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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Novellen - Hausgenossen. -- Und Doch! -- Der tolle Junker. -- - Finderlohn. -- Glück muß man haben! - -Author: Hans Arnold - -Release Date: April 30, 2016 [EBook #51901] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN *** - - - - -Produced by Norbert Müller and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - - - Novellen - - von - - Hans Arnold. - - - Hausgenossen. -- Und doch! - Der tolle Junker. - Finderlohn. -- Glück muß man haben! - - - Berlin. - - Verlag von Gebrüder Paetel. - - 1881. - - - Alle Rechte vorbehalten. - - - Herrn - - Theodor Hermann Pantenius - - in dankbarster Verehrung - - zugeeignet. - - - - - Hausgenossen. - -In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun schon seit zwanzig -Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine Krauthoff und strickte, während -sie, mit einer Hornbrille auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche -las, welches sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag. - -Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und Balsaminen, und an -den Wänden hingen allerlei Photographien in jeder Größe und Stellung. -Aber nur Bilder von jungen Mädchen -- Fräulein Sabine war Lehrerin -gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher Methode -kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas und Rahmen -- das hatte -die Lieblingsschülerin des Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei -deren Eltern die alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem -großen Mädchen herangewachsen war. - -Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich mit der Zeit -eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mädchen -gestaltet. Käthe, die sonst leicht ein wenig hochfahrend sein konnte, -ja die in ihren Bekanntenkreisen sogar wegen ihrer kurzen Antworten -und ihres gelegentlichen Uebermuthes als »sehr schnippisch« bezeichnet -wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein Sabine all ihre kleinen -Airs ab, und wurde immer wieder zum Kinde, das seine Thorheiten -beichtete und sich liebevoll absolviren ließ. - -Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen erstieg und an -Fräulein Sabines Thür pochte -- und so sehr hatte sich die letztere an -diese täglichen Besuche gewöhnt, daß sie es recht schmerzlich empfand, -als Käthe vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach -auswärts ging und fast drei Wochen abwesend blieb. - -Doch nun war das vorbei -- gestern hatte die Frau Doktor Lang sich ihr -Töchterchen von der Eisenbahn geholt, und Fräulein Sabine erwartete -nun ungeduldig den Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte -belohnt werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das »herein« kam ein -junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß gewachsen, mit einem -übermüthigen Zug um den kleinen Mund, und einem sonnigen Lächeln in -den dunkeln Augen. Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen -ungestümen Herzlichkeit und setzte sich zu ihr -- nicht auf den Stuhl, -sondern aufs Fensterbrett. - -»Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?« fragte die alte Dame, -nachdem sie den »mitgebrachten« warmen Shawl zur Genüge betrachtet und -bewundert hatte. - -»O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber« -- - -»Nun, was »aber?« fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll, und schob die -Brille auf die Stirn zurück. - -»Ach -- ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen Dummheiten -gemacht! Soll ich sie dir erzählen? aber du mußt nicht schelten?« - -»Das kann ich nicht so gewiß versprechen,« sagte die Alte, indem sie -ihren reizenden Liebling mit strahlenden Augen betrachtete, »indessen -fang nur an -- es läßt dir ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.« - -Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und pflückte eine von -den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock. - -»Nun also,« begann sie, »ich reiste allein von Laura zurück, und auf -einer kleinen Station -- Siegersdorff -- wo der Zug hielt, sah ich zum -Coupéfenster hinaus. An der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber -steht ein Herr und sieht mich an -- nicht gerade unbescheiden, aber er -fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so etwas kann ich -nicht leiden, ich denke also: »sollst ihm mal die Zunge herausstecken --- der Zug fährt ja sofort ab, und du siehst ihn nie wieder.« - -»Aber Käthe!« rief das Fräulein erschrocken. - -»Siehst du, siehst du, daß du schiltst!« rief Käthe, und fiel ihrer -alten Freundin ungestüm um den Hals, »sei ganz still, sonst erzähle -ich nicht weiter, und du hast dein Leben lang die Angst mit dir -herumzutragen, daß ich etwas noch viel Schrecklicheres gethan habe, was -du nicht weißt!« - -Die Alte machte sich lachend los. - -»Laß mich nur -- ich bin ja schon still! Also --« - -»Also -- in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung setzt, führe -ich mein Vorhaben aus! Nur ein ganz kleines bißchen, Sabine -- ich -dachte schon, er hätte es nicht gesehen! -- aber er lächelte spöttisch -und nahm den Hut ab. Da fuhren wir hin.« - -Fräulein Sabine schüttelte den Kopf. - -»Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!« - -Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke. - -»O ja, Sabine«, sagte sie dann verlegen, »aber --« - -»Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?« - -»Ach, Sabine -- die Geschichte ist ja noch gar nicht zu Ende, das -Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, aber kaum hundert Schritte weit --- der Zug wurde zu meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf -Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand auch noch der Herr -- -und hatte er vorhin gelacht, so lachte er nun erst recht!« - -»Angenehm!« sagte Fräulein Sabine. »Und wie benahm er sich?« - -»Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre weg und stieg in -dasselbe Coupé mit mir. Und wir fuhren mit einander bis hierher, wo er -auch ausstieg!« - -Käthe sprang vom Fensterbrett. »Und was sagst du jetzt?« - -»Herzchen,« erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig, »was soll -ich sagen? Zu geschehenen Dingen schweigt man am besten -- das einzig -Angenehme ist, daß du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.« - -Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen sollen, und -streute ihre Nelkenblättchen in die Luft. »Meinst du?« - -Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und zog die -Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie sagen: »aha!« Sie schwieg -aber. - -»Weißt du, Sabine,« begann Käthe nach einer Weile von Neuem, »er -- -der Mitreisende -- benahm sich übrigens sehr taktvoll. Da er merkte, -in welch tödtlicher Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts -vorgefallen sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen -- ganz -ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine alte Dame, die mitfuhr, -von der Gegend sprach, und ihn fragte, ob er nicht auch während der -Reise auf die hübsche Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: »o ja -- -besonders in Siegersdorff!« und dann sahen wir uns an und lachten beide --- ich auch, Sabine -- das konnte ich nicht ändern! Sonst war ich sehr -würdevoll -- nein, wirklich!« - -»Davon bin ich überzeugt,« sagte die Alte ernsthaft, »wie sah denn dein -Freund oder Feind aus?« - -»Sehr gut -- groß, dunkelblond und humoristisch -- und er war sehr -hübsch angezogen.« - -Die alte Dame lachte. - -»Wenn's nur kein Weinreisender war!« - -»Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht merkte!« In dem -Augenblicke klopfte es. - -»Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen, Frau Majorin Scharff -wäre da, und wollte etwas aus dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen -hätten die Schlüssel mit.« - -»Unausstehlich!« sagte Käthe verdrießlich, »Scharffs erwarten in den -Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen sich wieder einmal die ganze -Wirthschaft zusammen. Ich komme,« rief sie dem Mädchen zu. - -»Ist der junge Scharff so »gräßlich,« wie du sagst?« fragte Sabine. - -»Ich habe ihn nie gesehen -- aber wenn von einem Menschen schon so viel -gesprochen wird, hat man genug. »Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint« --- so geht es immerfort, als ob =ich= mich darum kümmerte, was ihr Kurt -für Ansichten hat.« - -Fräulein Sabine war auch aufgestanden. - -»Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff möchte dich sehr gern -für den »gräßlichen Sohn« haben.« - -»Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke, Sabine -- ich danke --- ich will gar nicht heirathen -- oder« - -»Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor! Deine Beichte war -unvollständig! »Oder« heißt das etwa: »oder die Bekanntschaft müßte -damit anfangen, daß ich ihm die Zunge heraussteckte?« - -»Sabine,« sagte das junge Mädchen würdevoll, »ich begreife gar nicht, -wie du mich so lange aufhalten kannst, wenn du hörst, daß Mama auf die -Schlüssel wartet!« - -Und fort war sie. - - * * * * * - -Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei Käthens Eltern -große Unruhe. An der Hausthüre war schon seit längerer Zeit eine -Wohnung ausgeboten worden, und der Hausherr hatte sich bereits stummer -Verzweiflung überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte. - -Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt -- die Vermiethungsfrage -war der Tollpunkt des Doktors! - -So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner Thüre prangte, -war er melancholisch -- seine Gedanken irrten mit beängstigender -Beharrlichkeit, aufgescheuchten Vögeln gleich, um das betreffende -Quartier, und er begann und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine -Frau mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja noch nie -eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, so grub der Doktor -regelmäßig einen alten General aus, der inzwischen, nach der seitdem -verflossenen Zeit zu schließen, längst zum Feldmarschall oder unter die -himmlischen Heerscharen avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst -ein volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte. - -Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann ein neues Stadium -in dem Zustande des Doktors. Er hatte für nichts anderes Sinn und -Gedanken, als für die Chance, er sang mit dem französischen Grenadier -»was schiert mich Weib, was schiert mich Kind?« und war für alle -häuslichen Vorkommnisse taub und blind. - -Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein umdüstertes Gemüth ein -Brief gefallen, in dem ein der Familie bekannter Baron von Rabeneck -um die Erlaubniß bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte -Wohnung in Augenschein zu nehmen. - -Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen und unsäglich -neugierigen Herrn -- aber in der Noth ist man nicht wählerisch -- der -Baron wollte miethen, und der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei -Uhr mit fieberhafter Spannung entgegen. - -Die Familie -- Käthe, die Älteste, ausgenommen, die, wie wir wissen, -bei Fräulein Sabine war, saß um den Kaffeetisch. Eine stattliche -Reihe von schulpflichtigen Kindern -- zwar nicht so viel, als unser -schwäbischer Freund besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der -Seinen antworten konnte: »ich danke, die »Meischte« sind wohl« -- aber -immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen Spektakel zu machen. - -Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte Gruppe, die -zur Eile angetrieben wurde, um beim Erscheinen des Miethers nicht den -Eindruck der Räume abzuschwächen. Jetzt klingelte es. - -»Kinder, schnell -- trinkt aus, das ist er!« rief der Vater, und ließ -sich in der Eile zu der unmännlichen Handlung des Umgießens aus der -Ober- in die Untertasse für seinen jüngsten Sohn verleiten -- doch zu -spät! Die Thür ging auf -- aber nicht der Baron erschien, sondern das -heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. Die Kinder gingen -trotzdem auf einen Wink der Mutter hinaus. -- - -Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem Major a. D., die -Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn waren ziemlich die beiden einzigen -Gegenstände, welche sich die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern -rechtmäßig besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn sie mit -besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine gute, ganz gescheidte -Frau von stets heiterem Temperament, hatte sie nur die Manie, alles -zu verlegen, zu verlieren, und sich mit einer wahrhaft genialen -Unverdrossenheit durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus -der Verlegenheit zu ziehen. - -Ihr Mann wußte entweder nichts davon -- oder er wollte nichts davon -wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. Er hatte es zu seiner -Vorgesetzten und seinem eigenen größten Erstaunen bis zum Major -gebracht und war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine -Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich seitdem auf -Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung, kein Familienereigniß -freudiger oder trauriger Natur war bisher im Stande gewesen, ihn derart -zu erregen, daß er nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die -Seinigen gefragt hätte: »machen wir heute keine Partie?« - -Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend, wo sein einziger Sohn -das Licht der Welt erblickte, zwei Stunden darauf einen Whisttisch -herbeigeschoben und seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie -Whist vorgeschlagen habe. - -So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm ungestört -blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und seine Frau mochte die -Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten Familien rekrutiren -- -ihn focht es nicht an. - -Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und tüchtiger Offizier die -beste Carriere machte, hatte für ihn erst Interesse gewonnen, als er -den Dritten beim Whist abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht -hinderte, seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung -an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück und der Stolz der -Mutter, wurde, wie wir von Käthe gehört haben, erwartet, und die Frau -Majorin hatte bereits eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen -Waschtisch und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, und kam -soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel reiner Gardinen vakant -wäre, da sie das Gastzimmer sonst soweit in Ordnung habe. - -Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und lud ihre -Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab. - -»Nein, nein,« sagte sie eilfertig, »o ich habe noch sehr viel zu thun --- denn, liebste Lang, ich komme mit einer großen Bitte -- trinken Sie -nicht heute Abend mit uns Thee? Keine Gesellschaft -- nur etwa zwölf -bis fünfzehn Personen -- bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!« - -»Wir kommen herzlich gern,« sagte die Doktorin, »wenn mein Mann nichts -dagegen hat.« - -Der Doktor war herausgegangen, um die Straße herunter zu spähen, ob der -Miether sich nicht zeigte. -- - -»Ach, was sollte er dagegen haben!« sagte Frau Scharff, »heut muß er -kommen -- ich habe eine kleine Überraschung vor! Aber liebe Lang -- -eine Bitte! Meine Pauline ist so ungewandt -- können Sie mir Ihre -Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei Gerichte, und sie ist -so prächtig flink -- das weiß ich! Im Hause geht das ja sehr gut!« - -»Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,« sagte Frau Lang lächelnd, -»kann ich sonst mit etwas dienen?« - -»Nun ja -- wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel und zwei Dutzend -Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn Weingläser und die silberne -Zuckerdose leihen wollten, so wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und -Beste -- die beiden großen Lampen -- aber lassen Sie sie bald füllen; -meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das ist alles -- denn -die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser habe ich noch oben. Aber -richtig -- Sie haben wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline -hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben Rehrücken und sie -soll ihn noch spicken.