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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Novellen - Hausgenossen. -- Und Doch! -- Der tolle Junker. -- - Finderlohn. -- Glück muß man haben! - -Author: Hans Arnold - -Release Date: April 30, 2016 [EBook #51901] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN *** - - - - -Produced by Norbert Müller and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<h1> -Novellen</h1> - -<p class="center spaced">von</p> - -<p class="author">Hans Arnold.</p> -<div class="center spaced"> -<div class="boxed"> -<p class="center"><a href="#Hausgenossen">Hausgenossen.</a> — <a href="#Und_doch">Und doch!</a><br /> -<a href="#Der_tolle_Junker">Der tolle Junker.</a><br /> -<a href="#Finderlohn">Finderlohn.</a> — <a href="#Glueck_muss_man_haben">Glück muß man haben!</a></p> -</div> -</div> -<div class="figcenter" style="width: 100px;"> -<img src="images/signet.png" width="100" height="100" alt="Dekoration" /> -</div> - -<p class="center">Berlin.</p> - -<p class="center gesperrt">Verlag von Gebrüder Paetel.</p> - -<p class="center">1881. -</p> - -<p class="center spaced">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="dedication"> -Herrn -<br /> -<span class="big">Theodor Hermann Pantenius</span> -<br /> -in dankbarster Verehrung -</p> -<p class="center-right"> -zugeeignet. -</p> - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Hausgenossen" id="Hausgenossen">Hausgenossen.</a></h2> - -<p class="first">In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun -schon seit zwanzig Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine -Krauthoff und strickte, während sie, mit einer Hornbrille -auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche las, welches -sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.</p> - -<p>Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und -Balsaminen, und an den Wänden hingen allerlei Photographien -in jeder Größe und Stellung. Aber nur Bilder -von jungen Mädchen — Fräulein Sabine war Lehrerin -gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher -Methode kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas -und Rahmen — das hatte die Lieblingsschülerin des -Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei deren Eltern die -alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem -großen Mädchen herangewachsen war.</p> - -<p>Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich -mit der Zeit eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten -und dem jungen Mädchen gestaltet. Käthe, die sonst leicht -ein wenig hochfahrend sein konnte, ja die in ihren Bekanntenkreisen -sogar wegen ihrer kurzen Antworten und -ihres gelegentlichen Uebermuthes als „sehr schnippisch“ bezeichnet -wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein -Sabine all ihre kleinen Airs ab, und wurde immer wieder -zum Kinde, das seine Thorheiten beichtete und sich liebevoll -absolviren ließ.</p> - -<p>Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen -erstieg und an Fräulein Sabines Thür pochte — und so -sehr hatte sich die letztere an diese täglichen Besuche gewöhnt, -daß sie es recht schmerzlich empfand, als Käthe -vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach auswärts -ging und fast drei Wochen abwesend blieb.</p> - -<p>Doch nun war das vorbei — gestern hatte die Frau -Doktor Lang sich ihr Töchterchen von der Eisenbahn geholt, -und Fräulein Sabine erwartete nun ungeduldig den -Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte belohnt -werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das „herein“ -kam ein junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß -gewachsen, mit einem übermüthigen Zug um den kleinen -Mund, und einem sonnigen Lächeln in den dunkeln Augen. -Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen ungestümen -Herzlichkeit und setzte sich zu ihr — nicht auf -den Stuhl, sondern aufs Fensterbrett.</p> - -<p>„Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?“ fragte -die alte Dame, nachdem sie den „mitgebrachten“ warmen -Shawl zur Genüge betrachtet und bewundert hatte.</p> - -<p>„O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber“ —</p> - -<p>„Nun, was „aber?“ fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll, -und schob die Brille auf die Stirn zurück.</p> - -<p>„Ach — ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen -Dummheiten gemacht! Soll ich sie dir erzählen? -aber du mußt nicht schelten?“</p> - -<p>„Das kann ich nicht so gewiß versprechen,“ sagte die -Alte, indem sie ihren reizenden Liebling mit strahlenden -Augen betrachtete, „indessen fang nur an — es läßt dir -ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.“</p> - -<p>Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und -pflückte eine von den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.</p> - -<p>„Nun also,“ begann sie, „ich reiste allein von Laura -zurück, und auf einer kleinen Station — Siegersdorff — -wo der Zug hielt, sah ich zum Coupéfenster hinaus. An -der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber steht ein -Herr und sieht mich an — nicht gerade unbescheiden, aber -er fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so -etwas kann ich nicht leiden, ich denke also: „sollst ihm -mal die Zunge herausstecken — der Zug fährt ja sofort -ab, und du siehst ihn nie wieder.“</p> - -<p>„Aber Käthe!“ rief das Fräulein erschrocken.</p> - -<p>„Siehst du, siehst du, daß du schiltst!“ rief Käthe, -und fiel ihrer alten Freundin ungestüm um den Hals, -„sei ganz still, sonst erzähle ich nicht weiter, und du hast dein -Leben lang die Angst mit dir herumzutragen, daß ich etwas -noch viel Schrecklicheres gethan habe, was du nicht weißt!“</p> - -<p>Die Alte machte sich lachend los.</p> - -<p>„Laß mich nur — ich bin ja schon still! Also —“</p> - -<p>„Also — in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung -setzt, führe ich mein Vorhaben aus! Nur ein -ganz kleines bißchen, Sabine — ich dachte schon, er hätte -es nicht gesehen! — aber er lächelte spöttisch und nahm -den Hut ab. Da fuhren wir hin.“</p> - -<p>Fräulein Sabine schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!“</p> - -<p>Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke.</p> - -<p>„O ja, Sabine“, sagte sie dann verlegen, „aber —“</p> - -<p>„Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?“</p> - -<p>„Ach, Sabine — die Geschichte ist ja noch gar nicht -zu Ende, das Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, -aber kaum hundert Schritte weit — der Zug wurde zu -meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf -Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand -auch noch der Herr — und hatte er vorhin gelacht, so -lachte er nun erst recht!“</p> - -<p>„Angenehm!“ sagte Fräulein Sabine. „Und wie benahm -er sich?“</p> - -<p>„Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre -weg und stieg in dasselbe Coupé mit mir. Und wir -fuhren mit einander bis hierher, wo er auch ausstieg!“</p> - -<p>Käthe sprang vom Fensterbrett. „Und was sagst du jetzt?“</p> - -<p>„Herzchen,“ erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig, -„was soll ich sagen? Zu geschehenen Dingen -schweigt man am besten — das einzig Angenehme ist, daß -du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.“</p> - -<p>Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen -sollen, und streute ihre Nelkenblättchen in die Luft. -„Meinst du?“</p> - -<p>Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und -zog die Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie -sagen: „aha!“ Sie schwieg aber.</p> - -<p>„Weißt du, Sabine,“ begann Käthe nach einer Weile -von Neuem, „er — der Mitreisende — benahm sich -übrigens sehr taktvoll. Da er merkte, in welch tödtlicher -Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts vorgefallen -sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen -— ganz ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine -alte Dame, die mitfuhr, von der Gegend sprach, und ihn -fragte, ob er nicht auch während der Reise auf die hübsche -Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: „o ja — besonders -in Siegersdorff!“ und dann sahen wir uns an und lachten -beide — ich auch, Sabine — das konnte ich nicht ändern! -Sonst war ich sehr würdevoll — nein, wirklich!“</p> - -<p>„Davon bin ich überzeugt,“ sagte die Alte ernsthaft, -„wie sah denn dein Freund oder Feind aus?“</p> - -<p>„Sehr gut — groß, dunkelblond und humoristisch — -und er war sehr hübsch angezogen.“</p> - -<p>Die alte Dame lachte.</p> - -<p>„Wenn’s nur kein Weinreisender war!“</p> - -<p>„Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht -merkte!“ In dem Augenblicke klopfte es.</p> - -<p>„Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen, -Frau Majorin Scharff wäre da, und wollte etwas aus -dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen hätten die Schlüssel -mit.“</p> - -<p>„Unausstehlich!“ sagte Käthe verdrießlich, „Scharffs -erwarten in den Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen -sich wieder einmal die ganze Wirthschaft zusammen. Ich -komme,“ rief sie dem Mädchen zu.</p> - -<p>„Ist der junge Scharff so „gräßlich,“ wie du sagst?“ -fragte Sabine.</p> - -<p>„Ich habe ihn nie gesehen — aber wenn von einem -Menschen schon so viel gesprochen wird, hat man genug. -„Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint“ — so geht es -immerfort, als ob <em class="gesperrt">ich</em> mich darum kümmerte, was ihr Kurt -für Ansichten hat.“</p> - -<p>Fräulein Sabine war auch aufgestanden.</p> - -<p>„Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff -möchte dich sehr gern für den „gräßlichen Sohn“ haben.“</p> - -<p>„Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke, -Sabine — ich danke — ich will gar nicht heirathen — -oder“</p> - -<p>„Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor! -Deine Beichte war unvollständig! „Oder“ heißt das etwa: -„oder die Bekanntschaft müßte damit anfangen, daß ich -ihm die Zunge heraussteckte?“</p> - -<p>„Sabine,“ sagte das junge Mädchen würdevoll, „ich -begreife gar nicht, wie du mich so lange aufhalten kannst, -wenn du hörst, daß Mama auf die Schlüssel wartet!“</p> - -<p>Und fort war sie.</p> - -<p class="center noindent">*<br /><span style="margin-right:3em;">*</span>*</p> - -<p>Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei -Käthens Eltern große Unruhe. An der Hausthüre war -schon seit längerer Zeit eine Wohnung ausgeboten worden, -und der Hausherr hatte sich bereits stummer Verzweiflung -überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.</p> - -<p>Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt — die -Vermiethungsfrage war der Tollpunkt des Doktors!</p> - -<p>So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner -Thüre prangte, war er melancholisch — seine Gedanken -irrten mit beängstigender Beharrlichkeit, aufgescheuchten -Vögeln gleich, um das betreffende Quartier, und er begann -und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine Frau -mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja -noch nie eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, -so grub der Doktor regelmäßig einen alten General aus, -der inzwischen, nach der seitdem verflossenen Zeit zu schließen, -längst zum Feldmarschall oder unter die himmlischen Heerscharen -avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst ein -volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.</p> - -<p>Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann -ein neues Stadium in dem Zustande des Doktors. Er -hatte für nichts anderes Sinn und Gedanken, als für die -Chance, er sang mit dem französischen Grenadier „was -schiert mich Weib, was schiert mich Kind?“ und war für -alle häuslichen Vorkommnisse taub und blind.</p> - -<p>Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein -umdüstertes Gemüth ein Brief gefallen, in dem ein der -Familie bekannter Baron von Rabeneck um die Erlaubniß -bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte -Wohnung in Augenschein zu nehmen.</p> - -<p>Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen -und unsäglich neugierigen Herrn — aber in der Noth ist -man nicht wählerisch — der Baron wollte miethen, und -der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei Uhr mit -fieberhafter Spannung entgegen.</p> - -<p>Die Familie — Käthe, die Älteste, ausgenommen, die, -wie wir wissen, bei Fräulein Sabine war, saß um den -Kaffeetisch. Eine stattliche Reihe von schulpflichtigen Kindern -— zwar nicht so viel, als unser schwäbischer Freund -besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der Seinen -antworten konnte: „ich danke, die „Meischte“ sind wohl“ -— aber immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen -Spektakel zu machen.</p> - -<p>Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte -Gruppe, die zur Eile angetrieben wurde, um -beim Erscheinen des Miethers nicht den Eindruck der Räume -abzuschwächen. Jetzt klingelte es.</p> - -<p>„Kinder, schnell — trinkt aus, das ist er!“ rief der -Vater, und ließ sich in der Eile zu der unmännlichen -Handlung des Umgießens aus der Ober- in die Untertasse -für seinen jüngsten Sohn verleiten — doch zu spät! Die -Thür ging auf — aber nicht der Baron erschien, sondern -das heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. -Die Kinder gingen trotzdem auf einen Wink der Mutter -hinaus. —</p> - -<p>Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem -Major a. D., die Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn -waren ziemlich die beiden einzigen Gegenstände, welche sich -die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern rechtmäßig -besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn -sie mit besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine -gute, ganz gescheidte Frau von stets heiterem Temperament, -hatte sie nur die Manie, alles zu verlegen, zu verlieren, -und sich mit einer wahrhaft genialen Unverdrossenheit -durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus -der Verlegenheit zu ziehen.</p> - -<p>Ihr Mann wußte entweder nichts davon — oder er -wollte nichts davon wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. -Er hatte es zu seiner Vorgesetzten und seinem -eigenen größten Erstaunen bis zum Major gebracht und -war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine -Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich -seitdem auf Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung, -kein Familienereigniß freudiger oder trauriger Natur war -bisher im Stande gewesen, ihn derart zu erregen, daß er -nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die Seinigen -gefragt hätte: „machen wir heute keine Partie?“</p> - -<p>Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend, -wo sein einziger Sohn das Licht der Welt erblickte, zwei -Stunden darauf einen Whisttisch herbeigeschoben und -seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie Whist -vorgeschlagen habe.</p> - -<p>So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm -ungestört blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und -seine Frau mochte die Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten -Familien rekrutiren — ihn focht es nicht an.</p> - -<p>Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und -tüchtiger Offizier die beste Carriere machte, hatte für ihn -erst Interesse gewonnen, als er den Dritten beim Whist -abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht hinderte, -seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung -an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück -und der Stolz der Mutter, wurde, wie wir von Käthe -gehört haben, erwartet, und die Frau Majorin hatte bereits -eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen Waschtisch -und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, -und kam soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel -reiner Gardinen vakant wäre, da sie das Gastzimmer sonst -soweit in Ordnung habe.</p> - -<p>Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und -lud ihre Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.</p> - -<p>„Nein, nein,“ sagte sie eilfertig, „o ich habe noch sehr -viel zu thun — denn, liebste Lang, ich komme mit einer -großen Bitte — trinken Sie nicht heute Abend mit uns -Thee? Keine Gesellschaft — nur etwa zwölf bis fünfzehn -Personen — bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!“</p> - -<p>„Wir kommen herzlich gern,“ sagte die Doktorin, -„wenn mein Mann nichts dagegen hat.“</p> - -<p>Der Doktor war herausgegangen, um die Straße -herunter zu spähen, ob der Miether sich nicht zeigte. —</p> - -<p>„Ach, was sollte er dagegen haben!“ sagte Frau -Scharff, „heut muß er kommen — ich habe eine kleine -Überraschung vor! Aber liebe Lang — eine Bitte! Meine -Pauline ist so ungewandt — können Sie mir Ihre -Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei -Gerichte, und sie ist so prächtig flink — das weiß ich! -Im Hause geht das ja sehr gut!“</p> - -<p>„Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,“ -sagte Frau Lang lächelnd, „kann ich sonst mit etwas -dienen?“</p> - -<p>„Nun ja — wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel -und zwei Dutzend Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn -Weingläser und die silberne Zuckerdose leihen wollten, so -wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und Beste — -die beiden großen Lampen — aber lassen Sie sie bald -füllen; meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das -ist alles — denn die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser -habe ich noch oben. Aber richtig — Sie haben -wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline -hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben -Rehrücken und sie soll ihn noch spicken.“</p> - -<p>„Ich werde sogleich nachsehen,“ erwiderte Frau Lang, -und griff in die Tasche — die Schlüssel fehlten! Bei -dieser Gelegenheit schickte sie zu Fräulein Sabine, um -Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und von der -Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde.</p> - -<p>„Mein liebes Käthchen — nein, wie reizend steht -Ihnen die neue Frisur! Wie haben Sie sich bei Ihrer -Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei Mamachen vor, -ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen — ich -habe eine kleine Ueberraschung <em class="antiqua">in petto</em>! Nicht wahr, -Sie kommen doch? Ich schrieb noch neulich an meinen -Sohn: „eine Gesellschaft ohne Käthchen ist mir gar nicht -denkbar — sie ist so belebend!“</p> - -<p>Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich -ausgesehen hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und -zog die Hand fort.</p> - -<p>„Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,“ -sagte die Majorin eilfertig, „also Ihre Anna bringt nachher -alles mit herauf, nicht wahr?“</p> - -<p>Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe -allein. Sie legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern -und sah ihr forschend ins Gesicht. „Käthe, warum bist -du nur wieder so unfreundlich gegen die gute Majorin?“</p> - -<p>„Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in -Frieden läßt!“ erwiderte Käthe unartig.</p> - -<p>Die Doktorin schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„So laß sie doch — für die Pläne der Mutter kann -der Sohn nichts — und außerdem — Käthe, wäre es -denn nicht sehr hübsch, wenn etwas daraus würde? Eine -andere Neigung hast du nicht“ —</p> - -<p>Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben, -denn der Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die -Schlüssel aufheben, wozu sie eine ganze Weile brauchte -und sehr roth wieder zum Vorschein kam — vom Bücken -jedenfalls!</p> - -<p>„Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst -gescheidter Mann sein,“ fuhr die Mutter fort, „thu mir -wenigstens den Gefallen, dich nicht von vornherein gegen -ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja immer so -gut gefallen!“</p> - -<p>Käthe schwieg hartnäckig.</p> - -<p>„Da klingelt es,“ unterbrach sich die Mutter, „hier, -Käthe, ich habe mir alles notirt, was die Majorin sich -zu heute Abend leihen will — gieb es einmal heraus!“</p> - -<p>Käthe nahm mit einem ironischen „weiter nichts?“ das -Verzeichniß in Empfang, und ging hinaus, eben, als der -Vater zur andern Thür hereintrat.</p> - -<p>„Er kommt wieder nicht!“ sagte er resignirt, „ich -werde jetzt ausgehen! Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.“</p> - -<p>„Ja, ja, er kommt,“ beschwichtigte seine Frau, „eben -klingelt es — da ist er schon!“</p> - -<p>Richtig — so verhielt es sich! Herr Baron von -Rabeneck erschien mit einer tadellosen Verbeugung auf der -Schwelle. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann, mit -sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel, mit kurzsichtigen -Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem parfümirten -Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.</p> - -<p>„Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,“ -sagte er eintretend, „Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich -nicht stören! Trinken Sie immer hier Kaffee?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, -der die Fragepassion des Barons, und die kurze Geduld -ihres Mannes schon bekannt war, wollte mit einer Gegenfrage -dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht -so leicht beirren. „Ich trinke auch Kaffee,“ fuhr er fort, -„sehr gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, -Frau Doktorin?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte der Doktor gereizt, „meine Frau trinkt -Kaffee — meine Tochter auch, meine ganze Familie trinkt -Kaffee!“</p> - -<p>Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. „Sie wollten -unser leeres Quartier sehen, Herr Baron?“</p> - -<p>„Ja,“ erwiderte der Neuangekommene behaglich, „ich -sah heute bei meinem Morgenspaziergang, den ich immer -durch diese Straße mache — hübsche Straße, was? — -daß hier ein Miethszettel hängt — wollte doch mal nachfragen. -Erster Stock, was?“</p> - -<p>„Nein — zweiter Stock — vier Zimmer mit Balkon,“ -gab der Doktor zurück.</p> - -<p>„Oh — charmant — vier Zimmer? Balkon? Ganz -mein Fall! Alles Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch? -Still?“</p> - -<p>„Wie wäre es,“ schlug die Hausfrau vor, „wenn Sie -mit mir einmal hinaufgingen, Herr Baron, und die -Wohnung selbst in Augenschein nähmen? Ich hole mir -nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!“</p> - -<p>„Bitte, bitte,“ erwiderte der Baron verbindlich, und -ging Käthe entgegen, die eben wieder hereintrat, und am -Fenster mit einer Arbeit Platz nahm.</p> - -<p>Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung -ein, sich auch niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg, -wenn ihr jemand nicht gefiel.</p> - -<p>Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause -schmerzlich, und wandte sich an das junge Mädchen.</p> - -<p>„Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?“</p> - -<p>Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin.</p> - -<p>„Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?“</p> - -<p>Der Baron hustete zierlich.</p> - -<p>„Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon -meine selige Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst -dich für alles! Ich heiße nämlich Chlodwig! Hübscher -Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer Familie -— mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr -Papa?“</p> - -<p>„Friedrich,“ erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln -unterdrückte.</p> - -<p>„Friedrich — so so — und Ihre Frau Mama?“</p> - -<p>„Fragen Sie sie selbst,“ sagte der Doktor ungeduldig, -„da kommt sie.“</p> - -<p>Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, -sagte der Doktor zu Käthe: „wenn <em class="gesperrt">dieser</em> Fragekasten -die Wohnung miethet, zünde ich das Haus an allen vier -Ecken an. Der fragt einen todt.“</p> - -<p>Käthe lachte. „Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht -mit ihm umzugehen. Vielleicht spielt er Whist, da kann -er sich mit Scharffs befreunden, die er ohnehin schon -kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine Gesellschaft -geben?“</p> - -<p>„So?“ brummte der Doktor, „was haben sie sich denn -schon geborgt?“</p> - -<p>„Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere -Köchin und unsere Familie,“ erwiderte Käthe spöttisch, -„wir werden uns also wohl recht heimisch fühlen.“ —</p> - -<p>Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit -wieder, und der erstere war entzückt von dem Quartier.</p> - -<p>„Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,“ sagte er, „so -können wir gleich Kontrakt machen — liebe schnelle Entschlüsse -— Sie auch, — was?“</p> - -<p>„Gewiß!“ sagte der Doktor höflich — die Aussicht, -einen Miether zu bekommen, goß Öl auf die Wogen seines -Zornes. Die beiden Herren nahmen an einem Seitentischchen -Platz, um über den Kontrakt einig zu werden.</p> - -<p>Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, -als die Thüre aufging und eine Dame erschien. -Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch durchaus nicht -alt — so hübsch in der Mitte. <em class="gesperrt">Ganz</em> jung waren ihre -Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine -Elfe ins Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm.</p> - -<p>Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit -ihrer Großmama, der verwittweten Generalin, die Hälfte -des zweiten Stockes im Hause bewohnte. Der Baron hatte -sie kaum erblickt, als er aufstand und auf sie zutrat.</p> - -<p>Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes -unterbrochen, kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl -zurück und sagte düster: „nett!“</p> - -<p>„Mein gnädiges Fräulein,“ begann der Baron, „ich -bin entzückt, Sie zu begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme -von Portici bekommen?“</p> - -<p>„O ausgezeichnet!“ erwiderte Leontine, „es war eine -allerliebste Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da — -Will ist jetzt bei ihnen zum Besuch — Sie wissen ja — -Will Schraffenau, der bei den zweiten Kürassieren stand! -Will kann zu amüsant sein, nicht?“</p> - -<p>„O ja, meine Gnädigste,“ erwiderte der Baron, „aber -nichts gegen Lu! Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, -der die zweite Sandrowsky — Peppi Sandrowsky — -zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?“</p> - -<p>„Na!“ brummte der Doktor vor sich hin, „bis die -beiden jetzt den Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann -mein Miethskontrakt schwarz werden!“</p> - -<p>„Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff, -Ihr Hausgenosse zu werden! Charmant, was?“</p> - -<p>„Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!“ -rief Leontine entzückt.</p> - -<p>„Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst -hier zu Ende kommen,“ sagte der Doktor, und schob sein -Tischchen in die andere Ecke des Zimmers — dort konnte -er hoffen, ungestört zu bleiben, „bitte, Herr Baron! — -der Miether verpflichtet sich“ —</p> - -<p>Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, -plauderten die Mädchen in der Fensternische.</p> - -<p>„Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen -— ist heute großer Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, -der Sohn wäre gekommen, den ich von früher her kenne -— wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter Storrwitz, -und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit -ihm — ist er gekommen?“</p> - -<p>„Nein, er wird erst erwartet,“ erwiderte Käthe, „ich -weiß auch nicht, warum sie heut plötzlich eine Fête geben.“</p> - -<p>„Nun ja — aber die Frage ist, <em class="gesperrt">was</em> zieht man an? -Rabeneck ist auch da, ich habe die Scharff gefragt.“</p> - -<p>Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine -hüpfte endlich ab.</p> - -<p>Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu -seinem Miethskontrakte nach der Lampe rief. Das Mädchen -erschien, brachte aber nur einen Armleuchter mit einem -Licht.</p> - -<p>„Die Lampe!“ donnerte der Hausherr.</p> - -<p>„Verzeihen Sie, Herr Doktor — unsere Lampen sind -alle oben beim Herrn Major — die Kinder arbeiten auch -bei Licht.“</p> - -<p>„Darauf machen Sie sich gefaßt,“ sagte der Doktor, -kochend vor Wuth, „wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird -Ihnen von Majors alles abgeborgt, was Sie haben und -nicht haben!“</p> - -<p>„Aber Papa!“ rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.</p> - -<p>„Ich bitte Sie,“ rief der Baron ängstlich, „das ist ja -sehr unangenehm! Alles verborgen? Muß man das?“</p> - -<p>„Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!“ grollte -der Doktor, „denn so lange wohnen sie hier, und <em class="gesperrt">was</em> -sie sich alles borgen, spottet jeder Beschreibung. Ich wollte -nur, sie ließen einmal auf einen halben Tag um <em class="gesperrt">mich</em> -bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber -weiter: „die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus“ —</p> - -<p>„Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob -sie die silbernen Armleuchter bekommen kann?“ sagte das -Dienstmädchen und griff bereits nach dem fraglichen Gegenstand.</p> - -<p>„Sie sind wohl verrückt!“ schrie der Hausherr in verzeihlichem -Ingrimm, „sollen wir hier im Dunkeln sitzen?“</p> - -<p>„Mein Gott, ist es denn schon so spät!“ sagte der -Baron, und sah nach der Uhr, „wahrhaftig — halb sieben! -Pardon, Herr Doktor, aber ich muß an meine Toilette -gehen — wir sehen uns ja wohl heute Abend beim Herrn -Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir -beenden das Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? -Um sieben? Acht? Neun?“</p> - -<p>Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort -einen Walzer — das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, -als er seinen Gast zur Thür geleitete.</p> - -<p>„Nun borgen sie sich auch schon die Miether!“ sagte er -vor sich hin, als er hinausging.</p> - -<p>Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise -zum Fenster hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte -so still vor sich hin — die Phantasie ist ein Nachtfalter, -der seine Schwingen am liebsten in der Dämmerstunde -ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor der -Zukunft gewesen als heut — warum noch nie der Gedanke -an die von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath -mit dem Hauptmann Scharff so schrecklich erschienen? Ach, -die Träume von den kommenden Tagen hatten seit ihrer -Reise eine bestimmte Gestalt angenommen — zum ersten -Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt -— noch nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, -viel weniger ihr Gefühl zu erregen vermocht — aber es -war ihr auch noch nie jemand mit so liebenswürdiger -Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen getreten, -als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges -Kind gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen -Lächeln, seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr -das Gefühl einer Sicherheit und Zuversicht, wie sie es nie -zuvor gekannt hatte. Doch was half das alles! sie kannte -seinen Namen nicht — er nicht den ihren — sie würden -sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen -Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich -anzukleiden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige -Aufregung. Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren -Räumen umher, die bereits im festlichen Lichterglanz -erstrahlten, rückte hier und da an den Stühlen und stand -dann wieder überlegend still, ob noch etwas fehlte, wonach -man zu Doktors schicken könnte.</p> - -<p>Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder -Mann trat ins Zimmer.</p> - -<p>Die Majorin wandte sich um.</p> - -<p>„Nun, Mamachen,“ sagte der Eintretende freundlich, -„du hast noch zu thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche -halbe Stunde mit dir, ehe die Gäste kommen.“</p> - -<p>„Ich bin fertig“, sagte die Mutter, und trat vor den -Stuhl, in den sich ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm -die Hände auf beide Schultern und sah ihm zärtlich ins -Gesicht.</p> - -<p>„Mein alter Junge — wie du wieder verbrannt bist!“</p> - -<p>„Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche -Farbe, du mußt dich schon daran gewöhnen.“</p> - -<p>„Und du warst ein so weißes Kind!“ sagte die Mutter -lächelnd. „Jetzt sage mir aber einmal, Kurt — ist es dir -eigentlich recht, daß ich heut Abend unsere Hausgenossen -eingeladen habe? Du machtest mir bei der Ankündigung -ein so besonderes Gesicht.“</p> - -<p>„Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch -allein gewesen, Mutterchen — aber wir sind ja, so Gott -will, noch viele Abende zusammen. Wer kommt denn heut?“</p> - -<p>„Also,“ begann die Majorin, „da ist erstens die -Generalin Faldern mit ihrer Enkeltochter Leontine —“</p> - -<p>„Was?“ unterbrach der Hauptmann lebhaft, „Tine -Faldern ist hier?“</p> - -<p>„Kennst du sie?“</p> - -<p>„Wie sollte ich nicht! — Als ich bei Storrwitz Adjutant -war, hielt sie sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie -hieß damals immer die Tochter des Regiments, weil sie -so genau in der Rangliste Bescheid wußte. Uebrigens ein -hübsches, amüsantes Mädchen — es ist mir ganz lieb, sie -einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.“</p> - -<p>Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber -nichts.</p> - -<p>„Dann,“ fuhr sie fort, „von Hausgenossen heißt das, -kommt noch unser Wirth — der Doktor Lang mit Frau -und Tochter —“</p> - -<p>„Ach — die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama! -Hätte ich mir’s nicht denken können, daß du wieder einen -Heirathsplan wie einen Lasso bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen -über den Kopf zu werfen? Aber gieb dir keine -Mühe, Mama — es wird nichts!“</p> - -<p>„Sei doch nicht so absprechend,“ bat die Mutter, „du -hast Käthe noch gar nicht gesehen — ich sage dir, sie ist -allerliebst! Hübsch, sehr gut erzogen und sehr gescheidt — -sie würde ausgezeichnet für dich passen!“</p> - -<p>„Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen — -ich werde wohl überhaupt nicht heirathen. Sieh,“ fuhr er -lebhaft fort, als die Mutter eine Bewegung des Unmuths -machte, „ich bin — nenne es phantastisch, unpraktisch, kurz, -was du willst — aber ich bin entschlossen, mich nur zu -binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage: -‚Die oder keine!‘ Und solche Dinge kommen vor! — Ich -sage dir, sie kommen vor! Lache mich nicht aus, Mutter -— aber ich habe ein Mädchen gesehen, das mir gefällt, -und wenn ich <em class="gesperrt">die</em> wiedersehe, und sie will mich — dann -sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet -haben. Frage mich aber nicht weiter — ich bin auf der -Suche — das laß dir genug sein. Und verschone mich -mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“</p> - -<p>„Guten Abend, Frau Majorin,“ sagte in diesem Augenblick -die Generalin Faldern, die in taubengrauer Seide -ins Zimmer rauschte, von der rosafarbenen Leontine gefolgt. -„Sie waren so freundlich, uns zu erlauben — ah, das -ist wohl Ihr Herr Sohn?“</p> - -<p>„Ja, er ist gestern angekommen,“ sagte die glückstrahlende -Mutter, ihn den Damen vorstellend, „er hat mich -überrascht! Es ist doch einzig von ihm; aber er war -von jeher ein so guter Junge!“</p> - -<p>Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann -peinlich war, so ließ er es durch keine Miene merken — -er lächelte sehr freundlich und wandte sich an Fräulein -Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt die Hand -hinstreckte.</p> - -<p>„Herr Hauptmann — das ist aber eine Ueberraschung, -die Ihrer Frau Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst, -das muß wahr sein! Und nun erzählen Sie mir von -W.... — was machen die dritten Husaren? Und wo -stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich -einen so großen Pas gemacht, und muß Schulten den -Abschied nehmen? Ach, es waren doch schöne Zeiten?“</p> - -<p>„Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich -aufs tiefste, mein gnädigstes Fräulein,“ erwiderte der Hauptmann -ernsthaft, „ich kann Sie versichern, daß die dritten -Husaren sich sehr wohl befinden, und daß die Vierundzwanziger -sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen -gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so -glücklich sein würde, Sie zu sehen.“</p> - -<p>„Ach, Sie spotten wieder,“ schmollte Leontine, „aber -ohne Scherz — erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein -Vetter Storrwitz sich ein neues Pferd gekauft? Der Braune -von damals war doch ein süßes Thier — er ist mir noch -manchmal im Traume erschienen!“</p> - -<p>„Glücklicher Brauner!“ sagte der Hauptmann — und -begann nun wirklich zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend -zu, und die Unterhaltung war so lebhaft, daß -der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung dazwischenschieben -konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch -und mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus -und machte ganz zeitgemäße Konversation mit der Generalin -— freilich sagte er meist nur: „nun eben!“ eine Wendung, -die er vorzugsweise gern anwendete, und mit der man -merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf -eingerichtet hat.</p> - -<p>Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein — -schon klingelte es wieder.</p> - -<p>„Das sind gewiß Langs,“ rief Leontine, „ich muß -Käthe entgegengehen,“ und damit flog sie hinaus.</p> - -<p>Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und -wandte sich dann, um den Baron Rabeneck zu begrüßen, -der eben erschien.</p> - -<p>„Entzückt — entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen -zu lernen,“ begann der Baron schmelzend, „Sie stehen bei -einem B.’schen Regiment?“</p> - -<p>„Ja wohl, Herr Baron — schon seit zwei Jahren,“ -erwiderte der Hauptmann.</p> - -<p>„Und vorher?“</p> - -<p>„Bei den —schen Husaren!“</p> - -<p>„Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo -stehen die Husaren?“</p> - -<p>„In W....“ sagte der Hauptmann etwas verwundert.</p> - -<p>„Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch -Offizier — bei den —ten Dragonern — reizende Uniform, -was?“</p> - -<p>„Allerliebst!“ sagte der Angeredete, über dessen Gesicht -ein immer vergnügteres Lächeln flog. „Sie sind pensionirt, -Herr Baron?“</p> - -<p>„Ja — ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus -— was?“</p> - -<p>Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer -von Fragen stand, in dem ihm nach und nach heißer -wurde als im Kugelregen, hatte Leontine auf dem Flur -die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe -sofort zugeflüstert: „der Sohn ist da!“</p> - -<p>Käthe zog die Augenbrauen zusammen: „Wie albern — -warum hat uns die Majorin das nicht gesagt?“</p> - -<p>„Sie wollte Sie wohl überraschen,“ fuhr Leontine -eifrig fort, „aber Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes -Gesicht zu machen — er scheint kein Spießgeselle bei der -Verschwörung seiner und Ihrer Mutter zu sein — eben -als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin, „verschone -mich mit deiner Käthe — die Art Mädchen ist -nichts für mich!“</p> - -<p>Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt — aber -darauf kam es Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar -zu werden, daß diese Äußerung schon dadurch sehr unwahrscheinlich -wurde, daß der Hauptmann sie nie gesehen -hatte, richtete sich hoch auf — das stolze, jugendliche Blut -schoß ihr bis in die Stirn — „nun, dann stimmen ja -unsere Ansichten über einander auf ein Haar“ — sagte -sie — warf den kleinen Mund verächtlich auf, und folgte -ihren Eltern in den Saal. Käthe sah heute Abend sehr -hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre jugendliche -Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von -Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.</p> - -<p>Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte -sie aufs lebhafteste.</p> - -<p>„Guten Abend, Herr Doktor — nein, das ist reizend, -daß Sie gekommen sind, Frau Doktorin — und hier ist -auch meine kleine Ueberraschung — sie ist freilich ein -wenig groß ausgefallen — mein Sohn!“</p> - -<p>Käthe blickte auf — und plötzlich drehte es sich vor -ihren Augen wie ein feuriges Rad. Der große, blonde -Mann, der sich eben mit einem ernsten, wiedererkennenden -Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr Reisegefährte — -so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt — er -hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe -sei, von der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt -hatte, wie dieser selben Käthe von ihm — und was -war das Resultat seiner Beobachtungen? — „Verschone mich -mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“</p> - -<p>Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen -Augenblicke, und ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, -ein Wort an sie zu richten, neigte sie den Kopf ein ganz -klein wenig, und wandte sich ab. „Guten Abend, Herr -Baron,“ sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, „also Sie -sind doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? -das freut mich.“</p> - -<p>Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen -über die rothen Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein -Sabine — Käthe war gerettet. Denn der Hauptmann, -der ihr finsteres Gesicht wohl mußte verstanden haben, -trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen, die -noch das <em class="antiqua">curriculum vitae</em> eines Pferdes von ihm verlangte, -das er einst besessen hatte, und dessen weitere -Schicksale sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch -sechs Regimenter verfolgte.</p> - -<p>Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den -runden Sofatisch, es war noch eine Familie hinzugekommen, -die eines Regierungsraths a. D. — in unserem Städtchen -waren die meisten Leute a. D. — vielleicht den Bäcker -und den Fleischer ausgenommen — und der letzte Gast -war ein Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte -Versuche machte, eine Frau zu bekommen, und nach jedem -Versuch sich auf ein Jahr wieder von der Gesellschaft zurückzog, -so daß er durchschnittlich nur den dritten Winter -in der Welt glänzte.</p> - -<p>Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigem <em class="antiqua">tête-à-tête</em> -mit dem hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von -ihrer unnahbaren Höhe herab und war ganz liebenswürdig -— gewöhnlich sprach sie kein Wort. „Wie das junge -Völkchen heiter ist!“ bemerkte sie zum fünftenmal, als sie -ihre Lorgnette von den Augen ließ.