheint. Dies redet er jenem aus: „Nein, -mein Herz ist anders geartet, und sehen Sie, wir haben -einander vor 22 Jahren kennen gelernt (zuerst bei Belinsky, -erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das Leben -viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit -seinen Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt -in diesem Augenblick — sind ja nur Sie da, d. h. der -einzige Mensch, an dessen Herz und Seele ich glaube, den -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen die -meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders -sein, als dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener -Bruder? Ihre Briefe haben mich erfreut und -ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein sehr trauriger. -Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und erschöpft. -Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im -Monat schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem -Leben, nichts von russischen Eindrücken ringsherum; -für meine Arbeit war das aber von jeher unentbehrlich. -Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans -loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. -Es quält mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen -Roman voraus, etwa ein Jahr voraus schreiben, und hätte -dann zwei bis drei Monate zu Reinschrift und Korrekturen -vor mir, ganz etwas anderes herauskäme — dafür stehe -ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe -ich es deutlich.“ -</p> - -<p> -Weiter heisst es dann: „Mein hiesiges Leben wird -mir schon allzu schwer. Gar nichts Russisches, nicht -ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun schon volle -sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung. -Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, -übersiedelten wir nach Vevey, dorthin kam auch Anna -Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey reizt die -Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts -erkrankte sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und -nun sind wir vor zwei Monaten über den Simplon nach -Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber das -Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem — tötliche -Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt -sie sich nach Russland, und wir beide weinen um Sonja. -Wir leben trübselig und klösterlich. Anna Grigorjewnas -Charakter ist empfänglich, thätig; hier kann sie sich mit -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt, und -obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor -1½ Jahren, so drückt es mich doch, dass sie mit mir -in einer so traurigen Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr -schwer zu tragen. In der Perspektive steht weiss Gott -was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so -wäre ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist -schwer zu denken — keinerlei Mittel. Das heisst soviel -als: hinkommen und in den Schuldenarrest hineinfallen. Aber -dort bin ich ja nicht mehr ein Arbeitsmensch. Gefängnis -ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht, folglich werde -ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich -dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde -ich leben? Wenn mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe -liessen — sie haben mir aber durch drei Jahre keinen -ruhigen Moment gelassen —, so würde ich dazu kommen, -ihnen nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld -abzutragen. Wie bedeutend auch meine Schulden sind, -so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was ich schon -mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch fortgefahren, -um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des -„Idioten“ Sprünge bekommen. Wenn er auch einen gewissen -Wert hat oder haben wird, so ist wenig Effekt darin; -Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich notwendig, -auf die ich noch vor wenigen Monaten blind -rechnete und die etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da -der Roman noch nicht einmal vollendet ist, ist an eine -zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich nach -Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen -sollte; hab’ ich doch seinerzeit genug verdient! -Hier aber werde ich stumpf, begrenzt, entferne mich im -Geiste von Russland; keine russische Luft, keine Menschen! -Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon -gar nicht begreifen, das sind — Wahnsinnige. -</p> - -<p> -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In -Mailand aber zu bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen -in einem Monat nach Florenz übersiedeln, dort werde ich -auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich immer -noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout -verbrauchen, obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, -mit der Vollendung des Romans, endet auch, das versteht -sich, die Geldeinnahme von Katkow. Dann: abermals -Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an -Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was -ich zuerst vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert. -</p> - -<p> -Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein -ganzes Herz bei Ihnen weilt und Ihre Briefe mir wahre -Himmelsmanna sind. Ich habe mich über die Nachricht -von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals -etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, -dass Nikolai Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner -würdige Beschäftigung findet. Gerade er muss Redakteur -sein und darf sich nicht auf irgend ein Ressort in der -neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des -Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft -haben. Jetzt also, was kann es jetzt besseres für Nikolai -Nikolajewitsch geben? Die Hauptsache ist, dass er an -seinem Ort frei schalten kann. -</p> - -<p> -Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift -unbedingt im russischen Geiste gehalten sei — so wie Sie -und ich das verstehen —, wenn auch, sagen wir, nicht im -rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber -Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, -eben nicht allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. -Nach dem Panslavisten-Kongress in Moskau haben nämlich -viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die Russen -von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht -haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -zu imponieren; dabei sei bei ihnen selbst wenig zu finden -und welch ein Mangel an Selbsterkenntnis usw. Und -glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in Prag z. B., -uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom französischen -Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht -sogar darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen -wenig um die allgemein angenommenen Formen der -abendländischen Civilisation bekümmern. Was sollen wir -also hinter den Slaven her sein? Sie studieren — das ist -eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur Verbrüderung -hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich -hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen -brüderlich handeln, das sollen wir unbedingt. -</p> - -<p> -Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der -Zeitschrift auch eine politische Schattierung verleihen -wird — von Selbsterkenntnis gar nicht zu reden. Selbsterkenntnis -— das ist unsere lahme Stelle, die brauchen -wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch -glänzend machen, und ich bereite mich mit unersättlicher -Lust darauf vor, seine Artikel zu lesen, die ich so lange, -seit der „Epocha“ nicht gelesen habe. Es wäre gut, -wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als -möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es -z. B. 2000 Rubel für Sachen im Genre „Minin“ oder -anderer historischer Dramen von Ostrowskij zahlte; wenn -er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann man -sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste -man, nach meiner Meinung endlich in die Hand nehmen -und nicht nur den Namen bezahlen, sondern lediglich das -Werk — was bis heute noch keine Zeitschrift zu thun -gewagt hat, „Wremja“ und „Epocha“ nicht ausgenommen. -Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern -einer Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das -heisst gleich anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember -1868 datiert und sehr eilig und geschäftsmässig geschrieben. -Über den „Idiot“ finden sich folgende Stellen darin: „Ich -habe mich entschlossen, für das Dezemberheft alles fertig -zu machen, sowohl den vierten Teil als den Schluss; mit -dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine. -Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen -in vier Wochen schreiben müssen. Ich habe plötzlich -erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun, ohne -den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, -alles übrige schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist -und ich jedes Wort auswendig weiss. Wenn der „Idiot“ -Leser hat, so werden diese vielleicht durch das Unerwartete -des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein -nach einigem Nachdenken werden sie zugeben, dass ich -es so ausgehen lassen musste. Überhaupt ist dieser -Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss betrachtet. -Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen; -aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe -ich Ihnen als Freund eines oder das andere darüber, was -ich selbst davon denke.“ -</p> - -<p> -In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung -neuer Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in -der gedachten Form es nie gekommen ist. Da heisst es: -„Die verfluchten Gläubiger werden mich endgiltig umbringen -— dumm hab ich’s gemacht, dass ich ins Ausland -ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest -eine Weile zu sitzen. Könnte ich mich nur mit -ihnen einigen! Aber auch das kann ich nicht, weil ich -persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich -darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, -welche weiter nichts als einer ochsenhaften, mechanischen -Arbeit bedürften und dabei unbestreitbar Geld einbringen -würden. Es ist mir solches ja schon manchmal gelungen. -</p> - -<p> -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen -Roman; sein Name ist „Atheismus“. Ehe ich mich aber -an ihn machen kann, muss ich fast die ganze Bibliothek -der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen durchlesen. -Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor -zwei Jahren fertig werden. Die Hauptperson habe ich: -ein Russe unserer Gesellschaft, schon bei Jahren, nicht -sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet, und nicht -ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei -Jahren ist, verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes -Leben hat er nur mit seinem Dienst zu thun gehabt, ist -niemals aus dem Geleise getreten und hat sich bis zu -seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet. (Psychologisches -Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) -Der Verlust des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders -sind im Roman Wirkung und Umstände — sehr bedeutend). -Er huscht herum bei den Jungen, bei den -Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, -Einsiedlern und Priestern. Unter anderem fällt er sehr -stark einem agitatorischen Jesuiten ins Garn, einem Polen; -er sinkt von da in die Tiefe der Flagellanten und — am -Ende findet er Christum und die russische Erde, den -russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, -sagen Sie es niemand, aber bei mir ist es so: -diesen letzten Roman schreibe ich — ja sterben will ich -meinetwegen daran, aber — ich spreche mich ganz aus). -</p> - -<p> -Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe -von der Wirklichkeit und dem Realismus als unsere Realisten -und Kritiker. Mein Realismus ist realer als der -ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir -Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen -Entwickelung durchlebt haben — würden da die Realisten -nicht schreien, dass dies Phantasie ist? Indessen aber ist -es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja eigentlich Realismus, -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -nur tiefer, während er bei ihnen seicht einherfliesst. -Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil -der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit -unserem Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es -ist vorgekommen. Mein Täubchen, lachen Sie nicht über -mein Selbstgefühl, aber ich bin wie — —: „lobt man -mich nicht, so werde ich selbst mich loben“. -</p> - -<p> -Indessen aber muss man leben. Den „Atheismus“ -schleppe ich nicht zum Verkauf (über den Katholicismus -und die Jesuiten im Verhältnis zur Orthodoxie habe ich -aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu einer -ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die -mich sehr anzieht. Noch eine Idee hab’ ich. Zu was -soll ich mich entschliessen und wem die Arbeiten anbieten?“ -</p> - -<p> -Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente -Dostojewskyscher Aussprache, die wir zerstreut -und anders verteilt in den Brüdern Karamasow wiederfinden, -dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu -sagen anhebt, dabei der Dichter „meinetwegen sterben“ -will. Eine sehr bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle -finden wir in des Dichters Tagebuch-Notizen aus dem -Jahre 1880. Da heisst es: „Die Nichtswürdigen haben -mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen -Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche -Kraft der Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in -dem „Inquisitor“ und dem vorangehenden Kapitel niedergelegt -ist und welchen der ganze Roman als Antwort -dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also -glaube ich an Gott. Und diese Leute wollen mich belehren -und lachen über meine mangelhafte Entwickelung! -Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine solche Kraft -der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. -An ihnen ist’s, mich zu lehren!“ -</p> - -<p> -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. -„Florenz ist schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen -im Garten „Boboli“ blühen bis heute im Freien. Und -was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich habe -im Jahre 1863 die „Madonna della Sedia“ übersehen! -Nun besehe ich mir alles seit einer Woche und habe sie -erst jetzt erblickt. Aber ausser ihr, wie viel Göttliches! -Allein ich habe alles bis zur Vollendung des Romans -stehen gelassen.“ -</p> - -<p> -Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien -Belege dafür, dass Dostojewsky, der grosse Dichter und -Schöpfer ein Apostel war, aber kein „Kunstliebhaber“ -und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen -Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine -Kunstschätze muss es merkwürdig berühren, in diesen -Briefen nur kurze Andeutungen all des Herrlichen zu -finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder -der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen -neue Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts -von alledem bei Dostojewsky; ja, die ewige Klage: „fern -von Russland keine Anregung, keine Arbeit möglich, entsetzliche -Vereinsamung, Langweile, Heimweh“, sein Urthema -findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht -russische Menschen da, an welchen er es im Geiste zu -variieren vermöchte. So sehen wir ihn kämpfen, leiden, -schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden Geistern -europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung -in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den -Werken des Dichters kritisch nachspürt, wird darin neben -dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu Tage tritt und dem -Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu ein -Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht -wohl vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, -das ihn wohl schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -seinen Werken veranlasst; so ist denn auch seine Wirkung -auf uns viel mehr eine menschliche Erschütterung, als eine -ästhetische Anregung. -</p> - -<p> -Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung -russischen Schriftwesens — heute wenigstens, -da diese noch im Kampfe steht — das künstlerische -Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten -Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, -der erste von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland -gerechnet wird, der letztere sich selbst erst seit jener -Epoche dazu rechnet, da er der künstlerischen Auffassung -des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns aber -Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er -seine Werke ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens -schwere Not Zeit und Ruhe dazu liesse, so müssen wir -dies so verstehen, dass alle innere Realität noch feiner -herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen -der Menschenseele zu sich selbst und ihrer -Wahrheit noch urgründlicher uns aufgeschlossen würden. -Allein die Gegenständlichkeit der äusseren Welt und ihre -Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der -Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das -zur Kunst gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, -als es heute in den Gestaltungen des Dichters der -Fall ist, wo die Scenerie, in welcher die Handlung vorgeht, -nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als vielmehr -im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und -dessen Träger aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler -Nacht, erhellt wird; ein dem modernen französischen Impressionismus -diametral entgegengesetzter Vorgang. -</p> - -<p> -Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen -Stelle so deutlich, so schlagend mit Thatsachen belegen zu -können, als dies während des Aufenthalts in Italien durch -des Dichters Briefe an seine Freunde sich uns darbietet. -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist -ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom -12. Dezember 1868. Nach einigen Erinnerungen an ihren -gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und nach Vergleichen -mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter -mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe -fort: „Dass die Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, -das ist vollkommen richtig. Ja, eigentlich hat sie schon -aufgehört, wenn man’s so nehmen will. Und das schon -lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt -aus muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn -das eigene, echt russische und originale Wort versiegt ist, -so hat sie auch aufgehört; ist kein Genius in Sicht — so -hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat sie aufgehört. -Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen. -Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich -gebe zu, dass hier auch vom Unserigen vorhanden ist, aber -wenig. Übrigens aber ist es ihm nach meiner Meinung -gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen, und -darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber -lassen wir das. — Was sagen Sie aber da über sich? -„Nein, hoffen Sie nicht auf mich!“ Diese Worte können -doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai Nikolajewitsch? -Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist, immerfort -für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, -so geht es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und -Bestellungen erdrücken zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, -besonders mit den Jahren. Allein beruhigen Sie sich: das -innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie niemals verlieren. -Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel -im Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit -Befriedigung schreiben, namentlich wenn Sie in die Wärme -kommen. Aber es ist ja genug nicht nur an dreien, -sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit -auf sie zu lenken. Aber die Hauptsache ist — -die Redaktion. Die Redaktion ist die allerwichtigste Sache: -unser Auge, unsere Hand und unsere immerwährende -Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die Hauptsache.“ -</p> - -<p> -Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten -Briefe an Strachow feuert der Dichter den Freund wieder -an, bei der Gründung des neuen Blattes auszuharren, gegen -die Opposition der Mehrheit, die jedes neue Blatt angreift, -Stand zu halten. „Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen -nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie -aber sind ohne Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, -dass der Erfolg eines Blattes von der Minderheit abhängt. -Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch sein (sogar -ungeachtet aller „Plutzer“ und Irrtümer des Blattes, -welche es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit -wird gegen Ende des Jahres sicherlich erstarken und -sich festigen. Warum ich so überzeugend spreche? Weil -in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt -unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden -ist, zu wachsen, während alle anderen „klein werden“ -müssen. -</p> - -<p> -Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle -Sache, Sie wissen das selbst. Um dieses Gedankens -willen, besonders, wenn man anfangen wird, ihn zu begreifen, -d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander setzen werdet, -wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar -Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, -fortschrittliche und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. -Wenn Ihr das aber endgiltig werdet auseinandergesetzt -haben, dann werden alle mit Euch gehen. Indessen aber -sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken -immer im Veralteten und Abgestandenen. Die „Vaterländischen -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -Annalen“, das „Djelo“ rechnen sich sicherlich -zu den Vorgeschrittensten. -</p> - -<p> -Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor -allem das, dass Euch die Zukunft gehört. Nun aber -wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und viele der -Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die -grosse Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so -gross und erfordern so viel Vertrauen und Zähigkeit, dass -Sie das erst nach langer Zeit voll erkennen werden. So -scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem -Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der -Redaktion half. Aber die „Wremja“ und die „Epocha“ -haben sich, wie Sie selbst wissen, zu einer solchen Offenheit -und Nacktheit im Aussprechen ihres Gedankens niemals -verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse -gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit -der Hauptsache begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich -heisst es: feststehen.“ -</p> - -<p> -Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung -der Begriffe „liberal“ und „abgestanden“ zu -folgen oder ihr gerecht zu werden. Es ist das eine der -Grundursachen der Missverständnisse, die zwischen den -Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen -und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener -Grundlage obwalten. Nur ein langer Aufenthalt in Russland -und ein vorurteilsloses Eindringen in die Bedingungen -dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden -hinzutretender „europäischer“ Elemente vermöchte uns -darüber zu belehren, in welchem der beiden Axiome mehr -Menschenvernunft liegt. -</p> - -<p> -In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: „Sie -haben eine unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo -Tolstoj, schon seit der ganzen Zeit, da ich Sie kenne. -Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der „Zarja“ [dem -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten -Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, -wollten Sie sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders -anfangen konnten, als mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten -Werke [„Krieg und Frieden“]. Im „Golos“ hat ein Feuilletonist -gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen Fatalismus -teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, -aber daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher -nehmen die Leute, sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle -und Ausdrücke? Was heisst „historischer Fatalismus“? -Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene Routinierten -und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht, -als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus -nicht klug werden kann? Er will ja offenbar etwas sagen; -dass er Ihren Aufsatz gelesen, daran ist kein Zweifel. -Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo Sie von -der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche -von Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken -über Tolstoj aus. Man könnte sich nicht klarer ausdrücken, -der nationale russische Gedanke ist da nahezu ganz nackt -dargelegt. Und das gerade haben sie nicht verstanden -und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen -Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. -Der Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, -im höchsten Grade vollendet niedergeschrieben. Aber mit -einem und dem anderen Detail bin ich nicht einverstanden. -Natürlich würden wir persönlich anders miteinander sprechen -können, als es schriftlich geschieht. -</p> - -<p> -Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen -Repräsentanten unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft -gehört. Aber wissen Sie was? Ihren Brief habe ich mit -Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone, dass Sie -aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser -Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -Ungewohnheit, zu bestimmter Frist und ausdauernd zu -arbeiten. Sie müssen unbedingt drei grosse Artikel im -Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen, glauben -Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; -eine geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine -grosse. Dabei sind Sie offenbar die unentbehrlichste Person -der Redaktion in Bezug auf die klare Darlegung des -Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie nicht -in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen, -Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und -andauernden Wirksamkeit, und auf keinerlei Unannehmlichkeiten -achten. Jede Unannehmlichkeit steht unvergleichlich -tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen -lernen und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen -zu lassen, dazu haben Sie nicht einmal das Recht; ich -würde dann der Erste sein, Sie zu verfluchen.“ -</p> - -<p> -In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: „Ich -danke Ihnen sehr, dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich -befinde mich immer gleich, das heisst meine Anfälle sind -sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten Zeit, -vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des „Idioten“ -sehr beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, -Ihre Meinung darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich -habe meine eigene Anschauung über das Schöpferische in -der Kunst; und das, was die Mehrheit fast phantastisch -und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das -eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit -der Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, -das ist meiner Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! -In jedem Zeitungsblatte begegnen Sie Berichten -über die wirklichsten und die absonderlichsten Geschehnisse. -Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie befassen -sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch -Wirklichkeit, weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -bemerken, beleuchten und beschreiben? sie sind alltäglich, -allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen — — ‚ein pseudo-russischer -Zug, dass der Mensch alles anfange, sich mit -Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal -fertig bringe.‘ Was für abgestandenes Zeug! Was für -ein armseliger, leerer Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! -Ein Klatsch über den russischen Charakter, -noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und -Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! -Und immer dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise -lassen wir die ganze Wirklichkeit uns vor der Nase vorüber -gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten -und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung -will ich gar nicht reden — der Teufel weiss, was die sein -soll! Ist dann nicht mein phantastischer „Idiot“ Wirklichkeit, -ja die alltäglichste Wirklichkeit? Ja, eben jetzt -muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen -Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den -Schichten, die in der That phantastisch erscheinen. Allein -da ist nichts zu sagen! Vieles im Roman ist eilig hingeschrieben, -vieles zu breit und misslungen. Manches aber -ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern -für meine Idee ein.“ -</p> - -<p> -Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, -wie immer, auf ein Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: -„Jetzt will ich Ihnen, als einem alten Freund und Mitarbeiter, -im Vertrauen noch eines verraten, was mich -ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich -seit mehr als Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, -scheinen Ursache seines jetzigen Schweigens zu sein; er -hat plötzlich den Briefwechsel mit mir abgebrochen. Ich -habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie -Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den -Namen Apollon Nikolajewitsch zu schicken (wie das -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -immer in diesen Fällen geschah), und ihn habe ich in -meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu -übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine -bedeutende Summe bekommen hätte, dass ich in Gold -bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe. „Anderen zu -helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, -dazu hat er keines“ — das hat er sicherlich gedacht. -Wenn er nur wüsste, in welche Lage ich mich selbst -gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus dem „Russkij -Wjestnik“ entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr -so schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche -im Leihhaus ist. (Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion -des „Russkij Wjestnik“ aber wollte ich vor Beendigung -des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber -stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir -bis heute nicht geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass -ich ein ganzes Jahr nicht zahlte, und ich habe schon allzu -viel bei dem Gedanken gelitten; allein ich habe während -der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen -3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige -Sendungen nach Petersburg und meine Sonja mitgerechnet -sind; da war nichts da, wovon ich hätte noch schicken -sollen. Er aber hat mich indessen niemals gemahnt; so -habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden -Monat gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese -100 R. an Emilie F. müssen ihn beleidigt haben. Aber -Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie sollte man da -nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der Gedanke, -dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch -mich verlässt, höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend -was gesagt, oder wissen Sie etwas darüber? Wenn Sie -etwas wissen, teilen Sie mir’s mit, mein Täubchen! Andererseits -ist es mir seltsam, dass sich eine sonst freundschaftliche -Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -uns besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin -ich ohnedies von allen vergessen.“ -</p> - -<p> -Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter -über das „Missverständnis“ ganz beruhigt; er schreibt an -Strachow: „Ich danke Ihnen ... drittens für die gute -Nachricht über Apollon Nikolajewitsch. Ich werde seinen -Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich -habe in dieser letzten Zeit des „Missverständnisses“, -welches durch meine Zweifelsucht entstanden war, auch -nicht einen Tropfen meiner herzlichen Beziehung zu ihm -eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter und reiner -Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten -Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander -so gut verständigt haben.“ -</p> - -<p> -Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so -viele Hoffnungen entgegen bringt, finden wir folgende, für -des Dichters Ernst und seine fast kindliche Herzensgüte -bezeichnende Stelle: „Die zweite Nummer hat mir einen -ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren -Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche -Kritik ist, gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher -ist, als alles andere, und am besten die Sache beleuchtet. -Der Artikel Danilewskys aber stellt sich in meinen Augen -immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist ja — -das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange -Zeit hinaus. Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, -seine populäre Form, ungeachtet seines streng wissenschaftlichen -Stils, dazu bei. Diese Arbeit stimmt so sehr mit -meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen überein, dass -ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die Ähnlichkeit -der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner -Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit -zwei Jahren, eben darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast -unter dem gleichen Titel, vorbereite, in ganz demselben -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Gedankengange und mit denselben Folgerungen. Wie -freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den Gedanken, -die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet -habe, schon in lebender Form begegne, und zwar -mit Wohllaut, harmonisch, mit einer ungewöhnlichen Kraft -der Logik und auf einer solchen Stufe wissenschaftlicher -Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller meiner -Anstrengungen, niemals erreichen könnte. -</p> - -<p> -Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, -dass ich täglich auf die Post laufe und mir alle -Möglichkeiten eines schnelleren Eintreffens ausrechne. -Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen, weil -ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige -Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer -nicht, dass Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen -der russischen Sendung darlegen wird, welches darin besteht, -den russischen Christus vor der Welt zu entschleiern, -den der Welt unbekannten Christus, dessen Grund-Elemente -in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind. -[Dostojewsky gebraucht das Wort „Christus“ nicht als -Personennamen, sondern stets als Personifikation, wie das -für einen aufmerksamen Leser in seinen Werken mehr -oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner Meinung -liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen, -künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in -ganz Europa, und die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, -zukünftigen Seins. Aber mit einem Worte spricht man -das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu reden angefangen.“ -</p> - -<p> -Weiter heisst es: „Aber was Sie da, und das mit -solcher Trauer und solchem offenbaren Kummer sagen: -dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat, dass man ihn nicht -verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn -wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden? -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Das wäre nach meiner Meinung eine schlechte Empfehlung -der Arbeit. Was man allzu schnell und leicht versteht, -das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat erst am Ende -seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und -Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas -zu erreichen. Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass -ich Sie auch einem solchen Vorkommnis gegenüber für -weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so fein, dass -sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn -man ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und -noch dazu erscheint ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders -interessant. Und je einfacher, je klarer, d. h. je -talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er ihnen -allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen -Sie, aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem -sehr naiven Ausspruch, dass ‚sogar sehr spitzfindige Leute -Sie nicht verstehen‘. Ja, diese noch mehr als andere, verstehen -niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen, und das hat -seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein Gesetz. -Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als -Danilewsky begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu -Ihnen gekommen ist usw. Ist Ihnen das zu wenig? Aber -ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel Selbsterkenntnis -in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu -streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht -verlieren und die Sache nicht im Stiche lassen werden! -Also schrecken Sie uns nicht, bitte. Gehen Sie — so -ist’s mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.“ -</p> - -<p> -Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen -Zeitschrift, als Antwort auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, -eine kleine Erzählung von etwa 3 Druckbogen -vor. „Diese Erzählung“, sagt er, „habe ich schon vor -vier Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort -auf die Worte Apollon Grigorjews schreiben wollen, der -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -mein „Zapiski iz Podpolja“ sehr gelobt und gesagt hatte: ‚In -diesem Genre sollst du weiter schreiben‘.“ -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -Die „Memoiren aus einem Keller“, wie wir jene Erzählung -nennen möchten, welche unter dem Titel „Aus dem -dunkelsten Winkel einer Grossstadt“ in deutscher Übersetzung -erschienen ist, drücken das als Axiom aus, was wir im Lebenswerk -Dostojewskys als stärkste Triebkraft an der Arbeit finden: -die Einsicht von der durch kein Wissen und keine Kultur auszugleichenden -Irrationalität der Menschenseele und als Folge -davon die Einsetzung dieses Mensch-Komplexes als eine absolute -Werteinheit in das Weltganze. Daher als letzte Konsequenz -die Liebe zum Bruder, die wir irrtümlicher Weise Erbarmen -nennen. Was Dostojewsky in allen seinen Werken mehr oder -weniger künstlerisch, immer aber subjektiv darstellt, das ist der -Mensch mit allen seinen Brüchen, mit allen seinen Möglichkeiten, -welche das Sitten-, ja das Naturgesetz durchbrechen. Hier, in -diesem galligen Monolog eines Misslungenen, formuliert er diese -Einsichten philosophisch, analytisch. -</p> - -<p> -W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat -in einem bemerkenswerten „kritischen Kommentar“ zur „Legende -vom Grossinquisitor“ auch über diese Memoiren als über das -philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. -Nur wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem -Verhältnis erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht -scheinen, dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; -wir meinen, dass man weder auf analytischen noch auf -anderen Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man -sie in sich trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand -nimmt, um andere zu diesem, seinem innersten Lebenskern zu -führen. Dostojewsky, so hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, -hat immer aus der Synthese heraus zur Analyse gegriffen, -um sich verständlich zu machen. -</p> - -<p> -Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig -getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt -ist, in’s rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende -Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -durch, dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen -und handeln, die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit -(inertia) führe. Es werde dahin kommen, dass der immer „logischer“ -entwickelte Erkenntnismensch sich endlich als den Stift -einer grossen Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, -dass man bei der Aufzählung der Naturgesetze, welche -dieses vollkommene Funktionieren des Menschen herbeizuführen -berufen sind, auf seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend -anordnen, dass man da immer ein Gesetz aus dem -Spiel lasse, nämlich jenes, wonach der Mensch gerade immer das -Gesetzmässige umwerfe und bewusst gegen seinen Vorteil, seine -Vervollkommnung und sein Glück handle. Die Auslegung, dass -dies eben sein persönliches Glück ausmache, verweist er mit -Recht unter die Sophismen, welche aufgewendet werden, um zu -beweisen, dass 2×2=4 sind. „Die Gesetze der Logik,“ sagt -er, „sind eines, die des Menschseins ein anderes.“ Das grösste -und einzige Gesetz, das jeder Mensch geltend mache, sei nicht -sein Recht auf Vorteil, Tugend, Vernunft, Harmonie, sondern -das Recht auf persönliche Unabhängigkeit und Freiheit — womit -er immer wieder alle jene schönen Dinge umwirft. Der Mensch -— so lautet das Resumé — wird also nicht besser, nicht glücklicher, -nicht wertvoller werden durch den „Ameisenhaufen“ des -Wissens und der Erkenntnisse, sondern — ein Musikstift; doch -er wird dies eben nie werden, sondern ein Irrationales und als -solches etwas Absolutes innerhalb der Schöpfung bleiben, ein -Absolutes, das man so wie es ist annehmen muss, das so wie es -ist den Gattungsnamen ‚Mensch‘ trägt. -</p> - -<p> -Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte -des Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste -Teil in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors -gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er -sich am klarsten die Herrlichkeit alles „Hohen und Schönen“ -vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von „allerlei grossen -und kleinen Lastern“ versinkt, der durch seine Gewohnheit alles -bis auf die „letzte und allerletzte Ursache“ durchzudenken, nie -mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen -Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume -Zeit über einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des -Newsky Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet -ist, ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das -nicht; er will einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener -vor sich hingehen, meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft -es aber zur That kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja -er weiss es endlich, dass es wieder so kommen werde. -</p> - -<p> -In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er -trifft und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen -veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich -ihnen, die ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut -an, insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass -alles dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn -und Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen -gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer -weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch betrunken, -nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus -nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig -bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im -Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner -Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. -Er steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück -eines tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel -und seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen -Anfall von Schmerz und Verzweiflung hinein — „nicht ohne -selbst bewegt zu sein“, wie er sagt, aber doch „buchmässig, -litteraturmässig“; er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, -damit sie ihn aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle. -</p> - -<p> -Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, -denn er weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde. -Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach -9 Uhr abends so wohl zumute, dass er „ziemlich süss“ zu -träumen beginnt: ... „ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung -bei. Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. -Ich stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht -warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -wirft sie sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und -sagt, dass ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der -Welt liebe. Ich erstaune, aber ... „— Lisa, sage ich, glaubst -du denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles -gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu -sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich -ja Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit -dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest -selbst ein Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden -ist; ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, -weil das undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in -so eine europäische, George-Sand’sche, unerklärbar edle Feinheit -hinein). Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, -herrlich, bist — mein herrliches Weib!“ -</p> - -<p> -Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade -mit seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme -Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten -Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie -hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit -und poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem -ganzen Gebahren nur das eine: dass er leidet, und — bleibt. -Ihre Güte erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage -und endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt -er mit Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt -sich darauf dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an -ihr, die Zeugin derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt -über sie und nutzt sie aus. — — — -</p> - -<p> -Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie -eilig ihre Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre -wendend ihm einfach ‚Lebt wohl‘ sagt, läuft er auf sie zu und -drückt ihr einen Fünfrubelschein in die Hand — „aus Zorn“, wie -er sagt, „hineingehetzt“, „buchmässig“ that er das. Nun eilt er -zur Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube zurückkehrt, -erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische -vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach. -Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden -sein — — Er bleibt stehen und fragt sich: „Wohin -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -ist sie denn gegangen? und — warum laufe ich ihr denn nach?“ -„Wird es nicht besser für sie sein“, phantasiert er weiter, „wenn -sie diese Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung -— das ist ja Reinigung!“ Weiter sagt er: „Was ist -besser, ein billiges Glück oder ein erhabener Schmerz?“ -</p> - -<p> -„So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend -zu Hause sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals -hatte ich soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch — -konnte denn irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom -halben Wege zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder -getroffen, nie wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, -dass ich mich lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung -und des Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich -damals aus Kummer fast krank wurde.“ -</p> - -<p> -Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im -Sinne des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit -der Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt -sich, ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber — „zum Beispiel -lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben -in einem finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den -Mangel eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im -Kellerloch immer genährte Bosheit verfehlt habe — das ist bei -Gott nicht interessant. In einem Roman braucht man einen -Helden, hier aber sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden -zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles -einen sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir -alle vom Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der -andere weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass -wir das wirkliche ‚lebendige Leben‘ fast als eine Arbeit ansehen, -fast wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass -es nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir’s -manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? -Wir wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, -wenn man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, -nun, gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht -irgend einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis, -verringert die Obhut und wir — ich versichere Euch — -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -wir werden uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, -dass Ihr wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit -den Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von -Euren Miseren in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von -‚uns allen‘ zu sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich -ja nicht durch dieses ‚wir alle‘. Was aber mich im besonderen -betrifft, so habe ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste -getrieben, was Ihr nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, -Ihr habt noch Eure Feigheit für Einsicht gehalten und habt -Euch damit, Euch selbst betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass -ich jetzt förmlich lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, -seht nur genauer zu. Wir wissen ja gar nicht, wo das Lebendige -jetzt lebt, was es denn ist und wie es heisst. Lasst uns allein, -ohne Buch — sofort verwirren und verlieren wir uns; wir wissen -nicht, an was uns halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was -wir hassen, was wir achten, was wir verachten sollen. Sogar -das ‚Mensch sein‘ wird uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, -eigenem Fleisch und Blut. Wir schämen uns das zu sein -und bestreben uns, irgend eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen -zu sein. Wir sind Totgeborene, ja wir werden -schon lange nicht von lebendigen Vätern geboren, und das gefällt -uns immer mehr und mehr. Wir kommen auf den Geschmack. -Wir werden bald darauf kommen, aus irgend einer Idee geboren -zu werden. Aber genug“ usw. -</p> - -<p> -Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, -die Idee, die Logik, das Gesetz — das alles macht keine Menschen. -Blut, Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum -des Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber -noch mehr unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten — -das ist für Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr -diesseits von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder -das andere zu thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe -derer, die auch nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch -da hinein begab. Aus dem ‚Labyrinth der Brust‘, aus den eigenen -tausendfältigen Möglichkeiten der ‚Sünde‘ wie der höchsten Entzückung -heraus ist sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend -in jede Seele einzudringen und die Kraft, mit welcher -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -er unablässig nach Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch -auf andere wirken zu lassen. -</p> - -</div> - -<p> -„Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,“ -fährt Dostojewsky in dem Briefe fort; „es ist etwas der -Form nach ganz anderes, obwohl dessen Wesen mein -immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai Nikolajewitsch, -auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige, -besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung -kann ich sehr schnell niederschreiben, da auch nicht ein -Zeichen, nicht ein Wort darin mir unklar ist. Dabei ist -schon vieles notiert, wenn auch nicht aufgeschrieben. Ich -kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion -schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich -kann sie sogar in zwei Monaten abschicken. Das ist -aber alles, womit ich mich gegenwärtig an der „Zarjá“ -beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu -schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und -Maikow arbeiten.“ Nun folgen die bekannten, immer -wieder variierten Honorar- und Elends-Berichte, denen -wir in jedem Briefe begegnen müssen. -</p> - -<p> -Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 -sind einige Stellen litterarischer Kritik bemerkenswert. -Da heisst es: „Ein für allemal — schweigen Sie doch -und reden Sie nicht von Ihrem „Unvermögen“ und den -„zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln“. Es wird einem -übel, das zu hören. Man kommt auf den Gedanken, dass -Sie sich verstellen. Noch niemals haben Sie so viel Klarheit, -Logik, so viel Scharfblick und überzeugte Beweisführung -gehabt. Allerdings, Ihre „Armut der russischen -Litteratur“ hat mir besser gefallen als der Artikel über -„Tolstoj“. Jene wird breiter sein; dafür aber ist die erste -Hälfte des Artikels über Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: -das ist das Ideal einer kritischen Ausführung. -Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler in dem -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind -solche Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser -Idealismus; dieses aber schadet einer Arbeit nicht, sondern -fördert sie. Alles in allem habe ich in der russischen -Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen. -</p> - -<p> -Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, -aber nach der „Kapitänstochter“ (Puschkins) habe ich -nichts ähnliches gelesen. [Dies bezieht sich auf eine im -neuen Blatt „Zarjá“ publizierte Komödie Awerkiews: -„Frol Skobjejew“, die Dramatisierung des altrussischen -Romans gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer -und blickt auf seine Krämer sehr von oben herab. Wenn -er schon einen Kaufmann in Menschengestalt darstellt, so -ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder Zuschauer: -Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen -Sie, ich glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist -richtiger, als das Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky -thatsächlich die ganze Idee seines „Dunkeln Königreichs“ -nicht in den Sinn gekommen ist, aber Dobroljubow hat -sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg -verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der -Phantasie und des Talents in Awerkiew zeigen wird, wie -bei Ostrowsky; allein seine Darstellung und der Geist -dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher. Keinerlei -vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig, -der Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter -hingestellt haben. Wissen Sie, der Grossbojar, -Naschtschokin, Lycikow — das sind ja unsere ehemaligen -Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist -ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese -kann man nicht nur keine Karikatur-Lächerlichkeit -werfen à la Ostrowsky, sondern im Gegenteil, man muss -sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches Bojarentum -verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -höchsten Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer -lächeln wollte, er es höchstens darüber kann, dass der Kaftan -einen anderen Schnitt hat. Vor allem und hauptsächlich -fühlt man, dass das eine Darstellung der Wirklichkeit ist, -dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist -ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige. -Es wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie -ausreichte.“ -</p> - -<p> -Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung -einige Zeilen. Er will Florenz verlassen, da die Hitze -sehr gross ist, und möchte einem neuen Familienereignis -lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich mit -Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet -er Geld und kann nicht fort, fragt, ob Strachow -krank oder etwas in der Redaktion vorgefallen sei. Bezeichnend -für Strachow ist die Notiz, die er diesem Briefe -anfügt: „Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene -125 Rubel (Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja -Grigorjewna [D.s Schwägerin] abgeliefert hatte. Obwohl -ich nun am selben Tage an Theodor Michailowitsch geschrieben -hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel -schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen -erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen -Verdruss doch nicht abgeschickt. So verschob sich der -Empfang von einem Tag auf den andern, ich wusste -nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor, -dass ich dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.“ -</p> - -<p> -Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben -Jahres aus Dresden erhielt, beginnt: „Klagen Sie sich -um Ihres Schweigens willen vor mir nicht an, Nikolai -Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und -dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel -mit Freunden, geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber, -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -aus Ihrem Zusatz an den Brief unseres teuern Apollon -Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie mir wie -früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil -der Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer -weniger werden. Ich bin selbst schuld daran, habe mich -im Auslande allzu festgerannt und bringe mich nicht genug -in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche -zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst -seit zehn Tagen — ja ich bin im ganzen erst drei -Wochen von Florenz fort! Ich habe den ganzen Juli dort -zugebracht und bin auch noch in den August hineingekommen. -Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals -jemand eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches -Schwitzbad — nur damit kann man das vergleichen, noch -dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein, das ist wahr, -der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist’s -unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in -grossem, gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und -stellen Sie sich vor, obwohl alle Ausländer entweder in -deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind, so sind doch -eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche, -sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau -getragen, sind herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn -Sie wüssten, bis zu welchem Grade ich mich hier als ein -ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle! — Und so -sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein -Kind haben, ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, -hoffnungsvoll und zaghaft. Überhaupt habe ich eine sehr -sorgenvolle Zeit“ usw. -</p> - -<p> -Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow -wieder einmal einen von der Not diktierten Brief, der -jeden Leser durch seine rührende und stolze Kindesschlauheit -ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen hier: -</p> - -<p> -„Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -und sagen, welcher Art die Hilfe ist, die ich als ein -Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens ist mir vor -drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow, -geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, -das Kind ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind -glücklich. (Denken Sie daran, dass wir Sie zum Taufpathen -berufen werden. Anja bittet Sie mit gefalteten -Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld -haben wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie -mich nicht der Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist -niemand schuldig. Wir haben in Florenz berechnet, dass -das vom „Russkij Wjestnik“ gesandte Geld für alles -reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen -geht — wir haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, -sich hier in Einzelheiten einzulassen; aber die Sache ist -die, dass, wenn ich auch an den höchst zartfühlenden, -gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der -Redakteur des „Russkij Wjestnik“, M. Katkow, gemeint] -schreiben will, dass er aushelfe — gleich zu schreiben, -nachdem ich vor so kurzer Zeit Geld von ihm bekommen -habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu unmöglich. -Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen -ist weder die Hebamme noch der Arzt bezahlt, -und obwohl wir jeden Heller um und umdrehen — ohne -Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht! -</p> - -<p> -Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute -zugleich mit diesem Briefe an Sie sende ich ein Schreiben -an Kaschpirew persönlich, da ich weiss, dass Strachow -nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben schildere -ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung, -die Geburt eines Kindes (alles wie sich’s gehört), habe -aber dabei gelogen, dass mir fünfzehn Thaler geblieben -seien, während nicht einmal zehn da sind, und schliesse -mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel zu -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -senden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer -Erzählung für die „Zarjá“ arbeite und diese Arbeit schon -bis zur Hälfte gediehen ist (dies alles ist richtig), so sehe -ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang von 3½ Bogen -des „Russkij Wjestnik“ (d. h. fast 5 Bogen der „Zarjá“) -haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon -im Frühling 300 Rubel von der „Zarjá“ erhalten habe, -habe ich demnach nach Vollendung der Erzählung ungefähr -für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie -noch nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss -in die Redaktion der „Zarja“ gesandt. Dies ist ganz -sicher. Zweitens: obwohl ich nicht das Recht habe, auf -dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so bitte -ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ -mir auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies -aber gleich zu bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte -ich ihn, nur 75 Rubel sofort abzusenden (dies um mich -aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht umfallen zu -lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, -bitte ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich -mit dieser letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] -50 Rubel auszufolgen. Auf diese Weise wird die erbetene -Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen. Da ich Kaschpirews -Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe -ich in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas -nachdrücklichen Tone. -</p> - -<p> -Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew -auch meine zweite und hauptsächlichste Bitte. Nämlich, -wenn er sich damit einverstanden erklärt, meine Bitte um -Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel sofort, -unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich -mich an die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens -wende; dass er über das Drängen, sofort und unverweilt -das Geld zu senden, nicht beleidigt sein, sondern in die -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -Sache eingehen und begreifen möge: dass für mich die -Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. -Ich fügte hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine -Bitte abgelehnt werde, von der Hand seines Redaktions-Sekretärs -nur eine Zeile zu erhalten, aber sofort, damit -ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen ergreifen -könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit -einer Geldsendung warte. -</p> - -<p> -Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe -an Kaschpirew gelogen in Bezug auf die „letzten Massnahmen“, -indem ich ihm erklärte, dass ich genötigt sein -würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen -zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert -ist, deren 20 bekommen würde; was ich natürlich werde -zu thun gezwungen sein, um drei Wesen das Leben zu -retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es -auch eine befriedigende Antwort. — Dass ich in einer Woche -anfangen werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn -ich kein Geld bekomme, das ist vollkommen wahr — denn -anders geht es auf keine Weise; allein ich habe darin gelogen, -dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen -verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche -100 Thaler wert waren, sind schon längst, gleich nach -unserer Ankunft in Dresden, versetzt und thatsächlich -anstatt um 100 nach der Schätzung — um 20 Thaler. -Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den -Paletot und meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch -an Katkow schreibe, so wird dennoch von dorther vor einem -Monat kein Geld einlangen, obwohl es sicher einlangt.“ -</p> - -<p> -In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des -Dichters ganze persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn -er sagt: ... „(dies unter uns) ich bitte ja nur sozusagen -um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem Monat -alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche, -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten -Schriftsteller eine solche Nachsicht gewährt, so dass, wenn -man mir in der „Zarjá“ das verweigert, ich nur allzusehr -begreifen werde, auf welche Stufe man mich in litterarischer -Beziehung dort stellt.“ — Dostojewsky konnte -nach allem Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung -keine Rede sein würde — dennoch immer wieder der -empfindliche Zweifel. — „Auch fürchte ich, fährt er fort, -dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch -nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist, -ich habe ja persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, -ich verstehe es nicht, über heikle Gegenstände an -Fremde zu schreiben, und habe später erst beim Überlesen -des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein -schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen -50 Rubel in die Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, -mein Teurer, diese Belästigung und erfüllen Sie es um -Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie -Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide -volles Recht, über eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet -zu sein; aber mögen sie sogar beleidigt sein, sie sind im -Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und ihnen -ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. -Da sie durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage -ich bin und warum ich ihnen so armselig aushelfe, so -sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner Rechtfertigung.“ -„P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man -mir damals von der „Zarjá“ 300 Rubel herausschickte, -kugelte das Geld einen Monat herum. Ich kenne diese -Stückchen. Die Hauptsache ist, dass mir N. Strachow -später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird. -Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld -fortschickt, sodass es ebenso schnell ankommt wie ein -Brief, d. h. in drei Tagen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen -soll, Geld so abzusenden, dass der Empfänger es -rechtzeitig erhalte. Diese Auseinandersetzung gewinnt -durch den nächstfolgenden Brief vom 28. Oktober [also -einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige -Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit -Wut und Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, -die uns, würden wir nicht zugleich von Teilnahme für den -Dulder bewegt, ungemein belustigen könnten. Es kommt -thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm mitteilt, -er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in -Dresden das Geld senden lassen und schliesse hier den -Wechsel ein. Dostojewsky eilt zu Hirsch, dieser liest den -Wechsel und sagt: „Hier steht: laut Bericht, das heisst, -dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf -privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich -kann ich nicht zahlen.“ Nun läuft Dostojewsky jeden Tag -in das Bankkontor, wo man über ihn zu lächeln beginnt — -aber kein Avis erscheint. „Da ich die Geduld verliere -und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm -meine Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass -er den Avis an Hirsch sende. Mein Brief ist vom -9. Oktober datiert — keine Antwort! Bei Gott, ich dachte, -es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich -täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe -wahrscheinlich den Avis „vergessen“. Nun ging ich in zwei, -drei andere Bankgeschäfte mich zu erkundigen — überall -sagte man, dass auf meinen Wechsel mit den Worten -„laut Bericht“ niemand Geld giebt, ohne einen solchen zu -haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal -solche Wechsel zum Spass ausgegeben werden. -</p> - -<p> -Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew — am -zwölften Tage nach Absendung des meinen! und bemerken -Sie, er schreibt am 3. Oktober unseres Stils, und der -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober auf. Das -heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache -drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse -einen 5. aus dem 3. gemacht! Begreift er denn -nicht, dass mich das verletzt? Ich habe ihm ja über die -Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben — und -darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung? -Und nun schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser -sage, der Avis sei abgegangen und er begreife nicht, warum -ich nichts erhalten hätte; ferner habe er Chessin veranlasst, -einen zweiten Avis zu schicken, dass er folglich jetzt -überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten -(woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das -Geld noch nicht haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken; -er werde mir am Tage nach dem Erhalt dieses -Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier lautenden -absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu, -ich möge ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich -telegraphieren, „natürlich auf meine Kosten“, -worauf er sofort, ohne die Ankunft des anderen Wechsels -abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt -er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen -75 Rubel senden werde (bemerken Sie, dass das alles am -3. Oktober geschrieben wurde). -</p> - -<p> -Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den -21. Oktober nicht, denn wo sollte ich zwei Thaler für ein -Telegramm hernehmen? Konnte er sich nach meinen zwei -Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine Kopeke, buchstäblich -nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste, -wie ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, -um ihm zu telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen -und ihm telegraphiert: „Kein Avis, Hirsch giebt nicht -Geld“; das war am Freitag. Sonnabend schicke ich den -Wechsel zurück.“ -</p> - -<p> -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am -fünften Tage nach Rücksendung des Wechsels endlich -der Avis einlangt, der nun zu nichts nützt. Endlich -gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt, -weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung -gemäss auf „ohne Bericht“ ausgestellt, während der -Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt „ohne“ — „laut“ -geschrieben habe. — Man kann wohl begreifen, wie es -dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die -Existenz oft „gar nicht litteraturmässig zu Mute war“, -wie er das in einem der nächsten Briefe gesteht. — -</p> - -<p> -Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe -Thema variieren, wozu die unlösbaren Verstrickungen -seines Lebens den Anlass nie abreissen lassen. Wir -übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen -Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen -Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom -19. Dezember heisst es: „Wissen Sie, was ich jetzt mache? -Nachdem ich in 2½ Monaten neun enggeschriebene Druckbogen -fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit aller -Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, -als ich mit der Erzählung beschäftigt war.“ [Es ist die -Erzählung „Der Hahnrei“.] Dann aber, in drei Tagen, -setzte ich mich zu dem für den „Russkij Wjestnik“ bestimmten -Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich Pfannkuchen -backe: wie hässlich und abscheulich auch das -herauskommen möge, was ich schreiben werde; die Idee -des Romans und ihre Bearbeitung sind mir Armen, d. h. -dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das ist -kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste -auch. Natürlich werde ich’s verpatzen; aber was ist zu -thun!“ -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -„Der Hahnrei“ nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys -eine eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen, -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -welche der europäische und der russische Leser in Dostojewskys -Werke legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch -gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der -Dichter geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und -Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies -söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit -des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des -Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen -er nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für -sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel -an Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum -sieht und sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, -das unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, -sowie das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten -sechs Worten des Buches — allein das ist ihm ja nichts Neues, -das kennt er alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst -in sich. Er sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, -die sich auf Russland und seine fernere Entwickelung, auf die -Jugend, sein künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht -findet, lässt ihn das vollendetste Kunstwerk nur kalt. -</p> - -<p> -Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen -gelernt, Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke -durchgesehen: es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder -Erwähnung des „Hahnrei“ (ausser jener Strachows in seinem -Briefe nach Dresden 1870-1871) in die Hände gekommen. Auch -der Dichter selbst dürfte nicht viel von dieser Sache gehalten -haben, die er in 2½ Monaten niederschrieb. Das darf uns nicht -stören. Wissen wir ja doch, wie oft er sich über seine Werke -täuschte. „Prochartschin“, mit dem er sich „einen Sommer lang -herumquälte“; „Der Doppelgänger“, den er immer wieder umarbeitete; -dann „Die Besessenen“, die er zu seiner Qual, wie wir -später sehen werden, nicht vorwärts gehen sah — auf alle diese -Werke hielt er die grössten Stücke, meinte, da seien seine -besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut getreten, während -dies nur bei dem letzten derselben, und das nur teilweise und -bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir versuchen in -die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen das -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -russische Kunstwerk entsteht, ist gerade im „Hahnrei“ eine der -tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als -hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich -disponiert ist. -</p> - -<p> -Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters -hat ihn getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die -Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter -Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen -Europäer bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit -einer Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von -hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit, -die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten, -die in der „breiten slavischen Natur“ bei einander wohnen, hat -er hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und -dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der -Form, doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die „Memoiren -aus dem Kellerloch“. -</p> - -<p> -Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des -Dichters, ist auch die des „Hahnrei“ (der russische Titel ist: -„Der ewige Gatte“ und entspricht der später gegebenen Definition -dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort). -</p> - -<p> -Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann -von 39 Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem -Prozess nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen -Vermögens, eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er -hat alles andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen -Egoismus; das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt -leben, um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes -schmackhaftes „Diner“, seine feine Toilette niemals werde entbehren -müssen. Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant -ein Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige, -aber vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des -Hauswächters recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch -diesen äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame -Art von Hypochondrie. -</p> - -<p> -Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie -plagt den Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -damit belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus -seiner Vergangenheit ein, die er „lieber nicht gethan hätte“. -Da ist das junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und -samt ihrem Kinde verlassen hat; der junge Fürst, dem er für -nichts und wieder nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und -manches andere mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie -über einen klaren, gesunden Menschenverstand; er -sagt sich, dass er, käme die Sache wieder so, unzweifelhaft der -alten Fürstin dennoch das Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen -das Bein abzuschiessen — heute aber, in seiner jetzigen Verfassung -verdriesst ihn das, lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben -wir in wenigen Strichen den russischen Weltmann mit dem Einschlag: -Reue und Einkehr aus äusseren Gründen, eine Reue auf -Zeit, die, wie wir sofort empfinden, der gesicherten Erbschaft -und dem guten kleinen Diner bald das Feld für neue Thaten -räumen wird. -</p> - -<p> -An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, -und gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet -fast täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen -ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, -sodass Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er -müsse den Mann „einmal gekannt haben“. Da, in einer schlaflosen -Nacht tritt er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, -welche ihm die Helle der Petersburger Nächte zu decken bestimmt -ist, auseinander und sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig -— den Mann mit dem Trauerhute stehen und spähend auf -sein Fenster blicken. Kaum ist er mit Staunen seiner ansichtig -geworden, als jener auch schon über die Strasse und — gerade -ins Haus geht. Weltschaninow tritt in sein Vorzimmer und -lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da kommt es auf der -Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es an der Thürklinke. -Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und vor ihm -steht der Mann „mit dem Krepp“, in welchem er mit einemmale -Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit dessen -Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren in -der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte. -Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung über -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -den nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er -sei auf dem Heimwege vorübergegangen und, „ohne es eigentlich -zu wollen, zufällig“ heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass -er, um in ein anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach -Petersburg gekommen sei und nun in seiner Stimmung nicht -loskomme. Dabei deutet er auf den Krepp auf seinem Hute. -„Ja, sie; <a id="corr-35"></a>Natalja Wassiljewna! im heurigen März!“ beantwortet -er Weltschaninows Frage. Nun weiss er den überraschten und -mehr, als er’s vermutet hatte, erschütterten Weltschaninow mit -süsslich stichelnden Anspielungen so in die Enge zu treiben, -dass dieser in die höchste Aufregung kommt und ihm, zu -Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein unvorsichtiges Wort -entschlüpft. Diese Szene ist voll vortrefflicher kleiner Züge, die -das innerste Wesen dieser beiden Menschen aufdecken. -</p> - -<p> -Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast -fort, schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet -auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt -ihm sofort der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, -kommt zu dem Schluss, dass sie verderbt war — mit seiner Beihilfe, -wie der Dichter „im Vorübergehen“ bemerkt — ohne sich -im geringsten dafür zu halten, und dass eine solche Frau als -notwendigen Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. -„Seiner Ansicht nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, -dass sie „ewige Gatten“ oder, besser gesagt, im Leben nur -Gatten sind und weiter nichts.“ „Ein solcher Mensch wird geboren -und entwickelt sich einzig und allein, um sich zu verheiraten -und, nachdem er sich verheiratet hat, sich sofort in eine -Zugabe seiner Frau zu verwandeln, auch in dem Falle, dass er -selbst einen eigenen unbestreitbaren Charakter besässe. Das -Hauptmerkmal eines solchen Gatten bildet — ein gewisser Stirnschmuck. -Ein so Gehörnter nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, -als es der Sonne ist, nicht zu scheinen. Allein er weiss -nicht nur gar nichts davon, sondern er kann den Naturgesetzen -nach nie etwas davon wissen.“ -</p> - -<p> -Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys -Adresse geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden -Mietwohnung, halbangekleidet — ein kläglich bittendes Kind -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -züchtigend. Es ist Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, „das -uns geboren wurde, als Sie schon — wie lange fort waren?“ -Er zählt die Monate: ja acht Monate, nachdem Sie fort waren. — -Das Kind ist furchtbar eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen -des Gespräches, dass Trussotzky das Kind sehr geliebt, -nach dem Tode der Frau aber gequält, geschreckt und Tage -lang sich selbst überlassen habe. Weltschaninow erkennt unter -Qualen, dass es sein Kind ist, und führt es zu guten Freunden -aufs Land. Es ist eine kinderreiche Familie, die das kranke, -scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das Kind erkrankt dort -am zweiten Tage und stirbt, ohne dass Trussotzky auch nur -einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm umzusehen. Weltschaninow -entschliesst sich mit Widerwillen, den Mann wegen -des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich in trunkenem -Zustande bei einigen „Damen“. Als er ihm mitteilt, dass -sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten an -ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: „Erinnern -Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem -gehen Sie wegen der Bestattung.“ Der Rausch allein versetzt -ihn in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach -seinem Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen -Tagen in nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten -bei Heller und Pfennig. -</p> - -<p> -Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts -anderes, als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die -er selbst gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. -Zwischen diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen -des feigen „Gatten“ spielen sich Szenen widriger „Vergebung“, -Küsse, Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow -— da er sich im Banne der Schuld fühlt, ihn auch -wohl nach einem klaren Abschluss dieser peinvollen Sache verlangt -und vor allem, weil er eben jetzt physisch entsprechend konstituiert -ist — auf keine Weise entwinden kann. Nach einer solchen -Szene, die ihn wieder in den Bann seiner eigenen Reuegefühle -versetzt hatte, lässt er sich auch von Trussotzky erbitten, ihn -zu einer töchterreichen Familie aufs Land zu begleiten, in deren -Schosse er, Trussotzky, sich — eine Braut erwählt habe. Es ist -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -dies die sechste der Haustöchter, Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. -In Weltschaninow, der auf der Fahrt mit seinem Gefährten -auch nicht ein Wort gewechselt hatte, erwacht draussen -unter der blühenden Mädchenschar der alte Frauenbestricker; er -musiziert, singt, entzückt die junge Nadja und reizt dadurch -Trussotzky zu verbissener Wut. -</p> - -<p> -Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys -stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow -in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, -fühlt sich leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, -bis er nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow -werde niemals in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am -Abend, unter Blitz und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch -herein, der sich als Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit -der ganzen Sicherheit und Anmassung der Jugend — eine meisterhafte -Szene — Trussotzky verbietet, um seine Braut zu werben. -Diese Episode zieht sich so lange hin, dass endlich Weltschaninow -nach des Studenten Abgang Paul Pawlowitsch veranlasst, bei -ihm zu übernachten. Kaum hat sich Weltschaninow niedergelegt, -als der Brustkrampf, welcher ihn schon seit geraumer Zeit angefallen -hatte, sich zu einem unerträglichen Grade steigert. -Trussotzky eilt in die leere Küche, macht Feuer an, weckt die -Frau des Hauswächters und wärmt abwechselnd mit ihr Tücher -und Teller, die er mit unermüdeter Sorgfalt dem Kranken auflegt, -giebt ihm Thee zu schlucken, den er schnell bereitet hat, bis -endlich das Übel sich legt und nur eine grosse Schwäche zurückbleibt, -die zur Nachtruhe mahnt. -</p> - -<p> -Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung -um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und -sagt halbmurmelnd: „Sie — Sie — Sie sind besser als ich! Ich -begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.