« - -»Ich werde sogleich nachsehen,« erwiderte Frau Lang, und griff in die -Tasche -- die Schlüssel fehlten! Bei dieser Gelegenheit schickte sie zu -Fräulein Sabine, um Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und -von der Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde. - -»Mein liebes Käthchen -- nein, wie reizend steht Ihnen die neue Frisur! -Wie haben Sie sich bei Ihrer Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei -Mamachen vor, ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen -- ich habe -eine kleine Ueberraschung _in petto_! Nicht wahr, Sie kommen doch? Ich -schrieb noch neulich an meinen Sohn: »eine Gesellschaft ohne Käthchen -ist mir gar nicht denkbar -- sie ist so belebend!« - -Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich ausgesehen -hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und zog die Hand fort. - -»Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,« sagte die Majorin -eilfertig, »also Ihre Anna bringt nachher alles mit herauf, nicht wahr?« - -Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe allein. Sie legte -ihrer Tochter die Hände auf die Schultern und sah ihr forschend ins -Gesicht. »Käthe, warum bist du nur wieder so unfreundlich gegen die -gute Majorin?« - -»Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in Frieden läßt!« -erwiderte Käthe unartig. - -Die Doktorin schüttelte den Kopf. - -»So laß sie doch -- für die Pläne der Mutter kann der Sohn nichts -- -und außerdem -- Käthe, wäre es denn nicht sehr hübsch, wenn etwas -daraus würde? Eine andere Neigung hast du nicht« -- - -Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben, denn der -Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die Schlüssel aufheben, wozu -sie eine ganze Weile brauchte und sehr roth wieder zum Vorschein kam -- -vom Bücken jedenfalls! - -»Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst gescheidter Mann -sein,« fuhr die Mutter fort, »thu mir wenigstens den Gefallen, dich -nicht von vornherein gegen ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja -immer so gut gefallen!« - -Käthe schwieg hartnäckig. - -»Da klingelt es,« unterbrach sich die Mutter, »hier, Käthe, ich habe -mir alles notirt, was die Majorin sich zu heute Abend leihen will -- -gieb es einmal heraus!« - -Käthe nahm mit einem ironischen »weiter nichts?« das Verzeichniß -in Empfang, und ging hinaus, eben, als der Vater zur andern Thür -hereintrat. - -»Er kommt wieder nicht!« sagte er resignirt, »ich werde jetzt ausgehen! -Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.« - -»Ja, ja, er kommt,« beschwichtigte seine Frau, »eben klingelt es -- da -ist er schon!« - -Richtig -- so verhielt es sich! Herr Baron von Rabeneck erschien mit -einer tadellosen Verbeugung auf der Schwelle. Er war ein mittelgroßer, -schlanker Mann, mit sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel, -mit kurzsichtigen Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem -parfümirten Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips. - -»Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,« sagte er eintretend, -»Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich nicht stören! Trinken Sie immer -hier Kaffee?« - -»Ja,« sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, der die Fragepassion -des Barons, und die kurze Geduld ihres Mannes schon bekannt war, wollte -mit einer Gegenfrage dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht -so leicht beirren. »Ich trinke auch Kaffee,« fuhr er fort, »sehr -gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, Frau Doktorin?« - -»Ja,« sagte der Doktor gereizt, »meine Frau trinkt Kaffee -- meine -Tochter auch, meine ganze Familie trinkt Kaffee!« - -Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. »Sie wollten unser leeres -Quartier sehen, Herr Baron?« - -»Ja,« erwiderte der Neuangekommene behaglich, »ich sah heute bei meinem -Morgenspaziergang, den ich immer durch diese Straße mache -- hübsche -Straße, was? -- daß hier ein Miethszettel hängt -- wollte doch mal -nachfragen. Erster Stock, was?« - -»Nein -- zweiter Stock -- vier Zimmer mit Balkon,« gab der Doktor -zurück. - -»Oh -- charmant -- vier Zimmer? Balkon? Ganz mein Fall! Alles -Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch? Still?« - -»Wie wäre es,« schlug die Hausfrau vor, »wenn Sie mit mir einmal -hinaufgingen, Herr Baron, und die Wohnung selbst in Augenschein nähmen? -Ich hole mir nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!« - -»Bitte, bitte,« erwiderte der Baron verbindlich, und ging Käthe -entgegen, die eben wieder hereintrat, und am Fenster mit einer Arbeit -Platz nahm. - -Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung ein, sich auch -niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg, wenn ihr jemand nicht gefiel. - -Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause schmerzlich, und -wandte sich an das junge Mädchen. - -»Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?« - -Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin. - -»Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?« - -Der Baron hustete zierlich. - -»Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon meine selige -Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst dich für alles! Ich heiße -nämlich Chlodwig! Hübscher Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer -Familie -- mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr Papa?« - -»Friedrich,« erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln unterdrückte. - -»Friedrich -- so so -- und Ihre Frau Mama?« - -»Fragen Sie sie selbst,« sagte der Doktor ungeduldig, »da kommt sie.« - -Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, sagte der Doktor zu -Käthe: »wenn =dieser= Fragekasten die Wohnung miethet, zünde ich das -Haus an allen vier Ecken an. Der fragt einen todt.« - -Käthe lachte. »Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht mit ihm umzugehen. -Vielleicht spielt er Whist, da kann er sich mit Scharffs befreunden, -die er ohnehin schon kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine -Gesellschaft geben?« - -»So?« brummte der Doktor, »was haben sie sich denn schon geborgt?« - -»Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere Köchin und unsere -Familie,« erwiderte Käthe spöttisch, »wir werden uns also wohl recht -heimisch fühlen.« -- - -Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit wieder, und der -erstere war entzückt von dem Quartier. - -»Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,« sagte er, »so können wir gleich -Kontrakt machen -- liebe schnelle Entschlüsse -- Sie auch, -- was?« - -»Gewiß!« sagte der Doktor höflich -- die Aussicht, einen Miether zu -bekommen, goß Öl auf die Wogen seines Zornes. Die beiden Herren nahmen -an einem Seitentischchen Platz, um über den Kontrakt einig zu werden. - -Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, als die Thüre -aufging und eine Dame erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch -durchaus nicht alt -- so hübsch in der Mitte. =Ganz= jung waren ihre -Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine Elfe ins -Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm. - -Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit ihrer Großmama, der -verwittweten Generalin, die Hälfte des zweiten Stockes im Hause -bewohnte. Der Baron hatte sie kaum erblickt, als er aufstand und auf -sie zutrat. - -Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes unterbrochen, -kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte düster: -»nett!« - -»Mein gnädiges Fräulein,« begann der Baron, »ich bin entzückt, Sie zu -begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme von Portici bekommen?« - -»O ausgezeichnet!« erwiderte Leontine, »es war eine allerliebste -Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da -- Will ist jetzt bei ihnen -zum Besuch -- Sie wissen ja -- Will Schraffenau, der bei den zweiten -Kürassieren stand! Will kann zu amüsant sein, nicht?« - -»O ja, meine Gnädigste,« erwiderte der Baron, »aber nichts gegen Lu! -Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, der die zweite Sandrowsky -- -Peppi Sandrowsky -- zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?« - -»Na!« brummte der Doktor vor sich hin, »bis die beiden jetzt den -Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann mein Miethskontrakt schwarz -werden!« - -»Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff, Ihr Hausgenosse -zu werden! Charmant, was?« - -»Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!« rief Leontine -entzückt. - -»Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst hier zu Ende kommen,« -sagte der Doktor, und schob sein Tischchen in die andere Ecke des -Zimmers -- dort konnte er hoffen, ungestört zu bleiben, »bitte, Herr -Baron! -- der Miether verpflichtet sich« -- - -Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, plauderten -die Mädchen in der Fensternische. - -»Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen -- ist heute großer -Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, der Sohn wäre gekommen, den ich -von früher her kenne -- wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter -Storrwitz, und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit ihm -- -ist er gekommen?« - -»Nein, er wird erst erwartet,« erwiderte Käthe, »ich weiß auch nicht, -warum sie heut plötzlich eine Fête geben.« - -»Nun ja -- aber die Frage ist, =was= zieht man an? Rabeneck ist auch -da, ich habe die Scharff gefragt.« - -Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine hüpfte endlich ab. - -Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu seinem Miethskontrakte -nach der Lampe rief. Das Mädchen erschien, brachte aber nur einen -Armleuchter mit einem Licht. - -»Die Lampe!« donnerte der Hausherr. - -»Verzeihen Sie, Herr Doktor -- unsere Lampen sind alle oben beim Herrn -Major -- die Kinder arbeiten auch bei Licht.« - -»Darauf machen Sie sich gefaßt,« sagte der Doktor, kochend vor Wuth, -»wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird Ihnen von Majors alles abgeborgt, -was Sie haben und nicht haben!« - -»Aber Papa!« rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen. - -»Ich bitte Sie,« rief der Baron ängstlich, »das ist ja sehr unangenehm! -Alles verborgen? Muß man das?« - -»Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!« grollte der Doktor, »denn -so lange wohnen sie hier, und =was= sie sich alles borgen, spottet -jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie ließen einmal auf einen halben -Tag um =mich= bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber -weiter: »die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus« -- - -»Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen -Armleuchter bekommen kann?« sagte das Dienstmädchen und griff bereits -nach dem fraglichen Gegenstand. - -»Sie sind wohl verrückt!« schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm, -»sollen wir hier im Dunkeln sitzen?« - -»Mein Gott, ist es denn schon so spät!« sagte der Baron, und sah nach -der Uhr, »wahrhaftig -- halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich -muß an meine Toilette gehen -- wir sehen uns ja wohl heute Abend beim -Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir beenden das -Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?« - -Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer --- das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast -zur Thür geleitete. - -»Nun borgen sie sich auch schon die Miether!« sagte er vor sich hin, -als er hinausging. - -Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster -hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin --- die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten -in der Dämmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor -der Zukunft gewesen als heut -- warum noch nie der Gedanke an die -von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath mit dem Hauptmann -Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Träume von den kommenden -Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen -- zum -ersten Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt -- noch -nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefühl -zu erregen vermocht -- aber es war ihr auch noch nie jemand mit so -liebenswürdiger Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen -getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind -gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lächeln, -seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefühl einer Sicherheit -und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half -das alles! sie kannte seinen Namen nicht -- er nicht den ihren -- -sie würden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen -Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden. - - * * * * * - -Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige Aufregung. -Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren Räumen umher, die -bereits im festlichen Lichterglanz erstrahlten, rückte hier und da -an den Stühlen und stand dann wieder überlegend still, ob noch etwas -fehlte, wonach man zu Doktors schicken könnte. - -Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder Mann trat ins Zimmer. - -Die Majorin wandte sich um. - -»Nun, Mamachen,« sagte der Eintretende freundlich, »du hast noch zu -thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche halbe Stunde mit dir, ehe -die Gäste kommen.« - -»Ich bin fertig«, sagte die Mutter, und trat vor den Stuhl, in den sich -ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm die Hände auf beide Schultern und -sah ihm zärtlich ins Gesicht. - -»Mein alter Junge -- wie du wieder verbrannt bist!« - -»Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche Farbe, du mußt -dich schon daran gewöhnen.« - -»Und du warst ein so weißes Kind!« sagte die Mutter lächelnd. »Jetzt -sage mir aber einmal, Kurt -- ist es dir eigentlich recht, daß ich heut -Abend unsere Hausgenossen eingeladen habe? Du machtest mir bei der -Ankündigung ein so besonderes Gesicht.« - -»Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch allein gewesen, -Mutterchen -- aber wir sind ja, so Gott will, noch viele Abende -zusammen. Wer kommt denn heut?« - -»Also,« begann die Majorin, »da ist erstens die Generalin Faldern mit -ihrer Enkeltochter Leontine --« - -»Was?« unterbrach der Hauptmann lebhaft, »Tine Faldern ist hier?« - -»Kennst du sie?« - -»Wie sollte ich nicht! -- Als ich bei Storrwitz Adjutant war, hielt sie -sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie hieß damals immer die Tochter -des Regiments, weil sie so genau in der Rangliste Bescheid wußte. -Uebrigens ein hübsches, amüsantes Mädchen -- es ist mir ganz lieb, sie -einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.« - -Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber nichts. - -»Dann,« fuhr sie fort, »von Hausgenossen heißt das, kommt noch unser -Wirth -- der Doktor Lang mit Frau und Tochter --« - -»Ach -- die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama! Hätte ich mir's -nicht denken können, daß du wieder einen Heirathsplan wie einen Lasso -bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen über den Kopf zu werfen? Aber -gieb dir keine Mühe, Mama -- es wird nichts!« - -»Sei doch nicht so absprechend,« bat die Mutter, »du hast Käthe noch -gar nicht gesehen -- ich sage dir, sie ist allerliebst! Hübsch, sehr -gut erzogen und sehr gescheidt -- sie würde ausgezeichnet für dich -passen!« - -»Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen -- ich werde wohl -überhaupt nicht heirathen. Sieh,« fuhr er lebhaft fort, als die Mutter -eine Bewegung des Unmuths machte, »ich bin -- nenne es phantastisch, -unpraktisch, kurz, was du willst -- aber ich bin entschlossen, mich -nur zu binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage: 'Die oder -keine!' Und solche Dinge kommen vor! -- Ich sage dir, sie kommen vor! -Lache mich nicht aus, Mutter -- aber ich habe ein Mädchen gesehen, das -mir gefällt, und wenn ich =die= wiedersehe, und sie will mich -- dann -sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet haben. Frage -mich aber nicht weiter -- ich bin auf der Suche -- das laß dir genug -sein. Und verschone mich mit deiner Käthe -- ich mag sie nicht!