summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/52012-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/52012-0.txt')
-rw-r--r--old/52012-0.txt11902
1 files changed, 0 insertions, 11902 deletions
diff --git a/old/52012-0.txt b/old/52012-0.txt
deleted file mode 100644
index 5e70554..0000000
--- a/old/52012-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,11902 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Shakespeare (Volume 1 of 2), by Gustav Landauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Shakespeare (Volume 1 of 2)
- Dargestellt im Vorträgen
-
-Author: Gustav Landauer
-
-Editor: Martin Buber
-
-Release Date: May 6, 2016 [EBook #52012]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SHAKESPEARE (VOLUME 1 OF 2) ***
-
-
-
-
-Produced by Mark C. Orton, Itay Perl, Reiner Ruf, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-(This book was produced from scanned images of public
-domain material from the Google Books project.)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription:
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert bzw. ergänzt. Einige altertümliche Wortformen wurden vom
- Autor offenbar in illustrativer Absicht eingefügt; diese Begriffe
- wurden nicht verändert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht
- vereinheitlicht.
-
- Im Originaltext beginnen neue Absätze ohne Kennzeichnung durch
- Einrückungen oder vergrößerte Zeilenabstände. In einzelnen
- Fällen mussten daher vom Bearbeiter willkürliche, aber möglichst
- sinngemäße, Entscheidungen bezüglich des Beginns eines neuen
- Absatzes getroffen werden.
-
- Wie bei den meisten Frakturschriften üblich, kann auch im Original
- zwischen den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht unterschieden werden.
- Die Zuordnung erfolgte in einigen Fällen gezwungenermaßen rein
- willkürlich; obwohl beispielsweise die Schreibweisen ‚Iago‘ sowie
- ‚Jago‘ gleichermaßen bekannt sind, wurde in diesem Text die Form
- ‚Jago‘ verwendet.
-
- Die Originalausgabe enthält lediglich am Ende des zweiten Bandes
- ein Inhaltsverzeichnis für beide Bände, welches in der vorliegenden
- elektronischen Fassung der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter
- zusätzlich an den Beginn dieses ersten Teiles gestellt wurde.
-
- Gesperrt gedruckte Passagen wurden mit _Unterstrichen_
- gekennzeichnet; Stellen in Antiquaschrift sind von ~Tilden~ umgeben.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Gustav Landauer
-
- Shakespeare
-
- Dargestellt in Vorträgen
-
- Erster Band
-
- 1922
-
- Literarische Anstalt Rütten & Loening
- Frankfurt am Main
-
-
-
-
- Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten
- ~Copyright 1920 Literarische Anstalt
- Rütten & Loening, Frankfurt a. M.~
-
- Im letztwilligen Auftrag des Verfassers
- herausgegeben von
- _Martin Buber_
-
- _6. bis 10. Tausend_
-
- Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
-_Erster Band_
-
- Seite
-
- Vorwort V
-
- Romeo und Julia 1
-
- Der Kaufmann von Venedig 42
-
- König Johann 91
-
- Julius Cäsar 139
-
- Hamlet 189
-
- Troilus und Cressida 256
-
- Othello 303
-
-
-_Zweiter Band_
-
- Maß für Maß 1
-
- Macbeth 48
-
- König Lear 80
-
- Antonius und Cleopatra 130
-
- Timon 160
-
- Coriolan 189
-
- König Zymbelin und Das Wintermärchen 238
-
- Der Sturm 269
-
- Die Sonette 318
-
- Shakespeares Persönlichkeit 371
-
-
-
-
-Vorwort zur ersten Auflage
-
-
-Gustav Landauer hat an diesem Werk etwa vom Frühjahr 1917 bis zum
-November 1918 gearbeitet. Es entstand aus einer Reihe von zwanzig
-Vorträgen, die er in Berlin gehalten hatte.
-
-Als das entscheidend Neue in diesen Vorträgen und in dem Werk, das
-sie zusammenfaßt, hat Landauer selbst das Prinzip der _Freiheit_
-bezeichnet. „Freilich in keinerlei politischem, auf Zustände
-abzielendem Sinn“, sagt er davon in einem Brief vom Juni 1917; „nichts
-liegt Shakespeare ferner; Freiheit vielmehr im Menschlichen, Privaten,
-zumal in dem Verhältnis, das Shakespeares immerwährendes Problem ist,
-dem zwischen Trieb und Geist. Freiheit von Formeln, Konventionen
-theoretischer wie moralischer Art.“
-
-Über das Wesen seiner Betrachtungsart spricht sich Landauer in Briefen
-an den Verlag so aus:
-
-„Ich gehe an Shakespeare nicht irgend literarhistorisch heran, sondern
-gerade so wie an philosophische, politische, soziale Probleme unserer
-Zeit: um der Lebendigkeit und des innersten Kerns unseres menschlichen
-Lebens willen.
-
-In allen diesen Vorträgen, in denen ich mich so tief, wie es mir
-möglich ist, in den Dichter und seine jeweilige Welt hinein begebe,
-ruht im Grunde die Frage nach dem Sinn und der Aufgabe des Lebens...
-
-Man muß das Rätsel der Welt und ihrer Prozesse im tiefsten Innern der
-Menschen zu suchen gewohnt sein, im Verhältnis des Ichs zu sich selbst.
-Ich bringe Shakespeare und seine Art, die Menschen nicht bloß in ihrer
-Beziehung zu den anderen, sondern in ihrem verräterischen Verhältnis zu
-sich selbst zu erkennen, in allernächste Beziehung zu Spinozas Ethik
-und -- da er sich nicht in Abstraktionen bewegte, sondern in Anschauung
--- zu Rembrandts Kunst...
-
-Vor allem aber hoffe ich, bei allem, was Jugend und Wachstum in sich
-hat, das Zentrum des Lebens zu treffen und nicht oberflächlich zu
-berühren, wo Denken, Fühlen und Wollen so zusammentreffen, daß die
-ernste ringende Sehnsucht nach der Einheit dieser Lebenskreise aus
-innerem Gewissen fließt... Denn Wissen und Denken allein tun’s nicht;
-all unser Leben ist viel zu sehr in Fakultäten und Bezirke geteilt, und
-auch das öffentliche Leben kann nur im Intimsten Heilung und Erneuerung
-finden.“
-
-Welche Bedeutung das Shakespeare-Werk in Landauers Leben hatte, geht
-aus zwei anderen Briefstellen hervor. Am 26. Dezember 1918 schreibt er
-an den Verlag: „Bleibe ich bei Kräften, so soll trotz allem Aktuellen
-der Shakespeare bald fertig sein. Denn keiner wie der stärkt mich
-in dieser Zeit.“ Und am 11. Januar 1919: „Es steht so, daß mir die
-Revolution wieder die Frische und Arbeitskraft gegeben hat, die ich zu
-dieser Hauptarbeit brauche; daß mir aber in den letzten zwei Monaten
-und auch noch für die nächste Zeit die Revolution die Zeit genommen
-hat, daran zu arbeiten.“
-
-Die Zeit zur Vollendung des Werkes war ihm jedoch nicht gegönnt -- er
-fiel in der Revolution, in München, am 2. Mai 1919.
-
-Von den zwanzig Vorträgen hat er den ersten, der einleitend „Die Zeit“
-darstellte, den vierten („Die Lustspiele“), den fünften und sechsten
-(„Die Königsdramen“) -- bis auf „König Johann“ -- und den Schlußvortrag
-(„Shakespeares Persönlichkeit“) nicht mehr ausgearbeitet. In den
-Gedankengang des letzteren aber gewähren die Notizen, nach denen er
-gesprochen wurde und die am Schlusse des Buches mitgeteilt werden,
-einen Einblick.
-
-Einige Vorträge hat Landauer noch selbst zum Druck vorbereitet. Bei der
-Korrektur der übrigen mußten mehrere Schreibfehler und Ungenauigkeiten
-richtiggestellt werden; doch ist keine Änderung erfolgt, von der nicht
-aus guten Gründen angenommen werden durfte, daß sie der Absicht des
-Verfassers entsprach.
-
- _Herausgeber_ und _Verlag_
-
-
-
-
-Romeo und Julia
-
-
-Romeo und Julia ist Shakespeares populärstes Stück; das Grundthema
-ist sprichwörtlich geworden und hat andere Fälle ähnlicher Art, wie
-Hero und Leander, Pyramus und Thisbe, Tristan und Isolde, die zwei
-Königskinder, von denen das deutsche Volkslied in allen Mundarten
-singt, zurückgedrängt; kommt im Leben oder in der Dichtung tragische
-Liebe zwischen Kindern feindlicher Häuser vor, so ist es ein neuer
-Fall des typischen Erlebnisses von Romeo und Julia. Dabei sind die
-vielfachen Behandlungen, die der Stoff vor Shakespeare fand, ganz
-ohne Mitwirkung; sie sind verschollen und interessieren nur noch
-literarhistorisch in bezug auf Shakespeares Stück; und was nach
-Shakespeare kam, Werke der Musik vor allem, bezog alle Süßigkeit und
-Leidenschaftsgewalt von dem Dichter.
-
-Was diese Liebestragödie so jung und lebendig macht und alle Zeiten
-und Völker, alle Altersstufen und Stände, Mädchen und Knaben, Männer
-und Frauen, schlichte Handwerker und Weise rühren und erschüttern
-läßt, hat Lessing mit endgültigen Worten in der Hamburger Dramaturgie
-ausgesprochen in einer der Bemerkungen, die Shakespeares entscheidenden
-Einfluß auf die Revolution des Gefühls in Deutschland begründet haben:
-„Ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbst hat arbeiten
-helfen; und das ist Romeo und Julie von Shakespeare.“
-
-Die älteste Geschichte, die uns von Romeo und Julia in Verona
-berichtet, hat den Italiener Luigi da Porta zum Verfasser und ist 1524
-erschienen. Weite Verbreitung fand die Erzählung durch die Fassung,
-die ihr 1554 Bandello in seiner Novellensammlung gab. Wahrscheinlich
-auf dem Umweg über eine französische Vorlage kam die Geschichte nach
-England und wurde 1562 in einem epischen Gedicht von Arthur Brooke,
-1567 in Paynters Novellensammlung „Palast des Vergnügens“ behandelt.
-Diese beiden Fassungen sind Shakespeares Quellen, und, wie gewöhnlich,
-hält er sich, was die äußere Handlung angeht, treu an die Vorlage;
-was, vom reichen Episodenwerk abgesehen, an der Haupthandlung neu
-dazu gekommen ist, dreht sich um die eine Gestalt, die so gut wie
-ganz Shakespeares Erfindung zu sein scheint: Mercutio. Aber von
-irgend welcher Charakteristik, irgend welchem Versuch, ins Innere der
-Menschenseele hineinzuleuchten, ist in den Novellen nichts zu finden,
-und ebensowenig etwas von der Gegenüberstellung gesellschaftlicher
-Sphären oder gar von Liebesstimmung und romantischem Zauber; es ist,
-wie es die Art dieser Erzählungen ist, welche Fülle mitteilen, alles
-Abenteuer, Anekdote, traurige Geschichte, arger Zufall.
-
-Ob an der Geschichte irgend etwas Wahres ist, wissen wir nicht; da aber
-Masuccio schon 1476 einen sehr ähnlichen Vorfall aus Siena berichtet,
-und da Dante zwar die Capelleti und Montecchi kennt, beide aber als
-Ghibellinen nennt und von ihrer Feindschaft so wenig etwas weiß wie von
-dem Liebespaar, ist es nicht eben wahrscheinlich. Daß im Jahre 1595
-der Historiker oder Geschichtenerzähler Girolamo della Corte die Sache
-als wirklichen Vorfall berichtet, beweist so wenig etwas wie Julias
-Steinsarg, der heute noch in Verona gezeigt wird.
-
-Shakespeares Stück ist zuerst 1597 in einer jener Quartausgaben
-erschienen, die häufig nicht vom Dichter selbst herrühren werden; sie
-mögen auf Regiebücher, Rollen der Schauspieler, manchmal etwa auch auf
-eine Art stenographischen Raub während der Aufführungen zurückgehen.
-Wie die Verhältnisse des Theaterdichters damals waren, mußte er oft
-mehr an der Geheimhaltung als am Druck seiner Stücke interessiert
-sein. So ist dieser erste Druck von Romeo und Julia verstümmelt, der
-zweite, der ähnlich entstand und 1599 erschien, berichtigt einiges,
-manchmal kann man nur sagen, er bringt eine andere Fassung, die bald
-besser, bald schlechter ist. In der von Shakespeares Freunden 1623
-veranstalteten Gesamtausgabe, der Folio, findet sich dann der Text im
-großen ganzen so, wie er uns vertraut ist.
-
-Will man nun, wie mit einem Sprung, in die Seelen des Menschenpaares,
-das Shakespeare hier darstellt, hinein kommen, will man sie in ihrem
-eigenen Kern überraschen, so bereite man sich zu dieser schnellen
-Reise, indem man etwa an eine so ganz andere Julie, an Strindbergs
-Adelsfräulein, und in dieser modernen Sphäre an Gestalten Dostojewskijs
-oder auch an die Mädchen und Frauen und Männer in Jean Pauls Titan
-denkt. Wie zweifelhaft und gespalten, wie innen von den Verhältnissen
-gefärbt, wie hin und her gerissen und zusammengesetzt sind diese
-Menschen! Das erste Kennzeichen, eine wesentliche Voraussetzung
-dieses Gedichts ist die Einfachheit, die Eindeutigkeit, die
-Seelenfestigkeit des Menschenpaares, dessen Schicksal berichtet wird.
-Wie die olympischen Götter bei Homer zwar in die mannigfachsten und
-verworrensten Geschehnisse verstrickt sein können, jeder und jede
-aber in unverrückbarer Sicherheit, wie ein Sternbild am Himmel, in
-ihrer repräsentativen Individualität stehen, so lebt der Gotteszwang
-des Menschlichen, den wir Freiheit nennen, in Romeo und Julia von
-dem Augenblick an, wo der Zug der Liebe zwischen ihnen waltet. Die
-Handlung ist kompliziert, die Charaktere sind einfach. Das gilt
-keineswegs durchweg so für Shakespeare; wer wird einen Hamlet oder
-Macbeth oder auch Lear, ganz abgesehen von den Parolles, Edmund,
-Jago, einfache Seelen nennen wollen? So viel wird man zwar sagen
-dürfen, daß die feste Geradheit und Sicherheit, mit der sich in jedem
-Moment Art und Richtung des Menschen ausspricht, bei allen Gestalten
-Shakespeares größer ist als bei den Menschen, die unsre Dichter heute
-zu schildern haben; Geist, Sprache, Mimik, Gestikulation, der Ausdruck
-mit einem Wort ist bei seinen Menschen wie ein gewachsenes Stück
-Natur; triebhaft, leidenschaftlich, wie mit einem Löwensatz deckt sich
-jedesmal der Ausdruck mit dem Willen; jedesmal, aber die Momente, die
-Verfassungen und Stimmungen der einzelnen können mannigfach verschieden
-und untereinander in Mißklang sein. Auch von Gestalten dieses unsres
-Stückes gilt, daß sie keineswegs ganz selbstsicher und eindeutig sind;
-Mercutio ist es sein ganzes Leben lang nicht, er hadert mit sich wie
-mit der Welt; am alten Capulet nagt irgendwo ein Wurm, der ihn nicht
-zur Ruhe und zur Einheit kommen läßt; wollte man sich den nun zur
-sanften Stille und Beschaulichkeit gediehenen alten Franziskaner, den
-Bruder Lorenzo näher ausgestalten, so stieße man gewiß auf mancherlei
-Zwiespältigkeit; und Romeo selbst, solange er noch als Liebesüchtiger
-in der Welt irrt, ist das Urbild des Schwankens und der Zerfahrenheit.
-Sowie aber, beim ersten Blick, die Liebe ihn erfaßt, ist er zu sich
-gekommen und ganz bei sich und so eins mit sich, wie die Liebe ihn eins
-mit Julia macht. Und in der Tat: wer sich nicht liebt, wie sollte der
-lieben können? Und umgekehrt: da Liebe Lust ist, die im geliebten Wesen
-die Welt freudig umarmt, was sollte sie eher hervorbringen, als die
-stolze Art, in der der Mensch sich zu sich bekennt und auf sich selber
-steht?
-
-Ein Schicksal wird dargestellt: das Erlebnis der Liebe in der Welt des
-Streits.
-
-Die Jugend, die zum Leben erwacht, Mann und Weib, die zusammenfliegen
-wie getrennte Teile in Sehnsucht zur Erfüllung und Ganzheit, werden
-getrennt von der widrigen Umgebung.
-
-So wie es hier gesagt ist, liegt Notwendigkeit in diesem Schicksal:
-„sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu breit“ --
-und die breiten Gewässer, die sie trennen, sind eben das, was sich
-der Liebe in der Welt entgegensetzt: der Haß und der Streit. Aber
-ist es denn so in diesem Stück? in dieser Handlung, die der Dichter
-von der Überlieferung übernommen hat? Ist, was die letzte tragische
-Wendung herbeiführt, nicht vielmehr ein Zufall? Und ist das Stück also
-in diesem Sinne ein Schicksalsdrama, daß grausame Verkettungen, für
-die keinerlei menschliche Leidenschaften und Einrichtungen haftbar
-gemacht werden können, die Entscheidung bringen? Ja, noch mehr könnte
-man sagen wollen: weder die Art von Romeos und Julias Liebe trägt die
-Schuld an dem unglücklichen Ausgang, noch die Umgebung des Hasses, in
-die diese Liebe gestellt ist; und nicht einmal dürfte man behaupten,
-daß ein boshaft-teuflisches oder unbegreiflich-göttliches Regiment die
-Welt so eingerichtet habe, daß es der Liebe im allgemeinen so ergehe;
-sondern es wäre nur ein abenteuerlicher Unglücksfall von keinerlei
-typischer Bedeutung. Hätte Lorenzos Bote Romeo rechtzeitig erreicht --
--- oder hätte Julia ein weniger gewagtes Mittel zur Flucht gewählt --
---, so wäre ja in der Tat alles anders gekommen und hätte am Ende --
-vielleicht -- doch glücklicher ausgehn können.
-
-Darauf ist zunächst zu erwidern: der Dichter ist nicht der Erfinder;
-und Shakespeare ist ganz gewiß kein Erfinder von Fabeln. Im allgemeinen
-wird man bei Betrachtung der Literatur aller Völker sagen können, daß
-das die größten Dichtungen sind, bei denen der letzte Former einen
-fertigen, im Hauptsächlichen unantastbar und heilig gewordenen Stoff
-vorfindet; der große Dichter erfindet Motive und findet so den Sinn
-einer überlieferten Fabel; er erfindet nicht das Geschehnis. Dumas
-Vater wäre, wenn es aufs Erfinden ankäme, einer unsrer gewaltigsten,
-Dostojewskij einer unsrer kleinsten Dichter; ihm wie Tolstoj genügte
-ein dürrer Tatsachenbericht in der Gerichtszeitung oder ein Ereignis,
-das Bekannte berichteten. Ist schließlich Faust eine höhere, weniger
-aufs Nationale und Zeitliche beschränkte Dichtung als Wilhelm Meister,
-der im Entscheidenden denselben Sinn birgt, so darum, weil Faust
-durch Überlieferung zum Mythosstoff geworden, der Roman eine um des
-Sinns willen individuell erfundene Geschichte ist; und in denselben
-Zusammenhang gehört, daß die Teile in Goethes Roman die besten sind,
-die aus dem eigenen Leben des Dichters geflossen sind.
-
-In Romeo und Julia liegt eine bekannte Geschichte vor, die gegeben
-ist; die sogar als historisch wahr geglaubt wurde. Der Dichter hat
-das Amt zu deuten; nicht nach dem Was fragen wir ihn; das ist uns wie
-ihm überliefert und bekannt; er soll uns das Wie sagen. Wie war es
-eigentlich? Was ging bei diesem wunderbaren Erlebnis in den lebendigen
-Seelen der Menschenkinder vor, denen es zum Los fiel? Und wie war das
-Verhältnis dessen, was Zufall, besondere Verkettung und Mißgeschick,
-was feindliche Umwelt, was Art und Wesen dieser Seelen selbst zu
-diesem Schicksal beitrugen? War es am Ende so, daß ein Blitzstrahl
-vom Himmel dieses Paar erschlug und daß doch unser tiefstes Mitwissen
-sagt: sie mußten in jedem Fall sterben; das Leben in dieser schnöden
-Welt war ihnen nicht möglich, der Tod, der plötzlich und wie von außen
-herniederfuhr, war für sie und für unser Mitgefühl wie eine Erlösung?
-
-Das jedenfalls ist das Merkmal dieser Art Dichtung, daß nicht das
-Gewöhnliche und Übliche, nicht das, was abstrakt logisch aus gegebenen
-Voraussetzungen zu schließen ist, sondern das Außerordentliche, das
-Wunderbare die Fabel bildet. Man kann dieses Element in Shakespeares
-Drama je nach dem Gesichtspunkt das epische, das romantische oder
-das irrationale nennen; immer geht es darum, daß das Schicksal
-nicht aus dem Charakter fliegt wie eine Kugel aus dem Lauf oder das
-Resultat aus der Rechnung; daß die Katastrophe auch nicht aus der
-Intrige folgt wie der Knall auf die Zündung, sondern daß noch etwas
-Unvorhergesehenes dazu kommt, daß ein unauflösbarer Rest bleibt, daß
-es zugeht wie im Leben und in der Natur. Mit ästhetischen Gesetzen
-abstrakt-mechanischer Art, wie zum Beispiel dem der tragischen Schuld,
-oder empirisch-gewohnheitsmäßiger Art, daß im letzten Akt etwa kein
-neues Ereignis mehr plötzlich entscheidend dazu treten darf, kommt man
-Shakespeare nicht bei. Die Natur ist nicht mechanisch.
-
-Vielleicht aber gibt es ein Naturgesetz, das uns zu der
-Shakespearischen Tragödie, zur Art dieses Dichters, Charakter,
-Schicksal und Ungefähr mit einander zu verflechten, eine Analogie
-bietet. Ist man im Gebirge über eine gewisse Grenze hinaufgestiegen, so
-trifft man auf Bäume, denen das Leben immer schwerer und schließlich
-unmöglich gemacht ist. Ihre Wurzeln suchen, da kein Humus mehr haftet,
-in den Ritzen der Felsen vergebens nach genügender Nahrung; sie sind
-den tobenden Stürmen ausgesetzt; die Gesamtmenge Wärme, die ihnen im
-Lauf des Jahres zukommt, ist für ihre Bedürfnisse zu niedrig; sie
-müssen zugrunde gehn. Sterben sie nun an diesem Verhältnis des Innen
-zum Außen, ihrer Bedürfnisse zu den Bedingungen, die sich versagen?
-Sterben sie an dieser Negation, daß ihnen die Lebensbedingungen fehlen?
-An dem Verdikt, das eine Intelligenz ausspricht: so kann man nicht
-leben? Ja und nein; denn es kommt in jedem Fall noch etwas dazu. Sie
-würden sterben müssen; sie sind dem Tod geweiht von der Logik der
-Tatsachen; aber ehe sie am Ende angelangt sind, machen sich aussaugende
-Schmarotzer, deren sie sich, wenn sie bei genügenden Kräften wären,
-erwehren würden, ihre Schwäche zunutze, zehren an ihrem Leben, und
-nicht am Mangel der rechten Lebensbedingungen, sondern ermordet von
-der Schar dieser kleinen Feinde gehen sie zugrunde. Man kennt das
-Moos und die Flechten, die an Stamm und Zweigen dieser letzten Bäume
-hängen wie greise Bärte; man weiß auch von den kleinen Schädlingen, die
-das Werk der Vernichtung vollenden. So ist es überall in der Natur;
-keine Pflanze, kein Tier und kein Mensch stirbt an Alter oder Hunger
-oder Entkräftung oder gebrochenem Herzen; es kommt immer noch etwas
-dazu. Wenn sie aber schon an Blinddarm- oder Lungenentzündung oder
-sonst einer Krankheit, am massenhaft überhand nehmenden Leben kleiner
-Feinde, kleiner Zufälle zugrunde, zum Ende gingen, so sind sie doch an
-Alter oder Hunger oder Entkräftung oder gebrochenem Herzen gestorben.
-Hamlet ist im Zweikampf mit Laërtes zugrunde gegangen, den er in einer
-Aufwallung tragischer Laune provozierte, es ist wahr; dieser Zweikampf
-war vom König in einer Intrige angezettelt, es ist auch wahr; und
-Hamlet mußte im Konflikt zwischen seiner Natur und seiner Umgebung
-irgendwie zugrunde gehen, das ist gewiß wahr. Irgendwie -- aber die
-Natur und die Geschichte und Shakespeare sind nicht so arm, wie das
-abstrakt mit ein paar dürftigen Motiven haushaltende und kalkulierende
-Theatertalent, das den Punkt zur geraden Linie und seine gerade Linie
-mit dem logischen Schlußpunkt zur Strecke bringt. Das Einfache ist, wie
-das Sprüchlein sagt, das Siegel der Wahrheit; aber nur insofern, als
-Wahrheit eben eine vereinfachende Tätigkeit des Menschengeistes, aber
-nicht Wirklichkeit ist. Und das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes gilt
-allenfalls nur in einer Welt, der man vorher Üppigkeit, Verschwendung
-und Überfluß, immer neue Einfälle, Auswege und Überraschungen bewilligt
-hat.
-
-So wird allerdings in dem Drama, das uns zuinnerst ergreifen soll,
-das besondere Erlebnis, das vorgeführt wird, irgendwie in Einklang
-stehen mit den besonderen Naturen, an denen es sich vollzieht. Aber
-es wird keine mechanische, keine logische, keine restlos auf eine
-Formel zu bringende Übereinstimmung sein. Und es wird in vielen Dramen
--- nicht in allen --, wird in einer bestimmten Gattung in der Tat so
-sein, daß eine geheimnisvolle Stimme in uns spricht wie unser eignes
-Gewissen: das Schicksal dieser Menschen und ihr Charakter stehen
-in einer sicheren Beziehung. Ja, es ist so; aber nicht so, daß sie
-beide auf eine Schnur zu reihen sind; daß wir diesen Zusammenhang mit
-Händen greifen oder verstandesmäßig fassen können. Es bleibt alles
-in der Ahnung, im Gefühl; und zu alle den Klarheiten, Nüchternheiten
-und ästhetischen Geboten verhält sich die Dichtung nicht anders, als
-die thematische Verschlingung und Auflösung in der Musik sich zur
-Mathematik verhält. In der Musik ist alles und nichts mit Zahlen
-auszudrücken; und in der Dichtung wie im Leben ist alles und nichts
-begrifflich zu verstehen.
-
-Romeo und Julia gehört durchaus zu der tragischen Gattung, die wir
-eben nannten; Schicksal und Charakter dieses Menschenpaares stehen in
-einem innigen Zusammenhang. Und wenn gesagt wird, alles wäre anders
-gekommen, wenn Julia ein weniger gewagtes Mittel gewählt hätte, so
-ist zu erwidern: dann wäre sie eine andere gewesen. Denn mit diesem
-Wort: Gewagt! haben wir aus der Seele ihrer Menschen heraus das Thema
-dieser Dichtung: ein schwermütiger, weltschmerzlicher Jüngling, ein
-spröd knospendes Mädchenkind, beide werden kühn durch die Übergewalt
-plötzlicher Liebe.
-
-Eine selige Blindheit überfällt sie sofort: in der Welt gibt es nunmehr
-nur noch sie beide; vorher irrten sie tastend in der Welt; jetzt ist
-die Welt aufgegangen in ihnen. Sie sehen einander und sind verwandelt
-in die glühende, blühende Gewalt der Innigkeit; ihre Begrüßung wird
-zum Gedicht; wie die Strophen und Reime des Sonetts, das sich aus
-ihrer holden Paarigkeit zusammenfügt, sich mehr als jede andre Form in
-einander verschlingen, so flechten sich ihre Hände, ihre Blicke, ihre
-Lippen zusammen. Das Leben wird ihnen sofort zum Spiel des Suchens und
-Findens, und so kühn wie der Jüngling in der Werbung ist, so kühn ist
-das Mädchen in der Gewährung. ~Detorquet ad oscula cervicem~, wie
-Horaz so lieblich graziös dichtet: sie wendet, wie er küssen will, den
-Hals weg, den Küssen entgegen.
-
-Nur einmal wieder hat die frei sich hingebende, reine, jungfräuliche,
-kühne Liebe diese Sprache der Unschuld gefunden, in Faust und Gretchen;
-einmal freilich schon vorher, wenn auch nur aus dem Munde des Mädchens:
-im Hohen Liede der Hebräer.
-
-Und in freier Kühnheit, mit dem Wagemut der Nachtwandler tun die
-jungen Liebenden in Verona weiter, was sie vom allmächtigen Zwang der
-Liebe unterjocht erleiden: Romeo springt nachts über die Mauer in den
-Garten des Feinds seines Hauses. Julia, die das volle Bewußtsein der
-furchtbaren Not dieser Liebe hat -- ihr erstes Wort ist: Weh mir! --,
-vertraut in lautem Hinausreden der Sternennacht ihre Liebe, und diese
-Sprache der Liebe ist uns so notwendig zu dieser Saat der Gestirne
-gehörig wie das nimmermüde Sprudeln des Quells oder das Aufrauschen der
-Bäume.
-
-Und nun, wo sie erfahren haben, wer sie sind, in welche tödliche
-Feindschaft hinein diese unentrinnbare Liebe sich ihren Platz gesucht
-hat, wo sie alles wissen und alles ahnen, was kommen muß, wiederholen
-sie als die, die sie sind, die Werbung und die Hingabe: sehend und doch
-blind akzeptieren sie, vollstrecken sie ihr Los. Sie haben es einander
-angetan, sie tun sich ihr Schicksal gemeinsam an; sie wollen ihr
-Gefühl, sie tun ihr Leiden. Sie sind, als Liebende in einer Welt, die
-Feindschaft oder Fremdheit zur Bedingung macht, in einer Ausnahmelage,
-wie Flüchtige, die wissen, den Häschern können sie nicht entrinnen; und
-darum kann sich ihre Liebe der Zucht der Langsamkeit, dem schmerzlichen
-Sehnen und gezwungen-freiwilligen Warten, in das sie sich sonst wohl
-gefunden hätte, nicht bequemen. Julia spricht:
-
- Gern hielt’ ich streng auf Sitte, möchte gern
- Verleugnen, was ich sprach: doch weg mit Förmlichkeit!
- Sag, liebst du mich?
-
-In all dieser die Verwegenheit nicht scheuenden Freiheit ihrer Liebe
-aber bleibt Julia immer ganz natürlich, ganz holdes Weib; ihre Liebe
-kennt keine von anderswoher als von der Liebe selbst geholte Freiheit;
-sie hat nichts irgend Emanzipiertes an sich. Sie weiß ja, wie sich’s
-gehört:
-
- Dächtest du, ich sei
- Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken,
- Will widerspenstig sein und nein dir sagen,
- So du dann werben willst: sonst nicht um alles.
-
-In allem strengen Ernst, der das Schicksal und die Zukunft weiß, hat
-sie ganz die leichte frohe Heiterkeit, die zur Liebe gehört. Und das
-ist der einzige Zauber dieser Szene: das Wissen um die Tragik ist in
-ihnen, zumal in Julia, und doch dabei die beseligte Freudestimmung;
-ihre Seelen sind stark genug, daß sie ganz der Liebe und ganz auch
-zugleich dem sichern Gefühl hingegeben sind,
-
- wie liebe mit leide ze jungest lônen kan.
-
-Gleich nach dieser schäkernden Erinnerung an die Sitte und den Brauch
-jung keimender Liebe kommt der tiefe Ernst wieder über sie:
-
- Doch glaube, Mann, ich werde treuer sein
- Als sie, die fremd zu tun geschickter sind.
-
-Julia Capulet hat in dieser Szene durchaus die Führung, sie umfaßt das
-Schicksal dieser Liebe ganz in Geist und Gemüt; sie spricht ihr das
-Motto:
-
- Obwohl ich dein mich freue,
- Freu’ ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.
-
-Den stärksten Eindruck von der unausrottbar festgewurzelten
-Feindschaft, die zwischen den beiden Familien herrscht, bekommt man
-dadurch, daß es den Liebenden gar nicht in den Sinn kommen kann, an
-die Möglichkeit einer gütlichen Verständigung, einer Versöhnung ihrer
-Häuser zu denken. Sofort kommt es ihnen, und Julia spricht es zuerst
-aus, daß nur ein Weg offen steht: heimliche Vermählung.
-
-Romeo eilt zu seinem väterlichen geistlichen Freund, dem Bruder
-Lorenzo, und überwindet bei ihm alle Hindernisse; der, weil er Romeo
-lieb hat, weil ihm der neue Geist, das Feuer, die Echtheit, die nun
-endlich in dem Jüngling von der Liebe geweckt worden sind, gar wohl
-gefallen, und noch aus einem Grund, gibt gern nach: er, dem es gelungen
-ist, Natur und Vernunft mit den äußeren Formen des gläubig-frommen
-Lebens zu versöhnen, er, der mild gewordene Südländer, dem die
-leidenschaftliche Geschlechtsliebe, die innige Gattenliebe und die
-allgemeine gütige Menschenliebe in ein Reich gehören, er hofft, woran
-das Liebespaar selbst nicht zu glauben und zu denken vermag: auf die
-Versöhnung der Feinde durch die Liebenden; dazu ist aber nötig, daß die
-Feinde gar nicht erst in die Lage kommen, Einspruch zu erheben; sie
-müssen vor die vollendete Tatsache, daß das unzerreißbare Band, das
-Sakrament der Ehe das junge Paar umschließt, gestellt werden.
-
-Hier zuckt etwas auf, was nun das Schicksal der beiden, vor allem
-Julias, in allem Ferneren begleitet: tragische Ironie. Es kommt ja in
-der Tat so, wie der gute, weltkluge und weltfromme Bruder hofft: die
-feindlichen Familien werden sich um der Liebe Romeos und Julias willen
-die Hand zur Versöhnung reichen; aber wie anders wird es aussehn, wenn
-wir am Ende sind, als Lorenzo jetzt wähnt! Das begegnet uns nun das
-ganze Stück hindurch: ein Doppelsinn der Worte wie der Vorgänge; die
-Gestalten auf der Bühne meinen recht zu verstehen; wir aber blicken
-hinter die Geheimnisse und vernehmen verborgenen Sinn.
-
-Julias Gestalt steht darum mehr im Mittelpunkt der Handlung, weil
-der Dichter in seiner Darstellung der Liebe, die aus Haß und Streit
-erwächst, alles an die Familie des liebenden Mädchens und die Absichten
-dieser Familie mit ihr anschließt. Was bei den Montagues vorgeht,
-bleibt alles unsrer Ahnung überlassen, bis ganz zuletzt am Schluß:
-da ist es ein genialer Zug des Dichters, wie er uns jetzt, wo alles
-Licht auf Romeo den Mann gesammelt ist, mit einem raschen Blick seine
-gramvolle Häuslichkeit erschließt: Romeos Mutter ist vor Kummer über
-die Verbannung des guten Sohnes, der -- so fühlen wir im Augenblick --
-ihr ein und alles war, gestorben.
-
-Aber die Liebe des Geschlechts ist so ausschließlich wie die Liebe
-des gotterfüllten Heiligen zu dem Geist, der ihn ganz und ungeteilt
-fordert; und auch dieser gute Sohn hat von dem Augenblick an, wo
-in der Welt des Hasses die Liebe zu ihm kam, jeden Gedanken an das
-Elternhaus von sich gestoßen und irgendwie bei sich zu seiner Mutter
-gesagt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen! Auch von ihm hören
-wir, unmittelbar vor der Trauung, Worte, die besagen, wie er dies
-Liebesglück aufs Äußerste setzt und bereit ist, mit der Weihe der Liebe
-die Weihe des Todes zu empfangen:
-
- Dann tue
- Sein Äußerstes der Liebeswürger Tod!
-
-Die Trauung geht so heimlich vor sich, daß auch wir sie nicht
-mitmachen. Es ist bei der Aufführung Sache der Regie, den Schluß des
-zweiten Aktes, wie Romeo und Julia sich bereiten, zusammen zum Altar
-zu gehn, so zu gestalten, daß es sich uns sinnfällig einprägt: von nun
-an, bei allem, was nun kommt, sind sie vor Gott und ihrem Gewissen Mann
-und Frau. Shakespeare vermeidet nicht nur kirchliche Szenen, sondern
-legt auch sonst gern, was dem innerlich schon ganz Vollendeten nur noch
-den äußeren Abschluß gibt, hinter die Szene; und so viel er sich in
-den genrehaften Nebenszenen für Milieuschilderung und Späße Zeit läßt,
-so gerade, knapp und ohne Aufenthalt geht er auf die Hauptszenen los,
-um denen alle Breite der Entladung zu lassen: zu Dekorativem bleibt
-keine Zeit, und wir sehen später das feierliche Leichenbegängnis der
-vermeintlich gestorbenen Julia so wenig wie jetzt ihre Trauung.
-
-Was die Dienerszenen angeht, auf die wir eben geführt wurden, so ist
-zu sagen: daß das Stück breit und roh mit einem Streit unter diesem
-Gefolge anhebt, ist vorzüglich, und eine jammervolle Kläglichkeit
-ist es dagegen, wenn Goethe in seiner Theaterbearbeitung mit der
-Vorbereitung des Festes beginnen läßt, und in dem dekorativ-opernhaften
-Stil der Maskenaufzüge, die er für sein Hof- und Offiziantenpublikum
-mit der linken Hand nur so hinschrieb, singen läßt:
-
- Zündet die Lampen an,
- Windet auch Kränze dran,
- Hell sei das Haus! usw.
-
-Eine Art Entschuldigung für Goethe ist, daß er nur eine
-Theaterbearbeitung für sofortige Zwecke machte und dabei wie sonst
-gegen sein Weimarer Publikum herzliche Verachtung mit einigem Recht
-bezeigen mochte; daß überdies seine ängstliche und enge Auffassung
-von dem, was theatermöglich und theaternotwendig sei, auch aus seiner
-Verhunzung der eignen Stücke, vor allem des Götz hervorgeht. Eine
-solche Entschuldigung gibt es dagegen, hier sei’s angefügt, für
-Schillers Bearbeitung des Macbeth nicht. Das ist eine eigne, mit
-großer Liebe verfertigte Übersetzung nicht nur ins Deutsche, sondern
-ins Schillerische, und Schiller hatte ohne Frage die Absicht, was
-Shakespeare schlecht gemacht hatte, zu verbessern und auf die ideale
-Höhe zu heben. Goethe, der sich selbst solche Greulichkeiten erlaubte,
-wie die, von der wir hier ausgehen, und der in seiner klassizistischen
-Zeit über komische Elemente in der Tragödie Gedanken hatte, die sein
-Egmont und sein Faust uns sofort widerlegen, hat später selbst diese
-Macbethbehandlung Schillers abscheulich genannt. Und das ist sie auch.
-
-Im Vergleich zu solchen gänzlich überflüssigen, undramatischen,
-aufgeklebten Zutaten, wie sie Goethe anbrachte, bekommen die
-Rüpelszenen, die Wortwitze, die diesmal besonders zahlreichen
-Zoten, allersaftigste darunter, einen tiefen Sinn. Geben wir von
-vornherein für dieses bei aller Meisterschaft im wesentlichen doch
-noch jugendliche Stück ruhig zu: hier sind für die Zwischenszenen der
-Erholung Zugeständnisse an Mode und Publikumsgeschmack, und sie wuchern
-etliche Male geil ins Abgeschmackte. Aber wir täten sehr unrecht, dabei
-stehenzubleiben. Noch mehr als einmal werden wir Gelegenheit haben zu
-sehen, wie Shakespeare mit ganz einziger Kunst die überlieferte Mode
-der Ausdrucksmittel für die Ziele seines Dramas verwendet, wie er den
-Zwischenaktspaß der Clowne mit dem Zentrum und Sinn des Dichtwerks in
-enge Verbindung setzt. Hier bilden die Dienerszenen das Gegenstück zur
-Romantik, zur hohen heroischen Liebesgesinnung. Die Liebe erwächst
-im Milieu nicht nur des Zorns, sondern auch der niedrigen Albernheit.
-Und wie könnte es denn der Liebe, die das natürlichste Weltprinzip,
-die der Magnetismus und der Kitt der Welt ist, so übel in dieser Welt
-ergehen, wenn nicht der Streit der Großen ausgefochten würde von der
-behaglich und roh mitgehenden Niedrigkeit des Volks! Solche Bedeutung
-seiner Gegenüberstellungen sagt uns Shakespeare freilich nie mit
-ausdrücklichen Worten; es ist wunderbar, wie er, der wortgewaltigste
-und in leidenschaftlicher Entladung so wortreiche Dichter, wortkarg
-und zugeschlossen in allem ist, was eine schlau hinzugefügte Erklärung
-zu dem wäre, was er uns sinnfällig zeigt; darum aber hat er auch diese
-schlafwandlerische Sicherheit, dieses dramatische Tempo, das sich durch
-nichts aufhalten läßt, diese unzerstörbare Frische, die alles Geistige
-zu einem Stück Natur macht, zu einem Trieb unsrer Seele, darum wirkt
-er, wenn er mit dem Allerhöchsten des Geistes zu uns spricht, so fest
-und rauschend, als ob er ungebildet und unliterarisch, ein Mann aus dem
-Volk und ein wunderbar tönendes Gottestier aus der Natur wäre.
-
-Im Gegensatz zu der unnatürlichen und ungeistigen Wut, Wildheit und
-Niedrigkeit, die sie umringt, ist Romeos und Julias Liebe ganz Natur
-und gar nichts in ihr, was sich gegen die Natur verginge. Es ist eine
-Atmosphäre um sie, die das Wort aus uns hervorruft, das man schon
-immer fand, wenn man von Shakespeares romantischer Seite sprach:
-~sweet~, süß und hold. Bei diesem jungen Paar und seiner Liebe muß
-uns die Stimmung umschmiegen, wie sie auch August Wilhelm Schlegel, der
-als Liebender dies Liebesdrama wonnig übersetzt und kritisch aufbauend
-erfaßt hat, beschrieben hat: wir sind in einer Stimmung der Blüte und
-des Dufts; in balsamische Nacht gehüllt und von Vogelsang umgeben;
-herzhafte Sinnlichkeit und herzinnige Empfindung trägt uns als eine
-warme Woge dahin; diese Liebe ist Wollust, aber voll inniger, alle
-Grenzen sprengender Sehnsucht. Die Dichtung ist Rosenduft, der Musik
-geworden ist, ist Knospe, die zum Lied erblüht, ist Himmelsbläue, die
-von der ganz Hellen, heiteren Verfärbung des Lichts sich tragisch
-anspannt bis zum dunkelsten Nachtblau. Italien lebt in diesem Gedicht.
-
-Welches Problem hätte ein moderner Dichter in dem Grundmotiv gefunden:
-die Kinder feindlicher Familien sind von Jugend auf im Haß gegen
-einander aufgewachsen; über zwei Feinde kommt nun die Liebe, die
-sexuelle Begier wie der Dieb in der Nacht; in ihren Seelen ist
-Kampf und Schwanken zwischen Haß und Liebe; in der Liebe hassen, im
-Haß lieben sie; der Liebeshaß wird daraus. Nichts von alledem hier
-bei Shakespeare. Daß der Liebe der Tod benachbart ist, das zittert
-freilich durch dieses Stück; daß es aber auch eine Sorte Liebe gibt,
-der die Mordlust verwandt ist, solche Mordlust auch, die sich gegen
-den begehrten Gegenstand wendet, auch das wird Shakespeare wissen und
-gestalten; aber die Seelen Romeos und Julias in ihrer Liebe wissen von
-solchem Greuel nichts. Ihre Liebe ist frei in Spinozas allerhöchstem
-Sinn; was sonst Besitztrieb ist, ist hier Hingabe; ihre Liebe ist
-Harmonie und schweift darum in der Nähe der Freiwilligkeit und Einung,
-die Tod, freier Tod heißt. Aufgehen im Höchsten, Wegfließenlassen alles
-eignen Wesens; aber von Haß und Mordgier weiß sie nichts, und wenn die
-Kinder je von Gedanken und Regungen der Feindschaft angesteckt gewesen
-sein sollten, so haben sie’s jetzt beim ersten Blick auf einander, der
-Liebe war, abgrundtief vergessen.
-
-Und diese Empfindung stößt nun, wo sie in aller Welt nichts will als
-da sein, leben, fühlen, einander beglücken, Gemeinschaft und all
-das Unnennbare, wohin das Geschlecht und das Kindbegehren sich als
-Seelenfülle und Geistestriumph wandelt und reckt, diese Liebe stößt mit
-der widrigen Welt zusammen und ihrem Streit, ihren Interessen, Zwecken,
-Wüten und Strafen.
-
-Ehe Romeo freilich Julien gesehen hat, wie er fast untergetaucht war
-in dieser Welt und mühsam nach Atem rang, der lechzende, noch nicht
-zu sich erwachte, traumbefangene Jüngling, jetzt eben noch hat er in
-Schwermut und wahrem Weltschmerz gemeint: gerade das wäre die Liebe, so
-ein wild törichtes Ding, das dem Haß, dem Krieg aufs nächste verwandt
-sei. Er gerät auf den Schauplatz, wo eben wieder einmal der Streit der
-beiden Parteien gewütet hat, und meint als einer, dem das, was er für
-Liebe hält, mehr zu schaffen macht als der dumme Mordzank, der ihn von
-außen zur Teilnahme aufruft:
-
- Ach, welch ein Streit war hier?
- Doch sagt mir’s nicht, ich hört’ es alles schon:
- Haß gibt hier viel zu schaffen, Liebe -- mehr.
- Nun denn: liebreicher Haß! streitsücht’ge Liebe!...
- Entstelltes Chaos glänzender Gestalten!
- Bleischwinge! lichter Rauch und kalte Glut!
- Stets wacher Schlaf! dein eignes Widerspiel!
- So fühl’ ich Lieb’ und hasse mein Gefühl?!
-
-Und weiter:
-
- ... Verständ’ge Raserei,
- Würgende Galle, süße Spezerei!
-
-So kann er sich nicht genug tun in solcher Zusammenstellung von
-Gegensätzlichkeiten, die in der Welt nicht beisammen sein sollten, aber
-tatsächlich beisammen sind; auf dieser Vorstufe kennt er die Haßliebe
-von seinem Gefühl her und von der Art, wie Rosalinde diesem Gefühl
-begegnet. Aber was in ihm ist, ist gar nicht die Liebe, sondern das
-Suchen nach der Liebe, jene allgemeine Liebe des Adoleszenten, die sich
-an die erste Begegnende anheftet, weil sie Sehnsucht nach einer Liebe,
-Sehnsucht nach Glück und Befriedigung ist. Liebe ist nur erwiderte,
-beglückte Liebe; Liebe ist Paar, ist der gegenseitige Zug zwischen Mann
-und Weib, dessen letztes Geheimnis ist, daß nicht der eine den andern,
-sondern daß ein nach Dasein begehrendes Drittes sie beide erfassen
-will. So ist er im Zustand der Unbefriedigung, der Einseitigkeit,
-zerstreut und bitter, zu ausfallenden und satirischen Betrachtungen,
-zur Philosophie geneigt. Bei den Freunden steht er im Ruf, kein rechter
-Mann zu sein, und er ist es auch noch nicht. Mercutio, der Bittere, der
-nie das Glück gefunden, aber Überlegenheit und Lachen gelernt hat, ein
-Mann, der im geheimen, von Haus aus ein Träumer und Dichter, vor der
-Welt aber ein Zyniker ist, hält ihn für einen der modernen Französlinge.
-
-Und nun ist die echte, die erwiderte Liebe gekommen, und er wird
-süß und reif. Und stand er vorher, in einer Umgebung, der der
-Schwerterkampf alles ist, im Ruf der feigherzigen, girrenden Wort-
-und Modespielerei, so ist jetzt erst recht und in Wahrheit der Geist
-des Friedens über ihn gekommen. Indem er ein Mann geworden ist, der,
-wenn’s sein muß, bis zum Letzten für sich einsteht, der an sich halten
-kann und der Leidenschaft des Augenblicks die Zügel schießen lassen
-darf, ist mit dem Geist der Liebe auch die Vernunft und überlegene
-Ruhe über ihn gekommen. Feinde? Er hat keine; hat gegen die, die vor
-der Konvention des Hasses dafür gelten, so wenig wie gegen alle Welt,
-zu der er sich jetzt in freundwillig-liebenswürdiger Stimmung neigt;
-im Gegenteil, ein besonderes Band soll ihn jetzt zu den angeblichen
-Feinden hinziehen: sie sind ja Juliens nächste Verwandte, seine neue
-Familie!
-
-Da entwickelt sich denn diese prachtvoll aufgebaute Szene, wo alles so
-bis zum Feinsten und Letzten motiviert ist, daß keine Frage aufkommen
-kann.
-
-Tybalt, der Neffe des Grafen Capulet, der Ruhm der Familie, ein
-starker, rauher Mann, „kein papierner Held“, wie Mercutio ihn im
-Gegensatz zu Romeos verzärteltem Wesen gepriesen hat, kommt des Wegs,
-schon vorher aufs äußerste gereizt -- es gehört nicht viel dazu, etwas
-in ihm will sich reizen lassen --, weil er auf dem Ball seines Oheims
-den Feind Romeo an der Stimme erkannt hat.
-
-Und da ist Mercutio, einer, wie er sich selber beschreibt, „den der
-Teufel plagt, um andre zu plagen“, dazu noch durch Romeos seltsam
-unbegreifliches Wesen -- er weiß ja nicht, welch wundersames Erlebnis
-den jungen Freund zauberhaft verwandelt hat -- und durch die Hitze
-besonders gereizt, nah am Gipfel der Streitlust. Und nun muß er hören,
-wie Romeo auf die groben, frechen Herausforderungen Tybalts nichts als
-gute, liebevolle Worte zurückgibt, er, der Parteigänger der Montagues,
-soll so jämmerliche Feigheit, denn dafür muß er’s nehmen, von dem
-Sohn des Hauses mitanhören? Und so rasseln Tybalt der Kriegsmann
-und Mercutio der Weltwütige aneinander, und durch Romeos, des
-Friedfertigen, zur Liebe Erwachten, Dazwischentreten fällt Mercutio,
-sein Freund, der für ihn und seine Ehre den Kampf aufgenommen hatte.
-
-Er muß sterben und eilt sich, ehe er dahingeht, mit seinem letzten
-Atemzug den Fluch über die Sinnlosigkeit dieses Lebens und Sterbens
-hinauszubrüllen: „Hol’ der Henker eure beiden Häuser!“ Was? Ist denn
-das eine Wirklichkeit? euer Streit? euer Wüten und Morden? Und dafür
-soll ein lebendiger Mensch sein Leben lassen?!
-
-Nun aber, wo Tybalt ihm den Freund, der um seinetwillen sich zum
-Kampf reizen ließ, umgebracht hat, ist der Augenblick gekommen, wo
-Romeo der Mann sich die Erlaubnis gibt, alle Überlegung zu lassen und
-momentweise der Leidenschaft, dem Erbe der Geschlechter, der Rache Raum
-zu geben. Er muß, er will Mercutios Tod rächen, will im Alten stehen
-und diesmal Besinnung und Beherrschung nicht aufkommen lassen; wenn’s
-ans Letzte geht, gilt das wilde Bluterbe mehr als alle Vernunft; er
-muß es in dieser Sekunde tun, obwohl er mit einem Blick, rund und nett
-zusammengefaßt, alles, alles, was nun anhebt, voraus schaut:
-
- Nichts kann den Unstern dieses Tages wenden:
- Er hebt das Weh an, andre werden’s enden.
-
-Es folgen hintereinander vier Szenen, deren Zusammenhang, Komposition,
-Ausdrucksgewalt, Stimmung und Steigerung zum ganz Meisterhaften des
-Meisters gehört; drei große, und zwischen der zweiten und dritten
-noch eine ganz kurze: Julia erfährt Romeos Verbannung; Romeo -- bei
-Lorenzo -- erfährt seine Verbannung, -- und dann das erste und letzte,
-das einzige Liebesbeisammensein der beiden, die nun Vermählte sind;
-vorher aber für uns schnell die Ankündigung des neuen Konflikts,
-eine ungeheure Steigerung; wir bedurften nichts mehr zur Tragik und
-erwarteten nichts mehr, obwohl auch das sorgsam vorbereitet war: der
-Vater will die Tochter sofort verheiraten.
-
-Welch ein Crescendo der Handlung! Ihm aber entspricht das Crescendo der
-Gefühle, wie nun alles, was herausführt aus dieser Welt der Wut und
-der bedrückenden Willkür, sei’s auch am Rande des Todes vorbei, zum
-Selbstverständlichen wird.
-
-Die erste dieser Szenen führt uns in Julias Zimmer. Es ist erst
-später Nachmittag, dieselbe Sonne brennt noch herab, unter der der
-arme Mercutio, der eben erst so unter dem Leben litt und nun tot
-ist, gestöhnt hat. Julia hat nur eines im Sinn: sie lechzt nach der
-Nacht. Da soll ihr Mann zum ersten Mal zu ihr kommen, heimlich auf
-der Strickleiter zu ihr steigen. In dem, was sie spricht, hat der
-Dichter, noch stark unter dem Einfluß der euphuistischen Modesprache
-stehend, wilde, kühne und gesuchte Gleichnisse aufeinander getürmt;
-aber es kommen so gewaltig innige Naturtöne daraus hervor, daß es
-ist, als ob seelenvollste, sehnsüchtigste Wollust und Brunst wie
-ein quellend emporspritzender Strahl den Schuttberg der Konvention
-durchbräche. Und wie dient diese reiche, üppige Sprache dazu, dem
-darstellenden Künstler das Material in den Mund zu geben, mit dem er
-verteilen, schattieren, abtönen kann; wie nötigen ihn diese fernher
-geholten Bilder, da bei Shakespeare nichts verstandesmäßig geziert,
-alles leidenschaftlich triebhaft gebracht wird, die erstaunliche Rede
-nicht aufzusagen, sondern aus dem Schweigen, dem Ringen, dem Zittern
-und Versuchen zu gebären! Und wie wahr, wie schön ist das, was diese
-Sprache zum Ausdruck bringt! Julia kann gar nicht anders, sie muß das
-Wirkliche in Bilder verwandeln. Sie tut, was der brünstige Hirsch,
-was die leidenschaftlich singende Nachtigall tut, in Menschenart.
-Diesem Mädchen brennen Sinne und Leib nach dem Beischlaf; aber sie
-hat ihr Naturverlangen in der Phantasieform der Seelenekstase. Da es
-brennender Tag in ihr und um sie ist, ruft ihre verlangende Schwärmerei
-die erlösende Nacht herauf; schon sieht sie sich wohlig von ihr
-eingehüllt; ihr wildes Begehren wandelt sich in anbetende Vision und
-Ahnung: schon sieht sie den Lauf ihres Liebeslebens vollendet, Romeo
-tot: in der unsäglichen Saat der Gestirne am Nachthimmel schaut sie
-sein Unsterbliches leuchtend zerteilt. Und immer neue Bilder der Nacht
-will sie schauen und festhalten und in ihnen die Innigkeit befriedigten
-Verlangens, auf das sie wartet. Es ist, wie wenn Kinder vor der Tür
-stehen, hinter der ihnen eine strahlende Bescherung bereitet wird; um
-das Warten zu ertragen, malen sie sich den Glanz und den Jubel aus, der
-kommen soll.
-
-Und nun öffnet sich die Tür, und die Amme stürzt herein. Die
-Strickleiter trägt sie in der Hand; man brauchte sie zwar noch gar
-nicht, aber es war ihr wohl ein schmatzendes Vergnügen gewesen, dieses
-Werkzeug der Liebe durch ihre fetten Hände zu ziehen und es lüstern
-zu beäugeln. Und da hat die schauderhafte Nachricht sie überrascht;
-mit den Stricken in den Händen bricht sie plötzlich in Julias
-Sehnsuchtsträume ein mit dem Schreckensruf: Er ist tot! er ist tot, er
-ist tot!
-
-Welch ein Typus, diese Amme! Welch ein Gegenstück zu Julia! Wir
-kennen sie schon lange gut, so daß wir jetzt im Augenblick ihres
-Auftretens zu all dem Scharfen, Schweren, das die Handlung nun bringt,
-dieses Gegenüber zweier Formen der Verbindung von Wollust und
-Menschenseele ins Gefühl bekommen. Saftig, zum Greifen echt steht sie
-vor uns da. Dumm, gutmütig, schwatzhaft, charakterlos, kupplerisch,
-schmeichlerisch, feig und also vor allem: komisch! Ein Weib, das ganz
-gemein am Leben hängt; immerzu schweifen ihr die Gedanken um das
-Fleischliche der Liebe; aber nichts ist ihr irgend erreichbar von der
-Seele, der Tapferkeit oder gar der Todesnähe der Liebe.
-
-Die also bringt jetzt die Botschaft. Und bringt sie so dumm, daß Julia
-zuerst glauben muß, Romeo sei tot. Dann kommt’s endlich heraus: er lebt
-schon, aber er hat den Repräsentanten von Julias Familie, hat Tybalt
-erschlagen.
-
-Gestehen wir’s nur: Julia erlebt einen Augenblick des Zweifels. Das hat
-er tun können? jetzt? heute? schnell zwischen Vermählung und Brautnacht?
-
-Das ist Shakespeares Größtes, und damit vor allem ist er der Einzige,
-daß er in die Menschen, die er gestaltet, mit einer Liebe ohnegleichen
-eingeht, daß er ihr heilig Innigstes, ihr süßestes Geheimnis erfaßt
-und daß auch noch seine verehrende Liebe zu diesen Kostbarkeiten der
-verborgensten Seele mitschwingt; daß aber all dieses Erkennen des
-unbefleckbar Guten im Menschen ihn nicht abhält, zugleich mit einer
-unerbittlichen Grausamkeit ohnegleichen die bösesten Geheimnisse in der
-Menschenbrust aufzudecken, wobei auch noch seine ganze Verzweiflung,
-seine tiefe Melancholie mitschwingt.
-
-Julia _liebt_ ja Romeo nur -- _kennt_ sie ihn denn? Kennen
-einander denn die Menschen? weiß einer vom andern? hat denn die Liebe,
-zugleich die beste und die gefährlichste Art der Erkenntnis, feste
-Zuversicht in sich? die Ruhe der Unerschütterlichkeit? Werden wir
-nicht einem adligen Naturkind, einem gereiften Manne begegnen, der von
-seiner innig Geliebten das Schlimmste zu glauben imstande ist: Othello?
-Aber Julias erkennender Liebe hat Schreck, Angst, der Schlag, der
-unmittelbar auf den höchsten Aufschwung ihrer Einsamkeit gefolgt war,
-nur einen Augenblick lang das Gleichgewicht geraubt. Sowie die Amme
-einstimmen will -- welch ein Thema für ihre alte Sklavinnenseele: die
-Männer sind alle gemein! -- hat sie wieder gläubige Gewißheit: Nein, er
-ist ein Mann von Ehre. Und der Magdranküne der Alten stellt sich die
-hingegebene Unterwerfung der liebenden Frau und das stolze Gefühl des
-Mädchens entgegen, das fast vergessen hatte, daß es schon eine Ehefrau
-ist: er ist ja mein Gemahl. Und wie denn, mehr und mehr kommt die
-Erleichterung der Tränen über sie: um Tybalts Tod soll sie weinen, wenn
-Romeo lebt?
-
-Das aber währt nur einen Augenblick. Jetzt erst werden ihr die Worte
-zur Vorstellung, jetzt erblickt sie ihr wahres Elend: Romeo, ihr
-angetrauter Gemahl, auf den ihre Seele wartet, ist verbannt.
-
-Man gewahre die Situation. Der Haß der beiden Familien ist so
-überliefert, so feststehende Einrichtung, daß sie nichts andres vor
-sich hat sehen können als heimliche Ehe, heimliche, gestohlene Stunden
-der Liebe. Sie ist in der väterlichen Gewalt, und sie kennt ihren
-Vater, und nun Verbannung des Gemahls durch den Machtspruch des Fürsten
-um einer Schreckenstat willen, die den Haß aufs äußerste verschärfte.
-Sie sieht nichts vor sich als ein Leben, getrennt von ihm. Auf eine
-freie, öffentliche Ehe wäre ja höchstens, und dann kaum, zu hoffen,
-wenn der Vater, wenn die Eltern nicht mehr lebten. Ihr Weh, ihre
-Empörung, ihre durchgreifende, kühne Liebe gewahrt das sofort und macht
-vor solchen Gedanken nicht Halt:
-
- Tybalts Tod
- War Weh genug, o hätt’ es da geendet!
- Und liebt das Leid Gefährten, reiht durchaus
- An andre Leiden sich, warum denn folgte
- Auf ihre Botschaft: tot ist Tybalt, nicht:
- Dein Vater, deine Mutter, oder beide?!
- Das hätte sanftre Klage wohl erregt.
-
-Die Sonne neigt sich nun hinab; was soll sie noch aufbleiben? was soll
-sie noch am Leben? Sie will zu Bett, -- was hatte ihrer da gewartet, --
-und nun? Die Leere, die verzweifelte Öde, den Tod wird sie umarmen. Da
-weiß die Amme -- ihre Finger spielen ja immer noch mit den Stricken --
-aber bessern Rat. Zum Abschied wenigstens soll Romeo noch kommen. Sie
-weiß ihn schon zu finden; gewiß ist er bei Bruder Lorenzo geborgen. Und
-dahin trottet sie jetzt, um den Gebannten ins Brautbett zu rufen.
-
-Während sie auf dem Weg ist, wir werden immer noch vor ihr bei Romeo
-sein -- aus einer früheren köstlichen Szene kennen wir ja ihren
-gespreizt watschelnden Gang, sie wird sich nicht überstürzen, und
-soweit ihre eifrige Teilnahme, die aus Gutmütigkeit und Lüsternheit
-stammt, sie antreibt, wird sie, die ohne fortwährende äußere sinnliche
-Anregung leer wäre wie ein Sack, von allerlei interessanten Begegnungen
-aufgehalten werden -- indessen mögen uns Gedanken und Fragen im Kopf
-herumgehen, die nie hochkommen können, solange die Gewalt des Vorgangs
-uns umfängt. So zu lieben, so mit Leib und Seele, wahrhaft mit dem
-Leben an einem andern zu hängen, der Mann am Weibe, das Weib am Manne,
-einzelner Mensch an einzelnem Menschen, ist es denn so wichtig? ist es
-denn nicht etwas schaurig Verstiegenes, was da die Ära der christlichen
-Seele gebracht, das Mittelalter ausgebildet, die Renaissance mit
-der Freiheit ihres Individualismus noch gesteigert hat und was von
-Shakespeare aus noch mehr die Seelen umklammern wird, zu Rousseau, zu
-Werther, zu Jean Paul und Kleist hin? Daß diese romantische, heroische,
-mystische Liebe wirklich ist, wissen wir alle, und insofern hat
-auch der kühl ernüchterte Teil unsres Geistes mit Shakespeare nicht
-zu rechten, wie wir freilich auch wissen dürfen, daß es zu dieser
-Wirklichkeit nie gekommen wäre ohne die Phantasiekraft des Triebs,
-welche die Dichter so erzeugt hat, wie die Dichter wiederum diese
-Naturkraft der Verklärung heben, ausbilden, steigern. Aber wenn es
-auch wirklich ist, soll es uns so ergreifen, daß es in uns übergeht,
-in uns immerzu wächst? Es ist die Frage nach dem Recht des Dunklen,
-Unbewußten, Unvernünftigen, sprachlos Unsäglichen; nach dem Recht des
-Triebs nicht nur, sondern auch seiner Vermählung mit dem Allerhöchsten
-des Geistes. Immer werden die Stunden der Klarheit und Zweckhaftigkeit
-kommen, wo der Gott in uns, der aus Trieb und Geschlecht geboren ist,
-sich gegen seinen Vater empört und nichts sein will als schlacken-
-und flammenloser, abgeklärter, lichter Geist. Und vielleicht kommt
-einst -- mir scheint sie aus allerlei Zeichen der Zeit zu drohen --
-die Stunde der Menschheit, wo die Besinnung die Sinnlichkeit, wo der
-Geist den Trieb, wo der Gott das Tier, wo der Mensch sich selbst ums
-Leben bringt. Hier ist diese Frage hochgelassen worden, nicht um sie im
-Vorübergehen, zwischen zwei Szenen Shakespeares zu lösen, sondern um
-zu sagen: dies ist eine Frage, die auch Shakespeare nicht fremd ist,
-die an den Kern seines Wesens rührt, die ihm nie Ruhe lassen wird,
-und wir werden noch genug hören von seinen mannigfaltigen Fassungen
-dieser Frage, von seiner Qual und seinem Spiel, seinem Zorn und seiner
-Freiheit um diese Frage herum. Einstweilen mag noch einmal Julias
-Monolog zu uns sprechen, mag dem stechenden Bohren unsres Intellekts
-das Dunkel bringen, das uns not und wohl tut, und mag uns erinnern,
-warum wohl, was sich gar nicht klar von selbst versteht, der Liebesakt
-Bei_schlaf_, die Nacht die göttliche Freundin der Liebe ist.
-
- Wenn Liebe blind ist,
- Stimmt sie zur Nacht gar wohl.
-
-Und nun zu Romeo! Er hat sich in der Tat, wie die Amme gewittert hat,
-bei Lorenzo in der Zelle verborgen und soll nun in dem Augenblick, wo
-die Szene einsetzt, erfahren, was wir schon wissen, wessen Wirkung
-auf ihn wir nun miterleben sollen: der Spruch des Fürsten lautet
-Verbannung.
-
- Verbannung? Sei barmherzig. Sage: Tod!
-
-So fahrig er vordem war, jetzt fällt an ihm vor allem die eindeutige
-Bestimmtheit der Leidenschaft auf. Jeden Einwand schneidet er ab:
-
- Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern ...
- Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt.
-
-Und drum wäre es besser tot sein als ohne Julia, in der Fremde, leben.
-Denn mit ihm lebt seine Phantasie, er ist ein Dichter, jedes Kleinste
-stellt sich ihm vor, um den Schmerz zu erhöhen: jeder Hund, jede Katze,
-jede Maus, jede Fliege darf sie sehen, sie berühren -- -- nur Romeo
-nicht!
-
-Dazu kommt die Amme. Und wie sie nun in männlicher Gestalt dasselbe
-Elend trifft, das sie zu Hause verlassen, ist sie doch wie aufs Herz
-und auf den Mund geschlagen; sie wird ganz menschlich, ganz knapp und
-beinahe vernünftig. Wenn’s die Darstellerin recht macht, ist das ein
-köstlicher Zug, um uns aus tiefster Seele die Teilnahme heraufzuholen;
-denn der Abglanz, den etwas wirft, wirft einen ganz besonders tiefen
-Glanz darauf zurück. Vernünftig ist sie freilich nur beinahe, ganz kann
-sie ja nicht. Juliens Zustand schildert sie so verkehrt, daß Romeo
-meinen muß, wie es nur einen verschwindenden Augenblick lang war, was
-die Phantasie seines Gewissens aber für das Recht der Gattin erklärt:
-sie zürne ihm als Tybalts Mörder.
-
-Er war schon ohnedies in verzweifelter Raserei; das tut das Letzte. Das
-alles nur, weil er ein Montague ist! Um eines Namens willen soll das
-höchste, lieblichste Glück, das einzige seines Lebens schwinden, jetzt
-eben, wo die Erfüllung gewinkt hat. Den Namen will er mit dem Degen
-aus seinen Eingeweiden wühlen; in Liebesverzweiflung und Tollheit der
-Phantasie ist er daran, sich zu töten.
-
-Da hält ihn Bruder Lorenzo, der das Wort nimmt und es nicht so schnell
-wieder hergibt und stark in Herz und Vernunft hinein zu ihm redet,
-zurück. Er begegnet ihm mit dem herrlichen Appell an die Männlichkeit.
-
-Dieser Franziskaner der Hochrenaissance ist eine von Shakespeares
-schönsten, bezeichnendsten Gestalten. Er ist ein Weltweiser und
-Weltpriester, der einen starken und süßen Erquickungs- und Heiltrank
-gegen jede, ja gegen jede Trübsal kennt: Philosophie. Er ist ganz
-weltlich; Erde und Himmel, Sinnenliebe und Vernunft und Höheres
-als Vernunft, alles gehört ihm zusammen und trifft sich im Innern
-des rechten, des beherrschten und maßvollen Menschen. Er ist ein
-seelenvoller Rationalist, voller Humanität; wie er ein Kenner der Natur
-und ihrer Heilkräfte ist, so ist er ein Seelenkenner und Seelenbändiger.
-
-Wie schön und wie selten ist’s, wenn ein Mensch auf den andern, wenn
-Besonnenheit des Freundes auf den leidenschaftlich Rasenden wahrhaft
-wirken kann! Hier erleben wir’s: Lorenzo hat in weise aufgebauter Rede,
-wie’s die Wärme der Teilnahme ihm eingab, alles zusammengetragen,
-was Romeo an Glück und an Aufgabe im Leben noch hat; der Jüngling
-besänftigt sich. Er darf noch einmal, gleich jetzt, zu Julien; er darf
-auf die Zeit hoffen.
-
-Wir begleiten ihn mit unsrer Hoffnung und Furcht; denn wär’s nicht
-auch so genug der Gefahr? Aber da fällt, für uns, noch nicht für die
-Liebenden, in der kurzen Zwischenszene, der neue, der schwere Schlag.
-Wie wir eben Lorenzos Zelle verließen, war die Sonne gerade gegangen;
-jetzt ist es tiefe Nacht, die Kerzen brennen im Gemach des Grafen
-Capulet; heute ist einmal nur ein einziger Gast da, Graf Paris, der
-Verwandte des Fürsten. Wir wissen schon von früher, daß er sich um
-Julia bewirbt; früher hat Capulet ihn vertröstet, das Kind ist noch so
-jung, noch nicht vierzehn Jahre; jetzt aber auf einmal hat er’s selber
-eilig. Ja, sie soll ihn nehmen; sie soll heiraten, jetzt gleich, sofort.
-
-Diese Nebengestalt des alten Capulet ist mit ein paar Meisterstrichen,
-die auf vier Szenen verteilt sind, völlig rund gezeichnet; nehmen wir
-die Stellen so zusammen, wie sie in jeder Miene und jedem Ton des
-rechten Darstellers immerzu beisammen sind, so gewahren wir nicht bloß
-die Person, sondern auch ihre wichtige Stelle in der innern wie äußern
-Handlung des Stücks. In seiner Jugend war er ein flotter Bursch; jetzt
-ist er ein Philister, dem nichts Unangenehmes in den Weg kommen soll,
-der irgend etwas Nagendes mit Festen und Schmäusen zur Ruhe bringen und
-nicht spüren will und der sich um alles kümmert und in alle Töpfchen
-guckt. Aus dem Schlaf macht er sich so wenig wie aus dem Alleinsein; er
-braucht Übertäubung, Geschäftigkeit, Gesellschaft; bei alledem ist er
-ein Hauspascha, der keinerlei Widerspruch verträgt. Daß die Tochter --
-wie er meint -- so leidenschaftlich um Tybalt trauert, ist ihm lästig;
-solchen Schmerz begreift er nicht:
-
- ... nun, einmal stirbt man eben.
-
-Weg mit der traurigen Geschichte; frohe Mienen will er um sich haben,
-keine Leichenbittergesichter; zur guten Stunde meldet sich der
-treffliche Freiersmann wieder, heiraten soll sie, schnell, gleich,
-sofort.
-
-Und sofort soll sie’s erfahren. Es ist zwar schon tief in der Nacht,
-
- so spät,
- Daß wir es bald schon frühe nennen könnten,
-
-aber die Gräfin, ehe sie nach all den Erregungen dieses wilden Tages
-endlich zu Bett gehen darf, soll der Tochter doch schnell noch ihr
-bevorstehendes Glück melden, und wenn sie sie aus dem Schlafe stören
-müßte.
-
-Aber, wir wissen’s im voraus, Julia braucht nicht geweckt zu werden.
-Wir empfinden in diesen beiden Szenen, wie der tyrannische Vater die
-Tochter zur raschen Heirat verspricht, und wie Julia mit ihrem Gemahl,
-Tybalts Mörder, in selig schmerzlicher Liebe ruht, die tragische Ironie
-der Gleichzeitigkeit. Ist ja doch auch sonst in diesem Stück alles
-ein einziger zeitlicher Zusammenhang stürmischen Tempos: der Streit;
-das Dazwischentreten des Fürsten und sein Gespräch mit Capulet am
-Vormittag des ersten Tages; der Entschluß zum Fest, die Vorbereitungen
-und Einladungen am Nachmittag; das Fest selbst, Romeo erblickt Julia
-zur Nacht; späte Nacht nach dem Fest, Romeo im Garten, Julia auf dem
-Balkon; am frühen Morgen des zweiten Tages ist Romeo bei Lorenzo;
-im Anschluß daran die Verabredung mit der Amme; am Nachmittag geht
-Julia angeblich zur Beichte, in Wahrheit zur Trauung; noch am selben
-Nachmittag erfolgt der Zusammenstoß mit Tybalt; gegen Abend sind wir
-bei den verzweifelten Ausbrüchen erst Julias, dann Romeos, und nun ist
-wieder tiefe Nacht: erst vierundzwanzig Stunden sind vergangen, seit
-Romeo und Julia einander ihre Liebe gestanden haben, und was hat die
-Liebe inzwischen erlebt! Wir kennen sogar die Wochentage, an denen
-diese Handlung vor sich geht, da der Wichtigtuer Capulet sie aufzählt:
-Am Sonntag war der Streit, die Bedrohung jedes neuen Streites mit
-Todesstrafe und die Begegnung der Liebenden; am Montag die Trauung und
-Tybalts Tod; am Donnerstag soll Juliens Hochzeit mit Graf Paris sein,
-da findet man sie am frühesten Morgen tot und trägt sie alsbald in
-die Gruft; Freitag zur Nacht ist die Tragödie zu Ende: Lorenzo, der
-vorausgesagt hat, daß Julia nach zweiundvierzig Stunden aufwachen wird,
-täuscht sich nicht.
-
-So kommen wir denn also, während die Gräfin als unterwürfige Frau sich
-auf den Weg zur Tochter macht, in das Ende der Liebesnacht hinein, zum
-allerschwersten Abschied der Liebenden für lange, unbestimmte Zeit.
-Liebe und Weh wird ihnen zum Wechselgesang; ihr Abschied zum Tagelied.
-In dieser Nacht haben die Liebenden, was die Welt ihnen angetan, was
-die Liebe ihnen bereitet, in Harmonie gebracht und wie in Poesie
-verwandelt; schon aber ahnen wir draußen die Schritte neuer, heftigster
-Wirklichkeit der Eingriffe der Gewalt und des Streites.
-
-Sie will ihn noch nicht lassen --
-
- Es war die Nachtigall und nicht die Lerche --;
-
-er drängt, Eile tut grimmig not,
-
- Verzug ist Tod:
- Die Lerche war’s, die Tagverkünderin.
-
-Und dann kann-will er nicht gehn, obwohl er klar sieht und sich über
-nichts täuscht; der Wahnsinn des Liebesheroismus kommt über ihn:
-
- Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten!
-
-Und nun drängt sie, fort, nur fort:
-
- Es tagt, es tagt --
-
-Welch ein Liebesduett! Für sie ist alles Unheil, alles Trennende mit
-dem Licht des Tages, alle Seligkeit mit der Nacht verbunden; heller und
-heller wird’s, das bedeutet ihnen und sie sprechen es aus: Dunkler und
-dunkler!
-
-Und nun -- in diesen Abschied hinein -- meldet die Amme, daß die Gräfin
-zu solcher Stunde, zwischen Nacht und Morgengrauen, zur Tochter kommt.
-Was bevorsteht, welche Gestalt das Schicksal annimmt, ahnen sie nicht;
-aber sie ahnen das Schicksal.
-
- O Gott! ich hab’ ein Unglück ahnend Herz.
- Mir deucht, ich säh’ dich, da du unten bist,
- Als lägst du tot in eines Grabes Tiefe.
- Mein Auge trügt mich, oder du bist bleich.
-
-Und Romeo erwidert:
-
- So, Liebe, scheinst du meinem Auge auch.
- Der Schmerz trinkt unser Blut.
-
-Und sofort, nachdem Romeo gegangen, atemlos, ohne Pause kommt die
-Wendung: Julia, die jetzt eben von dem Mann ihrer Liebe, der sie
-eilends verlassen mußte, zur Frau Geschaffene, erfährt, daß die
-Konvention und die väterliche Gewalt sie zur Ehe bestimmt.
-
-Indem sie sich nun im Gespräch mit der Mutter verstellen muß, folgen
-für uns hintereinander die Wendungen des Doppelsinns, der tragischen
-Ironie. Die Gräfin redet von Juliens Schmerz um den Freund und meint
-Tybalt damit; wie glücklich ist Julia, die nun von Liebe und Leid
-aufgeschlossen ist und ganz Äußerung, ganz Lied und Schrei sein
-möchte, vom Schmerz um den Freund, um Romeo mit der, die sie geboren
-hat, reden zu dürfen, ohne daß die es versteht; die Gräfin ruft um
-Rache; Julia wünscht, für die Mutter in höchster Rachbegier, für sich
-in Angst um den Geliebten:
-
- O rächte niemand doch als ich den Vetter!
-
-und etwas in uns, das mitschwingt, singt leise eine noch höhere Melodie
-mit:
-
- O rächte nichts in der Welt eine Tat als die Liebe!
-
-Dann folgt die Eröffnung des elterlichen Beschlusses; Juliens kalte,
-fremde, grundlose Ablehnung; der Vater kommt dazu, er vernimmt das
-Erstaunliche: sein Kind, seine einzige Tochter soll ihm entgegentreten,
-wenn er ihr Glück beschlossen hat! Es kommt zum furchtbaren
-Zornausbruch, zum Zerreißen aller Bande, zum väterlichen Fluch. Sie
-soll gehorchen -- und wir wissen ja, sie kann nicht gehorchen, wissen
-ja, sie hat weit Schlimmeres verbrochen, als der Vater mit schlimmster
-Strafe bedroht -- gehorchen oder verstoßen sein:
-
- Geh, bettle, hungre, stirb am Wege!
-
-Und auch die seit langem verschüchterte, sklavische Mutter, die nichts
-von Julias Weigerung begreift, ist ganz hart und erbarmungslos.
-
-Kann es für Julia in dieser Lage noch Rat geben? Die Amme weiß
-hundsgemeinen; und wenn wir für einen Augenblick aus der hohen Sphäre
-Juliens in unsre niedere Wirklichkeit blicken, dürfen wir sagen: so,
-die Liebe zu verraten, den Eltern zu gehorchen, die gute Partie zu
-wählen, machen’s die Mädchen in so ähnlicher Lage oft genug. Julia
-weiß nur einen, der helfen kann: Romeos Freund, den Heiligen, den
-Weltweisen, den Vater Lorenzo:
-
- Schlägt alles fehl, hab’ ich zum Sterben Kraft.
-
-Und nun stehen wir wieder vor der Frage, von der wir ausgegangen sind:
-hätte es nicht glimpflichere Mittel gegeben, als den Trunk, der so
-gefährlich mit dem Tode spielt? O ja, gewiß. Aber der verständigen
-Frage gebührt zunächst verständige Antwort. Der Trunk ist, gerade wenn
-man’s nur so verständig überlegt und alle tatsächlichen Verhältnisse
-in Betracht zieht, gar kein übles Mittel, Julia noch rechtzeitig aus
-dem Hause zu führen. Und daß selbst ganz kühler Verstand kleine,
-nichtige und dann doch entscheidende, unvorhergesehene Störungen und
-Zwischenfälle übersieht, daß es in der Welt so zugeht, daß die Rechnung
-der Klügsten vom Zufall wie von einer an Geist höheren Gewalt vereitelt
-wird, das wissen wir. Der Trunk schadet ja in Wahrheit gar nicht; was
-ihn angeht, gelingt alles, wie es Lorenzo sich ausgedacht hat. Auch
-darf Julia ihm und seiner Arznei durchaus vertrauen; er ist ein guter,
-zuverlässiger Kenner der Natur. Gleich bei seinem ersten Auftreten war
-er am frühen Morgen vom Kräutersuchen gekommen:
-
- Giftpflanzen teils, teils dienlich zum Genesen.
- Die Erde ist das Grab für ihre Kinder
- Und doch ihr ewger Mutterschoß nicht minder.
- ... O mächtig ist die Gnad’ in jeder Art,
- Die sich in Pflanzen, Steinen offenbart.
- Nichts ist so schlecht, es lebet auf der Erden,
- Das ihr nicht heilsam irgendwie kann werden ...
-
-Diese Worte, in denen Lorenzo seine
-liebenswürdig-optimistisch-pantheistische Naturanschauung ausdrückt,
-können uns aber schon zu einer ernsthafteren Antwort auf die Frage
-rüsten. Mütterliche Liebe und tödliche Kräfte findet er gleichermaßen
-in der Natur; und aus dem tödlich Gefährlichen bereitet er seine
-heilsamen Tränklein, wie er mit einem Trotzdem alles Vernichtende
-der Natur zu guter Letzt zum Heilsamen umdeutet. Jetzt vermißt er
-sich, mit dem Tode zu spielen, um der Liebe das Leben zu retten,
-einer Liebe, die von den Lebendigen so furchtbar mißhandelt wird, die
-so gewaltig Meisterin aller andern Lebenstriebe geworden ist, daß
-Julia in die Schar der heroisch Liebenden eingegangen ist, die diese
-verwandte Nähe von Gut und Böse, von Hölle und Himmel, von Liebe und
-Tod ganz anders sehen als der zu sanftem Frohsinn Resignierte, der
-rationalistisch-optimistische Mönch. Wie nah liegt ihnen, liegt Julia
-in ihrer Situation, in ihrer Verfassung dies nämliche Spielen mit dem
-Tod, das der Berater nur wählt, um sie in äußerm Sinn zu retten. Was
-sie aber daran wie magisch anziehen muß, ist die symbolische Kraft
-dieses Mittels: dies Ergehen der Liebe am Rande des Grabes, dies
-verzweifelte Spiel mit der Gefahr, dieses Eintauchen im Tod, um ein
-neues Leben zu beginnen. O ja, das will sie, dahin lockt es sie, weil
-das ihr von innen her Bedürfnis ist: diesem Leben entsterben; ganz
-Neues beginnen; kein Kind dieser Eltern mehr sein, für sie für immer
-tot; wie er’s ihr angedroht, soll der Vater sie als tot beklagen
-müssen; durch die Todespforte eingehen, wie in den Himmel, in ein
-andres Land, ein neues Reich, das ihr das Reich der Liebe sein soll.
-
-Was ihr für zwei volle Tage und Nächte bevorsteht, wenn sie nun
-Lorenzos Rat folgt, das ist ja der Tod. Sie will ihn sich antun, will
-bei den Toten im Gewölbe liegen, den Ahnen ihres Geschlechts, dann ist
-sie aus der Familie der lebenden Capulet freigelassen, und niemand auf
-der Welt hat mehr Anspruch auf sie als ihr Geliebter. Und wie stellt
-sich ihre, stellt sich des Dichters Phantasie dieses Schauerliche
-leibhaft vor: die Totengebeine, die Grabesschrecken, das Gespenstische!
-Das Große, das die antiken Dichter von Homer bis auf Euripides haben,
-daß sie schon mit ihrem Olymp spielen können und doch noch nah genug an
-den Stimmungen des Glaubens stehen, diesen Vorzug hat auch Shakespeare,
-was die christlich-mittelalterlichen Vorstellungen angeht: kraftvoll
-steht er im Alten und Neuen zugleich.
-
-Mit der Kühnheit, zu der die liebende Julia gekommen ist, mit der
-Todnachbarschaft dieser Liebe steht der von Grauen umschwebte Weg,
-den sie zur Rettung wählt, völlig in Einklang. Daß aber dann Lorenzos
-Botschaft an Romeo nicht abgeht, und daß diese Bestellung aus Gründen
-unterbleibt, die nicht in die Handlung verwebt, nicht durch kleine
-Motivzüge vorbereitet sind, das trifft uns noch ganz zuletzt wie
-ein furchtbar neuer und ganz unvorbereiteter Schlag. Es ist das so,
-wie es in der Chronik, der Novelle, dem Abenteuerroman durchaus in
-Ordnung ist, wo es etwa heißt: „Nun traf es sich aber zum Unglück --
---.“ Im Drama jedoch sind wir gewohnt, sei’s auch nur für die Ahnung,
-die Menschenseele und ihre Motive und wiederum das Schicksal und die
-Glieder seiner Kette einander irgendwie angenähert zu finden. Darf
-man also sagen, es sei, so sehr die innere Handlung, der Sinn ganz in
-uns eingehe, an dieser Stelle der äußern Handlung doch ein Rest des
-chronikalischen Rohstoffs unverarbeitet geblieben, so trifft das nur
-den Bau, nicht den Inhalt dieser Szenen. Es ist früher vorausgesagt
-worden, inwiefern dieses irrationale oder romantische Element des
-plötzlichen Eingreifens von Mächten, die wir, weil sie nicht in den
-Kram unsrer Begriffe und Rechenmethoden passen, Zufall nennen, für
-die Tragödie so gut am Platze ist wie für die epische Dichtung. Der
-rohe Ausweg der meisten Bühnen, die Szene des Bruders Johannes, wie
-er Lorenzo mitteilt, der Brief an Romeo habe nicht befördert werden
-können, einfach als etwas Unangenehmes wegzulassen, ist um so dümmer,
-als er gar nichts nützt: die Sache bleibt doch so, wie die Szene
-berichtet. Diese Szene in der finstern Zelle des Mönchs, wo seiner
-optimistisch menschenfreundlichen Vernunft vom dunkeln unsinnigen
-Schicksal der alles entscheidende Streich versetzt wird, muß vielmehr
-geheimnisvoll, raunend, gespenstisch gebracht werden. Dieser Bruder
-Johannes, den wir für diese zwei Minuten zum ersten und einzigen
-Mal erblicken, muß zugleich als der bieder beflissene, beschränkte
-Handlanger des Weisen und als der gepreßte, ahnungslos dienende Gesell
-des unbegreiflich vernichtenden, dämonischen Zufalls wirken. Das so
-zu verstehen, als eine kleine, huschende Unterstreichung und grotesk
-unsinnige äußere Erscheinungsform der tief innen im Menschlichen
-verankerten Tragik, wird uns um so leichter, als ja die gewaltige
-Szene Romeos in Mantua vorausgegangen ist; was wir jetzt nachträglich
-erfahren, der Grund, warum Romeo nur Julias Tod, aber nicht, daß sie
-lebt und von ihm gerettet und geflüchtet werden soll, mitgeteilt
-erhielt, verstärkt unser Nachgefühl für das, was wir eben miterlebten,
-versichert uns, daß Romeos Entschluß unwiderruflich ist, und macht
-es uns wahrscheinlich, daß Romeo, den wir auf der eiligen Reise nach
-Verona wissen, die letzte Lösung schneller bringen wird als Lorenzo,
-der nun in höchster Gefahr, wir ahnen es, zu spät zu Julias und damit
-zu Romeos Rettung aufbricht. Er, der Kluge, ahnt noch nichts von
-der höchsten Gefahr, von dem Tod, in dem sich die Liebe bergen muß;
-er, der sich so sicher ist, daß sein und seiner guten Mutter Natur
-Todestränklein der Liebe das Leben rettet, fürchtet noch immer nur
-Unannehmlichkeiten, zumal für die arme Julia, die
-
- lebendige Leiche in dumpfer Grabeshöhle.
-
-Romeo also, der Verbannte, hat inzwischen schon in Mantua die Nachricht
-erhalten: Julia ist tot. Zum Wundervollsten gehört, wie die Kürze
-dieser Szene aus Romeos heroischer Mannesart sich ergibt. Bei Capulets
-hatten wir, als Julia wie tot auf ihrem Bett gefunden wurde, die
-wortreichen, tränenreichen Klagen der unglücklichen Eltern, die Julias
-rechte Eltern nicht waren, des trauernden Bräutigams, der Julias
-Erkorener nicht war, mitangehört, ohne einen Augenblick zu vergessen,
-daß Julia noch lebt; und in dieser Stimmung hatte die Verstellung, mit
-der Bruder Lorenzo sie wortreich mehr zur Ruhe wies als tröstete, für
-uns einen tieferen Sinn, eine Rechtfertigung:
-
- Sie erhöhn war euer Ziel, -- --
-
-der Konvention habt ihr sie geopfert, sagt er für uns Mitwisser, seht
-ihr, da ist sie erhöht, wohin ihr ihr nicht folgen könnt; bereitet ihr
-eine schöne, prunkvolle Leichenfeier, dann bleibt ihr in eurer Rolle;
-
- Der Himmel zürnt mit euch um sünd’ge Tat,
-
-auch das verstehen Lorenzo und wir anders und bestimmter als die, an
-die es sich wendet.
-
-Hier aber, wo wir bei Romeos kurzer, tragischer Entschlossenheit sind,
-vergessen wir ganz den Zusammenhang und nehmen alles voraus: ja, Julia
-ist tot; Romeo kann nicht leben.
-
-Er erfährt von dem treuen Diener Balthasar, der in größter Eile
-hergeritten ist, um die traurige Botschaft zu überbringen: Julia ist
-tot. Kein Wort der Klage kommt über seine Lippen, nicht ein Ausruf des
-Schmerzes, keine Sekunde Wühlen und Verweilen in dem, was ist. Sonst
-wohl ist er der Dichter, der in Schmerz oder Wonne sich Bilder malt und
-das Wirkliche festhält und ausgestaltet; jetzt ist er ganz, sofort,
-im Nu zum Willen hin umgeschaltet, zum Sollen: hart, entschlossen,
-sachlich, nüchtern, trocken wie zur gegebenen Pflicht wendet er sich
-dem Tode zu.
-
- Ist es denn so? Ich biet’ euch Trotz, ihr Sterne!
-
-Du willst uns trennen, unfaßbares Schicksal? Nein. Du sollst es nicht
-vermögen. Du tust deinen Willen, fragst nicht, ob wir dich verstehn;
-ich tu meinen Willen auch, frage dich nicht, ob du’s erlaubst. Das
-alles und mehr liegt in seinem kurz gefaßten Sätzchen. Der Welt und dem
-Leben wird gekündigt, und nun das Praktische. Was ist zu tun? Daß er
-an ihr Grab muß, um im Tode mit ihr vereint zu sein, versteht sich ihm
-von selbst. Pferde mieten; ein Brief ist zu schreiben -- gewiß an die
-Mutter --; und wie soll man sterben? Gift --
-
- Mir fällt ein Apotheker ein --
-
-Und nun ruft er den Dichter in sich, den er so gewaltsam zurückgedrängt
-hat, im Gegenteil gegen sich selbst zu Hilfe: um nur ja nicht, was
-unwürdig, unmännlich, liebearm wäre, seinem Schmerz sich hinzugeben
--- jedes Wort, jede Vorstellung, jede Träne wäre eine Erleichterung,
-eine Erweichung --, klammert sich seine Phantasie an das fürchterliche
-Genrebild dieses zerlumpten, heruntergekommenen Apothekers an und malt
-es liebevoll, welthaßerfüllt ins einzelne aus.
-
-Hier haben wir ein ganz prachtvolles Beispiel dafür, wie Shakespeares
-Komposition und Motivierungskunst äußere Handlung, Charakteristik,
-letzten Sinn und Stimmung in der Ausnützung eines einzigen Moments
-verflicht: der Apotheker muß allerärmst und elendest sein, damit wir
-sofort verstehen, daß so einer ohne weiteres dem verzweifelten Manne
-das Gift verkaufen wird; damit wir in dieser verzweifelten Ausmalung,
-durch das überzeugendste Kunstmittel also -- indirekt -- Romeos
-Verzweiflung erleben; damit wir schließlich in einer wunderschönen
-letzten Gipfelung hinter dem Gipfel die ganze Vornehmheit Romeos
-erfahren.
-
-Ja, er ist so einer, der aus tiefem Grunde ohne Julia, ohne die Liebe
-nicht leben kann: weil die Welt ist, wie sie ist; jetzt ist es nicht,
-wie wir ihn wohl zu Beginn des Stückes noch sahen, der weibische
-Weltschmerz des unfertigen Jünglings, der die Welt gar nicht kennt;
-in dieser Woche ist er ein Mann geworden, der entschlossen Nein zur
-Welt sagt und ihr den Rücken kehrt; in Julia hatte er, gefördert vom
-weltliebenden Bruder Lorenzo, das Symbol und die repräsentierende
-Bürgschaft umschließen wollen, daß die Liebe eine Stätte in der Welt
-habe; indem er den Apotheker ansieht, schaut er den Repräsentanten und
-das Opfer der lieblosen Welt und ihrer Geschöpfe:
-
- Bist du so nackt und bloß,
- Von Plagen so bedrückt, und scheust den Tod?
- Der Hunger sitzt in deinen hohlen Backen,
- Not und Bedrängnis darbt in deinem Blick,
- Auf deinem Rücken hängt zerlumptes Elend,
- Die Welt ist nicht dein Freund, noch ihr Gesetz ...
-
-Und wie er ihm das Geld für das Gift reicht, erweitert sich seine
-Objektivität, seine Verallgemeinerung des eignen Leids noch mehr,
-dringt sein Blick noch tiefer in die Verkettung der Erbärmlichkeit der
-Menschen und ihrer Einrichtungen ein:
-
- Da ist dein Gold, ein schlimm’res Gift den Seelen,
- Das in der eklen Welt mehr Mord verübt
- Als solch arm Zeug, das du nicht geben darfst.
- Ich geb’ dir Gift: du hast mir keins gegeben.
-
-Ihm persönlich hat ja das Geld nichts getan: er aber denkt jetzt, wo
-er nicht mehr leben kann, ans Ganze. Und da, mit diesem letzten, alles
-einzelne zu Einem verschweißenden Blick des wie schon Sterbenden,
-erkennt er: hängt nicht aller Krieg und Streit der Menschen, jede
-Fehde, auch die Fehde der Montecchi und Capuletti mit hohlem Schein
-und umgehängtem Gepränge, mit Konventionen, mit Gier und Besitz,
-mit Egoismus zusammen? Rollt nicht die Lüge gleißend über die Welt
-hin, wie das Geld, das ein Mittel zum Leben sein sollte und zu jeder
-Niedertracht verführt? Nein wahrlich, ohne die Liebe läßt sich’s nicht
-leben!
-
-Wir wissen, wie er stirbt; von Blitzen, die aus dem Nächtigen leuchten,
-von tragischer Ironie umwittert; wir erleben mit, wie schwer ihm das
-Sterben gemacht wird, wie er bis zum Letzten vom boshaften Schicksal
-genarrt, wie er gezwungen wird, als Mann die Gewalttat zu üben, wo
-er als Mann der Liebe leben und sterben will: Graf Paris droht ihm
-auf dem Friedhof, vor Julias Totengewölbe, den Tod an, ihm, der
-nichts will als sterben; er, der an der Leiche der Geliebten das Gift
-trinken will, soll ein Leichenschänder sein; er, der den Haß versöhnen
-wollte, soll aus Familienfeindschaft selbst eine tote Jungfrau --
-sein ehelich Gemahl -- mit Gemeinheit beschmutzen wollen; und bei all
-der unbegreiflichen Verkennung haben wir jetzt, an dieser Stätte,
-unverrückbar wieder in Gedächtnis und Erwartung und möchten es ihm ins
-Ohr flüstern: Julia lebt, bald wird sie erwachen! Aber wir und das
-Mitleid haben keine Stimme; es waltet die Unerbittlichkeit, die die
-Liebenden in dem Augenblick, als sie allererst ihre Liebe erkannten,
-vor Augen sahen. Wie lang ist’s her? Eine Ewigkeit; ein paar Tage!
-So wie Romeo, in dem die Liebe Männlichkeit und Friedfertigkeit
-zugleich erweckt hat, Tybalt gebeten und beschworen hatte, ihn zu
-lassen, so redet er jetzt dem Gegner, den er nicht kennt -- und wenn
-er ihn kennte, wüßte er nicht um seine Beziehungen zu Julia --, redet
-Julias Gemahl ihrem Bräutigam gut zu, ihm den Weg nicht zu versperren;
-vergebens, auch das bleibt ihm nicht erspart; er muß sich seines
-Lebens wehren, um so sterben zu dürfen, wie’s seine liebende Phantasie
-verlangt; und Paris fällt.
-
-Julia lebt, bald wird sie erwachen! Das ist vielleicht die tragischste
-Ironie: er hat sich den Weg zu ihrer Leiche erkämpft, er blickt auf die
-tote Geliebte, die wie noch lebend aussieht:
-
- Noch bist du nicht besiegt: der Schönheit Fahne
- Weht purpurn noch auf Lipp’ und Wange dir --
- ... Liebe Julia,
- Warum bist du so schön noch?...
-
-Warum? O, wir wissen, warum. Die Zeit ihres Erwachens ist nun gekommen,
-schon steigt ihr Blut wieder zum Antlitz empor, schon mögen leichte
-Träume sie umschweben, und wie er nun, an ihrer Brust, im Kusse, auf
-ihren Lippen stirbt -- da dürfen wir denken, daß dieser Kuß des um
-ihres Todes willen sterbenden Freundes sie vollends zum Leben, zum Tode
-erweckt!
-
-Hat in der Welt dieser Verstrickungen, dieser tragischen Ironie, hat
-in dieser Dichtung des jungen Shakespeare, in der sich schon all
-die pessimistische Bitterkeit seiner reifen Zeit gegen Menschen und
-Weltordnung aufrichtet, der Zufall, dessen Bosheit der optimistische
-Rationalist Lorenzo nicht mit in seine Rechnung zog, nicht seinen
-guten, bitterbösen Platz?
-
-Julia erwacht und ist sofort ganz hell, ganz wach. Durch den langen
-Todesschlaf hindurch hat nur das Gedächtnis ihrer Liebe gelebt:
-
- Trostreicher Vater! Wo ist mein Gemahl?
- Ich weiß recht gut noch, wo ich sollte sein;
- Da bin ich auch. Und wo ist Romeo?
-
-So redet sie den guten Helfer an, der das Ganze so klug, so ganz
-richtig berechnend eingerichtet; sie ist, wo sie nach seinem Plan sein
-sollte, von wo Romeo und Vater Lorenzo sie wegbringen sollten.
-
-Der ist jetzt eben gekommen; in verzweifelter Eile ist er über die
-Gräber gestolpert und kann ihr nun in einem Schmerze, in dem auch die
-Klage über den Gott, der solches tut, nicht fehlt, nur sagen: Auch
-Romeo ist da; aber nicht mehr als Lebender.
-
- ... Eine Macht, zu hoch dem Widerspruch,
- Hat unsern Rat vereitelt.
-
-Wir wissen, wie sie stirbt; wie dann Lorenzo, dem Chor einer antiken
-Tragödie vergleichbar, als ein Mann, der mit dem Schicksal der Welt
-wie mit seinen, des immer wieder gläubig Vertrauenden, eignen immer
-wiederkehrenden Enttäuschungen vertraut ist, groß und gefaßt vor Fürst
-und versammeltem Volk alles, was wir wissen -- wie schmerzlich wohl wie
-in einem Adagio tut uns diese Wiederholung --, noch einmal zusammenfaßt
-und so den Vorgang einprägsam zur Höhe des Sinnbilds, zum Mythus
-erhebt: Dies ist das Schicksal Romeos und Julias; wir wissen, wie
-dieses Sinnbild: die Liebe Romeos und Julias in dieser Welt des Haders,
-wie dieses Heiligenbild des liebenden Paares gleich ein Liebeswunder
-vollbringt: an den Leichen versöhnen sich die Feinde, die Erben des
-Hasses der Geschlechter: die Liebe hat sich opfern müssen, um die
-Menschen vom Haß zu erlösen.
-
-Von seiner Zeit und, sie darin als ihr Größter repräsentierend und
-fortführend, mit ihr gemein hat Shakespeare die wilde, frisch anhebende
-Stärke und Gewalt; alles, was einmal hieratisch, starr, gebunden war,
-ist nun entfesselt, erweicht und rund und voll, plastisch und lebendig
-bewegt geworden; der Individualismus, die große, persönliche Gebärde
-der Renaissance und des Barock ist da, die ganze Ausdrucksgewalt; aber
-vereint damit, mit all dieser Freiheit und Unmittelbarkeit, ist, was
-die Zeit der Gebundenheit und Verbundenheit, der christlichen Seele,
-der innigen Gotik gebracht hat: ganz inniglich hold Seelenvolles, jetzt
-aber in frei unschuldsvoller, lebendiger Sinnlichkeit.