“ — Trussotzky löscht -das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. -Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere -Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her -dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen -beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als -Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm -war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf -und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin -atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, -drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit -einem Schrei. -</p> - -<p> -Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin -eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände -zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und -fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade -heute zufällig <a id="corr-36"></a>auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben -war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der -damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky -niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er -mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet. -</p> - -<p> -Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den -vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet -sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom -Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt -Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten -und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb -stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: „Wasser möcht’ -ich“, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und -führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt -ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt -sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky -nach aussen eingeschlossen hat. -</p> - -<p> -Wir lassen hier den Dichter erzählen: „Seine Schmerzen -waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure -Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner -ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen -sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken -vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der -Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und -blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich -zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner -schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -begann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur -eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel -abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde -vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug -(das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen -lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift -worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm -zu erwecken. „Wenn er sich schon seit langem vorgenommen -hätte, mich umzubringen — fiel ihm unter anderem ein —, so -hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet -und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum -gestrigen Tage noch nie gesehen hat.“ -</p> - -<p> -Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, -und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky -zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene -Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das -‚Analyse‘ überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden -seiner Folgerungen — nachdem er Trussotzky entlassen hat — -folgendermassen wieder auf. „Diese Leute,“ dachte er, „eben -diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden -sie den Hals abschneiden oder nicht, — wenn die schon einmal -das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten -Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es -nicht beim Schneiden allein — den ganzen Kopf schneiden sie dann -herunter: ‚zum Wohlsein‘, wie die Arrestanten sagen. So ist es.“ -</p> - -<p> -Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst -Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des -Prozesses der Kairowa, welche „noch am Vorabend sicher nicht -wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden -werde“. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri -Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten, -aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert, -er wisse nicht warum — „es muss wohl in diesem Augenblick -meine Mutter für mich gebetet haben“, meint er — auch -hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der -Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht -zu entscheiden vermag. -</p> - -<p> -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky -zu seltsamen Schlüssen: „Wenn es also entschieden -ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege -war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon -einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine -Vorstellung in einem zornigen Augenblick?“ „Er löste die Frage -seltsam, — damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen -gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder -auch nicht einmal eingefallen war.“ Kürzer gesagt: „Paul Pawlowitsch -wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen -wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,“ dachte Weltschaninow: -„er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!“ -„Und war denn das wahr, das alles wahr,“ rief -er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen -öffnend, „alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine -Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann -und er sich mit der Faust an die Brust schlug?“ „Vollkommene -Wahrheit,“ entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend, -„dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig -dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben. -[Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow, -wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre -lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte -mein Andenken und erinnerte sich an meine ‚Aussprüche‘ — -Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern -nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe -erklärte und sagte: ‚werden wir quitt?‘ Ja, aus Bosheit liebte -er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.“ -</p> - -<p> -Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen -Eindruck er auf diesen „Schiller in der Form eines Quasimodo“ -gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein -Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] -Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die -Art, sie zu tragen; „denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, -wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche -edle Seele, gar aus dem Geschlechte der ‚ewigen Gatten‘.“ Weltschaninow -geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. -„Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!“ — -„Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!“ denkt er -bei sich. -</p> - -<p> -„Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit -mir zu weinen“, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt -hat — das heisst, er kam, um mich umzubringen, und -dachte dabei, es sei „um mich zu umarmen und mit mir zu -weinen“ ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber, -wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich -verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu -verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung -in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches -Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir -auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem -Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen -usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist, -die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen — -vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er -retten — mit gewärmten Tellern! ...“ -</p> - -<p> -Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, -erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass -„alles vorüber sei“, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe -sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis -zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er -mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky -aufsuchen muss. „Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts -und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber -nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen -werde.“ -</p> - -<p> -Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt -russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des -in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen -wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll -nach dem „Quittwerden“ mit äusseren und inneren -Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der -christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochen -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -würde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und -den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält. -</p> - -<p> -Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem -Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas „Bräutigam“, -in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen -Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, -seiner inneren Vermutung folgend: „— — hat sich erhenkt“. „Ei -was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch -mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.“ — — -</p> - -<p> -Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift -„Der ewige Gatte“, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, -verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen „hypochondrischen -Schrullen“ belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft -angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein -tägliches gutes, kleines „Diner“, verkehrt wieder mit der „Gesellschaft“, -wo ihn „alle“ wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte -aufnehmen, als sei er nur „verreist gewesen“. Er fährt nach -Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante -Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen -gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien, -fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige -Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen -Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt -unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er -noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt -von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen „Anstoss von -aussen“. -</p> - -<p> -Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf -dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend -gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, -sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal -macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich -um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. -Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. -Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie -belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da -alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -vor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes -„Dddanke!“ und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft. -</p> - -<p> -Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, -scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen -Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren -Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht -plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; -er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul -Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn -mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow -durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt -seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter -und sagt lachend: „Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat -er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?“ Olympia Semjonowna -ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu -besuchen, was er auch bestimmt zusagt. -</p> - -<p> -Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem „jungen -Verwandten“ in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung -zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen -abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es -wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: „Paul -Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!“ Paul Pawlowitsch wurde -abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da -packt ihn der — nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität -befreite — Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: -„Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, -wie Sie mich einmal umbringen wollten — ha?“ „Was wollt -Ihr, Herr, was wollt Ihr — Gott bewahre Euch.“ „Paul Pawlowitsch, -Paul Pawlowitsch!“ hört man wieder rufen. Endlich -lässt Weltschaninow ihn los. „Nun, gehen Sie endlich“ sagt er, -ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit -des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache -macht und den Mörder „gutmütig anlacht“; wie echt russisch -auch!] -</p> - -<p> -„Also Sie kommen nicht?“ flüsterte fast verzweifelt Paul -Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -Hände bittend vor ihm zusammen. „Ich schwöre es Ihnen ja, -ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.“ Und er -streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen — er streckte sie -hin — und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand -nicht, zog sogar die seine zurück. -</p> - -<p> -Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick -ging nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als -wären Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und -riss an Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er -packte Paul Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. -„Wenn schon ich, ich Ihnen diese Hand reiche“ — und er wies -ihm die linke Handfläche, in welcher die Schramme der Schnittwunde -deutlich zu sehen war — „so können Sie sie wohl nehmen!“ -stiess er leise mit zitternden, erbleichenden Lippen hervor. Auch -Paul Pawlowitsch war bleich geworden und auch seine Lippen -bebten. Wie Krämpfe lief es über sein Gesicht. „Und Lisa. -Herr?“ lallte er im schnellen Flüstortone — und plötzlich begannen -ihm Lippen, Kinn und Wangen heftig zu zittern und zu -zucken, und Thränen stürzten aus seinen Augen. Weltschaninow -stand vor ihm, zur Säule erstarrt. „Paul Pawlowitsch, Paul -Pawlowitsch!“ brüllte man aus dem Waggon, als würde dort -jemand umgebracht — und plötzlich ertönte ein Pfiff. Paul Pawlowitsch -kam zu sich, schlug die Hände zusammen und begann -über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in -Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen, -und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in -seinen Waggon. -</p> - -<p> -Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er -einen anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher -eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten -auf dem Landgute fuhr er nicht — es war ihm so gar nicht -danach zu Mute. Und wie hat er das später bereut!“ -</p> - -<p> -Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache -Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des -„ewigen Gatten“, jener Beiden, die mit sich und mit einander -nicht „quitt“ werden können, weil sie das nicht in sich tragen, -was allein den „irrationalen Rest“ zwischen Begierde und Erfüllung -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -aufhebt: einen Gott — der Künstler hat sie in jedem -von ihnen gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen -letzten Worten „wie hat er das später bereut!“ entlässt, ihn also -seine Ruhe endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen -finden lässt, so schüttet sein Genius über das Haupt des von -Schmerzen zuckenden, widerwärtigen Sünders etwas von jenem -Liebesstrom aus, dem einst die Worte entstiegen: „Ihr wird -viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.“ -</p> - -</div> - -<p> -In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, -ebenfalls an Maikow, unter anderem: „Ich bin -wieder in einer solchen Not — es ist um sich nur aufzuhängen!“ -Weiter heisst es: „Nach einer langen Pause -zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder -zu quälen und ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie -mich an der Arbeit hindern. Ich habe eine reiche Idee -in Angriff genommen. Ich rede nicht von der Ausführung, -nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine -unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas -in der Art wie „Schuld und Sühne“, allein noch näher, -der Wirklichkeit mehr an den Leib gerückt und sich auf -die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend“. -</p> - -<p> -In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870 -finden wir eine Wiederholung des abfälligen Urteils über -frühere besprochene Nummern der „Zarjá“, worin auch -eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten -Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen -Ausdrücken sind sowohl in den Briefen, als auch in den -Werken Dostojewskys sehr häufig und für ihn charakteristisch. -Hier, in diesem Briefe ist die Wiederholung -allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser -Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen -persönlichen Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen -höchst wohlthuend berührt, ja Bedürfnis war. -In noch viel grösserem Ausmasse finden wir diese Offenheit -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich -an den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um -Rat und Zuspruch wandten. Wir werden die bemerkenswertesten -dieser Antworten weiter unten anschliessen. -In einem Briefe an Strachow heisst es: „Ihr Artikel aber, -obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich -spreche hier nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von -dem der Abonnenten). Übrigens, wer hat Ihnen gesagt, -dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser sei, als der über -Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr schöne -und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie -gleichsam Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der -heraus Sie Ihre Thätigkeit fortzusetzen gedenken — so -sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem einverstanden -(was ich früher nicht war), und lehne von allen -den paar tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab — -nicht mehr, nicht weniger —, mit welchen ich mich unbedingt -nicht einverstanden erklären kann. Doch davon -später.“ -</p> - -<p> -Die Aufforderung, an der „Zarjá“ beständig mitzuarbeiten, -beantwortet Dostojewsky mit der Bedingung, -dass ihm Honorarraten vorgeschossen würden. „Ein Thema -habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht -ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas -Neueres, Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. -Ich kann so sprechen, ohne der Ruhmsucht geziehen zu -werden, da ich nur vom Thema spreche, von der Idee, die -in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der -Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich -kann auch alles verderben, was sich schon oft bei mir ereignet -hat; allein eine innere Stimme sagt mir, dass mich -die Inspiration nicht verlassen wird. Aber für die Neuheit -des Gedankens und die Originalität der Inscenierung -verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken auf -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -diese Idee. Es wird ein Roman in zwei Teilen sein, -nicht weniger als zwölf, keinesfalls mehr als fünfzehn -Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am -1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann -mich der Zeit versichern, um ordentlich zu schreiben. -(NB. Der Roman könnte auch schon zum 1. November zugestellt -werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es sehr -unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male -eine grössere Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu -schreiben. Wäre es nicht besser, so wie jetzt, erst zum -Januar oder Februar des künftigen Jahres? Übrigens -könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) -Zum Schluss die Stelle: „Anna Grigorjewna grüsst Sie -und gedenkt Ihrer mit Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit -unserer Ljubotschka herum. Ach, warum sind Sie nicht -verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai -Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel -unseres Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen -wohl nur ein Viertel. — Werde ich denn auch heute nicht -die „Zarjá“ erhalten?“ — heisst es am Schlusse — „ich -spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel ‚Die Frauenfrage‘ -— was für ein Thema! Ich verspreche mir einen -ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber -schreiben, wie es nötig ist usw.“ -</p> - -<p> -Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, -vielfache Änderungen der Ausführung und lange Verzögerungen -zu erleiden. Schon am 5. April 1870 schreibt der -Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: „Ich will Ihnen -offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den -Roman auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen -kann oder zu versprechen wage. -</p> - -<p> -Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij -Wjestnik schreibe, baue ich grosse Hoffnungen, aber nicht -vom künstlerischen Standpunkt aus, sondern von dem der -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken herauszusagen, -sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen. -Aber es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz -bei mir aufgehäuft hat; mag ein Pamphlet daraus werden, -ich spreche mich doch dabei aus. Ich hoffe auf Erfolg -— übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne auf -Erfolg zu hoffen?“ Weiter heisst es: „Ich beendige bald, -was ich für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, und werde -mich mit Wollust zum Roman setzen. Die Idee zu diesem -Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein früher fürchtete -ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in -Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, -der ganze Plan des Romans; und ich denke, dass -ich den ersten Teil desselben, d. h. jenen, welchen ich für -die „Zarjá“ bestimmt, auch hier beginnen kann, da die -Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie -sich nicht darüber, dass ich von einem „ersten Teil“ -spreche. Die ganze Idee verlangt einen grossen Umfang, -mindestens einen so grossen, wie Tolstojs Roman „Krieg -und Frieden“. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane -bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit -Ausnahme der zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, -als ganz selbständige Erzählungen oder, einzeln -herausgegeben, als ganz vollständige Dinge werden erscheinen -können. Der Gesamtname übrigens wird sein: -„Das Leben eines grossen Sünders“, während die einzelnen -Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil -(d. h. Roman) wird nicht mehr als fünfzehn Bogen haben. -Zum zweiten Teil muss ich schon in Russland sein. Die -Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich -gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich -kenne, so muss ich dennoch dazu in Russland sein. Ich -würde überaus gern des näheren mit Ihnen darüber -sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -noch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen; -drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte -Arbeit, vielleicht sogar eine gute. Wenigstens -habe ich aus dieser Idee das Ziel meiner ganzen -künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf -nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen. -</p> - -<p> -Möge die „Zarjá“ nicht unwillig darüber werden, dass -sie neun Monate voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal -auch zwei Jahre voraus Geld bekommen .... um Eines -bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch, — wenn -die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich, -als alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich. -Mein Elend wächst in solcher Weise, dass ich keine Zeit -verlieren kann, um endlich sicher zu sein. Ich habe für -Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem Ruhe -und Sicherheit .... -</p> - -<p> -Das Märzheft der „Zarjá“ habe ich mit grossem -Vergnügen durchgelesen. Ich erwarte daher mit Ungeduld -die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles darin zu erfassen. -Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler darstellen -und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen -wollen; ist es so?“ N. Strachow erläutert hier in einer -Fussnote, dass es sich um seinen Artikel „Herzens litterarische -Thätigkeit“ handle, dessen erster Teil in der -dritten Nummer der „Zarjá“ im März 1870 erschienen -war .... „Sie haben“, fährt Dostojewsky fort, „sehr treffend -Herzens Hauptgesichtspunkt hingestellt — den Pessimismus; -aber erklären Sie seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) -für unlösbar? Sie umgehen das, wie es scheint, und, wie -es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren Hauptgedanken -aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich -mit fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; -es ist ein allzu brennendes und zeitgemässes Thema. Wie -wird das aber sein, wenn Sie beweisen werden, dass -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -Herzen früher als viele andere gesagt hat, dass der -Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler -aus Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob -das bei Ihnen herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei -gesagt, obwohl ich in das Thema Ihres Artikels gar nicht -eingehen will. Finden Sie nicht, dass es noch einen Gesichtspunkt -für die Bestimmung und Feststellung des -Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich -den, dass er immer und überall vor allem Poet war. -Der Poet hat in ihm überall, in allem, in seiner ganzen -Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator: Poet, -Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten -Grade: Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir -scheint, es könnte vieles in seiner Thätigkeit, sogar durch -seinen Leichtsinn und seinen Hang zum Calembourg, auch -in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen erklärt -werden — was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig -ist. -</p> - -<p> -Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner -Ansicht nach, vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum -ich in der „Zarjá“ ungenügendes Selbstvertrauen gefunden -habe, will ich beantworten. Ich habe mich vielleicht nicht -genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind allzu, allzu -weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche -in der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für -sie. Würden Sie etwas zorniger, gröber über sie herfallen, -so wäre es besser. Nihilisten und Westler brauchen -definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über Tolstoj -flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem -letzten Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art -Niedergeschlagenheit und Entzauberung, gerade da, wo -nach meiner Ansicht der Ton triumphierend und freudig -bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie — -werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -Briefen des Kosiza verstehen? — — Mit einem Wort: -in einem solchen Tone nicht zu schreiben — ist Ihnen -unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und Achtung -für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton -ist ein hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern -der „Zarjá“ ausmacht. Allein manchmal muss man, denke -ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche in die Hand -nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um -viel gröber darein zu fahren. Das ist’s, was ich unter -Selbstvertrauen verstand. Übrigens — vielleicht urteile ich -falsch, vom Zorn geleitet. Die zwei Zeilen über Tolstoj, -mit denen ich nicht ganz einverstanden bin, sind die, wo -Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur Grosses -in unserer Litteratur vorhanden ist.“ Hier folgt jene -Stelle über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung -von Dostojewskys Kunst-Anschauungen anführten. -</p> - -<p> -Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky -das Thema seines Romans in einem Briefe an -Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch Bande -persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten, -wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen -sich gedrungen fühlt. Nach einer Entschuldigung -über sein langes Schweigen beginnt der Dichter -mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der -Fremde: „Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit -und die Ängstlichkeit, welche durch die Vereinsamung -entstanden ist. Angst um die Gesundheit; ich -hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig, -und ich habe keinen Schlaf. Ich ging also doch -zu einem Arzt, einem der berühmten Professoren; er hat -mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur Nerven, aber -diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von -Dresden weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa, -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -ein wenig baden. Auch für die Frau wäre es gut — -besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft der -Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe -sagten, ist goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten. -Aber, Apollon Nikolajewitsch, wissen Sie denn -nicht, warum ich nicht zurückkehre und dieses verfluchte -Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen -und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis -zu einem gewissen Zeitpunkt kann ich auf keine Weise -zurückkehren; und denken Sie denn, dass ich nicht selbst -Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer Seele -nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist -es mir denn heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen? -</p> - -<p> -Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus -Fakten, dass meine Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung -dort dreimal besser stünden, als sie hier stehen. -Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen aussprechen. -Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich -mich nicht daran stossen wollte, dass man mich unbedingt -in den Schuldarrest setzt — ich habe wohl schon -anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr -ab und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn -das früher (noch vor fünf Jahren) möglich war, es jetzt -— das weiss ich ganz sicher — unbedingt unmöglich -wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein halbes -Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: -arbeiten könnte ich nichts. Themata habe ich zum -Schreiben — einen Haufen. Über das Schreiben hier in -der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde -thatsächlich abgetrennt, — nicht vom Zeitalter, nicht von -der Kenntnis dessen, was bei Euch vorgeht — ich weiss -das wahrhaftig besser als Sie, denn ich lese täglich drei -russische Zeitungen, bis auf die letzte Zeile, und erhalte -zwei Monatsschriften — aber von dem lebendigen Quell -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, -sondern von ihrem Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! -wie sehr beeinflusst es die künstlerische Arbeit! Alles -dies ist wahr, aber wie soll ich’s machen?“ ... -</p> - -<p> -Und weiter: „Übrigens werde ich im Sommer ernstlich -darüber nachdenken, wenn sich irgend eine Möglichkeit -bietet. Jetzt arbeite ich für den „Russkij Wjestnik“. -Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den „Hahnrei“ -in die „Zarjá“ gegeben, habe ich mich bei jenen in eine -zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so -muss ich für jene das vollenden, was ich jetzt schreibe. -Ja, es ist ihnen auch fest von mir zugesagt worden; in -der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher Mensch. Das, -was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache — ich habe -das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. -Da werden die Nihilisten und Westler über mich zu -schreien anfangen, dass ich ein Reaktionär bin! Der Teufel -sei mit ihnen — ich aber will mich bis aufs letzte Wort -aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich -stecke? Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg -haben oder nicht? Bald scheint es mir, dass es -ausserordentlich gut ausfällt und ich aus einer zweiten -Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass -es ganz misslingt.“ [Es ist immer von den „Besessenen“ -die Rede.] „Aber lieber ist es mir, ich falle ganz durch, -als ich habe einen mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir -eins mit einem Knüttel aufs Haupt versetzt mit Ihrer -Bemerkung über die „Anstrengungen der Vorstellungskraft“, -die Sie im „Hahnrei“ gefunden haben. Was hat -mir das für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne -Hoffnung auf Erfolg ist es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. -Ich aber arbeite mit Feuer — folglich hoffe ich.“ -</p> - -<p> -Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung -der geschäftlichen Lage des Dichters, -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -welche mit den Worten beginnt: „Indessen aber bin ich -jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister Micowber). Kein -Heller Geld“ usw. Dann fährt er fort: „Das, was ich -jetzt für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, vollende ich -sicherlich in drei Monaten. Dann, nach einem Monat -Pause, würde ich mich zur Arbeit für die „Zarjá“ setzen. -Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts gearbeitet -(den „Hahnrei“ zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet -mich jetzt. Über dem, was ich für den „Russkij -Wjestnik“ schreibe, werde ich nicht abgespannt werden; -dafür verspreche ich der „Zarjá“ eine gute Sache. -</p> - -<p> -Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die „Zarjá“ -in meinem Kopfe reift. Es ist dieselbe Idee, über welche -ich Ihnen schon geschrieben habe: dies wird mein letzter -Roman sein. Der Umfang von „Krieg und Frieden“; die -Idee würden Sie gut heissen — soweit ich wenigstens -nach meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. -Dieser Roman wird aus fünf grossen Erzählungen bestehen, -jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen werden -von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede -einzelne verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme -ich eben für Kaschpirew [die „Zarjá“]; hier -ist die Handlung aus den vierziger Jahren. Der gemeinsame -Titel ist: „Das Leben eines grossen Sünders“, aber -jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die -Hauptfrage, welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, -mit der ich mich, bewusst und unbewusst, mein -Leben lang herumgequält habe — das Dasein Gottes. -Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald -ein Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder -Atheist. -</p> - -<p> -Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. -Auf diesen zweiten Teil habe ich alle meine Hoffnungen -gesetzt. Vielleicht sagt man dann endlich, dass ich nicht -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein will ich -beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung -Tichon Zadonsky<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a> als Hauptfigur hinstellen, natürlich -unter einem anderen Namen, aber auch als Oberpriester, -der seinen Ruhestand im Kloster verlebt. Ein -13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines -Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt -(ich kenne diesen Typus), der künftige Held dieses -Romans, wird von den Eltern im Kloster untergebracht -(unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts wegen. -Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon -zusammen (Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes -Wesen). Hierher auch, setze ich Tschaadajew<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a> (natürlich -auch unter anderem Namen). Warum soll Tschaadajew -nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er -habe es nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die -Ärzte jede Woche begutachteten, nicht ausgehalten und -z. B. im Ausland in französischer Sprache eine Broschüre -gedruckt — es wäre ja sehr möglich, dass man ihn dafür -auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew -können auch andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., -Granowsky, sogar Puschkin. (Ich habe ja, wie Sie wissen, -keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus in den -Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, -Golubow und der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich -ein Kenner, ich kenne das russische Kloster von Kindheit -an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon und der Kleine. -Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen -voraus, mir ist, als müsste ich mich schämen; Ihnen aber -beichte ich. Für andere mag das keinen Groschen wert -sein, für mich ist’s ein Schatz. Über Tichon sprechen -Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben, -aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich -da eine grossartige, unbedingt heilige Figur aus. Das ist -schon kein Kostanschoglo<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a>, kein Deutscher (habe den -Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows -und Rachmetows<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a>. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, -sondern nur den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor -langer Zeit mit Entzücken in mein Herz genommen. Aber -ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als eine wichtige -That anrechnen. Sagen Sie’s also niemand. -</p> - -<p> -Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss -ich in Russland sein. Ach, wenn es gelänge! Die erste -Erzählung aber — bringt die Kindheit des Helden. Natürlich -nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat -begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde -schreiben; ich schlage dies der „Zarjá“ vor. Sollten sie -ablehnen? Ja, und 1000 Rubel, Gott weiss, wie wenig -das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln, werden -sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist’s -ihre Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben -und so schnell als möglich um Entscheidung gebeten. -Sonst muss ich ohne Verzug etwas anderes unternehmen“ -usw. -</p> - -<p> -Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines -„letzten Romans“ [der ja wirklich sein letzter geworden -ist] seinem Freund Maikow „beichtet“, in Verbindung -mit seinen früheren Andeutungen über den Atheismus und -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman Dostojewskys -„Die Brüder Karamasow“, empfangen wir ein -ziemlich deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, -wie viele Wandlungen die Ausführung, ja sogar die Fabel -im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh jedoch die Grundidee -festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil wirklich -offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel -versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden -erst Atheist, dann frommgläubig, fanatisch und wieder -Atheist werden zu lassen, hat er indessen niemals ganz -ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters als -auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew -mitteilte, hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung -des Romans als Abschluss von des Helden Lebensweg -geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden -Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich -der Besprechung dieses Werkes zurück. Aber -auch schon in den ersten Teilen des Romans scheint der -Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden -Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. -Die „Verderbtheit“ des jungen Helden hat er da in eine -Zeit vor dem Roman verlegt, in das zarte Alter, da junge -Wesen ohne Sünde sündigen, sodass uns allerdings in -seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die Verkörperung -des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese bildet -Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über -die Kinder und der Teufelshallucination, während Sosima -die beglückende Synthese in sich darstellt. In den „Memoiren -aus einem Totenhause“ hat Dostojewsky den Eindruck -der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch -bei der Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb -unbewusst mag vorgeschwebt haben. Allerdings hat die -Bedachtsamkeit des Schaffenden es nicht unterlassen, das -lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen Karamasowschen -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene -Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde -nicht sofort an Aljoscha erinnert? -</p> - -<p> -Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: -„Über den Nihilismus ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, -bis diese oberste Schichte jener, die sich vom Boden Russlands -abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen Sie -was? Mir kommt’s oft in den Sinn, dass viele von diesen -nämlichen, niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus -ihnen wirkliche, feste, russische Ur-Nationale werden. -[Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: „Potschwenniki“ -bedeutet genauer: „am nationalen Boden Haftende“; die -Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] -Nun, die übrigen — mögen sie verwesen. -Es wird damit enden, dass auch sie verstummen, -in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie -immer!