</p> - -<p>Die Majorin nickte etwas bittersüß — Käthe -saß mit dem Justizrath und dem Baron zusammen, -sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der Hauptmann -machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu -nähern.</p> - -<p>Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen -angestellt und sich geärgert — aber erstens -konnte ihre Käthe ja nicht die Initiative ergreifen, und -sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch thun, als -ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. -So that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin -sie verstohlen am Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke -nach der Gruppe der jungen Leute warf, dann lächelte sie -so harmlos, als freue sie sich mit der Generalin, daß „das -junge Völkchen so heiter sei.“ Ihr Mann umschlich die -Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger — immer den -Baron im Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. -Durch die unerhörtesten Anstrengungen gelang es ihm auch -wirklich, die Aufmerksamkeit des Betreffenden zu erregen -— der Baron wandte sich um.</p> - -<p>„Spielen Sie Whist, Herr Doktor?“</p> - -<p>„Sehr gern!“ erwiderte der Angeredete eifrig — erstens -langweilte er sich, und dann wollte er den Baron wegen -der Wohnung ausforschen.</p> - -<p>„Nettes Spiel — was? Ich spiele leider nicht — kein -Kartenspiel — fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe -ich viel Talente — meine selige Mama sagte schon immer -„Chlodwig, du bist sehr talentvoll“ — aber Karten“ —</p> - -<p>„Dummkopf,“ murmelte der Doktor in sich hinein.</p> - -<p>In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die -Schulter, „machen wir heute keine Partie?“</p> - -<p>Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen -schon im Stillen überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine -anhalten sollte — sie war ziemlich die einzige in der Stadt, -bei der er sein Heil noch nicht versucht hatte, wurde als -Dritter zum Whist angeworben, und die drei Herren setzten -sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt war, -wo die Jugend saß.</p> - -<p>Bei dieser — der Jugend — herrschten indeß die verschiedensten -Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum -Opfer gefallen war, antwortete auf seine zahllosen Fragen -immer aufs Gerathewohl mit „ja“ und „nein“ — nur -wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen, -nahm sie einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde -gesprächiger.</p> - -<p>Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle -Minen springen. Sie erinnerte sich an jeden einzelnen -Ball aus der Saison, die sie mit dem Hauptmann erlebt -hatte, mit überraschender Genauigkeit, und „wissen Sie -noch?“ war immer der Refrain jedes dritten Satzes.</p> - -<p>Der Hauptmann wußte aber gar nichts — er wurde -immer zerstreuter, und als Leontine ihn nach einem Rittmeister -zu fragen begann, der seiner Zeit zu den Husaren -kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.</p> - -<p>„Herr Baron,“ rief er hinüber, „stand Straten -nicht bei den —ten Dragonern? den müssen Sie ja -gekannt haben! Fräulein von Faldern erkundigt sich -nach ihm!“</p> - -<p>„Straten? versteht sich!“ erwiderte der Baron aufstehend, -„sehr gut gekannt, haben zwei Jahr bei einer -Schwadron gestanden — netter Mensch, was?“</p> - -<p>„Jawohl!“ erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, -„hier — erzählen Sie einmal von ihm — -<em class="antiqua">changeons</em>!“ Und damit überließ er seinen Platz neben -Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern.</p> - -<p>Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich -erhob, und an den nächsten, mit Albums bedeckten Tisch -tretend, sich in die Besichtigung derselben vertiefte.</p> - -<p>Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein -Buch.</p> - -<p>„Das kann ich auch,“ bemerkte er halblaut.</p> - -<p>Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.</p> - -<p>„Was habe ich denn hier?“ fuhr der Hauptmann gemüthlich -fort, und blätterte in dem Buch, „ah — Gedichte — -eine ganze Sammlung — darf ich Ihnen etwas vorlesen?“</p> - -<p>„Ich danke,“ erwiderte Käthe kurz, „ich sehe mir -Bilder an!“</p> - -<p>„Schön,“ erwiderte ihr Gegner ernsthaft, „dann werde -ich mir selbst vorlesen — ich liebe die Lyrik ungemein — -ah hier — das ruft mir ein Erlebniß zurück, „das Dampfroß -schnaubt entlang der Halde“ — sehr nett! Wer weiß, -was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen -— sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich -muß mich einmal überzeugen!“</p> - -<p>„Ich will das Gedicht nicht hören!“ sagte Käthe.</p> - -<p>„Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein — ich lese -<em class="gesperrt">mir</em> vor! —“ Er blätterte weiter.</p> - -<p>„Hier — ein anderes! „Als ich zum erstenmal dich sah, -verstummten meine Worte.“ Stimmt! Also ist es schon -mehr Leuten so gegangen. Der hat am Ende auch mit -dem Dampfroß zu thun gehabt!“</p> - -<p>Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf -in die Hand und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe -lernen.</p> - -<p>„Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,“ sagte der -Hauptmann, „immer schmollen, immer grollen, für ein’ -Ros’ wär’s zu viel Dorn! Und nun lassen Sie uns zur -Prosa übergehen,“ fuhr er plötzlich ernsthaft fort und -nahm neben Käthe Platz, „bitte, sehen Sie ruhig weiter -in Ihr Buch — ich werde ein gleiches thun — und nun,“ -er senkte die Stimme —, „warum sind Sie eigentlich böse -auf mich?“</p> - -<p>„Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?“ fragte -Käthe etwas unsicher.</p> - -<p>„Nun, mein gnädiges Fräulein, wenn <em class="gesperrt">das</em> bei Ihnen -<em class="gesperrt">gut</em> heißt, dann möchte ich Sie allerdings einmal sehen, -wenn Sie böse sind! Ich bin zwar nicht an übertrieben -freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt — denken Sie -nur an Station —“</p> - -<p>„Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!“ rief -Käthe und erröthete tief.</p> - -<p>„Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig -Stunden — aber ich will sie begraben — klaftertief — -wenn Sie mir Rede und Antwort stehen. Wollen Sie das? -Sonst wird die Geschichte, die <em class="gesperrt">alte</em> Geschichte, wie Sie -sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange vor -Ihnen auftauchen —“</p> - -<p>„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Käthe, wider Willen -lachend, „was soll ich denn antworten?“</p> - -<p>„Das will ich Ihnen gleich sagen — also, <em class="gesperrt">was</em> habe -ich Ihnen zu Leide gethan?“</p> - -<p>„Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft -T...?“ fragte in diesem Augenblick der Baron, -sich dem Tisch nähernd, „ich wollte Fräulein von Faldern -einen Begriff von der Gegend geben, wo mein Gut liegt. -Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?“</p> - -<p>„Reizend!“ sagte der Hauptmann, und nahm einen -dicken Band Landschaftsbilder vom Tisch, „hier, Herr Baron, -in diesem Buche ist ein sehr hübscher Stich, der gerade die -Gegend vorstellt, die Sie zu sehen wünschen. Wollen Sie -sich überzeugen?“</p> - -<p>Der Baron ging mit dem Buche ab.</p> - -<p>„Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,“ bemerkte -Hauptmann Scharff, „ich habe ihm einen Band Ansichten -von Spanien gegeben, da mag er suchen! Doch zurück zu -unserem Gespräch — was habe ich Ihnen zu Leide gethan? -Warum sind Sie böse?“</p> - -<p>Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr -tapfer: „Ich bin böse, weil — nun ja, weil ich es sehr -häßlich finde, daß Sie mich unterwegs ausforschen und -kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie sind.“</p> - -<p>Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür -schon ein paar sehr befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, -und als sie sah, daß Leontine im Begriff stand, sich -dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte sie wie ein -Stoßvogel herbei.</p> - -<p>„Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir -sind ja immer ganz Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen — -bitte, bitte!“</p> - -<p>„Ach ja, mein gnädiges Fräulein,“ stimmte der Baron -ein, „Sie singen? Bitte, tragen Sie uns etwas vor — -ein <em class="antiqua">Chanson</em> — eine Ballade, was? Ich liebe die Musik -leidenschaftlich — reizende Kunst, was?“</p> - -<p>Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein -— ob der Gedanke, daß ein Baron in der Hand sicherer -sei, als ein Hauptmann auf dem Dache ihren Entschluß -beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie verschwand, -von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und -bald klang ihre sehr hübsche Stimme wohlthuend durch -die Räume.</p> - -<p>Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört, -denn die Herren am Spieltische waren ganz in ihre Karten -vertieft, und der jeweilige Ruf: „zwei Trick — <em class="antiqua">deux -honneurs</em>“ — vermochte eine leise geführte Unterhaltung -nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann -der Hauptmann von Neuem. „Ich verstehe Sie gar nicht, -mein Fräulein! Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn? -Unterwegs?“</p> - -<p>Käthe nickte.</p> - -<p>„Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,“ rief der Hauptmann -ungeduldig, „woher sollte ich denn in der Eisenbahn -wissen, daß Sie und die viel beschriebene Käthe ein und -dieselbe sind? Nun sagen Sie einmal selbst, daß ich es -nicht wissen konnte!“</p> - -<p>„Ja ja!“ gab Käthe zögernd zu.</p> - -<p>„Nun gut — also darin bin ich gerechtfertigt! Aber -selbst, <em class="gesperrt">wenn</em> ich Sie gekannt hätte — ich gestehe Ihnen -offen, daß ich auch dann noch kein Verbrechen begangen -zu haben glaubte! — es steckt wohl noch etwas Anderes -dahinter! Nicht wahr?“ drängte er, als sie schwieg und -tief erröthend zu Boden blickte.</p> - -<p>„Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens -die Möglichkeit, mich zu vertheidigen,“ rief er fast heftig, -„mein gnädiges Fräulein — Fräulein Käthe — wir waren -doch so gute Freunde unterwegs — waren wir das nicht? -Sehen Sie — Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht -vernünftig und sagen Sie mir, <em class="gesperrt">was</em> ich Ihnen gethan -habe!“</p> - -<p>„Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe -ich kam?“ fragte Käthe trotzig und blickte auf.</p> - -<p>Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er — aber -etwas verlegen. „Ich kann mir denken, <em class="gesperrt">wer</em> Sie instruirt -hat! Soll ich Ihnen das Gespräch erzählen?“ fragte er -in sonderbar weichem Ton, und bückte sich, um ihr in die -Augen zu sehen. „Ja oder nein?“</p> - -<p>„Ja!“ sagte sie hastig und leise — ihr Herz fing an, -heftig zu klopfen.</p> - -<p>„Nun denn — ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht -Lust hätte, hier irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen, -— heiße sie Käthe oder sonst wie — weil — nein, sehen -Sie mich einmal an, Fräulein Käthe — weil ich mich -unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt -hätte — in eine Unbekannte, — und wenn nun ein -freundlicher, lieber, guter Zufall es so gefügt hat, daß -diese Unbekannte diejenige ist, die meine Mutter — Gott -segne meine Mutter — schon lange für mich ausgesucht -hat —“</p> - -<p>Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, „es -ist angerichtet,“ rief der Lohndiener mit Stentorstimme.</p> - -<p>Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die -Whistspielenden warfen die Karten zusammen — man ging -zum Abendessen.</p> - -<p>Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell -wie der Blitz vom Sofa fort und zu den Herren am -Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun ihre Strafe! Der -Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu führen.</p> - -<p>Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten -— die Majorin hatte aus Versehen für zwei Personen -zu wenig decken lassen, und diese beiden Uebriggebliebenen -standen nun ziemlich verlegen hinter den besetzten -Stühlen der anderen.</p> - -<p>Während noch schnell nach den fehlenden Tellern, -Messern und Gabeln zu Doktors hinaufgeschickt wurde, -kroch der Major unter allen Sofas und Schränken umher, -um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm verloren -gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung -konnte es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour -bestaubt, wie alter Ungarwein zurückkam, und nicht einmal -fand, was er suchte.</p> - -<p>Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen -können, sich Käthe zu nähern, die schon seit zehn Minuten -wartend Arm in Arm mit dem Justizrath stand — eine Situation, -die zu den allerpeinlichsten gehört, und die die -wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu coupiren, daß -sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.</p> - -<p>So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren -anderer Seite der Baron Platz nahm. Käthe saß schräg -gegenüber; sie sprach kaum ein Wort und sah nicht in die -Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen Blick -von ihr aufzufangen.</p> - -<p>Leontine bemerkte sein Bestreben wohl — sie gab ihn -auf! Als kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre -Taktik sofort, und schwenkte blitzschnell zu dem Baron -hinüber, der ihr von seinem Gut erzählte, und sie fragte, -ob sie das Landleben liebe?</p> - -<p>Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine -schmiedete das Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem -Soldatenenthusiasmus sprang sie zur Oekonomie über, -schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und that -ganz ländlich.</p> - -<p>Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit -den kleinen Kreis. Nur die Generalin machte eine -Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn ihrer Gastgeber -fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln -erfror in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde, -und der Major, der sie gebührender Weise zu Tisch geführt -hatte, erntete für seine ohnehin nicht glänzenden Unterhaltungsversuche -nur ein kühles „hm“ oder „ja, ja!“</p> - -<p>Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der -Baron ihm soeben als „seinem liebenswürdigen Hauswirth“ -zugetrunken, und um die Erlaubniß gebeten, im Lauf des -folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. „Dann soll -mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,“ gelobte sich -der beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im -Geist alle Thüren in dem Verhandlungszimmer ab.</p> - -<p>Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus -— sie wußte nicht, was sie von dem veränderten Wesen -ihrer Tochter denken sollte — und ehe nicht feststand, -daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte sie -mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.</p> - -<p>Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu -Sinne. Wenn ein Mann von 36 Jahren sich im Lauf -von 36 Stunden verliebt und erklärt, so ist zehn gegen -eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung -zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn -Minuten auf das entscheidende Wort warten läßt. Und -er wartete nun schon eine ganze Stunde! Fisch, Rehbraten -und Eis hatten seine Qualen mit ansehen müssen, -und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt, -als sei dies <em class="antiqua">con amore</em> Nachtafeln das Beste vom -ganzen Abend.</p> - -<p>Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: „alles nimmt -ein Ende.“ Die Generalin, die sich neben dem Major -nicht gerade im siebenten Himmel des Amüsements befinden -mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl — die andern -folgten. In dem Moment <em class="gesperrt">mußte</em> Käthe aller menschlichen -Berechnung nach emporsehen — sie that es! Der Hauptmann -erhob sein Glas unmerklich gegen sie, sah sie -fragend an, und hielt es einen Augenblick. Da — o -Freude! — nahm sie ihr noch unberührtes, volles Glas vom -Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an — erröthete -dunkel — und trank dann in ihrer Verlegenheit so -geschwind aus, als sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!</p> - -<p>Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne -ein gesprochenes Wort, wie die Sache stand — hatten sie -sich nicht eben zugetrunken? Und war dieser Comment -nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch -ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!</p> - -<p>Als der Hauptmann daher im Trouble des „Gesegnete -Mahlzeit“wünschens Käthe zuflüsterte: „darf ich morgen -zu Ihrem Vater kommen?“ genügte er damit eigentlich -nur einer Form — er wäre auch ohne diese Frage gekommen, -und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.</p> - -<p>Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend -noch einen Moment unter vier Augen sprechen zu können, -trog — kaum waren die zehn Anstandsminuten nach Tisch -durchgestanden, so rauschte die Generalin abschiednehmend -auf ihre Wirthe zu — Leontine folgte, vom Baron auf -das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung -gemacht — das war klar! Am Ende hätte sie -heut schon sagen können: „Sprechen Sie mit meiner Großmutter,“ -ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner Bekanntschaft, -die betrübende Antwort zu riskiren: „wovon?“</p> - -<p>Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, -lächelte sie befriedigt. Aus allen Fragen des Barons -hatte sie die „Lebensfrage“ schon verblümt herauszuhören -geglaubt — „am Ende <em class="gesperrt">muß</em> es gerade kein Offizier sein“, -dachte sie im Einschlafen, „ein Gut in der Grafschaft ist -auch nicht zu verachten! — was steht dort? die 26er -oder die 62er?“</p> - -<p>Über dem Zweifel schlief sie ein.</p> - -<p>Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. -Vergebens hoffte Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht -des kurzen Weges, den sie zurückzulegen hatten, noch ein -Viertelstündchen zugeben werde. — Die Doktorin hatte -zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit deren -Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte — da -war es hohe Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.</p> - -<p>Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für -die Gefälligkeiten — „Morgen in der Frühe schicke ich -Ihnen alles wieder, was Sie mir geborgt haben, liebe -Lang“, versicherte sie in der Thür.</p> - -<p>Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des -Hauses nicht nehmen ließ, die Gäste bis in den Flur zu -geleiten, und Käthchen beim Umnehmen der Sachen behilflich -zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck -vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich -mit Recht über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. —</p> - -<p>Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging -der Hauptmann noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre -zu holen, deren er in wichtigen Augenblicken zur Sammlung -bedurfte. Sie war auch ein prächtiger Verlegenheitsableiter, -als er zu den Eltern zurückkehrte, die gemüthlich -im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen -Ruhe schwelgten.</p> - -<p>Beide sahen auf, als der Sohn eintrat — er aber -schnitt, während er sprach, emsig die Cigarre ab, steckte -ein Schwefelhölzchen in Brand, kurz nahm alle möglichen -Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas unsicherer -Stimme eine kleine Rede zu halten.</p> - -<p>„Liebe Eltern“, sagte er halb heiter, halb verlegen, -„ich bringe ein paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben -erfahren — ich fand auf meinem Zimmer diesen Brief -vor, der mir meine Versetzung hierher, vorläufig privatim -mittheilt.“</p> - -<p>Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.</p> - -<p>„Kurt — wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das -so schnell gekommen?“</p> - -<p>„Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen -immer mit Dampf! Die Wahrheit zu sagen erwartete ich -aber die Nachricht schon längere Zeit, und verschwieg sie -Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und Aufregung -zu bereiten.“</p> - -<p>„Ich bin ganz glücklich, Kurtchen“, rief seine Mutter -immer wieder, „und du sollst mal sehen — sei nicht böse -— aber wenn ich dich hier habe, wirst du dich auch viel -leichter zum Heirathen entschließen.“</p> - -<p>„Laß’ ihn doch in Ruhe!“ brummte der Major.</p> - -<p>Der Sohn lächelte. „Liegt dir wirklich so viel daran, -Mama? So unendlich viel?“</p> - -<p>„Aber, mein Junge“, sagte die Majorin etwas verwundert, -„das weißt du doch!“</p> - -<p>„Nun denn, Mamachen — ich bin ja kein Unmensch -— siehst du mir gar nichts an?“</p> - -<p>Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu -ihm aufblickte, streckte er ihr beide Hände entgegen: -„Gratulire mir, liebe Mama — lieber Vater, ich bin mit -Käthchen Lang verlobt.“</p> - -<p>Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders -der Majorin, bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr -Haus fiel, zu schildern, vermag ich nicht. Wer sich einmal -vor kurzem so recht gefreut hat, weiß ganz genau, wie -man sich in solchem Fall benimmt — und wer es nicht -weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben -und an sich ausprobiren möge.</p> - -<p>Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut -hatte, ging man auseinander und zu Bett — d. h. der -Hauptmann ging nicht zu Bett, sondern wanderte die -Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube auf und -ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater -einige Donnerwetter über die Lohndiener von Majors -entlockte, die über seinem Kopf immerfort noch ab und zu -liefen.</p> - -<p>Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick -zu sprechen, schnitt der Doktor kurz ab: „Ihr habt -den ganzen Tag Zeit zum Unterhalten“, brummte er, -„jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind doch wahrhaftig -wie die schweren Fuhrleute — wenn sie von früh -bis Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen -sind, und des Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein -Ende mit Erzählen.“ Und er entführte seine Gattin ohne -Gnade und Erbarmen.</p> - -<p>So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend -jemand ihr Herz entlastet zu haben, nur ihre Träume -bauten gefällig auf dem sicheren Grunde der jüngsten Vergangenheit -glänzende Luftschlösser der Zukunft, in deren -lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.</p> - -<p>Der „nächste Morgen“ ist an und für sich schon -etwas Ernüchterndes — nach einem Ball, — nach einem -Streit — nach einem abgeschlossenen Geschäft. — Der -„nächste Morgen“ in seiner kühlen Beleuchtung zeigt alle -Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde -Abend.</p> - -<p>Nur für eine glückliche Braut hat der „nächste Morgen“ -nichts Prosaisches — der Zauber ihrer Erlebnisse hält -dem grellen Tageslicht Stand — und wie schlimm auch, -wenn’s anders wäre! Die Liebe muß ja im Leben durch -alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze -und die Schauer des Abends tragen helfen, — und zu -glauben, daß dies Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als -im Brautstand, wo Wehr und Waffen zum Lebenskampf -noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks auffunkeln, -und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie -glänzende Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß -sie uns nur wie ein schimmernder Garten im Morgenthau -erscheint.</p> - -<p>Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, -als sie am nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen -Pflichten ging, deren erste war, die Geschwister zur Schule -zu besorgen. Sie flocht die Zöpfchen der Schwestern mit -wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die Butterbröte -besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles -heut viel hübscher sei, als gestern.</p> - -<p>Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht -lassen, die freie Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt -waren, zu einem kurzen Besuch bei Fräulein Sabine zu -verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft ihres -Glückes zu verkünden.</p> - -<p>Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da -wir den Gang der Begebenheiten kennen, und kehren in -die Wohnung des Doktors zurück, der sich eben zu einem -Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch sehr -ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen -hatte er sich zur Ruhe gesetzt.</p> - -<p>Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von -Männern, die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, -aber nie gewaschen werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde -insofern genügt, als sein Haus nur meuchlings gescheuert -wurde — d. h. man überfiel ihn mit der vollendeten -Thatsache und er ergab sich dann.</p> - -<p>So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei -Scheuerfrauen auf sein Verschwinden, und begannen sofort -das Werk der Erneuung an sämmtlichen Stubenböden, auf -welchen die zwölf Stiefelsohlen der schulpflichtigen Kinder -deutliche Spuren des Novemberwetters zurückzulassen -pflegten. Nur das <em class="antiqua">sanctum</em> des Doktors blieb verschont -und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen -Familie.</p> - -<p>Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu -dieser ungewöhnlichen Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen -war, sie setzte sich daher etwas verdrießlich mit -ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube, und -sah auf die Straße hinab.</p> - -<p>Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den -Hauptmann in voller Uniform, der sehr stattlich aussah -und ihn um die Erlaubniß bat, in einer wichtigen Angelegenheit -unter vier Augen mit ihm sprechen zu dürfen.</p> - -<p>Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im -Kopf gesteckt, so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, -daß es sich hier um Käthe handeln könne. So aber lud -er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu folgen, öffnete -die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein -— da saß seine Frau.</p> - -<p>Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür -wieder zu und öffnete das Eßzimmer, dessen Pforte ihm -die Perspektive auf die übrige Wohnung erschloß. O weh -— über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein -intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus -jedem Raum stieg „ein feuchtes Weib empor.“</p> - -<p>Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium -hatte begonnen!</p> - -<p>Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud -den Gast ein, abermals in sein Zimmer zurückzukehren, wo -inzwischen das Feld rein geworden war. Die Doktorin -hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen, -und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst -„austoben“ lassen — sie verschwand daher in der Küche -und schnitt mächtige Frühstücksschnitten für das heut vermehrte -Hauspersonal.</p> - -<p>Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter -Haltung vor dem Doktor. Das Anfangen war doch -entsetzlich — <em class="gesperrt">so</em> schwer hatte er sich’s nicht gedacht.</p> - -<p>„Ich komme, verehrter Herr Doktor“, begann er mit -etwas gepreßter Stimme, „um Ihnen eine Bitte vorzutragen.“</p> - -<p>Bautz — ging die Thüre auf — „der Baron von -Rabeneck ist da, Papa!“ rief Käthe ins Zimmer tretend, -erblickte den Hauptmann, stieß einen kleinen Schrei aus, -und war weg, wie der Blitz.</p> - -<p>„Ach, verzeihen Sie — verzeihen Sie einen einzigen -Augenblick“, sagte der Doktor eilfertig, „der Baron kommt, -um seinen Miethskontrakt abzuschließen — ich stehe dann -sofort zu Diensten! — Guten Morgen, Herr Baron — -ich freue mich — die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr -Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind -bald fertig.“</p> - -<p>„Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?“ -fragte der Baron im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt -zu einer Unterhaltung, die, recht breit in der Anlage, -einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung versprach.</p> - -<p>„O, recht gut“, sagte der Doktor, der auch nicht eilig -schien, „es war ein bischen spät.“</p> - -<p>„Aber ein allerliebstes Fest — auf Ehre! Wie ist -Ihren verehrten Eltern der Abend bekommen?“ (zum -Hauptmann gewendet.)</p> - -<p>Dieser murmelte etwas Unverständliches — er erstickte -fast vor Zorn und Verlegenheit.</p> - -<p>„Und Ihre Damen, Herr Doktor?“</p> - -<p>„Die sind schon lange wieder auf den Füßen!“ bemerkte -der Doktor wohlgefällig.</p> - -<p>„Oh — so matinal? Sind Sie immer so matinal? -Aber das finde ich sehr recht! Morgenstunde hat Gold -im Munde! Mein seliger Papa pflegte das immer zu -sagen — Morgenstunde hat Gold im Munde — ganz -richtig — was?“</p> - -<p>Der Hauptmann verbeugte sich stumm — er hätte um -die Welt jetzt nicht sprechen können. Der Doktor trat -zum Schreibtisch und wühlte in den Papieren.</p> - -<p>„Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr -Baron?“</p> - -<p>„Sofort — ganz zu Diensten! Ja — noch einen -Augenblick — denken Sie, Herr Hauptmann, wie der -Zufall spielt — nicht wahr? Einzig manchmal! Wir -sprachen doch gestern Abend von Straten — was?“</p> - -<p>„Ich erinnere mich nicht!“ sagte der Hauptmann unklug -und wuthbebend.</p> - -<p>„Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach -ihm — Straten, der zu den Husaren kommandirt war, -und mit dem ich bei den Dragonern stand — besinnen -Sie sich jetzt? was?“</p> - -<p>„Ja, ja!“ grollte der Hauptmann.</p> - -<p>„Nun denken Sie, wie der Zufall spielt — nein, man -kann wirklich sagen ‚<em class="gesperrt">spielt</em>‘, denn er spielt manchmal, -was? und wir sind sein Spielzeug! Das ist so ein Aperçu -von mir — liebe solche Aperçus! — nun, um auf unsern -Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den -guten Straten gemeint haben will — bewahre! — dagegen -protestire ich von vornherein — es ist nur so eine Redensart! -Ja, <em class="antiqua">enfin</em>! — ich gehe gestern Abend nach der -blauen Krone — ich komme ins Gastzimmer — wer sitzt -da? — Straten! Nein, ich bitte Sie!“</p> - -<p>Der Baron lachte herzlich.</p> - -<p>„Nun, warum sollte er nicht dasitzen?“ fragte der -Doktor, jetzt auch etwas unwirsch.</p> - -<p>„Aber, ich sage Ihnen ja — wir hatten eben vorher -von ihm gesprochen! Er steht in Rotbergen — zwei -Meilen von hier — und kommt gerade den Abend her. -‚Guten Abend, Straten!‘ sage ich. Nun hätten Sie mal -seine Ueberraschung sehen sollen! ‚Guten Abend, Rabeneck!‘ -sagt er. ‚Nein, das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier -treffe! was machen Sie denn hier?‘ frage ich. ‚Ach, ich -langweile mich so in Rotbergen, da bin ich heut hier -herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders -zu trinken‘, sagt er. Und nun plauderten wir von dem -alten Regiment — ach, da hat sich auch viel verändert! -Der Kommandeur ist weg — nach Braunschweig versetzt, -mein damaliger Schwadronschef.“ —</p> - -<p>„Ja aber, Herr Baron“, unterbrach der Doktor diese -interessante Geschichte, „wenn wir vielleicht erst unseren -Kontrakt machen wollten — Herr Hauptmann Scharff -wünscht mich dann noch in einer anderen Angelegenheit -zu sprechen.“</p> - -<p>„Ach, Pardon! — bitte tausendmal um Entschuldigung! -aber es war mir — ich dachte, es müßte den Herrn -Hauptmann interessiren — es war doch ein zu sonderbares -Zusammentreffen, was?“</p> - -<p>Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den -Kopf hin und her über den merkwürdigen Zufall.</p> - -<p>Während die Herren den Kontrakt durchlasen und -daran herumkorrigirten, stand der Hauptmann stumm am -Fenster und sah auf die Straße. „Fatal! <em class="gesperrt">Einmal</em> -anfangen war schon schlimm genug — aber <em class="gesperrt">zweimal</em> — -das ging gar nicht!“ Er biß sich zornig auf die Lippen. -Und der Moment mußte gleich wieder da sein — die -Feder des Doktors jagte nur so über das Papier.</p> - -<p>Da klopfte es, und ohne das „Herein“ abzuwarten, -wurde die Thür sehr weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen -mit einem großen Tablet erschien, auf dem Porzellan, -Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber aufgestapelt -waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann, -ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: „Eine -Empfehlung von der Frau Majorin, und sie schickt die -Sachen wieder.“</p> - -<p>„Still!“ rief der Doktor mit furchtbarer Stimme — -er hatte sich verschrieben, und das haßte er!</p> - -<p>„Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden, -da mußte ich alles hier herein bringen“, fuhr das Mädchen -unbeirrt fort.</p> - -<p>Der Doktor schrieb.</p> - -<p>„Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr -Doktor?“ fragte das Mädchen, „ich muß dafür stehen, daß -nichts fehlt.“</p> - -<p>„Rufen Sie Fräulein Käthe“, sagte der Doktor, ohne -den Kopf zu wenden.</p> - -<p>„Die will nicht hereinkommen“, erwiderte die unerschütterliche -Magd.</p> - -<p>„Hinaus!“ rief jetzt der Hauptmann donnernd, und -wandte sich um. Dieses Wort hatte die Wirkung eines -Sprenggeschosses — die Botin flog davon, und ward nicht -mehr gesehn.</p> - -<p>„So!“ sagte der Doktor aufathmend und erhob sich -— „ich habe unterzeichnet — wollen Sie nun auch noch -die Güte haben, Herr Baron?“</p> - -<p>Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.</p> - -<p>„Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, -ehe ich unterschreibe. — Sie wissen, eine Wohnung ist -eine wichtige Frage, — man muß doch einmal drin wohnen -— und — kurzum, ich möchte mir das Quartier noch ein -letztes Mal ansehen — so einen Ueberblick, wie mein Papa -immer zu sagen pflegte. ‚Chlodwig, verschaffe dir immer -einen Ueberblick‘, hat er unzählige Male zu mir gesagt! -Dürfte ich um diese Gunst bitten?“</p> - -<p>Der Doktor pfiff leise — aber er faßte sich, und die -Herren schickten sich an, das Quartier zu besichtigen.</p> - -<p>Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung -seiner Aussprache fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott -gegeben, zu weinen, so hätte er geweint! Er trommelte -den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der Fensterscheibe -— er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu -lesen — obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt -hätte, <em class="gesperrt">was</em> er las.</p> - -<p>Nachdem einige Zeit — für den Hauptmann eine -halbe Ewigkeit — verstrichen war, traten die Herren wieder -ein. Der Baron sah sehr bekümmert aus und zog sich -einen Handschuh an.</p> - -<p>Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und -wippte mit dem Fuß hörbar auf und nieder — er war -offenbar schwer gereizt.</p> - -<p>Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.</p> - -<p>Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, -dem Hauptmann.</p> - -<p>„Ich weiß nicht — es ist mir so unangenehm, nein, -wirklich — es ist mir <em class="gesperrt">sehr</em> unangenehm!“ flüsterte er, -„der Herr Doktor ist so böse — aber ich habe neulich -ganz übersehen — das Schlafzimmer liegt nach Nordosten, -und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte -immer: ‚Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im -Schlafzimmer — halbes Leben — halbe Gesundheit.‘“</p> - -<p>„Schlafen Sie doch wo anders!“ stieß der Hauptmann -rauh hervor.</p> - -<p>„Kann ich nicht, mein Bester — kann ich nicht! Und -dann fehlt mir auch ein Zimmer — ein einziges Zimmer -— mein Friedrich <em class="gesperrt">muß</em> neben mir logiren! Ja, hätte das -allerliebste, reizende Eckzimmer — ein <em class="antiqua">bijou</em> von einem -Zimmer — noch ein einziges Fenster! aber so!“</p> - -<p>„Ich will Ihnen etwas sagen,“ explodirte der Doktor, -„haben Sie die Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen -umbauen zu lassen, und dann wollen wir wieder vier -Stunden Kontrakt machen. Das ist ja —“</p> - -<p>Der Baron sah hilflos aus.</p> - -<p>„Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr -Doktor scherzt — nicht wahr? ich liebe das sehr! scherze -selbst gern — ich war immer dafür bekannt, daß ich viel -scherze! mein Kommandeur sagte oft: „glaubt dem Rabeneck -nicht, er scherzt nur!“ <em class="gesperrt">Wie</em> oft! —“</p> - -<p>„Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,“ schrie der -Doktor, „mit mir haben Sie genug gescherzt!“</p> - -<p>Und er wandte sich ab.</p> - -<p>„Mein Gott, wie peinlich!“ sagte der Baron, und zog -sich den zweiten Handschuh an, „und ich wäre so gern -hier ins Haus gezogen! aber jeder ist sich selbst der Nächste! -was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das kann mir -doch keiner übel nehmen — das finde ich — da kann ich -mir nicht helfen!“</p> - -<p>Und damit retirirte der Baron, und ging — ungeleitet, -denn der Doktor war <em class="gesperrt">zu</em> ärgerlich — und man hörte den -Weggehenden noch im Hausflur, wie ein abziehendes Gewitter -fragen, ob er sich nicht selbst der Nächste wäre.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wen</em> er fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht -— es war ihnen auch höchst gleichgültig. Der Doktor -rannte wie ein gefangener Tiger im Käfig auf und ab, -und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen über -den Baron.</p> - -<p>„Dieser Einfaltspinsel — dieser alberne Kerl — fragt -einen erst todt, und miethet dann nicht einmal! Nein, ich -war gestern Abend schon so glücklich — mein Quartier so -gut wie vermiethet, und nun? Prosit die Mahlzeit! Nun -sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame -Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?“</p> - -<p>Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung — -in <em class="gesperrt">diesem</em> Sturm konnte er sein Schifflein nicht -auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder ruhig -werden.</p> - -<p>„Aber eins sage ich,“ fuhr der erregte Doktor fort, -„<em class="gesperrt">einen</em> Rath gebe ich jedem, der ihn haben will. Wer -kein Haus hat, freue sich, und wer eins hat, zünde es an -allen vier Ecken an. Das ist ja —! alle Tage was -Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben — dem -soll man die Thüren streichen lassen, und dabei bleiben -einem die Wohnungen noch leer stehen! Ich danke für -mein Haus — ich schenke es weg — da mache ich immer -noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und -Aerger, dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und -keinen Aerger — nein, wahrhaftig!“</p> - -<p>Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt -in die Hand.</p> - -<p>„Den Wisch möchte man doch nun gleich in tausend -Stücke reißen,“ begann er von neuem, „der Mensch hat -sich verklausulirt, als wenn er ein Testament über eine -Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte — -um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt — eigentlich -kann ich Gott danken, daß ich <em class="gesperrt">den</em> nicht als Miether -bekommen habe. Ein unausstehlicher Kerl! Aber mein -Quartier — nein, ich bin außer mir! nun hängt -der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und -jedesmal, wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich -darüber.“</p> - -<p>Der Hauptmann trat einen Schritt näher.</p> - -<p>„Herr Doktor,“ begann er mit halbem Lächeln, „darf -ich Ihnen einen Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht -beiden gedient wäre? Das Quartier hat vier Zimmer, -wie ich höre — hätten Sie etwas dagegen, mich als -Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher -versetzt.“</p> - -<p>Das Gesicht des Doktors klärte sich auf.</p> - -<p>„Ja, aber,“ sagte er etwas zögernd, „ist Ihnen denn -die Wohnung nicht zu groß?“</p> - -<p>„Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich -kam heute, wie Sie in der Sturm- und Drangperiode mit -dem Baron vielleicht vergessen haben, um in einer persönlichen -Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen — -darf ich meine Bitte jetzt vortragen?“</p> - -<p>Dem Doktor ging ein Licht auf.</p> - -<p>„Bitte!“ stammelte er verlegen.</p> - -<p>„Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,“ fuhr der Hauptmann -ernsthaft fort, „und sie ist meiner Werbung trotz unserer -kurzen Bekanntschaft nicht abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr -Doktor, daß von Ihrer Seite unserer Verbindung kein -Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine -Eltern —“</p> - -<p>Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln -die Damen in des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche -Scene fand statt, nach deren Beendigung der Doktor sich -zur Thür wandte, um Majors herunter citiren zu lassen. -Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen -und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte -sich draußen vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit -gerechtfertigt, und als die Klingel des Hausherrn -so ungestüm erscholl, hatte ihn sein Wissensdrang -nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen -Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt -assistirt hatte.</p> - -<p>Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der -überfließenden Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron -brachte seine Gratulation an und fragte: „Verlobt, was? -— ja, das muß sehr hübsch sein — ich finde das allerliebst! -werde mich wohl auch entschließen — nur kein -Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: -‚Chlodwig, du bist fürs Familienleben geschaffen!‘“ Nachdem -er diesen Satz zu Ende gebracht hatte, war der beglückte -Schwiegervater so erheitert, daß er den Baron für seine -Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der gutmüthige -Mann auch sofort bereitwillig zugestand.</p> - -<p>Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner -servirt wurde, wozu die noch aufgestellten -Gläser und Tassen vortrefflich zu statten kamen, ließ sich -der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran Theil zu -nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des -Doktors Stube.</p> - -<p>Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar -war still, aber sehr zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen -aus. Der Doktor und der Major stießen an, und tranken -Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der Unverdrossenheit -einer Pagode zu und weinte Freudenthränen -über ihren Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu -trocknen, borgte sie allerdings schluchzend das Tuch von -der Doktorin — ihr eigenes war momentan nicht zur -Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter -diesen Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr -zusammennehmen. Aber bei der Gelegenheit gelobte sie -sich heilig und theuer, das Borgen müßte von nun an seine -Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird, der sich -in einen ähnlichen Fall versetzen kann.