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- The Project Gutenberg eBook of Novellen, by Hans Arnold.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Novellen
- Hausgenossen. -- Und Doch! -- Der tolle Junker. --
- Finderlohn. -- Glück muß man haben!
-
-Author: Hans Arnold
-
-Release Date: April 30, 2016 [EBook #51901]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert Müller and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<h1>
-Novellen</h1>
-
-<p class="center spaced">von</p>
-
-<p class="author">Hans Arnold.</p>
-<div class="center spaced">
-<div class="boxed">
-<p class="center"><a href="#Hausgenossen">Hausgenossen.</a> &mdash; <a href="#Und_doch">Und doch!</a><br />
-<a href="#Der_tolle_Junker">Der tolle Junker.</a><br />
-<a href="#Finderlohn">Finderlohn.</a> &mdash; <a href="#Glueck_muss_man_haben">Glück muß man haben!</a></p>
-</div>
-</div>
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
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-
-<p class="center">Berlin.</p>
-
-<p class="center gesperrt">Verlag von Gebrüder Paetel.</p>
-
-<p class="center">1881.
-</p>
-
-<p class="center spaced">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<p class="dedication">
-Herrn
-<br />
-<span class="big">Theodor Hermann Pantenius</span>
-<br />
-in dankbarster Verehrung
-</p>
-<p class="center-right">
-zugeeignet.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Hausgenossen" id="Hausgenossen">Hausgenossen.</a></h2>
-
-<p class="first">In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun
-schon seit zwanzig Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine
-Krauthoff und strickte, während sie, mit einer Hornbrille
-auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche las, welches
-sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.</p>
-
-<p>Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und
-Balsaminen, und an den Wänden hingen allerlei Photographien
-in jeder Größe und Stellung. Aber nur Bilder
-von jungen Mädchen &mdash; Fräulein Sabine war Lehrerin
-gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher
-Methode kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas
-und Rahmen &mdash; das hatte die Lieblingsschülerin des
-Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei deren Eltern die
-alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem
-großen Mädchen herangewachsen war.</p>
-
-<p>Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich
-mit der Zeit eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten
-und dem jungen Mädchen gestaltet. Käthe, die sonst leicht
-ein wenig hochfahrend sein konnte, ja die in ihren Bekanntenkreisen
-sogar wegen ihrer kurzen Antworten und
-ihres gelegentlichen Uebermuthes als &bdquo;sehr schnippisch&ldquo; bezeichnet
-wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein
-Sabine all ihre kleinen Airs ab, und wurde immer wieder
-zum Kinde, das seine Thorheiten beichtete und sich liebevoll
-absolviren ließ.</p>
-
-<p>Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen
-erstieg und an Fräulein Sabines Thür pochte &mdash; und so
-sehr hatte sich die letztere an diese täglichen Besuche gewöhnt,
-daß sie es recht schmerzlich empfand, als Käthe
-vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach auswärts
-ging und fast drei Wochen abwesend blieb.</p>
-
-<p>Doch nun war das vorbei &mdash; gestern hatte die Frau
-Doktor Lang sich ihr Töchterchen von der Eisenbahn geholt,
-und Fräulein Sabine erwartete nun ungeduldig den
-Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte belohnt
-werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das &bdquo;herein&ldquo;
-kam ein junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß
-gewachsen, mit einem übermüthigen Zug um den kleinen
-Mund, und einem sonnigen Lächeln in den dunkeln Augen.
-Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen ungestümen
-Herzlichkeit und setzte sich zu ihr &mdash; nicht auf
-den Stuhl, sondern aufs Fensterbrett.</p>
-
-<p>&bdquo;Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?&ldquo; fragte
-die alte Dame, nachdem sie den &bdquo;mitgebrachten&ldquo; warmen
-Shawl zur Genüge betrachtet und bewundert hatte.</p>
-
-<p>&bdquo;O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, was &bdquo;aber?&ldquo; fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll,
-und schob die Brille auf die Stirn zurück.</p>
-
-<p>&bdquo;Ach &mdash; ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen
-Dummheiten gemacht! Soll ich sie dir erzählen?
-aber du mußt nicht schelten?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das kann ich nicht so gewiß versprechen,&ldquo; sagte die
-Alte, indem sie ihren reizenden Liebling mit strahlenden
-Augen betrachtete, &bdquo;indessen fang nur an &mdash; es läßt dir
-ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und
-pflückte eine von den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun also,&ldquo; begann sie, &bdquo;ich reiste allein von Laura
-zurück, und auf einer kleinen Station &mdash; Siegersdorff &mdash;
-wo der Zug hielt, sah ich zum Coupéfenster hinaus. An
-der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber steht ein
-Herr und sieht mich an &mdash; nicht gerade unbescheiden, aber
-er fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so
-etwas kann ich nicht leiden, ich denke also: &bdquo;sollst ihm
-mal die Zunge herausstecken &mdash; der Zug fährt ja sofort
-ab, und du siehst ihn nie wieder.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber Käthe!&ldquo; rief das Fräulein erschrocken.</p>
-
-<p>&bdquo;Siehst du, siehst du, daß du schiltst!&ldquo; rief Käthe,
-und fiel ihrer alten Freundin ungestüm um den Hals,
-&bdquo;sei ganz still, sonst erzähle ich nicht weiter, und du hast dein
-Leben lang die Angst mit dir herumzutragen, daß ich etwas
-noch viel Schrecklicheres gethan habe, was du nicht weißt!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Alte machte sich lachend los.</p>
-
-<p>&bdquo;Laß mich nur &mdash; ich bin ja schon still! Also &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also &mdash; in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung
-setzt, führe ich mein Vorhaben aus! Nur ein
-ganz kleines bißchen, Sabine &mdash; ich dachte schon, er hätte
-es nicht gesehen! &mdash; aber er lächelte spöttisch und nahm
-den Hut ab. Da fuhren wir hin.&ldquo;</p>
-
-<p>Fräulein Sabine schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke.</p>
-
-<p>&bdquo;O ja, Sabine&ldquo;, sagte sie dann verlegen, &bdquo;aber &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, Sabine &mdash; die Geschichte ist ja noch gar nicht
-zu Ende, das Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren,
-aber kaum hundert Schritte weit &mdash; der Zug wurde zu
-meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf
-Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand
-auch noch der Herr &mdash; und hatte er vorhin gelacht, so
-lachte er nun erst recht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Angenehm!&ldquo; sagte Fräulein Sabine. &bdquo;Und wie benahm
-er sich?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre
-weg und stieg in dasselbe Coupé mit mir. Und wir
-fuhren mit einander bis hierher, wo er auch ausstieg!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe sprang vom Fensterbrett. &bdquo;Und was sagst du jetzt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Herzchen,&ldquo; erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig,
-&bdquo;was soll ich sagen? Zu geschehenen Dingen
-schweigt man am besten &mdash; das einzig Angenehme ist, daß
-du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen
-sollen, und streute ihre Nelkenblättchen in die Luft.
-&bdquo;Meinst du?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und
-zog die Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie
-sagen: &bdquo;aha!&ldquo; Sie schwieg aber.</p>
-
-<p>&bdquo;Weißt du, Sabine,&ldquo; begann Käthe nach einer Weile
-von Neuem, &bdquo;er &mdash; der Mitreisende &mdash; benahm sich
-übrigens sehr taktvoll. Da er merkte, in welch tödtlicher
-Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts vorgefallen
-sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen
-&mdash; ganz ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine
-alte Dame, die mitfuhr, von der Gegend sprach, und ihn
-fragte, ob er nicht auch während der Reise auf die hübsche
-Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: &bdquo;o ja &mdash; besonders
-in Siegersdorff!&ldquo; und dann sahen wir uns an und lachten
-beide &mdash; ich auch, Sabine &mdash; das konnte ich nicht ändern!
-Sonst war ich sehr würdevoll &mdash; nein, wirklich!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Davon bin ich überzeugt,&ldquo; sagte die Alte ernsthaft,
-&bdquo;wie sah denn dein Freund oder Feind aus?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr gut &mdash; groß, dunkelblond und humoristisch &mdash;
-und er war sehr hübsch angezogen.&ldquo;</p>
-
-<p>Die alte Dame lachte.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn&rsquo;s nur kein Weinreisender war!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht
-merkte!&ldquo; In dem Augenblicke klopfte es.</p>
-
-<p>&bdquo;Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen,
-Frau Majorin Scharff wäre da, und wollte etwas aus
-dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen hätten die Schlüssel
-mit.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Unausstehlich!&ldquo; sagte Käthe verdrießlich, &bdquo;Scharffs
-erwarten in den Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen
-sich wieder einmal die ganze Wirthschaft zusammen. Ich
-komme,&ldquo; rief sie dem Mädchen zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Ist der junge Scharff so &bdquo;gräßlich,&ldquo; wie du sagst?&ldquo;
-fragte Sabine.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe ihn nie gesehen &mdash; aber wenn von einem
-Menschen schon so viel gesprochen wird, hat man genug.
-&bdquo;Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint&ldquo; &mdash; so geht es
-immerfort, als ob <em class="gesperrt">ich</em> mich darum kümmerte, was ihr Kurt
-für Ansichten hat.&ldquo;</p>
-
-<p>Fräulein Sabine war auch aufgestanden.</p>
-
-<p>&bdquo;Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff
-möchte dich sehr gern für den &bdquo;gräßlichen Sohn&ldquo; haben.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke,
-Sabine &mdash; ich danke &mdash; ich will gar nicht heirathen &mdash;
-oder&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor!
-Deine Beichte war unvollständig! &bdquo;Oder&ldquo; heißt das etwa:
-&bdquo;oder die Bekanntschaft müßte damit anfangen, daß ich
-ihm die Zunge heraussteckte?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sabine,&ldquo; sagte das junge Mädchen würdevoll, &bdquo;ich
-begreife gar nicht, wie du mich so lange aufhalten kannst,
-wenn du hörst, daß Mama auf die Schlüssel wartet!&ldquo;</p>
-
-<p>Und fort war sie.</p>
-
-<p class="center noindent">*<br /><span style="margin-right:3em;">*</span>*</p>
-
-<p>Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei
-Käthens Eltern große Unruhe. An der Hausthüre war
-schon seit längerer Zeit eine Wohnung ausgeboten worden,
-und der Hausherr hatte sich bereits stummer Verzweiflung
-überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.</p>
-
-<p>Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt &mdash; die
-Vermiethungsfrage war der Tollpunkt des Doktors!</p>
-
-<p>So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner
-Thüre prangte, war er melancholisch &mdash; seine Gedanken
-irrten mit beängstigender Beharrlichkeit, aufgescheuchten
-Vögeln gleich, um das betreffende Quartier, und er begann
-und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine Frau
-mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja
-noch nie eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei,
-so grub der Doktor regelmäßig einen alten General aus,
-der inzwischen, nach der seitdem verflossenen Zeit zu schließen,
-längst zum Feldmarschall oder unter die himmlischen Heerscharen
-avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst ein
-volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.</p>
-
-<p>Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann
-ein neues Stadium in dem Zustande des Doktors. Er
-hatte für nichts anderes Sinn und Gedanken, als für die
-Chance, er sang mit dem französischen Grenadier &bdquo;was
-schiert mich Weib, was schiert mich Kind?&ldquo; und war für
-alle häuslichen Vorkommnisse taub und blind.</p>
-
-<p>Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein
-umdüstertes Gemüth ein Brief gefallen, in dem ein der
-Familie bekannter Baron von Rabeneck um die Erlaubniß
-bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte
-Wohnung in Augenschein zu nehmen.</p>
-
-<p>Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen
-und unsäglich neugierigen Herrn &mdash; aber in der Noth ist
-man nicht wählerisch &mdash; der Baron wollte miethen, und
-der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei Uhr mit
-fieberhafter Spannung entgegen.</p>
-
-<p>Die Familie &mdash; Käthe, die Älteste, ausgenommen, die,
-wie wir wissen, bei Fräulein Sabine war, saß um den
-Kaffeetisch. Eine stattliche Reihe von schulpflichtigen Kindern
-&mdash; zwar nicht so viel, als unser schwäbischer Freund
-besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der Seinen
-antworten konnte: &bdquo;ich danke, die &bdquo;Meischte&ldquo; sind wohl&ldquo;
-&mdash; aber immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen
-Spektakel zu machen.</p>
-
-<p>Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte
-Gruppe, die zur Eile angetrieben wurde, um
-beim Erscheinen des Miethers nicht den Eindruck der Räume
-abzuschwächen. Jetzt klingelte es.</p>
-
-<p>&bdquo;Kinder, schnell &mdash; trinkt aus, das ist er!&ldquo; rief der
-Vater, und ließ sich in der Eile zu der unmännlichen
-Handlung des Umgießens aus der Ober- in die Untertasse
-für seinen jüngsten Sohn verleiten &mdash; doch zu spät! Die
-Thür ging auf &mdash; aber nicht der Baron erschien, sondern
-das heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff.
-Die Kinder gingen trotzdem auf einen Wink der Mutter
-hinaus. &mdash;</p>
-
-<p>Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem
-Major a. D., die Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn
-waren ziemlich die beiden einzigen Gegenstände, welche sich
-die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern rechtmäßig
-besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn
-sie mit besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine
-gute, ganz gescheidte Frau von stets heiterem Temperament,
-hatte sie nur die Manie, alles zu verlegen, zu verlieren,
-und sich mit einer wahrhaft genialen Unverdrossenheit
-durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus
-der Verlegenheit zu ziehen.</p>
-
-<p>Ihr Mann wußte entweder nichts davon &mdash; oder er
-wollte nichts davon wissen, was ziemlich auf eins herauskommt.
-Er hatte es zu seiner Vorgesetzten und seinem
-eigenen größten Erstaunen bis zum Major gebracht und
-war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine
-Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich
-seitdem auf Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung,
-kein Familienereigniß freudiger oder trauriger Natur war
-bisher im Stande gewesen, ihn derart zu erregen, daß er
-nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die Seinigen
-gefragt hätte: &bdquo;machen wir heute keine Partie?&ldquo;</p>
-
-<p>Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend,
-wo sein einziger Sohn das Licht der Welt erblickte, zwei
-Stunden darauf einen Whisttisch herbeigeschoben und
-seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie Whist
-vorgeschlagen habe.</p>
-
-<p>So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm
-ungestört blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und
-seine Frau mochte die Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten
-Familien rekrutiren &mdash; ihn focht es nicht an.</p>
-
-<p>Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und
-tüchtiger Offizier die beste Carriere machte, hatte für ihn
-erst Interesse gewonnen, als er den Dritten beim Whist
-abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht hinderte,
-seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung
-an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück
-und der Stolz der Mutter, wurde, wie wir von Käthe
-gehört haben, erwartet, und die Frau Majorin hatte bereits
-eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen Waschtisch
-und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt,
-und kam soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel
-reiner Gardinen vakant wäre, da sie das Gastzimmer sonst
-soweit in Ordnung habe.</p>
-
-<p>Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und
-lud ihre Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, nein,&ldquo; sagte sie eilfertig, &bdquo;o ich habe noch sehr
-viel zu thun &mdash; denn, liebste Lang, ich komme mit einer
-großen Bitte &mdash; trinken Sie nicht heute Abend mit uns
-Thee? Keine Gesellschaft &mdash; nur etwa zwölf bis fünfzehn
-Personen &mdash; bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wir kommen herzlich gern,&ldquo; sagte die Doktorin,
-&bdquo;wenn mein Mann nichts dagegen hat.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doktor war herausgegangen, um die Straße
-herunter zu spähen, ob der Miether sich nicht zeigte. &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, was sollte er dagegen haben!&ldquo; sagte Frau
-Scharff, &bdquo;heut muß er kommen &mdash; ich habe eine kleine
-Überraschung vor! Aber liebe Lang &mdash; eine Bitte! Meine
-Pauline ist so ungewandt &mdash; können Sie mir Ihre
-Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei
-Gerichte, und sie ist so prächtig flink &mdash; das weiß ich!
-Im Hause geht das ja sehr gut!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,&ldquo;
-sagte Frau Lang lächelnd, &bdquo;kann ich sonst mit etwas
-dienen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun ja &mdash; wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel
-und zwei Dutzend Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn
-Weingläser und die silberne Zuckerdose leihen wollten, so
-wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und Beste &mdash;
-die beiden großen Lampen &mdash; aber lassen Sie sie bald
-füllen; meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das
-ist alles &mdash; denn die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser
-habe ich noch oben. Aber richtig &mdash; Sie haben
-wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline
-hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben
-Rehrücken und sie soll ihn noch spicken.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich werde sogleich nachsehen,&ldquo; erwiderte Frau Lang,
-und griff in die Tasche &mdash; die Schlüssel fehlten! Bei
-dieser Gelegenheit schickte sie zu Fräulein Sabine, um
-Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und von der
-Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde.</p>
-
-<p>&bdquo;Mein liebes Käthchen &mdash; nein, wie reizend steht
-Ihnen die neue Frisur! Wie haben Sie sich bei Ihrer
-Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei Mamachen vor,
-ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen &mdash; ich
-habe eine kleine Ueberraschung <em class="antiqua">in petto</em>! Nicht wahr,
-Sie kommen doch? Ich schrieb noch neulich an meinen
-Sohn: &bdquo;eine Gesellschaft ohne Käthchen ist mir gar nicht
-denkbar &mdash; sie ist so belebend!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich
-ausgesehen hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und
-zog die Hand fort.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,&ldquo;
-sagte die Majorin eilfertig, &bdquo;also Ihre Anna bringt nachher
-alles mit herauf, nicht wahr?&ldquo;</p>
-
-<p>Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe
-allein. Sie legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern
-und sah ihr forschend ins Gesicht. &bdquo;Käthe, warum bist
-du nur wieder so unfreundlich gegen die gute Majorin?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in
-Frieden läßt!&ldquo; erwiderte Käthe unartig.</p>
-
-<p>Die Doktorin schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;So laß sie doch &mdash; für die Pläne der Mutter kann
-der Sohn nichts &mdash; und außerdem &mdash; Käthe, wäre es
-denn nicht sehr hübsch, wenn etwas daraus würde? Eine
-andere Neigung hast du nicht&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben,
-denn der Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die
-Schlüssel aufheben, wozu sie eine ganze Weile brauchte
-und sehr roth wieder zum Vorschein kam &mdash; vom Bücken
-jedenfalls!</p>
-
-<p>&bdquo;Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst
-gescheidter Mann sein,&ldquo; fuhr die Mutter fort, &bdquo;thu mir
-wenigstens den Gefallen, dich nicht von vornherein gegen
-ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja immer so
-gut gefallen!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe schwieg hartnäckig.</p>
-
-<p>&bdquo;Da klingelt es,&ldquo; unterbrach sich die Mutter, &bdquo;hier,
-Käthe, ich habe mir alles notirt, was die Majorin sich
-zu heute Abend leihen will &mdash; gieb es einmal heraus!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe nahm mit einem ironischen &bdquo;weiter nichts?&ldquo; das
-Verzeichniß in Empfang, und ging hinaus, eben, als der
-Vater zur andern Thür hereintrat.</p>
-
-<p>&bdquo;Er kommt wieder nicht!&ldquo; sagte er resignirt, &bdquo;ich
-werde jetzt ausgehen! Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja, er kommt,&ldquo; beschwichtigte seine Frau, &bdquo;eben
-klingelt es &mdash; da ist er schon!&ldquo;</p>
-
-<p>Richtig &mdash; so verhielt es sich! Herr Baron von
-Rabeneck erschien mit einer tadellosen Verbeugung auf der
-Schwelle. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann, mit
-sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel, mit kurzsichtigen
-Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem parfümirten
-Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.</p>
-
-<p>&bdquo;Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,&ldquo;
-sagte er eintretend, &bdquo;Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich
-nicht stören! Trinken Sie immer hier Kaffee?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau,
-der die Fragepassion des Barons, und die kurze Geduld
-ihres Mannes schon bekannt war, wollte mit einer Gegenfrage
-dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht
-so leicht beirren. &bdquo;Ich trinke auch Kaffee,&ldquo; fuhr er fort,
-&bdquo;sehr gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee,
-Frau Doktorin?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte der Doktor gereizt, &bdquo;meine Frau trinkt
-Kaffee &mdash; meine Tochter auch, meine ganze Familie trinkt
-Kaffee!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. &bdquo;Sie wollten
-unser leeres Quartier sehen, Herr Baron?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte der Neuangekommene behaglich, &bdquo;ich
-sah heute bei meinem Morgenspaziergang, den ich immer
-durch diese Straße mache &mdash; hübsche Straße, was? &mdash;
-daß hier ein Miethszettel hängt &mdash; wollte doch mal nachfragen.
-Erster Stock, was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein &mdash; zweiter Stock &mdash; vier Zimmer mit Balkon,&ldquo;
-gab der Doktor zurück.</p>
-
-<p>&bdquo;Oh &mdash; charmant &mdash; vier Zimmer? Balkon? Ganz
-mein Fall! Alles Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch?
-Still?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie wäre es,&ldquo; schlug die Hausfrau vor, &bdquo;wenn Sie
-mit mir einmal hinaufgingen, Herr Baron, und die
-Wohnung selbst in Augenschein nähmen? Ich hole mir
-nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte, bitte,&ldquo; erwiderte der Baron verbindlich, und
-ging Käthe entgegen, die eben wieder hereintrat, und am
-Fenster mit einer Arbeit Platz nahm.</p>
-
-<p>Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung
-ein, sich auch niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg,
-wenn ihr jemand nicht gefiel.</p>
-
-<p>Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause
-schmerzlich, und wandte sich an das junge Mädchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron hustete zierlich.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon
-meine selige Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst
-dich für alles! Ich heiße nämlich Chlodwig! Hübscher
-Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer Familie
-&mdash; mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr
-Papa?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Friedrich,&ldquo; erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln
-unterdrückte.</p>
-
-<p>&bdquo;Friedrich &mdash; so so &mdash; und Ihre Frau Mama?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Fragen Sie sie selbst,&ldquo; sagte der Doktor ungeduldig,
-&bdquo;da kommt sie.&ldquo;</p>
-
-<p>Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war,
-sagte der Doktor zu Käthe: &bdquo;wenn <em class="gesperrt">dieser</em> Fragekasten
-die Wohnung miethet, zünde ich das Haus an allen vier
-Ecken an. Der fragt einen todt.&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe lachte. &bdquo;Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht
-mit ihm umzugehen. Vielleicht spielt er Whist, da kann
-er sich mit Scharffs befreunden, die er ohnehin schon
-kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine Gesellschaft
-geben?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So?&ldquo; brummte der Doktor, &bdquo;was haben sie sich denn
-schon geborgt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere
-Köchin und unsere Familie,&ldquo; erwiderte Käthe spöttisch,
-&bdquo;wir werden uns also wohl recht heimisch fühlen.&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit
-wieder, und der erstere war entzückt von dem Quartier.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,&ldquo; sagte er, &bdquo;so
-können wir gleich Kontrakt machen &mdash; liebe schnelle Entschlüsse
-&mdash; Sie auch, &mdash; was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gewiß!&ldquo; sagte der Doktor höflich &mdash; die Aussicht,
-einen Miether zu bekommen, goß Öl auf die Wogen seines
-Zornes. Die beiden Herren nahmen an einem Seitentischchen
-Platz, um über den Kontrakt einig zu werden.</p>
-
-<p>Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen,
-als die Thüre aufging und eine Dame erschien.
-Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch durchaus nicht
-alt &mdash; so hübsch in der Mitte. <em class="gesperrt">Ganz</em> jung waren ihre
-Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine
-Elfe ins Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm.</p>
-
-<p>Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit
-ihrer Großmama, der verwittweten Generalin, die Hälfte
-des zweiten Stockes im Hause bewohnte. Der Baron hatte
-sie kaum erblickt, als er aufstand und auf sie zutrat.</p>
-
-<p>Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes
-unterbrochen, kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl
-zurück und sagte düster: &bdquo;nett!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mein gnädiges Fräulein,&ldquo; begann der Baron, &bdquo;ich
-bin entzückt, Sie zu begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme
-von Portici bekommen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O ausgezeichnet!&ldquo; erwiderte Leontine, &bdquo;es war eine
-allerliebste Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da &mdash;
-Will ist jetzt bei ihnen zum Besuch &mdash; Sie wissen ja &mdash;
-Will Schraffenau, der bei den zweiten Kürassieren stand!
-Will kann zu amüsant sein, nicht?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O ja, meine Gnädigste,&ldquo; erwiderte der Baron, &bdquo;aber
-nichts gegen Lu! Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau,
-der die zweite Sandrowsky &mdash; Peppi Sandrowsky &mdash;
-zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Na!&ldquo; brummte der Doktor vor sich hin, &bdquo;bis die
-beiden jetzt den Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann
-mein Miethskontrakt schwarz werden!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff,
-Ihr Hausgenosse zu werden! Charmant, was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!&ldquo;
-rief Leontine entzückt.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst
-hier zu Ende kommen,&ldquo; sagte der Doktor, und schob sein
-Tischchen in die andere Ecke des Zimmers &mdash; dort konnte
-er hoffen, ungestört zu bleiben, &bdquo;bitte, Herr Baron! &mdash;
-der Miether verpflichtet sich&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften,
-plauderten die Mädchen in der Fensternische.</p>
-
-<p>&bdquo;Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen
-&mdash; ist heute großer Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon,
-der Sohn wäre gekommen, den ich von früher her kenne
-&mdash; wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter Storrwitz,
-und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit
-ihm &mdash; ist er gekommen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, er wird erst erwartet,&ldquo; erwiderte Käthe, &bdquo;ich
-weiß auch nicht, warum sie heut plötzlich eine Fête geben.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun ja &mdash; aber die Frage ist, <em class="gesperrt">was</em> zieht man an?
-Rabeneck ist auch da, ich habe die Scharff gefragt.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine
-hüpfte endlich ab.</p>
-
-<p>Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu
-seinem Miethskontrakte nach der Lampe rief. Das Mädchen
-erschien, brachte aber nur einen Armleuchter mit einem
-Licht.</p>
-
-<p>&bdquo;Die Lampe!&ldquo; donnerte der Hausherr.</p>
-
-<p>&bdquo;Verzeihen Sie, Herr Doktor &mdash; unsere Lampen sind
-alle oben beim Herrn Major &mdash; die Kinder arbeiten auch
-bei Licht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Darauf machen Sie sich gefaßt,&ldquo; sagte der Doktor,
-kochend vor Wuth, &bdquo;wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird
-Ihnen von Majors alles abgeborgt, was Sie haben und
-nicht haben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber Papa!&ldquo; rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bitte Sie,&ldquo; rief der Baron ängstlich, &bdquo;das ist ja
-sehr unangenehm! Alles verborgen? Muß man das?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!&ldquo; grollte
-der Doktor, &bdquo;denn so lange wohnen sie hier, und <em class="gesperrt">was</em>
-sie sich alles borgen, spottet jeder Beschreibung. Ich wollte
-nur, sie ließen einmal auf einen halben Tag um <em class="gesperrt">mich</em>
-bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber
-weiter: &bdquo;die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob
-sie die silbernen Armleuchter bekommen kann?&ldquo; sagte das
-Dienstmädchen und griff bereits nach dem fraglichen Gegenstand.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind wohl verrückt!&ldquo; schrie der Hausherr in verzeihlichem
-Ingrimm, &bdquo;sollen wir hier im Dunkeln sitzen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mein Gott, ist es denn schon so spät!&ldquo; sagte der
-Baron, und sah nach der Uhr, &bdquo;wahrhaftig &mdash; halb sieben!
-Pardon, Herr Doktor, aber ich muß an meine Toilette
-gehen &mdash; wir sehen uns ja wohl heute Abend beim Herrn
-Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir
-beenden das Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf?
-Um sieben? Acht? Neun?&ldquo;</p>
-
-<p>Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort
-einen Walzer &mdash; das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums,
-als er seinen Gast zur Thür geleitete.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun borgen sie sich auch schon die Miether!&ldquo; sagte er
-vor sich hin, als er hinausging.</p>
-
-<p>Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise
-zum Fenster hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte
-so still vor sich hin &mdash; die Phantasie ist ein Nachtfalter,
-der seine Schwingen am liebsten in der Dämmerstunde
-ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor der
-Zukunft gewesen als heut &mdash; warum noch nie der Gedanke
-an die von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath
-mit dem Hauptmann Scharff so schrecklich erschienen? Ach,
-die Träume von den kommenden Tagen hatten seit ihrer
-Reise eine bestimmte Gestalt angenommen &mdash; zum ersten
-Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt
-&mdash; noch nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft,
-viel weniger ihr Gefühl zu erregen vermocht &mdash; aber es
-war ihr auch noch nie jemand mit so liebenswürdiger
-Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen getreten,
-als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges
-Kind gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen
-Lächeln, seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr
-das Gefühl einer Sicherheit und Zuversicht, wie sie es nie
-zuvor gekannt hatte. Doch was half das alles! sie kannte
-seinen Namen nicht &mdash; er nicht den ihren &mdash; sie würden
-sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen
-Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich
-anzukleiden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige
-Aufregung. Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren
-Räumen umher, die bereits im festlichen Lichterglanz
-erstrahlten, rückte hier und da an den Stühlen und stand
-dann wieder überlegend still, ob noch etwas fehlte, wonach
-man zu Doktors schicken könnte.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder
-Mann trat ins Zimmer.</p>
-
-<p>Die Majorin wandte sich um.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Mamachen,&ldquo; sagte der Eintretende freundlich,
-&bdquo;du hast noch zu thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche
-halbe Stunde mit dir, ehe die Gäste kommen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin fertig&ldquo;, sagte die Mutter, und trat vor den
-Stuhl, in den sich ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm
-die Hände auf beide Schultern und sah ihm zärtlich ins
-Gesicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Mein alter Junge &mdash; wie du wieder verbrannt bist!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche
-Farbe, du mußt dich schon daran gewöhnen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und du warst ein so weißes Kind!&ldquo; sagte die Mutter
-lächelnd. &bdquo;Jetzt sage mir aber einmal, Kurt &mdash; ist es dir
-eigentlich recht, daß ich heut Abend unsere Hausgenossen
-eingeladen habe? Du machtest mir bei der Ankündigung
-ein so besonderes Gesicht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch
-allein gewesen, Mutterchen &mdash; aber wir sind ja, so Gott
-will, noch viele Abende zusammen. Wer kommt denn heut?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also,&ldquo; begann die Majorin, &bdquo;da ist erstens die
-Generalin Faldern mit ihrer Enkeltochter Leontine &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was?&ldquo; unterbrach der Hauptmann lebhaft, &bdquo;Tine
-Faldern ist hier?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kennst du sie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie sollte ich nicht! &mdash; Als ich bei Storrwitz Adjutant
-war, hielt sie sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie
-hieß damals immer die Tochter des Regiments, weil sie
-so genau in der Rangliste Bescheid wußte. Uebrigens ein
-hübsches, amüsantes Mädchen &mdash; es ist mir ganz lieb, sie
-einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber
-nichts.</p>
-
-<p>&bdquo;Dann,&ldquo; fuhr sie fort, &bdquo;von Hausgenossen heißt das,
-kommt noch unser Wirth &mdash; der Doktor Lang mit Frau
-und Tochter &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach &mdash; die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama!
-Hätte ich mir&rsquo;s nicht denken können, daß du wieder einen
-Heirathsplan wie einen Lasso bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen
-über den Kopf zu werfen? Aber gieb dir keine
-Mühe, Mama &mdash; es wird nichts!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sei doch nicht so absprechend,&ldquo; bat die Mutter, &bdquo;du
-hast Käthe noch gar nicht gesehen &mdash; ich sage dir, sie ist
-allerliebst! Hübsch, sehr gut erzogen und sehr gescheidt &mdash;
-sie würde ausgezeichnet für dich passen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen &mdash;
-ich werde wohl überhaupt nicht heirathen. Sieh,&ldquo; fuhr er
-lebhaft fort, als die Mutter eine Bewegung des Unmuths
-machte, &bdquo;ich bin &mdash; nenne es phantastisch, unpraktisch, kurz,
-was du willst &mdash; aber ich bin entschlossen, mich nur zu
-binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage:
-&sbquo;Die oder keine!&lsquo; Und solche Dinge kommen vor! &mdash; Ich
-sage dir, sie kommen vor! Lache mich nicht aus, Mutter
-&mdash; aber ich habe ein Mädchen gesehen, das mir gefällt,
-und wenn ich <em class="gesperrt">die</em> wiedersehe, und sie will mich &mdash; dann
-sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet
-haben. Frage mich aber nicht weiter &mdash; ich bin auf der
-Suche &mdash; das laß dir genug sein. Und verschone mich
-mit deiner Käthe &mdash; ich mag sie nicht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Guten Abend, Frau Majorin,&ldquo; sagte in diesem Augenblick
-die Generalin Faldern, die in taubengrauer Seide
-ins Zimmer rauschte, von der rosafarbenen Leontine gefolgt.
-&bdquo;Sie waren so freundlich, uns zu erlauben &mdash; ah, das
-ist wohl Ihr Herr Sohn?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, er ist gestern angekommen,&ldquo; sagte die glückstrahlende
-Mutter, ihn den Damen vorstellend, &bdquo;er hat mich
-überrascht! Es ist doch einzig von ihm; aber er war
-von jeher ein so guter Junge!&ldquo;</p>
-
-<p>Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann
-peinlich war, so ließ er es durch keine Miene merken &mdash;
-er lächelte sehr freundlich und wandte sich an Fräulein
-Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt die Hand
-hinstreckte.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Hauptmann &mdash; das ist aber eine Ueberraschung,
-die Ihrer Frau Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst,
-das muß wahr sein! Und nun erzählen Sie mir von
-W.... &mdash; was machen die dritten Husaren? Und wo
-stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich
-einen so großen Pas gemacht, und muß Schulten den
-Abschied nehmen? Ach, es waren doch schöne Zeiten?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich
-aufs tiefste, mein gnädigstes Fräulein,&ldquo; erwiderte der Hauptmann
-ernsthaft, &bdquo;ich kann Sie versichern, daß die dritten
-Husaren sich sehr wohl befinden, und daß die Vierundzwanziger
-sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen
-gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so
-glücklich sein würde, Sie zu sehen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, Sie spotten wieder,&ldquo; schmollte Leontine, &bdquo;aber
-ohne Scherz &mdash; erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein
-Vetter Storrwitz sich ein neues Pferd gekauft? Der Braune
-von damals war doch ein süßes Thier &mdash; er ist mir noch
-manchmal im Traume erschienen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Glücklicher Brauner!&ldquo; sagte der Hauptmann &mdash; und
-begann nun wirklich zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend
-zu, und die Unterhaltung war so lebhaft, daß
-der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung dazwischenschieben
-konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch
-und mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus
-und machte ganz zeitgemäße Konversation mit der Generalin
-&mdash; freilich sagte er meist nur: &bdquo;nun eben!&ldquo; eine Wendung,
-die er vorzugsweise gern anwendete, und mit der man
-merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf
-eingerichtet hat.</p>
-
-<p>Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein &mdash;
-schon klingelte es wieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Das sind gewiß Langs,&ldquo; rief Leontine, &bdquo;ich muß
-Käthe entgegengehen,&ldquo; und damit flog sie hinaus.</p>
-
-<p>Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und
-wandte sich dann, um den Baron Rabeneck zu begrüßen,
-der eben erschien.</p>
-
-<p>&bdquo;Entzückt &mdash; entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen
-zu lernen,&ldquo; begann der Baron schmelzend, &bdquo;Sie stehen bei
-einem B.&rsquo;schen Regiment?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja wohl, Herr Baron &mdash; schon seit zwei Jahren,&ldquo;
-erwiderte der Hauptmann.</p>
-
-<p>&bdquo;Und vorher?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bei den &mdash;schen Husaren!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo
-stehen die Husaren?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In W....&ldquo; sagte der Hauptmann etwas verwundert.</p>
-
-<p>&bdquo;Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch
-Offizier &mdash; bei den &mdash;ten Dragonern &mdash; reizende Uniform,
-was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Allerliebst!&ldquo; sagte der Angeredete, über dessen Gesicht
-ein immer vergnügteres Lächeln flog. &bdquo;Sie sind pensionirt,
-Herr Baron?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja &mdash; ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus
-&mdash; was?&ldquo;</p>
-
-<p>Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer
-von Fragen stand, in dem ihm nach und nach heißer
-wurde als im Kugelregen, hatte Leontine auf dem Flur
-die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe
-sofort zugeflüstert: &bdquo;der Sohn ist da!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe zog die Augenbrauen zusammen: &bdquo;Wie albern &mdash;
-warum hat uns die Majorin das nicht gesagt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie wollte Sie wohl überraschen,&ldquo; fuhr Leontine
-eifrig fort, &bdquo;aber Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes
-Gesicht zu machen &mdash; er scheint kein Spießgeselle bei der
-Verschwörung seiner und Ihrer Mutter zu sein &mdash; eben
-als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin, &bdquo;verschone
-mich mit deiner Käthe &mdash; die Art Mädchen ist
-nichts für mich!&ldquo;</p>
-
-<p>Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt &mdash; aber
-darauf kam es Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar
-zu werden, daß diese Äußerung schon dadurch sehr unwahrscheinlich
-wurde, daß der Hauptmann sie nie gesehen
-hatte, richtete sich hoch auf &mdash; das stolze, jugendliche Blut
-schoß ihr bis in die Stirn &mdash; &bdquo;nun, dann stimmen ja
-unsere Ansichten über einander auf ein Haar&ldquo; &mdash; sagte
-sie &mdash; warf den kleinen Mund verächtlich auf, und folgte
-ihren Eltern in den Saal. Käthe sah heute Abend sehr
-hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre jugendliche
-Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von
-Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.</p>
-
-<p>Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte
-sie aufs lebhafteste.</p>
-
-<p>&bdquo;Guten Abend, Herr Doktor &mdash; nein, das ist reizend,
-daß Sie gekommen sind, Frau Doktorin &mdash; und hier ist
-auch meine kleine Ueberraschung &mdash; sie ist freilich ein
-wenig groß ausgefallen &mdash; mein Sohn!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe blickte auf &mdash; und plötzlich drehte es sich vor
-ihren Augen wie ein feuriges Rad. Der große, blonde
-Mann, der sich eben mit einem ernsten, wiedererkennenden
-Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr Reisegefährte &mdash;
-so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt &mdash; er
-hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe
-sei, von der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt
-hatte, wie dieser selben Käthe von ihm &mdash; und was
-war das Resultat seiner Beobachtungen? &mdash; &bdquo;Verschone mich
-mit deiner Käthe &mdash; ich mag sie nicht!&ldquo;</p>
-
-<p>Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen
-Augenblicke, und ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte,
-ein Wort an sie zu richten, neigte sie den Kopf ein ganz
-klein wenig, und wandte sich ab. &bdquo;Guten Abend, Herr
-Baron,&ldquo; sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, &bdquo;also Sie
-sind doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden?