“ — — -</p> - -<p> -Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: „Ich -danke Ihnen für Ihren Brief, mein Bester. Sie schreiben -immer so kurze Briefe, welche aber die Eigentümlichkeit -haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische -Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens -denke ich so: wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe -bei uns in der ganzen Litteratur ja gar niemand, welcher -die Kritik als eine ernste und streng unentbehrliche Sache -ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken Schreibenden, -welcher die Notwendigkeit einer regelrechten philosophischen -Betrachtung gegenwärtiger und vergangener -Dinge (und die Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich -also auch die Kritik, d. h. seine eigene Arbeit würdigte. -Und so haben Sie vor allem diesen strengen und -philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht -haben, was die „Zarjá“ zur einzigen Zeitschrift stempelt, -die eine Kritik und die richtige Anschauung dafür hat. -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -Wenn also auch nur dies für Euch spräche, so wäre das -schon ungeheuer viel. -</p> - -<p> -Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: -dass die Einflüsse nicht schnell zu Tage treten, dass der -Unsinn unserer heutigen Gesellschaft doch einen Sinn hat, -d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, und dass Sie endlich -nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die unmittelbare -Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, -ob sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, -„die ohne Sie auch schon so gedacht haben“. Das ist -nicht richtig. -</p> - -<p> -Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein -gewisses Mass für die Beurteilung Ihres Einflusses: die -Zeitschrift „Zarjá“ ist vor allem ein Blatt für Tendenz -und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis -3 Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum -ausdrücken, damit aber unzweifelhaft auch den Einfluss -der Kritik, weil diese der Hauptzug des Blattes ist, ihre -besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese Weise -spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus. -</p> - -<p> -Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden -Struwe loben! Wenigstens um der guten Absicht willen. -In der Philosophie bin ich etwas schwach (aber nicht in -der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat mir -selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die -Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation -aber war mir hauptsächlich darum interessant, weil ich -ahnte, dass dies gerade die gegenwärtige, neueste Denkweise -der deutschen Philosophie sei. Allein wissen Sie, -Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen zurückgebliebenen -Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und -Bogen bewaffnet, während bei ihnen schon lange das -Schiessgewehr im Gang ist. Was mich betrifft, so habe -ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss gelesen. -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. -Ihre Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. -Das aber, Sie mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich -nicht anders als bemerkt werden. Ich habe mich sehr -darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich gegen die gegenwärtige -Manier des Philosophierens verhalten, und würde -es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was -für ein ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen -Litteratur! Die Unordnung und Verwirrung in den Ideen -— nun, Gott mit ihnen — die musste ja kommen; aber -dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit, welche -Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter -fester Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein -falscher! Was sind das für Philosophen, was für Feuilletonisten. -Der reine Quark. Dafür giebt es aber Einzelne, -welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen — und so -geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur -einmal diese Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, -und Sie werden sehen, dass es endlich ihren Ton -annimmt. Apropos: wer ist der junge Professor, der mit -seinen Leitartikeln im „Golos“ Katkow vollkommen geschlagen -hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? -Den Namen dieses Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, -um alles, so schnell als möglich teilen Sie ihn mit!“<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a> -</p> - -<p> -„Ja, noch eins“ — heisst es im nächsten Briefe — „ich -wollte Sie schon lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo -Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn kennen, bitte, schreiben -Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir ungemein -interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe -sehr wenig über ihn als Privatperson erfahren. -</p> - -<p> -Ich schreibe für den „Russkij Wjestnik“ mit grossem -Eifer und kann durchaus nicht erraten, was herauskommt. -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -Noch niemals habe ich ein solches Thema, niemals etwas -in dieser Art aufgenommen. — Dabei quäle ich mich mit -dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland -einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, -es ist mir so unerträglich, in der Fremde zu leben, dass -ich es gar nicht wiedergeben kann! -</p> - -<p> -Von den mir gesandten 500 Rubeln — heisst es -weiter — liess ich mir nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. -Da sind nun aber zwei Wochen darüber hinaus vergangen; -die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt, alles ist -ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind -erkrankt, und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich -nicht vorstellen, wie das auf meine Beschäftigung Einfluss -nimmt, von allem anderen gar nicht zu sprechen. Ich bin -manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz unfähig. -Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen -100 Rubel monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen -ist, was wird dann in der Folge mit den anderen -Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es Sommerszeit, -alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich -wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter -auf irgend eine Sendung ausser der „Zarjá“ rechnen. -Was soll ich also thun? Dann soll man mir aber keine -Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin. Ich -schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit -der Sendung für mich fast wichtiger ist als das -Geld selbst. Am Ende kommt doch irgend welches Geld -von irgend wo an; aber die Ruhe, die Möglichkeit sich von -Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der Arbeit — -kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert“ usw. ... -</p> - -<p> -„Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des -„Wjestnik Ewropy“ in die Hand bekommen und alle -Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist es denn -möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -— wenn man etwa die „bulgarische nordische -Biene“ ausnimmt — einen solchen Erfolg haben konnte -(6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da sehen -Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine -Anpassung an die Meinung der Gasse, die allerletzte -Schablone des Liberalismus! Das also, heisst das, hat bei -uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens geschickt: am ersten -jeden Monats und — Schriftsteller in Fülle. Ich habe -unter anderem „Die Hinrichtung Tropmans“ von Turgenjew -durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein — mich -aber hat dieser aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. -Warum wird er immer verwirrt und behauptet, -kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn er nur -als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. — Aber kein -Mensch, der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, -sich abzuwenden und das zu ignorieren, was auf der Erde -vorgeht, und dafür giebt es die höchsten sittlichen Gründe. -„Homo sum et nihil humanum“ usw. ... das Komischste -von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten -Moment es nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: -„Seht, meine Herren, wie zart ich erzogen bin! Ich habe -es nicht aushalten können!“ Übrigens giebt er sich ganz -aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis -ist — eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit -getriebene Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit -und die eigene Ruhe, und das alles angesichts eines abgeschlagenen -Hauptes. Speien soll man übrigens auf sie -alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte Turgenjew -für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen -Schriftsteller — was immer Sie auch „in Sachen Turgenjews“ -schreiben mögen. — Sie müssen schon verzeihen. — — -</p> - -<p> -Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, -sowohl durch das Stillen des Kindes als durch -die Sorgen. Und auch noch diese Verdriesslichkeiten!“ -</p> - -<p> -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten -spricht Dostojewsky (21. Oktober 1870) seine Freude über -den wieder aufgenommenen Briefwechsel aus: „Niemals -habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in -meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im -Herbste nach Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht -erfüllt; die Mittel waren ungenügend. Wir mussten uns -entschliessen, sie abermals bis zum Frühling zu verschieben -und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen. -</p> - -<p> -Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich -buchstäblich, ohne den Kopf zu erheben, hinter meinem -Roman für den „Russkij Wjestnik“ sitze. Es ging so -schlecht von statten, es musste vieles so oft umgearbeitet -werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht -zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um -mich zu schauen, ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben -habe. Und das ist ja erst der allererste Anfang! Allerdings -ist schon viel aus der Mitte des Romans aufgeschrieben, -vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, -versteht sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über -dem Anfang. Ein schlechtes Zeichen; und dennoch möchte -man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und Manier -müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; -das ist wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen -und suchst sie. Mit einem Wort, niemals hat mir irgend -etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h. zu Ende des -vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine herausgequälte, -gemachte Sache von oben herab. Später kam -wirklich Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: -es tauchte noch eine neue Persönlichkeit mit der Prätension -auf, der wirkliche Held des Romans zu werden, sodass -der erste Held — eine interessante, doch den Namen Held -nicht rechtfertigende Figur — auf den zweiten Plan zu -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -stehen kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass -ich abermals an die Umarbeitung ging. Und nun, da ich -schon den Anfang an die Redaktion des „Russkij Wjestnik“ -gesandt habe — bin ich plötzlich erschrocken: ich fürchte -ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; -ernstlich fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja -den Helden nicht aufs geradewohl eingeführt. Ich habe -seine ganze Rolle voraus im Plan des Romans aufgeschrieben -(mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der -ganz und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht -aus Erwägungen besteht. Darum, denke ich, wird eine -Persönlichkeit herauskommen, ja vielleicht eine neue. Ich -hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit, auch irgend -etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz -hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: -denn mit diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit -verloren und schrecklich wenig geschrieben. -</p> - -<p> -Über den „Wjestnik Ewropy“ und seine Erfolge ist -nichts zu sagen, als dass es das Blatt der Petersburger -Beamten und allen mundgerecht ist (im trivialen, nicht im -populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht -anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky -hat mir ungemein gefallen. Unbestreitbar ist es ein -wichtiges Thema: worin die eigentliche Poesie besteht. -Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn Sie sich -darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche, -gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai -Nikolajewitsch, dass das jetzige Publikum lange nicht mehr -das ist, was es zur Zeit unserer Jugend gewesen. Der -jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue auseinandersetzen. -Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und -sich viel Nutzen bringen. Übrigens — was lehre ich Sie -denn! Sie sind mir eben teuer. Nicht umsonst schneide -ich zu allererst Ihren Artikel im Buche auf; der Tag, an -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist ein Feiertag -für mich. -</p> - -<p> -Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser -Gesundheit nicht rühmen — das ist das Zuwidere! Jetzt -kommt für mich ein Winter angestrengter Arbeit bei Tag -und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt -haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: -nämlich ohne aufzuatmen — sonst kommt man nicht zu -Ende. Ich führe ein langweiliges und äusserst regelmässiges -Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang, -lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner -Meinung werden alle diese gegenwärtigen, erschütternden -Ereignisse eine unmittelbare Einwirkung auch auf unser -russisches Leben haben, also auch auf die Litteratur. In -jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke -nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung -verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem -Falle gewinnen; aber wenn man liest, z. B. russische -Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade das alles -frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den „Moskowskija -Wjedomosti“ natürlich. Werden Sie mir nicht -irgendwie antworten, teurer Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken -werden Sie mich. Ich aber verspreche, dass ich -pünktlich sein werde.“ -</p> - -<p> -Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der -Dichter seine Klage über die Schwierigkeiten, die er bei -der Arbeit des Romans zu bekämpfen habe. Es ist dies -der Roman „Die Besessenen“, dessen wir schon wiederholt -erwähnten. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem -Wege zu brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück -Arbeit aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das -in jeder grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen -musste. Er musste, um seine Geissel so hart und -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -schwer als möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die -Nacken der „Gottlosen“ niedersausen zu lassen, diesen „Besessenen“ -auch jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft -auf Sympathie entziehen, musste ihnen sowohl in ihren -Zielen, als in ihren Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und -dem Leser solche Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein -Leben lang den göttlichen Funken im Herzen des vertierten -Verbrechers suchte und zu finden verstand. Das Unwahre, -Dostojewskysch Unwahre, das dieser Arbeit zu Grunde liegt, -diese Spaltung seines Urwesens konnte ihm nicht gelingen und -musste ihn mit grossem Unbehagen erfüllen. Dennoch weist der -Roman, namentlich in seinem ersten Teil und am Ende, künstlerisch -grosse Schönheiten auf, von den tiefen philosophischen -Problemen zu schweigen, welche zu dem Ergebnis führen, dass -der aufrichtige Atheismus, je nach der sittlichen Person, die er -ergreift, im Mord oder Selbstmord seinen Abschluss findet. -</p> - -<p> -In den Mund Stepan Trofimowitsch’, den geistreich-sentimentalen -Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten -Figuren des Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er -das so gerne thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit -nieder. Da dieses grosse, eitle, ‚genialische‘ Kind in einer fremden -Herberge erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden -Frauenzimmer gepflegt wird, das er ‚ma chère innocente‘ -oder ‚chère et incomparable amie‘ nennt, da fällt ihm plötzlich -ein, sie solle ihm „von den Säuen“ vorlesen; „de ces cochons“ — -„ich erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind -ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen, -warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich -es haben.“ — — Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem -Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto -vor sein Werk gesetzt hat: -</p> - -</div> - -<div class="block"> -<p> -„Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der -Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, -in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. -</p> - -<p> -Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren -in die Säue; und die Herde stürzte sich mit einem Sturm -in den See und <a id="corr-37"></a>ersoff.“ -</p> - -</div> - -<div class="smaller"> -<p> -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -„Meine Freundin,“ sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch -in grosser Aufregung, „savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche -Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein -des Anstosses .... dans ce livre .... so, dass ich mich an -diese Stelle seit meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir -ein Gedanke gekommen — une comparaison. Mir kommen jetzt -schrecklich viele Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt -unser Russland. Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in -die Säue fahren, das sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, -alle Teufel und alle Teufelchen, welche sich in unserem -grossen, teueren Kranken, in unserem Russland angesammelt -haben, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, -que j’aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher -Wille beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, -und es werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit, -all’ diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche -angefault hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die -Säue zu fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! -Das sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres -avec lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen -und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen -und werden alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil -unsere Kraft ja nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird -genesen, „sitzen zu den Füssen Jesu“ ... und alle werden es -mit Verwunderung schauen ... Liebe, vous comprendrez après, -jetzt aber erregt mich das alles sehr ... Vous comprendrez -après ... Nous comprendrons ensemble. -</p> - -</div> - -<p> -Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im -Auslande zurück und nehmen nur die markantesten Stellen -einzelner Briefe hier heraus. Da ist noch am Schlusse -des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die -Stelle: „Turgenjews ‚König Lear‘ hat mir gar nicht gefallen. -Ein aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. -Ich sage das nicht aus Neid, weiss Gott!“ -</p> - -<p> -In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 -finden wir ausser den uns bekannten geschäftlichen Erörterungen -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -am Schlusse eine Stelle, welche als Illustration -von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in Dingen der -europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir -den Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf -mit den Schweizern höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst -gegen Deutsche und Deutschland, so lange er dort -lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal der Franzosen -anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das -ganz subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf -dem, allerdings einheitlichen, Untergrunde des „Nichteuropäers“. -Er spricht zuerst von seiner Heimkehr, die -sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr erwarten -können, und fährt fort: -</p> - -<p> -„Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft -noch alles furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, -wie sehr das von hier aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie -wüssten, was für einen blutigen Hass, bis zum Abscheu, -Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat! -Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über -Europa! Nun, ist jener Russe nicht ein Säugling (das sind -aber fast alle), welcher daran glaubt, dass der Preusse -durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar schamlos: -eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine -Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?). -</p> - -<p> -Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist -der Nation gegen die brutale Macht erhebt? Daran habe -ich von allem Anfang an nie gezweifelt; und wenn sie dort -keine Böcke schiessen, indem sie Frieden schliessen, sondern -noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen -hinausgejagt und dann — welche Schande! Da hätte man -viel zu schreiben — und ich könnte Ihnen viel Interessantes -aus eigener Anschauung mitteilen: z. B. wie die -Soldaten von hier aus nach Frankreich aufbrachen, wie -man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und fortführt. -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein -zum Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, -sie einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also -um ein paar Groschen Einrichtungsstücke), wird, da sie -eigene Möbel hat, verpflichtet, auf ihre Rechnung zehn -Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben drei -Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber -das kommt sie ja auf 20-30 Thaler. — Ich selbst habe -einige Briefe von jungen deutschen Soldaten, die vor Paris -standen, an ihre hiesigen Angehörigen (Krämer, Marktweiber) -gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind -sie krank, wie hungrig! -</p> - -<p> -Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende -Beobachtung: Anfangs wurde die Wacht am Rhein sehr -oft auf der Strasse in der Menge gesungen — jetzt gar -nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich -die Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber — -nicht besonders; sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen -an jedem Abend in der Lesehalle. Einer mit einem schneeweissen -Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter, schrie vorgestern -sehr laut: „Paris muss bombardiert werden!“ Das -sind die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht -der Gelehrsamkeit, so — der Dummheit. Mögen sie -Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche Dummköpfe! -Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann -lesen und schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, -dumm, stumpf, von den untergeordnetsten Interessen erfüllt“ -usw. -</p> - -<p> -Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen -Kritiken fort und es fällt dabei ein Streiflicht auf -Russlands Verhältnis zu Frankreich, das wegen seiner -heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den -Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da -(30. Januar 1871): „— — Was Sie über unsere Gesellschaft -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -sagen, habe ich mit Kummer in Ihrem Briefe gelesen; -und was man von den deutschen Angelegenheiten -denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug -kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte -wollen sie Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie -sich ihn und seine Nachkommenschaft für alle Ewigkeit -zu Sklaven machen wollen, ihm aber dafür die Erbfolge -sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht — das ist -klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung -tagen wird, so werden sie dieselbe durch die -Unmässigkeit ihrer (ausgeklügelten) Forderungen zwingen, -damit nicht einverstanden zu sein und dann — werden -sie den Napoleon proklamieren. -</p> - -<p> -Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: -‚Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen?‘ -Nein, was durch das Schwert aufgebaut ist, -wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie „Jung -Deutschland“. Umgekehrt — es ist eine Nation, die ihre -Kraft verbraucht hat — denn nach einem solchen Geist, -nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee des Schwertes, -des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal -ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit -korporalsmässiger Grobheit lachen, was ist das anders. -Nein, das ist eine tote Nation, eine Nation ohne Zukunft. -Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie, glauben Sie mir, -nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest erstehen -sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert -wird von selbst fallen. -</p> - -<p> -Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands -ist so gross, dass es kaum mehr vier Monate Widerstand -aushalten wird. Wenn sie von Frankreich zurückkommen, -werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön -thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie -schon früher gröblich verschnappen. -</p> - -<p> -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -Gott schütze den Zar und Russland — aber für -Europa ist die Zukunft wirklich kritisch.“ -</p> - -<p> -Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren -Seite von Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit -zu. In einem Briefe vom 14. März 1871 an Apollon -Maikow sagt der Dichter: „Ihr schmeichelhafter Ausspruch -über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken -versetzt. Gott, wie habe ich gefürchtet und wie fürchte -ich noch! Wenn Sie dies lesen, werden Sie wahrscheinlich -auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils im Februarheft -des „Russkij Wjestnik“ gelesen haben. Was werden -Sie sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere -anbelangt, so bin ich einfach in Verzweiflung, ob ich’s -zurecht bringe. — Nebenbei gesagt: das Werk wird ja im -ganzen vier Teile haben — 40 Bogen. Stepan Trofimowitsch -wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar -nicht von ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng -mit den übrigen (Haupt-) Vorgängen des Romans verknüpft, -und darum habe ich ihn gleichsam zum Eckstein des -ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch -im vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird -das sehr originelle Ende seines Schicksals Platz finden. -Für alles andere stehe ich nicht, aber für diese Stelle -verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen, -wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.] -</p> - -<p> -Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich, -wie eine geschreckte Maus. Die Idee hat mich berückt, -und ich habe sie furchtbar leidenschaftlich erfasst. Komme -ich aber durch, oder ist der ganze Roman ein .....? -Das ist das Elend. -</p> - -<p> -Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt -verschiedene Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten -habe. Das hat mir sehr, sehr viel Mut gemacht. -Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich gerade heraus, -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.“ -Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die -erste Hälfte des ersten Teiles gelesen hatte, worin eben -Stepan Trofimowitsch die Hauptrolle spielt. „Erstens“ -— fährt Dostojewsky fort — „werden Sie mir ja nicht -schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung -ein genialer Gedanke hervorgesprungen: „Das -sind Turgenjews Helden im Alter“. Das ist genial! -Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas Ähnliches. -Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit -einer Formel bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese -Worte. Sie haben mir das ganze Werk beleuchtet. -</p> - -<p> -Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling -heimzukehren, da werden wir was plaudern!“ -</p> - -<p> -In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der -Dichter an Strachow: „Wenn ich lange keine Anfälle gehabt -habe und sie sich plötzlich wieder entladen, so folgt -darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da -bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese -Schwermut etwa drei Tage nach einem Anfalle gedauert, -jetzt aber hält sie sieben, acht Tage an, obwohl die Anfälle -selbst in Dresden seltener auftreten, als irgendwo -sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit. -Es ist nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. -Ich muss nach Russland, wenn ich auch das Petersburger -Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es was es -wolle, ich muss heimkehren ..... -</p> - -<p> -Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige -und schwere Gedanken mich beim Lesen Ihres Briefes -bedrängt haben. Was heisst denn das? „Alles das, wodurch -die „Zarjá“ originell war, alles, was ihr vor allen -anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles -das hat man als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt. -Und das ist die einzige russische Zeitschrift, in der sich -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -noch die reine litterarische Kritik erhalten hat! Gerade -darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben jetzt -nötig. Sie hat der „Zarjá“ ihre Physiognomie verliehen. -Vor dem Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen! -Im Gegenteil; in jeder Nummer hätten sie auf ihrer Idee -bestehen sollen, und ihrer wäre die Zukunft gewesen. Ich -weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe jedesmal -nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten -und mich daran berauscht. Es versteht sich, -dass ich manchmal nicht ganz einverstanden war (so z. B. -mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer allzugrossen -Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser -Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) — aber -mein Interesse daran war immer ein ausserordentliches. -Ihr Artikel über Karamsin ist so tief und so männlich -offen, dass ich hier eine helle Freude darüber hatte, dass -bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben -mir, so nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo -etwas darüber gelesen und, so weit auch ich selbst urteilen -kann, scheint es so, dass man den Artikel reaktionär findet. -Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?“ -</p> - -<p> -In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der -Dichter eingehend über Strachows Verhältnis zur „Zarjá“, -erteilt ihm litterarische Ratschläge und schliesst: „Abermals -wiederhole ich, dass ich mit grosser Sehnsucht, ja -mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den -früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier -muss ich aber noch eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn -sich die Gelegenheit dazu böte, mit niemand von meiner -baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich möchte -gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr -von den Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte -es, dass sie gleich auf mich losstürzen; ich fürchte -das aber, weil ich kein Geld habe, sondern nur Erwartungen. -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -— Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch, oder -mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur — -weil ich Russland brauche. Um jeden Preis muss ich -zurück. Mir scheint, ich werde in der Mitte des Sommers -bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit der -Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit -meinem jungen Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso -jungen Gattin zurückkehre, so ist’s doch auch mit Kindern! -Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt, das zweite -aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf -der Reise sein!“ -</p> - -<p> -In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April -(a. St.) 1871, welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist, -spricht er ebenfalls über die Nötigung der Heimkunft, -welche aber durch die im August zu erwartende Niederkunft -Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden könnte. -Er hat sich an die Redaktion des „Russkij Wjestnik“ gewendet, -um 1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung -zu erlangen. Nun schickt man ihm allerdings einiges Geld -für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber bittet man -ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: „Indessen -ist es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs -August soll meine Frau in die Wochen kommen; darum -ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor der Niederkunft -zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren -Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir -ohne Dienerin und mit einem kleinen Kinde reisen müssen. -Nach der Geburt hier bleiben, ist aber auch unmöglich; -man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im Oktober -reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist -schon das allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna -schon ganz umbringen, durch die Verzweiflung, -deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist thatsächlich -vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -ein Jahr ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier -bleibe, aus mir bekannten Ursachen nicht imstande sein, -den Roman zu beenden, und kann in geschäftlicher Beziehung -noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde -ich Ihnen beim Wiedersehen erklären. -</p> - -<p> -— — Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen, -Schlüsse, die Sie sicherlich ebenfalls kennen, von deren -Wahrheit Sie aber noch nicht vollständig durchdrungen -sind, wie auch ich es bis in die allerletzte Zeit nicht -gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der -grossen Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis -zu dem Kreise des rein Litterarischen, ist bei uns die allgemeine -Bildung und Erkenntnis auf einige Zeit zersplittert, -zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich eingebildet, -dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur (gleichsam -einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und -es ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller -litterarischen Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass -jeder Kritiker, der etwa bei uns auftauchen sollte, jetzt -gar nicht die richtige Wirkung hervorrufen würde. Dobroljubow -und Pissarew haben gerade darum Erfolg gehabt, -weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen — das -ganze Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann -man das unmöglich, sondern man muss gleichwohl in seiner -kritischen Thätigkeit fortfahren. Verzeihen Sie mir also -den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde. -</p> - -<p> -Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche -Idee aus und, was die Hauptsache ist, es geschah dies zum -erstenmale in unserer Litteratur. Es ist diese: dass jedes -halbwegs bedeutende und wirkliche Talent bei uns — -immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl zuwandte, -volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck -Puschkin plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows, -den Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen, -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -d. h. früher, als alle Slavophilen, ihre ganze Wesenheit -ausgedrückt und — nicht genug an dem — er hat dies -unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis auf -den heutigen Tag gethan haben. -</p> - -<p> -Sehen Sie hingegen Herzen an — fährt der Dichter -fort — wie viel Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad -zurückzukehren, und welches Unvermögen dazu, infolge -seiner widerwärtigen persönlichen Eigenschaften! Noch -mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann -man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen -Faktoren verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten; -derart, dass man zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus -entwickeln könnte. Nämlich: Wenn ein Mensch wirklich -Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer schon verwitterten -Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden; -wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so -wird er nicht nur in der verwitterten Schichte verbleiben, -sondern sich verpflanzen, katholisch werden usw. — — -Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade durch -sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum -Russland verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt -(von Belinsky wird man noch einmal vieles zu sagen haben, -Sie werden es schon sehen). Allein die Sache ist die, dass -in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel Kraft -liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt -werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses -Thema, entwickeln Sie es im Einzelnen. Man wird sich -gewiss darüber freuen. Es wird dieselbe Kritik sein, nur -in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze im Jahre, -und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird -das Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie -in einen Kreis getreten sind, wo man Sie besser versteht. -Die Hauptsache ist: wozu die Litteratur aufgeben? -</p> - -<p> -— — Ich kehre erst im Juni heim, so haben sich -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -meine Geldmittel gestaltet. — Hören Sie, was ich Ihnen -noch über Ihre letzte Beurteilung meines Romans sagen -will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes -darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie -ungemein fein auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja, -ich habe darunter gelitten und leide darunter; ich verstehe -bis heute nicht (ich hab’ es nicht gelernt), meine Mittel -richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner Romane -drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass -noch Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich -richtig ausgesprochen. Und wie habe ich selbst -schon viele Jahre darunter gelitten, da ich es selbst erkannte!“ -</p> - -<p> -Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote -einen Abriss seines kritischen Briefes an Dostojewsky, der -im wesentlichen unseren Eindruck vom Roman „Die Besessenen“ -bestätigt. Er lautet: -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -„Im zweiten Teile der „Besessenen“ sind wunderbare Dinge -enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in -einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und -scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in -der Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow — -das sind lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der -Eindruck auf das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. -Es sieht dies Ziel der Erzählung nicht und verliert -sich in der Menge der Personen und Episoden, deren Verknüpfung -ihm nicht klar ist. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese -unangenehmen Urteile schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf -gekommen, Ihnen Ratschläge zu erteilen, und ich kann mich -dieser Dummheit nicht enthalten, welche ich als den Ausdruck -meines sehr grossen Interesses an Ihrer Thätigkeit hinzunehmen -bitte.“ -</p> - -<p> -„Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit -der Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist -im Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über -allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit ausgebreitet -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil -für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen -zu sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer -Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. „Der -Spieler“ zum Beispiel und „Der Hahnrei“ haben die klarsten -Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den „Idioten“ -gelegt haben, verloren ging.“ -</p> - -<p> -Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der -zwei zuerst genannten Werke beipflichten. Über den „Idiot“ -haben wir weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen. -</p> - -<p> -„Dieser Mangel“ — fährt Strachow in jenem Briefe fort — -„steht natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein -geschickter Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den -zehnten Teil Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt -machen und als Leuchte ersten Grades in die Geschichte der -Weltlitteratur einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint -mir, darin, dass die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der -Analyse reduziert werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und -hundert Szenen sich mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen -bescheiden sollte. Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein -es scheint mir, dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht -zu schalten, es nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum -zuzubereiten wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses -Mysterium rühre, dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag -vorlege — den, dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören -Dostojewsky zu sein. Allein ich denke, dass Sie in dieser Form -meine Gedanken dennoch verstehen werden.