</p> - -<p>Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen -wäre, und erzählte kleine, geistreiche Aussprüche -seiner Eltern und ihres Chlodwig, wobei er der Bowle -tapfer zusprach, und es durchaus nicht übel nahm, als -man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig -neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner -Leserinnen, die sich für Leontine interessiren, unter tiefster -Diskretion verrathen, daß der Baron ganz ernste Heirathspläne -hat — die beiden werden sehr gut für einander -passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen werden! -— Ja — nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde -ein Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd -und strahlend in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube -erschien, und die Verlobungsbowle ihres Lieblings -mit leeren half.</p> - -<p>Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen — jeder -hat, was sein Herz wünscht, freilich mehr oder weniger — -in den Gläsern funkelt der Wein und alles ruft: „hoch -das Brautpaar!“</p> - -<p>Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Und_doch" id="Und_doch">Und doch!</a></h2> - -<h3><a name="I" id="I">I.</a></h3> - -<p class="first">Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, -als überlege er, ob er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd -zuwerfen und der Undankbaren da oben eine Art von -zornigem Abschiedsgruß senden solle — aber die Vernunft -siegte doch — die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen -Kraftanstrengung geschlossen — und nun stand er auf der -Straße! —</p> - -<p>Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben -verlassen hatte, von oben bis unten, — nicht als hätte -es einen besonders schönen Anblick gewährt, — aber er -hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick dort zugebracht, -— die blühenden Gewächse hinter den weißen -Gardinen hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, -wenn er von seiner nahe bei der Stadt belegenen kleinen -Besitzung auf muthigem Rößlein vor das Haus der Verwandten -gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche -zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein -dunkelblonder Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte -ihm freundlich wiedergewinkt.</p> - -<p>Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, — wie viel -Stufen hatte die Treppe? — jedesmal schien eine mehr, -bis er den messingnen Klingelgriff in der Hand hielt! -Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein ganz richtiger -Mutterbruder, — aber der schmucke, junge Landmann war -als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen -worden.</p> - -<p>Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, — in -einem bequemen Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne -Saffianlehne durch gelbe Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte -als geschmackvolle Einfassung erhielt, saß der Vater, -ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer -Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er -die weit von sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit -zu Zeit die Handlung eines Monarchen durch wohlgefälliges -Brummen zu billigen oder über die unbedachten -Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf -zu schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade -aufgerichtet, — diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern -beizubringen, bestrebte sich die Gute fortwährend durch -Blicke, Winke und Bewegungen, während ihre Hände -Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper -in Musik setzten. — Und wenn dann der Theetisch gedeckt -war, saßen die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares -wie Orgelpfeifen um sie her, — die Aehnlichkeit unter -den Geschwistern war auffallend, — alle vier zeigten entschiedene -Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite Lippen -und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten -sich aber die andern nicht messen, — was in Fränzchens -Gesicht zierlich und allerliebst war, hatte bei den beiden -Buben eine gewisse unfertige Plumpheit, und die Kleinste -befand sich noch in dem Alter, welches für junge Männer -einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.</p> - -<p>So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin -gekommen, seine Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter -zuzuwenden, und sie hatte das ganz freundlich hingenommen, -hatte erlaubt, daß er ihr das Streichhölzchen anzündete, -um die Spiritusflamme unter dem Theekessel in Brand zu -stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus -seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße -und Erzählungen beinahe so herzlich wie er selbst, — und -das wollte etwas sagen!</p> - -<p>Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und -Selbstüberhebung nöthig, um die Entschlüsse reifen zu -lassen, die in nächster Zeit unsern Helden bewegten. Noch -nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich in der -Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen -zur Auswahl präsentirt. Da war besonders eins, das -er in’s Herz geschlossen hatte, mit blauen, schmalen -Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, — als -er ihr das zeigte und frug:</p> - -<p>„Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so -tapezirt wäre? Ist es nicht niedlich?“</p> - -<p>Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage -und sagte:</p> - -<p>„Sehr niedlich!“</p> - -<p>Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie -roth geworden, wenn sie nicht wußte, was er damit -meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen warb er einen -ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ -seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich -viele Tage lang mit dem abscheulichsten Kleistergeruch, — -und Alles um nichts und wieder nichts! —</p> - -<p>Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer, -— überlegte, — verwarf, — und kam endlich zum Entschluß. -Heut, — diesen selben Tag, an dem er fiebernd -vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße stand, -war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon -früh ritt er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so -groß, daß ihm alle Leute verwundert nachsahen, — das -Mädchen empfing ihn mit der größten Freundlichkeit, — -zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, — und man -lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft -junger Leute sich versammeln sollte.</p> - -<p>Das that er denn auch, und als er im Hausflur -einen kleinen Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, -braunes Gesicht darin betrachtete, kam er sich beinahe -hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er in’s Knopfloch -gesteckt — und unter der Rosenknospe schlug ein Herz -voll Löwenmuth!</p> - -<p>Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug -ein weißes Kleid mit feinen, blauen Streifen, — es sah -seiner Tapete beinahe ähnlich, — und die blonden, glatten -Zöpfe waren mit einer frischen Nelke geschmückt, — er -hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem -Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte!</p> - -<p>Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er -eintrat, und Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind -begrüßte. Er sah aber gleich, daß sie schlechter Laune war.</p> - -<p>„Guten Abend, Karl,“ sagte sie flüchtig und mit einem -Anflug von Verdrießlichkeit in der Stimme. „Du kommst -genau eine Stunde später als du eingeladen bist! Wir -hätten schon lange anfangen können zu tanzen, wenn wir -nicht hätten auf Dich warten müssen.“</p> - -<p>Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler -bestand darin, daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf -besaß. Er wurde röther, als es selbst der Dame seines -Herzens gegenüber nöthig war, machte ein steifes Kompliment -und zog sich zurück. Eins kam zum andern, — -die Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, — -und schließlich geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem -Geburtstag von einem Andern zu Tisch führen ließ und -Karl mit einem schnippischen: „ich bin schon versagt,“ abfertigte.</p> - -<p>Aber Karl rächte sich! — Unmittelbar nach Tisch -wollte man beginnen, nach dem Klavier zu tanzen. Als -sich der Heimtückische durch einen schnellen Ueberblick versichert -hatte, daß auch ohne ihn eine ausreichende Zahl -von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß plötzlich -einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. -Die ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, — Fränzchen -allein stand an ihrem Geburtstagstisch und zählte die -Blättchen an ihrem Rosenstock, — das erbitterte ihn nun -vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß verstaucht, -könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn -man ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts -auf einem Ball zu suchen habe.</p> - -<p>Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl -blieb, — aber er tanzte konsequent nicht! Die Fenster -waren geöffnet, um die nächtliche Sommerluft einzulassen, -— er setzte sich hinter die Gardine und dachte zornig -darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt -hatte! Und eigentlich war er ja schuld gewesen, — was -mußte er gleich so empfindlich sein! Sie hatte Recht, er -<em class="gesperrt">war</em> zu spät gekommen, — und es war doch Fränzchens -Geburtstag! — Er erhob sich, — es wurde ihm zu heiß -hinter der Gardine, — und humpelte, seiner Rolle getreu, -über das Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß -er besser tanzte wie jeder der anwesenden Herren, war klar, -— das wußte Fränzchen auch, — und deshalb ärgerte -es sie so sehr, daß er heute nicht tanzen <em class="gesperrt">wollte</em>, denn -sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.</p> - -<p>„Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,“ rief da die -Mutter, „es ist schon sehr spät!“</p> - -<p>Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens -Mutter schon gewöhnt, — da erhob sich Karl und bat -die Tante flehentlich, noch einen Augenblick zu verziehen, -die Schmerzen in seinem Fuß hätten nachgelassen und -er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte der -Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen -mit blitzenden Augen dazwischen trat.</p> - -<p>„Es thut mir leid, Karl, wenn <em class="gesperrt">du</em> auch wieder hergestellt -bist, — ich habe mir soeben den Fuß versprungen -— und zwar so gründlich, daß ich glaube, wir würden -nie wieder in den richtigen Takt kommen.“</p> - -<p>Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. — Die -tanzenden Paare trennten sich, — man ging umher, um -sich abzukühlen, und endlich brach man auf. Daß Karl, -als Verwandter des Hauses, sich noch nicht mitempfahl, -konnte Niemandem auffallen.</p> - -<p>Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene -Fenster, um ihnen nachzusehen, und Karl, von Reue und -Liebe beseelt, stürzte sich Hals über Kopf in das ungeheure -Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu werben. So -— nun war’s heraus, — Gott sei Dank! — er sah seitwärts -nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der -Ueberraschung machen würde, — aber sie stand so still -und unbeweglich am Fenster, als ginge sie die ganze Sache -gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er stehen. -Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an -beiden Schultern und drehte sie herum.</p> - -<p>„Nun, Fränzchen,“ fragte er in einer Mischung von -Rührung und Humor, „was sagst du? Hier, der Karl -will dich zur Frau haben, — na, du hast dir’s wohl -schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, — sag’ -Ja oder Nein!“</p> - -<p>Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher -Stimme ein kurzes „Nein!“ drehte sich wieder um -und trommelte an den Scheiben.</p> - -<p>Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an. -— Das kam ihnen allen Dreien unvermuthet, — bis -Karl leise bat:</p> - -<p>„Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, — ich -will sie schon zur Vernunft bringen!“</p> - -<p>Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu -überlassen, Karl trat zu der kleinen Eigensinnigen und -sah, daß ihre Augen voll Thränen standen.</p> - -<p>„Fränzchen,“ bat er herzlich, „sei nicht kindisch! Ich -weiß, du hast ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann -dir nicht mehr leid thun wie mir, daß wir uns heute so -mißverstanden haben, — verzeihe mir doch!“</p> - -<p>Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und -unwillig zurück.</p> - -<p>„Sieh’,“ fuhr er fort, „das Nein, was du mir jetzt -sagst, ist doch ein anderes, als eine Absage für einen Tanz! -Ich kann dann nicht mehr wiederkommen und fragen, ob -du dich anders besonnen hast, — du weißt, ich würde -es auch nicht thun, — überlege dir’s einmal, Fränzchen!“</p> - -<p>Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er -verzweifelt zurück und rief die Eltern wieder herein.</p> - -<p>„Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du -ihr einmal zu, — sie ist zu kindisch!“</p> - -<p>Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton -das Mädchen, welches sich trotzig vor ihn hinstellte.</p> - -<p>„Was fällt dir ein,“ fuhr er sie ziemlich rauh an, -„läßt den Karl ablaufen wie einen dummen Jungen, weil -ihr irgend eine alberne Uebelnehmerei mit einander gehabt -habt! Gleich bist du vernünftig und sagst entweder einen -Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst ihm -die Hand.“</p> - -<p>„Nein, ich will nicht und ich will nicht!“ rief das -Mädchen jetzt, von Schluchzen unterbrochen, „erst kommt -er zu spät, dann ist er so unhöflich gegen mich wie möglich, -dann tanzt er nicht und verdirbt mir meinen ganzen Geburtstag, -— nennt mich zweimal in einem Athem kindisch, — und -wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend -gnädig kommt und mich heirathen will, — da soll ich Ja -sagen! Ich thu’s nicht, — ich mag nicht aufs Land, -ich will überhaupt nicht heirathen und ich wollte, ihr -hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!“</p> - -<p>„Es ist gut, Fränzchen,“ sagte Karl trocken, während -sie sich abermals abwandte und ihr Gesicht ins Tuch -barg, „wir wollen nicht mehr davon sprechen! Ich habe -mich geirrt und bin ein Narr gewesen, — und jetzt kann -ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen -Geburtstag verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, -lieber Onkel, gute Nacht, Tante!“</p> - -<p>Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, -— dann stürmte Karl davon und der Moment, -wo er die Hausthür öffnete und auf die Straße trat, war -es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den -Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und -fühlte mit Behagen, daß ein heraufziehendes Gewitter -schwere Regentropfen auf seine heiße Stirn sandte, die er -schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu Zeit -wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese -Bewegung vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen -Streich gespielt, daß er nicht mehr mitsprach, als das Herz -heut durchging.</p> - -<p>Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung -weit besser zu, als die langsame Fortbewegung der -Füße, und doch kam er viel zu früh für seine Wünsche -daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer Zeit -mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, -dünkte ihm unwirthlich und öde, — er erschien sich wie -Einer, der zu einer schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof -ging, den Zug versäumte — und mit entsetzlich ernüchterten -Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses letzte -Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, — „aber es giebt -ja mehr Züge als den einen,“ sagte er halblaut vor sich -hin, „führen sie auch nicht alle in das gelobte Land der -Ehe, — man kann auch sonst noch Reisen machen, denn -hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher Gedanke! Aber -wohin? — ich kann für die nächsten zwei, drei Tage abkommen, -ich werde nach Schrobeck fahren!“</p> - -<p>Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den -die Bewohner der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen -benutzten. Für gewöhnlich war er nur sehr stark von -alten Damen frequentirt, daher er für einen jungen Mann -wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal -der nächste zu erreichende Ort — und für Schrobeck entschied -sich Karl. Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die -undeutliche Vorstellung, daß eine alte Tante Amalie, die -er zu besitzen sich rühmen durfte, meist um diese Zeit des -Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, — aber er tröstete -sich mit den beliebten „Vielleichts“: „vielleicht ist sie jetzt -noch nicht da!“ oder „vielleicht sieht sie mich gar nicht,“ -kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam -ausgestatteten Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen -Studium er sich eifrig vertiefte.</p> - -<h3>II.</h3> - -<p>Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am -nächsten Morgen in grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte -und einer gestickten Reisetasche mit Rosen und Veilchen -im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe Stunde — -sechs Uhr — hatte dem Landmann keine Ueberwindung -gekostet, denn „fort, — nur fort!“ war seine Losung -und der erste Zug ging um sechs Uhr zwanzig Minuten. -Sein Platz war so gewählt, daß er der Eingangsthür -den Rücken wandte und doch im Stande war, mit -Hülfe eines ihm gegenüber hängenden großen Spiegels -Alle zu beobachten, die den Wartesaal betraten.</p> - -<p>Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit -zu fesseln vermocht, — zwei verschlafene, verdrießlich aussehende -Damen, deren eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder -Bewegung erhielt, ließen in ihm nur den Gedanken -aufsteigen: „Gott bewahre mich vor solcher Gesellschaft!“ -Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe, -der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden -Nymphe am Büffet sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen -erging, — vor diesem graute ihm noch weit mehr! Die -einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin dieses interimistischen -Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche -Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, -auf dem sehr naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling -hätten durstig machen können. Die kleine Dame sah, gegen -die Gewohnheit des alleinreisenden weiblichen Geschlechts, -ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der frühen -Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.</p> - -<p>„Das wäre schon eher Etwas!“ dachte Karl bei sich.</p> - -<p>In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte -Bewegung, bei der wir, wie der Volksmund sagt, -aus der Haut fahren möchten. Seine Augen erblickten -im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in ihm den -unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den -Tisch zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes -Aufsehen zu erregen.</p> - -<p>Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, -stumpfnäsig, mit einer zierlichen Ledertasche und mehreren -Paketen beladen, hatte den Raum betreten, gefolgt von -einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen Augen, -blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens -die Röthe der Augenlider zu verdecken bestrebt war, — -Fränzchen und ihr ältester Bruder!</p> - -<p>In Karl’s Gehirn führten allerlei Gedanken einen -verworrenen Tanz aus, — er fühlte den unbestimmten -Wunsch, etwas zu unternehmen, — und zugleich die beschämende -Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, -— endlich that er, was meist das Klügste ist, was man -thun kann, — wenn es die Menschen nur einsehen wollten! -— er wartete ab!</p> - -<p>Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte -den Kopf in die Hand und sah vor sich nieder, der sie -begleitende Knabe Fritz dagegen ließ seine munteren Augen -im ganzen Saal umherschweifen, bis sie glücklich im Spiegel -Karl’s wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch im selben -Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell -nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten -Sekundaner des neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, -— und nickte! Ja, noch mehr, — als Karl mit der Hand -nach dem soeben geöffneten Perron zeigte, dann auf sich -selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch -ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der -kluge Fritz sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine -etwas unsichere Knabenstimme machte der Schwester den -Vorschlag, er wolle in dem schon draußen haltenden Zuge -einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig hier bleiben.</p> - -<p>Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte -dann wieder die Hand über die Augen. Karl konnte also -unbemerkt den Saal verlassen und den Perron betreten, -dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken Wandpfeiler -unmöglich wurde.</p> - -<p>Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, -wurde, wie die Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt -und festgehalten.</p> - -<p>„Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?“ stieß Karl hervor, -den Sekundaner mit Blicken durchbohrend.</p> - -<p>„Nach Schrobeck,“ erwiderte dieser, sich mit einer mehr -kräftigen als anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, -die seine Schultern hielten.</p> - -<p>„Nach Schrobeck?“ wiederholte Karl dumpf, „dachte ich -mirs doch! Aber warum gerade dorthin?“</p> - -<p>„Weil Tante Amalie dort ist, — ich bringe die -Fränzchen nur vor der Schule auf den Bahnhof, — sie -fährt allein!“</p> - -<p>„Und ich fahre auch nach Schrobeck,“ sprach Karl in -düsterem Tone, sein Billet emporhaltend.</p> - -<p>Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches -Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich -argwöhnisch und neidisch nach dem Eigenthümer so vieler -Heiterkeit umsahen.</p> - -<p>„Was lachst du denn, dummer Junge?“ rief Karl -jetzt ergrimmt, „sage lieber, wie Fränzchen so plötzlich -darauf kommt, abzureisen! Gestern Abend war doch noch -gar nicht davon die Rede!“</p> - -<p>„Denkst du denn, ich weiß gar nichts,“ erwiderte -Fritz, dessen Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. -„Die halbe Nacht ist noch bei uns ein fürchterlicher Spektakel -gewesen, — Fränzchen hat geweint, der Vater -hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was -sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, -bis sie zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der -Vater einen Brief gegeben, den sollte ich zu dir tragen, -wenn ich aus der Schule käme, — da du aber nach -Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!“</p> - -<p>„Her mit dem Brief!“ herrschte Karl mit so wildem -Ton und Blicke, daß Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick -erzitternd, den Brief aus der Tasche zog und Karl einhändigte.</p> - -<p>Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes -Lächeln über sein Gesicht, er faltete den Brief zusammen, -steckte ihn in die Tasche und wandte sich wieder zu Fritz.</p> - -<p>„Höre Fritz, — in diesem Zuge giebt’s keine Damencoupés. -Du belegst hier in diesem Wagen einen Platz -für Fränzchen, — ich lasse meine Reisetasche in die Ecke -legen und komme nicht eher auf meinen Platz, bis -der Zug eben fortfahren will.“</p> - -<p>Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé.</p> - -<p>Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann -Karl’s Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. -Fritz begab sich wieder in den Wartesaal, um seine -Schwester zu rufen, — es klingelte zum ersten Mal.</p> - -<p>Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers -zum Fenster hinaus.</p> - -<p>„Hier, Fränzchen!“ rief der wohlinstruirte Fritz und -half der Schwester in das Coupé steigen, an dessen Fenster -ein Täfelchen mit der bedeutsamen Inschrift prangte: „Für -Nichtraucher!“</p> - -<p>„Kein Damencoupé?“ frug das Mädchen schon im -Einsteigen.</p> - -<p>„In diesem Zuge giebt’s keine Damencoupés,“ lautete -die Antwort, und Fränzchen nahm ihren Platz gerade der -gestickten Reisetasche gegenüber, um den Anblick der -brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich zu -genießen.</p> - -<p>Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch -allerlei Aufträge in Empfang.</p> - -<p>„Erlauben Sie, junger Herr,“ sagte da eine muntere -Stimme hinter ihm, und die junge Dame mit dem -Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die dritte Ecke -an der andern Seite ein.</p> - -<p>„Ob das Karl lieb sein wird?“ dachte Fritz bedenklich, -— doch da er nicht befugt war einzuschreiten, schwieg -er wohlweislich.</p> - -<p>Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten -Augenblick an, sie klagte über die Hitze, legte ihr -Hütchen ab und bot Fritz und Fränzchen gutmüthig von -dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren Quantitäten -bei sich zu führen schien.</p> - -<p>„Ich fahre nicht mehr allzu lange,“ sagte sie jetzt, sich -bequem in die Ecke zurücklehnend, „in Eisdorf steige ich -aus. Sie auch, Fräulein?“</p> - -<p>„Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem -Ziel, — ich will nach Schrobeck,“ erwiderte Fränzchen müde.</p> - -<p>Ein erneutes Klingeln, — ein kurzer, zwitschernder -Pfiff ließ sich vernehmen, — Fritz wurde höflich ersucht, -seinen erhabenen Standpunkt zu verlassen, — und eben -wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als in vollem -Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über -den Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin -war, als der Zug sich in Bewegung setzte.</p> - -<p>Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden -Vortheil über Fränzchen, — er wußte, was ihm bevorstand, -und vermochte es in Folge dessen, seinen Hut abzunehmen -und beide Damen wie fremde Mitreisende zu -grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte -ihn mit weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, -und wechselte unaufhörlich die Farbe.</p> - -<p>Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert -von Einem zum Andern, von dem so sehr gefaßten, -jungen Mann zu dem fassungslosen Mädchen, — -und schüttelte unmerklich den Kopf.</p> - -<p>Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. -Er legte seine Reisetasche in das oberhalb angebrachte -Netz, den Hut daneben, und begann dann, über Fränzchen -weg, die kleine Brünette mit freundlichem Wohlgefallen -anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem -Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch -Entfaltung seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen -zu lassen, <em class="gesperrt">wen</em> sie verschmähte.</p> - -<p>Um Karl’s veränderte Stimmung und gehobenen -Muth zu begreifen, bedarf es nur eines Einblickes in -den Brief, den ihm sein hoffentlicher Schwiegervater geschrieben -hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz auf -weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen -den ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des -schwärzesten Betragens angeklagt habe. Von seinem -Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung zu machen, habe -sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen, wahrscheinlich -weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. -So habe denn der Vater beschlossen, um ihr über die -nächsten, unbehaglichen Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine -Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck zu schicken, und -glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben zu -dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal -anfrage, er ein um so freudigeres „Ja“ für das trotzige -„Nein“ von gestern erwarten dürfe.</p> - -<p>So wußte denn unser Held, woran er war, — und -wer das <em class="gesperrt">nicht</em> weiß, kann erst den unschätzbaren Werth -dieser Kenntniß ganz würdigen.</p> - -<p>Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. -Die Kirschendame stand auf und rüttelte mit beiden Händen -an dem geschlossenen Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen -nicht sogleich und Karl sprang mit einem -verbindlichen „erlauben Sie mir!“ auf die gegenüberliegende -Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an -diesem niederlassend.</p> - -<p>Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr -unfreiwillige Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl -eröffnete die Unterhaltung mit der geistreichen Bemerkung:</p> - -<p>„Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene -Fenster kommt ein angenehmer Luftzug.“</p> - -<p>Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum -Zeichen der Zustimmung, und fügte bei:</p> - -<p>„Darum kam ich eben auf den Gedanken!“</p> - -<p>„Es war ein sehr kluger Gedanke,“ sagte Karl verbindlich.</p> - -<p>Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl -von ihrem Pfefferkuchen an.</p> - -<p>„Herren essen zwar so etwas nicht gern,“ bemerkte sie.</p> - -<p>„Aus so schönen Händen,“ erwiderte Karl, der schon -merkte, daß diese Waare hier guten Absatz fände.</p> - -<p>„O, bitte,“ erwiderte sein <em class="antiqua">vis-à-vis</em> erfreut.</p> - -<p>Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das -war zu stark, daß Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden -nach dem betrübenden Vorfall in ihrer Gegenwart so -harmlos lustig sein und dieser kleinen, unternehmenden -Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr -erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!</p> - -<p>Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort, -die kleine Dame lachte über Karl’s Einfälle, die meist -mehr durch Vortrag als durch Neuheit glänzten, — sie -lachte so laut und herzlich, daß sie sich die Augen trocknen -mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische Zwecke im -Auge, — erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann -sein <em class="antiqua">vis-à-vis</em> günstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen -erlaubte. Bescheiden brachte er die Anfrage vor.</p> - -<p>„Bitte, rauchen Sie,“ sagte seine gemüthliche neue -Freundin, „wenn es die andere Dame nicht genirt?“</p> - -<p>Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung -an Fränzchen, mit gezücktem Streichholz.</p> - -<p>„Ich bedaure sehr,“ erwiderte sie in eiskaltem Ton, -„das Rauchen macht mir Kopfweh.“</p> - -<p>Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte. -Schwer geärgert über diese Ungefälligkeit, vergaß er die -gebotene Vorsicht.</p> - -<p>„Du hast es doch immer vertragen,“ fuhr er heraus, -biß sich aber erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame -sichtlich die Ohren spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend, -sich zum offenen Fenster hinausbog.</p> - -<p>Die Kirschendame ertrug’s nicht länger. Sie beugte sich -zu Karl hinüber und sagte lautlos, nur mit den Lippen:</p> - -<p>„Frau!“</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Braut?“ im selben Ton.</p> - -<p>Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.</p> - -<p>„Gezankt?“ deutete das <em class="antiqua">vis-à-vis</em> an.</p> - -<p>Abermals nickte er.</p> - -<p>„O,“ sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl -noch weiter geforscht, wenn nicht in dem Moment der -Zug gehalten hätte.</p> - -<p>„Station Eisdorf,“ rief der Schaffner.</p> - -<p>Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst -ihren Hut, ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen -und mit einem bedeutungsvollen: „Glückliche Weiterreise, -meine Herrschaften!“ verließ sie den Wagen und -taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie erwartet -hatte.</p> - -<p>Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl -sah nun seinerseits zum Fenster hinaus.</p> - -<p>„Nur sich nichts vergeben!“ dachte er.</p> - -<p>Ein zaghaftes „Karl!“ veranlaßte ihn, sich umzuwenden.</p> - -<p>„Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?“</p> - -<p>„Du bist sehr freundlich,“ sagte er kurz, und bald -schwebten die blauen Dampfwolken zum Fenster hinaus -über die grünen Felder.</p> - -<p>Mehrere Minuten vergingen, — Karl überlegte, was -er wohl jetzt sagen sollte, — er beschloß, dem Mädchen -seine Launenhaftigkeit ernstlich zu Gemüth zu führen, — -und während er sich diese Worte in Gedanken zurechtlegte, -störte ihn ein leises Schluchzen.</p> - -<p>Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit -dem Tuch vor dem Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der -Ecke lehnen. Da schmolz sein ohnehin nicht sehr hartes -Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu einer -leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent, -— und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß -er sich seinem Charakter gemäß ausdrückte.</p> - -<p>„Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du -nun dir und mir das Leben schwer? Wärst du vernünftig -gewesen und hättest gestern Abend ‚Ja‘ gesagt, -wie du doch meinst, — nein, sei still, ich weiß es ganz -gut, — da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in -Eurer Wohnstube und Abends führen wir mit dem Vater -zu mir heraus und du sähest dir die blaue Tapete an, -die du ja selber ausgesucht hast.“</p> - -<p>Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,“ fuhr -Karl gemüthlich fort, „und wir Beide, die sich schon gemeinsam -die Wohnung eingerichtet haben, fahren hier, wie -die Landstreicher, in der Eisenbahn, als wüßten wir nicht, -wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das später -werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen, -und du willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und -jetzt steh’ auf und sage: ‚Ich will sehr gut folgen, lieber -Karl!‘“</p> - -<p>Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen -Lachen und Weinen die bedeutungsvollen Worte nach.</p> - -<p>„So,“ sagte Karl nach einer Weile, als die erste -Rührung beiderseits überstanden war, — denn, gestehen -wir es, auch unserem Helden wurde die Stimme etwas -unklar, — „nun will ich dir auch beichten, — ich habe -dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!“</p> - -<p>„Wem denn?“ frug Fränzchen erstaunt.</p> - -<p>„Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,“ erwiderte -Karl ruhig, „was hätte die sich sonst denken sollen?“</p> - -<p>„Station Schrobeck,“ rief der Schaffner, die Thür -öffnend.</p> - -<p>Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr -und Gebieter beschloß, was zu thun sei.</p> - -<p>„Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?“ -frug er, den Namen von Fränzchens Heimathsort -nennend.</p> - -<p>„In einer halben Stunde.“</p> - -<p>„Nun, Fränzchen,“ sagte Karl heiter, „dann fahren -wir in einer halben Stunde hübsch zu deinen Eltern! -Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur nicht zu -Tante Amalie,“ schauderte er.</p> - -<p>„Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,“ schlug -Fränzchen vor.</p> - -<p>„Bravo,“ rief Karl und schlug dröhnend in die Hände, -„du bist die richtige Frau für mich! Natürlich trinken -wir Kaffee!“</p> - -<p>Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar -wieder im Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg -zurück, den es vor wenig Stunden gekommen war. Lassen -wir sie ruhig ziehen, — die kommen durch die Welt!</p> - -</div> - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Der_tolle_Junker" id="Der_tolle_Junker">Der tolle Junker.</a></h2> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poem"> -<p class="quote"> -„Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.“<br /> -</p> -</div> -</div> - -<p class="first">Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold -war heute schon fast leer und nur eine einzige Gruppe -nahe dem Fenster schien ausharren zu wollen, bis der -Herbstmorgen dämmerte.</p> - -<p>Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein -in lebhaftem Gespräch und zwei andere waren an einem -Billard beschäftigt. Die Spieler gehörten anscheinend zu -der sitzenden Gesellschaft, denn ab und zu warf einer von -ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am Tisch.</p> - -<p>Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus -in das Zimmer führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren -Jahren, blond, blaß und vornehm aussehend, trat ein, warf -seinen Oberrock ab und näherte sich der Versammlung am -Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die Billardspieler -seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.</p> - -<p>„Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,“ -bemerkte einer der bereits Anwesenden, „es ist doch sträflich, -im September schon in Gesellschaft zu gehen.“</p> - -<p>„Was haben Sie da?“ sagte der als Raven Angeredete, -„<em class="antiqua">château d’Yqum</em>? Schön, ich bin von der Partie! Und -was die Gesellschaft betrifft, so werden Sie mir zugeben, -daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle hätten -heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und -habe im kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.“</p> - -<p>Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am -Billard rasch um; er hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, -dessen dunkle Augen durch eine goldene Brille blickten, ohne -darum weniger jugendlich auszusehen.</p> - -<p>„Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!“ sagte Raven, -dem allbeliebten jungen Arzt die Hand schüttelnd; „nun, -Doktor, ist Alles zu Tode curirt, daß Sie ’mal Zeit haben, -hier Billard zu spielen? Welch glänzendes Zeugniß für -den Gesundheitszustand unserer Stadt!“</p> - -<p>„Berufen Sie mein Glück nicht!“ erwiderte Doktor -Stein, „ich bin selbst ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand, -und habe zu Hause Befehl gegeben, mich für alle, -außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da ist übrigens -mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir quitt!“</p> - -<p>Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch -und schenkte sich ein.</p> - -<p>„Und nun,“ sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, -„erzählen Sie vom Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!“</p> - -<p>„Ja, ja,“ riefen die Anderen durcheinander, „erzählen -Sie, wie war das Arrangement, und wie benahm sich das -Brautpaar?“</p> - -<p>„Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet -meinen,“ sagte Raven, „es hatte nur wieder den alten -Erting’schen Fehler, weniger wäre mehr gewesen! Ich bitte -Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig Personen ein Souper -wie bei Hofe, Sect in Strömen — nun, wir können es ja -haben!“</p> - -<p>„Und das Brautpaar?“</p> - -<p>„Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig -wie immer, die Mama soufflirte ihm beständig! Er glaubte, -seinen Geschmack durch seine Wahl genügend bewiesen zu -haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit dem Artikel -angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie -Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt -hatte, war ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die -Alteration konnte mir schaden, man muß auch an sich -selbst denken!“</p> - -<p>„Sie sind ein malitiöser Mensch,“ sagte der Doktor. -„Ludwig Erting ist ein guter, anständiger Kerl, der sich -immer als solcher benehmen wird, wenn ihm auch die -Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre er innerlich -anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort -gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!“</p> - -<p>„Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester -Stein, die diesem Juwel als Fassung dienen!“</p> - -<p>„Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse -aus?“</p> - -<p>„So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,“ -sagte Raven, „blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit -einer alterthümlichen, feinen Goldkette wohl zehnmal um -den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von Passini!“</p> - -<p>In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer -Wagen, er hielt vor der Thür des Weinhauses und ein -graubärtiger Mann in Hut und Kutschermantel trat hastig -und verstört in die Stube.</p> - -<p>„Das gilt mir!“ sagte der Arzt und ging dem Ankommenden -entgegen.</p> - -<p>„Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,“ begann -der Alte mit unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst -verrieth, als das bleiche Gesicht, „unser Herr liegt im -Sterben!“</p> - -<p>„Was Teufel!“ rief der Doktor und fuhr schon mit -einem Arm in den Ueberzieher, während er sich von den -Anderen verabschiedete, „ich empfehle mich bis auf Weiteres -meine Herren, hoffe, es wird so schlimm nicht sein!“</p> - -<p>„Wer ist denn krank?“ fragte Raven den Eilfertigen.</p> - -<p>„Der alte Baron in Wolfsdorf,“ rief der Doktor schon -im Hinausgehen, die Thür klirrte ins Schloß und wenig -Augenblicke darauf rasselte der schwere Landwagen über -das Straßenpflaster.</p> - -<p>Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren -zu ihrem Tisch zurück und begannen sich auch zum Aufbruch -zu rüsten.</p> - -<p>Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.</p> - -<p>„Seltsam,“ begann er jetzt, als sie mit einander -durch die menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, -„wie diese Botschaft für den Doktor an unser Gespräch -anknüpfte!“</p> - -<p>„Inwiefern?“ frug sein Begleiter überrascht.</p> - -<p>„Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie -müssen wissen, Brandeck und Wolfsdorf grenzen, und Edith -Brandau war als Kind mehr bei dem alten Baron -Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas -vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, -auch einen Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie -man sagte, eine Art Jugendliebe oder Kinderliebe der -schönen Edith war.“</p> - -<p>„Und warum wurde nichts daraus?