« - -»Guten Abend, Frau Majorin,« sagte in diesem Augenblick die Generalin -Faldern, die in taubengrauer Seide ins Zimmer rauschte, von der -rosafarbenen Leontine gefolgt. »Sie waren so freundlich, uns zu -erlauben -- ah, das ist wohl Ihr Herr Sohn?« - -»Ja, er ist gestern angekommen,« sagte die glückstrahlende Mutter, ihn -den Damen vorstellend, »er hat mich überrascht! Es ist doch einzig von -ihm; aber er war von jeher ein so guter Junge!« - -Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann peinlich war, so -ließ er es durch keine Miene merken -- er lächelte sehr freundlich und -wandte sich an Fräulein Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt -die Hand hinstreckte. - -»Herr Hauptmann -- das ist aber eine Ueberraschung, die Ihrer Frau -Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst, das muß wahr sein! Und -nun erzählen Sie mir von W.... -- was machen die dritten Husaren? Und -wo stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich einen so -großen Pas gemacht, und muß Schulten den Abschied nehmen? Ach, es waren -doch schöne Zeiten?« - -»Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich aufs tiefste, mein -gnädigstes Fräulein,« erwiderte der Hauptmann ernsthaft, »ich kann -Sie versichern, daß die dritten Husaren sich sehr wohl befinden, und -daß die Vierundzwanziger sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen -gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so glücklich sein -würde, Sie zu sehen.« - -»Ach, Sie spotten wieder,« schmollte Leontine, »aber ohne Scherz -- -erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein Vetter Storrwitz sich ein neues -Pferd gekauft? Der Braune von damals war doch ein süßes Thier -- er ist -mir noch manchmal im Traume erschienen!« - -»Glücklicher Brauner!« sagte der Hauptmann -- und begann nun wirklich -zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend zu, und die Unterhaltung -war so lebhaft, daß der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung -dazwischenschieben konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch und -mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus und machte ganz -zeitgemäße Konversation mit der Generalin -- freilich sagte er meist -nur: »nun eben!« eine Wendung, die er vorzugsweise gern anwendete, und -mit der man merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf -eingerichtet hat. - -Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein -- schon klingelte -es wieder. - -»Das sind gewiß Langs,« rief Leontine, »ich muß Käthe entgegengehen,« -und damit flog sie hinaus. - -Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und wandte sich dann, um -den Baron Rabeneck zu begrüßen, der eben erschien. - -»Entzückt -- entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen zu lernen,« begann -der Baron schmelzend, »Sie stehen bei einem B.'schen Regiment?« - -»Ja wohl, Herr Baron -- schon seit zwei Jahren,« erwiderte der -Hauptmann. - -»Und vorher?« - -»Bei den --schen Husaren!« - -»Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo stehen die Husaren?« - -»In W....« sagte der Hauptmann etwas verwundert. - -»Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch Offizier -- bei den ---ten Dragonern -- reizende Uniform, was?« - -»Allerliebst!« sagte der Angeredete, über dessen Gesicht ein immer -vergnügteres Lächeln flog. »Sie sind pensionirt, Herr Baron?« - -»Ja -- ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus -- was?« - -Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer von Fragen stand, -in dem ihm nach und nach heißer wurde als im Kugelregen, hatte Leontine -auf dem Flur die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe sofort -zugeflüstert: »der Sohn ist da!« - -Käthe zog die Augenbrauen zusammen: »Wie albern -- warum hat uns die -Majorin das nicht gesagt?« - -»Sie wollte Sie wohl überraschen,« fuhr Leontine eifrig fort, »aber -Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes Gesicht zu machen -- er -scheint kein Spießgeselle bei der Verschwörung seiner und Ihrer Mutter -zu sein -- eben als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin, -»verschone mich mit deiner Käthe -- die Art Mädchen ist nichts für -mich!« - -Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt -- aber darauf kam es -Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar zu werden, daß diese Äußerung -schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, daß der Hauptmann sie nie -gesehen hatte, richtete sich hoch auf -- das stolze, jugendliche Blut -schoß ihr bis in die Stirn -- »nun, dann stimmen ja unsere Ansichten -über einander auf ein Haar« -- sagte sie -- warf den kleinen Mund -verächtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Käthe sah -heute Abend sehr hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre -jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von -Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel. - -Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte sie aufs -lebhafteste. - -»Guten Abend, Herr Doktor -- nein, das ist reizend, daß Sie gekommen -sind, Frau Doktorin -- und hier ist auch meine kleine Ueberraschung -- -sie ist freilich ein wenig groß ausgefallen -- mein Sohn!« - -Käthe blickte auf -- und plötzlich drehte es sich vor ihren Augen wie -ein feuriges Rad. Der große, blonde Mann, der sich eben mit einem -ernsten, wiedererkennenden Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr -Reisegefährte -- so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt -- er -hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe sei, von -der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt hatte, wie dieser -selben Käthe von ihm -- und was war das Resultat seiner Beobachtungen? --- »Verschone mich mit deiner Käthe -- ich mag sie nicht!« - -Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und -ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte -sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. »Guten Abend, -Herr Baron,« sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, »also Sie sind -doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut -mich.« - -Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen über die rothen -Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein Sabine -- Käthe war -gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mußte -verstanden haben, trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen, -die noch das _curriculum vitae_ eines Pferdes von ihm verlangte, -das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit -leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte. - -Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den runden Sofatisch, -es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a. -D. -- in unserem Städtchen waren die meisten Leute a. D. -- vielleicht -den Bäcker und den Fleischer ausgenommen -- und der letzte Gast war ein -Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine -Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von -der Gesellschaft zurückzog, so daß er durchschnittlich nur den dritten -Winter in der Welt glänzte. - -Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigem _tête-à-tête_ mit dem -hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Höhe herab -und war ganz liebenswürdig -- gewöhnlich sprach sie kein Wort. »Wie das -junge Völkchen heiter ist!« bemerkte sie zum fünftenmal, als sie ihre -Lorgnette von den Augen ließ. - -Die Majorin nickte etwas bittersüß -- Käthe saß mit dem Justizrath -und dem Baron zusammen, sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der -Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern. - -Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt -und sich geärgert -- aber erstens konnte ihre Käthe ja nicht die -Initiative ergreifen, und sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch -thun, als ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. So -that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am -Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen -Leute warf, dann lächelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der -Generalin, daß »das junge Völkchen so heiter sei.« Ihr Mann umschlich -die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger -- immer den Baron im -Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. Durch die unerhörtesten -Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des -Betreffenden zu erregen -- der Baron wandte sich um. - -»Spielen Sie Whist, Herr Doktor?« - -»Sehr gern!« erwiderte der Angeredete eifrig -- erstens langweilte er -sich, und dann wollte er den Baron wegen der Wohnung ausforschen. - -»Nettes Spiel -- was? Ich spiele leider nicht -- kein Kartenspiel -- -fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe ich viel Talente -- meine -selige Mama sagte schon immer »Chlodwig, du bist sehr talentvoll« -- -aber Karten« -- - -»Dummkopf,« murmelte der Doktor in sich hinein. - -In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die Schulter, »machen -wir heute keine Partie?« - -Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen schon im Stillen -überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine anhalten sollte -- sie -war ziemlich die einzige in der Stadt, bei der er sein Heil noch nicht -versucht hatte, wurde als Dritter zum Whist angeworben, und die drei -Herren setzten sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt -war, wo die Jugend saß. - -Bei dieser -- der Jugend -- herrschten indeß die verschiedensten -Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum Opfer gefallen war, antwortete -auf seine zahllosen Fragen immer aufs Gerathewohl mit »ja« und »nein« --- nur wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen, nahm sie -einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde gesprächiger. - -Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle Minen springen. -Sie erinnerte sich an jeden einzelnen Ball aus der Saison, die sie mit -dem Hauptmann erlebt hatte, mit überraschender Genauigkeit, und »wissen -Sie noch?« war immer der Refrain jedes dritten Satzes. - -Der Hauptmann wußte aber gar nichts -- er wurde immer zerstreuter, und -als Leontine ihn nach einem Rittmeister zu fragen begann, der seiner -Zeit zu den Husaren kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg. - -»Herr Baron,« rief er hinüber, »stand Straten nicht bei den --ten -Dragonern? den müssen Sie ja gekannt haben! Fräulein von Faldern -erkundigt sich nach ihm!« - -»Straten? versteht sich!« erwiderte der Baron aufstehend, »sehr gut -gekannt, haben zwei Jahr bei einer Schwadron gestanden -- netter -Mensch, was?« - -»Jawohl!« erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, »hier -- -erzählen Sie einmal von ihm -- _changeons_!« Und damit überließ er -seinen Platz neben Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern. - -Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich erhob, und an den -nächsten, mit Albums bedeckten Tisch tretend, sich in die Besichtigung -derselben vertiefte. - -Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein Buch. - -»Das kann ich auch,« bemerkte er halblaut. - -Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen. - -»Was habe ich denn hier?« fuhr der Hauptmann gemüthlich fort, und -blätterte in dem Buch, »ah -- Gedichte -- eine ganze Sammlung -- darf -ich Ihnen etwas vorlesen?« - -»Ich danke,« erwiderte Käthe kurz, »ich sehe mir Bilder an!« - -»Schön,« erwiderte ihr Gegner ernsthaft, »dann werde ich mir selbst -vorlesen -- ich liebe die Lyrik ungemein -- ah hier -- das ruft mir -ein Erlebniß zurück, »das Dampfroß schnaubt entlang der Halde« -- sehr -nett! Wer weiß, was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen -- -sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich muß mich einmal -überzeugen!« - -»Ich will das Gedicht nicht hören!« sagte Käthe. - -»Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein -- ich lese =mir= vor! --« Er -blätterte weiter. - -»Hier -- ein anderes! »Als ich zum erstenmal dich sah, verstummten -meine Worte.« Stimmt! Also ist es schon mehr Leuten so gegangen. Der -hat am Ende auch mit dem Dampfroß zu thun gehabt!« - -Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf in die Hand -und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe lernen. - -»Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,« sagte der Hauptmann, -»immer schmollen, immer grollen, für ein' Ros' wär's zu viel Dorn! Und -nun lassen Sie uns zur Prosa übergehen,« fuhr er plötzlich ernsthaft -fort und nahm neben Käthe Platz, »bitte, sehen Sie ruhig weiter in Ihr -Buch -- ich werde ein gleiches thun -- und nun,« er senkte die Stimme ---, »warum sind Sie eigentlich böse auf mich?« - -»Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?« fragte Käthe etwas unsicher. - -»Nun, mein gnädiges Fräulein, wenn =das= bei Ihnen =gut= heißt, dann -möchte ich Sie allerdings einmal sehen, wenn Sie böse sind! Ich bin -zwar nicht an übertrieben freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt -- -denken Sie nur an Station --« - -»Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!« rief Käthe und -erröthete tief. - -»Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig Stunden -- -aber ich will sie begraben -- klaftertief -- wenn Sie mir Rede und -Antwort stehen. Wollen Sie das? Sonst wird die Geschichte, die =alte= -Geschichte, wie Sie sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange -vor Ihnen auftauchen --« - -»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Käthe, wider Willen lachend, »was soll -ich denn antworten?« - -»Das will ich Ihnen gleich sagen -- also, =was= habe ich Ihnen zu Leide -gethan?« - -»Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft T...?« -fragte in diesem Augenblick der Baron, sich dem Tisch nähernd, »ich -wollte Fräulein von Faldern einen Begriff von der Gegend geben, wo mein -Gut liegt. Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?« - -»Reizend!« sagte der Hauptmann, und nahm einen dicken Band -Landschaftsbilder vom Tisch, »hier, Herr Baron, in diesem Buche ist ein -sehr hübscher Stich, der gerade die Gegend vorstellt, die Sie zu sehen -wünschen. Wollen Sie sich überzeugen?« - -Der Baron ging mit dem Buche ab. - -»Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,« bemerkte Hauptmann -Scharff, »ich habe ihm einen Band Ansichten von Spanien gegeben, da mag -er suchen! Doch zurück zu unserem Gespräch -- was habe ich Ihnen zu -Leide gethan? Warum sind Sie böse?« - -Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr tapfer: »Ich bin -böse, weil -- nun ja, weil ich es sehr häßlich finde, daß Sie mich -unterwegs ausforschen und kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie -sind.« - -Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür schon ein paar sehr -befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, und als sie sah, daß Leontine -im Begriff stand, sich dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte -sie wie ein Stoßvogel herbei. - -»Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir sind ja immer ganz -Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen -- bitte, bitte!« - -»Ach ja, mein gnädiges Fräulein,« stimmte der Baron ein, »Sie singen? -Bitte, tragen Sie uns etwas vor -- ein _Chanson_ -- eine Ballade, was? -Ich liebe die Musik leidenschaftlich -- reizende Kunst, was?« - -Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein -- ob der Gedanke, -daß ein Baron in der Hand sicherer sei, als ein Hauptmann auf dem Dache -ihren Entschluß beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie -verschwand, von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und bald klang ihre -sehr hübsche Stimme wohlthuend durch die Räume. - -Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört, denn die Herren am -Spieltische waren ganz in ihre Karten vertieft, und der jeweilige -Ruf: »zwei Trick -- _deux honneurs_« -- vermochte eine leise geführte -Unterhaltung nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann -der Hauptmann von Neuem. »Ich verstehe Sie gar nicht, mein Fräulein! -Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn? Unterwegs?« - -Käthe nickte. - -»Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,« rief der Hauptmann -ungeduldig, »woher sollte ich denn in der Eisenbahn wissen, daß Sie -und die viel beschriebene Käthe ein und dieselbe sind? Nun sagen Sie -einmal selbst, daß ich es nicht wissen konnte!