-das freut mich.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen
-über die rothen Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein
-Sabine &mdash; Käthe war gerettet. Denn der Hauptmann,
-der ihr finsteres Gesicht wohl mußte verstanden haben,
-trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen, die
-noch das <em class="antiqua">curriculum vitae</em> eines Pferdes von ihm verlangte,
-das er einst besessen hatte, und dessen weitere
-Schicksale sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch
-sechs Regimenter verfolgte.</p>
-
-<p>Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den
-runden Sofatisch, es war noch eine Familie hinzugekommen,
-die eines Regierungsraths a. D. &mdash; in unserem Städtchen
-waren die meisten Leute a. D. &mdash; vielleicht den Bäcker
-und den Fleischer ausgenommen &mdash; und der letzte Gast
-war ein Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte
-Versuche machte, eine Frau zu bekommen, und nach jedem
-Versuch sich auf ein Jahr wieder von der Gesellschaft zurückzog,
-so daß er durchschnittlich nur den dritten Winter
-in der Welt glänzte.</p>
-
-<p>Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigem <em class="antiqua">tête-à-tête</em>
-mit dem hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von
-ihrer unnahbaren Höhe herab und war ganz liebenswürdig
-&mdash; gewöhnlich sprach sie kein Wort. &bdquo;Wie das junge
-Völkchen heiter ist!&ldquo; bemerkte sie zum fünftenmal, als sie
-ihre Lorgnette von den Augen ließ.</p>
-
-<p>Die Majorin nickte etwas bittersüß &mdash; Käthe
-saß mit dem Justizrath und dem Baron zusammen,
-sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der Hauptmann
-machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu
-nähern.</p>
-
-<p>Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen
-angestellt und sich geärgert &mdash; aber erstens
-konnte ihre Käthe ja nicht die Initiative ergreifen, und
-sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch thun, als
-ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge.
-So that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin
-sie verstohlen am Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke
-nach der Gruppe der jungen Leute warf, dann lächelte sie
-so harmlos, als freue sie sich mit der Generalin, daß &bdquo;das
-junge Völkchen so heiter sei.&ldquo; Ihr Mann umschlich die
-Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger &mdash; immer den
-Baron im Auge, der ja sein präsumtiver Miether war.
-Durch die unerhörtesten Anstrengungen gelang es ihm auch
-wirklich, die Aufmerksamkeit des Betreffenden zu erregen
-&mdash; der Baron wandte sich um.</p>
-
-<p>&bdquo;Spielen Sie Whist, Herr Doktor?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr gern!&ldquo; erwiderte der Angeredete eifrig &mdash; erstens
-langweilte er sich, und dann wollte er den Baron wegen
-der Wohnung ausforschen.</p>
-
-<p>&bdquo;Nettes Spiel &mdash; was? Ich spiele leider nicht &mdash; kein
-Kartenspiel &mdash; fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe
-ich viel Talente &mdash; meine selige Mama sagte schon immer
-&bdquo;Chlodwig, du bist sehr talentvoll&ldquo; &mdash; aber Karten&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Dummkopf,&ldquo; murmelte der Doktor in sich hinein.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die
-Schulter, &bdquo;machen wir heute keine Partie?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen
-schon im Stillen überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine
-anhalten sollte &mdash; sie war ziemlich die einzige in der Stadt,
-bei der er sein Heil noch nicht versucht hatte, wurde als
-Dritter zum Whist angeworben, und die drei Herren setzten
-sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt war,
-wo die Jugend saß.</p>
-
-<p>Bei dieser &mdash; der Jugend &mdash; herrschten indeß die verschiedensten
-Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum
-Opfer gefallen war, antwortete auf seine zahllosen Fragen
-immer aufs Gerathewohl mit &bdquo;ja&ldquo; und &bdquo;nein&ldquo; &mdash; nur
-wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen,
-nahm sie einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde
-gesprächiger.</p>
-
-<p>Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle
-Minen springen. Sie erinnerte sich an jeden einzelnen
-Ball aus der Saison, die sie mit dem Hauptmann erlebt
-hatte, mit überraschender Genauigkeit, und &bdquo;wissen Sie
-noch?&ldquo; war immer der Refrain jedes dritten Satzes.</p>
-
-<p>Der Hauptmann wußte aber gar nichts &mdash; er wurde
-immer zerstreuter, und als Leontine ihn nach einem Rittmeister
-zu fragen begann, der seiner Zeit zu den Husaren
-kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Baron,&ldquo; rief er hinüber, &bdquo;stand Straten
-nicht bei den &mdash;ten Dragonern? den müssen Sie ja
-gekannt haben! Fräulein von Faldern erkundigt sich
-nach ihm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Straten? versteht sich!&ldquo; erwiderte der Baron aufstehend,
-&bdquo;sehr gut gekannt, haben zwei Jahr bei einer
-Schwadron gestanden &mdash; netter Mensch, was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jawohl!&ldquo; erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend,
-&bdquo;hier &mdash; erzählen Sie einmal von ihm &mdash;
-<em class="antiqua">changeons</em>!&ldquo; Und damit überließ er seinen Platz neben
-Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern.</p>
-
-<p>Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich
-erhob, und an den nächsten, mit Albums bedeckten Tisch
-tretend, sich in die Besichtigung derselben vertiefte.</p>
-
-<p>Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein
-Buch.</p>
-
-<p>&bdquo;Das kann ich auch,&ldquo; bemerkte er halblaut.</p>
-
-<p>Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.</p>
-
-<p>&bdquo;Was habe ich denn hier?&ldquo; fuhr der Hauptmann gemüthlich
-fort, und blätterte in dem Buch, &bdquo;ah &mdash; Gedichte &mdash;
-eine ganze Sammlung &mdash; darf ich Ihnen etwas vorlesen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich danke,&ldquo; erwiderte Käthe kurz, &bdquo;ich sehe mir
-Bilder an!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schön,&ldquo; erwiderte ihr Gegner ernsthaft, &bdquo;dann werde
-ich mir selbst vorlesen &mdash; ich liebe die Lyrik ungemein &mdash;
-ah hier &mdash; das ruft mir ein Erlebniß zurück, &bdquo;das Dampfroß
-schnaubt entlang der Halde&ldquo; &mdash; sehr nett! Wer weiß,
-was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen
-&mdash; sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich
-muß mich einmal überzeugen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will das Gedicht nicht hören!&ldquo; sagte Käthe.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein &mdash; ich lese
-<em class="gesperrt">mir</em> vor! &mdash;&ldquo; Er blätterte weiter.</p>
-
-<p>&bdquo;Hier &mdash; ein anderes! &bdquo;Als ich zum erstenmal dich sah,
-verstummten meine Worte.&ldquo; Stimmt! Also ist es schon
-mehr Leuten so gegangen. Der hat am Ende auch mit
-dem Dampfroß zu thun gehabt!&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf
-in die Hand und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe
-lernen.</p>
-
-<p>&bdquo;Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,&ldquo; sagte der
-Hauptmann, &bdquo;immer schmollen, immer grollen, für ein&rsquo;
-Ros&rsquo; wär&rsquo;s zu viel Dorn! Und nun lassen Sie uns zur
-Prosa übergehen,&ldquo; fuhr er plötzlich ernsthaft fort und
-nahm neben Käthe Platz, &bdquo;bitte, sehen Sie ruhig weiter
-in Ihr Buch &mdash; ich werde ein gleiches thun &mdash; und nun,&ldquo;
-er senkte die Stimme &mdash;, &bdquo;warum sind Sie eigentlich böse
-auf mich?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?&ldquo; fragte
-Käthe etwas unsicher.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, mein gnädiges Fräulein, wenn <em class="gesperrt">das</em> bei Ihnen
-<em class="gesperrt">gut</em> heißt, dann möchte ich Sie allerdings einmal sehen,
-wenn Sie böse sind! Ich bin zwar nicht an übertrieben
-freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt &mdash; denken Sie
-nur an Station &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!&ldquo; rief
-Käthe und erröthete tief.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig
-Stunden &mdash; aber ich will sie begraben &mdash; klaftertief &mdash;
-wenn Sie mir Rede und Antwort stehen. Wollen Sie das?
-Sonst wird die Geschichte, die <em class="gesperrt">alte</em> Geschichte, wie Sie
-sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange vor
-Ihnen auftauchen &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hören Sie auf,&ldquo; unterbrach ihn Käthe, wider Willen
-lachend, &bdquo;was soll ich denn antworten?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das will ich Ihnen gleich sagen &mdash; also, <em class="gesperrt">was</em> habe
-ich Ihnen zu Leide gethan?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft
-T...?&ldquo; fragte in diesem Augenblick der Baron,
-sich dem Tisch nähernd, &bdquo;ich wollte Fräulein von Faldern
-einen Begriff von der Gegend geben, wo mein Gut liegt.
-Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Reizend!&ldquo; sagte der Hauptmann, und nahm einen
-dicken Band Landschaftsbilder vom Tisch, &bdquo;hier, Herr Baron,
-in diesem Buche ist ein sehr hübscher Stich, der gerade die
-Gegend vorstellt, die Sie zu sehen wünschen. Wollen Sie
-sich überzeugen?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron ging mit dem Buche ab.</p>
-
-<p>&bdquo;Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,&ldquo; bemerkte
-Hauptmann Scharff, &bdquo;ich habe ihm einen Band Ansichten
-von Spanien gegeben, da mag er suchen! Doch zurück zu
-unserem Gespräch &mdash; was habe ich Ihnen zu Leide gethan?
-Warum sind Sie böse?&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr
-tapfer: &bdquo;Ich bin böse, weil &mdash; nun ja, weil ich es sehr
-häßlich finde, daß Sie mich unterwegs ausforschen und
-kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie sind.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür
-schon ein paar sehr befriedigte Blicke nach dem Paar gethan,
-und als sie sah, daß Leontine im Begriff stand, sich
-dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte sie wie ein
-Stoßvogel herbei.</p>
-
-<p>&bdquo;Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir
-sind ja immer ganz Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen &mdash;
-bitte, bitte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach ja, mein gnädiges Fräulein,&ldquo; stimmte der Baron
-ein, &bdquo;Sie singen? Bitte, tragen Sie uns etwas vor &mdash;
-ein <em class="antiqua">Chanson</em> &mdash; eine Ballade, was? Ich liebe die Musik
-leidenschaftlich &mdash; reizende Kunst, was?&ldquo;</p>
-
-<p>Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein
-&mdash; ob der Gedanke, daß ein Baron in der Hand sicherer
-sei, als ein Hauptmann auf dem Dache ihren Entschluß
-beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie verschwand,
-von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und
-bald klang ihre sehr hübsche Stimme wohlthuend durch
-die Räume.</p>
-
-<p>Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört,
-denn die Herren am Spieltische waren ganz in ihre Karten
-vertieft, und der jeweilige Ruf: &bdquo;zwei Trick &mdash; <em class="antiqua">deux
-honneurs</em>&ldquo; &mdash; vermochte eine leise geführte Unterhaltung
-nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann
-der Hauptmann von Neuem. &bdquo;Ich verstehe Sie gar nicht,
-mein Fräulein! Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn?
-Unterwegs?&ldquo;</p>
-
-<p>Käthe nickte.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,&ldquo; rief der Hauptmann
-ungeduldig, &bdquo;woher sollte ich denn in der Eisenbahn
-wissen, daß Sie und die viel beschriebene Käthe ein und
-dieselbe sind? Nun sagen Sie einmal selbst, daß ich es
-nicht wissen konnte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja ja!&ldquo; gab Käthe zögernd zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun gut &mdash; also darin bin ich gerechtfertigt! Aber
-selbst, <em class="gesperrt">wenn</em> ich Sie gekannt hätte &mdash; ich gestehe Ihnen
-offen, daß ich auch dann noch kein Verbrechen begangen
-zu haben glaubte! &mdash; es steckt wohl noch etwas Anderes
-dahinter! Nicht wahr?&ldquo; drängte er, als sie schwieg und
-tief erröthend zu Boden blickte.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens
-die Möglichkeit, mich zu vertheidigen,&ldquo; rief er fast heftig,
-&bdquo;mein gnädiges Fräulein &mdash; Fräulein Käthe &mdash; wir waren
-doch so gute Freunde unterwegs &mdash; waren wir das nicht?
-Sehen Sie &mdash; Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht
-vernünftig und sagen Sie mir, <em class="gesperrt">was</em> ich Ihnen gethan
-habe!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe
-ich kam?&ldquo; fragte Käthe trotzig und blickte auf.</p>
-
-<p>Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er &mdash; aber
-etwas verlegen. &bdquo;Ich kann mir denken, <em class="gesperrt">wer</em> Sie instruirt
-hat! Soll ich Ihnen das Gespräch erzählen?&ldquo; fragte er
-in sonderbar weichem Ton, und bückte sich, um ihr in die
-Augen zu sehen. &bdquo;Ja oder nein?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja!&ldquo; sagte sie hastig und leise &mdash; ihr Herz fing an,
-heftig zu klopfen.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun denn &mdash; ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht
-Lust hätte, hier irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen,
-&mdash; heiße sie Käthe oder sonst wie &mdash; weil &mdash; nein, sehen
-Sie mich einmal an, Fräulein Käthe &mdash; weil ich mich
-unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt
-hätte &mdash; in eine Unbekannte, &mdash; und wenn nun ein
-freundlicher, lieber, guter Zufall es so gefügt hat, daß
-diese Unbekannte diejenige ist, die meine Mutter &mdash; Gott
-segne meine Mutter &mdash; schon lange für mich ausgesucht
-hat &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, &bdquo;es
-ist angerichtet,&ldquo; rief der Lohndiener mit Stentorstimme.</p>
-
-<p>Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die
-Whistspielenden warfen die Karten zusammen &mdash; man ging
-zum Abendessen.</p>
-
-<p>Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell
-wie der Blitz vom Sofa fort und zu den Herren am
-Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun ihre Strafe! Der
-Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu führen.</p>
-
-<p>Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten
-&mdash; die Majorin hatte aus Versehen für zwei Personen
-zu wenig decken lassen, und diese beiden Uebriggebliebenen
-standen nun ziemlich verlegen hinter den besetzten
-Stühlen der anderen.</p>
-
-<p>Während noch schnell nach den fehlenden Tellern,
-Messern und Gabeln zu Doktors hinaufgeschickt wurde,
-kroch der Major unter allen Sofas und Schränken umher,
-um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm verloren
-gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung
-konnte es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour
-bestaubt, wie alter Ungarwein zurückkam, und nicht einmal
-fand, was er suchte.</p>
-
-<p>Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen
-können, sich Käthe zu nähern, die schon seit zehn Minuten
-wartend Arm in Arm mit dem Justizrath stand &mdash; eine Situation,
-die zu den allerpeinlichsten gehört, und die die
-wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu coupiren, daß
-sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.</p>
-
-<p>So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren
-anderer Seite der Baron Platz nahm. Käthe saß schräg
-gegenüber; sie sprach kaum ein Wort und sah nicht in die
-Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen Blick
-von ihr aufzufangen.</p>
-
-<p>Leontine bemerkte sein Bestreben wohl &mdash; sie gab ihn
-auf! Als kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre
-Taktik sofort, und schwenkte blitzschnell zu dem Baron
-hinüber, der ihr von seinem Gut erzählte, und sie fragte,
-ob sie das Landleben liebe?</p>
-
-<p>Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine
-schmiedete das Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem
-Soldatenenthusiasmus sprang sie zur Oekonomie über,
-schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und that
-ganz ländlich.</p>
-
-<p>Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit
-den kleinen Kreis. Nur die Generalin machte eine
-Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn ihrer Gastgeber
-fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln
-erfror in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde,
-und der Major, der sie gebührender Weise zu Tisch geführt
-hatte, erntete für seine ohnehin nicht glänzenden Unterhaltungsversuche
-nur ein kühles &bdquo;hm&ldquo; oder &bdquo;ja, ja!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der
-Baron ihm soeben als &bdquo;seinem liebenswürdigen Hauswirth&ldquo;
-zugetrunken, und um die Erlaubniß gebeten, im Lauf des
-folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. &bdquo;Dann soll
-mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,&ldquo; gelobte sich
-der beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im
-Geist alle Thüren in dem Verhandlungszimmer ab.</p>
-
-<p>Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus
-&mdash; sie wußte nicht, was sie von dem veränderten Wesen
-ihrer Tochter denken sollte &mdash; und ehe nicht feststand,
-daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte sie
-mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.</p>
-
-<p>Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu
-Sinne. Wenn ein Mann von 36 Jahren sich im Lauf
-von 36 Stunden verliebt und erklärt, so ist zehn gegen
-eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung
-zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn
-Minuten auf das entscheidende Wort warten läßt. Und
-er wartete nun schon eine ganze Stunde! Fisch, Rehbraten
-und Eis hatten seine Qualen mit ansehen müssen,
-und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt,
-als sei dies <em class="antiqua">con amore</em> Nachtafeln das Beste vom
-ganzen Abend.</p>
-
-<p>Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: &bdquo;alles nimmt
-ein Ende.&ldquo; Die Generalin, die sich neben dem Major
-nicht gerade im siebenten Himmel des Amüsements befinden
-mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl &mdash; die andern
-folgten. In dem Moment <em class="gesperrt">mußte</em> Käthe aller menschlichen
-Berechnung nach emporsehen &mdash; sie that es! Der Hauptmann
-erhob sein Glas unmerklich gegen sie, sah sie
-fragend an, und hielt es einen Augenblick. Da &mdash; o
-Freude! &mdash; nahm sie ihr noch unberührtes, volles Glas vom
-Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an &mdash; erröthete
-dunkel &mdash; und trank dann in ihrer Verlegenheit so
-geschwind aus, als sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!</p>
-
-<p>Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne
-ein gesprochenes Wort, wie die Sache stand &mdash; hatten sie
-sich nicht eben zugetrunken? Und war dieser Comment
-nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch
-ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!</p>
-
-<p>Als der Hauptmann daher im Trouble des &bdquo;Gesegnete
-Mahlzeit&ldquo;wünschens Käthe zuflüsterte: &bdquo;darf ich morgen
-zu Ihrem Vater kommen?&ldquo; genügte er damit eigentlich
-nur einer Form &mdash; er wäre auch ohne diese Frage gekommen,
-und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.</p>
-
-<p>Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend
-noch einen Moment unter vier Augen sprechen zu können,
-trog &mdash; kaum waren die zehn Anstandsminuten nach Tisch
-durchgestanden, so rauschte die Generalin abschiednehmend
-auf ihre Wirthe zu &mdash; Leontine folgte, vom Baron auf
-das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung
-gemacht &mdash; das war klar! Am Ende hätte sie
-heut schon sagen können: &bdquo;Sprechen Sie mit meiner Großmutter,&ldquo;
-ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner Bekanntschaft,
-die betrübende Antwort zu riskiren: &bdquo;wovon?&ldquo;</p>
-
-<p>Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte,
-lächelte sie befriedigt. Aus allen Fragen des Barons
-hatte sie die &bdquo;Lebensfrage&ldquo; schon verblümt herauszuhören
-geglaubt &mdash; &bdquo;am Ende <em class="gesperrt">muß</em> es gerade kein Offizier sein&ldquo;,
-dachte sie im Einschlafen, &bdquo;ein Gut in der Grafschaft ist
-auch nicht zu verachten! &mdash; was steht dort? die 26er
-oder die 62er?&ldquo;</p>
-
-<p>Über dem Zweifel schlief sie ein.</p>
-
-<p>Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals.
-Vergebens hoffte Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht
-des kurzen Weges, den sie zurückzulegen hatten, noch ein
-Viertelstündchen zugeben werde. &mdash; Die Doktorin hatte
-zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit deren
-Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte &mdash; da
-war es hohe Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.</p>
-
-<p>Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für
-die Gefälligkeiten &mdash; &bdquo;Morgen in der Frühe schicke ich
-Ihnen alles wieder, was Sie mir geborgt haben, liebe
-Lang&ldquo;, versicherte sie in der Thür.</p>
-
-<p>Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des
-Hauses nicht nehmen ließ, die Gäste bis in den Flur zu
-geleiten, und Käthchen beim Umnehmen der Sachen behilflich
-zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck
-vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich
-mit Recht über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. &mdash;</p>
-
-<p>Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging
-der Hauptmann noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre
-zu holen, deren er in wichtigen Augenblicken zur Sammlung
-bedurfte. Sie war auch ein prächtiger Verlegenheitsableiter,
-als er zu den Eltern zurückkehrte, die gemüthlich
-im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen
-Ruhe schwelgten.</p>
-
-<p>Beide sahen auf, als der Sohn eintrat &mdash; er aber
-schnitt, während er sprach, emsig die Cigarre ab, steckte
-ein Schwefelhölzchen in Brand, kurz nahm alle möglichen
-Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas unsicherer
-Stimme eine kleine Rede zu halten.</p>
-
-<p>&bdquo;Liebe Eltern&ldquo;, sagte er halb heiter, halb verlegen,
-&bdquo;ich bringe ein paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben
-erfahren &mdash; ich fand auf meinem Zimmer diesen Brief
-vor, der mir meine Versetzung hierher, vorläufig privatim
-mittheilt.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Kurt &mdash; wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das
-so schnell gekommen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen
-immer mit Dampf! Die Wahrheit zu sagen erwartete ich
-aber die Nachricht schon längere Zeit, und verschwieg sie
-Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und Aufregung
-zu bereiten.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin ganz glücklich, Kurtchen&ldquo;, rief seine Mutter
-immer wieder, &bdquo;und du sollst mal sehen &mdash; sei nicht böse
-&mdash; aber wenn ich dich hier habe, wirst du dich auch viel
-leichter zum Heirathen entschließen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laß&rsquo; ihn doch in Ruhe!&ldquo; brummte der Major.</p>
-
-<p>Der Sohn lächelte. &bdquo;Liegt dir wirklich so viel daran,
-Mama? So unendlich viel?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, mein Junge&ldquo;, sagte die Majorin etwas verwundert,
-&bdquo;das weißt du doch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun denn, Mamachen &mdash; ich bin ja kein Unmensch
-&mdash; siehst du mir gar nichts an?&ldquo;</p>
-
-<p>Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu
-ihm aufblickte, streckte er ihr beide Hände entgegen:
-&bdquo;Gratulire mir, liebe Mama &mdash; lieber Vater, ich bin mit
-Käthchen Lang verlobt.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders
-der Majorin, bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr
-Haus fiel, zu schildern, vermag ich nicht. Wer sich einmal
-vor kurzem so recht gefreut hat, weiß ganz genau, wie
-man sich in solchem Fall benimmt &mdash; und wer es nicht
-weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben
-und an sich ausprobiren möge.</p>
-
-<p>Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut
-hatte, ging man auseinander und zu Bett &mdash; d. h. der
-Hauptmann ging nicht zu Bett, sondern wanderte die
-Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube auf und
-ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater
-einige Donnerwetter über die Lohndiener von Majors
-entlockte, die über seinem Kopf immerfort noch ab und zu
-liefen.</p>
-
-<p>Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick
-zu sprechen, schnitt der Doktor kurz ab: &bdquo;Ihr habt
-den ganzen Tag Zeit zum Unterhalten&ldquo;, brummte er,
-&bdquo;jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind doch wahrhaftig
-wie die schweren Fuhrleute &mdash; wenn sie von früh
-bis Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen
-sind, und des Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein
-Ende mit Erzählen.&ldquo; Und er entführte seine Gattin ohne
-Gnade und Erbarmen.</p>
-
-<p>So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend
-jemand ihr Herz entlastet zu haben, nur ihre Träume
-bauten gefällig auf dem sicheren Grunde der jüngsten Vergangenheit
-glänzende Luftschlösser der Zukunft, in deren
-lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.</p>
-
-<p>Der &bdquo;nächste Morgen&ldquo; ist an und für sich schon
-etwas Ernüchterndes &mdash; nach einem Ball, &mdash; nach einem
-Streit &mdash; nach einem abgeschlossenen Geschäft. &mdash; Der
-&bdquo;nächste Morgen&ldquo; in seiner kühlen Beleuchtung zeigt alle
-Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde
-Abend.</p>
-
-<p>Nur für eine glückliche Braut hat der &bdquo;nächste Morgen&ldquo;
-nichts Prosaisches &mdash; der Zauber ihrer Erlebnisse hält
-dem grellen Tageslicht Stand &mdash; und wie schlimm auch,
-wenn&rsquo;s anders wäre! Die Liebe muß ja im Leben durch
-alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze
-und die Schauer des Abends tragen helfen, &mdash; und zu
-glauben, daß dies Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als
-im Brautstand, wo Wehr und Waffen zum Lebenskampf
-noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks auffunkeln,
-und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie
-glänzende Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß
-sie uns nur wie ein schimmernder Garten im Morgenthau
-erscheint.</p>
-
-<p>Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht,
-als sie am nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen
-Pflichten ging, deren erste war, die Geschwister zur Schule
-zu besorgen. Sie flocht die Zöpfchen der Schwestern mit
-wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die Butterbröte
-besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles
-heut viel hübscher sei, als gestern.</p>
-
-<p>Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht
-lassen, die freie Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt
-waren, zu einem kurzen Besuch bei Fräulein Sabine zu
-verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft ihres
-Glückes zu verkünden.</p>
-
-<p>Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da
-wir den Gang der Begebenheiten kennen, und kehren in
-die Wohnung des Doktors zurück, der sich eben zu einem
-Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch sehr
-ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen
-hatte er sich zur Ruhe gesetzt.</p>
-
-<p>Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von
-Männern, die verlangen, daß die Stuben stets rein sind,
-aber nie gewaschen werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde
-insofern genügt, als sein Haus nur meuchlings gescheuert
-wurde &mdash; d. h. man überfiel ihn mit der vollendeten
-Thatsache und er ergab sich dann.</p>
-
-<p>So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei
-Scheuerfrauen auf sein Verschwinden, und begannen sofort
-das Werk der Erneuung an sämmtlichen Stubenböden, auf
-welchen die zwölf Stiefelsohlen der schulpflichtigen Kinder
-deutliche Spuren des Novemberwetters zurückzulassen
-pflegten. Nur das <em class="antiqua">sanctum</em> des Doktors blieb verschont
-und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen
-Familie.</p>
-
-<p>Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu
-dieser ungewöhnlichen Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen
-war, sie setzte sich daher etwas verdrießlich mit
-ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube, und
-sah auf die Straße hinab.</p>
-
-<p>Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den
-Hauptmann in voller Uniform, der sehr stattlich aussah
-und ihn um die Erlaubniß bat, in einer wichtigen Angelegenheit
-unter vier Augen mit ihm sprechen zu dürfen.</p>
-
-<p>Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im
-Kopf gesteckt, so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen,
-daß es sich hier um Käthe handeln könne. So aber lud
-er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu folgen, öffnete
-die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein
-&mdash; da saß seine Frau.</p>
-
-<p>Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür
-wieder zu und öffnete das Eßzimmer, dessen Pforte ihm
-die Perspektive auf die übrige Wohnung erschloß. O weh
-&mdash; über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein
-intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus
-jedem Raum stieg &bdquo;ein feuchtes Weib empor.&ldquo;</p>
-
-<p>Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium
-hatte begonnen!</p>
-
-<p>Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud
-den Gast ein, abermals in sein Zimmer zurückzukehren, wo
-inzwischen das Feld rein geworden war. Die Doktorin
-hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen,
-und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst
-&bdquo;austoben&ldquo; lassen &mdash; sie verschwand daher in der Küche
-und schnitt mächtige Frühstücksschnitten für das heut vermehrte
-Hauspersonal.</p>
-
-<p>Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter
-Haltung vor dem Doktor. Das Anfangen war doch
-entsetzlich &mdash; <em class="gesperrt">so</em> schwer hatte er sich&rsquo;s nicht gedacht.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich komme, verehrter Herr Doktor&ldquo;, begann er mit
-etwas gepreßter Stimme, &bdquo;um Ihnen eine Bitte vorzutragen.&ldquo;</p>
-
-<p>Bautz &mdash; ging die Thüre auf &mdash; &bdquo;der Baron von
-Rabeneck ist da, Papa!&ldquo; rief Käthe ins Zimmer tretend,
-erblickte den Hauptmann, stieß einen kleinen Schrei aus,
-und war weg, wie der Blitz.</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, verzeihen Sie &mdash; verzeihen Sie einen einzigen
-Augenblick&ldquo;, sagte der Doktor eilfertig, &bdquo;der Baron kommt,
-um seinen Miethskontrakt abzuschließen &mdash; ich stehe dann
-sofort zu Diensten! &mdash; Guten Morgen, Herr Baron &mdash;
-ich freue mich &mdash; die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr
-Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind
-bald fertig.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?&ldquo;
-fragte der Baron im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt
-zu einer Unterhaltung, die, recht breit in der Anlage,
-einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung versprach.</p>
-
-<p>&bdquo;O, recht gut&ldquo;, sagte der Doktor, der auch nicht eilig
-schien, &bdquo;es war ein bischen spät.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber ein allerliebstes Fest &mdash; auf Ehre! Wie ist
-Ihren verehrten Eltern der Abend bekommen?&ldquo; (zum
-Hauptmann gewendet.)</p>
-
-<p>Dieser murmelte etwas Unverständliches &mdash; er erstickte
-fast vor Zorn und Verlegenheit.</p>
-
-<p>&bdquo;Und Ihre Damen, Herr Doktor?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die sind schon lange wieder auf den Füßen!&ldquo; bemerkte
-der Doktor wohlgefällig.</p>
-
-<p>&bdquo;Oh &mdash; so matinal? Sind Sie immer so matinal?
-Aber das finde ich sehr recht! Morgenstunde hat Gold
-im Munde! Mein seliger Papa pflegte das immer zu
-sagen &mdash; Morgenstunde hat Gold im Munde &mdash; ganz
-richtig &mdash; was?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Hauptmann verbeugte sich stumm &mdash; er hätte um
-die Welt jetzt nicht sprechen können. Der Doktor trat
-zum Schreibtisch und wühlte in den Papieren.</p>
-
-<p>&bdquo;Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr
-Baron?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sofort &mdash; ganz zu Diensten! Ja &mdash; noch einen
-Augenblick &mdash; denken Sie, Herr Hauptmann, wie der
-Zufall spielt &mdash; nicht wahr? Einzig manchmal! Wir
-sprachen doch gestern Abend von Straten &mdash; was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich erinnere mich nicht!&ldquo; sagte der Hauptmann unklug
-und wuthbebend.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach
-ihm &mdash; Straten, der zu den Husaren kommandirt war,
-und mit dem ich bei den Dragonern stand &mdash; besinnen
-Sie sich jetzt? was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja!&ldquo; grollte der Hauptmann.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun denken Sie, wie der Zufall spielt &mdash; nein, man
-kann wirklich sagen &sbquo;<em class="gesperrt">spielt</em>&lsquo;, denn er spielt manchmal,
-was? und wir sind sein Spielzeug! Das ist so ein Aperçu
-von mir &mdash; liebe solche Aperçus! &mdash; nun, um auf unsern
-Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den
-guten Straten gemeint haben will &mdash; bewahre! &mdash; dagegen
-protestire ich von vornherein &mdash; es ist nur so eine Redensart!
-Ja, <em class="antiqua">enfin</em>! &mdash; ich gehe gestern Abend nach der
-blauen Krone &mdash; ich komme ins Gastzimmer &mdash; wer sitzt
-da? &mdash; Straten! Nein, ich bitte Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron lachte herzlich.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, warum sollte er nicht dasitzen?&ldquo; fragte der
-Doktor, jetzt auch etwas unwirsch.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, ich sage Ihnen ja &mdash; wir hatten eben vorher
-von ihm gesprochen! Er steht in Rotbergen &mdash; zwei
-Meilen von hier &mdash; und kommt gerade den Abend her.
-&sbquo;Guten Abend, Straten!&lsquo; sage ich. Nun hätten Sie mal
-seine Ueberraschung sehen sollen! &sbquo;Guten Abend, Rabeneck!&lsquo;
-sagt er. &sbquo;Nein, das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier
-treffe! was machen Sie denn hier?&lsquo; frage ich. &sbquo;Ach, ich
-langweile mich so in Rotbergen, da bin ich heut hier
-herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders
-zu trinken&lsquo;, sagt er. Und nun plauderten wir von dem
-alten Regiment &mdash; ach, da hat sich auch viel verändert!
-Der Kommandeur ist weg &mdash; nach Braunschweig versetzt,
-mein damaliger Schwadronschef.&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja aber, Herr Baron&ldquo;, unterbrach der Doktor diese
-interessante Geschichte, &bdquo;wenn wir vielleicht erst unseren
-Kontrakt machen wollten &mdash; Herr Hauptmann Scharff
-wünscht mich dann noch in einer anderen Angelegenheit
-zu sprechen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, Pardon! &mdash; bitte tausendmal um Entschuldigung!
-aber es war mir &mdash; ich dachte, es müßte den Herrn
-Hauptmann interessiren &mdash; es war doch ein zu sonderbares
-Zusammentreffen, was?&ldquo;</p>
-
-<p>Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den
-Kopf hin und her über den merkwürdigen Zufall.</p>
-
-<p>Während die Herren den Kontrakt durchlasen und
-daran herumkorrigirten, stand der Hauptmann stumm am
-Fenster und sah auf die Straße. &bdquo;Fatal! <em class="gesperrt">Einmal</em>
-anfangen war schon schlimm genug &mdash; aber <em class="gesperrt">zweimal</em> &mdash;
-das ging gar nicht!&ldquo; Er biß sich zornig auf die Lippen.
-Und der Moment mußte gleich wieder da sein &mdash; die
-Feder des Doktors jagte nur so über das Papier.</p>
-
-<p>Da klopfte es, und ohne das &bdquo;Herein&ldquo; abzuwarten,
-wurde die Thür sehr weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen
-mit einem großen Tablet erschien, auf dem Porzellan,
-Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber aufgestapelt
-waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann,
-ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: &bdquo;Eine
-Empfehlung von der Frau Majorin, und sie schickt die
-Sachen wieder.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Still!&ldquo; rief der Doktor mit furchtbarer Stimme &mdash;
-er hatte sich verschrieben, und das haßte er!</p>
-
-<p>&bdquo;Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden,
-da mußte ich alles hier herein bringen&ldquo;, fuhr das Mädchen
-unbeirrt fort.</p>
-
-<p>Der Doktor schrieb.</p>
-
-<p>&bdquo;Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr
-Doktor?&ldquo; fragte das Mädchen, &bdquo;ich muß dafür stehen, daß
-nichts fehlt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Rufen Sie Fräulein Käthe&ldquo;, sagte der Doktor, ohne
-den Kopf zu wenden.</p>
-
-<p>&bdquo;Die will nicht hereinkommen&ldquo;, erwiderte die unerschütterliche
-Magd.</p>
-
-<p>&bdquo;Hinaus!&ldquo; rief jetzt der Hauptmann donnernd, und
-wandte sich um. Dieses Wort hatte die Wirkung eines
-Sprenggeschosses &mdash; die Botin flog davon, und ward nicht
-mehr gesehn.</p>
-
-<p>&bdquo;So!&ldquo; sagte der Doktor aufathmend und erhob sich
-&mdash; &bdquo;ich habe unterzeichnet &mdash; wollen Sie nun auch noch
-die Güte haben, Herr Baron?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor,
-ehe ich unterschreibe. &mdash; Sie wissen, eine Wohnung ist
-eine wichtige Frage, &mdash; man muß doch einmal drin wohnen
-&mdash; und &mdash; kurzum, ich möchte mir das Quartier noch ein
-letztes Mal ansehen &mdash; so einen Ueberblick, wie mein Papa
-immer zu sagen pflegte. &sbquo;Chlodwig, verschaffe dir immer
-einen Ueberblick&lsquo;, hat er unzählige Male zu mir gesagt!
-Dürfte ich um diese Gunst bitten?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doktor pfiff leise &mdash; aber er faßte sich, und die
-Herren schickten sich an, das Quartier zu besichtigen.</p>
-
-<p>Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung
-seiner Aussprache fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott
-gegeben, zu weinen, so hätte er geweint! Er trommelte
-den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der Fensterscheibe
-&mdash; er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu
-lesen &mdash; obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt
-hätte, <em class="gesperrt">was</em> er las.</p>
-
-<p>Nachdem einige Zeit &mdash; für den Hauptmann eine
-halbe Ewigkeit &mdash; verstrichen war, traten die Herren wieder
-ein. Der Baron sah sehr bekümmert aus und zog sich
-einen Handschuh an.</p>
-
-<p>Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und
-wippte mit dem Fuß hörbar auf und nieder &mdash; er war
-offenbar schwer gereizt.</p>
-
-<p>Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.</p>
-
-<p>Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend,
-dem Hauptmann.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich weiß nicht &mdash; es ist mir so unangenehm, nein,
-wirklich &mdash; es ist mir <em class="gesperrt">sehr</em> unangenehm!&ldquo; flüsterte er,
-&bdquo;der Herr Doktor ist so böse &mdash; aber ich habe neulich
-ganz übersehen &mdash; das Schlafzimmer liegt nach Nordosten,
-und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte
-immer: &sbquo;Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im
-Schlafzimmer &mdash; halbes Leben &mdash; halbe Gesundheit.&lsquo;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schlafen Sie doch wo anders!&ldquo; stieß der Hauptmann
-rauh hervor.</p>
-
-<p>&bdquo;Kann ich nicht, mein Bester &mdash; kann ich nicht! Und
-dann fehlt mir auch ein Zimmer &mdash; ein einziges Zimmer
-&mdash; mein Friedrich <em class="gesperrt">muß</em> neben mir logiren! Ja, hätte das
-allerliebste, reizende Eckzimmer &mdash; ein <em class="antiqua">bijou</em> von einem
-Zimmer &mdash; noch ein einziges Fenster! aber so!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will Ihnen etwas sagen,&ldquo; explodirte der Doktor,
-&bdquo;haben Sie die Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen
-umbauen zu lassen, und dann wollen wir wieder vier
-Stunden Kontrakt machen. Das ist ja &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron sah hilflos aus.</p>
-
-<p>&bdquo;Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr
-Doktor scherzt &mdash; nicht wahr? ich liebe das sehr! scherze
-selbst gern &mdash; ich war immer dafür bekannt, daß ich viel
-scherze! mein Kommandeur sagte oft: &bdquo;glaubt dem Rabeneck
-nicht, er scherzt nur!&ldquo; <em class="gesperrt">Wie</em> oft! &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,&ldquo; schrie der
-Doktor, &bdquo;mit mir haben Sie genug gescherzt!&ldquo;</p>
-
-<p>Und er wandte sich ab.</p>
-
-<p>&bdquo;Mein Gott, wie peinlich!&ldquo; sagte der Baron, und zog
-sich den zweiten Handschuh an, &bdquo;und ich wäre so gern
-hier ins Haus gezogen! aber jeder ist sich selbst der Nächste!
