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-The Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Th. M. Dostojewsky
- Eine biographische Studie
-
-Author: Nina Hoffmann
-
-Release Date: June 9, 2016 [EBook #52283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Th. M. Dostojewsky.
-
-
- Eine biographische Studie
- von
- N. Hoffmann.
-
- Mit Bildnis.
-
- Berlin.
- Ernst Hofmann & Co.
- 1899.
-
- Nachdruck verboten.
- Übersetzungsrecht vorbehalten.
-
- Meinen russischen Freunden
- gewidmet.
-
-
- [Griechisch: Daimôn].
-
- Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
- Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,
- Bist alsobald und fort und fort gediehen
- Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
- So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
- So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
- Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
- Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
-
- Goethe.
-
-
-
-
- Inhalts-Übersicht.
-
-
- Seite
- I. Das Milieu 1
- II. Kindheit und Jugend 17
- III. Katastrophe 59
- IV. Semipalatinsk 130
- V. Petersburg 171
- VI. Publizistik 191
- VII. Zweite Vermählung. Schuld und Sühne. Abreise 252
- VIII. Vierjähriger Aufenthalt im Auslande 276
- IX. Briefwechsel aus der Fremde 300
- X. Petersburg; die letzten zehn Jahre 405
- _Anhang._ Bibliographische Übersicht 443
- Personen- und Sach-Verzeichnis 446
-
-
-
-
- An meine Leser.
-
-
-»Vorreden sind immer Entschuldigungen«, hat jüngst ein geistvoller
-Schriftsteller in einer der seinigen gesagt. Der Verfasser des
-vorliegenden Buches geht weiter. Er erhebt Einspruch dagegen, dass seine
-Arbeit als ein litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie
-durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persönlichkeit
-betrachtet wissen, und wünscht als einzigen Erfolg dieses Buches, dass
-etwas von dem zwingenden und zugleich versöhnenden Geiste des grossen
-Dichters durch seine Blätter wehe und die Gemüter in seinem Sinne
-erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wäre am Platze: dem Dichter und
-dem unerschöpflichen Material gegenüber, das ganz zu bewältigen dereinst
-die Arbeit Vieler ausmachen wird.
-
-Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier ihre Stelle finden.
-Im grossen Ganzen habe ich den Stoff chronologisch geordnet. An einigen
-Stellen indes schien es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten
-plastisch hervortreten zu lassen, spätere briefliche Äusserungen des
-Dichters sofort heranzuziehen.
-
-Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme der »Armen
-Leute«, in die Periode des Tastens und der Nachahmungen einreihen muss,
-habe ich nicht im Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben
-Gesichtswinkel zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit
-und Feinheit psychologischer Einzelheiten -- vom Standpunkt der
-russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt --, nicht
-allzusehr von einander differenzieren.
-
-Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele Etappen auf
-dem Wege zur Vollendung seines Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer
-Ausgeprägtheit und ihres Verstandenseins durch den westeuropäischen
-Leser mehr oder weniger breit behandelt.
-
-Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben muss, die aus
-vielfachem Material geschöpft hat und auf Glaubwürdigkeit Anspruch
-erheben darf, befand ich mich in einiger Verlegenheit. Für den deutschen
-Leser wären Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen, da
-ich aus unübersetzten russischen Autoren schöpfte. Auch die den Werken
-des Dichters entnommenen Stellen könnte der deutsche Leser nicht in den
-umlaufenden Ausgaben nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem
-Verständnisse aus dem Original übersetzte. Der russische Leser aber
-kennt alles, was über Dostojewsky geschrieben worden, sofern er sich für
-diesen Dichter und seine Richtung interessiert, vortrefflich und findet
-in den Namen und Quellen, die ich im Texte reichlich angab, genug
-Anhaltspunkte zum Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise,
-die mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen mussten.
-
-_Wien_, Januar 1899.
-
- N. Hoffmann.
-
-
-
-
- I.
- Das Milieu.
-
-
-Über Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner Gesamt-Erscheinung als
-Dichter, Psychologe, als Ethiker und Mensch zu sprechen, ein
-erschöpfendes Bild seines Lebens und seiner künstlerischen, sowie vor
-allem seiner seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wäre heute,
-sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes Unternehmen.
-Einerseits ist er der gegenwärtigen Generation noch zu nahe; alles was
-über ihn gesagt werden könnte, stünde noch im Zeichen des Kampfes. Er
-hat ja, wie alle mächtig ausgeprägten Individualitäten, im Leben bis zu
-seinem letzten Atemzuge heftig gekämpft und Kampf erzeugt.
-
-Anderseits leben seine nächsten Angehörigen, seine Freunde noch, und
-diese sind im Besitze der intimeren Erinnerungen und Äusserungen seines
-persönlichen Lebens, die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben
-nicht geneigt sein können; ganz abgesehen davon, dass die Ausnützung
-intimer Lebensverhältnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches, ohne
-Hinblick auf die inneren Zusammenhänge und die Einheitlichkeit des
-Wesens, dem man nahe zu kommen trachtet, nicht scharf genug als müssige
-Indiskretionen gebrandmarkt und verpönt werden können.
-
-Wir Europäer hinwieder bringen dem Dichter eines uns in hohem Grade
-interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher, verblüffter Neugierde
-entgegen, zu der uns der grosse Seelen- und Krankheitskenner und Maler
-wohl zwingt, lehnen aber die nähere Bekanntschaft seines tiefen
-Zusammenhanges mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus Furcht vor dem
-Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie Nietzsche sagt, »die
-allerstärkste und erstaunlichste Kraft, zu wollen, in sich
-aufgespeichert hat, mit der ein Denker der Zukunft wird rechnen müssen«.
-Dazu tritt noch, dass unser grosses Publikum alles, was von Russland
-kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders fesselt,
-wenn es die Äusserungen sozialistischer, revolutionärer, atheistischer
-Anschauungen einer unter harter Despotie seufzenden Intelligenz
-vermittelt. Äusserungen, deren Intensität im Gegensatze zu den sie
-hervorrufenden Zuständen, es fast als litterarische Pikanterie geniesst.
-
-Aber mit der eigentümlichen Erscheinung eines Dichters, der zugleich
-lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und mystisch religiös, der
-durchaus demokratisch und dabei durchaus konservativ ist, wissen wir
-nichts anzufangen.
-
-Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der grösste
-Repräsentant dieser merkwürdigen Konstellation, und wir müssen die
-scheinbaren Widersprüche, die darin liegen, in der Grösse seines Genies
-und seines Herzens auflösen und etwa so ansehen, wie wir die
-Widersprüche der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West mit
-einem grossen Ringe umspannt. Vor allem dürfen wir Dostojewsky nicht
-litteraturmässig auffassen, sondern als einen grossen, seelenbewegenden
-Schöpfer »in einem ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen«. Unter
-uns hört man oft den Ausspruch: »Dostojewsky ist ein grosser Künstler,
-aber sein mystisches Christentum ist sehr störend«. So angesehen
-zerfällt sein Bild sofort in einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er
-ist ein Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an die
-Läuterung _auch Europas_ durch das russische Volk, und er kann, vermöge
-seines unvergleichlichen Dichtergenius, seine Wahrheiten nicht anders
-hinausrufen, als in Werken von hohem künstlerischen Werte.
-
-So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit, die wir in allen
-seinen Werken wiederfinden, so fest und kompakt wie etwa ein Urgestein,
-das bei dem kleinsten Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt.
-
-Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im Auge haben, wenn wir
-es versuchen, an der Hand lückenhafter russischer Biographieen, sowie
-des Materials, das uns seine Tagebücher, die Aufzeichnungen seiner
-Gattin, seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke
-vermitteln, ein, soweit es möglich ist, getreues Bild seines Lebens und
-Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben.
-
-Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten, müssen wir einige
-Vorbemerkungen über das Milieu einschalten, dem der Dichter entsprossen
-ist.
-
-Wenn wir nämlich die Werke französischer, englischer, italienischer,
-kurz europäischer Schriftsteller lesen, so bringen wir ihrem Milieu so
-viel Kenntnis und Anpassungsvermögen entgegen, dass wir ohne weiteres
-sagen, der oder jener schildere die _Menschen_ so oder so. Lesen wir
-indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir sehen ein
-fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und darin -- einen _Russen_,
-den wir uns erst in unser Menschliches übersetzen müssen, wobei wir oft
-unsere liebe Not haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da wohl
-mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen Kräften, mit
-einem Volke, das wir erst kennen lernen, demgegenüber wir manches
-»umlernen« müssen.
-
-Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er sich nicht eine
-lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat, kein lebendiges und ganz
-zutreffendes Bild von Russland und seinem Volke entwerfen. Lässt ja
-Dostojewsky selbst in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein
-Gespräch miteinander führen, in dem der eine ungefähr sagt: »Der M. N.
-giebt vor, zu wissen, was Russland ist -- ja wissen wir es denn selbst?«
-
-Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so zu eigen gemacht,
-dass er ihre intimen Nüancen, die familienhafte Unmittelbarkeit ihrer
-Laute nachempfindet, ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke
-und ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele, die diese
-Sprache ausdrückt, gewahr werden. Dies ist hier um so leichter der Fall,
-als alles Russische ein so durchaus uneuropäisches Gepräge an sich
-trägt.
-
-Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes gehender Zug vor
-allem auffallen muss, ist die familienhafte Zusammengehörigkeit und
-Brüderlichkeit aller mit allen. Dies drückt sich schon in der Sprache
-aus: Väterchen, Mütterchen, du mein Verwandter, oder: du meine Verwandte
-sind die gebräuchlichsten Formen der Anrede. Dieses Familiengefühl geht
-von unten hinauf, nicht umgekehrt, allein das ist es, was ihm ewige
-Dauer sichert. Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede
-keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen mit dem höflichen
-Zusatz des Vatersnamens zulässt, geht eine, wenigstens formale Intimität
-durch die ganze Nation, von welcher sich kein modern »demokratisches«
-Volk etwas träumen lässt. Nicht nur der Bauer, sondern auch der Hoflakai
-führt für den Kaiser oder Grossfürsten keine andere Benennung oder
-Anrede im Munde als etwa: »Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna
-lässt Euch bitten« oder ähnliches. Für das Volk ist diese Form eine
-intime Herzenssache, für die »Gesellschaft« hat sie nur den Wert einer
-patriarchalischen Reminiscenz, und das Volk selbst als »Brüder« zu
-betrachten, ja einen wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und
-Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend bis heute
-noch nicht geträumt. Darin liegt wohl, wie es scheint, die scharfe
-Trennung der konservativen russischen Kreise von den neueren liberalen.
-Allerdings wachsen auf diesem Gebiete Missverständnisse wie die Disteln
-empor. Denn, indem sich viele energische Liberale nicht auf die
-Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum Volke, auf den guten Einfluss der
-Bildung allein beschränken, die sie diesem hochintelligenten, aber in
-tiefe, abergläubische Religiosität eingesponnenen Kinde vermitteln, so
-fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hände, welche von der
-Vernichtung der Unwissenheit und des Aberglaubens auch jene des Glaubens
-und der Ehrfurcht befürchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum
-Volke in ein Gebiet übergeleitet, das sich von den ursprünglichen
-Absichten allmählich und unbemerkt entfernt.
-
-Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des russischen Volkes geht
-(die Gesellschaft als solche aus dem Spiel gelassen), ist eine Fähigkeit
-zum Leiden und Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher
-erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame Fingerzeige; das
-Volk nennt jeden Verbrecher einen »Unglücklichen«, und die Sprache
-selbst, welche für das Menschliche drei Ausdrücke streng unterscheidet,
-nämlich: »Menschlich«, »Allgemeinmenschlich« und »Allmenschlich«, sie
-hat für die Nüancen der Schuld, die wir dreifach besitzen:
-»Übertretung«, »Vergehen«, »Verbrechen«, ausser dem Worte Schuld nur das
-eine Wort »Übertretung« (Prestupljenie).
-
-Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu thun haben, als mit
-unserem europäischen Mitleid, das die Franzosen unter anderem »une
-fonction purement cérébrale« nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im
-Gegensatze zur allmächtigen und allberechtigten »passion«. Hier ist eine
-Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen von Ost
-und West, die man nicht ernst genug betrachten kann.
-
-Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur ist die mit tiefer
-Religiosität verbundene Demut des Russen, die auch da erhalten bleibt,
-wo, wie in den Kreisen der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede
-Spur von Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit, sein
-Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie sich um deswillen vor
-Freund und Feind zu demütigen oder anzuklagen. Da nun ein solcher
-Einsichtswechsel bei seiner nervösen, grübelnden und immerfort »die
-Wahrheit« suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er uns
-Westländern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren Gebrechen
-kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger Selbsterniedrigung. Denn der
-Westen versteht heute zumeist unter dem Begriff »Charakter haben«, dass
-man nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm um viel
-realere Güter zu thun, als um die bei den Russen in jeder Lebenslage
-auftauchende Sorge und Frage »wie soll mein Leben sein?«
-
-Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem Russen auffällt, ist
-das, was wir Deutsche Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Regellosigkeit
-nennen müssen. Wenn man die Unmöglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind
-der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen bestimmten Ort
-zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner Tageseinteilung auch nur das
-geringste System oder die geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen,
-so möchte man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen: »Dem
-Glücklichen, sowie dem Russen, schlägt keine Stunde«. Russen können zu
-jeder Stunde des Tages ihr Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt
-sind, zu jeder Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen.
-(Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf bannenden Nächte
-eine grosse Rolle.) Aber nicht das allein. Sie bringen ihre Freunde zu
-anderen Freunden, ohne Anfrage, ohne Umstände, zu allen Mahlzeiten,
-mitten in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa krank,
-erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten dort eine schwere
-Nachricht -- so ist das ganze fremde Haus, das nun nicht mehr ein
-fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen. Man bleibt zusammen auf, man
-quartiert den Freund des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem
-Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es ist eine
-selbstverständliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe, dem man einmal seine
-absolute Unpünktlichkeit vorwarf, erwiderte mit vielem Ernste: »Ja, das
-Leben ist eine schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt
-sein wollen und viel wichtiger sind, als das pünktlichste Worthalten.«
-
-Und nun die russischen Frauen. Sie leben und weben von innen heraus, sie
-haben grosse Ziele, ernste Interessen, ein offenes Auge für die
-Aussenwelt, für das, was sie umgiebt und was not thut. Die russische
-Frau verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen Mädchens
-mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des Mannes; sie hat etwas
-Jünglinghaftes an sich. Dabei nimmt sie es allerdings mit der bis ins
-kleinste gehenden Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis
-in die feinste Abschattung durchgeführten Eindrucks-Delikatesse der
-Französin nicht auf. Das Daheim einer echten Russin wird mitunter ein
-Chaos aufweisen, das unsere Landsmänninnen, namentlich jene des Nordens,
-abschrecken müsste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere
-Vorstellungen über Genauigkeit und Ordnung antworten: »Ja, jeder
-Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine darf das Grosse, das
-Detail nicht das Allgemeine verbauen«, und wir hörten einmal eine Russin
-sagen, dass die Petersburger Frauen und Mädchen auf der Strasse sehr
-eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man sehen könne, wie sie
-einem Ziele entgegen gehen, während die Frauen europäischer Grossstädte
-so gehen, als wäre die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die »breite
-russische Natur« (»schirokaia russkaia natura«), wie sie es nennen, was
-sich überall geltend macht, und wir möchten uns, gerade auf diese so
-unharmonisch scheinende Verbindung gestützt, der Anschauung Dostojewskys
-anschliessen, welcher sagt, dass die nächste Zukunft des
-Menschengeschlechtes in der Hand der Russin liegt.
-
-Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese Umgestaltung nicht auf
-dem Wege der Frauenbewegung als vor sich gehend gedacht werden darf. --
-Die russische Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung längst
-vollzogen und zwar -- wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen -- ganz
-organisch, von einem rein natürlichen Standpunkt aus in Angriff
-genommen, von dem der Mütterlichkeit. Sie will und muss die Gefährtin,
-ja Führerin ihrer männlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen,
-in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt im Gemüte der
-russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor allem der Wunsch,
-nützlich zu sein, ihrem Volke zu dienen. So ist es gekommen, dass die
-Russin heute ihre Fähigkeit zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben
-bewiesen hat, während die europäische bewegte Frau ihre Freiheit und
-Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fähig sei, abseits von
-der Familie zum Leben zu gelangen. Dies ist ein grundlegender
-Unterschied.
-
-Den genannten Hauptcharakterzügen des Russen gesellt sich ein
-unausrottbares Misstrauen in allen seinen Beziehungen zum Nebenmenschen
-bei, allein ein Misstrauen, das viel mehr dem immerwachen Gefühle der
-eigenen Unzulänglichkeit und »Sündhaftigkeit« entspringt, als dass es
-sich auf den Unwert des anderen bezöge. Es ist das Misstrauen der Demut
-im Gegensatze zum Misstrauen der Routine.
-
-Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen Hintergrund an,
-aus dem heraus sich diese Volkspersönlichkeit entwickelte, so finden wir
-ein ungeheures, kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem
-unermesslichen Horizont, wo das träumende Auge des Steppenbewohners in
-eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt, dünn bevölkert, ohne
-bedeutende Küstenentwicklung, ohne namhaften Welthafen -- »ein Riese in
-einer grossen, niedern Stube«, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale
-Einheit ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden
-Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten, kein fremdes Blut, es
-sei denn finnisches, hat diesen Riesenkörper durchädert. Sein »weisser
-Kaiser« ist ihm Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer
-in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk macht seine
-Entwickelungsprozesse langsam durch, steht heute in seiner Kindheit und
-wandelt seinem Mittelalter zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute
-seine vornehmlichen Lebensquellen, die Städte sind dünn gesäet, der
-Kleinhandel ist in den Händen des moskowitischen Kleinbürgers,
-Grosshandel und Industrie ebenfalls in den Händen des grossen Moskauer
-Kaufherrn, sowie in denen des Ausländers und des Juden. So giebt es denn
-kein eigentliches grosses Bürgertum, und die Gesellschaft, die wir heute
-Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen Landsassen -- Gutsbesitzer
--- und dem Beamtenstande zusammen.
-
-Dieses höchst langsame, doch organische Wesen der Volksentwickelung hat
-Peter der Grosse mit seinen Reformen durchrissen. Ein mit unermesslichen
-Mühen und Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn und
-gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thätigkeit. Petersburg,
-das »ausgebrochene Fensterchen« gegen Europa zu, hat europäische Luft
-und europäisches Wesen, Europas Sitten und Unsitten, Europas
-Philosophie, Aufklärung und Dekadenz, kurz den »Europäismus«, wie sich
-Dostojewsky ausdrückt, hereindringen lassen. Die kompakte Masse des
-Volkes indessen ist von diesen Neuerungen nicht berührt worden, und wenn
-auch hie und da in den Städten der altrussische Bart der europäischen
-Schere, und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europäischen Kleide
-zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis auf den heutigen Tag
-nicht zum Bewusstsein seiner Bürgerrechte im europäischen Sinne erwacht.
-Gleichwohl ist er im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und
--freiheiten (Obscina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenössischer
-Agrarier als die einzige Lösung aller Schwierigkeiten des Grundbesitzes
-und als das einzige Arcanum gegen die Proletarisierung des Bauernstandes
-erscheinen. Ob dies eine richtige Anschauung sei, können wir hier nicht
-untersuchen.[1] Auch über die wichtigste Streitfrage, welche die
-führenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit bewegt hat
-und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlöschen zu sein scheint, können
-wir hier nur ganz kurz sprechen, müssen sie jedoch berühren, weil die
-zwei Hauptströmungen des russischen Lebens aus ihr entspringen und dem
-Europäer nur durch den Einblick in diese Frage das Verständnis für
-Russland und sein künftiges Werden aufzugehen vermag. Es ist dies die
-Frage, die v. Reinholdt in seiner »Geschichte der russischen Litteratur«
-folgendermassen formuliert: »Wie verhält sich die orthodoxe Kirche zur
-römischen und protestantischen? als ursprüngliche Gemeinschaft
-anfänglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher, auf dem Wege späterer
-Entwickelung und des Fortschritts andere, höhere Formen religiöser
-Weltanschauung sich entwickelten, oder als ewig dauernde und
-ungeschmälerte Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der
-occidentalen Welt der römisch-germanischen Anschauungen sich
-unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole sich spaltete«?
-Endlich: »Worin besteht der Gegensatz zwischen der russischen und der
-westeuropäischen Zivilisation? -- bloss in der Entwickelungsstufe oder
-in der Eigentümlichkeit der Bildungselemente? Steht es der russischen
-Zivilisation bevor, nicht allein von den äusseren Resultaten, sondern
-auch von den Grundlagen der westeuropäischen Bildung durchdrungen zu
-werden? -- oder wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches
-geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen, künftigen
-Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?«
-
-[Fußnote 1: Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk
-»Russia«, sowie auf Leroy-Beaulieus »L'Empire des Tsars et les Russes«.]
-
-Die Anhänger der westlichen Einflüsse bejahen den ersten Teil dieser
-Frage, die Slavophilen den zweiten. Einige Slavophilen,
-darunter J. Kirejewsky, erwarten von einer Synthese beider,
-einander so widersprechender Bildungsformen das Heil künftiger
-Menschheitsentwickelung und zwar so, dass die westliche Kultur die
-Gedankenwelt des Ostens entwickele und kläre, die östliche tiefe
-Seeleneinheitlichkeit hinwieder die Gefühlswelt und Ethik des Westens
-mit ihrer »Allmenschlichkeit« befruchte. Und in der That, wer seine
-Hoffnungen und Schlüsse für die Zukunft des grossen Volkes mit der
-»erstaunlichen Kraft zu wollen« nicht nur auf seine Historie, sondern
-auf diese in jedem Russen zu findende latente und eigenartige
-Menschheitskraft und Fähigkeit aufbaut, der muss, unbefangen urteilend,
-finden, dass nicht sowohl Russland von unserer Zivilisation etwas
-Umgestaltendes zu erwarten hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft
-eine Rückkehr zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen gewärtig
-sein können.
-
-Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden Führer im
-Streite ihre Sache selbst führen zu lassen. Die slavophile Richtung
-wurde zum erstenmale theoretisch formuliert durch den unter Katharina
-II. lebenden Geschichtschreiber, Fürsten Michael Schtscherbatow, um das
-Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten späteren Vertreter
-dieser Richtung sind Kirejewsky,[2] Chomjakow, die Brüder Aksakow u. a.
-Die westlichen Einflüsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen,
-Granowsky u. a.
-
-Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage durch Dostojewsky
-behandelt, wie wir dies in seinem Leben und seinen Werken erkennen.
-Indessen geht schon durch die ganze russische Litteratur neben der Frage
-nach dem Werte der westlich-östlichen Kultur, ja als Wurzel dieser Frage
-die Sorge des russischen Menschen hindurch: »wie soll mein Leben sein?«
--- Dostojewsky hat in seiner berühmten Puschkin-Rede im Jahre 1880 in
-Moskau die Bedeutung Puschkins, dessen Standbild man eben enthüllte,
-dahin erklärt, dass dieser Dichter -- nachdem mehr als ein Jahrhundert
-nach Peters Reformen verflossen war, ehe sich der Keim einer russischen
-Litteratur entwickelte -- nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des
-russischen Geistes grösste und einzige, sondern auch seine prophetische
-Offenbarung gewesen sei. Dostojewsky führt in dieser Rede den Gedanken
-aus, dass Puschkin schon in seiner früheren Periode der Nachahmung André
-Cheniers und Byrons plötzlich einen neuen, ganz und nur russischen Ton
-gefunden hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die »verfluchte
-Frage«, wie er sie anführend nennt, »nach dem Glauben und der Wahrheit
-des Volkes«. Diese Antwort laute: »Demütige dich, stolzer Mensch, und
-vor allem brich deinen Hochmut, demütige dich, eitler Mensch, und vor
-allem mühe dich auf heimatlichem Boden« -- und weiter: »nicht ausser dir
-ist deine Wahrheit, sondern in dir selbst; finde dich in dir und du
-wirst die Wahrheit schauen«.
-
-[Fußnote 2: s. Masaryks vortreffliche Studie »Iwan Wassiljewitsch
-Kirejewsky« in seinen »slovanske studie«. Prag, Bursik u. Kohout.]
-
-Wir haben diese Stelle wörtlich angeführt, weil sie für Dostojewskys
-Stellung in der Litteratur und seine Auffassung vom Apostolat des
-Dichters und namentlich des Publizisten von grosser Wichtigkeit ist.
-
-Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten Werken, K. Slutschewsky,
-sagt in seiner Vorrede ganz im Sinne Dostojewskys: »Mit ganz besonderer
-Schärfe treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche,
-ausschliesslich ihm zukommende Züge hervor. Schon im Jahre 1861, in der
-Anzeige von der Ausgabe der »Wremja« hat Dostojewsky gesagt, dass
-vielleicht die russische Idee die Synthesis aller jener Ideen sein
-werde, welche Europa entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle
-Sprachen sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen
-aller europäischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt bei keiner
-anderen Nation vorkommt. Unser zweiter, ausschliesslich uns gehöriger
-Zug, den Dostojewsky wiederholt dargelegt und mit Zähigkeit in That und
-Wort durchgeführt hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis
-seiner »Sündigkeit«, eine Erkenntnis, welche es sehr gut erklärt, warum
-wir so leicht verzeihen, so geneigt zur Selbstgeisselung sind, warum wir
-unsere Unvollkommenheit nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten
-»Rechtsverhältnisse« nicht anzuerkennen vermögen und gerne das Kreuz
-innerer Reinigung und äusserer schwerer That tragen mögen, sei es auch
-unserem eigensten Ich zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtgläubige
-Religion, die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus und
-Protestantismus (von den anderen zu schweigen), als streitende Kirche
-aufgetreten ist.«
-
-Fügen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden aus Dostojewskys
-Erlebnissen hinzu, die hierher gehören, so haben wir annähernd ein Bild
-von dem Milieu gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius
-entwickelt und auf das er hinwieder gewirkt hat.
-
-K. Aksakow erzählt im März 1881, schon nach Dostojewskys Tode,
-folgendes: Auf einer Durchreise Dostojewskys geschah es, dass er sich in
-Moskau aufhielt und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer Art
-Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus Pawlowitsch zu
-sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde der Vergangenheit das
-historische Bild dieses Monarchen grossartig abhebt, eines Monarchen,
-der fest an seine Würde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch ihm,
-Dostojewsky, dieses Bild sei. Während unseres Gespräches trat der
-englische Reisende Mackenzie Wallace bei uns ein, welcher schon einmal
-drei Jahre in Russland gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach
-und mit der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr, dass
-er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine Neugierde und er lauschte
-gespannt dem bei seinem Eintritte unterbrochenen und von Dostojewsky
-wieder aufgenommenen Gespräch über Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky
-führte seine Rede zu Ende, ohne den Engländer im geringsten zu beachten,
-und entfernte sich bald darauf.
-
-»Sie sagen, dies sei Dostojewsky,« fragte uns der Engländer. »Ja wohl.«
-»Der Verfasser des >Totenhauses<?« »Derselbe.« »Das kann nicht sein; er
-ist ja doch zur Zwangsarbeit verschickt gewesen.« »Ganz richtig, was
-weiter?« »Ja, wie kann er denn einen Menschen loben, der ihn zur
-Zwangsarbeit verurteilt hat?« »Euch Ausländern ist das schwer zu
-begreifen,« antworteten wir, -- »uns aber ist es als ein durchaus
-nationaler Zug begreiflich.«
-
-Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis erzählt K.
-Slutschewsky, Dostojewsky sei einige Monate vor seinem Tode auf einen
-Ball in irgend eine höhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er
-damals schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer aufrichtig
-liebte, war hoch erfreut und drängte sich dicht um ihn.
-
-»Wir fingen zu plaudern an,« erzählt er selbst, »und sie begannen eine
-Diskussion. Sie baten mich, ich solle von Christus reden. Ich fing an zu
-sprechen und sie lauschten mit grosser Aufmerksamkeit.« »Eine Predigt
-über Christus auf einem Balle und nicht im geringsten durch die Musik
-und den Tanz zurückgeschreckt -- fährt Slutschewsky fort -- das Lob des
-Machthabers, der uns zur Zwangsarbeit verurteilte -- wo könnte das
-jemals vorkommen als in Russland?«
-
-Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters zu. Wir verdanken,
-was wir davon wissen, den zu einem Buche vereinigten Aufzeichnungen
-zweier seiner nächsten Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die
-Durchsicht seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker
-Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick in die Papiere des
-Prozesses Petraschewsky zugestanden wurde (was er jedoch nicht
-auszunutzen verstand) und dem mehrjährigen publizistischen Mitarbeiter
-Dostojewskys, Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den
-Erzählungen seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia, alter
-Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber dem »Tagebuch eines
-Schriftstellers«, jenem Blatte, das der Dichter in seinen letzten
-Lebensjahren allein besorgte und das sehr viel autobiographisches
-Material enthält.
-
-Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit grosser Pietät alles
-zusammengetragen, was sie teils selbst miterlebten, teils durch
-Mitteilungen anderer, namentlich eines jüngeren Bruders, Andreas, sowie
-der Gattin des Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach
-einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters scheinen,
-als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der Öffentlichkeit
-übergaben, schlecht beraten gewesen seien und manchen intimen Brief ganz
-unbeschadet der Diskretion mit anderen hätten vertauschen sollen,
-die sich in immerwährenden Wiederholungen der Geldnot und
-Schuldenkalamitäten bewegen. Es ist, als hätte ein neidischer Geist
-heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter, dessen Tod von
-Hunderttausenden öffentlich betrauert wurde, dessen Leichenzug ganz
-Petersburg war, dessen Hülle 63 Deputationen Kränze brachten und der Hof
-die letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen, sondern all
-diese Teilnahme lieber als einzelnes, die Leiden eines Kämpfenden
-verherrlichendes Faktum hinzustellen, als sie zu Ungunsten lebender
-Dichter auch noch durch eine bedeutende Korrespondenz zu bestätigen.
-Indessen sind auch die veröffentlichten Briefe interessant genug, um
-auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen, was im weiteren Verlaufe
-unserer Aufzeichnungen an seiner Stelle geschehen wird. Die erwähnten
-Wiederholungen schildern, wie schon gesagt, unzählige immer
-wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten, von einer
-unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem ewigen Ringen um die
-Bestreitung des täglichen Unterhaltes für sich und die Seinen. Wir
-bekommen durch sie einen Blick in die unaufhörlichen Kämpfe mit Not,
-Krankheit, Widerwärtigkeiten aller Art, und staunen immer wieder über
-die ausserordentliche Kraft, die das alles überwand.
-
-
-
-
- II.
- Kindheit und Jugend.
- (1821-1849.)
-
-
-Theodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn eines in Civildienste
-übergetretenen Militär-Arztes, welcher unter dem Titel eines Stabsarztes
-im Moskauer Armenspital angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen
-Familie eine aus zwei, später drei Zimmern, einem Vorzimmer und einer
-Küche bestehende Wohnung einnahm. Bei der Knappheit der Räumlichkeiten
-half man sich, wie man sich in den minder wohlhabenden Familien in
-Russland zu helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher
-Holzverschlag teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon der vordere, mit
-dem Fenster versehene als Entrée, der rückwärtige, halb finstere Teil
-als Schlafzimmer der beiden ältesten Kinder, Michael und Theodor,
-diente.
-
-Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821 geboren. Zu seinen
-ersten Erinnerungen gehört jene aus seinem dritten Lebensjahre, dass er
-einmal von der Kinderfrau in die gute Stube geführt und veranlasst
-worden war, hier, vor der »heiligen Ecke« kniend, in Gegenwart einiger
-Freunde der Eltern sein tägliches Abendgebet aufzusagen. Das Gebet
-lautete: »Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf dich, Mutter Gottes, nimm
-mich unter deinen Schutz.« Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben
-lang bewahrt und dieses später seinen Kindern übermittelt. Vier Jahre
-alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten Unterricht im
-Buchstabieren nach alter Methode besorgte die Mutter, später bekamen die
-Knaben einen Lehrer für französische Sprache und die üblichen
-Schulgegenstände, sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen
-»die hundertundvier Geschichten des alten und neuen Bundes« vortrug und
-damit den grössten Eindruck auf sie machte.
-
-Man muss hier beide Brüder immer zusammen nennen, denn es verband sie
-ausser der Kameradschaft so naher Altersgenossen (sie waren nämlich nur
-um ein Jahr im Alter von einander getrennt) ein Band innigster
-Freundschaft, das ihr ganzes Leben hindurch währte. Der ältere, Michael,
-war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor, welcher überschäumend
-von Temperament war, »das reine Feuer«, wie ihn die Eltern nannten. Er
-war natürlich Angeber und Anführer in allen Spielen, während sich
-Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden war es zumeist
-ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng verbrachten Arbeitstage
-vornahmen, wobei Theodor, in seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft
-betrog.
-
-Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines Landgütchen bezogen
-hatte, im nahegelegenen Birkenwäldchen meist »Indianer«; sie kleideten
-sich dazu ganz aus, tättowierten sich, schmückten sich mit Laubgürteln
-und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und führten erbitterte
-Kämpfe. Der Gipfel des Vergnügens war erreicht, wenn die Mutter an einem
-heissen Sommertage ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und
-ihnen unter irgend ein Gebüsch ihr Essen stellen liess, das sie ohne
-Benutzung von Gabel und Messer verzehrten, sodass sie bis in den späten
-Abend hinein »wild« bleiben durften. Ein Übernachten im Walde jedoch,
-das sie so sehr wünschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben
-grösser wurden, übernahm der Vater den vorbereitenden Lateinunterricht
-für das Gymnasium. Das war eine harte Plage. Der Vater nahm sie
-gewöhnlich abends nach seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der
-Unterricht währte meistens eine Stunde, wobei die Schüler, nicht nur
-sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal an den Tisch lehnen
-durften. In dieser Zeit verschlang Theodor viele Bücher. Namentlich
-begeisterte ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzählige Male
-las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes Privat-Pensionat kamen
-(die Eltern zogen dies, obwohl es sie grosse Opfer kostete, dem übel
-beleumundeten Gymnasium vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause
-gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch aus;
-namentlich erzählten sie gerne die schlechten Streiche ihrer Kameraden.
-»Dabei gab unser Vater,« so erzählt Andreas Dostojewski, »den Brüdern
-keinerlei Lehren. Bei der Erzählung verschiedener Streiche, die in der
-Klasse verübt worden waren, sagte er nur: >Ei, der Nichtsnutz, ei, der
-Elende< -- -- --, allein er sagte nicht ein einziges Mal: >sehet zu,
-dass ihr es nicht auch so macht.< Damit sollte angedeutet werden, dass
-der Vater solche Schelmenstücke auch nicht im entferntesten von ihnen
-erwartete.«
-
-Die Brüder lasen fortwährend sehr viel. Michael, der zumeist Gedichte
-las, versuchte sich auch poetisch, Theodor war zu ungeduldig, um jemals
-etwas in gebundener Rede auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa
-vor und las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte
-immer wieder. In Puschkin aber einigten sich die Brüder und es gab keine
-damals bekannte Dichtung Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt
-hätten, wie denn auch Theodor überhaupt ein leidenschaftlicher
-Deklamator war, dessen Vortrag die Grenzen künstlerischer Mässigung
-immer überschritt. Im Jahre 1837 starb die Mutter, und die Söhne
-verliessen die Vaterstadt, um in die höhere Militär-Ingenieurschule in
-Petersburg einzutreten. Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion
-eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat war und so
-den Jünglingen zu einer, bei ihren geringen Mitteln sehr
-wünschenswerten, schnelleren Karriere helfen konnte.
-
-Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende Arzt den älteren
-Bruder, der kerngesund war, für krank erklärte, während er Theodor, der
-von Kindheit an kränklich und schwächlich war, für tauglich annahm. Das
-führte die Trennung der Brüder herbei. Michael kam in die medizinische
-Akademie nach Reval, während Theodor in Petersburg blieb. Um diese Zeit
-besuchte ihn ein Freund des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein
-Äusseres folgendermassen schildert: »Ein ziemlich runder, voller, heller
-Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestülpter Nase ... die
-hellkastanienfarbigen Haare waren kurz geschoren. Unter einer hohen
-Stirne und schwachen Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen
-wie verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen besäet, die
-Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund etwas wulstig. Theodor war
-bedeutend lebhafter, beweglicher, heftiger als sein gesetzter Bruder.«
-... Die kränkliche Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr früh
-gesteigerten nervösen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch vor seiner
-Gefängniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als Kind hatte er manchmal
-Hallucinationen gehabt, an deren eine er die Erinnerung an den Bauer
-Marej knüpft. Er erzählt diese Geschichte in seinem »Totenhause«, und
-ein zweites Mal im Januarheft 1876 seines »Tagebuchs eines
-Schriftstellers« mit derselben Betonung der »Volkswahrheit« wie dort.
-
-Wir fügen hier diese kleine Begebenheit samt den Betrachtungen ein,
-welche der Dichter 46 Jahre später daran knüpft. Er beginnt damit, wie
-er in der Strafkaserne in Sibirien oft von Erinnerungen an die
-Kinderzeit heimgesucht worden war, und fährt fort: »Ich erinnerte mich
-an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war hell und trocken, doch
-etwas kühl und windig; der Sommer ging zur Neige und nun hiess es: bald
-nach Moskau zurück und wieder den ganzen Winter hindurch über den
-französischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das Dorf zu
-verlassen. Ich ging um die Scheunen herum, stieg in den Hohlweg hinab
-und wieder durch die »Schlucht« hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk
-von uns genannt, das jenseits des Hohlweges bis zum Wäldchen hinanstieg.
-Da verlor ich mich tiefer ins Gebüsch und hörte, wie, ungefähr 30
-Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer ganz allein die
-Pflugschar führte. Ich erkenne, dass er gegen die steile Höhe hinauf
-pflügt, dass das Pferd mühsam hinaufklimmt, und höre, wie hie und da des
-Bauern Zuruf »Nu, nu!« zu mir herüberklingt. Ich kenne fast alle unsere
-Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von ihnen eben pflügt. Aber es ist
-mir ganz gleich, denn ich bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch
-ich bin beschäftigt; ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit die
-Frösche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schön, aber so unhaltbar
--- ganz anders als die Weidengerten! Auch die hartgeflügelten Käferchen
-interessieren mich, ich sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter.
-Ich liebe auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den
-schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen fürchte ich. Übrigens
-trifft man die Schlänglein bei weitem seltener an als die Eidechsen.
-Schwämme giebt es hier wenige. Nach Schwämmen muss man ins
-Birkenwäldchen gehen und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der
-Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwämmen und wilden
-Beeren, mit seinen Käfern und Vögelchen, den Igelchen und Eichhörnchen
-und dem mir so angenehmen feuchten Geruch verwesender Blätter. Und jetzt
-auch, da ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwäldchens
-leibhaftig verspürt. Diese Eindrücke bleiben fürs Leben. Plötzlich,
-mitten in das tiefe Schweigen hörte ich laut und deutlich einen Schrei:
-»Der Wolf kommt«. Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend
-geradeaus nach der Wiese auf den pflügenden Bauer los.
-
-Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es einen solchen Namen
-giebt, aber alle nannten ihn Marej. Es war ein Bauer von etwa fünfzig
-Jahren, stämmig, ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten
-dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich bis dahin nicht
-ereignet, dass ich mit ihm gesprochen hätte. Er brachte sein Pferdchen
-zum Stehen, als er mein Schreien gehört hatte, und als ich im vollen
-Anlauf mit einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an seinen
-Ärmel hing, da erkannte er mein Entsetzen.
-
-»Der Wolf kommt,« schrie ich atemlos.
-
-Er wendete den Kopf und sah sich unwillkürlich ein wenig im Kreise um,
-mir einen Augenblick fast glaubend.
-
-»Wo ist der Wolf?«
-
-»Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen: der Wolf kommt,« stammelte
-ich.
-
-»Was sagst du, was sagst du, was für ein Wolf -- geschienen hat es dir,
-geh! Was soll hier für ein Wolf sein!« murmelte er, mich beruhigend.
-Allein ich zitterte noch immer und klammerte mich noch fester an seinen
-Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich mit einem
-beunruhigten Lächeln an und war offenbar um mich in Angst und Sorge.
-
-»Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj!« sagte er kopfschüttelnd. »Genug,
-mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!«
-
-Er streckte die Hand aus und streichelte mir plötzlich die Wange.
-
-»Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das Kreuz.« Allein ich
-bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel zuckten und das scheint ihn
-besonders ergriffen zu haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde
-beschmutzten Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berührte damit
-ganz leise meine zuckenden Lippen.
-
-»Geh doch, aj,« lächelte er mich mit einem mütterlichen, auf seinen
-Lippen verweilenden Lächeln an. »Herrgott, was ist denn das, geh doch,
-aj, aj!«
-
-Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass mir etwas wie ein
-Schrei »der Wolf kommt« nur so geklungen hatte. Der Schrei war übrigens
-sehr laut und deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von
-Wölfen) hatte ich schon früher ein- oder zweimal zu vernehmen geglaubt
-und ich wusste davon. (Später vergingen diese Hallucinationen mit den
-Kinderjahren.)
-
-»Nun werde ich gehen,« sagte ich fragend und schaute ihn furchtsam an.
-
-»Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich werde dich schon dem
-Wolf nicht geben!« fügte er hinzu, indem er mir immer noch mütterlich
-zulächelte, »nu, Christus sei mit dir, nu geh,« und er machte das
-Zeichen des Kreuzes über mich, dann über sich selbst.
-
-Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem zehnten Schritte um.
-Marej blieb, so lange ich ging, mit seinem Pferdchen immer da stehen und
-schaute mir nach, mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend.
-Offen gestanden schämte ich mich ein wenig vor ihm, darüber, dass ich
-solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste mich auch im Gehen noch
-hie und da, ehe ich nicht zur ersten Riege des Abhanges gelangt war.
-Hier verliess mich die Angst schon ganz; und plötzlich, wie vom Boden
-heraus, sprang mir unser Hofhund Wölfchen entgegen. Mit ihm an meiner
-Seite wurde ich schon ganz mutig und wendete mich zum letzten Male nach
-Marej um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden, aber
-ich fühlte, dass er mich noch immer mit demselben zärtlichen Lächeln
-ansah und mit dem Kopfe nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er
-winkte mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an.
-
-»Nu, nu!« hörte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch, das Pferdchen
-zog wieder an seiner Pflugschar. --
-
-Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzählte ich niemand mein
-Erlebnis. Ja, was war es denn auch für ein Erlebnis? Auch Marej habe ich
-damals sehr bald vergessen. Wenn ich ihn später seltene Male traf, so
-sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch überhaupt. Und
-plötzlich jetzt, zwanzig Jahre später in Sibirien, fiel mir diese ganze
-Begegnung mit einer solchen Klarheit, bis in das kleinste Detail ein.
-Das heisst also, dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte,
-unbewusst, ganz allein und ohne meinen Willen, und plötzlich ist sie
-dann aufgetaucht, wann sie nötig war.
-
-Es tauchte dieses sanfte, mütterliche Lächeln des armen leibeigenen
-Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein Kopfschütteln, sein »Geh schon,
-bist erschrocken, Kleiner!« Und besonders sein dicker, mit Erde
-beklebter Finger, mit welchem er still und mit sanfter Zärtlichkeit
-meine zuckenden Lippen berührt hatte. Gewiss hätte ein jeder einem
-kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser einsamen Begegnung
-geschah etwas von gleichsam ganz anderer Art, und wenn ich sein
-leiblicher Sohn gewesen wäre, so hätte er mich nicht mit einem von
-hellerer Liebe leuchtenden Blicke ansehen können -- wer aber hat ihn
-dazu genötigt? Er war unser eigener Höriger, ich aber war immerhin sein
-junges Herrchen; das hätte niemand erkannt, als er mich streichelte und
-mich es nicht fühlen liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder?
-Solche giebt es. Die Begegnung war in völliger Abgeschiedenheit erfolgt,
-auf einem öden Feld, und nur Gott sah vielleicht von oben, mit welchem
-tiefen und heiligen Menschheitsgefühl, und mit welcher feinen, fast
-weiblichen Zartheit das Herz manches groben, tierisch unwissenden,
-leibeigenen russischen Bauern erfüllt sein kann, eines solchen, der
-seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht ahnte. -- Sagt mir,
-ist es nicht das, was Konstantin Aksakow verstand, als er von der hohen
-Bildung unseres Volkes sprach?
-
-Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg und mich rings
-umsah, da, ich erinnere mich dessen, fühlte ich plötzlich, dass ich mit
-ganz anderen Blicken auf diese Unglücklichen zu schauen vermochte, und
-dass mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und jeder Zorn in
-meinem Herzen ausgelöscht war. Ich ging umher und schaute in die
-Gesichter der mir Begegnenden. Jener geschorene und entehrte Bauer,
-gebrandmarkt, berauscht, der da sein betrunkenes heiseres Lied brüllte,
-das kann ja ebenfalls der nämliche Marej sein; ich kann ja nicht in sein
-Herz hineinschauen.«
-
-Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den Jünglingen die Nachricht
-vom tragischen Ende Puschkins. Hätten sie nicht schon Trauergewänder
-getragen, so hätten sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin
-anlegen zu dürfen. In jedem Falle verabredeten sie sich auf der Reise
-nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft den Ort aufzusuchen, wo das
-Duell stattgefunden, und die Stube, wo der Dichter seinen Geist
-ausgehaucht hatte.
-
-Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten Pferden und
-wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen und poetischen
-Stimmungen, namentlich des älteren Bruders, der: »täglich etwa drei
-Gedichte machte, auch unterwegs« --, wie Theodor in seinem Tagebuche
-1876 erzählt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die
-Aufnahmeprüfung in der Mathematik: er deklamierte, disputierte und
-ereiferte sich über poetische Fragen, hatte aber doch offene Sinne für
-alles, was um ihn her vorging. So machte ihm eine Scene Eindruck, die er
-vom Fenster des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es war
-an das Stationsgebäude eine Kurier-Trojka herangeflogen, ein betresster
-und befiederter Feldjäger sprang herab, trank ein Gläschen Schnaps und
-schwang sich auf die Telega zurück, wo indessen der neue Kutscher, ein
-junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht hatte. Kaum
-hatte sich dieser Junge auf seinen Platz geschwungen, als der Feldjäger
-aufstand und ihm ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der
-Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte. Unmittelbar darauf
-setzte der Kutscher diesen Hieb in einen Knutenstreich auf die Pferde
-um. Das wiederholte sich so lange, als der Zuschauer das Gefährt nicht
-aus dem Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie durch
-eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang. Dostojewsky erwähnt
-in späten Jahren diese Begebenheit gelegentlich eines Artikels über den
-Petersburger Tierschutzverein, dem er diesen Vorgang als Emblem auf das
-Petschaft gravieren lassen möchte.
-
-Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die erste Korrespondenz
-hervor. Wir finden darin die erste reale Misère um einiger Kopeken
-willen und den ersten philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon
-in der, Dostojewsky eigentümlichen, mystischen Weise ausdrückt. So sagt
-er in einem Briefe an den Bruder: »Ich weiss nicht, ob meine traurigen
-Gedanken je verstummen werden -- mir scheint unsere Welt ist ein
-Fegefeuer himmlischer Seelen -- die ein sündiger Gedanke verwirrt hat --
-aus der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist -- eine Satire
-herausgekommen.« -- -- -- Weiter sagt er: »Sehen, wie unter einer
-spröden Hülle sich eine Welt in Qualen windet, wissen, dass ein
-Willensausbruch genügt, sie zu zerbrechen, und mit der Ewigkeit
-zusammenzufliessen, das wissen und dem niedersten der Geschöpfe gleich
-sein -- -- schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet,
-Hamlet!« Weiter heisst es: »Pascal sagt einmal: Wer gegen die
-Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph« -- eine traurige
-Philosophie das!« --
-
-Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass seine Lektüre sich den
-Franzosen zugewendet hat; er zählt einmal auf, was er im Übungslager
-alles gelesen hat: »Mindestens nicht weniger, als Du«, ruft er dem
-Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor Hugo, den er unter
-anderem mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit mit Homer vergleicht, einen
-Homer in »christlichem, engelhaftem Sinne« nennt. Einen ganz
-ausserordentlichen Eindruck macht auf ihn George Sand, »eine der
-hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden glücklichen
-Zukunft.« So drückt er sich im Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches
-aus. In der Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung der
-französischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten: »Hast du Cinna
-gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht gelesen hast! Besonders das
-Gespräch Augusts mit Cinna, wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst
-sehen, so sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen? Lies
-ihn, erbärmlicher Mensch, und sinke in den Staub vor Corneille .....
-Übrigens«, schliesst er begütigend, »sei mir um meiner beleidigenden
-Ausdrücke nicht böse .....«
-
-Sehr merkwürdig ist seine Beurteilung des Vaters. »Mir ist leid um den
-armen Vater. Ein seltsamer Charakter! Ach, wieviel Unglück hat er nicht
-schon ertragen! Es ist bis zu Thränen bitter, dass man ihn mit nichts
-erfreuen kann! -- Und, weisst du? -- Papachen kennt die Welt ganz und
-gar nicht; er hat fünfzig Jahre darin gelebt und ist bei der Meinung
-über die Menschen geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen
-gehabt hat. Glückliche Unwissenheit! -- Allein er fühlt sich sehr
-enttäuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein.« Hier bietet sich
-schon ein Stück echt Dostojewskyscher psychologischer Feinheit, welche
-im Vater die Enttäuschung über die Welt und zugleich die Unfähigkeit
-sieht, daraus Nutzen zu ziehen und anderer Meinung über die Menschen zu
-werden.
-
-Übrigens finden wir nur in den Jugendbriefen und erst wieder in den
-Briefen aus des Dichters letzten Jahren Ausbrüche persönlichster
-Innerlichkeit, wie wir das nennen möchten. Dies ist indessen zum grossen
-Teil auf die unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe
-zurückzuführen, deren wir oben erwähnten. Es ist da, als ob die
-Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut und die ewigen
-Nahrungssorgen des Dichters so recht herauskehren wollten. Sein späterer
-Briefwechsel mit seiner Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr während
-seiner kleinsten Abwesenheiten täglich, so dass sie, die immer nur sehr
-kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm besitzt), den die Witwe
-aus begreiflichen Gründen zurückhält, ist voll von solchen Ausbrüchen.
-Allein wir würden irren, wenn wir annähmen, dass es schwunghafte
-Dichterbriefe seien. Nein, so schlicht, dabei gegenständlich bis ins
-kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem Stolz über
-einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung, wenn er wieder so nichtswürdig
-schwach gewesen, alles zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch
-sind sie, wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem
-gewissen Sinne. So frägt er in einem Briefe aus Moskau, wohin er zur
-Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser Feier: Was meinst du, soll ich
-im Frack erscheinen oder im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz
-später.
-
-Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche mir vom Besitzer zur
-Verfügung gestellt wurde, ist leider im Schlosse des Grafen Alexis
-Tolstoi, dessen Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze Schloss
-zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In dieser Korrespondenz hätten wir
-wohl viel Polemisches, vieles über des Dichters politische Anschauungen
-ausgedrückt gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen über
-Arbeitspläne, als jene Briefe enthalten, die wir vor uns haben.
-Dostojewsky hatte eine Art darüber in Briefen zu schweigen, welche die
-Annahme nicht zulässt, als habe er dies nur je nach der Person und dem
-Augenblick gethan. Zur Zeit seiner grössten litterarischen Thätigkeit
-bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um Äusserliches. Doch auch
-davon später.
-
-Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky sehr zurückhaltend; er
-schloss sich immer ab, mischte sich nicht in die gemeinsamen
-Unternehmungen und teilte sich niemand mit. Die Schwächeren, namentlich
-die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden hatten,
-verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfächern blieb er im
-geometrischen Zeichnen und im Reglement zurück, so dass er ein Jahr
-wiederholen musste, was ihn um des Vaters willen sehr kränkte. Seine
-Briefe an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um Geld
-und Aufzählung seiner notwendigsten Ausgaben. An den Bruder schreibt er
-einmal: »Du beklagst dich über deine Armut -- -- auch ich bin nicht
-reich -- da ist nichts zu sagen -- wirst du mir glauben, dass ich, als
-wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf dem Marsche
-erkrankte ich infolge Erkältung und Hunger (es regnete den ganzen Tag
-und wir gingen blank) und ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle
-mit einem Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde wieder
-gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand ein erbärmlicher, bis ich
-Väterchens Geld bekam. Da bezahlte ich die Schulden und behielt das
-Übrige zurück. Aber die Beschreibung deines Zustandes übersteigt alles.
-Kann man denn wirklich fünf Kopeken nicht haben, sich mit Gott was
-füttern müssen, und nur mit lüsternen Blicken die herrlichen Beeren
-betrachten, die du sehr liebst!« Er hat eben erst erzählt, dass er,
-hungrig und krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees gehabt;
-dies scheint er aber in der Entrüstung darüber, dass sich der Bruder die
-geliebten Beeren nicht kaufen kann, ganz zu vergessen.
-
-Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal an den Bruder,
-der ihm vorwirft, Schiller nicht zu kennen: er habe ihn mit einem teuern
-Freunde gelesen, der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch
-der Name Schiller ihm wehe thue, nicht über seine Lippen komme. Er
-bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne, ebenso auch Puschkins Boris
-Godunow; beide Manuskripte sind in Verlust geraten. Überhaupt sieht man
-ihn viel heimlich schreiben, Nächte hindurch, und einige seiner
-Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfältigsten
-ausgearbeiteten Roman »Arme Leute« in der ersten Fassung schon in der
-Akademie begonnen.
-
-Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt, mit Belassung in
-der Anstalt, um den Offizierskurs zu vollenden, und am 11. August 1842
-wird er nach bestandener Prüfung in die Offiziersklasse versetzt. In
-dieser Zeit scheint er schon auswärts gewohnt, nach dem Tode des Vaters
-seine Erbschaft angetreten und den jüngeren Bruder Andreas bei sich
-beherbergt zu haben, was ihn sehr einengt und worüber er sich gegen
-Michael beklagt.
-
-Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem höheren Offizierskurs aus und
-wurde dem Petersburger Kommando des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun
-scheint ein freies, genusssüchtiges und sehr kostspieliges Leben für ihn
-begonnen zu haben. Seine Jahreseinkünfte waren durchaus nicht gering; er
-bezog eine jährliche Rente und einen Offiziersgehalt, die zusammen 5000
-Rubel ausmachten. Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte,
-andererseits ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner
-Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte sehr fleissig das
-Theater, »auch das Ballett«, sagt Orest Miller, alle kostspieligen
-Konzerte etc. Zudem mietete er eine geräumige Wohnung, nur weil ihm das
-Gesicht des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser Mann
-nie stören würde. Freilich standen in der grossen Wohnung nur ein Bett,
-ein Divan, ein Tisch und einige Stühle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur
-sein Arbeitskabinett heizbar war, also lebte er in diesem, behielt
-jedoch die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung
-seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen Diener bei sich
-behielt, der ihm auch so sympathisch war, dass keine Mahnung, er solle
-ihn weggeben, da er ihn bestehle, bei ihm Eingang finden konnte. »Mag er
-mich doch bestehlen,« sagte Dostojewsky, »er wird mich nicht ruinieren.«
-Thatsächlich, erzählt O. Miller, ruinierte dieser Diener ihn doch, denn
-er hatte eine Geliebte mit grosser Familie, die schliesslich alle auf
-Kosten seines Herrn lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in
-Schulden geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste. Als es
-anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von allem zurück, schloss
-sich in sein Arbeitszimmer ein und verkehrte mit niemand. Nach den
-Mitteilungen des Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft
-besuchte, war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend, ohne
-es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge einer schweren
-Halskrankheit, die er noch im Elternhause durchgemacht hatte, beständig
-heiser, seine Gesichtsfarbe erdfahl.
-
-Hier beginnt seine intensive Beschäftigung mit der Litteratur; er liest
-viel französisch: Balzac, George Sand, Victor Hugo, Lamartine, Soulié.
-Entwürfe zu Erzählungen jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen
-Beschäftigungen war ihm sein militärischer Beruf eine grosse Last, die
-er indes nicht abzuschütteln wagte, weil der Vormund ihm mit Entziehung
-seiner Rente drohte.
-
-Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu jener Zeit waren,
-davon giebt uns die Erzählung Dr. Riesenkampfs ein drastisches Bild. Zur
-Zeit der grossen Fasten im Jahre 1842 sei plötzlich ein Geldzufluss bei
-Dostojewsky sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der eben
-angekommen war, sowie die des Sängers Rubini und eines berühmten
-Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn Riesenkampf in einer Aufführung von
-Puschkins »Ruslan und Ludmila«. Im Mai aber schloss er sich abermals ein
-und versagte sich jedes Vergnügen, um sich zur letzten Prüfung
-vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf zur medizinischen
-Prüfung vorbereitet, erkrankte infolge zu grosser Anstrengung und hütete
-noch am 30. Juni das Bett. Da erscheint plötzlich Dostojewsky an seinem
-Lager, bis zur Unkenntlichkeit verändert; strahlend, gesund aussehend,
-mit sich und dem Schicksal zufrieden, denn er hatte eben die Prüfung
-sehr gut bestanden, war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen; hatte
-überdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme erhalten, dass er imstande
-war, seine Schulden zu bezahlen. Zudem hatte er einen längeren Urlaub
-bekommen, den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich
-inzwischen verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er am folgenden
-Morgen zu unternehmen gedachte. Nun zerrt er den Freund aus dem Bette,
-kleidet ihn an, setzt ihn auf einen Wagen und führt ihn in eines der
-ersten Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein gesondertes
-Zimmer mit einem Flügel, bestellt ein lukullisches Mahl mit kostbaren
-Weinen und nötigt den kranken Freund, mit ihm zu essen und zu trinken.
-Diese zwingende Heiterkeit wirkte wohlthätig auf den Kranken; er ass und
-trank, musizierte und -- wurde gesund. Am anderen Morgen begleitete er
-den Freund zum Dampfer!
-
-In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche Unduldsamkeit einen
-sehr üblen Eindruck empfangen zu haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen
-die Deutschen, denen er höhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt
-liess.
-
-Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner Frau Theodor mit
-neuer Wäsche und Kleidern ausgestattet und bat nun Riesenkampf, welcher
-auch nach Reval gekommen war, er möge, da er sich in Petersburg
-niederlasse, gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er, der
-niemals etwas über den Stand seiner Habe wisse, sich an dessen deutscher
-Ordnungsliebe ein Beispiel nehme. Als Riesenkampf im September 1843 nach
-Petersburg zurückkam, erfüllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor ohne
-eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar auf Kredit, lebend.
-»Theodor Michailowitsch,« schliesst er den Bericht, »gehört zu jenen
-Personen, neben denen zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in
-Not sind.« Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner
-Vertrauensseligkeit und Güte wollte er den Dingen weder auf den Grund
-gehen noch seine Diener samt Anhang beschuldigen, die sich seine
-Harmlosigkeit zu nutze machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem
-Arzte war ein neuer Anlass zu vergrösserten Auslagen. »Jeden armen
-Teufel nämlich, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, nahm er wie einen
-teuren Gast auf,« erzählt Orest Miller. -- Darüber zurecht gewiesen,
-antwortete er entschuldigend: »Da ich mich daran mache, die Lebensweise
-armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit habe,
-das Proletariat der Hauptstadt näher kennen zu lernen.« Bei Abschluss
-der Monatsrechnungen fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren
-Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte; nicht nur Bäcker
-und Krämer, sondern auch Schneider und Schuster reichten unerhörte
-Rechnungen ein. Dazu war die Wäsche und Garderobe, die bei jedem
-Geldzufluss immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz
-zusammengeschmolzen. Seine äusserste Not dauerte um diese Zeit zwei
-Monate. Da plötzlich fand ihn der Doktor eines Tages laut, selbstbewusst
-und stolz im grossen Saale auf und ab gehen -- er hatte aus Moskau 1000
-Rubel erhalten. »Am anderen Morgen aber,« erzählt Dr. Riesenkampf, »kam
-er wieder in seiner gewöhnlichen stillen, sanften Weise in mein
-Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.« Der grösste Teil des
-Geldes war zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was übrig
-blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten 50 Rubel
-waren ihm von einem Fremden, den er zu sich gerufen und in seinem Zimmer
-allein gelassen hatte, gestohlen worden.
-
-Im März 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg scheiden und Theodor
-Michailowitsch zurücklassen, ohne dass sein deutsches Beispiel etwas
-gefruchtet hätte.
-
-Um diese Zeit herum beschäftigt sich der Dichter, um Geld zu verdienen,
-mit Übersetzungen. Er übersetzt Eugenie Grandet von Balzac, Schillers
-Don Carlos und George Sand, wofür er 25 Papierrubel für den Druckbogen
-erhält. Nun reicht er um Entlassung aus dem Militärdienst ein, »denn«,
-schreibt er an den Bruder, »ich bin des Dienstes überdrüssig,
-überdrüssig wie einer Kartoffel« -- -- --
-
-In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er: »Ich habe einen Roman
-geschrieben, im Umfange der Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin
-seiner Dienstentlassung) werde ich gewiss schon Antwort darüber haben.
-Er ist ziemlich originell.«
-
-Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch so zu begegnen, dass
-er auf seinen Gutsanteil verzichtet, wenn man ihm 500 Silberrubel
-sofort, später abermals 500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer
-»verloren«, wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht um aller
-Heiligen willen, der Bruder möge ihm helfen, sonst müsse er ins
-Gefängnis. »Chlestakow« (aus Gogols »Revisor«), sagt er, »erklärt sich
-bereit ins Gefängnis zu gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich
-aber nobel ins Gefängnis gehen, wenn ich keine Hosen habe?« Dabei ist
-der Brief noch immer aus der kostspieligen Wohnung datiert. In der
-Nachschrift heisst es: »ich bin mit meinem Roman ausserordentlich
-zufrieden«. Er blickt auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er
-sieht in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und nun,
-nachdem er ihn dem Dichter Njekrássow übergeben, welcher damals an der
-Redaktion des »Zeitgenossen« teilnahm, kommt für ihn die bedeutende
-grosse Lebenswende, die er uns 30 Jahre später in seinem Tagebuch eines
-Schriftstellers folgendermassen erzählt, wobei begreiflicherweise im
-Gedächtnis des Dichters eine kleine Verschiebung bezüglich des
-Zeitpunktes stattfindet.
-
-»Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; wir haben einander
-[hier ist der Dichter und Njekrássow gemeint] nicht oft im Leben
-gesehen, es hat auch Missverständnisse zwischen uns gegeben -- aber
-etwas hat sich doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals
-habe vergessen können. Und nun, als ich unlängst Njekrássow besuchte,
-fing er, der Kranke und Erschöpfte, beim ersten Worte an, von diesen
-Tagen zu sprechen. Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so
-jugendliches, frisches, hübsches, eine der Begebenheiten, die für immer
-im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir waren damals etwas über zwanzig
-Jahre alt. Ich lebte nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon
-ein Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen würde, voll von
-dunklen, unbestimmten Zielen. Es war im Mai des Jahres 1845. Anfangs des
-Winters hatte ich plötzlich meine Erzählung »Arme Leute« begonnen, ohne
-vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzählung beendet
-hatte, wusste ich nicht, was ich damit anfangen, wem ich sie übergeben
-sollte. Litterarische Bekanntschaften hatte ich absolut gar keine,
-ausser etwa D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst ausser
-einer kleinen Erzählung für eine Sammlung (die Erzählung hiess
-»Petersburger Leiermänner«) noch nichts geschrieben. Ich glaube, er war
-damals im Begriff nach seinem Landsitz hinauszufahren; vorläufig wohnte
-er für einige Zeit bei Njekrássow. Als er einmal zu mir kam, sagte er:
-»Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es selbst noch nicht
-gelesen); Njekrássow will zum nächsten Jahr ein Sammelwerk herausgeben,
-und da will ich ihm das Manuskript zeigen.« Ich brachte es ihm, sah
-Njekrássow etwa eine Minute -- wir reichten einander die Hand. -- Ich
-schämte mich bei dem Gedanken mit meinem Werke gekommen zu sein und ging
-so schnell als möglich fort, fast ohne mit Njekrássow ein Wort
-gesprochen zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser »Partei
-der Vaterländischen Annalen« (eine Zeitschrift, welche damals von einer
-Anzahl vortrefflicher und gesinnungstüchtiger Schriftsteller und
-Kritiker herausgegeben wurde), wie man sie damals nannte, fürchtete ich
-mich. Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung, aber
-er erschien mir fürchterlich, dräuend und -- der wird meine »Armen
-Leute« verlachen -- dachte ich manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich
-hatte die Erzählung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thränen
-geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese Augenblicke, die
-ich mit der Feder in der Hand bei dieser Erzählung verlebt hatte, sollte
-das alles Lüge, Gaukelei, unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte
-ich nur für Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich wieder.
-
-Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift abgegeben hatte,
-ging ich irgendwo hin, weit fort, zu einem ehemaligen Kameraden; wir
-sprachen die ganze Nacht durch über die »toten Seelen«; wir lasen darin,
-ich weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter den jungen
-Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen: »Wollen wir nicht etwas im Gogol
-lesen, meine Herren?« Sie setzten sich und lasen -- wohl meist die ganze
-Nacht durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die
-von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten. Ich
-kehrte nach Hause zurück -- es war schon vier Uhr morgens, eine weisse,
-taghelle Petersburger Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als ich
-in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht zu Bette, sondern
-öffnete das Fenster und setzte mich daran. Plötzlich höre ich zu meinem
-grössten Erstaunen die Thürklingel ertönen -- und da stürzen auch schon
-Gregorowitsch und Njekrássow über mich her, umarmen mich in voller
-Entzückung, und es fehlt nur noch, dass sie beide zu weinen anfangen.
-Sie waren am Vorabend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die
-Hand genommen und zur Probe zu lesen angefangen -- »nach zehn Seiten
-wird man schon sehen«. -- Aber nachdem sie zehn Seiten gelesen hatten,
-beschlossen sie weitere zehn zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne
-Unterbrechung die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablösend,
-wenn dieser ermüdet war. »Er liest vom Tode des Studenten«, erzählte mir
-später, als wir allein waren, Gregorowitsch, »und da, an der Stelle, da
-der Vater dem Sarge nachläuft, merke ich, wie Njekrássows Stimme
-umschlägt, einmal, das zweite Mal, und plötzlich hält er's nicht aus und
-schlägt mit der flachen Hand auf das Manuskript »Ach! dass ihn doch! --
-damit meinte er Sie, und so gings die ganze Nacht«.
-
-Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!), da beschlossen sie
-einstimmig, sofort zu mir zu gehen. »Was liegt daran, dass er schläft,
-wir wecken ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf!« -- Wenn ich
-später den Charakter Njekrássows betrachtete, wunderte ich mich öfters
-über diesen Augenblick. Sein Charakter ist verschlossen, misstrauisch,
-vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er mir immer erschienen,
-sodass dieser Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die
-Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben damals etwa
-eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben Stunde sprachen wir, weiss
-Gott was alles durch, einander in halben Worten verstehend, in
-Ausrufungen, hastig -- -- Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der
-»damaligen Lage«, natürlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus seinem
-Revisor, aus seinen »toten Seelen« citierten. Aber hauptsächlich
-sprachen wir von Belinsky. »Noch heute bringe ich ihm Ihre Erzählung,
-und Sie werden sehen -- ja das ist ein Mensch, o was für ein Mensch ist
-das!« rief Njekrássow mit Entzücken, indem er mich mit beiden Händen an
-den Schultern fasste und schüttelte. »Nun aber gehen Sie schlafen,
-schlafen Sie, wir gehen fort und morgen -- zu uns«. Wie hätte ich
-daraufhin einschlafen können! Welches Entzücken, was für ein Erfolg! und
-vor allem das kostbare Gefühl, ich erinnere mich dessen sehr gut: hat
-ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglückwünscht ihn, man kommt
-ihm entgegen -- aber seht, diese kommen mit Thränen in den Augen
-herbeigelaufen, um vier Uhr morgens, um mich zu wecken, »weil das mehr
-wert ist, als der Schlaf«! -- Ach! wie schön! so dachte ich; wo wäre da
-Schlaf gekommen?
-
-Njekrássow brachte das Manuskript den selben Tag zu Belinsky. Er betete
-Belinsky an und es scheint, dass er ihn sein lebenlang mehr geliebt hat,
-als alle andern. Damals hatte Njekrássow noch nichts von der Bedeutung
-geschrieben, wie dies ihm im nächstfolgenden Jahre gelingen sollte.
-Njekrássow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefähr sechzehn Jahre
-in Petersburg. Er schrieb ungefähr schon seit seinem sechzehnten Jahre.
-Über seine Bekanntschaft mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat
-ihn gleich anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen
-Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des damals noch
-jugendlichen Alters Njekrássows und des grossen Altersunterschiedes, der
-zwischen ihnen bestand, waren sicherlich auch damals solche Augenblicke
-vorgekommen und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche auf das
-ganze Leben Einfluss nehmen und unlösbare Bande knüpfen.
-
-»Ein neuer Gogol ist erstanden«, rief Njekrássow, als er, die »armen
-Leute« in der Hand, bei Belinsky eintrat. »Bei Euch wachsen die Gogols
-wie die Pilze«, antwortete ihm strenge Belinsky, -- aber er nahm das
-Manuskript. -- Als Njekrássow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen
-»geradezu bewegt«: bringen Sie ihn her, bringen Sie ihn schnell!
-
-Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage) zu ihm. Ich erinnere
-mich, dass mich beim ersten Anblick sein Äusseres sehr frappiert hat;
-seine Nase, sein Kinn -- ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus
-anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren Kritiker.
-Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst und grosser Zurückhaltung.
-»Nun es muss ja auch so sein«, dachte ich bei mir; allein es verging
-kaum eine Minute und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst
-einer bedeutenden Persönlichkeit, eines grossen Kritikers, welcher einem
-22jährigen Jünglinge entgegen kam, der eben seine schriftstellerische
-Laufbahn betritt, sondern dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung
-vor jenen Gefühlen, die er so schnell als möglich in mich giessen
-wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen sich gedrängt
-fühlte. Er redete mich nun leidenschaftlich, mit leuchtenden Augen an:
-»Ja, verstehen Sie denn selbst -- wiederholte er mehreremale, nach
-seiner Gewohnheit schreiend --, was Sie da geschrieben haben?« Er schrie
-immer, wenn er in starker Bewegung sprach, »das haben Sie nur durch
-unmittelbares Gefühl, nur als Künstler schreiben können. Aber haben Sie
-denn selbst die schreckliche Wahrheit bedacht, auf die Sie uns
-hingewiesen haben? Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das
-verstehen könnten. Ja, dieser Ihr unglücklicher Beamte, ja, der ist
-schon dahin gekommen und hat sich selbst schon dahin gebracht, dass er
-sich selbst aus Erniedrigung sogar nicht mehr einen Unglücklichen zu
-nennen wagt und die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der
-es nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglücklich zu sein,
-und als ihm der gute Mensch, der General, jene 100 Rubel giebt, ist er
-ganz zermalmt, ganz vernichtet vor Verwunderung, dass »ihre Excellenz
-haben« einen solchen, wie er ist, bemitleiden können, »ihre Excellenz
-haben«, wie Sie ihn sich ausdrücken lassen, nicht »seine Excellenz hat«.
-Und der abgerissene Knopf, und der Augenblick, da er dem General das
-Händchen küsst, ja, da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglücklichen,
-da ist Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas Grauenhaftes,
-das ist eine Tragödie. Sie haben das innerste Wesen der Sache getroffen,
-das allerwichtigste mit einem Strich gezeigt. Wir Publizisten und
-Kritiker beurteilen nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklären,
-aber Sie, der Künstler, stellen mit einem Strich die tiefste Wesenheit
-der Sache im Bilde hin, so dass man es auf einmal fassen kann, dass dem
-urteilslosesten Leser mit einem Male alles begreiflich werde. Da haben
-Sie das Geheimnis des Künstlertums, da haben Sie die Wahrheit in der
-Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie offenbart und verkündet
-als einem Künstler; Sie haben sie als ein Geschenk empfangen. --
-Schätzen Sie also diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden
-ein grosser Künstler werden!«
-
-Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er auch später über
-mich vielen anderen, die jetzt noch leben und es bezeugen können. Ganz
-berauscht ging ich von ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses
-stehen, sah den Himmel über mir, sah den hellen Tag, die
-Vorübergehenden, und fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass in meinem
-Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, ein Durchbruch nach
-der Ewigkeit, etwas ganz Neues; aber etwas, das ich damals auch in
-meinen leidenschaftlichsten Träumen nicht vermutet hatte (und ich war
-damals ein schrecklicher Träumer!). »Wär' es möglich, bin ich in
-Wahrheit so gross?« -- dachte ich schamhaft, in einer Art schüchterner
-Entzückung, bei mir. O, lachet nicht! Niemals nachher habe ich gedacht,
-dass ich gross sei, aber damals -- konnte man denn das ertragen! O, ich
-werde dieses Lobes würdig sein! -- Und was für Menschen, was für
-Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten so prächtig zu
-werden wie sie, ich werde ausharren, getreu sein! O, wie bin ich doch
-leichtsinnig! Wenn Belinsky nur sähe, was für niedere, schändliche Dinge
-in mir sind! Übrigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen
-allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das Gute und
-Wahre siegen und triumphieren überall. -- So werden wir über das Böse
-und das Laster siegen -- o, zu ihnen also, mit ihnen! ......
-
-Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks in seiner ganzen
-Klarheit, und niemals habe ich ihn später vergessen können; das war der
-hinreissendste Moment meines ganzen Lebens.
-
-Mit dieser Erzählung »Arme Leute«, sagt N. Strachow, »hat Dostojewsky
-einen neuen Ton in die russische Litteratur gebracht. Die Situation und
-die Figur des armen Helden, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der
-Hauptfigur aus Gogols »Mantel« hat, weist Züge rührender Schönheit und
-Herzenseinfalt auf, während Gogol nur das Factum, das Erniedrigende und
-Lächerliche desselben darstellt«. Dass Dostojewsky mit vollem
-Bewusstsein diesen grossen Schritt gethan und diesen echt russischen Zug
-von Teilnahme und Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die
-Litteratur gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin (der
-Held), dem das geliebte Mädchen Bücher leiht und einmal Gogols »Mantel«
-zu lesen anrät, diese Erzählung als ein böswilliges Pasquill auf alle
-Armen aufnimmt, »die man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann«, und
-sich in seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben -- einen Rausch
-antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schärfste Kritik Gogols, den er im
-übrigen unendlich bewundert und den er sich infolge ähnlicher Anlage zum
-Humor eine Zeit lang äusserlich zum Muster nimmt. -- Wir mussten länger
-bei dieser Erzählung verweilen, weil sie eigentlich schon das
-»Leitmotiv« der litterarischen Thätigkeit von Dostojewskys ganzem Leben
-anstimmt. Im Gegensatze zu anderen Dichtern, welche in ihren
-Erstlingswerken höchst unoriginal sind und erst später zu sich selbst
-kommen, setzt Dostojewsky kräftig und zielbewusst mit dem Ton an, der
-durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hört, und um deswillen
-allein er schreibt. Seine Biographen und Arbeitsgenossen nennen vier
-Anlässe oder Anläufe des Dichters, welche seine vier, nach ihrer
-Grundidee bedeutendsten Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse
-Etappen auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters Freund
-und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: »In seiner litterarischen
-Thätigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft und Energie gezeigt, wie
-kein Zweiter. Er hatte Perioden der Erschlaffung, gleichsam des
-Verfalles -- dann aber hat er sich immer wieder höher aufgeschwungen als
-je zuvor und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt. Man kann
-vier solche neue Krafterhöhungen bei ihm nachweisen: 1. »Arme Leute«, 2.
-»Das Totenhaus«, 3. »Schuld und Sühne« und endlich 4. »Das Tagebuch
-eines Schriftstellers«.
-
-Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich äusserliche zu sein. Die vier
-Grundideen, welche sich in diesen vier Werken äussern, sind durchaus
-einheitlich und nur verschiedene Äusserungen des in »Arme Leute«
-angeschlagenen Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden,
-so wird man, nämlich seiner Wirkung nach aussen nach, finden, dass zwei
-andere Werke es noch kräftiger, eindringlicher, zwingender durchführen.
-Diese Werke sind: »Der Idiot« und »Die Brüder Karamasow«. Wir werden bei
-der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf zurückkommen.
-Gleichwohl wird der aufmerksame Leser von Dostojewskys Werken in Bezug
-auf seine litterarische Entwickelung zwei Epochen seiner
-schriftstellerischen Thätigkeit unterscheiden. Die erste Phase, welche
-gleich nach dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in »Arme
-Leute« beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl der Stoffe, als
-was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar nach dem Erfolge der »Armen
-Leute«, die indessen noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrássow
-die Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden sollte, erst
-1846 herauszugeben dachte -- also im Jahre 1845 macht sich Dostojewsky
-daran, den »Doppelgänger«, den er schon lange mit sich herumgetragen und
-von dem er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen.
-Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhältnisse gequält, schreibt er,
-wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval, an seinen Bruder:
-
-.... »Wie traurig war es mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr
-...... Wenn mein Leben in diesem Augenblicke abgerissen wäre, so wäre
-ich, scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat sich zu
-Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den verwaisten Schlüssel
-meines 600 Rubel-Quartiers, dessen Zins ich schuldig bin ...
-Gregorowitsch und Njekrássow sind nicht in Petersburg .... Sie werden
-kaum bis zum 15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten
-muss, um zu leben. Meine Arbeit verträgt keinen Zwang ... Ich bin jetzt
-selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem ich mich übrigens gleich
-morgen beschäftigen werde. Goljadkin, der abscheuliche Schuft, will
-durchaus nicht vorwärts, will durchaus vor der Hälfte November seine
-Carriere nicht vollenden« ....
-
-Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: Ȇberall unglaubliche
-Ehrerbietung, überall eine schreckliche Neugierde in Bezug auf mich:
-Fürst Odojewsky bittet mich, ihn mit meinem Besuch zu beglücken, und
-Graf Sologub reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat ihm
-gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den Staub tritt«.
-Weiter schreibt er: »Dieser Tage war ich ohne einen Groschen; Njekrássow
-hat indessen »Zuboskala«, einen prächtigen humoristischen Almanach, ins
-Leben gerufen, dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede hat
-Lärm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld hatte, ging ich zu
-Njekrássow, und als ich so bei ihm sass, kam mir die Idee eines Romans
-in neun Briefen. Nach Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer
-Nacht; er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt werden. Du
-wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter ist, als Gogol«. Weiter
-schreibt er: »Ich denke, ich werde Geld bekommen; Goljadkin wird
-vortrefflich -- er wird mein chef d'oeuvre sein«. Als Nachschrift heisst
-es: »Belinsky schützt mich vor den Unternehmern«. Eine zweite
-Nachschrift lautet: »Ich habe meinen Brief überlesen und finde mich
-erstens ungrammatikalisch und zweitens einen Prahler«. Eine letzte
-Nachschrift sagt: »Die Minnuschkas, Claruschkas und Mariannen etc. sind
-unglaublich schöner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich
-waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich über mein unordentliches
-Leben ausgescholten«. In einem Briefe vom 1. Februar 1846 teilt
-Dostojewsky seinem Bruder mit, dass er endlich am 28. des
-vorhergegangenen Monates »seinen Schuft Goljadkin« vollendet habe. Dann
-weiter: »Für Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen; ausserdem
-erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich nach meinem Abschied von
-Dir schon 3000 ausgegeben habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das
-ist die ganze Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schön
-möblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr gut«. (Folgt die
-Adresse, zufällig dasselbe Haus, in dem er starb.) Zum Schluss schreibt
-er: »Ich bin nervenkrank und fürchte ein Nervenfieber; regelmässig leben
-kann ich nicht, so sehr bin ich unordentlich«.
-
-Zwei Monate später, am 1. April, schreibt er:
-
-»In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so vieles, das für
-mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes und Widerwärtiges auch,
-dass ich selbst nicht Zeit habe, darüber nachzudenken. Erstens bin ich
-sehr beschäftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhörlich. Denke
-nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens habe ich gerade 4500
-Rubel verbraucht seit der Zeit, da wir uns trennten, und habe um 4000
-Papierrubel von meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts,
-mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb zweier Monate wurde
-35 mal in verschiedenen Werken von mir gesprochen ... aber was widrig
-und quälend ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem
-Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses Entzücken,
-Reden, Lärm, Auseinandersetzungen, dann Kritik: Alle, das heisst die
-Unsern und das ganze Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so
-langweilig und fade, so in die Länge gezogen ist, dass es unmöglich ist,
-ihn zu lesen.« Weiter sagt er zu seinem eigenen Troste: »Alle sind
-zornig über diese Längen, und alle lesen es doch über Hals und Kopf und
-lesen es wieder über Hals und Kopf.« Noch weiter sagt er: »Ich habe ein
-schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und Ehrliebe ... mir
-ist jetzt Goljadkin widerwärtig; vieles darin ist in Hast und Ermüdung
-geschrieben. Die erste Hälfte ist besser als die letzte; auf glänzend
-geschriebene Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die
-Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist es, was mir in
-der ersten Zeit zur Hölle wurde, und ich bin aus Kummer krank geworden.«
-
-Man sieht aus diesen überschwänglichen Mitteilungen, wie sehr der erste
-Erfolg dem 24jährigen Dichter zu Kopf gestiegen war und seine
-Selbstkritik geschädigt hatte, da er den Roman in neun Briefen »eine
-Perle, nicht schlechter als Gogol« und den Doppelgänger sein chef
-d'oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen angestossen,
-fällt sein Selbstbewusstsein, da »Alle, alle, die Unsern, sowie das
-Publikum über den Doppelgänger losziehen.«
-
-Es ist für den Dichter eben jetzt erst die Zeit der Nachahmung und des
-Suchens nach seinem Stil angebrochen, ein Herumtasten, das ihn
-einerseits auf die Wege Gogols und der Humoristen führte, denen er
-seiner Anlage nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs und
-George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der überwuchernde Reichtum seiner
-ethischen Phantasie und namentlich die Lust an Scenen- und
-Situationenwechsel verführen mochte. Dieser Periode des Tastens
-entsprangen ausser dem Doppelgänger und dem Roman in neun Briefen sehr
-bemerkenswerte kleinere und grössere Erzählungen, auf die wir an ihrer
-Stelle im einzelnen zurückkommen werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine
-unwiderstehliche Situationskomik, wie in der »Frau des Andern«, »Eine
-heikle Geschichte«, ferner ein kräftig satirischer Zug, wie in »Das
-Krokodil«, und eine unendliche Zartheit und ehrfürchtige Jugendlichkeit
-in der Zeichnung weiblicher Gestalten, wie in »Njetotschka Njezwanowa«
-und »Helle Nächte«. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe
-von Dostojewskys Schöpfungen in deutscher Sprache giebt, welche sie in
-der Reihenfolge ihrer Entstehung und damit ein übersichtliches Bild der
-inneren und äusseren Entwickelung des Dichters brächte. Es würden daraus
-dem eindringenden Leser die zwei Phasen vor und nach Sibirien sofort
-erkennbar werden; es würde daraus erhellen, wie der Dichter allmählich
-sich wieder findet, auf die glänzendste Komik und die reichste
-Ausgestaltung der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und Geldmangel,
-oder weil ihm der Humor ausgegangen wäre, verzichtet, und immer
-kräftiger, unentwegter auf das Ziel seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis
-er zuletzt zum »Tagebuch eines Schriftstellers« gelangt, das ihm
-ermöglicht, ganz subjektiv, ohne Umschweife und künstlerische Umwege,
-rein publizistisch »die Wahrheit« zu verkünden. -- »Denn«, sagt er immer
-wieder, »ein Journal ist eine grosse Sache«.
-
-Wir haben diese Abschweifung für notwendig erachtet, weil mit dem
-Hinweis auf die einheitliche Grundidee seines ganzen Lebenswerkes, die
-sich so mächtig in seinen Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen
-ist, von wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thätigkeit und sein
-Streben bis ans Ende klar überblicken können.
-
- »Der Doppelgänger« schildert den Zustand eines im Grunde
- mittelmässigen Menschen, welcher aus dem Unvermögen heraus, das
- wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er
- darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs
- zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensäusserungen, die
- seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem
- Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verübt, so ist
- Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so dass
- er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich, das, er
- sein möchte, als Hallucination fortwährend an seiner Seite sieht,
- bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in ein Irrenhaus
- gebracht wird. Nun wäre dieser Vorgang an sich verständlich und
- mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ergreifend, deutlich,
- wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit verübt hätte,
- welche die Einheit des Werkes und dadurch dessen Klarheit
- zerstört. Er stellt nämlich da, wo es zum Ausbruch der
- Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen sichtbaren
- Doppelgänger und zugleich Namensvetter des Herrn Goljadkin mitten
- in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult, unter
- Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lässt in Wirklichkeit den
- Narren durch seinen klugen, streberhaften Doppelgänger
- verdrängen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes Mittel
- gefunden hätte, um uns zu zeigen, dass oft kluge Routine allein
- sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht ausreicht, um
- in der Erscheinung ein Charakter zu werden. Man wüsste sonst
- nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte deus ex machina
- auftaucht, dessen es nicht bedurft hätte, um die Tragödie eines
- isolierten Charakters, wie ein geistvoller Essayist den
- Doppelgänger nennt, darzustellen.
-
-In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen darüber, dass
-das Buch ein »Bekenntnis« und ein specifisch russisches Bekenntnis ist,
-dass es einem Grundfehler des »russischen Menschen« an den Leib geht und
-dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige Zerrüttung
-beginnt, die im Wahnsinn endet.
-
-Der »Roman in neun Briefen« entstand, wie wir gesehen haben, ebenfalls
-in der ersten Epoche von Dostojewskys schriftstellerischer Thätigkeit
-und, wie wir ja aus seinem Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht.
-Er ist nichts weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der
-Dichter mit Meisterschaft die ebenbürtige, wenn auch sehr verschieden
-nuancierte Niederträchtigkeit von fünf Personen in knappster Weise in
-neun Briefen heraus arbeitet.
-
-Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem Brief an den Bruder noch
-einmal auf den unglücklichen Goljadkin zurück und erzählt, Belinsky habe
-eigens einen Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew
-eingeladen gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser Erzählung höre.
-Allein Turgenjew entfernte sich sehr bald nach Beginn der Vorlesung,
-äusserte sich sehr lobend, war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder
-vier Kapitel hätten Belinsky sehr gefallen, »obwohl sie es nicht wert
-waren«, wie Dostojewsky sich ausdrückt, worauf er sagt, dass diese
-Erzählung, der eine der ernstesten Ideen zu Grunde liege, welche der
-Dichter bis heute in die Litteratur eingeführt habe, dennoch misslungen
-sei. Er hat sie nach 15 Jahren einer gründlichen Umarbeitung unterzogen,
-sie aber dann noch als eine »völlig misslungene Sache« bezeichnet. --
-
-Des Dichters äussere Verhältnisse zeigen in dieser Zeit immer dasselbe
-Bild grösster Veränderlichkeit und Unordnung, dem immer auch ein Wechsel
-in der Stimmung entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses
-Selbstgefühl. So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845: »Ein ganzer
-Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht«. Die bedeutendsten
-darunter scheinen ihm Gontscharow und Herzen zu sein. »Man lobt sie
-ausserordentlich«, fährt er fort »der Vorrang aber bleibt vorläufig noch
-mir und wird wohl immer mir bleiben«.
-
-Allerlei Pläne schwirren in seinem Kopfe herum. Er beginnt für Belinskys
-»Vaterländische Annalen« zwei kleine Geschichten: »Der rasierte
-Backenbart« und »Die zerstörten Kanzleien«. -- Diese letztere dürfte
-wohl die unter dem Namen »Herr Prohartschin« später erschienene
-Geschichte sein. »Beide«, sagt er, »haben ein erschütterndes, tragisches
-Interesse und sind -- dafür stehe ich Dir gut -- schneidig bis aufs
-äusserste«. Auch eine gemeinsame Übersetzung von Goethes Reineke Fuchs
-schlägt er dem Bruder vor.
-
-Nach einem zweiten Besuch in Reval kündigt er dem Bruder an, dass er
-abermals ausziehen werde, zwei kleine, möblierte Zimmer in Aftermiete
-genommen habe, wohin er indes, wie wir später sehen werden, gar nicht
-übersiedelt. Er erzählt ferner, dass im »Zeitgenossen«, einer von
-Njekrássow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges Vermächtnis
-erscheine, worin dieser sich von allen seinen Werken lossage. »Also,«
-fügt er hinzu, »ziehe selbst den Schluss daraus.« -- Dass man seinen
-Prohartschin in der Zeitschrift Njekrássows zu besprechen beginne, teilt
-er auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von Trauer und
-Melancholie, »wo es am besten sei zu schweigen«. Es ist diese Stimmung
-nämlich die Folge eines rivalisierenden Geplänkels der Redakteure, denen
-er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld zu kommen.
-Namentlich scheint Njekrássow immer in sehr kaufmännischer Weise alle
-Transaktionen geleitet zu haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von
-Dostojewskys Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter
-einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend in sein
-äusseres Leben eingreifen. Es sind die Brüder Beketow, vor allem aber S.
-D. Janowsky, mit dem er noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen
-sollte. Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung, sich
-unabhängig zu machen, und voll Durst nach heiliger Kunst, nach einer
-reinen, heiligen Arbeit, mit der ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens,
-»das noch nie in ihm so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue
-Bilder in seiner Seele erstehen. Bruder,« sagt er, »ich bin in einer
-Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern auch physisch; noch
-niemals habe ich eine solche Fülle und Klarheit in mir getragen, so viel
-Gleichmässigkeit des Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden.
-Darin bin ich meinen teueren Freunden Beketow und -- anderen tief
-verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thätige, gescheite Menschen,
-Menschen, die ein vortreffliches Herz, Seelenadel, Charakter haben ...
-sie haben mich durch ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe
-ich ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten; wir haben
-eine grosse Wohnung aufgenommen, und die Gesamtauslagen für die
-Erhaltung jedes einzelnen übersteigen nicht 1200 Rubel jährlich. So
-gross ist die Wohlthat der Association.«
-
-Dieser Schluss dürfte, wie Orest Miller richtig bemerkt, wohl schon im
-Zusammenhang mit Dostojewskys neuester Beschäftigung stehen, mit dem
-Sozialismus:
-
-Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschäftigung mit dem Sozialismus ist
-wohl der Umstand, dass sich der Dichter nachträglich in seiner eigenen
-Beurteilung der »Armen Leute« von der rationalistischen Anschauung
-Belinskys beeinflussen lässt, welcher die positiven Schönheiten dieses
-Buches durchaus nicht in den weichen Schatten sieht, welche »Armut im
-Geiste« über die Gestalt des Helden breitet, sondern ganz einfach in
-gewissen, schärfer hervortretenden, gleichsam das Mitleiden
-escomptierenden Zügen dieser missbrauchten, zertretenen Figur.
-Dostojewsky selbst schliesst sich, vermöge der seinen Geist jetzt
-beschäftigenden Ideen von Kollektivismus und Association, dieser
-flacheren Betrachtung an, und wir werden später sehen, wie er sich,
-seinem innersten Wesen nach, wieder davon lossagt.
-
-Über des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47 geben uns sowohl die
-Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys und anderer Freunde, als auch
-seine stets die Stimmung des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder
-ein ziemlich klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit den
-Freunden lebt, »angenehm und ökonomisch,« wie er sagt, leidet seine
-nervöse Konstitution doch schwer unter den doppelten Qualen eines
-schöpferischen Dranges, die Probleme, die ihn förmlich bestürmen,
-auszulösen, sie mit allerfeinster analytischer Genauigkeit
-herauszuarbeiten, und der misstrauischen Ängstlichkeit, mit welcher er
-auf den Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei seine
-Eigenliebe bald den Gipfel des entzückten Triumphes und der
-Selbstüberschätzung erklimmt, bald abgrundtief in Kränkung und
-melancholischen Unwillen versinkt. Zudem plagt ihn das Ungeordnete, das
-dem Schriftsteller-Handwerk durch die Zahlungs-Verhältnisse zwischen
-Dichter, Redakteur und Verleger an und für sich anhaftet, doppelt.
-Dennoch finden wir nicht einen Augenblick wirklicher Mutlosigkeit oder
-eines Nachlasses in der Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein
-schriftstellerischer Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt hat,
-eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwärtigkeiten, die
-schwere, sich entwickelnde Epilepsie und die daraus entstehende
-Gedächtnisschwäche überwindet und geradezu verblüffende Leistungen
-schafft. Im Dezember 1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in
-Arbeit versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich nur hie und
-da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufügt, an der italienischen
-Oper. Er schreibt an der Erzählung »Njetotschka Njezwánowa« -- »auch
-eine Beichte«, sagt er, »wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone.
-Mir scheint immer«, fährt er fort, »als führte ich einen Prozess gegen
-unsere gesamte Litteratur; und mit den drei Teilen meines Romans, die in
-den Vaterländischen Annalen erscheinen werden, stelle ich auch für
-dieses Jahr meinen Vorrang gegenüber meinen Neidern fest.« Anfangs 1847
-drückt er dem Bruder sein Bedauern darüber aus, dass dieser »ohne
-Umgebung« lebe. Wir haben oben gesehen, wie sehr ihm die Deutschen der
-Ostseeprovinzen missfielen. Doch tröstet er ihn mit Worten, welche
-gleichfalls die neue, seinem ursprünglichen Wesen widersprechende
-Richtung kennzeichnen. Weiter berichtet er in überschwenglichen
-Ausdrücken über seine »Wirtin«, die er eben schreibt, gerade so
-selbstzufrieden, als mit dem Roman in neun Briefen. »Diese Erzählung
-wird besser, als die »Armen Leute«, sie ist in derselben Art«, meint er.
-»Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so wie bei
-Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen Sommer lang herumquälte.«
-
- »Herr Prohartschin« ist eine jener Erzählungen aus der Zeit
- einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine
- lächerliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und
- ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe »in Kost und
- Wohnung« und von den anderen durch allerlei abgekartete
- Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und Tod
- geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins
- gefördert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes
- Kapital von kleinen Münzen nicht in der schmutzigen Matratze
- vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe deckt.
-
- Die Aufhäufung menschlicher Schwächen und Lächerlichkeiten im
- Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten aller
- jener Züge im Helden, welche Teilnahme erwecken müssten, also ein
- forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus mit Anklängen an
- Gogol und Dickens, und Stellen feiner Detailschilderung, die
- jener würdig wären, kennzeichnen diese Erzählung, an welcher sich
- der Dichter »einen Sommer lang herumquälte«.
-
- »Die Wirtin« wurde von Belinsky, wie wir später erfahren, sehr
- abfällig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade von
- Belinskys Seite erklärlich genug. Vor allem konnte dem scharfen
- Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in diesen Tagen
- der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine tendenziös
- auszunutzende Pointe nicht genügen. Andererseits war sein
- Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten im
- Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen Romantismus, der im
- Hauptteil der Erzählung zu Tage tritt, nicht zu empfinden. Er
- hätte diese Mängel allenfalls milder beurteilen können, wenn sich
- dahinter eine zeitgemässe Forderung oder Anspielung verborgen
- hätte. Wie dem auch sei -- wir sind trotz jener Fehler von diesem
- Jugendwerke hingerissen und erschüttert.
-
- Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzählung,
- wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung, wie sie
- nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine Nähe
- kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen
- Sieg über das »schwache Herz«, das sich an seiner Seite
- vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich
- losmachen möchte und ihm doch immer wieder anheimfällt. Ein
- Grauen durchbebt uns bei dem nächtlichen Bekenntnis Katjas, das
- in der geheimnisvoll-süssen Sprache der Primitiven mehr
- verschweigt als enthüllt, und die Schilderung der Brandnacht,
- jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme »nicht
- dreie tragen kann«, hüllen uns, eine ossianische Ballade, in alle
- Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser Sprache,
- die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch
- wirken -- das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser Art
- wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war wohl
- jene reife, frühreife Menschenkenntnis, die er in den »Armen
- Leuten« so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der Taumel des
- 26jährigen, »von einer Quelle der Inspiration getriebenen«
- Dichters enttäuschen, dem Himmel und Hölle aus diesen zwei
- Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch konnte er unmöglich
- darüber hinwegsehen, dass Ordynow, der nominelle Held der
- Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein Deus ex machina,
- eine Entladungsstelle für die elektrischen Pole Muryn und
- Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch und Knochen,
- sondern ein Bündel Nerven, an dem die Geschichte ausgeht. Auch
- könnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte
- Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich
- Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrät als zeigt,
- nicht über das Schattenhafte alles übrigen ausgesöhnt werden. Wir
- aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen
- Seelenahnung auch vom Wesen der Frau -- an welches der Dichter in
- der ersten Periode seines Schaffens überhaupt mit ehrfürchtiger
- Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzählung spricht der Dichter
- durch den Mund Ordynows an folgender Stelle seinen Hauptgedanken
- aus:
-
- »Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht gestört
- war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als er sie ein
- schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein Geheimnis sie mit
- dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne ihre Schuld zu
- erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine Macht gekommen
- war. Wer waren sie? Er wusste es nicht; allein ihm träumte
- unaufhörlich von der tiefen, unentrinnbaren Tyrannei über ein
- armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz wurde unruhig und pochte
- in ohnmächtiger Entrüstung in seiner Brust. Es schien ihm, dass
- man vor die erschreckten Augen der plötzlich erwachenden Seele
- hinterlistig ihren Fall hingestellt, in listiger Weise ihr armes,
- schwaches Herz gequält, Wahres und Falsches vor ihr vermengt
- hatte, da, wo es nötig schien, ihre Blindheit absichtlich
- unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen Neigungen ihres
- aufstürmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte; dass man nach
- und nach die Flügel ihrer fessellosen, freien Seele stutzte, so
- dass sie zuletzt nicht mehr fähig war, sich aufzurichten, noch
- ihren freien Schwung zu nehmen in das Leben der Wirklichkeit.«
-
- Vielen Lesern dieser Erzählung hat sie unklar und unvollendet
- geschienen. Dies muss auch bei jenem französischen Übersetzer der
- Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie mit der 17 Jahre
- später geschriebenen Erzählung »Memoiren aus einem Souterrain«[3]
- (deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt)
- zusammenzuschweissen und unter dem Titel »l'Esprit souterrain« zu
- veröffentlichen. Derselbe französische Übersetzer hat es auch
- gewagt, die »Brüder Karamazow« einer Verstümmelung zu
- unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche beginnen
- lässt. Traduttori traditori!
-
-[Fußnote 3: Anlässlich einer Besprechung der Übersetzer-Sünden und
-Kühnheiten hat Dr. Friedrich Löhr in einem Heft der »Deutschen Worte«
-auch dieses französischen Kraftstückes Erwähnung gethan und sich bei der
-Erhärtung dessen, dass »Die Wirtin« und die »Memoiren aus einem
-Souterrain« ganz getrennte Arbeiten Dostojewskys sind, auf eine
-Mitteilung von mir berufen. Leider hatte ich damals in der russischen
-Ausgabe die verdruckte Jahreszahl 1846 anstatt 1864 gefunden und gab
-sie, da in des Dichters Briefen nie bestimmte Angaben über Namen und
-Zeitpunkt seiner Publikationen zu finden sind, als authentisch an.
-Indessen wurde ich bei genauerer Verfolgung der chronologischen Lebens-
-und Arbeitsdaten bald den Irrtum inne, den ich hiermit berichtige; was
-jedoch auf den Umstand keinerlei Einfluss hat, dass die zwei Erzählungen
-sowohl durch eine lange Zeit, als durch ihre Veranlassung und ihren
-Inhalt vollständig getrennt sind und keinerlei Berechtigung vorhanden
-ist, sie in eins zu verschmelzen.]
-
-Die »Wirtin« wurde also von Belinsky sehr übel behandelt, was den
-Dichter tief kränkte, obwohl er sich gar nicht schriftlich darüber
-geäussert hat. Seine nächsten Mitteilungen an den Bruder sind wieder
-Berichte über angestrengte Thätigkeit, bestellte Arbeit, die man mit
-Vorschüssen sichert, »kurz eine Hölle«. Hier muss erwähnt werden, was er
-in allen seinen Briefen während der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer
-wieder betont: »Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es
-mir zugeschworen. Von solcher Arbeit würde ich zu Grunde gehen!« -- Der
-einzige Weg, den er einschlug, um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen,
-war der, dass er von den vielen Plänen und fertigen Entwürfen, die er
-immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen den bekannten
-Redakteuren vorschlug und einen Termin angab, bis zu welchem er die
-Arbeit vollenden könnte. Meistens wusste er von vornherein fast ganz
-genau, wieviele Druckbogen sie ausmachen würde, und überschritt selten
-das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet sich Dostojewskys
-äusseres Leben sehr bewegt. Nach der einen Seite findet er im Hause des
-Malers Maikow, eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens,
-Anregung und Förderung durch den Verkehr mit Schriftstellern und
-bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow, Dudyschkin, A. Maikow und
-andere. Er hat Gelegenheit, dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in
-das kleinste Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch
-seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher »den meisten Lesern
-unverständlich« war, findet aber auch im Ehepaar Maikow thatkräftige
-Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitäten hilfreich beispringen.
-
-Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit einem Kreis junger
-Leute, welche den neuen Ideen huldigen. Ein Brief aus dieser Epoche vom
-9. September 1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des Bruders
-Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er rät ihm, gemeinsam eine
-Gesamtausgabe von Schillers Dramen, die er ja übersetzt habe, zu
-veranstalten, und schliesst mit den Worten: »Warte nur, Bruder, wir
-werden schon hinauf kommen; es ist unmöglich, dass wir beide uns nicht
-durchschlagen.« Am Rande schreibt er: »Siehst Du, was Association
-bedeutet? Arbeiten wir getrennt, so gehen wir unter, zusammen aber gehen
-wir einem grossen Ziele entgegen -- das ist etwas ganz anderes!«
-
-Hier haben es die Herausgeber für angebracht befunden, eine Lücke von
-nahezu zwei Jahren in die Korrespondenz zu reissen, welche allerdings
-nicht sehr ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein dürfte. Die
-»neuen Ideen« Sozialismus, Fourierismus hatten den Feuerkopf ergriffen.
-Er schloss sich um diese Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem über
-die künftigen Umgestaltungen Russlands, über eine Änderung der
-Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde. Dies war aber zu einer Zeit,
-da es geradezu gefährlich sein mochte, sich eine Ansicht über den
-Umschlag des Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon im
-Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so hütete man sich wohl, die
-Worte, die gefallen waren, nach aussen auszusprechen oder
-aufzuschreiben; so kann es wohl sein, dass nicht viele Briefe
-Dostojewskys an seinen Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war
-an und für sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah es
-zumeist in nervöser, durch Gegensatz und Widerspruch oder durch eine
-aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene Kampfstimmung.
-
-Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im Besitze der
-Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in der schwierigen Lage
-befinden, den Dichter lavierend nach beiden Seiten hin schützen und
-immer fürchten zu müssen, ihn nach rechts oder nach links zu
-kompromittieren. Es wäre zu untersuchen, ob nicht ein kühnes
-Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung des
-Sachverhalts, Veröffentlichung auch der »gravierendsten« Briefe, mit
-einem Schlage die Luft um seine Erscheinung von allen Miasmen der
-Missgunst, des stillen Grolls und der Verurteilung zu reinigen
-vermöchte.
-
-
-
-
- III.
- Katastrophe.
-
-
-Der Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit neuen Ideen führte
-Dostojewsky immer tiefer in dieselben ein, und die vielen, wenn auch
-sicher fruchtlosen, so doch von aufrichtiger Glut für Freiheit,
-Menschen- und Bürgerrechte beseelten Debatten im Hause des
-Ministerialbeamten Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und
-Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche für 23 Männer
-verschiedenen Alters und Berufs verhängnisvoll werden sollte. Für
-Dostojewskys Leben, seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie für sein
-künstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von den
-entscheidendsten Folgen sein.
-
-In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen Artikel:
-»Meine erste Bekanntschaft mit Belinsky«, nennt der Dichter diese Epoche
-seines Lebens »eine schwere, schicksalsvolle Zeit.« Es muss angenommen
-werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus eingeführt
-worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrückt, »leidenschaftlich
-zu eigen gemacht hat«, obwohl ihm Belinsky von vornherein das Axiom
-entgegenschleudert: »die Revolution hat vor allem das Christentum zu
-vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegründet«.
-Dostojewsky scheint sich der bestrickenden Persönlichkeit Belinskys doch
-so weit hingegeben zu haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe
-trat; allein wir finden noch 22 Jahre später in einem Briefe an N.
-Strachow, sowie in einem Artikel seines »Dnewnik Pisatela« (Tagebuch
-eines Schriftstellers) heftige Ausfälle gegen Belinsky, gleichsam unter
-dem unverwischten Eindruck der Entrüstung, welche jener Streit für und
-wider das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. »Dieser Mensch« --
-sagt er da -- »hat Christum vor mir beschimpft, dabei ist er doch
-niemals imstande gewesen, sich selbst oder irgend einen von allen
-Führern der ganzen Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er
-vermochte nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht, Zorn,
-Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber Eigensucht in ihm
-selbst und in allen anderen vorhanden ist. Als er Christum beschimpfte,
-sagte er sich niemals: was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa
-uns, die wir so hässlich sind? -- nein, er hat sich auch niemals darauf
-besonnen, dass er hässlich ist, er war im höchsten Grade mit sich
-zufrieden«.
-
-Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie
-Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger Jahre beschäftigte, und
-wie klar doch bei alledem in ihm die Grenze vorgezeichnet war, die er
-vermöge seiner innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht
-hätte, so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen
-christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten.
-
-Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher, hatten sich aus dem
-Schosse der Universität heraus mehrere Studentenkreise gebildet, die ein
-ernsteres Streben vereinigte, als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie
-bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek an,
-wobei wissenschaftliche Werke des In- und Auslandes, darunter nicht
-wenige eingeschmuggelte Bücher, erworben wurden. So machten sie sich mit
-den Werken L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs,
-Proud'hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener ehemalige
-Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium des Äusseren
-Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um die sogenannte »Gesellschaft der
-Propaganda« durch alle möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die
-einzelnen Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der »Fünf« eines,
-dem bei uns unter dem Namen »Schneeballen« bekannten, ähnlichen
-Vorganges. Die Teilnehmer der einzelnen Kreise sollten einander nicht
-persönlich kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in Fühlung
-sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja aus den letzten
-Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt hat, finden wir die Stelle: »die
-Sozialisten (die russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen
-hervorgegangen; die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut«.
-»Ebenso glaubten sie« -- diktierte er weiter -- »dass das Volk mit ihnen
-sei und« -- fügt er hinzu -- »sie hatten eine Grundlage dafür, denn das
-Volk war leibeigen.«
-
-Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür zu sein, warum sich
-Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden des Petraschewskyschen
-Kreises bei diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von jeher
-das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal und hoffte und
-wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle
-seine Reden hatten vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt
-einer der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden Roman von einem
-Genossen, dem er Dostojewskys Worte in den Mund legt. Er sagte still und
-langsam: »die Befreiung der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in
-unsere grosse Zukunft sein«.
-
-Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als
-einen, »dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe; still,
-einsilbig, nicht mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen
-auszusprechen«, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer
-hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn
-bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus,
-wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermöge der Macht seiner
-Persönlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises,
-sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise liess
-man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewähren, zum Teil darum,
-weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen
-besessen hätte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig
-teilnehmen zu können, und das über dem »Vorurteile« erhaben wäre,
-welches den Namen eines Angebers brandmarkt. -- Endlich fand man einen,
-diesen »erhabenen Standpunkt« einnehmenden Menschen in einem Beamten des
-auswärtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit
-Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem
-in keiner nahen persönlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende
-besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der
-Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen
-wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt müsse von oben
-gemacht werden. »Wenn er aber nicht geschieht?« warf man ein, -- »ja
-dann meinetwegen mit Gewalt.« Bei Durow hingegen wurde die Frage einer
-geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befürwortet, allein
-von der Versammlung abgelehnt.
-
-In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen
-dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie
-irrtümlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt
-und nach dem Hause der »dritten Abteilung« der geheimen Polizei
-abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, authentische Daten über
-diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch
-gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente
-desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden keine allzugrossen
-Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes
-Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustände andere und andere
-Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol,
-welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, längst publiziert
-und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des
-Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geöffnet, welche in
-einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So
-hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der
-reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie über den
-kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven
-vervollständigt.
-
-Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten des Ministeriums des
-Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht
-übergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe
-von Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine
-Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines »Verhaltens« im Gefängnis, seine
-Befreiung, sein Avancement zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels
-und seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis nach
-Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner
-Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, nachdem er 50 Jahre im
-Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen
-mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung
-überlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer
-Stelle, hier im Anschluss.
-
- Kopie.
- III. Abteilung
- von Sr. Majestät des
- Kaisers Privatkanzlei. --
- Expedition St. Petersburg,
- 22. April 1849.
- No. 675.
-
- Geheim.
- Dem Herrn Major der Petersburger
- Gendarmerie-Division
- Tschudin.
-
- Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren
- (Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht,
- den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch
- Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des
- Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in
- der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere
- und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der
- dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu bringen.
-
- Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu wachen, dass
- von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde.
-
- Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse Menge von
- Papieren und Büchern vorfinden, so dass es nicht möglich sein
- wird, sie sofort in die dritte Abteilung zu befördern. In diesem
- Falle sind Sie gehalten, eines wie das andere in eine oder zwei
- Stuben, je nach dem es nötig ist, niederzulegen, diese Stuben zu
- versiegeln und Dostojewsky selbst unverweilt in der dritten
- Abteilung abzuliefern.
-
- Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere und Bücher
- aussagen sollte, dass einige darunter irgend einer anderen Person
- gehören, so haben Sie dieser Aussage keine Beachtung zu schenken,
- sondern auch diese zu versiegeln.
-
- In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste Achtsamkeit
- und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden.
-
- Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps,
- General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung
- befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei und die
- unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen.
-
- Der General-Adjutant
- Graf Orloff.
-
-Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet:
-
- Geheim 148/6.
-
- Hochgeehrter Herr!
- Iwan Alexandrowitsch!
-
- Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere hat sich
- nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache hätte. Es wurde
- nur gefunden: ein Brief von Belinsky, enthaltend eine Einladung
- zu einer Gesellschaft bei einer Person, mit der er noch nicht
- bekannt war, ein Brief aus Moskau von Pleschtschejew, in welchem
- er von seinem Eindruck bei der Ankunft der kaiserlichen Familie
- in Moskau spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu
- bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören. Zwei Bücher
- unter dem Titel: Le berger de Cravan und La consécration du
- Dimanche.
-
- 16. Mai 1849.
-
- Fürst Alex. Galitzin.
-
- Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission.
-
- »In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre, Euer Excellenz
- den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher sich unter den bei
- Dostojewsky gefundenen Papieren befand, zu übermitteln.
-
- 17. Mai 1849.
-
- Nabokow.«
-
- Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript, d. h. der
- III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur der
- »Vaterländischen Annalen« übergeben worden war, wo es im Maiheft
- 1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April) der III.
- Abteilung, »ohne Unterschrift des Verfassers«. Diese Erzählung,
- Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden.
-
- Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern
- richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere ins
- Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und
- politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe des
- Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er nicht im
- geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, also
- nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische Schriften,
- namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener Zeit bei ihm
- gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der Zettel
- Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie diese Namen
- trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden und als wertlos
- in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei Schriftstücke
- zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose, Stellen aus
- dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir auch in
- Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die Dossiers
- gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen für uns
- nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen, es wäre
- denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte Freunde,
- die zu Durow kommen, »salut et fraternité« entboten wird.
-
-Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung mit einem
-gewissen Humor in einem Blatte, das er 1860 der Tochter seines Freundes,
-des Schriftstellers A. Miliukow, widmet:
-
-»Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich gegen 4 Uhr morgens
-von Grigorjew nach Hause, legte mich zu Bette und schlief sofort ein. --
-Nicht später als nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf
-hindurch, dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige Leute in meine
-Stube getreten waren.
-
-Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend etwas gestreift hatte.
-Was geht da Seltsames vor? Ich öffne mit Mühe die Augen und höre eine
-weiche, sympathische Stimme: »Stehen Sie auf!« -- Ich schaue: da steht
-der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders Kommandierter mit
-hübschem Backenbart. Allein er hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau
-gekleideter, mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr
-gesprochen.
-
-»Was ist geschehen?« frage ich, mich aufrichtend. -- »Auf Befehl« ... --
-Ich schaue: richtig »auf Befehl«. In der Thüre steht ein Soldat,
-ebenfalls blau. Sein Säbel war es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha!
-also das ist's ... dachte ich bei mir.
-
-»Erlauben Sie mir doch ...« begann ich -- »Macht nichts, macht nichts!
-kleiden Sie sich an. Wir werden warten,« sagt der Oberstlieutenant mit
-noch sympathischerer Stimme. -- Während ich mich ankleide, verlangen sie
-die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen -- sie fanden nicht viel,
-wühlten aber alles durch. Die Bücher und Schriften banden sie ordentlich
-mit einem Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser
-Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen und stöberte mit
-meinem Tschibuk in der kalten Asche herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier
-stieg auf sein Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber
-vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf die Erde. Da
-überzeugten sich die umsichtigen Herren, dass sich nichts auf dem Ofen
-befand. Auf dem Tische lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der
-Pristaw betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem
-Oberstlieutenant zu: »Ist's am Ende ein falsches?« fragte ich. »Hm, das
-muss man doch auch untersuchen,« murmelte der Pristaw und endigte damit,
-dass er auch dieses Stück dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten
-hinaus. Uns begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der
-zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art stumpfer, dem Ereignis
-angemessener Feierlichkeit dreinschaute; übrigens einer nichts weniger
-als feiertägigen Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche,
-zuerst stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der
-Oberstlieutenant. Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke beim
-Sommergarten. Dort gab es viele Leute und ein bewegtes Kommen und Gehen.
-Es begegneten mir viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam.
-Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem Range, besorgte den
-Empfang ...... ununterbrochen kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein
-...... Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, der eine
-Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand mit Bleistift
-geschrieben: »Agent der aufgedeckten Sache: Antonelli«. -- So, also
-Antonelli ist es -- dachten wir. -- Man postierte uns in verschiedene
-Winkel, in der Erwartung der endgiltigen Anordnung, wohin man einen
-jeden unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren
-unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), der
-Untersuchungs-Richter, herein -- aber hier unterbreche ich meine
-Erzählung. Es wäre viel zu erzählen. Aber ich versichere Sie, dass
-Leonty Wassiljewitsch ein höchst angenehmer Mensch war.«
-
-Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich des Dichters Bruder
-Andreas erzählen sehr eingehend den weiteren Verlauf der Haft, des
-Verhörs, der ganzen Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir
-nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den oben erwähnten
-34 Verhafteten wurden jene ausgewählt, welche auch zu Petraschewsky
-kamen -- es waren 23, darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer -- die
-übrigen waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller und
-Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky war, wie schon
-oben gesagt, nur irrtümlicherweise verhaftet worden und das anstatt des
-ältesten Bruders Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum
-Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch
-gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus dieser Gesellschaft
-entliehen hatte, was offenbar unter falschem Vornamen angegeben worden
-war. Andreas war also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht
-worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft und ihn
-erstaunt fragt: »Was machst denn du da, Bruder?« Allein er konnte nicht
-antworten, da ein Gendarm sie trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen
-warum, in Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt und
-fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl handeln mag.
-
-Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, in
-was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky stehe, ganz naiv
-die Gegenfrage stellt: »Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn
-der zweite?« bringt seine Unschuld an den Tag, und man hält ihn nur noch
-zurück, damit er in der Stadt nicht mit Leuten zusammen komme, »die er
-nicht zu treffen habe«. Es stellt sich heraus, dass man auf den
-Richtigen gekommen war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den man am
-5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei gibt. Eine Stelle aus
-einem Briefe Theodor Michailowitschs an den Bruder Andreas drückt noch,
-nach einem Zeitraum von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser
-das Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. »Ich erinnere mich
-daran,« sagt er, »du mein Teurer, erinnere mich, wie wir einander, es
-war wohl das letzte Mal, im weissen Saale begegneten. Es kostete dich
-damals nur ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen können,
-und du wärst sofort, als irrtümlich statt des älteren Bruders
-festgenommen, frei gelassen worden. Aber du folgtest meinen
-Vorstellungen und Bitten, du gingst grossmütig in die Thatsache ein,
-dass der Bruder in sehr engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben
-erst in den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt habe -- du
-begriffst das alles und bliebst im Gefängnis, um den Bruder Zeit zu
-lassen, seine Frau vorzubereiten und sie nach Möglichkeit für eine
-vielleicht lange Zeit seiner Abwesenheit sicherzustellen.[4]
-
-[Fußnote 4: Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher
-zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys
-besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen Saale einander zwar
-begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser der Begrüssung, mit einander
-gewechselt hatten. Auch Orest Miller ist dieser Widerspruch während der
-Bearbeitung seiner Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich
-veranlasst sah, Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail
-jenes Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner »Materialien zu
-einer Biographie Dostojewskys« klärt er uns denselben auf. Die Brüder
-hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit einander gewechselt,
-allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, auf einem Zettel alle
-diese Vorstellungen dem Bruder zukommen zu lassen, welchen Zettel dieser
-aber niemals erhielt.]
-
-»Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt hast«, fährt
-Dostojewsky fort, »so konnte ich dich ja auch nicht vergessen und musste
-ich ja deiner, als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.«
-
-Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt Orest Miller, dass
-der General Rostowzew Dostojewsky nahe gelegt habe, »alles zu erzählen«.
-Dieser beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. Da
-wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: »Ich kann nicht glauben,
-dass ein Mensch, welcher »Arme Leute« geschrieben hat, mit diesen
-lasterhaften Menschen gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich.
-Sie sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im Namen des
-Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen, wenn Sie die ganze Sache
-erzählen.« Ich schwieg, erzählte Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte
-General-Lieutenant Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen
-Rostowzew gewendet lächelnd: »Ich habe es Ihnen ja gesagt«, worauf
-dieser schrie: »Ich kann Dostojewsky nicht mehr sehen«, in die nächste
-Stube lief und von da heraus rief: »Ist Dostojewsky schon
-hinausgegangen? Sagt mir, wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen«.
-Dies alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein.
-
-Aus den Protokollen in den Archiven der dritten Abteilung entnehmen wir,
-dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission unter Vorsitz des
-General-Adjutanten Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung dieser
-Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 neunzig Sitzungen
-widmete. Die Kapitalanklage gegen Petraschewsky lautete auf:
-»Verbrecherische Versuche, die bestehende Staats-Verfassung in Russland
-zu stürzen, Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und
-jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften,
-Verbreitung schädlicher Ideen über die Religion, Erweckung von Hass
-gegen die Obrigkeit, und endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur
-Erreichung dieser verbrecherischen Ziele zu gründen«.
-
-Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: »dass er ebenfalls (gleich Durow)
-an diesen verbrecherischen Plänen teilgenommen, dass er einen Brief
-Belinskys an Gogol verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die
-rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und dass er den
-Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von Schriften gegen die Obrigkeit
-im Verein mit anderen eine geheime Lithographie herzustellen.«
-
-Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der Arretierung ihm sehr
-beschwerlich gewesen war, wurde nach seiner acht Monate währenden
-Untersuchungshaft bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und
-das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen und
-schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so dass er endlich, dessen
-müde, sich selbst einen bedeutend grösseren Anteil bei der Sache
-vindicierte, als er in der That daran genommen hatte, und so hoffte,
-dieselben Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken.
-
-Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen
-lassen wir hier in getreuer Übersetzung des Original-Manuskripts folgen.
-Oberflächlichen Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen
-dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt dieser,
-im August 1898 in der »N. Fr. Presse« durch uns veröffentlichten
-Verteidigungsschrift lediglich ein »advokatorisches Meisterstück«. Wer
-des Dichters Grundnatur und seinen inneren Entwickelungsgang näher
-kennt, wird dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky
-»das Zeug zum Verschwörer« haben mochte, wie man von ihm sagte, und
-so oft er selbst von einer »Umkehr« spricht, lag doch der
-slavisch-mystische Wesenskeim zu tief in seiner Natur, um nicht bei der
-ersten Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden und
-endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der Atheismus, welchem er
-sicher um jene Zeit gehuldigt haben muss, und der sich dreissig Jahre
-später im herrlichen Kapitel »Der Grossinquisitor« wiederspiegelt,
-dieser Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen
-Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus in
-Glaubenssachen, wie er das endgiltige Merkmal des echten Revolutionärs
-ist. Wenn wir hier diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf
-hinweisen, dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit und
-berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche Wahrheit enthalten
-ist, namentlich an jener Stelle, wo Dostojewsky die bekannte Aksakowsche
-Geschichts-Anschauung entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen
-Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht, um ihn »rein
-zu waschen« oder »päpstlicher als der Papst« zu sein, sondern um den
-Wendungen und Windungen dieser höchst komplizierten Natur nachzugehen,
-die sich oft »zur Wahrheit durchlog«, mit der Wahrheit spielte und der
-es doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig bewegte Geist
-nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede lautet wie folgt:
-
- Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse
- Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der
- Untersuchungs-Kommission unter dem Vorsitze des
- General-Adjutanten Nabokow am 20. Juni 1849.
-
-»Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über Petraschewsky und
-über jene Leute, welche seine Freitags-Abende besuchten, weiss, aussagen
-soll, das heisst, man verlangt meine Aussage über Fakten und meine
-persönliche Meinung über diese Fakten.
-
-Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre zusammenhalte, so
-schliesse ich, dass man von mir eine genaue Antwort auf folgende Punkte
-fordert:
-
-1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky als Mensch im
-allgemeinen und als Politiker im besonderen hatte.
-
-2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei Petraschewsky
-vorging, sowie meine Meinung über diese Abende.
-
-3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der Gesellschaft
-Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky selbst ein für die
-Gesellschaft schädlicher Mensch und in welchem Grade er es war.
-
-Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky gestanden,
-obwohl ich an Freitags-Abenden zu ihm kam und auch er mich besuchte.
-
-Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir nicht allzu viel
-gelegen war, da ich weder im Charakter noch in vielen Anschauungen mit
-Petraschewsky übereinstimmte. Darum erhielt ich diese Beziehung nur
-insoweit, als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte ihn
-etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. Ihn aber vollständig
-aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; überdies war es mir manchmal
-interessant, seine Freitage zu besuchen.
-
-Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten im
-Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere Bekanntschaft begann sogar
-damit, dass er bei der ersten Zusammenkunft durch seine
-Absonderlichkeiten meine Neugierde erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft
-zu ihm; es geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm war.
-Im vorigen Winter war ich vom September angefangen nicht mehr als
-achtmal bei ihm. Wir waren niemals intim mit einander, und ich glaube,
-dass wir während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals mehr als
-eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander gesprochen haben. Ich
-habe sogar entschieden bemerkt, dass er, indem er zu mir kam, gleichsam
-eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes
-Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe der Fall, da wir,
-wie ich wiederhole, weder in den Ideen noch in den Charakteren
-Vereinigungspunkte hatten. Wir fürchteten beide, länger mit einander zu
-sprechen, da wir vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten,
-dies aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere
-gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens weiss ich, dass
-ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft nicht sowohl um seiner selbst
-willen und wegen der »Freitage« fuhr, als um dort manche Leute zu
-treffen, die ich, obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich
-selten sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky
-immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen geachtet.
-
-Über seine Excentrizitäten und Absonderlichkeiten sprechen viele, fast
-alle, welche ihn kennen oder von ihm gehört haben, und beurteilen ihn
-sogar danach. Ich habe mehreremale die Meinung äussern hören, dass
-Petraschewsky mehr Geist als Vernunft habe; thatsächlich wäre es sehr
-schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten zu erklären. Es geschah nicht
-selten, dass man ihn bei einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin
-er gehe und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches
-antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er soeben
-auszuführen ginge, dass man nicht wusste, was man vom Plan und von
-Petraschewsky selbst denken sollte. Um einer Sache willen, welche keinen
-Deut wert ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein ganzes
-Vermögen handle. Ein andermal eilt er auf eine halbe Stunde irgend
-wohin, um ein ganz kleines Geschäftchen abzumachen, beendet aber dieses
-»kleine Geschäftchen« ungefähr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der
-sich fortwährend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung ist, den
-immer irgend etwas treibt. Er liest viel, schätzt das System Fouriers
-und hat es sich bis ins Detail angeeignet. Ausserdem beschäftigt er sich
-hauptsächlich mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was ich
-von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche zu unvollständig sind,
-um einen Charakter solcher Art vollkommen zu beurteilen. Denn das
-wiederhole ich noch einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen
-zu ihm gestanden.
-
-Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische Person
-betrachtet) irgend ein bestimmtes System in seinen Meinungen, irgend
-eine bestimmte Anschauung in politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe
-bei ihm nur Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht das
-seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass besonders Fourier es
-ist, welcher ihn daran hindert, die Dinge selbständig anzusehen. Ich
-kann übrigens unbedingt sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der
-Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen Systems auf
-unsere gesellschaftlichen Zustände möglich sei. Davon war ich immer
-überzeugt.
-
-Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei ihm versammelte,
-bestand fast ausschliesslich aus seinen nahen Freunden oder alten
-Bekannten; so denke ich wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue
-Personen auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, ziemlich
-selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich nur einen sehr kleinen Teil
-genauer. Andere kenne ich nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre
-Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys
-kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit einem oder zwei Jahren
-an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. Allein, obwohl ich nicht alle
-Personen gut kenne, habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle
-diese Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die eine
-widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit in der
-Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei Richtung, keinerlei
-gemeinschaftliches Ziel. Man kann unbedingt sagen, dass man dort nicht
-drei Menschen fände, welche in irgend einem Punkte über ein beliebig
-aufgegebenes Thema übereinstimmten. Daher gab es viele Debatten, daher
-der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! An einigen
-dieser Streitigkeiten habe auch ich teilgenommen.
-
-Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen Streitigkeiten
-teilgenommen habe und über welches Thema ich hauptsächlich sprach, muss
-ich einige Worte über das sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich
-weiss ich bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man hat mir
-nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen Besprechungen bei
-Petraschewsky teilgenommen, dass ich wie ein Freidenker gesprochen und
-zuletzt einen Artikel vorgelesen habe: »Briefwechsel Belinskys mit
-Gogol«. Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute das
-Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, Liberaler zu
-definieren. Was versteht man unter diesem Worte: Einen Menschen, welcher
-ungesetzlich spricht? Ich habe aber Menschen gesehen, für die es
-gesetzwidrig sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf
-schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche im stande
-sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, was nur ihre Zunge
-herunterzudreschen vermag. Wer hat meine Seele gesehen? Wer hat den Grad
-von Treubruch, von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen
-man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese Bestimmung gemacht
-worden? Es kann sein, dass man nach einigen Worten urteilt, welche ich
-bei Petraschewsky gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe
-ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht politischen
-Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit und menschlichen Egoismus.
-Ich erinnere mich nicht, dass irgend etwas Politisches oder
-Freidenkerisches in meinen Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht,
-dass ich mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen und
-mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein ich kenne mich, und
-wenn man meine Anklage auf einige Worte gründet, die man im Fluge
-erhascht und auf einen Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich
-auch eine solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen
-Beschuldigungen die gefährlichste ist; denn es giebt nichts
-Verderblicheres, Verwirrenderes und Ungerechteres als einige in der
-Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von weiss Gott wo
-herausgerissen sind, sich auf weiss Gott was beziehen, im Fluge gehört
-und im Fluge verstanden worden, am alleröftesten jedoch gar nicht
-verstanden worden sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte
-sogar eine solche Anschuldigung nicht.
-
-Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei ist, so bin ich
-vielleicht in diesem Sinne ein Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem
-Sinne, in welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden kann,
-der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, ein Staatsbürger zu
-sein, das Recht empfindet, seines Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in
-seinem Herzen sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein
-trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen werde.
-
-Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er sich auf das Mögliche
-oder das Unmögliche? Mag man mich auch beschuldigen, die Veränderung,
-den Umsturz auf gewaltsamem, revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu
-Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte nicht, dessen
-überführt zu werden, denn keine Angeberei der Welt wird mir etwas geben
-oder etwas nehmen: keine Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu
-sein, als ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, dass
-ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu schweigen andere als
-ihre Pflicht erachten, nicht etwa, weil sie sich fürchten, etwas gegen
-die Obrigkeit zu sagen (das kann man ja auch nicht im Gedanken!),
-sondern weil nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von dem
-es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut bespricht. Ist es das?
-Mich aber hat sie sogar immer verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die
-eher imstande ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu
-sein. Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit nicht
-genügenden Schutz gewähren, und dass man um eines leeren Wortes, um
-einer unvorsichtigen Phrase willen verloren sein konnte.
-
-Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, dass man ein lautes,
-offenes Wort, das halbwegs einer Meinung ähnlich sieht und geradaus,
-ohne Hinterhalt, ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet!
-Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser wäre, wenn
-wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger wären. Es hat mir immer
-Kummer gemacht, dass wir alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas
-fürchten, dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen Plätzen
-zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, finster anschaut, ihn
-von der Seite misst und wir immer irgend jemanden verdächtigen. Fängt
-zum Beispiel irgend wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar
-flüsternd und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die Republik
-seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man wird sagen: »Es ist auch
-besser, dass man bei uns nicht auf dem Markte schreit.« Ohne Zweifel
-wird niemand ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein
-übertriebenes Schweigen und eine übermässige Angst werfen auf unser
-Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles in einem freudlosen,
-unfreundlichen Lichte erscheinen lässt, und was das Beleidigendste ist,
-dieses Kolorit ist ein falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos,
-unnütz (ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter nichts
-als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen nur selbst
-unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei und unser
-Misstrauen. Denn aus diesem gespannten Zustande entsteht oft viel Lärm
-um nichts. Da erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort
-bedeutend mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt durch die
-Excentricität, in der es da erscheint, manchmal kolossale Dimensionen an
-und wird unrichtigerweise anderen (ungewöhnlichen und nicht wirklichen)
-Ursachen zugeschrieben. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine
-bewusste Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, die nicht
-widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem Winde umgeworfen wird,
-der sich erhebt. Das Bewusstsein aber reift nicht, lebt sich nicht aus,
-wenn du schweigst. Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir
-zerbröckeln uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. Wer
-trägt aber an diesem Zustande die Schuld? Wir, wir selbst und kein
-anderer -- ich habe immer so gedacht.
-
-Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche als Beispiel
-angeführt habe, so bin ich doch selbst weit entfernt davon, ein Schreier
-zu sein; dies wird jeder von mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es
-nicht, viel und laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich
-sehr wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo ich auch
-den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen Menschen habe. Ich
-habe sehr wenig Bekanntschaften; die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit
-ein, welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die Krankheit, die
-in hypochondrischen Anfällen besteht, an welchen ich schon nahezu drei
-Jahre leide. Es bleibt kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren,
-was in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt daher äusserst
-wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt gegen das System des allgemeinen,
-gleichsam systematischen Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so
-geschieht es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung
-auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu verteidigen. Allein
-wessen klagt man mich denn an? Man klagt mich an, dass ich über Politik,
-über den Westen, über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht
-denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt nicht an sie?
-Wozu habe ich denn gelernt, warum ist durch das Studium Wissbegierde in
-mir erweckt worden, wenn ich nicht das Recht haben soll, meine
-persönliche Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer
-anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine Autorität ist?
-Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, spielt sich ein ungeheures Drama
-ab; es kracht und zerbröckelt sich die Jahrhunderte alte Ordnung der
-Dinge. Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen jeden
-Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation bei ihrem Einsturz mit
-sich zu reissen. 36 Millionen Menschen stellen jeden Tag buchstäblich
-ihre ganze Zukunft, ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf das
-Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit,
-Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die Seele zu erschüttern? Dies ist
-dasselbe Land, welches uns Wissenschaft, Bildung, europäische
-Zivilisation gegeben hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist
-schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre von der
-Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, uns, denen man einen
-gewissen Grad von Bildung gegeben, in denen man den Durst nach
-Kenntnissen und Kultur geweckt hat -- kann man uns denn dafür anklagen,
-dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und da über den Westen,
-über die politischen Ereignisse zu sprechen, die Bücher vom Tage zu
-lesen, der Bewegung des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu
-studieren? Kann man mich denn deswegen anklagen, dass ich mit einem
-gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche das unglückliche
-Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst, dass ich vielleicht diese
-historische Krisis für unumgänglich halte, als einen Übergangszustand
-(wer kann es jetzt beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte,
-welcher endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese Meinung,
-weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei über den Westen und
-die Revolution niemals erstreckt.
-
-Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen habe, wenn ich
-mir erlaubt habe, über die gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt
-daraus, dass ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen
-hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass ich diese
-untergrabe? -- Unmöglich! Für mich hat es niemals einen grösseren Unsinn
-gegeben, als die Idee einer republikanischen Staatsform in Russland.
-Allen, welche mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja,
-endlich wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen Überzeugungen,
-meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es kann sein, dass ich mir noch die
-Revolution des Westens und die historische Unumgänglichkeit der Krisis,
-welche sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige
-Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger Kampf der
-Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen, welche sich durch
-Eroberung, Gewaltsamkeit und Unterdrückung auf einer Fremdkultur
-gründete. Und bei uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen
-gebildet, davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das Sinken
-Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der Schwächung und
-Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände der Nowgorodschen
-Republik, einer Republik, welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf
-slavischer Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die
-zweimalige Rettung Russlands durch die Macht der Autorität, durch die
-Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch die Vertreibung der
-Tataren, das zweite Mal in der Reform Peters des Grossen, da nur der
-warme kindliche Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand
-setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben zu ertragen. Ja,
-und wer denkt denn bei uns an Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen,
-so wird es sogar für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag,
-dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch kräftigeren
-Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in revolutionärer Weise vor
-sich gehen sollen. Ich denke nicht, dass in Russland ein Liebhaber des
-russischen Aufstandes gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele
-davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon lange her ist,
-dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe ich mich jetzt an meine
-eigenen oft wiederholten Worte erinnert, dass alles Gute, das es nur
-jemals in Russland gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer
-von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten aber noch nichts
-aufgetaucht ist als Eigensinn und Rohheit. Diese meine Meinung wissen
-viele, die mich kennen.
-
-Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose Strenge in
-unserer Zeit; ich habe darüber geklagt, denn ich habe gefühlt, dass da
-ein Missverständnis sich gebildet hat, aus welchem ein für die
-Litteratur schwerer und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war
-mir ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren Tagen
-durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; dass die Zensur den
-Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben hat, als eine Art
-natürlichen Feind der Obrigkeit ansieht und sich daran macht, seine
-Manuskripte mit einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es
-macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk verbietet, nicht
-weil man darin irgend etwas Liberales, Freidenkerisches, der Obrigkeit
-Widerstreitendes fände, sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung
-oder der Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild darin
-aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in der Gesellschaft
-anklagt oder verdächtigt, und obwohl die Tragödie selbst auf eine
-durchaus zufällige und äusserliche Weise vor sich gegangen. Man möge
-doch alles durchsehen, was ich geschrieben, sei es gedruckt oder
-ungedruckt, man möge die Handschriften meiner schon gedruckten Werke
-durchlesen, da wird man sehen, wie sie vor der Übergabe an die Zensur
-beschaffen waren; man suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die
-Sittlichkeit und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet wäre. Und
-dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot unterworfen, einzig nur
-darum, weil das Bild, das ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt
-war. Wenn sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses
-verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor der
-Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, schlimmer als
-das, denn die Arbeit gab mir die Mittel zu meiner Erhaltung.
-
-Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei allem Harm, ja fast
-in Verzweiflung (denn von der Geldfrage ganz abgesehen, ist es bis zur
-Verzweiflung unerträglich, das Werk, das man geliebt hat, daran man
-Arbeit, Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus
-_Missverständnis_, aus _Misstrauen_ verboten zu sehen), ich musste also
-überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung so viele leichte,
-heitere Stunden finden, um in dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit
-heiteren, rosenfarbigen, angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben
-musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich geredet habe, wenn
-ich mich ein wenig beschwert habe (und ich habe mich so wenig beklagt!)
--- war ich darum ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert?
-Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich mit allen Kräften
-gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder Schriftsteller schon von
-vornherein verdächtigt wird, dass man ihn ohne Verständnis, mit
-Misstrauen ansieht, und habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf
-erhoben, dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses
-verderbliche Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum, weil es
-für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten Lage zu bestehen.
-Ganze Kunstarten müssen auf diese Weise verschwinden. Die Satire, die
-Tragödie können nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge
-unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ja sogar keine
-Puschkins bestehen. Die Satire verspottet das Laster und meistens das
-Laster, das unter der Tugendmaske einhergeht. Wie kann man sich jetzt
-auch nur die geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in allem
-eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter sei, dass das
-vielleicht vom Autor auf irgend eine Persönlichkeit, auf irgend eine
-Ordnung der Dinge gemünzt sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass
-ich, alles Harms vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der
-Zensor in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft
-schädlich und für den Druck unzulässig erachtete. Ich lachte darum, weil
-in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe gar niemandem als dem Zensor in
-den Kopf kommen konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert
-man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor sichtlich mit der
-Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte wie einer ewigen unwandelbaren
-Idee nachjagt, die sein Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen
-hat, die er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst in seiner
-Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, selbst mit furchtbaren,
-nie dagewesenen Farben ausgemalt hat, bis er zuletzt sein Phantom
-mitsamt der unschuldigen Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen
-Satz des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man das Laster
-und die traurige Seite des Lebens verdeckt, damit vor dem Leser auch das
-wirkliche Laster und die traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein!
-Der Schriftsteller wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens
-vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken, sondern
-vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, dass er nicht aufrichtig, nicht
-gerecht sei. Ja, kann man denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann
-denn die helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen
-Hintergrund? Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht und
-Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum einen Begriff, weil auch
-Schatten vorhanden ist. Man sagt: man beschreibe nur Vorzüge und
-Tugenden. Aber wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; die
-Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden, dass das
-Gute und das Böse immer nebeneinander dagewesen sind. Wollte ich aber
-nur daran denken, Rohheit, Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu
-bringen, sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen, wird
-denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne Ausnahme anwende.
-Ich bin nicht auf die Schilderung des Lasters und der düsteren Seiten
-des Lebens erpicht! Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich
-spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich sah und mich
-davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur und der Zensur ein
-Missverständnis bestehe (nur Missverständnis, weiter nichts), habe ich
-darüber geklagt, habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so
-schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur liebe und
-nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren, weil ich weiss, dass
-die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, ein Spiegel der
-menschlichen Gesellschaft ist. Mit der Kultur und Zivilisation treten
-neue Begriffe auf, welche eine Bestimmung, eine russische Benennung
-brauchen, um dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist es,
-das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte, da die
-Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern von oben. Nur jene
-Gesellschaft vermag den neuen Begriffen einen Namen zu geben, welche die
-Zivilisation vor dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der
-Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen kultiviert
-worden ist. Wer ist es denn, der die neuen Ideen in eine solche Form
-giesst, dass das Volk sie verstehe? Wer anders als die Litteratur! Ohne
-sie wird die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke
-aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was man von ihm will.
-Wie war die russische Sprache zur Zeit Peters des Grossen beschaffen?
-Halb russisch und halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe,
-deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten. Allein das
-russische Volk spricht nicht deutsch, und das Erscheinen Lomonossows
-sofort nach Peter dem Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die
-Gesellschaft nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen war, und
-ich wiederhole es zum zehntenmale: das Missverständnis, das zwischen der
-Litteratur und den Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich.
-Da redete ich -- allein ich redete nie von Übereinstimmung, von
-Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses. Ich hetzte
-niemanden um mich herum auf, _da ich ein Glaubender war_. Ja, und ich
-sprach davon nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen
-Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei?
-
-Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende bei Petraschewsky den
-Artikel »Korrespondenz Belinskys mit Gogol« vorgelesen habe. Ja, ich
-habe diesen Artikel gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt
-hat, sagen, für welche der beiden korrespondierenden Personen ich Partei
-genommen habe? Er möge sich nur erinnern, ob etwa in meinen Ansichten
-(die ich übrigens zurückhielt), oder etwa in meiner Intonation, in
-meinen Gesten etwas lag, das kundgegeben hätte, ob ich mich der einen
-oder der anderen Person gegenüber parteiischer verhalten habe! Natürlich
-wird er das nicht sagen. Belinskys Brief ist allzu seltsam geschrieben,
-als dass er irgend welche Sympathie erwecken könnte. Schmähungen stossen
-die Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief aber ist von
-Schmähungen und Galle erfüllt. Endlich ist der ganze Brief ein Beispiel
-ohne Beweiskraft -- ein Mangel, den Belinsky in seinen kritischen
-Artikeln niemals ablegen konnte und der im Verhältnisse zur Erschöpfung
-seiner physischen und geistigen Kräfte durch die Krankheit immer
-zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre seines Lebens zur Zeit
-seines Aufenthaltes im Auslande geschrieben worden. Eine gewisse Zeit
-lang war ich ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch
-betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit, welche ihn
-niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen. Sie hat seine Seele
-grausam und starr gemacht und sein Herz mit Galle erfüllt. Seine
-zerrüttete, überspannte Einbildungskraft vergrösserte alles ins
-Kolossale und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte. Es
-traten bei ihm Mängel und Fehler auf, von welchen im gesunden Zustande
-auch keine Spur vorhanden war. Unter anderem zeigte sich eine äusserst
-reizbare und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren
-Mitarbeitern er zählte und wo er seiner Krankheit wegen sehr wenig
-arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hände gebunden und liess ihn
-nicht allzu ernste Artikel schreiben. Das verletzte ihn. In dieser
-Stimmung nun war es, dass er seinen Brief an Gogol schrieb. In der
-Schriftstellerwelt ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige
-Entzweiung mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens nicht unbekannt.
-Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung bekannt: es handelte
-sich um Ideen über Litteratur und um die Richtung derselben. Meine
-Anschauung war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt. Ich
-machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemühe, der Litteratur eine
-besondere, ihrer nicht würdige Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur
-Beschreibung -- wenn man so sagen darf -- von _Zeitungsfakten_ oder
-skandalösen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm namentlich, dass
-man mit Galle niemanden an sich ziehe, sondern vielmehr alle und jeden
-tödlich langweilen werde, wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg
-läuft, anpackt, jeden Vorübergehenden am Knopfe seines Rockes festhält,
-ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines Besseren belehren will.
-
-Belinsky wurde böse auf mich, und so gingen wir endlich von Erkältung zu
-förmlichem Bruch über, so dass wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten
-Lebensjahres nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt, diese
-Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz ein ziemlich
-bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt. Sowohl Belinsky als Gogol
-sind höchst bedeutende Persönlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander
-sind sehr interessant -- umsomehr für mich, da ich mit Belinsky bekannt
-gewesen war. Petraschewsky hatte diese Briefe zufällig in meiner Hand
-erblickt und gefragt: Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie
-sogleich zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu bringen.
-Ich hatte mich selbst dazu angetragen und musste nun mein Wort halten.
-Ich habe diesen Artikel wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr,
-nicht weniger, vorgelesen, fest überzeugt, dass er niemanden verlocken
-könne, obwohl er eines gewissen litterarischen Wertes nicht ermangelt.
-Was mich anbelangt, so bin ich buchstäblich nicht mit einer einzigen der
-Übertreibungen einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte
-ich, folgenden Umstand in Erwägung zu ziehen: Würde ich es denn
-unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen, mit welchem ich
-gerade um seiner Ideen willen im Streite gelegen hatte (das ist kein
-Geheimnis, es ist vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken
-Zustande, in geistiger und seelischer Zerrüttung geschriebenen Artikel,
-würde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen, ihn als ein Vorbild,
-eine Formel aufzustellen, der man nacheifern muss? Ich habe erst jetzt
-begriffen, dass ich damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht
-in der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber damals habe ich
-mich nicht besonnen, denn ich habe auch nicht geahnt, wessen man mich
-beschuldigen kann, habe keine Sünde darin vermutet. Aus Achtung für
-einen schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden Menschen,
-dessen Urteil man um einiger litterarisch-ästhetischer Artikel willen
-schätzt, die thatsächlich mit grosser Kenntnis der Litteratur
-geschrieben sind; endlich aus dem heiklen Gefühl, welches gerade durch
-meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche vielen bekannt
-sind) in mir verursacht wurde, las ich die ganze Korrespondenz, mich
-jeder Bemerkung enthaltend und mit vollständiger Unparteilichkeit.
-
-Ich habe erwähnt, dass ich über Politik, über Zensur und anderes
-gesprochen habe; aber da habe ich unnütz über mich ausgesagt. Ich wollte
-damit nur ein Bild meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei
-Petraschewsky über diese Gegenstände gesprochen. Ich habe bei ihm nur
-dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen: einmal über Litteratur
-anlässlich eines Streites mit Petraschewsky über Krylow, und ein
-zweitesmal über Persönlichkeit und über Egoismus. Im allgemeinen bin ich
-kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut zu sprechen, wo
-mir fremde Personen gegenwärtig sind. Meine Denkungsart, sowie meine
-ganze Person sind nur sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen
-Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern nach, nur um in Ruhe
-gelassen zu werden. Aber ich wurde zu diesem litterarischen Streite
-herausgefordert durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess,
-dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die Kunst sich selbst
-Zweck ist, dass der Autor sich nur um das Künstlerische zu kümmern habe;
-die Idee werde schon selbst erscheinen, denn sie ist die unumgängliche
-Bedingung des Künstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass
-diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung diametral
-entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt, dass ich diese
-Richtung schon durch mehrere Jahre vertrete. Endlich haben alle bei
-Petraschewsky unseren Streit gehört, alle können das bezeugen, was ich
-gesprochen habe. Es hat damit geendigt, dass es sich zeigte, dass
-Petraschewsky dieselben Ideen über Litteratur hatte, wie ich, dass wir
-einander aber nicht verstanden. Dieses Resultat unseres Streites haben
-viele gehört, und ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus
-Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys genaue
-Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was nun das zweite Thema
-anbelangt, über Persönlichkeit und Egoismus, so wollte ich darin
-nachweisen, dass unter uns mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Würde
-vorhanden sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbröckelung der
-Persönlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher Eigenliebe, aus
-Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer Arbeiten. Dies ist ein rein
-psychologisches Thema. Ich habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche
-bei Petraschewsky zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein,
-nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken noch in der
-Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien ein Streit zu sein, der
-einmal begann, um niemals beendet zu werden. Um dieses Streites willen
-kam auch die Gesellschaft zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast
-jedesmal ging man auseinander, um das nächstemal den Streit wieder mit
-erneuerter Kraft aufzunehmen, da man fühlte, dass man auch nicht den
-zehnten Teil dessen gesagt habe, was man hätte sagen mögen. Ohne
-Debatten wäre es bei Petraschewsky höchst langweilig gewesen, weil nur
-Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem Charakter zu
-verbinden vermochten. Man sprach über alles, aber über nichts
-ausschliesslich, und man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der
-sich zufällig zusammenfindet. Ich bin überzeugt davon. Und wenn ich
-manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky teilgenommen habe, wenn ich
-zu ihm ging und nicht erschrak, wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde,
-so geschah dies deshalb, weil ich vollkommen überzeugt war (und das bin
-ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft, im Kreise
-gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys, aber nicht öffentlich vor
-sich ging. So war es thatsächlich, und wenn man jetzt eine so
-ausschliessliche Aufmerksamkeit dem zuwendet, was bei Petraschewsky
-vorging, so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky durch seine
-Sonderbarkeiten und Excentricitäten fast ganz Petersburg bekannt war und
-daher auch seine Abende bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass
-das Gerede ihre Bedeutung übertrieb, obwohl im Gerede der Leute mehr
-Spott über Petraschewskys Abende enthalten war als Besorgnis.
-
-Darüber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen wurde (aber immer im
-Sinne des Zweifels und so, dass Streit daraus entstand), war ich nicht
-beunruhigt, weil es nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein
-hitziges Paradoxon, irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt
-(natürlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise),
-anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang zu bleiben, sich in seiner
-Seele zu verhärten und einzuwurzeln. Gemeinsamer Streit ist nützlicher
-als Vereinsamung. Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der gesunde
-Verstand wird den Sieg davontragen. So habe ich diese Versammlung
-betrachtet und bin auf Grund dieser Anschauung manchmal hingegangen. Die
-Erfahrung hat mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhörte, über den
-Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als Lehre betrachtet,
-von allen Seiten mit Spott überschüttet. Wenn aber bei Petraschewsky
-irgend jemand es unternommen hätte, über eine Anwendung des Fourierschen
-Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen, so hätte man ihm
-sofort ohne alle Umstände ins Gesicht gelacht. Ich spreche so, weil ich
-von der Wahrheit meiner Aussage überzeugt bin.
-
-Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein geheimer Zweck von der
-Gesellschaft Petraschewskys verfolgt wurde, kann man auf das
-nachdrücklichste sagen, dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders
-von Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen, Charakteren,
-Persönlichkeiten, Spezialitäten, dieser Streitigkeiten, welche fast bis
-zur Feindseligkeit gingen und nichtsdestoweniger nur Debatten blieben,
-in Anbetracht also alles dieses kann man auf das nachdrücklichste sagen,
-dass unmöglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem Chaos vorhanden
-sein konnte. Hier war auch nicht der Schatten einer Einheit und könnte
-auch keiner bis an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl ich
-nicht alle Männer und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys kannte, so
-kann ich unbedingt nach dem, was ich gesehen habe, sagen, dass ich mich
-nicht irre.
-
-Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage, zur Antwort, welche
-meine Rechtfertigung abschliesst; es ist diese: Ist Petraschewsky selbst
-ein gefährlicher Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft
-schädlich?
-
-Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte, konnte ich sie nicht
-geradeaus beantworten. Ich hätte vorher in mir eine ganze Reihe von
-Fragen und Zweifeln entscheiden müssen, welche sofort in meinem Geiste
-entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle beantworten konnte,
-welche einen bestimmten Grad von Sammlung forderten, und darum stand ich
-da, ohne zu wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles
-klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen Erwägungen, als
-auch schliesslich die Antwort auf die mir gestellte Frage als
-Schlussfolgerung dieser Erwägungen hier vorlegen.
-
-Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der Gesellschaft schädlich
-sei, so verstehe ich darunter vor allem, ob er es als Fourierist, als
-Anhänger und Verbreiter der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng
-beschriebenes Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich die
-Schrift darin erkennen würde. Ich kenne Petraschewskys Handschrift
-nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert und ich habe unbedingt nicht
-vermutet, dass er sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit
-Überzeugung); darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als einem
-Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine theoretischen
-Überzeugungen, ja und diese kaum, da wir auch ein theoretisches Gespräch
-über Fourier selten, fast niemals anknüpften, da unsere Gespräche sich
-sofort in Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plänen aber
-und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals etwas mitgeteilt, und ich
-weiss endgiltig nicht, hat er solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn
-er auch solche gehabt hätte, was ich durchaus nicht weiss, so würde er
-sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand und keine grosse
-Freundschaft uns verband, sicherlich (ich bin davon überzeugt) alles vor
-mir verborgen und mir kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits
-hatte auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu lernen.
-Deshalb kann ich unbedingt nichts über Petraschewsky als Fourieristen
-sagen, ausser in einem rein wissenschaftlichen Sinne.
-
-Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers schätzt; als
-Fourierist kann er natürlich nichts anderes wünschen, als dass man mit
-ihm sympathisiere. Aber man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache.
-Zieht er nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in der
-Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung der
-Fourierschen Lehre in der Jugend zu bewirken? Ich erwidere: ich kann
-unbedingt nichts über diese Sache sagen, weil ich keine genügenden Daten
-habe und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne. Man hat
-mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden ein gewisser Lehrer Toll
-sich befinde. Allein Toll ist mir vollkommen unbekannt, und dass er ein
-Lehrer sei, habe ich erst kürzlich erfahren. Was aber Jastrzembski
-anbelangt, so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als er über
-politische Ökonomie sprach. Sonst kenne ich keinen Lehrer. Da ich nicht
-nur in keinerlei nahen, sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll
-stehe, so kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit
-Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander kennen lernten, noch
-die Beziehungen, in welchen sie zu einander standen; mit einem Worte, es
-war mir ganz uninteressant, das zu wissen. Was nun Jastrzembski
-anbelangt, so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art seiner
-ökonomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur zweimal in der Lage war,
-ihn zu hören. Er ist, so viel mir scheint, ein Ökonomist der neuesten
-Schule und lässt den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten
-Professoren thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch seine
-kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil seiner Arbeit viel
-wissenschaftlich Nützliches geleistet. Mit einem Worte, ich nehme an,
-dass Jastrzembski weit davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und
-dass er von Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken,
-dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht kenne, dass ich niemals ein
-Gespräch mit ihm angeknüpft habe, und es scheint, dass auch er sich in
-der gleichen Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild seiner
-Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von den meinen hat. Also kann
-ich über Petraschewsky als Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen
-und Vorstellungen urteilen.
-
-Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich weiss, dass meine
-Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende angenommen wird;
-immerhin wird sie eine Aussage bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der
-Irrtum wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir eine
-Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich früher nichts wusste.
-Ich habe einen Satz dieser Handschrift gelesen. In diesem Satze ist der
-heisse Wunsch ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als
-möglich siegen möge. Wenn die ganze Handschrift in diesem Sinne
-geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als die seine anerkannt hat, so
-hat er natürlich die Verbreitung des Fourierschen Systems gewünscht. Ob
-er jedoch thatsächlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat, ist
-mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine Geheimnisse
-unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich Glauben schenken kann.
-Niemand wird aussagen können, dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr
-nahen Beziehungen gestanden hätte. Ich kam an Freitagen als Bekannter zu
-ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen seiner Pläne und habe zum ersten
-Male diese Handschrift gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze
-durchaus nicht kenne. Und so vermag ich nichts darüber zu sagen, ob er
-irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen habe. Allein man möge
-mir erlauben, einige meiner eigenen Gedanken darzulegen, welche meine
-tiefsten Überzeugungen ausmachen, über welche ich lange nachgesonnen
-habe, welche mir früher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge
-welcher endlich ich bei der ersten Frage über die Strafbarkeit
-Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben konnte. Ich begriff, wie
-wichtig in den Augen der Richter Petraschewskys solche Beweise sein
-müssen, wie Bücher, Handschriften und Reden, welche abrissweise
-niedergeschrieben worden sind. Da man mich aber über ihn befragt, so
-möge man mir erlauben, meine Ansichten über seine ganze Angelegenheit
-hier auszusprechen.
-
-Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers ist ein
-friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schönheit, es bestrickt
-das Herz durch jene Menschenliebe, welche Fourier beseelte, als er sein
-System schuf, versetzt den Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und
-zieht nicht durch bittere Ausfälle an sich, sondern beseelt jeden mit
-der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es keinen Hass.
-Politische Reformen setzt sich Fourier nicht vor. Seine Reform ist eine
-ökonomische. Sie greift weder die Obrigkeit noch den Besitz an, und in
-einer der letzten Sitzungen der Kammer hat Victor Considérant, der
-Repräsentant der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die Familie
-abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches und wird niemals
-populär werden.
-
-Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der Februar-Revolution
-nicht ein einziges Mal auf die Gasse herabgestiegen, sie sind in der
-Redaktion ihres Journals geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20
-Jahre mit Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère
-zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich, erstens schon
-darum allein, weil es ein System ist; zweitens, wie schön es auch sei,
-bleibt es immer eine wesenlose Utopie, aber der Schaden, den diese
-Utopie anrichtet, ist, wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher
-komisch als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das in
-einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und ausgepfiffen worden
-wäre, wie das System Fouriers im Westen. Es ist schon lange tot, und
-seine Führer bemerken selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als
-lebendig Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke jedes
-System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich, denn die hungrigen
-Proletarier ergreifen in der Verzweiflung jedes Mittel, und aus jedem
-Mittel sind sie imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem
-Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt der Hunger die
-Leute auf die Gasse, den Fourierismus aber hat man aus Geringschätzung
-vergessen. Und sogar der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt
-ist, erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt,
-Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig Schritte auf der
-Strasse zu machen, um sich zu überzeugen, dass der Fourierismus auf
-unserem Boden nur bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen
-Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen,
-träumerischen Seele, aber nicht anders als in der Form einer Idylle,
-oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig Gesängen. Der Fourierismus kann
-keinen ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein
-ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein schon eine
-Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit langsam vollziehen.
-Um das System Fouriers vollkommen zu begreifen, muss man es studieren;
-das aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein Dutzend Bände
-durchlesen. Kann denn ein solches System populär werden? Vom Katheder
-herunter durch die Lehrer? Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen
-des Umfanges der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein
-ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das System Fouriers
-nicht entstehen, und wenn ein Fourierist Schaden bringt, so thut er es
-höchstens sich selbst, in der öffentlichen Meinung, bei denen, welche
-gesunden Menschenverstand besitzen; denn für mich ist die höchste Komik
--- eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus aber und mit
-ihm jedes System des Westens sind für unseren Boden so unbrauchbar,
-unseren Umständen so entgegen, dem Charakter unserer Nation so fremd,
-andererseits aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein Produkt
-des dortigen abendländischen Standes der Dinge, in welchem die
-proletarische Frage um jeden Preis entschieden wird, dass der
-Fourierismus mit seiner eindringlichen Unvermeidlichkeit jetzt bei uns,
-wo es kein Proletariat gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die
-allerunnützeste, in ihren Folgen die allerkomischeste wäre. Dies ist es,
-warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky für gescheiter halte und
-ihm niemals ernstlich zugetraut hätte, weiter als bis zu einer
-theoretischen Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. Alles
-übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz zu halten. Der
-Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer Mensch -- das ist
-meine Meinung. Endlich hat meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon,
-so viele ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen Kräften
-halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein Beweis davon ist, dass
-in Frankreich im Verlaufe eines Jahres fast alle Systeme fielen, und
-zwar durch sich selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste
-Bekräftigung herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss ich sagen,
-dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht weiss, ich wiederhole es
-noch einmal), dass Petraschewsky, vor keinerlei Spott zurückschreckend,
-sich noch immer um die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich
-dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der Gesellschaft
-Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, in welcher Weise könnte
-Petraschewsky als Verbreiter des Fourierismus schädlich sein? Das geht
-über meine Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine
-Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen auf die mir
-gestellte Frage antworten kann. Endlich ist in mir noch eine Erwägung
-aufgetaucht, die ich nicht verschweigen kann, eine Erwägung rein
-menschlicher Natur, wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange
-die Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von einer gewissen
-Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war Eigenliebe, die ihn
-veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, es war auch Eigenliebe,
-dass ihm die Freitage nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte
-er viele Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er
-besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als eine persönliche
-Beobachtung von mir, eine Mutmassung, denn, ich wiederhole es, alles,
-was ich über Petraschewsky weiss, weiss ich unvollständig, nicht
-vollkommen, sondern nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und
-gehört habe.
-
-Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen.
-
- Theodor Dostojewsky.
-
-Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember vom Kaiser
-unterschrieben worden war, verlesen wurde, war keiner unter ihnen, der
-Reue empfunden hätte. Sein persönliches Verhalten in dieser »längst
-vergangenen Geschichte«, sagt er in seinem »Tagebuche«, änderte sich
-erst viel später.
-
-Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen Untersuchungshaft
-verlief verhältnismässig günstig, was die äusseren Umstände betrifft. Er
-war im Alexejschen Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich
-auf eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung,
-spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben und lesen. Seine
-Gesundheit wurde merkwürdigerweise gerade in dieser Zeit fester. Sein
-ganzes Wesen war durch das Ereignis so erschüttert und nach innen
-gekehrt, dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis zum
-Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete, -- derart,
-dass nach den Aussagen seines Bruders Andreas fast jede Nacht auf seinem
-Tischchen ein Zettel lag, worauf geschrieben stand: »heute kann ich in
-lethargischen Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen
-begraben!« -- jede Angst und Sorge um sein Leben und seine Gesundheit
-verlor und schon dadurch widerstandsfähiger wurde. Seine innere Stimmung
-war zwar wechselnd, doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen
-Arbeitskraft quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder am 18.
-Juli: »Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... manchmal fühlst du
-sogar, als seist du an dieses Leben schon gewöhnt und es sei alles eins
-... aber ... ein anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen
-Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle Tage, und es
-ist etwas freundlicher geworden ... auch habe ich Beschäftigung. Ich
-habe die Zeit nicht vergeudet, habe drei Erzählungen und zwei Romane
-ausgedacht; an einem derselben schreibe ich jetzt.«
-
-Dieser »Roman« war nach Dostojewskys späteren Aufzeichnungen die
-Erzählung »Ein kleiner Held«, welche in den »Vaterländischen Annalen«
-anonym erschien, und zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der
-Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder Michael hatte
-das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch fügt seinen
-Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort konnte man nur das Unschuldigste
-schreiben). Der Biograph O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei
-aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische Figur
-aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten habe, und führt eine
-sehr charakteristische Stelle aus dieser Personalbeschreibung an. Sie
-lautet: »Auf alles hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz
-besonders versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre tiefe Sympathie
-für die Menschheit darzulegen ... endlich, um unumstösslich die Romantik
-zu geisseln, d. h. zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes
-Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.«
-
-Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit in die Hände
-einer eigenen, im Namen des Kaisers amtierenden Gerichtskommission unter
-dem Vorsitz des Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle
-Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die Sache ging jedoch
-an das General-Auditoriat über, wo sie kriegsrechtlich behandelt wurde.
-Sie wurde also kraft der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet,
-dass alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, ohne
-Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung der
-Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder mit revolutionären Mitteln
-angestrebt hatten, ob sie überhaupt einen Umsturz der Staatsverfassung
-angestrebt, oder, wie Dostojewsky, einen Brief »voll frecher Ausdrücke
-gegen Kirche und Staat« vorgelesen hatten -- zum Tode durch Füsilieren
-verurteilt wurden.
-
-Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, wann das Urteil
-verlesen werden würde. Am frühen Morgen des 22. Dezember -- so erzählt
-O. Miller -- bemerkten sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und
-ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer der Gefangenen,
-Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass dies um 6 Uhr war, und um 7
-Uhr setzte man sie auf die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten
-Dostojewskys hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen Gewänder
-anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines Aufsehers geschickt wurden.
-Speschnew, welcher nicht begreifen konnte, wohin man sie führe,
-vermutete, man wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber
-kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im
-Ordonnanzhause geschehen.
-
-Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew fragte unterwegs
-den Soldaten: »wohin führt man uns?« Dieser antwortete: »Es ist nicht
-befohlen zu sagen«. Es war starker Frost und so konnte man durch die
-beeisten Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf welcher Strasse
-man fahre .... Um sich davon zu überzeugen, wohin er geführt werde,
-versuchte Speschnew mit dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu
-machen, allein der Soldat sagte: »Thun Sie das nicht, sonst schlägt man
-mich«. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche Neugierde
-zu befriedigen. Es wurde schon oben gesagt, dass der Gedanke an die
-Todesstrafe ihnen gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch
-daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und durch den
-Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger vorgelesen werden
-würde, zum Zwecke, ihnen einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu
-verursachen. Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, brachte
-man sie auf den Semenowskyschen Platz und führte sie in einer gewissen
-Ordnung hinaus. Darauf führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor
-Michailowitsch erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und elf auf
-die andere Seite.
-
-Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, den
-Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung an den Bruder
-schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe
-Darlegung des erschütterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:
-
-»Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz
-hinausgeführt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das
-Kreuz zu umfassen gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen
-zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet.
-Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den
-Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei
-und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran
-kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich
-dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst
-du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; da erst erkannte ich, -- wie
-sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew,
-Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden.
-Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen führte man
-zurück und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestät uns das Leben
-schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm
-ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.«
-
-In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren
-verwertet hat, können wir in der Erzählung des Idioten, im Roman dieses
-Namens ersehen.
-
-Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere Kerkerstrafen
-war schon früher eigenhändig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an
-den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese
-Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in
-achtjährige Zwangsarbeit wurde in eine vierjährige Frist mit
-nachträglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt.
-
-Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.
-
- No. 522.
-
- 24. Dezember 1849.
-
- An den Herrn General-Adjutanten
- Graf Orloff.
-
- Rapport.
-
- Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher
- wurden: laut der von Seiner Majestät beschlossenen
- Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der
- Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow,
- Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach
- Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom
- Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg
- in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und
- Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im
- Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die
- Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.
-
- Der Festungs-Kommandant,
- General-Adjutant Nabokow,
- der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.
-
-[Fußnote 5: Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie auch
-ihre ganze Strafzeit abbüssten.]
-
-Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys
-und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den
-Moskauer Adelsarchiven und lautet:
-
- Archiv des Moskauer Adels.
- Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II
- (September 1850).
-
- Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der
- dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des
- Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres --
- enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten
- Bericht über die, durch das Kriegsgericht als
- Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die
- Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres
- verurteilten Verbrecher -- hiermit an: dass, unbeschadet der
- erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten
- Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich
- wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener
- Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten
- Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden
- verurteilt: der nicht gedient habende Edelmann (dworjanin) Alexei
- Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor
- Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch
- Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser
- (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten
- Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe
- Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als
- Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon
- eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte,
- auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach
- als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.
-
-Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem »Tagebuche eines
-Schriftstellers« aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag
-zurückkommend, sagt: »Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und
-hörten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich
-nicht für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu
-irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens
-die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet
-hätte, seine Überzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode
-durch Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz
-vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest überzeugt, dass es
-vollstreckt werden würde, und verlebten mindestens zehn furchtbare
-Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von
-uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt),
-und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prüften,
-mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche
-bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des
-Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden,
-die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten -- sie
-stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern
-sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, um dessentwillen uns
-vieles verziehen würde.« Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die
-»längstvergangene Geschichte« ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit
-und Reinheit seiner »Umkehr«; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität oder
-irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die
-ehemaligen Parteigenossen und jüngeren Propagandisten vorwarfen,
-veranlasst, so würde er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines
-überzeugten Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht er sich direkt
-und später in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise über seine
-Umkehr aus, am prägnantesten, wo er sagt: »Es ist uns recht geschehen
-mit dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.«
-
-Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von europäischen Lesern
-richtig aufgefasst zu werden, eines längeren und eingehenderen
-Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzählung rechtfertigen
-könnte, ja als er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit
-Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene
-Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhärten, welche auch dem
-»Gast auf eine Weile« nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort
-Dostojewskys zu erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen
-Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen des Westens in
-die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wünsche für dasselbe
-hineintragen. Das Volk »mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker
-der Zukunft wird zu rechnen haben«, dieses Volk im Namen unserer
-verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen,
-ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch
-Reformen, einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende,
-Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste
-ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht verstehen, und einem Kaiser
-Josef auf dem Throne würde es einen passiven Widerstand leisten, der
-dräuender und gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in
-Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum
-Bewusstsein dieser »Kraft zu wollen« kommen werden, nach einem
-Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist höchst
-intelligent und beharrlich, ja hartnäckig daneben), da wird es seine
-eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und
-dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur
-in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller
-kindlichen Liebe für sein Väterchen, den Zar für den Antichrist hält,
-und die vom Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht[6], ein solches
-Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener
-Historien, und es bedarf heute und für alle Zeiten (das bedingt seine
-Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei
-uns finden könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird
-selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverständlicher
-Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der
-Entscheidung seines eigenen Geschickes.
-
-Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute
-revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter
-anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als
-man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da
-weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer Studenten
-vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der
-Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das
-Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den
-Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk
-zusammen und fiel über die Studenten her. Es entstand ein blutiger
-Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden währte, sich bis an den
-Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei
-niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche
-Dostojewskys »Tagebuch eines Schriftstellers« kannten, wohl wussten,
-dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und
-»abgestrafter Staatsverbrecher« sei, und volles Vertrauen in sein Urteil
-setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine
-Anschauung über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.
-
-[Fußnote 6: Vergl. Leroy-Beaulieu: L'empire des tsars et les Russes Bd.
-III.]
-
-Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg
-antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu
-finden. Der Brief lautet:
-
- »Petersburg, am 18. April 1878.
-
- Sehr geehrte Herren Studenten.
-
-Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser
-meinem thatsächlichen Unwohlsein haben auch andere Umstände meine
-Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den
-Tagesblättern antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das aus
-Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich sei, wenigstens dass
-es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich zu beantworten. Zweitens
-dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da
-beantworten? Eure Fragen umfassen alles -- unbedingt das ganze interne
-Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? -- eine profession de
-foi?
-
-Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu
-schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im höchsten Grade unverständlich zu
-sein. Das aber wäre mir sehr unangenehm.
-
-Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, die Frage zu lösen,
-inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was für Schlüsse
-sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis
-ziehen sollen?
-
-Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in den Beziehungen der
-heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau
-gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton
-»_vorbeugender_ herablassender Entschuldigung« (Euch gegenüber, heisst
-das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle
-nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr
-abgegriffener Occasionston.
-
-Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts
-zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um
-ihr unwiderrufliches Urteil den »wilden Völkern« zu künden (dikim
-narotam).
-
-Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden sich ab, ja und sie
-haben (die Mehrzahl wenigstens) gar nichts mit Euch zu schaffen. Allein
-es giebt Leute, und derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der
-Gesellschaft, welche der Gedanke niederdrückt, dass die Jugend sich _vom
-Volk_ entfernt hat (das ist die Hauptsache und das erste) und dann, d.
-h. jetzt, auch von der Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in
-Träumereien und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in
-Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu lehren. Zuletzt
-aber, jetzt, ist sie _unzweifelhaft_ irgend einer ganz aussen stehenden
-(wnjeschnej) führenden, politischen Partei in die Hände geraten, die mit
-der Jugend schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur als
-Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen und besonderen
-Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, meine Herren; es ist so.
-
-Ihr fraget, meine geehrten Herren: »inwiefern Ihr selbst, die Studenten,
-schuldig seid?« Hier meine Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in
-gar nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, die Ihr
-jetzt hinter Euch lasset und welche »eine Lüge nach allen Seiten« ist.
-Aber indem er sich von ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet
-sich unser Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, in
-den »Europäismus«, in das abstrakteste Reich eines niemals dagewesenen
-Kosmopoliten, und bricht auf diese Weise auch mit dem Volke, indem er es
-verachtet und verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der
-er sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im Volke unser
-ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges Thema) ... die Losreissung
-aber vom Volke kann ebenfalls nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend
-gesetzt werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, _das Volk erdenken_
-(dodumatsoja do nawka)?
-
-Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk die Losreissung der
-intelligenten russischen Jugend gesehen und bemerkt hat; und das
-schlimmere dabei ist, dass es die von ihm bemerkten jungen Leute
-Studenten nennt. Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu
-Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen beim Volke
-selbst nur Widerwillen erweckt.