“</p> - -<p>„Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge -Mensch hatte nichts und war nichts, ein Tollkopf vom -reinsten Wasser. Und Brandau’s — <em class="antiqua">cela va sans dire</em> -— dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, -ging ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag -des verkommenen, verwirthschafteten Brandau konnten -sie eben existiren! Ueberdies bekam der junge Rüdiger -wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen den Abschied -und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant -nach Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. -Und seine schöne Jugendliebe ist ja getröstet, wie -ich mich heute überzeugen konnte!“</p> - -<p>Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.</p> - -<p>„Wie ist mir denn,“ sagte Schrader, „das Majorat -ist einer andern Linie zugefallen? Und dabei sprach Comtesse -Edith doch öfters von einem Bruder!“</p> - -<p>„Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau -hat aus erster Ehe einen Sohn, Carl Düringshofen, ein -leichtsinniger Junge! Er steht bei den Husaren in M... -Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus, es ist -sündhaft spät geworden!“</p> - -<p>Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader -trat den Heimweg an.</p> - -<hr class="tb"/> -<div class="poetry-container"> -<div class="poem"> -<p class="quote"> -O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!<br /> -Der Heini von Steier ist wieder im Land!<br /> -</p> -</div> -</div> - -<p>Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel -in voller Pracht durchs Land. Er streute mit verschwenderischer -Hand einen leise knisternden Teppich aus gelben -Blättern über die großen Rasenplätze im Wolfsdorfer Park -und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das -Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an -den grauen Mauern emporkletterten, und im Sommer als -lichtgrüne Fahnen von den Thürmen wehten.</p> - -<p>Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt -die Octobersonne schien, hatte seine Freude daran gehabt, -dem Schloß sein mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und -war es zum Theil verfallen und düster, so that dies dem -Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch immer -mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke -harren und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall -begrüßt. Und daß alle diese Einrichtungen noch auf -Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte der seltsame -alte Herr in seinem Testament gesorgt.</p> - -<p>Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten -Empfindungen und Gefühlsäußerungen im -weitesten Kreise hervorgerufen. Mit Umgehung zahlreicher, -liebevoll besorgter Vettern, die es an Erkundigungen und -Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen lassen, -ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten -Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner -beiden Güter, Wolfsdorf und Ewershausen, und seines -ganz ansehnlichen Vermögens.</p> - -<p>Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, -dessen zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. -„Falls er sich nicht einstelle,“ so lautete die -letztwillige Verfügung, „sollte ein Curatorium durch zehn -Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm bei -seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.“ Erst -nach Ablauf dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig -über den Besitz verfügt.</p> - -<p>Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so -konnte es geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung -der „verschollene“ Rüdiger seinen Einzug -in Wolfsdorf hielt, und mit anscheinend leichter, aber doch -sicherer Hand die Zügel der Regierung ergriff.</p> - -<p>Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit -seinen Untergebenen. Die Leute hingen an dem alten -Namen, sie hatten außerdem den tollköpfigen Junker von -klein auf gekannt und gönnten ihm sein unerwartetes -Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen -umzugehen.</p> - -<p>Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln -schreiten, und den Gruß der Vorübergehenden freundlich -erwidern, mochte er in der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche -sitzen, die Herzen flogen ihm entgegen! Ein wildes -Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein schönes, tiefgebräuntes -Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit -und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig -anmuthete, hin und wieder einer jener tollen Streiche, die -ihn von Jugend auf zum fast sagenhaften Helden der -Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme, offene -Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, -eine offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um -seine Untergebenen mit einer Art Eigenthumsrecht und -Stolz auf ihn blicken zu lassen.</p> - -<p>So war er denn in der alten Welt schnell wieder -heimisch geworden, und fand sich in seine gänzlich veränderte -sociale Stellung, vom heimathlosen Abenteurer zum -festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen Leichtigkeit hinein; -freilich behielt er nebenbei noch ein ganz genügendes Anrecht -auf seinen alten Namen „der tolle Junker!“</p> - -<p>Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige -gemacht, er stürzte sich vorläufig mit Feuereifer in die -landwirthschaftliche Thätigkeit, und jede freie Stunde fand -ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten.</p> - -<p>Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge -dieses seines zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, -der Tochter des Hauses, Edith Brandau, die Heimkehr -des Jugendgespielen zu verschweigen, was um so leichter -war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre -Aussteuer besorgt hatte.</p> - -<p>Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters -sollte der stolze Name Brandau gegen den reichvergoldeten, -aber bescheideneren Erting eingetauscht werden. Man sah -zwar in gut unterrichteten Kreisen voraus, daß die Fürstin -von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende lebenslustige -Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, -ihren Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel -zu verschaffen, doch mußte dieser Schritt anstandshalber -verzögert werden, bis die Trauung stattgefunden hatte.</p> - -<p>Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit -der Verlobung auf wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, -und das Paar machte noch einen kleinen Weg -durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.</p> - -<p>Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten -Abreise noch einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen -Wald unternehmen. Erting bestieg nie ein Pferd, -er vermochte es sogar selten über sich, Ediths Rappen -anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich -gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und -Zaghaftigkeit seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig -zu Tage, nie aber mehr, als im Zusammensein mit seiner -Braut.</p> - -<p>Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck -hatten wohl noch kein so ungleiches Paar unter ihren -Wipfeln hinschreiten sehen, als heute an diesem Oktoberabend. -Edith, hoch, blumenschlank gewachsen, in der -strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze -Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, -goldrothes Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, -über die Schultern herabhing, bildete mit ihrer stolzen, -sichern Haltung, ihrem anmuthig festen Gange den schroffsten, -fast komisch wirkenden Gegensatz zu dem schmalschultrigen, -blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden, schwarzen -Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder -neben ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, -welches ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut -verursachte, stand in seinem gutmüthigen Gesicht geschrieben. -Er peinigte sich beständig ab, etwas zu finden, womit er -Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.</p> - -<p>Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie -blickte gedankenvoll in den zartnebeligen Wald hinaus, von -dessen Wipfeln hier und da ein goldschimmerndes Blatt -langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner Herbstabend ist -ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom -Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen -bleiben, spinnt sich gar zu gern ein Stück Vergangenheit -im Menschenherzen wieder an, es tändelt vor uns her, -leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen — und -wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns -trüb vor die Augen — Herbstspiel!</p> - -<p>Endlich brach Erting das Schweigen.</p> - -<p>„Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich -kann ja Alles bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl -nicht wieder heraus?“</p> - -<p>Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, -die Edith zu überhören schien.</p> - -<p>„Ich danke Ihnen,“ sagte sie freundlich; sie war stets -sehr freundlich gegen ihren Bräutigam, „aber ich glaube, -es ist Alles besorgt, was man überhaupt in der Welt besorgen -kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen nichts -Anderes gethan!“</p> - -<p>Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag -auf ihrem Gesicht, sie nahm den Hut ab und strich die -dicken, goldenen Haarwellen aus der Stirn wie eine Last.</p> - -<p>„Sie sehen bleich aus,“ bemerkte Erting besorgt, „ist -Ihnen auch unser Spaziergang zu weit?“</p> - -<p>Sie schüttelte lächelnd den Kopf.</p> - -<p>„Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor -sich haben, ich bin an stundenlange Wege gewöhnt. Nein, -es ist nur die köstliche Ruhe und Stille hier, die mir -plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten Wochen -vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in -der Stadt lebt!“</p> - -<p>„Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs -Land ziehen — ich habe ja keine bindende Stellung in -W...., dann kaufe ich ein Gut in der Nähe. Sie wissen -ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen Zukunftsplänen -bestimmen!“</p> - -<p>„Nein, nein,“ erwiderte sie müde und abwehrend, „was -sollte das? Sie sind kein Landmann und ich möchte mich -in kein fremdes Gut mehr einleben.“</p> - -<p>„Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,“ sagte Erting, -„die Mama würde gewiß ganz gern darin willigen, und -der Kaufpreis müßte so gestellt werden, daß er ihr eine -sorgenfreie Existenz ermöglichte.“</p> - -<p>Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine -Rede ab.</p> - -<p>„Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von -einem Kaufpreis für Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht -kaufen, ich habe den dringenden Wunsch, daß Karl es -übernimmt.“</p> - -<p>„Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig -sanguinisch! Wenn ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft -verstehe, wird ein so lebenslustiger Husarenlieutenant -wohl auch kein Held darin sein!“</p> - -<p>„Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem -Husarenlieutenant ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem -Kaufmann. Uebrigens sind Sie nicht Kaufmann — können -Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen wurden?“</p> - -<p>„Gewiß nicht!“ entgegnete er mit einiger Energie, -„meine Neigungen und Interessen ziehen mich zum Handelsstand, -und wenn ich Ihnen auch mit Freuden das Opfer -bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit davon -entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein -Vater seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre -Stellung verdankt.“</p> - -<p>Sie blieb stehen.</p> - -<p>„Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,“ sagte sie, -und gab ihm die Hand, „und das habe ich gern! Seien -Sie nicht böse, daß ich Sie hart anließ, mir ist heut so -grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen ja von -Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir -haben werden!“</p> - -<p>Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein -wollte und Erting, der meist mehr Furcht vor seiner Braut -empfand, als Liebe zu ihr — hatte er sie doch zumeist auf -den Wunsch seiner Mutter gewählt — vermochte sich diesem -Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich über die -schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die -Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im -Brandau’schen Hause und besonders die einschüchternde, -kühle Freundlichkeit Ediths während des Brautstandes gestattete.</p> - -<p>Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause -folgte, die er endlich unterbrach, indem er seine Absicht -aussprach, jetzt nach der Stadt zurückzukehren, da er den -Abend noch eine Versammlung zu besuchen habe.</p> - -<p>„Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?“ -fragte er, als er sich am Parkeingang von Edith verabschiedete.</p> - -<p>Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht.</p> - -<p>„Gewiß,“ sagte sie dann, indem sie einen kleinen -Tannenzweig zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln -zerstreut in die Luft warf, „kommen Sie, so oft Sie -wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel von meiner Gesellschaft -zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit -und meine schönen, langen Ritte — und dann sind wir auch -sehr fleißig jetzt — aber wie gesagt, kommen Sie nur!“</p> - -<p>Sie reichte ihm die Hand.</p> - -<p>„Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, -ich hätte meinen Ritt für heute aufgegeben, bliebe aber -noch ein wenig im Freien,“ rief sie ihm dann schon im -Weitergehen zu, und während er stand und ihr nachsah, -verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung -der Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, -dahin, und erst, als sie sich rechts gewandt hatte, und -fast an der Grenze von Brandeck angelangt war, wurde -es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge folgend, den -Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war -ein Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein -Fuß betrat, und der schon seit Jahren unbeachtet grünte -und wucherte. Hier war es so schweigsam und abgeschlossen, -der leise Moderhauch am Boden welkender Rosenblätter -flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen -Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.</p> - -<p>Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin -jener Wassersäule auf den Rasen niederließ und -mit gedankenschweren Augen in den blassen Abendhimmel -sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle, die im Begriff -steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht -lieblicher verkörpert werden können.</p> - -<p>Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine -längst in der Ferne verhallte Stimme klang an ihr Ohr. -Wie oft hatte sie früher hier gesessen, das verschüchterte, -kleine Mädchen, unbewillkommnet und unbeliebt, scheu und -wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte sich dann -in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem -Bilde des einsamen Kindes — an diesem Plätzchen hatte er -sie stets zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die -Brandeck von Wolfsdorf trennt, war wohl längst zugewachsen. -Wie schnell hatte er immer durchzuschlüpfen verstanden.</p> - -<p>Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, -wurden größer und ernsthafter, aus den Märchen, die sie -sich erzählten, wuchs langsam eine wahre Geschichte empor -und sah sie mit hoffnungsfreudigen Augen an! Dann -kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des -übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller -Sommermorgen, an dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang -an ihr Fenster kletterte, zum letzten Lebewohl; -damit war’s aus gewesen!</p> - -<p>Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn -Edith im Herzen daran geglaubt, so war sie eben thöricht -gewesen; fünfmal hatten seitdem die Rosen geblüht, und -kein einziges Briefblatt, kein Gruß aus der wilden Ferne, -in die der Jüngling damals so kühn und abenteuerlustig -gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!</p> - -<p>Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, -mit seiner Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit -der Tochter, die ihm sein Majorat gekostet — und dann kam -eine Zeit harter Entbehrungen, die um so härter waren, -als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren -mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen -die Mutter, sich der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten -Temperaments überlassend, es Edith täglich und stündlich -zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß sie -noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres -Stiefbruders, der in einem Meer von Spielschulden zu -versinken drohte, wurde natürlich auf das verlorene Majorat -zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht tausend -Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als -nun wieder ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei -nach allgemeinem Urtheil ein braver, guter Mensch, der -ihr seine Hand und sein fast fürstliches Vermögen bot, da -hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal Nein -rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn -der Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, -und endlich ihr gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem -nachtrauern wollte, der sie so ganz vergessen, alles Das -trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie frug, warum sie -doch nachgegeben!</p> - -<p>Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!</p> - -<p>Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu -Athem kommen, die Hochzeit stand ja nahe bevor, und -die Fürstin von T.... hatte es sich förmlich erbeten, für -die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte tagtäglich -mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den -glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, -Möbelstoffe und Tapetenfarben wählen. Die Abende -führten sie dann meist in Gesellschaft oder ins Theater, -und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies Treiben -so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, -es sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!</p> - -<p>Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den -Sommerabend kommen, ein einfaches Volkslied von alter -Liebe und vergessener Treue sich ihr auf die Lippen drängen, -und aller trügerische Glanz war fort — verwischt — zwei -übermüthige blaue Augen blitzten sie an — und es war -Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben -geglaubt.</p> - -<p>Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte -man sie schon, wer hatte sie auch geheißen, gerade heute -den alten Platz aufzusuchen? Sie schritt hastig vorwärts, -um auf einem Umwege über die waldige Fahrstraße ins -Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen -Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber -trat.</p> - -<p>Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe -des Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts -im Gürtel, mit dem ihre Hand spielte, ließ ein -Knistern und Knacken in den Zweigen sie überrascht aufsehen. -Aber gingen sie denn wirklich um in der Herbstsonne, -die Geister der alten Zeit?</p> - -<p>Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen -Sätzen auf sie zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener -Mann mit tiefgebräunten, wildschönen Zügen, nicht mehr -der blasse, abschiednehmende Jüngling von damals, aber -wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm -und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber — -ihr war, als müßte das erste Wort den Zauber brechen, -und er wieder verschwinden auf Jahre, auf immer!</p> - -<p>Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt -auf den kleinen Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl -eben auffunkeln ließ. So standen sich Beide still -gegenüber, Keins fand einen Laut zur Begrüßung, an -ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen -Freiers, und er wußte es!</p> - -<p>Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, „wir -haben uns lange nicht gesehen, Gerald,“ und streckte ihm -die bebende, kleine Hand hin.</p> - -<p>Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in -dem er verharrte, ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr -sie hastig, mit fliegendem Athem fort:</p> - -<p>„Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor -mir zu sehen, seit einigen Wochen bin ich von Brandeck -fort gewesen und bei meiner Abreise fehlte noch jede -Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für verschollen.“</p> - -<p>„Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,“ -erwiderte er langsam und mit erzwungener Ruhe, „auch -war die Annahme nicht „allgemein,“ wie Sie sagen. <em class="gesperrt">Eine</em> -hat immer von mir gewußt, haben Sie sich in den ganzen, -langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?“</p> - -<p>Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton -der Frage weicher geworden, aber Edith erhob den Kopf -so stolz, als wollte sie den Vorwurf, der in den Worten -lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.</p> - -<p>„Ich hatte keine Berechtigung dazu,“ sagte sie kalt, -„warum haben Sie in den „ganzen langen fünf Jahren“ -nicht <em class="gesperrt">einmal</em> direct von sich hören lassen?“</p> - -<p>Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.</p> - -<p>„Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie -mich kennen, sollten Sie nicht so fragen! Ich bin kein -Federheld und hätte auch in den ersten Jahren verzweifelt -wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen gewußt! Ich -habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, -nur in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen -können oder mögen! Sie wissen, ich habe es mündlich nie -verstanden, mich besser zu machen als ich bin, so wollte -ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und da ich von -meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, -immer hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, -daß Sie auf dieselbe Art auch von mir hören und an -mich denken würden.“</p> - -<p>Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des -Unmuths.</p> - -<p>„Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, -Baron Rüdiger; man mag in meiner „Lebenssphäre“ nicht -so viel Kenntnisse erwerben, als Sie Gelegenheiten hatten, -zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur Vollkommenheit -— zu vergessen, wo ich vergessen war!“</p> - -<p>Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand -über die Stirn. Er stand schweigend vor ihr und sah sie -traurig an, dann trat er einen Schritt auf sie zu.</p> - -<p>„Edith,“ sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, -„einen solchen Ton mag ich nicht von Ihnen hören, ob -ich ihn verdient habe oder nicht! Er ist des Mädchens -nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit -Thränen in den Augen zu mir sagte, „wenn Sie auch -wiederkommen, Gerald, Sie werden mich als dieselbe finden, -die Sie verlassen haben!“ Diese Worte haben mich auf -all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich hörte sie, -wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde -lag, in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine -thörichten Träume von der Heimath träumte. Wollen Sie -wissen, was Der, der Sie „vergaß,“ wie Sie sagen, -da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und -einsam, unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine -Abends am Fenster standen, wenn die Nachtigallen -schlugen —“</p> - -<p>„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Edith mit zitternder -Stimme, „selbst wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben -wollte, ich habe nicht mehr das Recht, solche Worte anzuhören -— ich bin Braut!“</p> - -<p>„Man hat es mir erzählt,“ sagte Rüdiger finster, „und -ich habe erst gelacht, dann geflucht und mich immer wieder -gefragt: was haben sie mit meinem stolzen Mädchen angefangen, -durch welche Teufelskünste ist sie so weit gebracht -worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre zum -Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen -Sie, was Sie thun?“</p> - -<p>Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit -sich, ehe sie antwortete — die Stimme vor ihr war ja -doch und trotz Allem die Musik ihrer Jugendjahre gewesen! -Aber es war vorüber!</p> - -<p>„Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,“ erwiderte -sie hochmüthig, „aber ich will Ihnen antworten, um -alter Zeiten willen! Ja, ich weiß, was ich thue, Erting -hat nicht nur mein Wort, sondern ich schulde ihm aufrichtige -Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und zartsinnig -an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?“</p> - -<p>„Ja und nein,“ sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen -suchte, den ihr kalter Ton in ihm anfachte, „ich -verstehe Sie, Edith — in dürren Worten, Erting hat Ihrem -Stiefbruder die Schulden bezahlt, und dafür sind Sie seine -Braut geworden. Hölle und Teufel,“ rief er plötzlich, und -schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt -hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es -mit dumpfem Klange auf den Boden schlug, „daß ich hier -stehen soll, ich vor allen Menschen auf der ganzen Erde, -und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte verhandeln, -Edith — das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie -ein Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld -hat ihre Grenzen!“</p> - -<p>„Und worin soll dies Ende bestehen?“ frug sie, während -sie ihn unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem -urwüchsigen Zorn!</p> - -<p>„Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder -Sie niederschießen darf, daß diese ganze Brautschaft ein -widerwärtiges, tolles Puppenspiel ist, und Sie mir doch -im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer schönen -Reden.“</p> - -<p>Sie trat einen Schritt auf ihn zu.</p> - -<p>„Gerald, Gerald!“ sagte sie in halb traurigem, halb -leichtem Ton, und legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, -„ich habe doch mehr gelernt, als Sie in den fünf Jahren, -mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen Sturmesflügeln -nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir -hat das Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach -der andern, und ich habe es ganz hübsch begriffen, daß -man sich in Unabänderliches fügen muß. Aber Sie, wie -Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen, -ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger, -und spielten hier im Walde „Räuber und Prinzessin!“ -Sie sind wirklich noch ganz derselbe —“</p> - -<p>„Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, -und seine Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith -Brandau einen Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen -Recht haben,“ sagte er spöttisch, „nun, Sie haben ja Ruhe -für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen lernen! -Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf -mich empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting -kommt doch gewiß zum Thee, ich will Sie nicht aufhalten, -Comtesse!“</p> - -<p>Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. -Als er einige Schritte gethan hatte, rief Edith -zögernd: „Gerald!“</p> - -<p>Er wandte sich hastig um.</p> - -<p>„Ihr Gewehr, Baron Rüdiger — und Sie haben mir -nicht Lebewohl gesagt!“</p> - -<p>Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom -Boden auf, dann stützte er sich darauf und blieb einen -Augenblick stehen.</p> - -<p>„Edith,“ sagte er hart und kalt, „hüten Sie sich vor -mir! Wie wir Beide uns kennen, taugt es nicht, wenn -Sie mit mir spielen wollten, wie damals, wo ich für ein -freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der Welt -gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es -könnte Ihnen doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, -wenn ich Ernst aus dem Spiel machen wollte! Ich habe -noch ein gutes Theil Wildheit in mir, lassen Sie mich -lieber in Frieden — es ist für uns Beide, und für Ihre -Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere -Wege gehe! Und nun, gute Nacht Edith!“</p> - -<p>Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.</p> - -<p>„Nein, Gerald,“ sagte sie weich und traurig, „gehen -Sie nicht so im Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, -weil ich gekränkt war, nicht bedacht, daß auch Sie im -Augenblick etwas zu verwinden hatten, wollen wir uns -nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch wahrscheinlich, -daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen -zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden -von einstmals, dann fremd und kalt an einander -vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht mehr lange -hier —“</p> - -<p>Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und -plötzlich brach ein Strom von heißen Thränen aus ihren -Augen, der zur Genüge bewies, daß die Ruhe der letzten -Stunden erkünstelt gewesen.</p> - -<p>„Edith, was thun Sie?“ rief er, wie außer sich, und -streckte die Arme nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon -gefaßt, und wies ihn mit einem energischen Kopfschütteln -zurück.</p> - -<p>„Gerald, verstehen Sie mich recht,“ sagte sie fest im -Ausdruck, wenn auch die Stimme noch bebte, „ich schäme -mich dieser Thränen nicht, sie waren ein Tribut an unsre -schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die uns ja doch -kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart, -Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir -recht thun, nicht ob es uns gefällt! Dazu helfe mir Gott — -und Sie, mein alter Kamerad, Sie werden mir dabei gewiß -nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!“</p> - -<p>Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne -ihr zu antworten, verließ sie ihn, und ging nach dem -Park zurück. Der höher und höher steigende Herbstnebel -schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich aufzunehmen, -und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem -grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand -es Gerald mit wildem Schmerz, daß er sie wirklich und -unwiederbringlich verloren habe!</p> - -<hr class="tb"/> -<div class="poetry-container"> -<div class="poem"> -<p class="quote"> -Gott schütz’ Dich vor dem ungeschlachten,<br /> -Ohn Maßen groben Cavalier!<br /> -</p> -</div> -</div> - -<p>Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat -der Fürstin von T... alljährlich zum Besten eines -von ihr gegründeten Krankenhauses stattfand, wurde in -diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse Zungen -behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr -so ganz dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren -Zeiten.</p> - -<p>Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab -und zu, und war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem, -was in irgend einer Form Vergnügen hieß.</p> - -<p>Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen -müssen, sie war schon von je durch ihre Erscheinung -die Krone jedes solchen Unternehmens, und jetzt, wo der -etwas seltsame Brautstand die allgemeine Neugier in Bezug -auf das schöne Mädchen noch erregt hatte, durfte man -eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des Publikums -von ihr erwarten.</p> - -<p>Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte -drängte, hatte noch nicht geschlagen, doch waren die -Unternehmerinnen schon erschienen, und nahmen beim -strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt und geschmackvoll -arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da -noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen -mehr wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des -Wohlthätigkeitssinnes in den Hintergrund schoben.</p> - -<p>Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt. -Ein mattblauer, schwerer Stoff umrauschte sie, wie das -Element, dem sie mit ihren Nixenaugen und ihrem Goldhaar -anzugehören schien. Neben ihr lag ein riesiger weißer -Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast -nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie -in Ertings Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt -in den Saal überreicht wurden.</p> - -<p>Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die -kurzen Wochen, die zwischen ihrer Unterredung mit Gerald -und dem heutigen Abend lagen, hatten ihr so manche -Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens erzittern -ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.</p> - -<p>Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und -wieder mit dem Jugendfreunde zusammenzubringen, und -der auf „freundschaftlicher“ Basis angeknüpfte Verkehr, -den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte, nahm nur zu -bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds -ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh. -Er hatte sich mit scheinbarer Unbefangenheit im -Hause ihrer Mutter eingeführt, er, der sonst so ungestüm -Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den schlecht verhehlten -Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn -existirte nur Edith!</p> - -<p>Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es -so nicht sein dürfe — hatte sie wenigstens nur, wenn er -nicht in ihrer Nähe war! Dann gelobte sie sich jedes -Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten sagen, daß er -lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das Beste -sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen -vermeide, und wenn er dann wiederkam, und sie den -ganzen Zauber empfand, den seine Stimme und seine -Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem gefährlichsten -Trost: „es ist ja nicht auf lange, ich bin ja -bald fort, und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!“ -Und sie vermied es nicht, wie sie gesollt hätte, ihn -zu sprechen und ihm zu begegnen, sie spielte ein gefährliches -Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht vergessen konnte, -daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs, die -Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr — -erste Liebe hieß.</p> - -<p>Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches -Geräusch gerissen. Soeben erschien die Fürstin mit ihren -Damen in den weit geöffneten Flügelthüren. Mit einem -prüfenden Blick überflog sie das Arrangement der Tische, -eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin -zur andern, bis sie den Brandau’schen Tisch entdeckte.</p> - -<p>Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu.</p> - -<p>„Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,“ sagte -sie, und strich zärtlich über das goldrothe Haar der jungen -Dame, die sich tief verneigte. „Sie sehen bleich aus! ich -weiß, daß Sie sich heute opfern durch Ihr Erscheinen, -aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!“</p> - -<p>„Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein -Opfer ist, Durchlaucht,“ sagte die Gräfin Brandau, als -Edith schwieg, und warf ihr einen zornigen Blick zu, -„so wäre es durch diese Anerkennung schon reichlich vergütet!“</p> - -<p>Die Fürstin winkte begütigend.</p> - -<p>„Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, -Gräfin, sie hat das Vorrecht, ein wenig launenhaft zu -sein, es steht ihr ja doch Alles gut! Und nun, meine -liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch -neue Schätze angekommen!“</p> - -<p>Während die Damen sich in die Besichtigung und -Erklärung der ausgestellten Gegenstände vertieften, und die -Gräfin sich nach ihrem etwas weiter entfernten Tische begab, -begann der Saal sich langsam zu füllen.</p> - -<p>Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter -ihnen die meisten Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange -unserer Erzählung in der Weinstube zusammengesessen -hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab seine gewohnten -ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum -Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt.</p> - -<p>Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, -im Frack und weißer Halsbinde, eine Rosenknospe -im Knopfloch. Er ging langsam von Tisch zu Tisch, -wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich -bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die -Fürstin begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel -placirte.</p> - -<p>„Nun, Herr Erting,“ rief sie dem sich tief Verbeugenden -entgegen, „Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich -hoffe um so mehr von Ihrem Wohlthätigkeitssinn, als Sie -den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht, sicher nicht -zu widerstehen vermögen.“</p> - -<p>„Erting verhält sich doch am Ende passiv,“ sagte Raven -für den verlegen Verstummten, „er weiß, daß er bereits -das Schönste zu eigen hat, was ihm die Welt bieten kann, -was sollte ihn da wohl noch verlocken?“</p> - -<p>„Das steht auf einem andern Blatt,“ erwiderte die -Fürstin, während ihr Blick lächelnd Edith streifte, welche -durch keine Miene verrieth, ob sie Ravens Worte überhaupt -gehört, „ich rede von Dingen die <em class="gesperrt">gekauft</em> werden können!“</p> - -<p>In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über -das bleiche, schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig -ab und suchte in den Gegenständen auf dem Tisch umher.</p> - -<p>Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den -Doppelsinn der Worte erfaßt hatte, oder nicht.</p> - -<p>Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich -auf den Eingang des Saales, und sie wandte sich zu -Raven.</p> - -<p>„Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große, -blonde Mann, der eben eintritt? — ach, Sie sehen ja nicht -hin, dort im Jagdcostüm —“</p> - -<p>„Das ist der sogenannte „tolle Junker,“ Baron Rüdiger, -erinnern sich Durchlaucht nicht mehr? — der jetzt Wolfsdorf -geerbt hat. Eine sonderbare Idee, in <em class="gesperrt">diesem</em> Aufzug -hier zu erscheinen!“</p> - -<p>„Jedenfalls eine kleidsame Idee,“ sagte die Fürstin, -deren Augen immer noch den Besprochenen fixirten, „das -ist eine interessante Erscheinung; wie kommt es übrigens, -daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht zu -Gesicht bekommen hat?“</p> - -<p>„Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen -zu verstoßen, Durchlaucht,“ sagte Erting etwas bitter, „er -sucht darin eine gewisse Originalität!“</p> - -<p>„Das thut er <em class="gesperrt">nicht</em>,“ rief Edith plötzlich mit Energie -und tief erröthend, „er ist ein Naturmensch durch und durch, -und wenn er sich in seiner sorglosen Weise gehen läßt, -so ist das eben originell, und er braucht es nicht erst zu -<em class="gesperrt">suchen</em>, wie Sie sagen!“</p> - -<p>Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit -einem forschenden Blick nach dem plötzlich so lebhaft -sprechenden Mädchen, und wandte sich dann zu Raven:</p> - -<p>„Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, -Herr von Raven, ich möchte gern durch den Augenschein -urtheilen.“</p> - -<p>„Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige -Minuten beurlaube,“ sagte Erting rasch, während Raven -sich anschickte, Rüdiger aufzusuchen.</p> - -<p>Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand, -und wandte sich zu Edith, als Erting sich entfernt hatte.</p> - -<p>„Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus, -ist es wirklich eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade -dann!“</p> - -<p>Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen -Gestalt Ertings.</p> - -<p>„Durchlaucht sind grausam,“ erwiderte Edith mit -zuckenden Lippen, „habe ich das verdient? Wer mir in -der Zeit meiner Verlobung so nahe gestanden hat, sollte -anders denken, oder sprechen!“</p> - -<p>Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick -wie bestürzt vor sich nieder.</p> - -<p>„Verzeihen Sie mir,“ sagte sie dann in ihrer gewohnten -leichten Art, „Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, -und im Moment kam mir die Idee, welch herrliches Paar -Sie Beide — doch halt, er kommt!“</p> - -<p>Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin.</p> - -<p>„Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, -Baron Rüdiger,“ sagte sie in liebenswürdigem Ton, „ich -habe Ihren Oheim sehr wohl gekannt, und weiß mich -Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu erinnern! -Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der -Fremde verlernt?“</p> - -<p>„So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,“ -erwiderte Rüdiger verbindlich, „wenn ich trotzdem ein Versäumniß -beging, so bitte ich, es in Gnaden der partiellen -Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man bei einem -Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht -entgeht.“</p> - -<p>„Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,“ -sagte Raven in seiner gewohnten ironischen Weise, „man -muß seine tadellosen Verbeugungen sehen, um zu staunen, -daß er in Californien Gold gegraben, in Australien —“</p> - -<p>„Ich bitte, erklären Sie mich nicht,“ unterbrach ihn -Rüdiger etwas kurz, „außerdem sagen meine Verbeugungen -durchaus Nichts — man muß mit den Wölfen heulen -— meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den Affen -um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse -pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist -man eben Kosmopolit!“</p> - -<p>Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem -schönen, wildaussehenden Jägersmanne wuchs.</p> - -<p>„Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd -geworden ist,“ sagte sie, sich erhebend, „so hoffe ich, Sie -öfters zu sehen. Wir musiciren jeden Freitag in kleinem -Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt, daß Sie erwartet -werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich -schon über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith, -auf Wiedersehen!“</p> - -<p>Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während -Rüdiger schweigend vor Edith stehen blieb.</p> - -<p>„Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht -guten Abend sagen!“ nahm sie endlich lächelnd das Wort, -ihn anzusehen.</p> - -<p>„Ich <em class="gesperrt">wollte</em> auch nicht, aber Ihnen gegenüber <em class="gesperrt">muß</em> -ich stets, auch was ich nicht will! Schütteln Sie nicht -wieder den Kopf, erzählen Sie mir lieber, wie Ihnen unser -gestriger Weg bekommen ist!“</p> - -<p>„Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch -gar nicht als Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir -viel abkaufen, hier, diese schöne Jagdtasche —“</p> - -<p>„Haben Sie sie gearbeitet?