“ -</p> - -</div> - -<p> -Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht -klarer und prägnanter kennzeichnen, als dies hier Strachow -thut. Allerdings geschieht dies nur nach der positiven -Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des -Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung -hervorquellen. Was uns als Mangel erscheinen muss, -das Fehlen jeder Teilnahme für die Reize und Gewalten -der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des Menschen -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -entströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, -das hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht -damit gethan. Er mochte wohl fühlen, dass diese Mängel -zu jenen gehören, welche am innigsten mit unserer Lebenswurzel -verflochten sind und nicht genannt werden dürfen, -weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, -sie von sich zu lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende -müssen diese Mängel als das erscheinen, was sie -sind: ein Übergewicht des inneren Realismus über den -äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem -der Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt. -Uns fehlen in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals -die tiefen und geheimnisvollen Anlässe in den Handlungen -seiner Charaktere, wohl aber fast immer die -äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen -Übergänge, wie sie unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven -so reichlich verarbeiten. Diese Mängel nun -scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein -anderes ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte. -</p> - -<p> -„Es giebt aber noch ein Schlimmeres,“ fährt er in -jenem Briefe an Strachow fort, „ich mache mich, ohne -meine Mittel zu berechnen, und nur vom poetischen Zuge -hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken auszudrücken, -dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist -die Kraft der poetischen Begeisterung immer, z. B. bei -Victor Hugo, stärker als die Mittel zur Ausführung. -Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser Zweiheit -erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. — Ich füge -hinzu, dass die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen -diesen Sommer über, dem Roman sehr schaden -werden.“ -</p> - -<p> -Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt -in die Zeit der Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, -einen jener Aussprüche des Dichters über Sozialismus -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -und Kommunismus zu hören, wie er sie breiter und ausführlicher -in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in -seinen letzten Tagebuchnotizen und seinen „Winterlichen -Bemerkungen über Sommer-Eindrücke“ ausgesprochen hat, -wovon wir weiter unten einige bedeutsame Stellen folgen -lassen. Der Brief lautet: -</p> - -<p class="date"> -„Dresden, 18. (30.) Mai 1871. -</p> - -<p class="adr"> -Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch! -</p> - -<p> -Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit -Belinsky angefangen! Das habe ich vorausgeahnt. Aber -sehen Sie doch nach Paris, auf die Kommune. Sind Sie -wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder -nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen, -der Umstände? Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch -träumt diese Bewegung entweder von einem Paradies -auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie zeigt, -knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes -Unvermögen, auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. -Im wesentlichen ist’s immer wieder derselbe Rousseau und -der Traum, die Welt mittels des Verstandes, der Erfahrung -aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es sind doch, -scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass -ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige -Erscheinung ist. -</p> - -<p> -Sie schlagen Köpfe ab — warum? Einzig und allein -darum, weil das das leichteste von allem ist. Irgend etwas -sagen ist unvergleichlich schwerer. Der Wunsch nach -einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie wünschen das -Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des -Rousseauschen Wortes „Glück“ stehen, d. h. bei einer -Phantasie, welche nicht einmal von der Erfahrung bestätigt -worden. Der Brand von Paris ist eine Ungeheuerlichkeit. -„Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt untergehen.“ -Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Welt -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -und Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen -anderen) diese Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, -sondern als <em>Schönheit</em>. Und so hat sich im neuen -Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee getrübt. Die -sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus -entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag -sich selbst nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren -Wünschen und Idealen. Sind denn endlich, jetzt, nicht -genug Fakten vorhanden, um zu zeigen, dass man nicht -auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht diese -Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher -komme, wie sie bis heute meinten? Woher denn? Sie -werden viele Bücher schreiben, die Hauptsache aber auslassen: -Im Westen hat man Christum verloren und darum -sinkt der Westen, einzig und allein darum. -</p> - -<p> -Das Ideal ist ein anderes geworden — wie klar ist -das! Und das Sinken der päpstlichen Macht zugleich mit -dem Sinken der römisch-germanischen Welt (Frankreichs -und der anderen) — welch’ ein Zusammentreffen! -</p> - -<p> -Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, -allein, was ich im besonderen sagen will, ist -dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und diese ganze .... -jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben wir -nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden -noch warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird -die Herrschaft antreten und die Gesellschaft wird sich auf -gesunden Grundlagen neu aufrichten und glücklich sein. -Sie würden es nie zugeben, dass man, betritt man einmal -diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der -Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie -auch jetzt nach den Ereignissen nichts zugeben, sondern -weiter träumen würden. Hier habe ich Belinsky viel -mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens getadelt, -denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste, -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige -Entschuldigung liegt — in der Unvermeidlichkeit dieser -Erscheinung. Und ich versichere Sie, Belinsky würde sich -jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht darum ist -es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor -allem französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der -Nationalität in sich bewahrte. Darum muss man ein Volk -auffinden, in dem kein Tropfen Nationalität enthalten und -das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche zu versetzen, -wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen -würde er sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel -schreiben, Russland beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen -(Puschkin) verleugnen — um Russland endgiltig -zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre, -an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. -Den Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde -er hocherfreut annehmen. -</p> - -<p> -Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber -habe ihn gekannt und gesehen und habe ihn jetzt völlig -ergründet. Dieser Mensch hat mich einen ...... geschmäht, -indessen aber war er niemals fähig, sich selbst -und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend -an die Seite zu stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu -werden, wieviel kleinlicher Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, -Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber hauptsächlich Selbstsucht -in ihm selbst und in ihnen enthalten sei. [Diese -Stelle des Briefes wurde schon weiter oben <a href="#page-60">Seite 60</a> angeführt, -wo sie uns zur Beleuchtung von des Dichters -Stellungnahme sehr wichtig schien.] Er hat sich niemals -gefragt: „Was werden wir denn an seine Stelle setzen? -Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich -niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er -war im höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war -schon eine abscheuliche, schändliche, persönliche Stumpfheit. -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -Sie sagen, er sei talentvoll gewesen. Durchaus -nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn gelogen! -Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, -als ich einigen seiner rein künstlerischen Urteile -lauschte (z. B. über die toten Seelen): er hat sich gegenüber -den Typen Gogols bis zur Unmöglichkeit oberflächlich -verhalten und war nur bis zum Entzücken erfreut darüber, -dass Gogol betrog. -</p> - -<p> -Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken -durchgelesen. Er hat Puschkin getadelt, als dieser seinen -falschen Ton fahren liess und mit den Erzählungen Bjelkins -und seinem „Arap“ hervortrat. Er hat mit Verwunderung -die Nichtigkeit von „Bjelkins Erzählungen“ verkündet. -Er hat in der Erzählung Gogols „Die Kutsche“ -keine künstlerisch zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, -sondern nur eine spasshafte Geschichte gefunden. -Er hat den Schluss des „Eugen Onjegin“ abgelehnt. Er -hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei -ist das aber nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung -„Drei Porträts“ ausgesprochen. Ich könnte Ihnen solcher -Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um Ihnen -die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines „empfänglichen -Vibrirens“ zu beweisen, von welchem Grigorjew -gefaselt hat (weil er selbst ein Dichter war). Über Belinsky -und über viele Erscheinungen unseres Lebens urteilen -wir heute noch durch eine Menge ausserordentlicher -Vorurteile hindurch. -</p> - -<p> -Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel -geschrieben? Ich habe ihn gelesen, wie alle Ihre -Arbeiten — mit Begeisterung, allein auch mit ein klein -wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die -Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, -was er über manche Erscheinungen des russischen Lebens -sagen soll (sie jedenfalls nicht ernst nimmt), so hätten Sie -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -auch gestehen sollen, dass seine grosse künstlerische Befähigung -in seinen letzten Werken zurückgegangen ist und -zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist -als Künstler sehr zurückgegangen. Der „Golos“ meint, -dies sei darum der Fall, weil er im Auslande lebe; allein -der Grund liegt tiefer. Sie aber sprechen ihm auch nach -seinen letzten Werken seine frühere Künstlergrösse zu. -Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht (nicht in -meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres -Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt -— — Aber wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! -Sie hat alles gesagt, was sie zu sagen hatte -(grossartig bei Leo Tolstoj). Allein dieses, im höchsten -Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein -neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch -nicht gegeben, war auch noch nicht möglich. Die -Rjeschotnikows<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a> haben nichts verkündet; aber immerhin -drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend etwas Neuem -in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht -mehr landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche -Weise thun. -</p> - -<p> -Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. -Ich habe keine Vorstellung darüber, wann ich -zurückkomme (unter uns: ich trachte in einem Monate). -Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse, -dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich -und unsinnig. -</p> - -<p> -Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es -eine Schande sein wird (habe schon angefangen zu -pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird doch was -Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist -meine jetzige Devise.“ -</p> - -<p> -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: „— — Ich -meine nur im allgemeinen, dass es für die Zeitschriften -nicht übel wäre — wenn auch nur eine den Anfang -machte — sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die „Zarjá“ -nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich -weiter mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere -Ressorts. Sicherlich könnte das gelingen. Schade, dass -ich Ihnen nicht sofort meine Ideen darüber entwickeln kann!“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<span class="line1">X.</span><br /> -<span class="line2">Petersburg; die letzten zehn Jahre.</span><br /> -<span class="line3">(1871-1881.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>it der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen -Ansiedelung in Petersburg tritt des Dichters Leben in seine -letzte, seine bedeutendste Phase. Gleich einer Dichtung, die -ein Meister vollendet, wo sich das Wesenhafte immer deutlicher -und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur letzten -Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich -nach dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist -aber nicht in einem behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen -Abschliessens zu verstehen, sondern in echt Dostojewskyscher -Art: durch alle Lebensunruhe und allen -Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen -hindurch der Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende -Einheit in leidenschaftlich bewegter Vielheit war. -</p> - -<p> -Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug. -Anna Grigorjewna erzählt uns, dass sie nach Begleichung -der Dresdener Schulden und der Reisekosten mit einer -Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg ankamen, und -das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft, -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden, -die man für sie aufbewahrt oder versetzt hatte — -sie waren verfallen. Auch eines Hausanteiles, auf welchen -sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte, war sie -durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass -es nun hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, -vor allem den letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch -legte von nun an den administrativen Teil seiner -Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den endlichen -glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte. -</p> - -<p> -Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die -wir hier folgen lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna -Dostojewskaja eine neue Ausgabe von des Dichters -Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte: -Im Januar 1873 erschienen „Die Besessenen“ in 3500 -Exemplaren, im Januar 1874 der „Idiot“ in 2000 und -im Dezember 1875 erschienen die „Memoiren aus einem -Totenhause“ in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 -„Schuld und Sühne“ in 2000 und im November 1879 -„Erniedrigte und Beleidigte“ in 2400 Exemplaren. -</p> - -<p> -Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich -alle Schulden zu tilgen vermochte, ungemein über das Los -seiner Familie, die in Armut zu hinterlassen er stets hatte -fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem Tode ein -Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus -seinen Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre -genau verzeichnet waren. So bezog er: -</p> - -<div class="table"> -<table class="table406" summary="Table-1"> -<tbody> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="6">Im Jahre 1877:</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1 l">aus „Schuld und Sühne“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">487</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">12</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">eingebunden Ex. des „Tagebuchs eines Schriftstellers“ von 1876</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">497</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">80</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Die Besessenen“, „Der Idiot“, „Totenhaus“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">561</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">63</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Rest vom Jahre 1876</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">295</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">40</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr class="s"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sa.</td> - <td class="col3">1841</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">95</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="6"><a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>Im Jahre 1878:</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Die Besessenen“, „Idiot“, „Totenhaus“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">1199</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">50</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Schuld und Sühne“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">548</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">98</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tagebuch 1876</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">281</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">68</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tagebuch 1877</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">346</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">50</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr class="s"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sa.</td> - <td class="col3">2376</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">66</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="6">Im Jahre 1879:</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Die Besessenen“, „Idiot“, „Totenhaus“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">1271</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">99</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Schuld und Sühne“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">797</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">16</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tagebuch 1876</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">98</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">61</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tagebuch 1877</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">121</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">2</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">+ „Erniedrigte und Beleidigte“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">227</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">24</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr class="s"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sa.</td> - <td class="col3">2516</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">2</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="6">Im Jahre 1880:</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Die Besessenen“, „Der Idiot“, „Totenhaus“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">1287</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">20</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Schuld und Sühne“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">933</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">99</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tagebuch 1876</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">247</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">6</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tagebuch 1877</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">219</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">14</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr class="s2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">2687</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">39</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">+ „Erniedrigte und Beleidigte“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">548</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">51</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">+ Tagebuch 1880</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">893</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">87</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr class="s2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">4129</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">77</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">„Brüder Karamasow“</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">3681</td> - <td class="col4">„</td> - <td class="col5">50</td> - <td class="col6">„</td> - </tr> - <tr class="s2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col3">7811</td> - <td class="col4">R.</td> - <td class="col5">27</td> - <td class="col6">K.</td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<p> -Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die -in den Zeitschriften erscheinenden neuen Romane erhielt. -So zahlten ihm die „Vaterländischen Annalen“ i. J. 1875 -für den Druckbogen des Romans „Junger Nachwuchs“ -(Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der „Russkij -Wjestnik“ für die „Brüder Karamasow“ (1879-80) -300 Rubel. -</p> - -<p> -Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis -auf den heutigen Tag gesteigert. Anna Grigorjewna macht -kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die des Dichters schwerste -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute eine Genugthuung, -es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn -jeder neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund -75000 Rubel betrage. Ein noch sehr reichliches ungedrucktes -Material an Briefen, Fragmenten und Dokumenten -gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen, -etwas ungedrucktes beizufügen. — -</p> - -<p> -Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir -P. Meschtschersky den Dichter näher kennen gelernt und -ihn eingeladen, die Redaktion seines Blattes „Grashdanin“ -zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche mit dem -Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, -erhielt der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, -ausser dem Honorar für seine Beiträge. Diese Artikel -waren meist Feuilletons über die brennenden Tagesfragen, -welche den fortlaufenden Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“ -führten. Sie bilden heute den ersten Band der -unter demselben Titel herausgegebenen Schriften. -</p> - -<p> -In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten -und von ihm ganz allein besorgten Blatte, dem er den -gleichen Namen „Tagebuch eines Schriftstellers“ gab, fand -er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das ihm am meisten -zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine bekannte -Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, -diese Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass -ihm nicht sowohl das Kennenlernen der Tagesfragen um -seines Romanes willen, als der nimmer rastende Wunsch -dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem zu -messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte -Brief vom 9. April 1876 beginnt mit einer Erörterung -persönlicher Beziehungen und fährt dann fort: -</p> - -<p> -„Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich -mich im „Tagebuche“ in Kleingeld umwechsle. Ich habe -das auch hier aussprechen gehört. Hier ist, was ich Ihnen -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem unumstösslichen -Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der -künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte -Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit -der grössten Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen -muss. Bei uns glänzt damit nach meiner Meinung einzig -und allein — Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo, welchen ich -als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige -Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, -indem er sagte, „Schuld und Sühne“ stehe höher als die -„Misérables“, hat uns, ob er auch manchmal sehr breit im -Studium des Details ist, wunderbare Studien gegeben, -welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben wären. -Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, -einen grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell -in das Studium — nicht der Wirklichkeit an und für -sich, denn ich kenne sie ohne das — sondern der aktuellen -Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen. Eine der -wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum -Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige -russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz -anders ist, als vor zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem -noch vieles andere. -</p> - -<p> -Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei -der ersten Unachtsamkeit hinter der gegenwärtigen Generation -zurückbleiben. Ich habe unlängst Gontscharow getroffen, -und auf meine offene Frage, ob er im gegenwärtigen -Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe, -manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, -dass er vieles nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich -bin ich mir ganz klar, dass dieser grosse Geist -nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer lehren könnte; -allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte -(und den er in einem halben Worte verstand), versteht er -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -nicht etwa vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. -‚Mir sind meine Ideale teuer und alles, was ich im Leben -liebgewonnen‘, fügte er hinzu, ‚damit will ich nun auch -die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben; diese -aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt -entlang wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es -ginge meine kostbare Zeit darauf‘ .... -</p> - -<p> -Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt -habe, Christina Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas -mit voller Sachkenntnis zu schreiben. Das ist’s, warum -ich eine Zeit lang zugleich studieren und das „Tagebuch“ -führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht verloren -gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie -z. B. glauben, dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen -bin, mir die Form des „Tagebuchs“ klar zu -machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die Richte -bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei -Jahre erscheinen und noch immer keine gelungene Sache -sein wird? Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn -Themen, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze (nicht -weniger). Nun muss ich jene Themen, welche mich mehr -einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum -einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg -z. B.), werden dem Heft schaden, denn es wird dadurch -einförmig, arm an Artikeln werden. Andererseits habe -ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein wirkliches Tagebuch -werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich, -nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich -treffe auf Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die -mich sehr einnehmen — aber wie soll man über das und -jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu unmöglich. -</p> - -<p> -So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen -Seiten sehr viele Briefe, mit und ohne Unterschrift — alle -voll Teilnahme. Manche darunter sind ausserordentlich -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -interessant und originell, dazu gehören sie allen möglichen -jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser verschiedenartigsten -Richtungen, welche da in der Begrüssung -meiner Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel -schreiben, namentlich aber den Eindruck niederschreiben -(ohne Namensnennung), den ich von diesen verschiedenen -Briefen empfangen habe. Dabei ist der Gedanke, der mich -mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt unsere -Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir -uns alle, die wir den verschiedenen Richtungen angehören, -einigen könnten. Aber als ich den Artikel schon überlegt -hatte, sah ich plötzlich, dass es um keinen Preis möglich -wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun aber, -ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben? -</p> - -<p> -Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am -Morgen kommen da plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, -beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie kommen herein und -sagen: „Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen, -schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht -und gesagt, Sie würden uns nicht empfangen und, wenn -Sie uns auch empfangen sollten, uns nichts sagen. Aber -wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind wir, -N. N. und N. N.“ Zuerst hat sie meine Frau empfangen, -dann bin auch ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, -sie seien Studentinnen der medicinischen Akademie, -es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und dass sie -in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu -erlangen und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen -— diesen Typus neuer junger Mädchen hatte ich noch -nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne ich wohl sehr viele, -bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie gründlich -studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine -bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit -diesen Jungfrauen? Welche Geradheit, welche Natürlichkeit, -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -was für eine Gefühlsfrische, Reinheit des Geistes -und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und welche -alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich -viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich -gestehe Ihnen — der Eindruck war stark und sonnig. -Aber wie soll man das beschreiben? Bei aller Herzlichkeit -und Freude mit der Jugend — unmöglich. Ja, es -ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem -Falle für Eindrücke eintragen? -</p> - -<p> -Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger -Mensch, ein Studierender, den man mir gezeigt hatte, da -er in einem mir bekannten Hause war, in die Stube des -Hauslehrers getreten ist und, auf dessen Tische ein verbotenes -Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet, -welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als -man, in einer anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, -dass er eine <em>Schurkerei begangen habe</em>, da hat -er das <em>garnicht begriffen</em>. Nun, wie soll ich das erzählen? -Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch -etwas Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie -man mir erzählte, jener Denkprozess in den Ansichten -und Überzeugungen charakteristisch, demzufolge er <em>nicht -begriff</em> und über welchen man ein interessantes Wörtchen -sagen könnte.“ — -</p> - -<p> -So beginnen dann endlich für den Dichter bessere -Zeiten. Er tilgt nach und nach alle persönlichen sowie -die vom Bruder übernommenen Schulden und wenn er, -seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende -noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens -unweit der Wladimirkirche innehatten, so haben seine -äusseren Zustände an Ruhe und Sorglosigkeit in materieller -Beziehung gewonnen und sind, was Anerkennung und -Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller -persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -oft wechselndes Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. -„Ich habe einen schlechten Charakter“, schrieb er um -diese Zeit einmal an eine Freundin, „aber nicht immer, -und das ist mein Trost.“ -</p> - -<p> -Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir -schon erwähnten, in den vaterländischen Annalen den -Roman: „Der Adolescent“. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -Wir haben über die Erzählung „Podrostok“ (der Adolescent), -welche nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel „Junger -Nachwuchs“ führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den -russischen Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden. -W. Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen -Züge enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch -die Erwähnung auch inneren Fühlens und Erlebens und seiner -Eigenform versteht, so kann man sagen, dass es kein Werk -Dostojewskys giebt, das nicht selbstbiographische Züge aufwiese. -Auch die Schilderung manches äusseren Geschehens tritt -uns mit der Lebendigkeit des Erlebten entgegen. -</p> - -<p> -So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, -des jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im -Jahre 1877 im Aprilheft des „Tagebuchs“ erschienenen „Traumes -eines lächerlichen Menschen“. Ja, der aufmerksame Leser findet -in allen Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, -immer dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; -schon das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch -innenbiographisch. -</p> - -<p> -Der „Podrostok“ nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier -für überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des -Werkes sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint -uns vom russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den -Ideen Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche -junge Russland, mit dem Dostojewsky seine „Brüder Karamasow“ -und somit sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von -„Schuld und Sühne“, strenger genommen, von seiner Rückkehr -nach Russland, angefangen, sehen wir den Dichter unausgesetzt -mit der Jugend, der russischen Jugend, beschäftigt, die er, in -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -unendlichen Variationen, von der völligen Abwendung, wie in -Stawrogin („Die Besessenen“), bis zu völliger Durchdringung, -wie in Myschkin („Idiot“) und Aljoscha Karamasow mit dem -Christentum in Contact bringt. Hier und da setzt er Ausgereifte, -Alte, welche das Christentum fertig in sich tragen, als -feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses überschäumende -Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer -Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn -auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan -Trofimowitsch in den „Besessenen“ und die junge Sonja, die -ihren naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt. -</p> - -<p> -Von Raskolnikow, dem „Napoleon“, bis zum Bürschlein Kolja -Krassotkin, der — im Epilog der „Karamasow“ — „für die Wahrheit -sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen“, zieht -eine endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren -Seele der Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der -Dichter in jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. -sagt, dass er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu -verstehen. Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe, -seinem Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde, -dass er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu -sagen hätte. -</p> - -<p> -Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art -Raskolnikow. Auch er hat seine „Idee“. Nicht ein Napoleon -will er sein, sondern ein Rothschild. Er will „ununterbrochen“ -und „hartnäckig“ Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben, -die das Geld verleiht. Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, -sondern viel hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich -erlauben darf, als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten. -</p> - -<p> -Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner „Idee“? Er -ist ein unehelicher Sohn, das Opfer der „zufälligen Familie“ -unserer Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal -ihm schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst -die Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder, -sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese Aufzeichnungen -an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob -sie für einen Roman tauglich seien. -</p> - -<p> -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des -Dichters eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist -im Epilog seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, -was manche Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht -haben. Denn ein solches Zusammenfassen und Aussprechen -wirkt nur bei dem Starken, der seine Ideen künstlerisch auf die -Beine zu stellen versteht, als Verstärkung, während sie für den -Schwachen zum Rettungsanker für die Verständlichkeit verwendet -wird. -</p> - -<p> -Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten, -grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere -Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der -„zufälligen Familie“, die eine solche Jugend erzeuge wie die -heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman -unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein, -welche nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle -Typen schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen -Menschen, die ehelichen und unehelichen Kinder seines „zufälligen“ -Vaters, des geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, -und schliesst: -</p> - -<p> -„Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese -Familie — eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine -Seele darüber freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene -Schlussfolgerung richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt -schon eine grosse Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar -und in Massen in zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen -Chaos, gemeinsame Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? -Auf einen Typus dieser zufälligen Familien weisen ja -auch Sie in Ihrer Handschrift hin. Ja, Arkadji Makarowitsch, -Sie — sind Mitglied einer zufälligen Familie, im Gegensatze zu -unseren noch vorlängst bestehenden alten Familientypen, die eine -von der Ihrigen so sehr verschiedene Kindheit und Jugend hatten. -</p> - -<p> -Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden -der zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit -ohne schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall -— noch eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch -vollendet werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen, -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -da ist ein Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu -viel erraten. Was aber soll ein Schriftsteller thun, der -wünschen würde, nicht nur historisch zu schreiben, der von -der Sorge um die Gegenwart bedrängt ist? Raten und — -sich irren. -</p> - -<p> -Allein solche „Aufzeichnungen“, wie die Ihren, könnten, so -scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein -künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen -Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und -das Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler -sogar für die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche -Formen finden, dann werden solche Aufzeichnungen, wie die -Ihrigen sind, gebraucht werden und ein gutes Material abgeben -— wenn sie nur aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und -Zufälligen darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte -Züge unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten -können, was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben -Zeiten bergen konnte — eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis, -denn aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.“ -</p> - -</div> - -<p> -Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr -zu Jahr für den Dichter immer drückender wurde, nahm -Dostojewskys intensive innere und äussere Vorbereitung -zu seinem „letzten Roman“ einen immer grösseren Raum -in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster -mit ihren ‚Skity‘ (Einsiedeleien) wieder auf und widmet -vor allem jeden freien Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, -dem praktischen Studium der Rechtspflege; -denn so wenig er etwas über die Theorie der -Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige -Krankheitstypen hinzeichnete — an denen die Wissenschaft -lernen könne, wie Dr. Tschiž sagt —, ebensowenig hatte -er sich ja um den Buchstaben des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft -bekümmern können, wenn man auch den -Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er -nun in Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -Lebens reichlich Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit -dem Wortlaut der Gesetze und dessen praktischen Konsequenzen -vertraut zu machen. -</p> - -<p> -Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein -verstandesmässige Gesetzeskenntnis mit den tieferen -Quellen seines Wesens zusammen. Sein Empfinden der -menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde -und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir -doch in den grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den -Schwurgerichten, den Strafprozessen und ihrem Ausgang -widmet, das eifrige Bemühen, den lebendigen Strom subjektiver -Wahrheit in das dürre Gebiet der „objektiven“ -Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung -der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben -Worten, die er im Epilog des „Hahnreis“ ausspricht: -„Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten konnte -wissen, ob sie weiter schneiden werde“ usw. -</p> - -<p> -Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit -geht soweit, dass er nach Verurteilung der -Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr sechsjähriges Stieftöchterchen -vom Fenster ihrer Wohnung im vierten -Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme -des Prozesses drängt und das Gutachten der -Ärzte herbeiführt, die nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes -eine Geistesstörung während der ersten Monate -der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im -Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt -ihres Kindes weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde -freigesprochen und Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung -der Gatten einzuleiten und durch persönliche Teilnahme -an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. — -Diese Beschäftigung mit den „laufenden Dingen der Gegenwart“ -reift eben die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im -„Tagebuch eines Schriftstellers“. Sie ist zugleich Vorbereitung -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -für den Roman und Verkündung „seiner Wahrheit“ -in diesem eigenartig redigierten Organ. -</p> - -<p> -Auch „die Gesellschaft“ hatte sich in dieser Zeit dem -Dichter genähert. Er wird vielfach geladen, gefeiert, -nimmt Teil an wohlthätigen Veranstaltungen, Kinder- und -Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor seinem Tode sollte er -bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die Rolle des -Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde -aber durch das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen -Verlauf zum tötlichen Ausgang nahm. — -</p> - -<p> -Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde -und einige diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten -während der Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen, -sowie seine Anschauungen über Dinge, welche -seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten -z. B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in -Russland. So sehr ihm die Studentinnen gefallen [wie -wir oben sahen], so wenig will er etwas davon wissen, -dass sie „um Nutzen zu bringen“ — wie das Losungswort -der russischen Jugend lautet —, Feldscherinnen und -Hebammen werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung -aller Spezialisten in Russland („ganz anders in -Europa“) hin und verlangt von den jungen Mädchen und -Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: „die Mehrheit -der Studenten aber und der Studentinnen, das ist -alles ohne jegliche Erziehung. Was ist das für ein Nutzen -für die Menschheit?