« - -»Ja ja!« gab Käthe zögernd zu. - -»Nun gut -- also darin bin ich gerechtfertigt! Aber selbst, =wenn= ich -Sie gekannt hätte -- ich gestehe Ihnen offen, daß ich auch dann noch -kein Verbrechen begangen zu haben glaubte! -- es steckt wohl noch etwas -Anderes dahinter! Nicht wahr?« drängte er, als sie schwieg und tief -erröthend zu Boden blickte. - -»Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens die Möglichkeit, -mich zu vertheidigen,« rief er fast heftig, »mein gnädiges Fräulein -- -Fräulein Käthe -- wir waren doch so gute Freunde unterwegs -- waren -wir das nicht? Sehen Sie -- Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht -vernünftig und sagen Sie mir, =was= ich Ihnen gethan habe!« - -»Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe ich kam?« fragte Käthe -trotzig und blickte auf. - -Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er -- aber etwas verlegen. -»Ich kann mir denken, =wer= Sie instruirt hat! Soll ich Ihnen das -Gespräch erzählen?« fragte er in sonderbar weichem Ton, und bückte -sich, um ihr in die Augen zu sehen. »Ja oder nein?« - -»Ja!« sagte sie hastig und leise -- ihr Herz fing an, heftig zu klopfen. - -»Nun denn -- ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht Lust hätte, hier -irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen, -- heiße sie Käthe oder -sonst wie -- weil -- nein, sehen Sie mich einmal an, Fräulein Käthe --- weil ich mich unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt -hätte -- in eine Unbekannte, -- und wenn nun ein freundlicher, lieber, -guter Zufall es so gefügt hat, daß diese Unbekannte diejenige ist, -die meine Mutter -- Gott segne meine Mutter -- schon lange für mich -ausgesucht hat --« - -Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, »es ist -angerichtet,« rief der Lohndiener mit Stentorstimme. - -Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die Whistspielenden warfen -die Karten zusammen -- man ging zum Abendessen. - -Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell wie der Blitz vom -Sofa fort und zu den Herren am Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun -ihre Strafe! Der Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu -führen. - -Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten -- die Majorin -hatte aus Versehen für zwei Personen zu wenig decken lassen, und diese -beiden Uebriggebliebenen standen nun ziemlich verlegen hinter den -besetzten Stühlen der anderen. - -Während noch schnell nach den fehlenden Tellern, Messern und Gabeln -zu Doktors hinaufgeschickt wurde, kroch der Major unter allen Sofas -und Schränken umher, um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm -verloren gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung konnte -es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour bestaubt, wie alter -Ungarwein zurückkam, und nicht einmal fand, was er suchte. - -Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen können, sich Käthe -zu nähern, die schon seit zehn Minuten wartend Arm in Arm mit dem -Justizrath stand -- eine Situation, die zu den allerpeinlichsten -gehört, und die die wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu -coupiren, daß sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen. - -So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren anderer Seite der -Baron Platz nahm. Käthe saß schräg gegenüber; sie sprach kaum ein Wort -und sah nicht in die Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen -Blick von ihr aufzufangen. - -Leontine bemerkte sein Bestreben wohl -- sie gab ihn auf! Als -kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre Taktik sofort, und -schwenkte blitzschnell zu dem Baron hinüber, der ihr von seinem Gut -erzählte, und sie fragte, ob sie das Landleben liebe? - -Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine schmiedete das -Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem Soldatenenthusiasmus sprang sie -zur Oekonomie über, schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und -that ganz ländlich. - -Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit den kleinen Kreis. -Nur die Generalin machte eine Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn -ihrer Gastgeber fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln erfror -in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde, und der Major, der -sie gebührender Weise zu Tisch geführt hatte, erntete für seine ohnehin -nicht glänzenden Unterhaltungsversuche nur ein kühles »hm« oder »ja, -ja!« - -Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der Baron ihm soeben als -»seinem liebenswürdigen Hauswirth« zugetrunken, und um die Erlaubniß -gebeten, im Lauf des folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. »Dann -soll mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,« gelobte sich der -beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im Geist alle Thüren -in dem Verhandlungszimmer ab. - -Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus -- sie wußte nicht, -was sie von dem veränderten Wesen ihrer Tochter denken sollte -- und -ehe nicht feststand, daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte -sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben. - -Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann -von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklärt, so -ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung -zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten -auf das entscheidende Wort warten läßt. Und er wartete nun schon eine -ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen -müssen, und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt, -als sei dies _con amore_ Nachtafeln das Beste vom ganzen Abend. - -Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: »alles nimmt ein Ende.« Die -Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel -des Amüsements befinden mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl -- die -andern folgten. In dem Moment =mußte= Käthe aller menschlichen -Berechnung nach emporsehen -- sie that es! Der Hauptmann erhob sein -Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen -Augenblick. Da -- o Freude! -- nahm sie ihr noch unberührtes, volles -Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an -- erröthete -dunkel -- und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als -sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen! - -Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne ein gesprochenes Wort, -wie die Sache stand -- hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war -dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch -ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache! - -Als der Hauptmann daher im Trouble des »Gesegnete Mahlzeit«wünschens -Käthe zuflüsterte: »darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen?« genügte -er damit eigentlich nur einer Form -- er wäre auch ohne diese Frage -gekommen, und ihrer Zustimmung gewiß gewesen. - -Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment -unter vier Augen sprechen zu können, trog -- kaum waren die zehn -Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin -abschiednehmend auf ihre Wirthe zu -- Leontine folgte, vom Baron auf -das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht --- das war klar! Am Ende hätte sie heut schon sagen können: »Sprechen -Sie mit meiner Großmutter,« ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner -Bekanntschaft, die betrübende Antwort zu riskiren: »wovon?« - -Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lächelte sie -befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die »Lebensfrage« -schon verblümt herauszuhören geglaubt -- »am Ende =muß= es gerade kein -Offizier sein«, dachte sie im Einschlafen, »ein Gut in der Grafschaft -ist auch nicht zu verachten! -- was steht dort? die 26er oder die 62er?« - -Über dem Zweifel schlief sie ein. - -Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte -Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie -zurückzulegen hatten, noch ein Viertelstündchen zugeben werde. -- Die -Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit -deren Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte -- da war es hohe -Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich. - -Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für die Gefälligkeiten --- »Morgen in der Frühe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir -geborgt haben, liebe Lang«, versicherte sie in der Thür. - -Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des Hauses nicht nehmen -ließ, die Gäste bis in den Flur zu geleiten, und Käthchen beim Umnehmen -der Sachen behilflich zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck -vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich mit Recht -über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. -- - -Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging der Hauptmann -noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre zu holen, deren er in -wichtigen Augenblicken zur Sammlung bedurfte. Sie war auch ein -prächtiger Verlegenheitsableiter, als er zu den Eltern zurückkehrte, -die gemüthlich im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen Ruhe -schwelgten. - -Beide sahen auf, als der Sohn eintrat -- er aber schnitt, während er -sprach, emsig die Cigarre ab, steckte ein Schwefelhölzchen in Brand, -kurz nahm alle möglichen Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas -unsicherer Stimme eine kleine Rede zu halten. - -»Liebe Eltern«, sagte er halb heiter, halb verlegen, »ich bringe ein -paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben erfahren -- ich fand auf -meinem Zimmer diesen Brief vor, der mir meine Versetzung hierher, -vorläufig privatim mittheilt.« - -Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf. - -»Kurt -- wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das so schnell gekommen?« - -»Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen immer mit Dampf! -Die Wahrheit zu sagen erwartete ich aber die Nachricht schon längere -Zeit, und verschwieg sie Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und -Aufregung zu bereiten.« - -»Ich bin ganz glücklich, Kurtchen«, rief seine Mutter immer wieder, -»und du sollst mal sehen -- sei nicht böse -- aber wenn ich dich hier -habe, wirst du dich auch viel leichter zum Heirathen entschließen.« - -»Laß' ihn doch in Ruhe!« brummte der Major. - -Der Sohn lächelte. »Liegt dir wirklich so viel daran, Mama? So -unendlich viel?« - -»Aber, mein Junge«, sagte die Majorin etwas verwundert, »das weißt du -doch!« - -»Nun denn, Mamachen -- ich bin ja kein Unmensch -- siehst du mir gar -nichts an?« - -Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu ihm aufblickte, -streckte er ihr beide Hände entgegen: »Gratulire mir, liebe Mama -- -lieber Vater, ich bin mit Käthchen Lang verlobt.« - -Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders der Majorin, -bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern, -vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, weiß -ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt -- und wer es nicht -weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben und an sich -ausprobiren möge. - -Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man -auseinander und zu Bett -- d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett, -sondern wanderte die Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube -auf und ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater einige -Donnerwetter über die Lohndiener von Majors entlockte, die über seinem -Kopf immerfort noch ab und zu liefen. - -Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen, -schnitt der Doktor kurz ab: »Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum -Unterhalten«, brummte er, »jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind -doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute -- wenn sie von früh bis -Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen sind, und des -Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzählen.« Und er -entführte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen. - -So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz -entlastet zu haben, nur ihre Träume bauten gefällig auf dem sicheren -Grunde der jüngsten Vergangenheit glänzende Luftschlösser der Zukunft, -in deren lichten Räumen sie die Nacht verbrachte. - -Der »nächste Morgen« ist an und für sich schon etwas Ernüchterndes -- -nach einem Ball, -- nach einem Streit -- nach einem abgeschlossenen -Geschäft. -- Der »nächste Morgen« in seiner kühlen Beleuchtung zeigt -alle Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde Abend. - -Nur für eine glückliche Braut hat der »nächste Morgen« nichts -Prosaisches -- der Zauber ihrer Erlebnisse hält dem grellen Tageslicht -Stand -- und wie schlimm auch, wenn's anders wäre! Die Liebe muß ja -im Leben durch alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze -und die Schauer des Abends tragen helfen, -- und zu glauben, daß dies -Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und -Waffen zum Lebenskampf noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks -auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie glänzende -Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß sie uns nur wie ein -schimmernder Garten im Morgenthau erscheint. - -Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, als sie am -nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen Pflichten ging, deren -erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die -Zöpfchen der Schwestern mit wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die -Butterbröte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles -heut viel hübscher sei, als gestern. - -Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht lassen, die freie -Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei -Fräulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft -ihres Glückes zu verkünden. - -Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der -Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurück, der -sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch -sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich -zur Ruhe gesetzt. - -Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von Männern, -die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen -werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde insofern genügt, als sein Haus -nur meuchlings gescheuert wurde -- d. h. man überfiel ihn mit der -vollendeten Thatsache und er ergab sich dann. - -So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen -auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung -an sämmtlichen Stubenböden, auf welchen die zwölf Stiefelsohlen -der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters -zurückzulassen pflegten. Nur das _sanctum_ des Doktors blieb verschont -und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen Familie. - -Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu dieser ungewöhnlichen -Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher -etwas verdrießlich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube, -und sah auf die Straße hinab. - -Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller -Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubniß bat, in -einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu -dürfen. - -Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt, -so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, daß es sich hier um Käthe -handeln könne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu -folgen, öffnete die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein --- da saß seine Frau. - -Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür wieder zu und öffnete -das Eßzimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die übrige Wohnung -erschloß. O weh -- über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein -intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus jedem Raum -stieg »ein feuchtes Weib empor.