-
-Prometheus, Luzifer -- der Feuer- und Lichtbringer -- und Maria, die
-naturdurchdringende, hingegebene, liebende, kreatürlich-göttliche
-Weltseele: das süße Meisterstück aus Shakespeares Jugendzeit kündet uns
-an, daß das beides in Einheit beisammen, zur Einheit sich suchend von
-nun an in der Welt sein soll.
-
-
-
-
-Der Kaufmann von Venedig
-
-
-Es ist etwas Eigentümliches mit Titeln und Namen: sie nähren sich so
-sehr von dem eigentlichen Inhalt, den sie bezeichnen, und von den
-Stimmungen, die diesen Inhalt umschweben, daß die wörtliche Bedeutung
-manchmal fast bis zum Letzten verloren geht. Bei der Friedrichstraße
-in Berlin denkt man an das Leben, das dort durchzieht, aber an keinen
-Friedrich. Ich habe einmal beim Eingang zu einem Konzertsaal an einem
-Abend, an dem Schuberts Unvollendete auf dem Programm stand, einen
-Engländer die Worte ~The unfinished symphony~ mit so verzückter Betonung
-und so einem Auskosten jeder Silbe sprechen hören, daß ich den Klang
-nie wieder vergessen kann: mit keinem Gedanken dachte der Musikfreund
-daran, daß das Werk seinen Namen von der beklagenswerten Tatsache
-herleitete, daß der Meister die Symphonie liegen ließ und nicht fertig
-machte, sondern Die Unvollendete bezeichnet ihm schlechtweg einen
-Gipfel der Vollendung.
-
-So ähnlich steht es, wenn wir den Namen hören oder sprechen: Der
-Kaufmann von Venedig. Wir denken deswegen doch nicht ausschließlich
-oder in erster Linie an Antonio, den königlichen Kaufmann; manchem wird
-er zunächst gar nicht in den Sinn kommen. Wären wir aber einig darüber,
-welche Vorstellungen und Stimmungen, welche Personen und welche
-Vorgänge, welcher wie zum Traum gewordene Gesamtgehalt und Sinn uns mit
-diesem Titel zu Bewußtsein kommt, so brauchte ich kaum mehr etwas zu
-sagen.
-
-Wir sind aber keineswegs einig, wiewohl sicher ist, daß die Gestalt
-Shylocks und die Gerichtsszene, damit auch Porzia als Richter und
-ihre Entscheidung aus dem Gewoge der Erinnerungen am stärksten
-hervorstechen. Über das Stück als Ganzes aber, seinen Zusammenhang
-und seinen Sinn ist nach Hamlet vielleicht mehr als über irgend ein
-anderes Shakespeares geschrieben und gestritten worden.
-
-Zum ersten Mal erwähnt finden wir Shakespeares Kaufmann von Venedig im
-Jahre 1598; die erste Quartausgabe, die wir kennen, stammt vom Jahre
-1600.
-
-Bei der Umschau nach Shakespeares Quellen kommen wir sofort an das
-Grundproblem heran, das das Stück aufgibt. Es sind nämlich in dem Stück
-verschiedene Motive in eines verwoben, und wir wissen nichts davon,
-daß Shakespeare sie alle schon irgendwo beisammen gefunden hätte. Die
-Behauptung, Shakespeare habe hier ein älteres Stück bearbeitet, hängt
-ganz in der Luft; keine Überlieferung sagt etwas über das Vorhandensein
-eines solchen Stückes.
-
-Die wesentlichen Motive sind folgende:
-
- 1. Jemand, der Geld aufnimmt, verpflichtet sich zur Hergabe eines
- bestimmten Quantums seines Fleisches, falls er das Geld nicht zur
- rechten Zeit heimzahlt.
-
- 2. Eine Erbin wählt ihren Gatten mit Hilfe verschlossener Kästchen,
- deren Inhalt die Freier zu erraten haben.
-
- 3. Diese Frau entscheidet als Rechtsgelehrter verkleidet den Streit
- um das Pfund Fleisch durch ihre überraschende Auslegung.
-
-Das zu 2. genannte Motiv der Kästchenwahl ist in keiner der
-Überlieferungen mit dem Stoff verbunden; es hat vielmehr seine eigene
-Geschichte im Zusammenhang ganz anderer Fabeln. So findet es sich z. B.
-in der mittelalterlichen Geschichtensammlung ~Gesta Romanorum~,
-deren englische Fassung als gedrucktes Buch vorhanden und Shakespeare
-ganz sicher bekannt war; auch Boccaccio hat eine ähnliche Geschichte.
-
-Dieses Motiv ist von Shakespeare in die Geschichte des Rechtshandels
-aufgenommen worden, weil ein entsprechendes Motiv, das an seiner Stelle
-war, dramatisch unbrauchbar und auch sonst zu unedel war. Auch auf der
-Vorstufe nämlich, von der gleich zu reden ist, bewarben sich viele
-Freier um eine Dame mit einer schwierigen Leistung: die Leistung aber
-war nicht die Wahl eines Kästchens, sondern der durch einen Schlaftrunk
-erschwerte Beischlaf. Das mußte weg, und so kam die Kästchenwahl in die
-Handlung.
-
-Schon in einer andern Geschichte der ~Gesta Romanorum~ sind die
-zu 1. und 3. genannten Motive beisammen. Aber der Geldgeber ist da
-noch kein Jude. Wir brauchen darauf nicht weiter einzugehen, weil
-die Erzählung, die in enger Verbindung mit Shakespeares Stück steht,
-bekannt ist. Das ist eine um 1378 verfaßte, 1554 italienisch gedruckte
-Erzählung, die einer Sammlung mit dem Titel ~Il Pecorone~ (Der
-Dummkopf) von Giovanni Fiorentino angehört. In dieser salzlosen,
-lediglich stofflich wirkenden Geschichte läßt sich die Dame von
-Belmont, eine ungeheuer reiche, über ein Land gebietende Erbin unter
-der Bedingung umwerben, die oben erwähnt wurde. Ein junger Venetianer
-läßt sich von seinem Pflegevater dreimal Schiffe ausrüsten, um den
-Sieg davonzutragen. Erst das dritte Mal gelingt es ihm; inzwischen ist
-aber der Pflegevater durch den Vertrag um das Stück Fleisch in die
-Gewalt des Juden von Mestri gekommen, bei dem er seinem Pflegesohn
-zu Liebe Geld unter so seltsamer Bedingung aufgenommen hatte. Die
-Dame von Belmont befreit ihn verkleidet mit ihrem Rechtsgutachten;
-der Jude bekommt kein Geld und kein Fleisch, wird aber weiter nicht
-behelligt. Das Nebenmotiv, daß der junge Mann nun den Gelehrten mit
-einem Ring seiner Gattin bezahlt, und die lustige Verwicklung, die
-daraus entsteht, ist auch schon da. Die Namen, die genannt werden, sind
-andere; die Dame heißt nur die Dame von Belmont; der Jude wird gar
-nicht mit Namen genannt.
-
-Die Steigerung, daß die Tochter des Juden ins Lager seiner Feinde
-übergeht, das Jessikamotiv, ist nirgends überliefert.
-
-So ist also bei Shakespeare eine Fabel, die schon vorher im Äußern
-uneinheitlich und nur etwa durch das Motiv der überlegenen Klugheit
-der Frau zusammengehalten war, durch neue Zutaten noch verwickelter
-geworden. Und es erhebt sich die Frage: Warum hat er diese ineinander
-verstrickten Handlungen gewählt? Was hat er damit gewollt? So leicht
-wie A. W. Schlegel, der nonchalant meinte, die Shylock-Handlung sei so
-schmerzlich ängstlich, daß „für Aufheiterung und Zerstreuung“ gesorgt
-werden mußte, wollen wir es uns nicht machen, zumal wir mit Schlegel
-finden, daß das Stück zu Shakespeares vollendetsten Werken gehört. Zu
-solcher beruhigenden Erklärung würden wir uns erst entschließen, wenn
-uns gar kein Sinn und Zusammenhang dieses Vielfachen aufgehen könnte.
-Da wir aber wissen, daß ganz besonders die Stücke des Dichters, deren
-Handlung polymythisch, aus mehreren Handlungsteilen zusammengesetzt
-ist, mit diesem ihrem Parallelismus Sinnspiele sind, dürfen wir mit
-guter Hoffnung an die Untersuchung gehen.
-
-Von den vielen Versuchen, das Stück auf eine Formel zu bringen, nenne
-ich einige. Horn findet, das Stück verkünde die rein christliche Idee
-von der versöhnenden Liebe und der vermittelnden Gnade im Gegensatz
-zum Gesetz und zum sogenannten Recht. -- Ulrici erinnert an den Satz:
-~Summum jus, summa injuria~. -- Der Hegelianer Rötscher findet die
-Dialektik, den Entwicklungsprozeß des abstrakten Rechts dargestellt:
-das Buchstabenrecht bringt sich selbst zur Aufhebung. -- Gervinus
-will geistvoll und kräftig zeigen, daß das Stück in all seinen Teilen
-darauf ausgehe, das Verhältnis des Menschen zum Besitz darzustellen. --
-Kreyßig findet im Zusammenhang der verschiedenen Elemente der Handlung
-eine ganz andere Lehre als alle bisher genannten: dauerndes Gedeihen
-nämlich sei nur durch Maßhalten zu erlangen; der starre Idealismus, den
-er in Antonio verkörpert findet, sei kaum minder gefährlich als die
-verhärtete Selbstsucht.
-
-Ins Gebiet der Auslegung gehört auch die Auseinandersetzung zwischen
-Juristen, zu der Rudolf von Jhering Veranlassung gab. In seiner
-Schrift „Der Kampf ums Recht“ trat er von 1877 an nebenbei dafür ein,
-daß der Prozeß gegen Shylock zu revidieren sei: dem Mann sei Unrecht
-getan worden, Porzias Entscheidung beruhe auf einem elenden und
-nichtigen Kniff. Das führte zu einer Polemik mit dem Rechtsphilosophen
-Kohler, der im Gegenteil, ähnlich wie Rötscher und auch Simrock,
-fand, Porzias Entscheidung bedeute einen Sieg in der Entwicklung der
-Rechtsgeschichte; „die Sonne des Fortschritts“ leuchtete ihm aus diesem
-Ausgang des Prozesses hervor.
-
-Ich meine, man muß hier durchaus das alte Motiv, das man bei den
-verschiedensten Völkern in Märchen und Novellen findet, und die
-Anwendung unterscheiden, die Shakespeare davon gemacht hat. Die
-überraschende, erlösende Entscheidung, die das Motiv überall bringt:
-Gut, Gläubiger, du sollst das Pfund Fleisch haben, das das Gesetz
-oder der Vertrag dir zuspricht, aber kein Tropfen Blut soll um einer
-Schuldforderung willen vergossen werden, birgt wohl in der Tat den
-Sinn, wie ihn Simrock und Kohler darin gefunden haben: der Kampf
-einer milderen Rechtsauffassung gegen eine alte, die nun als grausam
-empfunden wird, spricht sich darin aus. Das Volksdenken und so auch das
-Volksrecht arbeitet nicht gleich mit der absoluten Negation; man sagt
-nicht, eine unbezahlte Schuld darf unter keinen Umständen zum Tode des
-Schuldners führen, das alte Gesetz ist abgeschafft; sondern man macht
-zunächst durch Interpretation die Anwendung unmöglich. Der Vorgänger
-des neuen Gesetzgebers ist der kluge Richter.
-
-Schuldenmachen und Diebstahl war in alten Rechten überall nicht
-gesondert. Schwerer Diebstahl kann in England noch heute mit dem Tode
-bestraft werden. Motive, auf die man bei Dickens und Balzac noch häufig
-stößt, kommen uns heute beinahe schon so barbarisch vor wie das Motiv
-Shakespeares: daß man Schulden halber auf Kosten des Gläubigers bis zur
-Bezahlung ins Gefängnis gesetzt werden konnte.
-
-In der alten Zeit aber, in der das Motiv entstand, handelte
-es sich nicht, wie bei Shakespeare, um einen besonderen unter
-Ausnahmebedingungen entstandenen Vertrag, sondern um eine der üblichen
-Rechtsordnung ganz gemäße Vereinbarung. Das römische Zwölftafelgesetz
-bestimmt: Wenn ein Schuldner dem Gläubiger zugeschrieben ist und nach
-sechzig Tagen und dreimaligem Ausruf keine Zahlung erfolgt, darf der
-Schuldner getötet oder als Sklave verkauft werden. Das entspricht so
-sehr dem Rechtsgefühl, daß die absonderlichsten Spezialfälle vorgesehen
-werden: mehrere Gläubiger dürfen den Körper zerhacken (~in partes
-secare~), und es wird ausdrücklich bestimmt, daß, wenn einer der
-Gläubiger sich ein größeres Stück herausschneidet, als ihm zukäme,
-das nicht als Betrug angesehen werden solle. Im deutschen Recht darf
-der Gläubiger den Schuldner verstümmeln; so z. B. gestattet ein
-altnorwegisches Gesetz dem Gläubiger, daß er dem Schuldner, der nicht
-für ihn arbeiten will, so viel Fleisch abhauen darf, als er Lust hat,
-oben oder unten.
-
-In unserm Stück nun liegt der Fall völlig anders. Es handelt sich nicht
-um so ein grausames Gesetz; das sind längst vergangene Zeiten. Nur in
-der Erinnerung des Volkes leben noch Traditionen, Geschichten, daß es
-so etwas einmal gegeben hat. Und so macht Shylock in seiner Tücke,
-für einen Fall, mit dem die ausschweifende Phantasie seines Hasses
-zunächst nur spielt, lachend, indem er sich erbietet, Bassanio unter
-Bürgschaft des reichen Antonio ohne Zinsen ein Darlehen zu gewähren,
-diesen Vorschlag: einen Vertrag zu schließen, auf Grund dessen Shylock,
-wenn er sein Geld nicht zum Termin zurückerhält, Anspruch auf ein
-Pfund Fleisch aus Antonios Leib erhält. Die beiden stehen einander so
-gegenüber, daß er, mit wildestem und vorerst ganz ohnmächtigem Haß
-geladen, in dem Augenblick, wo der mächtige Feind sich zum ersten Mal
-mit ihm einläßt, in seiner Phantasie das Bild der unwahrscheinlichsten
-Möglichkeit auftauchen sieht und mit ihr zugleich das Bild der
-Grausamkeit, wie sie einmal Rechtens war und seinem Haß einen Ausdruck
-bietet: Ha, wenn du mir verfallen wärest wie ein kriegsgefangener
-Sklave aus fremdem Stamm! Antonio aber denkt nur an eine der kuriosen
-juridischen Formen, für die es, zumal in England, Beispiele gibt. Für
-ihn noch viel weniger als für Shylock kommt der Gedanke, er werde den
-Betrag, so hoch er auch ist, nicht zahlen können, in Betracht; aber
-schön, der ekle Jude hat eine Laune, er, der Wucherer, will keine
-Zinsen nehmen, aber er will das streng bindende Versprechen, sein Geld
-wieder zu erhalten, will es in uralter Form, an die die Erinnerung noch
-spukt; das kann man machen. Antonio ist reich und hat viele Freunde; er
-besinnt sich gar nicht; die Hauptsache ist, nicht länger als nötig mit
-dem Juden zu tun zu haben und Bassanio dem Freund in schöner, wichtiger
-Sache schnell helfen zu können. So wie das Volksdenken und Volksrecht
-ein altes Gesetz nicht leicht negiert, sondern es erst im Sinne des
-neuen Rechtsgefühls interpretiert, so muß das, was eigentlich Nichts
-sein soll, eine Form annehmen: etwas ganz Kleines. Wenn Meister Eckhart
-in seinem schöpferisch ringenden Denken vom unendlich Kleinen sprechen
-will, sagt er etwa: eine Mücke. Der Maler Whistler verklagt den
-Kunstkritiker Ruskin wegen einer herabwürdigenden, schädigenden Kritik
-auf Schadenersatz; der Richter stellt sich ganz auf Ruskins Seite, will
-Whistler abweisen, wie er ihn nur abweisen kann, und verurteilt Ruskin,
-einen Penny als Schadenersatz zu zahlen. Er sagt nicht: Nichts sollst
-du haben; er sagt: Ganz, ganz klein bemesse ich deinen Schaden; aber
-dein Recht sollst du haben. So ähnlich hier, für Antonios Auffassung:
-da wir den Fall, daß das Geld nicht zur Zeit bezahlt wird, gar nicht
-erwarten, soll in den Vertrag, damit’s nur ein richtiger Vertrag wird,
-etwas eingesetzt werden, was es ja wirklich vor Urzeiten einmal
-gegeben hat, etwas heute ganz Unmögliches.
-
-Wenn es denn aber wirklich, fast wider aller, fast auch wider
-Shylocks Erwarten, Ernst wird, da handelt es sich nicht um ein altes,
-längst überwundenes Gesetz, sondern um ein unverbrüchliches, um
-das oberste aller Gesetze: Verträge müssen erfüllt werden. Wenn’s
-vertraglich stipuliert ist, kann auch das urälteste Recht wieder
-lebendig werden. Nur daß dann auch erwidert werden darf: Nimmst du’s
-mit dem Vertrag so ernst, so buchstäblich, so wundere dich nicht und
-beklage dich nicht, daß auch der Richter es macht wie du: Blut ist
-kein Fleisch; auf Fleisch hast du vertraglichen Anspruch, auf Blut
-nicht. In dem Volksdenken, wie wir alle es noch im Gefühl haben, wie
-es also entscheidend ist für unsre Teilnahme, haben wir nicht die
-analysierende, sprachkritische Methode moderner Wissenschaft, sondern
-da gelten die Worte in voller Kraft: Blut ist Blut, Fleisch ist
-Fleisch; das ist eindeutig, einfach, nicht zusammengesetzt. Shylock
-sträubt sich auch gar nicht; er fügt sich sofort; ihm ist mit seiner
-Münze gedient worden.
-
-So viel von den juristischen Voraussetzungen, die nebensächlich sind
-und darum von vornherein zu erledigen waren. Sie sind nur insofern
-nicht ganz unwichtig, als sie unsre, der Zuschauer, Psychologie
-berühren. Wir müssen wissen, warum es sich so verhält, wie es
-tatsächlich ist: daß wir jedesmal diesen Vorgang, den unser Verstand
-gern absurd nennen möchte, atemlos mit gespanntester Teilnahme gläubig,
-glauben wollend miterleben. Das kommt von Shakespeares Gestaltungskraft
-in erster Linie, kommt von dem Anteil, den wir an Shylock nehmen, und
-zu dieser Gestalt haben wir uns darum jetzt sofort zu wenden; vorher
-aber war noch dieses andre zu erledigen, darzutun, daß es sich um
-einen Vertrag handelt und daß die Ehrfurcht vor dem Vereinbarten und
-Geschriebenen in uns noch genugsam lebendig ist, uns mit ganzer Seele
-dabei sein zu lassen, wenn der dämonische Kampf der getretenen und
-sich aufbäumenden Niedrigkeit die Form der Rechtstücke annimmt. Denn,
-wir sehen es noch, zwischen Antonio und Shylock steht es nicht anders
-als zwischen Proserpina und dem Reich der Toten: hätte sie nicht in die
-Frucht der Unterwelt gebissen, wie hätte sie, die Lebendige, je Pluto
-verfallen können? Und so: was hat Antonio mit dem niedrigen Unhold zu
-tun? Er will ihn um irgend eines Dings seiner edeln Oberwelt willen als
-Mittel benutzen? Er rührt ihn an? Er reicht ihm den Finger? Er schließt
-einen Vertrag mit ihm? So ist er auch auf Shylocks Boden, auf den Boden
-dieses Vertrags getreten; er hat dem Dämon Macht, Macht in dieser
-besondern juridischen Form über sich gegeben, denn er hat nicht mit
-einem Mittel zu tun, das sich brauchen und dann wieder wegwerfen läßt,
-sondern mit einem lebendigen Wesen, das er gerufen, zu dem er sich
-hinabbegeben hat und das ihn nun umklammert, wie’s die äußerste, fast
-unmögliche, fast nur toll spielende Phantasie sich’s im Hasse geträumt
-hat.
-
-Nun also zu diesem Unhold von ganz drunten, zu diesem Juden aus
-dem Ghetto von Venedig, und zu allererst zu seinem Namen, über den
-dürfte man sich mehr wundern, als es gemeiniglich geschieht. Dieser
-Jude in Venedig trägt einen Namen, der ohne Zweifel ein englischer
-ist. Aber wir sind in Italien; die Männer heißen Antonio, Bassanio,
-Lorenzo, Gobbo und immer weiter mit o; die Frauennamen enden auf a:
-Porzia, Nerissa, auch des Juden Tochter, die dann ins Reich der andern
-aufgenommen wird, Jessika. Ein anderer Jude im Stück heißt Tubal, das
-ist für einen italienischen Juden ganz in Ordnung. Aber Shylock? Man
-hat zwar an einen Namen erinnern wollen, der sich im ersten Buch Mose
-findet: Salah oder Selach; aber was wäre damit geholfen, selbst wenn
-man überflüssiger Weise annähme, Shakespeare hätte daran gedacht?
-Er hätte ja trotzdem den Namen nicht ins Italienische, sondern ins
-Englische verwandelt genommen. Und dazu hat der Name, der sich dem
-holden Klang der andern Namen des Stücks so ungefüg entgegensetzt,
-für den Engländer Bedeutungserinnerungen in sich: ~shy~ heißt
-scheu, argwöhnisch, schlau, scharf, lauter moralische Eigenschaften
-des Gedrückten; ~lock~ ist ein Verschluß, ein verschlossener
-Raum, eine Spelunke, eine Diebshöhle; und wenn wir dem Juden für einen
-Augenblick den Namen Scheuloch geben, so haben wir so eine ähnliche
-Empfindung wie der Engländer, der erstmals, ohne den Inhalt der
-Person Shylock schon zu kennen, den Namen mitten unter gesittet und
-schön klingenden Italienernamen im Personenverzeichnis fände. In der
-Gerichtsszene, gleich nach Porzias Auftreten, wird der Name auch mit
-so einer besonderen Betonung von Porzia in den Mund genommen. Der Doge
-ruft die Prozeßparteien auf: Antonio, alter Shylock, tretet vor. Der
-fremde Rechtsgelehrte -- Porzia -- hat keinen Zweifel, wer von den
-beiden, die sich nun präsentieren, Antonio und wer der Jude ist; aber
-sie fragt noch einmal ausdrücklich: Ist Euer Name Shylock? und er hat’s
-mit starkem Klang zu bestätigen: Shylock ist mein Name.
-
-Man könnte vielleicht zur Erklärung vermuten wollen, Shylock sei ein
-Name gewesen, der unter englischen Juden üblich war. Aber da hätte
-man etwas übersehen, was auch sonst für unsere Betrachtung des Stücks
-wichtig ist: es gab in England keine Juden, seit Jahrhunderten schon
-nicht mehr; 1290 unter Eduard I. wurden sie vertrieben und erst 1652
-unter Cromwell wieder zugelassen. Unser Stück mit seiner genauen
-Kenntnis nicht nur des jüdischen Charakters, sondern auch italienischer
-Lebensgewohnheiten ist eines der stärksten Argumente der Forscher, die
-beweisen wollen, Shakespeare müsse in Italien gewesen sein. Beweisen
-läßt es sich bei alledem nicht; es ist möglich. Sicher ist, daß er
-im Rom Julius Cäsars nicht war und auch nicht auf Prosperos Insel;
-ein paar armselige Bücher und dazu noch die vielfachen Gespräche,
-von denen wir so wenig wissen wie von seinen Reisen, die wir aber
-mit größerer Sicherheit vermuten dürfen, mußten ihm dafür genügen.
-Was die Juden angeht, so verweist man überdies auf Marlowes Juden
-von Malta, einmal, um zu zeigen, daß da noch ein englischer Dichter
-aus Shakespeares Zeit wäre, der den jüdischen Charakter getroffen
-hätte; dann auch, um zu sagen, Shakespeare hätte davon das und
-jenes herübergenommen, wäre davon beeinflußt. J. L. Klein aber hat
-unübertrefflich gezeigt, daß Marlowe es gar nicht verstanden hat,
-einen Juden hinzustellen; sein „Jude“ ist noch nicht einmal ein
-Mensch, sondern ein gräßlicher Theaterwüterich mit einigen allerdings
-großartigen Zügen ausschweifender Phantasie und dichterischer Sprache;
-und was die Beeinflussung angeht, so steht es damit etwa wie mit dem
-Verhältnis von Marlowes Eduard II. zu Shakespeares Richard II., welche
-beiden Stücke mit einander zu vergleichen und Marlowes Königsdrama
-gar höher zu stellen man neuerdings in England wie in Deutschland die
-Verwegenheit unsicherer Neuerungssüchtiger gehabt hat: die Vergleichung
-ergibt nur, wie sich das tief Menschliche zum interessant Puppenhaften,
-die Aufdeckung der innersten Seele zur schönen Rhetorik, die höchste
-Tragik zur pathetischen Sprache verhält.
-
-Shylock ist ein Mensch; Shylock ist ein Jude!
-
-Lichtenberg in seinen prächtigen Briefen aus London berichtet von einem
-Schauspieler, der gleich bei den ersten Worten, die Shylock zu sprechen
-hat: ~Three thousand ducats~, die Zischlaute dieser paar Silben so
-„leckerhaft gelispelt“ habe, daß man sofort den Eindruck des Geizes,
-der Geldgier, der schmutzigen Gesinnung, erhalten habe. Es könnte
-jedoch in diese Worte noch mehr gelegt werden: bei dieser Erwägung
-steigt ihm schon das ganze Bedenken, die ganze schwindelnde Möglichkeit
-auf, die sich an dieses Geldgeschäft mit dem Verhaßten anknüpfen kann.
-Die Hexen, die erwarten, daß Macbeth sich mit ihnen einlassen wird,
-können nicht teuflischer jubeln als etwas drunten in Shylock bei der
-Wahrnehmung: Antonio der Hochmütige sucht ihn auf und braucht ihn.
-
-Man ist nur fähig, ihn zu verstehen, wenn man von vornherein beachtet,
-wie der alte Mann, in dem so vieles unterdrückt und aus der Richtung
-gerückt ist, dieses beides beisammen hat: Wirklichkeitssinn, so daß
-ihm nichts gilt als Tatsachen und die Mittel, sie sich zu beschaffen,
-und aber Phantasie ganz ausschweifender Art. Ist indessen dieses
-beides nicht vereint in dem Mittel, um das Shylocks Gedanken immerzu
-schweifen? Gibt es etwas Wirklicheres und Phantastischeres als das
-Geld? So ist auch die Art, wie er spricht, seltsam eindringlich
-zusammengeschweißt aus kurzer, harter, trockener Sachlichkeit und
-lebendig gestaltender Bildkraft. Er erwägt immer noch, ob er das Geld
-hergeben soll, und während er über die Sicherheit spricht, die Antonios
-Schiffe gewähren, wenn sie auf hoher See schwimmen, tauchen allerlei
-unglaubliche Möglichkeiten schon vor seinen Blicken auf:
-
- „Schiffe sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen: es gibt
- Landratten und Wasserratten, Wasserdiebe und Landdiebe, ich meine
- Korsaren; und dann haben wir die Gefahr von Wind, Wellen und
- Klippen.“
-
-Er sieht die Schiffe vor Augen, auf dem weiten Ozean, da und dort,
-und erwägt gleich an einer dunklen Stelle seines Wesens, zu der er
-doch seinen hellen Verstand zuläßt, alles, was kommen kann. Er ist ein
-Phantasiemensch; noch einen anderen wesentlichen Zug des Künstlers
-werden wir an ihm kennen lernen; und Intellekt hat er einen wunderbar
-starken, geradlinigen; was aber, was in aller Welt ist aus diesen
-gewaltigen Gaben geworden? Wie steht er vor uns, wie steht er vor
-diesen Christen?
-
-Es ist oft genug behauptet worden, ursprünglich und nach Shakespeares
-Meinung und nach der Art jener Aufführungen hätte man über diese
-Gestalt des Juden gelacht. Aber es ist nicht wahr, und es gehört eine
-absonderliche Roheit dazu, es zu meinen. Wer lesen kann, was da steht,
-wer hören kann, was zu ihm spricht -- und bei aller Entwicklung haben
-sich doch die gedruckten Worte von Shakespeares Text nicht verändert
--- der weiß: da sollte nicht gelacht werden und konnte kein Lachen
-aufkommen. Nein, er macht es uns nicht möglich, und wir haben keinen
-Grund, über ihn zu lachen; er macht es uns freilich auch unmöglich,
-mit ihm zu lachen. Ihm aber nämlich klingt oft ein Lachen bösester Art
-als Unterton mit, wenn er mit seiner alten, hohen, scharfen Stimme,
-mit der Schärfe und Galle in seiner Art, sich auszudrücken, mit
-menschenfeindlichem, verächtlichem Humor und mit vernichtender Logik
-seinen erhabenen Verächtern vorhält, wie sie selber sind. Er lacht; uns
-vergeht das Lachen, mit ihm wie über ihn.
-
-Antonio, der einmal jünger und heftiger war als er jetzt ist --
-sie leben ja ihrer Lebtag schon immer in Venedig, auf dem Rialto,
-zusammen, aber wer weiß, gegen den Juden wird der innerlich Vornehme
-sich auch heute noch gehen lassen -- hat ihn Bluthund genannt, hat ihn
-angespieen, hat ihm Fußtritte versetzt: und jetzt? jetzt kommt er?
-jetzt --
-
- Hat ein Hund Geld? Ist’s möglich, daß ein Spitz
- Dreitausend Dukaten leihen kann?
-
-Und wie spürt Shylock, daß all dieser Schimpf nicht ihm allein gilt,
-weil er ist, wie er ist, sondern seinem Stamm! Sind wir Juden aber
-nicht dieselben Menschen, mit denselben Organen wie die Christen? Und
-er stellt die furchtbaren, die endgültigen Fragen, die zu hören es alle
-Zeit alle empfindenden Menschen mit Schauder durchrieselt haben muß,
-und uns nur darum mehr als Shakespeares Zeitgenossen, weil wir die
-Begleitempfindung haben: sie holen heute, nach dreihundert Jahren, noch
-ihre lebendige Kraft nicht bloß aus der Sprachgewalt des Dichters,
-sondern aus den Zuständen, die im wesentlichen heute noch sind wie
-damals, -- die Fragen:
-
- „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt,
- lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und
- wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“
-
-Und hier lernen wir ihn zum zweiten Mal als eine künstlerische Natur
-kennen; in der Rache ist er ein Künstler. Seine Rache ist, obwohl er’s
-selber nur in erhöhter Stimmung weiß, ganz und gar Selbstzweck; sie
-befriedigt sich schwelgerisch in sich. Was er für einen Grund hat,
-Antonios Fleisch zu wollen? Er braucht keinen besonderen Grund; er will
-keinen!
-
-Wer haßt ein Ding und brächt’ es nicht gern um!
-
-Weiter begreift er nichts; will’s nicht begreifen; aber -- so sagt doch
-einmal, ihr dort droben, die ihr mit Verachtung auf mich herunterschaut
--- seid ihr denn anders?
-
- Viel habt ihr unter euch gekaufte Sklaven,
- Die ihr wie eure Esel, Hund und Maultier
- In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,
- Weil ihr sie _kauftet_. Sag’ ich nun zu euch:
- Laßt sie doch frei! Vermählt sie euren Erben!
- Was plagt ihr sie mit Lasten! Laßt ihr Bett
- So weich als eures sein, labt ihren Gaum
- Mit eben solchen Speisen, -- ihr antwortet:
- ‚Es sind ja unsre Sklaven‘; und so geb ich
- Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,
- Ist gut bezahlt, ’s ist mein, und ich will’s haben!
-
-Jetzt sind wir in der Lage, ganz zu verstehen, warum dieses bis an die
-Grenzen des Menschenmöglichen gehende Motiv uns so fraglos hinnimmt, so
-in allen Tiefen erschüttert. Weil wir selbst, weil die Zustände unserer
-Gesellschaft es sind, an die Shylock sich mit seinen Worten ebenso
-wendet wie an die edeln Venetianer, die zugleich ein adliges Leben im
-Geiste, Spiel und schönen Luxus, ein Leben der Kaufmannschaft und ein
-Leben der Sklavenhalterei führen. Auch hier ist des Dichters Amt vor
-allem wieder die Deutung; die Fabel, daß der Jude auf sein Recht pocht
-und das Pfund Fleisch des Schuldners haben will, ist da, wie Agamemnon
-da ist, der seine Tochter geopfert hat; Shakespeare aber zeigt uns, wie
-es in dem Juden aussieht, wie er sich gegen seine Umgebung stellt, wie
-diese Stunde, wo er den Repräsentanten seiner Feinde vor Gericht zieht,
-um das Recht zu haben, er, der Rechtlose, ihn zollweise zu morden, die
-in tollen, ungeglaubten Träumen ersehnte Stunde seines fürchterlichen
-Triumphes ist.
-
-Diese Dinge, Shylocks Haß gegen die Christen, sein Versuch, diesen Haß
-zu befriedigen, der ihm keineswegs ganz mißlingt, denn er, der Jude,
-darf seinen Haß vor dem Dogen von Venedig in Wahrung seines Rechts
-hinausschreien, und die Gründe zu diesem Haß, sie sind der Intensität
-nach stärker als alles andre im Stück; sowie wir das Buch weglegen oder
-das Theater verlassen, verflüchtigt sich das andre alles wie Spiel
-und Traum, dies aber bleibt wie böse, arge, harte, undurchdringliche
-Wirklichkeit. Und so soll es sein; so hat es dieser Dichter in seinem
-Traumspiel komponiert, und daß wir auf dieses Intensitätsverhältnis
-achten, ist schon ein wesentlicher Gewinn zum Erfassen des Sinnes, um
-dessentwillen diese Vorgänge ineinander geflochten sind.
-
-Der Schauspieler Schildkraut, dessen Judentum offenbar aufs stärkste
-menschlich erzittert, wenn er diese Rolle spielt, macht durchweg
-den Versuch, Grelles zu mildern und sympathische Züge an Shylock
-hervorzukehren. So unternimmt er es mit einer Kunst, der das Unmögliche
-beinahe gelingt, Shylocks Klage um die von der Tochter mitgenommenen
-Diamanten und Juwelen so zu bringen, als ob der Vater von den Schätzen
-zwar unermüdlich plappernd und jammernd spräche, dabei aber nur die
-entflohene Tochter schmerzlich im Sinne hätte. Etwas ist schon daran;
-aber zu je größerer Härte wir uns schmieden, um so näher kommen wir
-solchen Gestalten Shakespeares. Für diesen seelisch Getretenen und
-Gefallenen ist das alles ganz ein und dasselbe: Geld -- Juwelen --
-die Erinnerung an seine Jugend und Lea, die gestorbene Frau, die
-Tochter, das alles ist sein Leben, und weiter kennt er kein Leben als
-sein Haus und sein Geschäft. So weiß er nach der Flucht der Tochter
-nicht, worüber er zuerst klagen soll. Solanio, der darüber berichtet,
-charakterisiert sein Benehmen als „verwirrte Leidenschaft“ und erzählt,
-wie es „seltsam wild und durcheinander“ aus seinem Munde gehe:
-
- Mein Tochter -- mein Dukaten -- o mein Tochter!
- Fort mit ’nem Christen -- o mein christliche Dukaten!
-
-Hier kommt mitten aus Kummer und Wut der Hohn auf die Feinde und vor
-allem die grimmige und doch humoristische Selbstverhöhnung heraus, die
-man an dem Juden, wie er durch den Druck geworden ist, so gut kennt.
-Die Dukaten, die er den Christen mit seinen Geschäften so durchtrieben
-abgenommen hat, in Jahren und Jahren, die sind nun in einem Augenblick
-mitsamt der Tochter zu den Christen zurückgekehrt! Diese Verschmelzung
-seiner Liebe zu Dingen von Geldwert und seiner Liebe zum Kind, die
-dem alten Mann ganz selbstverständlich ist, kommt für die Zuhörer des
-Jammers so grotesk heraus, daß die Gassenbuben hinter ihm herschreien:
-„Die Stein, die Tochter, die Dukaten!“
-
-Das wird berichtet, und dann sehen wir Shylock nur nachträglich im
-Gespräch über den Fall mit Freunden des Entführers aus Antonios Kreis
-und mit dem Stammesgenossen Tubal. In meiner Erinnerung aus früher
-Zeit aber steht sehr lebhaft eine Szene, wie Shylock unmittelbar nach
-Jessikas Flucht zurückkehrt und mit einem Licht in der Hand rufend,
-jammernd, brüllend das ganze Haus treppauf, treppab durchsucht.
-Virtuosen haben sie eingelegt, die Szene ist von Shakespeare nicht
-verfaßt. Hätte er sie gedichtet, so stünde uns außer dem inneren Grund
-noch die äußere Veranlassung lebhaft vor Augen, warum Shylock die
-geraubten Schätze und die Flucht des einzigen Kindes immer verwirrt
-beisammen hat: daß die Tochter nicht bloß gelegentlich, sondern als
-Flüchtige das Haus verlassen hat, merkt er an der wüsten Sichtbarkeit,
-daß die Kästen leer und ausgeraubt sind. Wir treffen das übrigens
-öfter bei Shakespeare, wie ein Höhepunkt des Vorgangs nur in den
-Bedingungen und Folgen gezeigt wird. Hier mag noch mitsprechen, daß
-Shylock nicht gar zu sehr in die Mitte gerückt werden darf und daß
-die Schauplätze und das Weiterführen der verschiedenen Elemente der
-Handlung fast symmetrisch abwechseln, wie wir bald näher zu betrachten
-haben. Aber vielleicht gehört diese Weglassung noch in einen tieferen
-Zusammenhang, von dem J. L. Klein gelegentlich spricht; gelegentlich
--- sein eigentliches Werk über Shakespeare hat der genialste aller
-Shakespearekundigen ja nicht mehr schreiben können. Klein weist
-darauf hin, daß Shylock im Gegensatz zu den anderen Bösewichten,
-die Shakespeare darstellt und die sich alle mit sich selbst
-auseinanderzusetzen haben -- Jago, Edmund, Richard III., der König im
-Hamlet, Macbeth -- nie einen Monolog hält. Wir sehen ihn nur als einen,
-der reagiert; als den Juden im Verkehr mit der Welt, die ihn zu dem
-gemacht hat, was er ist. Er ist nichts mehr als Verkehr; er kann nicht
-mit sich allein umgehen. Vermöchte er es, täte er es, er mit seinen
-reichen verschütteten Gaben wäre ein anderer als der er erscheint, er
-wäre er selbst, er käme zu sich. Ein bloßes Mittel -- Geld -- ist ihm
-Zweck geworden, weil ihm die Welt nicht erlaubt, er selbst zu sein und
-sich von sich aus in die Welt hinein Aufgaben zu setzen. Und was für
-seine Psychologie gilt, trifft auch seine Rolle in der Ökonomie des
-Stücks; er ist nur das grobe Mittel, um das Zarte, Feine, Duftige, um
-das es im übrigen geht, in Bewegung zu setzen; er ist das negative
-Element im Stück wie Mephisto im Faust, nur daß es Shakespeare vermocht
-hat, uns am Innern dieses seines Unholds qualvoll ernsten Anteil nehmen
-zu lassen.
-
-Der Streit, weniger ob das Stück ein Lustspiel ist oder nicht, als
-vielmehr, ob Shylock ein tragischer oder ein komischer Charakter
-ist, wirft eine der Fragen auf, die für Shakespeares Dimensionen zu
-schubfachmäßig eng sind. Daher kommt es, daß die Vertreter beider
-Auffassungen Richtiges und Falsches durcheinander vorbringen. So
-hat Rümelin, der sich ganz für die Komik entscheidet, ein trockener,
-kritischer, höchst verständiger Kopf, bei alledem etwas sehr Richtiges
-bemerkt, dem er freilich keineswegs gewachsen sein konnte. Das Stück,
-sagt er, grenzt an die Gattung der Feenmärchen. „Der Dichter führt
-hier in die sonnenhelle Handlung ein auf den ersten Anschein grausiges
-Element herein“, so eine Art Knecht Rupprecht. Wie nah sich das mit der
-Wahrheit berührt, will ich noch zeigen. Wenn aber Rümelin fortfährt:
-„Der Dichter hat ihm aus seinem reichen Schatz nur gleichsam ~en
-passant~ einige tiefere Motive zugeworfen“, so muß man bei diesem ~en
-passant~ doch sagen, daß so ein Mann wie Rümelin nicht Ehrfurcht genug
-vor dem hat, was über den Verstand des bloß Verständigen hinausgeht.
-Er hat keine Ahnung davon, mit welcher bewußten, geistig-denkerischen,
-planvollen Lenkung und Komposition der mehr als Verständige, der
-Dichter, sein Werk aufbaut. Es gilt schlechtweg beides: in dieser
-Dichtung haben wir zugleich ein Spiel der Lust und höchste Tragik,
-haben wir tiefste Entlarvung nicht nur Shylocks, sondern auch derer auf
-der andern Seite, bei denen wir Zuschauer stehen, aus Shylocks, hie
-und da auch aus Lanzelot Gobbos Munde. Wer nicht um eigener Absichten
-willen gewisse Teile der Dichtung unterschlägt, dem kann hier keine
-Frage kommen: Shylock steht ganz klar, in schärfster Helle im Stück,
-und wir dürfen wohl, weniger bei der Helligkeit der verständigen
-Kritiker als bei der Helle, in der Shylock steht, daran denken, daß
-Helle und Hölle das nämliche Wort ist; denn das Helle, grelle Licht,
-das rembrandtisch auf diesen Dunklen fällt, entspricht dem Zustand
-seines Innern: indem ihm die Eingeweide, die Herz, Seele, Gemüt
-heißen, zu schwarzer, gallig gebeizter Kohle verbrennen, schlägt ihm
-die helle Flamme in den Kopf empor. Hell und scharf umrissen steht er
-da: unser Abscheu ist ihm ebenso sicher wie unser tiefstes Mitgefühl;
-unser Unrechtgeben ebenso wie unser Rechtgeben; und das ist das
-einzig Große an Shakespeares Menschendarstellung, die hier nicht bloß
-einen einzelnen Menschen, sondern in dieser einmalig repräsentativen
-Ausprägung den Zustand eines gedrückten Volkes darstellt.
-
-Dieser Zustand, wir erleben es schaudernd und mit einem innigen
-Mitgefühl, das noch mehr als diesem Geprägten, Preisgegebenen,
-Fertigen, Verlorenen den verschütteten Möglichkeiten seines Gleichen
-gilt, macht schlecht, gemein, wild, gierig, reaktiv; wir fühlen von
-diesem Beispiel aus weiter und erleben: daß der Druck so wirkt, das
-gilt für alle Getretenen, nicht bloß für Juden, auch für den Pöbel,
-wie er in Krawallen und Revolutionen auf die Straße steigt, auch für
-das moderne Proletariat; empfinden wir aber darum das Unrecht, das
-geschehen ist und noch geschieht, weniger, weil es wirksam war? Ja,
-Shylock löst mit ewig gültigen Worten, die er selbst spricht, sein
-eigenes Rätsel: er ist das Produkt niederträchtiger Behandlung; er ist
-niederträchtig.
-
-Nicht das also ist eine Frage, ob Shylock eine tragische oder eine
-komische Gestalt -- zu nennen sei; das wird allezeit nicht von
-Shakespeare, sondern von Takt und Herz des Namengebers oder Beurteilers
-abhängen; Shylock ist Shylock, als Produkt der Verhältnisse ein
-gieriger und unbarmherziger Wucherer, als Produktiver, der sein Eigenes
-der Wucht der Umstände und Bewirkungen entgegensetzt, reaktiv,
-rachebegierig, rachefroh, boshaft, witzig. Aber nach ganz anderm ist zu
-fragen: Was hat Shylock in diesem Stück zu tun, oder was hat der Rahmen
-um diese Gestalt für eine Bedeutung? Was ist der Zusammenhang und Sinn
-des Ganzen? Was hat Porzias Reich und die seltsame Art, wie sie aus der
-Zahl ihrer Bewerber den Würdigen herauszufinden hat, mit dem Konflikt
-zwischen Antonio und Shylock zu tun? Denn mit der äußeren Begründung
-der Überlieferung, daß eben Antonio sich für Bassanio verbürgt, der für
-seinen Freierzug Geld braucht, werden wir uns bei Shakespeare nicht
-so leicht zufrieden geben. Es ist zwar wahr, was Friedrich Theodor
-Vischer sagt, daß Shakespeare es sich in den Lustspielen manchmal
-leichter gemacht hat, aber bei einem Drama, in dem ein Shylock in
-engste Beziehung zu allen anderen Hauptgestalten gesetzt ist, wollen
-wir an eine bloß äußerlich-lockere Verbindung nicht glauben. Wir wollen
-vielmehr zusehen, ob nicht eine innere Beziehung zwischen dem alten
-Juden und dem jungen Venetianervolk da ist, ob nicht Gestalten im
-christlichen Lager, Antonio, Bassanio und die andern, sowie Shylock
-einen doppelten Sinn, ein doppeltes Gesicht haben.
-
-Meiner Auffassung des Kaufmanns von Venedig, wie ich sie bisher
-angebahnt habe und nun aussprechen will, am nächsten kommen von
-den Beurteilern, die ich kenne, zwei Dichter, Heinrich Heine und
-Otto Ludwig. Von Menschen dieser Art, die Dichter, aber nicht
-bloß Dichter waren, die eine edle Vereinigung von Phantasie und
-Denken in sich beherbergten, rührt bei weitem das Beste her, was
-über Shakespeare geschrieben wurde, von Lessing, Herder und Goethe
-angefangen über Schlegel zu Julius Leopold Klein und Friedrich
-Theodor Vischer; und von Beurteilern unserer Tage haben mir Oscar
-Wilde, Strindberg, Hofmannsthal und Gundolf in gelegentlichen
-Bemerkungen oder zusammenhängenden Werken mehr gegeben als die meisten
-Shakespeareforscher der Zunft.
-
-Otto Ludwig in den „Studien“, die von Haus aus nur Auseinandersetzungen
-des Dichters mit sich selbst zur Erlernung des Handwerks sind, deutet
-auf eine entscheidend wichtige Seite in unserm Stück mit einer bloß
-formalen Bemerkung über die Komposition: „Welche Idealität, Befreiung
-von allem Bedürfnis, welche leichte Grazie ist im Stücke, seine
-Wirkung eine wunderbar harmonische.“ Schon halten wir inne, denn
-wenn das wahr ist, wie steht nun auf einmal Shylock für uns in einem
-solchen Stück da, wie als Entgegensetzung, als Feind, als Unhold!
-Denn „Idealität, Befreiung von allem Bedürfnis, leichte Grazie,
-Harmonie“, all diese Ausdrücke bezeichnen gerade das Gegenteil seines
-Wesens. Er ist der völlige Knecht des Bedürfnisses, er ist nichts
-als Bedürfnis, ist das absolute Bedürfnis, gerade weil sein Bedürfen
-keine Relation zu Gründen, Zwecken und Entbehrungen eingeht; er ist
-nie in Not und führt für seine Person ein einfaches, frugales und
-geiziges Leben; Lanzelot Gobbo klagt genug darüber. Genau so steht
-es um seinen Realismus; er ist so sehr lediglich den Wirklichkeiten
-und dem universalen Mittel zu ihrer Erlangung zugewandt, daß er der
-absolute Realist ist; der Altkäufler, der Knochen, Lumpen, Papier,
-Gebisse, Knöpfe, Metalle, Haar, Stühle, Tische und Betten kauft, ist
-immer noch wählerisch; Shylock ist es nur um das zu tun, was alles
-vertritt; er nimmt an nichts einzelnem Interesse. Ein Idealist wäre er
-nur insofern zu nennen, als der Realismus, wenn er so absolut wird, mit
-seiner Allesgier von hinten an den Verzicht auf jeden Genuß grenzt;
-das Wort Geiz umschloß einmal die beiden Bedeutungen der Habgier
-und der Knausrigkeit, obwohl der Habgierigste alles haben und der
-Knausrigste andern und sich selbst nichts gönnen will. Wie Shylocks
-Wuchersinn so sehr grandioser Wahn ist, daß er allerdings subjektiv
-der Uneigennützigkeit ähnlich sieht, so überschreitet er mit seinem
-Rachedurst die Schranken des duldenden und im Kleinen kriechenden
-Judentums so weit, daß er mit seiner Mordgier, die das Mittel des
-Betrugs und der Hinterlist in kaufmännisch-juridischer Einkleidung
-nicht verschmäht, allerdings wiederum die Grenze des Heroischen
-erreicht. Aber, davon haben wir noch mehr zu sagen, nichts fehlt ihm so
-entscheidend wie die beiden andern Eigenschaften, die Otto Ludwig dem
-Stück nachsagt, in das er wie ein schwarzer Block hineinragt: leichte
-Grazie und Harmonie. Otto Ludwig aber fährt fort und sagt noch etwas,
-was nur Technisches zu beleuchten scheint und doch sehr aufklärend
-für den letzten Sinn und Zusammenhang des Stückes ist: „Was den Bau
-betrifft, so ist auch darin keine Spur jenes mühsamen Ernstes, der die
-Phantasie scheucht und lähmt. Es ist, als hätte die Phantasie die Folge
-der Szenen bestimmt und alles geordnet.“
-
-Heinrich Heines Bemerkungen zu Shakespeare, Gedachtes, Empfundenes,
-Geschautes und oberflächlich oder zu Augenblickszwecken des Witzes
-und der Bosheit Hingeworfenes, Gutes, Mäßiges und Schlechtes, finden
-sich in der Sammlung „Shakespeares Mädchen und Frauen“, die er auf
-Anregung eines Verlegers zu einem Buch mit Illustrationen schrieb. Bei
-Gelegenheit des Kaufmanns von Venedig erzählt er uns zunächst von der
-Britin, die in einer Aufführung des Stückes nach der Gerichtsszene
-über Shylock in heftiges Weinen ausbrach und dann ausrief: „Dem
-armen Mann geschieht Unrecht!“ Und dann fährt er, zur Zeit unter dem
-Einfluß des Junghegelianismus und der Revolutionsstimmung stehend,
-fort: „Shakespeare hegte vielleicht die Absicht, zur Ergötzung des
-großen Haufens einen gedrillten Werwolf darzustellen, ein verhaßtes
-Fabelwesen, das nach Blut lechzt und dabei seine Tochter und seine
-Dukaten einbüßt und obendrein verspottet wird... Aber der Genius des
-Dichters, der Weltgeist, der in ihm waltet, steht immer höher als sein
-Privatwille.“ Das Stück sei also zur „Justifikation einer unglücklichen
-Sekte“ geworden, sagt er, um auch das dann gleich noch zu erweitern:
-„Von Religionsverschiedenheit ist in diesem Stücke nicht die geringste
-Spur.“ „Sein Drama zeigt uns eigentlich weder Juden noch Christen,
-sondern Unterdrücker und Unterdrückte, und das wahnsinnig schmerzliche
-Aufjauchzen dieser letzteren, wenn sie ihren übermütigen Quälern die
-zugefügten Kränkungen mit Zinsen zurückzahlen können.“
-
-Was können wir damit anfangen? Die Unterscheidung zwischen dem
-Privatwillen des Dichters und dem in ihm und gegen ihn waltenden
-Weltgeist mache ich so nicht mit. Der Dramatiker ist dadurch viel mehr
-als jeder andere Dichter ein Künstler und also auch ein Handwerker
-und also auch ein denkend Entscheidender, daß er sein Werk planvoll
-zu bauen, zu komponieren hat. Was die Phantasie an Gesichten schaut,
-was ihm aus der Empfindung rhythmisch zuströmt, muß er organisieren
-und verteilen; und Shakespeares Werke zeigen, daß er getan hat, was
-seines Handwerks war. Einem derben, rohen, auch pöbelhaften Geschmack
-hat er oft Genüge getan, ohne daß man deswegen sagen dürfte, sein
-Publikum wäre der große Haufen gewesen. Das Publikum, das er im Sinne
-hatte und an das er sich oft genug episodisch wie ein Erzieher wendete,
-war die Jugend des Adels und des gehobenen, literarisch gebildeten
-Bürgertums; in diesen Kreisen steckte freilich noch ungebrochene Kraft
-und volkstümliche Derbheit genug.
-
-Nicht so also dünkt es mich, daß Shakespeare der unbedenkliche
-Theaterdichter „zur Ergötzung des großen Haufens“ ein blutgieriges
-Ungeheuer schildern wollte, das überwunden und mit Schmach
-fortgeschickt wurde, daß ihm aber unter der Hand der Weltgeist, sein
-Genius, den Repräsentanten einer unterdrückten Schicht daraus machte;
-und doch -- ich habe es, als ich an Rümelin erinnerte, schon gesagt
--- ist an dieser doppelten Bedeutung Shylocks etwas daran. Heine
-versteht nicht recht, welche Rolle in Stimmung und Sinn des Ganzen die
-Gestalten zu spielen haben und wie vielfache Lichter Shakespeare auf
-die Gestalten wirft; er wäre zur Unterscheidung des Fabelungetüms für
-den Pöbel und der real geschauten Judengestalt für eine tief bohrende
-Geschichtsanschauung nicht gekommen, wenn er in diesen Zusammenhang
-etwas hineingenommen hätte, was er selbst sehr deutlich sah, nur
-leider bei Gelegenheit eines andern Stahlstichs. Wie er nämlich nicht
-an Jessika, sondern an Porzia anknüpft, da bemerkt er sehr wohl, wie
-der Dichter in diesem Stück zwei Sphären einander gegenüberstellt,
-die Welt „des heitern Glücks im Gegensatz zum düstern Mißgeschick“:
-Porzia ist ihm die Repräsentantin „jener Nachblüte des griechischen
-Geistes“, der Renaissance, im Gegensatz zu Shylock, dem Repräsentanten
-„des starren, ernsten, kunstfeindlichen Judäa“. Wer Heine kennt,
-weiß, daß er hier, in diesem Gegensatz, nicht eigentlich das alte
-Judäa meint, er spielt vielmehr Heidentum und Griechentum gegen
-den nazarenischen, den unsinnlich-strengen Geist des Christentums
-aus, von dem er sich selber eingeengt und gelästert fühlte, so
-daß schließlich beinahe herauskäme, daß Porzia die Vertreterin
-einer heidnisch-griechischen Renaissance, Shylock ein Repräsentant
-christlichen Geistes wäre; und wer wollte leugnen, daß Shylock ein
-Produkt und insofern allerdings ein repräsentatives Kennzeichen einer
-gewissen kirchlich-christlich-abendländischen Richtung ist? Wichtiger
-fast noch als diese, immer nur mit Einschränkungen giltige, in Rubriken
-scheidende Geschichtsauffassung sind die Attribute, die Heine für
-Sprache und seelische Haltung Porzias und wiederum Shylocks findet.
-In Porzias Reich ist „lauter Licht und Musik“; sie und ihre Sprache
-ist blühend, rosig, reinklingend, freudewarm, sie lebt in schönen
-Bildern aus der Mythologie; Shylock ist trübe, keifend, häßlich,
-krampfhaft, ätzend, seine Sprache ergeht sich in Gleichnissen aus dem
-Alten Testament. Das ist ganz trefflich geschaut; und wenn Heine nun
-zusammengenommen hätte, was er an verschiedenen Stellen aus dem Ärmel
-schüttelt, so hätte er erkannt, daß das Wesentliche am Kaufmann von
-Venedig gerade das ist: daß eine heitere, obere Welt der Freiheit,
-der Leichtigkeit, des Adels dargestellt wird, in die eine finstere,
-unheimliche, höllische Macht von unten auf einbricht; daß aber diese
-furchtbare Störung und Bedrohung Gegendruck auf Druck, daß sie reaktiv
-ist; daß der fabelhafte Werwolf, der da in den Gefilden der Seligen
-seinen Rachen aufsperrt, der von Natur aus geistig und seelisch
-bedeutende Repräsentant einer getretenen, unterdrückten Klasse ist;
-daß also in das Reich der Schönheit das Häßliche als eigene Schuld der
-Gehobenen einbricht und daß darum diese vom Schicksal Bevorzugten auch
-keineswegs einheitlich auf einer Ebene stehen; es geht stufenweise
-hinauf bis zur höchsten und reinsten Verkörperung des Lichtes, der
-Farbe, der Wärme und Harmonie, bis zu der Frauengestalt Porzia.
-
-Hier bei diesem Stück vor allem müssen wir, um den Zusammenhang des
-Ganzen und den Sinn der Dichtung zu erfassen, vom Dichter ausgehen. Zum
-Suchen und dann auch Finden des Sinns werden wir gezwungen, wenn wir
-die Gestalten, die mit so seltsam verschiedenen Vorgängen in ein Drama,
-in ein paar Abendstunden des Schauens und Hörens zusammengebracht
-sind, nicht als Kinder der Natur nehmen, die voll und rund dastehen,
-sondern als Kunstgeschöpfe, als Reliefgestalten, deren Hintergrund
-nicht ein zufälliger Ausschnitt der Wirklichkeitswelt, sondern der Sinn
-eines schöpferisch geplanten Kunstwerks bildet. Wir müssen uns den
-Dichter vergegenwärtigen, wie ihm beim Betrachten eines Stoffes etwas
-aufgeht, wie er ihn ausgestaltet, weitet, strafft, ausbaut, mit Motiven
-unterlegt, mit Episoden erfüllt, mit Parallel- und Nebenhandlungen
-ausstattet, wir müssen den Dichter gewahren, wie er sitzt und sich
-ergeht, wie er in die Natur rennt und schlaflos träumt, wie er schaut,
-ändert, verwirft, wählt, baut; und dann kehren wir zum Stück zurück
-und fragen uns: Was ist da in dem bunten Vielerlei das eine, das
-den Dichter erfaßt und nicht losgelassen hat, was hat er gewollt?
-Was Unaussprechliches, Geschautes, Erfühltes hat er aus Vision und
-Sehnsucht, aus Druck und Schwung in leidenschaftlich wühlender, dann
-wieder innig beseligter, aber immer beherrschter Produktion zur Gestalt
-erhoben? Was hat er, der ein Todfeind der großen Mode seiner Zeit, der
-Allegorie, war, an tiefem Sinn in der Form von Vorgängen, die zwischen
-lebendig geschauten Gestalten geschehen, dargestellt? Wir müssen den
-Dichter gewahren, wie es ihm die Hände ballt, wie seine Arme sich wie
-ins unendlich Zerrinnende ausbreiten und dehnen, wie sein Gesicht
-aufleuchtet und sich in strenge Falten zusammenzieht; mit einem Wort,
-wir dürfen uns keine Ruhe lassen, bis wir, was in unser Gefühl so
-leicht und schön als Einheit eingeht, doch noch irgendwie in Worten der
-Begriffssprache ausdrücken können.
-
-Nehmen wir die Höhepunkte des Stückes zusammen: Shylocks tiefst
-heraufgeholte Reden, Vorsätze, Taten der Reaktion auf zugefügtes
-Unrecht -- Porzias himmlisch sich ergießende Rede von der Gnade
--- Lorenzos Worte von der Musik -- Bassanios ernste Rede bei der
-Kästchenwahl -- Antonios Stellung als königlicher Kaufmann und
-seine Haltung und seine Worte des Adels, der Ehre, der Humanität
-und Liberalität -- die in diesem Stück, besonders zum Schluß
-bedeutsam hervortretenden Sentenzen, vor allem aus Porzias Mund --
-die Szenenfolge seltsam eindringlicher, beredter Art, der man den
-künstlerischen Plan ansehen muß, wenn man nicht blind ist -- wirkt
-nicht das Ganze wie ein mehrsätziges Musikstück, wo jeder Satz seine
-eigenen Themen hat und wo doch die seelische, die geistige Einheit da
-ist? Und gleich bemerken wir, das Besondere dieser Symphonie ist, daß
-das Finale nach der gewaltigen Anspannung und befreienden Erlösung, die
-der vierte Akt bringt, ein Scherzo ist, in dem sich das derb Burleske
-und geistreich prickelnd Spielende und das ätherisch Geisterhafte
-seltsam durchdringen.
-
-Das ist, wir haben es schon berührt, nichts Seltenes bei Shakespeare,
-daß verschiedene Handlungen in einander verschränkt sind. Das größte
-Beispiel dafür ist der König Lear, wo die drei Handlungen: Lear
-und seine Töchter -- Gloster und seine Söhne -- der Glosterbastard
-Edmund und Lears Töchter aufs kunstvollste und zu tiefem Sinn
-ineinandergeschoben sind. Und dieses Beispiel ist uns darum so wichtig,
-weil es in diesem Falle feststeht, daß erst Shakespeare zwei ganz
-getrennte Geschichten planvoll zusammengebracht hat. Nicht bloß zwei
-verschiedene Handlungen, sondern zwei verschiedene Sphären sind in
-Heinrich IV. und auch in andern Stücken neben und gegen einander
-gestellt; drei Stücke aber gehören aufs engste zusammen, weil es ihnen
-nicht bloß um verschiedene Schichten der Gesellschaft, sondern um
-das Verhältnis des Geistigen zum Ungeistigen in den mannigfachsten
-Abstufungen geht. Diese drei Stücke sind der Sommernachtstraum,
-der Sturm und der Kaufmann von Venedig. Immer neu hat Shakespeare
-angesetzt, um die Hölle zur Erde, das Irdische zur Reinigung, die
-Menschen zum Himmlischen aufsteigen zu lassen: und den Namen Divina
-Commedia würde jede einzelne dieser drei sehr ernsthaften, sehr
-sinnvollen Komödien verdienen. Der Sommernachtstraum, der Kaufmann
-und der Sturm sind drei Gestaltungen des Selben und Nämlichen, das
-mit einem Worte heißt: ~Excelsior~! Aus den Niederungen und dem
-abgründlich Dämonischen hinauf über die verschiedensten Grade ins freie
-Reich des Spieles, des Geistes, der Geister; ins Reich der Seele und
-der Musik.
-
-Die Einheit, die der Kaufmann von Venedig für unser Gefühl ohne Zweifel
-in sich birgt, liegt nicht in der Handlung, wiewohl sie so kunstvoll
-verflochten ist, daß jede Person mit jeder schließlich in Berührung
-tritt; liegt auch nicht in einem Charakter, der im Mittelpunkt stünde;
-denn Shylock und Porzia halten einander die Wage, und wenn im fünften
-Akt Shylock ganz ausgeschieden ist, zittert die Erinnerung an ihn
-immer noch in uns nach; die Einheit liegt noch weniger in einem
-moralischen oder rechtsphilosophischen oder rechtsgeschichtlichen Satz,
-der illustriert werden sollte; sie liegt in der durch alle Reiche
-schwebenden Stimmung, in der sich der Sinn birgt.
-
-Porzia, die Herrin von Belmont, ist nicht bloß eine reiche Erbin,
-zu der die Freier strömen, unter ihnen Bassanio, dessen Armut zu
-Antonios Großmut und seinem Konflikt mit Shylock überleitet, was
-Porzia wiederum zum rettenden Eingreifen für Bassanios gefährdeten
-Freund bringt; das ist nur die äußere Verbindung der Fabelteile;
-Porzia ist die Repräsentantin des erhöhten Reichs des Geistes, die
-Königin dieses Reichs, die Aspasia der Renaissance, die Heitere, die
-Seelenvolle, die Kluge und Weise und neckend Spielende; die Gestalt,
-in der Menschenadel, männliche gelehrte Wissenschaft und Logik und
-Entschiedenheit des Handelns in Einklang steht mit der innigen,
-gnadevollen Beseeltheit der Frau: der harmonische, der ganze, der
-klingende, strahlende, der holde Mensch.
-
-Ihr gegenüber steht, ganz drunten im untersten Bezirk, der Unhold.
-Er kann nie zu ihr hinaufkommen; die Leiter fehlt, die aus Streben
-der Sehnsucht, aus Wohlgefallen an ihrer Erscheinung, an ihrem Reich
-bestehen müßte. Nichts davon hat Shylock der Jude; er kreist um sich
-selbst und sein Schicksal, er wird von nichts außer sich, über sich,
-zur Anziehung, zum Schwunge, zur Gegenseitigkeit und Liebe gebracht;
-er ist fürs Leben geprägt und verdorben, ist fertig und gestempelt.
-Das Große aber an Shakespeares Erkenntnis ist, daß dieser Teufel nicht
-einfach der Teufel ist, sondern daß er geworden ist, was er ist, durch
-Schuld vor allem derer, die -- im Gegensatz zu ihm -- noch wandelbare
-Menschen sind und also in Porzias Reich, ins Reich der Gnade kommen
-dürfen.
-
-Wandelbar sind sie alle noch und dürfen also bei ihren Lebzeiten, in
-ihrer eigenen Individualität hinaufgebildet oder wenigstens, da ihr
-Wesen zu Zeiten den Aufschwung zu Reinheit, Seligkeit, Freiheit und
-Anmut gewährt, geduldet werden. Sie brauchen nicht wie der ein für
-allemal fertige, der unsaubere Guß Shylock mit ihrer Verwandlung auf
-den Löffel des Knopfgießers warten; für sie gibt es, und für Shylock
-nicht, -- einen fünften Akt, eine mondbeglänzte Zaubernacht, ein Reich
-der Romantik. Was unterscheidet sie, mögen sie sonst sein, wie sie
-wollen, von Shylock?
-
-Musik!
-
- Drum spielt der Dichter,
- Als lenke Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,
- Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,
- Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.
- Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst.
- Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt.
- Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken.
- Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
- Sein Trachten düster wie der Erebus.
- Trau keinem solchen!
-
-Das sagt, das singt in dem Nachspiel, dem Finale, dem fünften
-Akt, der nur aus einer einzigen Szene besteht, der Liebende, der
-sie aus dem düstern Reich entführt, emporgehoben hat, zu Shylocks
-Tochter. Shylock ist weg, sein Name wird nicht mehr genannt, auf
-all das greuliche Erlebnis mit ihm wird nur von ferne, wie huschend
-hingedeutet; alles, was ihn angeht, ist aufgelöst ins Allgemeine. In
-dieser Form aber wird das wahre, wird das tiefste und letzte Gericht
-über ihn gehalten. Nicht im Gerichtssaal des Dogen von Venedig, nicht
-in Porzias Juristenverkleidung, nicht in der Welt der Masken, wo’s
-Konventionen, Paragraphen, Judentaufen gibt, sondern in der Mondnacht,
-in der Natur, im Reich der Geister und der Hoffnung, wo auch die
-Gewöhnlichen sich über die Schranke ihres Alltags geschwungen haben,
-wird dem Hoffnungslosen das endgiltige Urteil gesprochen. Shylock ist
-der harte, der stöckische, der wütige Mann, auf keinen wie ihn passen
-diese Ausdrücke dumpf, düster, er ist voller ~affections~ und darum
-~treasons~, ~stratagems~, ~spoils~, er ist der Mann, „der nicht Musik
-hat in ihm selbst“. Das Urteil, das wahre, jenseits aller vergänglich
-geschichtlichen Einkleidungen, lautet, daß er ist, der er ist, und daß
-er bleibt, was er so geworden ist, daß Wandlung nicht mehr möglich ist.
-Er ist ein Mann nur von Verstand und Trieben und also, mit Spinozas
-Unterscheidung gesagt, ein in sich gebundener, stöckischer Knecht,
-kein mit seines Gleichen verbundener Freier; in sich gebunden und doch
-zugleich in sich, mit sich zerfallen; denn die höhere Sphäre, die
-erst zur Einheit ruft, die aus dem Verstand die Ratio, die Beschauung
-und Weisheit, den universalen Geist, aus den Trieben die Emotion, das
-Gefühl, die Empfindungsseligkeit zu machen vermag, die die Gier in die
-Sehnsucht, die Wut ins Heroische wandelt, die fehlt völlig. Die andern
-haben wohl zumeist das eine Element gemeinen Trieblebens, das Shylock
-fehlt: gemeine Genußsucht, Beziehung aufs Glück in niedriger Gestalt;
-sie aber sind wie im freien Feld des Werdegangs, sind Repräsentanten
-der Jugend, und selbst von so unterer Stufe aus ist ihnen wie ihrem
-Volke keine Entwicklung abgeschnitten; der alte Shylock aber ist in die
-Ecke gesetzt, der große Bann ist über ihn ausgesprochen, es gibt keinen
-Fortgang für ihn. Die andern alle, selbst der melancholische Antonio,
-den die Einsamkeit auch gefährlich angeweht hat, können noch irgendwie
-zur Heiterkeit kommen, zu der Lust, die Erlösung und Gemeinschaft ist;
-Shylocks böses Lachen ist der Ausdruck seiner gänzlichen Absonderung
-und Verstoßung, des gräßlichen Widerspruchs, in dem er zur Welt steht
-und den er in der Welt gewahrt.
-
-Wie ist nun dieser Sinn, diese innere Handlung, die zwischen den
-Sphären und Personen waltet, in die äußere Handlung, die von einer
-Verkoppelung zweier Novellen stammt, umgesetzt worden? Wie drückt sich
-die zwischen Licht und Finsternis in allen Schatten und Farben sich
-ergehende Stimmung in der Folge der Szenen aus? In welchen Vorgängen
-tritt die Beziehung der vier Hauptgestalten -- Shylock, Antonio,
-Bassanio und Porzia -- und der Nebengestalten zu einander und zum
-Grundmotiv hervor?
-
-Die erste Szene des Stücks führt uns in eine Straße Venedigs. Nehmen
-wir die Szenen in Belmont -- in Porzias Haus und Garten -- für
-sich, so spielen alle venezianischen Szenen mit Ausnahme der großen
-Gerichtsszene und einer winzigen Szene zwischen Shylock und seiner
-Tochter auf öffentlichen Straßen und freien Plätzen. Freie Luft und
-Licht weht durch dieses Stück; aber auch die dunkle, scharfe Silhouette
-Shylocks hebt sich von dieser Freiheit ab; in der Öffentlichkeit
-geschieht sein Keifen, Wüten und tückisches Mordplanen. In dem ersten
-Bild haben wir den alternden, männlichen Junggesellen Antonio mit
-seinen jugendlichen Kameraden. Lust zu Heiterkeit und zu Festen
-äußert sich; aus Antonio aber vor allem Schwermut, die so wenig
-Einzelgründe für sich kennt, wie Shylocks allgemeiner Haß mehr braucht
-als Auslösungen; Antonio sieht ja die Welt, er lebt ja in ihr; die
-scherzhaft geäußerte, unglaubliche Vermutung, er sei verliebt und darum
-gedrückt, wird mit einem Pfui zurückgewiesen; verliebt? nein, das
-paßt nicht zu ihm. So wie er über alle Welt Handel treibt, so hat er
-Sympathie zu aller Welt, und Trauer kommt zu ihm aus aller Welt; aber
-an eines vermag er sich nicht zu schenken. Bassanio sein Freund vermag
-es und muß es: er liebt Porzia, die Schöne, die Tugendreiche, die
-Erbin, die Herrin von Belmont; von allen vier Himmelsrichtungen segeln
-die Freier an ihre Küste; wie eine Mythosgestalt steht sie in dieser
-ersten Beschreibung, ehe wir sie kennen lernen, da; um sie glücklich zu
-werben, dürfte er hoffen, wenn er nur die Mittel hätte, den Zug zu ihr
-würdig auszurüsten. Antonio ist fabelhaft reich, aber knapp an Geld;
-was er hat, der Großhändler, schwimmt auf hoher See; der Kredit also
-muß in Bewegung gesetzt werden; denn helfen will er. Schon also sind
-für unsere Erwartung die drei Kreise beisammen: Antonio und Bassanio --
-Porzia -- der Geldverleiher.
-
-Die zweite Szene führt dann in das andere Reich, nach Belmont;
-Heiterbucht dürften wir den Namen für Porzias Landschaft übersetzen.
-Da ist gleich die Mischung, die für Shakespeares romantische Spiele
-so bezeichnend ist wie für den Geist unsrer deutschen Frühromantiker:
-heiter geistreich und märchenhaft innig. Mit Witz wird geplaudert; das
-Fabelhafte, daß Freier aus aller Welt gekommen sind, ist Anlaß, daß
-die beiden Mädchen, die so munter zu einander gesellt sind, Porzia und
-ihre Gesellschafterin Nerissa, den Neapolitaner, den Pfalzgrafen, den
-Franzosen, den Engländer, den Schotten, den immer betrunkenen Deutschen
-aus Sachsenland überlegen ironisch mustern. Erst andeutend hören wir
-von der Bestimmung des Vaters, von der Kästchenwahl; hören und teilen
-Nerissas Hoffnung, daß diese Wahl Porzia den Gatten sichert, der sie
-wahrhaft liebt und der sie verdient; und ebenso leise deutet sich ihre
-Neigung zu Bassanio, die Erwartung, er möge zur Werbung kommen, an.
-
-Der Schauplatz verwandelt sich: wir sind wieder in Venedig. Da haben
-wir die andre Werbung, die Werbung um Shylock. Mit dem Wucherer, mit
-dem Geldjuden lassen sich die Vornehmen ein, Bassanio und Antonio. Der
-ganze furchtbare Gegensatz tut sich auf und wird dann von Shylock mit
-einer schnellen Leichtigkeit überbrückt, die zeigt, welches Talent
-auch er zu Spiel und Ironie hätte, wenn er nicht in die Finsternis
-gebannt wäre, wo er schmiedet, unheimliche Pläne schmiedet; seine
-infernalische Phantasie und Schlauheit, die ohne jede eigne Heiterkeit
-an einen Scherz, ja an eine Anwandlung von Großmut glauben läßt, bringt
-es zustande, daß der Vertrag unterschrieben, daß der Schein ausgestellt
-wird.
-
-Und nun wieder nach Belmont! Jetzt sehen wir, was es mit den Kästchen
-auf sich hat: der Mann, der für Porzia, dies edle Frauenbild, bestimmt
-ist, soll sich auf das, was dem Manne zukommt, aufs rechte Wählen,
-auf die rechte Entscheidung verstehen; und wer sich da nicht bewährt,
-soll nie wieder um eine Frau werben dürfen. Der erste Bewerber zeigt
-sich uns, der Prinz von Marokko: sein kriegerisch renommistisch
-bombastisches Wesen und Porzias überlegen höfliche Ironie und
-Gelassenheit, die getrost darauf baut, daß ihr Schicksal _ihr_
-Schicksal sein werde, begegnen einander.
-
-Sofort aber wird das wieder abgebrochen, und in Venedig, in den
-nächsten vier Szenen, beginnt eine neue Handlungsreihe, in der es
-um Shylocks Schicksal geht. Keine Spur menschlichen Verhältnisses
-ist durch das Geldgeschäft zwischen Shylock und Antonios Kreis
-angesponnen worden; niemand hat menschliche Beziehungen zu Shylock.
-Nicht Lanzelot Gobbo, sein Diener, der junge Kerl aus dem Volk mit
-dem derben Mutterwitz; er verläßt den knausrigen Herrn, geht ins
-Lager Bassanios über und hilft bei der Entführung der Tochter. Nicht
-Jessika, diese Tochter: die Schlauheit, die Verstellungskunst hat
-sie vom Vater geerbt; die Lieblosigkeit, die er gegen sie und ihre
-Mutter gewiß nicht, wohl aber gegen die ganze Christenwelt übt, hat
-sie auch überkommen: aber sie wendet sie gegen ihn und liebt, jung,
-leichtfertig und sehnsüchtig, niedrig und schwärmerisch zugleich,
-einen Jüngling aus dem andern Reich. Ein Fest bereiten sie wieder
-vor, diese Übermütigen; Shylocks ganze Abneigung gegen die Heiterkeit
-dieser Renaissancemenschen, dieser Christen, gegen ihre Maskeraden und
-Tollheiten und den Lärm, den sie Musik nennen, drückt sich aus; und
-gerade zu diesem heiteren Fest trägt Jessika die Fackel und flieht von
-der Stätte des Hasses und der Gier zu zweckloser, spielerisch-farbiger,
-berauschter, gliederlösender Freude und Liebeslust. Und in derselben
-Nacht bricht Bassanio zur Fahrt übers Meer, zur Werbung auf.
-
-Nun wieder Belmont. Der Marokkaner trifft seine Wahl. Gold, Silber
-und Blei, so geht’s abwärts, wenn man auf die Fassung, das Material
-der Kästchen sieht; aber er achtet nicht darauf, daß die Steigerung
-umgekehrt ist, wenn man auf den Inhalt der Sprüche hört. Wir
-vernehmen’s: Gold -- „Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann
-begehrt“, es trifft die Wirklichkeit, besagt aber nichts über die
-Würdigkeit des begehrend Wählenden. Das aber wählt er und bekommt zur
-Antwort, der prunkende, protzige Fürst: Es ist nicht alles Gold, was
-glänzt.
-
-Verwandlung: Venedig. Shylocks Verzweiflung über Tochter und Geld und
-Juwelen lernen wir im Bericht kennen. Was für eine Wirklichkeit, grell,
-häßlich, mit aller Gewaltsamkeit der Realität gestopft, gegen die
-heiter flüchtige, wie immaterielle Phantasiewelt in Belmont. Dort wie
-hier hat einer das Gold erwählt; dort wie hier ein geschlagener Mann;
-aber welche Unvergleichlichkeit! Schon bangt uns um Antonio, aus dessen
-Kreis der Räuber kam, der Jessika samt Shylocks Schätzen gestohlen hat:
-
- Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,
- Sonst wird er hiefür zahlen.
-
-Eine Wolke kommt näher; es laufen Gerüchte um, dem Antonio sei ein
-Schiff untergegangen. Und zugleich steigert sich die seelische
-Bedeutung des schwermütigen Mannes für uns; wir erfahren, daß er sein
-ganzes Herz an Bassanio gehängt hat; daß ihm das Liebesglück des
-Freundes repräsentativ ist, wie sonst nur dem Liebenden sein eigenes
-Glück; in einer strahlenden und doch dunkeln Abendbeleuchtung steht er
-da.
-
- Und hier, die Augen voller Tränen, wandt’ er
- Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,
- Und als ergriff’ ihn wunderbare Rührung,
- Drückt’ er Bassanios Hand; so schieden sie.
-
-Wir sind gespannt; aber der Dichter bricht ab. Wir müssen mit ihm rasch
-übers Meer, nach Belmont, zur Kästchenwahl. Der Prinz von Arragonien
-trifft seine Wahl. Silber: „Wer mich erwählt, bekommt so viel, als
-er verdient.“ Wir sind schon höher oben; schon ist eine Beziehung da
-zwischen Entscheidung und innerem Wesen des Wählenden; bedächte der
-Prinz nur, daß wer seines eigenen Verdienstes selber sicher sein will,
-es ermessen muß an seiner eigenen Hingabe und Opferfähigkeit! Denn
-freilich, was das Urteil über den Wert der andern angeht, was haben wir
-eher zu fragen, als ob sie ihr Amt verdienen? Da sagt er in einer der
-sentenziösen Reden, die in Porzias Reich an ihrer Stelle sind, schon
-prachtvolle Dinge; im Objektiven, im Kritischen paßt er hierher:
-
- O würden Güter, Rang und Ämter nicht
- Verderbter Weis’ erlangt, und würde Ehre
- Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft:
- Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!
- Wie manchem, der befiehlt, würde befohlen!
- Wie viel des Pöbels würde ausgesondert
- Aus reiner Ehre Saat! Und wie viel Ehre
- Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,
- Um neu zu glänzen!...
- Ich halt’ es mit Verdienst!
-
-Und so wählt er als Selbstgerechter, wie mancher Mann, der sich nur
-darum für würdig hält und nur so zur Entscheidung schreitet, daß er
-sich besser weiß als die meisten andern. So aber kann Porzia nie die
-Seine werden; so darf er nie um ein Weib freien. Er geht; und nun wird
-Bassanio gemeldet; und wir sind begierig, Antonios Freund von uns aus
-nah kennen zu lernen; noch haben wir ihn kaum im Ernste gesehen. Ist
-er der, dem Porzia zuteil werden darf? Ist er der, um dessentwillen die
-Gefahr Antonio näher und näher rücken darf?
-
-So kehren wir nach Venedig zurück; wir kennen nun schon den Aufbau
-des Stücks: der Kreis, in dessen Mitte Shylock sich bäumt, soll erst
-durch Bassanio zu Porzias Reich in Beziehung gesetzt werden, bis diese
-zur Rettung verkleidet aufbrechen muß, um den Unhold zu überwinden.
-Einstweilen werden die einen und die andern Dinge getrennt von einander
-fortgeführt und jeweils wieder abgebrochen. Heiter ernst, sinnig
-bedeutsam geht es in Belmont zu; mit Wirklichkeiten so nah gequält, wie
-dort mit Märchenhaftem ins Ferne und Allgemeine entrückt, sind wir auf
-den Straßen Venedigs. Jetzt hören wir -- zu Beginn des dritten Aktes --
-Schreckhaftes von Antonios Verlusten; zugleich aber, nun wir ahnen, was
-kommen kann, reckt sich Shylock gewaltig in die Höhe: hier, an dieser
-Stelle, spricht der Jude, der Nichts-als-Jude, der Repräsentant seines
-Volkes, der Erbe, der alle Unterdrückung, Mißhandlung, Beschimpfung
-und Schmach in seinem vergifteten Blute kochen fühlt. Und dazu der
-neue Grund: seine Tochter, seine Dukaten; und die neue, o, gewiß, seit
-der Jugendzeit die erste Hoffnung für diesen Mann, die nichts mit
-Besitzgier zu tun hat: die Rache, mit der er phantastisch gespielt hat,
-könnte zu wirklichem Ernst werden! Und in einander verfilzt empfindet
-der Unselige den fast körperlichen Schmerz bei Tubals Nachrichten von
-der Tochter und das Jauchzen seines Herzens bei den Mitteilungen über
-Antonios gefährdete Lage; und schon empfinden wir voraus, wie er das
-Messer, das ihm jetzt durchs Herz fährt -- Antonio aber hat es gewetzt,
-Antonio ist ihm der Führer des Kreises, aus dem Lorenzo kam --, wie
-er es wollüstig grausam gegen Antonio wenden wird. Das Traurigste an
-diesem aus der Welt, aus Licht und Sonne der Gemeinschaft und der
-Achtung verstoßenen Mann ist doch vielleicht, daß er auch aus seinem
-eigenen Herzen gestoßen ist, daß er in seinen eigenen Motiven nicht
-eindeutig, nicht sicher ist. Sein Verstand kennt sich in seinen Trieben
-nicht aus, sie mißleiten einander gegenseitig, er steht keineswegs
-immer rein in der Rache; er hegt den gewinnsüchtigen Nebengedanken:
-Wenn Antonio -- durch juridischen Mord -- aus dem Wege geräumt ist, „so
-kann ich Handel treiben, wie ich will“.
-
-Und wieder die Verwandlung, wieder hin nach Belmont, und diesmal ganz
-besonders von Nacht zu Licht. Das ist die große Bassanioszene. Beide,
-Porzia und Bassanio, erleben jetzt ihre Steigerung ins Hohe. Sie
-haben wir bisher fast nur von der anmutig klaren, neckisch heiteren
-Seite kennen gelernt; und in der Art, wie ihre Liebe sich jetzt von
-vornherein verrät, fehlt das dunkle, trübende Element der Leidenschaft:
-die herzliche Innigkeit äußert sich in der Form des hellen Geistes;
-das Wunderseltene geschieht, daß Wärme und Licht beisammen sind. So
-drückt sich denn in all diesen Belmontszenen die Handlung in der Form
-der schönen, zur Wohlredenheit gewandelten Sprache aus; immer, wenn
-Shakespeare die höchste Sphäre gestaltet, werden wir nicht mehr durch
-ausbrechende Natur bis ins Mark hinein erschüttert, der Trieb geht in
-Geist, die Aktion in Sprache, die Sprache in Musik über. So tritt denn
-auch hier diese letzte Steigerung hinzu; während Bassanio in inniger
-Versenkung, kaum hoffend, daß er der Berufene sei, im vollen Gefühl
-der repräsentativen Bedeutung des Augenblicks, mit sich zu Rate geht,
-wohin er seine Entscheidung schlagen soll, ertönt auf Porzias Geheiß im
-Hintergrund Musik, und eine Frauenstimme, vom Chor begleitet, singt ein
-Lied.
-
- Sagt, woher stammt Liebeslust?
- Aus dem Haupte, aus der Brust?
-
-Eben die Frage, die Porzia aufgibt. Wir müssen sie aber noch in
-Shakespeares Original vernehmen; Schlegel hat hier nicht alles zum
-Ausdruck bringen können:
-
- ~Tell me, where is fancy bred,
- Or in the heart or in the head?~
-
-~Fancy~: die Einheit von Liebe, Lust, Laune und Phantasie -- das
-ist das Reich, in dem wir bei Porzia sind.
-
-Man macht, da es so überaus schön wäre, diese entscheidende Stelle in
-deutscher Schönheit ohne Minderung des Sinns zu vernehmen, den Versuch,
-den Beginn dieses Lieds von der Wiege der Liebe sich von dem modernen
-Verbesserer Schlegels, von Gundolf singen zu lassen, der mit feierlich
-abweisender Gebärde so anspruchsvoll auftritt, -- und fällt in den
-Abgrund:
-
- Sagt, woher die Liebelei,
- Aus dem Hirn oder Herzen sei?
-
-Ich würde diese kümmerlich-kecke Verballhornung, die gleich kläglich
-am Inhalt wie an der Stimmung wie sogar am Rhythmus scheitert, nicht
-anführen, wäre es mir so ähnlich nicht beinahe jedesmal gegangen, wenn
-ich Grund hatte, mich nach einer Verbesserung Schlegels umzusehen:
-oft hatte Gundolf dann, was Schlegel schlecht oder ungenügend gemacht
-hatte, zufrieden stehen lassen; hatte er auch Anstoß genommen, so war
-seine Fassung eine Verschlechterung.
-
-Von Tönen gewiegt, von Liebesphantasiegeist umklungen geht Bassanio
-an seine Entscheidung. Er spricht seine große Rede von der Echtheit
-und dem Schein. Der Schein herrscht in der Welt: im Recht wie im
-Gottesdienst; das Laster tritt als Tugend auf, die Falschheit putzt
-sich als Schönheit aus. So verwirft er das lockend schimmernde Gold;
-das Silber ebenfalls, das ihm -- den Münzverhältnissen der Zeit
-entsprechend -- vor allem der Vertreter des feilen Geldes, „gemeiner
-bleicher Botenläufer von Mann zu Mann“ ist. Er wählt das Blei, dessen
-Inschrift wir kennen: „Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles
-dran.“ Goldnes und silbernes Kästchen verheißen Gewinnen und Erlangen;
-das bleierne fordert Hingabe und wagemutiges Opfer. Die Liebe wird dem
-gewonnen, der gebend wagt, der sich tapfer verliert.
-
-Und nun das holde Liebesglück, und das Gegenspiel auf einer, wenn schon
-niedrigeren, doch immer anmutigen Stufe: Graziano und Nerissa werden
-ein Paar; Bassanio empfängt Porzias Ring mit dem Gebot, ihn nie von der
-Hand zu geben. Dann kommen die andern Freunde aus Venedig; Lorenzo gibt
-Shylocks Tochter, Jessika das schöne Heidenkind, Porzia in Obhut; und
-es ragt nun die Sphäre der gräßlichen Wutwirklichkeit in Fancys Reich:
-die Nachrichten aus Venedig sind da; Antonio ist ruiniert, alle Schiffe
-auf allen Meeren gescheitert; der Schein ist verfallen; Shylock will
-sein Recht, will kein Geld mehr, selbst wenn man es hätte; Bassanio
-eilt -- in argem Schuldgefühl -- mit Porzias reichen Mitteln zu Hilfe.
-Vorher haben sie sich -- wir Zuschauer sind nicht dabei, es ist keine
-Zeit mehr zu Festen -- in Eile vermählt.
-
-Der Schauplatz verwandelt sich: Antonio, der schon von Shylock ins
-Gefängnis geworfen ist, hat sich vom Schließer zu ihm führen lassen,
-um ihn um Aufschub, Geduld, um Gnade zu bitten. Nichts da; er will den
-Schein.
-
- Du nanntest Hund mich, eh’ du Grund gehabt;
- Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
-
-Antonio faßt sich dann; er weiß, das Recht muß seinen Lauf haben; was
-sollte aus der großen Handelsstadt Venedig werden, wenn die Fremden
-nicht die Gewähr hätten: hier wird streng nach dem geschriebenen Recht,
-nach dem Wortlaut der Verträge gerichtet? Und überdies: lebenssatt war
-er schon immer; sei’s drum! Ihm liegt nur noch daran, daß der Freund
-sieht: er tritt bis zum letzten, mit seinem Leben, für ihn ein. Nun, wo
-die Not da ist, kann auch er der ziellos melancholische, passive Mann,
-sich einem einzigen, dem Freunde, hingeben.
-
-Wir sind -- ich wage es zu sagen -- in einer wohligen Spannung. Selbst
-wenn wir nicht jeden Teil des Stückes aus dem Ganzen heraus empfingen,
-zum Beginn und zur Mitte schon das Ende dazu nähmen, selbst wenn wir
-wären, wie wir uns immer wieder spielend anstellen: solche, die den
-Verlauf allererst kennen lernen, -- selbst dann wüßten wir aus der
-immer, regelmäßig dazwischen tretenden Einkehr in Porzias Reich: das
-Äußerste darf, kann nicht geschehen; Traum, Geist und Spiel müssen zur
-rechten Zeit kommen und die Wirklichkeit der Affekte verscheuchen; das
-Wort muß kommen, die menschliche Rede, die Redelichkeit -- wie man im
-Mittelalter die Ratio nannte --, und muß sieghaft über dem Trieb, dem
-Schein, dem Buchstaben stehen. Und schon sind wir wieder in Belmont und
-von sanfter, heiterer Hoffnung erfüllt: Porzia mit Nerissa bricht in
-Männerkleidung auf nach Venedig. Und auch nachher noch bleiben wir eine
-Szene weiter in Belmont; wir kommen in Porzias Garten; wir hören aus
-dem Mund der erwachenden und wachsenden Jessika, die aus dem nächtigen
-Haus ins Reich des Lichts verpflanzt worden ist, Porzias höchstes Lob:
-
- Die arme rohe Welt
- Hat ihres Gleichen nicht.
-
-Und zugleich -- wohl zu beachten -- wird die Gelegenheit benutzt,
-um von Lanzelot Gobbo in derbem Spaß die äußerliche Bekehrung zum
-Christentum verspotten zu lassen.
-
-Und nun nach Venedig in den Gerichtssaal, zu der einen großen Szene,
-die den vierten Akt füllt; denn das ganz kurze Nachspiel, das zum
-Finale überleitet, schließt, ohne daß Zeit dazwischen liegt, an die
-Gerichtsszene an.
-
-Eine gewaltiger aufgebaute Szene kennt die dramatische Literatur nicht;
-sie wäre nur mit einem vollendeten Satz Beethovens, etwa aus einem der
-letzten Quartette, zu vergleichen. Die Dissonanz wird zu einem fast
-unerträglichen Gipfel geführt, und in all diese scharfen, gehackten,
-schneidenden Rufe einer trotz allem fast gerechtfertigten Häßlichkeit
-kommt die Engelsstimme in Porzias Kavatine von der Gnade.
-
-Kaum ist der junge berühmte Rechtsgelehrte aufgetreten, hören wir aus
-seinem Mund die in ihrem Widerspruch seltsam starken Worte:
-
- Dann muß Gnad’ der Jud’ ergehen lassen.
-
-Shylock kennt kein solches Muß, und mit der Verstandeslogik der
-Herzensdummheit fragt er, was oder wer ihn zwingen solle, vom Recht zu
-lassen.
-
-So aber war’s nicht gemeint; o nein, da hast du schon recht; äußerlich
-kann dich nichts zur Gnade zwingen. Gnade ist eine Gabe; man ist
-begnadet, wenn man Gnade üben kann.
-
- Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,
- Sie träufelt wie des Himmels milder Regen
- Zur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet:
- Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt...
-
-Das Mystische in der augustinischen Gnadenwahl erklingt in wonnig
-freier Anwendung aus dieser Rede (ganz verkehrt von Horn, Shakespeare
-darum zum Verfechter einer theologischen Lehre zu machen!):
-
- Darum, Jude,
- Suchst du um Recht schon an, erwäge dies,
- Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner
- Zum Heile käm’: wir beten all um Gnade,
- Und dies Gebet muß uns der Gnade _Taten_
- Auch _üben_ lehren.
-
-Porzia selbst mit ihrem Geist anmutiger Natur ist solch eine Begnadete,
-wie Shylock ein Enterbter ist; und Bassanio hat sie erringen dürfen,
-weil er die Entscheidung getroffen hat, zu geben, von Herzen zu geben,
-und sein Alles dran zu wagen.
-
-Aber gleich hebt wieder die Hölle an, die Pein ist kaum mehr zu
-ertragen; das scharfgewetzte Messer bohrt sich gegen uns wie gegen
-Antonio; und er, um dessen Leben es geht, spricht aus, was wir
-empfinden:
-
- Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,
- Den Spruch zu tun.
-
-Das Arge gipfelt sich zum Ärgsten, wie in einem der falschen Schlüsse
-bei Beethoven oder Bruckner, bis endlich bei den Worten Porzias
-
- Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?
-
-die Melodie der Teufelei mitten in sich selbst umbiegt und sich, obwohl
-sie ihre Tonfolge beibehält, rhythmisch verwandelt; denn hier, bei
-diesem von Porzia auf die Spitze getriebenen Recht, spüren wir: da
-spielt überlegener Geist mit dem, der im wütigen Ernst und doch dabei
-im kalten Formalismus des Rechts über die Grenzen des Menschenmöglichen
-zu gehen vermag: der Teufel der Buchstabengrausamkeit soll an sich
-selbst scheitern, soll durch sich besiegt werden: dem Rechtsanspruch
-soll sein Recht werden; der Frauengeist, der hier mit der männischen
-Wut ringt, die die Maske männlicher Logik angenommen hat, trägt diese
-nämliche Maske virtuos; aber so wie hinter Shylocks Logik der Haß
-steckt, so birgt sich in des Rechtsgelehrten Logik Porzias frauenhafte
-Liebesentscheidung. Und schon hier, vor der letzten glücklichen
-Wendung, taucht leise, von fern, durchs Gewittergrollen hindurch, die
-Stimme des Scherzes, der neckischen Lustigkeit auf.
-
-Antonio nimmt mit herzergreifenden Worten seinen Abschied von Bassanio,
-für dessen Glück er jetzt geopfert werden soll: Empfehlt mich Eurem
-edlen Weib...
-
-Da wird in einem kurzen Quintett ein aus Ernst und Spiel wunderbar
-gemischtes Zwischensätzchen eingelegt: Bassanio und Graziano beteuern
-in leidenschaftlichem Ausdruck der Freundschaft, vor der, wo der Freund
-in Gefahr ist, alles, alles andre versinken muß, sie würden Leben, Weib
-und alle Welt opfern, um Antonio zu retten; Porzia und Nerissa -- der
-Richter und der Schreiber -- machen heiter böse Bemerkungen dazu, wie
-nur sie selbst und wir sie verstehen, und Shylock, dessen Ghettoseele
-nichts über die Familie geht, fügt seine Stimme ein mit Haß und
-Verachtung gegen solche Christenmänner und Christenehen und mit seinem
-Jammer um die Tochter, die in jenes Lager gelaufen ist.
-
-Und dann kommt die große Wendung, durch Heiterkeit vorbereitet, und sie
-ist Heiterkeit, wie sie der Liebe entstammt: ein Pfund Fleisch, nicht
-mehr, kein Tröpfchen Blut.
-
-Wundervoll, wie der überlegene Intellekt Shylocks gleich versteht,
-was er in der Sprache des Gemüts so gar nicht begriffen hatte: der
-Interpretation seines eignen Gesetzes fügt er sich sofort; mit seinem
-Schein und dessen Wortlaut hatte er Antonio in die Schlinge gelockt;
-jetzt hat ein Geist, der noch heller ist als seiner, das Opfer aus
-der Schlinge befreit. Sein Geld möchte er noch haben; er begehrt es
-kleinlaut; wie er’s nicht bekommen kann, will er nichts als nach Hause
-gehn. Er hat morden wollen und darf am Leben bleiben; bleibt auch
-vor Entblößung bewahrt; daß er zur Taufe gezwungen wird, ist eine
-Konzession dieser Gestalten Shakespeares oder auch des Dichters selbst
-an die Zeit, seinen Spaßmacher aber hat er schon im voraus darüber
-spotten lassen; und von der ganz andern Taufe mit heilig seligem
-Geist, auf die es dem Dichter ankommt, vernehmen wir erst im Finale.
-In der Art aber, wie Shylock abgeht und aus dem Stück verschwindet,
-liegt Größe: nichts hier von äußerlicher Tragik, nichts von Mord und
-Totschlag oder Selbstmord oder auch nur einer jammervoll pathetischen
-Rede: er ist vernichtet, ist völlig zu nichts geworden und geht still
-nach Hause. Er ist nicht wohl; wir glauben es ihm; er wird dahinsterben.
-
-Wenn der Erlöser in die Hölle herniederstiege, oder wenn bei einem
-Erwachen der Menschen die Uhren alle den Tag ankündigten, die Sonne
-aber wollte nicht kommen und Nacht lagerte lange Stunden lang, man
-vermeint, für immer über der Erde, und nun dränge überwältigend
-der erste Lichtstrahl hervor: von der Art ist das Gefühl der
-Erleichterung, das uns und die Venezianer bei Porzias Richterspruch
-überkommt. Da brauchen wir wahrlich nicht als erheiterndes Nachspiel
-den ernsthaften Streit der juristischen Doktoren über das Recht,
-das diese Frau gesprochen hat; die Heiterkeit, Amor, ~amor dei
-intellectualis~ hat hier zu Recht erkannt. Die Heiterkeit ist
-damit, daß zwei Frauen aus fernem Land kamen und den Graus verjagten,
-daß die Männer, gar noch die eigenen Männer, nichts merkten, auf die
-Bühne getreten; was soll der Streit, ob tragisch oder komisch? Hier
-wird dargestellt, auf welchen Geistes Wegen unter Menschen die Tragik
-zu Lust wird. Wie haben sich alle Elemente der zuvor so getrennten
-Handlung an dieser Gerichtsstätte aufs schönste, aufs ungezwungenste
-vereinigt! In ~fancy~, in Lust und Liebe und Laune hat sich
-nun alles Düstere und Lastende aufgelöst; und Laune, Leichtsinn und
-Neckerei, im Verein mit Verklärung und Liebe, bilden darum den Schluß.
-Noch im Gerichtssaal und dann sofort nachher auf der Straße leiten
-Porzia und Nerissa die lustige Art ein, wie sie sich ihren Männern
-zu erkennen geben wollen: ein bißchen müssen die doch im Ernst dafür
-gestraft werden, daß sie in leidenschaftlicher Inbrunst bereit waren,
-ihr Alles, diesmal aber nicht bloß ihr Eigen, auch ihre Frauen daran
-zu wagen, um den Freund zu erretten. So müssen sie den Rettern, die
-kein anderes Zeichen der Dankbarkeit annehmen, die Ringe, die sie von
-ihren Frauen haben und nie von der Hand lassen sollen, schenken. Der
-letzte Satz der Symphonie wird so vorbereitet, der ein wundersames
-Scherzo ist, ~ein Scherzo molto cantabile e serafico~. ~Sweet
-Shakespeare~, der süße, der holde Dichter hat ihn gedichtet. Nach
-dieser befreienden Erlösung war nur eine Steigerung noch möglich:
-mit dem letzten Sinn des Stückes in den verschwimmenden Duft des
-Allgemeinen, in die Einheit von Seele und Geist, von Herz und Kopf,
-von Geist und Natur. Von diesem Naturgeistgefühl sind wir nun in
-der Gartenlandschaft von Belmont sofort umfangen; wir sind in der
-höchsten, reinsten Geistersphäre. Nacht; Mondschein; Musik ertönt.
-Lorenzo und Jessika walten als Gäste der noch abwesenden Gebieterin
-im Haus. Von beider Sinn ist in dieser Landschaft des Geistes wie
-ein einengender Reifen gesprungen; sie waren leichtfertig bis zur
-Frivolität; die Leichtigkeit haben sie bewahrt und das Spielerische,
-aber nun sind sie der erniedrigenden Umgebung der Zwecke und Mittelchen
-ledig, sie brauchen nicht mehr gegen die Gemeinheit reagieren; sie sind
-schwärmerisch und begeistert geworden. In der Art der Wechselgesänge
-des Volks, mit Erinnerungen an die heitere Fabelwelt der antiken
-Mythologie sprechen sie einander im Duett jugendlich frei und leicht
-ihre Liebe und Freude zu, und dann kommt von Lorenzos Lippen der
-wundervolle Hymnus auf die Musik; Herder hat nichts Schöneres und
-Tieferes seinen „Stimmen der Völker in Liedern“ als Motto mitgeben
-können:
-
- Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!