“ -</p> - -<p> -In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont -Dostojewsky ihr grosses Glück, Kinder zu besitzen. -„Wie gut ist es, dass Sie Kinder haben, wie sehr vermenschlichen -diese unsere Existenz in einem höheren -Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, -und ohne sie giebt es kein Lebensziel. Und -die europäischen Sozialisten verkünden gemeinsame Erziehungshäuser! -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -Ich kenne vortreffliche verheiratete -Menschen, die aber kinderlos sind — nun denn: bei so -viel Geist, bei solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und -wahrlich, in den höheren Aufgaben des Lebens hinken sie -irgendwie.“ Wer Dostojewskys Werke aufmerksam gelesen -hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut -sein. Vom „kleinen Held“ angefangen bis zum Schluss -der „Brüder Karamasow“, dem niedergeschriebenen wie -dem ersonnenen, den er den Freunden mitteilte, schlingt -sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare Reihe von -Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so -innig ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft -so viel hofft. -</p> - -<p> -Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen -hat nach des Dichters Tode unzählige Vorträge -gehalten und Artikel über ihn und seine Thätigkeit -geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von -Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist -bis zum Jahre 1897 allein 190 grössere und kleinere -Schriften und Werke auf, die sie im dazu gegründeten -„Museum Dostojewsky“ in Moskau samt ungedruckten -(von der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) -Fragmenten, z. B. gewisse Kapitel aus den „Besessenen“, -bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir nicht wenige -über das Thema: „Dostojewskys Kindertypen“. Wir haben -nur in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass -sie alle das nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in -seinen Briefen über das „winzige Wesen“ Sonja wie ein -lebendiger Liebesquell hervorbricht. In der aufregendsten -Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt, immer -wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens -Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich -trug. Man denke nur, was alles in seinen Werken über -sein Verhältnis zu Kindern ausgestreut liegt: an die -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -Kinderfreundschaft in „Njetotschka Njeswanowa“, das -Kinderkapitel im „Idiot“, an alle kleinen Erzählungen und -Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder -in den „Karamasow“, und man wird erkennen, dass sie -nicht zufällig da sind, dass sie einen integrirenden Teil -seiner Dichtung und seines Lebens ausmachen. — Die Anfrage -eines seiner Korrespondenten, was dieser sein noch -sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet -Dostojewsky ungefähr mit: das Beste. Walter Scott, -Schiller, Goethe, den Don Quixote, Gil Blas, Prescott und -die russischen Historiker, sowie Puschkin und Tolstoj -unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, „wenn er wolle“, -ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl. -</p> - -<p> -In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie -ihn in seinen Werken verstehe, was bei der gesamten -litterarischen Kritik nicht der Fall sei, und hegt nur den -einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können, -wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den -jetzt hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der -bei seiner Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt -habe: „Nach meiner tiefsten Überzeugung weiss die Menschheit -unendlich viel mehr, als sie bis heute in ihrer Kunst -und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.“ -</p> - -<p> -Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in -Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken <a id="corr-38"></a>Dostojewskys -Zorn heraus, dem er aber meist nur in seinem Notizbuch -aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene für die -russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker -K. D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: „Sie sagen, das -heisse sittlich sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen -handelt. Woher haben Sie das genommen? -Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, -und sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner -Überzeugung zu handeln ..... Blutvergiessen halten Sie -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -nicht für sittlich, aber aus Überzeugung Blut vergiessen, -das halten Sie für sittlich. Das Sittliche deckt sich nicht -mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben, -weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht -Folge zu leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen -bei seiner Überzeugung verharrt, durch ein gewisses -Gefühl davon abgehalten wird, die Handlung auszuführen. -Er tadelt und verachtet sich mit dem Verstande, -allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann -er sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht -Feigheit zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick -lang geschwankt; es ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen -zu erheben, sagte sie sich. Dieses Schwanken -war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.“ -</p> - -<p> -An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten -und Anhänger des Westens, welche jedoch die -bureaukratischen Formen und Formeln ablehnen: „Zerstört -nur die administrativen Formeln!“ heisst es da, „das ist -aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein -Verleugnen dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine -Untreue an Peter dem Grossen. O, auf eine Umgestaltung -wird unsere Administration schon eingehen, aber nur in -einer untergeordneten Form, praktische Fragen betreffend -usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln -sollte — nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, -welche im Gegensatz zum Beamtentum auf dem -Semstwo bestehen, wahrlich sie widersprechen sich selbst! -Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das ist ja die -Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von -ihnen so sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus -in seiner jetzigen Gestalt bestehen bleiben, wenn -sich das gesetzmässige Semstwo einwurzelt? Das ist die -Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er sich -nicht erhält. -</p> - -<p> -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -Der Beamte, der jetzige Beamte indessen — das ist -der Europäismus, das ist Europa selbst und sein Emblem, -das ist gerade das Ideal der Gradowskys, der Kawelins -u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und Europajunge, -wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und -seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen, -welche dem Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen -entsprächen. Übrigens, was sage ich? Im -wesentlichen treten sie ja auch dafür ein. Gebt ihnen -eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem -administrativen Schutze Russlands anvertrauen“ .... -</p> - -<p> -Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: -„Ja, Ihr werdet die Interessen Eurer Gesellschaft -vertreten, aber ganz und gar nicht die des Volkes; Ihr -werdet es auf’s neue leibeigen machen, Kanonen werdet -Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse -aber! Die Presse werdet Ihr nach Sibirien schicken, so -wie sie Euch nur nicht ganz zusagt! Nicht nur Euch -widersprechen wird“ usw. -</p> - -<p> -Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der -Begriffe und Wirrnis der Werde-Elemente in Russland hindurch -eines klar: dass das Beamtentum eine furchtbare -Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener -historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach -Diener des Staates allmählich zu Herren des Volkes werden -und aus jedem Gemeinwesen eine seelenlose Maschine zu -machen vermögen, die alles zermalmt, was in ihre Nähe -gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines -Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt -dieses Thema später noch einmal in einem Briefe an Iwan -Sergejewitsch Aksakow, mit welchem er erst nach der -denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere -Beziehungen trat. -</p> - -<p> -Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -des Dichters zu seinem äusseren und inneren Gipfelpunkt. -In diesem Jahre stellt er durch seine grosse Puschkin-Rede -gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen -Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet -er sein „letztes Werk“, die Krone von seines Lebens -Sinnen und Schaffen, Wünschen und Wirken, die „Brüder -Karamasow“. -</p> - -<p> -Nikolaus Strachow erzählt in den „Materialien zu -einer Biographie Dostojewskys“ [Petersburg, Suworin 1883] -mit grosser Ausführlichkeit den ganzen Verlauf der für -die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll gewordenen -Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses -„nationalen Ereignisses“ nicht nach. Für uns sind drei springende -Punkte wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet -seien. Erstens die Vorbedingungen, welche dieses Fest -zu solcher Bedeutung erhoben, sodann das Konkrete des -Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung -auf die litterarisch-nationalen Parteien. -</p> - -<p> -Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der -russischen Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft -in Westler und Slavophile. Dabei ist im Auge -zu behalten, dass es sich da nicht um Geschmacks- und -Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um -die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte -in seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider -Parteien. Gleichwohl hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen -der „Moskowskija Wjedomosti“ mit Katkow an -der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz über -die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der -Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu „westlich“. Aus alledem -lässt sich begreifen, dass man von den angemeldeten -Rednern etwas Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete. -</p> - -<p> -Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war -am Vortage durch Acclamation zum Ehrenmitglied der -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -Moskauer Universität ernannt worden. Man sah in ihm -„den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins“, -da auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche -Züge aufwies: als russischer Dichter mit westlicher Kultur. -Turgenjew hatte seine Rede in der Einsamkeit seines -Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von lebhaften -Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung -im Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war -jedoch eine geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, -ob Puschkin ein nationaler Dichter sei oder nicht, ja auch -nicht darauf einging, diese Frage zu beleuchten. -</p> - -<p> -Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, -dieser als Vertreter des reinen Slavophilentums, sprechen. -Aber schon als Dostojewsky begann, und mit dem inneren -Feuer, das in ihm brannte, den „russischen Menschen“ im -Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten: -„Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, -brich Deinen Hochmut, demütige Dich, müssiger Mensch, -und vor allem, mühe Dich auf heimatlichem Boden“ — -da fühlte dieser „russische Mensch“, der lautlos den Saal -füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und -lauschte bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in -unerhörten Jubel ausbrach, in einen Versöhnungsjubel, -wie ihn Russland noch nie erlebt hatte. -</p> - -<p> -Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt -getroffen und ans Licht gebracht, der beide Strömungen -versöhnte, nach dem es unbewusst alle verlangte und -der eine neue Aera des litterarischen Wirkens anbahnte. -Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche -Kultur durchaus national von ihm verwertet worden sei, -dass er in sich eben durch seine echt russischen Anschauungen -die Verbindung mit dem Geist des Westens in -einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle Nachkommenden -sei, wie man das ja an seinen dichterischen -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -Gestalten sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine -Gedanken mit Zuhilfenahme einiger Beispiele aus, die — -uns ein Zeuge dieser Feste erzählte — durchaus -nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren. -Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert -indes selbst die lebendige Wirkung dieser Rede als eine -ungeheure, der man sich erst später bei kühler Überlegung -aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für uns -ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und -erweisen wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente -heranzog, das war das Wahre und Befruchtende an -seiner Rede und das ist es wohl auch heute noch, was, -ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches -modernen Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, -welche die Versöhnung der streitenden Elemente anbahnte. -</p> - -<p> -Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters -Wirken und Leben. -</p> - -<div class="smaller"> -<p> -Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu -teil, dass sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck -seiner Kunst war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen -eines ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden. -Denn wenn es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und -seiner Freunde beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der -„Brüder Karamasow“ schon fertig in sich trug, wenn wir auch -wissen, wie er sich die Lösung dieses Problems im russischen -Sinne vorgesetzt hatte, so können wir der Meinung eines seiner -nahesten Freunde nur beipflichten, wenn wir annehmen, dass die -Ausführung dieses Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben -wäre, als überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen, -Ausführungen hinter genialen Entwürfen zurückstehen. In den -„Brüdern Karamasow“ aber ist ja schon in der Exposition, d. h. -im Kapitel vom Starez Sosima, das Höchste als Ahnung und -Ziel für den Helden Aljoscha ausgesprochen; der Leser empfängt -ja von diesem „vorläufigen“ Bilde des „russischen Christus“, das -der Dichter in Aljoscha erst ausführen wollte — wie er andeutet -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -und alle Freunde bezeugen — vollauf alles, was auf ihn wirken -soll: die Ahnung, gleichsam die Verheissung eines reinsten Zustandes. -Hier musste jede Ausführung zurückstehen, im besten -Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber dürfen wir dem -Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo er hinaus -wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene, die es nicht -schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen Zweifel -über die Absichten des Dichters gebe. -</p> - -<p> -Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem -Buche voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung — -welche im Kapitel vom Starez angezeigt ist — liegen klar zu -Tage. Allein im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem -Kapitel vom Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein -menschlich ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden -können, da vibriert schon die tiefe russische Note mit, die -russische Seele, die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende -Grübelei zerspaltet. Das brennende Begehren nach -dem Glauben, das diese „Legende“ geschaffen hat, ein Begehren -auch in der Seele eines mit allen Vorzügen westlicher Bildung -ausgestatteten Geistes wie Iwan Karamasow, das ist echt russisch. -Diese Figur Iwans und diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich, -was Dostojewsky unter seiner „russischen Allmenschlichkeit“ -versteht. Die ewige Frage nach dem Gotte, die dieses -Volk durch alle Zeiten hindurch, auf allen Gebieten in sich behält, -ist ihm Bürgschaft, dass diese zwei Züge, so untrennbar -wie sie es sind, zugleich allgemein menschlich und echt russisch sind. -</p> - -<p> -Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und -durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst -dieses „an allem und für alle und alles schuldig sein“ wie ein -Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis -es in den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält. -Ja, Rósanow, der geistvolle Kommentator, findet darin einen -Fehler, dass nicht auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen -sind, die Iwan als „unschuldig unter der Disharmonie der Welt -Leidende“ hinstellt; dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde -zugeteilt hat; eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher -ein feineres Gefühl den Künstler glücklich bewahrt hat. -</p> - -<p> -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis -auf Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der -russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken, -gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage -fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet, -hier bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das -ganze Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden -jenes Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der -Iphigenie in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. -Aljoscha sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima -Gebot in die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf -sich nehmen. Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen -Sünderin Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a> -zu Falle bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden -und verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert -wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer -Schar von Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt -und leitet. Wem fiele hier nicht der Zusammenhang mit der -Erzählung des Idioten von den Kindern ein, wem nicht der -kleine Held, alle die entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe -entdeckt. Nun fällt aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie -Feuerschein in die unerbittliche Geisselung der Gott-losen -Jugend in den „Besessenen“, im „Idiot“, im „Jungen Nachwuchs“, -und wir sehen den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen -die Säulen jenes Götzentempels umklammern, um sie in -Trümmer zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine -Ungerechtigkeit und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit -an, auf dem Platze, wo allein ein neuer Aufbau möglich ist. — — -Diese Jugend sehen wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, -um jener anderen willen, die er in der Seele trägt und welcher -dereinst Russlands Zukunft gehören soll. -</p> - -<p> -Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit -einer Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl. -klar und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -dass er nur wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges -Urthema, aus dem er immer wieder das Gerippe eines Problems -aufbaut, das er in lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre -individuelle Seele einhaucht. So fände ein Spurensucher in -Dostojewskys Werken reichliches Nachweismaterial für Varianten -und Wiederholungen des Grundthemas. Was gäbe es da für -Ernten für einen Nachwuchs von Kommentatoren im Sinne der -Goethe-Forschung, wenn so etwas in Russland möglich wäre! -Was im jungen Russland nachgeforscht und nachgewiesen wird, -ist heute noch der Sinn, nicht das i-Tüpfelchen des Mysteriums -einer Dichtung. Dieser Nachweis aber ist leicht, denn der Sinn -der Wiederholungen ist immer augenfällig. -</p> - -<p> -So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die „neuen -Ideen“ in den „Tagebüchern“, in „Schuld und Sühne“, in „winterlichen -Betrachtungen über Sommereindrücke“ [diese allerdings -durch die Londoner Einflüsse modificiert], in den „Besessenen“ -usw, nahezu wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die -Wirkung, nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den -„Traum eines lächerlichen Menschen“ träumen wir ihm zweimal -nach, finden dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, -den er unter dem Titel „Das goldene Zeitalter in der Tasche“ -im Januarheft des Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt -als positiven Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft. -Auch die Figuren Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals -zum Typus herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten -für das Auge des Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, -deren Gemeinsamkeit dem europäischen Leser oft darum entgeht, -weil ihm das Merkmal selbst nichts sagt. So sind Iwan Karamasow -und Raskolnikow, der Fürst Walkowsky und Swidrigailow, -der „Idiot“ und Aljoscha Karamasow, der Starez Sosima und der -Wanderbettler Makar im „Jungen Nachwuchs“, der Fürst Sokolsky -ebenda und der alte Fürst in „Onkelchens Traum“ eigentlich -Variationen einer Wesenheit, mit künstlerischer Vollendung bis -ins Kleinste individualisiert. Nur Dmitri Karamasow steht ohne -Gegenspielart da. Er ist auch der Träger des echt Dostojewskyschen -Elements des Unbewussten, das eigentlich die Komplikation -und den Abschluss des uns bekannten Teiles der Fabel herbeiführt. -</p> - -<p> -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins -Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer -blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche, -jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr -Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste -Gattin war nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst -hatte, ohne alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, -hatte ihn bald geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri -und ihrer Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen -sich in Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen -Pathos vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der -ältere Sohn der hysterischen „Schreiliesel“, die hinwieder der -Gatte prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa -Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner -Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha, -dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen, -wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der -Sohn der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder, -ist die Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt -bestialischer Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch -genug, vom Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol -der verwandten Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit. -</p> - -<p> -Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst -sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha -einer gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden. -</p> - -<p> -Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter, -jeden in seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. -Bei Dmitri treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen -und Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele -ist dem Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet, -was ja auch die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte -Verteidigung und die Verurteilung des unschuldig Schuldigen -wegen Vatermords zur Folge hat. -</p> - -<p> -In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier -gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung -des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht -eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -„ablehnt“. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er -sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise -getroffen hat, um „echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes -zu sprechen“; wenn ich auch einen Gott annehme — „seine -Werke lehne ich ab“. Schon früher hatte er gesagt: „Weisst -du, was ich dahier eben erst zu mir gesagt habe? Sollt’ ich auch -nicht mehr an das Leben glauben, müsst’ ich den Glauben an ein -teures Weib, an die Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich -mich im Gegenteil davon überzeugen, dass alles ein unordentliches, -verfluchtes und vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten -mich auch alle Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen -— dennoch werde ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher -angesetzt habe, so will ich nicht eher davon lassen, als bis ich -ihn nicht ganz bewältigt habe. — — Ich habe mich oft gefragt: -giebt es im Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen -wütenden und vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen -könnte, und geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst -bis zu meinem dreissigsten Lebensjahr — dann aber werde ich -selbst nicht mehr wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier -nennen manche schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich -Poeten, niedrig. Wahr ist’s, es ist zum Teil ein Karamasowscher -Zug, diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch -in dir sitzt sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?“ usw. -„Die klebrigen Frühlingsknospen lieb’ ich, den blauen Himmel -lieb’ ich — das ist’s. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier -liebst du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine -ersten jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?“ -</p> - -<p> -Darauf Aljoscha: „Nur allzu gut usw.“ ... Hier ist auch des -Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er „verstehe“ -— gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das -Leben als Werk einer Ordnung und Vernunft, als „Euklidische -Geometrie“ ab. „Nicht Gott ist’s, den ich ablehne, verstehe das, -sondern die von ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich -ab, ich kann mich nicht entschliessen, sie anzunehmen.“ — Nun -folgt ein leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan -mit dem Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso -man seine Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -es noch, aber in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig -und keiner sei imstande, die Leiden des andern zu begreifen. -An diese sehr charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums -schliesst er sofort die Begründung seines Protestes -gegen die Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen -tiefen Zug in Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum -schon gemildert einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten -ganz geläutert auszuklingen: die Liebe zu den Kindern. -</p> - -<p> -Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass „die -Euklidischen Parallelen“ sich in der Ewigkeit berühren, dass alles -Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie -aufgelöst sein wird — wie kann ich eine Welt zugeben, in der -auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen -muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus -der Zeit der harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten -Weise einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen -[der Dichter benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente]. -„Die Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine -Harmonie. Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn -möglich? Etwa damit, das sie gerächt werden? Aber wozu -brauch’ ich die Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger; -was kann hier die Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode -gequält wurden? Was ist das aber für eine Harmonie, wenn -eine Hölle dazu da ist? Ich will vergeben, ich will umarmen, -ich will nicht, dass man weiter leide. Und wenn die Leiden der -Kinder darauf gegangen sind, um jene Summe von Leiden voll -zu machen, die für das Erkaufen der Wahrheit unumgänglich -nötig war, so behaupte ich von vornherein, dass die ganze Wahrheit -eines solchen Preises nicht wert ist. Ich will endlich nicht, -dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr Kind durch Hunde -zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu verzeihen! Wenn -sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag sie dem Peiniger -ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben, allein die Leiden -ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen, dazu hat sie kein -Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn auch das Kind -selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn sie nicht -verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der ganzen -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich -will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. -Ich will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber -will ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten -Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte. -Allzu hoch hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus -über unsere Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum -beeile ich mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und -wenn ich ein ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die -Karte so schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich -auch“ usw. — — -</p> - -<p> -Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: „‚Ist -in der ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte‘, sagst -du. Aber dieses Wesen ist und es kann ‚alles und allen vergeben‘ -— du hast ihn vergessen.“ — — Wir haben hier wieder -das Problem des Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch -negativer Form; hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer -Lösung zu und es tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, -der Name Christi und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor -die wunderwirkende Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden -Christus als Person auf. -</p> - -<p> -Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen -Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein -Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise -beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften -Bruder seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende. -Zur Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur alltäglichen -Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint, ein -müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort -erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da -er Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor -mit seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen -und in ein unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der -Nacht öffnet sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor -tritt herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte -steht vor ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer -Lippe seine Rede. -</p> - -<p> -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen -zu sein. „Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du -aus den Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, -dir, auf dein Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für -diese Freiheit. Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt, -für die Starken, die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu -nehmen vermögen, wenn sie dir folgen. Aber die anderen? Bist -du denn nur ein Gott der Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir -lieben die Menschen mehr als du, wir lieben alle, wir nehmen -ihre Leiden auf uns, wir vollenden in deinem Namen das -Werk, das du nur halb gethan. Und du warst gewarnt. Jener -furchtbare und tiefsinnige Geist, der dich angeblich versucht hat, -er hat dir drei Mittel an die Hand gegeben, wie du die Menschen -für alle Zeiten dir unterthan und wie Kinder glücklich machen -konntest. — Du hast sie verschmäht. Nun haben wir sie aufgenommen, -diese Mittel, und die Menschen sind beruhigt, beruhigt -in deinem Namen. Wozu also bist du gekommen unser Werk zu -stören?“ -</p> - -<p> -Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei -Darbietungen des „furchtbaren Geistes“, welche die Menschen -für alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und -die Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die unerbittliche -und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche -auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder, -hinter dem Geheimnis — nichts ist, dass aber ihre Autorität durch -diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen -beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen, -als schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer -Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. „Und -morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi“, schloss der Greis seine -Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor -eine Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf -den Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen. -Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den -Gefangenen in die finstere Nacht. -</p> - -<p> -„Und der Alte?“ fragt Aljoscha. „Der Kuss brennt auf -seiner Seele, doch er bleibt bei seiner Idee“, erwidert Iwan. „Und -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -du mit ihm, du mit ihm!“ ruft Aljoscha kummervoll aus. Die -Brüder trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass -er den Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen -nirgends findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine -pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von -Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen -der Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei -lässt uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche -ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um -Geldes willen und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka, -im Hader lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben -werden. Die schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde -und so, dass aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld -irgendwo eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach -des Vaters Garten geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden -und in rasendem Zorn das Kommen der bestellten -Schönen erlauern wollen. Da sieht er den alten Lüstling zum -Fenster treten und verbirgt sich. Später will er fliehen, hört -Stimmen, sieht sich verfolgt und eilt zum Gartenzaun, über den -er sich schwingt. Da wird er vom alten Diener Grigorji am Fuss -gepackt, der mit rauschheiserer Stimme schreit: ‚Das ist er, der -Vatermörder!‘ Da fällt der Alte aber auch schon wie vom Blitz -getroffen zu Boden. Dmitri springt in den Garten zurück, wirft -die Keule ins Gras, betastet den Kopf des Alten, der von Blut -überströmt ist, und entflieht. -</p> - -<p> -Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln -könnte, Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der -Erzählung. Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen -Sinne zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des -Lesers bis zur Lösung offen halten will, sondern in gleichem -Masse dem künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen, -wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht. -Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: „Weisst -du was? Ich weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn -nicht um, vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich’s -thue <em>in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht -verhasst wird</em>. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -seine Augen, sein schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel -fühle ich. Das ist’s, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten -können.“ — — „Gott hat mich davor bewahrt“, sagt -er später. Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. -Er hat den Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt -nun in das Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den -Starez Sosima beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort -den Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend -in seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen ermahnenden -Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling -liebevoll und fragt ihn nach „dem Bruder“. Er denkt dabei nur -an Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und -anderen das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise -in einen hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, -um die Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen -und den Boden mit der Stirn berührt, „um des Furchtbaren -willen, das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen“. -Um ihn vor diesem Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas -sanftes Antlitz nach ihm ausgesendet. -</p> - -<p> -Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und -uns wird das „Geheimnis“ offenbar, das der Dichter in das -Motto [Ev. Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und -das in jenem anderen, durch viele seiner Werke gehenden und -selten verstandenen Citate seine Gegenseite findet: „Wir alle -sind für alle und an allem schuldig.“ -</p> - -<p> -Der Starez Sosima sagt: „Ich habe Dich zu ihm gesandt, -Alexei, weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. -Aber es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. ‚Wahrlich, -wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn -in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber -erstirbt, so bringt es viele Früchte.‘ -</p> - -<p> -Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male -im Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,“ sagte -still lächelnd der Greis. „So denke ich von Dir: Du wirst aus -diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen — als -Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst -werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -Leben bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und -das Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen — -was das Wichtigste von allem ist.“ -</p> - -<p> -Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom -„Dasein Gottes“, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale -Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches -Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung -verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere -immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das -Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen, -sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen -zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit -deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte -erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer Beimischung -orthodoxer Kirchlichkeit. -</p> - -<p> -Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzählt er, da -sei sein einziger um zehn Jahre älterer Bruder an galoppierender -Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei früher ganz ungläubig -gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vöglein -so fröhlich im Baumschatten singen gehört, plötzlich sehr heiter -und liebevoll geworden und habe aus Freude darüber geweint, -dass er es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es -ihm schwer, sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern -immer besonders gesagt: „Warum kann ich nicht auch Euch -bedienen.“ „Mütterchen, meine Freude,“ sagte er, „es kann nicht -wohl sein, dass es keine Herren und Diener gäbe, aber lass mich -doch auch der Diener meiner Diener sein. Ja, und noch das sag’ ich -Dir, Mütterchen, dass ein Jeder von uns für alle in allem schuldig -ist, ich aber mehr als alle.“ Man lächelte und hielt diese Reden -für Fieberphantasieen. -</p> - -<p> -Jahre waren nach dem Tode des Jünglings und der Mutter -vergangen; der nun herangewachsene Junge war in einer -Kadettenanstalt erzogen worden und ist nun als Offizier in einer -Provinzstadt stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert -er die Tochter und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet -sich aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine -schönen Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -mehrmonatlichen Abwesenheit zurückkehrt, findet er sie als die -Frau eines Mannes, den er auch früher oft im Hause getroffen. -Er hält sich für angeführt und verlacht, da er sich nicht zugestehen -will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines -Tages führt er absichtlich eine Herausforderung des jungen -Gatten herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden. -</p> - -<p> -Als der Junker in überaus reizbarer Stimmung spät abends -nach Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines -Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so -heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche -steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht, -lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch -der Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhöbe -und vor das Gesicht hielte. — Der Junker legt sich zu Bette, -schläft einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr früh -am Morgen mit einem dumpfen Unglücksgefühl in der Brust. -Was ist es doch? Das Duell? Nein, er hat sich schon früher -geschlagen, das ist es nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da -er jetzt ganz klar darüber ist, dass er das Mädchen eigentlich -nie geliebt hat. Nun hat er’s: der Diener, der sich nicht wehrte -unter den blutigen Schlägen. Der Offizier bedeckt sein in Scham -erglühendes Gesicht mit beiden Händen und wirft sich schluchzend -auf sein Lager .... -</p> - -<p> -Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. „Komm, -es ist Zeit.“ Sie gehen vor die Thür, zum Wagen hinaus. „Warte, -ich vergass meine Börse“, sagt der junge Duellant und eilt -zurück, geradaus in das Kämmerchen des Dieners. „Athanas, -ich habe Dir gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du -mir.“ Der Diener schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft -sich der Herr nieder, mit der Stirn schlägt er den Boden. „Verzeihe -mir!“ wiederholt er. „Euer Edelgeboren“, sagt der Bursche, -„Väterchen, Herr — — ja wie ist das — — ja bin ich das wert?“ -und bricht in Thränen aus. — Man fährt zum Zweikampf. Des -Leutnants Stimmung ist ganz umgewandelt; freudestrahlend, -glücklich legt er den Weg zurück, sodass der Sekundant sich -des wackeren Haudegens freut. Man kommt an und misst die -Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss ab und streift -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -das Ohr des jungen Mannes ein wenig. „Gott sei gepriesen“, -schreit dieser, „es ist kein Mensch getötet worden!