-
-»Junge Herrchen«, sagt das Volk (diese Benennung kenne ich; ich
-garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei aber besteht im
-wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite des Volkes, weil es noch
-niemals bei uns, in unserem russischen Leben eine solche Epoche gegeben
-hat, da die Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem
-Wendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in ihrer ungeheueren
-Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, reinen Herzens, mehr nach Wahrheit
-dürstend, mehr als jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die
-Wahrheit und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, die echte
-grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich schon lange und habe schon
-seit langem begonnen darüber zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt
-heraus? Dieses Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das sucht
-sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin ebenfalls mit der
-angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, zusammentreffend), aber
-nicht im Volke, nicht im Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem
-gegebenen Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das Volk
-kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu leben, gehen die jungen
-Leute, nichts im Volke kennend, sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen
-tief verachtend, zum Beispiel den Glauben, in das Volk -- nicht um es zu
-studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit Geringschätzung
--- ein rein aristokratischer Herrenstreich! »Junge Herrchen«, sagt das
-Volk und es hat recht. Seltsam: überall und immer sind die Demokraten
-fürs Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter russischer
-Demokratismus mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet; sie gehen
-ins Volk, »um ihnen Gutes zu thun«, und verachten dabei seine Sitten und
-seine Grundlagen. Geringschätzung führt nicht zur Liebe!
-
-Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen junger Leute den
-Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, macht Skandal. »Höret,
-würde ich diesen Kasanern sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht
-gesagt), Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum aber
-kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? Und das Volk
-nannte sie noch einmal »Jungherrchen« (Bartschenki) und, schlimmer als
-das, gab ihnen den Namen »Studenty«, obwohl viele Hebräer und Armenier
-darunter waren (die Demonstration war, wie es sich erwies, eine
-politische, von aussen hineingetragene). So hat, nach der That der
-Sassúlitsch, unser Volk abermals die Revolvermänner der Strasse
-»Studenten« genannt. Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten
-dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich schon merkt, dass Hass
-und Zwietracht begonnen haben. Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine
-Herren, das Moskauer Volk »Fleischer«, sowie die ganze intelligente
-Presse sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer nicht zum
-Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch Minin war ein Fleischer.[7]
-Die Entrüstung lodert nur über die Art auf, wie sich das Volk geäussert
-hat. Aber wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt wird, es
-sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist ein Bauer. Gerade hier
-lag die Lösung des Missverständnisses, allerdings eines alten,
-angehäuften Missverständnisses (was sie nicht merkten) zwischen dem
-Volke und der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der am
-hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge -- der Jugend. Die Sache
-ging allzu hässlich und durchaus nicht so regelrecht, wie sie hätte
-ausgehen sollen; denn mit den Fäusten kann man nie und nirgends etwas
-beweisen. So aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim
-Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings gar oft die Fäuste
-gegen seine Gegner in Aktion, und in der französischen Revolution
-brüllte das Volk vor Freude und tanzte vor der Guillotine, während sie
-thätig war. Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das
-Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur die Fleischer;
-da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder dem anderen Wörtchen) gegen
-die Jugend aufgestanden ist und sich die Studenten angemerkt hatte;
-andererseits aber ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die
-Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt haben, das
-Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): »das ist ja nicht Volk, das
-ist Pöbel!«
-
-[Fußnote 7: Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod, mit
-dessen Hülfe der Fürst Pozarsky die Angriffe der Polen siegreich
-zurückschlagen konnte.]
-
-Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, das nicht mit Euch
-übereinstimmt, so werdet Ihr besser daran thun, nicht böse zu werden. Es
-giebt ohnedies des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist
-Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. Fest und
-mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat sich seit den letzten zwei
-Jahren eine Dissonanz mit uns (raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen
-haben, indem sie das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit
-Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre europäische Lüge
-eintreten werde, in die Aufklärung, wie sie es nannten. Aber das Volk
-hat sich selbständig gezeigt und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit
-Bewusstsein die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu
-begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben es erleuchtet und
-neu gestärkt. Aber es macht einen Unterschied nicht nur unter seinen
-Feinden, sondern auch unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende
-Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit strebend, ins
-Volk, um seine Leiden zu erleichtern. Aber was geschieht? Das Volk
-treibt sie fort und anerkennt ihre redlichen Bemühungen nicht, weil
-diese Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine Grundlagen
-hasst und geringschätzt und ihm Arzneien reicht, die in seinen Augen roh
-und sinnlos sind.
-
-Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel weiss wie. Unter der
-Jugend wird der Revolver gepredigt und herrscht die Überzeugung, dass
-die Obrigkeit sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor gering
-schätzen, halten sie es für gar nichts und merken nicht, dass dieses sie
-wenigstens nicht fürchtet und niemals den Kopf verlieren wird. Was dann,
-wenn weitere Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren Zeit,
-meine Herren!
-
-Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich konnte. Wenigstens
-antworte ich offen, wenn auch nicht vollständig auf Euere Frage: nach
-meiner Meinung sind nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals
-ist unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was kein kleines
-Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, ein historisches ist). Allein
-das Übel liegt darin, dass unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei
-Jahrhunderte unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich
-die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, und man kann ihr
-keine Schuld beimessen; um so weniger, wenn sie plötzlich selbst als
-parteiische (und schon beleidigte) Teilnehmerin der Sache aufgetaucht
-ist. Allein, wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige,
-glücklich diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den rechten Weg
-zu finden! Die Losreissung vom Milieu muss bei weitem stärker sein, als
-z. B. nach der socialistischen Lehre die Trennung der künftigen
-Gesellschaft von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu gehen und
-mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem, dass man verlerne es zu
-verachten, und das ist unserer oberen Gesellschaftsschicht bei ihren
-Beziehungen zum Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel
-auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun schon endgiltig
-unserem Europäismus nicht möglich (obgleich man in Europa an Gott
-glaubt).
-
-Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es gestattet, so schüttele
-ich Euch die Hand. Wenn Ihr mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so
-haltet mich um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger
-von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, die Wahrheit nach meinem
-Herzen und Gewissen zu sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie
-dachte, wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr thun, als
-seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben.
-
- Ganz der Ihre
- Theodor Dostojewsky.
-
-Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit muss für Dostojewsky
-anfangs etwas Furchtbares gehabt haben. Eine andere Stelle des oben
-zitierten ersten Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust
-geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 in einer
-Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: »Besser wär's, 15 Jahre mit der
-Feder in der Hand in den Kasematten; der Kopf, welcher geschaffen hat,
-welcher ein höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich an
-die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte, er ist mir jetzt
-schon von den Schultern geschlagen.« Beim Abschied vom Bruder, wozu man
-ihnen eine halbe Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden,
-wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: »Auch im Strafhaus sind
-nicht wilde Tiere, sondern Menschen, vielleicht bessere als ich,
-vielleicht würdigere als ich ... Ja, wir werden uns noch sehen, ich
-hoffe es, ich zweifle nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt
-mir Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird ja lesen
-können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um den Bruder zu trösten.) Wenn
-ich aber heraus komme, so fange ich zu schreiben an ... in diesen
-Monaten habe ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, die
-vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff zum schreiben
-geben«.
-
-Über die Beschwerden des langwierigen Transports nach Sibirien bei
-vierziggradigem Frost, über erfrorene Hände und Füsse, einen bösen
-Ausschlag, welcher infolge der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis
-auf des Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten war, über
-die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege einen Schluck Thee zur
-Erwärmung zu beschaffen, über das Benehmen der Aufseher und Zugführer,
-die schmutzigen, finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei
-schimpfenden und fluchenden Verbrechern auf den Etappen
-zusammengepfercht waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst --
-erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit in seinem
-»Tagebuch eines Schriftstellers«, und nur in seinem Buche »Memoiren aus
-einem Totenhause« hat er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer
-Vollendung, als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet.
-Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch »das beste, das bis nun in
-Russland geschrieben worden, Gogol nicht ausgenommen.« Der Dichter wurde
-später in Russland oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche
-in Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern und lehnte es
-ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich war, dass man dies »als eine
-Anklage betrachten könnte«.
-
-Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch einen Leidensgenossen
-Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher sehr eingehend über diese Erlebnisse
-berichtet hat. Er fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg
-gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende zu machen, und
-sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben auszuführen. Die nähere
-Bekanntschaft mit Dostojewsky aber, sein sanftes Wesen, der stille,
-eindringliche Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass er
-seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer von sich gewiesen
-habe.
-
-Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky ausser in den »Memoiren
-aus einem Totenhause« in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« aus dem
-Jahre 1873 eingehender, weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf
-ihn ausgeübt hat. Es heisst da: »Als wir in Tobolsk in Erwartung einer
-nachkommenden Partie im Festungshofe sassen, erbaten sich die Frauen der
-Dezembristen (der Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten
-Verschwörung) beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in seiner Wohnung
-eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. (Es waren dies, nach den
-Worten Jastrzembskis, die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter
-und von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes Mittagessen
-mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also diese grossen Dulderinnen,
-welche ihren Gatten freiwillig nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in
-gar keine Schuld verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles
-ertragen, was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen. Unser
-Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten uns zu unserem weiteren
-Weg, machten das Zeichen des Kreuzes über uns und beschenkten jeden von
-uns mit einem Evangelium -- dem einzigen Buche, welches im Gefängnis
-erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem Kopfkissen im Strafhaus
-gelegen. Ich habe darin gelesen, manchmal auch anderen daraus
-vorgelesen. Ich habe auch einen Sträfling aus diesem Buche lesen
-gelehrt.«
-
-Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren Leben des Dichters
-während der vier Jahre der Zwangsarbeit machen wollen, müssen wir uns
-eben an die detaillierten Schilderungen halten, welche in den »Memoiren
-aus einem Totenhause« niedergelegt sind. Sie sind bis in alle
-Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir sofort wissen:
-all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie so vollendet künstlerisch
-und objektiv, ja fast feindesliebevoll herausgearbeitet, dass wir sofort
-empfinden, das ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier
-drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf, die sich wie
-ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz Reuters Schilderungen seiner
-siebenjährigen Festungszeit, eine Schilderung, die sich zum Humor
-erhebt, und sind geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren
-persönlichen Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen. Bei
-tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache jedoch durchaus
-anders dar. Ganz abgesehen davon, dass Fritz Reuter nur mit
-Seinesgleichen eingeschlossen war, Stunden des Alleinseins und wieder
-solche des Gedankenaustausches mit Gleichgesinnten hatte, während
-Dostojewsky mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien vom
-Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum achtfachen Mörder in
-ununterbrochener Gemeinschaft lebte und während seiner vierjährigen Haft
-auch nicht eine Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren
-Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser Unterschied.
-Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz subjektiv, aber doch eigentlich
-gleichsam unpersönlich; für die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war
-sich selbst ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben
-offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich hervorsprudeln
-musste. Da ihm aber nun, wie wir in seinen Aufzeichnungen sehen, gerade
-in dieser schwersten Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und »seines
-Volkes Wahrheit« durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, sich erst
-da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung von Anbeginn in ihm gelegen
-und sich in den »Armen Leuten« ausgesprochen hatte, so handelte es sich
-für ihn gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, und
-wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische Ader versiegen
-lassen, im Vollgefühl dessen, dass der Humor für die grössten Aufgaben
-und Probleme nicht ausreicht. Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie
-sich diese reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren
-Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit aufzuzwingen,
-gleichsam Genüge geschehen ist, und sich der alte Schalk kichernd
-zwischen den schweren Falten der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben
-die unbesiegbare Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums, der
-immer wieder hervorbricht.
-
-Die Herausgeber der »Materialien«, namentlich O. Miller, schöpften bei
-der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig
-authentischen Quelle, die wir oben anführten: den »Memoiren aus einem
-Totenhause«. Sie schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung,
-Ehrlichkeit und -- Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als
-Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei
-russischer Zustände hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger
-»gerecht« wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er
-sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes hält,
-welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten
-versündigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivität er
-nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn
-seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit
-gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, welche gleichsam als
-Passepartout für alles Gräuliche und Qualvolle gelten kann, dem er in
-derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe
-auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es
-unter anderem heisst: »Die »Memoiren aus einem Totenhause« sind von ganz
-Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch
-geschätzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen
-Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgeändert sind.«
-»Theodor Michailowitsch« -- fährt O. Miller fort -- »fand es für nötig,
-im Auslande auf diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen
-jenen mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem
-Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung
-der »Memoiren aus einem Totenhause« wäre vor der Regierung Alexanders
-II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte
-Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen
-Menschenrückens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte
-man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge abgeschafft
-hatte.« Nach diesem Eingange, welcher für uns die Konjektur offen lässt,
-wie weit die Gepflogenheiten einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung
-und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne
-heute noch diesem thatsächlich entspricht,[8] ist es dem Biographen
-möglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefängnislebens aus
-den Schilderungen der Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden
-schärfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser
-selbst es je gethan hätte.
-
-[Fußnote 8: Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den wird es
-geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich darin
-liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer Apparat das Staatsleben
-bedient und auch das Einzelleben in sein Räderwerk reisst; dass oft
-gute, meist kluge Absichten für das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang
-setzen und durch den Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam
-einerseits, oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter
-Unterbeamten und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte
-Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus dieser
-Maschine herauskommen.]
-
-Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist
-des Dichters eigene Worte anführt.
-
-»Ich erinnere mich deutlich daran -- sagt Dostojewsky -- dass mir vom
-ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam
-nichts Auffallendes, nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt,
-nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel
-leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin
-vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht
-so zwangsarbeitsmässig, und erst ziemlich viel später kam ich darauf,
-dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit dieser Arbeit nicht so sehr
-in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine
-gezwungene, aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.«
-
-»Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky
-befand, gehörten Arrestanten« -- fährt O. Miller fort --, »welche unter
-kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen
-eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die
-anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, die beim Bau, und
-die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur
-für die Edelleute schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum,
-weil Kommando und Organisation ganz militärisch und denjenigen der
-Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich waren ... immer in Ketten,
-immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei
-anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt ...
-die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die
-Arbeit; später aber hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden -- und
-das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass sie diesen
-nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft
-besassen als sie.« »Was mich anbelangt, erwähnt Theodor Michailowitsch,
-so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff,
-um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen im Wege,
-überall störte ich sie, überall jagten sie mich mit Thätlichkeiten
-davon.« Nichtsdestoweniger fühlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine
-Gesundheit, seinen Körper stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher
-Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters,
-was ihm eigentlich leicht erschien. »Eine andere Arbeit, zu der man mich
-beorderte,« sagt er weiter, »war in der Werkstätte das Drehen des
-Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte
-eine vortreffliche Motion.« Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten
-liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt die
-Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer
-vornahm. Im Sommer musste man durch ungefähr zwei Monate täglich von dem
-Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau
-einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber Ziegel tragen. »Diese
-Arbeit,« sagt Dostojewsky, »gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem
-man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber
-mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich
-entwickelte.« Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwölf Pfund
-ein jeder, zu tragen, später aber brachte er es zu zwölf und fünfzehn.
-»Physische Kraft«, fährt er fort, »ist im Gefängnis nicht weniger nötig,
-als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten
-Lebens zu ertragen.«
-
-Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das Brot sogar in der Stadt
-geschätzt; dafür war die Kohlsuppe sehr dünn und wimmelte von
-Küchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor
-Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher
-schützen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben
-von Thee usw. aufzubessern.
-
-Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Sträflingen,
-da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwöhnter waren,
-gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als
-Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen,
-Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres
-Loses niemals länger als Tage anhielt.
-
-Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des
-Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich
-in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte,
-nämlich das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere
-Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen gerade von Seiten jener vor
-sich, die er ans Herz drücken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten
-ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er
-aller Lasten dieses »verfluchten Lebens« mit ihnen gleich teilhaftig
-war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen,
-Misstrauen. Als er mit einigen anderen »Politischen« sich ihnen einmal
-anlässlich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen
-der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas
-geneigter war: »ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst
-ja doch vom Eigenen?« -- »Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja
-solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen -- nun
-und da mussten wir doch auch -- aus Kameradschaft.«
-
-»Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?« fragte er erstaunt.
-
-»Ich dachte«, fährt der Dichter fort, »ob nicht irgend eine Ironie, ein
-Zorn, ein Spott in diesen Worten liege -- aber nein, einfach: keine
-Kameradschaft, weiter nichts.«
-
-Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern
-angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer
-vertiefende Überzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken,
-an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt
-russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefühl, das
-jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als
-mit einem jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl
-anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich und andere, oder die
-schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft,
-um aufs neue in Schuld und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys
-»Schuld an allem und an allen«, wie er sich ausdrückt, ruft zum Leben,
-zur Liebe und zur That auf -- das ist die grosse Trennungslinie zwischen
-seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Völker, die
-auf diesen Namen hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die
-»Unglücklichen«, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft nicht
-anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst.
-»Ich schloss die Augen,« sagt er, »und wollte nicht schauen; unter den
-bösen und gehässigen Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die guten
-nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu fühlen, ungeachtet der
-höchst widerwärtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den
-bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche,
-entgegenkommende Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche
-Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche
-vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.«
-
-Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte
-er immer mehr die anderen. »Du meinst,« sagt er an anderer Stelle, »das
-sei ein Tier und kein Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine
-Minute, da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, nach
-aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches
-Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden,
-dass dir förmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar
-deinen Augen und Ohren nicht traust.« In seinem »Tagebuch eines
-Schriftstellers« des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche
-seiner Wiedergeburt, seiner »Umwandlung«, wie er es nennt, seines
-Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir
-es nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren
-Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen Vereinigung mit ihm, im
-Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. »Dies vollzog sich
-nicht so schnell,« sagte er, »sondern allmählich und nach einer sehr
-langen Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt
-zu erzählen.« -- Doch hat er sie uns ja ausführlich in seinen »Memoiren
-aus einem Totenhause« erzählt.
-
-Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein
-Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche
-finden. Es heisst da: »Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch
-erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.«
-
-Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie
-in jedem Detail gelebt hat, beweisen tausend kleine Episoden aus seinem
-Gefangenenleben -- so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden
-Mädchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die
-durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie immer, in Ketten
-geschmiedet und geschoren zur Messe geführt wurden und nur gedrängt vor
-der Kirchenthüre bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als
-Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die allerniedersten
-Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den
-Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem väterlichen Gütchen vor die
-Kirchenthüre drängten, während er als »Herrschaft« im Betstuhle sass.
-Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere
-ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden,
-waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen,
-oft zu hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft durch die
-hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; das gräuliche Dampfbad, in
-das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem
-Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll ihrer
-Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die an die Beine
-geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die
-sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette
-herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören.
-Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen,
-so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital
-doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen
-gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare
-Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch Krankheit, Alter und alle
-Unreinlichkeiten früherer Häftlinge besudelte und übelriechende, nie
-gereinigte Krankengewand anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten
-sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen:
-den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren
-Körperstrafen hatten erdulden müssen, 50 -- 100 -- 150 Stockschläge,
-unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische
-zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit
-im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte:
-»Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott,« er verhängte die schwersten
-Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er einem der
-Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: »Wir sind
-keine Vagabunden, sondern politische Gefangene.« »Hun -- dert -- Strei
--- che, gleich diesen Augenblick!« schrie in wahnsinniger Wut der »Gott«
-des Strafhauses. Der »alte Mann« (er war über fünfzig Jahre alt) legte
-sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die
-Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich
-zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen überaus und sie
-begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, obwohl er ein Edelmann und noch
-dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der
-Rutenstrafe zum Gebet ging.
-
-Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die
-Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; »man
-kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen,« meint er. »Die
-anderen, höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,«
-erläutert er, »sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon früher
-manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den
-Sträflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die
-Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.«
-
-Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das
-Beiwohnen solch unmenschlicher Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die
-schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz
-klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche Züchtigungen
-hätte müssen über sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen
-ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der
-Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und
-Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen Züchtigung
-unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen
-ganz genügenden Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen
-Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das hatte erkennen
-wollen, was sie war.
-
-
-
-
- IV.
- Semipalatinsk.
- (1854-59.)
-
-
-Das letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er in fieberhafter
-Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bücher
-lesen, an seine Angehörigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer
-den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nämlich zur
-Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur
-selben Jahreszeit stattfinden. »Mit welcher Ungeduld,« sagt er,
-»erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des
-Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe
-verbleicht!« Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige für
-ihn; je näher der Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er.
-Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er
-damit zu, noch einmal um das Gebäude herumzugehen und die Pfähle des
-Pallisadenzauns zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner
-Gefangenschaft an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt hatte.
-Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen
-drückten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und
-gerührt, aber doch wie einem »Herrn«, manche wendeten sich ab, um einem
-Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig nach; auf dem
-Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrückt -- »von
-morgen an bist du nie unter uns gewesen.«
-
-Orest Miller setzt in seinen »Materialien« die Enthaftung Dostojewskys
-auf den 2. März 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in
-den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor,
-dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen
-Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) »am
-Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des
-sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.«
-
-Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehörigen
-sind die »Materialien« noch nicht genügend informiert. Seit der
-Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben
-sich mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, welche
-auch schon teilweise in verschiedenen Blättern durch die Witwe
-veröffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser
-unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach
-Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie
-sich die ganze Familie, wohl aus Furcht »sich zu kompromittieren«, die
-ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir,
-gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür
-gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn
-Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehörigen und
-andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen
-Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Beförderung
-an ihre Adresse übermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters,
-welcher diese Daten mit uns zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer
-unermüdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in
-diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren.
-Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das
-7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen,
-ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende
-Stellen:
-
-»Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief
-samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofür ich Dir
-herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post
-versäumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein Teurer,
-dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir
-ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja
-so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können?
-Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht
-selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das
-sicher. Übrigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?«
-Nach einer warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, deren er
-jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darüber aus, dass der
-Bruder einen Erwerbszweig gefunden habe, der ihn beschäftigt. Michael
-Dostojewsky hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet,
-wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. »Du hast
-Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich nötig, verdiene es Dir,
-verstärke Deine Thätigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht
-fallen, was Du begonnen hast.«
-
-»Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es
-bekümmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit
-nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine
-Gesundheit würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber
-habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine
-Allerhöchste Gnade und hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum
-kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge!
-Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das
-Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen
-zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge,
-der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist
-ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt
-ist ziemlich gross und bevölkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die
-offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer als
-in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein
-Bäumchen -- die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist
-ein Fichtenwäldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da
-ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume giebt es da
-nicht. -- Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die
-europäischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann.
-Einmal werde ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es
-lohnt die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke mir
-welche, Bruder -- keine Zeitungen; aber schicke mir europäische
-Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot,
-Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie
-sind alle ins Französische übersetzt). Endlich den Koran und ein
-deutsches Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben
-kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie
-(sei's auch eine französische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche
-die billigsten und gedrängtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal,
-langsam nach einander. Auch für weniges werde ich Dir dankbar sein.
-Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! Übrigens brauche ich
-Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um
-Gottes willen vergiss nicht
-
- Deinen Th. Dostojewsky.«
-
-Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859
-geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das
-Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten
-nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung,
-über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. Der nächste Brief
-an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich über
-sein langes Schweigen in folgender Weise: »Ich versichere Dir, mein
-Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum
-Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten
-gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine günstigere Zeit,
-immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht
-in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder kannst es ja
-erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. Exerzieren, Musterungen der
-Brigade- und Divisions-Kommandanten und Vorbereitungen dazu. Ich bin im
-März hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich
-so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung
-in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht
-als die anderen.«
-
-Weiter schreibt er: »Wie fremd Dir auch all dieses sein möge, so denke
-ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist,
-dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen
-Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt
-ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient«.
-Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern
-(beide hatten sich inzwischen vermählt), beschwört den Bruder, doch
-nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere,
-ehe einer vom anderen Nachricht habe. »Jetzt kennst Du ja meine
-Beschäftigungen«, führt er fort, »andere Erlebnisse hat es nicht
-gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, besondere Vorfälle
-ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist -- was gewachsen,
-was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das
-kann man nicht auf einem Stückchen Papier sagen und wiedergeben« ....
-Weiter berührt er seine Krankheit, über welche er, wie oben gesagt
-worden, noch immer nicht im klaren ist, und fährt fort: »Übrigens sei so
-freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller
-Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen
-bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen
-ist alles von Gott und in Gottes Hand.« Zum Schluss meint er, der
-Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige
-Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er
-beschwört ihn, bald zu schreiben, obwohl es traurig genug sei, nur
-brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fünf Jahre nicht
-gesehen habe.
-
-Der zweite der, von der Witwe des Dichters im März 1898 dem Redakteur
-der Monatsschrift »Niva«, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung
-übergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben
-Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem
-spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefühl der Vereinsamung aus, das
-uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt.
-
-»Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!« -- heisst es darin --
-»da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht
-ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich
-zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen
-Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wüsstest, in welcher bitteren
-Einsamkeit ich mich hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so
-lange schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, mir
-wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal
-ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das
-ihre; eine alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen
-und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, mich zu
-vergessen. Wie könnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen
-erklären? Auf mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange
-Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, zweitens
-aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten
-sind; da ermüde ich und -- versäume die Post, welche hier nur einmal
-wöchentlich abgeht. Bei Dir ist's etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel
-thatsächlich nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens was immer,
-seien's auch zwei Zeilen. Mir käme dann nicht der Gedanke, dass Du mich
-verlässest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9]
-ähnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr
-peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir
-um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein
-dahingeworfener Stein, -- dass mein Charakter immer schwermütig,
-krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn
-meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja
-selbst überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein
-Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer zu ertragen, und
-ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren könnte, als Dich
-selbst.«
-
-Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zuständen, nach
-der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des
-kaufmännischen Unternehmens Michaels durch genügenden Unterhalt der
-Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von
-der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen lossagte,
-die seinem Charakter angemessener waren. »Was soll ich Dir über mein
-Leben sagen?« heisst es weiter. »Bei mir ist alles im alten, alles im
-gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts
-verändert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind
-Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brüsten, lieber
-Freund; sie ist nicht ganz gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird
-es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so
-viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so
-rede Dir das gefälligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist
-vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen.« Der Brief schliesst mit
-hundert Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt unseren
-Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem
-durch die Einsamkeit gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem
-seinem Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, als ihm
-erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn während der Jahre der
-Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschäfte der
-Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der
-Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das alles bestärkt
-uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von
-beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse
-nur bestätigt wird.
-
-[Fußnote 9: Dieser Brief dürfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven
-angeführte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat.]
-
-In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein,
-Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind
-erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge
-Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn auch oft
-stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser Personen ist Marja
-Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an
-Lungentuberkulose verstorbenen Beamten.
-
-Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow
-gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: »Diesen
-Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr
-junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit
-vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus
-dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land
-kennen zu lernen, nützlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient,
-wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich
-Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit zu schenken und
-womöglich näher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte
-über seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein sanftes
-Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit
-trägt. Ich wünschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie näher mit
-ihm bekannt würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische,
-freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt mir nicht
-ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche
-Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten
-Einflüssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es
-wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur
-für das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas
-argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und etwas ungleich
-in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit
-ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.«
-
-Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel
-Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in
-Russland nützlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem
-Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten Eingang
-verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem
-Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen
-intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen,
-wie man leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und
-Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten
-gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben
-jenem sterbenden Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln
-auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem
-Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet ihm der Dichter vom Tode
-des »unglücklichen Issajew«, spricht über die traurige Lage seiner Witwe
-Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete
-Summe zu senden. An der Wärme im Ton dieses Briefes ist leicht
-ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt
-er: »Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott
-geben möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin
-und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglückliche Marja
-Dmitrjewna erzählt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie
-schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In
-den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie
-zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhörlich: »Was wird mit Dir
-geschehen, was wird mit Dir geschehen?« Erinnern Sie sich an ihren
-kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung
-ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette,
-läuft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode
-gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die
-ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn ärmlich
-begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war
-ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den
-Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar
-nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei
-Silberrubel geschickt. »Die Not hat mir die Hand hingestossen, es
-anzunehmen,« schreibt sie, »und ich habe ... das Almosen angenommen!« --
-Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser
-der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten
-Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert.
-
-In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August 1855 erwähnt er noch
-einmal diese Geldangelegenheit, erzählt Marja Dmitrjewna habe ihm
-schwere Vorwürfe gemacht, dass eigentlich doch er, der selbst nichts
-habe, der Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt zu
-haben. »Wenn Sie hierher kommen,« fährt er fort, »werde ich Ihnen ihren
-Brief zeigen. Mein Gott! was ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie
-sie so wenig kennen!« Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache
-zurückkommend schliesst er: »Werden Sie ihr ein paar Worte schreiben?«
-
-Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs Jahre von jedem
-ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung an edle Frauen abgetrennten
-Staatsgefangenen (zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den
-»Memoiren aus dem Totenhause«, auch das strenge Sträflingsleben für
-untergeordnete Kostgänger des Staates nicht ohne Möglichkeit gewesen zu
-sein), eine tiefe Sympathie, eine überschwängliche Bewunderung für das
-erste weibliche Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden ein
-Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine seltene Begabung
-und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen musste. Einen
-Anhaltspunkt für die Vorstellung vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir
-in dem Umstande, dass der Herausgeber der »Biographischen Materiale«,
-Orest Miller, den Roman des Dichters »Erniedrigte und Beleidigte« als
-jenen bezeichnet, in welchem wir, den äussern Thatsachen nach, neben den
-»Memoiren aus dem Totenhause« die deutlichsten Spuren einer
-Autobiographie verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass,
-als eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna eingetreten
-war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, eine plötzliche
-Leidenschaft zu einem anderen fasste und Dostojewsky, aus innigstem
-Mitgefühl für ihre Leiden, sich eifrig bemühte, diesem anderen zu einer
-Stelle und einem Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der
-Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen vollzog, das
-erfahren wir aus den diskreten Notizen O. Millers nicht.
-
-Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen, werden wir
-gewiss nicht fehl gehen, wenn wir die Zeichnung Nataschas als nach ihrem
-Vorbilde entworfen annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes
-von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters Vermählung geschrieben, also
-genug nahe, um jene Eindrücke noch ganz frisch in sich zu tragen, und
-genug ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er hatte früher
-eine längere Erzählung, die er anfangs Roman nennt, geschrieben, welche
-er über zwei Jahre mit sich herumgetragen hatte; dies war die uns unter
-dem Namen »Tollhaus und Herrenhaus« bekannte Erzählung »Das Dorf
-Stepantschikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb er aus Not eine
-kleine Erzählung nieder, die ihn auch schon lange beschäftigt hatte:
-»Onkelchens Traum«.
-
-In der Gestalt der Natascha[10] nun sind, ganz abgesehen von den
-äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja Dmitrjewna erinnern. Ja,
-der Dichter, welcher sich in seiner grandiosen Unbekümmertheit um
-Wiederholungen wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an
-Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben einfachen
-Worte, die er dann an der betreffenden Stelle im Roman ausspricht: »Sie
-sagte mir selbst: >ja<. Das, was ich Ihnen über sie im vergangenen
-Sommer schrieb« -- fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort
---, »hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... sie hat
-sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt .... o wenn Sie
-wüssten, was diese Frau ist!« ... Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde
-in einem uns nur bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in
-Kuznezk vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht. Dieser
-Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen Wrangels, dessen
-komplizierten Beziehungen zum Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich
-vor zu grosser argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse
-sagt er: »..... grosse Umwandlungen in unserem Leben helfen da immer.
-Ich war im höchsten Grade hypochondrisch, wurde aber durch die scharfe
-Umwälzung, welche in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.«
-
-[Fußnote 10: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allen Lesern
-Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende Besprechung
-desselben nötig wäre. Auch gehört es nicht in den Rahmen dieses Buches,
-ästhetisch-kritische Besprechungen der Werke des Dichters aufzunehmen.
-Indessen hat dieser Roman gerade von russischen Kritikern die schärfste
-Verurteilung erfahren. Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe
-unter der Linie der ästhetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler
-dieses Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben
-Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich auf
-die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat, dem Mädchen
-seiner Liebe zu einem andern Glück zu verhelfen, als auf ein
-ästhetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und Möglichkeit grob
-sündige. Hier sind sie ihren rein subjektiven Anschauungen gefolgt. Es
-kann ja ein solches Vorgehen wirklich nur »einer Kopfliebe entspringen«,
-wie sie sagen, und jedem gesunden Menschen unsympathisch sein. -- Dass
-es aber vollkommen wahr ist, weil es möglich war, das beweist
-Dostojewskys Geschichte unwiderleglich. Der künstlerische Fehler in der
-Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt, darin,
-dass dieser selbstlose Held der Erzähler ist und wir aus seinem Vortrag
-nicht gewahr werden, dass er mehr als ein Zuschauer sein könnte.]
-
-Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters übergehen, die von
-Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren, möchten wir jenen Brief
-Dostojewskys hier einschalten, der über die letzten Augenblicke Marja
-Dmitrjewnas berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe zu
-gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden gebracht zu haben
-scheint.
-
-Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen intimer Beziehungen.
-So finden wir nur sehr spärliche Äusserungen in einigen derselben
-zerstreut. Viel reichlicher sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den
-Stiefsohn Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges und der dazu
-kaum ausreichenden materiellen Mittel, als auch später seines
-unzuverlässigen Charakters wegen manche Prüfung auferlegt. Das
-Zusammenleben des Dichters nun mit seiner Gattin scheint zu
-Schwierigkeiten geführt zu haben, welche wohl in gewissen
-Charakterähnlichkeiten zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein,
-dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester Arbeit
-und später auch erzielter grosser Honorare nie dazu gebracht hat, einen
-sorgenfreien Augenblick, ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu
-geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich unfähig waren,
-sich das äussere Leben erträglich einzurichten.
-
-Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer dieselbe Bewunderung
-und Liebe für Marja Dmitrjewna ausgedrückt, obgleich er auf eine
-örtliche Trennung eingehen musste, welche auf Anraten der Ärzte um der
-Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb denn Theodor
-Michailowitsch in Petersburg, während Marja Dmitrjewna nach dem milderen
-Moskau übersiedelte.
-
-Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch entwickelt zu haben
-scheint, eilt der Dichter an das Krankenbett der Gattin und bringt dort,
-selbst sehr leidend, unter »allseitigen« Qualen, wie er sagt, und unter
-dem Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu.
-
-Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an ihrer Seite, schreibt
-während des dringende Geschäftsbriefe an den Bruder, denen wir eben nur
-die wenigen Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während das
-unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft ihn auch hier
-nicht verlässt.
-
-Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift »Wremja«,
-Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln über »Theoretismus und
-Phantasterei«, die, wie er sagt, »nicht eine Polemik sein wird, sondern
-eine That,« wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse, nämlich
-eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für eine Zeit überwältigt,
-so dass er gar nicht schreiben kann, obwohl er noch kurz vorher schrieb:
-»Meine Frau ist sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick,
-da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind furchtbar und finden ihren
-Widerhall in mir, weil ja ... das Schreiben aber ist keine mechanische
-Arbeit, dennoch aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen -- doch
-fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in die Länge.
-Manchmal denke ich, es wird ein Quark, dennoch schreibe ich mit Feuer,
-ich weiss nicht, was daraus wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum
-Schreiben, obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe --
-dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit für mich
-und ich habe manchmal ganz anderes im Kopfe; dann noch eins: ich
-fürchte, der Tod meiner Frau wird bald eintreten, dann wird aber eine
-Unterbrechung der Arbeit unvermeidlich sein -- wenn diese Unterbrechung
-nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.«
-
-Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch ihre kühle
-Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir es nicht schon an vielen
-anderen Beispielen aus dem Leben grosser Dichter und Künstler erfahren
-hätten, dass sie, während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin
-vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt sind. Dieses
-absorbierende, despotische Etwas, das sie hat, lässt zu Zeiten nichts
-übrig für die Erdengenossen, die sich ihnen angelobt.
-
-Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den Bruder als Nachschrift:
-»Gestern um 2 Uhr nachts habe ich diesen Brief geschlossen. Später wurde
-Marja Dmitrjewna sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. Ich
-ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte nach dem Priester. Die
-ganze Nacht sassen sie bei ihr; die Sakramente empfing sie um 4 Uhr
-morgens. Um 8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um 10 Uhr
-wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in diesem Augenblicke
-besser.«
-
-Unter dem 15. schreibt er: »Gestern hatte Marja Dmitrjewna einen
-entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung trat ein, die einen Druck auf
-die Brust und Würganfälle hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir
-waren alle an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte sich
-mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen Familie sendete sie
-Grüsse und Wünsche langen Lebens, ganz besonders an Emilie Fjodorowna.
-Auch sprach sie das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du
-weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt war, Du
-seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht brachte sie schlecht zu. Heute
-aber, soeben sagt Alexander Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute --
-sterben wird. Und das ist unzweifelhaft.
-
-Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann es aber verweigern, weil
-sie vielleicht keines bei der Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen
-werde. Dich aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse
-Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! Um Gotteswillen --
-ich werde es abdienen.« --
-
-Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um das Tragische dieses
-Lakonismus der Not hervorzuheben. Ein Dichtergenius, der ganz wie das
-arme Volk erlebt: dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen
-und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund legt, als: Geld!
-
-Als Nachschrift heisst es: »Marja Dmitrjewna stirbt sanft bei vollem
-Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie im Geiste gesegnet.«
-
-Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir Einblick haben, in
-welchem Dostojewsky über Marja Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr
-spricht, ist vom 31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende
-Stelle lautet: »Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer
-Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir über meinen
-verhängnisvollen Verlust, den Tod meines Schutzengels, Bruder Mischas
-(der Bruder war bald nach Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber
-Sie wissen nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat. Ein
-zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos liebte, meine
-Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr vorher übersiedelt war, an
-Tuberkulose gestorben. Ich bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen
-Winter 1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April des vorigen
-Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; und da sie von allen
-Abschied nahm, und aller gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden
-wollte, gedachte sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen Gruss,
-lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein gutes und freundliches
-Erinnern. O, mein Freund, sie hat mich grenzenlos geliebt, und auch ich
-liebte sie über die Massen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander.
-Ich werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen -- jetzt sage ich
-nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass wir mit einander
-unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen, argwöhnischen und
-krankhaft-phantastischen Charakters wegen) -- nicht aufhören konnten,
-einander zu lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr
-liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge, dennoch war es
-so. Sie war die ehrlichste, die edelste und grossherzigste aller Frauen,
-welche ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb -- habe
-ich, obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick ihres
-Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und mit tiefem Schmerze
-empfand, was ich mit ihr begraben würde -- da habe ich in keiner Weise
-die Vorstellung davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem
-Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie schüttete. Und nun
-ist schon ein Jahr vergangen, und dieses Gefühl schwächt sich nicht ab
-.... Da eilte ich, nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder
--- nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch er, nachdem
-er im ganzen einen Monat, und das ganz leicht, krank gewesen war, so
-dass die Krisis, welche dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei
-Tagen eintrat.
-
-Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es war mir geradezu
-furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben war in zwei Teile zerbrochen. In
-der einen Hälfte, die ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt
-hatte, und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles fremd,
-alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden ersetzen könnte. Es
-war mir buchstäblich nichts geblieben, wofür ich leben sollte. Neue
-Bande knüpfen, ein neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war
-mir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass ich sie durch
-niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der Welt geliebt, und dass eine
-neue Liebe zu fassen ganz unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich
-herum wurde kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, so
-warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da wurde mir so traurig
-zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken kann. Aber nun hören Sie
-weiter.«
-
-Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun Tagen wieder
-fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters unzerstörbare Lebenskraft
-wieder an der Arbeit, diesmal an der Ordnung der trostlosen
-Verhältnisse, in welchen der Bruder seine Familie zurückgelassen.
-
-Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurück, die noch vor
-seiner gänzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren.
-Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten
-beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die Erlaubnis zu
-drucken, die Befreiung vom Militärdienst und endlich die Rückkehr nach
-Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach
-Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den
-dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt
-Wrangel eingehend und dringlich darüber und fügt hinzu: »Sollte man
-nicht etwa das Gedicht beischliessen?« Unter dem »Gedicht« ist eine Art
-Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für die Sache
-der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte
-und welcher in den Archiven der »Dritten Abteilung« aufbewahrt worden
-war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben)
-erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es
-ist künstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wärme und den
-Schwung bemerkenswert, mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen
-Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute durch den Spott
-interessant, den er über jene christlichen Nationen, namentlich die
-Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Ungläubigen stehen. Die
-Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in
-einer Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor die Thore
-Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom April 1856 erwähnt der
-Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krönung Alexanders des Zweiten,
-des von ihm »vergötterten Kaisers«. Orest Miller berichtet, dass dieses
-Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es
-die Gefühle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines
-Teils der Gefährten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys
-ausdrücke. So viel Platz man nun den überschwänglichen Hoffnungen
-einräumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge
-Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft auf dem Throne
-nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue
-Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der
-Gesellschaft ausgelöst wird, so dürften doch diese Worte des allzu
-eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht
-anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur
-ein Teil von ihnen so hoch über dem Niveau von Verbitterung und
-Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und
-hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie
-Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch
-begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem
-in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und
-mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht.
-
-Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichter um diese Zeit
-schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt hinzu: »ich möchte nicht ein
-Wort aus diesem Artikel hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen
-Patriotismus würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit einem
-Pamphlet zu beginnen«. Er vernichtet also diesen Artikel, nimmt aber
-vieles davon in eine Schrift über die Kunst hinüber, die er, wie er
-sagt, zehn Jahre mit sich herumgetragen hat, nun niederschreibt und der
-Grossfürstin Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie
-widmet, da er meint, dadurch schneller die Druckerlaubnis zu erlangen.
-»In manchen Kapiteln,« sagt er, »werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet
-enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des Christentums in
-der Kunst.« Über die weiteren Schicksale dieses Artikels wissen die
-Herausgeber der Materialien nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles
-daraus in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky
-seinerzeit in seiner Zeitschrift »Wremja« als Polemik gegen den Kritiker
-Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir werden weiter unten bei der
-Besprechung seiner publizistischen Thätigkeit näher auf diese
-Kunstanschauungen eingehen.
-
-Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt ihn vor allem sein
-ganz persönliches Schicksal. Die Liebe zu Marja Dmitrjewna, welche durch
-gegenseitige Eifersucht seine Qualen und durch diese seine Krankheit
-steigert; die übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem
-Rivalen zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen Gnadengabe,
-sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz in einem Gymnasium zu
-verhelfen, »ehe sie heiratet, weil sie nach der Vermählung (mit dem
-anderen natürlich) nichts bekommt;« der heftige Wunsch, den Abschied zu
-erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien bleiben müsste
--- dies alles steigerte seine seelischen und physischen Leiden auf das
-höchste. Am Schlusse seines Briefes vom 21. Juli sagt er: ... »ich aber
--- bei Gott -- ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen« .... Dabei
-ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, erwartet von da
-ausgehend (wie er denn immer ganz im Sinne der historischen Entwickelung
-seiner Heimat Reformen von oben für segensreicher und dauerhafter hält,
-als Revolutionen von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands. Der
-Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung für ihn berichtet,
-bringt ihn in Entzücken über diesen letzteren, er vergisst der eigenen
-Leiden und schwingt sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch
-wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung einer nahen,
-schöneren Zukunft. »Mehr Glauben« -- ruft er aus -- »mehr Einigkeit ...
-und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend
-einer zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen,
-sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre mein Schicksal doch schon
-entschieden!« Ein Handbillet ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober
-1856 zum Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt.
-Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau lebenden
-Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden hatten, leihweise 600
-Rubel aufnehmen, da er schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe,
-das er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten könne.
-»Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,« ruft er aus, »und ich bin
-verloren, dann ist es besser, nicht zu leben!« An anderer Stelle sagt
-er: »Ich bin bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu schreiben,
-wenn auch _für immer_.«
-
- Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im
- Gefängnis _vor_ Sibirien geschriebene Erzählung »Ein kleiner Held«,
- welche der Dichter damals »eine Kindergeschichte« genannt hatte.
-
- Diese »Kindergeschichte« hat der Dichter, wie wir wissen, in den
- Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, »wo man nur
- das Unschuldigste schreiben konnte«. Dass er aber in der Zeit
- zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch --
- erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nämlich Bücher und
- Schreibmaterialien zugesprochen -- imstande war, nicht nur etwas
- so »Unschuldiges« zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so
- entzückender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das
- allergrösste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrösse. Aber auch
- noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekräftigt:
- Dostojewskys hohes künstlerisches Können, da wo ihn weder eine
- innere Ungeduld, noch eine äussere Not daran hinderte, an der
- feinen Ausführung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu
- meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des
- Erlebnisses durchgeführt.
-
- Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der
- Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem
- Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen Dame
- bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende
- Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die er halb
- unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von
- der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere
- servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst
- hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen Blondine
- eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge der Freundin
- vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten decken will. In
- innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass etwas
- Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, flieht
- der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst.
- Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thüre. Er
- schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen.
- Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen
- Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein
- ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten
- Betäubung. »Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze
- Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern
- angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige Reiter sassen
- schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den Equipagen Platz ....
- Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und
- nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz -- ich spähte
- intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war
- nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus
- und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie
- meine jüngste Schmach vergessend ....«
-
- Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und
- vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung,
- Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da
- unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe,
- vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! Wer erinnert sich
- nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver,
- leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der
- reiferen Jahre?
-
- Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass »alles seinen Herrn
- hat« und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu
- besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es
- vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen,
- und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige
- Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen
- Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein
- der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in
- seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben erblickt und
- den »weinerlichen« Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein
- Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen
- seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück zu vollbringen, schwingt
- er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus
- dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbügel Fuss fassen
- konnte. Zum Glück für den kleinen Reiter stolpert das Tier an
- einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den
- Pferden der zu Hilfe eilenden übrigen Reiter bedrängt, die seine
- Zügel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt
- den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben
- wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine
- erweist sich in ihrer Zerknirschung als treue, zärtliche
- Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen
- Blick herzlicher Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet.
-
- Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im
- Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung.
- Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines
- schweren Abschiedes zwischen »seiner« Dame und einem Gaste,
- welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte
- und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes
- zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom
- Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, endlich
- seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre
- Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes Päckchen
- ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen
- Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und
- verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht,
- findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine
- sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren,
- dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird,
- dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt
- und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über ihr Befinden, da
- man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in
- einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das Päckchen, das er
- in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist
- in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr übermitteln und
- doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen
- will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt nur, dass sie an der
- Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch
- den Park machen werde -- in Begleitung ihres kleinen Ritters.
- Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schöne
- tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des
- kleinen Ritters vergessend, der erfreut und gequält zugleich an
- ihrer Seite wandelt.
-
- Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen
- Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen könne. Sie
- nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer Gartenbank
- Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines Buches,
- während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. Endlich hat
- der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde
- einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die Mäher den letzten
- Wiesenschmuck niedermähen. Er springt davon, um den Strauss zu
- pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns
- psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt der Erzählung zu
- sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrönt
- wird. Der Knabe läuft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs
- Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am
- Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft
- hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an
- Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Gärtner
- beneiden könnte. Immer voller und dichter lässt er ihn werden,
- bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst und mit feinen
- Gräsern bindet und jetzt -- lässt er klopfenden Herzens das
- Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief
- ganz sichtbar, mit jedem Stückchen Weges aber, um das sich der
- Knabe der Trauernden nähert, wird ihm ängstlicher zu Mute und
- stösst er das Päckchen tiefer in die bunte Hülle hinein, bis er
- -- am Ziele angelangt -- es ganz und gar darin vergraben hat. Nun
- überreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur
- zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die
- Bank. Betrübt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf
- das Gras, stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die
- Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt
- summend die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst
- endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene.
- Der Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen,
- auf und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald
- auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach dem
- Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da
- fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden
- Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre
- Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, und
- zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er
- »erwacht« mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchlein
- über sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und
- -- er ist allein.
-
-Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters folgt eine Pause in
-seinem Briefwechsel mit Wrangel, während welcher ein häufigerer
-Gedankenaustausch mit dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht
-unterbrochen war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen[11], Briefe
-entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden worden
-sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 finden wir die Beziehung auf
-einen schweren Geldverlust des Bruders, wodurch es Theodor
-Michailowitsch doppelt peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an
-den Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er Beziehungen zu
-Katkow, dem Redakteur des »Russkij Wjestnik«, angeknüpft habe, welcher
-ihm einen Vorschuss von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem »sehr
-gescheiten und liebenswürdigen Briefe« gebeten habe, »sich mit der
-Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin zu arbeiten.«
-
-Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich trägt, verschiebt er für
-seine Rückkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, »liegt eine
-ziemlich glückliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter
-Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich
-in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der
-Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfüllt sind, so
-bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen
-bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.«
-
-O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter könne nur Raskolnikow
-gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch
-russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene
-Einblick in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt hätten.
-Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen -- so findet Miller und wir
-müssen ihm vollkommen beistimmen -- ist der Grundtypus dieses neuen
-russischen Charakters in den »Memoiren eines Totenhauses« an jener
-Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: »Die Eigenschaften eines
-Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen
-unsrer Tage vor.[12] Indessen«, sagt der Dichter, »schreibe ich zwei
-Erzählungen, welche eben nur erträglich sein werden.« Weiter spricht
-sich Dostojewsky über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten erstaunt
-sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen
-aller seiner Werke aufdrängt, nämlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf
-Detail, der Spontaneität, die sich überall darin fühlbar macht. Es ist
-eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl
-zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen 3 und 4 Druckbogen
-anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekämpft dessen
-Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse.
-»Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir
-anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich
-sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen
-daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und füge ihr
-mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt
-alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie,
-freilich, wird nichts daraus.«
-
-[Fußnote 11: Unsere Nachforschungen in der »Dritten Abteilung« haben zur
-Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an Verwandte
-geführt.]
-
-Inzwischen hat der Dichter die Erzählung »Onkelchens Traum« für das
-Journal »Russkoje Slowo« geschrieben, »per Eilpost«, wie er sagt, rein
-nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermählung durch den
-Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen.
-Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwähnte »Dorf
-Stepantschikowo«, für den Herbst. Diese beiden Erzählungen scheinen uns
-eine Art Interimsepoche in des Dichters Thätigkeit darzustellen.
-Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens
-gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt,
-innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien
-gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer äusseren Gestaltung
-eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich
-vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische
-Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys
-künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch weder zu jenen Werken
-des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens
-mit Humor und Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein
-Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner
-Glutnatur verkünden und besiegeln.
-
-[Fußnote 12: Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.]
-
-In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie
-seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden
-könnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem
-anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel für
-den Druckbogen erhielt, während Turgenjew damals schon 400 Rubel per
-Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der
-Werke in zwei Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche uns
-zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas
-sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben
-vermag. Bezeichnend ist dabei die häufige Wiederkehr der absoluten
-Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich
-der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, -- höchstens ins Wasser --
-oder -- ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: »Höre,
-Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl
-den, dass er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, ist,
-dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein bestes Werk
-ist.« Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt
-erst spät von dieser Meinung zurück. »Ich habe ihn zwei Jahre hindurch
-geschrieben (mit der Unterbrechung »Onkelchens Traum«), Anfang und Mitte
-sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine
-Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass
-ich mich darin ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird noch
-vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig
-Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z.
-B. im »Adeligen Nest«) -- aber er enthält zwei ungemein typische
-Charaktere, die ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos
-(nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe -- Charaktere, welche
-durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht
-dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das würdigen wird,
-aber wenn das Publikum meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich
-bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen
-und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegründet. --
-Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich
-denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von
-Kuschelew schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. Es
-wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur
-»Onkelchens Traum« geschrieben hat. Freilich kann ich mich sehr über
-meinen Roman und seinen Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine
-Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im »Russkij Wjestnik« (Katkow) Erfolg
-hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die »armen
-Leute« gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer
-gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort
-angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein
-Täubchen, du mein ewiger Helfer -- zum Januar oder Februar des kommenden
-Jahres zwei Bändchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1)
-erster Band: »Arme Leute«, »Njetoschka Njezwanowa« (die ersten 6 Kapitel
-sind überarbeitet und haben allen gefallen), »Helle Nächte«,
-»Kindergeschichte« (die Erzählung, welche Dostojewsky im Gefängnis
-schrieb und später »Ein kleiner Held« nannte) und »Christbaum und
-Hochzeit«; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: »Das Dorf
-Stepantschikowo« und »Onkelchens Traum«. Der zweite Band hat 24
-Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten oder, besser gesagt,
-neugeschriebenen »Doppelgänger« und andre gesondert herausgeben. Das
-wäre der dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)«
-
-»Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man
-kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch
-1½ Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf
-der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen:
-die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber
-natürlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den
-Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten
-und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.«
-
-»NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu 100 Rubeln, macht 1500
-Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel
-des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten,
-also sind 700 Rubel herausgenommen.«
-
-»Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür aber erhalte ich dann in
-der allernächsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an,
-man kann sich wenigstens umdrehen.«
-
-Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys
-Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese
-Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für
-des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, Klugheit und
-Optimismus, sowie die Umschläge seiner Stimmung von überschwänglichem
-Selbstgefühl zu vollständiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.
-
-Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert.
-Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei
-argwöhnische Vermutungen über die Treue des Freundes zu nähren, greift
-er mit alter Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über sein
-neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht
-erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurück
-denkt: »Wenn Sie nach mir fragen« -- sagt er -- »was soll ich da
-antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie
-nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich
-will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten -- nicht schlechter.
-Ich würde mich gerne mit Ärzten beraten -- aber solange ich nicht nach
-Petersburg kann -- werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummköpfen
-herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer
-als Semipalatinsk -- -- düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei
-Bewegung, keinerlei Interessen -- nicht einmal eine ordentliche
-Bibliothek ist da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich von
-hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst sonderbar: ich betrachte
-mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf
-persönlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel
-zurückerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles
-Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau
-hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich hätte vor zwei Monaten
-einreichen müssen, jetzt aber ist Fürst Dolgorukow abwesend.« -- -- So
-plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum,
-fürchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den
-anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in Twer bleiben zu
-müssen, wo er in allem gelähmt ist. Endlich führt er die Idee aus, die
-er schon eine Zeit bei sich herumträgt, einen offenen Brief an den
-jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage
-darzulegen.
-
-Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P.
-Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben
-erwähnten Gedicht den Herausgebern der »Materialien« mitgeteilt, sowie
-auch uns das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, Gehilfen
-des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen Chef der ehemaligen
-III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus
-diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen.
-
-Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als
-»ehemaliger Staatsverbrecher« einführt, erzählt er in Kürze:
-
-»Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg
-verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach
-Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten Grades in die Festung auf vier
-Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als
-Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat
-ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis von Omsk als
-Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855
-wurde ich zum Unteroffizier befördert und im darauf folgenden Jahre 1856
-wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät beglückt und zum
-Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestät den erblichen
-Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der
-Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit
-eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach
-Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer übersiedelt.
-Meine Krankheit nimmt fortwährend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich
-sichtlich an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen
-Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist -- Lähmung, Tod oder Wahnsinn.
-
-Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das ich zu sorgen habe.
-Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und
-allein durch litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen
-Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei aber geben mir die
-Ärzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand gründen, dass meine
-Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich
-ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo
-sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der
-Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer Majestät! In Ihrer Hand liegt mein
-ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach
-Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. Erlösen Sie mich
-und schenken Sie mir die Möglichkeit, mit der Herstellung meiner
-Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem
-Vaterlande nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder
-ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über zehn Jahre getrennt
-bin; ihre brüderlichen Bemühungen um mich könnten dazu beitragen, meine
-schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen,
-kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin
-und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche Hilfe zurücklassen. So lange noch
-ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten,
-um sie zu sichern -- allein über die Zukunft waltet Gott, und
-menschliche Hoffnungen sind unzuverlässig.
-
-Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestät mir auch die
-zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu
-gewähren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn
-Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er
-ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs Alexander Issajew,
-welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im
-Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät gestorben ist -- einzig und allein
-darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden Lande
-unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche
-Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein
-Gymnasium unmöglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in
-eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden
-seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn täglich lehrt, um das Glück
-Euer Kaiserlichen Majestät und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie,
-Herr, sind wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte scheint.
-Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, beglücken Sie auch eine
-arme Waise, seine Mutter und einen unglücklichen Kranken, von dem der
-Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort
-sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines Volkes, hinzugeben.«
-
-Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem
-Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der
-Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm
-das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben überschwänglicher
-Unterwürfigkeit, die im Munde eines Europäers nur servil wäre, im Munde
-eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das
-vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche und Leiden dem
-»Väterchen« zu Füssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der
-Erzählung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern
-und Begründen der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief als eine
-intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwürfigkeit des
-Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in
-einem europäischen Majestätsgesuch der Fall sein könnte.
-
-Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des
-Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den
-er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild.
-
-»Sie schreiben,« -- heisst es darin -- »warum ich, da ich die
-Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur
-Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das
-Elend, lieber Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt
-beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er
-entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da,
-wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach
-Petersburg übersiedle, er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in
-Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich
-hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem
-Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon
-abgeraten, da er fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir
-eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst gebeten,
-und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie müssen selbst
-zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es
-nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht
-abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg)
-und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu übergeben, folglich hat er
-als Gouverneur für mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits
-unzart, in aller Stille fortzufahren. -- Und darum habe ich folgendes
-ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten« usw.
-
-Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und
-dort anzustossen, schnell durchgeführt werden könne.
-
- Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe
- Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur
- Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier
- nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben.
- Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente,
- welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren
- Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören:
- ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April
- 1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut
- gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht
- gelegentlich des Orientkrieges in den »Petersburger Nachrichten«
- veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die
- besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des
- General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung
- Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), die
- Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel
- wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats
- (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der
- Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge
- aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane
- Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender
- geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober
- 1856 Nr. 6118).
-
-Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens noch sehr lange über
-Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in
-seinen späten Lebensjahren irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer
-kleinen Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts davon
-gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein
-dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur
-allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten
-Dostojewskys und des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte
-der in der »Niva« veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene
-an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist
-vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner
-Bemühungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert
-ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt.
-Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens
-praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen
-Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse,
-der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in
-der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszuführen vermochte. Darüber
-spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe
-kannte, in seinem Beitrage zu den »Materialien« eingehend aus. »Ich muss
-hauptsächlich darum in Petersburg sein, um den Verkauf meiner Werke zu
-betreiben. Übrigens habe ich einen Plan im Kopfe -- nämlich: die Sachen
-nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das nötig
-sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie
-geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim
-Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies
-scheint mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu
-weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) Ich
-würde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in
-Petersburg Geld zum Leben hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky
-bekomme).[13] Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da
-ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte nicht à la lettre und
-verkaufe die Sachen für Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu
-bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg
-zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wäre schon Zeit, zu
-drucken -- sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns
-verloren ....
-
-Aber -- der Teufel hole das Geld! Dich möcht' ich umarmen -- das ist's!
-Könnt' ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise
-sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so
-sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du
-ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird
-es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja
-vier Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung man für
-den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf,
-Bruder. Es ist, als wären gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht
-andre: weder Talent, noch Fähigkeiten -- es werden aber Leute aus ihnen,
-sie hinterlassen ein Kapital. -- Wir aber kämpfen, kämpfen, schlagen uns
-herum .... Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr
-Geschick und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist
-ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen
-auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschäft angefangen. Wie
-viele Mühe und was für Resultate?[14] Was hast Du verdient? Du musst
-noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder
-erziehen konntest. Dein Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in
-die Höhe, dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von Deinen
-Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken und das recht
-ernstlich. Wir müssen etwas wagen und irgend ein litterarisches
-Unternehmen ins Werk setzen -- eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens
-werden wir darüber nachdenken und miteinander darüber reden. -- -- --
-
-[Fußnote 13: Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten Gattin
-Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese praktische Idee bis
-in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen verstand. Er hat
-jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen letzten Lebensjahren
-die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu geniessen begonnen.]
-
-Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen
-ist sehr wenig, und ich erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber
-wie brauch' ich's! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar
-noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles
-interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebühren mir nach
-Abtragung meiner Schuld an Dich (von 375 Rubel) -- 175 Rubel, nicht 125
-Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als möglich zu
-erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht
-entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von
-hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als möglich.
-
-[Fußnote 14: Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik bessere
-Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden jeder Schachtel eine
-kleine Überraschung beilegte. Da er aber damit nicht wechselte, so bekam
-jeder Käufer so und so viele Messerchen zusammen und hörte auf, dort
-seinen Bedarf zu decken.]
-
-Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als möglich.
-
- Dein
- Dostojewsky.
-
-Wenn der Roman erscheint -- teile mir sofort und bis ins Kleinste alles
-mit, was Du über ihn hören wirst, was für Meinungen geäussert werden,
-wenn überhaupt Meinungen da sein werden.«
-
-Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original
-trägt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow,
-den Bescheid:
-
-»Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die
-nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte
-schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.«
-
-
-
-
- V.
- Petersburg.
-
-
-Der Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die
-Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere Unterbrechungen.
-
-Über den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf
-die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P.
-Miljukows, den wir hier nachcitieren. »Einmal«, sagt Miljukow, »kam
-Michael Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft zu
-mir, dass man entschieden habe, der Bruder dürfe in Petersburg leben,
-und dass er am nämlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof
-der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren
-Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend
-brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es
-mir, war physisch gar nicht verändert; sein Blick war sogar kühner als
-früher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner
-gewöhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von
-den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es
-ist mir im Gedächtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten
-Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer
-Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu
-jede Woche.«
-
-In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu den Erlebnissen in
-Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, dass er »sich niemals über sein
-eigenes Schicksal beklagte ... freilich« -- sagt er -- »auch von anderen
-zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit gehabt, heftige
-Klagen zu hören, allein bei diesen kam das von der, dem Russen
-angebornen, Eigenschaft, das Böse zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch
-vereinigte sich diese Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von
-Dankbarkeit gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit gegeben
-hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen Menschen, sondern
-auch zugleich sich selbst besser verstehen zu lernen«.
-
-Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später durch den Mund des
-»Idioten«, den er mit vielem Eigenen ausgestattet hat, ausgesprochen:
-»es schien mir, dass man auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden
-kann«. »Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise« -- fährt Miljukow
-fort -- »glichen jenen, die im Durowschen Kreise stattgefunden hatten,
-in vielem nicht mehr. Und konnte das anders sein? Es war, als hätten das
-westliche Europa und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die
-Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich fortreissenden
-humanitären Utopien in Rauch aufgegangen, und die Reaktion hatte überall
-den Sieg errungen; hier aber begann vieles zur Thatsache zu werden,
-wovon wir geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich
-Reformen, welche das russische Leben erneuerten und neue Hoffnungen
-keimen machten. Es ist natürlich, dass der ehemalige Pessimismus in
-unseren Unterhaltungen keinen Raum mehr fand.«
-
-Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild der jungen, auf
-Alexander und seine Reformen gesetzten Hoffnungen sein mögen, scheinen
-als eine Reminiscenz an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der
-»Russkaja Starina« (Maiheft p. 35-36-40) publiziert worden zu sein und
-werden wohl von uns Westeuropäern trotz allen Beklagens der bei uns in
-Rauch aufgegangenen Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung
-über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden, die in irgend einer
-Epoche der russischen Zeitgeschichte für den »Pessimismus keinen Raum
-mehr fand.«
-
-Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter bald genug von den
-Beschwerden des Petersburger Lebens angewidert und schon anfangs 1860
-ersehen wir aus kleinen Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass
-Petersburg im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche
-Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem Fragment eines
-Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau Sch., das nach des Dichters Tode
-ebenfalls in der »Russkaja Starina« (wohl auch durch Miljukow)
-mitgeteilt wurde: »Wenn man nur auf acht Tage dieses hässliche
-Petersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt unser Ausflug
-nach Moskau doch zustande.« Nach seiner Rückkunft aus Moskau schreibt
-er: »Da bin ich nun wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins
-Ladoga-Eis, in die Langweile zurückgekommen.« .... Weiter heisst es:
-»Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen
-Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. Ich will was gutes
-schreiben, ich fühle, dass Poesie darin ist, ich weiss, dass von seinem
-Gelingen meine ganze schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei
-Monate lang wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen -- (es
-handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, um den
-grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). Im selben Briefe treten die
-warmen Beziehungen zu Tage, welche Dostojewsky zu den litterarischen
-Versuchen der jungen Generation unterhält. »Ich habe Krestowsky
-gesehen,« schreibt er einmal, »ich habe ihn sehr lieb. Er hat ein
-Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. Wir haben ihm alle
-gesagt, dass dieses Gedicht etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir
-unter uns übereingekommen sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? nicht
-im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler Junge. Er gefällt mir
-so sehr (immer mehr und mehr), dass ich ihm nächstens einmal beim
-Trinken das Du anbieten werde.« -- --
-
-Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und Wirken Dostojewskys,
-welcher mit der wichtigsten Wandlung in der Geschichte Russlands
-zusammenfällt, nämlich zum Heraustreten des Dichters in die Arena des
-politischen Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er sich seiner
-Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies gegen Ende des Jahres 1861, da
-er die Monatsschrift »Wremja« gründet, um darin seine Gedanken über die
-grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februar erfolgte
-Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. Diese Epoche ist uns
-Westländern nicht genug bekannt, um uns einen klaren Überblick der
-damaligen politisch-litterarischen Situation des Landes zu gewähren, ist
-aber so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil der
-Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir hier weiter
-ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern der »Materialien« das
-Wort lassen.
-
-N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die Besprechung der
-damaligen politischen Lage mit einer Präzisierung des Wortes
-»Liberalismus«, »des russischen Liberalismus«, der von den Westländern
-nicht richtig verstanden werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es:
-»Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen,
-ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen Erläuterungen ein sehr
-grosser Wirrwarr in den Begriffen, welcher natürlich durch unsere
-Lehrmeisterin Europa unterhalten wird, und der wahre Sinn des
-Liberalismus ist fast gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der
-Liberale im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein muss,
-aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär, das wissen und
-begreifen wohl sehr wenige.« -- »Einen solchen wirklichen Liberalismus,«
-fährt Strachow fort »bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein
-Lebensende, sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete Mensch
-bewahren soll.«
-
-Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als nach Strachows
-Meinung der russische Liberalismus. Strachow versteht unter
-»Progressist« nicht einen für den Fortschritt im allgemeinen
-Eintretenden, sondern vielmehr jene Gattung von Politikern, welche den
-Fortschritt der russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen
-Fortentwickelung auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten
-Anwendung der Lehren des Westens sahen und anstrebten. Auch Dostojewsky
-hat sich, ohne ein »Progressist« zu sein, immer und überall für den
-Fortschritt eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er den
-müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: »Ich wüsste wohl eine
-Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering
-achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch
-nur einen kleinen Bauernjungen lesen.« »Ich will hier« -- setzt der
-Berichterstatter fort -- »eines der wichtigsten Vorkommnisse jener Zeit
-erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, welche sich zu Ende des
-Jahres 1861 abspielte und den damaligen Zustand der Gesellschaft am
-vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten sicherlich
-verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich werde sie nicht
-berühren, sondern ihre äussere öffentliche Erscheinung schildern, welche
-sowohl für die Mehrzahl der Agierenden als auch der Zusehenden von der
-grössten Bedeutung war.
-
-Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte die Universität immer
-mehr und mehr von Leben und von Bewegung über, leider aber von einem
-solchen Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die
-Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten eine Kasse, eine
-Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, übten ein Richteramt über ihre
-Kameraden aus usw., aber alles dieses zerstreute sie und regte sie so
-sehr auf, dass die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und
-Gescheitesten unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab auch nicht
-wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung der Grenzen aller
-möglichen Dispense, und so entschloss sich die Studien-Obrigkeit endlich
-Massregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um
-sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte sie sich
-einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte, Kassen,
-Deputationen und Ähnliches verboten wurde. Der Befehl wurde im Sommer
-ausgegeben, und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität
-zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten dachten,
-sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, es einzig und allein durch
-einen Widerstand zu thun, welchen die liberalen Grundsätze
-sanktionieren, d. h. durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie
-hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den Behörden soviel
-Arbeit und der Sache soviel Publicität als möglich zu schaffen. Sie
-brachten höchst künstlich den ausgiebigsten Skandal zustande, den man
-nur in Scene setzen kann.
-
-Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder dreimal bei Tage, auf
-offener Strasse in grossen Haufen fortzuführen. Zur grösseren Freude der
-Studenten setzte man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie
-unterwarfen sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem Urteilsspruch
-der Verschickung, welche für viele eine sehr schwere und langwährende
-wurde. Nachdem sie das gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu
-haben, was nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung ihrer
-Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die Grenzen der
-Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe über sich
-ergehen lassen, gleichsam rein nur darum, weil sie von ihren Forderungen
-nicht abgewichen waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe in
-Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so führten die
-Studenten dieses liberal-juridische Drama zum Nutz und Frommen der
-übrigen Staatsbürger tadellos und mit wahrer Begeisterung durch. Es war
-durchaus kein Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse.
-
-Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, dass sich damals
-Leute fanden, welche sehr wünschten, diese Geschichte in einen Aufruhr
-umzuwandeln, dass man Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug,
-irgend eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine fatale Lage
-brächte usw. Revolutionäre Elemente waren in der Gesellschaft
-herangereift, allein diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit,
-und es war nur eine grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam
-eine Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung.
-
-Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. Man hatte
-gestattet, dass die Eingeschlossenen besucht würden, und so kamen
-täglich sehr viele Besucher in die Festung. Auch von der Redaktion der
-»Wremja« ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael
-Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten und mit
-Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer Flasche roten Weines in die
-Festung gesandt. Als man endlich begann, jene Studenten, welche man als
-die Schuldigsten befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde und
-Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Die
-Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut und die Verschickten schauten
-zum grossen Teil wie Helden drein.«
-
-Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen innehalten und über
-die Selbstverständlichkeit und Einfachheit staunen, mit welcher ein
-»russischer Liberaler« von Festungsstrafen und Verschickung junger
-Schwärmer spricht. Es tritt uns da förmlich eine »erbliche Belastung«
-mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch der liberalste
-Russe heute nicht frei sein kann.
-
-»Diese Geschichte« -- fährt Strachow fort -- »wickelte sich im selben
-Geiste weiter ab. Man schloss die Universität, um sie einer
-vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen. Da baten die Professoren um
-die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese
-Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess ihnen ihre Säle
-zu diesem Zwecke, und so wurden die Universitätskurse eröffnet. Alle
-Schritte für das Arrangement der Vorlesungen sowie die Sorge für die
-Aufrechthaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit
-dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz darauf.
-Allein ihre Gedanken waren nicht mit der Wissenschaft beschäftigt, um
-welche sie sich augenscheinlich so bemüht hatten, sondern mit etwas
-anderem, und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung dieser
-Rathaus-Universität war der bekannte »litterarisch-musikalische« Abend
-des 2. März 1862. Dieser Abend war mit der Absicht veranstaltet worden,
-gleichsam eine Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen
-Kräfte vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne war auf
-das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das Publikum war im selben
-Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit
-welchen die litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den
-Frauen und Töchtern von Schriftstellern »der guten Richtung« ausgeführt.
-Theodor Michailowitsch war in der Zahl der Lesenden und seine Nichte in
-jener der Mitwirkenden.
-
-Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt wurde,
-sondern um die Ovationen, welche man den Vertretern fortschrittlicher
-Ideen brachte. Der Lärm und Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat
-mir später immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt war,
-den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht hatte, und
-zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. Eine
-Episode dieses Abends bildete den Beginn des Verfalls und der
-Entzauberung unserer damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P....
-las an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere das
-vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet worden war. Er las ihn
-ohne jede Abänderung, aber mit so ausdrucksvollen Intonationen und
-Gesten, dass ein durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es
-entstand ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. --
-
-Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass
-der Professor arretiert und aus Petersburg fortgeschickt worden sei. Was
-war nun zu thun? In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel
-protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass die Entfernung
-eines Professors eine Bedrohung der übrigen Professoren in sich
-schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen nicht fortsetzen könnten,
-wenn sie nicht dadurch zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für
-schuldig erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen
-wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität zu schliessen und
-dadurch gegen jeglichen Zwang zu protestieren -- ein bekanntlich sich
-fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten,
-etwas das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die Studenten
-setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von Betrübnis und Zorn
-erfüllt sein werde, wenn so plötzlich die Hauptquelle ihrer Aufklärung
-verstopft würde. Die Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten
-und sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder zweier von
-ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale machten. Endlich mischte sich
-die Obrigkeit hinein und machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den
-Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.«
-
-»Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es zeigte sich gleich,
-dass der schlimme Plan die Gesellschaft aufzuregen und sie gegen die
-Obrigkeit aufzureizen vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich
-nicht, und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig. Die
-Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung, dass der
-Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen wurde, der Ausdruck der
-allgemeinen Stimmung sei und dass es so leicht sein werde, das Publikum
-zu täuschen. In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben,
-dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung sei. Die
-Unterlage der Sache war allen gar zu durchsichtig, namentlich als zu
-gleicher Zeit eine Proklamation nach der andern auftauchte, deren erste
-hunderttausend Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt
-hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte, »die Strassen mit
-Blutströmen zu begiessen und keinen Stein auf dem andern stehen zu
-lassen.«
-
-»Wie immer das nun gewesen sein möge, war die Obrigkeit, welche
-beständig bemüht gewesen war, den liberalen Charakter der Ereignisse zu
-wahren, in eine sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede
-liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft,
-welche sich dieser Massregel zu ihren eigenen Zwecken bedient, welche
-durchaus nicht liberal, sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten
-fanden nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den polnischen
-Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man das Böse nicht dulden und
-seinem natürlichen Lauf nicht überlassen darf, wenn es so erschreckende
-Dimensionen angenommen hat.«
-
-Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden Ausdruck des russischen
-ehrlichen Liberalkonservativen reinsten Wassers, nämlich jener Richtung
-des Liberalismus, der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern
-die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln für
-gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten einschränkt --
-eine Anschauung, über die sich streiten lässt, die aber gerade in den
-Konstellationen der russischen Parteistandpunkte besondere Beachtung
-verdient. Dass diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und
-berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus seinem ganzen
-Leben und Wirken klar geworden. Wie er sich speziell zur
-Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren wir aus den Mitteilungen
-O. Millers, welcher uns jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren
-und weniger doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders
-beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei Berichte so recht
-in die Stimmung und das Milieu der grossen Befreiungsepoche
-hineinversetzt. Natürlich haben wir es auch hier mit einem Vertreter der
-konservativ-liberalen Richtung zu thun.
-
-Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der Parteien besprochen,
-welche aus sehr verschiedenen Gründen gegenüber der Aufhebung der
-Leibeigenschaft und ihren Folgen Stellung nahmen, und meint: »man begann
-uns eindringlich das >Sterben< zu lehren -- gerade dann, als man uns
-hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, fest zu leben,« --
-fährt er fort: »das ist's, was ein Mensch bei uns antreffen musste, der
-aus Sibirien geschrieben hatte: »Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn
-noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan.« »Das alles war den
-Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem revolutionären
-Radikalismus -- sei es auch vom entgegengesetzten Ende -- ging der
-Konservatismus sehr wohl zusammen, der -- ganz ebenso revolutionär war,
-wie ihn J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, dass
-jenem >Nihilismus<, dessen erste Formation sozusagen Turgenjew in der
-Person des Studenten mit burschikosem Unterfutter Bazarow aufgestellt
-hatte, derselbe Samarin ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen
-gestellt hatte. Das französische Sprichwort »les extrêmes se touchent«
-ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit geworden.
-
-Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig an jenem denkwürdigen
-litterarischen Lese-Abend gegenwärtig war, da der zur 1862
-stattfindenden Feier des tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste
-Artikel vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der
-Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des Millenniums
-vollzogen und man hätte nun dieses, sollte man meinen, mit beruhigtem
-Gewissen und einem furchtlosen Blick in die Zukunft feiern können. Als
-der Lesende zum »Wermutsbecher« gekommen war, »den das russische Volk im
-Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren müssen,« sagte er: »Zur
-Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers und
-Imperators lief der Becher über ...« Man liess ihn nicht vollenden:
-»dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen, welcher
-sich durch die Leibeigenschaft darin angehäuft hatten -- man fasste
-seine Worte in einem durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie
-gesagt worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von Applaus und
-Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute, mit welchem
-wollüstigen Entzücken damals gerade die Repräsentanten des nicht
-verpönten Nihilismus applaudierten -- dies war an den Dekorationen
-ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie sich in ihren
-»heiligsten Gefühlen« verletzt fühlten. Als nun der Vortragende zum
-Satze kam: »Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes,« da
-floss der Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem
-Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen -- obwohl, natürlich, jede der
-extremen Richtungen das Wort >Administratoren< in ihrer Weise verstand.«
-
-O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an jenem Abende
-teilgenommen habe, findet aber den zehn Jahre später im Roman »Die
-Besessenen« beschriebenen Leseabend den getreuen Spiegel der hier
-vorgefallenen Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem
-anderen Leseabend Teile aus den »Memoiren aus einem Totenhause«
-vorgelesen und das mit Absicht in einem Sinne und Geiste, welcher jenem
-der Einberufer entgegengesetzt war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler
-obzuwalten, der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem Berichte
-dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum betreffs der
-Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte. Die Erzählungen jener
-lärmenden Begebenheit selbst jedoch weichen, wie wir sehen, ziemlich von
-einander ab, und was wir Westländer daraus gewinnen können, ist
-vornehmlich der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, wie sie
-in dem von politisch-litterarischem Leben so heftig pulsierenden
-Russland sogar innerhalb einer und derselben Partei möglich sind. Die
-Herausgeber der Materialien gehören beide der konservativ-liberalen
-Richtung an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei aller
-Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen, fast
-möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, während O. Miller mit der
-feinen Anführung des »Generals-Nihilismus« dem eigenen Konservatismus
-gleichsam die Spitze abbricht.
-
-Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der
-Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch
-von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen längeren Artikel
-widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren
-von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin
-und Herzen. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und
-seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe
-seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten
-Ereignisse erfolgten, Enthebung des Professors von seinem Lehramte und
-der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und
-namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen darüber
-entstanden; »die Gefängnishaft« -- fährt Miller fort -- »hatte
-bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend nur erhöht, das sie antrieb,
-neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem übrigens durchaus
-ernsten und edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener
-Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein
-Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts
-zu höherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese
-Forderung zu erfüllen.« Wer das nicht wusste, dem musste diese
-Auflehnung »um irgend welcher Matrikel willen« in der grossen Stunde der
-Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. -- Das Volk wusste natürlich
-nicht, um was es sich handle -- und urteilte: »Die jungen Herrlein
-rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.« Zu Dostojewsky und
-seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse
-übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem »Tagebuch eines
-Schriftstellers« aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und
-eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische
-Satire »das Krokodil«[15] ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor
-des Romans »Was thun?«
-
-»Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky« -- sagt Dostojewsky --
-»bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rückkunft aus
-Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es
-geschah.
-
-Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr selten, sprachen
-miteinander, aber sehr wenig. Übrigens reichten wir einander jedesmal
-die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen
-unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine
-Manieren. Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine Manier
-ganz wohl.
-
-[Fußnote 15: Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in
-Russland »Krokodile« genannt, ob dies infolge Dostojewskys Satire
-geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, haben wir nicht
-ermitteln können.]
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-Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, auf der Klinke des
-Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals
-auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die
-Aufschrift: »An die junge Generation.« Man kann sich nichts
-Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der
-lächerlichsten Form, welche nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen
-können, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute
-und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals
-alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese
-Leute gründlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht
-recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so
-leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als
-einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung
-anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre
-historischen Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche ein
-ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfüllen
-wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende
-geschrieben.
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-Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem
-Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung
-einverstanden war, -- mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als
-schämte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei
-Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen Erscheinungen zugesehen
-hatte -- verblüffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie
-mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage
-hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Plötzlich, noch ehe es
-Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals
-bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu
-gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen« ....
-
-»Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?« und ich zog die Proklamation aus
-der Tasche.
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-Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte Sache, und las
-sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen.
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--- »Nun, was denn?« fragte er mit einem leichten Lächeln.
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--- »Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? Sollte es denn nicht
-möglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende
-zu machen?«
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-Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: -- »Glauben
-Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich
-imstande gewesen wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?«
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--- »Das ist's eben, dass ich das nicht voraussetzte,« -- antwortete ich
--- »und ich finde es sogar überflüssig, Ihnen das zu versichern. Allein
-auf jeden Fall ist es nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr
-Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre
-Meinung fürchten.«
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--- »Ich kenne keinen von ihnen.«
-
--- »Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist durchaus nicht nötig,
-sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur
-laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen
-gelangen.«
-
--- »Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese
-Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.«
-
--- »Dennoch aber schaden sie allen und allem« ....
-
-.... »Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich
-vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran
-glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern
-nicht >solidarisch< gewesen ist.«
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-Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende
-Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen
-Anschauungen, welche an die Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu
-bedeutungsvoll für die Beleuchtung der damaligen Situation und mit
-einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen
-dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen.
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-»Wenn aber nun eine solche Erscheinung« -- fährt Miller fort -- »zur
-Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre »Nichtigkeit« in ihrer Art komisch
-war, so kann man das natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von
-1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass ich, als ich
-damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben
-schenkte, in dem, was sie über die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen
-verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine
-vorurteilslose, -- mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man
-thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, über unsere
-Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele -- Jacob
-Grimms. Er erkannte vollkommen und begrüsste freudig mit seinem
-allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte,
-»riesenhafte Bewegung nach vorwärts«. Und da musste diese Bewegung
-aufgehalten werden! -- Und zur Befriedigung jener europäischen
-Majorität, welche nicht über den edlen Geist eines Grimm verfügte,
-entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen
-Terrorismus.
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-Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr geringschätzig über die
-»Nichtigkeit« der Erscheinung aussprechen, hier konnte er nicht anders,
-als von einem entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten
-Dostojewsky bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die Edelsten
-unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht verzeihen. Wenn wir
-indes uns jenes Kapitels aus den »Memoiren aus einem Totenhause«
-erinnern, wo von den politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir,
-dass der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern mit voller
-Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor Michailowitsch verletzte nur
-ihr hochmütiges »je hais ces brigands« im Verkehr mit den Sträflingen,
-in denen er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. --
-Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung Dostojewsky erscheinen, ein
-Hohn auf die ganze russische Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier
-erharrt hatte, die polnische Rebellion, und das gerade in diesem
-gesegneten Augenblick, -- eine Rebellion, der als armseliges, aber doch
-immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen mit den darauffolgenden
-»dummen«, aber immerhin »unheilverkündenden« Proklamationen dienten.
-Während unsre »Herrlein« gleichsam nur zufällig in den Augen des Volkes
-zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte man im polnischen Aufstand
-schon ganz ernsthaft den alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der
-von Verachtung gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen war es, und
-nicht das polnische Volk, das endlich vom selben russischen Kaiser mit
-Grund und Boden beteilt worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er
-hasste jenen traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes
-Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren hatte. Diesen alten
-Geist Polens musste er hassen, wie ihn Proud'hon hasste und viele von
-den Polen selbst hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften
-polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky verhasst
-als einem Socialisten -- und ein Socialist im weiten, menschlichen Sinne
-dieses Wortes zu sein hat er niemals aufgehört.
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-Aber die Sache steht so, dass unsre -- nicht nur »Liberalen«, sondern
-auch »Socialisten« bereit gewesen wären, den polnischen »Pany« die
-brüderliche Hand zu reichen -- weil sie bei ihnen einen reichlichen
-Vorrat von Unzufriedenheit wahrnahmen --, und bei uns hatte sich damals
-schon jener Opportunismus entwickelt, welcher keinerlei unzufriedene
-Elemente verschmäht, worauf die Briefe Samarins an Herzen so deutlich
-hinweisen.
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-Dostojewsky war niemals ein »getreuer Unterthan« der Revolution (wie
-sich Samarin in diesen Briefen an Herzen ausdrückt), darum aber war er
-auch niemals »Opportunist«.
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-Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von Glauben und Liebe
-zurückgekehrt, sowie mit dem heissen Verlangen nach Einigkeit bei der
-schöpferischen Thätigkeit zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit
-wachsender Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr
-hervortretenden Anzeichen einer negativen Thätigkeit im Dienste der
-Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich, dass er sich bei seiner
-Geradheit mehr und mehr Feinde machte. -- In dieser Situation und unter
-diesen Umständen war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit
-wieder neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft aufgehoben
-wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder Michael Michailowitsch die
-Herausgabe der Zeitschrift >Wremja<.«
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- VI.
- Publizistik.
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-Mit der Gründung der Zeitschrift »Wremja« wird Dostojewskys tiefster
-Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem das Verkünden des »wahren Christus« vor
-allem andern als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem
-Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte erfüllen
-können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen, endlich direkt und
-unzweideutig und, wie er schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur
-Gewaltsamkeit »seine Wahrheit« verkünden zu können. Diese Epoche ist zu
-wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck in seinem ersten Exposé des
-Unternehmens zu bezeichnend, als dass wir es uns versagen dürften, jenen
-Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden später jede
-der drei Ankündigungen neuer Journalgründung, welche dieser ersten
-folgten, ins Auge fassen müssen, um uns daraus den Beweis zu holen, wie
-geschlossen und unerschütterlich einheitlich sein Streben, sich in einer
-Zeitschrift auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn auch oft
-genug wiederholt: »ein Journal ist eine grosse Sache«. -- Zugleich holen
-wir uns, als Fremde, ein Bild jener Epoche der russischen Geschichte.
-
-N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener Zeitschrift, teilt
-uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den Brüdern Dostojewsky die
-Herausgabe einer voluminösen Monatsschrift geplant gewesen war, zu
-welcher sie eifrig nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th.
-Michailowitsch war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts,
-welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt gewesen (weit
-über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt) und forderte ihn
-infolgedessen zur Mitarbeit an der Monatsschrift auf. Auch Strachow
-findet die Ankündigung so bezeichnend für Dostojewskys damaligen
-Ideengang, dass er sie wörtlich wiedergiebt.
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-Sie lautet:
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- »Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen
- »_Wremja_« (Die Zeit),
- eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden
- von 25-30 Bogen grossen Formats.
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-»Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es eigentlich für nötig
-erachten, ein neues, öffentliches Organ unserer Litteratur zu gründen,
-wollen wir einige Worte darüber sagen, wie wir unsere Zeit und
-namentlich den gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens
-verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist und die Richtung
-unserer Zeitschrift dienen.
-
-Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten und kritischen
-Zeitepoche. Wir werden jedoch zur Darlegung unserer Anschauung
-ausschliesslich auf jene neuen Ideen und Forderungen der russischen
-Gesellschaft hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben
-während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat. Wir werden
-nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, welche in unserer Zeit
-ihren Anfang genommen hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und
-Anzeichen jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich
-friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu vollziehen,
-obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit allen wichtigsten
-Ereignissen, ja sogar der Reform Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist
-das Ineinanderfliessen der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen
-des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen russischen Nation mit
-allen Elementen unseres gegenwärtigen Lebens -- einer Nation, welche
-sich schon vor 170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und seit
-jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit hat, welcher
-abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles Leben lebte.
-
-Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar ist deren
-Wichtigstes die Verbesserung der Lage unserer Bauern. Jetzt sind es
-nicht mehr tausende, jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche
-in das russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten Kräfte
-hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. Kein Klassenhass zwischen
-Siegern und Besiegten, wie in Europa, darf der Entwickelung der
-künftigen Urelemente unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht
-Europa, und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte geben.
-Die Reform Peters des Grossen hat uns auch ohne das allzuviel gekostet:
-sie hat uns mit dem Volke entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie
-abgelehnt. Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung
-mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch mit seinen
-Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach seinem Mass berechnet und
-ihm nicht zeitgemäss. Es nannte sie »deutsch«, nannte die Nachfolger des
-grossen Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des Volkes
-von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern und Anführern zeigt,
-wie teuer uns das damalige neue Leben zu stehen kam. Allein -- obwohl
-mit der Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr als einmal
-hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie mit ausserordentlichen,
-krampfhaften Bemühungen geäussert, weil es allein war und ihm das schwer
-wurde. Es wandelte im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem
-gesonderten Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine Lage hinein,
-versuchte es, sich selbst seine Anschauung zu verdeutlichen, zerfiel in
-geheime, schädliche Sekten, suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben,
-neue Formen. Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, nicht
-kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk beim Betreten jener
-neuen Bahnen gethan, welche es sich mit so vielen Beschwernissen
-aufgefunden hatte. Bei alledem aber nannte man es den Bewahrer der alten
-vorpeterschen Formen, des stumpfen Altgläubertums.
-
-Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne Führer und auf seine
-eigenen Kräfte allein angewiesen blieb, manchmal absonderlich, seine
-Versuche einer neuen Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in
-ihnen war eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher
-Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. Nach der Reform hat es
-zwischen ihm und uns, den gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der
-Einigung gegeben -- das Jahr 1812 -- und wir haben gesehen, wie sich das
-Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals, _was_ das Volk eigentlich
-sei. Das Elend liegt darin, dass es _uns_ nicht kennt und nicht
-versteht.
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-Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche Reform, welche sich
-ununterbrochen bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, ist endlich an ihre
-letzte Grenze angelangt. Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? Es
-giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, welche Peter den
-Grossen nachgeahmt haben, haben Europa kennen gelernt, sich europäischem
-Leben angeschlossen und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten
-wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum Europäismus; heute
-denken wir anders. Wir wissen heute, dass wir nicht Europäer sein
-können, dass wir nicht im stande sind, uns in eine der westländischen
-Formen hineinzuzwängen, welche Europa aus seinen eigenen nationalen, uns
-fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet und ausgelebt
-hat -- geradeso wie wir etwa ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das
-nicht nach unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich
-überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind, eine im
-höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass unsere Aufgabe ist --
-uns eine neue, uns eigene, heimische Form aufzubauen, eine Form, die wir
-unserer eigenen Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen
-entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen Boden zurückgekehrt.
-Wir leugnen unsere Vergangenheit nicht ab, wir anerkennen auch das
-Vernünftige darin. Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont
-erweitert, dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in der grossen
-Familie aller Völker kennen gelernt haben.
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-Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer chinesischen Mauer
-von der Menschheit absondern werden. Wir ahnen, und ahnen mit
-ehrfürchtigem Sinn, dass der Charakter unserer künftigen Thätigkeit im
-höchsten Grade allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee
-vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche Europa mit
-solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit in seinen
-verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt; dass vielleicht alles
-Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung und fernere Entwickelung im
-russischen Volkstum finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle
-Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den Interessen
-eines jeden europäischen Volkes teilgenommen, den Sinn und die Vernunft
-von Erscheinungen verstanden, welche uns vollständig fremd waren; nicht
-vergebens haben wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die
-alle Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns darob
-gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit, ohne Vaterland
-geheissen, ohne zu bemerken, dass die Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang
-von seinem Boden loszureissen, um nüchterner und unparteiischer auf sich
-selbst zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke
-Eigentümlichkeit ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit dem Auge des
-Versöhners anzusehen, ist die höchste und edelste Gabe der Natur, welche
-nur sehr wenigen Nationalitäten verliehen ist. Die Angehörigen anderer
-Nationen haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht
-... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein neues Leben ein.
-
-Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue Leben ist die Versöhnung
-der Anhänger der Peterschen Reform mit jenen der Volksgrundlage
-unvermeidlich geworden. Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und
-nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber verhält sich
-unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir sprechen von der Aussöhnung der
-Zivilisation mit dem Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander
-endlich verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich zwischen
-ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft haben, aufklären und dann in
-Harmonie und Eintracht mit vereinten Kräften einen neuen breiten und
-ruhmvollen Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie kosten
-möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer, und das so schnell als
-möglich -- das ist unser leitender Gedanke, das ist unsere Devise.
-
-Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem Volke? Wie macht man den
-ersten Schritt, um sich ihm zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge,
-die alle teilen sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die
-das Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück aber -- ist
-unser Glück. Es versteht sich, dass der erste Schritt zur Erreichung
-jeglicher Übereinstimmung das Alphabet und die Bildung ist. Das Volk
-wird uns niemals verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. Es
-giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem wir dies
-aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so lange es an den
-gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt zu thun, haben sie ihre
-Situation auszunützen, mit allen Kräften auszunützen. Kräftige,
-schleunige Verbreitung von Bildung, koste es was es wolle, das ist die
-Hauptaufgabe unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit.
-
-Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer Zeitschrift
-ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist ihrer künftigen Thätigkeit
-angedeutet. -- Allein wir haben noch einen zweiten Grund, der uns
-veranlasst, ein neues, unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir
-haben schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter unserer
-Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige Abhängigkeit und
-Unterordnung gegenüber den litterarischen Autoritäten entwickelt hat. Es
-versteht sich, dass wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der
-Käuflichkeit anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu überall in dem
-europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und Tagesblätter, welche ihre
-Überzeugungen um Geld veräussern und ihre niederen Dienste, sowie ihre
-Herren mit anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die
-anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, dass man seine
-Überzeugung verkaufen kann, wenn auch nicht um Geldeswert. Man kann sich
-zum Beispiel aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen,
-oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung mit den
-litterarischen Autoritäten willen, als Dummkopf ausgerufen zu werden.
-Die goldene Mittelmässigkeit zittert manchmal sogar ganz uneigennützig
-vor den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur
-festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen kühn, keck und frech
-ausgesprochen wurden. Manchmal verschafft nur diese Keckheit und
-Frechheit einem nicht dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu
-benutzen versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer
-Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen
-ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss auf die Massen.
-Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast immer äusserst furchtsam,
-ungeachtet ihres augenscheinlichen Dünkels, und unterordnet sich willig:
-die Furchtsamkeit aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein in
-der Litteratur darf es keine Sklaverei geben.
-
-In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, nach litterarischer
-Überlegenheit, nach einem litterarischen Range ist mancher sogar alte
-und angesehene Schriftsteller oftmals imstande, sich zu einer so
-unerwarteten und seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie
-unwillkürlich Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen
-hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen Anekdoten über
-die russische Litteratur der Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die
-Nachkommenden übergehen wird. Und solche Vorkommnisse ereignen sich
-immer öfter und öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten
-Einfluss aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, daran zu
-rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch heute einige festgesetzte
-Ideen und Meinungen, welche nicht die geringste Selbständigkeit besitzen
-und doch als unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, weil
-es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt haben. Die
-Kritik wird immer flacher und unbedeutender; in manchen Publikationen
-werden gewisse Schriftsteller ganz umgangen, weil man fürchtet, sich,
-über sie sprechend, zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens
-und nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, welcher
-durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich ist, deckt mit Erfolg
-die Talentlosigkeit und wird in Pflicht genommen, um Subskribenten
-heranzulocken. Ein strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird
-immer seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, der sich
-in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische Zeitschriften in
-vornehmlich kommerzielle Unternehmungen um, die Litteratur aber und ihr
-Nutzen treten in den Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal
-gedacht.
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-Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, welche,
-ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen Autoritäten, doch
-vollkommen unabhängig von ihnen sein, in freiester und aufrichtiger
-Weise auf alle litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen
-wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung für die russische
-Litteratur.
-
-Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien oder
-Voreingenommenheiten hegen. Wir werden sogar bereit sein, unsere eigenen
-Irrtümer und Fehlschüsse einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden
-uns aber gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu rühmen.
-Wir werden auch der Polemik nicht aus dem Wege gehen und wir werden auch
-davor nicht zurückschrecken, die litterarischen Gänse manchmal zu
-reizen. Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt das Wetter
-an, wenn es auch nicht immer das Kapitol rettet. Eine besondere
-Aufmerksamkeit werden wir dem kritischen Teile unseres Blattes widmen.
-Nicht nur jedes bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte
-litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, wird
-unbedingt in der unseren analysiert werden. Die Kritik darf also nicht
-verschwinden, rein nur, weil man beginnt die Bücher nicht separat, wie
-ehedem, sondern in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal »Wremja«
-alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige durch Schweigen
-umgehen wird, wenn es nicht geradezu schädlich ist, wird es alle
-halbwegs wichtigen litterarischen Kundgebungen verfolgen, die
-Aufmerksamkeit auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun
-positiver oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich
-Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten
-Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, wo immer sie sich
-zeigen mögen. Erscheinungen des Lebens, umlaufende Meinungen,
-festgestellte Principien, welche aus allgemeinen und allzu persönlich
-passenden oder unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und
-ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der Kritik genau
-wie ein eben erschienenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Unsere
-Zeitschrift spricht sich das unabänderliche Reckt zu, offen über jede
-litterarische und ehrenhafte, ehrliche Arbeit ihre Meinung
-auszusprechen. Der weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt
-ist, verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger
-dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals zu dem jetzt
-allgemein gebrauchten Kniff herablassen -- einem bekannten
-Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente vorzureden, um das Recht zu
-haben, eine nicht ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen.
-Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht nach der
-Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen Ankündigung an Raum
-gebricht, auf alle Details unserer Publikation einzugehen, wollen wir
-nur sagen, dass unser, von der Obrigkeit bestätigtes, Programm
-ausserordentlich reichhaltig ist.«
-
-Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, sowie die
-Ankündigung, dass die Mitarbeiter, entgegen dem alten Brauch, nicht
-genannt werden, und endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch
-Dostojewskys, da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) unter
-polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur nicht officiell
-bestätigt werden konnte.
-
-Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich nur in ihrer
-äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé finden wir schon die ganze, klare
-Richtung nach dem Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur
-Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen Partikularismen,
-und die ganze Hartnäckigkeit, diese Richtung einzuhalten und andere
-hineinzubringen.
-
-Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke Dostojewskys finden wir nun
-»eine Reihe von Artikeln über die russische Litteratur«, welche aus den
-Heften der »Wremja« und zwar vom Januar, Februar, Juli, August und
-November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft von Theodor
-Michailowitsch stammen, obgleich sie damals ohne Unterschrift erschienen
-waren. Die ersten derselben haben, nach Millers Meinung, einen grossen
-Teil jenes Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie wir
-wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna gewidmet gewesen und
-später verschwunden ist.
-
-Diese Artikel »über die russische Litteratur« sind durch zwei Momente
-für uns besonders interessant. Erstens und vor allem durch das
-Persönliche, das Verlebendigende, wenn man so sagen darf, das
-Dostojewsky hier wie überall, wo er es mit einer Sache ernst meint (und
-wo thut er das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, welchen
-wir da in die Anschauungen der Russen über die Litteratur und ihre
-Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen sind uns durch die Jugendlichkeit
-ihres Ernstes zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht
-unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, in die sich die
-Russen über litterarische Streitfragen stürzen. Allein es will uns
-bedünken, dass gerade in diesem jugendlichen Ernst, der heute, im
-neunzehnten Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens beste
-Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, eine Mahnung liegt,
-von der litterarischen Spielerei zum Leben und zu seinen ernsten
-Forderungen zurückzukehren.
-
-Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden
-Betrachtung über die Art, wie die nach Russland kommenden Fremden
-Russland verstehen; der Deutsche, der Franzose, der Engländer, jeder in
-seiner Weise und jeder -- falsch. »Für Europa,« heisst es da, »ist
-Russland das Rätsel der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder
-das Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, der
-russische Geist, sein Charakter und seine Richtung vom Westen erfasst
-werden wird. In dieser Beziehung ist sogar der Mond jetzt weit
-ausführlicher erforscht als Russland. Wenigstens weiss man entschieden,
-dass dort niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort Menschen
-leben und sogar russische Menschen --, aber was für Menschen, das ist
-bis heute noch ein Rätsel, obwohl die Europäer überzeugt sind, dass sie
-uns schon lange begriffen haben.«
-
-Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche nach Russland kommen. Er
-geht der Reihe nach die Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger
-und Raritätenschausteller durch und langt bei dem gebildeten und
-ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich ernstlich mit
-der russischen Litteratur beschäftigt, um schliesslich Cheraskows
-Russiade in das -- Sanskrit zu übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der
-Franzose hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss alles,
-er versteht alles -- auch ohne etwas zu lernen. Er hat sein Buch über
-Russland schon in Paris um gutes Geld verkauft und gönnt sich dafür die
-Reise von 28 Tagen, um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu
-beglücken und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt auch
-sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel »Petroucha«,
-»welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das russische Leben getreu
-charakterisiert und 2. dass sie gleichzeitig auch das Leben auf den
-Sandwichinseln schildert Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man
-schon, dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken hat,
-welcher eine grosse Wendung in den Geschicken Russlands herbeigeführt
-hat, und jede Portiersfrau, der du in später Nachtstunde zurufst: »Le
-cordon s'il vous plaît«, brummt schlaftrunken in sich hinein: »Sieh mal,
-wäre in Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so wärest du
-heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris, au centre de la
-civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten in der Nacht aufwecken und
-aus vollem Halse »le cordon s'il vous plaît« schreien.«
-
-Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Dostojewsky auf den
-Standpunkt zu sprechen, den die Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache
-gegenüber einnehmen. Da ist es namentlich der vornehme, der an
-ausländische Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem »dunklen Volke«
-gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar bittet, ihm
-Wasser geben zu lassen, nur um nicht selbst ein russisches Wort an den
-Lakaien zu richten, welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er
-hundertmal lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf und daraus
-allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und Würden macht, das ihn
-ein- für allemal vom Volke trennt.
-
-Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande nichts zu thun finden,
-nach grossen Thaten ächzen, sich gegenseitig ihren Weltschmerz klagen
-und sich ihrer Nichtswürdigkeit anklagen: »ach, Bruder, sieh, ein so
-gemeiner Schuft bin ich!«, so wird jene Art Byrons daraus, welche sich
-wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche Welt hat klagen und
-weinen können, was eines Lords ganz unwürdig ist, während sie zum
-höheren Byronismus übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet
-hatte: ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu spielen
-und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken zu ziehen. Diesen Byrons
-ruft er zu: »Ich habe eine Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht
-leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die
-uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.«
-
-Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt Dostojewsky
-allmählich auf das Gebiet der Forderungen, die aus den Bedürfnissen oder
-vielmehr der Bedürftigkeit des Volks entstehen und für das Volk
-eintreten. Er tritt leidenschaftlich für die Volksbildung ein und
-widerlegt den Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz
-alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse füllen.
-Jawohl, antwortet er -- weil diese Bildung oder eigentlich Halbbildung
-noch ein Privileg ist und Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit
-im Gefolge haben.
-
-So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme, ganz einfache
-Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes Russen, für sich und »unsern
-Bruder«, wie das hübsche Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch
-den Dichter so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach dem,
-was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort in den Mund gelegt,
-das nun eine stereotype Redensart ist, und das er bei den kleinsten
-Zwischenfällen unwillkürlich anwendet. Er sagt da nicht: »was soll ich
-thun«, sondern: »wie habe ich zu sein?«
-
-Aus der »verfluchten Frage« heraus: »Wie soll mein Leben sein?« ist eben
-das russische Leben, seine Kunst und Kritik einzig zu verstehen. Nun
-begreifen wir auch, warum die Russen Turgenjew trotz seiner hohen
-Künstlerschaft nicht zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur
-und ihre mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten.
-Das, was Schilderung, getreues Nachbilden russischen Lebens ist, was mit
-allen Künsten der Farbengebung, der Licht- und Schattenverteilung, der
-»Lasur«, wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer
-entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, so fein
-zubereitet, gerade genug, um »anzuregen«, ohne allzusehr wehe zu thun,
-das wird den Russen beleidigen, der von seinem Dichter vor allem
-Mitarbeit an seinem schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel
-deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers, Wandlung zum
-Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem er der hohen Kunst abgeschworen,
-die im Roman »Krieg und Frieden« ihren vollendetsten Ausdruck gefunden,
-heute, da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft, in
-Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören, heute erst rechnet
-er sich selbst zu den führenden Geistern seines Volks und wird von ihm
-dazu gezählt. Andere Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir
-in direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren Verlauf der
-»litterarischen Artikel«, da, wo der Dichter den Parteihader schlichten
-will, welcher zwischen Utilitaristen und Vertretern der »Kunst als
-Selbstzweck« entbrannt ist.
-
-Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über belletristische Werke
-gehört wohl seine an Strachow gerichtete Kritik Tolstojs. Strachow hatte
-gesagt, dass Tolstojs »Krieg und Frieden« zu den vortrefflichsten Werken
-der gesamten russischen Litteratur gerechnet werden müsse, darauf
-Dostojewsky:
-
-»... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, Lomonossow -- das
-sind Genies. Mit dem »Mohr Peters des Grossen« und mit »Bjelkin«
-hervortreten, das heisst unbedingt mit einem genialen, neuen Wort
-auftauchen, das bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war.
-Allein mit »Krieg und Frieden« auftreten, das heisst nach diesem Worte
-kommen, das schon von Puschkin gesagt worden war; und das in jedem
-Falle, wie hoch und weit auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor
-ihm schon durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen möge.
-Ich denke, das ist sehr wichtig usw.«
-
-An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs »neues Wort« das
-»Gutsbesitzer-Wort«[16], das allerdings bei Tolstoj unendlich
-bedeutender zum Ausdruck komme.
-
-Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky an vielen Orten
-gesagt, am feurigsten aber in seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen
-grossen Puschkinrede. Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken:
-»Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit,
-»Allmensch« und nur dieser Allmensch vermag die Idee des lebendigen
-Christentums in sich zu tragen und sie zu verbreiten.«
-
-Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky die unvollendete
-Erzählung Puschkins »Der Mohr Peters des Grossen« und die »Novellen
-Bjelkins«, zwei Werke, die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher
-stellt, als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke.
-
-In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten Ausdruck der
-russischen Eigenart, wie sie in Peter dem Grossen, »dessen
-Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt ist,« ihren elementaren
-Ausbruch findet. Jene Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle
-Sprachen eigen zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen
-Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es seine bessere
-Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, sich schuldig zu bekennen,
-alles dies, was ihn dem Europäer unverständlich macht, was dieser als
-Unpersönlichkeit an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu jener
-Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die Einigung der
-Menschen herbeiführt -- im Gegensatz zu den immer komplizierteren
-Trennungen der europäischen Nationen, die wohl nicht »in der Jeanne
-d'Arc und den Kreuzzügen ihren Ursprung« haben dürften und auch nicht
-durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift hiermit wieder
-die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: Glauben oder Wissen, Gott
-oder Ich, die er ja in allen seinen Werken in tiefsinnige Probleme
-aufblättert. In einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit
-seinem letzten Romane nichts anderes will, als »das Dasein Gottes
-beweisen«.
-
-[Fußnote 16: Ein Ausspruch, den Dostojewsky _heute_, was Tolstoj
-anlangt, sicher zurücknehmen würde.]
-
-Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, der dies synthetische
-Wesen des Russen erkannt und in sich gerade aus seiner westlichen und
-künstlerischen Kultur heraus verkörpert habe. »Die kolossale Bedeutung
-Puschkins,« sagt er, »ersteht vor uns immer mehr und mehr ... Für alle
-Russen ist er der vollendetste künstlerische Ausdruck dessen, was
-eigentlich der russische Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und
-wie namentlich das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt
-Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation schon
-früh reif geworden ist, und dass seine Früchte nicht faule, sondern
-herrliche, goldene Früchte sind. Alles, was wir aus der Bekanntschaft
-mit den Europäern über uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt --
-alles, worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben wir uns
-erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten und harmonischsten
-Weise in Puschkin geoffenbart. Wir haben aus ihm herausverstanden, dass
-das russische Ideal All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit
-ist usw.«
-
-Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage über, welche seit Jahren
-die russischen Schriftsteller in streitende Parteien geschieden hatte,
-nämlich dem Kampf der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die
-Vertreter der reinen Kunst.
-
-Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. In zwei
-prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen beweist er beiden
-Teilen ihre Berechtigung, sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die
-Blindheit, in der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der selbst
-ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der Hand in den Mund
-lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser Gattung verwerfen, selbst wenn
-es, wie bei Schtschedrin, durchaus künstlerisch hingestellt ist, und
-hält den Utilitaristen vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort
-verlangen, wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter verlangt. Es sind
-also die Menschen, welche Litteratur und Kunst treiben, nicht aber diese
-für ihre Wirkungen verantwortlich zu machen.
-
-»Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist es immer gewesen
-und, was die Hauptsache ist, wird es immer bleiben,« sagt Dostojewsky
-da. »Die Gesellschaft leidet oft an schweren Übeln und greift nach den
-Mitteln, die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr eine
-Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat sie es geleistet,
-so war es gewiss künstlerisch.« Braucht aber die Zeit noch Anthologien,
-so möge sie nur noch danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die
-Freiheit der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw.
-
-Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der »freien Eingebung«
-aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit der Tendenz,
-Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes, antikisierende oder
-mittelalterliche Schrullen, wie auch Abwendung von der Gegenwart im
-allgemeinen, Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn.
-
-Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky folgendes
-drastische Beispiel an:
-
-»Versetzen wir uns,« sagt er da, »in das 18. Jahrhundert, gerade an den
-Tag des Erdbebens von Lissabon. Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde,
-Häuser stürzen ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der
-Zurückbleibenden hat einen schweren Verlust erlitten -- entweder Hab und
-Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute taumeln
-verzweifelnd in den Strassen umher, durch das Entsetzen ihrer Sinne
-beraubt. Zu dieser Zeit lebt in Lissabon irgend ein berühmter
-portugiesischer Dichter. Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer
-des Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure). Das Blatt,
-das in einem solchen Augenblicke erscheint, erregt sogar einiges
-Interesse in den Gemütern der unglücklichen Stadtbewohner, ungeachtet
-dessen, dass sie nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen;
-sie hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, welches
-ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen, die spurlos zu Grunde
-Gegangenen Nachricht zu geben usw. Da -- an irgend einer in die Augen
-springenden Stelle -- erblicken sie etwas in folgender Art:[17]
-
- »Leises Flüstern, lindes Fächeln,
- Nachtigallen-Trillersang,
- Silberleuchten, träumend Wiegen
- All den klaren Bach entlang,
- Nächt'ge Helle, nächt'ge Schatten,
- Unbegrenztes Dämmerlicht,
- Zaub'risch wechselnde Bewegung
- In der Liebsten Angesicht;
- Rosenglut im Wolkenschleier,
- Wiederschein wie Bernsteinlicht,
- Küsse, Thränen, sanftes Feuer
- Und -- Morgenröte, Morgenlicht!«
-
-[Fußnote 17: Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch
-Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter lyrischer
-Gedichte, worunter »Abende und Nächte« das bedeutendste ist, welchem
-auch wohl die herangezogene Strophe entnommen ist. Seine Übersetzungen
-des ganzen Horaz, Juvenal, des Faust, sollen meisterhaft sein.
-Dostojewsky mochte ihn wegen eben dieser Abwendung von der brennenden
-Frage der Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir
-sehen hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn
-»justifiziert«.]
-
-»Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons ihren Merkur
-aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren Poeten würden sie öffentlich
-auf dem Marktplatze justifizieren. Durchaus nicht darum, weil er ein
-Gedicht ohne Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt
-der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört hatte, und
-das »Wiegen« des Baches in einem Augenblicke solchen Wiegens der ganzen
-Stadt auftrat, dass die armen Leute nicht nur durchaus keine Lust
-verspürten, die »Rosenglut im Wolkenschleier« oder das »Bernsteinlicht«
-zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des Dichters allzu
-beleidigend und unbrüderlich erscheinen musste, der in einem solchen
-Augenblicke ihres Lebens so amüsante Dinge zu singen wusste. -- Bemerken
-wir übrigens folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten
-ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle so erzürnte
-(sei's auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), konnte doch seiner
-künstlerischen Vollendung nach herrlich sein. Ja noch mehr, den Dichter
-haben sie hingerichtet, aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm
-auf dem Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen
-Verse im allgemeinen und der »Rosenglut« im besonderen. Es zeigt sich,
-dass nicht die Kunst schuldig geworden ist an dem Tage des Erdbebens.
-Das Gedicht, für das sie den Dichter justifizierten, hatte
-möglicherweise als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern
-sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen später
-Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief und sich als ein
-erquickender Tau auf die Seele der jungen Generation niedersenkte.
-Folglich war nicht die Kunst schuldig, sondern der Dichter, welcher die
-Kunst in einem Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an der
-Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre -- -- das war
-natürlich arg und ausserordentlich dumm seinerseits, aber immer war eben
-er schuldig und nicht die Kunst ist es gewesen.«
-
-Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks sehr am Herzen
-liegt, ja eigentlich sein Herzblatt ist, zeigt er uns auch auf andere
-Weise als durch das auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung.
-Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher Weise der
-Mangel an Kunst der besten Idee schaden könne, und dass die hohe
-künstlerische Vollendung, etwa der Iliade, auch nach Jahrtausenden
-niemals die Wirkung versage.
-
-Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung holt er sich
-ein sehr angesehenes Opfer, den bekannten und in jenen Tagen
-vielbewunderten Kritiker N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere
-Bogen seiner Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik.
-
-Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa den Leser in einen
-Raum führen, wo gegenüberstehende Spiegel eine endlose Reihe von
-Reflexen erzeugen. Wir halten uns aber an das, worauf es hier ankommt --
-das Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums zu fördern.
-
-Es handelt sich um die Erzählung »Mascha« der kleinrussischen
-Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem Pseudonym Marko Wowtschók
-zwei Bände Volkserzählungen im kleinrussischen und im grossrussischen
-Dialekt geschrieben hat; Turgenjew hat die ersteren in das
-Grossrussische übersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzählungen
-hauptsächlich das so oft erörterte Verhältnis der Leibeigenen zu ihrer
-Herrschaft. »Mascha« ist ein junges Bauernmädchen, das sich auf alle
-Weise der ihr von der Gutsherrin auferlegten Arbeit widersetzt und nur
-»frei« arbeiten will. Schon in ihrer frühesten Kindheit hat sie immer
-nach den Gründen jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau nicht grüssen
-wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt. Später hat sie allen
-Vorstellungen ihrer Muhme, die sie und ihren Bruder als Waisen
-aufgezogen hatte, immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht für uns
-ein, wo ist unser Recht? Später will sie weder spinnen, noch im Garten
-jäten, und als ihr die Herrin einmal selbst die Sichel in die Hand
-drückt und sagt: »Da, schneide das Gras hier« -- schneidet sie sich
-sofort in die Hand; die Gutsherrin, »die noch obendrein nicht von der
-schlimmen Gattung, sondern liberal ist«, verbindet dem Mädchen die
-blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche, das dieses aber zu Hause
-sofort zornig von der Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube
-wirft. Endlich geht das Mädchen nicht mehr am Tage aus der Hütte, damit
-man ihrer »Krankheit« Glauben schenke -- wandert nur Nächte lang im
-Hausgärtchen umher, isst nicht, spricht nicht und »schmilzt vor den
-Augen der Muhme zusammen«. Da kommt eines Tages der Bruder heim und
-verkündet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen gestattet habe, sich
-freizukaufen. Das Mädchen stürzt sich mit einem Schrei dem Bruder zu
-Füssen: »Kaufe uns los,« schreit sie, »verkaufe alles und kaufe uns los,
-ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen!« Er verkauft alles, und
-die Heroine ist gerettet.
-
-Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik ans Licht, welche ein
-Kunstwerk darum preist, weil man darin ganz gescheit über
-Selbstverständliches spreche, während es doch nichts unwahreres,
-puppenhafteres und weniger russisches geben könne, als dieses
-Bauernmädchen, das da über Freiheit und Menschenrechte deklamiere und
-»unbewusst heroisch« werde. Der Dichter greift nun diese unkünstlerische
-Art der polemischen Litteratur -- »womit Ihr Euch nur selbst schadet,
-meine Herren« -- auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen
-Nutzen eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er dem Autor
-(man wusste damals offenbar noch nicht, dass dies eine Frau sei) und dem
-Kritiker zuspricht, die unsterbliche Wirkung der Antike entgegen.
-
-Hier kehrt Dostojewsky zu seinem früheren Ausspruch zurück, den er als
-Argument der Künstler gegen die Utilitaristen ins Feld geführt hatte.
-»In der That,« heisst es da, »wenn man auch die Kunst nur von einem
-Standpunkte, dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja der
-normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst der Menschheit
-gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es wäre schwer, die ganze Masse
-von Nutzen zu berechnen, welche z. B. die Ilias oder der Apollo von
-Belvedere der Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge, die
-unserer Zeit offenbar durchaus nicht nötig sind. Seht, es hätte z. B.
-irgend einer, als er noch ein Jüngling war, in jenen Tagen, da noch »des
-Daseins Bilder frisch und neu«, einmal den Apollo von Belvedere
-angesehen, und das erhabene und unendlich schöne Bild des Gottes hätte
-sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprägt. Dies scheint ein leeres
-Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an der Statue erfreut und ist
-darauf fortgegangen. Allein dieses Sicherfreuen hat ja keine Ähnlichkeit
-mit der Bewunderung z. B. einer schönen Damentoilette! »Dieser Marmor
-ist ja ein Gott« -- Ihr möget so viel Ihr wollt die Nase rümpfen, seine
-Gottheit nehmt Ihr ihm nicht. Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch
-ist nichts dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck, den
-der Jüngling empfing, ein heisser, einer, der die Nerven erschütterte,
-der die Haut kalt überrieselte; ja -- wer weiss es denn! vielleicht geht
-im Menschen bei solchem Empfinden einer hohen Schönheit, bei solcher
-Nervenerschütterung irgend eine innere Veränderung, irgend ein Umsatz
-der Moleküle, irgend eine galvanische Strömung vor sich, welche in einer
-Sekunde das Vorhandene zu einem anderen, ein Stück Eisen zum Magnete
-macht. Es giebt freilich eine grosse Menge von Eindrücken auf der Welt,
-allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht wohl nicht
-spurlos vorüber. Nicht vergebens bleiben denn auch solche Eindrücke fürs
-Leben. Und, wer weiss: als dieser Jüngling etwa zwanzig, dreissig Jahre
-nachher, bei irgend einem grossen Ereignisse des öffentlichen Lebens,
-sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen und nicht nach
-der anderen Richtung hervorthat, kann es leicht sein, dass in der Masse
-der Ursachen, welche ihn veranlassten, so und nicht anders zu handeln,
-ihm ganz unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig Jahre
-vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen hatte usw.«
-
-Die weiteren Aufsätze in der »Wremja« enthalten, wie gesagt, schon
-deutlicher die ersten Anklänge jenes Glaubensbekenntnisses, das
-Dostojewsky sein Leben lang erfüllte und das, wie wir wissen, in der
-Puschkin-Rede seinen scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand.
-
-Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brüder so leicht und
-so amüsant als möglich zu gestalten. Es lag ihnen, wie Strachow
-erläutert, damals ganz besonders daran, ihren national-politischen
-Überzeugungen, welche sich damals noch vom reinen Slavophilentum
-abtrennten, so rasch als möglich einen grossen Leserkreis zu
-verschaffen, um allen etwaigen Missverständnissen in dieser Richtung von
-vornherein entgegenzutreten oder da, wo sich noch keine Meinung gebildet
-hatte, die ihrige einzusetzen. Einen breiten Boden aber konnten sie nur
-gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die weitesten
-Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane lesenden Publikums
-machten und Erzählungen brachten, wie: »Johann Casanovas Flucht aus den
-Bleidächern Venedigs«, »Der Prozess Lassenare« usw. Einer ihrer
-bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich namentlich durch
-die Schärfe und Tiefe seiner kritischen Studien einen Namen gemacht
-hatte, der aber nur von wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit
-dieser Führung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch Theodor
-Michailowitsch Feuilleton-Romane für die »Wremja« schrieb, dem
-Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er lasse den Bruder wie ein
-Postpferd für das Blatt arbeiten, was diesen sicherlich an seiner
-Gesundheit und an seinem Talent schädigen müsse.
-
-Einige Jahre später, im Jahre 1864, nimmt Theodor M. Dostojewsky diesen
-Streit auf und veröffentlicht in der später gegründeten »Epoche« eine
-Entkräftung dieser Anschuldigung, die wir hier vorbringen:
-
-»Erstens können die (angeführten) Worte Grigorjews auf keine Weise als
-Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt werden, welcher mich liebte, mich
-als Schriftsteller nur allzu parteiisch hochschätzte und sich über mir
-gewordene Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser
-edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd in seinem
-Journal zu verwenden. Offenbar handelt es sich in diesem Briefe
-Grigorjews um meinen Roman »Erniedrigte und Beleidigte«, welcher damals
-im »Wremja« gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben
-habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich allein, ich ganz allein
-daran schuld. So habe ich mein ganzes Leben lang geschrieben, so -- habe
-ich alles geschrieben, was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme
-der Erzählung »Arme Leute« und einiger Kapitel der »Memoiren aus einem
-Totenhause«.« (Wir müssen hier den »Kleinen Held« anfügen, von dem wir
-ja wissen, dass er in der Petersburger Festungshaft _vor_ dem
-Todesurteil geschrieben wurde und aus diesem Umstand so »unschuldig«
-ausfiel.) »Es hat sich in meinem litterarischen Leben sehr oft ereignet,
-dass der Anfang eines Kapitels von einem Roman oder einer Erzählung
-schon in der Druckerei und schon gesetzt war, während das Ende desselben
-noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis morgen geschrieben sein
-musste. Gewohnt so zu arbeiten, that ich das Gleiche mit den
-»Erniedrigten und Beleidigten«, allein durchaus ohne von irgend jemand
-dazu gedrängt worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegründete
-Zeitschrift, deren Erfolg mir über alles teuer war, brauchte einen
-Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an. Ich selbst
-versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan dazu schon lange in mir
-fertig sei (was nicht der Fall war), dass es mir leicht sein werde, zu
-schreiben, der erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht
-um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen ein, dass in
-meinem Roman viele Gliederpuppen statt Menschen vorkommen[18], dass
-wandelnde Bücher[18] finden sind und nicht Personen, welchen
-künstlerische Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und
-Ausprägung der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind). Zur
-Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer nicht,
-ahnte es höchstens. Allein, was ich wirklich wusste, als ich zu
-schreiben anfing, war dies: 1. dass, wenn der Roman auch nicht gelingt,
-er Poesie haben würde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen
-darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere darin
-vollkommen wahr und sogar künstlerisch dargestellt sein werden. Mit
-dieser Überzeugung begnügte ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage,
-allein es sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich
-stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass ich mein
-ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich gebe zu, dass dies sehr
-schlecht ist aber ... Der Leser möge mir diese schöne Rede über mich
-selbst und meine »hohe Begabung« verzeihen, sei es nur mit Rücksicht
-darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst über meine Werke
-etwas gesagt habe[19].«
-
-[Fußnote 18: Anführung von Grigorjews Ausdrücken.]
-
-[Fußnote 19: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allerdings eines
-der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen will, vor
-allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand gehalten und sicher
-durchgeführt ist. Diese Natascha, welche zuerst den Erzählenden, Iwan
-Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, liebt und dann aus dem
-Elternhause zu dem Sohn des Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast
-schwachsinnigen Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht
-liebt, dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später
-aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern hin und
-her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren und doch in
-die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, -- sie alle _wollen_
-offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind nicht wirkliche
-Beleidigte -- denn: ein kleiner Druck am Räderwerk des Ganzen, eine
-logische und vernünftige Schlussfolgerung, ein energisches Halt, und sie
-sind es nicht und alles wäre anders.
-
-Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige und Unwürdige
-der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz besonders übel genommen.
-Ein Mann, der den Liebesroman seiner Braut mit einem Andern schildert,
-der darin als helfender Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte
-verrät, wie ihm dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche
-Figur erscheinen, ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die
-Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den äusseren
-Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, in der Entsagung
-Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; dass ferner dieses bei Hinz
-und Kunz sicher unwürdige, mindestens befremdliche Vorgehen bei dem eben
-aus dem Totenhause befreiten, durch das Evangelium und die dort
-gewonnene Volksdemut zu »seiner Wahrheit« durchgedrungenen Dichter eine
-viel kompliziertere und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass
-gerade dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den
-Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch nur
-anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch gestaltet
-werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat dennoch Recht, wenn er
-sagt, dass dieser Roman »zwei, drei Stellen enthält, die warm und
-kraftvoll sind, und ein halbes Hundert Seiten, auf die er stolz sei«.]
-
-In der weiteren Ausführung der Differenzen der »Wremja« mit ihrem
-Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt Dostojewsky: »Drittens ist es
-vollkommen wahr, dass sich in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres
-Bestandes Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen -- nicht in der
-Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit. Auch in manchen
-Überzeugungen hat es Irrtümer gegeben. Allein die Richtung konnte sich
-nur mit den Jahren formulieren. Eine Richtung haben und sie klar und für
-alle verständlich formulieren können -- ist zweierlei. Das letztere
-erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit, das Leben, und es steht in
-direkter Beziehung zur Entwickelung der Gesellschaft selbst. Eine
-abstrakte Formel ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat,
-der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige Formeln,
-die man der Routine entlehnt, namentlich solche älteren Datums, d. h.
-wenn schon alle einen gewissen Begriff von ihnen haben, gelingen weit
-besser, gefallen der Gesellschaft weit mehr, als Überzeugungen, die ihr
-noch nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verständlich, die
-schon viel herumgetragen wurden. Wir sind aufrichtig bereit, unsere
-früheren Irrtümer einzugestehen, allein wir haben sie ja damals selbst
-nicht zu sehen vermocht, gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach
-unserer festen Überzeugung handelten.«
-
-An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt der Dichter: »Ich
-will noch eine letzte allgemeine Bemerkung machen. Von jenen prächtigen,
-historischen Briefen (11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen
-auch nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in welchen
-sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollständig einer der
-russischen Hamlets unserer Zeit (ein wirklicher Hamlet) zeichnet -- von
-diesen herrlichen Briefen sage ich, kann auch heute nicht alles ohne
-Vorbehalt von der Redaktion der »Epoche« (die nach dem Auseinanderfallen
-der »Wremja« von Dostojewsky gegründete Monatsschrift, welche von Anfang
-1864 bis incl. Februar 1865 bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel,
-jeder litterarische Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies ist,
-scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen für einen wirklichen
-Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener und ein leidenschaftlicher
-Dichter, aber er war auch launenhaft und heftig wie ein
-leidenschaftlicher Dichter -- -- -- Grigorjew war, wenn auch ein
-wirklicher Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet beginnt, und
-bei unseren modernen russischen Hamlets und Hamletchen aufhört, einer
-jener Hamlets, welche weniger doppellebig sind, als die übrigen, und
-auch weniger reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch, in
-vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwüchsiger und knorriger Mensch.
-Er war vielleicht, als Natur (nicht als Ideal genommen, das versteht
-sich von selbst), der russischeste Mensch unter allen seinen
-Zeitgenossen. Daher kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch
-in einer allgemeinen Sache in so hohem Grade für organisch und
-unvermeidlich für die ganze Sache, von ihr für so untrennbar hielt, dass
-die geringste Nichtbeachtung dieses Ausbruches ihm manchmal schon als
-ein Zusammenbrechen der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im
-Leben weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand, ebenso
-bequem, wie jeder »Held unserer Tage«, mit der einen Hälfte seines
-Wesens sich zu grämen und zu quälen, mit der anderen Hälfte aber den
-Gram und die Qual der ersten Hälfte zu beobachten, zu erkennen und zu
-beschreiben, manchmal sogar in wunderschönen Versen mit
-Selbstvergötterung und einer gewissen Feinschmeckerei, so wurde er ganz
-und gar, durch und durch -- in seinem ganzen Menschen, wenn ich so sagen
-darf -- von seinem Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine
-Briefe geschrieben.
-
-»Ich bin Kritiker und nicht Publizist«, hat er mir mehrere Male, sogar
-kurze Zeit vor seinem Tode, als Antwort auf meine Bemerkungen, selbst
-gesagt. Allein jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne,
-als es die Pflicht eines jeden Kritikers ist -- nicht nur feste
-Überzeugungen zu haben, sondern sie auch ausführen zu können. Dieses
-Vermögen aber, seine Überzeugungen auszuführen, ist die wesentlichste
-Eigenheit jedes Publizisten.
-
-Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der Welt ruhig hätte
-verbleiben können; wenn er aber sein eigenes Journal gehabt hätte, so
-würde er es selbst fünf Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet
-haben usw.«
-
-Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie uns scheint, von einer
-Seite, welche der Leser seiner belletristischen Werke, sowie der Kenner
-seiner eigenen Lebensführung nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die,
-wenn auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist wohl nicht
-die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung Grigorjews bekundet,
-die wir ja an ihm, dem »Realisten des Innern« kennen, was uns hier
-frappiert, sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die Führung
-einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit welchem die Thätigkeit
-der Publizistik von Dostojewsky selbst, sowie von seiner Zeit und
-Umgebung betrachtet wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl
-seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche Fülle von
-Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen von eines
-Menschen innerster Wahrhaftigkeit. Wir begreifen danach sein Axiom: »ein
-Journal ist eine grosse Sache«. -- Allein diese Anschauung und ihre
-Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz nicht nur zu
-Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den Slavophilen, welche sich um
-Aksakow gruppierten, sowie zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst
-nahmen und, durch die landläufige, journalistische Behandlung ernster
-Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, »von der Hand in den
-Mund-Leben« Dostojewskys weder für ihn noch für die gute Sache ein Heil
-finden konnten. Sie vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es
-sich hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu für den
-Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, ein solches Publikum nicht
-aus den Augen und aus der Hand zu lassen und ihm immer wieder seine
-Ration Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky
-immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es nicht anders sein, als
-dass auch er sich etwas von der journalistisch gangbaren Litteratur
-abwandte, nachdem er sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861
-energisch mit folgenden Sätzen vertreten: »Man liest einen oder den
-anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich zum Schluss,
-dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt und auf uns schaut, wie
-auf ein fremdes Geschlecht, als wäret Ihr aus dem Monde zu uns herunter
-gekommen, als lebtet Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der
-gleichen Zeit, nicht das nämliche Leben! -- Es ist, als machtet Ihr mit
-jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen unter dem Mikroskop an! Aber
-das ist ja Eure eigene, Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn
-so von oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr seid ja
-selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!«
-
-Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs gleichfalls vornehm
-vom Journalismus fernehielt, hatte Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow
-erzählt uns darüber folgendes: »Ich trat erst später in die
-belletristische Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem
-wissenschaftlichen Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit
-scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen Hochmut
-entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei zu entgehen
-und bemühte mich, meine Artikel vollkommen auszuarbeiten. Diese
-Bestrebungen riefen gewöhnlich Theodor Michailowitschs Spott hervor:
-»Sie sorgen immer für eine >Vollständige Ausgabe< Ihrer Werke« -- sagte
-er. -- »Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe erscheinen«,
-antwortete ich. Allein ich wurde bald in die Litteratur hineingezogen
-und begann ihre Interessen mit grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.«
--- »Wie immer dies nun sein möge«, fährt N. Strachow weiter fort, »das
-Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist bekannt. Am
-Ende seiner Laufbahn, als er sich schon als vollständiger Slavophile
-bekannte, war er imstande, sich über unsere Intelligenz und ihre
-Bestrebungen fast mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als
-die gewesen, die ihn in den Blättern des »Denj« (Tag) so sehr beleidigt
-hatte. Was aber seine Vorliebe für die feuilletonistische Form der
-Zeitschriften betrifft, so ist sie bei ihm niemals ganz verschwunden. Er
-zwang sich sogar manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein
-Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den Jahren jedoch
-wurde seine Art zu schreiben immer strenger; ja, auch früher schon
-konnte man in seinen Feuilletons nicht wenige Seiten finden, welche eine
-künstlerische Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die
-Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.«
-
-Wir begegnen also hier abermals einer von jenen Wandlungen tieferer
-Natur, welche so oft im Leben Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern
-verurteilt, von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt
-werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung nicht zutreffend, die
-Beschönigung überflüssig. Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es
-zu oberflächlich ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt einer
-ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz des Ausgangspunktes
-hinzustellen. Die Beschönigung aber ist überflüssig, weil Dostojewskys
-Wandlungen und Wendungen nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt
-werden dürfen, die man gemeinhin »Festigkeit«, »Charakter« nennt. Was
-ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen um ein unsichtbares
-Zentrum zu durchlaufen, war jene Kraft, die jedes Urphänomen in sich
-trägt und die meist erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern
-und Moralisten rückblickend begriffen wird. -- Dostojewskys Lebensweise
-entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, und es wäre schwer zu
-sagen, welche von der anderen bedingt war. »Dostojewsky schrieb fast
-ausschliesslich bei Nacht«, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine
-Witwe. »Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben hatte, blieb er
-allein mit seinem Samovar, und während er einen kühlen, nicht
-allzustarken Thee schlürfte, schrieb er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er
-stand um 2, auch 3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem
-Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei Freunden.«
-
-Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich ein sehr unangenehmer.
-Er schildert in dem Roman »Erniedrigte und Beleidigte« seinen eigenen
-Zustand, wenn er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: »Es ist
-mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir herumzutragen, darüber
-nachzusinnen, wie ich sie schreiben werde, als sie in der That
-niederzuschreiben, und doch war es nicht Faulheit. Was war es also?«
-
-Strachow antwortet darauf sehr richtig: »Es war die Überfülle geistigen
-Schaffens, die in ihm brodelte, für die das Niederschreiben eine
-Unterbrechung war«. »Dennoch phantasierte Theodor Michailowitsch oft
-davon« -- schliesst Strachow -- »was für wunderschöne Dinge er
-ausarbeiten könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens waren,
-wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner Werke in einem Zug ohne
-Umarbeitung entstanden -- allerdings als Folge innerlich schon
-ausgetragener Ideen.«
-
-Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell und
-materiell anspannenden Doppelthätigkeit des Schriftstellers und
-Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen Redakteurs andererseits,
-muss man sich den Dichter einer Krankheit unterworfen denken, die sich
-durch die Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens nur
-steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige
-Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess. Über die Art, wie
-seine Krankheit auftrat, hat er uns im »Idiot« eine genaue Schilderung
-gegeben. Sie ist sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was
-wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem epileptischen Anfalle
-gehört oder gesehen haben. Strachow erzählt uns als Augenzeuge eines
-solchen Anfalles darüber Folgendes:
-
-»Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr einmal im Monat
--- das war der gewöhnliche Verlauf. Allein manchmal, obwohl sehr selten,
-waren sie häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche vor. Im
-Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber auch infolge des
-günstigeren Klimas, kam es vor, dass vier Monate ohne einen Anfall
-vergingen. Er hatte immer ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies
-indessen auch täuschen. Im Roman »Der Idiot« ist eine ausführliche
-Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in solchem Falle
-durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal Zeuge, wie ein Anfall
-gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch überraschte. Es war
-wahrscheinlich im Jahre 1863, gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11
-Uhr abends, zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch. Ich
-kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber ich weiss, dass es
-ein sehr wichtiges und abstraktes Thema war. Theodor Michailowitsch ging
-in gehobener Stimmung in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische.
-Er sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich seinem Gedanken
-mit einer Bemerkung zustimmte, wendete er mir sein begeistertes Gesicht
-zu, worin sich zeigte, dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht
-hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für seine
-Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit gespannter
-Aufmerksamkeit an, im Gefühle, dass er etwas Aussergewöhnliches sagen,
-dass ich eine Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem
-Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, und er sank
-bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. Der Anfall war diesmal nicht
-stark. Der ganze Körper streckte sich nur krampfhaft aus und in den
-Mundwinkeln zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er zu sich,
-und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es nicht weit dahin war.
-Oft hatte mir Theodor Michailowitsch erzählt, dass er vor den Anfällen
-Minuten eines entzückten Zustandes habe. »Für einige Augenblicke« --
-sagt er -- »empfinde ich ein solches Glück, wie es in einem gewöhnlichen
-Zustande nicht möglich ist und wovon andere keine Vorstellung haben
-können. Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und
-dieses Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige Sekunden
-solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja meinetwegen das ganze
-Leben hingeben könnte.[20]«
-
-[Fußnote 20: Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen, welche
-der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiz im Jahre 1885 unter dem Titel
-»Dostojewsky als Psychopathologe« in Moskau publizierte. Es ist für uns
-sehr wichtig, gerade aus dem Munde eines bedeutenden Fachmannes eine
-Belehrung darüber zu empfangen, wie sehr Dostojewskys Lucidität
-in pathologischen Dingen einerseits durch seine eigenen
-Krankheits-Erscheinungen erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle
-seiner psychologischen Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und
-Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst.
-Nachdem Tschiz den Beweis erbracht hat, dass Dostojewsky in den 25
-pathologischen Wesen, welche in seinen Romanen vorkommen, die
-mannichfaltigsten Nuancen mit der feinsten Beobachtung ausgestattet und
-nirgends einen Strich verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und
-Epileptiker vom Dichter als einem »Kompetenten« behandelt werden, fügt
-er folgendes hinzu: »Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit ihm vieles
-über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und vieles konnte er
-aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist es heute dem Arzt, schon
-aus Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinen Leiden, nicht
-gestattet, vieles darüber zu sagen. Hier aber trifft ganz besonders zu,
-was Dostojewsky selbst sagte: »Nicht auf den Gegenstand kommt es an,
-sondern auf das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der
-Gegenstand. Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner
-Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige Sache,
-was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine Wolke«.«
-
-Diese letzte Anführung Tschiz' erhält ihre Bekräftigung an jener Stelle,
-wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows definierend, das
-Axiom von »Genie und Wahnsinn« mit folgenden Worten widerlegt: »Der
-bekannte Satz, dass Genie und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch
-nicht mehr als ein Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer
-Mensch psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein
-Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte Gegensatz des
-Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände tiefer, von viel mehr
-Seiten als der gewöhnliche Verstand; der psychisch Kranke sieht entweder
-weniger als der Gesunde oder er kann im besten Falle etwas nur einseitig
--- und darum eben falsch -- begreifen«.
-
-Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen, als diese
-Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky selbst anzuwenden, so
-klar ihm auch das Krankheitsbild des Dichters vor Augen steht. Zur Zeit,
-da diese Studie geschrieben wurde und die Mitwelt noch unter dem
-Eindrucke von Dostojewskys Genius stand, würde es weder einem Laien noch
-einem Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie
-mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. Heute aber
-und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung allmählich Platz
-gegriffen hat, dass Dostojewskys Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner
-Krankhaftigkeit zu erklären seien, heute kann man es nicht genug
-betonen, wie irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der
-Wissenschaft betrachtet, in nichts zerrinnt.]
-
-Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die, dass er manchmal
-zufällig beim Fallen heftig an etwas stiess. Selten zeigte sich Röte im
-Gesicht, manchmal Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke das
-Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach vollkommen
-zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung war dann auch eine sehr
-gedrückte; er konnte seiner Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden.
-Der Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten darin, dass er
-sich als ein Verbrecher fühlte; es schien ihm, als drücke ihn eine
-unbekannte Schuld, eine grosse Missethat nieder.«
-
-Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände zu überwinden, und
-trotz des geschwächten Gedächtnisses in wenigen Nächten zwei bis drei
-Druckbogen fertig zu stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft
-bedürfte, so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der Dichter nun,
-seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der Erfassung und
-Beleuchtung der brennenden Tagesfragen entfaltete.
-
-Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von 1861 bis 1881, seinem
-Todesjahre, redigierten Zeitschriften folgen: die »Wremja« wurde, wie
-oben gesagt, im Jahre 1861 gegründet und erschien vom Januar dieses
-Jahres bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflösung dieses
-Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen kommen. In dieser
-Monatsschrift erschienen, wie schon erwähnt, als Feuilleton-Roman »Die
-Erniedrigten und Beleidigten«, ferner eine Reihe von Artikeln über
-Kunst, wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864 wurde die
-Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankündigung, die wir weiter unten zu
-bringen uns ebenfalls nicht versagen können. Diese Monatsschrift
-erschien auch nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen
-1865 und 1872 fällt ein langer Aufenthalt in Deutschland und Italien,
-der Tod des Bruders, Schuldenlast, böse Zeiten überhaupt, über die uns
-manche seiner Briefe betrübenden Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich
-übernimmt Dostojewsky die Redaktion des vom Fürsten Meschtschersky
-gegründeten »Grashdanin«, dessen Feuilleton er zumeist selbst unter dem
-Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« besorgt. Später, im Jahre 1876,
-gründet er neben dem Grashdanin eine selbständige Monatsschrift unter
-dem gleichen Titel »Tagebuch eines Schriftstellers«, die zwei volle
-Jahrgänge 1876 und 1877 durchlaufen hat, wovon aber, offenbar aus Mangel
-an Subskribenten und Geld, später nur im August 1880 und im Januar 1881
-unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien. In der
-Gesamtausgabe seiner Werke sind die Aufsätze aus dem Grashdanin vom
-Jahre 1873, sowie die Jahrgänge von 1876 und 1877 in drei Bänden
-erschienen, wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren 1880
-und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der neuen Monatsschrift
-scheint gleich anfangs ein sehr grosser gewesen zu sein. Sie hatte im
-ersten Jahre 2300, im zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg
-dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche Kräfte wie
-Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser Grigorjew, Strachow und den
-Brüdern Dostojewsky an der Arbeit teilnahmen.
-
-Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der Belletristik geruht zu
-haben und Theodor Michailowitschs Bestrebungen im eigentlichen Bereich
-seiner volklich-religiösen Mission entweder nicht genug betont, oder vom
-Publikum nicht genug herausgefühlt und von den Slavophilen reinsten
-Wassers nicht anerkannt worden zu sein; sonst hätte unmöglich jenes
-Missverständnis entstehen können, das schliesslich zum Verbot der
-Monatsschrift und zu jenen Streitschriften führte, als deren eine ein
-Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im weiteren Verlauf
-unserer Aufzeichnungen Platz zu finden. Die ganze Sache, welche so
-wichtige Folgen für das Blatt und die Verhältnisse der Brüder
-Dostojewsky haben sollte, entstand durch einen Artikel N. Strachows über
-den polnischen Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir müssen hier
-einiges über die ehrliche und freundschaftliche Beziehung
-vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow verband und später das
-volle Eintreten des Dichters für Strachows Arbeit zur Folge hatte,
-trotzdem er gleich anfangs eine gewisse litterarische Unzufriedenheit
-über dessen Abstraktheit und Unverständlichkeit dem Autor gegenüber
-angedeutet hatte. Was Strachow über ihre Beziehungen sagt ist
-bezeichnend: »Unsere damalige Freundschaft« -- sagt er (Materialien p.
-224) -- »war, obwohl sie vornehmlich einen intellektuellen Charakter
-hatte, damals doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der Menschen
-hängt von ihrer beiderseitigen Natur ab und überschreitet auch bei den
-günstigsten Bedingungen nicht ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht
-gleichsam eine Kreislinie um sich herum, über die hinweg er niemanden
-zulässt, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann. So fand unsere
-Annäherung ein Hindernis in unseren beiderseitigen seelischen
-Eigenschaften, wobei ich mir durchaus nicht den geringsten Teil dieses
-Hindernisses zusprechen will. Über Theodor Michailowitsch kamen manchmal
-Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er argwöhnisch: »Strachow hat
-niemand, mit dem er reden könnte, darum hält er sich an mich.« Diese
-vorübergehenden Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf
-unser gegenseitiges Verhältnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch
-einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich, wieder zur Besinnung
-gekommen, in einem unerträglichen seelischen Zustande. Alles reizte und
-schreckte ihn, und er litt unter der Gegenwart der allernächsten
-Freunde. Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu
-schicken -- in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter, und so er erholte
-sich nach und nach.« »Indem ich mich daran erinnere« -- fährt Strachow
-fort -- »so erneuere ich in meinem Gedächtnisse einige meiner besten
-Empfindungen und denke, dass ich damals ein besserer Mensch war, als
-heute.«
-
-Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt annahmen, welche dem
-Blatte ein jähes Ende bereiten sollten, konnte Theodor Michailowitsch,
-dem die Ärzte eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das
-Redaktions-Bureau für einige Zeit verlassen. So finden wir ihn auf einem
-Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris, Köln, Düsseldorf, Mainz,
-Basel und Genf, wo er mit Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie
-gemeinsam nach Luzern, dann über den Mont-Cenis nach Turin und Genua, wo
-sie sich nach Livorno einschifften, um dann mittels Eisenbahn nach
-Florenz zu gelangen. Spuren dieser ersten Reise finden wir nur in einem
-Briefe an Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung für das
-Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen, ferner in
-den Aufzeichnungen Strachows und in einem Aufsatze des Dichters, worin
-er seiner Galle über Paris und die Franzosen Luft macht und der unter
-dem Titel: »Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke« im
-dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten ist. In jenem Briefe drückt
-sich der Dichter, er, dessen Kenntnis europäischer Litteratur fast
-ausschliesslich aus französischen Quellen geschöpft war, der begeisterte
-Verehrer Balzacs und Jünger der George Sand, über die Franzosen in
-natura folgendermassen aus: »Der Franzose ist still, ehrenhaft, höflich,
-aber falsch; und das Geld ist bei ihm alles.« (In gallig-humoristischer
-Weise finden wir diese Beobachtung im oben erwähnten Aufsatz illustriert
-und müssen dabei der Romane Balzacs, dieses umfassenden Genies und
-tiefen Menschenkenners denken, wo die Tugend zuletzt doch zu ihren
-40-50000 Frs. Rente kommt.) »Ideale keine. Nicht nur Überzeugungen,
-sondern Überlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau der
-allgemeinen Bildung ist äusserst niedrig. (Ich spreche hier nicht von
-den beeideten Gelehrten. Aber auch diese sind nicht zahlreich, und
-übrigens ist dann Gelehrtheit auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt
-sind, dieses Wort zu verstehen?)« -- Weiter fährt er fort: »Noch eins,
-mein Täubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier die Seele von
-Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, beängstigendes Gefühl.« --
-»Freilich -- fährt er fort -- war mir im Auslande bis heute alles
-ungünstig; schlechtes Wetter und das, dass ich noch immer im Norden
-Europas herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den Rhein
-gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist wirklich ein Wunder!) Was
-dann weiter sein wird, wenn ich von den Alpen in die Ebene Italiens
-niedersteige? -- Ach! wären wir doch beisammen! Wir sehen Neapel,
-spazieren in Rom herum -- liebkosen gar eine junge Venetianerin in der
-Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?). Aber .... »nichts, nichts und
-Schweigen«, wie im gleichen Fall Poprischtschin sagt.«
-
-Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt, welcher er sich von Genf
-aus angeschlossen, ist nicht sehr viel. Er erwähnt Dostojewskys
-Zusammenkunft mit Herzen in London, worüber der Dichter selbst im
-Feuilleton des Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser
-habe sich Herzen gegenüber sehr »weich« verhalten, so dass die
-»winterlichen Betrachtungen« ein wenig unter dem Zeichen dieses
-Einflusses ständen. Später aber, in den folgenden Jahren, habe
-Dostojewsky oft seinen Unwillen darüber geäussert, dass Herzen nicht
-imstande sei, den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die
-Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. »Der Aufklärungshochmut,
-die verachtende Geringschätzung Herzens empörten Dostojewsky, der sie
-sogar in Gribojedow, dem Verfasser des Stückes: »Wehe dem Gescheidten«,
-gerade so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen
-Denunzianten.« Was Strachow über ihr Zusammensein in Italien erzählt,
-bestätigt nur, was wir aus des Dichters späteren Dresdener Briefen
-erfahren, nämlich, dass er nicht nur die gewöhnliche, »offizielle Art,
-verschiedene merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen,
-verachtete,« sondern sich überhaupt weder um die Natur noch um die
-Kunstschätze eines Ortes kümmerte, sondern immer nur dahin ging, wo es
-am lebhaftesten war und möglichst viele Menschen aller Kategorien und
-Klassen zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die Uffizien
-gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten Plan vorgingen,
-der sie schnell zu den Meisterwerken geführt hätte, so war Theodor
-Michailowitsch schon sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort
-gingen, ohne bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren
-ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und ihrer Umgebung,
-obwohl sie auch hier nicht bis zu den Cascinen kamen, sehr erfreulich,
-sowie ihre Nachtgespräche bei einem Glase roten Nostranos.
-
-Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow anfangs des Jahres
-1863 im »Wremja« veröffentlichte, erschien unter dem Titel »Eine
-verhängnisvolle Frage« und behandelte den polnischen Aufstand, ein
-Ereignis, über welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme
-jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt war, ohne dass
-irgend ein Blatt noch das Wort darüber ergriffen hätte. Es waren
-allerdings schon vor dem Aufstande Stimmen darüber laut geworden, dass
-Russland Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und es
-wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu geben. Allein seit
-Beginn des Aufstandes schwieg Alles. In diese Spannung hinein kam
-Strachows Artikel, der unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass
-er von allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden
-ihn als einen Abfall von der russischen Sache des Volkes; die Regierung
-in ihrem Fühlorgan der Zensur sah eine Parteinahme für die Polen gegen
-die Obrigkeit darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass die
-Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den Ihren zählten, den
-Artikel abdruckten, sowie ihn auch die Revue des deux mondes brachte:
-das Missverständnis lag darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen
-hervorhob, die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen
-und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur eine ewig edelmännische,
-volksfeindliche gewesen sei und es bleiben werde und müsse, hatte der
-Autor so theoretisch und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es
-verstanden, den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, der darin
-lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer unüberbrückbar zwischen
-diesem Volke ritterlicher Vergangenheit und jenem gähnt, dessen ganze
-Entwickelung auf den Elementen des Volkslebens sich langsam aufbaut.
-
-In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow unter anderem: »Der
-polnische Aristokratismus ist an und für sich sowohl, als auch im
-Verhältnis zu den russischen Provinzen für jeden Russen etwas
-Widerwärtiges. Ja, er ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde
-gerichtet hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus entwickelt und
-erhält sich noch heute durch eine alte Aneignung europäischer Kultur.
-Daraus geht hervor, dass das Böse auch in einer so guten Sache enthalten
-sein kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal besser ist, in
-der Kultur zurückzubleiben, aber seine seelische Gesundheit zu bewahren
-und nicht in jenen hoffnungslosen Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen
-zu geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem Sinne hatte
-ich meinen Artikel »Eine verhängnisvolle Frage« betitelt. Ich war bereit
-gradaus zu sagen, dass für die Polen keine Rettung mehr möglich sei,
-dass die Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe.
-
-Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar ausgedrückt, es
-stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen und wurde verkehrt
-aufgefasst.«
-
-Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr zufrieden gewesen,
-was Strachow anfangs verletzte. Als aber in der Folge das Blatt von
-allen Seiten angefeindet und endlich auch durch die Zensur verboten
-wurde, da war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr
-persönlichen Replik gegen die »Moskauer Wjedomosti« dafür eintrat. Er
-sagte unter anderem: »Ja, was haben wir denn die ganzen drei Jahre her
-in unserer Zeitschrift gepredigt? Eben dies, dass unsere (heutige
-russische) von Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie
-mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, dem russischen
-Volke nicht passt; dass dies heisst, einen Erwachsenen in ein
-Kindergewand zwängen, endlich, dass wir unsere Elemente, unsere
-Grundlagen, unsere nationalen Grundlagen haben, welche Selbständigkeit
-und Selbstentwickelung verlangen; dass die russische Erde ihr neues Wort
-sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal das neue Wort der
-allgemein menschlichen Zivilisation sein und die Zivilisation der ganzen
-slavischen Welt in sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen
-unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale der Scholle
-sehen können, während in jener Europas die Merkmale des Aristokratismus
-und Exklusivismus zu sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir,
-d. h. alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von unserem
-Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren haben, so sehr,
-dass wir an unsere eigene russische Kraft, an unsere Eigenart nicht
-glauben und uns wie Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub
-niederwerfen, über das Wort »nationale Grundlagen« lachen und es als
-einen Rückschritt, einen Mystizismus betrachten.« »So haben wir denn in
-unserem Artikel auf das hingewiesen -- was Sie (der Gegner) auch im
-Traum nicht wagen würden -- auf das, was auch der Kaiser Alexander der
-Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher eben aus Achtung für die
-polnische Zivilisation den Polen höhere Einrichtungen gab, als den
-Russen, die er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als jene
-...«
-
-Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen und Bestrebungen
-vollkommen entsprechend, jedoch, wie es scheint, war er blind für das,
-was das Blatt _thatsächlich_ an politisch-nationaler Mission in diesen
-drei Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst sagt, der
-belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher gewesen, als
-der politische, der eigentlich noch nicht in dem Fahrwasser gewesen sein
-muss, wie wir es bei den später von Dostojewsky redigierten
-Zeitschriften sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt,
-den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow machte und
-welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: Aksakow schreibt 6. Juli 1863:
-»... Sie berufen sich vergebens auf die »Richtung« der »Wremja«.
-Obgleich sie fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe,
-hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die Bedeutung eines
-guten belletristischen Journals gehabt, das reiner und ehrenhafter war
-als andere, aber ihre Prätensionen waren allen lächerlich. Dort konnten
-gute Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., allein dies
-alles hat der »Wremja« keinerlei Farbe, keinerlei Kraft gegeben. Es
-gebrach ihr an höheren sittlichen Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit
-höherer Ordnung. Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm
-auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das in der
-russischen Litteratur die Existenz eines russischen Volkstums entdeckt
-und proklamiert habe! Es giebt keinen so grossen Feind des
-Slavophilentums, den dies nicht empören würde. Und dann die naive
-Verkündigung, dass das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der
-Weg zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der »Wremja« zu finden sei! Die
-Slavophilen können alle, bis auf den letzten, sterben, dennoch wird die
-von ihnen eingeschlagene Richtung nicht zu Grunde gehen -- und damit
-verstehe ich diese Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit,
-nicht für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums
-zugerichtet. -- Dieses Buhlen um die Gunst des Publikums, dieser Wunsch,
-den Unseren und den Eueren zu dienen, dieses Von-oben-herab- und
-verächtliche Traktieren der Slavophilen im ersten Programm der »Wremja«,
-das ist's, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung zu Falle
-gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie wissen, _nirgends_, nicht
-mit einem einzigen Worte an die »Wremja« gerührt haben, weil unsere
-Überzeugungen eben keine Frage persönlicher Eigenliebe sind ....
-Übrigens kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher
-Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, um das
-gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die ist -- Petersburg zu
-hassen mit unserer ganzen Seele und allen unseren Kräften. Ja, man kann
-sich überhaupt nicht zum christlichen Glauben bekennen (und das
-Slavophilentum ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des
-Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen und
-loszuspucken[21].«
-
-Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich darum, weil
-einige darin befindliche Worte der Anerkennung über die Zeitschrift sich
-doppelt vorteilhaft von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben.
-Eine weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei und
-verwahrt sich dagegen, da weder er noch die Brüder Dostojewsky, noch
-einer der anderen Mitarbeiter Petersburger seien, sondern echte
-Moskowiten, in denen ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein
-starkes Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung gegen das
-kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt hatte.
-
-Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und Bezeichnende die
-Kluft, welche damals noch zwischen den Heisssporn-Slavophilen und
-Dostojewsky bestand und welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren
-immer rückhaltslosere Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings bei
-Aufrechthaltung _seiner_ Eigenart, immer kleiner wurde. Die Zeitschrift
-wurde also verboten, was den Herausgeber Michail Michailowitsch in
-grosse Geldverlegenheiten stürzte, da die Subskriptionsgelder schon
-eingelaufen und verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten,
-und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt innegehabten
-Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb durch die Feder angewiesen
-war und eine grössere Familie zu erhalten hatte.
-
-[Fußnote 21: Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung
-gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges, viel und ernst
-gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschätzenden Ausdrücke der
-Russen ist. »Ich habe mich mit Europa auseinandergespuckt,« sagt
-Dostojewsky ganz ernst an einer Stelle im »jungen Nachwuchs«.]
-
-Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf dessen Gesundheit der
-erste Aufenthalt im Auslande sehr günstig gewirkt hatte und der nun
-durch die Auflösung des Journals freier wurde, notwendig geworden,
-abermals Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal auf den
-Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky habe schon bei
-seinem ersten Ausfluge nach Paris Bekanntschaft mit dem Roulettespiel
-gemacht und sei so glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen
-habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen sei, in ihm aber
-die Erwartung zurückgelassen habe, er werde ein anderes Mal vom Glück
-ebenso begünstigt werden. Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn
-eine doppelte. Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den
-wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die Nahrung, deren
-er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, ohne die er nicht leben
-konnte, so fand der feine und scharfe Beobachter in der ganzen Situation
-eine Fülle von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im
-Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher
-Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus seinem eigenen Wesen
-heraus so wohl verstand und zu deuten wusste.
-
-Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja viele der
-tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen des Menschwesens in
-Dostojewskys Werken, und wenn irgend einer dazu berufen ist, uns die
-neue Ethik des Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und
-Verstricktheit von gut und böse zu verkünden und zu sagen: »Sieh', dies
-ist der Mensch und so ist es gemeint, dass du ihn lieben sollst«, so ist
-es Dostojewsky, der bei aller Hassenskraft, die er gegen das Laster
-ausströmt, bei allem Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und
-namentlich des _Herzens_ verfolgt und vertilgen möchte, doch der Einzige
-ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was man mit dem Leben und
-Lieben eigentlich alles anfangen kann.
-
-Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter Reise ist sein Roman:
-»Der Spieler«. Hören wir in einem Briefe an Strachow, vom 30. September
-1863, was er selbst darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer,
-die alte Geschichte ab -- _die Idee_ zum Roman ist da, Geld keines --
-also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die zwingenden Wiederholungen,
-das Ausrechnen, bis zu welchem Tage das Geld eintreffen _müsse_, sonst
-sei er verloren, kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und
-Überzeugenwollen, wie wir es schon kennen! Er fährt also fort: »_Jetzt_
-habe ich nichts fertig. Allein es hat sich ein ziemlich (wie ich selbst
-urteile) günstiger Plan zu einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum
-grössten Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon anfangen
-wollen, ihn aufzuschreiben, allein -- es geht hier nicht. Es ist sehr
-heiss und zudem bin ich an einen solchen Ort, wie Rom ist, auf _eine
-Woche_ gekommen. Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben?
-Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner Erzählung ist
-folgendes: -- ein Typus des Russen im Auslande. Bemerken Sie: über die
-Russen im Auslande wurde diesen Sommer in den Journalen viel
-geschrieben. Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall finden.
-Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige Zustand unseres internen
-Lebens wiederspiegeln (so weit als möglich natürlich). Ich nehme eine
-Natur, die Unmittelbarkeit besitzt, dabei hochentwickelt, in allem
-unfertig, dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, nicht zu
-glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend und sie doch fürchtend.
-Er beruhigt sich damit, dass er nichts in Russland zu thun habe --
-daher: strenge Kritik der Leute, welche aus Russland die im Ausland
-Weilenden herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen. Es ist
-eine lebendige Person -- (er steht förmlich leibhaft vor mir) -- man
-wird es lesen müssen, wenn es geschrieben sein wird. Der Hauptwitz dabei
-ist der, dass alle seine Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit --
-alles von der _Roulette_ verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und kein
-gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter Puschkins ein
-gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus keine Vergleichung meiner
-selbst mit Puschkin, ich sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in
-seiner Art ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst
-dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit
-empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des _Risiko_ ihn in den eigenen
-Augen hebt. Die ganze Erzählung ist eine Erzählung davon, wie er schon
-das dritte Jahr in den Spielhäusern Roulette spielt.
-
-Wenn das »Tote Haus« die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gelenkt
-hat, als eine Darstellung von Sträflingen, welche niemand vorher aus
-eigener Anschauung geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt
-durch die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des
-Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, dass
-solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem Interesse gelesen werden,
-hat das Hazardspiel in den Badeörtern, besonders in Bezug auf die im
-Auslande befindlichen Russen, eine gewisse Bedeutung.
-
-Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich alle diese höchst
-interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl, mit Vernunft und in einem
-Fluss darstellen werde.«
-
-Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, wie man auf
-dieses noch nicht geschriebene Buch bei Boborykin, dem damaligen
-Redakteur der »Lesebibliothek«, voraus Geld nehmen könne. Michael
-Michailowitsch protestierte vergebens dagegen, dass sein Bruder eine
-Arbeit bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen,
-dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis der Bruder sie in einem
-neu zu gründenden Blatte herausgeben könnte. Allein die Not drängte, so
-wurde man Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück.
-Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, sondern erst
-viel später, im Jahre 1867 unter Umständen, welche eine grosse Wandlung
-in des Dichters Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher
-genommene Geld musste endlich nach Gründung der »Epocha« auf Drängen
-Boborykins wieder herausgegeben werden.
-
-Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, breitet sich auch
-sehr über die Nebenumstände und Details jener Geldkalamität aus,
-unterlässt es aber merkwürdigerweise, hier über die abermals unrichtige
-Wertschätzung des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu
-verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier wieder ein
-solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten des Dichters mit unterlief,
-wie damals, als er den Roman »in neun Briefen« den »Armen Leuten« an die
-Seite stellte. Allerdings ist »Der Spieler« künstlerisch als Ganzes
-genommen eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo der Spieler
-das geliebte Mädchen am späten Abend in seinem Hotelzimmer zurücklässt
-und zum Roulettetisch eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu
-gewinnen, das sie von dem zweideutigen Franzosen retten soll, der ihren
-Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen giebt es nicht allzuviele in der
-Weltlitteratur. Der Spieler hat nämlich mit dem letzten Goldstück
-unerhörtes Glück gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000;
-von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt, ihm nach die
-Rotte, die sich an die Fersen der Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach
-dem anderen wird geschlossen, er bleibt bis zuletzt -- endlich, es ist
-längst Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in sein
-Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr steht eine angezündete
-Kerze auf dem Tische. Sie sieht ihn verblüfft an -- er hatte sie
-vergessen, ihre Situation, die Ursache seines Spiels und ihres
-Hierseins. Man kann wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich
-das Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von Liebe und
-Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte Warte-Nacht des Mädchens,
-das ihm in sprachlosem Erstaunen zusieht, wie er den Inhalt seiner
-vollen Taschen triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei
-aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit mancher
-anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen Zeichnung der alten
-Grossmutter, kann man nicht begreifen, wie Dostojewsky so nach --
-Publicisten-Art die Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die
-Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als wirkten da zwei
-Faktoren mit, um seine Objektivität, die ohnedies sehr gering war, zu
-paralysieren. Erstens die allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über
-ihre eigenen Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens
-jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis auf die
-Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes erstreckte. »Das Volk
-hätte uns gerichtet«, und »wir haben es verdient«, sagt er wiederholt;
-wie hätte er dies Buch anders taxieren sollen, als eine, auf »eigene
-Anschauung gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse«?
-
-Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am Herzen liegen, da er ja
-nicht nur den »Augenschein« schilderte, sondern den Seelenzustand, den
-er selbst mehrmals in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat.
-Unwillkürlich sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen
-kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern Karten spielt und
-in seiner Ungeduld das »Glück korrigiert«; und doppelt verständlich wird
-uns die Mission des Dichters, der selbst so viel »vom Stoff der Schuld«
-in sich getragen.
-
-Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in der Zeit von 1862-64
-haben wir ausser den oben von Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig
-Kenntnis. Seine Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl
-im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; auch die
-Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, Maikow und anderen scheint
-entweder zu stocken, oder es ist nach allem, was wir vermuten dürfen,
-den noch Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen einem
-weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern getrost auf
-gewisse intimere Details verzichten, als wir uns gerade bei Dostojewsky
-nichts aus den Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter
-umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder weniger von den
-kleinen Episoden seines Lebens in unsere Schilderung einzureihen;
-Episoden, die ihn nicht erhellen, sondern vielmehr von seinem ein für
-allemal feststehenden Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten.
-Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit; _da_ ist es
-also, bei den grossen Ereignissen der Heimat und den grossen Interessen
-der Menschheit, wo wir ihn aufsuchen müssen.
-
-Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch die Verschlimmerung im
-Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas ihren Grund gehabt zu haben. Wann
-sie stattfand, weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja
-Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt worden und das wohl
-bald nach den grossen Petersburger Bränden, den polnischen Unruhen und
-ihres Gatten Abreise, also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere
-Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft. Wir finden
-ihn im November dieses Jahres in Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da
-ihn geschäftliche Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem
-handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines neuen Journals, dem
-die Brüder den Namen »Die Wahrheit« geben wollen.
-
-Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich unter dem neuen Namen
-das Blatt und seine Richtung kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der
-ersten Zeile darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit
-(Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, welche nach dem
-Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten war, wusste nicht mehr recht,
-was zu gestatten, was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und
-so musste man sich für »Epocha« entscheiden. In welcher Weise Theodor
-Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit auf breitester Basis
-dachte, bezeugt die Stelle in einem Briefe an den Bruder, wo es heisst:
-»Der zweite Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den
-Leitartikel haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen Romans und
-jenes von Pissemsky würden grossen Effekt machen und, was die Hauptsache
-ist, unserem Programm gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen
-und beiden gerecht werden -- also: Wahrheit«.
-
-Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse Erfolg der durch ein
-Missverständnis eingegangenen »Wremja« machte die Brüder über den zu
-erwartenden Erfolg der »Epocha« allzu sanguinisch sicher. Unter den
-Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, Njekrassow und der
-glänzende Kritiker Apollon Grigorjew. Indessen hatte das Blatt sehr bald
-gegen intellektuelle und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den
-tieferen Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten berühmten
-Dichter, welchen die immer stärker zu Tage tretende slavophile Richtung
-der Brüder nicht zusagte, die schnell aufeinander folgenden Todesfälle,
-deren Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch und
-zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge davon war in erster Linie der
-Irrtum im Publikum, dass der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es
-bewunderte, woraus eine geringere Teilnahme und Subskription entstand,
-welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten der
-Redaktion nach sich zog. Die ersten Hefte waren, da der Dichter in
-Moskau am Krankenbette seiner Gattin weilte, in der Petersburger
-Typographie sehr schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen
-Druckfehlern und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das
-Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor hatte sagen wollen.
-Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor Michailowitsch übermenschlich,
-schrieb in wenigen Nächten 2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf
-nahezu 40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum Aufschwung des
-Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher sich die Zensur ihrer Arbeit
-entledigte. Strachow bringt dafür Daten, die unglaublich klingen, doch
-authentische Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten
-Entscheidungen der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft am 23.
-April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft am 20. August, das Juliheft
-am 19. September, das Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am
-22. November, das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft am
-24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am 25. Januar 1865 freigegeben.
-
-Zu den grössten Missständen rechnet Strachow jedoch die sanguinische
-Selbsttäuschung der Brüder und ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine
-Sache stetig und praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die
-Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, die er in einer
-allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen Steigen und Sinken von
-Stimmungen findet, und schliesst mit folgender konkreten Darstellung:
-»Was die Dostojewskys betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch
-durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; er war
-ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor Michailowitsch jedoch war,
-ungeachtet seines raschen Geistes, ungeachtet der erhabenen Ziele -- ja,
-besser gesagt: gerade infolge dieser höheren Ziele -- ausserordentlich
-unpraktisch. Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut;
-allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden Anläufen,
-war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und das Chaos wuchs in
-jeder Minute um ihn herum. Die »Epocha« wurde ohne einen Heller
-gegründet. Als sie einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht
-nur die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch jenen Teil
-der Erbschaft von einer reichen Moskauer Tante (etwa 10000 Rubel für
-jeden der Brüder), die sie sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000
-Rubel Schulden, welche nach Eingehen der »Wremja« Michael Michailowitsch
-zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die »Epocha« für das Jahr
-1865 noch immer 1300 Abonnenten aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne
-alte Lasten, hätte sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles
-und Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des Bruders, 15000
-Rubel und dessen unversorgter Familie zurück.«
-
-Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, welcher in dieser Zeit
-als Sekretär der russischen Gesandtschaft in Kopenhagen lebte, erzählt
-im Detail die Widerwärtigkeiten der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem
-Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil daran und
-seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist dies derselbe Brief vom 31.
-März 1865, dem wir weiter oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod
-entnommen haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt
-Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf:
-
-»Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit wurde auch sein
-Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem blieben gegen 25000 Rubel
-Schulden, wovon 10000 nicht beängstigend für die Familie waren, 15000
-jedoch auf Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, mit
-welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des Journals herausgeben
-können (er starb im Juli 1865). Allein er hatte einen ungeheuren Kredit
-und konnte ausserdem Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen.
-Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel zusammen. Keine
-Kopeke zur Herausgabe, dabei aber noch sechs Nummern auszugeben, was im
-Minimum 18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen,
-wozu 15000 Rubel nötig waren -- also 33000 R. um den Jahrgang zu
-vollenden und eine neue Subskription zu erreichen. Seine Familie blieb
-buchstäblich aller Mittel bar -- am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige
-Hoffnung, und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich im
-Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben zwei Wege übrig:
-1. das Blatt nicht weiterführen, es, da ein Journal immerhin einen
-Besitz repräsentiert, den Gläubigern samt den Möbeln und dem ganzen
-Hausrat übergeben und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten,
-litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und Waisen des Bruders
-erhalten. 2. Geld aufnehmen und die Herausgabe fortsetzen, koste es, was
-es wolle. Wie schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden
-habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten haben, aber die
-Familie hätte die Erbschaft abgelehnt, wäre dadurch gesetzlich von jeder
-Zahlung befreit gewesen. Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre
-an der Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel jährlich
-verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren -- natürlich wenn
-ich mein ganzes Leben vom Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich
-habe den zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben.
-Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte. Alle meine Freunde und
-früheren Mitarbeiter waren derselben Meinung.
-
-Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden mussten, ich wollte
-nicht, dass eine schlechte Meinung das Andenken seines Namens beflecke.
-Dafür gab es ein Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen
-Teil der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr zu Jahr
-besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn die Schulden bezahlt
-wären, das Blatt irgend jemand abgeben und die Familie des Bruders
-sichern. Dann würde ich aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu
-schreiben, was ich schon lange auf dem Herzen habe.
-
-Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, bat mir bei einer
-reichen alten Tante 10000 R. aus, die sie in ihrem Testament als meinen
-Anteil bestimmt hatte, und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die
-Herausgabe des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die Sache war
-schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis der Zensur zur Herausgabe
-des Journals eingeholt werden. Man zog die Sache so hinaus, dass das
-Juniheft erst Ende August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar
-nichts damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur
-gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu setzen, weder als
-Herausgeber noch als Redakteur. Ich musste mich zu energischen
-Massregeln entschliessen: Ich begann in drei Druckereien auf einmal
-drucken zu lassen, sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. -- Ich
-allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich mit Autoren und
-mit der Zensur herum, besserte Artikel aus, bemühte mich um Geld, sass
-bis sechs Uhr morgens auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich
-Ordnung in die Sache brachte -- es war zu spät. -- -- Was mich das alles
-gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, dass ich bei all dieser Zwangs-
-und Schmutzarbeit nicht imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile
-Eigenes zu drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar nicht und
-sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, wusste es nicht, dass ich
-das Blatt redigiere. Und plötzlich brach bei uns eine allgemeine
-Journal-Krisis herein.
-
-Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis auf ebenso viele
-Jahre wandern, könnte ich dadurch alle Schulden bezahlen und mich wieder
-frei fühlen. Jetzt werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der
-Rute zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird
-effektvoll werden, aber brauch' ich nur das! Die Arbeit aus Not um des
-Geldes willen hat mich erstickt und zerstört. -- -- Ich habe Ihnen nun
-alles beschrieben und sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines
-Geistes und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung davon
-gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange wir schriftlich
-verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben und kann über mich nicht in
-bestimmten Grenzen schreiben. Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre
-liegen zwischen uns, und was für Jahre! -- --
-
-Im Auslande bin ich zweimal gewesen -- im Sommer 1862 und 1863. Jedesmal
-bin ich auf drei Monate fortgegangen. Ich war in Deutschland (fast
-überall), in der Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall).
-Meine Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher
-Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, alljährlich auf drei
-Monate zu verreisen, umsomehr, als das in materieller Beziehung bei der
-Teuerung unseres hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte
-reisen, um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen und um so
-tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres in Russland zu arbeiten.
-Allein im vorigen Jahre hat des Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig
-hier zu bleiben. Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen
-Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, zu
-erneuern« .... usw.