- Hier sitzen wir und lassen die Musik
- Zum Ohre schlüpfen; Nacht und sanfte Stille,
- Sie werden Tasten süßer Harmonie.
- Komm, Jessika! Sieh, wie die Himmelsflur
- Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
- Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst;
- Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt
- Und einstimmt in den Chor der Cherubim.
- So voller Harmonie unsterblich unsre Seelen,
- Nur wir, dieweil dies Kotkleid Sterblichkeit
- Sie grob umschließt, wir können sie nicht hören.
-
-Ich habe es unternehmen müssen, an dieser entscheidenden Stelle, die
-zum Gipfel der Dichtung führt, die überlieferte Übersetzung, die falsch
-ist, zu ändern, und habe für den Zweck dieser Darstellung keine Scheu
-getragen, zu tun, was ich in einer Übersetzung des zusammenhängenden
-Dichtwerks vermiede: ich habe an einer Stelle den Kommentar
-verdeutlichend in die Übersetzung gelegt und habe mir nichts daraus
-gemacht, daß dieser Vers dabei einen Fuß zuviel bekommen hat[1].
-
-Wir Menschen, so also tönt es uns aus diesem Hymnus entgegen, wir
-Menschen in unserm unsterblichen Teil haben Teil an der Harmonie der
-Sphären, an der Himmelsmusik, in der Weltgeist und Natur eins sind;
-unser Leib aber, der die Seele ins Gefängnis des kotigen Lebens und
-irdischen Todes einsperrt, läßt uns die Harmonie draußen und in uns
-drinnen nicht hören.
-
-Aber: Komm, Jessika! Dieser Zuruf des Liebenden an Shylocks Tochter in
-diesem Ewigkeitszusammenhang, dieser Ruf zum gemeinsamen Aufstieg
-
- -- Komm, hebe dich zu höhern Sphären --
-
-ist mir die ergreifend schönste Stelle der ganzen Dichtung. Das
-ist Jessikas wahre Taufe im Geist; das ist der Aufstieg der
-Tochter Shylocks aus der Entwürdigung des Ghetto, im Flug über
-alle geschichtlich relativen Stufen hinweg, zur Höhe der vom Geist
-beflügelten, im Geist einigen Menschheit. Wie sie noch auf den
-Straßen Venedigs war und nur im Maskenfest die glühende Fackel
-der Liebe schwang, da war noch Schlacke genug in ihr wie in ihrem
-fröhlich-leichtsinnigen Liebsten; aber jetzt sind sie in Belmont,
-sind drüben, sind droben: da ist keine Rede mehr von Assimilation und
-solchen Nebengedanken aus der Relativität und Anpassung; sie ist von
-Shylock weg zu Porzia gebracht worden: mit Lorenzo zusammen ist sie in
-das Reich der Freiheit und des Geistes aufgenommen worden.
-
-Und nun folgt eben die Stelle von dem Manne, der, solange er in seinen
-Kotleib eingesperrt ist, drunten und draußen bleiben muß, von dem
-Manne, der nicht Musik hat in ihm selbst, der also, wir haben es jetzt
-eben vernommen, nicht am Himmel, am Ewigen, an der Unsterblichkeit im
-Leben schon teil hat.
-
-Wie man diese Worte, die durch ihren Anschluß an die Stelle von der
-Sphärenmusik der Himmelsgestirne und unsterblichen Seelen so klar sein
-sollten, nicht hat verstehen können, wie sie nicht zur Erkenntnis des
-wahren Sinns und Zusammenhangs der Dichtung geleitet haben, ist schwer
-zu fassen. Aber selbst Friedrich Theodor Vischer, gewiß nicht der erste
-beste, aber freilich eine tragikomische Mischung aus Dichter, freiem
-Denker und Philister, nimmt die Worte als gelegentlich eingeflochtene
-Sentenz zum Lob der Musik, so nach Art von „Wer nicht liebt Wein, Weib
-und Gesang...“ und fügt, zu seinen Hörern gewandt, schnurrig-knurrig
-hinzu: „Ist wohl etwas stark, und Sie könnten vielleicht auch sagen
-ungerecht, aber desto unzweifelhafter ist damit seine große Liebe zur
-Musik dargetan.“ Ach ja --!
-
-Während die Musik immer weiterspielt, treten im Hintergrund Porzia und
-Nerissa auf. Porzia sieht zwischen den Bäumen das Licht vom Hause her
-schimmern und spricht als erstes Wort, das wir bei ihrer Rückkehr von
-der Rettungsreise von ihr hören, einen der sinnend seelenvollen Sätze,
-die den Kern der Dichtung treffen; denn so wortgewaltig in dem Teil
-der Dichtung, der um Shylock herum die Triebe zur Handlung bringt, die
-Leidenschaften auftreten, so handlungsmächtig und handlungdeutend sind
-in Porzias Teil die Worte; sie sagt:
-
- Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
- Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
- So scheint die gute Tat in arger Welt.
-
-Sie waren, so wähnte man bisher im Haus, auf einer Wallfahrt, um für
-ihre Männer, die nach Venedig zur fast unmöglichen Rettung des Freundes
-gefahren waren, zu beten. Wir aber wissen: nicht die Männer haben
-helfen können, und nicht aufs Gebet hin hat der Himmel geholfen,
-sondern durch die Geistestat dieser jungen Frau.
-
- Wir beten all um Gnade,
- Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten
- Auch üben lehren.
-
-Die Art aber, wie das nun bekannt wird, was sie Großes getan hat, führt
-zu keiner Ruhmesverherrlichung und zu einer Beschämung der Männer nur
-in neckischem Spiel. Wir sind in dem Geisterreich der Freiheit, wo
-Seele und anmutiger, nur durch die Grazie in Schranken gehaltener Witz
-beisammen sind, und wir brauchen die lässig frohe Abspannung nach der
-hohen Spannung so nötig. Die bekommen wir in dem Nachspiel mit den
-Ringen; hier ist der fortwährende Doppelsinn der Reden nicht tragische
-Ironie, sondern Lust: wir Zuschauer sind ja eingeweiht und lassen
-die Männer da droben vergnüglich eine Weile zappeln. So wird denn
-keck genug -- die Gatten mußten sich ja um Antonios willen vor ihrer
-Liebesvereinigung trennen -- mit dem Liebesakt Scherz getrieben: nie
-kommst du in mein Bett, bis ich den Ring habe (ich hab’ ihn ja schon);
-oder gar: ich nehme den Richter in mein Bett (freilich, ich bin’s ja
-selber).
-
-Noch ein tieferer Sinn aber scheint mir in der Heiterkeit und der Art,
-wie hoher Geist sich hier auf den Wegen fröhlichen Spieles dem Alltag
-nähert, zu liegen: wie könnten die andern alle, die noch gar kein Recht
-auf dieses Reich haben, die alle noch fehlbare oder oberflächliche
-und übermütig-verwegene Menschen sind, die nichts zur Rettung gewußt
-haben, wie könnten sie gedemütigt sein von der Hoheit dieser Frau,
-in der Natur und Geist sich zur Schönheit verbunden haben! Aber des
-Höllengrauses wird nun höchstens noch mit leisen Hindeutungen gedacht:
-es wird alles in Freude und Liebe und Spiel, in ~fancy~ verwandelt.
-
-Sofern wir reif sind für die Landung in Belmont, wo bohrend
-tiefgreifende Losungen und Spaltungen aus unsrer wie Shakespeares
-Zeit keine Geltung haben, reif für seine feste Härte und hochfliegende
-Liebe, so bringt uns kaum ein andres Stück Shakespeares zu so
-persönlicher Dankbarkeit gegen den Dichter, der recht von Herzen
-nachsichtig und gütig gegen uns allesamt gewesen ist, gleichviel,
-wer wir sind. Wir empfinden dann: hat er Bassanio, Antonio, Lorenzo,
-Jessika, Graziano und Menschen noch minderen Grades eingelassen, so
-hat er auch uns die Pforte nicht zugesperrt. Wir sind es, wir, denen
-Shylocks Wut und Marterschrei nachtönt, wir sind es, die weiter
-leben, gedeihen und wachsen müssen wie dürfen, obwohl der Alte an uns
-verdorben ist und an uns, wie ein verwundetes Tier, das sich verkrochen
-hat, dahinstirbt, wir sind all diese Gut-Schlechten, Lustigen,
-Schwermütigen, Wankenden, Wandelbaren; wir -- ob Männer ob Frauen, ob
-Juden ob Christen, zumal aber das junge Volk -- wir dürfen in Arbeit
-und Spiel unser selbst harren und auf das Reich hoffen, das Reich der
-gebundenen und losgelassenen Seelen, der Schönheit und Freiheit, der
-Gnade und Harmonie.
-
-Komm, Jessika!
-
-
-Fußnote:
-
-[1] Nachträglich sehe ich mit Vergnügen, daß auch der zuverlässige
-Shakespearephilolog Conrad Hense (dem es übrigens offenbar umgekehrt
-geht wie nach Lessings Epigramm Klopstock: er wird mehr gelesen als --
-zitiert, von den Fachgenossen nämlich) die Stelle richtig übersetzt und
-auch sonst meiner Auffassung recht nahe kommt.
-
-
-
-
-König Johann
-
-
-König Johann ist ein wehvoll schönes, grimmig starkes Stück
-Shakespeares und überdies der Zugang zu einem der wichtigsten Probleme
-der Shakespeareforschung. Immer wieder, bei dem und jenem Stück,
-stößt man auf die Behauptung, Shakespeare habe da ein früheres Drama
-bearbeitet. Das ist manchmal sicher und manchmal wahrscheinlich;
-jedesmal aber bin ich bei näherer Betrachtung, ohne daß ich den Wunsch
-hatte, es möchte so sein, darauf gekommen, das Wahrscheinlichste
-sei, daß Shakespeare selbst der Verfasser auch der früheren Fassung,
-die nicht mehr vorhanden ist, sei. Erhalten sind aber die früheren
-Fassungen für zwei Stücke, für die Zähmung der Widerspenstigen und für
-König Johann. Was die erstgenannte Posse angeht, so unterlasse ich es,
-ausführlich die Gründe anzugeben, warum ich beide Fassungen für ein und
-dasselbe Stück desselben Autors, Shakespeares nämlich, halte; es ist
-ein unbedeutendes Nebenprodukt, das ein szenischer Meister und großer
-Sprachkünstler dem rohen Geschmack eines Theaterpublikums, das einen
-starken Happen vertrug, hingeworfen hat, und rangiert in Shakespeares
-des Schauspielers Werk nicht allzuviel höher als der Bürgergeneral in
-dem des Theaterdirektors Goethe. Bei König Johann aber das Verhältnis
-des alten Stückes zu Shakespeares Bearbeitung zu untersuchen, ist
-von hohem Interesse nicht nur für diese Historie, sondern für unsere
-Kenntnis Shakespeares. Es verlangt eine Entscheidung von uns, von der
-unser Verständnis für den Entwicklungsgang Shakespeares wesentlich
-abhängt.
-
-Das ältere Stück, ~The Troublesome Raigne of Iohn King of
-England~, Die wirrenreiche Regierung Johanns Königs von England,
-erschien zuerst 1591 ohne Nennung eines Verfassers. Das ist für diese
-Ausgaben von Theaterstücken nichts Ungewöhnliches, und zumal von
-Shakespeare trug vor 1598 kein Druck eines Stückes seinen Namen; die
-Verlorene Liebesmüh in der Ausgabe von 1598 ist das dritte Buch, das
-mit Nennung des Verfassers William Shakespeare erschien; die beiden
-andern aber waren seine beiden Gedichte Venus und Adonis und die
-Lucretia, zu denen nun also ein Spiel kam, von dem man sagen darf, daß
-es besonders literarisch war, besondere Ansprüche an die Bildung, die
-modische Bildung seines Publikums stellte. Just in demselben Jahre 1598
-aber nannte Francis Meres Shakespeare, indem er ihn als einen Plautus
-und Seneca zugleich bezeichnete, als den Verfasser von einem ganzen
-Dutzend Stücke, sechs Komödien und sechs Tragödien, und dieses Dutzend
-wurde ausdrücklich nur als Beispiel für des Dichters ausgezeichnete und
-umfassende Kunst angeführt. Ob diese Stücke, auf die sich Meres berief,
-bis dahin schon alle im Druck erschienen waren, so wie wir von einigen
-Quartausgaben ohne Nennung des Verfassers haben, können wir nicht
-sagen; jedenfalls kennen wir keineswegs von allen so frühe Drucke,
-und eines, die Gewonnene Liebesmüh, kennen wir überhaupt nicht. König
-Johann ist in der Zahl der sechs Tragödien genannt; von welchem Stück
-aber spricht Meres da?
-
-Im Jahre 1611 wird der König Johann von einem andern Buchhändler zum
-zweiten Mal herausgegeben; aber es ist keineswegs unser König Johann,
-den wir in Shakespeares Werken finden, sondern immer noch das alte
-zweiteilige Stück vom Jahre 1591. Diesmal aber stand auf dem Titel:
-Geschrieben von W. Sh. Einige Jahre nach Shakespeares Tod, 1622,
-gab ein dritter Verleger die dritte uns bekannte Auflage heraus und
-ließ auf den Titel drucken: Von William Shakespeare. Ein Jahr darauf
-erschien die große Gesamtausgabe von Shakespeares dramatischen Werken,
-und in ihr erschien zum ersten Mal das uns bekannte Stück Shakespeares
-mit dem Titel Leben und Tod König Johanns, und will man dieses Stück in
-größter Kürze kennzeichnen, so hat man zu sagen: Es ist ganz und gar
-das alte Stück in völlig neuer Bearbeitung.
-
-Wie irgend jemand bei diesem Sachverhalt behaupten kann, Shakespeare
-habe dieses frühe Stück, wie es uns vorliegt, als das Werk eines andern
-bearbeitet, geht über meinen Begriff.
-
-Zu den Leichtgläubigen und denen, die in zweifelhafte, apokryphe
-Werke verliebt sind, gehöre ich nicht. Weder für den Lokrin, noch für
-den Thomas Lord Cromwell kann ich anerkennen, daß diese Stücke von
-Shakespeare sein müssen; sie können von ihm sein. Lokrin ist 1595
-erschienen, und als Verfasser wird W. S. angegeben. Alfred Neubner
-in seinem Buch Mißachtete Shakespearedramen (1907) hat das große
-Verdienst, sich gegen das landläufige Gerede von der Lügenhaftigkeit
-der Quartausgaben gewendet zu haben und uns ein Bild von dem hohen
-Stand des Verlagswesens und Verlagsrechts im damaligen England gegeben
-zu haben. Auch ich bin überzeugt, daß sich auf dieser Stufe sozialer
-und juridischer Einrichtungen nur in seltenen Ausnahmefällen jemand
-erlaubte, auf dem Titelblatt eines Buches zu lügen; im Verlagsregister
-gar -- das gar nicht fürs Publikum bestimmt war -- war weder ein Grund
-noch eine Möglichkeit dazu da; das hat Neubner trefflich gezeigt.
-Im Falle des Lokrin nun ist ins Verlagsregister kein Verfassername
-eingetragen, wie es ja sehr häufig unterblieb, und von W. S. mit Tieck
-und Neubner zu behaupten, diese beiden Buchstaben können nur entweder
-William Shakespeare oder Wentworth Smith bedeuten, bringe ich nicht
-übers Herz. Was wissen wir, wer alles in dieser üppigen Zeit des
-Dramenwachstums Stücke schrieb, ohne daß sein Name uns bekannt wurde!
-Wo wir doch ein so Shakespeare ebenbürtiges Stück haben, wie den Eduard
-III., von dem kein Mensch sagen kann, es müsse von Shakespeare sein!
-Mir wäre es überaus wichtig zu wissen, ob der Lokrin Shakespeare zum
-Verfasser hat; es könnte sehr wohl sein, und gewiß hätte ich nichts
-dagegen. Es wäre dann vielleicht -- denn das späte Erscheinen der
-Ausgabe, die wir haben, beweist nichts -- das früheste Werk, das wir
-von Shakespeare kennten. Die Sprache ist schwülstig und bildüberladen
-ohne gleichen, durch fernhergeholte, mythologische Gleichnisse und
-Anspielungen müssen wir uns durchschlagen wie durch Urwaldgestrüpp, bei
-alledem aber ist die Sprache edel, geistig bedeutend, leidenschaftlich,
-manchmal innig und des Verfassers des Titus Andronikus ganz würdig.
-Und das nämliche gilt für Handlung, Komposition und Motivierung. Die
-Werbung Lokrins um Estrild kann etwas an Richard III., die strophische
-Sprache der gereimten Stellen an Venus und Adonis erinnern. Es ist ein
-Ungetüm, das bei aller außerordentlichen dichterischen Begabung seines
-Verfassers keine eigene Bedeutung hat; eine Probe, ja eine Verheißung
-könnte es sein. Wie interessant, wenn es von Shakespeare wäre, wenn man
-sagen müßte: aus dieser Häufung mythologischer Gelehrsamkeit hat er
-sich zur Selbstbeschränkung und Sachlichkeit derart hinaufgearbeitet,
-daß er manche seiner Erforscher instand setzte, zu behaupten, er wäre
-ein ganz ungebildeter Kerl gewesen! Aber das muß alles dahingestellt
-bleiben, da seine Verfasserschaft nicht erwiesen ist; und der
-Shakespearekunde erlaubt dieses Stück nicht den kleinsten Schluß.
-
-Und wie interessant gestaltete sich unsere Kenntnis von Shakespeares
-Entwicklungsgang weiter, wenn nun auch die Tragödie Thomas Lord
-Cromwell von ihm wäre, die in allem das reine Gegenteil von Lokrin
-ist! Ich habe mich vorhin sehr schroff von Der Widerspenstigen Zähmung
-abgewandt; aber genialisch ist dieses schlechte Stück im ganzen und in
-wie vielen Einzelzügen; ich werde von Shakespeares Perikles, Fürst von
-Tyrus, das in der Anlage dem Cromwell verwandt ist, nicht allzuviel
-Gutes zu sagen wissen, aber in der Sprache, in den Szenen der niedrigen
-Sphäre, in manchem charakteristischen Zug ist es Shakespeares würdig.
-Im Thomas Cromwell aber kann ich nicht gerade Genie entdecken. Es ist
-eine biedere, sehr kindliche Chronikaktion und erinnert weder in den
-tragischen noch in den komischen Partien an irgend etwas, was wir
-sonst von Shakespeare kennen. Das aber wende ich keineswegs gegen
-seine Verfasserschaft ein; was wissen wir von seinen Möglichkeiten,
-Versuchen, Abwegen, Anfängen! Wäre das Stück von ihm, so könnte er
-diesen kindlich volksmäßigen Stil sich zur Übung im Einfachen, zum
-Abgewöhnen des Metaphern- und Mythologieschwulstes verschrieben haben.
-Aber es ist wieder kein genügender Beweis da. Wir kennen keine frühere
-Ausgabe als die von 1602, und die ist anonym; dann folgt 1613 eine
-andre, die W. S. als Verfasser nennt. Achtlos Vorbeigehen kann man an
-solcher Angabe nicht; aber durchschlagend ist sie wahrlich auch nicht.
-
-Wie anders aber liegt der Fall bei dem frühen König Johann! Da ist
-vor allem zu sagen: es spricht gar nichts dagegen. Bei den andern
-zweifelhaften oder wenigstens angezweifelten Stücken, auch bei denen,
-die zu Shakespeares Lebzeiten mit seinem vollen Namen erschienen
-sind, dem Perikles, dem Londoner Verlorenen Sohn und dem Trauerspiel
-in Yorkshire, muß in der Tat gefragt werden, warum sie 1623 in die
-große Gesamtausgabe nicht aufgenommen wurden. Diese Frage ist freilich
-keineswegs eine Abweisung; es wäre sehr wohl möglich, daß Shakespeare
-selbst verfügt hat, diese Stücke als zu schlecht wegzulassen, oder daß
-Shakespeares Freunde sie von sich aus um deswillen nicht aufgenommen
-haben; oder es kann noch andere Gründe geben; aber beim frühen König
-Johann kann nicht einmal die Frage zugelassen werden: solche Philologen
-waren Heminge und Condell gewiß nicht, daß sie außer dem vollendeten
-Stück auch noch eine verworfene Fassung, die genial genug, aber doch
-eben im Vergleich mit dem meisterlichen Drama minderen Wertes war,
-aufgenommen hätten. Ich weiß im Augenblick nicht, ob auf der Abschrift
-von Wilhelm Meisters Theatralischer Sendung, die man in Zürich fand,
-der Verfassername stand; aber wenn darauf gestanden hätte: von J.
-W. G. -- so wäre das genau der Fall des frühen Dramas König Johann
-von W. Sh., nur daß dieses öffentlich im Druck erschienen, die
-Sendung von einer fremden Hand geschrieben ist. Man könnte das als
-eine Übertreibung zurückweisen wollen; der Wilhelm Meister sei von
-Goethe erfunden; König Johann aber ein historischer Stoff, den jeder
-behandeln könne. Allerdings: den jeder behandeln kann und den der
-Bischof John Bale ums Jahr 1550 in einer Art behandelt hatte, die in
-keinem Zug an die beiden Fassungen eines Stückes erinnert, die uns hier
-vorliegen. Der Gang der Handlung, der szenische Aufbau, die Anlage der
-Charaktere, das Gegeneinanderwirken der Personen, die Motivierung,
-die Einteilung des Dialogs, wie eine Rede ihre Replik ruft, das
-alles ist in dem frühen Stück die Erfindung, das schöpferische Werk
-eines großen Dichters, und niemand leugnet, daß das Stück, das als
-das Shakespeares in den Werken steht, der Vorlage in alledem folgt,
-entweder beibehaltend oder umgestaltend; das wird allerseits zugegeben,
-daß Shakespeare diesem früheren bedeutenden Stück Szene für Szene
-gefolgt ist. Ich kann mir also nicht helfen: entweder hat Goethe mit
-seinem Wilhelm Meister ein Werk der Bäbe Schultheß frei bearbeitet,
-oder Shakespeares König Johann ist in beiden Fassungen von ihm. Denn
-so ist es: wir haben ein Stück in zwei Fassungen, die beide bedeutend
-sind, und so, wie es Leute gibt, die die Theatralische Sendung dem
-vollendeten Meister und Gottfried Kellers Gedichte in der ersten
-Fassung ihrer letzten Feilung und Rundung vorziehen, so haben sich
-auch welche gefunden, denen der erste König Johann lieber ist; ich
-aber gehöre zu ihnen in diesem Fall so wenig wie in den andern; es
-ist nicht meine Sache, den Meister mit seiner Schulzeit meistern zu
-wollen. Aber wir haben jedenfalls die erste Fassung und die Mitteilung
-aus dem Jahre 1611, sie sei von W. Sh., und aus dem Jahre 1622, sie
-sei von William Shakespeare. Als dann das Jahr darauf dasselbe Stück
-durchgeackert und umgekrempelt in der Folioausgabe erstmals erschien,
-konnte wahrhaftig niemand auf den närrischen Einfall kommen, unter uns
-Späteren könnte es gelehrte Leute geben, die Shakespeare die geniale
-Neubearbeitung allein ließen, die geniale Konzeption aber absprächen!
-Selbst wenn uns nicht erst W. Sh., dann William Shakespeare als
-Verfasser genannt wäre, müßten wir sagen: das ist von Anfang bis zu
-Ende ein Stück in zwei Fassungen; und die erste muß so von Shakespeare
-sein wie die Geschichte Gottfrieds von Berlichingen von Goethe. Und
-ich sage ehrlich und möchte das zugunsten mancher Shakespeareforscher
-aussprechen, daß ich überzeugt bin, im neunzehnten Jahrhundert hätte
-keiner, der den Sachverhalt prüfte, das frühere Stück mehr Shakespeare
-absprechen können, wenn nicht Tiecks Eintreten für diese Urheberschaft
-gewesen wäre! Denn das mußte in der Tat bedenklich und vorurteilsvoll
-machen, da Tieck besinnungslos so ziemlich alles, was kindlich,
-unfertig und schlecht war, begeistert Shakespeare zuschrieb, sowie es
-aus der Zeit stammte und keinen Verfassernamen aufwies! Aber man hätte
-Tieck so wenig blind zur Autorität für noch gegen Tiecks Meinungen
-machen dürfen; hätte vielmehr erkennen müssen, daß es z. B. für seine
-Behauptung, das Drama von König Leir und seinen drei Töchtern sei von
-Shakespeare verfaßt, äußere Gründe so wenig wie innere gibt, daß aber
-der erste König Johann aus äußern wie innern Gründen von ihm verfaßt
-sein muß.
-
-Zugegeben, es gibt auf diesem Gebiet keinen absoluten Beweis; das
-lehren die falschen Wanderjahre und ähnliche Mystifikationen.
-Selbst zur allergrößten Wahrscheinlichkeit muß noch ein Entschluß
-kommen, damit sie Gewißheit werde. Wir haben hier einen solchen Fall
-allergrößter Wahrscheinlichkeit; ich entschließe mich zu der Erklärung:
-Es ist gewiß, daß der erste König Johann Shakespeares erste Fassung
-dieses Stückes ist, und brauche zu diesem Entschluß nicht mehr Kraft
-aufzuwenden als zu der Überzeugung, daß die in Fräulein von Göchhausens
-Handschrift überlieferten Faustszenen eine frühe Fassung von Goethes
-Faust sind.
-
-Haben wir uns aber zu dieser Gewißheit entschlossen, so ergeben sich
-daraus die wichtigsten Schlüsse. Eben das steht nun fest, womit als
-einer angeblichen Unmöglichkeit Shakespeares Autorschaft bestritten
-werden sollte: daß der Dichter auf einer frühen Stufe seiner Produktion
-in einer Art, die wir sonst nirgends an ihm kennen, eine ausgeprägt
-aktuell politische, nationale, antipapistische Tendenz in sein Werk
-eingelassen hat. Aber es geht wahrhaftig nicht an, unumstößliche
-Tatsachen entscheidender Art für unerheblich zu erklären oder zu
-ignorieren, weil man an seinem fertigen Bild Shakespeares keine
-Änderung leiden mag. Ich muß umgekehrt vorgehen: ich bekomme zu dem
-Bild des immer Wachsenden neue, wertvollste Züge, weil ich um Tatsachen
-nicht herumkomme. Auch ich bin von diesen Zügen ungemein überrascht;
-aber weder meine Überraschung noch mein Widerstreben dünkt mich ein
-Gegenargument objektiver Art.
-
-Zunächst ist zu sagen, daß Shakespeare bei der Neugestaltung seines
-Stückes -- wann er sie vornahm, ist nicht auszumachen -- nichts
-eigentlich von den Motiven fallen ließ; er hat nur vieles, was im
-sichtbaren Vordergrund stand, in den Hintergrund des Berichts oder
-Auftrags oder der Erwähnung gedrängt, hat Licht und Schatten neu
-verteilt, hat ganze Szenen durch eine kurze Dialogstelle ersetzt
-und hat so in einer unvergleichlich ursprünglichen und kräftigen
-Nachschöpfung des schon einmal Geschaffenen seinem Stück einen neuen
-Sinn gegeben. Das Antipäpstliche ist noch da, weitaus stärker auch in
-der klassischen Fassung des König Johann als in irgend einem andern
-Stück Shakespeares; auch auf das Nationale hat der Dichter keineswegs
-verzichtet; hat er auch die gewaltig trompetende Schlußszene der frühen
-Fassung nicht mehr brauchen können und sich um seines neuen Sinns
-willen mit einer verhalten und sogar matt verrinnenden begnügt, so ist
-doch der allerletzte Schluß noch da, aus dem der Bastard wie aus dem
-Rahmen des Stücks heraus an die Rampe tritt und wie der Sprecher eines
-Epilogs dem Publikum, dem englischen Volk zuruft:
-
- Dies England lag noch nie und wird auch nie
- Zu eines Siegers stolzen Füßen liegen,
- Als wenn es erst sich selbst verwunden half.
-
-Der Unterschied ist nur der, daß all dieses Elisabethische,
-Nationale, Antikatholische in der ersten Fassung, die noch durchaus
-chronikalischen Charakter hat, den wesentlichen Sinn des Stückes
-bildet und überall Erinnerungen an den glorreichen Sieg über die
-Spanier, den Untergang der Armada mit sich trägt; daß es dagegen in
-der klassischen Gestaltung einem höheren Sinn untergeordnet ist. Ich
-will es nicht behaupten, aber es wäre möglich, daß Shakespeare, als er
-diesem Stück die Vollendung schuf, im Sinne trug, daß es zu dem großen
-Zyklus der englischen Historien, der ihm zusammengewachsen war, den
-Prolog bildete. Jedenfalls ist dieser König Johann nunmehr auch von
-innen her eine Art Auftakt oder Vorspiel zu dem großen Zyklus: sein
-Thema ist dasselbe: was erst eine kraftvolle nationale Chronik mit
-schon erstaunlichen Einblicken ins Innere handelnder Menschen war, ist
-jetzt bis zur Schlußwendung ganz auf den einen Gegensatz gestellt:
-Politik und Menschlichkeit. Mit Ausnahme der allerletzten Schlußrede
-hat der Dichter nunmehr, selbst wenn er große Schönheiten opfern
-mußte, alles direkte Aussprechen streng verpönt; der Charakter ist den
-Menschen angegossen, und keiner kann heraustreten aus seiner Rolle; die
-päpstliche Politik und ihre Verworfenheit ist mit einer vorher nicht
-erreichten Schärfe gezeichnet, aber nicht minder scharf König Johann,
-König Philipp von Frankreich, der Dauphin Louis, die Königin-Mutter
-Eleonore als Träger der Politik. Und ihnen stehen gegenüber Konstanze
-und Arthur, in denen auch Politik wäre, wenn nicht das Unglück in
-ihnen säße; und so tritt in ihr das zügellos leidenschaftliche und
-leidende Weib, in ihm das unschuldige Kind als Menschlichkeit der
-Politik gegenüber. Hubert ist der loyal knechtische Dienstmann, der
-von der Menschlichkeit überwunden wird; und der herrliche Bastard
-der Naturmensch und Naturritter, dessen Bestimmung es ist, mit
-Gesellschaft, Mode, Politik in Beziehung zu treten, in der er doch
-in seiner Kraftnatur, so viel äußere Änderungen, Erhöhungen er auch
-mitmacht, so sehr er auch Feldherr und Ratgeber der Krone wird, immer
-er selbst bleibt.
-
-Mit einem Wort zu sagen: in der frühen Fassung ist Shakespeare in
-einem Stadium, das wir nur von diesem Stück her an ihm als eine
-Durchgangsstufe kennen, im Stadium Schiller nämlich; in der klassischen
-erst ist er zu sich, zu Shakespeare gekommen.
-
-Ich gehe gleich mitten hinein und gebe ein Beispiel, das mich überaus
-bezeichnend dünkt. In ihrem Feldzug um die englische Krone und ihre
-Länder ist es für jeden der streitenden Könige überaus wichtig, die
-Stadt Angers zu besetzen. Die Bürger erklären -- in beiden Fassungen
---, sie bewahrten die Stadt für ihren rechtmäßigen König; wer aber
-recht habe, das müsse sich erst erweisen. So kommt es zur Schlacht, die
-jeder der Könige gewonnen zu haben behauptet und die gerade darum nach
-dem Bedünken der Bürger von Angers, unter deren Mauern sie gewütet hat,
-unentschieden geblieben ist. Sie weigern sich erneut, einem von beiden
-die Tore zu öffnen, und diese steife Hartnäckigkeit der Bürgersleute
-bringt den ritterlichen Bastard zu dem köstlichen Vorschlag, die
-feindlichen Könige sollten zunächst ihre Macht vereinigen, um die
-eigensinnige Stadt gemeinsam zu berennen und einzunehmen. Diese
-Gelegenheit, wo überhaupt von einer Einigung der streitenden Parteien
-erstmals die Rede ist, ergreift nun -- immer in beiden Fassungen -- der
-Sprecher der Bürger, um einen überraschenden Vorschlag zur friedlichen
-Verständigung anzubringen, der dem ganzen Handel die entscheidende
-Wendung gibt: Der Dauphin Louis und König Johanns Nichte, die junge
-Prinzessin Blanca von Kastilien, sollen sich heiraten. Das wird dann
-akzeptiert, und es kommt -- in beiden Fassungen -- zunächst zu einem
-Bunde zwischen England und Frankreich auf Kosten des jungen Arthur,
-um dessen Thronansprüche willen Frankreich angeblich den Krieg führt.
-In der ersten Fassung nun werden dem Bürger, der den Vorschlag macht,
-innig schöne Worte für den Frieden gegen den Krieg in den Mund gegeben,
-Worte der Bürgerlichkeit gegen das Kriegsmorden:
-
- Wie aber, Herrn, sollt ihr die Macht verknüpfen?
- Zum Schaden nicht der Freund’ und Untertanen,
- Mit Streit und Meuterei die Welt zu füllen;
- Zum Frieden sollt ihr eure Macht verknüpfen,
- Im Fürstenbündnis freundschaftlich zu leben...
- Zum ewigen Liebesband den Frieden machen
- Gibt’s nur ein einzig ehrenvolles Mittel usw.
-
-Diese schönen menschlichen Erwägungen im Zusammenhang einer ganz
-schnöden Aktion politischer Berechnung konnte der schärfer in die Welt
-blickende reife Shakespeare nicht mehr brauchen. Für das menschlich
-Empfundene dieser Betrachtung hat er gewiß noch so viel Sinn gehabt
-wie früher; aber gerade wegen dieses Charakters taugte sie ihm nicht
-an die Stelle. Statt dessen spricht der kluge politische Bürger in
-Worten eines feierlichen, klingenden, bilderreichen, wunderschön
-färbenden, aber inhaltlich leeren Pathos, wie sie für die Vorbereitung
-eines prunkvollen höfischen Zeremoniells am Platze sind, und der von
-dieser politischen Klugheitsniedertracht angewiderte Bastard bekommt
-Gelegenheit, in seinem humoristisch sich äußernden Zorn über die
-bombastischen Tiraden zu spotten, ohne daß unsre menschliche Empfindung
-getroffen wird.
-
-Damit ist schon etwas über das Verhältnis des Sprachausdrucks in den
-beiden Fassungen gesagt. Darum steht es sehr merkwürdig. Die Sprache
-im frühen König Johann ist im allgemeinen überaus schlicht, plan,
-ungeziert, sachlich, dem ruhigen, ungehobenen Prosaton angenähert.
-Dazwischen aber drängen sich allenthalben Stellen ganz andrer Art,
-mythologisch, schwülstig, ohne daß sie irgendwie von der Situation
-oder dem Charakter des Redenden erfordert werden, so daß man merkt:
-der Dichter will sich in diesem Chronikdrama einen früheren ins
-Bombastische gesteigerten Stil abgewöhnen, ein paar Verse lang kommt
-ihm aber immer wieder die reich geschmückte Rede dazwischen. So redet
-der König von Frankreich mit einem Mal von Titan und den Mähnen seines
-Gespanns, dem Bastard flüstert Alekto etwas ins Ohr, Morpheus und Mars
-geben eine Gastrolle, Konstanze beschwört den Mythus von Briareus, und
-dies alles ohne die geringste innere Notwendigkeit oder Möglichkeit.
-
-Im klassischen König Johann gebietet Shakespeare kraftvoll und
-überlegen über alle reichen Möglichkeiten seiner Sprache. Wir sehen
-es gleich in der ersten Szene; wo beim frühen Versuch alles ganz gut
-von statten ging und eine angemessene Sprache wie von selber lief,
-da ist diesmal bei der Umgestaltung ein wahrhafter Souverän am Werk.
-Zuerst waren zum Eingang ein paar Reden von König Johann und seiner
-Mutter da, die sich so anhören, als beginne jetzt gerade das Regiment
-Johanns. Das bleibt nun ganz dahingestellt; die Reden fallen weg. Dann
-wird in der ersten Fassung die französische Gesandtschaft vorbereitet
-und eingeführt, worauf König Johann mit der üblichen Redensart den
-Gesandten begrüßt:
-
- Willkommen hier in England, Herr Chatillon,
- Ist unser Bruder wohl, Philipp von Frankreich?
-
-Weg damit, sagt der neu schaffende Dichter. Wir kennen seine
-unnachahmliche zugreifende Art, sofort ins Thema zu führen, aus andern
-Stücken; so nun auch hier. Der Gesandte Frankreichs steht vor dem
-Thron, und der König fragt ohne weiteres in einem einzigen Vers:
-
- Nun sag, Chatillon, was will Frankreich uns?
-
-Und dann hebt der Gesandte, der das Ultimatum überbringt, mit
-gemessenen Worten an, und im dritten Vers fällt schneidend das Wort
-von der erborgten Majestät des Manns, der da auf dem Thron sitzt. Statt
-dessen fiel die erste Fassung hier aus der rhythmischen Sprache in eine
-bureaukratische Prosa zur Aufzählung der Forderungen; breit und fast
-behaglich wird gesagt, der allerchristlichste König habe Arthur, den
-Sohn und Erben von Johanns älterem Bruder, in Schutz und Vormundschaft
-genommen; das kommt jetzt straff, wie ein fester Hieb heraus:
-
- Philipp von Frankreich, kraft und laut des Namens
- Von deines weiland Bruders Gottfried Sohn ...
-
-und wo er früher ganz England und was dazu gehört, „zum Besten besagten
-Arthurs“ verlangte, ruft er jetzt schwungvoll:
-
- Daß Arthur es aus deiner Hand empfange,
- Dein Neff’ und königlicher Oberherr.
-
-Dann fängt im ersten Text Johann mit seiner Antwort zu rechten und die
-Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen an; da würde er selber ja gar
-nichts übrig behalten und dergleichen. Jetzt weiß Shakespeare, wie ein
-König spricht, der, mag er sonst sein, wie er will, als Machthaber, als
-Herr, als Stolzer sich bei solcher Gelegenheit zeigt:
-
- Und wenn wir solches weigern, was erfolgt?
-
-Diese knappe Frage ist seine Antwort.
-
-Nichts ist bewundrungswürdiger, als Shakespeare hier bei der Arbeit
-zu sehn; nichts widerlegt auch besser das Gerede von dem unbewußten
-Schaffen des Genies im allgemeinen und dieses „Wilden“ im besonderen.
-Wahr ist freilich, daß der besonnene, überlegende, ordnende
-Kunstverstand, der da die Poesie kommandierte, nicht selber tüftelnd
-und berechnend ans Werk ging, sondern den Enthusiasmus und die Liebe,
-die sich phantasiestark in die Gestalten hineinversetzte, erst in
-die Tiefen des eigenen Herzens sandte. Verwandelt der Dichter das zu
-Gedehnte und Gemächliche in Spannkraft und Knappheit, so gönnt er ein
-anderes Mal der Leidenschaft die volle Wucht und Breite zur Entladung.
-Wie der Bastard vor den Mauern Angers’ den Königen den Rat gibt, ihre
-Macht gegen die frechen Krämerseelen da drinnen zu vereinigen, da tut
-er es in der ersten Fassung, obwohl sein Charakter in der Skizze auch
-da schon angelegt ist, wie ein rascher Mann, der einen famosen Einfall
-hat, übrigens aber mit der schuldigen Zurückhaltung:
-
- Wenn Philipp raten darf so mächt’gen Fürsten,
- Den Königen von England und von Frankreich,
- So spricht er, Euer Gnaden sollten ein’gen,
- Die Macht verknüpfen gegen diese Bürger,
- Ums Ohr ihnen schmeißen die zerstörten Mauern.
-
-Da ist einmal der Mann und dann als ein gemäßes, passendes Gewand die
-Sprache, in der er sich ausdrückt; das geschieht geziemend, und es ist
-nichts dagegen zu sagen. Wie aber ist Mann und Sprache, Situation,
-Herz und Ausdruck zusammengeschmolzen in dem herrlichen Katarakt, der
-sich in der endgültigen Form an dieser Stelle ergießt! Wie haben wir
-da in dieser einen einzigen Rede den ganzen Kraftkerl, seine Natur,
-seinen Geist und die Neuheit seiner Rolle, in der er sich trotz aller
-Zwiespältigkeit zwischen Natur und Politik, die er sehr wohl empfindet,
-so treuherzig behagt! Wie sind wir nun jetzt erst aus der gewöhnlichen
-Welt einer chronikalischen Dürre emporgehoben in die Wunderwelt, wo die
-Romantik aus dem tiefsten Innern, aus der geistgetriebenen Leidenschaft
-quillt! Wollten wir bei der Vergleichung dieser beiden Fassungen etwa
-an das Wunder denken, das Goethe vollbrachte, als er die rhythmische
-Prosa seiner Iphigenie in die ewigen Verse verwandelte, so hätten
-wir noch viel zu wenig getan; diese Iphigenie in all ihrer genialen,
-wunderschön menschlichen Konzeption müßte erst im kümmerlichen Stil
-eines Mannes aus der Aufklärungsgegend, so zwischen Bodmer und
-Gottsched, verfaßt gewesen sein, damit die Vergleichung ein rechtes
-Bild gäbe; eher dürfen wir der Verwandlung gedenken, die Kleist, wenn’s
-zum Tiefsten kam, Molières Amphitryon angedeihen ließ; nur daß hier
-das Überwältigende ist, daß Shakespeare nicht das Werk eines andern,
-sondern sich selbst so übergewaltig in die Höhe riß. Jetzt ruft der
-Bastard:
-
- Bei Gott, dies Pack von Angers höhnt euch, Fürsten,
- Sie stehn auf ihren Zinnen sorglos da,
- Wie im Theater gaffen sie, wie ihr
- In eifervollem Drang den Tod umwerbt.
- Nehm’ Eure Majestät von mir den Rat:
- -- -- -- --
- Von Ost und West laßt Frankreich so wie England
- Die platzend voll geladnen Stücke feuern,
- Bis ihre Donnerstimme niederbrüllt
- Die Kieselrippen dieser frechen Stadt.
- Ich wollt’ auf dies Gesindel rastlos hämmern,
- Bis wehrlos liegende Verheerung sie
- So nackend ließ wie die gemeine Luft.
- Wenn das geschehn, teilt die vereinte Macht,
- Trennt die vermischten Fahnen noch einmal:
- Kehrt Stirn an Stirn, und Spitze gegen Spitze.
- Dann wird Fortuna sich im Augenblick
- Auf _einer_ Seite ihren Liebling wählen,
- Dem sie den Ruhmeskranz des Tages reicht
- Und auf die Lippen drückt den Siegerkuß.
- Behagt der wilde Rat euch, mächt’ge Staaten?
- Schmeckt er nicht etwas nach der Politik?
-
-In dieser hitzigen, aber urgesunden Ekstase, der der Humor und der
-Spott gegen die andern wie gegen sich selbst nicht fehlt, kommt
-der Natursohn, dem ritterliche und gelehrte und moderne Bildung
-nicht fehlt, ohne das geringste aus fernen Zonen oder gar der
-Mythologie entnommene Gleichnis aus (denn die leidige Fortuna ist nur
-Übersetzernot; die englische fortune gehört der Volkssprache an). Hier
-an Ort und Stelle, in der Sinnenkraft der Situation, holt er sich die
-Gleichnisse, die seine Leidenschaft braucht: die Bürger auf den Mauern,
-die zusehen, wie die Heere um den Tod werben, sind Publikum in einer
-Tragödie; und wenn er ein Bild braucht für Öde und Vernichtung, so
-fällt ihm in der Wut und dem Ringen um den Ausdruck nichts Besseres ein
-als die leere Luft. Im übrigen, was liegt in diesem Moment seinem Zorn
-über die Kälte dieser verstockten Stadt näher als eben die steinernen
-Mauern und die donnernden Geschütze, die sie umstürzen sollen?
-
-Wie dann die Bürgerpolitik über die Ritterlichkeit siegt, da ist in
-beiden Fassungen der Bastard zornig: das erste Mal aus persönlichem
-Interesse, weil er selbst sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte,
-Blanca zur Gemahlin zu bekommen; jetzt aber, weil zwei Arten, das
-gesamte Leben, das private wie das öffentliche, zu führen, gegen
-einander prallen. Shakespeare hat aus dem König Johann ein ganz
-männliches Stück gemacht, in dem die Geschlechtsliebe nur in der
-Vergangenheit, bei der Erzeugung des Bastards, eine auch nicht eben
-empfindsame Rolle spielen darf. Ursprünglich, in der jugendlichen
-Fassung, war’s anders: da hatte Blanca in einer überaus zarten,
-mädchenhaften Wendung anzudeuten, daß ihr Herz nur allzu gern dem
-Vorschlag zustimmte, aber um der Sittsamkeit willen um Schonung
-und Frist bat. Jetzt ist sie kein Bürgermädchen mehr, sondern eine
-Prinzessin, die sich frei und politisch, mit den in solchen Fällen
-üblichen festlichen Worten in die Situation findet. Wie aber dann die
-Ehe vollzogen ist und nun durch das Eingreifen des Kardinals mit einem
-Mal die Parteien sich wieder feindlich trennen, da wird die furchtbare
-menschliche wie politische Situation, wo Blanca mit Gesinnung und
-Herzen als Fürstin und Gattin in beide Lager gehört, zur Gestaltung
-gebracht. Wie Shakespeare jetzt alles episodische Geranke wegschneidet
-und den Sinn nie vom Geschehnis überwuchern läßt, so schafft er sich
-den Raum, um sein großes Thema in alle Verzweigungen wachsen zu lassen.
-
-Die Fügung der Handlung, die Szenenfolge, die Situationen, die
-Charaktere, das alles stammt aus der Konzeption des jungen Shakespeare,
-wobei es unentschieden bleiben muß, aus welchen Quellen außer
-Holinsheds Chronik er etwa schöpfte. Wollte man bis in die kleinen
-Einzelvorgänge hinein die Handlung, die Aufeinanderfolge der
-Ereignisse, die Beziehungen der Personen zu einander erzählen, so wäre
-es fast gleich, ob man sich an die frühe oder die klassische Fassung
-hielte. Dabei aber ist kein Stein an seiner Stelle geblieben, ist keine
-Replik und kein Satz geblieben, wie sie erst waren. Ob man die große
-Episode des Bastards im ersten Akt oder die Verzweiflungsausbrüche
-Konstanzens oder das Auftreten des Kardinals oder das Schicksal des
-jungen Arthur oder König Johanns Ende nimmt, immer ist es im äußern
-Verlauf dasselbe, ist auch dieselbe Innerlichkeit schon angelegt,
-ist es im alten schon schön und interessant und stark, so daß man
-kaum etwas vermißt und befriedigt ist, und kann sich vor Staunen und
-Beglücktheit dann nicht lassen, wenn man die Steigerung, Verstärkung,
-Verfeinerung in der neuen Gestalt erlebt.
-
-Im ersten Akt kommen gleich nach der Abfertigung des französischen
-Gesandten die beiden Brüder Faulconbridge an den Hof. Sie streiten
-ums Vatererbe, weil der jüngere den älteren für einen Bastard des
-verstorbenen Königs Richard Löwenherz erklärt. In der ersten Fassung
-kommt die Mutter gleich mit, ist dabei, wie der Streit vor den König
-gebracht wird, wird um das befragt, was sie am besten wissen muß,
-und leugnet. Diese Peinlichkeit vermeidet Shakespeare in der neuen
-Gestalt; nur die Brüder treten am Hof auf. Darum verzichtet er aber auf
-die Mutter doch nicht; wann hätte er je ein Motiv fallen lassen? Nun
-aber reitet sie atemlos auf ihrem Klepper hinterher, wie sie erfährt,
-daß die Brüder ihre Ehre an den Königshof getragen haben, und kommt
-an, nachdem alles entschieden ist; und der Bastard, der sich frei
-seinen Vater, den großen König, erwählt hat, ist in so strahlendem,
-zeugungskräftigem Glück, daß er seine Mutter nicht minder zwingend zum
-Bekenntnis der Wahrheit verführt, als einst König Richard das junge
-Weib zur Liebe verführt hatte, um dann in die himmlisch menschlichen,
-kindlich naiven und verwegenen Worte der Lust an sich, seinem Wesen,
-seiner Herkunft und seinem Zeugungsakt auszubrechen:
-
- Ach Mutter!
- Von Herzen dank’ ich dir für meinen Vater!
-
-In der ersten Fassung kam es nachträglich auch zu diesem Geständnis
-der Mutter; aber durch wieviel gedehnte Reden wurde die Schlagkraft
-der Szene abgeschwächt! Auch zuerst schon hatte Shakespeare die Idee,
-der Königssohn solle durch eigenen Entschluß, man möchte sagen: in
-posthumer Selbstzeugung von sich aus seinen Vater bestimmen; und es war
-nicht übel, wie Konvention und die große Naturehre in ihm stritten,
-bis er in einer Art von hingerissener Eingebung mit Zungen redete: er
-möchte um Hab und Gut und Sitte willen sagen, er sei ein Faulconbridge,
-und wird wie von einem Dämon zu dem jubelnden Bekenntnis gezwungen, er
-sei der Bastard König Richards. Jetzt ist alles viel knapper, fester,
-sicherer; er steckt mit so saftiger Realität in seiner Adelsnatur,
-dieser flämische Kraftkerl, der aus einem Bilde von Rubens ausgebrochen
-zu sein scheint, daß so eine Art zitternde Mystik nicht mehr am Platze
-ist. Und überdies, ging es dem jungen Shakespeare nur um den Fortgang
-der jeweiligen Handlung, so ist der reife bei der Kunst angelangt, die
-die besondere Shakespearische ist und die nach ihm nie wieder einer so
-erreicht hat: die Gestalten sich gegenseitig beleuchten zu lassen, die
-Handlung aus den Charakteren zu spinnen und zugleich die Charaktere
-durch die Handlung zu modellieren. Hier treten drei Hauptspieler
-hervor: König Johann, seine Mutter Eleonore, der Bastard. Schon mit ein
-paar Worten, die zwischen den Empfang Chatillons und den Bruderstreit
-eingeschoben sind, haben der König und seine Mutter sich gegenseitig
-aufgehellt; da sieht man sie nicht in einer Staatsszene, sondern in
-rasch geflüsterten politischen Intimitäten; die Mutter zugleich eine
-Natur und ein Kopf; sie will das Regiment führen und hat darum den
-einzig noch überlebenden Sohn zum König gemacht, damit nicht die ihr
-widerwärtige Schwiegertochter Konstanze in Ausübung der Vormundschaft
-für Arthur, das Kind ihres ältesten Sohnes, statt ihrer ans Ruder
-kommt; sie steht in ihrem Willen und in der Macht, hat aber Frische
-genug, um zu wissen und gelegentlich zu sagen, daß es faul um das Recht
-steht. Das irgend einem oder auch nur sich selber zuzugeben, ist der
-König viel zu dürr und phantasielos; er kann nicht die Standpunkte
-wechseln, hat nicht die Umfänglichkeit, mit dem Munde zu lügen und doch
-innerlich in der Wahrheit zu sein; er hat die Lüge ein für allemal
-angezogen wie einen ledernen Panzer, den er nicht ablegt und der mit
-seiner Haut verwachsen ist. So bewährt er sich denn auch -- wovon allem
-die erste Fassung nichts weiß -- in der Faulconbridge-Szene, die er
-zur feierlichen Gerichtsszene gestalten will, als ein ausgezeichnet
-dürrer Jurist; das ist so ein Fall in seiner Kniffligkeit, der ihm, der
-Lust nicht kennt, Vergnügen macht: ein in der Ehe geborener Bankert
-ist ein eheliches Kind; das setzt er, der König, wo es um einen Sohn
-seines großen Bruders gehen soll, den baß erstaunten Landjunkern
-haarklein auseinander. Von alledem faßt der Bastard nichts weiter, als
-daß sein sogenannter Vater nicht die Kraft hatte, ihn zu enterben; das
-leuchtet ihm sehr ein; hatte der Schwächling doch auch nicht die Kraft,
-ihn zu zeugen und seine Frau bei der Treue zu halten. Die resolute
-Königin-Mutter, der der prächtige Kerl gefällt und die in jedem Zug
-ihren geliebten Sohn erkennt, muß eingreifen, um das trockene Gestrüpp
-der Juristerei wegzuhauen; sie erkennt in dem jungen Menschen die
-echte Natur, den Adel, das kriegerische Feuer: den will sie als Enkel
-haben, wo jetzt der Streit gegen das andre zarte Enkelkind, den Sohn
-Konstanzes, anheben soll, der soll der Kämpe ihrer Puppe, des Königs
-Johann, werden; und nun, wo sie entschieden und Philipp dazu gebracht
-hat, sich jubelnd als Bastard ihres Sohns zu erklären, ist der König
-wieder ganz in seiner Rolle, die er würdig ausfüllt: er schlägt den
-wilden Sprößling seines Hauses feierlich als Sir Richard Plantagenet
-zum Ritter.
-
-In der Skizze ist diese Prachtgestalt auch schon in der ersten
-Fassung angelegt. Aber wie bekommt sie nun erst das strotzende
-Renaissancegeblüt, wie wird sie nun zu einer der strahlendsten,
-eigensten Gestalten Shakespeares. Ganz und gar das Gegenstück zu
-seinem königlichen Oheim ist der Bastard; auch er, nach der eigenen
-Erklärung des Juristenkönigs, ein Erbe mit zweifelhaftem Recht, auch
-er ein Erbe ohne Land; aber er ist alles, was Johann nicht ist:
-frei, kindlich, lustig, ehrenhaft, wahr; er wird freveln können und
-in der Zivilisationssphäre, in die er nun hineinkommt, nah genug
-mit Verdorbenheit in Berührung kommen und wird sich, zumal in der
-dienstbaren Treue zu dem Mann, der ihn zum Ritter geschlagen und zum
-Königssproß gemacht hat, von Verschuldung nicht frei halten; aber er
-bleibt, wozu es der König nie bringen wird, eine Natur. Das war so
-recht eine Frage für ihn, die Frage seiner Großmutter, die ihm wahrhaft
-verwandt ist, nur daß ihr Teil frauenhaft starke List ist, wo er als
-tapferer Haudegen dreinschlägt, die Frage:
-
- Was willst du lieber sein, ein Faulconbridge,
- Und Land besitzen wie dein Bruder oder
- Der anerkannte Sohn des Löwenherz,
- Herr deines Adels und kein Land dazu?
-
-Das brachte die rechte Saite in Schwung: ein Königssproß und dazu auf
-nichts gestellt als auf sich selber:
-
- Bruder, nehmt Ihr mein Land, ich nehm’ mein Los!
-
-Er ist so eine von den elementaren Naturen, die in jeglichem Element,
-selbst im Verbrechen und im Schmutz, unschuldig und rein sind; seine
-Stärke und Freiheit ist seine Reinheit, weil er von der Welt nichts
-braucht, was außen anhängt, kein Gut, keinen Schmuck, keinen Schein;
-er braucht nur Platz zur Entfaltung seiner Kraft. Darum freut er sich
-so kindlich seiner Abkunft, weil die ihm sein Ich bestätigt und ihm
-versichert, seine herrliche Gestalt, in der er mit Stolz drinsteht,
-sei kein Kleid, kein außen an ihm baumelnder Zufall, sondern er selber
-in seinem ererbten Adelswesen. Daß er in der Gesellschaft nie ganz
-anerkannt sein wird, daß immer etwas Wildwüchsiges, Frevelhaftes
-an ihm sein wird, das tut ihm keinen Abbruch; das ist ihm grade
-recht, daß seine Ritterlichkeit nicht Sitte, sondern Natur ist. Der
-Konvention spottet er, und sein Ursprung soll ihm Lebensmaxime sein,
-als ob er ihn sich selbst aus freier Selbstbestimmung als sein eigener
-Erzeuger erwählt hätte; er ist der echte Mann der schamlosen Lust, die
-Frohgefühl und freier draufgehender Wille zugleich ist:
-
- Geht’s nicht gradaus, so sieht man, wie man’s macht:
- Herein zum Fenster oder übern Graben.
- Wer nicht bei Tage gehn darf, schleicht bei Nacht,
- Und _wie_ man drankommt, Haben ist doch Haben:
- Weit oder nah, wer’s kriegt, hat gut geschossen,
- Und ich bin ich, woher ich auch entsprossen.
-
-In diesem herausgejubelten Ich bin ich! steckt aber nur eine fast
-tolpatschige Kraft und Freude an dem strotzenden Leben, das er in sich
-spürt; bei all seiner Unbedenklichkeit hat er nicht einen Funken von
-Jagos ichsüchtiger Bosheit oder jenes andern Richards, Richards III.
-aggressiver Menschenscheu und Isolierung. Ja, so sehr dieser seiner
-Naturkraft Witz und behende Klugheit mitgegeben sind, so sehr er mit
-Willen geladen ist, der junge Mann hat kein Ziel und keine Richtung und
-will nichts für sich. Es macht ihm Spaß, wenn er einen Einfall hat,
-den man als politisch deuten könnte; aber er ist eine Herrennatur ohne
-Herrschtrieb, wie er ein Adelsmann ohne Grundbesitz ist; der echte
-Ritter, der einen Herrn braucht, gar kein Prinz, gar keine Königsnatur.
-Drum liegt ihm in all seiner leidenschaftlichen Ausschweifung auch die
-Treue so gut; drum ist er bei aller schnell fassenden Gescheitheit doch
-so kritiklos und unwählerisch, wenn er sich erst einmal einem ergeben
-hat, drum hat Eleonore mit ihrer Liebe, die bei ihr nie ohne Eigennutz
-ist, einen so guten Griff getan, als sie ihn zum Kämpen ihres Sohnes
-Johann und damit zu ihrem eigenen erwählt hat.
-
-In der ersten Fassung scheint der junge Dichter von der Vorstellung
-noch nicht loszukommen, daß jedes Stück seine Clowneinlagen braucht und
-daß der Bastard in all seiner Herrlichkeit doch auch der verwandelte
-Spaßmacher des Stücks zu sein hat. Ein wenig von dieser ursprünglichen
-Nebenbestimmung merkt man der Gestalt auch in der klassischen Fassung
-noch an. Eine sehr ernste Untersuchung könnte das sein, den zu
-lebendigen Menschen verwandelten Spaßmachern in Shakespeares Tragödien
-nachzugehn, vom Narren im Lear, der dann so plötzlich aus dem Stück
-zurücktritt, weil Edgar seine Rolle übernimmt, bis zu Hamlet, der
-in den Szenen verstellten Wahnsinns am Hof sein eigener Clown ist!
-Wundervoll aber hat es Shakespeare schon das erste Mal verstanden, die
-lustige Einlage zu einem notwendigen Stück der Handlung zu machen.
-Das ist die burleske antikatholische Szene, die Shakespeare dann
-radikal getilgt hat: der Bastard im Kloster, wie er im Dienste König
-Johanns den Mönchen ihr Geld abnimmt. Dies zugleich stark aufgetragen
-Tendenziöse und roh Humoristische scheint Shakespeare später so
-schlecht in das Stück gepaßt zu haben, daß er auf die Sichtbarkeit der
-Gewalt, die den Mönchen angetan wird, ganz verzichtet hat. Wohl erhält
-der Bastard den Auftrag zu diesen gewaltsamen Eintreibungen, und schon
-vor Beginn des ersten Feldzugs hören wir jetzt von Johann:
-
- Die Klöster und Abteien sollen zahlen
- Die Kosten dieses Feldzugs,
-
-aber, wenn am Schluß nun ebenfalls wiederum nur berichtet, fast nur
-vermutet wird, der König sterbe an Gift, das ihm ein Mönch beigebracht
-habe, während wir in der ersten Fassung auch die Vorbereitungen zu
-dieser tückischen Ermordung und die Vergiftung selbst mit Augen
-gesehen hatten, so ist kein Zweifel, daß Shakespeare Gründe der
-innern Handlung und der künstlerischen Komposition hatte, warum
-er diese Motive zwar im Stück ließ, aber aus der Sichtbarkeit und
-Eindringlichkeit verbannte. Wie aus der Entfernung klingt es uns ins
-Ohr, daß dieser König als Kirchenfeind, Erpresser und Tyrann von einem
-Mönch getötet worden ist; das andre Motiv, das auch schon in der
-ersten Fassung da ist, daß er auch ohnedies ein müder, siecher, vom
-Tode gezeichneter Mann ist und daß er stirbt, weil kein Leben mehr
-in ihm ist, ist uns so greifbar nah gebracht, daß die Vergiftung wie
-eine nebensächliche Begleiterscheinung daneben fast verschallt. In der
-ersten Fassung hat Shakespeare den größten Wert auf das Tatsächliche
-der Geschichte gelegt, und fast nur nebenbei, wie ohne seine Absicht
-und durch das Wunder seiner Persönlichkeit ist ihm noch nicht alles,
-aber schon so vieles ins Menschliche geraten; jetzt ist er seiner
-Kraft, seiner Mission und damit seines Ziels bewußt und zeigt im
-Urindividuellen das Menschenschicksal, im geschichtlich Besonderen das
-Allgemeingültige.
-
-Man hat sich viel darüber aufgehalten, daß Shakespeare in dieser
-Historie das, was uns an der Regierung König Johanns das wichtigste
-ist, die Kämpfe im Innern, die zum Fundament der englischen Verfassung,
-zur ~Magna Charta~ geführt haben, gar nicht beachtet. Man soll
-uns erst den nennen, der sie in der Zeit sonst beachtet hat. Die
-innern Kämpfe selbst zwischen dem König und den Herren bilden einen
-wichtigen Teil der Handlung des Stückes; die Bedeutung, die das
-Verfassungsinstrument für die Folgezeit hatte, hat Shakespeare so
-wenig gekannt wie die andern Autoren der Zeit; er sah nur den Kampf
-um die Macht, und als die Repräsentanten dieses Machtstreits hat er
-die Staaten England und Frankreich, die Kirche und ihre Prälaten,
-die großen weltlichen Herren und die auf ihre Selbstbestimmung
-trotzenden Städte eingeführt und hat gezeigt, zu welch seltsamen hin
-und her gehenden Bündnissen diese Machtverteilung führte. Ich will
-keineswegs behaupten, Verfassungskämpfe seien kein Gegenstand für
-ein Drama; der Dichter kann jeden Widerstreit in seiner menschlichen
-und menschheitlichen Bedeutung aufzeigen; eher könnte man die Frage
-aufwerfen, ob nicht, wenn noch ein paar Jahrhunderte verstrichen sind,
-die Geschichte der vereinfachenden Darstellung Shakespeares am Ende
-recht geben könnte: daß es in dem Streit, gleichviel, was für Worte
-und abstrakte Formeln dazwischen geschoben und als Gewand angetan
-wurden, um nichts andres ging als um die Macht. Wir heutigen Tags,
-die wir in diesen Kämpfen drinstehen, glauben und wollen, daß es um
-die Einschränkung der Macht ging, der Macht überhaupt und damit um
-die Begründung einer freieren Bewegung in der Gesellschaft; sollte
-sich aber herausstellen, daß es nur um die Einschränkung der Macht der
-andern und um die Aufrichtung neuen unterdrückenden und beraubenden
-Regiments ging, dann wäre Shakespeare, ohne Rücksicht darauf, daß seine
-Nichtbeachtung auf Unkenntnis beruhte, mit seiner vereinfachenden
-Darstellung vor den Jahrtausenden gerechtfertigt.
-
-Ihm geht es um den großen, fast möchte man ganz bitter sagen: um den
-ewigen Streit zwischen Politik und Menschlichkeit. Wir sehen, wie
-der König von England je nach seinem Interesse und der Situation
-gegen die Kirche geht und mit der Kirche geht; wie der König von
-Frankreich um seiner Herrschaftsinteressen willen das Recht des
-bei Seite geschobenen Prinzen Arthur verficht, und wie er ihn dann
-schnöde fallen läßt, sowie er seine Interessen besser durch friedliche
-Verständigung wahren kann, und wie er dieses neue Bündnis mit England
-dann sofort wieder aufgibt, wenn er glaubt, in neuem Bündnis mit dem
-Papst noch besser abzuschneiden oder im andern Fall vom Papst schwer
-geschädigt zu werden; wir sehen, wie die englischen Großen abwechselnd
-mit ihrem König für die Einheit des Reichs, gegen ihren König und
-landesverräterisch mit dem Fremden verbunden für ihre Unabhängigkeit
-und wider die Tyrannei, und dann wieder mit ihrem König gehen. Und
-wir sehen, wie all dieser Machtstreit bei jeglicher Stellungnahme
-ein Gewand großer Worte und scheinbar allgemein gültiger Grundsätze
-findet, in das er sich einhüllt, und wie er immer mit menschlichen
-Sympathien und Antipathien, mit menschlichen Regungen und Glaubens-
-oder Aberglaubensvorstellungen, mit Überzeugungen und Leidenschaften
-verquickt ist. Wie oft in seinen Geschichtsdramen hat es Shakespeare
-auch hier wundervoll verstanden, das, was in der wirren Wirklichkeit
-zeitlich auseinandergerissen ist -- die Regierungszeit König Johanns,
-die er vorführt, umfaßt 17 Jahre --, als einen einzigen lückenlosen
-Zusammenhang und rundes Gebilde darzustellen, wo man innen im Fluß der
-Zeit zu stehen scheint und darum nicht ermessen kann, wie lange sie
-dauert.
-
-Dies Stück gehört, worüber man nicht zu staunen braucht, bei den
-meisten unter unsern Shakespeare-Autoren zu den unbeliebten; es geht da
-immer noch nach Sympathien zu, die man den Gestalten entgegenbringt,
-und sie mögen das grelle Rot, das zarte Rosa, das pechdunkle Schwarz,
-aber nicht das Grau dieses Königs Johann. Ja, er ist grau wie Asche
-oder fahl wie Leder und Leber, dieser ungeniale unter den Usurpatoren;
-gerade dieses Bild sollte uns diesmal gezeigt werden, und ich meine,
-wir Menschen, um deren Seelenerschütterung und Lebensführung willen der
-gewaltige Mann Shakespeare gelebt und an uns und unsern Einrichtungen
-gelitten und geschaut und gedichtet hat, hätten Wertvolles eingebüßt,
-wenn dieser kahle Herrscher in Shakespeares Skala der Könige gefehlt
-hätte. Echt und temperamentvoll ist Johann nur in seinem Haß gegen die
-mit allen Mitteln des Geistes und der Phantasie arbeitende gewaltige
-Konkurrenzmacht der weltlichen Herrschaft, den Papst und die Kirche;
-und der Halt, den er in seinem Innern hat, die Achse seines Wesens
-zermürbt in dem Augenblick, wo er sich, um die Krone auf dem Kopf zu
-behalten, diesem Todfeind seines Wesens und seines Reiches unterwerfen
-muß. Der Mann, der zu Unrecht auf dem Thron sitzt, kennt, was ganz zu
-seiner Rolle eines trockenen und seiner Natur nach unkriegerischen
-Usurpators paßt, keinen angelegentlicher eingesetzten und der Verehrung
-empfohlenen Götzen als das juridische Recht -- wie schändlich und wie
-unabweislich, daß man eine solche Wortfolge braucht, um vom Recht
-das Recht zu unterscheiden! --, und so wie klingendere und farbigere
-Herrscher sich als den obersten Kriegsherrn oder den Hort der Künste
-und Wissenschaften fühlen, so erfaßt er sich als den höchsten Richter
-seines Landes. Gleich zu Beginn des Stücks bekamen wir eine Probe
-seiner Rechtsprechung; und aus dem Herzen, soweit er nur so etwas hat,
-kommen ihm die Worte, in denen er -- in der ersten Fassung -- gegen
-den Anspruch der ultramontanen Macht die nationale Gerichtsbarkeit
-aufrichtet:
-
- Und wer es immer sei in meinem Lande,
- Der um Gesetz und Recht nach Rom hingeht,
- Wo er Gerechtigkeit im Lande findet,
- Der sei sogleich erkannt als Hochverräter
- Und hingerichtet als ein Feind von England.
-
-Auch in der endgültigen Gestalt sind die Worte, die der König gegen
-Roms Zehnten und Zinsen, gegen das schnöde Ablaßwesen und das
-Feilhalten von Pfründen spricht, sehr stark; mit zäher Kraft und im
-Ton völliger Unnachgiebigkeit verficht er die weltliche Oberhoheit des
-nationalen Königtums, das sein Recht in sich selber trägt, so daß kein
-Papst sich zwischen den König und den Himmel drängen darf; wie er dann
-im Krieg mit dem Papst und dessen Schwert, dem allerchristlichsten
-König, ins Gedränge kommt, ist es ihm lieber, sich die Krone von den
-großen Herren Englands befestigen, noch einmal aufsetzen zu lassen,
-als vom Statthalter Gottes auf Erden; und sein Abfall von sich selbst,
-sein Ende von innen her ist besiegelt, wie er dann doch, da er um jeden
-Preis, selbst um den der Würde, die Krone behalten will, diese Krone,
-äußerlich demütig, innerlich knirschend, dem Papst zur Verfügung stellt
-und sich zum dritten Mal von dessen Legaten krönen läßt. Und welch
-tragische Ironie, daß in dem Augenblick, wo er sich mit der Kirche
-ausgesöhnt hat, zu der Krankheit, die an dem Unterwühlten und Galligen
-zehrt, noch aus einem Haß heraus, der schon nicht mehr zeitgemäß ist,
-das Gift des Mönches kommt! Man erinnert mit Recht immer daran, daß
-die begeistert nationale wie die antikatholische Richtung des Stückes
-von dem Sieg der Engländer über die Spanier, vom Untergang der Armada
-befeuert wurde; ruft doch -- in der ersten Fassung -- am Schluß der
-Dichter mit seinem Kriegshelden, dem Bastard, ganz aus dem Stück
-ausbrechend:
-
- Wenn Englands Pairs und Bürger einig werden,
- Kann Frankreich, Spanien, Papst sie nicht gefährden!
-
-Aber man darf auch darauf hinweisen, daß ganz Europa voll dieser
-revolutionär-ständischen Kämpfe war und daß ein Jahr nach dem großen
-Sieg, 1589, der französische König Heinrich ~III.~, der auch
-in schwierigstem Kampf um seine Krone abwechselnd päpstlich und
-antipapistisch war, ganz so starb, wie einst König Johann gestorben
-sein sollte: ermordet von einem Mönch. Sehr wahrscheinlich, daß diese
-Tat geschah, ehe Shakespeare das Drama dichtete, das 1591 erschien.
-Annähernd zwei Jahrzehnte später, noch zu Shakespeares Lebzeiten
-also, fiel, auch das darf erwähnt werden, der nächste französische
-König, Heinrich ~IV.~, unter Umständen, die der Ermordung Johanns
-noch ähnlicher waren: wiederum unter dem Dolch eines Fanatikers aus
-verspäteter Rache, nachdem sich der König mit den Katholiken und den
-Ständen, mit denen er im Krieg gelegen war, schon versöhnt hatte.
-
-Will man zusehen, wie der größte szenische Meister sich in seinem
-Handwerk vervollkommnet hat, so studiere man, wie er in der klassischen
-Fassung die größte politische Klugheit, die mit Menschlichem gar
-keine Berührung mehr hat, und eine lodernde Leidenschaft, die vom
-Politischen ausgehend ganz ins Menschliche versprüht, in eine Szene
-zusammengebracht hat, wie die Politik des Kardinals Pandulpho und
-die Racheschreie und Triumphrufe der Mutter Konstanze sich beide
-zugleich gegen König Johann richten, der noch eben am Ziel all seiner
-politischen Wünsche schien. Auch Konstanze ist, in ihrer Natur wie
-ihren Erlebnissen, gleich allen andern Gestalten der Dichtung, von
-vornherein so angelegt, wie wir sie kennen. Aber der Dichter hat
-ihre Situationen geändert, und zwar bei den beiden hintereinander
-folgenden Gelegenheiten jeweils im umgekehrten Sinne. Wo zuerst der
-überraschende Vorschlag der Bürger von Angers kommt, dem Streit der
-Könige auf Arthurs Kosten durch die politische Heirat ein Ende zu
-machen, da ist in der ersten Fassung Konstanze und ihr junger Sohn
-dabei, und beide, zumal Konstanze, haben durch Rufe der Entrüstung
-und des leidenschaftlichen Zorns die Verhandlungen zu stören und auf
-ihr klägliches Los aufmerksam zu machen. Jetzt sind sie entfernt, und
-die Schamlosigkeit des Kompromisses drängt sich uns stärker auf, wenn
-König Philipp erleichtert feststellt, daß die beiden, die er jetzt
-eben verrät, nicht anwesend sind. Vor allem aber ist der Ausbruch der
-Leidenschaft, der vorher mehr wie verzettelte Bosheit wirkte, jetzt
-gesammelt in einen rasenden Erguß nachträglicher Ohnmacht, und innig
-schön ist es, wenn das Kind, dem jetzt eben alles geraubt wurde, das
-Kind, um dessentwillen die Mutter geschmäht und gepeinigt wird, sie
-doch zu besänftigen sucht. Wie unvermutet, wie gewaltig aber steigert
-sich diese Szene im Zelt des Königs von Frankreich noch ferner! Mitten
-hinein in diesen Ausbruch des Mutterschmerzes und der zügellosen Wut
-über den Verrat des Franzosenkönigs kommt der feierliche Hochzeitszug
-aus der Stadt Angers zurück: die Neuvermählten, die beiden verbündeten
-Könige und die verhaßte Königin-Mutter, deren Politik nun gesiegt
-hat. König Philipp feiert in schwülstigsten Pompworten diesen hohen
-Festtag, bis Konstanze mit Worten, die so vom Pathos des Leidens und
-der Leidenschaft geschwellt sind, wie die des Königs von falschem
-Lügenpathos geschwollen waren, mit ihrem stürmisch wehenden Fluch
-dazwischenfährt, der als Wutgebet gen Himmel schreit:
-
- Straf, Himmel, straf die eidvergeßnen Kön’ge!
- Hör eine Witwe, sei mir Gatte, Himmel!
- Laß nicht die Stunden dieses Sündentags
- In Frieden hingehn; eh die Sonne sinkt,
- Entzweie diese eidvergeßnen Könige!
- Hör mich, o hör mich!
-
-Shakespeare, der seine großen Szenen immer wie nach musikalischen
-Prinzipien baut und die Gesetze der Symphonie vorwegzunehmen scheint,
-trennt diesen Fluch von seiner Erfüllung, indem er unmittelbar neben
-das Furioso ein kleines, leichtes Scherzo setzt: den humoristischen
-Zusammenstoß zwischen dem Herzog von Österreich und dem Bastard, womit
-überdies eine abschweifende Episodenszene der frühen Fassung genial
-ersetzt ist. Und nun, wo unser flutendes Mitfühlen angenehm abgeebbt
-ist, tritt mit einem Mal der Kardinal Pandulpho auf, und nach der
-rasenden und der humoristisch gebändigten Wut -- denn wir wissen, was
-für wilde Gründe zur Rache König Richards natürlicher Sohn gegen dessen
-Mörder Österreich hat -- bringt der Legat des Papstes die diabolische
-Ruhe einer fast genial zu nennenden politischen Klugheit und damit
-für Frau Konstanze die Erfüllung ihres Fluchs, dazu noch im Namen
-des Himmels: er verflucht den Ketzer Johann und tut ihn in den Bann,
-erklärt ihn für vogelfrei und fordert Frankreich zum Zerreißen des
-Bündnisses und zum Krieg gegen den Tyrannen auf. Da war Shakespeare
-in der ersten Fassung wieder in den bureaukratisch-chronikalischen
-Prosaton verfallen; dem jugendlichen Dichter war es noch nicht gegeben,
-die dürre Gemeinheit der Politik in rhythmischer Sprache zum Ausdruck
-zu bringen; er brachte nur eine trockene, karge Sachlichkeit zwischen
-den beiden Königen und dem Kardinal zustande. Welcher Reichtum
-jetzt; wie hat er schon vorher die Stimmen einzeln eingeführt, um
-sie nun zu einer vielfältigen Ensembleszene zusammenzubringen! Wie
-er bei ihrer großen Enttäuschung Konstanze nicht dabei sein ließ,
-um ihren Zorn unmittelbar darauf gesammelt zu bringen, so hat er
-sie jetzt auf der Bühne gelassen, auf daß sie unmittelbar nach dem
-Ausbruch der Wut ihren Triumph ausströmen lasse, und so kommt es
-zu dem Duett zwischen Pandulpho und Konstanze, wo sie den glatt
-geordneten, pathetisch höflichen Fluch des Papstes durch ihren, der
-einer natürlich menschlichen Empfindung entstammt, überbietet; und
-die beiden feindlichen Weiber, Eleonore und Konstanze, geraten für
-einen Augenblick noch an einander, und Österreich und der Bastard
-fahren wieder rasch gegen einander los, und der Konflikt Blancas,
-der Neuvermählten, zeigt sich mit huschender Tragik an: und all dies
-Gewoge, das uns immer neu fesselt, hat der szenische Zauberer, so
-sehr es in sich selbst mannigfache Bestimmung hat, dazu noch uns vor
-Ohren und Sinn gebracht, damit wir durch es hindurch das Schweigen
-und den Kampf des Königs von Frankreich mit sich selbst vernehmen
-sollen. In der ersten Fassung war der Dichter an dieser Stelle noch
-ganz unbeholfen und genügsam: kaum hatte der Kardinal sein Sprüchlein
-gesagt, so fügte sich Frankreich dem Papst und trennte sich von Johann.
-Jetzt ringt er mit sich, und wie er schließlich Worte findet, hält er
-an den Legaten eine bewegliche Ansprache, der es an Menschlichkeit
-nicht fehlt. Jetzt eben führt er dem Gesandten des Statthalters Gottes
-vor Augen, haben sie, die beiden Könige, einander Treue, Frieden und
-Freundschaft geschworen, nach blutigstem Gemetzel; soll denn im Namen
-Gottes dies göttlich Schöne wieder entsetzlichem Morden weichen? Er
-beschwört den Kardinal, einen milderen Ausweg zu finden. Der Kardinal
-merkt, daß der schwankende König nicht eigentlich einen sanfteren Weg
-begehrt, sondern eine mildere Benennung für den Treubruch, Watte aus
-Worten, in die sich die Abtrünnigkeit einwickeln läßt, ein System von
-Begriffen oder eine Gesellschaft von Vorgängen, so daß er sich nicht
-wie ein ausgestoßener Verruchter, sondern wie ein Mann in bester
-Gesellschaft fühlen darf. Das liefert ihm der Kirchenfürst mit einer
-so blendenden Virtuosität, wie sie nur die Übung in spitzfindigster
-Scholastik gewährt. Er setzt dem König auseinander, er habe Falsches,
-Unrechtes beschworen, das seinem ersten, obersten Eid, der Kirche
-gehorsam zu sein, zuwider sei. Nimmt man sich etwas Falsches vor, so
-ist das beste Mittel dagegen, es nicht zu tun. Wer gegen die Religion
-schwört, ist meineidig, wenn er den Eid hält; und überdies, er erachtet
-es nun doch für nötig, dem Widerstrebenden außer der milden Salbe
-den Reiz robuster Drohung zu verabreichen: wenn er nicht gehorsam
-ist, kommt Bann und Fluch über ihn wie über Johann. Und das alles in
-ruhigster, logischer Sachlichkeit und doch in dem hohen, getragenen,
-rhythmischen Ton des Einlullens und Bezauberns. Und wieder kommen die
-andern Stimmen dazwischen: der Dauphin, ein unbedenklicherer junger
-Kriegsmann und Politiker, der den ganzen Vorteil ins Auge faßt, ruft
-zum Krieg, die junge Frau klagt, Österreich und der Bastard reizen
-einander, Konstanze bettelt, der Kardinal droht kurz mit dem Fluch,
-da ist endlich -- so kunstvoll ist die Szene gebaut, daß wir endlich
-sagen dürfen, wo es um plötzlichen Bruch der eben beschworenen Treue
-geht -- der König entschlossen: der Krieg hebt wieder an. Von all
-diesen Retardationen und Steigerungen, von all dieser Seelenkunde und
-Kunst des Komponierens weiß die erste Fassung, die in diesen Teilen
-nicht viel mehr als dramatisierte Chronik ist, nichts. Dann aber wendet
-sie mehrere Szenen auf, um das wechselnde Hin und Her des sofort
-einsetzenden Krieges zu schildern: der Bastard tötet Österreich im
-Einzelkampf und hält einen Monolog an seiner Leiche; die Königin-Mutter
-wird gefangen und von Konstanze verhöhnt; aber das Glück wendet sich,
-Eleonore wird befreit und dafür Arthur von den Engländern gefangen.
-In der Umarbeitung geht Shakespeare stracks aufs Ziel los; auf die
-Gefangennahme Arthurs kommt alles an; die gibt der Handlung die neue
-Wendung; er gibt von den Wechselfällen der Kämpfe nichts auf, tut aber
-das alles jetzt zum Erstaunen in zehn Versen ab. Er hat keine Freude
-an kriegerischen Vorgängen auf der Bühne; sie sind nicht darzustellen
-und offenbaren keine Innerlichkeit; sie gehören bei diesen Stoffen
-zum Fortgang der Handlung; aber, wo es geht, läßt er lieber von
-ihnen berichten, als daß er sie darstellt. Mit einer fast lustigen
-Sicherheit vollbringt der Geübte diese virtuose Verkürzung und hat
-doch noch Zeit, die Naturen seiner Menschen dabei rasch zu beleuchten:
-der unkriegerische König befürchtet, seine Mutter könnte, so wie der
-Kampf jetzt steht, in Gefangenschaft geraten; derweile hat der tapfere
-Draufgänger, der Bastard, sie schon wieder befreit.
-
-So eng Shakespeare dieses Äußere zusammengedrängt hat, so breit
-schafft er sich nun Raum für die beiden Szenen, die im englischen und
-französischen Lager die politische wie menschliche Folge aus diesen
-Vorgängen ziehen und die auf der Vorstufe nur karge Skizze geblieben
-waren. König Johann kann nicht zweifeln, daß nun, wo der Prätendent
-in seine Hand gefallen ist, der Krieg erst recht anhebt; er schickt
-den Bastard voraus nach England, um die Klöster zu plündern: er
-braucht Geld und holt es beim Feind im eigenen Land. Arthur -- der in
-der ersten Fassung noch nicht annähernd in der Zartheit wie in der
-klassischen als unschuldsvolles, ganz unpolitisches Kind erfaßt war,
-der vielmehr dem Usurpator ins Gesicht zu sagen hatte, er, das Kind,
-sei der echte König von England, und nur die Macht habe gesiegt, nicht
-das Recht -- Arthur denkt jetzt nur an den Schmerz, der seine arme
-Mutter foltern wird. Der König aber, der ihn, um dessentwillen er
-keine Ruhe auf dem Thron findet, nun in der Gewalt hat, sinnt auf ganz
-anderes. Plump, phantasielos, ohne Einblick in die verwirrt ineinander
-geflochtenen Interessen und ohne Voraussicht des Kommenden empfindet
-er nur, daß der Knabe Arthur an allem Unheil schuld ist und daß er ihn
-in seiner Gewalt hat. Sterben soll er, und sein ergebener Dienstmann
-und Kämmerer Hubert ist der rechte Mann, ihn so in Gewahrsam zu halten,
-daß er nicht lebendig aus dem Kerker kommt. Das möchte er nun dem Mann
-beibringen: Zeit verlieren will er nicht, gerade heraus sagen will
-er es auch nicht, die gefällige Kunst andeutender, euphemistischer
-Rede ist ihm nicht gegeben: so redet er ganz erbarmenswürdig, fast
-schwitzend heilloses Kauderwelsch zusammen, bis Hubert ihm versichert,
-er sei zu jeder Tat für seinen König bereit, und wenn’s um seinen
-Tod ginge. Das war das rechte Wort: Tod; nun macht der König ihm mit
-genügender Deutlichkeit verständlich, das Kind müsse sterben. Der
-Getreue sagt’s mit einem gestammelten Wort zu; der König ist fürs erste
-beruhigt; er weiß, auf den Mann kann er sich verlassen.
-
-Und nun kommt, was mir die entscheidend wichtigste Szene des ganzen
-Stücks ist; auch sie ist in der Anlage schon in der ersten Fassung
-vorhanden; aber vergleicht man das mit dem, was daraus geworden ist, so
-meint man, der Dichter hätte sich damals nur rasch die Punkte notiert,
-die er später ausgestalten wollte; sieht man dann näher zu, so ist man
-noch erstaunter, in dieser Kärglichkeit doch noch so viel überflüssige
-Worte und abscheulich unwahrhafte gelehrte Gleichnisse zu finden.
-
-Hier ist eines der Beispiele, die uns zeigen, wie Shakespeare auf
-der Bühne sehr häufig nur zu seinem Recht kommt, wenn -- gleichviel
-übrigens, ob zwei Akte oder sonst zwei Szenen an einander stoßen
--- die Szenen pausenlos auf einander folgen; oft nicht darum, weil
-die Handlung fortgeführt wird, sondern weil das nämliche Geschehnis
-von einer andern Seite gezeigt wird und so die Szenen in ihrer
-Gegensätzlichkeit Licht auf einander werfen. Die dekorative Kunst ist
-nur insoweit bei Shakespeare am Platz, als sie die geistige Bedeutung
-nicht verrückt oder hemmt; sie darf uns nicht ablenken, weder durch ihr
-Vorhandensein, noch durch ihr Fehlen, noch durch archaischen oder gar
-parodistischen Aufputz.
-
-Kaum haben wir vernommen, durch welch schreckliche Zurüstung König
-Johann zu Sicherheit gekommen ist und wie er sich anschickt, mit seinem
-jungen Gefangenen nach England heimzukehren, sind wir bei der schweren
-Gedrücktheit im Lager der Franzosen, wo nur einer den Kopf hoch trägt:
-der Kardinal Pandulpho. Und gleich kommt, einer Rasenden, einer Irren
-gleich, die Haare in wilder Auflösung, Konstanze herbei. Welche
-Verzweiflung! Welch ein Ausdruck der Verzweiflung! Und wie wissen
-wir schaudernd, welchen Rechtes diese Todesnot ist! Jetzt eben haben
-wir den Stich ins Herz empfunden, daß der holde Knabe um ruchloser
-Politik willen sein Leben lassen soll, und jetzt eben ruft die Mutter
-als einzigen Tröster den Tod herbei. In was für Tönen! Keines der
-gräßlichen, keines der wilden, keines der verzückten Bilder ist zu
-viel, wie sie den Tod als Geliebten ruft, wie sie sein Knochengerippe
-küssen will, wie sie sich all das Ekle des Untergangs schauerlich
-ausmalt und wünscht; man muß an die Sprechkunst größter Darsteller und
-Darstellerinnen denken, um zu wissen: in der Ekstase des Schmerzes
-bedarf die Schauspielkunst des überhitzten und verstiegenen Barocks
-der Worte, weil die Leidenschaftsrede Stoff im Mund haben muß, um das
-Unsägliche, das Unartikulierte zu formen. Und was sie nur immer sagt
-und seufzt und heult, alles ist aus ihrer äußern und innern Situation,
-alles aus ihrer Lebenserfahrung einer leidenschaftlich getriebenen Frau
-und Mutter. Inniglich schämt man sich bei dieser reinsten Wahrheit,
-bei dieser Fülle des Geistes, die in der Nacktheit des Menschlichen
-steht, des jungen, unreifen Shakespeare, der Konstanze in diesem
-Momente auch, um ihre äußerste Seelennot auszudrücken, noch von Dido
-und Trojas Untergang hatte fabeln lassen. Ihr Leben ist aus, und wir
-werden sie nicht wiedersehen; wie Kassandra in Troilus und Cressida
-die erschütternde Klage um Hektors Tod noch bei seinem Leben und vor
-seinen Ohren anstimmt, so zeigt der Dichter uns Konstanze nicht mehr
-nach Arthurs Tod: jetzt sieht sie ihn wie einen von Kerkerluft gräßlich
-Entstellten und Sterbenden und Auferstehenden; auch wenn sie nun aus
-all ihrer Qual heraus in den Himmel eingehen darf, wird sie ihr zartes,
-in Pein gestorbenes Kind drüben nicht einmal mehr finden, nicht mehr
-erkennen. Die Ekstatikerin, deren Fluch vor kurzem so ganz anders, als
-ihre Leidenschaft geschaut hatte, in Erfüllung gegangen war -- denn
-nie hätte sich die Heiße träumen lassen, daß ein Bote des Himmels wie
-dieser Kardinal aussehen könnte! --, sieht auch jetzt das düstere Los
-ihres Knaben wie im zweiten Gesicht und sieht es in keinem Zug so, wie
-es in der Wirklichkeit bevorsteht, sondern in traumhaft-fiebrischer
-Verwandlung; sie weiß in ahnender Gewißheit: ihr Sohn muß sterben; von
-den Umständen weiß sie nichts.
-
-Die Menschen, denen sie ihr Leid zuruft, weil andre nicht da sind,
-haben keinerlei Trost für sie. Sie empfindet durchaus, daß die ihre
-eigenen Sorgen ganz andrer Herkunft haben und daß sie von ihnen mehr
-zur Ruhe gewiesen als getröstet wird. Zumal dieser Kirchenfürst mit
-seiner unerschütterlichen, unergründlichen Ruhe, dieser Pfaffe, der
-nie Vater gewesen und für sie darum kein Mensch unter Menschen ist,
-kann sie nur aufreizen und erbittern. Und wie sie dann in Verzweiflung
-von diesen kalten Rechnern in die Einsamkeit ihres Grams geflohen
-ist, erfahren wir, und zugleich wird die Seele von Entsetzen und
-der Geist von Bewunderung ergriffen, wie recht sie empfunden hat.
-Nie hat die Bühne einen größeren, einen unmenschlicheren Politiker
-getragen als den Kardinal Pandulpho; gegen ihn werden so respektable
-Rechner wie Mephisto, Oranien, Octavio Piccolomini gefühlvolle Seelen
-und pfuschende Anfänger. Was der Überschwang des Mutterschmerzes
-ahnungsvoll geschaut hat, das erkennt der genieverwandte, diabolische
-Verstand dieses trockenen Italieners mit zweifelloser Sicherheit
-und stellt es in seine Rechnung: König Johann wird Arthur ermorden.
-Schön. Dann ist also der Dauphin Louis durch seine Heirat mit Blanca
-von Kastilien der Thronberechtigte; Johann wird umsonst gemordet
-haben. Und dieser ungeheure Frevel wird das Volk und die Großen seines
-Landes gegen diesen Ketzer, den die Kirche in Bann getan hat und der
-nun als niedrigster Mörder dasteht, in Aufruhr bringen. Noch nicht
-sicher, daß Johann den Mord vollbringt? Frankreichs Armee lande nur
-erst in England; dann tut er ihn sicher. Jetzt plündert der wild
-ruchlose Bastard drüben in England Kirchen und Klöster aus und lacht
-und höhnt noch dazu; ganz England wird aufstehn und sich Frankreich
-verbünden, wenn nur erst das kleinste Heer drüben landet. Viel starke,
-schlagkräftige Worte, die der jugendliche Shakespeare gegen den
-Papismus hatte sprechen lassen, sind nun gestrichen; sie wiegen wie
-Luft gegen diese unerhörte Darstellung der päpstlichen, der zu ihrer
-höchsten Höhe und raffiniertesten Reinheit gediehenen Politik. Die
-ausgedehnte Burleske, in der wir unter zynischsten Scherzen den Bastard
-in den Klöstern hausen sahen, ist fort; welch allergenialster Griff,
-sie durch diese Voraussage des politischen Rechenmeisters zu ersetzen!
-Alles, was das Stück noch weiter bringt, wird vorausgesagt und unsere
-Spannung dadurch nicht vermindert, sondern gesteigert, alles, nur eines
-nicht, was wir dann bald merken: der Kardinal, der so seine Karten
-auf den Tisch gelegt hat, die Ermordung des echten Königs durch den
-angemaßten Träger der Krone in die Rechnung stellt und so Frankreichs
-Thronerben für ein Recht, das erst aus diesem Mord erstehen soll,
-in den Krieg nach England hinüber lockt, hat sein letztes Geheimnis
-und seinen eigentlichen Plan für sich behalten: mit Hilfe dieses
-Franzosenkrieges und des Schlimmsten, was es für England gibt, der
-Landung einer Armee auf der Insel, soll Johann mürbe gemacht und als
-anerkannter König von England der ergebene Knecht der Kirche werden,
-der seine Krone aus den Händen des Papstes empfängt.
-
-Und der Vorhang fällt und geht wieder auf; Hubert ruft seinem Knecht zu:
-
- Glüh mir die Eisen heiß!
-
-Prinz Arthurs Schicksal soll sich erfüllen; und wiederum kommt es ganz
-so, wie vorausgesagt wurde, und ganz anders. Was indessen zwischen
-dem König und Hubert vorgegangen ist, erfahren wir nicht genau; die
-Phantasie hat Spielraum. Daß der harte und botmäßige Diener bei dem
-gräßlichen Auftrag erschrocken war, hatten wir an seiner kleinlauten
-Antwort bemerkt. Er will dem König den Dienst tun, von dem der meint,
-das Reich brauche ihn; aber er sieht sich vor. Er läßt sich den
-Auftrag schriftlich geben und sorgt dafür, daß Mitwisser da sind,
-die bestätigen können, er habe auf Befehl des Königs gehandelt; auch
-lautet der Befehl nicht mehr unbedingt auf Arthurs Tod; er darf bei der
-furchtbaren Prozedur sterben: die beiden Augen sollen ihm mit glühendem
-Eisen ausgebrannt werden; überlebt der zarte Knabe das auch, so ist’s
-mit dem Königtum jedenfalls aus.
-
-Bisher hatten wir den Prinzen, der von Anfang an im Mittelpunkt der
-Handlung stand, fast nur aus der Liebe seiner Mutter und aus der
-gütigen Art, wie man sonst mit ihm umging, kennen gelernt; der Haß
-König Johanns gilt nur seiner Stellung, ganz und gar nicht seinem
-Wesen, für das der Finstere keinen Blick und keinen Sinn hat. Worte
-haben wir in diesen drei Akten nur ganz wenige von Arthur gehört; hie
-und da in einer Szene ein, zwei Verse, im ganzen sind es ihrer zehn,
-nicht mehr. Aber immer waren es Worte holder Zartheit, kindlicher
-Fürsorge; immer nur Menschliches, nie ein politisches Wort; die
-Unbedachtheit der ersten Fassung, die ihn manchmal als jungen Fürsten
-und Prätendenten hat sprechen lassen, ist ganz getilgt worden. Ein
-kindlicher Mensch ist dieser Prinz Arthur, um den zwei Staaten sich
-auf Tod und Leben bekriegen und in England die Revolution ausbricht;
-von seinem Rang, seiner Bestimmung, seinem Recht weiß er; aber in Gemüt
-und Willen lebt ihm nichts von dem allem. Jetzt, in der Zeit seiner
-Gefangenschaft und des täglichen Umgangs mit seinem Wärter Hubert hat
-er Liebe zu ihm gefaßt, wie ihm Umgang und Liebe fast eins sind; er
-plaudert harmlos mit dem finstern Mann, während wir schon wissen, was
-der ihm nun antun soll: er wünscht sich gar nichts als Freiheit; wenn
-er dann kein Prinz wäre, sondern ein Schafhirt, wollte er ganz vergnügt
-sein. Daß er der Sohn seines Vaters ist, daher kommt all das Unheil und
-die Verfolgung seines Oheims; selbst hier im Kerker wollte er lustig
-sein, wenn er nicht fürchten müßte, daß sein Oheim dann noch böser auf
-ihn würde. Ja, wäre er nur Huberts Sohn; dann könnte er in Gottes Namen
-bleiben, wo er ist, und hätte nichts Übles mehr zu befürchten und wäre
-froh, wenn Hubert ihm ein wenig gut sein wollte.
-
-Einem Kinde, das so zu einem spricht, die Augen auszubrennen, fällt
-auch dem Treuesten der Treuen, dem dumpfsten der Knechte schwer. Hubert
-erschrickt in tiefster Seele; er sagt nichts, aber der Knabe fragt ihn
-mit einem Male, ob er krank sei, warum er so bleich sei. Ein bißchen
-krank, das möchte er ihm fast wünschen; dann könnte er die Nacht bei
-ihm wachen und ihn pflegen. Kaum wüßte ich etwas Grausigeres als
-Zeichen für die Doppelmöglichkeit des gespaltenen Menschen, für das
-Ineinander von Bös und Gut, von politischer Botmäßigkeit und freiem,
-natürlichem Menschengefühl, als was nun folgt: Hubert stürzen die
-Tränen aus den Augen, und zugleich reicht er Arthur ein Papier: in der
-Brutalität der Verlegenheit eröffnet er dem Kind durch einen amtlichen
-Wisch auf einen Schlag das grauenhafteste Schicksal.
-
-Konstanze und Arthur! Das weiblichste Weib und das kindlichste
-Kind! die wildeste Fassungslosigkeit und die mildeste Fassung, die
-ausschweifendste Leidenschaft und die flehentlichste Innigkeit. Die
-Mutter schlug sich die Brüste, raufte die Haare, schrie ihre Not
-gen Himmel, weil der Sohn gefangen und damit in Gefahr für Leib und
-Leben war. Jetzt ist es so weit; hat sie ihr Kind nicht gekannt? hat
-sie nicht gewußt, daß ein Engel in ihm wohnt und daß, wer ein Mensch
-ist, ihm kein Leides tun kann? Doch, sie hat es wohl gewußt, aber sie
-wußte auch, daß, wer vom Teufel der Politik besessen ist, kein Mensch
-mehr ist. Jetzt soll es sich zeigen, ob Hubert, der, einer der Großen
-Englands wird es bald aussprechen, nur Kot, nur der letzte Knecht der
-herrschenden Gewalt ist, noch Menschliches genug in sich trägt. Arthur
-hebt zu sprechen an; Arthur bittet um sein Leben. Seine Innigkeit
-ist so beredt wie die Leidenschaft der Mutter; auch er kennt die
-Hemmung und Scham der Konvention nicht. Fast klingt es, als wollte er
-ebensosehr den alten Mann vor dem Entsetzlichen, das er sich selbst
-antun will, wie sich vor der Blendung bewahren. In der ursprünglichen
-Fassung spricht er das in ungeschickten, dogmatischen Worten
-ausdrücklich aus. Schnell entschlossen hätte Hubert es tun können;
-aber nun, wo das Kind aus Herzensgrund heraus zu ihm redet und immer
-nur redet, wo es ihn an seine unbedeutenden Kopfschmerzen erinnert
-und wie Arthur ihn gepflegt hat, wo immer wieder die zitternde, zarte
-Stimme des Knaben von den Augen, den Augen spricht, wo selbst die Dinge
-im Bund mit der Menschlichkeit zu stehen scheinen und das Eisen zu
-erkalten beginnt, wo der Knecht des Knechtes erleichtert, weil er bei
-der Tat nicht helfen mußte, fortgegangen ist, nun ist’s zu spät, nun
-kann’s Hubert nicht mehr tun. An keinerlei Mythologie, keine antike,
-keine christliche hat Shakespeare in dieser Szene reiner Menschlichkeit
-erinnert; nichts von den Geboten Gottes oder von Sünde hat Arthur in
-seinen Bitten vorgebracht, und das einzige, was er aus dem Bereich
-der Vorstellungen, die man religiös nennt, sagte, waren die Worte der
-Ergebung:
-
- Gefällt es
- Dem Himmel, daß Ihr mich mißhandeln müßt,
- So müßt Ihr.
-
-In einem freien Sinn aber, im Sinn dessen, was Goethe Weltfrömmigkeit
-genannt hat, gibt es keine frömmere, keine religiösere Szene als diese,
-und während Arthur das Fürstenkind Menschliches, nur Menschliches
-redet, liegen uns die menschlichen, nur menschlichen, die göttlichen
-Worte im Ohr: Es sei denn, daß ihr werdet wie die Kinder --. Hubert ist
-mit dem Kind wieder zum Kind geworden; er hat den Mut, dieser Knecht,
-ein Mensch zu sein. Großer Mut gehört dazu; er wird nun den Prinzen
-verborgen halten; er wird ungehorsam sein und den König belügen; er
-wird sagen, die Untat sei getan und das Kind darin gestorben.