“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr? -Ich verstand stets besser mit der Reitpeitsche umzugehen, -als mit der Nadel! Aber nun ernstlich, was kaufen Sie?“</p> - -<p>„Nur Eins!“ erwiderte er langsam, „aber für dieses -Eine gebe ich Ihnen meine ganze Börse preis!“</p> - -<p>„Und das wäre?“</p> - -<p>„Sie werden es nicht geben wollen!“</p> - -<p>„Ist es bei den Verkaufsartikeln?“ frug sie, ahnungslos, -was er meinte.</p> - -<p>Er lachte.</p> - -<p>„Ja, es liegt dabei!“</p> - -<p>„Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, -mein ganzes Sinnen und Trachten ist auf einen -möglichst hohen Preis gerichtet, wo ist es?“</p> - -<p>„Hier,“ erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet -vom Tisch, während er seine gefüllte Börse ernsthaft in -ihre kleine Geldkasse gleiten ließ.</p> - -<p>„Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?“ -sagte plötzlich Ertings Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit -gehabt hatte, Einspruch zu thun.</p> - -<p>„Ich habe es gekauft,“ sagte Rüdiger, und blickte -herausfordernd auf seinen kleinen Rivalen nieder.</p> - -<p>Edith mischte sich hastig ein.</p> - -<p>„Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen, -daß ich nicht daran denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand -zu verkaufen — legen Sie gleich das Bouquet wieder -her! Es war nur ein Scherz,“ wandte sie sich verwirrt -an Erting.</p> - -<p>„Das Bouquet ist mein,“ erwiderte Rüdiger, ohne sich -an Ertings zornbleiche Miene zu kehren, „dort liegt meine -Börse, Geschäft ist Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie -als Kaufmann doch am besten wissen!“</p> - -<p>„Sie sind unartig, Gerald,“ fiel Edith wieder hastig -ein, „und ich allein habe das Recht, hier zu entscheiden. -Legen Sie das Bouquet wieder her, ich mag Ihr Geld -nicht haben, auf sophistischem Wege bin ich nicht wohlthätig!“ -Sie hielt ihm die Börse hin.</p> - -<p>„Das Bouquet,“ wiederholte sie.</p> - -<p>„Geben Sie das Bouquet her,“ sagte Erting gleichzeitig, -mit vor Wuth fast erstickter Stimme, „haben Sie ein Recht -darauf, oder ich?“</p> - -<p>„Leider Sie!“ erwiderte Rüdiger lachend und hielt den -fraglichen Gegenstand hoch in die Höhe, „aber trotzdem -bleiben diese Blumen mein, ich würde ebenso gern meinen -Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges Blättchen aus -dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie -können ihn gar nicht erreichen!“</p> - -<p>„Genug,“ sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie -sah, daß Erting aufs Aeußerste gereizt war, „ich <em class="gesperrt">befehle</em>, -daß Sie die Blumen meinem Bräutigam geben, Gerald!“</p> - -<p>Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting -zu Rüdiger gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte -auf. Er nahm den Strauß und die schwere Börse, und -mit dem heftigen Ausruf: „So soll sie Niemand haben!“ -schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster in den -Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand -Lebewohl gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft -stumm und entsetzt dem „tollen Junker“ nachsah, der sich -eben wieder seines Namens so werth gezeigt hatte.</p> - -<p>Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt -gewesen, hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe -rasch und erstaunt umgewendet, und sandte jetzt Raven -ab, um den Grund dieser Störung zu erfahren. Als er -mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell auf:</p> - -<p>„Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich -ein Original! Aber wie erfrischend wirkt das in unseren -nüchternen Kreisen!“</p> - -<p>„Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache -nicht in diesem Sinne auffassen wird,“ sagte Raven, „er -schäumte geradezu vor Wuth, und seine Mutter, die eben -eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu sehen, -war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur -nicht ernstere Folgen hat!“</p> - -<p>„Das wäre ja abscheulich!“ rief die Fürstin lebhaft, -„und gerade jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den -interessanten Goldgräber zu unseren kleinen Festen heranzuziehen; -eine derartige Differenz würde Alles zerstören. -Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich werde -die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe -der Außergewöhnlichkeit ein Opfer!“</p> - -<p>Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas -ingrimmig murmelnd: „Besonders, wenn diese „Außergewöhnlichkeit“ -ein so hübsches Gesicht hat, da opfert man -sich mit Leichtigkeit!“</p> - -<p>Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen -der Fürstin entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter -und zog sie mit sich hinaus.</p> - -<p>„Ich gehe nach Haus,“ sagte er auf ihren verwundert -fragenden Blick.</p> - -<p>„Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig, -du wirst doch deine Braut nicht allein hier lassen!“</p> - -<p>„Ich gehe nach Haus,“ wiederholte er heftig, „für -heute habe ich wieder einmal genug von dem vornehmen -Brautstand. Was, ich soll mich wohl von dem infamen -Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken -und zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht -gut; wenn <em class="gesperrt">du</em> nicht merkst, daß man sich hier über uns -lustig macht, <em class="gesperrt">ich</em> merke es, und was habe ich denn -davon?“</p> - -<p>„Aber Ludwig,“ rief die erschrockene Frau, die währenddessen -mit dem zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden -prächtigen Wagen bestiegen hatte, und nun an seiner -Seite durch die Straßen rollte, „Ludwig, hast du denn -gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du -eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen -und in höhere Sphären kommen, mein liebes Kind — ich -will ja nur dein Glück, wenn ich dir dazu rathe!“</p> - -<p>„Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,“ sagte er, -schon ruhiger, „und es ist ja auch möglich, daß eine -Heirath mit Edith ein Glück ist, in manchem Sinne! -Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für mich, ich hätte -mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise -herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so -wäre ich später einmal Herr in meinem Hause, und nicht, -was ich hier immer sein werde, der Mann meiner Frau, -die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug ist, die -aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich -mir gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter, -aber wir wollen nicht weiter davon sprechen. Geschehene -Dinge sind nicht zu ändern!“</p> - -<p>Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange -verhaltenen Aergers, einfach, weil sie nichts darauf zu -erwidern wußte.</p> - -<p>Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn -zu beschwichtigen. Sie legte Ludwig die Hand auf die -Schulter.</p> - -<p>„Mein liebes Kind,“ sagte sie ängstlich, „so sei doch -nicht so heftig! Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, -als ich dich zu der Verlobung mit Edith drängte, weißt -du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit ihr -werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste -Mädchen, das die ganze Provinz aufweisen kann? Und -so distinguirt, so viel <em class="antiqua">chic</em>!“</p> - -<p>„Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, -so lange wir unter vier Augen sind! Dir steht es -nicht, und mir gefällt es nicht, und außerdem gehört das -<em class="antiqua">chic</em> und was du sonst sagst, nicht zur Sache. Antworte -mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?“</p> - -<p>Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen -Augen des Sohnes sich so fest auf sie richteten.</p> - -<p>„Was verstehst du unter lieben?“ frug sie ausweichend.</p> - -<p>„Nun, ungefähr, was <em class="gesperrt">du</em> darunter verstandest, als du -meinen Vater heirathetest, der ein armer Mensch war, -und dir keine glänzende Existenz bieten konnte! Oder -ungefähr, was <em class="gesperrt">ich</em> darunter verstand, ehe Martha unter -fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath -machen konnte!“</p> - -<p>„Ludwig,“ sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, -als vorhin der Sohn, „reize mich nicht! Willst du deine -Verlobung mit Edith Brandau rückgängig machen, so thue -es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich kann dir etwas -verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen -Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, -und wenn ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich -als Junggesellen sterben zu sehen, meine Einwilligung zu -einer Heirath mit Martha Erting erhältst du nie! So -lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich nicht -wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das -verspreche ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück -holen lassen; also du hast es in deiner Hand, wie lange -Martha „unter fremden Leuten“ sein soll! Ich dachte, -du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem -Kopf geschlagen!“</p> - -<p>„Reden wir nicht mehr davon,“ sagte Erting finster, -„ich habe mich vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, -wenn mir dieser übermüthige Junker, der Rüdiger, noch -ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein unverschämtes -Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm -zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man -nicht baumlang und baumstark ist! Ich fordere ihn auf -Pistolen, Mutter — du weißt, ich habe noch kein solches -Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich todtschießt, -so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich -vornehm umgekommen bin!“</p> - -<p>Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und -Ludwig half Frau Erting aussteigen.</p> - -<p>„Gute Nacht, Mutter,“ sagte er dann, „da kommt -schon einer von unseren Herrn Bedienten; ich will noch -zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir heute ganz dienlich -sein!“</p> - -<p>Und damit wandte er sich ab und ging die Straße -hinunter, während die Mutter, halb entsetzt, halb stolz -über den heldenmüthigen kleinen Eisenfresser, im Hause -verschwand.</p> - -<hr class="tb"/> -<div class="poetry-container"> -<div class="poem"> -<p class="quote"> -Entflieh’ mit mir!<br /> -</p> -</div> -</div> - -<p>Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten -fehlen, die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen -dem Brautpaar und Rüdiger zu veranlassen. Theils hatte -sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes kleine <em class="antiqua">faible</em> für -Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der er in -Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die -Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu -beobachten. So jagten sich denn Lese- und Musikabende, -Schlittenfahrten und Eisfeste nach einander, und immer -war der „tolle Junker“ der Held aller dieser Festivitäten.</p> - -<p>Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las -und musicirte, und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener -als je hingab, dachte, das wußte Niemand. -Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens hätte jede -Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst -sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome -der Gegenwart dahin tragen, wie in einem Traume, in -dem uns schon bewußt ist, daß wir bald erwachen werden, -den wir aber mit um so größerem Entzücken weiter träumen. -Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie -vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen -könnten, kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder -unterdrückt, wie es entstand.</p> - -<p>Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein -glänzender Maskenball die Gesellschaft vereint. Unmittelbar -von diesem Balle aus kehrte Edith, die mehrere Tage -bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau zurück.</p> - -<p>Der Maskenball war glänzend und es herrschte nur -<em class="gesperrt">eine</em> Stimme vollster Befriedigung. Die Fürstin, die als -Maria Stuart durch die Zimmer rauschte, hatte das Signal -zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie selbst war natürlich -sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß, -und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer -verzichtend, solche in möglichst großer Zahl unter ihren -Gästen anzustiften.</p> - -<p>Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin -einen altdeutschen Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem -lichtblauen, faltenreichen Gewande, mit den herabhängenden, -schweren Goldflechten sinnend am Fenster lehnte, hätte -allerdings das „Gretchen“ nicht reizender gedacht werden -können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von -Stolz und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, -war durch den wehmüthigen Gedanken an den -so nahe bevorstehenden Abschied von der Mädchenzeit zu -einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen neuen -und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.</p> - -<p>Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, -mit richtigem Takt, einen einfachen schwarzen Domino -gewählt, aber seine schüchterne Unbehülflichkeit ließ ihm -selbst diese anspruchslose Tracht als eine Prätension erscheinen. -Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend, -am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und -blickte in die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus -freundschaftlicher Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, -welches sie stets für ihn empfand, auf ihn zu.</p> - -<p>„Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht -erkannt, oder wollen Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?“ -sagte sie, und legte ihre kleine Hand auf seine Schulter.</p> - -<p>Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; -es lag ein Zug von trübem Nachdenken auf seiner Stirn.</p> - -<p>„Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer -Freiheit überhaupt bald zu Ende ist?“ sagte er in einem -Tone, der scherzhaft sein sollte, aber bitter klang.</p> - -<p>„Was haben Sie, Ludwig?“ frug Edith halb erstaunt -und halb verletzt, indem sie einen Schritt zurück trat. In -dem Moment fiel ihr Blick auf eine hohe Gestalt in der -düsterschönen Tracht eines spanischen Granden. Eine tiefe, -jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und -war trotz der Larve wohl zu bemerken.</p> - -<p>„Was ich habe?“ gab er finster zurück, „sehen Sie -einmal in den Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, -und fragen Sie sich, „was ich habe,“ wenn das -Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein wird, beim -Anblick eines Anderen so tief erröthet — Sie haben sich -zu früh demaskirt!“</p> - -<p>Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres -Wort verlassen, aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er -so Unrecht nicht habe! Sie bezwang sich und blieb.</p> - -<p>„Ludwig, seien Sie nicht hart,“ sagte sie, fast -bittend, „Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß ich -bei jedem überraschenden Wort oder Anblick roth werde, -und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets beobachten, -wenn Gerald kommt —“</p> - -<p>„Ach was Gerald — Gerald,“ rief er heftig, „Sie -brauchen den Baron nicht beim Vornamen zu nennen, ich -kann diese Jugendfreundschaft nicht leiden, die er zum -Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor -meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu -machen! Sie werden ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, -und Sie werden heute Abend nicht mit ihm tanzen!“</p> - -<p>Edith war leichenblaß geworden.</p> - -<p>„Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,“ sagte -sie langsam und eiskalt, „aber noch brauche ich mir in -solchem Tone nichts befehlen zu lassen, ich werde Gerald -Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit ihm tanzen, -bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!“</p> - -<p>Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus -der Fensternische, und nahm Geralds Begrüßung mit um -so seltsameren Gefühlen entgegen, als der leidenschaftlich -entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte, schneidend von -dem Wesen Ertings abstach.</p> - -<p>Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu -spielen, man demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit -Edith durch den Saal flog, da folgten Aller Blicke bewundernd -und — bedauernd dem herrlichen Paar, welches -dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, -und jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen -denken ließ, die neben einander und für einander -gewachsen schienen.</p> - -<p>Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so -klar empfunden, was sie einander waren, als an diesem -Abend, wo das schmerzliche Gefühl „des letzten Males“ -ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh. Noch -nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft -zu sprechen — und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen -Härte, wies ihn nicht zurück!</p> - -<p>„Und übermorgen ist Ihr Polterabend!“ sagte Gerald -jetzt ohne Uebergang, als er Edith den Arm bot, und -langsam mit ihr durch den Saal nach einem kühleren -Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen Sessel -gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung -zu, ohne zu antworten. „Erlauben Sie!“ sagte er jetzt, -und nahm den Fächer aus ihrer Hand, „das paßt nicht -für Gretchen — überlassen Sie es Faust!“</p> - -<p>„Sie sind nicht Faust!“ erwiderte sie lebhaft, und -richtete sich auf, um ihn anzusehen.</p> - -<p>„Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens -sofort dafür erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm -auch warm genug empfohlen!“</p> - -<p>„Abscheulich!“ rief Edith erröthend, „weil sie wußte, -daß es Ludwig kränken würde!“</p> - -<p>„Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?“ -sagte Rüdiger höhnisch, „soll ich das ganz allein thun?“</p> - -<p>„Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!“</p> - -<p>„Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: -ich gräme mich, ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie -ahnten, wie es in meinem Kopf und Herzen aussieht!“</p> - -<p>„Ich bin gar nicht neugierig!“ erwiderte sie anscheinend -ruhig, aber mit leicht bebender Stimme, „überdies kann -ich es mir denken!“</p> - -<p>„Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!“</p> - -<p>„Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!“</p> - -<p>„Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? -Edith, ich gebe Ihnen eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie -mir, daß Sie mich lieben, daß Sie Erting nicht heirathen -wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die Verantwortung -für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit, die -ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie -das nicht!“</p> - -<p>Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in -dem Zittern der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig -im Schoße lagen, verrieth sich der tiefe, peinvolle -Zwiespalt, in den seine Worte sie versetzten.</p> - -<p>„Entscheiden Sie sich, Edith,“ fuhr er athemlos vor -Aufregung fort, „ich gebe Ihnen eine ganze Minute, -sechzig Secunden; glauben Sie, daß ich den zehnten Theil -so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder Nein -sagen sollte? Ein Wort, Edith,“ er blickte sich hastig um, -sie waren allein im Zimmer, „ein Wort und ich gehe -mit Ihnen davon, mein Schlitten ist hier, Sie kennen -den alten Job, meinen Diener, er führe mich zum Teufel -in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener -Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich -pfeife und der Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, -Edith, ehe die aber um sind, dürfen Sie auch kein Wort -sprechen!“</p> - -<p>Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig -erhob.</p> - -<p>„Genug, Baron Rüdiger,“ sagte sie mit gepreßter -Stimme, „Sie beleidigen mich tief, tödtlich, wenn Sie noch -eine einzige Silbe sagen! Was, Sie haben es für möglich -gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit Ihnen -davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? -Und nicht nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie -es gehalten,“ fuhr sie fort, indem sie ihn durch eine stolze -Handbewegung schweigen hieß, „auf wen wartet Ihr -Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie -kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich -Sie wohl bitten, mich zu meiner Mutter zu begleiten, -Sie haben mich hart dafür gestraft, daß ich Ihnen die -Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend einräumte.“</p> - -<p>Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand -er still und zwang sie dadurch, gleichfalls stehen zu -bleiben.</p> - -<p>„Edith, verzeihen Sie mir,“ sagte er rauh und ohne -sie anzusehen, „es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu -gewinnen, ich habe nicht überlegt, daß Sie der Gedanke -kränken mußte; was blieb mir schließlich übrig? Verzeihen -Sie mir,“ wiederholte er zornig, als sie schwieg -und vor sich niederblickte. „Sagen Sie, daß Sie mir -verzeihen oder es wird nicht gut!“</p> - -<p>Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an -sich, daß sie einen leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig -ließ er sie los.</p> - -<p>„Sehen Sie,“ sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber -ohne sich zu entschuldigen, „was davon kommt, wenn man -mir den Willen nicht thut? Aber jetzt noch einmal, Edith, -verzeihen Sie mir, wir sind für lange Zeit das letzte Mal -zusammen gewesen — gönnen Sie mir diesen einen armen -Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute -noch einmal vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!“</p> - -<p>„Weshalb?“ frug sie überrascht, und sah zu ihm auf.</p> - -<p>„Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein? -Sie taxiren mich denn doch etwas zu zahm, Edith! <em class="gesperrt">viel</em> -zu zahm, wie Sie noch einmal einsehen werden! Aber -Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir? -Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?“</p> - -<p>„Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,“ -erwiderte sie kalt.</p> - -<p>„Nun, dann bin ich zu Ende,“ rief er trotzig und -wild, „thun Sie was Sie wollen, aber wundern Sie sich -nicht, wenn ich es auch thue!“</p> - -<p>Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit -wildschlagendem Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien -sich wie ein Bleigewicht an ihre Schritte zu hängen. Als -sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter nicht sofort -sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr -sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und -legte ihre Hand in seinen Arm.</p> - -<p>„Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,“ -sagte sie, „was soll man davon denken?“</p> - -<p>„Sie ließen mich allein,“ erwiderte er, halb versöhnt -durch ihr Einlenken, — „aber es soll mir um so lieber -sein, wenn ich jetzt in Ihrer Nähe bleiben darf! Geben -Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine Quadrille!“</p> - -<p>„Gern,“ sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr -grollte, „sehen Sie sich, bitte, nach einem <em class="antiqua">vis-à-vis</em> um, -ich erwarte Sie bei Mama!“</p> - -<p>Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen -wieder in den Saal getreten war. Dann ging er, sich -einer Gruppe von Herren zugesellend, zu der auch Rüdiger -gehörte.</p> - -<p>Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden -mit angstvoller Spannung, aber da nichts Auffälliges zu -bemerken war, wandte sie sich ihrer Mutter zu, und bemühte -sich, die kritischen Bemerkungen zu belächeln, welche -die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden ließ.</p> - -<p>Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch -placirten, durch Orangerie fast versteckten Orchester. Die -verschiedenen Gruppen im Saal geriethen in Bewegung, -ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith warf -einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam -nicht, und sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.</p> - -<p>Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben -zurück ziehen, als Raven zu ihr trat.</p> - -<p>„Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen -Tanz?“</p> - -<p>„Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht -mich,“ sagte sie lächelnd, „ich habe die Quadrille -meinem Bräutigam zugesagt, und er scheint dies vergessen -zu haben!“</p> - -<p>„Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde -eben abgerufen, weil ihn Jemand auf einen Augenblick zu -sprechen wünschte, mag sein, daß die Unterredung sich ein -wenig in die Länge zieht!“</p> - -<p>„Ah so!“ erwiderte Edith beruhigt, nun, „plaudern wir, -bis er kommt, Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, -Sie verstehen das ja so meisterhaft!“</p> - -<p>Raven verbeugte sich.</p> - -<p>„<em class="antiqua">Tempi passati</em>, meine gnädigste, <em class="antiqua">tempi passati</em>, jetzt -überläßt man es jüngeren Kräften!“</p> - -<p>Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths -anfängliches Befremden über das Ausbleiben Ertings wich -nach und nach dem Zorn. Mochte er in noch so dringenden -Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich doch -wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu -geben, was ihn verhindere!</p> - -<p>„Irgend eine Börsennachricht,“ dachte sie bitter, „das -ist wichtiger, als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird -zum Cavalier geboren, das läßt sich eben später nicht -anlernen!“</p> - -<p>Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen -vielen „Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich“ entlassen -hatte, trat Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die -innere Erregung, ein zartes, aber doch tiefes Roth färbte -ihre Wangen.</p> - -<p>Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. -Wenn sie, als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit -in seinem Wesen zu erkennen geglaubt hatte, -so war diese verflogen, er sah lustiger und übermüthiger -aus, wie je!</p> - -<p>„Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?“ frug er, -indem er ihr Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr -umgab.</p> - -<p>„Das dürfen Sie,“ sagte Edith, gegen ihr besseres -Gefühl, „ich bin ja ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott -weiß warum, den Ball verlassen, ohne ein Wort der Aufklärung -an mich!“</p> - -<p>„Hat er das?“</p> - -<p>„Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört -rücksichtslos?“</p> - -<p>„Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,“ sagte -Rüdiger, der sie zu ihrem Platze geleitet hatte, „er konnte -zwingende Gründe haben! Jedenfalls rechnen wir mit -Thatsachen — er ist fort, ich bin da, es lebe die Gegenwart!“</p> - -<p>Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, -und das ihrige klang leise dagegen. Er leerte es in einem -Zuge, und noch eins, er steigerte sich zu fast fieberhafter -Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den Saal, und noch -nie hatten die blauen Augen des „tollen Junkers“ so geblitzt, -wie an diesem Abend.</p> - -<p>Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der -Minute hin, sie fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so -rücksichtslos, so gleichgültig verlassen hatte, und die Stunden -flogen vorüber, leicht und glänzend, wie die Schneeflocken, -die draußen dicht und dichter niederfielen.</p> - -<p>Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der -Tafel und zugleich zur Beendigung des Festes.</p> - -<p>Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren -begann, trat Rüdiger noch einmal zu Edith.</p> - -<p>„Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?“</p> - -<p>„Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?“</p> - -<p>„Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen -noch Zeit, wenn ich Sie erst nach Brandau bringe, ich -benütze dann einen späteren Zug.“</p> - -<p>Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. -Sie schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe -heute noch bei der Fürstin, es ist mir zu spät geworden, -um nach Brandau hinaus zu fahren, und meine Mutter -hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen, im -Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem -Schutze nicht anvertrauen.“</p> - -<p>„Wie Sie befehlen,“ sagte Rüdiger, ohne zu ihrer -Ueberraschung noch mit Bitten in sie zu dringen, „dann -fahre ich von hier direct zur Bahn, und fort. Leben Sie -wohl, Edith, auf Wiedersehen!“</p> - -<p>„Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,“ -sagte sie mit etwas mühsamem Lächeln, „wir -reisen gleich nach der Trauung für den Rest des Winters -nach Italien.“</p> - -<p>„Gleich nach der Trauung, und für den ganzen -Winter? O, wie schade! Nun, der Frühling kommt ja -auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer darf so sicher -sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse -auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!“</p> - -<p>Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in -dem er, der sie noch vor wenig Stunden wie außer sich -beschworen hatte, mit ihm zu fliehen, jetzt ihre Hochzeitsreise -besprach — war dies Comödie, oder alles Vorhergegangene? -Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.</p> - -<p>„Leben Sie wohl!“ sagte sie frostig, und reichte ihm -die kleine Hand im Handschuh, die er ehrerbietig an die -Lippen führte. Aber als er sich wieder aufrichtete, und -zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder Bewegung, da -stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen -noch einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: -„Du siehst ihn <em class="gesperrt">nie</em> wieder, wie Ihr Euch heut gesehen!“ -und sie gab ihm nochmals die Hand:</p> - -<p>„Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen —“ -und wandte sich hastig ab, während er eben so rasch das -Zimmer verließ, und seinen Mantel umwerfend, die Freitreppe -nachdenklich hinunter schritt.</p> - -<p>Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. -Der graubärtige Kutscher schlug schweigend das Tigerfell -zurück, und gab seinem Herrn die Zügel. Beide vermieden -es sorgfältig, einander anzusehen.</p> - -<p>„Vorwärts!“ rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. -Pfeilschnell flog der Schlitten über die dichte Schneedecke, -zur Stadt hinaus. Lautlos sauste das Gefährt über die -Landstraße, im kalten Vollmondlicht von seinen gespenstischen, -kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet. Eine scharfe -Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen, -funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den -schwarzen Tannen, und ein Ruck mit den Zügeln ließ die -Pferde langsam gehen. Schon stieg das Wolfsdorffer -Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet -aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den -Hut tiefer ins Gesicht, und wandte sich zu seinem -Kutscher.</p> - -<p>„Job!“</p> - -<p>„Gnädiger Herr?“</p> - -<p>„Alles ruhig oben?“</p> - -<p>„Nein, gnädiger Herr!“</p> - -<p>„Was macht er denn, Job?“</p> - -<p>„Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen -die Thüren. Zwei Fenster hat er auch schon eingeschlagen.“</p> - -<p>Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach -einer Pause, die den Schlitten wieder näher an das Schloß -brachte, begann er von Neuem.</p> - -<p>„Job!“</p> - -<p>„Gnädiger Herr!“</p> - -<p>„Warum sagst du nichts?“</p> - -<p>„Ich weiß nichts, gnädiger Herr!“</p> - -<p>„Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!“</p> - -<p>„Das glaub’ ich, gnädiger Herr!“</p> - -<p>Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die -Pferde, daß sie im Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß -erreicht war. Der gellende Ton der Pfeife übte auch hier -seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde die Zugbrücke -herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof, -die Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu -Hause.</p> - -<p>Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend, -wie Job, trat ihm mit einer Lampe entgegen, die -einen breiten, röthlichen Schein über den Schloßhof fallen -ließ. Rüdiger schüttelte sich die Schneeflocken vom Hut -und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel zu, -und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, -die nach den Wohnräumen führte. Der Diener folgte -ihm mit der Laterne.</p> - -<p>Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen. -Wenn er hätte sehen können, welch seltsam malerischen und -schönen Anblick er in seiner altspanischen Tracht, an der -dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend, darbot, er hätte -sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber ist es, -daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig -gewesen wäre.</p> - -<p>Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung -und schritt dann, nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich -gestanden hatte, den langen, hallenden Gang -herunter, der nach dem unfreiwilligen Aufenthaltsort seines -Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür sich -ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß -auf und klopfte gleichzeitig.</p> - -<p>„Wer ist da?“ rief Ertings Stimme von drinnen, -zwischen Aengstlichkeit und Wuth.</p> - -<p>„Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, — wollen -Sie —“</p> - -<p>Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die -Thür wurde aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, -in dem ungewissen Mondlicht, welches sein vom Zorn -bleiches Gesicht noch weißer erscheinen ließ.</p> - -<p>„Wo haben Sie Ihre Pistolen?“ knirschte er, indem -er Miene machte, sich auf Rüdiger zu stürzen, „wo haben -Sie Ihre Pistolen, ich will nicht mehr leben, wenn ich -nicht an Ihnen Rache nehmen darf!“</p> - -<p>Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch, -daß er im ersten Moment kein Wort fand, um zu erwidern. -Erting mochte das für den kalten Hohn des Siegers dem -Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein Rasender auf -Rüdiger zu, und packte ihn am Arm.</p> - -<p>„Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den -Schimpf, den Sie mir angethan haben, oder soll ich Sie -dazu zwingen?“</p> - -<p>Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt -zurück, noch sehr ruhig, wie es schien.</p> - -<p>„Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht -mit Ihnen!“</p> - -<p>„Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine -Schonung!“</p> - -<p>„Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen -Arzt zur Stelle haben, von einem Duell also keine Rede -sein kann, sodann aber, weil Sie mit Schießgewehr nicht -umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran finde, -einen Wehrlosen niederzuschießen.“</p> - -<p>„Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen -durch Ihre Leute knebeln und fortschleppen zu lassen, so -ist das reichlich eben so feige!“</p> - -<p>„Erting, nehmen Sie sich in Acht,“ rief Rüdiger, auf -dessen Stirn eine unheilverkündende, düstre Röthe erschien, -„ich dulde heute Viel von Ihnen, weil Sie der Beleidigte -sind, aber nicht Alles!“</p> - -<p>„Sie wollen sich nicht mit mir schießen?“ schrie Erting -mit fast erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, -und im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen.</p> - -<p>„Nein!“ erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er -keine Silbe mehr sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.</p> - -<p>„Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?“ fuhr -Erting, sinnlos vor Wuth, fort, „Edith, ich sehe jetzt klar, -sie war doch jedenfalls im Complott, als es galt, den -unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!“</p> - -<p>„Genug!“ sagte Rüdiger todtenbleich und fest, „Sie -haben einen Namen in unseren Streit hineingezogen, der -es mir unmöglich macht, Ihnen noch ferner Genugthuung -zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen treffen. -Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!“</p> - -<p>Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück, -in einem Tumult von Empfindungen, der ihm fast den -Verstand zu rauben drohte. Ueberwiegend war immer -noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die aber in -der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja -zu müssen, bereits nachzulassen begann.</p> - -<p>Blitzschnell jagten sich die Gedanken, „was wird man -zu Hause von dir denken? in welchem Lichte mußt du -Edith erscheinen?“ denn im Innern hatte er an ihre Mitwissenschaft -nicht geglaubt! Dann kamen andere Bilder -— wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk -gänzlich Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der -Runde gegenüber! Was würde seine Mutter sagen? was -Martha, die kleine, gute Cousine, die er geliebt, ehe er -in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte -auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs -Zimmer floß. Wer weiß, ehe die nächste Stunde ablief, -lag er vielleicht dort, hülflos, zum Krüppel geschossen, -todt, das war das Wahrscheinlichste.</p> - -<p>Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt -durchs Zimmer, in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. -Dann trat er zum Fenster, riß zwei Blätter aus -seiner Brieftasche und warf im grellen Vollmondschein mit -etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine Mutter! -Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: -„für den Fall meines Todes abzugeben.“ Dann ergriff -er das andere Blatt — sollte er Edith Lebewohl sagen? -sie wird seinen Tod schon erfahren, durch Rüdiger, der -sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird! Nein, -im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt -hastig und fliegend: „Liebe Martha, wenn du diese Zeilen -erhältst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und du -sollst dann wissen, daß ich dich immer geliebt habe, und -daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.“</p> - -<p>Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, -als der Schall von Schritten seiner Thür nahte.</p> - -<p>Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen -Männern, deren einer ein paar riesige Armleuchter trug, -die das Zimmer plötzlich zum Theil mit grellem Licht erfüllten, -während die verjagte Dunkelheit scheu und doppelt -finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den -Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben -sein würde.</p> - -<p>Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, -auf den Tisch und wandte sich zu Erting.</p> - -<p>„Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,“ sagte er -im verbindlichen Ton, „aber um die nöthigsten Formalitäten -zu erfüllen, habe ich uns wenigstens einen Zeugen citirt, -hier, mein Förster Strauch, er wird uns die Waffen reichen, -und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu verbinden.“</p> - -<p>Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.</p> - -<p>„Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden -abnehme,“ sagte er dann zu Erting, „meine Waffen sind -etwas eigensinniger Natur, und lassen sich nicht von Jedermann -handhaben!“</p> - -<p>Erting verbeugte sich stumm.</p> - -<p>„Ein Wort, Herr von Rüdiger,“ sagte er dann.</p> - -<p>„So viel Sie befehlen!“ erwiderte sein Gegner, indem -er mit ihm zum Fenster trat.</p> - -<p>„Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden -Zettel an ihre Adresse zu befördern, ich stelle mich für -einen gleichen Auftrag zur Verfügung.“</p> - -<p>Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, -einen schnellen verwunderten Blick auf Erting.</p> - -<p>„Nichts an Comtesse Brandau?“</p> - -<p>„Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten -würden!“</p> - -<p>Rüdiger zuckte die Achseln.</p> - -<p>„Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?“</p> - -<p>Erting schwieg einen einzigen Moment.</p> - -<p>„Ja,“ sagte er dann. „Sie haben mir keinen Auftrag -zu geben?“</p> - -<p>„Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur -zustößt, so würden die sogenannten Meinigen, deren ich -wenig besitze, sich durchaus nicht wundern; sie erfahren -es dann am Besten durch meinen alten Job. Und Comtesse -Brandau — ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich -Bericht erstatten, Herr Erting!“</p> - -<p>Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin. -Dieser nahm sie nicht, und sah ihn zornig verwundert -an.</p> - -<p>„Es ist Usus so, oder ähnlich,“ sagte Rüdiger freundlich, -„aber wie Sie wollen!“</p> - -<p>Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener -hatte das Zimmer wieder verlassen.</p> - -<p>„Ich denke, wir schießen <em class="antiqua">a tempo</em>,“ sagte Rüdiger, -noch immer in einem Ton, wie im Ballsaal, „zählen Sie, -Strauch, bis drei!“</p> - -<p>Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen, -Rüdigers Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf -fort und schlug in die Wand. Als sich die blauen Rauchwolken -langsam verzogen, sah der vor Aufregung halb -sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es -zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, -und trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.</p> - -<p>„Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, — -und nun zürnen Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz -hübsche Lehre bekommen!“</p> - -<p>Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen -Gegner, dessen rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, -und von dem das Blut dicht und schnell niederrieselte -und in dem Streifen Mondlicht am Fußboden unheimlich -aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die -finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß -er heftige Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts -von ihrem übermüthigen Klange verloren.</p> - -<p>Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier -über seine Züge, und der Förster hatte eben noch Zeit, -den ohnmächtig Zurücksinkenden aufzufangen.</p> - -<p>Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.</p> - -<p>„Großer Gott, ich habe ihn gemordet!“ schrie er auf, -und warf sich neben seinem bleichen Feinde nieder.</p> - -<p>Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock -auszuziehen, was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte -Arm in seiner Unbehülflichkeit ihn daran -hinderte.