-
-»Mit diesem Briefe« -- sagt Strachow -- »kann man einen besonderen
-Abschnitt in Dostojewskys persönlichem Leben abschliessen, die Periode
-von seiner Zurückkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der
-Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt
-zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat ihn nicht
-betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hälfte seines Lebens: ihn
-erwarteten sehr grosse Mühen und Beschwerden, allein zugleich auch neue,
-höhere Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben,
-unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit und endlich,
-in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, genügendes Auskommen
-und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und
-angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 »Schuld und Sühne«
-(Raskolnikow), 1868 »Der Idiot«, 1870 »Die Besessenen«. Strachow
-schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die »Epocha«
-eingegangen war und seine Kräfte nicht aufbrauchte. »Theodor
-Michailowitschs übriges Leben«, fährt Strachow fort, »kann man von hier
-an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, während welcher
-alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar
-und zum grössten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche
-mit der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert die
-neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des
-»Grashdanin« und des »Tagebuchs« -- allein das ist eine weniger
-beschwerliche, verhältnismässig ruhige, und nach aussen durch die
-Ordnung der Verhältnisse -- und den öffentlichen Erfolg sich immer
-glücklicher gestaltende Periode.«
-
-
-
-
- VII.
- Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise.
- (1865-1867.)
-
-
-Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine
-wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden
-datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon
-wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie
-Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar
-dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis
-dahin bedeutendsten Werkes: »Schuld und Sühne« -- und am 4. Oktober
-desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine künftige
-zweite Gattin, kennen.
-
- »Schuld und Sühne« -- oder, wie es in manchen Übersetzungen
- heisst, »Raskolnikow« -- ist jenes von Dostojewskys Werken,
- welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung
- gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden
- ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen
- Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher
- die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es
- das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, sodass sich
- das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen ungeheuren Kreis
- verbreitete. Als das Buch endlich in die Hände der ästhetischen
- Kritiker gelangte, da fanden erst seine künstlerischen
- Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher das gröbere
- litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war
- es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das
- Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie
- hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um
- aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten verbrecherischen
- Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters
- herauszulösen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur
- bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht
- Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben
- selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans
- in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem
- Aufwand einer grossen schöpferischen Kraft durch die Beobachtung
- der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten
- Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man
- einerseits mit Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem
- Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner
- Art zu erzählen, die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der
- feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein
- Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem
- Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die
- gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine
- neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem neuen
- Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete.
- Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf
- das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen
- haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und
- nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein
- verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit,
- nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie
- weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern
- ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck
- dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus zu
- formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen
- Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man
- die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen
- Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen
- allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen
- Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns
- haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in
- seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so
- hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst.
-
- Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen und für
- Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus
- Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene
- Stellen immer wieder, wo es heisst: »Ich muss erst in Russland
- sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.« So
- bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den
- Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er
- schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft nach
- Russland schreiben werde, offenbar auf »Schuld und Sühne«, »-- da
- dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen
- Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach
- der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfüllt
- sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen
- Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland
- zurückkomme.« Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe
- ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen,
- dass der erste grössere Roman, den er in Russland schrieb, jener
- lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er »Russland brauchte«:
- »Schuld und Sühne«.
-
- Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger,
- aussergewöhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer
- elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht,
- versteckt sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe
- Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten
- Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten,
- die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne
- Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere
- Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und
- Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das
- Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze
- Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit
- und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit seines
- Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen
- peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie
- der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses
- thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens
- ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen -- ein altes
- Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit
- sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon
- I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert
- worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein
- Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer
- Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr
- Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen Jüngling mit der
- Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle
- Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fällt, empfindet
- aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergräbt
- die aufgefundenen Wertgegenstände unter einen Stein im Hofraum
- eines entlegenen Hauses, verfällt aber bald danach in ein
- hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich
- verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen
- seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die
- Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der
- Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zuführen. Im Epilog
- ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Sühne ausgesprochen.
- Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im
- Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch
- unendlich Reinen, eingeleitet.
-
- Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor uns,
- die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten und
- Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen
- Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine
- Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mädchen
- kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold von
- einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die hungrigen
- kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse
- Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl tiefen
- Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er
- von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr
- anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht
- Liebe zu dem Mädchen -- er will nur reden, einen Teil seiner
- Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und
- menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben
- worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen
- Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk
- aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der
- Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben haben,
- wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst äusserliche
- Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas
- Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, aus dem
- Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den
- Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu töten,
- da er stärker ist als die andern -- wie das alles eingeleitet,
- gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische
- Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen
- Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen
- Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die
- aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über
- sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass;
- die Scham, auch »eine Laus zu sein wie alle andern«, und endlich
- die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas,
- welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen hier,
- obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die
- bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die echt
- russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld und
- Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen.
-
- »Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht
- recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin
- ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass
- sie dumm sind -- dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann
- habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle
- gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. -- Dann habe ich
- weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die
- Menschen sich nicht ändern werden und niemand da ist sie
- umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! Ja, so ist
- es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ...
- Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im
- Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der hat bei
- ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr
- Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am
- meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer
- sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!«
-
- »Ich bin damals darauf gekommen« -- fuhr er in feierlichem Tone
- fort -- »dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich
- zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur
- Eines: es heisst nur wagen!«
-
- »Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in
- meinem Leben -- ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir
- ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so klar wie die
- Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute
- niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser
- Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu
- fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich
- dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte
- ich mich, Sonja -- da hast Du die ganze Ursache!«
-
- »O, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sonja, die Hände
- zusammenschlagend. -- »Von Gott haben Sie sich entfernt, und Gott
- hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!«
-
- »Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so
- dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?«
-
- »Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer -- nichts,
- nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er begreifen!«
-
- »Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss ja
- selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja,
- schweige!« wiederholte er finster und nachdrücklich -- »ich weiss
- alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert,
- als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich schon mit mir
- selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten Zug, und weiss
- nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir damals dieses ganze
- Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich wollte alles vergessen
- und frisch anfangen, Sonja, und aufhören zu schwatzen! Und
- glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein Dummkopf, aufs
- Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, und das ist's,
- was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst Du denn, ich hätte
- nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, wenn ich schon anfing
- mich selbst zu fragen: habe ich das Recht zur Macht? -- ich schon
- kein Recht zur Macht mehr habe? Oder wenn ich die Frage stelle:
- ist der Mensch eine Laus? er für mich keine Laus mehr ist,
- sondern für den, dem das auch gar nicht in den Kopf kommt und der
- geradeaus hingeht .... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der
- Frage herumquälte, ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so
- fühlte ich ja schon deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die
- ganze, ganze Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten,
- Sonja, habe alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne
- Kasuistik umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich
- habe darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der
- Mutter zu helfen habe ich getötet -- Unsinn! Nicht darum habe ich
- getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein
- Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach
- getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend
- jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie eine
- Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte
- ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz gleich
- sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich
- brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich so sehr
- nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles ....
- Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend,
- niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte es, ein
- anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand dahin; ich
- musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich auch eine
- Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde ich es
- vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich's nicht
- vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu bücken oder
- nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht
- ...«
-
- »Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?« rief Sonja händeringend.
-
- »Eh, Sonja!« rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern,
- hielt sich aber verächtlich zurück. -- »Unterbrich mich nicht,
- Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals der
- Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt hat, dass ich
- kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche Laus bin,
- wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, und nun siehst Du,
- bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich keine Laus
- wäre, käme ich da zu Dir? Höre: als ich damals zur Alten ging, da
- ging ich nur hin, um zu probieren ... das wisse!«
-
- »Und gemordet haben Sie, gemordet!«
-
- »Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, geht man
- denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? Habe ich
- denn die Alte umgebracht? Mich habe ich umgebracht und nicht die
- Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr umgebracht, in alle Ewigkeit!
- Diese Alte hat der Teufel umgebracht, nicht ich ... Genug, genug,
- Sonja, genug. Lass mich« -- schrie er plötzlich mit krampfhafter
- Angst -- »lass mich!«
-
- Als er sie fragt: »Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich
- dort sitzen werde?« -- und sie ihm antwortet: -- »O ich komme,
- ich komme!« da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht sie an und,
- sonderbar, ihm war's plötzlich schwer und leid, dass man ihn so
- liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche Empfindung! Als
- er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt, dass in ihr all seine
- Hoffnung und seine endgiltige Ruhe enthalten sei; er gedachte
- wenigstens einen Teil seiner Qualen hier niederzulegen, und nun,
- plötzlich, da ihr ganzes Herz sich ihm zugewendet hatte, da
- fühlte und erkannte er es plötzlich, dass er unendlich viel
- unglücklicher geworden war, als er früher gewesen.«
-
- Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit
- Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals
- dasselbe Bild wie im »Totenhause«. Auch auf Raskolnikow macht die
- Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch er fühlt, dass
- er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch
- hingesetzten Nuance, dass er »keinen Glauben« hat. Anfangs fühlt
- er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob seines freien
- Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil sie ihre
- Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht ertrug.
- Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht habe.
-
- »Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht
- begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer
- stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. Er
- begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen
- Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt,
- eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später erst
- erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, »Du
- bist ein Gottloser,« sagen sie -- »Du glaubst nicht an Gott, Dich
- soll man erschlagen.« Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung
- gefolgt war und im Städtchen, wo die Festung lag, sich ihr
- kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den
- anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf Minuten sehen und
- sprechen zu können, Sonja wurde von allen geliebt. »Mütterchen,
- Sofia Semjonowna,« sagten sie, »Du unsere Mutter, Du blasse,
- kranke usw.« »Warum?« fragt er sich, »warum lieben sie sie?«
- Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital gebracht.
- Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal,
- Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmächtige
- Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte,
- wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt
- Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm
- an seinem Sehnen und Bedürfen nach ihrer weichen und starken
- Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung auf. An einem schönen
- frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist,
- entfernt er sich für einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt
- sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint plötzlich
- Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie
- schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf
- die Erde, da:
-
- »Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich packte
- ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und umklammerte
- ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr
- Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd
- an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles
- begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glück auf;
- sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel mehr, dass er sie
- liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war,
- diese Minute.« ...
-
- »Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thränen
- standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig,
- allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon
- die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem
- neuen Leben. -- --
-
- Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn mit
- Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher
- aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie
- nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das
- Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung
- erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute
- hatte er es nicht aufgeschlagen.
-
- Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte
- ihn: »Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von jetzt an
- nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen
- wenigstens.«
-
- »Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in
- der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so überaus
- glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor ihrem
- Glücke erschrak. Sieben Jahre, _nur_ mehr sieben Jahre! Zu Anfang
- ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf
- diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es
- ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen
- werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen
- künftigen That bezahlen müssen.«
-
- Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch
- russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das
- hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine russischen
- Leser machen musste. Schon im »Totenhause« hatte er es
- ausgesprochen, dass »in jedem russischen Menschen unserer Tage
- der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.« Das war wohl die
- Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen Boden,
- russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass
- für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes
- anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft sei, so muss
- darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe
- immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht _ausser_ die
- anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich
- zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.
-
- Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte
- Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist
- nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem
- Zweck, das Werk von der russischen »breiten« Ethik aus zu
- beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger
- scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der
- harmlose »ehemalige Student« und Freund Raskolnikows. Ihm legt
- der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame
- Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas
- angeheitertem Zustande: »Ich liebe es, wenn man lügt; das Lügen
- ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen
- voraus hat. Lügst du -- so wirst du schon zur Wahrheit kommen!
- Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lüge. Nicht zu _einer_
- Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht früher 14mal, ja
- vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise
- ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal ordentlich nach unserem
- Verstande lügen! Du lüge mich an, aber lüge nach deinem eigenen
- Wesen, und ich werde dich küssen. In seiner Weise lügen, das ist
- ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle
- bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die
- Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man
- zerstören -- es hat Beispiele gegeben.
-
- Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in
- unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren
- Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem Liberalismus, unserer
- Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten
- Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit
- fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben -- hineingefressen haben
- wir uns!« --
-
- »... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.« -- Die zweite
- Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen kann, ist
- die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die Unschuld des
- Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er
- ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der Alten für einen Rubel
- versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer
- leeren Wohnung mit dem Streichen der Wände beschäftigt gewesen,
- als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem
- anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schäkernd und Ulk
- treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur,
- wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in
- den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre
- gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht,
- um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen
- ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er
- zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als
- man ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er:
- »weil man mich verurteilen wird«. Es ist etwas Ergreifendes in
- dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später
- eine Art mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu
- erklären, zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows
- Thäterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber
- greift mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um
- »unsere Jurisprudenz« anzuklagen, welche »niemals, niemals die
- subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen
- Unmöglichkeit, einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick
- sich mit einem Kameraden zu balgen,« in Betracht ziehen wird,
- »weil man die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte
- erhängen wollen«, »was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht
- schuldig gefühlt hätte.« Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo
- das echt russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer
- Selbstverständlichkeit benützt wird, wie sie an das Unbewusste
- grenzt, uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen
- muss. Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn
- gekommen, eine solche unbegründete Selbstanklage als
- glaubwürdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen.
-
-Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze Begegnung der Freunde
-in Kopenhagen eingeleitet zu haben und wieder durch diese aufgefrischt
-worden zu sein, und so finden wir den häufigsten Austausch von
-persönlichen und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem
-Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser Briefe aus Wiesbaden
-heisst es unter anderem: »-- diesmal will ich Ihnen über mich schreiben,
-eigentlich aber nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen
-werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise anschwärzt.
-Da aber in einem solchen Falle Phrasen vollkommen unfruchtbar und auch
-schwer sind, so will ich Ihnen offen bekennen, dass ich -- in meiner
-Dummheit vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich hatte.
-Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang meines Wiesbadener
-Aufenthalts an, aber ich hatte Glück, sogar bedeutendes Glück
-(verhältnismässig gesprochen), habe mich aber dann in meiner Dummheit
-vergaloppiert, alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der
-abscheulichsten Situation, die man sich vorstellen kann, und kann aus
-Wiesbaden nicht heraus.«
-
-Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um nur vom Hôtel
-loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er jemand sicher zu finden hofft,
-der ihm helfen wird. In einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten
-Briefe beklagt er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er
-bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken, »obwohl es ihm
-nun nicht mehr radikal helfen könne«, und fügt hinzu, dass die
-Erzählung, die er eben schreibe, mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er
-das Geld in einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen können,
-die er von Katkow, dem Redakteur des Russky Wjestnik, als
-Abschlagszahlung für seine Erzählung (Raskolnikow) erhalten werde. Ein
-dritter Brief vom 8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf
-eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. Er erzählt darin
-von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen, die er sofort und im Verlauf
-einer Woche erlitten hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden
-gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der vollkommenen
-Deroute in der Familie des Bruders, die ihn erwartet habe, und der er
-alles gleich gab, was er besass, und ausserdem 100 R., die er dazu
-aufnahm. Er bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst nach
-der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl 2500 R. einbringen
-werde. Noch einmal aber von Katkow vorausnehmen will er nicht. Er findet
-es nicht politisch, unmöglich, hässlich; es seien durchaus die
-Beziehungen nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er seines
-Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für welchen er ebenfalls
-sorgt, der ihm aber niemals Freude gemacht hat, sowie eines kranken
-Bruders, der nicht mehr lange zu leben habe.
-
-Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg am 18. Febr.
-1866: »Bester alter Freund Alexander Jegorowitsch, ich bin durch mein
-langes Schweigen vor Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld.
-Es würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, die Ursache
-meines langen Schweigens klar zu machen. Die Ursachen sind vielfach und
-kompliziert, und ich kann sie darum nicht beschreiben, will nur einiges
-andeuten. Erstens sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist
-das der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman in sechs
-Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben und fertig; ich habe
-alles verbrannt, dass kann ich jetzt bekennen. Es hat mir selbst nicht
-gefallen. Eine neue Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich
-habe frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch arbeite
-ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, dass ich jeden Monat 6
-Druckbogen an den Russkij Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar,
-allein ich würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein Roman
-ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner Vollendung der Ruhe für
-Seele und Phantasie. Mich aber quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen,
-mich einsperren zu lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen
-fertig werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich's überhaupt
-werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig sind und meinen
-Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf 5 Jahre zu verteilen. Mit anderen
-aber konnte ich bis jetzt nicht in Ordnung kommen.
-
-Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das zerreisst mir Kopf und
-Herz, verstimmt auf mehrere Tage. Da setze dich dann hin und schreibe!
-Manchmal ist das ganz unmöglich. Darum ist's auch schwer, eine ruhige
-Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig zu plaudern,
-weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, nach meiner Rückkunft, hat
-mich die Hinfallende schrecklich geplagt; es war, als hätte sie die drei
-Monate nachholen wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt
-aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden. Sie haben von
-dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle sein können, wahrscheinlich
-keine Vorstellung. Nun sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie
-sichs eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im Februar und
-März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn Tage(!) war ich gezwungen auf
-meinem Divan zu liegen, vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand
-nehmen können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss ich fünf
-Druckbogen schreiben! Und liegen müssen, wenn man organisch ganz gesund
-ist, nur darum, weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass sofort
-Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan erhebt! --
-
-Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es wäre besser, wenn ich
-in Staatsdienst träte; kaum. Mir ist dort besser, wo ich mehr Geld
-bekommen kann. In der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen,
-dass ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück Brot, ja
-sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie es ja auch in continuo
-bis zum letzten Jahr der Fall war. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen
-von meinen gegenwärtigen litterarischen Geschäften erzählen, und Sie
-werden daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande aus, da ich
-durch die Umstände bedrängt war, stellte ich Katkow den für mich
-niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel für den Druckbogen ihres Blattes, 150
-vom Format des »Sowremjennik«. Sie waren einverstanden. Später erfuhr
-ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses Jahr nichts
-Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt nichts, und mit Leo Tolstoi
-haben sie sich zerstritten. Ich bin als Lückenbüsser erschienen (das
-alles weiss ich aus sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich
-laviert und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche
-Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es schreckte sie für
-25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu 125 Rubel zu zahlen. Mit einem
-Wort: ihre ganze Politik lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt),
-den Preis per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu steigern.
-Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, sie wollen offenbar, dass
-ich nach Moskau komme. Ich aber halte aus. Folgendes ist dabei mein
-Zweck: Hilft Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich
-möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die Hälfte des
-Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird damit erreicht sein, dann erst
-fahre ich nach Moskau und sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im
-Gegenteil, es kann sein, dass sie hinzufügen. -- Das wird zu Ostern
-sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, drücke
-mich zusammen und lebe wie ein Bettler, werde nur das Nötigste
-verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, so bin ich moralisch nicht mehr
-frei, wenn ich später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle.
-Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im ersten Januarheft
-des Russkij Wjestnik erschienen. Er heisst: »Schuld und Sühne«. Ich habe
-schon viele entzückte Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und neue
-Sachen darin.«
-
-Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky einiger
-Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und schliesst: »Übrigens bin
-ich sehr froh darüber, dass Sie unser intimes russisches, geistiges und
-bürgerliches Leben so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde
-sehr angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. Sie sehen
-vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus
-ausländischen Zeitungen? Dort wird systematisch alles verunglimpft, was
-sich auf Russland bezieht. -- Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man
-kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, thatsächlich unter
-den Einfluss der auswärtigen Presse. Sonst aber fühle ich, dass ich in
-vielem und sogar sehr mit Ihnen übereinstimme usw.«
-
-Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: »Bester Alexander Jegorowitsch! Ich
-habe mich mit der Antwort verspätet und eile nun, das Versäumte
-nachzuholen. Glauben Sie mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander
-Jegorowitsch, das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur um
-8 Tage früher gekommen -- ich hätte Ihnen sofort alles geschickt. Lachen
-Sie nicht, wenn ich so spreche. Hier meine Situation. Den ganzen Winter
-habe ich wie ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit
-zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. -- Wohin
-sind sie gekommen? Ja, man reisst alles nur so von mir! In der Charwoche
-bin ich zu Katkow nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu
-nehmen.[22] Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden zu
-fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und meinen Roman ganz
-ungestört zu vollenden. Anderswo, hier in Petersburg, kann ich ihn
-unmöglich vollenden. Die Anfälle nehmen zu (was im Auslande nicht der
-Fall ist). Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto
-zudringlicher werden sie. Indessen sollten sie mir dafür dankbar sein,
-dass ich nach meines Bruders Tode die Wechsel auf meinen Namen schreiben
-liess und einen Teil schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel
-nicht auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen. --
-Allein die Sache hat sich so gewendet, dass diesmal zur Erteilung des
-Passes ins Ausland besondere Formalitäten nötig wurden, sich dadurch
-alles hinauszog, der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche
-noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben die Gläubiger
-die Klage eingereicht und so ist mein Tausender in Rauch aufgegangen.
-
-Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch sitze ich da und
-setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller Kräfte fort. In diesem
-Augenblick ist er -- meine einzige Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500
-Rubel zu bekommen haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn
-für die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als 1500 (man
-handelt schon darum). Von Katkow aber werde ich nicht früher als im Juli
-Geld herausbekommen. So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli
-schicken. Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden
-(das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon um die zweite
-Auflage handeln, ehe der Roman vollendet ist), so schicke ich gleich.
-Sie aber bitte ich, mir, wenn auch nur in zwei Worten, meine vorjährige
-Schuld in Reichsthalern zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe
-und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau entsinne. Ich füge
-hinzu, dass es mir peinlicher ist, als Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt
-nicht schicken kann. Sie werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich
-andere befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner
-Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht geschehen ist;
-sie sind neben mir und haben mich so bedrängt, dass ich nicht zu Atem
-kam -- so habe ich alles willenlos hingegeben usw.« --
-
-[Fußnote 22: Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der
-vorangegangenen Äusserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu wollen.
-Dieser Widerspruch findet seine Lösung in dem Umstande, dass der Roman
-schon seit Januar zu erscheinen begonnen hatte, eine solche
-Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen war, als eine im
-November 1865.]
-
-Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus seiner Erinnerung, dass
-der Eindruck des Romans ein ungeheurer war, dass gesunde Leute fast
-krank davon wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben
-mussten. Was aber die grösste Sensation machte, war der Umstand, dass
-zur nämlichen Zeit, als der Teil des Romans erschien, in welchem sich
-die Beschreibung des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger
-Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen einen Mord
-vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis auf die damals in der Luft
-schwebenden falschen Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind,
-um das Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky schon
-in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben angeführten Worte schrieb.
-
-Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe von des Dichters
-bis dahin erschienenen Werken veranstaltet werden. Der Herausgeber,
-Stellowsky, ein Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste
-Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende Bedingung
-gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung eine Erzählung ein, welche
-noch nirgends gedruckt worden ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein.
-Für diese Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky dem
-Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk um einen Tag später, so
-erhält Dostojewsky für die Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht,
-eine Gesamtausgabe zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky.
-Der Dichter hatte nun die Erzählung »Der Spieler« niederzuschreiben
-begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche seines Bruders Tod auf
-ihn gewälzt hatte, so beunruhigt, dass er fürchten musste, nicht die
-nötige Sammlung zur Arbeit zu finden. Ein Brief aus Dresden an N.
-Strachow, sowie die Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte,
-mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt:
-
-»Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise
-erworben: Ich war in entsetzlichen Verhältnissen. Nach dem Tode meines
-Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen
-und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als
-Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der »Epocha« -- meines
-Bruders Journal -- zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den
-geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als
-Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel,
-es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der
-Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe
-ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode)
-einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich
-angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen
-Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten
-würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.
-
-Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln D.s und eines anderen
-(ich erinnere mich seines Namens nicht) zu verfolgen. Von der andern
-Seite präsentierte Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz
-arbeitete, ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt
-hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden, Journals
-brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit, sendet Stellowsky zu
-mir und lässt mir vorschlagen, ob ich ihm nicht meine sämtlichen Werke,
-samt einem ganz neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., d.
-h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete ich nur ein wenig,
-so bekam ich von den Buchhändlern für das Recht der Publikation
-wenigstens das Doppelte, liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann
-bekam ich sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite
-Auflage von »Schuld und Sühne« allein gegen 7000 Rubel Schulden
-eingetauscht (immer Journalschulden -- an Bazunow, Pratz und einen
-Papier-Agenten). Auf diese Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift
-und seine Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner
-Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf mir lasten.
-Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage Bedenkzeit. Das war auch die
-Klagefrist für den Schulden-Arrest. Dazu müssen Sie wissen, dass meine
-Wechsel an D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals auch
-geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie es scheint,
-Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) präsentiert wurden. In diesen
-10 Tagen schlug ich mich überall herum, um Geld für die Auslösung der
-Wechsel zu bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen Handel mit
-Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich achtmal, fand ihn aber nie
-zu Hause. Endlich erfuhr ich durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij),
-den ich kennen lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter
-Freund Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte ich ein,
-und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie in Ihren Händen ist. Ich
-bezahlte D...., Gawrilow und die anderen und reiste mit dem Rest von 35
-Halbimperialen ins Ausland.
-
-Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen Roman »Schuld und
-Sühne« zurück, nachdem ich mit dem Russkij Wjestnik (Katkow) in
-Verbindung getreten war und von diesem schon einiges Geld voraus
-erhalten hatte. Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky
-unterfertigt hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht imstande
-sein würde, den ihm versprochenen Roman bis zum 1. November 1865 zu
-vollenden. Er erwiderte mir, dass er dies auch nicht verlange und nicht
-vor einem Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich aber,
-zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies alles wurde mündlich
-und unter vier Augen verabredet, aber das schreckliche Pönale, wenn ich
-zum 1. November 1866 nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.«
-
-Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte uns Anna
-Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich den schon im Jahre 1863
-geplanten und in vielen kleinen Notizen, namentlich im Gedächtnisse
-festgehaltenen Roman »Der Spieler« Anfang Oktober 1866 zu schreiben
-begonnen und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte, so
-sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er werde die Arbeit gar
-nicht machen können. Da machte ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer
-Hilfskraft zum Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs
-eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor der
-Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren von ihm den Namen
-seiner besten Schülerin A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um
-dem jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz vorher
-ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und bald darauf ihren Vater
-verloren. Aus dem Wunsche heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern
-und auch um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors
-Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde zukam, anzunehmen. Als sie
-gar hörte, wem sie in der Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll
-Freude und Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem grossen
-Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen würde. Sie trat zitternd
-bei ihm ein, wurde jedoch bald durch einige freundliche Worte,
-namentlich aber dadurch ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und
-der Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren vom 4. Oktober
-bis 1. November noch sieben Druckbogen zu schreiben und alle ins Reine
-zu bringen. Anna Grigorjewna pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor
-Michailowitsch zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander
-arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der von ihr mitgebrachten
-Reinschrift durch, was er gestern diktiert hatte, dann diktierte er
-weiter. So ging es bis zum 30. Oktober fort.
-
-Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky durch Eilboten
-gesandt. Er war verreist, unauffindbar. Sandte man das Päckchen durch
-die Post, so kam es einige Tage später in Stellowskys Hände, und
-Dostojewsky war verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte
-Stenographin auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu
-tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den Empfänger mit dem
-Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das geschah und der Dichter war
-gerettet. Die dreitausend Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden
-waren, hatte Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit der
-anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die ihm dazu gedient
-hatten, den Dichter in die Enge zu treiben, wieder eingestrichen.
-
-So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, mehr noch durch ihre
-kluge und findige Art, des Dichters Interessen zu fördern, ihm eine
-unentbehrliche Helferin erstanden, die er nicht mehr missen konnte.
-Gegen das Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie in
-ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, der mit ihnen
-lebte, kennen zu lernen. Schon nach wenigen Besuchen erklärte der
-Dichter Anna Grigorjewna und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin
-auch gern zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen, das mit
-grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte sich niemals eine solche
-Annäherung träumen lassen. Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger
-als anziehend. So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in der 20
-jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin anfangs ein
-erschrecktes Staunen hervor. Doch war es keine kleine Versuchung für
-sie, an der Seite eines Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen
-Ruhm in stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie
-thatsächlich und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um ihnen auch
-Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit der Hoffnung eines
-sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie willigte also ein. »Als ich seine
-Gattin wurde« -- sagte sie uns --, »da empfand ich nur Verehrung für
-ihn, aber nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von ihm
-erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.« Die Vermählung fand am 15.
-Februar 1867 statt, nicht ohne vieles Abraten von Seiten der Familie
-Michael Michailowitsch, welche eine Heirat des Dichters als ihren
-Interessen schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit
-der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten musste, wenn man in
-Petersburg blieb, den Dingen eine energische Wendung zu geben, indem sie
-zur Abreise antrieb, welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger
-und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war.
-
-Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche am 22. Februar 1868
-in Genf geboren wurde und ebenda am 12. Mai desselben Jahres starb. Die
-zweite Tochter, Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren
-und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, teilweise auf einer
-Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in
-Petersburg geboren wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim
-und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele Ehren und Preise
-gewonnen haben. Ein viertes Kind, Alexei, wurde am 12. August 1875 in
-Stara Russa geboren und starb in Petersburg im Mai 1878.
-
-
-
-
- VIII.
- Vierjähriger Aufenthalt im Auslande.
- (1867-1871.)
-
-
-Zwei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am 14. April 1867, ging das
-Ehepaar Dostojewsky nach dem Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit
-länger zu bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. In
-einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die Erklärung dazu.
-Mit der Rückkehr Dostojewskys nach Russland wären so viele Zahlungen und
-Verpflichtungen an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse
-nicht hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen
-Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder für die Familie des
-Bruders noch für seine eigene hätte aufkommen können. Er musste also im
-Auslande bleiben, um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse
-Schuldenlast, welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich
-abzutragen.
-
-Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen von vielen schweren
-Sorgen, von der fast ausschliesslichen Einsamkeit und den
-Beschwernissen, welche Familienzuwachs in der Fremde bei beschränktesten
-Mitteln mit sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in
-materieller wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei kein
-Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen und den langen
-und ungestörten Meditationen, sich in dem Dichter die ganz besondere
-Ausgestaltung jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm
-gelebt hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite seines
-Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen, dass er es nicht mehr
-für sich allein zu behalten vermochte, wie er dies früher gethan. Von
-dieser durchgreifenden Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen
-vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten hat sie sich sehr
-klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch von seiner Auslandsreise
-zurückkam. Unaufhörlich lenkte er das Gespräch auf religiöse Themata.
-»Nicht genug an dem« -- sagt Strachow -- »er war auch in seinem Benehmen
-mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt hatte, ja manchmal
-geradezu zur Sanftmut wurde, verändert. Sogar seine Gesichtszüge trugen
-die Spuren dieser Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes
-Lächeln getreten. Ich erinnere mich« -- fährt Strachow fort -- »an eine
-kleine Episode im »Slavischen Comité«. Wir traten zugleich ein und
-wurden von J. Petrow begrüsst. Wer ist das? fragte mich Theodor
-Michailowitsch, der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da
-er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft begegnete. Ich
-sagte es ihm und fügte hinzu: was für ein wunderbarer, höchst
-wunderbarer Mensch! Theodor Michailowitschs Augen leuchteten freundlich
-auf, er sah alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: »Ja,
-alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.«
-
-Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der Dichter im Laufe seiner
-Abwesenheit von der Heimat an die Freunde schrieb, wollen wir Strachows
-orientierende Erzählung über die Reisestationen und das Lebensdetail
-dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben. Das Ehepaar ging
-im April über Berlin nach Dresden, wo es sich zwei Monate aufhielt. Der
-Dichter schrieb hier an seinem Artikel: »Meine Erinnerungen an
-Belinsky«, welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow
-schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung übergab, worauf
-die Arbeit, sowie auch alle anderen, für diese Sammlung vorbereiteten
-Artikel, spurlos verschwunden sind. In Dresden war es namentlich Anna
-Grigorjewna, welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor
-Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich dabei jedoch
-immer auf seine Lieblinge: »Die Sixtina«, Correggios »Nacht«, Tizians
-»Zinsgroschen«, den Christuskopf von Annibale Caracci und die
-»Abendlandschaft« Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde
-Rujsdaels, namentlich seine »Jagd«.
-
-Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche wir aus dem Munde Anna
-Grigorjewnas haben und welche einmal durch den Briefwechsel des Dichters
-mit seiner Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre
-eigentliche Beleuchtung erhalten wird.
-
-Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in den bekannten, sehr engen
-Verhältnissen lebend, beschliesst Dostojewsky von dort aus einen
-Abstecher nach Homburg zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller
-Blüte stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) sein Glück zu
-versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt sich diesem Vorhaben
-durchaus nicht; weiss sie ja doch, dass in solchem Falle ein Begehren
-sich ins Unerträgliche steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch
-ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der praktische
-Beweggrund -- so viel zu gewinnen, um eventuell in die Heimat
-zurückkehren zu können -- allein ist, der den Dichter aus Dresden
-forttreibt, sondern wohl in ebenso hohem Grade sein nervöses und
-künstlerisches Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen das
-ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert Thaler mit, die ihm zum
-Glück helfen sollen, über deren Verlust hinaus aber er nichts riskieren
-will. Nun beginnt jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und
-Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen Briefen an die
-Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. Selbstanklage, Zerknirschung,
-Verhimmelung des jungen Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit
-ihm durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm noch einmal
-Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen, ihn heimbringen soll,
-dies alles ohne Vorwurf und Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom
-Augenblick und der Leidenschaft so oft beherrschten »schlechten
-Charakter«, wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie
-sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die ihn durch
-Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut zu lenken weiss.
-
-Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar von Dresden ab, um
-in die Schweiz zu gehen. In Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen
-festgehalten, da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel hatte
-hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so viel verloren hatte,
-dass er sich nur mit dem von Katkow ihm gesandten Gelde loskaufen konnte
-und mit einem Rest von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine
-Stimmung jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, als er nur
-der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung, am Roulettetisch gewinnen zu
-müssen, entronnen war.
-
-In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 zu, wo er den »Idioten«
-schrieb, welcher Roman im »Russkij Wjestnik« mit dem Januar 1868 zu
-erscheinen begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11 oder 12 Uhr
-stand der Dichter auf, trank Kaffee und setzte sich zur Arbeit, an der
-er bis 3 Uhr verblieb. Dann diktierte er seiner Gattin aus dem
-Brouillon. Um 4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. Dann
-las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen Abend machte man einen
-Spaziergang, dann nahm man den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch
-ungefähr um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr morgens
-arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser Ogarew, welcher sie hier
-und da besuchte und ihnen in Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs.
-lieh. Am 22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen, Sophie,
-geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte deren Tod, den der Dichter
-so schwer empfunden und nie verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für
-das Ehepaar aber auch noch manche andere Beschwerden und
-Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon losrissen und in
-Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer über verblieben. Anfangs September
-gingen sie über den Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in
-Mailand zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz nieder.
-Die ganze Zeit wurde die Arbeit am »Idiot« fortgesetzt, dessen Schluss
-als Separat-Anhang des »Russkij Wjestnik« im Januar- oder Februarheft
-1869 erschien.
-
- War »Schuld und Sühne«, ohne dass man dies in Europa beachtete,
- ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen
- Prinzipien und Probleme, so finden wir im »Idiot«, der, wie wir
- sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas ganz
- anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden bietet den
- Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für sie, während
- zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem Zorn
- und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen Landsleuten
- Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, mit welcher der
- Dichter die Gesinnungsgenossen einer »längst vergangenen Zeit«
- brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in dem Roman »Die
- Besessenen« noch in höherem Masse durchgeführt.
-
- Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. Auch
- sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, die
- Charaktere der jungen Generation übertrieben, die Handlung
- gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und es wird ihr
- gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks russisch
- grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden aber, welche
- dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, kaum
- auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird uns mit
- allen Mängeln der Dichtung aussöhnen.
-
- Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des
- russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja
- schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf
- seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu den
- russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer schärfer
- hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form seiner
- christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher aus
- der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen.
-
- Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere Sühne der
- Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und Lieben, so
- steht hier in diesem »Idioten« eine Verkörperung hoher,
- christlicher Weisheit, ohne jegliches »Prinzip«, ohne Zwang, in
- grösster Anmut vor unseren Augen.
-
- Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys setzt
- die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen wir, dass
- der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist, sondern der
- »reine Thor«, jene herrliche Gestalt, welche in der Litteratur so
- vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage im Parsifal
- unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht sagenhaft, als
- Held, sondern als ein Kind des Volkes, »Iwanuschka-Duratschók«
- noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt und
- bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst ein Stück
- russischer Sage darstellen wird.
-
- Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; er ist
- ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse friert;
- er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei sich und
- erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit eines
- Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte eines
- väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem Lande
- untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen geheilt
- werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet
- werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, seine
- Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor zwei Jahren
- sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt habe ihn aber
- dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn gesorgt und ihn
- erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach Petersburg geschickt,
- ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts mitgeben können, so
- dass er nun ohne eine Kopeke anlange und noch nicht wisse, was er
- beginnen werde. Seine Reisegefährten sind: Rogoschin, der Sohn
- eines ebenso reichen als geizigen und despotischen Kaufmannes,
- dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet hat, um sie einer
- berühmten Schönheit zweifelhaften Rufes zu verehren. (Nun ist der
- Vater plötzlich gestorben und er kehrt zurück, um sein Erbe
- anzutreten.) Ferner ein mit allen Salben geriebener kleiner
- Beamte, schlechtester Sorte. Beide lächeln über die Harmlosigkeit
- des jungen Fürsten, der selbst erzählt, man hätte ihn in der
- Schweiz einen Idioten genannt, was er auch sicherlich ohne die
- treue Pflege jenes Arztes geworden wäre, nun aber nicht sei, wenn
- er sich auch noch nicht ganz genesen nennen könne.
-
- Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna,
- kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren
- scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude und
- Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen sei, um
- je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser das Bild
- Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten klar,
- was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an Nastassja,
- sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten Generalstochter,
- die ihn liebt, in das reinste Licht stellt.
-
- Nachdem die Reisegefährten angekommen sind, bietet Rogoschin dem
- Fürsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser will sich
- vorerst an den General Epantschin wenden, dessen Gattin ebenfalls
- eine Fürstin Myschkin ist, und hofft sich dort wegen der
- Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die Heimat
- geschickt hatte, Rat holen zu können. Da er keinen Wert auf diese
- Sache legt, sie nur nebenher erwähnt und hilflos-vergnügt mit
- seinem Bündelchen weiter zieht, fragt auch niemand nach dieser
- Angelegenheit, und er tritt nach einem schüchternen Läuten in die
- Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener misstrauisch
- von oben bis unten ansieht und endlich gnädig hereinlässt. Die
- hier folgende Scene, da der junge Fürst seinen Namen nennt, aber
- mit seinem Bündelchen in der Hand lieber in der Dienerstube
- bleibt, als dass er in das Wartezimmer der Gäste ginge, ist ganz
- ausserordentlich geschildert.
-
- Der Diener hält den Besucher natürlich bald für einen »Idioten«,
- gewinnt aber allmählich und unbewusst Sympathie und eine gewisse
- Achtung für diesen jungen Menschen, den er gleichwohl nirgends
- einzureihen weiss. Für den Leser ist aber von den ersten Worten,
- die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen
- tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den
- letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich
- kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen
- Forderungen, lässt uns diese genialische Seele keinen Augenblick
- über sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz
- überwunden, ist auch hier sehr künstlerisch verwendet. Nicht ein
- Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier
- sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so
- dass auch darüber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem
- »gebildeten Geist« zu thun haben, sondern mit einem natürlich
- entfalteten Wesen.
-
- Manche russische Kritiker haben es abfällig beurteilt, dass
- Dostojewsky dem Fürsten Aussprüche tiefster Weisheit in den Mund
- legt. Wir können diesem Urteil nicht beipflichten. Der Dichter
- hat es wohl abgewogen, welcher Art die Weisheit sein müsse, die
- er den jungen Menschen aussprechen lässt. Immer ist es eine auf
- das Reinmenschliche gerichtete Wahrheit, eine Feinheit, die aus
- dem Gemüt quillt und zum Gemüt dringt, keinerlei Reflexions- oder
- Dogma-Weisheit. Und selbst da, wo Myschkin über den Katholicismus
- spricht, holt er seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer
- erworbenen Tradition oder einem ausgeklügelten Axiom. Hören wir,
- was er gleich zu Anfang der Erzählung mit dem Kammerdiener des
- Generals in der Dienerstube über die Todesstrafe sagt. Der Diener
- fragt nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den
- Strafen. Da erzählt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung
- durch die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine,
- wie sie so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das
- sei noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin:
-
- »Wisst Ihr was? -- seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken
- alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine, so
- ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in den Kopf
- gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wäre? Das scheint
- Euch lächerlich, ja toll; bei einiger Vorstellung kommt einem
- aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket: wenn man z. B.
- die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und Wunden,
- körperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der seelischen
- Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abquälst bis zum
- letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der Hauptschmerz, der
- heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in den Wunden, sondern
- darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst, dass nach einer
- Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute,
- dann sofort -- Deine Seele dem Körper entflieht, dass Du dann
- kein Mensch mehr sein wirst und dass das schon sicher sein wird;
- die Hauptsache ist, dass es _wirklich_ geschehen wird. Siehst Du,
- wenn Du den Kopf unter das Messer legst und hörst, wie es über
- ihm knirscht, diese Viertelsekunde, siehst Du, das ist das
- schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das ist nicht meine
- Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so überzeugt davon,
- dass ich Euch offen meine Meinung sagen will. Einen Totschlag mit
- einem Totschlag zu sühnen ist eine unermesslich grössere Strafe,
- als das Verbrechen selbst. Das Töten infolge eines Urteilsspruchs
- ist unvergleichlich furchtbarer, als der Totschlag eines Räubers.
- Derjenige, welchen die Räuber erschlagen, bei Nacht, im Walde
- oder sonst wie zerhauen, hofft unbedingt, bis zum letzten
- Augenblicke, noch auf Rettung. Es hat Beispiele gegeben, da
- Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten war, noch hoffte, dass
- er noch lief oder flehte. Hier aber nimmt man ihm diese ganze
- letzte Hoffnung, mit der zu sterben es zehnmal leichter ist; man
- nimmt sie ihm thatsächlich, unwiderruflich fort. Hier ist ein
- Urteilsspruch und darin, dass Du ihm wirklich nicht entrinnen
- kannst, darin sitzt ja die furchtbare Qual. Und eine furchtbarere
- Qual als diese giebt es nicht auf der Welt. Stellt einen Soldaten
- im Krieg vor die Mündung einer Kanone und schiesst auf ihn, er
- wird immer noch hoffen, aber leset diesem nämlichen Soldaten das
- wirkliche Todesurteil vor, so wird er wahnsinnig[23], oder er
- fängt an zu weinen. Wer hat gesagt, dass die menschliche Natur
- imstande ist, das auszuhalten, ohne verrückt zu werden? Wozu ist
- eine solche Beschimpfung, eine so unsinnige, unnötige, so
- unnütze? Vielleicht giebt es auch einen solchen Menschen, dem man
- sein Urteil vorgelesen, den man sich abquälen liess und dem man
- dann gesagt hat: »Geh hin, man hat Dir verziehen«; das wäre ein
- Mensch, seht ihr, der was erzählen könnte! Von dieser Qual und
- diesen Todesschrecken hat auch Christus gesprochen. Nein! mit
- einem Menschen darf man nicht so verfahren!«
-
- [Fußnote 23: Anmerkung: Einer der im Prozess Petraschewsky zum Tode
- Verurteilten, der Lieutenant eines Grenadierregiments Nikolaus
- Grigorjew, war auf dem Schaffot wahnsinnig geworden.]
-
- Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht seines
- eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt, doch ist
- dies so glaubwürdig aus dem Herzen des »Idioten« herausgesagt,
- dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung gereift,
- hier wie eine Ahnung möglicher Qualen, wie ein Protest gegen
- diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes
- beleuchten. Mit diesem Gespräch und dem gleich darauf folgenden
- Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und
- ihren drei schönen Töchtern einiges aus seinem Leben in der
- Schweiz erzählt, ist gleichsam das »Leitmotiv« des ganzen Romans
- angeschlagen, durch dessen wirre, gedrängte, mit Personen und
- Zufälligkeiten überfüllte Handlung die Gestalt des Idioten wie
- ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet.
-
- Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen
- Essay »ein grausames Talent« und meint, die »Wollust an unnützer
- Qual der Nebenmenschen« sei das charakteristische Merkzeichen
- seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich immer nur um das
- Verhältnis von Wolf und Schaf herumbewege. In der ersten Hälfte
- seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky mit Vorliebe bei
- den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf gefressen werde,
- später aber habe er mit wahrer Wollust die Gefühle des Wolfes
- geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese Vorstellung hat
- Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt, welchen der
- »Idiot« und später »Die Besessenen« in ihm mochten hervorgerufen
- haben. Es giebt in der That kaum je eine Lektüre, welche
- stellenweise solche Qualen hervorzurufen vermöchte. Allein die
- Deutung Michailowskys ist durchaus herbeigezwungen, denn auch
- hier, in diesen »grausamsten« Werken des grossen Dichters und
- ganz besonders im »Idioten«, wiewohl er künstlerisch weit
- schwächer ist als »Die Besessenen«, steht er nicht nur auf der
- Seite des Schafes, sondern er löst die heitere, unbefangene,
- starke und überzeugte Milde seines Helden wie einen glänzenden
- Kern aus dem stachlichen Gehäuse des um ihn sich schliessenden
- Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung, diese Menschen und ihre
- Zustände, namentlich aber ihr Verhalten gegen den kranken und
- durch das Mitleid so überaus erregbaren jungen Mann, das alles
- hat etwas Widerwärtiges an sich, das indessen nur zur Hälfte als
- Vorwurf auf des Dichters Rechnung zu setzen ist. Wo er die junge
- Generation nihilistischer, atheistischer Färbung schildert, da
- ist er beissend, ja bissig bis ins Ungerechte, subjektiv bis zur
- Blindheit. Er, der im gemeinen Verbrecher des Totenhauses den
- göttlichen Funken, die »russische Wahrheit« sucht und findet, ist
- unerbittlich gegen Verirrungen und Trugschlüsse des Geistes,
- Irrtümer des Herzens, die er selbst einmal geteilt hatte. Hier
- liegt die Vermutung nahe, dass er eben darum, weil er gelernt
- hatte, diese Richtung in sich selbst aufrichtig zu verdammen, das
- Mass für die Beurteilung der selben Ideen in Anderen verlor. Was
- uns aber sonst als quälend und unbehaglich in der Umgebung
- Myschkins entgegentritt, ist das zusammengewürfelte Milieu, das
- in Russland in gewissen mittleren Kreisen sich bildet, dem der
- Dichter in jüngeren Jahren wohl selbst mochte angehört haben, das
- ihn aber sicher als Romancier mehr locken musste, als die
- ausgeglichene Eleganz der hohen Kreise oder die Einheitlichkeit
- des Dorflebens.
-
- In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfältigste Leben. Es
- verkehren Menschen mit einander, die ursprünglich nicht zusammen
- gehörten. Die einen wollen hinauf, die andern müssen hinunter,
- alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht
- verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen.
- Das kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser
- Existenzen nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in
- Aftermiete (meblirovannye komnaty); der verabschiedete General,
- der kleine Beamte mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit
- ihrer Tochter, verwitterte Excellenzen, versoffene Kollegienräte,
- Hochstapler, Spieler, Cigaretten rauchende »Generalinnen«, das
- alles lebt in einzelnen Zimmern auf einem Gange »bei Vermietern«.
- In den Mietwohnungen minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft
- des Lebens; man lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu
- dem anderen der Stubennachbarn, man führt politische Gespräche,
- trinkt, spielt bis tief in die Nacht, streitet und versöhnt sich
- usw. Jener merkwürdige Typus »verlorener Kinder« wie sie
- Dostojewsky als Sonja in Schuld und Sühne, als Nastassja
- Philippowna im Idiot schildert, ist auch aus diesem Milieu
- hervorgeholt. Was einer solchen Menschengemeinschaft vom
- Standpunkt geordneter und vornehmer Verhältnisse als Makel
- anhaften muss, das bildet wohl einen Vorzug im Leben jener von
- unserer Gesellschaft zur Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky,
- der konservative Politiker, ist als Mensch im weitesten Sinne
- frei und zeigt uns in diesen Gestalten eine merkwürdige Mischung
- von Verderbnis und Naivetät.
-
- Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit und
- dieser Stolz der »Verlorenen«, die sich verschenkt, aber nicht
- verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie, wiewohl
- sie schon »vom Stoff der Schuld« viel mehr in sich trägt, als die
- sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum
- »Liebesmahle« heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es
- aus des Generals Kanzlei zu den Damen hinüberbringen. In einem
- der leeren Säle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet,
- bleibt er stehen, betrachtet dieses schöne, bleiche, magere
- Gesicht mit den tiefen Augen und -- drückt plötzlich einen
- innigen Kuss darauf. Wir bleiben aber nicht lange über den Sinn
- dieses Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen
- von der Schweiz erzählen muss, da sagt er, dass er dort so überaus
- glücklich gewesen sei. Man lächelt, fragt, nötigt ihn zu reden.
- »Ich war nicht verliebt -- ich war dort .. anders glücklich.« Nun
- dringt man noch mehr in ihn und er fährt fort: »Dort -- waren
- immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern, nur
- mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der ganze
- Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie
- unterrichtet hätte -- o nein, dazu war der Schulmeister da, Jules
- Thibaut; übrigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber ich war
- die meiste Zeit nur so mit ihnen -- und so sind mir vier Jahre
- vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit ihnen über
- alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten
- wurden alle böse auf mich, weil die Kinder zuletzt gar nicht mehr
- ohne mich sein konnten und sich immer um mich scharten. Auch der
- Schullehrer wurde am Ende mein grösster Feind. Es erstanden mir
- dort viele Feinde und alle um der Kinder willen. Sogar Schneider
- (jener Arzt, der ihn aufgenommen hatte) beschämte mich. Aber was
- fürchtete er denn? Einem Kinde kann man alles sagen -- alles.
- Mich hat immer der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die
- Grossen die Kinder kennen, ja wie schlecht Väter und Mütter ihre
- eigenen Kinder verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu
- verbergen, unter dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu früh
- für sie sei. Was für ein trauriger und unglücklicher Gedanke! Und
- wie gut bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie für zu
- klein erachten, um etwas zu verstehen, während sie alles
- verstehen. Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in
- der schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag.
- Ach Gott, wenn dich dieses gute Vögelchen ansieht, so vertrauensvoll
- und glücklich, so muss man sich ja schämen es zu betrügen«. --
- Weiter heisst es dann: »Anfangs lachten mich die Kinder aus, dann
- warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es gesehen hatten, wie
- ich Marie küsste. Ich habe sie aber ein einziges Mal geküsst ....
- Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich der Fürst zu sagen, um das
- Lächeln seiner Zuhörerinnen aufzuhalten -- da war nichts von
- Liebe vorhanden. Wenn Sie wüssten, was das für ein unglückliches
- Geschöpf war, so würde Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie
- mir. Sie war aus unserem Dorfe usw.«
-
- Nun erzählt der Fürst die Geschichte dieses armen, demütigen
- Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente;
- dabei war sie schwindsüchtig. Einmal war ein französischer Kommis
- des Weges daher gekommen, hatte sie bethört und mit sich
- genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da war sie die
- vielen Werst zu Fuss zurückgegangen, eine ganze Woche lang, war
- in Lumpen gehüllt, elend, erkältet heimgekommen. Die Mutter,
- welche einen ganz kleinen Handel im Fenster ihrer Kammer versah
- und davon lebte, beschimpfte sie, gab sie dem Hohn und den
- Schmähungen der Dorfbewohner preis. Man nahm sie nirgends mehr
- zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt wollte ihr keinen Teil der
- Herde anvertrauen. Schweigend ging sie aber doch dem Vieh nach
- und hütete es gut, sodass er ihr hie und da etwas Brot und Käse
- gab. Da war es, dass der junge Fürst sie einmal traf und ihr 8
- Francs gab, die er für eine kleine Diamantnadel eingelöst hatte.
-
- »Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich
- begegnete sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem
- Seitenpfade hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und
- sagte ihr, sie möge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts
- haben würde. Dann aber küsste ich sie und sagte ihr, sie möge
- nicht denken, ich hätte böse Absichten, dass ich sie nicht darum
- küsse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie mir so
- sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten für
- schuldig, nur für sehr unglücklich erachtet hätte. Ich hatte so
- sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trösten und zu überzeugen,
- dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe, aber sie
- hat das, scheint es, nicht verstanden.« »Dann, als ich geendet
- hatte, küsste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich die ihre
- und wollte sie auch küssen, allein sie zog sie rasch zurück. Da
- erblickten uns plötzlich die Kinder, eine ganze Schar. Ich erfuhr
- nachher, dass sie mich schon lange belauscht hatten. Sie begannen
- zu pfeifen, mit den Händchen zu klatschen und zu lachen, Marie
- aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie aber begannen Steine
- auf mich zu werfen.«
-
- Weiter fährt er fort: »Ich erzählte ihnen, wie unglücklich Marie
- sei; bald hörten sie auf zu schmähen und gingen schweigend davon.
- Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich verbarg
- ihnen nichts, erzählte ihnen alles. Sie lauschten mit vielem
- Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche von
- ihnen begrüssten sie nun schon zärtlich, wenn sie ihnen begegnete«
- usw. -- Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: »nous t'aimons
- Marie«! Als sie stirbt, überschütten sie die Kinder mit Blumen,
- legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum Friedhof
- tragen. Da sie es nicht vermögen, folgt die ganze Schar ihm
- weinend nach, und der Grabhügel blüht seither unter ihrer Obhut.
- Er aber, der junge Fürst, wird der Kinder unzertrennlicher
- Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem Lehrer
- angefeindet. Auch sein Beschützer, der Arzt Schneider, tadelt ihn
- darob und nennt ihn ein »ewiges Kind«.
-
- Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen am
- ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da
- handelt. Der junge Fürst ist ungeladen zu jener Schönen,
- Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft
- zusammengerufen worden, um ihren Entschluss zu hören: ob sie,
- mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja
- Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen
- nehmen will, heiraten wird oder nicht.
-
- Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun haben
- werde, und tritt nun, seine Scheu überwindend, in die verblüffte
- Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen Gaste
- zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes, Wichtigeres
- bringen. Alles ist gespannt. -- Da stürzt Rogoschin, des Fürsten
- wüster Reisegefährte, mit einem Schwarm betrunkener Genossen
- herein und legt ein Päckchen von 100000 Rubeln auf den Tisch,
- womit er Nastassja als Geliebte für sich loskaufen will; diese
- schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung
- den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden alten Liebhaber
- Totzky ins Gesicht.
-
- »Auch noch verpflichtet wäre ich ihm, so meint er wohl; er hat
- mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Gräfin gehalten, und
- Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anständigen Gatten
- hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und was
- glaubst du -- ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm gelebt,
- habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im Recht!
- Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm die
- Hunderttausend und jag' ihn fort, wenn's dich ekelt. Freilich ist
- es ekelhaft .... Ich hätte auch schon lange heiraten können und
- andere, als diesen hier -- aber das ist ja schon gar ekelhaft!
- Und wofür habe ich meine fünf Jahre in diesem Zorn vergeudet? Und
- wirst du's glauben (sie wendet sich da an eine Freundin) oder
- nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht
- habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen
- sollte? Das hab' ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir
- damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich hätte ihn sicher
- dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu
- gedrängt, ob du's glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen,
- denn er ist schon gar zu gierig, hält nicht Stand. Und später,
- Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert?
- Da hab' ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass, wenn er
- auch um mich gefreit hätte, ich ihn nicht genommen hätte. Ganze
- fünf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist's schon besser auf
- die Strasse, wohin ich auch gehöre! Entweder mich mit Rogoschin
- verlottern, oder morgen unter die Wäscherinnen gehen! Denn es ist
- nichts mein eigen, was ich da trage. Geh' ich fort, so werf ich
- ihm alles hin, den letzten Fetzen lass' ich hier -- wer aber
- nimmt mich ohne alles -- frage nur den da, Ganja, ob er mich
- nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der Spassmacher der
- Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....«
-
- »Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja
- Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch«, unterbrach sie
- dieser; »dafür hingegen -- nimmt Euch der Fürst! Ihr sitzet so da
- und lamentiert -- schaut nur einmal den Fürsten an! Ich beobachte
- ihn schon lange ...«
-
- Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem Fürsten um.
-
- »Ist es wahr?« fragt sie ihn.
-
- »Es ist wahr,« sagt er leise.
-
- (Der Eindruck dieser Scene ist unbeschreiblich.)
-
- »Da hab' ich einen Wohlthäter gefunden!« sagt Nastassja »Übrigens
- spricht man vielleicht die Wahrheit über ihn, dass er .... _so_
- ist. Wovon wirst du denn leben, wenn du so verliebt bist, die
- Rogoschinskaia zu nehmen, für dich, als -- Fürstin?«
-
- »Ich nehme Euch als eine Ehrenhafte, Nastassja Philippowna, nicht
- als eine Rogoschinskaia«, sagte der Fürst.
-
- »Ich, ehrenhaft?«
-
- »Ja, Ihr,« usw.
-
- Nun wird die Frage des Unterhalts erörtert und es stellt sich aus
- einem Briefe, den Myschkin bei sich trägt, heraus, dass er der
- Erbe einer steinreichen Verwandten ist und es eben diese
- Angelegenheit war, um deren willen man ihn nach Russland gesandt
- hatte.
-
- Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst
- retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des
- Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen höchst aufregenden und
- den Leser in quälende Spannung versetzenden Episoden setzt
- Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht mehr
- stand hält, doch endlich die Vermählung durch. Schon im
- Brautgewande und vor dem Altar -- entflieht die Braut. Spät in
- der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint
- Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man lässt
- ihn nicht ein. Er stellt sich gegenüber Rogoschins Fenster auf,
- dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen
- schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Fürst, den schon wiederholte
- Anfälle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens zu
- berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mühe, um zu
- begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin führt ihn hinter den
- Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis über den
- Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Körper. Ein nackter Fuss, wie
- aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende sichtbar und
- ringsum weisse Gewänder, Spitzen, Brillanten -- -- -- Sie war mit
- Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen, »damit
- Myschkin sie nicht finde«. Hier hatte sie die Nacht auf seinem
- Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer ins Herz gestossen.
- Darauf hat er sich zu Füssen des Bettes vor den Vorhang
- hingesetzt und gewartet. Nun erzählt er das alles, vom Fieber
- geschüttelt, dem Fürsten. »Du sollst aber keinen Anfall hier
- bekommen und schreien, sonst musst du fort.« -- -- Allmählich
- verlässt beide das Bewusstsein. -- Am andern Morgen findet man
- Rogoschin im Fieber schreiend und rasend, Myschkin neben ihm auf
- dem Boden sitzend, nun vollständig blödsinnig -- und dem Kranken
- bei jedem Schrei zärtlich Haar und Antlitz streichelnd .....
-
-Es ist wohl hier der Platz für einen Brief, welchen der Dichter neun
-Jahre später an einen jener Korrespondenten richtete, die ihn in seinen
-letzten Lebensjahren so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen.
-Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und in mehr als einer Richtung
-bedeutsam und interessant.
-
-Er lautet:
-
- »Petersburg, 14. Februar 1877.
-
- Geehrter Herr Kowner!
-
-»Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich ein kranker Mensch bin
-und sehr schwer an meiner Monatsschrift arbeite. Auch muss ich jeden
-Monat einige Dutzende von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine
-Familie und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe
-thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine längere
-Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich. Besonders mit Ihnen.
-
-Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben wäre, als Ihr
-erster Brief an mich (Ihr zweiter Brief ist etwas für sich).
-
-Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin über sich selbst
-sagen. -- Über Ihr einstmals begangenes Verbrechen haben Sie sich so
-klar und (wenigstens was mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt,
-dass ich, ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese jetzt
-mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst.
-
-Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich natürlich nicht mit Ihnen
-reden; doch hat es mir gefallen, dass Sie den »Idiot« als den besten
-darunter hervorheben. Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon
-fünfzig Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch
-alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren Anzahl von
-Exemplaren. Ich habe den »Idioten« darum jetzt genannt, weil alle, die
-mit mir darüber als von meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes
-in der Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich sehr
-berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung nun auch
-bei Ihnen findet, so ist das für mich nur um so besser, natürlich wenn
-Sie aufrichtig sind. Aber wenn es auch nicht so wäre ....
-
-NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, dass Sie keinerlei
-Reue über das von Ihnen begangene Verbrechen in der Bank empfinden, sind
-nicht recht nach meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die
-Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen
-Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein jeder sich verpflichtet
-fühlen muss (das heisst, wieder als einem Symbol). Sie sind vielleicht
-so gescheit, dass Sie sich über diese unerbetene Offenheit meiner
-Bemerkung nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser,
-als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine falsche Demut,
-wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie auch in meinem Herzen
-freispreche (so wie ich auch Sie auffordere, mich freizusprechen), so
-ist es immer besser, wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun.
-Scheint Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine kleine
-Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der höhere, ideale Christ
-sagt: »Ich habe meinen Besitz mit den armen und niederen Brüdern zu
-teilen, ich habe ihnen allen zu dienen.« Der Kommunard aber sagt: »Du
-hast mit mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu dienen.«
-Der Christ wird recht, der Kommunard wird unrecht haben.) Übrigens ist
-Ihnen vielleicht jetzt noch unverständlicher, was ich Ihnen sagen
-wollte.
-
-Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann man sich in einem Briefe
-nicht aussprechen, besonders mit Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit,
-dass wir einen solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht
-erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will Ihnen nur sagen,
-dass ich auch von anderen Israeliten Briefe mit ähnlichen Bemerkungen
-bekommen habe. So habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen
-Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit bitteren Vorwürfen
-schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst durch diese mir von Israeliten
-gemachten Vorwürfe, einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches
-schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen habe, da
-ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen Anfalles leidend
-bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, dass ich durchaus kein Feind der Juden
-bin, niemals ein solcher war. Allein -- schon ihr, vierzig Jahrhunderte
-währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass dieses
-Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, welche im Laufe
-seiner ganzen Geschichte nicht anders konnte, als sich als verschiedene
-status in statu formulieren. Ein sehr kräftiger status in statu ist
-unbestreitbar auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es aber
-so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie, wenigstens
-teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen Volksfamilie eine
-Dissonanz bilden? Sie weisen auf die Intelligenz der Juden hin -- nun,
-Sie selbst sind ja auch eine Intelligenz und -- sehen Sie nur ...
-
-Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. Ich habe viele
-Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen, die mich auch jetzt oft um Rat
-angehen. Doch lesen sie das »Tagebuch eines Schriftstellers«; und obwohl
-sie, wie alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich sind,
-so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch zu mir.
-
-Was die Sache der Kornilowa[24] anlangt, bemerke ich nur, dass Sie
-nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. Aber was sind Sie doch
-für ein Lehrling. Mit einem solchen Blick auf das Herz des Menschen und
-seine Handlungen bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse
-zu versinken ...
-
-... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres Briefes, gar nicht. Ihr
-Brief (der erste) ist hinreissend schön und gut. Ich will mit voller
-Seele glauben, dass Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie
-nicht aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit
-in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst komplizierte und
-sehr tiefe Sache. --
-
-[Fußnote 24: Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der
-Schwangerschaft ihr Stieftöchterchen aus dem Fenster geworfen hatte und
-für die Dostojewsky öffentlich eintrat.]
-
-Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir
-dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich aber im Geiste und
-formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es ja bis zum heutigen Tage
-gesucht, oder nicht?
-
-Mit aufrichtiger Hochachtung
-
- Ihr
- Th. Dostojewsky.«
-
-Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten, kündet uns dieser Brief
-die ganze Eigenart Dostojewskys. Gleichsam im Vorübergehen, wie
-unbewusst, streift er einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart
-und löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude über jene,
-welche den »Idioten« als sein bestes Werk ansehen, steckt eine ganze
-Ethik der unbefleckten Wahrheit, so wie in jener Parallele zwischen
-Christ und Kommunard sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. Die
-Andeutung über die Lüge, die »in gegebenem Falle eine sehr ernste und
-komplizierte Sache« ist, deckt sich mit dem Ausspruch, den er Rasumichin
-in den Mund legt: »Lügen wir uns zur Wahrheit durch«, und reisst
-gleichsam vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander, das
-oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; und wie gewandt endlich kehrt er,
-in der Berührung der Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe
-gegen diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die »nationale
-Grundlage« des Volks zu erhärten. --
-
-Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das in Genf gewesen, doch
-gab es hier viele Kunstsammlungen, welche nicht nur von Anna
-Grigorjewna, sondern auch von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden.
-Des Dichters Lieblinge waren hier Rafaels »Madonna della Sedia« und
-»Johannes der Täufer«. Ganz besonders entzückte den Dichter der
-Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. Auch ein Lesesaal war
-hier, wo man russische Zeitschriften finden konnte. Ausserdem
-beschäftigte sich Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er
-Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte Russen gab es hier
-gar keine, so dass das Ehepaar zehn Monate in Florenz zubrachte, ohne
-mit irgend jemand ein russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand
-Theodor Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das
-italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr ähnlich. In
-Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten, weil sie allzuwenig Geld
-hatten, um sich ein solches Vergnügen zu gestatten.
-
-Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest, Wien und Prag nach
-Dresden. Venedig machte auf den Dichter einen besonders bezaubernden
-Eindruck und es blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs
-vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger und Palacky näher
-bekannt zu werden, welche ihn sehr interessierten. Der Umstand jedoch,
-dass in Prag keine möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn,
-Dresden zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am 14. September
-(1869) die zweite Tochter geboren und das brachte neue Freuden und neue
-Sorgen in das Leben der Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt
-einer Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede freie Minute,
-wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen war. Zu Ende des Jahres
-schrieb Dostojewsky den »Hahnrei« und das ganze Jahr 1870 hindurch die
-»Dämonen« (in einer Übersetzung »Die Besessenen« genannt), welche
-anfangs 1871 im »Russkij Wjestnik« zu erscheinen begannen.
-
-Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren Bekannten; übrigens
-liebte er es nicht besonders, im Auslande Verkehr mit Russen zu pflegen,
-die er nur oberflächlich kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus
-russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit sich genommen
-oder sich verschrieben hatte, so die Werke Belinskys, »Krieg und
-Frieden« von Tolstoj und einige andere. Das Buch jedoch, zu welchem er
-immer wieder zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der
-Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, nie verlassen
-hatte, war das Evangelium.
-
-In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben und, wie Anna
-Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten gerade diese zwei Jahre zu
-den schwersten Zeiten der freiwilligen Verbannung. »Er litt immer mehr
-darunter,« sagte sie, »dass er sich von Russland entfernt habe, es nicht
-mehr kenne.« In seinen Briefen drückt er oft diese Sehnsucht nach
-Russland aus. Allein die Rückkehr war schwer zu bewerkstelligen, weil
-man dazu von vornherein grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass
-man nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg übersiedelte,
-sondern die Wechsel und Schulden einlöste, welche von der Leitung der
-»Epocha« her noch unbeglichen waren. Lange warteten sie auf günstige
-Umstände, aber so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres
-höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte Geld zu diesem
-verbraucht. Ein bedeutender Teil ging für die Erhaltung der Witwe des
-dahingeschiedenen Bruders, ein anderer für die des (offenbar nicht
-wohlgeratenen) Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die
-Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die zuletzt doch
-verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen diesen Schwierigkeiten vor
-sich sahen, dabei aber fühlten, dass es ihnen unerträglich wurde, unter
-diesen Verhältnissen in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie
-sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu nehmen, und kehrten
-am 8. Juli 1871 nach Petersburg zurück, wo am 16. desselben Monats ihr
-erster Sohn Theodor geboren wurde.
-
-
-
-
- IX.
- Briefwechsel aus der Fremde.
- (1867-1871.)
-
-
-Blättern wir nun in den Briefen des Dichters aus dieser Zeit der
-Selbstverbannung, so finden wir darin die Bestätigung alles dessen, was
-Strachow darüber berichtet und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles
-was wir durch sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen
-erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir aus zwei
-Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der uns vorliegenden, 42, einen
-Umfang von etwa zehn Druckbogen grossen Formats einnimmt, die Länge
-einzelner oft sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material
-für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber, und dies ist
-wichtiger, weil seine Richtung durch alles Vorangegangene und namentlich
-durch das Tagebuch besser gekennzeichnet ist als durch diese Briefe,
-deren Wiederholungen mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche
-geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von einem deutschen Publikum
-gleichgiltig, ja wohl missverständlich müsste aufgenommen werden. Auch
-jenen Briefen, welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung
-voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl selbst gemacht
-hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys Wesen hervorgehoben zu werden
-verdient. Des Dichters Briefe sind alles andere eher als »geistreiche
-Briefe«; sie sind in noch viel höherem Grade als seine künstlerischen
-und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig. In seiner
-Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei allem Raffinement des Künstlers)
-hier wie überall um die Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen
-und Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht stellen
-könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach wie die
-Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir glauben ihm aufs
-Wort, was er noch im Jahre 1856 aus Sibirien an Apollon Maikow schrieb:
-»-- -- Verzeihen Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe
-kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum eben kann ich die
-Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat allzu gute Briefe geschrieben.«
-Dostojewskys Stil ist sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so,
-wie ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): »nicht der
-kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu vornehmer
-Einfachheit geadelten Alltäglichkeit«.
-
-Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick haben, ist vom
-28. August 1867 aus Genf datiert, an Maikow gerichtet. Nach einer
-einleitenden Entschuldigung, dass er so lange geschwiegen habe, und
-einem jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer wie die
-Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem wir ihn den besten
-Freunden gegenüber manchmal ertappen, beginnt er die zusammenfassende
-Erzählung seines Reiselebens wie folgt:
-
-»Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen Gründen. Der
-Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur die Gesundheit, nein, das Leben zu
-retten. Die Anfälle wiederholten sich schon in jeder Woche; diese
-Nerven- und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, das
-war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich sich zu zerrütten. Das
-ist thatsächlich wahr. Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal
-zu Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war diese: die
-Gläubiger konnten nicht mehr länger warten, und zur Zeit meiner Abreise
-war schon durch Latkin und später durch Petschatkin die Klage gegen mich
-eingereicht. Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. Nehmen wir an --
-ich will keine schönen Worte machen und mich aufschmücken -- nehmen wir
-an, das Schuldgefängnis wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich:
-Aktualität, Material, ein zweites »Totenhaus«; mit einem Wort, es gäbe
-Material mindestens für 4-5000 Rubel, aber ich habe eben erst geheiratet
-und, ausserdem, würde ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause
-aushalten? Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir aber unmöglich
-geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden Anfällen, litterarisch
-thätig zu sein -- wie hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die
-Verpflichtungen waren schrecklich angewachsen.
-
-Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans Ausland habe ich
-nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt, der geistige Einfluss des
-Auslandes werde ein sehr schädlicher sein. Allein, ohne Material, mit
-einem jungen Geschöpf, das sich mit naiver Freude anschickte, mein
-Wanderleben zu teilen -- ich aber sah in dieser naiven Freude viel
-Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte und quälte mich sehr.
-Ich fürchtete, Anna Grigorjewna werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir
-langweilen; auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. In mich
-aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen ist krankhaft, und ich sah
-voraus, dass sie sich mit mir abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich
-Anna Grigorjewna als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt
-und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir geradezu ein
-Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, Zwanzigjähriges, das
-wunderschön und natürlich unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber
-kaum die Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der Abreise
-vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna Grigorjewna sich
-kräftiger und trefflicher erwies, als ich gedacht hatte, so bin ich
-dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) Endlich bedrückte mich die
-Kargheit unserer Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen
-Barschaft und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an Katkow ab.
-Ich rechnete allerdings damit, dass ich im Auslande sofort zu arbeiten
-beginnen würde. Was aber kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder
-nahezu nichts geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und
-endgiltig an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan
-habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden und
-manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, Schwarz auf Weiss ist noch
-wenig da, dieses Schwarz auf Weiss aber ist ja das Endgiltige, das
-allein wird bezahlt. Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als
-möglich hinter uns gelassen -- wo ich mich einen Tag aufhielt, wo die
-langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine Nerven bis zur Bosheit
-zu reizen, und wo ich das russische Bad besuchte -- gingen wir nach
-Dresden, mieteten eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest.
-
-Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame: sofort warf sich mir
-die Frage auf: wozu bin ich in Dresden, gerade in Dresden und nicht
-anderswo, und was zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu
-verlassen und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja klar
-(Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche war auch das, dass
-ich es zu deutlich empfand, dass es für mich jetzt, wo immer ich auch
-leben mochte, ganz gleich sei -- ob in Dresden oder anderswo. Überall
-war ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück. Ich wollte
-mich sofort an die Arbeit machen und fühlte, dass es damit durchaus
-nicht gehe, dass der Eindruck durchaus nicht der richtige sei. Ich las,
-ich schrieb einiges, war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält -- die
-Tage vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische im Grossen
-Garten spazieren, hörten billige Musik, dann lasen wir, dann gingen wir
-schlafen. In Anna Grigorjewna's Charakter kam ein entschieden
-antiquarischer Zug zum Vorschein (das freut mich und unterhält mich
-sehr). Es ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme
-Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, was sie
-mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und womit sie schon sieben
-Büchlein vollgeschrieben hat. Aber mehr als alles hat sie die Galerie
-eingenommen und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil
-dadurch in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind, um Langweile
-aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie täglich besucht.
-
-Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über die Petersburger und
-die Moskauer gesprochen und debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna
--- es war teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich Ihnen
-nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert. Ich habe
-russische Zeitungen gelesen und mir damit das Herz erleichtert. Da habe
-ich's endlich empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt
-hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands Europa
-gegenüber und über die oberste Schichte der russischen Gesellschaft.
-Aber, was soll man davon reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht,
-unser russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem Glauben an
-Europa und die Zivilisation -- ebenfalls. Die Vorgänge in Paris waren
-ein Schlag für mich. Auch die guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la
-Pologne! Puh! wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie
-wohldienerisch! Ich habe mich in meiner früheren Idee nur noch bestärkt,
-dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft ist, dass uns Europa nicht
-kennt und so schlecht kennt. Die Details aber des Prozesses Berezowski!
-Wie viel fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist
--- wie wenig sind sie mit ihren Reden noch weiter gekommen, wie ist
-alles noch auf demselben Fleck, alles auf demselben Fleck!
-
-Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus plastischer, das
-ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit und unerwarteten Reife des
-russischen Volkes angesichts all unserer Reformen (sei es auch nur die
-der Gerichtsbarkeit), und gleichzeitig die Kunde von dem durch den
-Kreisrichter des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten Kaufmann
-erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische Volk dank seinem
-Wohlthäter und dessen Reformen nach und nach in eine solche Lage
-gekommen ist, dass es unwillkürlich Thatkraft, selbständiges Sehen
-erlernt, und darin liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit
-ist, was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger als die
-Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So schnell als möglich nach dem
-Süden, so schnell als möglich[25]; darauf kommt alles an. Bis dahin
-überall die rechte Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse
-Wiedergeburt! (Über all dieses denkt man hier nach, träumt man, über all
-dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier fast mit niemand
-verkehre, kann man doch nicht umhin, manchmal unversehens auf jemand zu
-stossen.
-
-In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig im Auslande lebt,
-alljährlich auf drei Wochen nach Russland reist, seine Einkünfte
-einstreicht und wieder nach Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und
-Kinder hat, die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem:
-warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete wörtlich (mit
-gereizter Heftigkeit): »hier ist Zivilisation, bei uns aber Barbarei.
-Ausserdem giebt es hier keine Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé
-und konnte den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen
-unterscheiden.«
-
-[Fußnote 25: Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die
-Gewinnung eines Welthafens, Konstantinopels.]
-
-»Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?«
-
-»Wie denn nicht, natürlich!«
-
-»Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? Der Franzose ist vor
-allem Franzose, der Engländer -- Engländer, nur sie selbst zu sein ist
-ihr höchstes Ziel, ja noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.«
-
-»Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, und wir werden
-erst dann glücklich sein, wenn wir vergessen werden, dass wir Russen
-sind und jeder allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow
-hören!«
-
-»Sie also lieben Katkow nicht?«
-
-»Er ist ein Nichtswürdiger!«
-
-»Warum?«
-
-»Weil er die Polen nicht liebt.«
-
-»Lesen Sie sein Journal?«
-
-»Nein, ich lese es niemals.«
-
-Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser Mensch gehört zu
-den jungen Progressisten, hält sich aber übrigens, wie es scheint,
-abseits von allen anderen. In was für knurrigen und verachtenden
-Spitzigkeiten bewegen sie sich doch im Auslande!
-
-Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. Aber du mein
-Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, d. h. eine so erhabene
-Vorstellung des Menschen, dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen
-kann, und dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das Ideal
-der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber -- --[26] haben sie uns
-hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen Schönheit, auf welche sie
-spucken, sind sie alle so niedrig, selbstsüchtig, so schamlos
-aufreizend, so leichtfertig, hochmütig, dass es unverständlich ist, was
-sie erhoffen und was ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat
-er abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet habe ist
-dies: alle diese Liberälchen und Progressisten, namentlich jene, die
-noch aus der Schule Belinskys sind, halten es für ihr vornehmstes
-Vergnügen und ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der
-Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach Russland
-schmähen und ihm offen den Zusammenbruch wünschen (vor allem den
-Zusammenbruch!) Diese Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland
-lieben. Dabei aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland
-halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen und mit Lust
-in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn man ihnen thatsächlich ein
-Faktum vorlegte, das man auf keine Weise leugnen oder in eine Karikatur
-verstümmeln könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein
-müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur Qual, bis zur
-Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens habe ich bemerkt, dass sie (wie
-alle, welche lange Zeit nicht in Russland gewesen sind) entschieden die
-Thatsachen nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich
-jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz gewöhnliche
-Fakten nicht begreifen, die unser russischer Nihilist nicht einmal
-leugnet, sondern nur in seinem Sinne karikiert. Unter anderem hat er
-gesagt, dass wir vor den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen
-allen gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, und
-dass alle Anläufe zum Russismus und zur Selbständigkeit -- Schweinerei
-und Dummheit sind ....
-
-[Fußnote 26: Im Abdruck ausgelassene Stellen.]
-
-Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna die Unruhe und
-Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu kamen hauptsächlich zwei Fakten:
-1. Nach Briefen, welche mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal
-geschrieben), zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht
-hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der Tilgung nicht zu denken.
-2. Fühlte meine Gattin sich in gesegneten Umständen (dies bitte ich,
-unter uns, die neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man
-umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit meinen
-Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der Schwägerin), mit Pascha und
-einigen anderen? Geld. Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir
-irgendwo überwintern, so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna
-Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit ihr ein wenig
-reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo in der Schweiz oder in Italien
-den Winter zuzubringen. Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon
-sehr stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm die ganze
-Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um 500 Rubel Vorschuss gebeten.
-Wie denken Sie? er hat's geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher
-Mensch! Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. Aber
-hier muss ich meine Niedrigkeiten und Laster erzählen.
-
-Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle, dass ich Sie als meinen
-Richter ansehen kann. Sie sind ein Mann von Herz, wovon ich mich schon
-lange überzeugt habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer
-hochgeschätzt. Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen schuldig zu
-bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie allein. Geben Sie mich dem
-Urteil der Menschen nicht preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es
-mir ein, mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende Gedanke,
-10 Louisd'ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. als Zugabe zu gewinnen,
-das wäre ja dann genug auf vier Monate, um mit allem und allen
-Petersburgern zu leben; das schlimmste war, dass ich auch früher schon
-manchmal gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur
-niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in allem gehe ich
-bis an die äusserste Grenze, mein ganzes Leben habe ich das Mass
-überschritten. Der Teufel hat dann auch sofort ein Stückchen mit mir
-aufgeführt: In drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit
-4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir nun alles
-darstellte. Von der einen Seite dieser leichte Gewinnst -- von 100 Frcs,
-in drei Tagen 4000 --, von der anderen Seite -- Schulden,
-Klageschriften, seelische Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland
-zurückzukehren. Endlich drittens, die Hauptsache -- das Spiel selbst.
-Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, da
-ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir vor allem Geld um Geldeswillen
-nötig war. Anna Grigorjewna beschwor mich, ich solle mich mit den 4000
-Frcs. zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte und
-mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche Beispiele! Ausser
-dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich, wie andere zu 20 und 30000 Frcs,
-einziehen. (Die Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie's
-verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte also weiter
-und verlor. Ich fing an mein Letztes zu verlieren, wurde aufgeregt bis
-zum Fieber -- und verlor. Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna
-Grigorjewna versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein
-Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem verfluchten
-Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede, wohin wir übersiedelt
-waren!). Endlich war's genug -- alles war verloren. Endlich musste man
-sich retten und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals an Katkow,
-bat abermals um 500 Rubel (ohne der Umstände zu erwähnen; allein der
-Brief war aus Baden datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er
-hat's ja geschickt! Hat's geschickt! So sind also jetzt 4000 vom
-»Russkij Wjestnik« vorausgenommen!«
-
-Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky dem Freunde die
-Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, dass sie in Genf
-angekommen seien, bei zwei alten Frauen Quartier genommen haben und nun
-am vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche und weitere 50
-Rubel für die zwei nächsten Monate in Aussicht haben. Nun folgt einer
-jener bekannten kindlich schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen
-ausführlichen Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung und
-Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters Menschliches und
-Allzumenschliches! In einem Briefe vom 15. September an denselben Freund
-erwähnt er, dass dessen 125 Rubel sie gerettet haben.
-
-Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über seine Gesundheit,
-welcher das Klima schade, da er jeden zehnten Tag ungefähr einen Anfall
-habe, nach welchem er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich
-folgende Stelle: »Habe ich Ihnen schon über den hiesigen
-Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben nicht nur keinen
-solchen Unsinn gesehen oder gehört, sondern nicht einmal angenommen,
-dass die Menschen solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie sie
-sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und wie sie die
-Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich schon früher keinen Zweifel
-darüber, dass ihr erstes Wort Zank sein werde. So geschah es auch. Sie
-fingen mit dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen
-überflüssig seien und dass man lauter kleine daraus machen solle; dann:
-dass es keinen Glauben zu geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei
-und Geschimpfe: Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen
-davon lesen und hören, sehen wahrlich alles verkehrt. Nein mit eigenen
-Augen solltet Ihr schauen, mit eigenen Ohren hören.« Über Genf, seine
-ungünstigen klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine
-Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem Briefe vom 21.
-Oktober geradezu verzweifelt aus. Im Zornausbruch sagt er: »Und was sind
-das für selbstzufriedene Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer
-Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier hässlich, faul,
-teuer, Alles ist hier betrunken! So viele Renommisten und so viele
-betrunkene Schreiliesen giebt es sogar in London nicht. Und alles bei
-ihnen, jeder Pfosten -- ist herrlich und grossartig. »Wo ist die Rue N.
-N.?« -- »Voyez monsieur, vous irez tout droit, et quand vous passerez
-près de cette majestueuse et élégante fontaine en bronze, vous prendrez
-etc.« -- Diese majestueuse élégante fontaine -- ist der
-allerhinfälligste, geschmackloseste Rococo-Quark; aber man kann nicht
-anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse fragt usw.«
-
-Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. Der nächste Brief
-an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In
-diese Zeit fällt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so
-sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz über ihren drei
-Monate später erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener
-Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand
-gegeben worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April 1868
-wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: »Einzig und allein das Kind
-zerstreut uns beide, -- aber es ist eine quälende Freude -- wenn Du in
-die Zukunft blickst -- ach!«
-
-Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon
-den ganzen Brief. »Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir
-sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst,
-dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe
-gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen
-eine Woche krank -- eine Lungenentzündung war's. Ach, Apollon
-Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich
-gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen vielen
-Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber ausgedrückt haben! Es war
-ja nur ich, der für sie lächerlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben
-fürchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so
-armselig, so klein -- für mich war es schon eine Persönlichkeit und ein
-Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie
-lächelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen
-Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint
-oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie hat zu weinen
-aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich
-würde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige
-Persönlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich's aus, die
-Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? Nun -- lassen wir
-das, meine Frau weint. Übermorgen werden wir uns endlich von unserem
-kleinen Grabhügel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna
-(Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des
-Kindes Tode gekommen.«
-
-»Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe
-ich gar nicht arbeiten können. Abermals habe ich eine Entschuldigung an
-Katkow geschrieben, und im Maiheft des »Russkij Wjestnik« werden
-abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und
-Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, und vom Juniheft angefangen
-wird der Roman wenigstens anständig erscheinen.« (Es handelt sich um den
-»Idiot«.)
-
-Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist,
-entschuldigt sich der Dichter über sein langes Schweigen damit, dass er
-trotz vieler Anfälle und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht
-gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend sagt er noch
-einmal: »Niemals bin ich unglücklicher gewesen, als in dieser ganzen
-letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit
-vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger
-stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt
-Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie
-hat mich an ihrem Todestage -- als ich aus dem Hause ging, um die
-Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben
-würde -- da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, dass ich es
-bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das
-vergessen und niemals werde ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn
-auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es
-lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann
-nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen
-werde.«
-
-In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn »nicht böse sei«,
-schreibt er am 19. August nach einer Klage darüber, dass er keine
-Antwort erhalten habe: »Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf
-mich über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der
-Ihre in Verlust geraten.«
-
-»Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte,
-vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es möglich wäre,
-nach so herzlichen Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich
-zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust
-geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und liest alle meine
-Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie
-wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste
-leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in
-geheimer Verbindung steht -- wie ich sicher weiss -- einige meiner
-Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes
-Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdächtigt (weiss der
-Teufel wessen verdächtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe
-zu eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere,
-um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest,
-dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist.
-(NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis
-zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen hingegeben hat, der den
-Kaiser vergöttert -- wie soll er Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu
-irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27] ertragen ...! Unwillkürlich
-sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht
-alles von den Schuldigen bei uns übersehen, und den Dostojewsky
-verdächtigen sie!)«
-
-An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses
-»Nichtglauben an das böse sein« mehr als Festigung für sich gesagt habe,
-denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: »Apollon
-Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund
-genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem
-Gedanken, dass Sie böse auf mich sind!
-
-[Fußnote 27: Die von Herzen in London herausgegebene revolutionäre
-Zeitschrift.]
-
-Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: sind Sie böse, so
-erklären Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass
-Sie mich lieben.«
-
-Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar für vieles
-im Leben und in den Werken des Dichters.
-
-»Mit dem Roman«, fährt er fort, »bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich
-habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen:
-Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den
-dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman -- erhole ich mich selbst;
-wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglücklich
-gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht.
-Meine Gesundheit ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt
-die Nerven«, hiess es an anderer Stelle. --
-
-Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7.
-Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen über sein
-längeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines
-Missverständnisses zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits zu
-teilen scheint. Dies redet er jenem aus: »Nein, mein Herz ist anders
-geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt
-(zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das
-Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen
-Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick
--- sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und
-Seele ich glaube, den ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen
-die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als
-dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre
-Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein
-sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und
-erschöpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im Monat
-schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von
-russischen Eindrücken ringsherum; für meine Arbeit war das aber von
-jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans
-loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. Es quält
-mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen Roman voraus, etwa ein
-Jahr voraus schreiben, und hätte dann zwei bis drei Monate zu
-Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskäme --
-dafür stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich
-es deutlich.«
-
-Weiter heisst es dann: »Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer.
-Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun
-schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung.
-Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, übersiedelten wir nach
-Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey
-reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte
-sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten
-über den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber
-das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem -- tötliche
-Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach
-Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trübselig und
-klösterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfänglich, thätig; hier
-kann sie sich mit nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt,
-und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1½ Jahren, so
-drückt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen
-Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive
-steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so wäre
-ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist schwer zu denken --
-keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den
-Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein
-Arbeitsmensch. Gefängnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht,
-folglich werde ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich
-dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn
-mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe liessen -- sie haben mir aber durch drei
-Jahre keinen ruhigen Moment gelassen --, so würde ich dazu kommen, ihnen
-nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend
-auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was
-ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch
-fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des »Idioten« Sprünge
-bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist
-wenig Effekt darin; Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich
-notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die
-etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal
-vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich
-nach Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte;
-hab' ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf,
-begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft,
-keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon
-gar nicht begreifen, das sind -- Wahnsinnige.
-
-Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu
-bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz
-übersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich
-immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen,
-obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, mit der Vollendung des
-Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow.
-Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an
-Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst
-vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.
-
-Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen
-weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich über
-die Nachricht von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals
-etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, dass Nikolai
-Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner würdige Beschäftigung
-findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein
-Ressort in der neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des
-Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also,
-was kann es jetzt besseres für Nikolai Nikolajewitsch geben? Die
-Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann.
-
-Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen
-Geiste gehalten sei -- so wie Sie und ich das verstehen --, wenn auch,
-sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber
-Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht
-allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in
-Moskau haben nämlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die
-Russen von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht
-haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven zu imponieren; dabei
-sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an
-Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in
-Prag z. B., uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom
-französischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar
-darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die
-allgemein angenommenen Formen der abendländischen Civilisation
-bekümmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren
--- das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur
-Verbrüderung hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich
-hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen brüderlich
-handeln, das sollen wir unbedingt.
-
-Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch
-eine politische Schattierung verleihen wird -- von Selbsterkenntnis gar
-nicht zu reden. Selbsterkenntnis -- das ist unsere lahme Stelle, die
-brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glänzend
-machen, und ich bereite mich mit unersättlicher Lust darauf vor, seine
-Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der »Epocha« nicht gelesen
-habe. Es wäre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als
-möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel
-für Sachen im Genre »Minin« oder anderer historischer Dramen von
-Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann
-man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste man, nach
-meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen
-bezahlen, sondern lediglich das Werk -- was bis heute noch keine
-Zeitschrift zu thun gewagt hat, »Wremja« und »Epocha« nicht ausgenommen.
-Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer
-Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich
-anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.«
-
-Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr
-eilig und geschäftsmässig geschrieben. Über den »Idiot« finden sich
-folgende Stellen darin: »Ich habe mich entschlossen, für das
-Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den
-Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine.
-Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben
-müssen. Ich habe plötzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun,
-ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles übrige
-schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig
-weiss. Wenn der »Idiot« Leser hat, so werden diese vielleicht durch das
-Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem
-Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste.
-Überhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss
-betrachtet. Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen;
-aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund
-eines oder das andere darüber, was ich selbst davon denke.«
-
-In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer
-Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie
-gekommen ist. Da heisst es: »Die verfluchten Gläubiger werden mich
-endgiltig umbringen -- dumm hab ich's gemacht, dass ich ins Ausland
-ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu
-sitzen. Könnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich
-nicht, weil ich persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich
-darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter
-nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedürften und dabei
-unbestreitbar Geld einbringen würden. Es ist mir solches ja schon
-manchmal gelungen.
-
-Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist
-»Atheismus«. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die
-ganze Bibliothek der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen
-durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren
-fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft,
-schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet,
-und nicht ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei Jahren ist,
-verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem
-Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich
-bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet.
-(Psychologisches Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) Der Verlust
-des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und
-Umstände -- sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den
-Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, Einsiedlern
-und Priestern. Unter anderem fällt er sehr stark einem agitatorischen
-Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der
-Flagellanten und -- am Ende findet er Christum und die russische Erde,
-den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen
-Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe
-ich -- ja sterben will ich meinetwegen daran, aber -- ich spreche mich
-ganz aus).
-
-Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und
-dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist
-realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir
-Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung
-durchlebt haben -- würden da die Realisten nicht schreien, dass dies
-Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja
-eigentlich Realismus, nur tiefer, während er bei ihnen seicht
-einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil
-der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit unserem
-Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein
-Täubchen, lachen Sie nicht über mein Selbstgefühl, aber ich bin wie --
---: »lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben«.
-
-Indessen aber muss man leben. Den »Atheismus« schleppe ich nicht zum
-Verkauf (über den Katholicismus und die Jesuiten im Verhältnis zur
-Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu
-einer ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die mich sehr
-anzieht. Noch eine Idee hab' ich. Zu was soll ich mich entschliessen und
-wem die Arbeiten anbieten?«
-
-Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher
-Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brüdern
-Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu
-sagen anhebt, dabei der Dichter »meinetwegen sterben« will. Eine sehr
-bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle finden wir in des Dichters
-Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: »Die Nichtswürdigen
-haben mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen
-Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche Kraft der
-Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in dem »Inquisitor« und dem
-vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als
-Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an
-Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen über meine
-mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine
-solche Kraft der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. An
-ihnen ist's, mich zu lehren!«
-
-Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. »Florenz ist
-schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten »Boboli« blühen bis
-heute im Freien. Und was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich
-habe im Jahre 1863 die »Madonna della Sedia« übersehen! Nun besehe ich
-mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser
-ihr, wie viel Göttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des
-Romans stehen gelassen.«
-
-Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafür, dass
-Dostojewsky, der grosse Dichter und Schöpfer ein Apostel war, aber kein
-»Kunstliebhaber« und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen
-Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschätze muss es
-merkwürdig berühren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des
-Herrlichen zu finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder
-der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue
-Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts von alledem bei
-Dostojewsky; ja, die ewige Klage: »fern von Russland keine Anregung,
-keine Arbeit möglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh«,
-sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische
-Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermöchte. So sehen
-wir ihn kämpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden
-Geistern europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung
-in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch
-nachspürt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu
-Tage tritt und dem Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu
-ein Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl
-vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl
-schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu seinen Werken veranlasst; so
-ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche
-Erschütterung, als eine ästhetische Anregung.
-
-Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung russischen
-Schriftwesens -- heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht -- das
-künstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten
-Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste
-von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der
-letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der
-künstlerischen Auffassung des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns
-aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke
-ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu
-liesse, so müssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realität noch
-feiner herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen
-der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgründlicher
-uns aufgeschlossen würden. Allein die Gegenständlichkeit der äusseren
-Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der
-Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst
-gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in
-den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher
-die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als
-vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Träger
-aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem
-modernen französischen Impressionismus diametral entgegengesetzter
-Vorgang.
-
-Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so
-schlagend mit Thatsachen belegen zu können, als dies während des
-Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich
-uns darbietet. Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist
-ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868.
-Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und
-nach Vergleichen mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter
-mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: »Dass die
-Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, das ist vollkommen richtig.
-Ja, eigentlich hat sie schon aufgehört, wenn man's so nehmen will. Und
-das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus
-muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt
-russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehört;
-ist kein Genius in Sicht -- so hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat
-sie aufgehört. Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen.
-Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier
-auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. Übrigens aber ist es ihm
-nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen,
-und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. --
-Was sagen Sie aber da über sich? »Nein, hoffen Sie nicht auf mich!«
-Diese Worte können doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai
-Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist,
-immerfort für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht
-es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrücken
-zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein
-beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie
-niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel im
-Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben,
-namentlich wenn Sie in die Wärme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur
-an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um
-einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie
-zu lenken. Aber die Hauptsache ist -- die Redaktion. Die Redaktion ist
-die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere
-immerwährende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die
-Hauptsache.«
-
-Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow
-feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Gründung des neuen
-Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue
-Blatt angreift, Stand zu halten. »Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen
-nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne
-Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, dass der Erfolg eines Blattes
-von der Minderheit abhängt. Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch
-sein (sogar ungeachtet aller »Plutzer« und Irrtümer des Blattes, welche
-es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des
-Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so überzeugend
-spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt
-unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu
-wachsen, während alle anderen »klein werden« müssen.
-
-Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen
-das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen
-wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander
-setzen werdet, wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar
-Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, fortschrittliche
-und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig
-werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen.
-Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken
-immer im Veralteten und Abgestandenen. Die »Vaterländischen Annalen«,
-das »Djelo« rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten.
-
-Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch
-die Zukunft gehört. Nun aber wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und
-viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die grosse
-Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so gross und erfordern so viel
-Vertrauen und Zähigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll
-erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem
-Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion
-half. Aber die »Wremja« und die »Epocha« haben sich, wie Sie selbst
-wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres
-Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse
-gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache
-begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.«
-
-Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung der
-Begriffe »liberal« und »abgestanden« zu folgen oder ihr gerecht zu
-werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverständnisse, die
-zwischen den Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen
-und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten.
-Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen
-in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden
-hinzutretender »europäischer« Elemente vermöchte uns darüber zu
-belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt.
-
-In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Sie haben eine
-unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoj, schon seit der
-ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der
-»Zarja« [dem neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten
-Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie
-sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als
-mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [»Krieg und Frieden«]. Im
-»Golos« hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen
-Fatalismus teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, aber
-daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute,
-sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle und Ausdrücke? Was heisst
-»historischer Fatalismus«? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene
-Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht,
-als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden
-kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen,
-daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo
-Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche von
-Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken über Tolstoj aus. Man
-könnte sich nicht klarer ausdrücken, der nationale russische Gedanke ist
-da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht
-verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen
-Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der
-Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im höchsten Grade vollendet
-niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht
-einverstanden. Natürlich würden wir persönlich anders miteinander
-sprechen können, als es schriftlich geschieht.
-
-Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen Repräsentanten
-unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehört. Aber wissen Sie was?
-Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone,
-dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser
-Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre Ungewohnheit, zu
-bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie müssen unbedingt drei
-grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen,
-glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine
-geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie
-offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die
-klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie
-nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen,
-Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit,
-und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht
-unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen
-und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben
-Sie nicht einmal das Recht; ich würde dann der Erste sein, Sie zu
-verfluchen.«
-
-In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Ich danke Ihnen sehr,
-dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst
-meine Anfälle sind sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten
-Zeit, vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des »Idioten« sehr
-beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung
-darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung
-über das Schöpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast
-phantastisch und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das
-eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit der
-Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner
-Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte
-begegnen Sie Berichten über die wirklichsten und die absonderlichsten
-Geschehnisse. Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie
-befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit,
-weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn bemerken, beleuchten und
-beschreiben? sie sind alltäglich, allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen
--- -- >ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich
-mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig
-bringe.< Was für abgestandenes Zeug! Was für ein armseliger, leerer
-Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch über den russischen
-Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und
-Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer
-dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit
-uns vor der Nase vorüber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten
-und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung will ich gar nicht
-reden -- der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein
-phantastischer »Idiot« Wirklichkeit, ja die alltäglichste Wirklichkeit?
-Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen
-Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in
-der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles
-im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen.
-Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern
-für meine Idee ein.«
-
-Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein
-Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: »Jetzt will ich Ihnen, als einem
-alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich
-ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als
-Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines
-jetzigen Schweigens zu sein; er hat plötzlich den Briefwechsel mit mir
-abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie
-Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon
-Nikolajewitsch zu schicken (wie das immer in diesen Fällen geschah), und
-ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu
-übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe
-bekommen hätte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe.
-»Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu
-hat er keines« -- das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wüsste, in
-welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus
-dem »Russkij Wjestnik« entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so
-schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche im Leihhaus ist.
-(Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des »Russkij Wjestnik« aber
-wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber
-stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht
-geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht
-zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein
-ich habe während der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen
-3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach
-Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon
-ich hätte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals
-gemahnt; so habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden Monat
-gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese 100 R. an Emilie F. müssen
-ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie
-sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der
-Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlässt,
-höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie
-etwas darüber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir's mit, mein
-Täubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst
-freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen uns
-besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin ich ohnedies von
-allen vergessen.«
-
-Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter über das
-»Missverständnis« ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: »Ich danke
-Ihnen ... drittens für die gute Nachricht über Apollon Nikolajewitsch.
-Ich werde seinen Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich
-habe in dieser letzten Zeit des »Missverständnisses«, welches durch
-meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner
-herzlichen Beziehung zu ihm eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter
-und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten
-Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut
-verständigt haben.«
-
-Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen
-entgegen bringt, finden wir folgende, für des Dichters Ernst und seine
-fast kindliche Herzensgüte bezeichnende Stelle: »Die zweite Nummer hat
-mir einen ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren
-Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist,
-gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere,
-und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt
-sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist
-ja -- das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus.
-Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, seine populäre Form,
-ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese
-Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen
-überein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die
-Ähnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner
-Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben
-darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel,
-vorbereite, in ganz demselben Gedankengange und mit denselben
-Folgerungen. Wie freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den
-Gedanken, die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet habe,
-schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit
-einer ungewöhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe
-wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller
-meiner Anstrengungen, niemals erreichen könnte.
-
-Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich
-täglich auf die Post laufe und mir alle Möglichkeiten eines schnelleren
-Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen,
-weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige
-Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass
-Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung
-darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der
-Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen
-Grund-Elemente in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind.
-[Dostojewsky gebraucht das Wort »Christus« nicht als Personennamen,
-sondern stets als Personifikation, wie das für einen aufmerksamen Leser
-in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner
-Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen,
-künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und
-die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zukünftigen Seins. Aber mit
-einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu
-reden angefangen.«
-
-Weiter heisst es: »Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und
-solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat,
-dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn
-wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden? Das wäre nach
-meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu
-schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat
-erst am Ende seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und
-Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen.
-Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass ich Sie auch einem solchen
-Vorkommnis gegenüber für weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so
-fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man
-ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und noch dazu erscheint
-ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher,
-je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er
-ihnen allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie,
-aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass
->sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen<. Ja, diese noch mehr
-als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen,
-und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein
-Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky
-begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist
-Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel
-Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu
-streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht verlieren und die
-Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht,
-bitte. Gehen Sie -- so ist's mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.«
-
-Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort
-auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzählung von etwa
-3 Druckbogen vor. »Diese Erzählung«, sagt er, »habe ich schon vor vier
-Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon
-Grigorjews schreiben wollen, der mein »Zapiski iz Podpolja« sehr gelobt
-und gesagt hatte: >In diesem Genre sollst du weiter schreiben<.«
-
- Die »Memoiren aus einem Keller«, wie wir jene Erzählung nennen
- möchten, welche unter dem Titel »Aus dem dunkelsten Winkel einer
- Grossstadt« in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das
- als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste
- Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein
- Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der
- Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses
- Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze.
- Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir
- irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen
- seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber
- subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen,
- mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das
- Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines
- Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch,
- analytisch.
-
- W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem
- bemerkenswerten »kritischen Kommentar« zur »Legende vom
- Grossinquisitor« auch über diese Memoiren als über das
- philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur
- wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis
- erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen,
- dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir
- meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen
- Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich
- trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu
- diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so
- hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der
- Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu
- machen.
-
- Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig
- getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt
- ist, in's rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende
- Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken durch,
- dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln,
- die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe.
- Es werde dahin kommen, dass der immer »logischer« entwickelte
- Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen
- Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei
- der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene
- Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf
- seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen,
- dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes,
- wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und
- bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein
- Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches
- Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche
- aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. »Die Gesetze
- der Logik,« sagt er, »sind eines, die des Menschseins ein
- anderes.« Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch
- geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend,
- Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche
- Unabhängigkeit und Freiheit -- womit er immer wieder alle jene
- schönen Dinge umwirft. Der Mensch -- so lautet das Resumé -- wird
- also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden
- durch den »Ameisenhaufen« des Wissens und der Erkenntnisse,
- sondern -- ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden,
- sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes
- innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es
- ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen >Mensch<
- trägt.
-
- Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des
- Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil
- in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors
- gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich
- am klarsten die Herrlichkeit alles »Hohen und Schönen«
- vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von »allerlei grossen
- und kleinen Lastern« versinkt, der durch seine Gewohnheit alles
- bis auf die »letzte und allerletzte Ursache« durchzudenken, nie
- mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen
- Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick
- von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über
- einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky
- Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist,
- ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will
- einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen,
- meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That
- kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich,
- dass es wieder so kommen werde.
-
- In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft
- und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen
- veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die
- ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an,
- insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles
- dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und
- Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen
- gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer
- weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch
- betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus
- nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig
- bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im
- Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner
- Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er
- steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines
- tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und
- seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall
- von Schmerz und Verzweiflung hinein -- »nicht ohne selbst bewegt
- zu sein«, wie er sagt, aber doch »buchmässig, litteraturmässig«;
- er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn
- aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.
-
- Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er
- weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde.
- Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9
- Uhr abends so wohl zumute, dass er »ziemlich süss« zu träumen
- beginnt: ... »ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei.
- Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich
- stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht
- warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich wirft sie
- sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass
- ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt
- liebe. Ich erstaune, aber ... »-- Lisa, sage ich, glaubst du
- denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles
- gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu
- sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja
- Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit
- dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein
- Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist;
- ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das
- undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine
- europäische, George-Sand'sche, unerklärbar edle Feinheit hinein).
- Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist
- -- mein herrliches Weib!«
-
- Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit
- seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme
- Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten
- Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie
- hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und
- poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen
- Gebahren nur das eine: dass er leidet, und -- bleibt. Ihre Güte
- erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und
- endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit
- Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf
- dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin
- derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt
- sie aus. -- -- --
-
- Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre
- Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach
- >Lebt wohl< sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen
- Fünfrubelschein in die Hand -- »aus Zorn«, wie er sagt,
- »hineingehetzt«, »buchmässig« that er das. Nun eilt er zur
- Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube
- zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische
- vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach.
- Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden
- sein -- -- Er bleibt stehen und fragt sich: »Wohin ist sie denn
- gegangen? und -- warum laufe ich ihr denn nach?« »Wird es nicht
- besser für sie sein«, phantasiert er weiter, »wenn sie diese
- Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung -- das ist
- ja Reinigung!« Weiter sagt er: »Was ist besser, ein billiges
- Glück oder ein erhabener Schmerz?«
-
- »So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause
- sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich
- soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch -- konnte denn irgend
- ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege
- zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie
- wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich
- lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des
- Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer
- fast krank wurde.«
-
- Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne
- des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der
- Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich,
- ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber -- »zum Beispiel
- lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem
- finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel
- eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch
- immer genährte Bosheit verfehlt habe -- das ist bei Gott nicht
- interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber
- sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden
- zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen
- sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom
- Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere
- weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das
- wirkliche >lebendige Leben< fast als eine Arbeit ansehen, fast
- wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es
- nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir's
- manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir
- wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn
- man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun,
- gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend
- einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis,
- verringert die Obhut und wir -- ich versichere Euch -- wir werden
- uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr
- wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den
- Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren
- in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von >uns allen< zu
- sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch
- dieses >wir alle<. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe
- ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr
- nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure
- Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst
- betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich
- lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir
- wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist
- und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch -- sofort
- verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns
- halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir
- achten, was wir verachten sollen. Sogar das >Mensch sein< wird
- uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch
- und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend
- eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind
- Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen
- Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir
- kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus
- irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug« usw.
-
- Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee,
- die Logik, das Gesetz -- das alles macht keine Menschen. Blut,
- Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des
- Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr
- unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten -- das ist für
- Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits
- von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu
- thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch
- nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab.
- Aus dem >Labyrinth der Brust<, aus den eigenen tausendfältigen
- Möglichkeiten der >Sünde< wie der höchsten Entzückung heraus ist
- sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele
- einzudringen und die Kraft, mit welcher er unablässig nach
- Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu
- lassen.
-
-»Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,« fährt Dostojewsky in dem
-Briefe fort; »es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen
-Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai
-Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige,
-besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung kann ich sehr schnell
-niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir
-unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht
-aufgeschrieben. Ich kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion
-schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in
-zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwärtig
-an der »Zarjá« beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu
-schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten.« Nun
-folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und
-Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen müssen.
-
-Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 sind einige Stellen
-litterarischer Kritik bemerkenswert. Da heisst es: »Ein für allemal --
-schweigen Sie doch und reden Sie nicht von Ihrem »Unvermögen« und den
-»zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln«. Es wird einem übel, das zu
-hören. Man kommt auf den Gedanken, dass Sie sich verstellen. Noch
-niemals haben Sie so viel Klarheit, Logik, so viel Scharfblick und
-überzeugte Beweisführung gehabt. Allerdings, Ihre »Armut der russischen
-Litteratur« hat mir besser gefallen als der Artikel über »Tolstoj«. Jene
-wird breiter sein; dafür aber ist die erste Hälfte des Artikels über
-Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: das ist das Ideal einer
-kritischen Ausführung. Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler
-in dem Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind solche
-Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser Idealismus; dieses
-aber schadet einer Arbeit nicht, sondern fördert sie. Alles in allem
-habe ich in der russischen Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen.
-
-Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, aber nach der
-»Kapitänstochter« (Puschkins) habe ich nichts ähnliches gelesen. [Dies
-bezieht sich auf eine im neuen Blatt »Zarjá« publizierte Komödie
-Awerkiews: »Frol Skobjejew«, die Dramatisierung des altrussischen Romans
-gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer und blickt auf seine Krämer
-sehr von oben herab. Wenn er schon einen Kaufmann in Menschengestalt
-darstellt, so ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder
-Zuschauer: Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen Sie, ich
-glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist richtiger, als das
-Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky thatsächlich die ganze Idee
-seines »Dunkeln Königreichs« nicht in den Sinn gekommen ist, aber
-Dobroljubow hat sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg
-verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der Phantasie und des
-Talents in Awerkiew zeigen wird, wie bei Ostrowsky; allein seine
-Darstellung und der Geist dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher.
-Keinerlei vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig, der
-Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter hingestellt
-haben. Wissen Sie, der Grossbojar, Naschtschokin, Lycikow -- das sind ja
-unsere ehemaligen Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist
-ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese kann man nicht
-nur keine Karikatur-Lächerlichkeit werfen à la Ostrowsky, sondern im
-Gegenteil, man muss sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches
-Bojarentum verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der höchsten
-Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer lächeln wollte, er es
-höchstens darüber kann, dass der Kaftan einen anderen Schnitt hat. Vor
-allem und hauptsächlich fühlt man, dass das eine Darstellung der
-Wirklichkeit ist, dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist
-ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige. Es
-wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie ausreichte.«
-
-Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung einige Zeilen. Er
-will Florenz verlassen, da die Hitze sehr gross ist, und möchte einem
-neuen Familienereignis lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich
-mit Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet er Geld und
-kann nicht fort, fragt, ob Strachow krank oder etwas in der Redaktion
-vorgefallen sei. Bezeichnend für Strachow ist die Notiz, die er diesem
-Briefe anfügt: »Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene 125 Rubel
-(Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja Grigorjewna [D.s Schwägerin]
-abgeliefert hatte. Obwohl ich nun am selben Tage an Theodor
-Michailowitsch geschrieben hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel
-schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen
-erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen Verdruss doch nicht
-abgeschickt. So verschob sich der Empfang von einem Tag auf den andern,
-ich wusste nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor, dass ich
-dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.«
-
-Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben Jahres aus Dresden
-erhielt, beginnt: »Klagen Sie sich um Ihres Schweigens willen vor mir
-nicht an, Nikolai Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und
-dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel mit Freunden,
-geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber, aus Ihrem Zusatz an den Brief
-unseres teuern Apollon Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie
-mir wie früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil der
-Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer weniger werden. Ich bin
-selbst schuld daran, habe mich im Auslande allzu festgerannt und bringe
-mich nicht genug in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche
-zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst seit zehn Tagen
--- ja ich bin im ganzen erst drei Wochen von Florenz fort! Ich habe den
-ganzen Juli dort zugebracht und bin auch noch in den August
-hineingekommen. Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals jemand
-eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches Schwitzbad -- nur damit
-kann man das vergleichen, noch dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein,
-das ist wahr, der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist's
-unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in grossem,
-gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und stellen Sie sich vor, obwohl
-alle Ausländer entweder in deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind,
-so sind doch eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche,
-sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau getragen, sind
-herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn Sie wüssten, bis zu welchem
-Grade ich mich hier als ein ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle!
--- Und so sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein Kind haben,
-ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, hoffnungsvoll und zaghaft.
-Überhaupt habe ich eine sehr sorgenvolle Zeit« usw.
-
-Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow wieder einmal einen von
-der Not diktierten Brief, der jeden Leser durch seine rührende und
-stolze Kindesschlauheit ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen
-hier:
-
-»Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern und sagen, welcher Art
-die Hilfe ist, die ich als ein Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens
-ist mir vor drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow,
-geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, das Kind
-ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind glücklich. (Denken Sie
-daran, dass wir Sie zum Taufpathen berufen werden. Anja bittet Sie mit
-gefalteten Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld haben
-wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie mich nicht der
-Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist niemand schuldig. Wir haben in
-Florenz berechnet, dass das vom »Russkij Wjestnik« gesandte Geld für
-alles reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen geht -- wir
-haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten
-einzulassen; aber die Sache ist die, dass, wenn ich auch an den höchst
-zartfühlenden, gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der
-Redakteur des »Russkij Wjestnik«, M. Katkow, gemeint] schreiben will,
-dass er aushelfe -- gleich zu schreiben, nachdem ich vor so kurzer Zeit
-Geld von ihm bekommen habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu
-unmöglich. Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen ist weder
-die Hebamme noch der Arzt bezahlt, und obwohl wir jeden Heller um und
-umdrehen -- ohne Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht!
-
-Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute zugleich mit diesem
-Briefe an Sie sende ich ein Schreiben an Kaschpirew persönlich, da ich
-weiss, dass Strachow nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben
-schildere ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung, die
-Geburt eines Kindes (alles wie sich's gehört), habe aber dabei gelogen,
-dass mir fünfzehn Thaler geblieben seien, während nicht einmal zehn da
-sind, und schliesse mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel
-zu senden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer Erzählung für die
-»Zarjá« arbeite und diese Arbeit schon bis zur Hälfte gediehen ist (dies
-alles ist richtig), so sehe ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang
-von 3½ Bogen des »Russkij Wjestnik« (d. h. fast 5 Bogen der »Zarjá«)
-haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon im Frühling 300 Rubel
-von der »Zarjá« erhalten habe, habe ich demnach nach Vollendung der
-Erzählung ungefähr für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie noch
-nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss in die Redaktion
-der »Zarja« gesandt. Dies ist ganz sicher. Zweitens: obwohl ich nicht
-das Recht habe, auf dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so
-bitte ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ mir
-auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies aber gleich zu
-bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte ich ihn, nur 75 Rubel sofort
-abzusenden (dies um mich aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht
-umfallen zu lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, bitte
-ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich mit dieser
-letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] 50 Rubel auszufolgen. Auf
-diese Weise wird die erbetene Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen.
-Da ich Kaschpirews Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe ich
-in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas nachdrücklichen
-Tone.
-
-Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew auch meine zweite
-und hauptsächlichste Bitte. Nämlich, wenn er sich damit einverstanden
-erklärt, meine Bitte um Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel
-sofort, unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich an
-die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens wende; dass er über das
-Drängen, sofort und unverweilt das Geld zu senden, nicht beleidigt sein,
-sondern in die Sache eingehen und begreifen möge: dass für mich die
-Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. Ich fügte
-hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine Bitte abgelehnt werde, von
-der Hand seines Redaktions-Sekretärs nur eine Zeile zu erhalten, aber
-sofort, damit ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen
-ergreifen könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit einer
-Geldsendung warte.
-
-Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe an Kaschpirew gelogen in
-Bezug auf die »letzten Massnahmen«, indem ich ihm erklärte, dass ich
-genötigt sein würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen
-zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert ist, deren 20
-bekommen würde; was ich natürlich werde zu thun gezwungen sein, um drei
-Wesen das Leben zu retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es
-auch eine befriedigende Antwort. -- Dass ich in einer Woche anfangen
-werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn ich kein Geld bekomme,
-das ist vollkommen wahr -- denn anders geht es auf keine Weise; allein
-ich habe darin gelogen, dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen
-verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche 100 Thaler wert
-waren, sind schon längst, gleich nach unserer Ankunft in Dresden,
-versetzt und thatsächlich anstatt um 100 nach der Schätzung -- um 20
-Thaler. Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den Paletot und
-meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch an Katkow schreibe, so
-wird dennoch von dorther vor einem Monat kein Geld einlangen, obwohl es
-sicher einlangt.«
-
-In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des Dichters ganze
-persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn er sagt: ... »(dies unter uns)
-ich bitte ja nur sozusagen um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem
-Monat alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche,
-vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten Schriftsteller eine solche
-Nachsicht gewährt, so dass, wenn man mir in der »Zarjá« das verweigert,
-ich nur allzusehr begreifen werde, auf welche Stufe man mich in
-litterarischer Beziehung dort stellt.« -- Dostojewsky konnte nach allem
-Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung keine Rede sein würde
--- dennoch immer wieder der empfindliche Zweifel. -- »Auch fürchte ich,
-fährt er fort, dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch
-nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist, ich habe ja
-persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, ich verstehe es nicht,
-über heikle Gegenstände an Fremde zu schreiben, und habe später erst
-beim Überlesen des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein
-schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen 50 Rubel in die
-Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, mein Teurer, diese Belästigung und
-erfüllen Sie es um Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie
-Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide volles Recht, über
-eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet zu sein; aber mögen sie sogar
-beleidigt sein, sie sind im Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und
-ihnen ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. Da sie
-durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage ich bin und warum ich
-ihnen so armselig aushelfe, so sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner
-Rechtfertigung.« »P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man
-mir damals von der »Zarjá« 300 Rubel herausschickte, kugelte das Geld
-einen Monat herum. Ich kenne diese Stückchen. Die Hauptsache ist, dass
-mir N. Strachow später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird.
-Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld fortschickt,
-sodass es ebenso schnell ankommt wie ein Brief, d. h. in drei Tagen.«
-
-Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen soll, Geld so
-abzusenden, dass der Empfänger es rechtzeitig erhalte. Diese
-Auseinandersetzung gewinnt durch den nächstfolgenden Brief vom 28.
-Oktober [also einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige
-Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit Wut und
-Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, die uns, würden wir
-nicht zugleich von Teilnahme für den Dulder bewegt, ungemein belustigen
-könnten. Es kommt thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm
-mitteilt, er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in Dresden das
-Geld senden lassen und schliesse hier den Wechsel ein. Dostojewsky eilt
-zu Hirsch, dieser liest den Wechsel und sagt: »Hier steht: laut Bericht,
-das heisst, dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf
-privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich kann ich nicht
-zahlen.« Nun läuft Dostojewsky jeden Tag in das Bankkontor, wo man über
-ihn zu lächeln beginnt -- aber kein Avis erscheint. »Da ich die Geduld
-verliere und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm meine
-Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass er den Avis an Hirsch
-sende. Mein Brief ist vom 9. Oktober datiert -- keine Antwort! Bei Gott,
-ich dachte, es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich
-täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe
-wahrscheinlich den Avis »vergessen«. Nun ging ich in zwei, drei andere
-Bankgeschäfte mich zu erkundigen -- überall sagte man, dass auf meinen
-Wechsel mit den Worten »laut Bericht« niemand Geld giebt, ohne einen
-solchen zu haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal solche
-Wechsel zum Spass ausgegeben werden.
-
-Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew -- am zwölften Tage nach
-Absendung des meinen! und bemerken Sie, er schreibt am 3. Oktober
-unseres Stils, und der Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober
-auf. Das heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache
-drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse einen 5. aus
-dem 3. gemacht! Begreift er denn nicht, dass mich das verletzt? Ich habe
-ihm ja über die Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben -- und
-darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung? Und nun
-schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser sage, der Avis sei
-abgegangen und er begreife nicht, warum ich nichts erhalten hätte;
-ferner habe er Chessin veranlasst, einen zweiten Avis zu schicken, dass
-er folglich jetzt überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten
-(woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das Geld noch nicht
-haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken; er werde mir am Tage nach
-dem Erhalt dieses Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier
-lautenden absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu, ich möge
-ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich telegraphieren,
-»natürlich auf meine Kosten«, worauf er sofort, ohne die Ankunft des
-anderen Wechsels abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt
-er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen 75 Rubel senden
-werde (bemerken Sie, dass das alles am 3. Oktober geschrieben wurde).
-
-Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den 21. Oktober nicht,
-denn wo sollte ich zwei Thaler für ein Telegramm hernehmen? Konnte er
-sich nach meinen zwei Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine
-Kopeke, buchstäblich nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste, wie
-ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, um ihm zu
-telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen und ihm telegraphiert: »Kein
-Avis, Hirsch giebt nicht Geld«; das war am Freitag. Sonnabend schicke
-ich den Wechsel zurück.«
-
-Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am fünften Tage nach
-Rücksendung des Wechsels endlich der Avis einlangt, der nun zu nichts
-nützt. Endlich gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt,
-weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung gemäss auf »ohne
-Bericht« ausgestellt, während der Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt
-»ohne« -- »laut« geschrieben habe. -- Man kann wohl begreifen, wie es
-dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die Existenz oft »gar
-nicht litteraturmässig zu Mute war«, wie er das in einem der nächsten
-Briefe gesteht. --
-
-Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe Thema variieren, wozu
-die unlösbaren Verstrickungen seines Lebens den Anlass nie abreissen
-lassen. Wir übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen
-Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen
-Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom 19. Dezember heisst es:
-»Wissen Sie, was ich jetzt mache? Nachdem ich in 2½ Monaten neun
-enggeschriebene Druckbogen fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit
-aller Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, als
-ich mit der Erzählung beschäftigt war.« [Es ist die Erzählung »Der
-Hahnrei«.] Dann aber, in drei Tagen, setzte ich mich zu dem für den
-»Russkij Wjestnik« bestimmten Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich
-Pfannkuchen backe: wie hässlich und abscheulich auch das herauskommen
-möge, was ich schreiben werde; die Idee des Romans und ihre Bearbeitung
-sind mir Armen, d. h. dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das
-ist kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste auch.
-Natürlich werde ich's verpatzen; aber was ist zu thun!«
-
- »Der Hahnrei« nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys eine
- eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen, welche
- der europäische und der russische Leser in Dostojewskys Werke
- legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch
- gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter
- geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und
- Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies
- söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit
- des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des
- Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er
- nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für
- sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel an
- Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und
- sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das
- unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, sowie
- das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten
- des Buches -- allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er
- alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst in sich. Er
- sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf
- Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein
- künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lässt ihn
- das vollendetste Kunstwerk nur kalt.
-
- Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen gelernt,
- Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke durchgesehen:
- es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder Erwähnung des
- »Hahnrei« (ausser jener Strachows in seinem Briefe nach Dresden
- 1870-1871) in die Hände gekommen. Auch der Dichter selbst dürfte
- nicht viel von dieser Sache gehalten haben, die er in 2½ Monaten
- niederschrieb. Das darf uns nicht stören. Wissen wir ja doch, wie
- oft er sich über seine Werke täuschte. »Prochartschin«, mit dem
- er sich »einen Sommer lang herumquälte«; »Der Doppelgänger«, den
- er immer wieder umarbeitete; dann »Die Besessenen«, die er zu
- seiner Qual, wie wir später sehen werden, nicht vorwärts gehen
- sah -- auf alle diese Werke hielt er die grössten Stücke, meinte,
- da seien seine besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut
- getreten, während dies nur bei dem letzten derselben, und das nur
- teilweise und bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir
- versuchen in die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen
- das russische Kunstwerk entsteht, ist gerade im »Hahnrei« eine
- der tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als
- hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich
- disponiert ist.
-
- Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters hat ihn
- getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die
- Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter
- Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen Europäer
- bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit einer
- Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von
- hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit,
- die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten,
- die in der »breiten slavischen Natur« bei einander wohnen, hat er
- hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und
- dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der Form,
- doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die »Memoiren aus dem
- Kellerloch«.
-
- Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des
- Dichters, ist auch die des »Hahnrei« (der russische Titel ist:
- »Der ewige Gatte« und entspricht der später gegebenen Definition
- dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort).
-
- Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann von 39
- Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem Prozess
- nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen Vermögens,
- eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er hat alles
- andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen Egoismus;
- das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt leben,
- um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes schmackhaftes
- »Diner«, seine feine Toilette niemals werde entbehren müssen.
- Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant ein
- Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige, aber
- vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des Hauswächters
- recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch diesen
- äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame Art von
- Hypochondrie.
-
- Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den
- Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa damit
- belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner
- Vergangenheit ein, die er »lieber nicht gethan hätte«. Da ist das
- junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und samt ihrem Kinde
- verlassen hat; der junge Fürst, dem er für nichts und wieder
- nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere
- mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie über einen
- klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, käme
- die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Fürstin dennoch das
- Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen das Bein abzuschiessen --
- heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das,
- lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den
- russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus
- äusseren Gründen, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort
- empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner
- bald das Feld für neue Thaten räumen wird.
-
- An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und
- gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet fast
- täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen
- ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass
- Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er müsse den
- Mann »einmal gekannt haben«. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt
- er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle
- der Petersburger Nächte zu decken bestimmt ist, auseinander und
- sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig -- den Mann mit dem
- Trauerhute stehen und spähend auf sein Fenster blicken. Kaum ist
- er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon
- über die Strasse und -- gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt
- in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da
- kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es
- an der Thürklinke. Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und
- vor ihm steht der Mann »mit dem Krepp«, in welchem er mit
- einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit
- dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren
- in der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte.
- Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung über den
- nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf
- dem Heimwege vorübergegangen und, »ohne es eigentlich zu wollen,
- zufällig« heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass er, um in ein
- anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen
- sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er
- auf den Krepp auf seinem Hute. »Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im
- heurigen März!« beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er
- den überraschten und mehr, als er's vermutet hatte, erschütterten
- Weltschaninow mit süsslich stichelnden Anspielungen so in die
- Enge zu treiben, dass dieser in die höchste Aufregung kommt und
- ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein
- unvorsichtiges Wort entschlüpft. Diese Szene ist voll
- vortrefflicher kleiner Züge, die das innerste Wesen dieser beiden
- Menschen aufdecken.
-
- Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort,
- schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet
- auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort
- der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem
- Schluss, dass sie verderbt war -- mit seiner Beihilfe, wie der
- Dichter »im Vorübergehen« bemerkt -- ohne sich im geringsten
- dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen
- Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. »Seiner Ansicht
- nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie »ewige
- Gatten« oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter
- nichts.« »Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich
- einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich
- verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu
- verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen
- unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen
- Gatten bildet -- ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter
- nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist,
- nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon,
- sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.«
-
- Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse
- geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung,
- halbangekleidet -- ein kläglich bittendes Kind züchtigend. Es ist
- Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, »das uns geboren wurde, als
- Sie schon -- wie lange fort waren?« Er zählt die Monate: ja acht
- Monate, nachdem Sie fort waren. -- Das Kind ist furchtbar
- eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass
- Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber
- gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe.
- Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und
- führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche
- Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das
- Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass
- Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm
- umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den
- Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich
- in trunkenem Zustande bei einigen »Damen«. Als er ihm mitteilt,
- dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten
- an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu:
- »Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem
- gehen Sie wegen der Bestattung.« Der Rausch allein versetzt ihn
- in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem
- Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in
- nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller
- und Pfennig.
-
- Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes,
- als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst
- gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen
- diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des
- feigen »Gatten« spielen sich Szenen widriger »Vergebung«, Küsse,
- Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow -- da er sich im
- Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss
- dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben
- jetzt physisch entsprechend konstituiert ist -- auf keine Weise
- entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den
- Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich
- auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie
- aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich --
- eine Braut erwählt habe. Es ist dies die sechste der Haustöchter,
- Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der
- auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt
- hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte
- Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja
- und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.
-
- Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys
- stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow
- in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich
- leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er
- nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals
- in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz
- und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als
- Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit
- und Anmassung der Jugend -- eine meisterhafte Szene -- Trussotzky
- verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so
- lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang
- Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat
- sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn
- schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem
- unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere
- Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt
- abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter
- Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er
- schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine
- grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.
-
- Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn,
- ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt
- halbmurmelnd: »Sie -- Sie -- Sie sind besser als ich! Ich
- begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.« -- Trussotzky löscht
- das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder.
- Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere
- Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt
- ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen
- beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als
- Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn
- plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war
- auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu
- ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu
- können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei
- Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.
-
- Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin
- eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei
- andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt
- darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute
- zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war.
- Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet,
- dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft
- und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft
- abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.
-
- Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag
- herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich
- damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf,
- verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu,
- welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen
- Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet
- nach der Wasserflasche: »Wasser möcht' ich«, flüstert er.
- Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen
- Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt
- Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer
- zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen
- hat.
-
- Wir lassen hier den Dichter erzählen: »Seine Schmerzen waren ganz
- vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit,
- jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss
- Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den
- ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten
- sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark
- gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn
- Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte,
- erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in
- das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft,
- wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul
- Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen,
- dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht
- wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst
- immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht
- erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei
- irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. »Wenn er sich schon
- seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen -- fiel ihm unter
- anderem ein --, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine
- Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet,
- das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.«
-
- Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und
- damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu
- betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene
- Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das
- >Analyse< überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner
- Folgerungen -- nachdem er Trussotzky entlassen hat --
- folgendermassen wieder auf. »Diese Leute,« dachte er, »eben diese
- Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den
- Hals abschneiden oder nicht, -- wenn die schon einmal das Messer
- in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen
- Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim
- Schneiden allein -- den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter:
- >zum Wohlsein<, wie die Arrestanten sagen. So ist es.«
-
- Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden
- zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der
- Kairowa, welche »noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie
- weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde«. Auch in
- jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er
- habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen
- Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum
- -- »es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich
- gebetet haben«, meint er -- auch hier ist das Mysterium betont,
- die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele,
- über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.
-
- Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky
- zu seltsamen Schlüssen: »Wenn es also entschieden ist, dass er
- mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte
- Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in
- den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem
- zornigen Augenblick?« »Er löste die Frage seltsam, -- damit, dass
- Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der
- Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal
- eingefallen war.« Kürzer gesagt: »Paul Pawlowitsch wollte
- umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte.
- Das ist unsinnig, aber es ist so,« dachte Weltschaninow: »er ist
- wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!« »Und war denn
- das wahr, das alles wahr,« rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen
- erhebend und die Augen öffnend, »alles, was dieser ... Verrückte
- mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn
- zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?«
- »Vollkommene Wahrheit,« entschied er, sich immer mehr in die
- Analyse vertiefend, »dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und
- edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu
- verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes
- Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er
- zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre
- lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine
- >Aussprüche< -- Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er
- konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er
- mir seine Liebe erklärte und sagte: >werden wir quitt?< Ja, aus
- Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.«
-
- Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen
- Eindruck er auf diesen »Schiller in der Form eines Quasimodo«
- gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein
- Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.]
- Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art,
- sie zu tragen; »denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie
- sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle
- Seele, gar aus dem Geschlechte der >ewigen Gatten<.« Weltschaninow
- geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natürlich in der
- Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. »Wenn auch dieser, wem
- kann man danach noch trauen!« -- »Nach einem solchen Aufschrei
- wird man ein Tier!« denkt er bei sich.
-
- »Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu
- weinen«, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt
- hat -- das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei,
- es sei »um mich zu umarmen und mit mir zu weinen« ... Auch Lisa
- hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte,
- da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er
- schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat
- sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in
- Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung.
- (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!)
- Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich
- wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht
- herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine
- Abwechselung zu machen -- vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich
- und mich wollte er retten -- mit gewärmten Tellern! ...«
-
- Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht
- mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass »alles
- vorüber sei«, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich
- zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu
- erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem
- ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen
- muss. »Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen
- tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er
- gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.«
-
- Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische
- Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei
- gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den
- Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem
- »Quittwerden« mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein
- einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar
- oder unmittelbar ausgesprochen würde, sehen wir, wie er sich
- allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen
- dieser Beiden herausschält.
-
- Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder,
- begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas »Bräutigam«, in
- angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys
- anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren
- Vermutung folgend: »-- -- hat sich erhenkt«. »Ei was erhenkt, wir
- haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken,
- auch auf Ihr Wohl.« -- --
-
- Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift »Der
- ewige Gatte«, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später,
- verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen
- »hypochondrischen Schrullen« belachend, auf der Reise. Er hat
- seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig,
- hat sein tägliches gutes, kleines »Diner«, verkehrt wieder mit
- der »Gesellschaft«, wo ihn »alle« wieder aufs freundlichste in
- ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur »verreist gewesen«. Er
- fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine
- interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange
- zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der
- Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame,
- eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf
- der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die
- Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er
- noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von
- 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen »Anstoss von aussen«.
-
- Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem
- Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend
- gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen,
- sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und
- ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht
- schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich
- ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow
- eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden
- Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem
- eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit
- über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes »Dddanke!« und streckt
- sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.
-
- Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch,
- scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen
- Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der,
- weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein
- bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade
- auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor
- Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt
- ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die
- Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten
- Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend:
- »Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von
- Weltschaninow gesprochen?« Olympia Semjonowna ladet nun diesen
- dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch
- bestimmt zusagt.
-
- Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem »jungen
- Verwandten« in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung
- zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen
- abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur
- Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: »Paul Pawlowitsch!
- Paul Pawlowitsch!« Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und
- fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der -- nun
- durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite --
- Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: »Wollen Sie,
- ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich
- einmal umbringen wollten -- ha?« »Was wollt Ihr, Herr, was wollt
- Ihr -- Gott bewahre Euch.« »Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!«
- hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. »Nun,
- gehen Sie endlich« sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie
- charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der
- einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder »gutmütig
- anlacht«; wie echt russisch auch!]
-
- »Also Sie kommen nicht?« flüsterte fast verzweifelt Paul
- Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die
- Hände bittend vor ihm zusammen. »Ich schwöre es Ihnen ja, ich
- komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.« Und er streckte
- ihm behäbig breit die Hand entgegen -- er streckte sie hin -- und
- zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar
- die seine zurück.
-
- Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging
- nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären
- Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an
- Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul
- Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. »Wenn schon ich, ich
- Ihnen diese Hand reiche« -- und er wies ihm die linke Handfläche,
- in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war --
- »so können Sie sie wohl nehmen!« stiess er leise mit zitternden,
- erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich
- geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über
- sein Gesicht. »Und Lisa. Herr?« lallte er im schnellen
- Flüstortone -- und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen
- heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen
- Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. »Paul
- Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!« brüllte man aus dem Waggon, als
- würde dort jemand umgebracht -- und plötzlich ertönte ein Pfiff.
- Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und
- begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in
- Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen,
- und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen
- Waggon.
-
- Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen
- anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher
- eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf
- dem Landgute fuhr er nicht -- es war ihm so gar nicht danach zu
- Mute. Und wie hat er das später bereut!«
-
- Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache
- Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des »ewigen
- Gatten«, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht
- »quitt« werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was
- allein den »irrationalen Rest« zwischen Begierde und Erfüllung
- aufhebt: einen Gott -- der Künstler hat sie in jedem von ihnen
- gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten »wie
- hat er das später bereut!« entlässt, ihn also seine Ruhe
- endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so
- schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden,
- widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst
- die Worte entstiegen: »Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel
- geliebt.«
-
-In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, ebenfalls an
-Maikow, unter anderem: »Ich bin wieder in einer solchen Not -- es ist um
-sich nur aufzuhängen!« Weiter heisst es: »Nach einer langen Pause
-zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder zu quälen und
-ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie mich an der Arbeit hindern.
-Ich habe eine reiche Idee in Angriff genommen. Ich rede nicht von der
-Ausführung, nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine
-unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas in der Art wie
-»Schuld und Sühne«, allein noch näher, der Wirklichkeit mehr an den Leib
-gerückt und sich auf die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend«.
-
-In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870 finden wir eine
-Wiederholung des abfälligen Urteils über frühere besprochene Nummern der
-»Zarjá«, worin auch eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten
-Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen Ausdrücken sind
-sowohl in den Briefen, als auch in den Werken Dostojewskys sehr häufig
-und für ihn charakteristisch. Hier, in diesem Briefe ist die
-Wiederholung allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser
-Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen persönlichen
-Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen höchst wohlthuend
-berührt, ja Bedürfnis war. In noch viel grösserem Ausmasse finden wir
-diese Offenheit in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich an
-den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um Rat und Zuspruch
-wandten. Wir werden die bemerkenswertesten dieser Antworten weiter unten
-anschliessen. In einem Briefe an Strachow heisst es: »Ihr Artikel aber,
-obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich spreche hier
-nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von dem der Abonnenten).
-Übrigens, wer hat Ihnen gesagt, dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser
-sei, als der über Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr
-schöne und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie gleichsam
-Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der heraus Sie Ihre Thätigkeit
-fortzusetzen gedenken -- so sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem
-einverstanden (was ich früher nicht war), und lehne von allen den paar
-tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab -- nicht mehr, nicht weniger
---, mit welchen ich mich unbedingt nicht einverstanden erklären kann.
-Doch davon später.«
-
-Die Aufforderung, an der »Zarjá« beständig mitzuarbeiten, beantwortet
-Dostojewsky mit der Bedingung, dass ihm Honorarraten vorgeschossen
-würden. »Ein Thema habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht
-ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas Neueres,
-Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. Ich kann so sprechen,
-ohne der Ruhmsucht geziehen zu werden, da ich nur vom Thema spreche, von
-der Idee, die in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der
-Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich kann auch alles
-verderben, was sich schon oft bei mir ereignet hat; allein eine innere
-Stimme sagt mir, dass mich die Inspiration nicht verlassen wird. Aber
-für die Neuheit des Gedankens und die Originalität der Inscenierung
-verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken auf diese Idee. Es
-wird ein Roman in zwei Teilen sein, nicht weniger als zwölf, keinesfalls
-mehr als fünfzehn Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am
-1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann mich der Zeit
-versichern, um ordentlich zu schreiben. (NB. Der Roman könnte auch schon
-zum 1. November zugestellt werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es
-sehr unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male eine grössere
-Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu schreiben. Wäre es nicht besser,
-so wie jetzt, erst zum Januar oder Februar des künftigen Jahres?
-Übrigens könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) Zum
-Schluss die Stelle: »Anna Grigorjewna grüsst Sie und gedenkt Ihrer mit
-Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit unserer Ljubotschka herum. Ach, warum
-sind Sie nicht verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai
-Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel unseres
-Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen wohl nur ein Viertel. --
-Werde ich denn auch heute nicht die »Zarjá« erhalten?« -- heisst es am
-Schlusse -- »ich spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel >Die
-Frauenfrage< -- was für ein Thema! Ich verspreche mir einen
-ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber schreiben, wie es
-nötig ist usw.«
-
-Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, vielfache Änderungen
-der Ausführung und lange Verzögerungen zu erleiden. Schon am 5. April
-1870 schreibt der Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: »Ich will
-Ihnen offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den Roman
-auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen kann oder zu versprechen
-wage.
-
-Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij Wjestnik schreibe, baue
-ich grosse Hoffnungen, aber nicht vom künstlerischen Standpunkt aus,
-sondern von dem der Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken
-herauszusagen, sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen. Aber
-es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz bei mir aufgehäuft hat;
-mag ein Pamphlet daraus werden, ich spreche mich doch dabei aus. Ich
-hoffe auf Erfolg -- übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne
-auf Erfolg zu hoffen?« Weiter heisst es: »Ich beendige bald, was ich für
-den »Russkij Wjestnik« schreibe, und werde mich mit Wollust zum Roman
-setzen. Die Idee zu diesem Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein
-früher fürchtete ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in
-Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, der ganze
-Plan des Romans; und ich denke, dass ich den ersten Teil desselben, d.
-h. jenen, welchen ich für die »Zarjá« bestimmt, auch hier beginnen kann,
-da die Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie sich nicht
-darüber, dass ich von einem »ersten Teil« spreche. Die ganze Idee
-verlangt einen grossen Umfang, mindestens einen so grossen, wie Tolstojs
-Roman »Krieg und Frieden«. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane
-bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit Ausnahme der
-zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, als ganz
-selbständige Erzählungen oder, einzeln herausgegeben, als ganz
-vollständige Dinge werden erscheinen können. Der Gesamtname übrigens
-wird sein: »Das Leben eines grossen Sünders«, während die einzelnen
-Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil (d. h. Roman) wird
-nicht mehr als fünfzehn Bogen haben. Zum zweiten Teil muss ich schon in
-Russland sein. Die Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich
-gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich kenne, so muss
-ich dennoch dazu in Russland sein. Ich würde überaus gern des näheren
-mit Ihnen darüber sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage
-noch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen;
-drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte Arbeit,
-vielleicht sogar eine gute. Wenigstens habe ich aus dieser Idee das Ziel
-meiner ganzen künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf
-nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen.
-
-Möge die »Zarjá« nicht unwillig darüber werden, dass sie neun Monate
-voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal auch zwei Jahre voraus Geld
-bekommen .... um Eines bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch,
--- wenn die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich, als
-alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich. Mein Elend wächst
-in solcher Weise, dass ich keine Zeit verlieren kann, um endlich sicher
-zu sein. Ich habe für Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem
-Ruhe und Sicherheit ....
-
-Das Märzheft der »Zarjá« habe ich mit grossem Vergnügen durchgelesen.
-Ich erwarte daher mit Ungeduld die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles
-darin zu erfassen. Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler
-darstellen und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen wollen; ist
-es so?« N. Strachow erläutert hier in einer Fussnote, dass es sich um
-seinen Artikel »Herzens litterarische Thätigkeit« handle, dessen erster
-Teil in der dritten Nummer der »Zarjá« im März 1870 erschienen war ....
-»Sie haben«, fährt Dostojewsky fort, »sehr treffend Herzens
-Hauptgesichtspunkt hingestellt -- den Pessimismus; aber erklären Sie
-seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) für unlösbar? Sie umgehen das, wie
-es scheint, und, wie es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren
-Hauptgedanken aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich mit
-fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; es ist ein allzu
-brennendes und zeitgemässes Thema. Wie wird das aber sein, wenn Sie
-beweisen werden, dass Herzen früher als viele andere gesagt hat, dass
-der Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler aus
-Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob das bei Ihnen
-herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei gesagt, obwohl ich in das
-Thema Ihres Artikels gar nicht eingehen will. Finden Sie nicht, dass es
-noch einen Gesichtspunkt für die Bestimmung und Feststellung des
-Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich den, dass er
-immer und überall vor allem Poet war. Der Poet hat in ihm überall, in
-allem, in seiner ganzen Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator:
-Poet, Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten Grade:
-Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir scheint, es könnte vieles
-in seiner Thätigkeit, sogar durch seinen Leichtsinn und seinen Hang zum
-Calembourg, auch in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen
-erklärt werden -- was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig ist.
-
-Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner Ansicht nach,
-vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum ich in der »Zarjá«
-ungenügendes Selbstvertrauen gefunden habe, will ich beantworten. Ich
-habe mich vielleicht nicht genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind
-allzu, allzu weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche in
-der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für sie. Würden Sie
-etwas zorniger, gröber über sie herfallen, so wäre es besser. Nihilisten
-und Westler brauchen definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über
-Tolstoj flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem letzten
-Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art Niedergeschlagenheit und
-Entzauberung, gerade da, wo nach meiner Ansicht der Ton triumphierend
-und freudig bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie --
-werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den Briefen des
-Kosiza verstehen? -- -- Mit einem Wort: in einem solchen Tone nicht zu
-schreiben -- ist Ihnen unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und
-Achtung für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton ist ein
-hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern der »Zarjá« ausmacht.
-Allein manchmal muss man, denke ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche
-in die Hand nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um viel
-gröber darein zu fahren. Das ist's, was ich unter Selbstvertrauen
-verstand. Übrigens -- vielleicht urteile ich falsch, vom Zorn geleitet.
-Die zwei Zeilen über Tolstoj, mit denen ich nicht ganz einverstanden
-bin, sind die, wo Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur
-Grosses in unserer Litteratur vorhanden ist.« Hier folgt jene Stelle
-über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung von Dostojewskys
-Kunst-Anschauungen anführten.
-
-Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky das Thema seines
-Romans in einem Briefe an Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch
-Bande persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten,
-wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen sich gedrungen
-fühlt. Nach einer Entschuldigung über sein langes Schweigen beginnt der
-Dichter mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der Fremde:
-»Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit und die Ängstlichkeit,
-welche durch die Vereinsamung entstanden ist. Angst um die Gesundheit;
-ich hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig, und ich
-habe keinen Schlaf. Ich ging also doch zu einem Arzt, einem der
-berühmten Professoren; er hat mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur
-Nerven, aber diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von Dresden
-weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa, ein wenig baden. Auch für
-die Frau wäre es gut -- besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft
-der Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe sagten, ist
-goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten. Aber, Apollon
-Nikolajewitsch, wissen Sie denn nicht, warum ich nicht zurückkehre und
-dieses verfluchte Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen
-und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis zu einem gewissen
-Zeitpunkt kann ich auf keine Weise zurückkehren; und denken Sie denn,
-dass ich nicht selbst Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer
-Seele nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist es mir denn
-heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen?
-
-Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus Fakten, dass meine
-Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung dort dreimal besser stünden,
-als sie hier stehen. Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen
-aussprechen. Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich mich nicht daran
-stossen wollte, dass man mich unbedingt in den Schuldarrest setzt -- ich
-habe wohl schon anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr ab
-und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn das früher (noch vor
-fünf Jahren) möglich war, es jetzt -- das weiss ich ganz sicher --
-unbedingt unmöglich wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein
-halbes Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: arbeiten
-könnte ich nichts. Themata habe ich zum Schreiben -- einen Haufen. Über
-das Schreiben hier in der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde
-thatsächlich abgetrennt, -- nicht vom Zeitalter, nicht von der Kenntnis
-dessen, was bei Euch vorgeht -- ich weiss das wahrhaftig besser als Sie,
-denn ich lese täglich drei russische Zeitungen, bis auf die letzte
-Zeile, und erhalte zwei Monatsschriften -- aber von dem lebendigen Quell
-des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, sondern von ihrem
-Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! wie sehr beeinflusst es die
-künstlerische Arbeit! Alles dies ist wahr, aber wie soll ich's machen?«
-...
-
-Und weiter: »Übrigens werde ich im Sommer ernstlich darüber nachdenken,
-wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich für den
-»Russkij Wjestnik«. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den
-»Hahnrei« in die »Zarjá« gegeben, habe ich mich bei jenen in eine
-zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich für jene
-das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von
-mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher
-Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache -- ich habe
-das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die
-Nihilisten und Westler über mich zu schreien anfangen, dass ich ein
-Reaktionär bin! Der Teufel sei mit ihnen -- ich aber will mich bis aufs
-letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke?
-Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht?
-Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfällt und ich aus
-einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass
-es ganz misslingt.« [Es ist immer von den »Besessenen« die Rede.] »Aber
-lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen
-mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knüttel aufs Haupt
-versetzt mit Ihrer Bemerkung über die »Anstrengungen der
-Vorstellungskraft«, die Sie im »Hahnrei« gefunden haben. Was hat mir das
-für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist
-es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer --
-folglich hoffe ich.«
-
-Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der
-geschäftlichen Lage des Dichters, welche mit den Worten beginnt:
-»Indessen aber bin ich jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister
-Micowber). Kein Heller Geld« usw. Dann fährt er fort: »Das, was ich
-jetzt für den »Russkij Wjestnik« schreibe, vollende ich sicherlich in
-drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, würde ich mich zur Arbeit
-für die »Zarjá« setzen. Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts
-gearbeitet (den »Hahnrei« zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet
-mich jetzt. Über dem, was ich für den »Russkij Wjestnik« schreibe, werde
-ich nicht abgespannt werden; dafür verspreche ich der »Zarjá« eine gute
-Sache.
-
-Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die »Zarjá« in meinem Kopfe
-reift. Es ist dieselbe Idee, über welche ich Ihnen schon geschrieben
-habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von »Krieg und
-Frieden«; die Idee würden Sie gut heissen -- soweit ich wenigstens nach
-meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus
-fünf grossen Erzählungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen
-werden von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede einzelne
-verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme ich eben für
-Kaschpirew [die »Zarjá«]; hier ist die Handlung aus den vierziger
-Jahren. Der gemeinsame Titel ist: »Das Leben eines grossen Sünders«,
-aber jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage,
-welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich,
-bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgequält habe -- das Dasein
-Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein
-Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist.
-
-Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten
-Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann
-endlich, dass ich nicht nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein
-will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung
-Tichon Zadonsky[28] als Hauptfigur hinstellen, natürlich unter einem
-anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im
-Kloster verlebt. Ein 13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines
-Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne
-diesen Typus), der künftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im
-Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts
-wegen. Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen
-(Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze
-ich Tschaadajew[29] (natürlich auch unter anderem Namen). Warum soll
-Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es
-nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die Ärzte jede Woche
-begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in französischer
-Sprache eine Broschüre gedruckt -- es wäre ja sehr möglich, dass man ihn
-dafür auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew können auch
-andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin.
-(Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus
-in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und
-der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das
-russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon
-und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles
-mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als
-müsste ich mich schämen; Ihnen aber beichte ich. Für andere mag das
-keinen Groschen wert sein, für mich ist's ein Schatz. Über Tichon
-sprechen Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben,
-aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich da eine grossartige,
-unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein
-Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows
-und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur
-den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzücken
-in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als
-eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie's also niemand.
-
-[Fußnote 28: Bischof von Woronesch, ein als Heiliger verehrter Mönch.]
-
-[Fußnote 29: Der bekannte Oberst Tschaadajew, welcher das Heil für
-Russland in der katholischen Idee findet und seine Gedanken über
-Russlands Mangel an Originalität in einem philosophischen Briefe an eine
-Dame niederlegte.]
-
-Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss ich in Russland sein.
-Ach, wenn es gelänge! Die erste Erzählung aber -- bringt die Kindheit
-des Helden. Natürlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat
-begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich
-schlage dies der »Zarjá« vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel,
-Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln,
-werden sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist's ihre
-Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als
-möglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas
-anderes unternehmen« usw.
-
-Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines »letzten Romans«
-[der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow
-»beichtet«, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den
-Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman
-Dostojewskys »Die Brüder Karamasow«, empfangen wir ein ziemlich
-deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die
-Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh
-jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil
-wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel
-versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist,
-dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er
-indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters
-als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte,
-hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von
-des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden
-Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der
-Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen
-des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden
-Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die
-»Verderbtheit« des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman
-verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass
-uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die
-Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese
-bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder
-und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in
-sich darstellt. In den »Memoiren aus einem Totenhause« hat Dostojewsky
-den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der
-Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag
-vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es
-nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen
-Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene
-Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort
-an Aljoscha erinnert?
-
-[Fußnote 30: Aus Gogols »Tote Seelen«.]
-
-[Fußnote 31: Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman »Was thun?«]
-
-Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: Ȇber den Nihilismus
-ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener,
-die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen
-Sie was? Mir kommt's oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen,
-niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste,
-russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort:
-»Potschwenniki« bedeutet genauer: »am nationalen Boden Haftende«; die
-Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die
-übrigen -- mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie
-verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!«
--- --
-
-Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: »Ich danke Ihnen für Ihren
-Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die
-Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische
-Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so:
-wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen
-Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng
-unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken
-Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten
-philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die
-Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h.
-seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen
-und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben,
-was die »Zarjá« zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und
-die richtige Anschauung dafür hat. Wenn also auch nur dies für Euch
-spräche, so wäre das schon ungeheuer viel.
-
-Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse
-nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen
-Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz,
-und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die
-unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob
-sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, »die ohne Sie auch schon
-so gedacht haben«. Das ist nicht richtig.
-
-Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die
-Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift »Zarjá« ist vor allem ein
-Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3
-Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber
-unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des
-Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese
-Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.
-
-Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden Struwe loben!
-Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas
-schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat
-mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die
-Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir
-hauptsächlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die
-gegenwärtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein
-wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen
-zurückgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen
-bewaffnet, während bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist.
-Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss
-gelesen. Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre
-Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. Das aber, Sie
-mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt
-werden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich
-gegen die gegenwärtige Manier des Philosophierens verhalten, und würde
-es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was für ein
-ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die
-Unordnung und Verwirrung in den Ideen -- nun, Gott mit ihnen -- die
-musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit,
-welche Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester
-Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein falscher! Was sind das für
-Philosophen, was für Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafür giebt es
-aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen -- und so
-geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese
-Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, und Sie werden
-sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge
-Professor, der mit seinen Leitartikeln im »Golos« Katkow vollkommen
-geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses
-Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als möglich
-teilen Sie ihn mit!«[32]
-
-»Ja, noch eins« -- heisst es im nächsten Briefe -- »ich wollte Sie schon
-lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn
-kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir
-ungemein interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe sehr
-wenig über ihn als Privatperson erfahren.
-
-Ich schreibe für den »Russkij Wjestnik« mit grossem Eifer und kann
-durchaus nicht erraten, was herauskommt. Noch niemals habe ich ein
-solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. -- Dabei quäle
-ich mich mit dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland
-einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, es ist mir so
-unerträglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben
-kann!
-
-[Fußnote 32: Es ist Gradowsky gemeint.]
-
-Von den mir gesandten 500 Rubeln -- heisst es weiter -- liess ich mir
-nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. Da sind nun aber zwei Wochen
-darüber hinaus vergangen; die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt,
-alles ist ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind erkrankt,
-und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie das
-auf meine Beschäftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu
-sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz
-unfähig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel
-monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann
-in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es
-Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich
-wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine
-Sendung ausser der »Zarjá« rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll
-man mir aber keine Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin.
-Ich schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit
-der Sendung für mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende
-kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die
-Möglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der
-Arbeit -- kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert« usw. ...
-
-»Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des »Wjestnik Ewropy« in
-die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist
-es denn möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit
--- wenn man etwa die »bulgarische nordische Biene« ausnimmt -- einen
-solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da
-sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine Anpassung
-an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus!
-Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens
-geschickt: am ersten jeden Monats und -- Schriftsteller in Fülle. Ich
-habe unter anderem »Die Hinrichtung Tropmans« von Turgenjew
-durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein -- mich aber hat dieser
-aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer
-verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn
-er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. -- Aber kein Mensch,
-der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das
-zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafür giebt es die höchsten
-sittlichen Gründe. »Homo sum et nihil humanum« usw. ... das Komischste
-von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es
-nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: »Seht, meine Herren, wie
-zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten können!« Übrigens
-giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis
-ist -- eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit getriebene
-Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und
-das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man
-übrigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte
-Turgenjew für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen
-Schriftsteller -- was immer Sie auch »in Sachen Turgenjews« schreiben
-mögen. -- Sie müssen schon verzeihen. -- --
-
-Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch
-das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese
-Verdriesslichkeiten!«
-
-Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21.
-Oktober 1870) seine Freude über den wieder aufgenommenen Briefwechsel
-aus: »Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in
-meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach
-Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht erfüllt; die Mittel waren
-ungenügend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frühling
-zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen.
-
-Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstäblich, ohne
-den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman für den »Russkij Wjestnik«
-sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft
-umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht
-zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen,
-ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der
-allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans
-aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht
-sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über dem Anfang. Ein schlechtes
-Zeichen; und dennoch möchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und
-Manier müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; das ist
-wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem
-Wort, niemals hat mir irgend etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h.
-zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine
-herausgequälte, gemachte Sache von oben herab. Später kam wirklich
-Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: es tauchte noch eine
-neue Persönlichkeit mit der Prätension auf, der wirkliche Held des
-Romans zu werden, sodass der erste Held -- eine interessante, doch den
-Namen Held nicht rechtfertigende Figur -- auf den zweiten Plan zu stehen
-kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die
-Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des
-»Russkij Wjestnik« gesandt habe -- bin ich plötzlich erschrocken: ich
-fürchte ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; ernstlich
-fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs
-geradewohl eingeführt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des
-Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz
-und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwägungen
-besteht. Darum, denke ich, wird eine Persönlichkeit herauskommen, ja
-vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit,
-auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz
-hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: denn mit
-diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit verloren und schrecklich
-wenig geschrieben.
-
-Über den »Wjestnik Ewropy« und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als
-dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im
-trivialen, nicht im populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht
-anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky hat mir ungemein
-gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die
-eigentliche Poesie besteht. Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn
-Sie sich darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche,
-gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch,
-dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit
-unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue
-auseinandersetzen. Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und
-sich viel Nutzen bringen. Übrigens -- was lehre ich Sie denn! Sie sind
-mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im
-Buche auf; der Tag, an dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist
-ein Feiertag für mich.
-
-Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rühmen
--- das ist das Zuwidere! Jetzt kommt für mich ein Winter angestrengter
-Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt
-haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: nämlich ohne
-aufzuatmen -- sonst kommt man nicht zu Ende. Ich führe ein langweiliges
-und äusserst regelmässiges Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang,
-lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden
-alle diese gegenwärtigen, erschütternden Ereignisse eine unmittelbare
-Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die
-Litteratur. In jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke
-nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung
-verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn
-man liest, z. B. russische Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade
-das alles frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den »Moskowskija
-Wjedomosti« natürlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer
-Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken werden Sie mich. Ich aber verspreche,
-dass ich pünktlich sein werde.«
-
-Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage
-über die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekämpfen
-habe. Es ist dies der Roman »Die Besessenen«, dessen wir schon
-wiederholt erwähnten.
-
- Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu
- brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit
- aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder
- grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen
- musste. Er musste, um seine Geissel so hart und schwer als
- möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der
- »Gottlosen« niedersausen zu lassen, diesen »Besessenen« auch
- jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie
- entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren
- Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche
- Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den
- göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und
- zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das
- dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens
- konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen
- erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten
- Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den
- tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem
- Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der
- sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord
- seinen Abschluss findet.
-
- In den Mund Stepan Trofimowitsch', den geistreich-sentimentalen
- Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des
- Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne
- thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses
- grosse, eitle, >genialische< Kind in einer fremden Herberge
- erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden
- Frauenzimmer gepflegt wird, das er >ma chère innocente< oder
- >chère et incomparable amie< nennt, da fällt ihm plötzlich ein,
- sie solle ihm »von den Säuen« vorlesen; »de ces cochons« -- »ich
- erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind
- ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen,
- warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich
- es haben.« -- -- Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem
- Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor
- sein Werk gesetzt hat:
-
- »Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem
- Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen
- zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.
-
- Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und
- die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.«
-
- »Meine Freundin,« sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in
- grosser Aufregung, »savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche
- Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses
- .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit
- meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke
- gekommen -- une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele
- Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland.
- Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das
- sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel
- und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren
- Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit
- Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que
- j'aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille
- beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es
- werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit,
- all' diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault
- hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu
- fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das
- sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec
- lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen
- und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden
- alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja
- nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, »sitzen zu
- den Füssen Jesu« ... und alle werden es mit Verwunderung schauen
- ... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das
- alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons
- ensemble.
-
-Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurück und
-nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist
-noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die
-Stelle: »Turgenjews >König Lear< hat mir gar nicht gefallen. Ein
-aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid,
-weiss Gott!«
-
-In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den
-uns bekannten geschäftlichen Erörterungen am Schlusse eine Stelle,
-welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in
-Dingen der europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir den
-Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern
-höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und
-Deutschland, so lange er dort lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal
-der Franzosen anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das ganz
-subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings
-einheitlichen, Untergrunde des »Nichteuropäers«. Er spricht zuerst von
-seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr
-erwarten können, und fährt fort:
-
-»Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles
-furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr das von hier
-aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wüssten, was für einen blutigen Hass,
-bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat!
-Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über Europa! Nun, ist
-jener Russe nicht ein Säugling (das sind aber fast alle), welcher daran
-glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar
-schamlos: eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine
-Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?).
-
-Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen
-die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie
-gezweifelt; und wenn sie dort keine Böcke schiessen, indem sie Frieden
-schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen
-hinausgejagt und dann -- welche Schande! Da hätte man viel zu schreiben
--- und ich könnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung
-mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich
-aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und
-fortführt. Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum
-Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, sie
-einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen
-Einrichtungsstücke), wird, da sie eigene Möbel hat, verpflichtet, auf
-ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben
-drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie
-ja auf 20-30 Thaler. -- Ich selbst habe einige Briefe von jungen
-deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehörigen
-(Krämer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie
-krank, wie hungrig!
-
-Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende Beobachtung: Anfangs
-wurde die Wacht am Rhein sehr oft auf der Strasse in der Menge gesungen
--- jetzt gar nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich die
-Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber -- nicht besonders;
-sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen an jedem Abend in der Lesehalle.
-Einer mit einem schneeweissen Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter,
-schrie vorgestern sehr laut: »Paris muss bombardiert werden!« Das sind
-die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht der Gelehrsamkeit, so --
-der Dummheit. Mögen sie Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche
-Dummköpfe! Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann lesen und
-schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, dumm, stumpf, von den
-untergeordnetsten Interessen erfüllt« usw.
-
-Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen Kritiken fort und
-es fällt dabei ein Streiflicht auf Russlands Verhältnis zu Frankreich,
-das wegen seiner heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den
-Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da (30. Januar
-1871): »-- -- Was Sie über unsere Gesellschaft sagen, habe ich mit
-Kummer in Ihrem Briefe gelesen; und was man von den deutschen
-Angelegenheiten denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug
-kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte wollen sie
-Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie sich ihn und seine
-Nachkommenschaft für alle Ewigkeit zu Sklaven machen wollen, ihm aber
-dafür die Erbfolge sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht -- das
-ist klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung tagen
-wird, so werden sie dieselbe durch die Unmässigkeit ihrer
-(ausgeklügelten) Forderungen zwingen, damit nicht einverstanden zu sein
-und dann -- werden sie den Napoleon proklamieren.
-
-Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: >Wer zum Schwert greift,
-wird durch das Schwert umkommen?< Nein, was durch das Schwert aufgebaut
-ist, wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie »Jung Deutschland«.
-Umgekehrt -- es ist eine Nation, die ihre Kraft verbraucht hat -- denn
-nach einem solchen Geist, nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee
-des Schwertes, des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal
-ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit korporalsmässiger
-Grobheit lachen, was ist das anders. Nein, das ist eine tote Nation,
-eine Nation ohne Zukunft. Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie,
-glauben Sie mir, nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest
-erstehen sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert wird von
-selbst fallen.
-
-Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands ist so gross, dass
-es kaum mehr vier Monate Widerstand aushalten wird. Wenn sie von
-Frankreich zurückkommen, werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön
-thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie schon früher
-gröblich verschnappen.
-
-Gott schütze den Zar und Russland -- aber für Europa ist die Zukunft
-wirklich kritisch.«
-
-Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren Seite von
-Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit zu. In einem Briefe vom 14. März
-1871 an Apollon Maikow sagt der Dichter: »Ihr schmeichelhafter Ausspruch
-über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken versetzt. Gott, wie
-habe ich gefürchtet und wie fürchte ich noch! Wenn Sie dies lesen,
-werden Sie wahrscheinlich auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils
-im Februarheft des »Russkij Wjestnik« gelesen haben. Was werden Sie
-sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere anbelangt, so bin ich
-einfach in Verzweiflung, ob ich's zurecht bringe. -- Nebenbei gesagt:
-das Werk wird ja im ganzen vier Teile haben -- 40 Bogen. Stepan
-Trofimowitsch wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar nicht von
-ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng mit den übrigen (Haupt-)
-Vorgängen des Romans verknüpft, und darum habe ich ihn gleichsam zum
-Eckstein des ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch im
-vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird das sehr originelle Ende
-seines Schicksals Platz finden. Für alles andere stehe ich nicht, aber
-für diese Stelle verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen,
-wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.]
-
-Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich, wie eine geschreckte
-Maus. Die Idee hat mich berückt, und ich habe sie furchtbar
-leidenschaftlich erfasst. Komme ich aber durch, oder ist der ganze Roman
-ein .....? Das ist das Elend.
-
-Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt verschiedene
-Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten habe. Das hat mir sehr,
-sehr viel Mut gemacht. Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich
-gerade heraus, dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.«
-Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die erste Hälfte des
-ersten Teiles gelesen hatte, worin eben Stepan Trofimowitsch die
-Hauptrolle spielt. »Erstens« -- fährt Dostojewsky fort -- »werden Sie
-mir ja nicht schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung
-ein genialer Gedanke hervorgesprungen: »Das sind Turgenjews Helden im
-Alter«. Das ist genial! Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas
-Ähnliches. Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit einer Formel
-bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese Worte. Sie haben mir das ganze
-Werk beleuchtet.
-
-Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling heimzukehren, da
-werden wir was plaudern!«
-
-In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der Dichter an Strachow:
-»Wenn ich lange keine Anfälle gehabt habe und sie sich plötzlich wieder
-entladen, so folgt darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da
-bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese Schwermut etwa drei
-Tage nach einem Anfalle gedauert, jetzt aber hält sie sieben, acht Tage
-an, obwohl die Anfälle selbst in Dresden seltener auftreten, als
-irgendwo sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit. Es ist
-nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. Ich muss nach Russland, wenn
-ich auch das Petersburger Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es
-was es wolle, ich muss heimkehren .....
-
-Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige und schwere Gedanken
-mich beim Lesen Ihres Briefes bedrängt haben. Was heisst denn das?
-»Alles das, wodurch die »Zarjá« originell war, alles, was ihr vor allen
-anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles das hat man
-als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt. Und das ist die einzige
-russische Zeitschrift, in der sich noch die reine litterarische Kritik
-erhalten hat! Gerade darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben
-jetzt nötig. Sie hat der »Zarjá« ihre Physiognomie verliehen. Vor dem
-Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen! Im Gegenteil; in jeder
-Nummer hätten sie auf ihrer Idee bestehen sollen, und ihrer wäre die
-Zukunft gewesen. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe
-jedesmal nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten und
-mich daran berauscht. Es versteht sich, dass ich manchmal nicht ganz
-einverstanden war (so z. B. mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer
-allzugrossen Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser
-Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) -- aber mein Interesse
-daran war immer ein ausserordentliches. Ihr Artikel über Karamsin ist so
-tief und so männlich offen, dass ich hier eine helle Freude darüber
-hatte, dass bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben mir, so
-nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo etwas darüber gelesen und,
-so weit auch ich selbst urteilen kann, scheint es so, dass man den
-Artikel reaktionär findet. Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?«
-
-In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der Dichter eingehend
-über Strachows Verhältnis zur »Zarjá«, erteilt ihm litterarische
-Ratschläge und schliesst: »Abermals wiederhole ich, dass ich mit grosser
-Sehnsucht, ja mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den
-früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier muss ich aber noch
-eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn sich die Gelegenheit dazu böte,
-mit niemand von meiner baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich
-möchte gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr von den
-Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte es, dass sie gleich auf
-mich losstürzen; ich fürchte das aber, weil ich kein Geld habe, sondern
-nur Erwartungen. -- Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch,
-oder mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur -- weil ich
-Russland brauche. Um jeden Preis muss ich zurück. Mir scheint, ich werde
-in der Mitte des Sommers bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit
-der Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit meinem jungen
-Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso jungen Gattin zurückkehre, so
-ist's doch auch mit Kindern! Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt,
-das zweite aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf der Reise
-sein!«
-
-In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April (a. St.) 1871,
-welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist, spricht er ebenfalls über
-die Nötigung der Heimkunft, welche aber durch die im August zu
-erwartende Niederkunft Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden
-könnte. Er hat sich an die Redaktion des »Russkij Wjestnik« gewendet, um
-1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung zu erlangen. Nun schickt man
-ihm allerdings einiges Geld für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber
-bittet man ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: »Indessen ist
-es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs August soll meine Frau in
-die Wochen kommen; darum ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor
-der Niederkunft zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren
-Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir ohne Dienerin und
-mit einem kleinen Kinde reisen müssen. Nach der Geburt hier bleiben, ist
-aber auch unmöglich; man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im
-Oktober reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist schon das
-allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna schon ganz umbringen,
-durch die Verzweiflung, deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist
-thatsächlich vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr ein Jahr
-ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier bleibe, aus mir bekannten
-Ursachen nicht imstande sein, den Roman zu beenden, und kann in
-geschäftlicher Beziehung noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde
-ich Ihnen beim Wiedersehen erklären.
-
--- -- Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen, Schlüsse, die Sie
-sicherlich ebenfalls kennen, von deren Wahrheit Sie aber noch nicht
-vollständig durchdrungen sind, wie auch ich es bis in die allerletzte
-Zeit nicht gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der grossen
-Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis zu dem Kreise des rein
-Litterarischen, ist bei uns die allgemeine Bildung und Erkenntnis auf
-einige Zeit zersplittert, zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich
-eingebildet, dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur
-(gleichsam einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und es
-ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller litterarischen
-Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass jeder Kritiker, der etwa
-bei uns auftauchen sollte, jetzt gar nicht die richtige Wirkung
-hervorrufen würde. Dobroljubow und Pissarew haben gerade darum Erfolg
-gehabt, weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen -- das ganze
-Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann man das unmöglich,
-sondern man muss gleichwohl in seiner kritischen Thätigkeit fortfahren.
-Verzeihen Sie mir also den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde.
-
-Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche Idee aus und, was
-die Hauptsache ist, es geschah dies zum erstenmale in unserer
-Litteratur. Es ist diese: dass jedes halbwegs bedeutende und wirkliche
-Talent bei uns -- immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl
-zuwandte, volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck Puschkin
-plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows, den
-Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen, d. h. früher, als alle
-Slavophilen, ihre ganze Wesenheit ausgedrückt und -- nicht genug an dem
--- er hat dies unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis
-auf den heutigen Tag gethan haben.
-
-Sehen Sie hingegen Herzen an -- fährt der Dichter fort -- wie viel
-Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad zurückzukehren, und welches
-Unvermögen dazu, infolge seiner widerwärtigen persönlichen
-Eigenschaften! Noch mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann
-man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen Faktoren
-verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten; derart, dass man
-zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus entwickeln könnte. Nämlich: Wenn
-ein Mensch wirklich Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer
-schon verwitterten Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden;
-wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so wird er nicht nur in der
-verwitterten Schichte verbleiben, sondern sich verpflanzen, katholisch
-werden usw. -- -- Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade
-durch sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum Russland
-verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt (von Belinsky wird man
-noch einmal vieles zu sagen haben, Sie werden es schon sehen). Allein
-die Sache ist die, dass in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel
-Kraft liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt
-werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses Thema, entwickeln
-Sie es im Einzelnen. Man wird sich gewiss darüber freuen. Es wird
-dieselbe Kritik sein, nur in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze
-im Jahre, und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird das
-Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie in einen Kreis
-getreten sind, wo man Sie besser versteht. Die Hauptsache ist: wozu die
-Litteratur aufgeben?
-
--- -- Ich kehre erst im Juni heim, so haben sich meine Geldmittel
-gestaltet. -- Hören Sie, was ich Ihnen noch über Ihre letzte Beurteilung
-meines Romans sagen will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes
-darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie ungemein fein
-auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja, ich habe darunter gelitten und
-leide darunter; ich verstehe bis heute nicht (ich hab' es nicht
-gelernt), meine Mittel richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner
-Romane drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass noch
-Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich richtig
-ausgesprochen. Und wie habe ich selbst schon viele Jahre darunter
-gelitten, da ich es selbst erkannte!«
-
-Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote einen Abriss seines
-kritischen Briefes an Dostojewsky, der im wesentlichen unseren Eindruck
-vom Roman »Die Besessenen« bestätigt. Er lautet:
-
- »Im zweiten Teile der »Besessenen« sind wunderbare Dinge
- enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in
- einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und
- scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in der
- Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow -- das sind
- lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf
- das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht
- dies Ziel der Erzählung nicht und verliert sich in der Menge der
- Personen und Episoden, deren Verknüpfung ihm nicht klar ist.
- Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile
- schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschläge
- zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten,
- welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an
- Ihrer Thätigkeit hinzunehmen bitte.«
-
- »Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der
- Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im
- Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über
- allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit
- ausgebreitet ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil
- für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen zu
- sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer
- Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. »Der
- Spieler« zum Beispiel und »Der Hahnrei« haben die klarsten
- Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den »Idioten«
- gelegt haben, verloren ging.«
-
- Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der zwei
- zuerst genannten Werke beipflichten. Über den »Idiot« haben wir
- weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.