« - -Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen! - -Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals -in sein Zimmer zurückzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden -war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen, -und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst »austoben« -lassen -- sie verschwand daher in der Küche und schnitt mächtige -Frühstücksschnitten für das heut vermehrte Hauspersonal. - -Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter Haltung vor dem -Doktor. Das Anfangen war doch entsetzlich -- =so= schwer hatte er -sich's nicht gedacht. - -»Ich komme, verehrter Herr Doktor«, begann er mit etwas gepreßter -Stimme, »um Ihnen eine Bitte vorzutragen.« - -Bautz -- ging die Thüre auf -- »der Baron von Rabeneck ist da, Papa!« -rief Käthe ins Zimmer tretend, erblickte den Hauptmann, stieß einen -kleinen Schrei aus, und war weg, wie der Blitz. - -»Ach, verzeihen Sie -- verzeihen Sie einen einzigen Augenblick«, sagte -der Doktor eilfertig, »der Baron kommt, um seinen Miethskontrakt -abzuschließen -- ich stehe dann sofort zu Diensten! -- Guten Morgen, -Herr Baron -- ich freue mich -- die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr -Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind bald fertig.« - -»Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?« fragte der Baron -im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt zu einer Unterhaltung, die, -recht breit in der Anlage, einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung -versprach. - -»O, recht gut«, sagte der Doktor, der auch nicht eilig schien, »es war -ein bischen spät.« - -»Aber ein allerliebstes Fest -- auf Ehre! Wie ist Ihren verehrten -Eltern der Abend bekommen?« (zum Hauptmann gewendet.) - -Dieser murmelte etwas Unverständliches -- er erstickte fast vor Zorn -und Verlegenheit. - -»Und Ihre Damen, Herr Doktor?« - -»Die sind schon lange wieder auf den Füßen!« bemerkte der Doktor -wohlgefällig. - -»Oh -- so matinal? Sind Sie immer so matinal? Aber das finde ich sehr -recht! Morgenstunde hat Gold im Munde! Mein seliger Papa pflegte das -immer zu sagen -- Morgenstunde hat Gold im Munde -- ganz richtig -- -was?« - -Der Hauptmann verbeugte sich stumm -- er hätte um die Welt jetzt nicht -sprechen können. Der Doktor trat zum Schreibtisch und wühlte in den -Papieren. - -»Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr Baron?« - -»Sofort -- ganz zu Diensten! Ja -- noch einen Augenblick -- denken Sie, -Herr Hauptmann, wie der Zufall spielt -- nicht wahr? Einzig manchmal! -Wir sprachen doch gestern Abend von Straten -- was?« - -»Ich erinnere mich nicht!« sagte der Hauptmann unklug und wuthbebend. - -»Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach ihm -- Straten, der zu -den Husaren kommandirt war, und mit dem ich bei den Dragonern stand -- -besinnen Sie sich jetzt? was?« - -»Ja, ja!« grollte der Hauptmann. - -»Nun denken Sie, wie der Zufall spielt -- nein, man kann wirklich sagen -'=spielt=', denn er spielt manchmal, was? und wir sind sein Spielzeug! -Das ist so ein Aperçu von mir -- liebe solche Aperçus! -- nun, um auf -unsern Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den guten -Straten gemeint haben will -- bewahre! -- dagegen protestire ich von -vornherein -- es ist nur so eine Redensart! Ja, _enfin_! -- ich gehe -gestern Abend nach der blauen Krone -- ich komme ins Gastzimmer -- wer -sitzt da? -- Straten! Nein, ich bitte Sie!« - -Der Baron lachte herzlich. - -»Nun, warum sollte er nicht dasitzen?« fragte der Doktor, jetzt auch -etwas unwirsch. - -»Aber, ich sage Ihnen ja -- wir hatten eben vorher von ihm gesprochen! -Er steht in Rotbergen -- zwei Meilen von hier -- und kommt gerade den -Abend her. 'Guten Abend, Straten!' sage ich. Nun hätten Sie mal seine -Ueberraschung sehen sollen! 'Guten Abend, Rabeneck!' sagt er. 'Nein, -das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier treffe! was machen Sie denn -hier?' frage ich. 'Ach, ich langweile mich so in Rotbergen, da bin -ich heut hier herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders zu -trinken', sagt er. Und nun plauderten wir von dem alten Regiment -- -ach, da hat sich auch viel verändert! Der Kommandeur ist weg -- nach -Braunschweig versetzt, mein damaliger Schwadronschef.« -- - -»Ja aber, Herr Baron«, unterbrach der Doktor diese interessante -Geschichte, »wenn wir vielleicht erst unseren Kontrakt machen wollten --- Herr Hauptmann Scharff wünscht mich dann noch in einer anderen -Angelegenheit zu sprechen.« - -»Ach, Pardon! -- bitte tausendmal um Entschuldigung! aber es war mir -- -ich dachte, es müßte den Herrn Hauptmann interessiren -- es war doch -ein zu sonderbares Zusammentreffen, was?« - -Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den Kopf hin und her über -den merkwürdigen Zufall. - -Während die Herren den Kontrakt durchlasen und daran herumkorrigirten, -stand der Hauptmann stumm am Fenster und sah auf die Straße. »Fatal! -=Einmal= anfangen war schon schlimm genug -- aber =zweimal= -- das ging -gar nicht!« Er biß sich zornig auf die Lippen. Und der Moment mußte -gleich wieder da sein -- die Feder des Doktors jagte nur so über das -Papier. - -Da klopfte es, und ohne das »Herein« abzuwarten, wurde die Thür sehr -weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen mit einem großen Tablet erschien, -auf dem Porzellan, Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber -aufgestapelt waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann, -ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: »Eine Empfehlung von -der Frau Majorin, und sie schickt die Sachen wieder.« - -»Still!« rief der Doktor mit furchtbarer Stimme -- er hatte sich -verschrieben, und das haßte er! - -»Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden, da mußte ich alles -hier herein bringen«, fuhr das Mädchen unbeirrt fort. - -Der Doktor schrieb. - -»Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr Doktor?« fragte das -Mädchen, »ich muß dafür stehen, daß nichts fehlt.« - -»Rufen Sie Fräulein Käthe«, sagte der Doktor, ohne den Kopf zu wenden. - -»Die will nicht hereinkommen«, erwiderte die unerschütterliche Magd. - -»Hinaus!« rief jetzt der Hauptmann donnernd, und wandte sich um. Dieses -Wort hatte die Wirkung eines Sprenggeschosses -- die Botin flog davon, -und ward nicht mehr gesehn. - -»So!« sagte der Doktor aufathmend und erhob sich -- »ich habe -unterzeichnet -- wollen Sie nun auch noch die Güte haben, Herr Baron?« - -Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus. - -»Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, ehe ich -unterschreibe. -- Sie wissen, eine Wohnung ist eine wichtige Frage, --- man muß doch einmal drin wohnen -- und -- kurzum, ich möchte mir -das Quartier noch ein letztes Mal ansehen -- so einen Ueberblick, wie -mein Papa immer zu sagen pflegte. 'Chlodwig, verschaffe dir immer einen -Ueberblick', hat er unzählige Male zu mir gesagt! Dürfte ich um diese -Gunst bitten?« - -Der Doktor pfiff leise -- aber er faßte sich, und die Herren schickten -sich an, das Quartier zu besichtigen. - -Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung seiner Aussprache -fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott gegeben, zu weinen, so hätte er -geweint! Er trommelte den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der -Fensterscheibe -- er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu lesen -- -obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt hätte, =was= er las. - -Nachdem einige Zeit -- für den Hauptmann eine halbe Ewigkeit -- -verstrichen war, traten die Herren wieder ein. Der Baron sah sehr -bekümmert aus und zog sich einen Handschuh an. - -Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und wippte mit dem Fuß -hörbar auf und nieder -- er war offenbar schwer gereizt. - -Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch. - -Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, dem Hauptmann. - -»Ich weiß nicht -- es ist mir so unangenehm, nein, wirklich -- es ist -mir =sehr= unangenehm!« flüsterte er, »der Herr Doktor ist so böse -- -aber ich habe neulich ganz übersehen -- das Schlafzimmer liegt nach -Nordosten, und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte immer: -'Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im Schlafzimmer -- halbes Leben --- halbe Gesundheit.'« - -»Schlafen Sie doch wo anders!« stieß der Hauptmann rauh hervor. - -»Kann ich nicht, mein Bester -- kann ich nicht! Und dann fehlt mir auch -ein Zimmer -- ein einziges Zimmer -- mein Friedrich =muß= neben mir -logiren! Ja, hätte das allerliebste, reizende Eckzimmer -- ein _bijou_ -von einem Zimmer -- noch ein einziges Fenster! aber so!« - -»Ich will Ihnen etwas sagen,« explodirte der Doktor, »haben Sie die -Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen umbauen zu lassen, und dann wollen -wir wieder vier Stunden Kontrakt machen. Das ist ja --« - -Der Baron sah hilflos aus. - -»Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr Doktor scherzt -- nicht -wahr? ich liebe das sehr! scherze selbst gern -- ich war immer dafür -bekannt, daß ich viel scherze! mein Kommandeur sagte oft: »glaubt dem -Rabeneck nicht, er scherzt nur!« =Wie= oft! --« - -»Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,« schrie der Doktor, »mit mir -haben Sie genug gescherzt!« - -Und er wandte sich ab. - -»Mein Gott, wie peinlich!« sagte der Baron, und zog sich den zweiten -Handschuh an, »und ich wäre so gern hier ins Haus gezogen! aber jeder -ist sich selbst der Nächste! was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das -kann mir doch keiner übel nehmen -- das finde ich -- da kann ich mir -nicht helfen!« - -Und damit retirirte der Baron, und ging -- ungeleitet, denn der Doktor -war =zu= ärgerlich -- und man hörte den Weggehenden noch im Hausflur, -wie ein abziehendes Gewitter fragen, ob er sich nicht selbst der -Nächste wäre. - -=Wen= er fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht -- es war ihnen -auch höchst gleichgültig. Der Doktor rannte wie ein gefangener Tiger -im Käfig auf und ab, und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen -über den Baron. - -»Dieser Einfaltspinsel -- dieser alberne Kerl -- fragt einen erst todt, -und miethet dann nicht einmal! Nein, ich war gestern Abend schon so -glücklich -- mein Quartier so gut wie vermiethet, und nun? Prosit die -Mahlzeit! Nun sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame -Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?« - -Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung -- in =diesem= Sturm konnte -er sein Schifflein nicht auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder -ruhig werden. - -»Aber eins sage ich,« fuhr der erregte Doktor fort, »=einen= Rath gebe -ich jedem, der ihn haben will. Wer kein Haus hat, freue sich, und wer -eins hat, zünde es an allen vier Ecken an. Das ist ja --! alle Tage was -Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben -- dem soll man die Thüren -streichen lassen, und dabei bleiben einem die Wohnungen noch leer -stehen! Ich danke für mein Haus -- ich schenke es weg -- da mache ich -immer noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und Aerger, -dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und keinen Aerger -- nein, -wahrhaftig!« - -Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt in die Hand. - -»Den Wisch möchte man doch nun gleich in tausend Stücke reißen,« begann -er von neuem, »der Mensch hat sich verklausulirt, als wenn er ein -Testament über eine Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte --- um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt -- eigentlich kann -ich Gott danken, daß ich =den= nicht als Miether bekommen habe. Ein -unausstehlicher Kerl! Aber mein Quartier -- nein, ich bin außer mir! -nun hängt der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und jedesmal, -wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich darüber.« - -Der Hauptmann trat einen Schritt näher. - -»Herr Doktor,« begann er mit halbem Lächeln, »darf ich Ihnen einen -Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht beiden gedient wäre? Das -Quartier hat vier Zimmer, wie ich höre -- hätten Sie etwas dagegen, -mich als Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher -versetzt.« - -Das Gesicht des Doktors klärte sich auf. - -»Ja, aber,« sagte er etwas zögernd, »ist Ihnen denn die Wohnung nicht -zu groß?« - -»Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich kam heute, wie -Sie in der Sturm- und Drangperiode mit dem Baron vielleicht vergessen -haben, um in einer persönlichen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu -nehmen -- darf ich meine Bitte jetzt vortragen?« - -Dem Doktor ging ein Licht auf. - -»Bitte!« stammelte er verlegen. - -»Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,« fuhr der Hauptmann ernsthaft fort, -»und sie ist meiner Werbung trotz unserer kurzen Bekanntschaft nicht -abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr Doktor, daß von Ihrer Seite unserer -Verbindung kein Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine -Eltern --« - -Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln die Damen in -des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche Scene fand statt, nach deren -Beendigung der Doktor sich zur Thür wandte, um Majors herunter citiren -zu lassen. Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen -und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte sich draußen -vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit gerechtfertigt, -und als die Klingel des Hausherrn so ungestüm erscholl, hatte ihn sein -Wissensdrang nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen -Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt assistirt -hatte. - -Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der überfließenden -Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron brachte seine Gratulation -an und fragte: »Verlobt, was? -- ja, das muß sehr hübsch sein -- ich -finde das allerliebst! werde mich wohl auch entschließen -- nur kein -Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: 'Chlodwig, du -bist fürs Familienleben geschaffen!'« Nachdem er diesen Satz zu Ende -gebracht hatte, war der beglückte Schwiegervater so erheitert, daß er -den Baron für seine Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der -gutmüthige Mann auch sofort bereitwillig zugestand. - -Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner servirt -wurde, wozu die noch aufgestellten Gläser und Tassen vortrefflich zu -statten kamen, ließ sich der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran -Theil zu nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des Doktors -Stube. - -Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar war still, aber sehr -zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen aus. Der Doktor und der Major -stießen an, und tranken Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der -Unverdrossenheit einer Pagode zu und weinte Freudenthränen über ihren -Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu trocknen, borgte sie allerdings -schluchzend das Tuch von der Doktorin -- ihr eigenes war momentan nicht -zur Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter diesen -Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr zusammennehmen. Aber -bei der Gelegenheit gelobte sie sich heilig und theuer, das Borgen -müßte von nun an seine Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird, -der sich in einen ähnlichen Fall versetzen kann. - -Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wäre, und -erzählte kleine, geistreiche Aussprüche seiner Eltern und ihres -Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht -übel nahm, als man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig -neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die -sich für Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen, -daß der Baron ganz ernste Heirathspläne hat -- die beiden werden sehr -gut für einander passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen -werden! -- Ja -- nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde ein -Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend -in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die -Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half. - -Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen -- jeder hat, was sein Herz -wünscht, freilich mehr oder weniger -- in den Gläsern funkelt der Wein -und alles ruft: »hoch das Brautpaar!