-
-Nicht oft genug kann ich es wiederholen, weil selbst die, die
-es wissen, kaum davon reden: alles, auch diese Szene ist in der
-anfänglichen Konzeption schon da. Aber wie arg, wie kläglich, wie elend
-war dieser Anfänger, der seine Gesamtgestalt, den Aufbau des Werks, das
-Verhältnis der Personen zu einander so groß und sicher umrissen hat, in
-allem Sprachlichen noch gebunden, gelähmt, gefälscht und nicht zu sich
-und zur Freiheit gekommen! Ein Beispiel, wie in dieser ersten Fassung
-die beiden in epigrammatisch zugespitzten, gereimten Wechselreden
-puppenhaft mit einander rechten:
-
- _Hubert_
-
- Mein Prinz, es darf der Untertan nicht zagen,
- Zu tun, was ihm sein König aufgetragen.
-
- _Arthur_
-
- Doch das Gebot, das höhre, Gottes Wort,
- Sagt, kein Befehl darf auferlegen Mord.
-
- _Hubert_
-
- Dieselbe Macht hat ein Gesetz gestellt:
- Den Tod für Schuld, zu zügeln diese Welt.
-
- _Arthur_
-
- Doch ich bin schuldlos, vom Verrate fern.
-
- _Hubert_
-
- Doch spiel’ ich hier den Richter nicht und Herrn usw.
-
-König Johann hat sich, feige und dummschlau, wie er ist, von den
-Ständen des Reichs die Krone gerade jetzt noch einmal aufs Haupt setzen
-lassen, damit, wenn nun die Nachricht von Arthurs Tod einträfe, keine
-Rede mehr von der Notwendigkeit einer Thronfolge sein könnte. Das
-macht aber bei den Herren sehr böses Blut, sie dringen gewaltig mit
-Einwänden und Vorwürfen auf ihn ein, geben deutlich zu verstehen, daß
-sie an seine Anerkennung Bedingungen knüpfen -- in der ersten Fassung
-ist ausdrücklich von den Wünschen der Gemeinen die Rede --, und als
-obersten Wunsch nennen sie nun in dringenden Worten die Freilassung
-Arthurs. Im selben Augenblick tritt Hubert herein, in größter
-Verlegenheit, weil Arthur lebt und er sagen will, der Prinz sei tot;
-und gerade diese Beklemmung deuten die Herren, die schon von seinem
-Auftrag erfahren haben, als das böse Gewissen des Mordknechtes. Aus dem
-Mund des Königs, dem Hubert seine Nachricht zugeflüstert hat, erfahren
-sie das Arge, das sie erwarteten: Prinz Arthur ist plötzlich gestorben.
-Nun bricht der Unmut ohne Rückhalt und grob aus; eine Verschwörung ist
-schon im Gange, die Landung der Franzosen wird erwartet; sie trennen
-sich von dem König, den sie jetzt eben widerwillig, unter seinem
-Druck, wieder gekrönt hatten. Und nun kommt Schlag auf Schlag, der
-Usurpator und Mörder wird vom Glück verlassen: die Nachricht vom Tod
-seiner Mutter, deren Geschöpf er war, trifft ein; der Bote kommt, der
-richtig die Landung einer französischen Armee meldet; im Volke gärt
-es, unheimliche Gerüchte und Prophezeiungen laufen um; die Frevel
-gegen Kirche und Klöster scheinen Himmel und Erde in Aufruhr gebracht
-zu haben. Das ist das Schlimmste, was zu fürchten ist: Aufruhr im
-Innern in Verbindung mit dem auswärtigen Krieg. König Johann möchte
-vor allem die Großen Englands besänftigen; ohne sie, wenn sie gar
-gegen ihn gehen, fühlt er sich verloren: er will Hubert als Mörder
-ihrem Zorn zum Opfer bringen. Wie er gegen ihn losfährt und nun, wo
-Arthurs Tod ihn in solche Not bringt, ernsthaft beklagt -- so aber
-ist der Mensch! --, daß ein flüchtiger Wunsch, wie er meint, an die
-ausdrückliche Vollmacht denkt er nicht, so schnell einen niederträchtig
-verbrecherischen, mordbereiten Diener gefunden habe, da atmet Hubert
-tief und beglückt auf: er gesteht, daß der Knabe noch lebt. Darüber ist
-Johann in der neuen Situation wahrhaft glücklich, das kann ihn fürs
-erste noch retten; fürs weitere muß der Armselige, der nur pfuschen und
-flicken kann, dann die Zukunft sorgen lassen. Eiligst wird Hubert mit
-der erwünschten Nachricht den Herren nachgeschickt; nun aber kommt der
-schrecklichste Schlag: Hubert lügt, lügt offenbar aufs frechste und
-höhnischste, und ohne Frage im Auftrag des elenden Tyrannen: er bringt
-seine Botschaft in dem Augenblick an die Herren, wo der klägliche
-Leichnam des armen Kindes vor ihren Füßen liegt. Nur wir Zuschauer
-wissen, wie alles zusammenhängt, wie das Schicksal zu Werke gegangen
-ist: der zarte Knabe hat sich, in der Furcht vor der Wiederholung des
-verbrecherischen Anschlags, als Schiffsjunge verkleidet, flüchten
-wollen, ist beim Sprung von der hohen Mauer auf einen Stein gefallen
-und liegt nun da als ein Ermordeter, den die ungeheure trotzige
-Verwegenheit des Tyrannen wie ein Aas auf die Straße geworfen hat. Was
-die Politik des Königs gewollt, beschlossen, befohlen hat, hat kein
-Mensch vollbringen können; das Schicksal hat es ausrichten müssen,
-welches in seiner abgründlichen Zweideutigkeit der Menschenpläne
-spottet und den Schlag zugleich gegen das Opfer und den Opferer
-richtet. Wohl möglich übrigens, daß diese Erzählung, der Prinz sei auf
-die Art gestorben, eine Ausrede vorstellt, um einen englischen König
-in der Geschichte von der schlimmsten Anklage zu reinigen; denn in der
-politischen Geschichte gilt nicht der Vorsatz, sondern die vollzogene
-Tat; wohl möglich auch, daß Shakespeare von dieser Überlieferung nicht
-anders gedacht hat; wie wunderbar, wenn die Szene der Innigkeit,
-in der Arthurs holde Kindlichkeit in Hubert dem Mordknecht die
-Menschlichkeit wachruft, dieses Ursprungs wäre!
-
-Kardinal Pandulpho ist eilig von Frankreich herübergekommen, und der
-König in seiner Not macht schnell seinen Frieden mit dem Papst, legt
-noch einmal die Krone nieder und läßt sie sich von dem Legaten wieder
-aufsetzen, der dafür verspricht, den Sturm, den er beschworen hat,
-wieder zu besänftigen und Frankreichs Heere zum Rückzug zu bewegen.
-Shakespeare hat in diesem Schlußakt den Stoff aufs äußerste, mehr als
-gut war, zusammengedrängt; über einige Zusammenhänge bekommen wir
-rechte Klarheit nur, wenn wir die erste Fassung zu Hilfe nehmen. Es
-geht jetzt wieder um kriegerische Aktion, denn weder die englischen
-Stände noch der Dauphin Louis geben so schnell nach, wie Johann und der
-Kardinal gehofft hatten; der energische Louis ist ein anderer Mann als
-der König Philipp; sein Zorn flammt auf, wie er merkt, daß Pandulpho
-ihn nur wie eine holzgeschnitzte Figur in seinem Spiel hatte benutzen
-wollen; er hat Ansprüche geltend gemacht, hat den Kriegszug gerüstet,
-die englischen Herren haben sich ihm angeschlossen, das Volk, wo er
-einzog, hat ihm zugejubelt, der Krieg soll weitergehn. Mit dieser
-Haltung eines Fürsten, der seine Politik auf Ehre und Waffentat stellt,
-verdient er sich die Achtung des Bastards, der, einer der wenigen, die
-beim König ausgehalten haben, nun ganz die Führung des Unternehmens in
-seiner Hand hat.
-
-Vom natürlichen Sohn König Richards und dann von der größten aller
-irdischen Majestäten, vom Tod, aus fällt zum Schluß ein Schimmer von
-einem fast verklärenden Licht auf diesen König Johann. Der Bastard hält
-treu zu ihm, nicht bloß um der persönlichen Anhänglichkeit willen;
-könnte er treulos sein, er hätte Gründe genug: er durchschaut des
-Königs unkriegerisch feige Art; er hat den tiefsten Abscheu vor dem
-Anschlag, der seinen Vetter Arthur in den Tod getrieben hat; die
-Unterwerfung gar unter den Papst empfindet er als Schmach für England.
-Aber um Englands, um der Einheit des Reiches willen muß er sich, wenn
-so ein Bedenklicher wie Johann den Thron einnimmt, den idealen König
-erfinden, der das Reich zusammenhält und dem er dient. Jetzt ist das
-Schlimmste da,
-
- Nun treffen fremde Macht und heim’scher Unmut
- Auf einen Punkt,
-
-nun gilt es das Ganze, das Höchste, die Volksgemeinschaft. Mit
-ungeheurer Kraft rafft er zusammen, was sich nur sammeln läßt, und
-stützt sich vor allem auf die rebellischen, der Kirche aufsässigen
-Elemente im Volk. Und die kleine Minderzahl, die mit ihm zum König
-hält, reißt er zu Taten der Entschiedenheit und zu begeistertem Streit
-hin, so daß der Kampf unentschieden hin und her geht.
-
-Shakespeare aber, so sehr sein Herz bei denen ist, die für die
-Einigkeit der Gemeinschaft, für das Reich eintreten, und so sehr sein
-Sprecher der Bastard ist, wird doch auch den Rebellen, die in dieser
-furchtbaren Lage um des Reiches und der Ehre willen Englands Schicksal
-von dem eines gesunkenen Königs in freier Entschließung zu trennen sich
-unterstehen, durchaus gerecht. Als Sprecher der Rebellen tritt der
-Graf von Salisbury hervor, dessen Patriotismus sich, obwohl er auf der
-Gegenseite steht und das Bündnis mit dem Landesfeind eingegangen ist,
-nicht minder glühend äußert als der des Bastards. Was er freilich, der
-als Revolutionär den Krieg gegen das eigene Land führen muß, vertritt,
-ist nicht so strahlend und unentwegt kriegerisch wie die Gesinnung
-des Bastards; es ist eine Ritterlichkeit, die schon mit Zügen des
-Bürgerlichen und Humanen verbunden ist:
-
- O! es quält mein Herz,
- Daß ich den Stahl muß von der Seite ziehen
- Und Witwen machen!
- -- -- --
- Allein, so groß ist der Verderb der Zeit,
- Daß wir zur Pfleg’ und Heilung unsres Rechts
- Zu Werk nicht können gehn, als mit der Hand
- Des harten Unrechts und verwirrten Übels.
- Und ist’s nicht Jammer, o bedrängte Freunde!
- Daß wir, die Söhn’ und Kinder dieses Eilands,
- Solch eine trübe Stund’ erleben mußten,
- Wo wir auf ihren milden Busen treten
- Nach fremdem Marsch und ihrer Feinde Reihn
- Ausfüllen ...
-
-Die Kriegstaten des Bastards und seiner Schar, Naturkatastrophen, die
-Politik des Kardinals, der Zweifel im Herzen der Rebellen, alles wirkt
-zusammen, um das Kriegsglück unsicher ins Schwanken zu bringen; und
-in dem Augenblick, wo der müde, verbrauchte König das Gift des Mönchs
-getrunken hat und im Sterben liegt, will die Wage zu seinen Gunsten
-ausschlagen: die Rebellen, die erfahren haben, daß der Dauphin Louis
-im Fall seines Siegs mit so gefährlichen Großen, die selbständig gegen
-den König aufstehen, gründlich aufräumen will, kehren zur Treue gegen
-Johann zurück. Auch diese Wendung hat Shakespeare in der Umgestaltung
-derart verkürzt, daß wir keinen inneren Anteil an ihr nehmen, ja, kaum
-mit dem Erfassen des Sachverhalts folgen können. Die ursprüngliche
-Fassung hat da manches, worauf wir ungern verzichten, zumal die
-große Rede des sterbenden Grafen Melun, der, selbst von englischer
-Abstammung, den englischen Herren die Pläne seines Fürsten verrät und
-sie eindringlich zur Umkehr mahnt:
-
- Kehrt, kehrt, ihr Krieger, um, zerfleischt das Land nicht,
- Das nährende, wo ihr zuerst geatmet,
- Das euch gebar, erhielt, ewig in Liebe,
- O nicht mit Undank grabt der Mutter Grab!
- Die Lämmer rettet, schlagt den Wolf zurück!
-
-Hier hat Shakespeare in einer fatalen Eile nur die nackten Tatsachen
-gelassen, die ohne die Gefühlswerte in seinem Drama nie eine Bedeutung
-haben können. Er eilt der Schlußszene zu: König Johanns Tod und der
-Apotheose Englands.
-
-Der Usurpator stirbt einen grauenhaften Tod. Er, dem vor allem die
-Sphäre der Phantasie, die Liebenswürdigkeit und, wie er von sich selbst
-sagte, die Lust fehlte, ist jetzt, wo ihn der Brand des Gifts verzehrt,
-wie von einem Fieber ergriffen, das unter Qualen ein Scheinleben in ihm
-hervorruft, wie er es nie gekannt hat: er wälzt sich auf seinem Lager
-und rast und singt in seltsamen Tönen. König Johann singt! Dann kommt
-er, wo’s ganz zu Ende geht, wieder zu klarer Besinnung und sieht das
-Reich zerstört und unmittelbar vor dem Untergang durch seine Schuld.
-Die großen Herren, die wieder da sind, setzen all ihre Hoffnung auf
-seinen Sohn, der ihm als Heinrich III. folgen soll und nun zum ersten
-Mal, als einer, der mit den Greueln nichts zu tun hatte, auf der Bühne
-steht:
-
- Seid guten Mutes, Prinz, Ihr seid geboren,
- Um Bildung dem verworrnen Stoff zu geben,
- Den er so roh und so gestaltlos ließ.
-
-Zum Ohr König Johanns gelangt kein Trost irgend einer Art; die letzte
-Nachricht, die der Hort des Reichs, der Bastard, bringt, meldet neues
-Unheil und höchste Gefahr; dann stirbt dieser König. Und unmittelbar
-darauf kommen die besseren Nachrichten: der zähe Kardinal hat
-Frankreich zum Frieden vermocht, der ehrenvoll genug ist; die Heere
-der Fremden rüsten zur Heimfahrt; die meerumgürtete Insel wird wieder
-frei sein. Der Aufschwung, der nun zum Schluß kommt, ist nicht mehr
-so jugendlich enthusiastisch wie in der frühen Fassung, wo auch der
-Prinz von Frankreich, der als Eroberer übers Meer gekommen war, noch
-auftritt, um England seinen Tribut der Verherrlichung darzubringen, und
-zum englischen Helden, dem Bastard gewandt, die Worte spricht, die auch
-Shakespeares mahnende Worte ans Volk und die Adelsherren Englands sind:
-
- Wahrlich, dies sag ich, Philipp: nicht frommt’s mir
- Und niemand, keiner Macht der Christenheit,
- Der Albions Insel zu gewinnen sucht,
- Wenn er im Reich nicht für sich hat Partei,
- Die ihm verräterisch im Kriege hilft.
-
-Diese Wendung zum Festspielabschluß war als Krönung eines Dramas,
-dessen wesentlicher Sinn noch die Darstellung eines Stückes englischer
-Geschichte war, ganz am Platz. Jetzt, wo es um die große Konfrontation
-von Politik und Menschlichkeit ging, mußte das Grau, das von König
-Johann, der grelle Schatten, der von dem so ruhigen und gefesteten, wie
-morallosen Kardinal Pandulpho her über das Stück fiel, auch auf die
-Erleichterung, Hoffnung und Begeisterung des Schlusses einwirken. So
-ist eine Mischung aus Mattigkeit und Erhöhung entstanden, zu der noch
-als drittes Element etwas kam, was bei vielen Abschlüssen Shakespeares
-zu bemerken ist: eine konventionelle Übung, die zum Ende Pauken und
-Trompeten, Reimpaare und eine Art Befriedigung, Versöhnung, poetische
-Gerechtigkeit bringt, welche nicht immer zu der hohen Wahrheit und
-scharfen Bitterkeit der Einsicht in Menschenlos und Menschenseelen
-paßt, die das Stück uns gegeben hat. Shakespeare hat in dieser
-Tyrannentragödie, wie so oft, seinen eigenen Rahmen gesprengt; er ist
-zu einer Höhe der Kritik und Entlarvung gelangt, der seine Zeit nicht
-nur, der auch er selbst, wenn er aus dem Reich des Geistes zu seiner
-Gewöhnlichkeit zurückkehrte, nicht gewachsen war; und so ist der
-allerletzte Schluß einer mehr als nationalen, einer Menschheitstragödie
-ein patriotisches Festspiel, aus der tragischen Darstellung der
-Machtpolitik schließlich der prachtvolle Aufruf zu einer Politik des
-nationalen Gemeinwesens geworden. Damit aber ist der König Johann, wie
-Shakespeare ihn aus einem jugendlich genialen, jugendlich unfertigen
-Werk -- nehmt alles nur in allem! -- zu einem Meisterwerk umgeschaffen
-hat, der rechte Prolog zu dem Zyklus seiner englischen Historien
-geworden, in denen allen er von den wilden Kämpfen um Englands Macht
-und Einheit ausgeht, allewege zu den Königen steht, die das Symbol und
-die Vertretung dieser einigen Volksmacht sind, um immer wieder, wenn
-der Genius wie ein Dämon ihn packt und über sich selbst hinaufreißt,
-aus der Historie zum Ewigen, aus England zur Menschheit, aus der
-Chronik zum Mythos und aus der Herrlichkeit des Helden zur Liebe zu
-kommen.
-
-
-
-
-Julius Cäsar
-
-I. Cäsar
-
-
-Von einer Buchveröffentlichung der Tragödie Julius Cäsar bei
-Shakespeares Lebzeiten wissen wir nichts; der erste Druck, den wir
-kennen, geschah in der Folioausgabe von 1623. Wir wissen aber, daß das
-Stück 1601 bekannt war; aus diesem Jahr stammt ein Gedicht von Weever
-(Märtyrerspiegel), in dem die hintereinander folgenden Ansprachen von
-Brutus und Marc Anton ans römische Volk erwähnt werden, so wie sie
-durchaus Shakespeares Erfindung sind. Vermutlich gehörte das Stück
-damals zum Neuesten; wir haben keinen Grund, die Abfassung höher hinauf
-zu rücken.
-
-Shakespeares Quelle für dieses Stück ist in allem Wesentlichen
-Plutarch, und zwar die drei Biographien Cäsars, Brutus’ und Marc
-Antons. Plutarchs Lebensbeschreibungen waren 1579 englisch in der
-recht guten Übersetzung von Thomas North erschienen. In Plutarch hatte
-Shakespeare einen nicht unwürdigen Vorarbeiter. Ist es auch eine arge
-Übertreibung, wenn Jean Paul ihn den biographischen Shakespeare der
-Weltgeschichte nennt, so ist doch richtig, daß er nicht Ereignisse
-mitteilt, sondern Gestalten darstellt; daß er die Geschehnisse um eine
-tragende Gestalt aufbaut; daß es ihm nicht um diese äußeren Taten,
-sondern um das Ethos und die Seelenverfassung seiner Helden geht. Er
-wählt, wie Emerson, ~representative men~ und will sie in ihrem inneren
-Wesen zeigen. Damit hat er in Zeiten der Vorbereitung und rebellischen
-Gärung starken Einfluß geübt; man fand in den Männern der Antike,
-so wie er sie darstellte, große Männer der Reinheit, Einfachheit,
-Heldenhaftigkeit und Aufopferung; und mancher Jüngling empfand in der
-Zeit, die der französischen Revolution voranging, wie Karl Moor, wenn
-er ausruft: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum, wenn ich
-in meinem Plutarch lese von großen Menschen.“ Dabei ist aber nicht
-zu leugnen, daß seine Gestaltungskraft gering und seine Psychologie
-kindlich ist und daß er die Anekdoten, die er zusammenlas, recht
-wahllos und unorganisch vor uns ausschüttet.
-
-Die Situation, in die wir bei Beginn des Dramas hineinkommen und die
-Shakespeares gebildetem Publikum, für das die Antike ein wichtiges
-Element des gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und
-künstlerischen Lebens und überdies höchste Mode war, noch vertrauter
-war als uns, ist folgende: Rom ist schon lange nicht mehr bloß Rom oder
-Italien, ist nicht einmal mehr bloß das große Mittelmeerreich; es ist
-ein Weltreich; Cäsar selbst ist nach Germanien und Britannien gegangen.
-Ist es so nach außen auf Macht gestellt, so konnte sich auch der
-bürgerliche Republikanismus in Einrichtungen, Sitten, Gesinnungen nicht
-rein erhalten; das Reich stützt sich auf den Soldaten; einzelne Männer
-rivalisieren um die Herrschaft; die Imperatoren, die militärischen
-Befehlshaber, begehren auch den Staat in die Hand zu bekommen. So hat
-es seit langem Bürgerkrieg gegeben. Julius Cäsar, der große General,
-hat Pompejus, hat auch des Pompejus Söhne besiegt; deren Anhänger sind
-teils willig, teils unwillig in sein Lager übergegangen. Die Formen
-und der Apparat der Republik sind noch da; aber mit Benutzung eben
-dieser Einrichtungen, auf die Legionen und die Volksgunst gestützt, ist
-Cäsar Selbstherrscher. Die Gefahr aber ist, daß die Macht der Legionen
-vorwiegend in den Provinzen und auf den Schlachtfeldern wirksam ist;
-Cäsars Stellung und, es zeigt sich, sein Leben, ist von der Stimmung
-und den Zuständen der Hauptstadt, ihren Parteien, Bürgern, Beamten und
-der großen Volksmenge abhängig.
-
-Wenn das Stück einsetzt, scheint Cäsar die Frucht gerade für reif, sein
-Unternehmen für genügend vorbereitet, seine Stellung für ganz überlegen
-zu halten; oder er ist immer noch so, wie er früher war, ein Mann, der
-durch Verwegenheit einschüchtert und siegt: er ist im Begriff, sich
-zum König ausrufen zu lassen und damit seiner tatsächlichen Macht die
-äußere Form, der Republik den letzten Stoß zu geben und eine neue Ära
-der römischen Geschichte zu beginnen.
-
-Ein Teil des Volks, der den berufenen Volksvertretern, den beiden
-Tribunen Flavius und Marullus anhängt, ist gegen diese grundstürzende
-Änderung; wir gewahren, wie Casca, der dann einer der Verschworenen
-ist, seine Hand mit im Spiele hat.
-
-Erst soll so eine Art Generalprobe abgehalten werden, die nun
-keineswegs nach Wunsch verläuft. Das Instrument soll gestimmt werden;
-der Versuch fällt aber recht unglücklich aus. Beim Luperkalienfest
-bietet Antonius Cäsar die Krone an; Cäsar weist sie zurück, und das
-Volk bestürmt ihn nicht, sie doch zu nehmen, sondern jauchzt über
-seine republikanische Haltung. „Bei jedem Zurückschieben jauchzten
-meine ehrlichen alten Freunde“, sagt Casca bei seinem Bericht über
-den Vorfall; und gerade daraus ist zu schließen, daß das Volk --
-ein Teil des Volks, der bestimmend wirkte -- parteimäßig bearbeitet
-war. Nun kompromittiert sich Cäsar bedenklich; er hatte ja selbst
-die Krone zurückgewiesen; bei dem Jauchzen des Volks aber kam die
-Wut über ihn und mit der Wut ein Anfall seines Leidens; er gerät in
-die krankhafte Ekstase, reißt „das Wams auf“, um dem Volk Brust und
-Hals anzubieten, wenn es etwa von seiner opferwilligen Großmut noch
-nicht zufriedengestellt sein sollte, und fällt in Krämpfen nieder.
-Daß das bei dieser Gelegenheit geschah, ist nicht überliefert; es ist
-Shakespeares Erfindung.
-
-Ein paar Tage nachher erst, in der Senatssitzung an den Iden des März,
-am 15., soll die wirkliche Übertragung der Krone erfolgen. Da aber wird
-er vorher getötet.
-
-Ein gebietender Staatsmann also wird unmittelbar vor einer
-entscheidenden Wendung seiner Laufbahn, die er selbst mit Hilfe seiner
-Partei zustande bringen will, durch politischen Mord getötet. Da erhebt
-sich die Frage: König werden ist eine große Sache; und das Wort allein
-besagt schon viel; aber es sagt doch nicht alles; was war sein Ziel?
-Hatte er eins oder war er nur vom Machtwillen besessen? Was wollte
-er aus Rom machen? Wie hätte sein ferneres Wirken seine bisherige
-Laufbahn, seine Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet?
-
-Der Dramatiker weiß immer genau so viel, als er will. Es ist sehr
-wichtig und man muß gut darauf achten, in welche Ecke sich der
-Dichter mit seiner Lampe stellt, wohin er das Licht fallen läßt, und
-was er im Dunkeln läßt. Diesmal entschloß sich Shakespeare, nichts
-zu wissen. Cäsar steht vor uns in dem Licht und Schimmer dieser
-Unbestimmtheit. Wir sehen eine unsichere, reiche, fruchtbare oder
-gefährliche Möglichkeit. Wir sehen nicht, was er plante; wohl aber, was
-die Verschwörer argwöhnten. Das Bild, das dann, nach der Ermordung,
-Antonius entwirft, ist nicht eigentlich dazu bestimmt, daß wir es für
-treu nehmen, das Volk soll daran glauben; es geht aus einer wundersamen
-Mischung von echtem Schmerz und wohlberechnender Demagogie hervor;
-es stellt nicht den Cäsar vor, wie er zweckhaft bei seinem Leben und
-Wirken war, sondern wie er jetzt als Mittel benutzt wird.
-
-Solange er uns lebendig vor Augen steht, sehen wir ihn pomphaft,
-gebieterisch, launisch, willkürlich. Sein Privatestes macht er zu einer
-öffentlichen Angelegenheit; er will es so, will es wenigstens nicht
-lassen; er bietet ganz das Bild eines Mannes, der mit ungemeiner Kraft
-des Geistes und Willens von unten nach höchst oben gekommen ist und nun
-dabei ist, das Maß zu verlieren.
-
-Gleich sein erstes Auftreten -- es gehört zum Erstaunlichsten in der
-ganzen dramatischen Literatur. So tritt Cäsar auf: ein festlicher Zug
-kommt; Musik wird gespielt, Fanfaren ertönen; nun naht sich Cäsar mit
-seinen Angehörigen und Freunden, darunter seine Frau Calpurnia, in
-deren Gesellschaft sich unter andern -- ohne daß sie etwas zu reden
-hat -- Portia, die Frau von Cäsars Freund Brutus, befindet. In diesem
-Zug geben sie Marc Anton das Geleite, der halb nackt ist. Es ist
-Luperkalienfest. Plutarch berichtet: „Viele junge Patrizier und selbst
-hohe Würdenträger laufen dabei nackend durch die Stadt und schlagen
-zum Scherz und Lachen nach denen, die ihnen in den Weg kommen, mit
-rauhen Fellen. Die vornehmsten Frauen gehen ihnen dann absichtlich
-entgegen und halten wie in einer Schule die Hände den Schlägen hin,
-weil sie glauben, daß dadurch bei Schwangeren die Geburt erleichtert,
-bei Unfruchtbaren aber die Fruchtbarkeit befördert werde.“ Das mit
-den rauhen Fellen ist so eine eigene Sache; Plutarch hat entweder
-den alten Brauch nicht mehr verstanden oder -- er hat auch sonst
-Schulmeistereigenschaften -- er war zu zimperlich, um ihn in den
-rechten Zusammenhang zu bringen. Hier geht uns das aber weiter nichts
-an; es ist nur zu sagen, daß Shakespeare an diese allgemeine Aufklärung
-Plutarchs seine besondere Erfindung anknüpft. Mitten in die Fanfaren
-hinein ruft Cäsar laut: „Calpurnia!“ Casca, mit einem gewissen innern
-Grimm über Cäsars asiatische Despotenmanieren, vielleicht auch um die
-Anwesenden auf diese Manieren recht aufmerksam zu machen, heißt die
-Musik schweigen: „Still da! Cäsar spricht!“ Und nun fordert Julius
-Cäsar vor versammeltem Volk seine Frau auf, sich beim Wettlauf dem
-dahinrennenden Antonius in den Weg zu stellen, damit etwa der Fluch
-der Unfruchtbarkeit von ihr genommen werden könne; Calpurnia gebietet
-er’s ganz kurz; gegen Antonius ist er höflicher, und zu ihm gewandt
-fügt er auch diese Begründung bei. Von Antonius bekommen wir eine
-völlig unterwürfige Antwort zu hören, aus der zugleich Verehrung und
-unbedingte Gefolgschaft herausklingen soll:
-
- Wenn Cäsar sagt: Tu das, so ist’s vollbracht.
-
-Diesem Auftritt entnehmen wir nun zunächst, daß dem Cäsar überaus
-viel an Nachkommenschaft liegt; gewiß an dem männlichen Erben; an
-dem Tag, wo er seinen Staatsstreich inszenieren wollte, mußte ihm der
-Gedanke an die Dynastie besonders im Kopfe herumgehen. Und hier kann
-uns zum ersten, nicht zum letzten Mal auffallen, daß dieser Julius
-Cäsar Shakespeares auch in charakteristischen Einzelzügen eine ganz
-unleugbare Ähnlichkeit mit Napoleon hat; das kommt gewiß daher, daß
-Napoleon eine cäsarische Natur hatte; kommt erst recht daher, daß
-Julius Cäsar das Vorbild des Korsen war, dem dieser nacheiferte und das
-er geradezu kopierte; mit Plutarch war er überaus vertraut und ebenso
-mit Voltaires ~Mort de César~, auf welche Tragödie Shakespeares
-Stück einigen Einfluß übte. Aber die Ähnlichkeit mit gewissen
-Einzelzügen, die ganz und gar Shakespeares Eigentum sind, spricht doch
-vor allem auch für Shakespeares Divination, mit der er den Typus des
-cäsarischen Menschen hinstellte.
-
-So gute Gründe nun also Cäsar zu seinem Wunsch hat, noch einen
-Leibeserben zu bekommen -- einstweilen ist sein junger Neffe Octavius
-von ihm adoptiert worden --, so wirkt doch der Auftritt, den er da
-unmittelbar vor einer großen Entscheidung öffentlich in einer sehr
-intimen Sache hervorruft, vor allem als Hybris, als Übermut; irgend
-etwas in ihm nötigt ihn, die Grenzen des bürgerlich Üblichen im
-Stil des unumschränkten Gebieters zu überschreiten. Diesen Eindruck
-macht die Szene besonders im Zusammenhang mit der Parallelszene, die
-nun folgt. Die Trompeten blasen wieder, und wiederum ist ein Ruf zu
-hören; diesmal ist es aber nicht Cäsar, sondern im Gegenteil, aus der
-Menge ruft jemand Cäsar mit Namen an. Cäsar gebietet nun persönlich
-Schweigen. „Cäsar neigt sein Ohr.“ Und aus der Menge heraus kommt der
-Ruf, den wir so kurz und scharf im Deutschen nicht nachbilden können:
-
- ~Beware the Ides of March!~
-
-Auf Cäsars Frage, wer der Mann sei, gibt Brutus -- das ist das erste
-Wort, das wir von ihm hören -- die Erklärung:
-
- „Ein Wahrsager warnt dich: hüte dich vor dem 15. März.“
-
-Cäsar läßt ihn vortreten, fragt ihn, was er gesagt habe, und von den
-Lippen des Mannes kommt noch einmal, als wisse er nur diese Worte:
-
- Hüte dich vor den Iden des März!
-
-Cäsar fragt nicht weiter, will nichts mehr hören:
-
- Er ist ein Träumer; laßt ihn stehen. Vorwärts!
-
-Wir könnten sagen: der Mann, Julius Cäsar, ist zwar abergläubisch, der
-erste Vorfall hat es gezeigt; aber er ist doch noch mehr stolz. Aber
-wir brauchen gar nicht anzunehmen, daß er die Warnung lediglich für die
-Worte eines Träumers, Traumdeuters oder Propheten der Art nimmt. Er
-weiß ja, was er an den Iden des März vorhat. Er will rasch abbrechen
-und die Warnung verächtlich nehmen, weil der Warner, gleichviel, was er
-weiß, von Dingen spricht, von denen durchaus nicht die Rede sein darf,
-zumal jetzt, unmittelbar vor der Generalprobe! Wohl möglich auch, daß
-Cäsar in Brutus’ Worten eine besondere Betonung gehört hat.
-
-So ziehen sie weiter, und im Hintergrund, so daß wir nur Volksrufe und
-Musik hören können, während bei uns sich Brutus und Cassius zum ersten
-Mal aussprechen, ereignet sich jetzt der Vorgang, daß Antonius Cäsar
-die Krone anbietet. Was da indessen vorgeht, wissen wir noch nicht.
-In dem Augenblick aber, wo zu Cäsars Zorn -- wie wir bald erfahren --
-das Volk jubelt -- wir hören’s --, weil Cäsar die Krone zurückschiebt,
-spricht Brutus die Befürchtung aus, das Volk wähle ihn zum König. Was
-also für diesen Zeitpunkt auf der Tagesordnung steht, weiß Brutus
-ganz wohl; aber die Volksstimmung, die Verteilung des Einflusses, ist
-schwankend und ungewiß. Cassius, der Brutus mit bestimmten Absichten
-zurückgehalten hat, geht, da er sich in dem Freund seit einiger Zeit
-nicht mehr recht auskennt, da er überdies von Natur und als Politiker
-zu Mißtrauen neigt, behutsam, allmählich, vorbereitend, im Reden
-horchend und mit Blicken forschend auf sein Ziel los; von den kleinen
-Menschlichkeiten Cäsars spricht er, von Zügen, die Brutus gewiß alle
-gut kennt, die ihm aber in diesem Augenblick in die Überlegung rufen
-sollen: Was für eine gesunkene Zeit! sollen wir mitsinken? sollen
-wir sie sinken lassen? So ein Menschlein! Gibt’s keine Männer mehr?
-Brauchen wir den zum König? Brauchen wir einen König?
-
-Darüber kommt Cäsar zurück; noch voller Grimm; und wie er sich
-musternd, herrisch, mißtrauisch in der Runde umsieht, fällt sein Blick
-auf den hageren Cassius:
-
- Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
- Mit glatten Haaren, und die nachts gut schlafen.
- Der Cassius dort hat einen hohlen Blick.
- Er denkt zu viel: die Leute sind gefährlich.
-
-Wir sind für einen Moment in Shakespeares Werkstatt, wenn wir darauf
-acht haben, daß Cäsar bei Plutarch eine so ähnliche Bemerkung über
-Cassius und Brutus macht. Obwohl er in diesem Augenblick Cassius und
-Brutus beisammen stehen läßt, hat der Dichter das klug geändert; denn
-gerade zu Brutus hat Cäsar allergrößtes Vertrauen, hat ein liebevoll
-freundschaftliches Verhältnis zu ihm; wir aber, auch wenn wir gar
-nichts von Plutarch wüßten, dürfen dabei denken: Einiges, was Cäsar
-hier und im weiteren sagt, trifft auch auf Brutus zu, auf den es
-keineswegs gemünzt ist: bald sollen wir ihn kennen lernen als einen,
-der kaum mehr Schlaf kennt, der viel liest. Andres aber wieder, was
-Cäsar zur Kennzeichnung gefährlicher Unzufriedener sagt, trifft in
-der Tat auf Brutus nicht zu, und daran kann Cäsars fortlebender Geist
-dann seine Rache anschließen: Brutus ist kein „großer Prüfer“, er
-„durchschaut das Tun der Menschen“ nicht; und ganz gewiß liebt er die
-Musik und kann gut lächeln.
-
-Nun sehen wir Cäsar lange nicht mehr; die fürchterliche Nacht vom 14.
-auf den 15. verbringen wir mit den Verschwörern, zumal mit Cassius
-und Brutus. Das ist ein ungeheuerlicher Märzsturm; ein Gewitter mit
-furchtbaren Entladungen; es ist, als wolle eine Welt versinken; und
-Casca, der trotzdem in dieser Entscheidungsnacht auf die Straße muß,
-meint zu Cicero entsetzt und bedeutsam:
-
- Entweder ist im Himmel inn’rer Krieg,
- Wo nicht, so reizt die Welt durch Übermut
- Die Götter, um Zerstörung herzusenden.
-
-Es geschehen Zeichen; man muß Vorbedeutungen annehmen. Die Toten
-stehen auf, solche Erscheinungen wenigstens haben die Menschen in
-dieser Nacht; sie sehen die Toten mit feurigen Leibern in den Straßen
-gehen und in den Wolken kämpfen. Dinge der Art sind bei Plutarch zu
-finden; aber das Rechte hat erst Shakespeare aus seinem Farbentopf
-dazu gegeben; bei Plutarch ist alles in kindlicher Verwunderung und
-Kopfschütteln und pädagogischem Fingerdrohen stecken geblieben; erst
-Shakespeare bringt in diese Wunderzeichen die Magie, das Grauen hinein:
-es ist eine Weltwende; in dieser Nacht walten dämonische Mächte
-zwischen Himmel und Erde, zwischen den Gedanken der Menschen auch und
-ihren Entschlüssen zur Tat.
-
-Das dürfen wir nie aus dem Sinn verlieren: Cäsar wie seine Gegner,
-die sich in dieser Schreckensnacht erst fest zum Bund zusammenfinden,
-sind in diesen Stunden, wo noch alles in ihren Willen gestellt ist,
-in gleicher Lage: dem, der die Krone will, wie denen, die sein Leben
-wollen, fließt jetzt eben die Entscheidung von innen nach außen, aus
-Hirn und Herzen in die Unwiderruflichkeit dessen hinein, was die
-Hände, was die Taten tun. Cäsar hat das Datum für seinen Staatsstreich
-und damit für seinen Tod selbst festgesetzt; und jetzt zittern die
-Verschworenen, die innen und außen gerüstet sind, er könne das Programm
-noch ändern wollen.
-
-Cäsar sehen wir am frühen Morgen nach dieser Nacht. Noch im Nachtgewand
-tritt er auf. Calpurnia hat schwer geträumt und deutet den Traum auf
-Cäsars Tod.
-
-Unmittelbar vor diesem Gespräch Cäsars mit seiner Gattin hatten wir
-zwischen Nacht und Tag die erhabene Szene des Römerehepaars Brutus und
-Portia. Hier ist es ganz anders: Cäsar ist launisch, willkürlich. Sie
-beschwört ihn, heut nicht auszugehn. Er antwortet hart, hochmütig, in
-der Pose, die er in der Öffentlichkeit braucht und die er nun auch zu
-Hause nicht abzulegen scheint:
-
- Cäsar geht aus.
-
-Wir hören es nicht bloß hier, er redet gern in der dritten Person von
-sich. Das tun diese Römer wohl auch sonst; aber ist das nicht gerade
-das Kennzeichen dieses Mannes, daß er die harte, rauhe, soldatische
-Art römisch-republikanischen Wesens in eine andere Tonart gesetzt hat?
-Hier darf man sagen, daß der Ton die Musik macht, und sein Ton ist
-selbstherrlich. Das ist auch die echte Römersprache, wie wir sie von
-den andern her kennen, wenn er sagt, er begreife gar nicht, wie man
-sich fürchten könne:
-
- Von allen Wundern, die ich je gehört,
- Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,
- Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,
- Kommt, wenn er kommen soll.
-
-Das ist die Sprache der Vergangenheit; nicht nur der Vergangenheit
-Roms, auch seiner eigenen. So furchtlos war der große General in seinen
-Kriegszügen gewesen, trotz allen Anwandlungen des schwächlichen, zur
-Krankheit geneigten Leibes, an die jetzt, wo er hassen will, Cassius
-sich erinnert; so rauh ergeben in alles, was kommen kann, war der Mann,
-den Brutus liebt.
-
-Daß er jetzt nicht mehr derselbe, nicht mehr der Mann seiner Römerworte
-ist, sehen wir gleich mit eigenen Augen. Es wird nun berichtet, die
-Auguren hätten im Opfertier kein Herz gefunden. Ein ganz schlechtes
-Zeichen. Innerlich schwankt er schon; aber er will’s nicht zeigen.
-
- Cäsar wird doch ausgehn.
-
-Es geht ja nicht bloß um eine Senatssitzung; es geht um seinen großen
-Entschluß, zu dem alle Vorbereitungen getroffen sind. Soll er ihn
-aufschieben? Oder gar noch einmal bedenken? Der Mann jüngst, der ihn
-beim Luperkalienfest warnte -- diese entsetzliche Nacht -- Calpurnias
-Träume -- das Ergebnis der Opferschlachtung -- -- Da verfällt die
-verängstigte Frau auf den Ausweg, auf den auch die Schulkinder kommen,
-wenn sie Angst vor der Schule haben: er soll sagen lassen, er sei heute
-nicht wohl; der zuverlässige Marc Anton soll’s bestellen. Plötzlich,
-unvermittelt gibt er nach; als festen Entschluß eines Mannes, der tun
-kann, was er will, bestimmt er:
-
- Ja, Marc Anton soll sagen, ich sei unpaß,
-
-und fügt, betonend, daß seine Nachgiebigkeit sein eigener Wille sei,
-daß er aber gar nicht selber an Furcht denke, daß er nur ihr und ihrer
-ganz grundlosen Anwandlung zu Willen sei, hinzu:
-
- Du hast die Laune und ich will nun bleiben.
-
-So sagt er bei Shakespeare wirklich, und dieses beides ist in dem Satz
-und muß in schwebendem Widerspruch betont werden: ihre Weiberlaune und
-sein Cäsarenwillen, der ohne Rücksichten selbstherrlich entscheidet: Du
-Weib hast die Laune; ich will, -- was du begehrst.
-
-Die Verschworenen aber haben in ihrer nächtlichen Beratung den Fall
-schon vorgesehen. Sie kennen ihn und wissen, wie der nüchterne
-Mann sich nun verwandelt hat; und im voraus haben sie bedacht, die
-ungeheuerlichen Erscheinungen der Nacht könnten ihn vom Kapitol
-fernhalten:
-
- Denn kürzlich ist er abergläubisch worden,
- Ganz dem entgegen, wie er sonst gedacht
- Von Träumen, Einbildung und heil’gen Bräuchen.
-
-Und wirklich haben wir neulich beim Luperkalienfest gehört, wie er
-ausdrücklich verordnete:
-
- Laßt nichts von den Gebräuchen aus, --
-
-und konnten dabei an Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht denken
-und an seine Stellung zum katholischen Kultus und zu allerlei
-Privataberglauben.
-
-So kommt denn gerade im rechten Augenblick einer der Verschworenen
-zu Cäsar ins Haus, Decius Brutus, der sich schon darauf vorbereitet
-hat, wie er im Notfall Cäsar auf die rechte Art aufs Kapitol bringen
-wird: durch Schmeichelei nämlich. Cäsar bringt’s doch nicht über sich,
-sich mit Krankheit zu entschuldigen; wie’s drauf ankommt, verwehrt
-ihm der Stolz die Ausrede: ganz einfach, er wolle nicht kommen. Dann
-rückt er aber doch, indem er vertraulich zu dem wichtigen Römer
-spricht, mit Calpurnias Traum heraus. Den deutet ihm Decius nun aufs
-schmeichelhafteste: Rom saugt belebendes Blut aus ihm; das ist die
-Sprache, die Cäsar wohltut wie ein warmes Bad; und dazu fügt er noch
-die Nachricht, gerade heute wolle der Senat Cäsar die Krone verleihen.
-Man darf nun zwar annehmen, daß das für Cäsar keineswegs eine
-Neuigkeit war; neu war nur der Umstand, daß die große Überraschung,
-die auch wie eine Überraschung für Cäsar aussehen sollte, in den
-Kreisen der Politiker schon bekannt war und, wie es aus Decius’ Worten
-hervorzugehen schien, sehr freundlich aufgenommen wurde. Wenn er nun
-nicht käme!
-
- Wenn Cäsar sich versteckt, wird man nicht flüstern:
- Schaut, Cäsar fürchtet sich?
-
-Cäsar wird ganz heiter, und wie nun noch andre angesehene Römer ihn
-abholen kommen -- die meisten sind in der Verschwörung --, wie er gar
-den untadeligen Ehrenmann, den Unbestechlichen, den als Anhänger zu
-haben so viel wert ist, Marcus Brutus, so früh morgens schon bei sich
-sieht, um ihm das Ehrengeleite zu geben, da gelten keine Träume und
-Weissagungen mehr, da gilt nur die Politik. So ziehen sie aufs Kapitol.
-
-In der Szene, die den Einzug aufs Kapitol und sofort daran anschließend
-die Senatssitzung bringt, ist die Bühne zweistöckig. Oben sitzt in
-feierlicher Haltung der Senat; unten naht Cäsar mit seinem großen
-Ehrengeleite; viel Volks ist auf dem Weg. In der Menge gewahrt
-Cäsars scharfer Blick den Wahrsager von jüngst und ruft ihm, stolz
-aufgerichtet, ohne sich auf seinem Gang aufhalten zu lassen, spöttisch
-überlegen zu:
-
- Des Märzen Iden sind nun da,
-
-um die Antwort nachgerufen zu erhalten, die mehr unser Ohr trifft, die
-wir alles wissen und für Cäsar fürchten, als seines:
-
- Ja, Cäsar,
- Doch nicht vorbei.
-
-In diesem Augenblick will ihm der Sophist Artemidorus, dem die Sache
-zugetragen worden ist, die ganze Verschwörung in einer Bittschrift
-entdecken. Eine Bittschrift! Nun zittern wir für die Verschworenen,
-wie wir sonst für Cäsar zittern; die Gefahr liegt so nahe, daß der
-Mann mit den monarchischen Allüren die Bittschrift gnädig aufnimmt und
-sofort überfliegt. Aber auch die Verschworenen haben ein Bittgesuch
-bei der Hand, und in einer dunklen Ahnung faßt sich Decius Brutus, der
-Gewandte, schnell und übergibt es Cäsar jetzt schon auf der Straße mit
-den raffinierten Worten:
-
- Trebonius bittet Euch, bei guter Weile
- Dies untertänige Gesuch zu lesen.
-
-Wohltuend devote Sprache und dazu der Wink: ein Monarch macht sich
-nicht auf der Straße gemein, er läßt sich Zeit. Wie nun gar der Sophist
-drängt, sein Gesuch gehe Cäsar persönlich an und sei überaus wichtig
-und eilig, ist die Gefahr vorbei; in der großartigen Haltung des
-Herrschers, der vor allem als Diener des Staats auftritt, entscheidet
-Cäsar:
-
- Was uns betrifft, sei auf zuletzt verspart.
-
-Nun schreiten sie alle, Cäsar an der Spitze, feierlich hinauf. Der
-Senat erhebt sich von den Sitzen. Es folgt die wohlvorbereitete Szene;
-Cäsar bereitet keine Überraschung; die Verschworenen haben ihn richtig
-beurteilt; ihr Programm wird durch nichts gestört. Sie überreichen ein
-Bittgesuch um Rückberufung eines politisch Verbannten. Cäsar weist es
-in der hochmütigsten, herrischsten Haltung ab. Sie werden dringender,
-sie werden flehender, sie knien; er spricht verächtlich von hündischem
-Bücken und Schmeicheln; aber wie er der Schmeichelei zugänglich sein
-kann, haben wir noch wie zuckersüßen Geschmack in der Erinnerung.
-Standhaft nennt er sich wie den Polarstern; aber wir haben seine Laune
-und sein Hin- und Herschwanken erlebt. Jetzt aber klingt es: wer ihn
-umstimmen will, könnte ebenso gut den Olymp, den ewigen Thron der
-Götter versetzen wollen. Da kommt, im Schein und in der Wahrheit, die
-Verzweiflung über die Verschworenen; sie drängen näher, sie knien alle,
-selbst Brutus, selbst Cassius, -- sie brauchen die eigene Scham, sie
-brauchen die Abweisung, um aus dem Augenblick heraus, wie in einer
-Affekthandlung, tun zu können, was der Verstand beschlossen hat: sie
-dringen auf ihn ein; der Mord geschieht. Alle stechen sie nach ihm mit
-ihren Dolchen und Schwertern.
-
- Brutus, auch du? - So falle, Cäsar!
-
-In Shakespeares Original aber stehen die sprichwörtlichen Worte
-lateinisch:
-
- ~Et tu, Brute!~
-
-Ein kleiner, uns unerträglicher Rest der damals grassierenden Mode,
-unaufhörlich lateinische Brocken in die Dramen zu bringen.
-
-Hier sei gesagt: Keine Gestalt war den Gebildeten der Zeit, die
-Shakespeare als sein Publikum voraussetzte, und sogar dem Volk,
-diesem politischen Volk vertrauter als die Julius Cäsars. Er war als
-der Kaiser, von dem alle andern den Namen genommen hatten, als der
-Mann, der von unten auf zum höchsten Rang emporgestiegen war und
-im Augenblick seiner letzten Erhöhung fallen mußte, wie von einem
-Nimbus umgeben. So sah ihn, wenn er irgendwo das Beispiel der Größe
-brauchte, auch Shakespeare. Um so wundervoller erweist sich seine
-Individualisierungskunst und seine Unabhängigkeit, daß er, wo er
-Cäsar in die Mitte eines Dramas stellte, ihn nicht als repräsentative
-Gestalt betrachtete, sondern als lebendige Person in einem kritischen
-Punkt ihrer Entwicklung. Der Mann und der Fürst, den Rom, dieses Rom,
-wie es jetzt geworden war, brauchte, der repräsentativ, führend
-und zusammenhaltend für dieses Reich war, über welchem der Geist
-der Republik nicht mehr waltete, wird Julius Cäsar aber sofort mit
-seinem Tode. Denn das ist das Thema dieses Stückes, das mit Fug
-für seine Gesamtheit, für alle fünf Akte Julius Cäsar heißt: Der
-geborene Herrscher eines Reichs, den dieses Staatswesen so, wie es
-war, brauchte, wird ermordet; sein weiterlebender Geist wendet das
-Schwert, bis seine Mörder es sich selbst in die Brust stoßen. Dies
-ist Schicksal; so, unentrinnbar, ist sein Weg. Shakespeare aber
-läßt das Schicksal wirken, indem -- nirgends tragischer als hier
--- die Charaktere aus ihrer Freiheit heraus handeln. Irgendwie,
-auf verschiedenen Wegen, auf verschiedenen Stufen der Reinheit zum
-Äußersten gebrachte römische Männer unternehmen es, die Republik wieder
-herzustellen: es ist der letzte Versuch; die nach Geist und Charakter
-die Führung haben, sind die letzten Römer. So waltet in diesem Drama
-die tragische Ironie nicht so sehr im einzelnen, wie im ganzen.
-
-
-II. Cassius
-
-Indem die Verschwörer Brutus gewinnen, daß er die Tat und die
-Verantwortung auf sich nimmt, hat ihr Unternehmen hohe Rechtfertigung
-erlangt. Nicht bloß er, auch die andern alle, zumal Cassius, trotz
-ihren mehrdeutigen Naturen und Motiven, stehen mit ihrer Tat ganz
-anders da, als sonst die großen Mörder bei Shakespeare. Julius Cäsars
-Wegräumung, obwohl sie äußerlich als Meuchelmord erscheint, den eine
-überwältigende Schar gegen einen einzelnen Wehrlosen verübt, hat doch
-bei Shakespeare mit dem revolutionären Staatsakt, der in England wenige
-Jahrzehnte nach Shakespeares Tod zur Hinrichtung Karls I. führte, mehr
-Ähnlichkeit, als mit den vielen dynastischen und feudalen Mordtaten,
-wie sie uns in Shakespeares andern Tragödien begegnen. Brutus ist wie
-Macbeth der Mörder, an dem sich die Tat rächt; auch ihn scheint zu
-nächtlicher Stunde der Geist des Ermordeten aufzusuchen, wie Banquo zu
-Macbeth kommt. Aber man scheut sich fast, dieses Wie auszusprechen; so
-ganz anders sind nicht nur die Personen, sondern die seelischen und
-politischen Verhältnisse, um die es dem Dichter geht. In den Stücken
-der englischen und schottischen Sage und Geschichte, die Shakespeare
-behandelt, wird von triebhaften, schlackenreichen Naturen nicht
-eigentlich Politik gemacht; es geht alles in der privaten Sphäre vor
-sich, auch wenn es um die Macht geht. Und Shakespeare zeigt, schon in
-der zweiten Hälfte unsres Stückes, ganz besonders aber in Antonius und
-Cleopatra, wie im Verfall des römischen Gemeinwesens, der Republik, die
-privilegierten Personen gerade dadurch, daß die öffentliche Freiheit,
-für die die letzten Römer eingetreten waren, und mit ihr die Ordnung
-zugrunde ging, wieder ihre ursprüngliche, primitive, wilde Freiheit
-inmitten raffinierter Zivilisation und öffentlicher Tyrannei erlangten
-und wie dadurch das Ende der antiken Kultur und ihr Übergang zur
-feudalen Welt vorbereitet wurde.
-
-In diesem unserm Römerdrama also geht es um Politik auf einer hohen
-Stufe, um erhabene, ideale Verhältnisse, und die Ruhe, Planmäßigkeit
-und Überlegung, mit der der Mord vorbereitet wird, ist ein Kennzeichen
-dafür, daß wir hier nicht in der Welt der Triebhaftigkeit und des
-Personalismus, sondern der Ratio, der Staatsräson sind. Es wird
-hier nicht egoistisch, nicht in verächtlicher Wut gemordet; die Tat
-geschieht nicht ohne Liebe, nicht ohne Achtung zu ihrem Opfer. Die
-Heimlichkeit, in der die Verschwörer sich nächtlich zusammenfinden, hat
-weitaus mehr vom Charakter der Öffentlichkeit an sich als die lauten,
-rückhaltlosen Streitrufe feudaler Helden; und das Wort Tagung ist für
-diese Nachtversammlung fast nicht zu vermeiden. Die da zusammenkommen,
-tun es in dem Glauben, Richtungen im Staat zu vertreten, berufene
-Vertreter zu sein; ihre Tragik ist gerade, daß sie sich darin irren,
-daß sie Vertreter eines nicht mehr vorhandenen Volkes, Führer ohne Heer
-sind.
-
-Hier also wird eine vollendete und nunmehr absteigende Welt geschildert
-im Gegensatz zu jener andern, die Shakespeare in den englischen
-Geschichts- und Sagendramen behandelte, in der die Lebenstriebe noch
-oder wieder reicher, verworrener, wilder funktionieren. Brutus und
-Cassius geht es um die öffentlichen Zustände; so politische Köpfe auch
-König Johann und Heinrich IV. zum Beispiel sind, so sind sie doch vom
-Dichter in eine Welt gestellt, in der sich Staat und Person des Herrn
-gar nicht trennen lassen.
-
-Mit alledem ist gesagt, daß über den Königs- und Sagendramen das
-feudal-dynastische, über diesem Römerdrama aber in der Tat das
-republikanische Prinzip steht. Goethe mag vorwiegend an die Volksszenen
-gedacht haben, vor allem aber hatte er die prachtvolle Lebendigkeit
-der Gestalten im Sinn, wenn er meint, Shakespeare schildere keine
-Römer, sondern „lauter eingefleischte Engländer“. Richtig ist gewiß,
-daß er in diesem Stück so wenig wie in einem andern die gelehrten
-Absichten seiner akademisch-literarischen Zeitgenossen teilte. Er
-ging nicht im entferntesten darauf aus, fremdartige oder interessante
-Verhältnisse zu schildern oder seine Menschen irgendwie historisch
-zu maskieren. Ganz und gar ging es ihm, wie immer, um das Grundwesen
-der Menschen in seinen mannigfaltigen Abstufungen; nur daß er diesmal
-in der allgemeinen Sphäre wie vor allem in seinen Hauptgestalten
-Brutus, Portia und Cassius das öffentliche Pathos, die ideale,
-innig-leidenschaftliche und rationale Teilnahme am Gemeinwesen als
-wesentliche Elemente im geistigen Leben aufzeigte. Daran liegt
-wenig, ob man diese Gestalten Römer oder Engländer nennt; wichtig
-aber ist zu beachten, daß das Römertum, wie es in den Staats- und
-Freiheitsbewegungen der Zeit, in den Schriften der Monarchomachen und
-Montaignes und dann Miltons und so vieler anderer von entscheidender
-Bedeutung war, in Shakespeares Julius Cäsar in der Tat seinen
-lebendig-dramatischen Ausdruck fand.
-
-Solche Fragen aber, wie die, ob Shakespeare in einem Stück Römer
-oder Engländer dargestellt habe, sind darum immer schief, weil er
-das äußere Kostüm, wohin ich -- ich weiß, was ich sage -- auch
-zufällig-geschichtliche, zufällig-nationale Varietäten rechne, nur als
-Mittel für seine höheren Zwecke brauchen konnte. Man könnte sagen,
-daß noch nie einer das italienische Naturell, daß noch nie einer die
-Vermählung des römisch-republikanischen Staatsgedankens mit erhabenen
-Seelen so wundervoll getroffen habe, und es wäre doch von Shakespeares
-Wesentlichem damit nichts gesagt. Kaum ein Stück Shakespeares aber
-erinnert mich gerade so, wie Julius Cäsar, an seine Gemeinschaft weder
-mit Römern noch Engländern, sondern mit Rembrandt und Beethoven. Das
-rührt, ich glaube, an entscheidend Wesentliches, jedenfalls aber an
-unsäglich schwer mit Worten zu Vermittelndes. Vergegenwärtigen wir uns
-zunächst dieses Trio Shakespeare, Rembrandt, Beethoven durch drei ihrer
-repräsentativen Werke, und sagen: Brutus -- der Mann mit dem Goldhelm
--- die Eroica oder noch besser die fünfte, die C-Moll-Symphonie.
-Da haben wir eine menschliche Größe und Ausdrucksgewalt, die, so
-persönlich sie ist, so rein und hoch Allgemeines wie endgültig formt.
-Für alle drei sind zusammenfassende Beziehungen wie Renaissance oder
-Barock oder gar Empire hergehörige und nicht unwichtige, aber ganz
-ungenügende Abgrenzungen; alle drei gehören weit mehr unter einander
-als mit ihren Stilgattungen zusammen. Was in diesen Werken sich äußert,
-ist das Tiefste, Schwerste und Erhabenste, ist die inständigste Not und
-die größte Herrlichkeit unsrer Zeit, unsrer eigenen und besonderen, in
-der Shakespeare nicht minder ein Gipfel ist als Beethoven. Was sich da
-äußert, ist Heldentum in Melancholie; klare, scharfumrissene, aktive
-Naturen, die es nun aber doch nicht läßt, in die Welt und ihr Leid zu
-verdämmern; ein leidenschaftlicher Aufwärts- und Vorwärtsdrang, dessen
-Melodie aber umwogt ist von der Stimmung des Untergangs. Das ist mir im
-Letzten und Höchsten Shakespeare, wie es mir Rembrandt und Beethoven
-sind, und kaum irgendwo bemächtigt es sich meiner so wie in dieser
-Tragödie der letzten Römer: Kraft, ungemeine Kraft ist da, Kraft des
-Alten, Gewesenen und dazu schon Kraft der Erneuerung, -- darin verflößt
-aber und nicht davon zu trennen das ganze Weh des Untergangs, der ein
-Übergang ist, wie es so ähnlich ja wohl Nietzsche ausdrückt, das Leid
-unsrer Zeiten.
-
-Dessen eine Gestalt ist mir das Helldunkelgemälde dieser letzten Römer.
-Wenn man gut zusieht und die Stimmung, die das Rom um die Wende der
-neuen Zeitrechnung in Parallele setzt mit den Zuständen in der Seele
-unsres öffentlichen Lebens, schon beinahe mitbringt, so können wir auch
-bei Plutarch, dem Historiker der untergehenden, schon fast vergangenen
-Antike, diese Verbindung von heroischen Naturen mit leidvoller
-Philosophie finden. Aber das ist doch kaum anders, als daß in dem
-Stoff, worin die Vision des Dichters ihre Entdeckungen macht, alles
-schon der Möglichkeit nach gegeben sein muß, was der Vollender dann zur
-Wirklichkeit macht.
-
-Die Repräsentanten dieses unsres eignen, dieses Römergeistes, von denen
-wir hier das Allgemeine gesagt haben, sind Brutus und Cassius; diese
-beiden stehen von Anfang an bei einander im Vordergrund, und Cassius
-verdient es durchaus, neben Brutus zu stehen. Shakespeares Kunst,
-Menschen der gleichen Richtung und desselben Wollens nebeneinander
-zu stellen und sie nicht durch grobe Gegensätzlichkeit, sondern
-durch Nuancen zu unterstreichen, bewährt sich nirgends so wundervoll
-wie in der Macbeth-Tragödie in dem Ehepaar Macbeth und hier in dem
-Freundespaar Brutus und Cassius. Cassius hat mehr Schlacke, mehr
-Affekt als Brutus, er hat nicht seine makellose Reinheit, seine
-Unpersönlichkeit; dafür hat er aber auch ein schießenderes Temperament
-und mehr politischen Verstand. Brutus macht seine Entscheidungen gern,
-auf sich selbst harrend, sein selbst gewiß, im Unbewußten ab; er läßt
-die Dinge reifen; er braucht die flackernde Zündung durch gesellige
-Aussprache nicht. Cassius ist hitzig, was in ihm gärt und ihn treibt,
-läßt er viel rascher hochschießen als Brutus. So ist er es denn auch,
-der sich Brutus eröffnend, lockend nähert, ihm sein eigenes Innere,
-seinen Kampf, seine Qual ohne Scheu zur Sprache bringt und erklärt.
-
-Es ist aber nicht so, daß das, was aus Cassius so schnell hochkommt,
-ebenso rasch wieder verpuffte oder daß er irgendwie unbeständig,
-unzuverlässig wäre. So stark in ihm Leidenschaft, Wildheit, Zorn
-arbeiten, so sind sie doch durchaus in den Zusammenhang einer
-Geistesrichtung eingeordnet, die Gesinnung heißt. Und in der Gesinnung
-ist er der Freund und Genosse des Brutus und seiner würdig. Nicht
-von einem politischen Meinungssystem ist hier die Rede, wie man es
-schließlich wechseln könnte, ohne in Schmach zu fallen, sondern von
-einem Gefüge von Anschauungen und Willensrichtungen, die unveräußerlich
-sind, weil sie aus einem Grundtrieb ihrer Natur hervorgehen, aus dem
-Grundtrieb noch dazu, aus dem das römische Gemeinwesen erwuchs. Was
-sie beide treibt, heißt mit einem Wort Freiheit. Sie wollen keinem
-Menschen dienen, keinem untertan sein, keinen als höher verehren. Sie
-fühlen sich dem Besten ebenbürtig und dulden keinen Gebieter über sich.
-Sie haben nicht den Freiheitsdurst der Unterdrückten, mit dem Neid in
-Verbindung stehn kann; sie haben die männliche Freiheitsliebe derer,
-die nicht in Unterdrückung sind und auch nicht hineinkommen wollen,
-die Freiheitsliebe, der die Eifersucht nicht immer fern bleibt. Zu
-dieser Haltung gehört eigener Adel, Stolz, Selbstgefühl, und das ist
-ihr Teil. Es ist ein durchaus aristokratischer Republikanismus, der
-sich vom philosophischen Denken, vor allem vom Stoizismus genährt hat.
-Cassius bringt, was ihrer beider Grundprinzip, Grundtrieb ist -- denn
-bei diesen Männern der Gesinnung sind Seele und Geist untrennbar in
-einander gewachsen -- in Kürze zum Ausdruck, wenn er zu Brutus in dem
-Augenblick, wo er sich entschließt, frei heraus zu ihm zu sprechen,
-sagt:
-
- Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menschen
- Von diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,
- Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu leben
- In Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
-
-Der so spricht, ist ein Mann, der sich schon mannigfach um den Staat
-verdient gemacht hat, ein bewährter Feldherr; der Zorn, der bei ihm
-nah bei der Eifersucht wohnt, daß ihn einer überflügeln soll, ist auch
-dabei; der Grundzug seines Wesens aber, nach dem er auch die andern
-Menschen und die Erfordernisse des Gemeinwesens beurteilt, ist wilde,
-entschlossene, den Himmel herausfordernde, tapfere Furchtlosigkeit.
-
-Darum sehen wir ihn am größten, am herrlichsten in der Entsetzensnacht;
-da wird er elementar wie der Wettersturm.
-
-In dieser Nacht wandelt Brutus schlaflos, sinnend auf und ab; auf
-den äußeren Sturm achtet er kaum und wendet sich, um den Sturm in
-seiner Brust zu bezwingen, den Büchern zu; Cäsar liegt zu Bett, möchte
-schlafen, wird aber durch die Traumreden und Schreie seiner Frau
-gestört; Casca, ein Mann, in dem die arretierte Stimmung des Gedrückten
-nach der Rebellion lechzt, die ihm das Feuer seiner Jugend wiedergeben
-soll, ein Mann von Chamforts Art, ist entsetzt „in Furcht und Zittern“;
-Cassius aber fühlt sich auflodernd in seinem Element:
-
- Ich für mein Teil bin durch die Stadt gelaufen,
- Mich unterwerfend dieser grausen Nacht,
- Und so entgürtet, Casca, wie Ihr seht,
- Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt;
- Und wenn des Blitzes schlängelnd Blau zu öffnen
- Des Himmels Busen schien, bot ich mich selbst
- Dem Strahl des Wetters recht zum Ziele dar.
-
-Cassius ist eine von den leidenschaftlichen, nimmersatten Naturen, die
-genau das, was sie schon überflüssig im Innern haben, fortwährend von
-außen in sich hineinholen müssen. Er ist wie einer der Trinker, die
-das äußere Rauschmittel nicht darum suchen, weil sie in sich still und
-gedrückt wären, sondern weil der Rausch schon ohnedies in ihnen lebt.
-
-Je nach Natur und Gesinnung sucht in den Erscheinungen dieser Nacht
-jeder ein anderes Zeichen; nur Brutus kümmert sich darum gar nicht.
-Cassius bezieht alles auf seine eigene Natur und auf das Objekt seines
-großen Hasses; und diesen Feind, Julius Cäsar, sieht er im Bilde dieser
-taumelwütigen Nacht ganz so, wie er selbst, Cassius, wäre, wenn er von
-innen und außen dazu gekommen wäre, die Rolle des Alleinherrschers
-zu spielen und das Maß zu verlieren; der Cäsar, den wir selbst vor
-Augen sehen, und der noch genug von der Nüchternheit, Ruhe, Strenge,
-Bestimmtheit beibehalten hat, die ihn so hoch gebracht haben, ist ein
-ganz anderer, als der trunken hassende, vom Exzeß der Natur berauschte
-Cassius ihn sich gestaltet:
-
- Nun könnt’ ich, Casca, einen Mann dir nennen,
- Der ganz wie diese schreckenvolle Nacht ist,
- Der donnert, blitzt, die Gräber öffnet, brüllt,
- So wie der Löwe dort im Kapitol.
- Ein Mann, nicht mächtiger als ich und du
- An Leibeskraft, doch drohend angewachsen
- Und furchtbar, wie der Ausdruck dieser Gärung.
-
-Niemand aber, nichts ist imstande, Männern wie Cassius die Freiheit zu
-nehmen. Wer eines kennt, der ist frei und bleibt frei, einmal für alle.
-Das ist das große Geheimnis dieser stoischen Römer, das sie in immer
-neuen Wendungen einander aussprechen und versichern, und das nur darum
-so fest und sicher zum Worte wird, weil es sich mit ihrem Denken und
-ihrer Lebensführung verschmolzen hat: das ist der Tod, die Möglichkeit,
-durch eignen Entschluß zu sterben. Herrlich bringt es Cassius zum
-Ausdruck:
-
- Darin, ihr Götter, macht ihr Schwache stark,
- Darin, ihr Götter, höhnet ihr Tyrannen:
- Nicht Felsenburg noch erzgetriebne Mauern,
- Nicht dumpfe Kerker noch der Ketten Last
- Sind Hindernisse für die Macht des Geistes.
- Das Leben, ist’s die Erdenschranken satt,
- Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen.
- Und weiß ich dies: so wiss’ auch alle Welt:
- Den Teil der Tyrannei, der _mich_ bedrückt,
- Werf ich ab, wann ich will.
-
-Da, wie in dieser Nachtstunde der gewaltige Sturm aus Cassius so
-zu ihm spricht, als wäre er zugleich ein wild wehendes Blasen und
-eine unbewegliche Standfestigkeit, da wird auch der gepreßte Casca
-fortgerissen und richtet sich auf und steht wieder auf sich; das Feuer
-seiner Jugend erwacht; der Gedanke an den Tod bringt ihm die Liebe zu
-dem Leben, das man selber bestimmt: Das kann auch ich! ruft er aus
-und ist, er, der bisher nur ein hämischer Nörgler, ein aphoristischer
-Satiriker war, zur Tat entschlossen, für die Verschwörung gewonnen.
-
-Nichts kennzeichnender für Cassius, als diese seine Sprachgewohnheiten,
-von denen wir hier Proben erhalten haben, Wendungen, wie: was mich
-betrifft, ich für mein Teil und dergleichen. Wie hat es diesem
-selbstherrlichen Individualismus, der durch das leidenschaftliche
-Temperament, mit dem er verbunden ist, immer gefährlich nahe daran
-ist, zu Ehrsucht und Tyrannei auszuarten, wie hat es ihm gut
-getan, daß er sich mit der republikanischen Gesinnung und einer
-männlichen Philosophie verbunden hat, die den Trieben den Zaum
-der Besinnung anlegt und das Leben von seiner festen Begrenztheit
-aus zugleich zur höchsten Leistung und zur Bescheidung bringt.
-Mögen doch die Historiker, die in Wahrheit über diese Personen und
-diese Zusammenhänge über gar kein besseres Material verfügen als
-Shakespeare, mögen sie in einer Gewohnheit, die ihrer Methode und meist
-auch ihren Naturen entspringt, nichts derart Großes im Innern solcher
-Männer, denen der Verlauf der Geschichte, wie man so sagt, Unrecht gab,
-anerkennen, dieser Cassius mit all seinen saftigen Menschlichkeiten
-ist ein großer Kerl und ein ganz echter Römer. Wir können nicht einmal
-sagen, das Furiose, das leidenschaftlich Ausbrechende, das Shakespeare
-ihm leiht, habe erst die Renaissance und das Barock gebracht. So ein
-Barock kennt auch das späte Rom; mit Vergil hebt es an; und gerade der
-Mann, der diese stoische Lehre, die Cassius’ Leben ins innerste geadelt
-hat, zur erhabensten Prägung gebracht hat, Seneca, von dem wir und
-Shakespeare Worte der Art haben, wie: ~Qui potest mori, non potest
-cogi~, was schiert mich Zwang, der ich sterben kann, gerade er gilt
--- und galt in Shakespeares Zeit unangezweifelt -- als der Verfasser so
-mancher Tragödienszenen, die nach Aufbau, Steigerung und einer nicht
-bloß gewalttätigen, sondern manchmal gewaltigen Sprache in der ganzen
-Antike Shakespeare am nächsten kommen. Ich denke nicht daran, Seneca,
-den Tragödiendichter, in die Nachbarschaft von Aischylos und Sophokles
-zu bringen, die uns in diesem Zusammenhang nichts angehen, weil
-Shakespeare sie nicht gekannt hat; aber ich bringe ihn auf eine sehr
-ansehnliche Stufe auf dem Wege zwischen Euripides und Marlowe; ganz und
-gar lebendige Menschen auf die Beine zu stellen, hat weder Seneca noch
-Marlowe vermocht; aber durch die leidenschaftliche und innig bewegte,
-gewaltig freie Sprache das innerste Gefühl von Menschen zu offenbaren,
-ist auch Seneca, wenn’s zum Höchsten kam, gelungen; und wäre es die
-Aufgabe dieser Vorträge -- sie ist es nicht --, Dichter und Stellen
-ihrer Werke zum Beleg zusammenzusuchen, die auf Shakespeare Einfluß
-geübt haben können, so wäre Seneca ein recht umfangreiches Kapitel zu
-widmen.
-
-
-III. Brutus
-
-So wie der wütige und gefaßte, der ausbrechende und entschlossene,
-der kühne Cassius zu Casca gesprochen hat, so -- dürfen wir denken
--- hat er einen nach dem andern gewonnen. Er ist kein Mann des Volks
-und der Volksrede; er wirkt, indem er die einzelnen erst studiert
-und dann bearbeitet und erschüttert. Dazu ist er, dessen Natur es so
-leicht hat, ihr Inneres zur Äußerung zu bringen, und der von der edeln
-Schamlosigkeit des Künstlers, die innersten Eingeweide bloßzulegen
-und sich in Ekstase zu zeigen, genug hat, besonders geeignet. Er ist
-durchaus die Seele der Verschwörung; er aber, wie all die andern,
-fühlen sich der Aufgabe nicht gewachsen, fühlen ihr Unternehmen nicht
-gerechtfertigt, wenn nicht die personifizierte Reinheit zu ihnen tritt,
-ihr Herz und ihr Haupt wird. Das ist Brutus.
-
-Ehe Cassius ihn weckt, ist Brutus zurückgezogen, in sich gekehrt,
-brütend. Die Zustände, die Ereignisse, die Stimmung in Rom, das alles
-hat zu ihm gesprochen; und etwas Bestimmtes bohrt und kämpft in ihm.
-Aber er weiß nicht deutlich, was es ist; er will es nicht wissen. Auch
-er, er ganz besonders, ist so einer von denen, die aus dem Grunde leben
-(wir haben früher von ihnen vernommen); er ist einer, der sich nur
-schwer, nur seufzend entschließt, planvoll aus sich herauszugehn und
-sich ein Ziel zu stecken. Und auch er ist einer, dem die Zeit etwas
-aufbürdet, dem er nicht gewachsen ist.
-
-Immer wieder hat man bei Brutus an Hamlet erinnert; man hat recht
-daran getan. Die Gestalten wie die Stücke sind einander benachbart;
-Shakespeares ganze Liebe gilt Brutus, wie er offenbar an Hamlet hängt.
-
-Brutus weiß, daß etwas in ihm zu einer großen Entscheidung drängt, daß
-etwas von außen näher und näher rückt, was er wie einen Eingriff in
-sein Eigenstes nicht dulden darf. Er weiß, daß das, was abzuwehren ist,
-das Gemeinwesen angeht, in dem Punkt angeht, wo sein eigenes Herz Roms
-Herz ist. Das ist der ungeheure Zwiespalt: er ist von Haus aus eine
-private Natur, die aber ihrer adligen Anlage nach privat zu sein nur
-ertrüge, wenn draußen die Menschen frei und glücklich wären. Er ist der
-Politiker, der aus der Philosophie in die Politik kommt; aber aus einer
-Philosophie, die mit seinem Leben verwachsen ist. Nicht so bloß, daß er
-mit dem Herzen denkt; so vielmehr, daß sein Denken sich nicht zufrieden
-gibt, ehe die äußere Wirklichkeit ihm entspricht. Aus einem stillen,
-sanften, aber zähen Sinnen heraus kommt er zur Aktivität.
-
-Cassius knirscht über den Zwang, über die Änderung auch seiner Stellung
-im Vergleich zu früher, nicht durch etwas hauptsächlich, was ihm
-geschieht, dadurch allein schon, daß einer über alle, über ihn auch
-erhöht sein soll. Brutus kann vor allem den Gedanken, es bereite sich
-die Tyrannis vor und man könne in Rom die Luft der Freiheit nicht mehr
-atmen, nicht ertragen. Ihm geht es um die Wiederherstellung. Nicht
-umsonst erinnert man ihn immer wieder an den, der als sein Ahnherr
-gilt, an jenen andern Brutus, der den Tarquinius vertrieben hat.
-
-Fortwährend fliegen ihm solche kleine Briefchen zu -- Brutus,
-schläfst du? und dergleichen. Ehrgeiz wecken sie gar nicht in ihm;
-er hat keinen; sie schmeicheln auch nicht seiner Eitelkeit; aber
-sie treffen seine Verantwortung; sie sagen ihm, daß es in der Tat
-um etwas geht, wo der einzelne aufgerufen wird; daß es ans Leben,
-ans Element des Lebens geht; und vor allem: sie bestärken ihn in
-seinem Glauben an einen Geist, der in ihm, aber nicht in den Massen
-lebt, an ein republikanisches Rom, das in Wahrheit gar nicht mehr da
-ist. Denn -- eine entscheidend schwere Verantwortung haben sie mit
-diesem demagogischen Mittel auf sich genommen -- Cassius und seine
-Mitverschworenen haben all diese Stimmen aus dem Volk arrangiert, um
-lauter Stacheln ins Fleisch des schwer beweglichen Mannes zu setzen.
-
-Wie dieses Volk in Wahrheit heruntergekommen ist, wie es knetbarer Ton
-in den Händen der Demagogen ist, das sieht Brutus nicht, aber wir sehen
-es und wissen, wie Brutus sich täuscht und wie er getäuscht wird.
-
-Er täuscht sich oft und ist das geeignete Objekt dazu, betrogen zu
-werden. Darin ist er ganz und gar keine Hamletnatur. Er wäre es, wenn
-ihm so wie Hamlet die Augen über die Welt aufgingen. Nachdem Hamlet
-erst über seine ursprünglichen Grenzen hinausgetrieben ist, nachdem er
-auf die schaurigste Art genötigt wurde, sich auf die Welt einzulassen
-und Menschen zu beobachten, über deren Elendigkeit er sonst am liebsten
-weggeblickt hätte, entwickelt er Witz, Schärfe, Polemik, Weltkenntnis
-intuitiver Art; er ist dann einer der Goetheschen Männer des Aperçu,
-denen ein Fall für tausend gilt. Gerade darum aber, weil Brutus in
-der Täuschung über die Umgebung lebt, ist er in der ursprünglichen
-Vornehmheit geblieben, die es für unanständig hält, aus Erfahrungen zu
-lernen. Ihn gehn die gerade lebenden Römer nichts an, er schaut das
-Römertum im großen und allgemeinen, ihm ist solche Zusammenfassung
-und Möglichkeit eine wahrere Wirklichkeit als zufällig vorhandene und
-zufällig verderbte individuelle Exemplare der Gattung. So kann er tun,
-was Hamlet nicht vermag: er führt ein hohes, glückliches Privatleben,
-und er kann sich aus dem Allgemeinen seiner Anschauung und aus der
-Befriedigung seiner privaten Sphäre heraus zur Tat wenden.
-
-Er ist einer, der aktiv träumt, der seine Denkgebilde, guten Wünsche
-für die Menschheit und Gesichte hinausprojiziert und draußen leibhaft
-als Wirklichkeit oder wenigstens Bereitschaft gewahrt, und ist so
-zugleich ein fühlender Grübler und eine handelnde Natur. Es gibt in der
-Natur und also auch in Shakespeares Menschenwelt alle Kombinationen von
-Eigenschaften, die unsre abstrakte Sprache als Gegensätze von einander
-trennt; Brutus vereinigt Beschaulichkeit und Heroismus.
-
-So vertraut er den Menschen und glaubt an das Gute in ihrer Natur,
-das bei der Wiederherstellung des Gemeinwesens sich auch ganz wieder
-aufrichten müsse. Im großen ganzen hat er recht: es ist dabei nur
-vorauszusetzen, die Republik und republikanische Erziehung wären
-ohne Zugeständnis schon erkämpft und durchgeführt. Das Absolute hat
-immer recht, -- wenn es rein in sich bleibt und sich nicht auf die
-Relativitäten einläßt. Sowie es das aber tut, fängt sein schweres
-Unrecht, sein Irrtum an, und es wird der Doktrinarismus daraus. So
-kommt es, daß Brutus immer wieder -- gegen Cassius’ Rat -- in der
-Politik wie in der Kriegführung entscheidende Fehler macht. Cassius
-aber und die andern fügen sich ihm, wo es nur irgend geht: aus
-Ehrfurcht vor seiner Reinheit. Denn was wäre ihr Unternehmen von
-vornherein und im Ablauf, wenn die republikanische Tugend nicht die
-Führung hätte!
-
-Von dem Augenblick an, wo Cassius eindringlich, schonungslos zu ihm
-gesprochen hat, weiß Brutus mit einem Mal oben alles, was bisher in
-ihm geschwärt und gesonnen hat. Nun muß also entschieden, nun muß die
-Stimmung zum Wort und damit -- für ihn -- zum Beschluß und zur Tat
-werden. Daß nur ja dieses Wort nicht von außen zu ihm kommt; das darf
-nicht sein! Aus ihm selbst, aus ihm allein muß es hochsteigen. Er
-bricht, ohne sich irgend entscheidend geäußert zu haben, das Gespräch
-ab; vereinbart wird nur, sie sehen sich bald wieder, und er weiß: bis
-dahin wird er mit sich im reinen sein.
-
-Er macht nun alles in der Stille mit sich ab. Schlaf findet er keinen
-mehr. Irgendwo in ihm ist der Entschluß schon gefaßt, und er erträgt
-die Zwischenzeit nicht. Es bohrt, es wühlt; er starrt finster ins
-Leere, wo etwas Furchtbares schon sein sollte; er wird von allem in
-seiner Umgebung gestört; er verhält sich wie wohl ein Dichter, in dem
-das Werk fertig wortlos ruht, und der sich scheut, an die Gestaltung
-zu gehn. Bis dann, in der Schreckensnacht, wo es draußen tobt, für
-ihn die Entscheidung und damit die Ruhe da ist. Was draußen vorgeht,
-merkt er gar nicht. Aber er ist nun so weit und spricht es sich aus,
-und damit, daß dieser Mann in nächtlichem Alleinsein in seinem Garten
-dieses Wort spricht, ist es, als wäre die Tat schon vollbracht:
-
- Es muß durch seinen Tod geschehn.
-
-Im Jahre 1803 hat Goethe den Julius Cäsar in Weimar aufführen lassen,
-unter anderm auch in der Erwägung, dieser Eindruck könnte für seinen
-Freund Schiller, der am Tell arbeitete, von Bedeutung sein. Schiller
-kam denn auch sofort „in die tätigste Stimmung“. Nicht zu leugnen, daß
-die Hauptsituation im Tell, daß auf der einen Seite eine Verschwörung
-sich bildet, auf der andern ein einzelner Mann steht, der für sich den
-Tod des Tyrannen beschließt, von Julius Cäsar vorweggenommen ist. Der
-Unterschied ist nur der, daß Tell -- „Ich lebte still und harmlos“
--- durch äußere Vergewaltigung zur Privatrache getrieben wird, daß
-Brutus aber keinerlei Privatrechnung mit Cäsar zu bereinigen hat, daß
-er im Gegenteil ihm bis zuletzt menschlich nahesteht und ihn lieb hat.
-Wenn Schiller etwas der Art zu behandeln gehabt hätte, er hätte sich
-die Szene zwischen den beiden Freunden nicht entgehen lassen und wir
-hätten eine neue, noch furchtbarere Arie „Max, bleibe bei mir...“ in
-die deutsche Literatur bekommen, wozu dann das Duett zwischen Cäsar
-und Brutus, das der Räuber Moor zur Laute singt, eine Vorübung gewesen
-wäre. Für den harten, keuschen Shakespeare gibt es nichts der Art. Ein
-solches Gespräch könnte gar nichts ändern; mit dem Bilde Cäsars, wie
-er nun geworden ist und mit Notwendigkeit sich weiter verwandeln wird,
-hat Brutus sich auseinanderzusetzen; es geht ums Gemeinwesen, nichts
-andres gilt. Erst wenn der Entschluß gefaßt ist, wie Brutus sich den
-Verschworenen angeschlossen hat, kommt seine Liebe zu Cäsar zu einem
-erschütternden Ausdruck; aber nicht im entferntesten in der Form des
-Bedenkens; er liebt Cäsar, indem er ihn opfert. Aber die Tat und ihre
-Ausführung muß denn auch von diesem Geist der Liebe gefärbt werden; die
-Liebe zur Person muß sich verwandeln in die Reinheit der Sache:
-
- O könnten wir doch Cäsars Geist erreichen
- Und Cäsarn nicht zerstücken! Aber, ach!
- Cäsar muß für ihn bluten! Edle Freunde,
- Wir wollen kühn ihn töten, nicht in Wut ...
-
-Und viel später, im Streit, sagt Cassius sehr wahr zu ihm:
-
- Ich weiß, als du am ärgsten
- Ihn haßtest, liebtest du ihn mehr, als je
- Du Cassius geliebt.
-
-Ja, so ist es: Haß aus Sachlichkeit und persönliche Liebe kann Brutus
-in reicher Seele so in einem Punkt vereinigen, wie Antonius echten
-Schmerz aus Liebe und Politik aus Berechnung.
-
-Daß Brutus aus seiner unterirdischen Besinnung mit dem Beschluß
-erwacht: Cäsar muß fallen, steht mit seiner ungemeinen Achtung vor
-Cäsar in genauer Verbindung. In Cäsar, in ihm allein, ist ihm der
-ganze Geist, den wir heute Cäsarismus nennen, verkörpert. Ein Opfer
-muß fallen, damit Roms Freiheit wiederersteht; Cäsar muß dieses
-Opfer sein, weil in ihm, dem überlegenen Staatsmann, der Geist der
-Gewaltherrschaft konzentriert und nur mit seinem Leben auszurotten
-ist; damit aber soll es genug sein. Ein einziger Mensch soll getötet
-werden, damit die Freiheit wieder lebe; gerade das, diese Umkehrung
-des monarchischen Gedankens, ist es, was Brutus fasziniert. Darin sind
-Cäsar und Brutus einig: Cäsar ist für sie der König des Reiches; wozu
-ich berufen bin, muß ich in Wirklichkeit werden, sagt sich Cäsar und
-strebt nach der Krone; du also, du allein mußt fallen, erwidert Brutus.
-Wäre es nicht so, wären noch andere gefährlich, könnte man von den
-Römern erwarten, daß sie nicht sofort zur Freiheit zurückkehrten, wenn
-ihnen der Untergang Cäsars verkündigt wird, wie wäre dann ihre Tat
-gerechtfertigt? Wäre dann nicht die Zeit der Republik vorbei? Alle
-andern, auch Antonius, dürfen am Leben bleiben; sie sind nichts, wenn
-ihnen das Haupt genommen ist, in dem allein der Königsgedanke lebendige
-Kraft hatte.
-
-Das ist sein ungeheurer Irrtum. Für Shakespeares Kunst aber, uns mit
-bis ins Feinste lebendigen Menschen umgehen zu lassen, weiß ich kein
-leuchtenderes Zeichen als dieses: daß man den Drang verspürt, aus
-innerster Teilnahme mit seinen Menschen zu rechten. In diesem Moment
-der Entscheidung wollte ich zu Brutus zu reden versuchen, wollte ihm
-Dinge sagen, wie ich sie dem großen Tolstoi, wie ich sie manchen
-russischen Revolutionären gegenüber auf der Zunge hätte: daß man das
-Absolute denken, aber nicht tun kann. Cassius wird sehr bedenklich bei
-Brutus’ Worten der Geringschätzung, mit denen er Antonius das Leben
-schenkt; er versucht auch, dagegen zu streiten; und in der Tat, wenn
-Brutus von Antonius meint:
-
- Liebt er den Cäsar, so vermag er nichts
- Als gegen sich: sich härmen, für ihn sterben.
- Und das wär’ viel von ihm, weil er der Lust,
- Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt,
-
-so sehen wir gleich nachher, daß er wesentliche Grundzüge des Mannes,
-sein leicht erregtes Gefühl und seine Liederlichkeit, ganz richtig
-beurteilt; andere Züge, die wir dann am Werk, am Werk der Vernichtung
-gegen die Verschwörer sehen werden, gewahrt er aber nicht und sieht
-vor allem nicht, daß Rom so heruntergekommen ist, daß eine Zeitlang
-wenigstens Antonius in seiner ganz ändern und niedrigeren Art die Rolle
-Cäsars spielen kann. Brutus ist kein Staatsmann, kein Rechner; er ist
-zu gar nichts Schlechtem imstande und ahnt in seinem Studio nicht,
-daß die Zeiten und die Mittel, sie zu beherrschen, sich arg verändert
-haben. Er fürchtet Cäsar und nur Cäsar, weil er an ihm Größe und Adel
-kennen gelernt hat, die nun vom Weg republikanischer Tugend abgeirrt
-sind; er sieht nicht, daß in der Politik beweglichem Volk gegenüber
-Größe, Adel, Tugend auch geschauspielert werden können, besonders von
-so einer glänzenden Komödiantennatur wie Antonius, der die Wahrheit
-in den Dienst der Lüge, den echten Schmerz in den Dienst der Politik
-stellen kann.
-
-Brutus kennt die Welt um so weniger, als alles, was ihn in seiner
-Sphäre umgibt, rein und edel ist. Wir sehen es auch an den
-Fernerstehenden: im Umgang mit ihm müssen sie sich von ihrer saubersten
-Seite zeigen; er sieht immer nur die Sonntagsseite der Menschen,
-nicht bloß, weil er so rein und ohne den Schmutz des Mißtrauens in
-den Augen blickt, sondern weil sie im Umgang mit ihm besser sind als
-sonst; jeglicher hat ja so viele Möglichkeiten! Und der Brutuscäsar,
-dem er sich als Freund gab, war gewiß auch ein anderer als der Cäsar,
-wie er sonst mit den Menschen umging; und Brutus mußte ihn von da ab
-allmählich in anderm Lichte sehen, wo Cäsar so sehr ein öffentliches
-Leben führte, daß der Unterschied von dem, der in vertrauten Stunden
-mit ihm sprach, mehr und mehr sichtbar wurde. Brutus hat den
-Magnetismus des Guten, das Gute anzuziehen; wie hätte er ein solcher
-Mann zugleich der Betrachtung und der lebendigen Tat, der Schwermut
-und der Aktion werden können, wenn er nicht das Glück gehabt hätte,
-seinen Umgang zu finden. Er lebt in einer Atmosphäre der Reinheit: da
-ist sein Oheim -- dann auch sein Schwiegervater -- Cato, dessen junger
-trefflicher Sohn, Portia seine Frau, bis hinab zu seinen Dienern; es
-ist alles Treue und Ehre, Poesie und Musik, was ihn umgibt.
-
-Sein Weib steht so hoheitsvoll neben ihm, daß er der Schweigsame, der
-alles mit sich allein abgemacht hat und sogar in diesen produktiven
-Tagen der letzten Entscheidung hie und da unwirsch geworden ist, ihr
-schließlich das furchtbare Geheimnis anvertrauen darf. Nur das ist
-für sie beide wahre Ehe, wenn sie ohne Einschränkung auch geistige
-Gemeinschaft haben. Was für ein anderes Paar -- nicht etwa als Macbeth
-und seine Frau; nie vermöchte man, Brutus und Portia so wie diese ein
-Mörderehepaar zu nennen, obwohl sie es dem Wortsinne nach sind --, aber
-als Cäsar und seine Calpurnia, an deren Liebe wir gewiß eher glauben
-als an ihre Würde im Verkehr mit einander und gegenseitige Achtung; wie
-anders auch als Percy und sein Weibchen! Es wird kein Zufall sein, daß
-Shakespeare jener andern hohen adligen Frau, die ebenbürtig an Geist
-ihre Frauenseele in den Streit der Männer trägt, ohne Anhalt in den
-Quellen den Namen Portia gegeben hatte:
-
- Ihr Nam’ ist Porzia, minder nicht an Wert
- Als Catos Tochter, Brutus’ Porzia.
-
-Nur sehr ungern entschließt Brutus sich, sie zur Mitwisserin dessen
-zu machen, was erst geschehen soll; ist es getan, so wird er der
-erste sein, Rom die Tat zu verkündigen; auch möchte er ihr gegenüber
-nur schweigen, weil er weiß, daß die Pein um ihrer Liebe zu ihm
-willen fast über ihre Kraft geht. Denn nie ist innig überwältigender
-gezeigt worden, wie die männlichste Kraft des Geistes, die so zu
-Willen wird, daß sie den Körper verwunden und schließlich aus dem Weg
-räumen kann, mit der weiblichsten Schwäche der Seele und der Physis
-vereint leben kann; ja, wie sie schließlich in den Tod geht, weil
-ihre Gemeinschaft mit dem geliebten Manne so groß ist, daß sie sein
-Schicksal voraus erlebt und sich in Verzweiflung, in einer Stunde der
-Wut tötet, ehe es sich erfüllt hat -- wer ist da ein solcher Virtuos
-der Abstraktionsanalyse, daß er sich zu entscheiden getraut, ob ihre
-zerbrechende Frauenseele oder ihr starker Geist über ihrem Ende
-gewaltet hat?
-
-Daß Brutus und Cassius Männer, ganze Männer sind, zeigen sie es am
-kraftvollsten in ihrem Ende? Nein, ich gestehe, ihre Männlichkeit
-leuchtet mir am trefflichsten aus ihrer Haltung nach ihrer Tat hervor.
-Brutus, den wir immer gesetzt, in sich gekehrt, wie mit einem Druck auf
-Kopf und Herzen gesehen haben, wird aufgeräumt. Heroische Lust kommt
-über ihn; er hat die Ehrsucht ermordet; nun stellt er sich vor allem
-andern selber dem Tode.
-
- Schicksal! wir wollen sehn, was dir beliebt.
- Wir wissen, daß wir sterben werden ...
-
-Ja sogar, er ist adlig genug und sachlich genug und liebevoll genug,
-um in dieser Welt, in der Worte nicht im geringsten die Haut ritzen,
-in der nur Taten töten, unmittelbar nachdem er den Dolch in die Brust
-seines Freundes gestoßen hat, einen Scherz auf Kosten dieses seines
-Opfers zu wagen, einen solchen freilich, der ernste Bedeutung hat.
-Cassius hat gerufen, mit dem Leben sei auch die Todesfurcht zu Ende;
-Brutus schließt daran an:
-
- Gesteht das ein, und Wohltat ist der Tod.
- So sind wir Cäsars Freunde, die wir ihm
- Die Todesfurcht verkürzten ...
-
-So, so stolz, so selbstbewußt, so freudevoll haben sie nie gelebt wie
-in dem Augenblick, diese Männer! Sie wissen, sie sind nicht Hinz und
-Kunz, jetzt eben hat die Geschichte, hat der Geist der Menschheit durch
-sie gewaltet. Bis in die spätesten Zeiten
-
- Wird man auch unsern Bund, die Männer nennen,
- Die Freiheit wiedergaben ihrem Land.
-
-Die Leiche, die da unten zu Füßen der Pompejusstatue liegt, ist ihnen
-nur noch die Brücke auf dem Weg zur Wiederherstellung. Trunken vor
-Stolz und Lust -- wir hätten nie zuvor geahnt, daß der Stille je
-berauscht sein könnte -- taucht Brutus die Hände, die Arme tief in
-Cäsars Blut, färbt sein Schwert mit dem echten Farbstoff der Revolution
-rot und bricht in den Jubelruf aus, den wir nicht übersetzen können:
-
- ~Peace, freedom, liberty!~
- Friede, Freiheit und immerzu Freiheit!
-
-Kein Bürgerkrieg mehr; mit der wiedergewonnenen Freiheit soll das weite
-römische Reich, soll die zivilisierte Menschheit ein Reich des Friedens
-bilden.
-
-So bis an die äußersten Grenzen gehen konnte nur Shakespeare. Was ist
-die fassungslose Todesfurcht des romantischen Helden, des Prinzen
-von Homburg -- die überdies, in Liebe und Ehrfurcht vor Deutschlands
-größtem Dramatiker sei’s gesagt, von Shakespeare stammt -- gegen
-Brutus, der seine Arme bis zu den Ellbogen jauchzend ins Blut seines
-Ermordeten taucht und doch Brutus bleibt? Und wenn man nun in feuriger
-Sympathie bei diesen todbereiten Tyrannenmördern ist, die in dem einen
-Augenblick der Rast, den sie sich gönnen, sich so bis aufs Letzte der
-Stimmung ihres tatgewordenen Willens hingeben, dann kommt Antonius, von
-demselben Dichter in dieses nämliche Stück gestellt, und dreht einem
-das Herz dermaßen im Leibe um, daß man sich in überströmendem Mitgefühl
-ganz zu ihm und zu Cäsar neigt, daß man Julius Cäsar nicht mehr sieht,
-wie er sich vor unsern Augen bewegt hat und wie ihn die Verschwörer
-sehen, sondern wie Marc Anton ihn schildert.
-
-
-IV. Antonius
-
-Wo war Antonius in der Zeit? Er hatte sich willig von einem der
-Verschworenen beiseite nehmen und beschäftigen lassen und war dann in
-höchster Eile nach Hause geflohen. Denn ganz sicher, ob es nicht auch
-ihm das Leben kosten würde, konnte er keineswegs sein. Wer aber scharf
-zusieht und weiß, daß bei Shakespeare nichts umsonst steht und nichts
-ohne Grund weggeblieben ist, der gewahrt deutlich genug in überaus
-feinen Zügen, was übrigens auch Plutarch andeutet und was geschichtlich
-sehr wahrscheinlich ist, daß Marc Anton die Ermordung Cäsars geschehen
-ließ, begünstigte und Cäsar in Sicherheit wiegte. Er machte es, wie
-so manchmal Politiker, nach dem Rezept von Shakespeares Kardinal
-Pandulpho: er ließ andere für sich morden und wartete seine Zeit ab, um
-dann mit den Mördern fertig zu werden, die sein Werk getan, ohne es zu
-ahnen.
-
-Nach einiger Zeit traut er sich heraus, schickt aber vorsichtig erst
-seinen Diener vor, um den Herren der Situation in seinem Namen zu
-huldigen und sie zu fragen, ob er kommen dürfe und Näheres erfahren.
-Brutus ist noch ganz in der Begeisterung, in der man die Welt umarmen
-möchte, und läßt ihm sehr freundliche Dinge sagen. Cassius traut
-ihm gar nicht; und wie nun Antonius da ist und sich in wundersamer
-Mischung auf jeden Fall sehr lebendig zeigt, beeilt sich Cassius, ihm
-zunächst eine hervorragende Stellung in der Provisorischen Regierung zu
-versprechen. Wie nun aber gar Brutus unbedacht edelmütig dem Antonius
-zusagt, er dürfe, wie’s alter Brauch, dem toten Freunde bei der
-Schaustellung der Leiche die Rede halten, da nimmt ihn Cassius beiseite
-und beschwört ihn dringend und wiederholt, ihre große Sache dieser
-Gefahr nicht auszusetzen. Aber Brutus hat gar kein Bedenken; er verläßt
-sich auf seine Römer und auf die guten Gründe der Tat, die er ihnen,
-ehe Antonius zu Worte kommt, vorlegen wird.
-
-Brutus redet in schlichter, wiewohl keineswegs formloser Rede. Es ist
-Prosa, aber man sollte meinen, nichts könnte von tieferer Wirkung
-sein als diese Sachlichkeit, diese gedrängte Inbrunst, dieser Aufbau
-in Wiederholungen und Steigerungen, diese Einheit von Intimem und
-Öffentlichem, und vor allem: diese zweifellose Wahrhaftigkeit. „Weil
-Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich
-mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn; aber weil er herrschsüchtig
-war, erschlug ich ihn... Wer ist hier so niedrig gesinnt, daß er
-ein Knecht sein möchte? Ist es jemand, er rede, denn ihn habe ich
-beleidigt...“
-
-Feuer und Flamme sind denn auch die römischen Bürger, die ihn hören;
-und am liebsten machten ihn die, die bestätigen, daß sie keineswegs
-Knechte sein möchten, sofort zum neuen Cäsar! Dann aber -- während
-Brutus geht, um an anderer Stelle zu sprechen -- kommt Antonius an die
-Reihe.
-
-Ganz falsch wäre es, seinen Schmerz, wie er ihn zunächst im Kreis der
-Verschworenen und nun öffentlich an Cäsars Leiche zum Ausdruck bringt,
-mit plumpem Wort erheuchelt zu nennen. Diese einfache Sprache dürfen
-wir nicht reden, wenn wir bei Shakespeare und der Natur sind; so geht’s
-in der tief verworrenen Seele eines vielfältig gespaltenen Menschen
-nicht zu.
-
-Wir haben schon von Brutus gehört, daß Marc Anton ein sentimentaler
-Mensch ist. Wie wird er denn nicht echten Schmerz empfinden und
-echte Tränen weinen, wenn der väterliche Freund und Wohltäter aus
-vielen Wunden blutend tot vor ihm liegt? Vorher hatte er wohl
-geahnt, was kommen werde, hatte mit dem Gedanken gespielt und ihn
-in seine Rechnung gezogen; als unverwüstlich gesunder Mann kann er
-sich leidenschaftliches Gefühl und äußerste Kälte so wie liederliche
-Ausschweifung und entbehrungsreiches Feld- und Lagerleben erlauben:
-jetzt ist’s letzter Ernst, da gibt er sich schrankenlos und doch noch
-sich selbst und sein Publikum belauernd dem Gefühl hin. Anschaulich hat
-er nun den großen Mann kläglich tot, gemeuchelt vor Augen, und kommt
-auch unser Wort Schauder oder Schauer keineswegs von schauen, sondern
-von dem schüttelnden, bebenden Zucken unsres Leibes, so erleben wir
-doch in Wahrheit das Schaudern, das der Menschheit bestes Teil ist,
-wenn wir die Wirklichkeit nackt schauen, so daß zwischen unserm Gefühl
-und dem Grund zu diesem Gefühl gar keine Spanne mehr ist: wir sehen das
-Leid und Erbarmen mit Augen.
