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-The Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Novellen
- Hausgenossen. -- Und Doch! -- Der tolle Junker. --
- Finderlohn. -- Glück muß man haben!
-
-Author: Hans Arnold
-
-Release Date: April 30, 2016 [EBook #51901]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***
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-
-Produced by Norbert Müller and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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- Novellen
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- von
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- Hans Arnold.
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- Hausgenossen. -- Und doch!
- Der tolle Junker.
- Finderlohn. -- Glück muß man haben!
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-
- Berlin.
-
- Verlag von Gebrüder Paetel.
-
- 1881.
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-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
- Herrn
-
- Theodor Hermann Pantenius
-
- in dankbarster Verehrung
-
- zugeeignet.
-
-
-
-
- Hausgenossen.
-
-In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun schon seit zwanzig
-Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine Krauthoff und strickte, während
-sie, mit einer Hornbrille auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche
-las, welches sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.
-
-Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und Balsaminen, und an
-den Wänden hingen allerlei Photographien in jeder Größe und Stellung.
-Aber nur Bilder von jungen Mädchen -- Fräulein Sabine war Lehrerin
-gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher Methode
-kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas und Rahmen -- das hatte
-die Lieblingsschülerin des Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei
-deren Eltern die alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem
-großen Mädchen herangewachsen war.
-
-Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich mit der Zeit
-eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mädchen
-gestaltet. Käthe, die sonst leicht ein wenig hochfahrend sein konnte,
-ja die in ihren Bekanntenkreisen sogar wegen ihrer kurzen Antworten
-und ihres gelegentlichen Uebermuthes als »sehr schnippisch« bezeichnet
-wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein Sabine all ihre kleinen
-Airs ab, und wurde immer wieder zum Kinde, das seine Thorheiten
-beichtete und sich liebevoll absolviren ließ.
-
-Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen erstieg und an
-Fräulein Sabines Thür pochte -- und so sehr hatte sich die letztere an
-diese täglichen Besuche gewöhnt, daß sie es recht schmerzlich empfand,
-als Käthe vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach
-auswärts ging und fast drei Wochen abwesend blieb.
-
-Doch nun war das vorbei -- gestern hatte die Frau Doktor Lang sich ihr
-Töchterchen von der Eisenbahn geholt, und Fräulein Sabine erwartete
-nun ungeduldig den Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte
-belohnt werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das »herein« kam ein
-junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß gewachsen, mit einem
-übermüthigen Zug um den kleinen Mund, und einem sonnigen Lächeln in
-den dunkeln Augen. Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen
-ungestümen Herzlichkeit und setzte sich zu ihr -- nicht auf den Stuhl,
-sondern aufs Fensterbrett.
-
-»Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?« fragte die alte Dame,
-nachdem sie den »mitgebrachten« warmen Shawl zur Genüge betrachtet und
-bewundert hatte.
-
-»O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber« --
-
-»Nun, was »aber?« fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll, und schob die
-Brille auf die Stirn zurück.
-
-»Ach -- ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen Dummheiten
-gemacht! Soll ich sie dir erzählen? aber du mußt nicht schelten?«
-
-»Das kann ich nicht so gewiß versprechen,« sagte die Alte, indem sie
-ihren reizenden Liebling mit strahlenden Augen betrachtete, »indessen
-fang nur an -- es läßt dir ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.«
-
-Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und pflückte eine von
-den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.
-
-»Nun also,« begann sie, »ich reiste allein von Laura zurück, und auf
-einer kleinen Station -- Siegersdorff -- wo der Zug hielt, sah ich zum
-Coupéfenster hinaus. An der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber
-steht ein Herr und sieht mich an -- nicht gerade unbescheiden, aber er
-fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so etwas kann ich
-nicht leiden, ich denke also: »sollst ihm mal die Zunge herausstecken
--- der Zug fährt ja sofort ab, und du siehst ihn nie wieder.«
-
-»Aber Käthe!« rief das Fräulein erschrocken.
-
-»Siehst du, siehst du, daß du schiltst!« rief Käthe, und fiel ihrer
-alten Freundin ungestüm um den Hals, »sei ganz still, sonst erzähle
-ich nicht weiter, und du hast dein Leben lang die Angst mit dir
-herumzutragen, daß ich etwas noch viel Schrecklicheres gethan habe, was
-du nicht weißt!«
-
-Die Alte machte sich lachend los.
-
-»Laß mich nur -- ich bin ja schon still! Also --«
-
-»Also -- in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung setzt, führe
-ich mein Vorhaben aus! Nur ein ganz kleines bißchen, Sabine -- ich
-dachte schon, er hätte es nicht gesehen! -- aber er lächelte spöttisch
-und nahm den Hut ab. Da fuhren wir hin.«
-
-Fräulein Sabine schüttelte den Kopf.
-
-»Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!«
-
-Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke.
-
-»O ja, Sabine«, sagte sie dann verlegen, »aber --«
-
-»Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?«
-
-»Ach, Sabine -- die Geschichte ist ja noch gar nicht zu Ende, das
-Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, aber kaum hundert Schritte weit
--- der Zug wurde zu meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf
-Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand auch noch der Herr --
-und hatte er vorhin gelacht, so lachte er nun erst recht!«
-
-»Angenehm!« sagte Fräulein Sabine. »Und wie benahm er sich?«
-
-»Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre weg und stieg in
-dasselbe Coupé mit mir. Und wir fuhren mit einander bis hierher, wo er
-auch ausstieg!«
-
-Käthe sprang vom Fensterbrett. »Und was sagst du jetzt?«
-
-»Herzchen,« erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig, »was soll
-ich sagen? Zu geschehenen Dingen schweigt man am besten -- das einzig
-Angenehme ist, daß du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.«
-
-Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen sollen, und
-streute ihre Nelkenblättchen in die Luft. »Meinst du?«
-
-Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und zog die
-Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie sagen: »aha!« Sie schwieg
-aber.
-
-»Weißt du, Sabine,« begann Käthe nach einer Weile von Neuem, »er --
-der Mitreisende -- benahm sich übrigens sehr taktvoll. Da er merkte,
-in welch tödtlicher Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts
-vorgefallen sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen -- ganz
-ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine alte Dame, die mitfuhr,
-von der Gegend sprach, und ihn fragte, ob er nicht auch während der
-Reise auf die hübsche Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: »o ja --
-besonders in Siegersdorff!« und dann sahen wir uns an und lachten beide
--- ich auch, Sabine -- das konnte ich nicht ändern! Sonst war ich sehr
-würdevoll -- nein, wirklich!«
-
-»Davon bin ich überzeugt,« sagte die Alte ernsthaft, »wie sah denn dein
-Freund oder Feind aus?«
-
-»Sehr gut -- groß, dunkelblond und humoristisch -- und er war sehr
-hübsch angezogen.«
-
-Die alte Dame lachte.
-
-»Wenn's nur kein Weinreisender war!«
-
-»Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht merkte!« In dem
-Augenblicke klopfte es.
-
-»Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen, Frau Majorin Scharff
-wäre da, und wollte etwas aus dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen
-hätten die Schlüssel mit.«
-
-»Unausstehlich!« sagte Käthe verdrießlich, »Scharffs erwarten in den
-Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen sich wieder einmal die ganze
-Wirthschaft zusammen. Ich komme,« rief sie dem Mädchen zu.
-
-»Ist der junge Scharff so »gräßlich,« wie du sagst?« fragte Sabine.
-
-»Ich habe ihn nie gesehen -- aber wenn von einem Menschen schon so viel
-gesprochen wird, hat man genug. »Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint«
--- so geht es immerfort, als ob =ich= mich darum kümmerte, was ihr Kurt
-für Ansichten hat.«
-
-Fräulein Sabine war auch aufgestanden.
-
-»Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff möchte dich sehr gern
-für den »gräßlichen Sohn« haben.«
-
-»Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke, Sabine -- ich danke
--- ich will gar nicht heirathen -- oder«
-
-»Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor! Deine Beichte war
-unvollständig! »Oder« heißt das etwa: »oder die Bekanntschaft müßte
-damit anfangen, daß ich ihm die Zunge heraussteckte?«
-
-»Sabine,« sagte das junge Mädchen würdevoll, »ich begreife gar nicht,
-wie du mich so lange aufhalten kannst, wenn du hörst, daß Mama auf die
-Schlüssel wartet!«
-
-Und fort war sie.
-
- * * * * *
-
-Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei Käthens Eltern
-große Unruhe. An der Hausthüre war schon seit längerer Zeit eine
-Wohnung ausgeboten worden, und der Hausherr hatte sich bereits stummer
-Verzweiflung überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.
-
-Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt -- die Vermiethungsfrage
-war der Tollpunkt des Doktors!
-
-So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner Thüre prangte,
-war er melancholisch -- seine Gedanken irrten mit beängstigender
-Beharrlichkeit, aufgescheuchten Vögeln gleich, um das betreffende
-Quartier, und er begann und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine
-Frau mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja noch nie
-eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, so grub der Doktor
-regelmäßig einen alten General aus, der inzwischen, nach der seitdem
-verflossenen Zeit zu schließen, längst zum Feldmarschall oder unter die
-himmlischen Heerscharen avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst
-ein volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.
-
-Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann ein neues Stadium
-in dem Zustande des Doktors. Er hatte für nichts anderes Sinn und
-Gedanken, als für die Chance, er sang mit dem französischen Grenadier
-»was schiert mich Weib, was schiert mich Kind?« und war für alle
-häuslichen Vorkommnisse taub und blind.
-
-Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein umdüstertes Gemüth ein
-Brief gefallen, in dem ein der Familie bekannter Baron von Rabeneck
-um die Erlaubniß bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte
-Wohnung in Augenschein zu nehmen.
-
-Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen und unsäglich
-neugierigen Herrn -- aber in der Noth ist man nicht wählerisch -- der
-Baron wollte miethen, und der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei
-Uhr mit fieberhafter Spannung entgegen.
-
-Die Familie -- Käthe, die Älteste, ausgenommen, die, wie wir wissen,
-bei Fräulein Sabine war, saß um den Kaffeetisch. Eine stattliche
-Reihe von schulpflichtigen Kindern -- zwar nicht so viel, als unser
-schwäbischer Freund besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der
-Seinen antworten konnte: »ich danke, die »Meischte« sind wohl« -- aber
-immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen Spektakel zu machen.
-
-Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte Gruppe, die
-zur Eile angetrieben wurde, um beim Erscheinen des Miethers nicht den
-Eindruck der Räume abzuschwächen. Jetzt klingelte es.
-
-»Kinder, schnell -- trinkt aus, das ist er!« rief der Vater, und ließ
-sich in der Eile zu der unmännlichen Handlung des Umgießens aus der
-Ober- in die Untertasse für seinen jüngsten Sohn verleiten -- doch zu
-spät! Die Thür ging auf -- aber nicht der Baron erschien, sondern das
-heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. Die Kinder gingen
-trotzdem auf einen Wink der Mutter hinaus. --
-
-Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem Major a. D., die
-Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn waren ziemlich die beiden einzigen
-Gegenstände, welche sich die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern
-rechtmäßig besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn sie mit
-besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine gute, ganz gescheidte
-Frau von stets heiterem Temperament, hatte sie nur die Manie, alles
-zu verlegen, zu verlieren, und sich mit einer wahrhaft genialen
-Unverdrossenheit durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus
-der Verlegenheit zu ziehen.
-
-Ihr Mann wußte entweder nichts davon -- oder er wollte nichts davon
-wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. Er hatte es zu seiner
-Vorgesetzten und seinem eigenen größten Erstaunen bis zum Major
-gebracht und war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine
-Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich seitdem auf
-Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung, kein Familienereigniß
-freudiger oder trauriger Natur war bisher im Stande gewesen, ihn derart
-zu erregen, daß er nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die
-Seinigen gefragt hätte: »machen wir heute keine Partie?«
-
-Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend, wo sein einziger Sohn
-das Licht der Welt erblickte, zwei Stunden darauf einen Whisttisch
-herbeigeschoben und seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie
-Whist vorgeschlagen habe.
-
-So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm ungestört
-blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und seine Frau mochte die
-Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten Familien rekrutiren --
-ihn focht es nicht an.
-
-Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und tüchtiger Offizier die
-beste Carriere machte, hatte für ihn erst Interesse gewonnen, als er
-den Dritten beim Whist abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht
-hinderte, seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung
-an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück und der Stolz der
-Mutter, wurde, wie wir von Käthe gehört haben, erwartet, und die Frau
-Majorin hatte bereits eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen
-Waschtisch und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, und kam
-soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel reiner Gardinen vakant
-wäre, da sie das Gastzimmer sonst soweit in Ordnung habe.
-
-Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und lud ihre
-Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.
-
-»Nein, nein,« sagte sie eilfertig, »o ich habe noch sehr viel zu thun
--- denn, liebste Lang, ich komme mit einer großen Bitte -- trinken Sie
-nicht heute Abend mit uns Thee? Keine Gesellschaft -- nur etwa zwölf
-bis fünfzehn Personen -- bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!«
-
-»Wir kommen herzlich gern,« sagte die Doktorin, »wenn mein Mann nichts
-dagegen hat.«
-
-Der Doktor war herausgegangen, um die Straße herunter zu spähen, ob der
-Miether sich nicht zeigte. --
-
-»Ach, was sollte er dagegen haben!« sagte Frau Scharff, »heut muß er
-kommen -- ich habe eine kleine Überraschung vor! Aber liebe Lang --
-eine Bitte! Meine Pauline ist so ungewandt -- können Sie mir Ihre
-Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei Gerichte, und sie ist
-so prächtig flink -- das weiß ich! Im Hause geht das ja sehr gut!«
-
-»Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,« sagte Frau Lang lächelnd,
-»kann ich sonst mit etwas dienen?«
-
-»Nun ja -- wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel und zwei Dutzend
-Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn Weingläser und die silberne
-Zuckerdose leihen wollten, so wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und
-Beste -- die beiden großen Lampen -- aber lassen Sie sie bald füllen;
-meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das ist alles -- denn
-die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser habe ich noch oben. Aber
-richtig -- Sie haben wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline
-hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben Rehrücken und sie
-soll ihn noch spicken.«
-
-»Ich werde sogleich nachsehen,« erwiderte Frau Lang, und griff in die
-Tasche -- die Schlüssel fehlten! Bei dieser Gelegenheit schickte sie zu
-Fräulein Sabine, um Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und
-von der Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde.
-
-»Mein liebes Käthchen -- nein, wie reizend steht Ihnen die neue Frisur!
-Wie haben Sie sich bei Ihrer Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei
-Mamachen vor, ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen -- ich habe
-eine kleine Ueberraschung _in petto_! Nicht wahr, Sie kommen doch? Ich
-schrieb noch neulich an meinen Sohn: »eine Gesellschaft ohne Käthchen
-ist mir gar nicht denkbar -- sie ist so belebend!«
-
-Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich ausgesehen
-hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und zog die Hand fort.
-
-»Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,« sagte die Majorin
-eilfertig, »also Ihre Anna bringt nachher alles mit herauf, nicht wahr?«
-
-Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe allein. Sie legte
-ihrer Tochter die Hände auf die Schultern und sah ihr forschend ins
-Gesicht. »Käthe, warum bist du nur wieder so unfreundlich gegen die
-gute Majorin?«
-
-»Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in Frieden läßt!«
-erwiderte Käthe unartig.
-
-Die Doktorin schüttelte den Kopf.
-
-»So laß sie doch -- für die Pläne der Mutter kann der Sohn nichts --
-und außerdem -- Käthe, wäre es denn nicht sehr hübsch, wenn etwas
-daraus würde? Eine andere Neigung hast du nicht« --
-
-Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben, denn der
-Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die Schlüssel aufheben, wozu
-sie eine ganze Weile brauchte und sehr roth wieder zum Vorschein kam --
-vom Bücken jedenfalls!
-
-»Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst gescheidter Mann
-sein,« fuhr die Mutter fort, »thu mir wenigstens den Gefallen, dich
-nicht von vornherein gegen ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja
-immer so gut gefallen!«
-
-Käthe schwieg hartnäckig.
-
-»Da klingelt es,« unterbrach sich die Mutter, »hier, Käthe, ich habe
-mir alles notirt, was die Majorin sich zu heute Abend leihen will --
-gieb es einmal heraus!«
-
-Käthe nahm mit einem ironischen »weiter nichts?« das Verzeichniß
-in Empfang, und ging hinaus, eben, als der Vater zur andern Thür
-hereintrat.
-
-»Er kommt wieder nicht!« sagte er resignirt, »ich werde jetzt ausgehen!
-Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.«
-
-»Ja, ja, er kommt,« beschwichtigte seine Frau, »eben klingelt es -- da
-ist er schon!«
-
-Richtig -- so verhielt es sich! Herr Baron von Rabeneck erschien mit
-einer tadellosen Verbeugung auf der Schwelle. Er war ein mittelgroßer,
-schlanker Mann, mit sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel,
-mit kurzsichtigen Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem
-parfümirten Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.
-
-»Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,« sagte er eintretend,
-»Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich nicht stören! Trinken Sie immer
-hier Kaffee?«
-
-»Ja,« sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, der die Fragepassion
-des Barons, und die kurze Geduld ihres Mannes schon bekannt war, wollte
-mit einer Gegenfrage dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht
-so leicht beirren. »Ich trinke auch Kaffee,« fuhr er fort, »sehr
-gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, Frau Doktorin?«
-
-»Ja,« sagte der Doktor gereizt, »meine Frau trinkt Kaffee -- meine
-Tochter auch, meine ganze Familie trinkt Kaffee!«
-
-Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. »Sie wollten unser leeres
-Quartier sehen, Herr Baron?«
-
-»Ja,« erwiderte der Neuangekommene behaglich, »ich sah heute bei meinem
-Morgenspaziergang, den ich immer durch diese Straße mache -- hübsche
-Straße, was? -- daß hier ein Miethszettel hängt -- wollte doch mal
-nachfragen. Erster Stock, was?«
-
-»Nein -- zweiter Stock -- vier Zimmer mit Balkon,« gab der Doktor
-zurück.
-
-»Oh -- charmant -- vier Zimmer? Balkon? Ganz mein Fall! Alles
-Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch? Still?«
-
-»Wie wäre es,« schlug die Hausfrau vor, »wenn Sie mit mir einmal
-hinaufgingen, Herr Baron, und die Wohnung selbst in Augenschein nähmen?
-Ich hole mir nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!«
-
-»Bitte, bitte,« erwiderte der Baron verbindlich, und ging Käthe
-entgegen, die eben wieder hereintrat, und am Fenster mit einer Arbeit
-Platz nahm.
-
-Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung ein, sich auch
-niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg, wenn ihr jemand nicht gefiel.
-
-Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause schmerzlich, und
-wandte sich an das junge Mädchen.
-
-»Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?«
-
-Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin.
-
-»Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?«
-
-Der Baron hustete zierlich.
-
-»Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon meine selige
-Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst dich für alles! Ich heiße
-nämlich Chlodwig! Hübscher Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer
-Familie -- mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr Papa?«
-
-»Friedrich,« erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln unterdrückte.
-
-»Friedrich -- so so -- und Ihre Frau Mama?«
-
-»Fragen Sie sie selbst,« sagte der Doktor ungeduldig, »da kommt sie.«
-
-Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, sagte der Doktor zu
-Käthe: »wenn =dieser= Fragekasten die Wohnung miethet, zünde ich das
-Haus an allen vier Ecken an. Der fragt einen todt.«
-
-Käthe lachte. »Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht mit ihm umzugehen.
-Vielleicht spielt er Whist, da kann er sich mit Scharffs befreunden,
-die er ohnehin schon kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine
-Gesellschaft geben?«
-
-»So?« brummte der Doktor, »was haben sie sich denn schon geborgt?«
-
-»Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere Köchin und unsere
-Familie,« erwiderte Käthe spöttisch, »wir werden uns also wohl recht
-heimisch fühlen.« --
-
-Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit wieder, und der
-erstere war entzückt von dem Quartier.
-
-»Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,« sagte er, »so können wir gleich
-Kontrakt machen -- liebe schnelle Entschlüsse -- Sie auch, -- was?«
-
-»Gewiß!« sagte der Doktor höflich -- die Aussicht, einen Miether zu
-bekommen, goß Öl auf die Wogen seines Zornes. Die beiden Herren nahmen
-an einem Seitentischchen Platz, um über den Kontrakt einig zu werden.
-
-Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, als die Thüre
-aufging und eine Dame erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch
-durchaus nicht alt -- so hübsch in der Mitte. =Ganz= jung waren ihre
-Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine Elfe ins
-Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm.
-
-Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit ihrer Großmama, der
-verwittweten Generalin, die Hälfte des zweiten Stockes im Hause
-bewohnte. Der Baron hatte sie kaum erblickt, als er aufstand und auf
-sie zutrat.
-
-Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes unterbrochen,
-kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte düster:
-»nett!«
-
-»Mein gnädiges Fräulein,« begann der Baron, »ich bin entzückt, Sie zu
-begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme von Portici bekommen?«
-
-»O ausgezeichnet!« erwiderte Leontine, »es war eine allerliebste
-Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da -- Will ist jetzt bei ihnen
-zum Besuch -- Sie wissen ja -- Will Schraffenau, der bei den zweiten
-Kürassieren stand! Will kann zu amüsant sein, nicht?«
-
-»O ja, meine Gnädigste,« erwiderte der Baron, »aber nichts gegen Lu!
-Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, der die zweite Sandrowsky --
-Peppi Sandrowsky -- zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?«
-
-»Na!« brummte der Doktor vor sich hin, »bis die beiden jetzt den
-Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann mein Miethskontrakt schwarz
-werden!«
-
-»Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff, Ihr Hausgenosse
-zu werden! Charmant, was?«
-
-»Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!« rief Leontine
-entzückt.
-
-»Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst hier zu Ende kommen,«
-sagte der Doktor, und schob sein Tischchen in die andere Ecke des
-Zimmers -- dort konnte er hoffen, ungestört zu bleiben, »bitte, Herr
-Baron! -- der Miether verpflichtet sich« --
-
-Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, plauderten
-die Mädchen in der Fensternische.
-
-»Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen -- ist heute großer
-Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, der Sohn wäre gekommen, den ich
-von früher her kenne -- wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter
-Storrwitz, und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit ihm --
-ist er gekommen?«
-
-»Nein, er wird erst erwartet,« erwiderte Käthe, »ich weiß auch nicht,
-warum sie heut plötzlich eine Fête geben.«
-
-»Nun ja -- aber die Frage ist, =was= zieht man an? Rabeneck ist auch
-da, ich habe die Scharff gefragt.«
-
-Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine hüpfte endlich ab.
-
-Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu seinem Miethskontrakte
-nach der Lampe rief. Das Mädchen erschien, brachte aber nur einen
-Armleuchter mit einem Licht.
-
-»Die Lampe!« donnerte der Hausherr.
-
-»Verzeihen Sie, Herr Doktor -- unsere Lampen sind alle oben beim Herrn
-Major -- die Kinder arbeiten auch bei Licht.«
-
-»Darauf machen Sie sich gefaßt,« sagte der Doktor, kochend vor Wuth,
-»wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird Ihnen von Majors alles abgeborgt,
-was Sie haben und nicht haben!«
-
-»Aber Papa!« rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.
-
-»Ich bitte Sie,« rief der Baron ängstlich, »das ist ja sehr unangenehm!
-Alles verborgen? Muß man das?«
-
-»Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!« grollte der Doktor, »denn
-so lange wohnen sie hier, und =was= sie sich alles borgen, spottet
-jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie ließen einmal auf einen halben
-Tag um =mich= bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber
-weiter: »die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus« --
-
-»Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen
-Armleuchter bekommen kann?« sagte das Dienstmädchen und griff bereits
-nach dem fraglichen Gegenstand.
-
-»Sie sind wohl verrückt!« schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm,
-»sollen wir hier im Dunkeln sitzen?«
-
-»Mein Gott, ist es denn schon so spät!« sagte der Baron, und sah nach
-der Uhr, »wahrhaftig -- halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich
-muß an meine Toilette gehen -- wir sehen uns ja wohl heute Abend beim
-Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir beenden das
-Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?«
-
-Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer
--- das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast
-zur Thür geleitete.
-
-»Nun borgen sie sich auch schon die Miether!« sagte er vor sich hin,
-als er hinausging.
-
-Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster
-hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin
--- die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten
-in der Dämmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor
-der Zukunft gewesen als heut -- warum noch nie der Gedanke an die
-von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath mit dem Hauptmann
-Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Träume von den kommenden
-Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen -- zum
-ersten Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt -- noch
-nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefühl
-zu erregen vermocht -- aber es war ihr auch noch nie jemand mit so
-liebenswürdiger Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen
-getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind
-gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lächeln,
-seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefühl einer Sicherheit
-und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half
-das alles! sie kannte seinen Namen nicht -- er nicht den ihren --
-sie würden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen
-Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.
-
- * * * * *
-
-Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige Aufregung.
-Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren Räumen umher, die
-bereits im festlichen Lichterglanz erstrahlten, rückte hier und da
-an den Stühlen und stand dann wieder überlegend still, ob noch etwas
-fehlte, wonach man zu Doktors schicken könnte.
-
-Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder Mann trat ins Zimmer.
-
-Die Majorin wandte sich um.
-
-»Nun, Mamachen,« sagte der Eintretende freundlich, »du hast noch zu
-thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche halbe Stunde mit dir, ehe
-die Gäste kommen.«
-
-»Ich bin fertig«, sagte die Mutter, und trat vor den Stuhl, in den sich
-ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm die Hände auf beide Schultern und
-sah ihm zärtlich ins Gesicht.
-
-»Mein alter Junge -- wie du wieder verbrannt bist!«
-
-»Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche Farbe, du mußt
-dich schon daran gewöhnen.«
-
-»Und du warst ein so weißes Kind!« sagte die Mutter lächelnd. »Jetzt
-sage mir aber einmal, Kurt -- ist es dir eigentlich recht, daß ich heut
-Abend unsere Hausgenossen eingeladen habe? Du machtest mir bei der
-Ankündigung ein so besonderes Gesicht.«
-
-»Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch allein gewesen,
-Mutterchen -- aber wir sind ja, so Gott will, noch viele Abende
-zusammen. Wer kommt denn heut?«
-
-»Also,« begann die Majorin, »da ist erstens die Generalin Faldern mit
-ihrer Enkeltochter Leontine --«
-
-»Was?« unterbrach der Hauptmann lebhaft, »Tine Faldern ist hier?«
-
-»Kennst du sie?«
-
-»Wie sollte ich nicht! -- Als ich bei Storrwitz Adjutant war, hielt sie
-sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie hieß damals immer die Tochter
-des Regiments, weil sie so genau in der Rangliste Bescheid wußte.
-Uebrigens ein hübsches, amüsantes Mädchen -- es ist mir ganz lieb, sie
-einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.«
-
-Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber nichts.
-
-»Dann,« fuhr sie fort, »von Hausgenossen heißt das, kommt noch unser
-Wirth -- der Doktor Lang mit Frau und Tochter --«
-
-»Ach -- die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama! Hätte ich mir's
-nicht denken können, daß du wieder einen Heirathsplan wie einen Lasso
-bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen über den Kopf zu werfen? Aber
-gieb dir keine Mühe, Mama -- es wird nichts!«
-
-»Sei doch nicht so absprechend,« bat die Mutter, »du hast Käthe noch
-gar nicht gesehen -- ich sage dir, sie ist allerliebst! Hübsch, sehr
-gut erzogen und sehr gescheidt -- sie würde ausgezeichnet für dich
-passen!«
-
-»Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen -- ich werde wohl
-überhaupt nicht heirathen. Sieh,« fuhr er lebhaft fort, als die Mutter
-eine Bewegung des Unmuths machte, »ich bin -- nenne es phantastisch,
-unpraktisch, kurz, was du willst -- aber ich bin entschlossen, mich
-nur zu binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage: 'Die oder
-keine!' Und solche Dinge kommen vor! -- Ich sage dir, sie kommen vor!
-Lache mich nicht aus, Mutter -- aber ich habe ein Mädchen gesehen, das
-mir gefällt, und wenn ich =die= wiedersehe, und sie will mich -- dann
-sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet haben. Frage
-mich aber nicht weiter -- ich bin auf der Suche -- das laß dir genug
-sein. Und verschone mich mit deiner Käthe -- ich mag sie nicht!«
-
-»Guten Abend, Frau Majorin,« sagte in diesem Augenblick die Generalin
-Faldern, die in taubengrauer Seide ins Zimmer rauschte, von der
-rosafarbenen Leontine gefolgt. »Sie waren so freundlich, uns zu
-erlauben -- ah, das ist wohl Ihr Herr Sohn?«
-
-»Ja, er ist gestern angekommen,« sagte die glückstrahlende Mutter, ihn
-den Damen vorstellend, »er hat mich überrascht! Es ist doch einzig von
-ihm; aber er war von jeher ein so guter Junge!«
-
-Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann peinlich war, so
-ließ er es durch keine Miene merken -- er lächelte sehr freundlich und
-wandte sich an Fräulein Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt
-die Hand hinstreckte.
-
-»Herr Hauptmann -- das ist aber eine Ueberraschung, die Ihrer Frau
-Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst, das muß wahr sein! Und
-nun erzählen Sie mir von W.... -- was machen die dritten Husaren? Und
-wo stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich einen so
-großen Pas gemacht, und muß Schulten den Abschied nehmen? Ach, es waren
-doch schöne Zeiten?«
-
-»Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich aufs tiefste, mein
-gnädigstes Fräulein,« erwiderte der Hauptmann ernsthaft, »ich kann
-Sie versichern, daß die dritten Husaren sich sehr wohl befinden, und
-daß die Vierundzwanziger sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen
-gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so glücklich sein
-würde, Sie zu sehen.«
-
-»Ach, Sie spotten wieder,« schmollte Leontine, »aber ohne Scherz --
-erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein Vetter Storrwitz sich ein neues
-Pferd gekauft? Der Braune von damals war doch ein süßes Thier -- er ist
-mir noch manchmal im Traume erschienen!«
-
-»Glücklicher Brauner!« sagte der Hauptmann -- und begann nun wirklich
-zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend zu, und die Unterhaltung
-war so lebhaft, daß der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung
-dazwischenschieben konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch und
-mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus und machte ganz
-zeitgemäße Konversation mit der Generalin -- freilich sagte er meist
-nur: »nun eben!« eine Wendung, die er vorzugsweise gern anwendete, und
-mit der man merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf
-eingerichtet hat.
-
-Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein -- schon klingelte
-es wieder.
-
-»Das sind gewiß Langs,« rief Leontine, »ich muß Käthe entgegengehen,«
-und damit flog sie hinaus.
-
-Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und wandte sich dann, um
-den Baron Rabeneck zu begrüßen, der eben erschien.
-
-»Entzückt -- entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen zu lernen,« begann
-der Baron schmelzend, »Sie stehen bei einem B.'schen Regiment?«
-
-»Ja wohl, Herr Baron -- schon seit zwei Jahren,« erwiderte der
-Hauptmann.
-
-»Und vorher?«
-
-»Bei den --schen Husaren!«
-
-»Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo stehen die Husaren?«
-
-»In W....« sagte der Hauptmann etwas verwundert.