-
- »Dieser Mangel« -- fährt Strachow in jenem Briefe fort -- »steht
- natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein geschickter
- Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den zehnten Teil
- Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt machen und als
- Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur
- einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass
- die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der Analyse reduziert
- werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich
- mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte.
- Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir,
- dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es
- nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten
- wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rühre,
- dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag vorlege -- den,
- dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören Dostojewsky zu sein.
- Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch
- verstehen werden.«
-
-Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht klarer und prägnanter
-kennzeichnen, als dies hier Strachow thut. Allerdings geschieht dies nur
-nach der positiven Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des
-Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung hervorquellen.
-Was uns als Mangel erscheinen muss, das Fehlen jeder Teilnahme für die
-Reize und Gewalten der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des
-Menschen entströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, das
-hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht damit gethan. Er mochte
-wohl fühlen, dass diese Mängel zu jenen gehören, welche am innigsten mit
-unserer Lebenswurzel verflochten sind und nicht genannt werden dürfen,
-weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, sie von sich zu
-lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende müssen diese Mängel
-als das erscheinen, was sie sind: ein Übergewicht des inneren Realismus
-über den äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem der
-Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt. Uns fehlen
-in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals die tiefen und geheimnisvollen
-Anlässe in den Handlungen seiner Charaktere, wohl aber fast immer die
-äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen Übergänge, wie sie
-unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven so reichlich verarbeiten. Diese
-Mängel nun scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein anderes
-ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte.
-
-»Es giebt aber noch ein Schlimmeres,« fährt er in jenem Briefe an
-Strachow fort, »ich mache mich, ohne meine Mittel zu berechnen, und nur
-vom poetischen Zuge hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken
-auszudrücken, dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist die Kraft der
-poetischen Begeisterung immer, z. B. bei Victor Hugo, stärker als die
-Mittel zur Ausführung. Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser
-Zweiheit erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. -- Ich füge hinzu, dass
-die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen diesen Sommer über,
-dem Roman sehr schaden werden.«
-
-Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt in die Zeit der
-Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, einen jener Aussprüche des
-Dichters über Sozialismus und Kommunismus zu hören, wie er sie breiter
-und ausführlicher in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in seinen
-letzten Tagebuchnotizen und seinen »Winterlichen Bemerkungen über
-Sommer-Eindrücke« ausgesprochen hat, wovon wir weiter unten einige
-bedeutsame Stellen folgen lassen. Der Brief lautet:
-
- »Dresden, 18. (30.) Mai 1871.
-
- Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch!
-
-Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit Belinsky angefangen!
-Das habe ich vorausgeahnt. Aber sehen Sie doch nach Paris, auf die
-Kommune. Sind Sie wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder
-nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen, der Umstände?
-Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch träumt diese Bewegung entweder
-von einem Paradies auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie
-zeigt, knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes Unvermögen,
-auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. Im wesentlichen ist's
-immer wieder derselbe Rousseau und der Traum, die Welt mittels des
-Verstandes, der Erfahrung aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es
-sind doch, scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass
-ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige Erscheinung
-ist.
-
-Sie schlagen Köpfe ab -- warum? Einzig und allein darum, weil das das
-leichteste von allem ist. Irgend etwas sagen ist unvergleichlich
-schwerer. Der Wunsch nach einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie
-wünschen das Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des
-Rousseauschen Wortes »Glück« stehen, d. h. bei einer Phantasie, welche
-nicht einmal von der Erfahrung bestätigt worden. Der Brand von Paris ist
-eine Ungeheuerlichkeit. »Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt
-untergehen.« Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Welt und
-Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen anderen) diese
-Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, sondern als _Schönheit_. Und
-so hat sich im neuen Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee
-getrübt. Die sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus
-entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag sich selbst
-nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren Wünschen und Idealen.
-Sind denn endlich, jetzt, nicht genug Fakten vorhanden, um zu zeigen,
-dass man nicht auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht
-diese Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher komme, wie sie
-bis heute meinten? Woher denn? Sie werden viele Bücher schreiben, die
-Hauptsache aber auslassen: Im Westen hat man Christum verloren und darum
-sinkt der Westen, einzig und allein darum.
-
-Das Ideal ist ein anderes geworden -- wie klar ist das! Und das Sinken
-der päpstlichen Macht zugleich mit dem Sinken der römisch-germanischen
-Welt (Frankreichs und der anderen) -- welch' ein Zusammentreffen!
-
-Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was
-ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und
-diese ganze .... jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben
-wir nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch
-warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft
-antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu
-aufrichten und glücklich sein. Sie würden es nie zugeben, dass man,
-betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der
-Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach
-den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter träumen würden. Hier habe
-ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens
-getadelt, denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste,
-schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung
-liegt -- in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere
-Sie, Belinsky würde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht
-darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem
-französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalität in sich
-bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen
-Nationalität enthalten und das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche
-zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen würde er
-sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland
-beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen -- um
-Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre,
-an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den
-Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde er hocherfreut
-annehmen.
-
-Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt
-und gesehen und habe ihn jetzt völlig ergründet. Dieser Mensch hat mich
-einen ...... geschmäht, indessen aber war er niemals fähig, sich selbst
-und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu
-stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher
-Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber
-hauptsächlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei.
-[Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter oben Seite 60 angeführt, wo
-sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig
-schien.] Er hat sich niemals gefragt: »Was werden wir denn an seine
-Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich
-niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er war im
-höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche,
-schändliche, persönliche Stumpfheit. Sie sagen, er sei talentvoll
-gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn
-gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich
-einigen seiner rein künstlerischen Urteile lauschte (z. B. über die
-toten Seelen): er hat sich gegenüber den Typen Gogols bis zur
-Unmöglichkeit oberflächlich verhalten und war nur bis zum Entzücken
-erfreut darüber, dass Gogol betrog.
-
-Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er
-hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und
-mit den Erzählungen Bjelkins und seinem »Arap« hervortrat. Er hat mit
-Verwunderung die Nichtigkeit von »Bjelkins Erzählungen« verkündet. Er
-hat in der Erzählung Gogols »Die Kutsche« keine künstlerisch
-zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, sondern nur eine spasshafte
-Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des »Eugen Onjegin« abgelehnt.
-Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei ist das aber
-nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung »Drei Porträts« ausgesprochen.
-Ich könnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um
-Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines »empfänglichen
-Vibrirens« zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er
-selbst ein Dichter war). Über Belinsky und über viele Erscheinungen
-unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge
-ausserordentlicher Vorurteile hindurch.
-
-Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich
-habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten -- mit Begeisterung, allein
-auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die
-Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er über
-manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls
-nicht ernst nimmt), so hätten Sie auch gestehen sollen, dass seine
-grosse künstlerische Befähigung in seinen letzten Werken zurückgegangen
-ist und zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als
-Künstler sehr zurückgegangen. Der »Golos« meint, dies sei darum der
-Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber
-sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frühere
-Künstlergrösse zu. Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht
-(nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres
-Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt -- -- Aber
-wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles
-gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein
-dieses, im höchsten Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein
-neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch nicht gegeben,
-war auch noch nicht möglich. Die Rjeschotnikows[33] haben nichts
-verkündet; aber immerhin drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend
-etwas Neuem in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht mehr
-landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche Weise thun.
-
-Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe
-keine Vorstellung darüber, wann ich zurückkomme (unter uns: ich trachte
-in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse,
-dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig.
-
-Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird
-(habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird
-doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist meine
-jetzige Devise.«
-
-[Fußnote 33: Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller wurde
-und Bauernerzählungen schrieb. Er starb in jungen Jahren.]
-
-Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: »-- -- Ich meine nur im
-allgemeinen, dass es für die Zeitschriften nicht übel wäre -- wenn auch
-nur eine den Anfang machte -- sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die
-»Zarjá« nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter
-mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich
-könnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen
-darüber entwickeln kann!«
-
-
-
-
- X.
- Petersburg; die letzten zehn Jahre.
- (1871-1881.)
-
-
-Mit der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen Ansiedelung in
-Petersburg tritt des Dichters Leben in seine letzte, seine bedeutendste
-Phase. Gleich einer Dichtung, die ein Meister vollendet, wo sich das
-Wesenhafte immer deutlicher und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur
-letzten Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich nach
-dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist aber nicht in einem
-behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen Abschliessens zu verstehen,
-sondern in echt Dostojewskyscher Art: durch alle Lebensunruhe und allen
-Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen hindurch der
-Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende Einheit in leidenschaftlich
-bewegter Vielheit war.
-
-Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug. Anna Grigorjewna
-erzählt uns, dass sie nach Begleichung der Dresdener Schulden und der
-Reisekosten mit einer Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg
-ankamen, und das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft,
-mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden, die man für sie
-aufbewahrt oder versetzt hatte -- sie waren verfallen. Auch eines
-Hausanteiles, auf welchen sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte,
-war sie durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass es nun
-hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, vor allem den
-letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch legte von nun an den
-administrativen Teil seiner Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den
-endlichen glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte.
-
-Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die wir hier folgen
-lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe
-von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte:
-Im Januar 1873 erschienen »Die Besessenen« in 3500 Exemplaren, im Januar
-1874 der »Idiot« in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die »Memoiren
-aus einem Totenhause« in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 »Schuld und
-Sühne« in 2000 und im November 1879 »Erniedrigte und Beleidigte« in 2400
-Exemplaren.
-
-Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu
-tilgen vermochte, ungemein über das Los seiner Familie, die in Armut zu
-hinterlassen er stets hatte fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem
-Tode ein Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus seinen
-Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre genau verzeichnet
-waren. So bezog er:
-
- Im Jahre 1877:
-
- aus »Schuld und Sühne« 487 R. 12 K.
- eingebunden Ex. des »Tagebuchs eines
- Schriftstellers« von 1876 497 " 80 "
- »Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 561 " 63 "
- Rest vom Jahre 1876 295 " 40 "
- =================
- Sa. 1841 R. 95 K.
-
- Im Jahre 1878:
-
- »Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1199 R. 50 K.
- »Schuld und Sühne« 548 " 98 "
- Tagebuch 1876 281 " 68 "
- Tagebuch 1877 346 " 50 "
- =================
- Sa. 2376 R. 66 K.
-
- Im Jahre 1879:
-
- »Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1271 R. 99 K.
- »Schuld und Sühne« 797 " 16 "
- Tagebuch 1876 98 " 61 "
- Tagebuch 1877 121 " 2 "
- + »Erniedrigte und Beleidigte« 227 " 24 "
- =================
- Sa. 2516 R. 2 K.
-
- Im Jahre 1880:
-
- »Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 1287 R. 20 K.
- »Schuld und Sühne« 933 " 99 "
- Tagebuch 1876 247 " 6 "
- Tagebuch 1877 219 " 14 "
- =================
- 2687 R. 39 K.
-
- + »Erniedrigte und Beleidigte« 548 " 51 "
- + Tagebuch 1880 893 " 87 "
- =================
- 4129 R. 77 K.
-
- »Brüder Karamasow« 3681 " 50 "
- =================
- 7811 R. 27 K.
-
-Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die in den Zeitschriften
-erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die »Vaterländischen
-Annalen« i. J. 1875 für den Druckbogen des Romans »Junger Nachwuchs«
-(Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der »Russkij Wjestnik« für
-die »Brüder Karamasow« (1879-80) 300 Rubel.
-
-Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag
-gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die
-des Dichters schwerste Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute
-eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder
-neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein
-noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und
-Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen,
-etwas ungedrucktes beizufügen. --
-
-Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir P. Meschtschersky
-den Dichter näher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion
-seines Blattes »Grashdanin« zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche
-mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, erhielt
-der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar für
-seine Beiträge. Diese Artikel waren meist Feuilletons über die
-brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel »Tagebuch eines
-Schriftstellers« führten. Sie bilden heute den ersten Band der unter
-demselben Titel herausgegebenen Schriften.
-
-In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten und von ihm ganz allein
-besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen »Tagebuch eines
-Schriftstellers« gab, fand er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das
-ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine
-bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese
-Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das
-Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer
-rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem
-zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte Brief vom 9.
-April 1876 beginnt mit einer Erörterung persönlicher Beziehungen und
-fährt dann fort:
-
-»Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich mich im »Tagebuche«
-in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehört. Hier
-ist, was ich Ihnen unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem
-unumstösslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der
-künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte
-Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grössten
-Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glänzt damit
-nach meiner Meinung einzig und allein -- Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo,
-welchen ich als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige
-Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er
-sagte, »Schuld und Sühne« stehe höher als die »Misérables«, hat uns, ob
-er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare
-Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben
-wären. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen
-grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium --
-nicht der Wirklichkeit an und für sich, denn ich kenne sie ohne das --
-sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen.
-Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum
-Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige
-russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz anders ist, als vor
-zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere.
-
-Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit
-hinter der gegenwärtigen Generation zurückbleiben. Ich habe unlängst
-Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im
-gegenwärtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe,
-manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles
-nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich bin ich mir ganz klar,
-dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer
-lehren könnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte
-(und den er in einem halben Worte verstand), versteht er nicht etwa
-vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. >Mir sind meine Ideale
-teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen<, fügte er hinzu, >damit
-will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben;
-diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang
-wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit
-darauf< ....
-
-Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt habe, Christina
-Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu
-schreiben. Das ist's, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und
-das »Tagebuch« führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht
-verloren gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie z. B. glauben,
-dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des
-»Tagebuchs« klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die
-Richte bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre
-erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird?
-Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn Themen, wenn ich mich zum
-Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche
-mich mehr einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum
-einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden
-dem Heft schaden, denn es wird dadurch einförmig, arm an Artikeln
-werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein
-wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich,
-nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich treffe auf
-Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die mich sehr einnehmen -- aber
-wie soll man über das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu
-unmöglich.
-
-So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele
-Briefe, mit und ohne Unterschrift -- alle voll Teilnahme. Manche
-darunter sind ausserordentlich interessant und originell, dazu gehören
-sie allen möglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser
-verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrüssung meiner
-Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben,
-namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den
-ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der
-Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt
-unsere Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle,
-die wir den verschiedenen Richtungen angehören, einigen könnten. Aber
-als ich den Artikel schon überlegt hatte, sah ich plötzlich, dass es um
-keinen Preis möglich wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun
-aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?
-
-Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da
-plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie
-kommen herein und sagen: »Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen,
-schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie
-würden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns
-nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind
-wir, N. N. und N. N.« Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch
-ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, sie seien Studentinnen der
-medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und
-dass sie in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu erlangen
-und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen -- diesen Typus neuer
-junger Mädchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne
-ich wohl sehr viele, bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie
-gründlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine
-bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen?
-Welche Geradheit, welche Natürlichkeit, was für eine Gefühlsfrische,
-Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und
-welche alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich
-viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen --
-der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben?
-Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend -- unmöglich. Ja, es
-ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem Falle für
-Eindrücke eintragen?
-
-Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein
-Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten
-Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen
-Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet,
-welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer
-anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, dass er eine _Schurkerei
-begangen habe_, da hat er das _garnicht begriffen_. Nun, wie soll ich
-das erzählen? Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch etwas
-Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzählte,
-jener Denkprozess in den Ansichten und Überzeugungen charakteristisch,
-demzufolge er _nicht begriff_ und über welchen man ein interessantes
-Wörtchen sagen könnte.« --
-
-So beginnen dann endlich für den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach
-und nach alle persönlichen sowie die vom Bruder übernommenen Schulden
-und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende
-noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens unweit der
-Wladimirkirche innehatten, so haben seine äusseren Zustände an Ruhe und
-Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was
-Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller
-persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und oft wechselndes
-Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. »Ich habe einen schlechten
-Charakter«, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, »aber
-nicht immer, und das ist mein Trost.«
-
-Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwähnten, in
-den vaterländischen Annalen den Roman: »Der Adolescent«.
-
- Wir haben über die Erzählung »Podrostok« (der Adolescent), welche
- nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel »Junger Nachwuchs«
- führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den russischen
- Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden. W.
- Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen Züge
- enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch die Erwähnung auch
- inneren Fühlens und Erlebens und seiner Eigenform versteht, so
- kann man sagen, dass es kein Werk Dostojewskys giebt, das nicht
- selbstbiographische Züge aufwiese. Auch die Schilderung manches
- äusseren Geschehens tritt uns mit der Lebendigkeit des Erlebten
- entgegen.
-
- So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, des
- jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im Jahre
- 1877 im Aprilheft des »Tagebuchs« erschienenen »Traumes eines
- lächerlichen Menschen«. Ja, der aufmerksame Leser findet in allen
- Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, immer
- dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; schon
- das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch
- innenbiographisch.
-
- Der »Podrostok« nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier für
- überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des Werkes
- sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint uns vom
- russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den Ideen
- Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche junge
- Russland, mit dem Dostojewsky seine »Brüder Karamasow« und somit
- sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von »Schuld und Sühne«,
- strenger genommen, von seiner Rückkehr nach Russland, angefangen,
- sehen wir den Dichter unausgesetzt mit der Jugend, der russischen
- Jugend, beschäftigt, die er, in unendlichen Variationen, von der
- völligen Abwendung, wie in Stawrogin (»Die Besessenen«), bis zu
- völliger Durchdringung, wie in Myschkin (»Idiot«) und Aljoscha
- Karamasow mit dem Christentum in Contact bringt. Hier und da
- setzt er Ausgereifte, Alte, welche das Christentum fertig in sich
- tragen, als feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses
- überschäumende Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer
- Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn
- auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan
- Trofimowitsch in den »Besessenen« und die junge Sonja, die ihren
- naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt.
-
- Von Raskolnikow, dem »Napoleon«, bis zum Bürschlein Kolja
- Krassotkin, der -- im Epilog der »Karamasow« -- »für die Wahrheit
- sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen«, zieht eine
- endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren Seele der
- Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der Dichter in
- jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. sagt, dass
- er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu verstehen.
- Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe, seinem
- Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde, dass
- er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu sagen
- hätte.
-
- Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art Raskolnikow.
- Auch er hat seine »Idee«. Nicht ein Napoleon will er sein,
- sondern ein Rothschild. Er will »ununterbrochen« und »hartnäckig«
- Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben, die das Geld verleiht.
- Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, sondern viel
- hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich erlauben darf,
- als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten.
-
- Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner »Idee«? Er ist ein
- unehelicher Sohn, das Opfer der »zufälligen Familie« unserer
- Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal ihm
- schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst die
- Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder,
- sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese
- Aufzeichnungen an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob
- sie für einen Roman tauglich seien.
-
- Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des Dichters
- eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist im Epilog
- seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, was manche
- Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht haben. Denn ein solches
- Zusammenfassen und Aussprechen wirkt nur bei dem Starken, der
- seine Ideen künstlerisch auf die Beine zu stellen versteht, als
- Verstärkung, während sie für den Schwachen zum Rettungsanker für
- die Verständlichkeit verwendet wird.
-
- Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten,
- grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere
- Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der
- »zufälligen Familie«, die eine solche Jugend erzeuge wie die
- heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman
- unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein, welche
- nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle Typen
- schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen Menschen, die
- ehelichen und unehelichen Kinder seines »zufälligen« Vaters, des
- geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, und
- schliesst:
-
- »Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese Familie --
- eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine Seele darüber
- freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene Schlussfolgerung
- richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt schon eine grosse
- Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar und in Massen in
- zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen Chaos, gemeinsame
- Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? Auf einen Typus dieser
- zufälligen Familien weisen ja auch Sie in Ihrer Handschrift hin.
- Ja, Arkadji Makarowitsch, Sie -- sind Mitglied einer zufälligen
- Familie, im Gegensatze zu unseren noch vorlängst bestehenden
- alten Familientypen, die eine von der Ihrigen so sehr
- verschiedene Kindheit und Jugend hatten.
-
- Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden der
- zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit ohne
- schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall -- noch
- eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch vollendet
- werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen, da ist ein
- Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu viel erraten.
- Was aber soll ein Schriftsteller thun, der wünschen würde, nicht
- nur historisch zu schreiben, der von der Sorge um die Gegenwart
- bedrängt ist? Raten und -- sich irren.
-
- Allein solche »Aufzeichnungen«, wie die Ihren, könnten, so
- scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein
- künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen
- Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und das
- Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler sogar für
- die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche Formen finden,
- dann werden solche Aufzeichnungen, wie die Ihrigen sind,
- gebraucht werden und ein gutes Material abgeben -- wenn sie nur
- aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und Zufälligen
- darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte Züge
- unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten können,
- was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben Zeiten
- bergen konnte -- eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis, denn
- aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.«
-
-Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr zu Jahr für den
-Dichter immer drückender wurde, nahm Dostojewskys intensive innere und
-äussere Vorbereitung zu seinem »letzten Roman« einen immer grösseren
-Raum in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster mit ihren
->Skity< (Einsiedeleien) wieder auf und widmet vor allem jeden freien
-Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, dem praktischen Studium
-der Rechtspflege; denn so wenig er etwas über die Theorie der
-Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige
-Krankheitstypen hinzeichnete -- an denen die Wissenschaft lernen könne,
-wie Dr. Tschiz sagt --, ebensowenig hatte er sich ja um den Buchstaben
-des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft bekümmern können, wenn man auch
-den Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er nun in
-Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines Lebens reichlich
-Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit dem Wortlaut der Gesetze und
-dessen praktischen Konsequenzen vertraut zu machen.
-
-Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein verstandesmässige
-Gesetzeskenntnis mit den tieferen Quellen seines Wesens zusammen. Sein
-Empfinden der menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde
-und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir doch in den
-grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den Schwurgerichten, den
-Strafprozessen und ihrem Ausgang widmet, das eifrige Bemühen, den
-lebendigen Strom subjektiver Wahrheit in das dürre Gebiet der
-»objektiven« Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung
-der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben Worten, die er im Epilog des
-»Hahnreis« ausspricht: »Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten
-konnte wissen, ob sie weiter schneiden werde« usw.
-
-Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit geht soweit,
-dass er nach Verurteilung der Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr
-sechsjähriges Stieftöchterchen vom Fenster ihrer Wohnung im vierten
-Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme des
-Prozesses drängt und das Gutachten der Ärzte herbeiführt, die nach
-eingehender Prüfung des Sachverhaltes eine Geistesstörung während der
-ersten Monate der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im
-Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt ihres Kindes
-weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde freigesprochen und
-Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung der Gatten einzuleiten und durch
-persönliche Teilnahme an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. --
-Diese Beschäftigung mit den »laufenden Dingen der Gegenwart« reift eben
-die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im »Tagebuch eines Schriftstellers«.
-Sie ist zugleich Vorbereitung für den Roman und Verkündung »seiner
-Wahrheit« in diesem eigenartig redigierten Organ.
-
-Auch »die Gesellschaft« hatte sich in dieser Zeit dem Dichter genähert.
-Er wird vielfach geladen, gefeiert, nimmt Teil an wohlthätigen
-Veranstaltungen, Kinder- und Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor
-seinem Tode sollte er bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die
-Rolle des Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde aber durch
-das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen Verlauf zum tötlichen
-Ausgang nahm. --
-
-Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde und einige
-diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten während der
-Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen, sowie seine Anschauungen über
-Dinge, welche seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten z.
-B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in Russland. So sehr
-ihm die Studentinnen gefallen [wie wir oben sahen], so wenig will er
-etwas davon wissen, dass sie »um Nutzen zu bringen« -- wie das
-Losungswort der russischen Jugend lautet --, Feldscherinnen und Hebammen
-werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung aller Spezialisten in
-Russland (»ganz anders in Europa«) hin und verlangt von den jungen
-Mädchen und Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: »die Mehrheit der
-Studenten aber und der Studentinnen, das ist alles ohne jegliche
-Erziehung. Was ist das für ein Nutzen für die Menschheit?«
-
-In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont Dostojewsky ihr
-grosses Glück, Kinder zu besitzen. »Wie gut ist es, dass Sie Kinder
-haben, wie sehr vermenschlichen diese unsere Existenz in einem höheren
-Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, und ohne
-sie giebt es kein Lebensziel. Und die europäischen Sozialisten verkünden
-gemeinsame Erziehungshäuser! Ich kenne vortreffliche verheiratete
-Menschen, die aber kinderlos sind -- nun denn: bei so viel Geist, bei
-solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und wahrlich, in den höheren
-Aufgaben des Lebens hinken sie irgendwie.« Wer Dostojewskys Werke
-aufmerksam gelesen hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut
-sein. Vom »kleinen Held« angefangen bis zum Schluss der »Brüder
-Karamasow«, dem niedergeschriebenen wie dem ersonnenen, den er den
-Freunden mitteilte, schlingt sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare
-Reihe von Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so innig
-ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft so viel hofft.
-
-Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat nach
-des Dichters Tode unzählige Vorträge gehalten und Artikel über ihn und
-seine Thätigkeit geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von
-Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist bis zum Jahre 1897
-allein 190 grössere und kleinere Schriften und Werke auf, die sie im
-dazu gegründeten »Museum Dostojewsky« in Moskau samt ungedruckten (von
-der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) Fragmenten, z. B. gewisse
-Kapitel aus den »Besessenen«, bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir
-nicht wenige über das Thema: »Dostojewskys Kindertypen«. Wir haben nur
-in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass sie alle das
-nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in seinen Briefen über das
-»winzige Wesen« Sonja wie ein lebendiger Liebesquell hervorbricht. In
-der aufregendsten Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt,
-immer wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens
-Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich trug. Man denke
-nur, was alles in seinen Werken über sein Verhältnis zu Kindern
-ausgestreut liegt: an die Kinderfreundschaft in »Njetotschka
-Njeswanowa«, das Kinderkapitel im »Idiot«, an alle kleinen Erzählungen
-und Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder in den
-»Karamasow«, und man wird erkennen, dass sie nicht zufällig da sind,
-dass sie einen integrirenden Teil seiner Dichtung und seines Lebens
-ausmachen. -- Die Anfrage eines seiner Korrespondenten, was dieser sein
-noch sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet Dostojewsky
-ungefähr mit: das Beste. Walter Scott, Schiller, Goethe, den Don
-Quixote, Gil Blas, Prescott und die russischen Historiker, sowie
-Puschkin und Tolstoj unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, »wenn er
-wolle«, ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl.
-
-In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie ihn in seinen Werken
-verstehe, was bei der gesamten litterarischen Kritik nicht der Fall sei,
-und hegt nur den einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können,
-wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den jetzt
-hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der bei seiner
-Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt habe: »Nach meiner tiefsten
-Überzeugung weiss die Menschheit unendlich viel mehr, als sie bis heute
-in ihrer Kunst und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.«
-
-Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in Broschüren und
-Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys Zorn heraus, dem er aber
-meist nur in seinem Notizbuch aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene
-für die russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker K.
-D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: »Sie sagen, das heisse sittlich
-sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen handelt. Woher haben Sie
-das genommen? Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, und
-sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner Überzeugung zu
-handeln ..... Blutvergiessen halten Sie nicht für sittlich, aber aus
-Überzeugung Blut vergiessen, das halten Sie für sittlich. Das Sittliche
-deckt sich nicht mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben,
-weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht Folge zu
-leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen bei seiner
-Überzeugung verharrt, durch ein gewisses Gefühl davon abgehalten wird,
-die Handlung auszuführen. Er tadelt und verachtet sich mit dem
-Verstande, allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann er
-sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht Feigheit
-zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick lang geschwankt; es
-ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen zu erheben, sagte sie sich.
-Dieses Schwanken war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.«
-
-An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten und Anhänger
-des Westens, welche jedoch die bureaukratischen Formen und Formeln
-ablehnen: »Zerstört nur die administrativen Formeln!« heisst es da, »das
-ist aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein Verleugnen
-dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine Untreue an Peter dem
-Grossen. O, auf eine Umgestaltung wird unsere Administration schon
-eingehen, aber nur in einer untergeordneten Form, praktische Fragen
-betreffend usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln sollte
--- nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, welche im
-Gegensatz zum Beamtentum auf dem Semstwo bestehen, wahrlich sie
-widersprechen sich selbst! Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das
-ist ja die Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von ihnen so
-sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus in seiner jetzigen
-Gestalt bestehen bleiben, wenn sich das gesetzmässige Semstwo
-einwurzelt? Das ist die Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er
-sich nicht erhält.
-
-Der Beamte, der jetzige Beamte indessen -- das ist der Europäismus, das
-ist Europa selbst und sein Emblem, das ist gerade das Ideal der
-Gradowskys, der Kawelins u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und
-Europajunge, wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und
-seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen, welche dem
-Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen entsprächen.
-Übrigens, was sage ich? Im wesentlichen treten sie ja auch dafür ein.
-Gebt ihnen eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem
-administrativen Schutze Russlands anvertrauen« ....
-
-Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: »Ja, Ihr werdet
-die Interessen Eurer Gesellschaft vertreten, aber ganz und gar nicht die
-des Volkes; Ihr werdet es auf's neue leibeigen machen, Kanonen werdet
-Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse aber! Die Presse
-werdet Ihr nach Sibirien schicken, so wie sie Euch nur nicht ganz
-zusagt! Nicht nur Euch widersprechen wird« usw.
-
-Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der Begriffe und Wirrnis
-der Werde-Elemente in Russland hindurch eines klar: dass das Beamtentum
-eine furchtbare Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener
-historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach Diener des
-Staates allmählich zu Herren des Volkes werden und aus jedem Gemeinwesen
-eine seelenlose Maschine zu machen vermögen, die alles zermalmt, was in
-ihre Nähe gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines
-Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt dieses Thema später
-noch einmal in einem Briefe an Iwan Sergejewitsch Aksakow, mit welchem
-er erst nach der denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere
-Beziehungen trat.
-
-Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken des Dichters zu seinem
-äusseren und inneren Gipfelpunkt. In diesem Jahre stellt er durch seine
-grosse Puschkin-Rede gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen
-Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet er sein
-»letztes Werk«, die Krone von seines Lebens Sinnen und Schaffen,
-Wünschen und Wirken, die »Brüder Karamasow«.
-
-Nikolaus Strachow erzählt in den »Materialien zu einer Biographie
-Dostojewskys« [Petersburg, Suworin 1883] mit grosser Ausführlichkeit den
-ganzen Verlauf der für die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll
-gewordenen Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses
-»nationalen Ereignisses« nicht nach. Für uns sind drei springende Punkte
-wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet seien. Erstens die
-Vorbedingungen, welche dieses Fest zu solcher Bedeutung erhoben, sodann
-das Konkrete des Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung
-auf die litterarisch-nationalen Parteien.
-
-Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der russischen
-Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft in Westler und
-Slavophile. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich da nicht um
-Geschmacks- und Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um
-die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte in
-seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider Parteien. Gleichwohl
-hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen der »Moskowskija Wjedomosti«
-mit Katkow an der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz
-über die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der
-Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu »westlich«. Aus alledem lässt
-sich begreifen, dass man von den angemeldeten Rednern etwas
-Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete.
-
-Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war am Vortage durch
-Acclamation zum Ehrenmitglied der Moskauer Universität ernannt worden.
-Man sah in ihm »den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins«, da
-auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche Züge aufwies: als
-russischer Dichter mit westlicher Kultur. Turgenjew hatte seine Rede in
-der Einsamkeit seines Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von
-lebhaften Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung im
-Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war jedoch eine
-geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, ob Puschkin ein nationaler
-Dichter sei oder nicht, ja auch nicht darauf einging, diese Frage zu
-beleuchten.
-
-Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, dieser als Vertreter
-des reinen Slavophilentums, sprechen. Aber schon als Dostojewsky begann,
-und mit dem inneren Feuer, das in ihm brannte, den »russischen Menschen«
-im Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten:
-»Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, brich Deinen Hochmut,
-demütige Dich, müssiger Mensch, und vor allem, mühe Dich auf
-heimatlichem Boden« -- da fühlte dieser »russische Mensch«, der lautlos
-den Saal füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und lauschte
-bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in unerhörten Jubel ausbrach,
-in einen Versöhnungsjubel, wie ihn Russland noch nie erlebt hatte.
-
-Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt getroffen und ans
-Licht gebracht, der beide Strömungen versöhnte, nach dem es unbewusst
-alle verlangte und der eine neue Aera des litterarischen Wirkens
-anbahnte. Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche Kultur
-durchaus national von ihm verwertet worden sei, dass er in sich eben
-durch seine echt russischen Anschauungen die Verbindung mit dem Geist
-des Westens in einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle
-Nachkommenden sei, wie man das ja an seinen dichterischen Gestalten
-sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine Gedanken mit Zuhilfenahme
-einiger Beispiele aus, die -- uns ein Zeuge dieser Feste erzählte --
-durchaus nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren.
-Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert indes selbst die
-lebendige Wirkung dieser Rede als eine ungeheure, der man sich erst
-später bei kühler Überlegung aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für
-uns ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und erweisen
-wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente heranzog, das war das
-Wahre und Befruchtende an seiner Rede und das ist es wohl auch heute
-noch, was, ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches modernen
-Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, welche die Versöhnung
-der streitenden Elemente anbahnte.
-
-Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters Wirken und Leben.
-
- Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu teil, dass
- sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck seiner Kunst
- war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen eines
- ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden. Denn wenn
- es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und seiner Freunde
- beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der »Brüder Karamasow«
- schon fertig in sich trug, wenn wir auch wissen, wie er sich die
- Lösung dieses Problems im russischen Sinne vorgesetzt hatte, so
- können wir der Meinung eines seiner nahesten Freunde nur
- beipflichten, wenn wir annehmen, dass die Ausführung dieses
- Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben wäre, als
- überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen, Ausführungen hinter
- genialen Entwürfen zurückstehen. In den »Brüdern Karamasow« aber
- ist ja schon in der Exposition, d. h. im Kapitel vom Starez
- Sosima, das Höchste als Ahnung und Ziel für den Helden Aljoscha
- ausgesprochen; der Leser empfängt ja von diesem »vorläufigen«
- Bilde des »russischen Christus«, das der Dichter in Aljoscha erst
- ausführen wollte -- wie er andeutet und alle Freunde bezeugen --
- vollauf alles, was auf ihn wirken soll: die Ahnung, gleichsam die
- Verheissung eines reinsten Zustandes. Hier musste jede Ausführung
- zurückstehen, im besten Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber
- dürfen wir dem Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo
- er hinaus wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene,
- die es nicht schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen
- Zweifel über die Absichten des Dichters gebe.
-
- Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem Buche
- voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung -- welche im
- Kapitel vom Starez angezeigt ist -- liegen klar zu Tage. Allein
- im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem Kapitel vom
- Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein menschlich
- ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden können, da
- vibriert schon die tiefe russische Note mit, die russische Seele,
- die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende Grübelei
- zerspaltet. Das brennende Begehren nach dem Glauben, das diese
- »Legende« geschaffen hat, ein Begehren auch in der Seele eines
- mit allen Vorzügen westlicher Bildung ausgestatteten Geistes wie
- Iwan Karamasow, das ist echt russisch. Diese Figur Iwans und
- diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich, was Dostojewsky
- unter seiner »russischen Allmenschlichkeit« versteht. Die ewige
- Frage nach dem Gotte, die dieses Volk durch alle Zeiten hindurch,
- auf allen Gebieten in sich behält, ist ihm Bürgschaft, dass diese
- zwei Züge, so untrennbar wie sie es sind, zugleich allgemein
- menschlich und echt russisch sind.
-
- Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und
- durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst
- dieses »an allem und für alle und alles schuldig sein« wie ein
- Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis es in
- den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält. Ja, Rósanow,
- der geistvolle Kommentator, findet darin einen Fehler, dass nicht
- auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen sind, die Iwan als
- »unschuldig unter der Disharmonie der Welt Leidende« hinstellt;
- dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde zugeteilt hat;
- eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher ein feineres Gefühl den
- Künstler glücklich bewahrt hat.
-
- Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis auf
- Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der
- russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken,
- gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage
- fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet, hier
- bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das ganze
- Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden jenes
- Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der Iphigenie
- in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. Aljoscha
- sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima Gebot in
- die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf sich nehmen.
- Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen Sünderin
- Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina[34] zu Falle
- bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden und
- verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert
- wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer Schar von
- Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt und leitet. Wem
- fiele hier nicht der Zusammenhang mit der Erzählung des Idioten
- von den Kindern ein, wem nicht der kleine Held, alle die
- entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe entdeckt. Nun fällt
- aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie Feuerschein in die
- unerbittliche Geisselung der Gott-losen Jugend in den
- »Besessenen«, im »Idiot«, im »Jungen Nachwuchs«, und wir sehen
- den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen die Säulen
- jenes Götzentempels umklammern, um sie in Trümmer
- zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine Ungerechtigkeit
- und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit an, auf dem Platze, wo
- allein ein neuer Aufbau möglich ist. -- -- Diese Jugend sehen
- wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, um jener anderen willen,
- die er in der Seele trägt und welcher dereinst Russlands Zukunft
- gehören soll.
-
- [Fußnote 34: Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname für
- angeborene Wollust Geltung gewonnen hat.]
-
- Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit einer
- Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl. klar
- und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, dass er nur
- wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges Urthema, aus dem er
- immer wieder das Gerippe eines Problems aufbaut, das er in
- lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre individuelle Seele
- einhaucht. So fände ein Spurensucher in Dostojewskys Werken
- reichliches Nachweismaterial für Varianten und Wiederholungen des
- Grundthemas. Was gäbe es da für Ernten für einen Nachwuchs von
- Kommentatoren im Sinne der Goethe-Forschung, wenn so etwas in
- Russland möglich wäre! Was im jungen Russland nachgeforscht und
- nachgewiesen wird, ist heute noch der Sinn, nicht das
- i-Tüpfelchen des Mysteriums einer Dichtung. Dieser Nachweis aber
- ist leicht, denn der Sinn der Wiederholungen ist immer
- augenfällig.
-
- So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die »neuen Ideen«
- in den »Tagebüchern«, in »Schuld und Sühne«, in »winterlichen
- Betrachtungen über Sommereindrücke« [diese allerdings durch die
- Londoner Einflüsse modificiert], in den »Besessenen« usw, nahezu
- wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die Wirkung,
- nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den »Traum eines
- lächerlichen Menschen« träumen wir ihm zweimal nach, finden
- dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, den er unter dem
- Titel »Das goldene Zeitalter in der Tasche« im Januarheft des
- Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt als positiven
- Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft. Auch die Figuren
- Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals zum Typus
- herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten für das Auge des
- Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, deren Gemeinsamkeit dem
- europäischen Leser oft darum entgeht, weil ihm das Merkmal selbst
- nichts sagt. So sind Iwan Karamasow und Raskolnikow, der Fürst
- Walkowsky und Swidrigailow, der »Idiot« und Aljoscha Karamasow,
- der Starez Sosima und der Wanderbettler Makar im »Jungen
- Nachwuchs«, der Fürst Sokolsky ebenda und der alte Fürst in
- »Onkelchens Traum« eigentlich Variationen einer Wesenheit, mit
- künstlerischer Vollendung bis ins Kleinste individualisiert. Nur
- Dmitri Karamasow steht ohne Gegenspielart da. Er ist auch der
- Träger des echt Dostojewskyschen Elements des Unbewussten, das
- eigentlich die Komplikation und den Abschluss des uns bekannten
- Teiles der Fabel herbeiführt.
-
- Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins
- Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer
- blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche,
- jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr
- Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste Gattin war
- nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst hatte, ohne
- alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, hatte ihn bald
- geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri und ihrer
- Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen sich in
- Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen Pathos
- vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der ältere Sohn
- der hysterischen »Schreiliesel«, die hinwieder der Gatte
- prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa
- Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner
- Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha,
- dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen,
- wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der Sohn
- der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder, ist die
- Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt bestialischer
- Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch genug, vom
- Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol der verwandten
- Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit.
-
- Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst
- sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha einer
- gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden.
-
- Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter, jeden in
- seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. Bei Dmitri
- treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen und
- Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele ist dem
- Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet, was ja auch
- die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte Verteidigung und die
- Verurteilung des unschuldig Schuldigen wegen Vatermords zur Folge
- hat.
-
- In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier
- gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung
- des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht
- eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er
- »ablehnt«. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er
- sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise
- getroffen hat, um »echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes zu
- sprechen«; wenn ich auch einen Gott annehme -- »seine Werke lehne
- ich ab«. Schon früher hatte er gesagt: »Weisst du, was ich dahier
- eben erst zu mir gesagt habe? Sollt' ich auch nicht mehr an das
- Leben glauben, müsst' ich den Glauben an ein teures Weib, an die
- Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich mich im Gegenteil
- davon überzeugen, dass alles ein unordentliches, verfluchtes und
- vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten mich auch alle
- Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen -- dennoch werde
- ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher angesetzt habe, so
- will ich nicht eher davon lassen, als bis ich ihn nicht ganz
- bewältigt habe. -- -- Ich habe mich oft gefragt: giebt es im
- Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen wütenden und
- vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen könnte, und
- geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst bis zu meinem
- dreissigsten Lebensjahr -- dann aber werde ich selbst nicht mehr
- wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier nennen manche
- schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich Poeten,
- niedrig. Wahr ist's, es ist zum Teil ein Karamasowscher Zug,
- diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch in dir sitzt
- sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?« usw. »Die
- klebrigen Frühlingsknospen lieb' ich, den blauen Himmel lieb' ich
- -- das ist's. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier liebst
- du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine ersten
- jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?«
-
- Darauf Aljoscha: »Nur allzu gut usw.« ... Hier ist auch des
- Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er »verstehe«
- -- gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das Leben als
- Werk einer Ordnung und Vernunft, als »Euklidische Geometrie« ab.
- »Nicht Gott ist's, den ich ablehne, verstehe das, sondern die von
- ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich ab, ich kann mich
- nicht entschliessen, sie anzunehmen.« -- Nun folgt ein
- leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan mit dem
- Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso man seine
- Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe es noch, aber
- in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig und keiner sei
- imstande, die Leiden des andern zu begreifen. An diese sehr
- charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums
- schliesst er sofort die Begründung seines Protestes gegen die
- Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen tiefen Zug in
- Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum schon gemildert
- einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten ganz geläutert
- auszuklingen: die Liebe zu den Kindern.
-
- Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass »die
- Euklidischen Parallelen« sich in der Ewigkeit berühren, dass alles
- Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie
- aufgelöst sein wird -- wie kann ich eine Welt zugeben, in der
- auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen
- muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus der Zeit der
- harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten Weise
- einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen [der Dichter
- benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente]. »Die
- Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine Harmonie.
- Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn möglich? Etwa
- damit, das sie gerächt werden? Aber wozu brauch' ich die
- Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger; was kann hier die
- Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode gequält wurden? Was ist
- das aber für eine Harmonie, wenn eine Hölle dazu da ist? Ich will
- vergeben, ich will umarmen, ich will nicht, dass man weiter
- leide. Und wenn die Leiden der Kinder darauf gegangen sind, um
- jene Summe von Leiden voll zu machen, die für das Erkaufen der
- Wahrheit unumgänglich nötig war, so behaupte ich von vornherein,
- dass die ganze Wahrheit eines solchen Preises nicht wert ist. Ich
- will endlich nicht, dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr
- Kind durch Hunde zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu
- verzeihen! Wenn sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag
- sie dem Peiniger ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben,
- allein die Leiden ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen,
- dazu hat sie kein Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn
- auch das Kind selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn
- sie nicht verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der
- ganzen Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich
- will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Ich
- will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber will
- ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten
- Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte. Allzu hoch
- hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus über unsere
- Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum beeile ich
- mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und wenn ich ein
- ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die Karte so
- schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich auch« usw. -- --
-
- Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: »>Ist in der
- ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte<, sagst du. Aber
- dieses Wesen ist und es kann >alles und allen vergeben< -- du
- hast ihn vergessen.« -- -- Wir haben hier wieder das Problem des
- Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch negativer Form;
- hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer Lösung zu und es
- tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, der Name Christi
- und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor die wunderwirkende
- Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden Christus als Person
- auf.
-
- Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen
- Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein
- Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise
- beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften Bruder
- seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende. Zur
- Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur
- alltäglichen Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint,
- ein müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort
- erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da er
- Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor mit
- seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen und in ein
- unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der Nacht öffnet
- sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor tritt
- herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte steht vor
- ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer Lippe seine
- Rede.
-
- Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen zu
- sein. »Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du aus den
- Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, dir, auf dein
- Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für diese Freiheit.
- Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt, für die Starken,
- die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu nehmen vermögen, wenn
- sie dir folgen. Aber die anderen? Bist du denn nur ein Gott der
- Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir lieben die Menschen mehr als
- du, wir lieben alle, wir nehmen ihre Leiden auf uns, wir
- vollenden in deinem Namen das Werk, das du nur halb gethan. Und
- du warst gewarnt. Jener furchtbare und tiefsinnige Geist, der
- dich angeblich versucht hat, er hat dir drei Mittel an die Hand
- gegeben, wie du die Menschen für alle Zeiten dir unterthan und
- wie Kinder glücklich machen konntest. -- Du hast sie verschmäht.
- Nun haben wir sie aufgenommen, diese Mittel, und die Menschen
- sind beruhigt, beruhigt in deinem Namen. Wozu also bist du
- gekommen unser Werk zu stören?«
-
- Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei
- Darbietungen des »furchtbaren Geistes«, welche die Menschen für
- alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und die
- Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die
- unerbittliche und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche
- auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder,
- hinter dem Geheimnis -- nichts ist, dass aber ihre Autorität durch
- diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen
- beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen, als
- schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer
- Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. »Und
- morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi«, schloss der Greis seine
- Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor eine
- Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf den
- Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen.
- Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den Gefangenen
- in die finstere Nacht.
-
- »Und der Alte?« fragt Aljoscha. »Der Kuss brennt auf seiner
- Seele, doch er bleibt bei seiner Idee«, erwidert Iwan. »Und du
- mit ihm, du mit ihm!« ruft Aljoscha kummervoll aus. Die Brüder
- trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass er den
- Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen nirgends
- findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine
- pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von
- Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen der
- Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei lässt
- uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche
- ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um Geldes willen
- und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka, im Hader
- lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben werden. Die
- schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde und so, dass
- aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld irgendwo
- eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach des Vaters Garten
- geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden und in rasendem
- Zorn das Kommen der bestellten Schönen erlauern wollen. Da sieht
- er den alten Lüstling zum Fenster treten und verbirgt sich.
- Später will er fliehen, hört Stimmen, sieht sich verfolgt und
- eilt zum Gartenzaun, über den er sich schwingt. Da wird er vom
- alten Diener Grigorji am Fuss gepackt, der mit rauschheiserer
- Stimme schreit: >Das ist er, der Vatermörder!< Da fällt der Alte
- aber auch schon wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dmitri springt
- in den Garten zurück, wirft die Keule ins Gras, betastet den Kopf
- des Alten, der von Blut überströmt ist, und entflieht.
-
- Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln könnte,
- Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der Erzählung.
- Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen Sinne
- zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des Lesers bis zur
- Lösung offen halten will, sondern in gleichem Masse dem
- künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen,
- wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht.
- Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: »Weisst du was? Ich
- weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn nicht um,
- vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich's thue
- _in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht verhasst
- wird_. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, seine Augen, sein
- schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel fühle ich. Das
- ist's, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten
- können.« -- -- »Gott hat mich davor bewahrt«, sagt er später.
- Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. Er hat den
- Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt nun in das
- Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den Starez Sosima
- beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort den
- Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend in
- seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen
- ermahnenden Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling
- liebevoll und fragt ihn nach »dem Bruder«. Er denkt dabei nur an
- Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und anderen
- das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise in einen
- hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, um die
- Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen
- und den Boden mit der Stirn berührt, »um des Furchtbaren willen,
- das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen«. Um ihn vor diesem
- Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas sanftes Antlitz nach
- ihm ausgesendet.
-
- Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und uns wird
- das »Geheimnis« offenbar, das der Dichter in das Motto [Ev.
- Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und das in jenem
- anderen, durch viele seiner Werke gehenden und selten
- verstandenen Citate seine Gegenseite findet: »Wir alle sind für
- alle und an allem schuldig.«
-
- Der Starez Sosima sagt: »Ich habe Dich zu ihm gesandt, Alexei,
- weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. Aber
- es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. >Wahrlich,
- wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die
- Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber
- erstirbt, so bringt es viele Früchte.<
-
- Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male im
- Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,« sagte
- still lächelnd der Greis. »So denke ich von Dir: Du wirst aus
- diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen -- als
- Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst
- werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das Leben
- bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und das
- Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen -- was das
- Wichtigste von allem ist.«
-
- Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom »Dasein
- Gottes«, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale
- Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches
- Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung
- verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere
- immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das
- Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen,
- sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen
- zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit
- deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte
- erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer
- Beimischung orthodoxer Kirchlichkeit.
-
- Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzählt er, da sei sein
- einziger um zehn Jahre älterer Bruder an galoppierender
- Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei früher ganz ungläubig
- gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vöglein so
- fröhlich im Baumschatten singen gehört, plötzlich sehr heiter und
- liebevoll geworden und habe aus Freude darüber geweint, dass er
- es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es ihm schwer,
- sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern immer besonders
- gesagt: »Warum kann ich nicht auch Euch bedienen.« »Mütterchen,
- meine Freude,« sagte er, »es kann nicht wohl sein, dass es keine
- Herren und Diener gäbe, aber lass mich doch auch der Diener
- meiner Diener sein. Ja, und noch das sag' ich Dir, Mütterchen,
- dass ein Jeder von uns für alle in allem schuldig ist, ich aber
- mehr als alle.« Man lächelte und hielt diese Reden für
- Fieberphantasieen.
-
- Jahre waren nach dem Tode des Jünglings und der Mutter vergangen;
- der nun herangewachsene Junge war in einer Kadettenanstalt
- erzogen worden und ist nun als Offizier in einer Provinzstadt
- stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert er die Tochter
- und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet sich
- aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine schönen
- Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer
- mehrmonatlichen Abwesenheit zurückkehrt, findet er sie als die
- Frau eines Mannes, den er auch früher oft im Hause getroffen. Er
- hält sich für angeführt und verlacht, da er sich nicht zugestehen
- will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines Tages
- führt er absichtlich eine Herausforderung des jungen Gatten
- herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden.
-
- Als der Junker in überaus reizbarer Stimmung spät abends nach
- Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines
- Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so
- heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche
- steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht,
- lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch der
- Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhöbe und vor
- das Gesicht hielte. -- Der Junker legt sich zu Bette, schläft
- einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr früh am Morgen
- mit einem dumpfen Unglücksgefühl in der Brust. Was ist es doch?
- Das Duell? Nein, er hat sich schon früher geschlagen, das ist es
- nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da er jetzt ganz klar darüber
- ist, dass er das Mädchen eigentlich nie geliebt hat. Nun hat
- er's: der Diener, der sich nicht wehrte unter den blutigen
- Schlägen. Der Offizier bedeckt sein in Scham erglühendes Gesicht
- mit beiden Händen und wirft sich schluchzend auf sein Lager ....
-
- Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. »Komm, es ist
- Zeit.« Sie gehen vor die Thür, zum Wagen hinaus. »Warte, ich
- vergass meine Börse«, sagt der junge Duellant und eilt zurück,
- geradaus in das Kämmerchen des Dieners. »Athanas, ich habe Dir
- gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du mir.« Der Diener
- schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft sich der Herr nieder,
- mit der Stirn schlägt er den Boden. »Verzeihe mir!« wiederholt
- er. »Euer Edelgeboren«, sagt der Bursche, »Väterchen, Herr -- --
- ja wie ist das -- -- ja bin ich das wert?« und bricht in Thränen
- aus. -- Man fährt zum Zweikampf. Des Leutnants Stimmung ist ganz
- umgewandelt; freudestrahlend, glücklich legt er den Weg zurück,
- sodass der Sekundant sich des wackeren Haudegens freut. Man kommt
- an und misst die Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss
- ab und streift das Ohr des jungen Mannes ein wenig. »Gott sei
- gepriesen«, schreit dieser, »es ist kein Mensch getötet worden!«
- Dann drückt auch er seine Pistole ab -- in die Baumkronen des
- Wäldchens. Er wendet sich zu seinem Gegner. »Geehrter Herr«, sagt
- er, »verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie
- beleidigt und jetzt auch noch dazu genötigt habe, auf mich zu
- schiessen.« Jener wird zornig und fragt: »Ja, haben Sie denn
- nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann
- beunruhigen?« »Gestern«, erwiderte der Fröhliche, »war ich noch
- dumm, heute bin ich klüger geworden.« Man schreit, man will ihn
- nötigen. »Nein«, sagt er, »ich schiesse nicht. Sie aber -- thun
- Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wäre, Sie thäten es
- nicht.« Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das Regiment
- entehre, worauf er erwidert: »Meine Herren, ist es denn wirklich
- so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen, welcher selbst
- seine Dummheit bereut und sich öffentlich schuldig bekennt?« Die
- Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende. Der junge Bekenner
- erhält den Abschied, er verlässt den Dienst und die Stadt, und so
- wird dieses Erlebnis -- von innen heraus -- der erste Anlass
- seines späteren Eintritts in ein Mönchskloster.
-
- An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen über
- Dostojewsky sagt N. Strachow, man könne auf den Dichter die Worte
- anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: »Er hat ein
- grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns überlassen, es
- auszudeuten.« Wir finden das nicht. Wir finden vielmehr, dass er
- uns dieses Geheimnis in seinem grössten, monumentalen Werk
- gekündet hat. Den »Gott, den er beweisen« wollte, hat er zuerst
- mit den blendendsten Künsten der Dialektik vernichtet, um ihn
- durch das einfache Gebot der Liebe in allen und in jedem wieder
- aufzurichten. Er spricht durch den Mund Sosimas aus, dass es
- möglich ist, den Bruder nicht zum Bösen zu zwingen, dass jeder
- diese Möglichkeit unbewusst in sich trage und diese Blindheit es
- ist, die alle für sich und alle andern an allem schuldig werden
- lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen, was Dostojewsky mit diesem
- Atridenbuch, das in die Zukunft, in die russische Zukunft weist,
- hat sagen wollen. Wenn ich liebe, sagt er, so bin ich glücklich;
- ich zwinge die anderen zum Glück, da ich nicht für mich leben,
- sondern gleich dem Weizenkorn ersterben will, um Früchte zu
- tragen. Das Vollgefühl aber dieser Liebe [vom Glauben ist gar
- nicht mehr die Rede, da er Accessorium ist] ist -- Gott. Wer
- dieses in sich trägt -- und nach des Dichters Meinung trägt es
- jeder als Keim in sich, weiss es nur nicht und erwartet es nur
- immer wieder vom Nächsten, was ja das »Geheimnis« ist -- der
- erlöst schon, wie Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes
- den darbenden Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind
- wir alle, der wird täglich »für alle und an allem schuldig«.
-
- Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess gegen
- Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist, um sich
- aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten könnten, im
- letzten Augenblicke es nicht mehr vermögen. Smerdjakow, der
- wirkliche Mörder, erhängt sich, und Iwan wird im Gerichtssaal
- wahnsinnig.
-
- Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegängnis eines
- Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar
- frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht
- die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben,
- das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften Knaben, dem
- sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten in allen
- Versuchungen des Lebens.
-
-September 1880 vollendet Dostojewsky die »Karamasow«. Nun wendet er sich
-mit voller Kraft der Publicistik zu, da er vieles zu sagen hat und seine
-gewonnene Autorität ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen.
-Sehr entschieden drückt er sich auch in einem Briefe an Iwan Aksakow
-aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und einigen gewechselten Briefen
-näher getreten war. Er kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von
-ihm herausgegebenen Zeitschrift »Rusj«. »Bei Ihnen (No. 1 der »Rusj«)
-heisst es: >Peter der Grosse habe uns nach Europa hineingezogen und uns
-europäische Civilisation gegeben<. Ja, Sie loben ihn fast gerade um
-dieser europäischen Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist
-es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt in Gestalt eines
-verhängnisvollen Gürtels >bester Leute< in vierzehn Rangklassen.«
-
-Für den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter fieberhaft eine
-grosse Nummer des Tagebuchs für das Jahr 1881 vor, welche eine Reihe von
-Artikeln über das Verhältnis der »Intelligenz« zum Volke einleiten
-sollte. Die Nummer war schon im Druck, Dostojewsky fürchtete jedoch sehr
-viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel einer Kaution als einer
-predwaritelnaia Zensura (vorprüfende Zensur) auf Gnade und Ungnade
-ergeben musste. N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe
-sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: »Es giebt dafür ein magisches
-Wort: >Vertrauen zeigen<. Ja, unserem Volke kann man Vertrauen
-entgegenbringen, denn es ist dessen würdig. Ruft nur die grauen Kittel
-herbei und fragt sie selbst um ihre Bedürfnisse, um das, was ihnen not
-thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir aber werden vielleicht
-zum erstenmale die wirkliche Wahrheit hören.«
-
-Obwohl von kompetenter Seite über das Schicksal der Publikation
-beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht. Am 25. Januar besuchte ihn
-Orest Miller, um ihn an sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags
-zu mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen, und Miller
-verliess den Dichter, zwar ganz begütigt, dennoch in reizbarem Zustande.
-Seit mehreren Jahren war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein
-Lungenemphysem zu seinen anderen schweren Leiden getreten, und dieses
-eigentlich secundäre Übel wurde nun die Ursache seines Todes. Eine
-Lungen-Arterie borst an jenem verhängnisvollen Tage, was sich jedoch
-anfangs nur durch Nasenbluten ankündigte. Am 26. fühlte er sich ganz
-wohl; doch trat plötzlich eine Halsblutung ein. Der Hausarzt wurde
-gerufen und ward Zeuge einer zweiten, stärkeren Blutung, die zur
-Bewusstlosigkeit führte. Als der Dichter erwachte, verlangte er sofort
-nach der Beichte und dem Abendmahl. Am 27. fühlte er sich wohler und
-beschäftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da er sehr in Sorge
-war, dass das Blatt am 31. erscheinen sollte. Am 28. ging es bis Mittag
-ziemlich gut. Doch von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr
-abliess, langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin des
-Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzählte. Die Gattin
-stillte, an seinem Bette sitzend, mit Tüchern das unaufhörlich langsam
-dem Munde entrieselnde Blut.
-
-Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna, sein altes Evangelium
-aufzuschlagen, das seit Sibirien immer bei seinem Kissen lag, und ihm
-die Stelle vorzulesen, die sie von ungefähr zu Anfang der Seite finden
-würde. Es war aber das Evangelium Matthäi III, 15: »Aber Johannes
-wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde,
-und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es
-jetzt also sein; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.«
-[Der russische Text weist den 11. Vers auf, sowie die Worte: aber
-Johannes hielt ihn zurück usw., und Jesus antwortete ihm: halte mich
-nicht zurück usw.] Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte
-Dostojewsky: »Du hörst es -- halte mich nicht zurück -- das heisst, dass
-ich sterben werde«, und damit schloss er das Buch ... Am Abend um 8 Uhr
-38 Minuten desselben Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter für
-immer seine Augen.
-
-Das Leichenbegräbnis wurde, niemand konnte es erklären wieso, zu einem
-Ereignis für Russland. Schon bei der Aufbahrung in der engen Stube, die
-auch sein Arbeitszimmer gewesen war, drängte sich die Menge derart und
-erfüllte den Raum so vollständig, dass die Kerzen, die den Katafalk
-umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen. 63 Abordnungen mit Kränzen
-und 15 Gesangvereine gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz
-Petersburg wälzte sich ihm zur Kirche vom »heiligen Geiste« lautlos
-nach, ein in Russland noch nie gesehenes Schauspiel. Am selben Tage, dem
-31. Januar, erblickte nach des Dichters heissem Wunsche die erste und
-letzte Nummer des »Tagebuchs eines Schriftstellers für das Jahr 1881«
-zensurfrei das Licht.
-
-
-
-
- Anhang.
-
-
-Von dem grösseren Anhang, welcher das vorliegende Buch durch politische,
-prozessualische und kritische Aufsätze aus dem »Tagebuch« ergänzen
-sollten, haben wir in letzter Stunde aus triftigen Gründen Abstand
-genommen. Es folgt hier nur ein Index von den Werken des Dichters nach
-ihrer Entstehung und Veröffentlichung. Hierbei wird der Leser
-selbstverständlich auch alle jene Werke der ersten Periode von
-Dostojewskys Schaffen eingereiht finden, die eingehend zu besprechen wir
-von unserem Standpunkt aus nicht für dringend notwendig fanden.
-
-Ferner können wir es uns nicht versagen, einige der bedeutendsten
-Kritiker anzuführen, in deren Arbeiten wir Einblick genommen haben.
-
-
- Chronologische Reihenfolge
- von _Th. M. Dostojewskys_ Werken nach ihrer Entstehung und
- Publication.
-
-
- I. Periode. 1844-1859.
-
-Arme Leute 1844. 1846 in der »Petersburger Sammlung« von Nekrássow.
-
-Der Doppelgänger 1846. 1846 in den »Vaterländischen Annalen«. Bd. 44
-umgearbeitet 1865 in der Gesamtausgabe von Stellowsky.
-
-Herr Prohartschin 1846. 1846 in den »Vaterländischen Annalen«.
-
-Roman in 9 Briefen 1847. 1847 im »Zeitgenossen« (Sowremennik).
-
-Die Wirtin 1847. 1847 in den »Vaterländischen Annalen«.
-
-Polsunkow 1848. 1848 im »Illustrierten Almanach« von Panajew und
-Nekrássow.
-
-Ein schwaches Herz. 1848 in den »Vaterländischen Annalen«.
-
-Der Ehemann unterm Bett. 1848. In den »Vaterländischen Annalen« Bd. 56
-erschien die Erzählung »Die Gattin des anderen«; ebendaselbst im selben
-Jahre Bd. 61 »Der eifersüchtige Gatte«. Beide Erzählungen wurden für die
-Gesamtausgabe von Stellowsky 1865 unter dem Titel »Die Gattin des
-anderen und der Gatte unterm Bett« verschmolzen.
-
-Der ehrliche Dieb. 1848 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 57.
-
-Christbaum und Hochzeit. 1848 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 60.
-
-Helle Nächte 1848. 1848 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 61.
-
-Netotschka Neswanowa (unvollendet) 1848. 1849 in den »Vaterländischen
-Annalen« Bd. 62, 64.
-
-Der kleine Held 1849 (in der Peter-Pauls-Festung). 1857 in den
-»Vaterländischen Annalen«.
-
-(Sibirien).
-
-Hymnus auf den Orientkrieg, Mai 1854. 1883 im »Graschdanin« No. 1.
-
-Onkelchens Traum. 1859 im »Russ. Wort« (Russkoe Slowo) Bd. 2.
-
-Dorf Stepantschikow und seine Bewohner 1858 (deutsch übersetzt als
-Tollhaus und Herrenhaus). 1859 in den »Vaterländischen Annalen« Bd. 127.
-
-
- II. Periode.
-
-Memoiren aus einem Totenhaus 1859-60. 1861 und 62 in der »Zeit«
-(Wremja).
-
-Erniedrigte und Beleidigte 1861. 1861 in der »Zeit« (Wremja).
-
-Eine garstige Geschichte. 1862 in der »Zeit« (Wremja) IX.
-
-Winterliche Betrachtungen über Sommereindrücke. 1863 in der »Zeit«
-(Wremja) II., III.
-
-Memoiren aus einem Keller 1864. 1864 in der »Epocha« I., II., IV.
-
-Der Spieler 1863 entworfen, 66 niedergeschrieben. 1867 in der
-Gesamtausgabe von Stellowsky.
-
-Das Krokodil. 1865 in der »Epocha«.
-
-Schuld und Sühne 1866. 1866 im »Russ. Boten« (Russkij Wjestnik).
-
-Der Idiot 1868. 1868 im »Russ. Boten« (Russkij Wjestnik).
-
-Der Hahnrei 1869. 1870 in der »Morgenröte« (Zarjá) I., II.
-
-Die Besessenen 1870. 1871-72 im »Russ. Boten« (Russkij Wjestnik).
-
-Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 als Sammlung in einen Band
-vereinigter -- 1861 in der »Wremja« und 1873 im »Graschdanin«
-erschienener -- Aufsätze.
-
-Junger Nachwuchs 1875. 1875 in den »Vaterländischen Annalen«.
-
-Tagebuch eines Schriftstellers 1876. 1876 als Monatsschrift.
-
-Krótkaia 1876. 1876 im »Tagebuch eines Schriftstellers«.
-
-Weihnacht. 1876 im »Tagebuch eines Schriftstellers«.
-
-Tagebuch eines Schriftstellers 1877. 1877 als Monatsschrift.
-
-Die Brüder Karamasow 1870 begonnen. 1879-80 im »Russ. Boten« (Russkij
-Wjestnik).
-
-Anhang zum Tagebuch eines Schriftstellers von 1877. In der Auflage von
-1891.
-
-1. Heft: August 1880 (Puschkin-Rede).
-
-2. Heft: Januar 1881 (Politika).
-
-Eine grosse Anzahl von russischen Kritikern hat, sowohl noch zu
-Lebzeiten des Dichters als auch nach seinem Tode, einzelne seiner Werke
-in längeren oder kürzeren Abhandlungen besprochen. Die bedeutendsten
-darunter sind unbestreitbar: der Vertreter der naturwissenschaftlichen
-Anschauungen, Psychiater Dr. Tschisch in seiner Studie »Dostojewsky als
-Psychopathologe«, Moskau 1885, und W. Rósanow, der Vertreter
-orthodox-mystischer Anschauungen in seiner »Legende vom
-Gross-Inquisitor, Versuch eines kritischen Kommentars«, Petersburg 1894.
-Die bedeutendsten der übrigen in Zeitschriften und Revueen erschienenen
-Artikel sind von Zelinsky im Jahre 1885 in einen Band zusammengestellt
-worden, dem er ein Supplement nachfolgen liess; dazu gehören Aufsätze
-von: Nekrássow, Belinsky, Dobroljubow, Grigorjew, Miljukow, Strachow,
-Achscharumow, Annenkow, M. und W. Solowiow, Kawélin, Obolensky,
-Michailowsky, O. Miller, G. Uspensky, K. Slutschewsky (mit
-biographischem Abriss), Bulitsch, Arseniew, Tarassow, D. W.
-Grigorowitsch und anderen. Von gesonderten Werken über einzelne
-Schöpfungen Dostojewskys ist namentlich Andrejewskys Studie über die
-Karamasow hervorzuheben.
-
-
-
-
- Personen- und Sach-Verzeichnis.
-
-
- A.
-
-Adolescent, 413.
-
-Aksakow, 12. 25. 221. 229. 236. 334. 422. 424. 439.
-
-Alexander I., 236.
-
-Alexander II., 122.
-
-Allmenschlichkeit, 207. 426.
-
-Anklage, 72.
-
-Anschauungen, Russische und polnische, 188.
-
-Antonelli, 62. 68.
-
-Arbeitsmethode, 158. 223. 324.
-
-»Arme Leute«, 30. 36. 37. 42. 43. 44. 52. 53. 55. 216.
-
-Atheismus, 73. 321.
-
-»Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt«, 335.
-
-Ausland, 231. 239. 276.
-
-Awerkiew, 342.
-
-
- B.
-
-Baden-Baden, 280. 309.
-
-Beketow, Brüder, 51.
-
-Belinsky, 12. 37. 38. 39. 40. 42. 45. 49. 50. 54. 55. 57. 60. 278. 334.
-396. 400. 401. 402. 403.
-
-Berlin, 303.
-
-»Besessene«, 183. 251. 281. 286. 298. 352. 373. 385. 386. 397. 406. 413.
-419. 427. 428.
-
-Boborykin, 241.
-
-Brand von Paris, 400.
-
-Brief an Kowner, 293.
-
-Brief an Studenten, 110.
-
-Briefe aus der Fremde, 300.
-
-Briefe aus Sibirien, 132.
-
-Butaschewitsch-Petraschewsky, 61.
-
-
- C.
-
-Charakterzüge, Nationale, 15.
-
-Chomjakow, 12.
-
-Christentum, 60. 126.
-
-Christina Danilowna, 410. 413.
-
-Christlicher Gedanke, 361.
-
-Christlicher Geist, 277.
-
-Christlicher Sozialist, 61.
-
-Christus, Russischer, 425.
-
-Christus, Wahrer, 191.
-
-Comité, Slavisches, 277.
-
-
- D.
-
-Danilewsky, 332. 334.
-
-Dasein Gottes, 207. 374.
-
-»Denj«, 222.
-
-Deutschland, 390.
-
-Dichter, französische, 27.
-
-»Djelo«, 327.
-
-Dobroljubow, 151. 211. 342. 395.
-
-Dokumente, 105.
-
-»Doppelgänger«, 44. 47. 48. 352.
-
-Dostojewskaia, Anna Grigorjewna, 15. 28. 61. 66. 244. 271. 273. 274.
-275. 278. 297. 299. 302. 303. 304. 308. 367. 382. 388. 394. 405. 406.
-407. 441.
-
-Dostojewsky und Kaiser Nikolaus, 14.
-
-Dostojewsky, Andreas, 69.
-
-Dostojewsky, Michael, 138. 147. 215. 238. 241. 246. 247.
-
-Dostojewskys synthetische Natur, 208.
-
-Dresden, 299. 303. 344.
-
-Dudischkin, 57.
-
-Durow, 59. 63.
-
-
- E.
-
-Ehe, 144. 148.
-
-Epilepsie, 53. 225. 266. 310. 365. 392.
-
-»Epocha«, 215. 219. 242. 245. 247. 271. 299. 327.
-
-Ernennung zum Offizier, 30.
-
-»Erniedrigte und Beleidigte«, 141. 215. 216. 224. 228. 406.
-
-Etappenweg, 119.
-
-Europa, 388.
-
-
- F.
-
-Fatalismus, Historischer, 328.
-
-Fet, 209.
-
-Feuilletonist, 223.
-
-Florenz, 297. 320. 323.
-
-Fourierismus, 58.
-
-Franzosen, 231.
-
-Frauenfrage, 370.
-
-Frauen, Russische, 7.
-
-Frauenstudium, 418.
-
-Friedenskongress, 310.
-
-
- G.
-
-Gawrilow, 272.
-
-Geburt und Tod eines Kindes, 280. 311.
-
-Geburt eines Sohnes, 300.
-
-Geburt einer Tochter, 298. 345.
-
-Gedicht zur Krönung Alexanders des Zweiten, 150.
-
-Gefängnis, 101.
-
-Generals-Nihilismus, 182. 184.
-
-»Genie und Wahnsinn«, 227.
-
-Genf, 280. 310. 311.
-
-Gerichtskommission, 103.
-
-Gogol, 325. 403.
-
-»Goldenes Zeitalter in der Tasche«, 428.
-
-»Goljadkin«, 45. 46. 49.
-
-»Golos«, 328. 380. 404.
-
-Gontscharow, 50. 57. 409.
-
-Gradowsky, 334.
-
-Granowsky, Dr., 12. 52. 401.
-
-»Grashdanin«, 149. 229. 232. 252. 408.
-
-Gribojedow, 233.
-
-Grigorjew, 215. 218. 219. 220. 221. 229. 245. 246. 334. 403.
-
-Grigorowitsch, 36. 37. 38. 44.
-
-Grimm, Jacob, 188.
-
-Grossfürstin Marja Nikolajewna, 151.
-
-Grossinquisitor, 73.
-
-Gutsbesitzer-Litteratur, 404.
-
-»Gutsbesitzerwort«, 206.
-
-
- H.
-
-Haftbefehl, 64.
-
-»Hahnrei«, 298. 351. 352. 353. 373. 374. 398. 417.
-
-Hallucinationen, 20.
-
-»Helle Nächte«, 47.
-
-Herzen, 12. 50. 186. 232. 233. 369. 370. 396.
-
-Homburg, 279.
-
-Hugo, Victor, 399. 409.
-
-
- I.
-
-Idiot, 43. 105. 172. 224. 225. 251. 280. 281. 286. 293. 313. 320. 329.
-330. 398. 406. 413. 420. 427.
-
-Ignatiew, 163.
-
-Ingenieurkorps, 31.
-
-Issajew, Marja Dmitrjewna, 138. 141. 142. 147. 244. 246.
-
-Italien, 280.
-
-
- J.
-
-Janowsky, 51.
-
-Jastrzembski, 118.
-
-Juden, 296.
-
-Junger Nachwuchs, 407. 427.
-
-
- K.
-
-»Karamasow«, 43. 227. 322. 377. 407. 413. 419. 420. 423. 425. 438.
-
-Karamsin, 393.
-
-Kaschpirew, 345. 349. 374.
-
-Katastrophe, 59.
-
-Katkow, 157. 159. 264. 265. 267. 270. 273. 280. 308. 309. 313. 318. 330.
-345. 380. 423.
-
-Kawélin, 420.
-
-Kinder des Dichters, 276.
-
-Kindertypen Dostojewskys, 419.
-
-Kirche, Orthodoxe, 11.
-
-Kirejewsky, 11. 12.
-
-»Kleiner Held«, 102. 152. 216. 419. 427.
-
-Kommune, 400.
-
-Konservativ-demokratisch, 2.
-
-Kornilowa, 296. 417.
-
-Krajewsky, 169.
-
-Kriegsgerichtliches Urteil, 103.
-
-Krestowsky, 174.
-
-Kunst, 208. 213. 228.
-
-
- L.
-
-Latkin, 302.
-
-»Leben eines grossen Sünders«, 374.
-
-Lebensmut, 102.
-
-Lebensweise, 223. 280.
-
-Leroy-Beaulieu, 108.
-
-»Lesebibliothek«, 241.
-
-Letztes Jahr der Haft, 130.
-
-Liberalismus, 327.
-
-Liberalkonservative, 181.
-
-»Litterarische Artikel«, 205.
-
-Litterarische Kritik, 341.
-
-Litteratur, Russische, 201.
-
-Lomonossow, 205.
-
-
- M.
-
-Maikow, 57. 244. 278. 301. 311. 313. 315. 330. 332. 344. 365. 371. 376.
-387. 391. 394.
-
-Mailand, 315.
-
-»Mascha« von Wowtschok, 211.
-
-»Materialien«, 121. 131. 175. 230.
-
-»Memoiren aus einem Kellerloch«, 56. 353.
-
-»Memoiren aus einem Totenhause«, 118. 119. 121. 122. 127. 141. 158. 184.
-189. 377. 406.
-
-Meschtschersky, 408.
-
-Michailowsky, 286.
-
-Milieu, Russisches, 3. 4. 287.
-
-Miljukow, 67. 69. 171. 273.
-
-Miller, Orest, 15. 31. 52. 60. 71. 102. 103. 121. 122. 123. 131. 141.
-150. 157. 171. 174. 182. 183. 184. 188. 201. 440.
-
-»Misérables«, 409.
-
-Mission, 229.
-
-»Moskowskija Wjedomosti«, 235. 385. 423.
-
-Museum Dostojewsky, 419.
-
-
- N.
-
-Nabokow, 71.
-
-Nietzsche, 2.
-
-Nihilismus, 182. 378.
-
-Nihilisten, 373.
-
-»Niva«, 136. 168.
-
-Njekrássow, 35. 36. 37. 38. 39. 40. 44. 45. 51. 229. 245.
-
-»Njetoschka Njezwánowa«, 47. 53. 420.
-
-
- O.
-
-Odojewsky, 45.
-
-Offener Brief an den Kaiser, 163.
-
-Offiziersernennung, 152.
-
-Ogarew, 280.
-
-Olkin, 274.
-
-»Onkelchens Traum«, 142. 159.
-
-Ostrowsky, 229. 342.
-
-
- P.
-
-Palacky, 298.
-
-Panajew, 45.
-
-Pascha, 265. 308.
-
-Perowsky, 103.
-
-Petersburg, 10. 20. 171. 172. 173. 300. 405.
-
-Petraschewsky, 59.
-
-Petrow, 277.
-
-Petschatkin, 302.
-
-Pissarew, 395.
-
-Pissemsky, 245.
-
-Pleschtschejew, 66.
-
-Politische Thätigkeit, 174.
-
-Polonsky, 384.
-
-»Porfiry Petrowitsch«, 262.
-
-Positivismus, 400.
-
-»Prochartschin«, 51. 54. 58. 352.
-
-Proklamation an die junge Generation, 186.
-
-Propaganda-Gesellschaft, 61.
-
-Psychisch-physische Krankheit, 130.
-
-Publizistik, 191. 221.
-
-Puschkin, 25. 205. 206. 207. 395. 399. 402. 403. 423. 424. 438.
-
-Puschkinrede, 12. 206. 214. 423.
-
-
- R.
-
-»Raskolnikow«, 158. 227. 251. 413.
-
-»Rasumichin«, 262.
-
-Realismus, 321. 329.
-
-Rechtfertigungsschrift, 73.
-
-Rede auf einem Ball, 15.
-
-Reuter, Fritz, 120.
-
-Reval, 33.
-
-Revolutionäre Proklamation, 181.
-
-Rieger, 298.
-
-Riesenkampf, Dr., 20. 32. 33. 34.
-
-Rjeschotnikow, 404.
-
-»Roman in neun Briefen«, 45. 47. 49.
-
-Rósanow, 335. 413. 426.
-
-Rostowzew, 71.
-
-Rousseau, 400.
-
-Rückerstattung des erblichen Adels, 163.
-
-»Rus«, 439.
-
-Russe als Allmensch, 262.
-
-»Russkaja Starina«, 173.
-
-»Russkij Wjestnik«, 157. 252. 264. 265. 266. 268. 280. 298. 309. 313.
-331. 345. 373. 374. 380. 383. 384. 391. 394. 407.
-
-»Russkoje Slowo«, 159.
-
-Russland ein Rätsel für Europa, 202.
-
-
- S.
-
-Samarin, 182.
-
-Sassúlitsch, Vera, 421.
-
-Schaffot, 104.
-
-Schiller, 30.
-
-Schriftwesen, Russisches, 324.
-
-Schtschedrin, 208. 229. 245.
-
-Schtscherbatow, 12.
-
-Schuld- und Ausgleichsbedürfnis, Russisches, 36.
-
-»Schuld und Sühne«, 43. 252. 254. 268. 270. 272. 273. 281. 406. 409.
-413. 428.
-
-Schweiz, 279.
-
-Sementkowsky, 136.
-
-Semipalatinsk, 130. 133.
-
-Sendung, Russische, 333.
-
-Slavennatur, 353.
-
-Slavophile, 319.
-
-Slutschewsky, 13. 15.
-
-Snitkina, Anna Grigorjewna, 252.
-
-Sologub, 45.
-
-Solowiew, 377. 420.
-
-Sonja, 313.
-
-Sozialismus, 52. 58. 60.
-
-Sozialismus und Kommunismus, 400.
-
-Sozialist, 189.
-
-Spiel, 239. 264. 279. 280. 309.
-
-»Spieler«, 240. 242. 271. 273. 398.
-
-Spital, 129.
-
-Stellowsky, 271. 272. 273. 274. 275.
-
-»Stepanschikowo«, 142. 159.
-
-Stiefsohn, 144.
-
-Strachow, 15. 42. 43. 52. 60. 168. 175. 178. 184. 191. 205. 214. 222.
-223. 224. 225. 229. 230. 232. 233. 234. 236. 238. 239. 240. 242. 244.
-246. 251. 252. 270. 271. 276. 277. 280. 318. 325. 332. 341. 343. 365.
-369. 376. 378. 387. 388. 392. 397. 398. 399. 406. 423. 438. 440.
-
-Struwe, 379.
-
-Studenten, 176. 177.
-
-Swaljansky, 163.
-
-»Swidrigailow«, 262.
-
-
- T.
-
-»Tagebuch eines Schriftstellers«, 16. 43. 48. 49. 60. 107. 118. 119.
-127. 185. 229. 252. 400. 408. 417. 440.
-
-Tagebuchnotizen, 400.
-
-Tagebücher, 428.
-
-»Theoretismus und Phantasterei«, 145.
-
-»Thor, Der reine«, 282.
-
-Tjutschew, 409.
-
-Tod des Dichters, 441.
-
-Todesurteil, 101. 104.
-
-»Totenhaus«, 43. 241. 259. 261.
-
-Tolstoj, 118. 205. 206. 267. 324. 325. 327. 328. 370. 371. 380. 397.
-404. 409.
-
-Totleben, 152.
-
-Transport nach Sibirien, 118.
-
-»Traum eines lächerlichen Menschen«, 413. 428.
-
-Turgenjew, 45. 204. 206. 212. 267. 324. 330. 382. 403. 423. 424.
-
-Turgenjews: »König Lear«, 387.
-
-Tschernyschewsky, 185. 187. 188. 245.
-
-Tschiz, Dr. M., 226. 416.
-
-Twer, 162.
-
-
- U.
-
-Umkehr, 108.
-
-Unbewusstes im Handelnden, 359.
-
-Universitätsschliessung, 178.
-
-
- V.
-
-»Vaterländische Annalen«, 50. 327. 407.
-
-Verhaftung, 63. 67.
-
-»Verhängnisvolle Frage«, 233. 235.
-
-Vermählung, 143. 275.
-
-Vevey, 280. 313.
-
-Volk und Gesellschaft, 4.
-
-Volk, Russisches, 109.
-
-Volksbildung, 204.
-
-
- W.
-
-»Westler«, 373.
-
-»Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke«, 231. 400. 428.
-
-»Wirtin«, 53. 57.
-
-»Wjestnik Ewropy«, 381. 384.
-
-Wrangel, 138. 147. 152. 162. 244. 247. 252. 264. 265. 268.
-
-»Wremja«, 145. 151. 174. 189. 191. 192. 201. 214. 215. 218. 219. 228.
-233. 236. 237. 245. 247. 327.
-
-
- Z.
-
-»Zapiski iz Podpolja«, 335.
-
-»Zarja«, 327. 334. 346. 348. 365. 369. 370. 371. 373. 374. 376. 378.
-379. 381. 392. 393. 405.
-
-Zivilisation, Russische, 11.
-
-»Zuboskala«, 45.
-
-Zwangsarbeit, 105. 117. 123. 124.
-
-
-
-
-
-
-
- Druck der _Nauck_'schen Buchdruckerei, Berlin SO.
-
-
-
-
-
-
-
- Verlag von Ernst Hofmann & Co. in Berlin SW. 46, Hedemannstr. 2.
-
- ----------------------------------------------------------------
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-
- Kaiser
- Wilhelm II.
-
- Von
- Friedrich Meister.
-
- Mit zahlreichen Illustrationen.
-
- 408 Seiten.
-
- Motto: »Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen
- führe Ich Euch noch entgegen.«
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- Brosch. M. 3,--;
- in Prachteinband
- M. 4,--.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Schopenhauers
- Gespräche und Selbstgespräche.
-
- Hrsgeg. von Eduard Grisebach.
- Geheftet M. 3,--; fein gebunden M. 4,--.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Deutsche Charaktere.
-
- Geheftet M. 5,50; fein gebunden M. 7,--.
-
- Von Richard M. Meyer.
-
- Inhalt: Der germanische Nationalcharakter. -- Über d. Begriff der
- Individualität. -- Tannhäuser. -- Der Kampf um den Einzelnen. --
- M. R. Lenz. -- Friedrich Wilhelm IV. -- K. Immermann. -- A.
- Graf v. Platen. -- Annette v. Droste-Hülshoff. -- Ferd.
- Freiligrath. -- Victor Hehn.-- Fr. Rohmer. -- Paul de Lagarde. --
- Sechzig Selbstporträts. -- Die Gerechtigkeit der Nachwelt.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Erinnerungen eines Künstlers.
-
- Von Rudolf Lehmann (London).
-
- Mit 16 Lichtdrucken:
-
- Chopin, Pet. Cornelius, Eckermann, Friedrich III., Gladstone, Ferd.
- Gregorovius, A. v. Humboldt, Lamartine, Liszt, Kardinal Manning,
- Adolf Menzel, Pius IX., L. v. Ranke, Clara Schumann, Tennyson.
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- 328 Seiten Großoktav. -- Splendide Ausstattung.
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- Geheftet M. 7,--; in Damast gebunden M. 8,--.
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- Dramen von Max Nordau:
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- Das Recht, zu lieben. Schauspiel. 2. Aufl.} Preis jedes
- } Bandes:
- Die Kugel. Schauspiel. 2. Aufl. }
- } Geheftet M. 2,--.
- Doktor Kohn. Trauerspiel. 2. Aufl. } Gebunden M. 3,--.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Peter der Große.
-
- Von
- Dr. K. Waliszewski.
-
- Deutsche Ausgabe Von Prof. W. Bolin.
-
- Zwei Bände. 320 + 289 Seiten. Mit Bildnis.
-
- Preis: Geheftet M. 6,--; Leinenbd. M. 8,--; Halbfranzbd. M. 9,50.
-
- Das moderne Rußland ist die Schöpfung Peters des Großen. Bis zu
- welchem Grade und in welcher Bedeutung erweist sich aus der
- Geschichte seines Lebens und Wirkens. Auf urkundliche Zeugnisse
- gestützt, die von bisherigen Forschern weniger berücksichtigt
- oder auch erst später zugänglich wurden, entrollt der bedeutende
- Geschichtsschreiber ein ebenso fesselndes wie durch seine
- unbestechliche Wahrheitsliebe ergreifendes Bild von dem
- nordischen Reformator. Ihm ist der Zar keineswegs eine heroische
- Ausnahmegröße, wie legendarische Ausschmückung sie gestaltet und
- unkritische Geschichtsauffassung sie willig geglaubt hat. Durch
- Peter den Großen wird Rußland nur rascher auf der Bahn der
- Entwickelung gefördert; durch ihn werden anderwärts bereits
- gewonnene Kulturerrungenschaften einem Gebiet zugewandt, welches
- durch eigentümliche, geographische wie geschichtliche,
- Verhältnisse in seiner Entwickelung gehemmt worden war. Der Verf.
- bringt den Zaren zugleich in seiner individuellen und nationalen
- Eigentümlichkeit dem Leser mit Anschaulichkeit nahe.
-
- Das Waliszewskische Werk kann unzweifelhaft als die beste Biographie
- Peters des Gr. bezeichnet werden.
-
- Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung.
-
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-
-
- Biographische Blätter.
-
- Jahrbuch für lebensgeschichtliche Kunst u. Forschung.
-
- Unter Mitwirkung von
-
- PProf. DDr. M. Bernays, F. v. Bezold, A. Brandl, A. Fournier, L.
- Geiger, K. Glossy, E. Guglia, S. Günther, O. Lorenz, K. v.
- Lützow, J. Minor, F. Ratzel, Erich Schmidt, A. E. Schönbach
- u. A.
-
- herausgegeben von Dr. Anton Bettelheim.
-
- Band I und II. -- Jeder Band (500 Seiten Lexikon-Format) ist
- selbstständig und einzeln käuflich: Geheftet M. 10,--; fein
- gebunden M. 11,50.
-
- Die »B. Bl.« zeigen die Lebensgeschichte von allen Seiten und in
- allen Stadien, im Werden und Sein, in der Theorie wie der Praxis.
- Abhandlungen und Essays, Quellen und Darstellungen, Kritiken und
- Übersichten treten in einen Kreis zusammen, in dessen Mittelpunkt
- der einheitliche Gedanke herrscht, daß Persönlichkeit,
- Individualität, Menschendasein und -Wirken in einzigem Maße
- erforschens-, wissens- und genießenswert ist und bleiben wird, so
- lange Gelehrte, Schriftsteller und Publikum aus lebendigen
- Menschen bestehen.
-
- Prof. A. Dove in der Münch. »Allgemeinen Zeitung«.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Geisteshelden.
-
- Eine Sammlung von Biographieen.
-
- Bisher erschienen folgende -- einzeln käufliche -- Bände:
-
- 1. Walther v. d. Vogelweide. 2. Aufl. Von Prof. A. E. Schönbach.
- 2/3. Hölderlin * Reuter. 2. Aufl. Von Dr. Ad. Wilbrandt.
- 4. Anzengruber. 2. Aufl. Von Dr. Anton Bettelheim.
- 5. Columbus. Von Prof. Dr. Sophus Ruge.
- 6. Carlyle. 2. Aufl. Von Prof. Dr. G. v. Schulze-Gaevernitz.
- 7. Jahn. Von Dr. F. G. Schultheiß. Preisgekrönt.
- 8. Shakspere. Von Prof. Dr. Alois Brandl.
- 9. Spinoza. Von Prof. Dr. Wilhelm Bolin.
- 10/11. Moltke, I. Von Oberstleutnant Dr. Max Jähns.
- 12. Stein. Von Dr. Fr. Neubauer. Preisgekrönt.
- 13/15. Goethe. Von Privatdozent Dr. Richard M. Meyer.
-
- Mit dem 1. Preise gekrönt.
-
- 16/17. 27. Luther. I. II, 1. Von Privatdoz. Dr. Arn. E. Berger.
- 18. Cotta. Von Minister Dr. Albert Schäffle.
- 19. Darwin. Von Prof. Dr. Wilhelm Preyer+.
- 20. Montesquieu. Von Prof. Dr. Alb. Sorel.
- 21. Dante. Von Pfarrer Dr. Joh. Andreas Scartazzini.
- 22. Kepler. * Galilei. Von Prof. Dr. S. Günther.
- 23. Görres. Von Prof. Dr. J. N. Sepp.
- 24. Stanley. Von Paul Reichard.
- 25/26. Schopenhauer. Von Konsul Dr. Ed. Grisebach.
- 28/29. Schiller. Von Prof. Dr. Otto Harnack.
- 30/31. inline:hand-left Von Dr. K. Waliszewski.
- 32. Tennyson. Von Prof. Dr. Emil Koeppel.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Die
- Kulturaufgaben der Reformation.
-
- Von
- Dr. Arnold E. Berger.
-
- 312 Seiten Grossoktav. Geheftet M. 5,--, fein gebunden M. 6,--.
-
- Die in Tausenden von Exemplaren verbreitete, von hervorragenden
- Gelehrten geschriebene Biographieen-Sammlung
-
- »Geisteshelden«
-
- bildet einen unentbehrlichen Bestandtheil aller Privat-,
- öffentlichen und Schul-Bibliotheken; sie gewährt einen
- gediegenen, anregenden und bildenden Lesestoff für Männer und
- Frauen, reife wie reifende Leser. Im Unterschied zu den
- nachträglich entstandenen Spezial-Sammlungen bieten die
- »Geisteshelden« Lebensbilder aus allen Gebieten der Kultur,
- Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Der Umfang der gediegen und
- geschmackvoll ausgestatteten Bände umfaßt je 200-300 Druckseiten.
- Der Text ist nicht durch gelehrte Anmerkungen beschwert; doch
- wird Weiterstrebenden im Anhang durch genaue Quellenangaben
- Material gewährt.
-
- In Vorbereitung:
-
- Uhland, von Professor Dr. Erich Schmidt.
- Grillparzer, von Professor Dr. Alfred Freiherr von Berger.
- Hans Sachs, von Privatdozent Dr. Max Herrmann.
- Molière, von Professor Dr. Heinrich Morf.
- Byron, von Professor Dr. Emil Koeppel.
- Buddha, von Dr. Karl Eugen Neumann.
- Helmholtz, von Professor Dr. Hugo Kronecker.
- Friedrich der Große, von Kgl. Archivrat Dr. Georg Winter.
- Napoleon I., von Professor Dr. Alois Schulte.
- Tizian, von Dr. Georg Gronau in Berlin.
- Michelangelo, von Professor Dr. Alfred Gotthold Meyer.
- Bach * Händel, von Dr. Max Seiffert.
- Mozart, von Professor Dr. Oskar Fleischer.
- Richard Wagner, von Professor Dr. Max Koch.
-
- Preis jedes Bandes: Geheftet M. 2,40; in geschmackvollem
- Leinenband (dunkelrot oder blau) M. 3,20; in feinem
- Halbfranzband M. 3,80.
-
-
- Die Wirtschaftspolitik des Vaterunser.
-
- Von
- Prof. Dr. Gustav Ruhland.
-
- Zweites Tausend. -- 104 Seiten. -- M. 2,--.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- DIE LIEDER
- DER
- MÖNCHE UND NONNEN
- GOTAMO BUDDHO'S.
-
- AUS DEM ALTINDISCHEN ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT
-
- VON
- Dr. KARL EUGEN NEUMANN.
-
- 400 Seiten Lex.-Oktav. -- Geheftet 10 M.; in Halbfranzband 12 M.
-
- Das Werk ist für die weitesten Kreise bestimmt und wird diese
- mächtig anziehen. Denn hier spricht echter, unverfälschter
- Buddhismus aus jeder Zeile, die eigenen Worte des Stifters und
- seiner Jünger. Es kommt hinzu, dass der Inhalt keineswegs
- einseitig, sondern reichlichst gestaltet ist und sich über alle
- menschlichen Verhältnisse verbreitet, ja sich stellenweise zu
- novellenartiger Feinheit und Eleganz erhebt. Das Buch wird nicht
- nur die Akademiker und Philologen, sondern alle Gebildeten, auch
- verwöhnte Feinschmecker, lebhaft anregen.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- DIE SITTLICHKEIT
- und der philosophische Sittlichkeitswahn.
-
- Von
- Dr. Abr. Eleutheropulos
- Privatdozent an der Universität Zürich.
-
- 148 Seiten Lexikon-Oktav. -- Preis M. 3,25.
-
- Selbst wer nicht Philosoph vom Fach ist, wird reiche Anregung aus
- dem geistvollen Buche schöpfen, das auch in kulturhistorischer
- Hinsicht beachtenswerte Erörterungen enthält.
-
- ----------------------------------------------------------------
-
-
- Deutsche Kern- und Zeitfragen.
-
- Von
- Dr. Albert Schäffle,
- K. K. Minister a. D.
-
- Erste Sammlung
- 480 Seiten Lexikon-Oktav.
-
- Neue Folge.
- 510 Seiten Lexikon-Oktav.
-
- Jeder Band ist selbständig und einzeln käuflich. Preis jedes
- Bandes: Geheftet M. 10,--; in feinem Halbfranzband M.
- 12,--.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Variierende Transliterationen der russischen Namen und Begriffe wurden
-im Allgemeinen beibehalten, wie z. B. Neswanowa, Njeswanowa und
-Njezwánowa. Lediglich offensichtliche Fehlschreibungen wurden
-korrigiert, wie z. B. Njezwánowna zu Njezwánowa.
-
-Andere Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der russischen
-Originale, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 6]:
- ... Unpünktlichkeit, Regellossigkeit nennen müssen. ...
- ... Unpünktlichkeit, Regellosigkeit nennen müssen. ...
-
- [S. 10]:
- ... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen. ...
- ... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen, ...
-
- [S. 11]:
- ... Wir verweisen auf Makenzie Wallaces vortreffliches Werk ...
- ... Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk ...
-
- [S. 28]:
- ... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe
- zurückzuführen; ...
- ... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe
- zurückzuführen, ...
-
- [S. 48]:
- ... verständlich nnd mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...
- ... verständlich und mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...
-
- [S. 72]:
- ... uns veröffentlichten Verteidigungschrift lediglich ein
- »advokatorisches ...
- ... uns veröffentlichten Verteidigungsschrift lediglich ein
- »advokatorisches ...
-
- [S. 77]:
- ... von schlechtem Einfluss und Aufheztung bestimmt, dessen ...
- ... von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen ...
-
- [S. 85]:
- ... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, Von-Wisin, ...
- ... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ...
-
- [S. 106]:
- ... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzemski in Ketten ...
- ... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten ...
-
- [S. 142]:
- ... Stepanscikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb ...
- ... Stepantschikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb ...
-
- [S. 218]:
- ... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszuprechen. Fertige ...
- ... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige ...
-
- [S. 232]:
- ... Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolojewitsch, das ist ...
- ... Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist ...
-
- [S. 233]:
- ... merkmürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ...
- ... merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ...
-
- [S. 245]:
- ... einem Briefe an den Bruder, wo es heist: »Der zweite ...
- ... einem Briefe an den Bruder, wo es heisst: »Der zweite ...
-
- [S. 276]:
- ... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russ geboren ...
- ... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russa geboren ...
-
- [S. 286]:
- ... der ersten Häfte seiner litterarischen Laufbahn sei
- Dostojewsky ...
- ... der ersten Hälfte seiner litterarischen Laufbahn sei
- Dostojewsky ...
-
- [S. 304]:
- ... debattiert haben, über Sie und Anna Jwanowna -- es war ...
- ... debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna -- es war ...
-
- [S. 307]:
- ... karikirt. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...
- ... karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...
-
- [S. 355]:
- ... »Ja, sie; Natalje Wassiljewna! im heurigen März!« beantwortet ...
- ... »Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im heurigen März!« beantwortet ...
-
- [S. 358]:
- ... heute zufällig anf dem Tischchen neben dem Divan liegen
- geblieben ...
- ... heute zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen
- geblieben ...
-
- [S. 386]:
- ... in den See und ersoffen.« ...
- ... in den See und ersoff.« ...
-
- [S. 420]:
- ... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken Dotojewskys ...
- ... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys ...
-
- [S. 449]:
- ... »Njetoschka Njezwánowna«, 47. 53. 420. ...
- ... »Njetoschka Njezwánowa«, 47. 53. 420. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
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-
-
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-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Th. M. Dostojewsky. Eine biographische Studie, by Nina Hoffmann</title>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Th. M. Dostojewsky
- Eine biographische Studie
-
-Author: Nina Hoffmann
-
-Release Date: June 9, 2016 [EBook #52283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-
-
-
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-
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-<div class="frontmatter">
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-
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-
-<div class="frontmatter">
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-Th. M. Dostojewsky.
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Eine biographische Studie</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">N. Hoffmann.</span>
-</p>
-
-<p class="ill">
-Mit Bildnis.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Berlin.</span><br />
-<span class="line2">Ernst Hofmann &amp; Co.</span><br />
-<span class="line3">1899.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="cop">
-Nachdruck verboten.<br />
-Übersetzungsrecht vorbehalten.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ded">
-<span class="line1">Meinen russischen Freunden</span><br />
-<span class="line2">gewidmet.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
- <div class="motto">
-<p class="hdr">
-<span class="greek">&Delta;&alpha;&#943;&mu;&omega;&nu;</span>.
-</p>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,</p>
- <p class="verse">Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,</p>
- <p class="verse">Bist alsobald und fort und fort gediehen</p>
- <p class="verse">Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.</p>
- <p class="verse">So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,</p>
- <p class="verse">So sagten schon Sibyllen, so Propheten;</p>
- <p class="verse">Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt</p>
- <p class="verse">Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.</p>
- </div>
- <div class="stanza attr">
- <p class="verse">Goethe.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="line1 chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a>
-<span class="line1">Inhalts-Übersicht.</span>
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col_page">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">I.</td>
- <td class="col2">Das Milieu</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">II.</td>
- <td class="col2">Kindheit und Jugend</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-17">17</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">III.</td>
- <td class="col2">Katastrophe</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">IV.</td>
- <td class="col2">Semipalatinsk</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-130">130</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">V.</td>
- <td class="col2">Petersburg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-171">171</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">VI.</td>
- <td class="col2">Publizistik</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-191">191</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">VII.</td>
- <td class="col2">Zweite Vermählung. Schuld und Sühne. Abreise</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-252">252</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">VIII.</td>
- <td class="col2">Vierjähriger Aufenthalt im Auslande</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-276">276</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">IX.</td>
- <td class="col2">Briefwechsel aus der Fremde</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-300">300</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">X.</td>
- <td class="col2">Petersburg; die letzten zehn Jahre</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-405">405</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2"><em>Anhang.</em> Bibliographische Übersicht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-443">443</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">Personen- und Sach-Verzeichnis</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-446">446</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<div class="centerpic" id="img-0005">
-<img src="images/0005.jpg" alt="" /></div>
-
-<h2 class="line1 chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a>
-<span class="line1">An meine Leser.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>V</span>orreden sind immer Entschuldigungen&ldquo;, hat jüngst
-ein geistvoller Schriftsteller in einer der seinigen gesagt.
-Der Verfasser des vorliegenden Buches geht weiter. Er
-erhebt Einspruch dagegen, dass seine Arbeit als ein
-litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie
-durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persönlichkeit
-betrachtet wissen, und wünscht als einzigen
-Erfolg dieses Buches, dass etwas von dem zwingenden und
-zugleich versöhnenden Geiste des grossen Dichters durch
-seine Blätter wehe und die Gemüter in seinem Sinne
-erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wäre am Platze:
-dem Dichter und dem unerschöpflichen Material gegenüber,
-das ganz zu bewältigen dereinst die Arbeit Vieler ausmachen
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier
-ihre Stelle finden. Im grossen Ganzen habe ich den Stoff
-chronologisch geordnet. An einigen Stellen indes schien
-es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten plastisch
-hervortreten zu lassen, spätere briefliche Äusserungen des
-Dichters sofort heranzuziehen.
-</p>
-
-<p>
-Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme
-der &bdquo;Armen Leute&ldquo;, in die Periode des Tastens und
-der Nachahmungen einreihen muss, habe ich nicht im
-Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben Gesichtswinkel
-zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit
-und Feinheit psychologischer Einzelheiten &mdash; vom Standpunkt
-<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a>
-der russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt &mdash;,
-nicht allzusehr von einander differenzieren.
-</p>
-
-<p>
-Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele
-Etappen auf dem Wege zur Vollendung seines
-Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer Ausgeprägtheit
-und ihres Verstandenseins durch den westeuropäischen Leser
-mehr oder weniger breit behandelt.
-</p>
-
-<p>
-Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben
-muss, die aus vielfachem Material geschöpft hat und auf
-Glaubwürdigkeit Anspruch erheben darf, befand ich mich
-in einiger Verlegenheit. Für den deutschen Leser wären
-Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen,
-da ich aus unübersetzten russischen Autoren schöpfte.
-Auch die den Werken des Dichters entnommenen Stellen
-könnte der deutsche Leser nicht in den umlaufenden Ausgaben
-nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem Verständnisse
-aus dem Original übersetzte. Der russische Leser
-aber kennt alles, was über Dostojewsky geschrieben worden,
-sofern er sich für diesen Dichter und seine Richtung interessiert,
-vortrefflich und findet in den Namen und Quellen,
-die ich im Texte reichlich angab, genug Anhaltspunkte zum
-Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise, die
-mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen
-mussten.
-</p>
-
-<p>
-<em>Wien</em>, Januar 1899.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<b>N. Hoffmann.</b>
-</p>
-
-<h2 class="chimg chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/001.jpg" alt="" /></span>
-<span class="line1"><br />I.</span><br />
-<span class="line2">Das Milieu.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Ü</span>ber Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner
-Gesamt-Erscheinung als Dichter, Psychologe, als Ethiker
-und Mensch zu sprechen, ein erschöpfendes Bild seines
-Lebens und seiner künstlerischen, sowie vor allem seiner
-seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wäre heute,
-sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes
-Unternehmen. Einerseits ist er der gegenwärtigen Generation
-noch zu nahe; alles was über ihn gesagt werden
-könnte, stünde noch im Zeichen des Kampfes. Er hat ja,
-wie alle mächtig ausgeprägten Individualitäten, im Leben
-bis zu seinem letzten Atemzuge heftig gekämpft und Kampf
-erzeugt.
-</p>
-
-<p>
-Anderseits leben seine nächsten Angehörigen, seine
-Freunde noch, und diese sind im Besitze der intimeren
-Erinnerungen und Äusserungen seines persönlichen Lebens,
-die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben nicht
-geneigt sein können; ganz abgesehen davon, dass die Ausnützung
-intimer Lebensverhältnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches,
-ohne Hinblick auf die inneren Zusammenhänge
-und die Einheitlichkeit des Wesens, dem man nahe
-zu kommen trachtet, nicht scharf genug als müssige Indiskretionen
-gebrandmarkt und verpönt werden können.
-</p>
-
-<p>
-Wir Europäer hinwieder bringen dem Dichter eines uns
-in hohem Grade interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher,
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-verblüffter Neugierde entgegen, zu der uns der grosse
-Seelen- und Krankheitskenner und Maler wohl zwingt,
-lehnen aber die nähere Bekanntschaft seines tiefen Zusammenhanges
-mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus
-Furcht vor dem Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie
-Nietzsche sagt, &bdquo;die allerstärkste und erstaunlichste Kraft,
-zu wollen, in sich aufgespeichert hat, mit der ein Denker
-der Zukunft wird rechnen müssen&ldquo;. Dazu tritt noch,
-dass unser grosses Publikum alles, was von Russland
-kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders
-fesselt, wenn es die Äusserungen sozialistischer,
-revolutionärer, atheistischer Anschauungen einer unter harter
-Despotie seufzenden Intelligenz vermittelt. Äusserungen,
-deren Intensität im Gegensatze zu den sie hervorrufenden
-Zuständen, es fast als litterarische Pikanterie geniesst.
-</p>
-
-<p>
-Aber mit der eigentümlichen Erscheinung eines Dichters,
-der zugleich lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und
-mystisch religiös, der durchaus demokratisch und dabei
-durchaus konservativ ist, wissen wir nichts anzufangen.
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der
-grösste Repräsentant dieser merkwürdigen Konstellation,
-und wir müssen die scheinbaren Widersprüche, die darin
-liegen, in der Grösse seines Genies und seines Herzens
-auflösen und etwa so ansehen, wie wir die Widersprüche
-der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West
-mit einem grossen Ringe umspannt. Vor allem dürfen
-wir Dostojewsky nicht litteraturmässig auffassen, sondern
-als einen grossen, seelenbewegenden Schöpfer &bdquo;in einem
-ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen&ldquo;. Unter
-uns hört man oft den Ausspruch: &bdquo;Dostojewsky ist ein
-grosser Künstler, aber sein mystisches Christentum ist
-sehr störend&ldquo;. So angesehen zerfällt sein Bild sofort in
-einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er ist ein
-Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-die Läuterung <em>auch Europas</em> durch das russische Volk,
-und er kann, vermöge seines unvergleichlichen Dichtergenius,
-seine Wahrheiten nicht anders hinausrufen, als in
-Werken von hohem künstlerischen Werte.
-</p>
-
-<p>
-So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit,
-die wir in allen seinen Werken wiederfinden, so fest und
-kompakt wie etwa ein Urgestein, das bei dem kleinsten
-Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt.
-</p>
-
-<p>
-Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im
-Auge haben, wenn wir es versuchen, an der Hand lückenhafter
-russischer Biographieen, sowie des Materials, das
-uns seine Tagebücher, die Aufzeichnungen seiner Gattin,
-seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke
-vermitteln, ein, soweit es möglich ist, getreues Bild seines
-Lebens und Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten,
-müssen wir einige Vorbemerkungen über das Milieu einschalten,
-dem der Dichter entsprossen ist.
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir nämlich die Werke französischer, englischer,
-italienischer, kurz europäischer Schriftsteller lesen, so
-bringen wir ihrem Milieu so viel Kenntnis und Anpassungsvermögen
-entgegen, dass wir ohne weiteres sagen, der oder
-jener schildere die <em>Menschen</em> so oder so. Lesen wir
-indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir
-sehen ein fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und
-darin &mdash; einen <em>Russen</em>, den wir uns erst in unser Menschliches
-übersetzen müssen, wobei wir oft unsere liebe Not
-haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da
-wohl mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen
-Kräften, mit einem Volke, das wir erst kennen
-lernen, demgegenüber wir manches &bdquo;umlernen&ldquo; müssen.
-</p>
-
-<p>
-Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er
-sich nicht eine lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat,
-kein lebendiges und ganz zutreffendes Bild von Russland
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-und seinem Volke entwerfen. Lässt ja Dostojewsky selbst
-in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein Gespräch
-miteinander führen, in dem der eine ungefähr sagt: &bdquo;Der
-M. N. giebt vor, zu wissen, was Russland ist &mdash; ja wissen
-wir es denn selbst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so
-zu eigen gemacht, dass er ihre intimen Nüancen, die
-familienhafte Unmittelbarkeit ihrer Laute nachempfindet,
-ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke und
-ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele,
-die diese Sprache ausdrückt, gewahr werden. Dies ist
-hier um so leichter der Fall, als alles Russische ein so
-durchaus uneuropäisches Gepräge an sich trägt.
-</p>
-
-<p>
-Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes
-gehender Zug vor allem auffallen muss, ist die familienhafte
-Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit aller mit
-allen. Dies drückt sich schon in der Sprache aus: Väterchen,
-Mütterchen, du mein Verwandter, oder: du meine
-Verwandte sind die gebräuchlichsten Formen der Anrede.
-Dieses Familiengefühl geht von unten hinauf, nicht umgekehrt,
-allein das ist es, was ihm ewige Dauer sichert.
-Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede
-keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen
-mit dem höflichen Zusatz des Vatersnamens zulässt, geht
-eine, wenigstens formale Intimität durch die ganze Nation,
-von welcher sich kein modern &bdquo;demokratisches&ldquo; Volk etwas
-träumen lässt. Nicht nur der Bauer, sondern auch der
-Hoflakai führt für den Kaiser oder Grossfürsten keine
-andere Benennung oder Anrede im Munde als etwa:
-&bdquo;Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna lässt Euch
-bitten&ldquo; oder ähnliches. Für das Volk ist diese Form
-eine intime Herzenssache, für die &bdquo;Gesellschaft&ldquo; hat sie
-nur den Wert einer patriarchalischen Reminiscenz, und
-das Volk selbst als &bdquo;Brüder&ldquo; zu betrachten, ja einen
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und
-Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend
-bis heute noch nicht geträumt. Darin liegt wohl,
-wie es scheint, die scharfe Trennung der konservativen
-russischen Kreise von den neueren liberalen. Allerdings
-wachsen auf diesem Gebiete Missverständnisse wie die
-Disteln empor. Denn, indem sich viele energische Liberale
-nicht auf die Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum
-Volke, auf den guten Einfluss der Bildung allein beschränken,
-die sie diesem hochintelligenten, aber in tiefe,
-abergläubische Religiosität eingesponnenen Kinde vermitteln,
-so fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hände,
-welche von der Vernichtung der Unwissenheit und des
-Aberglaubens auch jene des Glaubens und der Ehrfurcht
-befürchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum
-Volke in ein Gebiet übergeleitet, das sich von den ursprünglichen
-Absichten allmählich und unbemerkt entfernt.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des
-russischen Volkes geht (die Gesellschaft als solche aus
-dem Spiel gelassen), ist eine Fähigkeit zum Leiden und
-Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher
-erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame
-Fingerzeige; das Volk nennt jeden Verbrecher einen &bdquo;Unglücklichen&ldquo;,
-und die Sprache selbst, welche für das Menschliche
-drei Ausdrücke streng unterscheidet, nämlich: &bdquo;Menschlich&ldquo;,
-&bdquo;Allgemeinmenschlich&ldquo; und &bdquo;Allmenschlich&ldquo;, sie hat
-für die Nüancen der Schuld, die wir dreifach besitzen:
-&bdquo;Übertretung&ldquo;, &bdquo;Vergehen&ldquo;, &bdquo;Verbrechen&ldquo;, ausser dem
-Worte Schuld nur das eine Wort &bdquo;Übertretung&ldquo; (Prestupljenie).
-</p>
-
-<p>
-Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu
-thun haben, als mit unserem europäischen Mitleid, das die
-Franzosen unter anderem &bdquo;une fonction purement cérébrale&ldquo;
-nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im Gegensatze zur
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-allmächtigen und allberechtigten &bdquo;passion&ldquo;. Hier ist eine
-Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen
-von Ost und West, die man nicht ernst genug
-betrachten kann.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur
-ist die mit tiefer Religiosität verbundene Demut des
-Russen, die auch da erhalten bleibt, wo, wie in den Kreisen
-der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede Spur von
-Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit,
-sein Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie
-sich um deswillen vor Freund und Feind zu demütigen
-oder anzuklagen. Da nun ein solcher Einsichtswechsel
-bei seiner nervösen, grübelnden und immerfort &bdquo;die Wahrheit&ldquo;
-suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er
-uns Westländern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren
-Gebrechen kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger
-Selbsterniedrigung. Denn der Westen versteht heute zumeist
-unter dem Begriff &bdquo;Charakter haben&ldquo;, dass man
-nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm
-um viel realere Güter zu thun, als um die bei den Russen
-in jeder Lebenslage auftauchende Sorge und Frage &bdquo;wie
-soll mein Leben sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem
-Russen auffällt, ist das, was wir Deutsche Unzuverlässigkeit,
-Unpünktlichkeit, <a id="corr-0"></a>Regellosigkeit nennen müssen.
-Wenn man die Unmöglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind
-der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen
-bestimmten Ort zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner
-Tageseinteilung auch nur das geringste System oder die
-geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen, so möchte
-man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen:
-&bdquo;Dem Glücklichen, sowie dem Russen, schlägt keine
-Stunde&ldquo;. Russen können zu jeder Stunde des Tages ihr
-Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt sind, zu jeder
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen.
-(Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf
-bannenden Nächte eine grosse Rolle.) Aber nicht das
-allein. Sie bringen ihre Freunde zu anderen Freunden,
-ohne Anfrage, ohne Umstände, zu allen Mahlzeiten, mitten
-in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa
-krank, erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten
-dort eine schwere Nachricht &mdash; so ist das ganze fremde Haus,
-das nun nicht mehr ein fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen.
-Man bleibt zusammen auf, man quartiert den Freund
-des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem
-Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es
-ist eine selbstverständliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe,
-dem man einmal seine absolute Unpünktlichkeit vorwarf,
-erwiderte mit vielem Ernste: &bdquo;Ja, das Leben ist eine
-schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt
-sein wollen und viel wichtiger sind, als das pünktlichste
-Worthalten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nun die russischen Frauen. Sie leben und
-weben von innen heraus, sie haben grosse Ziele, ernste
-Interessen, ein offenes Auge für die Aussenwelt, für das,
-was sie umgiebt und was not thut. Die russische Frau
-verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen
-Mädchens mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des
-Mannes; sie hat etwas Jünglinghaftes an sich. Dabei
-nimmt sie es allerdings mit der bis ins kleinste gehenden
-Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis
-in die feinste Abschattung durchgeführten Eindrucks-Delikatesse
-der Französin nicht auf. Das Daheim einer echten
-Russin wird mitunter ein Chaos aufweisen, das unsere
-Landsmänninnen, namentlich jene des Nordens, abschrecken
-müsste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere Vorstellungen
-über Genauigkeit und Ordnung antworten: &bdquo;Ja,
-jeder Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-darf das Grosse, das Detail nicht das Allgemeine verbauen&ldquo;,
-und wir hörten einmal eine Russin sagen, dass
-die Petersburger Frauen und Mädchen auf der Strasse
-sehr eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man
-sehen könne, wie sie einem Ziele entgegen gehen, während
-die Frauen europäischer Grossstädte so gehen, als wäre
-die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die &bdquo;breite
-russische Natur&ldquo; (&bdquo;schirokaia russkaia natura&ldquo;), wie sie es
-nennen, was sich überall geltend macht, und wir möchten
-uns, gerade auf diese so unharmonisch scheinende Verbindung
-gestützt, der Anschauung Dostojewskys anschliessen,
-welcher sagt, dass die nächste Zukunft des Menschengeschlechtes
-in der Hand der Russin liegt.
-</p>
-
-<p>
-Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese
-Umgestaltung nicht auf dem Wege der Frauenbewegung
-als vor sich gehend gedacht werden darf. &mdash; Die russische
-Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung längst vollzogen
-und zwar &mdash; wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen
-&mdash; ganz organisch, von einem rein natürlichen
-Standpunkt aus in Angriff genommen, von dem der Mütterlichkeit.
-Sie will und muss die Gefährtin, ja Führerin
-ihrer männlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen,
-in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt
-im Gemüte der russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor
-allem der Wunsch, nützlich zu sein, ihrem Volke zu dienen.
-So ist es gekommen, dass die Russin heute ihre Fähigkeit
-zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben bewiesen
-hat, während die europäische bewegte Frau ihre Freiheit
-und Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fähig
-sei, abseits von der Familie zum Leben zu gelangen. Dies
-ist ein grundlegender Unterschied.
-</p>
-
-<p>
-Den genannten Hauptcharakterzügen des Russen gesellt
-sich ein unausrottbares Misstrauen in allen seinen
-Beziehungen zum Nebenmenschen bei, allein ein Misstrauen,
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-das viel mehr dem immerwachen Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit
-und &bdquo;Sündhaftigkeit&ldquo; entspringt, als dass es
-sich auf den Unwert des anderen bezöge. Es ist das
-Misstrauen der Demut im Gegensatze zum Misstrauen
-der Routine.
-</p>
-
-<p>
-Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen
-Hintergrund an, aus dem heraus sich diese Volkspersönlichkeit
-entwickelte, so finden wir ein ungeheures,
-kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem unermesslichen
-Horizont, wo das träumende Auge des Steppenbewohners
-in eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt,
-dünn bevölkert, ohne bedeutende Küstenentwicklung, ohne
-namhaften Welthafen &mdash; &bdquo;ein Riese in einer grossen, niedern
-Stube&ldquo;, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale Einheit
-ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden
-Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten,
-kein fremdes Blut, es sei denn finnisches, hat diesen
-Riesenkörper durchädert. Sein &bdquo;weisser Kaiser&ldquo; ist ihm
-Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer
-in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk
-macht seine Entwickelungsprozesse langsam durch, steht
-heute in seiner Kindheit und wandelt seinem Mittelalter
-zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute seine vornehmlichen
-Lebensquellen, die Städte sind dünn gesäet,
-der Kleinhandel ist in den Händen des moskowitischen
-Kleinbürgers, Grosshandel und Industrie ebenfalls in den
-Händen des grossen Moskauer Kaufherrn, sowie in denen
-des Ausländers und des Juden. So giebt es denn kein
-eigentliches grosses Bürgertum, und die Gesellschaft, die
-wir heute Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen
-Landsassen &mdash; Gutsbesitzer &mdash; und dem Beamtenstande
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses höchst langsame, doch organische Wesen der
-Volksentwickelung hat Peter der Grosse mit seinen Reformen
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-durchrissen. Ein mit unermesslichen Mühen und
-Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn
-und gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thätigkeit.
-Petersburg, das &bdquo;ausgebrochene Fensterchen&ldquo; gegen
-Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen<a id="corr-1"></a>,
-Europas Sitten und Unsitten, Europas Philosophie, Aufklärung
-und Dekadenz, kurz den &bdquo;Europäismus&ldquo;, wie sich
-Dostojewsky ausdrückt, hereindringen lassen. Die kompakte
-Masse des Volkes indessen ist von diesen Neuerungen
-nicht berührt worden, und wenn auch hie und da in den
-Städten der altrussische Bart der europäischen Schere,
-und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europäischen
-Kleide zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis
-auf den heutigen Tag nicht zum Bewusstsein seiner Bürgerrechte
-im europäischen Sinne erwacht. Gleichwohl ist er
-im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und -freiheiten
-(Ob&#353;&#269;ina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenössischer
-Agrarier als die einzige Lösung aller Schwierigkeiten des
-Grundbesitzes und als das einzige Arcanum gegen die
-Proletarisierung des Bauernstandes erscheinen. Ob dies
-eine richtige Anschauung sei, können wir hier nicht untersuchen.<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
-Auch über die wichtigste Streitfrage, welche die
-führenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit
-bewegt hat und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlöschen
-zu sein scheint, können wir hier nur ganz kurz
-sprechen, müssen sie jedoch berühren, weil die zwei Hauptströmungen
-des russischen Lebens aus ihr entspringen
-und dem Europäer nur durch den Einblick in diese Frage
-das Verständnis für Russland und sein künftiges Werden
-aufzugehen vermag. Es ist dies die Frage, die v. Reinholdt
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-in seiner &bdquo;Geschichte der russischen Litteratur&ldquo; folgendermassen
-formuliert: &bdquo;Wie verhält sich die orthodoxe Kirche
-zur römischen und protestantischen? als ursprüngliche Gemeinschaft
-anfänglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher,
-auf dem Wege späterer Entwickelung und des Fortschritts
-andere, höhere Formen religiöser Weltanschauung sich entwickelten,
-oder als ewig dauernde und ungeschmälerte
-Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der occidentalen
-Welt der römisch-germanischen Anschauungen sich
-unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole
-sich spaltete&ldquo;? Endlich: &bdquo;Worin besteht der Gegensatz
-zwischen der russischen und der westeuropäischen
-Zivilisation? &mdash; bloss in der Entwickelungsstufe oder in
-der Eigentümlichkeit der Bildungselemente? Steht es der
-russischen Zivilisation bevor, nicht allein von den äusseren
-Resultaten, sondern auch von den Grundlagen der westeuropäischen
-Bildung durchdrungen zu werden? &mdash; oder
-wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches
-geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen,
-künftigen Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Anhänger der westlichen Einflüsse bejahen den
-ersten Teil dieser Frage, die Slavophilen den zweiten.
-Einige Slavophilen, darunter J. Kirejewsky, erwarten von
-einer Synthese beider, einander so widersprechender Bildungsformen
-das Heil künftiger Menschheitsentwickelung
-und zwar so, dass die westliche Kultur die Gedankenwelt
-des Ostens entwickele und kläre, die östliche tiefe Seeleneinheitlichkeit
-hinwieder die Gefühlswelt und Ethik des
-Westens mit ihrer &bdquo;Allmenschlichkeit&ldquo; befruchte. Und
-in der That, wer seine Hoffnungen und Schlüsse für die
-Zukunft des grossen Volkes mit der &bdquo;erstaunlichen Kraft
-zu wollen&ldquo; nicht nur auf seine Historie, sondern auf diese
-in jedem Russen zu findende latente und eigenartige
-Menschheitskraft und Fähigkeit aufbaut, der muss, unbefangen
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-urteilend, finden, dass nicht sowohl Russland von
-unserer Zivilisation etwas Umgestaltendes zu erwarten
-hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft eine Rückkehr
-zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen
-gewärtig sein können.
-</p>
-
-<p>
-Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden
-Führer im Streite ihre Sache selbst führen zu
-lassen. Die slavophile Richtung wurde zum erstenmale
-theoretisch formuliert durch den unter Katharina II. lebenden
-Geschichtschreiber, Fürsten Michael Schtscherbatow,
-um das Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten
-späteren Vertreter dieser Richtung sind Kirejewsky,<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>
-Chomjakow, die Brüder Aksakow u. a. Die westlichen
-Einflüsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen,
-Granowsky u. a.
-</p>
-
-<p>
-Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage
-durch Dostojewsky behandelt, wie wir dies in seinem Leben
-und seinen Werken erkennen. Indessen geht schon durch
-die ganze russische Litteratur neben der Frage nach dem
-Werte der westlich-östlichen Kultur, ja als Wurzel dieser
-Frage die Sorge des russischen Menschen hindurch: &bdquo;wie
-soll mein Leben sein?&ldquo; &mdash; Dostojewsky hat in seiner berühmten
-Puschkin-Rede im Jahre 1880 in Moskau die Bedeutung
-Puschkins, dessen Standbild man eben enthüllte,
-dahin erklärt, dass dieser Dichter &mdash; nachdem mehr als
-ein Jahrhundert nach Peters Reformen verflossen war, ehe
-sich der Keim einer russischen Litteratur entwickelte &mdash;
-nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des russischen Geistes
-grösste und einzige, sondern auch seine prophetische Offenbarung
-gewesen sei. Dostojewsky führt in dieser Rede
-den Gedanken aus, dass Puschkin schon in seiner früheren
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Periode der Nachahmung André Cheniers und Byrons plötzlich
-einen neuen, ganz und nur russischen Ton gefunden
-hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die &bdquo;verfluchte
-Frage&ldquo;, wie er sie anführend nennt, &bdquo;nach dem
-Glauben und der Wahrheit des Volkes&ldquo;. Diese Antwort
-laute: &bdquo;Demütige dich, stolzer Mensch, und vor allem
-brich deinen Hochmut, demütige dich, eitler Mensch, und
-vor allem mühe dich auf heimatlichem Boden&ldquo; &mdash; und
-weiter: &bdquo;nicht ausser dir ist deine Wahrheit, sondern in
-dir selbst; finde dich in dir und du wirst die Wahrheit
-schauen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben diese Stelle wörtlich angeführt, weil sie
-für Dostojewskys Stellung in der Litteratur und seine Auffassung
-vom Apostolat des Dichters und namentlich des
-Publizisten von grosser Wichtigkeit ist.
-</p>
-
-<p>
-Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten
-Werken, K. Slutschewsky, sagt in seiner Vorrede ganz
-im Sinne Dostojewskys: &bdquo;Mit ganz besonderer Schärfe
-treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche,
-ausschliesslich ihm zukommende Züge hervor. Schon im
-Jahre 1861, in der Anzeige von der Ausgabe der &bdquo;Wremja&ldquo;
-hat Dostojewsky gesagt, dass vielleicht die russische Idee
-die Synthesis aller jener Ideen sein werde, welche Europa
-entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle Sprachen
-sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen
-aller europäischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt
-bei keiner anderen Nation vorkommt. Unser zweiter,
-ausschliesslich uns gehöriger Zug, den Dostojewsky wiederholt
-dargelegt und mit Zähigkeit in That und Wort durchgeführt
-hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis
-seiner &bdquo;Sündigkeit&ldquo;, eine Erkenntnis, welche es
-sehr gut erklärt, warum wir so leicht verzeihen, so geneigt
-zur Selbstgeisselung sind, warum wir unsere Unvollkommenheit
-nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-&bdquo;Rechtsverhältnisse&ldquo; nicht anzuerkennen vermögen und
-gerne das Kreuz innerer Reinigung und äusserer schwerer
-That tragen mögen, sei es auch unserem eigensten Ich
-zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtgläubige Religion,
-die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus
-und Protestantismus (von den anderen zu schweigen),
-als streitende Kirche aufgetreten ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Fügen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden
-aus Dostojewskys Erlebnissen hinzu, die hierher gehören,
-so haben wir annähernd ein Bild von dem Milieu
-gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius entwickelt
-und auf das er hinwieder gewirkt hat.
-</p>
-
-<p>
-K. Aksakow erzählt im März 1881, schon nach
-Dostojewskys Tode, folgendes: Auf einer Durchreise
-Dostojewskys geschah es, dass er sich in Moskau aufhielt
-und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer
-Art Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus
-Pawlowitsch zu sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde
-der Vergangenheit das historische Bild dieses Monarchen
-grossartig abhebt, eines Monarchen, der fest an
-seine Würde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch
-ihm, Dostojewsky, dieses Bild sei. Während unseres Gespräches
-trat der englische Reisende Mackenzie Wallace
-bei uns ein, welcher schon einmal drei Jahre in Russland
-gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach und mit
-der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr,
-dass er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine
-Neugierde und er lauschte gespannt dem bei seinem Eintritte
-unterbrochenen und von Dostojewsky wieder aufgenommenen
-Gespräch über Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky
-führte seine Rede zu Ende, ohne den Engländer
-im geringsten zu beachten, und entfernte sich bald darauf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sagen, dies sei Dostojewsky,&ldquo; fragte uns der
-Engländer. &bdquo;Ja wohl.&ldquo; &bdquo;Der Verfasser des &sbquo;Totenhauses&lsquo;?&ldquo;
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-&bdquo;Derselbe.&ldquo; &bdquo;Das kann nicht sein; er ist ja doch zur
-Zwangsarbeit verschickt gewesen.&ldquo; &bdquo;Ganz richtig, was
-weiter?&ldquo; &bdquo;Ja, wie kann er denn einen Menschen loben,
-der ihn zur Zwangsarbeit verurteilt hat?&ldquo; &bdquo;Euch Ausländern
-ist das schwer zu begreifen,&ldquo; antworteten wir, &mdash;
-&bdquo;uns aber ist es als ein durchaus nationaler Zug begreiflich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis
-erzählt K. Slutschewsky, Dostojewsky sei einige
-Monate vor seinem Tode auf einen Ball in irgend eine
-höhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er damals
-schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer
-aufrichtig liebte, war hoch erfreut und drängte sich dicht
-um ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir fingen zu plaudern an,&ldquo; erzählt er selbst, &bdquo;und
-sie begannen eine Diskussion. Sie baten mich, ich solle
-von Christus reden. Ich fing an zu sprechen und sie
-lauschten mit grosser Aufmerksamkeit.&ldquo; &bdquo;Eine Predigt
-über Christus auf einem Balle und nicht im geringsten
-durch die Musik und den Tanz zurückgeschreckt &mdash; fährt
-Slutschewsky fort &mdash; das Lob des Machthabers, der uns
-zur Zwangsarbeit verurteilte &mdash; wo könnte das jemals
-vorkommen als in Russland?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters
-zu. Wir verdanken, was wir davon wissen, den zu einem
-Buche vereinigten Aufzeichnungen zweier seiner nächsten
-Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die Durchsicht
-seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker
-Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick
-in die Papiere des Prozesses Petraschewsky zugestanden
-wurde (was er jedoch nicht auszunutzen verstand) und
-dem mehrjährigen publizistischen Mitarbeiter Dostojewskys,
-Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den Erzählungen
-seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia,
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-alter Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber
-dem &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;, jenem Blatte, das
-der Dichter in seinen letzten Lebensjahren allein besorgte
-und das sehr viel autobiographisches Material enthält.
-</p>
-
-<p>
-Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit
-grosser Pietät alles zusammengetragen, was sie teils selbst
-miterlebten, teils durch Mitteilungen anderer, namentlich
-eines jüngeren Bruders, Andreas, sowie der Gattin des
-Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach
-einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters
-scheinen, als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der
-Öffentlichkeit übergaben, schlecht beraten gewesen seien
-und manchen intimen Brief ganz unbeschadet der Diskretion
-mit anderen hätten vertauschen sollen, die sich in immerwährenden
-Wiederholungen der Geldnot und Schuldenkalamitäten
-bewegen. Es ist, als hätte ein neidischer Geist
-heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter,
-dessen Tod von Hunderttausenden öffentlich betrauert
-wurde, dessen Leichenzug ganz Petersburg war, dessen
-Hülle 63 Deputationen Kränze brachten und der Hof die
-letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen,
-sondern all diese Teilnahme lieber als einzelnes, die
-Leiden eines Kämpfenden verherrlichendes Faktum hinzustellen,
-als sie zu Ungunsten lebender Dichter auch noch
-durch eine bedeutende Korrespondenz zu bestätigen. Indessen
-sind auch die veröffentlichten Briefe interessant
-genug, um auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen,
-was im weiteren Verlaufe unserer Aufzeichnungen
-an seiner Stelle geschehen wird. Die erwähnten Wiederholungen
-schildern, wie schon gesagt, unzählige immer
-wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten,
-von einer unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem
-ewigen Ringen um die Bestreitung des täglichen Unterhaltes
-für sich und die Seinen. Wir bekommen durch sie
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-einen Blick in die unaufhörlichen Kämpfe mit Not, Krankheit,
-Widerwärtigkeiten aller Art, und staunen immer
-wieder über die ausserordentliche Kraft, die das alles
-überwand.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<span class="line1">II.</span><br />
-<span class="line2">Kindheit und Jugend.</span><br />
-<span class="line3">(1821-1849.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">T</span>heodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn
-eines in Civildienste übergetretenen Militär-Arztes, welcher
-unter dem Titel eines Stabsarztes im Moskauer Armenspital
-angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen Familie
-eine aus zwei, später drei Zimmern, einem Vorzimmer
-und einer Küche bestehende Wohnung einnahm. Bei der
-Knappheit der Räumlichkeiten half man sich, wie man
-sich in den minder wohlhabenden Familien in Russland zu
-helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher Holzverschlag
-teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon
-der vordere, mit dem Fenster versehene als Entrée, der
-rückwärtige, halb finstere Teil als Schlafzimmer der beiden
-ältesten Kinder, Michael und Theodor, diente.
-</p>
-
-<p>
-Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821
-geboren. Zu seinen ersten Erinnerungen gehört jene aus
-seinem dritten Lebensjahre, dass er einmal von der Kinderfrau
-in die gute Stube geführt und veranlasst worden war,
-hier, vor der &bdquo;heiligen Ecke&ldquo; kniend, in Gegenwart einiger
-Freunde der Eltern sein tägliches Abendgebet aufzusagen.
-Das Gebet lautete: &bdquo;Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf
-dich, Mutter Gottes, nimm mich unter deinen Schutz.&ldquo;
-Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben lang bewahrt
-und dieses später seinen Kindern übermittelt. Vier
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Jahre alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten
-Unterricht im Buchstabieren nach alter Methode besorgte
-die Mutter, später bekamen die Knaben einen Lehrer für
-französische Sprache und die üblichen Schulgegenstände,
-sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen
-&bdquo;die hundertundvier Geschichten des alten und neuen
-Bundes&ldquo; vortrug und damit den grössten Eindruck auf
-sie machte.
-</p>
-
-<p>
-Man muss hier beide Brüder immer zusammen nennen,
-denn es verband sie ausser der Kameradschaft so naher
-Altersgenossen (sie waren nämlich nur um ein Jahr im
-Alter von einander getrennt) ein Band innigster Freundschaft,
-das ihr ganzes Leben hindurch währte. Der ältere,
-Michael, war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor,
-welcher überschäumend von Temperament war, &bdquo;das reine
-Feuer&ldquo;, wie ihn die Eltern nannten. Er war natürlich
-Angeber und Anführer in allen Spielen, während sich
-Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden
-war es zumeist ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng
-verbrachten Arbeitstage vornahmen, wobei Theodor, in
-seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft betrog.
-</p>
-
-<p>
-Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines
-Landgütchen bezogen hatte, im nahegelegenen Birkenwäldchen
-meist &bdquo;Indianer&ldquo;; sie kleideten sich dazu ganz
-aus, tättowierten sich, schmückten sich mit Laubgürteln
-und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und
-führten erbitterte Kämpfe. Der Gipfel des Vergnügens
-war erreicht, wenn die Mutter an einem heissen Sommertage
-ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und
-ihnen unter irgend ein Gebüsch ihr Essen stellen liess,
-das sie ohne Benutzung von Gabel und Messer verzehrten,
-sodass sie bis in den späten Abend hinein &bdquo;wild&ldquo; bleiben
-durften. Ein Übernachten im Walde jedoch, das sie so sehr
-wünschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-grösser wurden, übernahm der Vater den vorbereitenden
-Lateinunterricht für das Gymnasium. Das war eine harte
-Plage. Der Vater nahm sie gewöhnlich abends nach
-seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der Unterricht
-währte meistens eine Stunde, wobei die Schüler,
-nicht nur sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal
-an den Tisch lehnen durften. In dieser Zeit verschlang
-Theodor viele Bücher. Namentlich begeisterte
-ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzählige
-Male las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes
-Privat-Pensionat kamen (die Eltern zogen dies, obwohl es
-sie grosse Opfer kostete, dem übel beleumundeten Gymnasium
-vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause
-gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch
-aus; namentlich erzählten sie gerne die schlechten
-Streiche ihrer Kameraden. &bdquo;Dabei gab unser Vater,&ldquo; so erzählt
-Andreas Dostojewski, &bdquo;den Brüdern keinerlei Lehren.
-Bei der Erzählung verschiedener Streiche, die in der Klasse
-verübt worden waren, sagte er nur: &sbquo;Ei, der Nichtsnutz,
-ei, der Elende&lsquo; &mdash; &mdash; &mdash;, allein er sagte nicht ein einziges
-Mal: &sbquo;sehet zu, dass ihr es nicht auch so macht.&lsquo; Damit
-sollte angedeutet werden, dass der Vater solche Schelmenstücke
-auch nicht im entferntesten von ihnen erwartete.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Brüder lasen fortwährend sehr viel. Michael, der
-zumeist Gedichte las, versuchte sich auch poetisch, Theodor
-war zu ungeduldig, um jemals etwas in gebundener Rede
-auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa vor und
-las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte
-immer wieder. In Puschkin aber einigten sich
-die Brüder und es gab keine damals bekannte Dichtung
-Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt hätten, wie
-denn auch Theodor überhaupt ein leidenschaftlicher Deklamator
-war, dessen Vortrag die Grenzen künstlerischer
-Mässigung immer überschritt. Im Jahre 1837 starb die
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Mutter, und die Söhne verliessen die Vaterstadt, um in
-die höhere Militär-Ingenieurschule in Petersburg einzutreten.
-Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion
-eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat
-war und so den Jünglingen zu einer, bei ihren geringen
-Mitteln sehr wünschenswerten, schnelleren Karriere
-helfen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende
-Arzt den älteren Bruder, der kerngesund war, für krank
-erklärte, während er Theodor, der von Kindheit an kränklich
-und schwächlich war, für tauglich annahm. Das führte
-die Trennung der Brüder herbei. Michael kam in die
-medizinische Akademie nach Reval, während Theodor in
-Petersburg blieb. Um diese Zeit besuchte ihn ein Freund
-des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein Äusseres
-folgendermassen schildert: &bdquo;Ein ziemlich runder, voller,
-heller Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestülpter
-Nase ... die hellkastanienfarbigen Haare waren
-kurz geschoren. Unter einer hohen Stirne und schwachen
-Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen wie
-verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen
-besäet, die Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund
-etwas wulstig. Theodor war bedeutend lebhafter, beweglicher,
-heftiger als sein gesetzter Bruder.&ldquo; ... Die kränkliche
-Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr früh
-gesteigerten nervösen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch
-vor seiner Gefängniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als
-Kind hatte er manchmal Hallucinationen gehabt, an deren
-eine er die Erinnerung an den Bauer Marej knüpft. Er erzählt
-diese Geschichte in seinem &bdquo;Totenhause&ldquo;, und ein zweites
-Mal im Januarheft 1876 seines &bdquo;Tagebuchs eines Schriftstellers&ldquo;
-mit derselben Betonung der &bdquo;Volkswahrheit&ldquo;
-wie dort.
-</p>
-
-<p>
-Wir fügen hier diese kleine Begebenheit samt den
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Betrachtungen ein, welche der Dichter 46 Jahre später
-daran knüpft. Er beginnt damit, wie er in der Strafkaserne
-in Sibirien oft von Erinnerungen an die Kinderzeit
-heimgesucht worden war, und fährt fort: &bdquo;Ich erinnerte
-mich an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war
-hell und trocken, doch etwas kühl und windig; der Sommer
-ging zur Neige und nun hiess es: bald nach Moskau
-zurück und wieder den ganzen Winter hindurch über den
-französischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das
-Dorf zu verlassen. Ich ging um die Scheunen herum,
-stieg in den Hohlweg hinab und wieder durch die &bdquo;Schlucht&ldquo;
-hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk von uns genannt,
-das jenseits des Hohlweges bis zum Wäldchen hinanstieg.
-Da verlor ich mich tiefer ins Gebüsch und hörte, wie, ungefähr
-30 Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer
-ganz allein die Pflugschar führte. Ich erkenne, dass er
-gegen die steile Höhe hinauf pflügt, dass das Pferd mühsam
-hinaufklimmt, und höre, wie hie und da des Bauern
-Zuruf &bdquo;Nu, nu!&ldquo; zu mir herüberklingt. Ich kenne fast
-alle unsere Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von
-ihnen eben pflügt. Aber es ist mir ganz gleich, denn ich
-bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch ich bin beschäftigt;
-ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit
-die Frösche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schön,
-aber so unhaltbar &mdash; ganz anders als die Weidengerten!
-Auch die hartgeflügelten Käferchen interessieren mich, ich
-sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter. Ich liebe
-auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den
-schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen fürchte
-ich. Übrigens trifft man die Schlänglein bei weitem seltener
-an als die Eidechsen. Schwämme giebt es hier wenige.
-Nach Schwämmen muss man ins Birkenwäldchen gehen
-und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der
-Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwämmen
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-und wilden Beeren, mit seinen Käfern und Vögelchen, den
-Igelchen und Eichhörnchen und dem mir so angenehmen
-feuchten Geruch verwesender Blätter. Und jetzt auch, da
-ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwäldchens
-leibhaftig verspürt. Diese Eindrücke bleiben
-fürs Leben. Plötzlich, mitten in das tiefe Schweigen hörte
-ich laut und deutlich einen Schrei: &bdquo;Der Wolf kommt&ldquo;.
-Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend geradeaus
-nach der Wiese auf den pflügenden Bauer los.
-</p>
-
-<p>
-Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es
-einen solchen Namen giebt, aber alle nannten ihn Marej.
-Es war ein Bauer von etwa fünfzig Jahren, stämmig,
-ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten
-dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich
-bis dahin nicht ereignet, dass ich mit ihm gesprochen
-hätte. Er brachte sein Pferdchen zum Stehen, als er mein
-Schreien gehört hatte, und als ich im vollen Anlauf mit
-einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an
-seinen Ärmel hing, da erkannte er mein Entsetzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Wolf kommt,&ldquo; schrie ich atemlos.
-</p>
-
-<p>
-Er wendete den Kopf und sah sich unwillkürlich ein
-wenig im Kreise um, mir einen Augenblick fast glaubend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist der Wolf?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen:
-der Wolf kommt,&ldquo; stammelte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagst du, was sagst du, was für ein Wolf &mdash;
-geschienen hat es dir, geh! Was soll hier für ein Wolf
-sein!&ldquo; murmelte er, mich beruhigend. Allein ich zitterte
-noch immer und klammerte mich noch fester an seinen
-Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich
-mit einem beunruhigten Lächeln an und war offenbar um
-mich in Angst und Sorge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj!&ldquo; sagte er kopfschüttelnd.
-&bdquo;Genug, mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Er streckte die Hand aus und streichelte mir plötzlich
-die Wange.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das
-Kreuz.&ldquo; Allein ich bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel
-zuckten und das scheint ihn besonders ergriffen zu
-haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde beschmutzten
-Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berührte
-damit ganz leise meine zuckenden Lippen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh doch, aj,&ldquo; lächelte er mich mit einem mütterlichen,
-auf seinen Lippen verweilenden Lächeln an. &bdquo;Herrgott,
-was ist denn das, geh doch, aj, aj!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass
-mir etwas wie ein Schrei &bdquo;der Wolf kommt&ldquo; nur so geklungen
-hatte. Der Schrei war übrigens sehr laut und
-deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von
-Wölfen) hatte ich schon früher ein- oder zweimal zu vernehmen
-geglaubt und ich wusste davon. (Später vergingen
-diese Hallucinationen mit den Kinderjahren.)
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun werde ich gehen,&ldquo; sagte ich fragend und schaute
-ihn furchtsam an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich
-werde dich schon dem Wolf nicht geben!&ldquo; fügte er hinzu,
-indem er mir immer noch mütterlich zulächelte, &bdquo;nu,
-Christus sei mit dir, nu geh,&ldquo; und er machte das Zeichen
-des Kreuzes über mich, dann über sich selbst.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem
-zehnten Schritte um. Marej blieb, so lange ich ging, mit
-seinem Pferdchen immer da stehen und schaute mir nach,
-mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend.
-Offen gestanden schämte ich mich ein wenig vor ihm, darüber,
-dass ich solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste
-mich auch im Gehen noch hie und da, ehe ich nicht
-zur ersten Riege des Abhanges gelangt war. Hier verliess
-mich die Angst schon ganz; und plötzlich, wie vom
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Boden heraus, sprang mir unser Hofhund Wölfchen entgegen.
-Mit ihm an meiner Seite wurde ich schon ganz
-mutig und wendete mich zum letzten Male nach Marej
-um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden,
-aber ich fühlte, dass er mich noch immer mit
-demselben zärtlichen Lächeln ansah und mit dem Kopfe
-nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er winkte
-mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu, nu!&ldquo; hörte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch,
-das Pferdchen zog wieder an seiner Pflugschar. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzählte
-ich niemand mein Erlebnis. Ja, was war es denn auch
-für ein Erlebnis? Auch Marej habe ich damals sehr bald
-vergessen. Wenn ich ihn später seltene Male traf, so
-sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch überhaupt.
-Und plötzlich jetzt, zwanzig Jahre später in
-Sibirien, fiel mir diese ganze Begegnung mit einer solchen
-Klarheit, bis in das kleinste Detail ein. Das heisst also,
-dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte, unbewusst,
-ganz allein und ohne meinen Willen, und plötzlich ist sie
-dann aufgetaucht, wann sie nötig war.
-</p>
-
-<p>
-Es tauchte dieses sanfte, mütterliche Lächeln des
-armen leibeigenen Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein
-Kopfschütteln, sein &bdquo;Geh schon, bist erschrocken, Kleiner!&ldquo;
-Und besonders sein dicker, mit Erde beklebter Finger, mit
-welchem er still und mit sanfter Zärtlichkeit meine zuckenden
-Lippen berührt hatte. Gewiss hätte ein jeder einem
-kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser
-einsamen Begegnung geschah etwas von gleichsam ganz
-anderer Art, und wenn ich sein leiblicher Sohn gewesen
-wäre, so hätte er mich nicht mit einem von hellerer Liebe
-leuchtenden Blicke ansehen können &mdash; wer aber hat ihn
-dazu genötigt? Er war unser eigener Höriger, ich aber
-war immerhin sein junges Herrchen; das hätte niemand
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-erkannt, als er mich streichelte und mich es nicht fühlen
-liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder? Solche
-giebt es. Die Begegnung war in völliger Abgeschiedenheit
-erfolgt, auf einem öden Feld, und nur Gott sah vielleicht
-von oben, mit welchem tiefen und heiligen Menschheitsgefühl,
-und mit welcher feinen, fast weiblichen Zartheit
-das Herz manches groben, tierisch unwissenden, leibeigenen
-russischen Bauern erfüllt sein kann, eines solchen,
-der seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht
-ahnte. &mdash; Sagt mir, ist es nicht das, was Konstantin
-Aksakow verstand, als er von der hohen Bildung unseres
-Volkes sprach?
-</p>
-
-<p>
-Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg
-und mich rings umsah, da, ich erinnere mich dessen,
-fühlte ich plötzlich, dass ich mit ganz anderen Blicken
-auf diese Unglücklichen zu schauen vermochte, und dass
-mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und
-jeder Zorn in meinem Herzen ausgelöscht war. Ich ging
-umher und schaute in die Gesichter der mir Begegnenden.
-Jener geschorene und entehrte Bauer, gebrandmarkt, berauscht,
-der da sein betrunkenes heiseres Lied brüllte,
-das kann ja ebenfalls der nämliche Marej sein; ich kann
-ja nicht in sein Herz hineinschauen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den
-Jünglingen die Nachricht vom tragischen Ende Puschkins.
-Hätten sie nicht schon Trauergewänder getragen, so hätten
-sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin anlegen
-zu dürfen. In jedem Falle verabredeten sie sich
-auf der Reise nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft
-den Ort aufzusuchen, wo das Duell stattgefunden,
-und die Stube, wo der Dichter seinen Geist ausgehaucht
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten
-Pferden und wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-und poetischen Stimmungen, namentlich des älteren
-Bruders, der: &bdquo;täglich etwa drei Gedichte machte, auch
-unterwegs&ldquo; &mdash;, wie Theodor in seinem Tagebuche 1876
-erzählt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die Aufnahmeprüfung
-in der Mathematik: er deklamierte, disputierte
-und ereiferte sich über poetische Fragen, hatte
-aber doch offene Sinne für alles, was um ihn her vorging.
-So machte ihm eine Scene Eindruck, die er vom Fenster
-des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es
-war an das Stationsgebäude eine Kurier-Trojka herangeflogen,
-ein betresster und befiederter Feldjäger sprang
-herab, trank ein Gläschen Schnaps und schwang sich auf
-die Telega zurück, wo indessen der neue Kutscher, ein
-junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht
-hatte. Kaum hatte sich dieser Junge auf seinen
-Platz geschwungen, als der Feldjäger aufstand und ihm
-ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der
-Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte.
-Unmittelbar darauf setzte der Kutscher diesen Hieb in
-einen Knutenstreich auf die Pferde um. Das wiederholte
-sich so lange, als der Zuschauer das Gefährt nicht aus dem
-Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie
-durch eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang.
-Dostojewsky erwähnt in späten Jahren diese Begebenheit
-gelegentlich eines Artikels über den Petersburger Tierschutzverein,
-dem er diesen Vorgang als Emblem auf das
-Petschaft gravieren lassen möchte.
-</p>
-
-<p>
-Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die
-erste Korrespondenz hervor. Wir finden darin die erste
-reale Misère um einiger Kopeken willen und den ersten
-philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon in der,
-Dostojewsky eigentümlichen, mystischen Weise ausdrückt.
-So sagt er in einem Briefe an den Bruder: &bdquo;Ich weiss
-nicht, ob meine traurigen Gedanken je verstummen werden
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-&mdash; mir scheint unsere Welt ist ein Fegefeuer himmlischer
-Seelen &mdash; die ein sündiger Gedanke verwirrt hat &mdash; aus
-der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist &mdash; eine Satire
-herausgekommen.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; Weiter sagt er: &bdquo;Sehen, wie
-unter einer spröden Hülle sich eine Welt in Qualen windet,
-wissen, dass ein Willensausbruch genügt, sie zu zerbrechen,
-und mit der Ewigkeit zusammenzufliessen, das wissen
-und dem niedersten der Geschöpfe gleich sein &mdash; &mdash;
-schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet,
-Hamlet!&ldquo; Weiter heisst es: &bdquo;Pascal sagt einmal: Wer
-gegen die Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph&ldquo; &mdash;
-eine traurige Philosophie das!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass
-seine Lektüre sich den Franzosen zugewendet hat; er
-zählt einmal auf, was er im Übungslager alles gelesen
-hat: &bdquo;Mindestens nicht weniger, als Du&ldquo;, ruft er dem
-Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor
-Hugo, den er unter anderem mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit
-mit Homer vergleicht, einen Homer in &bdquo;christlichem,
-engelhaftem Sinne&ldquo; nennt. Einen ganz ausserordentlichen
-Eindruck macht auf ihn George Sand, &bdquo;eine
-der hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden
-glücklichen Zukunft.&ldquo; So drückt er sich im
-Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches aus. In der
-Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung
-der französischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten:
-&bdquo;Hast du Cinna gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht
-gelesen hast! Besonders das Gespräch Augusts mit Cinna,
-wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst sehen, so
-sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen?
-Lies ihn, erbärmlicher Mensch, und sinke in den
-Staub vor Corneille ..... Übrigens&ldquo;, schliesst er begütigend,
-&bdquo;sei mir um meiner beleidigenden Ausdrücke
-nicht böse .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Sehr merkwürdig ist seine Beurteilung des Vaters.
-&bdquo;Mir ist leid um den armen Vater. Ein seltsamer
-Charakter! Ach, wieviel Unglück hat er nicht schon ertragen!
-Es ist bis zu Thränen bitter, dass man ihn mit
-nichts erfreuen kann! &mdash; Und, weisst du? &mdash; Papachen
-kennt die Welt ganz und gar nicht; er hat fünfzig Jahre
-darin gelebt und ist bei der Meinung über die Menschen
-geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen gehabt
-hat. Glückliche Unwissenheit! &mdash; Allein er fühlt sich sehr
-enttäuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein.&ldquo; Hier
-bietet sich schon ein Stück echt Dostojewskyscher psychologischer
-Feinheit, welche im Vater die Enttäuschung über
-die Welt und zugleich die Unfähigkeit sieht, daraus Nutzen
-zu ziehen und anderer Meinung über die Menschen zu
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens finden wir nur in den Jugendbriefen und
-erst wieder in den Briefen aus des Dichters letzten Jahren
-Ausbrüche persönlichster Innerlichkeit, wie wir das nennen
-möchten. Dies ist indessen zum grossen Teil auf die
-unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen<a id="corr-6"></a>,
-deren wir oben erwähnten. Es ist da, als ob
-die Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut
-und die ewigen Nahrungssorgen des Dichters so recht
-herauskehren wollten. Sein späterer Briefwechsel mit seiner
-Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr während seiner
-kleinsten Abwesenheiten täglich, so dass sie, die immer
-nur sehr kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm
-besitzt), den die Witwe aus begreiflichen Gründen zurückhält,
-ist voll von solchen Ausbrüchen. Allein wir würden
-irren, wenn wir annähmen, dass es schwunghafte Dichterbriefe
-seien. Nein, so schlicht, dabei gegenständlich bis ins
-kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem
-Stolz über einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung,
-wenn er wieder so nichtswürdig schwach gewesen, alles
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch sind sie,
-wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem
-gewissen Sinne. So frägt er in einem Briefe aus Moskau,
-wohin er zur Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser
-Feier: Was meinst du, soll ich im Frack erscheinen oder
-im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz später.
-</p>
-
-<p>
-Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche
-mir vom Besitzer zur Verfügung gestellt wurde, ist
-leider im Schlosse des Grafen Alexis Tolstoi, dessen
-Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze
-Schloss zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In
-dieser Korrespondenz hätten wir wohl viel Polemisches,
-vieles über des Dichters politische Anschauungen ausgedrückt
-gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen
-über Arbeitspläne, als jene Briefe enthalten, die wir vor
-uns haben. Dostojewsky hatte eine Art darüber in Briefen
-zu schweigen, welche die Annahme nicht zulässt, als habe
-er dies nur je nach der Person und dem Augenblick gethan.
-Zur Zeit seiner grössten litterarischen Thätigkeit
-bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um Äusserliches.
-Doch auch davon später.
-</p>
-
-<p>
-Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky
-sehr zurückhaltend; er schloss sich immer ab,
-mischte sich nicht in die gemeinsamen Unternehmungen
-und teilte sich niemand mit. Die Schwächeren, namentlich
-die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden
-hatten, verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfächern
-blieb er im geometrischen Zeichnen und im Reglement
-zurück, so dass er ein Jahr wiederholen musste,
-was ihn um des Vaters willen sehr kränkte. Seine Briefe
-an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um
-Geld und Aufzählung seiner notwendigsten Ausgaben. An
-den Bruder schreibt er einmal: &bdquo;Du beklagst dich über
-deine Armut &mdash; &mdash; auch ich bin nicht reich &mdash; da ist
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-nichts zu sagen &mdash; wirst du mir glauben, dass ich, als
-wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf
-dem Marsche erkrankte ich infolge Erkältung und Hunger
-(es regnete den ganzen Tag und wir gingen blank) und
-ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle mit einem
-Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde
-wieder gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand
-ein erbärmlicher, bis ich Väterchens Geld bekam. Da bezahlte
-ich die Schulden und behielt das Übrige zurück.
-Aber die Beschreibung deines Zustandes übersteigt alles.
-Kann man denn wirklich fünf Kopeken nicht haben, sich
-mit Gott was füttern müssen, und nur mit lüsternen
-Blicken die herrlichen Beeren betrachten, die du sehr
-liebst!&ldquo; Er hat eben erst erzählt, dass er, hungrig und
-krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees
-gehabt; dies scheint er aber in der Entrüstung darüber,
-dass sich der Bruder die geliebten Beeren nicht kaufen
-kann, ganz zu vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal
-an den Bruder, der ihm vorwirft, Schiller nicht zu
-kennen: er habe ihn mit einem teuern Freunde gelesen,
-der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch der
-Name Schiller ihm wehe thue, nicht über seine Lippen
-komme. Er bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne,
-ebenso auch Puschkins Boris Godunow; beide Manuskripte
-sind in Verlust geraten. Überhaupt sieht man ihn viel
-heimlich schreiben, Nächte hindurch, und einige seiner
-Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfältigsten
-ausgearbeiteten Roman &bdquo;Arme Leute&ldquo; in der
-ersten Fassung schon in der Akademie begonnen.
-</p>
-
-<p>
-Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt,
-mit Belassung in der Anstalt, um den Offizierskurs
-zu vollenden, und am 11. August 1842 wird er nach bestandener
-Prüfung in die Offiziersklasse versetzt. In dieser
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Zeit scheint er schon auswärts gewohnt, nach dem Tode
-des Vaters seine Erbschaft angetreten und den jüngeren
-Bruder Andreas bei sich beherbergt zu haben, was ihn
-sehr einengt und worüber er sich gegen Michael beklagt.
-</p>
-
-<p>
-Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem höheren
-Offizierskurs aus und wurde dem Petersburger Kommando
-des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun scheint ein freies, genusssüchtiges
-und sehr kostspieliges Leben für ihn begonnen
-zu haben. Seine Jahreseinkünfte waren durchaus
-nicht gering; er bezog eine jährliche Rente und einen
-Offiziersgehalt, die zusammen 5000 Rubel ausmachten.
-Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte, andererseits
-ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner
-Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte
-sehr fleissig das Theater, &bdquo;auch das Ballett&ldquo;, sagt Orest
-Miller, alle kostspieligen Konzerte etc. Zudem mietete
-er eine geräumige Wohnung, nur weil ihm das Gesicht
-des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser
-Mann nie stören würde. Freilich standen in der grossen
-Wohnung nur ein Bett, ein Divan, ein Tisch und einige
-Stühle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur sein Arbeitskabinett
-heizbar war, also lebte er in diesem, behielt jedoch
-die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung
-seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen
-Diener bei sich behielt, der ihm auch so sympathisch war,
-dass keine Mahnung, er solle ihn weggeben, da er ihn bestehle,
-bei ihm Eingang finden konnte. &bdquo;Mag er mich doch
-bestehlen,&ldquo; sagte Dostojewsky, &bdquo;er wird mich nicht ruinieren.&ldquo;
-Thatsächlich, erzählt O. Miller, ruinierte dieser
-Diener ihn doch, denn er hatte eine Geliebte mit grosser
-Familie, die schliesslich alle auf Kosten seines Herrn
-lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in Schulden
-geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste.
-Als es anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-allem zurück, schloss sich in sein Arbeitszimmer ein und
-verkehrte mit niemand. Nach den Mitteilungen des
-Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft besuchte,
-war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend,
-ohne es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge
-einer schweren Halskrankheit, die er noch im Elternhause
-durchgemacht hatte, beständig heiser, seine Gesichtsfarbe
-erdfahl.
-</p>
-
-<p>
-Hier beginnt seine intensive Beschäftigung mit der
-Litteratur; er liest viel französisch: Balzac, George Sand,
-Victor Hugo, Lamartine, Soulié. Entwürfe zu Erzählungen
-jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen Beschäftigungen
-war ihm sein militärischer Beruf eine grosse
-Last, die er indes nicht abzuschütteln wagte, weil der
-Vormund ihm mit Entziehung seiner Rente drohte.
-</p>
-
-<p>
-Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu
-jener Zeit waren, davon giebt uns die Erzählung Dr. Riesenkampfs
-ein drastisches Bild. Zur Zeit der grossen Fasten
-im Jahre 1842 sei plötzlich ein Geldzufluss bei Dostojewsky
-sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der
-eben angekommen war, sowie die des Sängers Rubini und
-eines berühmten Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn
-Riesenkampf in einer Aufführung von Puschkins &bdquo;Ruslan
-und Ludmila&ldquo;. Im Mai aber schloss er sich abermals ein
-und versagte sich jedes Vergnügen, um sich zur letzten
-Prüfung vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf
-zur medizinischen Prüfung vorbereitet, erkrankte
-infolge zu grosser Anstrengung und hütete noch am
-30. Juni das Bett. Da erscheint plötzlich Dostojewsky
-an seinem Lager, bis zur Unkenntlichkeit verändert;
-strahlend, gesund aussehend, mit sich und dem Schicksal
-zufrieden, denn er hatte eben die Prüfung sehr gut bestanden,
-war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen;
-hatte überdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-erhalten, dass er imstande war, seine Schulden zu bezahlen.
-Zudem hatte er einen längeren Urlaub bekommen,
-den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich inzwischen
-verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er
-am folgenden Morgen zu unternehmen gedachte. Nun
-zerrt er den Freund aus dem Bette, kleidet ihn an, setzt
-ihn auf einen Wagen und führt ihn in eines der ersten
-Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein
-gesondertes Zimmer mit einem Flügel, bestellt ein lukullisches
-Mahl mit kostbaren Weinen und nötigt den kranken
-Freund, mit ihm zu essen und zu trinken. Diese zwingende
-Heiterkeit wirkte wohlthätig auf den Kranken; er ass und
-trank, musizierte und &mdash; wurde gesund. Am anderen
-Morgen begleitete er den Freund zum Dampfer!
-</p>
-
-<p>
-In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche
-Unduldsamkeit einen sehr üblen Eindruck empfangen zu
-haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen die Deutschen,
-denen er höhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt liess.
-</p>
-
-<p>
-Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner
-Frau Theodor mit neuer Wäsche und Kleidern ausgestattet
-und bat nun Riesenkampf, welcher auch nach Reval
-gekommen war, er möge, da er sich in Petersburg niederlasse,
-gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er,
-der niemals etwas über den Stand seiner Habe wisse, sich
-an dessen deutscher Ordnungsliebe ein Beispiel nehme.
-Als Riesenkampf im September 1843 nach Petersburg
-zurückkam, erfüllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor
-ohne eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar
-auf Kredit, lebend. &bdquo;Theodor Michailowitsch,&ldquo; schliesst
-er den Bericht, &bdquo;gehört zu jenen Personen, neben denen
-zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in Not
-sind.&ldquo; Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner
-Vertrauensseligkeit und Güte wollte er den Dingen weder
-auf den Grund gehen noch seine Diener samt Anhang
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-beschuldigen, die sich seine Harmlosigkeit zu nutze
-machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem Arzte
-war ein neuer Anlass zu vergrösserten Auslagen. &bdquo;Jeden
-armen Teufel nämlich, der um ärztlichen Rat zum Doktor
-kam, nahm er wie einen teuren Gast auf,&ldquo; erzählt Orest
-Miller. &mdash; Darüber zurecht gewiesen, antwortete er entschuldigend:
-&bdquo;Da ich mich daran mache, die Lebensweise
-armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit
-habe, das Proletariat der Hauptstadt näher
-kennen zu lernen.&ldquo; Bei Abschluss der Monatsrechnungen
-fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren
-Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte;
-nicht nur Bäcker und Krämer, sondern auch Schneider
-und Schuster reichten unerhörte Rechnungen ein. Dazu
-war die Wäsche und Garderobe, die bei jedem Geldzufluss
-immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz zusammengeschmolzen.
-Seine äusserste Not dauerte um diese Zeit
-zwei Monate. Da plötzlich fand ihn der Doktor eines
-Tages laut, selbstbewusst und stolz im grossen Saale auf
-und ab gehen &mdash; er hatte aus Moskau 1000 Rubel erhalten.
-&bdquo;Am anderen Morgen aber,&ldquo; erzählt Dr. Riesenkampf,
-&bdquo;kam er wieder in seiner gewöhnlichen stillen,
-sanften Weise in mein Schlafzimmer und bat mich, ihm
-5 Rubel zu leihen.&ldquo; Der grösste Teil des Geldes war
-zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was übrig
-blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten
-50 Rubel waren ihm von einem Fremden, den er zu sich
-gerufen und in seinem Zimmer allein gelassen hatte, gestohlen
-worden.
-</p>
-
-<p>
-Im März 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg
-scheiden und Theodor Michailowitsch zurücklassen,
-ohne dass sein deutsches Beispiel etwas gefruchtet hätte.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit herum beschäftigt sich der Dichter,
-um Geld zu verdienen, mit Übersetzungen. Er übersetzt
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Eugenie Grandet von Balzac, Schillers Don Carlos und
-George Sand, wofür er 25 Papierrubel für den Druckbogen
-erhält. Nun reicht er um Entlassung aus dem
-Militärdienst ein, &bdquo;denn&ldquo;, schreibt er an den Bruder, &bdquo;ich
-bin des Dienstes überdrüssig, überdrüssig wie einer Kartoffel&ldquo;
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er:
-&bdquo;Ich habe einen Roman geschrieben, im Umfange der
-Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin seiner Dienstentlassung)
-werde ich gewiss schon Antwort darüber haben.
-Er ist ziemlich originell.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch
-so zu begegnen, dass er auf seinen Gutsanteil verzichtet,
-wenn man ihm 500 Silberrubel sofort, später abermals
-500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer &bdquo;verloren&ldquo;,
-wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht
-um aller Heiligen willen, der Bruder möge ihm helfen,
-sonst müsse er ins Gefängnis. &bdquo;Chlestakow&ldquo; (aus Gogols
-&bdquo;Revisor&ldquo;), sagt er, &bdquo;erklärt sich bereit ins Gefängnis zu
-gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich aber
-nobel ins Gefängnis gehen, wenn ich keine Hosen habe?&ldquo;
-Dabei ist der Brief noch immer aus der kostspieligen
-Wohnung datiert. In der Nachschrift heisst es: &bdquo;ich bin
-mit meinem Roman ausserordentlich zufrieden&ldquo;. Er blickt
-auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er sieht
-in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und
-nun, nachdem er ihn dem Dichter Njekrássow übergeben,
-welcher damals an der Redaktion des &bdquo;Zeitgenossen&ldquo; teilnahm,
-kommt für ihn die bedeutende grosse Lebenswende,
-die er uns 30 Jahre später in seinem Tagebuch eines
-Schriftstellers folgendermassen erzählt, wobei begreiflicherweise
-im Gedächtnis des Dichters eine kleine Verschiebung
-bezüglich des Zeitpunktes stattfindet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen;
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-wir haben einander [hier ist der Dichter und Njekrássow
-gemeint] nicht oft im Leben gesehen, es hat auch Missverständnisse
-zwischen uns gegeben &mdash; aber etwas hat sich
-doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals
-habe vergessen können. Und nun, als ich unlängst Njekrássow
-besuchte, fing er, der Kranke und Erschöpfte,
-beim ersten Worte an, von diesen Tagen zu sprechen.
-Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so
-jugendliches, frisches, hübsches, eine der Begebenheiten,
-die für immer im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir
-waren damals etwas über zwanzig Jahre alt. Ich lebte
-nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon ein
-Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen
-würde, voll von dunklen, unbestimmten Zielen. Es war
-im Mai des Jahres 1845. Anfangs des Winters hatte ich
-plötzlich meine Erzählung &bdquo;Arme Leute&ldquo; begonnen, ohne
-vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzählung
-beendet hatte, wusste ich nicht, was ich damit
-anfangen, wem ich sie übergeben sollte. Litterarische Bekanntschaften
-hatte ich absolut gar keine, ausser etwa
-D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst
-ausser einer kleinen Erzählung für eine Sammlung (die
-Erzählung hiess &bdquo;Petersburger Leiermänner&ldquo;) noch nichts
-geschrieben. Ich glaube, er war damals im Begriff nach
-seinem Landsitz hinauszufahren; vorläufig wohnte er für
-einige Zeit bei Njekrássow. Als er einmal zu mir kam,
-sagte er: &bdquo;Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es
-selbst noch nicht gelesen); Njekrássow will zum nächsten
-Jahr ein Sammelwerk herausgeben, und da will ich ihm
-das Manuskript zeigen.&ldquo; Ich brachte es ihm, sah Njekrássow
-etwa eine Minute &mdash; wir reichten einander die
-Hand. &mdash; Ich schämte mich bei dem Gedanken mit meinem
-Werke gekommen zu sein und ging so schnell als möglich
-fort, fast ohne mit Njekrássow ein Wort gesprochen
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser
-&bdquo;Partei der Vaterländischen Annalen&ldquo; (eine Zeitschrift,
-welche damals von einer Anzahl vortrefflicher und gesinnungstüchtiger
-Schriftsteller und Kritiker herausgegeben
-wurde), wie man sie damals nannte, fürchtete ich mich.
-Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung,
-aber er erschien mir fürchterlich, dräuend und &mdash;
-der wird meine &bdquo;Armen Leute&ldquo; verlachen &mdash; dachte ich
-manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich hatte die
-Erzählung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thränen
-geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese
-Augenblicke, die ich mit der Feder in der Hand bei dieser
-Erzählung verlebt hatte, sollte das alles Lüge, Gaukelei,
-unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte ich nur
-für Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich
-wieder.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift
-abgegeben hatte, ging ich irgendwo hin, weit fort,
-zu einem ehemaligen Kameraden; wir sprachen die ganze
-Nacht durch über die &bdquo;toten Seelen&ldquo;; wir lasen darin, ich
-weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter
-den jungen Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen:
-&bdquo;Wollen wir nicht etwas im Gogol lesen, meine Herren?&ldquo;
-Sie setzten sich und lasen &mdash; wohl meist die ganze Nacht
-durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr
-viele, die von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend
-etwas erwarteten. Ich kehrte nach Hause zurück &mdash; es
-war schon vier Uhr morgens, eine weisse, taghelle Petersburger
-Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als
-ich in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht
-zu Bette, sondern öffnete das Fenster und setzte mich
-daran. Plötzlich höre ich zu meinem grössten Erstaunen
-die Thürklingel ertönen &mdash; und da stürzen auch schon
-Gregorowitsch und Njekrássow über mich her, umarmen
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-mich in voller Entzückung, und es fehlt nur noch, dass
-sie beide zu weinen anfangen. Sie waren am Vorabend
-zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die Hand
-genommen und zur Probe zu lesen angefangen &mdash; &bdquo;nach
-zehn Seiten wird man schon sehen&ldquo;. &mdash; Aber nachdem sie
-zehn Seiten gelesen hatten, beschlossen sie weitere zehn
-zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne Unterbrechung
-die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablösend,
-wenn dieser ermüdet war. &bdquo;Er liest vom Tode des
-Studenten&ldquo;, erzählte mir später, als wir allein waren,
-Gregorowitsch, &bdquo;und da, an der Stelle, da der Vater dem
-Sarge nachläuft, merke ich, wie Njekrássows Stimme umschlägt,
-einmal, das zweite Mal, und plötzlich hält er&rsquo;s nicht
-aus und schlägt mit der flachen Hand auf das Manuskript
-&bdquo;Ach! dass ihn doch! &mdash; damit meinte er Sie, und so
-gings die ganze Nacht&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!),
-da beschlossen sie einstimmig, sofort zu mir
-zu gehen. &bdquo;Was liegt daran, dass er schläft, wir wecken
-ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf!&ldquo; &mdash; Wenn ich
-später den Charakter Njekrássows betrachtete, wunderte
-ich mich öfters über diesen Augenblick. Sein Charakter
-ist verschlossen, misstrauisch, vorsichtig, wenig mitteilsam.
-So wenigstens ist er mir immer erschienen, sodass dieser
-Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die
-Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben
-damals etwa eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben
-Stunde sprachen wir, weiss Gott was alles durch, einander
-in halben Worten verstehend, in Ausrufungen, hastig &mdash; &mdash;
-Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der &bdquo;damaligen
-Lage&ldquo;, natürlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus
-seinem Revisor, aus seinen &bdquo;toten Seelen&ldquo; citierten. Aber
-hauptsächlich sprachen wir von Belinsky. &bdquo;Noch heute
-bringe ich ihm Ihre Erzählung, und Sie werden sehen &mdash;
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-ja das ist ein Mensch, o was für ein Mensch ist das!&ldquo;
-rief Njekrássow mit Entzücken, indem er mich mit beiden
-Händen an den Schultern fasste und schüttelte. &bdquo;Nun aber
-gehen Sie schlafen, schlafen Sie, wir gehen fort und morgen
-&mdash; zu uns&ldquo;. Wie hätte ich daraufhin einschlafen können!
-Welches Entzücken, was für ein Erfolg! und vor allem
-das kostbare Gefühl, ich erinnere mich dessen sehr gut:
-hat ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglückwünscht
-ihn, man kommt ihm entgegen &mdash; aber seht, diese
-kommen mit Thränen in den Augen herbeigelaufen, um
-vier Uhr morgens, um mich zu wecken, &bdquo;weil das mehr
-wert ist, als der Schlaf&ldquo;! &mdash; Ach! wie schön! so dachte
-ich; wo wäre da Schlaf gekommen?
-</p>
-
-<p>
-Njekrássow brachte das Manuskript den selben Tag zu
-Belinsky. Er betete Belinsky an und es scheint, dass er
-ihn sein lebenlang mehr geliebt hat, als alle andern. Damals
-hatte Njekrássow noch nichts von der Bedeutung geschrieben,
-wie dies ihm im nächstfolgenden Jahre gelingen sollte.