-
-Aber er ist ein Mann, der sich in der Hand hat; der sich erstaunlich,
-bis zur Exzessivität loslassen kann und sich doch nicht verliert.
-Brutus hat ihn weit unterschätzt; auf die Größe der Lasterhaftigkeit
-versteht sich der Mann der Bürgertugend nicht.
-
-Das ganze Gespräch mit den Verschwörern, eingeschlossen seine
-erschütterte Klage vor dem Toten, ist für Antonius, der sich immer noch
-ein Stockwerk aufsetzen kann, zugleich eine Zeit der Besinnung und der
-Einübung. Bei seiner ersten Annäherung hatte Cassius sehr gradezu den
-unschuldsvollen Brutus gefragt, ob er sein eignes Gesicht sehen könne,
-und Brutus hatte erwidert:
-
- Nein, Cassius, denn das Auge sieht sich nicht,
- Als nur im Widerschein, durch andre Dinge.
-
-Das weiß Antonius aber ganz anders. Tränen vergießen in wahrhaftem
-Schauer und doch zugleich sich selber beobachten und sich für die
-Wiederholung merken, wie jeder Muskel in Bewegung gesetzt wird, das
-kann er und muß es können, da er ein geborener und geübter Schauspieler
-ist. So hat er, als er erstmals an der Leiche Julius Cäsars stand,
-mit den Mördern zusammen, und dann auch, als er ein paar Augenblicke
-mit ihr allein war und ekstatisch der Zorn und der Schmerz und der
-Rachedurst hervorbrach, dabei doch schon seine große Leichenrede
-einstudiert.
-
-Sie ist ganz Shakespeares Eigentum; nichts davon ist überliefert.
-Daß Shakespeare die „Bürgerkriege“ des Appian gekannt hat, die 1578
-englisch erschienen, ist recht wahrscheinlich; aber er hat weder die
-dort berichtete lange langweilige Rede des Brutus noch die Leichenrede
-des Antonius ihrem Inhalt nach irgend benutzt. Marc Antons Leichenrede
-bei Shakespeare ist das bewunderungswürdigste Meisterstück dieser
-einzigen Gattung: der untrennbaren Verbindung von Schmerzenspathos
-und Demagogie größter Art. Es waltet darin eine Steigerung, eine
-langsame Umwandlung des Standpunkts, ein Schwung und eine Klugheit
-ohnegleichen. Er knüpft da an, wo Brutus aufgehört hat, und eine
-Zeitlang klingt es fast, als rede einer der Mitverschworenen weiter.
-So hören sie ihn gespannt an; in den Worten vom edeln Brutus, und daß
-er gesagt habe, Cäsar sei voll Herrschsucht gewesen, liegt noch nicht
-die leiseste Ironie; auch noch nicht bei der zweiten, der dritten
-Wiederholung; diese Zusammenstellung, daß der Wert der Aussage des
-Brutus von dem Glauben an seine Ehrenhaftigkeit abhänge, soll sich
-nur einprägen. Im ferneren tut er, was seine besondere Aufgabe ist,
-was ihm ausdrücklich bewilligt worden ist: er ist der Klageredner.
-Und trauern -- zu trauern werdet ihr euch doch wohl getrauen, die ihr
-Cäsar geliebt habt! Da wird er lebhaft, ausfallend, die Tränen steigen
-ihm auf; er macht die erste Kunstpause, während deren die Bürger ihre
-Erregung gegenseitig steigern. Nun hebt er wieder an, mit neuer, ganz
-weich gewordener Stimme. Der große Appell ans Mitleid kommt nun, die
-Möglichkeit, die Bürger zur Empörung zu entflammen, darf in scharfen
-Worten laut werden, da sie abgewiesen wird, und nun schließt sich
-sofort an den Preis der tapfern, majestätischen, weltgebietenden Größe,
-die nun Staub ist, die Anstachelung des betrogenen Egoismus: er hebt
-Cäsars Testament in die Höhe. Aber er will es nicht vorlesen, er macht
-sie leidenschaftlich begierig, es zu hören, und jetzt darf er es wagen
--- beim siebenten Mal -- von den ehrenwerten Männern keck und scharf
-in einem deutlich aggressiven Ton zu reden, den „ehrenwerten Männern,
-von deren Dolchen Cäsar fiel“. Das Volk ist wild geworden; er macht
-die zweite Pause, er ruft in den Tumult hinein, daß Cäsar sie, sie
-selber zu Erben eingesetzt habe, und bereitet sich, vom Testament --
-lange kein Wörtchen mehr zu sagen. Er steigt hinab, um ihnen Cäsars
-Leiche und seine Wunden zu zeigen, seine Mörder einzeln zu nennen,
-seine Taten bei hochberühmten Namen genannt ins Gedächtnis zu rufen.
-Er braucht Aufruhr der wildesten Gefühle, sofortigen Aufruhr, Mord und
-Brand! Und wie sie schon alle in Tränen aufgelöst und von Gram und Wut
-fast erstickt sind, da hat er ihnen ja nur erst Löcher in einem Mantel
-gezeigt; jetzt enthüllt er ihnen den nackten, kläglichen, mit Blut
-besudelten Leib. Das haben die Verräter getan! Nun ist die Rachewut da,
-und die Begeisterung so groß, daß er den Inhalt des Testaments noch
-schließlich dreingeben kann: zu allererst hätte der karge Teil, der
-auf jeden Bürger fällt, kaum einen Eindruck gemacht, und ebensowenig
-die Gärten jenseits des Tiber, die nun der Stadt Rom gehören sollen
--- nun aber hat er alles getan, was er zugesagt, die Rede ist rund
-und geschlossen, kein Zweifel bleibt; es beginnt Morden, Brennen,
-Plündern, der Pöbel steigt auf die Straßen, und Antonius hat ihn,
-hat die ganze Bevölkerung Roms fast in der Hand. Die Revolution, die
-mit dem innigen Ruf: Friede! begonnen hatte, verwandelt sich in den
-Bürgerkrieg. Wie’s in Rom zugeht, was für ein Ding eine Revolution ist,
-die nicht vom Geiste geführt, sondern von der Demagogie losgelassen
-ist, erleben wir in einem einzigen kleinen Beispiel: die taumelnde,
-mordsüchtige Menge kennt einen Cinna als einen der Verschworenen und
-bekommt einen harmlosen Dichter desselben Namens unter die Hände; der
-Irrtum wird aufgeklärt; aber sie wollen einen Cinna, sie wollen ein
-Opfer haben: reißt ihn in Stücke! Was kann die Geschichte noch neues
-bringen? Shakespeare hat Napoleon, er hat auch die humoristisch wild
-niedermetzelnden Volkshaufen der Septembermorde gekannt.
-
-
-V. Das Ende
-
-Brutus und Cassius müssen aus Rom fliehen. Antonius, der viel zu
-klug ist, um sich für einen Cäsar zu halten, und der sich überdies
-die gewaltige Anspannung nach Cäsars Tod nicht bloß gegen die
-Verschworenen, sondern vor allem auch gegen den jungen Octavius
-zugemutet hat, tut sich, nunmehr im Besitz der größten Popularität
-und der Macht des Augenblicks, sofort mit diesem Adoptivsohn Julius
-Cäsars und mit dem einflußreichen -- weil reichen -- Bürger Lepidus
-zum Triumvirat zusammen. Manchmal möchte man einen Augenblick
-innehalten, um sich zu besinnen, daß das ja nicht bloß Geschehnisse
-sind, wie sie sich aufs reichste und sicherste aus den vom Dichter
-gestalteten Charakteren ergeben, sondern daß es umgekehrt ist:
-alle äußern Tatsachen sind die überlieferte Geschichte, zu der
-Shakespeare den psychologischen Schlüssel gegeben hat. Vorläufig hat
-Antonius in dem Dreimännerregiment die Führung. Er ist ein besserer,
-unmenschlicherer Politiker als Brutus: das große Morden setzt ein,
-die Proskriptionslisten werden aufgesetzt. Sie spielen gegen einander
-die Gerechten, bestimmen ihre nächsten Verwandten gegenseitig mit zum
-Tod; es ist in ihrem Verkehr eine Mischung aus Verstellung und offener
-Schamlosigkeit: Cäsars Testament nehmen sie eilig vor und verkürzen, wo
-es geht, die Legate. Aber Antonius und Octavius fangen schon an, mit
-einander zu ringen, ihr Gegensatz kündigt sich an. In der militärischen
-Szene zu Beginn des fünften Akts wird es schon so weit sein, daß sich
-die Überlegenheit des jungen Octavius zeigt. Das Weitere erfahren wir
-dann in dem Stück, das anschließt: Antonius und Cleopatra.
-
-Brutus und Cassius müssen weit in die Ferne ziehen, um Völker
-auszuheben und den Krieg für die Freiheit zu führen. Wieviel Zeit
-vergeht, bis wir wieder zu ihnen stoßen, was alles der Dichter wegließ,
-was er im Plutarch sehr wohl fand, darnach fragen wir nicht. Wir sind
-in Shakespeares idealer Zeit, die sich nach dem inneren Ablauf richtet.
-Es geht nur noch ums Ende; das römische Volk, das Brutus träumte, ist
-nicht da; ihre Sache ist verloren. Aber sie sind Römer und kämpfen, als
-ob sie siegen könnten.
-
-Wie es aber in ihnen aussieht, das erfahren wir sofort, wenn wir
-sie wieder vor uns haben; im Lager von Sardes in Kleinasien ist
-es. Die Kraft ihrer Nerven ist nahe am Ende; sie haben sich lange
-nicht gesehen, haben in verschiedenen Teilen des Landes operiert,
-Botschaften, die hin und her gingen, haben sie in ihrer verzweifelten
-Lage gegen einander erbittert, und nun, wo sie zusammenkommen, bricht
-leidenschaftlicher Streit aus. Der Gegensatz der beiden Naturen und
-ihrer Beziehung zu ihrer Lage offenbart sich; Brutus hat Cassius
-mannigfache Praktiken zweifelhafter und unsauberer Art vorzuwerfen;
-Cassius beklagt sich bitter, daß Brutus seinen politischen und
-militärischen Maßnahmen fortwährend hindernd in den Weg tritt. Es
-ist nun zu sagen, daß Brutus ein ideales Ganze geschaut hat und es
-im wahren Sinne des Wortes mit einem Schlag, mit dem Schlag, der
-Cäsar traf, herstellen wollte. Es ging aber nicht so, Cassius hatte
-es vorausgesehen, hatte allerdings auch -- zu dem guten Zweck -- das
-unheilige Mittel angewandt, Brutus über die Lage zu täuschen. Wie auch
-immer, sie waren nun auf den Weg der Politik und des Krieges gedrängt
-worden, hatten ihn beschritten, und wer darin nur reine und edle
-Mittel anwendet, ist ein Edler, ist Brutus; wer aber auch andre nicht
-verschmäht, ist ein Politiker wie Cassius. Ohne Unreinheit vielfacher
-Art ist weder Politik noch Krieg irgend möglich; und wenn es Cassius’
-Schuld ist, daß er ein Politiker ist, so ist es Brutus’ Verhängnis
-oder Schuld, daß er, ohne es zu sein, sich in die Politik begeben hat.
-Darum, weil Cassius hie und da völlig Schmutziges tut oder duldet, ist
-er noch durchaus kein Unedler. Wie denn könnten wir -- wir heute gar!
--- nur einen Augenblick das Leben ertragen, wenn wir die Menschen, das
-geheime Sein, das Wesen, die wahre Art, die Möglichkeiten der Menschen
-nach dem beurteilen müßten, was sie in ihrer Rolle tun! Das zumal
-lernen wir in tiefster Seele von Shakespeare: so gar, so unsäglich, so
-unendlich viel birgt die Wahrheit unsres schlechtweg unergründlichen
-Innern, und so gar, so unsäglich, so unendlich viel geben wir den
-äußern Anforderungen der Verhältnisse in unserm Verhalten nach, daß
-keiner uns kennt, keiner uns gerecht wird, der uns nach unserm Tun
-beurteilt. Wonach aber, wonach in aller Welt soll man die Menschen
-beurteilen, wenn nicht nach dem Tun? Die Antwort ist längst gegeben,
-und es gibt keine andre: Richtet nicht! Nach unsrer Liebe, die ihre
-Phantasiekraft ins Innere der andern hineinschickt und sie sieht, als
-wären wir sie, wir in unsrer schwächsten oder in unsrer schönsten
-Stunde, danach mit den Menschen umzugehn wäre das Beste.
-
-Zu liebevoller Nachsicht oder nur zu liebenswürdigen Formen sind die
-beiden großen Römer in dieser Stunde nicht gleich imstande. Sie
-leiden unter der noch nicht recht klar bewußten Stimmung, daß alles
-verloren ist, sie selber und mit ihnen ihre hohe Sache. Aber nachdem
-sie sich böse Dinge gesagt und sich durch den Zorn erleichtert haben,
-ebbt es ab, sie schämen sich, sie kommen einander entgegen, sie klären
-Mißverständnisse, an denen die Entfernung schuld war, auf und versöhnen
-sich schließlich von ganzem Herzen. Und dann läßt Brutus Wein bringen,
-und sie sitzen noch für einen Augenblick beisammen. Und nun erst, wo
-sie einander wieder ganz gut sind, erfahren wir, die wir vorher doch
-über den so veränderten, so dem Affekt nachgebenden Brutus gestutzt
-hatten, was Entsetzliches in ihm bohrt. Hier wird Shakespeare ganz
-anbetungswürdig, und wer seine innig schöne Seele nicht zu lieben
-verstünde, hier müßte er’s lernen und könnte knien vor diesem Menschen.
-
-Ihre Seelen haben sich nun entspannt; es kommt Erleichterung, kommt so
-etwas wie Heiterkeit in Schwermut, kommt das Gespräch.
-
- _Cassius_
-
- Könnt Ihr so zornig sein? Das dacht’ ich nicht.
-
- _Brutus_
-
- O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.
-
- _Cassius_
-
- Ihr wendet die Philosophie nicht an,
- Die Ihr bekennt, wenn Ihr der Stimmung nachgebt.
-
- _Brutus_ (ganz still)
-
- Kein Mensch trägt Leiden besser. -- Portia ist tot.
-
- _Cassius_ (schreit)
-
- Ha! Portia!
-
- _Brutus_
-
- Sie ist tot.
-
- _Cassius_
-
- Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?
-
-So, in diesem Zusammenhang, erfahren wir Portias Tod; wir hatten
-nichts mehr von ihr gehört, seit sie in fieberhafter Erregung und
-Angst an den Iden des März auf der Straße stand und auf Nachricht
-wartete. Plutarch, der alles in gehöriger oder ungehöriger Folge der
-Geschehnisse oder der moralischen Lehren aneinander reiht, erzählt ihr
-Ende, wie er eben dran kommt; bei Shakespeare erleben wir’s so.
-
-Und wie erhellen die beiden einander in diesem Augenblick! Brutus, der
-alles nach innen, tief hinunter ins Schweigen drängt, sich immer noch
-mehr und noch mehr komprimiert und endlich, ein einziges Mal, da er
-allzu viel geladen hat, platzt; und Cassius, der, wie er’s erfährt, wie
-vor einem Wunder steht: er ist ja gerade der Künstler der Äußerung,
-wie Brutus des Schweigens; Portia ist tot, ich hab’ ihn aufs äußerste
-gereizt, und ich lebe noch! er hat mich nicht erwürgt?
-
-Man meint, dies wäre ein letzter Höhepunkt; aber bei Shakespeare geht’s
-immer noch höher hinauf und wir halten’s aus. Kaum eine andre Szene bei
-Shakespeare ist so geheimnisvoll, so ahndevoll, so schwermütig, aber
-auch so kunstvoll aufgebaut wie diese: der Zwist der beiden Freunde,
-die bis an die Grenze der Menschheit zusammen gegangen sind -- Portias
-Tod überwältigend mitgeteilt als Erklärung für den Zustand, in dem
-wir Brutus’ Gemüt gesehen haben -- dann, um uns durch Einfacheres zu
-beruhigen, der Kriegsrat, der uns in einer nicht so geweihten Zone
-berührt, aber äußerst interessiert; denn wie liebenswürdig zuvorkommend
-sind nun Cassius und Brutus gegen einander, und wie geschieht gerade
-dadurch von neuem ein großer Fehler, der entscheidende, der das Ende
-herbeiführt: Cassius gibt dem Brutus in einer strategischen Sache von
-entscheidender Wichtigkeit, die er viel richtiger beurteilt, nach,
-und so wird der Beschluß gefaßt, nicht in Erwartung des Feindes zu
-verharren und sich zu verstärken, sondern ihm mit der Kühnheit, die
-Brutus, wenn er handelt, immer und jetzt, in seiner Seelenverfassung,
-erst recht braucht, bis Philippi entgegenzuziehen und dort die
-Entscheidung zu suchen. Darüber ist es spät geworden; Cassius und
-die andern Heerführer verlassen Brutus’ Zelt; noch klingt uns sein
-„Gute Nacht, mein guter Bruder“ im Ohr, mit dem er sich von Cassius
-verabschiedet; nun ist Brutus allein mit den treuen Seelen, die ihn
-bedienen; wie gut ist er zu ihnen, wie entschuldigt er sich bei dem
-Knaben Lucius, daß auch der einmal unter seinen Nerven ein bißchen hat
-leiden müssen; er läßt sich von ihm ein Lied zur Laute singen, der
-Knabe schläft darüber ein; Schlaf liegt über dem ganzen Heerlager;
-Brutus wacht.
-
-Da tritt eine erschreckende Erscheinung, ein gewaltiger Dämon ins Zelt.
-Er ist als nichts Bestimmtes zu erkennen, nicht einmal der Art nach.
-
-Die Zwischenbemerkung, die von der ersten, der Nachlaßausgabe an durch,
-soviel ich weiß, alle Ausgaben und Übersetzungen geht: „Es tritt auf
-der Geist Cäsars“, stammt, wie so ziemlich alle diese Bemerkungen,
-die meist richtig sind, nicht von Shakespeare. Diesmal ist sie sehr
-irreführend. Shakespeare folgt an dieser Stelle Plutarch ganz getreu.
-Da heißt es: „Brutus sah nach dem Eingang hin und erblickte eine
-seltsame, fürchterliche Gestalt von ungeheurer Größe, die schweigend
-neben ihm stand.“ Doch hatte er das Herz zu fragen: „Wer bist du?
-ein Mensch oder ein Gott? zu welchem Ende kommst du zu uns?“ Die
-Erscheinung antwortete: „Ich bin, Brutus, dein böser Genius, bei
-Philippi wirst du mich wiedersehen.“ Ohne sich zu entsetzen, erwiderte
-Brutus: „Gut, ich _werde_ dich sehen.“
-
-Genau dem entspricht das Gesicht, die Anrede und Antwort bei
-Shakespeare:
-
- Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen
-
-[Wir dürfen denken: von den vielen durchwachten Nächten],
-
- Die diese schreckliche Erscheinung schafft.
- Sie kommt mir näher -- Bist du irgend was?
- Bist du ein Gott
-
-[eigentlich: einer der Götter, ~some god~, und so auch im
-weitern],
-
- ein Engel oder Teufel,
- Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?
- Gib Rede, was du bist!
-
-Die Antwort der Erscheinung übersetzt Schlegel:
-
- Dein böser Engel, Brutus;
-
-Engel, weil er ein zweisilbiges Wort braucht; es heißt ~spirit~:
-Dein böser Geist; Engel darf hier nicht gesagt werden, weil ja eben
-die Frage war: bist du aus dem Bezirk der Götter, der Engel oder der
-Teufel? Und die Erscheinung erwidert, als sagte sie: Ich bin keins von
-den dreien; ich bin dein böser Genius, Brutus.
-
-Und nun weckt Brutus den Knaben im Zelt -- „Die Saiten sind verstimmt“,
-mit diesen ahndevoll schweren Worten erwacht er -- und die andern
-Diener und stellt fest, daß niemand außer ihm die Erscheinung
-bemerkt hat. Er ist sofort entschlossen, an dem Plan, nach Philippi
-hinüberzuziehen, nichts zu ändern; am Morgen soll aufgebrochen werden.
-
-Nicht die sichtbare Anschauung, sondern allein des Brutus eigne düstere
-Auslegung im Gemüt sagt ihm -- bei Shakespeare --, was er dann bei
-Philippi, nachdem die Erscheinung tatsächlich wiedergekehrt ist,
-ausspricht. Da sieht er: alles ist vorbei; die Freiheit war ein schöner
-Traum, sie ist nicht wieder herzustellen; hier liegt Cassius vor ihm,
-von eigener Hand getötet, und so wie Cassius im Augenblick seines
-Freitods aus heller Einsicht in den Zusammenhang heraus gerufen hatte:
-
- Cäsar, du bist gerächt
- Und mit demselben Schwert, das dich getötet!
-
-so erkennt Brutus jetzt in Worten der Klarheit:
-
- O Julius Cäsar! du bist mächtig _noch_!
- _Dein_ Geist geht um und kehret unsre Schwerter
- In unser eignes Eingeweide.
-
-Und erst daraufhin, ein paar Szenen weiter, trotz allem hat er kühn
-weiter gekämpft, jetzt aber, wo alles verloren ist, sucht er reihum
-einen Freund und Diener, der bereit ist, ihm beim Freitod zu helfen
--- jetzt deutet sich ihm sein nächtliches Erlebnis, das sich -- wir
-sahen’s nicht -- wieder zur Nachtzeit im Lager vor Philippi wiederholt
-hat; jetzt versteht seine Erkenntnis, was sich da als Verkündung vor
-sein Gemüt gestellt hat.
-
-Er deutet, er begreift, er sagt die überwältigend schwere
-Geschichtswahrheit im Bilde: dieser mein böser Genius, der da vor mich
-trat, das war der Geist, das war der gespenstisch in der Welt, in der
-Menschheit, wer weiß, für wie lange nunmehr noch weiterlebende Geist
-Cäsars, den ich, Brutus, umbringen zu können vermeinte und der nun mich
-und die Freiheit der Welt vernichtet; diesmal heißt es zum erstenmal:
-~the ghost of Cæsar~, Cäsars Gespenst:
-
- Der Geist des Cäsar ist zu zweien Malen
- Mir in der Nacht erschienen -- --
- Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.
-
-Klassisch ist diese Römertragödie: kurz und fest, lakonisch, römisch
-in der Sprache; es ist selten Zeit zu lyrischem Verweilen; ein in
-die Breite und Tiefe ungeheuer wallender Stoff ist meisterhaft
-geballt, verteilt und gebändigt, und hier gelang aufs reichste und
-eindringlichste die Verwandlung der Geschehnisse ins Drama. Es ist
-bekannt, wie Goethe einmal in einem Wort, das sehr ernst genommen
-werden soll, behauptet hat, die Bedeutung der Stücke Shakespeares liege
-nicht in der dramatischen Handlung, sondern in der Sprache. Wahr ist,
-daß Shakespeare darauf ausging, das Innerste der Menschen, vor allem
-das geheime Triebleben so lange anzubohren, bis es spritzend sich als
-Sprache ergoß; wahr ist, daß oft die Handlung nur als Mittel dient,
-die Gestalten sich gegenseitig aufschließen und beleuchten zu lassen;
-wahr ist auch, daß überall da, wo der Geist den Trieb überwindet und
-leuchtend über ihm steht, dieser Geist das Wort ist, das Wort, das
-beflügelt, licht, verklärt, still über dem wilden Chaos der Affekte
-sich in Schwebe hält. Wahr ist aber auch, daß Shakespeare dazu noch
-ein Meister der dramatischen Situation ist. In diesem Drama nun findet
-sich all das, was Shakespeares Bedeutung ausmacht, beisammen und hält
-sich gegenseitig in Ausgeglichenheit die Wage. Sechs Hauptpersonen,
-Cäsar, Brutus, Cassius, Portia, Antonius und das römische Volk
-beleuchten und erschließen einander in unser innerstes, fühlendes
-Verstehen hinein; wir erfassen die öffentlichen Zustände und Handlungen
-und das große Leben der Geschichte in der intimsten Verborgenheit der
-Einzelseelen; und wir verkehren hier in Brutus, Portia und Cassius
-in verschiedenen Abstufungen mit erhabenen Seelen, deren Triebkraft
-Ideen sind, deren Tapferkeit und Aktivität aus dem Wort, das ihnen
-Gesetz geworden ist, aus der Gesinnung, aus der Erkenntnis, daß das
-Leben des einzelnen keinen Pfifferling wert ist, wenn es nicht im
-Dienst der Sache, der Menschheit steht, aus dem Geiste immerzu ihre
-Nahrung zieht. Und all diese ergreifende, beglückende, erhöhende
-Schau ins Innere der Menschen und der Geschichte ist umgesetzt in
-dramatische Situation, in eine ungeheure Lebendigkeit für unsre
-Sinne; es ist uns bei alledem, als lebten wir nur in der Außenwelt,
-in Zusammenstößen, Gegensätzen, Eruptionen und Katastrophen: gleich
-zu Beginn die Revolutionsstimmung und leidenschaftlich demagogische
-Gebärde im Auftreten der Volkstribunen -- das Luperkalienfest mit
-seinen mannigfachen Zusammenstößen und den Vorgängen auf und hinter
-der Bühne -- die Nacht des Entsetzens mit Cassius’ leidenschaftlichem
-Ausbruch -- in derselben Nacht die Verschworenen vermummt in Brutus
-Garten, und dann, die Turmuhr hat eben drei geschlagen, Brutus’ innig
-leidenschaftliches Gespräch mit Portia -- Cäsars Ermordung auf dem
-Kapitol in Anwesenheit des im ersten Aufruhr unbewegt würdevoll oben
-sitzenden und dann in Panik grotesk auseinanderstiebenden Senats -- der
-Diener des Octavius, der dem Antonius eine Botschaft bringt und mitten
-in der Rede erschüttert, herzerschütternd abbricht, weil er bei einem
-verlorenen Seitenblick Cäsar tot daliegen sieht:
-
- Oh! Cäsar!
-
--- unmittelbar anschließend die gewaltigen Volksszenen auf dem Forum,
-die Rede des Brutus, die des Antonius an Cäsars Bahre, wo die Rede
-ganz und gar zur sinnlich greifbaren Aktion wird -- die große Szene
-im Zelt des Brutus, wo die Tonleiter des Menscheninnern so vollkommen
-durchgespielt wird und doch alles bewegteste, völlig leibliche Aktion
-ist -- die wechselnden Situationen der Schlacht von Philippi, der
-verhängnisvolle Zufall, der über Cassius die letzte Verzweiflung
-bringt, unerwartet die Handlung, die schon auf dem Gipfel scheint, noch
-höher hinauftreibt -- wie ein Meteor aufsteigend und verlöschend als
-Mitstreiter der republikanischen Helden der junge Cato, ein Zeichen,
-daß der Geist, der Brutus und Cassius erfüllt, mit ihnen und ihren
-Getreuen denn doch nicht sterben soll -- der Freitod des Cassius, des
-Titinius, des Brutus -- und schließlich die Apotheose des Brutus aus
-dem Mund des Antonius:
-
- Dies war der beste Römer unter allen -- -- --
- Sanft war sein Leben, und die Elemente
- In solcher Mischung in ihm, daß Natur
- Aufstehen durfte und der Welt verkünden:
- Dies war ein Mann!
-
-Sanft war sein Leben! -- Lassen wir’s in diesem Punkt nur bei der
-schönen Übersetzung Schlegels; aber fügen wir hinzu, daß es im Original
-heißt:
-
- ~His life was gentle~,
-
-und daß das sanft und adlig in einem bedeutet -- derselbe Ausdruck, den
-Ben Jonson in dem Widmungsgedicht der Gesamtausgabe von Shakespeare
-gebraucht, den er persönlich gut gekannt hat: ~Gentle Shakespeare~!
-
-Adlig sanft war Brutus und doch eine Naturkraft, ein Mann und ein Held.
-
-Auch in Antonius, wir haben es gesehen, sind die Elemente gemischt
--- wie vielfältig und seltsam, als Bild einer untergehenden Welt des
-Adels, das werden wir später noch sehen. Denn der Antonius, den in
-wesentlich anderm Stil, im Stil seiner letzten Periode, Shakespeare
-in Antonius und Cleopatra behandelt hat, ist genau derselbe Mensch,
-und wir werden dabei sein, wie der Sieger über Brutus weiterlebt und
-untergeht.
-
-
-
-
-Hamlet
-
-
-Hamlet ist Shakespeare noch einmal. Womit zunächst gemeint ist: was
-dieses Stück an Rätselhaftem birgt, kommt nicht vom Innern, sondern
-vom Äußern. So wahrhaft unendlich viel auch darüber geschrieben und
-gestritten worden ist, ich stehe nicht an, von vornherein zu sagen, daß
-für unser intuitives Erfassen nichts klarer, unmittelbarer einleuchtend
-ist als der Sinn dieses Stückes und damit das Wesen Hamlets. Abstrakt
-ausdrücken läßt sich die Art dieses Individuums schwerer, weil es eben
-ein Individuum ist; und es kommt noch dazu, daß Hamlet ein unbequemes
-und aufreizendes Individuum für den Typus Mensch ist, der zumeist sich
-mit ihm publizistisch beschäftigt hat, so daß seine Vieldeutigkeit
-insofern nicht in ihm, sondern in der Enge seiner Beurteiler liegt;
-wer zwar literarhistorisch mit der größten konventionellen Verachtung
-von Rosenkranz und Güldenstern spricht, in seiner übrigen Stellung zu
-öffentlichen, zu menschlichen Angelegenheiten gleich denen, mit denen
-Prinz Hamlet sich beschäftigt, aber durchaus ins Lager dieser würdigen
-Mitglieder der nationalliberalen Partei gehört, wird diesen Zwiespalt
-auch irgendwie in seine Beurteilung Hamlets hineintragen.
-
-Ein ungeheures Rätsel, mit dem die Menschheit niemals fertig werden
-wird, ist Shakespeare. Mir scheint aber, und ich hoffe zu zeigen,
-daß ein und derselbe Mensch im Reiferwerden und im Auf und Ab der
-Stimmungen durch sein ganzes Werk hindurchgeht; mir scheint also,
-daß das Innere dieses Mannes so gut zu erfassen ist wie sein Werk.
-Eine abgeschlossene Dichtung, ein Werk der Literatur und des Druckes
-kann keine unklar verschwimmenden, in Nachbarbezirke hinüberlaufenden
-Grenzen haben, muß klar und bestimmt sich in seiner Eigenart gegen
-alles andere abheben; es ist gar nicht möglich, daß ein solches
-Erzeugnis jahrhundertelang unklar und zweideutig bleibt, es sei denn,
-es liege diese Unklarheit und Zweideutigkeit entweder im Inhalt
-der Dichtung, wo dann klar und unzweideutig diese Eigenschaft der
-Unklarheit und Zweideutigkeit zu erkennen sein müßte, oder in den
-Beurteilern. Das äußere Leben des Genies aber, alles, was nicht in
-seinen Werken steht, bleibt uns, selbst wenn wir es so in Tag um Tag
-und oft Stunde um Stunde verfolgen können wie das Goethes, immer nur
-abgerissen bekannt; wie nun gar bei Shakespeare, wo die kümmerlichen
-und zweifelhaften Nachrichten und Dokumente uns mehr verwirren als
-erhellen!
-
-So also wie mit Shakespeare selbst, meine ich, steht es noch einmal
-mit seiner Tragödie Hamlet. Ihr Sinn und Wesen ist klar; sofern aber
-trotzdem, wie ich auch finde, gewisse Rätsel und Dunkelheiten da sind,
-stecken sie nicht in dem Innern, das dargestellt wird, sondern in der
-Beziehung dieses Seelenvorgangs und geistigen Gehalts zu den äußern
-Geschehnissen der Handlung. Und ich sage es getrost noch anders: wir
-haben es nicht mit einem Stück Leben zu tun, das sich in Dunkelheit
-verbirgt, nicht mit der Natur, die sich ihr Rätsel mit Kommentaren so
-wenig wie mit Hebeln und Schrauben abzwingen läßt, sondern mit einem
-gedruckten Text, der auf Seite 1 beginnt und mit dem Schlußpunkt endet.
-Bleibt da hie und da in der Verbindung zwischen Sinn und Aktion etwas
-unsicher und wacklig, so dürfen wir nicht bloß an die Unergründlichkeit
-dieses Dichters denken, dem unser Begriffsverstand nicht beikommt,
-sondern noch an andre Möglichkeiten, an die Mangelhaftigkeit der
-Drucküberlieferung des Werks sowohl wie an seine Entstehungsgeschichte
-und Unvollkommenheit. Kein Mensch in der Welt kann geneigter sein
-als ich, Shakespeare zu nehmen wie eine Naturkraft; wenn’s aber ans
-haarscharfe Unterscheiden geht, wird man doch zugeben müssen, daß er
-keine ist, sondern eine Kreatur wie wir alle. Womit auch gesagt ist,
-daß der Prinz Hamlet keine Kreatur ist wie wir alle; daß wir nicht,
-wie es so oft geschieht, von den Zügen, mit denen der Dichter seine
-Gestalten ausstattet, auf Grund einer natürlichen Psychologie auf
-andere kommen dürfen, die sich daraus nach unsrer Menschenkenntnis
-ergeben müssen; die Grenze der Kunstgestalt ist nicht, wie bei
-lebendigen Menschen, die Natur, sondern der Geist, das Wollen und
-Können des Dichters. Ich gebe ein plumpes Beispiel, ich ersinne es, bin
-aber überzeugt, daß man sich auf diesem Gebiet nichts ausdenken kann,
-was nicht schon irgendwo Wirklichkeit ist. Wenn also zum Beispiel die
-Frage aufgeworfen würde, was Hamlet in Wittenberg getrieben hat, welche
-philosophischen und gelehrten Einflüsse da auf ihn gewirkt haben, so
-müßte zu allernächst mit der Frage geantwortet werden, ob Shakespeare
-darüber Verfügungen getroffen, ob er etwas davon gewußt, ob ihn die
-Frage interessiert hat.
-
-Wir müssen also diesmal auf die Entstehungsgeschichte des Stückes
-und auf das Verhältnis des Dramas zum überlieferten Stoff besonders
-aufmerken; stoßen wir dabei auf Rätsel, die unlösbar sind, so sind
-auf sie vielleicht gerade manche Rätsel, die das Stück zu raten gibt,
-zurückzuführen.
-
-Der Stoff entstammt einer altnordischen Sage, deren Charakter ganz
-anders ist als der des Stückes: es geht wild, heidnisch, urkräftig,
-bäurisch-kriegerisch darin zu wie in den isländischen Sagas. Zuerst
-finden wir die Sage von Saxo Grammaticus aufgezeichnet, der am Ende des
-zwölften Jahrhunderts seine Dänische Geschichte geschrieben hat, die
-im lateinischen Text im 16. Jahrhundert öfter gedruckt wurde. Gekürzt,
-aber sonst treu, findet sich die Geschichte in den ~Histoires
-tragiques~ von Belleforest (1530-1583), die Shakespeare für andre
-Stücke benutzt hat. Übrigens ist daraus, wahrscheinlich schon um 1580
-herum, die Sage auch als Einzeltext, als Volksbuch in englischer
-Sprache erschienen.
-
-Was darin nun berichtet wird, ist in Kürze folgendes: König Horwendill
-ist von seinem Bruder Fengo auf einem Gelage öffentlich niedergehauen
-worden. Amleth, der Sohn des Ermordeten, rächt den Tod seines Vaters
-mit schlauer List: er stellt sich wahnsinnig; äußert aber manchmal
-sehr scharfe Worte, die den Verdacht erregen. Damit er sich in der
-Sinnenlust verraten soll, bringt man ihn mit einer Schönheit zusammen.
-Er wird aber rechtzeitig gewarnt und genießt die Schöne, ohne sich
-zu verraten. Nun versucht man es auf andre Art und veranstaltet ein
-Gespräch mit seiner Mutter, um es zu belauschen. In verstellter
-Tollheit tötet er den Lauscher durch eine Decke durch, schneidet den
-Leichnam in kleine Stücke, kocht sie und wirft sie den Schweinen vor.
-Seiner Mutter gegenüber gebraucht er starke Worte, die sie erschüttern;
-sie kehrt zur Tugend zurück. Darauf versucht es der Oheim-König, Amleth
-mit Hilfe des Königs von Britannien umbringen zu lassen. Zwei Höflinge
-überbringen diesem Britenkönig die nötigen brieflichen Mitteilungen auf
-einer Runentafel. Amleth ändert aber den Text, so daß die Begleiter
-getötet werden. Er heiratet die Tochter des Britenkönigs, kehrt nach
-Dänemark zurück und vollführt unverzüglich aufs wildeste seine Rache.
-Das Volk wählt ihn zum König; und seine weiteren Abenteuer gehen uns
-hier nichts mehr an. Er fällt schließlich in einem seiner Kriege.
-
-Die Ermordung von Hamlets Vater durch den eigenen Bruder und die Rolle
-der eignen Mutter bei dieser Untat und nachher finden sich also in
-der Überlieferung. Aber nichts von raffiniert heimlichem Mord; nichts
-also auch von einer Erscheinung als Geist. Der verstellte Wahnsinn
-des Rächers ist eine besondere Schlauheit für die Vorbereitung
-der Rachetat, so wie sich dieser Zug auch in der Sage vom älteren
-Brutus findet. Mich dünkt dieser Zug, den Shakespeare übernahm und
-umgestaltete, in der Sagenüberlieferung nicht recht verständlich; ich
-vermute, daß ein noch älteres Sagengut verschüttet und verstümmelt ist:
-der Wahnsinnige ist bei allen Völkern einmal sakrosankt gewesen; er
-durfte tun, was er wollte; so hätte es großen Sinn, sowohl für Amleth,
-sich geistesgestört zu stellen, wie für seine Verfolger, vor allem
-herausbringen zu wollen, ob er wirklich wahnsinnig sei. Die Schöne,
-die Hamlet aushorchen soll, ist zu Ophelia geworden; der Lauscher ist
-Polonius; von der gräßlichen Art, wie sein Leichnam weggebracht wird,
-ist in Shakespeares Stück immer noch das unwürdige, heimliche Begräbnis
-übrig. Die Reise nach England mit der Bestimmung, die sie hatte,
-Amleths schlaue Rettung, der Untergang der beiden Höflinge, die zu
-Rosenkranz und Güldenstern wurden, durch die Brieffälschung, das alles
-findet sich bei Shakespeare wie in der ursprünglichen Sage.
-
-Nun ist es aber diesmal sicher, daß ein dramatisches Zwischenglied da
-ist. Wir wissen von der Existenz eines älteren Hamlet-Dramas, das nicht
-erhalten ist; und wir wissen auch, daß in ihm solche Teile der äußern
-und innern Handlung waren, die in der Sagenüberlieferung fehlen. Von
-den schlüssigen Beweisen für die Existenz dieses Stückes führe ich
-nur folgendes an. Thomas Nash schreibt um 1587 oder 89: die englische
-Übersetzung des Seneca liefere auch ungelehrten Leuten treffliche
-Sentenzen, „und wenn ihr so einen an einem frostigen Morgen darum
-angeht, so wird er euch mit ganzen Hamlets oder besser gesagt Handvolls
-von tragischen Reden versehen“. Um 1596 läßt Thomas Lodge drucken: der
-neidische Kritiker wandle meistens in Schwarz daher und sehe so bleich
-aus „wie die Maske des Geistes, die so erbärmlich wie ein Austernweib
-‚Hamlet räche‘ auf dem Theater schreit“.
-
-Daß das noch nicht unser Hamlet, wie wir ihn haben, sein kann, steht
-nach innern und äußern Daten fest. Aber man merkt aus den Anspielungen,
-daß in diesem Stück der überlieferte Stoff schon in wesentlichem so
-geändert war wie in unserm: besonders gehäufte „tragische Reden“ fielen
-auf, und der Ermordete erschien als Geist, mußte also auch Grund zu
-dieser Wiederkehr haben; die heimliche Art der Ermordung wird diesem
-Stücke schon angehören. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, aber
-auch nicht für beweisbar, daß der Verfasser dieses Rachedramas, das
-an Seneca erinnerte, der sehr junge Shakespeare war; um die Zeit von
-Titus Andronicus oder gar noch früher müßte er es geschrieben haben.
-Häufig wird in unsrer Zeit Thomas Kyd als Verfasser bezeichnet; wie mir
-scheint, ganz ohne Grund. Richtig ist, daß manche Züge in Shakespeares
-Hamlet, die Geistererscheinung zu Beginn des Stücks, das Schauspiel
-im Schauspiel an die „Spanische Tragödie“ erinnern, die man diesem
-Kyd zuschreibt; aber es ist wahrscheinlicher, daß ein Anfänger sich
-davon beeinflussen ließ, als daß Kyd seine Motive wiederholte. Ich
-glaube also, daß es ein Stück von einem Unbekannten, der Shakespeare
-selbst sein kann, gab, das eine Vorstufe zu unserm Hamlet vorstellt,
-in sehr wesentlichen Punkten aber noch davon abwich; vor allem glaube
-ich, daß in diesem Stück Hamlet seine Rache noch, wie es überliefert
-ist, mit großer Frische und wilder Kraft, nach Art seines Verhaltens
-auf der Reise nach England, ausgeführt hat. In dieser Annahme bestärkt
-mich eine Eintragung ins Register der Londoner Buchhändlergilde, die
-der Verleger Jakob Roberts im Sommer 1602 vornehmen ließ: „Ein Buch
-Die Rache Hamlets, Prinzen von Dänemark, wie jüngst aufgeführt von
-den Schauspielern des Lord Kammerherrn.“ Das war die Gesellschaft,
-zu der Shakespeare gehörte; die also hatte um 1602 herum ein Stück
-aufgeführt, das noch den Namen Die Rache Hamlets verdiente. Ein
-Exemplar eines solchen Buches ist uns nicht erhalten; ich vermute,
-daß es gar nicht erschienen ist, daß vielmehr um diese Zeit herum
-Shakespeare die entscheidende Umarbeitung vornahm. 1603 jedenfalls
-erschien bei einem andern Verleger zwar, gedruckt aber von einem J.
-R. „Die tragische Geschichte von Hamlet, Prinzen von Dänemark. Von
-William Shakespeare. Wie sie zu wiederholten Malen gespielt wurde von
-Seiner Hoheit Schauspielern in der Stadt London wie auch an den beiden
-Universitäten Cambridge und Oxford und an andern Orten.“ Von dieser
-Ausgabe sind zum Glück zwei Exemplare auf uns gekommen. Nun ist es also
-nicht mehr die Rache, sondern die Tragische Geschichte, und ist in der
-Hauptsache unser Hamlet. Aber Abweichungen wichtiger Art sind noch da,
-die man keineswegs, wie es manchmal geschieht, auf Liederlichkeit der
-Herausgeber, Raubdruck und dergleichen zurückführen kann. Der Text
-ist merklich verschieden; Wichtiges fehlt; manche Szenen sind anders
-gestellt; es findet sich eine ausdrückliche Beteuerung von Hamlets
-Mutter, sie sei an der Ermordung ihres Gemahls unschuldig, während
-das in der endgültigen Fassung ganz dahingestellt bleibt; Polonius
-führt noch den Namen Corambis, der Diener Reynaldo heißt Montano und
-mehr dergleichen. Ich möchte annehmen, daß das Stück Shakespeare
-nicht so leicht losließ, daß es nach der entscheidenden Umgestaltung
-zwar aufgeführt und auch gedruckt wurde, daß Shakespeare aber weiter
-daran arbeitete, bis dann 1604 das Resultat erschien, nämlich in
-allem wesentlichen unser Hamlet; der Text, den die Herausgeber der
-Nachlaßausgabe 1623 aufnahmen, weicht zwar auch wieder von der Quarto
-von 1604 ab; diese geringfügigen Unterschiede deuten aber auf keine
-entscheidende Umarbeitung hin, sondern nur auf bessere und schlechtere
-Druckvorlagen; vielfach hat die Quarto den besseren Text.
-
-Ich nehme also drei Stufen an, wenn es nicht gar vier sind: die erste
-kannten Nash und Lodge aus Aufführungen; wir kennen sie nicht und
-wissen nicht, ob sie der junge Shakespeare oder ein andrer Dramatiker
-verfaßt hat. Leicht möglich, daß, was 1602 gedruckt werden sollte,
-schon eine Umarbeitung war; aber es hieß noch Hamlets Rache. 1603
-erschien dann die Tragische Geschichte als Tragödie Shakespeares und
-1604 eine Umarbeitung, die unsern Text bringt.
-
-Nun ist zu fragen, ob man dem Stück diese Entstehungsgeschichte
-anmerkt. Ja, sage ich, das möchte ich allerdings behaupten. In den
-zwei letzten Akten ist die Führung der äußern Handlung nicht immer auf
-der Höhe der Charakterentwicklung. Hamlets Fahrt nach England, die
-Episode mit den Seeräubern, sein Verrat an Rosenkranz und Güldenstern
-und seine wilde Freude über diesen grausamen Streich: all das ist
-teils eine mühsame und doch lässige Art, die Sache äußerlich vom Fleck
-zu bringen, teils paßt es nicht zu der tiefen Erfassung von Hamlets
-innerm Leben und wird auch im weitern für die innere Entwicklung gar
-nicht benutzt. Hier ist Rohstoff, der treu nach der Überlieferung
-dramatisierte Geschichte ist, aber in Shakespeares eigentliche Arbeit,
-in die Deutung des Innern, nicht einging. Ebenso stimmt in den Szenen,
-die den Zweikampf zwischen Laërtes und Hamlet vorbereiten, nicht alles.
-Da sind zwei verschiedene Fassungen lose genug mit einander verbunden
-worden, und ich meine, man sieht die Nähte noch. Einmal geht es um
-die Wette, die der König als Intrige vorbereitet hat, und dann um den
-Wettstreit ganz andrer Art, den Hamlet herbeigeführt hat, wer Ophelien
-am meisten liebe und betrauere, Hamlet oder Laërtes. Von dem, was
-zwischen den beiden an Opheliens Grab vorgegangen ist, weiß die ganze
-lange Prosaszene, die folgt, nichts, weder die Botschaft des Königs,
-deren Überbringer Osrick ist, noch das nachfolgende Gespräch zwischen
-Hamlet und seinem Freund Horatio; in dem Augenblick erst, wo die Verse
-einsetzen, sind wir wieder in der eigentlichen Fortsetzung unsres
-Stückes. Noch wichtiger dünkt mich ein Punkt, der die Vorgeschichte
-angeht, aber tief in die Handlung eingreift: die Ermordung des alten
-Königs Hamlet steht mit dogmatisch-christlichen Motiven einer Art
-und Anwendung in Verbindung, die nicht shakespearisch ist. Wo bei
-Shakespeare ist es denn sonst, ist es denn sogar am heroischen Schluß
-dieser Hamlet-Tragödie selbst von der geringsten Bedeutung, daß man in
-seinen Sünden dahinfährt? „Ohne Nachtmahl, ungebeichtet, ohne Ölung“?
-
-Man kann sich aber schon denken, wie dieses Motiv in die erste Fassung
-des Stückes kam. Es war in der Überlieferung nicht recht klar, warum
-die Rache für eine aller Welt bekannte Mordtat besser gelingen sollte,
-wenn der Rächer sich wahnsinnig stellte. Dabei aber war gerade dieser
-verstellte Wahnsinn das Grundmotiv der Sage und mußte einen Mann wie
-Shakespeare -- wenn er, wie ich am liebsten annehme, ohne es freilich
-irgend beweisen zu können, schon das ursprüngliche Drama verfaßt hat --
-am meisten anziehen. Die Verstellung war jedenfalls neu zu motivieren;
-und so kam, nehme ich an, die Art der Ermordung in das Stück, die
-so heimlich und raffiniert war, daß der Mord als Todesursache allen
-verborgen blieb, und daß der Tote wiederkommen mußte, um die erste
-Nachricht davon zu bringen; die Aussage eines Gespenstes aber ist, gar
-noch unter Menschen, die rationalistische Neigungen haben, kein rechter
-Beweis; in der Maske des Wahnsinns konnte nun Hamlet, der seinen
-Charakter sowieso gründlich zu verändern hatte, Anstalten treffen, den
-Täter zu überführen. Hatte aber ein Ermordeter als Gespenst umzugehn,
-so mußte auch das motiviert werden; nicht alle Ermordeten sprengen den
-Bann des Grabes: er war also im Fegefeuer und hatte keine Ruhe, weil
-er in seinen Sünden dahingefahren war. Daß so ähnliche Motive aber im
-Stück weiter spuken, daß Hamlet dann den Mörder nicht aus seinem Gebet
-heraus in den Himmel spedieren will, ist zwar auch eine befremdlich
-äußerliche Anwendung des nämlichen dogmatischen Motivs; sie aber
-brauchen wir doch nicht ausschließlich der Jugendlichkeit Shakespeares
-oder dem Gedankenkreis eines andern Verfassers zur Last zu legen, da
-sie in das Gebiet der Bedenklichkeiten und Zögerungen Hamlets gehört.
-
-Noch etwas in der äußern Handlung dünkt mich auf die allmähliche
-Entstehung und Umwandlung des Stücks hinzuweisen. Prinz Hamlet scheint
-mit dem Dichter älter geworden zu sein. Mit seinem Alter stimmt etwas
-nicht in dem Stück, wie wir es haben; da steht es wacklig. Nach dem
-Eindruck, den wir am Anfang von Hamlet bekommen, nach der Art, wie er
-als verwaister Sohn am Hof steht, wie gar niemand daran denkt, ihn
-zum König zu machen, wie zwischen Ophelia und Laërtes, Ophelia und
-ihrem Vater von dem jungen Prinzen gesprochen wird, sollten wir ihn
-für ganz jung, für einen beginnenden Jüngling, für eher etwas jünger
-als Laërtes halten dürfen, der auch noch recht jung ist; und in der
-Tat wird Hamlet an einer Stelle der Quarto von 1603 als neunzehnjährig
-bezeichnet. Das ist getilgt worden; aber die Gründe, warum er als
-Neunzehnjähriger gilt, sind noch ganz unverändert da. In den Szenen
-aber, wo der verstellte Wahnsinn zur gewaltigsten Kritik und Polemik
-wird, und in den andern, wo Hamlet ein urgesunder Einsamer ist, der nur
-dermaßen an der Welt leidet, daß ihn der Philister auch jenseits der
-Bühne, auch heutigen Tags für verrückt hält, bekommt er ältere, reifere
-Züge, und in diesem Zusammenhang dürfte die erste Szene des fünften
-Akts, die Kirchhofszene, entstanden sein, wo uns in drei miteinander
-korrespondierenden Stellen gesagt wird, daß Hamlet dreißig Jahre alt
-ist. Im Jahre 1589, aus dem „Hamlets Rache“ spätestens stammt, war
-Shakespeare 25, 1604, dem Jahr der letzten Fassung, war er 40 Jahre alt.
-
-Sollen wir nun etwa die fast unendlichen Deutungsmöglichkeiten vor
-allem der Charaktere, aber sogar auch mancher Vorgänge ebenfalls
-dieser Entstehungsgeschichte zur Last legen? Von Hamlet selbst erst
-gar nicht zu reden; man würde wirklich kaum fertig, wenn man aufzählen
-wollte, was er alles vorstellen soll! Aber Polonius zum Beispiel
-erscheint in den Beschreibungen der Ausleger in allen Spielarten, vom
-ungewöhnlich weisen Staatsmann bis zum vollendeten Trottel, und es wäre
-nicht so sinnlos wie vieles, was sonst zu dem Stück gesagt worden
-ist, wenn einer fände, die Ermahnung an Laërtes müsse einer andern
-Stufe der Arbeit angehören als die Haltung oder Haltungslosigkeit
-dieses Ministers Hamlet gegenüber in den Szenen, wo der sich verrückt
-stellt. Der König Claudius wird uns einmal als ein recht schöner Mann
-und würdiger König angepriesen; das andere Extrem sagt, er sei ein
-abscheuerregender Faun und verbrecherischer Lüstling. Ja, sogar Ophelia
-schillert, wenn wir auf ihre Kritiker hören, in allen Farben: es geht
-auf der schiefen Ebene vom keuschen Mädchen bis zur völlig verderbten
-Dirne herunter. Nicht einmal der Sinn der berühmtesten Stelle im ganzen
-Werk Shakespeares, des Monologs „Sein oder Nichtsein“, scheint danach
-festzustehen. Der romantische Immeranders Tieck wenigstens hat Zeile
-für Zeile bewiesen, was er so beweisen nennt, daß dieses Selbstgespräch
-mit keinem Gefühl und Gedanken vom Freitod, vom Selbstmord, sondern
-lediglich von der Tat und der Rache handle!
-
-Hier antworte ich: Nein, diese Vieldeutigkeit ist nicht Shakespeare,
-nicht der Entstehung des Stückes zur Last zu legen; und verweise dabei
-auf das, was ich gleich zu Beginn gesagt habe. Daß man diese Gestalten
-in ihrer Eindeutigkeit und Bestimmtheit nicht hat erkennen können,
-liegt nicht an der Dichtung; es liegt vor allem an der Lebendigkeit,
-der unabweisbaren Individualität dieser Gestalten; restlos lassen
-sich bloß Typen in Worte verwandeln; durchaus nur als Werkzeug eines
-Dichters kommt die Sprache über das Formelhafte und Schablonenmäßige
-hinaus.
-
-Nun könnte es aber doch noch scheinen, als ob einige Gestalten dieses
-Stückes einen Zug aufwiesen, der nicht zu ihrem Charakter stimmt;
-und ich selbst habe eine Zeitlang geglaubt, diesen Zug mit einem
-Unvermögen des jungen und einem Verzicht des reifen Dichters auf
-Charakterisierungskunst erklären zu sollen; ich hatte den Eindruck,
-manchmal wäre die Fülle von Weisheit und Polemik des reifen
-Shakespeare aufgepfropft auf eine gewisse Redseligkeit des jungen.
-Nie aber muß man mißtrauischer gegen sich selbst sein, als wenn man
-Shakespeare kritisiert; fast immer hat er seine Sache besser verstanden
-und hat besser aufgemerkt als wir; und so wird es auch diesmal sein.
-
-Was hier gemeint ist, will ich sagen, indem ich zunächst Worte Tiecks
-anführe; was dieser Kritiker sagt, verdient immer, gehört zu werden:
-„Die beiden Brüder,“ sagt er, der ermordete König nämlich und sein
-Bruder, der Mörder, „haben unter sich und wieder mit Hamlet eine
-auffallende Familienähnlichkeit: alle drei hören sich gern sprechen,
-und sie haben die Gabe der Rede; Sentenzen, Beobachtungen und Maximen
-lassen sie, aber auch alle übrigen Personen des Stücks, gern hören, und
-diese Halbheit, die in Hamlet keinen Charakter, trotz allen Talentes,
-aufkommen läßt, lähmt auch mehr oder minder jede Erscheinung in dieser
-Tragödie.“
-
-Tieck will, indem er von Hamlet sagt, er sei -- ein Romantiker seines
-Stils, ein Talent nämlich, aber kein Charakter, und indem er Hamlets
-und seines Vaters Familienähnlichkeit mit König Claudius behauptet,
-zeigen, dieser letztgenannte habe sehr achtbare und ehrenhafte
-Qualitäten; er will ihn in seiner Art retten, wie er die Lady Macbeth
-gerettet hat. Der bewegliche Mann, der so viele und oft so feine
-Einfälle hat, merkt aber gar nicht, wie er hier einen Einfall mit einem
-neuen, der ihm in den Satz fährt, totschlägt: denn wie will er die
-Familienähnlichkeit der drei Verwandten mit dem Zug der klugen Reden
-beweisen, wenn er nebenbei bemerkt, auch alle übrigen Personen des
-Stücks hätten diesen Zug?
-
-Einen ganz besondern Verstand, eine Neigung zu weiser Rede und
-allgemeinen Maximen finden wir nun außer bei Hamlet selbst in der Tat
-besonders an König Claudius und an Polonius. Im allgemeinen ist man
-in den Meisterwerken Shakespeares ganz sicher, daß, was die Personen
-äußern, nebst dem, daß es um der Situation willen und aus allgemeinen
-Gründen gesagt sein soll, zu ihrer Charakteristik dient oder wenigstens
-ihrem Charakter entspricht. In den Lustspielen nimmt es Shakespeare
-damit nicht so genau, vor allem aber gibt es eine Reihe Dramen einer
-späten Übergangszeit, wo der Dichter um der Polemik und der Lehre
-willen die Charakteristik fast geflissentlich hintangesetzt hat; und
-das ist ein Zug, der die Chronologie dieser Stücke so sehr erschwert,
-weil man fälschlich glaubt, ihn der Jugend ausschließlich zuweisen zu
-müssen. Diesen Stempel tragen der Timon, der Perikles und der Zymbelin
-besonders; auch das Wintermärchen ist nicht ganz frei davon. Leugnen
-läßt sich nun nicht, ist vielmehr wichtig zu beachten, daß der Dichter
-im Hamlet so ziemlich jede Situation benutzt, um Dinge aussprechen zu
-lassen, die für die innere Handlung, für den letzten Sinn der Tragödie,
-für die Beleuchtung Hamlets bedeutend sind. Einmal wird auf diesen
-Doppelsinn der Maximen ausdrücklich hingewiesen; da, wo Polonius der
-Ophelia empfiehlt, bei ihrer absichtlich herbeigeführten, zufällig
-aussehenden Begegnung mit Hamlet ein Buch in der Hand zu halten; er
-knüpft daran eine Bemerkung über fromme Heuchelei im allgemeinen, die
-sich auch noch auf andre Geschehnisse des Stücks beziehen soll und die
-der König in einem zerknirschten Murmeln mit sich selbst denn auch
-sofort auf sich anwendet.
-
-Sind nun diese Äußerungen hoher Intelligenz, besonders aus dem Mund
-des Königs und Polonius’, lediglich um ihrer Beziehung zum Sinn willen
-da, widersprechen sie dem sonstigen Wesen der Sprecher? Keineswegs;
-Polonius ist ein kluger, erfahrener Mann und -- was seine Anrede an
-den Sohn angeht -- ein besorgter, vorsichtiger Hausvater; daneben
-ist er freilich nach oben willfährig ergeben, keineswegs „sich
-selber treu“, wie er so schön empfiehlt, und überdies vertrottelt
-und senil. Wir bemerken aber oft, daß ein älterer Schriftsteller zum
-Beispiel in seinen Arbeiten noch Lebendigkeit und Kraft der Gedanken
-und Wendungen zeigt, während er im Privatleben nicht mehr bei der
-Stange bleiben kann; und so scheint uns zwar ein großer Widerspruch
-zwischen der schönen Anrede des Ministers an den Sohn und seiner
-sonstigen, oft kläglichen Haltung da zu sein; aber ein Widerspruch,
-der für ihn, seine Stellung, seine Anbequemung an die Umstände und
-seine Jahre kennzeichnend ist. Was aber gar König Claudius angeht,
-so werde ich noch zu zeigen haben, daß sein ganz außerordentlicher
-Verstand, auf Grund dessen er in der Tat Worte zu sprechen hat, die
-ins Herz der Tragödie treffen, einen entscheidend wichtigen Zug seines
-Wesens bildet und daß Tieck, unbeschadet seiner recht verfehlten
-Absicht und Begründung, keineswegs unrecht hatte, wenn er von einer
-Familienähnlichkeit zwischen Hamlet und seinem Oheim sprach.
-
-Die Worte also, die in diesem Drama den Personen aus dem Munde gehen,
-sind nicht immer um des Wesens dieser Gestalten und der Situation
-willen gesagt, sondern bergen, ohne dem Charakter der Redenden zu
-widersprechen, manchmal einen Hinweis auf die Bedeutung des Ganzen
-oder die Natur einer Hauptgestalt. Diese Verwendung der dramatischen
-Rede und Situation bringt die Hamlet-Tragödie in den Zusammenhang
-der späten Dramenreihe, die ich oben nannte und für die Zymbelin ein
-hervorragendes Beispiel ist, ist aber nicht auf die Entstehung des
-Dramas und ganz gewiß nicht auf die erste Fassung zurückzuführen.
-
-Vor allem andern ist es jetzt, wie wir uns die alte Sage
-vergegenwärtigt haben, durchaus nötig, uns an den tatsächlichen Verlauf
-der Handlung des Dramas zu erinnern; dann erst können wir untersuchen,
-was dieses Drama uns soll, wie Prinz Hamlet in ihm steht; ob die
-Handlung nur dazu dient, das Innere dieses Menschen zum Vorschein zu
-bringen; oder ob sie selbst einen innern Sinn birgt.
-
-Bei Beginn des Stückes ist es etwa zwei Monate her, daß König Hamlet
-plötzlich, man sagt, an einem Schlangenbiß, gestorben ist. Sein
-Bruder ist als Nachfolger gekrönt worden. Wenn wir dem jungen Hamlet,
-der aber vielleicht ein wenig übertreibt, glauben wollen, ist nur
-ein Monat vergangen, bis der neue König Claudius die Witwe, seine
-Schwägerin, geheiratet hat. Jedenfalls sind sie jetzt ein Paar, und
-die aus weiter Entfernung zur Leichenfeier und Krönung gekommen sind,
-wie Laërtes aus Frankreich, Horatio aus Wittenberg, kamen nicht viel
-vor der Hochzeit an. Auch Hamlet war in Wittenberg gewesen; seit wann
-er zurück ist, bleibt unklar; aus dem Gespräch mit Horatio scheint
-hervorzugehn, daß es schon etwas länger her ist, und daß er all die
-schweren Ereignisse im Lande mitgemacht hat. Jetzt möchte er wieder
-nach Wittenberg zurück, läßt es sich aber von der Mutter zu des Königs
-freudiger Überraschung leicht ausreden. In schwerer Stimmung, in der
-Gram, Empörung und Ekel sich mischen, erfährt der junge Prinz das
-Unglaubliche, daß der Geist seines Vaters sich zeigt. Er sucht den
-Ort auf, und um Mitternacht kommt das Gespenst und spricht mit ihm;
-es eröffnet ihm, was er jetzt geahnt zu haben glaubt: nicht von einer
-Schlange gestochen starb sein Vater; er ist von seinem eignen Bruder
-ermordet worden. Der hatte ein ehebrecherisches Verhältnis mit Gertrud,
-König Hamlets Frau; im Schlaf ermordete er den Bruder durch Gift, das
-er ihm ins Ohr träufelte. Dann wurde er König und nahm die Witwe des
-Bruders zur Frau, was schon an sich als Blutschande gälte. Der Geist
-des Vaters fordert Hamlet den Sohn zur Rache auf; die Mutter sei dem
-Himmel überlassen, gegen sie soll er nichts tun; aber an dem Mörder
-und Blutschänder soll er den Vater rächen. Wie das geschehen soll,
-bleibt ganz dem Prinzen anheimgestellt. Der gelobt die Rache, schon ehe
-er gehört hat, um was es sich im einzelnen handelt. Sofort, nachdem
-der Geist ausgeredet hat und gegangen ist, scheint ein Plan in Hamlet
-zu erwachen; er läßt die beiden, die den Geist in dieser Nacht noch
-gesehen haben, unverbrüchliche Geheimhaltung schwören; er nimmt sich
-vor, „ein wunderliches Wesen anzulegen“, sich wahnsinnig zu stellen.
-Er tut es; in dieser gräßlichen Verfassung sieht ihn auch Ophelia, der
-er in letzter Zeit von Liebe geredet hat, die aber auf strenges Geheiß
-ihres Vaters Polonius gerade jetzt mit ihm gebrochen hat. Polonius,
-der Oberhofmeister, denkt an Verrücktheit aus unglücklicher Liebe und
-meldet diese Deutung und die zugehörigen Tatsachen dem König. Der hat
-inzwischen schon andre Maßregeln ergriffen, um den Grund von Hamlets
-bedenklichem Wesen herauszubringen: zwei Schulfreunde des Prinzen,
-Rosenkranz und Güldenstern, sind nach Helsingör an den Hof berufen
-worden, um sich in sein Vertrauen zu schleichen. Hamlet bringt das aus
-ihnen im Gespräch heraus und sieht sich vor. Der König belauscht ein
-Gespräch Hamlets mit Ophelien: all das Wüste, Wirre, was er mitanhören
-muß, überzeugt sein böses Gewissen nicht, daß es sich um Krankheit
-handle; er ist überzeugt, Hamlet brüte über gefährlichen Plänen, und
-trifft Anstalten, ihnen zuvorzukommen.
-
-Hamlet ist noch in Zögern und Unsicherheit, auf der Suche nach
-Gewißheit und Überführung. Könnte nicht, was ihm als Geist des Vaters
-erschien, ein Teufel gewesen sein? Da führt ihm der Zufall eine
-Schauspielertruppe in den Weg, die ihm von früher ergeben ist; von
-dieser läßt er ein kurzes Stück aufführen, das von Ehebruch und Mord,
-Mord durch ins Ohr eines im Garten Schlafenden geträufeltes Gift
-handelt; bei dieser furchtbaren Anspielung auf eine Tat, die nach des
-Königs Meinung niemand kennen kann, wollen Hamlet und sein Freund
-Horatio, zu dem er Vertrauen gefaßt und den er in alles eingeweiht hat,
-den König scharf ins Auge fassen. Es geschieht so, der König gerät in
-furchtbare Unruhe und bricht auf; Hamlet frohlockt; er ist nunmehr
-überzeugt, daß der Geist die Wahrheit gesprochen hat. Während der
-König in entsetzlicher Verfassung seinen Plan, Hamlet nach England zu
-schicken, weiter ausgestaltet und vielleicht jetzt den Entschluß faßt,
-ihn in England ermorden zu lassen, geht Hamlets Mutter ihre eigenen
-Wege: noch in dieser Nacht will sie mit dem Sohn sprechen und läßt
-ihn rufen. Auf dem Weg zur Königin sieht Hamlet den König im Gebet
-knien, so scheint es ihm; der wild verzweifelte, von Unruhe gepeinigte
-Mann bemüht sich freilich vergebens, Reue und Gebet aufzubringen.
-Hamlet will den Mörder nicht in dieser Situation umbringen; seine
-Rache muß schrecklicher sein. Wie er dann aber bei der Mutter ist,
-entschlossen, ihr unerhört ins Gewissen zu reden und für dieses
-Gespräch die Tür verschließt, wie die angstvolle Frau Schlimmstes
-befürchtet, um Hilfe ruft und der als Lauscher bestellte Polonius sich
-hinter dem Wandteppich regt, da glaubt Hamlet in Augenblicksdenken,
-es sei der König, und sticht blindlings drauflos. Er hat Polonius,
-Opheliens Vater, erstochen; und angesichts der Leiche hebt er nun an,
-in furchtbarer Eindringlichkeit der Mutter ihre Situation vorzuhalten.
-Mitten in seine leidenschaftliche Rede hinein kommt der Geist. Hamlet
-glaubt, es geschehe, um ihn zu schelten, weil er träge sei und die
-Rachetat noch nicht vollführt habe; der Geist mahnt ihn, nicht zu
-vergessen; mit der Mutter soll er reden, in deren Seele es nun kämpft.
-Hamlet tut es mit inniger Gewalt. Nun, nachdem es aussieht, als wäre
-Polonius dem Irrsinn des Prinzen zum Opfer gefallen, ist ein triftiger
-Grund da, ihn fortzuschaffen; er muß sofort an Bord, Rosenkranz und
-Güldenstern sind seine Geleiter; und jetzt erfahren wir, daß sie einen
-Brief bei sich haben, der den König von England, welcher dem Dänenkönig
-verpflichtet ist, auffordert, Hamlet umbringen zu lassen. Davon,
-daß das Höflingspaar von dem Inhalt dieser Botschaft etwas wüßte,
-erfahren wir nichts. Während Hamlets Seereise wirkt seine rasche Tat,
-die Polonius das Leben nahm, weiter: Ophelia, der von der Hand des
-Geliebten der Vater umgebracht worden ist, kommt von Sinnen und geht
-ins Wasser; ihr Bruder Laërtes, der heimkehrt, findet sie wahnsinnig
-und bald tot. Er ist stürmisch aus Frankreich herbeigeeilt, um den Tod
-des Vaters an dem König, den er für den Schuldigen hält, zu rächen. Er
-hat Anhang im Volk gefunden; er soll ihr König werden. König Claudius
-überzeugt ihn leicht, daß nicht er, sondern Hamlet die Tat begangen
-hat und auch an Wahnsinn und Tod der Schwester die Schuld trägt.
-Darüber kommt gerade von Hamlet die zunächst unbegreifliche Nachricht,
-daß er zurückgekehrt und schon wieder gelandet ist. Da schmieden der
-König und Laërtes ihren Plan gegen ihn: Laërtes ist in Frankreich ein
-berühmter Fechtkünstler geworden; Hamlet, der diese Kunst auch liebt,
-hat früher öfter den Wunsch geäußert, sich mit ihm zu messen. So wird
-es leicht sein, ein Kampfspiel zwischen den beiden zustande zu bringen;
-dabei soll Laërtes gegen den Ahnungslosen, Vertrauenden nicht mit
-stumpfer, sondern scharfer Klinge fechten, rät der König; Laërtes’
-Rachedurst geht noch weiter: er will die Degenspitze vergiften. --
-Hamlet, in berechtigtem Mißtrauen, hatte auf dem Schiff den Brief
-an den englischen König erbrochen und erfahren, daß ihm sofort nach
-Ankunft der Kopf vom Rumpf getrennt werden sollte; nun fälschte
-er einen andern Brief, in dem der König aufgefordert wurde, die
-Überbringer umzubringen; bei Gelegenheit eines Kampfes mit Seeräubern
-richtete er es klüglich so ein, daß er gefangen wurde, Rosenkranz und
-Güldenstern weiter fuhren, ihrem Schicksal entgegen. Die Korsaren
-setzten ihn an der dänischen Küste an Land; dazu hat er sie durch die
-Aussicht vermocht, daß er „einen guten Streich für sie tun“ wird, womit
-offenbar seine Rache am König gemeint ist. Zu der ist er jetzt fest
-entschlossen: der Brief an den König von England hat ihm genug gesagt.
-Auf dem Friedhof, wo er sich mit seinem Freund Horatio bespricht, gerät
-er in Ophelias Beerdigung hinein; nun sie tot ist, kommt seine Liebe
-zu leidenschaftlichem Ausbruch, und er gerät im Grab wild und toll
-mit Laërtes zusammen. Sie werden auseinandergerissen; ihm ist zumute,
-als müsse er es mit Laërtes ausfechten, wer die Tote inniger geliebt.
-Das kommt dem König zupaß; nun wird rasch der Zweikampf vorbereitet,
-der Hamlet ausdrücklich als Kampfspiel zum Ausfechten einer Wette
-dargestellt wird. Um ganz sicher zu gehen, hält der König einen Becher
-mit einem Gifttrunk für Hamlet in Bereitschaft. Nun geht alles schnell:
-Laërtes und Hamlet verwunden sich gegenseitig mit der nämlichen
-vergifteten Degenspitze; die Königin trinkt aus dem Giftbecher, den
-der König für Hamlet zurechtgestellt hatte; erst sie, aus Ahnung, dann
-Laërtes aus Mitschuld fangen an zu enthüllen; nun wendet der vom Tod
-gezeichnete Hamlet rasch den Giftdegen, der ihm in der Hand geblieben
-ist, gegen den König und bringt ihn um. Der junge Fortinbras, der Prinz
-von Norwegen, der von seinem Kriegszug gegen Polen zurückkehrt und
-durch Dänemark kommt, und die englischen Gesandten, die zugleich mit
-ihm kommen und melden, Rosenkranz und Güldenstern seien dem Gebot des
-Dänenkönigs gemäß umgebracht worden, finden das Königspaar, Hamlet und
-Laërtes tot; vor ihnen als den Vertretern der Welt da draußen enthüllt
-Horatio, in welchem Zusammenhang das alles geschehen ist. Vom alten
-Gegensatz zwischen Norwegen und Dänemark hatten wir schon immer gehört
-und von Fortinbras’ Ansprüchen auf dieses Reich; jetzt soll der tapfere
-junge Kriegsmann König werden; sterbend hat Hamlet ihm seine Stimme
-gegeben.
-
-Ich gestehe: ich habe diesen Bericht über den Verlauf der äußern
-Handlung nicht ohne Scham geliefert. Durch nichts kann man doch
-deutlicher zeigen als durch solche Zusammenstellung, daß es Shakespeare
-nicht auf die Erfindung, die Abenteuer, die seltsamen Ereignisse
-ankam, sondern auf die Ausdeutung der gegebenen Geschichte, an der
-er nur durch Weglassungen, Zusätze und Umbiegungen änderte, was
-die Motivierung notwendig machte. Sicher ist, daß ihm auch hier
-daran gelegen war, jedes Moment der Geschichte zu pressen, bis es
-Menschliches, Innerliches, Verborgenes leuchtend hervortreten ließ.
-Je mehr man aber den Gang der Handlung, wie ich ihn eben im Rohen
-skizziert habe, in die Einzelheiten und Übergänge verfolgt, je mehr man
-zu dieser Entwicklung der Ereignisse ausdeutende Worte dazu nimmt, die
-von den Trägern der Handlung, sei es in entscheidenden Augenblicken,
-sei es gelegentlich, gesprochen werden, um so sicherer erkennt man,
-vielleicht zu eigener Überraschung, daß diese Tragödie Hamlet in einem
-höchst ironischen Sinn des Wortes nebst allem, was sie sonst noch in
-sich birgt, eine Schicksalstragödie ist, daß also doch auch die äußere
-Handlung des Dramas, ganz unabhängig zunächst von Natur und Geist des
-Prinzen Hamlet, einen wesentlichen Teil des Sinnes ausgestaltet, um
-dessentwillen diese Dichtung geschrieben ist.
-
-Ich bin davon ausgegangen, daß ich sagte, es sei für unser intuitives
-Erfassen nichts klarer als der innere Sinn dieses Dramas. Wenn dem
-so ist, wäre es ja wunderbar, wenn dieser Sinn nicht von einem Mann
-wenigstens schon ausgesprochen sein sollte, der sich so energisch
-und innig mit der Tragödie beschäftigte und der die Gabe, die man
-Intuition nennt, und den sprachlichen Ausdruck für das anschaulich
-Erfaßte so wunderbar besessen hat, von Goethe. Ganz recht; ich finde
-in der Tat, daß Goethe über das Stück das Wesentliche gesagt hat,
-vor allem auch darin, daß er diese Zweiseitigkeit hervorgehoben und
-Hamlet einmal als Charaktertragödie und dann als Schicksalstragödie
-erkannt hat. Auch über Hamlets Wesen und seine Stellung zur Welt
-sagt er schlechtweg Entscheidendes, wie es vom Dichter des Werther
-und des Tasso nicht anders zu erwarten war; und die Nachfahren, die
-Goethes Deutung variiert, ergänzt, verstärkt haben, hätten manchmal
-etwas dankbarer von ihrer aller Ahnherrn reden können; aber auch ich
-bin der Meinung, daß der Mann, der es nicht zu einem Hamlet, sondern
-bloß zu einem Werther und Tasso gebracht hat, das Problematische,
-Inkomplette, Passive, in jedem Sinn Leidende in Hamlets Stellung zur
-Welt zu stark betont, seine Aktivität und Energie zu wenig erkannt
-hat. Hier aber rede ich noch gar nicht von dieser allbekannten Deutung
-Goethes: „Eine große Tat, auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht
-gewachsen ist“, rede gar noch nicht von Hamlets Natur und seiner
-Stellung zur Welt und zu seiner Aufgabe; ich rede von der Handlung
-des Stücks, von den seltsamen Wegen, die das Schicksal in ihm nimmt,
-und von Goethes Deutung nicht der Person Hamlet, sondern der Tragödie
-Hamlet als Totalität. Diese Äußerung Goethes, obwohl sie im Wilhelm
-Meister im selben Zusammenhang steht wie die immer zitierte, wird viel
-weniger beachtet; die eine sollte aber von der andern nicht getrennt
-werden; beide zusammen ergeben Goethes Auffassung, wie Hamlets Natur
-und der Verlauf der Ereignisse, an denen diese Natur zum Vorschein
-kommt, zusammen die Tragödie von Hamlet bilden. Goethe sagt: „... Es
-geschieht eine ungeheure Tat, sie wälzt sich in ihren Folgen fort,
-reißt Unschuldige mit; der Verbrecher scheint dem Abgrunde, der ihm
-bestimmt ist, ausweichen zu wollen, und stürzt hinein, eben da, wo er
-seinen Weg glücklich auszulaufen denkt. Denn das ist die Eigenschaft
-der Greueltat, daß sie auch Böses über den Unschuldigen, wie der guten
-Handlung, daß sie viele Vorteile auch über den Unverdienten ausbreitet,
-ohne daß der Urheber von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird.
-Hier in unserm Stücke wie wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist
-und fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstände kommen zusammen und
-treiben die Rache, vergebens! Weder Irdischem noch Unterirdischem kann
-gelingen, was dem Schicksal allein Vorbehalten ist. Die Gerichtsstunde
-kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht wird weggemäht, und
-das andre sproßt auf.“
-
-Daß das sich nun in der Tat so verhält, ist klar, sowie man den nackten
-äußern Verlauf betrachtet. Die Tat, die alles ins Rollen bringt, ist
-geschehen: König Hamlet ermordet, der Usurpator im Besitz der Witwe
-und des Throns. Hamlet Vater und Sohn wollen die furchtbarste Rache
-über den Mörder verhängen, die Königin aber schonen: das Paar geht
-zusammen zugrunde. Prinz Hamlet will den König erstechen und tötet
-Polonius. Von seinem geheimnisvollen Verhalten zu Ophelia soll in
-diesem Zusammenhang bloß äußerlichen Planens lieber nicht die Rede
-sein, irgendwie aber scheint Hamlet sie in diese Pläne hineinzuziehen,
-sie als Mittel zu benutzen: das Ergebnis, ihr Wahnsinn und Selbstmord,
-kommt ihm als furchtbare schmerzliche Überraschung. König Claudius will
-Hamlet in England umbringen lassen und liefert seine Boten dem Henker.
-Laërtes will seine Rache mit verräterischem Anschlag befriedigen; der
-König will sich seiner bedienen; alle beide gehen darin zugrunde.
-Und in dem Augenblick, wo alles gegen Hamlet geht und der nur den
-Zweikampf im Sinne hat, der ihm ein symbolischer Ausdruck für seine
-aus dem Grab aufgestiegene Liebe zu Ophelia ist, wo er gerade seiner
-Rachepflicht gar nicht gedenkt, vollführt er die Rache, die ihn selbst
-mit verschlingt.
-
-Keineswegs ist diese Deutung, wonach das ironisch waltende, der
-Menschenpläne spottende Schicksal vom Dichter mit diesem Drama
-dargestellt wird, bloß hineingelegt oder aufgepfropft. Was wir hier mit
-Goethe sichtbar in dem Stück gefunden haben, läßt der Dichter am Schluß
-seinen Horatio, der sich anschickt, als Vermächtnis Hamlets den wahren
-Zusammenhang des Ganzen zu enthüllen, Fortinbras gegenüber deutlich
-aussprechen:
-
- ... so sollt ihr hören
- Von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich,
- Zufälligen Gerichten, blindem Mord;
- Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt.
- Und Planen, die verfehlt zurückgefallen
- Auf der Erfinder Haupt.
-
-Von hier aus aber eröffnet sich uns ein Weg, von dem ironischen
-Schicksal, das die Tragödie darstellt, zu Hamlets zwiespältigem
-innern Wesen. Das Schicksal bringt nicht alles, was Menschen tun, zum
-Scheitern; das eine gelingt, das andre mißrät; geht es in der Welt
-dieses Stückes ganz wie von ungefähr, blind, willkürlich, launisch
-zu? Oder wird uns gerade hier ein Merkmal gezeigt, durch das wir die
-Unterscheidung, die Wahl des Schicksals anfangen können zu verstehen?
-
-Es wird uns gezeigt, in einer Erkenntnis, zu der Hamlet schließlich
-kommt und die mit dem Geheimnis seiner reichen Natur innig
-zusammenhängt. Er hat sich als einen Tollen, der Thron und Reich
-in Gefahr bringt, nach England wegschaffen lassen; und wie er nun
-zurückgekehrt ist und dem Freunde berichtet, durch welche Verkettung
-von Zufall und eignem raschen, unüberlegten Entschluß er der größten
-Gefahr, der Ermordung entging, da ruft er aus:
-
- Laßt uns einsehn,
- Daß Unbesonnenheit uns manchmal dient,
- Wenn tiefe Plane scheitern; und das lehr’ uns,
- Daß eine Gottheit unsre Zwecke formt,
- Wie wir sie auch entwerfen.
-
-Diese Gottheit also, die Hamlet schließlich anerkennen lernt, so daß er
-kopfschüttelnd gestehen muß:
-
- ~There’s a divinity, that shapes our ends~,
-
-scheint es besonders auf die tiefen Pläne, auf den vorbereiteten
-Anschlag, auf die Unternehmungen abgesehen zu haben, die vernünftiger
-Überlegung entstammen; diese ~deep plots~ werden vereitelt. Hingegen
-~praised be rashness~! Unser zweckbewußtes Handeln lenkt die
-Gottheit und wandelt es um; weit eher ist sie im Bunde mit unsrer
-raschen Unbewußtheit als mit unserm vernünftigen Überlegen.
-
-Nun ist das aber ein sehr ernster Gedanke, für uns alle; und zumal
-für Hamlet. Denn dieses beides hat er in sich, solange er lebt,
-dieses beides streitet in ihm und wirkt manchmal zusammen: Umsicht,
-Überlegung, Geistigkeit, Bedenken bis zur Bedenklichkeit, und aber
-Energie, Aktivität, blitzschneller Entschluß, stählerne Elastizität und
-rasche Tat. Jetzt, wo’s zum Ende geht, ruft er aus, ruft dieser Hamlet
-aus, den wir beobachtet haben, dessen Selbstgespräche, Erwägungen,
-umständliche Anstalten, Selbstvorwürfe der Untätigkeit und Feigheit wir
-mitgemacht haben:
-
- ~Praised be rashness~!
-
-Die Raschheit, die Unbesonnenheit lobt er sich nun; er tut es in einer
-Stimmung, in der schmerzlichste Erkenntnis, Lust, daß er rasch sein
-Inneres in Tat verwandelt und also gelebt hat, und Resignation seltsam
-vereinigt in ihm sind. Seine aufgeräumte Lust kommt ihm nicht bloß
-von der raschen Befreiungstat, über die er dem Freund berichtet; noch
-zittert in ihm Wonne und Weh über seinen kühnen Sprung in Opheliens
-Grab und sein spätes, allzu spätes Bekenntnis zu seiner Liebe; wie
-hatte er die in Zweifel, in Erwägung, in Mißtrauen zurückgedrängt
-und seine Haltung gegen die Geliebte sogar in seine Rachepläne
-gegen den König einbezogen; jetzt, wo er alles, was ihn umschnürte,
-zersprengt, Überlegung und Melancholie unter sich gebracht hat, wie
-wohl wäre ihm, wenn es nicht zu spät wäre! Wie würde er sich in seiner
-tatfrohen Kraft eins mit dem Göttlichen fühlen, wenn nicht so viel
-schon geschehen wäre, das ihn empfinden läßt, daß er nicht mehr in
-der Lust des Anfangs, sondern in der Entsagung steht. So weiß er denn
-wohl: die Gottheit vollendet’s in ihrer eignen, unvorhergesehenen
-Art; die Momente, in denen er in ihr zu stehen spürt, zucken auf und
-verschwinden; da es für die tapfere, lustvolle Tat zu spät schon
-geworden ist, bleibt nur die Tapferkeit der Bescheidung übrig:
-sein Schicksal auf sich zu nehmen. Wie er im Begriff steht, zu dem
-Zweikampf zu gehn, der alles entscheiden wird, da hat er das Vorgefühl
-des Schicksals; es ist ihm gar übel ums Herz, er hat „eine Art von
-schlimmer Ahnung“; aber er sagt:
-
- „Wir trotzen dem Augurentum; besondere Vorsehung waltet im Fall
- eines Sperlings. Ist’s jetzt, so ist’s nicht künftig; ist’s nicht
- künftig, so wird’s jetzt sein; ist’s nicht jetzt, so wird’s doch
- kommen: Bereitschaft ist alles; da keiner was hat von dem, was er
- läßt, was liegt daran, es früh zu lassen? Sei’s drum.“
-
-Und wir wissen, wie sich die besondre Vorsehung, die Gottheit, die
-in die Entwürfe der Menschen eingreift und die Fäden ihrer Gespinste
-in göttliches Netz verwebt, gerade bei diesem Zweikampf, bei diesem
-Gottesgericht, in das Hamlet nun schreitet, bewährt. Einstmals, just
-an dem Tag, an dem Hamlet zur Welt kam, gab es einen eindeutigen
-Zweikampf, wo Tat mit Tat focht und der Stärkere siegte: da hatten
-zwei Könige -- Hamlet und Fortinbras hießen sie -- um ein Stück Land
-gestritten. Damals siegte ein Hamlet der Däne; und seitdem streift
-Norwegen lauernd herum und wartet auf seine Zeit. In dem Kampf aber,
-in dem dieser nachgeborene Hamlet jetzt steht, ist alles mehrdeutig
-und verworren: eine Mensur ist es zur Entscheidung einer Wette; und
-die Rache des Laërtes ist es; und das Bestreben Hamlets, dem Laërtes
-ritterliche Genugtuung zu geben und mit dem Leben für seine Liebe zu
-Ophelia einzustehn, die er in den Tod getrieben hat; und der Plan
-des Königs ist es, Hamlet aus dem Weg zu räumen. Nichts scheint
-in diesem Augenblick weniger im Spiel als Hamlets Rache; eher den
-Korsaren scheint diese seine Rache irgendwie nützen zu können als dem
-Machtbegehr des jungen Fortinbras; aber die Vorsehung wirft ihr Netz
-und hat die planenden Menschen für sich arbeiten lassen: in diesem
-Augenblick geht das ganze Haus Dänemark, der Usurpator, die unselige
-Königin, Hamlet und mit ihnen Laërtes unter, der im Volk schon als
-König ausersehen war; für Fortinbras, der eindeutig auf der Tat steht,
-und der nicht in beweglicher Unruhe geplant, sondern in Stille gewartet
-und seine Kraft geübt hat, ist die späte Rache und die Erfüllung da.
-
-Hamlets Rache geschieht nicht durch ihn, sondern durch ihn hindurch,
-über ihn, über seine Leiche hinweg; zu Tode getroffen wendet er
-blitzschnell, ohne Zusammenhang mit all seinen früheren Plänen, die
-vergiftete Waffe gegen den Giftmörder. So führt das Schicksal ihm die
-Hand, und fast ist es so, als vollführte eine Leichenhand die Tat,
-die der Lebende nicht getan hat. Nicht getan hat; Goethe sagt: nicht
-tun konnte. Ist es so? Hat Goethe auch darin recht gesehen, daß er
-sagt, in Hamlet sei „eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat
-nicht gewachsen ist?“ Hamlet sei „ein schönes, reines, edles, höchst
-moralisches Wesen, ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht?“
-
-Diese Auffassung ist scharf bestritten worden, und man hat rundweg
-geleugnet, daß irgendein Zwiespalt zwischen Denken und Tun in Hamlet
-bestehe. J. L. Klein, schon 1846 in einem verschollenen Journalartikel
-(den das Shakespeare-Jahrbuch 1895 wieder abdruckte) und unabhängig
-von ihm, später sich entzückt auf ihn berufend, Karl Werder in seinen
-Vorlesungen haben behauptet, Shakespeare stelle dar, wie Hamlet mit
-überlegenem Geist eine Freveltat enthülle und zu guter Letzt auch
-räche, die in tiefstem, schauerlichem Geheimnis verborgen sei; all
-sein langsames Vorgehen, die ganze Art seiner Taktik habe die besten
-äußern Gründe von der Welt. J. L. Klein geht dabei so weit, daß
-er die Erscheinung des Geistes, den außer Hamlet und vor ihm noch
-Horatio, Marcellus und Bernardo sehen, vollständig identifiziert mit
-Hamlets Divinationsgabe. Damit aber ist seine ganze Darlegung, zu
-wie geistvollen und tiefen Anmerkungen sie ihn auch führt, abgetan:
-er hat aus Shakespeares Dichtung irgend etwas, vielleicht etwas sehr
-Interessantes, vielleicht gar etwas trotz aller abstrakt-kritischen
-Ausdrucksweise Gedichtetes gemacht, aber er ist nicht in ihr geblieben.
-
-Trotzdem kommt es sehr in Betracht, daß Hamlet selbst auf die
-Erscheinung und die Worte des Geistes allein hin den Usurpator nicht
-verurteilen will, daß er es darauf anlegt, den Mörder auf normale Art
-zu überführen; trotzdem muß wirklich gefragt werden, ob denn davon
-die Rede sein dürfe, Hamlet sei seiner Tat nicht gewachsen, wenn das
-Schicksal so eingreift, wie wir es geschildert haben.
-
-Das aber ist gerade das Gesamtmotiv dieser Tragödie, das alles
-zusammenhält, daß hier die Begegnung eines außerordentlichen Schicksals
-und eines außerordentlichen Charakters gezeigt wird. Die ungemeine
-Bedeutung, die die Gestalt Hamlets für die Geistesgeschichte unsrer
-Völkergemeinschaft gewonnen hat, kommt daher, daß Shakespeare Hamlets
-Ringen mit seiner Aufgabe, seinen Kampf gegen den Usurpator und seine
-Gesellen, gegen die Wollustgier der Sinne und mörderisch lüsterne
-Niedrigkeit ausgeweitet hat zum Kampf des Geistigen gegen die Welt,
-die ihn erdrücken und ersticken will. Das hat Goethe ein für allemal
-recht gesehen, daß Hamlet einer ist, der an der Welt leidet; wer sich
-vorwiegend an die Kriminalgeschichte hält, wie der schlaue Detektiv
-Hamlet einen Mord an den Tag bringt, von dem nur der Mörder und das
-Grab etwas wissen, der tut letztgiltig, was ich vorhin als etwas
-Vorläufiges und trotzdem in Scham getan habe: er hält sich nur an den
-Verlauf der äußern Vorgänge und läßt außer acht, was für dieses Drama
-bei weitem das Wesentlichste ist: die Gedanken, die Empfindungen,
-das ungeheure Leiden, das im Sprachlichen, in Hamlets und nicht nur
-Hamlets Worten zum Ausdruck kommt. Kein Zweifel, was Shakespeare
-gereizt hat, diesen barbarischen, ungefügen Stoff zu behandeln, war der
-verstellte Wahnsinn, von dem die Überlieferung berichtete und der in
-jeder Hinsicht neu zu motivieren und neu zu behandeln war; und indem
-er diesen angenommenen Wahnsinn in Verbindung brachte einmal mit den
-dämonischen Abgründen der Unterwelt und des wild Untermenschlichen der
-stinkenden Wollust, dann mit dem Weltschmerz so innig gewaltiger Art,
-daß ihn der Dutzendmensch für echten Wahnsinn hält, hat er diesem
-Stoff erst seinen ewigen Gehalt, dieser Gestalt erst ihre tragische
-und zugleich scharf polemische Prägung gegeben. Wahr ist auch, was
-Goethe gesehen hat, daß diese Passion Hamlets seltsame Übergänge hat
-zur Passivität, wiewohl nicht zu leugnen ist, daß Goethe in diesem
-Betracht nicht alles gewahrt hat und den mit stärksten Energien
-geladenen Dänenprinzen zu sehr vergoethet, vermeistert, verwerthert
-und veregmontet hat. Und überdies ist es am Ende gar zu einfach und
-traditionell gedacht, die Hamlet auferlegte blutige Rache als große Tat
-und seine Haltung zu ihr als Mangel an sinnlicher Stärke zu bezeichnen.
-
-Wollen wir in diesem Punkt klar sehen, wollen wir mit Sicherheit
-erkennen, wie Hamlet empfindet, wie er denkt, ob er, wenn schon nicht
-der Rachetat, die der grimmige Vater als umgehendes Gespenst noch von
-ihm fordert, so doch dem Schicksal gewachsen ist; wie er zur Tat steht,
-was der Dichter mit ihm darstellt, was der Sinn dieser tragischen
-Gestalt ist, so ist das Eigentümliche, daß wir, ehe wir ihm selbst,
-seiner Haltung, seinen Unternehmungen, seinen Reden nähertreten,
-Winke, die diese Gestalt beleuchten, innerhalb der Dichtung auch von
-ganz andrer Seite erhalten. Es ist, ich habe schon darauf verwiesen,
-ein besondrer Zug, den diese Tragödie mit einigen andern Dichtungen
-Shakespeares gemein hat, daß auch von andern und in ganz andern
-Situationen Worte gesprochen werden, die plötzlich, blitzartig ein
-Licht auf den letzten Sinn der Dichtung und ihres Helden werfen.
-
-Schon J. L. Klein und wiederum unabhängig von ihm Margarete Susman,
-auch sie in einem Zeitschriftaufsatz, der nicht verdient, verschollen
-zu gehn (Die Tat, 1915), der jedoch übrigens, wie Kleins Aufsatz,
-nicht in Shakespeares Dichtung bleibt, sondern gleichfalls neben
-seinem gewaltigen Werk, in seinem Licht und in seinem Schatten eine
-kleine Abstraktionsdichtung aufbaut, beide haben als solche Kernworte
-deutender Art ein paar Verse genannt, die in der Deklamation des
-Schauspielers vom rauhen Pyrrhus stehen. Die Verse gehören in der Tat
-zum Bedeutsamsten; nur haben sich Klein wie Susman, ohne aufs Original
-zurückzugreifen, Schlegel anvertraut, und haben so, durch eine falsche
-Übersetzung irregeführt, die ganze Bedeutung der Stelle nicht erkannt.
-
-Pyrrhus in seiner Kriegs- und Zornwut will Priamus töten; der schwache
-Greis aber fällt schon, wie bloß das Schwert durch die Luft saust,
-zu Boden; in dem Augenblick stürzt krachend das brennende Ilium
-zusammen; in einem Moment empfindet Pyrrhus die ungeheure Gewalt des
-Schicksals, gegen die sein persönlicher Zornwille zu einer Winzigkeit
-zusammenschrumpft, da --
-
- seht, sein Schwert,
- Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen Priam
- Milchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt:
- So stand er, ein _gemalter_ Wütrich, da
- Und, wie entfremdet seinem Ziel und Willen,
- Tat nichts.
-
-~Like a neutral to his will and matter~ -- keineswegs heißt
-das, wie Schlegel nur um des Versbaus willen sagt und Gundolf gleich
-andern Verbesserern achtlos stehen gelassen hat: „Und wie parteilos
-zwischen Kraft und Willen“. Wenden wir das Wort gleich auf Hamlet an,
-so findet sich ein so simpler Zwiespalt, daß er zwar die Tat will,
-aber unvermögend ist, sie auszuführen, wirklich nicht in ihm. Pyrrhus
-steht in dem Augenblick vielmehr gegen seinen eignen Willen und gegen
-seinen eigenen Gegenstand, gegen sein Objekt, seinen Zweck neutral; im
-Schwung bleibt ihm das Schwert wie festgehalten in der Luft stecken,
-und so ist er in diesem Augenblick nicht der Täter, nur das Bild, die
-Phantasiegestalt, das wie in die Unbeweglichkeit gebannte Gleichnis
-der Tat. In diesem sinnbildlichen Ausdruck haben wir das Verhältnis
-Hamlets zu seiner Aufgabe. Sowie es auf die Ausführung ankommt, steht
-er seiner eignen Sache wie ein Unbeteiligter gegenüber; er zerfällt in
-sich, mit sich, in zwei: in den Täter und den Betrachter, oder besser
-gesagt: in den, der eine auferlegte Tat zu vollbringen sich vorsetzt,
-und in den, der sie nicht in Wirklichkeit, sondern in der Phantasie
-vollendet.
-
-Überaus erleuchtend für Hamlets innere Situation ist auch die ähnliche
-Lage, in die die gewaltige Ironie des Dichters Laërtes gegen Hamlet
-selbst versetzt. Hamlet hat den Tod seines Vaters an König Claudius zu
-rächen; Laërtes hat, im Bunde mit eben diesem König, den Tod seines
-Vaters an Hamlet zu rächen. Und zu ihm hat nun eben der König Claudius
-Worte zu sprechen, die uns ins Ohr gehen, als werde Hamlet ermuntert,
-seine Rache an diesem Sprecher selbst nicht durch Vorweggenießen,
-sondern durch die Tat zu befriedigen:
-
- Nichts auf der Welt beharrt in gleicher Güte;
- Wächst sie, die Güte, bis zur Überfülle,
- So stirbt sie hin im eignen Allzuviel.
- Was du willst tun, das tu, solang du willst.
- Denn dieses „Will“, es ändert sich, es leidet
- So viel an Abbruch, Aufschub, als es Zungen
- Und Hände, als es Zwischenfälle gibt.
- Das „Soll“ ist dann Verschwendung nur von Atem
- In Seufzern, die erleichtern und doch schaden.
-
-Es hat dem Dichter gefallen, diese Worte ungemeinen Tiefblicks König
-Claudius in den Mund zu geben -- auf die Gefahr hin, daß Tieck oder
-sonst wer aus ihnen zu beweisen versuchte, ein solcher Denker könne
-kein brutaler Lüstling sein --, vor allem um der Ironie willen, die
-Shakespeares Weltleiden und Menschenhaß in diesem Stadium über alles
-wichtig war: beim Entwurf des Racheplans gegen Hamlet soll aus dem
-Munde des Unbedenklichen die Theorie der Tat ausgesprochen werden,
-gegen die der Phantasiemensch Hamlet in seinen Entwürfen eben gegen
-diesen Unbedenklichen immerzu verstößt. Und wirklich ist es Hamlet,
-der die Qualität seines Willens so lange immerzu verbessert, bis der
-vollendete Wille daraus geworden ist, der Wille, der sich schwelgerisch
-in sich befriedigt und die Vorstellung der vollzogenen Tat schon in
-sich trägt.
-
-Prinz Hamlet ist ein gefühlvoller, sinnender Jüngling, der für sich
-und die Welt Liebe braucht; seine Neigungen gehen auf Gelehrsamkeit
-und Philosophie; er war auf der Universität und will wieder hin; an
-Staatsangelegenheiten nimmt er nicht teil. So ist er von Haus aus in
-Gefahr, sich in der Welt einsam und elend zu fühlen; nun aber gar,
-wo der Vater, den er geliebt und verehrt hat, in fürchterlicher,
-abscheulicher Art plötzlich weggerafft wurde, in einer Art, daß ihn
-schlimme Ahnungen beschleichen; wo der Oheim, der Bruder des Vaters,
-aber in allem, auch in der leiblichen Erscheinung sein Widerspiel, die
-Krone aufsetzt und, das Unerträglichste von allem, seine geliebte,
-angebetete Mutter fast von der Leiche des Vaters weg zur Frau gewinnt!
-Daß Hamlet das als Blutschande in dreierlei Sinn empfindet, ist sicher;
-einmal, weil die Vorstellungen der Zeit eine solche Ehe der Witwe mit
-dem Schwager als lästerlich verpönen; dann, weil es ihn Verrat an der
-Liebe dünkt, so schnell aus dem Gedächtnis des Toten und dem Leid um
-ihn zur neuen Ehe, zur Hochzeit, zum Genuß zu schreiten; schließlich,
-weil ihm die Mutter beschmutzt und geschändet vorkommt, da sie das
-Lager dieses widerwärtigen Völlers und Lüstlings teilt. Sehr stark
-hat diese Situation Hamlets Strindberg zum Ausdruck gebracht; gewiß
-nimmt aus diesem unergründlichen Stück jeder das heraus, was seiner
-Natur gemäß ist; aber es ist nur in der Nuance unshakespearisch, wenn
-Strindberg sehr strindbergisch schreibt: „Er hat einen Stiefvater
-bekommen, und was ein Kind niemals in dem ehelichen Verhältnis bemerkt,
-das sieht selbst schon ein kleines Kind, wenn eine ‚Bastardehe‘
-eingegangen wird: Hamlet empfindet die Erniedrigung seiner Mutter
-als Blutschande oder Unzucht...“ Sein ganzes Wesen, so schildert
-Strindberg in starkem Einleben Hamlets Zustand, sei in Empörung
-gebracht; seine Abstammung von den Ahnen sei unterbrochen, wie „von
-etwas Widernatürlichem, Mißgeburtartigem, Unreinem, das des Vaters Bild
-und die Majestät der Mutter besudelt“.