“ Dann drückt -auch er seine Pistole ab — in die Baumkronen des Wäldchens. -Er wendet sich zu seinem Gegner. „Geehrter Herr“, sagt er, -„verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie beleidigt -und jetzt auch noch dazu genötigt habe, auf mich zu -schiessen.“ Jener wird zornig und fragt: „Ja, haben Sie denn -nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann -beunruhigen?“ „Gestern“, erwiderte der Fröhliche, „war ich -noch dumm, heute bin ich klüger geworden.“ Man schreit, man -will ihn nötigen. „Nein“, sagt er, „ich schiesse nicht. Sie aber -— thun Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wäre, Sie -thäten es nicht.“ Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das -Regiment entehre, worauf er erwidert: „Meine Herren, ist es -denn wirklich so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen, -welcher selbst seine Dummheit bereut und sich öffentlich schuldig -bekennt?“ Die Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende. -Der junge Bekenner erhält den Abschied, er verlässt den Dienst -und die Stadt, und so wird dieses Erlebnis — von innen heraus -— der erste Anlass seines späteren Eintritts in ein Mönchskloster. -</p> - -<p> -An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen über -Dostojewsky sagt N. Strachow, man könne auf den Dichter die -Worte anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: „Er -hat ein grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns -überlassen, es auszudeuten.“ Wir finden das nicht. Wir finden -vielmehr, dass er uns dieses Geheimnis in seinem grössten, -monumentalen Werk gekündet hat. Den „Gott, den er beweisen“ -wollte, hat er zuerst mit den blendendsten Künsten der Dialektik -vernichtet, um ihn durch das einfache Gebot der Liebe in allen -und in jedem wieder aufzurichten. Er spricht durch den Mund -Sosimas aus, dass es möglich ist, den Bruder nicht zum Bösen -zu zwingen, dass jeder diese Möglichkeit unbewusst in sich trage -und diese Blindheit es ist, die alle für sich und alle andern an -allem schuldig werden lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen, -was Dostojewsky mit diesem Atridenbuch, das in die Zukunft, in -die russische Zukunft weist, hat sagen wollen. Wenn ich liebe, -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -sagt er, so bin ich glücklich; ich zwinge die anderen zum Glück, -da ich nicht für mich leben, sondern gleich dem Weizenkorn -ersterben will, um Früchte zu tragen. Das Vollgefühl aber -dieser Liebe [vom Glauben ist gar nicht mehr die Rede, da er -Accessorium ist] ist — Gott. Wer dieses in sich trägt — und -nach des Dichters Meinung trägt es jeder als Keim in sich, -weiss es nur nicht und erwartet es nur immer wieder vom -Nächsten, was ja das „Geheimnis“ ist — der erlöst schon, wie -Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes den darbenden -Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind wir alle, -der wird täglich „für alle und an allem schuldig“. -</p> - -<p> -Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess -gegen Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist, -um sich aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten -könnten, im letzten Augenblicke es nicht mehr vermögen. -Smerdjakow, der wirkliche Mörder, erhängt sich, und Iwan wird -im Gerichtssaal wahnsinnig. -</p> - -<p> -Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegängnis eines -Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar -frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht -die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben, -das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften -Knaben, dem sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten -in allen Versuchungen des Lebens. -</p> - -</div> - -<p> -September 1880 vollendet Dostojewsky die „Karamasow“. -Nun wendet er sich mit voller Kraft der Publicistik zu, -da er vieles zu sagen hat und seine gewonnene Autorität -ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen. Sehr -entschieden drückt er sich auch in einem Briefe an Iwan -Aksakow aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und -einigen gewechselten Briefen näher getreten war. Er -kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von ihm -herausgegebenen Zeitschrift „Rusj“. „Bei Ihnen (No. 1 -der „Rusj“) heisst es: ‚Peter der Grosse habe uns nach -Europa hineingezogen und uns europäische Civilisation gegeben‘. -Ja, Sie loben ihn fast gerade um dieser europäischen -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist -es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt -in Gestalt eines verhängnisvollen Gürtels ‚bester Leute‘ -in vierzehn Rangklassen.“ -</p> - -<p> -Für den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter -fieberhaft eine grosse Nummer des Tagebuchs für das Jahr -1881 vor, welche eine Reihe von Artikeln über das Verhältnis -der „Intelligenz“ zum Volke einleiten sollte. Die -Nummer war schon im Druck, Dostojewsky fürchtete jedoch -sehr viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel -einer Kaution als einer predwaritelnaia Zensura (vorprüfende -Zensur) auf Gnade und Ungnade ergeben musste. -N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe -sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: „Es giebt dafür -ein magisches Wort: ‚Vertrauen zeigen‘. Ja, unserem -Volke kann man Vertrauen entgegenbringen, denn es ist -dessen würdig. Ruft nur die grauen Kittel herbei und -fragt sie selbst um ihre Bedürfnisse, um das, was ihnen -not thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir -aber werden vielleicht zum erstenmale die wirkliche Wahrheit -hören.“ -</p> - -<p> -Obwohl von kompetenter Seite über das Schicksal der -Publikation beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht. -Am 25. Januar besuchte ihn Orest Miller, um ihn an -sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags zu -mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen, -und Miller verliess den Dichter, zwar ganz begütigt, -dennoch in reizbarem Zustande. Seit mehreren Jahren -war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein Lungenemphysem -zu seinen anderen schweren Leiden getreten, -und dieses eigentlich secundäre Übel wurde nun die Ursache -seines Todes. Eine Lungen-Arterie borst an jenem -verhängnisvollen Tage, was sich jedoch anfangs nur durch -Nasenbluten ankündigte. Am 26. fühlte er sich ganz -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -wohl; doch trat plötzlich eine Halsblutung ein. Der -Hausarzt wurde gerufen und ward Zeuge einer zweiten, -stärkeren Blutung, die zur Bewusstlosigkeit führte. Als -der Dichter erwachte, verlangte er sofort nach der Beichte -und dem Abendmahl. Am 27. fühlte er sich wohler und -beschäftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da -er sehr in Sorge war, dass das Blatt am 31. erscheinen -sollte. Am 28. ging es bis Mittag ziemlich gut. Doch -von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr abliess, -langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin -des Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzählte. -Die Gattin stillte, an seinem Bette sitzend, mit -Tüchern das unaufhörlich langsam dem Munde entrieselnde -Blut. -</p> - -<p> -Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna, -sein altes Evangelium aufzuschlagen, das seit Sibirien -immer bei seinem Kissen lag, und ihm die Stelle vorzulesen, -die sie von ungefähr zu Anfang der Seite finden -würde. Es war aber das Evangelium Matthäi III, 15: -„Aber Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, -dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? -Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt -also sein; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ -[Der russische Text weist den 11. Vers auf, -sowie die Worte: aber Johannes hielt ihn zurück usw., -und Jesus antwortete ihm: halte mich nicht zurück usw.] -Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte Dostojewsky: -„Du hörst es — halte mich nicht zurück — das -heisst, dass ich sterben werde“, und damit schloss er das -Buch ... Am Abend um 8 Uhr 38 Minuten desselben -Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter für immer -seine Augen. -</p> - -<p> -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -Das Leichenbegräbnis wurde, niemand konnte es -erklären wieso, zu einem Ereignis für Russland. Schon -bei der Aufbahrung in der engen Stube, die auch sein -Arbeitszimmer gewesen war, drängte sich die Menge derart -und erfüllte den Raum so vollständig, dass die Kerzen, -die den Katafalk umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen. -63 Abordnungen mit Kränzen und 15 Gesangvereine -gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz -Petersburg wälzte sich ihm zur Kirche vom „heiligen -Geiste“ lautlos nach, ein in Russland noch nie gesehenes -Schauspiel. Am selben Tage, dem 31. Januar, erblickte nach -des Dichters heissem Wunsche die erste und letzte Nummer -des „Tagebuchs eines Schriftstellers für das Jahr 1881“ -zensurfrei das Licht. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-442"> -<img src="images/442.jpg" alt="" /></div> - -<h2 class="line1 chimg chapter" id="chapter-0-13"> -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/443.jpg" alt="" /></span> -<span class="line1"><br />Anhang.</span> -</h2> - -<div class="appendix"> -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span>on dem grösseren Anhang, welcher das vorliegende Buch -durch politische, prozessualische und kritische Aufsätze aus dem -„Tagebuch“ ergänzen sollten, haben wir in letzter Stunde aus -triftigen Gründen Abstand genommen. Es folgt hier nur ein -Index von den Werken des Dichters nach ihrer Entstehung und -Veröffentlichung. Hierbei wird der Leser selbstverständlich auch -alle jene Werke der ersten Periode von Dostojewskys Schaffen -eingereiht finden, die eingehend zu besprechen wir von unserem -Standpunkt aus nicht für dringend notwendig fanden. -</p> - -<p> -Ferner können wir es uns nicht versagen, einige der bedeutendsten -Kritiker anzuführen, in deren Arbeiten wir Einblick -genommen haben. -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-13-1"> -<span class="line1">Chronologische Reihenfolge</span><br /> -<span class="line2">von <em>Th. M. Dostojewskys</em> Werken nach ihrer Entstehung und Publication.</span> -</h3> - -<h4 class="no"> -I. Periode. 1844-1859. -</h4> - -<p class="hang"> -Arme Leute 1844. 1846 in der „Petersburger Sammlung“ von -Nekrássow. -</p> - -<p class="hang"> -Der Doppelgänger 1846. 1846 in den „Vaterländischen Annalen“. -Bd. 44 umgearbeitet 1865 in der Gesamtausgabe -von Stellowsky. -</p> - -<p class="hang"> -Herr Prohartschin 1846. 1846 in den „Vaterländischen Annalen“. -</p> - -<p class="hang"> -Roman in 9 Briefen 1847. 1847 im „Zeitgenossen“ (Sowremennik). -</p> - -<p class="hang"> -Die Wirtin 1847. 1847 in den „Vaterländischen Annalen“. -</p> - -<p class="hang"> -Polsunkow 1848. 1848 im „Illustrierten Almanach“ von Panajew -und Nekrássow. -</p> - -<p class="hang"> -Ein schwaches Herz. 1848 in den „Vaterländischen Annalen“. -</p> - -<p class="hang"> -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -Der Ehemann unterm Bett. 1848. In den „Vaterländischen -Annalen“ Bd. 56 erschien die Erzählung „Die -Gattin des anderen“; ebendaselbst im selben -Jahre Bd. 61 „Der eifersüchtige Gatte“. Beide -Erzählungen wurden für die Gesamtausgabe -von Stellowsky 1865 unter dem Titel „Die -Gattin des anderen und der Gatte unterm -Bett“ verschmolzen. -</p> - -<p class="hang"> -Der ehrliche Dieb. 1848 in den „Vaterländischen Annalen“ Bd. 57. -</p> - -<p class="hang"> -Christbaum und Hochzeit. 1848 in den „Vaterländischen Annalen“ -Bd. 60. -</p> - -<p class="hang"> -Helle Nächte 1848. 1848 in den „Vaterländischen Annalen“ Bd. 61. -</p> - -<p class="hang"> -Netotschka Neswanowa (unvollendet) 1848. 1849 in den „Vaterländischen -Annalen“ Bd. 62, 64. -</p> - -<p class="hang"> -Der kleine Held 1849 (in der Peter-Pauls-Festung). 1857 in den -„Vaterländischen Annalen“. -</p> - -<p class="hang"> -(Sibirien). -</p> - -<p class="hang"> -Hymnus auf den Orientkrieg, Mai 1854. 1883 im „Graschdanin“ No. 1. -</p> - -<p class="hang"> -Onkelchens Traum. 1859 im „Russ. Wort“ (Russkoe Slowo) Bd. 2. -</p> - -<p class="hang"> -Dorf Stepantschikow und seine Bewohner 1858 (deutsch übersetzt -als Tollhaus und Herrenhaus). 1859 in den -„Vaterländischen Annalen“ Bd. 127. -</p> - -<h4 class="no"> -II. Periode. -</h4> - -<p class="hang"> -Memoiren aus einem Totenhaus 1859-60. 1861 und 62 in der -„Zeit“ (Wremja). -</p> - -<p class="hang"> -Erniedrigte und Beleidigte 1861. 1861 in der „Zeit“ (Wremja). -</p> - -<p class="hang"> -Eine garstige Geschichte. 1862 in der „Zeit“ (Wremja) IX. -</p> - -<p class="hang"> -Winterliche Betrachtungen über Sommereindrücke. 1863 in der -„Zeit“ (Wremja) II., III. -</p> - -<p class="hang"> -Memoiren aus einem Keller 1864. 1864 in der „Epocha“ I., II., IV. -</p> - -<p class="hang"> -Der Spieler 1863 entworfen, 66 niedergeschrieben. 1867 in der -Gesamtausgabe von Stellowsky. -</p> - -<p class="hang"> -Das Krokodil. 1865 in der „Epocha“. -</p> - -<p class="hang"> -Schuld und Sühne 1866. 1866 im „Russ. Boten“ (Russkij -Wjestnik). -</p> - -<p class="hang"> -Der Idiot 1868. 1868 im „Russ. Boten“ (Russkij Wjestnik). -</p> - -<p class="hang"> -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -Der Hahnrei 1869. 1870 in der „Morgenröte“ (Zarjá) I., II. -</p> - -<p class="hang"> -Die Besessenen 1870. 1871-72 im „Russ. Boten“ (Russkij Wjestnik). -</p> - -<p class="hang"> -Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 als Sammlung in einen Band -vereinigter — 1861 in der „Wremja“ und 1873 im -„Graschdanin“ erschienener — Aufsätze. -</p> - -<p class="hang"> -Junger Nachwuchs 1875. 1875 in den „Vaterländischen Annalen“. -</p> - -<p class="hang"> -Tagebuch eines Schriftstellers 1876. 1876 als Monatsschrift. -</p> - -<p class="hang"> -Krótkaia 1876. 1876 im „Tagebuch eines Schriftstellers“. -</p> - -<p class="hang"> -Weihnacht. 1876 im „Tagebuch eines Schriftstellers“. -</p> - -<p class="hang"> -Tagebuch eines Schriftstellers 1877. 1877 als Monatsschrift. -</p> - -<p class="hang"> -Die Brüder Karamasow 1870 begonnen. 1879-80 im „Russ. Boten“ -(Russkij Wjestnik). -</p> - -<p class="hang"> -Anhang zum Tagebuch eines Schriftstellers von 1877. In der -Auflage von 1891. -</p> - -<p class="hang"> -1. Heft: August 1880 (Puschkin-Rede). -</p> - -<p class="hang"> -2. Heft: Januar 1881 (Politika). -</p> - -<p> -Eine grosse Anzahl von russischen Kritikern hat, sowohl -noch zu Lebzeiten des Dichters als auch nach seinem Tode, -einzelne seiner Werke in längeren oder kürzeren Abhandlungen -besprochen. Die bedeutendsten darunter sind unbestreitbar: der -Vertreter der naturwissenschaftlichen Anschauungen, Psychiater -Dr. Tschisch in seiner Studie „Dostojewsky als Psychopathologe“, -Moskau 1885, und W. Rósanow, der Vertreter orthodox-mystischer -Anschauungen in seiner „Legende vom Gross-Inquisitor, Versuch -eines kritischen Kommentars“, Petersburg 1894. Die bedeutendsten -der übrigen in Zeitschriften und Revueen erschienenen Artikel -sind von Zelinsky im Jahre 1885 in einen Band zusammengestellt -worden, dem er ein Supplement nachfolgen liess; dazu gehören -Aufsätze von: Nekrássow, Belinsky, Dobroljubow, Grigorjew, -Miljukow, Strachow, Achscharumow, Annenkow, M. und W. -Solowiow, Kawélin, Obolensky, Michailowsky, O. Miller, G. -Uspensky, K. Slutschewsky (mit biographischem Abriss), -Bulitsch, Arseniew, Tarassow, D. W. Grigorowitsch und anderen. -Von gesonderten Werken über einzelne Schöpfungen Dostojewskys -ist namentlich Andrejewskys Studie über die Karamasow hervorzuheben. -</p> - -</div> - -<h2 class="line1 chimg chapter" id="chapter-0-14"> -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/446.jpg" alt="" /></span> -<span class="line1"><br />Personen- und Sach-Verzeichnis.</span> -</h2> - -<div class="index"> -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-1"> -<span class="line1">A.</span> -</h3> - -<p> -Adolescent, <a href="#page-413">413.</a> -</p> - -<p> -Aksakow, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-25">25.</a> <a href="#page-221">221.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-236">236.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-422">422.</a> <a href="#page-424">424.</a> <a href="#page-439">439.</a> -</p> - -<p> -Alexander I., <a href="#page-236">236.</a> -</p> - -<p> -Alexander II., <a href="#page-122">122.</a> -</p> - -<p> -Allmenschlichkeit, <a href="#page-207">207.</a> <a href="#page-426">426.</a> -</p> - -<p> -Anklage, <a href="#page-72">72.</a> -</p> - -<p> -Anschauungen, Russische und polnische, <a href="#page-188">188.</a> -</p> - -<p> -Antonelli, <a href="#page-62">62.</a> <a href="#page-68">68.</a> -</p> - -<p> -Arbeitsmethode, <a href="#page-158">158.</a> <a href="#page-223">223.</a> <a href="#page-324">324.</a> -</p> - -<p> -„Arme Leute“, <a href="#page-30">30.</a> <a href="#page-36">36.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-42">42.</a> <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-44">44.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-55">55.</a> <a href="#page-216">216.</a> -</p> - -<p> -Atheismus, <a href="#page-73">73.</a> <a href="#page-321">321.</a> -</p> - -<p> -„Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt“, <a href="#page-335">335.</a> -</p> - -<p> -Ausland, <a href="#page-231">231.</a> <a href="#page-239">239.</a> <a href="#page-276">276.</a> -</p> - -<p> -Awerkiew, <a href="#page-342">342.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-2"> -<span class="line1">B.</span> -</h3> - -<p> -Baden-Baden, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-309">309.</a> -</p> - -<p> -Beketow, Brüder, <a href="#page-51">51.</a> -</p> - -<p> -Belinsky, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-38">38.</a> <a href="#page-39">39.</a> <a href="#page-40">40.</a> <a href="#page-42">42.</a> <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-49">49.</a> <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-54">54.</a> <a href="#page-55">55.</a> <a href="#page-57">57.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-278">278.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-396">396.</a> <a href="#page-400">400.</a> <a href="#page-401">401.</a> <a href="#page-402">402.</a> <a href="#page-403">403.</a> -</p> - -<p> -Berlin, <a href="#page-303">303.</a> -</p> - -<p> -„Besessene“, <a href="#page-183">183.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-281">281.</a> <a href="#page-286">286.</a> <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-352">352.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-385">385.</a> <a href="#page-386">386.</a> <a href="#page-397">397.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-419">419.</a> <a href="#page-427">427.</a> <a href="#page-428">428.</a> -</p> - -<p> -Boborykin, <a href="#page-241">241.</a> -</p> - -<p> -Brand von Paris, <a href="#page-400">400.</a> -</p> - -<p> -Brief an Kowner, <a href="#page-293">293.</a> -</p> - -<p> -Brief an Studenten, <a href="#page-110">110.</a> -</p> - -<p> -Briefe aus der Fremde, <a href="#page-300">300.</a> -</p> - -<p> -Briefe aus Sibirien, <a href="#page-132">132.</a> -</p> - -<p> -Butaschewitsch-Petraschewsky, <a href="#page-61">61.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-3"> -<span class="line1">C.</span> -</h3> - -<p> -Charakterzüge, Nationale, <a href="#page-15">15.</a> -</p> - -<p> -Chomjakow, <a href="#page-12">12.</a> -</p> - -<p> -Christentum, <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-126">126.</a> -</p> - -<p> -Christina Danilowna, <a href="#page-410">410.</a> <a href="#page-413">413.</a> -</p> - -<p> -Christlicher Gedanke, <a href="#page-361">361.</a> -</p> - -<p> -Christlicher Geist, <a href="#page-277">277.</a> -</p> - -<p> -Christlicher Sozialist, <a href="#page-61">61.</a> -</p> - -<p> -Christus, Russischer, <a href="#page-425">425.</a> -</p> - -<p> -Christus, Wahrer, <a href="#page-191">191.</a> -</p> - -<p> -Comité, Slavisches, <a href="#page-277">277.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-4"> -<span class="line1">D.</span> -</h3> - -<p> -Danilewsky, <a href="#page-332">332.</a> <a href="#page-334">334.</a> -</p> - -<p> -Dasein Gottes, <a href="#page-207">207.</a> <a href="#page-374">374.</a> -</p> - -<p> -„Denj“, <a href="#page-222">222.</a> -</p> - -<p> -Deutschland, <a href="#page-390">390.</a> -</p> - -<p> -Dichter, französische, <a href="#page-27">27.</a> -</p> - -<p> -„Djelo“, <a href="#page-327">327.</a> -</p> - -<p> -Dobroljubow, <a href="#page-151">151.</a> <a href="#page-211">211.</a> <a href="#page-342">342.</a> <a href="#page-395">395.</a> -</p> - -<p> -Dokumente, <a href="#page-105">105.</a> -</p> - -<p> -„Doppelgänger“, <a href="#page-44">44.</a> <a href="#page-47">47.</a> <a href="#page-48">48.</a> <a href="#page-352">352.</a> -</p> - -<p> -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -Dostojewskaia, Anna Grigorjewna, <a href="#page-15">15.</a> <a href="#page-28">28.</a> <a href="#page-61">61.</a> <a href="#page-66">66.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-274">274.</a> <a href="#page-275">275.</a> <a href="#page-278">278.</a> <a href="#page-297">297.</a> <a href="#page-299">299.</a> <a href="#page-302">302.</a> <a href="#page-303">303.</a> <a href="#page-304">304.</a> <a href="#page-308">308.</a> <a href="#page-367">367.</a> <a href="#page-382">382.</a> <a href="#page-388">388.</a> <a href="#page-394">394.</a> <a href="#page-405">405.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-407">407.</a> <a href="#page-441">441.</a> -</p> - -<p> -Dostojewsky und Kaiser Nikolaus, <a href="#page-14">14.</a> -</p> - -<p> -Dostojewsky, Andreas, <a href="#page-69">69.</a> -</p> - -<p> -Dostojewsky, Michael, <a href="#page-138">138.</a> <a href="#page-147">147.</a> <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-238">238.</a> <a href="#page-241">241.</a> <a href="#page-246">246.</a> <a href="#page-247">247.</a> -</p> - -<p> -Dostojewskys synthetische Natur, <a href="#page-208">208.</a> -</p> - -<p> -Dresden, <a href="#page-299">299.</a> <a href="#page-303">303.</a> <a href="#page-344">344.</a> -</p> - -<p> -Dudischkin, <a href="#page-57">57.</a> -</p> - -<p> -Durow, <a href="#page-59">59.</a> <a href="#page-63">63.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-5"> -<span class="line1">E.</span> -</h3> - -<p> -Ehe, <a href="#page-144">144.</a> <a href="#page-148">148.</a> -</p> - -<p> -Epilepsie, <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-225">225.</a> <a href="#page-266">266.</a> <a href="#page-310">310.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-392">392.</a> -</p> - -<p> -„Epocha“, <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-219">219.</a> <a href="#page-242">242.</a> <a href="#page-245">245.</a> <a href="#page-247">247.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-299">299.</a> <a href="#page-327">327.</a> -</p> - -<p> -Ernennung zum Offizier, <a href="#page-30">30.</a> -</p> - -<p> -„Erniedrigte und Beleidigte“, <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-216">216.</a> <a href="#page-224">224.</a> <a href="#page-228">228.</a> <a href="#page-406">406.</a> -</p> - -<p> -Etappenweg, <a href="#page-119">119.</a> -</p> - -<p> -Europa, <a href="#page-388">388.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-6"> -<span class="line1">F.</span> -</h3> - -<p> -Fatalismus, Historischer, <a href="#page-328">328.</a> -</p> - -<p> -Fet, <a href="#page-209">209.</a> -</p> - -<p> -Feuilletonist, <a href="#page-223">223.</a> -</p> - -<p> -Florenz, <a href="#page-297">297.</a> <a href="#page-320">320.</a> <a href="#page-323">323.</a> -</p> - -<p> -Fourierismus, <a href="#page-58">58.</a> -</p> - -<p> -Franzosen, <a href="#page-231">231.</a> -</p> - -<p> -Frauenfrage, <a href="#page-370">370.</a> -</p> - -<p> -Frauen, Russische, <a href="#page-7">7.</a> -</p> - -<p> -Frauenstudium, <a href="#page-418">418.</a> -</p> - -<p> -Friedenskongress, <a href="#page-310">310.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-7"> -<span class="line1">G.</span> -</h3> - -<p> -Gawrilow, <a href="#page-272">272.</a> -</p> - -<p> -Geburt und Tod eines Kindes, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-311">311.</a> -</p> - -<p> -Geburt eines Sohnes, <a href="#page-300">300.</a> -</p> - -<p> -Geburt einer Tochter, <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-345">345.</a> -</p> - -<p> -Gedicht zur Krönung Alexanders des Zweiten, <a href="#page-150">150.</a> -</p> - -<p> -Gefängnis, <a href="#page-101">101.</a> -</p> - -<p> -Generals-Nihilismus, <a href="#page-182">182.</a> <a href="#page-184">184.</a> -</p> - -<p> -„Genie und Wahnsinn“, <a href="#page-227">227.</a> -</p> - -<p> -Genf, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-310">310.</a> <a href="#page-311">311.</a> -</p> - -<p> -Gerichtskommission, <a href="#page-103">103.</a> -</p> - -<p> -Gogol, <a href="#page-325">325.</a> <a href="#page-403">403.</a> -</p> - -<p> -„Goldenes Zeitalter in der Tasche“, <a href="#page-428">428.</a> -</p> - -<p> -„Goljadkin“, <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-46">46.</a> <a href="#page-49">49.</a> -</p> - -<p> -„Golos“, <a href="#page-328">328.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-404">404.</a> -</p> - -<p> -Gontscharow, <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-57">57.</a> <a href="#page-409">409.</a> -</p> - -<p> -Gradowsky, <a href="#page-334">334.</a> -</p> - -<p> -Granowsky, Dr., <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-401">401.</a> -</p> - -<p> -„Grashdanin“, <a href="#page-149">149.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-232">232.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-408">408.</a> -</p> - -<p> -Gribojedow, <a href="#page-233">233.</a> -</p> - -<p> -Grigorjew, <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-218">218.</a> <a href="#page-219">219.</a> <a href="#page-220">220.</a> <a href="#page-221">221.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-245">245.</a> <a href="#page-246">246.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-403">403.</a> -</p> - -<p> -Grigorowitsch, <a href="#page-36">36.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-38">38.</a> <a href="#page-44">44.</a> -</p> - -<p> -Grimm, Jacob, <a href="#page-188">188.</a> -</p> - -<p> -Grossfürstin Marja Nikolajewna, <a href="#page-151">151.</a> -</p> - -<p> -Grossinquisitor, <a href="#page-73">73.</a> -</p> - -<p> -Gutsbesitzer-Litteratur, <a href="#page-404">404.</a> -</p> - -<p> -„Gutsbesitzerwort“, <a href="#page-206">206.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-8"> -<span class="line1">H.</span> -</h3> - -<p> -Haftbefehl, <a href="#page-64">64.</a> -</p> - -<p> -„Hahnrei“, <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-351">351.</a> <a href="#page-352">352.</a> <a href="#page-353">353.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-374">374.</a> <a href="#page-398">398.</a> <a href="#page-417">417.</a> -</p> - -<p> -Hallucinationen, <a href="#page-20">20.</a> -</p> - -<p> -„Helle Nächte“, <a href="#page-47">47.</a> -</p> - -<p> -Herzen, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-186">186.</a> <a href="#page-232">232.</a> <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-369">369.</a> <a href="#page-370">370.</a> <a href="#page-396">396.</a> -</p> - -<p> -Homburg, <a href="#page-279">279.</a> -</p> - -<p> -Hugo, Victor, <a href="#page-399">399.</a> <a href="#page-409">409.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-9"> -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -<span class="line1">I.</span> -</h3> - -<p> -Idiot, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-105">105.</a> <a href="#page-172">172.</a> <a href="#page-224">224.</a> <a href="#page-225">225.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-281">281.</a> <a href="#page-286">286.</a> <a href="#page-293">293.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-320">320.</a> <a href="#page-329">329.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-398">398.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-420">420.</a> <a href="#page-427">427.</a> -</p> - -<p> -Ignatiew, <a href="#page-163">163.</a> -</p> - -<p> -Ingenieurkorps, <a href="#page-31">31.</a> -</p> - -<p> -Issajew, Marja Dmitrjewna, <a href="#page-138">138.</a> <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-142">142.</a> <a href="#page-147">147.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-246">246.</a> -</p> - -<p> -Italien, <a href="#page-280">280.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-10"> -<span class="line1">J.</span> -</h3> - -<p> -Janowsky, <a href="#page-51">51.</a> -</p> - -<p> -Jastrzembski, <a href="#page-118">118.</a> -</p> - -<p> -Juden, <a href="#page-296">296.</a> -</p> - -<p> -Junger Nachwuchs, <a href="#page-407">407.</a> <a href="#page-427">427.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-11"> -<span class="line1">K.</span> -</h3> - -<p> -„Karamasow“, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-227">227.</a> <a href="#page-322">322.</a> <a href="#page-377">377.</a> <a href="#page-407">407.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-419">419.</a> <a href="#page-420">420.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-425">425.</a> <a href="#page-438">438.</a> -</p> - -<p> -Karamsin, <a href="#page-393">393.</a> -</p> - -<p> -Kaschpirew, <a href="#page-345">345.</a> <a href="#page-349">349.</a> <a href="#page-374">374.</a> -</p> - -<p> -Katastrophe, <a href="#page-59">59.</a> -</p> - -<p> -Katkow, <a href="#page-157">157.</a> <a href="#page-159">159.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-267">267.</a> <a href="#page-270">270.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-308">308.</a> <a href="#page-309">309.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-318">318.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-345">345.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-423">423.</a> -</p> - -<p> -Kawélin, <a href="#page-420">420.</a> -</p> - -<p> -Kinder des Dichters, <a href="#page-276">276.</a> -</p> - -<p> -Kindertypen Dostojewskys, <a href="#page-419">419.</a> -</p> - -<p> -Kirche, Orthodoxe, <a href="#page-11">11.</a> -</p> - -<p> -Kirejewsky, <a href="#page-11">11.</a> <a href="#page-12">12.</a> -</p> - -<p> -„Kleiner Held“, <a href="#page-102">102.</a> <a href="#page-152">152.</a> <a href="#page-216">216.</a> <a href="#page-419">419.</a> <a href="#page-427">427.</a> -</p> - -<p> -Kommune, <a href="#page-400">400.</a> -</p> - -<p> -Konservativ-demokratisch, <a href="#page-2">2.</a> -</p> - -<p> -Kornilowa, <a href="#page-296">296.</a> <a href="#page-417">417.</a> -</p> - -<p> -Krajewsky, <a href="#page-169">169.</a> -</p> - -<p> -Kriegsgerichtliches Urteil, <a href="#page-103">103.</a> -</p> - -<p> -Krestowsky, <a href="#page-174">174.</a> -</p> - -<p> -Kunst, <a href="#page-208">208.</a> <a href="#page-213">213.</a> <a href="#page-228">228.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-12"> -<span class="line1">L.</span> -</h3> - -<p> -Latkin, <a href="#page-302">302.</a> -</p> - -<p> -„Leben eines grossen Sünders“, <a href="#page-374">374.</a> -</p> - -<p> -Lebensmut, <a href="#page-102">102.</a> -</p> - -<p> -Lebensweise, <a href="#page-223">223.</a> <a href="#page-280">280.</a> -</p> - -<p> -Leroy-Beaulieu, <a href="#page-108">108.</a> -</p> - -<p> -„Lesebibliothek“, <a href="#page-241">241.</a> -</p> - -<p> -Letztes Jahr der Haft, <a href="#page-130">130.</a> -</p> - -<p> -Liberalismus, <a href="#page-327">327.</a> -</p> - -<p> -Liberalkonservative, <a href="#page-181">181.</a> -</p> - -<p> -„Litterarische Artikel“, <a href="#page-205">205.</a> -</p> - -<p> -Litterarische Kritik, <a href="#page-341">341.</a> -</p> - -<p> -Litteratur, Russische, <a href="#page-201">201.</a> -</p> - -<p> -Lomonossow, <a href="#page-205">205.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-13"> -<span class="line1">M.</span> -</h3> - -<p> -Maikow, <a href="#page-57">57.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-278">278.</a> <a href="#page-301">301.</a> <a href="#page-311">311.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-315">315.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-332">332.</a> <a href="#page-344">344.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-371">371.</a> <a href="#page-376">376.</a> <a href="#page-387">387.</a> <a href="#page-391">391.</a> <a href="#page-394">394.</a> -</p> - -<p> -Mailand, <a href="#page-315">315.</a> -</p> - -<p> -„Mascha“ von Wowtschok, <a href="#page-211">211.</a> -</p> - -<p> -„Materialien“, <a href="#page-121">121.</a> <a href="#page-131">131.</a> <a href="#page-175">175.</a> <a href="#page-230">230.</a> -</p> - -<p> -„Memoiren aus einem Kellerloch“, <a href="#page-56">56.</a> <a href="#page-353">353.</a> -</p> - -<p> -„Memoiren aus einem Totenhause“, <a href="#page-118">118.</a> <a href="#page-119">119.</a> <a href="#page-121">121.</a> <a href="#page-122">122.</a> <a href="#page-127">127.</a> <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-158">158.</a> <a href="#page-184">184.</a> <a href="#page-189">189.</a> <a href="#page-377">377.</a> <a href="#page-406">406.</a> -</p> - -<p> -Meschtschersky, <a href="#page-408">408.</a> -</p> - -<p> -Michailowsky, <a href="#page-286">286.</a> -</p> - -<p> -Milieu, Russisches, <a href="#page-3">3.</a> <a href="#page-4">4.</a> <a href="#page-287">287.</a> -</p> - -<p> -Miljukow, <a href="#page-67">67.</a> <a href="#page-69">69.</a> <a href="#page-171">171.</a> <a href="#page-273">273.</a> -</p> - -<p> -Miller, Orest, <a href="#page-15">15.</a> <a href="#page-31">31.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-71">71.</a> <a href="#page-102">102.</a> <a href="#page-103">103.</a> <a href="#page-121">121.</a> <a href="#page-122">122.</a> <a href="#page-123">123.</a> <a href="#page-131">131.</a> <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-150">150.</a> <a href="#page-157">157.</a> <a href="#page-171">171.</a> <a href="#page-174">174.</a> <a href="#page-182">182.</a> <a href="#page-183">183.</a> <a href="#page-184">184.</a> <a href="#page-188">188.</a> <a href="#page-201">201.</a> <a href="#page-440">440.</a> -</p> - -<p> -„Misérables“, <a href="#page-409">409.</a> -</p> - -<p> -Mission, <a href="#page-229">229.</a> -</p> - -<p> -„Moskowskija Wjedomosti“, <a href="#page-235">235.</a> <a href="#page-385">385.</a> <a href="#page-423">423.</a> -</p> - -<p> -Museum Dostojewsky, <a href="#page-419">419.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-14"> -<span class="line1">N.</span> -</h3> - -<p> -Nabokow, <a href="#page-71">71.</a> -</p> - -<p> -Nietzsche, <a href="#page-2">2.</a> -</p> - -<p> -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -Nihilismus, <a href="#page-182">182.</a> <a href="#page-378">378.</a> -</p> - -<p> -Nihilisten, <a href="#page-373">373.</a> -</p> - -<p> -„Niva“, <a href="#page-136">136.</a> <a href="#page-168">168.</a> -</p> - -<p> -Njekrássow, <a href="#page-35">35.</a> <a href="#page-36">36.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-38">38.</a> <a href="#page-39">39.</a> <a href="#page-40">40.</a> <a href="#page-44">44.</a> <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-51">51.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-245">245.</a> -</p> - -<p> -„Njetoschka <a id="corr-40"></a>Njezwánowa“, <a href="#page-47">47.</a> <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-420">420.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-15"> -<span class="line1">O.</span> -</h3> - -<p> -Odojewsky, <a href="#page-45">45.</a> -</p> - -<p> -Offener Brief an den Kaiser, <a href="#page-163">163.</a> -</p> - -<p> -Offiziersernennung, <a href="#page-152">152.</a> -</p> - -<p> -Ogarew, <a href="#page-280">280.</a> -</p> - -<p> -Olkin, <a href="#page-274">274.</a> -</p> - -<p> -„Onkelchens Traum“, <a href="#page-142">142.</a> <a href="#page-159">159.</a> -</p> - -<p> -Ostrowsky, <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-342">342.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-16"> -<span class="line1">P.</span> -</h3> - -<p> -Palacky, <a href="#page-298">298.</a> -</p> - -<p> -Panajew, <a href="#page-45">45.</a> -</p> - -<p> -Pascha, <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-308">308.</a> -</p> - -<p> -Perowsky, <a href="#page-103">103.</a> -</p> - -<p> -Petersburg, <a href="#page-10">10.</a> <a href="#page-20">20.</a> <a href="#page-171">171.</a> <a href="#page-172">172.</a> <a href="#page-173">173.</a> <a href="#page-300">300.</a> <a href="#page-405">405.</a> -</p> - -<p> -Petraschewsky, <a href="#page-59">59.</a> -</p> - -<p> -Petrow, <a href="#page-277">277.</a> -</p> - -<p> -Petschatkin, <a href="#page-302">302.</a> -</p> - -<p> -Pissarew, <a href="#page-395">395.</a> -</p> - -<p> -Pissemsky, <a href="#page-245">245.</a> -</p> - -<p> -Pleschtschejew, <a href="#page-66">66.</a> -</p> - -<p> -Politische Thätigkeit, <a href="#page-174">174.</a> -</p> - -<p> -Polonsky, <a href="#page-384">384.</a> -</p> - -<p> -„Porfiry Petrowitsch“, <a href="#page-262">262.</a> -</p> - -<p> -Positivismus, <a href="#page-400">400.</a> -</p> - -<p> -„Prochartschin“, <a href="#page-51">51.</a> <a href="#page-54">54.</a> <a href="#page-58">58.</a> <a href="#page-352">352.</a> -</p> - -<p> -Proklamation an die junge Generation, <a href="#page-186">186.</a> -</p> - -<p> -Propaganda-Gesellschaft, <a href="#page-61">61.</a> -</p> - -<p> -Psychisch-physische Krankheit, <a href="#page-130">130.</a> -</p> - -<p> -Publizistik, <a href="#page-191">191.</a> <a href="#page-221">221.</a> -</p> - -<p> -Puschkin, <a href="#page-25">25.</a> <a href="#page-205">205.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-207">207.</a> <a href="#page-395">395.</a> <a href="#page-399">399.</a> <a href="#page-402">402.</a> <a href="#page-403">403.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-424">424.</a> <a href="#page-438">438.</a> -</p> - -<p> -Puschkinrede, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-214">214.</a> <a href="#page-423">423.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-17"> -<span class="line1">R.</span> -</h3> - -<p> -„Raskolnikow“, <a href="#page-158">158.</a> <a href="#page-227">227.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-413">413.</a> -</p> - -<p> -„Rasumichin“, <a href="#page-262">262.</a> -</p> - -<p> -Realismus, <a href="#page-321">321.</a> <a href="#page-329">329.</a> -</p> - -<p> -Rechtfertigungsschrift, <a href="#page-73">73.</a> -</p> - -<p> -Rede auf einem Ball, <a href="#page-15">15.</a> -</p> - -<p> -Reuter, Fritz, <a href="#page-120">120.</a> -</p> - -<p> -Reval, <a href="#page-33">33.</a> -</p> - -<p> -Revolutionäre Proklamation, <a href="#page-181">181.</a> -</p> - -<p> -Rieger, <a href="#page-298">298.</a> -</p> - -<p> -Riesenkampf, Dr., <a href="#page-20">20.</a> <a href="#page-32">32.</a> <a href="#page-33">33.</a> <a href="#page-34">34.</a> -</p> - -<p> -Rjeschotnikow, <a href="#page-404">404.</a> -</p> - -<p> -„Roman in neun Briefen“, <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-47">47.</a> <a href="#page-49">49.</a> -</p> - -<p> -Rósanow, <a href="#page-335">335.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-426">426.</a> -</p> - -<p> -Rostowzew, <a href="#page-71">71.</a> -</p> - -<p> -Rousseau, <a href="#page-400">400.</a> -</p> - -<p> -Rückerstattung des erblichen Adels, <a href="#page-163">163.</a> -</p> - -<p> -„Rus“, <a href="#page-439">439.</a> -</p> - -<p> -Russe als Allmensch, <a href="#page-262">262.</a> -</p> - -<p> -„Russkaja Starina“, <a href="#page-173">173.</a> -</p> - -<p> -„Russkij Wjestnik“, <a href="#page-157">157.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-266">266.</a> <a href="#page-268">268.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-309">309.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-331">331.</a> <a href="#page-345">345.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-374">374.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-383">383.</a> <a href="#page-384">384.</a> <a href="#page-391">391.</a> <a href="#page-394">394.</a> <a href="#page-407">407.</a> -</p> - -<p> -„Russkoje Slowo“, <a href="#page-159">159.</a> -</p> - -<p> -Russland ein Rätsel für Europa, <a href="#page-202">202.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-18"> -<span class="line1">S.</span> -</h3> - -<p> -Samarin, <a href="#page-182">182.</a> -</p> - -<p> -Sassúlitsch, Vera, <a href="#page-421">421.</a> -</p> - -<p> -Schaffot, <a href="#page-104">104.</a> -</p> - -<p> -Schiller, <a href="#page-30">30.</a> -</p> - -<p> -Schriftwesen, Russisches, <a href="#page-324">324.</a> -</p> - -<p> -Schtschedrin, <a href="#page-208">208.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-245">245.</a> -</p> - -<p> -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -Schtscherbatow, <a href="#page-12">12.</a> -</p> - -<p> -Schuld- und Ausgleichsbedürfnis, Russisches, <a href="#page-36">36.</a> -</p> - -<p> -„Schuld und Sühne“, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-254">254.</a> <a href="#page-268">268.</a> <a href="#page-270">270.</a> <a href="#page-272">272.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-281">281.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-409">409.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-428">428.</a> -</p> - -<p> -Schweiz, <a href="#page-279">279.</a> -</p> - -<p> -Sementkowsky, <a href="#page-136">136.</a> -</p> - -<p> -Semipalatinsk, <a href="#page-130">130.</a> <a href="#page-133">133.</a> -</p> - -<p> -Sendung, Russische, <a href="#page-333">333.</a> -</p> - -<p> -Slavennatur, <a href="#page-353">353.</a> -</p> - -<p> -Slavophile, <a href="#page-319">319.</a> -</p> - -<p> -Slutschewsky, <a href="#page-13">13.</a> <a href="#page-15">15.</a> -</p> - -<p> -Snitkina, Anna Grigorjewna, <a href="#page-252">252.</a> -</p> - -<p> -Sologub, <a href="#page-45">45.</a> -</p> - -<p> -Solowiew, <a href="#page-377">377.</a> <a href="#page-420">420.</a> -</p> - -<p> -Sonja, <a href="#page-313">313.</a> -</p> - -<p> -Sozialismus, <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-58">58.</a> <a href="#page-60">60.</a> -</p> - -<p> -Sozialismus und Kommunismus, <a href="#page-400">400.</a> -</p> - -<p> -Sozialist, <a href="#page-189">189.</a> -</p> - -<p> -Spiel, <a href="#page-239">239.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-279">279.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-309">309.</a> -</p> - -<p> -„Spieler“, <a href="#page-240">240.</a> <a href="#page-242">242.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-398">398.</a> -</p> - -<p> -Spital, <a href="#page-129">129.</a> -</p> - -<p> -Stellowsky, <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-272">272.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-274">274.</a> <a href="#page-275">275.</a> -</p> - -<p> -„Stepanschikowo“, <a href="#page-142">142.</a> <a href="#page-159">159.</a> -</p> - -<p> -Stiefsohn, <a href="#page-144">144.</a> -</p> - -<p> -Strachow, <a href="#page-15">15.</a> <a href="#page-42">42.</a> <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-168">168.</a> <a href="#page-175">175.</a> <a href="#page-178">178.</a> <a href="#page-184">184.</a> <a href="#page-191">191.</a> <a href="#page-205">205.</a> <a href="#page-214">214.</a> <a href="#page-222">222.</a> <a href="#page-223">223.</a> <a href="#page-224">224.</a> <a href="#page-225">225.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-230">230.</a> <a href="#page-232">232.</a> <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-234">234.</a> <a href="#page-236">236.</a> <a href="#page-238">238.</a> <a href="#page-239">239.</a> <a href="#page-240">240.</a> <a href="#page-242">242.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-246">246.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-270">270.