« - -Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja! - - - - - Und doch! - - - -I. - - -Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, als überlege er, ob -er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd zuwerfen und der Undankbaren -da oben eine Art von zornigem Abschiedsgruß senden solle -- aber die -Vernunft siegte doch -- die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen -Kraftanstrengung geschlossen -- und nun stand er auf der Straße! -- - -Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von -oben bis unten, -- nicht als hätte es einen besonders schönen Anblick -gewährt, -- aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick -dort zugebracht, -- die blühenden Gewächse hinter den weißen Gardinen -hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe -bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rößlein vor -das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche -zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder -Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt. - -Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, -- wie viel Stufen hatte -die Treppe? -- jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen -Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein -ganz richtiger Mutterbruder, -- aber der schmucke, junge Landmann war -als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden. - -Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, -- in einem bequemen -Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne Saffianlehne durch gelbe -Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt, -saß der Vater, ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer -Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von -sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung -eines Monarchen durch wohlgefälliges Brummen zu billigen oder über die -unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu -schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet, --- diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte -sich die Gute fortwährend durch Blicke, Winke und Bewegungen, während -ihre Hände Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper -in Musik setzten. -- Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saßen -die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie -her, -- die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, -- -alle vier zeigten entschiedene Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite -Lippen und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten sich -aber die andern nicht messen, -- was in Fränzchens Gesicht zierlich und -allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige -Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches für -junge Männer einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet. - -So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin gekommen, seine -Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte -das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, daß er ihr das -Streichhölzchen anzündete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel -in Brand zu stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus -seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße und Erzählungen -beinahe so herzlich wie er selbst, -- und das wollte etwas sagen! - -Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und Selbstüberhebung nöthig, -um die Entschlüsse reifen zu lassen, die in nächster Zeit unsern -Helden bewegten. Noch nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich -in der Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen zur Auswahl -präsentirt. Da war besonders eins, das er in's Herz geschlossen hatte, -mit blauen, schmalen Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, -- -als er ihr das zeigte und frug: - -»Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so tapezirt wäre? Ist es -nicht niedlich?« - -Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage und sagte: - -»Sehr niedlich!« - -Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie roth geworden, wenn sie -nicht wußte, was er damit meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen -warb er einen ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ -seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich viele Tage lang mit -dem abscheulichsten Kleistergeruch, -- und Alles um nichts und wieder -nichts! -- - -Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer, -- überlegte, -- -verwarf, -- und kam endlich zum Entschluß. Heut, -- diesen selben Tag, -an dem er fiebernd vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße -stand, war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon früh ritt -er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so groß, daß ihm alle Leute -verwundert nachsahen, -- das Mädchen empfing ihn mit der größten -Freundlichkeit, -- zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, -- und -man lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft junger -Leute sich versammeln sollte. - -Das that er denn auch, und als er im Hausflur einen kleinen -Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, braunes Gesicht darin -betrachtete, kam er sich beinahe hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er -in's Knopfloch gesteckt -- und unter der Rosenknospe schlug ein Herz -voll Löwenmuth! - -Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug ein weißes Kleid -mit feinen, blauen Streifen, -- es sah seiner Tapete beinahe ähnlich, --- und die blonden, glatten Zöpfe waren mit einer frischen Nelke -geschmückt, -- er hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem -Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte! - -Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er eintrat, und -Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind begrüßte. Er sah aber gleich, -daß sie schlechter Laune war. - -»Guten Abend, Karl,« sagte sie flüchtig und mit einem Anflug von -Verdrießlichkeit in der Stimme. »Du kommst genau eine Stunde später als -du eingeladen bist! Wir hätten schon lange anfangen können zu tanzen, -wenn wir nicht hätten auf Dich warten müssen.« - -Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin, -daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf besaß. Er wurde röther, als -es selbst der Dame seines Herzens gegenüber nöthig war, machte ein -steifes Kompliment und zog sich zurück. Eins kam zum andern, -- die -Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, -- und schließlich -geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern -zu Tisch führen ließ und Karl mit einem schnippischen: »ich bin schon -versagt,« abfertigte. - -Aber Karl rächte sich! -- Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen, -nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtückische durch einen -schnellen Ueberblick versichert hatte, daß auch ohne ihn eine -ausreichende Zahl von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß -plötzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die -ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, -- Fränzchen allein stand an -ihrem Geburtstagstisch und zählte die Blättchen an ihrem Rosenstock, --- das erbitterte ihn nun vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß -verstaucht, könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man -ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball -zu suchen habe. - -Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl blieb, -- aber er -tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geöffnet, um die nächtliche -Sommerluft einzulassen, -- er setzte sich hinter die Gardine und dachte -zornig darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte! -Und eigentlich war er ja schuld gewesen, -- was mußte er gleich so -empfindlich sein! Sie hatte Recht, er =war= zu spät gekommen, -- und es -war doch Fränzchens Geburtstag! -- Er erhob sich, -- es wurde ihm zu -heiß hinter der Gardine, -- und humpelte, seiner Rolle getreu, über das -Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß er besser tanzte wie jeder -der anwesenden Herren, war klar, -- das wußte Fränzchen auch, -- und -deshalb ärgerte es sie so sehr, daß er heute nicht tanzen =wollte=, -denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall. - -»Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,« rief da die Mutter, »es ist -schon sehr spät!« - -Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens Mutter schon -gewöhnt, -- da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch -einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fuß hätten -nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte -der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen mit -blitzenden Augen dazwischen trat. - -»Es thut mir leid, Karl, wenn =du= auch wieder hergestellt bist, -- -ich habe mir soeben den Fuß versprungen -- und zwar so gründlich, daß -ich glaube, wir würden nie wieder in den richtigen Takt kommen.« - -Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. -- Die tanzenden Paare -trennten sich, -- man ging umher, um sich abzukühlen, und endlich -brach man auf. Daß Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht -mitempfahl, konnte Niemandem auffallen. - -Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene Fenster, um ihnen -nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, stürzte sich Hals -über Kopf in das ungeheure Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu -werben. So -- nun war's heraus, -- Gott sei Dank! -- er sah seitwärts -nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen würde, --- aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie -die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er -stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an beiden -Schultern und drehte sie herum. - -»Nun, Fränzchen,« fragte er in einer Mischung von Rührung und Humor, -»was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, -- na, du hast -dir's wohl schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, -- sag' Ja oder -Nein!« - -Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein -kurzes »Nein!« drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben. - -Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an. -- Das kam -ihnen allen Dreien unvermuthet, -- bis Karl leise bat: - -»Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, -- ich will sie schon zur -Vernunft bringen!« - -Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu überlassen, Karl trat -zu der kleinen Eigensinnigen und sah, daß ihre Augen voll Thränen -standen. - -»Fränzchen,« bat er herzlich, »sei nicht kindisch! Ich weiß, du hast -ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann dir nicht mehr leid thun wie -mir, daß wir uns heute so mißverstanden haben, -- verzeihe mir doch!« - -Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und unwillig zurück. - -»Sieh',« fuhr er fort, »das Nein, was du mir jetzt sagst, ist doch -ein anderes, als eine Absage für einen Tanz! Ich kann dann nicht mehr -wiederkommen und fragen, ob du dich anders besonnen hast, -- du weißt, -ich würde es auch nicht thun, -- überlege dir's einmal, Fränzchen!« - -Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er verzweifelt -zurück und rief die Eltern wieder herein. - -»Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du ihr einmal zu, -- -sie ist zu kindisch!« - -Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton das Mädchen, welches -sich trotzig vor ihn hinstellte. - -»Was fällt dir ein,« fuhr er sie ziemlich rauh an, »läßt den Karl -ablaufen wie einen dummen Jungen, weil ihr irgend eine alberne -Uebelnehmerei mit einander gehabt habt! Gleich bist du vernünftig und -sagst entweder einen Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst -ihm die Hand.« - -»Nein, ich will nicht und ich will nicht!« rief das Mädchen jetzt, -von Schluchzen unterbrochen, »erst kommt er zu spät, dann ist er so -unhöflich gegen mich wie möglich, dann tanzt er nicht und verdirbt -mir meinen ganzen Geburtstag, -- nennt mich zweimal in einem Athem -kindisch, -- und wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend gnädig -kommt und mich heirathen will, -- da soll ich Ja sagen! Ich thu's -nicht, -- ich mag nicht aufs Land, ich will überhaupt nicht heirathen -und ich wollte, ihr hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!« - -»Es ist gut, Fränzchen,« sagte Karl trocken, während sie sich abermals -abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, »wir wollen nicht mehr davon -sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, -- und jetzt -kann ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen Geburtstag -verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht, -Tante!« - -Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, -- dann stürmte -Karl davon und der Moment, wo er die Hausthür öffnete und auf die -Straße trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den -Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fühlte mit Behagen, -daß ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heiße -Stirn sandte, die er schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu -Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung -vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, daß er nicht -mehr mitsprach, als das Herz heut durchging. - -Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung weit besser zu, -als die langsame Fortbewegung der Füße, und doch kam er viel zu früh -für seine Wünsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer -Zeit mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, dünkte -ihm unwirthlich und öde, -- er erschien sich wie Einer, der zu einer -schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof ging, den Zug versäumte -- und -mit entsetzlich ernüchterten Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses -letzte Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, -- »aber es giebt ja -mehr Züge als den einen,« sagte er halblaut vor sich hin, »führen sie -auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, -- man kann auch sonst -noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher -Gedanke! Aber wohin? -- ich kann für die nächsten zwei, drei Tage -abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!« - -Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner -der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen benutzten. Für gewöhnlich war -er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er für einen -jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der -nächste zu erreichende Ort -- und für Schrobeck entschied sich Karl. -Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, daß -eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rühmen durfte, meist -um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, -- aber er -tröstete sich mit den beliebten »Vielleichts«: »vielleicht ist sie -jetzt noch nicht da!« oder »vielleicht sieht sie mich gar nicht,« -kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten -Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte. - - -II. - -Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am nächsten Morgen in -grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche -mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe -Stunde -- sechs Uhr -- hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet, -denn »fort, -- nur fort!« war seine Losung und der erste Zug ging -um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewählt, daß er der -Eingangsthür den Rücken wandte und doch im Stande war, mit Hülfe eines -ihm gegenüber hängenden großen Spiegels Alle zu beobachten, die den -Wartesaal betraten. - -Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln -vermocht, -- zwei verschlafene, verdrießlich aussehende Damen, deren -eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder Bewegung erhielt, ließen -in ihm nur den Gedanken aufsteigen: »Gott bewahre mich vor solcher -Gesellschaft!« Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe, -der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Büffet -sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, -- vor diesem graute -ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin -dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche -Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, auf dem sehr -naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling hätten durstig machen -können. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden -weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der -frühen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen. - -»Das wäre schon eher Etwas!« dachte Karl bei sich. - -In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung, -bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren möchten. -Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in -ihm den unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch -zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes Aufsehen zu -erregen. - -Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, stumpfnäsig, mit -einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den -Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen -Augen, blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens die Röthe der -Augenlider zu verdecken bestrebt war, -- Fränzchen und ihr ältester -Bruder! - -In Karl's Gehirn führten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus, --- er fühlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, -- und -zugleich die beschämende Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, -- -endlich that er, was meist das Klügste ist, was man thun kann, -- wenn -es die Menschen nur einsehen wollten! -- er wartete ab! - -Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte den Kopf in die -Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen -ließ seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie -glücklich im Spiegel Karl's wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch -im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell -nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des -neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, -- und nickte! Ja, noch mehr, --- als Karl mit der Hand nach dem soeben geöffneten Perron zeigte, -dann auf sich selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch -ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz -sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere -Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon -draußen haltenden Zuge einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig -hier bleiben. - -Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand -über die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den -Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken -Wandpfeiler unmöglich wurde. - -Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, wurde, wie die -Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt und festgehalten. - -»Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?« stieß Karl hervor, den Sekundaner -mit Blicken durchbohrend. - -»Nach Schrobeck,« erwiderte dieser, sich mit einer mehr kräftigen als -anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, die seine Schultern -hielten. - -»Nach Schrobeck?« wiederholte Karl dumpf, »dachte ich mirs doch! Aber -warum gerade dorthin?« - -»Weil Tante Amalie dort ist, -- ich bringe die Fränzchen nur vor der -Schule auf den Bahnhof, -- sie fährt allein!« - -»Und ich fahre auch nach Schrobeck,« sprach Karl in düsterem Tone, sein -Billet emporhaltend. - -Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches -Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich argwöhnisch und neidisch nach -dem Eigenthümer so vieler Heiterkeit umsahen. - -»Was lachst du denn, dummer Junge?« rief Karl jetzt ergrimmt, »sage -lieber, wie Fränzchen so plötzlich darauf kommt, abzureisen! Gestern -Abend war doch noch gar nicht davon die Rede!« - -»Denkst du denn, ich weiß gar nichts,« erwiderte Fritz, dessen -Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. »Die halbe Nacht ist noch -bei uns ein fürchterlicher Spektakel gewesen, -- Fränzchen hat geweint, -der Vater hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was -sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, bis sie -zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der Vater einen Brief gegeben, -den sollte ich zu dir tragen, wenn ich aus der Schule käme, -- da du -aber nach Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!« - -»Her mit dem Brief!« herrschte Karl mit so wildem Ton und Blicke, daß -Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick erzitternd, den Brief aus der -Tasche zog und Karl einhändigte. - -Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes Lächeln über sein -Gesicht, er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und -wandte sich wieder zu Fritz. - -»Höre Fritz, -- in diesem Zuge giebt's keine Damencoupés. Du belegst -hier in diesem Wagen einen Platz für Fränzchen, -- ich lasse meine -Reisetasche in die Ecke legen und komme nicht eher auf meinen Platz, -bis der Zug eben fortfahren will.« - -Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé. - -Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann Karl's -Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. Fritz begab sich wieder in -den Wartesaal, um seine Schwester zu rufen, -- es klingelte zum ersten -Mal. - -Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers zum Fenster -hinaus. - -»Hier, Fränzchen!« rief der wohlinstruirte Fritz und half der Schwester -in das Coupé steigen, an dessen Fenster ein Täfelchen mit der -bedeutsamen Inschrift prangte: »Für Nichtraucher!« - -»Kein Damencoupé?« frug das Mädchen schon im Einsteigen. - -»In diesem Zuge giebt's keine Damencoupés,« lautete die Antwort, und -Fränzchen nahm ihren Platz gerade der gestickten Reisetasche gegenüber, -um den Anblick der brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich -zu genießen. - -Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch allerlei Aufträge in -Empfang. - -»Erlauben Sie, junger Herr,« sagte da eine muntere Stimme hinter ihm, -und die junge Dame mit dem Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die -dritte Ecke an der andern Seite ein. - -»Ob das Karl lieb sein wird?« dachte Fritz bedenklich, -- doch da er -nicht befugt war einzuschreiten, schwieg er wohlweislich. - -Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten Augenblick an, -sie klagte über die Hitze, legte ihr Hütchen ab und bot Fritz und -Fränzchen gutmüthig von dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren -Quantitäten bei sich zu führen schien. - -»Ich fahre nicht mehr allzu lange,« sagte sie jetzt, sich bequem in die -Ecke zurücklehnend, »in Eisdorf steige ich aus. Sie auch, Fräulein?« - -»Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem Ziel, -- ich will nach -Schrobeck,« erwiderte Fränzchen müde. - -Ein erneutes Klingeln, -- ein kurzer, zwitschernder Pfiff ließ sich -vernehmen, -- Fritz wurde höflich ersucht, seinen erhabenen Standpunkt -zu verlassen, -- und eben wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als -in vollem Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über den -Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin war, als der Zug sich -in Bewegung setzte. - -Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden Vortheil über -Fränzchen, -- er wußte, was ihm bevorstand, und vermochte es in Folge -dessen, seinen Hut abzunehmen und beide Damen wie fremde Mitreisende -zu grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte ihn mit -weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, und wechselte -unaufhörlich die Farbe. - -Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum -Andern, von dem so sehr gefaßten, jungen Mann zu dem fassungslosen -Mädchen, -- und schüttelte unmerklich den Kopf. - -Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. Er legte seine -Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und -begann dann, über Fränzchen weg, die kleine Brünette mit freundlichem -Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem -Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch Entfaltung -seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen zu lassen, =wen= sie -verschmähte. - -Um Karl's veränderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf -es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher -Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz -auf weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen den -ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwärzesten Betragens -angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung -zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen, -wahrscheinlich weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. So habe -denn der Vater beschlossen, um ihr über die nächsten, unbehaglichen -Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck -zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben -zu dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage, -er ein um so freudigeres »Ja« für das trotzige »Nein« von gestern -erwarten dürfe. - -So wußte denn unser Held, woran er war, -- und wer das =nicht= weiß, -kann erst den unschätzbaren Werth dieser Kenntniß ganz würdigen. - -Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame -stand auf und rüttelte mit beiden Händen an dem geschlossenen -Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und -Karl sprang mit einem verbindlichen »erlauben Sie mir!« auf die -gegenüberliegende Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an diesem -niederlassend. - -Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige -Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl eröffnete die Unterhaltung mit -der geistreichen Bemerkung: - -»Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene Fenster kommt ein -angenehmer Luftzug.« - -Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der -Zustimmung, und fügte bei: - -»Darum kam ich eben auf den Gedanken!« - -»Es war ein sehr kluger Gedanke,« sagte Karl verbindlich. - -Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl von ihrem -Pfefferkuchen an. - -»Herren essen zwar so etwas nicht gern,« bemerkte sie. - -»Aus so schönen Händen,« erwiderte Karl, der schon merkte, daß diese -Waare hier guten Absatz fände. - -»O, bitte,« erwiderte sein _vis-à-vis_ erfreut. - -Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das war zu stark, daß -Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden nach dem betrübenden Vorfall -in ihrer Gegenwart so harmlos lustig sein und dieser kleinen, -unternehmenden Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr -erbittert und durfte sich doch nicht verrathen! - -Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort, die kleine Dame -lachte über Karl's Einfälle, die meist mehr durch Vortrag als durch -Neuheit glänzten, -- sie lachte so laut und herzlich, daß sie sich -die Augen trocknen mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische -Zwecke im Auge, -- erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann sein -_vis-à-vis_ günstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen erlaubte. -Bescheiden brachte er die Anfrage vor. - -»Bitte, rauchen Sie,« sagte seine gemüthliche neue Freundin, »wenn es -die andere Dame nicht genirt?« - -Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung an Fränzchen, mit -gezücktem Streichholz. - -»Ich bedaure sehr,« erwiderte sie in eiskaltem Ton, »das Rauchen macht -mir Kopfweh.« - -Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte. Schwer geärgert über -diese Ungefälligkeit, vergaß er die gebotene Vorsicht. - -»Du hast es doch immer vertragen,« fuhr er heraus, biß sich aber -erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame sichtlich die Ohren -spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend, sich zum offenen Fenster -hinausbog. - -Die Kirschendame ertrug's nicht länger. Sie beugte sich zu Karl hinüber -und sagte lautlos, nur mit den Lippen: - -»Frau!« - -Er schüttelte den Kopf. - -»Braut?« im selben Ton. - -Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg. - -»Gezankt?« deutete das _vis-à-vis_ an. - -Abermals nickte er. - -»O,« sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl noch weiter -geforscht, wenn nicht in dem Moment der Zug gehalten hätte. - -»Station Eisdorf,« rief der Schaffner. - -Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst ihren Hut, -ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen und mit einem -bedeutungsvollen: »Glückliche Weiterreise, meine Herrschaften!« verließ -sie den Wagen und taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie -erwartet hatte. - -Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl sah nun -seinerseits zum Fenster hinaus. - -»Nur sich nichts vergeben!« dachte er. - -Ein zaghaftes »Karl!« veranlaßte ihn, sich umzuwenden. - -»Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?« - -»Du bist sehr freundlich,« sagte er kurz, und bald schwebten die blauen -Dampfwolken zum Fenster hinaus über die grünen Felder. - -Mehrere Minuten vergingen, -- Karl überlegte, was er wohl jetzt sagen -sollte, -- er beschloß, dem Mädchen seine Launenhaftigkeit ernstlich -zu Gemüth zu führen, -- und während er sich diese Worte in Gedanken -zurechtlegte, störte ihn ein leises Schluchzen. - -Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit dem Tuch vor dem -Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der Ecke lehnen. Da schmolz sein -ohnehin nicht sehr hartes Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu -einer leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent, -- -und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß er sich seinem Charakter -gemäß ausdrückte. - -»Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du nun dir und mir das -Leben schwer? Wärst du vernünftig gewesen und hättest gestern Abend -'Ja' gesagt, wie du doch meinst, -- nein, sei still, ich weiß es ganz -gut, -- da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in Eurer Wohnstube -und Abends führen wir mit dem Vater zu mir heraus und du sähest dir die -blaue Tapete an, die du ja selber ausgesucht hast.« - -Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf. - -»Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,« fuhr Karl gemüthlich -fort, »und wir Beide, die sich schon gemeinsam die Wohnung eingerichtet -haben, fahren hier, wie die Landstreicher, in der Eisenbahn, als -wüßten wir nicht, wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das -später werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen, und du -willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und jetzt steh' auf und -sage: 'Ich will sehr gut folgen, lieber Karl!'« - -Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen Lachen und Weinen -die bedeutungsvollen Worte nach. - -»So,« sagte Karl nach einer Weile, als die erste Rührung beiderseits -überstanden war, -- denn, gestehen wir es, auch unserem Helden wurde -die Stimme etwas unklar, -- »nun will ich dir auch beichten, -- ich -habe dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!« - -»Wem denn?« frug Fränzchen erstaunt. - -»Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,« erwiderte Karl ruhig, »was -hätte die sich sonst denken sollen?« - -»Station Schrobeck,« rief der Schaffner, die Thür öffnend. - -Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr und Gebieter beschloß, -was zu thun sei. - -»Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?« frug er, den Namen von -Fränzchens Heimathsort nennend. - -»In einer halben Stunde.« - -»Nun, Fränzchen,« sagte Karl heiter, »dann fahren wir in einer halben -Stunde hübsch zu deinen Eltern! Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur -nicht zu Tante Amalie,« schauderte er. - -»Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,« schlug Fränzchen vor. - -»Bravo,« rief Karl und schlug dröhnend in die Hände, »du bist die -richtige Frau für mich! Natürlich trinken wir Kaffee!« - -Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar wieder im -Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg zurück, den es vor wenig Stunden -gekommen war. Lassen wir sie ruhig ziehen, -- die kommen durch die -Welt! - - - - - Der tolle Junker. - - - »Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.