-Njekrássow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefähr
-sechzehn Jahre in Petersburg. Er schrieb ungefähr schon
-seit seinem sechzehnten Jahre. Über seine Bekanntschaft
-mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat ihn gleich
-anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen
-Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des
-damals noch jugendlichen Alters Njekrássows und des
-grossen Altersunterschiedes, der zwischen ihnen bestand,
-waren sicherlich auch damals solche Augenblicke vorgekommen
-und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche
-auf das ganze Leben Einfluss nehmen und unlösbare Bande
-knüpfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein neuer Gogol ist erstanden&ldquo;, rief Njekrássow, als
-er, die &bdquo;armen Leute&ldquo; in der Hand, bei Belinsky eintrat.
-&bdquo;Bei Euch wachsen die Gogols wie die Pilze&ldquo;, antwortete
-ihm strenge Belinsky, &mdash; aber er nahm das Manuskript. &mdash;
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Als Njekrássow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen
-&bdquo;geradezu bewegt&ldquo;: bringen Sie ihn her, bringen
-Sie ihn schnell!
-</p>
-
-<p>
-Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage)
-zu ihm. Ich erinnere mich, dass mich beim ersten Anblick
-sein Äusseres sehr frappiert hat; seine Nase, sein
-Kinn &mdash; ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus
-anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren
-Kritiker. Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst
-und grosser Zurückhaltung. &bdquo;Nun es muss ja auch so sein&ldquo;,
-dachte ich bei mir; allein es verging kaum eine Minute
-und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst
-einer bedeutenden Persönlichkeit, eines grossen Kritikers,
-welcher einem 22jährigen Jünglinge entgegen kam, der
-eben seine schriftstellerische Laufbahn betritt, sondern
-dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung vor jenen
-Gefühlen, die er so schnell als möglich in mich giessen
-wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen
-sich gedrängt fühlte. Er redete mich nun leidenschaftlich,
-mit leuchtenden Augen an: &bdquo;Ja, verstehen Sie denn
-selbst &mdash; wiederholte er mehreremale, nach seiner Gewohnheit
-schreiend &mdash;, was Sie da geschrieben haben?&ldquo; Er
-schrie immer, wenn er in starker Bewegung sprach, &bdquo;das
-haben Sie nur durch unmittelbares Gefühl, nur als Künstler
-schreiben können. Aber haben Sie denn selbst die schreckliche
-Wahrheit bedacht, auf die Sie uns hingewiesen haben?
-Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das
-verstehen könnten. Ja, dieser Ihr unglücklicher Beamte,
-ja, der ist schon dahin gekommen und hat sich selbst schon
-dahin gebracht, dass er sich selbst aus Erniedrigung sogar
-nicht mehr einen Unglücklichen zu nennen wagt und
-die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der es
-nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglücklich
-zu sein, und als ihm der gute Mensch, der General,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-jene 100 Rubel giebt, ist er ganz zermalmt, ganz vernichtet
-vor Verwunderung, dass &bdquo;ihre Excellenz haben&ldquo; einen
-solchen, wie er ist, bemitleiden können, &bdquo;ihre Excellenz
-haben&ldquo;, wie Sie ihn sich ausdrücken lassen, nicht &bdquo;seine
-Excellenz hat&ldquo;. Und der abgerissene Knopf, und der
-Augenblick, da er dem General das Händchen küsst, ja,
-da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglücklichen, da ist
-Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas
-Grauenhaftes, das ist eine Tragödie. Sie haben das innerste
-Wesen der Sache getroffen, das allerwichtigste mit einem
-Strich gezeigt. Wir Publizisten und Kritiker beurteilen
-nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklären, aber
-Sie, der Künstler, stellen mit einem Strich die tiefste
-Wesenheit der Sache im Bilde hin, so dass man es auf
-einmal fassen kann, dass dem urteilslosesten Leser mit
-einem Male alles begreiflich werde. Da haben Sie das
-Geheimnis des Künstlertums, da haben Sie die Wahrheit
-in der Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie
-offenbart und verkündet als einem Künstler; Sie haben
-sie als ein Geschenk empfangen. &mdash; Schätzen Sie also
-diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden ein
-grosser Künstler werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er
-auch später über mich vielen anderen, die jetzt noch leben
-und es bezeugen können. Ganz berauscht ging ich von
-ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses stehen, sah
-den Himmel über mir, sah den hellen Tag, die Vorübergehenden,
-und fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass in
-meinem Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war,
-ein Durchbruch nach der Ewigkeit, etwas ganz Neues;
-aber etwas, das ich damals auch in meinen leidenschaftlichsten
-Träumen nicht vermutet hatte (und ich war damals
-ein schrecklicher Träumer!). &bdquo;Wär&rsquo; es möglich, bin ich in
-Wahrheit so gross?&ldquo; &mdash; dachte ich schamhaft, in einer Art
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-schüchterner Entzückung, bei mir. O, lachet nicht!
-Niemals nachher habe ich gedacht, dass ich gross sei, aber
-damals &mdash; konnte man denn das ertragen! O, ich werde
-dieses Lobes würdig sein! &mdash; Und was für Menschen, was
-für Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten
-so prächtig zu werden wie sie, ich werde ausharren, getreu
-sein! O, wie bin ich doch leichtsinnig! Wenn Belinsky
-nur sähe, was für niedere, schändliche Dinge in mir sind!
-Übrigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen
-allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das
-Gute und Wahre siegen und triumphieren überall. &mdash; So
-werden wir über das Böse und das Laster siegen &mdash; o,
-zu ihnen also, mit ihnen! ......
-</p>
-
-<p>
-Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks
-in seiner ganzen Klarheit, und niemals habe ich ihn
-später vergessen können; das war der hinreissendste Moment
-meines ganzen Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser Erzählung &bdquo;Arme Leute&ldquo;, sagt N. Strachow,
-&bdquo;hat Dostojewsky einen neuen Ton in die russische Litteratur
-gebracht. Die Situation und die Figur des armen Helden,
-welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hauptfigur aus
-Gogols &bdquo;Mantel&ldquo; hat, weist Züge rührender Schönheit und
-Herzenseinfalt auf, während Gogol nur das Factum, das
-Erniedrigende und Lächerliche desselben darstellt&ldquo;. Dass
-Dostojewsky mit vollem Bewusstsein diesen grossen Schritt
-gethan und diesen echt russischen Zug von Teilnahme und
-Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die Litteratur
-gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin
-(der Held), dem das geliebte Mädchen Bücher leiht und
-einmal Gogols &bdquo;Mantel&ldquo; zu lesen anrät, diese Erzählung
-als ein böswilliges Pasquill auf alle Armen aufnimmt, &bdquo;die
-man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann&ldquo;, und sich in
-seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben &mdash; einen
-Rausch antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schärfste Kritik
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Gogols, den er im übrigen unendlich bewundert und den
-er sich infolge ähnlicher Anlage zum Humor eine Zeit lang
-äusserlich zum Muster nimmt. &mdash; Wir mussten länger bei
-dieser Erzählung verweilen, weil sie eigentlich schon das
-&bdquo;Leitmotiv&ldquo; der litterarischen Thätigkeit von Dostojewskys
-ganzem Leben anstimmt. Im Gegensatze zu anderen
-Dichtern, welche in ihren Erstlingswerken höchst unoriginal
-sind und erst später zu sich selbst kommen, setzt
-Dostojewsky kräftig und zielbewusst mit dem Ton an, der
-durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hört,
-und um deswillen allein er schreibt. Seine Biographen
-und Arbeitsgenossen nennen vier Anlässe oder Anläufe des
-Dichters, welche seine vier, nach ihrer Grundidee bedeutendsten
-Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse Etappen
-auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters
-Freund und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: &bdquo;In seiner
-litterarischen Thätigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft
-und Energie gezeigt, wie kein Zweiter. Er hatte Perioden
-der Erschlaffung, gleichsam des Verfalles &mdash; dann aber hat
-er sich immer wieder höher aufgeschwungen als je zuvor
-und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt.
-Man kann vier solche neue Krafterhöhungen bei ihm nachweisen:
-1. &bdquo;Arme Leute&ldquo;, 2. &bdquo;Das Totenhaus&ldquo;, 3. &bdquo;Schuld
-und Sühne&ldquo; und endlich 4. &bdquo;Das Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich äusserliche
-zu sein. Die vier Grundideen, welche sich in diesen vier
-Werken äussern, sind durchaus einheitlich und nur verschiedene
-Äusserungen des in &bdquo;Arme Leute&ldquo; angeschlagenen
-Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden,
-so wird man, nämlich seiner Wirkung nach aussen
-nach, finden, dass zwei andere Werke es noch kräftiger,
-eindringlicher, zwingender durchführen. Diese Werke sind:
-&bdquo;Der Idiot&ldquo; und &bdquo;Die Brüder Karamasow&ldquo;. Wir werden
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-bei der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf
-zurückkommen. Gleichwohl wird der aufmerksame Leser
-von Dostojewskys Werken in Bezug auf seine litterarische
-Entwickelung zwei Epochen seiner schriftstellerischen Thätigkeit
-unterscheiden. Die erste Phase, welche gleich nach
-dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in &bdquo;Arme
-Leute&ldquo; beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl
-der Stoffe, als was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar
-nach dem Erfolge der &bdquo;Armen Leute&ldquo;, die indessen
-noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrássow die
-Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden
-sollte, erst 1846 herauszugeben dachte &mdash; also im Jahre
-1845 macht sich Dostojewsky daran, den &bdquo;Doppelgänger&ldquo;,
-den er schon lange mit sich herumgetragen und von dem
-er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen.
-Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhältnisse gequält,
-schreibt er, wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval,
-an seinen Bruder:
-</p>
-
-<p>
-.... &bdquo;Wie traurig war es mir zu Mute, als ich
-nach Petersburg hineinfuhr ...... Wenn mein Leben
-in diesem Augenblicke abgerissen wäre, so wäre ich,
-scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat
-sich zu Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den
-verwaisten Schlüssel meines 600 Rubel-Quartiers, dessen
-Zins ich schuldig bin ... Gregorowitsch und Njekrássow
-sind nicht in Petersburg .... Sie werden kaum bis zum
-15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten
-muss, um zu leben. Meine Arbeit verträgt keinen Zwang ...
-Ich bin jetzt selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem
-ich mich übrigens gleich morgen beschäftigen werde. Goljadkin,
-der abscheuliche Schuft, will durchaus nicht vorwärts,
-will durchaus vor der Hälfte November seine Carriere
-nicht vollenden&ldquo; ....
-</p>
-
-<p>
-Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: &bdquo;Überall
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-unglaubliche Ehrerbietung, überall eine schreckliche
-Neugierde in Bezug auf mich: Fürst Odojewsky bittet mich,
-ihn mit meinem Besuch zu beglücken, und Graf Sologub
-reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat
-ihm gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den
-Staub tritt&ldquo;. Weiter schreibt er: &bdquo;Dieser Tage war ich
-ohne einen Groschen; Njekrássow hat indessen &bdquo;Zuboskala&ldquo;,
-einen prächtigen humoristischen Almanach, ins Leben gerufen,
-dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede
-hat Lärm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld
-hatte, ging ich zu Njekrássow, und als ich so bei ihm sass,
-kam mir die Idee eines Romans in neun Briefen. Nach
-Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer Nacht;
-er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt
-werden. Du wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter
-ist, als Gogol&ldquo;. Weiter schreibt er: &bdquo;Ich denke, ich werde
-Geld bekommen; Goljadkin wird vortrefflich &mdash; er wird
-mein chef d&rsquo;oeuvre sein&ldquo;. Als Nachschrift heisst es:
-&bdquo;Belinsky schützt mich vor den Unternehmern&ldquo;. Eine
-zweite Nachschrift lautet: &bdquo;Ich habe meinen Brief überlesen
-und finde mich erstens ungrammatikalisch und zweitens
-einen Prahler&ldquo;. Eine letzte Nachschrift sagt: &bdquo;Die Minnuschkas,
-Claruschkas und Mariannen etc. sind unglaublich
-schöner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich
-waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich
-über mein unordentliches Leben ausgescholten&ldquo;. In einem
-Briefe vom 1. Februar 1846 teilt Dostojewsky seinem Bruder
-mit, dass er endlich am 28. des vorhergegangenen Monates
-&bdquo;seinen Schuft Goljadkin&ldquo; vollendet habe. Dann weiter:
-&bdquo;Für Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen;
-ausserdem erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich
-nach meinem Abschied von Dir schon 3000 ausgegeben
-habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das ist die ganze
-Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schön
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-möblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr
-gut&ldquo;. (Folgt die Adresse, zufällig dasselbe Haus, in dem
-er starb.) Zum Schluss schreibt er: &bdquo;Ich bin nervenkrank
-und fürchte ein Nervenfieber; regelmässig leben kann ich
-nicht, so sehr bin ich unordentlich&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Monate später, am 1. April, schreibt er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so
-vieles, das für mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes
-und Widerwärtiges auch, dass ich selbst nicht
-Zeit habe, darüber nachzudenken. Erstens bin ich sehr
-beschäftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhörlich.
-Denke nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens
-habe ich gerade 4500 Rubel verbraucht seit der Zeit, da
-wir uns trennten, und habe um 4000 Papierrubel von
-meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts,
-mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb
-zweier Monate wurde 35 mal in verschiedenen Werken
-von mir gesprochen ... aber was widrig und quälend
-ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem
-Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses
-Entzücken, Reden, Lärm, Auseinandersetzungen,
-dann Kritik: Alle, das heisst die Unsern und das ganze
-Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so langweilig
-und fade, so in die Länge gezogen ist, dass es unmöglich
-ist, ihn zu lesen.&ldquo; Weiter sagt er zu seinem eigenen
-Troste: &bdquo;Alle sind zornig über diese Längen, und alle
-lesen es doch über Hals und Kopf und lesen es wieder
-über Hals und Kopf.&ldquo; Noch weiter sagt er: &bdquo;Ich habe
-ein schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und
-Ehrliebe ... mir ist jetzt Goljadkin widerwärtig; vieles
-darin ist in Hast und Ermüdung geschrieben. Die erste
-Hälfte ist besser als die letzte; auf glänzend geschriebene
-Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die
-Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-es, was mir in der ersten Zeit zur Hölle wurde, und ich
-bin aus Kummer krank geworden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man sieht aus diesen überschwänglichen Mitteilungen,
-wie sehr der erste Erfolg dem 24jährigen Dichter zu
-Kopf gestiegen war und seine Selbstkritik geschädigt
-hatte, da er den Roman in neun Briefen &bdquo;eine Perle, nicht
-schlechter als Gogol&ldquo; und den Doppelgänger sein chef
-d&rsquo;oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen
-angestossen, fällt sein Selbstbewusstsein, da &bdquo;Alle, alle,
-die Unsern, sowie das Publikum über den Doppelgänger
-losziehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es ist für den Dichter eben jetzt erst die Zeit der
-Nachahmung und des Suchens nach seinem Stil angebrochen,
-ein Herumtasten, das ihn einerseits auf die Wege
-Gogols und der Humoristen führte, denen er seiner Anlage
-nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs
-und George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der überwuchernde
-Reichtum seiner ethischen Phantasie und namentlich
-die Lust an Scenen- und Situationenwechsel verführen
-mochte. Dieser Periode des Tastens entsprangen
-ausser dem Doppelgänger und dem Roman in neun Briefen
-sehr bemerkenswerte kleinere und grössere Erzählungen,
-auf die wir an ihrer Stelle im einzelnen zurückkommen
-werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine unwiderstehliche
-Situationskomik, wie in der &bdquo;Frau des Andern&ldquo;, &bdquo;Eine
-heikle Geschichte&ldquo;, ferner ein kräftig satirischer Zug,
-wie in &bdquo;Das Krokodil&ldquo;, und eine unendliche Zartheit und
-ehrfürchtige Jugendlichkeit in der Zeichnung weiblicher
-Gestalten, wie in &bdquo;Njetotschka Njezwanowa&ldquo; und &bdquo;Helle
-Nächte&ldquo;. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe
-von Dostojewskys Schöpfungen in deutscher
-Sprache giebt, welche sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung
-und damit ein übersichtliches Bild der inneren
-und äusseren Entwickelung des Dichters brächte. Es
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-würden daraus dem eindringenden Leser die zwei Phasen
-vor und nach Sibirien sofort erkennbar werden; es würde
-daraus erhellen, wie der Dichter allmählich sich wieder
-findet, auf die glänzendste Komik und die reichste Ausgestaltung
-der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und
-Geldmangel, oder weil ihm der Humor ausgegangen wäre,
-verzichtet, und immer kräftiger, unentwegter auf das Ziel
-seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis er zuletzt zum &bdquo;Tagebuch
-eines Schriftstellers&ldquo; gelangt, das ihm ermöglicht,
-ganz subjektiv, ohne Umschweife und künstlerische Umwege,
-rein publizistisch &bdquo;die Wahrheit&ldquo; zu verkünden. &mdash;
-&bdquo;Denn&ldquo;, sagt er immer wieder, &bdquo;ein Journal ist eine
-grosse Sache&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben diese Abschweifung für notwendig erachtet,
-weil mit dem Hinweis auf die einheitliche Grundidee
-seines ganzen Lebenswerkes, die sich so mächtig in seinen
-Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen ist, von
-wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thätigkeit und
-sein Streben bis ans Ende klar überblicken können.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-&bdquo;Der Doppelgänger&ldquo; schildert den Zustand eines im Grunde
-mittelmässigen Menschen, welcher aus dem Unvermögen heraus,
-das wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er
-darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs
-zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensäusserungen, die
-seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem
-Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verübt, so ist
-Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so
-dass er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich,
-das, er sein möchte, als Hallucination fortwährend an seiner
-Seite sieht, bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in
-ein Irrenhaus gebracht wird. Nun wäre dieser Vorgang an sich
-verständlich <a id="corr-10"></a>und mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung
-ergreifend, deutlich, wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit
-verübt hätte, welche die Einheit des Werkes und dadurch
-dessen Klarheit zerstört. Er stellt nämlich da, wo es zum Ausbruch
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-der Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen
-sichtbaren Doppelgänger und zugleich Namensvetter des Herrn
-Goljadkin mitten in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult,
-unter Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lässt in
-Wirklichkeit den Narren durch seinen klugen, streberhaften
-Doppelgänger verdrängen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes
-Mittel gefunden hätte, um uns zu zeigen, dass oft kluge
-Routine allein sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht
-ausreicht, um in der Erscheinung ein Charakter zu werden.
-Man wüsste sonst nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte
-deus ex machina auftaucht, dessen es nicht bedurft hätte, um
-die Tragödie eines isolierten Charakters, wie ein geistvoller
-Essayist den Doppelgänger nennt, darzustellen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen
-darüber, dass das Buch ein &bdquo;Bekenntnis&ldquo; und
-ein specifisch russisches Bekenntnis ist, dass es einem
-Grundfehler des &bdquo;russischen Menschen&ldquo; an den Leib geht
-und dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige
-Zerrüttung beginnt, die im Wahnsinn endet.
-</p>
-
-<p>
-Der &bdquo;Roman in neun Briefen&ldquo; entstand, wie wir gesehen
-haben, ebenfalls in der ersten Epoche von Dostojewskys
-schriftstellerischer Thätigkeit und, wie wir ja aus seinem
-Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht. Er ist nichts
-weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der
-Dichter mit Meisterschaft die ebenbürtige, wenn auch sehr
-verschieden nuancierte Niederträchtigkeit von fünf Personen
-in knappster Weise in neun Briefen heraus arbeitet.
-</p>
-
-<p>
-Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem
-Brief an den Bruder noch einmal auf den unglücklichen
-Goljadkin zurück und erzählt, Belinsky habe eigens einen
-Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew eingeladen
-gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser
-Erzählung höre. Allein Turgenjew entfernte sich sehr
-bald nach Beginn der Vorlesung, äusserte sich sehr lobend,
-war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder vier Kapitel
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-hätten Belinsky sehr gefallen, &bdquo;obwohl sie es nicht wert
-waren&ldquo;, wie Dostojewsky sich ausdrückt, worauf er sagt,
-dass diese Erzählung, der eine der ernstesten Ideen zu
-Grunde liege, welche der Dichter bis heute in die Litteratur
-eingeführt habe, dennoch misslungen sei. Er hat sie nach
-15 Jahren einer gründlichen Umarbeitung unterzogen, sie
-aber dann noch als eine &bdquo;völlig misslungene Sache&ldquo; bezeichnet. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Des Dichters äussere Verhältnisse zeigen in dieser
-Zeit immer dasselbe Bild grösster Veränderlichkeit und
-Unordnung, dem immer auch ein Wechsel in der Stimmung
-entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses Selbstgefühl.
-So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845:
-&bdquo;Ein ganzer Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht&ldquo;.
-Die bedeutendsten darunter scheinen ihm Gontscharow und
-Herzen zu sein. &bdquo;Man lobt sie ausserordentlich&ldquo;, fährt
-er fort &bdquo;der Vorrang aber bleibt vorläufig noch mir und
-wird wohl immer mir bleiben&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Allerlei Pläne schwirren in seinem Kopfe herum. Er
-beginnt für Belinskys &bdquo;Vaterländische Annalen&ldquo; zwei kleine
-Geschichten: &bdquo;Der rasierte Backenbart&ldquo; und &bdquo;Die zerstörten
-Kanzleien&ldquo;. &mdash; Diese letztere dürfte wohl die unter
-dem Namen &bdquo;Herr Prohartschin&ldquo; später erschienene Geschichte
-sein. &bdquo;Beide&ldquo;, sagt er, &bdquo;haben ein erschütterndes,
-tragisches Interesse und sind &mdash; dafür stehe ich Dir
-gut &mdash; schneidig bis aufs äusserste&ldquo;. Auch eine gemeinsame
-Übersetzung von Goethes Reineke Fuchs schlägt er
-dem Bruder vor.
-</p>
-
-<p>
-Nach einem zweiten Besuch in Reval kündigt er dem
-Bruder an, dass er abermals ausziehen werde, zwei kleine,
-möblierte Zimmer in Aftermiete genommen habe, wohin
-er indes, wie wir später sehen werden, gar nicht übersiedelt.
-Er erzählt ferner, dass im &bdquo;Zeitgenossen&ldquo;, einer
-von Njekrássow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Vermächtnis erscheine, worin dieser sich von allen seinen
-Werken lossage. &bdquo;Also,&ldquo; fügt er hinzu, &bdquo;ziehe selbst den
-Schluss daraus.&ldquo; &mdash; Dass man seinen Prohartschin in der
-Zeitschrift Njekrássows zu besprechen beginne, teilt er
-auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von
-Trauer und Melancholie, &bdquo;wo es am besten sei zu
-schweigen&ldquo;. Es ist diese Stimmung nämlich die Folge
-eines rivalisierenden Geplänkels der Redakteure, denen
-er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld
-zu kommen. Namentlich scheint Njekrássow immer in
-sehr kaufmännischer Weise alle Transaktionen geleitet zu
-haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von Dostojewskys
-Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter
-einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend
-in sein äusseres Leben eingreifen. Es sind die Brüder
-Beketow, vor allem aber S. D. Janowsky, mit dem er
-noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen sollte.
-Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung,
-sich unabhängig zu machen, und voll Durst nach
-heiliger Kunst, nach einer reinen, heiligen Arbeit, mit der
-ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens, &bdquo;das noch nie in ihm
-so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue Bilder
-in seiner Seele erstehen. Bruder,&ldquo; sagt er, &bdquo;ich bin in
-einer Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern
-auch physisch; noch niemals habe ich eine solche Fülle
-und Klarheit in mir getragen, so viel Gleichmässigkeit des
-Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden. Darin
-bin ich meinen teueren Freunden Beketow und &mdash; anderen
-tief verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thätige,
-gescheite Menschen, Menschen, die ein vortreffliches Herz,
-Seelenadel, Charakter haben ... sie haben mich durch
-ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe ich
-ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten;
-wir haben eine grosse Wohnung aufgenommen, und die
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Gesamtauslagen für die Erhaltung jedes einzelnen übersteigen
-nicht 1200 Rubel jährlich. So gross ist die Wohlthat
-der Association.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Schluss dürfte, wie Orest Miller richtig bemerkt,
-wohl schon im Zusammenhang mit Dostojewskys
-neuester Beschäftigung stehen, mit dem Sozialismus:
-</p>
-
-<p>
-Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschäftigung
-mit dem Sozialismus ist wohl der Umstand, dass sich der
-Dichter nachträglich in seiner eigenen Beurteilung der
-&bdquo;Armen Leute&ldquo; von der rationalistischen Anschauung
-Belinskys beeinflussen lässt, welcher die positiven Schönheiten
-dieses Buches durchaus nicht in den weichen Schatten
-sieht, welche &bdquo;Armut im Geiste&ldquo; über die Gestalt des
-Helden breitet, sondern ganz einfach in gewissen, schärfer
-hervortretenden, gleichsam das Mitleiden escomptierenden
-Zügen dieser missbrauchten, zertretenen Figur. Dostojewsky
-selbst schliesst sich, vermöge der seinen Geist
-jetzt beschäftigenden Ideen von Kollektivismus und Association,
-dieser flacheren Betrachtung an, und wir werden
-später sehen, wie er sich, seinem innersten Wesen nach,
-wieder davon lossagt.
-</p>
-
-<p>
-Über des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47
-geben uns sowohl die Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys
-und anderer Freunde, als auch seine stets die Stimmung
-des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder ein ziemlich
-klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit
-den Freunden lebt, &bdquo;angenehm und ökonomisch,&ldquo; wie er
-sagt, leidet seine nervöse Konstitution doch schwer unter
-den doppelten Qualen eines schöpferischen Dranges, die
-Probleme, die ihn förmlich bestürmen, auszulösen, sie mit
-allerfeinster analytischer Genauigkeit herauszuarbeiten, und
-der misstrauischen Ängstlichkeit, mit welcher er auf den
-Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei
-seine Eigenliebe bald den Gipfel des entzückten Triumphes
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-und der Selbstüberschätzung erklimmt, bald abgrundtief
-in Kränkung und melancholischen Unwillen versinkt. Zudem
-plagt ihn das Ungeordnete, das dem Schriftsteller-Handwerk
-durch die Zahlungs-Verhältnisse zwischen
-Dichter, Redakteur und Verleger an und für sich anhaftet,
-doppelt. Dennoch finden wir nicht einen Augenblick
-wirklicher Mutlosigkeit oder eines Nachlasses in der
-Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein schriftstellerischer
-Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt
-hat, eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwärtigkeiten,
-die schwere, sich entwickelnde Epilepsie und
-die daraus entstehende Gedächtnisschwäche überwindet und
-geradezu verblüffende Leistungen schafft. Im Dezember
-1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in Arbeit
-versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich
-nur hie und da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufügt,
-an der italienischen Oper. Er schreibt an der Erzählung
-&bdquo;Njetotschka Njezwánowa&ldquo; &mdash; &bdquo;auch eine Beichte&ldquo;,
-sagt er, &bdquo;wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone.
-Mir scheint immer&ldquo;, fährt er fort, &bdquo;als führte ich einen
-Prozess gegen unsere gesamte Litteratur; und mit den drei
-Teilen meines Romans, die in den Vaterländischen Annalen
-erscheinen werden, stelle ich auch für dieses Jahr meinen
-Vorrang gegenüber meinen Neidern fest.&ldquo; Anfangs 1847
-drückt er dem Bruder sein Bedauern darüber aus, dass
-dieser &bdquo;ohne Umgebung&ldquo; lebe. Wir haben oben gesehen,
-wie sehr ihm die Deutschen der Ostseeprovinzen missfielen.
-Doch tröstet er ihn mit Worten, welche gleichfalls die
-neue, seinem ursprünglichen Wesen widersprechende Richtung
-kennzeichnen. Weiter berichtet er in überschwenglichen
-Ausdrücken über seine &bdquo;Wirtin&ldquo;, die er eben
-schreibt, gerade so selbstzufrieden, als mit dem Roman
-in neun Briefen. &bdquo;Diese Erzählung wird besser, als die
-&bdquo;Armen Leute&ldquo;, sie ist in derselben Art&ldquo;, meint er.
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-&bdquo;Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so
-wie bei Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen
-Sommer lang herumquälte.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-&bdquo;Herr Prohartschin&ldquo; ist eine jener Erzählungen aus der
-Zeit einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine
-lächerliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und
-ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe &bdquo;in Kost und
-Wohnung&ldquo; und von den anderen durch allerlei abgekartete
-Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und
-Tod geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins
-gefördert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes
-Kapital von kleinen Münzen nicht in der schmutzigen
-Matratze vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe
-deckt.
-</p>
-
-<p>
-Die Aufhäufung menschlicher Schwächen und Lächerlichkeiten
-im Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten
-aller jener Züge im Helden, welche Teilnahme erwecken
-müssten, also ein forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus
-mit Anklängen an Gogol und Dickens, und Stellen feiner
-Detailschilderung, die jener würdig wären, kennzeichnen diese
-Erzählung, an welcher sich der Dichter &bdquo;einen Sommer lang
-herumquälte&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Wirtin&ldquo; wurde von Belinsky, wie wir später erfahren,
-sehr abfällig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade
-von Belinskys Seite erklärlich genug. Vor allem konnte dem
-scharfen Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in
-diesen Tagen der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine
-tendenziös auszunutzende Pointe nicht genügen. Andererseits
-war sein Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten
-im Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen
-Romantismus, der im Hauptteil der Erzählung zu Tage tritt,
-nicht zu empfinden. Er hätte diese Mängel allenfalls milder beurteilen
-können, wenn sich dahinter eine zeitgemässe Forderung
-oder Anspielung verborgen hätte. Wie dem auch sei &mdash; wir
-sind trotz jener Fehler von diesem Jugendwerke hingerissen
-und erschüttert.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzählung,
-wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung,
-wie sie nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine
-Nähe kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen
-Sieg über das &bdquo;schwache Herz&ldquo;, das sich an seiner Seite
-vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich
-losmachen möchte und ihm doch immer wieder anheimfällt. Ein
-Grauen durchbebt uns bei dem nächtlichen Bekenntnis Katjas,
-das in der geheimnisvoll-süssen Sprache der Primitiven mehr
-verschweigt als enthüllt, und die Schilderung der Brandnacht,
-jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme
-&bdquo;nicht dreie tragen kann&ldquo;, hüllen uns, eine ossianische Ballade,
-in alle Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser
-Sprache, die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch
-wirken &mdash; das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser
-Art wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war
-wohl jene reife, frühreife Menschenkenntnis, die er in den
-&bdquo;Armen Leuten&ldquo; so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der
-Taumel des 26jährigen, &bdquo;von einer Quelle der Inspiration getriebenen&ldquo;
-Dichters enttäuschen, dem Himmel und Hölle aus
-diesen zwei Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch
-konnte er unmöglich darüber hinwegsehen, dass Ordynow, der
-nominelle Held der Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein
-Deus ex machina, eine Entladungsstelle für die elektrischen Pole
-Muryn und Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch
-und Knochen, sondern ein Bündel Nerven, an dem die Geschichte
-ausgeht. Auch könnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte
-Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich
-Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrät als zeigt,
-nicht über das Schattenhafte alles übrigen ausgesöhnt werden.
-Wir aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen
-Seelenahnung auch vom Wesen der Frau &mdash; an welches der
-Dichter in der ersten Periode seines Schaffens überhaupt mit
-ehrfürchtiger Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzählung
-spricht der Dichter durch den Mund Ordynows an folgender
-Stelle seinen Hauptgedanken aus:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-gestört war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als
-er sie ein schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein
-Geheimnis sie mit dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne
-ihre Schuld zu erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine
-Macht gekommen war. Wer waren sie? Er wusste es nicht;
-allein ihm träumte unaufhörlich von der tiefen, unentrinnbaren
-Tyrannei über ein armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz
-wurde unruhig und pochte in ohnmächtiger Entrüstung in seiner
-Brust. Es schien ihm, dass man vor die erschreckten Augen
-der plötzlich erwachenden Seele hinterlistig ihren Fall hingestellt,
-in listiger Weise ihr armes, schwaches Herz gequält, Wahres und
-Falsches vor ihr vermengt hatte, da, wo es nötig schien, ihre
-Blindheit absichtlich unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen
-Neigungen ihres aufstürmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte;
-dass man nach und nach die Flügel ihrer fessellosen,
-freien Seele stutzte, so dass sie zuletzt nicht mehr fähig war,
-sich aufzurichten, noch ihren freien Schwung zu nehmen in das
-Leben der Wirklichkeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vielen Lesern dieser Erzählung hat sie unklar und unvollendet
-geschienen. Dies muss auch bei jenem französischen
-Übersetzer der Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie
-mit der 17 Jahre später geschriebenen Erzählung &bdquo;Memoiren aus
-einem Souterrain&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> (deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer
-Grossstadt) zusammenzuschweissen und unter dem Titel &bdquo;l&rsquo;Esprit
-souterrain&ldquo; zu veröffentlichen. Derselbe französische Übersetzer
-hat es auch gewagt, die &bdquo;Brüder Karamazow&ldquo; einer Verstümmelung
-zu unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche
-beginnen lässt. Traduttori traditori!
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Die &bdquo;Wirtin&ldquo; wurde also von Belinsky sehr übel behandelt,
-was den Dichter tief kränkte, obwohl er sich gar
-nicht schriftlich darüber geäussert hat. Seine nächsten
-Mitteilungen an den Bruder sind wieder Berichte über
-angestrengte Thätigkeit, bestellte Arbeit, die man mit
-Vorschüssen sichert, &bdquo;kurz eine Hölle&ldquo;. Hier muss erwähnt
-werden, was er in allen seinen Briefen während
-der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer wieder betont:
-&bdquo;Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es
-mir zugeschworen. Von solcher Arbeit würde ich zu
-Grunde gehen!&ldquo; &mdash; Der einzige Weg, den er einschlug,
-um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen, war der,
-dass er von den vielen Plänen und fertigen Entwürfen,
-die er immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen
-den bekannten Redakteuren vorschlug und einen Termin
-angab, bis zu welchem er die Arbeit vollenden könnte.
-Meistens wusste er von vornherein fast ganz genau, wieviele
-Druckbogen sie ausmachen würde, und überschritt
-selten das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet
-sich Dostojewskys äusseres Leben sehr bewegt. Nach
-der einen Seite findet er im Hause des Malers Maikow,
-eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens,
-Anregung und Förderung durch den Verkehr mit Schriftstellern
-und bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow,
-Dudyschkin, A. Maikow und andere. Er hat Gelegenheit,
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in das kleinste
-Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch
-seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher &bdquo;den meisten
-Lesern unverständlich&ldquo; war, findet aber auch im Ehepaar
-Maikow thatkräftige Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitäten
-hilfreich beispringen.
-</p>
-
-<p>
-Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit
-einem Kreis junger Leute, welche den neuen Ideen huldigen.
-Ein Brief aus dieser Epoche vom 9. September
-1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des
-Bruders Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er
-rät ihm, gemeinsam eine Gesamtausgabe von Schillers
-Dramen, die er ja übersetzt habe, zu veranstalten, und
-schliesst mit den Worten: &bdquo;Warte nur, Bruder, wir
-werden schon hinauf kommen; es ist unmöglich, dass wir
-beide uns nicht durchschlagen.&ldquo; Am Rande schreibt er:
-&bdquo;Siehst Du, was Association bedeutet? Arbeiten wir getrennt,
-so gehen wir unter, zusammen aber gehen wir
-einem grossen Ziele entgegen &mdash; das ist etwas ganz
-anderes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier haben es die Herausgeber für angebracht
-befunden, eine Lücke von nahezu zwei Jahren in die
-Korrespondenz zu reissen, welche allerdings nicht sehr
-ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein dürfte.
-Die &bdquo;neuen Ideen&ldquo; Sozialismus, Fourierismus hatten
-den Feuerkopf ergriffen. Er schloss sich um diese
-Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem über
-die künftigen Umgestaltungen Russlands, über eine
-Änderung der Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde.
-Dies war aber zu einer Zeit, da es geradezu gefährlich
-sein mochte, sich eine Ansicht über den Umschlag des
-Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon
-im Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so
-hütete man sich wohl, die Worte, die gefallen waren, nach
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-aussen auszusprechen oder aufzuschreiben; so kann es
-wohl sein, dass nicht viele Briefe Dostojewskys an seinen
-Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war an
-und für sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah
-es zumeist in nervöser, durch Gegensatz und Widerspruch
-oder durch eine aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene
-Kampfstimmung.
-</p>
-
-<p>
-Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im
-Besitze der Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in
-der schwierigen Lage befinden, den Dichter lavierend
-nach beiden Seiten hin schützen und immer fürchten zu
-müssen, ihn nach rechts oder nach links zu kompromittieren.
-Es wäre zu untersuchen, ob nicht ein kühnes
-Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung
-des Sachverhalts, Veröffentlichung auch der &bdquo;gravierendsten&ldquo;
-Briefe, mit einem Schlage die Luft um seine
-Erscheinung von allen Miasmen der Missgunst, des stillen
-Grolls und der Verurteilung zu reinigen vermöchte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<span class="line1">III.</span><br />
-<span class="line2">Katastrophe.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit
-neuen Ideen führte Dostojewsky immer tiefer in dieselben
-ein, und die vielen, wenn auch sicher fruchtlosen, so doch
-von aufrichtiger Glut für Freiheit, Menschen- und Bürgerrechte
-beseelten Debatten im Hause des Ministerialbeamten
-Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und
-Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche
-für 23 Männer verschiedenen Alters und Berufs verhängnisvoll
-werden sollte. Für Dostojewskys Leben,
-seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie für sein
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-künstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von
-den entscheidendsten Folgen sein.
-</p>
-
-<p>
-In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen
-Artikel: &bdquo;Meine erste Bekanntschaft mit
-Belinsky&ldquo;, nennt der Dichter diese Epoche seines Lebens
-&bdquo;eine schwere, schicksalsvolle Zeit.&ldquo; Es muss angenommen
-werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus
-eingeführt worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrückt,
-&bdquo;leidenschaftlich zu eigen gemacht hat&ldquo;, obwohl
-ihm Belinsky von vornherein das Axiom entgegenschleudert:
-&bdquo;die Revolution hat vor allem das Christentum zu
-vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegründet&ldquo;.
-Dostojewsky scheint sich der bestrickenden
-Persönlichkeit Belinskys doch so weit hingegeben zu
-haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe trat;
-allein wir finden noch 22 Jahre später in einem Briefe an
-N. Strachow, sowie in einem Artikel seines &bdquo;Dnewnik
-Pisatela&ldquo; (Tagebuch eines Schriftstellers) heftige Ausfälle
-gegen Belinsky, gleichsam unter dem unverwischten Eindruck
-der Entrüstung, welche jener Streit für und wider
-das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. &bdquo;Dieser
-Mensch&ldquo; &mdash; sagt er da &mdash; &bdquo;hat Christum vor mir beschimpft,
-dabei ist er doch niemals imstande gewesen,
-sich selbst oder irgend einen von allen Führern der ganzen
-Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er vermochte
-nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht,
-Zorn, Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber
-Eigensucht in ihm selbst und in allen anderen vorhanden
-ist. Als er Christum beschimpfte, sagte er sich niemals:
-was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa uns,
-die wir so hässlich sind? &mdash; nein, er hat sich auch niemals
-darauf besonnen, dass er hässlich ist, er war im
-höchsten Grade mit sich zufrieden&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-machen, wie Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger
-Jahre beschäftigte, und wie klar doch bei alledem in ihm
-die Grenze vorgezeichnet war, die er vermöge seiner
-innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht hätte,
-so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen
-christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher,
-hatten sich aus dem Schosse der Universität heraus mehrere
-Studentenkreise gebildet, die ein ernsteres Streben vereinigte,
-als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie
-bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek
-an, wobei wissenschaftliche Werke des In- und
-Auslandes, darunter nicht wenige eingeschmuggelte Bücher,
-erworben wurden. So machten sie sich mit den Werken
-L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs,
-Proud&rsquo;hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener
-ehemalige Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium
-des Äusseren Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um
-die sogenannte &bdquo;Gesellschaft der Propaganda&ldquo; durch alle
-möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die einzelnen
-Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der
-&bdquo;Fünf&ldquo; eines, dem bei uns unter dem Namen &bdquo;Schneeballen&ldquo;
-bekannten, ähnlichen Vorganges. Die Teilnehmer
-der einzelnen Kreise sollten einander nicht persönlich
-kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in
-Fühlung sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja
-aus den letzten Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt
-hat, finden wir die Stelle: &bdquo;die Sozialisten (die
-russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen hervorgegangen;
-die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut&ldquo;.
-&bdquo;Ebenso glaubten sie&ldquo; &mdash; diktierte er weiter &mdash;
-&bdquo;dass das Volk mit ihnen sei und&ldquo; &mdash; fügt er hinzu &mdash; &bdquo;sie
-hatten eine Grundlage dafür, denn das Volk war leibeigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür
-zu sein, warum sich Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden
-des Petraschewskyschen Kreises bei
-diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von
-jeher das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal
-und hoffte und wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung
-der Leibeigenschaft. Alle seine Reden hatten
-vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt einer
-der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden
-Roman von einem Genossen, dem er Dostojewskys Worte
-in den Mund legt. Er sagte still und langsam: &bdquo;die Befreiung
-der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in
-unsere grosse Zukunft sein&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky
-sehr lebendig als einen, &bdquo;dessen ganzes Wesen
-sich zum Verschwörer geeignet habe; still, einsilbig, nicht
-mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen auszusprechen&ldquo;,
-sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer hinreissenden,
-alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn
-bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen
-des Sozialismus, wie die anderen es verstanden, zuwiderlief,
-vermöge der Macht seiner Persönlichkeit doch die
-Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises, sowie jenes
-andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise
-liess man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange
-gewähren, zum Teil darum, weil man lange kein geeignetes
-Individuum fand, welches genug Wissen besessen hätte,
-um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig teilnehmen
-zu können, und das über dem &bdquo;Vorurteile&ldquo; erhaben
-wäre, welches den Namen eines Angebers brandmarkt. &mdash;
-Endlich fand man einen, diesen &bdquo;erhabenen Standpunkt&ldquo;
-einnehmenden Menschen in einem Beamten des auswärtigen
-Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht
-mit Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-selbst stand mit diesem in keiner nahen persönlichen Verbindung,
-obwohl er seine Freitagsabende besuchte, wo von
-der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Unvermeidlichkeit
-eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen
-wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus,
-dieser Schritt müsse von oben gemacht werden. &bdquo;Wenn
-er aber nicht geschieht?&ldquo; warf man ein, &mdash; &bdquo;ja dann
-meinetwegen mit Gewalt.&ldquo; Bei Durow hingegen wurde
-die Frage einer geheimen Druckerei aufgeworfen und von
-Dostojewsky befürwortet, allein von der Versammlung abgelehnt.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden
-die Hauptpersonen dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter
-ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie irrtümlicherweise auch
-sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt und
-nach dem Hause der &bdquo;dritten Abteilung&ldquo; der geheimen
-Polizei abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre,
-authentische Daten über diesen Prozess, soweit er Dostojewsky
-angeht, zu erhalten, den Versuch gemacht, an Ort
-und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente
-desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden
-keine allzugrossen Schwierigkeiten gemacht werden, da
-einerseits nahezu ein halbes Jahrhundert verstrichen sei
-und jetzt die Zustände andere und andere Personen am
-Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol,
-welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben,
-längst publiziert und aller Welt bekannt sei. Ausserdem
-habe man die Archive des Ministeriums des Innern immer
-bereitwillig jenen geöffnet, welche in einem litterarischen
-Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So hat
-der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor
-der reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau,
-eine Studie über den kleinrussischen Dichter Schewtschenko
-auch in jenen Archiven vervollständigt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten
-des Ministeriums des Innern und des Kriegsministeriums
-(da der Prozess dem Kriegsgericht übergeben worden war)
-bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe von
-Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys,
-seine Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines
-&bdquo;Verhaltens&ldquo; im Gefängnis, seine Befreiung, sein Avancement
-zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels und
-seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis
-nach Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut
-seiner Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände,
-nachdem er 50 Jahre im Aktenstaube vergraben gewesen
-und vorerst von den massgebenden Personen mit grossem
-Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung überlassen.
-Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente,
-je an ihrer Stelle, hier im Anschluss.
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="left">
-Kopie.<br />
-III. Abteilung<br />
-von Sr. Majestät des<br />
-Kaisers Privatkanzlei. &mdash;<br />
-Expedition St. Petersburg,<br />
-22. April 1849.<br />
-No. 675.
-</p>
-
-<p class="right">
-Geheim.<br />
-Dem Herrn Major der Petersburger<br />
-Gendarmerie-Division<br />
-Tschudin.
-</p>
-
-<p>
-Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren
-(Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um
-4 Uhr nach Mitternacht, den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant
-Theodor Michailowitsch Dostojewsky, welcher
-an der Ecke der kleinen Morskaia und des Wosnesensky-Prospekt,
-im Hause Schill auf der dritten Etage in der
-Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere
-und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach
-der dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu
-bringen.
-</p>
-
-<p>
-Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-wachen, dass von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt
-werde.
-</p>
-
-<p>
-Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse
-Menge von Papieren und Büchern vorfinden, so dass es
-nicht möglich sein wird, sie sofort in die dritte Abteilung
-zu befördern. In diesem Falle sind Sie gehalten, eines wie
-das andere in eine oder zwei Stuben, je nach dem es nötig
-ist, niederzulegen, diese Stuben zu versiegeln und Dostojewsky
-selbst unverweilt in der dritten Abteilung abzuliefern.
-</p>
-
-<p>
-Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere
-und Bücher aussagen sollte, dass einige darunter irgend
-einer anderen Person gehören, so haben Sie dieser Aussage
-keine Beachtung zu schenken, sondern auch diese zu versiegeln.
-</p>
-
-<p>
-In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste
-Achtsamkeit und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps,
-General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung
-befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei
-und die unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen.
-</p>
-
-<p class="center sign">
-Der General-Adjutant<br />
-Graf Orloff.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet:
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Geheim 148/6.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Hochgeehrter Herr!<br />
-Iwan Alexandrowitsch!
-</p>
-
-<p>
-Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere
-hat sich nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache
-hätte. Es wurde nur gefunden: ein Brief von Belinsky,
-enthaltend eine Einladung zu einer Gesellschaft bei einer
-Person, mit der er noch nicht bekannt war, ein Brief aus
-Moskau von Pleschtschejew, in welchem er von seinem Eindruck
-bei der Ankunft der kaiserlichen Familie in Moskau
-spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu
-bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören.
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Zwei Bücher unter dem Titel: Le berger de Cravan und
-La consécration du Dimanche.
-</p>
-
-<p class="center date">
-16. Mai 1849.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Fürst Alex. Galitzin.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="letter">
-<p class="noindent">
-Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre,
-Euer Excellenz den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher
-sich unter den bei Dostojewsky gefundenen Papieren befand,
-zu übermitteln.
-</p>
-
-<p class="center date">
-17. Mai 1849.
-</p>
-
-<p>
-Nabokow.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript,
-d. h. der III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur
-der &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo; übergeben worden war, wo es
-im Maiheft 1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April)
-der III. Abteilung, &bdquo;ohne Unterschrift des Verfassers&ldquo;. Diese
-Erzählung, Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden.
-</p>
-
-<p>
-Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern
-richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere
-ins Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und
-politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe
-des Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er
-nicht im geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war,
-also nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische
-Schriften, namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener
-Zeit bei ihm gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der
-Zettel Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie
-diese Namen trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden
-und als wertlos in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei
-Schriftstücke zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose,
-Stellen aus dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir
-auch in Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die
-Dossiers gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen
-für uns nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen,
-es wäre denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte
-Freunde, die zu Durow kommen, &bdquo;salut et fraternité&ldquo;
-entboten wird.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung
-mit einem gewissen Humor in einem Blatte, das
-er 1860 der Tochter seines Freundes, des Schriftstellers
-A. Miliukow, widmet:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich
-gegen 4 Uhr morgens von Grigorjew nach Hause, legte
-mich zu Bette und schlief sofort ein. &mdash; Nicht später als
-nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf hindurch,
-dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige
-Leute in meine Stube getreten waren.
-</p>
-
-<p>
-Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend
-etwas gestreift hatte. Was geht da Seltsames vor? Ich
-öffne mit Mühe die Augen und höre eine weiche, sympathische
-Stimme: &bdquo;Stehen Sie auf!&ldquo; &mdash; Ich schaue: da
-steht der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders
-Kommandierter mit hübschem Backenbart. Allein er
-hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau gekleideter,
-mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr gesprochen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist geschehen?&ldquo; frage ich, mich aufrichtend. &mdash;
-&bdquo;Auf Befehl&ldquo; ... &mdash; Ich schaue: richtig &bdquo;auf Befehl&ldquo;. In
-der Thüre steht ein Soldat, ebenfalls blau. Sein Säbel war
-es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha! also das
-ist&rsquo;s ... dachte ich bei mir.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlauben Sie mir doch ...&ldquo; begann ich &mdash; &bdquo;Macht
-nichts, macht nichts! kleiden Sie sich an. Wir werden
-warten,&ldquo; sagt der Oberstlieutenant mit noch sympathischerer
-Stimme. &mdash; Während ich mich ankleide, verlangen
-sie die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen
-&mdash; sie fanden nicht viel, wühlten aber alles durch. Die
-Bücher und Schriften banden sie ordentlich mit einem
-Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser
-Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen
-und stöberte mit meinem Tschibuk in der kalten Asche
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier stieg auf sein
-Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber
-vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf
-die Erde. Da überzeugten sich die umsichtigen Herren,
-dass sich nichts auf dem Ofen befand. Auf dem Tische
-lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der Pristaw
-betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem Oberstlieutenant
-zu: &bdquo;Ist&rsquo;s am Ende ein falsches?&ldquo; fragte ich.
-&bdquo;Hm, das muss man doch auch untersuchen,&ldquo; murmelte
-der Pristaw und endigte damit, dass er auch dieses Stück
-dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten hinaus. Uns
-begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan,
-der zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art
-stumpfer, dem Ereignis angemessener Feierlichkeit dreinschaute;
-übrigens einer nichts weniger als feiertägigen
-Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche, zuerst
-stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der Oberstlieutenant.
-Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke
-beim Sommergarten. Dort gab es viele Leute und
-ein bewegtes Kommen und Gehen. Es begegneten mir
-viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam.
-Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem
-Range, besorgte den Empfang ...... ununterbrochen
-kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein ......
-Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn,
-der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand
-mit Bleistift geschrieben: &bdquo;Agent der aufgedeckten Sache:
-Antonelli&ldquo;. &mdash; So, also Antonelli ist es &mdash; dachten wir.
-&mdash; Man postierte uns in verschiedene Winkel, in der Erwartung
-der endgiltigen Anordnung, wohin man einen jeden
-unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren
-unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt),
-der Untersuchungs-Richter, herein &mdash; aber hier unterbreche
-ich meine Erzählung. Es wäre viel zu erzählen.
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Aber ich versichere Sie, dass Leonty Wassiljewitsch ein
-höchst angenehmer Mensch war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich
-des Dichters Bruder Andreas erzählen sehr eingehend
-den weiteren Verlauf der Haft, des Verhörs, der ganzen
-Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir
-nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den
-oben erwähnten 34 Verhafteten wurden jene ausgewählt,
-welche auch zu Petraschewsky kamen &mdash; es waren 23,
-darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer &mdash; die übrigen
-waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller
-und Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky
-war, wie schon oben gesagt, nur irrtümlicherweise
-verhaftet worden und das anstatt des ältesten Bruders
-Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum
-Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch
-gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus
-dieser Gesellschaft entliehen hatte, was offenbar unter
-falschem Vornamen angegeben worden war. Andreas war
-also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht
-worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft
-und ihn erstaunt fragt: &bdquo;Was machst denn du da, Bruder?&ldquo;
-Allein er konnte nicht antworten, da ein Gendarm sie
-trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen warum, in
-Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt
-und fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl
-handeln mag.
-</p>
-
-<p>
-Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters,
-in was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky
-stehe, ganz naiv die Gegenfrage
-stellt: &bdquo;Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn
-der zweite?&ldquo; bringt seine Unschuld an den Tag, und man
-hält ihn nur noch zurück, damit er in der Stadt nicht mit
-Leuten zusammen komme, &bdquo;die er nicht zu treffen habe&ldquo;.
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Es stellt sich heraus, dass man auf den Richtigen gekommen
-war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den
-man am 5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei
-gibt. Eine Stelle aus einem Briefe Theodor Michailowitschs
-an den Bruder Andreas drückt noch, nach einem Zeitraum
-von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser das
-Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. &bdquo;Ich erinnere
-mich daran,&ldquo; sagt er, &bdquo;du mein Teurer, erinnere
-mich, wie wir einander, es war wohl das letzte Mal, im
-weissen Saale begegneten. Es kostete dich damals nur
-ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen
-können, und du wärst sofort, als irrtümlich statt des
-älteren Bruders festgenommen, frei gelassen worden. Aber
-du folgtest meinen Vorstellungen und Bitten, du gingst
-grossmütig in die Thatsache ein, dass der Bruder in sehr
-engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben erst in
-den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt
-habe &mdash; du begriffst das alles und bliebst im Gefängnis,
-um den Bruder Zeit zu lassen, seine Frau vorzubereiten
-und sie nach Möglichkeit für eine vielleicht lange Zeit
-seiner Abwesenheit sicherzustellen.<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-&bdquo;Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt
-hast&ldquo;, fährt Dostojewsky fort, &bdquo;so konnte ich
-dich ja auch nicht vergessen und musste ich ja deiner,
-als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt
-Orest Miller, dass der General Rostowzew Dostojewsky
-nahe gelegt habe, &bdquo;alles zu erzählen&ldquo;. Dieser
-beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend.
-Da wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: &bdquo;Ich
-kann nicht glauben, dass ein Mensch, welcher &bdquo;Arme
-Leute&ldquo; geschrieben hat, mit diesen lasterhaften Menschen
-gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich. Sie
-sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im
-Namen des Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen,
-wenn Sie die ganze Sache erzählen.&ldquo; Ich schwieg, erzählte
-Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte General-Lieutenant
-Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen
-Rostowzew gewendet lächelnd: &bdquo;Ich habe es Ihnen ja gesagt&ldquo;,
-worauf dieser schrie: &bdquo;Ich kann Dostojewsky nicht
-mehr sehen&ldquo;, in die nächste Stube lief und von da heraus
-rief: &bdquo;Ist Dostojewsky schon hinausgegangen? Sagt mir,
-wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen&ldquo;. Dies
-alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Aus den Protokollen in den Archiven der dritten
-Abteilung entnehmen wir, dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission
-unter Vorsitz des General-Adjutanten
-Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung
-dieser Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849
-neunzig Sitzungen widmete. Die Kapitalanklage gegen
-Petraschewsky lautete auf: &bdquo;Verbrecherische Versuche,
-die bestehende Staats-Verfassung in Russland zu stürzen,
-Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und
-jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften,
-Verbreitung schädlicher Ideen über die
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Religion, Erweckung von Hass gegen die Obrigkeit, und
-endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur Erreichung
-dieser verbrecherischen Ziele zu gründen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: &bdquo;dass er
-ebenfalls (gleich Durow) an diesen verbrecherischen Plänen
-teilgenommen, dass er einen Brief Belinskys an Gogol
-verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die
-rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und
-dass er den Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von
-Schriften gegen die Obrigkeit im Verein mit anderen eine
-geheime Lithographie herzustellen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der
-Arretierung ihm sehr beschwerlich gewesen war, wurde
-nach seiner acht Monate währenden Untersuchungshaft
-bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und
-das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen
-und schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so
-dass er endlich, dessen müde, sich selbst einen bedeutend
-grösseren Anteil bei der Sache vindicierte, als er in der
-That daran genommen hatte, und so hoffte, dieselben
-Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken.
-</p>
-
-<p>
-Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm
-vorgelegten Fragen lassen wir hier in getreuer Übersetzung
-des Original-Manuskripts folgen. Oberflächlichen
-Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen
-dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt
-dieser, im August 1898 in der &bdquo;N. Fr. Presse&ldquo; durch
-uns veröffentlichten <a id="corr-11"></a>Verteidigungsschrift lediglich ein &bdquo;advokatorisches
-Meisterstück&ldquo;. Wer des Dichters Grundnatur
-und seinen inneren Entwickelungsgang näher kennt, wird
-dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky
-&bdquo;das Zeug zum Verschwörer&ldquo; haben mochte, wie
-man von ihm sagte, und so oft er selbst von einer &bdquo;Umkehr&ldquo;
-spricht, lag doch der slavisch-mystische Wesenskeim
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-zu tief in seiner Natur, um nicht bei der ersten
-Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden
-und endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der
-Atheismus, welchem er sicher um jene Zeit gehuldigt
-haben muss, und der sich dreissig Jahre später im herrlichen
-Kapitel &bdquo;Der Grossinquisitor&ldquo; wiederspiegelt, dieser
-Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen
-Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus
-in Glaubenssachen, wie er das endgiltige
-Merkmal des echten Revolutionärs ist. Wenn wir hier
-diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf hinweisen,
-dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit
-und berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche
-Wahrheit enthalten ist, namentlich an jener Stelle, wo
-Dostojewsky die bekannte Aksakowsche Geschichts-Anschauung
-entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen
-Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht,
-um ihn &bdquo;rein zu waschen&ldquo; oder &bdquo;päpstlicher als der Papst&ldquo;
-zu sein, sondern um den Wendungen und Windungen dieser
-höchst komplizierten Natur nachzugehen, die sich oft &bdquo;zur
-Wahrheit durchlog&ldquo;, mit der Wahrheit spielte und der es
-doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig
-bewegte Geist nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede
-lautet wie folgt:
-</p>
-
-<p class="center">
-Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse
-Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der Untersuchungs-Kommission
-unter dem Vorsitze des General-Adjutanten
-Nabokow am 20. Juni 1849.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über
-Petraschewsky und über jene Leute, welche seine Freitags-Abende
-besuchten, weiss, aussagen soll, das heisst, man
-verlangt meine Aussage über Fakten und meine persönliche
-Meinung über diese Fakten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre
-zusammenhalte, so schliesse ich, dass man von mir
-eine genaue Antwort auf folgende Punkte fordert:
-</p>
-
-<p>
-1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky
-als Mensch im allgemeinen und als Politiker im besonderen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei
-Petraschewsky vorging, sowie meine Meinung über diese
-Abende.
-</p>
-
-<p>
-3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der
-Gesellschaft Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky
-selbst ein für die Gesellschaft schädlicher Mensch
-und in welchem Grade er es war.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky
-gestanden, obwohl ich an Freitags-Abenden zu
-ihm kam und auch er mich besuchte.
-</p>
-
-<p>
-Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir
-nicht allzu viel gelegen war, da ich weder im Charakter
-noch in vielen Anschauungen mit Petraschewsky übereinstimmte.
-Darum erhielt ich diese Beziehung nur insoweit,
-als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte
-ihn etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener.
-Ihn aber vollständig aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache;
-überdies war es mir manchmal interessant, seine
-Freitage zu besuchen.
-</p>
-
-<p>
-Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten
-im Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere
-Bekanntschaft begann sogar damit, dass er bei der ersten
-Zusammenkunft durch seine Absonderlichkeiten meine Neugierde
-erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft zu ihm; es
-geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm
-war. Im vorigen Winter war ich vom September angefangen
-nicht mehr als achtmal bei ihm. Wir waren
-niemals intim mit einander, und ich glaube, dass wir
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals
-mehr als eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander
-gesprochen haben. Ich habe sogar entschieden bemerkt,
-dass er, indem er zu mir kam, gleichsam eine Pflicht der
-Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes
-Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe
-der Fall, da wir, wie ich wiederhole, weder in den Ideen
-noch in den Charakteren Vereinigungspunkte hatten. Wir
-fürchteten beide, länger mit einander zu sprechen, da wir
-vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten, dies
-aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere
-gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens
-weiss ich, dass ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft
-nicht sowohl um seiner selbst willen und wegen der &bdquo;Freitage&ldquo;
-fuhr, als um dort manche Leute zu treffen, die ich,
-obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich selten
-sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky
-immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen
-geachtet.
-</p>
-
-<p>
-Über seine Excentrizitäten und Absonderlichkeiten
-sprechen viele, fast alle, welche ihn kennen oder von ihm
-gehört haben, und beurteilen ihn sogar danach. Ich habe
-mehreremale die Meinung äussern hören, dass Petraschewsky
-mehr Geist als Vernunft habe; thatsächlich
-wäre es sehr schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten
-zu erklären. Es geschah nicht selten, dass man ihn bei
-einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin er gehe
-und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches
-antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er
-soeben auszuführen ginge, dass man nicht wusste, was
-man vom Plan und von Petraschewsky selbst denken
-sollte. Um einer Sache willen, welche keinen Deut wert
-ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein
-ganzes Vermögen handle. Ein andermal eilt er auf eine
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-halbe Stunde irgend wohin, um ein ganz kleines Geschäftchen
-abzumachen, beendet aber dieses &bdquo;kleine Geschäftchen&ldquo;
-ungefähr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der
-sich fortwährend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung
-ist, den immer irgend etwas treibt. Er liest viel,
-schätzt das System Fouriers und hat es sich bis ins Detail
-angeeignet. Ausserdem beschäftigt er sich hauptsächlich
-mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was
-ich von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche
-zu unvollständig sind, um einen Charakter solcher Art
-vollkommen zu beurteilen. Denn das wiederhole ich noch
-einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen zu
-ihm gestanden.
-</p>
-
-<p>
-Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische
-Person betrachtet) irgend ein bestimmtes System in
-seinen Meinungen, irgend eine bestimmte Anschauung in
-politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe bei ihm nur
-Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht
-das seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass
-besonders Fourier es ist, welcher ihn daran hindert, die
-Dinge selbständig anzusehen. Ich kann übrigens unbedingt
-sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der
-Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen
-Systems auf unsere gesellschaftlichen Zustände möglich
-sei. Davon war ich immer überzeugt.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei
-ihm versammelte, bestand fast ausschliesslich aus seinen
-nahen Freunden oder alten Bekannten; so denke ich
-wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue Personen
-auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte,
-ziemlich selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich
-nur einen sehr kleinen Teil genauer. Andere kenne ich
-nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre Gelegenheit
-hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit
-einem oder zwei Jahren an Freitagen mit ihnen zusammenkomme.
-Allein, obwohl ich nicht alle Personen gut kenne,
-habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle diese
-Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die
-eine widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit
-in der Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei
-Richtung, keinerlei gemeinschaftliches Ziel. Man kann
-unbedingt sagen, dass man dort nicht drei Menschen fände,
-welche in irgend einem Punkte über ein beliebig aufgegebenes
-Thema übereinstimmten. Daher gab es viele
-Debatten, daher der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten!
-An einigen dieser Streitigkeiten habe
-auch ich teilgenommen.
-</p>
-
-<p>
-Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen
-Streitigkeiten teilgenommen habe und über welches Thema
-ich hauptsächlich sprach, muss ich einige Worte über das
-sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich weiss ich
-bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man
-hat mir nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen
-Besprechungen bei Petraschewsky teilgenommen, dass ich
-wie ein Freidenker gesprochen und zuletzt einen Artikel
-vorgelesen habe: &bdquo;Briefwechsel Belinskys mit Gogol&ldquo;.
-Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute
-das Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker,
-Liberaler zu definieren. Was versteht man unter diesem
-Worte: Einen Menschen, welcher ungesetzlich spricht?
-Ich habe aber Menschen gesehen, für die es gesetzwidrig
-sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf
-schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche
-im stande sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen,
-was nur ihre Zunge herunterzudreschen vermag. Wer hat
-meine Seele gesehen? Wer hat den Grad von Treubruch,
-von schlechtem Einfluss und <a id="corr-12"></a>Aufhetzung bestimmt, dessen
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese
-Bestimmung gemacht worden? Es kann sein, dass man
-nach einigen Worten urteilt, welche ich bei Petraschewsky
-gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe
-ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht
-politischen Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit
-und menschlichen Egoismus. Ich erinnere mich nicht, dass
-irgend etwas Politisches oder Freidenkerisches in meinen
-Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht, dass ich
-mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen
-und mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein
-ich kenne mich, und wenn man meine Anklage auf einige
-Worte gründet, die man im Fluge erhascht und auf einen
-Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich auch eine
-solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen Beschuldigungen
-die gefährlichste ist; denn es giebt nichts Verderblicheres,
-Verwirrenderes und Ungerechteres als einige
-in der Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von
-weiss Gott wo herausgerissen sind, sich auf weiss Gott
-was beziehen, im Fluge gehört und im Fluge verstanden
-worden, am alleröftesten jedoch gar nicht verstanden worden
-sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte
-sogar eine solche Anschuldigung nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei
-ist, so bin ich vielleicht in diesem Sinne ein
-Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem Sinne, in
-welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden
-kann, der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet,
-ein Staatsbürger zu sein, das Recht empfindet, seines
-Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in seinem Herzen
-sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein
-trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen
-werde.
-</p>
-
-<p>
-Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-sich auf das Mögliche oder das Unmögliche? Mag man mich
-auch beschuldigen, die Veränderung, den Umsturz auf gewaltsamem,
-revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu
-Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte
-nicht, dessen überführt zu werden, denn keine Angeberei
-der Welt wird mir etwas geben oder etwas nehmen: keine
-Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu sein, als
-ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin,
-dass ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu
-schweigen andere als ihre Pflicht erachten, nicht etwa,
-weil sie sich fürchten, etwas gegen die Obrigkeit zu sagen
-(das kann man ja auch nicht im Gedanken!), sondern weil
-nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von
-dem es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut
-bespricht. Ist es das? Mich aber hat sie sogar immer
-verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die eher imstande
-ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu sein.
-Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit
-nicht genügenden Schutz gewähren, und dass man
-um eines leeren Wortes, um einer unvorsichtigen Phrase
-willen verloren sein konnte.
-</p>
-
-<p>
-Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt,
-dass man ein lautes, offenes Wort, das halbwegs einer
-Meinung ähnlich sieht und geradaus, ohne Hinterhalt,
-ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet!
-Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser
-wäre, wenn wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger
-wären. Es hat mir immer Kummer gemacht, dass wir
-alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas fürchten,
-dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen
-Plätzen zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch,
-finster anschaut, ihn von der Seite misst und wir immer
-irgend jemanden verdächtigen. Fängt zum Beispiel irgend
-wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar flüsternd
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die
-Republik seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man
-wird sagen: &bdquo;Es ist auch besser, dass man bei uns nicht
-auf dem Markte schreit.&ldquo; Ohne Zweifel wird niemand
-ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein übertriebenes
-Schweigen und eine übermässige Angst werfen
-auf unser Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles
-in einem freudlosen, unfreundlichen Lichte erscheinen lässt,
-und was das Beleidigendste ist, dieses Kolorit ist ein
-falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos, unnütz
-(ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter
-nichts als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen
-nur selbst unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei
-und unser Misstrauen. Denn aus diesem gespannten
-Zustande entsteht oft viel Lärm um nichts. Da
-erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort bedeutend
-mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt
-durch die Excentricität, in der es da erscheint, manchmal
-kolossale Dimensionen an und wird unrichtigerweise anderen
-(ungewöhnlichen und nicht wirklichen) Ursachen zugeschrieben.
-Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine bewusste
-Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste,
-die nicht widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem
-Winde umgeworfen wird, der sich erhebt. Das Bewusstsein
-aber reift nicht, lebt sich nicht aus, wenn du schweigst.
-Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir zerbröckeln
-uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung.
-Wer trägt aber an diesem Zustande die Schuld?
-Wir, wir selbst und kein anderer &mdash; ich habe immer so
-gedacht.
-</p>
-
-<p>
-Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche
-als Beispiel angeführt habe, so bin ich doch selbst weit
-entfernt davon, ein Schreier zu sein; dies wird jeder von
-mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es nicht, viel und
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich sehr
-wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo
-ich auch den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen
-Menschen habe. Ich habe sehr wenig Bekanntschaften;
-die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit ein,
-welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die
-Krankheit, die in hypochondrischen Anfällen besteht, an
-welchen ich schon nahezu drei Jahre leide. Es bleibt
-kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren, was
-in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt
-daher äusserst wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt
-gegen das System des allgemeinen, gleichsam systematischen
-Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so geschieht
-es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung
-auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu
-verteidigen. Allein wessen klagt man mich denn an?
-Man klagt mich an, dass ich über Politik, über den Westen,
-über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht
-denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt
-nicht an sie? Wozu habe ich denn gelernt, warum ist
-durch das Studium Wissbegierde in mir erweckt worden,
-wenn ich nicht das Recht haben soll, meine persönliche
-Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer
-anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine
-Autorität ist? Im Westen gehen schreckliche Dinge vor,
-spielt sich ein ungeheures Drama ab; es kracht und zerbröckelt
-sich die Jahrhunderte alte Ordnung der Dinge.
-Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen
-jeden Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation
-bei ihrem Einsturz mit sich zu reissen. 36 Millionen
-Menschen stellen jeden Tag buchstäblich ihre ganze Zukunft,
-ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf
-das Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit,
-Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Seele zu erschüttern? Dies ist dasselbe Land, welches
-uns Wissenschaft, Bildung, europäische Zivilisation gegeben
-hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist
-schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre
-von der Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen,
-uns, denen man einen gewissen Grad von Bildung
-gegeben, in denen man den Durst nach Kenntnissen und
-Kultur geweckt hat &mdash; kann man uns denn dafür anklagen,
-dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und
-da über den Westen, über die politischen Ereignisse zu
-sprechen, die Bücher vom Tage zu lesen, der Bewegung
-des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu studieren?
-Kann man mich denn deswegen anklagen, dass
-ich mit einem gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche
-das unglückliche Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst,
-dass ich vielleicht diese historische Krisis für unumgänglich
-halte, als einen Übergangszustand (wer kann es jetzt
-beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte, welcher
-endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese
-Meinung, weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei
-über den Westen und die Revolution niemals
-erstreckt.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen
-habe, wenn ich mir erlaubt habe, über die
-gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt daraus, dass
-ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen
-hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass
-ich diese untergrabe? &mdash; Unmöglich! Für mich hat es
-niemals einen grösseren Unsinn gegeben, als die Idee einer
-republikanischen Staatsform in Russland. Allen, welche
-mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja, endlich
-wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen
-Überzeugungen, meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es
-kann sein, dass ich mir noch die Revolution des Westens
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-und die historische Unumgänglichkeit der Krisis, welche
-sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige
-Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger
-Kampf der Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen,
-welche sich durch Eroberung, Gewaltsamkeit und
-Unterdrückung auf einer Fremdkultur gründete. Und bei
-uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen gebildet,
-davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das
-Sinken Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der
-Schwächung und Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände
-der Nowgorodschen Republik, einer Republik,
-welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf slavischer
-Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die zweimalige
-Rettung Russlands durch die Macht der Autorität,
-durch die Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch
-die Vertreibung der Tataren, das zweite Mal in der Reform
-Peters des Grossen, da nur der warme kindliche
-Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand
-setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben
-zu ertragen. Ja, und wer denkt denn bei uns an Republik?
-Wenn auch Reformen bevorstehen, so wird es sogar
-für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag,
-dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch
-kräftigeren Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in
-revolutionärer Weise vor sich gehen sollen. Ich denke
-nicht, dass in Russland ein Liebhaber des russischen Aufstandes
-gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele
-davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon
-lange her ist, dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe
-ich mich jetzt an meine eigenen oft wiederholten Worte
-erinnert, dass alles Gute, das es nur jemals in Russland
-gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer
-von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten
-aber noch nichts aufgetaucht ist als Eigensinn und
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Rohheit. Diese meine Meinung wissen viele, die mich
-kennen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose
-Strenge in unserer Zeit; ich habe darüber geklagt,
-denn ich habe gefühlt, dass da ein Missverständnis sich
-gebildet hat, aus welchem ein für die Litteratur schwerer
-und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war mir
-ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren
-Tagen durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird;
-dass die Zensur den Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben
-hat, als eine Art natürlichen Feind der Obrigkeit
-ansieht und sich daran macht, seine Manuskripte mit
-einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es
-macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk
-verbietet, nicht weil man darin irgend etwas Liberales,
-Freidenkerisches, der Obrigkeit Widerstreitendes fände,
-sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung oder der
-Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild
-darin aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in
-der Gesellschaft anklagt oder verdächtigt, und obwohl die
-Tragödie selbst auf eine durchaus zufällige und äusserliche
-Weise vor sich gegangen. Man möge doch alles durchsehen,
-was ich geschrieben, sei es gedruckt oder ungedruckt,
-man möge die Handschriften meiner schon gedruckten
-Werke durchlesen, da wird man sehen, wie sie
-vor der Übergabe an die Zensur beschaffen waren; man
-suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die Sittlichkeit
-und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet
-wäre. Und dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot
-unterworfen, einzig nur darum, weil das Bild, das
-ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt war. Wenn
-sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses
-verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor
-der Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen,
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-schlimmer als das, denn die Arbeit gab mir die
-Mittel zu meiner Erhaltung.
-</p>
-
-<p>
-Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei
-allem Harm, ja fast in Verzweiflung (denn von der Geldfrage
-ganz abgesehen, ist es bis zur Verzweiflung unerträglich,
-das Werk, das man geliebt hat, daran man Arbeit,
-Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus
-<em>Missverständnis</em>, aus <em>Misstrauen</em> verboten zu sehen),
-ich musste also überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung
-so viele leichte, heitere Stunden finden, um in
-dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit heiteren, rosenfarbigen,
-angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben
-musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich
-geredet habe, wenn ich mich ein wenig beschwert habe
-(und ich habe mich so wenig beklagt!) &mdash; war ich darum
-ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert?
-Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich
-mit allen Kräften gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder
-Schriftsteller schon von vornherein verdächtigt wird, dass
-man ihn ohne Verständnis, mit Misstrauen ansieht, und
-habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf erhoben,
-dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses verderbliche
-Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum,
-weil es für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten
-Lage zu bestehen. Ganze Kunstarten müssen auf diese
-Weise verschwinden. Die Satire, die Tragödie können
-nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge
-unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, <a id="corr-13"></a>von Wisin,
-ja sogar keine Puschkins bestehen. Die Satire verspottet
-das Laster und meistens das Laster, das unter der Tugendmaske
-einhergeht. Wie kann man sich jetzt auch nur die
-geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in
-allem eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter
-sei, dass das vielleicht vom Autor auf irgend eine
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Persönlichkeit, auf irgend eine Ordnung der Dinge gemünzt
-sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass ich, alles Harms
-vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der Zensor
-in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft
-schädlich und für den Druck unzulässig erachtete.
-Ich lachte darum, weil in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe
-gar niemandem als dem Zensor in den Kopf kommen
-konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert
-man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor
-sichtlich mit der Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte
-wie einer ewigen unwandelbaren Idee nachjagt, die sein
-Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen hat, die
-er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst
-in seiner Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen,
-selbst mit furchtbaren, nie dagewesenen Farben ausgemalt
-hat, bis er zuletzt sein Phantom mitsamt der unschuldigen
-Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen Satz
-des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man
-das Laster und die traurige Seite des Lebens verdeckt,
-damit vor dem Leser auch das wirkliche Laster und die
-traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein! Der Schriftsteller
-wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens
-vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken,
-sondern vielmehr in ihm den Verdacht erwecken,
-dass er nicht aufrichtig, nicht gerecht sei. Ja, kann man
-denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann denn die
-helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen Hintergrund?
-Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht
-und Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum
-einen Begriff, weil auch Schatten vorhanden ist. Man
-sagt: man beschreibe nur Vorzüge und Tugenden. Aber
-wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster;
-die Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden,
-dass das Gute und das Böse immer nebeneinander
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-dagewesen sind. Wollte ich aber nur daran denken, Rohheit,
-Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu bringen,
-sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen,
-wird denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne
-Ausnahme anwende. Ich bin nicht auf die Schilderung
-des Lasters und der düsteren Seiten des Lebens erpicht!
-Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich
-spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich
-sah und mich davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur
-und der Zensur ein Missverständnis bestehe (nur
-Missverständnis, weiter nichts), habe ich darüber geklagt,
-habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so
-schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur
-liebe und nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren,
-weil ich weiss, dass die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens,
-ein Spiegel der menschlichen Gesellschaft ist. Mit
-der Kultur und Zivilisation treten neue Begriffe auf, welche
-eine Bestimmung, eine russische Benennung brauchen, um
-dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist
-es, das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte,
-da die Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern
-von oben. Nur jene Gesellschaft vermag den neuen Begriffen
-einen Namen zu geben, welche die Zivilisation vor
-dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der
-Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen
-kultiviert worden ist. Wer ist es denn, der die neuen
-Ideen in eine solche Form giesst, dass das Volk sie verstehe?
-Wer anders als die Litteratur! Ohne sie wird
-die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke
-aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was
-man von ihm will. Wie war die russische Sprache zur
-Zeit Peters des Grossen beschaffen? Halb russisch und
-halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe,
-deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten.
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Allein das russische Volk spricht nicht deutsch,
-und das Erscheinen Lomonossows sofort nach Peter dem
-Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die Gesellschaft
-nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen
-war, und ich wiederhole es zum zehntenmale: das
-Missverständnis, das zwischen der Litteratur und den
-Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich.
-Da redete ich &mdash; allein ich redete nie von Übereinstimmung,
-von Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses.
-Ich hetzte niemanden um mich herum auf,
-<em>da ich ein Glaubender war</em>. Ja, und ich sprach davon
-nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen
-Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei?
-</p>
-
-<p>
-Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende
-bei Petraschewsky den Artikel &bdquo;Korrespondenz Belinskys
-mit Gogol&ldquo; vorgelesen habe. Ja, ich habe diesen Artikel
-gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt hat,
-sagen, für welche der beiden korrespondierenden Personen
-ich Partei genommen habe? Er möge sich nur erinnern,
-ob etwa in meinen Ansichten (die ich übrigens zurückhielt),
-oder etwa in meiner Intonation, in meinen Gesten
-etwas lag, das kundgegeben hätte, ob ich mich der einen
-oder der anderen Person gegenüber parteiischer verhalten
-habe! Natürlich wird er das nicht sagen. Belinskys Brief
-ist allzu seltsam geschrieben, als dass er irgend welche
-Sympathie erwecken könnte. Schmähungen stossen die
-Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief
-aber ist von Schmähungen und Galle erfüllt. Endlich ist
-der ganze Brief ein Beispiel ohne Beweiskraft &mdash; ein
-Mangel, den Belinsky in seinen kritischen Artikeln niemals
-ablegen konnte und der im Verhältnisse zur Erschöpfung
-seiner physischen und geistigen Kräfte durch die Krankheit
-immer zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre
-seines Lebens zur Zeit seines Aufenthaltes im Auslande
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-geschrieben worden. Eine gewisse Zeit lang war ich
-ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch
-betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit,
-welche ihn niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen.
-Sie hat seine Seele grausam und starr gemacht
-und sein Herz mit Galle erfüllt. Seine zerrüttete, überspannte
-Einbildungskraft vergrösserte alles ins Kolossale
-und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte.
-Es traten bei ihm Mängel und Fehler auf, von
-welchen im gesunden Zustande auch keine Spur vorhanden
-war. Unter anderem zeigte sich eine äusserst reizbare
-und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren
-Mitarbeitern er zählte und wo er seiner Krankheit wegen
-sehr wenig arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hände
-gebunden und liess ihn nicht allzu ernste Artikel schreiben.
-Das verletzte ihn. In dieser Stimmung nun war es, dass
-er seinen Brief an Gogol schrieb. In der Schriftstellerwelt
-ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige Entzweiung
-mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens
-nicht unbekannt. Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung
-bekannt: es handelte sich um Ideen über
-Litteratur und um die Richtung derselben. Meine Anschauung
-war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt.
-Ich machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemühe,
-der Litteratur eine besondere, ihrer nicht würdige
-Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur Beschreibung
-&mdash; wenn man so sagen darf &mdash; von <em>Zeitungsfakten</em> oder
-skandalösen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm
-namentlich, dass man mit Galle niemanden an sich ziehe,
-sondern vielmehr alle und jeden tödlich langweilen werde,
-wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg läuft,
-anpackt, jeden Vorübergehenden am Knopfe seines Rockes
-festhält, ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines
-Besseren belehren will.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Belinsky wurde böse auf mich, und so gingen wir
-endlich von Erkältung zu förmlichem Bruch über, so dass
-wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten Lebensjahres
-nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt,
-diese Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz
-ein ziemlich bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt.
-Sowohl Belinsky als Gogol sind höchst bedeutende
-Persönlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander
-sind sehr interessant &mdash; umsomehr für mich, da ich mit
-Belinsky bekannt gewesen war. Petraschewsky hatte
-diese Briefe zufällig in meiner Hand erblickt und gefragt:
-Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie sogleich
-zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu
-bringen. Ich hatte mich selbst dazu angetragen und
-musste nun mein Wort halten. Ich habe diesen Artikel
-wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr, nicht
-weniger, vorgelesen, fest überzeugt, dass er niemanden
-verlocken könne, obwohl er eines gewissen litterarischen
-Wertes nicht ermangelt. Was mich anbelangt, so bin ich
-buchstäblich nicht mit einer einzigen der Übertreibungen
-einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte ich,
-folgenden Umstand in Erwägung zu ziehen: Würde ich
-es denn unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen,
-mit welchem ich gerade um seiner Ideen willen
-im Streite gelegen hatte (das ist kein Geheimnis, es ist
-vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken Zustande,
-in geistiger und seelischer Zerrüttung geschriebenen Artikel,
-würde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen,
-ihn als ein Vorbild, eine Formel aufzustellen, der man
-nacheifern muss? Ich habe erst jetzt begriffen, dass ich
-damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht in
-der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber
-damals habe ich mich nicht besonnen, denn ich habe auch
-nicht geahnt, wessen man mich beschuldigen kann, habe
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-keine Sünde darin vermutet. Aus Achtung für einen
-schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden
-Menschen, dessen Urteil man um einiger litterarisch-ästhetischer
-Artikel willen schätzt, die thatsächlich
-mit grosser Kenntnis der Litteratur geschrieben sind;
-endlich aus dem heiklen Gefühl, welches gerade durch
-meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche
-vielen bekannt sind) in mir verursacht wurde, las ich die
-ganze Korrespondenz, mich jeder Bemerkung enthaltend
-und mit vollständiger Unparteilichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe erwähnt, dass ich über Politik, über Zensur
-und anderes gesprochen habe; aber da habe ich unnütz
-über mich ausgesagt. Ich wollte damit nur ein Bild
-meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei Petraschewsky
-über diese Gegenstände gesprochen. Ich habe
-bei ihm nur dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen:
-einmal über Litteratur anlässlich eines Streites
-mit Petraschewsky über Krylow, und ein zweitesmal über
-Persönlichkeit und über Egoismus. Im allgemeinen bin
-ich kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut
-zu sprechen, wo mir fremde Personen gegenwärtig sind.
-Meine Denkungsart, sowie meine ganze Person sind nur
-sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen
-Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern
-nach, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Aber ich
-wurde zu diesem litterarischen Streite herausgefordert
-durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess,
-dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die
-Kunst sich selbst Zweck ist, dass der Autor sich nur um
-das Künstlerische zu kümmern habe; die Idee werde schon
-selbst erscheinen, denn sie ist die unumgängliche Bedingung
-des Künstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass
-diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung
-diametral entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt,
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-dass ich diese Richtung schon durch mehrere Jahre
-vertrete. Endlich haben alle bei Petraschewsky unseren
-Streit gehört, alle können das bezeugen, was ich gesprochen
-habe. Es hat damit geendigt, dass es sich
-zeigte, dass Petraschewsky dieselben Ideen über Litteratur
-hatte, wie ich, dass wir einander aber nicht verstanden.
-Dieses Resultat unseres Streites haben viele gehört, und
-ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus
-Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys
-genaue Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was
-nun das zweite Thema anbelangt, über Persönlichkeit und
-Egoismus, so wollte ich darin nachweisen, dass unter uns
-mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Würde vorhanden
-sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbröckelung
-der Persönlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher
-Eigenliebe, aus Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer
-Arbeiten. Dies ist ein rein psychologisches Thema. Ich
-habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche bei Petraschewsky
-zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein,
-nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken
-noch in der Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien
-ein Streit zu sein, der einmal begann, um niemals beendet
-zu werden. Um dieses Streites willen kam auch die Gesellschaft
-zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast
-jedesmal ging man auseinander, um das nächstemal den
-Streit wieder mit erneuerter Kraft aufzunehmen, da man
-fühlte, dass man auch nicht den zehnten Teil dessen gesagt
-habe, was man hätte sagen mögen. Ohne Debatten
-wäre es bei Petraschewsky höchst langweilig gewesen,
-weil nur Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem
-Charakter zu verbinden vermochten. Man
-sprach über alles, aber über nichts ausschliesslich, und
-man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der sich
-zufällig zusammenfindet. Ich bin überzeugt davon. Und
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-wenn ich manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky
-teilgenommen habe, wenn ich zu ihm ging und nicht erschrak,
-wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde, so geschah
-dies deshalb, weil ich vollkommen überzeugt war
-(und das bin ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft,
-im Kreise gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys,
-aber nicht öffentlich vor sich ging. So war es thatsächlich,
-und wenn man jetzt eine so ausschliessliche Aufmerksamkeit
-dem zuwendet, was bei Petraschewsky vorging,
-so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky
-durch seine Sonderbarkeiten und Excentricitäten fast ganz
-Petersburg bekannt war und daher auch seine Abende
-bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass das Gerede
-ihre Bedeutung übertrieb, obwohl im Gerede der Leute
-mehr Spott über Petraschewskys Abende enthalten war
-als Besorgnis.
-</p>
-
-<p>
-Darüber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen
-wurde (aber immer im Sinne des Zweifels und so, dass
-Streit daraus entstand), war ich nicht beunruhigt, weil es
-nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein hitziges Paradoxon,
-irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt
-(natürlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise),
-anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang
-zu bleiben, sich in seiner Seele zu verhärten und einzuwurzeln.
-Gemeinsamer Streit ist nützlicher als Vereinsamung.
-Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der
-gesunde Verstand wird den Sieg davontragen. So habe
-ich diese Versammlung betrachtet und bin auf Grund dieser
-Anschauung manchmal hingegangen. Die Erfahrung hat
-mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhörte, über den
-Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als
-Lehre betrachtet, von allen Seiten mit Spott überschüttet.
-Wenn aber bei Petraschewsky irgend jemand es unternommen
-hätte, über eine Anwendung des Fourierschen
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen,
-so hätte man ihm sofort ohne alle Umstände ins Gesicht
-gelacht. Ich spreche so, weil ich von der Wahrheit meiner
-Aussage überzeugt bin.
-</p>
-
-<p>
-Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein
-geheimer Zweck von der Gesellschaft Petraschewskys verfolgt
-wurde, kann man auf das nachdrücklichste sagen,
-dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders von
-Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen,
-Charakteren, Persönlichkeiten, Spezialitäten, dieser Streitigkeiten,
-welche fast bis zur Feindseligkeit gingen und
-nichtsdestoweniger nur Debatten blieben, in Anbetracht
-also alles dieses kann man auf das nachdrücklichste sagen,
-dass unmöglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem
-Chaos vorhanden sein konnte. Hier war auch nicht
-der Schatten einer Einheit und könnte auch keiner bis
-an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl
-ich nicht alle Männer und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys
-kannte, so kann ich unbedingt nach dem, was
-ich gesehen habe, sagen, dass ich mich nicht irre.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage,
-zur Antwort, welche meine Rechtfertigung abschliesst; es
-ist diese: Ist Petraschewsky selbst ein gefährlicher
-Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft
-schädlich?
-</p>
-
-<p>
-Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte,
-konnte ich sie nicht geradeaus beantworten. Ich hätte
-vorher in mir eine ganze Reihe von Fragen und
-Zweifeln entscheiden müssen, welche sofort in meinem
-Geiste entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle
-beantworten konnte, welche einen bestimmten Grad von
-Sammlung forderten, und darum stand ich da, ohne zu
-wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles
-klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Erwägungen, als auch schliesslich die Antwort auf die mir
-gestellte Frage als Schlussfolgerung dieser Erwägungen
-hier vorlegen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der
-Gesellschaft schädlich sei, so verstehe ich darunter vor
-allem, ob er es als Fourierist, als Anhänger und Verbreiter
-der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng beschriebenes
-Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich
-die Schrift darin erkennen würde. Ich kenne Petraschewskys
-Handschrift nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert
-und ich habe unbedingt nicht vermutet, dass er
-sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit Überzeugung);
-darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als
-einem Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine
-theoretischen Überzeugungen, ja und diese kaum, da wir
-auch ein theoretisches Gespräch über Fourier selten, fast
-niemals anknüpften, da unsere Gespräche sich sofort in
-Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plänen
-aber und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals
-etwas mitgeteilt, und ich weiss endgiltig nicht, hat er
-solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn er auch solche
-gehabt hätte, was ich durchaus nicht weiss, so würde er
-sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand
-und keine grosse Freundschaft uns verband, sicherlich (ich
-bin davon überzeugt) alles vor mir verborgen und mir
-kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits hatte
-auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu
-lernen. Deshalb kann ich unbedingt nichts über Petraschewsky
-als Fourieristen sagen, ausser in einem rein
-wissenschaftlichen Sinne.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers
-schätzt; als Fourierist kann er natürlich nichts anderes
-wünschen, als dass man mit ihm sympathisiere. Aber
-man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache. Zieht er
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in
-der Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung
-der Fourierschen Lehre in der Jugend zu
-bewirken? Ich erwidere: ich kann unbedingt nichts über
-diese Sache sagen, weil ich keine genügenden Daten habe
-und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne.
-Man hat mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden
-ein gewisser Lehrer Toll sich befinde. Allein Toll ist mir
-vollkommen unbekannt, und dass er ein Lehrer sei, habe
-ich erst kürzlich erfahren. Was aber Jastrzembski anbelangt,
-so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als
-er über politische Ökonomie sprach. Sonst kenne ich
-keinen Lehrer. Da ich nicht nur in keinerlei nahen,
-sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll stehe, so
-kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit
-Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander
-kennen lernten, noch die Beziehungen, in welchen sie zu
-einander standen; mit einem Worte, es war mir ganz uninteressant,
-das zu wissen. Was nun Jastrzembski anbelangt,
-so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art
-seiner ökonomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur
-zweimal in der Lage war, ihn zu hören. Er ist, so viel
-mir scheint, ein Ökonomist der neuesten Schule und lässt
-den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten Professoren
-thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch
-seine kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil
-seiner Arbeit viel wissenschaftlich Nützliches geleistet.
-Mit einem Worte, ich nehme an, dass Jastrzembski weit
-davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und dass er von
-Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken,
-dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht
-kenne, dass ich niemals ein Gespräch mit ihm angeknüpft
-habe, und es scheint, dass auch er sich in der gleichen
-Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-seiner Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von
-den meinen hat. Also kann ich über Petraschewsky als
-Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen und Vorstellungen
-urteilen.
-</p>
-
-<p>
-Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich
-weiss, dass meine Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende
-angenommen wird; immerhin wird sie eine Aussage
-bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der Irrtum
-wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir
-eine Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich
-früher nichts wusste. Ich habe einen Satz dieser Handschrift
-gelesen. In diesem Satze ist der heisse Wunsch
-ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als
-möglich siegen möge. Wenn die ganze Handschrift in
-diesem Sinne geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als
-die seine anerkannt hat, so hat er natürlich die Verbreitung
-des Fourierschen Systems gewünscht. Ob er jedoch
-thatsächlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat,
-ist mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine
-Geheimnisse unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich
-Glauben schenken kann. Niemand wird aussagen können,
-dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr nahen Beziehungen
-gestanden hätte. Ich kam an Freitagen als
-Bekannter zu ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen
-seiner Pläne und habe zum ersten Male diese Handschrift
-gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze durchaus
-nicht kenne. Und so vermag ich nichts darüber zu sagen,
-ob er irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen
-habe. Allein man möge mir erlauben, einige meiner eigenen
-Gedanken darzulegen, welche meine tiefsten Überzeugungen
-ausmachen, über welche ich lange nachgesonnen habe,
-welche mir früher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge
-welcher endlich ich bei der ersten Frage über die
-Strafbarkeit Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-konnte. Ich begriff, wie wichtig in den Augen der Richter
-Petraschewskys solche Beweise sein müssen, wie Bücher,
-Handschriften und Reden, welche abrissweise niedergeschrieben
-worden sind. Da man mich aber über ihn
-befragt, so möge man mir erlauben, meine Ansichten über
-seine ganze Angelegenheit hier auszusprechen.
-</p>
-
-<p>
-Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers
-ist ein friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schönheit,
-es bestrickt das Herz durch jene Menschenliebe, welche
-Fourier beseelte, als er sein System schuf, versetzt den
-Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und zieht nicht
-durch bittere Ausfälle an sich, sondern beseelt jeden mit
-der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es
-keinen Hass. Politische Reformen setzt sich Fourier nicht
-vor. Seine Reform ist eine ökonomische. Sie greift weder
-die Obrigkeit noch den Besitz an, und in einer der letzten
-Sitzungen der Kammer hat Victor Considérant, der Repräsentant
-der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die
-Familie abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches
-und wird niemals populär werden.
-</p>
-
-<p>
-Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der
-Februar-Revolution nicht ein einziges Mal auf die Gasse
-herabgestiegen, sie sind in der Redaktion ihres Journals
-geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20 Jahre mit
-Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère
-zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich,
-erstens schon darum allein, weil es ein System ist; zweitens,
-wie schön es auch sei, bleibt es immer eine wesenlose
-Utopie, aber der Schaden, den diese Utopie anrichtet, ist,
-wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher komisch
-als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das
-in einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und
-ausgepfiffen worden wäre, wie das System Fouriers im
-Westen. Es ist schon lange tot, und seine Führer bemerken
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als lebendig
-Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke
-jedes System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich,
-denn die hungrigen Proletarier ergreifen in der Verzweiflung
-jedes Mittel, und aus jedem Mittel sind sie
-imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem
-Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt
-der Hunger die Leute auf die Gasse, den Fourierismus
-aber hat man aus Geringschätzung vergessen. Und sogar
-der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt ist,
-erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt,
-Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig
-Schritte auf der Strasse zu machen, um sich zu überzeugen,
-dass der Fourierismus auf unserem Boden nur
-bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen
-Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen,
-träumerischen Seele, aber nicht anders als in
-der Form einer Idylle, oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig
-Gesängen. Der Fourierismus kann keinen
-ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein
-ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein
-schon eine Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit
-langsam vollziehen. Um das System Fouriers
-vollkommen zu begreifen, muss man es studieren; das
-aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein
-Dutzend Bände durchlesen. Kann denn ein solches System
-populär werden? Vom Katheder herunter durch die Lehrer?
-Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen des Umfanges
-der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein
-ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das
-System Fouriers nicht entstehen, und wenn ein Fourierist
-Schaden bringt, so thut er es höchstens sich selbst, in der
-öffentlichen Meinung, bei denen, welche gesunden Menschenverstand
-besitzen; denn für mich ist die höchste Komik
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-&mdash; eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus
-aber und mit ihm jedes System des Westens sind für
-unseren Boden so unbrauchbar, unseren Umständen so entgegen,
-dem Charakter unserer Nation so fremd, andererseits
-aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein
-Produkt des dortigen abendländischen Standes der Dinge,
-in welchem die proletarische Frage um jeden Preis entschieden
-wird, dass der Fourierismus mit seiner eindringlichen
-Unvermeidlichkeit jetzt bei uns, wo es kein Proletariat
-gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die allerunnützeste,
-in ihren Folgen die allerkomischeste wäre.
-Dies ist es, warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky
-für gescheiter halte und ihm niemals ernstlich
-zugetraut hätte, weiter als bis zu einer theoretischen
-Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein.
-Alles übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz
-zu halten. Der Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer
-Mensch &mdash; das ist meine Meinung. Endlich hat
-meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon, so viele
-ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen
-Kräften halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein
-Beweis davon ist, dass in Frankreich im Verlaufe eines
-Jahres fast alle Systeme fielen, und zwar durch sich
-selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste Bekräftigung
-herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss
-ich sagen, dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht
-weiss, ich wiederhole es noch einmal), dass Petraschewsky,
-vor keinerlei Spott zurückschreckend, sich noch immer um
-die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich
-dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der
-Gesellschaft Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens,
-in welcher Weise könnte Petraschewsky als Verbreiter
-des Fourierismus schädlich sein? Das geht über meine
-Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen
-auf die mir gestellte Frage antworten kann. Endlich ist
-in mir noch eine Erwägung aufgetaucht, die ich nicht verschweigen
-kann, eine Erwägung rein menschlicher Natur,
-wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange die
-Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von
-einer gewissen Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war
-Eigenliebe, die ihn veranlasste, die Freitagsabende einzurichten,
-es war auch Eigenliebe, dass ihm die Freitage
-nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte er viele
-Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er
-besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als
-eine persönliche Beobachtung von mir, eine Mutmassung,
-denn, ich wiederhole es, alles, was ich über Petraschewsky
-weiss, weiss ich unvollständig, nicht vollkommen, sondern
-nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und
-gehört habe.
-</p>
-
-<p>
-Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Theodor Dostojewsky.
-</p>
-
-<p>
-Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember
-vom Kaiser unterschrieben worden war, verlesen wurde,
-war keiner unter ihnen, der Reue empfunden hätte. Sein
-persönliches Verhalten in dieser &bdquo;längst vergangenen Geschichte&ldquo;,
-sagt er in seinem &bdquo;Tagebuche&ldquo;, änderte sich
-erst viel später.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen
-Untersuchungshaft verlief verhältnismässig günstig, was
-die äusseren Umstände betrifft. Er war im Alexejschen
-Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich auf
-eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung,
-spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben
-und lesen. Seine Gesundheit wurde merkwürdigerweise
-gerade in dieser Zeit fester. Sein ganzes Wesen war
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-durch das Ereignis so erschüttert und nach innen gekehrt,
-dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis
-zum Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete,
-&mdash; derart, dass nach den Aussagen seines Bruders
-Andreas fast jede Nacht auf seinem Tischchen ein Zettel
-lag, worauf geschrieben stand: &bdquo;heute kann ich in lethargischen
-Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen
-begraben!&ldquo; &mdash; jede Angst und Sorge um sein Leben und
-seine Gesundheit verlor und schon dadurch widerstandsfähiger
-wurde. Seine innere Stimmung war zwar wechselnd,
-doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen Arbeitskraft
-quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder
-am 18. Juli: &bdquo;Ich bin durchaus nicht herabgestimmt ....
-manchmal fühlst du sogar, als seist du an dieses Leben
-schon gewöhnt und es sei alles eins ... aber ... ein
-anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen
-Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle
-Tage, und es ist etwas freundlicher geworden ... auch
-habe ich Beschäftigung. Ich habe die Zeit nicht vergeudet,
-habe drei Erzählungen und zwei Romane ausgedacht;
-an einem derselben schreibe ich jetzt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser &bdquo;Roman&ldquo; war nach Dostojewskys späteren
-Aufzeichnungen die Erzählung &bdquo;Ein kleiner Held&ldquo;, welche
-in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo; anonym erschien, und
-zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der
-Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder
-Michael hatte das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch
-fügt seinen Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort
-konnte man nur das Unschuldigste schreiben). Der Biograph
-O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei
-aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische
-Figur aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten
-habe, und führt eine sehr charakteristische Stelle
-aus dieser Personalbeschreibung an. Sie lautet: &bdquo;Auf alles
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz besonders
-versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre
-tiefe Sympathie für die Menschheit darzulegen ... endlich,
-um unumstösslich die Romantik zu geisseln, d. h.
-zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes
-Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit
-in die Hände einer eigenen, im Namen des Kaisers
-amtierenden Gerichtskommission unter dem Vorsitz des
-Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle Angeklagten
-aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die
-Sache ging jedoch an das General-Auditoriat über, wo sie
-kriegsrechtlich behandelt wurde. Sie wurde also kraft
-der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet, dass
-alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm,
-ohne Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung
-der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder
-mit revolutionären Mitteln angestrebt hatten, ob sie überhaupt
-einen Umsturz der Staatsverfassung angestrebt, oder,
-wie Dostojewsky, einen Brief &bdquo;voll frecher Ausdrücke
-gegen Kirche und Staat&ldquo; vorgelesen hatten &mdash; zum Tode
-durch Füsilieren verurteilt wurden.
-</p>
-
-<p>
-Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon,
-wann das Urteil verlesen werden würde. Am frühen
-Morgen des 22. Dezember &mdash; so erzählt O. Miller &mdash; bemerkten
-sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und
-ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer
-der Gefangenen, Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass
-dies um 6 Uhr war, und um 7 Uhr setzte man sie auf
-die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten Dostojewskys
-hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen
-Gewänder anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines
-Aufsehers geschickt wurden. Speschnew, welcher nicht
-begreifen konnte, wohin man sie führe, vermutete, man
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber
-kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im
-Ordonnanzhause geschehen.
-</p>
-
-<p>
-Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew
-fragte unterwegs den Soldaten: &bdquo;wohin führt man uns?&ldquo;
-Dieser antwortete: &bdquo;Es ist nicht befohlen zu sagen&ldquo;.
-Es war starker Frost und so konnte man durch die beeisten
-Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf
-welcher Strasse man fahre .... Um sich davon zu überzeugen,
-wohin er geführt werde, versuchte Speschnew mit
-dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu machen, allein
-der Soldat sagte: &bdquo;Thun Sie das nicht, sonst schlägt man
-mich&ldquo;. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche
-Neugierde zu befriedigen. Es wurde schon
-oben gesagt, dass der Gedanke an die Todesstrafe ihnen
-gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch
-daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und
-durch den Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger
-vorgelesen werden würde, zum Zwecke, ihnen
-einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu verursachen.
-Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt,
-brachte man sie auf den Semenowskyschen Platz und
-führte sie in einer gewissen Ordnung hinaus. Darauf
-führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor Michailowitsch
-erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und
-elf auf die andere Seite.
-</p>
-
-<p>
-Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen,
-den Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung
-an den Bruder schreibt. Es giebt nichts
-Charakteristischeres als diese knappe Darlegung des erschütterndsten
-Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den
-Semenowsky-Platz hinausgeführt, dort hat man uns allen
-das Todesurteil vorgelesen und das Kreuz zu umfassen
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen zerbrochen
-und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet.
-Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung
-des Todesurteils an den Pfahl gestellt. Ich stand als
-sechster in der Reihe; man rief je drei und drei heraus,
-folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran kommen,
-und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben.
-Ich dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten
-Augenblicke warst du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig;
-da erst erkannte ich, &mdash; wie sehr ich dich liebe,
-teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew, Durow,
-die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden.
-Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl
-Gebundenen führte man zurück und las uns vor, dass
-Seine kaiserliche Majestät uns das Leben schenkt. Dann
-folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm
-ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene
-nach Jahren verwertet hat, können wir in der Erzählung
-des Idioten, im Roman dieses Namens ersehen.
-</p>
-
-<p>
-Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere
-Kerkerstrafen war schon früher eigenhändig vom
-Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an den Rand des
-Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns
-diese Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene
-Strafumwendung in achtjährige Zwangsarbeit
-wurde in eine vierjährige Frist mit nachträglicher Einreihung
-in den Liniendienst umgewandelt.
-</p>
-
-<p>
-Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="left">
-No. 522.
-</p>
-
-<p class="right">
-24. Dezember 1849.
-</p>
-
-<p class="adr">
-An den Herrn General-Adjutanten<br />
-Graf Orloff.
-</p>
-
-<p class="center">
-Rapport.
-</p>
-
-<p>
-Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen
-Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestät
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-beschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer
-Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends,
-abgefertigt: Durow, Dostojewsky und <a id="corr-14"></a>Jastrzembski in Ketten
-geschmiedet nach Tobolsk<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> in Begleitung des Lieutenants
-Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen,
-Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs
-im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson
-in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander
-mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer
-Durchlaucht Mitteilung zu machen.
-</p>
-
-<p class="center sign">
-Der Festungs-Kommandant,<br />
-General-Adjutant Nabokow,<br />
-der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung
-Dostojewskys und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt,
-befindet sich in den Moskauer Adelsarchiven und lautet:
-</p>
-
-<div class="block">
-<p class="unwrap center">
-Archiv des Moskauer Adels.<br />
-Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II<br />
-(September 1850).
-</p>
-
-<p>
-Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden
-Inhalts: Der dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme
-des Rapports des Herrn Kriegsministers vom
-23. Dezember des vorigen Jahres &mdash; enthaltend den von
-Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten Bericht über die,
-durch das Kriegsgericht als Kriminal-Feldkriegsrat wegen
-verbrecherischer Absichten gegen die Obrigkeit laut Ukas
-vom 30. Dezember desselben Jahres verurteilten Verbrecher
-&mdash; hiermit an: dass, unbeschadet der erflossenen
-Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten Allerhöchsten
-Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich
-wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii)
-jener Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen
-die genannten Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser
-Personen wurden verurteilt: der nicht gedient habende
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Edelmann (dworjanin) Alexei Pleschtschjew und der verabschiedete
-Ingenieur-Lieutenant Theodor Dostojewsky,
-welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch
-Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser
-(Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten
-Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe
-Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte
-als Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon
-eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner
-Standesrechte, auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung
-geschickt und danach als Gemeiner in den Felddienst eingereiht
-werde.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem &bdquo;Tagebuche
-eines Schriftstellers&ldquo; aus dem Jahre 1873, wo er,
-auf diesen Tag zurückkommend, sagt: &bdquo;Wir Petraschewzen
-standen auf dem Schaffot und hörten unser Todesurteil
-an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich nicht
-für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin
-zu irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle,
-so doch mindestens die grosse Mehrzahl der Unseren es
-als eine Ehrlosigkeit betrachtet hätte, seine Überzeugung
-zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode durch
-Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum
-Scherz vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest
-überzeugt, dass es vollstreckt werden würde, und verlebten
-mindestens zehn furchtbare Minuten der Todeserwartung.
-In diesen letzten Minuten stiegen manche
-von uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich
-weiss das bestimmt), und indem sie ihr noch so junges
-Leben in einem Augenblicke prüften, mochten sie wohl
-manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche
-bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den
-Tiefen des Gewissens ruhen); aber die Sache, um
-derentwillen wir verurteilt wurden, die Gedanken, die
-Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten &mdash; sie
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar,
-sondern sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum,
-um dessentwillen uns vieles verziehen würde.&ldquo; Uns scheint
-diese klare Bezugnahme auf die &bdquo;längstvergangene Geschichte&ldquo;
-ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit und
-Reinheit seiner &bdquo;Umkehr&ldquo;; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität
-oder irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten
-Umsattelung, die ihm die ehemaligen Parteigenossen und
-jüngeren Propagandisten vorwarfen, veranlasst, so würde
-er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines überzeugten
-Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht
-er sich direkt und später in allen seinen Werken in unzweideutiger
-Weise über seine Umkehr aus, am prägnantesten,
-wo er sagt: &bdquo;Es ist uns recht geschehen mit
-dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von
-europäischen Lesern richtig aufgefasst zu werden, eines
-längeren und eingehenderen Kommentars, als unser Versuch
-einer Lebens-Erzählung rechtfertigen könnte, ja als
-er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit Russland
-so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu,
-um jene Beobachtungen historisch und psychologisch zu
-erhärten, welche auch dem &bdquo;Gast auf eine Weile&ldquo; nicht
-entgehen und geeignet sind, dies Wort Dostojewskys zu
-erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen
-Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen
-des Westens in die Beurteilung des russischen
-Volkes, in seine Wünsche für dasselbe hineintragen. Das
-Volk &bdquo;mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker
-der Zukunft wird zu rechnen haben&ldquo;, dieses Volk im
-Namen unserer verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale
-revolutionieren zu wollen, ist wirklich mehr als
-ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch Reformen,
-einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende,
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke
-die heiligste ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht
-verstehen, und einem Kaiser Josef auf dem Throne würde
-es einen passiven Widerstand leisten, der dräuender und
-gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in Jahrhunderten
-vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen
-zum Bewusstsein dieser &bdquo;Kraft zu wollen&ldquo; kommen werden,
-nach einem Kulturwege, der ausser unserer Berechnung
-liegt (denn es ist höchst intelligent und beharrlich, ja
-hartnäckig daneben), da wird es seine eigene Revolution
-machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und dem
-staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht
-seiner Kultur in den Schoss werfen. Das Volk, von dem
-ein grosser Teil, bei aller kindlichen Liebe für sein
-Väterchen, den Zar für den Antichrist hält, und die vom
-Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a>, ein solches
-Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden
-missverstandener Historien, und es bedarf heute und für alle
-Zeiten (das bedingt seine Lage) anderer Lebensquellen,
-als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei uns finden
-könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird
-selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz
-selbstverständlicher Weise in das Staatsleben eintreten und
-ein Wort mitsprechen bei der Entscheidung seines eigenen
-Geschickes.
-</p>
-
-<p>
-Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische
-Volk heute revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet,
-beleuchtet unter anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs
-in Moskau im Jahre 1877, als man eine Partie
-Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da
-weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Studenten vereinigten sich zu einer grossen Demonstration
-zu Gunsten der Gefangenen. Sie holten diese
-auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das Geleite durch
-die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den
-Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich
-das Marktvolk zusammen und fiel über die Studenten her.
-Es entstand ein blutiger Kampf, ein Gemetzel, das zwei
-Stunden währte, sich bis an den Abfahrts-Bahnhof hinzog
-und nur durch das Einschreiten der Polizei niedergeschlagen
-werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche Dostojewskys
-&bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo; kannten, wohl
-wussten, dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger
-Student und &bdquo;abgestrafter Staatsverbrecher&ldquo; sei,
-und volles Vertrauen in sein Urteil setzten, wandten sich
-mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine Anschauung
-über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.
-</p>
-
-<p>
-Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe
-aus Petersburg antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht
-hier seine Stelle zu finden. Der Brief lautet:
-</p>
-
-<p class="date">
-&bdquo;Petersburg, am 18. April 1878.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Sehr geehrte Herren Studenten.
-</p>
-
-<p>
-Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht
-antwortete; ausser meinem thatsächlichen Unwohlsein
-haben auch andere Umstände meine Antwort verzögert.
-Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den Tagesblättern
-antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das
-aus Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich
-sei, wenigstens dass es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich
-zu beantworten. Zweitens dachte ich: wenn ich
-Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da beantworten?
-Eure Fragen umfassen alles &mdash; unbedingt das
-ganze interne Leben Russlands. Also ein ganzes Buch
-schreiben? &mdash; eine profession de foi?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine
-Briefchen zu schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im
-höchsten Grade unverständlich zu sein. Das aber wäre
-mir sehr unangenehm.
-</p>
-
-<p>
-Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns,
-die Frage zu lösen, inwieweit wir selbst, die Studenten,
-schuldig sind, was für Schlüsse sowohl die Gesellschaft,
-als auch wir selbst aus diesem Geschehnis ziehen sollen?
-</p>
-
-<p>
-Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in
-den Beziehungen der heutigen russischen Presse zur Jugend
-sehr richtig und genau gekennzeichnet. In unserer Presse
-herrscht ersichtlich ein Ton &bdquo;<em>vorbeugender</em> herablassender
-Entschuldigung&ldquo; (Euch gegenüber, heisst das). Das ist
-sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle
-nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter,
-schon sehr abgegriffener Occasionston.
-</p>
-
-<p>
-Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von
-diesen Leuten nichts zu erwarten, welche von uns nichts
-erwarten, sondern sich abwenden, um ihr unwiderrufliches
-Urteil den &bdquo;wilden Völkern&ldquo; zu künden (dikim narotam).
-</p>
-
-<p>
-Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden
-sich ab, ja und sie haben (die Mehrzahl wenigstens) gar
-nichts mit Euch zu schaffen. Allein es giebt Leute, und
-derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der Gesellschaft,
-welche der Gedanke niederdrückt, dass die
-Jugend sich <em>vom Volk</em> entfernt hat (das ist die Hauptsache
-und das erste) und dann, d. h. jetzt, auch von der
-Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in Träumereien
-und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in
-Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu
-lehren. Zuletzt aber, jetzt, ist sie <em>unzweifelhaft</em> irgend
-einer ganz aussen stehenden (wnjeschnej) führenden, politischen
-Partei in die Hände geraten, die mit der Jugend
-schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-als Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen
-und besonderen Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen,
-meine Herren; es ist so.
-</p>
-
-<p>
-Ihr fraget, meine geehrten Herren: &bdquo;inwiefern Ihr
-selbst, die Studenten, schuldig seid?&ldquo; Hier meine
-Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in gar
-nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft,
-die Ihr jetzt hinter Euch lasset und welche &bdquo;eine
-Lüge nach allen Seiten&ldquo; ist. Aber indem er sich von
-ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet sich unser
-Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland,
-in den &bdquo;Europäismus&ldquo;, in das abstrakteste Reich eines
-niemals dagewesenen Kosmopoliten, und bricht auf diese
-Weise auch mit dem Volke, indem er es verachtet und
-verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der er
-sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im
-Volke unser ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges
-Thema) ... die Losreissung aber vom Volke kann ebenfalls
-nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend gesetzt
-werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, <em>das Volk
-erdenken</em> (dodumatsoja do nawka)?
-</p>
-
-<p>
-Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk
-die Losreissung der intelligenten russischen Jugend gesehen
-und bemerkt hat; und das schlimmere dabei ist, dass
-es die von ihm bemerkten jungen Leute Studenten nennt.
-Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu
-Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen
-beim Volke selbst nur Widerwillen erweckt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge Herrchen&ldquo;, sagt das Volk (diese Benennung
-kenne ich; ich garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei
-aber besteht im wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite
-des Volkes, weil es noch niemals bei uns, in unserem
-russischen Leben eine solche Epoche gegeben hat, da die
-Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Wendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in
-ihrer ungeheueren Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig,
-reinen Herzens, mehr nach Wahrheit dürstend, mehr als
-jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die Wahrheit
-und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche,
-die echte grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich
-schon lange und habe schon seit langem begonnen darüber
-zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt heraus? Dieses
-Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das
-sucht sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin
-ebenfalls mit der angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte,
-zusammentreffend), aber nicht im Volke, nicht im
-Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem gegebenen
-Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das
-Volk kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu
-leben, gehen die jungen Leute, nichts im Volke kennend,
-sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen tief verachtend,
-zum Beispiel den Glauben, in das Volk &mdash; nicht um es zu
-studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit
-Geringschätzung &mdash; ein rein aristokratischer Herrenstreich!
-&bdquo;Junge Herrchen&ldquo;, sagt das Volk und es hat recht.
-Seltsam: überall und immer sind die Demokraten fürs
-Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter
-russischer Demokratismus mit den Aristokraten gegen das
-Volk verbündet; sie gehen ins Volk, &bdquo;um ihnen Gutes zu
-thun&ldquo;, und verachten dabei seine Sitten und seine Grundlagen.
-Geringschätzung führt nicht zur Liebe!
-</p>
-
-<p>
-Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen
-junger Leute den Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten,
-macht Skandal. &bdquo;Höret, würde ich diesen Kasanern
-sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht gesagt),
-Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum
-aber kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft?
-Und das Volk nannte sie noch einmal &bdquo;Jungherrchen&ldquo;
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-(Bartschenki) und, schlimmer als das, gab ihnen
-den Namen &bdquo;Studenty&ldquo;, obwohl viele Hebräer und Armenier
-darunter waren (die Demonstration war, wie es sich
-erwies, eine politische, von aussen hineingetragene). So
-hat, nach der That der Sassúlitsch, unser Volk abermals
-die Revolvermänner der Strasse &bdquo;Studenten&ldquo; genannt.
-Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten
-dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich
-schon merkt, dass Hass und Zwietracht begonnen haben.
-Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine Herren, das Moskauer
-Volk &bdquo;Fleischer&ldquo;, sowie die ganze intelligente Presse
-sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer
-nicht zum Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch
-Minin war ein Fleischer.<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> Die Entrüstung lodert nur
-über die Art auf, wie sich das Volk geäussert hat. Aber
-wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt
-wird, es sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist
-ein Bauer. Gerade hier lag die Lösung des Missverständnisses,
-allerdings eines alten, angehäuften Missverständnisses
-(was sie nicht merkten) zwischen dem Volke und
-der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der
-am hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge &mdash; der
-Jugend. Die Sache ging allzu hässlich und durchaus nicht
-so regelrecht, wie sie hätte ausgehen sollen; denn mit den
-Fäusten kann man nie und nirgends etwas beweisen. So
-aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim
-Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings
-gar oft die Fäuste gegen seine Gegner in Aktion, und in
-der französischen Revolution brüllte das Volk vor Freude
-und tanzte vor der Guillotine, während sie thätig war.
-Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur
-die Fleischer; da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder
-dem anderen Wörtchen) gegen die Jugend aufgestanden ist
-und sich die Studenten angemerkt hatte; andererseits aber
-ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die
-Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt
-haben, das Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda):
-&bdquo;das ist ja nicht Volk, das ist Pöbel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist,
-das nicht mit Euch übereinstimmt, so werdet Ihr besser
-daran thun, nicht böse zu werden. Es giebt ohnedies
-des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist
-Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten.
-Fest und mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat
-sich seit den letzten zwei Jahren eine Dissonanz mit uns
-(raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen haben, indem sie
-das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit
-Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre
-europäische Lüge eintreten werde, in die Aufklärung, wie
-sie es nannten. Aber das Volk hat sich selbständig gezeigt
-und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit Bewusstsein
-die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu
-begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben
-es erleuchtet und neu gestärkt. Aber es macht einen
-Unterschied nicht nur unter seinen Feinden, sondern auch
-unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende
-Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit
-strebend, ins Volk, um seine Leiden zu erleichtern.
-Aber was geschieht? Das Volk treibt sie fort und anerkennt
-ihre redlichen Bemühungen nicht, weil diese
-Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine
-Grundlagen hasst und geringschätzt und ihm Arzneien
-reicht, die in seinen Augen roh und sinnlos sind.
-</p>
-
-<p>
-Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-weiss wie. Unter der Jugend wird der Revolver gepredigt
-und herrscht die Überzeugung, dass die Obrigkeit
-sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor
-gering schätzen, halten sie es für gar nichts und merken
-nicht, dass dieses sie wenigstens nicht fürchtet und niemals
-den Kopf verlieren wird. Was dann, wenn weitere
-Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren
-Zeit, meine Herren!
-</p>
-
-<p>
-Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich
-konnte. Wenigstens antworte ich offen, wenn auch nicht
-vollständig auf Euere Frage: nach meiner Meinung sind
-nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals ist
-unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was
-kein kleines Faktum, sondern ein wunderbares, grosses,
-ein historisches ist). Allein das Übel liegt darin, dass
-unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei Jahrhunderte
-unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich
-die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen,
-und man kann ihr keine Schuld beimessen; um so weniger,
-wenn sie plötzlich selbst als parteiische (und schon beleidigte)
-Teilnehmerin der Sache aufgetaucht ist. Allein,
-wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige, glücklich
-diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den
-rechten Weg zu finden! Die Losreissung vom Milieu
-muss bei weitem stärker sein, als z. B. nach der socialistischen
-Lehre die Trennung der künftigen Gesellschaft
-von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu
-gehen und mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem,
-dass man verlerne es zu verachten, und das ist unserer
-oberen Gesellschaftsschicht bei ihren Beziehungen zum
-Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel
-auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun
-schon endgiltig unserem Europäismus nicht möglich (obgleich
-man in Europa an Gott glaubt).
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es
-gestattet, so schüttele ich Euch die Hand. Wenn Ihr
-mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so haltet mich
-um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger
-von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert,
-die Wahrheit nach meinem Herzen und Gewissen zu
-sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie dachte,
-wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr
-thun, als seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ganz der Ihre<br />
-Theodor Dostojewsky.
-</p>
-
-<p>
-Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit
-muss für Dostojewsky anfangs etwas Furchtbares gehabt
-haben. Eine andere Stelle des oben zitierten ersten
-Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust
-geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881
-in einer Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: &bdquo;Besser
-wär&rsquo;s, 15 Jahre mit der Feder in der Hand in den Kasematten;
-der Kopf, welcher geschaffen hat, welcher ein
-höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich
-an die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte,
-er ist mir jetzt schon von den Schultern geschlagen.&ldquo;
-Beim Abschied vom Bruder, wozu man ihnen eine halbe
-Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden,
-wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: &bdquo;Auch
-im Strafhaus sind nicht wilde Tiere, sondern Menschen,
-vielleicht bessere als ich, vielleicht würdigere als ich ...
-Ja, wir werden uns noch sehen, ich hoffe es, ich zweifle
-nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt mir
-Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird
-ja lesen können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um
-den Bruder zu trösten.) Wenn ich aber heraus komme,
-so fange ich zu schreiben an ... in diesen Monaten habe
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit,
-die vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff
-zum schreiben geben&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Über die Beschwerden des langwierigen Transports
-nach Sibirien bei vierziggradigem Frost, über erfrorene
-Hände und Füsse, einen bösen Ausschlag, welcher infolge
-der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis auf des
-Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten
-war, über die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege
-einen Schluck Thee zur Erwärmung zu beschaffen, über
-das Benehmen der Aufseher und Zugführer, die schmutzigen,
-finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei schimpfenden
-und fluchenden Verbrechern auf den Etappen zusammengepfercht
-waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst
-&mdash; erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit
-in seinem &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;, und nur in
-seinem Buche &bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo; hat
-er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer Vollendung,
-als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet.
-Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch &bdquo;das beste,
-das bis nun in Russland geschrieben worden, Gogol nicht
-ausgenommen.&ldquo; Der Dichter wurde später in Russland
-oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche in
-Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern
-und lehnte es ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich
-war, dass man dies &bdquo;als eine Anklage betrachten könnte&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch
-einen Leidensgenossen Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher
-sehr eingehend über diese Erlebnisse berichtet hat. Er
-fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg
-gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende
-zu machen, und sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben
-auszuführen. Die nähere Bekanntschaft mit Dostojewsky
-aber, sein sanftes Wesen, der stille, eindringliche
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass
-er seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer
-von sich gewiesen habe.
-</p>
-
-<p>
-Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky
-ausser in den &bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo; in seinem
-&bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo; aus dem Jahre 1873 eingehender,
-weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf
-ihn ausgeübt hat. Es heisst da: &bdquo;Als wir in Tobolsk in
-Erwartung einer nachkommenden Partie im Festungshofe
-sassen, erbaten sich die Frauen der Dezembristen (der
-Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten Verschwörung)
-beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in
-seiner Wohnung eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten.
-(Es waren dies, nach den Worten Jastrzembskis,
-die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter und
-von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes
-Mittagessen mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also
-diese grossen Dulderinnen, welche ihren Gatten freiwillig
-nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in gar keine Schuld
-verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles ertragen,
-was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen.
-Unser Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten
-uns zu unserem weiteren Weg, machten das Zeichen des
-Kreuzes über uns und beschenkten jeden von uns mit
-einem Evangelium &mdash; dem einzigen Buche, welches im
-Gefängnis erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem
-Kopfkissen im Strafhaus gelegen. Ich habe darin gelesen,
-manchmal auch anderen daraus vorgelesen. Ich habe auch
-einen Sträfling aus diesem Buche lesen gelehrt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren
-Leben des Dichters während der vier Jahre der Zwangsarbeit
-machen wollen, müssen wir uns eben an die detaillierten
-Schilderungen halten, welche in den &bdquo;Memoiren aus
-einem Totenhause&ldquo; niedergelegt sind. Sie sind bis in alle
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir
-sofort wissen: all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie
-so vollendet künstlerisch und objektiv, ja fast feindesliebevoll
-herausgearbeitet, dass wir sofort empfinden, das
-ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier
-drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf,
-die sich wie ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz
-Reuters Schilderungen seiner siebenjährigen Festungszeit,
-eine Schilderung, die sich zum Humor erhebt, und sind
-geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren persönlichen
-Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen.
-Bei tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache
-jedoch durchaus anders dar. Ganz abgesehen davon, dass
-Fritz Reuter nur mit Seinesgleichen eingeschlossen war,
-Stunden des Alleinseins und wieder solche des Gedankenaustausches
-mit Gleichgesinnten hatte, während Dostojewsky
-mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien
-vom Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum
-achtfachen Mörder in ununterbrochener Gemeinschaft lebte
-und während seiner vierjährigen Haft auch nicht eine
-Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren
-Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser
-Unterschied. Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz
-subjektiv, aber doch eigentlich gleichsam unpersönlich; für
-die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war sich selbst
-ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben
-offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich
-hervorsprudeln musste. Da ihm aber nun, wie wir in
-seinen Aufzeichnungen sehen, gerade in dieser schwersten
-Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und &bdquo;seines Volkes
-Wahrheit&ldquo; durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war,
-sich erst da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung
-von Anbeginn in ihm gelegen und sich in den &bdquo;Armen
-Leuten&ldquo; ausgesprochen hatte, so handelte es sich für ihn
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats,
-und wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische
-Ader versiegen lassen, im Vollgefühl dessen, dass der
-Humor für die grössten Aufgaben und Probleme nicht ausreicht.
-Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie sich diese
-reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren
-Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit
-aufzuzwingen, gleichsam Genüge geschehen ist, und sich
-der alte Schalk kichernd zwischen den schweren Falten
-der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben die unbesiegbare
-Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums,
-der immer wieder hervorbricht.
-</p>
-
-<p>
-Die Herausgeber der &bdquo;Materialien&ldquo;, namentlich O. Miller,
-schöpften bei der Schilderung dieses Lebensabschnittes des
-Dichters aus der einzig authentischen Quelle, die wir oben
-anführten: den &bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo;. Sie
-schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung,
-Ehrlichkeit und &mdash; Geschick. Denn es ist wohl nicht
-leicht, heute als Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben,
-das die krasse Barbarei russischer Zustände hervorhebt,
-das dem Dulder zugleich und dem Peiniger &bdquo;gerecht&ldquo;
-wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie
-er sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes
-hält, welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht
-an dem Gepeinigten versündigt, in dessen Ton er nicht
-einfallen, dessen Objektivität er nicht zur seinen machen
-kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn seiner
-Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der
-Schwierigkeit gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein,
-welche gleichsam als Passepartout für alles Gräuliche und
-Qualvolle gelten kann, dem er in derselben doch Eingang
-verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe auf eine
-Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert,
-wo es unter anderem heisst: &bdquo;Die &bdquo;Memoiren aus einem
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Totenhause&ldquo; sind von ganz Russland gelesen worden und
-werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch geschätzt,
-obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen
-Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange
-abgeändert sind.&ldquo; &bdquo;Theodor Michailowitsch&ldquo; &mdash; fährt
-O. Miller fort &mdash; &bdquo;fand es für nötig, im Auslande auf
-diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen jenen
-mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen,
-die wir dem Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken.
-Schon allein die Drucklegung der &bdquo;Memoiren aus einem
-Totenhause&ldquo; wäre vor der Regierung Alexanders II. undenkbar
-gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte
-Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen
-hervorgekommenen Menschenrückens, wie ihn
-Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte man
-nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge
-abgeschafft hatte.&ldquo; Nach diesem Eingange, welcher für
-uns die Konjektur offen lässt, wie weit die Gepflogenheiten
-einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung und
-die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe
-Subalterne heute noch diesem thatsächlich entspricht,<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> ist
-es dem Biographen möglich geworden, die furchtbaren Episoden
-dieses Gefängnislebens aus den Schilderungen der
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden schärfer,
-brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als
-dieser selbst es je gethan hätte.
-</p>
-
-<p>
-Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers
-folgen, der zumeist des Dichters eigene Worte anführt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erinnere mich deutlich daran &mdash; sagt Dostojewsky
-&mdash; dass mir vom ersten Schritte in diesem Leben
-das auffiel, dass ich darin gleichsam nichts Auffallendes,
-nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt, nichts Unerwartetes
-finden konnte .... es schien mir, als sei
-es viel leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir
-dies auf dem Wege dahin vorgestellt hatte. Selbst die
-Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht so zwangsarbeitsmässig,
-und erst ziemlich viel später kam ich
-darauf, dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit
-dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit
-liege, als darin, dass sie eine gezwungene,
-aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher
-sich Dostojewsky befand, gehörten Arrestanten&ldquo; &mdash; fährt
-O. Miller fort &mdash;, &bdquo;welche unter kriegsrechtlicher Aufsicht
-standen, und diese Kategorie war, nach seinen eigenen
-Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als
-die anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte,
-die beim Bau, und die erste, die in den Bergwerken
-arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur für die Edelleute
-schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum,
-weil Kommando und Organisation ganz militärisch und
-denjenigen der Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich
-waren ... immer in Ketten, immer unter Bedeckung,
-immer unter Schloss und Riegel. In den zwei anderen
-Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt
-... die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen
-noch nicht an die Arbeit; später aber
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden &mdash; und das
-nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass
-sie diesen nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie
-nicht so viel Kraft besassen als sie.&ldquo; &bdquo;Was mich anbelangt,
-erwähnt Theodor Michailowitsch, so habe ich einen
-besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff,
-um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen
-im Wege, überall störte ich sie, überall jagten sie mich
-mit Thätlichkeiten davon.&ldquo; Nichtsdestoweniger fühlte er,
-dass die Arbeit ihn retten, seine Gesundheit, seinen Körper
-stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher Dostojewsky
-verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters,
-was ihm eigentlich leicht erschien. &bdquo;Eine andere
-Arbeit, zu der man mich beorderte,&ldquo; sagt er weiter, &bdquo;war
-in der Werkstätte das Drehen des Schleifsteines; das war
-schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte eine vortreffliche
-Motion.&ldquo; Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten
-liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt
-die Winterbeschäftigungen leichter waren als jene,
-die man im Sommer vornahm. Im Sommer musste man
-durch ungefähr zwei Monate täglich von dem Ufer des
-Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten
-Bau einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber
-Ziegel tragen. &bdquo;Diese Arbeit,&ldquo; sagt Dostojewsky, &bdquo;gefiel
-mir sogar, obwohl der Strick, an dem man die Ziegel
-tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber
-mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich
-entwickelte.&ldquo; Anfangs war er nur imstande, acht
-Ziegel zu zwölf Pfund ein jeder, zu tragen, später aber
-brachte er es zu zwölf und fünfzehn. &bdquo;Physische Kraft&ldquo;,
-fährt er fort, &bdquo;ist im Gefängnis nicht weniger nötig, als
-moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten
-Lebens zu ertragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Brot sogar in der Stadt geschätzt; dafür war die Kohlsuppe
-sehr dünn und wimmelte von Küchenschaben. Wer
-ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor Diebereien
-der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch
-die Aufseher schützen konnte, war in der Lage, sich
-seine Kost durch kleine Beigaben von Thee usw. aufzubessern.
-</p>
-
-<p>
-Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten
-unter den Sträflingen, da sie von Haus aus von zarter
-Konstitution und verwöhnter waren, gewisse Erleichterungen
-verschaffen wollten, sie zum Beispiel als Schreiber
-in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele
-Kabalen, Intriguen und Angebereien ringsherum, dass
-eine solche Besserung ihres Loses niemals länger als
-Tage anhielt.
-</p>
-
-<p>
-Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war
-nach den Worten des Dichters das furchtbarste Jahr seines
-Lebens. Jene Wandlung, welche sich in ihm der Anlage
-seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte, nämlich
-das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne
-bittere Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen
-gerade von Seiten jener vor sich, die er ans Herz drücken
-wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten ihn, den Edelmann,
-wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr
-er aller Lasten dieses &bdquo;verfluchten Lebens&ldquo; mit ihnen gleich
-teilhaftig war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm
-mit Widerwillen, Misstrauen. Als er mit einigen anderen
-&bdquo;Politischen&ldquo; sich ihnen einmal anlässlich einer allgemeinen
-Pretensija, das heisst Generalklage, wegen der schlechten
-Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas
-geneigter war: &bdquo;ja warum schliesst Ihr Euch denn der
-Klage an? Ihr esst ja doch vom Eigenen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ach
-mein Gott! auch unter Euch giebt es ja solche, die
-vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-&mdash; nun und da mussten wir doch auch &mdash; aus Kameradschaft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?&ldquo; fragte er
-erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich dachte&ldquo;, fährt der Dichter fort, &bdquo;ob nicht irgend
-eine Ironie, ein Zorn, ein Spott in diesen Worten liege
-&mdash; aber nein, einfach: keine Kameradschaft, weiter nichts.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen
-Verbrechern angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen,
-wenn wir seine sich immer vertiefende Überzeugung
-von der Generalschuld der Menschheit bedenken,
-an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand,
-jenes echt russische, doch ihm allein in so hohem Masse
-eigene Schuldgefühl, das jedoch mit der greisenhaften
-Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als mit einem
-jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl
-anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich
-und andere, oder die schwelgerische Zerknirschung, welche
-sich mit dem Bekenntnis loskauft, um aufs neue in Schuld
-und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys &bdquo;Schuld
-an allem und an allen&ldquo;, wie er sich ausdrückt, ruft zum
-Leben, zur Liebe und zur That auf &mdash; das ist die grosse
-Trennungslinie zwischen seinem, dem russischen, Christentum
-und jenem aller anderen Völker, die auf diesen Namen
-hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die
-&bdquo;Unglücklichen&ldquo;, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft
-nicht anerkennen wollten. Auch fand er anfangs
-Hindernisse in sich selbst. &bdquo;Ich schloss die Augen,&ldquo; sagt
-er, &bdquo;und wollte nicht schauen; unter den bösen und gehässigen
-Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die
-guten nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu
-fühlen, ungeachtet der höchst widerwärtigen Rinde, die
-sie von aussen bedeckte. Unter den bissigen Worten bemerkte
-ich manchmal gar nicht das freundliche, entgegenkommende
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne
-jegliche Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus
-einer Seele kam, welche vielleicht mehr gelitten und ertragen
-hatte, als ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt
-hatte, gewahrte er immer mehr die anderen. &bdquo;Du meinst,&ldquo;
-sagt er an anderer Stelle, &bdquo;das sei ein Tier und kein
-Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine Minute,
-da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen,
-nach aussen offenbart, und du erblickst einen solchen
-Reichtum, ein solches Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen
-eigener und fremder Leiden, dass dir förmlich die
-Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar deinen
-Augen und Ohren nicht traust.&ldquo; In seinem &bdquo;Tagebuch
-eines Schriftstellers&ldquo; des Jahrgangs 1873 bespricht er
-immer noch diese Epoche seiner Wiedergeburt, seiner &bdquo;Umwandlung&ldquo;,
-wie er es nennt, seines Fortschreitens in der
-in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir es
-nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im
-unmittelbaren Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen
-Vereinigung mit ihm, im Gleichwerden mit ihm, ja mit
-seiner niedersten Stufe. &bdquo;Dies vollzog sich nicht so schnell,&ldquo;
-sagte er, &bdquo;sondern allmählich und nach einer sehr langen
-Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner
-Wiedergeburt zu erzählen.&ldquo; &mdash; Doch hat er sie uns ja
-ausführlich in seinen &bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo;
-erzählt.
-</p>
-
-<p>
-Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten
-ist auch ein Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren,
-den wir in seinem Notizbuche finden. Es heisst
-da: &bdquo;Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch
-erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre
-verfocht, sondern sie in jedem Detail gelebt hat, beweisen
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-tausend kleine Episoden aus seinem Gefangenenleben &mdash;
-so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden Mädchen
-die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen,
-die durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie
-immer, in Ketten geschmiedet und geschoren zur Messe
-geführt wurden und nur gedrängt vor der Kirchenthüre
-bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als
-Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die
-allerniedersten Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in
-der Kinderzeit mit den Leibeigenen gehalten hatte, die
-sich auf dem väterlichen Gütchen vor die Kirchenthüre
-drängten, während er als &bdquo;Herrschaft&ldquo; im Betstuhle sass.
-Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen
-oder andere ertragen sehen musste, namentlich solche, die
-sich mit Ekel verbanden, waren wohl schwerer hinzunehmen:
-das Schlafen auf den harten Pritschen, oft zu
-hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft
-durch die hier angebrachten Nachtstühle verpestet war;
-das gräuliche Dampfbad, in das sie auf Kommando gepfercht
-wurden und worin sie in erstickendem Qualm und
-ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll
-ihrer Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die
-an die Beine geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur
-erinnert lebhaft an die sogenannten Geduldspiele,
-wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette herausbringen
-soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören.
-Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher
-Qualen ein wenig aufatmen, so nahmen sie ihre Zuflucht
-zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital doch gewisse
-Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen
-gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie
-der furchtbare Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch
-Krankheit, Alter und alle Unreinlichkeiten früherer Häftlinge
-besudelte und übelriechende, nie gereinigte Krankengewand
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten
-sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie
-im Spital ertragen: den Anblick der halbtot Hineingeschleppten,
-welche eben die schweren Körperstrafen
-hatten erdulden müssen, 50 &mdash; 100 &mdash; 150 Stockschläge,
-unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem
-Fleische zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major,
-welcher zu jener Zeit im Strafhaus amtierte und
-bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte: &bdquo;Ich bin euer
-Kaiser, ich bin euer Gott,&ldquo; er verhängte die schwersten
-Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er
-einem der Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser
-gesagt hatte: &bdquo;Wir sind keine Vagabunden, sondern
-politische Gefangene.&ldquo; &bdquo;Hun &mdash; dert &mdash; Strei &mdash; che, gleich
-diesen Augenblick!&ldquo; schrie in wahnsinniger Wut der
-&bdquo;Gott&ldquo; des Strafhauses. Der &bdquo;alte Mann&ldquo; (er war über
-fünfzig Jahre alt) legte sich ohne Widerrede unter die
-Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die Hand und ertrug
-die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder
-sich zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen
-überaus und sie begannen von da ab, ihn hochzuschätzen,
-obwohl er ein Edelmann und noch dazu ein Pole war.
-Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der Rutenstrafe
-zum Gebet ging.
-</p>
-
-<p>
-Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders
-hervor, dass die Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter
-Fall gewesen sei; &bdquo;man kann ja auch an einen
-schlechten Menschen kommen,&ldquo; meint er. &bdquo;Die anderen,
-höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,&ldquo;
-erläutert er, &bdquo;sind sie selbst Edelleute, zweitens war es
-schon früher manchmal vorgekommen, dass einige von den
-Edelleuten unter den Sträflingen sich nicht unter die
-Rutenhiebe legten, sondern sich auf die Vollstrecker
-warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden
-und das Beiwohnen solch unmenschlicher
-Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die schon vorher
-nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist
-ganz klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche
-Züchtigungen hätte müssen über sich ergehen lassen.
-Diese Annahme wurde von vielen ausgesprochen, und die
-Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der Epilepsie,
-davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und
-Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen
-Züchtigung unterworfen worden sei, und finden im
-Zusehen und inneren Erleben einen ganz genügenden
-Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen
-Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das
-hatte erkennen wollen, was sie war.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<span class="line1">IV.</span><br />
-<span class="line2">Semipalatinsk.</span><br />
-<span class="line3">(1854-59.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>as letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er
-in fieberhafter Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen
-erlangt, durfte Bücher lesen, an seine Angehörigen
-schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer
-den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da
-er nämlich zur Winterzeit angekommen war, so konnte
-seine Freilassung auch nur zur selben Jahreszeit stattfinden.
-&bdquo;Mit welcher Ungeduld,&ldquo; sagt er, &bdquo;erwartete ich
-den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des
-Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und
-das Gras der Steppe verbleicht!&ldquo; Die allerletzte Zeit
-aber war wieder eine sehr ruhige für ihn; je näher der
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er.
-Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne
-brachte er damit zu, noch einmal um das Gebäude
-herumzugehen und die Pfähle des Pallisadenzauns
-zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft
-an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt
-hatte. Der Abschied von den Genossen war ein sehr
-verschiedenartiger. Die einen drückten ihm herzlich die
-Hand, einige sogar freundschaftlich und gerührt, aber doch
-wie einem &bdquo;Herrn&ldquo;, manche wendeten sich ab, um einem
-Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig
-nach; auf dem Antlitz aller aber lag unverhohlen
-der Gedanke ausgedrückt &mdash; &bdquo;von morgen an bist du nie
-unter uns gewesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Orest Miller setzt in seinen &bdquo;Materialien&ldquo; die Enthaftung
-Dostojewskys auf den 2. März 1854. Indessen
-geht aus den Dokumenten, welche uns in den Archiven
-der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor,
-dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des
-General-Adjutanten Grafen Orloff an das Kriegsministerium
-vom 17. November 1853 (No. 1920) &bdquo;am Tage ihrer
-Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des
-sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an
-seine Angehörigen sind die &bdquo;Materialien&ldquo; noch nicht genügend
-informiert. Seit der Abfassung derselben, 1883,
-also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben sich
-mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden,
-welche auch schon teilweise in verschiedenen
-Blättern durch die Witwe veröffentlicht worden sind; so
-ein Brief vom 22. Februar und, da dieser unbeantwortet
-blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach
-Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht
-geschrieben, sowie sich die ganze Familie, wohl aus Furcht
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-&bdquo;sich zu kompromittieren&ldquo;, die ersten Jahre seiner Strafzeit
-wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir, gleichfalls
-in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür
-gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September
-1856 neunzehn Briefe Theodor Michailowitschs an seinen
-Bruder, seine Angehörigen und andere Personen durch
-das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen
-Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt,
-zur Beförderung an ihre Adresse übermittelt worden sind.
-Ob die Witwe des Dichters, welcher diese Daten mit uns
-zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer unermüdlichen
-Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln,
-in diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das
-wird die Zeit lehren. Der erste Brief nach der Enthaftung
-und Einreihung Dostojewskys (in das 7. Linien-Infanterie-Bataillon
-des sibirischen Corps), den wir kennen,
-ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen
-ihm folgende Stellen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass
-ich Deinen Brief samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber
-erhalten habe, wofür ich Dir herzlich danke. Ich wollte
-Dir auch gleich antworten, habe aber die Post versäumt.
-Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein
-Teurer, dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse,
-dass Deine Briefe mir ein wahrer Feiertag sind; darum:
-sei nicht faul! Wir haben einander ja so lange nichts
-geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können?
-Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast
-Du nicht selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind
-aber erlaubt, ich weiss das sicher. Übrigens wirst Du
-jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?&ldquo; Nach einer
-warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder,
-deren er jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude
-darüber aus, dass der Bruder einen Erwerbszweig gefunden
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-habe, der ihn beschäftigt. Michael Dostojewsky
-hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet,
-wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten
-hatte. &bdquo;Du hast Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich
-nötig, verdiene es Dir, verstärke Deine Thätigkeit,
-wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht fallen,
-was Du begonnen hast.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem
-Strafhause und es bekümmert Dich, dass ich im Hinblick
-auf meine schlechte Gesundheit nicht um die Einreihung
-in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine Gesundheit
-würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es
-nicht. Aber habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die
-Versetzung in die Armee ist eine Allerhöchste Gnade und
-hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum kann ich
-nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge!
-Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und
-rufe mir das Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich
-gut und hat sich in diesen zwei Monaten sehr gebessert;
-da sieht man, was es heisst, aus der Enge, der Stickluft
-und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima
-ist ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische
-Steppe. Die Stadt ist ziemlich gross und bevölkert,
-Asiaten giebt es eine Menge. Rings die offene Steppe.
-Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer
-als in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation
-keine Spur, kein Bäumchen &mdash; die nackte Steppe. Einige
-Werst von der Stadt entfernt ist ein Fichtenwäldchen,
-eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da ist
-immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume
-giebt es da nicht. &mdash; Wild die Menge. Es giebt einen
-ordentlichen Markt, aber die europäischen Waren sind so
-teuer, dass man nicht an sie heran kann. Einmal werde
-ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es lohnt
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke
-mir welche, Bruder &mdash; keine Zeitungen; aber schicke mir
-europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich
-alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius,
-Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie sind alle ins Französische
-übersetzt). Endlich den Koran und ein deutsches
-Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was
-Du eben kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und
-irgend eine Physiologie (sei&rsquo;s auch eine französische, wenn
-sie russisch zu teuer ist). Suche die billigsten und gedrängtesten
-Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal, langsam
-nach einander. Auch für weniges werde ich Dir
-dankbar sein. Begreife, wie nötig mir diese geistige
-Nahrung ist! Übrigens brauche ich Dir ja nichts zu sagen.
-Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um Gottes
-willen vergiss nicht
-</p>
-
-<p class="sign">
-Deinen Th. Dostojewsky.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume
-von 1854-1859 geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie
-wir sahen, durch das Corps-Kommando und die Generaladjutantur
-ihren Weg an die Adressaten nahmen, geben
-uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung,
-über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne.
-Der nächste Brief an den Bruder ist vom 30. Juli 1854
-datiert. Er entschuldigt sich über sein langes Schweigen
-in folgender Weise: &bdquo;Ich versichere Dir, mein Teurer,
-dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit
-zum Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige
-freiere Minuten gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich
-auf eine günstigere Zeit, immer hoffend, dass
-diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht in
-Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder
-kannst es ja erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin.
-Exerzieren, Musterungen der Brigade- und Divisions-Kommandanten
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-und Vorbereitungen dazu. Ich bin im März
-hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst
-hatte ich so gut wie gar nichts gewusst, bin aber
-doch im Juli bei der Musterung in Reih und Glied gestanden
-und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht
-als die anderen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weiter schreibt er: &bdquo;Wie fremd Dir auch all dieses
-sein möge, so denke ich doch, Du wirst begreifen, dass
-das Soldatenleben kein Spass ist, dass es mit all seinen
-Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen Menschen mit
-meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt
-ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich
-habe es verdient&ldquo;. Im weiteren Verlauf des Briefes spricht
-er liebevoll von den Schwestern (beide hatten sich inzwischen
-vermählt), beschwört den Bruder, doch nicht auf Antwort
-zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere, ehe
-einer vom anderen Nachricht habe. &bdquo;Jetzt kennst Du ja
-meine Beschäftigungen&ldquo;, führt er fort, &bdquo;andere Erlebnisse
-hat es nicht gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen,
-besondere Vorfälle ebenfalls nicht. Die
-Seele aber, das Herz, den Geist &mdash; was gewachsen, was
-herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen
-worden, das kann man nicht auf einem Stückchen Papier
-sagen und wiedergeben&ldquo; .... Weiter berührt er seine
-Krankheit, über welche er, wie oben gesagt worden, noch
-immer nicht im klaren ist, und fährt fort: &bdquo;Übrigens sei
-so freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch
-und voller Bedenken bin, wie ich es in den letzten
-Jahren in Petersburg gewesen bin. Dies alles ist vollkommen
-vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen ist alles
-von Gott und in Gottes Hand.&ldquo; Zum Schluss meint er,
-der Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche,
-sei seine einzige Rettung, er solle aber nur dann schicken,
-wann er etwas habe; er beschwört ihn, bald zu schreiben,
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-obwohl es traurig genug sei, nur brieflich mit einander zu
-leben, wenn man einander fünf Jahre nicht gesehen habe.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite der, von der Witwe des Dichters im
-März 1898 dem Redakteur der Monatsschrift &bdquo;Niva&ldquo;,
-Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung übergebenen
-drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte
-desselben Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855
-datiert. Auch in diesem spricht sich das furchtbare Heimweh
-und Gefühl der Vereinsamung aus, das uns in den
-vorhergehenden Briefen entgegentritt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!&ldquo;
-&mdash; heisst es darin &mdash; &bdquo;da ist nun schon eine sehr lange
-Zeit vergangen, und es ist auch nicht ein Zeilchen von
-Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich
-zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so
-werden, wie im vorigen Sommer. Mein Lieber, wenn Du
-nur wüsstest, in welcher bitteren Einsamkeit ich mich
-hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so lange
-schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen,
-mir wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du
-was? Mir kommt manchmal ein schwerer Gedanke. Mir
-scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das ihre; eine
-alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen
-und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst,
-mich zu vergessen. Wie könnte man anders so
-lange Pausen zwischen Deinen Briefen erklären? Auf
-mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange
-Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter,
-zweitens aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere
-Arbeiten zu leisten sind; da ermüde ich und &mdash; versäume
-die Post, welche hier nur einmal wöchentlich abgeht. Bei
-Dir ist&rsquo;s etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel thatsächlich
-nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens
-was immer, seien&rsquo;s auch zwei Zeilen. Mir käme dann
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-nicht der Gedanke, dass Du mich verlässest. Lieber Freund,
-als ich im Oktober des vorigen Jahres<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> ähnliche Klagen an
-Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr peinlich,
-sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei
-mir um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam
-bin, wie ein dahingeworfener Stein, &mdash; dass mein Charakter
-immer schwermütig, krankhaft, empfindlich war. Bedenke
-das alles und verzeihe mir, wenn meine Klagen ungerecht,
-meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja selbst
-überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch
-ein Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer
-zu ertragen, und ich habe ja niemand, der mich eines
-besseren belehren könnte, als Dich selbst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen
-Zuständen, nach der Familie, spricht er die Sorge
-aus, ob denn der Erfolg des kaufmännischen Unternehmens
-Michaels durch genügenden Unterhalt der Familie das
-Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich
-von der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen
-lossagte, die seinem Charakter angemessener waren.
-&bdquo;Was soll ich Dir über mein Leben sagen?&ldquo; heisst es
-weiter. &bdquo;Bei mir ist alles im alten, alles im gleichen und
-es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts verändert.
-Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst
-schwerer, sind Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann
-ich mich nicht brüsten, lieber Freund; sie ist nicht ganz
-gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird es. Wenn
-Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit,
-so viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt,
-wie in Petersburg, so rede Dir das gefälligst aus; auch
-nicht eine Mahnung davon ist vorhanden, wie von vielem
-anderen, Gewesenen.&ldquo; Der Brief schliesst mit hundert
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt
-unseren Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch,
-ganz abgesehen von seinem durch die Einsamkeit
-gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem seinem
-Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt,
-als ihm erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen
-ihn während der Jahre der Haft und der Abwesenheit,
-der Umstand, dass er, als die Geschäfte der Fabrik
-schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der
-Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das
-alles bestärkt uns mindestens in der Annahme, dass
-Theodor nicht der Empfangende von beiden sein mochte,
-eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse nur
-bestätigt wird.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des
-Dichters Leben ein, Personen, welchen es bestimmt war,
-ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind erstens ein Baron
-Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge
-Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn
-auch oft stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser
-Personen ist Marja Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien
-lebende Witwe eines dort an Lungentuberkulose verstorbenen
-Beamten.
-</p>
-
-<p>
-Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an
-Apollon Maikow gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856
-folgendermassen aus: &bdquo;Diesen Brief wird Ihnen Alexander
-Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr junger Mensch
-(Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit vortrefflichen
-Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt
-aus dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem
-edeln Vorsatze, das Land kennen zu lernen, nützlich zu
-sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient, wir haben
-einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen.
-Da ich Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-zu schenken und womöglich näher mit ihm
-bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte über
-seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein
-sanftes Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein
-von Unnahbarkeit trägt. Ich wünschte sehr, um
-seines Vorteils willen, dass Sie näher mit ihm bekannt
-würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische, freiherrliche
-Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt
-mir nicht ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt
-vortreffliche Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm
-ersichtlich, was von alten Einflüssen zeugt. Wirken Sie
-auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es wert. Er hat mir
-sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur für
-das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas
-argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und
-etwas ungleich in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm
-zusammen kommen, sprechen Sie mit ihm offen, gerade
-heraus, und holen Sie nicht weit aus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu
-urteilen, sehr viel Gelegenheit gehabt zu haben, dem
-Dichter sowohl in Sibirien als in Russland nützlich zu
-werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem Gesuch
-Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten
-Eingang verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt,
-welche dem Dichter mit der Zeit geworden sind.
-Auch scheint er diesem in eigenen intimen Angelegenheiten
-volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen, wie man
-leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und
-Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben.
-Eine der ersten gemeinsamen Angelegenheiten beider
-scheint die gewesen zu sein, eben jenem sterbenden
-Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln
-auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand.
-In einem Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-ihm der Dichter vom Tode des &bdquo;unglücklichen
-Issajew&ldquo;, spricht über die traurige Lage seiner Witwe
-Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen
-verabredete Summe zu senden. An der Wärme im Ton
-dieses Briefes ist leicht ersichtlich, wie nahe diese Menschen
-seinem Herzen stehen. So schreibt er: &bdquo;Er starb unter
-entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott geben
-möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll,
-seine Gattin und sein Kind segnend und nur um ihr Los
-besorgt. Die unglückliche Marja Dmitrjewna erzählt mir
-seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie schreibt,
-diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost.
-In den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit
-dem Tode) rief er sie zu sich, umarmte sie und wiederholte
-unaufhörlich: &bdquo;Was wird mit Dir geschehen, was
-wird mit Dir geschehen?&ldquo; Erinnern Sie sich an ihren
-kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von
-der Verzweiflung ganz von Sinnen gekommen. Mitten in
-der Nacht springt er aus dem Bette, läuft zum Bilde, mit
-welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode
-gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren
-Worten um die ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele.
-... Man hat ihn ärmlich begraben, auf fremde Kosten
-(es fanden sich gute Leute), sie aber war ganz besinnungslos ....
-Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den Schlaf
-verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie
-hat gar nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend
-jemand hat ihr drei Silberrubel geschickt. &bdquo;Die Not hat
-mir die Hand hingestossen, es anzunehmen,&ldquo; schreibt sie,
-&bdquo;und ich habe ... das Almosen angenommen!&ldquo; &mdash; Nun
-folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher
-Weise dieser der Witwe Issajew die verabredete Summe
-schicken solle, mit den feinsten Details einer ausgesuchten
-Delikatesse eingeleitet und motiviert.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August
-1855 erwähnt er noch einmal diese Geldangelegenheit, erzählt
-Marja Dmitrjewna habe ihm schwere Vorwürfe gemacht,
-dass eigentlich doch er, der selbst nichts habe, der
-Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt
-zu haben. &bdquo;Wenn Sie hierher kommen,&ldquo; fährt er fort,
-&bdquo;werde ich Ihnen ihren Brief zeigen. Mein Gott! was
-ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie sie so wenig
-kennen!&ldquo; Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache
-zurückkommend schliesst er: &bdquo;Werden Sie ihr ein paar
-Worte schreiben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs
-Jahre von jedem ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung
-an edle Frauen abgetrennten Staatsgefangenen
-(zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den &bdquo;Memoiren
-aus dem Totenhause&ldquo;, auch das strenge Sträflingsleben
-für untergeordnete Kostgänger des Staates nicht
-ohne Möglichkeit gewesen zu sein), eine tiefe Sympathie,
-eine überschwängliche Bewunderung für das erste weibliche
-Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden
-ein Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine
-seltene Begabung und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen
-musste. Einen Anhaltspunkt für die Vorstellung
-vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir in dem Umstande,
-dass der Herausgeber der &bdquo;Biographischen Materiale&ldquo;,
-Orest Miller, den Roman des Dichters &bdquo;Erniedrigte
-und Beleidigte&ldquo; als jenen bezeichnet, in welchem wir, den
-äussern Thatsachen nach, neben den &bdquo;Memoiren aus dem
-Totenhause&ldquo; die deutlichsten Spuren einer Autobiographie
-verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass, als
-eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna
-eingetreten war, diese, gerade so wie Natascha im Roman,
-eine plötzliche Leidenschaft zu einem anderen fasste und
-Dostojewsky, aus innigstem Mitgefühl für ihre Leiden, sich
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-eifrig bemühte, diesem anderen zu einer Stelle und einem
-Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der
-Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen
-vollzog, das erfahren wir aus den diskreten Notizen
-O. Millers nicht.
-</p>
-
-<p>
-Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen,
-werden wir gewiss nicht fehl gehen, wenn wir
-die Zeichnung Nataschas als nach ihrem Vorbilde entworfen
-annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes
-von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters
-Vermählung geschrieben, also genug nahe, um jene Eindrücke
-noch ganz frisch in sich zu tragen, und genug
-ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er
-hatte früher eine längere Erzählung, die er anfangs Roman
-nennt, geschrieben, welche er über zwei Jahre mit sich
-herumgetragen hatte; dies war die uns unter dem Namen
-&bdquo;Tollhaus und Herrenhaus&ldquo; bekannte Erzählung &bdquo;Das Dorf
-<a id="corr-15"></a>Stepantschikowo und seine Bewohner&ldquo;. Dazwischen schrieb
-er aus Not eine kleine Erzählung nieder, die ihn auch
-schon lange beschäftigt hatte: &bdquo;Onkelchens Traum&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-In der Gestalt der Natascha<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> nun sind, ganz abgesehen
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-von den äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja
-Dmitrjewna erinnern. Ja, der Dichter, welcher sich in
-seiner grandiosen Unbekümmertheit um Wiederholungen
-wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an
-Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben
-einfachen Worte, die er dann an der betreffenden
-Stelle im Roman ausspricht: &bdquo;Sie sagte mir selbst: &sbquo;ja&lsquo;. Das,
-was ich Ihnen über sie im vergangenen Sommer schrieb&ldquo; &mdash;
-fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort &mdash;,
-&bdquo;hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ...
-sie hat sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt ....
-o wenn Sie wüssten, was diese Frau ist!&ldquo; ...
-Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde in einem uns nur
-bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in Kuznezk
-vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht.
-Dieser Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen
-Wrangels, dessen komplizierten Beziehungen zum
-Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich vor zu grosser
-argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse
-sagt er: &bdquo;..... grosse Umwandlungen in unserem Leben
-helfen da immer. Ich war im höchsten Grade hypochondrisch,
-wurde aber durch die scharfe Umwälzung, welche
-in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-übergehen, die von Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren,
-möchten wir jenen Brief Dostojewskys hier einschalten,
-der über die letzten Augenblicke Marja Dmitrjewnas
-berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe
-zu gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden
-gebracht zu haben scheint.
-</p>
-
-<p>
-Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen
-intimer Beziehungen. So finden wir nur sehr spärliche
-Äusserungen in einigen derselben zerstreut. Viel reichlicher
-sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den Stiefsohn
-Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges
-und der dazu kaum ausreichenden materiellen Mittel, als
-auch später seines unzuverlässigen Charakters wegen
-manche Prüfung auferlegt. Das Zusammenleben des Dichters
-nun mit seiner Gattin scheint zu Schwierigkeiten geführt
-zu haben, welche wohl in gewissen Charakterähnlichkeiten
-zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein,
-dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester
-Arbeit und später auch erzielter grosser
-Honorare nie dazu gebracht hat, einen sorgenfreien Augenblick,
-ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu
-geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich
-unfähig waren, sich das äussere Leben erträglich einzurichten.
-</p>
-
-<p>
-Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer
-dieselbe Bewunderung und Liebe für Marja Dmitrjewna
-ausgedrückt, obgleich er auf eine örtliche Trennung eingehen
-musste, welche auf Anraten der Ärzte um der
-Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb
-denn Theodor Michailowitsch in Petersburg, während Marja
-Dmitrjewna nach dem milderen Moskau übersiedelte.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch
-entwickelt zu haben scheint, eilt der Dichter an das
-Krankenbett der Gattin und bringt dort, selbst sehr leidend,
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-unter &bdquo;allseitigen&ldquo; Qualen, wie er sagt, und unter dem
-Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu.
-</p>
-
-<p>
-Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an
-ihrer Seite, schreibt während des dringende Geschäftsbriefe
-an den Bruder, denen wir eben nur die wenigen
-Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während
-das unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft
-ihn auch hier nicht verlässt.
-</p>
-
-<p>
-Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift
-&bdquo;Wremja&ldquo;, Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln
-über &bdquo;Theoretismus und Phantasterei&ldquo;, die, wie er sagt,
-&bdquo;nicht eine Polemik sein wird, sondern eine That,&ldquo;
-wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse,
-nämlich eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für
-eine Zeit überwältigt, so dass er gar nicht schreiben kann,
-obwohl er noch kurz vorher schrieb: &bdquo;Meine Frau ist
-sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick,
-da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind
-furchtbar und finden ihren Widerhall in mir, weil ja ...
-das Schreiben aber ist keine mechanische Arbeit, dennoch
-aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen &mdash; doch
-fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in
-die Länge. Manchmal denke ich, es wird ein Quark,
-dennoch schreibe ich mit Feuer, ich weiss nicht, was daraus
-wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum Schreiben,
-obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe &mdash;
-dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit
-für mich und ich habe manchmal ganz anderes im
-Kopfe; dann noch eins: ich fürchte, der Tod meiner Frau
-wird bald eintreten, dann wird aber eine Unterbrechung
-der Arbeit unvermeidlich sein &mdash; wenn diese Unterbrechung
-nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch
-ihre kühle Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir es
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-nicht schon an vielen anderen Beispielen aus dem Leben
-grosser Dichter und Künstler erfahren hätten, dass sie,
-während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin
-vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt
-sind. Dieses absorbierende, despotische Etwas, das sie
-hat, lässt zu Zeiten nichts übrig für die Erdengenossen,
-die sich ihnen angelobt.
-</p>
-
-<p>
-Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den
-Bruder als Nachschrift: &bdquo;Gestern um 2 Uhr nachts habe
-ich diesen Brief geschlossen. Später wurde Marja Dmitrjewna
-sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen.
-Ich ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte
-nach dem Priester. Die ganze Nacht sassen sie bei ihr;
-die Sakramente empfing sie um 4 Uhr morgens. Um
-8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um
-10 Uhr wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in
-diesem Augenblicke besser.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unter dem 15. schreibt er: &bdquo;Gestern hatte Marja
-Dmitrjewna einen entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung
-trat ein, die einen Druck auf die Brust und Würganfälle
-hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir waren alle
-an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte
-sich mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen
-Familie sendete sie Grüsse und Wünsche langen Lebens,
-ganz besonders an Emilie Fjodorowna. Auch sprach sie
-das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du
-weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt
-war, Du seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht
-brachte sie schlecht zu. Heute aber, soeben sagt Alexander
-Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute &mdash; sterben wird.
-Und das ist unzweifelhaft.
-</p>
-
-<p>
-Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann
-es aber verweigern, weil sie vielleicht keines bei der
-Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen werde. Dich
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse
-Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles!
-Um Gotteswillen &mdash; ich werde es abdienen.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um
-das Tragische dieses Lakonismus der Not hervorzuheben.
-Ein Dichtergenius, der ganz wie das arme Volk erlebt:
-dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen
-und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund
-legt, als: Geld!
-</p>
-
-<p>
-Als Nachschrift heisst es: &bdquo;Marja Dmitrjewna stirbt
-sanft bei vollem Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie
-im Geiste gesegnet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir
-Einblick haben, in welchem Dostojewsky über Marja
-Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr spricht, ist vom
-31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende
-Stelle lautet: &bdquo;Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer
-Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir
-über meinen verhängnisvollen Verlust, den Tod meines
-Schutzengels, Bruder Mischas (der Bruder war bald nach
-Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber Sie wissen
-nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat.
-Ein zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos
-liebte, meine Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr
-vorher übersiedelt war, an Tuberkulose gestorben. Ich
-bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen Winter
-1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April
-des vorigen Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein;
-und da sie von allen Abschied nahm, und aller
-gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden wollte, gedachte
-sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen
-Gruss, lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein
-gutes und freundliches Erinnern. O, mein Freund, sie hat
-mich grenzenlos geliebt, und auch ich liebte sie über die
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Massen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander. Ich
-werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen &mdash;
-jetzt sage ich nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass
-wir mit einander unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen,
-argwöhnischen und krankhaft-phantastischen Charakters
-wegen) &mdash; nicht aufhören konnten, einander zu
-lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr
-liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge,
-dennoch war es so. Sie war die ehrlichste, die edelste
-und grossherzigste aller Frauen, welche ich in meinem
-ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb &mdash; habe ich,
-obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick
-ihres Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und
-mit tiefem Schmerze empfand, was ich mit ihr begraben
-würde &mdash; da habe ich in keiner Weise die Vorstellung
-davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem
-Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie
-schüttete. Und nun ist schon ein Jahr vergangen, und
-dieses Gefühl schwächt sich nicht ab .... Da eilte ich,
-nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder &mdash;
-nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch
-er, nachdem er im ganzen einen Monat, und das ganz
-leicht, krank gewesen war, so dass die Krisis, welche
-dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei Tagen
-eintrat.
-</p>
-
-<p>
-Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es
-war mir geradezu furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben
-war in zwei Teile zerbrochen. In der einen Hälfte, die
-ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt hatte,
-und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles
-fremd, alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden
-ersetzen könnte. Es war mir buchstäblich nichts geblieben,
-wofür ich leben sollte. Neue Bande knüpfen, ein
-neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-mir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass
-ich sie durch niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der
-Welt geliebt, und dass eine neue Liebe zu fassen ganz
-unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich herum wurde
-kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten,
-so warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da
-wurde mir so traurig zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken
-kann. Aber nun hören Sie weiter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun
-Tagen wieder fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters
-unzerstörbare Lebenskraft wieder an der Arbeit, diesmal
-an der Ordnung der trostlosen Verhältnisse, in welchen
-der Bruder seine Familie zurückgelassen.
-</p>
-
-<p>
-Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters
-zurück, die noch vor seiner gänzlichen Befreiung aus
-Sibirien (1859) von Bedeutung waren. Das, was den
-Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten
-beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die
-Erlaubnis zu drucken, die Befreiung vom Militärdienst
-und endlich die Rückkehr nach Russland zu betreiben.
-Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach Petersburg
-gereist war, hofft er auf den General Totleben, den
-dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken.
-Er schreibt Wrangel eingehend und dringlich darüber und
-fügt hinzu: &bdquo;Sollte man nicht etwa das Gedicht beischliessen?&ldquo;
-Unter dem &bdquo;Gedicht&ldquo; ist eine Art Hymnus
-gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für
-die Sache der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges
-1854 verfasst hatte und welcher in den Archiven
-der &bdquo;Dritten Abteilung&ldquo; aufbewahrt worden war. Das
-Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben)
-erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin
-1883 im Druck. Es ist künstlerisch ganz unbedeutend
-und nur durch die Wärme und den Schwung bemerkenswert,
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen
-Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute
-durch den Spott interessant, den er über jene christlichen
-Nationen, namentlich die Franzosen ausgiesst, welche auf
-der Seite der Ungläubigen stehen. Die Hoffnung auf die
-Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in einer
-Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor
-die Thore Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom
-April 1856 erwähnt der Dichter eines Gedichtes zur Feier
-der Krönung Alexanders des Zweiten, des von ihm &bdquo;vergötterten
-Kaisers&ldquo;. Orest Miller berichtet, dass dieses
-Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter
-sei, als es die Gefühle nicht nur aller patriotischen
-Russen, sondern auch eines Teils der Gefährten Dostojewskys
-in der Affaire Petraschewskys ausdrücke. So viel Platz
-man nun den überschwänglichen Hoffnungen einräumen
-muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge
-Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft
-auf dem Throne nachfolgt, in den Herzen eines Volkes
-hervorruft, so viel neue Schwungkraft namentlich in Russland
-bei diesen Gelegenheiten in der Gesellschaft ausgelöst
-wird, so dürften doch diese Worte des allzu eifrigen
-Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht
-anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire,
-auch nur ein Teil von ihnen so hoch über dem
-Niveau von Verbitterung und Misstrauen gestanden und
-so gross und so frei, so liebe- und hoffnungsvoll auf die
-Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie Dostojewsky.
-Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die
-uns noch begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit,
-weil sie gerade jenem in unseren Augen schaden, den
-sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und mit einem Nimbus
-umgeben wollen, den er gar nicht braucht.
-</p>
-
-<p>
-Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichter
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-um diese Zeit schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt
-hinzu: &bdquo;ich möchte nicht ein Wort aus diesem Artikel
-hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen Patriotismus
-würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit
-einem Pamphlet zu beginnen&ldquo;. Er vernichtet also diesen
-Artikel, nimmt aber vieles davon in eine Schrift über die
-Kunst hinüber, die er, wie er sagt, zehn Jahre mit sich
-herumgetragen hat, nun niederschreibt und der Grossfürstin
-Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie
-widmet, da er meint, dadurch schneller die
-Druckerlaubnis zu erlangen. &bdquo;In manchen Kapiteln,&ldquo;
-sagt er, &bdquo;werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet
-enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des
-Christentums in der Kunst.&ldquo; Über die weiteren Schicksale
-dieses Artikels wissen die Herausgeber der Materialien
-nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles daraus
-in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky
-seinerzeit in seiner Zeitschrift &bdquo;Wremja&ldquo; als Polemik
-gegen den Kritiker Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir
-werden weiter unten bei der Besprechung seiner publizistischen
-Thätigkeit näher auf diese Kunstanschauungen eingehen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt
-ihn vor allem sein ganz persönliches Schicksal. Die Liebe
-zu Marja Dmitrjewna, welche durch gegenseitige Eifersucht
-seine Qualen und durch diese seine Krankheit steigert; die
-übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem Rivalen
-zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen
-Gnadengabe, sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz
-in einem Gymnasium zu verhelfen, &bdquo;ehe sie heiratet, weil
-sie nach der Vermählung (mit dem anderen natürlich)
-nichts bekommt;&ldquo; der heftige Wunsch, den Abschied zu
-erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien
-bleiben müsste &mdash; dies alles steigerte seine seelischen und
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-physischen Leiden auf das höchste. Am Schlusse seines
-Briefes vom 21. Juli sagt er: ... &bdquo;ich aber &mdash; bei Gott &mdash;
-ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen&ldquo; ....
-Dabei ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser,
-erwartet von da ausgehend (wie er denn immer ganz im
-Sinne der historischen Entwickelung seiner Heimat Reformen
-von oben für segensreicher und dauerhafter hält, als Revolutionen
-von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands.
-Der Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung
-für ihn berichtet, bringt ihn in Entzücken über diesen
-letzteren, er vergisst der eigenen Leiden und schwingt
-sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch
-wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung
-einer nahen, schöneren Zukunft. &bdquo;Mehr Glauben&ldquo; &mdash; ruft
-er aus &mdash; &bdquo;mehr Einigkeit ... und wenn noch Liebe
-dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend einer
-zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen,
-sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre
-mein Schicksal doch schon entschieden!&ldquo; Ein Handbillet
-ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober 1856 zum
-Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt.
-Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau
-lebenden Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden
-hatten, leihweise 600 Rubel aufnehmen, da er
-schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe, das
-er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten
-könne. &bdquo;Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,&ldquo;
-ruft er aus, &bdquo;und ich bin verloren, dann ist es besser,
-nicht zu leben!&ldquo; An anderer Stelle sagt er: &bdquo;Ich bin
-bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu
-schreiben, wenn auch <em>für immer</em>.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im
-Gefängnis <em>vor</em> Sibirien geschriebene Erzählung &bdquo;Ein kleiner Held&ldquo;,
-welche der Dichter damals &bdquo;eine Kindergeschichte&ldquo; genannt hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Diese &bdquo;Kindergeschichte&ldquo; hat der Dichter, wie wir wissen,
-in den Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben,
-&bdquo;wo man nur das Unschuldigste schreiben konnte&ldquo;. Dass er aber
-in der Zeit zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem
-Urteilsspruch &mdash; erst nach Schluss der Untersuchung wurden
-ihm nämlich Bücher und Schreibmaterialien zugesprochen &mdash;
-imstande war, nicht nur etwas so &bdquo;Unschuldiges&ldquo; zu schreiben,
-sondern ein Kunstwerk von so entzückender Anmut zu schaffen,
-dies ist, scheint uns, das allergrösste Zeugnis seiner Kraft und
-Seelengrösse. Aber auch noch etwas anderes finden wir in
-diesem Werke bekräftigt: Dostojewskys hohes künstlerisches
-Können, da wo ihn weder eine innere Ungeduld, noch eine
-äussere Not daran hinderte, an der feinen Ausführung des Kunstwerks
-so recht nach seinem Sinne zu meistern. Ganz und gar
-einheitlich ist die Schilderung des Erlebnisses durchgeführt.
-</p>
-
-<p>
-Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der
-Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem
-Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen
-Dame bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll
-ahnende Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die
-er halb unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal
-von der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren
-Cavaliere servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung
-gefasst hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen
-Blondine eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge
-der Freundin vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten
-decken will. In innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass
-etwas Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen,
-flieht der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst.
-Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner
-Thüre. Er schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich
-entfernen. Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und
-seinen Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt
-ihn ein ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner
-verzweifelten Betäubung. &bdquo;Ich erhob mich und trat ans Fenster.
-Der ganze Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen
-Dienern angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Reiter sassen schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den
-Equipagen Platz .... Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt
-geplant worden war und nun, nach und nach, drang eine
-Unruhe in mein Herz &mdash; ich spähte intensiv, ob mein Klepper
-auch im Hofe sei. Aber der Klepper war nicht da, also hatte
-man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus und im Nu war ich
-unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie meine jüngste
-Schmach vergessend ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und
-vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung,
-Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt:
-was wohl da unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche
-Unruhe, vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen!
-Wer erinnert sich nicht aus seinen Kindertagen, dass diese
-Schmerzen intensiver, leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle
-Schmerzen der reiferen Jahre?
-</p>
-
-<p>
-Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass &bdquo;alles seinen
-Herrn hat&ldquo; und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das
-niemand zu besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter,
-dem es vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu
-besteigen, und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige
-Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen
-Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet.
-Allein der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses
-eben in seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben
-erblickt und den &bdquo;weinerlichen&ldquo; Helden mit der Aufforderung
-neckt, doch sein Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl
-auch um vor den Augen seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück
-zu vollbringen, schwingt er sich, bleich und bebend, auf
-das Pferd, das nun mit ihm aus dem Hofthor jagt, ehe er noch
-im zweiten Steigbügel Fuss fassen konnte. Zum Glück für den
-kleinen Reiter stolpert das Tier an einem grossen Stein, macht
-Kehrt und wird endlich, von den Pferden der zu Hilfe eilenden
-übrigen Reiter bedrängt, die seine Zügel fassen, vor der Freitreppe
-zum Stehen gebracht. Man umringt den kleinen Helden,
-der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben wird, und bringt
-ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine erweist sich in
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-ihrer Zerknirschung als treue, zärtliche Pflegerin, und die
-traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen Blick herzlicher
-Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet.
-</p>
-
-<p>
-Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und
-streicht im Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle
-der Dichtung. Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene
-Zeuge eines schweren Abschiedes zwischen &bdquo;seiner&ldquo; Dame
-und einem Gaste, welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern
-verlassen hatte und nun mit ihr in einem stillen Boskett des
-Parkes zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann
-sich vom Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst,
-endlich seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss
-auf ihre Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes
-Päckchen ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen
-Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und
-verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht,
-findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine
-sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren,
-dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet
-wird, dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten
-Ausfahrt und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über
-ihr Befinden, da man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat
-sich indessen in einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das
-Päckchen, das er in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft
-in der Hand und ist in der peinlichsten Verlegenheit, da er es
-ihr übermitteln und doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem
-Geheimnisse zeigen will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt
-nur, dass sie an der Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen
-kleinen Gang durch den Park machen werde &mdash; in Begleitung
-ihres kleinen Ritters. Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof,
-und die Schöne tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre
-Wanderung an, des kleinen Ritters vergessend, der erfreut und
-gequält zugleich an ihrer Seite wandelt.
-</p>
-
-<p>
-Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen
-Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen
-könne. Sie nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer
-Gartenbank Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-Buches, während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen.
-Endlich hat der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft
-er ihr zu, er werde einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die
-Mäher den letzten Wiesenschmuck niedermähen. Er springt
-davon, um den Strauss zu pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs
-erscheint uns psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt
-der Erzählung zu sein, der nur durch den feinen und
-sinnreichen Schluss gekrönt wird. Der Knabe läuft vom Strauch
-zur Wiese, von der Wiese aufs Feld, vom Feld in den schattigen
-Hain, von der Freude am Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden
-echt kindhaft hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand
-vereinigt, ist an Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um
-den ihn jeder Gärtner beneiden könnte. Immer voller und dichter
-lässt er ihn werden, bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst
-und mit feinen Gräsern bindet und jetzt &mdash; lässt er
-klopfenden Herzens das Briefpäckchen in seine Mitte gleiten.
-Anfangs bleibt der Brief ganz sichtbar, mit jedem Stückchen
-Weges aber, um das sich der Knabe der Trauernden nähert,
-wird ihm ängstlicher zu Mute und stösst er das Päckchen tiefer
-in die bunte Hülle hinein, bis er &mdash; am Ziele angelangt &mdash; es
-ganz und gar darin vergraben hat. Nun überreicht er mit
-flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur zerstreut auf,
-dankt und legt den Strauss neben sich auf die Bank. Betrübt
-und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf das Gras,
-stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die Augen. Da
-kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt summend
-die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst endlich den
-Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene. Der
-Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen, auf
-und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald
-auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach
-dem Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst.
-Da fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden
-Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre
-Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst,
-und zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er
-&bdquo;erwacht&ldquo; mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchlein
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-über sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne
-zu decken und &mdash; er ist allein.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters
-folgt eine Pause in seinem Briefwechsel mit Wrangel,
-während welcher ein häufigerer Gedankenaustausch mit
-dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht unterbrochen
-war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a>, Briefe
-entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden
-worden sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858
-finden wir die Beziehung auf einen schweren Geldverlust
-des Bruders, wodurch es Theodor Michailowitsch doppelt
-peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an den
-Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er
-Beziehungen zu Katkow, dem Redakteur des &bdquo;Russkij
-Wjestnik&ldquo;, angeknüpft habe, welcher ihm einen Vorschuss
-von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem &bdquo;sehr gescheiten
-und liebenswürdigen Briefe&ldquo; gebeten habe, &bdquo;sich mit der
-Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin
-zu arbeiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich
-trägt, verschiebt er für seine Rückkehr nach Russland.
-In diesem Roman, sagt er, &bdquo;liegt eine ziemlich glückliche
-Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter Charakter.
-Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich
-in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt,
-nach der Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen
-alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen
-Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn
-ich nach Russland zurückkomme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-könne nur Raskolnikow gemeint sein, das Produkt jener
-Betrachtungen, welche der eben durch russische Nachrichten
-und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene Einblick
-in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt
-hätten. Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen &mdash; so
-findet Miller und wir müssen ihm vollkommen beistimmen
-&mdash; ist der Grundtypus dieses neuen russischen Charakters
-in den &bdquo;Memoiren eines Totenhauses&ldquo; an jener Stelle
-bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: &bdquo;Die Eigenschaften
-eines Scharfrichters finden sich im Keime fast bei
-jedem jungen Menschen unsrer Tage vor.<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a> Indessen&ldquo;, sagt
-der Dichter, &bdquo;schreibe ich zwei Erzählungen, welche eben
-nur erträglich sein werden.&ldquo; Weiter spricht sich Dostojewsky
-über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten
-erstaunt sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was
-sich uns beim Lesen aller seiner Werke aufdrängt, nämlich
-der Raschheit, Achtlosigkeit auf Detail, der Spontaneität,
-die sich überall darin fühlbar macht. Es ist eben immer
-wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl
-zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen
-3 und 4 Druckbogen anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht
-er dem Bruder, bekämpft dessen Ansicht, dass eine
-Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse. &bdquo;Ich
-schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir
-anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber
-bearbeite ich sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere
-mich zu mehreren Malen daran, nicht nur einmal (weil ich
-diese Scene liebe), und füge ihr mehrere Male etwas zu
-oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt
-alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist.
-Ohne sie, freilich, wird nichts daraus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen hat der Dichter die Erzählung &bdquo;Onkelchens
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Traum&ldquo; für das Journal &bdquo;Russkoje Slowo&ldquo; geschrieben,
-&bdquo;per Eilpost&ldquo;, wie er sagt, rein nur, um Geld zu bekommen,
-da er gelegentlich seiner Vermählung durch den Bruder
-500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen
-lassen. Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals
-erwähnte &bdquo;Dorf Stepantschikowo&ldquo;, für den Herbst.
-Diese beiden Erzählungen scheinen uns eine Art Interimsepoche
-in des Dichters Thätigkeit darzustellen. Zwischen
-das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens
-gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb
-beschleunigt, innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang
-mit der in Sibirien gewonnenen Vertiefung des Dichters,
-welche zu ihrer äusseren Gestaltung eben seine Gegenwart
-in Russland forderte, stehen sie eigentlich vereinzelt da;
-und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische
-Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys
-künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch
-weder zu jenen Werken des Dichters, welche in die Zeit
-des litterarischen Tastens und Spielens mit Humor und
-Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein
-Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln
-seiner Glutnatur verkünden und besiegeln.
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder
-einen Plan vor, wie seine bis dahin geschriebenen Werke
-in eine Ausgabe vereinigt werden könnten, um wieder
-einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem
-anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky
-100 Rubel für den Druckbogen erhielt, während Turgenjew
-damals schon 400 Rubel per Bogen gezahlt wurden. Uns
-interessiert hier nur seine Einreihung der Werke in zwei
-Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche
-uns zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber
-doch immer etwas sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren
-und Verlegern zu geben vermag. Bezeichnend ist
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-dabei die häufige Wiederkehr der absoluten Mutlosigkeit,
-die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich
-der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, &mdash; höchstens
-ins Wasser &mdash; oder &mdash; ich bin verloren usw. In diesem
-Briefe also heisst es: &bdquo;Höre, Mischa! Dieser Roman hat
-unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl den, dass
-er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin,
-ist, dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein
-bestes Werk ist.&ldquo; Dies meint der Dichter bei jedem eben
-vollendeten Werke und kommt erst spät von dieser Meinung
-zurück. &bdquo;Ich habe ihn zwei Jahre hindurch geschrieben
-(mit der Unterbrechung &bdquo;Onkelchens Traum&ldquo;), Anfang und
-Mitte sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben.
-Aber ich habe meine Seele, mein Fleisch und Blut da
-hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass ich mich darin
-ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird
-noch vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem
-Roman wenig Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches
-Element, wie z. B. im &bdquo;Adeligen Nest&ldquo;) &mdash;
-aber er enthält zwei ungemein typische Charaktere, die
-ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos
-(nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe &mdash; Charaktere,
-welche durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur
-noch schlecht dargestellt worden sind. Ich weiss nicht,
-ob Katkow das würdigen wird, aber wenn das Publikum
-meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich bekenne
-es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen
-und vor allem die Befestigung meines litterarischen
-Rufes gegründet. &mdash; Jetzt bedenke: der Roman erscheint
-heuer, vielleicht im September. Ich denke, dass, wenn
-man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von Kuschelew
-schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können.
-Es wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu
-thun haben, der nur &bdquo;Onkelchens Traum&ldquo; geschrieben hat.
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Freilich kann ich mich sehr über meinen Roman und seinen
-Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine Hoffnungen.
-Nun: wenn der Roman im &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; (Katkow)
-Erfolg hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich,
-anstatt die &bdquo;armen Leute&ldquo; gesondert herauszugeben, eine
-neue Idee: Wenn ich werde nach Twer gekommen sein
-(dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort
-angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht
-sich, mein Täubchen, du mein ewiger Helfer &mdash; zum Januar
-oder Februar des kommenden Jahres zwei Bändchen meiner
-Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1) erster Band:
-&bdquo;Arme Leute&ldquo;, &bdquo;Njetoschka Njezwanowa&ldquo; (die ersten 6
-Kapitel sind überarbeitet und haben allen gefallen), &bdquo;Helle
-Nächte&ldquo;, &bdquo;Kindergeschichte&ldquo; (die Erzählung, welche Dostojewsky
-im Gefängnis schrieb und später &bdquo;Ein kleiner Held&ldquo;
-nannte) und &bdquo;Christbaum und Hochzeit&ldquo;; alles in allem
-18 Druckbogen. Im zweiten Band: &bdquo;Das Dorf Stepantschikowo&ldquo;
-und &bdquo;Onkelchens Traum&ldquo;. Der zweite Band
-hat 24 Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten
-oder, besser gesagt, neugeschriebenen &bdquo;Doppelgänger&ldquo;
-und andre gesondert herausgeben. Das wäre der
-dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel
-kosten, nicht mehr. Man kann das Exemplar zu 3 Rubeln
-verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch 1½ Jahre
-einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf
-der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man
-kann es auch so machen: die Ausgabe an Kuschelew um
-3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber natürlich sich jetzt in
-keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den Erfolg
-des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung
-enthalten und dieser Erfolg wird alle Abmachungen
-erleichtern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-100 Rubeln, macht 1500 Rubel. Genommen habe ich von
-ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel des Romans
-eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten,
-also sind 700 Rubel herausgenommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür
-aber erhalte ich dann in der allernächsten Zeit von Katkow
-700 oder 800 Rubel. Das geht noch an, man kann sich
-wenigstens umdrehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext
-von Dostojewskys Briefen durch eine lange Reihe
-von Jahren und sind, so monoton diese Briefe dadurch
-auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für
-des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis,
-Klugheit und Optimismus, sowie die Umschläge seiner
-Stimmung von überschwänglichem Selbstgefühl zu vollständiger,
-kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel
-aus Twer datiert. Nach einer langen Pause, welche nicht
-verfehlt hat, im Dichter allerlei argwöhnische Vermutungen
-über die Treue des Freundes zu nähren, greift er mit alter
-Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über
-sein neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen
-durchaus nicht erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht
-an Semipalatinsk zurück denkt: &bdquo;Wenn Sie nach
-mir fragen&ldquo; &mdash; sagt er &mdash; &bdquo;was soll ich da antworten?
-Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe
-sie nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht
-zu Ende ist, und ich will nicht sterben. Meine Krankheit
-ist beim alten &mdash; nicht schlechter. Ich würde mich gerne
-mit Ärzten beraten &mdash; aber solange ich nicht nach Petersburg
-kann &mdash; werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit
-Dummköpfen herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen,
-und das ist schlimmer als Semipalatinsk &mdash; &mdash;
-düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei Bewegung, keinerlei
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Interessen &mdash; nicht einmal eine ordentliche Bibliothek ist
-da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich
-von hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst
-sonderbar: ich betrachte mich schon seit langem als vollkommen
-begnadigt; man hat mir auf persönlichen Befehl
-schon vor zwei Jahren den erblichen Adel zurückerstattet;
-bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles Gesuch
-(in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach
-Moskau hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich
-hätte vor zwei Monaten einreichen müssen, jetzt aber ist
-Fürst Dolgorukow abwesend.&ldquo; &mdash; &mdash; So plagt sich der
-Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum, fürchtet,
-wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet,
-den anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in
-Twer bleiben zu müssen, wo er in allem gelähmt ist.
-Endlich führt er die Idee aus, die er schon eine Zeit bei
-sich herumträgt, einen offenen Brief an den jungen Kaiser
-zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage darzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung
-des Grafen N. P. Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen
-III. Abteilung, samt dem oben erwähnten Gedicht den
-Herausgebern der &bdquo;Materialien&ldquo; mitgeteilt, sowie auch uns
-das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky,
-Gehilfen des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen
-Chef der ehemaligen III. Abteilung, Herrn von
-Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus diesem
-Schreiben die hervorragendsten Stellen.
-</p>
-
-<p>
-Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich
-Dostojewsky als &bdquo;ehemaliger Staatsverbrecher&ldquo; einführt,
-erzählt er in Kürze:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in
-Petersburg verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte
-entkleidet und nach Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Grades in die Festung auf vier Jahre mit der Bestimmung
-verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als Gemeiner
-in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854
-trat ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis
-von Omsk als Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon;
-im Jahre 1855 wurde ich zum Unteroffizier
-befördert und im darauf folgenden Jahre 1856
-wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät
-beglückt und zum Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben
-mir Euer Majestät den erblichen Adel zu erstatten geruht.
-Im selben Jahre habe ich infolge der Epilepsie, welche
-sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit eingestellt
-hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt,
-nach Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt
-nach Twer übersiedelt. Meine Krankheit nimmt fortwährend
-zu. Nach jedem Anfalle verliere ich sichtlich
-an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen
-Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist &mdash; Lähmung,
-Tod oder Wahnsinn.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das
-ich zu sorgen habe. Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe
-mir den Lebensunterhalt einzig und allein durch
-litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen
-Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei
-aber geben mir die Ärzte Hoffnung auf Genesung, die
-sie auf den Umstand gründen, dass meine Krankheit keine
-ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich
-ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg
-erlangen, wo sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit
-der Erforschung der Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer
-Majestät! In Ihrer Hand liegt mein ganzes Schicksal,
-meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach
-Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen.
-Erlösen Sie mich und schenken Sie mir die Möglichkeit,
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-mit der Herstellung meiner Gesundheit meiner Familie,
-vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem Vaterlande
-nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder
-ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über
-zehn Jahre getrennt bin; ihre brüderlichen Bemühungen
-um mich könnten dazu beitragen, meine schwere Lage zu
-erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen,
-kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein
-Tod meine Gattin und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche
-Hilfe zurücklassen. So lange noch ein Tropfen Gesundheit
-und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten, um sie zu
-sichern &mdash; allein über die Zukunft waltet Gott, und menschliche
-Hoffnungen sind unzuverlässig.
-</p>
-
-<p>
-Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche
-Majestät mir auch die zweite Bitte und geruhen Sie,
-mir eine ausserordentliche Gnade zu gewähren, indem Sie
-anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn Paul
-Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium
-aufnehme. Er ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs
-Alexander Issajew, welcher in Sibirien in der
-Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im Dienste Ihrer
-Kaiserlichen Majestät gestorben ist &mdash; einzig und allein
-darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden
-Lande unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und
-Sohn ohne jegliche Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber
-die Aufnahme Paul Issajews in ein Gymnasium unmöglich
-sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in eines
-der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde.
-Sie werden seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn
-täglich lehrt, um das Glück Euer Kaiserlichen Majestät
-und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie, Herr, sind
-wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte
-scheint. Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt,
-beglücken Sie auch eine arme Waise, seine Mutter
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-und einen unglücklichen Kranken, von dem der Bann bis
-heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist,
-sofort sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines
-Volkes, hinzugeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die
-Hoffnung aller nach dem Regierungsantritte des Zaren
-Alexander II. genommen hatte, von der Zuversicht auf
-die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die
-ihm das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben
-überschwänglicher Unterwürfigkeit, die im Munde eines
-Europäers nur servil wäre, im Munde eines echten Russen
-aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das
-vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche
-und Leiden dem &bdquo;Väterchen&ldquo; zu Füssen legt. Der einfach
-sachliche Ton, der in der Erzählung der Geschichte
-dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern und Begründen
-der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief
-als eine intime Mitteilung erscheinen, an die sich die
-Unterwürfigkeit des Schlusses und mancher Wendung ganz
-anders anschliesst, als dies etwa in einem europäischen
-Majestätsgesuch der Fall sein könnte.
-</p>
-
-<p>
-Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit
-durch des Dichters Ungeduld geworden ist, davon
-giebt ein Brief, der letzte, den er aus Twer an Wrangel
-richtet, ein deutliches Bild.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie schreiben,&ldquo; &mdash; heisst es darin &mdash; &bdquo;warum ich,
-da ich die Einwilligung Dolgorukows und Timaschews
-(des General-Adjutanten) zur Niederlassung in Petersburg
-habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das Elend, lieber
-Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt
-beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und
-jetzt wird schon Er entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur
-auf einige Zeit hinzufahren, da, wenn Dolgorukow damit
-einverstanden ist, dass ich endgiltig nach Petersburg übersiedle,
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in
-Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin
-komme. Ich hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen,
-und sprach davon mit dem Grafen Baranow (dem damaligen
-Gouverneur). Allein der hat mir davon abgeraten, da er
-fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir
-eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst
-gebeten, und ohne noch eine Antwort darauf erhalten
-zu haben. Sie müssen selbst zugeben, lieber Freund, dass
-ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es nicht gerne
-sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht abreisen.
-Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt
-(durch Adlerberg) und hat dabei gebeten, es in seinem
-Namen zu übergeben, folglich hat er als Gouverneur für
-mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits unzart,
-in aller Stille fortzufahren. &mdash; Und darum habe ich
-folgendes ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p>
-Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die
-Sache, ohne hier und dort anzustossen, schnell durchgeführt
-werden könne.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe
-Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls
-zur Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier
-nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben.
-Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der
-Dokumente, welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit
-den wichtigeren Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen.
-Dazu gehören: ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk
-an den Kaiser (15. April 1853), dass sich Durow und Dostojewsky
-in der Festung gut gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches
-Gedicht gelegentlich des Orientkrieges in den &bdquo;Petersburger
-Nachrichten&ldquo; veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854),
-die auf die besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg
-und des General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung
-Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335),
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-die Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel
-wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats
-(Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der
-Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge
-aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane
-Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender
-geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde
-(20. Oktober 1856 Nr. 6118).
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens
-noch sehr lange über Dostojewsky gewaltet zu haben, da
-sich seine Witwe erinnert, wie in seinen späten Lebensjahren
-irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer kleinen
-Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts
-davon gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin
-sein, dass ein dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es
-deren in Russland nur allzuviele giebt, diesen geheimen
-Schutz auf eigene Faust zum Besten Dostojewskys und
-des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte
-der in der &bdquo;Niva&ldquo; veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar
-an jene an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis
-zur Heimkehr besprechen. Er ist vom 12. November 1859
-datiert und wiederholt die Reihe seiner Bemühungen, die
-bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert
-ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich
-darin kundgiebt. Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine
-bis in das Detail des Lebens praktische Natur gewesen,
-allein er besass, wie die meisten genialen Menschen, eine
-Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse,
-der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die
-er allerdings in der Wirklichkeit nicht festzuhalten und
-auszuführen vermochte. Darüber spricht sich N. Strachow,
-der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe kannte,
-in seinem Beitrage zu den &bdquo;Materialien&ldquo; eingehend aus.
-&bdquo;Ich muss hauptsächlich darum in Petersburg sein, um
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-den Verkauf meiner Werke zu betreiben. Übrigens habe
-ich einen Plan im Kopfe &mdash; nämlich: die Sachen nicht um
-Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn
-das nötig sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in
-Moskau zu drucken. Sie geben kein Geld, sondern drucken
-die Werke und machen sich zuerst beim Verkauf bezahlt,
-mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies scheint
-mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu
-weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.)
-Ich würde es unbedingt so machen, wenn ich
-sofort nach meiner Ankunft in Petersburg Geld zum Leben
-hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky bekomme).<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a>
-Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da
-ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte
-nicht à la lettre und verkaufe die Sachen für Geld, wenn
-sich nur immer eine Gelegenheit dazu bietet. Diese
-Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg
-zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es
-wäre schon Zeit, zu drucken &mdash; sie vergeht und dabei
-gehen auch die Chancen des Gewinns verloren ....
-</p>
-
-<p>
-Aber &mdash; der Teufel hole das Geld! Dich möcht&rsquo; ich
-umarmen &mdash; das ist&rsquo;s! Könnt&rsquo; ich mich nur schon bald
-neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise sein. Es ist
-mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so
-sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht
-... Du ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas
-erwarten! Ein Monat! Ja, wird es nach einem Monat
-damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja vier
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung
-man für den Anfang 15-20000 Rubel brauchte.
-Mich regt das alles sehr auf, Bruder. Es ist, als wären
-gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht andre:
-weder Talent, noch Fähigkeiten &mdash; es werden aber Leute
-aus ihnen, sie hinterlassen ein Kapital. &mdash; Wir aber
-kämpfen, kämpfen, schlagen uns herum .... Ich bin zum
-Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr Geschick
-und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als ....
-Das ist ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden
-sie reich und wir sitzen auf dem Sande. Du, zum Beispiel,
-hast Dein Geschäft angefangen. Wie viele Mühe
-und was für Resultate?<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> Was hast Du verdient? Du
-musst noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon
-Du leben und Deine Kinder erziehen konntest. Dein
-Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in die Höhe,
-dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von
-Deinen Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken
-und das recht ernstlich. Wir müssen etwas wagen
-und irgend ein litterarisches Unternehmen ins Werk setzen
-&mdash; eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens werden wir
-darüber nachdenken und miteinander darüber reden. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen:
-13-14 Druckbogen ist sehr wenig, und ich
-erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber wie brauch&rsquo;
-ich&rsquo;s! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar
-noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr
-mich dies alles interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen
-1050 Rubel, folglich gebühren mir nach Abtragung meiner
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-Schuld an Dich (von 375 Rubel) &mdash; 175 Rubel, nicht
-125 Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als
-möglich zu erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort.
-Wer weiss, vielleicht entscheidet sich mein Schicksal;
-dann werde ich Geld brauchen, um von hier fortzukommen.
-Darum schicke es so schnell als möglich.
-</p>
-
-<p>
-Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und
-so bald als möglich.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Dostojewsky.
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Roman erscheint &mdash; teile mir sofort und
-bis ins Kleinste alles mit, was Du über ihn hören wirst,
-was für Meinungen geäussert werden, wenn überhaupt
-Meinungen da sein werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch
-erledigt. Das Original trägt in der Handschrift des Chefs
-der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow, den Bescheid:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs
-Issajews die nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky
-anbelangt, so ist seine Bitte schon nach dem
-Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<span class="line1">V.</span><br />
-<span class="line2">Petersburg.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier
-erleidet die Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere
-Unterbrechungen.
-</p>
-
-<p>
-Über den Empfang des Dichters in Petersburg und
-den Eindruck, den er auf die Freunde hervorgerufen,
-citiert O. Miller den Bericht A. P. Miljukows, den wir
-hier nachcitieren. &bdquo;Einmal&ldquo;, sagt Miljukow, &bdquo;kam Michael
-Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-zu mir, dass man entschieden habe, der Bruder
-dürfe in Petersburg leben, und dass er am nämlichen Tage
-ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof der Nikolaewsker
-Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren
-Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren.
-Den Abend brachten wir alle miteinander zu. Theodor
-Michailowitsch, so schien es mir, war physisch gar nicht
-verändert; sein Blick war sogar kühner als früher, und
-sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner gewöhnlichen
-Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran,
-wer von den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend
-zugegen gewesen ist, allein es ist mir im Gedächtnis geblieben,
-dass wir bei diesem ersten Beisammensein nur
-Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer
-Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir
-einander nahezu jede Woche.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu
-den Erlebnissen in Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow,
-dass er &bdquo;sich niemals über sein eigenes Schicksal beklagte
-... freilich&ldquo; &mdash; sagt er &mdash; &bdquo;auch von anderen
-zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit
-gehabt, heftige Klagen zu hören, allein bei diesen kam das
-von der, dem Russen angebornen, Eigenschaft, das Böse
-zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch vereinigte sich diese
-Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von Dankbarkeit
-gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit
-gegeben hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen
-Menschen, sondern auch zugleich sich selbst besser verstehen
-zu lernen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später
-durch den Mund des &bdquo;Idioten&ldquo;, den er mit vielem Eigenen
-ausgestattet hat, ausgesprochen: &bdquo;es schien mir, dass man
-auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden kann&ldquo;.
-&bdquo;Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise&ldquo; &mdash; fährt
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Miljukow fort &mdash; &bdquo;glichen jenen, die im Durowschen Kreise
-stattgefunden hatten, in vielem nicht mehr. Und konnte
-das anders sein? Es war, als hätten das westliche Europa
-und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die
-Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich
-fortreissenden humanitären Utopien in Rauch aufgegangen,
-und die Reaktion hatte überall den Sieg errungen; hier
-aber begann vieles zur Thatsache zu werden, wovon wir
-geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich Reformen,
-welche das russische Leben erneuerten und neue
-Hoffnungen keimen machten. Es ist natürlich, dass der
-ehemalige Pessimismus in unseren Unterhaltungen keinen
-Raum mehr fand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild
-der jungen, auf Alexander und seine Reformen gesetzten
-Hoffnungen sein mögen, scheinen als eine Reminiscenz
-an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der
-&bdquo;Russkaja Starina&ldquo; (Maiheft p. 35-36-40) publiziert
-worden zu sein und werden wohl von uns Westeuropäern
-trotz allen Beklagens der bei uns in Rauch aufgegangenen
-Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung
-über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden,
-die in irgend einer Epoche der russischen Zeitgeschichte
-für den &bdquo;Pessimismus keinen Raum mehr fand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter
-bald genug von den Beschwerden des Petersburger Lebens
-angewidert und schon anfangs 1860 ersehen wir aus kleinen
-Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass Petersburg
-im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche
-Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem
-Fragment eines Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau
-Sch., das nach des Dichters Tode ebenfalls in der
-&bdquo;Russkaja Starina&ldquo; (wohl auch durch Miljukow) mitgeteilt
-wurde: &bdquo;Wenn man nur auf acht Tage dieses hässliche
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-Petersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt
-unser Ausflug nach Moskau doch zustande.&ldquo; Nach seiner
-Rückkunft aus Moskau schreibt er: &bdquo;Da bin ich nun
-wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins Ladoga-Eis, in
-die Langweile zurückgekommen.&ldquo; .... Weiter heisst es:
-&bdquo;Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen
-Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld.
-Ich will was gutes schreiben, ich fühle, dass Poesie darin
-ist, ich weiss, dass von seinem Gelingen meine ganze
-schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei Monate lang
-wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen &mdash; (es
-handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller,
-um den grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman).
-Im selben Briefe treten die warmen Beziehungen zu Tage,
-welche Dostojewsky zu den litterarischen Versuchen der
-jungen Generation unterhält. &bdquo;Ich habe Krestowsky gesehen,&ldquo;
-schreibt er einmal, &bdquo;ich habe ihn sehr lieb. Er
-hat ein Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen.
-Wir haben ihm alle gesagt, dass dieses Gedicht
-etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir unter uns übereingekommen
-sind, die Wahrheit zu reden). Und nun?
-nicht im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler
-Junge. Er gefällt mir so sehr (immer mehr und mehr),
-dass ich ihm nächstens einmal beim Trinken das Du anbieten
-werde.&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und
-Wirken Dostojewskys, welcher mit der wichtigsten Wandlung
-in der Geschichte Russlands zusammenfällt, nämlich
-zum Heraustreten des Dichters in die Arena des politischen
-Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er
-sich seiner Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies
-gegen Ende des Jahres 1861, da er die Monatsschrift
-&bdquo;Wremja&ldquo; gründet, um darin seine Gedanken über die
-grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februar
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete.
-Diese Epoche ist uns Westländern nicht genug bekannt,
-um uns einen klaren Überblick der damaligen politisch-litterarischen
-Situation des Landes zu gewähren, ist aber
-so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil
-der Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir
-hier weiter ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern
-der &bdquo;Materialien&ldquo; das Wort lassen.
-</p>
-
-<p>
-N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die
-Besprechung der damaligen politischen Lage mit einer
-Präzisierung des Wortes &bdquo;Liberalismus&ldquo;, &bdquo;des russischen
-Liberalismus&ldquo;, der von den Westländern nicht richtig verstanden
-werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es:
-&bdquo;Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen,
-ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen
-Erläuterungen ein sehr grosser Wirrwarr in den Begriffen,
-welcher natürlich durch unsere Lehrmeisterin Europa unterhalten
-wird, und der wahre Sinn des Liberalismus ist fast
-gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der Liberale
-im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein
-muss, aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär,
-das wissen und begreifen wohl sehr wenige.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Einen solchen wirklichen Liberalismus,&ldquo; fährt Strachow
-fort &bdquo;bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein Lebensende,
-sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete
-Mensch bewahren soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als
-nach Strachows Meinung der russische Liberalismus.
-Strachow versteht unter &bdquo;Progressist&ldquo; nicht einen für den
-Fortschritt im allgemeinen Eintretenden, sondern vielmehr
-jene Gattung von Politikern, welche den Fortschritt der
-russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen Fortentwickelung
-auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten
-Anwendung der Lehren des Westens sahen
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-und anstrebten. Auch Dostojewsky hat sich, ohne ein
-&bdquo;Progressist&ldquo; zu sein, immer und überall für den Fortschritt
-eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er
-den müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: &bdquo;Ich
-wüsste wohl eine Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie
-nicht leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die
-einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen
-kleinen Bauernjungen lesen.&ldquo; &bdquo;Ich will hier&ldquo; &mdash; setzt der
-Berichterstatter fort &mdash; &bdquo;eines der wichtigsten Vorkommnisse
-jener Zeit erzählen, die sogenannte Studentengeschichte,
-welche sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte
-und den damaligen Zustand der Gesellschaft am
-vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten
-sicherlich verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich
-werde sie nicht berühren, sondern ihre äussere öffentliche
-Erscheinung schildern, welche sowohl für die Mehrzahl der
-Agierenden als auch der Zusehenden von der grössten
-Bedeutung war.
-</p>
-
-<p>
-Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte
-die Universität immer mehr und mehr von Leben und von
-Bewegung über, leider aber von einem solchen Leben, das
-die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die
-Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten
-eine Kasse, eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus,
-übten ein Richteramt über ihre Kameraden aus usw., aber
-alles dieses zerstreute sie und regte sie so sehr auf, dass
-die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und Gescheitesten
-unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab
-auch nicht wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung
-der Grenzen aller möglichen Dispense, und so entschloss
-sich die Studien-Obrigkeit endlich Massregeln zu ergreifen,
-um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um
-sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte
-sie sich einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte,
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-Kassen, Deputationen und Ähnliches verboten
-wurde. Der Befehl wurde im Sommer ausgegeben,
-und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität
-zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die
-Studenten dachten, sich zu widersetzen, beschlossen jedoch,
-es einzig und allein durch einen Widerstand zu thun,
-welchen die liberalen Grundsätze sanktionieren, d. h.
-durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie
-hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den
-Behörden soviel Arbeit und der Sache soviel Publicität
-als möglich zu schaffen. Sie brachten höchst künstlich
-den ausgiebigsten Skandal zustande, den man nur in Scene
-setzen kann.
-</p>
-
-<p>
-Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder
-dreimal bei Tage, auf offener Strasse in grossen Haufen
-fortzuführen. Zur grösseren Freude der Studenten setzte
-man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie unterwarfen
-sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem
-Urteilsspruch der Verschickung, welche für viele eine
-sehr schwere und langwährende wurde. Nachdem sie das
-gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu haben, was
-nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung
-ihrer Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die
-Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine
-schwere Strafe über sich ergehen lassen, gleichsam rein
-nur darum, weil sie von ihren Forderungen nicht abgewichen
-waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe
-in Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so
-führten die Studenten dieses liberal-juridische Drama zum
-Nutz und Frommen der übrigen Staatsbürger tadellos und
-mit wahrer Begeisterung durch. Es war durchaus kein
-Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse.
-</p>
-
-<p>
-Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist,
-dass sich damals Leute fanden, welche sehr wünschten,
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-diese Geschichte in einen Aufruhr umzuwandeln, dass man
-Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug, irgend
-eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine
-fatale Lage brächte usw. Revolutionäre Elemente waren
-in der Gesellschaft herangereift, allein diesmal bewahrte
-der Liberalismus seine Reinheit, und es war nur eine
-grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam eine
-Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten.
-Man hatte gestattet, dass die Eingeschlossenen
-besucht würden, und so kamen täglich sehr viele Besucher
-in die Festung. Auch von der Redaktion der &bdquo;Wremja&ldquo;
-ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael
-Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten
-und mit Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer
-Flasche roten Weines in die Festung gesandt. Als man
-endlich begann, jene Studenten, welche man als die Schuldigsten
-befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde
-und Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt
-hinaus. Die Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut
-und die Verschickten schauten zum grossen Teil wie
-Helden drein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen
-innehalten und über die Selbstverständlichkeit und Einfachheit
-staunen, mit welcher ein &bdquo;russischer Liberaler&ldquo;
-von Festungsstrafen und Verschickung junger Schwärmer
-spricht. Es tritt uns da förmlich eine &bdquo;erbliche Belastung&ldquo;
-mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch
-der liberalste Russe heute nicht frei sein kann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diese Geschichte&ldquo; &mdash; fährt Strachow fort &mdash; &bdquo;wickelte
-sich im selben Geiste weiter ab. Man schloss die Universität,
-um sie einer vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen.
-Da baten die Professoren um die Erlaubnis,
-öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese Erlaubnis
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess
-ihnen ihre Säle zu diesem Zwecke, und so wurden die
-Universitätskurse eröffnet. Alle Schritte für das Arrangement
-der Vorlesungen sowie die Sorge für die Aufrechthaltung
-der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und
-waren mit dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden
-und sehr stolz darauf. Allein ihre Gedanken waren nicht
-mit der Wissenschaft beschäftigt, um welche sie sich augenscheinlich
-so bemüht hatten, sondern mit etwas anderem,
-und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung
-dieser Rathaus-Universität war der bekannte &bdquo;litterarisch-musikalische&ldquo;
-Abend des 2. März 1862. Dieser Abend
-war mit der Absicht veranstaltet worden, gleichsam eine
-Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen Kräfte
-vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne
-war auf das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das
-Publikum war im selben Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste.
-Sogar die Musikstücke, mit welchen die
-litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den
-Frauen und Töchtern von Schriftstellern &bdquo;der guten Richtung&ldquo;
-ausgeführt. Theodor Michailowitsch war in der Zahl
-der Lesenden und seine Nichte in jener der Mitwirkenden.
-</p>
-
-<p>
-Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt
-wurde, sondern um die Ovationen, welche man den
-Vertretern fortschrittlicher Ideen brachte. Der Lärm und
-Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat mir später
-immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt
-war, den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht
-hatte, und zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution.
-Eine Episode dieses Abends bildete
-den Beginn des Verfalls und der Entzauberung unserer
-damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P.... las
-an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere
-das vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-worden war. Er las ihn ohne jede Abänderung, aber mit
-so ausdrucksvollen Intonationen und Gesten, dass ein
-durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es entstand
-ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich
-die Nachricht, dass der Professor arretiert und aus Petersburg
-fortgeschickt worden sei. Was war nun zu thun?
-In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel
-protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass
-die Entfernung eines Professors eine Bedrohung der übrigen
-Professoren in sich schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen
-nicht fortsetzen könnten, wenn sie nicht dadurch
-zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für schuldig
-erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen
-wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität
-zu schliessen und dadurch gegen jeglichen Zwang
-zu protestieren &mdash; ein bekanntlich sich fortwährend wiederholender
-Vorgang an den russischen Universitäten, etwas
-das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die
-Studenten setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von
-Betrübnis und Zorn erfüllt sein werde, wenn so plötzlich
-die Hauptquelle ihrer Aufklärung verstopft würde. Die
-Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten und
-sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder
-zweier von ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale
-machten. Endlich mischte sich die Obrigkeit hinein und
-machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den Professoren
-überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es
-zeigte sich gleich, dass der schlimme Plan die Gesellschaft
-aufzuregen und sie gegen die Obrigkeit aufzureizen
-vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich nicht,
-und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig.
-Die Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung,
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-dass der Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen
-wurde, der Ausdruck der allgemeinen Stimmung sei und
-dass es so leicht sein werde, das Publikum zu täuschen.
-In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben,
-dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung
-sei. Die Unterlage der Sache war allen gar zu
-durchsichtig, namentlich als zu gleicher Zeit eine Proklamation
-nach der andern auftauchte, deren erste hunderttausend
-Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt
-hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte,
-&bdquo;die Strassen mit Blutströmen zu begiessen und keinen
-Stein auf dem andern stehen zu lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie immer das nun gewesen sein möge, war die
-Obrigkeit, welche beständig bemüht gewesen war, den
-liberalen Charakter der Ereignisse zu wahren, in eine
-sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede
-liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung
-hervorruft, welche sich dieser Massregel zu ihren
-eigenen Zwecken bedient, welche durchaus nicht liberal,
-sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten fanden
-nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den
-polnischen Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man
-das Böse nicht dulden und seinem natürlichen Lauf nicht
-überlassen darf, wenn es so erschreckende Dimensionen
-angenommen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden
-Ausdruck des russischen ehrlichen Liberalkonservativen
-reinsten Wassers, nämlich jener Richtung des Liberalismus,
-der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern
-die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln
-für gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten
-einschränkt &mdash; eine Anschauung, über die sich streiten
-lässt, die aber gerade in den Konstellationen der russischen
-Parteistandpunkte besondere Beachtung verdient. Dass
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und
-berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus
-seinem ganzen Leben und Wirken klar geworden. Wie er
-sich speziell zur Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren
-wir aus den Mitteilungen O. Millers, welcher uns
-jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren und weniger
-doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders
-beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei
-Berichte so recht in die Stimmung und das Milieu der
-grossen Befreiungsepoche hineinversetzt. Natürlich haben
-wir es auch hier mit einem Vertreter der konservativ-liberalen
-Richtung zu thun.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der
-Parteien besprochen, welche aus sehr verschiedenen Gründen
-gegenüber der Aufhebung der Leibeigenschaft und ihren
-Folgen Stellung nahmen, und meint: &bdquo;man begann uns eindringlich
-das &sbquo;Sterben&lsquo; zu lehren &mdash; gerade dann, als man
-uns hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd,
-fest zu leben,&ldquo; &mdash; fährt er fort: &bdquo;das ist&rsquo;s, was ein Mensch
-bei uns antreffen musste, der aus Sibirien geschrieben
-hatte: &bdquo;Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe
-dazu kommt, so ist alles gethan.&ldquo; &bdquo;Das alles war den
-Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem
-revolutionären Radikalismus &mdash; sei es auch vom entgegengesetzten
-Ende &mdash; ging der Konservatismus sehr wohl
-zusammen, der &mdash; ganz ebenso revolutionär war, wie ihn
-J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt,
-dass jenem &sbquo;Nihilismus&lsquo;, dessen erste Formation sozusagen
-Turgenjew in der Person des Studenten mit burschikosem
-Unterfutter Bazarow aufgestellt hatte, derselbe Samarin
-ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen gestellt
-hatte. Das französische Sprichwort &bdquo;les extrêmes se
-touchent&ldquo; ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit
-geworden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig
-an jenem denkwürdigen litterarischen Lese-Abend gegenwärtig
-war, da der zur 1862 stattfindenden Feier des
-tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste Artikel
-vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der
-Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des
-Millenniums vollzogen und man hätte nun dieses, sollte
-man meinen, mit beruhigtem Gewissen und einem furchtlosen
-Blick in die Zukunft feiern können. Als der Lesende
-zum &bdquo;Wermutsbecher&ldquo; gekommen war, &bdquo;den das russische
-Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren
-müssen,&ldquo; sagte er: &bdquo;Zur Zeit der Thronbesteigung des
-heute glücklich regierenden Kaisers und Imperators lief
-der Becher über ...&ldquo; Man liess ihn nicht vollenden:
-&bdquo;dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen,
-welcher sich durch die Leibeigenschaft darin
-angehäuft hatten &mdash; man fasste seine Worte in einem
-durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie gesagt
-worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von
-Applaus und Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran,
-als wäre es heute, mit welchem wollüstigen Entzücken
-damals gerade die Repräsentanten des nicht verpönten
-Nihilismus applaudierten &mdash; dies war an den Dekorationen
-ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie
-sich in ihren &bdquo;heiligsten Gefühlen&ldquo; verletzt fühlten. Als
-nun der Vortragende zum Satze kam: &bdquo;Unsere Administratoren
-stehen am Rande eines Abgrundes,&ldquo; da floss der
-Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem
-Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen &mdash; obwohl, natürlich,
-jede der extremen Richtungen das Wort &sbquo;Administratoren&lsquo;
-in ihrer Weise verstand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an
-jenem Abende teilgenommen habe, findet aber den zehn
-Jahre später im Roman &bdquo;Die Besessenen&ldquo; beschriebenen
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-Leseabend den getreuen Spiegel der hier vorgefallenen
-Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem
-anderen Leseabend Teile aus den &bdquo;Memoiren aus einem
-Totenhause&ldquo; vorgelesen und das mit Absicht in einem
-Sinne und Geiste, welcher jenem der Einberufer entgegengesetzt
-war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler obzuwalten,
-der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem
-Berichte dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum
-betreffs der Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte.
-Die Erzählungen jener lärmenden Begebenheit selbst jedoch
-weichen, wie wir sehen, ziemlich von einander ab, und
-was wir Westländer daraus gewinnen können, ist vornehmlich
-der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte,
-wie sie in dem von politisch-litterarischem Leben
-so heftig pulsierenden Russland sogar innerhalb einer und
-derselben Partei möglich sind. Die Herausgeber der
-Materialien gehören beide der konservativ-liberalen Richtung
-an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei
-aller Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen,
-fast möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen,
-während O. Miller mit der feinen Anführung des
-&bdquo;Generals-Nihilismus&ldquo; dem eigenen Konservatismus gleichsam
-die Spitze abbricht.
-</p>
-
-<p>
-Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr
-grosse Rolle in der Geschichte der russischen Reformjahre
-spielt, ist wohl oft genug auch von der gegnerischen Seite
-aus besprochen worden. Einen längeren Artikel widmet
-ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen
-Jahren von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel
-zwischen Turgenjew, Kavelin und Herzen. Wir haben es
-aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und seinem Standpunkt
-zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe
-seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch
-die uns bekannten Ereignisse erfolgten, Enthebung des
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Professors von seinem Lehramte und der vorhergegangenen
-Einschliessung der Studenten waren im Publikum und
-namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen
-darüber entstanden; &bdquo;die Gefängnishaft&ldquo; &mdash; fährt Miller
-fort &mdash; &bdquo;hatte bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend
-nur erhöht, das sie antrieb, neue Vorschriften abzulehnen,
-indem sie sich von einem übrigens durchaus ernsten und
-edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener
-Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet
-waren, ein Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene
-jungen Leute des Zutritts zu höherer Bildung verlustig
-wurden, welchen die Mittel fehlten, diese Forderung zu
-erfüllen.&ldquo; Wer das nicht wusste, dem musste diese Auflehnung
-&bdquo;um irgend welcher Matrikel willen&ldquo; in der grossen
-Stunde der Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. &mdash;
-Das Volk wusste natürlich nicht, um was es sich handle
-&mdash; und urteilte: &bdquo;Die jungen Herrlein rebellieren, weil
-man uns die Freiheit gegeben hat.&ldquo; Zu Dostojewsky und
-seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse
-übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem
-&bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo; aus dem Jahre 1873 an,
-welche sich darauf bezieht und eine Antwort auf die Zumutung
-ist, als sei Dostojewskys phantastische Satire &bdquo;das
-Krokodil&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a> ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor
-des Romans &bdquo;Was thun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky&ldquo; &mdash;
-sagt Dostojewsky &mdash; &bdquo;bin ich im Jahre 1859, im ersten
-Jahre nach meiner Rückkunft aus Sibirien, zusammengetroffen;
-ich weiss nicht mehr, wo und wieso es geschah.
-</p>
-
-<p>
-Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-selten, sprachen miteinander, aber sehr wenig. Übrigens
-reichten wir einander jedesmal die Hand. Herzen hat
-mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen unangenehmen
-Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine Manieren.
-Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine
-Manier ganz wohl.
-</p>
-
-<p>
-Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre,
-auf der Klinke des Schlosses, eine der bemerkenswertesten
-Proklamationen, welche damals auftauchten; und
-es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die
-Aufschrift: &bdquo;An die junge Generation.&ldquo; Man kann sich
-nichts Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der
-Inhalt aufreizend in der lächerlichsten Form, welche
-nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen können, um
-sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu
-Mute und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt.
-Das war damals alles noch so neu und so nahe,
-dass es sogar noch schwer war, sich diese Leute gründlich
-anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht
-recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr
-ein so leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht
-von der damaligen Bewegung als einem Ganzen, sondern
-bloss von den Menschen. Was die Bewegung anbelangt,
-so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre historischen
-Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche
-ein ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer
-Geschichte ausfüllen wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint
-es, noch lange nicht zu Ende geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner
-Seele und meinem Herzen heraus weder mit diesen Leuten,
-noch mit dem Sinne ihrer Bewegung einverstanden war,
-&mdash; mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als schämte
-ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich
-schon drei Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-Erscheinungen zugesehen hatte &mdash; verblüffte mich doch
-diese Proklamation geradezu, erschien sie mir wie eine
-neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem
-Tage hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt.
-Plötzlich, noch ehe es Abend wurde, fiel es mir ein,
-Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals bis auf
-diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu
-ihm zu gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall
-gewesen&ldquo; ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?&ldquo; und ich zog
-die Proklamation aus der Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte
-Sache, und las sie durch. Es waren im Ganzen
-zehn Zeilen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &bdquo;Nun, was denn?&ldquo; fragte er mit einem leichten
-Lächeln.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &bdquo;Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein?
-Sollte es denn nicht möglich sein, ihnen Einhalt zu thun
-und dieser Abscheulichkeit ein Ende zu machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich:
-&mdash; &bdquo;Glauben Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch
-bin, und meinen Sie, dass ich imstande gewesen
-wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &bdquo;Das ist&rsquo;s eben, dass ich das nicht voraussetzte,&ldquo;
-&mdash; antwortete ich &mdash; &bdquo;und ich finde es sogar überflüssig,
-Ihnen das zu versichern. Allein auf jeden Fall ist es
-nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr Wort
-ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass
-sie Ihre Meinung fürchten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &bdquo;Ich kenne keinen von ihnen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &bdquo;Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist
-durchaus nicht nötig, sie zu kennen und persönlich mit
-ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur laut, wo immer,
-Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen gelangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-&mdash; &bdquo;Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben.
-Ja, und diese Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &bdquo;Dennoch aber schaden sie allen und allem&ldquo; ....
-</p>
-
-<p>
-.... &bdquo;Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken,
-dass ich vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky
-sprach und durchaus daran glaubte, wie ich
-auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern nicht
-&sbquo;solidarisch&lsquo; gewesen ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin
-enthaltene treffende Beurteilung der Kluft zwischen den
-russischen und polnischen Anschauungen, welche an die
-Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu bedeutungsvoll für
-die Beleuchtung der damaligen Situation und mit einigen
-Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen
-dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn aber nun eine solche Erscheinung&ldquo; &mdash; fährt
-Miller fort &mdash; &bdquo;zur Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre
-&bdquo;Nichtigkeit&ldquo; in ihrer Art komisch war, so kann man das
-natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von 1863
-sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass
-ich, als ich damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen
-Zeitungen Glauben schenkte, in dem, was sie über
-die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen verbreiteten.
-Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine
-vorurteilslose, &mdash; mehr als das, eine feierliche Stimme,
-wie man thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte,
-über unsere Bauern-Reform. Es war die Stimme eines
-Greises mit junger Seele &mdash; Jacob Grimms. Er erkannte
-vollkommen und begrüsste freudig mit seinem allumfassenden,
-menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte,
-&bdquo;riesenhafte Bewegung nach vorwärts&ldquo;. Und da musste
-diese Bewegung aufgehalten werden! &mdash; Und zur Befriedigung
-jener europäischen Majorität, welche nicht über
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-den edlen Geist eines Grimm verfügte, entspann sich
-gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen
-Terrorismus.
-</p>
-
-<p>
-Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr
-geringschätzig über die &bdquo;Nichtigkeit&ldquo; der Erscheinung
-aussprechen, hier konnte er nicht anders, als von einem
-entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten Dostojewsky
-bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die
-Edelsten unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht
-verzeihen. Wenn wir indes uns jenes Kapitels aus den
-&bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo; erinnern, wo von den
-politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir, dass
-der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern
-mit voller Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor
-Michailowitsch verletzte nur ihr hochmütiges &bdquo;je hais ces
-brigands&ldquo; im Verkehr mit den Sträflingen, in denen
-er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte.
-&mdash; Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung
-Dostojewsky erscheinen, ein Hohn auf die ganze russische
-Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier erharrt hatte,
-die polnische Rebellion, und das gerade in diesem gesegneten
-Augenblick, &mdash; eine Rebellion, der als armseliges,
-aber doch immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen
-mit den darauffolgenden &bdquo;dummen&ldquo;, aber immerhin
-&bdquo;unheilverkündenden&ldquo; Proklamationen dienten. Während
-unsre &bdquo;Herrlein&ldquo; gleichsam nur zufällig in den Augen des
-Volkes zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte
-man im polnischen Aufstand schon ganz ernsthaft den
-alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der von Verachtung
-gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen
-war es, und nicht das polnische Volk, das endlich vom
-selben russischen Kaiser mit Grund und Boden beteilt
-worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er hasste jenen
-traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren
-hatte. Diesen alten Geist Polens musste er hassen, wie
-ihn Proud&rsquo;hon hasste und viele von den Polen selbst
-hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften polnischen
-Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky
-verhasst als einem Socialisten &mdash; und ein Socialist
-im weiten, menschlichen Sinne dieses Wortes zu sein hat
-er niemals aufgehört.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Sache steht so, dass unsre &mdash; nicht nur
-&bdquo;Liberalen&ldquo;, sondern auch &bdquo;Socialisten&ldquo; bereit gewesen
-wären, den polnischen &bdquo;Pany&ldquo; die brüderliche Hand zu
-reichen &mdash; weil sie bei ihnen einen reichlichen Vorrat von
-Unzufriedenheit wahrnahmen &mdash;, und bei uns hatte sich
-damals schon jener Opportunismus entwickelt, welcher
-keinerlei unzufriedene Elemente verschmäht, worauf die
-Briefe Samarins an Herzen so deutlich hinweisen.
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky war niemals ein &bdquo;getreuer Unterthan&ldquo;
-der Revolution (wie sich Samarin in diesen Briefen an
-Herzen ausdrückt), darum aber war er auch niemals
-&bdquo;Opportunist&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von
-Glauben und Liebe zurückgekehrt, sowie mit dem heissen
-Verlangen nach Einigkeit bei der schöpferischen Thätigkeit
-zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit wachsender
-Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr hervortretenden
-Anzeichen einer negativen Thätigkeit im
-Dienste der Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich,
-dass er sich bei seiner Geradheit mehr und mehr Feinde
-machte. &mdash; In dieser Situation und unter diesen Umständen
-war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit wieder
-neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft
-aufgehoben wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder
-Michael Michailowitsch die Herausgabe der Zeitschrift
-&sbquo;Wremja&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-<span class="line1">VI.</span><br />
-<span class="line2">Publizistik.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>it der Gründung der Zeitschrift &bdquo;Wremja&ldquo; wird
-Dostojewskys tiefster Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem
-das Verkünden des &bdquo;wahren Christus&ldquo; vor allem andern
-als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem
-Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte
-erfüllen können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen,
-endlich direkt und unzweideutig und, wie er
-schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur Gewaltsamkeit
-&bdquo;seine Wahrheit&ldquo; verkünden zu können. Diese
-Epoche ist zu wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck
-in seinem ersten Exposé des Unternehmens zu bezeichnend,
-als dass wir es uns versagen dürften, jenen
-Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden
-später jede der drei Ankündigungen neuer Journalgründung,
-welche dieser ersten folgten, ins Auge fassen müssen, um
-uns daraus den Beweis zu holen, wie geschlossen und unerschütterlich
-einheitlich sein Streben, sich in einer Zeitschrift
-auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn
-auch oft genug wiederholt: &bdquo;ein Journal ist eine grosse
-Sache&ldquo;. &mdash; Zugleich holen wir uns, als Fremde, ein Bild
-jener Epoche der russischen Geschichte.
-</p>
-
-<p>
-N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener
-Zeitschrift, teilt uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den
-Brüdern Dostojewsky die Herausgabe einer voluminösen
-Monatsschrift geplant gewesen war, zu welcher sie eifrig
-nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th. Michailowitsch
-war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts,
-welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt
-gewesen (weit über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt)
-und forderte ihn infolgedessen zur Mitarbeit an der
-Monatsschrift auf. Auch Strachow findet die Ankündigung
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-so bezeichnend für Dostojewskys damaligen Ideengang,
-dass er sie wörtlich wiedergiebt.
-</p>
-
-<p>
-Sie lautet:
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-&bdquo;Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen<br />
-&bdquo;<em>Wremja</em>&ldquo; (Die Zeit),<br />
-eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden<br />
-von 25-30 Bogen grossen Formats.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es
-eigentlich für nötig erachten, ein neues, öffentliches Organ
-unserer Litteratur zu gründen, wollen wir einige Worte
-darüber sagen, wie wir unsere Zeit und namentlich den
-gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens
-verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist
-und die Richtung unserer Zeitschrift dienen.
-</p>
-
-<p>
-Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten
-und kritischen Zeitepoche. Wir werden jedoch
-zur Darlegung unserer Anschauung ausschliesslich auf jene
-neuen Ideen und Forderungen der russischen Gesellschaft
-hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben
-während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat.
-Wir werden nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen,
-welche in unserer Zeit ihren Anfang genommen
-hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und Anzeichen
-jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich
-friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu
-vollziehen, obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit
-allen wichtigsten Ereignissen, ja sogar der Reform
-Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist das Ineinanderfliessen
-der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen
-des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen
-russischen Nation mit allen Elementen unseres gegenwärtigen
-Lebens &mdash; einer Nation, welche sich schon vor
-170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und
-seit jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-hat, welcher abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles
-Leben lebte.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar
-ist deren Wichtigstes die Verbesserung der
-Lage unserer Bauern. Jetzt sind es nicht mehr tausende,
-jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche in das
-russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten
-Kräfte hineintragen und ihr neues Wort sagen werden.
-Kein Klassenhass zwischen Siegern und Besiegten, wie in
-Europa, darf der Entwickelung der künftigen Urelemente
-unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht Europa,
-und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte
-geben. Die Reform Peters des Grossen hat uns auch
-ohne das allzuviel gekostet: sie hat uns mit dem Volke
-entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie abgelehnt.
-Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung
-mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch
-mit seinen Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach
-seinem Mass berechnet und ihm nicht zeitgemäss. Es
-nannte sie &bdquo;deutsch&ldquo;, nannte die Nachfolger des grossen
-Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des
-Volkes von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern
-und Anführern zeigt, wie teuer uns das damalige
-neue Leben zu stehen kam. Allein &mdash; obwohl mit der
-Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr
-als einmal hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie
-mit ausserordentlichen, krampfhaften Bemühungen geäussert,
-weil es allein war und ihm das schwer wurde. Es wandelte
-im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem gesonderten
-Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine
-Lage hinein, versuchte es, sich selbst seine Anschauung
-zu verdeutlichen, zerfiel in geheime, schädliche Sekten,
-suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben, neue Formen.
-Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen,
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-nicht kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk
-beim Betreten jener neuen Bahnen gethan, welche es sich
-mit so vielen Beschwernissen aufgefunden hatte. Bei alledem
-aber nannte man es den Bewahrer der alten vorpeterschen
-Formen, des stumpfen Altgläubertums.
-</p>
-
-<p>
-Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne
-Führer und auf seine eigenen Kräfte allein angewiesen
-blieb, manchmal absonderlich, seine Versuche einer neuen
-Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in ihnen war
-eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher
-Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft.
-Nach der Reform hat es zwischen ihm und uns, den
-gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der Einigung
-gegeben &mdash; das Jahr 1812 &mdash; und wir haben gesehen,
-wie sich das Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals,
-<em>was</em> das Volk eigentlich sei. Das Elend liegt darin,
-dass es <em>uns</em> nicht kennt und nicht versteht.
-</p>
-
-<p>
-Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche
-Reform, welche sich ununterbrochen bis auf unsere Zeit
-fortgesetzt hat, ist endlich an ihre letzte Grenze angelangt.
-Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch?
-Es giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle,
-welche Peter den Grossen nachgeahmt haben, haben Europa
-kennen gelernt, sich europäischem Leben angeschlossen
-und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten
-wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum
-Europäismus; heute denken wir anders. Wir wissen heute,
-dass wir nicht Europäer sein können, dass wir nicht im
-stande sind, uns in eine der westländischen Formen hineinzuzwängen,
-welche Europa aus seinen eigenen nationalen,
-uns fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet
-und ausgelebt hat &mdash; geradeso wie wir etwa
-ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das nicht nach
-unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind,
-eine im höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass
-unsere Aufgabe ist &mdash; uns eine neue, uns eigene, heimische
-Form aufzubauen, eine Form, die wir unserer eigenen
-Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen
-entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen
-Boden zurückgekehrt. Wir leugnen unsere Vergangenheit
-nicht ab, wir anerkennen auch das Vernünftige darin.
-Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont erweitert,
-dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in
-der grossen Familie aller Völker kennen gelernt haben.
-</p>
-
-<p>
-Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer
-chinesischen Mauer von der Menschheit absondern werden.
-Wir ahnen, und ahnen mit ehrfürchtigem Sinn, dass der
-Charakter unserer künftigen Thätigkeit im höchsten Grade
-allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee
-vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche
-Europa mit solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit
-in seinen verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt;
-dass vielleicht alles Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung
-und fernere Entwickelung im russischen Volkstum
-finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle
-Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den
-Interessen eines jeden europäischen Volkes teilgenommen,
-den Sinn und die Vernunft von Erscheinungen verstanden,
-welche uns vollständig fremd waren; nicht vergebens haben
-wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die alle
-Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns
-darob gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit,
-ohne Vaterland geheissen, ohne zu bemerken, dass die
-Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang von seinem Boden loszureissen,
-um nüchterner und unparteiischer auf sich selbst
-zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke Eigentümlichkeit
-ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-dem Auge des Versöhners anzusehen, ist die höchste und
-edelste Gabe der Natur, welche nur sehr wenigen Nationalitäten
-verliehen ist. Die Angehörigen anderer Nationen
-haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht
-... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein
-neues Leben ein.
-</p>
-
-<p>
-Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue
-Leben ist die Versöhnung der Anhänger der Peterschen
-Reform mit jenen der Volksgrundlage unvermeidlich geworden.
-Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und
-nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber
-verhält sich unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir
-sprechen von der Aussöhnung der Zivilisation mit dem
-Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander endlich
-verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich
-zwischen ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft
-haben, aufklären und dann in Harmonie und Eintracht
-mit vereinten Kräften einen neuen breiten und ruhmvollen
-Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie
-kosten möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer,
-und das so schnell als möglich &mdash; das ist unser leitender
-Gedanke, das ist unsere Devise.
-</p>
-
-<p>
-Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem
-Volke? Wie macht man den ersten Schritt, um sich ihm
-zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge, die alle teilen
-sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die das
-Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück
-aber &mdash; ist unser Glück. Es versteht sich, dass der erste
-Schritt zur Erreichung jeglicher Übereinstimmung das
-Alphabet und die Bildung ist. Das Volk wird uns niemals
-verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden.
-Es giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem
-wir dies aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so
-lange es an den gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-zu thun, haben sie ihre Situation auszunützen, mit allen
-Kräften auszunützen. Kräftige, schleunige Verbreitung von
-Bildung, koste es was es wolle, das ist die Hauptaufgabe
-unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer
-Zeitschrift ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist
-ihrer künftigen Thätigkeit angedeutet. &mdash; Allein wir haben
-noch einen zweiten Grund, der uns veranlasst, ein neues,
-unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir haben
-schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter
-unserer Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige
-Abhängigkeit und Unterordnung gegenüber den litterarischen
-Autoritäten entwickelt hat. Es versteht sich, dass
-wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der Käuflichkeit
-anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu
-überall in dem europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und
-Tagesblätter, welche ihre Überzeugungen um Geld veräussern
-und ihre niederen Dienste, sowie ihre Herren mit
-anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die
-anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl,
-dass man seine Überzeugung verkaufen kann, wenn
-auch nicht um Geldeswert. Man kann sich zum Beispiel
-aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen,
-oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung
-mit den litterarischen Autoritäten willen, als
-Dummkopf ausgerufen zu werden. Die goldene Mittelmässigkeit
-zittert manchmal sogar ganz uneigennützig vor
-den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur
-festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen
-kühn, keck und frech ausgesprochen wurden. Manchmal
-verschafft nur diese Keckheit und Frechheit einem nicht
-dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu benutzen
-versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer
-Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss
-auf die Massen. Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast
-immer äusserst furchtsam, ungeachtet ihres augenscheinlichen
-Dünkels, und unterordnet sich willig: die Furchtsamkeit
-aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein
-in der Litteratur darf es keine Sklaverei geben.
-</p>
-
-<p>
-In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht,
-nach litterarischer Überlegenheit, nach einem litterarischen
-Range ist mancher sogar alte und angesehene Schriftsteller
-oftmals imstande, sich zu einer so unerwarteten und
-seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie unwillkürlich
-Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen
-hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen
-Anekdoten über die russische Litteratur der Hälfte des
-19. Jahrhunderts auf die Nachkommenden übergehen wird.
-Und solche Vorkommnisse ereignen sich immer öfter und
-öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten Einfluss
-aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht,
-daran zu rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch
-heute einige festgesetzte Ideen und Meinungen, welche
-nicht die geringste Selbständigkeit besitzen und doch als
-unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum,
-weil es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt
-haben. Die Kritik wird immer flacher und unbedeutender;
-in manchen Publikationen werden gewisse Schriftsteller
-ganz umgangen, weil man fürchtet, sich, über sie sprechend,
-zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens und
-nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus,
-welcher durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich
-ist, deckt mit Erfolg die Talentlosigkeit und wird in
-Pflicht genommen, um Subskribenten heranzulocken. Ein
-strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird immer
-seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist,
-der sich in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-Zeitschriften in vornehmlich kommerzielle Unternehmungen
-um, die Litteratur aber und ihr Nutzen treten in den
-Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal gedacht.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu
-gründen, welche, ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen
-Autoritäten, doch vollkommen unabhängig von
-ihnen sein, in freiester und aufrichtiger Weise auf alle
-litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen
-wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung
-für die russische Litteratur.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien
-oder Voreingenommenheiten hegen. Wir werden
-sogar bereit sein, unsere eigenen Irrtümer und Fehlschüsse
-einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden uns aber
-gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu
-rühmen. Wir werden auch der Polemik nicht aus dem
-Wege gehen und wir werden auch davor nicht zurückschrecken,
-die litterarischen Gänse manchmal zu reizen.
-Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt
-das Wetter an, wenn es auch nicht immer das Kapitol
-rettet. Eine besondere Aufmerksamkeit werden wir dem
-kritischen Teile unseres Blattes widmen. Nicht nur jedes
-bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte
-litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint,
-wird unbedingt in der unseren analysiert werden.
-Die Kritik darf also nicht verschwinden, rein nur, weil
-man beginnt die Bücher nicht separat, wie ehedem, sondern
-in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal
-&bdquo;Wremja&ldquo; alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige
-durch Schweigen umgehen wird, wenn es nicht
-geradezu schädlich ist, wird es alle halbwegs wichtigen
-litterarischen Kundgebungen verfolgen, die Aufmerksamkeit
-auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun positiver
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich
-Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten
-Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen,
-wo immer sie sich zeigen mögen. Erscheinungen
-des Lebens, umlaufende Meinungen, festgestellte Principien,
-welche aus allgemeinen und allzu persönlich passenden oder
-unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und
-ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der
-Kritik genau wie ein eben erschienenes Buch oder ein
-Zeitungsartikel. Unsere Zeitschrift spricht sich das unabänderliche
-Reckt zu, offen über jede litterarische und ehrenhafte,
-ehrliche Arbeit ihre Meinung auszusprechen. Der
-weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt ist,
-verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger
-dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals
-zu dem jetzt allgemein gebrauchten Kniff herablassen &mdash;
-einem bekannten Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente
-vorzureden, um das Recht zu haben, eine nicht
-ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen.
-Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht
-nach der Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen
-Ankündigung an Raum gebricht, auf alle Details unserer
-Publikation einzugehen, wollen wir nur sagen, dass unser,
-von der Obrigkeit bestätigtes, Programm ausserordentlich
-reichhaltig ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen,
-sowie die Ankündigung, dass die Mitarbeiter,
-entgegen dem alten Brauch, nicht genannt werden, und
-endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch Dostojewskys,
-da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873)
-unter polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur
-nicht officiell bestätigt werden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich
-nur in ihrer äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-finden wir schon die ganze, klare Richtung nach dem
-Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur
-Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen
-Partikularismen, und die ganze Hartnäckigkeit, diese
-Richtung einzuhalten und andere hineinzubringen.
-</p>
-
-<p>
-Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke
-Dostojewskys finden wir nun &bdquo;eine Reihe von Artikeln
-über die russische Litteratur&ldquo;, welche aus den Heften der
-&bdquo;Wremja&ldquo; und zwar vom Januar, Februar, Juli, August
-und November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft
-von Theodor Michailowitsch stammen, obgleich sie damals
-ohne Unterschrift erschienen waren. Die ersten derselben
-haben, nach Millers Meinung, einen grossen Teil jenes
-Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie
-wir wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna
-gewidmet gewesen und später verschwunden ist.
-</p>
-
-<p>
-Diese Artikel &bdquo;über die russische Litteratur&ldquo; sind
-durch zwei Momente für uns besonders interessant. Erstens
-und vor allem durch das Persönliche, das Verlebendigende,
-wenn man so sagen darf, das Dostojewsky hier wie überall,
-wo er es mit einer Sache ernst meint (und wo thut er
-das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick,
-welchen wir da in die Anschauungen der Russen über
-die Litteratur und ihre Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen
-sind uns durch die Jugendlichkeit ihres Ernstes
-zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht
-unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung,
-in die sich die Russen über litterarische Streitfragen
-stürzen. Allein es will uns bedünken, dass gerade in
-diesem jugendlichen Ernst, der heute, im neunzehnten
-Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens
-beste Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet,
-eine Mahnung liegt, von der litterarischen Spielerei zum
-Leben und zu seinen ernsten Forderungen zurückzukehren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden
-Betrachtung über die Art, wie die nach Russland
-kommenden Fremden Russland verstehen; der Deutsche, der
-Franzose, der Engländer, jeder in seiner Weise und jeder &mdash;
-falsch. &bdquo;Für Europa,&ldquo; heisst es da, &bdquo;ist Russland das Rätsel
-der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder das
-Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit,
-der russische Geist, sein Charakter und seine Richtung
-vom Westen erfasst werden wird. In dieser Beziehung
-ist sogar der Mond jetzt weit ausführlicher erforscht als
-Russland. Wenigstens weiss man entschieden, dass dort
-niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort
-Menschen leben und sogar russische Menschen &mdash;, aber
-was für Menschen, das ist bis heute noch ein Rätsel, obwohl
-die Europäer überzeugt sind, dass sie uns schon
-lange begriffen haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche
-nach Russland kommen. Er geht der Reihe nach die
-Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger und Raritätenschausteller
-durch und langt bei dem gebildeten und
-ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich
-ernstlich mit der russischen Litteratur beschäftigt, um
-schliesslich Cheraskows Russiade in das &mdash; Sanskrit zu
-übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der Franzose
-hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss
-alles, er versteht alles &mdash; auch ohne etwas zu lernen. Er
-hat sein Buch über Russland schon in Paris um gutes
-Geld verkauft und gönnt sich dafür die Reise von 28 Tagen,
-um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu beglücken
-und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt
-auch sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel
-&bdquo;Petroucha&ldquo;, &bdquo;welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das
-russische Leben getreu charakterisiert und 2. dass sie
-gleichzeitig auch das Leben auf den Sandwichinseln schildert
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man schon,
-dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken
-hat, welcher eine grosse Wendung in den Geschicken
-Russlands herbeigeführt hat, und jede Portiersfrau, der du
-in später Nachtstunde zurufst: &bdquo;Le cordon s&rsquo;il vous plaît&ldquo;,
-brummt schlaftrunken in sich hinein: &bdquo;Sieh mal, wäre in
-Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so
-wärest du heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris,
-au centre de la civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten
-in der Nacht aufwecken und aus vollem Halse &bdquo;le cordon
-s&rsquo;il vous plaît&ldquo; schreien.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt
-Dostojewsky auf den Standpunkt zu sprechen, den die
-Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache gegenüber einnehmen.
-Da ist es namentlich der vornehme, der an ausländische
-Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem &bdquo;dunklen
-Volke&ldquo; gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar
-bittet, ihm Wasser geben zu lassen, nur um nicht
-selbst ein russisches Wort an den Lakaien zu richten,
-welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er hundertmal
-lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf
-und daraus allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und
-Würden macht, das ihn ein- für allemal vom Volke trennt.
-</p>
-
-<p>
-Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande
-nichts zu thun finden, nach grossen Thaten ächzen, sich
-gegenseitig ihren Weltschmerz klagen und sich ihrer Nichtswürdigkeit
-anklagen: &bdquo;ach, Bruder, sieh, ein so gemeiner
-Schuft bin ich!&ldquo;, so wird jene Art Byrons daraus, welche
-sich wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche
-Welt hat klagen und weinen können, was eines Lords
-ganz unwürdig ist, während sie zum höheren Byronismus
-übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet hatte:
-ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu
-spielen und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-zu ziehen. Diesen Byrons ruft er zu: &bdquo;Ich habe eine
-Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht leisten wollen,
-sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die uns
-jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen
-lesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt
-Dostojewsky allmählich auf das Gebiet der Forderungen,
-die aus den Bedürfnissen oder vielmehr der Bedürftigkeit
-des Volks entstehen und für das Volk eintreten. Er tritt
-leidenschaftlich für die Volksbildung ein und widerlegt den
-Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz
-alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse
-füllen. Jawohl, antwortet er &mdash; weil diese Bildung
-oder eigentlich Halbbildung noch ein Privileg ist und
-Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit im Gefolge
-haben.
-</p>
-
-<p>
-So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme,
-ganz einfache Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes
-Russen, für sich und &bdquo;unsern Bruder&ldquo;, wie das hübsche
-Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch den Dichter
-so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach
-dem, was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort
-in den Mund gelegt, das nun eine stereotype Redensart ist,
-und das er bei den kleinsten Zwischenfällen unwillkürlich
-anwendet. Er sagt da nicht: &bdquo;was soll ich thun&ldquo;, sondern:
-&bdquo;wie habe ich zu sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aus der &bdquo;verfluchten Frage&ldquo; heraus: &bdquo;Wie soll mein
-Leben sein?&ldquo; ist eben das russische Leben, seine Kunst und
-Kritik einzig zu verstehen. Nun begreifen wir auch, warum
-die Russen Turgenjew trotz seiner hohen Künstlerschaft nicht
-zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur und ihre
-mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten.
-Das, was Schilderung, getreues Nachbilden
-russischen Lebens ist, was mit allen Künsten der Farbengebung,
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-der Licht- und Schattenverteilung, der &bdquo;Lasur&ldquo;,
-wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer
-entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend,
-so fein zubereitet, gerade genug, um &bdquo;anzuregen&ldquo;,
-ohne allzusehr wehe zu thun, das wird den Russen beleidigen,
-der von seinem Dichter vor allem Mitarbeit an seinem
-schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel
-deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers,
-Wandlung zum Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem
-er der hohen Kunst abgeschworen, die im Roman &bdquo;Krieg
-und Frieden&ldquo; ihren vollendetsten Ausdruck gefunden, heute,
-da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft,
-in Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören,
-heute erst rechnet er sich selbst zu den führenden Geistern
-seines Volks und wird von ihm dazu gezählt. Andere
-Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir in
-direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren
-Verlauf der &bdquo;litterarischen Artikel&ldquo;, da, wo der Dichter
-den Parteihader schlichten will, welcher zwischen Utilitaristen
-und Vertretern der &bdquo;Kunst als Selbstzweck&ldquo; entbrannt
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über
-belletristische Werke gehört wohl seine an Strachow gerichtete
-Kritik Tolstojs. Strachow hatte gesagt, dass
-Tolstojs &bdquo;Krieg und Frieden&ldquo; zu den vortrefflichsten
-Werken der gesamten russischen Litteratur gerechnet
-werden müsse, darauf Dostojewsky:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin,
-Lomonossow &mdash; das sind Genies. Mit dem &bdquo;Mohr Peters
-des Grossen&ldquo; und mit &bdquo;Bjelkin&ldquo; hervortreten, das heisst
-unbedingt mit einem genialen, neuen Wort auftauchen, das
-bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war.
-Allein mit &bdquo;Krieg und Frieden&ldquo; auftreten, das heisst nach
-diesem Worte kommen, das schon von Puschkin gesagt
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-worden war; und das in jedem Falle, wie hoch und weit
-auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor ihm schon
-durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen
-möge. Ich denke, das ist sehr wichtig usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs
-&bdquo;neues Wort&ldquo; das &bdquo;Gutsbesitzer-Wort&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a>, das allerdings
-bei Tolstoj unendlich bedeutender zum Ausdruck komme.
-</p>
-
-<p>
-Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky
-an vielen Orten gesagt, am feurigsten aber in
-seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen grossen Puschkinrede.
-Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken:
-&bdquo;Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit,
-&bdquo;Allmensch&ldquo; und nur dieser Allmensch vermag
-die Idee des lebendigen Christentums in sich zu tragen
-und sie zu verbreiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky
-die unvollendete Erzählung Puschkins &bdquo;Der Mohr Peters
-des Grossen&ldquo; und die &bdquo;Novellen Bjelkins&ldquo;, zwei Werke,
-die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher stellt,
-als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke.
-</p>
-
-<p>
-In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten
-Ausdruck der russischen Eigenart, wie sie in Peter dem
-Grossen, &bdquo;dessen Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt
-ist,&ldquo; ihren elementaren Ausbruch findet. Jene
-Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle Sprachen eigen
-zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen
-Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es
-seine bessere Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft,
-sich schuldig zu bekennen, alles dies, was ihn dem
-Europäer unverständlich macht, was dieser als Unpersönlichkeit
-an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-jener Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die
-Einigung der Menschen herbeiführt &mdash; im Gegensatz zu den
-immer komplizierteren Trennungen der europäischen Nationen,
-die wohl nicht &bdquo;in der Jeanne d&rsquo;Arc und den
-Kreuzzügen ihren Ursprung&ldquo; haben dürften und auch nicht
-durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift
-hiermit wieder die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts:
-Glauben oder Wissen, Gott oder Ich, die er ja in allen
-seinen Werken in tiefsinnige Probleme aufblättert. In
-einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit
-seinem letzten Romane nichts anderes will, als &bdquo;das Dasein
-Gottes beweisen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an,
-der dies synthetische Wesen des Russen erkannt und
-in sich gerade aus seiner westlichen und künstlerischen
-Kultur heraus verkörpert habe. &bdquo;Die kolossale Bedeutung
-Puschkins,&ldquo; sagt er, &bdquo;ersteht vor uns immer mehr und
-mehr ... Für alle Russen ist er der vollendetste künstlerische
-Ausdruck dessen, was eigentlich der russische
-Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und wie namentlich
-das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt
-Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation
-schon früh reif geworden ist, und dass seine Früchte
-nicht faule, sondern herrliche, goldene Früchte sind. Alles,
-was wir aus der Bekanntschaft mit den Europäern über
-uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt &mdash; alles,
-worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben
-wir uns erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten
-und harmonischsten Weise in Puschkin geoffenbart. Wir
-haben aus ihm herausverstanden, dass das russische Ideal
-All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit ist usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage
-über, welche seit Jahren die russischen Schriftsteller in
-streitende Parteien geschieden hatte, nämlich dem Kampf
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die Vertreter
-der reinen Kunst.
-</p>
-
-<p>
-Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur.
-In zwei prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen
-beweist er beiden Teilen ihre Berechtigung,
-sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die Blindheit, in
-der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der
-selbst ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der
-Hand in den Mund lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser
-Gattung verwerfen, selbst wenn es, wie bei Schtschedrin,
-durchaus künstlerisch hingestellt ist, und hält den Utilitaristen
-vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort verlangen,
-wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter
-verlangt. Es sind also die Menschen, welche Litteratur
-und Kunst treiben, nicht aber diese für ihre Wirkungen
-verantwortlich zu machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist
-es immer gewesen und, was die Hauptsache ist, wird es
-immer bleiben,&ldquo; sagt Dostojewsky da. &bdquo;Die Gesellschaft
-leidet oft an schweren Übeln und greift nach den Mitteln,
-die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr
-eine Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat
-sie es geleistet, so war es gewiss künstlerisch.&ldquo; Braucht
-aber die Zeit noch Anthologien, so möge sie nur noch
-danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die Freiheit
-der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw.
-</p>
-
-<p>
-Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der &bdquo;freien
-Eingebung&ldquo; aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit
-der Tendenz, Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes,
-antikisierende oder mittelalterliche Schrullen, wie
-auch Abwendung von der Gegenwart im allgemeinen,
-Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn.
-</p>
-
-<p>
-Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky
-folgendes drastische Beispiel an:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-&bdquo;Versetzen wir uns,&ldquo; sagt er da, &bdquo;in das 18. Jahrhundert,
-gerade an den Tag des Erdbebens von Lissabon.
-Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde, Häuser stürzen
-ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der Zurückbleibenden
-hat einen schweren Verlust erlitten &mdash; entweder Hab und
-Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute
-taumeln verzweifelnd in den Strassen umher, durch das
-Entsetzen ihrer Sinne beraubt. Zu dieser Zeit lebt in
-Lissabon irgend ein berühmter portugiesischer Dichter.
-Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer des
-Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure).
-Das Blatt, das in einem solchen Augenblicke erscheint,
-erregt sogar einiges Interesse in den Gemütern der unglücklichen
-Stadtbewohner, ungeachtet dessen, dass sie
-nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen; sie
-hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde,
-welches ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen,
-die spurlos zu Grunde Gegangenen Nachricht zu geben usw.
-Da &mdash; an irgend einer in die Augen springenden Stelle &mdash;
-erblicken sie etwas in folgender Art:<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Leises Flüstern, lindes Fächeln,</p>
- <p class="verse2">Nachtigallen-Trillersang,</p>
- <p class="verse">Silberleuchten, träumend Wiegen</p>
- <p class="verse2">All den klaren Bach entlang,</p>
- <p class="verse">Nächt&rsquo;ge Helle, nächt&rsquo;ge Schatten,</p>
- <p class="verse2">Unbegrenztes Dämmerlicht,</p>
- <p class="verse">Zaub&rsquo;risch wechselnde Bewegung</p>
- <p class="verse2">In der Liebsten Angesicht;</p>
- <p class="verse">Rosenglut im Wolkenschleier,</p>
- <p class="verse2">Wiederschein wie Bernsteinlicht,</p>
- <p class="verse">Küsse, Thränen, sanftes Feuer</p>
- <p class="verse2">Und &mdash; Morgenröte, Morgenlicht!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-&bdquo;Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons
-ihren Merkur aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren
-Poeten würden sie öffentlich auf dem Marktplatze justifizieren.
-Durchaus nicht darum, weil er ein Gedicht ohne
-Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt
-der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört
-hatte, und das &bdquo;Wiegen&ldquo; des Baches in einem Augenblicke
-solchen Wiegens der ganzen Stadt auftrat, dass die armen
-Leute nicht nur durchaus keine Lust verspürten, die
-&bdquo;Rosenglut im Wolkenschleier&ldquo; oder das &bdquo;Bernsteinlicht&ldquo;
-zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des
-Dichters allzu beleidigend und unbrüderlich erscheinen
-musste, der in einem solchen Augenblicke ihres Lebens so
-amüsante Dinge zu singen wusste. &mdash; Bemerken wir übrigens
-folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten
-ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle
-so erzürnte (sei&rsquo;s auch von Rosenglut und Bernsteinlicht),
-konnte doch seiner künstlerischen Vollendung nach herrlich
-sein. Ja noch mehr, den Dichter haben sie hingerichtet,
-aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm auf dem
-Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen
-Verse im allgemeinen und der &bdquo;Rosenglut&ldquo; im
-besonderen. Es zeigt sich, dass nicht die Kunst schuldig
-geworden ist an dem Tage des Erdbebens. Das Gedicht,
-für das sie den Dichter justifizierten, hatte möglicherweise
-als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen
-später Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief
-und sich als ein erquickender Tau auf die Seele der jungen
-Generation niedersenkte. Folglich war nicht die Kunst
-schuldig, sondern der Dichter, welcher die Kunst in einem
-Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an
-der Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre
-&mdash; &mdash; das war natürlich arg und ausserordentlich
-dumm seinerseits, aber immer war eben er schuldig und
-nicht die Kunst ist es gewesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks
-sehr am Herzen liegt, ja eigentlich sein Herzblatt
-ist, zeigt er uns auch auf andere Weise als durch das
-auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung.
-Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher
-Weise der Mangel an Kunst der besten Idee schaden
-könne, und dass die hohe künstlerische Vollendung, etwa
-der Iliade, auch nach Jahrtausenden niemals die Wirkung
-versage.
-</p>
-
-<p>
-Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung
-holt er sich ein sehr angesehenes Opfer, den
-bekannten und in jenen Tagen vielbewunderten Kritiker
-N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere Bogen seiner
-Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik.
-</p>
-
-<p>
-Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa
-den Leser in einen Raum führen, wo gegenüberstehende
-Spiegel eine endlose Reihe von Reflexen erzeugen. Wir
-halten uns aber an das, worauf es hier ankommt &mdash; das
-Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums
-zu fördern.
-</p>
-
-<p>
-Es handelt sich um die Erzählung &bdquo;Mascha&ldquo; der kleinrussischen
-Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem
-Pseudonym Marko Wowtschók zwei Bände Volkserzählungen
-im kleinrussischen und im grossrussischen Dialekt geschrieben
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-hat; Turgenjew hat die ersteren in das Grossrussische
-übersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzählungen
-hauptsächlich das so oft erörterte Verhältnis der Leibeigenen
-zu ihrer Herrschaft. &bdquo;Mascha&ldquo; ist ein junges Bauernmädchen,
-das sich auf alle Weise der ihr von der Gutsherrin
-auferlegten Arbeit widersetzt und nur &bdquo;frei&ldquo; arbeiten
-will. Schon in ihrer frühesten Kindheit hat sie immer
-nach den Gründen jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau
-nicht grüssen wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt.
-Später hat sie allen Vorstellungen ihrer Muhme,
-die sie und ihren Bruder als Waisen aufgezogen hatte,
-immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht für uns
-ein, wo ist unser Recht? Später will sie weder spinnen,
-noch im Garten jäten, und als ihr die Herrin einmal
-selbst die Sichel in die Hand drückt und sagt: &bdquo;Da,
-schneide das Gras hier&ldquo; &mdash; schneidet sie sich sofort in die
-Hand; die Gutsherrin, &bdquo;die noch obendrein nicht von der
-schlimmen Gattung, sondern liberal ist&ldquo;, verbindet dem
-Mädchen die blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche,
-das dieses aber zu Hause sofort zornig von der
-Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube wirft.
-Endlich geht das Mädchen nicht mehr am Tage aus der
-Hütte, damit man ihrer &bdquo;Krankheit&ldquo; Glauben schenke &mdash;
-wandert nur Nächte lang im Hausgärtchen umher, isst
-nicht, spricht nicht und &bdquo;schmilzt vor den Augen der
-Muhme zusammen&ldquo;. Da kommt eines Tages der Bruder
-heim und verkündet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen
-gestattet habe, sich freizukaufen. Das Mädchen stürzt
-sich mit einem Schrei dem Bruder zu Füssen: &bdquo;Kaufe
-uns los,&ldquo; schreit sie, &bdquo;verkaufe alles und kaufe uns los,
-ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen!&ldquo; Er verkauft
-alles, und die Heroine ist gerettet.
-</p>
-
-<p>
-Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik
-ans Licht, welche ein Kunstwerk darum preist, weil man
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-darin ganz gescheit über Selbstverständliches spreche,
-während es doch nichts unwahreres, puppenhafteres und
-weniger russisches geben könne, als dieses Bauernmädchen,
-das da über Freiheit und Menschenrechte deklamiere und
-&bdquo;unbewusst heroisch&ldquo; werde. Der Dichter greift nun
-diese unkünstlerische Art der polemischen Litteratur
-&mdash; &bdquo;womit Ihr Euch nur selbst schadet, meine Herren&ldquo; &mdash;
-auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen Nutzen
-eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er
-dem Autor (man wusste damals offenbar noch nicht, dass
-dies eine Frau sei) und dem Kritiker zuspricht, die unsterbliche
-Wirkung der Antike entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Hier kehrt Dostojewsky zu seinem früheren Ausspruch
-zurück, den er als Argument der Künstler gegen die Utilitaristen
-ins Feld geführt hatte. &bdquo;In der That,&ldquo; heisst
-es da, &bdquo;wenn man auch die Kunst nur von einem Standpunkte,
-dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja
-der normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst
-der Menschheit gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es
-wäre schwer, die ganze Masse von Nutzen zu berechnen,
-welche z. B. die Ilias oder der Apollo von Belvedere der
-Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge,
-die unserer Zeit offenbar durchaus nicht nötig sind. Seht,
-es hätte z. B. irgend einer, als er noch ein Jüngling war,
-in jenen Tagen, da noch &bdquo;des Daseins Bilder frisch und
-neu&ldquo;, einmal den Apollo von Belvedere angesehen, und
-das erhabene und unendlich schöne Bild des Gottes hätte
-sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprägt. Dies scheint
-ein leeres Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an
-der Statue erfreut und ist darauf fortgegangen. Allein
-dieses Sicherfreuen hat ja keine Ähnlichkeit mit der Bewunderung
-z. B. einer schönen Damentoilette! &bdquo;Dieser
-Marmor ist ja ein Gott&ldquo; &mdash; Ihr möget so viel Ihr wollt
-die Nase rümpfen, seine Gottheit nehmt Ihr ihm nicht.
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch ist nichts
-dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck,
-den der Jüngling empfing, ein heisser, einer, der die
-Nerven erschütterte, der die Haut kalt überrieselte; ja &mdash;
-wer weiss es denn! vielleicht geht im Menschen bei solchem
-Empfinden einer hohen Schönheit, bei solcher Nervenerschütterung
-irgend eine innere Veränderung, irgend ein
-Umsatz der Moleküle, irgend eine galvanische Strömung
-vor sich, welche in einer Sekunde das Vorhandene zu einem
-anderen, ein Stück Eisen zum Magnete macht. Es giebt
-freilich eine grosse Menge von Eindrücken auf der Welt,
-allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht
-wohl nicht spurlos vorüber. Nicht vergebens bleiben denn
-auch solche Eindrücke fürs Leben. Und, wer weiss: als
-dieser Jüngling etwa zwanzig, dreissig Jahre nachher, bei
-irgend einem grossen Ereignisse des öffentlichen Lebens,
-sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen
-und nicht nach der anderen Richtung hervorthat, kann es
-leicht sein, dass in der Masse der Ursachen, welche ihn
-veranlassten, so und nicht anders zu handeln, ihm ganz
-unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig
-Jahre vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen
-hatte usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die weiteren Aufsätze in der &bdquo;Wremja&ldquo; enthalten, wie
-gesagt, schon deutlicher die ersten Anklänge jenes Glaubensbekenntnisses,
-das Dostojewsky sein Leben lang erfüllte
-und das, wie wir wissen, in der Puschkin-Rede seinen
-scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand.
-</p>
-
-<p>
-Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brüder
-so leicht und so amüsant als möglich zu gestalten. Es
-lag ihnen, wie Strachow erläutert, damals ganz besonders
-daran, ihren national-politischen Überzeugungen, welche
-sich damals noch vom reinen Slavophilentum abtrennten,
-so rasch als möglich einen grossen Leserkreis zu verschaffen,
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-um allen etwaigen Missverständnissen in dieser
-Richtung von vornherein entgegenzutreten oder da, wo
-sich noch keine Meinung gebildet hatte, die ihrige einzusetzen.
-Einen breiten Boden aber konnten sie nur
-gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die
-weitesten Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane
-lesenden Publikums machten und Erzählungen brachten,
-wie: &bdquo;Johann Casanovas Flucht aus den Bleidächern
-Venedigs&ldquo;, &bdquo;Der Prozess Lassenare&ldquo; usw. Einer ihrer
-bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich
-namentlich durch die Schärfe und Tiefe seiner kritischen
-Studien einen Namen gemacht hatte, der aber nur von
-wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit dieser
-Führung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch
-Theodor Michailowitsch Feuilleton-Romane für die &bdquo;Wremja&ldquo;
-schrieb, dem Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er
-lasse den Bruder wie ein Postpferd für das Blatt arbeiten,
-was diesen sicherlich an seiner Gesundheit und an seinem
-Talent schädigen müsse.
-</p>
-
-<p>
-Einige Jahre später, im Jahre 1864, nimmt Theodor
-M. Dostojewsky diesen Streit auf und veröffentlicht in der
-später gegründeten &bdquo;Epoche&ldquo; eine Entkräftung dieser
-Anschuldigung, die wir hier vorbringen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erstens können die (angeführten) Worte Grigorjews
-auf keine Weise als Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt
-werden, welcher mich liebte, mich als Schriftsteller nur
-allzu parteiisch hochschätzte und sich über mir gewordene
-Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser
-edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd
-in seinem Journal zu verwenden. Offenbar handelt
-es sich in diesem Briefe Grigorjews um meinen Roman
-&bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo;, welcher damals im &bdquo;Wremja&ldquo;
-gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben
-habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-allein, ich ganz allein daran schuld. So habe ich mein
-ganzes Leben lang geschrieben, so &mdash; habe ich alles geschrieben,
-was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme
-der Erzählung &bdquo;Arme Leute&ldquo; und einiger Kapitel
-der &bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo;.&ldquo; (Wir müssen
-hier den &bdquo;Kleinen Held&ldquo; anfügen, von dem wir ja wissen,
-dass er in der Petersburger Festungshaft <em>vor</em> dem Todesurteil
-geschrieben wurde und aus diesem Umstand so &bdquo;unschuldig&ldquo;
-ausfiel.) &bdquo;Es hat sich in meinem litterarischen
-Leben sehr oft ereignet, dass der Anfang eines Kapitels
-von einem Roman oder einer Erzählung schon in der
-Druckerei und schon gesetzt war, während das Ende desselben
-noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis
-morgen geschrieben sein musste. Gewohnt so zu arbeiten,
-that ich das Gleiche mit den &bdquo;Erniedrigten und Beleidigten&ldquo;,
-allein durchaus ohne von irgend jemand dazu gedrängt
-worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegründete
-Zeitschrift, deren Erfolg mir über alles teuer war, brauchte
-einen Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an.
-Ich selbst versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan
-dazu schon lange in mir fertig sei (was nicht der Fall
-war), dass es mir leicht sein werde, zu schreiben, der
-erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht
-um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen
-ein, dass in meinem Roman viele Gliederpuppen statt
-Menschen vorkommen<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a>, dass wandelnde Bücher<a class="fnote" href="#footnote-18">[18]</a>
-finden sind und nicht Personen, welchen künstlerische
-Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und Ausprägung
-der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind).
-Zur Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer
-nicht, ahnte es höchstens. Allein, was ich wirklich
-wusste, als ich zu schreiben anfing, war dies: 1. dass,
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-wenn der Roman auch nicht gelingt, er Poesie haben
-würde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen
-darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere
-darin vollkommen wahr und sogar künstlerisch
-dargestellt sein werden. Mit dieser Überzeugung begnügte
-ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage, allein es
-sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich
-stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass
-ich mein ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich
-gebe zu, dass dies sehr schlecht ist aber ... Der Leser
-möge mir diese schöne Rede über mich selbst und meine
-&bdquo;hohe Begabung&ldquo; verzeihen, sei es nur mit Rücksicht
-darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst
-über meine Werke etwas gesagt habe<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-In der weiteren Ausführung der Differenzen der
-&bdquo;Wremja&ldquo; mit ihrem Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt
-Dostojewsky: &bdquo;Drittens ist es vollkommen wahr, dass sich
-in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres Bestandes
-Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen &mdash; nicht
-in der Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit.
-Auch in manchen Überzeugungen hat es Irrtümer gegeben.
-Allein die Richtung konnte sich nur mit den Jahren formulieren.
-Eine Richtung haben und sie klar und für
-alle verständlich formulieren können &mdash; ist zweierlei. Das
-letztere erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit,
-das Leben, und es steht in direkter Beziehung zur Entwickelung
-der Gesellschaft selbst. Eine abstrakte Formel
-ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat,
-der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszu<a id="corr-18"></a>sprechen. Fertige
-Formeln, die man der Routine entlehnt, namentlich solche
-älteren Datums, d. h. wenn schon alle einen gewissen
-Begriff von ihnen haben, gelingen weit besser, gefallen der
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-Gesellschaft weit mehr, als Überzeugungen, die ihr noch
-nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verständlich,
-die schon viel herumgetragen wurden. Wir sind
-aufrichtig bereit, unsere früheren Irrtümer einzugestehen,
-allein wir haben sie ja damals selbst nicht zu sehen vermocht,
-gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach
-unserer festen Überzeugung handelten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt
-der Dichter: &bdquo;Ich will noch eine letzte allgemeine Bemerkung
-machen. Von jenen prächtigen, historischen Briefen
-(11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen auch
-nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in
-welchen sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollständig
-einer der russischen Hamlets unserer Zeit (ein
-wirklicher Hamlet) zeichnet &mdash; von diesen herrlichen Briefen
-sage ich, kann auch heute nicht alles ohne Vorbehalt von
-der Redaktion der &bdquo;Epoche&ldquo; (die nach dem Auseinanderfallen
-der &bdquo;Wremja&ldquo; von Dostojewsky gegründete Monatsschrift,
-welche von Anfang 1864 bis incl. Februar 1865
-bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel, jeder litterarische
-Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies
-ist, scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen
-für einen wirklichen Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener
-und ein leidenschaftlicher Dichter, aber er
-war auch launenhaft und heftig wie ein leidenschaftlicher
-Dichter &mdash; &mdash; &mdash; Grigorjew war, wenn auch ein wirklicher
-Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet
-beginnt, und bei unseren modernen russischen Hamlets
-und Hamletchen aufhört, einer jener Hamlets, welche
-weniger doppellebig sind, als die übrigen, und auch weniger
-reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch,
-in vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwüchsiger und
-knorriger Mensch. Er war vielleicht, als Natur (nicht als
-Ideal genommen, das versteht sich von selbst), der russischeste
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-Mensch unter allen seinen Zeitgenossen. Daher
-kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch in
-einer allgemeinen Sache in so hohem Grade für organisch
-und unvermeidlich für die ganze Sache, von ihr für so
-untrennbar hielt, dass die geringste Nichtbeachtung dieses
-Ausbruches ihm manchmal schon als ein Zusammenbrechen
-der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im Leben
-weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand,
-ebenso bequem, wie jeder &bdquo;Held unserer Tage&ldquo;, mit der
-einen Hälfte seines Wesens sich zu grämen und zu quälen,
-mit der anderen Hälfte aber den Gram und die Qual der
-ersten Hälfte zu beobachten, zu erkennen und zu beschreiben,
-manchmal sogar in wunderschönen Versen mit
-Selbstvergötterung und einer gewissen Feinschmeckerei,
-so wurde er ganz und gar, durch und durch &mdash; in seinem
-ganzen Menschen, wenn ich so sagen darf &mdash; von seinem
-Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine
-Briefe geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin Kritiker und nicht Publizist&ldquo;, hat er mir
-mehrere Male, sogar kurze Zeit vor seinem Tode, als
-Antwort auf meine Bemerkungen, selbst gesagt. Allein
-jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne, als
-es die Pflicht eines jeden Kritikers ist &mdash; nicht nur feste
-Überzeugungen zu haben, sondern sie auch ausführen zu
-können. Dieses Vermögen aber, seine Überzeugungen auszuführen,
-ist die wesentlichste Eigenheit jedes Publizisten.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der
-Welt ruhig hätte verbleiben können; wenn er aber sein
-eigenes Journal gehabt hätte, so würde er es selbst fünf
-Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet haben
-usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie
-uns scheint, von einer Seite, welche der Leser seiner belletristischen
-Werke, sowie der Kenner seiner eigenen Lebensführung
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die, wenn
-auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist
-wohl nicht die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung
-Grigorjews bekundet, die wir ja an ihm, dem
-&bdquo;Realisten des Innern&ldquo; kennen, was uns hier frappiert,
-sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die
-Führung einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit
-welchem die Thätigkeit der Publizistik von Dostojewsky
-selbst, sowie von seiner Zeit und Umgebung betrachtet
-wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl
-seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche
-Fülle von Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen
-von eines Menschen innerster Wahrhaftigkeit.
-Wir begreifen danach sein Axiom: &bdquo;ein Journal
-ist eine grosse Sache&ldquo;. &mdash; Allein diese Anschauung und
-ihre Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz
-nicht nur zu Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den
-Slavophilen, welche sich um Aksakow gruppierten, sowie
-zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst nahmen
-und, durch die landläufige, journalistische Behandlung
-ernster Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, &bdquo;von
-der Hand in den Mund-Leben&ldquo; Dostojewskys weder für
-ihn noch für die gute Sache ein Heil finden konnten. Sie
-vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es sich
-hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu
-für den Hunger des Publikums. Es handelte sich darum,
-ein solches Publikum nicht aus den Augen und aus der
-Hand zu lassen und ihm immer wieder seine Ration
-Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky
-immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es
-nicht anders sein, als dass auch er sich etwas von der
-journalistisch gangbaren Litteratur abwandte, nachdem er
-sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861 energisch
-mit folgenden Sätzen vertreten: &bdquo;Man liest einen oder den
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich
-zum Schluss, dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt
-und auf uns schaut, wie auf ein fremdes Geschlecht, als wäret
-Ihr aus dem Monde zu uns herunter gekommen, als lebtet
-Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der gleichen
-Zeit, nicht das nämliche Leben! &mdash; Es ist, als machtet
-Ihr mit jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen
-unter dem Mikroskop an! Aber das ist ja Eure eigene,
-Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn so von
-oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr
-seid ja selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs
-gleichfalls vornehm vom Journalismus fernehielt, hatte
-Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow erzählt uns darüber
-folgendes: &bdquo;Ich trat erst später in die belletristische
-Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem wissenschaftlichen
-Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit
-scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen
-Hochmut entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei
-zu entgehen und bemühte mich, meine Artikel
-vollkommen auszuarbeiten. Diese Bestrebungen riefen gewöhnlich
-Theodor Michailowitschs Spott hervor: &bdquo;Sie sorgen
-immer für eine &sbquo;Vollständige Ausgabe&lsquo; Ihrer Werke&ldquo; &mdash;
-sagte er. &mdash; &bdquo;Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe
-erscheinen&ldquo;, antwortete ich. Allein ich wurde bald in die
-Litteratur hineingezogen und begann ihre Interessen mit
-grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Wie immer
-dies nun sein möge&ldquo;, fährt N. Strachow weiter fort, &bdquo;das
-Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist
-bekannt. Am Ende seiner Laufbahn, als er sich schon
-als vollständiger Slavophile bekannte, war er imstande,
-sich über unsere Intelligenz und ihre Bestrebungen fast
-mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als die
-gewesen, die ihn in den Blättern des &bdquo;Denj&ldquo; (Tag) so
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-sehr beleidigt hatte. Was aber seine Vorliebe für die
-feuilletonistische Form der Zeitschriften betrifft, so ist sie
-bei ihm niemals ganz verschwunden. Er zwang sich sogar
-manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein
-Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den
-Jahren jedoch wurde seine Art zu schreiben immer strenger;
-ja, auch früher schon konnte man in seinen Feuilletons
-nicht wenige Seiten finden, welche eine künstlerische
-Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die
-Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir begegnen also hier abermals einer von jenen
-Wandlungen tieferer Natur, welche so oft im Leben
-Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern verurteilt,
-von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt
-werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung
-nicht zutreffend, die Beschönigung überflüssig.
-Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es zu oberflächlich
-ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt
-einer ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz
-des Ausgangspunktes hinzustellen. Die Beschönigung aber
-ist überflüssig, weil Dostojewskys Wandlungen und Wendungen
-nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt
-werden dürfen, die man gemeinhin &bdquo;Festigkeit&ldquo;, &bdquo;Charakter&ldquo;
-nennt. Was ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen
-um ein unsichtbares Zentrum zu durchlaufen, war jene
-Kraft, die jedes Urphänomen in sich trägt und die meist
-erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern und
-Moralisten rückblickend begriffen wird. &mdash; Dostojewskys
-Lebensweise entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode,
-und es wäre schwer zu sagen, welche von der anderen
-bedingt war. &bdquo;Dostojewsky schrieb fast ausschliesslich
-bei Nacht&ldquo;, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine
-Witwe. &bdquo;Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben
-hatte, blieb er allein mit seinem Samovar, und während
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-er einen kühlen, nicht allzustarken Thee schlürfte, schrieb
-er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er stand um 2, auch
-3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem
-Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei
-Freunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich
-ein sehr unangenehmer. Er schildert in dem Roman &bdquo;Erniedrigte
-und Beleidigte&ldquo; seinen eigenen Zustand, wenn
-er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: &bdquo;Es
-ist mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir
-herumzutragen, darüber nachzusinnen, wie ich sie schreiben
-werde, als sie in der That niederzuschreiben, und doch
-war es nicht Faulheit. Was war es also?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strachow antwortet darauf sehr richtig: &bdquo;Es war die
-Überfülle geistigen Schaffens, die in ihm brodelte, für die
-das Niederschreiben eine Unterbrechung war&ldquo;. &bdquo;Dennoch
-phantasierte Theodor Michailowitsch oft davon&ldquo; &mdash; schliesst
-Strachow &mdash; &bdquo;was für wunderschöne Dinge er ausarbeiten
-könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens
-waren, wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner
-Werke in einem Zug ohne Umarbeitung entstanden &mdash;
-allerdings als Folge innerlich schon ausgetragener Ideen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell
-und materiell anspannenden Doppelthätigkeit des
-Schriftstellers und Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen
-Redakteurs andererseits, muss man sich den Dichter
-einer Krankheit unterworfen denken, die sich durch die
-Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens
-nur steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige
-Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess.
-Über die Art, wie seine Krankheit auftrat, hat er
-uns im &bdquo;Idiot&ldquo; eine genaue Schilderung gegeben. Sie ist
-sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was
-wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-epileptischen Anfalle gehört oder gesehen haben. Strachow
-erzählt uns als Augenzeuge eines solchen Anfalles darüber
-Folgendes:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr
-einmal im Monat &mdash; das war der gewöhnliche Verlauf.
-Allein manchmal, obwohl sehr selten, waren sie
-häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche
-vor. Im Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber
-auch infolge des günstigeren Klimas, kam es vor, dass
-vier Monate ohne einen Anfall vergingen. Er hatte immer
-ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies indessen auch
-täuschen. Im Roman &bdquo;Der Idiot&ldquo; ist eine ausführliche
-Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in
-solchem Falle durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal
-Zeuge, wie ein Anfall gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch
-überraschte. Es war wahrscheinlich im Jahre 1863,
-gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11 Uhr abends,
-zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch.
-Ich kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber
-ich weiss, dass es ein sehr wichtiges und abstraktes Thema
-war. Theodor Michailowitsch ging in gehobener Stimmung
-in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische. Er
-sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich
-seinem Gedanken mit einer Bemerkung zustimmte, wendete
-er mir sein begeistertes Gesicht zu, worin sich zeigte,
-dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht hatte.
-Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für
-seine Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich
-sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an, im Gefühle,
-dass er etwas Aussergewöhnliches sagen, dass ich eine
-Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem
-Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut,
-und er sank bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden.
-Der Anfall war diesmal nicht stark. Der ganze Körper
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-streckte sich nur krampfhaft aus und in den Mundwinkeln
-zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er
-zu sich, und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es
-nicht weit dahin war. Oft hatte mir Theodor Michailowitsch
-erzählt, dass er vor den Anfällen Minuten eines
-entzückten Zustandes habe. &bdquo;Für einige Augenblicke&ldquo; &mdash;
-sagt er &mdash; &bdquo;empfinde ich ein solches Glück, wie es in
-einem gewöhnlichen Zustande nicht möglich ist und wovon
-andere keine Vorstellung haben können. Ich fühle in mir
-und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses
-Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige
-Sekunden solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja
-meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die,
-dass er manchmal zufällig beim Fallen heftig an etwas
-stiess. Selten zeigte sich Röte im Gesicht, manchmal
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke
-das Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach
-vollkommen zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung
-war dann auch eine sehr gedrückte; er konnte seiner
-Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden. Der
-Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten
-darin, dass er sich als ein Verbrecher fühlte; es schien
-ihm, als drücke ihn eine unbekannte Schuld, eine grosse
-Missethat nieder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände
-zu überwinden, und trotz des geschwächten Gedächtnisses
-in wenigen Nächten zwei bis drei Druckbogen fertig zu
-stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft bedürfte,
-so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der
-Dichter nun, seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der
-Erfassung und Beleuchtung der brennenden Tagesfragen
-entfaltete.
-</p>
-
-<p>
-Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von
-1861 bis 1881, seinem Todesjahre, redigierten Zeitschriften
-folgen: die &bdquo;Wremja&ldquo; wurde, wie oben gesagt, im Jahre
-1861 gegründet und erschien vom Januar dieses Jahres
-bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflösung
-dieses Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen
-kommen. In dieser Monatsschrift erschienen, wie schon
-erwähnt, als Feuilleton-Roman &bdquo;Die Erniedrigten und Beleidigten&ldquo;,
-ferner eine Reihe von Artikeln über Kunst,
-wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864
-wurde die Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankündigung,
-die wir weiter unten zu bringen uns ebenfalls
-nicht versagen können. Diese Monatsschrift erschien auch
-nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen
-1865 und 1872 fällt ein langer Aufenthalt in Deutschland
-und Italien, der Tod des Bruders, Schuldenlast, böse
-Zeiten überhaupt, über die uns manche seiner Briefe betrübenden
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich übernimmt
-Dostojewsky die Redaktion des vom Fürsten
-Meschtschersky gegründeten &bdquo;Grashdanin&ldquo;, dessen Feuilleton
-er zumeist selbst unter dem Titel &bdquo;Tagebuch eines
-Schriftstellers&ldquo; besorgt. Später, im Jahre 1876, gründet
-er neben dem Grashdanin eine selbständige Monatsschrift
-unter dem gleichen Titel &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;,
-die zwei volle Jahrgänge 1876 und 1877 durchlaufen hat,
-wovon aber, offenbar aus Mangel an Subskribenten und
-Geld, später nur im August 1880 und im Januar 1881
-unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien.
-In der Gesamtausgabe seiner Werke sind die
-Aufsätze aus dem Grashdanin vom Jahre 1873, sowie die
-Jahrgänge von 1876 und 1877 in drei Bänden erschienen,
-wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren
-1880 und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der
-neuen Monatsschrift scheint gleich anfangs ein sehr grosser
-gewesen zu sein. Sie hatte im ersten Jahre 2300, im
-zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg dürfte
-dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche
-Kräfte wie Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser
-Grigorjew, Strachow und den Brüdern Dostojewsky an der
-Arbeit teilnahmen.
-</p>
-
-<p>
-Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der
-Belletristik geruht zu haben und Theodor Michailowitschs
-Bestrebungen im eigentlichen Bereich seiner volklich-religiösen
-Mission entweder nicht genug betont, oder vom
-Publikum nicht genug herausgefühlt und von den Slavophilen
-reinsten Wassers nicht anerkannt worden zu sein;
-sonst hätte unmöglich jenes Missverständnis entstehen
-können, das schliesslich zum Verbot der Monatsschrift
-und zu jenen Streitschriften führte, als deren eine ein
-Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im
-weiteren Verlauf unserer Aufzeichnungen Platz zu finden.
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-Die ganze Sache, welche so wichtige Folgen für das Blatt
-und die Verhältnisse der Brüder Dostojewsky haben sollte,
-entstand durch einen Artikel N. Strachows über den polnischen
-Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir müssen
-hier einiges über die ehrliche und freundschaftliche Beziehung
-vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow
-verband und später das volle Eintreten des Dichters für
-Strachows Arbeit zur Folge hatte, trotzdem er gleich anfangs
-eine gewisse litterarische Unzufriedenheit über dessen
-Abstraktheit und Unverständlichkeit dem Autor gegenüber
-angedeutet hatte. Was Strachow über ihre Beziehungen
-sagt ist bezeichnend: &bdquo;Unsere damalige Freundschaft&ldquo; &mdash;
-sagt er (Materialien p. 224) &mdash; &bdquo;war, obwohl sie vornehmlich
-einen intellektuellen Charakter hatte, damals
-doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der
-Menschen hängt von ihrer beiderseitigen Natur ab und
-überschreitet auch bei den günstigsten Bedingungen nicht
-ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht gleichsam eine
-Kreislinie um sich herum, über die hinweg er niemanden
-zulässt, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann.
-So fand unsere Annäherung ein Hindernis in unseren
-beiderseitigen seelischen Eigenschaften, wobei ich mir
-durchaus nicht den geringsten Teil dieses Hindernisses
-zusprechen will. Über Theodor Michailowitsch kamen
-manchmal Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er
-argwöhnisch: &bdquo;Strachow hat niemand, mit dem er reden
-könnte, darum hält er sich an mich.&ldquo; Diese vorübergehenden
-Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf unser
-gegenseitiges Verhältnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch
-einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich,
-wieder zur Besinnung gekommen, in einem unerträglichen
-seelischen Zustande. Alles reizte und schreckte ihn, und
-er litt unter der Gegenwart der allernächsten Freunde.
-Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-schicken &mdash; in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter,
-und so er erholte sich nach und nach.&ldquo; &bdquo;Indem ich mich
-daran erinnere&ldquo; &mdash; fährt Strachow fort &mdash; &bdquo;so erneuere
-ich in meinem Gedächtnisse einige meiner besten Empfindungen
-und denke, dass ich damals ein besserer Mensch
-war, als heute.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt
-annahmen, welche dem Blatte ein jähes Ende bereiten
-sollten, konnte Theodor Michailowitsch, dem die Ärzte
-eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das Redaktions-Bureau
-für einige Zeit verlassen. So finden wir ihn
-auf einem Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris,
-Köln, Düsseldorf, Mainz, Basel und Genf, wo er mit
-Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie gemeinsam
-nach Luzern, dann über den Mont-Cenis nach Turin und
-Genua, wo sie sich nach Livorno einschifften, um dann
-mittels Eisenbahn nach Florenz zu gelangen. Spuren
-dieser ersten Reise finden wir nur in einem Briefe an
-Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung für das
-Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen,
-ferner in den Aufzeichnungen Strachows und
-in einem Aufsatze des Dichters, worin er seiner Galle
-über Paris und die Franzosen Luft macht und der unter
-dem Titel: &bdquo;Winterliche Betrachtungen über sommerliche
-Eindrücke&ldquo; im dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten
-ist. In jenem Briefe drückt sich der Dichter, er,
-dessen Kenntnis europäischer Litteratur fast ausschliesslich
-aus französischen Quellen geschöpft war, der begeisterte
-Verehrer Balzacs und Jünger der George Sand,
-über die Franzosen in natura folgendermassen aus: &bdquo;Der
-Franzose ist still, ehrenhaft, höflich, aber falsch; und das
-Geld ist bei ihm alles.&ldquo; (In gallig-humoristischer Weise
-finden wir diese Beobachtung im oben erwähnten Aufsatz
-illustriert und müssen dabei der Romane Balzacs, dieses
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-umfassenden Genies und tiefen Menschenkenners denken,
-wo die Tugend zuletzt doch zu ihren 40-50000 Frs. Rente
-kommt.) &bdquo;Ideale keine. Nicht nur Überzeugungen, sondern
-Überlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau
-der allgemeinen Bildung ist äusserst niedrig. (Ich spreche
-hier nicht von den beeideten Gelehrten. Aber auch diese
-sind nicht zahlreich, und übrigens ist dann Gelehrtheit
-auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt sind, dieses
-Wort zu verstehen?)&ldquo; &mdash; Weiter fährt er fort: &bdquo;Noch
-eins, mein Täubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier
-die Seele von Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, beängstigendes
-Gefühl.&ldquo; &mdash; &bdquo;Freilich &mdash; fährt er fort &mdash; war
-mir im Auslande bis heute alles ungünstig; schlechtes
-Wetter und das, dass ich noch immer im Norden Europas
-herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den
-Rhein gesehen habe. (Nikolaj <a id="corr-22"></a>Nikolajewitsch, das ist
-wirklich ein Wunder!) Was dann weiter sein wird, wenn
-ich von den Alpen in die Ebene Italiens niedersteige? &mdash;
-Ach! wären wir doch beisammen! Wir sehen Neapel,
-spazieren in Rom herum &mdash; liebkosen gar eine junge Venetianerin
-in der Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?).
-Aber .... &bdquo;nichts, nichts und Schweigen&ldquo;, wie im gleichen
-Fall Poprischtschin sagt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt,
-welcher er sich von Genf aus angeschlossen, ist nicht sehr
-viel. Er erwähnt Dostojewskys Zusammenkunft mit Herzen
-in London, worüber der Dichter selbst im Feuilleton des
-Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser
-habe sich Herzen gegenüber sehr &bdquo;weich&ldquo; verhalten, so
-dass die &bdquo;winterlichen Betrachtungen&ldquo; ein wenig unter
-dem Zeichen dieses Einflusses ständen. Später aber, in
-den folgenden Jahren, habe Dostojewsky oft seinen Unwillen
-darüber geäussert, dass Herzen nicht imstande sei,
-den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. &bdquo;Der Aufklärungshochmut,
-die verachtende Geringschätzung Herzens
-empörten Dostojewsky, der sie sogar in Gribojedow, dem
-Verfasser des Stückes: &bdquo;Wehe dem Gescheidten&ldquo;, gerade
-so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen
-Denunzianten.&ldquo; Was Strachow über ihr Zusammensein
-in Italien erzählt, bestätigt nur, was wir aus des
-Dichters späteren Dresdener Briefen erfahren, nämlich,
-dass er nicht nur die gewöhnliche, &bdquo;offizielle Art, verschiedene
-<a id="corr-23"></a>merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen,
-verachtete,&ldquo; sondern sich überhaupt weder um
-die Natur noch um die Kunstschätze eines Ortes kümmerte,
-sondern immer nur dahin ging, wo es am lebhaftesten war
-und möglichst viele Menschen aller Kategorien und Klassen
-zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die
-Uffizien gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten
-Plan vorgingen, der sie schnell zu den Meisterwerken
-geführt hätte, so war Theodor Michailowitsch schon
-sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort gingen, ohne
-bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren
-ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und
-ihrer Umgebung, obwohl sie auch hier nicht bis zu den
-Cascinen kamen, sehr erfreulich, sowie ihre Nachtgespräche
-bei einem Glase roten Nostranos.
-</p>
-
-<p>
-Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow
-anfangs des Jahres 1863 im &bdquo;Wremja&ldquo; veröffentlichte, erschien
-unter dem Titel &bdquo;Eine verhängnisvolle Frage&ldquo; und
-behandelte den polnischen Aufstand, ein Ereignis, über
-welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme
-jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt
-war, ohne dass irgend ein Blatt noch das Wort darüber
-ergriffen hätte. Es waren allerdings schon vor dem Aufstande
-Stimmen darüber laut geworden, dass Russland
-Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-es wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu
-geben. Allein seit Beginn des Aufstandes schwieg Alles.
-In diese Spannung hinein kam Strachows Artikel, der
-unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass er von
-allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden
-ihn als einen Abfall von der russischen Sache des
-Volkes; die Regierung in ihrem Fühlorgan der Zensur
-sah eine Parteinahme für die Polen gegen die Obrigkeit
-darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass
-die Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den
-Ihren zählten, den Artikel abdruckten, sowie ihn auch die
-Revue des deux mondes brachte: das Missverständnis lag
-darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen hervorhob,
-die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen
-und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur
-eine ewig edelmännische, volksfeindliche gewesen sei und
-es bleiben werde und müsse, hatte der Autor so theoretisch
-und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es verstanden,
-den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden,
-der darin lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer
-unüberbrückbar zwischen diesem Volke ritterlicher Vergangenheit
-und jenem gähnt, dessen ganze Entwickelung
-auf den Elementen des Volkslebens sich langsam
-aufbaut.
-</p>
-
-<p>
-In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow
-unter anderem: &bdquo;Der polnische Aristokratismus ist an und
-für sich sowohl, als auch im Verhältnis zu den russischen
-Provinzen für jeden Russen etwas Widerwärtiges. Ja, er
-ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde gerichtet
-hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus
-entwickelt und erhält sich noch heute durch eine alte
-Aneignung europäischer Kultur. Daraus geht hervor, dass
-das Böse auch in einer so guten Sache enthalten sein
-kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, aber seine
-seelische Gesundheit zu bewahren und nicht in jenen hoffnungslosen
-Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen zu
-geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem
-Sinne hatte ich meinen Artikel &bdquo;Eine verhängnisvolle
-Frage&ldquo; betitelt. Ich war bereit gradaus zu sagen, dass
-für die Polen keine Rettung mehr möglich sei, dass die
-Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe.
-</p>
-
-<p>
-Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar
-ausgedrückt, es stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen
-und wurde verkehrt aufgefasst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr
-zufrieden gewesen, was Strachow anfangs verletzte. Als
-aber in der Folge das Blatt von allen Seiten angefeindet
-und endlich auch durch die Zensur verboten wurde, da
-war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr persönlichen
-Replik gegen die &bdquo;Moskauer Wjedomosti&ldquo; dafür
-eintrat. Er sagte unter anderem: &bdquo;Ja, was haben wir
-denn die ganzen drei Jahre her in unserer Zeitschrift gepredigt?
-Eben dies, dass unsere (heutige russische) von
-Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie
-mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft,
-dem russischen Volke nicht passt; dass dies heisst, einen
-Erwachsenen in ein Kindergewand zwängen, endlich, dass
-wir unsere Elemente, unsere Grundlagen, unsere nationalen
-Grundlagen haben, welche Selbständigkeit und Selbstentwickelung
-verlangen; dass die russische Erde ihr neues
-Wort sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal
-das neue Wort der allgemein menschlichen Zivilisation
-sein und die Zivilisation der ganzen slavischen Welt in
-sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen
-unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale
-der Scholle sehen können, während in jener Europas
-die Merkmale des Aristokratismus und Exklusivismus zu
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir, d. h.
-alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von
-unserem Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren
-haben, so sehr, dass wir an unsere eigene russische
-Kraft, an unsere Eigenart nicht glauben und uns wie
-Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub
-niederwerfen, über das Wort &bdquo;nationale Grundlagen&ldquo;
-lachen und es als einen Rückschritt, einen Mystizismus
-betrachten.&ldquo; &bdquo;So haben wir denn in unserem Artikel auf
-das hingewiesen &mdash; was Sie (der Gegner) auch im Traum
-nicht wagen würden &mdash; auf das, was auch der Kaiser
-Alexander der Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher
-eben aus Achtung für die polnische Zivilisation den
-Polen höhere Einrichtungen gab, als den Russen, die
-er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als
-jene ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen
-und Bestrebungen vollkommen entsprechend, jedoch, wie
-es scheint, war er blind für das, was das Blatt <em>thatsächlich</em>
-an politisch-nationaler Mission in diesen drei
-Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst
-sagt, der belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher
-gewesen, als der politische, der eigentlich noch
-nicht in dem Fahrwasser gewesen sein muss, wie wir es
-bei den später von Dostojewsky redigierten Zeitschriften
-sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt,
-den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow
-machte und welchen dieser in kurzem Auszuge bringt:
-Aksakow schreibt 6. Juli 1863: &bdquo;... Sie berufen sich
-vergebens auf die &bdquo;Richtung&ldquo; der &bdquo;Wremja&ldquo;. Obgleich sie
-fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe,
-hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die
-Bedeutung eines guten belletristischen Journals gehabt,
-das reiner und ehrenhafter war als andere, aber ihre Prätensionen
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-waren allen lächerlich. Dort konnten gute
-Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ...,
-allein dies alles hat der &bdquo;Wremja&ldquo; keinerlei Farbe, keinerlei
-Kraft gegeben. Es gebrach ihr an höheren sittlichen
-Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit höherer Ordnung.
-Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm
-auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das
-in der russischen Litteratur die Existenz eines russischen
-Volkstums entdeckt und proklamiert habe! Es giebt keinen
-so grossen Feind des Slavophilentums, den dies nicht
-empören würde. Und dann die naive Verkündigung, dass
-das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der Weg
-zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der &bdquo;Wremja&ldquo; zu
-finden sei! Die Slavophilen können alle, bis auf den letzten,
-sterben, dennoch wird die von ihnen eingeschlagene Richtung
-nicht zu Grunde gehen &mdash; und damit verstehe ich diese
-Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit, nicht
-für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums
-zugerichtet. &mdash; Dieses Buhlen um die Gunst des
-Publikums, dieser Wunsch, den Unseren und den Eueren
-zu dienen, dieses Von-oben-herab- und verächtliche Traktieren
-der Slavophilen im ersten Programm der &bdquo;Wremja&ldquo;,
-das ist&rsquo;s, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung
-zu Falle gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie
-wissen, <em>nirgends</em>, nicht mit einem einzigen Worte an die
-&bdquo;Wremja&ldquo; gerührt haben, weil unsere Überzeugungen eben
-keine Frage persönlicher Eigenliebe sind .... Übrigens
-kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher
-Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung,
-um das gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die
-ist &mdash; Petersburg zu hassen mit unserer ganzen Seele und
-allen unseren Kräften. Ja, man kann sich überhaupt nicht
-zum christlichen Glauben bekennen (und das Slavophilentum
-ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen
-und loszuspucken<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich
-darum, weil einige darin befindliche Worte der
-Anerkennung über die Zeitschrift sich doppelt vorteilhaft
-von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben. Eine
-weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei
-und verwahrt sich dagegen, da weder er noch die
-Brüder Dostojewsky, noch einer der anderen Mitarbeiter
-Petersburger seien, sondern echte Moskowiten, in denen
-ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein starkes
-Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung
-gegen das kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und
-Bezeichnende die Kluft, welche damals noch zwischen den
-Heisssporn-Slavophilen und Dostojewsky bestand und
-welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren immer rückhaltslosere
-Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings
-bei Aufrechthaltung <em>seiner</em> Eigenart, immer kleiner wurde.
-Die Zeitschrift wurde also verboten, was den Herausgeber
-Michail Michailowitsch in grosse Geldverlegenheiten
-stürzte, da die Subskriptionsgelder schon eingelaufen und
-verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten,
-und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt
-innegehabten Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb
-durch die Feder angewiesen war und eine grössere Familie
-zu erhalten hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf
-dessen Gesundheit der erste Aufenthalt im Auslande sehr
-günstig gewirkt hatte und der nun durch die Auflösung
-des Journals freier wurde, notwendig geworden, abermals
-Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal
-auf den Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky
-habe schon bei seinem ersten Ausfluge nach Paris
-Bekanntschaft mit dem Roulettespiel gemacht und sei so
-glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen
-habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen
-sei, in ihm aber die Erwartung zurückgelassen habe, er
-werde ein anderes Mal vom Glück ebenso begünstigt werden.
-Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn eine doppelte.
-Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den
-wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die
-Nahrung, deren er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes,
-ohne die er nicht leben konnte, so fand der feine und
-scharfe Beobachter in der ganzen Situation eine Fülle
-von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im
-Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher
-Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus
-seinem eigenen Wesen heraus so wohl verstand und zu
-deuten wusste.
-</p>
-
-<p>
-Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja
-viele der tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen
-des Menschwesens in Dostojewskys Werken, und wenn
-irgend einer dazu berufen ist, uns die neue Ethik des
-Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und Verstricktheit
-von gut und böse zu verkünden und zu sagen:
-&bdquo;Sieh&rsquo;, dies ist der Mensch und so ist es gemeint, dass
-du ihn lieben sollst&ldquo;, so ist es Dostojewsky, der bei aller
-Hassenskraft, die er gegen das Laster ausströmt, bei allem
-Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und namentlich
-des <em>Herzens</em> verfolgt und vertilgen möchte, doch der
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-Einzige ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was
-man mit dem Leben und Lieben eigentlich alles anfangen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter
-Reise ist sein Roman: &bdquo;Der Spieler&ldquo;. Hören wir in einem
-Briefe an Strachow, vom 30. September 1863, was er selbst
-darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer, die
-alte Geschichte ab &mdash; <em>die Idee</em> zum Roman ist da, Geld
-keines &mdash; also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die
-zwingenden Wiederholungen, das Ausrechnen, bis zu welchem
-Tage das Geld eintreffen <em>müsse</em>, sonst sei er verloren,
-kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und Überzeugenwollen,
-wie wir es schon kennen! Er fährt also
-fort: &bdquo;<em>Jetzt</em> habe ich nichts fertig. Allein es hat sich
-ein ziemlich (wie ich selbst urteile) günstiger Plan zu
-einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum grössten
-Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon
-anfangen wollen, ihn aufzuschreiben, allein &mdash; es geht hier
-nicht. Es ist sehr heiss und zudem bin ich an einen
-solchen Ort, wie Rom ist, auf <em>eine Woche</em> gekommen.
-Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben?
-Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner
-Erzählung ist folgendes: &mdash; ein Typus des Russen im
-Auslande. Bemerken Sie: über die Russen im Auslande
-wurde diesen Sommer in den Journalen viel geschrieben.
-Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall
-finden. Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige
-Zustand unseres internen Lebens wiederspiegeln (so weit
-als möglich natürlich). Ich nehme eine Natur, die Unmittelbarkeit
-besitzt, dabei hochentwickelt, in allem unfertig,
-dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend,
-nicht zu glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend
-und sie doch fürchtend. Er beruhigt sich damit, dass er
-nichts in Russland zu thun habe &mdash; daher: strenge Kritik
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-der Leute, welche aus Russland die im Ausland Weilenden
-herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen.
-Es ist eine lebendige Person &mdash; (er steht förmlich leibhaft
-vor mir) &mdash; man wird es lesen müssen, wenn es geschrieben
-sein wird. Der Hauptwitz dabei ist der, dass alle seine
-Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit &mdash; alles von
-der <em>Roulette</em> verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und
-kein gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter
-Puschkins ein gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus
-keine Vergleichung meiner selbst mit Puschkin, ich
-sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in seiner Art
-ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst
-dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit
-empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des <em>Risiko</em>
-ihn in den eigenen Augen hebt. Die ganze Erzählung ist
-eine Erzählung davon, wie er schon das dritte Jahr in
-den Spielhäusern Roulette spielt.
-</p>
-
-<p>
-Wenn das &bdquo;Tote Haus&ldquo; die Aufmerksamkeit des
-Publikums auf sich gelenkt hat, als eine Darstellung von
-Sträflingen, welche niemand vorher aus eigener Anschauung
-geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt durch
-die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des
-Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem,
-dass solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem
-Interesse gelesen werden, hat das Hazardspiel in den
-Badeörtern, besonders in Bezug auf die im Auslande befindlichen
-Russen, eine gewisse Bedeutung.
-</p>
-
-<p>
-Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich
-alle diese höchst interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl,
-mit Vernunft und in einem Fluss darstellen werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan,
-wie man auf dieses noch nicht geschriebene Buch bei
-Boborykin, dem damaligen Redakteur der &bdquo;Lesebibliothek&ldquo;,
-voraus Geld nehmen könne. Michael Michailowitsch protestierte
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-vergebens dagegen, dass sein Bruder eine Arbeit
-bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen,
-dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis
-der Bruder sie in einem neu zu gründenden Blatte herausgeben
-könnte. Allein die Not drängte, so wurde man
-Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück.
-Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen,
-sondern erst viel später, im Jahre 1867 unter
-Umständen, welche eine grosse Wandlung in des Dichters
-Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher genommene
-Geld musste endlich nach Gründung der &bdquo;Epocha&ldquo;
-auf Drängen Boborykins wieder herausgegeben werden.
-</p>
-
-<p>
-Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso,
-breitet sich auch sehr über die Nebenumstände und Details
-jener Geldkalamität aus, unterlässt es aber merkwürdigerweise,
-hier über die abermals unrichtige Wertschätzung
-des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu
-verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier
-wieder ein solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten
-des Dichters mit unterlief, wie damals, als er den Roman
-&bdquo;in neun Briefen&ldquo; den &bdquo;Armen Leuten&ldquo; an die Seite stellte.
-Allerdings ist &bdquo;Der Spieler&ldquo; künstlerisch als Ganzes genommen
-eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo
-der Spieler das geliebte Mädchen am späten Abend in
-seinem Hotelzimmer zurücklässt und zum Roulettetisch
-eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu gewinnen,
-das sie von dem zweideutigen Franzosen retten
-soll, der ihren Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen
-giebt es nicht allzuviele in der Weltlitteratur. Der Spieler
-hat nämlich mit dem letzten Goldstück unerhörtes Glück
-gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000;
-von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt,
-ihm nach die Rotte, die sich an die Fersen der
-Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach dem anderen wird
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-geschlossen, er bleibt bis zuletzt &mdash; endlich, es ist längst
-Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in
-sein Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr
-steht eine angezündete Kerze auf dem Tische. Sie sieht
-ihn verblüfft an &mdash; er hatte sie vergessen, ihre Situation,
-die Ursache seines Spiels und ihres Hierseins. Man kann
-wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich das
-Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von
-Liebe und Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte
-Warte-Nacht des Mädchens, das ihm in sprachlosem Erstaunen
-zusieht, wie er den Inhalt seiner vollen Taschen
-triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei
-aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit
-mancher anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen
-Zeichnung der alten Grossmutter, kann man nicht
-begreifen, wie Dostojewsky so nach &mdash; Publicisten-Art die
-Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die
-Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als
-wirkten da zwei Faktoren mit, um seine Objektivität, die
-ohnedies sehr gering war, zu paralysieren. Erstens die
-allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über ihre eigenen
-Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens
-jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis
-auf die Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes
-erstreckte. &bdquo;Das Volk hätte uns gerichtet&ldquo;, und &bdquo;wir
-haben es verdient&ldquo;, sagt er wiederholt; wie hätte er dies
-Buch anders taxieren sollen, als eine, auf &bdquo;eigene Anschauung
-gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse&ldquo;?
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am
-Herzen liegen, da er ja nicht nur den &bdquo;Augenschein&ldquo;
-schilderte, sondern den Seelenzustand, den er selbst mehrmals
-in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat. Unwillkürlich
-sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen
-kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-Karten spielt und in seiner Ungeduld das
-&bdquo;Glück korrigiert&ldquo;; und doppelt verständlich wird uns
-die Mission des Dichters, der selbst so viel &bdquo;vom Stoff
-der Schuld&ldquo; in sich getragen.
-</p>
-
-<p>
-Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in
-der Zeit von 1862-64 haben wir ausser den oben von
-Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig Kenntnis. Seine
-Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl
-im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin;
-auch die Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel,
-Maikow und anderen scheint entweder zu stocken, oder
-es ist nach allem, was wir vermuten dürfen, den noch
-Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen
-einem weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern
-getrost auf gewisse intimere Details verzichten,
-als wir uns gerade bei Dostojewsky nichts aus den
-Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter
-umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder
-weniger von den kleinen Episoden seines Lebens in unsere
-Schilderung einzureihen; Episoden, die ihn nicht erhellen,
-sondern vielmehr von seinem ein für allemal feststehenden
-Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten.
-Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit;
-<em>da</em> ist es also, bei den grossen Ereignissen
-der Heimat und den grossen Interessen der Menschheit,
-wo wir ihn aufsuchen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch
-die Verschlimmerung im Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas
-ihren Grund gehabt zu haben. Wann sie stattfand,
-weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja
-Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt
-worden und das wohl bald nach den grossen Petersburger
-Bränden, den polnischen Unruhen und ihres Gatten Abreise,
-also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft.
-Wir finden ihn im November dieses Jahres in
-Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da ihn geschäftliche
-Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem
-handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines
-neuen Journals, dem die Brüder den Namen &bdquo;Die Wahrheit&ldquo;
-geben wollen.
-</p>
-
-<p>
-Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich
-unter dem neuen Namen das Blatt und seine Richtung
-kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der ersten Zeile
-darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit
-(Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch,
-welche nach dem Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten
-war, wusste nicht mehr recht, was zu gestatten,
-was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und
-so musste man sich für &bdquo;Epocha&ldquo; entscheiden. In welcher
-Weise Theodor Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit
-auf breitester Basis dachte, bezeugt die Stelle in
-einem Briefe an den Bruder, wo es <a id="corr-24"></a>heisst: &bdquo;Der zweite
-Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den Leitartikel
-haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen
-Romans und jenes von Pissemsky würden grossen
-Effekt machen und, was die Hauptsache ist, unserem Programm
-gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen
-und beiden gerecht werden &mdash; also: Wahrheit&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse
-Erfolg der durch ein Missverständnis eingegangenen
-&bdquo;Wremja&ldquo; machte die Brüder über den zu erwartenden
-Erfolg der &bdquo;Epocha&ldquo; allzu sanguinisch sicher. Unter
-den Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin,
-Njekrassow und der glänzende Kritiker Apollon Grigorjew.
-Indessen hatte das Blatt sehr bald gegen intellektuelle
-und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den tieferen
-Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-berühmten Dichter, welchen die immer stärker zu Tage
-tretende slavophile Richtung der Brüder nicht zusagte,
-die schnell aufeinander folgenden Todesfälle, deren
-Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch
-und zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge
-davon war in erster Linie der Irrtum im Publikum, dass
-der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es bewunderte,
-woraus eine geringere Teilnahme und Subskription
-entstand, welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten
-der Redaktion nach sich zog. Die ersten
-Hefte waren, da der Dichter in Moskau am Krankenbette
-seiner Gattin weilte, in der Petersburger Typographie sehr
-schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen Druckfehlern
-und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das
-Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor
-hatte sagen wollen. Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor
-Michailowitsch übermenschlich, schrieb in wenigen Nächten
-2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf nahezu
-40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum
-Aufschwung des Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher
-sich die Zensur ihrer Arbeit entledigte. Strachow bringt
-dafür Daten, die unglaublich klingen, doch authentische
-Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten Entscheidungen
-der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft
-am 23. April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft
-am 20. August, das Juliheft am 19. September, das
-Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am 22. November,
-das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft
-am 24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am
-25. Januar 1865 freigegeben.
-</p>
-
-<p>
-Zu den grössten Missständen rechnet Strachow
-jedoch die sanguinische Selbsttäuschung der Brüder und
-ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine Sache stetig und
-praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus,
-die er in einer allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen
-Steigen und Sinken von Stimmungen findet, und schliesst
-mit folgender konkreten Darstellung: &bdquo;Was die Dostojewskys
-betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch
-durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen;
-er war ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor
-Michailowitsch jedoch war, ungeachtet seines raschen Geistes,
-ungeachtet der erhabenen Ziele &mdash; ja, besser gesagt: gerade
-infolge dieser höheren Ziele &mdash; ausserordentlich unpraktisch.
-Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut;
-allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden
-Anläufen, war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und
-das Chaos wuchs in jeder Minute um ihn herum. Die
-&bdquo;Epocha&ldquo; wurde ohne einen Heller gegründet. Als sie
-einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht nur
-die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch
-jenen Teil der Erbschaft von einer reichen Moskauer
-Tante (etwa 10000 Rubel für jeden der Brüder), die sie
-sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000 Rubel Schulden,
-welche nach Eingehen der &bdquo;Wremja&ldquo; Michael Michailowitsch
-zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die
-&bdquo;Epocha&ldquo; für das Jahr 1865 noch immer 1300 Abonnenten
-aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne alte Lasten, hätte
-sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles und
-Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des
-Bruders, 15000 Rubel und dessen unversorgter Familie
-zurück.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel,
-welcher in dieser Zeit als Sekretär der russischen Gesandtschaft
-in Kopenhagen lebte, erzählt im Detail die Widerwärtigkeiten
-der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem
-Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil
-daran und seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-dies derselbe Brief vom 31. März 1865, dem wir weiter
-oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod entnommen
-haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt
-Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit
-wurde auch sein Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem
-blieben gegen 25000 Rubel Schulden, wovon 10000 nicht
-beängstigend für die Familie waren, 15000 jedoch auf
-Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier,
-mit welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des
-Journals herausgeben können (er starb im Juli 1865).
-Allein er hatte einen ungeheuren Kredit und konnte ausserdem
-Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen.
-Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel
-zusammen. Keine Kopeke zur Herausgabe, dabei aber
-noch sechs Nummern auszugeben, was im Minimum
-18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen,
-wozu 15000 Rubel nötig waren &mdash; also 33000 R.
-um den Jahrgang zu vollenden und eine neue Subskription
-zu erreichen. Seine Familie blieb buchstäblich aller Mittel
-bar &mdash; am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige Hoffnung,
-und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich
-im Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben
-zwei Wege übrig: 1. das Blatt nicht weiterführen, es, da
-ein Journal immerhin einen Besitz repräsentiert, den Gläubigern
-samt den Möbeln und dem ganzen Hausrat übergeben
-und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten,
-litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und
-Waisen des Bruders erhalten. 2. Geld aufnehmen und
-die Herausgabe fortsetzen, koste es, was es wolle. Wie
-schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden
-habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten
-haben, aber die Familie hätte die Erbschaft abgelehnt,
-wäre dadurch gesetzlich von jeder Zahlung befreit gewesen.
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre an der
-Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel
-jährlich verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren
-&mdash; natürlich wenn ich mein ganzes Leben vom
-Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich habe den
-zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben.
-Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte.
-Alle meine Freunde und früheren Mitarbeiter waren derselben
-Meinung.
-</p>
-
-<p>
-Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden
-mussten, ich wollte nicht, dass eine schlechte Meinung
-das Andenken seines Namens beflecke. Dafür gab es ein
-Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen Teil
-der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr
-zu Jahr besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn
-die Schulden bezahlt wären, das Blatt irgend jemand abgeben
-und die Familie des Bruders sichern. Dann würde ich
-aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu schreiben,
-was ich schon lange auf dem Herzen habe.
-</p>
-
-<p>
-Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau,
-bat mir bei einer reichen alten Tante 10000 R. aus, die
-sie in ihrem Testament als meinen Anteil bestimmt hatte,
-und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die Herausgabe
-des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die
-Sache war schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis
-der Zensur zur Herausgabe des Journals eingeholt werden.
-Man zog die Sache so hinaus, dass das Juniheft erst Ende
-August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar nichts
-damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur
-gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu
-setzen, weder als Herausgeber noch als Redakteur. Ich
-musste mich zu energischen Massregeln entschliessen: Ich
-begann in drei Druckereien auf einmal drucken zu lassen,
-sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. &mdash; Ich
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich
-mit Autoren und mit der Zensur herum, besserte Artikel
-aus, bemühte mich um Geld, sass bis sechs Uhr morgens
-auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich Ordnung
-in die Sache brachte &mdash; es war zu spät. &mdash; &mdash; Was
-mich das alles gekostet hat! Die Hauptsache aber ist,
-dass ich bei all dieser Zwangs- und Schmutzarbeit nicht
-imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile Eigenes zu
-drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar
-nicht und sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz,
-wusste es nicht, dass ich das Blatt redigiere. Und plötzlich
-brach bei uns eine allgemeine Journal-Krisis herein.
-</p>
-
-<p>
-Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis
-auf ebenso viele Jahre wandern, könnte ich dadurch
-alle Schulden bezahlen und mich wieder frei fühlen. Jetzt
-werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der Rute
-zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird
-effektvoll werden, aber brauch&rsquo; ich nur das! Die Arbeit
-aus Not um des Geldes willen hat mich erstickt und zerstört.
-&mdash; &mdash; Ich habe Ihnen nun alles beschrieben und
-sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines Geistes
-und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung
-davon gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange
-wir schriftlich verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben
-und kann über mich nicht in bestimmten Grenzen schreiben.
-Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre liegen zwischen
-uns, und was für Jahre! &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Im Auslande bin ich zweimal gewesen &mdash; im Sommer
-1862 und 1863. Jedesmal bin ich auf drei Monate fortgegangen.
-Ich war in Deutschland (fast überall), in der
-Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall). Meine
-Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher
-Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen,
-alljährlich auf drei Monate zu verreisen, umsomehr, als
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-das in materieller Beziehung bei der Teuerung unseres
-hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte reisen,
-um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen
-und um so tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres
-in Russland zu arbeiten. Allein im vorigen Jahre hat des
-Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig hier zu bleiben.
-Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen
-Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen,
-zu erneuern&ldquo; .... usw.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit diesem Briefe&ldquo; &mdash; sagt Strachow &mdash; &bdquo;kann man
-einen besonderen Abschnitt in Dostojewskys persönlichem
-Leben abschliessen, die Periode von seiner Zurückkunft
-aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der Vereinsamung,
-da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt
-zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat
-ihn nicht betrogen. Von hier an beginnt die bessere
-Hälfte seines Lebens: ihn erwarteten sehr grosse Mühen
-und Beschwerden, allein zugleich auch neue, höhere
-Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben,
-unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit
-und endlich, in den letzten Jahren, die Tilgung
-aller Schulden, genügendes Auskommen und Ordnung in
-seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und angestrengten
-Zeit entstand im Jahre 1866 &bdquo;Schuld und
-Sühne&ldquo; (Raskolnikow), 1868 &bdquo;Der Idiot&ldquo;, 1870 &bdquo;Die
-Besessenen&ldquo;. Strachow schreibt diese Fruchtbarkeit dem
-Umstande zu, dass die &bdquo;Epocha&ldquo; eingegangen war und
-seine Kräfte nicht aufbrauchte. &bdquo;Theodor Michailowitschs
-übriges Leben&ldquo;, fährt Strachow fort, &bdquo;kann man von hier
-an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871,
-während welcher alle diese Romane geschaffen wurden,
-war sehr beschwerlich, fruchtbar und zum grössten Teil
-im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche mit
-der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-die neuen publizistischen Versuche, in der Form
-einer Redaktion des &bdquo;Grashdanin&ldquo; und des &bdquo;Tagebuchs&ldquo; &mdash;
-allein das ist eine weniger beschwerliche, verhältnismässig
-ruhige, und nach aussen durch die Ordnung der Verhältnisse
-&mdash; und den öffentlichen Erfolg sich immer glücklicher
-gestaltende Periode.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<span class="line1">VII.</span><br />
-<span class="line2">Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise.</span><br />
-<span class="line3">(1865-1867.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise
-im Auslande. Seine wieder aufgenommene Korrespondenz
-mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden datiert,
-wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er
-schon wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze
-Jahr 1866, das, wie Strachow sagt, das folgenreichste Jahr
-seines Lebens war. Im Januar dieses Jahres begann im
-Russkij Wjestnik die Publikation seines bis dahin bedeutendsten
-Werkes: &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; &mdash; und am
-4. Oktober desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna
-Snitkina, seine künftige zweite Gattin, kennen.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; &mdash; oder, wie es in manchen Übersetzungen
-heisst, &bdquo;Raskolnikow&ldquo; &mdash; ist jenes von Dostojewskys
-Werken, welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung
-gefunden hat und hier die erste Grundlage seines
-Ruhmes geworden ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer
-richtigen Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen,
-welcher die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst
-war es das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete,
-sodass sich das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen
-ungeheuren Kreis verbreitete. Als das Buch endlich in die
-Hände der ästhetischen Kritiker gelangte, da fanden erst seine
-künstlerischen Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-das gröbere litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten,
-so war es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte,
-wodurch sie das Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat
-die Philosophie hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische
-Detail, um aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten
-verbrecherischen Handlung mit ihren Folgen das
-ethische Prinzip des Dichters herauszulösen. Auch diese kam
-auf ihre Rechnung, wenn auch nur bedingt; denn Dostojewskys
-ethische Gestaltungen verdanken nicht Prinzipien ihre Entstehung,
-sondern sind Probleme, wie das Leben selbst sie bietet. So ist
-der endgiltige Eindruck dieses Romans in Europa der eines
-sensationellen Verbrechens, das mit dem Aufwand einer grossen
-schöpferischen Kraft durch die Beobachtung der feinsten psychologischen
-Details zu einem Kunstwerk ersten Ranges ausgestaltet
-wurde. Nicht so in Russland. Hier war man einerseits mit
-Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem Stil schon
-vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner Art zu erzählen,
-die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der feste
-Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein
-Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf
-gleichem Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen,
-die gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen
-eine neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem
-neuen Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete.
-Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert
-auf das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen
-haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und
-nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein
-verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit,
-nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie
-weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern
-ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck
-dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus
-zu formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen
-Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht
-man die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen
-Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-seinen allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen
-Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir
-da vor uns haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren
-in seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so
-hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst.
-</p>
-
-<p>
-Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen
-und für Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe
-aus Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich
-jene Stellen immer wieder, wo es heisst: &bdquo;Ich muss erst in Russland
-sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.&ldquo;
-So bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an
-den Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman,
-den er schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft
-nach Russland schreiben werde, offenbar auf &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;,
-&bdquo;&mdash; da dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen
-Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn
-man nach der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen
-alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman
-mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland
-zurückkomme.&ldquo; Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in
-seinem Kopfe ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl
-anzunehmen, dass der erste grössere Roman, den er in Russland
-schrieb, jener lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er
-&bdquo;Russland brauchte&ldquo;: &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger, aussergewöhnlich
-begabter Student lebt in grosser Armut in einer
-elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht, versteckt
-sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe
-Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten
-Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten,
-die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne
-Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere
-Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und
-Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das
-Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre
-stolze Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit
-und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-seines Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen
-peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie
-der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas
-Grosses thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten,
-wenigstens ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen &mdash;
-ein altes Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen,
-damit sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt
-er sich. Napoleon I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet
-und sind bewundert worden, sind Grosse dieser Erde gewesen.
-Auch ich bin ein Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie,
-ich folge einer Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt
-immer mehr Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen
-Jüngling mit der Lucifer-Seele; er vollbringt die That,
-welche gegen alle Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf
-ihn fällt, empfindet aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung
-darauf, vergräbt die aufgefundenen Wertgegenstände unter
-einen Stein im Hofraum eines entlegenen Hauses, verfällt aber
-bald danach in ein hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht
-erwacht, sich verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen
-gegen seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein,
-die ihm endlich die Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar
-seinem Schicksal, der Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien,
-zuführen. Im Epilog ist der Hinweis auf eine wahrhafte
-innere Sühne ausgesprochen. Sie wird, eine neue Illustration zu
-Goethes Schluss-Worten im Faust, durch die Liebe zu Sonja,
-der Gefallenen und doch unendlich Reinen, eingeleitet.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor
-uns, die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten
-und Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen
-Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine
-Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das
-Mädchen kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold
-von einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die
-hungrigen kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine
-gewisse Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl
-tiefen Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt,
-da ist er von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht
-Liebe zu dem Mädchen &mdash; er will nur reden, einen Teil seiner
-Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und
-menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben
-worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen
-Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk
-aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe
-der Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben
-haben, wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst
-äusserliche Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt
-in Sonjas Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird,
-aus dem Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben,
-den Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu
-töten, da er stärker ist als die andern &mdash; wie das alles eingeleitet,
-gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische
-Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen
-Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen Selbstbeleuchtung
-herauskommt: der Mord aus Prinzip, die aufleuchtende
-Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über
-sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass;
-die Scham, auch &bdquo;eine Laus zu sein wie alle andern&ldquo;, und endlich
-die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas,
-welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen
-hier, obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die
-bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die
-echt russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld
-und Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht
-recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum
-bin ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher
-weiss, dass sie dumm sind &mdash; dass ich selbst nicht gescheiter
-sein will? Dann habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten
-wollte, bis alle gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. &mdash;
-Dann habe ich weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen
-wird, dass die Menschen sich nicht ändern werden und niemand
-da ist sie umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre!
-Ja, so ist es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-ist es! ... Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist
-und stark im Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der
-hat bei ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der
-ist ihr Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat
-am meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird
-es immer sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin damals darauf gekommen&ldquo; &mdash; fuhr er in feierlichem
-Tone fort &mdash; &bdquo;dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt,
-sich zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines,
-nur Eines: es heisst nur wagen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten
-Mal in meinem Leben &mdash; ein Gedanke, den noch niemand jemals
-vor mir ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so
-klar wie die Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso
-denn bis heute niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an
-all dieser Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim
-Schwanz zu fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ...
-ich habe mich dreist machen wollen und habe gemordet ...
-nur erdreisten wollte ich mich, Sonja &mdash; da hast Du die ganze
-Ursache!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, schweigen Sie, schweigen Sie!&ldquo; rief Sonja, die Hände
-zusammenschlagend. &mdash; &bdquo;Von Gott haben Sie sich entfernt, und
-Gott hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so
-dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer &mdash;
-nichts, nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er
-begreifen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss
-ja selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja,
-schweige!&ldquo; wiederholte er finster und nachdrücklich &mdash; &bdquo;ich weiss
-alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert,
-als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich
-schon mit mir selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten
-Zug, und weiss nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir
-damals dieses ganze Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich
-wollte alles vergessen und frisch anfangen, Sonja, und aufhören
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-zu schwatzen! Und glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein
-Dummkopf, aufs Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger,
-und das ist&rsquo;s, was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst
-Du denn, ich hätte nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass,
-wenn ich schon anfing mich selbst zu fragen: habe ich das Recht
-zur Macht? &mdash; ich schon kein Recht zur Macht mehr habe?
-Oder wenn ich die Frage stelle: ist der Mensch eine Laus? er
-für mich keine Laus mehr ist, sondern für den, dem das auch
-gar nicht in den Kopf kommt und der geradeaus hingeht ....
-Wenn ich mich schon so viele Tage mit der Frage herumquälte,
-ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so fühlte ich ja schon
-deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die ganze, ganze
-Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten, Sonja, habe
-alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne Kasuistik
-umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich habe
-darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der
-Mutter zu helfen habe ich getötet &mdash; Unsinn! Nicht darum habe
-ich getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein
-Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach
-getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend
-jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie
-eine Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte
-ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz
-gleich sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich
-brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich
-so sehr nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles ....
-Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend,
-niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte
-es, ein anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand
-dahin; ich musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich
-auch eine Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde
-ich es vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich&rsquo;s
-nicht vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu
-bücken oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe
-ich das Recht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?&ldquo; rief Sonja händeringend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-&bdquo;Eh, Sonja!&ldquo; rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern,
-hielt sich aber verächtlich zurück. &mdash; &bdquo;Unterbrich mich
-nicht, Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals
-der Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt
-hat, dass ich kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche
-Laus bin, wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht,
-und nun siehst Du, bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast
-auf! Wenn ich keine Laus wäre, käme ich da zu Dir? Höre:
-als ich damals zur Alten ging, da ging ich nur hin, um zu probieren
-... das wisse!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und gemordet haben Sie, gemordet!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so,
-geht man denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging?
-Habe ich denn die Alte umgebracht? Mich habe ich
-umgebracht und nicht die Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr
-umgebracht, in alle Ewigkeit! Diese Alte hat der Teufel umgebracht,
-nicht ich ... Genug, genug, Sonja, genug. Lass
-mich&ldquo; &mdash; schrie er plötzlich mit krampfhafter Angst &mdash; &bdquo;lass
-mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er sie fragt: &bdquo;Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen,
-wenn ich dort sitzen werde?&ldquo; &mdash; und sie ihm antwortet: &mdash; &bdquo;O
-ich komme, ich komme!&ldquo; da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht
-sie an und, sonderbar, ihm war&rsquo;s plötzlich schwer und leid,
-dass man ihn so liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche
-Empfindung! Als er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt,
-dass in ihr all seine Hoffnung und seine endgiltige Ruhe
-enthalten sei; er gedachte wenigstens einen Teil seiner Qualen
-hier niederzulegen, und nun, plötzlich, da ihr ganzes Herz sich
-ihm zugewendet hatte, da fühlte und erkannte er es plötzlich,
-dass er unendlich viel unglücklicher geworden war, als er früher
-gewesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit
-Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals
-dasselbe Bild wie im &bdquo;Totenhause&ldquo;. Auch auf Raskolnikow
-macht die Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch
-er fühlt, dass er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch
-hingesetzten Nuance, dass er &bdquo;keinen Glauben&ldquo; hat. Anfangs
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-fühlt er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob
-seines freien Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil
-sie ihre Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht
-ertrug. Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht
-habe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht
-begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer
-stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte.
-Er begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen
-Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt,
-eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später
-erst erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher
-gegen ihn, &bdquo;Du bist ein Gottloser,&ldquo; sagen sie &mdash; &bdquo;Du glaubst
-nicht an Gott, Dich soll man erschlagen.&ldquo; Sonja jedoch, welche
-ihm in die Verbannung gefolgt war und im Städtchen, wo die
-Festung lag, sich ihr kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur
-um ihn, wenn er mit den anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf
-Minuten sehen und sprechen zu können, Sonja wurde von allen
-geliebt. &bdquo;Mütterchen, Sofia Semjonowna,&ldquo; sagten sie, &bdquo;Du unsere
-Mutter, Du blasse, kranke usw.&ldquo; &bdquo;Warum?&ldquo; fragt er sich, &bdquo;warum
-lieben sie sie?&ldquo; Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital
-gebracht. Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als
-er einmal, Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre
-schmächtige Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen.
-Sie hatte, wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt.
-Nun erkrankt Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht,
-und jetzt erst geht ihm an seinem Sehnen und Bedürfen nach
-ihrer weichen und starken Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung
-auf. An einem schönen frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen
-an der Arbeit ist, entfernt er sich für einen Augenblick
-aus dem Heizraum und setzt sich am Flussufer auf einem Balken
-nieder, da erscheint plötzlich Sonja und setzt sich still neben ihn.
-Anfangs bleiben sie schweigend neben einander, er senkt den
-Kopf und blickt starr auf die Erde, da:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich
-packte ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und
-umklammerte ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-furchtbar, und ihr Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf
-und sah ihn zitternd an. Allein sofort, im selben Augenblick
-hatte sie alles begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches
-Glück auf; sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel
-mehr, dass er sie liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich
-gekommen war, diese Minute.&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht.
-Thränen standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und
-armselig, allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete
-schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt
-zu einem neuen Leben. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn
-mit Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher
-aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach
-sie nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das
-Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung
-erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht.
-Bis heute hatte er es nicht aufgeschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte
-ihn: &bdquo;Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von
-jetzt an nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen
-wenigstens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung,
-in der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so
-überaus glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor
-ihrem Glücke erschrak. Sieben Jahre, <em>nur</em> mehr sieben Jahre!
-Zu Anfang ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide
-imstande, auf diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen.
-Er wusste es ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst
-zufallen werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es
-mit einer grossen künftigen That bezahlen müssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine
-spezifisch russische Seite, die russischen Absichten des Dichters
-und das hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine
-russischen Leser machen musste. Schon im &bdquo;Totenhause&ldquo; hatte
-er es ausgesprochen, dass &bdquo;in jedem russischen Menschen unserer
-Tage der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.&ldquo; Das war
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-wohl die Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen
-Boden, russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden
-wollte, dass für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen
-eines Volkes anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft
-sei, so muss darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade
-der Russe immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht
-<em>ausser</em> die anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich
-zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.
-</p>
-
-<p>
-Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte
-Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist
-nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem
-Zweck, das Werk von der russischen &bdquo;breiten&ldquo; Ethik aus zu
-beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger
-scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der
-harmlose &bdquo;ehemalige Student&ldquo; und Freund Raskolnikows. Ihm
-legt der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame
-Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in
-etwas angeheitertem Zustande: &bdquo;Ich liebe es, wenn man lügt;
-das Lügen ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor
-allen Organismen voraus hat. Lügst du &mdash; so wirst du schon
-zur Wahrheit kommen! Darum bin ich eben ein Mensch, weil
-ich lüge. Nicht zu <em>einer</em> Wahrheit ist man gekommen, wenn
-man nicht früher 14mal, ja vielleicht 114mal gelogen hat. Und
-das ist in seiner Weise ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal
-ordentlich nach unserem Verstande lügen! Du lüge mich an, aber
-lüge nach deinem eigenen Wesen, und ich werde dich küssen.
-In seiner Weise lügen, das ist ja besser, als eine fremde Wahrheit
-nachreden; im ersten Falle bist du ein Mensch, im zweiten aber
-bist du nur ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht verschwinden,
-das Leben aber kann man zerstören &mdash; es hat Beispiele gegeben.
-</p>
-
-<p>
-Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme),
-in unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem
-Denken, unseren Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem
-Liberalismus, unserer Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem
-noch in der ersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat
-uns gefallen, uns mit fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben
-&mdash; hineingefressen haben wir uns!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-&bdquo;... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.&ldquo; &mdash;
-Die zweite Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen
-kann, ist die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die
-Unschuld des Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt,
-weil er ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der
-Alten für einen Rubel versetzt hatte. Dieser Bursche war auf
-derselben Stiege in einer leeren Wohnung mit dem Streichen der
-Wände beschäftigt gewesen, als der Mord im oberen Stockwerk
-geschah. Er war mit einem anderen jungen Burschen nach
-gethaner Arbeit schäkernd und Ulk treibend die Treppe hinabgelaufen,
-sie hatten sich im Hausflur, wie 8 Personen sehen
-konnten, gebalgt und er war noch einmal in den Arbeitsraum
-hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre gestellt. Dort
-hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht, um in Untersuchung
-gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen ihn, da
-er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er zur Verantwortung
-gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als man
-ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er: &bdquo;weil
-man mich verurteilen wird&ldquo;. Es ist etwas Ergreifendes in dieser
-russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später eine Art
-mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu erklären,
-zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows Thäterschaft
-schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber greift
-mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um &bdquo;unsere
-Jurisprudenz&ldquo; anzuklagen, welche &bdquo;niemals, niemals die subjektive
-Thatsache der Stimmung, der psychologischen Unmöglichkeit,
-einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick sich mit
-einem Kameraden zu balgen,&ldquo; in Betracht ziehen wird, &bdquo;weil man
-die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte erhängen
-wollen&ldquo;, &bdquo;was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht schuldig
-gefühlt hätte.&ldquo; Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo das echt
-russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer Selbstverständlichkeit
-benützt wird, wie sie an das Unbewusste grenzt,
-uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen muss.
-Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn gekommen,
-eine solche unbegründete Selbstanklage als glaubwürdiges retardierendes
-Motiv in einem Romane anzubringen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze
-Begegnung der Freunde in Kopenhagen eingeleitet zu
-haben und wieder durch diese aufgefrischt worden zu sein,
-und so finden wir den häufigsten Austausch von persönlichen
-und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem
-Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser
-Briefe aus Wiesbaden heisst es unter anderem: &bdquo;&mdash; diesmal
-will ich Ihnen über mich schreiben, eigentlich aber
-nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen
-werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise
-anschwärzt. Da aber in einem solchen Falle Phrasen
-vollkommen unfruchtbar und auch schwer sind, so will ich
-Ihnen offen bekennen, dass ich &mdash; in meiner Dummheit
-vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich
-hatte. Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang
-meines Wiesbadener Aufenthalts an, aber ich hatte Glück,
-sogar bedeutendes Glück (verhältnismässig gesprochen),
-habe mich aber dann in meiner Dummheit vergaloppiert,
-alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der abscheulichsten
-Situation, die man sich vorstellen kann, und
-kann aus Wiesbaden nicht heraus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um
-nur vom Hôtel loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er
-jemand sicher zu finden hofft, der ihm helfen wird. In
-einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten Briefe beklagt
-er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er
-bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken,
-&bdquo;obwohl es ihm nun nicht mehr radikal helfen könne&ldquo;,
-und fügt hinzu, dass die Erzählung, die er eben schreibe,
-mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er das Geld in
-einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen
-können, die er von Katkow, dem Redakteur des Russky
-Wjestnik, als Abschlagszahlung für seine Erzählung
-(Raskolnikow) erhalten werde. Ein dritter Brief vom
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf
-eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen.
-Er erzählt darin von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen,
-die er sofort und im Verlauf einer Woche erlitten
-hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden
-gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der
-vollkommenen Deroute in der Familie des Bruders, die
-ihn erwartet habe, und der er alles gleich gab, was er
-besass, und ausserdem 100 R., die er dazu aufnahm. Er
-bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst
-nach der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl
-2500 R. einbringen werde. Noch einmal aber von Katkow
-vorausnehmen will er nicht. Er findet es nicht politisch,
-unmöglich, hässlich; es seien durchaus die Beziehungen
-nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er
-seines Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für
-welchen er ebenfalls sorgt, der ihm aber niemals Freude
-gemacht hat, sowie eines kranken Bruders, der nicht
-mehr lange zu leben habe.
-</p>
-
-<p>
-Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg
-am 18. Febr. 1866: &bdquo;Bester alter Freund Alexander
-Jegorowitsch, ich bin durch mein langes Schweigen vor
-Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld. Es
-würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben,
-die Ursache meines langen Schweigens klar zu machen.
-Die Ursachen sind vielfach und kompliziert, und ich kann sie
-darum nicht beschreiben, will nur einiges andeuten. Erstens
-sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist das
-der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman
-in sechs Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben
-und fertig; ich habe alles verbrannt, dass kann ich jetzt
-bekennen. Es hat mir selbst nicht gefallen. Eine neue
-Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich habe
-frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-arbeite ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus,
-dass ich jeden Monat 6 Druckbogen an den Russkij
-Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar, allein ich
-würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein
-Roman ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner
-Vollendung der Ruhe für Seele und Phantasie. Mich aber
-quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen, mich einsperren zu
-lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen fertig
-werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich&rsquo;s überhaupt
-werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig
-sind und meinen Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf
-5 Jahre zu verteilen. Mit anderen aber konnte ich bis
-jetzt nicht in Ordnung kommen.
-</p>
-
-<p>
-Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das
-zerreisst mir Kopf und Herz, verstimmt auf mehrere Tage.
-Da setze dich dann hin und schreibe! Manchmal ist das
-ganz unmöglich. Darum ist&rsquo;s auch schwer, eine ruhige
-Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig
-zu plaudern, weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs,
-nach meiner Rückkunft, hat mich die Hinfallende schrecklich
-geplagt; es war, als hätte sie die drei Monate nachholen
-wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt
-aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden.
-Sie haben von dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle
-sein können, wahrscheinlich keine Vorstellung. Nun
-sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie sichs
-eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im
-Februar und März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn
-Tage(!) war ich gezwungen auf meinem Divan zu liegen,
-vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand nehmen
-können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss
-ich fünf Druckbogen schreiben! Und liegen müssen,
-wenn man organisch ganz gesund ist, nur darum,
-weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-sofort Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan
-erhebt! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es
-wäre besser, wenn ich in Staatsdienst träte; kaum. Mir
-ist dort besser, wo ich mehr Geld bekommen kann. In
-der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen, dass
-ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück
-Brot, ja sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie
-es ja auch in continuo bis zum letzten Jahr der Fall war.
-Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen von meinen gegenwärtigen
-litterarischen Geschäften erzählen, und Sie werden
-daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande
-aus, da ich durch die Umstände bedrängt war, stellte ich
-Katkow den für mich niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel
-für den Druckbogen ihres Blattes, 150 vom Format des
-&bdquo;Sowremjennik&ldquo;. Sie waren einverstanden. Später erfuhr
-ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses
-Jahr nichts Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt
-nichts, und mit Leo Tolstoi haben sie sich zerstritten. Ich
-bin als Lückenbüsser erschienen (das alles weiss ich aus
-sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich laviert
-und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche
-Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es
-schreckte sie für 25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu
-125 Rubel zu zahlen. Mit einem Wort: ihre ganze Politik
-lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt), den Preis
-per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu
-steigern. Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns,
-sie wollen offenbar, dass ich nach Moskau komme. Ich
-aber halte aus. Folgendes ist dabei mein Zweck: Hilft
-Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich
-möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die
-Hälfte des Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird
-damit erreicht sein, dann erst fahre ich nach Moskau und
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im Gegenteil,
-es kann sein, dass sie hinzufügen. &mdash; Das wird zu Ostern
-sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen,
-drücke mich zusammen und lebe wie ein Bettler,
-werde nur das Nötigste verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme,
-so bin ich moralisch nicht mehr frei, wenn ich
-später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle.
-Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im
-ersten Januarheft des Russkij Wjestnik erschienen. Er
-heisst: &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;. Ich habe schon viele entzückte
-Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und
-neue Sachen darin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky
-einiger Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und
-schliesst: &bdquo;Übrigens bin ich sehr froh darüber, dass Sie
-unser intimes russisches, geistiges und bürgerliches Leben
-so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde sehr
-angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte.
-Sie sehen vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie
-Ihre Kenntnisse nicht aus ausländischen Zeitungen? Dort
-wird systematisch alles verunglimpft, was sich auf Russland
-bezieht. &mdash; Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man
-kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt,
-thatsächlich unter den Einfluss der auswärtigen Presse.
-Sonst aber fühle ich, dass ich in vielem und sogar sehr
-mit Ihnen übereinstimme usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: &bdquo;Bester Alexander
-Jegorowitsch! Ich habe mich mit der Antwort verspätet
-und eile nun, das Versäumte nachzuholen. Glauben Sie
-mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander Jegorowitsch,
-das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur
-um 8 Tage früher gekommen &mdash; ich hätte Ihnen sofort
-alles geschickt. Lachen Sie nicht, wenn ich so spreche.
-Hier meine Situation. Den ganzen Winter habe ich wie
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit
-zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben.
-&mdash; Wohin sind sie gekommen? Ja, man reisst
-alles nur so von mir! In der Charwoche bin ich zu Katkow
-nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu nehmen.<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a>
-Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden
-zu fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und
-meinen Roman ganz ungestört zu vollenden. Anderswo, hier
-in Petersburg, kann ich ihn unmöglich vollenden. Die Anfälle
-nehmen zu (was im Auslande nicht der Fall ist).
-Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto zudringlicher
-werden sie. Indessen sollten sie mir dafür
-dankbar sein, dass ich nach meines Bruders Tode die
-Wechsel auf meinen Namen schreiben liess und einen Teil
-schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel nicht
-auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen.
-&mdash; Allein die Sache hat sich so gewendet, dass
-diesmal zur Erteilung des Passes ins Ausland besondere
-Formalitäten nötig wurden, sich dadurch alles hinauszog,
-der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche
-noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben
-die Gläubiger die Klage eingereicht und so ist mein Tausender
-in Rauch aufgegangen.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch
-sitze ich da und setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller
-Kräfte fort. In diesem Augenblick ist er &mdash; meine einzige
-Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500 Rubel zu bekommen
-haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn für
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als
-1500 (man handelt schon darum). Von Katkow aber
-werde ich nicht früher als im Juli Geld herausbekommen.
-So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli schicken.
-Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden
-(das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon
-um die zweite Auflage handeln, ehe der Roman vollendet
-ist), so schicke ich gleich. Sie aber bitte ich, mir, wenn
-auch nur in zwei Worten, meine vorjährige Schuld in Reichsthalern
-zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe
-und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau
-entsinne. Ich füge hinzu, dass es mir peinlicher ist, als
-Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt nicht schicken kann. Sie
-werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich andere
-befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner
-Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht
-geschehen ist; sie sind neben mir und haben mich so bedrängt,
-dass ich nicht zu Atem kam &mdash; so habe ich alles
-willenlos hingegeben usw.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus
-seiner Erinnerung, dass der Eindruck des Romans ein
-ungeheurer war, dass gesunde Leute fast krank davon
-wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben
-mussten. Was aber die grösste Sensation machte,
-war der Umstand, dass zur nämlichen Zeit, als der Teil
-des Romans erschien, in welchem sich die Beschreibung
-des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger
-Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen
-einen Mord vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis
-auf die damals in der Luft schwebenden falschen
-Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind, um das
-Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky
-schon in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben
-angeführten Worte schrieb.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe
-von des Dichters bis dahin erschienenen Werken
-veranstaltet werden. Der Herausgeber, Stellowsky, ein
-Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste
-Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende
-Bedingung gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung
-eine Erzählung ein, welche noch nirgends gedruckt worden
-ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein. Für diese
-Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky
-dem Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk
-um einen Tag später, so erhält Dostojewsky für die
-Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht, eine Gesamtausgabe
-zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky.
-Der Dichter hatte nun die Erzählung &bdquo;Der Spieler&ldquo; niederzuschreiben
-begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche
-seines Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, so beunruhigt,
-dass er fürchten musste, nicht die nötige Sammlung zur Arbeit
-zu finden. Ein Brief aus Dresden an N. Strachow, sowie die
-Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte,
-mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf
-die folgende Weise erworben: Ich war in entsetzlichen
-Verhältnissen. Nach dem Tode meines Bruders im Jahre
-1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen
-und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von
-einer Tante als Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der
-Herausgabe der &bdquo;Epocha&ldquo; &mdash; meines Bruders Journal &mdash;
-zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den geringsten
-Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als
-Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen.
-Das Blatt aber fiel, es musste aufgegeben werden; dennoch
-setzte ich die Bezahlung der Schulden meines Bruders
-sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe ich da
-ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-Tode) einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir
-gekommen und hatte mich angefleht, des Bruders Wechsel
-(er war sein Papierlieferant) auf meinen Namen zu schreiben,
-und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten
-würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.
-</p>
-
-<p>
-Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln
-D.s und eines anderen (ich erinnere mich seines Namens
-nicht) zu verfolgen. Von der andern Seite präsentierte
-Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz arbeitete,
-ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt
-hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden,
-Journals brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit,
-sendet Stellowsky zu mir und lässt mir vorschlagen, ob
-ich ihm nicht meine sämtlichen Werke, samt einem ganz
-neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw.,
-d. h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete
-ich nur ein wenig, so bekam ich von den Buchhändlern
-für das Recht der Publikation wenigstens das Doppelte,
-liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann bekam ich
-sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite
-Auflage von &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; allein gegen 7000 Rubel
-Schulden eingetauscht (immer Journalschulden &mdash; an
-Bazunow, Pratz und einen Papier-Agenten). Auf diese
-Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift und seine
-Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner
-Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf
-mir lasten. Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage
-Bedenkzeit. Das war auch die Klagefrist für den Schulden-Arrest.
-Dazu müssen Sie wissen, dass meine Wechsel an
-D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals
-auch geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie
-es scheint, Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel)
-präsentiert wurden. In diesen 10 Tagen schlug ich mich
-überall herum, um Geld für die Auslösung der Wechsel zu
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen
-Handel mit Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich
-achtmal, fand ihn aber nie zu Hause. Endlich erfuhr ich
-durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij), den ich kennen
-lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter Freund
-Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte
-ich ein, und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie
-in Ihren Händen ist. Ich bezahlte D...., Gawrilow und
-die anderen und reiste mit dem Rest von 35 Halbimperialen
-ins Ausland.
-</p>
-
-<p>
-Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen
-Roman &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; zurück, nachdem ich mit dem
-Russkij Wjestnik (Katkow) in Verbindung getreten war
-und von diesem schon einiges Geld voraus erhalten hatte.
-Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky unterfertigt
-hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht
-imstande sein würde, den ihm versprochenen Roman bis
-zum 1. November 1865 zu vollenden. Er erwiderte mir,
-dass er dies auch nicht verlange und nicht vor einem
-Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich
-aber, zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies
-alles wurde mündlich und unter vier Augen verabredet,
-aber das schreckliche Pönale, wenn ich zum 1. November 1866
-nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte
-uns Anna Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich
-den schon im Jahre 1863 geplanten und in vielen kleinen
-Notizen, namentlich im Gedächtnisse festgehaltenen Roman
-&bdquo;Der Spieler&ldquo; Anfang Oktober 1866 zu schreiben begonnen
-und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte,
-so sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er
-werde die Arbeit gar nicht machen können. Da machte
-ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer Hilfskraft zum
-Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor
-der Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren
-von ihm den Namen seiner besten Schülerin
-A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um dem
-jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz
-vorher ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und
-bald darauf ihren Vater verloren. Aus dem Wunsche
-heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern und auch
-um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors
-Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde
-zukam, anzunehmen. Als sie gar hörte, wem sie in der
-Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll Freude und
-Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem
-grossen Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen
-würde. Sie trat zitternd bei ihm ein, wurde jedoch bald
-durch einige freundliche Worte, namentlich aber dadurch
-ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und der
-Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren
-vom 4. Oktober bis 1. November noch sieben Druckbogen
-zu schreiben und alle ins Reine zu bringen. Anna Grigorjewna
-pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor Michailowitsch
-zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander
-arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der
-von ihr mitgebrachten Reinschrift durch, was er gestern
-diktiert hatte, dann diktierte er weiter. So ging es bis
-zum 30. Oktober fort.
-</p>
-
-<p>
-Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky
-durch Eilboten gesandt. Er war verreist, unauffindbar.
-Sandte man das Päckchen durch die Post, so kam es einige
-Tage später in Stellowskys Hände, und Dostojewsky war
-verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte Stenographin
-auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu
-tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den
-Empfänger mit dem Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-geschah und der Dichter war gerettet. Die dreitausend
-Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden waren, hatte
-Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit
-der anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die
-ihm dazu gedient hatten, den Dichter in die Enge zu
-treiben, wieder eingestrichen.
-</p>
-
-<p>
-So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft,
-mehr noch durch ihre kluge und findige Art, des Dichters
-Interessen zu fördern, ihm eine unentbehrliche Helferin
-erstanden, die er nicht mehr missen konnte. Gegen das
-Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie
-in ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater,
-der mit ihnen lebte, kennen zu lernen. Schon nach
-wenigen Besuchen erklärte der Dichter Anna Grigorjewna
-und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin auch gern
-zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen,
-das mit grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte
-sich niemals eine solche Annäherung träumen lassen.
-Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger als anziehend.
-So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in
-der 20 jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin
-anfangs ein erschrecktes Staunen hervor. Doch war es
-keine kleine Versuchung für sie, an der Seite eines
-Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen Ruhm in
-stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie thatsächlich
-und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um
-ihnen auch Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit
-der Hoffnung eines sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie
-willigte also ein. &bdquo;Als ich seine Gattin wurde&ldquo; &mdash; sagte
-sie uns &mdash;, &bdquo;da empfand ich nur Verehrung für ihn, aber
-nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von
-ihm erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.&ldquo; Die Vermählung
-fand am 15. Februar 1867 statt, nicht ohne vieles
-Abraten von Seiten der Familie Michael Michailowitsch,
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-welche eine Heirat des Dichters als ihren Interessen
-schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit
-der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten
-musste, wenn man in Petersburg blieb, den Dingen eine
-energische Wendung zu geben, indem sie zur Abreise antrieb,
-welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger
-und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche
-am 22. Februar 1868 in Genf geboren wurde und ebenda
-am 12. Mai desselben Jahres starb. Die zweite Tochter,
-Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren
-und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg,
-teilweise auf einer Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn
-Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in Petersburg geboren
-wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim
-und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele
-Ehren und Preise gewonnen haben. Ein viertes Kind,
-Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara <a id="corr-27"></a>Russa geboren
-und starb in Petersburg im Mai 1878.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<span class="line1">VIII.</span><br />
-<span class="line2">Vierjähriger Aufenthalt im Auslande.</span><br />
-<span class="line3">(1867-1871.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Z</span>wei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am
-14. April 1867, ging das Ehepaar Dostojewsky nach dem
-Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit länger zu
-bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte.
-In einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die
-Erklärung dazu. Mit der Rückkehr Dostojewskys nach
-Russland wären so viele Zahlungen und Verpflichtungen
-an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse nicht
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen
-Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder
-für die Familie des Bruders noch für seine eigene hätte
-aufkommen können. Er musste also im Auslande bleiben,
-um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse Schuldenlast,
-welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich
-abzutragen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen
-von vielen schweren Sorgen, von der fast ausschliesslichen
-Einsamkeit und den Beschwernissen, welche Familienzuwachs
-in der Fremde bei beschränktesten Mitteln mit
-sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in materieller
-wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei
-kein Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen
-und den langen und ungestörten Meditationen,
-sich in dem Dichter die ganz besondere Ausgestaltung
-jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm gelebt
-hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite
-seines Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen,
-dass er es nicht mehr für sich allein zu behalten vermochte,
-wie er dies früher gethan. Von dieser durchgreifenden
-Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen
-vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten
-hat sie sich sehr klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch
-von seiner Auslandsreise zurückkam. Unaufhörlich lenkte
-er das Gespräch auf religiöse Themata. &bdquo;Nicht genug an
-dem&ldquo; &mdash; sagt Strachow &mdash; &bdquo;er war auch in seinem Benehmen
-mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt
-hatte, ja manchmal geradezu zur Sanftmut wurde, verändert.
-Sogar seine Gesichtszüge trugen die Spuren dieser
-Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes
-Lächeln getreten. Ich erinnere mich&ldquo; &mdash; fährt Strachow
-fort &mdash; &bdquo;an eine kleine Episode im &bdquo;Slavischen Comité&ldquo;.
-Wir traten zugleich ein und wurden von J. Petrow begrüsst.
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-Wer ist das? fragte mich Theodor Michailowitsch,
-der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da
-er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft
-begegnete. Ich sagte es ihm und fügte hinzu: was für
-ein wunderbarer, höchst wunderbarer Mensch! Theodor
-Michailowitschs Augen leuchteten freundlich auf, er sah
-alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte:
-&bdquo;Ja, alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der
-Dichter im Laufe seiner Abwesenheit von der Heimat an die
-Freunde schrieb, wollen wir Strachows orientierende Erzählung
-über die Reisestationen und das Lebensdetail
-dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben.
-Das Ehepaar ging im April über Berlin nach Dresden,
-wo es sich zwei Monate aufhielt. Der Dichter schrieb
-hier an seinem Artikel: &bdquo;Meine Erinnerungen an Belinsky&ldquo;,
-welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow
-schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung
-übergab, worauf die Arbeit, sowie auch alle anderen, für
-diese Sammlung vorbereiteten Artikel, spurlos verschwunden
-sind. In Dresden war es namentlich Anna Grigorjewna,
-welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor
-Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich
-dabei jedoch immer auf seine Lieblinge: &bdquo;Die Sixtina&ldquo;,
-Correggios &bdquo;Nacht&ldquo;, Tizians &bdquo;Zinsgroschen&ldquo;, den Christuskopf
-von Annibale Caracci und die &bdquo;Abendlandschaft&ldquo;
-Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde Rujsdaels,
-namentlich seine &bdquo;Jagd&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche
-wir aus dem Munde Anna Grigorjewnas haben und welche
-einmal durch den Briefwechsel des Dichters mit seiner
-Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre
-eigentliche Beleuchtung erhalten wird.
-</p>
-
-<p>
-Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-den bekannten, sehr engen Verhältnissen lebend, beschliesst
-Dostojewsky von dort aus einen Abstecher nach Homburg
-zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller Blüte
-stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male)
-sein Glück zu versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt
-sich diesem Vorhaben durchaus nicht; weiss sie ja
-doch, dass in solchem Falle ein Begehren sich ins Unerträgliche
-steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch
-ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der
-praktische Beweggrund &mdash; so viel zu gewinnen, um eventuell
-in die Heimat zurückkehren zu können &mdash; allein ist, der
-den Dichter aus Dresden forttreibt, sondern wohl in
-ebenso hohem Grade sein nervöses und künstlerisches
-Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen
-das ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert
-Thaler mit, die ihm zum Glück helfen sollen, über deren
-Verlust hinaus aber er nichts riskieren will. Nun beginnt
-jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und
-Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen
-Briefen an die Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen.
-Selbstanklage, Zerknirschung, Verhimmelung des jungen
-Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit ihm
-durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm
-noch einmal Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen,
-ihn heimbringen soll, dies alles ohne Vorwurf und
-Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom Augenblick und der
-Leidenschaft so oft beherrschten &bdquo;schlechten Charakter&ldquo;,
-wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie
-sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die
-ihn durch Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut
-zu lenken weiss.
-</p>
-
-<p>
-Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar
-von Dresden ab, um in die Schweiz zu gehen. In
-Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen festgehalten,
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel
-hatte hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so
-viel verloren hatte, dass er sich nur mit dem von Katkow
-ihm gesandten Gelde loskaufen konnte und mit einem Rest
-von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine Stimmung
-jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere,
-als er nur der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung,
-am Roulettetisch gewinnen zu müssen, entronnen war.
-</p>
-
-<p>
-In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68
-zu, wo er den &bdquo;Idioten&ldquo; schrieb, welcher Roman im
-&bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; mit dem Januar 1868 zu erscheinen
-begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11
-oder 12 Uhr stand der Dichter auf, trank Kaffee und
-setzte sich zur Arbeit, an der er bis 3 Uhr verblieb.
-Dann diktierte er seiner Gattin aus dem Brouillon. Um
-4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische.
-Dann las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen
-Abend machte man einen Spaziergang, dann nahm man
-den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch ungefähr
-um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr
-morgens arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser
-Ogarew, welcher sie hier und da besuchte und ihnen in
-Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs. lieh. Am
-22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen,
-Sophie, geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte
-deren Tod, den der Dichter so schwer empfunden und nie
-verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für das Ehepaar
-aber auch noch manche andere Beschwerden und
-Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon
-losrissen und in Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer
-über verblieben. Anfangs September gingen sie über den
-Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in Mailand
-zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz
-nieder. Die ganze Zeit wurde die Arbeit am &bdquo;Idiot&ldquo;
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-fortgesetzt, dessen Schluss als Separat-Anhang des
-&bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; im Januar- oder Februarheft 1869
-erschien.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-War &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;, ohne dass man dies in Europa
-beachtete, ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen
-Prinzipien und Probleme, so finden wir im &bdquo;Idiot&ldquo;, der,
-wie wir sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas
-ganz anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden
-bietet den Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für
-sie, während zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem
-Zorn und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen
-Landsleuten Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten,
-mit welcher der Dichter die Gesinnungsgenossen einer &bdquo;längst vergangenen
-Zeit&ldquo; brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in
-dem Roman &bdquo;Die Besessenen&ldquo; noch in höherem Masse durchgeführt.
-</p>
-
-<p>
-Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders.
-Auch sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft,
-die Charaktere der jungen Generation übertrieben, die
-Handlung gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und
-es wird ihr gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks
-russisch grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden
-aber, welche dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele,
-kaum auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird
-uns mit allen Mängeln der Dichtung aussöhnen.
-</p>
-
-<p>
-Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des
-russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja
-schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf
-seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu
-den russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer
-schärfer hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form
-seiner christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher
-aus der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen.
-</p>
-
-<p>
-Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere
-Sühne der Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und
-Lieben, so steht hier in diesem &bdquo;Idioten&ldquo; eine Verkörperung
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-hoher, christlicher Weisheit, ohne jegliches &bdquo;Prinzip&ldquo;, ohne Zwang,
-in grösster Anmut vor unseren Augen.
-</p>
-
-<p>
-Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys
-setzt die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen
-wir, dass der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist,
-sondern der &bdquo;reine Thor&ldquo;, jene herrliche Gestalt, welche in der
-Litteratur so vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage
-im Parsifal unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht
-sagenhaft, als Held, sondern als ein Kind des Volkes, &bdquo;Iwanuschka-Duratschók&ldquo;
-noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt
-und bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst
-ein Stück russischer Sage darstellen wird.
-</p>
-
-<p>
-Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an;
-er ist ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse
-friert; er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei
-sich und erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit
-eines Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte
-eines väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem
-Lande untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen
-geheilt werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet
-werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden,
-seine Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor
-zwei Jahren sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt
-habe ihn aber dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn
-gesorgt und ihn erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach
-Petersburg geschickt, ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts
-mitgeben können, so dass er nun ohne eine Kopeke anlange und
-noch nicht wisse, was er beginnen werde. Seine Reisegefährten
-sind: Rogoschin, der Sohn eines ebenso reichen als geizigen und
-despotischen Kaufmannes, dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet
-hat, um sie einer berühmten Schönheit zweifelhaften
-Rufes zu verehren. (Nun ist der Vater plötzlich gestorben und
-er kehrt zurück, um sein Erbe anzutreten.) Ferner ein mit allen
-Salben geriebener kleiner Beamte, schlechtester Sorte. Beide
-lächeln über die Harmlosigkeit des jungen Fürsten, der selbst
-erzählt, man hätte ihn in der Schweiz einen Idioten genannt,
-was er auch sicherlich ohne die treue Pflege jenes Arztes geworden
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-wäre, nun aber nicht sei, wenn er sich auch noch nicht
-ganz genesen nennen könne.
-</p>
-
-<p>
-Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna,
-kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren
-scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude
-und Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen
-sei, um je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser
-das Bild Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten
-klar, was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an
-Nastassja, sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten
-Generalstochter, die ihn liebt, in das reinste Licht stellt.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem die Reisegefährten angekommen sind, bietet Rogoschin
-dem Fürsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser
-will sich vorerst an den General Epantschin wenden, dessen
-Gattin ebenfalls eine Fürstin Myschkin ist, und hofft sich dort
-wegen der Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die
-Heimat geschickt hatte, Rat holen zu können. Da er keinen
-Wert auf diese Sache legt, sie nur nebenher erwähnt und hilflos-vergnügt
-mit seinem Bündelchen weiter zieht, fragt auch niemand
-nach dieser Angelegenheit, und er tritt nach einem schüchternen
-Läuten in die Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener
-misstrauisch von oben bis unten ansieht und endlich
-gnädig hereinlässt. Die hier folgende Scene, da der junge Fürst
-seinen Namen nennt, aber mit seinem Bündelchen in der Hand
-lieber in der Dienerstube bleibt, als dass er in das Wartezimmer
-der Gäste ginge, ist ganz ausserordentlich geschildert.
-</p>
-
-<p>
-Der Diener hält den Besucher natürlich bald für einen &bdquo;Idioten&ldquo;,
-gewinnt aber allmählich und unbewusst Sympathie und eine
-gewisse Achtung für diesen jungen Menschen, den er gleichwohl
-nirgends einzureihen weiss. Für den Leser ist aber von den ersten
-Worten, die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen
-tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den
-letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich
-kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen Forderungen,
-lässt uns diese genialische Seele keinen Augenblick über
-sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz überwunden,
-ist auch hier sehr künstlerisch verwendet. Nicht ein
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier
-sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so
-dass auch darüber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem
-&bdquo;gebildeten Geist&ldquo; zu thun haben, sondern mit einem natürlich
-entfalteten Wesen.
-</p>
-
-<p>
-Manche russische Kritiker haben es abfällig beurteilt,
-dass Dostojewsky dem Fürsten Aussprüche tiefster Weisheit
-in den Mund legt. Wir können diesem Urteil nicht beipflichten.
-Der Dichter hat es wohl abgewogen, welcher Art die
-Weisheit sein müsse, die er den jungen Menschen aussprechen
-lässt. Immer ist es eine auf das Reinmenschliche gerichtete
-Wahrheit, eine Feinheit, die aus dem Gemüt quillt und zum
-Gemüt dringt, keinerlei Reflexions- oder Dogma-Weisheit. Und
-selbst da, wo Myschkin über den Katholicismus spricht, holt er
-seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer erworbenen Tradition
-oder einem ausgeklügelten Axiom. Hören wir, was er gleich
-zu Anfang der Erzählung mit dem Kammerdiener des Generals
-in der Dienerstube über die Todesstrafe sagt. Der Diener fragt
-nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den Strafen.
-Da erzählt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung durch
-die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine, wie sie
-so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das sei
-noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wisst Ihr was? &mdash; seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken
-alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine,
-so ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in
-den Kopf gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wäre?
-Das scheint Euch lächerlich, ja toll; bei einiger Vorstellung
-kommt einem aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket:
-wenn man z. B. die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und
-Wunden, körperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der
-seelischen Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abquälst
-bis zum letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der
-Hauptschmerz, der heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in
-den Wunden, sondern darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst,
-dass nach einer Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach
-einer halben Minute, dann sofort &mdash; Deine Seele dem Körper entflieht,
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-dass Du dann kein Mensch mehr sein wirst und dass das
-schon sicher sein wird; die Hauptsache ist, dass es <em>wirklich</em>
-geschehen wird. Siehst Du, wenn Du den Kopf unter das Messer
-legst und hörst, wie es über ihm knirscht, diese Viertelsekunde,
-siehst Du, das ist das schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das
-ist nicht meine Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so
-überzeugt davon, dass ich Euch offen meine Meinung sagen will.
-Einen Totschlag mit einem Totschlag zu sühnen ist eine unermesslich
-grössere Strafe, als das Verbrechen selbst. Das Töten
-infolge eines Urteilsspruchs ist unvergleichlich furchtbarer, als
-der Totschlag eines Räubers. Derjenige, welchen die Räuber
-erschlagen, bei Nacht, im Walde oder sonst wie zerhauen, hofft
-unbedingt, bis zum letzten Augenblicke, noch auf Rettung. Es
-hat Beispiele gegeben, da Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten
-war, noch hoffte, dass er noch lief oder flehte. Hier
-aber nimmt man ihm diese ganze letzte Hoffnung, mit der zu
-sterben es zehnmal leichter ist; man nimmt sie ihm thatsächlich,
-unwiderruflich fort. Hier ist ein Urteilsspruch und darin, dass
-Du ihm wirklich nicht entrinnen kannst, darin sitzt ja die furchtbare
-Qual. Und eine furchtbarere Qual als diese giebt es nicht
-auf der Welt. Stellt einen Soldaten im Krieg vor die Mündung
-einer Kanone und schiesst auf ihn, er wird immer noch hoffen,
-aber leset diesem nämlichen Soldaten das wirkliche Todesurteil vor,
-so wird er wahnsinnig<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a>, oder er fängt an zu weinen. Wer hat gesagt,
-dass die menschliche Natur imstande ist, das auszuhalten,
-ohne verrückt zu werden? Wozu ist eine solche Beschimpfung,
-eine so unsinnige, unnötige, so unnütze? Vielleicht giebt es
-auch einen solchen Menschen, dem man sein Urteil vorgelesen,
-den man sich abquälen liess und dem man dann gesagt hat:
-&bdquo;Geh hin, man hat Dir verziehen&ldquo;; das wäre ein Mensch, seht ihr,
-der was erzählen könnte! Von dieser Qual und diesen Todesschrecken
-hat auch Christus gesprochen. Nein! mit einem Menschen
-darf man nicht so verfahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht
-seines eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt,
-doch ist dies so glaubwürdig aus dem Herzen des &bdquo;Idioten&ldquo; herausgesagt,
-dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung
-gereift, hier wie eine Ahnung möglicher Qualen, wie ein Protest
-gegen diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes
-beleuchten. Mit diesem Gespräch und dem gleich darauf folgenden
-Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und
-ihren drei schönen Töchtern einiges aus seinem Leben in der
-Schweiz erzählt, ist gleichsam das &bdquo;Leitmotiv&ldquo; des ganzen
-Romans angeschlagen, durch dessen wirre, gedrängte, mit Personen
-und Zufälligkeiten überfüllte Handlung die Gestalt des Idioten
-wie ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet.
-</p>
-
-<p>
-Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen
-Essay &bdquo;ein grausames Talent&ldquo; und meint, die &bdquo;Wollust an
-unnützer Qual der Nebenmenschen&ldquo; sei das charakteristische
-Merkzeichen seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich immer
-nur um das Verhältnis von Wolf und Schaf herumbewege. In
-der ersten <a id="corr-28"></a>Hälfte seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky
-mit Vorliebe bei den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf
-gefressen werde, später aber habe er mit wahrer Wollust die
-Gefühle des Wolfes geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese
-Vorstellung hat Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt,
-welchen der &bdquo;Idiot&ldquo; und später &bdquo;Die Besessenen&ldquo; in ihm
-mochten hervorgerufen haben. Es giebt in der That kaum je
-eine Lektüre, welche stellenweise solche Qualen hervorzurufen
-vermöchte. Allein die Deutung Michailowskys ist durchaus
-herbeigezwungen, denn auch hier, in diesen &bdquo;grausamsten&ldquo; Werken
-des grossen Dichters und ganz besonders im &bdquo;Idioten&ldquo;, wiewohl
-er künstlerisch weit schwächer ist als &bdquo;Die Besessenen&ldquo;, steht
-er nicht nur auf der Seite des Schafes, sondern er löst die heitere,
-unbefangene, starke und überzeugte Milde seines Helden wie
-einen glänzenden Kern aus dem stachlichen Gehäuse des um
-ihn sich schliessenden Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung,
-diese Menschen und ihre Zustände, namentlich aber ihr Verhalten
-gegen den kranken und durch das Mitleid so überaus erregbaren
-jungen Mann, das alles hat etwas Widerwärtiges an sich, das
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-indessen nur zur Hälfte als Vorwurf auf des Dichters Rechnung
-zu setzen ist. Wo er die junge Generation nihilistischer, atheistischer
-Färbung schildert, da ist er beissend, ja bissig bis ins
-Ungerechte, subjektiv bis zur Blindheit. Er, der im gemeinen
-Verbrecher des Totenhauses den göttlichen Funken, die &bdquo;russische
-Wahrheit&ldquo; sucht und findet, ist unerbittlich gegen Verirrungen
-und Trugschlüsse des Geistes, Irrtümer des Herzens, die er
-selbst einmal geteilt hatte. Hier liegt die Vermutung nahe, dass
-er eben darum, weil er gelernt hatte, diese Richtung in sich selbst
-aufrichtig zu verdammen, das Mass für die Beurteilung der selben
-Ideen in Anderen verlor. Was uns aber sonst als quälend und
-unbehaglich in der Umgebung Myschkins entgegentritt, ist das
-zusammengewürfelte Milieu, das in Russland in gewissen mittleren
-Kreisen sich bildet, dem der Dichter in jüngeren Jahren wohl
-selbst mochte angehört haben, das ihn aber sicher als Romancier
-mehr locken musste, als die ausgeglichene Eleganz der hohen
-Kreise oder die Einheitlichkeit des Dorflebens.
-</p>
-
-<p>
-In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfältigste Leben.
-Es verkehren Menschen mit einander, die ursprünglich nicht zusammen
-gehörten. Die einen wollen hinauf, die andern müssen
-hinunter, alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht
-verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen. Das
-kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser Existenzen
-nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in Aftermiete
-(meblirovannye komnaty); der verabschiedete General, der kleine Beamte
-mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit ihrer Tochter, verwitterte
-Excellenzen, versoffene Kollegienräte, Hochstapler, Spieler,
-Cigaretten rauchende &bdquo;Generalinnen&ldquo;, das alles lebt in einzelnen
-Zimmern auf einem Gange &bdquo;bei Vermietern&ldquo;. In den Mietwohnungen
-minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft des Lebens; man
-lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu dem anderen der
-Stubennachbarn, man führt politische Gespräche, trinkt, spielt bis
-tief in die Nacht, streitet und versöhnt sich usw. Jener merkwürdige
-Typus &bdquo;verlorener Kinder&ldquo; wie sie Dostojewsky als
-Sonja in Schuld und Sühne, als Nastassja Philippowna im Idiot
-schildert, ist auch aus diesem Milieu hervorgeholt. Was einer
-solchen Menschengemeinschaft vom Standpunkt geordneter und
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-vornehmer Verhältnisse als Makel anhaften muss, das bildet wohl
-einen Vorzug im Leben jener von unserer Gesellschaft zur
-Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky, der konservative Politiker,
-ist als Mensch im weitesten Sinne frei und zeigt uns in
-diesen Gestalten eine merkwürdige Mischung von Verderbnis und
-Naivetät.
-</p>
-
-<p>
-Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit
-und dieser Stolz der &bdquo;Verlorenen&ldquo;, die sich verschenkt,
-aber nicht verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie,
-wiewohl sie schon &bdquo;vom Stoff der Schuld&ldquo; viel mehr in sich trägt, als die
-sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum &bdquo;Liebesmahle&ldquo;
-heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es aus
-des Generals Kanzlei zu den Damen hinüberbringen. In einem
-der leeren Säle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet, bleibt
-er stehen, betrachtet dieses schöne, bleiche, magere Gesicht mit
-den tiefen Augen und &mdash; drückt plötzlich einen innigen Kuss
-darauf. Wir bleiben aber nicht lange über den Sinn dieses
-Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen
-von der Schweiz erzählen muss, da sagt er, dass er dort so überaus
-glücklich gewesen sei. Man lächelt, fragt, nötigt ihn zu
-reden. &bdquo;Ich war nicht verliebt &mdash; ich war dort .. anders glücklich.&ldquo;
-Nun dringt man noch mehr in ihn und er fährt fort: &bdquo;Dort &mdash;
-waren immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern,
-nur mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der
-ganze Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie
-unterrichtet hätte &mdash; o nein, dazu war der Schulmeister da,
-Jules Thibaut; übrigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber
-ich war die meiste Zeit nur so mit ihnen &mdash; und so sind mir vier
-Jahre vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit
-ihnen über alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern
-und Verwandten wurden alle böse auf mich, weil die Kinder zuletzt
-gar nicht mehr ohne mich sein konnten und sich immer um
-mich scharten. Auch der Schullehrer wurde am Ende mein
-grösster Feind. Es erstanden mir dort viele Feinde und alle um
-der Kinder willen. Sogar Schneider (jener Arzt, der ihn aufgenommen
-hatte) beschämte mich. Aber was fürchtete er denn?
-Einem Kinde kann man alles sagen &mdash; alles. Mich hat immer
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die Grossen die Kinder
-kennen, ja wie schlecht Väter und Mütter ihre eigenen Kinder
-verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu verbergen, unter
-dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu früh für sie sei.
-Was für ein trauriger und unglücklicher Gedanke! Und wie gut
-bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie für zu klein
-erachten, um etwas zu verstehen, während sie alles verstehen.
-Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in der
-schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag.
-Ach Gott, wenn dich dieses gute Vögelchen ansieht, so vertrauensvoll
-und glücklich, so muss man sich ja schämen es zu
-betrügen&ldquo;. &mdash; Weiter heisst es dann: &bdquo;Anfangs lachten mich die
-Kinder aus, dann warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es
-gesehen hatten, wie ich Marie küsste. Ich habe sie aber ein
-einziges Mal geküsst .... Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich
-der Fürst zu sagen, um das Lächeln seiner Zuhörerinnen aufzuhalten
-&mdash; da war nichts von Liebe vorhanden. Wenn Sie
-wüssten, was das für ein unglückliches Geschöpf war, so würde
-Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie mir. Sie war aus
-unserem Dorfe usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun erzählt der Fürst die Geschichte dieses armen, demütigen
-Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente;
-dabei war sie schwindsüchtig. Einmal war ein französischer
-Kommis des Weges daher gekommen, hatte sie bethört
-und mit sich genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da
-war sie die vielen Werst zu Fuss zurückgegangen, eine ganze
-Woche lang, war in Lumpen gehüllt, elend, erkältet heimgekommen.
-Die Mutter, welche einen ganz kleinen Handel im
-Fenster ihrer Kammer versah und davon lebte, beschimpfte sie,
-gab sie dem Hohn und den Schmähungen der Dorfbewohner preis.
-Man nahm sie nirgends mehr zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt
-wollte ihr keinen Teil der Herde anvertrauen. Schweigend ging
-sie aber doch dem Vieh nach und hütete es gut, sodass er ihr
-hie und da etwas Brot und Käse gab. Da war es, dass der
-junge Fürst sie einmal traf und ihr 8 Francs gab, die er für
-eine kleine Diamantnadel eingelöst hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich begegnete
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem Seitenpfade
-hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und
-sagte ihr, sie möge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts
-haben würde. Dann aber küsste ich sie und sagte ihr, sie möge
-nicht denken, ich hätte böse Absichten, dass ich sie nicht
-darum küsse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie
-mir so sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten
-für schuldig, nur für sehr unglücklich erachtet hätte.
-Ich hatte so sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trösten und
-zu überzeugen, dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe,
-aber sie hat das, scheint es, nicht verstanden.&ldquo; &bdquo;Dann, als ich
-geendet hatte, küsste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich
-die ihre und wollte sie auch küssen, allein sie zog sie rasch
-zurück. Da erblickten uns plötzlich die Kinder, eine ganze
-Schar. Ich erfuhr nachher, dass sie mich schon lange belauscht
-hatten. Sie begannen zu pfeifen, mit den Händchen zu klatschen
-und zu lachen, Marie aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie
-aber begannen Steine auf mich zu werfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weiter fährt er fort: &bdquo;Ich erzählte ihnen, wie unglücklich
-Marie sei; bald hörten sie auf zu schmähen und gingen schweigend
-davon. Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich
-verbarg ihnen nichts, erzählte ihnen alles. Sie lauschten mit
-vielem Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche
-von ihnen begrüssten sie nun schon zärtlich, wenn sie ihnen begegnete&ldquo;
-usw. &mdash; Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: &bdquo;nous t&rsquo;aimons
-Marie&ldquo;! Als sie stirbt, überschütten sie die Kinder mit Blumen,
-legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum
-Friedhof tragen. Da sie es nicht vermögen, folgt die ganze Schar
-ihm weinend nach, und der Grabhügel blüht seither unter ihrer
-Obhut. Er aber, der junge Fürst, wird der Kinder unzertrennlicher
-Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem
-Lehrer angefeindet. Auch sein Beschützer, der Arzt Schneider,
-tadelt ihn darob und nennt ihn ein &bdquo;ewiges Kind&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen
-am ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da
-handelt. Der junge Fürst ist ungeladen zu jener Schönen,
-Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft zusammengerufen
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-worden, um ihren Entschluss zu hören: ob sie,
-mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja
-Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen
-nehmen will, heiraten wird oder nicht.
-</p>
-
-<p>
-Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun
-haben werde, und tritt nun, seine Scheu überwindend, in die verblüffte
-Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen
-Gaste zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes,
-Wichtigeres bringen. Alles ist gespannt. &mdash; Da stürzt Rogoschin,
-des Fürsten wüster Reisegefährte, mit einem Schwarm betrunkener
-Genossen herein und legt ein Päckchen von 100000 Rubeln auf
-den Tisch, womit er Nastassja als Geliebte für sich loskaufen
-will; diese schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung
-den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden
-alten Liebhaber Totzky ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch noch verpflichtet wäre ich ihm, so meint er wohl; er
-hat mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Gräfin gehalten,
-und Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anständigen
-Gatten hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und
-was glaubst du &mdash; ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm gelebt,
-habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im
-Recht! Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm
-die Hunderttausend und jag&rsquo; ihn fort, wenn&rsquo;s dich ekelt. Freilich
-ist es ekelhaft .... Ich hätte auch schon lange heiraten können
-und andere, als diesen hier &mdash; aber das ist ja schon gar ekelhaft!
-Und wofür habe ich meine fünf Jahre in diesem Zorn vergeudet?
-Und wirst du&rsquo;s glauben (sie wendet sich da an eine Freundin)
-oder nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht
-habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen
-sollte? Das hab&rsquo; ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir
-damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich hätte ihn
-sicher dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu
-gedrängt, ob du&rsquo;s glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen,
-denn er ist schon gar zu gierig, hält nicht Stand. Und später,
-Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert?
-Da hab&rsquo; ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass,
-wenn er auch um mich gefreit hätte, ich ihn nicht genommen
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-hätte. Ganze fünf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist&rsquo;s
-schon besser auf die Strasse, wohin ich auch gehöre! Entweder
-mich mit Rogoschin verlottern, oder morgen unter die Wäscherinnen
-gehen! Denn es ist nichts mein eigen, was ich da trage. Geh&rsquo;
-ich fort, so werf ich ihm alles hin, den letzten Fetzen lass&rsquo; ich
-hier &mdash; wer aber nimmt mich ohne alles &mdash; frage nur den da,
-Ganja, ob er mich nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der
-Spassmacher der Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja
-Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch&ldquo;, unterbrach sie
-dieser; &bdquo;dafür hingegen &mdash; nimmt Euch der Fürst! Ihr sitzet so
-da und lamentiert &mdash; schaut nur einmal den Fürsten an! Ich
-beobachte ihn schon lange ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem
-Fürsten um.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es wahr?&ldquo; fragt sie ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist wahr,&ldquo; sagt er leise.
-</p>
-
-<p>
-(Der Eindruck dieser Scene ist unbeschreiblich.)
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da hab&rsquo; ich einen Wohlthäter gefunden!&ldquo; sagt Nastassja
-&bdquo;Übrigens spricht man vielleicht die Wahrheit über ihn, dass
-er .... <em>so</em> ist. Wovon wirst du denn leben, wenn du so verliebt
-bist, die Rogoschinskaia zu nehmen, für dich, als &mdash; Fürstin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich nehme Euch als eine Ehrenhafte, Nastassja Philippowna,
-nicht als eine Rogoschinskaia&ldquo;, sagte der Fürst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich, ehrenhaft?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Ihr,&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p>
-Nun wird die Frage des Unterhalts erörtert und es stellt
-sich aus einem Briefe, den Myschkin bei sich trägt, heraus, dass
-er der Erbe einer steinreichen Verwandten ist und es eben diese
-Angelegenheit war, um deren willen man ihn nach Russland
-gesandt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst
-retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des
-Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen höchst aufregenden
-und den Leser in quälende Spannung versetzenden Episoden
-setzt Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht
-mehr stand hält, doch endlich die Vermählung durch. Schon im
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-Brautgewande und vor dem Altar &mdash; entflieht die Braut. Spät
-in der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint
-Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man
-lässt ihn nicht ein. Er stellt sich gegenüber Rogoschins Fenster
-auf, dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen
-schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Fürst, den schon wiederholte
-Anfälle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens
-zu berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mühe, um zu
-begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin führt ihn hinter den
-Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis über
-den Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Körper. Ein nackter
-Fuss, wie aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende
-sichtbar und ringsum weisse Gewänder, Spitzen, Brillanten &mdash; &mdash;
-&mdash; Sie war mit Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen,
-&bdquo;damit Myschkin sie nicht finde&ldquo;. Hier hatte sie die
-Nacht auf seinem Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer
-ins Herz gestossen. Darauf hat er sich zu Füssen des Bettes
-vor den Vorhang hingesetzt und gewartet. Nun erzählt er das
-alles, vom Fieber geschüttelt, dem Fürsten. &bdquo;Du sollst aber
-keinen Anfall hier bekommen und schreien, sonst musst du fort.&ldquo;
-&mdash; &mdash; Allmählich verlässt beide das Bewusstsein. &mdash; Am andern
-Morgen findet man Rogoschin im Fieber schreiend und rasend,
-Myschkin neben ihm auf dem Boden sitzend, nun vollständig
-blödsinnig &mdash; und dem Kranken bei jedem Schrei zärtlich Haar
-und Antlitz streichelnd .....
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Es ist wohl hier der Platz für einen Brief, welchen
-der Dichter neun Jahre später an einen jener Korrespondenten
-richtete, die ihn in seinen letzten Lebensjahren
-so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen.
-Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und
-in mehr als einer Richtung bedeutsam und interessant.
-</p>
-
-<p>
-Er lautet:
-</p>
-
-<p class="date">
-&bdquo;Petersburg, 14. Februar 1877.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Geehrter Herr Kowner!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich
-ein kranker Mensch bin und sehr schwer an meiner Monatsschrift
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-arbeite. Auch muss ich jeden Monat einige Dutzende
-von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine Familie
-und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe
-thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine
-längere Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich.
-Besonders mit Ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben
-wäre, als Ihr erster Brief an mich (Ihr zweiter
-Brief ist etwas für sich).
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin
-über sich selbst sagen. &mdash; Über Ihr einstmals begangenes
-Verbrechen haben Sie sich so klar und (wenigstens was
-mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt, dass ich,
-ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese
-jetzt mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst.
-</p>
-
-<p>
-Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich
-natürlich nicht mit Ihnen reden; doch hat es mir gefallen,
-dass Sie den &bdquo;Idiot&ldquo; als den besten darunter hervorheben.
-Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon fünfzig
-Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch
-alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren
-Anzahl von Exemplaren. Ich habe den &bdquo;Idioten&ldquo; darum
-jetzt genannt, weil alle, die mit mir darüber als von
-meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes in der
-Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich
-sehr berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung
-nun auch bei Ihnen findet, so ist das für mich nur
-um so besser, natürlich wenn Sie aufrichtig sind. Aber
-wenn es auch nicht so wäre ....
-</p>
-
-<p>
-NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen,
-dass Sie keinerlei Reue über das von Ihnen begangene
-Verbrechen in der Bank empfinden, sind nicht recht nach
-meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die
-Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein
-jeder sich verpflichtet fühlen muss (das heisst, wieder als
-einem Symbol). Sie sind vielleicht so gescheit, dass Sie
-sich über diese unerbetene Offenheit meiner Bemerkung
-nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser,
-als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine
-falsche Demut, wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie
-auch in meinem Herzen freispreche (so wie ich auch Sie
-auffordere, mich freizusprechen), so ist es immer besser,
-wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun. Scheint
-Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine
-kleine Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der
-höhere, ideale Christ sagt: &bdquo;Ich habe meinen Besitz mit
-den armen und niederen Brüdern zu teilen, ich habe ihnen
-allen zu dienen.&ldquo; Der Kommunard aber sagt: &bdquo;Du hast mit
-mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu
-dienen.&ldquo; Der Christ wird recht, der Kommunard wird
-unrecht haben.) Übrigens ist Ihnen vielleicht jetzt noch
-unverständlicher, was ich Ihnen sagen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann
-man sich in einem Briefe nicht aussprechen, besonders mit
-Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit, dass wir einen
-solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht
-erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will
-Ihnen nur sagen, dass ich auch von anderen Israeliten
-Briefe mit ähnlichen Bemerkungen bekommen habe. So
-habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen
-Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit
-bitteren Vorwürfen schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst
-durch diese mir von Israeliten gemachten Vorwürfe,
-einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches
-schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen
-habe, da ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen
-Anfalles leidend bin). Jetzt sage ich Ihnen nur,
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-dass ich durchaus kein Feind der Juden bin, niemals ein
-solcher war. Allein &mdash; schon ihr, vierzig Jahrhunderte
-währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass
-dieses Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt,
-welche im Laufe seiner ganzen Geschichte nicht anders
-konnte, als sich als verschiedene status in statu formulieren.
-Ein sehr kräftiger status in statu ist unbestreitbar
-auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es
-aber so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie,
-wenigstens teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen
-Volksfamilie eine Dissonanz bilden? Sie weisen auf die
-Intelligenz der Juden hin &mdash; nun, Sie selbst sind ja auch
-eine Intelligenz und &mdash; sehen Sie nur ...
-</p>
-
-<p>
-Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes.
-Ich habe viele Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen,
-die mich auch jetzt oft um Rat angehen. Doch lesen sie
-das &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;; und obwohl sie, wie
-alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich
-sind, so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch
-zu mir.
-</p>
-
-<p>
-Was die Sache der Kornilowa<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a> anlangt, bemerke ich nur,
-dass Sie nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind.
-Aber was sind Sie doch für ein Lehrling. Mit einem
-solchen Blick auf das Herz des Menschen und seine Handlungen
-bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse
-zu versinken ...
-</p>
-
-<p>
-... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres
-Briefes, gar nicht. Ihr Brief (der erste) ist hinreissend
-schön und gut. Ich will mit voller Seele glauben, dass
-Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie nicht
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit
-in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst
-komplizierte und sehr tiefe Sache. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich
-Ihnen die mir dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich
-aber im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben
-es ja bis zum heutigen Tage gesucht, oder nicht?
-</p>
-
-<p>
-Mit aufrichtiger Hochachtung
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihr<br />
-Th. Dostojewsky.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten,
-kündet uns dieser Brief die ganze Eigenart Dostojewskys.
-Gleichsam im Vorübergehen, wie unbewusst, streift er
-einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart und
-löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude
-über jene, welche den &bdquo;Idioten&ldquo; als sein bestes Werk
-ansehen, steckt eine ganze Ethik der unbefleckten Wahrheit,
-so wie in jener Parallele zwischen Christ und Kommunard
-sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist.
-Die Andeutung über die Lüge, die &bdquo;in gegebenem Falle
-eine sehr ernste und komplizierte Sache&ldquo; ist, deckt sich
-mit dem Ausspruch, den er Rasumichin in den Mund legt:
-&bdquo;Lügen wir uns zur Wahrheit durch&ldquo;, und reisst gleichsam
-vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander,
-das oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt;
-und wie gewandt endlich kehrt er, in der Berührung der
-Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe gegen
-diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die
-&bdquo;nationale Grundlage&ldquo; des Volks zu erhärten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das
-in Genf gewesen, doch gab es hier viele Kunstsammlungen,
-welche nicht nur von Anna Grigorjewna, sondern auch
-von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden. Des
-Dichters Lieblinge waren hier Rafaels &bdquo;Madonna della Sedia&ldquo;
-und &bdquo;Johannes der Täufer&ldquo;. Ganz besonders entzückte
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-den Dichter der Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio.
-Auch ein Lesesaal war hier, wo man russische
-Zeitschriften finden konnte. Ausserdem beschäftigte sich
-Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er
-Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte
-Russen gab es hier gar keine, so dass das Ehepaar zehn
-Monate in Florenz zubrachte, ohne mit irgend jemand ein
-russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand Theodor
-Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das
-italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr
-ähnlich. In Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten,
-weil sie allzuwenig Geld hatten, um sich ein solches Vergnügen
-zu gestatten.
-</p>
-
-<p>
-Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest,
-Wien und Prag nach Dresden. Venedig machte auf den
-Dichter einen besonders bezaubernden Eindruck und es
-blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs
-vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger
-und Palacky näher bekannt zu werden, welche ihn sehr
-interessierten. Der Umstand jedoch, dass in Prag keine
-möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn, Dresden
-zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am
-14. September (1869) die zweite Tochter geboren und das
-brachte neue Freuden und neue Sorgen in das Leben der
-Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt einer
-Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede
-freie Minute, wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen
-war. Zu Ende des Jahres schrieb Dostojewsky
-den &bdquo;Hahnrei&ldquo; und das ganze Jahr 1870 hindurch die
-&bdquo;Dämonen&ldquo; (in einer Übersetzung &bdquo;Die Besessenen&ldquo; genannt),
-welche anfangs 1871 im &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; zu erscheinen
-begannen.
-</p>
-
-<p>
-Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren
-Bekannten; übrigens liebte er es nicht besonders, im Auslande
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-Verkehr mit Russen zu pflegen, die er nur oberflächlich
-kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus
-russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit
-sich genommen oder sich verschrieben hatte, so die Werke
-Belinskys, &bdquo;Krieg und Frieden&ldquo; von Tolstoj und einige
-andere. Das Buch jedoch, zu welchem er immer wieder
-zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der
-Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten,
-nie verlassen hatte, war das Evangelium.
-</p>
-
-<p>
-In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben
-und, wie Anna Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten
-gerade diese zwei Jahre zu den schwersten Zeiten der
-freiwilligen Verbannung. &bdquo;Er litt immer mehr darunter,&ldquo;
-sagte sie, &bdquo;dass er sich von Russland entfernt habe, es
-nicht mehr kenne.&ldquo; In seinen Briefen drückt er oft diese
-Sehnsucht nach Russland aus. Allein die Rückkehr war
-schwer zu bewerkstelligen, weil man dazu von vornherein
-grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass man
-nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg
-übersiedelte, sondern die Wechsel und Schulden einlöste,
-welche von der Leitung der &bdquo;Epocha&ldquo; her noch unbeglichen
-waren. Lange warteten sie auf günstige Umstände, aber
-so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres
-höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte
-Geld zu diesem verbraucht. Ein bedeutender Teil ging
-für die Erhaltung der Witwe des dahingeschiedenen Bruders,
-ein anderer für die des (offenbar nicht wohlgeratenen)
-Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die
-Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die
-zuletzt doch verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen
-diesen Schwierigkeiten vor sich sahen, dabei aber fühlten,
-dass es ihnen unerträglich wurde, unter diesen Verhältnissen
-in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie
-sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-nehmen, und kehrten am 8. Juli 1871 nach Petersburg
-zurück, wo am 16. desselben Monats ihr erster Sohn
-Theodor geboren wurde.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<span class="line1">IX.</span><br />
-<span class="line2">Briefwechsel aus der Fremde.</span><br />
-<span class="line3">(1867-1871.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">B</span>lättern wir nun in den Briefen des Dichters aus
-dieser Zeit der Selbstverbannung, so finden wir darin die
-Bestätigung alles dessen, was Strachow darüber berichtet
-und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles was wir durch
-sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen
-erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir
-aus zwei Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der
-uns vorliegenden, 42, einen Umfang von etwa zehn Druckbogen
-grossen Formats einnimmt, die Länge einzelner oft
-sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material
-für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber,
-und dies ist wichtiger, weil seine Richtung durch alles
-Vorangegangene und namentlich durch das Tagebuch besser
-gekennzeichnet ist als durch diese Briefe, deren Wiederholungen
-mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche
-geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von
-einem deutschen Publikum gleichgiltig, ja wohl missverständlich
-müsste aufgenommen werden. Auch jenen Briefen,
-welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung
-voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl
-selbst gemacht hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys
-Wesen hervorgehoben zu werden verdient. Des
-Dichters Briefe sind alles andere eher als &bdquo;geistreiche
-Briefe&ldquo;; sie sind in noch viel höherem Grade als seine
-künstlerischen und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig.
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-In seiner Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei
-allem Raffinement des Künstlers) hier wie überall um die
-Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen und
-Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht
-stellen könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach
-wie die Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir
-glauben ihm aufs Wort, was er noch im Jahre 1856 aus
-Sibirien an Apollon Maikow schrieb: &bdquo;&mdash; &mdash; Verzeihen
-Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe
-kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum
-eben kann ich die Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat
-allzu gute Briefe geschrieben.&ldquo; Dostojewskys Stil ist
-sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so, wie
-ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): &bdquo;nicht
-der kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu
-vornehmer Einfachheit geadelten Alltäglichkeit&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick
-haben, ist vom 28. August 1867 aus Genf datiert,
-an Maikow gerichtet. Nach einer einleitenden Entschuldigung,
-dass er so lange geschwiegen habe, und einem
-jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer
-wie die Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem
-wir ihn den besten Freunden gegenüber manchmal ertappen,
-beginnt er die zusammenfassende Erzählung seines Reiselebens
-wie folgt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen
-Gründen. Der Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur
-die Gesundheit, nein, das Leben zu retten. Die Anfälle
-wiederholten sich schon in jeder Woche; diese Nerven-
-und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen,
-das war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich
-sich zu zerrütten. Das ist thatsächlich wahr.
-Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal zu
-Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-diese: die Gläubiger konnten nicht mehr länger warten,
-und zur Zeit meiner Abreise war schon durch Latkin und
-später durch Petschatkin die Klage gegen mich eingereicht.
-Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest.
-Nehmen wir an &mdash; ich will keine schönen Worte machen
-und mich aufschmücken &mdash; nehmen wir an, das Schuldgefängnis
-wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich:
-Aktualität, Material, ein zweites &bdquo;Totenhaus&ldquo;; mit einem
-Wort, es gäbe Material mindestens für 4-5000 Rubel,
-aber ich habe eben erst geheiratet und, ausserdem, würde
-ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause aushalten?
-Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir
-aber unmöglich geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden
-Anfällen, litterarisch thätig zu sein &mdash; wie
-hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die Verpflichtungen
-waren schrecklich angewachsen.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans
-Ausland habe ich nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt,
-der geistige Einfluss des Auslandes werde ein sehr schädlicher
-sein. Allein, ohne Material, mit einem jungen Geschöpf,
-das sich mit naiver Freude anschickte, mein
-Wanderleben zu teilen &mdash; ich aber sah in dieser naiven
-Freude viel Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte
-und quälte mich sehr. Ich fürchtete, Anna Grigorjewna
-werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir langweilen;
-auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein.
-In mich aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen
-ist krankhaft, und ich sah voraus, dass sie sich mit mir
-abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich Anna Grigorjewna
-als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt
-und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir
-geradezu ein Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches,
-Zwanzigjähriges, das wunderschön und natürlich
-unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber kaum die
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der
-Abreise vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna
-Grigorjewna sich kräftiger und trefflicher erwies, als ich
-gedacht hatte, so bin ich dennoch, auch heute, nicht beruhigt.)
-Endlich bedrückte mich die Kargheit unserer
-Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen Barschaft
-und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an
-Katkow ab. Ich rechnete allerdings damit, dass ich im
-Auslande sofort zu arbeiten beginnen würde. Was aber
-kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder nahezu nichts
-geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und endgiltig
-an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan
-habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden
-und manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes,
-Schwarz auf Weiss ist noch wenig da, dieses Schwarz auf
-Weiss aber ist ja das Endgiltige, das allein wird bezahlt.
-Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als möglich
-hinter uns gelassen &mdash; wo ich mich einen Tag aufhielt,
-wo die langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine
-Nerven bis zur Bosheit zu reizen, und wo ich das russische
-Bad besuchte &mdash; gingen wir nach Dresden, mieteten
-eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest.
-</p>
-
-<p>
-Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame:
-sofort warf sich mir die Frage auf: wozu bin ich in
-Dresden, gerade in Dresden und nicht anderswo, und was
-zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu verlassen
-und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja
-klar (Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche
-war auch das, dass ich es zu deutlich empfand, dass es
-für mich jetzt, wo immer ich auch leben mochte, ganz
-gleich sei &mdash; ob in Dresden oder anderswo. Überall war
-ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück.
-Ich wollte mich sofort an die Arbeit machen und fühlte,
-dass es damit durchaus nicht gehe, dass der Eindruck
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-durchaus nicht der richtige sei. Ich las, ich schrieb einiges,
-war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält &mdash; die Tage
-vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische
-im Grossen Garten spazieren, hörten billige Musik, dann
-lasen wir, dann gingen wir schlafen. In Anna Grigorjewna&rsquo;s
-Charakter kam ein entschieden antiquarischer Zug zum
-Vorschein (das freut mich und unterhält mich sehr). Es
-ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme
-Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben,
-was sie mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und
-womit sie schon sieben Büchlein vollgeschrieben hat.
-Aber mehr als alles hat sie die Galerie eingenommen
-und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil dadurch
-in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind,
-um Langweile aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie
-täglich besucht.
-</p>
-
-<p>
-Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über
-die Petersburger und die Moskauer gesprochen und
-debattiert haben, über Sie und Anna <a id="corr-29"></a>Iwanowna &mdash; es war
-teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich
-Ihnen nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert.
-Ich habe russische Zeitungen gelesen und
-mir damit das Herz erleichtert. Da habe ich&rsquo;s endlich
-empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt
-hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands
-Europa gegenüber und über die oberste Schichte
-der russischen Gesellschaft. Aber, was soll man davon
-reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht, unser
-russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem
-Glauben an Europa und die Zivilisation &mdash; ebenfalls. Die
-Vorgänge in Paris waren ein Schlag für mich. Auch die
-guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la Pologne! Puh!
-wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie wohldienerisch!
-Ich habe mich in meiner früheren Idee nur
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-noch bestärkt, dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft
-ist, dass uns Europa nicht kennt und so schlecht kennt.
-Die Details aber des Prozesses Berezowski! Wie viel
-fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache
-ist &mdash; wie wenig sind sie mit ihren Reden noch
-weiter gekommen, wie ist alles noch auf demselben Fleck,
-alles auf demselben Fleck!
-</p>
-
-<p>
-Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus
-plastischer, das ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit
-und unerwarteten Reife des russischen Volkes angesichts
-all unserer Reformen (sei es auch nur die der Gerichtsbarkeit),
-und gleichzeitig die Kunde von dem durch den Kreisrichter
-des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten
-Kaufmann erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische
-Volk dank seinem Wohlthäter und dessen Reformen nach
-und nach in eine solche Lage gekommen ist, dass es unwillkürlich
-Thatkraft, selbständiges Sehen erlernt, und darin
-liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit ist,
-was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger
-als die Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So
-schnell als möglich nach dem Süden, so schnell als möglich<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a>;
-darauf kommt alles an. Bis dahin überall die rechte
-Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse Wiedergeburt!
-(Über all dieses denkt man hier nach, träumt man,
-über all dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier
-fast mit niemand verkehre, kann man doch nicht umhin,
-manchmal unversehens auf jemand zu stossen.
-</p>
-
-<p>
-In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig
-im Auslande lebt, alljährlich auf drei Wochen nach Russland
-reist, seine Einkünfte einstreicht und wieder nach
-Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und Kinder hat,
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem:
-warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete
-wörtlich (mit gereizter Heftigkeit): &bdquo;hier ist Zivilisation,
-bei uns aber Barbarei. Ausserdem giebt es hier keine
-Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé und konnte
-den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen
-unterscheiden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie denn nicht, natürlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist?
-Der Franzose ist vor allem Franzose, der Engländer &mdash;
-Engländer, nur sie selbst zu sein ist ihr höchstes Ziel, ja
-noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen,
-und wir werden erst dann glücklich sein, wenn
-wir vergessen werden, dass wir Russen sind und jeder
-allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow
-hören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie also lieben Katkow nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist ein Nichtswürdiger!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil er die Polen nicht liebt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lesen Sie sein Journal?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich lese es niemals.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser
-Mensch gehört zu den jungen Progressisten, hält sich aber
-übrigens, wie es scheint, abseits von allen anderen. In
-was für knurrigen und verachtenden Spitzigkeiten bewegen
-sie sich doch im Auslande!
-</p>
-
-<p>
-Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei.
-Aber du mein Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt,
-d. h. eine so erhabene Vorstellung des Menschen,
-dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen kann, und
-dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-Ideal der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber &mdash; &mdash;<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a>
-haben sie uns hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen
-Schönheit, auf welche sie spucken, sind sie alle so niedrig,
-selbstsüchtig, so schamlos aufreizend, so leichtfertig, hochmütig,
-dass es unverständlich ist, was sie erhoffen und was
-ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat er
-abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet
-habe ist dies: alle diese Liberälchen und Progressisten,
-namentlich jene, die noch aus der Schule Belinskys
-sind, halten es für ihr vornehmstes Vergnügen und
-ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der
-Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach
-Russland schmähen und ihm offen den Zusammenbruch
-wünschen (vor allem den Zusammenbruch!) Diese
-Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland lieben. Dabei
-aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland
-halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen
-und mit Lust in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn
-man ihnen thatsächlich ein Faktum vorlegte, das man auf
-keine Weise leugnen oder in eine Karikatur verstümmeln
-könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein
-müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur
-Qual, bis zur Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens
-habe ich bemerkt, dass sie (wie alle, welche lange Zeit
-nicht in Russland gewesen sind) entschieden die Thatsachen
-nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich
-jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz
-gewöhnliche Fakten nicht begreifen, die unser russischer
-Nihilist nicht einmal leugnet, sondern nur in seinem Sinne
-<a id="corr-32"></a>karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor
-den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen allen
-gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation,
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-und dass alle Anläufe zum Russismus und zur
-Selbständigkeit &mdash; Schweinerei und Dummheit sind ....
-</p>
-
-<p>
-Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna
-die Unruhe und Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu
-kamen hauptsächlich zwei Fakten: 1. Nach Briefen, welche
-mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal geschrieben),
-zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht
-hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der
-Tilgung nicht zu denken. 2. Fühlte meine Gattin sich
-in gesegneten Umständen (dies bitte ich, unter uns, die
-neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man
-umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit
-meinen Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der
-Schwägerin), mit Pascha und einigen anderen? Geld.
-Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir irgendwo überwintern,
-so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna
-Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit
-ihr ein wenig reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo
-in der Schweiz oder in Italien den Winter zuzubringen.
-Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon sehr
-stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm
-die ganze Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um
-500 Rubel Vorschuss gebeten. Wie denken Sie? er hat&rsquo;s
-geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher Mensch!
-Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen.
-Aber hier muss ich meine Niedrigkeiten und
-Laster erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle,
-dass ich Sie als meinen Richter ansehen kann. Sie sind
-ein Mann von Herz, wovon ich mich schon lange überzeugt
-habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer hochgeschätzt.
-Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen
-schuldig zu bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie
-allein. Geben Sie mich dem Urteil der Menschen nicht
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es mir ein,
-mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende
-Gedanke, 10 Louisd&rsquo;ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs.
-als Zugabe zu gewinnen, das wäre ja dann genug auf vier
-Monate, um mit allem und allen Petersburgern zu leben;
-das schlimmste war, dass ich auch früher schon manchmal
-gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur
-niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in
-allem gehe ich bis an die äusserste Grenze, mein ganzes
-Leben habe ich das Mass überschritten. Der Teufel hat
-dann auch sofort ein Stückchen mit mir aufgeführt: In
-drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit
-4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir
-nun alles darstellte. Von der einen Seite dieser leichte
-Gewinnst &mdash; von 100 Frcs, in drei Tagen 4000 &mdash;, von
-der anderen Seite &mdash; Schulden, Klageschriften, seelische
-Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland zurückzukehren.
-Endlich drittens, die Hauptsache &mdash; das Spiel selbst.
-Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre
-es Ihnen, da ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir
-vor allem Geld um Geldeswillen nötig war. Anna Grigorjewna
-beschwor mich, ich solle mich mit den 4000 Frcs.
-zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte
-und mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche
-Beispiele! Ausser dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich,
-wie andere zu 20 und 30000 Frcs, einziehen. (Die
-Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie&rsquo;s
-verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte
-also weiter und verlor. Ich fing an mein Letztes
-zu verlieren, wurde aufgeregt bis zum Fieber &mdash; und verlor.
-Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna Grigorjewna
-versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein
-Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem
-verfluchten Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede,
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-wohin wir übersiedelt waren!). Endlich war&rsquo;s genug &mdash;
-alles war verloren. Endlich musste man sich retten
-und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals
-an Katkow, bat abermals um 500 Rubel (ohne der
-Umstände zu erwähnen; allein der Brief war aus Baden
-datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er hat&rsquo;s
-ja geschickt! Hat&rsquo;s geschickt! So sind also jetzt 4000
-vom &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; vorausgenommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky
-dem Freunde die Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung,
-dass sie in Genf angekommen seien, bei zwei
-alten Frauen Quartier genommen haben und nun am
-vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche
-und weitere 50 Rubel für die zwei nächsten Monate in
-Aussicht haben. Nun folgt einer jener bekannten kindlich
-schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen ausführlichen
-Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung
-und Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters
-Menschliches und Allzumenschliches! In einem Briefe vom
-15. September an denselben Freund erwähnt er, dass
-dessen 125 Rubel sie gerettet haben.
-</p>
-
-<p>
-Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über
-seine Gesundheit, welcher das Klima schade, da er jeden
-zehnten Tag ungefähr einen Anfall habe, nach welchem
-er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich folgende
-Stelle: &bdquo;Habe ich Ihnen schon über den hiesigen
-Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben
-nicht nur keinen solchen Unsinn gesehen oder gehört,
-sondern nicht einmal angenommen, dass die Menschen
-solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie
-sie sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und
-wie sie die Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich
-schon früher keinen Zweifel darüber, dass ihr erstes Wort
-Zank sein werde. So geschah es auch. Sie fingen mit
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen
-überflüssig seien und dass man lauter kleine
-daraus machen solle; dann: dass es keinen Glauben zu
-geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei und Geschimpfe:
-Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen
-davon lesen und hören, sehen wahrlich alles
-verkehrt. Nein mit eigenen Augen solltet Ihr schauen,
-mit eigenen Ohren hören.&ldquo; Über Genf, seine ungünstigen
-klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine
-Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem
-Briefe vom 21. Oktober geradezu verzweifelt aus. Im
-Zornausbruch sagt er: &bdquo;Und was sind das für selbstzufriedene
-Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer
-Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier
-hässlich, faul, teuer, Alles ist hier betrunken! So viele
-Renommisten und so viele betrunkene Schreiliesen giebt
-es sogar in London nicht. Und alles bei ihnen, jeder
-Pfosten &mdash; ist herrlich und grossartig. &bdquo;Wo ist die Rue
-N. N.?&ldquo; &mdash; &bdquo;Voyez monsieur, vous irez tout droit, et
-quand vous passerez près de cette majestueuse et élégante
-fontaine en bronze, vous prendrez etc.&ldquo; &mdash; Diese majestueuse
-élégante fontaine &mdash; ist der allerhinfälligste, geschmackloseste
-Rococo-Quark; aber man kann nicht
-anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse
-fragt usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz.
-Der nächste Brief an Maikow ist nach einem Zeitraum
-von sechs Monaten geschrieben. In diese Zeit fällt
-die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so
-sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz
-über ihren drei Monate später erfolgten Tod ersehen.
-Eine Reihe intimer Briefe aus jener Zeit ist teilweise in
-Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand gegeben
-worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-1868 wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt:
-&bdquo;Einzig und allein das Kind zerstreut uns beide, &mdash; aber
-es ist eine quälende Freude &mdash; wenn Du in die Zukunft
-blickst &mdash; ach!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust
-des Kindes schon den ganzen Brief. &bdquo;Meine Sonja
-ist gestorben, vor drei Tagen haben wir sie begraben.
-Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst,
-dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor
-der Katastrophe gesagt, dass ihr besser sei und dass sie
-leben werde. Sie war im ganzen eine Woche krank &mdash; eine
-Lungenentzündung war&rsquo;s. Ach, Apollon Nikolaewitsch!
-mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich
-gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen
-vielen Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber
-ausgedrückt haben! Es war ja nur ich, der für sie lächerlich
-war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben fürchte ich mich
-nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so armselig,
-so klein &mdash; für mich war es schon eine Persönlichkeit
-und ein Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen,
-lieb zu haben, sie lächelte, wenn ich auf sie zukam.
-Wenn ich ihr mit meiner komischen Stimme Lieder sang,
-so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint
-oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie
-hat zu weinen aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun
-sagen sie mir zum Troste, ich würde noch andere Kinder
-haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige Persönlichkeit,
-um derentwillen ich, offen spreche ich&rsquo;s aus, die
-Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde?
-Nun &mdash; lassen wir das, meine Frau weint. Übermorgen
-werden wir uns endlich von unserem kleinen Grabhügel
-trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna
-(Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine
-Woche vor des Kindes Tode gekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-&bdquo;Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von
-Sonjas Krankheit, habe ich gar nicht arbeiten können.
-Abermals habe ich eine Entschuldigung an Katkow geschrieben,
-und im Maiheft des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; werden
-abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe
-jetzt Tag und Nacht ununterbrochen arbeiten zu können,
-und vom Juniheft angefangen wird der Roman wenigstens
-anständig erscheinen.&ldquo; (Es handelt sich um den &bdquo;Idiot&ldquo;.)
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an
-Maikow gerichtet ist, entschuldigt sich der Dichter über
-sein langes Schweigen damit, dass er trotz vieler Anfälle
-und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht gearbeitet
-habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend
-sagt er noch einmal: &bdquo;Niemals bin ich unglücklicher gewesen,
-als in dieser ganzen letzten Zeit. Ich will Ihnen
-nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit vorschreitet,
-umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger
-stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die
-Augen. Es giebt Minuten, die ich nicht ertragen kann.
-Sie hat mich schon gekannt, sie hat mich an ihrem Todestage
-&mdash; als ich aus dem Hause ging, um die Zeitungen
-zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben
-würde &mdash; da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut,
-dass ich es bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher
-sehe. Nie werde ich das vergessen und niemals werde
-ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn auch ein
-anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich
-es lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche
-Sonja! Ich kann nicht begreifen, dass sie nicht da ist und
-ich sie niemals mehr sehen werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf
-ihn &bdquo;nicht böse sei&ldquo;, schreibt er am 19. August nach einer
-Klage darüber, dass er keine Antwort erhalten habe:
-&bdquo;Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf mich
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief
-oder der Ihre in Verlust geraten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache:
-Ihr Brief (der letzte, vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen
-kann, dass es möglich wäre, nach so herzlichen
-Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich zu
-werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in
-Verlust geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und
-liest alle meine Briefe, und da der Genfer .... allen
-gegebenen Daten nach (bemerken Sie wohl, nicht Annahme,
-sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste leistet,
-so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem
-er in geheimer Verbindung steht &mdash; wie ich sicher weiss &mdash;
-einige meiner Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich
-habe ich ein anonymes Schreiben erhalten, das mir mitteilt,
-ich werde verdächtigt (weiss der Teufel wessen verdächtigt),
-und dass befohlen worden sei, meine Briefe zu
-eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich
-sie passiere, um mich unvermutet und strengstens zu visitieren.
-Darum glaube ich fest, dass Ihnen entweder mein
-Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist. (NB. Aber
-wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen
-bis zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen
-hingegeben hat, der den Kaiser vergöttert &mdash; wie soll er
-Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu irgend welchen
-Polaken oder dem Kolokol<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a> ertragen ...! Unwillkürlich
-sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten.
-Wen haben sie nicht alles von den Schuldigen bei uns
-übersehen, und den Dostojewsky verdächtigen sie!)&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass
-Dostojewsky dieses &bdquo;Nichtglauben an das böse sein&ldquo;
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-mehr als Festigung für sich gesagt habe, denn als einen
-Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: &bdquo;Apollon Nikolajewitsch,
-mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund
-genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit,
-bei dem Gedanken, dass Sie böse auf mich sind!
-</p>
-
-<p>
-Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen:
-sind Sie böse, so erklären Sie die Ursachen, und sind Sie
-es nicht, so schreiben Sie, dass Sie mich lieben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist
-Kommentar für vieles im Leben und in den Werken des
-Dichters.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit dem Roman&ldquo;, fährt er fort, &bdquo;bin ich unzufrieden
-bis zum Ekel. Ich habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt,
-konnte aber nichts machen: Die Seele ist krank.
-Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den dritten
-Teil machen. Verbessere ich den Roman &mdash; erhole ich
-mich selbst; wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese
-ganze Zeit unglücklich gewesen. Sonjas Tod hat mich
-sowohl als meine Frau heruntergebracht. Meine Gesundheit
-ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt
-die Nerven&ldquo;, hiess es an anderer Stelle. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist
-schon vom 7. Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen
-Entschuldigungen über sein längeres Schweigen kommt
-Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines Missverständnisses
-zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits
-zu teilen scheint. Dies redet er jenem aus: &bdquo;Nein,
-mein Herz ist anders geartet, und sehen Sie, wir haben
-einander vor 22 Jahren kennen gelernt (zuerst bei Belinsky,
-erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das Leben
-viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit
-seinen Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt
-in diesem Augenblick &mdash; sind ja nur Sie da, d. h. der
-einzige Mensch, an dessen Herz und Seele ich glaube, den
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen die
-meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders
-sein, als dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener
-Bruder? Ihre Briefe haben mich erfreut und
-ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein sehr trauriger.
-Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und erschöpft.
-Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im
-Monat schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem
-Leben, nichts von russischen Eindrücken ringsherum;
-für meine Arbeit war das aber von jeher unentbehrlich.
-Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans
-loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende.
-Es quält mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen
-Roman voraus, etwa ein Jahr voraus schreiben, und hätte
-dann zwei bis drei Monate zu Reinschrift und Korrekturen
-vor mir, ganz etwas anderes herauskäme &mdash; dafür stehe
-ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe
-ich es deutlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weiter heisst es dann: &bdquo;Mein hiesiges Leben wird
-mir schon allzu schwer. Gar nichts Russisches, nicht
-ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun schon volle
-sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung.
-Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten,
-übersiedelten wir nach Vevey, dorthin kam auch Anna
-Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey reizt die
-Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts
-erkrankte sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und
-nun sind wir vor zwei Monaten über den Simplon nach
-Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber das
-Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem &mdash; tötliche
-Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt
-sie sich nach Russland, und wir beide weinen um Sonja.
-Wir leben trübselig und klösterlich. Anna Grigorjewnas
-Charakter ist empfänglich, thätig; hier kann sie sich mit
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt, und
-obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor
-1½ Jahren, so drückt es mich doch, dass sie mit mir
-in einer so traurigen Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr
-schwer zu tragen. In der Perspektive steht weiss Gott
-was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so
-wäre ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist
-schwer zu denken &mdash; keinerlei Mittel. Das heisst soviel
-als: hinkommen und in den Schuldenarrest hineinfallen. Aber
-dort bin ich ja nicht mehr ein Arbeitsmensch. Gefängnis
-ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht, folglich werde
-ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich
-dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde
-ich leben? Wenn mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe
-liessen &mdash; sie haben mir aber durch drei Jahre keinen
-ruhigen Moment gelassen &mdash;, so würde ich dazu kommen,
-ihnen nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld
-abzutragen. Wie bedeutend auch meine Schulden sind,
-so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was ich schon
-mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch fortgefahren,
-um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des
-&bdquo;Idioten&ldquo; Sprünge bekommen. Wenn er auch einen gewissen
-Wert hat oder haben wird, so ist wenig Effekt darin;
-Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich notwendig,
-auf die ich noch vor wenigen Monaten blind
-rechnete und die etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da
-der Roman noch nicht einmal vollendet ist, ist an eine
-zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich nach
-Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen
-sollte; hab&rsquo; ich doch seinerzeit genug verdient!
-Hier aber werde ich stumpf, begrenzt, entferne mich im
-Geiste von Russland; keine russische Luft, keine Menschen!
-Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon
-gar nicht begreifen, das sind &mdash; Wahnsinnige.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In
-Mailand aber zu bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen
-in einem Monat nach Florenz übersiedeln, dort werde ich
-auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich immer
-noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout
-verbrauchen, obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald,
-mit der Vollendung des Romans, endet auch, das versteht
-sich, die Geldeinnahme von Katkow. Dann: abermals
-Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an
-Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was
-ich zuerst vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.
-</p>
-
-<p>
-Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein
-ganzes Herz bei Ihnen weilt und Ihre Briefe mir wahre
-Himmelsmanna sind. Ich habe mich über die Nachricht
-von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals
-etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh,
-dass Nikolai Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner
-würdige Beschäftigung findet. Gerade er muss Redakteur
-sein und darf sich nicht auf irgend ein Ressort in der
-neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des
-Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft
-haben. Jetzt also, was kann es jetzt besseres für Nikolai
-Nikolajewitsch geben? Die Hauptsache ist, dass er an
-seinem Ort frei schalten kann.
-</p>
-
-<p>
-Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift
-unbedingt im russischen Geiste gehalten sei &mdash; so wie Sie
-und ich das verstehen &mdash;, wenn auch, sagen wir, nicht im
-rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber
-Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen,
-eben nicht allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen.
-Nach dem Panslavisten-Kongress in Moskau haben nämlich
-viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die Russen
-von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht
-haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-zu imponieren; dabei sei bei ihnen selbst wenig zu finden
-und welch ein Mangel an Selbsterkenntnis usw. Und
-glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in Prag z. B.,
-uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom französischen
-Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht
-sogar darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen
-wenig um die allgemein angenommenen Formen der
-abendländischen Civilisation bekümmern. Was sollen wir
-also hinter den Slaven her sein? Sie studieren &mdash; das ist
-eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur Verbrüderung
-hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich
-hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen
-brüderlich handeln, das sollen wir unbedingt.
-</p>
-
-<p>
-Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der
-Zeitschrift auch eine politische Schattierung verleihen
-wird &mdash; von Selbsterkenntnis gar nicht zu reden. Selbsterkenntnis
-&mdash; das ist unsere lahme Stelle, die brauchen
-wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch
-glänzend machen, und ich bereite mich mit unersättlicher
-Lust darauf vor, seine Artikel zu lesen, die ich so lange,
-seit der &bdquo;Epocha&ldquo; nicht gelesen habe. Es wäre gut,
-wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als
-möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es
-z. B. 2000 Rubel für Sachen im Genre &bdquo;Minin&ldquo; oder
-anderer historischer Dramen von Ostrowskij zahlte; wenn
-er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann man
-sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste
-man, nach meiner Meinung endlich in die Hand nehmen
-und nicht nur den Namen bezahlen, sondern lediglich das
-Werk &mdash; was bis heute noch keine Zeitschrift zu thun
-gewagt hat, &bdquo;Wremja&ldquo; und &bdquo;Epocha&ldquo; nicht ausgenommen.
-Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern
-einer Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das
-heisst gleich anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember
-1868 datiert und sehr eilig und geschäftsmässig geschrieben.
-Über den &bdquo;Idiot&ldquo; finden sich folgende Stellen darin: &bdquo;Ich
-habe mich entschlossen, für das Dezemberheft alles fertig
-zu machen, sowohl den vierten Teil als den Schluss; mit
-dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine.
-Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen
-in vier Wochen schreiben müssen. Ich habe plötzlich
-erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun, ohne
-den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles,
-alles übrige schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist
-und ich jedes Wort auswendig weiss. Wenn der &bdquo;Idiot&ldquo;
-Leser hat, so werden diese vielleicht durch das Unerwartete
-des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein
-nach einigem Nachdenken werden sie zugeben, dass ich
-es so ausgehen lassen musste. Überhaupt ist dieser
-Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss betrachtet.
-Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen;
-aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe
-ich Ihnen als Freund eines oder das andere darüber, was
-ich selbst davon denke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung
-neuer Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in
-der gedachten Form es nie gekommen ist. Da heisst es:
-&bdquo;Die verfluchten Gläubiger werden mich endgiltig umbringen
-&mdash; dumm hab ich&rsquo;s gemacht, dass ich ins Ausland
-ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest
-eine Weile zu sitzen. Könnte ich mich nur mit
-ihnen einigen! Aber auch das kann ich nicht, weil ich
-persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich
-darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe,
-welche weiter nichts als einer ochsenhaften, mechanischen
-Arbeit bedürften und dabei unbestreitbar Geld einbringen
-würden. Es ist mir solches ja schon manchmal gelungen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen
-Roman; sein Name ist &bdquo;Atheismus&ldquo;. Ehe ich mich aber
-an ihn machen kann, muss ich fast die ganze Bibliothek
-der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen durchlesen.
-Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor
-zwei Jahren fertig werden. Die Hauptperson habe ich:
-ein Russe unserer Gesellschaft, schon bei Jahren, nicht
-sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet, und nicht
-ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei
-Jahren ist, verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes
-Leben hat er nur mit seinem Dienst zu thun gehabt, ist
-niemals aus dem Geleise getreten und hat sich bis zu
-seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet. (Psychologisches
-Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.)
-Der Verlust des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders
-sind im Roman Wirkung und Umstände &mdash; sehr bedeutend).
-Er huscht herum bei den Jungen, bei den
-Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern,
-Einsiedlern und Priestern. Unter anderem fällt er sehr
-stark einem agitatorischen Jesuiten ins Garn, einem Polen;
-er sinkt von da in die Tiefe der Flagellanten und &mdash; am
-Ende findet er Christum und die russische Erde, den
-russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen,
-sagen Sie es niemand, aber bei mir ist es so:
-diesen letzten Roman schreibe ich &mdash; ja sterben will ich
-meinetwegen daran, aber &mdash; ich spreche mich ganz aus).
-</p>
-
-<p>
-Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe
-von der Wirklichkeit und dem Realismus als unsere Realisten
-und Kritiker. Mein Realismus ist realer als der
-ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir
-Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen
-Entwickelung durchlebt haben &mdash; würden da die Realisten
-nicht schreien, dass dies Phantasie ist? Indessen aber ist
-es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja eigentlich Realismus,
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-nur tiefer, während er bei ihnen seicht einherfliesst.
-Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil
-der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit
-unserem Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es
-ist vorgekommen. Mein Täubchen, lachen Sie nicht über
-mein Selbstgefühl, aber ich bin wie &mdash; &mdash;: &bdquo;lobt man
-mich nicht, so werde ich selbst mich loben&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Indessen aber muss man leben. Den &bdquo;Atheismus&ldquo;
-schleppe ich nicht zum Verkauf (über den Katholicismus
-und die Jesuiten im Verhältnis zur Orthodoxie habe ich
-aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu einer
-ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die
-mich sehr anzieht. Noch eine Idee hab&rsquo; ich. Zu was
-soll ich mich entschliessen und wem die Arbeiten anbieten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente
-Dostojewskyscher Aussprache, die wir zerstreut
-und anders verteilt in den Brüdern Karamasow wiederfinden,
-dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu
-sagen anhebt, dabei der Dichter &bdquo;meinetwegen sterben&ldquo;
-will. Eine sehr bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle
-finden wir in des Dichters Tagebuch-Notizen aus dem
-Jahre 1880. Da heisst es: &bdquo;Die Nichtswürdigen haben
-mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen
-Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche
-Kraft der Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in
-dem &bdquo;Inquisitor&ldquo; und dem vorangehenden Kapitel niedergelegt
-ist und welchen der ganze Roman als Antwort
-dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also
-glaube ich an Gott. Und diese Leute wollen mich belehren
-und lachen über meine mangelhafte Entwickelung!
-Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine solche Kraft
-der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe.
-An ihnen ist&rsquo;s, mich zu lehren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz.
-&bdquo;Florenz ist schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen
-im Garten &bdquo;Boboli&ldquo; blühen bis heute im Freien. Und
-was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich habe
-im Jahre 1863 die &bdquo;Madonna della Sedia&ldquo; übersehen!
-Nun besehe ich mir alles seit einer Woche und habe sie
-erst jetzt erblickt. Aber ausser ihr, wie viel Göttliches!
-Allein ich habe alles bis zur Vollendung des Romans
-stehen gelassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien
-Belege dafür, dass Dostojewsky, der grosse Dichter und
-Schöpfer ein Apostel war, aber kein &bdquo;Kunstliebhaber&ldquo;
-und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen
-Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine
-Kunstschätze muss es merkwürdig berühren, in diesen
-Briefen nur kurze Andeutungen all des Herrlichen zu
-finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder
-der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen
-neue Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts
-von alledem bei Dostojewsky; ja, die ewige Klage: &bdquo;fern
-von Russland keine Anregung, keine Arbeit möglich, entsetzliche
-Vereinsamung, Langweile, Heimweh&ldquo;, sein Urthema
-findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht
-russische Menschen da, an welchen er es im Geiste zu
-variieren vermöchte. So sehen wir ihn kämpfen, leiden,
-schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden Geistern
-europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung
-in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den
-Werken des Dichters kritisch nachspürt, wird darin neben
-dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu Tage tritt und dem
-Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu ein
-Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht
-wohl vornehmlich in der Konzentration seines Wesens,
-das ihn wohl schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-seinen Werken veranlasst; so ist denn auch seine Wirkung
-auf uns viel mehr eine menschliche Erschütterung, als eine
-ästhetische Anregung.
-</p>
-
-<p>
-Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung
-russischen Schriftwesens &mdash; heute wenigstens,
-da diese noch im Kampfe steht &mdash; das künstlerische
-Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten
-Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj,
-der erste von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland
-gerechnet wird, der letztere sich selbst erst seit jener
-Epoche dazu rechnet, da er der künstlerischen Auffassung
-des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns aber
-Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er
-seine Werke ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens
-schwere Not Zeit und Ruhe dazu liesse, so müssen wir
-dies so verstehen, dass alle innere Realität noch feiner
-herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen
-der Menschenseele zu sich selbst und ihrer
-Wahrheit noch urgründlicher uns aufgeschlossen würden.
-Allein die Gegenständlichkeit der äusseren Welt und ihre
-Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der
-Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das
-zur Kunst gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten,
-als es heute in den Gestaltungen des Dichters der
-Fall ist, wo die Scenerie, in welcher die Handlung vorgeht,
-nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als vielmehr
-im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und
-dessen Träger aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler
-Nacht, erhellt wird; ein dem modernen französischen Impressionismus
-diametral entgegengesetzter Vorgang.
-</p>
-
-<p>
-Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen
-Stelle so deutlich, so schlagend mit Thatsachen belegen zu
-können, als dies während des Aufenthalts in Italien durch
-des Dichters Briefe an seine Freunde sich uns darbietet.
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist
-ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom
-12. Dezember 1868. Nach einigen Erinnerungen an ihren
-gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und nach Vergleichen
-mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter
-mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe
-fort: &bdquo;Dass die Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte,
-das ist vollkommen richtig. Ja, eigentlich hat sie schon
-aufgehört, wenn man&rsquo;s so nehmen will. Und das schon
-lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt
-aus muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn
-das eigene, echt russische und originale Wort versiegt ist,
-so hat sie auch aufgehört; ist kein Genius in Sicht &mdash; so
-hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat sie aufgehört.
-Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen.
-Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich
-gebe zu, dass hier auch vom Unserigen vorhanden ist, aber
-wenig. Übrigens aber ist es ihm nach meiner Meinung
-gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen, und
-darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber
-lassen wir das. &mdash; Was sagen Sie aber da über sich?
-&bdquo;Nein, hoffen Sie nicht auf mich!&ldquo; Diese Worte können
-doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai Nikolajewitsch?
-Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist, immerfort
-für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben,
-so geht es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und
-Bestellungen erdrücken zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer,
-besonders mit den Jahren. Allein beruhigen Sie sich: das
-innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie niemals verlieren.
-Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel
-im Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit
-Befriedigung schreiben, namentlich wenn Sie in die Wärme
-kommen. Aber es ist ja genug nicht nur an dreien,
-sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit
-auf sie zu lenken. Aber die Hauptsache ist &mdash;
-die Redaktion. Die Redaktion ist die allerwichtigste Sache:
-unser Auge, unsere Hand und unsere immerwährende
-Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die Hauptsache.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten
-Briefe an Strachow feuert der Dichter den Freund wieder
-an, bei der Gründung des neuen Blattes auszuharren, gegen
-die Opposition der Mehrheit, die jedes neue Blatt angreift,
-Stand zu halten. &bdquo;Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen
-nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie
-aber sind ohne Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt,
-dass der Erfolg eines Blattes von der Minderheit abhängt.
-Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch sein (sogar
-ungeachtet aller &bdquo;Plutzer&ldquo; und Irrtümer des Blattes,
-welche es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit
-wird gegen Ende des Jahres sicherlich erstarken und
-sich festigen. Warum ich so überzeugend spreche? Weil
-in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt
-unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden
-ist, zu wachsen, während alle anderen &bdquo;klein werden&ldquo;
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle
-Sache, Sie wissen das selbst. Um dieses Gedankens
-willen, besonders, wenn man anfangen wird, ihn zu begreifen,
-d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander setzen werdet,
-wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar
-Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige,
-fortschrittliche und liberale Gedanke in unserer Zeit ist.
-Wenn Ihr das aber endgiltig werdet auseinandergesetzt
-haben, dann werden alle mit Euch gehen. Indessen aber
-sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken
-immer im Veralteten und Abgestandenen. Die &bdquo;Vaterländischen
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-Annalen&ldquo;, das &bdquo;Djelo&ldquo; rechnen sich sicherlich
-zu den Vorgeschrittensten.
-</p>
-
-<p>
-Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor
-allem das, dass Euch die Zukunft gehört. Nun aber
-wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und viele der
-Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die
-grosse Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so
-gross und erfordern so viel Vertrauen und Zähigkeit, dass
-Sie das erst nach langer Zeit voll erkennen werden. So
-scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem
-Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der
-Redaktion half. Aber die &bdquo;Wremja&ldquo; und die &bdquo;Epocha&ldquo;
-haben sich, wie Sie selbst wissen, zu einer solchen Offenheit
-und Nacktheit im Aussprechen ihres Gedankens niemals
-verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse
-gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit
-der Hauptsache begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich
-heisst es: feststehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung
-der Begriffe &bdquo;liberal&ldquo; und &bdquo;abgestanden&ldquo; zu
-folgen oder ihr gerecht zu werden. Es ist das eine der
-Grundursachen der Missverständnisse, die zwischen den
-Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen
-und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener
-Grundlage obwalten. Nur ein langer Aufenthalt in Russland
-und ein vorurteilsloses Eindringen in die Bedingungen
-dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden
-hinzutretender &bdquo;europäischer&ldquo; Elemente vermöchte uns
-darüber zu belehren, in welchem der beiden Axiome mehr
-Menschenvernunft liegt.
-</p>
-
-<p>
-In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: &bdquo;Sie
-haben eine unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo
-Tolstoj, schon seit der ganzen Zeit, da ich Sie kenne.
-Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der &bdquo;Zarja&ldquo; [dem
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten
-Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie,
-wollten Sie sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders
-anfangen konnten, als mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten
-Werke [&bdquo;Krieg und Frieden&ldquo;]. Im &bdquo;Golos&ldquo; hat ein Feuilletonist
-gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen Fatalismus
-teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien,
-aber daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher
-nehmen die Leute, sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle
-und Ausdrücke? Was heisst &bdquo;historischer Fatalismus&ldquo;?
-Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene Routinierten
-und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht,
-als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus
-nicht klug werden kann? Er will ja offenbar etwas sagen;
-dass er Ihren Aufsatz gelesen, daran ist kein Zweifel.
-Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo Sie von
-der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche
-von Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken
-über Tolstoj aus. Man könnte sich nicht klarer ausdrücken,
-der nationale russische Gedanke ist da nahezu ganz nackt
-dargelegt. Und das gerade haben sie nicht verstanden
-und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen
-Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung.
-Der Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen,
-im höchsten Grade vollendet niedergeschrieben. Aber mit
-einem und dem anderen Detail bin ich nicht einverstanden.
-Natürlich würden wir persönlich anders miteinander sprechen
-können, als es schriftlich geschieht.
-</p>
-
-<p>
-Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen
-Repräsentanten unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft
-gehört. Aber wissen Sie was? Ihren Brief habe ich mit
-Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone, dass Sie
-aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser
-Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-Ungewohnheit, zu bestimmter Frist und ausdauernd zu
-arbeiten. Sie müssen unbedingt drei grosse Artikel im
-Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen, glauben
-Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass;
-eine geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine
-grosse. Dabei sind Sie offenbar die unentbehrlichste Person
-der Redaktion in Bezug auf die klare Darlegung des
-Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie nicht
-in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen,
-Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und
-andauernden Wirksamkeit, und auf keinerlei Unannehmlichkeiten
-achten. Jede Unannehmlichkeit steht unvergleichlich
-tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen
-lernen und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen
-zu lassen, dazu haben Sie nicht einmal das Recht; ich
-würde dann der Erste sein, Sie zu verfluchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: &bdquo;Ich
-danke Ihnen sehr, dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich
-befinde mich immer gleich, das heisst meine Anfälle sind
-sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten Zeit,
-vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des &bdquo;Idioten&ldquo;
-sehr beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen,
-Ihre Meinung darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich
-habe meine eigene Anschauung über das Schöpferische in
-der Kunst; und das, was die Mehrheit fast phantastisch
-und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das
-eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit
-der Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten,
-das ist meiner Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil!
-In jedem Zeitungsblatte begegnen Sie Berichten
-über die wirklichsten und die absonderlichsten Geschehnisse.
-Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie befassen
-sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch
-Wirklichkeit, weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-bemerken, beleuchten und beschreiben? sie sind alltäglich,
-allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen &mdash; &mdash; &sbquo;ein pseudo-russischer
-Zug, dass der Mensch alles anfange, sich mit
-Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal
-fertig bringe.&lsquo; Was für abgestandenes Zeug! Was für
-ein armseliger, leerer Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger!
-Ein Klatsch über den russischen Charakter,
-noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und
-Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit!
-Und immer dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise
-lassen wir die ganze Wirklichkeit uns vor der Nase vorüber
-gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten
-und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung
-will ich gar nicht reden &mdash; der Teufel weiss, was die sein
-soll! Ist dann nicht mein phantastischer &bdquo;Idiot&ldquo; Wirklichkeit,
-ja die alltäglichste Wirklichkeit? Ja, eben jetzt
-muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen
-Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den
-Schichten, die in der That phantastisch erscheinen. Allein
-da ist nichts zu sagen! Vieles im Roman ist eilig hingeschrieben,
-vieles zu breit und misslungen. Manches aber
-ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern
-für meine Idee ein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das,
-wie immer, auf ein Gefühl von Schuld zurückzuführen ist:
-&bdquo;Jetzt will ich Ihnen, als einem alten Freund und Mitarbeiter,
-im Vertrauen noch eines verraten, was mich
-ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich
-seit mehr als Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde,
-scheinen Ursache seines jetzigen Schweigens zu sein; er
-hat plötzlich den Briefwechsel mit mir abgebrochen. Ich
-habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie
-Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den
-Namen Apollon Nikolajewitsch zu schicken (wie das
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-immer in diesen Fällen geschah), und ihn habe ich in
-meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu
-übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine
-bedeutende Summe bekommen hätte, dass ich in Gold
-bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe. &bdquo;Anderen zu
-helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen,
-dazu hat er keines&ldquo; &mdash; das hat er sicherlich gedacht.
-Wenn er nur wüsste, in welche Lage ich mich selbst
-gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus dem &bdquo;Russkij
-Wjestnik&ldquo; entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr
-so schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche
-im Leihhaus ist. (Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion
-des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; aber wollte ich vor Beendigung
-des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber
-stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir
-bis heute nicht geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass
-ich ein ganzes Jahr nicht zahlte, und ich habe schon allzu
-viel bei dem Gedanken gelitten; allein ich habe während
-der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen
-3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige
-Sendungen nach Petersburg und meine Sonja mitgerechnet
-sind; da war nichts da, wovon ich hätte noch schicken
-sollen. Er aber hat mich indessen niemals gemahnt; so
-habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden
-Monat gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese
-100 R. an Emilie F. müssen ihn beleidigt haben. Aber
-Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie sollte man da
-nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der Gedanke,
-dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch
-mich verlässt, höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend
-was gesagt, oder wissen Sie etwas darüber? Wenn Sie
-etwas wissen, teilen Sie mir&rsquo;s mit, mein Täubchen! Andererseits
-ist es mir seltsam, dass sich eine sonst freundschaftliche
-Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-uns besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin
-ich ohnedies von allen vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter
-über das &bdquo;Missverständnis&ldquo; ganz beruhigt; er schreibt an
-Strachow: &bdquo;Ich danke Ihnen ... drittens für die gute
-Nachricht über Apollon Nikolajewitsch. Ich werde seinen
-Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich
-habe in dieser letzten Zeit des &bdquo;Missverständnisses&ldquo;,
-welches durch meine Zweifelsucht entstanden war, auch
-nicht einen Tropfen meiner herzlichen Beziehung zu ihm
-eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter und reiner
-Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten
-Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander
-so gut verständigt haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so
-viele Hoffnungen entgegen bringt, finden wir folgende, für
-des Dichters Ernst und seine fast kindliche Herzensgüte
-bezeichnende Stelle: &bdquo;Die zweite Nummer hat mir einen
-ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren
-Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche
-Kritik ist, gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher
-ist, als alles andere, und am besten die Sache beleuchtet.
-Der Artikel Danilewskys aber stellt sich in meinen Augen
-immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist ja &mdash;
-das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange
-Zeit hinaus. Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit,
-seine populäre Form, ungeachtet seines streng wissenschaftlichen
-Stils, dazu bei. Diese Arbeit stimmt so sehr mit
-meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen überein, dass
-ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die Ähnlichkeit
-der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner
-Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit
-zwei Jahren, eben darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast
-unter dem gleichen Titel, vorbereite, in ganz demselben
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-Gedankengange und mit denselben Folgerungen. Wie
-freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den Gedanken,
-die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet
-habe, schon in lebender Form begegne, und zwar
-mit Wohllaut, harmonisch, mit einer ungewöhnlichen Kraft
-der Logik und auf einer solchen Stufe wissenschaftlicher
-Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller meiner
-Anstrengungen, niemals erreichen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels,
-dass ich täglich auf die Post laufe und mir alle
-Möglichkeiten eines schnelleren Eintreffens ausrechne.
-Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen, weil
-ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige
-Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer
-nicht, dass Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen
-der russischen Sendung darlegen wird, welches darin besteht,
-den russischen Christus vor der Welt zu entschleiern,
-den der Welt unbekannten Christus, dessen Grund-Elemente
-in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind.
-[Dostojewsky gebraucht das Wort &bdquo;Christus&ldquo; nicht als
-Personennamen, sondern stets als Personifikation, wie das
-für einen aufmerksamen Leser in seinen Werken mehr
-oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner Meinung
-liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen,
-künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in
-ganz Europa, und die ganze Wesenheit unseres kraftvollen,
-zukünftigen Seins. Aber mit einem Worte spricht man
-das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu reden angefangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weiter heisst es: &bdquo;Aber was Sie da, und das mit
-solcher Trauer und solchem offenbaren Kummer sagen:
-dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat, dass man ihn nicht
-verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn
-wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden?
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-Das wäre nach meiner Meinung eine schlechte Empfehlung
-der Arbeit. Was man allzu schnell und leicht versteht,
-das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat erst am Ende
-seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und
-Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas
-zu erreichen. Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass
-ich Sie auch einem solchen Vorkommnis gegenüber für
-weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so fein, dass
-sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn
-man ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und
-noch dazu erscheint ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders
-interessant. Und je einfacher, je klarer, d. h. je
-talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er ihnen
-allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen
-Sie, aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem
-sehr naiven Ausspruch, dass &sbquo;sogar sehr spitzfindige Leute
-Sie nicht verstehen&lsquo;. Ja, diese noch mehr als andere, verstehen
-niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen, und das hat
-seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein Gesetz.
-Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als
-Danilewsky begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu
-Ihnen gekommen ist usw. Ist Ihnen das zu wenig? Aber
-ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel Selbsterkenntnis
-in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu
-streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht
-verlieren und die Sache nicht im Stiche lassen werden!
-Also schrecken Sie uns nicht, bitte. Gehen Sie &mdash; so
-ist&rsquo;s mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen
-Zeitschrift, als Antwort auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft,
-eine kleine Erzählung von etwa 3 Druckbogen
-vor. &bdquo;Diese Erzählung&ldquo;, sagt er, &bdquo;habe ich schon vor
-vier Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort
-auf die Worte Apollon Grigorjews schreiben wollen, der
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-mein &bdquo;Zapiski iz Podpolja&ldquo; sehr gelobt und gesagt hatte: &sbquo;In
-diesem Genre sollst du weiter schreiben&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Die &bdquo;Memoiren aus einem Keller&ldquo;, wie wir jene Erzählung
-nennen möchten, welche unter dem Titel &bdquo;Aus dem
-dunkelsten Winkel einer Grossstadt&ldquo; in deutscher Übersetzung
-erschienen ist, drücken das als Axiom aus, was wir im Lebenswerk
-Dostojewskys als stärkste Triebkraft an der Arbeit finden:
-die Einsicht von der durch kein Wissen und keine Kultur auszugleichenden
-Irrationalität der Menschenseele und als Folge
-davon die Einsetzung dieses Mensch-Komplexes als eine absolute
-Werteinheit in das Weltganze. Daher als letzte Konsequenz
-die Liebe zum Bruder, die wir irrtümlicher Weise Erbarmen
-nennen. Was Dostojewsky in allen seinen Werken mehr oder
-weniger künstlerisch, immer aber subjektiv darstellt, das ist der
-Mensch mit allen seinen Brüchen, mit allen seinen Möglichkeiten,
-welche das Sitten-, ja das Naturgesetz durchbrechen. Hier, in
-diesem galligen Monolog eines Misslungenen, formuliert er diese
-Einsichten philosophisch, analytisch.
-</p>
-
-<p>
-W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat
-in einem bemerkenswerten &bdquo;kritischen Kommentar&ldquo; zur &bdquo;Legende
-vom Grossinquisitor&ldquo; auch über diese Memoiren als über das
-philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt.
-Nur wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem
-Verhältnis erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht
-scheinen, dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt;
-wir meinen, dass man weder auf analytischen noch auf
-anderen Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man
-sie in sich trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand
-nimmt, um andere zu diesem, seinem innersten Lebenskern zu
-führen. Dostojewsky, so hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen,
-hat immer aus der Synthese heraus zur Analyse gegriffen,
-um sich verständlich zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig
-getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt
-ist, in&rsquo;s rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende
-Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-durch, dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen
-und handeln, die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit
-(inertia) führe. Es werde dahin kommen, dass der immer &bdquo;logischer&ldquo;
-entwickelte Erkenntnismensch sich endlich als den Stift
-einer grossen Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig,
-dass man bei der Aufzählung der Naturgesetze, welche
-dieses vollkommene Funktionieren des Menschen herbeizuführen
-berufen sind, auf seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend
-anordnen, dass man da immer ein Gesetz aus dem
-Spiel lasse, nämlich jenes, wonach der Mensch gerade immer das
-Gesetzmässige umwerfe und bewusst gegen seinen Vorteil, seine
-Vervollkommnung und sein Glück handle. Die Auslegung, dass
-dies eben sein persönliches Glück ausmache, verweist er mit
-Recht unter die Sophismen, welche aufgewendet werden, um zu
-beweisen, dass 2×2=4 sind. &bdquo;Die Gesetze der Logik,&ldquo; sagt
-er, &bdquo;sind eines, die des Menschseins ein anderes.&ldquo; Das grösste
-und einzige Gesetz, das jeder Mensch geltend mache, sei nicht
-sein Recht auf Vorteil, Tugend, Vernunft, Harmonie, sondern
-das Recht auf persönliche Unabhängigkeit und Freiheit &mdash; womit
-er immer wieder alle jene schönen Dinge umwirft. Der Mensch
-&mdash; so lautet das Resumé &mdash; wird also nicht besser, nicht glücklicher,
-nicht wertvoller werden durch den &bdquo;Ameisenhaufen&ldquo; des
-Wissens und der Erkenntnisse, sondern &mdash; ein Musikstift; doch
-er wird dies eben nie werden, sondern ein Irrationales und als
-solches etwas Absolutes innerhalb der Schöpfung bleiben, ein
-Absolutes, das man so wie es ist annehmen muss, das so wie es
-ist den Gattungsnamen &sbquo;Mensch&lsquo; trägt.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte
-des Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste
-Teil in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors
-gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er
-sich am klarsten die Herrlichkeit alles &bdquo;Hohen und Schönen&ldquo;
-vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von &bdquo;allerlei grossen
-und kleinen Lastern&ldquo; versinkt, der durch seine Gewohnheit alles
-bis auf die &bdquo;letzte und allerletzte Ursache&ldquo; durchzudenken, nie
-mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen
-Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume
-Zeit über einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des
-Newsky Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet
-ist, ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das
-nicht; er will einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener
-vor sich hingehen, meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft
-es aber zur That kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja
-er weiss es endlich, dass es wieder so kommen werde.
-</p>
-
-<p>
-In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er
-trifft und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen
-veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich
-ihnen, die ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut
-an, insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass
-alles dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn
-und Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen
-gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer
-weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch betrunken,
-nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus
-nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig
-bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im
-Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner
-Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen.
-Er steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück
-eines tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel
-und seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen
-Anfall von Schmerz und Verzweiflung hinein &mdash; &bdquo;nicht ohne
-selbst bewegt zu sein&ldquo;, wie er sagt, aber doch &bdquo;buchmässig,
-litteraturmässig&ldquo;; er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt,
-damit sie ihn aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.
-</p>
-
-<p>
-Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen,
-denn er weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde.
-Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach
-9 Uhr abends so wohl zumute, dass er &bdquo;ziemlich süss&ldquo; zu
-träumen beginnt: ... &bdquo;ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung
-bei. Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt.
-Ich stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht
-warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-wirft sie sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und
-sagt, dass ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der
-Welt liebe. Ich erstaune, aber ... &bdquo;&mdash; Lisa, sage ich, glaubst
-du denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles
-gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu
-sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich
-ja Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit
-dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest
-selbst ein Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden
-ist; ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus,
-weil das undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in
-so eine europäische, George-Sand&rsquo;sche, unerklärbar edle Feinheit
-hinein). Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein,
-herrlich, bist &mdash; mein herrliches Weib!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade
-mit seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme
-Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten
-Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie
-hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit
-und poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem
-ganzen Gebahren nur das eine: dass er leidet, und &mdash; bleibt.
-Ihre Güte erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage
-und endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt
-er mit Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt
-sich darauf dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an
-ihr, die Zeugin derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt
-über sie und nutzt sie aus. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie
-eilig ihre Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre
-wendend ihm einfach &sbquo;Lebt wohl&lsquo; sagt, läuft er auf sie zu und
-drückt ihr einen Fünfrubelschein in die Hand &mdash; &bdquo;aus Zorn&ldquo;, wie
-er sagt, &bdquo;hineingehetzt&ldquo;, &bdquo;buchmässig&ldquo; that er das. Nun eilt er
-zur Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube zurückkehrt,
-erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische
-vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach.
-Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden
-sein &mdash; &mdash; Er bleibt stehen und fragt sich: &bdquo;Wohin
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-ist sie denn gegangen? und &mdash; warum laufe ich ihr denn nach?&ldquo;
-&bdquo;Wird es nicht besser für sie sein&ldquo;, phantasiert er weiter, &bdquo;wenn
-sie diese Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung
-&mdash; das ist ja Reinigung!&ldquo; Weiter sagt er: &bdquo;Was ist
-besser, ein billiges Glück oder ein erhabener Schmerz?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend
-zu Hause sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals
-hatte ich soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch &mdash;
-konnte denn irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom
-halben Wege zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder
-getroffen, nie wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu,
-dass ich mich lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung
-und des Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich
-damals aus Kummer fast krank wurde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im
-Sinne des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit
-der Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt
-sich, ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber &mdash; &bdquo;zum Beispiel
-lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben
-in einem finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den
-Mangel eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im
-Kellerloch immer genährte Bosheit verfehlt habe &mdash; das ist bei
-Gott nicht interessant. In einem Roman braucht man einen
-Helden, hier aber sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden
-zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles
-einen sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir
-alle vom Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der
-andere weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass
-wir das wirkliche &sbquo;lebendige Leben&lsquo; fast als eine Arbeit ansehen,
-fast wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass
-es nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir&rsquo;s
-manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir?
-Wir wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen,
-wenn man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal,
-nun, gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht
-irgend einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis,
-verringert die Obhut und wir &mdash; ich versichere Euch &mdash;
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-wir werden uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss,
-dass Ihr wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit
-den Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von
-Euren Miseren in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von
-&sbquo;uns allen&lsquo; zu sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich
-ja nicht durch dieses &sbquo;wir alle&lsquo;. Was aber mich im besonderen
-betrifft, so habe ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste
-getrieben, was Ihr nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja,
-Ihr habt noch Eure Feigheit für Einsicht gehalten und habt
-Euch damit, Euch selbst betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass
-ich jetzt förmlich lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja,
-seht nur genauer zu. Wir wissen ja gar nicht, wo das Lebendige
-jetzt lebt, was es denn ist und wie es heisst. Lasst uns allein,
-ohne Buch &mdash; sofort verwirren und verlieren wir uns; wir wissen
-nicht, an was uns halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was
-wir hassen, was wir achten, was wir verachten sollen. Sogar
-das &sbquo;Mensch sein&lsquo; wird uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem,
-eigenem Fleisch und Blut. Wir schämen uns das zu sein
-und bestreben uns, irgend eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen
-zu sein. Wir sind Totgeborene, ja wir werden
-schon lange nicht von lebendigen Vätern geboren, und das gefällt
-uns immer mehr und mehr. Wir kommen auf den Geschmack.
-Wir werden bald darauf kommen, aus irgend einer Idee geboren
-zu werden. Aber genug&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p>
-Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch,
-die Idee, die Logik, das Gesetz &mdash; das alles macht keine Menschen.
-Blut, Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum
-des Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber
-noch mehr unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten &mdash;
-das ist für Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr
-diesseits von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder
-das andere zu thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe
-derer, die auch nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch
-da hinein begab. Aus dem &sbquo;Labyrinth der Brust&lsquo;, aus den eigenen
-tausendfältigen Möglichkeiten der &sbquo;Sünde&lsquo; wie der höchsten Entzückung
-heraus ist sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend
-in jede Seele einzudringen und die Kraft, mit welcher
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-er unablässig nach Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch
-auf andere wirken zu lassen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-&bdquo;Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,&ldquo;
-fährt Dostojewsky in dem Briefe fort; &bdquo;es ist etwas der
-Form nach ganz anderes, obwohl dessen Wesen mein
-immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai Nikolajewitsch,
-auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige,
-besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung
-kann ich sehr schnell niederschreiben, da auch nicht ein
-Zeichen, nicht ein Wort darin mir unklar ist. Dabei ist
-schon vieles notiert, wenn auch nicht aufgeschrieben. Ich
-kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion
-schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich
-kann sie sogar in zwei Monaten abschicken. Das ist
-aber alles, womit ich mich gegenwärtig an der &bdquo;Zarjá&ldquo;
-beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu
-schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und
-Maikow arbeiten.&ldquo; Nun folgen die bekannten, immer
-wieder variierten Honorar- und Elends-Berichte, denen
-wir in jedem Briefe begegnen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869
-sind einige Stellen litterarischer Kritik bemerkenswert.
-Da heisst es: &bdquo;Ein für allemal &mdash; schweigen Sie doch
-und reden Sie nicht von Ihrem &bdquo;Unvermögen&ldquo; und den
-&bdquo;zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln&ldquo;. Es wird einem
-übel, das zu hören. Man kommt auf den Gedanken, dass
-Sie sich verstellen. Noch niemals haben Sie so viel Klarheit,
-Logik, so viel Scharfblick und überzeugte Beweisführung
-gehabt. Allerdings, Ihre &bdquo;Armut der russischen
-Litteratur&ldquo; hat mir besser gefallen als der Artikel über
-&bdquo;Tolstoj&ldquo;. Jene wird breiter sein; dafür aber ist die erste
-Hälfte des Artikels über Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen:
-das ist das Ideal einer kritischen Ausführung.
-Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler in dem
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind
-solche Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser
-Idealismus; dieses aber schadet einer Arbeit nicht, sondern
-fördert sie. Alles in allem habe ich in der russischen
-Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird,
-aber nach der &bdquo;Kapitänstochter&ldquo; (Puschkins) habe ich
-nichts ähnliches gelesen. [Dies bezieht sich auf eine im
-neuen Blatt &bdquo;Zarjá&ldquo; publizierte Komödie Awerkiews:
-&bdquo;Frol Skobjejew&ldquo;, die Dramatisierung des altrussischen
-Romans gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer
-und blickt auf seine Krämer sehr von oben herab. Wenn
-er schon einen Kaufmann in Menschengestalt darstellt, so
-ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder Zuschauer:
-Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen
-Sie, ich glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist
-richtiger, als das Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky
-thatsächlich die ganze Idee seines &bdquo;Dunkeln Königreichs&ldquo;
-nicht in den Sinn gekommen ist, aber Dobroljubow hat
-sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg
-verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der
-Phantasie und des Talents in Awerkiew zeigen wird, wie
-bei Ostrowsky; allein seine Darstellung und der Geist
-dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher. Keinerlei
-vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig,
-der Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter
-hingestellt haben. Wissen Sie, der Grossbojar,
-Naschtschokin, Lycikow &mdash; das sind ja unsere ehemaligen
-Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist
-ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese
-kann man nicht nur keine Karikatur-Lächerlichkeit
-werfen à la Ostrowsky, sondern im Gegenteil, man muss
-sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches Bojarentum
-verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-höchsten Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer
-lächeln wollte, er es höchstens darüber kann, dass der Kaftan
-einen anderen Schnitt hat. Vor allem und hauptsächlich
-fühlt man, dass das eine Darstellung der Wirklichkeit ist,
-dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist
-ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige.
-Es wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie
-ausreichte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung
-einige Zeilen. Er will Florenz verlassen, da die Hitze
-sehr gross ist, und möchte einem neuen Familienereignis
-lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich mit
-Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet
-er Geld und kann nicht fort, fragt, ob Strachow
-krank oder etwas in der Redaktion vorgefallen sei. Bezeichnend
-für Strachow ist die Notiz, die er diesem Briefe
-anfügt: &bdquo;Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene
-125 Rubel (Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja
-Grigorjewna [D.s Schwägerin] abgeliefert hatte. Obwohl
-ich nun am selben Tage an Theodor Michailowitsch geschrieben
-hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel
-schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen
-erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen
-Verdruss doch nicht abgeschickt. So verschob sich der
-Empfang von einem Tag auf den andern, ich wusste
-nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor,
-dass ich dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben
-Jahres aus Dresden erhielt, beginnt: &bdquo;Klagen Sie sich
-um Ihres Schweigens willen vor mir nicht an, Nikolai
-Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und
-dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel
-mit Freunden, geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber,
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-aus Ihrem Zusatz an den Brief unseres teuern Apollon
-Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie mir wie
-früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil
-der Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer
-weniger werden. Ich bin selbst schuld daran, habe mich
-im Auslande allzu festgerannt und bringe mich nicht genug
-in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche
-zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst
-seit zehn Tagen &mdash; ja ich bin im ganzen erst drei
-Wochen von Florenz fort! Ich habe den ganzen Juli dort
-zugebracht und bin auch noch in den August hineingekommen.
-Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals
-jemand eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches
-Schwitzbad &mdash; nur damit kann man das vergleichen, noch
-dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein, das ist wahr,
-der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist&rsquo;s
-unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in
-grossem, gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und
-stellen Sie sich vor, obwohl alle Ausländer entweder in
-deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind, so sind doch
-eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche,
-sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau
-getragen, sind herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn
-Sie wüssten, bis zu welchem Grade ich mich hier als ein
-ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle! &mdash; Und so
-sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein
-Kind haben, ich erwarte es mit Aufregung und Furcht,
-hoffnungsvoll und zaghaft. Überhaupt habe ich eine sehr
-sorgenvolle Zeit&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p>
-Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow
-wieder einmal einen von der Not diktierten Brief, der
-jeden Leser durch seine rührende und stolze Kindesschlauheit
-ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen hier:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-und sagen, welcher Art die Hilfe ist, die ich als ein
-Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens ist mir vor
-drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow,
-geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen,
-das Kind ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind
-glücklich. (Denken Sie daran, dass wir Sie zum Taufpathen
-berufen werden. Anja bittet Sie mit gefalteten
-Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld
-haben wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie
-mich nicht der Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist
-niemand schuldig. Wir haben in Florenz berechnet, dass
-das vom &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; gesandte Geld für alles
-reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen
-geht &mdash; wir haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn,
-sich hier in Einzelheiten einzulassen; aber die Sache ist
-die, dass, wenn ich auch an den höchst zartfühlenden,
-gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der
-Redakteur des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo;, M. Katkow, gemeint]
-schreiben will, dass er aushelfe &mdash; gleich zu schreiben,
-nachdem ich vor so kurzer Zeit Geld von ihm bekommen
-habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu unmöglich.
-Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen
-ist weder die Hebamme noch der Arzt bezahlt,
-und obwohl wir jeden Heller um und umdrehen &mdash; ohne
-Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht!
-</p>
-
-<p>
-Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute
-zugleich mit diesem Briefe an Sie sende ich ein Schreiben
-an Kaschpirew persönlich, da ich weiss, dass Strachow
-nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben schildere
-ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung,
-die Geburt eines Kindes (alles wie sich&rsquo;s gehört), habe
-aber dabei gelogen, dass mir fünfzehn Thaler geblieben
-seien, während nicht einmal zehn da sind, und schliesse
-mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel zu
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-senden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer
-Erzählung für die &bdquo;Zarjá&ldquo; arbeite und diese Arbeit schon
-bis zur Hälfte gediehen ist (dies alles ist richtig), so sehe
-ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang von 3½ Bogen
-des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; (d. h. fast 5 Bogen der &bdquo;Zarjá&ldquo;)
-haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon
-im Frühling 300 Rubel von der &bdquo;Zarjá&ldquo; erhalten habe,
-habe ich demnach nach Vollendung der Erzählung ungefähr
-für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie
-noch nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss
-in die Redaktion der &bdquo;Zarja&ldquo; gesandt. Dies ist ganz
-sicher. Zweitens: obwohl ich nicht das Recht habe, auf
-dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so bitte
-ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ
-mir auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies
-aber gleich zu bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte
-ich ihn, nur 75 Rubel sofort abzusenden (dies um mich
-aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht umfallen zu
-lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung,
-bitte ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich
-mit dieser letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow]
-50 Rubel auszufolgen. Auf diese Weise wird die erbetene
-Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen. Da ich Kaschpirews
-Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe
-ich in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas
-nachdrücklichen Tone.
-</p>
-
-<p>
-Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew
-auch meine zweite und hauptsächlichste Bitte. Nämlich,
-wenn er sich damit einverstanden erklärt, meine Bitte um
-Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel sofort,
-unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich
-mich an die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens
-wende; dass er über das Drängen, sofort und unverweilt
-das Geld zu senden, nicht beleidigt sein, sondern in die
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-Sache eingehen und begreifen möge: dass für mich die
-Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst.
-Ich fügte hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine
-Bitte abgelehnt werde, von der Hand seines Redaktions-Sekretärs
-nur eine Zeile zu erhalten, aber sofort, damit
-ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen ergreifen
-könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit
-einer Geldsendung warte.
-</p>
-
-<p>
-Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe
-an Kaschpirew gelogen in Bezug auf die &bdquo;letzten Massnahmen&ldquo;,
-indem ich ihm erklärte, dass ich genötigt sein
-würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen
-zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert
-ist, deren 20 bekommen würde; was ich natürlich werde
-zu thun gezwungen sein, um drei Wesen das Leben zu
-retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es
-auch eine befriedigende Antwort. &mdash; Dass ich in einer Woche
-anfangen werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn
-ich kein Geld bekomme, das ist vollkommen wahr &mdash; denn
-anders geht es auf keine Weise; allein ich habe darin gelogen,
-dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen
-verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche
-100 Thaler wert waren, sind schon längst, gleich nach
-unserer Ankunft in Dresden, versetzt und thatsächlich
-anstatt um 100 nach der Schätzung &mdash; um 20 Thaler.
-Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den
-Paletot und meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch
-an Katkow schreibe, so wird dennoch von dorther vor einem
-Monat kein Geld einlangen, obwohl es sicher einlangt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des
-Dichters ganze persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn
-er sagt: ... &bdquo;(dies unter uns) ich bitte ja nur sozusagen
-um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem Monat
-alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche,
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten
-Schriftsteller eine solche Nachsicht gewährt, so dass, wenn
-man mir in der &bdquo;Zarjá&ldquo; das verweigert, ich nur allzusehr
-begreifen werde, auf welche Stufe man mich in litterarischer
-Beziehung dort stellt.&ldquo; &mdash; Dostojewsky konnte
-nach allem Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung
-keine Rede sein würde &mdash; dennoch immer wieder der
-empfindliche Zweifel. &mdash; &bdquo;Auch fürchte ich, fährt er fort,
-dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch
-nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist,
-ich habe ja persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt,
-ich verstehe es nicht, über heikle Gegenstände an
-Fremde zu schreiben, und habe später erst beim Überlesen
-des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein
-schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen
-50 Rubel in die Hand geben, dies (verzeihen Sie mir,
-mein Teurer, diese Belästigung und erfüllen Sie es um
-Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie
-Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide
-volles Recht, über eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet
-zu sein; aber mögen sie sogar beleidigt sein, sie sind im
-Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und ihnen
-ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen.
-Da sie durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage
-ich bin und warum ich ihnen so armselig aushelfe, so
-sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner Rechtfertigung.&ldquo;
-&bdquo;P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man
-mir damals von der &bdquo;Zarjá&ldquo; 300 Rubel herausschickte,
-kugelte das Geld einen Monat herum. Ich kenne diese
-Stückchen. Die Hauptsache ist, dass mir N. Strachow
-später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird.
-Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld
-fortschickt, sodass es ebenso schnell ankommt wie ein
-Brief, d. h. in drei Tagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen
-soll, Geld so abzusenden, dass der Empfänger es
-rechtzeitig erhalte. Diese Auseinandersetzung gewinnt
-durch den nächstfolgenden Brief vom 28. Oktober [also
-einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige
-Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit
-Wut und Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion,
-die uns, würden wir nicht zugleich von Teilnahme für den
-Dulder bewegt, ungemein belustigen könnten. Es kommt
-thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm mitteilt,
-er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in
-Dresden das Geld senden lassen und schliesse hier den
-Wechsel ein. Dostojewsky eilt zu Hirsch, dieser liest den
-Wechsel und sagt: &bdquo;Hier steht: laut Bericht, das heisst,
-dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf
-privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich
-kann ich nicht zahlen.&ldquo; Nun läuft Dostojewsky jeden Tag
-in das Bankkontor, wo man über ihn zu lächeln beginnt &mdash;
-aber kein Avis erscheint. &bdquo;Da ich die Geduld verliere
-und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm
-meine Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass
-er den Avis an Hirsch sende. Mein Brief ist vom
-9. Oktober datiert &mdash; keine Antwort! Bei Gott, ich dachte,
-es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich
-täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe
-wahrscheinlich den Avis &bdquo;vergessen&ldquo;. Nun ging ich in zwei,
-drei andere Bankgeschäfte mich zu erkundigen &mdash; überall
-sagte man, dass auf meinen Wechsel mit den Worten
-&bdquo;laut Bericht&ldquo; niemand Geld giebt, ohne einen solchen zu
-haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal
-solche Wechsel zum Spass ausgegeben werden.
-</p>
-
-<p>
-Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew &mdash; am
-zwölften Tage nach Absendung des meinen! und bemerken
-Sie, er schreibt am 3. Oktober unseres Stils, und der
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober auf. Das
-heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache
-drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse
-einen 5. aus dem 3. gemacht! Begreift er denn
-nicht, dass mich das verletzt? Ich habe ihm ja über die
-Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben &mdash; und
-darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung?
-Und nun schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser
-sage, der Avis sei abgegangen und er begreife nicht, warum
-ich nichts erhalten hätte; ferner habe er Chessin veranlasst,
-einen zweiten Avis zu schicken, dass er folglich jetzt
-überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten
-(woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das
-Geld noch nicht haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken;
-er werde mir am Tage nach dem Erhalt dieses
-Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier lautenden
-absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu,
-ich möge ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich
-telegraphieren, &bdquo;natürlich auf meine Kosten&ldquo;,
-worauf er sofort, ohne die Ankunft des anderen Wechsels
-abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt
-er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen
-75 Rubel senden werde (bemerken Sie, dass das alles am
-3. Oktober geschrieben wurde).
-</p>
-
-<p>
-Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den
-21. Oktober nicht, denn wo sollte ich zwei Thaler für ein
-Telegramm hernehmen? Konnte er sich nach meinen zwei
-Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine Kopeke, buchstäblich
-nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste,
-wie ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam,
-um ihm zu telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen
-und ihm telegraphiert: &bdquo;Kein Avis, Hirsch giebt nicht
-Geld&ldquo;; das war am Freitag. Sonnabend schicke ich den
-Wechsel zurück.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am
-fünften Tage nach Rücksendung des Wechsels endlich
-der Avis einlangt, der nun zu nichts nützt. Endlich
-gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt,
-weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung
-gemäss auf &bdquo;ohne Bericht&ldquo; ausgestellt, während der
-Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt &bdquo;ohne&ldquo; &mdash; &bdquo;laut&ldquo;
-geschrieben habe. &mdash; Man kann wohl begreifen, wie es
-dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die
-Existenz oft &bdquo;gar nicht litteraturmässig zu Mute war&ldquo;,
-wie er das in einem der nächsten Briefe gesteht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe
-Thema variieren, wozu die unlösbaren Verstrickungen
-seines Lebens den Anlass nie abreissen lassen. Wir
-übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen
-Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen
-Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom
-19. Dezember heisst es: &bdquo;Wissen Sie, was ich jetzt mache?
-Nachdem ich in 2½ Monaten neun enggeschriebene Druckbogen
-fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit aller
-Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb,
-als ich mit der Erzählung beschäftigt war.&ldquo; [Es ist die
-Erzählung &bdquo;Der Hahnrei&ldquo;.] Dann aber, in drei Tagen,
-setzte ich mich zu dem für den &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; bestimmten
-Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich Pfannkuchen
-backe: wie hässlich und abscheulich auch das
-herauskommen möge, was ich schreiben werde; die Idee
-des Romans und ihre Bearbeitung sind mir Armen, d. h.
-dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das ist
-kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste
-auch. Natürlich werde ich&rsquo;s verpatzen; aber was ist zu
-thun!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-&bdquo;Der Hahnrei&ldquo; nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys
-eine eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen,
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-welche der europäische und der russische Leser in Dostojewskys
-Werke legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch
-gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der
-Dichter geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und
-Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies
-söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit
-des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des
-Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen
-er nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für
-sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel
-an Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum
-sieht und sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt,
-das unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder,
-sowie das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten
-sechs Worten des Buches &mdash; allein das ist ihm ja nichts Neues,
-das kennt er alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst
-in sich. Er sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen,
-die sich auf Russland und seine fernere Entwickelung, auf die
-Jugend, sein künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht
-findet, lässt ihn das vollendetste Kunstwerk nur kalt.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen
-gelernt, Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke
-durchgesehen: es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder
-Erwähnung des &bdquo;Hahnrei&ldquo; (ausser jener Strachows in seinem
-Briefe nach Dresden 1870-1871) in die Hände gekommen. Auch
-der Dichter selbst dürfte nicht viel von dieser Sache gehalten
-haben, die er in 2½ Monaten niederschrieb. Das darf uns nicht
-stören. Wissen wir ja doch, wie oft er sich über seine Werke
-täuschte. &bdquo;Prochartschin&ldquo;, mit dem er sich &bdquo;einen Sommer lang
-herumquälte&ldquo;; &bdquo;Der Doppelgänger&ldquo;, den er immer wieder umarbeitete;
-dann &bdquo;Die Besessenen&ldquo;, die er zu seiner Qual, wie wir
-später sehen werden, nicht vorwärts gehen sah &mdash; auf alle diese
-Werke hielt er die grössten Stücke, meinte, da seien seine
-besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut getreten, während
-dies nur bei dem letzten derselben, und das nur teilweise und
-bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir versuchen in
-die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen das
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-russische Kunstwerk entsteht, ist gerade im &bdquo;Hahnrei&ldquo; eine der
-tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als
-hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich
-disponiert ist.
-</p>
-
-<p>
-Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters
-hat ihn getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die
-Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter
-Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen
-Europäer bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit
-einer Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von
-hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit,
-die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten,
-die in der &bdquo;breiten slavischen Natur&ldquo; bei einander wohnen, hat
-er hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und
-dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der
-Form, doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die &bdquo;Memoiren
-aus dem Kellerloch&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des
-Dichters, ist auch die des &bdquo;Hahnrei&ldquo; (der russische Titel ist:
-&bdquo;Der ewige Gatte&ldquo; und entspricht der später gegebenen Definition
-dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort).
-</p>
-
-<p>
-Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann
-von 39 Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem
-Prozess nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen
-Vermögens, eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er
-hat alles andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen
-Egoismus; das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt
-leben, um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes
-schmackhaftes &bdquo;Diner&ldquo;, seine feine Toilette niemals werde entbehren
-müssen. Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant
-ein Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige,
-aber vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des
-Hauswächters recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch
-diesen äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame
-Art von Hypochondrie.
-</p>
-
-<p>
-Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie
-plagt den Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-damit belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus
-seiner Vergangenheit ein, die er &bdquo;lieber nicht gethan hätte&ldquo;.
-Da ist das junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und
-samt ihrem Kinde verlassen hat; der junge Fürst, dem er für
-nichts und wieder nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und
-manches andere mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie
-über einen klaren, gesunden Menschenverstand; er
-sagt sich, dass er, käme die Sache wieder so, unzweifelhaft der
-alten Fürstin dennoch das Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen
-das Bein abzuschiessen &mdash; heute aber, in seiner jetzigen Verfassung
-verdriesst ihn das, lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben
-wir in wenigen Strichen den russischen Weltmann mit dem Einschlag:
-Reue und Einkehr aus äusseren Gründen, eine Reue auf
-Zeit, die, wie wir sofort empfinden, der gesicherten Erbschaft
-und dem guten kleinen Diner bald das Feld für neue Thaten
-räumen wird.
-</p>
-
-<p>
-An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern,
-und gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet
-fast täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen
-ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn,
-sodass Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er
-müsse den Mann &bdquo;einmal gekannt haben&ldquo;. Da, in einer schlaflosen
-Nacht tritt er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine,
-welche ihm die Helle der Petersburger Nächte zu decken bestimmt
-ist, auseinander und sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig
-&mdash; den Mann mit dem Trauerhute stehen und spähend auf
-sein Fenster blicken. Kaum ist er mit Staunen seiner ansichtig
-geworden, als jener auch schon über die Strasse und &mdash; gerade
-ins Haus geht. Weltschaninow tritt in sein Vorzimmer und
-lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da kommt es auf der
-Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es an der Thürklinke.
-Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und vor ihm
-steht der Mann &bdquo;mit dem Krepp&ldquo;, in welchem er mit einemmale
-Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit dessen
-Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren in
-der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte.
-Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung über
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-den nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er
-sei auf dem Heimwege vorübergegangen und, &bdquo;ohne es eigentlich
-zu wollen, zufällig&ldquo; heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass
-er, um in ein anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach
-Petersburg gekommen sei und nun in seiner Stimmung nicht
-loskomme. Dabei deutet er auf den Krepp auf seinem Hute.
-&bdquo;Ja, sie; <a id="corr-35"></a>Natalja Wassiljewna! im heurigen März!&ldquo; beantwortet
-er Weltschaninows Frage. Nun weiss er den überraschten und
-mehr, als er&rsquo;s vermutet hatte, erschütterten Weltschaninow mit
-süsslich stichelnden Anspielungen so in die Enge zu treiben,
-dass dieser in die höchste Aufregung kommt und ihm, zu
-Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein unvorsichtiges Wort
-entschlüpft. Diese Szene ist voll vortrefflicher kleiner Züge, die
-das innerste Wesen dieser beiden Menschen aufdecken.
-</p>
-
-<p>
-Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast
-fort, schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet
-auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt
-ihm sofort der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach,
-kommt zu dem Schluss, dass sie verderbt war &mdash; mit seiner Beihilfe,
-wie der Dichter &bdquo;im Vorübergehen&ldquo; bemerkt &mdash; ohne sich
-im geringsten dafür zu halten, und dass eine solche Frau als
-notwendigen Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse.
-&bdquo;Seiner Ansicht nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin,
-dass sie &bdquo;ewige Gatten&ldquo; oder, besser gesagt, im Leben nur
-Gatten sind und weiter nichts.&ldquo; &bdquo;Ein solcher Mensch wird geboren
-und entwickelt sich einzig und allein, um sich zu verheiraten
-und, nachdem er sich verheiratet hat, sich sofort in eine
-Zugabe seiner Frau zu verwandeln, auch in dem Falle, dass er
-selbst einen eigenen unbestreitbaren Charakter besässe. Das
-Hauptmerkmal eines solchen Gatten bildet &mdash; ein gewisser Stirnschmuck.
-Ein so Gehörnter nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich,
-als es der Sonne ist, nicht zu scheinen. Allein er weiss
-nicht nur gar nichts davon, sondern er kann den Naturgesetzen
-nach nie etwas davon wissen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys
-Adresse geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden
-Mietwohnung, halbangekleidet &mdash; ein kläglich bittendes Kind
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-züchtigend. Es ist Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, &bdquo;das
-uns geboren wurde, als Sie schon &mdash; wie lange fort waren?&ldquo;
-Er zählt die Monate: ja acht Monate, nachdem Sie fort waren. &mdash;
-Das Kind ist furchtbar eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen
-des Gespräches, dass Trussotzky das Kind sehr geliebt,
-nach dem Tode der Frau aber gequält, geschreckt und Tage
-lang sich selbst überlassen habe. Weltschaninow erkennt unter
-Qualen, dass es sein Kind ist, und führt es zu guten Freunden
-aufs Land. Es ist eine kinderreiche Familie, die das kranke,
-scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das Kind erkrankt dort
-am zweiten Tage und stirbt, ohne dass Trussotzky auch nur
-einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm umzusehen. Weltschaninow
-entschliesst sich mit Widerwillen, den Mann wegen
-des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich in trunkenem
-Zustande bei einigen &bdquo;Damen&ldquo;. Als er ihm mitteilt, dass
-sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten an
-ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: &bdquo;Erinnern
-Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem
-gehen Sie wegen der Bestattung.&ldquo; Der Rausch allein versetzt
-ihn in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach
-seinem Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen
-Tagen in nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten
-bei Heller und Pfennig.
-</p>
-
-<p>
-Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts
-anderes, als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die
-er selbst gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei.
-Zwischen diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen
-des feigen &bdquo;Gatten&ldquo; spielen sich Szenen widriger &bdquo;Vergebung&ldquo;,
-Küsse, Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow
-&mdash; da er sich im Banne der Schuld fühlt, ihn auch
-wohl nach einem klaren Abschluss dieser peinvollen Sache verlangt
-und vor allem, weil er eben jetzt physisch entsprechend konstituiert
-ist &mdash; auf keine Weise entwinden kann. Nach einer solchen
-Szene, die ihn wieder in den Bann seiner eigenen Reuegefühle
-versetzt hatte, lässt er sich auch von Trussotzky erbitten, ihn
-zu einer töchterreichen Familie aufs Land zu begleiten, in deren
-Schosse er, Trussotzky, sich &mdash; eine Braut erwählt habe. Es ist
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-dies die sechste der Haustöchter, Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin.
-In Weltschaninow, der auf der Fahrt mit seinem Gefährten
-auch nicht ein Wort gewechselt hatte, erwacht draussen
-unter der blühenden Mädchenschar der alte Frauenbestricker; er
-musiziert, singt, entzückt die junge Nadja und reizt dadurch
-Trussotzky zu verbissener Wut.
-</p>
-
-<p>
-Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys
-stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow
-in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft,
-fühlt sich leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle,
-bis er nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow
-werde niemals in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am
-Abend, unter Blitz und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch
-herein, der sich als Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit
-der ganzen Sicherheit und Anmassung der Jugend &mdash; eine meisterhafte
-Szene &mdash; Trussotzky verbietet, um seine Braut zu werben.
-Diese Episode zieht sich so lange hin, dass endlich Weltschaninow
-nach des Studenten Abgang Paul Pawlowitsch veranlasst, bei
-ihm zu übernachten. Kaum hat sich Weltschaninow niedergelegt,
-als der Brustkrampf, welcher ihn schon seit geraumer Zeit angefallen
-hatte, sich zu einem unerträglichen Grade steigert.
-Trussotzky eilt in die leere Küche, macht Feuer an, weckt die
-Frau des Hauswächters und wärmt abwechselnd mit ihr Tücher
-und Teller, die er mit unermüdeter Sorgfalt dem Kranken auflegt,
-giebt ihm Thee zu schlucken, den er schnell bereitet hat, bis
-endlich das Übel sich legt und nur eine grosse Schwäche zurückbleibt,
-die zur Nachtruhe mahnt.
-</p>
-
-<p>
-Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung
-um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und
-sagt halbmurmelnd: &bdquo;Sie &mdash; Sie &mdash; Sie sind besser als ich! Ich
-begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.&ldquo; &mdash; Trussotzky löscht
-das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder.
-Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere
-Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her
-dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen
-beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als
-Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm
-war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf
-und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin
-atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals,
-drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit
-einem Schrei.
-</p>
-
-<p>
-Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin
-eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände
-zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und
-fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade
-heute zufällig <a id="corr-36"></a>auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben
-war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der
-damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky
-niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er
-mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.
-</p>
-
-<p>
-Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den
-vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet
-sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom
-Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt
-Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten
-und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb
-stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: &bdquo;Wasser möcht&rsquo;
-ich&ldquo;, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und
-führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt
-ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt
-sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky
-nach aussen eingeschlossen hat.
-</p>
-
-<p>
-Wir lassen hier den Dichter erzählen: &bdquo;Seine Schmerzen
-waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure
-Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner
-ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen
-sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken
-vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der
-Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und
-blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich
-zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner
-schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-begann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur
-eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel
-abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde
-vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug
-(das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen
-lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift
-worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm
-zu erwecken. &bdquo;Wenn er sich schon seit langem vorgenommen
-hätte, mich umzubringen &mdash; fiel ihm unter anderem ein &mdash;, so
-hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet
-und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum
-gestrigen Tage noch nie gesehen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück,
-und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky
-zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene
-Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das
-&sbquo;Analyse&lsquo; überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden
-seiner Folgerungen &mdash; nachdem er Trussotzky entlassen hat &mdash;
-folgendermassen wieder auf. &bdquo;Diese Leute,&ldquo; dachte er, &bdquo;eben
-diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden
-sie den Hals abschneiden oder nicht, &mdash; wenn die schon einmal
-das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten
-Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es
-nicht beim Schneiden allein &mdash; den ganzen Kopf schneiden sie dann
-herunter: &sbquo;zum Wohlsein&lsquo;, wie die Arrestanten sagen. So ist es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst
-Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des
-Prozesses der Kairowa, welche &bdquo;noch am Vorabend sicher nicht
-wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden
-werde&ldquo;. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri
-Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten,
-aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert,
-er wisse nicht warum &mdash; &bdquo;es muss wohl in diesem Augenblick
-meine Mutter für mich gebetet haben&ldquo;, meint er &mdash; auch
-hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der
-Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht
-zu entscheiden vermag.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky
-zu seltsamen Schlüssen: &bdquo;Wenn es also entschieden
-ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege
-war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon
-einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine
-Vorstellung in einem zornigen Augenblick?&ldquo; &bdquo;Er löste die Frage
-seltsam, &mdash; damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen
-gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder
-auch nicht einmal eingefallen war.&ldquo; Kürzer gesagt: &bdquo;Paul Pawlowitsch
-wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen
-wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,&ldquo; dachte Weltschaninow:
-&bdquo;er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!&ldquo;
-&bdquo;Und war denn das wahr, das alles wahr,&ldquo; rief
-er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen
-öffnend, &bdquo;alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine
-Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann
-und er sich mit der Faust an die Brust schlug?&ldquo; &bdquo;Vollkommene
-Wahrheit,&ldquo; entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend,
-&bdquo;dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig
-dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben.
-[Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow,
-wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre
-lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte
-mein Andenken und erinnerte sich an meine &sbquo;Aussprüche&lsquo; &mdash;
-Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern
-nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe
-erklärte und sagte: &sbquo;werden wir quitt?&lsquo; Ja, aus Bosheit liebte
-er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen
-Eindruck er auf diesen &bdquo;Schiller in der Form eines Quasimodo&ldquo;
-gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein
-Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.]
-Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die
-Art, sie zu tragen; &bdquo;denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu,
-wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche
-edle Seele, gar aus dem Geschlechte der &sbquo;ewigen Gatten&lsquo;.&ldquo; Weltschaninow
-geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch,
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes.
-&bdquo;Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!&ldquo; denkt er
-bei sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit
-mir zu weinen&ldquo;, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt
-hat &mdash; das heisst, er kam, um mich umzubringen, und
-dachte dabei, es sei &bdquo;um mich zu umarmen und mit mir zu
-weinen&ldquo; ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber,
-wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich
-verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu
-verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung
-in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches
-Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir
-auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem
-Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen
-usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist,
-die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen &mdash;
-vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er
-retten &mdash; mit gewärmten Tellern! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus,
-erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass
-&bdquo;alles vorüber sei&ldquo;, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe
-sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis
-zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er
-mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky
-aufsuchen muss. &bdquo;Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts
-und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber
-nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen
-werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt
-russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des
-in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen
-wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll
-nach dem &bdquo;Quittwerden&ldquo; mit äusseren und inneren
-Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der
-christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochen
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-würde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und
-den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält.
-</p>
-
-<p>
-Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem
-Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas &bdquo;Bräutigam&ldquo;,
-in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen
-Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst,
-seiner inneren Vermutung folgend: &bdquo;&mdash; &mdash; hat sich erhenkt&ldquo;. &bdquo;Ei
-was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch
-mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift
-&bdquo;Der ewige Gatte&ldquo;, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später,
-verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen &bdquo;hypochondrischen
-Schrullen&ldquo; belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft
-angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein
-tägliches gutes, kleines &bdquo;Diner&ldquo;, verkehrt wieder mit der &bdquo;Gesellschaft&ldquo;,
-wo ihn &bdquo;alle&ldquo; wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte
-aufnehmen, als sei er nur &bdquo;verreist gewesen&ldquo;. Er fährt nach
-Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante
-Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen
-gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien,
-fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige
-Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen
-Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt
-unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er
-noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt
-von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen &bdquo;Anstoss von
-aussen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf
-dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend
-gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen,
-sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal
-macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich
-um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich.
-Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte.
-Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie
-belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da
-alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-vor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes
-&bdquo;Dddanke!&ldquo; und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.
-</p>
-
-<p>
-Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch,
-scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen
-Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren
-Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht
-plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor;
-er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul
-Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn
-mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow
-durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt
-seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter
-und sagt lachend: &bdquo;Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat
-er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?&ldquo; Olympia Semjonowna
-ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu
-besuchen, was er auch bestimmt zusagt.
-</p>
-
-<p>
-Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem &bdquo;jungen
-Verwandten&ldquo; in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung
-zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen
-abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es
-wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: &bdquo;Paul
-Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!&ldquo; Paul Pawlowitsch wurde
-abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da
-packt ihn der &mdash; nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität
-befreite &mdash; Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt:
-&bdquo;Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr,
-wie Sie mich einmal umbringen wollten &mdash; ha?&ldquo; &bdquo;Was wollt
-Ihr, Herr, was wollt Ihr &mdash; Gott bewahre Euch.&ldquo; &bdquo;Paul Pawlowitsch,
-Paul Pawlowitsch!&ldquo; hört man wieder rufen. Endlich
-lässt Weltschaninow ihn los. &bdquo;Nun, gehen Sie endlich&ldquo; sagt er,
-ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit
-des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache
-macht und den Mörder &bdquo;gutmütig anlacht&ldquo;; wie echt russisch
-auch!]
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also Sie kommen nicht?&ldquo; flüsterte fast verzweifelt Paul
-Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-Hände bittend vor ihm zusammen. &bdquo;Ich schwöre es Ihnen ja,
-ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.&ldquo; Und er
-streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen &mdash; er streckte sie
-hin &mdash; und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand
-nicht, zog sogar die seine zurück.
-</p>
-
-<p>
-Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick
-ging nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als
-wären Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und
-riss an Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er
-packte Paul Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter.
-&bdquo;Wenn schon ich, ich Ihnen diese Hand reiche&ldquo; &mdash; und er wies
-ihm die linke Handfläche, in welcher die Schramme der Schnittwunde
-deutlich zu sehen war &mdash; &bdquo;so können Sie sie wohl nehmen!&ldquo;
-stiess er leise mit zitternden, erbleichenden Lippen hervor. Auch
-Paul Pawlowitsch war bleich geworden und auch seine Lippen
-bebten. Wie Krämpfe lief es über sein Gesicht. &bdquo;Und Lisa.
-Herr?&ldquo; lallte er im schnellen Flüstortone &mdash; und plötzlich begannen
-ihm Lippen, Kinn und Wangen heftig zu zittern und zu
-zucken, und Thränen stürzten aus seinen Augen. Weltschaninow
-stand vor ihm, zur Säule erstarrt. &bdquo;Paul Pawlowitsch, Paul
-Pawlowitsch!&ldquo; brüllte man aus dem Waggon, als würde dort
-jemand umgebracht &mdash; und plötzlich ertönte ein Pfiff. Paul Pawlowitsch
-kam zu sich, schlug die Hände zusammen und begann
-über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in
-Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen,
-und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in
-seinen Waggon.
-</p>
-
-<p>
-Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er
-einen anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher
-eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten
-auf dem Landgute fuhr er nicht &mdash; es war ihm so gar nicht
-danach zu Mute. Und wie hat er das später bereut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache
-Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des
-&bdquo;ewigen Gatten&ldquo;, jener Beiden, die mit sich und mit einander
-nicht &bdquo;quitt&ldquo; werden können, weil sie das nicht in sich tragen,
-was allein den &bdquo;irrationalen Rest&ldquo; zwischen Begierde und Erfüllung
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-aufhebt: einen Gott &mdash; der Künstler hat sie in jedem
-von ihnen gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen
-letzten Worten &bdquo;wie hat er das später bereut!&ldquo; entlässt, ihn also
-seine Ruhe endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen
-finden lässt, so schüttet sein Genius über das Haupt des von
-Schmerzen zuckenden, widerwärtigen Sünders etwas von jenem
-Liebesstrom aus, dem einst die Worte entstiegen: &bdquo;Ihr wird
-viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky,
-ebenfalls an Maikow, unter anderem: &bdquo;Ich bin
-wieder in einer solchen Not &mdash; es ist um sich nur aufzuhängen!&ldquo;
-Weiter heisst es: &bdquo;Nach einer langen Pause
-zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder
-zu quälen und ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie
-mich an der Arbeit hindern. Ich habe eine reiche Idee
-in Angriff genommen. Ich rede nicht von der Ausführung,
-nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine
-unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas
-in der Art wie &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;, allein noch näher,
-der Wirklichkeit mehr an den Leib gerückt und sich auf
-die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870
-finden wir eine Wiederholung des abfälligen Urteils über
-frühere besprochene Nummern der &bdquo;Zarjá&ldquo;, worin auch
-eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten
-Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen
-Ausdrücken sind sowohl in den Briefen, als auch in den
-Werken Dostojewskys sehr häufig und für ihn charakteristisch.
-Hier, in diesem Briefe ist die Wiederholung
-allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser
-Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen
-persönlichen Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen
-höchst wohlthuend berührt, ja Bedürfnis war.
-In noch viel grösserem Ausmasse finden wir diese Offenheit
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich
-an den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um
-Rat und Zuspruch wandten. Wir werden die bemerkenswertesten
-dieser Antworten weiter unten anschliessen.
-In einem Briefe an Strachow heisst es: &bdquo;Ihr Artikel aber,
-obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich
-spreche hier nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von
-dem der Abonnenten). Übrigens, wer hat Ihnen gesagt,
-dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser sei, als der über
-Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr schöne
-und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie
-gleichsam Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der
-heraus Sie Ihre Thätigkeit fortzusetzen gedenken &mdash; so
-sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem einverstanden
-(was ich früher nicht war), und lehne von allen
-den paar tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab &mdash;
-nicht mehr, nicht weniger &mdash;, mit welchen ich mich unbedingt
-nicht einverstanden erklären kann. Doch davon
-später.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Aufforderung, an der &bdquo;Zarjá&ldquo; beständig mitzuarbeiten,
-beantwortet Dostojewsky mit der Bedingung,
-dass ihm Honorarraten vorgeschossen würden. &bdquo;Ein Thema
-habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht
-ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas
-Neueres, Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht.
-Ich kann so sprechen, ohne der Ruhmsucht geziehen zu
-werden, da ich nur vom Thema spreche, von der Idee, die
-in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der
-Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich
-kann auch alles verderben, was sich schon oft bei mir ereignet
-hat; allein eine innere Stimme sagt mir, dass mich
-die Inspiration nicht verlassen wird. Aber für die Neuheit
-des Gedankens und die Originalität der Inscenierung
-verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken auf
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-diese Idee. Es wird ein Roman in zwei Teilen sein,
-nicht weniger als zwölf, keinesfalls mehr als fünfzehn
-Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am
-1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann
-mich der Zeit versichern, um ordentlich zu schreiben.
-(NB. Der Roman könnte auch schon zum 1. November zugestellt
-werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es sehr
-unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male
-eine grössere Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu
-schreiben. Wäre es nicht besser, so wie jetzt, erst zum
-Januar oder Februar des künftigen Jahres? Übrigens
-könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.)
-Zum Schluss die Stelle: &bdquo;Anna Grigorjewna grüsst Sie
-und gedenkt Ihrer mit Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit
-unserer Ljubotschka herum. Ach, warum sind Sie nicht
-verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai
-Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel
-unseres Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen
-wohl nur ein Viertel. &mdash; Werde ich denn auch heute nicht
-die &bdquo;Zarjá&ldquo; erhalten?&ldquo; &mdash; heisst es am Schlusse &mdash; &bdquo;ich
-spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel &sbquo;Die Frauenfrage&lsquo;
-&mdash; was für ein Thema! Ich verspreche mir einen
-ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber
-schreiben, wie es nötig ist usw.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein,
-vielfache Änderungen der Ausführung und lange Verzögerungen
-zu erleiden. Schon am 5. April 1870 schreibt der
-Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: &bdquo;Ich will Ihnen
-offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den
-Roman auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen
-kann oder zu versprechen wage.
-</p>
-
-<p>
-Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij
-Wjestnik schreibe, baue ich grosse Hoffnungen, aber nicht
-vom künstlerischen Standpunkt aus, sondern von dem der
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken herauszusagen,
-sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen.
-Aber es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz
-bei mir aufgehäuft hat; mag ein Pamphlet daraus werden,
-ich spreche mich doch dabei aus. Ich hoffe auf Erfolg
-&mdash; übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne auf
-Erfolg zu hoffen?&ldquo; Weiter heisst es: &bdquo;Ich beendige bald,
-was ich für den &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; schreibe, und werde
-mich mit Wollust zum Roman setzen. Die Idee zu diesem
-Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein früher fürchtete
-ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in
-Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden,
-der ganze Plan des Romans; und ich denke, dass
-ich den ersten Teil desselben, d. h. jenen, welchen ich für
-die &bdquo;Zarjá&ldquo; bestimmt, auch hier beginnen kann, da die
-Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie
-sich nicht darüber, dass ich von einem &bdquo;ersten Teil&ldquo;
-spreche. Die ganze Idee verlangt einen grossen Umfang,
-mindestens einen so grossen, wie Tolstojs Roman &bdquo;Krieg
-und Frieden&ldquo;. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane
-bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit
-Ausnahme der zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften,
-als ganz selbständige Erzählungen oder, einzeln
-herausgegeben, als ganz vollständige Dinge werden erscheinen
-können. Der Gesamtname übrigens wird sein:
-&bdquo;Das Leben eines grossen Sünders&ldquo;, während die einzelnen
-Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil
-(d. h. Roman) wird nicht mehr als fünfzehn Bogen haben.
-Zum zweiten Teil muss ich schon in Russland sein. Die
-Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich
-gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich
-kenne, so muss ich dennoch dazu in Russland sein. Ich
-würde überaus gern des näheren mit Ihnen darüber
-sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-noch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen;
-drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte
-Arbeit, vielleicht sogar eine gute. Wenigstens
-habe ich aus dieser Idee das Ziel meiner ganzen
-künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf
-nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen.
-</p>
-
-<p>
-Möge die &bdquo;Zarjá&ldquo; nicht unwillig darüber werden, dass
-sie neun Monate voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal
-auch zwei Jahre voraus Geld bekommen .... um Eines
-bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch, &mdash; wenn
-die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich,
-als alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich.
-Mein Elend wächst in solcher Weise, dass ich keine Zeit
-verlieren kann, um endlich sicher zu sein. Ich habe für
-Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem Ruhe
-und Sicherheit ....
-</p>
-
-<p>
-Das Märzheft der &bdquo;Zarjá&ldquo; habe ich mit grossem
-Vergnügen durchgelesen. Ich erwarte daher mit Ungeduld
-die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles darin zu erfassen.
-Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler darstellen
-und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen
-wollen; ist es so?&ldquo; N. Strachow erläutert hier in einer
-Fussnote, dass es sich um seinen Artikel &bdquo;Herzens litterarische
-Thätigkeit&ldquo; handle, dessen erster Teil in der
-dritten Nummer der &bdquo;Zarjá&ldquo; im März 1870 erschienen
-war .... &bdquo;Sie haben&ldquo;, fährt Dostojewsky fort, &bdquo;sehr treffend
-Herzens Hauptgesichtspunkt hingestellt &mdash; den Pessimismus;
-aber erklären Sie seine Zweifel (wer ist schuldig usw.)
-für unlösbar? Sie umgehen das, wie es scheint, und, wie
-es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren Hauptgedanken
-aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich
-mit fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels;
-es ist ein allzu brennendes und zeitgemässes Thema. Wie
-wird das aber sein, wenn Sie beweisen werden, dass
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-Herzen früher als viele andere gesagt hat, dass der
-Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler
-aus Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob
-das bei Ihnen herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei
-gesagt, obwohl ich in das Thema Ihres Artikels gar nicht
-eingehen will. Finden Sie nicht, dass es noch einen Gesichtspunkt
-für die Bestimmung und Feststellung des
-Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich
-den, dass er immer und überall vor allem Poet war.
-Der Poet hat in ihm überall, in allem, in seiner ganzen
-Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator: Poet,
-Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten
-Grade: Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir
-scheint, es könnte vieles in seiner Thätigkeit, sogar durch
-seinen Leichtsinn und seinen Hang zum Calembourg, auch
-in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen erklärt
-werden &mdash; was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner
-Ansicht nach, vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum
-ich in der &bdquo;Zarjá&ldquo; ungenügendes Selbstvertrauen gefunden
-habe, will ich beantworten. Ich habe mich vielleicht nicht
-genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind allzu, allzu
-weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche
-in der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für
-sie. Würden Sie etwas zorniger, gröber über sie herfallen,
-so wäre es besser. Nihilisten und Westler brauchen
-definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über Tolstoj
-flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem
-letzten Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art
-Niedergeschlagenheit und Entzauberung, gerade da, wo
-nach meiner Ansicht der Ton triumphierend und freudig
-bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie &mdash;
-werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-Briefen des Kosiza verstehen? &mdash; &mdash; Mit einem Wort:
-in einem solchen Tone nicht zu schreiben &mdash; ist Ihnen
-unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und Achtung
-für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton
-ist ein hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern
-der &bdquo;Zarjá&ldquo; ausmacht. Allein manchmal muss man, denke
-ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche in die Hand
-nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um
-viel gröber darein zu fahren. Das ist&rsquo;s, was ich unter
-Selbstvertrauen verstand. Übrigens &mdash; vielleicht urteile ich
-falsch, vom Zorn geleitet. Die zwei Zeilen über Tolstoj,
-mit denen ich nicht ganz einverstanden bin, sind die, wo
-Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur Grosses
-in unserer Litteratur vorhanden ist.&ldquo; Hier folgt jene
-Stelle über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung
-von Dostojewskys Kunst-Anschauungen anführten.
-</p>
-
-<p>
-Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky
-das Thema seines Romans in einem Briefe an
-Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch Bande
-persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten,
-wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen
-sich gedrungen fühlt. Nach einer Entschuldigung
-über sein langes Schweigen beginnt der Dichter
-mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der
-Fremde: &bdquo;Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit
-und die Ängstlichkeit, welche durch die Vereinsamung
-entstanden ist. Angst um die Gesundheit; ich
-hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig,
-und ich habe keinen Schlaf. Ich ging also doch
-zu einem Arzt, einem der berühmten Professoren; er hat
-mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur Nerven, aber
-diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von
-Dresden weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa,
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-ein wenig baden. Auch für die Frau wäre es gut &mdash;
-besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft der
-Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe
-sagten, ist goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten.
-Aber, Apollon Nikolajewitsch, wissen Sie denn
-nicht, warum ich nicht zurückkehre und dieses verfluchte
-Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen
-und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis
-zu einem gewissen Zeitpunkt kann ich auf keine Weise
-zurückkehren; und denken Sie denn, dass ich nicht selbst
-Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer Seele
-nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist
-es mir denn heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen?
-</p>
-
-<p>
-Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus
-Fakten, dass meine Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung
-dort dreimal besser stünden, als sie hier stehen.
-Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen aussprechen.
-Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich
-mich nicht daran stossen wollte, dass man mich unbedingt
-in den Schuldarrest setzt &mdash; ich habe wohl schon
-anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr
-ab und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn
-das früher (noch vor fünf Jahren) möglich war, es jetzt
-&mdash; das weiss ich ganz sicher &mdash; unbedingt unmöglich
-wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein halbes
-Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist:
-arbeiten könnte ich nichts. Themata habe ich zum
-Schreiben &mdash; einen Haufen. Über das Schreiben hier in
-der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde
-thatsächlich abgetrennt, &mdash; nicht vom Zeitalter, nicht von
-der Kenntnis dessen, was bei Euch vorgeht &mdash; ich weiss
-das wahrhaftig besser als Sie, denn ich lese täglich drei
-russische Zeitungen, bis auf die letzte Zeile, und erhalte
-zwei Monatsschriften &mdash; aber von dem lebendigen Quell
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee,
-sondern von ihrem Fleisch und Blut. Dieses aber, ach!
-wie sehr beeinflusst es die künstlerische Arbeit! Alles
-dies ist wahr, aber wie soll ich&rsquo;s machen?&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Und weiter: &bdquo;Übrigens werde ich im Sommer ernstlich
-darüber nachdenken, wenn sich irgend eine Möglichkeit
-bietet. Jetzt arbeite ich für den &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo;.
-Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den &bdquo;Hahnrei&ldquo;
-in die &bdquo;Zarjá&ldquo; gegeben, habe ich mich bei jenen in eine
-zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so
-muss ich für jene das vollenden, was ich jetzt schreibe.
-Ja, es ist ihnen auch fest von mir zugesagt worden; in
-der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher Mensch. Das,
-was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache &mdash; ich habe
-das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen.
-Da werden die Nihilisten und Westler über mich zu
-schreien anfangen, dass ich ein Reaktionär bin! Der Teufel
-sei mit ihnen &mdash; ich aber will mich bis aufs letzte Wort
-aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich
-stecke? Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg
-haben oder nicht? Bald scheint es mir, dass es
-ausserordentlich gut ausfällt und ich aus einer zweiten
-Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass
-es ganz misslingt.&ldquo; [Es ist immer von den &bdquo;Besessenen&ldquo;
-die Rede.] &bdquo;Aber lieber ist es mir, ich falle ganz durch,
-als ich habe einen mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir
-eins mit einem Knüttel aufs Haupt versetzt mit Ihrer
-Bemerkung über die &bdquo;Anstrengungen der Vorstellungskraft&ldquo;,
-die Sie im &bdquo;Hahnrei&ldquo; gefunden haben. Was hat
-mir das für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne
-Hoffnung auf Erfolg ist es unmöglich mit Feuer zu arbeiten.
-Ich aber arbeite mit Feuer &mdash; folglich hoffe ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung
-der geschäftlichen Lage des Dichters,
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-welche mit den Worten beginnt: &bdquo;Indessen aber bin ich
-jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister Micowber). Kein
-Heller Geld&ldquo; usw. Dann fährt er fort: &bdquo;Das, was ich
-jetzt für den &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; schreibe, vollende ich
-sicherlich in drei Monaten. Dann, nach einem Monat
-Pause, würde ich mich zur Arbeit für die &bdquo;Zarjá&ldquo; setzen.
-Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts gearbeitet
-(den &bdquo;Hahnrei&ldquo; zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet
-mich jetzt. Über dem, was ich für den &bdquo;Russkij
-Wjestnik&ldquo; schreibe, werde ich nicht abgespannt werden;
-dafür verspreche ich der &bdquo;Zarjá&ldquo; eine gute Sache.
-</p>
-
-<p>
-Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die &bdquo;Zarjá&ldquo;
-in meinem Kopfe reift. Es ist dieselbe Idee, über welche
-ich Ihnen schon geschrieben habe: dies wird mein letzter
-Roman sein. Der Umfang von &bdquo;Krieg und Frieden&ldquo;; die
-Idee würden Sie gut heissen &mdash; soweit ich wenigstens
-nach meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse.
-Dieser Roman wird aus fünf grossen Erzählungen bestehen,
-jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen werden
-von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede
-einzelne verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme
-ich eben für Kaschpirew [die &bdquo;Zarjá&ldquo;]; hier
-ist die Handlung aus den vierziger Jahren. Der gemeinsame
-Titel ist: &bdquo;Das Leben eines grossen Sünders&ldquo;, aber
-jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die
-Hauptfrage, welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe,
-mit der ich mich, bewusst und unbewusst, mein
-Leben lang herumgequält habe &mdash; das Dasein Gottes.
-Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald
-ein Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder
-Atheist.
-</p>
-
-<p>
-Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen.
-Auf diesen zweiten Teil habe ich alle meine Hoffnungen
-gesetzt. Vielleicht sagt man dann endlich, dass ich nicht
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein will ich
-beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung
-Tichon Zadonsky<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a> als Hauptfigur hinstellen, natürlich
-unter einem anderen Namen, aber auch als Oberpriester,
-der seinen Ruhestand im Kloster verlebt. Ein
-13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines
-Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt
-(ich kenne diesen Typus), der künftige Held dieses
-Romans, wird von den Eltern im Kloster untergebracht
-(unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts wegen.
-Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon
-zusammen (Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes
-Wesen). Hierher auch, setze ich Tschaadajew<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a> (natürlich
-auch unter anderem Namen). Warum soll Tschaadajew
-nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er
-habe es nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die
-Ärzte jede Woche begutachteten, nicht ausgehalten und
-z. B. im Ausland in französischer Sprache eine Broschüre
-gedruckt &mdash; es wäre ja sehr möglich, dass man ihn dafür
-auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew
-können auch andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B.,
-Granowsky, sogar Puschkin. (Ich habe ja, wie Sie wissen,
-keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus in den
-Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky,
-Golubow und der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich
-ein Kenner, ich kenne das russische Kloster von Kindheit
-an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon und der Kleine.
-Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen
-voraus, mir ist, als müsste ich mich schämen; Ihnen aber
-beichte ich. Für andere mag das keinen Groschen wert
-sein, für mich ist&rsquo;s ein Schatz. Über Tichon sprechen
-Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben,
-aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich
-da eine grossartige, unbedingt heilige Figur aus. Das ist
-schon kein Kostanschoglo<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a>, kein Deutscher (habe den
-Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows
-und Rachmetows<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a>. Allerdings, ich werde nichts erschaffen,
-sondern nur den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor
-langer Zeit mit Entzücken in mein Herz genommen. Aber
-ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als eine wichtige
-That anrechnen. Sagen Sie&rsquo;s also niemand.
-</p>
-
-<p>
-Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss
-ich in Russland sein. Ach, wenn es gelänge! Die erste
-Erzählung aber &mdash; bringt die Kindheit des Helden. Natürlich
-nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat
-begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde
-schreiben; ich schlage dies der &bdquo;Zarjá&ldquo; vor. Sollten sie
-ablehnen? Ja, und 1000 Rubel, Gott weiss, wie wenig
-das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln, werden
-sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist&rsquo;s
-ihre Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben
-und so schnell als möglich um Entscheidung gebeten.
-Sonst muss ich ohne Verzug etwas anderes unternehmen&ldquo;
-usw.
-</p>
-
-<p>
-Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines
-&bdquo;letzten Romans&ldquo; [der ja wirklich sein letzter geworden
-ist] seinem Freund Maikow &bdquo;beichtet&ldquo;, in Verbindung
-mit seinen früheren Andeutungen über den Atheismus und
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman Dostojewskys
-&bdquo;Die Brüder Karamasow&ldquo;, empfangen wir ein
-ziemlich deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen,
-wie viele Wandlungen die Ausführung, ja sogar die Fabel
-im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh jedoch die Grundidee
-festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil wirklich
-offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel
-versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden
-erst Atheist, dann frommgläubig, fanatisch und wieder
-Atheist werden zu lassen, hat er indessen niemals ganz
-ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters als
-auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew
-mitteilte, hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung
-des Romans als Abschluss von des Helden Lebensweg
-geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden
-Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich
-der Besprechung dieses Werkes zurück. Aber
-auch schon in den ersten Teilen des Romans scheint der
-Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden
-Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben.
-Die &bdquo;Verderbtheit&ldquo; des jungen Helden hat er da in eine
-Zeit vor dem Roman verlegt, in das zarte Alter, da junge
-Wesen ohne Sünde sündigen, sodass uns allerdings in
-seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die Verkörperung
-des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese bildet
-Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über
-die Kinder und der Teufelshallucination, während Sosima
-die beglückende Synthese in sich darstellt. In den &bdquo;Memoiren
-aus einem Totenhause&ldquo; hat Dostojewsky den Eindruck
-der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch
-bei der Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb
-unbewusst mag vorgeschwebt haben. Allerdings hat die
-Bedachtsamkeit des Schaffenden es nicht unterlassen, das
-lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen Karamasowschen
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene
-Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde
-nicht sofort an Aljoscha erinnert?
-</p>
-
-<p>
-Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet:
-&bdquo;Über den Nihilismus ist nichts zu sagen. Wartet nur ab,
-bis diese oberste Schichte jener, die sich vom Boden Russlands
-abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen Sie
-was? Mir kommt&rsquo;s oft in den Sinn, dass viele von diesen
-nämlichen, niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus
-ihnen wirkliche, feste, russische Ur-Nationale werden.
-[Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: &bdquo;Potschwenniki&ldquo;
-bedeutet genauer: &bdquo;am nationalen Boden Haftende&ldquo;; die
-Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.]
-Nun, die übrigen &mdash; mögen sie verwesen.
-Es wird damit enden, dass auch sie verstummen,
-in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie
-immer!&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: &bdquo;Ich
-danke Ihnen für Ihren Brief, mein Bester. Sie schreiben
-immer so kurze Briefe, welche aber die Eigentümlichkeit
-haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische
-Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens
-denke ich so: wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe
-bei uns in der ganzen Litteratur ja gar niemand, welcher
-die Kritik als eine ernste und streng unentbehrliche Sache
-ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken Schreibenden,
-welcher die Notwendigkeit einer regelrechten philosophischen
-Betrachtung gegenwärtiger und vergangener
-Dinge (und die Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich
-also auch die Kritik, d. h. seine eigene Arbeit würdigte.
-Und so haben Sie vor allem diesen strengen und
-philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht
-haben, was die &bdquo;Zarjá&ldquo; zur einzigen Zeitschrift stempelt,
-die eine Kritik und die richtige Anschauung dafür hat.
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-Wenn also auch nur dies für Euch spräche, so wäre das
-schon ungeheuer viel.
-</p>
-
-<p>
-Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage:
-dass die Einflüsse nicht schnell zu Tage treten, dass der
-Unsinn unserer heutigen Gesellschaft doch einen Sinn hat,
-d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, und dass Sie endlich
-nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die unmittelbare
-Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen,
-ob sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind,
-&bdquo;die ohne Sie auch schon so gedacht haben&ldquo;. Das ist
-nicht richtig.
-</p>
-
-<p>
-Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein
-gewisses Mass für die Beurteilung Ihres Einflusses: die
-Zeitschrift &bdquo;Zarjá&ldquo; ist vor allem ein Blatt für Tendenz
-und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis
-3 Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum
-ausdrücken, damit aber unzweifelhaft auch den Einfluss
-der Kritik, weil diese der Hauptzug des Blattes ist, ihre
-besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese Weise
-spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.
-</p>
-
-<p>
-Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden
-Struwe loben! Wenigstens um der guten Absicht willen.
-In der Philosophie bin ich etwas schwach (aber nicht in
-der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat mir
-selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die
-Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation
-aber war mir hauptsächlich darum interessant, weil ich
-ahnte, dass dies gerade die gegenwärtige, neueste Denkweise
-der deutschen Philosophie sei. Allein wissen Sie,
-Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen zurückgebliebenen
-Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und
-Bogen bewaffnet, während bei ihnen schon lange das
-Schiessgewehr im Gang ist. Was mich betrifft, so habe
-ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss gelesen.
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben.
-Ihre Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen.
-Das aber, Sie mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich
-nicht anders als bemerkt werden. Ich habe mich sehr
-darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich gegen die gegenwärtige
-Manier des Philosophierens verhalten, und würde
-es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was
-für ein ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen
-Litteratur! Die Unordnung und Verwirrung in den Ideen
-&mdash; nun, Gott mit ihnen &mdash; die musste ja kommen; aber
-dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit, welche
-Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter
-fester Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein
-falscher! Was sind das für Philosophen, was für Feuilletonisten.
-Der reine Quark. Dafür giebt es aber Einzelne,
-welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen &mdash; und so
-geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur
-einmal diese Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen,
-und Sie werden sehen, dass es endlich ihren Ton
-annimmt. Apropos: wer ist der junge Professor, der mit
-seinen Leitartikeln im &bdquo;Golos&ldquo; Katkow vollkommen geschlagen
-hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest?
-Den Namen dieses Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn,
-um alles, so schnell als möglich teilen Sie ihn mit!&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, noch eins&ldquo; &mdash; heisst es im nächsten Briefe &mdash; &bdquo;ich
-wollte Sie schon lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo
-Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn kennen, bitte, schreiben
-Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir ungemein
-interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe
-sehr wenig über ihn als Privatperson erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Ich schreibe für den &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; mit grossem
-Eifer und kann durchaus nicht erraten, was herauskommt.
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-Noch niemals habe ich ein solches Thema, niemals etwas
-in dieser Art aufgenommen. &mdash; Dabei quäle ich mich mit
-dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland
-einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach,
-es ist mir so unerträglich, in der Fremde zu leben, dass
-ich es gar nicht wiedergeben kann!
-</p>
-
-<p>
-Von den mir gesandten 500 Rubeln &mdash; heisst es
-weiter &mdash; liess ich mir nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig.
-Da sind nun aber zwei Wochen darüber hinaus vergangen;
-die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt, alles ist
-ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind
-erkrankt, und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich
-nicht vorstellen, wie das auf meine Beschäftigung Einfluss
-nimmt, von allem anderen gar nicht zu sprechen. Ich bin
-manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz unfähig.
-Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen
-100 Rubel monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen
-ist, was wird dann in der Folge mit den anderen
-Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es Sommerszeit,
-alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich
-wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter
-auf irgend eine Sendung ausser der &bdquo;Zarjá&ldquo; rechnen.