</p> - -<p>„Helfen Sie ’mal,“ herrschte er Erting zu, der, das -Gesicht in den Händen verborgen, noch immer regungslos -auf den Knieen lag, „heben Sie den Arm in die Höhe, -damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.“</p> - -<p>Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, -versuchte zu gehorchen, aber seine zitternden Hände -erwiesen sich als so ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich -bei Seite schob.</p> - -<p>„Rufen Sie den Job,“ sagte er, „wir müssen uns -eilen, daß wir das Blut stillen, sonst wird das nicht gut!“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,“ sagte Erting -kläglich, dessen durch die Erregung des Moments aufgeflackerter -Muth bereits wieder zu einem Nichts zusammengeschrumpft -war.</p> - -<p>„Dann werde ich ihn holen,“ sagte der Förster, -„bleiben Sie hier bei dem Baron!“</p> - -<p>Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit -Rüdiger allein.</p> - -<p>Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit -von seinem Opfer zu flüchten, aber eine bessere und -muthigere Regung überwog. Er nahte sich dem noch -immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd, neben -ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten -Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht -draußen war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht -wirklich kaum von dem eines Todten zu unterscheiden. -Als Erting, von einem unheimlichen Zauber bezwungen, -starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm -das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke -Leben hatte er zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf -ein monatelanges Siechenlager gezwungen, ihm, dem freies, -wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust und Jagdeifer -Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an -solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so -schauerlich bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht -nie mehr heben; mit den dunklen, schweren Tropfen, die -ihm entströmten, ging vielleicht die letzte Hoffnung auf ein -Wiedererwachen des Leblosen dahin!</p> - -<p>Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich -nicht, bis zur Thür zu gehen, er hielt förmlich den -Athem an.</p> - -<p>Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese -Strafe im Verhältniß zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? -Hätte er nicht ruhiger, nachgiebiger sein -sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst, der -wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag -des Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und -der sich ihm, wie er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr -zum Ziel gesetzt! Als er, tief aufstöhnend, den Kopf erhob, -und Rüdiger anblickte, öffnete dieser langsam die -Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.</p> - -<p>Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und -versuchte, sich aufzurichten.</p> - -<p>Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte -ihn. Rüdiger erkannte seinen kleinen Feind und ein leises -Lächeln flog über sein Gesicht.</p> - -<p>„Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen -Sie nicht so jämmerlich aus, es war mir ganz gesund, -daß Sie mir etwas Blut abzapften!“</p> - -<p>Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein -Dolchstoß.</p> - -<p>„Ich habe Sie unglücklich gemacht,“ stöhnte er, die -Hände vor’s Gesicht schlagend, „können Sie mir verzeihen?“</p> - -<p>Rüdiger erröthete leicht.</p> - -<p>„Erting, machen Sie mich nicht verlegen,“ sagte er -hastig und streckte die Hand nach dem Andern aus, „ich -Ihnen verzeihen! Ich habe Sie auf das Unerhörteste behandelt -und kann von Glück sagen, mit einer so „gnädigen -Strafe“ davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen -betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird -schon noch eine Büchse führen können, bis die rechte wieder -dienstfähig ist!“</p> - -<p>Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte -er schon fast gemurmelt — aber endlich, endlich kamen -Schritte den Corridor entlang. Der Förster, Job und -noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer. Einer -davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem -jungen Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß -den verwundeten Arm zu untersuchen.</p> - -<p>Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das -Urtheil über Tod und Leben, nachdem Job ihm mit -finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.</p> - -<p>„Ist das Bett des Herrn Baron bereit?“ frug der -Heilkünstler jetzt.</p> - -<p>„Wie lange schon!“ murrte Job, „es ist ja glücklich -fünf Uhr vorbei!“</p> - -<p>„Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?“ sagte Rüdiger, -sich ein wenig aufrichtend, „heulen Sie mir aber nichts -vor, denn ich verstehe ebenso viel von der Chirurgie wie -Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?“</p> - -<p>„Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,“ erwiderte -der Wundarzt trocken. Erting klappte zusammen -wie ein Taschenmesser, während Rüdiger kein Zeichen der -Bewegung sehen ließ.</p> - -<p>„Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor -allen Dingen ruhige Lage und kühles Getränk!“</p> - -<p>„Tröstlich!“ sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings -bereits fieberhaft zu glühen begannen, „denken Sie aber -nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen Gewäsch folge! Was, -ruhige Lage! — sitzen werde ich bis morgen früh und mein -kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie -sich einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne -Feindschaft mit Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut -dran! Job, flink, in den Keller!“</p> - -<p>„Baron Rüdiger,“ sagte Erting flehend, und faßte in -seinem Eifer die Hand des Gegners, „ich beschwöre Sie, -thun Sie, was der Arzt Ihnen sagt! Bedenken Sie, was -daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen Anordnungen -widersetzen.“</p> - -<p>Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die -Thränen in die Augen. Rüdiger sah ihn einen Moment -verwundert an und lachte kurz auf.</p> - -<p>„Sie sind eine gute Seele,“ sagte er, „und sollen sich -nicht ängstigen! Ich werde zu Bett wandern, damit Sie -nicht, wenn ich mit achtzig Jahren sterbe, sich einbilden, -ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und sich ihr -Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor -allen Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren. -Job, laß anspannen! ah, der Wagen kommt schon eine — -schwere Kutsche, wie sie rasselt! Aber die Todten reiten -schnell!“</p> - -<p>Er schloß die Augen.</p> - -<p>„Zu Bett mit ihm,“ sagte der Chirurg energisch, „das -Fieber steigt rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,“ -wandte er sich an Erting, „so schicken Sie doch noch einen -Arzt heraus, ich mag die Verantwortung nicht allein -übernehmen.“</p> - -<p>Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich -ohne weiteren Widerstand von Erting und Job in sein -Zimmer bringen, dann kehrte Ersterer zu dem Arzt -zurück.</p> - -<p>„Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,“ -sagte er mit ungewöhnlicher Festigkeit, „ich bleibe bei dem -Baron, er hat schon darein gewilligt.“</p> - -<p>Der Chirurg sah ihn erstaunt an.</p> - -<p>„Nun meinetwegen,“ sagte er, „legen Sie ihm fleißig -Eis auf den Kopf, und halten Sie ihn möglichst ruhig. -Aber ein Arzt muß noch heraus!“</p> - -<p>„Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke -zu Doctor Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir -persönlich bekannt. Halten Sie denn den Zustand des -Barons für gefährlich?“ Ertings Lippen zitterten.</p> - -<p>„Offen gesagt, ja!“ erwiderte der Wundarzt nach -einigem Besinnen, „das Fieber tritt so schnell und heftig -auf, daß es die Kräfte sehr hinnehmen muß und für einen -Mann von des Barons ganzer Natur ist ein Krankenlager -immer eine böse Sache. Aber wir wollen das -Beste hoffen!“</p> - -<p>Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote -sich bereit machte; er citirte Doctor Stein heraus und -benachrichtigte in einem zweiten Briefe Edith von seinem -Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.</p> - -<p>Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den -wildesten Phantasien vorfand.</p> - -<p>Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer -Erzählung kennen lernten, traf in wenig Stunden ein. -Er trat mit dem ihm eigenen, besonnenen Wesen an das -Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß vermochte -Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen -ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken -verfiel er schon wieder in heftige Raserei. Erlebtes und -Geträumtes mischte sich auf eine für Erting unbeschreiblich -qualvolle Weise in seine Reden.</p> - -<p>Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich -empfahl.</p> - -<p>„Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,“ -sagte er auf Ertings verzweifelt fragenden Blick, „aber -das Ungestüm des Fiebers macht mich besorgt. So viel -ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen Verwandten, ich -werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.“</p> - -<p>„Thun Sie das nicht,“ bat Erting flehentlich, „sagen -Sie mir Alles, was geschehen soll, Stein, ich will gewiß -nichts an ihm versäumen! Gönnen Sie mir den kleinen -Trost für das Schreckliche, was ich in meinem unsinnig -gereizten Zustand angerichtet habe!“</p> - -<p>Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend -die Hand auf die Schulter legte.</p> - -<p>„Ruhig Blut, alter Freund,“ sagte er tröstend, „Rüdiger -ist jung und hat schon mehr Stürme ausgehalten, als -diesen! Ich traue Ihnen übrigens Umsicht und Sorgfalt -genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins sage -ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze -Zeit lang tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!“</p> - -<p>Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der -Doctor das Schloß verlassen hatte, sofort zu seinem -Posten zurück. Tage und Nächte saß er nun an Rüdigers -Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst. -Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten -umgehen können, als der kleine, ehrliche Mann, -den er so schwer gekränkt.</p> - -<p>Und während dieser angstvollen Stunden im stillen -Krankenzimmer ging in dem Herzen der beiden Rivalen -eine seltsame Wandlung vor. Erting fühlte, wie die -Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den — freilich -seltenen — Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm -nach und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande -dieser Sorgen und Freuden einflößte. Oft ertappte -er sich dabei, daß er fast mit einem Gefühl von Zärtlichkeit -in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken blickte, und -seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger, -der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige -Gesicht Ertings zu blicken — der jeden Labetrunk -aus den Händen des einst so Gehaßten und Verspotteten -entgegennahm — er hatte, unklar, wie die Krankheit ihn -denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser -kleine Mann zu ihm gehöre — daß ihm etwas fehle, -wenn Erting nicht an seiner Seite sei.</p> - -<p>Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden -— aus Brandeck und aus der Residenz, und die -tägliche Antwort — „noch beim Alten,“ wollte und wollte -keiner Besserung weichen.</p> - -<p>Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an -Rüdigers Lager saß, blickte dieser plötzlich mit ungewohnter -Klarheit zu ihm auf.</p> - -<p>„Erting,“ sagte er, „mir ist heut auf einmal merkwürdig -vernünftig im Kopf, das muß ich schnell benutzen! -Ich danke Ihnen, Erting, für alle Liebe, die Sie mir erwiesen -haben — Sie sind ein braver, treuer Kamerad und -ich habe es nicht um Sie verdient!“</p> - -<p>„Schweigen Sie doch,“ sagte Erting rauh, um seiner -Bewegung Herr zu werden.</p> - -<p>Rüdiger schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Lassen Sie mich heute reden!“ fuhr er schwach, aber -ganz ruhig fort, „wer weiß, ob ichs morgen noch kann! -Ich glaube beinahe, alter Freund, es wird am längsten -gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen heut -noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen -Sie mich reden,“ wiederholte er hastig und erregt, „oder -ich springe aus dem Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!“</p> - -<p>„Nun, so reden Sie,“ sagte Erting rathlos, als er sah, -daß Rüdiger sich mühsam emporrichtete, „aber fassen Sie -sich kurz, und dann schlafen Sie!“</p> - -<p>„Ich will Ihnen nur sagen,“ begann Rüdiger in -kurzen Sätzen und schnell athmend, „daß ich nicht ganz -der hinterlistige Schurke bin, für den Sie mich gehalten -haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem Maskenabend, -ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei -Gott nicht! Ich wollte — ja sehen Sie mich nur an, -ich wollte Edith“ — er seufzte schwer auf — „also — -Edith ein letztes Ultimatum stellen — sie sollte mit mir -davongehen! Sie wurde zornig — und wir geriethen -aneinander!“</p> - -<p>Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich -wieder fort:</p> - -<p>„Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, -wenn du <em class="gesperrt">ihn</em> wegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit -sein und du hättest der ganzen Bande noch einmal tüchtig -die Hölle heiß gemacht. An Das, was später kommen -könnte — dachte ich nicht — habe ich nie gedacht — nie!“</p> - -<p>„Ja, ja!“ sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder -schwach zurücksank, „das weiß ich ja! Aber nun schweigen -Sie auch wieder still!“</p> - -<p>„Nur Eins noch, Erting,“ sagte Gerald, und faßte -des Andern Hand, „ich spreche nicht aus Egoismus, beim -Himmel nicht! Ich werde keinem Freier mehr in den -Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith -los! Sie Beide taugen nicht für einander, ich kenne das -Mädchen besser — sie würde unglücklich werden und machen! -Die hätte zu so einem Durchgänger gepaßt wie ich bin, — -nun, es sollte nicht sein!“</p> - -<p>„Rüdiger,“ sagte Erting mit vor Rührung zitternder -Stimme, „nun hören Sie, was ich zu sagen habe. Glauben -Sie wirklich, daß wenn Sie sterben sollten — wenn ich Sie -umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß ich dann -noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, -das nicht! das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, -denn sie weiß ganz gut, daß Sie um ihretwillen hier -liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie wieder gesund -sind — und Sie <em class="gesperrt">werden</em> wieder gesund werden — -dann sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt — -<em class="gesperrt">ich</em> stehe Ihnen nicht mehr im Wege!“</p> - -<p>„Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth -annehmen?“ rief Rüdiger fieberhaft erregt, „ich hätte gehofft, -daß Sie mich nun besser kennten!“</p> - -<p>Erting sah vor sich nieder.</p> - -<p>„Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,“ sagte er und -wurde roth, „so sehr großmüthig wäre es nicht ’mal von -mir! Ich habe schon lange das Gefühl, als wenn Edith -Brandau und ich einen dummen Streich begangen hätten, -als wir uns verlobten, und — und ich muß Ihnen nur -sagen, ich habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, -— nun, Sie können sich das Andere denken!“</p> - -<p>Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das -Haar von der Stirn.</p> - -<p>„Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe -ich, das wissen Sie ja so gut wie ich, und dann, wie -Edith ist, habe ich sie mir durch meinen tollen Streich -von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie läßt -sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war — -und ich war es nicht — jetzt bin ich es geworden, glauben -Sie mir, Erting! Aber ich habe nun genug gesprochen, -ich will schlafen!“</p> - -<p>Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht -in den Kissen.</p> - -<p>Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. -Doktor Stein wurde geholt, Rüdigers Zustand hatte sich -aufs Heftigste verschlimmert.</p> - -<p>Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um -Mitternacht zurückfuhr und versprach, gegen Morgen noch -einmal wiederzukommen, da wußte man im Schloß, daß -Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch -nach Stunden zähle.</p> - -<p>Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, -sie flog mit ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von -Brandeck und schlug an die Fenster, hinter denen Edith -wohnte, und schlug auf das verzweifelnde Herz von -Geralds erster Liebe.</p> - -<p>Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung -wieder in den Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem -Halbschlummer. Erting öffnete leise die Thür, als er -Schritte im Vorzimmer vernahm.</p> - -<p>„Stein, sind Sie es?“</p> - -<p>„Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,“ sagte -der Doctor mit unterdrückter Bewegung, „machen Sie -einmal Platz, Erting!“</p> - -<p>Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief -verschleierte Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte -ihm beide Hände hin.</p> - -<p>„Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan -habe — und verzeihen Sie mir auch diesen Schritt — -aber ich mußte Ihn noch <em class="gesperrt">einmal</em> sehen!“</p> - -<p>Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. „Gehen -Sie zu ihm, Edith, ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten -— der da drinnen hat Sie mit seinem Blut erkauft!“</p> - -<p>Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, -sie sah einige Augenblicke in sein bleiches Gesicht -und dann kniete sie neben ihm nieder und küßte seine Hand.</p> - -<p>Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr -glücklich, und sagte: „Nicht wahr, du bleibst jetzt bei -mir?“</p> - -<p>Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte, -schloß er die Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.</p> - -<p>„Das war ein Gewaltstreich,“ sagte Doctor Stein -eine Stunde später zu Erting, „aber er hat die Krisis -beschleunigt. Ich halte ihn für gerettet!“</p> - -<hr class="tb"/> -<p>Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte, -war Alles gekommen, wie es hatte kommen müssen! -Gerald Rüdiger und seine schöne Frau standen auf der -Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen -Augen des „tollen Junkers“ war ein ernsteres Licht -aufgegangen; dies und der steife Arm, der noch immer -nicht wieder ganz beweglich sein wollte, gemahnte noch -an die Vergangenheit, die ihm heute wieder besonders -lebhaft nahe gerückt worden.</p> - -<p>Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht — -Ludwig Erting, der den Freunden seine Braut vorstellte! -Die Mutter war Angesichts <em class="gesperrt">dieser</em> treuen Liebe gerührt -worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in ihrer -hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, -braven Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen -und Tüchtigen zu halten.</p> - -<p>Und Rüdiger? — Der Traum, den er auf seinen -wilden Fahrten geträumt, ist zur Wahrheit geworden; -wenn der Mond sanft und klar über dem Wolfsdorffer -Schloß emporsteigt, stehen er und — noch Eine am -Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied -erzählt ihm immer wieder die Geschichte, die zu hören er -nicht müde wird — die Geschichte von der Liebe seiner -Jugend — von dem Kampfpreis seines Lebens.</p> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2><a name="Finderlohn" id="Finderlohn">Finderlohn.</a></h2> - -<p class="first">Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte -eine mir befreundete Dame, unternahm ich eine kleine Reise -nach dem Badeort K... Der Zufall führte mich auf -dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, -die etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft -verkürzt zu sehen, bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es -war allerdings kein Damencoupé, welches ich bei allein -unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist dies eigentlich -ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn Jahre zählt, -zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung -vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts -— aber ich bin noch nie in einem solchen Coupé gefahren, -ohne mich über die kleinliche Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, -ihre Empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte -und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln -zu ärgern, die eben auf den Stationen <em class="gesperrt">nicht</em> zu haben -waren.</p> - -<p>So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus -diesem Dilemma erlöste, und bestieg mit meiner Freundin -zusammen einen Waggon, der den Gebildeten beiderlei -Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand sich nur -noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen, -freundlich begrüßte.</p> - -<p>Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die -ich zu erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht -unterlassen, ihn zu beschreiben mit all’ dem Enthusiasmus, -den ich für ihn empfand; erstens um dem Leser damit ein -Bild von ihm zu geben, und zweitens in der stillen -Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht -irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und -nach einer Weile mit dem mich noch in der Erinnerung -entzückenden herzlichen Lachen, in welches er zuweilen ausbrach, -ruft: „Das soll <em class="gesperrt">ich</em> wohl am Ende sein?“</p> - -<p>Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern -nicht mehr, als seine freie Stirn von schneeweißem, feinem -Haar umwachsen war, welches, glänzend wie die Federn -eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft stand, und -die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen -auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung -aber war er doch, denn unter diesen seltsamen Augenbrauen -sahen zwei so schöne, lebhafte, recht junge Augen -hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten — -jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten -Gesundheit lag auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, -goldene Heiterkeit einer ewigen Jugend tönte aus -dem unwiderstehlich herzlichen Lachen, mit welchem er in -jeden Scherz einstimmte.</p> - -<p>Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden -alten Herrn! Das ist ein Damenwort, ich weiß es, -aber ich bleibe dabei und rufe zum Schluß meiner Beschreibung -noch einmal energisch aus: Nicht nur ein reizender -alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar -den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich -je gesehen habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur -daran zu denken, erheitert mich noch! Ueber den kleinen, -schäbigen Jungen, der auf einer Station emsig und still -vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die mit -eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen -entlang trugen, über die Ankommenden und Abreisenden! -Wie elektrisirt er war, als eine klangvolle italienische Leier -uns die „schöne blaue Donau“ zu hören gab, wie ernst -und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine sanfte, -traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder -über seine eigene Rührung lachte!</p> - -<p>Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein -Weilchen mit diesem liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten -hatten, durch eine zufällige Ideenverbindung auf -eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen vor -kurzem stattgefunden.</p> - -<p>Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte -einen Ausflug zu ihrer Schwester unternommen, war acht -Tage dort geblieben, hatte am zweiten dieser acht Tage -einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor Ablauf -der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden -das nach Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die -Achseln über so schnell gewonnene Herzen und ich meinte:</p> - -<p>„Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das -sich nur acht Tage gekannt hat, ehe es ein Brautpaar -wurde! Eine bedenkliche Sache!“</p> - -<p>Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf -nach uns um.</p> - -<p>„Verzeihen Sie,“ begann er lächelnd, „wenn ich mich -in Ihr Gespräch mische, welches von Persönlichkeiten -handelt. Aber von der Bemerkung, die Sie eben machten, -mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen, als daß -ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem -Fall, von dem Sie eben sprechen — ich habe meine Frau -sogar nur drei oder vier Mal gesehen, eh’ wir uns verlobten, -und wir sind doch ein sehr glückliches Ehepaar -geworden.“</p> - -<p>Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung -nicht unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich -fände. Mein alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher -Miene zu, es mochte ihm wohl schon öfter vorgekommen -sein, daß er so schnell Eroberungen machte.</p> - -<p>Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die -Frage an ihn, wie das denn gekommen sei, ob er nicht -Zeit gehabt hätte, sich länger zu besinnen?</p> - -<p>Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in -unsere neugierigen Gesichter, dann sagte er freundlich:</p> - -<p>„Ja, so etwas hören junge Damen immer gern! -Aber es ist eine lange Geschichte, am Ende komme ich -an’s Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh’ ich zu Ende -bin!“</p> - -<p>„Ach bitte,“ riefen wir Beide, „es wird schon gehen, -die Geschichte ist <em class="gesperrt">uns</em> sicher nicht zu lang — wenn Sie -so sehr freundlich sein wollen!“</p> - -<p>Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle -Drei gemüthlich zurecht und er begann:</p> - -<p>„Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich -auf Freiersfüßen ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu -sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf der wir jetzt so selbstverständlich -durch die Welt fliegen, war damals etwas -ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem -Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. -So gewöhnt sich der Mensch an Alles und wir nennen -die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll, ihr wird nur eben -Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große Leute -erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph -war damals auch erst eben erfunden — ja, ja, denken -Sie nur!</p> - -<p>Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte -Zeit anzutreten, ein Entschluß, der mir um so -leichter wurde, als ich ganz frei und ungebunden in der -Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden besaß, -als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein -Nachklang der Zeitströmung, auf den schönen Namen -„Nap“ hörte. Nicht wahr, eine ziemlich durchsichtige Abkürzung -im Jahrhundert der Freiheitskriege?</p> - -<p>Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger -und letzter Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in -die Fremde gewandert, hatte mit mir studirt, Examina -gemacht, und war mir stets ein lieber Freund und treuer -Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, -daß ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein -Wesen auf der Welt, meine lieben alten Tanten nicht -ausgenommen.</p> - -<p>Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren -noch ein paar Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, -wo die Leute sich Zeit ließen. Schon die -äußere Umgebung der beiden alten Damen war die Zierlichkeit -selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern -Hause, nicht am selben Ort mit mir, welches sich -durch die blitzendsten Fensterscheiben auszeichnete und -grüne Jalousien hatte. Das Häuschen war umgeben -von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken -und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum -mit der Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. -Da können Sie glauben, daß kein Zweig sich erlauben -durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen, sofort -war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein -Paar ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und -gewissenhaftere Seelchen, als meine beiden lieben Tanten -gab es nicht! Sie trugen sich ganz gleich, hatten -Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte Löckchen, -Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man -sie jetzt nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide -Brillen.</p> - -<p>An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit -meinem Nap bei den Tanten ein, die mich herzlich und -liebevoll aufnahmen, und mich in ihre Gartenlaube zu -einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen Dimensionen -ungefähr der Art waren, als hätten die sieben -Zwerge fragen können: „wer hat von meinem Tellerchen -gegessen“ u. s. w. Aber ich ließ es mir wohlschmecken, und -nachdem ich den Tanten meine Pläne für die nächste Zeit -mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem kühnen Ansinnen -heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene -Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in -Pflege und Obhut nehmen wollten.</p> - -<p>Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern -nicht wenig erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs -ihrer Hausbewohnerschaft, ein bellender, springender, zottiger -Mitbewohner ihres stillen, beschaulichen Daheim; sie sahen -sich wechselweise eine gute Viertelstunde an, schnupften, -niesten, selbst dies Mittel schien heut’ nicht anzuschlagen, -endlich nahmen sie <em class="antiqua">a tempo</em> die Brillen ab und sagten -so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes, -deutliches „Ja!“</p> - -<p>Ich wußte, welch’ ein Opfer sie mir brachten, und -sprach ihnen es auch dankbar aus, ich fügte bei, daß nur -das Bewußtsein, meinen Hund in den besten Händen zu -wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und -dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren -edelmüthigen Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich -erklärte meinen schnellen Aufbruch damit, daß ich am -nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn weiter müsse, -welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte, -von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen -meinen Weg fortsetzen.</p> - -<p>„Und, liebe, beste Tanten,“ fügte ich noch dringend -hinzu, „laßt Nap die nächsten Tage nicht aus den Augen, -er wird gewiß Versuche machen mir nachzusetzen und -könnte alsdann verloren gehen!“</p> - -<p>Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten -und dankbaren Abschied, während Nap, durch ein -Schüsselchen Milch in’s Haus gelockt, ahnungslos diesen -Labetrank schlürfte.</p> - -<p>Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als -ich in das Städtchen H... einfuhr, welches die Grenze -zwischen Flachland und Gebirge bildet, zog ein Gewitter -dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß, -der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, -der auf meine Nase fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer -Wolkenbruch stürzte hernieder und das liebenswürdige -Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt, recht -gründlich „einzuregnen.“ Unter diesen Umständen eine -Fußtour beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen -zu wollen, um das Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr -als Thorheit gewesen. Es hieß also warten!</p> - -<p>Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt -ein, der vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, -und sah zum Fenster hinaus. Zum Glück war ich von -jeher besonders unfähig, mich zu langweilen, ich hatte -manchmal den besten Willen, da kam mir etwas Unterhaltendes -in die Quere — es ging nicht!</p> - -<p>Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht -gut langweilen können, aber da lag gerade dem Gasthause -gegenüber ein ganz allerliebstes Haus, das immer -etwas zu sehen oder zu hören gab. Ich konnte freilich -nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes beobachten, -denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen -Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen -nicht ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.</p> - -<p>An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge -Dame und nähte. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, sie -bückte sich immer sehr tief auf die Arbeit; ich sah nur ein -Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse eines -zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um -einen seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.</p> - -<p>Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle -Muße, diese Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise -hatte das Haus seinen Eingang auch auf der Seite. Gegen -Abend kam ein dicker, stattlicher Herr nach Hause, dessen -Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte, denn -er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden -Schirm über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige -Person schon innerhalb der Hausthür war. Und -dann zur Thür hinaus schüttelte und spritzte er diesen Schirm -aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug wäre.</p> - -<p>Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über mein -<em class="antiqua">vis-à-vis</em> erfahren können, aber ich wollte es nicht — es -war so sehr ergötzlich, mir meine Schlüsse aus Dem zu -ziehen, was ich sah.</p> - -<p>Der Hausherr war entschieden <em class="gesperrt">kein</em> Arzt, dazu kam -er zu regelmäßig nach Hause, sondern Beamter, ein Mann -mit Bureaustunden. Die junge Dame am Fenster war -seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich -stets geraden Weges zu ihr in’s Zimmer. Dann stand sie -sofort auf, legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm -hinaus. Eine dritte Person, die ich häufig ausgehen und -wiederkommen sah, eine Dame in mittleren Jahren, mußte -die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn -wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.</p> - -<p>Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel -ein ganz klein wenig lichter zu werden, ich trat an’s -Fenster und, wie mir schon zur Gewohnheit geworden -war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß die -junge Dame — dies Mal ohne Näharbeit — ich hätte -ihr Gesicht gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt -ein Tuch vor die Augen — sie weinte!</p> - -<p>Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? -Sie werden mir zugeben, daß ein junges Mädchen mit so -schönen blonden Zöpfen, die von ihrem Papa verzogen -wird und — weint, ein Fall ist, über den man nachdenklich -werden kann.</p> - -<p>Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die -Augen, schrieb einige Worte auf einen kleinen Zettel, -stand auf und verließ das Fenster. Wenige Minuten -darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat heraus, einen -Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und -blickte nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, -das muß ich schon sagen!</p> - -<p>Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe -hinunterging, weiß ich nicht zu sagen, aber ich that es -und folgte der jungen Dame in respectvoller Entfernung, -auch mit dem Regenschirm bewaffnet.</p> - -<p>Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm -meiner Schönen und drehte ihn von innen nach außen, -er machte, wie man zu sagen pflegt, eine Tulpe daraus. -Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter -Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen -Versuch, den treulosen Beschützer wieder in seine -alte Form zu bringen, verdoppelte ihre Schritte und eilte -in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das tobende -Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und -nicht faul, betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut -und postirte mich der jungen Dame gegenüber an die -Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die Hausthür, -zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand -hinaus, um zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen -habe. „Kein Trauring!“ dachte ich erfreut, ohne -eigentlich zu wissen, warum es mich freute.</p> - -<p>Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, -nahm das Fräulein ihren Schirm wieder vor und versuchte -ihn in die richtige Verfassung zu bringen. Es gelang -ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink -des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem -Hut trat ich bescheiden vor und bot meine Hülfe -an, die auch freundlich angenommen wurde.</p> - -<p>Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, -versteht sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er -nicht weichen, ich wendete alle Gewalt an, der Tückische -aber verstand keinen Spaß, sondern brach gelassen mitten -durch. Das Fräulein sah erschrocken aus, aber nicht -zornig — durchaus nicht zornig, was ich mir mit richtiger -Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen Temperaments -auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, -stammelte ein paar Entschuldigungen und bat endlich um -die Erlaubniß, meinen Schirm als Ersatz anbieten zu -dürfen, wozu mich noch die egoistische Hoffnung stachelte, -ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen -Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg -zu dringen, die von der blondzöpfigen Prinzessin bewohnt -war. An Abreise dachte ich schon nicht mehr, wie Sie -sehen. Aber es kam anders!</p> - -<p>„Ich danke sehr, mein Herr,“ sagte das junge Mädchen -freundlich, „ich kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. -Wollen Sie mir aber eine Droschke besorgen, damit ich -meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich es dankbar an!“</p> - -<p>Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, -daß ein sehr liebenswürdiges „Danke“ mich belohnte, -dann, während ich, den Hut in der Hand, wie -ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame -zum Kutscher hinauf: „Nach der Zeitungsexpedition!“ Der -Schlag fiel zu — und da stand ich.</p> - -<p>Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge -Dame in der Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken -bestürmten mich — sie wird doch nicht einen Brief -abholen, von dem der Papa nichts wissen soll? Erst Thränen, -dann Zeitungsexpedition — verdächtige Zusammenstellung!</p> - -<p>„Dahinter muß ich kommen,“ rief ich so zornig, als -wäre ich der Beichtvater der kleinen Dame.</p> - -<p>Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich -mußte einen Vorwand haben, auch nach der Expedition -zu gehen. Sollte ich nach Briefen fragen? Nein, das -war mit einem „Nichts für Sie!“ zu schnell abgemacht. -Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein -Blatt aus der Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben -wie folgt: „Ein kleiner, schwarzer Affenpinscher -mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen Nap -hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten, -denselben gegen eine angemessene Belohnung im -Hotel zum grünen Falken, Zimmer Nr. 10, abzugeben.“ -Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache an Wahrscheinlichkeit -gewönne und die junge Dame nicht glaubte, -ich wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.</p> - -<p>Nun denken Sie — der arme Nap! Er mußte noch -herhalten, mußte sich angeblich verlaufen haben, um seinen -Herrn auf den richtigen Weg zu bringen! Einige Kreuz- -und Querfragen führten mich rasch nach der Expedition -des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den -ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.</p> - -<p>Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende -Menschenmenge vor, welche fast bis an die Thür hin sich -drängte und nur langsam zum Schalter avancirte. So -sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am Eingang -stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf -den Augenblick der Beförderung.</p> - -<p>Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, -dabei etwas von „glücklichem Zufall“ murmelte, sah sie -mich überrascht an, erröthete und ein leichtes Zucken ihrer -Augenbrauen verrieth, daß sie diese zweite Begegnung für -keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung erwiderte sie -kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung -nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es -gar nicht.</p> - -<p>„Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! -Ich komme vor drei Tagen ganz fremd hier in -die Stadt und bin heute schon in der Lage, eine Annonce -in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein verlorener -Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!“</p> - -<p>Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, -daß sie mir Unrecht gethan — nach <em class="gesperrt">ihrer</em> Ansicht — -und ärgerte sich vielleicht ein wenig über die Eitelkeit, -welche ihr zugeflüstert, ich sei wohl ihretwegen nach der -Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete etwas freundlicher, -sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines -Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.</p> - -<p>„So, wie es hier beschrieben ist,“ fügte sie hinzu und -reichte mir den kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. -„Können Sie mir wohl sagen, mein Herr, ob die Anzeige -so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus Niemand darum -fragen,“ setzte sie treuherzig hinzu, „weil — nun, weil ich -fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er -erführe, daß ich eben <em class="gesperrt">dieses</em> Besitzthum verloren habe!“</p> - -<p>Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand -die Anzeige, daß ein schmaler goldener Ring mit -einem Vergißmeinnicht von Türkisen darauf verloren gegangen -und gegen Belohnung T...straße Nr. 6 abzugeben -sei.</p> - -<p>„Sie können sich einige Worte sparen,“ bemerkte ich; -„mit Ihrer Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere -Form.“</p> - -<p>Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das -Original des kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche -verschwinden, als ich dem Fräulein die Copie überreichte. -Sie schien es gar nicht zu bemerken.</p> - -<p>„Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,“ begann -sie nun ihrerseits etwas schüchtern, „ist es auch ein Andenken?