-
-Was Hamlet das Leben an diesem Hof zur gräßlichen Pein macht, sind aber
-nicht bloß Gefühle, Vergleichungen dieser Art, sondern die wirklichen
-Äußerungen des Lebens, wie es nun an diesem Hof eingesetzt hat. Es
-ist, wie es der witzige König in seiner Mischung aus angenommener
-sentimentaler Süßlichkeit und Zynismus ausdrückt, „Leichenjubel und
-Hochzeitsklage“, ist überdies Wüstheit und Schlemmerei; ekelhaft in
-einen Sumpf zusammengepantscht sieht und hört der Jüngling, der nach
-reiner und stiller Umgebung lechzt, Trinkgelage, Schmäuse, rohes
-Lärmen, Feste der Üppigkeit und Bauchdienst jeder Art mit Kanonendonner
-und Kriegsrüstungen. Er, dessen Natur sich nach innen wendet, der mit
-auserlesenen Freunden oder in sanfter Liebe leben möchte, steht nun an
-diesem Hof, im Vaterhaus, in dem neuen Leben, das seine Mutter erwählt
-hat, als der einzige, der noch in Trauer geht, wie in einem Lager
-von Feinden. Seine Natur ist aber nicht so, daß er ein Wehrloser in
-Depression stünde; da er mit dieser Feindeswelt umgehen muß, braucht
-er die Waffe, die sein ist: den Geist, der sehr aktiv, aggressiv,
-polemisch wird, sowie man ihn mit Eingriffen der Gewöhnlichkeit oder
-Niedertracht aus seiner Versunkenheit reißen will, welche nur wie
-eine Schicht ist, unter der die Qual, das Bohren, das Fragen und
-Suchen in wilder Arbeit steht. So ist er nach außen abwechselnd milde,
-sanft, nachgiebig, abwesend und dann wieder heftig, scharf, böse. Was
-wirklich in ihm lebt, sein wahrhaftes Wesen und seine Situation, kann
-er, solange er nicht zu Horatio als einem echten Menschen und Freunde
-Vertrauen gefaßt hat, fast nur in der Auseinandersetzung mit sich
-selbst, die uns als Monolog gegeben wird, äußern. So ist es, noch ehe
-sein Vater wiederkehrt; noch ehe den Empfindsamen, Verletzlichen die
-fürchterlichste Botschaft aus der Unterwelt erreicht, die Nachricht
-von der Ermordung des Vaters, die der Tote ihm selbst bringt, die
-Nachricht, daß der Vater in der Unterwelt in aller Eindringlichkeit
-des Leibhaften die Höllenqual erleidet, die unterirdisch auch in der
-Seele des Sohnes tobt. Noch ehe all das zu ihm gesprochen hat, ist
-schier unerträglicher Weltschmerz in Hamlet; was er erlebt, ist ihm
-ein Beispiel des Zustands dieser Welt; leidenschaftlich äußert sich,
-sowie er mit sich allein ist, sein Abscheu vor dieser Welt, wie sie
-ist; er sehnt sich, ein geisterhaftes Wesen in ätherischer Sphäre, nur
-kein Mensch unter Menschen zu sein; er sinnt zum Selbstmord hin. Wie
-muß diesen Menschen in dieser Verfassung und Situation die Nachricht
-treffen, die Kunde vom Mord, die ihm auch eine entsetzliche Kunde von
-seiner Mutter ist; die Kunde, wie die Schmach, der Schmutz, die Qual
-dieser Welt mit dem Leben nicht zu Ende ist; wie die Seele, die hier
-nicht Stille und Frieden fand, drüben im Wirbel des Entsetzens weiter
-gedreht und geschleudert wird.
-
-Dies Weiterleben des Ermordeten im höllischen Fegefeuer, die für
-Auserwählte sichtbare Wiederkehr des Gespenstes und seine Unterredung
-mit dem Sohn hat man als entsetzenvolle Wirklichkeit zu nehmen; und
-den möchte ich sehen, der so kühl und überzeugt Leben und Bewußtheit
-nur als eine Funktion einer bestimmten Formation von Stoffteilchen
-nimmt, daß er nicht mehr imstande ist, das Grauen vor dem Leben im Tod
-zugleich mit dem vor dem Tod im Leben, wie sie alle beide in diesem
-Stück ineinander verschlungen sind, zu empfinden. Mit diesem ihrem
-unlöslichen Bestandteil ist die Hamlet-Tragödie zur Dichtung einer
-Weltstimmung geworden, die mit dem Christentum in die Welt gekommen
-ist; und gerade daß Hamlet und Horatio wie ihr Dichter dazu noch im
-Rationalismus stehen, daß sie wie von etwas Ungeglaubtem, Unerhörtem
-durch die unmittelbare Gewalt der Sinnenwahrnehmung überwältigt werden,
-das hebt diese Szenen über alles Dogmatische und Abergläubische und
-weckt uns zu einer zugleich erhabenen und intim vertrauten Bangigkeit
-vor dem Ewigen, die wir so nicht bei Sophokles und nicht bei
-Michelangelo und nicht bei Rembrandt, und in dieser Art auch nicht bei
-den Dämonen der gotischen Plastik und bei Grünewald empfinden. Diese
-Stimmung Shakespeares, wie sie auch Claudio in Maß für Maß zum Ausdruck
-bringt,
-
- ... der Geist, noch lebensfroh,
- Getaucht in Feuerwogen, hingebannt
- In schaudernde Gefilde ew’gen Eises;
- Im Kerker unsichtbarer Sturmgewalt
- Rastlos gejagt rund um die schwebende
- Weltkugel ...
-
-diese Stimmung inmitten einer starken, gefaßten, vor keiner Ergründung
-zurückschreckenden, tapfer suchenden Vernunft ist ein Vermächtnis
-leidenschaftlicher und leidender Weltinnigkeit, das durch Shakespeare
-hindurch von der christlichen Ära mit lebendiger Gewalt zum Zeitalter
-der Wissenschaften gegangen ist.
-
-Immer ist es bewundert und von Lessing in edel schmerzlichem Neid
-aufgezeigt worden, mit welcher Kunst diese Szenen gebaut sind, mit
-einer Kunst, wie sie nur dem innigsten und mächtigsten Gefühl für die
-unsägliche Tragik des ewigkeitsbewußten Tieres, das Mensch heißt,
-gegeben ist. Ein freier Raum, Nacht unter dem unendlichen Himmel,
-damit beginnt das Stück. Schildwachen lösen sich ab; genau zur Stunde,
-eben schlägt es zwölf Uhr. Aus den Worten, die erst gewechselt werden,
-dringt die Kälte dieser Nacht auf uns ein; es fröstelt uns; und das
-fortwährende Halt!- und Wer da?-Rufen versetzt uns in die unheimliche
-Stille, die ohne das walten würde. Und dann beginnt das Gespräch von
-dem Ding, das erschienen ist; wir hören das Pah des ungläubigen
-Rationalisten; einer, der dabei gewesen, fängt an zu erzählen, wie er’s
-gesehen hat, da kommt das Gespenst, sichtbar für die drei Menschen
-auf der Bühne, und wir sehen, wie es sich still, würdig, menschlich
-dahinbewegt, und wie der Rationalist den verehrten König erkennt. Und
-dann, wie es wieder kommt, der gewalttätige Versuch der Soldaten, die
-sich zur Tapferkeit gewohnt kriegerischer Art zwingen, die Erscheinung
-festzuhalten, und Horatios feierliche Beschwörung: das Gespenst geht
-schweigend weiter; und nun kräht der Hahn und es ist weg. Dieses
-Allerseltsamste erfährt Hamlet, nachdem wir ihn in seiner Haltung am
-Hof, zur Mutter, zum Oheim-Stiefvater gesehen, nachdem wir den Ausbruch
-seiner Qual, seine Sehnsucht, ein Geist, kein Mensch zu sein oder die
-Pforten des Todes frei öffnen zu dürfen, mitangehört haben. Welche
-Exposition ist das! Wie erlaubt sich da die Innigkeit den kühnen Griff
-und stellt souveräne Kunst in ihren Dienst! Und von vornherein bekommen
-wir das Gefühl, aus Hamlets Worten wie aus dieser Situation, daß hier
-die Enge einer barbarischen äußeren Handlung zum Kampfplatz des Geistes
-mit der triebhaft gemeinen Welt, der Seelenreinheit mit Gierschmutz und
-Klugheitsberechnung erweitert wird; und daß dieses Ringen des Geistes
-nicht nur mit allem Fratzenhaften der Tiermenschheit, sondern in
-rastloser Jagd „rund um die schwebende Weltkugel“, in der Unendlichkeit
-kosmischer Qual vor uns gestellt werden soll.
-
-Ehe Hamlet sich nun in der folgenden Nacht dem Geist in den Weg stellt,
-wird in Anwendung der Technik, die Shakespeare bei reichverzweigter
-Handlung regelmäßig anwendet, erst noch ein neues Motiv angeschlagen.
-Wir erfahren in dem Gespräch Opheliens erst mit ihrem Bruder, dann mit
-ihrem Vater, von der aufkeimenden Liebe zwischen ihr und Hamlet. In
-dieser Zeit, wo er so maßlos einsam und elend war, hat er dem lieben,
-sanften, weichen Mädchen von seiner Neigung gesprochen und hat auch
-glauben dürfen, daß sie seine Liebe erwidere. Uns wird bange, wenn
-wir miterleben, wie das folgsame Kind dem Vater verspricht, seinem
-Befehl zu gehorchen und jeden Verkehr mit dem Prinzen abzubrechen.
-Die beiden Kinder, Laërtes wie Ophelia, sehen zu dem alten Polonius,
-ihrem Vater, mit einer Art kleinbürgerlicher Ehrerbietung auf. Er
-zeigt Welterfahrung, Klugheit, hat die allgemeinen Maximen rechter
-Lebensführung am Schnürchen und dazu eine humoristische, zwischen Güte
-und Heftigkeit polternde patriarchalisch befehlende Überlegenheit;
-es wundert uns nicht, daß die junge Brut in Kindesliebe fügsam ist.
-Und es wundert uns nicht, daß so eine stille, bald etwas gedrückte,
-bald herzhaft heitere Natur wie Ophelia den Prinzen in dieser Zeit,
-wo ihm der Vater durch schaurigen Tod, die Mutter in schaurigem Leben
-genommen wurde, anziehen mußte wie eine liebliche Gewähr, daß die Welt
-nicht ohne Seele ist. Auch das also soll, ohne daß er’s noch ahnt, dem
-Gequälten genommen werden, der sich nach einer duftigen, rein geistigen
-Welt sehnt und der, das Herz voll dumpfer Ahnung, nun in die kalte
-Winternacht schreitet, um dem Boten aus der Geisterwelt zu begegnen,
-der das Gespenst seines eignen Vaters sein soll.
-
-Schon in der ersten Szene war im Anschluß an die Erscheinung eines
-heldischen und höchstverehrten Mannes, des Königs, als Dämon aus der
-Unterwelt von den Zuständen in Dänemark und der schlimmen Vorbedeutung
-für eine große Gärung und Schicksalswendung gesprochen worden. Jetzt,
-wo Hamlet in der nächsten Nacht auf das Gespenst wartet, knüpft das
-Gespräch an die Kanonenschüsse und Trompetenstöße an, die bei dem
-wüsten nächtlichen Gelage des jetzigen Königs seine Trinksprüche
-begleiten und die man von der Terrasse aus hört. Hamlet wird lebhaft,
-gebraucht starke Worte gegen dieses wilde, unvernünftige Treiben;
-kommt von da in eine Betrachtung allgemeiner Art; verwickelt sich in
-einen langen Satz, dem seine und unsre ganze Aufmerksamkeit gilt, --
-und in diesem Augenblick erscheint der Geist. Bei dieser Begegnung,
-wo er in der gepanzerten Gestalt, hinter dem offenen Visier Zug
-um Zug seinen edlen Vater erkennt, zeigt sich Hamlets Geistigkeit
-von einer neuen Seite: er ist tapfer. In der besondern Art tapfer,
-die mit kriegerischem, soldatischem Wesen, mit Bravour und harter
-Gewöhnung nichts zu tun hat. Wenn von jenseits der Grenzen der Natur
-ein dämonisches Wesen, das eine Teufelsmacht sein kann, uns winkt,
-darf auch den Mutigen Furcht ankommen, und so warnt Horatio den
-Prinzen geradezu vor dem Wahnsinn, in den dieses Gespenst, wenn er
-ihm folgt, ihn hineintreiben kann. Hamlet aber fühlt, daß hier ein
-Außerordentliches in sein Leben getreten ist, das sein Schicksal sein
-soll: dem will er sich stellen. Am Leben in dieser Sterblichkeit liegt
-ihm nichts; es ruft ihn aus der Ewigkeit; nun, das Ewige, das da von
-außen zu ihm getreten ist, weiß er auch in sich. Von der gestaltenden
-Phantasie her --
-
- Er kommt ganz außer sich vor Phantasie
-
-ruft Horatio aus -- steigt freudige Kraft und Entschlossenheit in ihm
-auf.
-
-In diese Welt der Niedrigkeit hat er nicht gepaßt. Der Ekel, der ihn
-bei den letzten Ereignissen erfüllte, die gräßliche Enttäuschung,
-die er an seiner eignen geliebten Mutter erlebte, war doch nur die
-äußerste Erfüllung dessen gewesen, was er von dieser Welt erwartete.
-Es gab da keine Stellung, keinen Beruf, keine Aufgabe für ihn. Von
-all den kriegerischen Vorbereitungen, die er um sich sah, hatte er
-sich ohne Teilnahme, ja, mit Widerwillen abgewandt; all das war ihm
-hineingeflochten in ein Treiben der Würdelosigkeit und des Taumels.
-Jetzt kommt die geistige Welt und bringt ihm Schicksal und Aufgabe.
-Aber in welcher Entsetzensgestalt! Welche Mission! Er wird nicht
-hinausgehoben aus der Wüstheit in irgendeine Sphäre der Reinheit,
-sondern die Wüstheit in ihrem ganzen Graus, wie sie ihn aufs nächste
-umgibt und angeht wird ihm gezeigt, auf daß er sie bekämpfe! Das
-von nun an sein Amt, dazu ruft ihn der Bote aus der Geisterwelt,
-sein eigner Vater auf: die ermordete, vergiftete Reinheit soll er an
-der Schnödigkeit rächen. Denn so nimmt er’s sofort: es gibt für ihn
-nichts Besonderes, für sich Stehendes, Privates; geht es um Dinge des
-Einzellebens, des Interesses, des Gewinns und Genusses, so ist er wie
-gelähmt; Kraft hat er nur von seinem schöpferischen Phantasiedenken
-her: im einzelnen muß er das Allgemeine erfassen. So wird denn sofort
-dies Erlebnis, das eine bestimmte, vereinzelte Tat von ihm fordert, von
-ihm gestaltet, ausgestaltet, geweitet; dieses Einzelne gilt ihm nur als
-Symbol für das Ganze. Notiert, aufgeschrieben muß es werden, damit es
-nie wieder vergessen wird,
-
- Daß einer lächeln kann und immer lächeln
- Und doch ein Schurke sein.
-
-Warum aber ihm gerade diese Verstrickung, dieses Schicksal, diese
-Aufgabe? Nicht, sich abwenden zu dürfen und irgendwo in Stille ein
-Leben der Reinheit und Betrachtung zu führen, sondern kühn in die Mitte
-des geilen Frevels greifen zu müssen und den Krieg gegen Schmutz und
-Ruchlosigkeit zu führen?
-
- Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,
- Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.
-
-Er übernimmt, wozu ihn der Geist beruft; noch ehe er weiß, was
-geschehen ist, kommt der Entschluß und das Gelöbnis der Rache aus ihm
-heraus; daran will er sich nun halten, daß das sein letztes, sein
-einziges Geschäft hier auf Erden ist; aber er empfindet es als Fluch,
-daß diese greuliche Bestimmung gerade ihn traf. Er nimmt den Ruf ganz
-heroisch, ganz geistig, ganz phantastisch; nichts weiter soll für ihn
-mehr leben als diese eine Aufgabe, die er aber für etwas Totales,
-Riesenhaftes, Allumfassendes, endgültig Entscheidendes nimmt. Wie
-Philosophen und Mystiker wohl gesagt haben, daß, wenn man ein Ding,
-und wär’s das kleinste, ganz erkennte, man damit die Welt erfaßte,
-und wie sie auch gesagt haben, daß das wahre Erkennen ein Tun sei und
-daß, wer Ein Ding recht täte, damit im Ewigen stünde, so träumt Hamlet
-vom ersten Augenblick an -- und nur dadurch hat die Rachetat für ihn
-einen Sinn --, daß er diese eine Tat so vollendet, so repräsentativ
-tun müsse, wie eine Opfertat eines einzelnen die ganze Welt erlöst. Er
-nimmt diese Tat wie die eines Herkules, der mit ihr zum Christus der
-Menschheit, zum Reiniger der Welt würde -- er, der sich bekannt hat,
-daß er sich für alles eher als für einen Herkules hält!
-
-Sein Amt, er weiß es sofort nach dieser Begegnung mit dem Jenseits,
-verlangt die entschlossene, keinen Ekel scheuende Rückkehr aus der
-Abgewandtheit zur Erde und ihren Bedingungen. Das Verbrechen muß
-festgestellt, der Verbrecher muß gestellt, aus seinem Versteck
-hervorgeholt, das Geheimnis muß offenbar werden. Es ist ein Kennzeichen
-der einen Seite seines Wesens, wie sofort nach der Unterredung mit dem
-Geist der für jeden andern seltsamste, für ihn gefährlich natürliche
-und lockende Entschluß da ist: heisa, nun hat er sich wahnsinnig zu
-stellen! Was Wahrheit ist, daß er der Welt fremd, hassend, verachtend,
-polemisch, wütend, grimmig gegenübersteht, das soll nun in einer
-Verwandlung und Verstellung, die gar nicht so arg viel dazu tun und
-davon nehmen muß, seiner Aufgabe dienen, soll planvoll angewandt
-werden: wie wenig in der Tat muß er an absichtlicher Groteske und
-metaphorischer Ausdrucksweise dazu tun, um mit dem Ausdruck seiner
-wahren Meinung in dieser Welt für verrückt zu gelten!
-
-Ausgezeichnet klärt uns wieder Strindberg, der selbst dieses tragische,
-groteske Verhältnis zur Welt gehabt hat und zwischen Genie und Wahnsinn
-gestanden ist, darüber auf, warum Shakespeares Hamlet sich wahnsinnig
-stellt, wozu diese Maske ihm dienen soll: „Die Erfahrung“, sagt er,
-„hat nämlich gezeigt: sobald ein Mensch als verrückt gilt, erfährt er
-die Geheimnisse aller Menschen. Weil sie glauben, er verstehe nichts,
-kommen sie in Scharen und entblößen sich bis zur Nacktheit, zeigen,
-ohne es zu wollen, alle ihre Gebrechen und Laster.“ Auch hier bleibt
-Strindberg gewiß nicht im Shakespearischen, dichtet aus eigner Kraßheit
-heraus selbständig weiter; aber gerade damit kommen wir dem zentralen
-Punkt, wo Hamlet in Shakespeare, wo der Wahnsinn, den Hamlet spielt,
-mit dem er spielt, in seinem Geist und seiner Stellung zu den Menschen
-verwurzelt ist, intim nahe. Indem Hamlet sich entschließt, kühn,
-zugreifend, forschend dem Mörder ganz nahe zu treten, hüllt er sich in
-den Mantel der Fremdheit, wie um sich nicht zu beschmutzen, um darunter
-er selbst zu sein; um sein Geheimnis nicht preiszugeben; um das
-Geheimnis des Feindes herauszulocken. Und überdies kann der Wahnsinnige
-ungestraft, ohne daß es auffällt und ernst genommen wird, sagen, was er
-will, kann Anspielungen machen und dabei beobachten.
-
-Zu derselben Zeit, wo Hamlet vom dämonischen Jenseits her sein
-großes, furchtbares Schicksal empfängt, wird ihm in der kleineren,
-näheren Sphäre irdisch-menschlicher Innigkeit das Geschick, an dem
-seine Sehnsucht und Liebe so zart und zag gebaut hatte, schmerzlich,
-unbegreiflich, nur allzu begreiflich genommen: als gehorsame Tochter
-bricht Ophelia mit ihm, gibt ihm die Briefe zurück, in denen es
-seiner scheuen Neigung leichter gefallen war sich zu äußern als
-im persönlichen Verkehr, und verweigert ihm die Stunden stillen
-Beisammenseins, die sie in letzter Zeit manchmal gehabt hatten. Nur
-allzu begreiflich! Das ist ihm die Probe aufs Exempel Weib; nichts
-kann seiner Verallgemeinerung bessere, schmerzlicher brennende Nahrung
-bieten: wie die Mutter, so die Geliebte -- weil sie alle so sind,
-die Weiber! Wie er dann Ophelia bald nachher begegnet, ist alles
-beisammen: seine zertrümmerte Liebe -- sein Leid -- seine Verachtung
-gegen sie -- sein Unglaube an Frauenreinheit überhaupt -- das ist
-auch so eine, das ist ein Weib! -- sein Weltschmerz -- seine Stimmung
-gegen die Mutter, gegen ihren Mann, den Brudermörder -- sein geheimes,
-unsägliches Widerstreben gegen die Rolle, gegen das Eingreifen, gegen
-die Tat, die ihm auferlegt ist -- und sein Plan, der ihm erlaubt und
-befiehlt zu tun, wonach seine Verzweiflung lechzt: sich wahnsinnig zu
-gebärden. So haben wir denn in dieser Begegnung eine der großen, ganz
-innigen, erschütternden Shakespeareszenen: und um diese Innigkeit noch
-leiser, raunender zu machen, sie von aller Wirklichkeitsroheit und
-Sinnenbeschränkung zu entfernen, sie aus dem Diesseits vergänglicher
-Bewegung ins Ewige des Geistes zu heben, hat der Dichter dieses
-wehvolle Bild nicht als Aktion, sondern als Sprachgebilde gebracht.
-Wir haben diese Szene in Opheliens Erzählung; und haben so tiefer
-ergreifend, als wenn wir dabei wären, die Gewißheit, wie schrecklich
-Hamlet sich irrt, wie rein und hold die ist, die sich liebend von ihm
-und vom Glück zurückgezogen hat:
-
- Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest;
- Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm,
- Und mit der andern Hand so überm Auge,
- Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,
- Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;
- Zuletzt, ein wenig schüttelnd meine Hand
- Und dreimal hin und her den Kopf so wägend
- Holt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,
- Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmern
- Und endigen sein Dasein. Dies getan
- Läßt er mich los, und über seine Schultern
- Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg
- Zu finden ohne seine Augen; denn
- Er ging zur Tür hinaus ohn’ ihre Hilfe
- Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.
-
-Man wird mitfühlen, daß diese stumme Szene, deren Wesentliches eine
-Haltung und ein unsäglich tiefer Seufzer ist, nicht als Bühnenvorgang
-gebracht werden konnte; man wird Shakespeares Innerlichkeit kennen
-lernen, wenn man sich in seine produktive Stunde, in seine Konzeption
-hineinversetzt und gewahrt, wie er aus einer Fülle dramatischer
-Möglichkeiten für Hamlets Begegnung mit Ophelia nichts andres haben
-wollte als dieses in Sprache und nichts als Sprache gestellte stumme
-Bild.
-
-Der Mann, der so für sich mit dem Wahnsinn spielt und für andre den
-Wahnsinnigen spielt, ist in keinem Augenblick wirklich wahnsinnig.
-Freilich, nimmt man den Wahnsinn ganz und gar als eine Relation zur
-Umwelt, sagt man in Variation eines Hamletworts: An sich ist keiner
-vernünftig oder wahnsinnig, erst unsre Betrachtung macht ihn dazu --
-so kann sich Hamlets Publikum zu Shakespeares Publikum erweitern, und
-dann geht es so ähnlich wie bei Lichtenberg mit dem Buch und dem Kopf
--- dann ist Hamlet wahnsinnig. In seinem wahren Zustand sehen wir ihn
-in den Selbstgesprächen, in den Unterredungen mit Horatio, den er in
-alles einweiht, in den Gesprächen mit den Schauspielern, in dem großen
-Gespräch mit der Mutter, am Grab Opheliens und am Schluß, in dem darauf
-folgenden Kampf mit Laërtes, und in seinem Ende.
-
-Er ist ein an der Welt leidender und immer wieder spontan gegen
-Unrecht und Gemeinheit, vor allem gegen die kriecherisch verlogene,
-geduckte, liebedienerische Mittelmäßigkeit und talentvolle Seichtigkeit
-anspringender Phantasiemensch; er verallgemeinert schrankenlos,
-leidenschaftlich, wie es die intuitiven, impulsiven, Reinheit und
-Totalität begehrenden Menschen dieser Art tun -- „ein Fall gilt ihm für
-tausend“ -- er hat den Drang und die Gabe, sein tragisches Erlebnis
-mit der Welt im Wortbild zu formen; und ein Mann dieser Art soll
-nun mit seinem Instrument der Vernunft, das ihm zu Stillem, Reinem,
-Betrachtendem, Ordnendem gegeben ist, einen Racheplan entwerfen,
-soll den Übergang finden vom langsamen Überlegen zum Tun, von der
-Innerlichkeit zur Tat, wo er doch grenzenloses Mißtrauen gegen alles
-und alle hat, wo er sicher ist, endgültige Erfahrungen mit den
-Menschen gemacht zu haben, Grund zu haben, die Natur der Menschen zu
-verachten; sich selbst und das Erbe in seinem Blut nicht ausgenommen.
-Die Enttäuschung, die einer verzweifelten Erwartung entsprach, wie sie
-ihm die Mutter und Ophelia zumal gebracht haben, kann in ihm keinerlei
-Selbstzufriedenheit, Selbstgerechtigkeit wecken. Zu nichts hat er
-weniger Anlage; der Riß, der durch die Welt geht, fährt schneidend
-durch ihn selber hindurch. Wir dürfen glauben, daß er, auch ohne daß
-Ophelia sich von ihm zurückgezogen hätte, in der seltsamen Mischung
-von Verzweiflung und Wahnsinnsverstellung dem Liebesbund ein schroffes
-Ende gemacht hätte; er muß allein auf sich gestellt sein, an niemanden
-und nichts gebunden; auf sich gestellt -- was für eine zweifelhafte,
-brüchige Stellung ihm das ist!
-
- Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmel
- und Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken,
- alle, trau keinem von uns! Geh -- in ein Kloster!
-
-Kriechen zwischen Himmel und Erde, in dies feste Fleisch gebannt, in
-die Tierheit; und nun das Wunder der Wunder gekommen ist und die Welt
-des Jenseits sich ihm aufgetan hat: da ist die Hölle gekommen, die
-seinen Vater und mit ihm die ganze Welt in sich einsperrt, und hat
-ihm diese Höllenaufgabe gesandt. Daß er da, bei diesem zerreißenden
-Widerspruch, immer wieder in bäumende Erregung gerät, daß er nach der
-Umnachtung und der Bewußtlosigkeit leidenschaftlich begehrt, daß er
-damit spielt wie mit dem freiwilligen Tod, ist wahr, und es wäre ein
-Wunder, wenn es nicht so wäre; aber die Grenze zu überschreiten gelingt
-ihm nicht. Sein Geist ist zu stark, zu gestaltend, zu schöpferisch dazu.
-
-Er hat eine so umfängliche Natur, und wir gewahren so gut, wie er ohne
-diesen Gegensatz zu einer niederträchtigen Welt, die ihn zu Hitze und
-Schärfe reizt, wäre, daß wir sagen dürfen: dieser seiner ursprünglichen
-Natur nach wäre er gut, geruhig, sanft, betrachtend, überlegend und in
-heitrer Stille überlegen; wir merken es an manchem freundlichen Wort
-zur lieben Mutter, an der Art, wie er zum harmlosen Plaudern geneigt
-ist, an seinem Verkehr mit Horatio dem Freund, mit den Schulkameraden,
-und vor allem an der Unterweisung, die er den Schauspielern gibt. Das
-wäre so sein Gebiet gewesen, alles Leben nicht in der Reaktion gegen
-die Menschen zu verbrauchen, sondern abseits der Menschen und damit
-gerade für sie in die Maske zu werfen; aber das Schicksal gönnt ihm
-diesen Schauplatz nicht; und so muß Hamlet als Geist, wie sein Vater
-auf der Terrasse seines Schlosses, so er auf den Bühnen aller Länder
-und Zeiten umgehn und wird noch lange keine Erlösung finden, weil die
-Zustände, die ihm Glück und Seelenfrieden und wahre Bestimmung und
-Leben geraubt haben, heute noch sind wie damals, -- wo Hamlet unter
-Menschen die Maske des Wahnsinns und Shakespeare die Maske Hamlets
-annehmen mußte.
-
-Es ist ungeheuer, wie Hamlet keinen Augenblick aus der Handlung
-heraustritt, wie vielmehr ihr langsamer, träger Verlauf in der Mitte
-des Stückes ganz auf sein Wesen zurückgeht, und wie uns dabei doch in
-den Szenen, in denen er am Hof den Tollen spielt, fast die Erinnerung
-verlorengeht, daß er’s mit König Claudius und seinen Kreaturen zu tun
-hat: so sehr spüren wir seine stachligen, geißelnden Reden an uns,
-an unsre äußern und innern Zustände gerichtet. Was sagt er alles in
-der Maske des Wahnsinns, was sagt Shakespeare in der Maske des tollen
-Hamlet den Großen, dem Hof, den Frauen, der innersten Menschennatur,
-der Welt! So hat sich Goethe seines Teufels bedient, um seine Bosheit
-anzubringen, so hat er jahrzehntelang ab und zu damit gespielt, aus
-den Szenen, wo Mephisto am kaiserlichen Hof ist, ein fürchterliches
-Pasquill zu machen; und wohl ist er witzig und bissig und steigt
-hie und da bis zu dämonischer Kraft; aber die erhabene Stärke, die
-Shakespeare aus der innig unlöslichen Verbindung der Polemik mit der
-Aktion, mit der Tragik des Menschlichen zuströmt, kann Goethes im
-Vergleich mit ihm gefaßte Art niemals erreichen.
-
-Am feinsten -- ganz wunderbar -- sehen wir den Übergang von der Ekstase
-des Gequälten, die sich im Umgang gern fast menschenfreundlich hinter
-geistreichem Witz verbirgt, zum verstellten Wahnsinn in den Gesprächen
-mit Rosenkranz und Güldenstern, denen er zunächst als Jugendfreunden
-vertraut; dann stellt er sie, schon bedenklich geworden, doch noch in
-Gegensatz zur Welt der Feinde, weil sie offen bekennen, daß man sie zu
-ihm geschickt hat, um ihn auszuhorchen, bis er merkt: sie sind Höflinge
-und Lügner wie die andern, und sich gegen ihre Wanzenhaftigkeit und
-Beschnüffelung in die Tollheit zurückzieht.
-
-Das Eigene an diesen Szenen, die ja doch gräßlichen Frevel und
-heroische Pläne und innigste Seelenqualen zur Voraussetzung haben,
-ist ihre kraftvolle Lustigkeit. Rosenkranz, Güldenstern, Polonius,
-Osrik sind lauter Instrumente, auf denen Hamlets Witz spielt. In
-seinem Verteidigungskampf gegen die zudringende Welt ist er durchaus
-aggressiv, seine Waffe ist der Geist, und, so sehr hinter all seiner
-Haltung das Leid steckt, so anders sein Gesicht und sein Ton wird,
-sowie er mit sich allein ist, so kommt doch nie etwas Schwächliches
-oder Wehleidiges aus ihm heraus. Es will uns beinahe natürlich dünken,
-daß er in diesen Witzkämpfen ein immer älteres, reiferes, überlegneres
-Gesicht bekommt. Nichts Krankhaftes, nichts von Verfall oder Entartung
-ist in ihm; seine abnorme Stellung zur Welt ist völlig sozialer, gar
-nicht organischer Art, kommt von der Beziehung seiner in Zartheit und
-Feinheit sehr gesunden Natur zu einer in Niedrigkeit gesunkenen Umwelt,
-keineswegs von einer aus dem Gleichgewicht geratenen Beziehung seiner
-Organe und Funktionen zu einander. Wäre diese Gesundheit nicht, er
-müßte wahnsinnig werden, wie es Horatio für ihn befürchtet hatte; so
-kann er sich mit der Sicherheit in die Tollheit begeben, jederzeit
-wieder freien Geistes aus ihr heraustreten zu können.
-
-Was tut er nun in dieser Maske? Was gelingt ihm? Wie fördert er seine
-Rache? Wenn der zweite Akt beginnt, wo wir von seiner Tollheit zuerst
-in Opheliens Bericht hören und ihn dann selbst im Umgang mit Polonius
-und Rosenkranz und Güldenstern sehen, geht er in dieser Verfassung
-schon etliche Zeit herum, bis ihm die Schauspieler in den Weg laufen.
-Er muß inzwischen viel mit Horatio verkehrt haben, denn er hat ganzes
-Vertrauen zu ihm gefaßt und ihn in alles eingeweiht. Nun erwacht er wie
-aus einem bleiernen Schlaf, und wieder geht es blitzschnell in ihm zu.
-Sowie er den leidenschaftlichen Vortrag des Schauspielers vom Untergang
-Trojas, von Priamus’ Tod und Hekubas Jammer gehört, sowie er gesehen
-hat, daß dieses Gedicht, die Erregung, die Tränen des Sprachkünstlers
-selbst den alten phantasielosen, dürren Klugschützen Polonius ergriffen
-haben, kommt sein Plan vom Fleck, kommt zugleich aber auch die
-furchtbare Selbstanklage, daß er noch nichts für seine Rache getan hat.
-Im Stil des Gedichts, das er eben gehört, redet er nun mit sich selbst:
-leidenschaftlich, bilderreich, in immer sich steigernden Ausrufen,
-Beschwörungen, Beschimpfungen. Er will es bei sich durchsetzen, daß
-er in Wut, in Aktion gerät; er stellt sich die ganze Scheußlichkeit
-des Mörders vor Augen, um dann rasch seinen Grimm zu unterbrechen und
-sich selbst zu verhöhnen: wieder macht er ja nichts als Worte; wieder
-dichtet er einen Zusammenhang von Untat und Rache zusammen; wieder weiß
-er nicht zu handeln. Und in der Tat: wir wissen ja, wie vorhin der
-Plan fix und fertig vor ihm stand, gleich morgen abend vor dem König
-ein Theaterstückchen aufzuführen, das er kennt, dem er noch etwas mit
-besonders deutlichen Anspielungen hinzudichten will: jetzt, während er
-sich in gestaltende Phantasie hineinheizt und wild mit sich und mit dem
-Mörder zugleich in eine Kampfaktion tritt, ist es uns so, als sei etwas
-in ihm schon dabei, die Verse zu dichten, die morgen abend gesprochen
-werden sollen. Wir wissen von andern Gelegenheiten her, wie mühelos er
-improvisieren kann.
-
-Wie wir ihn am Tag darauf wiedersehen, ist die Einladung an den König,
-der Vorstellung in den Gemächern des Prinzen Hamlet beizuwohnen, schon
-ergangen. Hamlet selbst aber ist von der Erregung, die ihn in seine
-Aufgabe gestachelt hat, schon wieder ganz ins Allgemeine vorgedrungen.
-Tat und Tod, die Freiheitstat, die die Welt vom Usurpator, vom Frevler,
-vom Tyrannen befreit, und der Freitod, der den an der Welt Leidenden
-vom Leben befreit, fließen ihm in eins zusammen. Seine Betrachtung
-„Sein oder Nichtsein“ ist so ganz ins Allgemeine gerückt, knüpft so
-gar nicht an sein persönliches Schicksal und seine besondere Aufgabe
-an, daß, wenn ein Forscher die Behauptung ausspräche, dies Stück sei
-von anderswoher unter Shakespeares Papieren gelegen und er hätte
-es hier eingefügt, weil es in der allgemeinen Grundstimmung paßte,
-keine Widerlegung aus dem Wortlaut möglich wäre. Nichts von allem,
-was Hamlet sich vorhält, um sich das schwere Leben und den schweren
-Tod zu vergegenwärtigen, löst Assoziationen aus seinen besonderen
-Verhältnissen aus, die jedem, der nicht so ins Allgemeine gebannt wäre,
-überaus naheliegen müßten. Er spricht von dem Tyrannen, dem Unrecht,
-dem Übermut, der Unterdrückung; er spricht nicht von König Claudius. Er
-sinnt über die Pein verschmähter Liebe; kein Wort erinnert an Ophelia.
-Er gedenkt mit Gram dessen, was des Menschen nach dem Tode harrt, der
-Träume, die im Schlaf kommen: er illustriert sich das nicht mit dem
-entsetzlichen Bericht des eignen Vaters aus der Unterwelt; ja, er kann
-die Worte von dem unentdeckten Land sprechen, aus des Bezirk kein
-Wandrer wiederkehrt, ohne daß es ihn schaudernd überläuft, da ihm vor
-kurzem doch einer wiedergekehrt ist und ihm sein Schicksal gebracht
-hat. Restlose Allgemeinheit herrscht in der Betrachtung; und wenn es
-wirklich so wäre, daß es sich um eine Einlage handelte, so wäre dieser
-Zug dennoch auf Hamlets Wesen zurückzuführen; Shakespeare hat gewußt,
-was er tat.
-
-Nicht dies einzige Mal treffen wir dieses echteste, dieses religiose
-Zeichen des Adels bei einer seiner Gestalten, daß der Mensch da, wo
-sein eigenes Leiden zum Höchsten steigt, gerade nicht mehr an sich,
-sondern ans Ganze denkt und fürs Ganze, zumal für die Unterdrückten
-und Beraubten leidet: Romeo zeigt sich so, nachdem mit der Nachricht
-von Juliens Tod sein Schicksal besiegelt ist, in dem Gespräch mit dem
-Apotheker; König Lear in Wettersturm, Verlassenheit und Verzweiflung
-findet von sich selbst zur Menschengesellschaft.
-
-Derselbe Hamlet, der mit der größten Kühnheit die Grenze des Irdischen
-überschritten hat, der in der Impetuosität des Augenblicks immer sofort
-bereit ist, jeden Gegner herauszufordern und das Leben dran zu wagen,
-gesteht sich jetzt, was auch ihn feige zur Tat und zum Tod macht. Das
-Denken ist es, das Bewußtsein; nicht bloß das Gewissen, wie Schlegel
-ungenügend übersetzt hat.
-
- So macht Bewußtsein Feige aus uns allen.
-
-Mehr ein Nichtwissen freilich als ein Wissen macht uns träge und
-tatlos: wir wissen nicht, was jenseits des Grabes an Schrecknissen, an
-Fortsetzung unser wartet; drum dulden wir die Untaten der Menschen und
-ihre Einrichtungen des Unrechts und der Vergewaltigung.
-
-Wie wir’s aber immer bei Shakespeares Gestalten treffen, kann selbst
-Hamlet -- kann oder will Shakespeare? -- die an besondre Stimmung und
-Situation gebundene Reflexion nicht zu ihrer abstrakten Form ins ganz
-Allgemeine erheben. Den letzten Sinn der Gestalten und Handlungen
-spricht Shakespeare nie sentenziös in Sätzen aus; vermöchte er es,
-sich mit dem zu begnügen, was die deduzierende, formulierende Sprache
-hergibt, so hätte er keine Gestalten zu schaffen, keine Dramen zu
-dichten gebraucht. Wir, durch Hamlets Gestalt und Gesamterlebnis,
-wissen, daß Bewußtheit und Nicht-tun, Denken und Unvermögen zur
-Gewalttat, Geist und Gewissen noch durch eine tiefre Verknüpftheit
-miteinander verbunden sind als durch die heiligste Scheu vor dem
-Ewigen; von diesem Verhältnis aber spricht Hamlet nicht; er lebt es und
-stirbt es.
-
-In seiner Stimmung der allgemeinen Trauer, des allgemeinen Abscheus ist
-er auch noch in dem Gespräch mit Ophelia, das unmittelbar folgt. Mit
-welcher Wollust redet er da zu dem Geschöpf im Wahnsinnston, das ihm
-der Typus der Falschheit ist; wie schleudert er ihr seine Verachtung
-alles Geschlechtlichen ins Gesicht! Wie springt aber auch mit
-ungemeiner Federkraft plötzlich die Entschlossenheit heraus, sowie ein
-rascher Einfall ihn an den König erinnert. Er ist ganz im Thema Mann
-und Weib; ganz im allgemeinen, ganz in der Wahnsinnsrolle, hinter der
-sich doch der Sinn seines Schicksals birgt; er gebärdet sich wie ein
-Racheengel, der das Amt hat, keinem Menschen mehr die Ehe zu gestatten,
-im übrigen gegen die schon Verehelichten milde Duldung zu üben; und wie
-er nun grimmig ruft:
-
- Ich sage, wir wollen nichts mehr vom Heiraten wissen;
- wer schon verheiratet ist ... soll das Leben behalten; die
- übrigen sollen bleiben, wie sie sind,
-
-da fällt ihm mit einemmal bei diesen Worten: „Wer schon verheiratet
-ist“, all sein Persönliches ein, seine Mutter und ihre entsetzliche Ehe
-mit dem Mörder ihres Mannes, und wie im Raubtiersprung fahren ihm die
-Worte dazwischen:
-
- Alle, außer einem!
-
-Einer lebt, der soll nicht mehr lange das Leben behalten; der ist
-verurteilt. Und dieser eine hört diese Worte, ohne daß Hamlet von der
-Anwesenheit des Lauschers etwas weiß.
-
-Hamlet fühlt sich frei und leicht und froh, sowie diese schnellende
-Raschheit in ihm ist, die wie unmittelbar Außen- und Innenwelt,
-Sinnenanschauung und Willen zu einem, zum getanen Leben verbindet.
-Da ist er auch zweifellos sicher, daß sein Oheim der Mörder ist und
-nicht leben darf. Er ist aber in Gefahr, immer wieder einer Sklaverei
-zu verfallen, die selten ist; er ist nicht Sklave der Leidenschaft,
-sondern des Denkens; das Denken ist in ihm zur Leidenschaft geworden.
-Dieses Denken macht ihn langsam, zögernd, träge, unentschlossen;
-dieses Denken steigert seine Unlust am Leben und hält ihn dabei doch
-gerade wieder mit Bedenklichkeiten im Leben fest. Drum gilt auch seine
-Freude an Menschen ganz und gar den Unbekümmerten, Unbelasteten; so
-hat er Horatio seine Freundschaft geschenkt, dem er in entscheidendem
-Augenblick die strahlend schönen Worte sagt:
-
- Seit meine teure Seele Herrin war
- Von ihrer Wahl und Menschen unterschied,
- Hat sie dich auserkoren. Denn du warst,
- Als littst du nichts, indem du alles littest ...
- ... gebt den Mann mir,
- Den Leidenschaft nicht knechtet; hegen will ich
- In Herzensgrund ihn, in des Herzens Herzen,
- Wie ich dich hege.
-
-Eine recht stattliche Gruppe kommt zusammen, wenn man die Männer
-nebeneinander stellt, die bei Shakespeare zugleich von Trieb und
-Niedrigkeit unterjocht und hellen Verstandes sind: bei Richard III.,
-Falstaff, Jago und Edmund Gloster ist es sogar so, daß sie in all
-der Häßlichkeit ihrer Gierversklavung vom Geiste her fast wie Freie
-und Schöne sind. Einer von denen, die von Trieb und Gier tief in den
-Schlamm getaucht werden, dabei aber, ohne sich Herausreißen zu können,
-von ihrem eminenten Verstande so etwas wie kraftloses Gewissen und
-untätige Reue geliefert erhalten, ist der König Claudius. Um Hamlet
-nun steht es so -- das ist die Familienähnlichkeit zwischen Oheim und
-Neffen, von der auch Tieck etwas bemerkt hat --, daß in ihm ebenfalls
-der Geist keine rechte Beziehung zur Tat eingeht; sein Geist ist,
-wie es in der Deklamation vom rauhen Pyrrhus heißt, neutral in dem
-besonderen Sinne, daß er dem Schlechten zweifellos, der Tat des Guten
-aber ebenfalls, wie zweifelnd, widerstrebt. Denn diese Tat des Guten
-ist gefärbt von der Gesinnung der Zeit und der Tradition, die tief
-im Blute sitzt; sie ist blutrot gefärbt, weil sie durchaus blutige
-Rache für schändliche Tat begehrt. So schnell wie dem geübten Fechter
-Hamlet der Degen die Parade führt, so schnell und zweifellos, sicher
-wie der Instinkt bedient seine Natur in spontaner Entladung die
-Forderung seines Blutes; sein Geist aber paßt nicht in diese Zeit,
-sträubt sich und vermag die Tat des Alten nicht zu tun. Diese Mischung,
-die Hamlets Wesen ausmacht, ist das spezifisch, das allezeit Moderne
-an dieser Gestalt; modern ist Hamlet in diesem allgemeinen Sinn der
-Stellung zwischen zwei Zeitaltern, des Zwiespalts zwischen dem Inhalt
-der Blutforderung oder des Gefühls und aber des Denkens; im Sinn der
-lähmenden Neutralität des Geistes, der sich von dem, was dem Gefühl
-noch dringende Notwendigkeit ist, schon emanzipiert hat. Nur daß er’s
-noch nicht weiß, nicht wissen will, sich nicht zugibt; dadurch, daß
-das Denken zu Bedenken, die ~discretion~, die Unterscheidung und Prüfung
-aller Umstände zu behutsamer Vorsicht, das Wissen zu Gewissen wird,
-wirkt dieser Geist tatsächlich als Hemmung; mit den Worten dagegen,
-die er zu sich selbst spricht, ist er wieder der Diener des Blutes
-und hadert mit sich selbst. Wie kennzeichnend für diese komplizierte
-Verfassung ist Hamlets Monolog nach der Pyrrhus-Deklamation: mit
-beinahe hysterischer Gewalttätigkeit will er sich zur Tat antreiben; er
-bringt es auch richtig bis zu den fürchterlichsten Schimpfausbrüchen
-und Androhungen babarischster Rachetat, um gleich darauf sich selbst
-auszulachen, daß er von dem Deklamator, der sich ganz in seinen
-Gegenstand versetzt und mit ihm eins wird, nichts andres gelernt
-hat als zu deklamieren. Erst also die Erkenntnis der schleunigen
-Notwendigkeit der Tat; sie führt zu Worten; dann die Erkenntnis, es
-dürften nun keine Worte mehr gemacht werden; die führt zu dem Bedenken,
-am Ende stünde noch gar nicht fest, daß der Geist ein guter Geist
-und sein Vater gewesen, daß sein Oheim die Untat begangen; und die
-Vertagung der Entscheidung bis zur Wirkung des Schauspiels, das er dem
-Verdächtigen aufführen will.
-
-Nichts aber erschütternder und nichts genialer und kühner in der
-Komposition, als wenn nach dieser Theateraufführung die beiden
-Monologe zusammenstoßen: der Gebet- und Reueversuch des Königs und
-der Racheversuch Hamlets. Wenn das recht gespielt wird, muß es uns
-heiß und kalt überlaufen, da wir vor Augen und Ohren und Erkenntnis
-das Schicksal der Menschheit haben, wenn wir gewahren: unsägliche
-Verschiedenheit und unsägliche Gleichheit ist in diesen beiden, dem
-Vaterbruder und dem Neffen, die einander beide zu morden begehren und
-einander beide morden werden, weil der Bruder den Bruder, dem Sohn
-den Vater ermordet hat. In so ähnlich grauenhaftem Mythus stellt der
-antike Tragiker das unnennbare Schicksal der Menschheit dar, wie sie
-aus Geist und Herzen, aus Wut und Stille heraus zu leben vermeint und,
-Agamemnon wie Iphigenie, Klytämnestra wie Orest und all die andern mit
-ihrem Leben und Lieben und Hassen, mit ihrem Planen und Tun und Leiden,
-mit all ihrem gegenseitigen Morden nur miteinander den schauerlichen
-Reigen vor dem Altar des Gottes tanzen, dem sie als Opfer urlängst alle
-bestimmt sind. Shakespeare in seinem nämlichen grauenhaften Mythus
-gestaltet dasselbe, nur daß wir dabei der Menschheit so tief ins Herz
-und in die Abgründe des Wesens hinuntersehen, daß wir erkennen: die
-Götter und Dämonen, die sie necken und plagen und hetzen, wohnen in
-ihrem Innern. Shakespeare hat die Gebundenheit und Gefangenschaft des
-Menschen tiefer gezeigt, weil er seine Freiheit gezeigt hat; weil wir
-bei ihm schaudernd gewahren, daß wir alle unsre eignen Schließer, unsre
-eignen Knechte, unsre eignen Mörder sind, und weil wir bei ihm das
-ganze Räderwerk des innern Mechanismus erblicken, mit dem wir unser
-Herz zu unsrer Folterkammer machen.
-
-Hamlets Denken und Planen hat diesmal das Größte getan, dessen das
-Denken fähig ist: es hat sich selbst aus dem Weg geräumt, hat den
-Denkenden an die Kühnheit gebunden. Hamlets Plan entspricht wunderbar
-der Natur des Königs nicht nur und der Besonderheit der Situation,
-sondern ebenso Hamlets eigner Natur. Er kennt sich gut genug, der
-eine in ihm kennt den andern gut genug, um zu wissen: führt er sich
-erst auf den Weg der Kühnheit, so wird er ihn wundervoll kühn zu Ende
-gehen. Und das tut er, und die Wirkung auf den Mörder, der seine Tat
-vor sich auf der Bühne sieht und von dem Sohn seines Opfers in dürren
-Worten ausgesprochen und kommentiert hört, die Tat, von der keine
-Menschenseele etwas wissen kann, das Entsetzen des Mörders darüber
-ist ungeheuer. Kein Zweifel nunmehr für den Rächer mehr möglich: der
-Mörder, der Blutschänder ist überführt. Ein wilder Jubel kommt über
-Hamlet; er singt, er tanzt fast, er improvisiert, sein Geist sprüht
-Funken, zündende Funken, er hält gar nicht mehr an sich, denkt nicht
-mehr daran, sich wahnsinnig zu stellen, und muß darum mit seinen
-Anspielungen, seinen blitzenden Zornausbrüchen, seinen Gleichnissen
-und Bildern denen, die nichts von dem ganzen Zusammenhang wissen,
-gerade toll und gefährlich erscheinen. Dann kommt die Einladung der
-gepeinigten Mutter an ihn, gleich jetzt, zu dieser nächtlichen Stunde,
-zu ihr zu kommen. Wir ahnen, wie sie ganz aufgelöst ist vor Scham und
-Entsetzen, wie sie nicht weiß, für wen sie zuerst fürchten soll, für
-sich, für den Mann, für den Sohn. Er aber ist ganz einheitlich von der
-Sohle zum Scheitel Flamme und Empörung: ja, er will zu ihr gehen, will
-mit ihr ringen, will sie schütteln.
-
- Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsre
- Mutter!
-
-Es kann keine entsetzlichere Rede geben von einem Sohn in dieser Kürze:
-was gibt es für Mütter, was für Verhältnisse des Kindes zur Gebärerin,
-was ist das für eine Mutter, die ins Ehebett des Mannes gestiegen
-ist, der dem Sohn den Vater scheußlich getötet hat! Aber selbst wenn
-sie die ist, die sie ist, diese Mutter, ich will kommen, die Mutter
-begehrt’s, das Kind gehorcht! Und wie nun der Höfling, der von allem
-nichts versteht, der seinen Dienst tut, ohne der allerschrecklichsten
-menschlichen Erschütterung dessen, an dem er mit zudringlichen Fingern
-nestelt, zu achten, wie diese glatte Kreatur, die nicht besser und
-nicht schlimmer ist als jeder Durchschnittsbeamte oder gebildete Lakai,
-ihm noch weiter zusetzt, da kommt, immer in Hamlets metaphorischer
-Sprache, die die Umgangssprache dieses dichterischen Menschen ist, wenn
-er in seiner Geschlossenheit steht, ein wahrhaft wonnevoller Ausbruch
-über die klägliche Seele gegossen; wonnevoll nicht nur für uns, auch
-für den in seinem Zorn überlegenen und aufgeräumten Mann selbst. Es
-gibt aber keinen in seinem Grunde rechten Menschen, dem die Lust und
-die Freiheit, gleichviel, welchen Ursprungs sie gerade sind, nicht
-die Güte wecken. Und so wird auch Hamlet eben dadurch, daß sein Zorn
-gegen sie und ihre Abgesandten aufs höchste gestiegen ist, auf diesem
-Gipfelpunkt gut und mild gegen seine Mutter. Er denkt der Worte des
-Geistes, seines Vaters: erschüttern will er sie, nicht töten. In dieser
-Stimmung, angeregt zum äußersten, in vollem, klarem Wissen dessen, was
-geschehen ist, was zu geschehen hat, macht er sich festen Schrittes auf
-den Weg durch die hallenden Säle des Schlosses zu dem Nachtgespräch
-mit der Mutter. Und da kommt er an dem König vorbei, der elend sich
-krümmend an seinem Altare kniet.
-
-König Claudius möchte beten, aber er kann nicht. Und mit einer
-ungewöhnlichen Einsicht und dialektischen Kunst erklärt er sich den
-Grund. Sein Wille zu beten, sagt er sich, ist in diesem Augenblick
-stark; aber seine Schuld, nicht eine vergangene Schuld, sondern die
-gegenwärtige, immer fortwirkende, daß er von allem, was er frevelhaft
-an sich gerissen hat, nichts aufgeben, jegliches genießen will, ist
-stärker. Er möchte bereuen; er weiß, die Reue kann die Gnade vom Himmel
-herabziehen; die Gnade muß sich ergießen, wenn das Gebet der Reue
-sie ruft. Die Reue kann alles, nur eines nicht: Nichtreue zur Reue
-machen! Und er bereut ja gar nicht; Reue ist Aufgeben schuldigen Tuns,
-Wiedergutmachen, aktive Unschuld, und der Segen, der der Seele Ruhe
-schenkt, läßt sich nichts vormachen: der Himmel ist unbestechlich,
-Macht und Reichtum gilt vor ihm so wenig wie Heuchelei.
-
- Die stärk’re Schuld besiegt den starken Vorsatz,
- Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,
- Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,
- Und lasse beides.
-
-Da haben wir wieder das Bild des Neutralen. Dieser König, der im
-Zusammenhang seiner Schuld dabei ist, Hamlet umbringen zu lassen, ist
-in diesem Augenblick in einer ähnlichen Situation wie der, der um
-dieser Missetat willen ihm erst recht nach dem Leben trachtet. Aber
-nicht bloß die Situation ist ähnlich; er auf der Seite des Schlechten
-hat in sich ein ähnliches Verhältnis zwischen Verstand und Willen wie
-Hamlet auf der Seite des Guten. König Claudius in seinem Verstand weiß:
-es gibt ein Heil auch für ihn, auch jetzt noch; er trägt es in sich; er
-braucht nur recht zu wollen und umzukehren; aber er weiß auch, daß er
-dieses einzige, was not tut, nicht wollen kann.
-
-Hamlet, der dabei steht und hinsieht, während dieses Denken des Königs
-in seinem dunkeln Winkel vor sich geht, weiß jetzt gewiß, daß er den
-Mörder seines Vaters vor sich hat. Er will ihn töten; er fühlt es
-als seine Pflicht; die Hand sucht nach dem Schwert; aber das Denken,
-das nämliche, das seinen Plan entworfen hat, der so völlig geglückt
-ist, hält ihn zurück. Es fragt nicht im geringsten, was manche
-Kommentatoren sagen: wie wollte er denn nachher seine Tat rechtfertigen
-und die Schuld des Königs beweisen? Es sagt: die Strafe wäre zu klein;
-am Ende käme der Mörder, wenn ich ihn in seinem Gebet töte, in den
-Himmel; meinen Vater hat er in all seinen Sünden umgebracht, der
-steht Höllenqualen in der Ewigkeit aus. Warten also heißt die Losung,
-bis die Rache fürchterlicher vollstreckt werden kann. Dieses Denken
-will nicht und macht sich Gründe vor; und im selben Augenblick, wo
-Hamlet die Rache aufschiebt, weil der König im Gebet mit dem Himmel
-vereinigt sei, sagt sich der König, für ihn gebe es keinen Himmel, weil
-er nicht bereuen könne. Welche Höllenironie, daß in dieser Situation
-Hamlet Gründe orthodox-dogmatischer Art beibringt, angeblich, um
-raffinierter, grausamer zu töten, in Wahrheit, um nicht zu töten, weil
-er es, sowie er im Denken steht, nicht vermag; daß dagegen der König,
-der ruchlose Sklave der Gier, in feinem Verstande und hoher Bildung
-vom ganz innig freien Christentum weiß: das Himmelreich ist in euch!
-Man denke sich die Situation umgekehrt, dann sieht man, meine ich,
-leuchtend klar, wie im Bilde, vor sich, was Shakespeare mit seiner
-Seelenergründung bedeutet: das Umgekehrte wäre eben das, was Schiller
-ganz sicher aus dieser Szene gemacht hätte, der schulmäßige Fall der
-mit Charaktermasken arbeitenden Psychologie: König Claudius hätte
-Gebete geplappert, weil er als Mörder im dogmatisch mechanischen
-Aberglauben stünde, und Hamlet hätte das Himmelreich in sich getragen
-und hätte sich klar gesagt, Blutrache sei für ihn ein überwundener
-Standpunkt. Und damit hätte man diesen Typen auf den Grund gesehen
-und hätte, wenn man Publikum wäre, sich dort an schönem Schwarz und
-noch schönerem Rosa erfreut. Shakespeare aber zeigt seine Individuen,
-wie sie unterwegs, wie sie zwischen den Zeitaltern, wie sie vielfach
-und gemischt und unergründlich sind; wie in ihnen Trieb und Geist in
-mannigfach verschiedenem Verhältnis miteinander in Streit liegen;
-Shakespeare zeigt vor allem eine Weltordnung so wenig wie eine
-poetische Gerechtigkeit, sondern eine Weltironie.
-
-Leicht möglich, daß der reife Shakespeare, als er dieses Motiv in dem
-früheren Stücke fand, daß, wer im Gebet stirbt, gleichviel, wer er
-ist, und ununtersucht, wie er betet, in den Himmel kommt, daß er, dem
-solche Vorstellung weltenfern lag, das Motiv ingrimmig stehen ließ,
-weil für Hamlets Denken, für seinen Widerwillen, die Tat zu tun, jede
-Ausrede, auch die dümmste, gut genug schien; denn dieses Denken ist
-zwiefach: einmal tief in Verborgenheit Geist, der im Frieden und in
-der Liebe steht; dann aber der klug bewegliche Diener des Fühlens und
-Getriebenseins oder gar des noch sprachlosen Geistes selbst, wie in
-diesem Fall Hamlets. Und überdies bot sich eben dem bitteren Dichter
-hier die Gelegenheit, Hamlet und Claudius mit einander ironisch zu
-vertauschen: Hamlet das denken zu lassen, was Unmögliches Claudius
-ersehnen möchte; und diesem König in die Gedanken zu geben, was für
-Hamlets Gerede die tiefste Widerlegung ist. Darum mag er dann das Motiv
-der Orthodoxie auch schon, wo es das erste Mal auftaucht, im Bericht
-des Geistes stehen gelassen haben; seine Kunst und Ironie aber hat
-es vermocht, an der entscheidenden Stelle den Verbrecher selbst des
-Dichters Wahrheit über das Verhältnis von Himmel und Gebet und Sünde
-sagen zu lassen.
-
-Nach dieser Begegnung, nach diesem Rückzug von der physisch rohen
-Tat kommt Hamlet zur Mutter, und schon draußen vor der Tür ruft er:
-Mutter, Mutter, Mutter! Denn nun, wo es gilt, mit Geist und Seele, mit
-Sprachgestaltung eine Tat zu tun, nun ist er in seinem Element. Da
-kommt die Begeisterung über ihn, da steht er in seiner Geschlossenheit,
-da ist das Denken nicht Bedenken und Hemmung, sondern Geist und
-Beflügelung; sein Blut wird Sprache und feurige Zornbeschwörung, von
-der Rede her kommt Festigkeit und Raschheit auch in seine Muskeln
-und seine Hand, und nun, wo er nicht im Plane, sondern im Gefühl
-und der spontanen Sicherheit des Impulses steht, ist er imstande,
-blitzschnell den König, der ihm in den Weg läuft, zu töten, und er tut
-es sofort. Freilich war’s ein Irrtum, sein blitzender Wille hat den
-König gestochen, und Polonius liegt als Leiche hinter dem Wandteppich,
--- welch wahnsinnig verworrene Welt für einen Menschen wie Hamlet!
-Denkt er in Ruhe und spinnt seinen Plan, so vermag er nicht zu tun;
-und handelt er unbesonnen, spontan, so verfehlt er sein Ziel und tötet
-einen, dessen Tod ihm nachher schmerzlich weh tun wird.
-
-Jetzt aber ist er so im Feuer der tatvollen, umwandelnden,
-gestaltenden, schüttelnden Rede, daß er sich von dem Zwischenfall
-kaum unterbrechen, gewiß nicht aus der Richtung bringen läßt; er geht
-über seinen Totschlag an Polonius hinweg wie über eine rednerische
-Entgleisung. Ja, seine Stimmung ist noch gesteigert, da nun die Rede
-ihn zur raschen Tat befähigt hat. Wie gewaltig gestaltet er die
-Sprache, um sie zum Ausdruck der Wirklichkeit zu machen! Wie modelliert
-er die Bildnisse des Vaters und seines Mörders, mit welcher Kraft der
-Polemik, der Karikatur, der Liebe, der Verklärung! Wie arbeitet er an
-der Seele seiner Mutter, zumal nachdem der Geist gekommen ist und ihn
-gemahnt hat; und wie gelingt es ihm, diese leicht verführte Frau, die
-nie aufgehört hat, den Sohn innig zu lieben, zur echten Reue und zum
-Weh zu verführen, in dem höchsten Maße, das ihre Oberflächlichkeit
-zuläßt, und sie beinahe über sich selbst hinauszuheben. Der eine
-Teil der Aufgabe, die ihm der Geist übertragen hat, soll ihm nur auf
-seltsamsten Schicksalswegen, mit dem eignen Untergang, den sein Gefühl
-von Anfang an mit dieser Tat unlöslich verbunden hat, gelingen; das
-ist nicht die Sache, der er gewachsen ist: sich in die Welt der Schuld
-hineinzustellen, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber den andern führt
-er durch; das ist seine Sache. Er ist kein Orest; er liebt die Mutter
-und hat vom Jenseits den Auftrag, sie zu schonen. In dieser Tragödie
-gibt es keinen Muttermord, sondern die Bekehrung der Mutter, die in die
-Ermordung des Vaters verstrickt ist, durch den Sohn. So dürfen wir,
-ohne jetzt im entferntesten an die äußerlich dogmatischen Rudimente zu
-denken, die dem Stück noch anhaften, im ganz tiefen Sinn des Wortes
-sagen: hier haben wir das christliche Gegenstück zum Atridenmythos der
-Antike: die Mutter, die nie unschuldig am Mord des Vaters heißen darf,
-die ihren Buhlen, den Mörder, neben sich auf den Thron gehoben hat,
-wird von dem Sohn nicht ermordet, sondern durch Liebe entsühnt, durch
-die flammende, gestaltende Sprache der Wahrheit zu Reue und Erneuerung
-gebracht. Orest erlebt seinen Schauder und die Verfolgung der Erinnyen
-nach der Tat; Hamlet, der das hat, was eins in zwei Gestalten ist:
-Phantasie und Liebe, hat die Qual vor der Tat, vor ihr in beiderlei
-Sinn.
-
-Gertrud, seine Mutter, ist in dieser nächtlichen Unterredung, so tief
-es nur geht, erschüttert und umgewendet worden, sie ist von jetzt an
-nicht mehr ganz dieselbe; wir merken es sofort darauf in dem Gespräch
-mit dem Gemahl, dem sie nur, wie sie muß, berichtet, daß Hamlet den
-Polonius erstochen hat; sie stellt, obwohl sie es besser wissen muß,
-die Tat als die eines Kranken hin und berichtet, was wir glauben
-dürfen, was in ihrer Darstellung aber doch ein ganz andres Bild gibt,
-daß der Sohn jetzt um sein Opfer weine; von dem Furchtbaren, was sie
-durch Hamlet erfahren hat, von der Gefahr für das Leben des Gemahls,
-die sie ahnen muß, spricht sie kein Wort. Daß Hamlet nach England soll,
-ist ihr ganz recht; er darf jetzt nicht hier bleiben; gewiß hofft sie
-in ihrer weichen Art, es könne doch noch irgendwie alles gut werden.
-
-Noch einmal sehen wir Hamlet dem König gegenüberstehen: wie der ihm
-mitteilt, daß er um seiner Untat an Polonius willen zu seiner eignen
-Sicherheit sofort nach England hinüber müsse. Hamlet ist wie nach
-übergroßer Anstrengung erschöpft; er redet fast nichts; weder in Worten
-noch gar in der Tat lehnt er sich gegen den König auf; er ist bereit,
-sich gleich aufs Schiff bringen zu lassen. Auf dem Weg dahin stößt er
-auf die Soldaten des Fortinbras, die über Dänemark nach Polen ziehen,
-wo sie um den Besitz irgend eines kleinen Nestes kämpfen werden.
-Da erwacht der Hader Hamlets mit sich, seine Verachtung gegen sich
-aufs neue; wir sehen ja immer, wie dieser Phantasiemensch leicht ein
-Gleichnis findet, das ihn wie aus dem Traume weckt und ihm vorrückt,
-was er tun sollte, sei’s die Deklamation eines Schauspielers oder die
-Tat eines Soldaten, der um einen Strohhalm sein Leben wagt. Zwei Dinge,
-so sagt er sich jetzt, halten den Menschen von der großen Hingabe an
-die Aufgabe ab, die den Tod nicht fürchtet: einmal die Liebe zum Leben,
-zum gemeinen Genuß, und dann
-
- Der grüblerische Zweifel, der zu peinlich
- Bedenkt, wie’s ausgeht --
-
-Das ist sein Fall, sagt er sich; und wiederum hält er sich nun vor,
-wie er immer noch beim Vorsatz und Planen bleibe, da doch alles für
-die Tat reif ist: Der Grund ist da, sein Wille ist da, seine Kraft ist
-da, und die Mittel zur Ausführung sind da. Die Tat fordern von ihm der
-ermordete Vater, die Schmach der Mutter, das Blut in ihm und, sagt er
-sich, seine Vernunft. Und eindringlich, in einer Prägung ohnegleichen
-ruft er sich zum Heldentum auf:
-
- Wahrhaft groß sein, heißt:
- Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;
- Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,
- Wenn Ehre auf dem Spiel.
-
-Hartnäckig also, mit der Absicht, einen neuen Plan zu entwerfen,
-begibt er sich auf die Reise nach England. Zunächst befreit er sich
-von Rosenkranz und Güldenstern und hat nun den Beweis gegen den
-König in Händen, daß der ihn hat so töten lassen wollen, wie die
-beiden Höflinge in England den Henker finden werden. Wenn wir sehr
-mitleidige und unpolitische Seelen sind, kann uns der Tod, den diese
-Tyrannenbedienten mit Gymnasialbildung finden, recht leid tun; sie
-scheinen von dem Mordplan ihres Herrn nichts gewußt zu haben, und ihre
-Theorie, die sie mit ebensoviel eleganter Bildung wie Schweifwedelei
-und höfischer Wortkunst entwickeln, daß das Leben des Monarchen viel
-wertvoller sei als das der Untertanen, wird in unsern Ländern mit dem
-Roten Adlerorden oder dergleichen, aber nicht mit dem Tode belohnt.
-Jedenfalls aber erschwert sich, sollte man meinen, Hamlet seine Anklage
-gegen den König und befleckt seine reine Rache, wenn er sich auf den
-Boden des nämlichen unbedenklichen Tuns stellt. Aber ich habe schon
-gesagt, daß ich in diesen Partien unverarbeiteten Rohstoff finde. Im
-Zusammenhang mit den Korsaren, die ihn befreien, scheint Hamlet nun
-einen neuen Plan zu entwerfen, von dem wir nichts weiter wissen.
-
-Inzwischen hat seine rasche Tat, die Ermordung des Polonius, ihre
-Wirkung getan. Laërtes ist in Aufruhr zurückgekehrt; Opheliens Geist
-hat sich umnachtet. Zuletzt war sie viel in der Umgebung der Königin,
-die den herzlichen Wunsch hatte, dies „süße Kind“ möchte Hamlets
-Gattin werden; von Ehen, in die Macht und Staat vermengt sind, hat sie
-schaudernd genug.
-
-Wer ganz sicher, greifbar sehen will, was verstellter und was echter
-Wahnsinn ist, der braucht nur von Hamlet zu Ophelia zu gehen. Bei
-ihm ist es eine Mischung von Weltschmerz, Phantasie, Tiefsinn,
-Gereiztheit, Spiel und eine Verstellung, die nicht mehr viel zu tun
-hat, um alle, selbst die liebende Ophelia, zu täuschen, nur einen
-nicht: König Claudius ist in seinem Schuldgefühl zu mißtrauisch und
-überdies selbst mit zu energischem Geist begabt, um die Bildersprache
-Hamlets, die in Zorn und Bosheit immer ihren seelischen Grund verrät,
-für Störung des Geistes zu nehmen. Wie rührend klagt dagegen Ophelia,
-dies einfache Gemüt, um den Geliebten, der jetzt gemütskrank geworden
-ist, der ihr sonst alle Tugenden und glänzenden Eigenschaften des
-Mannes repräsentiert hat. Und nun bringt sie das Unglück der Liebe,
-die sie in sich zurückdrängen muß, die geistreichen und also ihr
-gegenüber entsetzlich brutalen und doch alles Sinnliche erregenden
-Worte des an Weib und Geschlecht verzweifelten Geliebten, die Ermordung
-des Vaters durch diesen toll gewordenen Geliebten, das alles bringt
-sie von Sinnen. Da sehen wir, was im einfachen Gemüt, wenn es das
-Gleichgewicht, die Sicherheit und damit die Herrschaft, die von Sitte
-und Geziemendem ausgeübt wird, verloren hat, für Wirrnis und tiefe
-Kompliziertheit heraufkommt: was bei der Gesunden nur auf dem Weg über
-die Seele an die Oberfläche durfte, die Sinnlichkeit zeigt sich jetzt
-bloß und schamlos, wie wir sie alle unten in uns haben; viel, was ihre
-Ohren gehört haben, ohne daß sie nur darauf achtete, hat sich da unten
-gesammelt und rinnt jetzt herauf. Was haben manche Erklärer aus diesen
-alten sinnlichen Volksliedern, die dem armen Mädchen über die Lippen
-treten, für Schlüsse gezogen! Wünschen wir ihnen und ihresgleichen,
-wozu auch alle Aussicht besteht, daß sie nie den Verstand verlieren!
-Goethe hat auch hier im wesentlichen das Rechte getroffen und hat
-Opheliens Natur aufs schönste gedeutet; nur daß er auch sie etwas zu
-sanft idyllisch, zu sesenheimerisch nimmt und Shakespeares tragisch
-hartes Bild von dem Abgrund der Menschenseele ein wenig glatt ebnet
-und verlieblicht; dafür hat er in der größten dramatischen Szene, die
-er gedichtet hat, in Gretchens Kerkerszene mit Recht nicht vermeiden
-wollen, von Opheliens Wahnsinnsszene zu nehmen, was er brauchen konnte.
-
-Die alte Frage, die Hamlets Geist nie losläßt, die Frage nach Leben
-und Tod, nach unsrer Aufgabe hier im Leben und nach dem Los, das unser
-nachher wartet, beschäftigt ihn aufs stärkste nach seiner Rückkehr
-aus England. Gerade ist er dem gewaltsamen Tode entronnen und nun
-hat er wieder den Tod vor Augen, da er auf die Ausführung seiner Tat
-sinnt. Am Hof läßt er sich vorerst nicht sehen, seinen Freund Horatio
-trifft er im Freien vor der Stadt, und so kommen sie zusammen auf den
-Kirchhof. In den Betrachtungen bitterster Art, die er da anstellt,
-lebt nicht mehr das Bangen vor der Ewigkeit, sondern der Schauder vor
-der Vergänglichkeit. Alles ist eitel; alle werden wir Würmerfraß!
-Diese anschauliche Erkenntnis aber gestaltet er, zumal nachdem er
-den Schädel Yoricks des Narren in der Hand gewiegt hat, den er, als
-er noch ein kleiner Bube war, so oft hat lachen und alle zum Lachen
-bringen hören, zu grotesk eindringlicher Stärke. Die Einsicht in
-den argen, höhnischen, unbegreiflichen Ernst dieser Welt macht ihn
-wieder produktiv und bringt ihn in gesteigerte Stimmung; und in diesem
-Augenblick sorgt sein Schicksal dafür, daß sein Weltschmerz persönliche
-Gestalt annimmt: das Grab, das der Totengräber gegraben hat, ist für
-Ophelia bestimmt; eben wird ihr Leichnam gebracht. Ophelia tot! Wie er
-Laërtes im Schmerz, um die Tote noch einmal in die Arme zu nehmen, ins
-offene Grab springen sieht, wie er seine hohen Worte der Klage hört, da
-schnellt wieder alles in ihm empor wie eine Feder, die gepreßt war und
-nun befreit ist. Was er verscharrt hatte, arbeitet sich mächtig hoch;
-er, den niemand hier erwartet hatte, zeigt sich plötzlich vor dem König
-und dem gesamten Hof und springt ins Grab. Laërtes muß es für tollen
-Hohn des Verbrechers nehmen, der ihm den Vater getötet, die Schwester
-in den Tod gejagt hat, und ringt mit ihm. Das wundert Hamlet erst gar
-nicht; er nimmt es als leidenschaftlichen Wettkampf gepeinigter Liebe:
-
- Ich liebt’ Ophelien! vierzigtausend Brüder
- Mit ihrem ganzen Maß von Liebe hätten
- Nicht meine Summ’ erreicht!
-
-Er steht wieder im Augenblick; er fordert mit seiner Kühnheit die
-Welt heraus, keinen Übergang braucht’s von einem Denken zum Tun; er
-ist spontan, ist der Täter, der lustvoll ein Gleichnis des Göttlichen
-erlebend gestalten darf. Der König, der ihm von dämonischer Ewigkeit
-her als Ziel seiner Tat gewiesen ist, steht dabei; aber was geht der
-fremde Kerl ihn an, wo er im Augenblick göttlichen Enthusiasmus steht?
-
-Auf nichts weniger in der Tat achtet er in diesem Augenblick als
-auf diesen Mörder seines Vaters; aber doch ist dies der Moment, der
-alles entscheidet. Es kommt zu dem Zweikampf mit Laërtes, den des
-Königs Intrige schon vorbereitet hat -- zu der Grundursache kommt bei
-Shakespeare wie in der Natur noch die Gelegenheitsursache hinzu --,
-und sein Schicksal vollendet sich im Untergang seines Hauses. Noch
-einmal vor dem eignen Ende hat der Sterbende Gelegenheit, blitzschnell
-gereckt und zusammengerafft seine ganze Seele in die Tat zu legen:
-diesmal endlich trifft’s den Usurpator. Und so ist die „Gottheit, die
-das Ende formt“, doch -- ganz nach der tiefen Einsicht, die sein ewiger
-Widerpart, der Mörder, hat aussprechen dürfen -- ein Göttliches, das
-ihm in der Brust wohnt: die Übereinstimmung zwischen Seele und Tat; und
-es ist gekommen, wie er es immer geahnt und so oft bedacht hat: für ihn
-ist Tat und Tod beisammen; um der toten Geliebten willen hat er die
-rasche Tat getan, die ihn vor das Schwert seines legitimen Feindes und
-dazu noch vor das Gift des großen Frevlers brachte; als Todgeweihter
-hat er die Rache vollbracht.
-
-Ein Todgeweihter von Anbeginn und ganz unabhängig von der zufälligen
-Handlung, in die das Schicksal ihn hineinspielt, ist Hamlet, weil er
-in diese Welt der Gewalttat, Lebensgier und Feilheit nicht paßt. Der
-menschlich Echte, der Liebe- und Gefühlvolle und zugleich vernünftig
-Denkende findet sich gequält, verstoßen, vereinsamt in einer kalten,
-hofmäßigen, mörderischen, heuchlerischen, politischen Welt.
-
-Nie, in keinem Augenblick hat Hamlet das Geringste mit Macht und
-Ehrgeiz zu tun; die kriegerischen Vorbereitungen, die er im Staate
-Dänemark mit ansehen muß, erfüllen ihn mit Ekel, und er wundert
-sich nicht, daß sie in häßlichen Sinnentumult und wüst trunkene
-Bankettstimmung eingepackt sind. Die Frage, ob nicht er thronberechtigt
-gewesen wäre, ob er nicht auch sein Kronrecht an dem Usurpator zu
-rächen habe, wird gar nicht aufgeworfen: er gehört einer solchen
-Welt nicht an. Hamlet ist von Natur aus stark; schwach nur in einer
-unmöglichen Situation; wo er eine Rolle spielen und nicht er selber
-sein soll, da nimmt er noch einmal eine Maske vor, um in rebellischem
-Trotz und polemischem Lachen leben zu können. Er ist der letzte
-Sproß eines wilden, auf die rohe Tat gestellten Königsstammes und
-ist adlig-unköniglich wie Heinrich VI. Noch bewundert und beneidet
-er den Helden, der in der Einheit steht; noch springt immer wieder
-das Heldengeblüt in ihm zur physischen Tat heraus; noch bekennt er
-sich nicht, daß er in einem andern Lager steht; und dies ist sein
-Zwiespalt und sein Schicksal: daß er eine heldische Natur ist mit neuem
-Inhalt, auf neuem Gebiet; ein Held und ein Geistiger, ein Held und ein
-Künstler; daß er es aber nicht weiß und daß an ihn von der Verschuldung
-seines Stammes der Ruf nach der Tat des Alten ergeht, dem sein Blut
-gehorcht, dem seine Phantasie nachgeht, die in dieser Rache das große
-Sinnbild der Heldenhaftigkeit sieht, wie diese Phantasie in allem
-ein Gleichnis findet; der Ruf, dem sein Geist mit dem Inhalte seines
-Denkens dienen will, wo er doch die Erfüllung mit der Form dieses
-Denkens hemmt, verzögert und von sich schiebt. Höchst königlich hätte
-er sich bewährt, wie es über seiner Leiche Fortinbras rühmt; ja, aber
-in einer neuen Welt, im Reich des Geistes, nicht im Reich der Politik
-und Gewalttat, nicht in dem faulen Staate Dänemark.
-
-Sehr schön hat da wieder Strindberg etwas in Hamlet gesehen, was er
-selber in seinem Wesen hatte und was in der Tat in dem Stücke liegt,
-wiewohl es selten bemerkt wird. Strindberg war wie Hamlet ein Mann,
-der gegen die Zustände, auch gegen einzelne Menschen, wenn er sie
-als Repräsentanten nahm, böse und giftig sein konnte, sonst aber, im
-Umgang, ganz besonders hold und gütig war. Und so sagt er von Hamlet:
-„In der natürlichen Anlage dieses Jünglings, der wohl von Geburts
-wegen nicht recht zu Hause ist in diesem Gefängnis und Jammertal,
-gibt es einen Zug, einen rein göttlichen: daß alle Menschen für ihn
-gleich sind. Er verkehrt mit dem Hofnarren Yorick, mit Schauspielern,
-Studenten, und wenn er mit den gemeinen Totengräbern spricht, ist
-er höflich und nicht hochmütig. Drum wird er auch von den kleinen
-Leuten, dem Volk verehrt. (Auch, füge ich hinzu, mit den aufs Meer
-hinausgestoßenen Verbrechern, den Seeräubern, versteht er sich sofort.)
-Aber Hamlet ist darum kein Demagog, der vor dem Pöbel kriecht, um Macht
-zu erringen. Sein Standpunkt ist so universell menschlich, daß er über
-allem schwebt, über Thron und Hof, Gesellschaft und Gesetz...“
-
-Shakespeares Mannesideal waren ganz gewiß Naturen wie Fortinbras und
-Prinz Heinz-Heinrich V., die Ritterlichkeit und Volkstum in sich
-vereinigten, die schön und gut in der Welt herrschten, aber die Welt
-ertrugen; doch schon geht er einen Schritt weiter, er, der an der
-Grenze zweier Zeitalter steht und daraus seine ungeheure Weite zieht,
-schon schildert er den geistigen Menschen der neuen Tat, den Menschen
-der Republik, der in dieser unsrer Welt der Vereinsamte, der Aufrührer,
-der Höhnische und der Dichter ist, der Worte ballen muß, weil man
-ihm nicht Menschengesellschaften zu formen gönnt. Schon kündet sich
-in Shakespeare und seinem Hamlet eine Zeit und eine Gesellschaft an,
-die auch für uns noch weit entrückte Zukunft ist. Und darum, weil der
-Zwiespalt, den er in sich und der Welt gewahrt und geißelt, unsre eigne
-Zerrissenheit ist, steht uns keine Gestalt Shakespeares so schmerzlich
-nahe wie diese. „Hamlet ist Deutschland“ -- sagten die Revolutionäre im
-Vormärz Freiligrath nach und hatten recht; Hamlet ist die Menschheit
--- müssen wir heute noch, dürfen wir heute schon sagen. Wie sein
-Unvermögen, wenn er denkt, das Alte zu tun, so die Kraft seiner Kritik
-und seiner spontanen Tat zeigen uns den Punkt, in dem wir stehen, nicht
-als einen Ruhepunkt, sondern als geworden Werdendes; wir sehen, woher
-er kommt, und wohin er geht, und wir mit ihm.
-
-
-
-
-Troilus und Cressida
-
-
-Troilus und Cressida gehört zu Shakespeares bedeutendsten Stücken;
-wenn mich irgend etwas zwänge, nur fünf seiner Dichtungen besitzen
-zu dürfen, wäre dieses Drama dabei. Daß es heute ein im allgemeinen
-unbekanntes und verkanntes Werk ist, kommt in erster Linie von den
-starken Anforderungen an die Reife, die es stellt; in zweiter von der
-gewaltig gedrängten Sprache, der bisher noch keine Übersetzung genugtun
-konnte. Daß die Ausleger mit diesem Stück ganz besonders wenig anfangen
-konnten, ganz besonders übel mit ihm umgesprungen sind, ergibt sich
-aus dem Umstand, den ich an erster Stelle nannte. Trotzdem sollte man
-nicht für möglich halten, was das Drama sich von zweien unter ihnen,
-die sich als Bearbeiter aufgetan haben, gefallen lassen mußte. Adolf
-Gelber gibt einem Enthusiasmus ohnegleichen Ausdruck; findet dann Ideen
-darin verkörpert, die völlig Gelber und gar nicht Shakespeare sind,
-macht auch nicht den vergeblichen Versuch, diese Gedankengänge in
-Shakespeares Szenen und Worten zu finden, sondern arbeitet das Stück
-völlig um und dichtet ganze lange Szenen dazu! Ernst von Wolzogen
-dagegen -- es war so ungefähr um die Zeit, wo er mit dem Überbrettl
-umging -- empfiehlt, das Drama ja nicht zu überschätzen; es sei eine
-lustige Posse, nichts weiter; und so behandelt er es denn als Bierulk
-und wirft alles hinaus, was zu dieser Auffassung nicht paßt.
-
-Genug davon. Ich hoffe, man wird, wenn ich mit meiner Darstellung der
-Dichtung fertig bin, empfinden, warum ich dieses seltsam schöne Kriegs-
-und Liebes- und Gesellschaftsdrama, dieses Drama der Geschichte im
-großen Sinne auf die Brutus- und Hamlet-Tragödie folgen, dem Othello
-vorausgehen lassen wollte, obwohl es ganz gewiß später verfaßt ist.
-
-Im Druck erschienen ist Troilus und Cressida zuerst 1609;
-wahrscheinlich ist es auch um diese Zeit herum verfaßt worden.
-Dieser Quartausgabe ist als Vorrede die Epistel eines Herausgebers
-beigegeben, der unbekannt ist, der mir aber ein tieferes Verständnis
-für Shakespeares Wesentliches gehabt zu haben scheint, als wir es sonst
-bei seinen Zeitgenossen treffen. Er bezeichnet das Werk als Komödie und
-rühmt im allgemeinen „dieses Autors Komödien“, die, meint er, besser
-~commodities~, Sinnspiele, oder ~ plays for pleas~, Gerichtsspiele,
-heißen würden und „die so nach dem Leben gebildet sind, daß sie als
-der allgemeinste Kommentar für alle Handlungen unsres Daseins gelten
-können“.
-
-Dieser Mann, der sich im Gegensatz zu dem „Leser aller Zeiten“, an den
-er sich wendet und den er „einen immer Lesenden“ nennt, als „niemals
-Schreibender“ bezeichnet, versichert ausdrücklich, das Stück sei noch
-nie aufgeführt worden; die Wahrscheinlichkeit, daß das wahr ist,
-dünkt mich sehr groß; und ich vermute darum, daß Shakespeare selbst
-diesmal Wert darauf legte, das Stück Lesern bekannt zu geben. Wir haben
-Exemplare derselben Druckausgabe, denen die Epistel fehlt und die ein
-anderes Titelblatt haben, auf dem nun zu lesen steht, daß das Stück von
-den Schauspielern des Königs im Globe-Theater aufgeführt worden sei; da
-dieser Titel auch die Jahreszahl 1609 trägt, ist anzunehmen, daß das
-Stück im selben Jahre erst gedruckt und dann aufgeführt wurde.
-
-Auch in der ersten Gesamtausgabe, der Folio von 1623, hat das Stück
-sein besonderes Schicksal gehabt, das es von den anderen abhebt. Schon
-die Ausgabe von 1609 war im Zweifel gewesen, welcher Kategorie das
-Stück einzureihen sei; auf dem Titelblatt hieß es eine Historie, in der
-Epistel eine Komödie. Im Inhaltsverzeichnis der Folio kommt Troilus
-und Cressida gar nicht vor; im Text steht es als erste der Tragödien,
-vor Coriolan; es trägt aber keine Seitenzahlen, die Paginierung dieser
-Abteilung beginnt erst mit Coriolan; nur die zwei ersten Seiten des
-Trojanerdramas tragen die Zahlen 79 und 80. Wahrscheinlich ist die
-Aufnahme des Stücks erst nachträglich beschlossen worden, und offenbar
-sollte es zuerst an eine andere Stelle kommen: den Zahlen nach zwischen
-die Liebestragödie Romeo und Julia und die Tragödie des Menschenhassers
-Timon, und das wäre ein ausgezeichneter Platz gewesen; aber so, wie es
-jetzt dasteht, als etwas nicht Einzuordnendes, zwischen den Historien
-und Tragödien, vor dem ersten Römerdrama Coriolan und hinter Heinrich
-VIII., als ob es zugleich in der neuesten Periode der englischen
-Geschichte und im frühen Altertum spielte, steht es auch sehr sinnvoll
-da.
-
-Was den Stoff angeht, so ist kein Zweifel, daß Shakespeare Homer
-gekannt hat; der war auch vorher nicht unbekannt und in einer
-französischen Übersetzung leicht zugänglich; jetzt aber hatte Georg
-Chapman, mit dem Shakespeare persönlich verkehrt haben wird, die
-Ilias ganz vortrefflich ins Englische übersetzt; die ersten sieben
-Gesänge lagen seit 1598 im Druck vor, das Ganze kam erst 1611 an die
-Öffentlichkeit. Von den besonderen Vorgängen des Dramas freilich, die
-mit Hektors Tod in unlösliche Verbindung gebracht sind, steht in der
-Ilias nichts; Troilus wird von Homer nur einmal flüchtig mit Namen
-genannt. Aber die Geschichte von Troilus und Cressida war überaus
-beliebt und ist in griechischen, lateinischen, mittelalterlichen
-Gedichten und Romanen oft behandelt worden; Troilus und Cressida
-gehörten zu den hochberühmten Liebespaaren. Shakespeare wird das
-Gedicht Filostrato (Der Liebesgeschlagene) von Boccaccio gekannt
-haben und ganz gewiß seine Neugestaltung durch Chaucer; Chaucer ist
-der Schöpfer des Kupplers Pandarus; sein Gedicht und besonders diese
-Gestalt waren so populär, daß ~pandar~ einfach das Wort für Kuppler
-wurde. Die von Caxton bewirkte Übersetzung eines französischen Romans,
-die aus dem Jahr 1471 stammt, wird Shakespeare auch bekannt gewesen
-sein.
-
-Auf die englische Bühne sind die Gestalten des Dramas schon vor
-Shakespeare gekommen, so Thersites als Typus des Maulhelden in einem
-nach ihm benannten Zwischenspiel von John Heywood, das aus dem Jahr
-1537 stammt, aber erst über zwei Jahrzehnte später gedruckt wurde: eine
-rohe und salzlose Hanswurstiade. Sehr interessant wäre es, ein Stück
-Troilus und Cressida von Dekker und Chettle kennen zu lernen, das von
-1599 stammt und auch zur Aufführung kam, wahrscheinlich sogar 1603 von
-Shakespeares eigener Gesellschaft gespielt wurde; aber wir besitzen es
-nicht und wissen nichts weiter davon.
-
-Die völlig freie, unbekümmerte, die klassizistische Mode seiner und
-jeder Zeit durchkreuzende Stellung Shakespeares zur Antike hat den
-Erklärern stets besondere Schwierigkeiten bereitet; oft gingen sie
-an das Stück heran wie an eine Verirrung, die der Entschuldigung
-bedurfte, oder eine Art Tempelschändung. Um so schöner ist es, daß
-Goethe, freilich in der Zeit, wo er mit Helena und Klassischer
-Walpurgisnacht selbst sich wieder einmal in neuer Art frei zur Antike
-stellte, mit großartig verstehender Unbefangenheit sich über das Stück
-äußerte, das ihm besonders am Herzen lag. So schreibt er im Jahr
-1824 in dem Aufsatz „Über die Parodie bei den Alten“, der aus dem
-Briefwechsel mit Zelter hervorging: von einer Parodie oder Travestie
-Homers durch Shakespeare könne gar keine Rede sein; es handle sich um
-zwei innerlich von einander unabhängige Kunstwerke „mit zwiefachem
-Zeitsinn“: „Das englische Meisterwerk darf man betrachten als eine
-glückliche Umformung, Umsetzung jenes großen Werkes (der Ilias) ins
-Romantisch-Dramatische.“ Es sei, sagt Goethe, der von den späten
-Rittergedichten, die den Stoff behandelten, auch Kenntnis hatte,
-„ganz Original, als wenn das Antike gar nicht gewesen wäre“. Er
-deutet auch an, in der behutsam allgemeinen, orakelhaften Art seines
-Altersstils, der die Meinung nicht eigentlich ausdrücken, sondern für
-Eingeweihte enthalten sollte, daß Shakespeare im Gegensatz zu Homer
-einen Kreis von Problemen behandelte, die unserer, der neueren Zeit
-angehörten; er sagt: „Es bedurfte wieder einen eben so gründlichen
-Ernst, ein eben so entschiedenes Talent als des großen Alten, um uns
-ähnliche Persönlichkeiten und Charaktere mit leichter Bedeutenheit
-vorzuspiegeln, indem einer späteren Menschheit neuere Menschlichkeiten
-durchschaubar vorgetragen werden.“ Wer Goethe gründlich kennt, weiß,
-daß er damit auch darauf hindeuten will, Troilus und Cressida sei in
-dem großen Sinn, den er manchmal mit dem Wort verband, ein Pasquill
-gegen die Herrschenden. Mit einem ähnlichen Privatvergnügen empfahl
-er das Stück wohl 1826 Eckermann: „Wollen Sie Shakespeares freien
-Geist erkennen, so lesen Sie Troilus und Cressida, wo er den Stoff der
-Ilias auf seine Weise behandelt.“ Man muß sich gegenwärtig halten, wie
-hoch Homer für Goethe stand, um zu bemerken, auf welche Stufe er mit
-dieser Gleichsetzung Troilus und Cressida erhob. Goethe hat den Dichter
-dieses Stückes als Ebenbürtigen neben Homer gestellt, dessen Gestalten
-Shakespeare ohne die Spur eines philologischen Respektes für seine
-Zwecke benutzte; und Goethe hat recht daran getan.
-
-Ich will noch einen andern, einen Zeitgenossen Shakespeares nennen,
-von dessen Hauptwerk Shakespeare in seiner völlig freien und
-selbständigen Art die Grundstimmung und Gesinnung wiederholte, ich
-halte für möglich -- mehr sage ich nicht -- mit Kenntnis dieses Werks:
-Cervantes. Der Don Quixote -- der erste Teil, der ursprünglich keinen
-zweiten erwarten ließ -- erschien 1605; in den nächsten Jahren gab
-es weitere Auflagen, auch in Mailand und Brüssel erschienen Ausgaben
-des Buches; die erste englische Übersetzung erschien 1612, etliche
-Jährchen nach Troilus und Cressida, im Druck. Daß Shakespeare spanisch
-gelesen hat, nehme ich nicht an, obwohl gar nichts dagegen spräche;
-daß er die englische Übersetzung schon vor ihrer Drucklegung gekannt
-hat, will ich auch nicht annehmen, obwohl auch das sein könnte; aber
-daß in seinem Freundeskreis von diesem Buch und dem Geist, der es
-erfüllte, gesprochen wurde, daß er darüber alles mit Leichtigkeit
-erfahren konnte, was er wissen wollte, ist mir sehr wahrscheinlich. Wie
-dem auch sei, ob mit oder ohne Kenntnis von Cervantes: Shakespeares
-dramatische Ilias erkläre ich für seinen Don Quixote. Die Elemente des
-Stückes finden sich alle schon gelegentlich in andern Stücken: eine
-spezifisch moderne und bürgerliche Auffassung ist aus mancher Äußerung
-Falstaffs und vor allem nicht bloß aus Äußerungen, sondern aus einer
-wesentlichen Wendung der innern Handlung im Hamlet herauszuspüren;
-die Liebeskritik, von den Sonetten ganz abgesehen, findet sich in
-manchen Lustspielen, vor allem im Sommernachtstraum; und seine Zweifel
-am Ritterwesen und dem ritterlichen Frauenkultus, dem Frauenkampf,
-dem Frauenkrieg hat er auch gelegentlich schon früher geäußert. Das
-Auszeichnende aber an Troilus und Cressida ist, daß diese Dinge, die
-hier genannt wurden, in der Mitte der Darstellung stehen und geradezu
-systematisch behandelt werden. Daß dazu der Don Quixote eine Anregung
-gegeben hat, ist möglich; mehr zu sagen verhindert mich kritische
-Vorsicht und dazu die Erwägung, daß ein solcher Zusammenhang in keinem
-Fall, auch wenn er beweisbar wäre, mehr wäre als interessant. Denn
-viel wichtiger ist, daß es sich um eines der allerpersönlichsten und
-um eines der zutiefst die Allgemeinheit und ihre Zustände und innern
-Halt- und Bewegungsmächte angehenden Werke Shakespeares handelt. Wie es
-Cervantes’ Größe ausmacht, daß er den Kampf zugleich für das Bürgertum
-und -- kurz gesagt -- für die heroisch-ideale Gesinnung des Geistigen
-gegen den Philister führt, so ist es die Bedeutung von Shakespeares
-Troilus und Cressida, daß der Dichter hier, indem er seinen grimmigen
-Krieg gegen die Weiber- und Brunsthelden führt, das Positive zeigt,
-das statt dessen die Gesellschaft neu aufbauen soll: die Freundschaft.
-Ich bezweifle nicht, daß diese Dinge, die in der Mitte des Stückes
-stehen und es in die nächste Beziehung zum Thema der Sonette setzen,
-hauptsächlich Schuld daran tragen, daß die meisten Gelehrten es mit
-einer gewissen Angst und Genierlichkeit zu tun bekamen, wenn sie an
-dieses Drama herangehen mußten. Solche prüde und also häßlich, sei’s
-auch nur mit Verlegenheit, mißdeutende Zimperlichkeit kann aber an den
-tiefen Ernst und die Hoheit der Dichtung nicht rühren.
-
-Zu dieser inhaltlichen Schwierigkeit kommt nun noch die formale, die
-damit in Zusammenhang steht und hier schon berührt wurde. Ist es eine
-Parodie? eine Travestie? eine Satire? eine Burleske? eine Komödie? eine
-Tragödie? eine Tragikomödie? Daß das Stück auf keine Art eine Parodie
-oder Travestie Homers sei, ist mit Goethes Worten schon gesagt worden;
-satirische Elemente hat es genug, und einmal wird sogar etwas wie eine
-Parodie auftauchen, zwar nicht auf Homer, aber auf Shakespeare selbst;
-trotzdem scheint mir für keinen Empfindenden ein Zweifel möglich, daß
-der tragische Ton alles andre überklingt. Wie es sich damit verhält,
-soll sich zeigen, nachdem wir das Stück näher betrachtet haben.
-
-Mitten hinein in den trojanischen Krieg werden wir gestellt. Und
-gleich der Prolog betont scharf, um was dieser Völkerkrieg tobt:
-neunundsechzig Fürsten sind mit einer gewaltigen Flotte „und allen
-Maschinen des grausen Kriegs“ von der Reede zu Athen losgesegelt, um
-Troja dem Boden gleich zu machen,
-
- in dessen festen Mauern
- Des Menelaus Gattin, Helena,
- Entführt, mit dem wollüst’gen Paris schlief.
- Darum der Streit!
-
-~And that’s the quarrel!~
-
-Sofort zu Beginn wird dieses Thema aufgenommen von dem Trojanerjüngling
-Troilus, dem jungen Sohne des Königs Priamus, der sich in
-Liebessehnsucht verzehrt. Er hat in dieser Verfassung immer wieder
-Stimmungen, wo er gar nicht begreifen kann, warum da gekämpft wird.
-Das Blasen der Kriegstrompeten schlägt an sein Ohr nur wie heilloser
-Lärm. Um Helena geht es? Ja, soll ihr etwa das viele Blut, das um sie
-verspritzt wird, ein Schmuck sein, soll sie davon schöner werden? Sein
-Werben um Cressida erlebt er wie im Traume, als ob zwischen ihm und
-ihr ein ungeheurer Völkerkrieg tobte, oder wie wenn sie eine Perle im
-fernen Indien wäre, die er nun in der weiten Welt suchen müßte.
-
-Seine Verachtung, wie er sie jetzt gegen diesen Kampf empfindet, rührt
-aber vor allem auch von der Unreinheit der Liebesaffäre her, um die
-dieser gewaltige Völkerkrieg sich dreht. Um ein untreues Weib! Seine
-Liebe ist Reinheit, wenn sie auch die irrende Liebe eines Jünglings
-ist, wenn sie auch all ihre schöpferische Phantasie an ein reizendes
-Weibchen hängt, das innerlich ganz anders beschaffen ist, als er es
-sich zurecht träumt und als sie selber es noch weiß. Dieser Gegensatz,
-dem der noch unfertige Jüngling, dessen Stimmung schwankt, nur erst
-seinen vorläufigen Ausdruck gibt, geht in den verschiedensten Tönungen
-durch das ganze Stück: auf der einen Seite echte Ritterlichkeit,
-Männlichkeit, Heldentum, Männerfreundschaft -- und auch ihre äußerste
-Entartung, die Päderastie, wird mit Worten stärkster Verachtung
-entscheidend gestreift --; auf der andern höfisches Ritterwesen,
-Rittermanieren, Unterjochung unter das Weib, Verderbnis durch
-wollüstige Sinnenliebe. Die äußern Züge des Ritterwesens, daß man,
-wenn man einen Zweikampf zu bestehn hat, diesem ernsten Unternehmen
-modisch-konventionell den Namen einer Dame als Etikett aufklebt,
-welcher zu Ehren der Kampf ausgefochten wird; daß man die Schleife und
-den Handschuh der Dame trägt; die höfische Zierlichkeit, anderseits
-aber auch die gute Freundschaft, die die Feinde unter einander
-halten, das sind alles Dinge, die allein diesem Stück angehören und
-sich anderswo bei Shakespeare durchaus nicht finden. Selbst Hektor,
-sonst hier bei Shakespeare die herrliche Verkörperung des männlichen
-Heldentums, fügt sich im Äußerlichen der galanten Sitte oder Mode.