-
-»Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch Offizier -- bei den
---ten Dragonern -- reizende Uniform, was?«
-
-»Allerliebst!« sagte der Angeredete, über dessen Gesicht ein immer
-vergnügteres Lächeln flog. »Sie sind pensionirt, Herr Baron?«
-
-»Ja -- ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus -- was?«
-
-Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer von Fragen stand,
-in dem ihm nach und nach heißer wurde als im Kugelregen, hatte Leontine
-auf dem Flur die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe sofort
-zugeflüstert: »der Sohn ist da!«
-
-Käthe zog die Augenbrauen zusammen: »Wie albern -- warum hat uns die
-Majorin das nicht gesagt?«
-
-»Sie wollte Sie wohl überraschen,« fuhr Leontine eifrig fort, »aber
-Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes Gesicht zu machen -- er
-scheint kein Spießgeselle bei der Verschwörung seiner und Ihrer Mutter
-zu sein -- eben als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin,
-»verschone mich mit deiner Käthe -- die Art Mädchen ist nichts für
-mich!«
-
-Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt -- aber darauf kam es
-Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar zu werden, daß diese Äußerung
-schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, daß der Hauptmann sie nie
-gesehen hatte, richtete sich hoch auf -- das stolze, jugendliche Blut
-schoß ihr bis in die Stirn -- »nun, dann stimmen ja unsere Ansichten
-über einander auf ein Haar« -- sagte sie -- warf den kleinen Mund
-verächtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Käthe sah
-heute Abend sehr hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre
-jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von
-Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.
-
-Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte sie aufs
-lebhafteste.
-
-»Guten Abend, Herr Doktor -- nein, das ist reizend, daß Sie gekommen
-sind, Frau Doktorin -- und hier ist auch meine kleine Ueberraschung --
-sie ist freilich ein wenig groß ausgefallen -- mein Sohn!«
-
-Käthe blickte auf -- und plötzlich drehte es sich vor ihren Augen wie
-ein feuriges Rad. Der große, blonde Mann, der sich eben mit einem
-ernsten, wiedererkennenden Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr
-Reisegefährte -- so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt -- er
-hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe sei, von
-der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt hatte, wie dieser
-selben Käthe von ihm -- und was war das Resultat seiner Beobachtungen?
--- »Verschone mich mit deiner Käthe -- ich mag sie nicht!«
-
-Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und
-ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte
-sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. »Guten Abend,
-Herr Baron,« sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, »also Sie sind
-doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut
-mich.«
-
-Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen über die rothen
-Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein Sabine -- Käthe war
-gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mußte
-verstanden haben, trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen,
-die noch das _curriculum vitae_ eines Pferdes von ihm verlangte,
-das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit
-leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte.
-
-Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den runden Sofatisch,
-es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a.
-D. -- in unserem Städtchen waren die meisten Leute a. D. -- vielleicht
-den Bäcker und den Fleischer ausgenommen -- und der letzte Gast war ein
-Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine
-Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von
-der Gesellschaft zurückzog, so daß er durchschnittlich nur den dritten
-Winter in der Welt glänzte.
-
-Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigem _tête-à-tête_ mit dem
-hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Höhe herab
-und war ganz liebenswürdig -- gewöhnlich sprach sie kein Wort. »Wie das
-junge Völkchen heiter ist!« bemerkte sie zum fünftenmal, als sie ihre
-Lorgnette von den Augen ließ.
-
-Die Majorin nickte etwas bittersüß -- Käthe saß mit dem Justizrath
-und dem Baron zusammen, sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der
-Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.
-
-Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt
-und sich geärgert -- aber erstens konnte ihre Käthe ja nicht die
-Initiative ergreifen, und sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch
-thun, als ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. So
-that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am
-Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen
-Leute warf, dann lächelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der
-Generalin, daß »das junge Völkchen so heiter sei.« Ihr Mann umschlich
-die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger -- immer den Baron im
-Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. Durch die unerhörtesten
-Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des
-Betreffenden zu erregen -- der Baron wandte sich um.
-
-»Spielen Sie Whist, Herr Doktor?«
-
-»Sehr gern!« erwiderte der Angeredete eifrig -- erstens langweilte er
-sich, und dann wollte er den Baron wegen der Wohnung ausforschen.
-
-»Nettes Spiel -- was? Ich spiele leider nicht -- kein Kartenspiel --
-fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe ich viel Talente -- meine
-selige Mama sagte schon immer »Chlodwig, du bist sehr talentvoll« --
-aber Karten« --
-
-»Dummkopf,« murmelte der Doktor in sich hinein.
-
-In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die Schulter, »machen
-wir heute keine Partie?«
-
-Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen schon im Stillen
-überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine anhalten sollte -- sie
-war ziemlich die einzige in der Stadt, bei der er sein Heil noch nicht
-versucht hatte, wurde als Dritter zum Whist angeworben, und die drei
-Herren setzten sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt
-war, wo die Jugend saß.
-
-Bei dieser -- der Jugend -- herrschten indeß die verschiedensten
-Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum Opfer gefallen war, antwortete
-auf seine zahllosen Fragen immer aufs Gerathewohl mit »ja« und »nein«
--- nur wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen, nahm sie
-einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde gesprächiger.
-
-Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle Minen springen.
-Sie erinnerte sich an jeden einzelnen Ball aus der Saison, die sie mit
-dem Hauptmann erlebt hatte, mit überraschender Genauigkeit, und »wissen
-Sie noch?« war immer der Refrain jedes dritten Satzes.
-
-Der Hauptmann wußte aber gar nichts -- er wurde immer zerstreuter, und
-als Leontine ihn nach einem Rittmeister zu fragen begann, der seiner
-Zeit zu den Husaren kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.
-
-»Herr Baron,« rief er hinüber, »stand Straten nicht bei den --ten
-Dragonern? den müssen Sie ja gekannt haben! Fräulein von Faldern
-erkundigt sich nach ihm!«
-
-»Straten? versteht sich!« erwiderte der Baron aufstehend, »sehr gut
-gekannt, haben zwei Jahr bei einer Schwadron gestanden -- netter
-Mensch, was?«
-
-»Jawohl!« erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, »hier --
-erzählen Sie einmal von ihm -- _changeons_!« Und damit überließ er
-seinen Platz neben Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern.
-
-Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich erhob, und an den
-nächsten, mit Albums bedeckten Tisch tretend, sich in die Besichtigung
-derselben vertiefte.
-
-Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein Buch.
-
-»Das kann ich auch,« bemerkte er halblaut.
-
-Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.
-
-»Was habe ich denn hier?« fuhr der Hauptmann gemüthlich fort, und
-blätterte in dem Buch, »ah -- Gedichte -- eine ganze Sammlung -- darf
-ich Ihnen etwas vorlesen?«
-
-»Ich danke,« erwiderte Käthe kurz, »ich sehe mir Bilder an!«
-
-»Schön,« erwiderte ihr Gegner ernsthaft, »dann werde ich mir selbst
-vorlesen -- ich liebe die Lyrik ungemein -- ah hier -- das ruft mir
-ein Erlebniß zurück, »das Dampfroß schnaubt entlang der Halde« -- sehr
-nett! Wer weiß, was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen --
-sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich muß mich einmal
-überzeugen!«
-
-»Ich will das Gedicht nicht hören!« sagte Käthe.
-
-»Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein -- ich lese =mir= vor! --« Er
-blätterte weiter.
-
-»Hier -- ein anderes! »Als ich zum erstenmal dich sah, verstummten
-meine Worte.« Stimmt! Also ist es schon mehr Leuten so gegangen. Der
-hat am Ende auch mit dem Dampfroß zu thun gehabt!«
-
-Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf in die Hand
-und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe lernen.
-
-»Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,« sagte der Hauptmann,
-»immer schmollen, immer grollen, für ein' Ros' wär's zu viel Dorn! Und
-nun lassen Sie uns zur Prosa übergehen,« fuhr er plötzlich ernsthaft
-fort und nahm neben Käthe Platz, »bitte, sehen Sie ruhig weiter in Ihr
-Buch -- ich werde ein gleiches thun -- und nun,« er senkte die Stimme
---, »warum sind Sie eigentlich böse auf mich?«
-
-»Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?« fragte Käthe etwas unsicher.
-
-»Nun, mein gnädiges Fräulein, wenn =das= bei Ihnen =gut= heißt, dann
-möchte ich Sie allerdings einmal sehen, wenn Sie böse sind! Ich bin
-zwar nicht an übertrieben freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt --
-denken Sie nur an Station --«
-
-»Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!« rief Käthe und
-erröthete tief.
-
-»Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig Stunden --
-aber ich will sie begraben -- klaftertief -- wenn Sie mir Rede und
-Antwort stehen. Wollen Sie das? Sonst wird die Geschichte, die =alte=
-Geschichte, wie Sie sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange
-vor Ihnen auftauchen --«
-
-»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Käthe, wider Willen lachend, »was soll
-ich denn antworten?«
-
-»Das will ich Ihnen gleich sagen -- also, =was= habe ich Ihnen zu Leide
-gethan?«
-
-»Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft T...?«
-fragte in diesem Augenblick der Baron, sich dem Tisch nähernd, »ich
-wollte Fräulein von Faldern einen Begriff von der Gegend geben, wo mein
-Gut liegt. Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?«
-
-»Reizend!« sagte der Hauptmann, und nahm einen dicken Band
-Landschaftsbilder vom Tisch, »hier, Herr Baron, in diesem Buche ist ein
-sehr hübscher Stich, der gerade die Gegend vorstellt, die Sie zu sehen
-wünschen. Wollen Sie sich überzeugen?«
-
-Der Baron ging mit dem Buche ab.
-
-»Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,« bemerkte Hauptmann
-Scharff, »ich habe ihm einen Band Ansichten von Spanien gegeben, da mag
-er suchen! Doch zurück zu unserem Gespräch -- was habe ich Ihnen zu
-Leide gethan? Warum sind Sie böse?«
-
-Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr tapfer: »Ich bin
-böse, weil -- nun ja, weil ich es sehr häßlich finde, daß Sie mich
-unterwegs ausforschen und kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie
-sind.«
-
-Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür schon ein paar sehr
-befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, und als sie sah, daß Leontine
-im Begriff stand, sich dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte
-sie wie ein Stoßvogel herbei.
-
-»Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir sind ja immer ganz
-Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen -- bitte, bitte!«
-
-»Ach ja, mein gnädiges Fräulein,« stimmte der Baron ein, »Sie singen?
-Bitte, tragen Sie uns etwas vor -- ein _Chanson_ -- eine Ballade, was?
-Ich liebe die Musik leidenschaftlich -- reizende Kunst, was?«
-
-Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein -- ob der Gedanke,
-daß ein Baron in der Hand sicherer sei, als ein Hauptmann auf dem Dache
-ihren Entschluß beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie
-verschwand, von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und bald klang ihre
-sehr hübsche Stimme wohlthuend durch die Räume.
-
-Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört, denn die Herren am
-Spieltische waren ganz in ihre Karten vertieft, und der jeweilige
-Ruf: »zwei Trick -- _deux honneurs_« -- vermochte eine leise geführte
-Unterhaltung nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann
-der Hauptmann von Neuem. »Ich verstehe Sie gar nicht, mein Fräulein!
-Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn? Unterwegs?«
-
-Käthe nickte.
-
-»Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,« rief der Hauptmann
-ungeduldig, »woher sollte ich denn in der Eisenbahn wissen, daß Sie
-und die viel beschriebene Käthe ein und dieselbe sind? Nun sagen Sie
-einmal selbst, daß ich es nicht wissen konnte!«
-
-»Ja ja!« gab Käthe zögernd zu.
-
-»Nun gut -- also darin bin ich gerechtfertigt! Aber selbst, =wenn= ich
-Sie gekannt hätte -- ich gestehe Ihnen offen, daß ich auch dann noch
-kein Verbrechen begangen zu haben glaubte! -- es steckt wohl noch etwas
-Anderes dahinter! Nicht wahr?« drängte er, als sie schwieg und tief
-erröthend zu Boden blickte.
-
-»Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens die Möglichkeit,
-mich zu vertheidigen,« rief er fast heftig, »mein gnädiges Fräulein --
-Fräulein Käthe -- wir waren doch so gute Freunde unterwegs -- waren
-wir das nicht? Sehen Sie -- Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht
-vernünftig und sagen Sie mir, =was= ich Ihnen gethan habe!«
-
-»Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe ich kam?« fragte Käthe
-trotzig und blickte auf.
-
-Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er -- aber etwas verlegen.
-»Ich kann mir denken, =wer= Sie instruirt hat! Soll ich Ihnen das
-Gespräch erzählen?« fragte er in sonderbar weichem Ton, und bückte
-sich, um ihr in die Augen zu sehen. »Ja oder nein?«
-
-»Ja!« sagte sie hastig und leise -- ihr Herz fing an, heftig zu klopfen.
-
-»Nun denn -- ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht Lust hätte, hier
-irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen, -- heiße sie Käthe oder
-sonst wie -- weil -- nein, sehen Sie mich einmal an, Fräulein Käthe
--- weil ich mich unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt
-hätte -- in eine Unbekannte, -- und wenn nun ein freundlicher, lieber,
-guter Zufall es so gefügt hat, daß diese Unbekannte diejenige ist,
-die meine Mutter -- Gott segne meine Mutter -- schon lange für mich
-ausgesucht hat --«
-
-Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, »es ist
-angerichtet,« rief der Lohndiener mit Stentorstimme.
-
-Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die Whistspielenden warfen
-die Karten zusammen -- man ging zum Abendessen.
-
-Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell wie der Blitz vom
-Sofa fort und zu den Herren am Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun
-ihre Strafe! Der Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu
-führen.
-
-Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten -- die Majorin
-hatte aus Versehen für zwei Personen zu wenig decken lassen, und diese
-beiden Uebriggebliebenen standen nun ziemlich verlegen hinter den
-besetzten Stühlen der anderen.
-
-Während noch schnell nach den fehlenden Tellern, Messern und Gabeln
-zu Doktors hinaufgeschickt wurde, kroch der Major unter allen Sofas
-und Schränken umher, um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm
-verloren gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung konnte
-es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour bestaubt, wie alter
-Ungarwein zurückkam, und nicht einmal fand, was er suchte.
-
-Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen können, sich Käthe
-zu nähern, die schon seit zehn Minuten wartend Arm in Arm mit dem
-Justizrath stand -- eine Situation, die zu den allerpeinlichsten
-gehört, und die die wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu
-coupiren, daß sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.
-
-So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren anderer Seite der
-Baron Platz nahm. Käthe saß schräg gegenüber; sie sprach kaum ein Wort
-und sah nicht in die Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen
-Blick von ihr aufzufangen.
-
-Leontine bemerkte sein Bestreben wohl -- sie gab ihn auf! Als
-kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre Taktik sofort, und
-schwenkte blitzschnell zu dem Baron hinüber, der ihr von seinem Gut
-erzählte, und sie fragte, ob sie das Landleben liebe?
-
-Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine schmiedete das
-Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem Soldatenenthusiasmus sprang sie
-zur Oekonomie über, schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und
-that ganz ländlich.
-
-Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit den kleinen Kreis.
-Nur die Generalin machte eine Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn
-ihrer Gastgeber fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln erfror
-in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde, und der Major, der
-sie gebührender Weise zu Tisch geführt hatte, erntete für seine ohnehin
-nicht glänzenden Unterhaltungsversuche nur ein kühles »hm« oder »ja,
-ja!«
-
-Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der Baron ihm soeben als
-»seinem liebenswürdigen Hauswirth« zugetrunken, und um die Erlaubniß
-gebeten, im Lauf des folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. »Dann
-soll mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,« gelobte sich der
-beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im Geist alle Thüren
-in dem Verhandlungszimmer ab.
-
-Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus -- sie wußte nicht,
-was sie von dem veränderten Wesen ihrer Tochter denken sollte -- und
-ehe nicht feststand, daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte
-sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.
-
-Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann
-von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklärt, so
-ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung
-zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten
-auf das entscheidende Wort warten läßt. Und er wartete nun schon eine
-ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen
-müssen, und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt,
-als sei dies _con amore_ Nachtafeln das Beste vom ganzen Abend.
-
-Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: »alles nimmt ein Ende.« Die
-Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel
-des Amüsements befinden mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl -- die
-andern folgten. In dem Moment =mußte= Käthe aller menschlichen
-Berechnung nach emporsehen -- sie that es! Der Hauptmann erhob sein
-Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen
-Augenblick. Da -- o Freude! -- nahm sie ihr noch unberührtes, volles
-Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an -- erröthete
-dunkel -- und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als
-sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!
-
-Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne ein gesprochenes Wort,
-wie die Sache stand -- hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war
-dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch
-ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!
-
-Als der Hauptmann daher im Trouble des »Gesegnete Mahlzeit«wünschens
-Käthe zuflüsterte: »darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen?« genügte
-er damit eigentlich nur einer Form -- er wäre auch ohne diese Frage
-gekommen, und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.
-
-Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment
-unter vier Augen sprechen zu können, trog -- kaum waren die zehn
-Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin
-abschiednehmend auf ihre Wirthe zu -- Leontine folgte, vom Baron auf
-das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht
--- das war klar! Am Ende hätte sie heut schon sagen können: »Sprechen
-Sie mit meiner Großmutter,« ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner
-Bekanntschaft, die betrübende Antwort zu riskiren: »wovon?«
-
-Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lächelte sie
-befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die »Lebensfrage«
-schon verblümt herauszuhören geglaubt -- »am Ende =muß= es gerade kein
-Offizier sein«, dachte sie im Einschlafen, »ein Gut in der Grafschaft
-ist auch nicht zu verachten! -- was steht dort? die 26er oder die 62er?«
-
-Über dem Zweifel schlief sie ein.
-
-Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte
-Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie
-zurückzulegen hatten, noch ein Viertelstündchen zugeben werde. -- Die
-Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit
-deren Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte -- da war es hohe
-Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.
-
-Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für die Gefälligkeiten
--- »Morgen in der Frühe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir
-geborgt haben, liebe Lang«, versicherte sie in der Thür.
-
-Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des Hauses nicht nehmen
-ließ, die Gäste bis in den Flur zu geleiten, und Käthchen beim Umnehmen
-der Sachen behilflich zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck
-vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich mit Recht
-über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. --
-
-Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging der Hauptmann
-noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre zu holen, deren er in
-wichtigen Augenblicken zur Sammlung bedurfte. Sie war auch ein
-prächtiger Verlegenheitsableiter, als er zu den Eltern zurückkehrte,
-die gemüthlich im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen Ruhe
-schwelgten.
-
-Beide sahen auf, als der Sohn eintrat -- er aber schnitt, während er
-sprach, emsig die Cigarre ab, steckte ein Schwefelhölzchen in Brand,
-kurz nahm alle möglichen Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas
-unsicherer Stimme eine kleine Rede zu halten.
-
-»Liebe Eltern«, sagte er halb heiter, halb verlegen, »ich bringe ein
-paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben erfahren -- ich fand auf
-meinem Zimmer diesen Brief vor, der mir meine Versetzung hierher,
-vorläufig privatim mittheilt.«
-
-Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.
-
-»Kurt -- wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das so schnell gekommen?«
-
-»Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen immer mit Dampf!
-Die Wahrheit zu sagen erwartete ich aber die Nachricht schon längere
-Zeit, und verschwieg sie Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und
-Aufregung zu bereiten.«
-
-»Ich bin ganz glücklich, Kurtchen«, rief seine Mutter immer wieder,
-»und du sollst mal sehen -- sei nicht böse -- aber wenn ich dich hier
-habe, wirst du dich auch viel leichter zum Heirathen entschließen.«
-
-»Laß' ihn doch in Ruhe!« brummte der Major.
-
-Der Sohn lächelte. »Liegt dir wirklich so viel daran, Mama? So
-unendlich viel?«
-
-»Aber, mein Junge«, sagte die Majorin etwas verwundert, »das weißt du
-doch!«
-
-»Nun denn, Mamachen -- ich bin ja kein Unmensch -- siehst du mir gar
-nichts an?«
-
-Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu ihm aufblickte,
-streckte er ihr beide Hände entgegen: »Gratulire mir, liebe Mama --
-lieber Vater, ich bin mit Käthchen Lang verlobt.«
-
-Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders der Majorin,
-bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern,
-vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, weiß
-ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt -- und wer es nicht
-weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben und an sich
-ausprobiren möge.
-
-Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man
-auseinander und zu Bett -- d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett,
-sondern wanderte die Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube
-auf und ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater einige
-Donnerwetter über die Lohndiener von Majors entlockte, die über seinem
-Kopf immerfort noch ab und zu liefen.
-
-Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen,
-schnitt der Doktor kurz ab: »Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum
-Unterhalten«, brummte er, »jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind
-doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute -- wenn sie von früh bis
-Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen sind, und des
-Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzählen.« Und er
-entführte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen.
-
-So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz
-entlastet zu haben, nur ihre Träume bauten gefällig auf dem sicheren
-Grunde der jüngsten Vergangenheit glänzende Luftschlösser der Zukunft,
-in deren lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.
-
-Der »nächste Morgen« ist an und für sich schon etwas Ernüchterndes --
-nach einem Ball, -- nach einem Streit -- nach einem abgeschlossenen
-Geschäft. -- Der »nächste Morgen« in seiner kühlen Beleuchtung zeigt
-alle Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde Abend.
-
-Nur für eine glückliche Braut hat der »nächste Morgen« nichts
-Prosaisches -- der Zauber ihrer Erlebnisse hält dem grellen Tageslicht
-Stand -- und wie schlimm auch, wenn's anders wäre! Die Liebe muß ja
-im Leben durch alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze
-und die Schauer des Abends tragen helfen, -- und zu glauben, daß dies
-Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und
-Waffen zum Lebenskampf noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks
-auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie glänzende
-Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß sie uns nur wie ein
-schimmernder Garten im Morgenthau erscheint.
-
-Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, als sie am
-nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen Pflichten ging, deren
-erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die
-Zöpfchen der Schwestern mit wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die
-Butterbröte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles
-heut viel hübscher sei, als gestern.
-
-Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht lassen, die freie
-Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei
-Fräulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft
-ihres Glückes zu verkünden.
-
-Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der
-Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurück, der
-sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch
-sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich
-zur Ruhe gesetzt.
-
-Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von Männern,
-die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen
-werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde insofern genügt, als sein Haus
-nur meuchlings gescheuert wurde -- d. h. man überfiel ihn mit der
-vollendeten Thatsache und er ergab sich dann.
-
-So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen
-auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung
-an sämmtlichen Stubenböden, auf welchen die zwölf Stiefelsohlen
-der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters
-zurückzulassen pflegten. Nur das _sanctum_ des Doktors blieb verschont
-und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen Familie.
-
-Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu dieser ungewöhnlichen
-Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher
-etwas verdrießlich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube,
-und sah auf die Straße hinab.
-
-Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller
-Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubniß bat, in
-einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu
-dürfen.
-
-Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt,
-so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, daß es sich hier um Käthe
-handeln könne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu
-folgen, öffnete die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein
--- da saß seine Frau.
-
-Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür wieder zu und öffnete
-das Eßzimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die übrige Wohnung
-erschloß. O weh -- über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein
-intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus jedem Raum
-stieg »ein feuchtes Weib empor.«
-
-Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen!
-
-Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals
-in sein Zimmer zurückzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden
-war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen,
-und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst »austoben«
-lassen -- sie verschwand daher in der Küche und schnitt mächtige
-Frühstücksschnitten für das heut vermehrte Hauspersonal.
-
-Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter Haltung vor dem
-Doktor. Das Anfangen war doch entsetzlich -- =so= schwer hatte er
-sich's nicht gedacht.
-
-»Ich komme, verehrter Herr Doktor«, begann er mit etwas gepreßter
-Stimme, »um Ihnen eine Bitte vorzutragen.«
-
-Bautz -- ging die Thüre auf -- »der Baron von Rabeneck ist da, Papa!«
-rief Käthe ins Zimmer tretend, erblickte den Hauptmann, stieß einen
-kleinen Schrei aus, und war weg, wie der Blitz.
-
-»Ach, verzeihen Sie -- verzeihen Sie einen einzigen Augenblick«, sagte
-der Doktor eilfertig, »der Baron kommt, um seinen Miethskontrakt
-abzuschließen -- ich stehe dann sofort zu Diensten! -- Guten Morgen,
-Herr Baron -- ich freue mich -- die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr
-Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind bald fertig.«
-
-»Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?« fragte der Baron
-im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt zu einer Unterhaltung, die,
-recht breit in der Anlage, einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung
-versprach.
-
-»O, recht gut«, sagte der Doktor, der auch nicht eilig schien, »es war
-ein bischen spät.«
-
-»Aber ein allerliebstes Fest -- auf Ehre! Wie ist Ihren verehrten
-Eltern der Abend bekommen?« (zum Hauptmann gewendet.)
-
-Dieser murmelte etwas Unverständliches -- er erstickte fast vor Zorn
-und Verlegenheit.
-
-»Und Ihre Damen, Herr Doktor?«
-
-»Die sind schon lange wieder auf den Füßen!« bemerkte der Doktor
-wohlgefällig.
-
-»Oh -- so matinal? Sind Sie immer so matinal? Aber das finde ich sehr
-recht! Morgenstunde hat Gold im Munde! Mein seliger Papa pflegte das
-immer zu sagen -- Morgenstunde hat Gold im Munde -- ganz richtig --
-was?«
-
-Der Hauptmann verbeugte sich stumm -- er hätte um die Welt jetzt nicht
-sprechen können. Der Doktor trat zum Schreibtisch und wühlte in den
-Papieren.
-
-»Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr Baron?«
-
-»Sofort -- ganz zu Diensten! Ja -- noch einen Augenblick -- denken Sie,
-Herr Hauptmann, wie der Zufall spielt -- nicht wahr? Einzig manchmal!
-Wir sprachen doch gestern Abend von Straten -- was?«
-
-»Ich erinnere mich nicht!« sagte der Hauptmann unklug und wuthbebend.
-
-»Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach ihm -- Straten, der zu
-den Husaren kommandirt war, und mit dem ich bei den Dragonern stand --
-besinnen Sie sich jetzt? was?«
-
-»Ja, ja!« grollte der Hauptmann.
-
-»Nun denken Sie, wie der Zufall spielt -- nein, man kann wirklich sagen
-'=spielt=', denn er spielt manchmal, was? und wir sind sein Spielzeug!
-Das ist so ein Aperçu von mir -- liebe solche Aperçus! -- nun, um auf
-unsern Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den guten
-Straten gemeint haben will -- bewahre! -- dagegen protestire ich von
-vornherein -- es ist nur so eine Redensart! Ja, _enfin_! -- ich gehe
-gestern Abend nach der blauen Krone -- ich komme ins Gastzimmer -- wer
-sitzt da? -- Straten! Nein, ich bitte Sie!«
-
-Der Baron lachte herzlich.
-
-»Nun, warum sollte er nicht dasitzen?« fragte der Doktor, jetzt auch
-etwas unwirsch.
-
-»Aber, ich sage Ihnen ja -- wir hatten eben vorher von ihm gesprochen!
-Er steht in Rotbergen -- zwei Meilen von hier -- und kommt gerade den
-Abend her. 'Guten Abend, Straten!' sage ich. Nun hätten Sie mal seine
-Ueberraschung sehen sollen! 'Guten Abend, Rabeneck!' sagt er. 'Nein,
-das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier treffe! was machen Sie denn
-hier?' frage ich. 'Ach, ich langweile mich so in Rotbergen, da bin
-ich heut hier herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders zu
-trinken', sagt er. Und nun plauderten wir von dem alten Regiment --
-ach, da hat sich auch viel verändert! Der Kommandeur ist weg -- nach
-Braunschweig versetzt, mein damaliger Schwadronschef.« --
-
-»Ja aber, Herr Baron«, unterbrach der Doktor diese interessante
-Geschichte, »wenn wir vielleicht erst unseren Kontrakt machen wollten
--- Herr Hauptmann Scharff wünscht mich dann noch in einer anderen
-Angelegenheit zu sprechen.«
-
-»Ach, Pardon! -- bitte tausendmal um Entschuldigung! aber es war mir --
-ich dachte, es müßte den Herrn Hauptmann interessiren -- es war doch
-ein zu sonderbares Zusammentreffen, was?«
-
-Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den Kopf hin und her über
-den merkwürdigen Zufall.
-
-Während die Herren den Kontrakt durchlasen und daran herumkorrigirten,
-stand der Hauptmann stumm am Fenster und sah auf die Straße. »Fatal!
-=Einmal= anfangen war schon schlimm genug -- aber =zweimal= -- das ging
-gar nicht!« Er biß sich zornig auf die Lippen. Und der Moment mußte
-gleich wieder da sein -- die Feder des Doktors jagte nur so über das
-Papier.
-
-Da klopfte es, und ohne das »Herein« abzuwarten, wurde die Thür sehr
-weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen mit einem großen Tablet erschien,
-auf dem Porzellan, Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber
-aufgestapelt waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann,
-ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: »Eine Empfehlung von
-der Frau Majorin, und sie schickt die Sachen wieder.«
-
-»Still!« rief der Doktor mit furchtbarer Stimme -- er hatte sich
-verschrieben, und das haßte er!
-
-»Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden, da mußte ich alles
-hier herein bringen«, fuhr das Mädchen unbeirrt fort.
-
-Der Doktor schrieb.
-
-»Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr Doktor?« fragte das
-Mädchen, »ich muß dafür stehen, daß nichts fehlt.«
-
-»Rufen Sie Fräulein Käthe«, sagte der Doktor, ohne den Kopf zu wenden.
-
-»Die will nicht hereinkommen«, erwiderte die unerschütterliche Magd.
-
-»Hinaus!« rief jetzt der Hauptmann donnernd, und wandte sich um. Dieses
-Wort hatte die Wirkung eines Sprenggeschosses -- die Botin flog davon,
-und ward nicht mehr gesehn.
-
-»So!« sagte der Doktor aufathmend und erhob sich -- »ich habe
-unterzeichnet -- wollen Sie nun auch noch die Güte haben, Herr Baron?«
-
-Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.
-
-»Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, ehe ich
-unterschreibe. -- Sie wissen, eine Wohnung ist eine wichtige Frage,
--- man muß doch einmal drin wohnen -- und -- kurzum, ich möchte mir
-das Quartier noch ein letztes Mal ansehen -- so einen Ueberblick, wie
-mein Papa immer zu sagen pflegte. 'Chlodwig, verschaffe dir immer einen
-Ueberblick', hat er unzählige Male zu mir gesagt! Dürfte ich um diese
-Gunst bitten?«
-
-Der Doktor pfiff leise -- aber er faßte sich, und die Herren schickten
-sich an, das Quartier zu besichtigen.
-
-Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung seiner Aussprache
-fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott gegeben, zu weinen, so hätte er
-geweint! Er trommelte den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der
-Fensterscheibe -- er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu lesen --
-obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt hätte, =was= er las.
-
-Nachdem einige Zeit -- für den Hauptmann eine halbe Ewigkeit --
-verstrichen war, traten die Herren wieder ein. Der Baron sah sehr
-bekümmert aus und zog sich einen Handschuh an.