-was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das kann mir
-doch keiner übel nehmen &mdash; das finde ich &mdash; da kann ich
-mir nicht helfen!&ldquo;</p>
-
-<p>Und damit retirirte der Baron, und ging &mdash; ungeleitet,
-denn der Doktor war <em class="gesperrt">zu</em> ärgerlich &mdash; und man hörte den
-Weggehenden noch im Hausflur, wie ein abziehendes Gewitter
-fragen, ob er sich nicht selbst der Nächste wäre.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wen</em> er fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht
-&mdash; es war ihnen auch höchst gleichgültig. Der Doktor
-rannte wie ein gefangener Tiger im Käfig auf und ab,
-und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen über
-den Baron.</p>
-
-<p>&bdquo;Dieser Einfaltspinsel &mdash; dieser alberne Kerl &mdash; fragt
-einen erst todt, und miethet dann nicht einmal! Nein, ich
-war gestern Abend schon so glücklich &mdash; mein Quartier so
-gut wie vermiethet, und nun? Prosit die Mahlzeit! Nun
-sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame
-Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung &mdash;
-in <em class="gesperrt">diesem</em> Sturm konnte er sein Schifflein nicht
-auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder ruhig
-werden.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber eins sage ich,&ldquo; fuhr der erregte Doktor fort,
-&bdquo;<em class="gesperrt">einen</em> Rath gebe ich jedem, der ihn haben will. Wer
-kein Haus hat, freue sich, und wer eins hat, zünde es an
-allen vier Ecken an. Das ist ja &mdash;! alle Tage was
-Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben &mdash; dem
-soll man die Thüren streichen lassen, und dabei bleiben
-einem die Wohnungen noch leer stehen! Ich danke für
-mein Haus &mdash; ich schenke es weg &mdash; da mache ich immer
-noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und
-Aerger, dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und
-keinen Aerger &mdash; nein, wahrhaftig!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt
-in die Hand.</p>
-
-<p>&bdquo;Den Wisch möchte man doch nun gleich in tausend
-Stücke reißen,&ldquo; begann er von neuem, &bdquo;der Mensch hat
-sich verklausulirt, als wenn er ein Testament über eine
-Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte &mdash;
-um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt &mdash; eigentlich
-kann ich Gott danken, daß ich <em class="gesperrt">den</em> nicht als Miether
-bekommen habe. Ein unausstehlicher Kerl! Aber mein
-Quartier &mdash; nein, ich bin außer mir! nun hängt
-der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und
-jedesmal, wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich
-darüber.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Hauptmann trat einen Schritt näher.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Doktor,&ldquo; begann er mit halbem Lächeln, &bdquo;darf
-ich Ihnen einen Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht
-beiden gedient wäre? Das Quartier hat vier Zimmer,
-wie ich höre &mdash; hätten Sie etwas dagegen, mich als
-Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher
-versetzt.&ldquo;</p>
-
-<p>Das Gesicht des Doktors klärte sich auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, aber,&ldquo; sagte er etwas zögernd, &bdquo;ist Ihnen denn
-die Wohnung nicht zu groß?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich
-kam heute, wie Sie in der Sturm- und Drangperiode mit
-dem Baron vielleicht vergessen haben, um in einer persönlichen
-Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen &mdash;
-darf ich meine Bitte jetzt vortragen?&ldquo;</p>
-
-<p>Dem Doktor ging ein Licht auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte!&ldquo; stammelte er verlegen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,&ldquo; fuhr der Hauptmann
-ernsthaft fort, &bdquo;und sie ist meiner Werbung trotz unserer
-kurzen Bekanntschaft nicht abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr
-Doktor, daß von Ihrer Seite unserer Verbindung kein
-Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine
-Eltern &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln
-die Damen in des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche
-Scene fand statt, nach deren Beendigung der Doktor sich
-zur Thür wandte, um Majors herunter citiren zu lassen.
-Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen
-und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte
-sich draußen vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit
-gerechtfertigt, und als die Klingel des Hausherrn
-so ungestüm erscholl, hatte ihn sein Wissensdrang
-nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen
-Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt
-assistirt hatte.</p>
-
-<p>Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der
-überfließenden Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron
-brachte seine Gratulation an und fragte: &bdquo;Verlobt, was?
-&mdash; ja, das muß sehr hübsch sein &mdash; ich finde das allerliebst!
-werde mich wohl auch entschließen &mdash; nur kein
-Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer:
-&sbquo;Chlodwig, du bist fürs Familienleben geschaffen!&lsquo;&ldquo; Nachdem
-er diesen Satz zu Ende gebracht hatte, war der beglückte
-Schwiegervater so erheitert, daß er den Baron für seine
-Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der gutmüthige
-Mann auch sofort bereitwillig zugestand.</p>
-
-<p>Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner
-servirt wurde, wozu die noch aufgestellten
-Gläser und Tassen vortrefflich zu statten kamen, ließ sich
-der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran Theil zu
-nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des
-Doktors Stube.</p>
-
-<p>Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar
-war still, aber sehr zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen
-aus. Der Doktor und der Major stießen an, und tranken
-Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der Unverdrossenheit
-einer Pagode zu und weinte Freudenthränen
-über ihren Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu
-trocknen, borgte sie allerdings schluchzend das Tuch von
-der Doktorin &mdash; ihr eigenes war momentan nicht zur
-Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter
-diesen Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr
-zusammennehmen. Aber bei der Gelegenheit gelobte sie
-sich heilig und theuer, das Borgen müßte von nun an seine
-Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird, der sich
-in einen ähnlichen Fall versetzen kann.</p>
-
-<p>Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen
-wäre, und erzählte kleine, geistreiche Aussprüche
-seiner Eltern und ihres Chlodwig, wobei er der Bowle
-tapfer zusprach, und es durchaus nicht übel nahm, als
-man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig
-neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner
-Leserinnen, die sich für Leontine interessiren, unter tiefster
-Diskretion verrathen, daß der Baron ganz ernste Heirathspläne
-hat &mdash; die beiden werden sehr gut für einander
-passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen werden!
-&mdash; Ja &mdash; nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde
-ein Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd
-und strahlend in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube
-erschien, und die Verlobungsbowle ihres Lieblings
-mit leeren half.</p>
-
-<p>Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen &mdash; jeder
-hat, was sein Herz wünscht, freilich mehr oder weniger &mdash;
-in den Gläsern funkelt der Wein und alles ruft: &bdquo;hoch
-das Brautpaar!&ldquo;</p>
-
-<p>Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Und_doch" id="Und_doch">Und doch!</a></h2>
-
-<h3><a name="I" id="I">I.</a></h3>
-
-<p class="first">Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand,
-als überlege er, ob er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd
-zuwerfen und der Undankbaren da oben eine Art von
-zornigem Abschiedsgruß senden solle &mdash; aber die Vernunft
-siegte doch &mdash; die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen
-Kraftanstrengung geschlossen &mdash; und nun stand er auf der
-Straße! &mdash;</p>
-
-<p>Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben
-verlassen hatte, von oben bis unten, &mdash; nicht als hätte
-es einen besonders schönen Anblick gewährt, &mdash; aber er
-hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick dort zugebracht,
-&mdash; die blühenden Gewächse hinter den weißen
-Gardinen hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt,
-wenn er von seiner nahe bei der Stadt belegenen kleinen
-Besitzung auf muthigem Rößlein vor das Haus der Verwandten
-gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche
-zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein
-dunkelblonder Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte
-ihm freundlich wiedergewinkt.</p>
-
-<p>Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, &mdash; wie viel
-Stufen hatte die Treppe? &mdash; jedesmal schien eine mehr,
-bis er den messingnen Klingelgriff in der Hand hielt!
-Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein ganz richtiger
-Mutterbruder, &mdash; aber der schmucke, junge Landmann war
-als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen
-worden.</p>
-
-<p>Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, &mdash; in
-einem bequemen Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne
-Saffianlehne durch gelbe Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte
-als geschmackvolle Einfassung erhielt, saß der Vater,
-ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer
-Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er
-die weit von sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit
-zu Zeit die Handlung eines Monarchen durch wohlgefälliges
-Brummen zu billigen oder über die unbedachten
-Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf
-zu schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade
-aufgerichtet, &mdash; diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern
-beizubringen, bestrebte sich die Gute fortwährend durch
-Blicke, Winke und Bewegungen, während ihre Hände
-Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper
-in Musik setzten. &mdash; Und wenn dann der Theetisch gedeckt
-war, saßen die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares
-wie Orgelpfeifen um sie her, &mdash; die Aehnlichkeit unter
-den Geschwistern war auffallend, &mdash; alle vier zeigten entschiedene
-Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite Lippen
-und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten
-sich aber die andern nicht messen, &mdash; was in Fränzchens
-Gesicht zierlich und allerliebst war, hatte bei den beiden
-Buben eine gewisse unfertige Plumpheit, und die Kleinste
-befand sich noch in dem Alter, welches für junge Männer
-einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.</p>
-
-<p>So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin
-gekommen, seine Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter
-zuzuwenden, und sie hatte das ganz freundlich hingenommen,
-hatte erlaubt, daß er ihr das Streichhölzchen anzündete,
-um die Spiritusflamme unter dem Theekessel in Brand zu
-stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus
-seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße
-und Erzählungen beinahe so herzlich wie er selbst, &mdash; und
-das wollte etwas sagen!</p>
-
-<p>Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und
-Selbstüberhebung nöthig, um die Entschlüsse reifen zu
-lassen, die in nächster Zeit unsern Helden bewegten. Noch
-nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich in der
-Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen
-zur Auswahl präsentirt. Da war besonders eins, das
-er in&rsquo;s Herz geschlossen hatte, mit blauen, schmalen
-Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, &mdash; als
-er ihr das zeigte und frug:</p>
-
-<p>&bdquo;Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so
-tapezirt wäre? Ist es nicht niedlich?&ldquo;</p>
-
-<p>Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage
-und sagte:</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr niedlich!&ldquo;</p>
-
-<p>Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie
-roth geworden, wenn sie nicht wußte, was er damit
-meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen warb er einen
-ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ
-seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich
-viele Tage lang mit dem abscheulichsten Kleistergeruch, &mdash;
-und Alles um nichts und wieder nichts! &mdash;</p>
-
-<p>Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer,
-&mdash; überlegte, &mdash; verwarf, &mdash; und kam endlich zum Entschluß.
-Heut, &mdash; diesen selben Tag, an dem er fiebernd
-vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße stand,
-war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon
-früh ritt er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so
-groß, daß ihm alle Leute verwundert nachsahen, &mdash; das
-Mädchen empfing ihn mit der größten Freundlichkeit, &mdash;
-zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, &mdash; und man
-lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft
-junger Leute sich versammeln sollte.</p>
-
-<p>Das that er denn auch, und als er im Hausflur
-einen kleinen Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches,
-braunes Gesicht darin betrachtete, kam er sich beinahe
-hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er in&rsquo;s Knopfloch
-gesteckt &mdash; und unter der Rosenknospe schlug ein Herz
-voll Löwenmuth!</p>
-
-<p>Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug
-ein weißes Kleid mit feinen, blauen Streifen, &mdash; es sah
-seiner Tapete beinahe ähnlich, &mdash; und die blonden, glatten
-Zöpfe waren mit einer frischen Nelke geschmückt, &mdash; er
-hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem
-Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte!</p>
-
-<p>Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er
-eintrat, und Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind
-begrüßte. Er sah aber gleich, daß sie schlechter Laune war.</p>
-
-<p>&bdquo;Guten Abend, Karl,&ldquo; sagte sie flüchtig und mit einem
-Anflug von Verdrießlichkeit in der Stimme. &bdquo;Du kommst
-genau eine Stunde später als du eingeladen bist! Wir
-hätten schon lange anfangen können zu tanzen, wenn wir
-nicht hätten auf Dich warten müssen.&ldquo;</p>
-
-<p>Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler
-bestand darin, daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf
-besaß. Er wurde röther, als es selbst der Dame seines
-Herzens gegenüber nöthig war, machte ein steifes Kompliment
-und zog sich zurück. Eins kam zum andern, &mdash;
-die Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, &mdash;
-und schließlich geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem
-Geburtstag von einem Andern zu Tisch führen ließ und
-Karl mit einem schnippischen: &bdquo;ich bin schon versagt,&ldquo; abfertigte.</p>
-
-<p>Aber Karl rächte sich! &mdash; Unmittelbar nach Tisch
-wollte man beginnen, nach dem Klavier zu tanzen. Als
-sich der Heimtückische durch einen schnellen Ueberblick versichert
-hatte, daß auch ohne ihn eine ausreichende Zahl
-von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß plötzlich
-einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl.
-Die ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, &mdash; Fränzchen
-allein stand an ihrem Geburtstagstisch und zählte die
-Blättchen an ihrem Rosenstock, &mdash; das erbitterte ihn nun
-vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß verstaucht,
-könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn
-man ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts
-auf einem Ball zu suchen habe.</p>
-
-<p>Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl
-blieb, &mdash; aber er tanzte konsequent nicht! Die Fenster
-waren geöffnet, um die nächtliche Sommerluft einzulassen,
-&mdash; er setzte sich hinter die Gardine und dachte zornig
-darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt
-hatte! Und eigentlich war er ja schuld gewesen, &mdash; was
-mußte er gleich so empfindlich sein! Sie hatte Recht, er
-<em class="gesperrt">war</em> zu spät gekommen, &mdash; und es war doch Fränzchens
-Geburtstag! &mdash; Er erhob sich, &mdash; es wurde ihm zu heiß
-hinter der Gardine, &mdash; und humpelte, seiner Rolle getreu,
-über das Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß
-er besser tanzte wie jeder der anwesenden Herren, war klar,
-&mdash; das wußte Fränzchen auch, &mdash; und deshalb ärgerte
-es sie so sehr, daß er heute nicht tanzen <em class="gesperrt">wollte</em>, denn
-sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.</p>
-
-<p>&bdquo;Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,&ldquo; rief da die
-Mutter, &bdquo;es ist schon sehr spät!&ldquo;</p>
-
-<p>Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens
-Mutter schon gewöhnt, &mdash; da erhob sich Karl und bat
-die Tante flehentlich, noch einen Augenblick zu verziehen,
-die Schmerzen in seinem Fuß hätten nachgelassen und
-er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte der
-Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen
-mit blitzenden Augen dazwischen trat.</p>
-
-<p>&bdquo;Es thut mir leid, Karl, wenn <em class="gesperrt">du</em> auch wieder hergestellt
-bist, &mdash; ich habe mir soeben den Fuß versprungen
-&mdash; und zwar so gründlich, daß ich glaube, wir würden
-nie wieder in den richtigen Takt kommen.&ldquo;</p>
-
-<p>Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. &mdash; Die
-tanzenden Paare trennten sich, &mdash; man ging umher, um
-sich abzukühlen, und endlich brach man auf. Daß Karl,
-als Verwandter des Hauses, sich noch nicht mitempfahl,
-konnte Niemandem auffallen.</p>
-
-<p>Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene
-Fenster, um ihnen nachzusehen, und Karl, von Reue und
-Liebe beseelt, stürzte sich Hals über Kopf in das ungeheure
-Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu werben. So
-&mdash; nun war&rsquo;s heraus, &mdash; Gott sei Dank! &mdash; er sah seitwärts
-nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der
-Ueberraschung machen würde, &mdash; aber sie stand so still
-und unbeweglich am Fenster, als ginge sie die ganze Sache
-gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er stehen.
-Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an
-beiden Schultern und drehte sie herum.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Fränzchen,&ldquo; fragte er in einer Mischung von
-Rührung und Humor, &bdquo;was sagst du? Hier, der Karl
-will dich zur Frau haben, &mdash; na, du hast dir&rsquo;s wohl
-schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, &mdash; sag&rsquo;
-Ja oder Nein!&ldquo;</p>
-
-<p>Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher
-Stimme ein kurzes &bdquo;Nein!&ldquo; drehte sich wieder um
-und trommelte an den Scheiben.</p>
-
-<p>Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an.
-&mdash; Das kam ihnen allen Dreien unvermuthet, &mdash; bis
-Karl leise bat:</p>
-
-<p>&bdquo;Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, &mdash; ich
-will sie schon zur Vernunft bringen!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu
-überlassen, Karl trat zu der kleinen Eigensinnigen und
-sah, daß ihre Augen voll Thränen standen.</p>
-
-<p>&bdquo;Fränzchen,&ldquo; bat er herzlich, &bdquo;sei nicht kindisch! Ich
-weiß, du hast ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann
-dir nicht mehr leid thun wie mir, daß wir uns heute so
-mißverstanden haben, &mdash; verzeihe mir doch!&ldquo;</p>
-
-<p>Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und
-unwillig zurück.</p>
-
-<p>&bdquo;Sieh&rsquo;,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;das Nein, was du mir jetzt
-sagst, ist doch ein anderes, als eine Absage für einen Tanz!
-Ich kann dann nicht mehr wiederkommen und fragen, ob
-du dich anders besonnen hast, &mdash; du weißt, ich würde
-es auch nicht thun, &mdash; überlege dir&rsquo;s einmal, Fränzchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er
-verzweifelt zurück und rief die Eltern wieder herein.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du
-ihr einmal zu, &mdash; sie ist zu kindisch!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton
-das Mädchen, welches sich trotzig vor ihn hinstellte.</p>
-
-<p>&bdquo;Was fällt dir ein,&ldquo; fuhr er sie ziemlich rauh an,
-&bdquo;läßt den Karl ablaufen wie einen dummen Jungen, weil
-ihr irgend eine alberne Uebelnehmerei mit einander gehabt
-habt! Gleich bist du vernünftig und sagst entweder einen
-Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst ihm
-die Hand.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, ich will nicht und ich will nicht!&ldquo; rief das
-Mädchen jetzt, von Schluchzen unterbrochen, &bdquo;erst kommt
-er zu spät, dann ist er so unhöflich gegen mich wie möglich,
-dann tanzt er nicht und verdirbt mir meinen ganzen Geburtstag,
-&mdash; nennt mich zweimal in einem Athem kindisch, &mdash; und
-wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend
-gnädig kommt und mich heirathen will, &mdash; da soll ich Ja
-sagen! Ich thu&rsquo;s nicht, &mdash; ich mag nicht aufs Land,
-ich will überhaupt nicht heirathen und ich wollte, ihr
-hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist gut, Fränzchen,&ldquo; sagte Karl trocken, während
-sie sich abermals abwandte und ihr Gesicht ins Tuch
-barg, &bdquo;wir wollen nicht mehr davon sprechen! Ich habe
-mich geirrt und bin ein Narr gewesen, &mdash; und jetzt kann
-ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen
-Geburtstag verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht,
-lieber Onkel, gute Nacht, Tante!&ldquo;</p>
-
-<p>Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt,
-&mdash; dann stürmte Karl davon und der Moment,
-wo er die Hausthür öffnete und auf die Straße trat, war
-es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den
-Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und
-fühlte mit Behagen, daß ein heraufziehendes Gewitter
-schwere Regentropfen auf seine heiße Stirn sandte, die er
-schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu Zeit
-wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese
-Bewegung vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen
-Streich gespielt, daß er nicht mehr mitsprach, als das Herz
-heut durchging.</p>
-
-<p>Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung
-weit besser zu, als die langsame Fortbewegung der
-Füße, und doch kam er viel zu früh für seine Wünsche
-daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer Zeit
-mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte,
-dünkte ihm unwirthlich und öde, &mdash; er erschien sich wie
-Einer, der zu einer schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof
-ging, den Zug versäumte &mdash; und mit entsetzlich ernüchterten
-Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses letzte
-Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, &mdash; &bdquo;aber es giebt
-ja mehr Züge als den einen,&ldquo; sagte er halblaut vor sich
-hin, &bdquo;führen sie auch nicht alle in das gelobte Land der
-Ehe, &mdash; man kann auch sonst noch Reisen machen, denn
-hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher Gedanke! Aber
-wohin? &mdash; ich kann für die nächsten zwei, drei Tage abkommen,
-ich werde nach Schrobeck fahren!&ldquo;</p>
-
-<p>Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den
-die Bewohner der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen
-benutzten. Für gewöhnlich war er nur sehr stark von
-alten Damen frequentirt, daher er für einen jungen Mann
-wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal
-der nächste zu erreichende Ort &mdash; und für Schrobeck entschied
-sich Karl. Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die
-undeutliche Vorstellung, daß eine alte Tante Amalie, die
-er zu besitzen sich rühmen durfte, meist um diese Zeit des
-Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, &mdash; aber er tröstete
-sich mit den beliebten &bdquo;Vielleichts&ldquo;: &bdquo;vielleicht ist sie jetzt
-noch nicht da!&ldquo; oder &bdquo;vielleicht sieht sie mich gar nicht,&ldquo;
-kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam
-ausgestatteten Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen
-Studium er sich eifrig vertiefte.</p>
-
-<h3>II.</h3>
-
-<p>Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am
-nächsten Morgen in grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte
-und einer gestickten Reisetasche mit Rosen und Veilchen
-im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe Stunde &mdash;
-sechs Uhr &mdash; hatte dem Landmann keine Ueberwindung
-gekostet, denn &bdquo;fort, &mdash; nur fort!&ldquo; war seine Losung
-und der erste Zug ging um sechs Uhr zwanzig Minuten.
-Sein Platz war so gewählt, daß er der Eingangsthür
-den Rücken wandte und doch im Stande war, mit
-Hülfe eines ihm gegenüber hängenden großen Spiegels
-Alle zu beobachten, die den Wartesaal betraten.</p>
-
-<p>Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit
-zu fesseln vermocht, &mdash; zwei verschlafene, verdrießlich aussehende
-Damen, deren eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder
-Bewegung erhielt, ließen in ihm nur den Gedanken
-aufsteigen: &bdquo;Gott bewahre mich vor solcher Gesellschaft!&ldquo;
-Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe,
-der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden
-Nymphe am Büffet sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen
-erging, &mdash; vor diesem graute ihm noch weit mehr! Die
-einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin dieses interimistischen
-Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche
-Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war,
-auf dem sehr naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling
-hätten durstig machen können. Die kleine Dame sah, gegen
-die Gewohnheit des alleinreisenden weiblichen Geschlechts,
-ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der frühen
-Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Das wäre schon eher Etwas!&ldquo; dachte Karl bei sich.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte
-Bewegung, bei der wir, wie der Volksmund sagt,
-aus der Haut fahren möchten. Seine Augen erblickten
-im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in ihm den
-unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den
-Tisch zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes
-Aufsehen zu erregen.</p>
-
-<p>Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig,
-stumpfnäsig, mit einer zierlichen Ledertasche und mehreren
-Paketen beladen, hatte den Raum betreten, gefolgt von
-einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen Augen,
-blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens
-die Röthe der Augenlider zu verdecken bestrebt war, &mdash;
-Fränzchen und ihr ältester Bruder!</p>
-
-<p>In Karl&rsquo;s Gehirn führten allerlei Gedanken einen
-verworrenen Tanz aus, &mdash; er fühlte den unbestimmten
-Wunsch, etwas zu unternehmen, &mdash; und zugleich die beschämende
-Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde,
-&mdash; endlich that er, was meist das Klügste ist, was man
-thun kann, &mdash; wenn es die Menschen nur einsehen wollten!
-&mdash; er wartete ab!</p>
-
-<p>Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte
-den Kopf in die Hand und sah vor sich nieder, der sie
-begleitende Knabe Fritz dagegen ließ seine munteren Augen
-im ganzen Saal umherschweifen, bis sie glücklich im Spiegel
-Karl&rsquo;s wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch im selben
-Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell
-nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten
-Sekundaner des neunzehnten Jahrhunderts war, begriff,
-&mdash; und nickte! Ja, noch mehr, &mdash; als Karl mit der Hand
-nach dem soeben geöffneten Perron zeigte, dann auf sich
-selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch
-ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der
-kluge Fritz sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine
-etwas unsichere Knabenstimme machte der Schwester den
-Vorschlag, er wolle in dem schon draußen haltenden Zuge
-einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig hier bleiben.</p>
-
-<p>Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte
-dann wieder die Hand über die Augen. Karl konnte also
-unbemerkt den Saal verlassen und den Perron betreten,
-dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken Wandpfeiler
-unmöglich wurde.</p>
-
-<p>Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte,
-wurde, wie die Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt
-und festgehalten.</p>
-
-<p>&bdquo;Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?&ldquo; stieß Karl hervor,
-den Sekundaner mit Blicken durchbohrend.</p>
-
-<p>&bdquo;Nach Schrobeck,&ldquo; erwiderte dieser, sich mit einer mehr
-kräftigen als anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend,
-die seine Schultern hielten.</p>
-
-<p>&bdquo;Nach Schrobeck?&ldquo; wiederholte Karl dumpf, &bdquo;dachte ich
-mirs doch! Aber warum gerade dorthin?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weil Tante Amalie dort ist, &mdash; ich bringe die
-Fränzchen nur vor der Schule auf den Bahnhof, &mdash; sie
-fährt allein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und ich fahre auch nach Schrobeck,&ldquo; sprach Karl in
-düsterem Tone, sein Billet emporhaltend.</p>
-
-<p>Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches
-Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich
-argwöhnisch und neidisch nach dem Eigenthümer so vieler
-Heiterkeit umsahen.</p>
-
-<p>&bdquo;Was lachst du denn, dummer Junge?&ldquo; rief Karl
-jetzt ergrimmt, &bdquo;sage lieber, wie Fränzchen so plötzlich
-darauf kommt, abzureisen! Gestern Abend war doch noch
-gar nicht davon die Rede!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Denkst du denn, ich weiß gar nichts,&ldquo; erwiderte
-Fritz, dessen Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte.
-&bdquo;Die halbe Nacht ist noch bei uns ein fürchterlicher Spektakel
-gewesen, &mdash; Fränzchen hat geweint, der Vater
-hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was
-sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen,
-bis sie zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der
-Vater einen Brief gegeben, den sollte ich zu dir tragen,
-wenn ich aus der Schule käme, &mdash; da du aber nach
-Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Her mit dem Brief!&ldquo; herrschte Karl mit so wildem
-Ton und Blicke, daß Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick
-erzitternd, den Brief aus der Tasche zog und Karl einhändigte.</p>
-
-<p>Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes
-Lächeln über sein Gesicht, er faltete den Brief zusammen,
-steckte ihn in die Tasche und wandte sich wieder zu Fritz.</p>
-
-<p>&bdquo;Höre Fritz, &mdash; in diesem Zuge giebt&rsquo;s keine Damencoupés.
-Du belegst hier in diesem Wagen einen Platz
-für Fränzchen, &mdash; ich lasse meine Reisetasche in die Ecke
-legen und komme nicht eher auf meinen Platz, bis
-der Zug eben fortfahren will.&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé.</p>
-
-<p>Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann
-Karl&rsquo;s Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz.
-Fritz begab sich wieder in den Wartesaal, um seine
-Schwester zu rufen, &mdash; es klingelte zum ersten Mal.</p>
-
-<p>Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers
-zum Fenster hinaus.</p>
-
-<p>&bdquo;Hier, Fränzchen!&ldquo; rief der wohlinstruirte Fritz und
-half der Schwester in das Coupé steigen, an dessen Fenster
-ein Täfelchen mit der bedeutsamen Inschrift prangte: &bdquo;Für
-Nichtraucher!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kein Damencoupé?&ldquo; frug das Mädchen schon im
-Einsteigen.</p>
-
-<p>&bdquo;In diesem Zuge giebt&rsquo;s keine Damencoupés,&ldquo; lautete
-die Antwort, und Fränzchen nahm ihren Platz gerade der
-gestickten Reisetasche gegenüber, um den Anblick der
-brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich zu
-genießen.</p>
-
-<p>Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch
-allerlei Aufträge in Empfang.</p>
-
-<p>&bdquo;Erlauben Sie, junger Herr,&ldquo; sagte da eine muntere
-Stimme hinter ihm, und die junge Dame mit dem
-Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die dritte Ecke
-an der andern Seite ein.</p>
-
-<p>&bdquo;Ob das Karl lieb sein wird?&ldquo; dachte Fritz bedenklich,
-&mdash; doch da er nicht befugt war einzuschreiten, schwieg
-er wohlweislich.</p>
-
-<p>Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten
-Augenblick an, sie klagte über die Hitze, legte ihr
-Hütchen ab und bot Fritz und Fränzchen gutmüthig von
-dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren Quantitäten
-bei sich zu führen schien.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich fahre nicht mehr allzu lange,&ldquo; sagte sie jetzt, sich
-bequem in die Ecke zurücklehnend, &bdquo;in Eisdorf steige ich
-aus. Sie auch, Fräulein?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem
-Ziel, &mdash; ich will nach Schrobeck,&ldquo; erwiderte Fränzchen müde.</p>
-
-<p>Ein erneutes Klingeln, &mdash; ein kurzer, zwitschernder
-Pfiff ließ sich vernehmen, &mdash; Fritz wurde höflich ersucht,
-seinen erhabenen Standpunkt zu verlassen, &mdash; und eben
-wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als in vollem
-Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über
-den Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin
-war, als der Zug sich in Bewegung setzte.</p>
-
-<p>Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden
-Vortheil über Fränzchen, &mdash; er wußte, was ihm bevorstand,
-und vermochte es in Folge dessen, seinen Hut abzunehmen
-und beide Damen wie fremde Mitreisende zu
-grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte
-ihn mit weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist,
-und wechselte unaufhörlich die Farbe.</p>
-
-<p>Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert
-von Einem zum Andern, von dem so sehr gefaßten,
-jungen Mann zu dem fassungslosen Mädchen, &mdash;
-und schüttelte unmerklich den Kopf.</p>
-
-<p>Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre.
-Er legte seine Reisetasche in das oberhalb angebrachte
-Netz, den Hut daneben, und begann dann, über Fränzchen
-weg, die kleine Brünette mit freundlichem Wohlgefallen
-anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem
-Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch
-Entfaltung seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen
-zu lassen, <em class="gesperrt">wen</em> sie verschmähte.</p>
-
-<p>Um Karl&rsquo;s veränderte Stimmung und gehobenen
-Muth zu begreifen, bedarf es nur eines Einblickes in
-den Brief, den ihm sein hoffentlicher Schwiegervater geschrieben
-hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz auf
-weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen
-den ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des
-schwärzesten Betragens angeklagt habe. Von seinem
-Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung zu machen, habe
-sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen, wahrscheinlich
-weil das gegen ihre Würde gestritten hätte.
-So habe denn der Vater beschlossen, um ihr über die
-nächsten, unbehaglichen Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine
-Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck zu schicken, und
-glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben zu
-dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal
-anfrage, er ein um so freudigeres &bdquo;Ja&ldquo; für das trotzige
-&bdquo;Nein&ldquo; von gestern erwarten dürfe.</p>
-
-<p>So wußte denn unser Held, woran er war, &mdash; und
-wer das <em class="gesperrt">nicht</em> weiß, kann erst den unschätzbaren Werth
-dieser Kenntniß ganz würdigen.</p>
-
-<p>Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald.
-Die Kirschendame stand auf und rüttelte mit beiden Händen
-an dem geschlossenen Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen
-nicht sogleich und Karl sprang mit einem
-verbindlichen &bdquo;erlauben Sie mir!&ldquo; auf die gegenüberliegende
-Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an
-diesem niederlassend.</p>
-
-<p>Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr
-unfreiwillige Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl
-eröffnete die Unterhaltung mit der geistreichen Bemerkung:</p>
-
-<p>&bdquo;Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene
-Fenster kommt ein angenehmer Luftzug.&ldquo;</p>
-
-<p>Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum
-Zeichen der Zustimmung, und fügte bei:</p>
-
-<p>&bdquo;Darum kam ich eben auf den Gedanken!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es war ein sehr kluger Gedanke,&ldquo; sagte Karl verbindlich.</p>
-
-<p>Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl
-von ihrem Pfefferkuchen an.</p>
-
-<p>&bdquo;Herren essen zwar so etwas nicht gern,&ldquo; bemerkte sie.</p>
-
-<p>&bdquo;Aus so schönen Händen,&ldquo; erwiderte Karl, der schon
-merkte, daß diese Waare hier guten Absatz fände.</p>
-
-<p>&bdquo;O, bitte,&ldquo; erwiderte sein <em class="antiqua">vis-à-vis</em> erfreut.</p>
-
-<p>Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das
-war zu stark, daß Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden
-nach dem betrübenden Vorfall in ihrer Gegenwart so
-harmlos lustig sein und dieser kleinen, unternehmenden
-Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr
-erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!</p>
-
-<p>Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort,
-die kleine Dame lachte über Karl&rsquo;s Einfälle, die meist
-mehr durch Vortrag als durch Neuheit glänzten, &mdash; sie
-lachte so laut und herzlich, daß sie sich die Augen trocknen
-mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische Zwecke im
-Auge, &mdash; erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann
-sein <em class="antiqua">vis-à-vis</em> günstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen
-erlaubte. Bescheiden brachte er die Anfrage vor.</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte, rauchen Sie,&ldquo; sagte seine gemüthliche neue
-Freundin, &bdquo;wenn es die andere Dame nicht genirt?&ldquo;</p>
-
-<p>Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung
-an Fränzchen, mit gezücktem Streichholz.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bedaure sehr,&ldquo; erwiderte sie in eiskaltem Ton,
-&bdquo;das Rauchen macht mir Kopfweh.&ldquo;</p>
-
-<p>Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte.
-Schwer geärgert über diese Ungefälligkeit, vergaß er die
-gebotene Vorsicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Du hast es doch immer vertragen,&ldquo; fuhr er heraus,
-biß sich aber erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame
-sichtlich die Ohren spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend,
-sich zum offenen Fenster hinausbog.</p>
-
-<p>Die Kirschendame ertrug&rsquo;s nicht länger. Sie beugte sich
-zu Karl hinüber und sagte lautlos, nur mit den Lippen:</p>
-
-<p>&bdquo;Frau!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Braut?&ldquo; im selben Ton.</p>
-
-<p>Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.</p>
-
-<p>&bdquo;Gezankt?&ldquo; deutete das <em class="antiqua">vis-à-vis</em> an.</p>
-
-<p>Abermals nickte er.</p>
-
-<p>&bdquo;O,&ldquo; sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl
-noch weiter geforscht, wenn nicht in dem Moment der
-Zug gehalten hätte.</p>
-
-<p>&bdquo;Station Eisdorf,&ldquo; rief der Schaffner.</p>
-
-<p>Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst
-ihren Hut, ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen
-und mit einem bedeutungsvollen: &bdquo;Glückliche Weiterreise,
-meine Herrschaften!&ldquo; verließ sie den Wagen und
-taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie erwartet
-hatte.</p>
-
-<p>Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl
-sah nun seinerseits zum Fenster hinaus.</p>
-
-<p>&bdquo;Nur sich nichts vergeben!&ldquo; dachte er.</p>
-
-<p>Ein zaghaftes &bdquo;Karl!&ldquo; veranlaßte ihn, sich umzuwenden.</p>
-
-<p>&bdquo;Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Du bist sehr freundlich,&ldquo; sagte er kurz, und bald
-schwebten die blauen Dampfwolken zum Fenster hinaus
-über die grünen Felder.</p>
-
-<p>Mehrere Minuten vergingen, &mdash; Karl überlegte, was
-er wohl jetzt sagen sollte, &mdash; er beschloß, dem Mädchen
-seine Launenhaftigkeit ernstlich zu Gemüth zu führen, &mdash;
-und während er sich diese Worte in Gedanken zurechtlegte,
-störte ihn ein leises Schluchzen.</p>
-
-<p>Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit
-dem Tuch vor dem Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der
-Ecke lehnen. Da schmolz sein ohnehin nicht sehr hartes
-Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu einer
-leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent,
-&mdash; und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß
-er sich seinem Charakter gemäß ausdrückte.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du
-nun dir und mir das Leben schwer? Wärst du vernünftig
-gewesen und hättest gestern Abend &sbquo;Ja&lsquo; gesagt,
-wie du doch meinst, &mdash; nein, sei still, ich weiß es ganz
-gut, &mdash; da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in
-Eurer Wohnstube und Abends führen wir mit dem Vater
-zu mir heraus und du sähest dir die blaue Tapete an,
-die du ja selber ausgesucht hast.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,&ldquo; fuhr
-Karl gemüthlich fort, &bdquo;und wir Beide, die sich schon gemeinsam
-die Wohnung eingerichtet haben, fahren hier, wie
-die Landstreicher, in der Eisenbahn, als wüßten wir nicht,
-wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das später
-werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen,
-und du willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und
-jetzt steh&rsquo; auf und sage: &sbquo;Ich will sehr gut folgen, lieber
-Karl!&lsquo;&ldquo;</p>
-
-<p>Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen
-Lachen und Weinen die bedeutungsvollen Worte nach.</p>
-
-<p>&bdquo;So,&ldquo; sagte Karl nach einer Weile, als die erste
-Rührung beiderseits überstanden war, &mdash; denn, gestehen
-wir es, auch unserem Helden wurde die Stimme etwas
-unklar, &mdash; &bdquo;nun will ich dir auch beichten, &mdash; ich habe
-dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wem denn?&ldquo; frug Fränzchen erstaunt.</p>
-
-<p>&bdquo;Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,&ldquo; erwiderte
-Karl ruhig, &bdquo;was hätte die sich sonst denken sollen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Station Schrobeck,&ldquo; rief der Schaffner, die Thür
-öffnend.</p>
-
-<p>Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr
-und Gebieter beschloß, was zu thun sei.</p>
-
-<p>&bdquo;Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?&ldquo;
-frug er, den Namen von Fränzchens Heimathsort
-nennend.</p>
-
-<p>&bdquo;In einer halben Stunde.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Fränzchen,&ldquo; sagte Karl heiter, &bdquo;dann fahren
-wir in einer halben Stunde hübsch zu deinen Eltern!
-Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur nicht zu
-Tante Amalie,&ldquo; schauderte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,&ldquo; schlug
-Fränzchen vor.</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo,&ldquo; rief Karl und schlug dröhnend in die Hände,
-&bdquo;du bist die richtige Frau für mich! Natürlich trinken
-wir Kaffee!&ldquo;</p>
-
-<p>Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar
-wieder im Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg
-zurück, den es vor wenig Stunden gekommen war. Lassen
-wir sie ruhig ziehen, &mdash; die kommen durch die Welt!</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Der_tolle_Junker" id="Der_tolle_Junker">Der tolle Junker.</a></h2>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poem">
-<p class="quote">
-&bdquo;Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.&ldquo;<br />
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p class="first">Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold
-war heute schon fast leer und nur eine einzige Gruppe
-nahe dem Fenster schien ausharren zu wollen, bis der
-Herbstmorgen dämmerte.</p>
-
-<p>Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein
-in lebhaftem Gespräch und zwei andere waren an einem
-Billard beschäftigt. Die Spieler gehörten anscheinend zu
-der sitzenden Gesellschaft, denn ab und zu warf einer von
-ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am Tisch.</p>
-
-<p>Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus
-in das Zimmer führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren
-Jahren, blond, blaß und vornehm aussehend, trat ein, warf
-seinen Oberrock ab und näherte sich der Versammlung am
-Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die Billardspieler
-seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,&ldquo;
-bemerkte einer der bereits Anwesenden, &bdquo;es ist doch sträflich,
-im September schon in Gesellschaft zu gehen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was haben Sie da?&ldquo; sagte der als Raven Angeredete,
-&bdquo;<em class="antiqua">château d&rsquo;Yqum</em>? Schön, ich bin von der Partie! Und
-was die Gesellschaft betrifft, so werden Sie mir zugeben,
-daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle hätten
-heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und
-habe im kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am
-Billard rasch um; er hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht,
-dessen dunkle Augen durch eine goldene Brille blickten, ohne
-darum weniger jugendlich auszusehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!&ldquo; sagte Raven,
-dem allbeliebten jungen Arzt die Hand schüttelnd; &bdquo;nun,
-Doktor, ist Alles zu Tode curirt, daß Sie &rsquo;mal Zeit haben,
-hier Billard zu spielen? Welch glänzendes Zeugniß für
-den Gesundheitszustand unserer Stadt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Berufen Sie mein Glück nicht!&ldquo; erwiderte Doktor
-Stein, &bdquo;ich bin selbst ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand,
-und habe zu Hause Befehl gegeben, mich für alle,
-außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da ist übrigens
-mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir quitt!&ldquo;</p>
-
-<p>Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch
-und schenkte sich ein.</p>
-
-<p>&bdquo;Und nun,&ldquo; sagte er, sich einen Stuhl heranziehend,
-&bdquo;erzählen Sie vom Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja,&ldquo; riefen die Anderen durcheinander, &bdquo;erzählen
-Sie, wie war das Arrangement, und wie benahm sich das
-Brautpaar?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet
-meinen,&ldquo; sagte Raven, &bdquo;es hatte nur wieder den alten
-Erting&rsquo;schen Fehler, weniger wäre mehr gewesen! Ich bitte
-Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig Personen ein Souper
-wie bei Hofe, Sect in Strömen &mdash; nun, wir können es ja
-haben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und das Brautpaar?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig
-wie immer, die Mama soufflirte ihm beständig! Er glaubte,
-seinen Geschmack durch seine Wahl genügend bewiesen zu
-haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit dem Artikel
-angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie
-Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt
-hatte, war ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die
-Alteration konnte mir schaden, man muß auch an sich
-selbst denken!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind ein malitiöser Mensch,&ldquo; sagte der Doktor.
-&bdquo;Ludwig Erting ist ein guter, anständiger Kerl, der sich
-immer als solcher benehmen wird, wenn ihm auch die
-Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre er innerlich
-anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort
-gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester
-Stein, die diesem Juwel als Fassung dienen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse
-aus?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,&ldquo;
-sagte Raven, &bdquo;blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit
-einer alterthümlichen, feinen Goldkette wohl zehnmal um
-den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von Passini!&ldquo;</p>
-
-<p>In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer
-Wagen, er hielt vor der Thür des Weinhauses und ein
-graubärtiger Mann in Hut und Kutschermantel trat hastig
-und verstört in die Stube.</p>
-
-<p>&bdquo;Das gilt mir!&ldquo; sagte der Arzt und ging dem Ankommenden
-entgegen.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,&ldquo; begann
-der Alte mit unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst
-verrieth, als das bleiche Gesicht, &bdquo;unser Herr liegt im
-Sterben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was Teufel!&ldquo; rief der Doktor und fuhr schon mit
-einem Arm in den Ueberzieher, während er sich von den
-Anderen verabschiedete, &bdquo;ich empfehle mich bis auf Weiteres
-meine Herren, hoffe, es wird so schlimm nicht sein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wer ist denn krank?&ldquo; fragte Raven den Eilfertigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Der alte Baron in Wolfsdorf,&ldquo; rief der Doktor schon
-im Hinausgehen, die Thür klirrte ins Schloß und wenig
-Augenblicke darauf rasselte der schwere Landwagen über
-das Straßenpflaster.</p>
-
-<p>Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren
-zu ihrem Tisch zurück und begannen sich auch zum Aufbruch
-zu rüsten.</p>
-
-<p>Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.</p>
-
-<p>&bdquo;Seltsam,&ldquo; begann er jetzt, als sie mit einander
-durch die menschenleeren, mondhellen Straßen schritten,
-&bdquo;wie diese Botschaft für den Doktor an unser Gespräch
-anknüpfte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Inwiefern?&ldquo; frug sein Begleiter überrascht.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie
-müssen wissen, Brandeck und Wolfsdorf grenzen, und Edith
-Brandau war als Kind mehr bei dem alten Baron
-Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas
-vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen,
-auch einen Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie
-man sagte, eine Art Jugendliebe oder Kinderliebe der
-schönen Edith war.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und warum wurde nichts daraus?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge
-Mensch hatte nichts und war nichts, ein Tollkopf vom
-reinsten Wasser. Und Brandau&rsquo;s &mdash; <em class="antiqua">cela va sans dire</em>
-&mdash; dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam,
-ging ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag
-des verkommenen, verwirthschafteten Brandau konnten
-sie eben existiren! Ueberdies bekam der junge Rüdiger
-wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen den Abschied
-und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant
-nach Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört.
-Und seine schöne Jugendliebe ist ja getröstet, wie
-ich mich heute überzeugen konnte!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.</p>
-
-<p>&bdquo;Wie ist mir denn,&ldquo; sagte Schrader, &bdquo;das Majorat
-ist einer andern Linie zugefallen? Und dabei sprach Comtesse
-Edith doch öfters von einem Bruder!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau
-hat aus erster Ehe einen Sohn, Carl Düringshofen, ein
-leichtsinniger Junge! Er steht bei den Husaren in M...
-Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus, es ist
-sündhaft spät geworden!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader
-trat den Heimweg an.</p>
-
-<hr class="tb"/>
-<div class="poetry-container">
-<div class="poem">
-<p class="quote">
-O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!<br />
-Der Heini von Steier ist wieder im Land!<br />
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel
-in voller Pracht durchs Land. Er streute mit verschwenderischer
-Hand einen leise knisternden Teppich aus gelben
-Blättern über die großen Rasenplätze im Wolfsdorfer Park
-und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das
-Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an
-den grauen Mauern emporkletterten, und im Sommer als
-lichtgrüne Fahnen von den Thürmen wehten.</p>
-
-<p>Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt
-die Octobersonne schien, hatte seine Freude daran gehabt,
-dem Schloß sein mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und
-war es zum Theil verfallen und düster, so that dies dem
-Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch immer
-mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke
-harren und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall
-begrüßt. Und daß alle diese Einrichtungen noch auf
-Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte der seltsame
-alte Herr in seinem Testament gesorgt.</p>
-
-<p>Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten
-Empfindungen und Gefühlsäußerungen im
-weitesten Kreise hervorgerufen. Mit Umgehung zahlreicher,
-liebevoll besorgter Vettern, die es an Erkundigungen und
-Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen lassen,
-ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten
-Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner
-beiden Güter, Wolfsdorf und Ewershausen, und seines
-ganz ansehnlichen Vermögens.</p>
-
-<p>Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden,
-dessen zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene.
-&bdquo;Falls er sich nicht einstelle,&ldquo; so lautete die
-letztwillige Verfügung, &bdquo;sollte ein Curatorium durch zehn
-Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm bei
-seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.&ldquo; Erst
-nach Ablauf dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig
-über den Besitz verfügt.</p>
-
-<p>Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so
-konnte es geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung
-der &bdquo;verschollene&ldquo; Rüdiger seinen Einzug
-in Wolfsdorf hielt, und mit anscheinend leichter, aber doch
-sicherer Hand die Zügel der Regierung ergriff.</p>
-
-<p>Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit
-seinen Untergebenen. Die Leute hingen an dem alten
-Namen, sie hatten außerdem den tollköpfigen Junker von
-klein auf gekannt und gönnten ihm sein unerwartetes
-Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen
-umzugehen.</p>
-
-<p>Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln
-schreiten, und den Gruß der Vorübergehenden freundlich
-erwidern, mochte er in der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche
-sitzen, die Herzen flogen ihm entgegen! Ein wildes
-Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein schönes, tiefgebräuntes
-Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit
-und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig
-anmuthete, hin und wieder einer jener tollen Streiche, die
-ihn von Jugend auf zum fast sagenhaften Helden der
-Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme, offene
-Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr,
-eine offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um
-seine Untergebenen mit einer Art Eigenthumsrecht und
-Stolz auf ihn blicken zu lassen.</p>
-
-<p>So war er denn in der alten Welt schnell wieder
-heimisch geworden, und fand sich in seine gänzlich veränderte
-sociale Stellung, vom heimathlosen Abenteurer zum
-festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen Leichtigkeit hinein;
-freilich behielt er nebenbei noch ein ganz genügendes Anrecht
-auf seinen alten Namen &bdquo;der tolle Junker!&ldquo;</p>
-
-<p>Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige
-gemacht, er stürzte sich vorläufig mit Feuereifer in die
-landwirthschaftliche Thätigkeit, und jede freie Stunde fand
-ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten.</p>
-
-<p>Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge
-dieses seines zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht,
-der Tochter des Hauses, Edith Brandau, die Heimkehr
-des Jugendgespielen zu verschweigen, was um so leichter
-war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre
-Aussteuer besorgt hatte.</p>
-
-<p>Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters
-sollte der stolze Name Brandau gegen den reichvergoldeten,
-aber bescheideneren Erting eingetauscht werden. Man sah
-zwar in gut unterrichteten Kreisen voraus, daß die Fürstin
-von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende lebenslustige
-Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte,
-ihren Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel
-zu verschaffen, doch mußte dieser Schritt anstandshalber
-verzögert werden, bis die Trauung stattgefunden hatte.</p>
-
-<p>Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit
-der Verlobung auf wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen,
-und das Paar machte noch einen kleinen Weg
-durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.</p>
-
-<p>Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten
-Abreise noch einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen
-Wald unternehmen. Erting bestieg nie ein Pferd,
-er vermochte es sogar selten über sich, Ediths Rappen
-anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich
-gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und
-Zaghaftigkeit seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig
-zu Tage, nie aber mehr, als im Zusammensein mit seiner
-Braut.</p>
-
-<p>Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck
-hatten wohl noch kein so ungleiches Paar unter ihren
-Wipfeln hinschreiten sehen, als heute an diesem Oktoberabend.
-Edith, hoch, blumenschlank gewachsen, in der
-strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze
-Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses,
-goldrothes Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten,
-über die Schultern herabhing, bildete mit ihrer stolzen,
-sichern Haltung, ihrem anmuthig festen Gange den schroffsten,
-fast komisch wirkenden Gegensatz zu dem schmalschultrigen,
-blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden, schwarzen
-Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder
-neben ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens,
-welches ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut
-verursachte, stand in seinem gutmüthigen Gesicht geschrieben.
-Er peinigte sich beständig ab, etwas zu finden, womit er
-Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.</p>
-
-<p>Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie
-blickte gedankenvoll in den zartnebeligen Wald hinaus, von
-dessen Wipfeln hier und da ein goldschimmerndes Blatt
-langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner Herbstabend ist
-ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom
-Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen
-bleiben, spinnt sich gar zu gern ein Stück Vergangenheit
-im Menschenherzen wieder an, es tändelt vor uns her,
-leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen &mdash; und
-wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns
-trüb vor die Augen &mdash; Herbstspiel!</p>
-
-<p>Endlich brach Erting das Schweigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich
-kann ja Alles bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl
-nicht wieder heraus?&ldquo;</p>
-
-<p>Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz,
-die Edith zu überhören schien.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich danke Ihnen,&ldquo; sagte sie freundlich; sie war stets
-sehr freundlich gegen ihren Bräutigam, &bdquo;aber ich glaube,
-es ist Alles besorgt, was man überhaupt in der Welt besorgen
-kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen nichts
-Anderes gethan!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag
-auf ihrem Gesicht, sie nahm den Hut ab und strich die
-dicken, goldenen Haarwellen aus der Stirn wie eine Last.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sehen bleich aus,&ldquo; bemerkte Erting besorgt, &bdquo;ist
-Ihnen auch unser Spaziergang zu weit?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schüttelte lächelnd den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor
-sich haben, ich bin an stundenlange Wege gewöhnt. Nein,
-es ist nur die köstliche Ruhe und Stille hier, die mir
-plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten Wochen
-vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in
-der Stadt lebt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs
-Land ziehen &mdash; ich habe ja keine bindende Stellung in
-W...., dann kaufe ich ein Gut in der Nähe. Sie wissen
-ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen Zukunftsplänen
-bestimmen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, nein,&ldquo; erwiderte sie müde und abwehrend, &bdquo;was
-sollte das? Sie sind kein Landmann und ich möchte mich
-in kein fremdes Gut mehr einleben.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,&ldquo; sagte Erting,
-&bdquo;die Mama würde gewiß ganz gern darin willigen, und
-der Kaufpreis müßte so gestellt werden, daß er ihr eine
-sorgenfreie Existenz ermöglichte.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine
-Rede ab.</p>
-
-<p>&bdquo;Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von
-einem Kaufpreis für Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht
-kaufen, ich habe den dringenden Wunsch, daß Karl es
-übernimmt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig
-sanguinisch! Wenn ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft
-verstehe, wird ein so lebenslustiger Husarenlieutenant
-wohl auch kein Held darin sein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem
-Husarenlieutenant ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem
-Kaufmann. Uebrigens sind Sie nicht Kaufmann &mdash; können
-Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen wurden?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gewiß nicht!&ldquo; entgegnete er mit einiger Energie,
-&bdquo;meine Neigungen und Interessen ziehen mich zum Handelsstand,
-und wenn ich Ihnen auch mit Freuden das Opfer
-bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit davon
-entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein
-Vater seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre
-Stellung verdankt.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie blieb stehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,&ldquo; sagte sie,
-und gab ihm die Hand, &bdquo;und das habe ich gern! Seien
-Sie nicht böse, daß ich Sie hart anließ, mir ist heut so
-grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen ja von
-Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir
-haben werden!&ldquo;</p>
-
-<p>Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein
-wollte und Erting, der meist mehr Furcht vor seiner Braut
-empfand, als Liebe zu ihr &mdash; hatte er sie doch zumeist auf
-den Wunsch seiner Mutter gewählt &mdash; vermochte sich diesem
-Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich über die
-schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die
-Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im
-Brandau&rsquo;schen Hause und besonders die einschüchternde,
-kühle Freundlichkeit Ediths während des Brautstandes gestattete.</p>
-
-<p>Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause
-folgte, die er endlich unterbrach, indem er seine Absicht
-aussprach, jetzt nach der Stadt zurückzukehren, da er den
-Abend noch eine Versammlung zu besuchen habe.</p>
-
-<p>&bdquo;Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?&ldquo;
-fragte er, als er sich am Parkeingang von Edith verabschiedete.</p>
-
-<p>Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Gewiß,&ldquo; sagte sie dann, indem sie einen kleinen
-Tannenzweig zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln
-zerstreut in die Luft warf, &bdquo;kommen Sie, so oft Sie
-wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel von meiner Gesellschaft
-zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit
-und meine schönen, langen Ritte &mdash; und dann sind wir auch
-sehr fleißig jetzt &mdash; aber wie gesagt, kommen Sie nur!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie reichte ihm die Hand.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama,
-ich hätte meinen Ritt für heute aufgegeben, bliebe aber
-noch ein wenig im Freien,&ldquo; rief sie ihm dann schon im
-Weitergehen zu, und während er stand und ihr nachsah,
-verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung
-der Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos,
-dahin, und erst, als sie sich rechts gewandt hatte, und
-fast an der Grenze von Brandeck angelangt war, wurde
-es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge folgend, den
-Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war
-ein Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein
-Fuß betrat, und der schon seit Jahren unbeachtet grünte
-und wucherte. Hier war es so schweigsam und abgeschlossen,
-der leise Moderhauch am Boden welkender Rosenblätter
-flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen
-Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.</p>
-
-<p>Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin
-jener Wassersäule auf den Rasen niederließ und
-mit gedankenschweren Augen in den blassen Abendhimmel
-sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle, die im Begriff
-steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht
-lieblicher verkörpert werden können.</p>
-
-<p>Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine
-längst in der Ferne verhallte Stimme klang an ihr Ohr.
-Wie oft hatte sie früher hier gesessen, das verschüchterte,
-kleine Mädchen, unbewillkommnet und unbeliebt, scheu und
-wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte sich dann
-in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem
-Bilde des einsamen Kindes &mdash; an diesem Plätzchen hatte er
-sie stets zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die
-Brandeck von Wolfsdorf trennt, war wohl längst zugewachsen.
-Wie schnell hatte er immer durchzuschlüpfen verstanden.</p>
-
-<p>Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten,
-wurden größer und ernsthafter, aus den Märchen, die sie
-sich erzählten, wuchs langsam eine wahre Geschichte empor
-und sah sie mit hoffnungsfreudigen Augen an! Dann
-kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des
-übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller
-Sommermorgen, an dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang
-an ihr Fenster kletterte, zum letzten Lebewohl;
-damit war&rsquo;s aus gewesen!</p>
-
-<p>Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn
-Edith im Herzen daran geglaubt, so war sie eben thöricht
-gewesen; fünfmal hatten seitdem die Rosen geblüht, und
-kein einziges Briefblatt, kein Gruß aus der wilden Ferne,
-in die der Jüngling damals so kühn und abenteuerlustig
-gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!</p>
-
-<p>Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich,
-mit seiner Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit
-der Tochter, die ihm sein Majorat gekostet &mdash; und dann kam
-eine Zeit harter Entbehrungen, die um so härter waren,
-als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren
-mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen
-die Mutter, sich der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten
-Temperaments überlassend, es Edith täglich und stündlich
-zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß sie
-noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres
-Stiefbruders, der in einem Meer von Spielschulden zu
-versinken drohte, wurde natürlich auf das verlorene Majorat
-zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht tausend
-Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als
-nun wieder ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei
-nach allgemeinem Urtheil ein braver, guter Mensch, der
-ihr seine Hand und sein fast fürstliches Vermögen bot, da
-hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal Nein
-rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn
-der Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders,
-und endlich ihr gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem
-nachtrauern wollte, der sie so ganz vergessen, alles Das
-trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie frug, warum sie
-doch nachgegeben!</p>
-
-<p>Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!</p>
-
-<p>Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu
-Athem kommen, die Hochzeit stand ja nahe bevor, und
-die Fürstin von T.... hatte es sich förmlich erbeten, für
-die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte tagtäglich
-mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den
-glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen,
-Möbelstoffe und Tapetenfarben wählen. Die Abende
-führten sie dann meist in Gesellschaft oder ins Theater,
-und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies Treiben
-so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte,
-es sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!</p>
-
-<p>Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den
-Sommerabend kommen, ein einfaches Volkslied von alter
-Liebe und vergessener Treue sich ihr auf die Lippen drängen,
-und aller trügerische Glanz war fort &mdash; verwischt &mdash; zwei
-übermüthige blaue Augen blitzten sie an &mdash; und es war
-Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben
-geglaubt.</p>
-
-<p>Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte
-man sie schon, wer hatte sie auch geheißen, gerade heute
-den alten Platz aufzusuchen? Sie schritt hastig vorwärts,
-um auf einem Umwege über die waldige Fahrstraße ins
-Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen
-Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber
-trat.</p>
-
-<p>Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe
-des Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts
-im Gürtel, mit dem ihre Hand spielte, ließ ein
-Knistern und Knacken in den Zweigen sie überrascht aufsehen.
-Aber gingen sie denn wirklich um in der Herbstsonne,
-die Geister der alten Zeit?</p>
-
-<p>Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen
-Sätzen auf sie zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener
-Mann mit tiefgebräunten, wildschönen Zügen, nicht mehr
-der blasse, abschiednehmende Jüngling von damals, aber
-wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm
-und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber &mdash;
-ihr war, als müßte das erste Wort den Zauber brechen,
-und er wieder verschwinden auf Jahre, auf immer!</p>
-
-<p>Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt
-auf den kleinen Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl
-eben auffunkeln ließ. So standen sich Beide still
-gegenüber, Keins fand einen Laut zur Begrüßung, an
-ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen
-Freiers, und er wußte es!</p>
-
-<p>Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, &bdquo;wir
-haben uns lange nicht gesehen, Gerald,&ldquo; und streckte ihm
-die bebende, kleine Hand hin.</p>
-
-<p>Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in
-dem er verharrte, ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr
-sie hastig, mit fliegendem Athem fort:</p>
-
-<p>&bdquo;Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor
-mir zu sehen, seit einigen Wochen bin ich von Brandeck
-fort gewesen und bei meiner Abreise fehlte noch jede
-Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für verschollen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,&ldquo;
-erwiderte er langsam und mit erzwungener Ruhe, &bdquo;auch
-war die Annahme nicht &bdquo;allgemein,&ldquo; wie Sie sagen. <em class="gesperrt">Eine</em>
-hat immer von mir gewußt, haben Sie sich in den ganzen,
-langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?&ldquo;</p>
-
-<p>Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton
-der Frage weicher geworden, aber Edith erhob den Kopf
-so stolz, als wollte sie den Vorwurf, der in den Worten
-lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich hatte keine Berechtigung dazu,&ldquo; sagte sie kalt,
-&bdquo;warum haben Sie in den &bdquo;ganzen langen fünf Jahren&ldquo;
-nicht <em class="gesperrt">einmal</em> direct von sich hören lassen?&ldquo;</p>
-
-<p>Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie
-mich kennen, sollten Sie nicht so fragen! Ich bin kein
-Federheld und hätte auch in den ersten Jahren verzweifelt
-wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen gewußt! Ich
-habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben,
-nur in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen
-können oder mögen! Sie wissen, ich habe es mündlich nie
-verstanden, mich besser zu machen als ich bin, so wollte
-ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und da ich von
-meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor,
-immer hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an,
-daß Sie auf dieselbe Art auch von mir hören und an
-mich denken würden.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des
-Unmuths.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt,
-Baron Rüdiger; man mag in meiner &bdquo;Lebenssphäre&ldquo; nicht
-so viel Kenntnisse erwerben, als Sie Gelegenheiten hatten,
-zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur Vollkommenheit
-&mdash; zu vergessen, wo ich vergessen war!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand
-über die Stirn. Er stand schweigend vor ihr und sah sie
-traurig an, dann trat er einen Schritt auf sie zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Edith,&ldquo; sagte er, und bot ihr herzlich die Hand,
-&bdquo;einen solchen Ton mag ich nicht von Ihnen hören, ob
-ich ihn verdient habe oder nicht! Er ist des Mädchens
-nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit
-Thränen in den Augen zu mir sagte, &bdquo;wenn Sie auch
-wiederkommen, Gerald, Sie werden mich als dieselbe finden,
-die Sie verlassen haben!&ldquo; Diese Worte haben mich auf
-all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich hörte sie,
-wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde
-lag, in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine
-thörichten Träume von der Heimath träumte. Wollen Sie
-wissen, was Der, der Sie &bdquo;vergaß,&ldquo; wie Sie sagen,
-da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und
-einsam, unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine
-Abends am Fenster standen, wenn die Nachtigallen
-schlugen &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hören Sie auf,&ldquo; unterbrach ihn Edith mit zitternder
-Stimme, &bdquo;selbst wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben
-wollte, ich habe nicht mehr das Recht, solche Worte anzuhören
-&mdash; ich bin Braut!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Man hat es mir erzählt,&ldquo; sagte Rüdiger finster, &bdquo;und
-ich habe erst gelacht, dann geflucht und mich immer wieder
-gefragt: was haben sie mit meinem stolzen Mädchen angefangen,
-durch welche Teufelskünste ist sie so weit gebracht
-worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre zum
-Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen
-Sie, was Sie thun?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit
-sich, ehe sie antwortete &mdash; die Stimme vor ihr war ja
-doch und trotz Allem die Musik ihrer Jugendjahre gewesen!
-Aber es war vorüber!</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,&ldquo; erwiderte
-sie hochmüthig, &bdquo;aber ich will Ihnen antworten, um
-alter Zeiten willen! Ja, ich weiß, was ich thue, Erting
-hat nicht nur mein Wort, sondern ich schulde ihm aufrichtige
-Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und zartsinnig
-an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja und nein,&ldquo; sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen
-suchte, den ihr kalter Ton in ihm anfachte, &bdquo;ich
-verstehe Sie, Edith &mdash; in dürren Worten, Erting hat Ihrem
-Stiefbruder die Schulden bezahlt, und dafür sind Sie seine
-Braut geworden. Hölle und Teufel,&ldquo; rief er plötzlich, und
-schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt
-hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es
-mit dumpfem Klange auf den Boden schlug, &bdquo;daß ich hier
-stehen soll, ich vor allen Menschen auf der ganzen Erde,
-und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte verhandeln,
-Edith &mdash; das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie
-ein Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld
-hat ihre Grenzen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und worin soll dies Ende bestehen?&ldquo; frug sie, während
-sie ihn unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem
-urwüchsigen Zorn!</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder
-Sie niederschießen darf, daß diese ganze Brautschaft ein
-widerwärtiges, tolles Puppenspiel ist, und Sie mir doch
-im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer schönen
-Reden.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie trat einen Schritt auf ihn zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Gerald, Gerald!&ldquo; sagte sie in halb traurigem, halb
-leichtem Ton, und legte ihre kleine Hand auf seinen Arm,
-&bdquo;ich habe doch mehr gelernt, als Sie in den fünf Jahren,
-mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen Sturmesflügeln
-nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir
-hat das Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach
-der andern, und ich habe es ganz hübsch begriffen, daß
-man sich in Unabänderliches fügen muß. Aber Sie, wie
-Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen,
-ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger,
-und spielten hier im Walde &bdquo;Räuber und Prinzessin!&ldquo;
-Sie sind wirklich noch ganz derselbe &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte,
-und seine Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith
-Brandau einen Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen
-Recht haben,&ldquo; sagte er spöttisch, &bdquo;nun, Sie haben ja Ruhe
-für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen lernen!
-Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf
-mich empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting
-kommt doch gewiß zum Thee, ich will Sie nicht aufhalten,
-Comtesse!&ldquo;</p>
-
-<p>Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung.
-Als er einige Schritte gethan hatte, rief Edith
-zögernd: &bdquo;Gerald!&ldquo;</p>
-
-<p>Er wandte sich hastig um.</p>
-
-<p>&bdquo;Ihr Gewehr, Baron Rüdiger &mdash; und Sie haben mir
-nicht Lebewohl gesagt!&ldquo;</p>
-
-<p>Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom
-Boden auf, dann stützte er sich darauf und blieb einen
-Augenblick stehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Edith,&ldquo; sagte er hart und kalt, &bdquo;hüten Sie sich vor
-mir! Wie wir Beide uns kennen, taugt es nicht, wenn
-Sie mit mir spielen wollten, wie damals, wo ich für ein
-freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der Welt
-gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es
-könnte Ihnen doch einmal verzweifelt schlecht gefallen,
-wenn ich Ernst aus dem Spiel machen wollte! Ich habe
-noch ein gutes Theil Wildheit in mir, lassen Sie mich
-lieber in Frieden &mdash; es ist für uns Beide, und für Ihre
-Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere
-Wege gehe! Und nun, gute Nacht Edith!&ldquo;</p>
-
-<p>Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, Gerald,&ldquo; sagte sie weich und traurig, &bdquo;gehen
-Sie nicht so im Zorn von mir fort! Ich habe vorhin,
-weil ich gekränkt war, nicht bedacht, daß auch Sie im
-Augenblick etwas zu verwinden hatten, wollen wir uns
-nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch wahrscheinlich,
-daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen
-zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden
-von einstmals, dann fremd und kalt an einander
-vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht mehr lange
-hier &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und
-plötzlich brach ein Strom von heißen Thränen aus ihren
-Augen, der zur Genüge bewies, daß die Ruhe der letzten
-Stunden erkünstelt gewesen.</p>
-
-<p>&bdquo;Edith, was thun Sie?&ldquo; rief er, wie außer sich, und
-streckte die Arme nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon
-gefaßt, und wies ihn mit einem energischen Kopfschütteln
-zurück.</p>
-
-<p>&bdquo;Gerald, verstehen Sie mich recht,&ldquo; sagte sie fest im
-Ausdruck, wenn auch die Stimme noch bebte, &bdquo;ich schäme
-mich dieser Thränen nicht, sie waren ein Tribut an unsre
-schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die uns ja doch
-kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart,
-Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir
-recht thun, nicht ob es uns gefällt! Dazu helfe mir Gott &mdash;
-und Sie, mein alter Kamerad, Sie werden mir dabei gewiß
-nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!&ldquo;</p>
-
-<p>Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne
-ihr zu antworten, verließ sie ihn, und ging nach dem
-Park zurück. Der höher und höher steigende Herbstnebel
-schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich aufzunehmen,
-und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem
-grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand
-es Gerald mit wildem Schmerz, daß er sie wirklich und
-unwiederbringlich verloren habe!</p>
-
-<hr class="tb"/>
-<div class="poetry-container">
-<div class="poem">
-<p class="quote">
-Gott schütz&rsquo; Dich vor dem ungeschlachten,<br />
-Ohn Maßen groben Cavalier!<br />
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat
-der Fürstin von T... alljährlich zum Besten eines
-von ihr gegründeten Krankenhauses stattfand, wurde in
-diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse Zungen
-behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr
-so ganz dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren
-Zeiten.</p>
-
-<p>Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab
-und zu, und war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem,
-was in irgend einer Form Vergnügen hieß.</p>
-
-<p>Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen
-müssen, sie war schon von je durch ihre Erscheinung
-die Krone jedes solchen Unternehmens, und jetzt, wo der
-etwas seltsame Brautstand die allgemeine Neugier in Bezug
-auf das schöne Mädchen noch erregt hatte, durfte man
-eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des Publikums
-von ihr erwarten.</p>
-
-<p>Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte
-drängte, hatte noch nicht geschlagen, doch waren die
-Unternehmerinnen schon erschienen, und nahmen beim
-strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt und geschmackvoll
-arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da
-noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen
-mehr wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des
-Wohlthätigkeitssinnes in den Hintergrund schoben.</p>
-
-<p>Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt.
-Ein mattblauer, schwerer Stoff umrauschte sie, wie das
-Element, dem sie mit ihren Nixenaugen und ihrem Goldhaar
-anzugehören schien. Neben ihr lag ein riesiger weißer
-Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast
-nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie
-in Ertings Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt
-in den Saal überreicht wurden.</p>
-
-<p>Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die
-kurzen Wochen, die zwischen ihrer Unterredung mit Gerald
-und dem heutigen Abend lagen, hatten ihr so manche
-Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens erzittern
-ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.</p>
-
-<p>Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und
-wieder mit dem Jugendfreunde zusammenzubringen, und
-der auf &bdquo;freundschaftlicher&ldquo; Basis angeknüpfte Verkehr,
-den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte, nahm nur zu
-bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds
-ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh.
-Er hatte sich mit scheinbarer Unbefangenheit im
-Hause ihrer Mutter eingeführt, er, der sonst so ungestüm
-Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den schlecht verhehlten
-Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn
-existirte nur Edith!</p>
-
-<p>Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es
-so nicht sein dürfe &mdash; hatte sie wenigstens nur, wenn er
-nicht in ihrer Nähe war! Dann gelobte sie sich jedes
-Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten sagen, daß er
-lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das Beste
-sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen
-vermeide, und wenn er dann wiederkam, und sie den
-ganzen Zauber empfand, den seine Stimme und seine
-Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem gefährlichsten
-Trost: &bdquo;es ist ja nicht auf lange, ich bin ja
-bald fort, und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!&ldquo;
-Und sie vermied es nicht, wie sie gesollt hätte, ihn
-zu sprechen und ihm zu begegnen, sie spielte ein gefährliches
-Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht vergessen konnte,
-daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs, die
-Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr &mdash;
-erste Liebe hieß.</p>
-
-<p>Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches
-Geräusch gerissen. Soeben erschien die Fürstin mit ihren
-Damen in den weit geöffneten Flügelthüren. Mit einem
-prüfenden Blick überflog sie das Arrangement der Tische,
-eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin
-zur andern, bis sie den Brandau&rsquo;schen Tisch entdeckte.</p>
-
-<p>Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,&ldquo; sagte
-sie, und strich zärtlich über das goldrothe Haar der jungen
-Dame, die sich tief verneigte. &bdquo;Sie sehen bleich aus! ich
-weiß, daß Sie sich heute opfern durch Ihr Erscheinen,
-aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein
-Opfer ist, Durchlaucht,&ldquo; sagte die Gräfin Brandau, als
-Edith schwieg, und warf ihr einen zornigen Blick zu,
-&bdquo;so wäre es durch diese Anerkennung schon reichlich vergütet!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Fürstin winkte begütigend.</p>
-
-<p>&bdquo;Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten,
-Gräfin, sie hat das Vorrecht, ein wenig launenhaft zu
-sein, es steht ihr ja doch Alles gut! Und nun, meine
-liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch
-neue Schätze angekommen!&ldquo;</p>
-
-<p>Während die Damen sich in die Besichtigung und
-Erklärung der ausgestellten Gegenstände vertieften, und die
-Gräfin sich nach ihrem etwas weiter entfernten Tische begab,
-begann der Saal sich langsam zu füllen.</p>
-
-<p>Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter
-ihnen die meisten Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange
-unserer Erzählung in der Weinstube zusammengesessen
-hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab seine gewohnten
-ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum
-Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt.</p>
-
-<p>Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt,
-im Frack und weißer Halsbinde, eine Rosenknospe
-im Knopfloch. Er ging langsam von Tisch zu Tisch,
-wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich
-bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die
-Fürstin begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel
-placirte.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Herr Erting,&ldquo; rief sie dem sich tief Verbeugenden
-entgegen, &bdquo;Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich
-hoffe um so mehr von Ihrem Wohlthätigkeitssinn, als Sie
-den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht, sicher nicht
-zu widerstehen vermögen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Erting verhält sich doch am Ende passiv,&ldquo; sagte Raven
-für den verlegen Verstummten, &bdquo;er weiß, daß er bereits
-das Schönste zu eigen hat, was ihm die Welt bieten kann,
-was sollte ihn da wohl noch verlocken?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das steht auf einem andern Blatt,&ldquo; erwiderte die
-Fürstin, während ihr Blick lächelnd Edith streifte, welche
-durch keine Miene verrieth, ob sie Ravens Worte überhaupt
-gehört, &bdquo;ich rede von Dingen die <em class="gesperrt">gekauft</em> werden können!&ldquo;</p>
-
-<p>In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über
-das bleiche, schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig
-ab und suchte in den Gegenständen auf dem Tisch umher.</p>
-
-<p>Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den
-Doppelsinn der Worte erfaßt hatte, oder nicht.</p>
-
-<p>Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich
-auf den Eingang des Saales, und sie wandte sich zu
-Raven.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große,
-blonde Mann, der eben eintritt? &mdash; ach, Sie sehen ja nicht
-hin, dort im Jagdcostüm &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist der sogenannte &bdquo;tolle Junker,&ldquo; Baron Rüdiger,
-erinnern sich Durchlaucht nicht mehr? &mdash; der jetzt Wolfsdorf
-geerbt hat. Eine sonderbare Idee, in <em class="gesperrt">diesem</em> Aufzug
-hier zu erscheinen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jedenfalls eine kleidsame Idee,&ldquo; sagte die Fürstin,
-deren Augen immer noch den Besprochenen fixirten, &bdquo;das
-ist eine interessante Erscheinung; wie kommt es übrigens,
-daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht zu
-Gesicht bekommen hat?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen
-zu verstoßen, Durchlaucht,&ldquo; sagte Erting etwas bitter, &bdquo;er
-sucht darin eine gewisse Originalität!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das thut er <em class="gesperrt">nicht</em>,&ldquo; rief Edith plötzlich mit Energie
-und tief erröthend, &bdquo;er ist ein Naturmensch durch und durch,
-und wenn er sich in seiner sorglosen Weise gehen läßt,
-so ist das eben originell, und er braucht es nicht erst zu
-<em class="gesperrt">suchen</em>, wie Sie sagen!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit
-einem forschenden Blick nach dem plötzlich so lebhaft
-sprechenden Mädchen, und wandte sich dann zu Raven:</p>
-
-<p>&bdquo;Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal,
-Herr von Raven, ich möchte gern durch den Augenschein
-urtheilen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige
-Minuten beurlaube,&ldquo; sagte Erting rasch, während Raven
-sich anschickte, Rüdiger aufzusuchen.</p>
-
-<p>Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand,
-und wandte sich zu Edith, als Erting sich entfernt hatte.</p>
-
-<p>&bdquo;Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus,
-ist es wirklich eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade
-dann!&ldquo;</p>
-
-<p>Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen
-Gestalt Ertings.</p>
-
-<p>&bdquo;Durchlaucht sind grausam,&ldquo; erwiderte Edith mit
-zuckenden Lippen, &bdquo;habe ich das verdient? Wer mir in
-der Zeit meiner Verlobung so nahe gestanden hat, sollte
-anders denken, oder sprechen!&ldquo;</p>
-
-<p>Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick
-wie bestürzt vor sich nieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Verzeihen Sie mir,&ldquo; sagte sie dann in ihrer gewohnten
-leichten Art, &bdquo;Sie wissen, ich sage gern, was ich denke,
-und im Moment kam mir die Idee, welch herrliches Paar
-Sie Beide &mdash; doch halt, er kommt!&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen,
-Baron Rüdiger,&ldquo; sagte sie in liebenswürdigem Ton, &bdquo;ich
-habe Ihren Oheim sehr wohl gekannt, und weiß mich
-Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu erinnern!
-Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der
-Fremde verlernt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,&ldquo;
-erwiderte Rüdiger verbindlich, &bdquo;wenn ich trotzdem ein Versäumniß
-beging, so bitte ich, es in Gnaden der partiellen
-Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man bei einem
-Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht
-entgeht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,&ldquo;
-sagte Raven in seiner gewohnten ironischen Weise, &bdquo;man
-muß seine tadellosen Verbeugungen sehen, um zu staunen,
-daß er in Californien Gold gegraben, in Australien &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bitte, erklären Sie mich nicht,&ldquo; unterbrach ihn
-Rüdiger etwas kurz, &bdquo;außerdem sagen meine Verbeugungen
-durchaus Nichts &mdash; man muß mit den Wölfen heulen
-&mdash; meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den Affen
-um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse
-pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist
-man eben Kosmopolit!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem
-schönen, wildaussehenden Jägersmanne wuchs.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd
-geworden ist,&ldquo; sagte sie, sich erhebend, &bdquo;so hoffe ich, Sie
-öfters zu sehen. Wir musiciren jeden Freitag in kleinem
-Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt, daß Sie erwartet
-werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich
-schon über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith,
-auf Wiedersehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während
-Rüdiger schweigend vor Edith stehen blieb.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht
-guten Abend sagen!&ldquo; nahm sie endlich lächelnd das Wort,
-ihn anzusehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich <em class="gesperrt">wollte</em> auch nicht, aber Ihnen gegenüber <em class="gesperrt">muß</em>
-ich stets, auch was ich nicht will! Schütteln Sie nicht
-wieder den Kopf, erzählen Sie mir lieber, wie Ihnen unser
-gestriger Weg bekommen ist!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch
-gar nicht als Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir
-viel abkaufen, hier, diese schöne Jagdtasche &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Haben Sie sie gearbeitet?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr?
-Ich verstand stets besser mit der Reitpeitsche umzugehen,
-als mit der Nadel! Aber nun ernstlich, was kaufen Sie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nur Eins!&ldquo; erwiderte er langsam, &bdquo;aber für dieses
-Eine gebe ich Ihnen meine ganze Börse preis!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und das wäre?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie werden es nicht geben wollen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ist es bei den Verkaufsartikeln?&ldquo; frug sie, ahnungslos,
-was er meinte.</p>
-
-<p>Er lachte.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, es liegt dabei!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern,
-mein ganzes Sinnen und Trachten ist auf einen
-möglichst hohen Preis gerichtet, wo ist es?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hier,&ldquo; erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet
-vom Tisch, während er seine gefüllte Börse ernsthaft in
-ihre kleine Geldkasse gleiten ließ.</p>
-
-<p>&bdquo;Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?&ldquo;
-sagte plötzlich Ertings Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit
-gehabt hatte, Einspruch zu thun.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe es gekauft,&ldquo; sagte Rüdiger, und blickte
-herausfordernd auf seinen kleinen Rivalen nieder.</p>
-
-<p>Edith mischte sich hastig ein.</p>
-
-<p>&bdquo;Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen,
-daß ich nicht daran denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand
-zu verkaufen &mdash; legen Sie gleich das Bouquet wieder
-her! Es war nur ein Scherz,&ldquo; wandte sie sich verwirrt
-an Erting.</p>
-
-<p>&bdquo;Das Bouquet ist mein,&ldquo; erwiderte Rüdiger, ohne sich
-an Ertings zornbleiche Miene zu kehren, &bdquo;dort liegt meine
-Börse, Geschäft ist Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie
-als Kaufmann doch am besten wissen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind unartig, Gerald,&ldquo; fiel Edith wieder hastig
-ein, &bdquo;und ich allein habe das Recht, hier zu entscheiden.
-Legen Sie das Bouquet wieder her, ich mag Ihr Geld
-nicht haben, auf sophistischem Wege bin ich nicht wohlthätig!&ldquo;
-Sie hielt ihm die Börse hin.</p>
-
-<p>&bdquo;Das Bouquet,&ldquo; wiederholte sie.</p>
-
-<p>&bdquo;Geben Sie das Bouquet her,&ldquo; sagte Erting gleichzeitig,
-mit vor Wuth fast erstickter Stimme, &bdquo;haben Sie ein Recht
-darauf, oder ich?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Leider Sie!&ldquo; erwiderte Rüdiger lachend und hielt den
-fraglichen Gegenstand hoch in die Höhe, &bdquo;aber trotzdem
-bleiben diese Blumen mein, ich würde ebenso gern meinen
-Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges Blättchen aus
-dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie
-können ihn gar nicht erreichen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Genug,&ldquo; sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie
-sah, daß Erting aufs Aeußerste gereizt war, &bdquo;ich <em class="gesperrt">befehle</em>,
-daß Sie die Blumen meinem Bräutigam geben, Gerald!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting
-zu Rüdiger gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte
-auf. Er nahm den Strauß und die schwere Börse, und
-mit dem heftigen Ausruf: &bdquo;So soll sie Niemand haben!&ldquo;
-schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster in den
-Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand
-Lebewohl gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft
-stumm und entsetzt dem &bdquo;tollen Junker&ldquo; nachsah, der sich
-eben wieder seines Namens so werth gezeigt hatte.</p>
-
-<p>Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt
-gewesen, hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe
-rasch und erstaunt umgewendet, und sandte jetzt Raven
-ab, um den Grund dieser Störung zu erfahren. Als er
-mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell auf:</p>
-
-<p>&bdquo;Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich
-ein Original! Aber wie erfrischend wirkt das in unseren
-nüchternen Kreisen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache
-nicht in diesem Sinne auffassen wird,&ldquo; sagte Raven, &bdquo;er
-schäumte geradezu vor Wuth, und seine Mutter, die eben
-eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu sehen,
-war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur
-nicht ernstere Folgen hat!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das wäre ja abscheulich!&ldquo; rief die Fürstin lebhaft,
-&bdquo;und gerade jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den
-interessanten Goldgräber zu unseren kleinen Festen heranzuziehen;
-eine derartige Differenz würde Alles zerstören.
-Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich werde
-die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe
-der Außergewöhnlichkeit ein Opfer!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas
-ingrimmig murmelnd: &bdquo;Besonders, wenn diese &bdquo;Außergewöhnlichkeit&ldquo;
-ein so hübsches Gesicht hat, da opfert man
-sich mit Leichtigkeit!&ldquo;</p>
-
-<p>Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen
-der Fürstin entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter
-und zog sie mit sich hinaus.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich gehe nach Haus,&ldquo; sagte er auf ihren verwundert
-fragenden Blick.</p>
-
-<p>&bdquo;Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig,
-du wirst doch deine Braut nicht allein hier lassen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich gehe nach Haus,&ldquo; wiederholte er heftig, &bdquo;für
-heute habe ich wieder einmal genug von dem vornehmen
-Brautstand. Was, ich soll mich wohl von dem infamen
-Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken
-und zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht
-gut; wenn <em class="gesperrt">du</em> nicht merkst, daß man sich hier über uns
-lustig macht, <em class="gesperrt">ich</em> merke es, und was habe ich denn
-davon?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber Ludwig,&ldquo; rief die erschrockene Frau, die währenddessen
-mit dem zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden
-prächtigen Wagen bestiegen hatte, und nun an seiner
-Seite durch die Straßen rollte, &bdquo;Ludwig, hast du denn
-gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du
-eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen
-und in höhere Sphären kommen, mein liebes Kind &mdash; ich
-will ja nur dein Glück, wenn ich dir dazu rathe!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,&ldquo; sagte er,
-schon ruhiger, &bdquo;und es ist ja auch möglich, daß eine
-Heirath mit Edith ein Glück ist, in manchem Sinne!
-Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für mich, ich hätte
-mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise
-herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so
-wäre ich später einmal Herr in meinem Hause, und nicht,
-was ich hier immer sein werde, der Mann meiner Frau,
-die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug ist, die
-aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich
-mir gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter,
-aber wir wollen nicht weiter davon sprechen. Geschehene
-Dinge sind nicht zu ändern!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange
-verhaltenen Aergers, einfach, weil sie nichts darauf zu
-erwidern wußte.</p>
-
-<p>Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn
-zu beschwichtigen. Sie legte Ludwig die Hand auf die
-Schulter.</p>
-
-<p>&bdquo;Mein liebes Kind,&ldquo; sagte sie ängstlich, &bdquo;so sei doch
-nicht so heftig! Daß ich nur dein Glück im Auge hatte,
-als ich dich zu der Verlobung mit Edith drängte, weißt
-du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit ihr
-werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste
-Mädchen, das die ganze Provinz aufweisen kann? Und
-so distinguirt, so viel <em class="antiqua">chic</em>!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm,
-so lange wir unter vier Augen sind! Dir steht es
-nicht, und mir gefällt es nicht, und außerdem gehört das
-<em class="antiqua">chic</em> und was du sonst sagst, nicht zur Sache. Antworte
-mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?&ldquo;</p>
-
-<p>Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen
-Augen des Sohnes sich so fest auf sie richteten.</p>
-
-<p>&bdquo;Was verstehst du unter lieben?&ldquo; frug sie ausweichend.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, ungefähr, was <em class="gesperrt">du</em> darunter verstandest, als du
-meinen Vater heirathetest, der ein armer Mensch war,
-und dir keine glänzende Existenz bieten konnte! Oder
-ungefähr, was <em class="gesperrt">ich</em> darunter verstand, ehe Martha unter
-fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath
-machen konnte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ludwig,&ldquo; sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig,
-als vorhin der Sohn, &bdquo;reize mich nicht! Willst du deine
-Verlobung mit Edith Brandau rückgängig machen, so thue
-es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich kann dir etwas
-verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen
-Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen,
-und wenn ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich
-als Junggesellen sterben zu sehen, meine Einwilligung zu
-einer Heirath mit Martha Erting erhältst du nie! So
-lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich nicht
-wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das
-verspreche ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück
-holen lassen; also du hast es in deiner Hand, wie lange
-Martha &bdquo;unter fremden Leuten&ldquo; sein soll! Ich dachte,
-du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem
-Kopf geschlagen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Reden wir nicht mehr davon,&ldquo; sagte Erting finster,
-&bdquo;ich habe mich vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter,
-wenn mir dieser übermüthige Junker, der Rüdiger, noch
-ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein unverschämtes
-Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm
-zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man
-nicht baumlang und baumstark ist! Ich fordere ihn auf
-Pistolen, Mutter &mdash; du weißt, ich habe noch kein solches
-Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich todtschießt,
-so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich
-vornehm umgekommen bin!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und
-Ludwig half Frau Erting aussteigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Gute Nacht, Mutter,&ldquo; sagte er dann, &bdquo;da kommt
-schon einer von unseren Herrn Bedienten; ich will noch
-zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir heute ganz dienlich
-sein!&ldquo;</p>
-
-<p>Und damit wandte er sich ab und ging die Straße
-hinunter, während die Mutter, halb entsetzt, halb stolz
-über den heldenmüthigen kleinen Eisenfresser, im Hause
-verschwand.</p>
-
-<hr class="tb"/>
-<div class="poetry-container">
-<div class="poem">
-<p class="quote">
-Entflieh&rsquo; mit mir!<br />
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten
-fehlen, die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen
-dem Brautpaar und Rüdiger zu veranlassen. Theils hatte
-sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes kleine <em class="antiqua">faible</em> für
-Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der er in
-Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die
-Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu
-beobachten. So jagten sich denn Lese- und Musikabende,
-Schlittenfahrten und Eisfeste nach einander, und immer
-war der &bdquo;tolle Junker&ldquo; der Held aller dieser Festivitäten.</p>
-
-<p>Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las
-und musicirte, und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener
-als je hingab, dachte, das wußte Niemand.
-Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens hätte jede
-Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst
-sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome
-der Gegenwart dahin tragen, wie in einem Traume, in
-dem uns schon bewußt ist, daß wir bald erwachen werden,
-den wir aber mit um so größerem Entzücken weiter träumen.
-Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie
-vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen
-könnten, kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder
-unterdrückt, wie es entstand.</p>
-
-<p>Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein
-glänzender Maskenball die Gesellschaft vereint. Unmittelbar
-von diesem Balle aus kehrte Edith, die mehrere Tage
-bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau zurück.</p>
-
-<p>Der Maskenball war glänzend und es herrschte nur
-<em class="gesperrt">eine</em> Stimme vollster Befriedigung. Die Fürstin, die als
-Maria Stuart durch die Zimmer rauschte, hatte das Signal
-zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie selbst war natürlich
-sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß,
-und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer
-verzichtend, solche in möglichst großer Zahl unter ihren
-Gästen anzustiften.</p>
-
-<p>Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin
-einen altdeutschen Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem
-lichtblauen, faltenreichen Gewande, mit den herabhängenden,
-schweren Goldflechten sinnend am Fenster lehnte, hätte
-allerdings das &bdquo;Gretchen&ldquo; nicht reizender gedacht werden
-können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von
-Stolz und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete,
-war durch den wehmüthigen Gedanken an den
-so nahe bevorstehenden Abschied von der Mädchenzeit zu
-einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen neuen
-und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.</p>
-
-<p>Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte,
-mit richtigem Takt, einen einfachen schwarzen Domino
-gewählt, aber seine schüchterne Unbehülflichkeit ließ ihm
-selbst diese anspruchslose Tracht als eine Prätension erscheinen.
-Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend,
-am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und
-blickte in die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus
-freundschaftlicher Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl,
-welches sie stets für ihn empfand, auf ihn zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht
-erkannt, oder wollen Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?&ldquo;
-sagte sie, und legte ihre kleine Hand auf seine Schulter.</p>
-
-<p>Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab;
-es lag ein Zug von trübem Nachdenken auf seiner Stirn.</p>
-
-<p>&bdquo;Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer
-Freiheit überhaupt bald zu Ende ist?&ldquo; sagte er in einem
-Tone, der scherzhaft sein sollte, aber bitter klang.</p>
-
-<p>&bdquo;Was haben Sie, Ludwig?&ldquo; frug Edith halb erstaunt
-und halb verletzt, indem sie einen Schritt zurück trat. In
-dem Moment fiel ihr Blick auf eine hohe Gestalt in der
-düsterschönen Tracht eines spanischen Granden. Eine tiefe,
-jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und
-war trotz der Larve wohl zu bemerken.</p>
-
-<p>&bdquo;Was ich habe?&ldquo; gab er finster zurück, &bdquo;sehen Sie
-einmal in den Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke,
-und fragen Sie sich, &bdquo;was ich habe,&ldquo; wenn das
-Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein wird, beim
-Anblick eines Anderen so tief erröthet &mdash; Sie haben sich
-zu früh demaskirt!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres
-Wort verlassen, aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er
-so Unrecht nicht habe! Sie bezwang sich und blieb.</p>
-
-<p>&bdquo;Ludwig, seien Sie nicht hart,&ldquo; sagte sie, fast
-bittend, &bdquo;Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß ich
-bei jedem überraschenden Wort oder Anblick roth werde,
-und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets beobachten,
-wenn Gerald kommt &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach was Gerald &mdash; Gerald,&ldquo; rief er heftig, &bdquo;Sie
-brauchen den Baron nicht beim Vornamen zu nennen, ich
-kann diese Jugendfreundschaft nicht leiden, die er zum
-Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor
-meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu
-machen! Sie werden ihn nicht mehr beim Vornamen nennen,
-und Sie werden heute Abend nicht mit ihm tanzen!&ldquo;</p>
-
-<p>Edith war leichenblaß geworden.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,&ldquo; sagte
-sie langsam und eiskalt, &bdquo;aber noch brauche ich mir in
-solchem Tone nichts befehlen zu lassen, ich werde Gerald
-Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit ihm tanzen,
-bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!&ldquo;</p>
-
-<p>Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus
-der Fensternische, und nahm Geralds Begrüßung mit um
-so seltsameren Gefühlen entgegen, als der leidenschaftlich
-entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte, schneidend von
-dem Wesen Ertings abstach.</p>
-
-<p>Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu
-spielen, man demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit
-Edith durch den Saal flog, da folgten Aller Blicke bewundernd
-und &mdash; bedauernd dem herrlichen Paar, welches
-dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab,
-und jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen
-denken ließ, die neben einander und für einander
-gewachsen schienen.</p>
-
-<p>Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so
-klar empfunden, was sie einander waren, als an diesem
-Abend, wo das schmerzliche Gefühl &bdquo;des letzten Males&ldquo;
-ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh. Noch
-nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft
-zu sprechen &mdash; und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen
-Härte, wies ihn nicht zurück!</p>
-
-<p>&bdquo;Und übermorgen ist Ihr Polterabend!&ldquo; sagte Gerald
-jetzt ohne Uebergang, als er Edith den Arm bot, und
-langsam mit ihr durch den Saal nach einem kühleren
-Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen Sessel
-gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung
-zu, ohne zu antworten. &bdquo;Erlauben Sie!&ldquo; sagte er jetzt,
-und nahm den Fächer aus ihrer Hand, &bdquo;das paßt nicht
-für Gretchen &mdash; überlassen Sie es Faust!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind nicht Faust!&ldquo; erwiderte sie lebhaft, und
-richtete sich auf, um ihn anzusehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens
-sofort dafür erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm
-auch warm genug empfohlen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Abscheulich!&ldquo; rief Edith erröthend, &bdquo;weil sie wußte,
-daß es Ludwig kränken würde!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?&ldquo;
-sagte Rüdiger höhnisch, &bdquo;soll ich das ganz allein thun?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen:
-ich gräme mich, ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie
-ahnten, wie es in meinem Kopf und Herzen aussieht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin gar nicht neugierig!&ldquo; erwiderte sie anscheinend
-ruhig, aber mit leicht bebender Stimme, &bdquo;überdies kann
-ich es mir denken!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht?
-Edith, ich gebe Ihnen eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie
-mir, daß Sie mich lieben, daß Sie Erting nicht heirathen
-wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die Verantwortung
-für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit, die
-ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie
-das nicht!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in
-dem Zittern der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig
-im Schoße lagen, verrieth sich der tiefe, peinvolle
-Zwiespalt, in den seine Worte sie versetzten.</p>
-
-<p>&bdquo;Entscheiden Sie sich, Edith,&ldquo; fuhr er athemlos vor
-Aufregung fort, &bdquo;ich gebe Ihnen eine ganze Minute,
-sechzig Secunden; glauben Sie, daß ich den zehnten Theil
-so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder Nein
-sagen sollte? Ein Wort, Edith,&ldquo; er blickte sich hastig um,
-sie waren allein im Zimmer, &bdquo;ein Wort und ich gehe
-mit Ihnen davon, mein Schlitten ist hier, Sie kennen
-den alten Job, meinen Diener, er führe mich zum Teufel
-in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener
-Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich
-pfeife und der Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden,
-Edith, ehe die aber um sind, dürfen Sie auch kein Wort
-sprechen!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig
-erhob.</p>
-
-<p>&bdquo;Genug, Baron Rüdiger,&ldquo; sagte sie mit gepreßter
-Stimme, &bdquo;Sie beleidigen mich tief, tödtlich, wenn Sie noch
-eine einzige Silbe sagen! Was, Sie haben es für möglich
-gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit Ihnen
-davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen?
-Und nicht nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie
-es gehalten,&ldquo; fuhr sie fort, indem sie ihn durch eine stolze
-Handbewegung schweigen hieß, &bdquo;auf wen wartet Ihr
-Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie
-kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich
-Sie wohl bitten, mich zu meiner Mutter zu begleiten,
-Sie haben mich hart dafür gestraft, daß ich Ihnen die
-Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend einräumte.&ldquo;</p>
-
-<p>Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand
-er still und zwang sie dadurch, gleichfalls stehen zu
-bleiben.</p>
-
-<p>&bdquo;Edith, verzeihen Sie mir,&ldquo; sagte er rauh und ohne
-sie anzusehen, &bdquo;es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu
-gewinnen, ich habe nicht überlegt, daß Sie der Gedanke
-kränken mußte; was blieb mir schließlich übrig? Verzeihen
-Sie mir,&ldquo; wiederholte er zornig, als sie schwieg
-und vor sich niederblickte. &bdquo;Sagen Sie, daß Sie mir
-verzeihen oder es wird nicht gut!&ldquo;</p>
-
-<p>Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an
-sich, daß sie einen leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig
-ließ er sie los.</p>
-
-<p>&bdquo;Sehen Sie,&ldquo; sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber
-ohne sich zu entschuldigen, &bdquo;was davon kommt, wenn man
-mir den Willen nicht thut? Aber jetzt noch einmal, Edith,
-verzeihen Sie mir, wir sind für lange Zeit das letzte Mal
-zusammen gewesen &mdash; gönnen Sie mir diesen einen armen
-Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute
-noch einmal vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weshalb?&ldquo; frug sie überrascht, und sah zu ihm auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein?
-Sie taxiren mich denn doch etwas zu zahm, Edith! <em class="gesperrt">viel</em>
-zu zahm, wie Sie noch einmal einsehen werden! Aber
-Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir?
-Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,&ldquo;
-erwiderte sie kalt.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, dann bin ich zu Ende,&ldquo; rief er trotzig und
-wild, &bdquo;thun Sie was Sie wollen, aber wundern Sie sich
-nicht, wenn ich es auch thue!&ldquo;</p>
-
-<p>Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit
-wildschlagendem Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien
-sich wie ein Bleigewicht an ihre Schritte zu hängen. Als
-sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter nicht sofort
-sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr
-sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und
-legte ihre Hand in seinen Arm.</p>
-
-<p>&bdquo;Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,&ldquo;
-sagte sie, &bdquo;was soll man davon denken?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie ließen mich allein,&ldquo; erwiderte er, halb versöhnt
-durch ihr Einlenken, &mdash; &bdquo;aber es soll mir um so lieber
-sein, wenn ich jetzt in Ihrer Nähe bleiben darf! Geben
-Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine Quadrille!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gern,&ldquo; sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr
-grollte, &bdquo;sehen Sie sich, bitte, nach einem <em class="antiqua">vis-à-vis</em> um,
-ich erwarte Sie bei Mama!&ldquo;</p>
-
-<p>Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen
-wieder in den Saal getreten war. Dann ging er, sich
-einer Gruppe von Herren zugesellend, zu der auch Rüdiger
-gehörte.</p>
-
-<p>Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden
-mit angstvoller Spannung, aber da nichts Auffälliges zu
-bemerken war, wandte sie sich ihrer Mutter zu, und bemühte
-sich, die kritischen Bemerkungen zu belächeln, welche
-die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden ließ.</p>
-
-<p>Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch
-placirten, durch Orangerie fast versteckten Orchester. Die
-verschiedenen Gruppen im Saal geriethen in Bewegung,
-ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith warf
-einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam
-nicht, und sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.</p>
-
-<p>Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben
-zurück ziehen, als Raven zu ihr trat.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen
-Tanz?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht
-mich,&ldquo; sagte sie lächelnd, &bdquo;ich habe die Quadrille
-meinem Bräutigam zugesagt, und er scheint dies vergessen
-zu haben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde
-eben abgerufen, weil ihn Jemand auf einen Augenblick zu
-sprechen wünschte, mag sein, daß die Unterredung sich ein
-wenig in die Länge zieht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah so!&ldquo; erwiderte Edith beruhigt, nun, &bdquo;plaudern wir,
-bis er kommt, Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie,
-Sie verstehen das ja so meisterhaft!&ldquo;</p>
-
-<p>Raven verbeugte sich.</p>
-
-<p>&bdquo;<em class="antiqua">Tempi passati</em>, meine gnädigste, <em class="antiqua">tempi passati</em>, jetzt
-überläßt man es jüngeren Kräften!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths
-anfängliches Befremden über das Ausbleiben Ertings wich
-nach und nach dem Zorn. Mochte er in noch so dringenden
-Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich doch
-wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu
-geben, was ihn verhindere!</p>
-
-<p>&bdquo;Irgend eine Börsennachricht,&ldquo; dachte sie bitter, &bdquo;das
-ist wichtiger, als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird
-zum Cavalier geboren, das läßt sich eben später nicht
-anlernen!&ldquo;</p>
-
-<p>Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen
-vielen &bdquo;Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich&ldquo; entlassen
-hatte, trat Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die
-innere Erregung, ein zartes, aber doch tiefes Roth färbte
-ihre Wangen.</p>
-
-<p>Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht.
-Wenn sie, als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit
-in seinem Wesen zu erkennen geglaubt hatte,
-so war diese verflogen, er sah lustiger und übermüthiger
-aus, wie je!</p>
-
-<p>&bdquo;Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?&ldquo; frug er,
-indem er ihr Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr
-umgab.</p>
-
-<p>&bdquo;Das dürfen Sie,&ldquo; sagte Edith, gegen ihr besseres
-Gefühl, &bdquo;ich bin ja ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott
-weiß warum, den Ball verlassen, ohne ein Wort der Aufklärung
-an mich!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hat er das?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört
-rücksichtslos?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,&ldquo; sagte
-Rüdiger, der sie zu ihrem Platze geleitet hatte, &bdquo;er konnte
-zwingende Gründe haben! Jedenfalls rechnen wir mit
-Thatsachen &mdash; er ist fort, ich bin da, es lebe die Gegenwart!&ldquo;</p>
-
-<p>Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin,
-und das ihrige klang leise dagegen. Er leerte es in einem
-Zuge, und noch eins, er steigerte sich zu fast fieberhafter
-Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den Saal, und noch
-nie hatten die blauen Augen des &bdquo;tollen Junkers&ldquo; so geblitzt,
-wie an diesem Abend.</p>
-
-<p>Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der
-Minute hin, sie fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so
-rücksichtslos, so gleichgültig verlassen hatte, und die Stunden
-flogen vorüber, leicht und glänzend, wie die Schneeflocken,
-die draußen dicht und dichter niederfielen.</p>
-
-<p>Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der
-Tafel und zugleich zur Beendigung des Festes.</p>
-
-<p>Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren
-begann, trat Rüdiger noch einmal zu Edith.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen
-noch Zeit, wenn ich Sie erst nach Brandau bringe, ich
-benütze dann einen späteren Zug.&ldquo;</p>
-
-<p>Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen.
-Sie schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe
-heute noch bei der Fürstin, es ist mir zu spät geworden,
-um nach Brandau hinaus zu fahren, und meine Mutter
-hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen, im
-Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem
-Schutze nicht anvertrauen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie Sie befehlen,&ldquo; sagte Rüdiger, ohne zu ihrer
-Ueberraschung noch mit Bitten in sie zu dringen, &bdquo;dann
-fahre ich von hier direct zur Bahn, und fort. Leben Sie
-wohl, Edith, auf Wiedersehen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,&ldquo;
-sagte sie mit etwas mühsamem Lächeln, &bdquo;wir
-reisen gleich nach der Trauung für den Rest des Winters
-nach Italien.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gleich nach der Trauung, und für den ganzen
-Winter? O, wie schade! Nun, der Frühling kommt ja
-auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer darf so sicher
-sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse
-auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!&ldquo;</p>
-
-<p>Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in
-dem er, der sie noch vor wenig Stunden wie außer sich
-beschworen hatte, mit ihm zu fliehen, jetzt ihre Hochzeitsreise
-besprach &mdash; war dies Comödie, oder alles Vorhergegangene?
-Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.</p>
-
-<p>&bdquo;Leben Sie wohl!&ldquo; sagte sie frostig, und reichte ihm
-die kleine Hand im Handschuh, die er ehrerbietig an die
-Lippen führte. Aber als er sich wieder aufrichtete, und
-zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder Bewegung, da
-stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen
-noch einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken:
-&bdquo;Du siehst ihn <em class="gesperrt">nie</em> wieder, wie Ihr Euch heut gesehen!&ldquo;
-und sie gab ihm nochmals die Hand:</p>
-
-<p>&bdquo;Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen &mdash;&ldquo;
-und wandte sich hastig ab, während er eben so rasch das
-Zimmer verließ, und seinen Mantel umwerfend, die Freitreppe
-nachdenklich hinunter schritt.</p>
-
-<p>Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor.
-Der graubärtige Kutscher schlug schweigend das Tigerfell
-zurück, und gab seinem Herrn die Zügel. Beide vermieden
-es sorgfältig, einander anzusehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Vorwärts!&ldquo; rief Rüdiger, und die Pferde zogen an.
-Pfeilschnell flog der Schlitten über die dichte Schneedecke,
-zur Stadt hinaus. Lautlos sauste das Gefährt über die
-Landstraße, im kalten Vollmondlicht von seinen gespenstischen,
-kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet. Eine scharfe
-Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen,
-funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den
-schwarzen Tannen, und ein Ruck mit den Zügeln ließ die
-Pferde langsam gehen. Schon stieg das Wolfsdorffer
-Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet
-aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den
-Hut tiefer ins Gesicht, und wandte sich zu seinem
-Kutscher.</p>
-
-<p>&bdquo;Job!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gnädiger Herr?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Alles ruhig oben?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, gnädiger Herr!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was macht er denn, Job?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen
-die Thüren. Zwei Fenster hat er auch schon eingeschlagen.&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach
-einer Pause, die den Schlitten wieder näher an das Schloß
-brachte, begann er von Neuem.</p>
-
-<p>&bdquo;Job!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gnädiger Herr!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Warum sagst du nichts?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich weiß nichts, gnädiger Herr!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das glaub&rsquo; ich, gnädiger Herr!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die
-Pferde, daß sie im Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß
-erreicht war. Der gellende Ton der Pfeife übte auch hier
-seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde die Zugbrücke
-herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof,
-die Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu
-Hause.</p>
-
-<p>Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend,
-wie Job, trat ihm mit einer Lampe entgegen, die
-einen breiten, röthlichen Schein über den Schloßhof fallen
-ließ. Rüdiger schüttelte sich die Schneeflocken vom Hut
-und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel zu,
-und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf,
-die nach den Wohnräumen führte. Der Diener folgte
-ihm mit der Laterne.</p>
-
-<p>Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen.
-Wenn er hätte sehen können, welch seltsam malerischen und
-schönen Anblick er in seiner altspanischen Tracht, an der
-dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend, darbot, er hätte
-sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber ist es,
-daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig
-gewesen wäre.</p>
-
-<p>Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung
-und schritt dann, nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich
-gestanden hatte, den langen, hallenden Gang
-herunter, der nach dem unfreiwilligen Aufenthaltsort seines
-Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür sich
-ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß
-auf und klopfte gleichzeitig.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer ist da?&ldquo; rief Ertings Stimme von drinnen,
-zwischen Aengstlichkeit und Wuth.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, &mdash; wollen
-Sie &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die
-Thür wurde aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm,
-in dem ungewissen Mondlicht, welches sein vom Zorn
-bleiches Gesicht noch weißer erscheinen ließ.</p>
-
-<p>&bdquo;Wo haben Sie Ihre Pistolen?&ldquo; knirschte er, indem
-er Miene machte, sich auf Rüdiger zu stürzen, &bdquo;wo haben
-Sie Ihre Pistolen, ich will nicht mehr leben, wenn ich
-nicht an Ihnen Rache nehmen darf!&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch,
-daß er im ersten Moment kein Wort fand, um zu erwidern.
-Erting mochte das für den kalten Hohn des Siegers dem
-Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein Rasender auf
-Rüdiger zu, und packte ihn am Arm.</p>
-
-<p>&bdquo;Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den
-Schimpf, den Sie mir angethan haben, oder soll ich Sie
-dazu zwingen?&ldquo;</p>
-
-<p>Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt
-zurück, noch sehr ruhig, wie es schien.</p>
-
-<p>&bdquo;Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht
-mit Ihnen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine
-Schonung!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen
-Arzt zur Stelle haben, von einem Duell also keine Rede
-sein kann, sodann aber, weil Sie mit Schießgewehr nicht
-umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran finde,
-einen Wehrlosen niederzuschießen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen
-durch Ihre Leute knebeln und fortschleppen zu lassen, so
-ist das reichlich eben so feige!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Erting, nehmen Sie sich in Acht,&ldquo; rief Rüdiger, auf
-dessen Stirn eine unheilverkündende, düstre Röthe erschien,
-&bdquo;ich dulde heute Viel von Ihnen, weil Sie der Beleidigte
-sind, aber nicht Alles!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie wollen sich nicht mit mir schießen?&ldquo; schrie Erting
-mit fast erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete,
-und im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein!&ldquo; erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er
-keine Silbe mehr sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?&ldquo; fuhr
-Erting, sinnlos vor Wuth, fort, &bdquo;Edith, ich sehe jetzt klar,
-sie war doch jedenfalls im Complott, als es galt, den
-unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Genug!&ldquo; sagte Rüdiger todtenbleich und fest, &bdquo;Sie
-haben einen Namen in unseren Streit hineingezogen, der
-es mir unmöglich macht, Ihnen noch ferner Genugthuung
-zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen treffen.
-Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!&ldquo;</p>
-
-<p>Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück,
-in einem Tumult von Empfindungen, der ihm fast den
-Verstand zu rauben drohte. Ueberwiegend war immer
-noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die aber in
-der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja
-zu müssen, bereits nachzulassen begann.</p>
-
-<p>Blitzschnell jagten sich die Gedanken, &bdquo;was wird man
-zu Hause von dir denken? in welchem Lichte mußt du
-Edith erscheinen?&ldquo; denn im Innern hatte er an ihre Mitwissenschaft
-nicht geglaubt! Dann kamen andere Bilder
-&mdash; wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk
-gänzlich Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der
-Runde gegenüber! Was würde seine Mutter sagen? was
-Martha, die kleine, gute Cousine, die er geliebt, ehe er
-in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte
-auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs
-Zimmer floß. Wer weiß, ehe die nächste Stunde ablief,
-lag er vielleicht dort, hülflos, zum Krüppel geschossen,
-todt, das war das Wahrscheinlichste.</p>
-
-<p>Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt
-durchs Zimmer, in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen.
-Dann trat er zum Fenster, riß zwei Blätter aus
-seiner Brieftasche und warf im grellen Vollmondschein mit
-etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine Mutter!
-Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse:
-&bdquo;für den Fall meines Todes abzugeben.&ldquo; Dann ergriff
-er das andere Blatt &mdash; sollte er Edith Lebewohl sagen?
-sie wird seinen Tod schon erfahren, durch Rüdiger, der
-sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird! Nein,
-im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt
-hastig und fliegend: &bdquo;Liebe Martha, wenn du diese Zeilen
-erhältst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und du
-sollst dann wissen, daß ich dich immer geliebt habe, und
-daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.&ldquo;</p>
-
-<p>Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen,
-als der Schall von Schritten seiner Thür nahte.</p>
-
-<p>Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen
-Männern, deren einer ein paar riesige Armleuchter trug,
-die das Zimmer plötzlich zum Theil mit grellem Licht erfüllten,
-während die verjagte Dunkelheit scheu und doppelt
-finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den
-Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben
-sein würde.</p>
-
-<p>Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug,
-auf den Tisch und wandte sich zu Erting.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,&ldquo; sagte er
-im verbindlichen Ton, &bdquo;aber um die nöthigsten Formalitäten
-zu erfüllen, habe ich uns wenigstens einen Zeugen citirt,
-hier, mein Förster Strauch, er wird uns die Waffen reichen,
-und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu verbinden.&ldquo;</p>
-
-<p>Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.</p>
-
-<p>&bdquo;Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden
-abnehme,&ldquo; sagte er dann zu Erting, &bdquo;meine Waffen sind
-etwas eigensinniger Natur, und lassen sich nicht von Jedermann
-handhaben!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting verbeugte sich stumm.</p>
-
-<p>&bdquo;Ein Wort, Herr von Rüdiger,&ldquo; sagte er dann.</p>
-
-<p>&bdquo;So viel Sie befehlen!&ldquo; erwiderte sein Gegner, indem
-er mit ihm zum Fenster trat.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden
-Zettel an ihre Adresse zu befördern, ich stelle mich für
-einen gleichen Auftrag zur Verfügung.&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen,
-einen schnellen verwunderten Blick auf Erting.</p>
-
-<p>&bdquo;Nichts an Comtesse Brandau?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten
-würden!&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?&ldquo;</p>
-
-<p>Erting schwieg einen einzigen Moment.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte er dann. &bdquo;Sie haben mir keinen Auftrag
-zu geben?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur
-zustößt, so würden die sogenannten Meinigen, deren ich
-wenig besitze, sich durchaus nicht wundern; sie erfahren
-es dann am Besten durch meinen alten Job. Und Comtesse
-Brandau &mdash; ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich
-Bericht erstatten, Herr Erting!&ldquo;</p>
-
-<p>Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin.
-Dieser nahm sie nicht, und sah ihn zornig verwundert
-an.</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist Usus so, oder ähnlich,&ldquo; sagte Rüdiger freundlich,
-&bdquo;aber wie Sie wollen!&ldquo;</p>
-
-<p>Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener
-hatte das Zimmer wieder verlassen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich denke, wir schießen <em class="antiqua">a tempo</em>,&ldquo; sagte Rüdiger,
-noch immer in einem Ton, wie im Ballsaal, &bdquo;zählen Sie,
-Strauch, bis drei!&ldquo;</p>
-
-<p>Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen,
-Rüdigers Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf
-fort und schlug in die Wand. Als sich die blauen Rauchwolken
-langsam verzogen, sah der vor Aufregung halb
-sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es
-zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet,
-und trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, &mdash;
-und nun zürnen Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz
-hübsche Lehre bekommen!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen
-Gegner, dessen rechter Arm schlaff und regungslos herabhing,
-und von dem das Blut dicht und schnell niederrieselte
-und in dem Streifen Mondlicht am Fußboden unheimlich
-aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die
-finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß
-er heftige Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts
-von ihrem übermüthigen Klange verloren.</p>
-
-<p>Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier
-über seine Züge, und der Förster hatte eben noch Zeit,
-den ohnmächtig Zurücksinkenden aufzufangen.</p>
-
-<p>Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Großer Gott, ich habe ihn gemordet!&ldquo; schrie er auf,
-und warf sich neben seinem bleichen Feinde nieder.</p>
-
-<p>Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock
-auszuziehen, was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte
-Arm in seiner Unbehülflichkeit ihn daran
-hinderte.</p>
-
-<p>&bdquo;Helfen Sie &rsquo;mal,&ldquo; herrschte er Erting zu, der, das
-Gesicht in den Händen verborgen, noch immer regungslos
-auf den Knieen lag, &bdquo;heben Sie den Arm in die Höhe,
-damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.&ldquo;</p>
-
-<p>Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen,
-versuchte zu gehorchen, aber seine zitternden Hände
-erwiesen sich als so ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich
-bei Seite schob.</p>
-
-<p>&bdquo;Rufen Sie den Job,&ldquo; sagte er, &bdquo;wir müssen uns
-eilen, daß wir das Blut stillen, sonst wird das nicht gut!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,&ldquo; sagte Erting
-kläglich, dessen durch die Erregung des Moments aufgeflackerter
-Muth bereits wieder zu einem Nichts zusammengeschrumpft
-war.</p>
-
-<p>&bdquo;Dann werde ich ihn holen,&ldquo; sagte der Förster,
-&bdquo;bleiben Sie hier bei dem Baron!&ldquo;</p>
-
-<p>Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit
-Rüdiger allein.</p>
-
-<p>Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit
-von seinem Opfer zu flüchten, aber eine bessere und
-muthigere Regung überwog. Er nahte sich dem noch
-immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd, neben
-ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten
-Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht
-draußen war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht
-wirklich kaum von dem eines Todten zu unterscheiden.