-
-Äneas kommt als Abgesandter der Trojaner ins Zeltlager der Griechen.
-Er tritt mit einer so übertriebenen, parfümierten Höflichkeit auf, daß
-sich selbst die Griechen baß verwundern. Und dann meldet er den Zweck
-seines Kommens: er ist der Träger einer Herausforderung zum Zweikampf
-bis zum Äußersten, zu einem Kampfspiel im Namen Hektors. Der Held will
-in dieser Ruhepause zwischen den Schlachten dafür einstehn, daß sein
-Weib „weiser, schöner, treuer“ sei als das irgend eines Griechen. Das
-will er mit seinem Schwerte beweisen. Wer hält dagegen? Da fangen die
-Griechen gleich Feuer. Sofort denken sie an ihren größten Kriegshelden
-Achilles -- und den hat wahrscheinlich auch Hektor zum Kampf locken
-wollen und sich darum der Mode bequemt --, aber er sitzt ja schmollend
-im Zelt und macht sich mit seinem jugendlichen Busenfreund Patroklus
-über die Griechenfürsten und über alles in der Welt lustig. Aber wenn
-keiner den Handschuh aufnimmt, will’s der Fürst der Fürsten, der große
-Agamemnon selber tun, und selbst der überalte Nestor will dafür kämpfen,
-
- Meine Dame sei
- Einst lieblicher gewesen, als die Mutter
- Von seiner Mutter war,
-
-und dafür will er, wenn’s not tut, mit seinen letzten drei Blutstropfen
-einstehn.
-
-Gilt es dann aber nicht ein Kampfspiel, sondern den bösen Krieg, diesen
-Krieg um ein Weib, so lernen wir in den beiden Lagern den männlichen,
-von der oberflächlichen Sinnensklaverei freien Standpunkt in zwei sehr
-verschiedenen Gestalten kennen.
-
-Nicht zum ersten Mal werden wir hier bei Shakespeare an die
-große Unterscheidung Spinozas erinnert zwischen dem Sinnen-, dem
-Affektmenschen, der ein knechtischer Sklave der Triebe ist, und dem
-freien Vernunftmenschen, der nach Grundsätzen, ruhiger Überlegung,
-objektiver Prüfung und freiem Entschluß handelt. Und nicht zu leugnen:
-das Unfreie, in Banden Geschlagene, das launisch Willkürliche,
-oberflächlich Wetterwendische und also Treulose wird hier dargestellt
-einmal in Gestalt des körperlich reizvollen, seelisch leeren, geistig
-unbedeutenden, koketten, dem Trieb selbst unterworfenen und zum Trieb
-anlockenden Weibes, in Gestalt Cressidas, und dann in Gestalt des
-Manns der Männer, des großen Kriegshelden Achill. Shakespeares Plan,
-der Sinn seiner Dichtung enthüllt sich uns, wenn wir gewahren, wie
-ihm der männischste Mann und das weiblichste Weib in diesem einen
-zusammengehören, daß sie beide treulos und ohnmächtig tierischer
-Wildheit preisgegeben sind, wenn er in Wut den Männerstreit,
-sie in Brunst den Frauenkrieg führt. Es ist Shakespeares des
-Individualisierungskünstlers und sehr ernsten Mannes großes Recht,
-daß er den tapfern Haudegen, den gewaltigen Schläger und Schmoller
-Homers als eine Gestalt, der aus allen Poren eigenes Leben strahlt,
-völlig neu aufbaut; das verschämte Erröten oder glühende Zürnen der
-Philologen, daß es nun zwei sehr verschiedene Achillesgestalten gibt,
-die unvergängliche epische Homers und die unvergängliche dramatische
-Shakespeares, diese Gebundenheit an ein Objekt, dessen kanonisch
-festgelegte Züge mit finsterer Wut und Verbissenheit gegen jeden
-frechen Erneuerungsversuch verteidigt werden, repräsentiert eine dritte
-Form der Unfreiheit: neben der weiblichen Cressidas und der männlichen
-Achills die zwar keineswegs sachliche, aber sächliche Sklaverei des
-unpersönlichen Götzendienstes.
-
-Man könnte überdies sagen, daß diese Kämpen Homers unhistorisch
-vorgehn, daß Shakespeare sich gar nicht einfallen ließ, sich an
-Homer zu reiben, daß er durchaus nicht in die Reihe gehört, die zu
-Offenbach hinführt, sondern daß er romantische Sagen weiterbildete;
-dies ist, kenntnisreich und gut, von Wilhelm Hertzberg vor andern
-gesagt worden. Um der wissenschaftlichen Kenntnis willen soll man auf
-diese Zusammenhänge hinweisen; aber keineswegs zu einer Entschuldigung
-Shakespeares, die er nicht braucht. Wie Sophokles eine Elektra nach
-Aischylos gestalten durfte, wie es von Heine eine komische Frechheit
-war, Goethe ins Gesicht zu sagen, er schreibe einen Faust, so durfte
-Shakespeare nach Homer einen Achill, einen Achill nicht nach Homer
-gestalten.
-
-Wie haben sich denn auch die übrigen Gestalten, die uns aus dem Epos
-vertraut sind, verändert, wie sind sie in einem andern Zeitsinn
-neugeboren worden!
-
-Ulysses und Hektor verkörpern zwei verschiedene Stufen der männlichen
-Vernunft und Staatsklugheit.
-
-Kriegsrat im Griechenlager vor Agamemnons Zelt. Schlechte Stimmung
-bei den Fürsten: der Krieg geht nicht vorwärts; nun liegen sie sieben
-Jahre vor Troja, und noch keine Aussicht auf Entscheidung. Agamemnon,
-in feierlicher Würde, als der Mann, der das Amt bekleidet, die Elemente
-zusammen zu halten, bewegt sich mahnend, ohne einen neuen Gedanken und
-ohne energischen Befehlswillen in den Allgemeinheiten der Erfahrung:
-
- Hienieden wird
- Der Hoffnung ausgebreiteter Entwurf
- In der versprochnen Fülle nie erreicht
- Bei irgend einem Zweck.
-
-Eine Prüfung von Jupiter ist es gewiß, um der Unterscheidung willen:
-Helden und Feiglinge, Weise und Toren sollen auseinandertreten, wie die
-Worfel Spreu und Weizen sondert. Das ist so recht das Thema für den
-alten Nestor; die Rolle des Alten, der die Jugend belehren kann, gibt
-er nicht leicht auf:
-
- In Schicksals Unbestand zeigt sich die wahre
- Beständigkeit des Manns.
-
-Nun aber hebt Ulysses an. Zuerst, in einer prachtvollen Anrede, zeigt
-er sich als der glänzende Redner, der seine geistige Überlegenheit
-nicht auftrumpfen läßt, sondern einleitend die Bescheidenheit seiner
-Stellung betont: der Fürst von Ithaka redet zu dem hoheitsvollen
-Oberherrn aller Griechen, zu dem ehrwürdigen Greis. Dann aber sagt er
-frei seine Meinung heraus: allgemeine Maximen und Fügung unter den Rat
-der Götter bringen uns nicht vorwärts. An uns selber liegt die Schuld;
-das gilt es einzusehen. Das Parteiwesen hat dem Griechenheer die Kraft
-genommen; es fehlt an Einigkeit. Und nun tritt er gegen Laune und
-Willkür für Gesetz, Staatsordnung, ständische Gliederung im Volk und
-zwischen den Völkern ein. Wie in den Bahnen der Gestirne feste Ordnung
-ist, so muß es auf Erden sein.
-
- Denn wie kann ein Verein,
- Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,
- Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,
- Das Erstgeburtsrecht, Pflichten der Geburt,
- Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, Lorbeers
- An ihrer rechten Stelle anders stehn
- Als durch die Gliederung?
-
-Mit einer Großartigkeit ohnegleichen malt er den Königen, die seine
-Zuhörer sind, das Gegenbild, das Bild des Aufruhrs, der Auflösung
-an die Zeltwand. England stand, als diese Worte gedichtet, gelesen,
-von der Bühne herunter gesprochen wurden, in der Vorbereitungszeit
-seiner Revolution; nie ist in den Aufruhr der Parteien hinein, die,
-der Einheit vergessend, mit einander rangen, nie ist an eine oberste
-Gewalt hin, die in Gefahr stand, ihre Autorität zu verlieren, eine
-staatsmännische Rede größeren, wahrhaft kosmisch weltbürgerlichen
-Gehaltes und Schwunges gehalten worden als diese: und man begreift, daß
-Shakespeare oder einer seiner politischen Freunde Wert darauf legen
-mochte, dieses Sinnspiel oder ~play for plea~, diese Dichtung,
-die zugleich ein Gericht und ein Plaidoyer war, sofort durch den Druck
-bekannt zu geben:
-
- ... Alles wird Gewalt,
- Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,
- Und die Begier, ein allgemeiner Wolf,
- Mit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,
- Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißt
- Zuletzt sich selbst auf.
-
-Und nach dieser allgemeinen Feststellung wendet sich Ulyß dem
-Besonderen zu. Wer ist der Repräsentant dieser Einzelwut, die sich
-ichsüchtig absondert und das Band zerreißt? Der große Achill, der
-anerkannte Kriegsheld der versammelten Völker! In dieser politischen
-Sphäre Shakespeares geht’s nun wahrlich nicht um den elenden Streit
-einer schönen Sklavin halber. Achill hat sich zurückgezogen und spottet
-wie ein Karikaturenmacher mit seinem Liebling Patroklus zusammen der
-andern Führer, weil er -- und ebenso Ajax, der wiederum eine Partei für
-sich bildet -- auf dem Boden des alten Kriegs steht, während Ulyß und
-unter seinem Einfluß die andern die neue Kriegführung vertreten. Diese
-führen den Krieg für eine gemeinsame Sache mit der Absicht, ihn durch
-eine günstige Vereinbarung zu beenden; Krieg ist für diese Richtung
-ein Mittel der Politik; für Achilles ist der Kampf Selbstzweck; nach
-einer Sache fragt er nicht viel; und es kommt ihm nicht sonderlich
-darauf an, auf welcher Seite er kämpft, wenn nur gekämpft wird; so hat
-er in seiner völligen Zurückgezogenheit und Feindseligkeit gegen die
-Verbündeten angefangen, sich gar nicht mehr innerlich zugehörig zu
-fühlen, und sinnt, im Zusammenhang mit einer Liebessache, der es an
-politischer Bedeutung nicht fehlt, auf Verrat.
-
-Ulyß ist ein Staatsmann, der weit entfernt von einer Bekämpfung des
-Kriegs überhaupt ist, er stellt den Krieg als ein notwendig Vorhandenes
-realpolitisch in seine Rechnung; aber er ist der Techniker, der
-Generalstäbler im Gegensatz zu dem veralteten wüsten Dreinhauer nach
-Art des Ajax; und nicht viel anders als der will auch Achill mit seiner
-persönlichen Kampflust und Tapferkeit den Krieg durchaus nicht als
-Staatskrieg und Vernunftkrieg auffassen.
-
-Das nun ist aus dem listigen Ulysses der antiken Überlieferung unter
-Shakespeares Händen geworden. Aus Personalfabeln sind allgemeine
-Gesichtspunkte geworden; was entzückend kindlich war, ist jetzt bitter
-männlich geworden. Das hat Goethe gesehen, als er von dem zwiefachen
-Zeitsinn sprach: die homerischen Gestalten begegnen uns hier auf einer
-andern geschichtlichen Stufe. Der Epiker Homer stand noch mitten in der
-Ritterzeit drin und dazu in einem Ritterwesen, das genötigt war, seine
-Abenteuer seeräubermäßig an fremde Küsten zu verlegen, weil zu Hause
-nur Raum für patriarchalisches Regiment über Bauern- und Hirtenvölker
-war; Shakespeare will die sinkende und entartete Ritterlichkeit erhöht
-und gereinigt in ein ständisch gegliedertes bürgerliches Gemeinwesen
-aufnehmen; dieser Renaissancedramatiker, der seine Individuen in große
-typische Gegensätze von Gesamtheiten hineinstellt, hat ganz andere
-Mittel, seine Gestalten zu individualisieren und scharf, kantig gegen
-einander zu führen als Homer, bei dem sie sich nur so von dem episch
-umhüllenden Dunst der Gleichheit abheben können, wie die Farben des
-Regenbogens von der Wolkenwand.
-
-So also spricht der „verschlagene“, der „vielgewandte“ Vertreter
-moderner Kriegskunst gegen die Männer der bloßen rohen Gewalt:
-
- Sie nennen tadelnd unsre Weisheit Feigheit,
- Erachten Weisheit nicht für Kriegsbedarf;
- Verpönen Vorsicht, schätzen lediglich
- Die Tat der Faust; die stille, geist’ge Kraft,
- Die überlegt, wie viel der Hände wohl
- Zum Schlagen not tun, wenn’s der Anlaß fordert, ... Bettenarbeit
- Ist’s ihnen, Kartentand und Stubenkrieg;
- So daß der Mauerbrecher, der die Mauer
- Zu Boden schlägt mit dem gewalt’gen Schwung
- Und Ungestüm der Schwere, höher steht
- Nach ihrem Sinn als der, der ihn gemacht,
- Und höher als die Seelenfeinheit derer,
- Die ihn vernünftig anzuwenden wissen.
-
-Man sieht: was in Homers kindlicher Welt ganz im Privaten
-und Persönlichen und klugen Auskunftsmitteln auf Grund der
-Einzelpsychologie stecken bleibt, ist hier zur Politik erweitert.
-Das nun, daß Ulysses bei Shakespeare nicht auf der Stufe der holden
-Fabel, des immer unterhaltenden, oft innigen und manchmal tiefsinnigen
-Märchens stehen bleibt, sondern ein großer Politiker ist, das und
-dergleichen hat man gewagt, eine Parodie auf Homer und nichts weiter zu
-nennen!
-
-Dieser Ulysses repräsentiert auf der unsäglich reichen Stufenleiter
-des Geistes, die Shakespeare in seinen Dramen aufbaut, von Caliban
-und Thersites und Falstaff bis zu Hamlet und Porzia von Belmont und
-Brutus und Prospero, eine bestimmte Stufe, eine so ähnliche wie trotz
-arger Unreinheit Heinrich IV.-Bolingbroke schon gegen Richard II.,
-wie beiderseits viel strahlender sein Sohn, Prinz Heinz, Heinrich V.
-in seinem Gegensatz zu Heinrich Percy, nicht unten auf der Leiter
-und nicht ganz oben, sondern in einer Mitte und in einem deutlich zu
-spürenden Aufstieg. Bei Shakespeares vollendetsten Gestalten steht
-einem nicht bloß stark und sicher vor Augen, was sie sind, sondern --
-man denke nur an Shylock -- wie sie geworden sind, geworden nicht nur
-im kleinen Einzelleben, sondern im langen geschichtlichen Werdegang
-der Gesellschaften und Kulturen. Ebenso nun ist mir, als sähen wir
-bei solchen Gestalten wie Ulysses, Hektor, Hamlet, was es über sie
-hinaus in der Geschichte noch geben wird, wie sie selbst für sich zwar
-wundervoll sicher im Moment ihres Wesens stehen können, wie dieses
-Wesen aber in einem nächsten Moment der Geschichte ein andres Gefüge
-der Beziehungen und also gewandelt sein wird.
-
-Wieder auf einer andern Stufe der Männlichkeit und des Geistes als
-bei Ulysses sind wir im nächsten, dem zweiten Akt mit dem nicht
-minder herrlichen Staatsgespräch, das bei den Trojanern stattfindet.
-Die Griechen führen ihre Kriegspolitik im Sinne der Auffassung, die
-wir von Ulysses gehört haben, und so hat Nestor den Trojanern den
-Vorschlag übermittelt, sie sollten Helena ausliefern; trotz den
-schweren Verlusten an Blut und Gut solle dann der Krieg ohne Anspruch
-auf irgend eine Entschädigung gleich beendet sein. Da ist Hektor, ein
-Kriegsheld wie Achill, aber ein Mensch ganz anderer Art, ein besonnener
-Mann, sofort der Meinung: Genug und mehr als genug Opfer für dieses
-Weib! Liefert sie aus! Dem gegenüber verficht Troilus der Jüngling den
-Standpunkt der Ritterlichkeit, der Ehre, des Ruhms. So sehr er selbst
-unter diesem Krieg und der Unreinheit seiner Ursache leidet, jetzt,
-wo’s um eine Entscheidung geht, sind alle Gefühle seiner persönlichen
-Liebessucht zurückgedrängt, jetzt empfindet er nur als Trojaner. Wo’s
-um Ehre geht, gelten keine Gründe, kein Krämerstandpunkt, kein Rechnen,
-wie viel man verloren hat und was man höchstens gewinnen kann.
-
- Nein, geht’s nach Vernunft,
- Dann rammelt nur die Tore zu und schlaft!
-
-Das sind für Hektor keine neuen Dinge, die man ihm erst von außen
-bringen muß, was der junge Troilus da so begeistert verficht; das
-Ende wird’s zeigen. Er aber will sich’s nicht nehmen lassen, zu
-unterscheiden, zu prüfen und selbst zu bestimmen, woran er sein alles,
-woran er das Leben von Zehntausenden und den Bestand der Stadt, der
-Burg, des Staates setzt:
-
- Bruder, sie ist nicht wert, was ihr Besitz
- Uns kostet.
-
-Wert? gibt der Jüngling mit der ganzen Sophistik dunkler Seelenwärme
-zurück, die, gerade weil sie nicht aus Erwägungen entstanden, um
-Gründe nicht verlegen ist; Wert? Es gibt keinen andern Wert als unsre
-Wertung. Mit alledem ist Hektor längst fertig; er sucht nicht Gründe
-für eine Wallung; er weiß.
-
- ~But value dwells not in particular will~ --
- Doch nicht die Einzelwillkür leiht den Wert;
- Er hat Gehalt und Würdigkeit sowohl
- In eigentümlich innrer Kostbarkeit,
- Wie in dem Schätzer; toller Götzendienst
- Nur macht den Kultus größer als den Gott ...
-
-Hier scheidet sich klar die subjektive Willkür, die vom einmal,
-wenn schon blind Erwählten oder Zugefallenen nicht loslassen will,
-und die Besonnenheit, die Objektives, Allgemeingiltiges anerkennt;
-selbst der Gottesdienst ist zu prüfen, was in ihm wahrhaft Gott, was
-ewig verehrungswürdig ist, und was nur Dienst, nur Menschenwerk und
-Menschengewöhnung, freche Setzung und verhärtete Satzung ist; wo diese
-Übereinstimmung zwischen Verehrung und ewigem Grund zur Verehrung
-fehlt, da waltet Idolatrie. Der besinnungslose, von der Leidenschaft
-vergiftete Wille, der sich mit seiner eigenen Wertung an das eigene
-Gemächte klammert, ist kindische Raserei, wenn der Gegenstand der
-Anbetung nicht das Bildnis, das Urbild des Verdienstes ist.
-
-Aber Troilus gibt sich noch nicht besiegt. Nichts kann ihm sein Gefühl
-nehmen: wo’s um Ehre geht, muß Urteil, Analyse, Erwägung des Vorteils
-schweigen. Er nimmt sich zusammen, sucht nach Beispielen, und das
-erste, das er nun in warmer Beredsamkeit anführt, liegt ihm, er ahnt
-nicht wie sehr, nahe genug. Wenn ich heute ein Weib nehme, von meinem
-Willen geleitet, von dem Willen, der wieder von den Sinnen entzündet
-wird, und nun, wenn ich sie erst habe, wendet sich mein Wille von
-ihr ab, -- kann ich sie wieder los werden? Wir, im Zeitalter der
-Ehescheidung und Ehezersetzung, sagen ja; Troilus sagt: Nein, die Ehre
-verbietet’s. Und er gibt andre Beispiele, die noch näher den Fall
-selbst, um den es geht, Helenas Fall, berühren. Gibt man dem Händler
-die Seidenstoffe zurück, die man selber schmutzig gemacht hat? Wirft
-man übrig gebliebenes Essen, weil man selber voll ist, zu Müll und
-Kehricht? Und nun lenkt er die Blicke auf den Ursprung dieses Krieges
-zurück. Hat nicht das ganze Volk gejauchzt, als diese Sache anhob? Wie
-ging’s denn an? Wie all diese Seeräuberkriege! Die Griechen hatten
-irgend eine alte Tante von den Trojanern in Gefangenschaft, und Paris
-zog aus, um einen Rachestreich zu vollführen. Welcher Jubel begrüßte
-ihn, als er die schönste Griechenkönigin heimbrachte! Die Ehre fordert
-es, daß man bei dem bleibt, was man begonnen, als bei sich selbst.
-Das wäre ja freilich Diebstahl und der allerniedrigste dazu, wenn man
-nicht halten könnte, was man genommen hat. Haben wir Helena für ihr
-eignes Land ehrlos gemacht, so fordert es die Ehre, daß wir sie bei
-uns behalten in sicherer Hut. Man sieht, Troilus kennt in seiner Zeit
-der Ritterlichkeit zwar nicht die Ehescheidung, aber den Ehebruch und
-Eheraub, dann aber wieder nicht die Treulosigkeit des Ehebrechers gegen
-die, die er an sich gerissen hat.
-
-In diesem Augenblick, wo wir in der Schwebe stehen zwischen den guten
-Gründen, die für die Beendigung und die für die Fortführung des Krieges
-sprechen, dringt der Wehruf zu uns:
-
- Weint, Troer, weint!
-
-Ich aber möchte mein eigenes Weinen dazu geben, darüber, daß diese
-erhabene Szene, daß dieses große Geschichtsdrama, diese Tragödie,
-in der die Vernunft von heiligen und unheiligen ererbten Gefühlen
-bestritten und angetastet wird, den Völkern, dreihundert Jahre nachdem
-der Geist des Dichters in ernster Zeugung das Werk uns gegeben
-hat, noch nicht lebt, daß es nicht von der Bühne herunter, kaum
-für verstehende Leser seine Wirkung tut. Kassandra naht in diesem
-Augenblick mit ihrem Wehruf und wiederholt ihn:
-
- Weint, Troer, weint!
-
-Und dann schwankt sie im Zustand der Verzweiflung herein und sagt
-Ilions Untergang voraus:
-
- Weint, Troer, weint! Hie Helena und Weh!
- Weint! Troja brennt, sagt ihr nicht zu ihr: Geh!
-
-Aufs äußerste erschütternd ist es, wie jetzt Hektor sich hält. Nichts
-gibt es in Wahrheit für ihn, wovor die Vernunft zurücktreten müßte.
-Die Prophezeiung Kassandras, „die hohe Hingerissenheit der Ahnung“ in
-den Rufen der Schwester nimmt er ganz in seine Besonnenheit auf, und
-tief ernst redet er dem Bruder zu, weist ihn nachdrücklich auf seine
-Jugendlichkeit hin und bittet ihn, die Stimme der Vernunft und die
-furchtbare Warnung der Schwester zu hören. Troilus ist so beharrend,
-wie er feurig ist; er bleibt bei seiner Meinung; was Kassandra sagt,
-ist ihm nur „hirnkrankes Rasen“. Und jetzt greift auch noch der ein,
-den’s von Priamus’ Söhnen am nächsten angeht: Paris. Und wenn sie
-alle sich wendeten, so wollte er ganz allein für seine Tat weiter
-einstehn; Verrat an Helena, Schmach an der eignen Würde, Schimpf für
-ihn wäre es, wenn die Trojaner Helena hergäben! Sie ist die Krone aller
-Schönheit; der Kampf um sie der schimmerndste Ruhm. Und nun fällt
-Hektor die Entscheidung. Überzeugt ist er in nichts; lächelnd meint
-er, sie hätten eben gesprochen wie junges Volk, das Aristoteles für
-noch unreif erklärt hat, Moralphilosophie auch nur zu hören. Und noch
-einmal erklärt er sich: Das Recht der Natur gebietet, dem Eigentümer
-zurückzugeben, was ihm gehört; und es gibt kein heiligeres Anrecht als
-das des Gatten an sein Weib:
-
- So spricht Natur- und Völkerrecht gleich laut,
- Daß nach der Sitte sie zurück muß: Unrecht
- Wird besser nicht, wenn man darin verharrt,
- Nein, macht das Unrecht ärger --,
-
-aber diese Vernunft, zu der er sich bekennt, und dieses Recht gewähren
-Sicherheit und Vorteil: und dies ist der Punkt, wo Ehre und Scham sich
-in ihm gegen die eigene Einsicht bäumen. Seine Vernunft ordnet sich
-keiner andern Regung, die sie von außen mit Schwall überfluten will,
-unter; aber das eigne Gefühl unterdrückt sie nun und weist sie fort.
-Seine Einsicht ist noch jung und darum schwach, unsicher, unheilig,
-ohne die Wurzel und den warmen, schönheitsvollen, geschwellten
-Gefühlsappell und Mantel der Tradition; und, den Untergang vor Augen,
-der, wie es das Verhältnis der vom Geist geleiteten Tat zur echten
-Prophetie ist, noch vermieden werden könnte, wenn Hektor beharrlich in
-seinem Neuen stünde, wenn der Mensch nicht aus Versklavung unter das
-Alte, das als heiliges Gefühl weiterlebt, seiner eignen Wahrheit untreu
-würde, ein Frevler an seiner Bestimmung, gibt er nach. Der Lockung der
-Ehre und des Ruhms, dem Ruf der Jungen, aus denen das Uralte spricht,
-der eigenen Kampflust auch und der Scham, mißdeutet zu werden, kann er
-nicht widerstehen; er gibt nach, obwohl er alles weiß, das Recht und
-das Ende: der Krieg soll weitergehn.
-
-Das ist nun freilich eine Ergründung im Innersten eines Helden und
-Führers seines Volkes und ein Konflikt, von dem Homer nichts gewußt
-hat. Shakespeares Hektor ist wieder ein großes Beispiel für die Art,
-wie dieser Dichter, indem er innere Erlebnisse von Menschen, Zustände
-und Stufen der Gesellschaft und der Geschichte schildert, die nicht
-Zufälliges und Vergängliches, sondern Allgemeines und Bleibendes
-bedeuten, doch keine Typen und Schablonen, keine abstrahierten Muster
-hinstellt, sondern als Repräsentanten von Gattungsmäßigem einmalige,
-geschaute, in Besonderheit schimmernde, unvergeßliche Gestalten
-aufbaut. Dieser Trojanerfürst ganz besonders ist ein Mann, der zu uns
-her und über uns hinaus unterwegs ist: die ~discretion~, die
-Vorsicht und Erwägung, die in dem aus dem Rittertum heruntergekommenen
-Sir John Falstaff erbärmlich persönliche Feigheit ist, so glänzender
-und scharfer Vernunftgründe sie sich auch bedient, will in Hektor ein
-nicht mehr egoistisches, ein Bürgerprinzip für’s Gemeinwesen werden,
-will aber die Ritterlichkeit, wie sie Prinz Heinz, wie sie Hektor
-selbst repräsentiert, mit in dieses Gemeinwesen aufnehmen und strebt so
-nach einer Einheit, nach einem Organismus, der für Hektor, ich glaube,
-der erst recht auch für uns noch unterwegs ist.
-
-Darum ist Shakespeare der geborene Dramatiker, weil er von seiner
-Natur genötigt ist, die verschiedenen Standpunkte und Verkörperungen
-in ihrer Mannigfaltigkeit und Ergänzung zur Totalität zu sehen. Und
-wir wissen von andern Stücken und Gestalten her, eben von Falstaff
-zum Beispiel und von Shylock, daß auch die gesunkene, erbärmliche
-Hundsgemeinheit ihre Rolle in der Gesellschaft und ihr Recht hat.
-Der Tschandala, der Enterbte, der auch innerlich Versklavte hat
-einen Blick und eine Stimme, die etwas zu gewahren, zu sagen und zu
-deuten haben, so wahr in ihrer Gehässigkeit, wie es der Bevorzugte in
-aller vernünftigen Einsicht und Ritterlichkeit nicht kann. Befangen,
-in unsre Rolle und Umgebung gebannt sind wir alle; kein besserer
-Ausdruck für diese Bedingtheit als unser Wort Beschaffenheit, das
-einräumt, daß, was wir stolz und frei unsre Eigenschaft nennen, ein
-Geschaffenes ist; und sofern die Hohen da droben, die Helden und völlig
-Überlegenen, zu dem Zwang der Vorwelt und Umwelt, der sie ausmachen
-will, noch ein Eigenschöpferisches dazu bringen, das in die Umwelt
-und Nachwelt neue Bedingungen strahlt und sie zu Freien macht, dürfen
-auch die Originale im unteren Bezirk und im Schatten, die Getretenen,
-Gefallenen, Verbogenen und Verwahrlosten, die Shylock, die Falstaff
-und die Jago auftreten und sagen, daß so, wie sie beschaffen sind, die
-Freiheit aus ihnen reaktiv und in Mißgestalt nach oben spritzt. Zu
-diesen mißgeschaffenen und mißschöpferischen Gestalten gehört auch der
-Schatten der Helden, der Schimpfheld und Maulheld, der große Schmäher
-dieses Dramas, Thersites, der sich wiederum zu Homers Gestalt verhält
-wie Shakespeares Ulyß, Achill und Hektor zu ihren Vorbildern.
-
-Sein Elend ist, im Innern, daß er ist, was er ist, denn er kennt
-seine Erbärmlichkeit gar wohl; und in der Anwendung, daß er in diesen
-Krieg gekommen ist, in dem er nur Angst und Abscheu empfindet; sein
-Trost und seine Lust, daß er an allem, was in dieser Welt groß und
-herrlich dasteht, die gemeine Kehrseite erblickt und aus Herzensgrund
-darauf schimpft. Dazu kommt, daß die vielgerühmten Helden, die
-gemeinschaftlich um einer großen Sache willen ausgezogen zu sein
-behaupten, auf einander eifersüchtig und erbost sind, daß sie ihn,
-der so virtuos schimpfen und herunterwürdigen kann, brauchen, daß
-sich besonders Ajax und Achilles um ihn reißen, wie die Großen der
-Renaissance um einen berühmten Pamphletisten oder die verschiedenen
-Reichsämter um einen korrupten und zu allem fähigen Journalisten.
-
-Was er mit seinem Mund tut, das hat er vorher mit seinen Augen getan.
-Man könnte sich ein Stinktier denken, das eine Art immer weiter
-produzierender Geifer- und Gallenblase am Leibe hätte, in die es
-mit greifenden und austeilenden Gliedmaßen, mit Armen und Händen
-hineinlangte, um sein Gift und seinen Kot in die Welt zu spritzen.
-Diese Gliedmaßen nun vertritt bei Thersites nicht zuerst sein
-Sprachwerkzeug, sondern sein Blick. Er hat durchaus nichts Lügnerisches
-an sich, dieser große Beschimpfer und Schmäher, er spricht aus, was
-er sieht. Und dazu hat er dann noch eine im Ekelhaften großartig
-wühlende Phantasie, die sich ausmalt, was man noch alles in der Welt
-Scheußliches sehen könnte. „Agamemnon -- wie, wenn der Beulen hätte?
-Vollauf, über und über, am ganzen Leib...“, das ist das erste, was wir
-von ihm hören; und er malt es sich immer anschaulicher aus, -- bis ihn
-dann ein Lachen von der gräßlichen Vorstellung befreit: denn wenn nun
-aus den Löchern dieses Eitersacks die Materie herausliefe, -- dann
-käme doch wenigstens etwas aus dem hochmögenden Herrn heraus; jetzt
-ist gar nichts in ihm! Die Kritik, die Bosheit dieses infernalischen
-Kerlchens nährt sich von seinen monströs ungeheuerlichen und schon
-fast grandiosen Geifervisionen, die ihn immerzu verfolgen; und darum
-ist er das Urbild der seltenen Libellisten, deren Niedertracht Natur,
-letzte Notwendigkeit und geradezu Zwangsvorstellung ist. Und insofern
-ist er in der Tat, wie es Achilles sagt, „ein privilegierter Kerl“.
-Daß das aber nicht sein Los allein ist, so von innen her dirigiert
-zu werden und wollend und scheinbar frei agierend zu müssen wie ein
-Hampelmann, daß er solchen Zwang, so eine erbärmliche Sklaverei, so
-eine Gefangenschaft in Trieben und Brunst auch an den Großen dieser
-Erde bemerkt, das beglückt ihn. Der schlimmste Fluch, den er einem
-zuschleudern kann, ist, ihm zu wünschen, was unfehlbar schon da ist:
-„Von deinem Blut lasse dich regieren bis zu deinem Tod!“ Gierig
-spürt er ihnen nach, diesen schimmernden Helden, und kommt zu dem
-befriedigenden Resultat: lauter Brunst und Unzucht und Liederlichkeit
-steckt dahinter, „lauter wollüstige Schurken!“
-
-„Unzucht, Unzucht! Nichts als Krieg und Unzucht! Weiter ist gar nichts
-Mode. Hol’ sie ein brennender Teufel!“ Und was für ein Krieg gar! Um
-was der Streit geht! Der kalte, schneidende, geifernde Schimpf dieses
-Thersites spricht nur aus, was auch schon der Prolog, was Troilus als
-abgewandter Betrachter, was Hektor in seiner Besonnenheit gesagt hatte.
-„Um einen geschlitzten Unterrock“ wird Krieg geführt!
-
- Der ganze Inhalt der Geschichte ist -- ein Hahnrei und eine Hure!
- Ein schöner Streit, um eifersüchtige Parteien aufzuwiegeln und sich
- darüber zu Tod zu bluten. Die trockne Krätze falle auf das Mensch,
- und Krieg und Liederlichkeit verderbe alle!
-
-In Person tritt Helena wenig auf; aber doch hat sie einen kleinen
-Augenblick der Einkehr, der Schwermut, der tragischen Größe. „Singe mir
-von Liebe!“ bittet die Schöne den Pandarus, der -- eine komödiantisch
-gefühlvolle Kastratennatur -- gut singen kann, und nun ertönt das Lied,
-aus Trauer, Wollust und Frivolität gemischt:
-
- Liebe! Liebe! Nichts als Liebe!
-
-Tief hat sie aufgeseufzt, so tief, wie die entzückend Oberflächliche in
-einem schönen Moment in sich und der Wirklichkeit einkehren kann:
-
- Diese Liebe wird uns noch alle vernichten!
- O Kupido! Kupido! Kupido!
-
-Kommt es nicht, wie es Nestor als Vorschlag der Griechen übermittelt
-hatte, zu Helenas Auslieferung, so doch zu der Cressidas, im Austausch
-gegen einen trojanischen General; ihr Vater Kalchas, ein trojanischer
-Priester, der zu den Griechen übergegangen ist, hat seine Tochter
-verlangt, und dem Begehren wird willfahrt. Wie sie nun von Diomedes
-aus Troja abgeholt wird, erleben wir aufs entschiedenste ausgeprägt
-die Verbindung und den Gegensatz ritterlicher Gegenseitigkeit und
-Freundschaft zum Krieg.
-
-Äneas und Diomedes, die beiden Feinde, treffen sich auf einer Straße
-Trojas und begrüßen einander:
-
- Willkommen sei in Troja
- Mit Menschenfreundlichkeit!
- ~In humane gentleness!~
-
- ... Nimmer hat ein Mensch
- Auf solche Art und inniger ein Wesen
- Geliebt, das er zu töten wünscht!
-
-Dieser Gedanke wird nun mannigfach variiert:
-
- Die gehässigste und freundlichste
- Begrüßung waltet hier.
-
-Die Freundschaft geht so weit, daß sie einander liebevoll und
-schonungslos die Wahrheit sagen. Diomedes, ein sinnenfroher,
-leichtfertiger junger Mann, ein Draufgänger, einer, der im Leben sich
-wohlig in der Wollust badet, dabei aber mit dem Denken doch frei
-bleibt und nicht zum Sklaven der Sinnlichkeit wird, spricht sich aufs
-schärfste, ohne von einer Wolke des Hasses zur Unterscheidung zwischen
-Freund und Feind gebracht zu werden -- Paris persönlich gegenüber --
-gegen Helena, Menelaus und Paris selber aus:
-
- Für jeden falschen Tropfen
- In ihren buhlerischen Adern sank
- Ein griechisch Leben schon; für jedes Lot,
- Das ihr befleckter, fauler Körper wiegt,
- Liegt tot ein Troer!...
-
-Cressida soll Diomedes holen; und so ist er dazu bestimmt, die
-Reizende im leichten Liebesspiel, ohne daß er wie Troilus Innigkeit
-und Phantasie und Lebensernst hinter der Sinnlichkeit herschickt, ohne
-daß er irgend in Empfindung versinkt, dem Knaben abspenstig zu machen.
-Sie aber kommt gerade von ihrer Liebesnacht mit Troilus, der ersten,
-die sie ihm endlich bewilligt hat. Hier nun, bei dem Abschied der
-Liebenden, die in dem Augenblick von dem, was über Cressida beschlossen
-ist, noch nichts wissen, die nur eben für diesmal ihre Liebeslust
-beendet sehen, haben wir entschieden eine Parodie, aber nicht auf
-Homer, sondern auf Romeo und Julia.
-
- O Cressida! Schon weckt den emsigen Tag
- Die Lerche!
-
-Ohne daß er’s aber weiß und möchte, ist der gute Jüngling ernüchtert;
-der graue Morgen ist da, und Troilus redet eine unedle, zwischen
-Liebesvertrautheit und Wollustvertraulichkeit, zwischen Sehnsucht und
-Begier und Alltag stolpernde Sprache:
-
- Bemüh’ dich nicht! ’s ist kalt heut morgen.
- Geh nur zu Bett!
- Du wirst dich erkälten!
-
-Dazwischen dann wieder Liebesbeteuerungen und Klagen über die Kürze der
-Nacht.
-
-Und in diese Situation kommt nun, um das Pförtchen zu öffnen, Cressidas
-Oheim Pandarus, nicht, wie Juliens Amme, die Vermittlerin zwischen
-leidenschaftlicher Liebe, sondern in Mannesgestalt der unmännliche
-Kuppler, der sie -- es ist seine Natur so, er braucht das -- mit seinen
-Lobeserhebungen, seiner Anwärmung, seinem Hin- und Hertragen erst zu
-einander gebracht hat; er, der immerzu neugierig ist, weil ihm alles
-von außen kommen muß, bedarf immer neu der Gier der andern, um in seine
-verhutzelte Trockenheit etwas Saft zu bekommen. Der macht nun seine
-schnöden Witzchen über ihre Nacht und gießt vollends kaltes Wasser auf
-den armen Troilus, der glaubt nicht leben zu können, wenn er seine
-Liebe nicht über die Befriedigung des Triebs hinaus festhalten kann.
-
-Shakespeare hat sich in dieser und ähnlichen Szenen dieses Stücks,
-wie in manchen seiner romantischen Lustspiele, an die äußerste Grenze
-der romantischen Ironie gewagt. Nur feinste Künstler könnten auf der
-Bühne die Parodie so zart herausbringen, daß darüber die Realität der
-Gestalten und die freundwillige Liebe des Dichters zu ihnen, die ~humane
-gentleness~, die selbst Cressida, besonders aber Troilus umschwebt,
-nicht verloren ginge. Dieser prächtige Jüngling hat ja doch, wenn schon
-nicht die rechte Geliebte, so doch die rechte, die leidenschaftliche
-Jünglingsliebe, die alle Grenzen sprengen möchte, und auch die
-rechten Gedanken über das Verhängnis, das Liebe heißt. Wie er mit dem
-bürgerlichen, sinnenden Ernst, der philosophischen Betrachtung, die die
-Gestalten dieses Stückes besonders auszeichnet, zu Cressida sagt, noch
-ehe sie sich ihm ergeben hat:
-
- Das ist das Ungeheure in der Liebe, Jungfrau, daß der Wille
- unendlich und seine Ausführung beschränkt; daß die Begierde
- unbegrenzt und die Tat ein Sklave der Grenze ist.
-
-Wie nah steht dieser Jüngling in seinem Gefühlsleben dem jungen Romeo,
-und wie so ganz anders ist doch die geistige Sphäre dieses Dramas aus
-Shakespeares letzter Periode als in Romeo und Julia, dem Meisterwerk
-seiner Jugend!
-
-Aber wie leibhaft als Individuum und wie Herz und Geist ergreifend als
-Repräsentant einer Weltgesinnung steht der eine wie der andre, Romeo
-und Troilus vor uns da, und wie kommt man zugleich aus der Wirklichkeit
-und dem tiefen Sinn in die ärgerliche Nichtigkeit und talentvollste
-Theatralik, wenn einem einen Augenblick lang die Gedanken von Troilus,
-dem jungen Sohn des Kriegs, zu dem Kind des Lagers Max Piccolomini
-schweifen!
-
-Auch Romeo ist zum Denken, zur Betrachtung geneigt; aber ihm kommt
-das Leben seines Geistes nur wie eine Blüte aus Leidenschaft und
-Seelengewalt geschossen und bleibt untrennbar damit verbunden; die
-Gestalten dieses Stücks aber, auch der junge Troilus, scheinen das
-Leben des Triebs und der Seele in einem Behältnis, das der Vernunft in
-einem andern zu haben; sie scheinen aus einem Zustand der Gesellschaft,
-einer Beschaffenheit des innern Menschen zu einem andern, einem neuen
-unterwegs zu sein. Was Troilus sinnt, will fast noch mehr von der
-Sinnenliebe weg als es aus ihr kommt; er denkt wie zum Übergang und
-zum Untergang, dieser annoch Sklave der grenzenlosen Begierde, der
-berufen ist, dereinst als Freier, nicht mehr als Freier und Werber um
-die Wollust, sondern als Freier ums Schicksal gereift und frei in den
-Untergang zu schreiten, er sinnt über die Liebe, wie der ewige Jüngling
-Faust, der triebhaft Denkende und im Empfinden zum Denken Getriebene:
-„Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde!“ Troilus sagt den Grund,
-ohne Erfahrung, wie aus der Ahnung heraus, seinen Grund, den er nun
-zu erleben hat: Weil der Genuß die Enttäuschung und die Begierde die
-Hoffnung ist; weil nur die Begier unendlich ist, die Tat, der Akt aber
-ein Sklave der Grenze ist.
-
-Fast unmittelbar an den Liebesabschied der beiden schließt die
-Mitteilung an, daß es eine Trennung sein soll, fast wie Romeos
-Verbannung. Nur daß diese furchtbare Trennung hier dem Liebesakt,
-der bloß der Sehnsucht des Jünglings einzig geschienen hatte, der
-aber ganz gewöhnlich war, und ihrem nüchternen Abschied hintennach
-hinkt, während Romeos und Julias Liebe und Trennungsschmerz um und um
-eingehüllt war in die Tragik einer von Haß und Feindschaft zerrissenen
-Liebe. Auch hier fehlt es nicht an Parodie: Cressida muß fort, ins
-Lager der Feinde, und Troilus verspricht, sie dort unter Lebensgefahr
-zu besuchen. In unecht, angelesen klingenden, modischen Gewaltsworten
-hören wir Cressidas Beteuerungen der Treue; und dann tauschen sie, nach
-dem Brauch der Ritterzeit und der Ritterromane, Liebespfänder: Trag’
-diese Schleife! -- Und du diesen Handschuh!
-
-Troilus läßt sich’s nicht nehmen, die Geliebte persönlich Diomedes
-zu übergeben, und geleitet sie bis zum Tor. Dem stolzen Griechen
-gegenüber, der sofort in überlegener Ruhe zu flirten anfängt, spielt
-der Gefangene der Liebe eine knabenhafte, leicht komische Rolle; und
-was uns da auffällt, wird auch der gewitzten Cressida nicht entgehen.
-
-So kommt sie ins Griechenlager, wo sie von den galanten Fürsten, die
-sich auf ihren Wert verstehen, sofort mit Küssen empfangen wird. Ihr
-tut das sehr wohl, und sie geht mit rechtem Vergnügen auf das Spiel
-ein; einer aber wendet sich provozierend scharf gegen sie: Ulysses. Ihm
-ist, wozu die gewohnheitsmäßigen Spottreden, die bei der Gelegenheit
-auf Menelaus fallen, nicht einmal nötig gewesen wären, der Schatten
-Helenas auf den Vorgang gefallen, und in Cressida erkennt sein scharfer
-Blick sofort ein Weib von der Art der Ledatochter. Auch er bittet sie
-um einen Kuß, um sich, wie sie ihn leichten Herzens gewähren will,
-verächtlich abzuwenden:
-
- Um Venus willen bitt’ ich: küss’ du dann,
- Wenn Helena zur Jungfrau wieder wird -- --
-
-Und keine Rücksicht kann ihn vom schärfsten Ausfall zurückhalten; er
-kennt sie durch und durch:
-
- Pfui, pfui auf sie!
- Ihr Aug’ hat Sprache, ihre Wang’ und Lippe;
- Ihr Fuß selbst spricht; ihr üppig Trachten blickt
- Aus jedem Glied, aus jeder Körperwendung ...
-
-Kurz darauf aber das Gegenbild in der Sphäre der Männlichkeit. Bei dem
-ritterlichen Turnier, zu dem sich nun Trojaner und Griechen vereinigen,
-hören wir, wieder aus dem Mund des Menschenkenners Ulysses, die
-Schilderung des Jünglings Troilus, der mit zu den feindlichen Gästen
-gehört:
-
- Ein echter Held,
- Noch nicht gereift und doch schon unvergleichlich!
- In Worten karg, mit Taten sprechend, aber
- Mit seiner Zunge tatenlos ...
- So Herz als Hände offen, beide frei,
- Er gibt, was er besitzt, zeigt, was er denkt,
- Doch leitet Überlegung seine Milde,
- Und unanständigen Gedanken leiht
- Er niemals seinen Atem.
-
-Das Mannesideal Shakespeares verkörpert auch Troilus, umwogt
-noch von der weichen Hülle holder Jugendeselei; aber was er zu
-werden verspricht, sehen wir mit Augen, wie es Ulysses bestätigt:
-Ritterlichkeit ist ihm mit Rationalismus vereint; Herz und Kopf wirken
-ebenmäßig mit einander der Harmonie zu.
-
-Diese Schilderung steht am Eingang zu der herrlichsten Szene unter den
-vielen prachtvollen des Stückes: der Mannesheld Hektor der Trojaner
-ist mit seiner Schar Fürsten und junger Helden als Gast ins Lager der
-Griechen gekommen. Welche Freude waltet zwischen ihnen, und welche
-Mannigfaltigkeit in der Freude, und welche Steigerung durch das
-Bewußtsein, das immer dabei ist, daß diese liebevolle Freundschaft
-zwischen Feinden nur eine Kampfpause im Völkerkrieg ist.
-
-Die Griechen haben den plumpen, schwer körperlichen, starken Streiter
-Ajax, der mit seiner bramarbasierenden geschwollenen Eitelkeit
-manchmal ein wenig komisch wirkt, zum Streit im Turnier mit Hektor
-erwählt; sie haben es getan, um Achilles zu reizen. Kann er, der ihrer
-Sache ganz fremd geworden ist und den die Brunst zum Verrat zieht, noch
-gehalten und geweckt werden, so nur durch die Eifersucht. Ulysses hat
-schon vorher die Griechenfürsten dazu gebracht, daß sie ihn verächtlich
-behandeln, und hat ihm unmittelbar danach in sehr ernster Rede ins
-Gewissen hinein eine Lektion gegeben; im Anschluß an ein Buch, in
-dessen Lektüre versenkt er an Achilles’ Zelt vorbei wandelt -- es
-scheint ein Band Cicero oder Montaigne gewesen zu sein, derlei hat es
-zur Zeit von Shakespeares Trojanischem Krieg ebensowohl gegeben wie die
-Ethik des Aristoteles --, legt er ihm dar, wie auch der Ruhm von der
-Mode abhängt, und wie ein Ruhm, der sich nicht immer neu herstellt,
-welk und abgestanden wird:
-
- Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,
- In den sie steckt die Gaben des Vergessens,
- Des riesenhaften Ungeheuers, Undank.
- Nur Brocken sind die Taten, die vorbei sind,
- So schnell verschlungen als geschehn.
-
-Die Zeit ist wie ein Gasthofwirt, der die Gäste, die gehen, kalt
-entläßt und die neu Ankommenden schon beinahe umarmt.
-
- Nur ein Naturzug
- Verbrüdert eine ganze Welt: daß alle
- Einstimmig neugebornen Tand empfehlen,
- ... ja, daß selbst der Staub,
- Leicht übergoldet, höhern Rang genießt
- Als wie bestaubtes Gold ...
-
-Mit diesen mahnenden Betrachtungen hat er den Helden, der nur
-unerzogen, willkürlich, triebhaft, dem Verderben nah, aber noch nicht
-verloren ist, schon recht nachdenklich gestimmt. Dann aber, nachdem er
-ihn mit solchen allgemeinen Maximen rege gemacht hat, apostrophiert er
-ihn persönlich und schießt seinen schärfsten Pfeil ab. Die Griechen,
-deren geistiges Haupt ein Ulysses ist, haben, wenn sie im Krieg liegen,
-ihre Augen, ihre Spione überall; sie wissen sehr wohl, warum Achill
-sein Schmollen, seine Unzufriedenheit mit der neuen Strategie gar nicht
-überwinden kann: Wollust steckt dahinter! Man hat ausgekundschaftet,
-daß Achill des Priamus Tochter Polyxena begehrt, daß er Unterhandlungen
-mit Troja pflegt. Aber -- und nun läßt sich der so Sittenstrenge wie
-Bewegliche auf den Ton ein, den Achill, Patroklus und Thersites unter
-einander eingeführt haben --
-
- Besser würd’ es ziemen,
- Wenn Hektor unter dir, Achilles, läge
- Als die Polyxena.
-
-Damit hat er ihn verlassen, und nun soll Achilles wie ein Garnichts
-unter den Zuschauern stehen, wenn Hektor mit Ajax kämpft!
-
-Gar so schlimm aber kommt’s nicht; dafür sorgt seine reckenhafte
-Erscheinung und die höfisch zierliche und dabei doch herzlich
-verehrende Art der Trojaner, vor allen des Äneas. Von ihren Kämpfen her
-kennen diese Ritter einander nicht; da tragen sie die geschlossenen
-Helme; wie aber nun Achill, bei dem die Kur schon etwas angeschlagen
-hat und der im Kreis der andern griechischen Fürsten steht, eine
-Bemerkung macht, da wendet sich Äneas sofort zu ihm:
-
- Wenn du nicht Achilles,
- Wie ist dein Name sonst?
-
-Auch weiterhin geht es in dieser Szene ganz zu wie in den
-Ritterromanen; Ajax hat sich vorgenommen, den Kampf, wie’s in solchen
-Spielen nicht sein muß, aber nach dem Brauch sein kann, bis zum
-Äußersten zu führen; Hektor aber erinnert sich, daß Ajax’ Mutter
-eine Schwester des Priamus war (ich möchte annehmen, daß das -- in
-der Romanüberlieferung -- die Tante war, die den Trojanern von einem
-Griechen geraubt worden war), und gegen seinen Vetter kämpft er nicht
-im Ernst; er darf das tun; daß er für seine Person keinen Kampf scheut,
-weiß jeder. Und nun regt sich erst beglückte Gemeinschaft des Wesens
-unter ihnen; und immer geht durch alle Ritterlichkeit, Höflichkeit
-und herzliche Verehrung die Todesdrohung, durch Spiel der Ernst, in
-Heiterkeit und männlicher Fassung die Tragik durch. Agamemnon begrüßt
-Hektor:
-
- ... Was vorüber, was noch folgt,
- Das ruhe unter formenlosen Trümmern
- Der Hüll’ und des Vergessens; aber jetzt,
- In diesem Augenblick heißt Treu’ und Wahrheit,
- Von aller hohlen Arglist frei, von Herzen,
- In Himmelsreinheit, dich willkommen,
- Erhabner Hektor!
-
-Dann wendet sich Hektor zu dem, der sich als Menelaus bekannt gibt;
-sein freundlicher Gruß geht nicht ohne neckende Anzüglichkeit ab. Zu
-feierlicher Rede holt der alte Nestor aus; wie oft hat er diesen Hektor
-im Kampfe gesehen, hat seine Tapferkeit und seinen Edelmut bewundert,
-wie er sein Schwert hoch in die Luft warf, um es nicht auf einen
-schon zu Boden Liegenden fallen zu lassen, ganz wie Sir Launcelot,
-der adligste Held, in Malorys Arthur-Roman das Prinzip hat: „Einen
-gefällten Ritter erschlage ich nicht“; und nun sieht der alte Mann dem
-heldischen Manne zum ersten Mal ins Antlitz. Sie umarmen einander,
-und „die gute alte Chronik“, wie Hektor ihn liebevoll nennt, fährt in
-seiner Rede fort:
-
- Wohl kannt’ ich deines Vaters Vater
- Und focht auch einst mit ihm! Ein großer Held,
- Allein beim großen Mars, der unser aller
- Heerführer ist, dir war er niemals gleich ...
-
-Das ist homerisch und mehr als homerisch; bei Homer wäre er streng
-in seiner Rolle, sich zu erinnern und die gute alte Zeit zu loben,
-verharrt; hier kommt die Überwältigung durch den großen Moment dazu.
-
-Dann kommt die Reihe der Begrüßung an Ulysses. Sie kennen einander;
-Ulyß war schon zu Verhandlungen in Ilion. Er meidet als erstes
-scharfe ernste Worte nicht: Ilion muß fallen. Dann erst, nach solchen
-Wechselreden, erlaubt sich der Politiker das Menschliche, das nun aber
-aus Herzensgrund hervorbricht:
-
- Willkommen denn,
- Du freundlichster und tapferster der Helden ...
-
-In all der Zeit hat Achill seine gierigen Blicke nicht von Hektor
-gewendet. Nun tritt er vor und begrüßt ihn mit raschem Wort. Auch
-Hektor betrachtet sich den Helden, aber höflich zurückhaltend, und ist
-schnell damit fertig. Achill jedoch, Hektor sagt es, nicht angenehm
-berührt, erdrückt ihn immerzu mit seinen Augen. Und doch weiß der Stolz
-des Herrlichen, der an den innern Wert denkt:
-
- In mir ist mehr,
- Als du verstehen kannst ...
-
-Aufs schlagendste tritt hier der Gegensatz dieser beiden Naturen
-hervor; Achill kann und will gar kein Hehl daraus machen, warum seine
-Blicke wie magnetisch von Hektors Körper angezogen werden:
-
- Sagt,
- Ihr Götter, mir: an welchem Körperteil
- Vernicht’ ich ihn? Hier? Dorten? Oder da?...
-
-In großem Zorn, aber mit einer Würde ohne gleichen erwidert Hektor:
-
- Es wär’ den Göttern Schmach, hochmüt’ger Mann,
- Der Frage zu genügen. Wart’ es ab!...
-
-Mit Achill ist die rohe Kampfwut durchgegangen; seine politischen
-Verhandlungen mit Troja, die er nicht aus Politik, sondern in der
-Willkür des Brünstigen und verärgert Launischen geführt hat, waren ihm
-beim Anblick des herrlichen Feindes ganz aus dem Sinn gekommen. Ajax,
-sowieso schlecht auf ihn zu sprechen, sagt es ihm gradezu:
-
- Ich fürchte,
- Die allgemeine Sache ist es nicht,
- Was dich zum Kampf reizt.
-
-Inzwischen hat Hektor sich ganz gefaßt und antwortet auf den plumpen,
-schnuppernden Raubtieranfall Achills nicht mit einer Herausforderung,
-sondern mit einer Bitte:
-
- Laß, ich bitte dich,
- Im Feld dich wiedersehn. Ein Kinderkrieg
- War’s nur, seit du der griechischen Sache dich
- Entzogen hast.
-
-Bei dieser wunderschönen Männlichkeit überläuft es den Achill. Das
-überwindet ihn; das ist stärker als alles, was bisher auf ihn wirken
-wollte. So läßt Hektor sich die Hand darauf geben, daß sie morgen sich
-im Kampf treffen wollen.
-
-Philologen! Das ist nicht bloß anders, nicht bloß uns mehr angehend,
-nicht bloß in Sachen des Staates, der Gesellschaft, all unsrer
-Problematik moderner als Homer; das ist im tiefst Menschlichen eine
-Stufe über ihn hinaus gebaut, das ist größer als Homer! Theatermeister!
-Es ist eine der erhabensten und innigsten Szenen Shakespeares; und von
-ihr aus ist das ganze strotzend reiche, bitter ernste, tiefsinnige,
-durchaus menschliche Geschichtsdrama zu erfassen.
-
-Wir stehen mit dieser Szene am Ende des vierten Aktes. Immer wieder
-haben wir gesehen, wie es die Männer in beiden Lagern nehmen, daß
-dieser Krieg, der nicht enden will, um eine Helena, um eine Weibersache
-geführt werden muß. Wir haben miterlebt, wie der edle junge Troilus
-mit seiner Geschlechtsliebe in die Irre geht und all sein Bestes an
-ein kokettes, nichtiges, graziös reizvolles Frauenzimmerchen hängt;
-wie Achill von Wollust jeder Art, von Trieb und Unbeherrschtheit
-in seinem Adel angefressen ist; wir haben Pandarus, den seelisch
-leeren Kastratenlüstling, gesehen, der sich an andrer Leute Lustfeuer
-wärmt, und dagegen die Männer der Ausgeglichenheit, der Vernunft
-auf verschiedenen Stufen der Höhe, Ulysses und Hektor zumal. Da
-dringt in dieser Szene, wo die Feinde in hoher Stunde der Heiterkeit
-zusammenkommen, wo Troilus traurig schmachtend abseits steht und nur
-die Gier im Leibe hat, bei Gelegenheit dieses Festes zwischen den
-Feinden ins Zelt des Kalchas zu seiner Cressida zu kommen, wo Achills
-brünstige Blutgier von Hektors herrlich gefaßter Männlichkeit auf
-ihrem eigenen Boden seelisch überwunden wird, mit sicherer Gewalt der
-Sinn dieses Dramas in uns ein: hier steht Männerfreundschaft gegen
-Geschlechtsbrunst. Leibhaft erleben wir: was sind das, was wären das
-für Männer! Wehe über sie, wehe über die Welt, deren Repräsentanten
-sie in allen Tönungen sind, daß sie in Weiberbanden, in den Banden
-der Gier, der oberflächlichen und doch tiefzehrenden Sinnlichkeit,
-der Affekte stecken; daß sie darum einander auf Leben und Tod im
-Krieg gegenüberstehen. Und es liegt etwas wundervoll Tiefes darin,
-daß Shakespeare diesen Stoff des Krieges um Helena ergriffen hat, um
-diese sehr selten gewahrte Beziehung zwischen Sinnlichkeit, Gier,
-oberflächlicher, ungeistiger Sucht und dem Krieg aufzuzeigen. Man
-braucht sich nur an Porzia von Belmont und Portia, die Frau des Brutus,
-an Desdemona, an Cordelia, an Hermione und Miranda zu erinnern, um zu
-wissen: er war, viel weniger noch als Strindberg, in keinem Stadium
-ein Weiberfeind; aber daß gewisse Mann-Weib-Beziehungen der Urgrund
-männlicher Wut sind, daß auch die stiermäßige Kriegswut in Beziehung
-zu Brunst und Unbefriedigung, vor allem des Geistes steht, das hat
-er gesehen und in Troilus und Cressida dargestellt. Und er hat im
-selben Zusammenhang die Freundschaft als ein nicht bloß privates,
-sondern öffentliches und gesellschaftliches Prinzip behandelt und
-durch das, was er in herrlich bewegter Aktion zeigte, gefeiert. Die
-Freundschaft, wie sie mit Ratio, mit hellem, warmem Geist verbunden
-ist und über allen Affekten des Hasses und der Zornwut steht; die
-Freundschaft, wie sie in seiner Sonettendichtung ein so seltsam freies
-und gebundenes, kummervolles und adliges Leben führt, und wie sie in
-unsrer Zeit Walt Whitman als Kameradschaft, allen Nationen der Erde als
-Band der einzelnen, der Gruppen und damit der Gesellschaften gekündet
-hat. Nicht die Lotterbettfreundschaft, wie sie zwischen Achill und
-Patroklus eingerissen ist, wo edles Band und niedriger Trieb einander
-durchdringen, wo der Geschlechtstrieb in Maskierung seine Verwüstungen
-anrichtet; der gräßliche Fluch, den Thersites gegen alle „männliche
-Huren“ und „unnatürliche Sodomiter“ schleudert, wird nicht umsonst
-dem Patroklus gegenüber und nicht umsonst in diesem Stück geäußert,
-und ganz gewiß nicht umsonst in dieser Szene, mit der der fünfte Akt
-einsetzt, der ersten, die auf das große Bild der Freundschaft, die
-den Krieg überwindet, folgt. Wie hat Achilles nach dem Streit, nach
-Blut gelechzt, als er im Dunstkreis Hektors stand! Jetzt, unmittelbar
-darauf, ist ein Brief Hekubas mit einem Liebesgeschenk ihrer Tochter
-eingetroffen, die Brunst ist wieder da, die ihn stärker bezwingt als
-der Vorsatz, als das Gelöbnis, als der Handschlag, den er geleistet,
-sich zum Kampf zu stellen:
-
- Fallt, Griechen, sinke, Ruhm; fort, Ehre, oder bleib!...
-
-Er ist zum Verrat entschlossen und zum Wortbruch und will nicht mehr
-mit Hektor kämpfen.
-
-Seit Cressida ins Griechenlager gekommen ist und gleich nach ihr die
-trojanischen Fürsten zu Gast erschienen, sind die beiden bewegten Teile
-der Handlung in Fluß gekommen: der Gegensatz Achills zu Hektor und
-das Verhältnis Troilus-Cressida. Dieses Drama gehört zu der Serie von
-Stücken aus Shakespeares letzter Periode, deren jedes seinen besondern
-Stil hat, weil er in frischer Gärung und tiefer Unbefriedigung mehr als
-je ein Suchender ist, der Neues auszudrücken hat und also auch immer
-wechselnd sich neuer Formen bedient; es gehört in dieser Hinsicht zu
-Timon, Perikles, Zymbelin, dem Wintermärchen, Antonius und Kleopatra
-und Sturm. In Troilus und Cressida kommt die Handlung sehr langsam
-in Gang; die Exposition, von Troilus, Cressida und Pandarus zu der
-politischen und militärischen Lage bei den Trojanern, dann zu den
-Griechen und ihrem Kriegsrat, zur Vorbereitung des Turniers, zu den
-abgesonderten Heerführern Ajax und Achill und dem zwischen beiden
-hetzenden und schmähenden Thersites, darauf wieder zum großen Rat
-Hektors mit Vater und Brüdern, zur Erziehung Achills durch Ulysses --
-das alles gibt mehr eine Zustandsschilderung als eine Handlung; in
-alledem bewegt sich als Aktion fast nur das Liebesverhältnis des jungen
-Paares bis zum Morgen nach ihrer Nacht und der Trennung; jetzt aber ist
-konzentrierteste Spannung, wir erleben die beiden Hauptteile der äußern
-Handlung als innerlich zusammengehörig, als Seelenvorgang und Sinn;
-alle Fäden sind geschlungen, und das Grundthema, das alles eint, ist
-aus dem Vielfachen herausgesprungen: die Ritter als Männer; die Ritter
-als Sklaven des Geschlechts.
-
-Ulysses hat den stillen, von Trauer umfangenen jungen Feind Troilus
-in sein Herz geschlossen; er ahnt sein Geheimnis und will ihn nach
-seiner Art fördern; so wie der nach Lästerung lüsterne Thersites
-dem Diomedes auf die Sprünge gekommen ist; und so hat sich eine der
-wundervollen Szenen in schlüssiger Motivierung vorbereitet, die man nur
-mit musikalischen Gebilden vergleichen kann und die auch in Art der
-Musik komponiert sind. Ulysses hat Troilus mit einer Fackel zum Zelt
-von Cressidas Vater Kalchas geleitet; Thersites ist hinter Diomedes
-hergeschlichen; Diomedes hat, vom Vater begünstigt, sein nächtliches
-Stelldichein mit Cressida.
-
-Da haben wir ein Quintett, das sich zusammensetzt aus dem
-Liebesgeflüster von Diomedes und Cressida, aus den noch leiseren
-Worten, die die beiden unfreiwilligen Lauscher, Troilus und Ulysses,
-mit einander wechseln müssen, und aus der ungeheuren Gewalt der mehr
-unterirdisch gekollerten und gekrähten als gesprochenen zynischen
-Solobemerkungen des Thersites.
-
-Diomedes geht ganz kaltblütig, rationell, wie nach der Vorschrift einer
-Psychologie der Wollust ans Werk der Verführung: er läßt, zugleich
-mit dem Reiz, den sein Leib, seine Jugendlichkeit, seine Kraft und
-seine Begier auf das Weibchen ausübt, durchblicken, daß er sehr wohl
-auch ohne Cressida auskommen kann. Es lebt schon so etwas wie Wille
-oder, wenn es das Wort gäbe, Möchte zur Treue in ihr; sie sträubt sich
-nicht bloß aus Koketterie; der ferne Troilus -- sie ahnt ja nicht,
-daß er dabei ist -- tut ihr recht leid; aber Diomedes’ Nähe berückt
-ihre Sinne, und wie er achselzuckend gehen will, hält sie ihn zurück,
-klammert sich an ihn, streichelt ihn und holt ihm die Schleife zum
-Liebesgeschenk, die sie als Unterpfand der Treue von Troilus angenommen
-hatte. Dann wiederholt sie im Spiel der Buhlerei, was sie vorher im
-letzten Zieren des kleinen Restes ihrer bessern Natur getan hat: sie
-hält ihn hin, sie zieht sich zurück, sie peitscht das Geschlecht in ihm
-auf.
-
-Bei alledem steht Troilus, muß es mitansehn, in all seinem unsäglichen
-Jünglingsschmerz. Wundervoll ist, ein Zug aus der Freundschaftswelt,
-der Besonnenheit und Güte, wie Ulysses ihn behütet. Erst flüstert er
-ihm nur mit mahnender Betonung zu: Nun -- Trojaner! Dann sorgt er mit
-kürzesten Worten, aber so wirksam, wie’s nur dieser Menschenkenner
-kann, dafür, daß der Gepeinigte, der als einzelner zur Nachtzeit im
-Feindeslager und an einer Stelle steht, wo er nicht zu dulden ist,
-nicht in Wut gerate und vom unbekümmerten und aufgestachelten Feind
-erschlagen werde. Jetzt aber sehen wir erst, welch innig schöner
-Jüngling Troilus ist; er faßt sich; nicht diese ja hat er geliebt; er
-hat die Liebe geliebt. Seine Klage gilt der Welt, gilt dem Trug des
-schönen Scheins.
-
- ~O beauty, where is thy faith?~
- O Schönheit, wo ist deine Treue?
-
-Aber Shakespeare ist Shakespeare; er zeigt auch hier, wo so
-Allerpersönlichstes, allerbitterst Erlebtes mitschwingt -- Diomedes ist
-sein aristokratischer Freund, Troilus ist er selbst --, er zeigt im
-Drama immer auch die andere Seite. Wie in Troilus’ Worten:
-
- O Schönheit, wo ist deine Treue?
-
-das Leid des betrogenen Liebenden sich zur Mannesklage um das Ganze
-gesteigert hat, so erhebt sich Cressida in dem Augenblick, wo sie
-der Wollust erliegt, über sich selbst und stimmt rührend die Klage
-um das Los der schwachen, der zitternd auf Eingriff und Erschließung
-wartenden, passiv lechzenden, mit kleinen Reizen aufstachelnden Frauen
-an:
-
- ~Ah, poor our sex~ --!
- Wir sind ein arm Geschlecht und schuld hierin:
- Des Auges Irrtum leitet unsern Sinn.
- Wen Irrtum führt, vergeht sich. Zieht den Schluß,
- Wie schimpflich Sinnentrieb uns machen muß.
-
-Und dazu kommt das greuliche Echo des lauschenden Mitgenießers
-Thersites, der aus der stillen Klage, in der uns die mild verzeihende
-Gerechtigkeit des Dichters mitklingt, die hohnvolle Anklage boshafter
-Weltverzweiflung macht:
-
- Was Schlüsse angeht, weiß ich einen nur,
- Der besser noch: nun bin ich halt ’ne Hur’!
-
-Wenn ein Zwerg sich recken könnte, bei dieser Entlarvung der
-Menschennatur, die er wieder einmal mitansehen darf, hätte es der
-bissige Wicht getan. Aber auch in seiner Kleinheit liegt Größe der
-Dämonie, wenn die ganze Wollust des Hasses und der Schadenfreude und
-Schmutzfreude in ihm locker wird und er in die erwachende Gier der
-beiden schönen jungen Menschen hineinzischt:
-
- Wie der Wollustteufel mit seinem fetten Steiß und seinem
- Kartoffelfinger diese Menschen zusammenkitzelt! Schmore, Unzucht,
- schmore!
-
-Es gibt aber nichts schauderhaft Groteskes, nicht einmal von
-Shakespeare, was nicht von manchen unter seinen Erklärern noch
-überboten werden könnte. Ich zweifle nicht, daß schon einer
-nächtlicherweile Thersites gegenüber hinterm Busch gehockt ist und, um
-das Quintett zum Sextett hochzubringen, an dieser Stelle dazwischen
-gefuchtelt hat: Es hat ja aber doch zur Zeit des trojanischen Krieges
-in diesen Ländern noch keine Kartoffeln gegeben! Die sogenannten
-Anachronismen, die in diesem Stück nicht gehäufter auftreten als in
-andern, besonders aus Shakespeares später Zeit, aber auch zum Beispiel
-im Julius Cäsar, deuten keineswegs auf parodistische Absichten, sondern
-hier auf die besondere Lebendigkeit, mit der der Dichter die Vorgänge
-empfand und zur Empfindung bringen wollte. Für das Dicke, Beulenmäßige
-und doch dabei Gereckte, was da vor der Phantasie erstehen soll, wußte
-Shakespeare für uns kein geeigneteres Wort Thersites in den Mund zu
-legen als dieses: Kartoffelfinger; und warum sollte er es denn also
-nicht tun, da er nicht für Archäologen schrieb, da wir im Gegenteil
-durchaus wissen und spüren sollen, daß dieser trojanische Krieg und
-diese Seuche der Lust und der Gier unter uns wütet?
-
-Muß ein Drama, wozu ich den Grund nicht einsehe, durchaus benannt und
-einer Gattung eingeordnet werden, so ist dieses keine Komödie und keine
-Tragödie und keine Tragikomödie zu nennen und ebenso wohl alles drei.
-Es bringt uns nicht Lachen oder Weinen, auch nicht bald Lachen und
-bald Weinen, sondern, wie im Don Quixote kommt der reife, erkennende
-Weltbetrachter, der seine Aktion vor uns aufführt, zu einem wehvollen
-Lachen, wo es denn auf die Natur des Miterlebenden ankommt, ob er --
-etwa -- in Ergriffenheit und doch darüberstehend lacht oder ob er, noch
-im Stande zu lächeln, weinen muß. Das Lachen darf sogar ein böses,
-hartes, scharfes, grimmiges sein; zwischen Hektor und Ulysses auf
-der einen Seite und Thersites auf der andern ist viel Platz, und da
-steht Shakespeare; aber Größe muß in dem Lachen sein; denn was wir in
-dieser Aktion erleben, ist, wie sich eine große Welt, mit ihrem Willen
-müssend, sehend und damit blind, mit Augen sehend, mit Sinnen sehend,
-zugrunde richtet. Und es darf nichts Unreines in dem Lachen sein;
-Shakespeare hat Thersites in dem Verstehen, das nicht ohne Liebe ist,
-und doch in Verachtung geschaffen, er steht nicht bei ihm.
-
-Immer wieder wird man geneigt sein, sich bei Shakespeare der Sprache,
-wie Spinozas, so Schopenhauers zu bedienen. Aber Shakespeare steht
-Spinozas Ethik um fast so viel näher als Schopenhauers, wie er
-Hektor gewiß näher steht als dem Bastard, den Thersites mit einer
-buddhistischen Nonne erzeugt hätte. Weitaus universeller und
-liebevoller als Schopenhauer umfaßt Shakespeare mit seinem Blick das
-Ganze und Vielfache der Welt, weitaus mehr als der aus Weichheit Böse
-hat er an sich gearbeitet, so daß er mit festerem Panzer gegürtet der
-Welt widersteht. Er kommt nicht bis zur fromm-feigen Bosheit der Askese
-und des Weltverzichts inmitten der Welt; und er kennt zweierlei Willen:
-den einen freilich, den Schopenhauer geschildert hat, den Willen, der
-der Sklave seiner Diener der Sinne ist; den andern aber auch, wie ihn
-Spinoza der Mensch, Fichte der Mann gekannt haben, den Willen, der
-männlich, fest, ritterlich die Tiere im Innern zügelt, die Diener lenkt
-und beim Licht der Vernunft den Weg findet. Gegen die Menschen aber,
-die das vermögen -- Shakespeare zeigt es uns besonders auch in diesem
-Stück --, ist die Welt verbündet; sie siegen im Geiste, wie Hektor über
-Achill schon gesiegt hat, aber sie dauern selten und fallen meist. Und
-darum, weil er das zu tiefst geschaut, erlebt, erlitten hat und doch
-noch heiter resignieren konnte, darum, weil er alle Stimmungen und
-Lehren, die diese Weltschau ermöglicht, finden und gestalten konnte,
-ist Shakespeare der größte aller Dramatiker, der große Tragiker und der
-große Humorist; darum ist diese Dichtung eine ganze Tragödie und ein
-ganzes Stück befreienden Lachens.
-
-Troilus, den Schmerz und Enttäuschung erziehen, sieht in diesem
-Augenblick ein, daß nichts am äußern Reiz, daß alles an der Seele
-liegt. Er hat Cressida, seine Cressida, in ihrem Schäferstündchen mit
-Diomedes gesehen und ruft sich nun, wie um aus einem Traum zu erwachen,
-zu:
-
- Hat Schönheit Seele, war’s nicht Cressida!
-
-Dann geht er aber weiter und hat das tiefe Erlebnis, das den Knaben vom
-Manne scheidet: Cressida zerfällt ihm nun in zwei, in das adlige Bild,
-das ein Ausdruck des Innern ist, das er geliebt hat und immer lieben
-will, und in das armselige Geschöpfchen da, das er in dieser Situation
-gesehen, das er niemals gekannt hat, das ihm ganz fremd ist.
-
-Aber er hat es nicht so leicht wie Diomedes, der gewiß auch einmal,
-mehr als einmal er, solche Erfahrung gemacht hat und sich dann
-entschließen konnte, mit dem Leib im schmutzigen Fluß weiter zu
-schwimmen und nur den Kopf frei über Wasser zu halten. Troilus braucht
-ganze Reinheit; wie leicht ist es für den Jüngling, sie von der Liebe
-zu fordern; und wie schwer ist es für den Betrogenen, wieder ganz
-Verlassenen, diese Reinheit, die Liebe ist, selber zu üben. Noch ist
-er nicht ganz reif, bei weitem noch nicht; erst muß ein größerer, ein
-nicht so mit Tiertrieb und Raffgier verwachsener Schmerz über ihn
-kommen; und der wird nicht ausbleiben. Jetzt glüht er vor Rachsucht
-gegen Diomedes; den Mann, der Cressidas Schleife trägt, will er im
-Felde treffen; und da nun die Nachbrunst der betrogenen Liebe, der
-Rachedurst im Spiele ist, soll dieser Krieg nicht mehr ritterlicher
-Kampf, soll er Vernichtungskrieg sein.
-
-Die Trojanerhelden sind heimgekehrt und rüsten sich zum Streit, wie
-ihn Hektor und Achill für heute vereinbart haben. Hektor bricht auf;
-vergeblich wollen ihn Andromache, seine Frau, Kassandra, Priamus selbst
-zurückhalten; alle haben sie böse Träume gehabt; und sie wissen, das
-sind keine gewöhnlichen Träume, das sind Wahrträume gewesen. Hektor
-nimmt diese Warnungen auch keineswegs leicht; er ist selbst wie von
-Ahnungen umwittert; er ist tief ernst; aber er hat den Griechen sein
-Wort verpfändet, sich heute zum Kampf zu stellen; die Ehre verlangt,
-daß er geht; er weiß ihr nicht, wie Achill, einen andern Wohnsitz
-anzuweisen als bei sich selbst.
-
-Nun kommt Troilus dazu. Den jungen Bruder, fast noch einen Knaben,
-sieht Hektor heute ungern so kriegerisch gerüstet; diesmal soll es
-rauher Ernst werden. Aber Troilus ist wahrlich nicht in der Verfassung,
-sich in der Stube halten zu lassen; er will den Krieg noch viel rauher
-und schärfer, als Hektor ihn bisher immer geführt hat. Und so hält er
-ihm vor, oft habe Hektor Feinde, die im Kampf gestürzt waren, wieder
-aufstehen heißen; dasselbe, was Nestor bewundernd an Launcelot-Hektor
-bemerkt hat. Ja, das ist Hektors Art;
-
- O schönes Spiel!
-
-ruft er aus. Wie könnte er den Mordkrieg führen, wenn der nicht
-zugleich das schöne Spiel aller Kräfte Leibes und der Seele, der Stärke
-und der Geschmeidigkeit, der Derbheit und der Feinheit, der Härte
-und der Güte, der Unerbittlichkeit und der Vornehmheit wäre? Als ein
-Spiel und überdies als ~fair play~ muß der Krieg geführt werden, loyal,
-an selbst gegebene Gesetze gebunden und ritterlich; die Schranken des
-Menschenmöglichen dürfen nicht überschritten werden. Troilus aber, in
-der Verfassung, in der er ist, nennt das Narrenspiel; wer Waffen trägt,
-muß sie mit Wut und Ingrimm und giftiger Rache gegen den Feind führen.
-Solche Kampfesweise faßt Hektor weder noch versteht er, wie sein
-Troilus so reden kann:
-
- Pfui, Wilder! Pfui!
-
-ruft er aus und erklärt mit noch größerer Bestimmtheit und jetzt
-aus anderm Grund, er wünsche Troilus heute nicht im Feld zu sehen.
-Troilus läßt sich nicht halten, aus schmerzlicher Wut, die ihm fast
-die Besinnung nimmt; Hektor läßt sich nicht halten, wahrlich nicht
-aus Kampfgier, auch nicht einmal um der Rettung des Staats willen,
-sondern weil er den Griechen sein Wort gegeben hat, sich zu stellen.
-Bei alledem, bei Hektors melancholischer Ritterlichkeit und bei der
-sinnlich brünstigen grausamen Kriegswut des jungen Troilus hat, wer
-das Drama im Kreise herum, in der Beziehung aller Teile aufeinander
-empfindet, schon im Sinne, wie Achill bald eben das Gräßliche an Hektor
-tun wird, was Hektor beim Aufbruch zum Kampf als so unsäglich und
-unmöglich verwirft.
-
-Unermeßlich ergreifend ist es, wie Kassandra prophetisch, im äußersten
-ekstatischen Versuch, Hektor zurückzuhalten, in seine Ohren hinein
-seinen eigenen Tod beschreibt; und was für ein innig geniales
-Kunstmittel ist es überdies, uns jetzt, vor dem Kampf, im Moment des
-Abschieds in höchst gesteigerter Wortkunst voraus erleben zu lassen,
-was die Bühne für die leiblich gewahrenden Sinne nicht darstellen kann:
-
- O lebwohl, mein Hektor!
- Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug’ erblaßt!
- Sieh, wie dein Blut aus vielen Spalten strömt!
- Hörst du, wie Troja schreit, die Mutter brüllt,
- Hörst du den Klageschrei Andromaches?
- Leid, Wut, Erstarrung stoßen da zusammen,
- Entseelte Bilder! Alles, alles schreit:
- Ach, Hektor, Hektor tot! Ach, Hektor, Hektor!
-
-Nach dieser ungeheuren Vorbereitung folgt die große, reichgegliederte
-Kampfszene, die ihrer ganz würdig ist. Ich kann mich, wie nur manchmal
-so bei Beethoven, nicht satt wundern über die eherne Härte dieses
-Organismus, dieser Weltfunktion, die Shakespeare heißt, wie er nun zum
-Beispiel die einzelnen Teile dieser Schlachtenszene gegen einander
-abtönt, wie er keineswegs in der einen Stimmung, die mit Hektors
-vorweggenommenem Tod so unbeschreiblich leidvoll angeschlagen wurde,
-bleiben muß, sondern alles vom Ganzen aus ordnet und verteilt! Wir
-sehen Ajax, Diomedes, Troilus hinter einander herjagen, ahnen, wie der
-wilde Junge Wunder der Tapferkeit verrichtet; wir sehen Thersites in
-zwei Episoden als Soldat, und er darf sich neben Falstaff sehen lassen.
-Erst stößt er mit Hektor in Person zusammen; und wie der den Mann in
-der Rüstung ritterlich fragt:
-
- Wer bist du, Grieche? Bist du Hektor gewachsen?
- Bist du von Blut und Ehre?
-
-da antwortet er in ängstlich witziger Wahrheit mit unglaublich
-geschwinder Zungenfertigkeit:
-
- Nein, nein, ich bin ein Schuft! Ein schäbiger, schimpfender
- Bube, ein ganz schmieriger Lump!
-
-und Hektor wendet sich verächtlich ab:
-
- Ich glaub’ es. Lebe!
-
-Befreit und neu gestärkt schimpft Thersites hinter ihm her. Das andere
-Mal will ein Bastardsohn des Priamus mit ihm anbinden, den überschüttet
-er mit Bastardworten:
-
- Ich bin auch ein Bastard! Ich liebe die Bastarde
- usw.
-
-Und so feig er ist, muß er dem Gegner doch im Davonlaufen noch eine
-saftige Wahrheit über seine Rolle in diesem Krieg nachschreien; denn
-seine Bosheit ist viel stärker als seine Angst; er ist nun einmal so
-organisiert, daß all seine Tapferkeit im Maulwerk sitzt; so lacht er
-denn hinter ihm drein, von ihm weg: Haha, da will ein Hurensohn in
-diesem Krieg um eine Hure kämpfen!
-
-Die Heldentaten, die Hektor verrichtet, werden wieder in der Form
-der Wortkunst gebracht. Agamemnon, Nestor, Ulysses berichten
-hintereinander, was die Trojaner unter Hektors Führung für Waffentaten
-tun; unter vielen andern ist Patroklus gefallen, und die Myrmidonen
-sind ganz zusammengehackt zu Achilles geflohen. Der war untätig im
-Zelt gesessen; hatte die Seinen, hatte die Verbündeten, hatte auch den
-Freund allein in den Kampf ziehen lassen, wir wissen, warum; jetzt,
-wo der Freund, der geliebte Knabe, ihm als Leichnam vor Augen liegt,
-kommen die Tränen, kommt die Wut, kommt die Rachgier, und alles andre
-ist wieder vergessen. „Ach, unser arm Geschlecht!“ Nicht bloß für das
-Geschlecht der Frauen gilt Cressidas Klage, daß wir Sklaven der Sinne,
-Sklaven der Augen sind. Achilles wappnet sich; er eilt ins Feld; er
-tritt vor Hektor; spät hat er ihn, dem er sich zum Kampf verpflichtet,
-gefunden, -- so soll es scheinen. Nun fordert er ihn zum Zweikampf
-heraus. Hektor muß glauben, jetzt, am Abend der Schlacht, habe Achill,
-wie er selbst, große, ritterliche Taten, schwere Arbeit hinter sich,
-und erwidert vornehm:
-
- Erst ruh’ ein wenig, wenn es dir gefällt.
-
-Da, wie diese Höflichkeit ihn warten heißt, als ob’s um den
-Ritterkampf, um ~fair play~ und nicht um grimmige Rache ginge, gerät
-Achilles ganz außer sich. Er stürzt weg. Hektor kämpft weiter. Und hat
-dann genug für heute, legt Schild und schützenden Helm weg, entwappnet
-sich.
-
- Ich tat mein Tagewerk. Nun ruh’ ich aus!
-
-Da kommt Achilles herbei und mit ihm seine Myrmidonen, die er rasend
-geholt hat. Vergebens ruft ihm Hektor kurz und streng zu: Ich bin
-entwaffnet, -- Grieche! Unter Achills hetzendem Anruf hauen und
-stechen die Myrmidonen auf ihn ein. So wird der Ritter mit Hilfe des
-großen Haufens von der Wut umgebracht. Und die Volksleute schreien die
-Heldentat übers Feld aus: Achill hat den Hektor erschlagen!
-
-Ehre und Ruhm hatte Achilles schon vorher preisgegeben; die Rachgier
-für den gefallenen Freund hat den Streithelden erst ins Feld gebracht.
-Von Anfang an haben wir gesehen, wie dieser Mann, bei herrlichsten
-Anlagen, ein Gewesener, ein nie tapfer zu sich Gekommener, über
-sich hinaus Gekommener, wie er ein vom Trieb Umnebelter war; ein
-Lässig-Fauler, kein Wachsender; und so hat er auch nicht in der echten
-Männerehre und Freundschaftswelt gelebt, hat Wut und Wahn und Wollust
-des Geschlechts in die Freundschaft hinübergenommen und hat ohne alle
-Ritterlichkeit, der Ehre bar, den toten Freund gerächt. So schleift
-die Gier noch den Leichnam des adligen, menschlichen Helden im Triumph,
-an den Roßschweif gebunden, übers Feld.
-
-Troilus lebt weiter in den Untergang Ilions hinein, den er klar
-voraussieht. Jetzt, wo diese hohe verehrte Gestalt, Hektor sein
-Bruder, so umgekommen ist, wie er selbst den Krieg knabenhaft unreif
-empfohlen hatte, in diesem Schmerz ist er zum Manne geläutert worden.
-Ohne Hoffnung, ohne Lebenslust will er aushalten und will weiter
-kämpfen, der wilden Art nach, als ob er nicht wüßte, daß am Ende dieses
-Kampfes der Untergang steht; dem Grund nach, weil er es weiß: in einem
-dionysischen Zorn, der der trostlosen Welt gilt.
-
-Von Cressida ist schon lange mit keinem Wort mehr die Rede, und von
-Pandarus, der mit seiner widerlichen Erscheinung die Erinnerung an
-sie bringen will und der am bittern Schluß die niedrige Welt, die
-unsterblich weiter leben darf, repräsentiert, wendet sich Troilus in
-Ekel ab. Was liegt an der Pandaruswelt, die auf der Bühne bleibt und
-mit dem Publikum fraternisiert, nachdem die Helden dahingegangen sind?
-Was liegt noch an Cressida? Ilion geht unter; Hektor ist tot.
-
-
-
-
-Othello
-
-
-Die Tragödie von Othello, dem Mohren von Venedig, ist im Jahre 1622,
-nach des Dichters Tod also, aber vor der Gesamtausgabe, in einer
-Quartausgabe noch herausgekommen. Die Vorbemerkung des unbekannten
-Herausgebers sagt uns nur, daß das Stück etliche Male von Seiner
-Majestät Schauspielern im Globe- und Blackfriartheater gespielt worden
-sei; wann aber zuerst, erfahren wir weder daraus noch sonstwoher.
-Malone, ein glaubwürdiger Mann, hatte Urkunden vor sich, aus denen sich
-die Daten von Festen und Aufführungen am Hof ergeben; jetzt sind sie
-nicht mehr vorhanden, doch halte ich die Echtheit dieser Urkunden für
-wahrscheinlich, weil die Angaben nie einer sonst feststehenden Tatsache
-widersprechen; danach wäre Othello 1604 in Whitehall aufgeführt worden;
-eine spätere oder wesentlich frühere Entstehung anzunehmen, liegt kein
-Grund vor.
-
-Shakespeares Quelle bildet eine Novelle von Giraldi Cinthio aus der
-Sammlung Hecatommithi, die 1565 zuerst in Sizilien, später auch in
-Venedig gedruckt wurde. Eine französische Übersetzung von 1584 liegt
-vor; von einer englischen ist keine Spur vorhanden. Der einzige Name,
-der in der Novelle genannt wird, ist Desdemona; sonst ist vom Mohren,
-so wie die Novelle den Titel Der Mohr von Venedig führt, vom Fähnrich
-und vom Hauptmann die Rede.
-
-Der erste Teil von Shakespeares Handlung, die Entführung, findet sich
-in der Novelle nicht. Desdemona ist eben die Frau des Mohren, ist es
-allerdings gegen den Willen der Eltern geworden, und irgendwann nach
-Eingang der Ehe hat der Mohr nach Zypern zu fahren, und die Gattin
-begleitet ihn. Der Fähnrich begehrt Desdemona und glaubt, sie liebe
-den Hauptmann. Ohne daß irgendeine Intrige mitspielt -- von Rodrigo
-weiß die Novelle so wenig wie von Brabantio --, wird der Hauptmann vom
-Mohren entlassen, weil er einen Soldaten verwundet hat. Die Gattin
-will die beiden wieder versöhnen, und diese Gelegenheit benutzt der
-Fähnrich, erst das Mißtrauen des Mohren zu erregen, und dann, mit Hilfe
-seines Töchterchens, Disdemonas Treulosigkeit durch das Taschentuch zu
-beweisen. Der Fähnrich unternimmt es, den Hauptmann in dem Augenblick
-zu töten, wo er aus dem Hause einer Buhlerin kommt. Dann erschlagen
-der Mohr und der Fähnrich gemeinsam Desdemona mit einem Sandsack,
-worauf sie die Decke des Zimmers zum Einsturz bringen. So bleiben
-sie als Täter ganz unentdeckt. Zu irgend einer spätern Zeit entsteht
-Feindschaft zwischen den beiden, die mit der Sehnsucht des Mohren nach
-seiner Toten immerhin zusammenhängt. Der Fähnrich gibt den Mohren an,
-ohne sich selbst zu verraten; der Mohr wird festgesetzt, gefoltert,
-gesteht aber in seiner Standhaftigkeit nichts. So wird er nur zu
-lebenslänglicher Verbannung verurteilt, aber von Verwandten Disdemonas
-umgebracht. Noch später wird der Fähnrich in einer ganz andern Sache
-ergriffen und zu Tod gefoltert. Danach enthüllt seine Frau den ganzen
-Vorgang. „So rächte Gott die Unschuld Disdemonas.“
-
-Der Sinn dieser Geschichte ist also: Ein Mord wird so schlau von zwei
-Kumpanen begangen, daß er gar nicht als Mord erkannt wird, sondern als
-Unglücksfall erscheint; trotzdem werden beide Mörder ihrer Bestrafung
-zugeführt; der eine, weil sie sich veruneinigen; der andre, weil er
-fortfährt, Verbrechen zu begehen. Ein völlig novellistisch behandelter
-Stoff also: es kommt fast gar nichts auf die Charaktere der Menschen,
-sehr wenig auf ihre Beziehungen untereinander, fast alles auf die
-hintereinander folgenden Abenteuer an: so schlau auch die bösen
-Menschen sind, Gott, der Novellengott der merkwürdigen Ereignisse,
-überlistet sie doch noch.
-
-Shakespeare hat diesmal den Stoff ganz besonders straff
-zusammengezogen, hat sich keine Episode erlaubt, die nicht zur
-Motivierung gehörte, und hat die tragische Entwicklung und Katastrophe
-unmittelbar aus der einen tragischen Anlage hervorgehen lassen; neue
-Elemente und Ereignisse hat er im Lauf der Handlung nicht eingreifen
-lassen. Mit dem überlieferten Stoff aber hat er ganz frei geschaltet,
-und jedesmal, wo dieses Abenteuer erzählt: „Dann aber traf es sich“
-oder „Da ereignete sich zufällig...“, zeigt er vielmehr, was sich aus
-den Charakteren und ihrer Situation zu einander mit Notwendigkeit
-ergeben muß. Dabei hat er jedoch, wie er es auch sonst tut, aus
-Teilen der Erzählung, die er wegwarf, immer noch Züge und Farben für
-sein Drama geliehen. In der Erzählung hilft das Töchterchen bei dem
-Taschentuchbetrug; das benutzt Shakespeare nicht; aber es hilft jemand:
-Jagos Frau, die er sowieso braucht; wie in der Novelle ist sie bei
-ihm die Person, die schließlich alles aufdeckt, wenn auch in ganz
-anderm Zusammenhang. So steht’s auch mit der Buhlerin; der Vorfall mit
-Cassios Tötung muß bei Shakespeare ganz anders verlaufen; aber die
-Buhlerin kann er doch gut brauchen, so wie Emilia aus äußern und innern
-Gründen: ist Emilia ein Gegenstück zu Desdemona, ein Hintergrund der
-Gewöhnlichkeit, von dem sich die Edle abhebt, und ist sie überdies für
-die Taschentuchintrige und die Enthüllung am Schluß nötig, so ist auch
-die Buhlerin noch für die sorgfältigst motivierte Taschentuchkomödie zu
-brauchen, dient aber außerdem dazu, daß wir deutlich im Gefühl haben,
-wie Cassios Verhältnis zu Desdemona ganz unverfänglich ist. Selbst der
-unförmliche Sandsack der Novelle ist nicht ohne Beziehung zu Desdemonas
-Deckbett; und auch die Verwandten Desdemonas, die in der Novelle
-schließlich Blutrache üben, hat Shakespeare in seinen Schluß verwoben.
-Die Gemeinsamkeit zwischen Othello und Jago bei der Ausführung der
-Tat konnte er nicht brauchen; aber Othello erlaubt Jago, ihn darüber
-zu beraten, und von Jago stammt der Gedanke, die Frau mit dem Bett
-zu ersticken; radikal getilgt hat Shakespeare Othellos Leugnen und
-jeglichen unedeln Fleck auf seiner Gestalt; von der Folter, der Othello
-in der Novelle standhält, mag übrig geblieben sein, daß Jago nach
-seiner Ergreifung kein Wort aus sich herauspressen läßt; Desdemonas
-Oheim meint dann zwar: „Die Folter macht Euch reden“, aber es bleibt
-dahingestellt, ob die Voraussage zutrifft.
-
-Von allen Tragödien, ja, von allen Stücken Shakespeares ist Othello
-das einfachste: es ist eine einzige geradlinige Handlung, ein einziges
-Motivbündel, ohne weitere Verzweigungen. Daß aber keineswegs von einem
-einzigen Motiv, sondern von einem Motivbündel zu reden ist, das macht
-dieses einfache Stück so reich und voll; keineswegs folgt alles aus
-Othellos Eifersucht oder aus Jagos Haßintrige oder gar aus Rodrigos
-Liebessucht oder Desdemonas Entführung oder Cassios Entlassung; aber
-diese Geschehnisse, von denen jedes mit der besonderen Natur eines
-einzelnen Menschen zusammenhängt, der nur seine eigene Sache besorgt,
-sind um Desdemonas Gestalt herum aufs engste mit einander verbunden.
-
-Dieses Stück, seinem äußern Verlauf nach ohne Zweifel ein Intrigenspiel
-und trotz dem kriegerisch-politischen Hintergrund, der diesmal ganz
-Hintergrund bleibt, ein bürgerliches Trauerspiel, ist, so wie es eine
-einheitliche Handlung hat, auch sogar der Einheit von Ort und Zeit
-angenähert; nimmt man den ersten Akt in Venedig als Vorspiel, so
-geschieht alles Folgende in unmittelbarem Zusammenhang hintereinander
-auf Zypern.
-
-Die Betrachtung, wie dieser Aufbau des Stückes beschaffen ist, wird uns
-schon zu einer Einsicht bringen, ohne die die Tragödie und ihr Sinn
-völlig mißdeutet wird.
-
-Das erste, was wir erfahren, ist Jagos Haß auf Othello; Jagos Natur
-fangen wir gleich an kennen zu lernen. Dann erleben wir Desdemonas
-Entführung durch den Mohren; sehen, wie der Vater es nimmt; hören
-ihn die Anklage aussprechen, es seien Zauberkünste im Werke; von
-der heimlichen Vermählung erfahren wir. Nun wird ein neues Motiv
-eingeführt: Othello wird zum Kampf gegen die Türken, zur Verteidigung
-Zyperns berufen. Wir sehen ihn vor dem Senat stehen und die Natur
-seiner und Desdemonas Liebe erklären; dann müssen sie eiligst, ehe die
-Hochzeit vollzogen werden kann, ausfahren; Desdemona wird zur Fahrt
-dem Schiff Jagos anvertraut; daß das äußerlich vermählte Paar bis zur
-Ankunft auf Zypern sein eheliches Leben nicht begonnen haben kann, wird
-uns ausdrücklich gezeigt. Zum Schluß dieses ersten Aktes werden wir
-nun noch in Jagos Plan eingeweiht, wie er Cassios Stelle erhalten und,
-wo möglich, seiner Gier nach Desdemona frönen will. Und von nun an auf
-Zypern: zu Beginn des zweiten Aktes die Erwartung, darauf die Ankunft
-erst Cassios, dann Jagos und Desdemonas, schließlich Othellos auf drei
-besonderen Schiffen. Wundervoll hat hier Verdi in seiner Oper in der
-musikalischen Darstellung der stürmischen Natur und des jagenden Tempos
-der Fahrt der einander folgenden Schiffe zu Shakespeares Tragödie ganz
-aus dem Geist des Dichters eine Szene neu komponiert, derengleichen
-wir in andern Leidenschaftstragödien Shakespeares von ihm selbst
-haben; die Szenen, die Shakespeare selbst Othellos Ankunft vorausgehen
-läßt, stehen nicht ganz auf der Höhe dieser Dichtung. Othello landet;
-jetzt erst lernen wir so recht seine glühende und innige Liebe kennen;
-die Verehrung, die Cassio für Desdemona hegt, empfinden wir auch.
-Jagos Plan erweitert sich, befestigt sich. Dann, jetzt erst die
-Hochzeitsnacht; sie wird gestört durch Cassios in Trunkenheit verübte
-Gewalttat. Cassio wird abgesetzt; sofort wird er von Jago an Desdemona
-gewiesen, die vermitteln soll; und sofort am frühen Morgen will er sich
-an sie wenden. Damit und mit Jagos Vorbereitungen, diese Zusammenkunft
-auszunutzen, schließt der zweite Akt, und zu Beginn des dritten, am
-frühen Morgen nach dieser Nacht also, sehen wir Cassio bei Desdemona.
-Jago erregt Othellos Verdacht. Und unmittelbar daran schließt sich
-das lange Gespräch zwischen Othello und Jago, das sich immer mehr
-steigert; die kurze Szene mit Desdemona und Emilia ist eingelegt; der
-Taschentuchbetrug leitet sich ein; dann wird Othellos Gespräch mit
-Jago wieder aufgenommen und zum letzten Gipfel emporgeführt; wir hören
-den Racheschwur; schon wird das Todesurteil über Desdemona und Cassio
-vom Mohren ausgesprochen. Welch eine Szene! Welch ein Morgen nach
-der Hochzeit! Aber sofort wird dem Gipfel noch ein Gipfel zugesetzt:
-Othello und Desdemona stoßen zusammen; er spricht vom Taschentuch, das
-ihr fehlt; sie von Cassios Begnadigung! Der Zorn bricht aus; Othello
-rennt weg; Cassio kommt wieder; Desdemona versteift sich, ihm zu
-helfen. Und am Schluß des Aktes hat Cassio schon das Tuch in seinem
-Zimmer gefunden. So vergeht dieser Tag, und der vierte Akt bringt uns
-in den nächsten. Durch das Gespräch zwischen Jago und Cassio und durch
-das Tuch erlangt Othello seine völlige Gewißheit: Desdemona ist im
-schnödesten Sinne schuldig. Der Gesandte Venedigs trifft ein; in seiner
-Anwesenheit mißhandelt der Mohr seine Gattin leiblich und seelisch.
-Er nimmt sie als Dirne, Emilia als Kupplerin, sich im Spiel des Hohns
-als den Galan, den Brecher der eignen Ehe. Er bereitet sich zum Mord.
-Desdemona geht auf sein Geheiß früh zu Bett. Und dann zum Schluß die
-Nacht dieses letzten Tages: der Anfall auf Cassio; die Ermordung
-Rodrigos; Desdemonas Ermordung. Emilia klärt Othello über Desdemonas
-Unschuld auf. Jago wird entlarvt, tötet seine Frau, wird festgenommen;
-Othellos Verhaftung, Verzweiflung und Selbstmord.