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-276">276.</a> <a href="#page-277">277.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-318">318.</a> <a href="#page-325">325.</a> <a href="#page-332">332.</a> <a href="#page-341">341.</a> <a href="#page-343">343.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-369">369.</a> <a href="#page-376">376.</a> <a href="#page-378">378.</a> <a href="#page-387">387.</a> <a href="#page-388">388.</a> <a href="#page-392">392.</a> <a href="#page-397">397.</a> <a href="#page-398">398.</a> <a href="#page-399">399.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-438">438.</a> <a href="#page-440">440.</a> -</p> - -<p> -Struwe, <a href="#page-379">379.</a> -</p> - -<p> -Studenten, <a href="#page-176">176.</a> <a href="#page-177">177.</a> -</p> - -<p> -Swaljansky, <a href="#page-163">163.</a> -</p> - -<p> -„Swidrigailow“, <a href="#page-262">262.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-19"> -<span class="line1">T.</span> -</h3> - -<p> -„Tagebuch eines Schriftstellers“, <a href="#page-16">16.</a> <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-48">48.</a> <a href="#page-49">49.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-107">107.</a> <a href="#page-118">118.</a> <a href="#page-119">119.</a> <a href="#page-127">127.</a> <a href="#page-185">185.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-400">400.</a> <a href="#page-408">408.</a> <a href="#page-417">417.</a> <a href="#page-440">440.</a> -</p> - -<p> -Tagebuchnotizen, <a href="#page-400">400.</a> -</p> - -<p> -Tagebücher, <a href="#page-428">428.</a> -</p> - -<p> -„Theoretismus und Phantasterei“, <a href="#page-145">145.</a> -</p> - -<p> -„Thor, Der reine“, <a href="#page-282">282.</a> -</p> - -<p> -Tjutschew, <a href="#page-409">409.</a> -</p> - -<p> -Tod des Dichters, <a href="#page-441">441.</a> -</p> - -<p> -Todesurteil, <a href="#page-101">101.</a> <a href="#page-104">104.</a> -</p> - -<p> -„Totenhaus“, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-241">241.</a> <a href="#page-259">259.</a> <a href="#page-261">261.</a> -</p> - -<p> -Tolstoj, <a href="#page-118">118.</a> <a href="#page-205">205.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-267">267.</a> <a href="#page-324">324.</a> <a href="#page-325">325.</a> <a href="#page-327">327.</a> <a href="#page-328">328.</a> <a href="#page-370">370.</a> <a href="#page-371">371.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-397">397.</a> <a href="#page-404">404.</a> <a href="#page-409">409.</a> -</p> - -<p> -Totleben, <a href="#page-152">152.</a> -</p> - -<p> -Transport nach Sibirien, <a href="#page-118">118.</a> -</p> - -<p> -„Traum eines lächerlichen Menschen“, <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-428">428.</a> -</p> - -<p> -Turgenjew, <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-204">204.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-212">212.</a> <a href="#page-267">267.</a> <a href="#page-324">324.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-382">382.</a> <a href="#page-403">403.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-424">424.</a> -</p> - -<p> -Turgenjews: „König Lear“, <a href="#page-387">387.</a> -</p> - -<p> -Tschernyschewsky, <a href="#page-185">185.</a> <a href="#page-187">187.</a> <a href="#page-188">188.</a> <a href="#page-245">245.</a> -</p> - -<p> -Tschiž, Dr. M., <a href="#page-226">226.</a> <a href="#page-416">416.</a> -</p> - -<p> -Twer, <a href="#page-162">162.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-20"> -<span class="line1">U.</span> -</h3> - -<p> -Umkehr, <a href="#page-108">108.</a> -</p> - -<p> -Unbewusstes im Handelnden, <a href="#page-359">359.</a> -</p> - -<p> -Universitätsschliessung, <a href="#page-178">178.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-21"> -<span class="line1">V.</span> -</h3> - -<p> -„Vaterländische Annalen“, <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-327">327.</a> <a href="#page-407">407.</a> -</p> - -<p> -Verhaftung, <a href="#page-63">63.</a> <a href="#page-67">67.</a> -</p> - -<p> -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -„Verhängnisvolle Frage“, <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-235">235.</a> -</p> - -<p> -Vermählung, <a href="#page-143">143.</a> <a href="#page-275">275.</a> -</p> - -<p> -Vevey, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-313">313.</a> -</p> - -<p> -Volk und Gesellschaft, <a href="#page-4">4.</a> -</p> - -<p> -Volk, Russisches, <a href="#page-109">109.</a> -</p> - -<p> -Volksbildung, <a href="#page-204">204.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-22"> -<span class="line1">W.</span> -</h3> - -<p> -„Westler“, <a href="#page-373">373.</a> -</p> - -<p> -„Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke“, <a href="#page-231">231.</a> <a href="#page-400">400.</a> <a href="#page-428">428.</a> -</p> - -<p> -„Wirtin“, <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-57">57.</a> -</p> - -<p> -„Wjestnik Ewropy“, <a href="#page-381">381.</a> <a href="#page-384">384.</a> -</p> - -<p> -Wrangel, <a href="#page-138">138.</a> <a href="#page-147">147.</a> <a href="#page-152">152.</a> <a href="#page-162">162.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-247">247.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-268">268.</a> -</p> - -<p> -„Wremja“, <a href="#page-145">145.</a> <a href="#page-151">151.</a> <a href="#page-174">174.</a> <a href="#page-189">189.</a> <a href="#page-191">191.</a> <a href="#page-192">192.</a> <a href="#page-201">201.</a> <a href="#page-214">214.</a> <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-218">218.</a> <a href="#page-219">219.</a> <a href="#page-228">228.</a> <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-236">236.</a> <a href="#page-237">237.</a> <a href="#page-245">245.</a> <a href="#page-247">247.</a> <a href="#page-327">327.</a> -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-23"> -<span class="line1">Z.</span> -</h3> - -<p> -„Zapiski iz Podpolja“, <a href="#page-335">335.</a> -</p> - -<p> -„Zarja“, <a href="#page-327">327.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-346">346.</a> <a href="#page-348">348.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-369">369.</a> <a href="#page-370">370.</a> <a href="#page-371">371.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-374">374.</a> <a href="#page-376">376.</a> <a href="#page-378">378.</a> <a href="#page-379">379.</a> <a href="#page-381">381.</a> <a href="#page-392">392.</a> <a href="#page-393">393.</a> <a href="#page-405">405.</a> -</p> - -<p> -Zivilisation, Russische, <a href="#page-11">11.</a> -</p> - -<p> -„Zuboskala“, <a href="#page-45">45.</a> -</p> - -<p> -Zwangsarbeit, <a href="#page-105">105.</a> <a href="#page-117">117.</a> <a href="#page-123">123.</a> <a href="#page-124">124.</a> -</p> - -</div> - -<div class="centerpic" id="img-451"> -<img src="images/451.jpg" alt="" /></div> - -<p class="printer"> -Druck der <em>Nauck</em>’schen Buchdruckerei, Berlin SO. -</p> - - -<h2 class="chapter footnotes">Fußnoten</h2> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Wir verweisen auf <a id="corr-2"></a>Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk -„Russia“, sowie auf Leroy-Beaulieus „L’Empire des Tsars et les -Russes“. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> s. Masaryks vortreffliche Studie „Iwan Wassiljewitsch Kirejewsky“ -in seinen „slovanske studie“. Prag, Bursik u. Kohout. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Anlässlich einer Besprechung der Übersetzer-Sünden und -Kühnheiten hat Dr. Friedrich Löhr in einem Heft der „Deutschen -Worte“ auch dieses französischen Kraftstückes Erwähnung gethan -und sich bei der Erhärtung dessen, dass „Die Wirtin“ und -die „Memoiren aus einem Souterrain“ ganz getrennte Arbeiten -Dostojewskys sind, auf eine Mitteilung von mir berufen. Leider -hatte ich damals in der russischen Ausgabe die verdruckte -Jahreszahl 1846 anstatt 1864 gefunden und gab sie, da in des -Dichters Briefen nie bestimmte Angaben über Namen und Zeitpunkt -seiner Publikationen zu finden sind, als authentisch an. -Indessen wurde ich bei genauerer Verfolgung der chronologischen -Lebens- und Arbeitsdaten bald den Irrtum inne, den ich hiermit -berichtige; was jedoch auf den Umstand keinerlei Einfluss hat, -dass die zwei Erzählungen sowohl durch eine lange Zeit, als -durch ihre Veranlassung und ihren Inhalt vollständig getrennt -sind und keinerlei Berechtigung vorhanden ist, sie in eins zu -verschmelzen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher -zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys -besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen -Saale einander zwar begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser -der Begrüssung, mit einander gewechselt hatten. Auch Orest -Miller ist dieser Widerspruch während der Bearbeitung seiner -Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich veranlasst sah, -Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail jenes -Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner „Materialien -zu einer Biographie Dostojewskys“ klärt er uns denselben auf. -Die Brüder hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit -einander gewechselt, allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, -auf einem Zettel alle diese Vorstellungen dem Bruder zukommen -zu lassen, welchen Zettel dieser aber niemals erhielt. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie -auch ihre ganze Strafzeit abbüssten. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Vergl. Leroy-Beaulieu: L’empire des tsars et les Russes -Bd. III. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod, -mit dessen Hülfe der Fürst Pozarsky die Angriffe der Polen -siegreich zurückschlagen konnte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den -wird es geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich -darin liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer -Apparat das Staatsleben bedient und auch das Einzelleben in -sein Räderwerk reisst; dass oft gute, meist kluge Absichten für -das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang setzen und durch den -Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam einerseits, -oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter Unterbeamten -und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte -Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus -dieser Maschine herauskommen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Dieser Brief dürfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven -angeführte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ ist allen Lesern -Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende -Besprechung desselben nötig wäre. Auch gehört es nicht in den -Rahmen dieses Buches, ästhetisch-kritische Besprechungen der -Werke des Dichters aufzunehmen. Indessen hat dieser Roman -gerade von russischen Kritikern die schärfste Verurteilung erfahren. -Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe unter der Linie -der ästhetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler dieses -Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben -Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich -auf die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat, -dem Mädchen seiner Liebe zu einem andern Glück zu verhelfen, -als auf ein ästhetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und -Möglichkeit grob sündige. Hier sind sie ihren rein subjektiven -Anschauungen gefolgt. Es kann ja ein solches Vorgehen wirklich -nur „einer Kopfliebe entspringen“, wie sie sagen, und jedem -gesunden Menschen unsympathisch sein. — Dass es aber vollkommen -wahr ist, weil es möglich war, das beweist Dostojewskys -Geschichte unwiderleglich. Der künstlerische Fehler in der -Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt, -darin, dass dieser selbstlose Held der Erzähler ist und wir aus -seinem Vortrag nicht gewahr werden, dass er mehr als ein -Zuschauer sein könnte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Unsere Nachforschungen in der „Dritten Abteilung“ haben -zur Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an -Verwandte geführt. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten -Gattin Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese -praktische Idee bis in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen -verstand. Er hat jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen -letzten Lebensjahren die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu -geniessen begonnen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik -bessere Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden -jeder Schachtel eine kleine Überraschung beilegte. Da er aber -damit nicht wechselte, so bekam jeder Käufer so und so viele -Messerchen zusammen und hörte auf, dort seinen Bedarf zu decken. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in -Russland „Krokodile“ genannt, ob dies infolge Dostojewskys -Satire geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, -haben wir nicht ermitteln können. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> Ein Ausspruch, den Dostojewsky <em>heute</em>, was Tolstoj -anlangt, sicher zurücknehmen würde. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch -Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter -lyrischer Gedichte, worunter „Abende und Nächte“ das bedeutendste -ist, welchem auch wohl die herangezogene Strophe entnommen -ist. Seine Übersetzungen des ganzen Horaz, Juvenal, -des Faust, sollen meisterhaft sein. Dostojewsky mochte ihn -wegen eben dieser Abwendung von der brennenden Frage der -Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir sehen -hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn -„justifiziert“. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Anführung von Grigorjews Ausdrücken. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ ist allerdings -eines der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen -will, vor allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand -gehalten und sicher durchgeführt ist. Diese Natascha, welche -zuerst den Erzählenden, Iwan Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, -liebt und dann aus dem Elternhause zu dem Sohn des -Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast schwachsinnigen -Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht liebt, -dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später -aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern -hin und her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren -und doch in die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, — -sie alle <em>wollen</em> offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind -nicht wirkliche Beleidigte — denn: ein kleiner Druck am Räderwerk -des Ganzen, eine logische und vernünftige Schlussfolgerung, -ein energisches Halt, und sie sind es nicht und alles wäre anders. -</p> - -<p class="footnote2"> -Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige -und Unwürdige der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz -besonders übel genommen. Ein Mann, der den Liebesroman -seiner Braut mit einem Andern schildert, der darin als helfender -Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte verrät, wie ihm -dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche Figur erscheinen, -ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die -Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den -äusseren Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, -in der Entsagung Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; -dass ferner dieses bei Hinz und Kunz sicher unwürdige, mindestens -befremdliche Vorgehen bei dem eben aus dem Totenhause befreiten, -durch das Evangelium und die dort gewonnene Volksdemut zu -„seiner Wahrheit“ durchgedrungenen Dichter eine viel kompliziertere -und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass gerade -dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den -Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch -nur anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch -gestaltet werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat -dennoch Recht, wenn er sagt, dass dieser Roman „zwei, drei -Stellen enthält, die warm und kraftvoll sind, und ein halbes -Hundert Seiten, auf die er stolz sei“. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen, -welche der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiž im Jahre 1885 -unter dem Titel „Dostojewsky als Psychopathologe“ in Moskau -publizierte. Es ist für uns sehr wichtig, gerade aus dem Munde -eines bedeutenden Fachmannes eine Belehrung darüber zu empfangen, -wie sehr Dostojewskys Lucidität in pathologischen -Dingen einerseits durch seine eigenen Krankheits-Erscheinungen -erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle seiner psychologischen -Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und -Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst. -Nachdem Tschiž den Beweis erbracht hat, dass -Dostojewsky in den 25 pathologischen Wesen, welche in seinen -Romanen vorkommen, die mannichfaltigsten Nuancen mit der -feinsten Beobachtung ausgestattet und nirgends einen Strich -verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und Epileptiker vom -Dichter als einem „Kompetenten“ behandelt werden, fügt er -folgendes hinzu: „Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit -ihm vieles über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und -vieles konnte er aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist -es heute dem Arzt, schon aus Achtung vor seiner Persönlichkeit -und seinen Leiden, nicht gestattet, vieles darüber zu sagen. -Hier aber trifft ganz besonders zu, was Dostojewsky selbst -sagte: „Nicht auf den Gegenstand kommt es an, sondern auf -das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der Gegenstand. -Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner -Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige -Sache, was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine -Wolke“.“ -</p> - -<p class="footnote2"> -Diese letzte Anführung Tschiž’ erhält ihre Bekräftigung an -jener Stelle, wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows -definierend, das Axiom von „Genie und Wahnsinn“ mit -folgenden Worten widerlegt: „Der bekannte Satz, dass Genie -und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch nicht mehr als ein -Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer Mensch -psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein -Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte -Gegensatz des Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände -tiefer, von viel mehr Seiten als der gewöhnliche Verstand; der -psychisch Kranke sieht entweder weniger als der Gesunde oder -er kann im besten Falle etwas nur einseitig — und darum eben -falsch — begreifen“. -</p> - -<p class="footnote2"> -Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen, -als diese Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky -selbst anzuwenden, so klar ihm auch das Krankheitsbild des -Dichters vor Augen steht. Zur Zeit, da diese Studie geschrieben -wurde und die Mitwelt noch unter dem Eindrucke von Dostojewskys -Genius stand, würde es weder einem Laien noch einem -Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie -mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. -Heute aber und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung -allmählich Platz gegriffen hat, dass Dostojewskys -Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner Krankhaftigkeit zu -erklären seien, heute kann man es nicht genug betonen, wie -irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der Wissenschaft -betrachtet, in nichts zerrinnt. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung -gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges, -viel und ernst gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschätzenden -Ausdrücke der Russen ist. „Ich habe mich mit -Europa auseinandergespuckt,“ sagt Dostojewsky ganz ernst an -einer Stelle im „jungen Nachwuchs“. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der vorangegangenen -Äusserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu -wollen. Dieser Widerspruch findet seine Lösung in dem Umstande, -dass der Roman schon seit Januar zu erscheinen begonnen -hatte, eine solche Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen -war, als eine im November 1865. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> Anmerkung: Einer der im Prozess Petraschewsky zum Tode -Verurteilten, der Lieutenant eines Grenadierregiments Nikolaus -Grigorjew, war auf dem Schaffot wahnsinnig geworden. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der -Schwangerschaft ihr Stieftöchterchen aus dem Fenster geworfen -hatte und für die Dostojewsky öffentlich eintrat. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die Gewinnung -eines Welthafens, Konstantinopels. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> Im Abdruck ausgelassene Stellen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Die von Herzen in London herausgegebene revolutionäre -Zeitschrift. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Bischof von Woronesch, ein als Heiliger verehrter -Mönch. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Der bekannte Oberst Tschaadajew, welcher das Heil für -Russland in der katholischen Idee findet und seine Gedanken -über Russlands Mangel an Originalität in einem philosophischen -Briefe an eine Dame niederlegte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Aus Gogols „Tote Seelen“. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman „Was -thun?“ -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Es ist Gradowsky gemeint. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller -wurde und Bauernerzählungen schrieb. Er starb in jungen Jahren. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname für -angeborene Wollust Geltung gewonnen hat. -</p> - -<div class="ads"> -<p class="publ"> -Verlag von <b>Ernst Hofmann & Co.</b> in <b>Berlin</b> SW. 46, Hedemannstr. 2. -</p> - -<hr /> - - <div class="col2"> - <div class="col left30"> -<p class="hdr"> -Kaiser<br /> -Wilhelm II. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Von<br /> -<b>Friedrich Meister</b>. -</p> - -<p class="center"> -Mit zahlreichen Illustrationen. -</p> - -<p class="center"> -408 Seiten. -</p> - -<p class="noindent"> -<em>Motto</em>: „Zu Großem sind -wir noch bestimmt, und herrlichen -Tagen führe Ich Euch -noch entgegen.“ -</p> - -<p class="unwrap center"> -Brosch. M. 3,—;<br /> -in Prachteinband<br /> -M. 4,—. -</p> - -<hr /> - - </div> - <div class="col right70"> -<p class="hdr"> -Schopenhauers<br /> -Gespräche und Selbstgespräche. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Hrsgeg. von <b>Eduard Grisebach</b>.<br /> -Geheftet M. 3,—; fein gebunden M. 4,—. -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -<span class="underline">Deutsche Charaktere.</span> -</p> - -<p class="center"> -Geheftet M. 5,50; fein gebunden M. 7,—. -</p> - -<p class="center"> -Von <b>Richard M. Meyer</b>. -</p> - -<p class="noindent"> -Inhalt: Der germanische Nationalcharakter. — -Über d. Begriff der Individualität. — Tannhäuser. -— Der Kampf um den Einzelnen. — M. R. Lenz. — -Friedrich Wilhelm IV. — K. Immermann. — -A. Graf v. Platen. — Annette v. Droste-Hülshoff. -— Ferd. Freiligrath. — Victor Hehn.— Fr. Rohmer. -— Paul de Lagarde. — Sechzig Selbstporträts. -— Die Gerechtigkeit der Nachwelt. -</p> - - </div> - </div> -<hr /> - -<p class="hdr"> -Erinnerungen eines Künstlers. -</p> - -<p class="center"> -<b>Von Rudolf Lehmann (London).</b> -</p> - -<p class="center"> -<span class="underline">Mit 16 Lichtdrucken:</span> -</p> - -<p class="noindent"> -<b>Chopin, Pet. Cornelius, Eckermann, Friedrich III., Gladstone, Ferd. -Gregorovius, A. v. Humboldt, Lamartine, Liszt, Kardinal Manning, -Adolf Menzel, Pius IX., L. v. Ranke, Clara Schumann, Tennyson.</b> -</p> - -<p class="center"> -<b>328 Seiten Großoktav. — <em>Splendide Ausstattung.</em></b> -</p> - -<p class="center"> -<em>Geheftet</em> M. 7,—; in Damast <em>gebunden</em> M. 8,—. -</p> - -<p class="hdr"> -Dramen von Max Nordau: -</p> - - -<div class="table"> -<table class="table452" summary="Table-2"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"><b>Das Recht, zu lieben.</b> Schauspiel. 2. Aufl.</td> - <td class="col2" rowspan="3">}</td> - <td class="col3" rowspan="3">Preis<br/>jedes Bandes:<br/><br/>Geheftet M. 2,—.<br/>Gebunden M. 3,—.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><b>Die Kugel.</b> Schauspiel. 2. Aufl.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><b>Doktor Kohn.</b> Trauerspiel. 2. Aufl.</td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> -<hr /> - -<p class="hdr"> -Peter der Große. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Von<br /> -Dr. K. Waliszewski. -</p> - -<p class="center"> -Deutsche Ausgabe Von Prof. W. Bolin. -</p> - -<p class="center"> -Zwei Bände. 320 + 289 Seiten. Mit Bildnis. -</p> - -<p class="center"> -Preis: Geheftet M. 6,—; Leinenbd. M. 8,—; Halbfranzbd. M. 9,50. -</p> - -<p class="noindent"> -Das moderne Rußland ist die Schöpfung Peters des Großen. -Bis zu welchem Grade und in welcher Bedeutung erweist sich aus der -Geschichte seines Lebens und Wirkens. Auf urkundliche Zeugnisse gestützt, -die von bisherigen Forschern weniger berücksichtigt oder auch erst später -zugänglich wurden, entrollt der bedeutende Geschichtsschreiber ein ebenso -fesselndes wie durch seine unbestechliche Wahrheitsliebe ergreifendes Bild -von dem nordischen Reformator. Ihm ist der Zar keineswegs eine -heroische Ausnahmegröße, wie legendarische Ausschmückung sie gestaltet -und unkritische Geschichtsauffassung sie willig geglaubt hat. Durch Peter -den Großen wird Rußland nur rascher auf der Bahn der Entwickelung -gefördert; durch ihn werden anderwärts bereits gewonnene Kulturerrungenschaften -einem Gebiet zugewandt, welches durch eigentümliche, geographische -wie geschichtliche, Verhältnisse in seiner Entwickelung gehemmt worden -war. Der Verf. bringt den Zaren zugleich in seiner individuellen und -nationalen Eigentümlichkeit dem Leser mit Anschaulichkeit nahe. -</p> - -<p> -Das Waliszewskische Werk kann unzweifelhaft als die beste Biographie -Peters des Gr. bezeichnet werden. -</p> - -<p class="sign"> -<b>Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung.</b> -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -Biographische Blätter. -</p> - -<p class="center"> -Jahrbuch für lebensgeschichtliche Kunst u. Forschung. -</p> - -<p class="center"> -Unter Mitwirkung von -</p> - -<p class="center"> -PProf. DDr. <b>M. Bernays</b>, <b>F. v. Bezold</b>, <b>A. Brandl</b>, <b>A. Fournier</b>, <b>L. Geiger</b>, -<b>K. Glossy</b>, <b>E. Guglia</b>, <b>S. Günther</b>, <b>O. Lorenz</b>, <b>K. v. Lützow</b>, <b>J. Minor</b>, -<b>F. Ratzel</b>, <b>Erich Schmidt</b>, <b>A. E. Schönbach</b> u. A. -</p> - -<p class="center"> -herausgegeben von Dr. <b>Anton Bettelheim</b>. -</p> - -<p class="center"> -Band I und II. — Jeder Band (500 Seiten Lexikon-Format) ist <em>selbstständig</em> -und <em>einzeln</em> käuflich: Geheftet M. 10,—; fein gebunden M. 11,50. -</p> - -<p class="noindent"> -Die „B. Bl.“ zeigen die Lebensgeschichte von allen Seiten und in -allen Stadien, im Werden und Sein, in der Theorie wie der Praxis. -Abhandlungen und Essays, Quellen und Darstellungen, Kritiken und -Übersichten treten in einen Kreis zusammen, in dessen Mittelpunkt der einheitliche -Gedanke herrscht, daß Persönlichkeit, Individualität, Menschendasein -und -Wirken in einzigem Maße erforschens-, wissens- und genießenswert -ist und bleiben wird, so lange Gelehrte, Schriftsteller und Publikum aus -lebendigen Menschen bestehen. -</p> - -<p class="sign"> -Prof. <b>A. Dove</b> in der <b>Münch. „Allgemeinen Zeitung“</b>. -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -Geisteshelden. -</p> - -<p class="center"> -Eine Sammlung von Biographieen. -</p> - -<p class="center"> -Bisher erschienen folgende — <em>einzeln</em> käufliche — Bände: -</p> - -<p class="list"> -1. <b>Walther v. d. Vogelweide.</b> 2. Aufl. Von Prof. <em>A. E. Schönbach.</em><br /> -2/3. <b>Hölderlin * Reuter.</b> 2. Aufl. Von Dr. <em>Ad. Wilbrandt.</em><br /> -4. <b>Anzengruber.</b> 2. Aufl. Von Dr. <em>Anton Bettelheim</em>.<br /> -5. <b>Columbus.</b> Von Prof. Dr. <em>Sophus Ruge</em>.<br /> -6. <b>Carlyle.</b> 2. Aufl. Von Prof. Dr. <em>G. v. Schulze-Gaevernitz</em>.<br /> -7. <b>Jahn.</b> Von Dr. <em>F. G. Schultheiß</em>. <b>Preisgekrönt.</b><br /> -8. <b>Shakspere.</b> Von Prof. Dr. <em>Alois Brandl</em>.<br /> -9. <b>Spinoza.</b> Von Prof. Dr. <em>Wilhelm Bolin</em>.<br /> -10/11. <b>Moltke, I.</b> Von Oberstleutnant Dr. <em>Max Jähns</em>.<br /> -12. <b>Stein.</b> Von Dr. <em>Fr. Neubauer</em>. <b>Preisgekrönt.</b><br /> -13/15. <b>Goethe.</b> Von Privatdozent Dr. <em>Richard M. Meyer</em>. -</p> - -<p class="novspace center"> -<span class="inline"><img src="images/hand-right.jpg" alt="" /></span> <b>Mit dem 1. Preise gekrönt.</b> -</p> - -<p class="list"> -16/17. 27. <b>Luther. I. II, 1.</b> Von Privatdoz. Dr. <em>Arn. E. Berger</em>.<br /> -18. <b>Cotta.</b> Von Minister Dr. <em>Albert Schäffle</em>.<br /> -19. <b>Darwin.</b> Von Prof. Dr. <em>Wilhelm Preyer</em>†.<br /> -20. <b>Montesquieu.</b> Von Prof. Dr. <em>Alb. Sorel</em>.<br /> -21. <b>Dante.</b> Von Pfarrer Dr. <em>Joh. Andreas Scartazzini</em>.<br /> -22. <b>Kepler. * Galilei.</b> Von Prof. Dr. <em>S. Günther</em>.<br /> -23. <b>Görres.</b> Von Prof. Dr. <em>J. N. Sepp</em>.<br /> -24. <b>Stanley.</b> Von <em>Paul Reichard</em>.<br /> -25/26. <b>Schopenhauer.</b> Von Konsul Dr. <em>Ed. Grisebach</em>.<br /> -28/29. <b>Schiller.</b> Von Prof. Dr. <em>Otto Harnack</em>.<br /> -30/31. <span class="inline"><img src="images/hand-right.jpg" alt="" /></span> <b>Peter der Große.</b> <span class="inline"><img src="images/hand-left.jpg" alt="" /></span> Von Dr. <em>K. Waliszewski</em>.<br /> -32. <b>Tennyson.</b> Von Prof. Dr. <em>Emil Koeppel</em>. -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -Die<br /> -Kulturaufgaben der Reformation. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Von<br /> -Dr. Arnold E. Berger. -</p> - -<p class="center"> -312 Seiten Grossoktav. Geheftet M. 5,—, fein gebunden M. 6,—. -</p> - -<p class="dropart noindent"> -<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D" /><span class="hidden">D</span></span>ie in Tausenden von Exemplaren verbreitete, von hervorragenden -Gelehrten geschriebene Biographieen-Sammlung -</p> - -<p class="novspace hdr"> -„Geisteshelden“ -</p> - -<p class="noindent"> -bildet einen unentbehrlichen Bestandtheil aller Privat-, öffentlichen und -Schul-Bibliotheken; sie gewährt einen gediegenen, anregenden und bildenden -Lesestoff für Männer und Frauen, reife wie reifende Leser. -Im Unterschied zu den nachträglich entstandenen Spezial-Sammlungen -bieten die „<em><b>Geisteshelden</b></em>“ Lebensbilder aus <em>allen</em> Gebieten der Kultur, -Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Der Umfang der gediegen und geschmackvoll -ausgestatteten Bände umfaßt je 200-300 Druckseiten. Der -Text ist nicht durch gelehrte Anmerkungen beschwert; doch wird Weiterstrebenden -im Anhang durch genaue Quellenangaben Material gewährt. -</p> - -<p class="center"> -<b>In Vorbereitung:</b> -</p> - -<p class="list"> -<b>Uhland</b>, von Professor Dr. <em>Erich Schmidt</em>.<br /> -<b>Grillparzer</b>, von Professor Dr. <em>Alfred Freiherr von Berger</em>.<br /> -<b>Hans Sachs</b>, von Privatdozent Dr. <em>Max Herrmann</em>.<br /> -<b>Molière</b>, von Professor Dr. <em>Heinrich Morf</em>.<br /> -<b>Byron</b>, von Professor Dr. <em>Emil Koeppel</em>.<br /> -<b>Buddha</b>, von Dr. <em>Karl Eugen Neumann</em>.<br /> -<b>Helmholtz</b>, von Professor Dr. <em>Hugo Kronecker</em>.<br /> -<b>Friedrich der Große</b>, von Kgl. Archivrat Dr. <em>Georg Winter</em>.<br /> -<b>Napoleon I.</b>, von Professor Dr. <em>Alois Schulte</em>.<br /> -<b>Tizian</b>, von Dr. <em>Georg Gronau</em> in Berlin.<br /> -<b>Michelangelo</b>, von Professor Dr. <em>Alfred Gotthold Meyer</em>.<br /> -<b>Bach * Händel</b>, von Dr. <em>Max Seiffert</em>.<br /> -<b>Mozart</b>, von Professor Dr. <em>Oskar Fleischer</em>.<br /> -<b>Richard Wagner</b>, von Professor Dr. <em>Max Koch</em>. -</p> - -<p class="center"> -Preis jedes Bandes: <span class="underline">Geheftet</span> M. 2,40; in geschmackvollem <span class="underline">Leinenband</span> -(dunkelrot oder blau) M. 3,20; in feinem <span class="underline">Halbfranzband</span> M. 3,80. -</p> - -<p class="hdr"> -Die Wirtschaftspolitik des Vaterunser. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Von<br /> -Prof. Dr. <b>Gustav Ruhland</b>. -</p> - -<p class="center"> -Zweites Tausend. — 104 Seiten. — M. 2,—. -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -DIE LIEDER<br /> -DER<br /> -MÖNCHE UND NONNEN<br /> -GOTAMO BUDDHO’S. -</p> - -<p class="center"> -AUS DEM ALTINDISCHEN ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT -</p> - -<p class="unwrap center"> -VON<br /> -<b>Dr. KARL EUGEN NEUMANN</b>. -</p> - -<p class="center"> -400 Seiten Lex.-Oktav. — Geheftet 10 M.; in Halbfranzband 12 M. -</p> - -<p class="noindent"> -<em>Das Werk ist für die weitesten Kreise bestimmt und -wird diese mächtig anziehen. Denn hier spricht echter, -unverfälschter Buddhismus aus jeder Zeile, die eigenen -Worte des Stifters und seiner Jünger.</em> Es kommt hinzu, dass -der Inhalt keineswegs einseitig, sondern reichlichst gestaltet ist und -sich über alle menschlichen Verhältnisse verbreitet, ja sich stellenweise -<em>zu novellenartiger Feinheit und Eleganz erhebt</em>. Das Buch -wird nicht nur die Akademiker und Philologen, sondern alle Gebildeten, -auch verwöhnte Feinschmecker, lebhaft anregen. -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -DIE SITTLICHKEIT<br /> -und der philosophische Sittlichkeitswahn. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Von<br /> -<b>Dr. Abr. Eleutheropulos</b><br /> -Privatdozent an der Universität Zürich. -</p> - -<p class="center"> -148 Seiten Lexikon-Oktav. — Preis M. 3,25. -</p> - -<p class="noindent"> -Selbst wer nicht Philosoph vom Fach ist, wird reiche Anregung -aus dem geistvollen Buche schöpfen, das auch in kulturhistorischer -Hinsicht beachtenswerte Erörterungen enthält. -</p> - -<hr /> - -<p class="hdr"> -Deutsche Kern- und Zeitfragen. -</p> - -<p class="unwrap center"> -Von<br /> -<b>Dr. Albert Schäffle</b>,<br /> -K. K. Minister a. D. -</p> - - <div class="col2"> - <div class="col"> -<p class="unwrap center"> -<em>Erste Sammlung</em><br /> -<b>480 Seiten Lexikon-Oktav.</b> -</p> - - </div> - <div class="col"> -<p class="unwrap center"> -<em>Neue Folge.</em><br /> -<b>510 Seiten Lexikon-Oktav.</b> -</p> - - </div> - </div> -<p class="center"> -Jeder Band ist <b>selbständig</b> und <b>einzeln</b> käuflich. Preis jedes Bandes: -<b>Geheftet M. 10,—; in feinem Halbfranzband M. 12,—.</b> -</p> - -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Variierende Transliterationen der russischen Namen und Begriffe wurden im -Allgemeinen beibehalten, wie z. B. Neswanowa, Njeswanowa und Njezwánowa. -Lediglich offensichtliche Fehlschreibungen wurden korrigiert, wie z. B. -Njezwánowna zu Njezwánowa. -</p> - -<p> -Andere Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der russischen -Originale, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... Unpünktlichkeit, <span class="underline">Regellossigkeit</span> nennen müssen. ...<br /> -... Unpünktlichkeit, <a href="#corr-0"><span class="underline">Regellosigkeit</span></a> nennen müssen. ...<br /> -</li> - -<li> -... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen<span class="underline">.</span> ...<br /> -... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen<a href="#corr-1"><span class="underline">,</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Wir verweisen auf <span class="underline">Makenzie</span> Wallaces vortreffliches Werk ...<br /> -... Wir verweisen auf <a href="#corr-2"><span class="underline">Mackenzie</span></a> Wallaces vortreffliches Werk ...<br /> -</li> - -<li> -... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen<span class="underline">;</span> ...<br /> -... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen<a href="#corr-6"><span class="underline">,</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... verständlich <span class="underline">nnd</span> mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...<br /> -... verständlich <a href="#corr-10"><span class="underline">und</span></a> mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...<br /> -</li> - -<li> -... uns veröffentlichten <span class="underline">Verteidigungschrift</span> lediglich ein „advokatorisches ...<br /> -... uns veröffentlichten <a href="#corr-11"><span class="underline">Verteidigungsschrift</span></a> lediglich ein „advokatorisches ...<br /> -</li> - -<li> -... von schlechtem Einfluss und <span class="underline">Aufheztung</span> bestimmt, dessen ...<br /> -... von schlechtem Einfluss und <a href="#corr-12"><span class="underline">Aufhetzung</span></a> bestimmt, dessen ...<br /> -</li> - -<li> -... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, <span class="underline">Von-</span>Wisin, ...<br /> -... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, <a href="#corr-13"><span class="underline">von </span></a>Wisin, ...<br /> -</li> - -<li> -... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und <span class="underline">Jastrzemski</span> in Ketten ...<br /> -... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und <a href="#corr-14"><span class="underline">Jastrzembski</span></a> in Ketten ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Stepanscikowo</span> und seine Bewohner“. Dazwischen schrieb ...<br /> -... <a href="#corr-15"><span class="underline">Stepantschikowo</span></a> und seine Bewohner“. Dazwischen schrieb ...<br /> -</li> - -<li> -... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszu<span class="underline">prechen</span>. Fertige ...<br /> -... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszu<a href="#corr-18"><span class="underline">sprechen</span></a>. Fertige ...<br /> -</li> - -<li> -... Rhein gesehen habe. (Nikolaj <span class="underline">Nikolojewitsch</span>, das ist ...<br /> -... Rhein gesehen habe. (Nikolaj <a href="#corr-22"><span class="underline">Nikolajewitsch</span></a>, das ist ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">merkmürdige</span> Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ...<br /> -... <a href="#corr-23"><span class="underline">merkwürdige</span></a> Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ...<br /> -</li> - -<li> -... einem Briefe an den Bruder, wo es <span class="underline">heist</span>: „Der zweite ...<br /> -... einem Briefe an den Bruder, wo es <a href="#corr-24"><span class="underline">heisst</span></a>: „Der zweite ...<br /> -</li> - -<li> -... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara <span class="underline">Russ</span> geboren ...<br /> -... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara <a href="#corr-27"><span class="underline">Russa</span></a> geboren ...<br /> -</li> - -<li> -... der ersten <span class="underline">Häfte</span> seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky ...<br /> -... der ersten <a href="#corr-28"><span class="underline">Hälfte</span></a> seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky ...<br /> -</li> - -<li> -... debattiert haben, über Sie und Anna <span class="underline">Jwanowna</span> — es war ...<br /> -... debattiert haben, über Sie und Anna <a href="#corr-29"><span class="underline">Iwanowna</span></a> — es war ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">karikirt</span>. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...<br /> -... <a href="#corr-32"><span class="underline">karikiert</span></a>. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...<br /> -</li> - -<li> -... „Ja, sie; <span class="underline">Natalje</span> Wassiljewna! im heurigen März!“ beantwortet ...<br /> -... „Ja, sie; <a href="#corr-35"><span class="underline">Natalja</span></a> Wassiljewna! im heurigen März!“ beantwortet ...<br /> -</li> - -<li> -... heute zufällig <span class="underline">anf</span> dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben ...<br /> -... heute zufällig <a href="#corr-36"><span class="underline">auf</span></a> dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben ...<br /> -</li> - -<li> -... in den See und <span class="underline">ersoffen</span>.“ ...<br /> -... in den See und <a href="#corr-37"><span class="underline">ersoff</span></a>.“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken <span class="underline">Dotojewskys</span> ...<br /> -... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken <a href="#corr-38"><span class="underline">Dostojewskys</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... „Njetoschka <span class="underline">Njezwánowna</span>“, 47. 53. 420. ...<br /> -... „Njetoschka <a href="#corr-40"><span class="underline">Njezwánowa</span></a>“, 47. 53. 420. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY *** - -***** This file should be named 52283-h.htm or 52283-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/2/8/52283/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/52283-h/images/0005.jpg b/old/52283-h/images/0005.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4099dcd..0000000 --- a/old/52283-h/images/0005.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/001.jpg b/old/52283-h/images/001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 501fb98..0000000 --- a/old/52283-h/images/001.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/442.jpg b/old/52283-h/images/442.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a757aa2..0000000 --- a/old/52283-h/images/442.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/443.jpg b/old/52283-h/images/443.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3affd92..0000000 --- a/old/52283-h/images/443.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/446.jpg b/old/52283-h/images/446.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6da57ab..0000000 --- a/old/52283-h/images/446.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/451.jpg b/old/52283-h/images/451.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d4e7930..0000000 --- a/old/52283-h/images/451.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/cover-page.jpg b/old/52283-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 884e778..0000000 --- a/old/52283-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/drop_d.jpg b/old/52283-h/images/drop_d.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bf3551c..0000000 --- a/old/52283-h/images/drop_d.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/hand-left.jpg b/old/52283-h/images/hand-left.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 83b0aeb..0000000 --- a/old/52283-h/images/hand-left.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/hand-right.jpg b/old/52283-h/images/hand-right.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3d0be7f..0000000 --- a/old/52283-h/images/hand-right.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/logo.jpg b/old/52283-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 95234f5..0000000 --- a/old/52283-h/images/logo.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52283-h/images/portrait.jpg b/old/52283-h/images/portrait.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1b66f45..0000000 --- a/old/52283-h/images/portrait.jpg +++ /dev/null |