-Als Erting, von einem unheimlichen Zauber bezwungen,
-starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm
-das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke
-Leben hatte er zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf
-ein monatelanges Siechenlager gezwungen, ihm, dem freies,
-wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust und Jagdeifer
-Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an
-solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so
-schauerlich bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht
-nie mehr heben; mit den dunklen, schweren Tropfen, die
-ihm entströmten, ging vielleicht die letzte Hoffnung auf ein
-Wiedererwachen des Leblosen dahin!</p>
-
-<p>Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich
-nicht, bis zur Thür zu gehen, er hielt förmlich den
-Athem an.</p>
-
-<p>Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese
-Strafe im Verhältniß zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht?
-Hätte er nicht ruhiger, nachgiebiger sein
-sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst, der
-wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag
-des Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und
-der sich ihm, wie er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr
-zum Ziel gesetzt! Als er, tief aufstöhnend, den Kopf erhob,
-und Rüdiger anblickte, öffnete dieser langsam die
-Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.</p>
-
-<p>Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und
-versuchte, sich aufzurichten.</p>
-
-<p>Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte
-ihn. Rüdiger erkannte seinen kleinen Feind und ein leises
-Lächeln flog über sein Gesicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen
-Sie nicht so jämmerlich aus, es war mir ganz gesund,
-daß Sie mir etwas Blut abzapften!&ldquo;</p>
-
-<p>Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein
-Dolchstoß.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe Sie unglücklich gemacht,&ldquo; stöhnte er, die
-Hände vor&rsquo;s Gesicht schlagend, &bdquo;können Sie mir verzeihen?&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger erröthete leicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Erting, machen Sie mich nicht verlegen,&ldquo; sagte er
-hastig und streckte die Hand nach dem Andern aus, &bdquo;ich
-Ihnen verzeihen! Ich habe Sie auf das Unerhörteste behandelt
-und kann von Glück sagen, mit einer so &bdquo;gnädigen
-Strafe&ldquo; davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen
-betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird
-schon noch eine Büchse führen können, bis die rechte wieder
-dienstfähig ist!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte
-er schon fast gemurmelt &mdash; aber endlich, endlich kamen
-Schritte den Corridor entlang. Der Förster, Job und
-noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer. Einer
-davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem
-jungen Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß
-den verwundeten Arm zu untersuchen.</p>
-
-<p>Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das
-Urtheil über Tod und Leben, nachdem Job ihm mit
-finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.</p>
-
-<p>&bdquo;Ist das Bett des Herrn Baron bereit?&ldquo; frug der
-Heilkünstler jetzt.</p>
-
-<p>&bdquo;Wie lange schon!&ldquo; murrte Job, &bdquo;es ist ja glücklich
-fünf Uhr vorbei!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?&ldquo; sagte Rüdiger,
-sich ein wenig aufrichtend, &bdquo;heulen Sie mir aber nichts
-vor, denn ich verstehe ebenso viel von der Chirurgie wie
-Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,&ldquo; erwiderte
-der Wundarzt trocken. Erting klappte zusammen
-wie ein Taschenmesser, während Rüdiger kein Zeichen der
-Bewegung sehen ließ.</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor
-allen Dingen ruhige Lage und kühles Getränk!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Tröstlich!&ldquo; sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings
-bereits fieberhaft zu glühen begannen, &bdquo;denken Sie aber
-nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen Gewäsch folge! Was,
-ruhige Lage! &mdash; sitzen werde ich bis morgen früh und mein
-kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie
-sich einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne
-Feindschaft mit Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut
-dran! Job, flink, in den Keller!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Baron Rüdiger,&ldquo; sagte Erting flehend, und faßte in
-seinem Eifer die Hand des Gegners, &bdquo;ich beschwöre Sie,
-thun Sie, was der Arzt Ihnen sagt! Bedenken Sie, was
-daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen Anordnungen
-widersetzen.&ldquo;</p>
-
-<p>Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die
-Thränen in die Augen. Rüdiger sah ihn einen Moment
-verwundert an und lachte kurz auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind eine gute Seele,&ldquo; sagte er, &bdquo;und sollen sich
-nicht ängstigen! Ich werde zu Bett wandern, damit Sie
-nicht, wenn ich mit achtzig Jahren sterbe, sich einbilden,
-ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und sich ihr
-Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor
-allen Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren.
-Job, laß anspannen! ah, der Wagen kommt schon eine &mdash;
-schwere Kutsche, wie sie rasselt! Aber die Todten reiten
-schnell!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schloß die Augen.</p>
-
-<p>&bdquo;Zu Bett mit ihm,&ldquo; sagte der Chirurg energisch, &bdquo;das
-Fieber steigt rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,&ldquo;
-wandte er sich an Erting, &bdquo;so schicken Sie doch noch einen
-Arzt heraus, ich mag die Verantwortung nicht allein
-übernehmen.&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich
-ohne weiteren Widerstand von Erting und Job in sein
-Zimmer bringen, dann kehrte Ersterer zu dem Arzt
-zurück.</p>
-
-<p>&bdquo;Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,&ldquo;
-sagte er mit ungewöhnlicher Festigkeit, &bdquo;ich bleibe bei dem
-Baron, er hat schon darein gewilligt.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Chirurg sah ihn erstaunt an.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun meinetwegen,&ldquo; sagte er, &bdquo;legen Sie ihm fleißig
-Eis auf den Kopf, und halten Sie ihn möglichst ruhig.
-Aber ein Arzt muß noch heraus!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke
-zu Doctor Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir
-persönlich bekannt. Halten Sie denn den Zustand des
-Barons für gefährlich?&ldquo; Ertings Lippen zitterten.</p>
-
-<p>&bdquo;Offen gesagt, ja!&ldquo; erwiderte der Wundarzt nach
-einigem Besinnen, &bdquo;das Fieber tritt so schnell und heftig
-auf, daß es die Kräfte sehr hinnehmen muß und für einen
-Mann von des Barons ganzer Natur ist ein Krankenlager
-immer eine böse Sache. Aber wir wollen das
-Beste hoffen!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote
-sich bereit machte; er citirte Doctor Stein heraus und
-benachrichtigte in einem zweiten Briefe Edith von seinem
-Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.</p>
-
-<p>Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den
-wildesten Phantasien vorfand.</p>
-
-<p>Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer
-Erzählung kennen lernten, traf in wenig Stunden ein.
-Er trat mit dem ihm eigenen, besonnenen Wesen an das
-Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß vermochte
-Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen
-ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken
-verfiel er schon wieder in heftige Raserei. Erlebtes und
-Geträumtes mischte sich auf eine für Erting unbeschreiblich
-qualvolle Weise in seine Reden.</p>
-
-<p>Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich
-empfahl.</p>
-
-<p>&bdquo;Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,&ldquo;
-sagte er auf Ertings verzweifelt fragenden Blick, &bdquo;aber
-das Ungestüm des Fiebers macht mich besorgt. So viel
-ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen Verwandten, ich
-werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Thun Sie das nicht,&ldquo; bat Erting flehentlich, &bdquo;sagen
-Sie mir Alles, was geschehen soll, Stein, ich will gewiß
-nichts an ihm versäumen! Gönnen Sie mir den kleinen
-Trost für das Schreckliche, was ich in meinem unsinnig
-gereizten Zustand angerichtet habe!&ldquo;</p>
-
-<p>Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend
-die Hand auf die Schulter legte.</p>
-
-<p>&bdquo;Ruhig Blut, alter Freund,&ldquo; sagte er tröstend, &bdquo;Rüdiger
-ist jung und hat schon mehr Stürme ausgehalten, als
-diesen! Ich traue Ihnen übrigens Umsicht und Sorgfalt
-genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins sage
-ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze
-Zeit lang tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der
-Doctor das Schloß verlassen hatte, sofort zu seinem
-Posten zurück. Tage und Nächte saß er nun an Rüdigers
-Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst.
-Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten
-umgehen können, als der kleine, ehrliche Mann,
-den er so schwer gekränkt.</p>
-
-<p>Und während dieser angstvollen Stunden im stillen
-Krankenzimmer ging in dem Herzen der beiden Rivalen
-eine seltsame Wandlung vor. Erting fühlte, wie die
-Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den &mdash; freilich
-seltenen &mdash; Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm
-nach und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande
-dieser Sorgen und Freuden einflößte. Oft ertappte
-er sich dabei, daß er fast mit einem Gefühl von Zärtlichkeit
-in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken blickte, und
-seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger,
-der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige
-Gesicht Ertings zu blicken &mdash; der jeden Labetrunk
-aus den Händen des einst so Gehaßten und Verspotteten
-entgegennahm &mdash; er hatte, unklar, wie die Krankheit ihn
-denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser
-kleine Mann zu ihm gehöre &mdash; daß ihm etwas fehle,
-wenn Erting nicht an seiner Seite sei.</p>
-
-<p>Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden
-&mdash; aus Brandeck und aus der Residenz, und die
-tägliche Antwort &mdash; &bdquo;noch beim Alten,&ldquo; wollte und wollte
-keiner Besserung weichen.</p>
-
-<p>Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an
-Rüdigers Lager saß, blickte dieser plötzlich mit ungewohnter
-Klarheit zu ihm auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Erting,&ldquo; sagte er, &bdquo;mir ist heut auf einmal merkwürdig
-vernünftig im Kopf, das muß ich schnell benutzen!
-Ich danke Ihnen, Erting, für alle Liebe, die Sie mir erwiesen
-haben &mdash; Sie sind ein braver, treuer Kamerad und
-ich habe es nicht um Sie verdient!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schweigen Sie doch,&ldquo; sagte Erting rauh, um seiner
-Bewegung Herr zu werden.</p>
-
-<p>Rüdiger schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Lassen Sie mich heute reden!&ldquo; fuhr er schwach, aber
-ganz ruhig fort, &bdquo;wer weiß, ob ichs morgen noch kann!
-Ich glaube beinahe, alter Freund, es wird am längsten
-gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen heut
-noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen
-Sie mich reden,&ldquo; wiederholte er hastig und erregt, &bdquo;oder
-ich springe aus dem Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, so reden Sie,&ldquo; sagte Erting rathlos, als er sah,
-daß Rüdiger sich mühsam emporrichtete, &bdquo;aber fassen Sie
-sich kurz, und dann schlafen Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will Ihnen nur sagen,&ldquo; begann Rüdiger in
-kurzen Sätzen und schnell athmend, &bdquo;daß ich nicht ganz
-der hinterlistige Schurke bin, für den Sie mich gehalten
-haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem Maskenabend,
-ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei
-Gott nicht! Ich wollte &mdash; ja sehen Sie mich nur an,
-ich wollte Edith&ldquo; &mdash; er seufzte schwer auf &mdash; &bdquo;also &mdash;
-Edith ein letztes Ultimatum stellen &mdash; sie sollte mit mir
-davongehen! Sie wurde zornig &mdash; und wir geriethen
-aneinander!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich
-wieder fort:</p>
-
-<p>&bdquo;Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie,
-wenn du <em class="gesperrt">ihn</em> wegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit
-sein und du hättest der ganzen Bande noch einmal tüchtig
-die Hölle heiß gemacht. An Das, was später kommen
-könnte &mdash; dachte ich nicht &mdash; habe ich nie gedacht &mdash; nie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja!&ldquo; sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder
-schwach zurücksank, &bdquo;das weiß ich ja! Aber nun schweigen
-Sie auch wieder still!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nur Eins noch, Erting,&ldquo; sagte Gerald, und faßte
-des Andern Hand, &bdquo;ich spreche nicht aus Egoismus, beim
-Himmel nicht! Ich werde keinem Freier mehr in den
-Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith
-los! Sie Beide taugen nicht für einander, ich kenne das
-Mädchen besser &mdash; sie würde unglücklich werden und machen!
-Die hätte zu so einem Durchgänger gepaßt wie ich bin, &mdash;
-nun, es sollte nicht sein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Rüdiger,&ldquo; sagte Erting mit vor Rührung zitternder
-Stimme, &bdquo;nun hören Sie, was ich zu sagen habe. Glauben
-Sie wirklich, daß wenn Sie sterben sollten &mdash; wenn ich Sie
-umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß ich dann
-noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger,
-das nicht! das nicht! Und sie würde es auch nicht thun,
-denn sie weiß ganz gut, daß Sie um ihretwillen hier
-liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie wieder gesund
-sind &mdash; und Sie <em class="gesperrt">werden</em> wieder gesund werden &mdash;
-dann sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt &mdash;
-<em class="gesperrt">ich</em> stehe Ihnen nicht mehr im Wege!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth
-annehmen?&ldquo; rief Rüdiger fieberhaft erregt, &bdquo;ich hätte gehofft,
-daß Sie mich nun besser kennten!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting sah vor sich nieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,&ldquo; sagte er und
-wurde roth, &bdquo;so sehr großmüthig wäre es nicht &rsquo;mal von
-mir! Ich habe schon lange das Gefühl, als wenn Edith
-Brandau und ich einen dummen Streich begangen hätten,
-als wir uns verlobten, und &mdash; und ich muß Ihnen nur
-sagen, ich habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine,
-&mdash; nun, Sie können sich das Andere denken!&ldquo;</p>
-
-<p>Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das
-Haar von der Stirn.</p>
-
-<p>&bdquo;Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe
-ich, das wissen Sie ja so gut wie ich, und dann, wie
-Edith ist, habe ich sie mir durch meinen tollen Streich
-von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie läßt
-sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war &mdash;
-und ich war es nicht &mdash; jetzt bin ich es geworden, glauben
-Sie mir, Erting! Aber ich habe nun genug gesprochen,
-ich will schlafen!&ldquo;</p>
-
-<p>Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht
-in den Kissen.</p>
-
-<p>Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt.
-Doktor Stein wurde geholt, Rüdigers Zustand hatte sich
-aufs Heftigste verschlimmert.</p>
-
-<p>Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um
-Mitternacht zurückfuhr und versprach, gegen Morgen noch
-einmal wiederzukommen, da wußte man im Schloß, daß
-Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch
-nach Stunden zähle.</p>
-
-<p>Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle,
-sie flog mit ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von
-Brandeck und schlug an die Fenster, hinter denen Edith
-wohnte, und schlug auf das verzweifelnde Herz von
-Geralds erster Liebe.</p>
-
-<p>Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung
-wieder in den Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem
-Halbschlummer. Erting öffnete leise die Thür, als er
-Schritte im Vorzimmer vernahm.</p>
-
-<p>&bdquo;Stein, sind Sie es?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,&ldquo; sagte
-der Doctor mit unterdrückter Bewegung, &bdquo;machen Sie
-einmal Platz, Erting!&ldquo;</p>
-
-<p>Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief
-verschleierte Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte
-ihm beide Hände hin.</p>
-
-<p>&bdquo;Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan
-habe &mdash; und verzeihen Sie mir auch diesen Schritt &mdash;
-aber ich mußte Ihn noch <em class="gesperrt">einmal</em> sehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. &bdquo;Gehen
-Sie zu ihm, Edith, ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten
-&mdash; der da drinnen hat Sie mit seinem Blut erkauft!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden,
-sie sah einige Augenblicke in sein bleiches Gesicht
-und dann kniete sie neben ihm nieder und küßte seine Hand.</p>
-
-<p>Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr
-glücklich, und sagte: &bdquo;Nicht wahr, du bleibst jetzt bei
-mir?&ldquo;</p>
-
-<p>Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte,
-schloß er die Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.</p>
-
-<p>&bdquo;Das war ein Gewaltstreich,&ldquo; sagte Doctor Stein
-eine Stunde später zu Erting, &bdquo;aber er hat die Krisis
-beschleunigt. Ich halte ihn für gerettet!&ldquo;</p>
-
-<hr class="tb"/>
-<p>Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte,
-war Alles gekommen, wie es hatte kommen müssen!
-Gerald Rüdiger und seine schöne Frau standen auf der
-Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen
-Augen des &bdquo;tollen Junkers&ldquo; war ein ernsteres Licht
-aufgegangen; dies und der steife Arm, der noch immer
-nicht wieder ganz beweglich sein wollte, gemahnte noch
-an die Vergangenheit, die ihm heute wieder besonders
-lebhaft nahe gerückt worden.</p>
-
-<p>Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht &mdash;
-Ludwig Erting, der den Freunden seine Braut vorstellte!
-Die Mutter war Angesichts <em class="gesperrt">dieser</em> treuen Liebe gerührt
-worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in ihrer
-hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen,
-braven Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen
-und Tüchtigen zu halten.</p>
-
-<p>Und Rüdiger? &mdash; Der Traum, den er auf seinen
-wilden Fahrten geträumt, ist zur Wahrheit geworden;
-wenn der Mond sanft und klar über dem Wolfsdorffer
-Schloß emporsteigt, stehen er und &mdash; noch Eine am
-Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied
-erzählt ihm immer wieder die Geschichte, die zu hören er
-nicht müde wird &mdash; die Geschichte von der Liebe seiner
-Jugend &mdash; von dem Kampfpreis seines Lebens.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2><a name="Finderlohn" id="Finderlohn">Finderlohn.</a></h2>
-
-<p class="first">Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte
-eine mir befreundete Dame, unternahm ich eine kleine Reise
-nach dem Badeort K... Der Zufall führte mich auf
-dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh,
-die etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft
-verkürzt zu sehen, bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es
-war allerdings kein Damencoupé, welches ich bei allein
-unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist dies eigentlich
-ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn Jahre zählt,
-zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung
-vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts
-&mdash; aber ich bin noch nie in einem solchen Coupé gefahren,
-ohne mich über die kleinliche Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen,
-ihre Empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte
-und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln
-zu ärgern, die eben auf den Stationen <em class="gesperrt">nicht</em> zu haben
-waren.</p>
-
-<p>So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus
-diesem Dilemma erlöste, und bestieg mit meiner Freundin
-zusammen einen Waggon, der den Gebildeten beiderlei
-Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand sich nur
-noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen,
-freundlich begrüßte.</p>
-
-<p>Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die
-ich zu erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht
-unterlassen, ihn zu beschreiben mit all&rsquo; dem Enthusiasmus,
-den ich für ihn empfand; erstens um dem Leser damit ein
-Bild von ihm zu geben, und zweitens in der stillen
-Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht
-irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und
-nach einer Weile mit dem mich noch in der Erinnerung
-entzückenden herzlichen Lachen, in welches er zuweilen ausbrach,
-ruft: &bdquo;Das soll <em class="gesperrt">ich</em> wohl am Ende sein?&ldquo;</p>
-
-<p>Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern
-nicht mehr, als seine freie Stirn von schneeweißem, feinem
-Haar umwachsen war, welches, glänzend wie die Federn
-eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft stand, und
-die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen
-auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung
-aber war er doch, denn unter diesen seltsamen Augenbrauen
-sahen zwei so schöne, lebhafte, recht junge Augen
-hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten &mdash;
-jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten
-Gesundheit lag auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige,
-goldene Heiterkeit einer ewigen Jugend tönte aus
-dem unwiderstehlich herzlichen Lachen, mit welchem er in
-jeden Scherz einstimmte.</p>
-
-<p>Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden
-alten Herrn! Das ist ein Damenwort, ich weiß es,
-aber ich bleibe dabei und rufe zum Schluß meiner Beschreibung
-noch einmal energisch aus: Nicht nur ein reizender
-alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar
-den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich
-je gesehen habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur
-daran zu denken, erheitert mich noch! Ueber den kleinen,
-schäbigen Jungen, der auf einer Station emsig und still
-vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die mit
-eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen
-entlang trugen, über die Ankommenden und Abreisenden!
-Wie elektrisirt er war, als eine klangvolle italienische Leier
-uns die &bdquo;schöne blaue Donau&ldquo; zu hören gab, wie ernst
-und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine sanfte,
-traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder
-über seine eigene Rührung lachte!</p>
-
-<p>Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein
-Weilchen mit diesem liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten
-hatten, durch eine zufällige Ideenverbindung auf
-eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen vor
-kurzem stattgefunden.</p>
-
-<p>Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte
-einen Ausflug zu ihrer Schwester unternommen, war acht
-Tage dort geblieben, hatte am zweiten dieser acht Tage
-einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor Ablauf
-der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden
-das nach Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die
-Achseln über so schnell gewonnene Herzen und ich meinte:</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das
-sich nur acht Tage gekannt hat, ehe es ein Brautpaar
-wurde! Eine bedenkliche Sache!&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf
-nach uns um.</p>
-
-<p>&bdquo;Verzeihen Sie,&ldquo; begann er lächelnd, &bdquo;wenn ich mich
-in Ihr Gespräch mische, welches von Persönlichkeiten
-handelt. Aber von der Bemerkung, die Sie eben machten,
-mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen, als daß
-ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem
-Fall, von dem Sie eben sprechen &mdash; ich habe meine Frau
-sogar nur drei oder vier Mal gesehen, eh&rsquo; wir uns verlobten,
-und wir sind doch ein sehr glückliches Ehepaar
-geworden.&ldquo;</p>
-
-<p>Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung
-nicht unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich
-fände. Mein alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher
-Miene zu, es mochte ihm wohl schon öfter vorgekommen
-sein, daß er so schnell Eroberungen machte.</p>
-
-<p>Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die
-Frage an ihn, wie das denn gekommen sei, ob er nicht
-Zeit gehabt hätte, sich länger zu besinnen?</p>
-
-<p>Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in
-unsere neugierigen Gesichter, dann sagte er freundlich:</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, so etwas hören junge Damen immer gern!
-Aber es ist eine lange Geschichte, am Ende komme ich
-an&rsquo;s Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh&rsquo; ich zu Ende
-bin!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach bitte,&ldquo; riefen wir Beide, &bdquo;es wird schon gehen,
-die Geschichte ist <em class="gesperrt">uns</em> sicher nicht zu lang &mdash; wenn Sie
-so sehr freundlich sein wollen!&ldquo;</p>
-
-<p>Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle
-Drei gemüthlich zurecht und er begann:</p>
-
-<p>&bdquo;Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich
-auf Freiersfüßen ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu
-sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf der wir jetzt so selbstverständlich
-durch die Welt fliegen, war damals etwas
-ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem
-Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde.
-So gewöhnt sich der Mensch an Alles und wir nennen
-die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll, ihr wird nur eben
-Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große Leute
-erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph
-war damals auch erst eben erfunden &mdash; ja, ja, denken
-Sie nur!</p>
-
-<p>Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte
-Zeit anzutreten, ein Entschluß, der mir um so
-leichter wurde, als ich ganz frei und ungebunden in der
-Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden besaß,
-als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein
-Nachklang der Zeitströmung, auf den schönen Namen
-&bdquo;Nap&ldquo; hörte. Nicht wahr, eine ziemlich durchsichtige Abkürzung
-im Jahrhundert der Freiheitskriege?</p>
-
-<p>Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger
-und letzter Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in
-die Fremde gewandert, hatte mit mir studirt, Examina
-gemacht, und war mir stets ein lieber Freund und treuer
-Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit,
-daß ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein
-Wesen auf der Welt, meine lieben alten Tanten nicht
-ausgenommen.</p>
-
-<p>Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren
-noch ein paar Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit,
-wo die Leute sich Zeit ließen. Schon die
-äußere Umgebung der beiden alten Damen war die Zierlichkeit
-selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern
-Hause, nicht am selben Ort mit mir, welches sich
-durch die blitzendsten Fensterscheiben auszeichnete und
-grüne Jalousien hatte. Das Häuschen war umgeben
-von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken
-und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum
-mit der Papierscheere in Ordnung gehalten wurden.
-Da können Sie glauben, daß kein Zweig sich erlauben
-durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen, sofort
-war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein
-Paar ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und
-gewissenhaftere Seelchen, als meine beiden lieben Tanten
-gab es nicht! Sie trugen sich ganz gleich, hatten
-Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte Löckchen,
-Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man
-sie jetzt nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide
-Brillen.</p>
-
-<p>An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit
-meinem Nap bei den Tanten ein, die mich herzlich und
-liebevoll aufnahmen, und mich in ihre Gartenlaube zu
-einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen Dimensionen
-ungefähr der Art waren, als hätten die sieben
-Zwerge fragen können: &bdquo;wer hat von meinem Tellerchen
-gegessen&ldquo; u. s. w. Aber ich ließ es mir wohlschmecken, und
-nachdem ich den Tanten meine Pläne für die nächste Zeit
-mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem kühnen Ansinnen
-heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene
-Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in
-Pflege und Obhut nehmen wollten.</p>
-
-<p>Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern
-nicht wenig erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs
-ihrer Hausbewohnerschaft, ein bellender, springender, zottiger
-Mitbewohner ihres stillen, beschaulichen Daheim; sie sahen
-sich wechselweise eine gute Viertelstunde an, schnupften,
-niesten, selbst dies Mittel schien heut&rsquo; nicht anzuschlagen,
-endlich nahmen sie <em class="antiqua">a tempo</em> die Brillen ab und sagten
-so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes,
-deutliches &bdquo;Ja!&ldquo;</p>
-
-<p>Ich wußte, welch&rsquo; ein Opfer sie mir brachten, und
-sprach ihnen es auch dankbar aus, ich fügte bei, daß nur
-das Bewußtsein, meinen Hund in den besten Händen zu
-wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und
-dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren
-edelmüthigen Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich
-erklärte meinen schnellen Aufbruch damit, daß ich am
-nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn weiter müsse,
-welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte,
-von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen
-meinen Weg fortsetzen.</p>
-
-<p>&bdquo;Und, liebe, beste Tanten,&ldquo; fügte ich noch dringend
-hinzu, &bdquo;laßt Nap die nächsten Tage nicht aus den Augen,
-er wird gewiß Versuche machen mir nachzusetzen und
-könnte alsdann verloren gehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten
-und dankbaren Abschied, während Nap, durch ein
-Schüsselchen Milch in&rsquo;s Haus gelockt, ahnungslos diesen
-Labetrank schlürfte.</p>
-
-<p>Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als
-ich in das Städtchen H... einfuhr, welches die Grenze
-zwischen Flachland und Gebirge bildet, zog ein Gewitter
-dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß,
-der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen,
-der auf meine Nase fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer
-Wolkenbruch stürzte hernieder und das liebenswürdige
-Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt, recht
-gründlich &bdquo;einzuregnen.&ldquo; Unter diesen Umständen eine
-Fußtour beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen
-zu wollen, um das Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr
-als Thorheit gewesen. Es hieß also warten!</p>
-
-<p>Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt
-ein, der vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab,
-und sah zum Fenster hinaus. Zum Glück war ich von
-jeher besonders unfähig, mich zu langweilen, ich hatte
-manchmal den besten Willen, da kam mir etwas Unterhaltendes
-in die Quere &mdash; es ging nicht!</p>
-
-<p>Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht
-gut langweilen können, aber da lag gerade dem Gasthause
-gegenüber ein ganz allerliebstes Haus, das immer
-etwas zu sehen oder zu hören gab. Ich konnte freilich
-nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes beobachten,
-denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen
-Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen
-nicht ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.</p>
-
-<p>An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge
-Dame und nähte. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, sie
-bückte sich immer sehr tief auf die Arbeit; ich sah nur ein
-Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse eines
-zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um
-einen seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.</p>
-
-<p>Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle
-Muße, diese Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise
-hatte das Haus seinen Eingang auch auf der Seite. Gegen
-Abend kam ein dicker, stattlicher Herr nach Hause, dessen
-Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte, denn
-er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden
-Schirm über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige
-Person schon innerhalb der Hausthür war. Und
-dann zur Thür hinaus schüttelte und spritzte er diesen Schirm
-aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug wäre.</p>
-
-<p>Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über mein
-<em class="antiqua">vis-à-vis</em> erfahren können, aber ich wollte es nicht &mdash; es
-war so sehr ergötzlich, mir meine Schlüsse aus Dem zu
-ziehen, was ich sah.</p>
-
-<p>Der Hausherr war entschieden <em class="gesperrt">kein</em> Arzt, dazu kam
-er zu regelmäßig nach Hause, sondern Beamter, ein Mann
-mit Bureaustunden. Die junge Dame am Fenster war
-seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich
-stets geraden Weges zu ihr in&rsquo;s Zimmer. Dann stand sie
-sofort auf, legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm
-hinaus. Eine dritte Person, die ich häufig ausgehen und
-wiederkommen sah, eine Dame in mittleren Jahren, mußte
-die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn
-wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.</p>
-
-<p>Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel
-ein ganz klein wenig lichter zu werden, ich trat an&rsquo;s
-Fenster und, wie mir schon zur Gewohnheit geworden
-war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß die
-junge Dame &mdash; dies Mal ohne Näharbeit &mdash; ich hätte
-ihr Gesicht gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt
-ein Tuch vor die Augen &mdash; sie weinte!</p>
-
-<p>Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen?
-Sie werden mir zugeben, daß ein junges Mädchen mit so
-schönen blonden Zöpfen, die von ihrem Papa verzogen
-wird und &mdash; weint, ein Fall ist, über den man nachdenklich
-werden kann.</p>
-
-<p>Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die
-Augen, schrieb einige Worte auf einen kleinen Zettel,
-stand auf und verließ das Fenster. Wenige Minuten
-darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat heraus, einen
-Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und
-blickte nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es,
-das muß ich schon sagen!</p>
-
-<p>Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe
-hinunterging, weiß ich nicht zu sagen, aber ich that es
-und folgte der jungen Dame in respectvoller Entfernung,
-auch mit dem Regenschirm bewaffnet.</p>
-
-<p>Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm
-meiner Schönen und drehte ihn von innen nach außen,
-er machte, wie man zu sagen pflegt, eine Tulpe daraus.
-Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter
-Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen
-Versuch, den treulosen Beschützer wieder in seine
-alte Form zu bringen, verdoppelte ihre Schritte und eilte
-in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das tobende
-Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und
-nicht faul, betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut
-und postirte mich der jungen Dame gegenüber an die
-Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die Hausthür,
-zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand
-hinaus, um zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen
-habe. &bdquo;Kein Trauring!&ldquo; dachte ich erfreut, ohne
-eigentlich zu wissen, warum es mich freute.</p>
-
-<p>Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß,
-nahm das Fräulein ihren Schirm wieder vor und versuchte
-ihn in die richtige Verfassung zu bringen. Es gelang
-ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink
-des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem
-Hut trat ich bescheiden vor und bot meine Hülfe
-an, die auch freundlich angenommen wurde.</p>
-
-<p>Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen,
-versteht sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er
-nicht weichen, ich wendete alle Gewalt an, der Tückische
-aber verstand keinen Spaß, sondern brach gelassen mitten
-durch. Das Fräulein sah erschrocken aus, aber nicht
-zornig &mdash; durchaus nicht zornig, was ich mir mit richtiger
-Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen Temperaments
-auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder,
-stammelte ein paar Entschuldigungen und bat endlich um
-die Erlaubniß, meinen Schirm als Ersatz anbieten zu
-dürfen, wozu mich noch die egoistische Hoffnung stachelte,
-ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen
-Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg
-zu dringen, die von der blondzöpfigen Prinzessin bewohnt
-war. An Abreise dachte ich schon nicht mehr, wie Sie
-sehen. Aber es kam anders!</p>
-
-<p>&bdquo;Ich danke sehr, mein Herr,&ldquo; sagte das junge Mädchen
-freundlich, &bdquo;ich kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben.
-Wollen Sie mir aber eine Droschke besorgen, damit ich
-meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich es dankbar an!&ldquo;</p>
-
-<p>Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung,
-daß ein sehr liebenswürdiges &bdquo;Danke&ldquo; mich belohnte,
-dann, während ich, den Hut in der Hand, wie
-ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame
-zum Kutscher hinauf: &bdquo;Nach der Zeitungsexpedition!&ldquo; Der
-Schlag fiel zu &mdash; und da stand ich.</p>
-
-<p>Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge
-Dame in der Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken
-bestürmten mich &mdash; sie wird doch nicht einen Brief
-abholen, von dem der Papa nichts wissen soll? Erst Thränen,
-dann Zeitungsexpedition &mdash; verdächtige Zusammenstellung!</p>
-
-<p>&bdquo;Dahinter muß ich kommen,&ldquo; rief ich so zornig, als
-wäre ich der Beichtvater der kleinen Dame.</p>
-
-<p>Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich
-mußte einen Vorwand haben, auch nach der Expedition
-zu gehen. Sollte ich nach Briefen fragen? Nein, das
-war mit einem &bdquo;Nichts für Sie!&ldquo; zu schnell abgemacht.
-Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein
-Blatt aus der Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben
-wie folgt: &bdquo;Ein kleiner, schwarzer Affenpinscher
-mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen Nap
-hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten,
-denselben gegen eine angemessene Belohnung im
-Hotel zum grünen Falken, Zimmer Nr. 10, abzugeben.&ldquo;
-Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache an Wahrscheinlichkeit
-gewönne und die junge Dame nicht glaubte,
-ich wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.</p>
-
-<p>Nun denken Sie &mdash; der arme Nap! Er mußte noch
-herhalten, mußte sich angeblich verlaufen haben, um seinen
-Herrn auf den richtigen Weg zu bringen! Einige Kreuz-
-und Querfragen führten mich rasch nach der Expedition
-des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den
-ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.</p>
-
-<p>Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende
-Menschenmenge vor, welche fast bis an die Thür hin sich
-drängte und nur langsam zum Schalter avancirte. So
-sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am Eingang
-stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf
-den Augenblick der Beförderung.</p>
-
-<p>Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte,
-dabei etwas von &bdquo;glücklichem Zufall&ldquo; murmelte, sah sie
-mich überrascht an, erröthete und ein leichtes Zucken ihrer
-Augenbrauen verrieth, daß sie diese zweite Begegnung für
-keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung erwiderte sie
-kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung
-nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es
-gar nicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht!
-Ich komme vor drei Tagen ganz fremd hier in
-die Stadt und bin heute schon in der Lage, eine Annonce
-in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein verlorener
-Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!&ldquo;</p>
-
-<p>Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen,
-daß sie mir Unrecht gethan &mdash; nach <em class="gesperrt">ihrer</em> Ansicht &mdash;
-und ärgerte sich vielleicht ein wenig über die Eitelkeit,
-welche ihr zugeflüstert, ich sei wohl ihretwegen nach der
-Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete etwas freundlicher,
-sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines
-Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.</p>
-
-<p>&bdquo;So, wie es hier beschrieben ist,&ldquo; fügte sie hinzu und
-reichte mir den kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff.
-&bdquo;Können Sie mir wohl sagen, mein Herr, ob die Anzeige
-so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus Niemand darum
-fragen,&ldquo; setzte sie treuherzig hinzu, &bdquo;weil &mdash; nun, weil ich
-fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er
-erführe, daß ich eben <em class="gesperrt">dieses</em> Besitzthum verloren habe!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand
-die Anzeige, daß ein schmaler goldener Ring mit
-einem Vergißmeinnicht von Türkisen darauf verloren gegangen
-und gegen Belohnung T...straße Nr. 6 abzugeben
-sei.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie können sich einige Worte sparen,&ldquo; bemerkte ich;
-&bdquo;mit Ihrer Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere
-Form.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das
-Original des kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche
-verschwinden, als ich dem Fräulein die Copie überreichte.