-
-Dies der Aufbau; und damit, daß wir ihn scharf erfassen, schützen wir
-uns vor landläufigen Verkennungen nicht nur der Vorgänge, sondern
-geradezu der Charaktere, zwischen denen sie geschehen. Sofort also nach
-der heimlichen Vermählung -- wieder in einem Stück Shakespeares so ein
-äußerlich formaler Akt, der in unsrer Abwesenheit schnell erledigt
-wird -- folgt der Befehl des Senats zu Othellos Ausfahrt; bis dahin
-war Desdemona ein Mädchen im Vaterhaus gewesen; eine Stunde ist jetzt
-Zeit zu den Vorbereitungen des Kriegszugs und zum Abschied Othellos von
-der jungfräulichen Gattin; Desdemona folgt auf einem andern Schiff
-mit Jago. Dieser Sachverhalt wird uns so oft eingeschärft, daß es
-für jedermann außer den Kommentatoren genug sein sollte. Es ist ein
-wesentlicher Zug an Othello, daß er seine Sinnlichkeit seit langem
-im Zaume hält; ein wesentlicher Zug am Verhältnis des Mohren zu der
-jungen Venezianerin, daß es vor allem ein Seelenbund ist; wie nun
-Desdemona vor dem Senat bittet, den Gemahl begleiten zu dürfen, erklärt
-er sofort, er sei um ihres Wunsches willen einverstanden, keineswegs
-sei jugendliche Hitze dabei im Spiel, die ihm sehr fern liege; und um
-jeden Verdacht und jede Verführung, in seinen ernsten Kriegsgeschäften
-von Amor gestört zu werden, wegzuräumen, vertraut er seine Frau seinem
-erprobten, verheirateten Fähnrich Jago an.
-
- Komm, Desdemona; nur ein Stündchen bleibt
- Für Liebe mir und weltliche Geschäfte
- In deiner Näh’. -- Der Zeit muß man gehorchen.
-
-Daß dieses Stündchen „~of love, of worldly matters and direction~“
-nicht zum Höchsten der Liebe Zeit läßt, ist sicher; ein solches
-stürmisch-brünstiges Naschen liegt nicht in Othellos Art; es gehören
-andre Dinge dazu, um den Orkan, der in ihm ruht, zu entfesseln und
-aus dem beherrschten ruhigen Stolz des urbanen Mannes ursprüngliche
-Wildheit zu machen. Im zweiten Akt nach der Ankunft und der
-Wiederbegegnung der beiden wird dann dem Volk von Zypern feierlich
-angekündigt, daß der General sein Hochzeitsfest zugleich mit dem
-Freudenfest über den Untergang der türkischen Flotte feiern wolle; und
-zu Desdemona sagt Othello:
-
- Komm, Geliebte:
- Genießen wir, nachdem der Bund geschlossen,
- Die süße Frucht, bis jetzt noch ungenossen.
-
-Und gleich darauf sagt der zynische Jago geradeheraus, ohne jede
-Blumen- oder Früchtesprache:
-
- Er hat noch keine Liebesnacht mit ihr verlebt, und sie
- ist ein Bissen für Jupiter.
-
-Und noch einmal ruft er: „Gut Glück zur Brautnacht!“ Und mit dieser
-Feststimmung sinnlich berauschender Art verführt er Cassio zum Trinken.
-
-In der Novelle findet sich von alledem kein Wort. Warum Othello
-seine Brautnacht erst auf Zypern begeht, ist -- wie alles in diesem
-herrlich gebauten Stück -- nach außen und innen trefflich motiviert;
-warum will es aber der Dichter so haben? Natürlich hätte er für das
-Gegenteil genau so gute Motive gefunden; im Leben herrscht strikte
-Notwendigkeit; in der Dichtung gefühlsmäßig zwingende Glaubhaftigkeit,
-Wahrscheinlichkeit. Warum also? oder besser gefragt: wozu? Damit
-Hochzeit und Zweifel des Gatten an der Gattin und ihre Ermordung durch
-ihn unmittelbar auf einander folgen.
-
-In der Tat ist der erste Akt eine Art Vorspiel, in Straffheit
-zusammengefaßte Exposition und Beginn einer Handlung, deren Sinn sich
-uns erst im weitern Verlauf erschließt. Dann sind die bräutliche
-junge Frau und der geprüfte und ausdauernde General, dem sie sich
-geschenkt, Tage und Nächte lang von wilden Wogen getrennt; und nun,
-wo sie sich wieder begegnen, wo ihre Ehe anheben soll, geht es Schlag
-auf Schlag: die Hochzeit -- während die Gatten sich im Höchsten der
-Liebe vereinigen, ist das Volks-, Soldaten-, Offiziersfest im Gange;
-da wird Cassio von Jago trunken gemacht, und daraus rollt, dem Plane
-gemäß, den Jago noch in Venedig entworfen hat, alles: am nächsten
-Mittag ist Othello schon zur Ermordung der Frau entschlossen. Und noch
-ein Tag geht dahin -- die Beweisstücke sind erdrückend beisammen, die
-Kette geschlossen -- in der Nacht, achtundvierzig Stunden nach der
-Brautnacht, ermordet Othello seine junge Frau.
-
-Das halte man sich nun vor Augen, beachte, daß es unzweifelhaft,
-deutlich, ausdrücklich und wiederholt vom Dichter gesagt, gezeigt,
-geradezu eingeschärft wird, -- und versuche zu verstehen, wie es
-menschenmöglich ist, daß ein Mann wie Friedrich Theodor Vischer, der
-sich lang, breit und nicht untief mit dem Stück beschäftigt und die
-Übersetzung ganz durchgeackert hat, schreiben kann, im Othello sähen
-wir „die Liebe, die als gesetzliches Band konstituiert und geheiligt
-ist, die sichere, beruhigte, abgeklärte Eheliebe“, und fortfährt:
-„Seine Ehe dauert zwar erst kurz, aber sie ist behandelt wie ein schon
-durch Jahre tief und innig befestigter Herzensbund.“
-
-Zuerst sage ich: So was kommt von so was, nämlich vom Vergleichen.
-Denn natürlich wird das von Othellos Ehe gesagt, weil wir in Romeo und
-Julia „das feurige Aufglühen erster bräutlicher Jugendliebe“ sehen.
-Aber es geht doch wirklich nicht an, daß man Gegenüberstellungen und
-Übergänge besorgt wie Professor Kuntze vom Karlsruher Gymnasium,
-der uns eines heißen Nachmittags vordozierte: „Lessing starb
-verhältnismäßig früh 1781; aber noch nicht so schnell versiegte seine
-literarische Tätigkeit; wir müssen nämlich jetzt noch seinen Nathan
-besprechen.“ Bedenklicher aber wird Vischers Sache doch schon, und
-ein Beitrag zur Psychologie der Zeugenaussage, zum eigensinnigen
-Nichtsehen dessen nämlich, was einem nicht in den Kram paßt, ist es,
-wenn man Vischers Erklärungen zu den einzelnen Szenen liest. Die
-Auseinandersetzung Othellos vor dem Senat, er werde sich von der Liebe
-in seinen Geschäften nicht stören lassen, übergeht er mit Schweigen.
-Ebenfalls Othellos Abschiedsworte an Desdemona. Bei der Verlesung
-der Proklamation durch den Herold, die dem Volk von Zypern Othellos
-Hochzeitsfest ankündigt, findet er zwar Zeit zu dem schwäbischen
-Scherz, die erlaubten Vergnügungen dürften bis elf Uhr dauern, dann sei
-Polizeistunde, sagt aber mit keinem Wort, was es mit dieser Hochzeit
-auf sich hat. Von den Worten Othellos zu Desdemona von der bis jetzt
-noch ungenossenen Frucht, von Jagos Äußerungen zu Cassio über die
-Freuden von Othellos Hochzeitsnacht keine Silbe. Wie dann Othello zu
-der wüsten Nachtszene dazukommt, weist Vischer uns mit keinem Wort
-darauf hin, woher er kommt. Dabei geht er beinahe sklavisch der Reihe
-der Szenen und der Auftritte nach Punkt für Punkt durch! Seine Prüderie
-mag bei diesem Vorbeisehen an Wesentlichem und bei seiner gesamten
-Auffassung mitspielen; ein Grund mehr, jegliche Unfreiheit, die sich an
-Shakespeare, den Genius der Freiheit, wagt, zum Teufel zu wünschen.
-
-Trotzdem aber wäre es unmöglich, daß ein solcher Kenner wie Vischer
-sich so verrannt hätte, wenn an dem, was er völlig verkehrt behauptet,
-nicht doch etwas daran wäre, -- nur nicht in der Ebene der äußern
-Tatsachen, sondern auf der Skala des seelischen Erlebens. In dem Teil
-der Handlung nämlich, der von Othello und auch von Jago vorwärts
-getrieben wird, herrscht eine so ungeheuer gesteigerte Intensität
-des Erlebens, ein solches südländisches und wahrhaft afrikanisches
-Tempo, daß, wie im Traum, schon fast die Minuten zu Jahren werden.
-Normalerweise wäre es so, wie es nach Vischers Worten in unserm Stück
-sein soll: da würde es in der Tat Jahre brauchen, bis ein Ehemann sich
-von Liebe zu Gleichgültigkeit und nun gar zu Haß und Ekel wendet. Diese
-Tragödie aber stellt gerade nicht ein irgend Normales, stellt ganz und
-gar keine Ehe und keine Entwicklung dar, sondern eine Katastrophe,
-die wie ein Geiser die Kruste durchbricht: den Zusammensturz eines
-Traumes in dem Augenblick, wo er sich in die Wirklichkeit wagt. In
-diesem Traum Othellos von seiner Ehe mit Desdemona aber waltete in
-der Tat das, was Vischer für diese Ehe selbst sagt, die es gar nicht
-gegeben hat: das war „eine sichere, beruhigte, abgeklärte Eheliebe“;
-es herrschte in dem bräutlichen Verhältnis der beiden, wie Othello es
-wünschte und hergestellt hatte, Verläßlichkeit, wie zwischen Seele
-und Seele. So sollte es sein, so träumte es Othello der Mann, der
-Beherrschte, Erfahrene, nicht mehr Junge, so ließ es sich an, ehe die
-arge Welt dazwischen kam, ehe die Ehe geschlossen wurde. So war aber
-nicht nur der Traum Othellos von seiner künftigen Ehe mit diesem jungen
-venezianischen Patrizierkind; es war sein Wahn über seine gesamte
-Existenz, über sein Wesen. Er hatte sich geformt und zu einem gesetzten
-Nobile gestaltet, bis Jago die feste Schale mit seinen Klauen aufriß
-und den feuerflüssigen Kern herauskochen ließ: den unterdrückten
-Othello, den Mohren seiner Vorfahrenkette, den Wilden, der nach
-Mirabeaus Wort, das wir ein andermal noch hören werden, wie in diesem
-Afrikaner, so in jedem Stolzen, jedem Repräsentanten der Freiheit vom
-Ursprung seiner Natur her steckt.
-
-Allerdings also hat die Liebe, die zwischen Othello und Desdemona webt,
-schon in Venedig etwas wie Brautschaft und erprobte Ehe zugleich an
-sich, so wie Othello erprobt ist, bis die äußerste Probe kommt. Noch
-mehr dürfen wir sagen: das Verhältnis zwischen den beiden hat eine
-Tönung wie das zwischen Vater und Kind; er ist ein Mann, der keineswegs
-mehr ganz jung ist; sie ist sicher kaum älter als Julia. Wie aber alle
-Zivilisation nur eine Farbe, nur ein Lack oder nur eine Wohnung ist,
-in der man Jahre und Jahre sicher und gedeihlich wie in sich selbst
-beherbergt ist, bis die Stunde der Entscheidung kommt, wo das Wesen,
-das man im Innersten ist, sich zu äußerst und zu tiefst getrennt
-findet von dem Wesen, das man angenommen hat, so ruht die sittsam
-schöne, friedlich heitere Verläßlichkeit der Liebe zwischen Othello und
-Desdemona nicht auf der Einheit zweier Seelen, die es anders als für
-einen Nu nicht gibt, und nicht auf der Bekanntschaft, sondern gerade
-auf der Unbekanntschaft, auf der Fremdheit, auf der heiligen Scheu,
-wie sie zwischen Seelen waltet, die Sehnsucht, aber nicht Vertrautheit
-an einander bindet. Othello hat sich seine Ehe mit Desdemona, hat sich
-Desdemona geträumt; aber er kennt sie nicht. Nein, nicht so; sie ist ja
-im Innersten und in jeder Regung, wie seine Liebe sie sieht; Othello
-erfaßt Desdemona völlig mit der Liebe seiner Seele; er erfaßt sie,
-aber er kann sie nicht halten; er behält nicht, was er gewahrt; sein
-Verstand glaubt in der Krise nicht mehr, was sein Gefühl von ihr weiß.
-
-Ein wesentliches Moment der Handlung also, und dazu eines, das
-Shakespeare neu erfunden hat, ergibt sich uns schon bei der ersten
-Betrachtung der Szenenfolge: sofort am Morgen nach der Hochzeitsnacht
-beginnt Othellos Eifersucht und steigt gleich bis zur Raserei. Cassios
-Rausch und Gewalttat hat Othello aus dem Bett gerufen; Cassio wird
-abgesetzt; sowie die Nacht verstrichen ist, naht er als Hilfesuchender
-Desdemona. Die Katastrophe ist ganz nahe an den Anfang, an die
-Entführung aus dem Vaterhaus gerückt; es ist gar keine Zeit, sich in
-ehelicher Liebe, in der Gemeinsamkeit auch des kleinen Alltags und
-in gegenseitiger Duldung kennen zu lernen; denn was für ein so ganz
-anderes Kennen ist das bräutliche Liebesverlangen!
-
-Entführung -- Fahrt übers Meer -- Sturm -- Brautnacht -- Rausch --
-Zorn --, diese hintereinander folgenden Elemente der ersten Handlung
-sagen uns schon: es geht ein jagendes Tempo durch dieses Stück. Es
-kommt aus den Naturen der beiden, deren aktive und passive Kraft alles
-in Bewegung setzt: Jago und Othello. Dieser Jago hat etwas Schnelles,
-Schnellendes, geradlinig Stechendes an sich wie der Haß und die Logik,
-die aus seiner urgesunden, starken, jungen, waghalsigen und tatlustigen
-Jugend herausschießen. Das Bild der Geschwindigkeit, die er vor allen
-der Handlung versetzt, haben wir in seiner Fahrt übers Meer: viel
-später mit Desdemona abgefahren als sein General, schießt er mit so
-gutem Wind pfeilschnell dahin, daß er noch vor Othello landet. Und wie
-für ihn Venedig der Ausgangspunkt, Zypern das Ziel war und dazwischen
-nur die eine gerade Linie der Fahrt, so hat er schon von Venedig her
-sein Ziel und seinen Plan, der nun sofort zur Aktion wird, in der
-die andern die Puppen dieses überlegenen Spielers bilden. Seine
-allervortrefflichste Puppe, in einem ganz andern Charakter der Natur
-des Lenkers wunderbar angepaßt, ist Othello: wie Jagos Teufel der
-schnellste der Hölle ist, so schnellt Othellos Zorn plötzlich, wie ein
-Quell, der aus der Erde schießt und Felsblöcke schleudert, empor.
-
-Was hier gesagt wird, heißt mit andern Worten, daß der Dichter mit
-einer ungemeinen, überlegenen Kunst die Charaktere und die Situation
-so aufgebaut hat, daß die Katastrophe sich diesmal mit einer fast
-logischen Sicherheit und Notwendigkeit aus dem Zusammen der innern
-und äußern Voraussetzungen ergibt. Das hat sehr fein und stark der
-junge Herder gewahrt und ausgedrückt, indem er zunächst allgemein für
-Shakespeares Kunst sagt: „Wie ein Engel der Schöpfung, ein unsichtbarer
-himmlischer Bote der Vorsehung die Leidenschaften der Menschen gegen
-einander abwog und ihre Charaktere gruppierte und sie, jeden an seinen
-Platz in der Schöpfung setzte, und nun im Strome der Zeiten ihnen eine
-Schar von Gelegenheiten und Zufällen vorbeiführt, daß sie handeln;
-ihnen eine Menge von Umständen vorlegt, die sie bestimmen, und nun ihre
-Bestimmungen und Handlungen zu seinem Plane fortleitet: so Shakespeare
-der Nachahmer der Natur...“ Und das wendet nun Herder dermaßen auf das
-Stück Othello und seine treibende Kraft Jago an, daß wir in unsrer
-Meinung, die schon oben angedeutet wurde, bestärkt werden: dieser Jago
-ist ein Teufelskerl, dessen Zerstörungskunst der Schöpferkraft verwandt
-ist; ein Aufrührer, der viel Ähnlichkeit mit einem großen Ausführer
-hat; ein Genie des Entwurfs, in dem sich großer Verstand und große
-Natur vereint finden; die Devise Bakunins: Die Lust des Zerstörens
-ist eine schaffende Lust! hätte, wenn man diesen Ausdruck einer ideal
-allgemeinen Emotion auf real gemeinen Egoismus einengt, der Wahlspruch
-des jungen Verderbers sein können, dessen Muskelkraft so stark ist wie
-die Kraft seines Hirns; und größte Ähnlichkeit, nächste Verwandtschaft
-im Formalen seiner Anlage scheint dieser Jago mit dem dramatischen
-Künstler, mit seinem Schöpfer, mit Shakespeare selbst zu haben; Herder,
-das junge Kraftgenie, bestätigt es, wenn er ausruft: „Welche Welt und
-was für ein Zusammenlauf der Räder zu Einer Maschine! Was für ein
-Jago!... Und wie muß sich zu ihm eben ein Othello, eben ein Cassio,
-ein Rodrigo, eine Desdemona finden! Und wie weiß er Alles, Alles, was
-ihm in den Wurf kommt, zu seiner Absicht zu gebrauchen! Was wäre die
-Welt, wenn sie viele solche Jagos in solcher Verbindung von Charakteren
-und Umständen hätte?“ In der Tat ist es eigentümlich, wie Jago mit
-der Virtuosität des Genies in seiner Welt wiederholt, was Shakespeare
-getan hat, als er diese Welt und Jago als ihre treibende Kraft schuf:
-mit einer begrenzten Zahl von Umständen wird aufs meisterhafteste
-hausgehalten, und Jago wie dieser Othellodichter Shakespeare sind beide
-dadurch ausgezeichnet, daß sie zu rechnen, zu kombinieren, ihre Aufgabe
-interessant und elegant zu lösen verstehen wie nur je der Verfasser
-eines Intrigenstücks, daß sie aber dabei zugleich eine strotzende
-Fülle der Kraft, eine Üppigkeit, eine Natur haben wie die leibhaftige
-Renaissance.
-
-Was nun dabei herauskommt, daß Naturen wie die des Mannes Othello, des
-Weibes Desdemona einem Jago in die Hände fallen, kann nicht gerade
-eine Behaglichkeit sein; und in der Tat wird das Ergebnis, wird die
-Katastrophe, wird Desdemonas Ermordung häufig schaurig, quälend,
-unbefriedigend genannt. Und um doch zugeben zu dürfen, man sei
-befriedigt, fragt man ängstlich und wahrhaft begierig nach der Schuld,
-der Schuld Desdemonas vor allen. Diesen Aristoteles-Schematismus --
-an dem Aristoteles ganz unschuldig ist -- mache ich nicht mit. Für
-Shakespeare ist das kein Maßstab. Die Weltordnung, die gebrechliche
-Einrichtung der Welt, wie es so innig schön bei Kleist heißt, das
-innere Wesen der Menschen, ihre Situation zu einander, das Geschehnis,
-des Dichters Art, in die Welt zu sehn und gestimmt zu sein, das sind
-die Elemente, aus denen die Dichtung sich aufbaut; da wird’s an
-Furcht und Mitleid und Reinigung, an Zermalmung und Auferstehung, an
-Zermürbung und glühendem Guß zu Glanz und Einheit und Übereinstimmung
-der Seele mit sich selbst nicht fehlen.
-
-Desdemonas eigenmächtiges Vorgehen, ihre Flucht aus dem Vaterhaus
-nennt Gervinus eine ganz bedeutende Schuld. Vischer summiert drei
-kleine Fehlerchen: die Flucht aus dem Vaterhaus; ein weibliches Übermaß
-von Geschäftigkeit bei ihren Fürbitten für Cassio; und ein bißchen
-auch noch die kleine Notlüge, daß sie nicht sage, sie habe das Tuch
-verloren, sondern, sie habe es verlegt! Selbst Otto Ludwig sucht und
-findet eine Schuld an Desdemona: „eine unbewußte, eine negative, ein
--- Unterlassen der Vorsicht, in ihrem Charakter begründet“. Mir fällt
-es nun gar nicht ein, die junge Frau gegen energische oder sanfte
-Vorhaltungen dieser Art zu verteidigen; sie ist ein ganz besonderes
-Menschenkind, hat also gewiß auch ihre besonderen kleinen Züge und
-Fehler, die zu ihrer besonderen Liebenswürdigkeit gehören. Bloß
--- diesen Tadlern geht es ja gar nicht darum, ihren Charakter zu
-ergründen, sondern, das Schauerliche zu mildern, wie man etwa sagt, uns
-mit dem Ausgang zu versöhnen, das Stück zu rubrizieren, einer erlaubten
-Gattung einzuverleiben und für klassisch erklären zu dürfen. Und da
-muß schon gesagt werden, daß diese Art Ausleger sich ein wenig wie
-Henkersknechte gebärden; die Parallele zwischen Jago, Shakespeare und
-dem Herrgott, die mir selbst recht fruchtbar scheint, treiben sie in
-ganz andrer Art bis zur Identifikation: nicht Jago hat Desdemona und
-Othello in den Tod getrieben und ist dafür zu seiner Zeit gefoltert
-und wahrscheinlich scheußlich hingerichtet worden; der Dichter hat sie
-umgebracht und darf es nicht getan haben, ohne dafür die Erlaubnis
-der Ästhetik zu haben. Weswegen sie sich eifrig daran machen, bei den
-schönsten, liebreichsten Menschenkindern kleine Schuld zu kleiner
-Schuld zu addieren; denn nach den arithmetischen Gesetzen dieser
-Ästhetik oder Rechenkunst muß der Grund, zum Mord anzureizen, in Jago,
-der Grund zu morden in Othello, und der Grund, ermordet zu werden,
-in Desdemona liegen. Diese Herren gestrengen Ästhetiker scheinen nur
-zu vergessen, daß der Herrgott uns allesamt ohne jede Ausnahme und
-nur selten mit ihrer Erlaubnis und ohne viel nach tragischer Schuld
-zu fragen gewaltsam ins Grab bringt und daß der Dichter, solange wir
-aus der bloßen Existenz des Individuums so viel Wesen machen, auf
-den gewaltsamen Tod und die Mordtat als Ausdrucksmittel höchster
-Steigerung angewiesen ist. Hätten die Ameisen Tragödien, so wäre der
-Untergang einer verlaufenen Ameise in einer menschlichen Zuckerdose
-wahrscheinlich kein tragischer Vorwurf, eher schon die Ausrottung einer
-ganzen Kolonie in einem Ameisenkrieg.
-
-Diese Schuld-Schublade mit automatischer Guillotinevorrichtung soll
-man, schlage ich vor, nur für Dichter offen halten, die die Hamburger
-Dramaturgie gelesen und sich auf sie verpflichtet haben, zum Beispiel
-für Schiller, der die Liebe der Jungfrau zu Lionel ausdrücklich zu dem
-Zweck erfindet, damit sie ihre Schuld hat, die sie sühnen muß, -- man
-kann von derlei Arbeiten, besonders wenn man daran denkt, daß sie in
-unsern Schulen jeder heranwachsenden Generation als Musterbeispiele
-vorgetragen werden, nicht mit zu großer Verachtung reden, gar noch,
-wenn man dann dazunimmt, daß Tell, der bloß der Held eines Schauspiels
-ist, nachdem er aus dem Hinterhalt getötet hat -- gewiß kein wesentlich
-geringeres Vergehen als die Liebe zu einem strahlend schönen und
-sittlichen Engländer --, glorreich weiterleben und Kinder und
-Kindeskinder auf den Knien wiegen darf.
-
-Achtbarere, intimere, verräterische Gründe hat es, wenn ein Mann wie
-Strindberg in Desdemonas Seele wühlt, um eine Schuld in ihr zu finden;
-handelten die Ästhetiker aus Leidenschaft und Abnormität, vergäßen
-sie sich bis zur Erniedrigung und Gemeinheit auf der Suche nach der
-Reinheit, im Kampf gegen die Welt, so sollte es ihnen wahrlich an
-Achtung und Mitgefühl nicht fehlen. Strindberg hat etwas von nicht
-Othellos, sondern Jagos Eifersucht und dem mit jedem Mißtrauen
-verbundenen schmutzigen Blick; ihm geht es um Menschliches; irre er
-immerhin! Wenn aber Otto Ludwig in einer Untersuchung, in der es
-vorwiegend um die Handwerkskünste geht, kaltblütig fragt: „Warum hat
-dennoch ihr (Desdemonas) furchtbarer Tod nichts Gräßliches?“, kann
-man dann auf eine so gräßliche Schulmeister- und Aufklärichtfrage
-etwas andres antworten als: Zum Donnerwetter, er hat etwas, hat viel
-grauenhaft Gräßliches! und wenn es nach eurer poetischen Gerechtigkeit
-in der Welt zuginge, müßten solche Frager wie ihr gewiß eher unter der
-Bettdecke erstickt werden als Desdemona! In dieser schaurigen Welt,
-unsrer Welt, der Welt der Menschentriebe und Menscheneinrichtungen,
-der Welt des Mißverhältnisses zwischen Fühlen und Denken, Seele und
-Geist, in unsrer Welt, in der Othello ein holdestes Mädchengeschöpf
-in Liebe träumt, eine überwiesene Dirne, die die Reine gespielt hat,
-tötet und dann an der Leiche, die als sein Opfer daliegt, erfährt, daß
-das in lebendiger Wirklichkeit sein holdestes Menschenkind, seine ihm
-anvertraute Gattin, und daß die Dirne der Traum seiner Wahnwut war, --
-in dieser Welt, die entstehend und zerbrechend immerdar in schwärenden
-Leibern unterwegs ist, während in unserm Geist die fertige und
-ruhende, die göttliche Vollendung lebt, ist nichts gegen eine Dichtung
-gesagt, wenn man ausspricht, daß sie Gräßliches birgt. Agamemnons des
-Iphigenienmörders Ermordung ist gräßlich, und gräßlich die Ermordung
-der Mörderin Klytämnestra -- darum ist doch die Orestie das weihevoll
-Erhabenste, was die dramatische Literatur hat. Und höchst gräßlich
-ist die Verstrickung, in der Ödipus von den Mächten gefangen wird. So
-wenig wie zum Vergnügen ist die Tragödie zur sittlichen Befriedigung
-da, -- es sei denn, man habe die Stufe des Ethischen, des Friedens
-erreicht, wo einem alle wahrhafte Gräßlichkeit der Menschen gegen
-einander, des Welterbes und Weltwerdens gegen die Menschen nichts mehr
-anhaben kann. Auf der Leiter, die zu dieser Höhe emporführt, stehen
-wir aber schon, wenn wir in Ataraxia, in Unerschütterlichkeit zusehen,
-wie in der Welt die Verkettung undurchbrechbar, wie das Geflecht der
-Seelenabgründe in den einen und ihrer Gegensätzlichkeit in den andern
-mit den Situationen unzerreißbar, wie die Notwendigkeit der Natur
-unentrinnbar ist. Ein so Unerschütterlicher sieht, gleich Spinoza im
-kleinen Mythus der Anekdote, zu, wie die Spinne die Fliege in ihr Netz
-bekommt, er hat „interesseloses Wohlgefallen“, wenn er gewahrt, wie der
-Kuddelmuddel kommunaler Nachlässigkeiten, die das Kirchendach nicht
-rechtzeitig zur Ausbesserung gebracht haben, und der Sturm, den die
-Natur in Nordostasien gebraut hat, und das Kind, das die Mutter zum
-Milchholen geschickt hat, so zusammentreffen, daß der Ziegelstein vom
-Dach das Kind zerschmettert, während der Milchtopf ganz bleibt; er hat
-diese nämliche Befriedigung, wenn Othello und Desdemona und Jago an
-einander zugrunde gehn, und er kennt eine Tragödie, die wahrlich nicht
-der Kraft, aber der Art nach noch über die Shakespeares hinausgeht, in
-der Othello und Desdemona als Lebendige verderben und Jago Doge von
-Venedig wird. Nicht zu wenig, sondern in äußerlichen Abschlüssen, die
-wenig Bedeutung haben, zu viel poetische Gerechtigkeit findet sich
-bei Shakespeare, der, wie vor ihm und bisher nach ihm kein zweiter,
-den Blick für die wahre Sach- und Lotgerechtigkeit, für die innerste
-Wirklichkeit nämlich des Widerstreits unsrer kausal gespaltenen Welt
-hatte.
-
-Ganz besonders kunstvoll und lebendig werden wir diesmal in die
-Handlung und so auch wieder in die einzelnen Szenen mitten hinein
-geführt, so daß eine Weile der Spannung vergeht, ehe wir im
-Zusammenhang sind. So ist es gleich im Beginn: zwei Männer besprechen
-sich erregt über etwas, was ein andrer zu ihrer Unlust getan; was
-er getan, erfahren wir aber noch lange nicht. Und wer ist es? Ein
-Befehlshaber; es geht um eine Leutnantsstelle -- das heißt, um
-den Stellvertreter dieses Kommandanten, um den Generalleutnant --
-der Sprechende ist enttäuscht, Wut äußert sich: ein Fremder, ein
-Florentiner, Michael Cassio hat die Stelle bekommen -- der wird als
-ein zarter Mensch, ein Mann der Bücher, ein Gelehrter ohne praktische
-Erfahrung, ein Rechner geschildert; der Sprechende, Jago, schildert
-sich damit als Soldaten der Ausführung, der rohen Gewalt. In Troilus
-und Cressida haben wir den Gegensatz der beiden militärischen Typen,
-der hier nur gelegentlich zur Charakteristik dient, in entscheidend
-ernstem Zusammenhang getroffen. Dann erfahren wir -- noch lange
-nicht den Namen des Feldherrn, aber verächtliche Bezeichnungen und
-Vergleichungen: Seine Mohrschaft -- der Mohr -- die Wulstlippe --
-ein schwarzer Bock -- ein Berberhengst -- und immer wieder der Mohr;
-man merkt, das ist, ganz unabhängig von dem entstellenden Haß der
-Sprechenden, ein populärer Mann, dieser Farbige, der der Admiral der
-Republik Venedig ist. Erst in der dritten Szene, wo wir schon lange mit
-ihm selbst zusammen waren, hören wir seinen Namen; da redet ihn der
-Doge als Othello an.
-
-Wie ist es nun mit dieser Mohrschaft? Ist Othello ein Maure oder
-ein Neger? Gemeint ist er offenbar als Maure, die Bezeichnung sagt
-es schon; Mauritanien, das von den Arabern bewohnte Nordwestafrika,
-ist seine Heimat. Aber der äußern Erscheinung nach ist er eine aus
-ethnologischem Irrtum entstandene Phantasiegestalt: ein Araber mit
-einigen körperlichen Eigenschaften des Negers; Bezeichnungen wie
-„Wulstlippe“, „Dicklippe“ weisen deutlich darauf hin. Als Beweis für
-Shakespeares angebliche Unbildung in geographischen Dingen läßt sich
-aber diese Zusammenwerfung nicht verwerten; Shakespeare teilt den
-Irrtum seiner gelehrten Zeitgenossen; in einem Nachschlagewerk seiner
-Zeit heißt es ausdrücklich: „Mohr, einer aus Mauritanien, schwarzer
-Mohr oder Neger.“ Trotzdem ist für die Bühne keine übertrieben dunkle
-Färbung und keine starke Hervorkehrung der physiognomischen Negerzüge
-zu empfehlen; solche Fragen müssen genau so behandelt werden wie die
-dekorativen Elemente der Szenen; es geht auf der Bühne nicht wie in der
-Natur zu, wo außer dem, was zur Handlung gehört, auf jedem Schauplatz
-noch eine Menge andere, zufällige Dinge zu finden sind. So wenig in
-Desdemonas Schlafgemach ein Nachttisch mit den dazugehörigen Utensilien
-gehört, so wenig darf über die Absicht des Dichters hinaus Othellos
-Negerhaftigkeit betont werden: worauf der Dichter nicht immer die
-Aufmerksamkeit lenkt, das darf auch der Anblick uns nicht fortwährend
-aufdringlich vorführen. Findet man das richtige Maß, die Verteilung
-der kleinen Andeutungen nicht, so ist zu wenig gewiß besser als zu
-viel; es schadet nichts, wenn diese Negerzüge mehr in Jagos gehässiger
-Verleumdung und im Vorurteil als in grell beleuchteter Wirklichkeit
-leben.
-
-Im Ganzen des Stücks und in vielen Einzelzügen stellt sich Othello als
-stolzer, adliger Mann dar, der einem Kulturland entstammt, zu Hause
-ein Fürst ist; er ist ausgestattet mit der Bildung des Geistes und
-des Herzens. In Venedig ist er überaus angesehen und beliebt; er weiß
-sich in Achtung zu setzen, gebieterisches Auftreten ist ihm zweite
-Natur geworden; Brabantio, einer der vornehmsten Senatoren, hat ihn
-gern bei sich im Hause gesehn; nur, wenn’s ans ganz Intime geht, tritt
-das Rassenvorurteil dazwischen. Am stärksten spricht es Emilia aus,
-Jagos Frau, die er sich im ungebildeten Volk geholt hat; gar nicht die
-vornehmen Venezianer, die seine Dienste brauchen, und Desdemona und
-Cassio, die an Seelenadel und Reinheit auf Othellos Stufe stehen.
-
-Daß er kein Neger im üblichen Sinne und noch weniger so etwas wie ein
-amerikanischer Nigger ist, wie ihn maß- und geschmackloses Virtuosentum
-manchmal auf die Bühne stellt, ist klar; Shakespeare hat ihn wahrlich
-nicht als solchen gesehen; er spricht die reiche, bildkräftige,
-strömende Sprache der großen Gestalten des Dichters; ihn irgend etwas
-radebrechen zu lassen, weil Venezianisch nicht seine Muttersprache
-ist, ist Bönhasenalbernheit, die man höchstens auf Liebhaberbühnen
-vermuten sollte; solche Sprachschwierigkeiten zwischen Angehörigen
-verschiedener Nationen existieren für den Dichter nur, wenn er sie zu
-einem besonderen Effekt verwenden will; bei Othello darf das Geringste
-der Art so wenig hervortreten, wie Antonius lateinisches, Cleopatra
-aber ägyptisches Englisch oder Deutsch spricht; und wenn er vor dem
-Senat sagt:
-
- Ich bin rauher Rede
- Und nicht geschickt im feinen Wort des Friedens,
- Seit siebenjähr’ges Mark mein Arm gewann,
- Bis jetzt, bis vor neun Monaten etwa,
- Liebt er in Zelt und Feld sich nur zu regen,
- Und wenig lernt’ ich von der großen Welt,
- Als was zum Kampf gehört und Schlachtenwerk, --
-
-so ist damit der Kriegsmann, der Offizier charakterisiert, nicht
-der Barbar; und überdies heißt ihn bei aller Aufrichtigkeit gerade
-weltmännische Klugheit so reden: er nimmt seine Leute gut, vor denen er
-als Angeklagter steht.
-
-Einen Zug hat er ohne Frage, der in Verbindung gebracht wird mit der
-südlichen Zone, aus der er und sein Geschlecht stammen: sein heißes
-Blut, seine jähe Furchtbarkeit. Aber da gilt es, fein zu unterscheiden:
-auch das wird von Shakespeare nicht ethnologisch gefärbt, nicht als
-Rassenmerkmal gebracht, sondern als Eigenschaft dieses Individuums.
-Daß er so ist, wie er ist, kommt von seiner menschlich einmaligen
-Besonderheit; daß man die aber auf Afrika zurückführen kann, ist
-seine Stellung unter den Menschen. Diese exotische Besonderheit trägt
-Othello wie einen Fluch, von den Leuten her, so wie Richard III. seine
-körperliche Entstellung. Nicht seine gnomenhafte Gestalt und seine
-Deformation schafft physiologisch Richards Naturell und Charakter;
-sondern wie die Leute das nehmen und wie er meint, daß sie es nehmen
-müssen, soziale, nicht physische Zusammenhänge also isolieren ihn zum
-Aufrührer und Usurpator. Und so steht es mit Othello: das typisch
-Afrikanische ist in der individuellen Natur dieses Leidenschaftlichen,
-Stolzen nur so fein und unlöslich mitwirksam wie das Provenzalische
-bei Mirabeau, das Römische bei Coriolan, das Schottische bei Macduff;
-aber so wenig wie Macduff ein adliger Held ist, weil er ein Schotte
-ist, so wenig ist Othello, wenn die Situation danach ist, darum
-der umdunkelnden Wut preisgegeben, weil er ein Afrikaner ist. Daß
-es aber so gedeutet werden kann, daß es bei jeder Gelegenheit dem
-Durchschnittsmenschen und Boshaften einfällt, er entstamme ja der
-dunklen Rasse, das ist ein wichtiges Element in seinem Leben.
-
-Wollen wir die Grundzüge seines Wesens nennen, so geht es uns wie
-bei Shakespeares Menschen immer: er scheint aus lauter Widersprüchen
-zusammengesetzt. In Wahrheit gibt es bei Shakespeare wie im Leben
-keinen reinen Charakter an und für sich, den man absolut aussprechen,
-auf eine abstrakte Formel bringen, als Typus für eine Gattung
-nehmen könnte, sondern nur bestimmte Menschen in Beziehung zu
-ihrer Geschichte, Umgebung und Situation. So scheint Othello, wenn
-wir ihn mit den paarig vereinfachenden, verfälschenden Ausdrücken
-unsrer Begriffssprache beschreiben wollen, besonders zart und
-besonders wild; besonders beherrscht und besonders unbeherrscht,
-besonders vertrauensvoll und besonders mißtrauisch. Es ergibt sich
-daraus nur, daß mit solchen Etiketten einem Lebendigen gegenüber
-nicht viel anzufangen ist; denn sowie wir solche schulmäßige
-Eigenschaftscharakteristik aufgeben und den Mann im Zusammenhang seiner
-Geschichte betrachten, wird alles zweifellos klar. Zwar gibt uns der
-Dramatiker keine solche zusammenhängende Geschichte; nur vereinzelte
-Bilder aus der Situation der Katastrophe sehen wir hier; das aber ist
-Shakespeares Kunst, daß aus diesen Bildern sich das äußere Leben, auch
-die Vorgeschichte, und das innerste Wesen ergibt.
-
-Ein Kriegsmann, ein Seeheld, ein Weitgereister ist der Mohr; in
-Gefangenschaft und in Sklaverei ist er gewesen. Er ist männlich,
-gebieterisch, befehlskundig, frei, ungebunden:
-
- Liebt’ ich nicht so die holde Desdemona,
- Ich gäb’ nicht meinen hauslos freien Stand
- In Band und Fesseln hin für alle Schätze
- Des reichen Ozeans.
-
-Nun aber hat er, der Freie, sich endlich, in höheren Jahren, zu dem
-Ehestand entschlossen, der ihm sonst bedenklich schien als eine Art
-Gefangenschaft oder Sklaverei, die er in andern Formen genug kennen
-gelernt hatte. Das scheint er nicht viel im Leben gefunden zu haben,
-was er bei diesem jungen Mädchen fand: reines, uninteressiertes
-Mitgefühl bei einer freien, auch ihrerseits unabhängigen Natur. Auch
-sie vereint scheinbar Gegensätze wie er: sie ist die ganz Freie,
-Trotzige und die ganz Hingebende. Keineswegs hat sie sich ihm schnell
-gegeben: sie sind immer wieder beisammen gesessen; er hat von seinen
-Taten und Leiden in fernen Ländern und Meeren erzählt, sie hat
-zugehört; dann hat Cassio für ihn werben und ihn verteidigen müssen,
-wenn sie ihn tadelte; denn das tat sie, sie hat sich offenbar schwer in
-ihn gefunden, hat Züge an ihm gesehen, die ihr bedenklich waren, die
-sie erschreckten; nun aber ist er, der gebieten kann wie ein Mann und
-weinen wie ein weiches Kind, ganz der ihre, wie sie die seine ist. Wie
-das so gekommen ist?
-
- Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand,
- Ich liebte sie um ihres Mitleids willen.
-
-Seiner Natur nach ist Othello der vertrauendste, der harmloseste, der
-kindlichste Mann. Er ist ehrenhaft und setzt Ehre, er ist ehrlich und
-setzt Ehrlichkeit voraus. So sieht ihn auch Jago:
-
- Der Mohr hat einen freien, offnen Sinn,
- Hält jeden Mann für ehrlich, der so scheint,
- Und den führt man so zierlich bei der Nase,
- Als einen Esel --
-
-Othello weiß auch selbst ganz gut, daß das Vertrauen in seiner Natur
-liegt; noch am Schluß, nachdem er die grauenhafte Tat des Mißtrauens
-getan, bezeichnet er sich als einen, „nicht geneigt zur Eifersucht“.
-
-Und so sieht ihn auch Desdemona:
-
- Gut, daß mein edler Mohr
- Von treuem Sinn und nicht so niedrer Art
- Wie eifersücht’ge Menschen.
-
-Gewiß ist er bei dieser Anlage seiner Natur schon oft betrogen worden;
-und als gebildeter Mann, der sich auf allgemeine Regeln versteht, hat
-er sich auch Lehren daraus gezogen. Jago, wie es seiner Art entspricht,
-zögert einmal bei einer entscheidenden Frage Othellos, zögert
-absichtlich, und da meint Othello:
-
- Bei treulos falschen Schurken sind das
- Gewohnte Kniffe, doch beim Biedermann
- Sind’s klare Zeichen von dem Kampf des Herzens,
- In dem die Leidenschaft nicht aufkommt.
-
-Ja, die Regel kennt er schon; aber auf systematische Verstellung, auf
-Ränke und Intrigen versteht er sich nicht, weil er eine wahrhafte,
-offene und darum gläubige Natur hat. Denn wer beurteilt nicht die
-Menschen nach sich? Auch Jago tut’s; an wahren Seelenadel glaubt er
-nicht; und wo er seine Zeichen gar nicht übersehen kann, da setzt
-er ihn -- wir haben es jetzt eben mit seinen Worten gehört -- der
-Dummheit gleich. Daß der Kluge nicht mit allen Mitteln, die ihm zu
-Gebote stehen, seinen Vorteil wahren soll, der Obere als Befehlender
-hinab, der Untergebene als Listiger hinauf, das begreift er nicht. Und
-so, von sich aus, begreift Othello nicht, daß das, was wahr aussieht,
-wahr klingt, nicht eben so sein soll, wie wenn er es wäre, er es
-spräche. Wohl weiß er von Schurken und ihren Kniffen; gewiß hat er
-schon mit solchen zu tun gehabt, denen man Bosheit und Verstellung
-am Gesicht ansah, am Ton anhörte; was für ein frischer, natürlicher,
-ehrlicher Bursch, ein bißchen brutal und plump, aber nichts weniger
-als raffiniert oder auch nur in feineren Planen geübt ist aber (wenn
-ihn nicht ein schlechter Schauspieler spielt) dieser Jago, wie er in
-seinem Umgang erscheint; darum, weil er in ihm nur einen starken,
-treuen, tapfern Soldaten, aber einen untergeordneten Kopf sieht, hat
-Othello ihn ja auch nicht als Generallieutenant, als stellvertretenden
-General brauchen können. Jago erscheint ihm als ungeleckter Tolpatsch;
-Cassio, der feine, gelehrte, der Pläne entwerfen kann, der Florentiner
-aus Machiavellis Land, ist geeignet zu einem so hohen Posten; dem traut
-der adlige Naturmensch, dem solche Bildung etwas Unvertrautes ist, dann
-auch im Leben zu, was er selber im Öffentlichen und Privaten nicht
-vermag: List, Betrug, Niedertracht.
-
-Wie er den Menschen vertraut, so vertraut Othello auf sich; er ist
-stolz und zuversichtlich. Hier aber ist der Punkt, wo er nicht bleibt,
-was er von Natur aus ist; hier ist seine verwundbare Stelle; von hier
-aus beginnt alles. Daß er, der gläubigste Mann, an der Reinheit selber
-nicht bloß zweifeln, daß er ihr den schmutzigsten Verrat zutrauen
-muß, daß der Vertrauende vom Mißtrauen zerfleischt wird, bis er die
-Ermordung der Unschuld beschließen muß, dieses Entsetzliche, diesen
-Abfall Othellos von sich selbst zu erreichen, wird Jago nur möglich,
-weil der Mohr in dem einen Punkt mißtrauisch gegen sich selbst und von
-da aus erst mißtrauisch gegen andre ist: in dem Punkt der Liebe.
-
-Einander nicht zu kennen, des Nächsten nie sicher zu sein, ist
-allgemeines Menschenlos. Ich bin ich und habe und weiß mich nicht
-von innen, sondern ich bin ich; sein hat kein Objekt; ich bin ich,
-ich bin nicht mich; und, ich bin du -- wer darf es sagen? In der
-Geschlechtsliebe nun ist dieses allgemeine Menschenlos zugleich
-aufgehoben und in höhere Potenz gesteigert: in der Begattung der
-Leiber, der Gleichzeitigkeit und Gemeinschaft der Wonne, in die
-das Paar aus begehrendem Verlangen dahinsinkt, in der Wirklichkeit
-oder Phantasie des Dritten, in dem die Zweiheit sich eint, in der
-Begattung der Seelen, zu der es die Liebe als Höchstem bringt, ist für
-Augenblicke die Einheit da. Aber der Mensch, der einzelne im Paar, ist
-da nicht mehr er selbst; der Verstand begreift nichts davon, nicht
-einmal von der Sinnlichkeit und noch weniger von der Phantasie und
-verklärenden Mystik des Gefühls; der Verstand steht vor dem dunklen,
-rätselhaften Gattungstrieb wie vor einem Fremden, der sich des eigenen
-Wesens bemeistert hat; der Verstand ist das absolut Lieblose; er
-kann nicht lieben; er kann auch die Liebe nicht begreifen. Und er
-raunt dem Manne immer wieder zu: die ist es nicht, du selber bist es;
-dein Verlangen, deine Lust in dem Doppelsinn des Gelüstes und der
-Befriedigung; die ist nur das Gefäß, das Mittel deiner Lust, und so
-bist du für sie; ihr seid nicht eins; sie ist dir fremd; wer ist sie?
-
-So ist es im allgemeinen, und nun kommen für diesen vertrauenden Mann
-noch besondere Umstände dazu. Der feinste Umstand ist von Shakespeare,
-dessen Gestalten ich keineswegs Züge zuschreiben will, die sie wohl
-haben könnten, von denen aber ihr Schöpfer nichts gewußt hat, genügend
-angedeutet. Othello ist nicht mehr jung und ist ein geprüfter Mann,
-der alles im Leben gefunden hat, nur kein Weib, zu dem sich seine
-Seele so in Verehrung neigte, daß sie seine Gattin werden mußte;
-an flüchtigen Liebesabenteuern hat es ihm nicht gefehlt; auch mit
-Frauen vom Schlage Emilias mag er sie sich gestattet haben. So wie er
-gewohnt ist, Wildheit, Brunst, Leidenschaft in seinem Kriegshandwerk,
-dem ernsten Männerberuf gerade darum zurückzudrängen, weil er des
-Trieblebens in tiefem Untergrund mehr als genug in sich weiß, so
-liebt er jetzt, wo er Desdemona in inniger Beglücktheit gefunden hat,
-ohne Sinnlichkeit, in dem wunderschönen, wie verzauberten bräutlichen
-Zustand, wo man das Begehren in sich irgendwo in starken Kräften weiß,
-wo oben aber rundum Stille und Seligkeit ist. Verstärkt wird das noch
-durch das aufschauende Kindschaftsverhältnis Desdemonas zu ihm, durch
-seine Väterlichkeit gegen sie. In ihr nun lebt wie in Julia in aller
-Sanftheit eine knospende Sinnlichkeit, ein fast trotzig begehrendes
-Erschlossenseinwollen. Ein wundervolles Verhältnis des ergänzenden
-Liebesgegensatzes, solange der hadernde, antastende Verstand nicht
-dazwischentritt und fragt, mäkelt, analysiert. Ich will nichts dazu
-dichten, will nichts davon wissen, was in Othellos Innerm in dem
-Augenblick der Nacht vorging, als der Lärm ihn aus dem Bett vertrieb;
-aber gerade, wo dieser Zusammenhang so gröblich verkannt wird, will
-ich das eine sagen: man weiß, welchen Sturz die Liebe keuscher Seelen,
-auch ohne einen trunkenen Cassio als Störenfried, in der Brautnacht
-erleidet; und nun stelle man sich in diesem Moment, einige Stunden,
-ehe Othello zum ersten Mal für uns Desdemona mit fremden, ernüchterten
-Blicken ansieht, dieses ungleiche Paar vor, das sich heimlich verbinden
-mußte, weil der berühmte und populäre General für die Liebe diesen
-Makel hat, ein Mohr zu sein! Das ist der zweite und bedeutendste
-Umstand, der zur allgemeinen Fremdheit zwischen Menschen und zumal
-Liebenden dazukommt, daß Othello aus tausendfachen Erfahrungen
-mit Menschen weiß: man braucht ihn, man begegnet ihm mit Achtung,
-zum Schluß und im Grunde ist er aber immer der Mohr; hat er solche
-Erfahrungen nicht immer wieder gemacht? hat nicht Desdemonas Vater, der
-ihn so gastlich und ehrenvoll in sein Haus geladen hatte, an eine Liebe
-zu ihm, dem Mohren, nicht glauben können, es sei denn durch verruchte
-Zauberei? So lebt von vornherein die Möglichkeit des Zweifels in ihm,
-des Glaubens, daß Desdemona ihn mit einem andern betrügen könne.
-
-Aber trotz allem: sofort nach ihrer Wiedervereinigung, wo er sie so
-stürmisch-innig begrüßt hatte; nach ihrer endlichen Vereinigung in
-der Liebe! Ein solcher Sturz, ein solcher Abfall von sich selbst,
-eine so grauenhafte Verkennung der sichtbar Reinen und Holden wäre
-bei einem Othello nicht im entferntesten denkbar, wenn nicht Jagos
-abgefeimte Intrige dazukäme. Sich eine so geniale Verstellungskunst und
-tiefe Niedertracht vorstellen zu können ist Othello unfähig; überdies
-hat für seine Harmlosigkeit Jago gar nicht den mindesten Grund, ihm
-übelzuwollen oder Übles zu tun; der junge Mann -- achtundzwanzig
-Jahre ist er alt -- bekleidet eine sehr angesehene Stellung, hat
-das besondere Vertrauen seines Generals, zwar nicht im feinsten
-Militärischen, aber in allem Kriegerischen und Menschlichen; er lebt in
-einer Ehe, wie sie zu seiner anspruchslosen Derbheit zu passen scheint.
-Auch gilt Jago keineswegs für schlecht; er zeigt sich auch nicht so;
-was er etwa Rohes tut, wird von dem Kriegsmilieu und seiner ungeistigen
-Muskelnatur genügend erklärt; so sieht ihn Othello.
-
-Wir sehen ihn ganz anders; wir wissen, welch genialer
-Verstellungskünstler der Mann ist; wir sind dabei, wie er sich ohne
-Rückhalt und Scham mit sich selbst auseinandersetzt. Man hat oft
-gefragt, ob so viel Selbstbewußtsein, so viel Klarheit über sich selbst
-in schlechten Menschen sei, wie in Jago. So viel Kenntnis ihres Wesens
-und Bekenntnis zu sich? Und man hat es als einen Fortschritt der
-neueren Dramatik bezeichnet, daß da das Schlechte sich ergibt, ohne daß
-die einzelnen Menschen Bösewichte sind oder sich gar dafür halten und
-erklären. Es ist nun freilich die Frage, ob da zwischen der Renaissance
-und unseren Zeiten bloß ein Fortschritt der dramatischen Kunst und
-psychologischen Erfassung vorliegt; oder ob nicht diese andere Art
-der Beobachtung zusammenhängt mit einer Änderung der Menschen und
-Zustände. Vielleicht bedurfte es einst zur Begehung des Schlechten und
-Verderblichen der gemeinen und bösen Gesinnung; vielleicht besteht der
-Fortschritt der Zeiten in unsrer Epoche darin, daß es heute weniger
-Handelnde und mehr Getriebene gibt, daß man heute ein niederträchtiges
-Milieu und verderbliche Zustände durch sich hindurchwirken läßt, ohne
-selbst zur Besinnung über das zu kommen, was man verrichtet, wessen
-man sich schuldig macht? Vielleicht ist die Verteilung der Schuld auf
-unendlich viele Massenteilchen, ist die ganze Massenhaftigkeit und
-Individualitätslosigkeit unseres Zeitalters nicht eine neue Technik
-unsrer Dichter, sondern ganz einfach: unsre Technik?
-
-Wie auch immer, wir schreiben heute der Gruppe, der vererbten
-Überlieferung, der Gesamtheit, der Gesellschaft, dem Milieu zu, was
-früher als Wesen des Einzelcharakters genommen wurde. Und wenn ein
-Dichter Zustände unsrer Zeit darstellen will, wie zum Beispiel Hebbel
-in Maria Magdalena und Julia, so wirkt die Selbstzerfaserung von
-Gestalten, die nicht mehr in der selbsteigenen Freiheit, sondern in der
-Milieugebundenheit stehen, bei aller Genialität der Sprache befremdend,
-und es klafft ein Widerspruch, der selbst die Gestalten in solchen
-Dramen wie Judith und Gyges unsicher und etwas zu Abstraktionsgeburten
-macht, weil ihr Dichter nicht mehr fest in einer und der nämlichen
-Auffassung steht.
-
-Von solcher großen Übergangserscheinung aber abgesehen, ist
-zum Verhältnis unserer Zeit zu Shakespeare zu sagen, daß wir
-diese unsre materialistische, ökonomistische Geschichts- und
-Gesellschaftsauffassung gar zu mechanisch angewandt, gar zu sehr den
-Menschen als bloßes Produkt der Verhältnisse genommen haben. Ich rede
-nicht nur von der Kunst, ich rede von unserm Leben. Ich rede, wenn ich
-von Shakespeare spreche, von unserm Leben, und von seiner Bedeutung
-besonders auch für uns, und rede darum von ihm. Es gibt in der Tat
-ohne Zweifel Produktmenschen; es gibt sie in Massen; unsre Zeit der
-Technik stellt diese Massen wahrhaft fabrikmäßig her; sie kommen bei
-ihrer Geburt aus der Fabrik und gehen in die Fabrik bis zum Tode.
-Aber es gab auch und gibt noch und wird geben produktive Menschen.
-Das große Drama hat es nicht mit dem Dutzendmenschen, sondern mit dem
-ungemeinen Menschen zu tun, weil typisch nicht für die Zustände auf der
-Oberfläche eines der Vergänglichkeit und beinahe Mode unterworfenen
-Gesellschaftstreibens, sondern für das Grundwesen der Gattung und die
-innere Beschaffenheit der Welt nicht der in fertige Form gegossene,
-sondern der formende Mensch ist. Es gibt freilich auch die melierten
-Seelen -- viel Verstand und wenig Natur --, so wie der Antonio im
-Tasso; sie sind interessant, wiewohl nicht eben imponierend oder
-kurzweilig, und gehören, schon etwas herausgereckt, der Fläche an, aus
-der die Träger des dramatischen Elements hervorspringen.
-
-Nähme ein Dichter unsrer Zeit also, sagen wir -- um nicht gar zu sehr
-in die Nähe greifen zu müssen -- Herrn Suchomlinoff und malte ihn
-in schwarzen Farben als ruchlosen, sich selbst klar überschauenden
-Bösewicht, so würde man -- von aller andern gehässigen Beschränktheit
-dieser Darstellung abgesehen und die Hauptvoraussetzung für den
-Augenblick zugegeben -- mit Recht einwenden: Nein, nein, nicht so
-einfach! Das Schlimmste ist, daß heute die Mörder gar keine Mörder
-sind, und daß die für millionenfache Höllengreuel Verantwortlichen
-keine Teufel und nicht einmal schlechte Kerle sind und sich im
-öffentlichen Leben für Politiker und im privaten für brav und ehrenwert
-halten dürfen.
-
-Gerade darum aber, weil sie selbst, im Bösen und Guten, nicht
-schöpferisch, sondern Geschöpfe sind, sind die Einzelpersonen dieser
-Art, die keine Persönlichkeiten sind, nicht Gegenstand einer solchen
-Dichtung, die Repräsentanten des Schöpferischen darstellt und sich
-an das Schöpferische in uns, an die nachschaffende -- die Dichtung
-nachschaffende und nach der Dichtung im Leben schaffende -- Phantasie
-wendet.
-
-Je bedeutender aber einer als einzelner ist, um so mehr ist er, der
-Wollende, ein Denkender und also auch über sich Denkender. Daß diese
-Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, diese Selbstschau
-über die eigenen Taten und Antriebe im wirklichen Leben anders vor
-sich geht als in den Monologen Richards III. oder Jagos, ist richtig,
-gehört aber in eine ganz andere Reihe der Betrachtung. Das geht nicht
-mehr den Inhalt an, sondern die Form. Der Monolog, wenn ihn nicht die
-Jungfrau von Orleans oder Tell deklamiert, sondern ein wahrhafter
-Dramatiker aufgebaut hat, ist eine poetische Form, in der die in unserm
-zerstreuten, gefühligen, traumhaft dusligen Leben pochenden, sinnenden,
-aufzuckenden und huschenden Gedankenfetzen im entscheidenden Moment zu
-einem Sprachgebilde zusammengefaßt werden; nur in Höhepunkten angewandt
-und nur solchen Gestalten in den Mund gegeben, die des Selbstgesprächs
-fähig sind, gehört er zu den Kunstmitteln des dramatischen Dichters,
-die dazu dienen, die Menschen in ihrem innersten Geheimnis zu zeigen.
-
-Unsre neue, der Wissenschaft nach Inhalt wie Form angenäherte Dichtung
-hat im Roman, von Stendhal über Flaubert und von Balzac über Zola zu
-Dostojewskij, Bedeutendes geschaffen. Was das Drama angeht, so sind
-selbst die Bedeutendsten, die auch für die neuen Inhalte neue Formen
-gefunden haben, Ibsen und Strindberg, der Gefangenschaft einer vom
-Elend der Dutzendmasse gepreßten und sinkenden Zeit noch nicht in allen
-Stücken entronnen und trotz wertvollen Fluchtversuchen noch in vielem
-auf den Weg gebannt, der von Shakespeare über Iffland nach abwärts
-führt, und noch gelten Schillers, der für die Gefühlssprache der
-Begriffe und also auch für die Polemik und Rhetorik ein so herrlicher
-Dichter war, wie er im Drama nur Szenen, Reden und Träger politischer
-Rollen, aber keine Menschen aufbauen konnte, noch gelten seine
-prachtvollen Fragen und Antworten:
-
- Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantische Schicksal,
- Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?
- „Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten,
- Unsern Jammer und Not suchen und finden wir hier.“
- Aber ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misère
- Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?
-
-Prachtvoll ist das gefragt; aber ich will die glänzende Tirade doch
-nicht anführen, ohne dabei zu sagen, daß der Mann, der Herakles
-Shakespeare so reden ließ, es selber gewagt hat, den Bastard Edmund und
-das Verhältnis Othellos zu Jago derart mit Schiller zu verschneiden,
-daß eine Mißgeburt nicht der Natur, sondern der Kunst wie Franz Moor
-und eine Kläglichkeit wie die Beziehung Ferdinands zu Wurm daraus
-wurde, von seiner tristen Verbürgerlichung Macbeths gar nicht zu reden.
-
-Wurm und Jago! Ein zu kombinatorischen Zwecken erfundenes unmögliches
-Gemächte, eine Karikatur-Arabeske, und ein saftiger Mensch!
-
-Jago ein Mensch? Ist es denn so? Läuft so etwas denn auf zwei Beinen
-herum? Ein Kerl ohne einen einzigen guten Zug? das Urbild des
-abgefeimten Intriganten?
-
-Gemach! Zwar verliebe ich mich nicht so in die Gestalten der großen
-Bösewichte Shakespeares, daß ich sie „retten“ will; aber ganz und gar
-ein Teufel aus der Hölle und nichts überdies ist keine einzige unter
-ihnen. Für Jago ist eins zu sagen, ein Entscheidendes: das Gute an ihm
-ist, was das Schlechte an ihm ist: daß er unten ist. Womit gemeint
-ist: wenn er oben, wenn er da wäre, wohin es ihn treibt, wohin er
-strebt, ganz oben, so hätte er alle Anlagen, als Jago der Große oder
-als heiliger Jago ein berühmter Monarch oder Papst zu sein. Er ist
-nicht an seinem Platze; er ist, mit eminenten Gaben des Kopfes und
-der Kraft, ein vom Schicksal Vernachlässigter. Das Schlimmste, was er
-tut, kommt vom Neid; nun -- Neid ist keine individuelle Eigenschaft,
-oder all solche angeblichen Eigenschaften der Menschen sind Namen für
-Beziehungsgewohnheiten; Neid aber gar ist die Beziehung des Strebens,
-das selbst wieder keine Eigenschaft, sondern eine Beziehung ist, zu der
-von außen auferlegten Entbehrung. Die Fehler der Hausknechte, Kellner
-und Advokatenschreiber verlieren, verändern sich unglaublich schnell,
-wenn diese Leute Rentiers, Hotelwirte und Besitzer werden, und ich
-bin überzeugt, daß einer aus der großstädtischen Verbrecherklasse,
-dessen Spezialität der Diebstahl von Fahrrädern ist, kein einziges
-Rad mehr stiehlt, wenn er erst im eignen Auto fährt. Shakespeares
-Verbrecher, Schelme, Lumpen und Tschandalas, ob sie Jago oder Richard
-oder Thersites oder gar Caliban heißen, sind allesamt vortrefflich aus
-Erbe und Lebensstellung erklärt; nur daß ihre Persönlichkeit nicht von
-den Verhältnissen geschluckt wird, daß vielmehr die Umstände, die sie
-bedangen, in ihr Wesen aufgegangen sind.
-
-Wenn etwas an Jago sympathisch ist, so ist es das: daß er seinen
-General aus ganzer Seele haßt, und daß dieser Haß nicht bloß
-persönliche, sondern Gründe allgemeiner Natur hat:
-
- Ich hasse den Mohren. Mein Grund sitzt tief im Herzen.
-
-Und:
-
- Ei, wir können nicht alle Herren sein,
- Nicht jeder Herr kann treue Diener haben.
-
-Er höhnt über die dienstbaren, kniebeugenden Gesellen, die in ihr
-Sklavenjoch verliebt sind:
-
- Die Peitsche solchem Dummkopf!
- ... Andre gibt’s,
- Die, aufgeputzt mit Blick und Form der Demut,
- Im Herzen doch nur sich im Auge haben;...
- die Kerle haben Sinn;
- Und für solch einen Mann erklär’ ich mich.
- ... Wär ich der Mohr, ich möcht’ nicht Jago sein.
- Wenn ich ihm diene, dien’ ich nur mir selbst.
- ... Ich bin nicht, was ich bin.
-
-Ich bin nicht, was ich bin, -- es liegt alles in diesen Worten.
-Zunächst: man nimmt mich -- allgemein -- für einen Biedermann, der
-treu dient; hier, dir Esel Rodrigo gegenüber, zu meinem besondern
-Zweck, lüfte ich einmal die Maske: aber die andern halten mich für
-eine wackere, treue Seele, für einen dienstbaren Geist; sie sollen
-sich hüten! Dann -- warum verstelle ich mich denn, warum betrüge ich,
-wozu umgarne ich? -- Ich bin nicht, was ich bin, -- ich bin nicht an
-der Stelle, die mir zukommt, die ich ausfüllen könnte, die ich haben
-will! Wär’ ich Othello, das heißt an seiner Stelle, ich blickte mit
-Verachtung auf Jago und seine Knechteskünste und Sitten; Herr wäre ich!
-
-Für jetzt also lebt in ihm in voller Kraft der Egoismus des Unteren,
-das Streben; was im Wege ist, muß weggeräumt werden; und das
-Begleitgefühl dieses gesunden, gemeinen, durch nichts gebändigten
-Dranges ist die Ranküne, die Bosheit und gradezu die Lust, Streiche zu
-spielen, rein erscheinende Verhältnisse zu verwirren, Komplikationen zu
-schaffen, Menschen gegen einander zu hetzen. Das ist von der Natur sehr
-bequem eingerichtet, daß alles, außer der Arbeit, was egoistischen
-Zwecken dient, außerdem auch Vergnügen macht; Jago ist kein solcher
-Haßkünstler wie Shylock; aber hätte er bei seinen Schadengeschäften
-statt der elastischen Lust der Bosheit die deprimierende Unlust der
-Scham, so würde er sie bald aufgeben. Er ist jedoch mit voller Lust
-bei der Sache und ist in jeder Hinsicht ein Schamloser, was sich
-zumal auch auf dem Ursprungsgebiet der Scham wie der Lust zeigt. Er
-ist, wie man so sagt, gemein, ungewöhnlich gemein; aber in Verbindung
-mit dieser rohen Niedertracht und in ihrem Dienste steht ein ganz
-ungemeiner witziger, schneller, geübter, vor keiner Konsequenz
-zurückschreckender und durch seelische Hemmungen, wie ehrfürchtige
-Scheu oder Pietät, durch Religion also keineswegs gebändigter Verstand.
-Fromm ist Jago weder im Sinn irgend einer Glaubensgemeinschaft noch
-der zähmenden Zucht; er ist witzig und wild. So haben sich in ihm
-die Intellekt-Tugenden ausgebildet, die seiner Stellung entsprechen:
-dieser sein Witz ist scharf, stechend und aufbegehrend, besonders wenn
-er hochmütig und höhnisch gegen Dumme ist, er hält aber fast alle
-für dumm; und er arbeitet mit Logik, Berechnung, System, Ausdauer,
-trockener Ruhe und schneller, improvisierender Anpassung an jede
-Situation und jeden Zwischenfall.
-
-Die unerhörte Wirkung der großen Szenen zwischen Jago und Othello
-kommt daher, daß zwei Kühnheiten, Raschheiten grundverschiedener Art
-zusammenstoßen und, indem die eine die andere bis aufs Blut haßt,
-einem Ziele zu, zur Vernichtung Desdemonas, zusammenwirken. Das sind
-zwei Unruhen gegen eine stille Frauenseele. Othellos Raschheit ist die
-Leidenschaft, die Trübung, der Affekt, die Glut und Wut der Seele, die
-hochschießt, sowie er sich für betrogen, für entehrt hält. Aus Othello
-bäumt sich ein wütiger brüllender Stier, nur daß immer wieder das
-Gemüt, die im Herzen getroffene Innigkeit und unter Jagos Händen die
-Überlegung, die Dialektik, ein Zorn, der sich in Denken und Planen
-verkleidet, dazukommt. Jago aber ist wie der flinke Stierkämpfer, der
-jeden Vorteil wahrnimmt, ein kaltblütiger, geschmeidiger, eleganter
-Schütze. In diesem Verhältnis hat Jago, der aufstrebende Plebejer mit
-dem Vernichtungswillen, alle aktiven Tugenden des Überlegenen; Othellos
-Vernichtungswille ist dem Anlaß nach eingeimpft, wiewohl das Gift nicht
-wirken könnte, träfe es nicht verwandte Stoffe im Blut des Mohren;
-Othello der General ist Jagos dienendes, mit der Ursprungswildheit
-seiner Natur dienendes Werkzeug, ist wie ein im Handeln leidender
-Knecht, der, je freier und wilder, je entfesselter er seine Tatkraft
-losläßt, um so wehrloser geopfert wird; dabei ist aber dem äußern
-Anschein nach das Verhältnis so, daß Othello als unabhängiger,
-gebietender Mann seine Ehre wahrt und sein Haus reinigt, daß Jago ihm
-nur pflichtschuldig, treu und beflissen Dienste tut.
-
-Jagos Psychologie ist Physiologie; er ist ein vollendeter Zyniker; er
-nennt alles beim „rechten“, beim hundsgemeinen Namen; das wahre Wesen
-der Welt ist für ihn völlige Erbärmlichkeit; und so stellt er die
-Gemeinheit aller Menschen, in Ausnahmefällen den Edelmut als Dummheit
-in seine Rechnung.
-
-Bei solchen Eigenschaften hat er es leicht und ist es ihm Bedürfnis,
-seinem Haß gegen den Herrn immer weiter einzuheizen; das Gerede, der
-Mohr habe mit seiner, Jagos, Frau Umgang gehabt, glaubt er, weil er die
-Menschen so beurteilt, daß so etwas ihn ohne weiteres wahrscheinlich
-dünkt; und überdies will er es glauben, weil dieser Glaube, für den er
-keinen Beweis hat und keinen braucht, ihm paßt. Dem Cassio traut er
-das nämliche zu. Der wahrhaft Mißtrauische und Eifersüchtige in diesem
-Stück ist Jago; sich selber, seiner Frau und aller Welt traut er,
-besonders im Geschlechtsverkehr, jede Gemeinheit, jede Unbedenklichkeit
-zu, wenn nur Gelegenheit da ist.
-
-So spielt er in lüsternem Vorgenuß mit dem Gedanken, später einmal,
-bald einmal Desdemona zu genießen. Ihre holde Anmut, ihre Reinheit
-ist ihm ein besonders verführerischer Reiz. An eine von innen her
-bedingte, wesenhafte Reinheit glaubt er nicht, und so hat Desdemona
-etwas Unfaßbares und im Grunde Verhaßtes für ihn an sich, das ihn mehr
-kitzelt als begreifliche Sinnlichkeit. Überdies wird er wohl zwar nicht
-auf Seelenzüchtigkeit, aber auf eine gewisse physische, von strenger
-Aufsicht stammende Unberührtheit und Mädchenhaftigkeit viel Wert legen,
-wie die Männer in den orientalischen Märchen und Renaissancenovellen.
-Was Jago in der schauderhaften Wirklichkeit, die uns die Tragödie
-erleben heißt, zustande bringt, will er ursprünglich keineswegs:
-auf diesen Ausbruch Othellos, auf die Ermordung einer wunderschönen
-reizenden Frau fast unmittelbar nach der Hochzeit -- wegen so was! das
-tun sie doch alle bei Gelegenheit! uns Hörner aufsetzen! -- darauf
-war er nicht gefaßt. Sein Zweck ist, durch seine Verleumdung und mit
-Rodrigos Hilfe Cassio aus dem Wege zu schaffen; dadurch will er,
-
- Daß Lieb und Lohn der Mohr mir zollt,
- Weil ich so glänzend ihn zum Esel mache
- Und ihn verstöre bis zur Raserei.
-
-Und bei der Gelegenheit, nebenbei -- denn die Karriere ist ihm die
-Hauptsache, das Geschlechtliche ist ihm nur eine sehr angenehme
-Lustbeigabe wie seine Bosheit -- will er, nachdem er erst die junge
-Ehe erschüttert hat, in sie einbrechen und die junge Frau des alten
-schwarzen Esels kirre machen. „Bis zur Raserei“ will er seinen General
-bringen -- das will er ausprobieren -- er weiß ja, daß Eifersucht
-rasend macht, weiß es nur zu gut, hat indessen diese gemeinen Wüte
-immer bei bester Gesundheit überstanden, weder ihm noch dem Eheweib
-sind sie je ans Leben gegangen; aber wie Othello ist, wenn er rast, das
-weiß er nicht; er kennt ja weder die Wildheit noch den Adel des Mannes;
-als besonders Beherrschten, Gefaßten hat er ihn nur immer gekannt:
-
- Wie, kann
- Er zornig sein? Ich sah, wie die Kanone
- Ihm seine Reih’n geschleudert in die Luft
- Und, gleich dem Teufel, von der Seit’ ihm riß
- Den eignen Bruder -- kann er zornig sein?
-
-Jagos Verfahren ist, wie er sich’s liebt, sehr kompliziert, sehr aus
-Haß und Berechnung gemischt und also keineswegs vorsichtig, sondern
-gewagt und an der äußersten Grenze spielend: mit seiner Intrige will
-er es zugleich zu Othellos Vertrautem und erstem Offizier bringen und
-auf dem Wege zu diesem Ziel ihn peinigen bis aufs Blut. Der verwegene
-Kerl, dem Kopf und alle mit Saft gefüllten Gefäße vor Drang und lustig
-bösem Ungestüm fast platzen, hätte an all seiner Klugheit keine Freude,
-wenn sie bedächtig wäre. So wie er’s tut vorzugehn entspricht seiner
-Natur und überdies seiner allgemeinen Stellung in der Gesellschaft
-und der besondern Situation, wie sie sich ihm bietet: Othello hat
-den jungen hübschen Mann, der bei Desdemona sein Freiwerber war und
-vertraut mit ihr verkehrt, zu seinem ersten Offizier gemacht; jetzt
-eben wird die unpassende Ehe zwischen dem alternden Mohren und der
-blühenden Venezianerin geschlossen; da ist der närrische Rodrigo auf
-Jagos Veranlassung mit gespicktem Beutel mit nach Zypern gekommen,
-der Desdemona durchaus besitzen will und sich also trefflich zu Jagos
-Werkzeug eignet, -- die Karten sind gemischt, das Spiel kann losgehn:
-Cassio ist Trumpf.
-
-Der wird erst -- der Zärtling verträgt nichts -- betrunken gemacht;
-ein Kinderspiel für Jago in der Siegesnacht, der Hochzeitsnacht; es
-gibt Streit mit Rodrigo, Cassios Degen fliegt aus der Scheide, Jago
-sorgt dafür, daß die Sturmglocke geläutet wird, der Gouverneur von
-Zypern, der dazwischen tritt, wird schwer verwundet, Othello eilt
-herbei: Cassio wird abgesetzt. Wer weiß, ob das endgültig wäre? Bei der
-gutmütigen Natur des Mohren? Und überdies, der muß gepeinigt werden.
-Jago macht gern ganze Arbeit. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. Jetzt
-muß Cassio Desdemona zur Fürsprecherin wählen, sofort, sowie der Tag
-dämmert; und wie nun Cassio, von Jagos gefügiger Frau hingebracht, bei
-Desdemona im Garten ist, bringt Jago Othello von ungefähr dazu:
-
- Hah! das gefällt mir nicht --
-
-um sich dann gleich auf die Lippen zu beißen; er will nichts gesagt
-haben.
-
-In Othello wühlt es unterirdisch: er spricht zerstreut, freundlich,
-beherrscht weiter; aber er will bald allein sein; kaum weiß er, warum.
-Doch Jago läßt ihn nicht los; klug flicht er allgemeine Betrachtungen
-über Sein und Scheinen in ein Gespräch über Cassio. Und dabei fällt
-immer mal eine Andeutung; und Othello muß merken, daß der treue Gesell
-behutsam und schonend zu ihm spricht. Vor ein paar Stunden hatte Cassio
-in seiner Verzweiflung allerlei pathetische Dinge über den guten Namen
-gesagt; die wendet Jago jetzt Othello gegenüber an der rechten Stelle
-an. Dann warnt er seinen General vor der Eifersucht, noch ehe der sie
-im Oberbewußtsein hat.
-
-Eifersucht? Als langen, bohrenden Zustand? Wohl gar als ekle
-Gewohnheit, auf dem Grunde der beinahe zur Mode gewordenen
-Voraussetzung der Männer, daß die Frauen sie alle zum Hahnrei machen?
-So eine Ehe? Nein, das ist für Othello nicht auszudenken. Darum ist
-er nicht so lange Junggeselle geblieben; darum hat er nicht sich
-einer Desdemona in heilig verehrender Liebe geneigt. Wie hatte er sie
-doch begrüßt, als sie nach Flucht, Trennung und Wettersturm endlich
-vereinigt waren?
-
- Lust meiner Seele!...
- Jetzt zu sterben,
- Das wäre höchstes Glück; denn ich befürchte,
- So volles Maß der Freude füllt mein Herz,
- Daß nie ein andres Glück mir, diesem gleich,
- Im Schoß des Schicksals harrt.
-
-So einer ist Othello: im höchsten Glück denkt er ans Sterben. „So
-absolut“ -- sagt Shakespeares Original -- hat seine Seele ihre
-Befriedigung; so absolut braucht er Liebe, ganze, ungeteilte Liebe;
-so unmöglich ist ihm ein Gedanke an irgendwelches Zugeständnis an
-Geteiltheit oder Niedrigkeit.
-
- Einmal zweifeln, heißt entschlossen sein
- Auf einmal.
-
-Aber -- und da ist der Unselige schon vergiftet --
-
- Sehn will ich, eh’ ich zweifle!
-
-Proben will er, Beweise!
-
-Und nun warnt Jago ganz gradezu, bieder, treuherzig:
-
- Ich kenn’ die Sitten von Venedig --
-
-Diabolisch erinnert er an die verächtlichen Worte, die Desdemonas
-eigener Vater, der sein Kind doch kennen wird, ihm mit auf den Weg
-gegeben hat:
-
- Sieh scharf und denk’ an mich:
- Den Vater täuschte sie, sie täuscht auch dich!
-
-Jetzt ist er an der richtigen Stelle; da bohrt er logisch weiter.
-Wie das junge Ding sich gut verstellen konnte, als sie jüngst mit
-dem Mohren aus dem Vaterhaus floh; mit dem Mohren! Sie konnte doch
-eigentlich so viele Landsleute, junge Leute, Männer ihrer Rasse und
-Farbe haben.
-
-Dann bricht Jago wieder ab, bittet Othello, nur nicht aus der Fassung
-zu kommen, über solche Dinge nicht zu grübeln; damit bringt er ihn
-gerade dazu.
-
-Othello will allein sein, und auch Jago hält es für gut, sein Opfer
-für eine Weile sich selbst zu überlassen. Es kommt zu einer kurzen
-Begegnung Othellos mit der Frau; er kann schon nicht mehr recht
-freundlich zu ihr sein, wiewohl er bei ihrem Anblick sich sagt, daß
-so die Treue selbst aussehen muß. In dieser knappen Szene nun ist
-die Ökonomie Shakespeares mit seinen Mitteln vielleicht aufs engste
-gespannt. Desdemona ängstigt sich über Othellos matten, gepreßten Ton
-und fragt ihn besorgt, ob ihm nicht wohl sei. Othello, der schon nicht
-mehr sicher ist, ob diese Teilnahme nicht erheuchelt ist, dem immer das
-ekelhafte Bild der gehörnten Ehemänner vorschwebt, --
-
- Im Mutterleib ist der gehörnte Fluch
- Schon über uns verhängt --
-
-gibt mit grimmiger Zweideutigkeit zur Antwort, er habe einen Schmerz
-auf seiner Stirn.
-
- Ei ja, das kommt vom Wachen,
-
-meint Desdemona in lieblich freier Erinnerung an die Nacht, und will
-ihm die Stirn mit ihrem Taschentuch verbinden; wie gern berührt sie
-dieses edle Haupt! Sie, an der es in ihm zweifelt, die jetzt eben
-mit Cassio so vertraut beisammen war, hat an die Nacht, an diese
-Nacht erinnert, sie will an die Stirn, an diese Stirn rühren und ein
-Band darum binden; er stößt sie unwillig weg und führt sie ins Haus.
-Desdemona, der er damit in einer Weise begegnet ist, die sie nie an
-ihm gekannt, nie geahnt hat, ist bestürzt, denkt nicht an das Tuch,
-das dabei zu Boden gefallen ist, und geht mit ihm. Das aber ist eben
-das Tuch, das Jago durchaus haben will, wegen dessen er -- sein Plan
-ist schon lange fertig -- seiner Frau schon auf der Überfahrt immer
-im Ohr gelegen hatte: auf die natürlichste Art, nicht durch irgend
-einen neuen Zufall, sondern im Zusammenhang mit Othellos Qual, kommt
-es jetzt Desdemona abhanden, wird von Emilia gefunden und sofort
-Jago apportiert. Wenn Shakespeare so in einem Auftritt, den er zur
-Fortführung der äußern Handlung nötig hat, dabei ungezwungen die
-seelischen Vorgänge bis ins Mark hinein weiterführt, so sehen wir,
-daß das vollendetste Maß der Technik nur der größten Innigkeit, dem
-Hineinknieen in den Vorgang zwischen den Menschen erreichbar ist; daß
-der raffinierteste Theatraliker der technischen Kunst des Dichters,
-wenn’s zum Höchsten steigt, nicht nachkommen kann.
-
-Jago hat nun, was er braucht: die Sache; die Ecke, um die man nicht
-herumkommt; das Beweisstück, das unumstößlich mit der Gewalt der
-Sinnenwahrnehmung überführt; das ~corpus delicti~.
-
- Tand, so leicht wie Luft,
- Ist für den Eifersüchtigen Beweis,
- Wie’s Wort der heil’gen Schrift.
-
-Othello hat es nicht lange bei Desdemona ausgehalten; er kommt wieder
-in den Garten heraus und begegnet da wieder Jago. Jetzt ist er schon
-in voller Verzweiflung und in schlimmster Krise: kann Desdemona anders
-sein, als sie scheint, so möchte er wahrlich wünschen, er selbst wäre
-anders als er ist! Er kann es nicht ertragen, kann nicht mehr leben,
-wenn sie untreu, wenn sie also nicht sie selbst, wenn sie eine Dirne
-ist. Aber wenn er’s gar nicht wüßte? Wenn sich nichts für ihn verändert
-hätte? Diese greuliche Vorstellung ist sein letztes Anklammern ans
-liebe Leben; dann könnte er ja weiter leben mit dem holden Schein, den
-er für Sein nähme; im Glauben an die Liebe. Aber nun, -- er sagt gar
-nicht mehr Wenn; er macht einen Sprung; für ihn ist der Beweis, die
-Entscheidung, das Ende schon da. Nicht die Vorstellung, was er ihr tun
-wird, lebt zuerst in der Phantasie des adligen Mannes; das Bild seines
-Lebens steigt auf, das nun vollendet sein muß; er nimmt Abschied. Und
-nun hören wir erschüttert, wie der einsame Mann bisher nichts gekannt
-hat, als mühvoll errungenen Frieden in seinem Innern und tapfern,
-rauhen Streit draußen; wir ahnen, wo er sich nun von diesem Frieden
-und diesem Krieg loslöst, was die süße Desdemona diesem männlichen
-Leben hätte bringen sollen. Wir möchten ihn beschwören, zu sich zu
-kommen; aber er hat sich nun schon in Tapferkeit gefaßt, ist fertig und
-entschlossen und will der Wahrheit und dem Tod ins Auge sehn. Indem er
-auf Jago losfährt, ihn an der Gurgel packt:
-
- Schuft, gib mir Beweis,
- Daß ich ’ne Hure liebe --
-
-ist er ein verwandelter, ein schon hinübergetretener Mann; er ist in
-der Wolke des Zorns; er will nicht untersuchen; in dem Zwischenraum des
-Zweifels, des Mißtrauens, der Eifersucht hält es der Absolute nicht
-aus; er will den Beweis, er lechzt nach ihm; er braucht nichts andres
-mehr im Leben als ihn; er will sehen, was ihn vernichtet hat.
-
-Jago liefert die Beweise überreichlich; aber er will ihn langsam
-foltern; er beginnt mit schmählichen Lügen, die er erfunden hat, die
-aber äußerst gravierend sind, sowie Jago ein ehrlicher Kerl ist; und
-warum soll denn einer so was erfinden? Und völlig glaubhaft gemacht
-werden seine Erfindungen eben durch die Kleinigkeit, die Othello
-zunächst von Jago erfährt: das Taschentuch, ein heiliges Andenken, ein
-Talisman, das erste Geschenk seiner Liebe, ist in Cassios Besitz; der
-hat sich den Bart damit gewischt. Othello versucht es noch einmal mit
-Desdemona; verlangt das Tuch von ihr. Sie ist in rechter Verlegenheit,
-hat es gleich vermißt, gesucht und nicht gefunden. Aber -- sie ist
-ja ganz harmlos -- seine Hartnäckigkeit, davon und von nichts anderm
-zu reden, nimmt sie nur als seine Auskunft, sie von ihrer lästigen
-Fürbitte für den entlassenen Cassio abzubringen. Und nun antwortet die
-Mitleidige, Eifrige, die Cassio hochschätzt und sich in ihrem sichern
-Urteil über den wertvollen Mann nicht beirren läßt, auf jede Frage nach
-dem Tuch mit immer dringlicheren Worten, die alle von Cassio handeln!
-
-Ist’s noch nicht genug? Jago legt eine Pause ein; er braucht aus
-äußern Gründen Zeit, und es lüstet ihn, die Qual des Mohren, bis
-Cassio zum Untergang reif ist, noch eine Weile mitanzusehen. Jetzt
-setzt er ihm wieder mit unbestimmten Redensarten aus dem wüstesten
-Bereich zu; Othello muß Desdemona immer in der widerlichsten Situation
-vor Augen haben: er sieht, sieht es ganz klar, unentrinnbar: sein
-Weib, dieses zarte, innig scheinende Mädchen, das jetzt eben ganz die
-Seine geworden, ist eine Dirne, nichts Besseres. Da wird er toll.
-Er ist völlig wie im Delirium, redet unzusammenhängende Worte des
-Nichtbegreifens; die Überführung -- die Beweisstücke -- die Rache --
-all dieses Niedrige, durch das er hindurch soll -- die schmierige
-Gemeinheit dieser Welt der Leiber und Sinne -- all das geht ihm
-durcheinander:
-
- Taschentuch -- gestehn -- -- gestehn und für die Mühe gehängt --
- erst gehängt, dann gestehn -- -- -- Nicht Worte schütteln mich so
- -- ah, pfui, Nasen, Ohren und Lippen -- Ist’s möglich...
-
-Er fällt in tiefe Ohnmacht.
-
-Und kaum ist er wieder erwacht, so erhält er den Beweis, handgreiflich,
-für Ohren und Augen. Er hört, und es ist nicht der leiseste Zweifel
-möglich, so kindisch einfach auch die Mittel sind, mit denen sich Jago
-diesem Leichtgläubigen, Verrannten gegenüber begnügen kann, hört, wie
-Cassio mit schimpflich schwatzender Vertraulichkeit zu Jago von seinem
-Liebesabenteuer mit Desdemona spricht. Und ein Zwischenfall, den Jago
-nicht vorhersehen konnte, der ihm sogar hätte gefährlich werden können,
-wird sofort von ihm benutzt und nimmt ihm viel Arbeit ab: Othello sieht
-das Tuch, sieht, wie es Cassio von einer niedrigen Buhldirne, die mit
-ihm keift, als sein Eigentum, als Gabe eines andern Liebchens vor die
-Füße geworfen erhält!
-
-Davon, daß Desdemona von Liebe zu einem andern überwältigt wäre, ist
-gar keine Rede. Othello sieht vor Augen, weiß jetzt, es ist bewiesen,
-daß sie ein verworfenes Geschöpf, daß Cassio, den er so hoch geachtet,
-ganz ihresgleichen ist; die Welt entschwindet ihm; es ekelt ihn so
-gräßlich, wie wenn einer eine Blume pflücken will und in Kot faßt.
-
-Nun ist entsetzliche, fassungslose Wut und Entschlossenheit,
-felsenfeste, zur Rache, ist Beherrschtheit und sogar unheimliche
-Ruhe seltsam in ihm beisammen. Immer wieder hält er sich ihre holde
-Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit, die Stunden, die sie in Venedig
-zusammen verbracht, vor Augen. Daß die Welt so ist: all diese Anmut,
-die aus der Seele zu strahlen scheint, ist nur obendrauf gemalt, und
-unten ist eitel Laster und Niedrigkeit: wie schade ist es!
-
-Als dann aber der Gesandte Venedigs eintrifft, Cassio -- welcher Hohn!
--- zum Gouverneur auf Zypern ernannt wird und Desdemona unschuldig und
-frei -- für Othello grauenhaft schamlos -- ihrer Freude Ausdruck gibt,
-da schlägt er sie.
-
-Und in der Nacht darauf bringt er sie um. Als Jago sehen mußte, wie
-dieser Mann aufs letzte ging und nicht anders konnte als sie töten,
-hatte Jago in scheinheiliger Tugend den Rat gegeben, wie er sie töten
-sollte: er erstickt sie mit dem Bett, auf dem sie -- tausendmal, sagt
-Othellos wahnsinnige Übertreibung -- Unzucht getrieben. Und hört und
-sieht nicht mehr, wie sie ist: denn er glaubt nicht mehr, kann nicht
-mehr glauben, daß sie ist, wie sie scheint. Wir kennen die schmerzliche
-Frage aus Troilus’ des jungen Kriegers Mund:
-
- ~Beauty, where is thy faith~?
-
-Das heißt ja nicht nur: Schönheit, wo ist deine Treue? Es heißt auch:
-Schönheit, wie kann man an dich glauben? Wo ist deine Verläßlichkeit?
-Und Othello ist jetzt in der Lage, wo er fragt: Schönheit der Seele,
-die du nur scheinen kannst, wo ist dein Beweis? Er hat sein alles
-an diese Liebe gesetzt; Desdemona war ihm, der sich nach Stille und
-Frieden sehnte, der sich in die Hand genommen und beherrscht hatte und
-in dem doch noch immer so viel Aufruhr unterirdisch drängte, wie eine
-Erlöserin, Erretterin, wie sein guter Engel gewesen:
-
- Du süßes Kind! Verderben meiner Seele,
- Lieb’ ich dich nicht! und wenn ich dich nicht liebe,
- Dann kehrt das Chaos wieder.
-
-So hatte er sich’s warnend, beschwörend vergegenwärtigt, als der Wurm
-zuerst in ihm zu nagen anfing; und nun? Nun ist das Chaos da; die
-ihm als Reine erschienen war, die in Wahrheit, nur weiß er’s nicht,
-die unverstellte Reinheit ist, die ist nur Erscheinung für ihn, nur
-trügerische Hülle; er glaubt an Jago, der sich verstellt: der hat so
-„bewiesen“, wie die Schönheit niemals beweisen kann. Der sprechende,
-der zerlegende Verstand hat die unsichtbare, schweigende Seele besiegt.
-
-Und doch! Erinnern wir uns nur zur rechten Zeit, wo erschütterndes
-Mitleid und Erinnerung an unsre eigene bitter ernste Welt des
-Zerreißens uns schier umbringen will, daran, was der Dichter nie ganz
-vergessen lassen will: es sind ja alles nur Bilder! Das ist das beste
-Mittel gegen das Gefühl der Gräßlichkeit, und wir haben es mit Worten
-etwas andrer Herkunft schon genannt, dieses Wissen: was da stirbt, es
-sind nur Bilder! Was da tötet, ist nur erschaffene Gestalt! Halten
-wir’s doch auch im leibhaften Leben, wo wirkliche Schmerzen wirklich
-weh tun, nur so aus, daß wir uns sagen: Siehe, der Mensch gehet dahin,
--- etwas aber ist, das durch allen Tod hindurch weiterlebt, das bleibt,
-das ist.
-
-Und so, nachdem wir in aller Erschütterung über dieses Traumbild des
-Lebens die Ruhe und Kühle wieder erlangt haben, die zugleich mit der
-Wärme in jeglichem vollendeten Kunstwerk und in jeder reinen Aufnahme
-der Kunst zu sein hat, dürfen wir uns sagen: Die Seele, die da stirbt,
-lebt weiter, lebt in der Tat gar, die sie tötet. Sehen wir jetzt nur
-ab von all dem schauderhaften Irrtum, in den Othello verstrickt ist;
-das ist ja nur der böse, wirre Fiebertraum des gespaltenen Lebens, --
-die Gesinnung, aus der heraus er handelt, trotz Betäubung, Umdunkelung,
-Wut, ist adlig, seelenvoll, groß, ist seiner und Desdemonas würdig.
-
- Die Sache will’s, die Sache will’s, mein Herz!
- ~It is the cause, it is the cause, my soul~:
- Laßt mich’s nicht nennen euch, ihr keuschen Sterne!
- Die Sache will’s.
-
-Die Übersetzung von Baudissin-Tieck ist vielfach angetastet
-worden. Vischer sagt: „Grund hat es“. Gundolf, wieder ganz aus dem
-Zusammenhang, dem Stil, dem Sinn plumpsend: „Das ist die Tat“.
-Man möchte weinen über solche Undankbarkeit. Die Übersetzung von
-Baudissin-Tieck hat sonst der Fehler im großen und kleinen mehr
-als genug; hier ist sie prachtvoll, ist Schlegel, ist Shakespeare
-ebenbürtig. Othello geht es in Wahrheit um die Sache: so Schönes muß
-Sprache der Natur, muß Zeichen des Wesens, muß wahr sein; oder, wenn es
-nur Sprache wie des Menschenmundes -- wir sagen dazu: Sprache wie Jagos
--- ist, wenn es nur Lüge und Schein ist, darf es nicht leben! Othello
-ist in diesem Augenblick vor seiner Tat zu Mute, wie es Hamlet von sich
-fordert, da es Rache zu nehmen gilt: der ungeheuerste Betrug darf die
-Erde nicht beflecken; in der Welt stimmt Entscheidendes nicht, solange
-diese grauenvolle Sphinx lebt; er ist berufen, die Ordnung der Welt
-wiederherzustellen.
-
-Darum, weil er aus diesem Geiste heraus getötet hat, ist denn auch sein
-Weh, wie Emilia in echtem Schmerz um das Heilige sich über sich selbst
-erhebt und -- ihrem Mann, den sie sonst feige fürchtet, ins Gesicht --
-tapfer für die Wahrheit zeugt und alles enthüllt, so groß, so gefaßt,
-so wie schon längst im Untergang stehend. Die Welt wird um ein edles
-Paar ärmer sein; aber an Tugend, an Schönheit, an liebliche Innigkeit
-darf man wieder glauben: es war alles ein wüster Traum. Sein Leben
-ersteht noch einmal, als Ganzes zusammengefaßt, vor ihm: ein Seefahrer
-war er, ein Reisender, vom Wind über weite Meere getrieben:
-
- Hier endet meine Fahrt, ich bin am Ziel,
- Dies ist die Seemark meines letzten Segels.
-
-Jago!! Der Betrüger! Der Teufel! Der eigentliche Mörder! Der dunkle
-Othello sticht sofort wütend auf ihn los; aber der Helle weiß es dann
-gleich besser: Er soll leben!
-
- Wie mir zu Mut, ist Sterben Seligkeit.
-
-Aber in Ehre will er sterben, wie er gelebt hat. Sein Wesen baut er
-auf, wie sie ihn schildern sollen, wenn sie nach Venedig schreiben,
-und nicht mit dem leisesten Gedanken kommt ihm in diesem Augenblick,
-wo es nur um Wesenhaftes geht, zu Sinn, er gehöre einer andern Rasse,
-einer andern Welt an, als alle die, an deren Achtung ihm gelegen ist:
-ein Mann war er und ein Kind, fest und weich, ein Herr in Ruhe, ein
-Knecht des Zorns, wenn die Wirrnis ihn umgarnte -- -- und -- nun fängt
-er an zu erzählen, wie er im Zorn einst für die Ehre Venedigs eintrat
-und -- alle sind gespannt, achten nur auf die Sache, nicht mehr auf den
-Menschen, der vor ihnen steht -- und in der Gebärde des ehrenhaften,
-soldatischen Tötens tötet er rasch, blitzgleich sich selbst.
-
-Und stirbt an der Brust Desdemonas, im Kuß.
-
-Desdemona? Sollte man sie nicht dem Gefühl überlassen dürfen? Wäre
-von ihr zu schweigen nicht schöner als von ihr zu reden? Obwohl ein
-recht bekannter Kommentator von ihr gesagt hat, sie sei verzogen,
-eigensinnig, selbstsüchtig, undankbar, launisch, blasiert? Sie ist in
-Wahrheit hold und rein, stark auch, wo’s ihre Liebe gilt, obwohl sie
-sonst, ihr Vater sagt’s, „niemals kühn“ war,
-
- So schüchtern stillen Sinns, daß jede Wallung
- In ihr errötet vor sich selbst, --
-
-sanft wieder, wo es gilt, den Geliebten zu schonen, ihm den Willen zu
-tun. Ihre Seele ist so vollendet schön, wie jene Madonnenbilder schön
-und vollendet sind, vor denen es der Kritiker fast nicht aushält, an
-ihnen gar nichts zu mäkeln zu finden. Sehr fein und richtig sagt Jago
-einmal von sich, daß er ~a critical~ sei; ein wenig gilt es schon
-auch umgekehrt, daß jeder Kritiker ein Jago ist.
-
-Am lieblichsten und anmutigsten ist sie in ihrem letzten Gespräch mit
-Emilia; der Schatten des Todes liegt schon über ihrem Zubettgehn;
-schwermütig ahndungsvoll singt sie das alte Lied von der Weide und
-vom Weinen; aber sie muß noch plaudern; wie viel Heiterkeit, wie viel
-Lust hat in diesen Tagen in ihr hoch wollen und ist so unbegreiflich
-unterdrückt worden; wir hören, wie sie nicht um die Welt untreu sein
-könnte; und wie wird sie da von Emilia zurückbeleuchtet, die sich
-überlegt: na, die Welt, die ganze Welt --, da müßte doch jede so ein
-bißchen untreu sein können! Sie aber kann sich’s nicht vorstellen, sie
-glaubt, auch Emilia scherze nur; so wie Emilia, Jagos Frau, in Wahrheit
-an Keuschheit und Treue nicht glauben kann, so meint Desdemona, die
-sich für gar nichts Besonderes nimmt, alle Frauen müßten doch natürlich
-so sein wie sie.
-
-Dabei ist sie so hold sinnlich, wie ein Mädchen aus dem Volk, wie
-Gretchen, deren Gestalt sie ja auch in manchem Zug zum Muster gedient
-hat. Als der Senat unmittelbar nach der heimlichen Vermählung den
-General in den Krieg schickte, fragte sie, fragte es unwillkürlich aus
-ihr heraus:
-
- Noch diese Nacht?
-
-Der Zug steht freilich nur in der Quartausgabe; und der prüde Vischer
-ist froh, sagen zu dürfen, Shakespeare hätte ihn also nachträglich
-getilgt. Ich glaub’s im Leben nicht; die Quartausgabe ist auch sonst
-manchmal verläßlicher als die Folio und überdies stammt sie ja erst aus
-dem Jahr 1622; in jedem Fall aber, daran zweifelt auch Vischer nicht,
-ist der Zug echter Shakespeare; und ich sage: echte Desdemona. Sie
-steht zu sich selbst, kennt keine falsche Scham und keine behutsame
-Vorsicht: sie ist ein Naturkind, ein beseeltes Geschöpf und hat, wie
-manche hohe Frauengestalt italienischer Renaissance, den Geist und
-die Aktivität ihrer Natur und Seele. Gegen den Kriegsmann Othello hat
-sie sich lange gewehrt und hat kein Hehl aus dem gemacht, was ihr
-nicht gefiel; als sie sich dann seinem Adel und seiner innigen, fast
-flehentlichen Liebe neigte, als sie sah, daß ihr beschränkter Vater
-Schwierigkeiten machen würde, floh sie kühn in die Ehe; trotzig
-führte sie zu Ende, was sie beschlossen hatte, und setzte es vor der
-feierlichen Ratsversammlung durch, mit ihrem Mann in den Krieg, übers
-Meer zu dürfen; in ihrem Beschluß, für Cassio einzutreten, ließ sie
-sich von nichts beirren, eine selbständige Frau eigenen Sinnes, wie
-sie Shakespeare dann wieder in Hermione dem eifersüchtigen König
-Leontes an die Seite gegeben hat. Und wie sanft, hingebend, tragend ist
-sie hinwiederum bei den Unbegreiflichkeiten, Schroffheiten, bei der
-Mißhandlung des Gemahls. Noch sterbend denkt sie nur an den geliebten
-Mann, der sie, vor dem Ende hat sie ja eben noch den Zusammenhang wie
-von ferne geschaut, zufällig, zum Unglück hat umbringen müssen; Emilia
-fragt:
-
- Wer hat die Tat vollbracht?
-
-und mit ihrer letzten Kraft sagt die Sterbende:
-
- Niemand -- ich selbst -- leb wohl --
- Empfiehl mich meinem gütigen Herrn.
-
-Das ist Shakespeare, dem in einem und dem nämlichen Menschen die
-Gegensätze, in einer Desdemona Trotz und Sanftmut zusammenpassen, und
-der imstande ist, so lieblos unerbittlich wie liebend hingegeben in
-die Welt zu blicken, der das Weib als Cressida gekannt hat und als
-Desdemona und auch als das, was halb und unsicher, gemein und gutmütig,
-brav, wenn’s nicht viel kostet, und schlecht, wenn’s nicht viel kostet,
-dazwischen pendelt, als Emilia.
-
-
-_Ende des ersten Bandes_
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Shakespeare (Volume 1 of 2), by Gustav Landauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SHAKESPEARE (VOLUME 1 OF 2) ***
-
-***** This file should be named 52012-0.txt or 52012-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/2/0/1/52012/
-
-Produced by Mark C. Orton, Itay Perl, Reiner Ruf, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-(This book was produced from scanned images of public
-domain material from the Google Books project.)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-