-
-Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und wippte mit dem Fuß
-hörbar auf und nieder -- er war offenbar schwer gereizt.
-
-Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.
-
-Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, dem Hauptmann.
-
-»Ich weiß nicht -- es ist mir so unangenehm, nein, wirklich -- es ist
-mir =sehr= unangenehm!« flüsterte er, »der Herr Doktor ist so böse --
-aber ich habe neulich ganz übersehen -- das Schlafzimmer liegt nach
-Nordosten, und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte immer:
-'Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im Schlafzimmer -- halbes Leben
--- halbe Gesundheit.'«
-
-»Schlafen Sie doch wo anders!« stieß der Hauptmann rauh hervor.
-
-»Kann ich nicht, mein Bester -- kann ich nicht! Und dann fehlt mir auch
-ein Zimmer -- ein einziges Zimmer -- mein Friedrich =muß= neben mir
-logiren! Ja, hätte das allerliebste, reizende Eckzimmer -- ein _bijou_
-von einem Zimmer -- noch ein einziges Fenster! aber so!«
-
-»Ich will Ihnen etwas sagen,« explodirte der Doktor, »haben Sie die
-Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen umbauen zu lassen, und dann wollen
-wir wieder vier Stunden Kontrakt machen. Das ist ja --«
-
-Der Baron sah hilflos aus.
-
-»Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr Doktor scherzt -- nicht
-wahr? ich liebe das sehr! scherze selbst gern -- ich war immer dafür
-bekannt, daß ich viel scherze! mein Kommandeur sagte oft: »glaubt dem
-Rabeneck nicht, er scherzt nur!« =Wie= oft! --«
-
-»Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,« schrie der Doktor, »mit mir
-haben Sie genug gescherzt!«
-
-Und er wandte sich ab.
-
-»Mein Gott, wie peinlich!« sagte der Baron, und zog sich den zweiten
-Handschuh an, »und ich wäre so gern hier ins Haus gezogen! aber jeder
-ist sich selbst der Nächste! was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das
-kann mir doch keiner übel nehmen -- das finde ich -- da kann ich mir
-nicht helfen!«
-
-Und damit retirirte der Baron, und ging -- ungeleitet, denn der Doktor
-war =zu= ärgerlich -- und man hörte den Weggehenden noch im Hausflur,
-wie ein abziehendes Gewitter fragen, ob er sich nicht selbst der
-Nächste wäre.
-
-=Wen= er fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht -- es war ihnen
-auch höchst gleichgültig. Der Doktor rannte wie ein gefangener Tiger
-im Käfig auf und ab, und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen
-über den Baron.
-
-»Dieser Einfaltspinsel -- dieser alberne Kerl -- fragt einen erst todt,
-und miethet dann nicht einmal! Nein, ich war gestern Abend schon so
-glücklich -- mein Quartier so gut wie vermiethet, und nun? Prosit die
-Mahlzeit! Nun sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame
-Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?«
-
-Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung -- in =diesem= Sturm konnte
-er sein Schifflein nicht auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder
-ruhig werden.
-
-»Aber eins sage ich,« fuhr der erregte Doktor fort, »=einen= Rath gebe
-ich jedem, der ihn haben will. Wer kein Haus hat, freue sich, und wer
-eins hat, zünde es an allen vier Ecken an. Das ist ja --! alle Tage was
-Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben -- dem soll man die Thüren
-streichen lassen, und dabei bleiben einem die Wohnungen noch leer
-stehen! Ich danke für mein Haus -- ich schenke es weg -- da mache ich
-immer noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und Aerger,
-dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und keinen Aerger -- nein,
-wahrhaftig!«
-
-Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt in die Hand.
-
-»Den Wisch möchte man doch nun gleich in tausend Stücke reißen,« begann
-er von neuem, »der Mensch hat sich verklausulirt, als wenn er ein
-Testament über eine Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte
--- um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt -- eigentlich kann
-ich Gott danken, daß ich =den= nicht als Miether bekommen habe. Ein
-unausstehlicher Kerl! Aber mein Quartier -- nein, ich bin außer mir!
-nun hängt der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und jedesmal,
-wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich darüber.«
-
-Der Hauptmann trat einen Schritt näher.
-
-»Herr Doktor,« begann er mit halbem Lächeln, »darf ich Ihnen einen
-Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht beiden gedient wäre? Das
-Quartier hat vier Zimmer, wie ich höre -- hätten Sie etwas dagegen,
-mich als Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher
-versetzt.«
-
-Das Gesicht des Doktors klärte sich auf.
-
-»Ja, aber,« sagte er etwas zögernd, »ist Ihnen denn die Wohnung nicht
-zu groß?«
-
-»Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich kam heute, wie
-Sie in der Sturm- und Drangperiode mit dem Baron vielleicht vergessen
-haben, um in einer persönlichen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu
-nehmen -- darf ich meine Bitte jetzt vortragen?«
-
-Dem Doktor ging ein Licht auf.
-
-»Bitte!« stammelte er verlegen.
-
-»Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,« fuhr der Hauptmann ernsthaft fort,
-»und sie ist meiner Werbung trotz unserer kurzen Bekanntschaft nicht
-abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr Doktor, daß von Ihrer Seite unserer
-Verbindung kein Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine
-Eltern --«
-
-Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln die Damen in
-des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche Scene fand statt, nach deren
-Beendigung der Doktor sich zur Thür wandte, um Majors herunter citiren
-zu lassen. Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen
-und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte sich draußen
-vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit gerechtfertigt,
-und als die Klingel des Hausherrn so ungestüm erscholl, hatte ihn sein
-Wissensdrang nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen
-Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt assistirt
-hatte.
-
-Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der überfließenden
-Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron brachte seine Gratulation
-an und fragte: »Verlobt, was? -- ja, das muß sehr hübsch sein -- ich
-finde das allerliebst! werde mich wohl auch entschließen -- nur kein
-Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: 'Chlodwig, du
-bist fürs Familienleben geschaffen!'« Nachdem er diesen Satz zu Ende
-gebracht hatte, war der beglückte Schwiegervater so erheitert, daß er
-den Baron für seine Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der
-gutmüthige Mann auch sofort bereitwillig zugestand.
-
-Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner servirt
-wurde, wozu die noch aufgestellten Gläser und Tassen vortrefflich zu
-statten kamen, ließ sich der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran
-Theil zu nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des Doktors
-Stube.
-
-Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar war still, aber sehr
-zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen aus. Der Doktor und der Major
-stießen an, und tranken Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der
-Unverdrossenheit einer Pagode zu und weinte Freudenthränen über ihren
-Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu trocknen, borgte sie allerdings
-schluchzend das Tuch von der Doktorin -- ihr eigenes war momentan nicht
-zur Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter diesen
-Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr zusammennehmen. Aber
-bei der Gelegenheit gelobte sie sich heilig und theuer, das Borgen
-müßte von nun an seine Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird,
-der sich in einen ähnlichen Fall versetzen kann.
-
-Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wäre, und
-erzählte kleine, geistreiche Aussprüche seiner Eltern und ihres
-Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht
-übel nahm, als man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig
-neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die
-sich für Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen,
-daß der Baron ganz ernste Heirathspläne hat -- die beiden werden sehr
-gut für einander passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen
-werden! -- Ja -- nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde ein
-Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend
-in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die
-Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half.
-
-Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen -- jeder hat, was sein Herz
-wünscht, freilich mehr oder weniger -- in den Gläsern funkelt der Wein
-und alles ruft: »hoch das Brautpaar!«
-
-Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!
-
-
-
-
- Und doch!
-
-
-
-I.
-
-
-Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, als überlege er, ob
-er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd zuwerfen und der Undankbaren
-da oben eine Art von zornigem Abschiedsgruß senden solle -- aber die
-Vernunft siegte doch -- die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen
-Kraftanstrengung geschlossen -- und nun stand er auf der Straße! --
-
-Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von
-oben bis unten, -- nicht als hätte es einen besonders schönen Anblick
-gewährt, -- aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick
-dort zugebracht, -- die blühenden Gewächse hinter den weißen Gardinen
-hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe
-bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rößlein vor
-das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche
-zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder
-Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt.
-
-Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, -- wie viel Stufen hatte
-die Treppe? -- jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen
-Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein
-ganz richtiger Mutterbruder, -- aber der schmucke, junge Landmann war
-als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden.
-
-Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, -- in einem bequemen
-Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne Saffianlehne durch gelbe
-Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt,
-saß der Vater, ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer
-Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von
-sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung
-eines Monarchen durch wohlgefälliges Brummen zu billigen oder über die
-unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu
-schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet,
--- diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte
-sich die Gute fortwährend durch Blicke, Winke und Bewegungen, während
-ihre Hände Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper
-in Musik setzten. -- Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saßen
-die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie
-her, -- die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, --
-alle vier zeigten entschiedene Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite
-Lippen und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten sich
-aber die andern nicht messen, -- was in Fränzchens Gesicht zierlich und
-allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige
-Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches für
-junge Männer einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.
-
-So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin gekommen, seine
-Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte
-das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, daß er ihr das
-Streichhölzchen anzündete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel
-in Brand zu stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus
-seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße und Erzählungen
-beinahe so herzlich wie er selbst, -- und das wollte etwas sagen!
-
-Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und Selbstüberhebung nöthig,
-um die Entschlüsse reifen zu lassen, die in nächster Zeit unsern
-Helden bewegten. Noch nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich
-in der Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen zur Auswahl
-präsentirt. Da war besonders eins, das er in's Herz geschlossen hatte,
-mit blauen, schmalen Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, --
-als er ihr das zeigte und frug:
-
-»Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so tapezirt wäre? Ist es
-nicht niedlich?«
-
-Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage und sagte:
-
-»Sehr niedlich!«
-
-Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie roth geworden, wenn sie
-nicht wußte, was er damit meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen
-warb er einen ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ
-seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich viele Tage lang mit
-dem abscheulichsten Kleistergeruch, -- und Alles um nichts und wieder
-nichts! --
-
-Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer, -- überlegte, --
-verwarf, -- und kam endlich zum Entschluß. Heut, -- diesen selben Tag,
-an dem er fiebernd vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße
-stand, war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon früh ritt
-er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so groß, daß ihm alle Leute
-verwundert nachsahen, -- das Mädchen empfing ihn mit der größten
-Freundlichkeit, -- zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, -- und
-man lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft junger
-Leute sich versammeln sollte.
-
-Das that er denn auch, und als er im Hausflur einen kleinen
-Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, braunes Gesicht darin
-betrachtete, kam er sich beinahe hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er
-in's Knopfloch gesteckt -- und unter der Rosenknospe schlug ein Herz
-voll Löwenmuth!
-
-Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug ein weißes Kleid
-mit feinen, blauen Streifen, -- es sah seiner Tapete beinahe ähnlich,
--- und die blonden, glatten Zöpfe waren mit einer frischen Nelke
-geschmückt, -- er hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem
-Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte!
-
-Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er eintrat, und
-Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind begrüßte. Er sah aber gleich,
-daß sie schlechter Laune war.
-
-»Guten Abend, Karl,« sagte sie flüchtig und mit einem Anflug von
-Verdrießlichkeit in der Stimme. »Du kommst genau eine Stunde später als
-du eingeladen bist! Wir hätten schon lange anfangen können zu tanzen,
-wenn wir nicht hätten auf Dich warten müssen.«
-
-Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin,
-daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf besaß. Er wurde röther, als
-es selbst der Dame seines Herzens gegenüber nöthig war, machte ein
-steifes Kompliment und zog sich zurück. Eins kam zum andern, -- die
-Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, -- und schließlich
-geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern
-zu Tisch führen ließ und Karl mit einem schnippischen: »ich bin schon
-versagt,« abfertigte.
-
-Aber Karl rächte sich! -- Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen,
-nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtückische durch einen
-schnellen Ueberblick versichert hatte, daß auch ohne ihn eine
-ausreichende Zahl von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß
-plötzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die
-ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, -- Fränzchen allein stand an
-ihrem Geburtstagstisch und zählte die Blättchen an ihrem Rosenstock,
--- das erbitterte ihn nun vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß
-verstaucht, könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man
-ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball
-zu suchen habe.
-
-Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl blieb, -- aber er
-tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geöffnet, um die nächtliche
-Sommerluft einzulassen, -- er setzte sich hinter die Gardine und dachte
-zornig darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte!
-Und eigentlich war er ja schuld gewesen, -- was mußte er gleich so
-empfindlich sein! Sie hatte Recht, er =war= zu spät gekommen, -- und es
-war doch Fränzchens Geburtstag! -- Er erhob sich, -- es wurde ihm zu
-heiß hinter der Gardine, -- und humpelte, seiner Rolle getreu, über das
-Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß er besser tanzte wie jeder
-der anwesenden Herren, war klar, -- das wußte Fränzchen auch, -- und
-deshalb ärgerte es sie so sehr, daß er heute nicht tanzen =wollte=,
-denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.
-
-»Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,« rief da die Mutter, »es ist
-schon sehr spät!«
-
-Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens Mutter schon
-gewöhnt, -- da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch
-einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fuß hätten
-nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte
-der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen mit
-blitzenden Augen dazwischen trat.
-
-»Es thut mir leid, Karl, wenn =du= auch wieder hergestellt bist, --
-ich habe mir soeben den Fuß versprungen -- und zwar so gründlich, daß
-ich glaube, wir würden nie wieder in den richtigen Takt kommen.«
-
-Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. -- Die tanzenden Paare
-trennten sich, -- man ging umher, um sich abzukühlen, und endlich
-brach man auf. Daß Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht
-mitempfahl, konnte Niemandem auffallen.
-
-Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene Fenster, um ihnen
-nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, stürzte sich Hals
-über Kopf in das ungeheure Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu
-werben. So -- nun war's heraus, -- Gott sei Dank! -- er sah seitwärts
-nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen würde,
--- aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie
-die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er
-stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an beiden
-Schultern und drehte sie herum.
-
-»Nun, Fränzchen,« fragte er in einer Mischung von Rührung und Humor,
-»was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, -- na, du hast
-dir's wohl schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, -- sag' Ja oder
-Nein!«
-
-Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein
-kurzes »Nein!« drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben.
-
-Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an. -- Das kam
-ihnen allen Dreien unvermuthet, -- bis Karl leise bat:
-
-»Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, -- ich will sie schon zur
-Vernunft bringen!«
-
-Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu überlassen, Karl trat
-zu der kleinen Eigensinnigen und sah, daß ihre Augen voll Thränen
-standen.
-
-»Fränzchen,« bat er herzlich, »sei nicht kindisch! Ich weiß, du hast
-ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann dir nicht mehr leid thun wie
-mir, daß wir uns heute so mißverstanden haben, -- verzeihe mir doch!«
-
-Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und unwillig zurück.
-
-»Sieh',« fuhr er fort, »das Nein, was du mir jetzt sagst, ist doch
-ein anderes, als eine Absage für einen Tanz! Ich kann dann nicht mehr
-wiederkommen und fragen, ob du dich anders besonnen hast, -- du weißt,
-ich würde es auch nicht thun, -- überlege dir's einmal, Fränzchen!«
-
-Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er verzweifelt
-zurück und rief die Eltern wieder herein.
-
-»Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du ihr einmal zu, --
-sie ist zu kindisch!«
-
-Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton das Mädchen, welches
-sich trotzig vor ihn hinstellte.
-
-»Was fällt dir ein,« fuhr er sie ziemlich rauh an, »läßt den Karl
-ablaufen wie einen dummen Jungen, weil ihr irgend eine alberne
-Uebelnehmerei mit einander gehabt habt! Gleich bist du vernünftig und
-sagst entweder einen Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst
-ihm die Hand.«
-
-»Nein, ich will nicht und ich will nicht!« rief das Mädchen jetzt,
-von Schluchzen unterbrochen, »erst kommt er zu spät, dann ist er so
-unhöflich gegen mich wie möglich, dann tanzt er nicht und verdirbt
-mir meinen ganzen Geburtstag, -- nennt mich zweimal in einem Athem
-kindisch, -- und wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend gnädig
-kommt und mich heirathen will, -- da soll ich Ja sagen! Ich thu's
-nicht, -- ich mag nicht aufs Land, ich will überhaupt nicht heirathen
-und ich wollte, ihr hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!«
-
-»Es ist gut, Fränzchen,« sagte Karl trocken, während sie sich abermals
-abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, »wir wollen nicht mehr davon
-sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, -- und jetzt
-kann ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen Geburtstag
-verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht,
-Tante!«
-
-Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, -- dann stürmte
-Karl davon und der Moment, wo er die Hausthür öffnete und auf die
-Straße trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den
-Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fühlte mit Behagen,
-daß ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heiße
-Stirn sandte, die er schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu
-Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung
-vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, daß er nicht
-mehr mitsprach, als das Herz heut durchging.
-
-Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung weit besser zu,
-als die langsame Fortbewegung der Füße, und doch kam er viel zu früh
-für seine Wünsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer
-Zeit mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, dünkte
-ihm unwirthlich und öde, -- er erschien sich wie Einer, der zu einer
-schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof ging, den Zug versäumte -- und
-mit entsetzlich ernüchterten Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses
-letzte Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, -- »aber es giebt ja
-mehr Züge als den einen,« sagte er halblaut vor sich hin, »führen sie
-auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, -- man kann auch sonst
-noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher
-Gedanke! Aber wohin? -- ich kann für die nächsten zwei, drei Tage
-abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!«
-
-Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner
-der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen benutzten. Für gewöhnlich war
-er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er für einen
-jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der
-nächste zu erreichende Ort -- und für Schrobeck entschied sich Karl.
-Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, daß
-eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rühmen durfte, meist
-um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, -- aber er
-tröstete sich mit den beliebten »Vielleichts«: »vielleicht ist sie
-jetzt noch nicht da!« oder »vielleicht sieht sie mich gar nicht,«
-kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten
-Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte.
-
-
-II.
-
-Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am nächsten Morgen in
-grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche
-mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe
-Stunde -- sechs Uhr -- hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet,
-denn »fort, -- nur fort!« war seine Losung und der erste Zug ging
-um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewählt, daß er der
-Eingangsthür den Rücken wandte und doch im Stande war, mit Hülfe eines
-ihm gegenüber hängenden großen Spiegels Alle zu beobachten, die den
-Wartesaal betraten.
-
-Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln
-vermocht, -- zwei verschlafene, verdrießlich aussehende Damen, deren
-eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder Bewegung erhielt, ließen
-in ihm nur den Gedanken aufsteigen: »Gott bewahre mich vor solcher
-Gesellschaft!« Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe,
-der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Büffet
-sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, -- vor diesem graute
-ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin
-dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche
-Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, auf dem sehr
-naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling hätten durstig machen
-können. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden
-weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der
-frühen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.
-
-»Das wäre schon eher Etwas!« dachte Karl bei sich.
-
-In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung,
-bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren möchten.
-Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in
-ihm den unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch
-zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes Aufsehen zu
-erregen.
-
-Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, stumpfnäsig, mit
-einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den
-Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen
-Augen, blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens die Röthe der
-Augenlider zu verdecken bestrebt war, -- Fränzchen und ihr ältester
-Bruder!
-
-In Karl's Gehirn führten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus,
--- er fühlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, -- und
-zugleich die beschämende Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, --
-endlich that er, was meist das Klügste ist, was man thun kann, -- wenn
-es die Menschen nur einsehen wollten! -- er wartete ab!
-
-Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte den Kopf in die
-Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen
-ließ seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie
-glücklich im Spiegel Karl's wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch
-im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell
-nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des
-neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, -- und nickte! Ja, noch mehr,
--- als Karl mit der Hand nach dem soeben geöffneten Perron zeigte,
-dann auf sich selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch
-ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz
-sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere
-Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon
-draußen haltenden Zuge einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig
-hier bleiben.
-
-Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand
-über die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den
-Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken
-Wandpfeiler unmöglich wurde.
-
-Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, wurde, wie die
-Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt und festgehalten.
-
-»Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?« stieß Karl hervor, den Sekundaner
-mit Blicken durchbohrend.
-
-»Nach Schrobeck,« erwiderte dieser, sich mit einer mehr kräftigen als
-anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, die seine Schultern
-hielten.
-
-»Nach Schrobeck?« wiederholte Karl dumpf, »dachte ich mirs doch! Aber
-warum gerade dorthin?«
-
-»Weil Tante Amalie dort ist, -- ich bringe die Fränzchen nur vor der
-Schule auf den Bahnhof, -- sie fährt allein!«
-
-»Und ich fahre auch nach Schrobeck,« sprach Karl in düsterem Tone, sein
-Billet emporhaltend.
-
-Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches
-Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich argwöhnisch und neidisch nach
-dem Eigenthümer so vieler Heiterkeit umsahen.
-
-»Was lachst du denn, dummer Junge?« rief Karl jetzt ergrimmt, »sage
-lieber, wie Fränzchen so plötzlich darauf kommt, abzureisen! Gestern
-Abend war doch noch gar nicht davon die Rede!«
-
-»Denkst du denn, ich weiß gar nichts,« erwiderte Fritz, dessen
-Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. »Die halbe Nacht ist noch
-bei uns ein fürchterlicher Spektakel gewesen, -- Fränzchen hat geweint,
-der Vater hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was
-sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, bis sie
-zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der Vater einen Brief gegeben,
-den sollte ich zu dir tragen, wenn ich aus der Schule käme, -- da du
-aber nach Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!«
-
-»Her mit dem Brief!« herrschte Karl mit so wildem Ton und Blicke, daß
-Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick erzitternd, den Brief aus der
-Tasche zog und Karl einhändigte.
-
-Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes Lächeln über sein
-Gesicht, er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und
-wandte sich wieder zu Fritz.
-
-»Höre Fritz, -- in diesem Zuge giebt's keine Damencoupés. Du belegst
-hier in diesem Wagen einen Platz für Fränzchen, -- ich lasse meine
-Reisetasche in die Ecke legen und komme nicht eher auf meinen Platz,
-bis der Zug eben fortfahren will.«
-
-Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé.
-
-Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann Karl's
-Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. Fritz begab sich wieder in
-den Wartesaal, um seine Schwester zu rufen, -- es klingelte zum ersten
-Mal.
-
-Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers zum Fenster
-hinaus.
-
-»Hier, Fränzchen!« rief der wohlinstruirte Fritz und half der Schwester
-in das Coupé steigen, an dessen Fenster ein Täfelchen mit der
-bedeutsamen Inschrift prangte: »Für Nichtraucher!«
-
-»Kein Damencoupé?« frug das Mädchen schon im Einsteigen.
-
-»In diesem Zuge giebt's keine Damencoupés,« lautete die Antwort, und
-Fränzchen nahm ihren Platz gerade der gestickten Reisetasche gegenüber,
-um den Anblick der brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich
-zu genießen.
-
-Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch allerlei Aufträge in
-Empfang.
-
-»Erlauben Sie, junger Herr,« sagte da eine muntere Stimme hinter ihm,
-und die junge Dame mit dem Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die
-dritte Ecke an der andern Seite ein.
-
-»Ob das Karl lieb sein wird?« dachte Fritz bedenklich, -- doch da er
-nicht befugt war einzuschreiten, schwieg er wohlweislich.
-
-Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten Augenblick an,
-sie klagte über die Hitze, legte ihr Hütchen ab und bot Fritz und
-Fränzchen gutmüthig von dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren
-Quantitäten bei sich zu führen schien.
-
-»Ich fahre nicht mehr allzu lange,« sagte sie jetzt, sich bequem in die
-Ecke zurücklehnend, »in Eisdorf steige ich aus. Sie auch, Fräulein?«
-
-»Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem Ziel, -- ich will nach
-Schrobeck,« erwiderte Fränzchen müde.
-
-Ein erneutes Klingeln, -- ein kurzer, zwitschernder Pfiff ließ sich
-vernehmen, -- Fritz wurde höflich ersucht, seinen erhabenen Standpunkt
-zu verlassen, -- und eben wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als
-in vollem Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über den
-Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin war, als der Zug sich
-in Bewegung setzte.
-
-Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden Vortheil über
-Fränzchen, -- er wußte, was ihm bevorstand, und vermochte es in Folge
-dessen, seinen Hut abzunehmen und beide Damen wie fremde Mitreisende
-zu grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte ihn mit
-weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, und wechselte
-unaufhörlich die Farbe.
-
-Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum
-Andern, von dem so sehr gefaßten, jungen Mann zu dem fassungslosen
-Mädchen, -- und schüttelte unmerklich den Kopf.
-
-Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. Er legte seine
-Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und
-begann dann, über Fränzchen weg, die kleine Brünette mit freundlichem
-Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem
-Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch Entfaltung
-seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen zu lassen, =wen= sie
-verschmähte.
-
-Um Karl's veränderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf
-es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher
-Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz
-auf weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen den
-ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwärzesten Betragens
-angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung
-zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen,
-wahrscheinlich weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. So habe
-denn der Vater beschlossen, um ihr über die nächsten, unbehaglichen
-Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck
-zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben
-zu dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage,
-er ein um so freudigeres »Ja« für das trotzige »Nein« von gestern
-erwarten dürfe.
-
-So wußte denn unser Held, woran er war, -- und wer das =nicht= weiß,
-kann erst den unschätzbaren Werth dieser Kenntniß ganz würdigen.
-
-Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame
-stand auf und rüttelte mit beiden Händen an dem geschlossenen
-Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und
-Karl sprang mit einem verbindlichen »erlauben Sie mir!« auf die
-gegenüberliegende Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an diesem
-niederlassend.
-
-Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige
-Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl eröffnete die Unterhaltung mit
-der geistreichen Bemerkung:
-
-»Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene Fenster kommt ein
-angenehmer Luftzug.«
-
-Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der
-Zustimmung, und fügte bei:
-
-»Darum kam ich eben auf den Gedanken!«
-
-»Es war ein sehr kluger Gedanke,« sagte Karl verbindlich.
-
-Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl von ihrem
-Pfefferkuchen an.
-
-»Herren essen zwar so etwas nicht gern,« bemerkte sie.
-
-»Aus so schönen Händen,« erwiderte Karl, der schon merkte, daß diese
-Waare hier guten Absatz fände.
-
-»O, bitte,« erwiderte sein _vis-à-vis_ erfreut.
-
-Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das war zu stark, daß
-Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden nach dem betrübenden Vorfall
-in ihrer Gegenwart so harmlos lustig sein und dieser kleinen,
-unternehmenden Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr
-erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!
-
-Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort, die kleine Dame
-lachte über Karl's Einfälle, die meist mehr durch Vortrag als durch
-Neuheit glänzten, -- sie lachte so laut und herzlich, daß sie sich
-die Augen trocknen mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische
-Zwecke im Auge, -- erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann sein
-_vis-à-vis_ günstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen erlaubte.
-Bescheiden brachte er die Anfrage vor.
-
-»Bitte, rauchen Sie,« sagte seine gemüthliche neue Freundin, »wenn es
-die andere Dame nicht genirt?«
-
-Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung an Fränzchen, mit
-gezücktem Streichholz.
-
-»Ich bedaure sehr,« erwiderte sie in eiskaltem Ton, »das Rauchen macht
-mir Kopfweh.«
-
-Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte. Schwer geärgert über
-diese Ungefälligkeit, vergaß er die gebotene Vorsicht.
-
-»Du hast es doch immer vertragen,« fuhr er heraus, biß sich aber
-erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame sichtlich die Ohren
-spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend, sich zum offenen Fenster
-hinausbog.
-
-Die Kirschendame ertrug's nicht länger. Sie beugte sich zu Karl hinüber
-und sagte lautlos, nur mit den Lippen:
-
-»Frau!«
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Braut?« im selben Ton.
-
-Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.
-
-»Gezankt?« deutete das _vis-à-vis_ an.
-
-Abermals nickte er.
-
-»O,« sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl noch weiter
-geforscht, wenn nicht in dem Moment der Zug gehalten hätte.
-
-»Station Eisdorf,« rief der Schaffner.
-
-Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst ihren Hut,
-ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen und mit einem
-bedeutungsvollen: »Glückliche Weiterreise, meine Herrschaften!« verließ
-sie den Wagen und taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie
-erwartet hatte.
-
-Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl sah nun
-seinerseits zum Fenster hinaus.
-
-»Nur sich nichts vergeben!« dachte er.
-
-Ein zaghaftes »Karl!« veranlaßte ihn, sich umzuwenden.
-
-»Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?«
-
-»Du bist sehr freundlich,« sagte er kurz, und bald schwebten die blauen
-Dampfwolken zum Fenster hinaus über die grünen Felder.
-
-Mehrere Minuten vergingen, -- Karl überlegte, was er wohl jetzt sagen
-sollte, -- er beschloß, dem Mädchen seine Launenhaftigkeit ernstlich
-zu Gemüth zu führen, -- und während er sich diese Worte in Gedanken
-zurechtlegte, störte ihn ein leises Schluchzen.
-
-Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit dem Tuch vor dem
-Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der Ecke lehnen. Da schmolz sein
-ohnehin nicht sehr hartes Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu
-einer leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent, --
-und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß er sich seinem Charakter
-gemäß ausdrückte.
-
-»Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du nun dir und mir das
-Leben schwer? Wärst du vernünftig gewesen und hättest gestern Abend
-'Ja' gesagt, wie du doch meinst, -- nein, sei still, ich weiß es ganz
-gut, -- da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in Eurer Wohnstube
-und Abends führen wir mit dem Vater zu mir heraus und du sähest dir die
-blaue Tapete an, die du ja selber ausgesucht hast.«
-
-Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf.
-
-»Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,« fuhr Karl gemüthlich
-fort, »und wir Beide, die sich schon gemeinsam die Wohnung eingerichtet
-haben, fahren hier, wie die Landstreicher, in der Eisenbahn, als
-wüßten wir nicht, wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das
-später werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen, und du
-willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und jetzt steh' auf und
-sage: 'Ich will sehr gut folgen, lieber Karl!'«
-
-Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen Lachen und Weinen
-die bedeutungsvollen Worte nach.
-
-»So,« sagte Karl nach einer Weile, als die erste Rührung beiderseits
-überstanden war, -- denn, gestehen wir es, auch unserem Helden wurde
-die Stimme etwas unklar, -- »nun will ich dir auch beichten, -- ich
-habe dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!«
-
-»Wem denn?« frug Fränzchen erstaunt.
-
-»Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,« erwiderte Karl ruhig, »was
-hätte die sich sonst denken sollen?«
-
-»Station Schrobeck,« rief der Schaffner, die Thür öffnend.
-
-Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr und Gebieter beschloß,
-was zu thun sei.
-
-»Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?« frug er, den Namen von
-Fränzchens Heimathsort nennend.
-
-»In einer halben Stunde.«
-
-»Nun, Fränzchen,« sagte Karl heiter, »dann fahren wir in einer halben
-Stunde hübsch zu deinen Eltern! Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur
-nicht zu Tante Amalie,« schauderte er.
-
-»Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,« schlug Fränzchen vor.
-
-»Bravo,« rief Karl und schlug dröhnend in die Hände, »du bist die
-richtige Frau für mich! Natürlich trinken wir Kaffee!«
-
-Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar wieder im
-Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg zurück, den es vor wenig Stunden
-gekommen war. Lassen wir sie ruhig ziehen, -- die kommen durch die
-Welt!
-
-
-
-
- Der tolle Junker.