-Sie schien es gar nicht zu bemerken.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,&ldquo; begann
-sie nun ihrerseits etwas schüchtern, &bdquo;ist es auch ein Andenken?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, aber anderer Art,&ldquo; erwiderte ich, &bdquo;<em class="gesperrt">mein</em> Andenken
-hat vier Beine, einen krausen, schwarzen Pelz und
-bellt &mdash; mein Hund ist mir verloren gegangen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, wie schade,&ldquo; sagte sie bedauernd, &bdquo;aber wie
-kann man einen Hund verlieren!&ldquo; setzte sie vorwurfsvoll
-hinzu.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun,&ldquo; gab ich ruhig zurück, &bdquo;ebensogut, wie
-man einen Ring verlieren kann, den man am Finger
-trägt.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie lachte.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich hatte ihn aber abgezogen,&ldquo; erwiderte sie eifrig,
-&bdquo;ich wollte ihn zu dem Juwelier dort drüben tragen,&ldquo; sie
-wies nach einem hübschen Laden mit großen Spiegelfenstern,
-&bdquo;wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben
-will &mdash; ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder
-sonst wo verloren habe, weiß ich nicht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich denke, er findet sich wieder,&ldquo; tröstete ich, &bdquo;und
-ich für meine Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen
-Augen umhergehen &mdash; wer weiß, ob ich nicht
-das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und dann
-so glücklich bin, es Ihnen zu geben.&ldquo;</p>
-
-<p>In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die
-junge Dame eilte vor, gab ihren Zettel ab und verließ
-mit einer flüchtig freundlichen Kopfneigung gegen mich die
-Expedition, während ich nach ihrem Verschwinden gedankenlos
-mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte, daß
-es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem
-Druck zu übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen
-Dingen läßt sich zwar noch viel sagen, aber nichts mehr
-thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd und
-sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft
-weiter spinnen sollte.</p>
-
-<p>Plötzlich fiel mir etwas ein.</p>
-
-<p>Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort
-kein Mal, also wollen wir es noch ein zweites Mal
-thun, und dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen
-&mdash; die Gelegenheit zur Fortsetzung einer Beziehung finden,
-die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen
-Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen.</p>
-
-<p>Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen,
-mir etwas vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen
-Dame bezeichneten Juwelierladen und bat, mir verschiedene
-Ringe vorzulegen. Während der Kaufmann das Verlangte
-herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf dem
-Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald
-über Namen und Stand meines Gegenüber bereitwillig
-Auskunft ertheilte.</p>
-
-<p>Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie
-ich vermuthete, Justizrath &mdash; leider sind die Adreßbücher
-nicht ausreichend, um sonstige gewünschte Details über
-eine Familie zu erfahren. Indeß ich wußte genug und
-begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu spinnen.</p>
-
-<p>Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche
-Kaufherr mir vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte
-endlich, dies sei Alles nicht was ich wollte, ich brauchte
-einen bestimmten Ring.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will genau denselben haben, den Fräulein W...,
-die Tochter des Justizrath W... in der T...straße,
-besitzt, es handelt sich um eine Wette,&ldquo; fügte ich rasch
-hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und sogar
-ein wenig lächelte.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,&ldquo; sagte er
-nun, &bdquo;und ich hatte genau denselben noch einmal, habe
-ihn aber meiner Tochter geschenkt, der er bei Fräulein
-W... so gut gefiel.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist betrübend,&ldquo; erwiderte ich achselzuckend, &bdquo;denn
-ich müßte ihn bald haben. In zwei bis drei Tagen
-spätestens verlasse ich die Stadt und möchte meine Wette
-gern vorher noch zum Austrag bringen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Juwelier besann sich ein Weilchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,&ldquo; begann
-er dann zögernd, &bdquo;so könnte ich ja meiner Tochter später ein
-anderes Exemplar des Gewünschten anfertigen lassen &mdash;
-er ist nun freilich schon längere Zeit getragen worden und
-sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer Ring.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Um so besser,&ldquo; rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte
-aber dämpfend hinzu, &bdquo;ich meine, das schadet nichts &mdash;
-wenn Ihr Fräulein Tochter so sehr gütig sein wollte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will mit ihr sprechen,&ldquo; bemerkte der Vater, dem
-die Sache zweifelhaft schien, &bdquo;vielleicht bemühen Sie sich
-morgen früh noch einmal zu mir.&ldquo;</p>
-
-<p>Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich
-darüber nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen
-werde. Nachdem ich mein schönes <em class="antiqua">vis-à-vis</em> einmal gesprochen,
-konnten mich die stummen Fensterbeobachtungen
-nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch unstatthaft
-geworden.</p>
-
-<p>In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es
-ist, sich darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch
-genug vergeht! Aber die Jugend, mit ihrem unerschöpflichen
-Reichthum an zukünftigen Tagen, möchte oft das &bdquo;heute&ldquo;
-mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu irgend
-einem ersehnten &bdquo;morgen&ldquo; zu gelangen!</p>
-
-<p>Nun, auch mein Tag ging dahin &mdash; und ehe ich mich&rsquo;s
-versah, war der Abend da und die Nacht &mdash; ich ging
-auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu begeben.</p>
-
-<p>Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah
-auf die Straße und auf das Haus gegenüber.</p>
-
-<p>Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein
-lag auf den Dächern, milde, warme Luft strich über
-meine Stirn &mdash; ich konnte weiter reisen &mdash; wenn ich wollte!</p>
-
-<p>Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und
-trat im Traum auf einen kleinen harten Gegenstand, der
-sich als ein Ring mit einem blauen Stein auswies.
-Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem Hause
-des Justizraths begeben &mdash; da klopft es an meine Thür,
-und die naseweise Bemerkung: &bdquo;Der Barbier ist da!&ldquo;
-ruft mich aus der Traumwelt in die rauhe Wirklichkeit
-zurück.</p>
-
-<p>Ich frühstückte eilig &mdash; es war mittlerweile elf Uhr
-geworden &mdash; und wollte eben das Hotel verlassen, als
-ich neben meiner Kaffeetasse die neueste Zeitung liegen sah.</p>
-
-<p>Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil &mdash; richtig &mdash;
-da stand der kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im
-Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.</p>
-
-<p>Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.</p>
-
-<p>Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war
-angebrochen &mdash; zu einer Gebirgsreise wie geschaffen!</p>
-
-<p>Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste!</p>
-
-<p>Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem
-lächelnden Gesicht des Inhabers, daß &bdquo;Goldschmieds
-Töchterlein&ldquo; wirklich so liebenswürdig gewesen sei, den
-Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein neuerworbenes
-Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach
-dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner
-eifrigsten Beobachtungen war.</p>
-
-<p>Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir
-sagte eine innere Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich
-einen bedeutungsvollen Lebensabschnitt beträte &mdash;
-und mit heiligem Schauder zog ich an dem Klingelgriff.</p>
-
-<p>Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte,
-mochte wohl Verwunderung erregen, um so
-mehr, da ich nach den Damen gefragt hatte, also nicht
-wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte &mdash;
-aber ich wurde angenommen und befand mich bald in
-einem großen, hellen Zimmer, das in einen schönen,
-blumengeschmückten Gartensalon Einblick gewährte.</p>
-
-<p>Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame
-&mdash; aber sonst war Niemand zu sehen!</p>
-
-<p>Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz
-ausgearbeiteten Entwurf einen häßlichen Strich machen zu
-wollen &mdash; indeß ich konnte nichts weiter dabei thun!</p>
-
-<p>Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung
-und sah mich fragend an.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,&ldquo; begann
-ich, mit einer mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend,
-&bdquo;daß ich so fremd hier einzudringen wage. Meine Kühnheit
-ist nur durch einen besondern Umstand zu entschuldigen
-&mdash; ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen,
-daß eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren
-hat &mdash; und ich bin so glücklich gewesen, denselben
-wiederzufinden!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, Sophiechen&rsquo;s Ring,&ldquo; rief die Dame mit sehr
-freundlichem Gesicht, &bdquo;das ist sehr liebenswürdig von
-Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst zu uns bemühen.
-Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring gegrämt,
-sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so
-bald gestorben ist, eine Schwester der Frau Justizräthin,
-die uns auch leider so früh entrissen wurde, und da
-durfte gar nichts verlauten, daß der Ring verloren war,
-denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut,
-wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar
-zu Sophiechen ein sehr guter Papa, aber Sie wissen ja,
-wie die Herren sind, sie haben alle ihre Eigenheiten und
-eigen ist der Herr Justizrath auch.&ldquo;</p>
-
-<p>Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit,
-ein Wort einzuschieben.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun aber,&ldquo; fuhr die gute Dame fort, &bdquo;will ich
-Sophiechen holen. Sie sollen selbst sehen, was sie für
-eine Freude haben wird! Sie ist ja schon ganz unglücklich
-über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht genug
-wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding,
-wie leicht konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen
-gestern &mdash; er konnte in die Gosse fallen &mdash; und weg war
-er! Es konnte ihn ja auch Jemand finden, der nicht
-ehrlich war &mdash; es giebt zu schlechte Menschen!&ldquo;</p>
-
-<p>Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie
-verließ mit den Worten: &bdquo;Einen Augenblick, mein Herr!&ldquo;
-das Zimmer, während ich meinen Ring in der Hand hielt,
-mich schämte und mich freute.</p>
-
-<p>Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder
-eintrat, und dicht hinter ihr das junge Mädchen, deren
-Bekanntschaft ich schon gestern gemacht.</p>
-
-<p>Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine
-kleine vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben
-mit einigen erklärenden Worten nähern, als die Alte
-wieder dazwischen fuhr.</p>
-
-<p>&bdquo;Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du
-wunderst dich wohl schon, nicht wahr? Wie ich ihr sage,
-daß sie mitkommen soll, es wäre ein fremder Herr da,
-da sagt sie: &bdquo;Tante, was soll ich denn drüben, du kannst
-doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,&ldquo; denn
-sie war gerade über dem Einkochen von &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Liebe Tante,&ldquo; unterbrach sie das Mädchen freundlich,
-&bdquo;das kann den Herrn unmöglich interessiren!&ldquo;</p>
-
-<p>Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich
-fragend an.</p>
-
-<p>&bdquo;Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich
-so große Verwunderung meinerseits verspricht?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich war so glücklich,&ldquo; begann ich stockend, hielt aber
-inne und überreichte ihr den Ring.</p>
-
-<p>Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und
-zwei große Thränen traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter
-Hand kam sie auf mich zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich danke Ihnen &mdash; ich danke vielmals! Sie machen
-mir eine unendlich große Freude &mdash; mein lieber Ring!&ldquo;</p>
-
-<p>Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger
-Betrüger vor! Hier stand ich und nahm Dank,
-Freudenthränen, freundliche Aufnahme &mdash; sogar einen
-freundlichen Händedruck entgegen &mdash; für einen ganz abscheulichen
-Schwindel.</p>
-
-<p>Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen,
-und herausgeworfen zu werden, als sich die Thür auf&rsquo;s
-neue öffnete und der stattliche Herr des Hauses eintrat.</p>
-
-<p>Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der
-Mitte des Zimmers erblickte.</p>
-
-<p>Sie &mdash; die Gruppe &mdash; sah auch nicht unbedenklich
-aus! Ein verlegener junger Mann, ein erröthendes
-Mädchen mit Thränen in den Augen und einem Ringe
-in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen
-können!</p>
-
-<p>Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften
-Justizrath ein und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen,
-Vorstellungen &mdash; bis er sich lachend die Hände
-vor die Ohren hielt.</p>
-
-<p>&bdquo;Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls,
-daß Sophie ihren Ring verloren und wiederbekommen
-hat und daß wir Ihnen, mein Herr, dafür zu danken
-haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht
-verdiente! Ich erstickte fast daran und mußte mich nun
-noch von dem Papa auf&rsquo;s Sopha nöthigen lassen und
-eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei plaudern!</p>
-
-<p>Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen,
-wie einem Friseur oder Schneidergesellen zu Muth sein
-muß, der als Graf in ein Weltbad reist und demgemäß
-behandelt wird.</p>
-
-<p>Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im
-Begriff, meine Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber
-ehrliches Schaf aus meinem Wolfspelz hervorzukriechen &mdash;
-aber der Zauber des Augenblicks war stärker als ich &mdash;
-ich blieb und schwieg.</p>
-
-<p>Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht
-länger vom Genuß des Mittagessens zurückzuhalten, lud
-mich der Hausherr in freundlicher Weise ein, den Abend
-bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber äußerlich
-mit schöner Fassung annahm.</p>
-
-<p>So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher
-Unbekanntschaft in das verzauberte Schloß gedrungen,
-aber das Ritterschwert, welches mir den Weg zur Prinzeß
-Dornröschen gebahnt hatte &mdash; war eine Lüge! Mit
-einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die
-Mittel heilige, sang ich mein Gewissen in Schlaf, und
-kehrte in den Gasthof zurück.</p>
-
-<p>Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke,
-mit einer groben Physiognomie, er trug einen kleinen
-schwarzen Hund auf dem Arm. Ich achtete nicht auf
-ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich angenehmen
-Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen
-zu überlassen.</p>
-
-<p>Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf.</p>
-
-<p>Auf mein &bdquo;Herein!&ldquo; erschien zuerst der wohlfrisirte
-Oberkellner, hinter ihm der Mann in der blauen Jacke
-mit dem Hunde, den ich beim Eintreten bemerkt hatte.
-Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das
-Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm
-entgegenhielt, sagte er:</p>
-
-<p>&bdquo;Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie
-verloren haben?&ldquo;</p>
-
-<p>Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust
-und Beschämung kämpften heftig in mir &mdash; die greifbaren
-Folgen der <em class="gesperrt">zweiten</em> Lüge machten sich bemerklich.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte ich kurz, &bdquo;das ist nicht mein Hund!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Am Ende doch!&ldquo; bemerkte der Fremde, &bdquo;er ist ja
-schwarz und klein!&ldquo;</p>
-
-<p>Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien
-es nicht wieder an sich nehmen zu wollen. Die kleine,
-höchst gemein aussehende Creatur fuhr, wahrscheinlich durch
-schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend und schreiend
-auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise
-nach meinen Stiefeln.</p>
-
-<p>&bdquo;Sehen Sie, er kennt Sie!&ldquo; sagte das blaujackige
-Individuum mit der größten Frechheit, &bdquo;ich bitte um die
-Belohnung, die in der Zeitung &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist doch zu stark!&ldquo; rief ich nun meinerseits geärgert,
-&bdquo;dieses Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich,
-und Sie wollen von mir noch eine Belohnung? Dort
-ist die Thür!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Mann rührte sich nicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld
-aus &mdash; ich habe zwei ganze Stunden hier auf Sie gewartet
-und meine Zeit kostet Geld!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nemesis!&ldquo; dachte ich und gab ihm, um es kurz zu
-machen, ein Geldstück, worauf er den Hund wieder wie
-ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem höhnischen
-Kratzfuß das Feld räumte.</p>
-
-<p>Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen
-und ein großer schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten
-&mdash; der Junge sogar einen weißen! &mdash; und die mit
-Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld und wer
-weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend
-sollte mich für diese Mühsal belohnen.</p>
-
-<p>Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen
-neuen Freunden, und wir plauderten so gemüthlich, als
-kennten wir uns schon seit langer Zeit.</p>
-
-<p>Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns
-ein Lied; der Vater sah vergnügt dazu aus &mdash; und ich
-&mdash; nun ich war auch ganz befriedigt von meiner Lage.
-Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau,
-daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch
-einen Ring angefangen hatte &mdash; wenn es nach mir ging,
-sollten noch mehr Ringe in unseren gegenseitigen Beziehungen
-eine Rolle spielen. Also, es geht manchmal
-schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt!</p>
-
-<p>Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im
-Hause des Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft
-aufgestöbert, die zwischen einer Großmutter
-meiner Stieftante und einem Onkel des Justizraths bestanden
-haben konnte &mdash; ich hatte also gewissermaßen ein
-Recht, dort zu sein!</p>
-
-<p>Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend
-mit Sophie und der Tante im Gartensaal saß und die
-Letztere abgerufen wurde.</p>
-
-<p>Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten
-Gefühlen gleich Worte gegeben? O nein, so von
-selber ging das nicht! Ich mußte noch gehörig durch die
-Traufe.</p>
-
-<p>Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung
-zusammen, wie das so leicht kommt, wenn man mehr zu
-sagen wüßte, als recht angehen will &mdash; da stürzt freudeglühenden
-Antlitzes die Magd des Hauses herein.</p>
-
-<p>&bdquo;Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen!
-Ich bin in Ihrer Stube und nähe und da fällt mir der
-Fingerhut auf die Erde und kollert unter den großen
-Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den
-Schrank etwas beiseite und was finde ich? &mdash; Ihren Ring,
-den Sie so gesucht haben!&ldquo;</p>
-
-<p>Prosit die Mahlzeit!</p>
-
-<p>Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment
-dachte. Mein Hauptgefühl war lebhaftes Bedauern, daß
-die Wohnungen wohlhabender Privatleute keine Versenkungen
-haben, in denen man in so entschieden blamablen
-Augenblicken verschwinden könne.</p>
-
-<p>Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden.
-&bdquo;Ich danke, Christiane, es ist mir sehr lieb, daß der Ring
-da ist &mdash; Sie können gehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft
-über die ruhige Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.</p>
-
-<p>Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über
-dies sonderbare Zusammentreffen aufzuklären und &mdash; Ihr
-Eigenthum wieder an sich zu nehmen!&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den
-ich gefunden haben wollte, vom Finger und hielt ihn
-mir hin.</p>
-
-<p>Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun
-sollen &mdash; ich beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie
-sie mich interessirt hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen,
-wie lebhaft ich gewünscht, in das Haus ihres
-Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze
-Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt
-hätte. Und dann bat ich sie flehentlich, den Ring
-zu behalten und wurde immer eifriger und beredter und
-sagte schließlich Alles heraus, daß ich den Ring nur dann
-wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern vertauschen
-dürfte &mdash; mit dem Verlobungsring!</p>
-
-<p>Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die
-Thatsache, daß der wirkliche Ring noch heut hier an
-meiner Uhrkette hängt &mdash; sehen Sie, das ist er! und daß
-Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine Frau
-ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment
-zurückzukommen, so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen,
-als plötzlich der Diener erschien und mir ein Telegramm
-überreichte.</p>
-
-<p>Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war
-von meinen Tanten und lautete:</p>
-
-<p>&bdquo;Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!&ldquo; Daß
-nun die Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß
-Abends, als die Gesundheit des Brautpaares getrunken
-wurde, der Schwiegervater meine ganze Schlechtigkeit erfuhr,
-das können Sie sich denken.</p>
-
-<p>Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit
-dem Kennenlernen und Verloben und es hält doch.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Zug begann langsamer zu fahren.</p>
-
-<p>&bdquo;Leben Sie wohl, meine jungen Damen,&ldquo; sagte der
-liebe, alte Herr mit seinem freundlichsten Lächeln, &bdquo;vergeben
-Sie, wenn Ihnen meine Geschichte zu lang war,
-und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer geht&rsquo;s
-nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch
-sehr unangenehm, wenn es an&rsquo;s Licht kommt!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich
-habe ihn seitdem nicht wieder gesehen. &mdash; Aber noch heute
-besteige ich keinen Dampfwagen ohne die leise Hoffnung,
-den silbernen Kopf meines alten Herrn mir entgegenglänzen
-zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2><a name="Glueck_muss_man_haben" id="Glueck_muss_man_haben">Glück muß man haben!</a></h2>
-
-<p class="first">&bdquo;Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner
-Werbung nicht durchaus abgeneigt sein sollten, so darf
-ich wohl die ergebene Bitte aussprechen, die Inlage Ihrer
-Fräulein Tochter zu übergeben und mir, in freundlicher
-Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort womöglich
-noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu
-lassen, was sich ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung
-zwischen hier und Frankenberg sehr wohl ermöglichen
-läßt.&ldquo;</p>
-
-<p>Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck
-seinen Brief, steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse:
-&bdquo;An Herrn Amtsrath Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg&ldquo;
-und legte das bedeutungsvolle Schriftstück mit einem
-erleichterten &bdquo;So&ldquo; vor sich auf den Tisch.</p>
-
-<p>Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte
-schon in unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen
-&mdash; noch dazu einen Sonntagsmorgen &mdash; der
-frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel verhüllt über
-der schlafenden Stadt emporstieg.</p>
-
-<p>Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen
-Schreiberei gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen
-Gemisch von nüchterner Müdigkeit und nervöser
-Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten Morgenstunde
-so leicht empfinden, am geöffneten Fenster
-Platz. Es schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen,
-den Schlaf noch einmal aufzusuchen; er blickte, den Kopf
-in die Hand gestützt, gedankenvoll auf den leeren Marktplatz
-zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte sich ihm
-die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung
-des Werbebriefes so &mdash; ja so richtig nüchtern zu
-Muthe sei? Oder lag es bei ihm in den besonderen Verhältnissen?</p>
-
-<p>Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem
-Sprunge. Sein Abschied vom Militair war eingereicht
-und er trat bis zur Bewilligung desselben am nächsten
-Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut selbst zu
-übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem
-ihm jeder Zoll Boden bekannt war.</p>
-
-<p>Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn
-seiner Eltern, des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers,
-seiner schüchternen, graublonden Frau, und seiner noch
-schüchterneren und noch graublonderen Tochter Amalie.</p>
-
-<p>Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte
-Fritz gar nichts vernünftigeres thun, als Amalien zu
-heirathen &mdash; &bdquo;die Aecker grenzten nachbarlich zusammen,
-die Herzen stimmten überein&ldquo; &mdash; oder wenn sie es nicht
-thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und
-an Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund,
-warum die Besitzer dieser Herzen nicht äußerst glücklich
-mit einander werden sollten.</p>
-
-<p>Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines
-hin und wieder hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes,
-ein ganz klein wenig Philister &mdash; das heißt Familienphilister!
-&mdash; was man daheim für gut und wünschenswerth
-erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben
-ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie
-Solgers immer als etwas gutes und wünschenswerthes
-geschildert und erschienen. Immer &mdash; bis heute Morgen,
-wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!</p>
-
-<p>Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt
-vor sich auf dem Tische, in den herrlichen jungen Tag
-hinausblickte, der in seinen halb durchsichtigen Wolkenschleiern
-die waldigen Hügel des nahgelegenen Höhenzuges
-bald zeigte und bald verbarg &mdash; da überfiel ihn mit plötzlicher
-Traurigkeit das Bewußtsein, <em class="gesperrt">was</em> ihm eigentlich
-fehle! So duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form
-und Umriß muß nicht nur die Frühstunde eines schönen
-Tages &mdash; nein auch die Morgenstunde des Lebens sein,
-wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der
-<em class="gesperrt">Ungewißheit</em> war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte
-&mdash; es lag nicht vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht,
-die man mit ahnungsvollem Entzücken, unbekannten
-Abenteuern entgegen, betritt &mdash; sein Schicksal glich einem
-kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein, abgegrenzt,
-durch und durch alltäglich &mdash; und nur <em class="gesperrt">dem</em>
-begehrenswerth, der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher
-schon getrunken hat!</p>
-
-<p>Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose
-Nacht es sei, die ihm sein neues Glück in so überwachter,
-mattfarbiger Beleuchtung zeige, und griff nach der Mütze,
-entschlossen, den mahnenden und grollenden Stimmen in
-seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch
-Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.</p>
-
-<p>Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und
-zweifelhaft betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem
-späten Abend auf Antwort nicht zu rechnen sei, selbst angenommen,
-daß sein zukünftiger Schwiegervater in der
-Laune sein sollte, ihm sofort ein &bdquo;Ja&ldquo; oder &bdquo;Nein&ldquo; zuzurufen
-oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie
-gesagt, ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament
-entsprechende Stimme, vermittels derer er die sanften
-Einwürfe seiner Frau und Tochter einfach todtschrie.</p>
-
-<p>Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen
-Bescheid zu warten hat um so weniger etwas Verlockendes,
-wenn die Zeit einem Sonntage angehört. Das dunkle
-Gefühl, daß dies der letzte Sonntag ungebundener Freiheit
-für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der Woche schon
-als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen
-Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene
-sitzen werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell,
-ohne viel zu überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner
-Uniform anlegte, mit dem Entschlusse, diesen &bdquo;letzten Sonntag&ldquo;
-noch auf irgend eine Weise auszunützen, und sich als
-Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die Hand zu
-geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen
-meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten
-Tag zu gönnen.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber der Brief muß fort,&ldquo; sagte Fritz vor sich hin,
-während er sich anschickte, das Haus zu verlassen, &bdquo;denn
-sonst bleibt die Geschichte wieder wochenlang liegen, und
-ich möchte nun endlich einmal damit ins Reine kommen.&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz
-hinaus, an dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend
-entgegenwinkte.</p>
-
-<p>Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens
-verschwunden war, erhob er die Augen und erblickte zwei
-weibliche Gestalten, welche an ihm vorbei über den Platz
-gingen.</p>
-
-<p>Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde
-das Haus verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen
-wuchs mit großer Schnelligkeit, als er bemerkte,
-daß eine der beiden Spaziergängerinnen ein junges Mädchen
-von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige
-Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts
-einen leichten Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen,
-daß zwei blitzende, dunkelblaue Augen sich als Licht in
-diesem Schatten befanden. Den Augen entsprechend trug
-das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung des Mädchens,
-welches eben der Schule entwachsen zu sein schien,
-ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes
-und Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche
-Beweglichkeit in der Art, wie sie ihren zierlichen,
-blonden Kopf nach allen Seiten drehte und mit der naiven
-Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie trug einen
-ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am
-Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes
-weißes Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles
-Rokokoansehen, welches unseren Fritz unwillkürlich an
-Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.</p>
-
-<p>Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr
-wohlbeleibte Dame mit einem unendlich gutmüthigen breiten
-Gesicht, welches in Form und Ausdruck den Abbildungen
-der Sonne in manchen Bilderbüchern glich. Gleichwohl
-bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf
-der Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar
-durch Zauberei, jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem
-Haupte erhielt, einen gewissen Anstrich von energischer
-Unternehmungslust.</p>
-
-<p>Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge
-Mädchen am Arme trug, daß die Damen sich nach einem
-der Kaffeegärten zu begeben im Begriff standen, welche, in
-der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen Morgenausflügen
-benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde.
-Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem
-gewissen Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen,
-welche die junge Dame in dem Sande der
-Promenadenanlagen hinterließ.</p>
-
-<p>An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen
-nach rechts, Fritz that ein Gleiches und befand
-sich auf einem freien Platze, einer zahlreichen, munter
-durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber, die, um
-einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie
-rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter,
-Nichte, Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde
-freudig und zugleich wegen der Verspätung vorwurfsvoll
-begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr es auffing, daß die
-junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an, den
-Wagen zu besteigen.</p>
-
-<p>Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen
-Plan und ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung,
-ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Er
-mischte sich mit edler Dreistigkeit, ohne ein Wort zu sprechen,
-unter die Gesellschaft, und als ein sehr geschniegelter, sehr
-blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen Platz
-neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn
-mit einem höflichen &bdquo;erlauben Sie&ldquo; zurück und nahm,
-seinen Hut artig lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften
-ein.</p>
-
-<p>Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort-
-und bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein
-Unparteiischer in Versuchung gekommen wäre, Fritzens
-hübsches, biederes Gesicht für ein Medusenhaupt zu halten.
-Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell, und ein
-älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart
-trat mit den Worten auf unseren Helden zu: &bdquo;Mein
-Herr, darf ich Sie wenigstens bitten, uns zu sagen, <em class="gesperrt">wen</em>
-wir die Ehre haben, in unserer Mitte zu sehen?&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd,
-erwiderte mit großer Unbefangenheit: &bdquo;Ich sehe eigentlich
-keinen Grund dafür, mein Herr, jeder Mensch hat doch
-das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen Spazierfahrt
-zu benutzen, ohne sofort über sein <em class="antiqua">Curriculum vitae</em> befragt
-zu werden!&ldquo;</p>
-
-<p>Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich
-bei der ersten Hälfte von Fritzens Entgegnung über die
-männlichen Gesichter in der Gesellschaft verbreitet hatte,
-wich nach und nach dem ironischen Lächeln der Ueberlegenheit;
-&bdquo;der wird einen guten Schreck bekommen,&ldquo;
-stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden.
-Auch der alte Herr, welcher der Festordner bei dieser
-Vereinigung zu sein schien, lächelte.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus
-ist von uns für den heutigen Tag gemiethet und zu einem
-gemeinsamen Ausfluge im geschlossenen Kreise bestimmt.&ldquo;</p>
-
-<p>Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz
-Beschämung und Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann
-und der dazu gehörigen Frau, er bedauerte auf&rsquo;s
-lebhafteste, ahnungslos einen solchen <em class="antiqua">faux pas</em> gemacht zu
-haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft, indem er
-eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen verlockt,
-nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung
-zurückkehren werde.</p>
-
-<p>Fritz konnte wirklich <em class="gesperrt">sehr</em> liebenswürdig sein! Auch
-bei diesen Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit
-und Gewandtheit, daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft
-fast ausnahmslos für ihn entschied, was er schlau genug
-war, zu bemerken. Nur der blonde junge Mann, den er
-von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah
-düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.</p>
-
-<p>Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten
-Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr
-wieder auf Fritz zu und forderte ihn freundlich auf, da
-er nun einmal in ihren Kreis gekommen sei, den Platz im
-Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren. Fritz, dessen
-Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch
-die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft
-gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen
-Bekannten zu passen, auf seinen Civilanzug hin keck als
-Kaufmann Schröter vor, und nahm mit den Gefühlen eines
-großen Jungen, der hinter die Schule geht, glückselig neben
-der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen Minuten
-bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine
-Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich
-mehr als zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt
-hatte. Das Mädchen antwortete auch vor der
-Hand nur in schüchterner, kurzer Weise und erröthete jedesmal
-sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit unverhohlener
-Bewunderung auf ihr ruhten.</p>
-
-<p>Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der
-Wagen die Stadt verlassen hatte und zwischen blühenden
-Saatfeldern hinaus auf das Land zu rollte, plauderten
-die beiden schon so lustig und harmlos mit einander, als
-hätten sie sich Jahre lang gekannt. <em class="gesperrt">Was</em> zwei junge Leute,
-die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem
-schönen Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf
-kommt es gar nicht an, das <em class="gesperrt">wie</em> ist die Hauptsache!</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">wie</em> konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er
-entdeckte in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine
-ungeahnte Fundgrube von guten Einfällen in seinem Innern,
-er hatte nie gewußt, daß es ihm gegeben war,
-gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger Form
-anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes
-Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte
-hervorzurufen, mit einem Wort, er war noch nie verliebt
-gewesen, dafür war er es jetzt intensiver, als er selbst
-wußte! Und auch seine allerliebste Nachbarin schien dem
-Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die Unterhaltung
-der beiden gerieth nie ins Stocken.</p>
-
-<p>Fritz vermied &mdash; er wußte nur zu gut, warum &mdash;
-jedes Eingehen auf seine persönlichen Verhältnisse, obwohl
-er seine Lüge schon zu bereuen begann. Er hätte am
-liebsten seine Identität mit dem ernsthaften, überlegten
-jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im
-Begriff stand, eine &bdquo;Vernunftsheirath&ldquo; zu schließen. So
-viel stand bei ihm schon nach der ersten Stunde, der
-größeren Hälfte der zurückzulegenden Tour, fest, hätte er
-die Landpartie oder besser die Bekanntschaft seiner anmuthigen
-Nachbarin <em class="gesperrt">vor</em> der Abfassung des heutigen Briefes
-gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden.</p>
-
-<p>Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um
-sich nicht zu verrathen, er mußte, um die Situation nicht
-zu verwickeln, nicht Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann
-Schröter, und er durfte nicht daran denken, daß
-sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem Augenblicke, vom
-Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn
-befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit,
-sowie die Unterhaltung auf ihn selbst kam.</p>
-
-<p>Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie
-hatte nichts zu verbergen. Seit Ostern war sie aus der
-Schule entlassen und nun bei ihren Eltern zu Haus. Auf
-die heutige Landpartie hatte die Tante &mdash; sie wies auf
-ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen &mdash; sie mitgenommen,
-sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.</p>
-
-<p>&bdquo;Die Tante meint es sehr gut mit mir,&ldquo; fügte sie dankbar
-hinzu, &bdquo;sie weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen
-Geschwistern tüchtig zu thun habe, und nimmt mich öfters
-gegen Abend mit spazieren. Sie ist eine Wittwe und gewöhnlich
-ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und wenn
-sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen,
-und sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu
-schenken. Aber was ich Ihnen alles erzähle,&ldquo; brach sie
-erröthend ab, &bdquo;ich freue mich nur schon so sehr darauf
-und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht kennen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,&ldquo; sagte Fritz lachend,
-&bdquo;und wenn Sie mich etwa nicht kennen wollen, so ist das
-sehr undankbar von Ihnen! Wüßten Sie, was ich alles
-heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe zu
-verleben!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie
-mit jedem Blick dieser klaren, dunkelblauen Augen Amaliens
-Aktien sanken!</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich
-muß Ihnen beichten; denken Sie wirklich, daß ich nicht
-wußte, was ich that, als ich, ohne zu fragen, in Ihren
-Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den Kaffee? War
-ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen
-hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der
-Kronenstraße über den Wall, vom Wall nach dem Omnibus,
-und wußte ich nicht, daß eine dieser Damen wiederzusehen
-oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich das größte
-Glück&ldquo; &mdash; hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein
-&mdash; er stockte und fuhr verwirrt fort: &bdquo;Mit einem Wort,
-mein Fräulein, ich habe Ihretwegen gelogen, schmählich
-gelogen, ich wußte ganz genau, daß ich bei Ihnen und
-den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um diese
-Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus
-fährt &mdash; und nun sagen Sie, daß Sie <em class="gesperrt">sehr</em> böse sind!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr!&ldquo; erwiderte sie, ohne aufzublicken.</p>
-
-<p>&bdquo;Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause
-gehen? Oder noch besser, soll ich so lange neben dem Wagen
-herlaufen, bis Sie mir verziehen haben und mich wieder
-hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und wenn ich den Befehl gäbe,&ldquo; sagte Lottchen verwirrt
-und lachend, &bdquo;würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz
-andere Dinge thäte?&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen!
-Aber das ungestörte Lachen und Plaudern der beiden sollte
-ein Ende finden. An der anderen Ecke des Wagens, der
-Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz so rücksichtslos
-verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von
-Lottens mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten
-unser Paar unaufhörlich, wobei die Augen des
-Blonden mit den Wagenrädern förmlich um die Wette
-rollten.</p>
-
-<p>Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche
-Fregatte zwischen den Sitzenden hindurch, wobei
-verschiedene Stöße des Wagens sie als solides Schoßkind
-bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie setzten,
-und langte mit den Worten bei Lotte an: &bdquo;Liebes Kind,
-wechsele doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins
-Gesicht.&ldquo;</p>
-
-<p>Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die
-kleine Schönheit und begab sich an die Stelle der intriguanten
-Tante, welche mit durchbohrenden Blicken neben
-dem verblüfften Fritz sich niederließ.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr
-Schröter?&ldquo; fragte sie sofort.</p>
-
-<p>&bdquo;Bis jetzt ausgezeichnet,&ldquo; sagte der doppelzüngige Fritz
-und blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde
-eine eifrige Konversation ins Werk zu setzen begann.</p>
-
-<p>Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren
-Helden, und sanftere Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen.</p>
-
-<p>&bdquo;Er sieht wirklich sehr gut aus,&ldquo; dachte sie, &bdquo;und
-wer weiß, ob unser Lottchen nicht hier ihr Glück macht!
-Ich muß ein wenig auf den Busch klopfen, und ist er ein
-ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann man
-ja weiter sehn!&ldquo;</p>
-
-<p>Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen,
-wie alle guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung
-nach sehr vorsichtig und unmerklich, unseren Fritz
-auszuforschen begann, entspannen sich die weitaussehendsten
-Pläne in ihrem Kopfe.</p>
-
-<p>Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen
-durchschaute, ihr in der vertraulichsten Weise von
-seinem einträglichen Kolonialwaarengeschäft erzählte und
-Kaffeeproben zu senden versprach, mit denen sie wohl zufrieden
-sein sollte, während er in dieses übermüthige Lügengewebe
-die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien und
-Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen
-je eine arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende
-Dame schon im Geiste in einem violetten Seidenkleide
-an der Hochzeitstafel sitzen, und hörte, wie der gerührte
-Brautvater ans Glas schlug und sie, die Tante,
-als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ,
-denn hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen,
-so wäre ihr der hübsche und vermögende Bewerber
-vielleicht, nein gewiß, nie begegnet.</p>
-
-<p>Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte
-sie dem aufhorchenden Fritz mit geheimem Stolze, wie
-häuslich und fleißig Lottchen erzogen worden, wie sie für
-jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, &bdquo;und,&ldquo; fügte
-sie bedeutungsvoll hinzu, &bdquo;so jung das Kind noch ist,
-sie hat schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie
-wohl, Herr Schröter, den jungen Mann, der ihr gegenüber
-sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte nur mit den Augen
-zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber Lottchen
-hat ihren Kopf für sich, und ...&ldquo;</p>
-
-<p>Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und
-der Redefluß der Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel
-der Fahrt war erreicht, bald vereinigte ein vergnügtes
-Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank sei es dem
-Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.</p>
-
-<p>Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die
-Empfindung hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu
-seiner folgenreichen Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl
-den Kopf noch frei genug, um sich beim Beobachten
-der Versammlung mit einiger Beschämung zu gestehen, daß
-sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und daß
-er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können,
-ohne sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle
-Heiterkeit belebte den kleinen Kreis, und jeder genoß auf
-seine Weise die frohe Stunde bei gutem Wein und in der
-hübschen Umgebung.</p>
-
-<p>Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen
-Tone von unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin
-allmählich in das Geleise einer ruhigen Unterhaltung gekommen,
-in der sich das anziehendste aller Bilder, eine
-kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen
-aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung
-entsprachen so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen
-lange vergeblich gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken
-waren, mit denen er, sein gefülltes Glas erhebend, halblaut
-zu ihr sagte: &bdquo;Die Zukunft!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Warum nicht lieber die Gegenwart?&ldquo; gab sie unbefangen
-zurück, &bdquo;wer weiß was die Zukunft bringt, ich baue
-nicht gern Luftschlösser!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich um so lieber&ldquo;, erwiderte Fritz, &bdquo;und bauen Sie
-mir zu Gefallen einmal mit &mdash; wie denken Sie sich Ihre
-Zukunft?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Fragen Sie lieber, wie ich sie mir <em class="gesperrt">wünsche</em>, das
-kann ich Ihnen ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in
-Erfüllung gehen wird: ich möchte auf dem Lande leben!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo,&ldquo; rief Fritz, &bdquo;das lobe ich mir! Und auf die
-Erfüllung dieses Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben
-ist das einzig vernünftige Leben und ein Landwirth
-der glücklichste Mensch, vorausgesetzt &mdash;&ldquo; er vollendete mit
-einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes Erröthen
-in Lottchens Gesicht trieb.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Sie aber auch so für das Landleben schwärmen,&ldquo;
-begann sie hastig, wie ablenkend, &bdquo;warum bleiben
-Sie denn in der Stadt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dort war ich ja nur vorübergehend für einige
-Jahre,&ldquo; erwiderte Fritz unvorsichtig, &bdquo;von morgen an ist
-es mit dem &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Er stockte, erschrak und wurde fast noch röther, als
-seine Nachbarin. &bdquo;Was haben Sie denn?&ldquo; fragte sie
-erstaunt.</p>
-
-<p>Fritz schwieg, er schämte sich! Kein angenehmer Zustand,
-solchen vertrauenden, blauen Augen gegenüber!</p>
-
-<p>&bdquo;Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt
-nicht näher erklären,&ldquo; sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen,
-&bdquo;in mir ist heut alles unklar und unsicher, wundern
-Sie sich nicht, wenn ich viel thörichtes rede, es kommt
-hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles, was Sie nur
-überhaupt von mir wissen mögen, deutlich sagen kann und
-darf!&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu dröhnenden
-Schlägen aus, die Zeit war schon weit vorgeschritten.
-Jetzt mußte der Brief längst in Neu-Tessin sein,
-die Antwort &mdash; alle Chancen sprachen dafür, daß sie eine
-bejahende sein werde &mdash; war möglicherweise schon unterwegs,
-und dann?</p>
-
-<p>Fritz wurde es heiß und kalt, nun war aber auch
-hohe Zeit, daß er hier ein Ende machte! Als man sich
-vom Tische erhob, begab er sich allein und tief nachdenklich
-in den Garten, der um das Wirthshaus blühte und grünte.