“</p> - -<p>„Ja, aber anderer Art,“ erwiderte ich, „<em class="gesperrt">mein</em> Andenken -hat vier Beine, einen krausen, schwarzen Pelz und -bellt — mein Hund ist mir verloren gegangen!“</p> - -<p>„Ach, wie schade,“ sagte sie bedauernd, „aber wie -kann man einen Hund verlieren!“ setzte sie vorwurfsvoll -hinzu.</p> - -<p>„Nun,“ gab ich ruhig zurück, „ebensogut, wie -man einen Ring verlieren kann, den man am Finger -trägt.“</p> - -<p>Sie lachte.</p> - -<p>„Ich hatte ihn aber abgezogen,“ erwiderte sie eifrig, -„ich wollte ihn zu dem Juwelier dort drüben tragen,“ sie -wies nach einem hübschen Laden mit großen Spiegelfenstern, -„wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben -will — ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder -sonst wo verloren habe, weiß ich nicht.“</p> - -<p>„Ich denke, er findet sich wieder,“ tröstete ich, „und -ich für meine Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen -Augen umhergehen — wer weiß, ob ich nicht -das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und dann -so glücklich bin, es Ihnen zu geben.“</p> - -<p>In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die -junge Dame eilte vor, gab ihren Zettel ab und verließ -mit einer flüchtig freundlichen Kopfneigung gegen mich die -Expedition, während ich nach ihrem Verschwinden gedankenlos -mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte, daß -es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem -Druck zu übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen -Dingen läßt sich zwar noch viel sagen, aber nichts mehr -thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd und -sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft -weiter spinnen sollte.</p> - -<p>Plötzlich fiel mir etwas ein.</p> - -<p>Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort -kein Mal, also wollen wir es noch ein zweites Mal -thun, und dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen -— die Gelegenheit zur Fortsetzung einer Beziehung finden, -die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen -Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen.</p> - -<p>Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, -mir etwas vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen -Dame bezeichneten Juwelierladen und bat, mir verschiedene -Ringe vorzulegen. Während der Kaufmann das Verlangte -herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf dem -Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald -über Namen und Stand meines Gegenüber bereitwillig -Auskunft ertheilte.</p> - -<p>Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie -ich vermuthete, Justizrath — leider sind die Adreßbücher -nicht ausreichend, um sonstige gewünschte Details über -eine Familie zu erfahren. Indeß ich wußte genug und -begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu spinnen.</p> - -<p>Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche -Kaufherr mir vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte -endlich, dies sei Alles nicht was ich wollte, ich brauchte -einen bestimmten Ring.</p> - -<p>„Ich will genau denselben haben, den Fräulein W..., -die Tochter des Justizrath W... in der T...straße, -besitzt, es handelt sich um eine Wette,“ fügte ich rasch -hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und sogar -ein wenig lächelte.</p> - -<p>„Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,“ sagte er -nun, „und ich hatte genau denselben noch einmal, habe -ihn aber meiner Tochter geschenkt, der er bei Fräulein -W... so gut gefiel.“</p> - -<p>„Das ist betrübend,“ erwiderte ich achselzuckend, „denn -ich müßte ihn bald haben. In zwei bis drei Tagen -spätestens verlasse ich die Stadt und möchte meine Wette -gern vorher noch zum Austrag bringen.“</p> - -<p>Der Juwelier besann sich ein Weilchen.</p> - -<p>„Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,“ begann -er dann zögernd, „so könnte ich ja meiner Tochter später ein -anderes Exemplar des Gewünschten anfertigen lassen — -er ist nun freilich schon längere Zeit getragen worden und -sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer Ring.“</p> - -<p>„Um so besser,“ rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte -aber dämpfend hinzu, „ich meine, das schadet nichts — -wenn Ihr Fräulein Tochter so sehr gütig sein wollte!“</p> - -<p>„Ich will mit ihr sprechen,“ bemerkte der Vater, dem -die Sache zweifelhaft schien, „vielleicht bemühen Sie sich -morgen früh noch einmal zu mir.“</p> - -<p>Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich -darüber nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen -werde. Nachdem ich mein schönes <em class="antiqua">vis-à-vis</em> einmal gesprochen, -konnten mich die stummen Fensterbeobachtungen -nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch unstatthaft -geworden.</p> - -<p>In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es -ist, sich darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch -genug vergeht! Aber die Jugend, mit ihrem unerschöpflichen -Reichthum an zukünftigen Tagen, möchte oft das „heute“ -mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu irgend -einem ersehnten „morgen“ zu gelangen!</p> - -<p>Nun, auch mein Tag ging dahin — und ehe ich mich’s -versah, war der Abend da und die Nacht — ich ging -auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu begeben.</p> - -<p>Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah -auf die Straße und auf das Haus gegenüber.</p> - -<p>Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein -lag auf den Dächern, milde, warme Luft strich über -meine Stirn — ich konnte weiter reisen — wenn ich wollte!</p> - -<p>Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und -trat im Traum auf einen kleinen harten Gegenstand, der -sich als ein Ring mit einem blauen Stein auswies. -Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem Hause -des Justizraths begeben — da klopft es an meine Thür, -und die naseweise Bemerkung: „Der Barbier ist da!“ -ruft mich aus der Traumwelt in die rauhe Wirklichkeit -zurück.</p> - -<p>Ich frühstückte eilig — es war mittlerweile elf Uhr -geworden — und wollte eben das Hotel verlassen, als -ich neben meiner Kaffeetasse die neueste Zeitung liegen sah.</p> - -<p>Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil — richtig — -da stand der kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im -Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.</p> - -<p>Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.</p> - -<p>Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war -angebrochen — zu einer Gebirgsreise wie geschaffen!</p> - -<p>Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste!</p> - -<p>Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem -lächelnden Gesicht des Inhabers, daß „Goldschmieds -Töchterlein“ wirklich so liebenswürdig gewesen sei, den -Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein neuerworbenes -Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach -dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner -eifrigsten Beobachtungen war.</p> - -<p>Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir -sagte eine innere Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich -einen bedeutungsvollen Lebensabschnitt beträte — -und mit heiligem Schauder zog ich an dem Klingelgriff.</p> - -<p>Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte, -mochte wohl Verwunderung erregen, um so -mehr, da ich nach den Damen gefragt hatte, also nicht -wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte — -aber ich wurde angenommen und befand mich bald in -einem großen, hellen Zimmer, das in einen schönen, -blumengeschmückten Gartensalon Einblick gewährte.</p> - -<p>Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame -— aber sonst war Niemand zu sehen!</p> - -<p>Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz -ausgearbeiteten Entwurf einen häßlichen Strich machen zu -wollen — indeß ich konnte nichts weiter dabei thun!</p> - -<p>Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung -und sah mich fragend an.</p> - -<p>„Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,“ begann -ich, mit einer mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend, -„daß ich so fremd hier einzudringen wage. Meine Kühnheit -ist nur durch einen besondern Umstand zu entschuldigen -— ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, -daß eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren -hat — und ich bin so glücklich gewesen, denselben -wiederzufinden!“</p> - -<p>„Ach, Sophiechen’s Ring,“ rief die Dame mit sehr -freundlichem Gesicht, „das ist sehr liebenswürdig von -Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst zu uns bemühen. -Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring gegrämt, -sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so -bald gestorben ist, eine Schwester der Frau Justizräthin, -die uns auch leider so früh entrissen wurde, und da -durfte gar nichts verlauten, daß der Ring verloren war, -denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut, -wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar -zu Sophiechen ein sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, -wie die Herren sind, sie haben alle ihre Eigenheiten und -eigen ist der Herr Justizrath auch.“</p> - -<p>Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, -ein Wort einzuschieben.</p> - -<p>„Nun aber,“ fuhr die gute Dame fort, „will ich -Sophiechen holen. Sie sollen selbst sehen, was sie für -eine Freude haben wird! Sie ist ja schon ganz unglücklich -über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht genug -wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding, -wie leicht konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen -gestern — er konnte in die Gosse fallen — und weg war -er! Es konnte ihn ja auch Jemand finden, der nicht -ehrlich war — es giebt zu schlechte Menschen!“</p> - -<p>Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie -verließ mit den Worten: „Einen Augenblick, mein Herr!“ -das Zimmer, während ich meinen Ring in der Hand hielt, -mich schämte und mich freute.</p> - -<p>Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder -eintrat, und dicht hinter ihr das junge Mädchen, deren -Bekanntschaft ich schon gestern gemacht.</p> - -<p>Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine -kleine vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben -mit einigen erklärenden Worten nähern, als die Alte -wieder dazwischen fuhr.</p> - -<p>„Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du -wunderst dich wohl schon, nicht wahr? Wie ich ihr sage, -daß sie mitkommen soll, es wäre ein fremder Herr da, -da sagt sie: „Tante, was soll ich denn drüben, du kannst -doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,“ denn -sie war gerade über dem Einkochen von —“</p> - -<p>„Liebe Tante,“ unterbrach sie das Mädchen freundlich, -„das kann den Herrn unmöglich interessiren!“</p> - -<p>Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich -fragend an.</p> - -<p>„Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich -so große Verwunderung meinerseits verspricht?“</p> - -<p>„Ich war so glücklich,“ begann ich stockend, hielt aber -inne und überreichte ihr den Ring.</p> - -<p>Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und -zwei große Thränen traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter -Hand kam sie auf mich zu.</p> - -<p>„Ich danke Ihnen — ich danke vielmals! Sie machen -mir eine unendlich große Freude — mein lieber Ring!“</p> - -<p>Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger -Betrüger vor! Hier stand ich und nahm Dank, -Freudenthränen, freundliche Aufnahme — sogar einen -freundlichen Händedruck entgegen — für einen ganz abscheulichen -Schwindel.</p> - -<p>Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen, -und herausgeworfen zu werden, als sich die Thür auf’s -neue öffnete und der stattliche Herr des Hauses eintrat.</p> - -<p>Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der -Mitte des Zimmers erblickte.</p> - -<p>Sie — die Gruppe — sah auch nicht unbedenklich -aus! Ein verlegener junger Mann, ein erröthendes -Mädchen mit Thränen in den Augen und einem Ringe -in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen -können!</p> - -<p>Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften -Justizrath ein und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen, -Vorstellungen — bis er sich lachend die Hände -vor die Ohren hielt.</p> - -<p>„Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, -daß Sophie ihren Ring verloren und wiederbekommen -hat und daß wir Ihnen, mein Herr, dafür zu danken -haben.“</p> - -<p>Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht -verdiente! Ich erstickte fast daran und mußte mich nun -noch von dem Papa auf’s Sopha nöthigen lassen und -eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei plaudern!</p> - -<p>Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, -wie einem Friseur oder Schneidergesellen zu Muth sein -muß, der als Graf in ein Weltbad reist und demgemäß -behandelt wird.</p> - -<p>Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im -Begriff, meine Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber -ehrliches Schaf aus meinem Wolfspelz hervorzukriechen — -aber der Zauber des Augenblicks war stärker als ich — -ich blieb und schwieg.</p> - -<p>Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht -länger vom Genuß des Mittagessens zurückzuhalten, lud -mich der Hausherr in freundlicher Weise ein, den Abend -bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber äußerlich -mit schöner Fassung annahm.</p> - -<p>So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher -Unbekanntschaft in das verzauberte Schloß gedrungen, -aber das Ritterschwert, welches mir den Weg zur Prinzeß -Dornröschen gebahnt hatte — war eine Lüge! Mit -einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die -Mittel heilige, sang ich mein Gewissen in Schlaf, und -kehrte in den Gasthof zurück.</p> - -<p>Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, -mit einer groben Physiognomie, er trug einen kleinen -schwarzen Hund auf dem Arm. Ich achtete nicht auf -ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich angenehmen -Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen -zu überlassen.</p> - -<p>Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf.</p> - -<p>Auf mein „Herein!“ erschien zuerst der wohlfrisirte -Oberkellner, hinter ihm der Mann in der blauen Jacke -mit dem Hunde, den ich beim Eintreten bemerkt hatte. -Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das -Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm -entgegenhielt, sagte er:</p> - -<p>„Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie -verloren haben?“</p> - -<p>Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust -und Beschämung kämpften heftig in mir — die greifbaren -Folgen der <em class="gesperrt">zweiten</em> Lüge machten sich bemerklich.</p> - -<p>„Nein,“ sagte ich kurz, „das ist nicht mein Hund!“</p> - -<p>„Am Ende doch!“ bemerkte der Fremde, „er ist ja -schwarz und klein!“</p> - -<p>Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien -es nicht wieder an sich nehmen zu wollen. Die kleine, -höchst gemein aussehende Creatur fuhr, wahrscheinlich durch -schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend und schreiend -auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise -nach meinen Stiefeln.</p> - -<p>„Sehen Sie, er kennt Sie!“ sagte das blaujackige -Individuum mit der größten Frechheit, „ich bitte um die -Belohnung, die in der Zeitung —“</p> - -<p>„Das ist doch zu stark!“ rief ich nun meinerseits geärgert, -„dieses Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich, -und Sie wollen von mir noch eine Belohnung? Dort -ist die Thür!“</p> - -<p>Der Mann rührte sich nicht.</p> - -<p>„Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld -aus — ich habe zwei ganze Stunden hier auf Sie gewartet -und meine Zeit kostet Geld!“</p> - -<p>„Nemesis!“ dachte ich und gab ihm, um es kurz zu -machen, ein Geldstück, worauf er den Hund wieder wie -ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem höhnischen -Kratzfuß das Feld räumte.</p> - -<p>Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen -und ein großer schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten -— der Junge sogar einen weißen! — und die mit -Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld und wer -weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend -sollte mich für diese Mühsal belohnen.</p> - -<p>Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen -neuen Freunden, und wir plauderten so gemüthlich, als -kennten wir uns schon seit langer Zeit.</p> - -<p>Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns -ein Lied; der Vater sah vergnügt dazu aus — und ich -— nun ich war auch ganz befriedigt von meiner Lage. -Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau, -daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch -einen Ring angefangen hatte — wenn es nach mir ging, -sollten noch mehr Ringe in unseren gegenseitigen Beziehungen -eine Rolle spielen. Also, es geht manchmal -schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt!</p> - -<p>Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im -Hause des Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft -aufgestöbert, die zwischen einer Großmutter -meiner Stieftante und einem Onkel des Justizraths bestanden -haben konnte — ich hatte also gewissermaßen ein -Recht, dort zu sein!</p> - -<p>Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend -mit Sophie und der Tante im Gartensaal saß und die -Letztere abgerufen wurde.</p> - -<p>Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten -Gefühlen gleich Worte gegeben? O nein, so von -selber ging das nicht! Ich mußte noch gehörig durch die -Traufe.</p> - -<p>Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung -zusammen, wie das so leicht kommt, wenn man mehr zu -sagen wüßte, als recht angehen will — da stürzt freudeglühenden -Antlitzes die Magd des Hauses herein.</p> - -<p>„Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! -Ich bin in Ihrer Stube und nähe und da fällt mir der -Fingerhut auf die Erde und kollert unter den großen -Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den -Schrank etwas beiseite und was finde ich? — Ihren Ring, -den Sie so gesucht haben!“</p> - -<p>Prosit die Mahlzeit!</p> - -<p>Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment -dachte. Mein Hauptgefühl war lebhaftes Bedauern, daß -die Wohnungen wohlhabender Privatleute keine Versenkungen -haben, in denen man in so entschieden blamablen -Augenblicken verschwinden könne.</p> - -<p>Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden. -„Ich danke, Christiane, es ist mir sehr lieb, daß der Ring -da ist — Sie können gehen!“</p> - -<p>Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft -über die ruhige Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.</p> - -<p>Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.</p> - -<p>„Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über -dies sonderbare Zusammentreffen aufzuklären und — Ihr -Eigenthum wieder an sich zu nehmen!“</p> - -<p>Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den -ich gefunden haben wollte, vom Finger und hielt ihn -mir hin.</p> - -<p>Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun -sollen — ich beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie -sie mich interessirt hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, -wie lebhaft ich gewünscht, in das Haus ihres -Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze -Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt -hätte. Und dann bat ich sie flehentlich, den Ring -zu behalten und wurde immer eifriger und beredter und -sagte schließlich Alles heraus, daß ich den Ring nur dann -wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern vertauschen -dürfte — mit dem Verlobungsring!</p> - -<p>Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die -Thatsache, daß der wirkliche Ring noch heut hier an -meiner Uhrkette hängt — sehen Sie, das ist er! und daß -Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine Frau -ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment -zurückzukommen, so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen, -als plötzlich der Diener erschien und mir ein Telegramm -überreichte.</p> - -<p>Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war -von meinen Tanten und lautete:</p> - -<p>„Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!“ Daß -nun die Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß -Abends, als die Gesundheit des Brautpaares getrunken -wurde, der Schwiegervater meine ganze Schlechtigkeit erfuhr, -das können Sie sich denken.</p> - -<p>Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit -dem Kennenlernen und Verloben und es hält doch.“</p> - -<p>Der Zug begann langsamer zu fahren.</p> - -<p>„Leben Sie wohl, meine jungen Damen,“ sagte der -liebe, alte Herr mit seinem freundlichsten Lächeln, „vergeben -Sie, wenn Ihnen meine Geschichte zu lang war, -und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer geht’s -nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch -sehr unangenehm, wenn es an’s Licht kommt!“</p> - -<p>Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich -habe ihn seitdem nicht wieder gesehen. — Aber noch heute -besteige ich keinen Dampfwagen ohne die leise Hoffnung, -den silbernen Kopf meines alten Herrn mir entgegenglänzen -zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!</p> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2><a name="Glueck_muss_man_haben" id="Glueck_muss_man_haben">Glück muß man haben!</a></h2> - -<p class="first">„Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner -Werbung nicht durchaus abgeneigt sein sollten, so darf -ich wohl die ergebene Bitte aussprechen, die Inlage Ihrer -Fräulein Tochter zu übergeben und mir, in freundlicher -Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort womöglich -noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu -lassen, was sich ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung -zwischen hier und Frankenberg sehr wohl ermöglichen -läßt.“</p> - -<p>Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck -seinen Brief, steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: -„An Herrn Amtsrath Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg“ -und legte das bedeutungsvolle Schriftstück mit einem -erleichterten „So“ vor sich auf den Tisch.</p> - -<p>Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte -schon in unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen -— noch dazu einen Sonntagsmorgen — der -frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel verhüllt über -der schlafenden Stadt emporstieg.</p> - -<p>Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen -Schreiberei gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen -Gemisch von nüchterner Müdigkeit und nervöser -Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten Morgenstunde -so leicht empfinden, am geöffneten Fenster -Platz. Es schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen, -den Schlaf noch einmal aufzusuchen; er blickte, den Kopf -in die Hand gestützt, gedankenvoll auf den leeren Marktplatz -zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte sich ihm -die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung -des Werbebriefes so — ja so richtig nüchtern zu -Muthe sei? Oder lag es bei ihm in den besonderen Verhältnissen?</p> - -<p>Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem -Sprunge. Sein Abschied vom Militair war eingereicht -und er trat bis zur Bewilligung desselben am nächsten -Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut selbst zu -übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem -ihm jeder Zoll Boden bekannt war.</p> - -<p>Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn -seiner Eltern, des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers, -seiner schüchternen, graublonden Frau, und seiner noch -schüchterneren und noch graublonderen Tochter Amalie.</p> - -<p>Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte -Fritz gar nichts vernünftigeres thun, als Amalien zu -heirathen — „die Aecker grenzten nachbarlich zusammen, -die Herzen stimmten überein“ — oder wenn sie es nicht -thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und -an Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund, -warum die Besitzer dieser Herzen nicht äußerst glücklich -mit einander werden sollten.</p> - -<p>Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines -hin und wieder hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, -ein ganz klein wenig Philister — das heißt Familienphilister! -— was man daheim für gut und wünschenswerth -erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben -ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie -Solgers immer als etwas gutes und wünschenswerthes -geschildert und erschienen. Immer — bis heute Morgen, -wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!</p> - -<p>Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt -vor sich auf dem Tische, in den herrlichen jungen Tag -hinausblickte, der in seinen halb durchsichtigen Wolkenschleiern -die waldigen Hügel des nahgelegenen Höhenzuges -bald zeigte und bald verbarg — da überfiel ihn mit plötzlicher -Traurigkeit das Bewußtsein, <em class="gesperrt">was</em> ihm eigentlich -fehle! So duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form -und Umriß muß nicht nur die Frühstunde eines schönen -Tages — nein auch die Morgenstunde des Lebens sein, -wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der -<em class="gesperrt">Ungewißheit</em> war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte -— es lag nicht vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht, -die man mit ahnungsvollem Entzücken, unbekannten -Abenteuern entgegen, betritt — sein Schicksal glich einem -kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein, abgegrenzt, -durch und durch alltäglich — und nur <em class="gesperrt">dem</em> -begehrenswerth, der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher -schon getrunken hat!</p> - -<p>Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose -Nacht es sei, die ihm sein neues Glück in so überwachter, -mattfarbiger Beleuchtung zeige, und griff nach der Mütze, -entschlossen, den mahnenden und grollenden Stimmen in -seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch -Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.</p> - -<p>Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und -zweifelhaft betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem -späten Abend auf Antwort nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, -daß sein zukünftiger Schwiegervater in der -Laune sein sollte, ihm sofort ein „Ja“ oder „Nein“ zuzurufen -oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie -gesagt, ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament -entsprechende Stimme, vermittels derer er die sanften -Einwürfe seiner Frau und Tochter einfach todtschrie.</p> - -<p>Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen -Bescheid zu warten hat um so weniger etwas Verlockendes, -wenn die Zeit einem Sonntage angehört. Das dunkle -Gefühl, daß dies der letzte Sonntag ungebundener Freiheit -für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der Woche schon -als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen -Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene -sitzen werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell, -ohne viel zu überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner -Uniform anlegte, mit dem Entschlusse, diesen „letzten Sonntag“ -noch auf irgend eine Weise auszunützen, und sich als -Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die Hand zu -geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen -meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten -Tag zu gönnen.</p> - -<p>„Aber der Brief muß fort,“ sagte Fritz vor sich hin, -während er sich anschickte, das Haus zu verlassen, „denn -sonst bleibt die Geschichte wieder wochenlang liegen, und -ich möchte nun endlich einmal damit ins Reine kommen.“</p> - -<p>Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz -hinaus, an dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend -entgegenwinkte.</p> - -<p>Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens -verschwunden war, erhob er die Augen und erblickte zwei -weibliche Gestalten, welche an ihm vorbei über den Platz -gingen.</p> - -<p>Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde -das Haus verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen -wuchs mit großer Schnelligkeit, als er bemerkte, -daß eine der beiden Spaziergängerinnen ein junges Mädchen -von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige -Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts -einen leichten Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, -daß zwei blitzende, dunkelblaue Augen sich als Licht in -diesem Schatten befanden. Den Augen entsprechend trug -das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung des Mädchens, -welches eben der Schule entwachsen zu sein schien, -ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes -und Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche -Beweglichkeit in der Art, wie sie ihren zierlichen, -blonden Kopf nach allen Seiten drehte und mit der naiven -Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie trug einen -ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am -Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes -weißes Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles -Rokokoansehen, welches unseren Fritz unwillkürlich an -Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.</p> - -<p>Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr -wohlbeleibte Dame mit einem unendlich gutmüthigen breiten -Gesicht, welches in Form und Ausdruck den Abbildungen -der Sonne in manchen Bilderbüchern glich. Gleichwohl -bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf -der Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar -durch Zauberei, jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem -Haupte erhielt, einen gewissen Anstrich von energischer -Unternehmungslust.</p> - -<p>Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge -Mädchen am Arme trug, daß die Damen sich nach einem -der Kaffeegärten zu begeben im Begriff standen, welche, in -der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen Morgenausflügen -benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde. -Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem -gewissen Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, -welche die junge Dame in dem Sande der -Promenadenanlagen hinterließ.</p> - -<p>An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen -nach rechts, Fritz that ein Gleiches und befand -sich auf einem freien Platze, einer zahlreichen, munter -durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber, die, um -einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie -rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, -Nichte, Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde -freudig und zugleich wegen der Verspätung vorwurfsvoll -begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr es auffing, daß die -junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an, den -Wagen zu besteigen.</p> - -<p>Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen -Plan und ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung, -ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Er -mischte sich mit edler Dreistigkeit, ohne ein Wort zu sprechen, -unter die Gesellschaft, und als ein sehr geschniegelter, sehr -blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen Platz -neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn -mit einem höflichen „erlauben Sie“ zurück und nahm, -seinen Hut artig lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften -ein.</p> - -<p>Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort- -und bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein -Unparteiischer in Versuchung gekommen wäre, Fritzens -hübsches, biederes Gesicht für ein Medusenhaupt zu halten. -Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell, und ein -älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart -trat mit den Worten auf unseren Helden zu: „Mein -Herr, darf ich Sie wenigstens bitten, uns zu sagen, <em class="gesperrt">wen</em> -wir die Ehre haben, in unserer Mitte zu sehen?“</p> - -<p>Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd, -erwiderte mit großer Unbefangenheit: „Ich sehe eigentlich -keinen Grund dafür, mein Herr, jeder Mensch hat doch -das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen Spazierfahrt -zu benutzen, ohne sofort über sein <em class="antiqua">Curriculum vitae</em> befragt -zu werden!“</p> - -<p>Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich -bei der ersten Hälfte von Fritzens Entgegnung über die -männlichen Gesichter in der Gesellschaft verbreitet hatte, -wich nach und nach dem ironischen Lächeln der Ueberlegenheit; -„der wird einen guten Schreck bekommen,“ -stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. -Auch der alte Herr, welcher der Festordner bei dieser -Vereinigung zu sein schien, lächelte.</p> - -<p>„Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus -ist von uns für den heutigen Tag gemiethet und zu einem -gemeinsamen Ausfluge im geschlossenen Kreise bestimmt.“</p> - -<p>Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz -Beschämung und Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann -und der dazu gehörigen Frau, er bedauerte auf’s -lebhafteste, ahnungslos einen solchen <em class="antiqua">faux pas</em> gemacht zu -haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft, indem er -eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen verlockt, -nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung -zurückkehren werde.</p> - -<p>Fritz konnte wirklich <em class="gesperrt">sehr</em> liebenswürdig sein! Auch -bei diesen Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit -und Gewandtheit, daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft -fast ausnahmslos für ihn entschied, was er schlau genug -war, zu bemerken. Nur der blonde junge Mann, den er -von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah -düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.</p> - -<p>Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten -Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr -wieder auf Fritz zu und forderte ihn freundlich auf, da -er nun einmal in ihren Kreis gekommen sei, den Platz im -Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren. Fritz, dessen -Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch -die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft -gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen -Bekannten zu passen, auf seinen Civilanzug hin keck als -Kaufmann Schröter vor, und nahm mit den Gefühlen eines -großen Jungen, der hinter die Schule geht, glückselig neben -der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen Minuten -bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine -Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich -mehr als zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt -hatte. Das Mädchen antwortete auch vor der -Hand nur in schüchterner, kurzer Weise und erröthete jedesmal -sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit unverhohlener -Bewunderung auf ihr ruhten.</p> - -<p>Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der -Wagen die Stadt verlassen hatte und zwischen blühenden -Saatfeldern hinaus auf das Land zu rollte, plauderten -die beiden schon so lustig und harmlos mit einander, als -hätten sie sich Jahre lang gekannt. <em class="gesperrt">Was</em> zwei junge Leute, -die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem -schönen Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf -kommt es gar nicht an, das <em class="gesperrt">wie</em> ist die Hauptsache!</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">wie</em> konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er -entdeckte in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine -ungeahnte Fundgrube von guten Einfällen in seinem Innern, -er hatte nie gewußt, daß es ihm gegeben war, -gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger Form -anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes -Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte -hervorzurufen, mit einem Wort, er war noch nie verliebt -gewesen, dafür war er es jetzt intensiver, als er selbst -wußte! Und auch seine allerliebste Nachbarin schien dem -Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die Unterhaltung -der beiden gerieth nie ins Stocken.</p> - -<p>Fritz vermied — er wußte nur zu gut, warum — -jedes Eingehen auf seine persönlichen Verhältnisse, obwohl -er seine Lüge schon zu bereuen begann. Er hätte am -liebsten seine Identität mit dem ernsthaften, überlegten -jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im -Begriff stand, eine „Vernunftsheirath“ zu schließen. So -viel stand bei ihm schon nach der ersten Stunde, der -größeren Hälfte der zurückzulegenden Tour, fest, hätte er -die Landpartie oder besser die Bekanntschaft seiner anmuthigen -Nachbarin <em class="gesperrt">vor</em> der Abfassung des heutigen Briefes -gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden.</p> - -<p>Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um -sich nicht zu verrathen, er mußte, um die Situation nicht -zu verwickeln, nicht Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann -Schröter, und er durfte nicht daran denken, daß -sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem Augenblicke, vom -Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn -befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit, -sowie die Unterhaltung auf ihn selbst kam.</p> - -<p>Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie -hatte nichts zu verbergen. Seit Ostern war sie aus der -Schule entlassen und nun bei ihren Eltern zu Haus. Auf -die heutige Landpartie hatte die Tante — sie wies auf -ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen — sie mitgenommen, -sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.</p> - -<p>„Die Tante meint es sehr gut mit mir,“ fügte sie dankbar -hinzu, „sie weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen -Geschwistern tüchtig zu thun habe, und nimmt mich öfters -gegen Abend mit spazieren. Sie ist eine Wittwe und gewöhnlich -ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und wenn -sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, -und sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu -schenken. Aber was ich Ihnen alles erzähle,“ brach sie -erröthend ab, „ich freue mich nur schon so sehr darauf -und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht kennen.“</p> - -<p>„Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,“ sagte Fritz lachend, -„und wenn Sie mich etwa nicht kennen wollen, so ist das -sehr undankbar von Ihnen! Wüßten Sie, was ich alles -heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe zu -verleben!“</p> - -<p>Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie -mit jedem Blick dieser klaren, dunkelblauen Augen Amaliens -Aktien sanken!</p> - -<p>„Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich -muß Ihnen beichten; denken Sie wirklich, daß ich nicht -wußte, was ich that, als ich, ohne zu fragen, in Ihren -Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den Kaffee? War -ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen -hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der -Kronenstraße über den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, -und wußte ich nicht, daß eine dieser Damen wiederzusehen -oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich das größte -Glück“ — hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein -— er stockte und fuhr verwirrt fort: „Mit einem Wort, -mein Fräulein, ich habe Ihretwegen gelogen, schmählich -gelogen, ich wußte ganz genau, daß ich bei Ihnen und -den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um diese -Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus -fährt — und nun sagen Sie, daß Sie <em class="gesperrt">sehr</em> böse sind!“</p> - -<p>„Sehr!“ erwiderte sie, ohne aufzublicken.</p> - -<p>„Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause -gehen? Oder noch besser, soll ich so lange neben dem Wagen -herlaufen, bis Sie mir verziehen haben und mich wieder -hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!“</p> - -<p>„Und wenn ich den Befehl gäbe,“ sagte Lottchen verwirrt -und lachend, „würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!“</p> - -<p>„Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz -andere Dinge thäte?“</p> - -<p>Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen! -Aber das ungestörte Lachen und Plaudern der beiden sollte -ein Ende finden. An der anderen Ecke des Wagens, der -Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz so rücksichtslos -verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von -Lottens mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten -unser Paar unaufhörlich, wobei die Augen des -Blonden mit den Wagenrädern förmlich um die Wette -rollten.</p> - -<p>Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche -Fregatte zwischen den Sitzenden hindurch, wobei -verschiedene Stöße des Wagens sie als solides Schoßkind -bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie setzten, -und langte mit den Worten bei Lotte an: „Liebes Kind, -wechsele doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins -Gesicht.“</p> - -<p>Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die -kleine Schönheit und begab sich an die Stelle der intriguanten -Tante, welche mit durchbohrenden Blicken neben -dem verblüfften Fritz sich niederließ.</p> - -<p>„Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr -Schröter?“ fragte sie sofort.</p> - -<p>„Bis jetzt ausgezeichnet,“ sagte der doppelzüngige Fritz -und blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde -eine eifrige Konversation ins Werk zu setzen begann.</p> - -<p>Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren -Helden, und sanftere Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen.</p> - -<p>„Er sieht wirklich sehr gut aus,“ dachte sie, „und -wer weiß, ob unser Lottchen nicht hier ihr Glück macht! -Ich muß ein wenig auf den Busch klopfen, und ist er ein -ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann man -ja weiter sehn!