-
-
- »Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.«
-
-Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold war heute schon fast
-leer und nur eine einzige Gruppe nahe dem Fenster schien ausharren zu
-wollen, bis der Herbstmorgen dämmerte.
-
-Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein in lebhaftem
-Gespräch und zwei andere waren an einem Billard beschäftigt. Die
-Spieler gehörten anscheinend zu der sitzenden Gesellschaft, denn ab und
-zu warf einer von ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am
-Tisch.
-
-Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus in das Zimmer
-führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren Jahren, blond, blaß und
-vornehm aussehend, trat ein, warf seinen Oberrock ab und näherte sich
-der Versammlung am Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die
-Billardspieler seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.
-
-»Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,« bemerkte einer der
-bereits Anwesenden, »es ist doch sträflich, im September schon in
-Gesellschaft zu gehen.«
-
-»Was haben Sie da?« sagte der als Raven Angeredete, »_château d'Yqum_?
-Schön, ich bin von der Partie! Und was die Gesellschaft betrifft, so
-werden Sie mir zugeben, daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle
-hätten heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und habe im
-kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.«
-
-Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am Billard rasch um; er
-hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, dessen dunkle Augen durch eine
-goldene Brille blickten, ohne darum weniger jugendlich auszusehen.
-
-»Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!« sagte Raven, dem allbeliebten
-jungen Arzt die Hand schüttelnd; »nun, Doktor, ist Alles zu Tode
-curirt, daß Sie 'mal Zeit haben, hier Billard zu spielen? Welch
-glänzendes Zeugniß für den Gesundheitszustand unserer Stadt!«
-
-»Berufen Sie mein Glück nicht!« erwiderte Doktor Stein, »ich bin selbst
-ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand, und habe zu Hause Befehl
-gegeben, mich für alle, außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da
-ist übrigens mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir
-quitt!«
-
-Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch und schenkte sich ein.
-
-»Und nun,« sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, »erzählen Sie vom
-Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!«
-
-»Ja, ja,« riefen die Anderen durcheinander, »erzählen Sie, wie war das
-Arrangement, und wie benahm sich das Brautpaar?«
-
-»Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet meinen,« sagte
-Raven, »es hatte nur wieder den alten Erting'schen Fehler, weniger
-wäre mehr gewesen! Ich bitte Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig
-Personen ein Souper wie bei Hofe, Sect in Strömen -- nun, wir können es
-ja haben!«
-
-»Und das Brautpaar?«
-
-»Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig wie immer, die Mama
-soufflirte ihm beständig! Er glaubte, seinen Geschmack durch seine
-Wahl genügend bewiesen zu haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit
-dem Artikel angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie
-Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt hatte, war
-ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die Alteration konnte mir schaden,
-man muß auch an sich selbst denken!«
-
-»Sie sind ein malitiöser Mensch,« sagte der Doktor. »Ludwig Erting
-ist ein guter, anständiger Kerl, der sich immer als solcher benehmen
-wird, wenn ihm auch die Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre
-er innerlich anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort
-gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!«
-
-»Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester Stein, die diesem
-Juwel als Fassung dienen!«
-
-»Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse aus?«
-
-»So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,« sagte Raven,
-»blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit einer alterthümlichen, feinen
-Goldkette wohl zehnmal um den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von
-Passini!«
-
-In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer Wagen, er hielt
-vor der Thür des Weinhauses und ein graubärtiger Mann in Hut und
-Kutschermantel trat hastig und verstört in die Stube.
-
-»Das gilt mir!« sagte der Arzt und ging dem Ankommenden entgegen.
-
-»Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,« begann der Alte mit
-unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst verrieth, als das bleiche
-Gesicht, »unser Herr liegt im Sterben!«
-
-»Was Teufel!« rief der Doktor und fuhr schon mit einem Arm in den
-Ueberzieher, während er sich von den Anderen verabschiedete, »ich
-empfehle mich bis auf Weiteres meine Herren, hoffe, es wird so schlimm
-nicht sein!«
-
-»Wer ist denn krank?« fragte Raven den Eilfertigen.
-
-»Der alte Baron in Wolfsdorf,« rief der Doktor schon im Hinausgehen,
-die Thür klirrte ins Schloß und wenig Augenblicke darauf rasselte der
-schwere Landwagen über das Straßenpflaster.
-
-Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren zu ihrem Tisch
-zurück und begannen sich auch zum Aufbruch zu rüsten.
-
-Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.
-
-»Seltsam,« begann er jetzt, als sie mit einander durch die
-menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, »wie diese Botschaft für
-den Doktor an unser Gespräch anknüpfte!«
-
-»Inwiefern?« frug sein Begleiter überrascht.
-
-»Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie müssen wissen, Brandeck
-und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem
-alten Baron Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas
-vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen
-Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art
-Jugendliebe oder Kinderliebe der schönen Edith war.«
-
-»Und warum wurde nichts daraus?«
-
-»Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und
-war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau's -- _cela va
-sans dire_ -- dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging
-ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen,
-verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam
-der junge Rüdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen
-den Abschied und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant nach
-Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Und seine schöne
-Jugendliebe ist ja getröstet, wie ich mich heute überzeugen konnte!«
-
-Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.
-
-»Wie ist mir denn,« sagte Schrader, »das Majorat ist einer andern Linie
-zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch öfters von einem
-Bruder!«
-
-»Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe
-einen Sohn, Carl Düringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei
-den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus,
-es ist sündhaft spät geworden!«
-
-Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an.
-
-
- O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!
- Der Heini von Steier ist wieder im Land!
-
-Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht
-durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise
-knisternden Teppich aus gelben Blättern über die großen Rasenplätze im
-Wolfsdorfer Park und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das
-Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an den grauen Mauern
-emporkletterten, und im Sommer als lichtgrüne Fahnen von den Thürmen
-wehten.
-
-Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt die Octobersonne
-schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schloß sein
-mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen
-und düster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch
-immer mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke harren
-und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall begrüßt. Und daß alle diese
-Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte
-der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt.
-
-Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten
-Empfindungen und Gefühlsäußerungen im weitesten Kreise hervorgerufen.
-Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an
-Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen
-lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten
-Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner beiden Güter,
-Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermögens.
-
-Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, dessen
-zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. »Falls er sich
-nicht einstelle,« so lautete die letztwillige Verfügung, »sollte ein
-Curatorium durch zehn Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm
-bei seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.« Erst nach Ablauf
-dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig über den Besitz verfügt.
-
-Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es
-geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung der
-»verschollene« Rüdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit
-anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zügel der Regierung
-ergriff.
-
-Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen.
-Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten außerdem den
-tollköpfigen Junker von klein auf gekannt und gönnten ihm sein
-unerwartetes Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen
-umzugehen.
-
-Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln schreiten,
-und den Gruß der Vorübergehenden freundlich erwidern, mochte er in
-der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen
-ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein
-schönes, tiefgebräuntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit
-und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig anmuthete, hin
-und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast
-sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme,
-offene Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, eine
-offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit
-einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen.
-
-So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden,
-und fand sich in seine gänzlich veränderte sociale Stellung, vom
-heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen
-Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz
-genügendes Anrecht auf seinen alten Namen »der tolle Junker!«
-
-Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er stürzte
-sich vorläufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thätigkeit,
-und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten
-Forsten.
-
-Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines
-zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, der Tochter des Hauses,
-Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um
-so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre
-Aussteuer besorgt hatte.
-
-Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze
-Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting
-eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen
-voraus, daß die Fürstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende
-lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren
-Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch
-mußte dieser Schritt anstandshalber verzögert werden, bis die Trauung
-stattgefunden hatte.
-
-Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf
-wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch
-einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.
-
-Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch
-einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen.
-Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten über sich,
-Ediths Rappen anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich
-gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und Zaghaftigkeit
-seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig zu Tage, nie aber mehr,
-als im Zusammensein mit seiner Braut.
-
-Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck hatten wohl noch
-kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als
-heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen,
-in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze
-Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes
-Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, über die Schultern
-herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig
-festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu
-dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden,
-schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben
-ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, welches
-ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem
-gutmüthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich beständig ab, etwas
-zu finden, womit er Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.
-
-Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll
-in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein
-goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner
-Herbstabend ist ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom
-Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen bleiben, spinnt sich
-gar zu gern ein Stück Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es
-tändelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen
--- und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trüb vor
-die Augen -- Herbstspiel!
-
-Endlich brach Erting das Schweigen.
-
-»Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich kann ja Alles
-bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?«
-
-Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu
-überhören schien.
-
-»Ich danke Ihnen,« sagte sie freundlich; sie war stets sehr freundlich
-gegen ihren Bräutigam, »aber ich glaube, es ist Alles besorgt, was man
-überhaupt in der Welt besorgen kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen
-nichts Anderes gethan!«
-
-Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag auf ihrem Gesicht, sie
-nahm den Hut ab und strich die dicken, goldenen Haarwellen aus der
-Stirn wie eine Last.
-
-»Sie sehen bleich aus,« bemerkte Erting besorgt, »ist Ihnen auch unser
-Spaziergang zu weit?«
-
-Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
-
-»Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor sich haben, ich bin
-an stundenlange Wege gewöhnt. Nein, es ist nur die köstliche Ruhe und
-Stille hier, die mir plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten
-Wochen vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in der Stadt
-lebt!«
-
-»Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs Land ziehen -- ich
-habe ja keine bindende Stellung in W...., dann kaufe ich ein Gut
-in der Nähe. Sie wissen ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen
-Zukunftsplänen bestimmen!«
-
-»Nein, nein,« erwiderte sie müde und abwehrend, »was sollte das?
-Sie sind kein Landmann und ich möchte mich in kein fremdes Gut mehr
-einleben.«
-
-»Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,« sagte Erting, »die Mama würde
-gewiß ganz gern darin willigen, und der Kaufpreis müßte so gestellt
-werden, daß er ihr eine sorgenfreie Existenz ermöglichte.«
-
-Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine Rede ab.
-
-»Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von einem Kaufpreis für
-Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht kaufen, ich habe den dringenden
-Wunsch, daß Karl es übernimmt.«
-
-»Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig sanguinisch! Wenn
-ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft verstehe, wird ein so
-lebenslustiger Husarenlieutenant wohl auch kein Held darin sein!«
-
-»Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem Husarenlieutenant
-ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem Kaufmann. Uebrigens sind Sie
-nicht Kaufmann -- können Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen
-wurden?«
-
-»Gewiß nicht!« entgegnete er mit einiger Energie, »meine Neigungen und
-Interessen ziehen mich zum Handelsstand, und wenn ich Ihnen auch mit
-Freuden das Opfer bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit
-davon entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein Vater
-seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre Stellung verdankt.«
-
-Sie blieb stehen.
-
-»Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,« sagte sie, und gab ihm die
-Hand, »und das habe ich gern! Seien Sie nicht böse, daß ich Sie hart
-anließ, mir ist heut so grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen
-ja von Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir haben
-werden!«
-
-Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein wollte und Erting,
-der meist mehr Furcht vor seiner Braut empfand, als Liebe zu ihr --
-hatte er sie doch zumeist auf den Wunsch seiner Mutter gewählt --
-vermochte sich diesem Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich
-über die schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die
-Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im Brandau'schen
-Hause und besonders die einschüchternde, kühle Freundlichkeit Ediths
-während des Brautstandes gestattete.
-
-Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause folgte, die er
-endlich unterbrach, indem er seine Absicht aussprach, jetzt nach der
-Stadt zurückzukehren, da er den Abend noch eine Versammlung zu besuchen
-habe.
-
-»Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?« fragte er, als er sich
-am Parkeingang von Edith verabschiedete.
-
-Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht.
-
-»Gewiß,« sagte sie dann, indem sie einen kleinen Tannenzweig
-zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln zerstreut in die Luft
-warf, »kommen Sie, so oft Sie wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel
-von meiner Gesellschaft zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit
-und meine schönen, langen Ritte -- und dann sind wir auch sehr fleißig
-jetzt -- aber wie gesagt, kommen Sie nur!«
-
-Sie reichte ihm die Hand.
-
-»Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, ich hätte meinen Ritt
-für heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien,« rief
-sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und während er stand und ihr
-nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung der
-Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als
-sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck
-angelangt war, wurde es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge
-folgend, den Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein
-Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fuß betrat, und
-der schon seit Jahren unbeachtet grünte und wucherte. Hier war es so
-schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender
-Rosenblätter flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen
-Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.
-
-Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener
-Wassersäule auf den Rasen niederließ und mit gedankenschweren Augen in
-den blassen Abendhimmel sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle,
-die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht
-lieblicher verkörpert werden können.
-
-Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine längst in der Ferne
-verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie früher hier
-gesessen, das verschüchterte, kleine Mädchen, unbewillkommnet und
-unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte
-sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem
-Bilde des einsamen Kindes -- an diesem Plätzchen hatte er sie stets
-zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf
-trennt, war wohl längst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer
-durchzuschlüpfen verstanden.
-
-Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden größer
-und ernsthafter, aus den Märchen, die sie sich erzählten, wuchs
-langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen
-Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des
-übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller Sommermorgen, an
-dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum
-letzten Lebewohl; damit war's aus gewesen!
-
-Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen
-daran geglaubt, so war sie eben thöricht gewesen; fünfmal hatten
-seitdem die Rosen geblüht, und kein einziges Briefblatt, kein
-Gruß aus der wilden Ferne, in die der Jüngling damals so kühn und
-abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!
-
-Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner
-Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein
-Majorat gekostet -- und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die
-um so härter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren
-mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich
-der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten Temperaments überlassend, es
-Edith täglich und stündlich zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß
-sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der
-in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natürlich
-auf das verlorene Majorat zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht
-tausend Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als nun wieder
-ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil
-ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast fürstliches
-Vermögen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal
-Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der
-Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr
-gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie
-so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie
-frug, warum sie doch nachgegeben!
-
-Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!
-
-Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die
-Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Fürstin von T.... hatte es sich
-förmlich erbeten, für die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte
-tagtäglich mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den
-glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, Möbelstoffe und
-Tapetenfarben wählen. Die Abende führten sie dann meist in Gesellschaft
-oder ins Theater, und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies
-Treiben so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, es
-sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!
-
-Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend
-kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue
-sich ihr auf die Lippen drängen, und aller trügerische Glanz war fort
--- verwischt -- zwei übermüthige blaue Augen blitzten sie an -- und es
-war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt.
-
-Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte man sie schon, wer
-hatte sie auch geheißen, gerade heute den alten Platz aufzusuchen?
-Sie schritt hastig vorwärts, um auf einem Umwege über die waldige
-Fahrstraße ins Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen
-Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber trat.
-
-Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des
-Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts im Gürtel,
-mit dem ihre Hand spielte, ließ ein Knistern und Knacken in den Zweigen
-sie überrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der
-Herbstsonne, die Geister der alten Zeit?
-
-Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen Sätzen auf sie
-zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebräunten,
-wildschönen Zügen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jüngling von
-damals, aber wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm
-und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber -- ihr war, als
-müßte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf
-Jahre, auf immer!
-
-Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen
-Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln ließ.
-So standen sich Beide still gegenüber, Keins fand einen Laut zur
-Begrüßung, an ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen
-Freiers, und er wußte es!
-
-Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, »wir haben uns lange nicht
-gesehen, Gerald,« und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin.
-
-Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte,
-ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem
-fort:
-
-»Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, seit
-einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise
-fehlte noch jede Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für
-verschollen.«
-
-»Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,« erwiderte
-er langsam und mit erzwungener Ruhe, »auch war die Annahme nicht
-»allgemein,« wie Sie sagen. =Eine= hat immer von mir gewußt, haben Sie
-sich in den ganzen, langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?«
-
-Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher
-geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den
-Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.
-
-»Ich hatte keine Berechtigung dazu,« sagte sie kalt, »warum haben Sie
-in den »ganzen langen fünf Jahren« nicht =einmal= direct von sich hören
-lassen?«
-
-Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.
-
-»Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten
-Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und hätte auch in den
-ersten Jahren verzweifelt wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen
-gewußt! Ich habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, nur
-in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen können oder mögen!
-Sie wissen, ich habe es mündlich nie verstanden, mich besser zu machen
-als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und
-da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer
-hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, daß Sie auf dieselbe Art
-auch von mir hören und an mich denken würden.«
-
-Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths.
-
-»Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, Baron Rüdiger; man
-mag in meiner »Lebenssphäre« nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie
-Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur
-Vollkommenheit -- zu vergessen, wo ich vergessen war!«
-
-Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand über die Stirn. Er
-stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen
-Schritt auf sie zu.
-
-»Edith,« sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, »einen solchen Ton
-mag ich nicht von Ihnen hören, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er
-ist des Mädchens nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit
-Thränen in den Augen zu mir sagte, »wenn Sie auch wiederkommen, Gerald,
-Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben!« Diese
-Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich
-hörte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag,
-in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thörichten Träume von
-der Heimath träumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie »vergaß,« wie
-Sie sagen, da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und einsam,
-unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster
-standen, wenn die Nachtigallen schlugen --«
-
-»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, »selbst
-wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das
-Recht, solche Worte anzuhören -- ich bin Braut!«
-
-»Man hat es mir erzählt,« sagte Rüdiger finster, »und ich habe erst
-gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie
-mit meinem stolzen Mädchen angefangen, durch welche Teufelskünste ist
-sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre
-zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen Sie, was Sie
-thun?«
-
-Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie
-antwortete -- die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik
-ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorüber!
-
-»Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,« erwiderte sie
-hochmüthig, »aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen!
-Ja, ich weiß, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern
-ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und
-zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?«
-
-»Ja und nein,« sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen suchte,
-den ihr kalter Ton in ihm anfachte, »ich verstehe Sie, Edith -- in
-dürren Worten, Erting hat Ihrem Stiefbruder die Schulden bezahlt,
-und dafür sind Sie seine Braut geworden. Hölle und Teufel,« rief er
-plötzlich, und schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt
-hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es mit dumpfem
-Klange auf den Boden schlug, »daß ich hier stehen soll, ich vor allen
-Menschen auf der ganzen Erde, und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte
-verhandeln, Edith -- das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie ein
-Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld hat ihre Grenzen!«
-
-»Und worin soll dies Ende bestehen?« frug sie, während sie ihn
-unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem urwüchsigen Zorn!
-
-»Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder Sie niederschießen
-darf, daß diese ganze Brautschaft ein widerwärtiges, tolles Puppenspiel
-ist, und Sie mir doch im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer
-schönen Reden.«
-
-Sie trat einen Schritt auf ihn zu.
-
-»Gerald, Gerald!« sagte sie in halb traurigem, halb leichtem Ton, und
-legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, »ich habe doch mehr gelernt, als
-Sie in den fünf Jahren, mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen
-Sturmesflügeln nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir hat das
-Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach der andern, und ich
-habe es ganz hübsch begriffen, daß man sich in Unabänderliches fügen
-muß. Aber Sie, wie Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen,
-ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger, und spielten
-hier im Walde »Räuber und Prinzessin!« Sie sind wirklich noch ganz
-derselbe --«
-
-»Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, und seine
-Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith Brandau einen
-Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen Recht haben,« sagte er spöttisch,
-»nun, Sie haben ja Ruhe für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen
-lernen! Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf mich
-empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting kommt doch gewiß zum
-Thee, ich will Sie nicht aufhalten, Comtesse!«
-
-Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. Als er einige
-Schritte gethan hatte, rief Edith zögernd: »Gerald!«
-
-Er wandte sich hastig um.
-
-»Ihr Gewehr, Baron Rüdiger -- und Sie haben mir nicht Lebewohl gesagt!«
-
-Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom Boden auf, dann stützte er
-sich darauf und blieb einen Augenblick stehen.
-
-»Edith,« sagte er hart und kalt, »hüten Sie sich vor mir! Wie wir Beide
-uns kennen, taugt es nicht, wenn Sie mit mir spielen wollten, wie
-damals, wo ich für ein freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der
-Welt gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es könnte Ihnen
-doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, wenn ich Ernst aus dem
-Spiel machen wollte! Ich habe noch ein gutes Theil Wildheit in mir,
-lassen Sie mich lieber in Frieden -- es ist für uns Beide, und für Ihre
-Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere Wege gehe! Und
-nun, gute Nacht Edith!«
-
-Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.
-
-»Nein, Gerald,« sagte sie weich und traurig, »gehen Sie nicht so im
-Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, weil ich gekränkt war, nicht
-bedacht, daß auch Sie im Augenblick etwas zu verwinden hatten,
-wollen wir uns nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch
-wahrscheinlich, daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen
-zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden von einstmals,
-dann fremd und kalt an einander vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht
-mehr lange hier --«
-
-Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und plötzlich brach ein
-Strom von heißen Thränen aus ihren Augen, der zur Genüge bewies, daß
-die Ruhe der letzten Stunden erkünstelt gewesen.
-
-»Edith, was thun Sie?« rief er, wie außer sich, und streckte die Arme
-nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon gefaßt, und wies ihn mit einem
-energischen Kopfschütteln zurück.
-
-»Gerald, verstehen Sie mich recht,« sagte sie fest im Ausdruck, wenn
-auch die Stimme noch bebte, »ich schäme mich dieser Thränen nicht, sie
-waren ein Tribut an unsre schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die
-uns ja doch kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart,
-Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir recht thun, nicht ob es
-uns gefällt! Dazu helfe mir Gott -- und Sie, mein alter Kamerad, Sie
-werden mir dabei gewiß nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!«
-
-Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne ihr zu antworten,
-verließ sie ihn, und ging nach dem Park zurück. Der höher und höher
-steigende Herbstnebel schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich
-aufzunehmen, und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem
-grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand es Gerald mit
-wildem Schmerz, daß er sie wirklich und unwiederbringlich verloren habe!
-
-
- Gott schütz' Dich vor dem ungeschlachten,
- Ohn Maßen groben Cavalier!
-
-Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat der Fürstin
-von T... alljährlich zum Besten eines von ihr gegründeten Krankenhauses
-stattfand, wurde in diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse
-Zungen behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr so ganz
-dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren Zeiten.
-
-Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab und zu, und
-war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem, was in irgend einer Form
-Vergnügen hieß.
-
-Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen müssen,
-sie war schon von je durch ihre Erscheinung die Krone jedes solchen
-Unternehmens, und jetzt, wo der etwas seltsame Brautstand die
-allgemeine Neugier in Bezug auf das schöne Mädchen noch erregt hatte,
-durfte man eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des
-Publikums von ihr erwarten.
-
-Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte drängte,
-hatte noch nicht geschlagen, doch waren die Unternehmerinnen schon
-erschienen, und nahmen beim strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt
-und geschmackvoll arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da
-noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen mehr
-wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des Wohlthätigkeitssinnes in
-den Hintergrund schoben.
-
-Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt. Ein mattblauer,
-schwerer Stoff umrauschte sie, wie das Element, dem sie mit ihren
-Nixenaugen und ihrem Goldhaar anzugehören schien. Neben ihr lag ein
-riesiger weißer Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast
-nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie in Ertings
-Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt in den Saal überreicht
-wurden.
-
-Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die kurzen Wochen, die
-zwischen ihrer Unterredung mit Gerald und dem heutigen Abend lagen,
-hatten ihr so manche Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens
-erzittern ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.
-
-Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und wieder mit dem
-Jugendfreunde zusammenzubringen, und der auf »freundschaftlicher«
-Basis angeknüpfte Verkehr, den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte,
-nahm nur zu bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds
-ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh. Er hatte
-sich mit scheinbarer Unbefangenheit im Hause ihrer Mutter eingeführt,
-er, der sonst so ungestüm Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den
-schlecht verhehlten Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn
-existirte nur Edith!
-
-Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es so nicht sein
-dürfe -- hatte sie wenigstens nur, wenn er nicht in ihrer Nähe war!
-Dann gelobte sie sich jedes Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten
-sagen, daß er lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das
-Beste sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen vermeide, und
-wenn er dann wiederkam, und sie den ganzen Zauber empfand, den seine
-Stimme und seine Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem
-gefährlichsten Trost: »es ist ja nicht auf lange, ich bin ja bald fort,
-und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!« Und sie vermied es
-nicht, wie sie gesollt hätte, ihn zu sprechen und ihm zu begegnen,
-sie spielte ein gefährliches Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht
-vergessen konnte, daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs,
-die Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr -- erste Liebe
-hieß.
-
-Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches Geräusch gerissen.
-Soeben erschien die Fürstin mit ihren Damen in den weit geöffneten
-Flügelthüren. Mit einem prüfenden Blick überflog sie das Arrangement
-der Tische, eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin
-zur andern, bis sie den Brandau'schen Tisch entdeckte.
-
-Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu.
-
-»Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,« sagte sie, und strich
-zärtlich über das goldrothe Haar der jungen Dame, die sich tief
-verneigte. »Sie sehen bleich aus! ich weiß, daß Sie sich heute opfern
-durch Ihr Erscheinen, aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!«
-
-»Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein Opfer ist,
-Durchlaucht,« sagte die Gräfin Brandau, als Edith schwieg, und warf
-ihr einen zornigen Blick zu, »so wäre es durch diese Anerkennung schon
-reichlich vergütet!«
-
-Die Fürstin winkte begütigend.
-
-»Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, Gräfin, sie hat das
-Vorrecht, ein wenig launenhaft zu sein, es steht ihr ja doch Alles gut!
-Und nun, meine liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch
-neue Schätze angekommen!«
-
-Während die Damen sich in die Besichtigung und Erklärung der
-ausgestellten Gegenstände vertieften, und die Gräfin sich nach ihrem
-etwas weiter entfernten Tische begab, begann der Saal sich langsam zu
-füllen.
-
-Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter ihnen die meisten
-Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange unserer Erzählung in der
-Weinstube zusammengesessen hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab
-seine gewohnten ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum
-Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt.
-
-Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, im Frack und
-weißer Halsbinde, eine Rosenknospe im Knopfloch. Er ging langsam von
-Tisch zu Tisch, wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich
-bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die Fürstin
-begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel placirte.
-
-»Nun, Herr Erting,« rief sie dem sich tief Verbeugenden entgegen,
-»Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich hoffe um so mehr von Ihrem
-Wohlthätigkeitssinn, als Sie den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht,
-sicher nicht zu widerstehen vermögen.«
-
-»Erting verhält sich doch am Ende passiv,« sagte Raven für den verlegen
-Verstummten, »er weiß, daß er bereits das Schönste zu eigen hat, was
-ihm die Welt bieten kann, was sollte ihn da wohl noch verlocken?«
-
-»Das steht auf einem andern Blatt,« erwiderte die Fürstin, während ihr
-Blick lächelnd Edith streifte, welche durch keine Miene verrieth, ob
-sie Ravens Worte überhaupt gehört, »ich rede von Dingen die =gekauft=
-werden können!«
-
-In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über das bleiche,
-schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig ab und suchte in den
-Gegenständen auf dem Tisch umher.
-
-Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den Doppelsinn der
-Worte erfaßt hatte, oder nicht.
-
-Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich auf den Eingang
-des Saales, und sie wandte sich zu Raven.
-
-»Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große, blonde Mann, der
-eben eintritt? -- ach, Sie sehen ja nicht hin, dort im Jagdcostüm --«
-
-»Das ist der sogenannte »tolle Junker,« Baron Rüdiger, erinnern sich
-Durchlaucht nicht mehr? -- der jetzt Wolfsdorf geerbt hat. Eine
-sonderbare Idee, in =diesem= Aufzug hier zu erscheinen!«
-
-»Jedenfalls eine kleidsame Idee,« sagte die Fürstin, deren Augen immer
-noch den Besprochenen fixirten, »das ist eine interessante Erscheinung;
-wie kommt es übrigens, daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht
-zu Gesicht bekommen hat?«
-
-»Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen zu verstoßen,
-Durchlaucht,« sagte Erting etwas bitter, »er sucht darin eine gewisse
-Originalität!«
-
-»Das thut er =nicht=,« rief Edith plötzlich mit Energie und tief
-erröthend, »er ist ein Naturmensch durch und durch, und wenn er sich in
-seiner sorglosen Weise gehen läßt, so ist das eben originell, und er
-braucht es nicht erst zu =suchen=, wie Sie sagen!«
-
-Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit einem forschenden
-Blick nach dem plötzlich so lebhaft sprechenden Mädchen, und wandte
-sich dann zu Raven:
-
-»Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, Herr von Raven, ich
-möchte gern durch den Augenschein urtheilen.«
-
-»Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige Minuten
-beurlaube,« sagte Erting rasch, während Raven sich anschickte, Rüdiger
-aufzusuchen.
-
-Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand, und wandte sich zu
-Edith, als Erting sich entfernt hatte.
-
-»Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus, ist es wirklich
-eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade dann!«
-
-Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen Gestalt
-Ertings.
-
-»Durchlaucht sind grausam,« erwiderte Edith mit zuckenden Lippen,
-»habe ich das verdient? Wer mir in der Zeit meiner Verlobung so nahe
-gestanden hat, sollte anders denken, oder sprechen!«
-
-Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick wie bestürzt
-vor sich nieder.
-
-»Verzeihen Sie mir,« sagte sie dann in ihrer gewohnten leichten Art,
-»Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, und im Moment kam mir die
-Idee, welch herrliches Paar Sie Beide -- doch halt, er kommt!«
-
-Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin.
-
-»Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, Baron Rüdiger,«
-sagte sie in liebenswürdigem Ton, »ich habe Ihren Oheim sehr wohl
-gekannt, und weiß mich Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu
-erinnern! Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der Fremde
-verlernt?«
-
-»So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,« erwiderte Rüdiger
-verbindlich, »wenn ich trotzdem ein Versäumniß beging, so bitte ich, es
-in Gnaden der partiellen Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man
-bei einem Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht
-entgeht.«
-
-»Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,« sagte Raven
-in seiner gewohnten ironischen Weise, »man muß seine tadellosen
-Verbeugungen sehen, um zu staunen, daß er in Californien Gold gegraben,
-in Australien --«
-
-»Ich bitte, erklären Sie mich nicht,« unterbrach ihn Rüdiger etwas
-kurz, »außerdem sagen meine Verbeugungen durchaus Nichts -- man muß mit
-den Wölfen heulen -- meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den
-Affen um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse
-pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist man eben Kosmopolit!«
-
-Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem schönen,
-wildaussehenden Jägersmanne wuchs.
-
-»Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd geworden ist,« sagte
-sie, sich erhebend, »so hoffe ich, Sie öfters zu sehen. Wir musiciren
-jeden Freitag in kleinem Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt,
-daß Sie erwartet werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich schon
-über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith, auf Wiedersehen!«
-
-Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während Rüdiger schweigend
-vor Edith stehen blieb.
-
-»Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht guten Abend sagen!«
-nahm sie endlich lächelnd das Wort, ihn anzusehen.
-
-»Ich =wollte= auch nicht, aber Ihnen gegenüber =muß= ich stets, auch
-was ich nicht will! Schütteln Sie nicht wieder den Kopf, erzählen Sie
-mir lieber, wie Ihnen unser gestriger Weg bekommen ist!«
-
-»Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch gar nicht als
-Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir viel abkaufen, hier, diese
-schöne Jagdtasche --«
-
-»Haben Sie sie gearbeitet?«
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-»Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr? Ich verstand stets
-besser mit der Reitpeitsche umzugehen, als mit der Nadel! Aber nun
-ernstlich, was kaufen Sie?«
-
-»Nur Eins!« erwiderte er langsam, »aber für dieses Eine gebe ich Ihnen
-meine ganze Börse preis!«
-
-»Und das wäre?«
-
-»Sie werden es nicht geben wollen!«
-
-»Ist es bei den Verkaufsartikeln?« frug sie, ahnungslos, was er meinte.