-Er kämpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen
-und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender
-ansah, als sie hinter einem Gitter von Schwierigkeiten
-stand, welches seine eigene Schuld errichtet hatte! Er
-athmete tief auf, sein Entschluß war gefaßt. Wie auch
-die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr
-Vorwürfe zu machen haben, als er ohnehin schon empfand
-&mdash; er ging festen Schrittes auf das Haus zu, um seinen
-Hut zu holen und unter einem Vorwande der Gesellschaft
-und allen schönen Träumen Lebewohl zu sagen!</p>
-
-<p>Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in
-die Arme geworfen, ist ein heimtückischer Gesell, der seine
-Anhänger freilich oft auf reizenden Waldpfaden zum erwünschten
-Ziele führt, oft aber auch an jeder Biegung
-eines guten und verständigen Weges als neckender Kobold
-sitzt und ruft: &bdquo;Halt, du hast die Rechnung ohne den
-Wirth gemacht, hier wird hübsch umgekehrt und ausgegessen,
-was du unter meiner Aegide dir so schön eingebrockt
-hast!&ldquo;</p>
-
-<p>Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines
-der Theilnehmer am heutigen Ausfluge vor einem großen,
-verstimmten Dorfpianino und gab im Schweiße seines Angesichtes
-einen etwas unregelmäßigen Walzer zum Besten,
-nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und
-schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen
-begann.</p>
-
-<p>Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend
-nach seinem Hut umhersah, begegnete ihm ein einziger,
-ganz kurzer und flüchtiger Blick Lottchens, der, wenn je
-ein Blick gesprochen hat, fragte: &bdquo;Tanzen Sie nicht?&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde,
-er tanzte gut, das wußte er! Gut genug, um die Produktionen
-der ganzen hier versammelten Gesellschaft in den
-tiefsten Schatten zu stellen, und gern &mdash; fast immer gern!
-Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb traurigen
-Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus
-eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch
-die geöffneten Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und
-die Rosen dufteten &mdash; ade Vernunft, ade Gewissen &mdash;
-eben schreitet der blonde Rival im zierlichsten Pas durch
-das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt ihm zum
-zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den
-er je gehört oder getanzt hat!</p>
-
-<p>Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und
-doch taktmäßig, so, das fühlte er deutlich, würde er mit
-ihr durch das Leben fliegen können! Es mochte ja unrecht
-und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber der
-Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige
-manchmal, oft &mdash; um nicht zu sagen meist, am besten gefällt!
-Und mit dem schönen Gefühl, &bdquo;nun hast du die Dummheit
-einmal gemacht, nun ist es auch ganz gleich, wie weit
-du dich verrennst,&ldquo; gestattete sich Fritz die allerdeutlichsten
-Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen Herzenszustand
-und fand kein ganz unwilliges Gehör!</p>
-
-<p>Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu
-betäuben, steigerte sich unser Held zu fast ausgelassener
-Lustigkeit; er tanzte wie unsinnig, nicht nur mit Lottchen,
-nicht nur mit allen <em class="gesperrt">jungen</em> Damen, nein, er bewog sogar
-die Mütter und schließlich die gute Tante, einen ehrsamen
-Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem
-nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte
-und allgemeinste Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung
-aller Familienväter eine Française zu Stande, die
-an künstlicher Verwickelung jedes Erschaffene und Erfundene
-übertraf, er entzückte alles, außer dem Blonden, der, von
-seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor
-der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von
-Speise und Trank an der Gesellschaft rächte.</p>
-
-<p>Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids,
-Tücher und Paletots wurden, zu einem wüsten Knäuel geballt,
-von zwei Hausknechten herbeigetragen und entwirrt.
-Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und
-sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz
-neben ihr wieder einnahm.</p>
-
-<p>Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht
-hin. Ringsum war es still und friedlich, die Sterne
-blitzten in schweigsamer Pracht; sanft und groß stieg der
-Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf und leuchtete
-mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels.
-Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur,
-wie das Echo ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber.
-Wem sollte da nicht weich ums Herz werden!</p>
-
-<p>Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon
-am Horizont herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz
-den Wunsch, fast die Pflicht, vor seinem Abschiede noch
-ein erklärendes, rechtfertigendes Wort zu sagen, und fand
-keines!</p>
-
-<p>Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der
-Stille der Sommernacht, nach all dem Getöse und fröhlichen
-Lärm, wieder sagen mußte, was er gethan! Das
-schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches Gesicht
-jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der
-unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen,
-und hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender
-Eindruck, vielleicht ein Geschick sich an diesen Tag
-knüpfen werde.</p>
-
-<p>That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie,
-ohne sie wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick
-sich bestrebt, ihr Herz zu gewinnen, so hatte er von einem
-jungen, glücklichen Schmetterling, der ahnungslos in den
-Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten Blüthenstaub in
-frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde das
-reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in
-die Welt getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung
-zu erleben. Und doch konnte, doch durfte er nicht sprechen,
-wer stand ihm denn dafür, daß er nicht jetzt, in diesem
-Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der Gedanke
-stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.</p>
-
-<p>Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag
-etwas so kindlich Vertrauendes in diesem Blicke, daß er
-ihm ins Herz schnitt.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie seufzen so schwer?&ldquo; sagte sie, halb lächelnd.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich denke wieder einmal an die Zukunft,&ldquo; erwiderte
-er ernster, als er noch heut gesprochen.</p>
-
-<p>&bdquo;So lassen Sie doch Ihre Zukunft!&ldquo; rief sie munter,
-&bdquo;sie wird schon von selbst kommen, und ändern können
-Sie doch nichts daran!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das frage ich mich eben!&ldquo; gab er immer noch ernst
-zurück, &bdquo;ich stehe vor einem Wendepunkte in meinem Leben,
-Fräulein Lottchen, und das habe ich heut den ganzen
-Tag zu wenig bedacht!&ldquo;</p>
-
-<p>Er sah, daß seine Worte einen leichten Schatten auf
-ihr frohes Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz
-verlieh, aber einen Reiz wehmüthiger Natur. Er fuhr
-hastig fort:</p>
-
-<p>&bdquo;Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt,
-wer weiß, ob wir uns noch einmal wieder treffen! Lassen
-Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe ich gehe!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie war ganz blaß und still geworden und nickte
-seinen Worten nur stumm Gewährung.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich sagte Ihnen schon, daß ich vor einer Wendung
-meines Geschickes stehe, vielleicht entscheidet der heutige
-Abend noch über jene Zukunft, an die ich vorhin dachte &mdash;
-wollen Sie mir nicht Glück auf meinen Weg wünschen?&ldquo;</p>
-
-<p>Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten,
-er beugte sich zu ihr und nahm ihre Hand, zum ersten &mdash;
-vielleicht zum letzten Mal!</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, kein Glückwunsch?&ldquo; wiederholte er dringend,
-da sie schwieg.</p>
-
-<p>&bdquo;Doch,&ldquo; erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen,
-obwohl eine seltsame Verwirrung auf ihren Zügen
-lag, &bdquo;ich wünsche jedem Menschen Glück, warum nicht
-Ihnen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Damit muß ich mich für heute begnügen,&ldquo; sagte er,
-und führte ihre Hand leicht an seine Lippen, &bdquo;geht Ihr
-Wunsch in Erfüllung, so werde ich es Ihnen noch einmal
-selbst sagen, und dann &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Der Wagen rollte hier zum Glück über das Straßenpflaster
-in die Stadt hinein, die nickenden Beschützer und
-Beschützerinnen fuhren empor, und an der ersten Ecke, wo
-der Omnibus einen Theil der Gesellschaft absetzte, nahm
-Fritz sich den Entschluß über den Kopf weg, und verabschiedete
-sich mit flüchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden,
-die ihn wie einen alten Bekannten mit fröhlichem
-Zuruf entließen, während Lottchen stumm und sichtlich
-erregt nur durch eine Kopfneigung seinen Gruß erwiderte.</p>
-
-<p class="center noindent">*<br /><span style="margin-right:3em;">*</span>*</p>
-
-<p>Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthür
-stand, und der große Schlüssel sich kreischend im Schloß
-drehte, war es ihm, als öffne er sich selbst den Eingang
-zu einem lebenslangen Gefängniß. Wenn er nun jetzt in
-sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das
-Jawort brachte &mdash; wie sollte er sich dann benehmen? Er
-war, das fühlte er, er war zu weit gegangen, um einfach
-mit französischem Abschied aus Lottchens Gesichtskreis zu
-verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und Lust, sich
-in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und
-dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere,
-ungleich härtere zu fügen, eine Verlobung mit der unseligen
-Amalie, die ihm in der parteiischen Beleuchtung
-seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr als ein blasses,
-negatives Bild der Alltäglichkeit, sondern als ein wahres
-Monstrum erschien!</p>
-
-<p>Als er die Stubenthür öffnete, begegnete sein Blick
-zunächst keinem Briefe, sondern egyptischer Finsterniß, welche
-durch das laute Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches
-erhielt.</p>
-
-<p>Daß Fritz keine Streichhölzer in der Tasche hatte,
-versteht sich von selbst, wenn man sich gern schnell durch
-den Augenschein von etwas überzeugen möchte, fehlt dergleichen
-immer!</p>
-
-<p>Der Bursche erwachte etwas mühselig, krabbelte, an
-alle Gegenstände im Zimmer anstoßend, eine Zeit lang
-umher, die Fritz zur Ewigkeit wurde, und die er doch
-nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen sei, zu
-unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: &bdquo;das erfahre
-ich immer noch früh genug,&ldquo; und endlich erstrahlte das
-Zimmer im Glanz einer Kerze. Der Tisch, auf dem die
-eingegangenen Depeschen zu liegen pflegten, war leer!</p>
-
-<p>&bdquo;Ist nichts mit der Post gekommen?&ldquo; frug endlich
-Fritz, bebend vor Erwartung.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, Herr Lieutenant!&ldquo;</p>
-
-<p>Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein,
-eine widerwärtige, flaue Fluth von Möglichkeiten, in der
-man nun noch bis zum andern Morgen schwimmen konnte!</p>
-
-<p>Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen
-schlaflos zu werden drohte, das Durchkonjugiren
-von &bdquo;hätte ich!&ldquo; ist stets eine der unerfreulichsten Beschäftigungen,
-ganz abgesehen von ihrer völligen Nutzlosigkeit.
-Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit
-begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: &bdquo;hätte
-ich dies gethan, oder das <em class="gesperrt">nicht</em> gethan!&ldquo;</p>
-
-<p>Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal,
-unser armer Held schlief ein, und schlief, traumlos, wie
-man immer schlafen sollte, bis tief in den nächsten Morgen
-hinein, der ihm beim Erwachen grell und golden in
-die Augen schien.</p>
-
-<p>Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten,
-aber die Klingel rührte sich nicht, und der Vormittag
-verging ihm, dem schon vom Dienst Dispensirten,
-in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er
-sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben
-mußte, er warf sich in seinen Staat, und schritt
-wenige Minuten darauf mit Helm und Schärpe, äußerlich
-ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein deprimirter
-Hase, seinem Bestimmungsort zu.</p>
-
-<p>Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den
-Heimweg antrat, beschloß er, um seinen Gedanken ein
-wenig Audienz zu geben, noch einmal durch die Anlagen
-zu wandern.</p>
-
-<p>Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger
-zu Muthe. Hätte er ein &bdquo;Ja&ldquo; erhalten,
-so wäre die Antwort jetzt gewiß schon da. Es war ja
-möglich &mdash; entzückende Möglichkeit! daß er Amalien über
-Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn
-er sich&rsquo;s recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen
-Grund, anzunehmen, daß sie ihm besonders gewogen sei;
-was er für Stille und Zurückhaltung in ihrem Wesen genommen,
-war vielleicht &mdash; nein gewiß! verborgene Abneigung
-gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so
-leicht einreden, als was man wünscht, Fritz war noch keine
-zehn Minuten gegangen, als er schon glückselig einen imaginären
-Korb von Amalien am Arm, und einen ebenso
-imaginären Ring von Lottchen am Finger trug.</p>
-
-<p>Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem
-Inneren zu dem farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich
-das Mädchen in ihrer ganzen Lieblichkeit vor, so deutlich,
-daß es ihn kaum überraschte, als er, um eine Ecke biegend,
-sich plötzlich ihr gegenüber sah.</p>
-
-<p>Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm,
-aber Lottchen blickte ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos
-an, plötzlich wandte sie sich ab, und setzte, ohne seinen
-Gruß zu erwidern, ihren Weg fort.</p>
-
-<p>Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann
-Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des
-einträglichen Kolonialwaarengeschäfts, dem &mdash; d. h. dem
-Besitzer! &mdash; sie in ihren Träumen bereits eine nicht ganz
-nebensächliche Rolle zugewiesen hatte, er klirrte heute als
-bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte begreiflicherweise
-nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche,
-oder was sie sonst von ihm denken solle.</p>
-
-<p>Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und
-schritt, ohne ihr stummes Kopfschütteln, womit sie all seine
-Worte der Begrüßung und Freude erwiderte, zu beachten,
-neben ihr her, die ziemlich menschenleeren Anlagen entlang.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Sie wüßten,&ldquo; begann er verwirrt und ganz
-unberechtigt vorwurfsvoll, &bdquo;<em class="gesperrt">wie</em> ich mich freute, als ich
-Sie so überraschend wieder vor mir sah, Sie würden mich
-nicht durch Ihren Zorn betrüben. Sagen Sie mir nur,
-was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte
-ich Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich denke <em class="gesperrt">gar nichts</em> von Ihnen,&ldquo; erwiderte das
-Mädchen in einem seltsam harten und kalten Tone, den
-man ihrer jugendlichen Stimme gar nicht zugetraut hätte,
-&bdquo;ich kenne Sie überhaupt nicht, und bitte Sie, mich
-augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Fräulein Lottchen,&ldquo; bat der unglückliche Fritz flehend,
-&bdquo;wollen Sie mich nicht wenigstens anhören? Sie thun
-mir sicher in Gedanken unrecht, ich bin nicht so schuldig,
-als es den Anschein hat.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sondern noch viel schuldiger,&ldquo; jammerte es in seinem
-Inneren, &bdquo;wenn sie schon über die einfache Namensverwechselung
-<em class="gesperrt">so</em> böse ist, was würde sie erst sagen, wenn sie
-wüßte! &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz schauderte.</p>
-
-<p>&bdquo;Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten
-Komödie?&ldquo; sagte jetzt das Mädchen stehen bleibend, noch
-immer im selben Ton. &bdquo;Was Sie <em class="gesperrt">gestern</em> gewollt haben,
-sehe ich heute wohl ein, uns alle zum Spielzeug Ihrer
-hochmüthigen Laune benützen, nun es ist Ihnen ja gelungen
-&mdash; Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht &mdash; was
-soll ich nun noch anhören?&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz blieb gleichfalls stehen, und ließ seine Augen erst
-einen Moment traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach.</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn Sie <em class="gesperrt">so</em> fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann
-dann nur meiner Wege gehen, denn ich fühle, daß Sie ein
-Recht haben, mir zu zürnen, und daß ich mich nur dann
-vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst erlauben. Soll
-ich wirklich <em class="gesperrt">so</em> von Ihnen scheiden?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie machte einen tapferen Versuch &bdquo;ja!&ldquo; zu erwidern,
-er scheiterte aber an halb erstickten Thränen, die sich plötzlich
-in ihre Stimme und in ihre Augen drängten. Heftig
-aufschluchzend schlug sie beide Hände vors Gesicht
-und wandte sich von ihm ab.</p>
-
-<p>Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden
-sehr wenig heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz
-diesem Anblick nicht ganz weit davon entfernt war, dem
-Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten! Eine solche Hochfluth
-widerstrebender Empfindungen schlug über seinem
-Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen
-seiner Gefühle rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand
-Lottchen in fliegenden Worten seine Liebe, und bekannte
-ihr, daß er gestern zwar anfänglich in übermüthiger Laune
-seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe, daß
-er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen
-tollen Einfall empfunden, und sich schon vor Ende des
-Tages bewußt gewesen sei, daß aus seinem Scherz tiefster
-Ernst für ihn geworden, und daß er &mdash; nun kurz, was
-man in solchen Fällen sagt.</p>
-
-<p>&bdquo;Und Lottchen,&ldquo; fügte er dringend hinzu, indem er
-ihre Hand nahm, &bdquo;wenn ich Ihren Thränen eine Deutung
-geben darf, wenn auch Sie jener alten Geschichte von der
-&bdquo;Liebe auf den ersten Blick&ldquo; seit gestern glauben gelernt
-haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon
-Verzeihung zutheil werden, oder lieber,&ldquo; fügte er lächelnd
-hinzu, da sie ihn, wenn auch noch durch Thränen, doch
-schon wieder freundlicher ansah, &bdquo;seien Sie so böse auf
-den &bdquo;Kaufmann Schröter,&ldquo; wie Sie nur irgend wollen,
-aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafür umso lieber &mdash;
-was meinen Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen,
-und ihnen sagen, daß Sie mir diesen Besuch gestattet
-haben?&ldquo;</p>
-
-<p>Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar
-nicht ja, aber sie nickte mit dem Kopfe, und das that
-dieselben Dienste!</p>
-
-<p>Näher kommende Schritte ließen unser Paar etwas
-bestürzt auffahren, und Fritzens Schreck steigerte sich zu
-plötzlichem Entsetzen, als der Störenfried sich in der sonst
-harmlosen Gestalt eines Briefträgers präsentirte, der in
-geschäftsmäßigem Tritt, ohne rechts oder links zu blicken,
-an ihnen vorüber nach der Stadt ging. &bdquo;Glaubst du,
-dieser Adler sei dir geschenkt?&ldquo; schien mit feurigen Buchstaben
-um die Mütze des ehrlichen Postbeamten geschrieben &mdash;
-was für eine Pandorabüchse konnte jene Ledertasche sein!</p>
-
-<p>Fritz verbarg mit Mühe seine Verwirrung, und trennte
-sich von seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die
-Stadt münden, mit dem nochmaligen Versprechen, sobald
-es seine Zeit gestatte, sich bei ihren Eltern einfinden zu
-wollen. Noch ein herzlicher Händedruck, und ihre Wege
-führten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen,
-anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte
-wohl noch zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst
-der Verschwindenden nachzusehen.</p>
-
-<p>Als er einige Stunden später in stiller Beklommenheit
-auf seinem Sopha saß, klopfte es, der Bursche brachte ihm
-einen Brief, Poststempel Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte
-noch nie vor der Mündung einer geladenen Pistole gestanden,
-er wußte demnach nicht aus Erfahrung, wie einem dabei
-zu Muthe ist, ungefähr konnte er sich&rsquo;s aber nach diesem
-Moment vorstellen. Es hilft doch nichts &mdash; auf mit dem
-Brief! Er lautete:</p>
-
-<p class="salutation">
-Mein verehrter, junger Freund!<br />
-</p>
-
-<p>Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und
-erfreut. Wir nehmen Ihre Bewerbung um unsere Tochter
-gern an, und hoffen, in Ihnen einen lieben Sohn zu
-finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten Zusammensein
-ganz klar die demnächstigen Ereignisse voraussehen,
-doch hielt ich dies für eine Illusion, zu der das
-weibliche Geschlecht in Betreff von Heirathsabsichten ja
-stets neigt. Nun hat sie doch Recht behalten!</p>
-
-<p>Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl,
-und wollen dann alles andere mündlich
-erörtern. Ein Gruß von Malchen wird Ihnen wohl nicht
-unangenehm sein?</p>
-
-<div class="salutation">
-<div class="poem">
-<p class="greet">
-Ihr treu ergebner Schwiegervater <em class="antiqua">in spe</em><br />
-Solgers, Amtsrath.<br />
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags.</p>
-
-<p>Das lähmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim
-Durchlesen dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemächtigte,
-spottet jeder Beschreibung. Er starrte den verhängnißvollen
-Zettel an, eigentlich ohne Bewußtsein, er
-las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht ein
-Schimmer von Zweifel ließ sich daraus entnehmen!</p>
-
-<p>&bdquo;Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsräthin
-etwas gemerkt haben,&ldquo; murmelte er dumpf, &bdquo;<em class="gesperrt">ich</em>
-habe nichts gemerkt! Wann soll denn das gewesen sein?
-Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin gewesen &mdash;
-nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es muß
-wohl den Tag <em class="gesperrt">sehr</em> guten Punsch gegeben haben,&ldquo; sagte
-er gedankenlos vor sich hin.</p>
-
-<p>Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung
-im Zimmer auf und ab, sein Herz schlug so laut vor
-Angst, daß er es zu hören meinte. War wohl je ein
-Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen verwickelten
-Familienverhältnissen! Nun hatte er zwei Bräute, zwei
-Schwiegermütter und zwei Schwiegerväter, von denen der
-ihm bekannte ein wahrer Bär von deutscher Grobheit
-war.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wessen</em> er sich versah, wenn er mit seiner Beichte
-in Tessin herausrückte, war gar nicht auszudenken, und
-er durfte doch nicht wieder grob werden; hatte er nicht
-frevelhaft den Hausfrieden und Seelenfrieden einer glücklichen
-Familie gestört? Und Amalie schien ihn nun doch
-zu lieben, der schalkhafte Schlußsatz des Briefes deutete
-auf das Aergste!</p>
-
-<p>Armer Fritz, zwei Mädchenherzen liegen zu deinen
-Füßen, <em class="gesperrt">eines</em> mußt du unfehlbar zertreten, magst du
-einen noch so künstlichen, moralischen Eiertanz ausführen!</p>
-
-<p>Aber alles jammern und sich abmartern nützte nichts,
-jetzt hieß es handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte
-nie gedacht, daß dies so schwer wäre!</p>
-
-<p>In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem
-Tage nach Tessin ab, und man erwartete ihn &bdquo;zum fröhlichen
-Verlobungsmahle!&ldquo; Sollte er schreiben? das war
-ihm unmöglich, er <em class="gesperrt">konnte</em> sich nicht entschließen, seine
-Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths
-niederzulegen, nein, es mußte ausgebadet werden!
-Er schickte den Burschen nach einer Droschke, und während
-dieser unterwegs war, schrieb er eilig und innerlich zerfleischt
-von Höllenqualen einige Zeilen an Lottchen, worin
-er ihr mittheilte, daß Familienangelegenheiten unaufschiebbarer
-Natur ihn zwängen, die Stadt auf einige Stunden
-zu verlassen. Sie möge ihm nur vertrauen, der nächste
-Tag finde ihn sicher bei ihr und ihren Eltern.</p>
-
-<p>Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort
-ab, und fuhr dann zur Bahn. Seine stille
-Hoffnung, er werde den Zug versäumen, und sich auf
-diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam rechtzeitig
-an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin
-trennt, war bald auf Dampfesflügeln durcheilt.</p>
-
-<p>Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin,
-lag etwa zehn Minuten von der Bahnstation Frankenberg.
-Als Fritz den Zug verließ, entdeckte er bald die
-wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters
-Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem
-alten Sprichwort: &bdquo;wer zuerst kommt, mahlt zuerst,&ldquo;
-hatte Amalie entschieden den Vorrang bei diesem seltsamsten
-aller Wettrennen.</p>
-
-<p>Ein ihm fremder Kutscher lenkte das Gefährt, und
-blickte spähend in die aussteigende Menschenmenge. Als
-Fritz sich ihm näherte, und zur Sicherheit sich noch einmal
-erkundigte: &bdquo;Herrn Amtsrath Solgers Wagen?&ldquo; nickte
-der Rosselenker, und frug, das trübselige Gesicht vor
-ihm mit einigem Mißtrauen betrachtend: &bdquo;sind Sie der
-Herr Bräutigam?&ldquo;</p>
-
-<p>Unwillig bejahte der gequälte Fritz, und bald rollte
-das Gefährt auf der Landstraße dahin. Noch eine Biegung
-des Weges, da lag das Amtshaus, von der untergehenden
-Sonne vergoldet, vor ihm.</p>
-
-<p>Als Fritz sich dem Hofe näherte, welchen man zu
-passiren hat, ehe man das Haus erreicht, begrüßten ihn
-zwar arg verstimmte, aber doch wohlgemeinte, schmetternde
-Klänge, die Dorfkapelle blies einen Tusch. Die durch
-diese Ovation etwas erregten Pferde ließen sich erst schwer
-zum Stehen bringen, Fritzens verstörte Augen bemerkten
-über der Hausthür eine dicke Guirlande, und als er, halb
-betäubt vor Verwirrung, dem Wagen entstieg, strömte ihm
-der warme Duft von Punsch und Braten festlich entgegen.</p>
-
-<p>Vor der Thür stand der Amtsrath im schwarzen Leibrock,
-das Ordensbändchen im Knopfloch, die Amtsräthin
-im Seidenkleide, neugierige kleine Schwäger, Schwägerinnen
-und Dienstboten drängten sich im Hausflur, Malchen schien
-sich in bräutlicher Verschämtheit im Hintertreffen zu halten.</p>
-
-<p>Fritz schwankte, wie ein Gerichteter, der das Schaffot
-besteigen soll.</p>
-
-<p>Aber Unerwartetes begab sich.</p>
-
-<p>Das dröhnende &bdquo;Willkommen,&ldquo; mit dem der Hausherr
-den Wagen bereits anzuschreien begonnen hatte, verstummte
-plötzlich wie abgeschnitten, als er unseren Fritz erblickte.
-Es wäre schwer zu sagen, wessen Züge die größere Verlegenheit
-ausdrückten, die des Ankommenden, oder die der
-Erwartenden.</p>
-
-<p>Die Amtsräthin machte kurz kehrt, und zerstreute mit
-Wort und Geberde die Neugierigen im Hausflur, dann
-ward sie nicht mehr gesehen.</p>
-
-<p>Ihr Gatte erhob mechanisch die Hand, kratzte sich hinter
-dem Ohr, und &mdash; schwieg.</p>
-
-<p>Fritz schwieg auch, ihm war fürchterlich zu Muthe.
-Er glaubte, er mußte ja glauben, daß der Anblick seines
-bleichen, deprimirten Gesichts so niederschmetternd auf die
-schwiegerelterlichen Nerven wirke, daß man keine Worte
-fände, ihn fröhlich als fröhlichen Bräutigam zu grüßen.</p>
-
-<p>Aber dies gegenseitige, schweigende Anstarren war zum
-Tollwerden! &bdquo;Noch zwei Sekunden so,&ldquo; dachte Fritz, &bdquo;und
-ich gebe Fersengeld, und laufe, so weit mich meine Füße
-tragen.&ldquo;</p>
-
-<p>Er räusperte sich mehrmals, streckte etwas gezwungen
-die Hand aus, und begann: &bdquo;Sie waren so überaus gütig,
-Herr Amtsrath &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Der alte Herr sah starr auf den Boden nieder, ergriff
-die dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig, dann sagte
-er mit bedrückter Stimme: &bdquo;Bitte, bitte, nicht Ursach&rsquo;,
-mein lieber Freund! Ich hatte freilich nicht erwartet &mdash;
-aber wollen Sie nicht einige Augenblicke näher treten?
-Wir können unsere Besprechung ja in meinem Zimmer
-vornehmen.&ldquo;</p>
-
-<p>Er ließ dem Schwiegersohn höflich den Vortritt ins
-Haus und öffnete die Thür seiner zu gleicher Erde belegenen
-Wohnstube, in die ihm Fritz ungefähr mit den
-Gefühlen folgte, die man im Vorzimmer des Zahnarztes
-durchzumachen pflegt.</p>
-
-<p>&bdquo;Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?&ldquo; unterbrach
-der Amtsrath die Grabesstille.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind sehr gütig!&ldquo; und Fritz begann zu rauchen,
-und zwar mit einem Eifer, als hinge sein Leben daran,
-daß er die Cigarre in zehn Minuten bis auf die letzte
-Spur vertilgt habe.</p>
-
-<p>Der Amtsrath paffte eben so krampfhaft in seiner Ecke.</p>
-
-<p>Endlich erhob sich Fritz, und stellte sich, militärisch
-hoch aufgerichtet, vor den alten Herrn.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich weiß in der That nicht, Herr Amtsrath, was
-Sie von mir denken werden, wenn ich Ihnen eine Erklärung
-meiner Handlungsweise gegeben habe, die &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund,&ldquo; erwiderte
-der Alte ganz ängstlich, &bdquo;wozu wollen Sie sich
-und mir eine solche unnöthige Qual bereiten! Ich habe
-ja alles, was zu der Sache irgend zu sagen war, in
-meinem Briefe auseinandergesetzt, und um Ihnen die
-Situation zu erleichtern, wiederhole ich Ihnen noch einmal
-mündlich, was ich schriftlich sagte, an meinem und
-meiner Tochter Entschluß ist nichts mehr zu ändern, wenn
-Sie eine derartige Absicht herführt, so ist jedes Wort unnöthig.&ldquo;</p>
-
-<p>Fritz rang mit dem Tode! Er sah die Zornader auf
-der Stirn des Alten schon im Geiste anlaufen, aber es
-half nichts &mdash; durch!</p>
-
-<p>&bdquo;Herr Amtsrath!&ldquo; begann er von neuem, und fuhr
-sich mit dem Taschentuch über die Stirn, &bdquo;halten Sie mich
-für einen Elenden &mdash; ich halte mich selbst dafür, aber ich
-beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, mein Gott,
-wie soll ich mich nur ausdrücken? ich flehe Sie an, nehmen
-Sie Ihr Wort zurück!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber sagen Sie mir, Herr,&ldquo; rief jetzt der Amtsrath,
-&bdquo;was ficht Sie denn eigentlich an? Allen Respekt vor
-Ihnen, aber Sie benehmen sich, um mich ganz gelinde
-auszudrücken, wie ein Narr! Seien Sie ein Mann, fügen
-Sie sich ins Unvermeidliche, was ich gesagt habe, habe
-ich gesagt! Ich werde mich doch jetzt nicht zum Gespött
-der ganzen Gegend machen, als ein alter Schwachkopf, der
-nicht weiß, was er will! Meine Tochter ist Braut &mdash; und
-damit basta.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun dann,&ldquo; sagte Fritz mit der Ruhe eines Verzweifelten,
-&bdquo;dann bleibt mir nichts übrig, als mir eine
-Kugel vor den Kopf zu schießen! Ich habe wie ein Ehrloser
-gehandelt, ich muß die Folgen tragen! Denken Sie
-von mir, was Sie wollen, aber ich kann Ihre Tochter
-nicht heirathen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was!&ldquo; schrie der Amtsrath und sprang auf, &bdquo;<em class="gesperrt">was</em>
-sagen Sie da?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann Ihre Tochter nicht heirathen,&ldquo; wiederholte
-Fritz dumpf und leichenblaß, &bdquo;und nun machen Sie mit
-mir, was Sie wollen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Meine Tochter nicht heirathen?&ldquo; brüllte jetzt der
-Amtsrath, und sprang auf Fritz zu, ihn bei den Schultern
-packend, &bdquo;aber Mensch, wer verlangt denn, daß Sie sie
-heirathen? Bin ich toll, oder sind Sie toll, oder sind
-wir&rsquo;s alle beide?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich weiß nicht,&ldquo; sagte Fritz ganz erschöpft, und sank
-in seinen Stuhl zurück.</p>
-
-<p>Der Alte trat zum Nebentisch, goß zwei Gläser
-Wasser aus einer Karaffe ein, trank eins, und reichte das
-andere unserem Helden. &bdquo;So, das schlägt nieder,&ldquo; sagte
-er dann etwas ruhiger, &bdquo;und nun sagen Sie mir einmal,
-<em class="gesperrt">was</em> Sie eigentlich wollen! Sie halten um meine Tochter
-an, ich schreibe Ihnen, umgehend, wie Sie es verlangten,
-eine ganz vernehmliche, möglichst freundlich abgefaßte Antwort,
-und statt sich dabei zu beruhigen, wie ein vernünftiger
-Mensch, kommen Sie hierher wie ein Tollhäusler,
-und schreien, Sie können meine Tochter nicht heirathen!
-Ich muß Ihnen gestehen, ich finde es, gelinde gesagt, sehr
-dumm und albern, daß Sie heute überhaupt hierher
-kommen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber mein Himmel,&ldquo; rief Fritz, und durchwühlte
-seine Brieftasche mit zitternden Händen, &bdquo;Sie haben mich
-ja doch selbst eingeladen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich &mdash; Sie?&ldquo; schrie der Amtsrath noch lauter, &bdquo;i,
-so schlag doch &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hier!&ldquo; sagte Fritz lakonisch, und reichte dem alten
-Herrn seinen Brief hin.</p>
-
-<p>Der Amtsrath las &mdash; verfärbte sich &mdash; wiegte den
-Kopf hin und her &mdash; plötzlich rief er: &bdquo;Ach, du meines
-Lebens! Da habe ich eine schöne Geschichte gemacht, lieber
-Sterneck, ich bin ja an allem schuld! Ich habe den Absagebrief
-an Sie gleichzeitig mit dem Zusagebrief an meinen
-Nachbar Rummler geschrieben &mdash; der hielt zufällig vor zwei
-Tagen auch um Amalie an, und wie ich nun Ihren Brief
-sofort beantworten mußte, da habe ich in der Eile und
-Aufregung die Adressen verwechselt! Nein, das ist ja
-schrecklich &mdash; und nun sitzt mir der mit einem Korbe da!
-Er hat auch Bahnstation in Frankenberg, und der Wagen
-sollte <em class="gesperrt">ihn</em> holen und nicht Sie! Ach, ich bin ein geschlagener
-Mann &mdash; ich alter Esel! Nein, ist denn das aber
-menschenmöglich?&ldquo;</p>
-
-<p>Während der Alte wie außer sich im Zimmer umherrannte,
-ergoß sich in Fritzens umdüsterte Seele eine wahre
-Sonnenhelle. Er sollte Amalien nicht heirathen &mdash; die
-gute, die liebe Amalie wollte ihn nicht, hatte sogar schon
-einen Ersatzmann gefunden &mdash; ach, das hatte er nicht
-verdient!</p>
-
-<p>In überströmender Glückseligkeit sprang er auf und
-fiel dem erstaunten Amtsrath um den Hals. &bdquo;Lieber, alter
-Freund &mdash; bester Herr Amtsrath &mdash; meine innigsten
-Glückwünsche &mdash; ach, so habe ich mich doch in meinem
-ganzen Leben noch nicht gefreut!&ldquo;</p>
-
-<p>Es sprach eine so innige Ueberzeugtheit aus diesen
-Worten, daß dem guten Amtsrath, was man ihm auch
-nicht verdenken kann, wieder ganz unheimlich zu Muthe
-wurde. Er machte sich etwas unsanft los.</p>
-
-<p>&bdquo;Na, lassen Sie das nur gut sein,&ldquo; sagte er, und
-schob Fritz mißtrauisch zurück, &bdquo;was <em class="gesperrt">Sie</em> denken und ob
-Sie sich freuen, ist mir im Augenblick ganz egal &mdash; ich
-weiß nur nicht, wie <em class="gesperrt">ich</em> meine Eseleien wieder gut mache,
-ohne daß es meine Weibsleute merken, sonst haben die
-eine Handhabe gegen mich bis ans Ende meiner Tage!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,&ldquo; nahm
-Fritz, dessen Gefühlswogen sich zu legen begannen, jetzt
-das Wort, &bdquo;Gefallen gegen Gefallen! Borgen Sie mir
-Ihren Rappen bis morgen früh, dann reite ich jetzt zu
-Herrn Rummler hinüber und besorge Ihnen einen Brief
-hin, den Sie schnell schreiben, während ich mich anziehe &mdash;
-und dann reite ich zur Stadt und schicke Ihnen das Pferd
-morgen wieder heraus. Herr Rummler kann in einer
-Stunde hier sein und niemand erfährt etwas!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, das ist Unsinn,&ldquo; sagte der Amtsrath, &bdquo;ich will
-Ihnen etwas anderes sagen &mdash; mir wird das Briefschreiben
-sauer &mdash; geben Sie mir Ihren Brief, und ich schicke ihn
-zu Rummler, und schreibe nur, <em class="gesperrt">das</em> wäre der richtige, und
-der andere wäre für Sie bestimmt. Wenn ich das schreiben
-kann, so ist die Sache abgemacht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Meinetwegen,&ldquo; rief der glückselige Fritz, &bdquo;aber den
-Rappen geben Sie mir mit. Ich <em class="gesperrt">muß</em> nothwendig heute
-Abend nach Hause &mdash; Sie sollen bald erfahren, warum!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin nicht neugierig,&ldquo; sagte der unliebenswürdige
-Alte, &bdquo;aber eins sagen Sie mir &mdash; <em class="gesperrt">warum</em> haben Sie
-denn eigentlich um die Amalie angehalten, wenn Sie so
-froh sind, daß sie Sie nicht haben will?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist eine lange Geschichte,&ldquo; erwiderte Fritz, und
-wurde roth, &bdquo;wollte ich Ihnen die jetzt erzählen, so verbrennte
-der Braten, und der Punsch, den das Brautpaar
-heute noch trinken soll, würde kalt. Lassen Sie mich fort
-und schicken Sie den Wagen zu Ihrem Schwiegersohne.
-Und nun leben Sie wohl, mein lieber, guter Herr Amtsrath
-&mdash; sagen Sie Ihren Damen &mdash; &mdash; was Sie wollen!
-Ich lasse mir den Rappen satteln!&ldquo;</p>
-
-<p>Im Hause des Amtsraths ging es den Abend noch
-sehr lustig her &mdash; in manchen anderen Häusern gewiß
-auch &mdash; es giebt ja, trotz aller Pessimisten, noch immer
-eine ganze Menge vergnügter Leute auf der Welt &mdash; aber
-ein fröhlicherer Geselle, als unser Fritz, den sein tänzelnder
-Rappe durch den schönen Sommerabend nach der Stadt
-hin trug, die sein Glück barg, war an diesem Abend
-schwerlich zu finden! &mdash; Wie er es angefangen hat, seine
-reizende Braut mit dem zweiten Akt der Komödie zu versöhnen,
-die er auf der Landpartie zu spielen begonnen &mdash;
-das geht uns nichts an. Er wird schon mit ihr fertig
-geworden sein!</p>
-
-<hr class="full" />
-<p class="small">
-W. <em class="gesperrt">Moeser Hofbuchdruckerei</em>, Berlin, Stallschreiber-Straße 34. 35.<br />
-</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt">Inhalt.</a></h2>
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="">
-<tr><td></td><td align="right">Seite</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Hausgenossen">Hausgenossen.</a></td><td align="right">1</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Und_doch">Und doch!</a></td><td align="right">59</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Der_tolle_Junker">Der tolle Junker.</a></td><td align="right">85</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Finderlohn">Finderlohn.</a></td><td align="right">161</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Glueck_muss_man_haben">Glück muß man haben!</a></td><td align="right">193</td></tr>
-</table></div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-<p>
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden
- übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
-</p>
-<p class="ebook-only">
- Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen.
-</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***
-
-***** This file should be named 51901-h.htm or 51901-h.zip *****
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
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- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
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-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
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