-Was soll ich also thun? Dann soll man mir aber keine
-Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin. Ich
-schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit
-der Sendung für mich fast wichtiger ist als das
-Geld selbst. Am Ende kommt doch irgend welches Geld
-von irgend wo an; aber die Ruhe, die Möglichkeit sich von
-Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der Arbeit &mdash;
-kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert&ldquo; usw. ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des
-&bdquo;Wjestnik Ewropy&ldquo; in die Hand bekommen und alle
-Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist es denn
-möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-&mdash; wenn man etwa die &bdquo;bulgarische nordische
-Biene&ldquo; ausnimmt &mdash; einen solchen Erfolg haben konnte
-(6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da sehen
-Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine
-Anpassung an die Meinung der Gasse, die allerletzte
-Schablone des Liberalismus! Das also, heisst das, hat bei
-uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens geschickt: am ersten
-jeden Monats und &mdash; Schriftsteller in Fülle. Ich habe
-unter anderem &bdquo;Die Hinrichtung Tropmans&ldquo; von Turgenjew
-durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein &mdash; mich
-aber hat dieser aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht.
-Warum wird er immer verwirrt und behauptet,
-kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn er nur
-als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. &mdash; Aber kein
-Mensch, der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht,
-sich abzuwenden und das zu ignorieren, was auf der Erde
-vorgeht, und dafür giebt es die höchsten sittlichen Gründe.
-&bdquo;Homo sum et nihil humanum&ldquo; usw. ... das Komischste
-von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten
-Moment es nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet:
-&bdquo;Seht, meine Herren, wie zart ich erzogen bin! Ich habe
-es nicht aushalten können!&ldquo; Übrigens giebt er sich ganz
-aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis
-ist &mdash; eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit
-getriebene Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit
-und die eigene Ruhe, und das alles angesichts eines abgeschlagenen
-Hauptes. Speien soll man übrigens auf sie
-alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte Turgenjew
-für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen
-Schriftsteller &mdash; was immer Sie auch &bdquo;in Sachen Turgenjews&ldquo;
-schreiben mögen. &mdash; Sie müssen schon verzeihen. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen,
-sowohl durch das Stillen des Kindes als durch
-die Sorgen. Und auch noch diese Verdriesslichkeiten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten
-spricht Dostojewsky (21. Oktober 1870) seine Freude über
-den wieder aufgenommenen Briefwechsel aus: &bdquo;Niemals
-habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in
-meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im
-Herbste nach Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht
-erfüllt; die Mittel waren ungenügend. Wir mussten uns
-entschliessen, sie abermals bis zum Frühling zu verschieben
-und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich
-buchstäblich, ohne den Kopf zu erheben, hinter meinem
-Roman für den &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; sitze. Es ging so
-schlecht von statten, es musste vieles so oft umgearbeitet
-werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht
-zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um
-mich zu schauen, ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben
-habe. Und das ist ja erst der allererste Anfang! Allerdings
-ist schon viel aus der Mitte des Romans aufgeschrieben,
-vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel,
-versteht sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über
-dem Anfang. Ein schlechtes Zeichen; und dennoch möchte
-man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und Manier
-müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen;
-das ist wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen
-und suchst sie. Mit einem Wort, niemals hat mir irgend
-etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h. zu Ende des
-vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine herausgequälte,
-gemachte Sache von oben herab. Später kam
-wirklich Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung:
-es tauchte noch eine neue Persönlichkeit mit der Prätension
-auf, der wirkliche Held des Romans zu werden, sodass
-der erste Held &mdash; eine interessante, doch den Namen Held
-nicht rechtfertigende Figur &mdash; auf den zweiten Plan zu
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-stehen kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass
-ich abermals an die Umarbeitung ging. Und nun, da ich
-schon den Anfang an die Redaktion des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo;
-gesandt habe &mdash; bin ich plötzlich erschrocken: ich fürchte
-ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht;
-ernstlich fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja
-den Helden nicht aufs geradewohl eingeführt. Ich habe
-seine ganze Rolle voraus im Plan des Romans aufgeschrieben
-(mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der
-ganz und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht
-aus Erwägungen besteht. Darum, denke ich, wird eine
-Persönlichkeit herauskommen, ja vielleicht eine neue. Ich
-hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit, auch irgend
-etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz
-hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben:
-denn mit diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit
-verloren und schrecklich wenig geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-Über den &bdquo;Wjestnik Ewropy&ldquo; und seine Erfolge ist
-nichts zu sagen, als dass es das Blatt der Petersburger
-Beamten und allen mundgerecht ist (im trivialen, nicht im
-populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht
-anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky
-hat mir ungemein gefallen. Unbestreitbar ist es ein
-wichtiges Thema: worin die eigentliche Poesie besteht.
-Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn Sie sich
-darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche,
-gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai
-Nikolajewitsch, dass das jetzige Publikum lange nicht mehr
-das ist, was es zur Zeit unserer Jugend gewesen. Der
-jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue auseinandersetzen.
-Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und
-sich viel Nutzen bringen. Übrigens &mdash; was lehre ich Sie
-denn! Sie sind mir eben teuer. Nicht umsonst schneide
-ich zu allererst Ihren Artikel im Buche auf; der Tag, an
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist ein Feiertag
-für mich.
-</p>
-
-<p>
-Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser
-Gesundheit nicht rühmen &mdash; das ist das Zuwidere! Jetzt
-kommt für mich ein Winter angestrengter Arbeit bei Tag
-und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt
-haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten:
-nämlich ohne aufzuatmen &mdash; sonst kommt man nicht zu
-Ende. Ich führe ein langweiliges und äusserst regelmässiges
-Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang,
-lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner
-Meinung werden alle diese gegenwärtigen, erschütternden
-Ereignisse eine unmittelbare Einwirkung auch auf unser
-russisches Leben haben, also auch auf die Litteratur. In
-jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke
-nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung
-verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem
-Falle gewinnen; aber wenn man liest, z. B. russische
-Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade das alles
-frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den &bdquo;Moskowskija
-Wjedomosti&ldquo; natürlich. Werden Sie mir nicht
-irgendwie antworten, teurer Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken
-werden Sie mich. Ich aber verspreche, dass ich
-pünktlich sein werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der
-Dichter seine Klage über die Schwierigkeiten, die er bei
-der Arbeit des Romans zu bekämpfen habe. Es ist dies
-der Roman &bdquo;Die Besessenen&ldquo;, dessen wir schon wiederholt
-erwähnten.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem
-Wege zu brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück
-Arbeit aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das
-in jeder grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen
-musste. Er musste, um seine Geissel so hart und
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-schwer als möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die
-Nacken der &bdquo;Gottlosen&ldquo; niedersausen zu lassen, diesen &bdquo;Besessenen&ldquo;
-auch jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft
-auf Sympathie entziehen, musste ihnen sowohl in ihren
-Zielen, als in ihren Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und
-dem Leser solche Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein
-Leben lang den göttlichen Funken im Herzen des vertierten
-Verbrechers suchte und zu finden verstand. Das Unwahre,
-Dostojewskysch Unwahre, das dieser Arbeit zu Grunde liegt,
-diese Spaltung seines Urwesens konnte ihm nicht gelingen und
-musste ihn mit grossem Unbehagen erfüllen. Dennoch weist der
-Roman, namentlich in seinem ersten Teil und am Ende, künstlerisch
-grosse Schönheiten auf, von den tiefen philosophischen
-Problemen zu schweigen, welche zu dem Ergebnis führen, dass
-der aufrichtige Atheismus, je nach der sittlichen Person, die er
-ergreift, im Mord oder Selbstmord seinen Abschluss findet.
-</p>
-
-<p>
-In den Mund Stepan Trofimowitsch&rsquo;, den geistreich-sentimentalen
-Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten
-Figuren des Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er
-das so gerne thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit
-nieder. Da dieses grosse, eitle, &sbquo;genialische&lsquo; Kind in einer fremden
-Herberge erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden
-Frauenzimmer gepflegt wird, das er &sbquo;ma chère innocente&lsquo;
-oder &sbquo;chère et incomparable amie&lsquo; nennt, da fällt ihm plötzlich
-ein, sie solle ihm &bdquo;von den Säuen&ldquo; vorlesen; &bdquo;de ces cochons&ldquo; &mdash;
-&bdquo;ich erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind
-ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen,
-warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich
-es haben.&ldquo; &mdash; &mdash; Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem
-Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto
-vor sein Werk gesetzt hat:
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="block">
-<p>
-&bdquo;Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der
-Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte,
-in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren
-in die Säue; und die Herde stürzte sich mit einem Sturm
-in den See und <a id="corr-37"></a>ersoff.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-&bdquo;Meine Freundin,&ldquo; sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch
-in grosser Aufregung, &bdquo;savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche
-Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein
-des Anstosses .... dans ce livre .... so, dass ich mich an
-diese Stelle seit meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir
-ein Gedanke gekommen &mdash; une comparaison. Mir kommen jetzt
-schrecklich viele Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt
-unser Russland. Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in
-die Säue fahren, das sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit,
-alle Teufel und alle Teufelchen, welche sich in unserem
-grossen, teueren Kranken, in unserem Russland angesammelt
-haben, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie,
-que j&rsquo;aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher
-Wille beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen,
-und es werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit,
-all&rsquo; diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche
-angefault hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die
-Säue zu fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren!
-Das sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres
-avec lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen
-und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen
-und werden alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil
-unsere Kraft ja nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird
-genesen, &bdquo;sitzen zu den Füssen Jesu&ldquo; ... und alle werden es
-mit Verwunderung schauen ... Liebe, vous comprendrez après,
-jetzt aber erregt mich das alles sehr ... Vous comprendrez
-après ... Nous comprendrons ensemble.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im
-Auslande zurück und nehmen nur die markantesten Stellen
-einzelner Briefe hier heraus. Da ist noch am Schlusse
-des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die
-Stelle: &bdquo;Turgenjews &sbquo;König Lear&lsquo; hat mir gar nicht gefallen.
-Ein aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig.
-Ich sage das nicht aus Neid, weiss Gott!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870
-finden wir ausser den uns bekannten geschäftlichen Erörterungen
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-am Schlusse eine Stelle, welche als Illustration
-von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in Dingen der
-europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir
-den Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf
-mit den Schweizern höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst
-gegen Deutsche und Deutschland, so lange er dort
-lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal der Franzosen
-anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das
-ganz subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf
-dem, allerdings einheitlichen, Untergrunde des &bdquo;Nichteuropäers&ldquo;.
-Er spricht zuerst von seiner Heimkehr, die
-sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr erwarten
-können, und fährt fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft
-noch alles furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet,
-wie sehr das von hier aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie
-wüssten, was für einen blutigen Hass, bis zum Abscheu,
-Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat!
-Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über
-Europa! Nun, ist jener Russe nicht ein Säugling (das sind
-aber fast alle), welcher daran glaubt, dass der Preusse
-durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar schamlos:
-eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine
-Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?).
-</p>
-
-<p>
-Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist
-der Nation gegen die brutale Macht erhebt? Daran habe
-ich von allem Anfang an nie gezweifelt; und wenn sie dort
-keine Böcke schiessen, indem sie Frieden schliessen, sondern
-noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen
-hinausgejagt und dann &mdash; welche Schande! Da hätte man
-viel zu schreiben &mdash; und ich könnte Ihnen viel Interessantes
-aus eigener Anschauung mitteilen: z. B. wie die
-Soldaten von hier aus nach Frankreich aufbrachen, wie
-man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und fortführt.
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein
-zum Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt,
-sie einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also
-um ein paar Groschen Einrichtungsstücke), wird, da sie
-eigene Möbel hat, verpflichtet, auf ihre Rechnung zehn
-Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben drei
-Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber
-das kommt sie ja auf 20-30 Thaler. &mdash; Ich selbst habe
-einige Briefe von jungen deutschen Soldaten, die vor Paris
-standen, an ihre hiesigen Angehörigen (Krämer, Marktweiber)
-gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind
-sie krank, wie hungrig!
-</p>
-
-<p>
-Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende
-Beobachtung: Anfangs wurde die Wacht am Rhein sehr
-oft auf der Strasse in der Menge gesungen &mdash; jetzt gar
-nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich
-die Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber &mdash;
-nicht besonders; sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen
-an jedem Abend in der Lesehalle. Einer mit einem schneeweissen
-Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter, schrie vorgestern
-sehr laut: &bdquo;Paris muss bombardiert werden!&ldquo; Das
-sind die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht
-der Gelehrsamkeit, so &mdash; der Dummheit. Mögen sie
-Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche Dummköpfe!
-Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann
-lesen und schreiben, ist aber unglaublich ungebildet,
-dumm, stumpf, von den untergeordnetsten Interessen erfüllt&ldquo;
-usw.
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen
-Kritiken fort und es fällt dabei ein Streiflicht auf
-Russlands Verhältnis zu Frankreich, das wegen seiner
-heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den
-Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da
-(30. Januar 1871): &bdquo;&mdash; &mdash; Was Sie über unsere Gesellschaft
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-sagen, habe ich mit Kummer in Ihrem Briefe gelesen;
-und was man von den deutschen Angelegenheiten
-denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug
-kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte
-wollen sie Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie
-sich ihn und seine Nachkommenschaft für alle Ewigkeit
-zu Sklaven machen wollen, ihm aber dafür die Erbfolge
-sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht &mdash; das ist
-klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung
-tagen wird, so werden sie dieselbe durch die
-Unmässigkeit ihrer (ausgeklügelten) Forderungen zwingen,
-damit nicht einverstanden zu sein und dann &mdash; werden
-sie den Napoleon proklamieren.
-</p>
-
-<p>
-Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums:
-&sbquo;Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen?&lsquo;
-Nein, was durch das Schwert aufgebaut ist,
-wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie &bdquo;Jung
-Deutschland&ldquo;. Umgekehrt &mdash; es ist eine Nation, die ihre
-Kraft verbraucht hat &mdash; denn nach einem solchen Geist,
-nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee des Schwertes,
-des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal
-ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit
-korporalsmässiger Grobheit lachen, was ist das anders.
-Nein, das ist eine tote Nation, eine Nation ohne Zukunft.
-Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie, glauben Sie mir,
-nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest erstehen
-sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert
-wird von selbst fallen.
-</p>
-
-<p>
-Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands
-ist so gross, dass es kaum mehr vier Monate Widerstand
-aushalten wird. Wenn sie von Frankreich zurückkommen,
-werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön
-thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie
-schon früher gröblich verschnappen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-Gott schütze den Zar und Russland &mdash; aber für
-Europa ist die Zukunft wirklich kritisch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren
-Seite von Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit
-zu. In einem Briefe vom 14. März 1871 an Apollon
-Maikow sagt der Dichter: &bdquo;Ihr schmeichelhafter Ausspruch
-über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken
-versetzt. Gott, wie habe ich gefürchtet und wie fürchte
-ich noch! Wenn Sie dies lesen, werden Sie wahrscheinlich
-auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils im Februarheft
-des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; gelesen haben. Was werden
-Sie sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere
-anbelangt, so bin ich einfach in Verzweiflung, ob ich&rsquo;s
-zurecht bringe. &mdash; Nebenbei gesagt: das Werk wird ja im
-ganzen vier Teile haben &mdash; 40 Bogen. Stepan Trofimowitsch
-wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar
-nicht von ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng
-mit den übrigen (Haupt-) Vorgängen des Romans verknüpft,
-und darum habe ich ihn gleichsam zum Eckstein des
-ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch
-im vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird
-das sehr originelle Ende seines Schicksals Platz finden.
-Für alles andere stehe ich nicht, aber für diese Stelle
-verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen,
-wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.]
-</p>
-
-<p>
-Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich,
-wie eine geschreckte Maus. Die Idee hat mich berückt,
-und ich habe sie furchtbar leidenschaftlich erfasst. Komme
-ich aber durch, oder ist der ganze Roman ein .....?
-Das ist das Elend.
-</p>
-
-<p>
-Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt
-verschiedene Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten
-habe. Das hat mir sehr, sehr viel Mut gemacht.
-Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich gerade heraus,
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.&ldquo;
-Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die
-erste Hälfte des ersten Teiles gelesen hatte, worin eben
-Stepan Trofimowitsch die Hauptrolle spielt. &bdquo;Erstens&ldquo;
-&mdash; fährt Dostojewsky fort &mdash; &bdquo;werden Sie mir ja nicht
-schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung
-ein genialer Gedanke hervorgesprungen: &bdquo;Das
-sind Turgenjews Helden im Alter&ldquo;. Das ist genial!
-Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas Ähnliches.
-Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit
-einer Formel bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese
-Worte. Sie haben mir das ganze Werk beleuchtet.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling
-heimzukehren, da werden wir was plaudern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der
-Dichter an Strachow: &bdquo;Wenn ich lange keine Anfälle gehabt
-habe und sie sich plötzlich wieder entladen, so folgt
-darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da
-bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese
-Schwermut etwa drei Tage nach einem Anfalle gedauert,
-jetzt aber hält sie sieben, acht Tage an, obwohl die Anfälle
-selbst in Dresden seltener auftreten, als irgendwo
-sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit.
-Es ist nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe.
-Ich muss nach Russland, wenn ich auch das Petersburger
-Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es was es
-wolle, ich muss heimkehren .....
-</p>
-
-<p>
-Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige
-und schwere Gedanken mich beim Lesen Ihres Briefes
-bedrängt haben. Was heisst denn das? &bdquo;Alles das, wodurch
-die &bdquo;Zarjá&ldquo; originell war, alles, was ihr vor allen
-anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles
-das hat man als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt.
-Und das ist die einzige russische Zeitschrift, in der sich
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-noch die reine litterarische Kritik erhalten hat! Gerade
-darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben jetzt
-nötig. Sie hat der &bdquo;Zarjá&ldquo; ihre Physiognomie verliehen.
-Vor dem Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen!
-Im Gegenteil; in jeder Nummer hätten sie auf ihrer Idee
-bestehen sollen, und ihrer wäre die Zukunft gewesen. Ich
-weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe jedesmal
-nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten
-und mich daran berauscht. Es versteht sich,
-dass ich manchmal nicht ganz einverstanden war (so z. B.
-mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer allzugrossen
-Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser
-Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) &mdash; aber
-mein Interesse daran war immer ein ausserordentliches.
-Ihr Artikel über Karamsin ist so tief und so männlich
-offen, dass ich hier eine helle Freude darüber hatte, dass
-bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben
-mir, so nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo
-etwas darüber gelesen und, so weit auch ich selbst urteilen
-kann, scheint es so, dass man den Artikel reaktionär findet.
-Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der
-Dichter eingehend über Strachows Verhältnis zur &bdquo;Zarjá&ldquo;,
-erteilt ihm litterarische Ratschläge und schliesst: &bdquo;Abermals
-wiederhole ich, dass ich mit grosser Sehnsucht, ja
-mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den
-früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier
-muss ich aber noch eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn
-sich die Gelegenheit dazu böte, mit niemand von meiner
-baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich möchte
-gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr
-von den Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte
-es, dass sie gleich auf mich losstürzen; ich fürchte
-das aber, weil ich kein Geld habe, sondern nur Erwartungen.
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-&mdash; Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch, oder
-mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur &mdash;
-weil ich Russland brauche. Um jeden Preis muss ich
-zurück. Mir scheint, ich werde in der Mitte des Sommers
-bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit der
-Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit
-meinem jungen Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso
-jungen Gattin zurückkehre, so ist&rsquo;s doch auch mit Kindern!
-Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt, das zweite
-aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf
-der Reise sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April
-(a. St.) 1871, welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist,
-spricht er ebenfalls über die Nötigung der Heimkunft,
-welche aber durch die im August zu erwartende Niederkunft
-Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden könnte.
-Er hat sich an die Redaktion des &bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo; gewendet,
-um 1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung
-zu erlangen. Nun schickt man ihm allerdings einiges Geld
-für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber bittet man
-ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: &bdquo;Indessen
-ist es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs
-August soll meine Frau in die Wochen kommen; darum
-ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor der Niederkunft
-zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren
-Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir
-ohne Dienerin und mit einem kleinen Kinde reisen müssen.
-Nach der Geburt hier bleiben, ist aber auch unmöglich;
-man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im Oktober
-reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist
-schon das allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna
-schon ganz umbringen, durch die Verzweiflung,
-deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist thatsächlich
-vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-ein Jahr ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier
-bleibe, aus mir bekannten Ursachen nicht imstande sein,
-den Roman zu beenden, und kann in geschäftlicher Beziehung
-noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde
-ich Ihnen beim Wiedersehen erklären.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen,
-Schlüsse, die Sie sicherlich ebenfalls kennen, von deren
-Wahrheit Sie aber noch nicht vollständig durchdrungen
-sind, wie auch ich es bis in die allerletzte Zeit nicht
-gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der
-grossen Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis
-zu dem Kreise des rein Litterarischen, ist bei uns die allgemeine
-Bildung und Erkenntnis auf einige Zeit zersplittert,
-zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich eingebildet,
-dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur (gleichsam
-einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und
-es ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller
-litterarischen Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass
-jeder Kritiker, der etwa bei uns auftauchen sollte, jetzt
-gar nicht die richtige Wirkung hervorrufen würde. Dobroljubow
-und Pissarew haben gerade darum Erfolg gehabt,
-weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen &mdash; das
-ganze Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann
-man das unmöglich, sondern man muss gleichwohl in seiner
-kritischen Thätigkeit fortfahren. Verzeihen Sie mir also
-den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde.
-</p>
-
-<p>
-Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche
-Idee aus und, was die Hauptsache ist, es geschah dies zum
-erstenmale in unserer Litteratur. Es ist diese: dass jedes
-halbwegs bedeutende und wirkliche Talent bei uns &mdash;
-immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl zuwandte,
-volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck
-Puschkin plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows,
-den Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen,
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-d. h. früher, als alle Slavophilen, ihre ganze Wesenheit
-ausgedrückt und &mdash; nicht genug an dem &mdash; er hat dies
-unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis auf
-den heutigen Tag gethan haben.
-</p>
-
-<p>
-Sehen Sie hingegen Herzen an &mdash; fährt der Dichter
-fort &mdash; wie viel Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad
-zurückzukehren, und welches Unvermögen dazu, infolge
-seiner widerwärtigen persönlichen Eigenschaften! Noch
-mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann
-man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen
-Faktoren verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten;
-derart, dass man zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus
-entwickeln könnte. Nämlich: Wenn ein Mensch wirklich
-Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer schon verwitterten
-Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden;
-wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so
-wird er nicht nur in der verwitterten Schichte verbleiben,
-sondern sich verpflanzen, katholisch werden usw. &mdash; &mdash;
-Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade durch
-sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum
-Russland verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt
-(von Belinsky wird man noch einmal vieles zu sagen haben,
-Sie werden es schon sehen). Allein die Sache ist die, dass
-in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel Kraft
-liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt
-werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses
-Thema, entwickeln Sie es im Einzelnen. Man wird sich
-gewiss darüber freuen. Es wird dieselbe Kritik sein, nur
-in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze im Jahre,
-und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird
-das Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie
-in einen Kreis getreten sind, wo man Sie besser versteht.
-Die Hauptsache ist: wozu die Litteratur aufgeben?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; Ich kehre erst im Juni heim, so haben sich
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-meine Geldmittel gestaltet. &mdash; Hören Sie, was ich Ihnen
-noch über Ihre letzte Beurteilung meines Romans sagen
-will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes
-darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie
-ungemein fein auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja,
-ich habe darunter gelitten und leide darunter; ich verstehe
-bis heute nicht (ich hab&rsquo; es nicht gelernt), meine Mittel
-richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner Romane
-drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass
-noch Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich
-richtig ausgesprochen. Und wie habe ich selbst
-schon viele Jahre darunter gelitten, da ich es selbst erkannte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote
-einen Abriss seines kritischen Briefes an Dostojewsky, der
-im wesentlichen unseren Eindruck vom Roman &bdquo;Die Besessenen&ldquo;
-bestätigt. Er lautet:
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-&bdquo;Im zweiten Teile der &bdquo;Besessenen&ldquo; sind wunderbare Dinge
-enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in
-einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und
-scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in
-der Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow &mdash;
-das sind lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der
-Eindruck auf das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter.
-Es sieht dies Ziel der Erzählung nicht und verliert
-sich in der Menge der Personen und Episoden, deren Verknüpfung
-ihm nicht klar ist. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese
-unangenehmen Urteile schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf
-gekommen, Ihnen Ratschläge zu erteilen, und ich kann mich
-dieser Dummheit nicht enthalten, welche ich als den Ausdruck
-meines sehr grossen Interesses an Ihrer Thätigkeit hinzunehmen
-bitte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit
-der Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist
-im Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über
-allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit ausgebreitet
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil
-für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen
-zu sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer
-Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. &bdquo;Der
-Spieler&ldquo; zum Beispiel und &bdquo;Der Hahnrei&ldquo; haben die klarsten
-Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den &bdquo;Idioten&ldquo;
-gelegt haben, verloren ging.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der
-zwei zuerst genannten Werke beipflichten. Über den &bdquo;Idiot&ldquo;
-haben wir weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieser Mangel&ldquo; &mdash; fährt Strachow in jenem Briefe fort &mdash;
-&bdquo;steht natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein
-geschickter Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den
-zehnten Teil Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt
-machen und als Leuchte ersten Grades in die Geschichte der
-Weltlitteratur einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint
-mir, darin, dass die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der
-Analyse reduziert werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und
-hundert Szenen sich mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen
-bescheiden sollte. Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein
-es scheint mir, dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht
-zu schalten, es nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum
-zuzubereiten wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses
-Mysterium rühre, dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag
-vorlege &mdash; den, dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören
-Dostojewsky zu sein. Allein ich denke, dass Sie in dieser Form
-meine Gedanken dennoch verstehen werden.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht
-klarer und prägnanter kennzeichnen, als dies hier Strachow
-thut. Allerdings geschieht dies nur nach der positiven
-Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des
-Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung
-hervorquellen. Was uns als Mangel erscheinen muss,
-das Fehlen jeder Teilnahme für die Reize und Gewalten
-der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des Menschen
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-entströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung,
-das hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht
-damit gethan. Er mochte wohl fühlen, dass diese Mängel
-zu jenen gehören, welche am innigsten mit unserer Lebenswurzel
-verflochten sind und nicht genannt werden dürfen,
-weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt,
-sie von sich zu lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende
-müssen diese Mängel als das erscheinen, was sie
-sind: ein Übergewicht des inneren Realismus über den
-äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem
-der Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt.
-Uns fehlen in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals
-die tiefen und geheimnisvollen Anlässe in den Handlungen
-seiner Charaktere, wohl aber fast immer die
-äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen
-Übergänge, wie sie unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven
-so reichlich verarbeiten. Diese Mängel nun
-scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein
-anderes ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es giebt aber noch ein Schlimmeres,&ldquo; fährt er in
-jenem Briefe an Strachow fort, &bdquo;ich mache mich, ohne
-meine Mittel zu berechnen, und nur vom poetischen Zuge
-hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken auszudrücken,
-dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist
-die Kraft der poetischen Begeisterung immer, z. B. bei
-Victor Hugo, stärker als die Mittel zur Ausführung.
-Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser Zweiheit
-erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. &mdash; Ich füge
-hinzu, dass die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen
-diesen Sommer über, dem Roman sehr schaden
-werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt
-in die Zeit der Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit,
-einen jener Aussprüche des Dichters über Sozialismus
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-und Kommunismus zu hören, wie er sie breiter und ausführlicher
-in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in
-seinen letzten Tagebuchnotizen und seinen &bdquo;Winterlichen
-Bemerkungen über Sommer-Eindrücke&ldquo; ausgesprochen hat,
-wovon wir weiter unten einige bedeutsame Stellen folgen
-lassen. Der Brief lautet:
-</p>
-
-<p class="date">
-&bdquo;Dresden, 18. (30.) Mai 1871.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch!
-</p>
-
-<p>
-Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit
-Belinsky angefangen! Das habe ich vorausgeahnt. Aber
-sehen Sie doch nach Paris, auf die Kommune. Sind Sie
-wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder
-nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen,
-der Umstände? Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch
-träumt diese Bewegung entweder von einem Paradies
-auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie zeigt,
-knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes
-Unvermögen, auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen.
-Im wesentlichen ist&rsquo;s immer wieder derselbe Rousseau und
-der Traum, die Welt mittels des Verstandes, der Erfahrung
-aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es sind doch,
-scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass
-ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige
-Erscheinung ist.
-</p>
-
-<p>
-Sie schlagen Köpfe ab &mdash; warum? Einzig und allein
-darum, weil das das leichteste von allem ist. Irgend etwas
-sagen ist unvergleichlich schwerer. Der Wunsch nach
-einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie wünschen das
-Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des
-Rousseauschen Wortes &bdquo;Glück&ldquo; stehen, d. h. bei einer
-Phantasie, welche nicht einmal von der Erfahrung bestätigt
-worden. Der Brand von Paris ist eine Ungeheuerlichkeit.
-&bdquo;Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt untergehen.&ldquo;
-Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Welt
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-und Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen
-anderen) diese Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit,
-sondern als <em>Schönheit</em>. Und so hat sich im neuen
-Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee getrübt. Die
-sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus
-entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag
-sich selbst nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren
-Wünschen und Idealen. Sind denn endlich, jetzt, nicht
-genug Fakten vorhanden, um zu zeigen, dass man nicht
-auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht diese
-Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher
-komme, wie sie bis heute meinten? Woher denn? Sie
-werden viele Bücher schreiben, die Hauptsache aber auslassen:
-Im Westen hat man Christum verloren und darum
-sinkt der Westen, einzig und allein darum.
-</p>
-
-<p>
-Das Ideal ist ein anderes geworden &mdash; wie klar ist
-das! Und das Sinken der päpstlichen Macht zugleich mit
-dem Sinken der römisch-germanischen Welt (Frankreichs
-und der anderen) &mdash; welch&rsquo; ein Zusammentreffen!
-</p>
-
-<p>
-Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen,
-allein, was ich im besonderen sagen will, ist
-dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und diese ganze ....
-jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben wir
-nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden
-noch warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird
-die Herrschaft antreten und die Gesellschaft wird sich auf
-gesunden Grundlagen neu aufrichten und glücklich sein.
-Sie würden es nie zugeben, dass man, betritt man einmal
-diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der
-Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie
-auch jetzt nach den Ereignissen nichts zugeben, sondern
-weiter träumen würden. Hier habe ich Belinsky viel
-mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens getadelt,
-denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste,
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige
-Entschuldigung liegt &mdash; in der Unvermeidlichkeit dieser
-Erscheinung. Und ich versichere Sie, Belinsky würde sich
-jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht darum ist
-es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor
-allem französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der
-Nationalität in sich bewahrte. Darum muss man ein Volk
-auffinden, in dem kein Tropfen Nationalität enthalten und
-das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche zu versetzen,
-wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen
-würde er sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel
-schreiben, Russland beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen
-(Puschkin) verleugnen &mdash; um Russland endgiltig
-zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre,
-an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen.
-Den Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde
-er hocherfreut annehmen.
-</p>
-
-<p>
-Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber
-habe ihn gekannt und gesehen und habe ihn jetzt völlig
-ergründet. Dieser Mensch hat mich einen ...... geschmäht,
-indessen aber war er niemals fähig, sich selbst
-und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend
-an die Seite zu stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu
-werden, wieviel kleinlicher Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit,
-Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber hauptsächlich Selbstsucht
-in ihm selbst und in ihnen enthalten sei. [Diese
-Stelle des Briefes wurde schon weiter oben <a href="#page-60">Seite 60</a> angeführt,
-wo sie uns zur Beleuchtung von des Dichters
-Stellungnahme sehr wichtig schien.] Er hat sich niemals
-gefragt: &bdquo;Was werden wir denn an seine Stelle setzen?
-Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich
-niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er
-war im höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war
-schon eine abscheuliche, schändliche, persönliche Stumpfheit.
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-Sie sagen, er sei talentvoll gewesen. Durchaus
-nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn gelogen!
-Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen,
-als ich einigen seiner rein künstlerischen Urteile
-lauschte (z. B. über die toten Seelen): er hat sich gegenüber
-den Typen Gogols bis zur Unmöglichkeit oberflächlich
-verhalten und war nur bis zum Entzücken erfreut darüber,
-dass Gogol betrog.
-</p>
-
-<p>
-Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken
-durchgelesen. Er hat Puschkin getadelt, als dieser seinen
-falschen Ton fahren liess und mit den Erzählungen Bjelkins
-und seinem &bdquo;Arap&ldquo; hervortrat. Er hat mit Verwunderung
-die Nichtigkeit von &bdquo;Bjelkins Erzählungen&ldquo; verkündet.
-Er hat in der Erzählung Gogols &bdquo;Die Kutsche&ldquo;
-keine künstlerisch zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung,
-sondern nur eine spasshafte Geschichte gefunden.
-Er hat den Schluss des &bdquo;Eugen Onjegin&ldquo; abgelehnt. Er
-hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei
-ist das aber nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung
-&bdquo;Drei Porträts&ldquo; ausgesprochen. Ich könnte Ihnen solcher
-Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um Ihnen
-die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines &bdquo;empfänglichen
-Vibrirens&ldquo; zu beweisen, von welchem Grigorjew
-gefaselt hat (weil er selbst ein Dichter war). Über Belinsky
-und über viele Erscheinungen unseres Lebens urteilen
-wir heute noch durch eine Menge ausserordentlicher
-Vorurteile hindurch.
-</p>
-
-<p>
-Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel
-geschrieben? Ich habe ihn gelesen, wie alle Ihre
-Arbeiten &mdash; mit Begeisterung, allein auch mit ein klein
-wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die
-Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss,
-was er über manche Erscheinungen des russischen Lebens
-sagen soll (sie jedenfalls nicht ernst nimmt), so hätten Sie
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-auch gestehen sollen, dass seine grosse künstlerische Befähigung
-in seinen letzten Werken zurückgegangen ist und
-zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist
-als Künstler sehr zurückgegangen. Der &bdquo;Golos&ldquo; meint,
-dies sei darum der Fall, weil er im Auslande lebe; allein
-der Grund liegt tiefer. Sie aber sprechen ihm auch nach
-seinen letzten Werken seine frühere Künstlergrösse zu.
-Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht (nicht in
-meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres
-Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt
-&mdash; &mdash; Aber wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur!
-Sie hat alles gesagt, was sie zu sagen hatte
-(grossartig bei Leo Tolstoj). Allein dieses, im höchsten
-Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein
-neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch
-nicht gegeben, war auch noch nicht möglich. Die
-Rjeschotnikows<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a> haben nichts verkündet; aber immerhin
-drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend etwas Neuem
-in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht
-mehr landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche
-Weise thun.
-</p>
-
-<p>
-Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen.
-Ich habe keine Vorstellung darüber, wann ich
-zurückkomme (unter uns: ich trachte in einem Monate).
-Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse,
-dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich
-und unsinnig.
-</p>
-
-<p>
-Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es
-eine Schande sein wird (habe schon angefangen zu
-pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird doch was
-Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist
-meine jetzige Devise.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: &bdquo;&mdash; &mdash; Ich
-meine nur im allgemeinen, dass es für die Zeitschriften
-nicht übel wäre &mdash; wenn auch nur eine den Anfang
-machte &mdash; sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die &bdquo;Zarjá&ldquo;
-nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich
-weiter mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere
-Ressorts. Sicherlich könnte das gelingen. Schade, dass
-ich Ihnen nicht sofort meine Ideen darüber entwickeln kann!&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<span class="line1">X.</span><br />
-<span class="line2">Petersburg; die letzten zehn Jahre.</span><br />
-<span class="line3">(1871-1881.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>it der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen
-Ansiedelung in Petersburg tritt des Dichters Leben in seine
-letzte, seine bedeutendste Phase. Gleich einer Dichtung, die
-ein Meister vollendet, wo sich das Wesenhafte immer deutlicher
-und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur letzten
-Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich
-nach dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist
-aber nicht in einem behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen
-Abschliessens zu verstehen, sondern in echt Dostojewskyscher
-Art: durch alle Lebensunruhe und allen
-Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen
-hindurch der Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende
-Einheit in leidenschaftlich bewegter Vielheit war.
-</p>
-
-<p>
-Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug.
-Anna Grigorjewna erzählt uns, dass sie nach Begleichung
-der Dresdener Schulden und der Reisekosten mit einer
-Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg ankamen, und
-das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft,
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden,
-die man für sie aufbewahrt oder versetzt hatte &mdash;
-sie waren verfallen. Auch eines Hausanteiles, auf welchen
-sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte, war sie
-durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass
-es nun hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten,
-vor allem den letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch
-legte von nun an den administrativen Teil seiner
-Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den endlichen
-glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte.
-</p>
-
-<p>
-Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die
-wir hier folgen lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna
-Dostojewskaja eine neue Ausgabe von des Dichters
-Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte:
-Im Januar 1873 erschienen &bdquo;Die Besessenen&ldquo; in 3500
-Exemplaren, im Januar 1874 der &bdquo;Idiot&ldquo; in 2000 und
-im Dezember 1875 erschienen die &bdquo;Memoiren aus einem
-Totenhause&ldquo; in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876
-&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; in 2000 und im November 1879
-&bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo; in 2400 Exemplaren.
-</p>
-
-<p>
-Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich
-alle Schulden zu tilgen vermochte, ungemein über das Los
-seiner Familie, die in Armut zu hinterlassen er stets hatte
-fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem Tode ein
-Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus
-seinen Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre
-genau verzeichnet waren. So bezog er:
-</p>
-
-<div class="table">
-<table class="table406" summary="Table-1">
-<tbody>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="6">Im Jahre 1877:</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1 l">aus &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">487</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">12</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">eingebunden Ex. des &bdquo;Tagebuchs eines Schriftstellers&ldquo; von 1876</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">497</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">80</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Die Besessenen&ldquo;, &bdquo;Der Idiot&ldquo;, &bdquo;Totenhaus&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">561</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">63</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Rest vom Jahre 1876</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">295</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">40</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr class="s">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">Sa.</td>
- <td class="col3">1841</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">95</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="6"><a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>Im Jahre 1878:</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Die Besessenen&ldquo;, &bdquo;Idiot&ldquo;, &bdquo;Totenhaus&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">1199</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">50</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">548</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">98</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tagebuch 1876</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">281</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">68</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tagebuch 1877</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">346</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">50</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr class="s">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">Sa.</td>
- <td class="col3">2376</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">66</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="6">Im Jahre 1879:</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Die Besessenen&ldquo;, &bdquo;Idiot&ldquo;, &bdquo;Totenhaus&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">1271</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">99</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">797</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">16</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tagebuch 1876</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">98</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">61</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tagebuch 1877</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">121</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">2</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">+ &bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">227</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">24</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr class="s">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">Sa.</td>
- <td class="col3">2516</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">2</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="6">Im Jahre 1880:</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Die Besessenen&ldquo;, &bdquo;Der Idiot&ldquo;, &bdquo;Totenhaus&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">1287</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">20</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">933</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">99</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tagebuch 1876</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">247</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">6</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tagebuch 1877</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">219</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">14</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr class="s2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">2687</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">39</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">+ &bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">548</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">51</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">+ Tagebuch 1880</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">893</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">87</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr class="s2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">4129</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">77</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&bdquo;Brüder Karamasow&ldquo;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">3681</td>
- <td class="col4">&bdquo;</td>
- <td class="col5">50</td>
- <td class="col6">&bdquo;</td>
- </tr>
- <tr class="s2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col3">7811</td>
- <td class="col4">R.</td>
- <td class="col5">27</td>
- <td class="col6">K.</td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<p>
-Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die
-in den Zeitschriften erscheinenden neuen Romane erhielt.
-So zahlten ihm die &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo; i. J. 1875
-für den Druckbogen des Romans &bdquo;Junger Nachwuchs&ldquo;
-(Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der &bdquo;Russkij
-Wjestnik&ldquo; für die &bdquo;Brüder Karamasow&ldquo; (1879-80)
-300 Rubel.
-</p>
-
-<p>
-Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis
-auf den heutigen Tag gesteigert. Anna Grigorjewna macht
-kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die des Dichters schwerste
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute eine Genugthuung,
-es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn
-jeder neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund
-75000 Rubel betrage. Ein noch sehr reichliches ungedrucktes
-Material an Briefen, Fragmenten und Dokumenten
-gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen,
-etwas ungedrucktes beizufügen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir
-P. Meschtschersky den Dichter näher kennen gelernt und
-ihn eingeladen, die Redaktion seines Blattes &bdquo;Grashdanin&ldquo;
-zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche mit dem
-Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte,
-erhielt der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln,
-ausser dem Honorar für seine Beiträge. Diese Artikel
-waren meist Feuilletons über die brennenden Tagesfragen,
-welche den fortlaufenden Titel &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;
-führten. Sie bilden heute den ersten Band der
-unter demselben Titel herausgegebenen Schriften.
-</p>
-
-<p>
-In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten
-und von ihm ganz allein besorgten Blatte, dem er den
-gleichen Namen &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo; gab, fand
-er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das ihm am meisten
-zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine bekannte
-Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe,
-diese Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass
-ihm nicht sowohl das Kennenlernen der Tagesfragen um
-seines Romanes willen, als der nimmer rastende Wunsch
-dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem zu
-messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte
-Brief vom 9. April 1876 beginnt mit einer Erörterung
-persönlicher Beziehungen und fährt dann fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich
-mich im &bdquo;Tagebuche&ldquo; in Kleingeld umwechsle. Ich habe
-das auch hier aussprechen gehört. Hier ist, was ich Ihnen
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem unumstösslichen
-Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der
-künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte
-Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit
-der grössten Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen
-muss. Bei uns glänzt damit nach meiner Meinung einzig
-und allein &mdash; Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo, welchen ich
-als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige
-Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte,
-indem er sagte, &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; stehe höher als die
-&bdquo;Misérables&ldquo;, hat uns, ob er auch manchmal sehr breit im
-Studium des Details ist, wunderbare Studien gegeben,
-welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben wären.
-Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite,
-einen grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell
-in das Studium &mdash; nicht der Wirklichkeit an und für
-sich, denn ich kenne sie ohne das &mdash; sondern der aktuellen
-Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen. Eine der
-wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum
-Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige
-russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz
-anders ist, als vor zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem
-noch vieles andere.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei
-der ersten Unachtsamkeit hinter der gegenwärtigen Generation
-zurückbleiben. Ich habe unlängst Gontscharow getroffen,
-und auf meine offene Frage, ob er im gegenwärtigen
-Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe,
-manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet,
-dass er vieles nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich
-bin ich mir ganz klar, dass dieser grosse Geist
-nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer lehren könnte;
-allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte
-(und den er in einem halben Worte verstand), versteht er
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-nicht etwa vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen.
-&sbquo;Mir sind meine Ideale teuer und alles, was ich im Leben
-liebgewonnen&lsquo;, fügte er hinzu, &sbquo;damit will ich nun auch
-die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben; diese
-aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt
-entlang wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es
-ginge meine kostbare Zeit darauf&lsquo; ....
-</p>
-
-<p>
-Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt
-habe, Christina Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas
-mit voller Sachkenntnis zu schreiben. Das ist&rsquo;s, warum
-ich eine Zeit lang zugleich studieren und das &bdquo;Tagebuch&ldquo;
-führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht verloren
-gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie
-z. B. glauben, dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen
-bin, mir die Form des &bdquo;Tagebuchs&ldquo; klar zu
-machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die Richte
-bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei
-Jahre erscheinen und noch immer keine gelungene Sache
-sein wird? Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn
-Themen, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze (nicht
-weniger). Nun muss ich jene Themen, welche mich mehr
-einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum
-einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg
-z. B.), werden dem Heft schaden, denn es wird dadurch
-einförmig, arm an Artikeln werden. Andererseits habe
-ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein wirkliches Tagebuch
-werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich,
-nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich
-treffe auf Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die
-mich sehr einnehmen &mdash; aber wie soll man über das und
-jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu unmöglich.
-</p>
-
-<p>
-So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen
-Seiten sehr viele Briefe, mit und ohne Unterschrift &mdash; alle
-voll Teilnahme. Manche darunter sind ausserordentlich
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-interessant und originell, dazu gehören sie allen möglichen
-jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser verschiedenartigsten
-Richtungen, welche da in der Begrüssung
-meiner Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel
-schreiben, namentlich aber den Eindruck niederschreiben
-(ohne Namensnennung), den ich von diesen verschiedenen
-Briefen empfangen habe. Dabei ist der Gedanke, der mich
-mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt unsere
-Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir
-uns alle, die wir den verschiedenen Richtungen angehören,
-einigen könnten. Aber als ich den Artikel schon überlegt
-hatte, sah ich plötzlich, dass es um keinen Preis möglich
-wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun aber,
-ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?
-</p>
-
-<p>
-Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am
-Morgen kommen da plötzlich zwei junge Mädchen zu mir,
-beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie kommen herein und
-sagen: &bdquo;Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen,
-schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht
-und gesagt, Sie würden uns nicht empfangen und, wenn
-Sie uns auch empfangen sollten, uns nichts sagen. Aber
-wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind wir,
-N. N. und N. N.&ldquo; Zuerst hat sie meine Frau empfangen,
-dann bin auch ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten,
-sie seien Studentinnen der medicinischen Akademie,
-es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und dass sie
-in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu
-erlangen und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen
-&mdash; diesen Typus neuer junger Mädchen hatte ich noch
-nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne ich wohl sehr viele,
-bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie gründlich
-studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine
-bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit
-diesen Jungfrauen? Welche Geradheit, welche Natürlichkeit,
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-was für eine Gefühlsfrische, Reinheit des Geistes
-und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und welche
-alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich
-viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich
-gestehe Ihnen &mdash; der Eindruck war stark und sonnig.
-Aber wie soll man das beschreiben? Bei aller Herzlichkeit
-und Freude mit der Jugend &mdash; unmöglich. Ja, es
-ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem
-Falle für Eindrücke eintragen?
-</p>
-
-<p>
-Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger
-Mensch, ein Studierender, den man mir gezeigt hatte, da
-er in einem mir bekannten Hause war, in die Stube des
-Hauslehrers getreten ist und, auf dessen Tische ein verbotenes
-Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet,
-welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als
-man, in einer anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält,
-dass er eine <em>Schurkerei begangen habe</em>, da hat
-er das <em>garnicht begriffen</em>. Nun, wie soll ich das erzählen?
-Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch
-etwas Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie
-man mir erzählte, jener Denkprozess in den Ansichten
-und Überzeugungen charakteristisch, demzufolge er <em>nicht
-begriff</em> und über welchen man ein interessantes Wörtchen
-sagen könnte.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-So beginnen dann endlich für den Dichter bessere
-Zeiten. Er tilgt nach und nach alle persönlichen sowie
-die vom Bruder übernommenen Schulden und wenn er,
-seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende
-noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens
-unweit der Wladimirkirche innehatten, so haben seine
-äusseren Zustände an Ruhe und Sorglosigkeit in materieller
-Beziehung gewonnen und sind, was Anerkennung und
-Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller
-persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-oft wechselndes Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg.
-&bdquo;Ich habe einen schlechten Charakter&ldquo;, schrieb er um
-diese Zeit einmal an eine Freundin, &bdquo;aber nicht immer,
-und das ist mein Trost.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir
-schon erwähnten, in den vaterländischen Annalen den
-Roman: &bdquo;Der Adolescent&ldquo;.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Wir haben über die Erzählung &bdquo;Podrostok&ldquo; (der Adolescent),
-welche nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel &bdquo;Junger
-Nachwuchs&ldquo; führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den
-russischen Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden.
-W. Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen
-Züge enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch
-die Erwähnung auch inneren Fühlens und Erlebens und seiner
-Eigenform versteht, so kann man sagen, dass es kein Werk
-Dostojewskys giebt, das nicht selbstbiographische Züge aufwiese.
-Auch die Schilderung manches äusseren Geschehens tritt
-uns mit der Lebendigkeit des Erlebten entgegen.
-</p>
-
-<p>
-So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow,
-des jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im
-Jahre 1877 im Aprilheft des &bdquo;Tagebuchs&ldquo; erschienenen &bdquo;Traumes
-eines lächerlichen Menschen&ldquo;. Ja, der aufmerksame Leser findet
-in allen Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen,
-immer dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend;
-schon das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch
-innenbiographisch.
-</p>
-
-<p>
-Der &bdquo;Podrostok&ldquo; nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier
-für überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des
-Werkes sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint
-uns vom russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den
-Ideen Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche
-junge Russland, mit dem Dostojewsky seine &bdquo;Brüder Karamasow&ldquo;
-und somit sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von
-&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;, strenger genommen, von seiner Rückkehr
-nach Russland, angefangen, sehen wir den Dichter unausgesetzt
-mit der Jugend, der russischen Jugend, beschäftigt, die er, in
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-unendlichen Variationen, von der völligen Abwendung, wie in
-Stawrogin (&bdquo;Die Besessenen&ldquo;), bis zu völliger Durchdringung,
-wie in Myschkin (&bdquo;Idiot&ldquo;) und Aljoscha Karamasow mit dem
-Christentum in Contact bringt. Hier und da setzt er Ausgereifte,
-Alte, welche das Christentum fertig in sich tragen, als
-feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses überschäumende
-Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer
-Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn
-auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan
-Trofimowitsch in den &bdquo;Besessenen&ldquo; und die junge Sonja, die
-ihren naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt.
-</p>
-
-<p>
-Von Raskolnikow, dem &bdquo;Napoleon&ldquo;, bis zum Bürschlein Kolja
-Krassotkin, der &mdash; im Epilog der &bdquo;Karamasow&ldquo; &mdash; &bdquo;für die Wahrheit
-sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen&ldquo;, zieht
-eine endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren
-Seele der Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der
-Dichter in jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N.
-sagt, dass er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu
-verstehen. Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe,
-seinem Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde,
-dass er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu
-sagen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art
-Raskolnikow. Auch er hat seine &bdquo;Idee&ldquo;. Nicht ein Napoleon
-will er sein, sondern ein Rothschild. Er will &bdquo;ununterbrochen&ldquo;
-und &bdquo;hartnäckig&ldquo; Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben,
-die das Geld verleiht. Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das,
-sondern viel hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich
-erlauben darf, als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten.
-</p>
-
-<p>
-Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner &bdquo;Idee&ldquo;? Er
-ist ein unehelicher Sohn, das Opfer der &bdquo;zufälligen Familie&ldquo;
-unserer Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal
-ihm schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst
-die Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder,
-sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese Aufzeichnungen
-an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob
-sie für einen Roman tauglich seien.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des
-Dichters eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist
-im Epilog seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht,
-was manche Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht
-haben. Denn ein solches Zusammenfassen und Aussprechen
-wirkt nur bei dem Starken, der seine Ideen künstlerisch auf die
-Beine zu stellen versteht, als Verstärkung, während sie für den
-Schwachen zum Rettungsanker für die Verständlichkeit verwendet
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten,
-grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere
-Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der
-&bdquo;zufälligen Familie&ldquo;, die eine solche Jugend erzeuge wie die
-heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman
-unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein,
-welche nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle
-Typen schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen
-Menschen, die ehelichen und unehelichen Kinder seines &bdquo;zufälligen&ldquo;
-Vaters, des geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor,
-und schliesst:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese
-Familie &mdash; eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine
-Seele darüber freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene
-Schlussfolgerung richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt
-schon eine grosse Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar
-und in Massen in zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen
-Chaos, gemeinsame Unordnung mit ihnen zusammenfliessen?
-Auf einen Typus dieser zufälligen Familien weisen ja
-auch Sie in Ihrer Handschrift hin. Ja, Arkadji Makarowitsch,
-Sie &mdash; sind Mitglied einer zufälligen Familie, im Gegensatze zu
-unseren noch vorlängst bestehenden alten Familientypen, die eine
-von der Ihrigen so sehr verschiedene Kindheit und Jugend hatten.
-</p>
-
-<p>
-Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden
-der zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit
-ohne schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall
-&mdash; noch eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch
-vollendet werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen,
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-da ist ein Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu
-viel erraten. Was aber soll ein Schriftsteller thun, der
-wünschen würde, nicht nur historisch zu schreiben, der von
-der Sorge um die Gegenwart bedrängt ist? Raten und &mdash;
-sich irren.
-</p>
-
-<p>
-Allein solche &bdquo;Aufzeichnungen&ldquo;, wie die Ihren, könnten, so
-scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein
-künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen
-Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und
-das Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler
-sogar für die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche
-Formen finden, dann werden solche Aufzeichnungen, wie die
-Ihrigen sind, gebraucht werden und ein gutes Material abgeben
-&mdash; wenn sie nur aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und
-Zufälligen darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte
-Züge unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten
-können, was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben
-Zeiten bergen konnte &mdash; eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis,
-denn aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr
-zu Jahr für den Dichter immer drückender wurde, nahm
-Dostojewskys intensive innere und äussere Vorbereitung
-zu seinem &bdquo;letzten Roman&ldquo; einen immer grösseren Raum
-in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster
-mit ihren &sbquo;Skity&lsquo; (Einsiedeleien) wieder auf und widmet
-vor allem jeden freien Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen,
-dem praktischen Studium der Rechtspflege;
-denn so wenig er etwas über die Theorie der
-Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige
-Krankheitstypen hinzeichnete &mdash; an denen die Wissenschaft
-lernen könne, wie Dr. Tschi&#382; sagt &mdash;, ebensowenig hatte
-er sich ja um den Buchstaben des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft
-bekümmern können, wenn man auch den
-Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er
-nun in Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-Lebens reichlich Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit
-dem Wortlaut der Gesetze und dessen praktischen Konsequenzen
-vertraut zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein
-verstandesmässige Gesetzeskenntnis mit den tieferen
-Quellen seines Wesens zusammen. Sein Empfinden der
-menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde
-und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir
-doch in den grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den
-Schwurgerichten, den Strafprozessen und ihrem Ausgang
-widmet, das eifrige Bemühen, den lebendigen Strom subjektiver
-Wahrheit in das dürre Gebiet der &bdquo;objektiven&ldquo;
-Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung
-der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben
-Worten, die er im Epilog des &bdquo;Hahnreis&ldquo; ausspricht:
-&bdquo;Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten konnte
-wissen, ob sie weiter schneiden werde&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p>
-Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit
-geht soweit, dass er nach Verurteilung der
-Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr sechsjähriges Stieftöchterchen
-vom Fenster ihrer Wohnung im vierten
-Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme
-des Prozesses drängt und das Gutachten der
-Ärzte herbeiführt, die nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes
-eine Geistesstörung während der ersten Monate
-der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im
-Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt
-ihres Kindes weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde
-freigesprochen und Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung
-der Gatten einzuleiten und durch persönliche Teilnahme
-an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. &mdash;
-Diese Beschäftigung mit den &bdquo;laufenden Dingen der Gegenwart&ldquo;
-reift eben die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im
-&bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;. Sie ist zugleich Vorbereitung
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-für den Roman und Verkündung &bdquo;seiner Wahrheit&ldquo;
-in diesem eigenartig redigierten Organ.
-</p>
-
-<p>
-Auch &bdquo;die Gesellschaft&ldquo; hatte sich in dieser Zeit dem
-Dichter genähert. Er wird vielfach geladen, gefeiert,
-nimmt Teil an wohlthätigen Veranstaltungen, Kinder- und
-Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor seinem Tode sollte er
-bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die Rolle des
-Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde
-aber durch das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen
-Verlauf zum tötlichen Ausgang nahm. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde
-und einige diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten
-während der Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen,
-sowie seine Anschauungen über Dinge, welche
-seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten
-z. B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in
-Russland. So sehr ihm die Studentinnen gefallen [wie
-wir oben sahen], so wenig will er etwas davon wissen,
-dass sie &bdquo;um Nutzen zu bringen&ldquo; &mdash; wie das Losungswort
-der russischen Jugend lautet &mdash;, Feldscherinnen und
-Hebammen werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung
-aller Spezialisten in Russland (&bdquo;ganz anders in
-Europa&ldquo;) hin und verlangt von den jungen Mädchen und
-Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: &bdquo;die Mehrheit
-der Studenten aber und der Studentinnen, das ist
-alles ohne jegliche Erziehung. Was ist das für ein Nutzen
-für die Menschheit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont
-Dostojewsky ihr grosses Glück, Kinder zu besitzen.
-&bdquo;Wie gut ist es, dass Sie Kinder haben, wie sehr vermenschlichen
-diese unsere Existenz in einem höheren
-Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche,
-und ohne sie giebt es kein Lebensziel. Und
-die europäischen Sozialisten verkünden gemeinsame Erziehungshäuser!
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-Ich kenne vortreffliche verheiratete
-Menschen, die aber kinderlos sind &mdash; nun denn: bei so
-viel Geist, bei solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und
-wahrlich, in den höheren Aufgaben des Lebens hinken sie
-irgendwie.&ldquo; Wer Dostojewskys Werke aufmerksam gelesen
-hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut
-sein. Vom &bdquo;kleinen Held&ldquo; angefangen bis zum Schluss
-der &bdquo;Brüder Karamasow&ldquo;, dem niedergeschriebenen wie
-dem ersonnenen, den er den Freunden mitteilte, schlingt
-sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare Reihe von
-Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so
-innig ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft
-so viel hofft.
-</p>
-
-<p>
-Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen
-hat nach des Dichters Tode unzählige Vorträge
-gehalten und Artikel über ihn und seine Thätigkeit
-geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von
-Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist
-bis zum Jahre 1897 allein 190 grössere und kleinere
-Schriften und Werke auf, die sie im dazu gegründeten
-&bdquo;Museum Dostojewsky&ldquo; in Moskau samt ungedruckten
-(von der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen)
-Fragmenten, z. B. gewisse Kapitel aus den &bdquo;Besessenen&ldquo;,
-bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir nicht wenige
-über das Thema: &bdquo;Dostojewskys Kindertypen&ldquo;. Wir haben
-nur in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass
-sie alle das nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in
-seinen Briefen über das &bdquo;winzige Wesen&ldquo; Sonja wie ein
-lebendiger Liebesquell hervorbricht. In der aufregendsten
-Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt, immer
-wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens
-Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich
-trug. Man denke nur, was alles in seinen Werken über
-sein Verhältnis zu Kindern ausgestreut liegt: an die
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-Kinderfreundschaft in &bdquo;Njetotschka Njeswanowa&ldquo;, das
-Kinderkapitel im &bdquo;Idiot&ldquo;, an alle kleinen Erzählungen und
-Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder
-in den &bdquo;Karamasow&ldquo;, und man wird erkennen, dass sie
-nicht zufällig da sind, dass sie einen integrirenden Teil
-seiner Dichtung und seines Lebens ausmachen. &mdash; Die Anfrage
-eines seiner Korrespondenten, was dieser sein noch
-sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet
-Dostojewsky ungefähr mit: das Beste. Walter Scott,
-Schiller, Goethe, den Don Quixote, Gil Blas, Prescott und
-die russischen Historiker, sowie Puschkin und Tolstoj
-unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, &bdquo;wenn er wolle&ldquo;,
-ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl.
-</p>
-
-<p>
-In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie
-ihn in seinen Werken verstehe, was bei der gesamten
-litterarischen Kritik nicht der Fall sei, und hegt nur den
-einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können,
-wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den
-jetzt hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der
-bei seiner Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt
-habe: &bdquo;Nach meiner tiefsten Überzeugung weiss die Menschheit
-unendlich viel mehr, als sie bis heute in ihrer Kunst
-und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in
-Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken <a id="corr-38"></a>Dostojewskys
-Zorn heraus, dem er aber meist nur in seinem Notizbuch
-aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene für die
-russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker
-K. D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: &bdquo;Sie sagen, das
-heisse sittlich sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen
-handelt. Woher haben Sie das genommen?
-Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube,
-und sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner
-Überzeugung zu handeln ..... Blutvergiessen halten Sie
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-nicht für sittlich, aber aus Überzeugung Blut vergiessen,
-das halten Sie für sittlich. Das Sittliche deckt sich nicht
-mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben,
-weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht
-Folge zu leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen
-bei seiner Überzeugung verharrt, durch ein gewisses
-Gefühl davon abgehalten wird, die Handlung auszuführen.
-Er tadelt und verachtet sich mit dem Verstande,
-allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann
-er sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht
-Feigheit zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick
-lang geschwankt; es ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen
-zu erheben, sagte sie sich. Dieses Schwanken
-war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten
-und Anhänger des Westens, welche jedoch die
-bureaukratischen Formen und Formeln ablehnen: &bdquo;Zerstört
-nur die administrativen Formeln!&ldquo; heisst es da, &bdquo;das ist
-aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein
-Verleugnen dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine
-Untreue an Peter dem Grossen. O, auf eine Umgestaltung
-wird unsere Administration schon eingehen, aber nur in
-einer untergeordneten Form, praktische Fragen betreffend
-usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln
-sollte &mdash; nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen,
-welche im Gegensatz zum Beamtentum auf dem
-Semstwo bestehen, wahrlich sie widersprechen sich selbst!
-Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das ist ja die
-Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von
-ihnen so sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus
-in seiner jetzigen Gestalt bestehen bleiben, wenn
-sich das gesetzmässige Semstwo einwurzelt? Das ist die
-Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er sich
-nicht erhält.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-Der Beamte, der jetzige Beamte indessen &mdash; das ist
-der Europäismus, das ist Europa selbst und sein Emblem,
-das ist gerade das Ideal der Gradowskys, der Kawelins
-u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und Europajunge,
-wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und
-seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen,
-welche dem Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen
-entsprächen. Übrigens, was sage ich? Im
-wesentlichen treten sie ja auch dafür ein. Gebt ihnen
-eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem
-administrativen Schutze Russlands anvertrauen&ldquo; ....
-</p>
-
-<p>
-Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution:
-&bdquo;Ja, Ihr werdet die Interessen Eurer Gesellschaft
-vertreten, aber ganz und gar nicht die des Volkes; Ihr
-werdet es auf&rsquo;s neue leibeigen machen, Kanonen werdet
-Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse
-aber! Die Presse werdet Ihr nach Sibirien schicken, so
-wie sie Euch nur nicht ganz zusagt! Nicht nur Euch
-widersprechen wird&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p>
-Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der
-Begriffe und Wirrnis der Werde-Elemente in Russland hindurch
-eines klar: dass das Beamtentum eine furchtbare
-Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener
-historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach
-Diener des Staates allmählich zu Herren des Volkes werden
-und aus jedem Gemeinwesen eine seelenlose Maschine zu
-machen vermögen, die alles zermalmt, was in ihre Nähe
-gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines
-Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt
-dieses Thema später noch einmal in einem Briefe an Iwan
-Sergejewitsch Aksakow, mit welchem er erst nach der
-denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere
-Beziehungen trat.
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-des Dichters zu seinem äusseren und inneren Gipfelpunkt.
-In diesem Jahre stellt er durch seine grosse Puschkin-Rede
-gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen
-Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet
-er sein &bdquo;letztes Werk&ldquo;, die Krone von seines Lebens
-Sinnen und Schaffen, Wünschen und Wirken, die &bdquo;Brüder
-Karamasow&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Nikolaus Strachow erzählt in den &bdquo;Materialien zu
-einer Biographie Dostojewskys&ldquo; [Petersburg, Suworin 1883]
-mit grosser Ausführlichkeit den ganzen Verlauf der für
-die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll gewordenen
-Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses
-&bdquo;nationalen Ereignisses&ldquo; nicht nach. Für uns sind drei springende
-Punkte wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet
-seien. Erstens die Vorbedingungen, welche dieses Fest
-zu solcher Bedeutung erhoben, sodann das Konkrete des
-Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung
-auf die litterarisch-nationalen Parteien.
-</p>
-
-<p>
-Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der
-russischen Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft
-in Westler und Slavophile. Dabei ist im Auge
-zu behalten, dass es sich da nicht um Geschmacks- und
-Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um
-die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte
-in seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider
-Parteien. Gleichwohl hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen
-der &bdquo;Moskowskija Wjedomosti&ldquo; mit Katkow an
-der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz über
-die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der
-Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu &bdquo;westlich&ldquo;. Aus alledem
-lässt sich begreifen, dass man von den angemeldeten
-Rednern etwas Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war
-am Vortage durch Acclamation zum Ehrenmitglied der
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-Moskauer Universität ernannt worden. Man sah in ihm
-&bdquo;den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins&ldquo;,
-da auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche
-Züge aufwies: als russischer Dichter mit westlicher Kultur.
-Turgenjew hatte seine Rede in der Einsamkeit seines
-Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von lebhaften
-Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung
-im Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war
-jedoch eine geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess,
-ob Puschkin ein nationaler Dichter sei oder nicht, ja auch
-nicht darauf einging, diese Frage zu beleuchten.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow,
-dieser als Vertreter des reinen Slavophilentums, sprechen.
-Aber schon als Dostojewsky begann, und mit dem inneren
-Feuer, das in ihm brannte, den &bdquo;russischen Menschen&ldquo; im
-Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten:
-&bdquo;Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem,
-brich Deinen Hochmut, demütige Dich, müssiger Mensch,
-und vor allem, mühe Dich auf heimatlichem Boden&ldquo; &mdash;
-da fühlte dieser &bdquo;russische Mensch&ldquo;, der lautlos den Saal
-füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und
-lauschte bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in
-unerhörten Jubel ausbrach, in einen Versöhnungsjubel,
-wie ihn Russland noch nie erlebt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt
-getroffen und ans Licht gebracht, der beide Strömungen
-versöhnte, nach dem es unbewusst alle verlangte und
-der eine neue Aera des litterarischen Wirkens anbahnte.
-Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche
-Kultur durchaus national von ihm verwertet worden sei,
-dass er in sich eben durch seine echt russischen Anschauungen
-die Verbindung mit dem Geist des Westens in
-einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle Nachkommenden
-sei, wie man das ja an seinen dichterischen
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-Gestalten sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine
-Gedanken mit Zuhilfenahme einiger Beispiele aus, die &mdash;
-uns ein Zeuge dieser Feste erzählte &mdash; durchaus
-nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren.
-Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert
-indes selbst die lebendige Wirkung dieser Rede als eine
-ungeheure, der man sich erst später bei kühler Überlegung
-aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für uns
-ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und
-erweisen wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente
-heranzog, das war das Wahre und Befruchtende an
-seiner Rede und das ist es wohl auch heute noch, was,
-ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches
-modernen Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch,
-welche die Versöhnung der streitenden Elemente anbahnte.
-</p>
-
-<p>
-Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters
-Wirken und Leben.
-</p>
-
-<div class="smaller">
-<p>
-Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu
-teil, dass sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck
-seiner Kunst war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen
-eines ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden.
-Denn wenn es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und
-seiner Freunde beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der
-&bdquo;Brüder Karamasow&ldquo; schon fertig in sich trug, wenn wir auch
-wissen, wie er sich die Lösung dieses Problems im russischen
-Sinne vorgesetzt hatte, so können wir der Meinung eines seiner
-nahesten Freunde nur beipflichten, wenn wir annehmen, dass die
-Ausführung dieses Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben
-wäre, als überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen,
-Ausführungen hinter genialen Entwürfen zurückstehen. In den
-&bdquo;Brüdern Karamasow&ldquo; aber ist ja schon in der Exposition, d. h.
-im Kapitel vom Starez Sosima, das Höchste als Ahnung und
-Ziel für den Helden Aljoscha ausgesprochen; der Leser empfängt
-ja von diesem &bdquo;vorläufigen&ldquo; Bilde des &bdquo;russischen Christus&ldquo;, das
-der Dichter in Aljoscha erst ausführen wollte &mdash; wie er andeutet
-<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
-und alle Freunde bezeugen &mdash; vollauf alles, was auf ihn wirken
-soll: die Ahnung, gleichsam die Verheissung eines reinsten Zustandes.
-Hier musste jede Ausführung zurückstehen, im besten
-Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber dürfen wir dem
-Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo er hinaus
-wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene, die es nicht
-schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen Zweifel
-über die Absichten des Dichters gebe.
-</p>
-
-<p>
-Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem
-Buche voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung &mdash;
-welche im Kapitel vom Starez angezeigt ist &mdash; liegen klar zu
-Tage. Allein im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem
-Kapitel vom Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein
-menschlich ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden
-können, da vibriert schon die tiefe russische Note mit, die
-russische Seele, die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende
-Grübelei zerspaltet. Das brennende Begehren nach
-dem Glauben, das diese &bdquo;Legende&ldquo; geschaffen hat, ein Begehren
-auch in der Seele eines mit allen Vorzügen westlicher Bildung
-ausgestatteten Geistes wie Iwan Karamasow, das ist echt russisch.
-Diese Figur Iwans und diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich,
-was Dostojewsky unter seiner &bdquo;russischen Allmenschlichkeit&ldquo;
-versteht. Die ewige Frage nach dem Gotte, die dieses
-Volk durch alle Zeiten hindurch, auf allen Gebieten in sich behält,
-ist ihm Bürgschaft, dass diese zwei Züge, so untrennbar
-wie sie es sind, zugleich allgemein menschlich und echt russisch sind.
-</p>
-
-<p>
-Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und
-durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst
-dieses &bdquo;an allem und für alle und alles schuldig sein&ldquo; wie ein
-Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis
-es in den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält.
-Ja, Rósanow, der geistvolle Kommentator, findet darin einen
-Fehler, dass nicht auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen
-sind, die Iwan als &bdquo;unschuldig unter der Disharmonie der Welt
-Leidende&ldquo; hinstellt; dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde
-zugeteilt hat; eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher
-ein feineres Gefühl den Künstler glücklich bewahrt hat.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis
-auf Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der
-russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken,
-gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage
-fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet,
-hier bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das
-ganze Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden
-jenes Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der
-Iphigenie in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat.
-Aljoscha sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima
-Gebot in die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf
-sich nehmen. Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen
-Sünderin Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a>
-zu Falle bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden
-und verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert
-wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer
-Schar von Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt
-und leitet. Wem fiele hier nicht der Zusammenhang mit der
-Erzählung des Idioten von den Kindern ein, wem nicht der
-kleine Held, alle die entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe
-entdeckt. Nun fällt aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie
-Feuerschein in die unerbittliche Geisselung der Gott-losen
-Jugend in den &bdquo;Besessenen&ldquo;, im &bdquo;Idiot&ldquo;, im &bdquo;Jungen Nachwuchs&ldquo;,
-und wir sehen den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen
-die Säulen jenes Götzentempels umklammern, um sie in
-Trümmer zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine
-Ungerechtigkeit und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit
-an, auf dem Platze, wo allein ein neuer Aufbau möglich ist. &mdash; &mdash;
-Diese Jugend sehen wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen,
-um jener anderen willen, die er in der Seele trägt und welcher
-dereinst Russlands Zukunft gehören soll.
-</p>
-
-<p>
-Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit
-einer Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl.
-klar und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss,
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-dass er nur wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges
-Urthema, aus dem er immer wieder das Gerippe eines Problems
-aufbaut, das er in lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre
-individuelle Seele einhaucht. So fände ein Spurensucher in
-Dostojewskys Werken reichliches Nachweismaterial für Varianten
-und Wiederholungen des Grundthemas. Was gäbe es da für
-Ernten für einen Nachwuchs von Kommentatoren im Sinne der
-Goethe-Forschung, wenn so etwas in Russland möglich wäre!
-Was im jungen Russland nachgeforscht und nachgewiesen wird,
-ist heute noch der Sinn, nicht das i-Tüpfelchen des Mysteriums
-einer Dichtung. Dieser Nachweis aber ist leicht, denn der Sinn
-der Wiederholungen ist immer augenfällig.
-</p>
-
-<p>
-So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die &bdquo;neuen
-Ideen&ldquo; in den &bdquo;Tagebüchern&ldquo;, in &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;, in &bdquo;winterlichen
-Betrachtungen über Sommereindrücke&ldquo; [diese allerdings
-durch die Londoner Einflüsse modificiert], in den &bdquo;Besessenen&ldquo;
-usw, nahezu wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die
-Wirkung, nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den
-&bdquo;Traum eines lächerlichen Menschen&ldquo; träumen wir ihm zweimal
-nach, finden dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder,
-den er unter dem Titel &bdquo;Das goldene Zeitalter in der Tasche&ldquo;
-im Januarheft des Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt
-als positiven Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft.
-Auch die Figuren Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals
-zum Typus herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten
-für das Auge des Russen gewisse Merkmale immer wieder auf,
-deren Gemeinsamkeit dem europäischen Leser oft darum entgeht,
-weil ihm das Merkmal selbst nichts sagt. So sind Iwan Karamasow
-und Raskolnikow, der Fürst Walkowsky und Swidrigailow,
-der &bdquo;Idiot&ldquo; und Aljoscha Karamasow, der Starez Sosima und der
-Wanderbettler Makar im &bdquo;Jungen Nachwuchs&ldquo;, der Fürst Sokolsky
-ebenda und der alte Fürst in &bdquo;Onkelchens Traum&ldquo; eigentlich
-Variationen einer Wesenheit, mit künstlerischer Vollendung bis
-ins Kleinste individualisiert. Nur Dmitri Karamasow steht ohne
-Gegenspielart da. Er ist auch der Träger des echt Dostojewskyschen
-Elements des Unbewussten, das eigentlich die Komplikation
-und den Abschluss des uns bekannten Teiles der Fabel herbeiführt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins
-Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer
-blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche,
-jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr
-Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste
-Gattin war nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst
-hatte, ohne alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden,
-hatte ihn bald geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri
-und ihrer Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen
-sich in Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen
-Pathos vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der
-ältere Sohn der hysterischen &bdquo;Schreiliesel&ldquo;, die hinwieder der
-Gatte prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa
-Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner
-Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha,
-dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen,
-wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der
-Sohn der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder,
-ist die Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt
-bestialischer Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch
-genug, vom Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol
-der verwandten Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit.
-</p>
-
-<p>
-Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst
-sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha
-einer gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter,
-jeden in seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden.
-Bei Dmitri treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen
-und Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele
-ist dem Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet,
-was ja auch die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte
-Verteidigung und die Verurteilung des unschuldig Schuldigen
-wegen Vatermords zur Folge hat.
-</p>
-
-<p>
-In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier
-gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung
-des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht
-eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
-&bdquo;ablehnt&ldquo;. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er
-sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise
-getroffen hat, um &bdquo;echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes
-zu sprechen&ldquo;; wenn ich auch einen Gott annehme &mdash; &bdquo;seine
-Werke lehne ich ab&ldquo;. Schon früher hatte er gesagt: &bdquo;Weisst
-du, was ich dahier eben erst zu mir gesagt habe? Sollt&rsquo; ich auch
-nicht mehr an das Leben glauben, müsst&rsquo; ich den Glauben an ein
-teures Weib, an die Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich
-mich im Gegenteil davon überzeugen, dass alles ein unordentliches,
-verfluchtes und vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten
-mich auch alle Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen
-&mdash; dennoch werde ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher
-angesetzt habe, so will ich nicht eher davon lassen, als bis ich
-ihn nicht ganz bewältigt habe. &mdash; &mdash; Ich habe mich oft gefragt:
-giebt es im Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen
-wütenden und vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen
-könnte, und geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst
-bis zu meinem dreissigsten Lebensjahr &mdash; dann aber werde ich
-selbst nicht mehr wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier
-nennen manche schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich
-Poeten, niedrig. Wahr ist&rsquo;s, es ist zum Teil ein Karamasowscher
-Zug, diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch
-in dir sitzt sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?&ldquo; usw.
-&bdquo;Die klebrigen Frühlingsknospen lieb&rsquo; ich, den blauen Himmel
-lieb&rsquo; ich &mdash; das ist&rsquo;s. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier
-liebst du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine
-ersten jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf Aljoscha: &bdquo;Nur allzu gut usw.&ldquo; ... Hier ist auch des
-Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er &bdquo;verstehe&ldquo;
-&mdash; gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das
-Leben als Werk einer Ordnung und Vernunft, als &bdquo;Euklidische
-Geometrie&ldquo; ab. &bdquo;Nicht Gott ist&rsquo;s, den ich ablehne, verstehe das,
-sondern die von ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich
-ab, ich kann mich nicht entschliessen, sie anzunehmen.&ldquo; &mdash; Nun
-folgt ein leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan
-mit dem Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso
-man seine Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-es noch, aber in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig
-und keiner sei imstande, die Leiden des andern zu begreifen.
-An diese sehr charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums
-schliesst er sofort die Begründung seines Protestes
-gegen die Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen
-tiefen Zug in Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum
-schon gemildert einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten
-ganz geläutert auszuklingen: die Liebe zu den Kindern.
-</p>
-
-<p>
-Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass &bdquo;die
-Euklidischen Parallelen&ldquo; sich in der Ewigkeit berühren, dass alles
-Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie
-aufgelöst sein wird &mdash; wie kann ich eine Welt zugeben, in der
-auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen
-muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus
-der Zeit der harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten
-Weise einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen
-[der Dichter benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente].
-&bdquo;Die Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine
-Harmonie. Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn
-möglich? Etwa damit, das sie gerächt werden? Aber wozu
-brauch&rsquo; ich die Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger;
-was kann hier die Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode
-gequält wurden? Was ist das aber für eine Harmonie, wenn
-eine Hölle dazu da ist? Ich will vergeben, ich will umarmen,
-ich will nicht, dass man weiter leide. Und wenn die Leiden der
-Kinder darauf gegangen sind, um jene Summe von Leiden voll
-zu machen, die für das Erkaufen der Wahrheit unumgänglich
-nötig war, so behaupte ich von vornherein, dass die ganze Wahrheit
-eines solchen Preises nicht wert ist. Ich will endlich nicht,
-dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr Kind durch Hunde
-zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu verzeihen! Wenn
-sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag sie dem Peiniger
-ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben, allein die Leiden
-ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen, dazu hat sie kein
-Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn auch das Kind
-selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn sie nicht
-verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der ganzen
-<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich
-will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine.
-Ich will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber
-will ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten
-Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte.
-Allzu hoch hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus
-über unsere Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum
-beeile ich mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und
-wenn ich ein ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die
-Karte so schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich
-auch&ldquo; usw. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: &bdquo;&sbquo;Ist
-in der ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte&lsquo;, sagst
-du. Aber dieses Wesen ist und es kann &sbquo;alles und allen vergeben&lsquo;
-&mdash; du hast ihn vergessen.&ldquo; &mdash; &mdash; Wir haben hier wieder
-das Problem des Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch
-negativer Form; hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer
-Lösung zu und es tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken,
-der Name Christi und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor
-die wunderwirkende Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden
-Christus als Person auf.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen
-Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein
-Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise
-beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften
-Bruder seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende.
-Zur Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur alltäglichen
-Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint, ein
-müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort
-erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da
-er Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor
-mit seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen
-und in ein unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der
-Nacht öffnet sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor
-tritt herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte
-steht vor ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer
-Lippe seine Rede.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen
-zu sein. &bdquo;Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du
-aus den Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest,
-dir, auf dein Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für
-diese Freiheit. Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt,
-für die Starken, die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu
-nehmen vermögen, wenn sie dir folgen. Aber die anderen? Bist
-du denn nur ein Gott der Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir
-lieben die Menschen mehr als du, wir lieben alle, wir nehmen
-ihre Leiden auf uns, wir vollenden in deinem Namen das
-Werk, das du nur halb gethan. Und du warst gewarnt. Jener
-furchtbare und tiefsinnige Geist, der dich angeblich versucht hat,
-er hat dir drei Mittel an die Hand gegeben, wie du die Menschen
-für alle Zeiten dir unterthan und wie Kinder glücklich machen
-konntest. &mdash; Du hast sie verschmäht. Nun haben wir sie aufgenommen,
-diese Mittel, und die Menschen sind beruhigt, beruhigt
-in deinem Namen. Wozu also bist du gekommen unser Werk zu
-stören?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei
-Darbietungen des &bdquo;furchtbaren Geistes&ldquo;, welche die Menschen
-für alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und
-die Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die unerbittliche
-und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche
-auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder,
-hinter dem Geheimnis &mdash; nichts ist, dass aber ihre Autorität durch
-diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen
-beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen,
-als schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer
-Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. &bdquo;Und
-morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi&ldquo;, schloss der Greis seine
-Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor
-eine Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf
-den Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen.
-Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den
-Gefangenen in die finstere Nacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und der Alte?&ldquo; fragt Aljoscha. &bdquo;Der Kuss brennt auf
-seiner Seele, doch er bleibt bei seiner Idee&ldquo;, erwidert Iwan. &bdquo;Und
-<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-du mit ihm, du mit ihm!&ldquo; ruft Aljoscha kummervoll aus. Die
-Brüder trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass
-er den Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen
-nirgends findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine
-pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von
-Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen
-der Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei
-lässt uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche
-ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um
-Geldes willen und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka,
-im Hader lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben
-werden. Die schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde
-und so, dass aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld
-irgendwo eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach
-des Vaters Garten geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden
-und in rasendem Zorn das Kommen der bestellten
-Schönen erlauern wollen. Da sieht er den alten Lüstling zum
-Fenster treten und verbirgt sich. Später will er fliehen, hört
-Stimmen, sieht sich verfolgt und eilt zum Gartenzaun, über den
-er sich schwingt. Da wird er vom alten Diener Grigorji am Fuss
-gepackt, der mit rauschheiserer Stimme schreit: &sbquo;Das ist er, der
-Vatermörder!&lsquo; Da fällt der Alte aber auch schon wie vom Blitz
-getroffen zu Boden. Dmitri springt in den Garten zurück, wirft
-die Keule ins Gras, betastet den Kopf des Alten, der von Blut
-überströmt ist, und entflieht.
-</p>
-
-<p>
-Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln
-könnte, Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der
-Erzählung. Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen
-Sinne zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des
-Lesers bis zur Lösung offen halten will, sondern in gleichem
-Masse dem künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen,
-wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht.
-Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: &bdquo;Weisst
-du was? Ich weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn
-nicht um, vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich&rsquo;s
-thue <em>in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht
-verhasst wird</em>. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase,
-<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-seine Augen, sein schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel
-fühle ich. Das ist&rsquo;s, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten
-können.&ldquo; &mdash; &mdash; &bdquo;Gott hat mich davor bewahrt&ldquo;, sagt
-er später. Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts.
-Er hat den Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt
-nun in das Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den
-Starez Sosima beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort
-den Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend
-in seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen ermahnenden
-Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling
-liebevoll und fragt ihn nach &bdquo;dem Bruder&ldquo;. Er denkt dabei nur
-an Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und
-anderen das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise
-in einen hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden,
-um die Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen
-und den Boden mit der Stirn berührt, &bdquo;um des Furchtbaren
-willen, das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen&ldquo;.
-Um ihn vor diesem Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas
-sanftes Antlitz nach ihm ausgesendet.
-</p>
-
-<p>
-Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und
-uns wird das &bdquo;Geheimnis&ldquo; offenbar, das der Dichter in das
-Motto [Ev. Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und
-das in jenem anderen, durch viele seiner Werke gehenden und
-selten verstandenen Citate seine Gegenseite findet: &bdquo;Wir alle
-sind für alle und an allem schuldig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Starez Sosima sagt: &bdquo;Ich habe Dich zu ihm gesandt,
-Alexei, weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde.
-Aber es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. &sbquo;Wahrlich,
-wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn
-in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber
-erstirbt, so bringt es viele Früchte.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male
-im Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,&ldquo; sagte
-still lächelnd der Greis. &bdquo;So denke ich von Dir: Du wirst aus
-diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen &mdash; als
-Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst
-werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das
-<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
-Leben bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und
-das Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen &mdash;
-was das Wichtigste von allem ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom
-&bdquo;Dasein Gottes&ldquo;, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale
-Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches
-Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung
-verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere
-immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das
-Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen,
-sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen
-zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit
-deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte
-erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer Beimischung
-orthodoxer Kirchlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzählt er, da
-sei sein einziger um zehn Jahre älterer Bruder an galoppierender
-Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei früher ganz ungläubig
-gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vöglein
-so fröhlich im Baumschatten singen gehört, plötzlich sehr heiter
-und liebevoll geworden und habe aus Freude darüber geweint,
-dass er es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es
-ihm schwer, sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern
-immer besonders gesagt: &bdquo;Warum kann ich nicht auch Euch
-bedienen.&ldquo; &bdquo;Mütterchen, meine Freude,&ldquo; sagte er, &bdquo;es kann nicht
-wohl sein, dass es keine Herren und Diener gäbe, aber lass mich
-doch auch der Diener meiner Diener sein. Ja, und noch das sag&rsquo; ich
-Dir, Mütterchen, dass ein Jeder von uns für alle in allem schuldig
-ist, ich aber mehr als alle.&ldquo; Man lächelte und hielt diese Reden
-für Fieberphantasieen.
-</p>
-
-<p>
-Jahre waren nach dem Tode des Jünglings und der Mutter
-vergangen; der nun herangewachsene Junge war in einer
-Kadettenanstalt erzogen worden und ist nun als Offizier in einer
-Provinzstadt stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert
-er die Tochter und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet
-sich aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine
-schönen Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer
-<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-mehrmonatlichen Abwesenheit zurückkehrt, findet er sie als die
-Frau eines Mannes, den er auch früher oft im Hause getroffen.
-Er hält sich für angeführt und verlacht, da er sich nicht zugestehen
-will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines
-Tages führt er absichtlich eine Herausforderung des jungen
-Gatten herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden.
-</p>
-
-<p>
-Als der Junker in überaus reizbarer Stimmung spät abends
-nach Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines
-Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so
-heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche
-steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht,
-lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch
-der Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhöbe
-und vor das Gesicht hielte. &mdash; Der Junker legt sich zu Bette,
-schläft einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr früh
-am Morgen mit einem dumpfen Unglücksgefühl in der Brust.
-Was ist es doch? Das Duell? Nein, er hat sich schon früher
-geschlagen, das ist es nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da
-er jetzt ganz klar darüber ist, dass er das Mädchen eigentlich
-nie geliebt hat. Nun hat er&rsquo;s: der Diener, der sich nicht wehrte
-unter den blutigen Schlägen. Der Offizier bedeckt sein in Scham
-erglühendes Gesicht mit beiden Händen und wirft sich schluchzend
-auf sein Lager ....
-</p>
-
-<p>
-Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. &bdquo;Komm,
-es ist Zeit.&ldquo; Sie gehen vor die Thür, zum Wagen hinaus. &bdquo;Warte,
-ich vergass meine Börse&ldquo;, sagt der junge Duellant und eilt
-zurück, geradaus in das Kämmerchen des Dieners. &bdquo;Athanas,
-ich habe Dir gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du
-mir.&ldquo; Der Diener schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft
-sich der Herr nieder, mit der Stirn schlägt er den Boden. &bdquo;Verzeihe
-mir!&ldquo; wiederholt er. &bdquo;Euer Edelgeboren&ldquo;, sagt der Bursche,
-&bdquo;Väterchen, Herr &mdash; &mdash; ja wie ist das &mdash; &mdash; ja bin ich das wert?&ldquo;
-und bricht in Thränen aus. &mdash; Man fährt zum Zweikampf. Des
-Leutnants Stimmung ist ganz umgewandelt; freudestrahlend,
-glücklich legt er den Weg zurück, sodass der Sekundant sich
-des wackeren Haudegens freut. Man kommt an und misst die
-Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss ab und streift
-<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-das Ohr des jungen Mannes ein wenig. &bdquo;Gott sei gepriesen&ldquo;,
-schreit dieser, &bdquo;es ist kein Mensch getötet worden!&ldquo; Dann drückt
-auch er seine Pistole ab &mdash; in die Baumkronen des Wäldchens.
-Er wendet sich zu seinem Gegner. &bdquo;Geehrter Herr&ldquo;, sagt er,
-&bdquo;verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie beleidigt
-und jetzt auch noch dazu genötigt habe, auf mich zu
-schiessen.&ldquo; Jener wird zornig und fragt: &bdquo;Ja, haben Sie denn
-nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann
-beunruhigen?&ldquo; &bdquo;Gestern&ldquo;, erwiderte der Fröhliche, &bdquo;war ich
-noch dumm, heute bin ich klüger geworden.&ldquo; Man schreit, man
-will ihn nötigen. &bdquo;Nein&ldquo;, sagt er, &bdquo;ich schiesse nicht. Sie aber
-&mdash; thun Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wäre, Sie
-thäten es nicht.&ldquo; Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das
-Regiment entehre, worauf er erwidert: &bdquo;Meine Herren, ist es
-denn wirklich so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen,
-welcher selbst seine Dummheit bereut und sich öffentlich schuldig
-bekennt?&ldquo; Die Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende.
-Der junge Bekenner erhält den Abschied, er verlässt den Dienst
-und die Stadt, und so wird dieses Erlebnis &mdash; von innen heraus
-&mdash; der erste Anlass seines späteren Eintritts in ein Mönchskloster.
-</p>
-
-<p>
-An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen über
-Dostojewsky sagt N. Strachow, man könne auf den Dichter die
-Worte anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: &bdquo;Er
-hat ein grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns
-überlassen, es auszudeuten.&ldquo; Wir finden das nicht. Wir finden
-vielmehr, dass er uns dieses Geheimnis in seinem grössten,
-monumentalen Werk gekündet hat. Den &bdquo;Gott, den er beweisen&ldquo;
-wollte, hat er zuerst mit den blendendsten Künsten der Dialektik
-vernichtet, um ihn durch das einfache Gebot der Liebe in allen
-und in jedem wieder aufzurichten. Er spricht durch den Mund
-Sosimas aus, dass es möglich ist, den Bruder nicht zum Bösen
-zu zwingen, dass jeder diese Möglichkeit unbewusst in sich trage
-und diese Blindheit es ist, die alle für sich und alle andern an
-allem schuldig werden lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen,
-was Dostojewsky mit diesem Atridenbuch, das in die Zukunft, in
-die russische Zukunft weist, hat sagen wollen. Wenn ich liebe,
-<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-sagt er, so bin ich glücklich; ich zwinge die anderen zum Glück,
-da ich nicht für mich leben, sondern gleich dem Weizenkorn
-ersterben will, um Früchte zu tragen. Das Vollgefühl aber
-dieser Liebe [vom Glauben ist gar nicht mehr die Rede, da er
-Accessorium ist] ist &mdash; Gott. Wer dieses in sich trägt &mdash; und
-nach des Dichters Meinung trägt es jeder als Keim in sich,
-weiss es nur nicht und erwartet es nur immer wieder vom
-Nächsten, was ja das &bdquo;Geheimnis&ldquo; ist &mdash; der erlöst schon, wie
-Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes den darbenden
-Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind wir alle,
-der wird täglich &bdquo;für alle und an allem schuldig&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess
-gegen Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist,
-um sich aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten
-könnten, im letzten Augenblicke es nicht mehr vermögen.
-Smerdjakow, der wirkliche Mörder, erhängt sich, und Iwan wird
-im Gerichtssaal wahnsinnig.
-</p>
-
-<p>
-Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegängnis eines
-Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar
-frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht
-die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben,
-das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften
-Knaben, dem sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten
-in allen Versuchungen des Lebens.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-September 1880 vollendet Dostojewsky die &bdquo;Karamasow&ldquo;.
-Nun wendet er sich mit voller Kraft der Publicistik zu,
-da er vieles zu sagen hat und seine gewonnene Autorität
-ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen. Sehr
-entschieden drückt er sich auch in einem Briefe an Iwan
-Aksakow aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und
-einigen gewechselten Briefen näher getreten war. Er
-kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von ihm
-herausgegebenen Zeitschrift &bdquo;Rusj&ldquo;. &bdquo;Bei Ihnen (No. 1
-der &bdquo;Rusj&ldquo;) heisst es: &sbquo;Peter der Grosse habe uns nach
-Europa hineingezogen und uns europäische Civilisation gegeben&lsquo;.
-Ja, Sie loben ihn fast gerade um dieser europäischen
-<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
-Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist
-es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt
-in Gestalt eines verhängnisvollen Gürtels &sbquo;bester Leute&lsquo;
-in vierzehn Rangklassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Für den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter
-fieberhaft eine grosse Nummer des Tagebuchs für das Jahr
-1881 vor, welche eine Reihe von Artikeln über das Verhältnis
-der &bdquo;Intelligenz&ldquo; zum Volke einleiten sollte. Die
-Nummer war schon im Druck, Dostojewsky fürchtete jedoch
-sehr viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel
-einer Kaution als einer predwaritelnaia Zensura (vorprüfende
-Zensur) auf Gnade und Ungnade ergeben musste.
-N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe
-sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: &bdquo;Es giebt dafür
-ein magisches Wort: &sbquo;Vertrauen zeigen&lsquo;. Ja, unserem
-Volke kann man Vertrauen entgegenbringen, denn es ist
-dessen würdig. Ruft nur die grauen Kittel herbei und
-fragt sie selbst um ihre Bedürfnisse, um das, was ihnen
-not thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir
-aber werden vielleicht zum erstenmale die wirkliche Wahrheit
-hören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Obwohl von kompetenter Seite über das Schicksal der
-Publikation beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht.
-Am 25. Januar besuchte ihn Orest Miller, um ihn an
-sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags zu
-mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen,
-und Miller verliess den Dichter, zwar ganz begütigt,
-dennoch in reizbarem Zustande. Seit mehreren Jahren
-war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein Lungenemphysem
-zu seinen anderen schweren Leiden getreten,
-und dieses eigentlich secundäre Übel wurde nun die Ursache
-seines Todes. Eine Lungen-Arterie borst an jenem
-verhängnisvollen Tage, was sich jedoch anfangs nur durch
-Nasenbluten ankündigte. Am 26. fühlte er sich ganz
-<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
-wohl; doch trat plötzlich eine Halsblutung ein. Der
-Hausarzt wurde gerufen und ward Zeuge einer zweiten,
-stärkeren Blutung, die zur Bewusstlosigkeit führte. Als
-der Dichter erwachte, verlangte er sofort nach der Beichte
-und dem Abendmahl. Am 27. fühlte er sich wohler und
-beschäftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da
-er sehr in Sorge war, dass das Blatt am 31. erscheinen
-sollte. Am 28. ging es bis Mittag ziemlich gut. Doch
-von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr abliess,
-langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin
-des Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzählte.
-Die Gattin stillte, an seinem Bette sitzend, mit
-Tüchern das unaufhörlich langsam dem Munde entrieselnde
-Blut.
-</p>
-
-<p>
-Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna,
-sein altes Evangelium aufzuschlagen, das seit Sibirien
-immer bei seinem Kissen lag, und ihm die Stelle vorzulesen,
-die sie von ungefähr zu Anfang der Seite finden
-würde. Es war aber das Evangelium Matthäi III, 15:
-&bdquo;Aber Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl,
-dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
-Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt
-also sein; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.&ldquo;
-[Der russische Text weist den 11. Vers auf,
-sowie die Worte: aber Johannes hielt ihn zurück usw.,
-und Jesus antwortete ihm: halte mich nicht zurück usw.]
-Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte Dostojewsky:
-&bdquo;Du hörst es &mdash; halte mich nicht zurück &mdash; das
-heisst, dass ich sterben werde&ldquo;, und damit schloss er das
-Buch ... Am Abend um 8 Uhr 38 Minuten desselben
-Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter für immer
-seine Augen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
-Das Leichenbegräbnis wurde, niemand konnte es
-erklären wieso, zu einem Ereignis für Russland. Schon
-bei der Aufbahrung in der engen Stube, die auch sein
-Arbeitszimmer gewesen war, drängte sich die Menge derart
-und erfüllte den Raum so vollständig, dass die Kerzen,
-die den Katafalk umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen.
-63 Abordnungen mit Kränzen und 15 Gesangvereine
-gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz
-Petersburg wälzte sich ihm zur Kirche vom &bdquo;heiligen
-Geiste&ldquo; lautlos nach, ein in Russland noch nie gesehenes
-Schauspiel. Am selben Tage, dem 31. Januar, erblickte nach
-des Dichters heissem Wunsche die erste und letzte Nummer
-des &bdquo;Tagebuchs eines Schriftstellers für das Jahr 1881&ldquo;
-zensurfrei das Licht.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-442">
-<img src="images/442.jpg" alt="" /></div>
-
-<h2 class="line1 chimg chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/443.jpg" alt="" /></span>
-<span class="line1"><br />Anhang.</span>
-</h2>
-
-<div class="appendix">
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span>on dem grösseren Anhang, welcher das vorliegende Buch
-durch politische, prozessualische und kritische Aufsätze aus dem
-&bdquo;Tagebuch&ldquo; ergänzen sollten, haben wir in letzter Stunde aus
-triftigen Gründen Abstand genommen. Es folgt hier nur ein
-Index von den Werken des Dichters nach ihrer Entstehung und
-Veröffentlichung. Hierbei wird der Leser selbstverständlich auch
-alle jene Werke der ersten Periode von Dostojewskys Schaffen
-eingereiht finden, die eingehend zu besprechen wir von unserem
-Standpunkt aus nicht für dringend notwendig fanden.
-</p>
-
-<p>
-Ferner können wir es uns nicht versagen, einige der bedeutendsten
-Kritiker anzuführen, in deren Arbeiten wir Einblick
-genommen haben.
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-13-1">
-<span class="line1">Chronologische Reihenfolge</span><br />
-<span class="line2">von <em>Th. M. Dostojewskys</em> Werken nach ihrer Entstehung und Publication.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="no">
-I. Periode. 1844-1859.
-</h4>
-
-<p class="hang">
-Arme Leute 1844. 1846 in der &bdquo;Petersburger Sammlung&ldquo; von
-Nekrássow.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Der Doppelgänger 1846. 1846 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;.
-Bd. 44 umgearbeitet 1865 in der Gesamtausgabe
-von Stellowsky.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Herr Prohartschin 1846. 1846 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Roman in 9 Briefen 1847. 1847 im &bdquo;Zeitgenossen&ldquo; (Sowremennik).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Die Wirtin 1847. 1847 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Polsunkow 1848. 1848 im &bdquo;Illustrierten Almanach&ldquo; von Panajew
-und Nekrássow.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Ein schwaches Herz. 1848 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
-Der Ehemann unterm Bett. 1848. In den &bdquo;Vaterländischen
-Annalen&ldquo; Bd. 56 erschien die Erzählung &bdquo;Die
-Gattin des anderen&ldquo;; ebendaselbst im selben
-Jahre Bd. 61 &bdquo;Der eifersüchtige Gatte&ldquo;. Beide
-Erzählungen wurden für die Gesamtausgabe
-von Stellowsky 1865 unter dem Titel &bdquo;Die
-Gattin des anderen und der Gatte unterm
-Bett&ldquo; verschmolzen.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Der ehrliche Dieb. 1848 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo; Bd. 57.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Christbaum und Hochzeit. 1848 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;
-Bd. 60.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Helle Nächte 1848. 1848 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo; Bd. 61.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Netotschka Neswanowa (unvollendet) 1848. 1849 in den &bdquo;Vaterländischen
-Annalen&ldquo; Bd. 62, 64.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Der kleine Held 1849 (in der Peter-Pauls-Festung). 1857 in den
-&bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-(Sibirien).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Hymnus auf den Orientkrieg, Mai 1854. 1883 im &bdquo;Graschdanin&ldquo; No. 1.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Onkelchens Traum. 1859 im &bdquo;Russ. Wort&ldquo; (Russkoe Slowo) Bd. 2.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Dorf Stepantschikow und seine Bewohner 1858 (deutsch übersetzt
-als Tollhaus und Herrenhaus). 1859 in den
-&bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo; Bd. 127.
-</p>
-
-<h4 class="no">
-II. Periode.
-</h4>
-
-<p class="hang">
-Memoiren aus einem Totenhaus 1859-60. 1861 und 62 in der
-&bdquo;Zeit&ldquo; (Wremja).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Erniedrigte und Beleidigte 1861. 1861 in der &bdquo;Zeit&ldquo; (Wremja).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Eine garstige Geschichte. 1862 in der &bdquo;Zeit&ldquo; (Wremja) IX.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Winterliche Betrachtungen über Sommereindrücke. 1863 in der
-&bdquo;Zeit&ldquo; (Wremja) II., III.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Memoiren aus einem Keller 1864. 1864 in der &bdquo;Epocha&ldquo; I., II., IV.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Der Spieler 1863 entworfen, 66 niedergeschrieben. 1867 in der
-Gesamtausgabe von Stellowsky.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Das Krokodil. 1865 in der &bdquo;Epocha&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Schuld und Sühne 1866. 1866 im &bdquo;Russ. Boten&ldquo; (Russkij
-Wjestnik).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Der Idiot 1868. 1868 im &bdquo;Russ. Boten&ldquo; (Russkij Wjestnik).
-</p>
-
-<p class="hang">
-<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-Der Hahnrei 1869. 1870 in der &bdquo;Morgenröte&ldquo; (Zarjá) I., II.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Die Besessenen 1870. 1871-72 im &bdquo;Russ. Boten&ldquo; (Russkij Wjestnik).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 als Sammlung in einen Band
-vereinigter &mdash; 1861 in der &bdquo;Wremja&ldquo; und 1873 im
-&bdquo;Graschdanin&ldquo; erschienener &mdash; Aufsätze.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Junger Nachwuchs 1875. 1875 in den &bdquo;Vaterländischen Annalen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Tagebuch eines Schriftstellers 1876. 1876 als Monatsschrift.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Krótkaia 1876. 1876 im &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Weihnacht. 1876 im &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Tagebuch eines Schriftstellers 1877. 1877 als Monatsschrift.
-</p>
-
-<p class="hang">
-Die Brüder Karamasow 1870 begonnen. 1879-80 im &bdquo;Russ. Boten&ldquo;
-(Russkij Wjestnik).
-</p>
-
-<p class="hang">
-Anhang zum Tagebuch eines Schriftstellers von 1877. In der
-Auflage von 1891.
-</p>
-
-<p class="hang">
-1. Heft: August 1880 (Puschkin-Rede).
-</p>
-
-<p class="hang">
-2. Heft: Januar 1881 (Politika).
-</p>
-
-<p>
-Eine grosse Anzahl von russischen Kritikern hat, sowohl
-noch zu Lebzeiten des Dichters als auch nach seinem Tode,
-einzelne seiner Werke in längeren oder kürzeren Abhandlungen
-besprochen. Die bedeutendsten darunter sind unbestreitbar: der
-Vertreter der naturwissenschaftlichen Anschauungen, Psychiater
-Dr. Tschisch in seiner Studie &bdquo;Dostojewsky als Psychopathologe&ldquo;,
-Moskau 1885, und W. Rósanow, der Vertreter orthodox-mystischer
-Anschauungen in seiner &bdquo;Legende vom Gross-Inquisitor, Versuch
-eines kritischen Kommentars&ldquo;, Petersburg 1894. Die bedeutendsten
-der übrigen in Zeitschriften und Revueen erschienenen Artikel
-sind von Zelinsky im Jahre 1885 in einen Band zusammengestellt
-worden, dem er ein Supplement nachfolgen liess; dazu gehören
-Aufsätze von: Nekrássow, Belinsky, Dobroljubow, Grigorjew,
-Miljukow, Strachow, Achscharumow, Annenkow, M. und W.
-Solowiow, Kawélin, Obolensky, Michailowsky, O. Miller, G.
-Uspensky, K. Slutschewsky (mit biographischem Abriss),
-Bulitsch, Arseniew, Tarassow, D. W. Grigorowitsch und anderen.
-Von gesonderten Werken über einzelne Schöpfungen Dostojewskys
-ist namentlich Andrejewskys Studie über die Karamasow hervorzuheben.
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="line1 chimg chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/446.jpg" alt="" /></span>
-<span class="line1"><br />Personen- und Sach-Verzeichnis.</span>
-</h2>
-
-<div class="index">
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-1">
-<span class="line1">A.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Adolescent, <a href="#page-413">413.</a>
-</p>
-
-<p>
-Aksakow, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-25">25.</a> <a href="#page-221">221.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-236">236.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-422">422.</a> <a href="#page-424">424.</a> <a href="#page-439">439.</a>
-</p>
-
-<p>
-Alexander I., <a href="#page-236">236.</a>
-</p>
-
-<p>
-Alexander II., <a href="#page-122">122.</a>
-</p>
-
-<p>
-Allmenschlichkeit, <a href="#page-207">207.</a> <a href="#page-426">426.</a>
-</p>
-
-<p>
-Anklage, <a href="#page-72">72.</a>
-</p>
-
-<p>
-Anschauungen, Russische und polnische, <a href="#page-188">188.</a>
-</p>
-
-<p>
-Antonelli, <a href="#page-62">62.</a> <a href="#page-68">68.</a>
-</p>
-
-<p>
-Arbeitsmethode, <a href="#page-158">158.</a> <a href="#page-223">223.</a> <a href="#page-324">324.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Arme Leute&ldquo;, <a href="#page-30">30.</a> <a href="#page-36">36.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-42">42.</a> <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-44">44.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-55">55.</a> <a href="#page-216">216.</a>
-</p>
-
-<p>
-Atheismus, <a href="#page-73">73.</a> <a href="#page-321">321.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt&ldquo;, <a href="#page-335">335.</a>
-</p>
-
-<p>
-Ausland, <a href="#page-231">231.</a> <a href="#page-239">239.</a> <a href="#page-276">276.</a>
-</p>
-
-<p>
-Awerkiew, <a href="#page-342">342.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-2">
-<span class="line1">B.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Baden-Baden, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-309">309.</a>
-</p>
-
-<p>
-Beketow, Brüder, <a href="#page-51">51.</a>
-</p>
-
-<p>
-Belinsky, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-38">38.</a> <a href="#page-39">39.</a> <a href="#page-40">40.</a> <a href="#page-42">42.</a> <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-49">49.</a> <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-54">54.</a> <a href="#page-55">55.</a> <a href="#page-57">57.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-278">278.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-396">396.</a> <a href="#page-400">400.</a> <a href="#page-401">401.</a> <a href="#page-402">402.</a> <a href="#page-403">403.</a>
-</p>
-
-<p>
-Berlin, <a href="#page-303">303.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Besessene&ldquo;, <a href="#page-183">183.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-281">281.</a> <a href="#page-286">286.</a> <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-352">352.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-385">385.</a> <a href="#page-386">386.</a> <a href="#page-397">397.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-419">419.</a> <a href="#page-427">427.</a> <a href="#page-428">428.</a>
-</p>
-
-<p>
-Boborykin, <a href="#page-241">241.</a>
-</p>
-
-<p>
-Brand von Paris, <a href="#page-400">400.</a>
-</p>
-
-<p>
-Brief an Kowner, <a href="#page-293">293.</a>
-</p>
-
-<p>
-Brief an Studenten, <a href="#page-110">110.</a>
-</p>
-
-<p>
-Briefe aus der Fremde, <a href="#page-300">300.</a>
-</p>
-
-<p>
-Briefe aus Sibirien, <a href="#page-132">132.</a>
-</p>
-
-<p>
-Butaschewitsch-Petraschewsky, <a href="#page-61">61.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-3">
-<span class="line1">C.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Charakterzüge, Nationale, <a href="#page-15">15.</a>
-</p>
-
-<p>
-Chomjakow, <a href="#page-12">12.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christentum, <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-126">126.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christina Danilowna, <a href="#page-410">410.</a> <a href="#page-413">413.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christlicher Gedanke, <a href="#page-361">361.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christlicher Geist, <a href="#page-277">277.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christlicher Sozialist, <a href="#page-61">61.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christus, Russischer, <a href="#page-425">425.</a>
-</p>
-
-<p>
-Christus, Wahrer, <a href="#page-191">191.</a>
-</p>
-
-<p>
-Comité, Slavisches, <a href="#page-277">277.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-4">
-<span class="line1">D.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Danilewsky, <a href="#page-332">332.</a> <a href="#page-334">334.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dasein Gottes, <a href="#page-207">207.</a> <a href="#page-374">374.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denj&ldquo;, <a href="#page-222">222.</a>
-</p>
-
-<p>
-Deutschland, <a href="#page-390">390.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dichter, französische, <a href="#page-27">27.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Djelo&ldquo;, <a href="#page-327">327.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dobroljubow, <a href="#page-151">151.</a> <a href="#page-211">211.</a> <a href="#page-342">342.</a> <a href="#page-395">395.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dokumente, <a href="#page-105">105.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doppelgänger&ldquo;, <a href="#page-44">44.</a> <a href="#page-47">47.</a> <a href="#page-48">48.</a> <a href="#page-352">352.</a>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-Dostojewskaia, Anna Grigorjewna, <a href="#page-15">15.</a> <a href="#page-28">28.</a> <a href="#page-61">61.</a> <a href="#page-66">66.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-274">274.</a> <a href="#page-275">275.</a> <a href="#page-278">278.</a> <a href="#page-297">297.</a> <a href="#page-299">299.</a> <a href="#page-302">302.</a> <a href="#page-303">303.</a> <a href="#page-304">304.</a> <a href="#page-308">308.</a> <a href="#page-367">367.</a> <a href="#page-382">382.</a> <a href="#page-388">388.</a> <a href="#page-394">394.</a> <a href="#page-405">405.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-407">407.</a> <a href="#page-441">441.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky und Kaiser Nikolaus, <a href="#page-14">14.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky, Andreas, <a href="#page-69">69.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dostojewsky, Michael, <a href="#page-138">138.</a> <a href="#page-147">147.</a> <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-238">238.</a> <a href="#page-241">241.</a> <a href="#page-246">246.</a> <a href="#page-247">247.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dostojewskys synthetische Natur, <a href="#page-208">208.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dresden, <a href="#page-299">299.</a> <a href="#page-303">303.</a> <a href="#page-344">344.</a>
-</p>
-
-<p>
-Dudischkin, <a href="#page-57">57.</a>
-</p>
-
-<p>
-Durow, <a href="#page-59">59.</a> <a href="#page-63">63.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-5">
-<span class="line1">E.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Ehe, <a href="#page-144">144.</a> <a href="#page-148">148.</a>
-</p>
-
-<p>
-Epilepsie, <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-225">225.</a> <a href="#page-266">266.</a> <a href="#page-310">310.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-392">392.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Epocha&ldquo;, <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-219">219.</a> <a href="#page-242">242.</a> <a href="#page-245">245.</a> <a href="#page-247">247.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-299">299.</a> <a href="#page-327">327.</a>
-</p>
-
-<p>
-Ernennung zum Offizier, <a href="#page-30">30.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo;, <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-216">216.</a> <a href="#page-224">224.</a> <a href="#page-228">228.</a> <a href="#page-406">406.</a>
-</p>
-
-<p>
-Etappenweg, <a href="#page-119">119.</a>
-</p>
-
-<p>
-Europa, <a href="#page-388">388.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-6">
-<span class="line1">F.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Fatalismus, Historischer, <a href="#page-328">328.</a>
-</p>
-
-<p>
-Fet, <a href="#page-209">209.</a>
-</p>
-
-<p>
-Feuilletonist, <a href="#page-223">223.</a>
-</p>
-
-<p>
-Florenz, <a href="#page-297">297.</a> <a href="#page-320">320.</a> <a href="#page-323">323.</a>
-</p>
-
-<p>
-Fourierismus, <a href="#page-58">58.</a>
-</p>
-
-<p>
-Franzosen, <a href="#page-231">231.</a>
-</p>
-
-<p>
-Frauenfrage, <a href="#page-370">370.</a>
-</p>
-
-<p>
-Frauen, Russische, <a href="#page-7">7.</a>
-</p>
-
-<p>
-Frauenstudium, <a href="#page-418">418.</a>
-</p>
-
-<p>
-Friedenskongress, <a href="#page-310">310.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-7">
-<span class="line1">G.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Gawrilow, <a href="#page-272">272.</a>
-</p>
-
-<p>
-Geburt und Tod eines Kindes, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-311">311.</a>
-</p>
-
-<p>
-Geburt eines Sohnes, <a href="#page-300">300.</a>
-</p>
-
-<p>
-Geburt einer Tochter, <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-345">345.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gedicht zur Krönung Alexanders des Zweiten, <a href="#page-150">150.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gefängnis, <a href="#page-101">101.</a>
-</p>
-
-<p>
-Generals-Nihilismus, <a href="#page-182">182.</a> <a href="#page-184">184.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Genie und Wahnsinn&ldquo;, <a href="#page-227">227.</a>
-</p>
-
-<p>
-Genf, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-310">310.</a> <a href="#page-311">311.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gerichtskommission, <a href="#page-103">103.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gogol, <a href="#page-325">325.</a> <a href="#page-403">403.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Goldenes Zeitalter in der Tasche&ldquo;, <a href="#page-428">428.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Goljadkin&ldquo;, <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-46">46.</a> <a href="#page-49">49.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Golos&ldquo;, <a href="#page-328">328.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-404">404.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gontscharow, <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-57">57.</a> <a href="#page-409">409.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gradowsky, <a href="#page-334">334.</a>
-</p>
-
-<p>
-Granowsky, Dr., <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-401">401.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Grashdanin&ldquo;, <a href="#page-149">149.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-232">232.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-408">408.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gribojedow, <a href="#page-233">233.</a>
-</p>
-
-<p>
-Grigorjew, <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-218">218.</a> <a href="#page-219">219.</a> <a href="#page-220">220.</a> <a href="#page-221">221.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-245">245.</a> <a href="#page-246">246.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-403">403.</a>
-</p>
-
-<p>
-Grigorowitsch, <a href="#page-36">36.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-38">38.</a> <a href="#page-44">44.</a>
-</p>
-
-<p>
-Grimm, Jacob, <a href="#page-188">188.</a>
-</p>
-
-<p>
-Grossfürstin Marja Nikolajewna, <a href="#page-151">151.</a>
-</p>
-
-<p>
-Grossinquisitor, <a href="#page-73">73.</a>
-</p>
-
-<p>
-Gutsbesitzer-Litteratur, <a href="#page-404">404.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gutsbesitzerwort&ldquo;, <a href="#page-206">206.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-8">
-<span class="line1">H.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Haftbefehl, <a href="#page-64">64.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hahnrei&ldquo;, <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-351">351.</a> <a href="#page-352">352.</a> <a href="#page-353">353.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-374">374.</a> <a href="#page-398">398.</a> <a href="#page-417">417.</a>
-</p>
-
-<p>
-Hallucinationen, <a href="#page-20">20.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Helle Nächte&ldquo;, <a href="#page-47">47.</a>
-</p>
-
-<p>
-Herzen, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-186">186.</a> <a href="#page-232">232.</a> <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-369">369.</a> <a href="#page-370">370.</a> <a href="#page-396">396.</a>
-</p>
-
-<p>
-Homburg, <a href="#page-279">279.</a>
-</p>
-
-<p>
-Hugo, Victor, <a href="#page-399">399.</a> <a href="#page-409">409.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-9">
-<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
-<span class="line1">I.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Idiot, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-105">105.</a> <a href="#page-172">172.</a> <a href="#page-224">224.</a> <a href="#page-225">225.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-281">281.</a> <a href="#page-286">286.</a> <a href="#page-293">293.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-320">320.</a> <a href="#page-329">329.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-398">398.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-420">420.</a> <a href="#page-427">427.</a>
-</p>
-
-<p>
-Ignatiew, <a href="#page-163">163.</a>
-</p>
-
-<p>
-Ingenieurkorps, <a href="#page-31">31.</a>
-</p>
-
-<p>
-Issajew, Marja Dmitrjewna, <a href="#page-138">138.</a> <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-142">142.</a> <a href="#page-147">147.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-246">246.</a>
-</p>
-
-<p>
-Italien, <a href="#page-280">280.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-10">
-<span class="line1">J.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Janowsky, <a href="#page-51">51.</a>
-</p>
-
-<p>
-Jastrzembski, <a href="#page-118">118.</a>
-</p>
-
-<p>
-Juden, <a href="#page-296">296.</a>
-</p>
-
-<p>
-Junger Nachwuchs, <a href="#page-407">407.</a> <a href="#page-427">427.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-11">
-<span class="line1">K.</span>
-</h3>
-
-<p>
-&bdquo;Karamasow&ldquo;, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-227">227.</a> <a href="#page-322">322.</a> <a href="#page-377">377.</a> <a href="#page-407">407.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-419">419.</a> <a href="#page-420">420.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-425">425.</a> <a href="#page-438">438.</a>
-</p>
-
-<p>
-Karamsin, <a href="#page-393">393.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kaschpirew, <a href="#page-345">345.</a> <a href="#page-349">349.</a> <a href="#page-374">374.</a>
-</p>
-
-<p>
-Katastrophe, <a href="#page-59">59.</a>
-</p>
-
-<p>
-Katkow, <a href="#page-157">157.</a> <a href="#page-159">159.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-267">267.</a> <a href="#page-270">270.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-308">308.</a> <a href="#page-309">309.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-318">318.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-345">345.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-423">423.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kawélin, <a href="#page-420">420.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kinder des Dichters, <a href="#page-276">276.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kindertypen Dostojewskys, <a href="#page-419">419.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kirche, Orthodoxe, <a href="#page-11">11.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kirejewsky, <a href="#page-11">11.</a> <a href="#page-12">12.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kleiner Held&ldquo;, <a href="#page-102">102.</a> <a href="#page-152">152.</a> <a href="#page-216">216.</a> <a href="#page-419">419.</a> <a href="#page-427">427.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kommune, <a href="#page-400">400.</a>
-</p>
-
-<p>
-Konservativ-demokratisch, <a href="#page-2">2.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kornilowa, <a href="#page-296">296.</a> <a href="#page-417">417.</a>
-</p>
-
-<p>
-Krajewsky, <a href="#page-169">169.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kriegsgerichtliches Urteil, <a href="#page-103">103.</a>
-</p>
-
-<p>
-Krestowsky, <a href="#page-174">174.</a>
-</p>
-
-<p>
-Kunst, <a href="#page-208">208.</a> <a href="#page-213">213.</a> <a href="#page-228">228.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-12">
-<span class="line1">L.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Latkin, <a href="#page-302">302.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leben eines grossen Sünders&ldquo;, <a href="#page-374">374.</a>
-</p>
-
-<p>
-Lebensmut, <a href="#page-102">102.</a>
-</p>
-
-<p>
-Lebensweise, <a href="#page-223">223.</a> <a href="#page-280">280.</a>
-</p>
-
-<p>
-Leroy-Beaulieu, <a href="#page-108">108.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lesebibliothek&ldquo;, <a href="#page-241">241.</a>
-</p>
-
-<p>
-Letztes Jahr der Haft, <a href="#page-130">130.</a>
-</p>
-
-<p>
-Liberalismus, <a href="#page-327">327.</a>
-</p>
-
-<p>
-Liberalkonservative, <a href="#page-181">181.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Litterarische Artikel&ldquo;, <a href="#page-205">205.</a>
-</p>
-
-<p>
-Litterarische Kritik, <a href="#page-341">341.</a>
-</p>
-
-<p>
-Litteratur, Russische, <a href="#page-201">201.</a>
-</p>
-
-<p>
-Lomonossow, <a href="#page-205">205.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-13">
-<span class="line1">M.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Maikow, <a href="#page-57">57.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-278">278.</a> <a href="#page-301">301.</a> <a href="#page-311">311.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-315">315.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-332">332.</a> <a href="#page-344">344.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-371">371.</a> <a href="#page-376">376.</a> <a href="#page-387">387.</a> <a href="#page-391">391.</a> <a href="#page-394">394.</a>
-</p>
-
-<p>
-Mailand, <a href="#page-315">315.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mascha&ldquo; von Wowtschok, <a href="#page-211">211.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Materialien&ldquo;, <a href="#page-121">121.</a> <a href="#page-131">131.</a> <a href="#page-175">175.</a> <a href="#page-230">230.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Memoiren aus einem Kellerloch&ldquo;, <a href="#page-56">56.</a> <a href="#page-353">353.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Memoiren aus einem Totenhause&ldquo;, <a href="#page-118">118.</a> <a href="#page-119">119.</a> <a href="#page-121">121.</a> <a href="#page-122">122.</a> <a href="#page-127">127.</a> <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-158">158.</a> <a href="#page-184">184.</a> <a href="#page-189">189.</a> <a href="#page-377">377.</a> <a href="#page-406">406.</a>
-</p>
-
-<p>
-Meschtschersky, <a href="#page-408">408.</a>
-</p>
-
-<p>
-Michailowsky, <a href="#page-286">286.</a>
-</p>
-
-<p>
-Milieu, Russisches, <a href="#page-3">3.</a> <a href="#page-4">4.</a> <a href="#page-287">287.</a>
-</p>
-
-<p>
-Miljukow, <a href="#page-67">67.</a> <a href="#page-69">69.</a> <a href="#page-171">171.</a> <a href="#page-273">273.</a>
-</p>
-
-<p>
-Miller, Orest, <a href="#page-15">15.</a> <a href="#page-31">31.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-71">71.</a> <a href="#page-102">102.</a> <a href="#page-103">103.</a> <a href="#page-121">121.</a> <a href="#page-122">122.</a> <a href="#page-123">123.</a> <a href="#page-131">131.</a> <a href="#page-141">141.</a> <a href="#page-150">150.</a> <a href="#page-157">157.</a> <a href="#page-171">171.</a> <a href="#page-174">174.</a> <a href="#page-182">182.</a> <a href="#page-183">183.</a> <a href="#page-184">184.</a> <a href="#page-188">188.</a> <a href="#page-201">201.</a> <a href="#page-440">440.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Misérables&ldquo;, <a href="#page-409">409.</a>
-</p>
-
-<p>
-Mission, <a href="#page-229">229.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Moskowskija Wjedomosti&ldquo;, <a href="#page-235">235.</a> <a href="#page-385">385.</a> <a href="#page-423">423.</a>
-</p>
-
-<p>
-Museum Dostojewsky, <a href="#page-419">419.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-14">
-<span class="line1">N.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Nabokow, <a href="#page-71">71.</a>
-</p>
-
-<p>
-Nietzsche, <a href="#page-2">2.</a>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
-Nihilismus, <a href="#page-182">182.</a> <a href="#page-378">378.</a>
-</p>
-
-<p>
-Nihilisten, <a href="#page-373">373.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niva&ldquo;, <a href="#page-136">136.</a> <a href="#page-168">168.</a>
-</p>
-
-<p>
-Njekrássow, <a href="#page-35">35.</a> <a href="#page-36">36.</a> <a href="#page-37">37.</a> <a href="#page-38">38.</a> <a href="#page-39">39.</a> <a href="#page-40">40.</a> <a href="#page-44">44.</a> <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-51">51.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-245">245.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Njetoschka <a id="corr-40"></a>Njezwánowa&ldquo;, <a href="#page-47">47.</a> <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-420">420.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-15">
-<span class="line1">O.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Odojewsky, <a href="#page-45">45.</a>
-</p>
-
-<p>
-Offener Brief an den Kaiser, <a href="#page-163">163.</a>
-</p>
-
-<p>
-Offiziersernennung, <a href="#page-152">152.</a>
-</p>
-
-<p>
-Ogarew, <a href="#page-280">280.</a>
-</p>
-
-<p>
-Olkin, <a href="#page-274">274.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Onkelchens Traum&ldquo;, <a href="#page-142">142.</a> <a href="#page-159">159.</a>
-</p>
-
-<p>
-Ostrowsky, <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-342">342.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-16">
-<span class="line1">P.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Palacky, <a href="#page-298">298.</a>
-</p>
-
-<p>
-Panajew, <a href="#page-45">45.</a>
-</p>
-
-<p>
-Pascha, <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-308">308.</a>
-</p>
-
-<p>
-Perowsky, <a href="#page-103">103.</a>
-</p>
-
-<p>
-Petersburg, <a href="#page-10">10.</a> <a href="#page-20">20.</a> <a href="#page-171">171.</a> <a href="#page-172">172.</a> <a href="#page-173">173.</a> <a href="#page-300">300.</a> <a href="#page-405">405.</a>
-</p>
-
-<p>
-Petraschewsky, <a href="#page-59">59.</a>
-</p>
-
-<p>
-Petrow, <a href="#page-277">277.</a>
-</p>
-
-<p>
-Petschatkin, <a href="#page-302">302.</a>
-</p>
-
-<p>
-Pissarew, <a href="#page-395">395.</a>
-</p>
-
-<p>
-Pissemsky, <a href="#page-245">245.</a>
-</p>
-
-<p>
-Pleschtschejew, <a href="#page-66">66.</a>
-</p>
-
-<p>
-Politische Thätigkeit, <a href="#page-174">174.</a>
-</p>
-
-<p>
-Polonsky, <a href="#page-384">384.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Porfiry Petrowitsch&ldquo;, <a href="#page-262">262.</a>
-</p>
-
-<p>
-Positivismus, <a href="#page-400">400.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Prochartschin&ldquo;, <a href="#page-51">51.</a> <a href="#page-54">54.</a> <a href="#page-58">58.</a> <a href="#page-352">352.</a>
-</p>
-
-<p>
-Proklamation an die junge Generation, <a href="#page-186">186.</a>
-</p>
-
-<p>
-Propaganda-Gesellschaft, <a href="#page-61">61.</a>
-</p>
-
-<p>
-Psychisch-physische Krankheit, <a href="#page-130">130.</a>
-</p>
-
-<p>
-Publizistik, <a href="#page-191">191.</a> <a href="#page-221">221.</a>
-</p>
-
-<p>
-Puschkin, <a href="#page-25">25.</a> <a href="#page-205">205.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-207">207.</a> <a href="#page-395">395.</a> <a href="#page-399">399.</a> <a href="#page-402">402.</a> <a href="#page-403">403.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-424">424.</a> <a href="#page-438">438.</a>
-</p>
-
-<p>
-Puschkinrede, <a href="#page-12">12.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-214">214.</a> <a href="#page-423">423.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-17">
-<span class="line1">R.</span>
-</h3>
-
-<p>
-&bdquo;Raskolnikow&ldquo;, <a href="#page-158">158.</a> <a href="#page-227">227.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-413">413.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rasumichin&ldquo;, <a href="#page-262">262.</a>
-</p>
-
-<p>
-Realismus, <a href="#page-321">321.</a> <a href="#page-329">329.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rechtfertigungsschrift, <a href="#page-73">73.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rede auf einem Ball, <a href="#page-15">15.</a>
-</p>
-
-<p>
-Reuter, Fritz, <a href="#page-120">120.</a>
-</p>
-
-<p>
-Reval, <a href="#page-33">33.</a>
-</p>
-
-<p>
-Revolutionäre Proklamation, <a href="#page-181">181.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rieger, <a href="#page-298">298.</a>
-</p>
-
-<p>
-Riesenkampf, Dr., <a href="#page-20">20.</a> <a href="#page-32">32.</a> <a href="#page-33">33.</a> <a href="#page-34">34.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rjeschotnikow, <a href="#page-404">404.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Roman in neun Briefen&ldquo;, <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-47">47.</a> <a href="#page-49">49.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rósanow, <a href="#page-335">335.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-426">426.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rostowzew, <a href="#page-71">71.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rousseau, <a href="#page-400">400.</a>
-</p>
-
-<p>
-Rückerstattung des erblichen Adels, <a href="#page-163">163.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rus&ldquo;, <a href="#page-439">439.</a>
-</p>
-
-<p>
-Russe als Allmensch, <a href="#page-262">262.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Russkaja Starina&ldquo;, <a href="#page-173">173.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Russkij Wjestnik&ldquo;, <a href="#page-157">157.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-266">266.</a> <a href="#page-268">268.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-298">298.</a> <a href="#page-309">309.</a> <a href="#page-313">313.</a> <a href="#page-331">331.</a> <a href="#page-345">345.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-374">374.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-383">383.</a> <a href="#page-384">384.</a> <a href="#page-391">391.</a> <a href="#page-394">394.</a> <a href="#page-407">407.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Russkoje Slowo&ldquo;, <a href="#page-159">159.</a>
-</p>
-
-<p>
-Russland ein Rätsel für Europa, <a href="#page-202">202.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-18">
-<span class="line1">S.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Samarin, <a href="#page-182">182.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sassúlitsch, Vera, <a href="#page-421">421.</a>
-</p>
-
-<p>
-Schaffot, <a href="#page-104">104.</a>
-</p>
-
-<p>
-Schiller, <a href="#page-30">30.</a>
-</p>
-
-<p>
-Schriftwesen, Russisches, <a href="#page-324">324.</a>
-</p>
-
-<p>
-Schtschedrin, <a href="#page-208">208.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-245">245.</a>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
-Schtscherbatow, <a href="#page-12">12.</a>
-</p>
-
-<p>
-Schuld- und Ausgleichsbedürfnis, Russisches, <a href="#page-36">36.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schuld und Sühne&ldquo;, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-254">254.</a> <a href="#page-268">268.</a> <a href="#page-270">270.</a> <a href="#page-272">272.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-281">281.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-409">409.</a> <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-428">428.</a>
-</p>
-
-<p>
-Schweiz, <a href="#page-279">279.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sementkowsky, <a href="#page-136">136.</a>
-</p>
-
-<p>
-Semipalatinsk, <a href="#page-130">130.</a> <a href="#page-133">133.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sendung, Russische, <a href="#page-333">333.</a>
-</p>
-
-<p>
-Slavennatur, <a href="#page-353">353.</a>
-</p>
-
-<p>
-Slavophile, <a href="#page-319">319.</a>
-</p>
-
-<p>
-Slutschewsky, <a href="#page-13">13.</a> <a href="#page-15">15.</a>
-</p>
-
-<p>
-Snitkina, Anna Grigorjewna, <a href="#page-252">252.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sologub, <a href="#page-45">45.</a>
-</p>
-
-<p>
-Solowiew, <a href="#page-377">377.</a> <a href="#page-420">420.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sonja, <a href="#page-313">313.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sozialismus, <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-58">58.</a> <a href="#page-60">60.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sozialismus und Kommunismus, <a href="#page-400">400.</a>
-</p>
-
-<p>
-Sozialist, <a href="#page-189">189.</a>
-</p>
-
-<p>
-Spiel, <a href="#page-239">239.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-279">279.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-309">309.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Spieler&ldquo;, <a href="#page-240">240.</a> <a href="#page-242">242.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-398">398.</a>
-</p>
-
-<p>
-Spital, <a href="#page-129">129.</a>
-</p>
-
-<p>
-Stellowsky, <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-272">272.</a> <a href="#page-273">273.</a> <a href="#page-274">274.</a> <a href="#page-275">275.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stepanschikowo&ldquo;, <a href="#page-142">142.</a> <a href="#page-159">159.</a>
-</p>
-
-<p>
-Stiefsohn, <a href="#page-144">144.</a>
-</p>
-
-<p>
-Strachow, <a href="#page-15">15.</a> <a href="#page-42">42.</a> <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-52">52.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-168">168.</a> <a href="#page-175">175.</a> <a href="#page-178">178.</a> <a href="#page-184">184.</a> <a href="#page-191">191.</a> <a href="#page-205">205.</a> <a href="#page-214">214.</a> <a href="#page-222">222.</a> <a href="#page-223">223.</a> <a href="#page-224">224.</a> <a href="#page-225">225.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-230">230.</a> <a href="#page-232">232.</a> <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-234">234.</a> <a href="#page-236">236.</a> <a href="#page-238">238.</a> <a href="#page-239">239.</a> <a href="#page-240">240.</a> <a href="#page-242">242.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-246">246.</a> <a href="#page-251">251.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-270">270.</a> <a href="#page-271">271.</a> <a href="#page-276">276.</a> <a href="#page-277">277.</a> <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-318">318.</a> <a href="#page-325">325.</a> <a href="#page-332">332.</a> <a href="#page-341">341.</a> <a href="#page-343">343.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-369">369.</a> <a href="#page-376">376.</a> <a href="#page-378">378.</a> <a href="#page-387">387.</a> <a href="#page-388">388.</a> <a href="#page-392">392.</a> <a href="#page-397">397.</a> <a href="#page-398">398.</a> <a href="#page-399">399.</a> <a href="#page-406">406.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-438">438.</a> <a href="#page-440">440.</a>
-</p>
-
-<p>
-Struwe, <a href="#page-379">379.</a>
-</p>
-
-<p>
-Studenten, <a href="#page-176">176.</a> <a href="#page-177">177.</a>
-</p>
-
-<p>
-Swaljansky, <a href="#page-163">163.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Swidrigailow&ldquo;, <a href="#page-262">262.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-19">
-<span class="line1">T.</span>
-</h3>
-
-<p>
-&bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;, <a href="#page-16">16.</a> <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-48">48.</a> <a href="#page-49">49.</a> <a href="#page-60">60.</a> <a href="#page-107">107.</a> <a href="#page-118">118.</a> <a href="#page-119">119.</a> <a href="#page-127">127.</a> <a href="#page-185">185.</a> <a href="#page-229">229.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-400">400.</a> <a href="#page-408">408.</a> <a href="#page-417">417.</a> <a href="#page-440">440.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tagebuchnotizen, <a href="#page-400">400.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tagebücher, <a href="#page-428">428.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Theoretismus und Phantasterei&ldquo;, <a href="#page-145">145.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Thor, Der reine&ldquo;, <a href="#page-282">282.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tjutschew, <a href="#page-409">409.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tod des Dichters, <a href="#page-441">441.</a>
-</p>
-
-<p>
-Todesurteil, <a href="#page-101">101.</a> <a href="#page-104">104.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Totenhaus&ldquo;, <a href="#page-43">43.</a> <a href="#page-241">241.</a> <a href="#page-259">259.</a> <a href="#page-261">261.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tolstoj, <a href="#page-118">118.</a> <a href="#page-205">205.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-267">267.</a> <a href="#page-324">324.</a> <a href="#page-325">325.</a> <a href="#page-327">327.</a> <a href="#page-328">328.</a> <a href="#page-370">370.</a> <a href="#page-371">371.</a> <a href="#page-380">380.</a> <a href="#page-397">397.</a> <a href="#page-404">404.</a> <a href="#page-409">409.</a>
-</p>
-
-<p>
-Totleben, <a href="#page-152">152.</a>
-</p>
-
-<p>
-Transport nach Sibirien, <a href="#page-118">118.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Traum eines lächerlichen Menschen&ldquo;, <a href="#page-413">413.</a> <a href="#page-428">428.</a>
-</p>
-
-<p>
-Turgenjew, <a href="#page-45">45.</a> <a href="#page-204">204.</a> <a href="#page-206">206.</a> <a href="#page-212">212.</a> <a href="#page-267">267.</a> <a href="#page-324">324.</a> <a href="#page-330">330.</a> <a href="#page-382">382.</a> <a href="#page-403">403.</a> <a href="#page-423">423.</a> <a href="#page-424">424.</a>
-</p>
-
-<p>
-Turgenjews: &bdquo;König Lear&ldquo;, <a href="#page-387">387.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tschernyschewsky, <a href="#page-185">185.</a> <a href="#page-187">187.</a> <a href="#page-188">188.</a> <a href="#page-245">245.</a>
-</p>
-
-<p>
-Tschi&#382;, Dr. M., <a href="#page-226">226.</a> <a href="#page-416">416.</a>
-</p>
-
-<p>
-Twer, <a href="#page-162">162.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-20">
-<span class="line1">U.</span>
-</h3>
-
-<p>
-Umkehr, <a href="#page-108">108.</a>
-</p>
-
-<p>
-Unbewusstes im Handelnden, <a href="#page-359">359.</a>
-</p>
-
-<p>
-Universitätsschliessung, <a href="#page-178">178.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-21">
-<span class="line1">V.</span>
-</h3>
-
-<p>
-&bdquo;Vaterländische Annalen&ldquo;, <a href="#page-50">50.</a> <a href="#page-327">327.</a> <a href="#page-407">407.</a>
-</p>
-
-<p>
-Verhaftung, <a href="#page-63">63.</a> <a href="#page-67">67.</a>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
-&bdquo;Verhängnisvolle Frage&ldquo;, <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-235">235.</a>
-</p>
-
-<p>
-Vermählung, <a href="#page-143">143.</a> <a href="#page-275">275.</a>
-</p>
-
-<p>
-Vevey, <a href="#page-280">280.</a> <a href="#page-313">313.</a>
-</p>
-
-<p>
-Volk und Gesellschaft, <a href="#page-4">4.</a>
-</p>
-
-<p>
-Volk, Russisches, <a href="#page-109">109.</a>
-</p>
-
-<p>
-Volksbildung, <a href="#page-204">204.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-22">
-<span class="line1">W.</span>
-</h3>
-
-<p>
-&bdquo;Westler&ldquo;, <a href="#page-373">373.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke&ldquo;, <a href="#page-231">231.</a> <a href="#page-400">400.</a> <a href="#page-428">428.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirtin&ldquo;, <a href="#page-53">53.</a> <a href="#page-57">57.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wjestnik Ewropy&ldquo;, <a href="#page-381">381.</a> <a href="#page-384">384.</a>
-</p>
-
-<p>
-Wrangel, <a href="#page-138">138.</a> <a href="#page-147">147.</a> <a href="#page-152">152.</a> <a href="#page-162">162.</a> <a href="#page-244">244.</a> <a href="#page-247">247.</a> <a href="#page-252">252.</a> <a href="#page-264">264.</a> <a href="#page-265">265.</a> <a href="#page-268">268.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wremja&ldquo;, <a href="#page-145">145.</a> <a href="#page-151">151.</a> <a href="#page-174">174.</a> <a href="#page-189">189.</a> <a href="#page-191">191.</a> <a href="#page-192">192.</a> <a href="#page-201">201.</a> <a href="#page-214">214.</a> <a href="#page-215">215.</a> <a href="#page-218">218.</a> <a href="#page-219">219.</a> <a href="#page-228">228.</a> <a href="#page-233">233.</a> <a href="#page-236">236.</a> <a href="#page-237">237.</a> <a href="#page-245">245.</a> <a href="#page-247">247.</a> <a href="#page-327">327.</a>
-</p>
-
-<h3 class="subchap" id="subchap-0-14-23">
-<span class="line1">Z.</span>
-</h3>
-
-<p>
-&bdquo;Zapiski iz Podpolja&ldquo;, <a href="#page-335">335.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zarja&ldquo;, <a href="#page-327">327.</a> <a href="#page-334">334.</a> <a href="#page-346">346.</a> <a href="#page-348">348.</a> <a href="#page-365">365.</a> <a href="#page-369">369.</a> <a href="#page-370">370.</a> <a href="#page-371">371.</a> <a href="#page-373">373.</a> <a href="#page-374">374.</a> <a href="#page-376">376.</a> <a href="#page-378">378.</a> <a href="#page-379">379.</a> <a href="#page-381">381.</a> <a href="#page-392">392.</a> <a href="#page-393">393.</a> <a href="#page-405">405.</a>
-</p>
-
-<p>
-Zivilisation, Russische, <a href="#page-11">11.</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zuboskala&ldquo;, <a href="#page-45">45.</a>
-</p>
-
-<p>
-Zwangsarbeit, <a href="#page-105">105.</a> <a href="#page-117">117.</a> <a href="#page-123">123.</a> <a href="#page-124">124.</a>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="centerpic" id="img-451">
-<img src="images/451.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="printer">
-Druck der <em>Nauck</em>&rsquo;schen Buchdruckerei, Berlin SO.
-</p>
-
-
-<h2 class="chapter footnotes">Fußnoten</h2>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Wir verweisen auf <a id="corr-2"></a>Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk
-&bdquo;Russia&ldquo;, sowie auf Leroy-Beaulieus &bdquo;L&rsquo;Empire des Tsars et les
-Russes&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> s. Masaryks vortreffliche Studie &bdquo;Iwan Wassiljewitsch Kirejewsky&ldquo;
-in seinen &bdquo;slovanske studie&ldquo;. Prag, Bursik u. Kohout.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Anlässlich einer Besprechung der Übersetzer-Sünden und
-Kühnheiten hat Dr. Friedrich Löhr in einem Heft der &bdquo;Deutschen
-Worte&ldquo; auch dieses französischen Kraftstückes Erwähnung gethan
-und sich bei der Erhärtung dessen, dass &bdquo;Die Wirtin&ldquo; und
-die &bdquo;Memoiren aus einem Souterrain&ldquo; ganz getrennte Arbeiten
-Dostojewskys sind, auf eine Mitteilung von mir berufen. Leider
-hatte ich damals in der russischen Ausgabe die verdruckte
-Jahreszahl 1846 anstatt 1864 gefunden und gab sie, da in des
-Dichters Briefen nie bestimmte Angaben über Namen und Zeitpunkt
-seiner Publikationen zu finden sind, als authentisch an.
-Indessen wurde ich bei genauerer Verfolgung der chronologischen
-Lebens- und Arbeitsdaten bald den Irrtum inne, den ich hiermit
-berichtige; was jedoch auf den Umstand keinerlei Einfluss hat,
-dass die zwei Erzählungen sowohl durch eine lange Zeit, als
-durch ihre Veranlassung und ihren Inhalt vollständig getrennt
-sind und keinerlei Berechtigung vorhanden ist, sie in eins zu
-verschmelzen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher
-zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys
-besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen
-Saale einander zwar begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser
-der Begrüssung, mit einander gewechselt hatten. Auch Orest
-Miller ist dieser Widerspruch während der Bearbeitung seiner
-Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich veranlasst sah,
-Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail jenes
-Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner &bdquo;Materialien
-zu einer Biographie Dostojewskys&ldquo; klärt er uns denselben auf.
-Die Brüder hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit
-einander gewechselt, allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht,
-auf einem Zettel alle diese Vorstellungen dem Bruder zukommen
-zu lassen, welchen Zettel dieser aber niemals erhielt.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie
-auch ihre ganze Strafzeit abbüssten.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Vergl. Leroy-Beaulieu: L&rsquo;empire des tsars et les Russes
-Bd. III.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod,
-mit dessen Hülfe der Fürst Pozarsky die Angriffe der Polen
-siegreich zurückschlagen konnte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den
-wird es geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich
-darin liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer
-Apparat das Staatsleben bedient und auch das Einzelleben in
-sein Räderwerk reisst; dass oft gute, meist kluge Absichten für
-das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang setzen und durch den
-Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam einerseits,
-oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter Unterbeamten
-und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte
-Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus
-dieser Maschine herauskommen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Dieser Brief dürfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven
-angeführte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Der Roman &bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo; ist allen Lesern
-Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende
-Besprechung desselben nötig wäre. Auch gehört es nicht in den
-Rahmen dieses Buches, ästhetisch-kritische Besprechungen der
-Werke des Dichters aufzunehmen. Indessen hat dieser Roman
-gerade von russischen Kritikern die schärfste Verurteilung erfahren.
-Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe unter der Linie
-der ästhetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler dieses
-Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben
-Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich
-auf die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat,
-dem Mädchen seiner Liebe zu einem andern Glück zu verhelfen,
-als auf ein ästhetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und
-Möglichkeit grob sündige. Hier sind sie ihren rein subjektiven
-Anschauungen gefolgt. Es kann ja ein solches Vorgehen wirklich
-nur &bdquo;einer Kopfliebe entspringen&ldquo;, wie sie sagen, und jedem
-gesunden Menschen unsympathisch sein. &mdash; Dass es aber vollkommen
-wahr ist, weil es möglich war, das beweist Dostojewskys
-Geschichte unwiderleglich. Der künstlerische Fehler in der
-Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt,
-darin, dass dieser selbstlose Held der Erzähler ist und wir aus
-seinem Vortrag nicht gewahr werden, dass er mehr als ein
-Zuschauer sein könnte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Unsere Nachforschungen in der &bdquo;Dritten Abteilung&ldquo; haben
-zur Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an
-Verwandte geführt.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten
-Gattin Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese
-praktische Idee bis in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen
-verstand. Er hat jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen
-letzten Lebensjahren die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu
-geniessen begonnen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik
-bessere Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden
-jeder Schachtel eine kleine Überraschung beilegte. Da er aber
-damit nicht wechselte, so bekam jeder Käufer so und so viele
-Messerchen zusammen und hörte auf, dort seinen Bedarf zu decken.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in
-Russland &bdquo;Krokodile&ldquo; genannt, ob dies infolge Dostojewskys
-Satire geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist,
-haben wir nicht ermitteln können.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> Ein Ausspruch, den Dostojewsky <em>heute</em>, was Tolstoj
-anlangt, sicher zurücknehmen würde.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch
-Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter
-lyrischer Gedichte, worunter &bdquo;Abende und Nächte&ldquo; das bedeutendste
-ist, welchem auch wohl die herangezogene Strophe entnommen
-ist. Seine Übersetzungen des ganzen Horaz, Juvenal,
-des Faust, sollen meisterhaft sein. Dostojewsky mochte ihn
-wegen eben dieser Abwendung von der brennenden Frage der
-Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir sehen
-hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn
-&bdquo;justifiziert&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Anführung von Grigorjews Ausdrücken.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Der Roman &bdquo;Erniedrigte und Beleidigte&ldquo; ist allerdings
-eines der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen
-will, vor allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand
-gehalten und sicher durchgeführt ist. Diese Natascha, welche
-zuerst den Erzählenden, Iwan Petrowitsch, einen armen Schriftsteller,
-liebt und dann aus dem Elternhause zu dem Sohn des
-Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast schwachsinnigen
-Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht liebt,
-dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später
-aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern
-hin und her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren
-und doch in die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, &mdash;
-sie alle <em>wollen</em> offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind
-nicht wirkliche Beleidigte &mdash; denn: ein kleiner Druck am Räderwerk
-des Ganzen, eine logische und vernünftige Schlussfolgerung,
-ein energisches Halt, und sie sind es nicht und alles wäre anders.
-</p>
-
-<p class="footnote2">
-Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige
-und Unwürdige der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz
-besonders übel genommen. Ein Mann, der den Liebesroman
-seiner Braut mit einem Andern schildert, der darin als helfender
-Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte verrät, wie ihm
-dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche Figur erscheinen,
-ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die
-Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den
-äusseren Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke,
-in der Entsagung Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat;
-dass ferner dieses bei Hinz und Kunz sicher unwürdige, mindestens
-befremdliche Vorgehen bei dem eben aus dem Totenhause befreiten,
-durch das Evangelium und die dort gewonnene Volksdemut zu
-&bdquo;seiner Wahrheit&ldquo; durchgedrungenen Dichter eine viel kompliziertere
-und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass gerade
-dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den
-Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch
-nur anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch
-gestaltet werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat
-dennoch Recht, wenn er sagt, dass dieser Roman &bdquo;zwei, drei
-Stellen enthält, die warm und kraftvoll sind, und ein halbes
-Hundert Seiten, auf die er stolz sei&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen,
-welche der bekannte Psychiater Dr. M. Tschi&#382; im Jahre 1885
-unter dem Titel &bdquo;Dostojewsky als Psychopathologe&ldquo; in Moskau
-publizierte. Es ist für uns sehr wichtig, gerade aus dem Munde
-eines bedeutenden Fachmannes eine Belehrung darüber zu empfangen,
-wie sehr Dostojewskys Lucidität in pathologischen
-Dingen einerseits durch seine eigenen Krankheits-Erscheinungen
-erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle seiner psychologischen
-Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und
-Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst.
-Nachdem Tschi&#382; den Beweis erbracht hat, dass
-Dostojewsky in den 25 pathologischen Wesen, welche in seinen
-Romanen vorkommen, die mannichfaltigsten Nuancen mit der
-feinsten Beobachtung ausgestattet und nirgends einen Strich
-verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und Epileptiker vom
-Dichter als einem &bdquo;Kompetenten&ldquo; behandelt werden, fügt er
-folgendes hinzu: &bdquo;Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit
-ihm vieles über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und
-vieles konnte er aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist
-es heute dem Arzt, schon aus Achtung vor seiner Persönlichkeit
-und seinen Leiden, nicht gestattet, vieles darüber zu sagen.
-Hier aber trifft ganz besonders zu, was Dostojewsky selbst
-sagte: &bdquo;Nicht auf den Gegenstand kommt es an, sondern auf
-das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der Gegenstand.
-Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner
-Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige
-Sache, was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine
-Wolke&ldquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="footnote2">
-Diese letzte Anführung Tschi&#382;&rsquo; erhält ihre Bekräftigung an
-jener Stelle, wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows
-definierend, das Axiom von &bdquo;Genie und Wahnsinn&ldquo; mit
-folgenden Worten widerlegt: &bdquo;Der bekannte Satz, dass Genie
-und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch nicht mehr als ein
-Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer Mensch
-psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein
-Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte
-Gegensatz des Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände
-tiefer, von viel mehr Seiten als der gewöhnliche Verstand; der
-psychisch Kranke sieht entweder weniger als der Gesunde oder
-er kann im besten Falle etwas nur einseitig &mdash; und darum eben
-falsch &mdash; begreifen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="footnote2">
-Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen,
-als diese Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky
-selbst anzuwenden, so klar ihm auch das Krankheitsbild des
-Dichters vor Augen steht. Zur Zeit, da diese Studie geschrieben
-wurde und die Mitwelt noch unter dem Eindrucke von Dostojewskys
-Genius stand, würde es weder einem Laien noch einem
-Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie
-mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen.
-Heute aber und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung
-allmählich Platz gegriffen hat, dass Dostojewskys
-Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner Krankhaftigkeit zu
-erklären seien, heute kann man es nicht genug betonen, wie
-irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der Wissenschaft
-betrachtet, in nichts zerrinnt.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung
-gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges,
-viel und ernst gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschätzenden
-Ausdrücke der Russen ist. &bdquo;Ich habe mich mit
-Europa auseinandergespuckt,&ldquo; sagt Dostojewsky ganz ernst an
-einer Stelle im &bdquo;jungen Nachwuchs&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der vorangegangenen
-Äusserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu
-wollen. Dieser Widerspruch findet seine Lösung in dem Umstande,
-dass der Roman schon seit Januar zu erscheinen begonnen
-hatte, eine solche Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen
-war, als eine im November 1865.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> Anmerkung: Einer der im Prozess Petraschewsky zum Tode
-Verurteilten, der Lieutenant eines Grenadierregiments Nikolaus
-Grigorjew, war auf dem Schaffot wahnsinnig geworden.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der
-Schwangerschaft ihr Stieftöchterchen aus dem Fenster geworfen
-hatte und für die Dostojewsky öffentlich eintrat.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die Gewinnung
-eines Welthafens, Konstantinopels.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> Im Abdruck ausgelassene Stellen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Die von Herzen in London herausgegebene revolutionäre
-Zeitschrift.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Bischof von Woronesch, ein als Heiliger verehrter
-Mönch.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Der bekannte Oberst Tschaadajew, welcher das Heil für
-Russland in der katholischen Idee findet und seine Gedanken
-über Russlands Mangel an Originalität in einem philosophischen
-Briefe an eine Dame niederlegte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Aus Gogols &bdquo;Tote Seelen&ldquo;.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman &bdquo;Was
-thun?&ldquo;
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Es ist Gradowsky gemeint.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller
-wurde und Bauernerzählungen schrieb. Er starb in jungen Jahren.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname für
-angeborene Wollust Geltung gewonnen hat.
-</p>
-
-<div class="ads">
-<p class="publ">
-Verlag von <b>Ernst Hofmann &amp; Co.</b> in <b>Berlin</b> SW. 46, Hedemannstr. 2.
-</p>
-
-<hr />
-
- <div class="col2">
- <div class="col left30">
-<p class="hdr">
-Kaiser<br />
-Wilhelm II.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Von<br />
-<b>Friedrich Meister</b>.
-</p>
-
-<p class="center">
-Mit zahlreichen Illustrationen.
-</p>
-
-<p class="center">
-408 Seiten.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<em>Motto</em>: &bdquo;Zu Großem sind
-wir noch bestimmt, und herrlichen
-Tagen führe Ich Euch
-noch entgegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Brosch. M. 3,&mdash;;<br />
-in Prachteinband<br />
-M. 4,&mdash;.
-</p>
-
-<hr />
-
- </div>
- <div class="col right70">
-<p class="hdr">
-Schopenhauers<br />
-Gespräche und Selbstgespräche.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Hrsgeg. von <b>Eduard Grisebach</b>.<br />
-Geheftet M. 3,&mdash;; fein gebunden M. 4,&mdash;.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-<span class="underline">Deutsche Charaktere.</span>
-</p>
-
-<p class="center">
-Geheftet M. 5,50; fein gebunden M. 7,&mdash;.
-</p>
-
-<p class="center">
-Von <b>Richard M. Meyer</b>.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Inhalt: Der germanische Nationalcharakter. &mdash;
-Über d. Begriff der Individualität. &mdash; Tannhäuser.
-&mdash; Der Kampf um den Einzelnen. &mdash; M. R. Lenz. &mdash;
-Friedrich Wilhelm IV. &mdash; K. Immermann. &mdash;
-A. Graf v. Platen. &mdash; Annette v. Droste-Hülshoff.
-&mdash; Ferd. Freiligrath. &mdash; Victor Hehn.&mdash; Fr. Rohmer.
-&mdash; Paul de Lagarde. &mdash; Sechzig Selbstporträts.
-&mdash; Die Gerechtigkeit der Nachwelt.
-</p>
-
- </div>
- </div>
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-Erinnerungen eines Künstlers.
-</p>
-
-<p class="center">
-<b>Von Rudolf Lehmann (London).</b>
-</p>
-
-<p class="center">
-<span class="underline">Mit 16 Lichtdrucken:</span>
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<b>Chopin, Pet. Cornelius, Eckermann, Friedrich III., Gladstone, Ferd.
-Gregorovius, A. v. Humboldt, Lamartine, Liszt, Kardinal Manning,
-Adolf Menzel, Pius IX., L. v. Ranke, Clara Schumann, Tennyson.</b>
-</p>
-
-<p class="center">
-<b>328 Seiten Großoktav. &mdash; <em>Splendide Ausstattung.</em></b>
-</p>
-
-<p class="center">
-<em>Geheftet</em> M. 7,&mdash;; in Damast <em>gebunden</em> M. 8,&mdash;.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Dramen von Max Nordau:
-</p>
-
-
-<div class="table">
-<table class="table452" summary="Table-2">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1"><b>Das Recht, zu lieben.</b> Schauspiel. 2. Aufl.</td>
- <td class="col2" rowspan="3">}</td>
- <td class="col3" rowspan="3">Preis<br/>jedes Bandes:<br/><br/>Geheftet M. 2,&mdash;.<br/>Gebunden M. 3,&mdash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><b>Die Kugel.</b> Schauspiel. 2. Aufl.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><b>Doktor Kohn.</b> Trauerspiel. 2. Aufl.</td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-Peter der Große.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Von<br />
-Dr. K. Waliszewski.
-</p>
-
-<p class="center">
-Deutsche Ausgabe Von Prof. W. Bolin.
-</p>
-
-<p class="center">
-Zwei Bände. 320 + 289 Seiten. Mit Bildnis.
-</p>
-
-<p class="center">
-Preis: Geheftet M. 6,&mdash;; Leinenbd. M. 8,&mdash;; Halbfranzbd. M. 9,50.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Das moderne Rußland ist die Schöpfung Peters des Großen.
-Bis zu welchem Grade und in welcher Bedeutung erweist sich aus der
-Geschichte seines Lebens und Wirkens. Auf urkundliche Zeugnisse gestützt,
-die von bisherigen Forschern weniger berücksichtigt oder auch erst später
-zugänglich wurden, entrollt der bedeutende Geschichtsschreiber ein ebenso
-fesselndes wie durch seine unbestechliche Wahrheitsliebe ergreifendes Bild
-von dem nordischen Reformator. Ihm ist der Zar keineswegs eine
-heroische Ausnahmegröße, wie legendarische Ausschmückung sie gestaltet
-und unkritische Geschichtsauffassung sie willig geglaubt hat. Durch Peter
-den Großen wird Rußland nur rascher auf der Bahn der Entwickelung
-gefördert; durch ihn werden anderwärts bereits gewonnene Kulturerrungenschaften
-einem Gebiet zugewandt, welches durch eigentümliche, geographische
-wie geschichtliche, Verhältnisse in seiner Entwickelung gehemmt worden
-war. Der Verf. bringt den Zaren zugleich in seiner individuellen und
-nationalen Eigentümlichkeit dem Leser mit Anschaulichkeit nahe.
-</p>
-
-<p>
-Das Waliszewskische Werk kann unzweifelhaft als die beste Biographie
-Peters des Gr. bezeichnet werden.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<b>Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung.</b>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-Biographische Blätter.
-</p>
-
-<p class="center">
-Jahrbuch für lebensgeschichtliche Kunst u. Forschung.
-</p>
-
-<p class="center">
-Unter Mitwirkung von
-</p>
-
-<p class="center">
-PProf. DDr. <b>M. Bernays</b>, <b>F. v. Bezold</b>, <b>A. Brandl</b>, <b>A. Fournier</b>, <b>L. Geiger</b>,
-<b>K. Glossy</b>, <b>E. Guglia</b>, <b>S. Günther</b>, <b>O. Lorenz</b>, <b>K. v. Lützow</b>, <b>J. Minor</b>,
-<b>F. Ratzel</b>, <b>Erich Schmidt</b>, <b>A. E. Schönbach</b> u. A.
-</p>
-
-<p class="center">
-herausgegeben von Dr. <b>Anton Bettelheim</b>.
-</p>
-
-<p class="center">
-Band I und II. &mdash; Jeder Band (500 Seiten Lexikon-Format) ist <em>selbstständig</em>
-und <em>einzeln</em> käuflich: Geheftet M. 10,&mdash;; fein gebunden M. 11,50.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die &bdquo;B. Bl.&ldquo; zeigen die Lebensgeschichte von allen Seiten und in
-allen Stadien, im Werden und Sein, in der Theorie wie der Praxis.
-Abhandlungen und Essays, Quellen und Darstellungen, Kritiken und
-Übersichten treten in einen Kreis zusammen, in dessen Mittelpunkt der einheitliche
-Gedanke herrscht, daß Persönlichkeit, Individualität, Menschendasein
-und -Wirken in einzigem Maße erforschens-, wissens- und genießenswert
-ist und bleiben wird, so lange Gelehrte, Schriftsteller und Publikum aus
-lebendigen Menschen bestehen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Prof. <b>A. Dove</b> in der <b>Münch. &bdquo;Allgemeinen Zeitung&ldquo;</b>.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-Geisteshelden.
-</p>
-
-<p class="center">
-Eine Sammlung von Biographieen.
-</p>
-
-<p class="center">
-Bisher erschienen folgende &mdash; <em>einzeln</em> käufliche &mdash; Bände:
-</p>
-
-<p class="list">
-1. <b>Walther v. d. Vogelweide.</b> 2. Aufl. Von Prof. <em>A. E. Schönbach.</em><br />
-2/3. <b>Hölderlin * Reuter.</b> 2. Aufl. Von Dr. <em>Ad. Wilbrandt.</em><br />
-4. <b>Anzengruber.</b> 2. Aufl. Von Dr. <em>Anton Bettelheim</em>.<br />
-5. <b>Columbus.</b> Von Prof. Dr. <em>Sophus Ruge</em>.<br />
-6. <b>Carlyle.</b> 2. Aufl. Von Prof. Dr. <em>G. v. Schulze-Gaevernitz</em>.<br />
-7. <b>Jahn.</b> Von Dr. <em>F. G. Schultheiß</em>. <b>Preisgekrönt.</b><br />
-8. <b>Shakspere.</b> Von Prof. Dr. <em>Alois Brandl</em>.<br />
-9. <b>Spinoza.</b> Von Prof. Dr. <em>Wilhelm Bolin</em>.<br />
-10/11. <b>Moltke, I.</b> Von Oberstleutnant Dr. <em>Max Jähns</em>.<br />
-12. <b>Stein.</b> Von Dr. <em>Fr. Neubauer</em>. <b>Preisgekrönt.</b><br />
-13/15. <b>Goethe.</b> Von Privatdozent Dr. <em>Richard M. Meyer</em>.
-</p>
-
-<p class="novspace center">
-<span class="inline"><img src="images/hand-right.jpg" alt="" /></span> <b>Mit dem 1. Preise gekrönt.</b>
-</p>
-
-<p class="list">
-16/17. 27. <b>Luther. I. II, 1.</b> Von Privatdoz. Dr. <em>Arn. E. Berger</em>.<br />
-18. <b>Cotta.</b> Von Minister Dr. <em>Albert Schäffle</em>.<br />
-19. <b>Darwin.</b> Von Prof. Dr. <em>Wilhelm Preyer</em>&dagger;.<br />
-20. <b>Montesquieu.</b> Von Prof. Dr. <em>Alb. Sorel</em>.<br />
-21. <b>Dante.</b> Von Pfarrer Dr. <em>Joh. Andreas Scartazzini</em>.<br />
-22. <b>Kepler. * Galilei.</b> Von Prof. Dr. <em>S. Günther</em>.<br />
-23. <b>Görres.</b> Von Prof. Dr. <em>J. N. Sepp</em>.<br />
-24. <b>Stanley.</b> Von <em>Paul Reichard</em>.<br />
-25/26. <b>Schopenhauer.</b> Von Konsul Dr. <em>Ed. Grisebach</em>.<br />
-28/29. <b>Schiller.</b> Von Prof. Dr. <em>Otto Harnack</em>.<br />
-30/31. <span class="inline"><img src="images/hand-right.jpg" alt="" /></span> <b>Peter der Große.</b> <span class="inline"><img src="images/hand-left.jpg" alt="" /></span> Von Dr. <em>K. Waliszewski</em>.<br />
-32. <b>Tennyson.</b> Von Prof. Dr. <em>Emil Koeppel</em>.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-Die<br />
-Kulturaufgaben der Reformation.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Von<br />
-Dr. Arnold E. Berger.
-</p>
-
-<p class="center">
-312 Seiten Grossoktav. Geheftet M. 5,&mdash;, fein gebunden M. 6,&mdash;.
-</p>
-
-<p class="dropart noindent">
-<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D" /><span class="hidden">D</span></span>ie in Tausenden von Exemplaren verbreitete, von hervorragenden
-Gelehrten geschriebene Biographieen-Sammlung
-</p>
-
-<p class="novspace hdr">
-&bdquo;Geisteshelden&ldquo;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-bildet einen unentbehrlichen Bestandtheil aller Privat-, öffentlichen und
-Schul-Bibliotheken; sie gewährt einen gediegenen, anregenden und bildenden
-Lesestoff für Männer und Frauen, reife wie reifende Leser.
-Im Unterschied zu den nachträglich entstandenen Spezial-Sammlungen
-bieten die &bdquo;<em><b>Geisteshelden</b></em>&ldquo; Lebensbilder aus <em>allen</em> Gebieten der Kultur,
-Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Der Umfang der gediegen und geschmackvoll
-ausgestatteten Bände umfaßt je 200-300 Druckseiten. Der
-Text ist nicht durch gelehrte Anmerkungen beschwert; doch wird Weiterstrebenden
-im Anhang durch genaue Quellenangaben Material gewährt.
-</p>
-
-<p class="center">
-<b>In Vorbereitung:</b>
-</p>
-
-<p class="list">
-<b>Uhland</b>, von Professor Dr. <em>Erich Schmidt</em>.<br />
-<b>Grillparzer</b>, von Professor Dr. <em>Alfred Freiherr von Berger</em>.<br />
-<b>Hans Sachs</b>, von Privatdozent Dr. <em>Max Herrmann</em>.<br />
-<b>Molière</b>, von Professor Dr. <em>Heinrich Morf</em>.<br />
-<b>Byron</b>, von Professor Dr. <em>Emil Koeppel</em>.<br />
-<b>Buddha</b>, von Dr. <em>Karl Eugen Neumann</em>.<br />
-<b>Helmholtz</b>, von Professor Dr. <em>Hugo Kronecker</em>.<br />
-<b>Friedrich der Große</b>, von Kgl. Archivrat Dr. <em>Georg Winter</em>.<br />
-<b>Napoleon I.</b>, von Professor Dr. <em>Alois Schulte</em>.<br />
-<b>Tizian</b>, von Dr. <em>Georg Gronau</em> in Berlin.<br />
-<b>Michelangelo</b>, von Professor Dr. <em>Alfred Gotthold Meyer</em>.<br />
-<b>Bach * Händel</b>, von Dr. <em>Max Seiffert</em>.<br />
-<b>Mozart</b>, von Professor Dr. <em>Oskar Fleischer</em>.<br />
-<b>Richard Wagner</b>, von Professor Dr. <em>Max Koch</em>.
-</p>
-
-<p class="center">
-Preis jedes Bandes: <span class="underline">Geheftet</span> M. 2,40; in geschmackvollem <span class="underline">Leinenband</span>
-(dunkelrot oder blau) M. 3,20; in feinem <span class="underline">Halbfranzband</span> M. 3,80.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Die Wirtschaftspolitik des Vaterunser.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Von<br />
-Prof. Dr. <b>Gustav Ruhland</b>.
-</p>
-
-<p class="center">
-Zweites Tausend. &mdash; 104 Seiten. &mdash; M. 2,&mdash;.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-DIE LIEDER<br />
-DER<br />
-MÖNCHE UND NONNEN<br />
-GOTAMO BUDDHO&rsquo;S.
-</p>
-
-<p class="center">
-AUS DEM ALTINDISCHEN ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-VON<br />
-<b>Dr. KARL EUGEN NEUMANN</b>.
-</p>
-
-<p class="center">
-400 Seiten Lex.-Oktav. &mdash; Geheftet 10 M.; in Halbfranzband 12 M.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<em>Das Werk ist für die weitesten Kreise bestimmt und
-wird diese mächtig anziehen. Denn hier spricht echter,
-unverfälschter Buddhismus aus jeder Zeile, die eigenen
-Worte des Stifters und seiner Jünger.</em> Es kommt hinzu, dass
-der Inhalt keineswegs einseitig, sondern reichlichst gestaltet ist und
-sich über alle menschlichen Verhältnisse verbreitet, ja sich stellenweise
-<em>zu novellenartiger Feinheit und Eleganz erhebt</em>. Das Buch
-wird nicht nur die Akademiker und Philologen, sondern alle Gebildeten,
-auch verwöhnte Feinschmecker, lebhaft anregen.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-DIE SITTLICHKEIT<br />
-und der philosophische Sittlichkeitswahn.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Von<br />
-<b>Dr. Abr. Eleutheropulos</b><br />
-Privatdozent an der Universität Zürich.
-</p>
-
-<p class="center">
-148 Seiten Lexikon-Oktav. &mdash; Preis M. 3,25.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Selbst wer nicht Philosoph vom Fach ist, wird reiche Anregung
-aus dem geistvollen Buche schöpfen, das auch in kulturhistorischer
-Hinsicht beachtenswerte Erörterungen enthält.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="hdr">
-Deutsche Kern- und Zeitfragen.
-</p>
-
-<p class="unwrap center">
-Von<br />
-<b>Dr. Albert Schäffle</b>,<br />
-K. K. Minister a. D.
-</p>
-
- <div class="col2">
- <div class="col">
-<p class="unwrap center">
-<em>Erste Sammlung</em><br />
-<b>480 Seiten Lexikon-Oktav.</b>
-</p>
-
- </div>
- <div class="col">
-<p class="unwrap center">
-<em>Neue Folge.</em><br />
-<b>510 Seiten Lexikon-Oktav.</b>
-</p>
-
- </div>
- </div>
-<p class="center">
-Jeder Band ist <b>selbständig</b> und <b>einzeln</b> käuflich. Preis jedes Bandes:
-<b>Geheftet M. 10,&mdash;; in feinem Halbfranzband M. 12,&mdash;.</b>
-</p>
-
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">
-Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Variierende Transliterationen der russischen Namen und Begriffe wurden im
-Allgemeinen beibehalten, wie z. B. Neswanowa, Njeswanowa und Njezwánowa.
-Lediglich offensichtliche Fehlschreibungen wurden korrigiert, wie z. B.
-Njezwánowna zu Njezwánowa.
-</p>
-
-<p>
-Andere Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der russischen
-Originale, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... Unpünktlichkeit, <span class="underline">Regellossigkeit</span> nennen müssen. ...<br />
-... Unpünktlichkeit, <a href="#corr-0"><span class="underline">Regellosigkeit</span></a> nennen müssen. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen<span class="underline">.</span> ...<br />
-... Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen<a href="#corr-1"><span class="underline">,</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wir verweisen auf <span class="underline">Makenzie</span> Wallaces vortreffliches Werk ...<br />
-... Wir verweisen auf <a href="#corr-2"><span class="underline">Mackenzie</span></a> Wallaces vortreffliches Werk ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen<span class="underline">;</span> ...<br />
-... unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen<a href="#corr-6"><span class="underline">,</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... verständlich <span class="underline">nnd</span> mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...<br />
-... verständlich <a href="#corr-10"><span class="underline">und</span></a> mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... uns veröffentlichten <span class="underline">Verteidigungschrift</span> lediglich ein &bdquo;advokatorisches ...<br />
-... uns veröffentlichten <a href="#corr-11"><span class="underline">Verteidigungsschrift</span></a> lediglich ein &bdquo;advokatorisches ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... von schlechtem Einfluss und <span class="underline">Aufheztung</span> bestimmt, dessen ...<br />
-... von schlechtem Einfluss und <a href="#corr-12"><span class="underline">Aufhetzung</span></a> bestimmt, dessen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, <span class="underline">Von-</span>Wisin, ...<br />
-... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, <a href="#corr-13"><span class="underline">von </span></a>Wisin, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und <span class="underline">Jastrzemski</span> in Ketten ...<br />
-... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und <a href="#corr-14"><span class="underline">Jastrzembski</span></a> in Ketten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Stepanscikowo</span> und seine Bewohner&ldquo;. Dazwischen schrieb ...<br />
-... <a href="#corr-15"><span class="underline">Stepantschikowo</span></a> und seine Bewohner&ldquo;. Dazwischen schrieb ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszu<span class="underline">prechen</span>. Fertige ...<br />
-... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszu<a href="#corr-18"><span class="underline">sprechen</span></a>. Fertige ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Rhein gesehen habe. (Nikolaj <span class="underline">Nikolojewitsch</span>, das ist ...<br />
-... Rhein gesehen habe. (Nikolaj <a href="#corr-22"><span class="underline">Nikolajewitsch</span></a>, das ist ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">merkmürdige</span> Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ...<br />
-... <a href="#corr-23"><span class="underline">merkwürdige</span></a> Punkte mit einem Führer zu besichtigen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... einem Briefe an den Bruder, wo es <span class="underline">heist</span>: &bdquo;Der zweite ...<br />
-... einem Briefe an den Bruder, wo es <a href="#corr-24"><span class="underline">heisst</span></a>: &bdquo;Der zweite ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara <span class="underline">Russ</span> geboren ...<br />
-... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara <a href="#corr-27"><span class="underline">Russa</span></a> geboren ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der ersten <span class="underline">Häfte</span> seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky ...<br />
-... der ersten <a href="#corr-28"><span class="underline">Hälfte</span></a> seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... debattiert haben, über Sie und Anna <span class="underline">Jwanowna</span> &mdash; es war ...<br />
-... debattiert haben, über Sie und Anna <a href="#corr-29"><span class="underline">Iwanowna</span></a> &mdash; es war ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">karikirt</span>. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...<br />
-... <a href="#corr-32"><span class="underline">karikiert</span></a>. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Ja, sie; <span class="underline">Natalje</span> Wassiljewna! im heurigen März!&ldquo; beantwortet ...<br />
-... &bdquo;Ja, sie; <a href="#corr-35"><span class="underline">Natalja</span></a> Wassiljewna! im heurigen März!&ldquo; beantwortet ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... heute zufällig <span class="underline">anf</span> dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben ...<br />
-... heute zufällig <a href="#corr-36"><span class="underline">auf</span></a> dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in den See und <span class="underline">ersoffen</span>.&ldquo; ...<br />
-... in den See und <a href="#corr-37"><span class="underline">ersoff</span></a>.&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken <span class="underline">Dotojewskys</span> ...<br />
-... Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken <a href="#corr-38"><span class="underline">Dostojewskys</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Njetoschka <span class="underline">Njezwánowna</span>&ldquo;, 47. 53. 420. ...<br />
-... &bdquo;Njetoschka <a href="#corr-40"><span class="underline">Njezwánowa</span></a>&ldquo;, 47. 53. 420. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY ***
-
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