-
-Er lachte.
-
-»Ja, es liegt dabei!«
-
-»Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, mein ganzes
-Sinnen und Trachten ist auf einen möglichst hohen Preis gerichtet, wo
-ist es?«
-
-»Hier,« erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet vom Tisch, während
-er seine gefüllte Börse ernsthaft in ihre kleine Geldkasse gleiten ließ.
-
-»Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?« sagte plötzlich Ertings
-Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit gehabt hatte, Einspruch zu thun.
-
-»Ich habe es gekauft,« sagte Rüdiger, und blickte herausfordernd auf
-seinen kleinen Rivalen nieder.
-
-Edith mischte sich hastig ein.
-
-»Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen, daß ich nicht daran
-denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand zu verkaufen -- legen Sie
-gleich das Bouquet wieder her! Es war nur ein Scherz,« wandte sie sich
-verwirrt an Erting.
-
-»Das Bouquet ist mein,« erwiderte Rüdiger, ohne sich an Ertings
-zornbleiche Miene zu kehren, »dort liegt meine Börse, Geschäft ist
-Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie als Kaufmann doch am besten
-wissen!«
-
-»Sie sind unartig, Gerald,« fiel Edith wieder hastig ein, »und ich
-allein habe das Recht, hier zu entscheiden. Legen Sie das Bouquet
-wieder her, ich mag Ihr Geld nicht haben, auf sophistischem Wege bin
-ich nicht wohlthätig!« Sie hielt ihm die Börse hin.
-
-»Das Bouquet,« wiederholte sie.
-
-»Geben Sie das Bouquet her,« sagte Erting gleichzeitig, mit vor Wuth
-fast erstickter Stimme, »haben Sie ein Recht darauf, oder ich?«
-
-»Leider Sie!« erwiderte Rüdiger lachend und hielt den fraglichen
-Gegenstand hoch in die Höhe, »aber trotzdem bleiben diese Blumen mein,
-ich würde ebenso gern meinen Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges
-Blättchen aus dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie können
-ihn gar nicht erreichen!«
-
-»Genug,« sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie sah, daß Erting
-aufs Aeußerste gereizt war, »ich =befehle=, daß Sie die Blumen meinem
-Bräutigam geben, Gerald!«
-
-Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting zu Rüdiger
-gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte auf. Er nahm den
-Strauß und die schwere Börse, und mit dem heftigen Ausruf: »So soll sie
-Niemand haben!« schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster
-in den Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand Lebewohl
-gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft stumm und entsetzt dem
-»tollen Junker« nachsah, der sich eben wieder seines Namens so werth
-gezeigt hatte.
-
-Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt gewesen,
-hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe rasch und erstaunt
-umgewendet, und sandte jetzt Raven ab, um den Grund dieser Störung zu
-erfahren. Als er mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell
-auf:
-
-»Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich ein Original!
-Aber wie erfrischend wirkt das in unseren nüchternen Kreisen!«
-
-»Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache nicht in diesem
-Sinne auffassen wird,« sagte Raven, »er schäumte geradezu vor Wuth, und
-seine Mutter, die eben eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu
-sehen, war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur nicht ernstere
-Folgen hat!«
-
-»Das wäre ja abscheulich!« rief die Fürstin lebhaft, »und gerade
-jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den interessanten Goldgräber zu
-unseren kleinen Festen heranzuziehen; eine derartige Differenz würde
-Alles zerstören. Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich
-werde die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe der
-Außergewöhnlichkeit ein Opfer!«
-
-Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas ingrimmig murmelnd:
-»Besonders, wenn diese »Außergewöhnlichkeit« ein so hübsches Gesicht
-hat, da opfert man sich mit Leichtigkeit!«
-
-Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen der Fürstin
-entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter und zog sie mit sich hinaus.
-
-»Ich gehe nach Haus,« sagte er auf ihren verwundert fragenden Blick.
-
-»Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig, du wirst doch deine
-Braut nicht allein hier lassen!«
-
-»Ich gehe nach Haus,« wiederholte er heftig, »für heute habe ich wieder
-einmal genug von dem vornehmen Brautstand. Was, ich soll mich wohl von
-dem infamen Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken und
-zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht gut; wenn =du= nicht
-merkst, daß man sich hier über uns lustig macht, =ich= merke es, und
-was habe ich denn davon?«
-
-»Aber Ludwig,« rief die erschrockene Frau, die währenddessen mit dem
-zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden prächtigen Wagen bestiegen
-hatte, und nun an seiner Seite durch die Straßen rollte, »Ludwig,
-hast du denn gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du
-eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen und in höhere
-Sphären kommen, mein liebes Kind -- ich will ja nur dein Glück, wenn
-ich dir dazu rathe!«
-
-»Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,« sagte er, schon ruhiger,
-»und es ist ja auch möglich, daß eine Heirath mit Edith ein Glück
-ist, in manchem Sinne! Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für
-mich, ich hätte mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise
-herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so wäre ich später
-einmal Herr in meinem Hause, und nicht, was ich hier immer sein werde,
-der Mann meiner Frau, die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug
-ist, die aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich mir
-gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter, aber wir wollen
-nicht weiter davon sprechen. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern!«
-
-Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers,
-einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wußte.
-
-Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn zu beschwichtigen.
-Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter.
-
-»Mein liebes Kind,« sagte sie ängstlich, »so sei doch nicht so heftig!
-Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit
-Edith drängte, weißt du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit
-ihr werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste Mädchen,
-das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so viel
-_chic_!«
-
-»Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir
-unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefällt es nicht,
-und außerdem gehört das _chic_ und was du sonst sagst, nicht zur Sache.
-Antworte mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?«
-
-Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes
-sich so fest auf sie richteten.
-
-»Was verstehst du unter lieben?« frug sie ausweichend.
-
-»Nun, ungefähr, was =du= darunter verstandest, als du meinen Vater
-heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glänzende
-Existenz bieten konnte! Oder ungefähr, was =ich= darunter verstand, ehe
-Martha unter fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath
-machen konnte!«
-
-»Ludwig,« sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der
-Sohn, »reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau
-rückgängig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich
-kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen
-Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn
-ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben
-zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting
-erhältst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich
-nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche
-ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück holen lassen; also
-du hast es in deiner Hand, wie lange Martha »unter fremden Leuten« sein
-soll! Ich dachte, du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem
-Kopf geschlagen!«
-
-»Reden wir nicht mehr davon,« sagte Erting finster, »ich habe mich
-vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser übermüthige
-Junker, der Rüdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein
-unverschämtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm
-zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und
-baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter -- du weißt, ich
-habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich
-todtschießt, so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich
-vornehm umgekommen bin!«
-
-Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau
-Erting aussteigen.
-
-»Gute Nacht, Mutter,« sagte er dann, »da kommt schon einer von unseren
-Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir
-heute ganz dienlich sein!«
-
-Und damit wandte er sich ab und ging die Straße hinunter, während die
-Mutter, halb entsetzt, halb stolz über den heldenmüthigen kleinen
-Eisenfresser, im Hause verschwand.
-
-
- Entflieh' mit mir!
-
-Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen,
-die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen dem Brautpaar und Rüdiger zu
-veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes
-kleine _faible_ für Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der
-er in Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die
-Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu beobachten. So
-jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste
-nach einander, und immer war der »tolle Junker« der Held aller dieser
-Festivitäten.
-
-Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte,
-und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte,
-das wußte Niemand. Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens
-hätte jede Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst
-sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome der Gegenwart
-dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewußt ist, daß
-wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so größerem Entzücken
-weiter träumen. Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie
-vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen könnten,
-kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrückt, wie es
-entstand.
-
-Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glänzender Maskenball
-die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte
-Edith, die mehrere Tage bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau
-zurück.
-
-Der Maskenball war glänzend und es herrschte nur =eine= Stimme vollster
-Befriedigung. Die Fürstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer
-rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie
-selbst war natürlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß,
-und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend,
-solche in möglichst großer Zahl unter ihren Gästen anzustiften.
-
-Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin einen altdeutschen
-Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen
-Gewande, mit den herabhängenden, schweren Goldflechten sinnend am
-Fenster lehnte, hätte allerdings das »Gretchen« nicht reizender gedacht
-werden können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz
-und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch
-den wehmüthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von
-der Mädchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen
-neuen und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.
-
-Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem
-Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewählt, aber seine schüchterne
-Unbehülflichkeit ließ ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine
-Prätension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend,
-am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in
-die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher
-Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, welches sie stets für ihn
-empfand, auf ihn zu.
-
-»Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht erkannt, oder wollen
-Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?« sagte sie, und legte ihre kleine
-Hand auf seine Schulter.
-
-Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; es lag ein Zug von
-trübem Nachdenken auf seiner Stirn.
-
-»Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer Freiheit überhaupt
-bald zu Ende ist?« sagte er in einem Tone, der scherzhaft sein sollte,
-aber bitter klang.
-
-»Was haben Sie, Ludwig?« frug Edith halb erstaunt und halb verletzt,
-indem sie einen Schritt zurück trat. In dem Moment fiel ihr Blick auf
-eine hohe Gestalt in der düsterschönen Tracht eines spanischen Granden.
-Eine tiefe, jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und war
-trotz der Larve wohl zu bemerken.
-
-»Was ich habe?« gab er finster zurück, »sehen Sie einmal in den
-Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, und fragen Sie sich,
-»was ich habe,« wenn das Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein
-wird, beim Anblick eines Anderen so tief erröthet -- Sie haben sich zu
-früh demaskirt!«
-
-Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres Wort verlassen,
-aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er so Unrecht nicht habe! Sie
-bezwang sich und blieb.
-
-»Ludwig, seien Sie nicht hart,« sagte sie, fast bittend, »Sie kennen
-mich genug, um zu wissen, daß ich bei jedem überraschenden Wort oder
-Anblick roth werde, und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets
-beobachten, wenn Gerald kommt --«
-
-»Ach was Gerald -- Gerald,« rief er heftig, »Sie brauchen den Baron
-nicht beim Vornamen zu nennen, ich kann diese Jugendfreundschaft nicht
-leiden, die er zum Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor
-meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu machen! Sie werden
-ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, und Sie werden heute Abend nicht
-mit ihm tanzen!«
-
-Edith war leichenblaß geworden.
-
-»Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,« sagte sie langsam und
-eiskalt, »aber noch brauche ich mir in solchem Tone nichts befehlen zu
-lassen, ich werde Gerald Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit
-ihm tanzen, bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!«
-
-Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische,
-und nahm Geralds Begrüßung mit um so seltsameren Gefühlen entgegen,
-als der leidenschaftlich entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte,
-schneidend von dem Wesen Ertings abstach.
-
-Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man
-demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog,
-da folgten Aller Blicke bewundernd und -- bedauernd dem herrlichen
-Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und
-jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen denken
-ließ, die neben einander und für einander gewachsen schienen.
-
-Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so klar empfunden, was
-sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefühl
-»des letzten Males« ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh.
-Noch nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu
-sprechen -- und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen Härte, wies
-ihn nicht zurück!
-
-»Und übermorgen ist Ihr Polterabend!« sagte Gerald jetzt ohne
-Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal
-nach einem kühleren Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen
-Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung zu, ohne
-zu antworten. »Erlauben Sie!« sagte er jetzt, und nahm den Fächer aus
-ihrer Hand, »das paßt nicht für Gretchen -- überlassen Sie es Faust!«
-
-»Sie sind nicht Faust!« erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf,
-um ihn anzusehen.
-
-»Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens sofort dafür
-erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm auch warm genug empfohlen!«
-
-»Abscheulich!« rief Edith erröthend, »weil sie wußte, daß es Ludwig
-kränken würde!«
-
-»Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?« sagte Rüdiger
-höhnisch, »soll ich das ganz allein thun?«
-
-»Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!«
-
-»Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: ich gräme mich,
-ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf
-und Herzen aussieht!«
-
-»Ich bin gar nicht neugierig!« erwiderte sie anscheinend ruhig, aber
-mit leicht bebender Stimme, »überdies kann ich es mir denken!«
-
-»Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!«
-
-»Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!«
-
-»Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen
-eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie
-Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die
-Verantwortung für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit,
-die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!«
-
-Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern
-der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig im Schoße lagen,
-verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie
-versetzten.
-
-»Entscheiden Sie sich, Edith,« fuhr er athemlos vor Aufregung fort,
-»ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, daß
-ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder
-Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith,« er blickte sich hastig um, sie
-waren allein im Zimmer, »ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein
-Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er führe
-mich zum Teufel in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener
-Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der
-Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind,
-dürfen Sie auch kein Wort sprechen!«
-
-Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob.
-
-»Genug, Baron Rüdiger,« sagte sie mit gepreßter Stimme, »Sie beleidigen
-mich tief, tödtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie
-haben es für möglich gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit
-Ihnen davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? Und nicht
-nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie es gehalten,« fuhr sie
-fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hieß, »auf
-wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie
-kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten,
-mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafür gestraft,
-daß ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend
-einräumte.«
-
-Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand er still und zwang sie
-dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben.
-
-»Edith, verzeihen Sie mir,« sagte er rauh und ohne sie anzusehen,
-»es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht
-überlegt, daß Sie der Gedanke kränken mußte; was blieb mir schließlich
-übrig? Verzeihen Sie mir,« wiederholte er zornig, als sie schwieg und
-vor sich niederblickte. »Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen oder es wird
-nicht gut!«
-
-Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an sich, daß sie einen
-leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig ließ er sie los.
-
-»Sehen Sie,« sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber ohne sich zu
-entschuldigen, »was davon kommt, wenn man mir den Willen nicht thut?
-Aber jetzt noch einmal, Edith, verzeihen Sie mir, wir sind für lange
-Zeit das letzte Mal zusammen gewesen -- gönnen Sie mir diesen einen
-armen Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute noch einmal
-vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!«
-
-»Weshalb?« frug sie überrascht, und sah zu ihm auf.
-
-»Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein? Sie taxiren mich denn
-doch etwas zu zahm, Edith! =viel= zu zahm, wie Sie noch einmal einsehen
-werden! Aber Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir?
-Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?«
-
-»Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,« erwiderte sie
-kalt.
-
-»Nun, dann bin ich zu Ende,« rief er trotzig und wild, »thun Sie was
-Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn ich es auch thue!«
-
-Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit wildschlagendem
-Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien sich wie ein Bleigewicht an ihre
-Schritte zu hängen. Als sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter
-nicht sofort sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr
-sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und legte ihre
-Hand in seinen Arm.
-
-»Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,« sagte sie, »was
-soll man davon denken?«
-
-»Sie ließen mich allein,« erwiderte er, halb versöhnt durch ihr
-Einlenken, -- »aber es soll mir um so lieber sein, wenn ich jetzt in
-Ihrer Nähe bleiben darf! Geben Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine
-Quadrille!«
-
-»Gern,« sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr grollte, »sehen
-Sie sich, bitte, nach einem _vis-à-vis_ um, ich erwarte Sie bei Mama!«
-
-Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen wieder in den Saal
-getreten war. Dann ging er, sich einer Gruppe von Herren zugesellend,
-zu der auch Rüdiger gehörte.
-
-Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden mit angstvoller
-Spannung, aber da nichts Auffälliges zu bemerken war, wandte sie sich
-ihrer Mutter zu, und bemühte sich, die kritischen Bemerkungen zu
-belächeln, welche die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden
-ließ.
-
-Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch placirten, durch
-Orangerie fast versteckten Orchester. Die verschiedenen Gruppen im Saal
-geriethen in Bewegung, ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith
-warf einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam nicht, und
-sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.
-
-Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben zurück ziehen, als
-Raven zu ihr trat.
-
-»Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen Tanz?«
-
-»Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht mich,« sagte
-sie lächelnd, »ich habe die Quadrille meinem Bräutigam zugesagt, und er
-scheint dies vergessen zu haben!«
-
-»Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde eben abgerufen, weil ihn
-Jemand auf einen Augenblick zu sprechen wünschte, mag sein, daß die
-Unterredung sich ein wenig in die Länge zieht!«
-
-»Ah so!« erwiderte Edith beruhigt, nun, »plaudern wir, bis er kommt,
-Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, Sie verstehen das ja so
-meisterhaft!«
-
-Raven verbeugte sich.
-
-»_Tempi passati_, meine gnädigste, _tempi passati_, jetzt überläßt man
-es jüngeren Kräften!«
-
-Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths anfängliches Befremden
-über das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in
-noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich
-doch wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu geben, was ihn
-verhindere!
-
-»Irgend eine Börsennachricht,« dachte sie bitter, »das ist wichtiger,
-als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das
-läßt sich eben später nicht anlernen!«
-
-Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen vielen
-»Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich« entlassen hatte, trat
-Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes,
-aber doch tiefes Roth färbte ihre Wangen.
-
-Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. Wenn sie,
-als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu
-erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und
-übermüthiger aus, wie je!
-
-»Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?« frug er, indem er ihr
-Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab.
-
-»Das dürfen Sie,« sagte Edith, gegen ihr besseres Gefühl, »ich bin ja
-ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott weiß warum, den Ball verlassen,
-ohne ein Wort der Aufklärung an mich!«
-
-»Hat er das?«
-
-»Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört rücksichtslos?«
-
-»Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,« sagte Rüdiger, der sie
-zu ihrem Platze geleitet hatte, »er konnte zwingende Gründe haben!
-Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen -- er ist fort, ich bin da, es
-lebe die Gegenwart!«
-
-Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang
-leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte
-sich zu fast fieberhafter Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den
-Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des »tollen Junkers« so
-geblitzt, wie an diesem Abend.
-
-Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der Minute hin, sie
-fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so rücksichtslos, so gleichgültig
-verlassen hatte, und die Stunden flogen vorüber, leicht und glänzend,
-wie die Schneeflocken, die draußen dicht und dichter niederfielen.
-
-Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der Tafel und zugleich
-zur Beendigung des Festes.
-
-Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren begann, trat
-Rüdiger noch einmal zu Edith.
-
-»Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?«
-
-»Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?«
-
-»Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen noch Zeit, wenn ich
-Sie erst nach Brandau bringe, ich benütze dann einen späteren Zug.«
-
-Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. Sie
-schüttelte den Kopf.
-
-»Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe heute noch bei der
-Fürstin, es ist mir zu spät geworden, um nach Brandau hinaus zu fahren,
-und meine Mutter hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen,
-im Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem Schutze nicht
-anvertrauen.«
-
-»Wie Sie befehlen,« sagte Rüdiger, ohne zu ihrer Ueberraschung noch mit
-Bitten in sie zu dringen, »dann fahre ich von hier direct zur Bahn, und
-fort. Leben Sie wohl, Edith, auf Wiedersehen!«
-
-»Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,« sagte sie mit
-etwas mühsamem Lächeln, »wir reisen gleich nach der Trauung für den
-Rest des Winters nach Italien.«
-
-»Gleich nach der Trauung, und für den ganzen Winter? O, wie schade!
-Nun, der Frühling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer
-darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse
-auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!«
-
-Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in dem er, der sie noch
-vor wenig Stunden wie außer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen,
-jetzt ihre Hochzeitsreise besprach -- war dies Comödie, oder alles
-Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.
-
-»Leben Sie wohl!« sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im
-Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Aber als er sich
-wieder aufrichtete, und zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder
-Bewegung, da stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen noch
-einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: »Du siehst ihn =nie=
-wieder, wie Ihr Euch heut gesehen!« und sie gab ihm nochmals die Hand:
-
-»Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen --« und wandte sich
-hastig ab, während er eben so rasch das Zimmer verließ, und seinen
-Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt.
-
-Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubärtige
-Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurück, und gab seinem Herrn
-die Zügel. Beide vermieden es sorgfältig, einander anzusehen.
-
-»Vorwärts!« rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog
-der Schlitten über die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos
-sauste das Gefährt über die Landstraße, im kalten Vollmondlicht von
-seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet.
-Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen,
-funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und
-ein Ruck mit den Zügeln ließ die Pferde langsam gehen. Schon stieg das
-Wolfsdorffer Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet
-aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins
-Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher.
-
-»Job!«
-
-»Gnädiger Herr?«
-
-»Alles ruhig oben?«
-
-»Nein, gnädiger Herr!«
-
-»Was macht er denn, Job?«
-
-»Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen die Thüren. Zwei
-Fenster hat er auch schon eingeschlagen.«
-
-Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Pause, die den
-Schlitten wieder näher an das Schloß brachte, begann er von Neuem.
-
-»Job!«
-
-»Gnädiger Herr!«
-
-»Warum sagst du nichts?«
-
-»Ich weiß nichts, gnädiger Herr!«
-
-»Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!«
-
-»Das glaub' ich, gnädiger Herr!«
-
-Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die Pferde, daß sie im
-Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß erreicht war. Der gellende Ton
-der Pfeife übte auch hier seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde
-die Zugbrücke herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof, die
-Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu Hause.
-
-Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend, wie Job,
-trat ihm mit einer Lampe entgegen, die einen breiten, röthlichen
-Schein über den Schloßhof fallen ließ. Rüdiger schüttelte sich die
-Schneeflocken vom Hut und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel
-zu, und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, die nach den
-Wohnräumen führte. Der Diener folgte ihm mit der Laterne.
-
-Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen. Wenn er hätte sehen
-können, welch seltsam malerischen und schönen Anblick er in seiner
-altspanischen Tracht, an der dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend,
-darbot, er hätte sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber
-ist es, daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig
-gewesen wäre.
-
-Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung und schritt dann,
-nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich gestanden hatte,
-den langen, hallenden Gang herunter, der nach dem unfreiwilligen
-Aufenthaltsort seines Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür
-sich ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß auf und
-klopfte gleichzeitig.
-
-»Wer ist da?« rief Ertings Stimme von drinnen, zwischen Aengstlichkeit
-und Wuth.
-
-»Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, -- wollen Sie --«
-
-Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die Thür wurde
-aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, in dem ungewissen
-Mondlicht, welches sein vom Zorn bleiches Gesicht noch weißer
-erscheinen ließ.
-
-»Wo haben Sie Ihre Pistolen?« knirschte er, indem er Miene machte, sich
-auf Rüdiger zu stürzen, »wo haben Sie Ihre Pistolen, ich will nicht
-mehr leben, wenn ich nicht an Ihnen Rache nehmen darf!«
-
-Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch, daß er im ersten
-Moment kein Wort fand, um zu erwidern. Erting mochte das für den
-kalten Hohn des Siegers dem Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein
-Rasender auf Rüdiger zu, und packte ihn am Arm.
-
-»Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den Schimpf, den Sie mir
-angethan haben, oder soll ich Sie dazu zwingen?«
-
-Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt zurück, noch sehr
-ruhig, wie es schien.
-
-»Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht mit Ihnen!«
-
-»Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine Schonung!«
-
-»Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen Arzt zur Stelle
-haben, von einem Duell also keine Rede sein kann, sodann aber, weil Sie
-mit Schießgewehr nicht umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran
-finde, einen Wehrlosen niederzuschießen.«
-
-»Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen durch Ihre Leute
-knebeln und fortschleppen zu lassen, so ist das reichlich eben so
-feige!«
-
-»Erting, nehmen Sie sich in Acht,« rief Rüdiger, auf dessen Stirn eine
-unheilverkündende, düstre Röthe erschien, »ich dulde heute Viel von
-Ihnen, weil Sie der Beleidigte sind, aber nicht Alles!«
-
-»Sie wollen sich nicht mit mir schießen?« schrie Erting mit fast
-erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, und im Begriff stand,
-das Zimmer zu verlassen.
-
-»Nein!« erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er keine Silbe mehr
-sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.
-
-»Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?« fuhr Erting, sinnlos vor
-Wuth, fort, »Edith, ich sehe jetzt klar, sie war doch jedenfalls im
-Complott, als es galt, den unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!«
-
-»Genug!« sagte Rüdiger todtenbleich und fest, »Sie haben einen Namen in
-unseren Streit hineingezogen, der es mir unmöglich macht, Ihnen noch
-ferner Genugthuung zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen
-treffen. Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!«
-
-Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück, in einem
-Tumult von Empfindungen, der ihm fast den Verstand zu rauben drohte.
-Ueberwiegend war immer noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die
-aber in der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja zu
-müssen, bereits nachzulassen begann.
-
-Blitzschnell jagten sich die Gedanken, »was wird man zu Hause von dir
-denken? in welchem Lichte mußt du Edith erscheinen?« denn im Innern
-hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere
-Bilder -- wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gänzlich
-Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der Runde gegenüber! Was
-würde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er
-geliebt, ehe er in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte
-auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer floß. Wer
-weiß, ehe die nächste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hülflos,
-zum Krüppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste.
-
-Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer,
-in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum
-Fenster, riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und warf im grellen
-Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine
-Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: »für
-den Fall meines Todes abzugeben.« Dann ergriff er das andere Blatt --
-sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren,
-durch Rüdiger, der sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird!
-Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt hastig
-und fliegend: »Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich
-nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, daß ich dich
-immer geliebt habe, und daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.«
-
-Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, als der Schall
-von Schritten seiner Thür nahte.
-
-Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen Männern, deren einer
-ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer plötzlich zum Theil
-mit grellem Licht erfüllten, während die verjagte Dunkelheit scheu und
-doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den
-Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein würde.
-
-Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, auf den Tisch
-und wandte sich zu Erting.
-
-»Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,« sagte er im verbindlichen
-Ton, »aber um die nöthigsten Formalitäten zu erfüllen, habe ich uns
-wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Förster Strauch, er wird uns
-die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu
-verbinden.«
-
-Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.
-
-»Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden abnehme,« sagte er
-dann zu Erting, »meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und
-lassen sich nicht von Jedermann handhaben!«
-
-Erting verbeugte sich stumm.
-
-»Ein Wort, Herr von Rüdiger,« sagte er dann.
-
-»So viel Sie befehlen!« erwiderte sein Gegner, indem er mit ihm zum
-Fenster trat.
-
-»Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden Zettel an ihre
-Adresse zu befördern, ich stelle mich für einen gleichen Auftrag zur
-Verfügung.«
-
-Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, einen schnellen
-verwunderten Blick auf Erting.
-
-»Nichts an Comtesse Brandau?«
-
-»Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten würden!«
-
-Rüdiger zuckte die Achseln.
-
-»Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?«
-
-Erting schwieg einen einzigen Moment.
-
-»Ja,« sagte er dann. »Sie haben mir keinen Auftrag zu geben?«
-
-»Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur zustößt, so würden die
-sogenannten Meinigen, deren ich wenig besitze, sich durchaus nicht
-wundern; sie erfahren es dann am Besten durch meinen alten Job. Und
-Comtesse Brandau -- ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich Bericht
-erstatten, Herr Erting!«
-
-Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin. Dieser nahm sie
-nicht, und sah ihn zornig verwundert an.
-
-»Es ist Usus so, oder ähnlich,« sagte Rüdiger freundlich, »aber wie Sie
-wollen!«
-
-Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener hatte das Zimmer
-wieder verlassen.
-
-»Ich denke, wir schießen _a tempo_,« sagte Rüdiger, noch immer in einem
-Ton, wie im Ballsaal, »zählen Sie, Strauch, bis drei!«
-
-Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen, Rüdigers
-Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf fort und schlug in die
-Wand. Als sich die blauen Rauchwolken langsam verzogen, sah der vor
-Aufregung halb sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es
-zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, und
-trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.
-
-»Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, -- und nun zürnen
-Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz hübsche Lehre bekommen!«
-
-Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen Gegner, dessen
-rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, und von dem das Blut
-dicht und schnell niederrieselte und in dem Streifen Mondlicht am
-Fußboden unheimlich aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die
-finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß er heftige
-Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts von ihrem übermüthigen
-Klange verloren.
-
-Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier über seine Züge,
-und der Förster hatte eben noch Zeit, den ohnmächtig Zurücksinkenden
-aufzufangen.
-
-Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.
-
-»Großer Gott, ich habe ihn gemordet!« schrie er auf, und warf sich
-neben seinem bleichen Feinde nieder.
-
-Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock auszuziehen,
-was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner
-Unbehülflichkeit ihn daran hinderte.
-
-»Helfen Sie 'mal,« herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den
-Händen verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, »heben Sie
-den Arm in die Höhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.«
-
-Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte
-zu gehorchen, aber seine zitternden Hände erwiesen sich als so
-ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich bei Seite schob.
-
-»Rufen Sie den Job,« sagte er, »wir müssen uns eilen, daß wir das Blut
-stillen, sonst wird das nicht gut!«
-
-»Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,« sagte Erting kläglich, dessen
-durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu
-einem Nichts zusammengeschrumpft war.
-
-»Dann werde ich ihn holen,« sagte der Förster, »bleiben Sie hier bei
-dem Baron!«
-
-Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit Rüdiger allein.
-
-Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit von seinem
-Opfer zu flüchten, aber eine bessere und muthigere Regung überwog. Er
-nahte sich dem noch immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd,
-neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten
-Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht draußen
-war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines
-Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber
-bezwungen, starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm
-das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke Leben hatte er
-zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager
-gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust
-und Jagdeifer Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an
-solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich
-bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht nie mehr heben; mit
-den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entströmten, ging vielleicht die
-letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin!
-
-Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thür zu
-gehen, er hielt förmlich den Athem an.
-
-Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese Strafe im Verhältniß
-zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Hätte er nicht ruhiger,
-nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst,
-der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des
-Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie
-er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief
-aufstöhnend, den Kopf erhob, und Rüdiger anblickte, öffnete dieser
-langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.
-
-Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und versuchte, sich
-aufzurichten.
-
-Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte ihn. Rüdiger
-erkannte seinen kleinen Feind und ein leises Lächeln flog über sein
-Gesicht.
-
-»Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen Sie nicht so jämmerlich
-aus, es war mir ganz gesund, daß Sie mir etwas Blut abzapften!«
-
-Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein Dolchstoß.
-
-»Ich habe Sie unglücklich gemacht,« stöhnte er, die Hände vor's Gesicht
-schlagend, »können Sie mir verzeihen?«
-
-Rüdiger erröthete leicht.
-
-»Erting, machen Sie mich nicht verlegen,« sagte er hastig und streckte
-die Hand nach dem Andern aus, »ich Ihnen verzeihen! Ich habe Sie
-auf das Unerhörteste behandelt und kann von Glück sagen, mit einer
-so »gnädigen Strafe« davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen
-betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird schon noch eine Büchse
-führen können, bis die rechte wieder dienstfähig ist!«
-
-Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte er schon fast
-gemurmelt -- aber endlich, endlich kamen Schritte den Corridor entlang.
-Der Förster, Job und noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer.
-Einer davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem jungen
-Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß den verwundeten
-Arm zu untersuchen.
-
-Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das Urtheil über Tod und
-Leben, nachdem Job ihm mit finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.
-
-»Ist das Bett des Herrn Baron bereit?« frug der Heilkünstler jetzt.