“</p> - -<p>Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen, -wie alle guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung -nach sehr vorsichtig und unmerklich, unseren Fritz -auszuforschen begann, entspannen sich die weitaussehendsten -Pläne in ihrem Kopfe.</p> - -<p>Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen -durchschaute, ihr in der vertraulichsten Weise von -seinem einträglichen Kolonialwaarengeschäft erzählte und -Kaffeeproben zu senden versprach, mit denen sie wohl zufrieden -sein sollte, während er in dieses übermüthige Lügengewebe -die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien und -Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen -je eine arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende -Dame schon im Geiste in einem violetten Seidenkleide -an der Hochzeitstafel sitzen, und hörte, wie der gerührte -Brautvater ans Glas schlug und sie, die Tante, -als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ, -denn hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, -so wäre ihr der hübsche und vermögende Bewerber -vielleicht, nein gewiß, nie begegnet.</p> - -<p>Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte -sie dem aufhorchenden Fritz mit geheimem Stolze, wie -häuslich und fleißig Lottchen erzogen worden, wie sie für -jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, „und,“ fügte -sie bedeutungsvoll hinzu, „so jung das Kind noch ist, -sie hat schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie -wohl, Herr Schröter, den jungen Mann, der ihr gegenüber -sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte nur mit den Augen -zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber Lottchen -hat ihren Kopf für sich, und ...“</p> - -<p>Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und -der Redefluß der Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel -der Fahrt war erreicht, bald vereinigte ein vergnügtes -Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank sei es dem -Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.</p> - -<p>Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die -Empfindung hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu -seiner folgenreichen Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl -den Kopf noch frei genug, um sich beim Beobachten -der Versammlung mit einiger Beschämung zu gestehen, daß -sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und daß -er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können, -ohne sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle -Heiterkeit belebte den kleinen Kreis, und jeder genoß auf -seine Weise die frohe Stunde bei gutem Wein und in der -hübschen Umgebung.</p> - -<p>Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen -Tone von unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin -allmählich in das Geleise einer ruhigen Unterhaltung gekommen, -in der sich das anziehendste aller Bilder, eine -kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen -aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung -entsprachen so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen -lange vergeblich gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken -waren, mit denen er, sein gefülltes Glas erhebend, halblaut -zu ihr sagte: „Die Zukunft!“</p> - -<p>„Warum nicht lieber die Gegenwart?“ gab sie unbefangen -zurück, „wer weiß was die Zukunft bringt, ich baue -nicht gern Luftschlösser!“</p> - -<p>„Ich um so lieber“, erwiderte Fritz, „und bauen Sie -mir zu Gefallen einmal mit — wie denken Sie sich Ihre -Zukunft?“</p> - -<p>„Fragen Sie lieber, wie ich sie mir <em class="gesperrt">wünsche</em>, das -kann ich Ihnen ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in -Erfüllung gehen wird: ich möchte auf dem Lande leben!“</p> - -<p>„Bravo,“ rief Fritz, „das lobe ich mir! Und auf die -Erfüllung dieses Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben -ist das einzig vernünftige Leben und ein Landwirth -der glücklichste Mensch, vorausgesetzt —“ er vollendete mit -einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes Erröthen -in Lottchens Gesicht trieb.</p> - -<p>„Wenn Sie aber auch so für das Landleben schwärmen,“ -begann sie hastig, wie ablenkend, „warum bleiben -Sie denn in der Stadt?“</p> - -<p>„Dort war ich ja nur vorübergehend für einige -Jahre,“ erwiderte Fritz unvorsichtig, „von morgen an ist -es mit dem —“</p> - -<p>Er stockte, erschrak und wurde fast noch röther, als -seine Nachbarin. „Was haben Sie denn?“ fragte sie -erstaunt.</p> - -<p>Fritz schwieg, er schämte sich! Kein angenehmer Zustand, -solchen vertrauenden, blauen Augen gegenüber!</p> - -<p>„Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt -nicht näher erklären,“ sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen, -„in mir ist heut alles unklar und unsicher, wundern -Sie sich nicht, wenn ich viel thörichtes rede, es kommt -hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles, was Sie nur -überhaupt von mir wissen mögen, deutlich sagen kann und -darf!“</p> - -<p>Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu dröhnenden -Schlägen aus, die Zeit war schon weit vorgeschritten. -Jetzt mußte der Brief längst in Neu-Tessin sein, -die Antwort — alle Chancen sprachen dafür, daß sie eine -bejahende sein werde — war möglicherweise schon unterwegs, -und dann?</p> - -<p>Fritz wurde es heiß und kalt, nun war aber auch -hohe Zeit, daß er hier ein Ende machte! Als man sich -vom Tische erhob, begab er sich allein und tief nachdenklich -in den Garten, der um das Wirthshaus blühte und grünte. -Er kämpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen -und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender -ansah, als sie hinter einem Gitter von Schwierigkeiten -stand, welches seine eigene Schuld errichtet hatte! Er -athmete tief auf, sein Entschluß war gefaßt. Wie auch -die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr -Vorwürfe zu machen haben, als er ohnehin schon empfand -— er ging festen Schrittes auf das Haus zu, um seinen -Hut zu holen und unter einem Vorwande der Gesellschaft -und allen schönen Träumen Lebewohl zu sagen!</p> - -<p>Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in -die Arme geworfen, ist ein heimtückischer Gesell, der seine -Anhänger freilich oft auf reizenden Waldpfaden zum erwünschten -Ziele führt, oft aber auch an jeder Biegung -eines guten und verständigen Weges als neckender Kobold -sitzt und ruft: „Halt, du hast die Rechnung ohne den -Wirth gemacht, hier wird hübsch umgekehrt und ausgegessen, -was du unter meiner Aegide dir so schön eingebrockt -hast!“</p> - -<p>Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines -der Theilnehmer am heutigen Ausfluge vor einem großen, -verstimmten Dorfpianino und gab im Schweiße seines Angesichtes -einen etwas unregelmäßigen Walzer zum Besten, -nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und -schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen -begann.</p> - -<p>Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend -nach seinem Hut umhersah, begegnete ihm ein einziger, -ganz kurzer und flüchtiger Blick Lottchens, der, wenn je -ein Blick gesprochen hat, fragte: „Tanzen Sie nicht?“</p> - -<p>Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, -er tanzte gut, das wußte er! Gut genug, um die Produktionen -der ganzen hier versammelten Gesellschaft in den -tiefsten Schatten zu stellen, und gern — fast immer gern! -Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb traurigen -Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus -eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch -die geöffneten Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und -die Rosen dufteten — ade Vernunft, ade Gewissen — -eben schreitet der blonde Rival im zierlichsten Pas durch -das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt ihm zum -zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den -er je gehört oder getanzt hat!</p> - -<p>Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und -doch taktmäßig, so, das fühlte er deutlich, würde er mit -ihr durch das Leben fliegen können! Es mochte ja unrecht -und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber der -Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige -manchmal, oft — um nicht zu sagen meist, am besten gefällt! -Und mit dem schönen Gefühl, „nun hast du die Dummheit -einmal gemacht, nun ist es auch ganz gleich, wie weit -du dich verrennst,“ gestattete sich Fritz die allerdeutlichsten -Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen Herzenszustand -und fand kein ganz unwilliges Gehör!</p> - -<p>Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu -betäuben, steigerte sich unser Held zu fast ausgelassener -Lustigkeit; er tanzte wie unsinnig, nicht nur mit Lottchen, -nicht nur mit allen <em class="gesperrt">jungen</em> Damen, nein, er bewog sogar -die Mütter und schließlich die gute Tante, einen ehrsamen -Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem -nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte -und allgemeinste Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung -aller Familienväter eine Française zu Stande, die -an künstlicher Verwickelung jedes Erschaffene und Erfundene -übertraf, er entzückte alles, außer dem Blonden, der, von -seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor -der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von -Speise und Trank an der Gesellschaft rächte.</p> - -<p>Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, -Tücher und Paletots wurden, zu einem wüsten Knäuel geballt, -von zwei Hausknechten herbeigetragen und entwirrt. -Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und -sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz -neben ihr wieder einnahm.</p> - -<p>Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht -hin. Ringsum war es still und friedlich, die Sterne -blitzten in schweigsamer Pracht; sanft und groß stieg der -Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf und leuchtete -mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels. -Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, -wie das Echo ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber. -Wem sollte da nicht weich ums Herz werden!</p> - -<p>Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon -am Horizont herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz -den Wunsch, fast die Pflicht, vor seinem Abschiede noch -ein erklärendes, rechtfertigendes Wort zu sagen, und fand -keines!</p> - -<p>Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der -Stille der Sommernacht, nach all dem Getöse und fröhlichen -Lärm, wieder sagen mußte, was er gethan! Das -schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches Gesicht -jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der -unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, -und hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender -Eindruck, vielleicht ein Geschick sich an diesen Tag -knüpfen werde.</p> - -<p>That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie, -ohne sie wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick -sich bestrebt, ihr Herz zu gewinnen, so hatte er von einem -jungen, glücklichen Schmetterling, der ahnungslos in den -Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten Blüthenstaub in -frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde das -reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in -die Welt getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung -zu erleben. Und doch konnte, doch durfte er nicht sprechen, -wer stand ihm denn dafür, daß er nicht jetzt, in diesem -Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der Gedanke -stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.</p> - -<p>Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag -etwas so kindlich Vertrauendes in diesem Blicke, daß er -ihm ins Herz schnitt.</p> - -<p>„Sie seufzen so schwer?“ sagte sie, halb lächelnd.</p> - -<p>„Ich denke wieder einmal an die Zukunft,“ erwiderte -er ernster, als er noch heut gesprochen.</p> - -<p>„So lassen Sie doch Ihre Zukunft!“ rief sie munter, -„sie wird schon von selbst kommen, und ändern können -Sie doch nichts daran!“</p> - -<p>„Das frage ich mich eben!“ gab er immer noch ernst -zurück, „ich stehe vor einem Wendepunkte in meinem Leben, -Fräulein Lottchen, und das habe ich heut den ganzen -Tag zu wenig bedacht!“</p> - -<p>Er sah, daß seine Worte einen leichten Schatten auf -ihr frohes Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz -verlieh, aber einen Reiz wehmüthiger Natur. Er fuhr -hastig fort:</p> - -<p>„Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt, -wer weiß, ob wir uns noch einmal wieder treffen! Lassen -Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe ich gehe!“</p> - -<p>Sie war ganz blaß und still geworden und nickte -seinen Worten nur stumm Gewährung.</p> - -<p>„Ich sagte Ihnen schon, daß ich vor einer Wendung -meines Geschickes stehe, vielleicht entscheidet der heutige -Abend noch über jene Zukunft, an die ich vorhin dachte — -wollen Sie mir nicht Glück auf meinen Weg wünschen?“</p> - -<p>Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten, -er beugte sich zu ihr und nahm ihre Hand, zum ersten — -vielleicht zum letzten Mal!</p> - -<p>„Nun, kein Glückwunsch?“ wiederholte er dringend, -da sie schwieg.</p> - -<p>„Doch,“ erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen, -obwohl eine seltsame Verwirrung auf ihren Zügen -lag, „ich wünsche jedem Menschen Glück, warum nicht -Ihnen?“</p> - -<p>„Damit muß ich mich für heute begnügen,“ sagte er, -und führte ihre Hand leicht an seine Lippen, „geht Ihr -Wunsch in Erfüllung, so werde ich es Ihnen noch einmal -selbst sagen, und dann —“</p> - -<p>Der Wagen rollte hier zum Glück über das Straßenpflaster -in die Stadt hinein, die nickenden Beschützer und -Beschützerinnen fuhren empor, und an der ersten Ecke, wo -der Omnibus einen Theil der Gesellschaft absetzte, nahm -Fritz sich den Entschluß über den Kopf weg, und verabschiedete -sich mit flüchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden, -die ihn wie einen alten Bekannten mit fröhlichem -Zuruf entließen, während Lottchen stumm und sichtlich -erregt nur durch eine Kopfneigung seinen Gruß erwiderte.</p> - -<p class="center noindent">*<br /><span style="margin-right:3em;">*</span>*</p> - -<p>Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthür -stand, und der große Schlüssel sich kreischend im Schloß -drehte, war es ihm, als öffne er sich selbst den Eingang -zu einem lebenslangen Gefängniß. Wenn er nun jetzt in -sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das -Jawort brachte — wie sollte er sich dann benehmen? Er -war, das fühlte er, er war zu weit gegangen, um einfach -mit französischem Abschied aus Lottchens Gesichtskreis zu -verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und Lust, sich -in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und -dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere, -ungleich härtere zu fügen, eine Verlobung mit der unseligen -Amalie, die ihm in der parteiischen Beleuchtung -seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr als ein blasses, -negatives Bild der Alltäglichkeit, sondern als ein wahres -Monstrum erschien!</p> - -<p>Als er die Stubenthür öffnete, begegnete sein Blick -zunächst keinem Briefe, sondern egyptischer Finsterniß, welche -durch das laute Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches -erhielt.</p> - -<p>Daß Fritz keine Streichhölzer in der Tasche hatte, -versteht sich von selbst, wenn man sich gern schnell durch -den Augenschein von etwas überzeugen möchte, fehlt dergleichen -immer!</p> - -<p>Der Bursche erwachte etwas mühselig, krabbelte, an -alle Gegenstände im Zimmer anstoßend, eine Zeit lang -umher, die Fritz zur Ewigkeit wurde, und die er doch -nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen sei, zu -unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: „das erfahre -ich immer noch früh genug,“ und endlich erstrahlte das -Zimmer im Glanz einer Kerze. Der Tisch, auf dem die -eingegangenen Depeschen zu liegen pflegten, war leer!</p> - -<p>„Ist nichts mit der Post gekommen?“ frug endlich -Fritz, bebend vor Erwartung.</p> - -<p>„Nein, Herr Lieutenant!“</p> - -<p>Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, -eine widerwärtige, flaue Fluth von Möglichkeiten, in der -man nun noch bis zum andern Morgen schwimmen konnte!</p> - -<p>Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen -schlaflos zu werden drohte, das Durchkonjugiren -von „hätte ich!“ ist stets eine der unerfreulichsten Beschäftigungen, -ganz abgesehen von ihrer völligen Nutzlosigkeit. -Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit -begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: „hätte -ich dies gethan, oder das <em class="gesperrt">nicht</em> gethan!“</p> - -<p>Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal, -unser armer Held schlief ein, und schlief, traumlos, wie -man immer schlafen sollte, bis tief in den nächsten Morgen -hinein, der ihm beim Erwachen grell und golden in -die Augen schien.</p> - -<p>Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten, -aber die Klingel rührte sich nicht, und der Vormittag -verging ihm, dem schon vom Dienst Dispensirten, -in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er -sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben -mußte, er warf sich in seinen Staat, und schritt -wenige Minuten darauf mit Helm und Schärpe, äußerlich -ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein deprimirter -Hase, seinem Bestimmungsort zu.</p> - -<p>Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den -Heimweg antrat, beschloß er, um seinen Gedanken ein -wenig Audienz zu geben, noch einmal durch die Anlagen -zu wandern.</p> - -<p>Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger -zu Muthe. Hätte er ein „Ja“ erhalten, -so wäre die Antwort jetzt gewiß schon da. Es war ja -möglich — entzückende Möglichkeit! daß er Amalien über -Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn -er sich’s recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen -Grund, anzunehmen, daß sie ihm besonders gewogen sei; -was er für Stille und Zurückhaltung in ihrem Wesen genommen, -war vielleicht — nein gewiß! verborgene Abneigung -gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so -leicht einreden, als was man wünscht, Fritz war noch keine -zehn Minuten gegangen, als er schon glückselig einen imaginären -Korb von Amalien am Arm, und einen ebenso -imaginären Ring von Lottchen am Finger trug.</p> - -<p>Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem -Inneren zu dem farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich -das Mädchen in ihrer ganzen Lieblichkeit vor, so deutlich, -daß es ihn kaum überraschte, als er, um eine Ecke biegend, -sich plötzlich ihr gegenüber sah.</p> - -<p>Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm, -aber Lottchen blickte ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos -an, plötzlich wandte sie sich ab, und setzte, ohne seinen -Gruß zu erwidern, ihren Weg fort.</p> - -<p>Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann -Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des -einträglichen Kolonialwaarengeschäfts, dem — d. h. dem -Besitzer! — sie in ihren Träumen bereits eine nicht ganz -nebensächliche Rolle zugewiesen hatte, er klirrte heute als -bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte begreiflicherweise -nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche, -oder was sie sonst von ihm denken solle.</p> - -<p>Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und -schritt, ohne ihr stummes Kopfschütteln, womit sie all seine -Worte der Begrüßung und Freude erwiderte, zu beachten, -neben ihr her, die ziemlich menschenleeren Anlagen entlang.</p> - -<p>„Wenn Sie wüßten,“ begann er verwirrt und ganz -unberechtigt vorwurfsvoll, „<em class="gesperrt">wie</em> ich mich freute, als ich -Sie so überraschend wieder vor mir sah, Sie würden mich -nicht durch Ihren Zorn betrüben. Sagen Sie mir nur, -was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte -ich Sie!“</p> - -<p>„Ich denke <em class="gesperrt">gar nichts</em> von Ihnen,“ erwiderte das -Mädchen in einem seltsam harten und kalten Tone, den -man ihrer jugendlichen Stimme gar nicht zugetraut hätte, -„ich kenne Sie überhaupt nicht, und bitte Sie, mich -augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.“</p> - -<p>„Fräulein Lottchen,“ bat der unglückliche Fritz flehend, -„wollen Sie mich nicht wenigstens anhören? Sie thun -mir sicher in Gedanken unrecht, ich bin nicht so schuldig, -als es den Anschein hat.“</p> - -<p>„Sondern noch viel schuldiger,“ jammerte es in seinem -Inneren, „wenn sie schon über die einfache Namensverwechselung -<em class="gesperrt">so</em> böse ist, was würde sie erst sagen, wenn sie -wüßte! —“</p> - -<p>Fritz schauderte.</p> - -<p>„Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten -Komödie?“ sagte jetzt das Mädchen stehen bleibend, noch -immer im selben Ton. „Was Sie <em class="gesperrt">gestern</em> gewollt haben, -sehe ich heute wohl ein, uns alle zum Spielzeug Ihrer -hochmüthigen Laune benützen, nun es ist Ihnen ja gelungen -— Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht — was -soll ich nun noch anhören?“</p> - -<p>Fritz blieb gleichfalls stehen, und ließ seine Augen erst -einen Moment traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach.</p> - -<p>„Wenn Sie <em class="gesperrt">so</em> fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann -dann nur meiner Wege gehen, denn ich fühle, daß Sie ein -Recht haben, mir zu zürnen, und daß ich mich nur dann -vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst erlauben. Soll -ich wirklich <em class="gesperrt">so</em> von Ihnen scheiden?“</p> - -<p>Sie machte einen tapferen Versuch „ja!“ zu erwidern, -er scheiterte aber an halb erstickten Thränen, die sich plötzlich -in ihre Stimme und in ihre Augen drängten. Heftig -aufschluchzend schlug sie beide Hände vors Gesicht -und wandte sich von ihm ab.</p> - -<p>Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden -sehr wenig heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz -diesem Anblick nicht ganz weit davon entfernt war, dem -Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten! Eine solche Hochfluth -widerstrebender Empfindungen schlug über seinem -Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen -seiner Gefühle rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand -Lottchen in fliegenden Worten seine Liebe, und bekannte -ihr, daß er gestern zwar anfänglich in übermüthiger Laune -seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe, daß -er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen -tollen Einfall empfunden, und sich schon vor Ende des -Tages bewußt gewesen sei, daß aus seinem Scherz tiefster -Ernst für ihn geworden, und daß er — nun kurz, was -man in solchen Fällen sagt.</p> - -<p>„Und Lottchen,“ fügte er dringend hinzu, indem er -ihre Hand nahm, „wenn ich Ihren Thränen eine Deutung -geben darf, wenn auch Sie jener alten Geschichte von der -„Liebe auf den ersten Blick“ seit gestern glauben gelernt -haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon -Verzeihung zutheil werden, oder lieber,“ fügte er lächelnd -hinzu, da sie ihn, wenn auch noch durch Thränen, doch -schon wieder freundlicher ansah, „seien Sie so böse auf -den „Kaufmann Schröter,“ wie Sie nur irgend wollen, -aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafür umso lieber — -was meinen Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen, -und ihnen sagen, daß Sie mir diesen Besuch gestattet -haben?“</p> - -<p>Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar -nicht ja, aber sie nickte mit dem Kopfe, und das that -dieselben Dienste!</p> - -<p>Näher kommende Schritte ließen unser Paar etwas -bestürzt auffahren, und Fritzens Schreck steigerte sich zu -plötzlichem Entsetzen, als der Störenfried sich in der sonst -harmlosen Gestalt eines Briefträgers präsentirte, der in -geschäftsmäßigem Tritt, ohne rechts oder links zu blicken, -an ihnen vorüber nach der Stadt ging. „Glaubst du, -dieser Adler sei dir geschenkt?“ schien mit feurigen Buchstaben -um die Mütze des ehrlichen Postbeamten geschrieben — -was für eine Pandorabüchse konnte jene Ledertasche sein!</p> - -<p>Fritz verbarg mit Mühe seine Verwirrung, und trennte -sich von seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die -Stadt münden, mit dem nochmaligen Versprechen, sobald -es seine Zeit gestatte, sich bei ihren Eltern einfinden zu -wollen. Noch ein herzlicher Händedruck, und ihre Wege -führten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen, -anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte -wohl noch zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst -der Verschwindenden nachzusehen.</p> - -<p>Als er einige Stunden später in stiller Beklommenheit -auf seinem Sopha saß, klopfte es, der Bursche brachte ihm -einen Brief, Poststempel Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte -noch nie vor der Mündung einer geladenen Pistole gestanden, -er wußte demnach nicht aus Erfahrung, wie einem dabei -zu Muthe ist, ungefähr konnte er sich’s aber nach diesem -Moment vorstellen. Es hilft doch nichts — auf mit dem -Brief! Er lautete:</p> - -<p class="salutation"> -Mein verehrter, junger Freund!<br /> -</p> - -<p>Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und -erfreut. Wir nehmen Ihre Bewerbung um unsere Tochter -gern an, und hoffen, in Ihnen einen lieben Sohn zu -finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten Zusammensein -ganz klar die demnächstigen Ereignisse voraussehen, -doch hielt ich dies für eine Illusion, zu der das -weibliche Geschlecht in Betreff von Heirathsabsichten ja -stets neigt. Nun hat sie doch Recht behalten!</p> - -<p>Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl, -und wollen dann alles andere mündlich -erörtern. Ein Gruß von Malchen wird Ihnen wohl nicht -unangenehm sein?</p> - -<div class="salutation"> -<div class="poem"> -<p class="greet"> -Ihr treu ergebner Schwiegervater <em class="antiqua">in spe</em><br /> -Solgers, Amtsrath.<br /> -</p> -</div> -</div> - -<p>Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags.</p> - -<p>Das lähmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim -Durchlesen dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemächtigte, -spottet jeder Beschreibung. Er starrte den verhängnißvollen -Zettel an, eigentlich ohne Bewußtsein, er -las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht ein -Schimmer von Zweifel ließ sich daraus entnehmen!</p> - -<p>„Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsräthin -etwas gemerkt haben,“ murmelte er dumpf, „<em class="gesperrt">ich</em> -habe nichts gemerkt! Wann soll denn das gewesen sein? -Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin gewesen — -nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es muß -wohl den Tag <em class="gesperrt">sehr</em> guten Punsch gegeben haben,“ sagte -er gedankenlos vor sich hin.</p> - -<p>Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung -im Zimmer auf und ab, sein Herz schlug so laut vor -Angst, daß er es zu hören meinte. War wohl je ein -Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen verwickelten -Familienverhältnissen! Nun hatte er zwei Bräute, zwei -Schwiegermütter und zwei Schwiegerväter, von denen der -ihm bekannte ein wahrer Bär von deutscher Grobheit -war.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wessen</em> er sich versah, wenn er mit seiner Beichte -in Tessin herausrückte, war gar nicht auszudenken, und -er durfte doch nicht wieder grob werden; hatte er nicht -frevelhaft den Hausfrieden und Seelenfrieden einer glücklichen -Familie gestört? Und Amalie schien ihn nun doch -zu lieben, der schalkhafte Schlußsatz des Briefes deutete -auf das Aergste!</p> - -<p>Armer Fritz, zwei Mädchenherzen liegen zu deinen -Füßen, <em class="gesperrt">eines</em> mußt du unfehlbar zertreten, magst du -einen noch so künstlichen, moralischen Eiertanz ausführen!</p> - -<p>Aber alles jammern und sich abmartern nützte nichts, -jetzt hieß es handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte -nie gedacht, daß dies so schwer wäre!</p> - -<p>In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem -Tage nach Tessin ab, und man erwartete ihn „zum fröhlichen -Verlobungsmahle!“ Sollte er schreiben? das war -ihm unmöglich, er <em class="gesperrt">konnte</em> sich nicht entschließen, seine -Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths -niederzulegen, nein, es mußte ausgebadet werden! -Er schickte den Burschen nach einer Droschke, und während -dieser unterwegs war, schrieb er eilig und innerlich zerfleischt -von Höllenqualen einige Zeilen an Lottchen, worin -er ihr mittheilte, daß Familienangelegenheiten unaufschiebbarer -Natur ihn zwängen, die Stadt auf einige Stunden -zu verlassen. Sie möge ihm nur vertrauen, der nächste -Tag finde ihn sicher bei ihr und ihren Eltern.</p> - -<p>Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort -ab, und fuhr dann zur Bahn. Seine stille -Hoffnung, er werde den Zug versäumen, und sich auf -diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam rechtzeitig -an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin -trennt, war bald auf Dampfesflügeln durcheilt.</p> - -<p>Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin, -lag etwa zehn Minuten von der Bahnstation Frankenberg. -Als Fritz den Zug verließ, entdeckte er bald die -wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters -Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem -alten Sprichwort: „wer zuerst kommt, mahlt zuerst,“ -hatte Amalie entschieden den Vorrang bei diesem seltsamsten -aller Wettrennen.</p> - -<p>Ein ihm fremder Kutscher lenkte das Gefährt, und -blickte spähend in die aussteigende Menschenmenge. Als -Fritz sich ihm näherte, und zur Sicherheit sich noch einmal -erkundigte: „Herrn Amtsrath Solgers Wagen?“ nickte -der Rosselenker, und frug, das trübselige Gesicht vor -ihm mit einigem Mißtrauen betrachtend: „sind Sie der -Herr Bräutigam?“</p> - -<p>Unwillig bejahte der gequälte Fritz, und bald rollte -das Gefährt auf der Landstraße dahin. Noch eine Biegung -des Weges, da lag das Amtshaus, von der untergehenden -Sonne vergoldet, vor ihm.</p> - -<p>Als Fritz sich dem Hofe näherte, welchen man zu -passiren hat, ehe man das Haus erreicht, begrüßten ihn -zwar arg verstimmte, aber doch wohlgemeinte, schmetternde -Klänge, die Dorfkapelle blies einen Tusch. Die durch -diese Ovation etwas erregten Pferde ließen sich erst schwer -zum Stehen bringen, Fritzens verstörte Augen bemerkten -über der Hausthür eine dicke Guirlande, und als er, halb -betäubt vor Verwirrung, dem Wagen entstieg, strömte ihm -der warme Duft von Punsch und Braten festlich entgegen.</p> - -<p>Vor der Thür stand der Amtsrath im schwarzen Leibrock, -das Ordensbändchen im Knopfloch, die Amtsräthin -im Seidenkleide, neugierige kleine Schwäger, Schwägerinnen -und Dienstboten drängten sich im Hausflur, Malchen schien -sich in bräutlicher Verschämtheit im Hintertreffen zu halten.</p> - -<p>Fritz schwankte, wie ein Gerichteter, der das Schaffot -besteigen soll.</p> - -<p>Aber Unerwartetes begab sich.</p> - -<p>Das dröhnende „Willkommen,“ mit dem der Hausherr -den Wagen bereits anzuschreien begonnen hatte, verstummte -plötzlich wie abgeschnitten, als er unseren Fritz erblickte. -Es wäre schwer zu sagen, wessen Züge die größere Verlegenheit -ausdrückten, die des Ankommenden, oder die der -Erwartenden.</p> - -<p>Die Amtsräthin machte kurz kehrt, und zerstreute mit -Wort und Geberde die Neugierigen im Hausflur, dann -ward sie nicht mehr gesehen.</p> - -<p>Ihr Gatte erhob mechanisch die Hand, kratzte sich hinter -dem Ohr, und — schwieg.</p> - -<p>Fritz schwieg auch, ihm war fürchterlich zu Muthe. -Er glaubte, er mußte ja glauben, daß der Anblick seines -bleichen, deprimirten Gesichts so niederschmetternd auf die -schwiegerelterlichen Nerven wirke, daß man keine Worte -fände, ihn fröhlich als fröhlichen Bräutigam zu grüßen.</p> - -<p>Aber dies gegenseitige, schweigende Anstarren war zum -Tollwerden! „Noch zwei Sekunden so,“ dachte Fritz, „und -ich gebe Fersengeld, und laufe, so weit mich meine Füße -tragen.“</p> - -<p>Er räusperte sich mehrmals, streckte etwas gezwungen -die Hand aus, und begann: „Sie waren so überaus gütig, -Herr Amtsrath —“</p> - -<p>Der alte Herr sah starr auf den Boden nieder, ergriff -die dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig, dann sagte -er mit bedrückter Stimme: „Bitte, bitte, nicht Ursach’, -mein lieber Freund! Ich hatte freilich nicht erwartet — -aber wollen Sie nicht einige Augenblicke näher treten? -Wir können unsere Besprechung ja in meinem Zimmer -vornehmen.“</p> - -<p>Er ließ dem Schwiegersohn höflich den Vortritt ins -Haus und öffnete die Thür seiner zu gleicher Erde belegenen -Wohnstube, in die ihm Fritz ungefähr mit den -Gefühlen folgte, die man im Vorzimmer des Zahnarztes -durchzumachen pflegt.</p> - -<p>„Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“ unterbrach -der Amtsrath die Grabesstille.</p> - -<p>„Sie sind sehr gütig!“ und Fritz begann zu rauchen, -und zwar mit einem Eifer, als hinge sein Leben daran, -daß er die Cigarre in zehn Minuten bis auf die letzte -Spur vertilgt habe.</p> - -<p>Der Amtsrath paffte eben so krampfhaft in seiner Ecke.</p> - -<p>Endlich erhob sich Fritz, und stellte sich, militärisch -hoch aufgerichtet, vor den alten Herrn.</p> - -<p>„Ich weiß in der That nicht, Herr Amtsrath, was -Sie von mir denken werden, wenn ich Ihnen eine Erklärung -meiner Handlungsweise gegeben habe, die —“</p> - -<p>„Aber ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund,“ erwiderte -der Alte ganz ängstlich, „wozu wollen Sie sich -und mir eine solche unnöthige Qual bereiten! Ich habe -ja alles, was zu der Sache irgend zu sagen war, in -meinem Briefe auseinandergesetzt, und um Ihnen die -Situation zu erleichtern, wiederhole ich Ihnen noch einmal -mündlich, was ich schriftlich sagte, an meinem und -meiner Tochter Entschluß ist nichts mehr zu ändern, wenn -Sie eine derartige Absicht herführt, so ist jedes Wort unnöthig.“</p> - -<p>Fritz rang mit dem Tode! Er sah die Zornader auf -der Stirn des Alten schon im Geiste anlaufen, aber es -half nichts — durch!</p> - -<p>„Herr Amtsrath!“ begann er von neuem, und fuhr -sich mit dem Taschentuch über die Stirn, „halten Sie mich -für einen Elenden — ich halte mich selbst dafür, aber ich -beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, mein Gott, -wie soll ich mich nur ausdrücken? ich flehe Sie an, nehmen -Sie Ihr Wort zurück!“</p> - -<p>„Aber sagen Sie mir, Herr,“ rief jetzt der Amtsrath, -„was ficht Sie denn eigentlich an? Allen Respekt vor -Ihnen, aber Sie benehmen sich, um mich ganz gelinde -auszudrücken, wie ein Narr! Seien Sie ein Mann, fügen -Sie sich ins Unvermeidliche, was ich gesagt habe, habe -ich gesagt! Ich werde mich doch jetzt nicht zum Gespött -der ganzen Gegend machen, als ein alter Schwachkopf, der -nicht weiß, was er will! Meine Tochter ist Braut — und -damit basta.“</p> - -<p>„Nun dann,“ sagte Fritz mit der Ruhe eines Verzweifelten, -„dann bleibt mir nichts übrig, als mir eine -Kugel vor den Kopf zu schießen! Ich habe wie ein Ehrloser -gehandelt, ich muß die Folgen tragen! Denken Sie -von mir, was Sie wollen, aber ich kann Ihre Tochter -nicht heirathen!“</p> - -<p>„Was!“ schrie der Amtsrath und sprang auf, „<em class="gesperrt">was</em> -sagen Sie da?“</p> - -<p>„Ich kann Ihre Tochter nicht heirathen,“ wiederholte -Fritz dumpf und leichenblaß, „und nun machen Sie mit -mir, was Sie wollen!“</p> - -<p>„Meine Tochter nicht heirathen?“ brüllte jetzt der -Amtsrath, und sprang auf Fritz zu, ihn bei den Schultern -packend, „aber Mensch, wer verlangt denn, daß Sie sie -heirathen? Bin ich toll, oder sind Sie toll, oder sind -wir’s alle beide?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht,“ sagte Fritz ganz erschöpft, und sank -in seinen Stuhl zurück.</p> - -<p>Der Alte trat zum Nebentisch, goß zwei Gläser -Wasser aus einer Karaffe ein, trank eins, und reichte das -andere unserem Helden. „So, das schlägt nieder,“ sagte -er dann etwas ruhiger, „und nun sagen Sie mir einmal, -<em class="gesperrt">was</em> Sie eigentlich wollen! Sie halten um meine Tochter -an, ich schreibe Ihnen, umgehend, wie Sie es verlangten, -eine ganz vernehmliche, möglichst freundlich abgefaßte Antwort, -und statt sich dabei zu beruhigen, wie ein vernünftiger -Mensch, kommen Sie hierher wie ein Tollhäusler, -und schreien, Sie können meine Tochter nicht heirathen! -Ich muß Ihnen gestehen, ich finde es, gelinde gesagt, sehr -dumm und albern, daß Sie heute überhaupt hierher -kommen!“</p> - -<p>„Aber mein Himmel,“ rief Fritz, und durchwühlte -seine Brieftasche mit zitternden Händen, „Sie haben mich -ja doch selbst eingeladen!“</p> - -<p>„Ich — Sie?“ schrie der Amtsrath noch lauter, „i, -so schlag doch —“</p> - -<p>„Hier!“ sagte Fritz lakonisch, und reichte dem alten -Herrn seinen Brief hin.</p> - -<p>Der Amtsrath las — verfärbte sich — wiegte den -Kopf hin und her — plötzlich rief er: „Ach, du meines -Lebens! Da habe ich eine schöne Geschichte gemacht, lieber -Sterneck, ich bin ja an allem schuld! Ich habe den Absagebrief -an Sie gleichzeitig mit dem Zusagebrief an meinen -Nachbar Rummler geschrieben — der hielt zufällig vor zwei -Tagen auch um Amalie an, und wie ich nun Ihren Brief -sofort beantworten mußte, da habe ich in der Eile und -Aufregung die Adressen verwechselt! Nein, das ist ja -schrecklich — und nun sitzt mir der mit einem Korbe da! -Er hat auch Bahnstation in Frankenberg, und der Wagen -sollte <em class="gesperrt">ihn</em> holen und nicht Sie! Ach, ich bin ein geschlagener -Mann — ich alter Esel! Nein, ist denn das aber -menschenmöglich?“</p> - -<p>Während der Alte wie außer sich im Zimmer umherrannte, -ergoß sich in Fritzens umdüsterte Seele eine wahre -Sonnenhelle. Er sollte Amalien nicht heirathen — die -gute, die liebe Amalie wollte ihn nicht, hatte sogar schon -einen Ersatzmann gefunden — ach, das hatte er nicht -verdient!</p> - -<p>In überströmender Glückseligkeit sprang er auf und -fiel dem erstaunten Amtsrath um den Hals. „Lieber, alter -Freund — bester Herr Amtsrath — meine innigsten -Glückwünsche — ach, so habe ich mich doch in meinem -ganzen Leben noch nicht gefreut!“</p> - -<p>Es sprach eine so innige Ueberzeugtheit aus diesen -Worten, daß dem guten Amtsrath, was man ihm auch -nicht verdenken kann, wieder ganz unheimlich zu Muthe -wurde. Er machte sich etwas unsanft los.</p> - -<p>„Na, lassen Sie das nur gut sein,“ sagte er, und -schob Fritz mißtrauisch zurück, „was <em class="gesperrt">Sie</em> denken und ob -Sie sich freuen, ist mir im Augenblick ganz egal — ich -weiß nur nicht, wie <em class="gesperrt">ich</em> meine Eseleien wieder gut mache, -ohne daß es meine Weibsleute merken, sonst haben die -eine Handhabe gegen mich bis ans Ende meiner Tage!“</p> - -<p>„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,“ nahm -Fritz, dessen Gefühlswogen sich zu legen begannen, jetzt -das Wort, „Gefallen gegen Gefallen! Borgen Sie mir -Ihren Rappen bis morgen früh, dann reite ich jetzt zu -Herrn Rummler hinüber und besorge Ihnen einen Brief -hin, den Sie schnell schreiben, während ich mich anziehe — -und dann reite ich zur Stadt und schicke Ihnen das Pferd -morgen wieder heraus. Herr Rummler kann in einer -Stunde hier sein und niemand erfährt etwas!“</p> - -<p>„Ach, das ist Unsinn,“ sagte der Amtsrath, „ich will -Ihnen etwas anderes sagen — mir wird das Briefschreiben -sauer — geben Sie mir Ihren Brief, und ich schicke ihn -zu Rummler, und schreibe nur, <em class="gesperrt">das</em> wäre der richtige, und -der andere wäre für Sie bestimmt. Wenn ich das schreiben -kann, so ist die Sache abgemacht.“</p> - -<p>„Meinetwegen,“ rief der glückselige Fritz, „aber den -Rappen geben Sie mir mit. Ich <em class="gesperrt">muß</em> nothwendig heute -Abend nach Hause — Sie sollen bald erfahren, warum!“</p> - -<p>„Ich bin nicht neugierig,“ sagte der unliebenswürdige -Alte, „aber eins sagen Sie mir — <em class="gesperrt">warum</em> haben Sie -denn eigentlich um die Amalie angehalten, wenn Sie so -froh sind, daß sie Sie nicht haben will?“</p> - -<p>„Das ist eine lange Geschichte,“ erwiderte Fritz, und -wurde roth, „wollte ich Ihnen die jetzt erzählen, so verbrennte -der Braten, und der Punsch, den das Brautpaar -heute noch trinken soll, würde kalt. Lassen Sie mich fort -und schicken Sie den Wagen zu Ihrem Schwiegersohne. -Und nun leben Sie wohl, mein lieber, guter Herr Amtsrath -— sagen Sie Ihren Damen — — was Sie wollen! -Ich lasse mir den Rappen satteln!“</p> - -<p>Im Hause des Amtsraths ging es den Abend noch -sehr lustig her — in manchen anderen Häusern gewiß -auch — es giebt ja, trotz aller Pessimisten, noch immer -eine ganze Menge vergnügter Leute auf der Welt — aber -ein fröhlicherer Geselle, als unser Fritz, den sein tänzelnder -Rappe durch den schönen Sommerabend nach der Stadt -hin trug, die sein Glück barg, war an diesem Abend -schwerlich zu finden! — Wie er es angefangen hat, seine -reizende Braut mit dem zweiten Akt der Komödie zu versöhnen, -die er auf der Landpartie zu spielen begonnen — -das geht uns nichts an. Er wird schon mit ihr fertig -geworden sein!</p> - -<hr class="full" /> -<p class="small"> -W. <em class="gesperrt">Moeser Hofbuchdruckerei</em>, Berlin, Stallschreiber-Straße 34. 35.<br /> -</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt">Inhalt.</a></h2> - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary=""> -<tr><td></td><td align="right">Seite</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Hausgenossen">Hausgenossen.</a></td><td align="right">1</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Und_doch">Und doch!</a></td><td align="right">59</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Der_tolle_Junker">Der tolle Junker.</a></td><td align="right">85</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Finderlohn">Finderlohn.</a></td><td align="right">161</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Glueck_muss_man_haben">Glück muß man haben!</a></td><td align="right">193</td></tr> -</table></div> - -<div class="transnote"> -<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription -</p> -<p> - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden - übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. -</p> -<p class="ebook-only"> - Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen. -</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN *** - -***** This file should be named 51901-h.htm or 51901-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/9/0/51901/ - -Produced by Norbert Müller and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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