-
-»Wie lange schon!« murrte Job, »es ist ja glücklich fünf Uhr vorbei!«
-
-»Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?« sagte Rüdiger, sich ein wenig
-aufrichtend, »heulen Sie mir aber nichts vor, denn ich verstehe ebenso
-viel von der Chirurgie wie Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?«
-
-»Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,« erwiderte der Wundarzt
-trocken. Erting klappte zusammen wie ein Taschenmesser, während Rüdiger
-kein Zeichen der Bewegung sehen ließ.
-
-»Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor allen Dingen ruhige
-Lage und kühles Getränk!«
-
-»Tröstlich!« sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings bereits fieberhaft
-zu glühen begannen, »denken Sie aber nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen
-Gewäsch folge! Was, ruhige Lage! -- sitzen werde ich bis morgen früh
-und mein kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie sich
-einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne Feindschaft mit
-Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut dran! Job, flink, in den
-Keller!«
-
-»Baron Rüdiger,« sagte Erting flehend, und faßte in seinem Eifer die
-Hand des Gegners, »ich beschwöre Sie, thun Sie, was der Arzt Ihnen
-sagt! Bedenken Sie, was daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen
-Anordnungen widersetzen.«
-
-Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die Thränen in die Augen.
-Rüdiger sah ihn einen Moment verwundert an und lachte kurz auf.
-
-»Sie sind eine gute Seele,« sagte er, »und sollen sich nicht ängstigen!
-Ich werde zu Bett wandern, damit Sie nicht, wenn ich mit achtzig Jahren
-sterbe, sich einbilden, ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und
-sich ihr Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor allen
-Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren. Job, laß anspannen!
-ah, der Wagen kommt schon eine -- schwere Kutsche, wie sie rasselt!
-Aber die Todten reiten schnell!«
-
-Er schloß die Augen.
-
-»Zu Bett mit ihm,« sagte der Chirurg energisch, »das Fieber steigt
-rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,« wandte er sich an Erting, »so
-schicken Sie doch noch einen Arzt heraus, ich mag die Verantwortung
-nicht allein übernehmen.«
-
-Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich ohne weiteren
-Widerstand von Erting und Job in sein Zimmer bringen, dann kehrte
-Ersterer zu dem Arzt zurück.
-
-»Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,« sagte er mit
-ungewöhnlicher Festigkeit, »ich bleibe bei dem Baron, er hat schon
-darein gewilligt.«
-
-Der Chirurg sah ihn erstaunt an.
-
-»Nun meinetwegen,« sagte er, »legen Sie ihm fleißig Eis auf den Kopf,
-und halten Sie ihn möglichst ruhig. Aber ein Arzt muß noch heraus!«
-
-»Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke zu Doctor
-Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir persönlich bekannt.
-Halten Sie denn den Zustand des Barons für gefährlich?« Ertings Lippen
-zitterten.
-
-»Offen gesagt, ja!« erwiderte der Wundarzt nach einigem Besinnen,
-»das Fieber tritt so schnell und heftig auf, daß es die Kräfte sehr
-hinnehmen muß und für einen Mann von des Barons ganzer Natur ist ein
-Krankenlager immer eine böse Sache. Aber wir wollen das Beste hoffen!«
-
-Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote sich bereit machte;
-er citirte Doctor Stein heraus und benachrichtigte in einem zweiten
-Briefe Edith von seinem Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.
-
-Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den wildesten Phantasien
-vorfand.
-
-Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer Erzählung kennen
-lernten, traf in wenig Stunden ein. Er trat mit dem ihm eigenen,
-besonnenen Wesen an das Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß
-vermochte Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen
-ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er schon
-wieder in heftige Raserei. Erlebtes und Geträumtes mischte sich auf
-eine für Erting unbeschreiblich qualvolle Weise in seine Reden.
-
-Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich empfahl.
-
-»Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,« sagte er auf
-Ertings verzweifelt fragenden Blick, »aber das Ungestüm des Fiebers
-macht mich besorgt. So viel ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen
-Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.«
-
-»Thun Sie das nicht,« bat Erting flehentlich, »sagen Sie mir Alles, was
-geschehen soll, Stein, ich will gewiß nichts an ihm versäumen! Gönnen
-Sie mir den kleinen Trost für das Schreckliche, was ich in meinem
-unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!«
-
-Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend die Hand auf
-die Schulter legte.
-
-»Ruhig Blut, alter Freund,« sagte er tröstend, »Rüdiger ist jung und
-hat schon mehr Stürme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen übrigens
-Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins
-sage ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang
-tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!«
-
-Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schloß
-verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurück. Tage und Nächte saß er
-nun an Rüdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst.
-Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen
-können, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekränkt.
-
-Und während dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging
-in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting
-fühlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den --
-freilich seltenen -- Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach
-und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und
-Freuden einflößte. Oft ertappte er sich dabei, daß er fast mit einem
-Gefühl von Zärtlichkeit in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken
-blickte, und seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger,
-der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht
-Ertings zu blicken -- der jeden Labetrunk aus den Händen des einst so
-Gehaßten und Verspotteten entgegennahm -- er hatte, unklar, wie die
-Krankheit ihn denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser
-kleine Mann zu ihm gehöre -- daß ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an
-seiner Seite sei.
-
-Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden -- aus Brandeck
-und aus der Residenz, und die tägliche Antwort -- »noch beim Alten,«
-wollte und wollte keiner Besserung weichen.
-
-Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an Rüdigers Lager saß,
-blickte dieser plötzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf.
-
-»Erting,« sagte er, »mir ist heut auf einmal merkwürdig vernünftig
-im Kopf, das muß ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, für
-alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben -- Sie sind ein braver, treuer
-Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!«
-
-»Schweigen Sie doch,« sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu
-werden.
-
-Rüdiger schüttelte den Kopf.
-
-»Lassen Sie mich heute reden!« fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort,
-»wer weiß, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund,
-es wird am längsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen
-heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich
-reden,« wiederholte er hastig und erregt, »oder ich springe aus dem
-Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!«
-
-»Nun, so reden Sie,« sagte Erting rathlos, als er sah, daß Rüdiger sich
-mühsam emporrichtete, »aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen
-Sie!«
-
-»Ich will Ihnen nur sagen,« begann Rüdiger in kurzen Sätzen und schnell
-athmend, »daß ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, für den
-Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem
-Maskenabend, ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei Gott
-nicht! Ich wollte -- ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith« -- er
-seufzte schwer auf -- »also -- Edith ein letztes Ultimatum stellen --
-sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig -- und wir geriethen
-aneinander!«
-
-Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich wieder fort:
-
-»Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn du =ihn=
-wegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit sein und du hättest der ganzen
-Bande noch einmal tüchtig die Hölle heiß gemacht. An Das, was später
-kommen könnte -- dachte ich nicht -- habe ich nie gedacht -- nie!«
-
-»Ja, ja!« sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder schwach
-zurücksank, »das weiß ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!«
-
-»Nur Eins noch, Erting,« sagte Gerald, und faßte des Andern Hand, »ich
-spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier
-mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie
-Beide taugen nicht für einander, ich kenne das Mädchen besser -- sie
-würde unglücklich werden und machen! Die hätte zu so einem Durchgänger
-gepaßt wie ich bin, -- nun, es sollte nicht sein!«
-
-»Rüdiger,« sagte Erting mit vor Rührung zitternder Stimme, »nun hören
-Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, daß wenn Sie sterben
-sollten -- wenn ich Sie umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß
-ich dann noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, das nicht!
-das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, denn sie weiß ganz gut,
-daß Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie
-wieder gesund sind -- und Sie =werden= wieder gesund werden -- dann
-sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt -- =ich= stehe Ihnen
-nicht mehr im Wege!«
-
-»Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth annehmen?« rief
-Rüdiger fieberhaft erregt, »ich hätte gehofft, daß Sie mich nun besser
-kennten!«
-
-Erting sah vor sich nieder.
-
-»Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,« sagte er und wurde roth, »so
-sehr großmüthig wäre es nicht 'mal von mir! Ich habe schon lange das
-Gefühl, als wenn Edith Brandau und ich einen dummen Streich begangen
-hätten, als wir uns verlobten, und -- und ich muß Ihnen nur sagen, ich
-habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, -- nun, Sie können sich
-das Andere denken!«
-
-Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das Haar von der Stirn.
-
-»Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe ich, das wissen
-Sie ja so gut wie ich, und dann, wie Edith ist, habe ich sie mir durch
-meinen tollen Streich von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie
-läßt sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war -- und
-ich war es nicht -- jetzt bin ich es geworden, glauben Sie mir, Erting!
-Aber ich habe nun genug gesprochen, ich will schlafen!«
-
-Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht in den Kissen.
-
-Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. Doktor Stein wurde
-geholt, Rüdigers Zustand hatte sich aufs Heftigste verschlimmert.
-
-Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um Mitternacht zurückfuhr
-und versprach, gegen Morgen noch einmal wiederzukommen, da wußte man im
-Schloß, daß Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch nach
-Stunden zähle.
-
-Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, sie flog mit
-ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von Brandeck und schlug an die
-Fenster, hinter denen Edith wohnte, und schlug auf das verzweifelnde
-Herz von Geralds erster Liebe.
-
-Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung wieder in den
-Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem Halbschlummer. Erting öffnete
-leise die Thür, als er Schritte im Vorzimmer vernahm.
-
-»Stein, sind Sie es?«
-
-»Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,« sagte der Doctor mit
-unterdrückter Bewegung, »machen Sie einmal Platz, Erting!«
-
-Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief verschleierte
-Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte ihm beide Hände hin.
-
-»Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan habe -- und
-verzeihen Sie mir auch diesen Schritt -- aber ich mußte Ihn noch
-=einmal= sehen!«
-
-Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. »Gehen Sie zu ihm, Edith,
-ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten -- der da drinnen hat Sie mit
-seinem Blut erkauft!«
-
-Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, sie sah einige
-Augenblicke in sein bleiches Gesicht und dann kniete sie neben ihm
-nieder und küßte seine Hand.
-
-Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr glücklich, und sagte:
-»Nicht wahr, du bleibst jetzt bei mir?«
-
-Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte, schloß er die
-Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.
-
-»Das war ein Gewaltstreich,« sagte Doctor Stein eine Stunde später
-zu Erting, »aber er hat die Krisis beschleunigt. Ich halte ihn für
-gerettet!«
-
- * * * * *
-
-Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte, war Alles gekommen,
-wie es hatte kommen müssen! Gerald Rüdiger und seine schöne Frau
-standen auf der Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen
-Augen des »tollen Junkers« war ein ernsteres Licht aufgegangen; dies
-und der steife Arm, der noch immer nicht wieder ganz beweglich sein
-wollte, gemahnte noch an die Vergangenheit, die ihm heute wieder
-besonders lebhaft nahe gerückt worden.
-
-Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht -- Ludwig Erting, der
-den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichts =dieser=
-treuen Liebe gerührt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in
-ihrer hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven
-Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen und Tüchtigen zu halten.
-
-Und Rüdiger? -- Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten geträumt,
-ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar über dem
-Wolfsdorffer Schloß emporsteigt, stehen er und -- noch Eine am
-Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzählt ihm
-immer wieder die Geschichte, die zu hören er nicht müde wird -- die
-Geschichte von der Liebe seiner Jugend -- von dem Kampfpreis seines
-Lebens.
-
-
-
-
- Finderlohn.
-
-
-Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte eine mir befreundete
-Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall
-führte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die
-etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkürzt zu sehen,
-bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es war allerdings kein Damencoupé,
-welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist
-dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn
-Jahre zählt, zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung
-vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts -- aber ich bin
-noch nie in einem solchen Coupé gefahren, ohne mich über die kleinliche
-Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen
-Hitze und Kälte und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln
-zu ärgern, die eben auf den Stationen =nicht= zu haben waren.
-
-So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma
-erlöste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der
-den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand
-sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen,
-freundlich begrüßte.
-
-Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die ich zu
-erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn
-zu beschreiben mit all' dem Enthusiasmus, den ich für ihn empfand;
-erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in
-der stillen Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht
-irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile
-mit dem mich noch in der Erinnerung entzückenden herzlichen Lachen, in
-welches er zuweilen ausbrach, ruft: »Das soll =ich= wohl am Ende sein?«
-
-Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als
-seine freie Stirn von schneeweißem, feinem Haar umwachsen war, welches,
-glänzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft
-stand, und die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen
-auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn
-unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schöne, lebhafte,
-recht junge Augen hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten
--- jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten Gesundheit lag
-auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, goldene Heiterkeit
-einer ewigen Jugend tönte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen,
-mit welchem er in jeden Scherz einstimmte.
-
-Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn!
-Das ist ein Damenwort, ich weiß es, aber ich bleibe dabei und rufe
-zum Schluß meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur
-ein reizender alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar
-den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen
-habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur daran zu denken, erheitert
-mich noch! Ueber den kleinen, schäbigen Jungen, der auf einer Station
-emsig und still vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die
-mit eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen,
-über die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine
-klangvolle italienische Leier uns die »schöne blaue Donau« zu hören
-gab, wie ernst und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine
-sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder über
-seine eigene Rührung lachte!
-
-Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem
-liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten hatten, durch eine zufällige
-Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen
-vor kurzem stattgefunden.
-
-Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte einen Ausflug zu ihrer
-Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten
-dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor
-Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach
-Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln über so
-schnell gewonnene Herzen und ich meinte:
-
-»Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das sich nur acht Tage
-gekannt hat, ehe es ein Brautpaar wurde! Eine bedenkliche Sache!«
-
-Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf nach uns um.
-
-»Verzeihen Sie,« begann er lächelnd, »wenn ich mich in Ihr Gespräch
-mische, welches von Persönlichkeiten handelt. Aber von der Bemerkung,
-die Sie eben machten, mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen,
-als daß ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem Fall,
-von dem Sie eben sprechen -- ich habe meine Frau sogar nur drei oder
-vier Mal gesehen, eh' wir uns verlobten, und wir sind doch ein sehr
-glückliches Ehepaar geworden.«
-
-Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung nicht
-unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich fände. Mein
-alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher Miene zu, es mochte ihm
-wohl schon öfter vorgekommen sein, daß er so schnell Eroberungen machte.
-
-Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die Frage an ihn, wie
-das denn gekommen sei, ob er nicht Zeit gehabt hätte, sich länger zu
-besinnen?
-
-Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in unsere neugierigen
-Gesichter, dann sagte er freundlich:
-
-»Ja, so etwas hören junge Damen immer gern! Aber es ist eine lange
-Geschichte, am Ende komme ich an's Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh'
-ich zu Ende bin!«
-
-»Ach bitte,« riefen wir Beide, »es wird schon gehen, die Geschichte ist
-=uns= sicher nicht zu lang -- wenn Sie so sehr freundlich sein wollen!«
-
-Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle Drei gemüthlich
-zurecht und er begann:
-
-»Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich auf Freiersfüßen
-ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf
-der wir jetzt so selbstverständlich durch die Welt fliegen, war damals
-etwas ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem
-Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. So gewöhnt sich der
-Mensch an Alles und wir nennen die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll,
-ihr wird nur eben Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große
-Leute erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph war
-damals auch erst eben erfunden -- ja, ja, denken Sie nur!
-
-Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte Zeit
-anzutreten, ein Entschluß, der mir um so leichter wurde, als ich ganz
-frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden
-besaß, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang
-der Zeitströmung, auf den schönen Namen »Nap« hörte. Nicht wahr, eine
-ziemlich durchsichtige Abkürzung im Jahrhundert der Freiheitskriege?
-
-Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter
-Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte
-mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund
-und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, daß
-ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine
-lieben alten Tanten nicht ausgenommen.
-
-Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar
-Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich
-Zeit ließen. Schon die äußere Umgebung der beiden alten Damen war die
-Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause,
-nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten
-Fensterscheiben auszeichnete und grüne Jalousien hatte. Das Häuschen
-war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken
-und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum mit der
-Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da können Sie glauben, daß
-kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen,
-sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar
-ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und gewissenhaftere
-Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen
-sich ganz gleich, hatten Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte
-Löckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man sie jetzt
-nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen.
-
-An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit meinem Nap bei den
-Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre
-Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen
-Dimensionen ungefähr der Art waren, als hätten die sieben Zwerge fragen
-können: »wer hat von meinem Tellerchen gegessen« u. s. w. Aber ich
-ließ es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Pläne
-für die nächste Zeit mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem
-kühnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene
-Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut
-nehmen wollten.
-
-Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern nicht wenig
-erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft,
-ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen,
-beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute
-Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut'
-nicht anzuschlagen, endlich nahmen sie _a tempo_ die Brillen ab und
-sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes,
-deutliches »Ja!«
-
-Ich wußte, welch' ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch
-dankbar aus, ich fügte bei, daß nur das Bewußtsein, meinen Hund in den
-besten Händen zu wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und
-dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmüthigen
-Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich erklärte meinen schnellen
-Aufbruch damit, daß ich am nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn
-weiter müsse, welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte,
-von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen meinen Weg
-fortsetzen.
-
-»Und, liebe, beste Tanten,« fügte ich noch dringend hinzu, »laßt Nap
-die nächsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewiß Versuche machen
-mir nachzusetzen und könnte alsdann verloren gehen!«
-
-Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten und dankbaren
-Abschied, während Nap, durch ein Schüsselchen Milch in's Haus gelockt,
-ahnungslos diesen Labetrank schlürfte.
-
-Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als ich in das Städtchen
-H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet,
-zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß,
-der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, der auf meine Nase
-fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch stürzte hernieder
-und das liebenswürdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt,
-recht gründlich »einzuregnen.« Unter diesen Umständen eine Fußtour
-beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das
-Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr als Thorheit gewesen. Es hieß also
-warten!
-
-Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der
-vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster
-hinaus. Zum Glück war ich von jeher besonders unfähig, mich zu
-langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas
-Unterhaltendes in die Quere -- es ging nicht!
-
-Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht gut langweilen
-können, aber da lag gerade dem Gasthause gegenüber ein ganz
-allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hören gab.
-Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes
-beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen
-Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht
-ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.
-
-An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge Dame und nähte. Ihr
-Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bückte sich immer sehr tief auf die
-Arbeit; ich sah nur ein Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse
-eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um einen
-seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.
-
-Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Muße, diese
-Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen
-Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher
-Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen
-hatte, denn er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden Schirm
-über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige Person schon
-innerhalb der Hausthür war. Und dann zur Thür hinaus schüttelte und
-spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug
-wäre.
-
-Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über mein _vis-à-vis_
-erfahren können, aber ich wollte es nicht -- es war so sehr ergötzlich,
-mir meine Schlüsse aus Dem zu ziehen, was ich sah.
-
-Der Hausherr war entschieden =kein= Arzt, dazu kam er zu regelmäßig
-nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame
-am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich
-stets geraden Weges zu ihr in's Zimmer. Dann stand sie sofort auf,
-legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person,
-die ich häufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren
-Jahren, mußte die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn
-wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.
-
-Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein
-wenig lichter zu werden, ich trat an's Fenster und, wie mir schon zur
-Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß
-die junge Dame -- dies Mal ohne Näharbeit -- ich hätte ihr Gesicht
-gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen --
-sie weinte!
-
-Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir
-zugeben, daß ein junges Mädchen mit so schönen blonden Zöpfen, die
-von ihrem Papa verzogen wird und -- weint, ein Fall ist, über den man
-nachdenklich werden kann.
-
-Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die Augen, schrieb
-einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verließ das
-Fenster. Wenige Minuten darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat
-heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte
-nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das muß ich schon sagen!
-
-Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, weiß
-ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in
-respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet.
-
-Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm meiner Schönen und
-drehte ihn von innen nach außen, er machte, wie man zu sagen pflegt,
-eine Tulpe daraus. Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter
-Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen Versuch, den
-treulosen Beschützer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte
-ihre Schritte und eilte in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das
-tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul,
-betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen
-Dame gegenüber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die
-Hausthür, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um
-zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. »Kein Trauring!«
-dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute.
-
-Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, nahm das Fräulein
-ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung
-zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink
-des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich
-bescheiden vor und bot meine Hülfe an, die auch freundlich angenommen
-wurde.
-
-Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht
-sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich
-wendete alle Gewalt an, der Tückische aber verstand keinen Spaß,
-sondern brach gelassen mitten durch. Das Fräulein sah erschrocken
-aus, aber nicht zornig -- durchaus nicht zornig, was ich mir
-mit richtiger Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen
-Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, stammelte
-ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubniß, meinen
-Schirm als Ersatz anbieten zu dürfen, wozu mich noch die egoistische
-Hoffnung stachelte, ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen
-Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der
-blondzöpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht
-mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders!
-
-»Ich danke sehr, mein Herr,« sagte das junge Mädchen freundlich, »ich
-kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine
-Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich
-es dankbar an!«
-
-Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, daß ein sehr
-liebenswürdiges »Danke« mich belohnte, dann, während ich, den Hut in
-der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame
-zum Kutscher hinauf: »Nach der Zeitungsexpedition!« Der Schlag fiel zu
--- und da stand ich.
-
-Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der
-Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestürmten mich --
-sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts
-wissen soll? Erst Thränen, dann Zeitungsexpedition -- verdächtige
-Zusammenstellung!
-
-»Dahinter muß ich kommen,« rief ich so zornig, als wäre ich der
-Beichtvater der kleinen Dame.
-
-Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mußte einen Vorwand
-haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen
-fragen? Nein, das war mit einem »Nichts für Sie!« zu schnell abgemacht.
-Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der
-Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: »Ein kleiner,
-schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen
-Nap hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten,
-denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grünen Falken,
-Zimmer Nr. 10, abzugeben.« Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache
-an Wahrscheinlichkeit gewönne und die junge Dame nicht glaubte, ich
-wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.
-
-Nun denken Sie -- der arme Nap! Er mußte noch herhalten, mußte sich
-angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu
-bringen! Einige Kreuz- und Querfragen führten mich rasch nach der
-Expedition des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den
-ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.
-
-Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor,
-welche fast bis an die Thür hin sich drängte und nur langsam zum
-Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am
-Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den
-Augenblick der Beförderung.
-
-Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, dabei etwas von
-»glücklichem Zufall« murmelte, sah sie mich überrascht an, erröthete
-und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, daß sie diese
-zweite Begegnung für keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung
-erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung
-nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht.
-
-»Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor
-drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der
-Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein
-verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!«
-
-Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, daß sie mir
-Unrecht gethan -- nach =ihrer= Ansicht -- und ärgerte sich vielleicht
-ein wenig über die Eitelkeit, welche ihr zugeflüstert, ich sei
-wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete
-etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines
-Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.
-
-»So, wie es hier beschrieben ist,« fügte sie hinzu und reichte mir den
-kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. »Können Sie mir wohl sagen,
-mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus
-Niemand darum fragen,« setzte sie treuherzig hinzu, »weil -- nun, weil
-ich fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er erführe,
-daß ich eben =dieses= Besitzthum verloren habe!«
-
-Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand die Anzeige,
-daß ein schmaler goldener Ring mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen
-darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...straße Nr. 6
-abzugeben sei.
-
-»Sie können sich einige Worte sparen,« bemerkte ich; »mit Ihrer
-Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere Form.«
-
-Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das Original des
-kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem
-Fräulein die Copie überreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken.
-
-»Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,« begann sie nun ihrerseits
-etwas schüchtern, »ist es auch ein Andenken?«
-
-»Ja, aber anderer Art,« erwiderte ich, »=mein= Andenken hat vier Beine,
-einen krausen, schwarzen Pelz und bellt -- mein Hund ist mir verloren
-gegangen!«
-
-»Ach, wie schade,« sagte sie bedauernd, »aber wie kann man einen Hund
-verlieren!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu.
-
-»Nun,« gab ich ruhig zurück, »ebensogut, wie man einen Ring verlieren
-kann, den man am Finger trägt.«
-
-Sie lachte.
-
-»Ich hatte ihn aber abgezogen,« erwiderte sie eifrig, »ich wollte ihn
-zu dem Juwelier dort drüben tragen,« sie wies nach einem hübschen Laden
-mit großen Spiegelfenstern, »wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben
-will -- ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder sonst wo verloren
-habe, weiß ich nicht.«
-
-»Ich denke, er findet sich wieder,« tröstete ich, »und ich für meine
-Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen Augen umhergehen -- wer
-weiß, ob ich nicht das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und
-dann so glücklich bin, es Ihnen zu geben.«
-
-In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die junge Dame eilte
-vor, gab ihren Zettel ab und verließ mit einer flüchtig freundlichen
-Kopfneigung gegen mich die Expedition, während ich nach ihrem
-Verschwinden gedankenlos mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte,
-daß es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem Druck zu
-übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen Dingen läßt sich zwar noch
-viel sagen, aber nichts mehr thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd
-und sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft weiter
-spinnen sollte.
-
-Plötzlich fiel mir etwas ein.
-
-Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort kein Mal,
-also wollen wir es noch ein zweites Mal thun, und dabei mehrere Fliegen
-mit einer Klappe schlagen -- die Gelegenheit zur Fortsetzung einer
-Beziehung finden, die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen
-Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen.
-
-Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, mir etwas
-vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen Dame bezeichneten
-Juwelierladen und bat, mir verschiedene Ringe vorzulegen. Während der
-Kaufmann das Verlangte herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf
-dem Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald über Namen
-und Stand meines Gegenüber bereitwillig Auskunft ertheilte.
-
-Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie ich vermuthete,
-Justizrath -- leider sind die Adreßbücher nicht ausreichend, um
-sonstige gewünschte Details über eine Familie zu erfahren. Indeß ich
-wußte genug und begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu
-spinnen.
-
-Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche Kaufherr mir
-vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte endlich, dies sei Alles nicht
-was ich wollte, ich brauchte einen bestimmten Ring.
-
-»Ich will genau denselben haben, den Fräulein W..., die Tochter des
-Justizrath W... in der T...straße, besitzt, es handelt sich um eine
-Wette,« fügte ich rasch hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und
-sogar ein wenig lächelte.
-
-»Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,« sagte er nun, »und ich hatte
-genau denselben noch einmal, habe ihn aber meiner Tochter geschenkt,
-der er bei Fräulein W... so gut gefiel.«
-
-»Das ist betrübend,« erwiderte ich achselzuckend, »denn ich müßte ihn
-bald haben. In zwei bis drei Tagen spätestens verlasse ich die Stadt
-und möchte meine Wette gern vorher noch zum Austrag bringen.«
-
-Der Juwelier besann sich ein Weilchen.
-
-»Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,« begann er dann zögernd,
-»so könnte ich ja meiner Tochter später ein anderes Exemplar des
-Gewünschten anfertigen lassen -- er ist nun freilich schon längere Zeit
-getragen worden und sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer
-Ring.«
-
-»Um so besser,« rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte aber dämpfend
-hinzu, »ich meine, das schadet nichts -- wenn Ihr Fräulein Tochter so
-sehr gütig sein wollte!«
-
-»Ich will mit ihr sprechen,« bemerkte der Vater, dem die Sache
-zweifelhaft schien, »vielleicht bemühen Sie sich morgen früh noch
-einmal zu mir.«
-
-Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich darüber
-nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen werde. Nachdem ich mein
-schönes _vis-à-vis_ einmal gesprochen, konnten mich die stummen
-Fensterbeobachtungen nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch
-unstatthaft geworden.
-
-In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es ist, sich
-darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch genug vergeht! Aber die
-Jugend, mit ihrem unerschöpflichen Reichthum an zukünftigen Tagen,
-möchte oft das »heute« mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu
-irgend einem ersehnten »morgen« zu gelangen!
-
-Nun, auch mein Tag ging dahin -- und ehe ich mich's versah, war der
-Abend da und die Nacht -- ich ging auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu
-begeben.
-
-Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah auf die Straße und
-auf das Haus gegenüber.
-
-Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein lag auf den
-Dächern, milde, warme Luft strich über meine Stirn -- ich konnte weiter
-reisen -- wenn ich wollte!
-
-Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und trat im Traum
-auf einen kleinen harten Gegenstand, der sich als ein Ring mit einem
-blauen Stein auswies. Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem
-Hause des Justizraths begeben -- da klopft es an meine Thür, und die
-naseweise Bemerkung: »Der Barbier ist da!« ruft mich aus der Traumwelt
-in die rauhe Wirklichkeit zurück.
-
-Ich frühstückte eilig -- es war mittlerweile elf Uhr geworden -- und
-wollte eben das Hotel verlassen, als ich neben meiner Kaffeetasse die
-neueste Zeitung liegen sah.
-
-Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil -- richtig -- da stand der
-kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.
-
-Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.
-
-Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war angebrochen -- zu einer
-Gebirgsreise wie geschaffen!
-
-Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste!
-
-Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem lächelnden Gesicht des
-Inhabers, daß »Goldschmieds Töchterlein« wirklich so liebenswürdig
-gewesen sei, den Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein
-neuerworbenes Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach
-dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner eifrigsten
-Beobachtungen war.
-
-Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir sagte eine innere
-Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich einen bedeutungsvollen
-Lebensabschnitt beträte -- und mit heiligem Schauder zog ich an dem
-Klingelgriff.
-
-Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte, mochte
-wohl Verwunderung erregen, um so mehr, da ich nach den Damen gefragt
-hatte, also nicht wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte
--- aber ich wurde angenommen und befand mich bald in einem großen,
-hellen Zimmer, das in einen schönen, blumengeschmückten Gartensalon
-Einblick gewährte.
-
-Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame -- aber sonst war
-Niemand zu sehen!
-
-Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz ausgearbeiteten
-Entwurf einen häßlichen Strich machen zu wollen -- indeß ich konnte
-nichts weiter dabei thun!
-
-Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung und sah mich fragend an.
-
-»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« begann ich, mit einer
-mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend, »daß ich so fremd hier
-einzudringen wage. Meine Kühnheit ist nur durch einen besondern Umstand
-zu entschuldigen -- ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß
-eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren hat -- und ich
-bin so glücklich gewesen, denselben wiederzufinden!«
-
-»Ach, Sophiechen's Ring,« rief die Dame mit sehr freundlichem Gesicht,
-»das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst
-zu uns bemühen. Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring
-gegrämt, sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so bald gestorben
-ist, eine Schwester der Frau Justizräthin, die uns auch leider so früh
-entrissen wurde, und da durfte gar nichts verlauten, daß der Ring
-verloren war, denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut,
-wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar zu Sophiechen ein
-sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, wie die Herren sind, sie haben
-alle ihre Eigenheiten und eigen ist der Herr Justizrath auch.«
-
-Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, ein Wort
-einzuschieben.
-
-»Nun aber,« fuhr die gute Dame fort, »will ich Sophiechen holen. Sie
-sollen selbst sehen, was sie für eine Freude haben wird! Sie ist ja
-schon ganz unglücklich über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht
-genug wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding, wie leicht
-konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen gestern -- er konnte
-in die Gosse fallen -- und weg war er! Es konnte ihn ja auch Jemand
-finden, der nicht ehrlich war -- es giebt zu schlechte Menschen!«
-
-Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie verließ mit den
-Worten: »Einen Augenblick, mein Herr!« das Zimmer, während ich meinen
-Ring in der Hand hielt, mich schämte und mich freute.
-
-Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder eintrat, und dicht
-hinter ihr das junge Mädchen, deren Bekanntschaft ich schon gestern
-gemacht.
-
-Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine kleine
-vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben mit einigen erklärenden
-Worten nähern, als die Alte wieder dazwischen fuhr.
-
-»Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du wunderst dich wohl schon,
-nicht wahr? Wie ich ihr sage, daß sie mitkommen soll, es wäre ein
-fremder Herr da, da sagt sie: »Tante, was soll ich denn drüben, du
-kannst doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,« denn sie war
-gerade über dem Einkochen von --«
-
-»Liebe Tante,« unterbrach sie das Mädchen freundlich, »das kann den
-Herrn unmöglich interessiren!«
-
-Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich fragend an.
-
-»Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich so große
-Verwunderung meinerseits verspricht?«
-
-»Ich war so glücklich,« begann ich stockend, hielt aber inne und
-überreichte ihr den Ring.
-
-Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und zwei große Thränen
-traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter Hand kam sie auf mich zu.
-
-»Ich danke Ihnen -- ich danke vielmals! Sie machen mir eine unendlich
-große Freude -- mein lieber Ring!«
-
-Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger Betrüger
-vor! Hier stand ich und nahm Dank, Freudenthränen, freundliche Aufnahme
--- sogar einen freundlichen Händedruck entgegen -- für einen ganz
-abscheulichen Schwindel.
-
-Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen, und herausgeworfen zu
-werden, als sich die Thür auf's neue öffnete und der stattliche Herr
-des Hauses eintrat.
-
-Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der Mitte des Zimmers
-erblickte.
-
-Sie -- die Gruppe -- sah auch nicht unbedenklich aus! Ein verlegener
-junger Mann, ein erröthendes Mädchen mit Thränen in den Augen und einem
-Ringe in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen können!
-
-Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften Justizrath ein
-und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen, Vorstellungen -- bis
-er sich lachend die Hände vor die Ohren hielt.
-
-»Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, daß Sophie ihren
-Ring verloren und wiederbekommen hat und daß wir Ihnen, mein Herr,
-dafür zu danken haben.«
-
-Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht verdiente! Ich
-erstickte fast daran und mußte mich nun noch von dem Papa auf's Sopha
-nöthigen lassen und eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei
-plaudern!
-
-Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, wie einem Friseur
-oder Schneidergesellen zu Muth sein muß, der als Graf in ein Weltbad
-reist und demgemäß behandelt wird.
-
-Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im Begriff, meine
-Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber ehrliches Schaf aus meinem
-Wolfspelz hervorzukriechen -- aber der Zauber des Augenblicks war
-stärker als ich -- ich blieb und schwieg.
-
-Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht länger vom Genuß
-des Mittagessens zurückzuhalten, lud mich der Hausherr in freundlicher
-Weise ein, den Abend bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber
-äußerlich mit schöner Fassung annahm.
-
-So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher Unbekanntschaft
-in das verzauberte Schloß gedrungen, aber das Ritterschwert, welches
-mir den Weg zur Prinzeß Dornröschen gebahnt hatte -- war eine Lüge! Mit
-einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die Mittel heilige,
-sang ich mein Gewissen in Schlaf, und kehrte in den Gasthof zurück.
-
-Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, mit einer groben
-Physiognomie, er trug einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm. Ich
-achtete nicht auf ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich
-angenehmen Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen zu überlassen.
-
-Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf.
-
-Auf mein »Herein!« erschien zuerst der wohlfrisirte Oberkellner, hinter
-ihm der Mann in der blauen Jacke mit dem Hunde, den ich beim Eintreten
-bemerkt hatte. Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das
-Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm entgegenhielt,
-sagte er:
-
-»Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie verloren haben?«
-
-Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust und Beschämung
-kämpften heftig in mir -- die greifbaren Folgen der =zweiten= Lüge
-machten sich bemerklich.
-
-»Nein,« sagte ich kurz, »das ist nicht mein Hund!«
-
-»Am Ende doch!« bemerkte der Fremde, »er ist ja schwarz und klein!«
-
-Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien es nicht wieder
-an sich nehmen zu wollen. Die kleine, höchst gemein aussehende Creatur
-fuhr, wahrscheinlich durch schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend
-und schreiend auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise
-nach meinen Stiefeln.
-
-»Sehen Sie, er kennt Sie!« sagte das blaujackige Individuum mit der
-größten Frechheit, »ich bitte um die Belohnung, die in der Zeitung --«
-
-»Das ist doch zu stark!« rief ich nun meinerseits geärgert, »dieses
-Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich, und Sie wollen von mir noch
-eine Belohnung? Dort ist die Thür!«
-
-Der Mann rührte sich nicht.
-
-»Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld aus -- ich habe zwei
-ganze Stunden hier auf Sie gewartet und meine Zeit kostet Geld!«
-
-»Nemesis!« dachte ich und gab ihm, um es kurz zu machen, ein Geldstück,
-worauf er den Hund wieder wie ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem
-höhnischen Kratzfuß das Feld räumte.
-
-Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen und ein großer
-schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten -- der Junge sogar einen
-weißen! -- und die mit Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld
-und wer weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend sollte
-mich für diese Mühsal belohnen.
-
-Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen neuen Freunden, und
-wir plauderten so gemüthlich, als kennten wir uns schon seit langer
-Zeit.
-
-Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns ein Lied; der Vater
-sah vergnügt dazu aus -- und ich -- nun ich war auch ganz befriedigt
-von meiner Lage. Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau,
-daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch einen Ring
-angefangen hatte -- wenn es nach mir ging, sollten noch mehr Ringe in
-unseren gegenseitigen Beziehungen eine Rolle spielen. Also, es geht
-manchmal schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt!
-
-Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im Hause des
-Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft aufgestöbert,
-die zwischen einer Großmutter meiner Stieftante und einem Onkel des
-Justizraths bestanden haben konnte -- ich hatte also gewissermaßen ein
-Recht, dort zu sein!
-
-Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend mit Sophie und der
-Tante im Gartensaal saß und die Letztere abgerufen wurde.
-
-Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten Gefühlen
-gleich Worte gegeben? O nein, so von selber ging das nicht! Ich mußte
-noch gehörig durch die Traufe.
-
-Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung zusammen, wie
-das so leicht kommt, wenn man mehr zu sagen wüßte, als recht angehen
-will -- da stürzt freudeglühenden Antlitzes die Magd des Hauses herein.
-
-»Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! Ich bin in Ihrer
-Stube und nähe und da fällt mir der Fingerhut auf die Erde und kollert
-unter den großen Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den
-Schrank etwas beiseite und was finde ich? -- Ihren Ring, den Sie so
-gesucht haben!«
-
-Prosit die Mahlzeit!
-
-Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment dachte. Mein Hauptgefühl
-war lebhaftes Bedauern, daß die Wohnungen wohlhabender Privatleute
-keine Versenkungen haben, in denen man in so entschieden blamablen
-Augenblicken verschwinden könne.
-
-Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden. »Ich danke, Christiane,
-es ist mir sehr lieb, daß der Ring da ist -- Sie können gehen!«
-
-Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft über die ruhige
-Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.
-
-Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.
-
-»Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über dies sonderbare
-Zusammentreffen aufzuklären und -- Ihr Eigenthum wieder an sich zu
-nehmen!«
-
-Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den ich gefunden haben
-wollte, vom Finger und hielt ihn mir hin.
-
-Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun sollen -- ich
-beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie sie mich interessirt
-hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, wie lebhaft ich gewünscht,
-in das Haus ihres Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze
-Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt hätte. Und
-dann bat ich sie flehentlich, den Ring zu behalten und wurde immer
-eifriger und beredter und sagte schließlich Alles heraus, daß ich
-den Ring nur dann wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern
-vertauschen dürfte -- mit dem Verlobungsring!
-
-Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die Thatsache, daß der
-wirkliche Ring noch heut hier an meiner Uhrkette hängt -- sehen Sie,
-das ist er! und daß Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine
-Frau ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment zurückzukommen,
-so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen, als plötzlich der Diener
-erschien und mir ein Telegramm überreichte.
-
-Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war von meinen
-Tanten und lautete:
-
-»Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!« Daß nun die
-Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß Abends, als die
-Gesundheit des Brautpaares getrunken wurde, der Schwiegervater meine
-ganze Schlechtigkeit erfuhr, das können Sie sich denken.
-
-Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und
-Verloben und es hält doch.«
-
-Der Zug begann langsamer zu fahren.
-
-»Leben Sie wohl, meine jungen Damen,« sagte der liebe, alte Herr
-mit seinem freundlichsten Lächeln, »vergeben Sie, wenn Ihnen meine
-Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer
-geht's nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch sehr
-unangenehm, wenn es an's Licht kommt!«
-
-Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich habe ihn seitdem
-nicht wieder gesehen. -- Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen
-ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir
-entgegenglänzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!
-
-
-
-
- Glück muß man haben!
-
-»Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner Werbung nicht
-durchaus abgeneigt sein sollten, so darf ich wohl die ergebene Bitte
-aussprechen, die Inlage Ihrer Fräulein Tochter zu übergeben und mir,
-in freundlicher Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort
-womöglich noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu lassen, was sich
-ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung zwischen hier und
-Frankenberg sehr wohl ermöglichen läßt.«
-
-Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck seinen Brief,
-steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: »An Herrn Amtsrath
-Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg« und legte das bedeutungsvolle
-Schriftstück mit einem erleichterten »So« vor sich auf den Tisch.
-
-Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte schon in
-unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen -- noch dazu einen
-Sonntagsmorgen -- der frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel
-verhüllt über der schlafenden Stadt emporstieg.
-
-Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen Schreiberei
-gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen Gemisch von nüchterner
-Müdigkeit und nervöser Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten
-Morgenstunde so leicht empfinden, am geöffneten Fenster Platz. Es
-schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen, den Schlaf noch einmal
-aufzusuchen; er blickte, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll
-auf den leeren Marktplatz zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte
-sich ihm die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung des
-Werbebriefes so -- ja so richtig nüchtern zu Muthe sei? Oder lag es bei
-ihm in den besonderen Verhältnissen?
-
-Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem Sprunge. Sein
-Abschied vom Militair war eingereicht und er trat bis zur Bewilligung
-desselben am nächsten Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut
-selbst zu übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem ihm jeder
-Zoll Boden bekannt war.
-
-Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn seiner Eltern,
-des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers, seiner schüchternen,
-graublonden Frau, und seiner noch schüchterneren und noch graublonderen
-Tochter Amalie.
-
-Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte Fritz gar nichts
-vernünftigeres thun, als Amalien zu heirathen -- »die Aecker grenzten
-nachbarlich zusammen, die Herzen stimmten überein« -- oder wenn sie
-es nicht thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und an
-Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund, warum die Besitzer
-dieser Herzen nicht äußerst glücklich mit einander werden sollten.
-
-Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines hin und wieder
-hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, ein ganz klein wenig
-Philister -- das heißt Familienphilister! -- was man daheim für gut
-und wünschenswerth erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben
-ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie Solgers immer
-als etwas gutes und wünschenswerthes geschildert und erschienen. Immer
--- bis heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!
-
-Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt vor sich auf dem
-Tische, in den herrlichen jungen Tag hinausblickte, der in seinen halb
-durchsichtigen Wolkenschleiern die waldigen Hügel des nahgelegenen
-Höhenzuges bald zeigte und bald verbarg -- da überfiel ihn mit
-plötzlicher Traurigkeit das Bewußtsein, =was= ihm eigentlich fehle! So
-duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form und Umriß muß nicht nur
-die Frühstunde eines schönen Tages -- nein auch die Morgenstunde des
-Lebens sein, wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der
-=Ungewißheit= war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte -- es lag nicht
-vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht, die man mit ahnungsvollem
-Entzücken, unbekannten Abenteuern entgegen, betritt -- sein Schicksal
-glich einem kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein,
-abgegrenzt, durch und durch alltäglich -- und nur =dem= begehrenswerth,
-der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher schon getrunken hat!
-
-Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose Nacht es sei, die
-ihm sein neues Glück in so überwachter, mattfarbiger Beleuchtung zeige,
-und griff nach der Mütze, entschlossen, den mahnenden und grollenden
-Stimmen in seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch
-Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.
-
-Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und zweifelhaft
-betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem späten Abend auf Antwort
-nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, daß sein zukünftiger
-Schwiegervater in der Laune sein sollte, ihm sofort ein »Ja« oder
-»Nein« zuzurufen oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie gesagt,
-ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament entsprechende
-Stimme, vermittels derer er die sanften Einwürfe seiner Frau und
-Tochter einfach todtschrie.
-
-Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen Bescheid zu
-warten hat um so weniger etwas Verlockendes, wenn die Zeit einem
-Sonntage angehört. Das dunkle Gefühl, daß dies der letzte Sonntag
-ungebundener Freiheit für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der
-Woche schon als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen
-Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene sitzen
-werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell, ohne viel zu
-überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner Uniform anlegte, mit
-dem Entschlusse, diesen »letzten Sonntag« noch auf irgend eine Weise
-auszunützen, und sich als Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die
-Hand zu geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen
-meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten Tag zu gönnen.
-
-»Aber der Brief muß fort,« sagte Fritz vor sich hin, während er sich
-anschickte, das Haus zu verlassen, »denn sonst bleibt die Geschichte
-wieder wochenlang liegen, und ich möchte nun endlich einmal damit ins
-Reine kommen.«
-
-Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz hinaus, an
-dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend entgegenwinkte.
-
-Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens verschwunden war,
-erhob er die Augen und erblickte zwei weibliche Gestalten, welche an
-ihm vorbei über den Platz gingen.
-
-Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde das Haus
-verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen wuchs mit großer
-Schnelligkeit, als er bemerkte, daß eine der beiden Spaziergängerinnen
-ein junges Mädchen von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige
-Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts einen leichten
-Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, daß zwei blitzende,
-dunkelblaue Augen sich als Licht in diesem Schatten befanden. Den
-Augen entsprechend trug das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung
-des Mädchens, welches eben der Schule entwachsen zu sein schien,
-ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes und
-Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche Beweglichkeit
-in der Art, wie sie ihren zierlichen, blonden Kopf nach allen Seiten
-drehte und mit der naiven Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie
-trug einen ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am
-Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes weißes
-Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles Rokokoansehen, welches
-unseren Fritz unwillkürlich an Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.
-
-Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr wohlbeleibte Dame
-mit einem unendlich gutmüthigen breiten Gesicht, welches in Form und
-Ausdruck den Abbildungen der Sonne in manchen Bilderbüchern glich.
-Gleichwohl bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf der
-Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar durch Zauberei,
-jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem Haupte erhielt, einen
-gewissen Anstrich von energischer Unternehmungslust.
-
-Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge Mädchen am Arme
-trug, daß die Damen sich nach einem der Kaffeegärten zu begeben im
-Begriff standen, welche, in der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen
-Morgenausflügen benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde.
-Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem gewissen
-Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, welche die
-junge Dame in dem Sande der Promenadenanlagen hinterließ.
-
-An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen nach rechts,
-Fritz that ein Gleiches und befand sich auf einem freien Platze, einer
-zahlreichen, munter durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber,
-die, um einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie
-rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, Nichte,
-Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde freudig und zugleich
-wegen der Verspätung vorwurfsvoll begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr
-es auffing, daß die junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an,
-den Wagen zu besteigen.
-
-Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen Plan und
-ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung, ohne sich Zeit
-zur Ueberlegung zu lassen. Er mischte sich mit edler Dreistigkeit,
-ohne ein Wort zu sprechen, unter die Gesellschaft, und als ein sehr
-geschniegelter, sehr blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen
-Platz neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn mit
-einem höflichen »erlauben Sie« zurück und nahm, seinen Hut artig
-lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften ein.
-
-Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort- und
-bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein Unparteiischer in
-Versuchung gekommen wäre, Fritzens hübsches, biederes Gesicht für ein
-Medusenhaupt zu halten. Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell,
-und ein älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart
-trat mit den Worten auf unseren Helden zu: »Mein Herr, darf ich Sie
-wenigstens bitten, uns zu sagen, =wen= wir die Ehre haben, in unserer
-Mitte zu sehen?«
-
-Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd, erwiderte mit
-großer Unbefangenheit: »Ich sehe eigentlich keinen Grund dafür, mein
-Herr, jeder Mensch hat doch das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen
-Spazierfahrt zu benutzen, ohne sofort über sein _Curriculum vitae_
-befragt zu werden!«
-
-Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich bei der ersten
-Hälfte von Fritzens Entgegnung über die männlichen Gesichter in der
-Gesellschaft verbreitet hatte, wich nach und nach dem ironischen
-Lächeln der Ueberlegenheit; »der wird einen guten Schreck bekommen,«
-stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. Auch der
-alte Herr, welcher der Festordner bei dieser Vereinigung zu sein
-schien, lächelte.
-
-»Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus ist von uns für
-den heutigen Tag gemiethet und zu einem gemeinsamen Ausfluge im
-geschlossenen Kreise bestimmt.«
-
-Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz Beschämung und
-Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann und der dazu gehörigen
-Frau, er bedauerte auf's lebhafteste, ahnungslos einen solchen _faux
-pas_ gemacht zu haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft,
-indem er eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen
-verlockt, nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung
-zurückkehren werde.
-
-Fritz konnte wirklich =sehr= liebenswürdig sein! Auch bei diesen
-Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit und Gewandtheit,
-daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft fast ausnahmslos für ihn
-entschied, was er schlau genug war, zu bemerken. Nur der blonde junge
-Mann, den er von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah
-düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.
-
-Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten
-Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr wieder auf Fritz
-zu und forderte ihn freundlich auf, da er nun einmal in ihren Kreis
-gekommen sei, den Platz im Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren.
-Fritz, dessen Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch
-die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft
-gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen Bekannten zu passen,
-auf seinen Civilanzug hin keck als Kaufmann Schröter vor, und nahm
-mit den Gefühlen eines großen Jungen, der hinter die Schule geht,
-glückselig neben der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen
-Minuten bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine
-Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich mehr als
-zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt hatte. Das
-Mädchen antwortete auch vor der Hand nur in schüchterner, kurzer
-Weise und erröthete jedesmal sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit
-unverhohlener Bewunderung auf ihr ruhten.
-
-Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der Wagen die Stadt
-verlassen hatte und zwischen blühenden Saatfeldern hinaus auf das
-Land zu rollte, plauderten die beiden schon so lustig und harmlos mit
-einander, als hätten sie sich Jahre lang gekannt. =Was= zwei junge
-Leute, die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem schönen
-Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf kommt es gar nicht an, das
-=wie= ist die Hauptsache!
-
-Und =wie= konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er entdeckte
-in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine ungeahnte Fundgrube
-von guten Einfällen in seinem Innern, er hatte nie gewußt, daß es
-ihm gegeben war, gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger
-Form anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes
-Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte hervorzurufen,
-mit einem Wort, er war noch nie verliebt gewesen, dafür war er es
-jetzt intensiver, als er selbst wußte! Und auch seine allerliebste
-Nachbarin schien dem Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die
-Unterhaltung der beiden gerieth nie ins Stocken.
-
-Fritz vermied -- er wußte nur zu gut, warum -- jedes Eingehen auf
-seine persönlichen Verhältnisse, obwohl er seine Lüge schon zu bereuen
-begann. Er hätte am liebsten seine Identität mit dem ernsthaften,
-überlegten jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im Begriff
-stand, eine »Vernunftsheirath« zu schließen. So viel stand bei ihm
-schon nach der ersten Stunde, der größeren Hälfte der zurückzulegenden
-Tour, fest, hätte er die Landpartie oder besser die Bekanntschaft
-seiner anmuthigen Nachbarin =vor= der Abfassung des heutigen Briefes
-gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden.
-
-Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um sich nicht zu
-verrathen, er mußte, um die Situation nicht zu verwickeln, nicht
-Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann Schröter, und er durfte
-nicht daran denken, daß sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem
-Augenblicke, vom Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn
-befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit, sowie die
-Unterhaltung auf ihn selbst kam.
-
-Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie hatte nichts zu
-verbergen. Seit Ostern war sie aus der Schule entlassen und nun bei
-ihren Eltern zu Haus. Auf die heutige Landpartie hatte die Tante -- sie
-wies auf ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen -- sie mitgenommen,
-sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.
-
-»Die Tante meint es sehr gut mit mir,« fügte sie dankbar hinzu, »sie
-weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen Geschwistern tüchtig zu
-thun habe, und nimmt mich öfters gegen Abend mit spazieren. Sie ist
-eine Wittwe und gewöhnlich ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und
-wenn sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, und
-sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu schenken. Aber was
-ich Ihnen alles erzähle,« brach sie erröthend ab, »ich freue mich nur
-schon so sehr darauf und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht
-kennen.«
-
-»Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,« sagte Fritz lachend, »und wenn Sie
-mich etwa nicht kennen wollen, so ist das sehr undankbar von Ihnen!
-Wüßten Sie, was ich alles heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe
-zu verleben!«
-
-Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie mit jedem Blick dieser
-klaren, dunkelblauen Augen Amaliens Aktien sanken!
-
-»Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich muß Ihnen beichten;
-denken Sie wirklich, daß ich nicht wußte, was ich that, als ich,
-ohne zu fragen, in Ihren Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den
-Kaffee? War ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen
-hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der Kronenstraße über
-den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, und wußte ich nicht, daß eine
-dieser Damen wiederzusehen oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich
-das größte Glück« -- hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein --
-er stockte und fuhr verwirrt fort: »Mit einem Wort, mein Fräulein, ich
-habe Ihretwegen gelogen, schmählich gelogen, ich wußte ganz genau, daß
-ich bei Ihnen und den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um
-diese Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus fährt -- und
-nun sagen Sie, daß Sie =sehr= böse sind!«
-
-»Sehr!« erwiderte sie, ohne aufzublicken.
-
-»Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause gehen? Oder noch besser,
-soll ich so lange neben dem Wagen herlaufen, bis Sie mir verziehen
-haben und mich wieder hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!«
-
-»Und wenn ich den Befehl gäbe,« sagte Lottchen verwirrt und lachend,
-»würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!«
-
-»Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz andere Dinge thäte?«
-
-Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen! Aber das ungestörte
-Lachen und Plaudern der beiden sollte ein Ende finden. An der anderen
-Ecke des Wagens, der Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz
-so rücksichtslos verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von Lottens
-mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten unser Paar
-unaufhörlich, wobei die Augen des Blonden mit den Wagenrädern förmlich
-um die Wette rollten.
-
-Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche Fregatte
-zwischen den Sitzenden hindurch, wobei verschiedene Stöße des Wagens
-sie als solides Schoßkind bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie
-setzten, und langte mit den Worten bei Lotte an: »Liebes Kind, wechsele
-doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins Gesicht.«
-
-Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die kleine Schönheit
-und begab sich an die Stelle der intriguanten Tante, welche mit
-durchbohrenden Blicken neben dem verblüfften Fritz sich niederließ.
-
-»Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr Schröter?« fragte sie
-sofort.
-
-»Bis jetzt ausgezeichnet,« sagte der doppelzüngige Fritz und
-blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde eine eifrige
-Konversation ins Werk zu setzen begann.
-
-Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren Helden, und sanftere
-Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen.
-
-»Er sieht wirklich sehr gut aus,« dachte sie, »und wer weiß, ob unser
-Lottchen nicht hier ihr Glück macht! Ich muß ein wenig auf den Busch
-klopfen, und ist er ein ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann
-man ja weiter sehn!«
-
-Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen, wie alle
-guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung nach sehr vorsichtig
-und unmerklich, unseren Fritz auszuforschen begann, entspannen sich die
-weitaussehendsten Pläne in ihrem Kopfe.
-
-Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen durchschaute,
-ihr in der vertraulichsten Weise von seinem einträglichen
-Kolonialwaarengeschäft erzählte und Kaffeeproben zu senden versprach,
-mit denen sie wohl zufrieden sein sollte, während er in dieses
-übermüthige Lügengewebe die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien
-und Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen je eine
-arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende Dame schon im
-Geiste in einem violetten Seidenkleide an der Hochzeitstafel sitzen,
-und hörte, wie der gerührte Brautvater ans Glas schlug und sie, die
-Tante, als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ, denn
-hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, so wäre ihr der
-hübsche und vermögende Bewerber vielleicht, nein gewiß, nie begegnet.
-
-Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte sie dem aufhorchenden
-Fritz mit geheimem Stolze, wie häuslich und fleißig Lottchen erzogen
-worden, wie sie für jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, »und,«
-fügte sie bedeutungsvoll hinzu, »so jung das Kind noch ist, sie hat
-schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie wohl, Herr Schröter,
-den jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte
-nur mit den Augen zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber
-Lottchen hat ihren Kopf für sich, und ...«
-
-Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und der Redefluß der
-Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel der Fahrt war erreicht, bald
-vereinigte ein vergnügtes Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank
-sei es dem Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.
-
-Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die Empfindung
-hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu seiner folgenreichen
-Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl den Kopf noch frei genug,
-um sich beim Beobachten der Versammlung mit einiger Beschämung zu
-gestehen, daß sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und
-daß er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können, ohne
-sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle Heiterkeit belebte den
-kleinen Kreis, und jeder genoß auf seine Weise die frohe Stunde bei
-gutem Wein und in der hübschen Umgebung.
-
-Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen Tone von
-unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin allmählich in das Geleise
-einer ruhigen Unterhaltung gekommen, in der sich das anziehendste aller
-Bilder, eine kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen
-aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung entsprachen
-so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen lange vergeblich
-gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken waren, mit denen er, sein
-gefülltes Glas erhebend, halblaut zu ihr sagte: »Die Zukunft!«
-
-»Warum nicht lieber die Gegenwart?« gab sie unbefangen zurück, »wer
-weiß was die Zukunft bringt, ich baue nicht gern Luftschlösser!«
-
-»Ich um so lieber«, erwiderte Fritz, »und bauen Sie mir zu Gefallen
-einmal mit -- wie denken Sie sich Ihre Zukunft?«
-
-»Fragen Sie lieber, wie ich sie mir =wünsche=, das kann ich Ihnen
-ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in Erfüllung gehen wird: ich
-möchte auf dem Lande leben!«
-
-»Bravo,« rief Fritz, »das lobe ich mir! Und auf die Erfüllung dieses
-Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben ist das einzig vernünftige
-Leben und ein Landwirth der glücklichste Mensch, vorausgesetzt --« er
-vollendete mit einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes
-Erröthen in Lottchens Gesicht trieb.
-
-»Wenn Sie aber auch so für das Landleben schwärmen,« begann sie hastig,
-wie ablenkend, »warum bleiben Sie denn in der Stadt?«
-
-»Dort war ich ja nur vorübergehend für einige Jahre,« erwiderte Fritz
-unvorsichtig, »von morgen an ist es mit dem --«
-
-Er stockte, erschrak und wurde fast noch röther, als seine Nachbarin.
-»Was haben Sie denn?« fragte sie erstaunt.
-
-Fritz schwieg, er schämte sich! Kein angenehmer Zustand, solchen
-vertrauenden, blauen Augen gegenüber!
-
-»Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt nicht näher
-erklären,« sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen, »in mir ist heut
-alles unklar und unsicher, wundern Sie sich nicht, wenn ich viel
-thörichtes rede, es kommt hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles,
-was Sie nur überhaupt von mir wissen mögen, deutlich sagen kann und
-darf!«
-
-Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu dröhnenden Schlägen aus,
-die Zeit war schon weit vorgeschritten. Jetzt mußte der Brief längst in
-Neu-Tessin sein, die Antwort -- alle Chancen sprachen dafür, daß sie
-eine bejahende sein werde -- war möglicherweise schon unterwegs, und
-dann?
-
-Fritz wurde es heiß und kalt, nun war aber auch hohe Zeit, daß er hier
-ein Ende machte! Als man sich vom Tische erhob, begab er sich allein
-und tief nachdenklich in den Garten, der um das Wirthshaus blühte und
-grünte. Er kämpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen
-und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender ansah, als sie hinter
-einem Gitter von Schwierigkeiten stand, welches seine eigene Schuld
-errichtet hatte! Er athmete tief auf, sein Entschluß war gefaßt. Wie
-auch die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr Vorwürfe
-zu machen haben, als er ohnehin schon empfand -- er ging festen
-Schrittes auf das Haus zu, um seinen Hut zu holen und unter einem
-Vorwande der Gesellschaft und allen schönen Träumen Lebewohl zu sagen!
-
-Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in die Arme
-geworfen, ist ein heimtückischer Gesell, der seine Anhänger freilich
-oft auf reizenden Waldpfaden zum erwünschten Ziele führt, oft aber
-auch an jeder Biegung eines guten und verständigen Weges als neckender
-Kobold sitzt und ruft: »Halt, du hast die Rechnung ohne den Wirth
-gemacht, hier wird hübsch umgekehrt und ausgegessen, was du unter
-meiner Aegide dir so schön eingebrockt hast!«
-
-Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines der Theilnehmer
-am heutigen Ausfluge vor einem großen, verstimmten Dorfpianino und
-gab im Schweiße seines Angesichtes einen etwas unregelmäßigen Walzer
-zum Besten, nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und
-schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen begann.
-
-Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend nach seinem Hut
-umhersah, begegnete ihm ein einziger, ganz kurzer und flüchtiger Blick
-Lottchens, der, wenn je ein Blick gesprochen hat, fragte: »Tanzen Sie
-nicht?«
-
-Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, er tanzte gut,
-das wußte er! Gut genug, um die Produktionen der ganzen hier
-versammelten Gesellschaft in den tiefsten Schatten zu stellen, und
-gern -- fast immer gern! Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb
-traurigen Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus
-eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch die geöffneten
-Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und die Rosen dufteten --
-ade Vernunft, ade Gewissen -- eben schreitet der blonde Rival im
-zierlichsten Pas durch das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt
-ihm zum zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den er je
-gehört oder getanzt hat!
-
-Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und doch taktmäßig, so, das
-fühlte er deutlich, würde er mit ihr durch das Leben fliegen können!
-Es mochte ja unrecht und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber
-der Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige manchmal,
-oft -- um nicht zu sagen meist, am besten gefällt! Und mit dem schönen
-Gefühl, »nun hast du die Dummheit einmal gemacht, nun ist es auch
-ganz gleich, wie weit du dich verrennst,« gestattete sich Fritz die
-allerdeutlichsten Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen
-Herzenszustand und fand kein ganz unwilliges Gehör!
-
-Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu betäuben, steigerte
-sich unser Held zu fast ausgelassener Lustigkeit; er tanzte wie
-unsinnig, nicht nur mit Lottchen, nicht nur mit allen =jungen= Damen,
-nein, er bewog sogar die Mütter und schließlich die gute Tante,
-einen ehrsamen Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem
-nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte und allgemeinste
-Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung aller Familienväter
-eine Française zu Stande, die an künstlicher Verwickelung jedes
-Erschaffene und Erfundene übertraf, er entzückte alles, außer dem
-Blonden, der, von seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor
-der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von Speise und
-Trank an der Gesellschaft rächte.
-
-Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, Tücher und Paletots wurden,
-zu einem wüsten Knäuel geballt, von zwei Hausknechten herbeigetragen
-und entwirrt. Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und
-sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz neben ihr
-wieder einnahm.
-
-Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht hin. Ringsum war
-es still und friedlich, die Sterne blitzten in schweigsamer Pracht;
-sanft und groß stieg der Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf
-und leuchtete mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels.
-Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, wie das Echo
-ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber. Wem sollte da nicht weich ums
-Herz werden!
-
-Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon am Horizont
-herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz den Wunsch, fast die
-Pflicht, vor seinem Abschiede noch ein erklärendes, rechtfertigendes
-Wort zu sagen, und fand keines!
-
-Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der Stille der Sommernacht,
-nach all dem Getöse und fröhlichen Lärm, wieder sagen mußte, was er
-gethan! Das schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches
-Gesicht jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der
-unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, und hatte nicht
-an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender Eindruck, vielleicht ein
-Geschick sich an diesen Tag knüpfen werde.
-
-That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie, ohne sie
-wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick sich bestrebt, ihr Herz
-zu gewinnen, so hatte er von einem jungen, glücklichen Schmetterling,
-der ahnungslos in den Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten
-Blüthenstaub in frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde
-das reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in die Welt
-getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung zu erleben. Und doch
-konnte, doch durfte er nicht sprechen, wer stand ihm denn dafür, daß er
-nicht jetzt, in diesem Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der
-Gedanke stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.
-
-Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag etwas so kindlich
-Vertrauendes in diesem Blicke, daß er ihm ins Herz schnitt.
-
-»Sie seufzen so schwer?« sagte sie, halb lächelnd.
-
-»Ich denke wieder einmal an die Zukunft,« erwiderte er ernster, als er
-noch heut gesprochen.
-
-»So lassen Sie doch Ihre Zukunft!« rief sie munter, »sie wird schon von
-selbst kommen, und ändern können Sie doch nichts daran!«
-
-»Das frage ich mich eben!« gab er immer noch ernst zurück, »ich stehe
-vor einem Wendepunkte in meinem Leben, Fräulein Lottchen, und das habe
-ich heut den ganzen Tag zu wenig bedacht!«
-
-Er sah, daß seine Worte einen leichten Schatten auf ihr frohes
-Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz verlieh, aber einen Reiz
-wehmüthiger Natur. Er fuhr hastig fort:
-
-»Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt, wer weiß, ob wir uns
-noch einmal wieder treffen! Lassen Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe
-ich gehe!«
-
-Sie war ganz blaß und still geworden und nickte seinen Worten nur stumm
-Gewährung.
-
-»Ich sagte Ihnen schon, daß ich vor einer Wendung meines Geschickes
-stehe, vielleicht entscheidet der heutige Abend noch über jene Zukunft,
-an die ich vorhin dachte -- wollen Sie mir nicht Glück auf meinen Weg
-wünschen?«
-
-Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten, er beugte sich zu
-ihr und nahm ihre Hand, zum ersten -- vielleicht zum letzten Mal!
-
-»Nun, kein Glückwunsch?« wiederholte er dringend, da sie schwieg.
-
-»Doch,« erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen, obwohl eine
-seltsame Verwirrung auf ihren Zügen lag, »ich wünsche jedem Menschen
-Glück, warum nicht Ihnen?«
-
-»Damit muß ich mich für heute begnügen,« sagte er, und führte ihre Hand
-leicht an seine Lippen, »geht Ihr Wunsch in Erfüllung, so werde ich es
-Ihnen noch einmal selbst sagen, und dann --«
-
-Der Wagen rollte hier zum Glück über das Straßenpflaster in die Stadt
-hinein, die nickenden Beschützer und Beschützerinnen fuhren empor,
-und an der ersten Ecke, wo der Omnibus einen Theil der Gesellschaft
-absetzte, nahm Fritz sich den Entschluß über den Kopf weg, und
-verabschiedete sich mit flüchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden,
-die ihn wie einen alten Bekannten mit fröhlichem Zuruf entließen,
-während Lottchen stumm und sichtlich erregt nur durch eine Kopfneigung
-seinen Gruß erwiderte.
-
- * * * * *
-
-Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthür stand, und der große
-Schlüssel sich kreischend im Schloß drehte, war es ihm, als öffne er
-sich selbst den Eingang zu einem lebenslangen Gefängniß. Wenn er nun
-jetzt in sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das Jawort
-brachte -- wie sollte er sich dann benehmen? Er war, das fühlte er,
-er war zu weit gegangen, um einfach mit französischem Abschied aus
-Lottchens Gesichtskreis zu verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und
-Lust, sich in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und
-dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere, ungleich härtere
-zu fügen, eine Verlobung mit der unseligen Amalie, die ihm in der
-parteiischen Beleuchtung seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr
-als ein blasses, negatives Bild der Alltäglichkeit, sondern als ein
-wahres Monstrum erschien!
-
-Als er die Stubenthür öffnete, begegnete sein Blick zunächst keinem
-Briefe, sondern egyptischer Finsterniß, welche durch das laute
-Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches erhielt.
-
-Daß Fritz keine Streichhölzer in der Tasche hatte, versteht sich von
-selbst, wenn man sich gern schnell durch den Augenschein von etwas
-überzeugen möchte, fehlt dergleichen immer!
-
-Der Bursche erwachte etwas mühselig, krabbelte, an alle Gegenstände
-im Zimmer anstoßend, eine Zeit lang umher, die Fritz zur Ewigkeit
-wurde, und die er doch nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen
-sei, zu unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: »das erfahre ich
-immer noch früh genug,« und endlich erstrahlte das Zimmer im Glanz
-einer Kerze. Der Tisch, auf dem die eingegangenen Depeschen zu liegen
-pflegten, war leer!
-
-»Ist nichts mit der Post gekommen?« frug endlich Fritz, bebend vor
-Erwartung.
-
-»Nein, Herr Lieutenant!«
-
-Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, eine widerwärtige,
-flaue Fluth von Möglichkeiten, in der man nun noch bis zum andern
-Morgen schwimmen konnte!
-
-Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen schlaflos zu
-werden drohte, das Durchkonjugiren von »hätte ich!« ist stets eine der
-unerfreulichsten Beschäftigungen, ganz abgesehen von ihrer völligen
-Nutzlosigkeit. Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit
-begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: »hätte ich dies gethan,
-oder das =nicht= gethan!«
-
-Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal, unser armer Held
-schlief ein, und schlief, traumlos, wie man immer schlafen sollte, bis
-tief in den nächsten Morgen hinein, der ihm beim Erwachen grell und
-golden in die Augen schien.
-
-Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten, aber die Klingel
-rührte sich nicht, und der Vormittag verging ihm, dem schon vom Dienst
-Dispensirten, in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er
-sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben mußte, er warf
-sich in seinen Staat, und schritt wenige Minuten darauf mit Helm und
-Schärpe, äußerlich ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein
-deprimirter Hase, seinem Bestimmungsort zu.
-
-Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den Heimweg antrat,
-beschloß er, um seinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben, noch einmal
-durch die Anlagen zu wandern.
-
-Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger zu
-Muthe. Hätte er ein »Ja« erhalten, so wäre die Antwort jetzt gewiß
-schon da. Es war ja möglich -- entzückende Möglichkeit! daß er Amalien
-über Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn er sich's
-recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen Grund, anzunehmen, daß
-sie ihm besonders gewogen sei; was er für Stille und Zurückhaltung
-in ihrem Wesen genommen, war vielleicht -- nein gewiß! verborgene
-Abneigung gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so leicht einreden,
-als was man wünscht, Fritz war noch keine zehn Minuten gegangen, als er
-schon glückselig einen imaginären Korb von Amalien am Arm, und einen
-ebenso imaginären Ring von Lottchen am Finger trug.
-
-Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem Inneren zu dem
-farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich das Mädchen in ihrer ganzen
-Lieblichkeit vor, so deutlich, daß es ihn kaum überraschte, als er, um
-eine Ecke biegend, sich plötzlich ihr gegenüber sah.
-
-Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm, aber Lottchen blickte
-ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos an, plötzlich wandte sie
-sich ab, und setzte, ohne seinen Gruß zu erwidern, ihren Weg fort.
-
-Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann
-Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des einträglichen
-Kolonialwaarengeschäfts, dem -- d. h. dem Besitzer! -- sie in ihren
-Träumen bereits eine nicht ganz nebensächliche Rolle zugewiesen hatte,
-er klirrte heute als bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte
-begreiflicherweise nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche,
-oder was sie sonst von ihm denken solle.
-
-Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und schritt, ohne
-ihr stummes Kopfschütteln, womit sie all seine Worte der Begrüßung
-und Freude erwiderte, zu beachten, neben ihr her, die ziemlich
-menschenleeren Anlagen entlang.
-
-»Wenn Sie wüßten,« begann er verwirrt und ganz unberechtigt
-vorwurfsvoll, »=wie= ich mich freute, als ich Sie so überraschend
-wieder vor mir sah, Sie würden mich nicht durch Ihren Zorn betrüben.
-Sagen Sie mir nur, was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte
-ich Sie!«
-
-»Ich denke =gar nichts= von Ihnen,« erwiderte das Mädchen in einem
-seltsam harten und kalten Tone, den man ihrer jugendlichen Stimme gar
-nicht zugetraut hätte, »ich kenne Sie überhaupt nicht, und bitte Sie,
-mich augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.«
-
-»Fräulein Lottchen,« bat der unglückliche Fritz flehend, »wollen Sie
-mich nicht wenigstens anhören? Sie thun mir sicher in Gedanken unrecht,
-ich bin nicht so schuldig, als es den Anschein hat.«
-
-»Sondern noch viel schuldiger,« jammerte es in seinem Inneren, »wenn
-sie schon über die einfache Namensverwechselung =so= böse ist, was
-würde sie erst sagen, wenn sie wüßte! --«
-
-Fritz schauderte.
-
-»Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten Komödie?« sagte
-jetzt das Mädchen stehen bleibend, noch immer im selben Ton. »Was
-Sie =gestern= gewollt haben, sehe ich heute wohl ein, uns alle zum
-Spielzeug Ihrer hochmüthigen Laune benützen, nun es ist Ihnen ja
-gelungen -- Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht -- was soll ich
-nun noch anhören?«
-
-Fritz blieb gleichfalls stehen, und ließ seine Augen erst einen Moment
-traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach.
-
-»Wenn Sie =so= fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann dann nur meiner
-Wege gehen, denn ich fühle, daß Sie ein Recht haben, mir zu zürnen,
-und daß ich mich nur dann vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst
-erlauben. Soll ich wirklich =so= von Ihnen scheiden?«
-
-Sie machte einen tapferen Versuch »ja!« zu erwidern, er scheiterte aber
-an halb erstickten Thränen, die sich plötzlich in ihre Stimme und in
-ihre Augen drängten. Heftig aufschluchzend schlug sie beide Hände vors
-Gesicht und wandte sich von ihm ab.
-
-Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden sehr wenig
-heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz diesem Anblick nicht ganz
-weit davon entfernt war, dem Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten!
-Eine solche Hochfluth widerstrebender Empfindungen schlug über seinem
-Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen seiner Gefühle
-rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand Lottchen in fliegenden
-Worten seine Liebe, und bekannte ihr, daß er gestern zwar anfänglich
-in übermüthiger Laune seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe,
-daß er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen tollen Einfall
-empfunden, und sich schon vor Ende des Tages bewußt gewesen sei, daß
-aus seinem Scherz tiefster Ernst für ihn geworden, und daß er -- nun
-kurz, was man in solchen Fällen sagt.
-
-»Und Lottchen,« fügte er dringend hinzu, indem er ihre Hand nahm, »wenn
-ich Ihren Thränen eine Deutung geben darf, wenn auch Sie jener alten
-Geschichte von der »Liebe auf den ersten Blick« seit gestern glauben
-gelernt haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon Verzeihung
-zutheil werden, oder lieber,« fügte er lächelnd hinzu, da sie ihn, wenn
-auch noch durch Thränen, doch schon wieder freundlicher ansah, »seien
-Sie so böse auf den »Kaufmann Schröter,« wie Sie nur irgend wollen,
-aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafür umso lieber -- was meinen
-Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen, und ihnen sagen, daß Sie
-mir diesen Besuch gestattet haben?«
-
-Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar nicht ja, aber sie
-nickte mit dem Kopfe, und das that dieselben Dienste!
-
-Näher kommende Schritte ließen unser Paar etwas bestürzt auffahren,
-und Fritzens Schreck steigerte sich zu plötzlichem Entsetzen, als der
-Störenfried sich in der sonst harmlosen Gestalt eines Briefträgers
-präsentirte, der in geschäftsmäßigem Tritt, ohne rechts oder links zu
-blicken, an ihnen vorüber nach der Stadt ging. »Glaubst du, dieser
-Adler sei dir geschenkt?« schien mit feurigen Buchstaben um die Mütze
-des ehrlichen Postbeamten geschrieben -- was für eine Pandorabüchse
-konnte jene Ledertasche sein!
-
-Fritz verbarg mit Mühe seine Verwirrung, und trennte sich von
-seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die Stadt münden, mit dem
-nochmaligen Versprechen, sobald es seine Zeit gestatte, sich bei ihren
-Eltern einfinden zu wollen. Noch ein herzlicher Händedruck, und ihre
-Wege führten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen,
-anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte wohl noch
-zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst der Verschwindenden
-nachzusehen.
-
-Als er einige Stunden später in stiller Beklommenheit auf seinem Sopha
-saß, klopfte es, der Bursche brachte ihm einen Brief, Poststempel
-Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte noch nie vor der Mündung einer
-geladenen Pistole gestanden, er wußte demnach nicht aus Erfahrung,
-wie einem dabei zu Muthe ist, ungefähr konnte er sich's aber nach
-diesem Moment vorstellen. Es hilft doch nichts -- auf mit dem Brief! Er
-lautete:
-
- Mein verehrter, junger Freund!
-
-Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und erfreut. Wir nehmen
-Ihre Bewerbung um unsere Tochter gern an, und hoffen, in Ihnen einen
-lieben Sohn zu finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten
-Zusammensein ganz klar die demnächstigen Ereignisse voraussehen, doch
-hielt ich dies für eine Illusion, zu der das weibliche Geschlecht in
-Betreff von Heirathsabsichten ja stets neigt. Nun hat sie doch Recht
-behalten!
-
-Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl, und wollen
-dann alles andere mündlich erörtern. Ein Gruß von Malchen wird Ihnen
-wohl nicht unangenehm sein?
-
- Ihr treu ergebner Schwiegervater _in spe_
-
- Solgers, Amtsrath.
-
-Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags.
-
-Das lähmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim Durchlesen
-dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemächtigte, spottet jeder
-Beschreibung. Er starrte den verhängnißvollen Zettel an, eigentlich
-ohne Bewußtsein, er las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht
-ein Schimmer von Zweifel ließ sich daraus entnehmen!
-
-»Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsräthin etwas gemerkt
-haben,« murmelte er dumpf, »=ich= habe nichts gemerkt! Wann soll denn
-das gewesen sein? Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin
-gewesen -- nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es muß wohl den
-Tag =sehr= guten Punsch gegeben haben,« sagte er gedankenlos vor sich
-hin.
-
-Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung im Zimmer auf und
-ab, sein Herz schlug so laut vor Angst, daß er es zu hören meinte.
-War wohl je ein Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen
-verwickelten Familienverhältnissen! Nun hatte er zwei Bräute, zwei
-Schwiegermütter und zwei Schwiegerväter, von denen der ihm bekannte ein
-wahrer Bär von deutscher Grobheit war.
-
-=Wessen= er sich versah, wenn er mit seiner Beichte in Tessin
-herausrückte, war gar nicht auszudenken, und er durfte doch nicht
-wieder grob werden; hatte er nicht frevelhaft den Hausfrieden und
-Seelenfrieden einer glücklichen Familie gestört? Und Amalie schien ihn
-nun doch zu lieben, der schalkhafte Schlußsatz des Briefes deutete auf
-das Aergste!
-
-Armer Fritz, zwei Mädchenherzen liegen zu deinen Füßen, =eines= mußt du
-unfehlbar zertreten, magst du einen noch so künstlichen, moralischen
-Eiertanz ausführen!
-
-Aber alles jammern und sich abmartern nützte nichts, jetzt hieß es
-handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte nie gedacht, daß dies so
-schwer wäre!
-
-In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem Tage nach Tessin
-ab, und man erwartete ihn »zum fröhlichen Verlobungsmahle!« Sollte er
-schreiben? das war ihm unmöglich, er =konnte= sich nicht entschließen,
-seine Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths
-niederzulegen, nein, es mußte ausgebadet werden! Er schickte den
-Burschen nach einer Droschke, und während dieser unterwegs war, schrieb
-er eilig und innerlich zerfleischt von Höllenqualen einige Zeilen
-an Lottchen, worin er ihr mittheilte, daß Familienangelegenheiten
-unaufschiebbarer Natur ihn zwängen, die Stadt auf einige Stunden zu
-verlassen. Sie möge ihm nur vertrauen, der nächste Tag finde ihn sicher
-bei ihr und ihren Eltern.
-
-Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort ab, und
-fuhr dann zur Bahn. Seine stille Hoffnung, er werde den Zug versäumen,
-und sich auf diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam
-rechtzeitig an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin trennt,
-war bald auf Dampfesflügeln durcheilt.
-
-Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin, lag etwa zehn Minuten
-von der Bahnstation Frankenberg. Als Fritz den Zug verließ, entdeckte
-er bald die wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters
-Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem alten Sprichwort:
-»wer zuerst kommt, mahlt zuerst,« hatte Amalie entschieden den Vorrang
-bei diesem seltsamsten aller Wettrennen.
-
-Ein ihm fremder Kutscher lenkte das Gefährt, und blickte spähend in
-die aussteigende Menschenmenge. Als Fritz sich ihm näherte, und zur
-Sicherheit sich noch einmal erkundigte: »Herrn Amtsrath Solgers Wagen?«
-nickte der Rosselenker, und frug, das trübselige Gesicht vor ihm mit
-einigem Mißtrauen betrachtend: »sind Sie der Herr Bräutigam?«
-
-Unwillig bejahte der gequälte Fritz, und bald rollte das Gefährt auf
-der Landstraße dahin. Noch eine Biegung des Weges, da lag das Amtshaus,
-von der untergehenden Sonne vergoldet, vor ihm.
-
-Als Fritz sich dem Hofe näherte, welchen man zu passiren hat, ehe
-man das Haus erreicht, begrüßten ihn zwar arg verstimmte, aber doch
-wohlgemeinte, schmetternde Klänge, die Dorfkapelle blies einen Tusch.
-Die durch diese Ovation etwas erregten Pferde ließen sich erst schwer
-zum Stehen bringen, Fritzens verstörte Augen bemerkten über der
-Hausthür eine dicke Guirlande, und als er, halb betäubt vor Verwirrung,
-dem Wagen entstieg, strömte ihm der warme Duft von Punsch und Braten
-festlich entgegen.
-
-Vor der Thür stand der Amtsrath im schwarzen Leibrock, das
-Ordensbändchen im Knopfloch, die Amtsräthin im Seidenkleide,
-neugierige kleine Schwäger, Schwägerinnen und Dienstboten drängten
-sich im Hausflur, Malchen schien sich in bräutlicher Verschämtheit im
-Hintertreffen zu halten.
-
-Fritz schwankte, wie ein Gerichteter, der das Schaffot besteigen soll.
-
-Aber Unerwartetes begab sich.
-
-Das dröhnende »Willkommen,« mit dem der Hausherr den Wagen bereits
-anzuschreien begonnen hatte, verstummte plötzlich wie abgeschnitten,
-als er unseren Fritz erblickte. Es wäre schwer zu sagen, wessen Züge
-die größere Verlegenheit ausdrückten, die des Ankommenden, oder die
-der Erwartenden.
-
-Die Amtsräthin machte kurz kehrt, und zerstreute mit Wort und Geberde
-die Neugierigen im Hausflur, dann ward sie nicht mehr gesehen.
-
-Ihr Gatte erhob mechanisch die Hand, kratzte sich hinter dem Ohr, und
--- schwieg.
-
-Fritz schwieg auch, ihm war fürchterlich zu Muthe. Er glaubte, er mußte
-ja glauben, daß der Anblick seines bleichen, deprimirten Gesichts so
-niederschmetternd auf die schwiegerelterlichen Nerven wirke, daß man
-keine Worte fände, ihn fröhlich als fröhlichen Bräutigam zu grüßen.
-
-Aber dies gegenseitige, schweigende Anstarren war zum Tollwerden! »Noch
-zwei Sekunden so,« dachte Fritz, »und ich gebe Fersengeld, und laufe,
-so weit mich meine Füße tragen.«
-
-Er räusperte sich mehrmals, streckte etwas gezwungen die Hand aus, und
-begann: »Sie waren so überaus gütig, Herr Amtsrath --«
-
-Der alte Herr sah starr auf den Boden nieder, ergriff die dargebotene
-Hand und schüttelte sie kräftig, dann sagte er mit bedrückter Stimme:
-»Bitte, bitte, nicht Ursach', mein lieber Freund! Ich hatte freilich
-nicht erwartet -- aber wollen Sie nicht einige Augenblicke näher
-treten? Wir können unsere Besprechung ja in meinem Zimmer vornehmen.«
-
-Er ließ dem Schwiegersohn höflich den Vortritt ins Haus und öffnete
-die Thür seiner zu gleicher Erde belegenen Wohnstube, in die ihm Fritz
-ungefähr mit den Gefühlen folgte, die man im Vorzimmer des Zahnarztes
-durchzumachen pflegt.
-
-»Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?« unterbrach der Amtsrath die
-Grabesstille.
-
-»Sie sind sehr gütig!« und Fritz begann zu rauchen, und zwar mit einem
-Eifer, als hinge sein Leben daran, daß er die Cigarre in zehn Minuten
-bis auf die letzte Spur vertilgt habe.
-
-Der Amtsrath paffte eben so krampfhaft in seiner Ecke.
-
-Endlich erhob sich Fritz, und stellte sich, militärisch hoch
-aufgerichtet, vor den alten Herrn.
-
-»Ich weiß in der That nicht, Herr Amtsrath, was Sie von mir denken
-werden, wenn ich Ihnen eine Erklärung meiner Handlungsweise gegeben
-habe, die --«
-
-»Aber ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund,« erwiderte der Alte
-ganz ängstlich, »wozu wollen Sie sich und mir eine solche unnöthige
-Qual bereiten! Ich habe ja alles, was zu der Sache irgend zu sagen
-war, in meinem Briefe auseinandergesetzt, und um Ihnen die Situation
-zu erleichtern, wiederhole ich Ihnen noch einmal mündlich, was ich
-schriftlich sagte, an meinem und meiner Tochter Entschluß ist nichts
-mehr zu ändern, wenn Sie eine derartige Absicht herführt, so ist jedes
-Wort unnöthig.«
-
-Fritz rang mit dem Tode! Er sah die Zornader auf der Stirn des Alten
-schon im Geiste anlaufen, aber es half nichts -- durch!
-
-»Herr Amtsrath!« begann er von neuem, und fuhr sich mit dem Taschentuch
-über die Stirn, »halten Sie mich für einen Elenden -- ich halte mich
-selbst dafür, aber ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist,
-mein Gott, wie soll ich mich nur ausdrücken? ich flehe Sie an, nehmen
-Sie Ihr Wort zurück!«
-
-»Aber sagen Sie mir, Herr,« rief jetzt der Amtsrath, »was ficht Sie
-denn eigentlich an? Allen Respekt vor Ihnen, aber Sie benehmen sich, um
-mich ganz gelinde auszudrücken, wie ein Narr! Seien Sie ein Mann, fügen
-Sie sich ins Unvermeidliche, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Ich
-werde mich doch jetzt nicht zum Gespött der ganzen Gegend machen, als
-ein alter Schwachkopf, der nicht weiß, was er will! Meine Tochter ist
-Braut -- und damit basta.«
-
-»Nun dann,« sagte Fritz mit der Ruhe eines Verzweifelten, »dann bleibt
-mir nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen! Ich habe
-wie ein Ehrloser gehandelt, ich muß die Folgen tragen! Denken Sie von
-mir, was Sie wollen, aber ich kann Ihre Tochter nicht heirathen!«
-
-»Was!« schrie der Amtsrath und sprang auf, »=was= sagen Sie da?«
-
-»Ich kann Ihre Tochter nicht heirathen,« wiederholte Fritz dumpf und
-leichenblaß, »und nun machen Sie mit mir, was Sie wollen!«
-
-»Meine Tochter nicht heirathen?« brüllte jetzt der Amtsrath, und
-sprang auf Fritz zu, ihn bei den Schultern packend, »aber Mensch, wer
-verlangt denn, daß Sie sie heirathen? Bin ich toll, oder sind Sie toll,
-oder sind wir's alle beide?«
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Fritz ganz erschöpft, und sank in seinen Stuhl
-zurück.
-
-Der Alte trat zum Nebentisch, goß zwei Gläser Wasser aus einer Karaffe
-ein, trank eins, und reichte das andere unserem Helden. »So, das
-schlägt nieder,« sagte er dann etwas ruhiger, »und nun sagen Sie mir
-einmal, =was= Sie eigentlich wollen! Sie halten um meine Tochter
-an, ich schreibe Ihnen, umgehend, wie Sie es verlangten, eine ganz
-vernehmliche, möglichst freundlich abgefaßte Antwort, und statt sich
-dabei zu beruhigen, wie ein vernünftiger Mensch, kommen Sie hierher
-wie ein Tollhäusler, und schreien, Sie können meine Tochter nicht
-heirathen! Ich muß Ihnen gestehen, ich finde es, gelinde gesagt, sehr
-dumm und albern, daß Sie heute überhaupt hierher kommen!«
-
-»Aber mein Himmel,« rief Fritz, und durchwühlte seine Brieftasche mit
-zitternden Händen, »Sie haben mich ja doch selbst eingeladen!«
-
-»Ich -- Sie?« schrie der Amtsrath noch lauter, »i, so schlag doch --«
-
-»Hier!« sagte Fritz lakonisch, und reichte dem alten Herrn seinen Brief
-hin.
-
-Der Amtsrath las -- verfärbte sich -- wiegte den Kopf hin und her --
-plötzlich rief er: »Ach, du meines Lebens! Da habe ich eine schöne
-Geschichte gemacht, lieber Sterneck, ich bin ja an allem schuld! Ich
-habe den Absagebrief an Sie gleichzeitig mit dem Zusagebrief an meinen
-Nachbar Rummler geschrieben -- der hielt zufällig vor zwei Tagen auch
-um Amalie an, und wie ich nun Ihren Brief sofort beantworten mußte, da
-habe ich in der Eile und Aufregung die Adressen verwechselt! Nein, das
-ist ja schrecklich -- und nun sitzt mir der mit einem Korbe da! Er hat
-auch Bahnstation in Frankenberg, und der Wagen sollte =ihn= holen und
-nicht Sie! Ach, ich bin ein geschlagener Mann -- ich alter Esel! Nein,
-ist denn das aber menschenmöglich?«
-
-Während der Alte wie außer sich im Zimmer umherrannte, ergoß sich in
-Fritzens umdüsterte Seele eine wahre Sonnenhelle. Er sollte Amalien
-nicht heirathen -- die gute, die liebe Amalie wollte ihn nicht, hatte
-sogar schon einen Ersatzmann gefunden -- ach, das hatte er nicht
-verdient!
-
-In überströmender Glückseligkeit sprang er auf und fiel dem erstaunten
-Amtsrath um den Hals. »Lieber, alter Freund -- bester Herr Amtsrath --
-meine innigsten Glückwünsche -- ach, so habe ich mich doch in meinem
-ganzen Leben noch nicht gefreut!«
-
-Es sprach eine so innige Ueberzeugtheit aus diesen Worten, daß dem
-guten Amtsrath, was man ihm auch nicht verdenken kann, wieder ganz
-unheimlich zu Muthe wurde. Er machte sich etwas unsanft los.
-
-»Na, lassen Sie das nur gut sein,« sagte er, und schob Fritz
-mißtrauisch zurück, »was =Sie= denken und ob Sie sich freuen, ist mir
-im Augenblick ganz egal -- ich weiß nur nicht, wie =ich= meine Eseleien
-wieder gut mache, ohne daß es meine Weibsleute merken, sonst haben die
-eine Handhabe gegen mich bis ans Ende meiner Tage!«
-
-»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,« nahm Fritz, dessen
-Gefühlswogen sich zu legen begannen, jetzt das Wort, »Gefallen gegen
-Gefallen! Borgen Sie mir Ihren Rappen bis morgen früh, dann reite ich
-jetzt zu Herrn Rummler hinüber und besorge Ihnen einen Brief hin, den
-Sie schnell schreiben, während ich mich anziehe -- und dann reite
-ich zur Stadt und schicke Ihnen das Pferd morgen wieder heraus. Herr
-Rummler kann in einer Stunde hier sein und niemand erfährt etwas!«
-
-»Ach, das ist Unsinn,« sagte der Amtsrath, »ich will Ihnen etwas
-anderes sagen -- mir wird das Briefschreiben sauer -- geben Sie mir
-Ihren Brief, und ich schicke ihn zu Rummler, und schreibe nur, =das=
-wäre der richtige, und der andere wäre für Sie bestimmt. Wenn ich das
-schreiben kann, so ist die Sache abgemacht.«
-
-»Meinetwegen,« rief der glückselige Fritz, »aber den Rappen geben Sie
-mir mit. Ich =muß= nothwendig heute Abend nach Hause -- Sie sollen bald
-erfahren, warum!«
-
-»Ich bin nicht neugierig,« sagte der unliebenswürdige Alte, »aber
-eins sagen Sie mir -- =warum= haben Sie denn eigentlich um die Amalie
-angehalten, wenn Sie so froh sind, daß sie Sie nicht haben will?«
-
-»Das ist eine lange Geschichte,« erwiderte Fritz, und wurde roth,
-»wollte ich Ihnen die jetzt erzählen, so verbrennte der Braten, und der
-Punsch, den das Brautpaar heute noch trinken soll, würde kalt. Lassen
-Sie mich fort und schicken Sie den Wagen zu Ihrem Schwiegersohne. Und
-nun leben Sie wohl, mein lieber, guter Herr Amtsrath -- sagen Sie Ihren
-Damen -- -- was Sie wollen! Ich lasse mir den Rappen satteln!«
-
-Im Hause des Amtsraths ging es den Abend noch sehr lustig her --
-in manchen anderen Häusern gewiß auch -- es giebt ja, trotz aller
-Pessimisten, noch immer eine ganze Menge vergnügter Leute auf der Welt
--- aber ein fröhlicherer Geselle, als unser Fritz, den sein tänzelnder
-Rappe durch den schönen Sommerabend nach der Stadt hin trug, die sein
-Glück barg, war an diesem Abend schwerlich zu finden! -- Wie er es
-angefangen hat, seine reizende Braut mit dem zweiten Akt der Komödie zu
-versöhnen, die er auf der Landpartie zu spielen begonnen -- das geht
-uns nichts an. Er wird schon mit ihr fertig geworden sein!
-
-
-W. =Moeser Hofbuchdruckerei=, Berlin, Stallschreiber-Straße 34. 35.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
-
-
- Seite
-
- Hausgenossen 1
-
- Und doch! 59
-
- Der tolle Junker 85
-
- Finderlohn 161
-
- Glück muß man haben! 193
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, nur
- offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
- Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text,
- der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
- war, wurde mit _ markiert.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***
-
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