« - -Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold war heute schon fast -leer und nur eine einzige Gruppe nahe dem Fenster schien ausharren zu -wollen, bis der Herbstmorgen dämmerte. - -Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein in lebhaftem -Gespräch und zwei andere waren an einem Billard beschäftigt. Die -Spieler gehörten anscheinend zu der sitzenden Gesellschaft, denn ab und -zu warf einer von ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am -Tisch. - -Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus in das Zimmer -führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren Jahren, blond, blaß und -vornehm aussehend, trat ein, warf seinen Oberrock ab und näherte sich -der Versammlung am Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die -Billardspieler seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen. - -»Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,« bemerkte einer der -bereits Anwesenden, »es ist doch sträflich, im September schon in -Gesellschaft zu gehen.« - -»Was haben Sie da?« sagte der als Raven Angeredete, »_château d'Yqum_? -Schön, ich bin von der Partie! Und was die Gesellschaft betrifft, so -werden Sie mir zugeben, daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle -hätten heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und habe im -kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.« - -Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am Billard rasch um; er -hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, dessen dunkle Augen durch eine -goldene Brille blickten, ohne darum weniger jugendlich auszusehen. - -»Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!« sagte Raven, dem allbeliebten -jungen Arzt die Hand schüttelnd; »nun, Doktor, ist Alles zu Tode -curirt, daß Sie 'mal Zeit haben, hier Billard zu spielen? Welch -glänzendes Zeugniß für den Gesundheitszustand unserer Stadt!« - -»Berufen Sie mein Glück nicht!« erwiderte Doktor Stein, »ich bin selbst -ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand, und habe zu Hause Befehl -gegeben, mich für alle, außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da -ist übrigens mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir -quitt!« - -Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch und schenkte sich ein. - -»Und nun,« sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, »erzählen Sie vom -Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!« - -»Ja, ja,« riefen die Anderen durcheinander, »erzählen Sie, wie war das -Arrangement, und wie benahm sich das Brautpaar?« - -»Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet meinen,« sagte -Raven, »es hatte nur wieder den alten Erting'schen Fehler, weniger -wäre mehr gewesen! Ich bitte Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig -Personen ein Souper wie bei Hofe, Sect in Strömen -- nun, wir können es -ja haben!« - -»Und das Brautpaar?« - -»Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig wie immer, die Mama -soufflirte ihm beständig! Er glaubte, seinen Geschmack durch seine -Wahl genügend bewiesen zu haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit -dem Artikel angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie -Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt hatte, war -ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die Alteration konnte mir schaden, -man muß auch an sich selbst denken!« - -»Sie sind ein malitiöser Mensch,« sagte der Doktor. »Ludwig Erting -ist ein guter, anständiger Kerl, der sich immer als solcher benehmen -wird, wenn ihm auch die Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre -er innerlich anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort -gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!« - -»Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester Stein, die diesem -Juwel als Fassung dienen!« - -»Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse aus?« - -»So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,« sagte Raven, -»blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit einer alterthümlichen, feinen -Goldkette wohl zehnmal um den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von -Passini!« - -In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer Wagen, er hielt -vor der Thür des Weinhauses und ein graubärtiger Mann in Hut und -Kutschermantel trat hastig und verstört in die Stube. - -»Das gilt mir!« sagte der Arzt und ging dem Ankommenden entgegen. - -»Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,« begann der Alte mit -unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst verrieth, als das bleiche -Gesicht, »unser Herr liegt im Sterben!« - -»Was Teufel!« rief der Doktor und fuhr schon mit einem Arm in den -Ueberzieher, während er sich von den Anderen verabschiedete, »ich -empfehle mich bis auf Weiteres meine Herren, hoffe, es wird so schlimm -nicht sein!« - -»Wer ist denn krank?« fragte Raven den Eilfertigen. - -»Der alte Baron in Wolfsdorf,« rief der Doktor schon im Hinausgehen, -die Thür klirrte ins Schloß und wenig Augenblicke darauf rasselte der -schwere Landwagen über das Straßenpflaster. - -Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren zu ihrem Tisch -zurück und begannen sich auch zum Aufbruch zu rüsten. - -Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt. - -»Seltsam,« begann er jetzt, als sie mit einander durch die -menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, »wie diese Botschaft für -den Doktor an unser Gespräch anknüpfte!« - -»Inwiefern?« frug sein Begleiter überrascht. - -»Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie müssen wissen, Brandeck -und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem -alten Baron Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas -vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen -Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art -Jugendliebe oder Kinderliebe der schönen Edith war.« - -»Und warum wurde nichts daraus?« - -»Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und -war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau's -- _cela va -sans dire_ -- dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging -ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen, -verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam -der junge Rüdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen -den Abschied und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant nach -Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Und seine schöne -Jugendliebe ist ja getröstet, wie ich mich heute überzeugen konnte!« - -Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt. - -»Wie ist mir denn,« sagte Schrader, »das Majorat ist einer andern Linie -zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch öfters von einem -Bruder!« - -»Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe -einen Sohn, Carl Düringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei -den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus, -es ist sündhaft spät geworden!« - -Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an. - - - O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand! - Der Heini von Steier ist wieder im Land! - -Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht -durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise -knisternden Teppich aus gelben Blättern über die großen Rasenplätze im -Wolfsdorfer Park und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das -Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an den grauen Mauern -emporkletterten, und im Sommer als lichtgrüne Fahnen von den Thürmen -wehten. - -Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt die Octobersonne -schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schloß sein -mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen -und düster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch -immer mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke harren -und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall begrüßt. Und daß alle diese -Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte -der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt. - -Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten -Empfindungen und Gefühlsäußerungen im weitesten Kreise hervorgerufen. -Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an -Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen -lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten -Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner beiden Güter, -Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermögens. - -Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, dessen -zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. »Falls er sich -nicht einstelle,« so lautete die letztwillige Verfügung, »sollte ein -Curatorium durch zehn Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm -bei seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.« Erst nach Ablauf -dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig über den Besitz verfügt. - -Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es -geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung der -»verschollene« Rüdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit -anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zügel der Regierung -ergriff. - -Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen. -Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten außerdem den -tollköpfigen Junker von klein auf gekannt und gönnten ihm sein -unerwartetes Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen -umzugehen. - -Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln schreiten, -und den Gruß der Vorübergehenden freundlich erwidern, mochte er in -der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen -ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein -schönes, tiefgebräuntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit -und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig anmuthete, hin -und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast -sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme, -offene Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, eine -offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit -einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen. - -So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden, -und fand sich in seine gänzlich veränderte sociale Stellung, vom -heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen -Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz -genügendes Anrecht auf seinen alten Namen »der tolle Junker!« - -Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er stürzte -sich vorläufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thätigkeit, -und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten -Forsten. - -Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines -zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, der Tochter des Hauses, -Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um -so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre -Aussteuer besorgt hatte. - -Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze -Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting -eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen -voraus, daß die Fürstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende -lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren -Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch -mußte dieser Schritt anstandshalber verzögert werden, bis die Trauung -stattgefunden hatte. - -Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf -wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch -einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte. - -Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch -einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen. -Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten über sich, -Ediths Rappen anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich -gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und Zaghaftigkeit -seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig zu Tage, nie aber mehr, -als im Zusammensein mit seiner Braut. - -Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck hatten wohl noch -kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als -heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen, -in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze -Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes -Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, über die Schultern -herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig -festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu -dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden, -schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben -ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, welches -ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem -gutmüthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich beständig ab, etwas -zu finden, womit er Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie. - -Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll -in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein -goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner -Herbstabend ist ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom -Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen bleiben, spinnt sich -gar zu gern ein Stück Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es -tändelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen --- und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trüb vor -die Augen -- Herbstspiel! - -Endlich brach Erting das Schweigen. - -»Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich kann ja Alles -bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?« - -Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu -überhören schien. - -»Ich danke Ihnen,« sagte sie freundlich; sie war stets sehr freundlich -gegen ihren Bräutigam, »aber ich glaube, es ist Alles besorgt, was man -überhaupt in der Welt besorgen kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen -nichts Anderes gethan!« - -Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag auf ihrem Gesicht, sie -nahm den Hut ab und strich die dicken, goldenen Haarwellen aus der -Stirn wie eine Last. - -»Sie sehen bleich aus,« bemerkte Erting besorgt, »ist Ihnen auch unser -Spaziergang zu weit?« - -Sie schüttelte lächelnd den Kopf. - -»Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor sich haben, ich bin -an stundenlange Wege gewöhnt. Nein, es ist nur die köstliche Ruhe und -Stille hier, die mir plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten -Wochen vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in der Stadt -lebt!« - -»Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs Land ziehen -- ich -habe ja keine bindende Stellung in W...., dann kaufe ich ein Gut -in der Nähe. Sie wissen ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen -Zukunftsplänen bestimmen!« - -»Nein, nein,« erwiderte sie müde und abwehrend, »was sollte das? -Sie sind kein Landmann und ich möchte mich in kein fremdes Gut mehr -einleben.« - -»Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,« sagte Erting, »die Mama würde -gewiß ganz gern darin willigen, und der Kaufpreis müßte so gestellt -werden, daß er ihr eine sorgenfreie Existenz ermöglichte.« - -Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine Rede ab. - -»Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von einem Kaufpreis für -Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht kaufen, ich habe den dringenden -Wunsch, daß Karl es übernimmt.« - -»Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig sanguinisch! Wenn -ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft verstehe, wird ein so -lebenslustiger Husarenlieutenant wohl auch kein Held darin sein!« - -»Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem Husarenlieutenant -ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem Kaufmann. Uebrigens sind Sie -nicht Kaufmann -- können Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen -wurden?« - -»Gewiß nicht!« entgegnete er mit einiger Energie, »meine Neigungen und -Interessen ziehen mich zum Handelsstand, und wenn ich Ihnen auch mit -Freuden das Opfer bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit -davon entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein Vater -seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre Stellung verdankt.« - -Sie blieb stehen. - -»Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,« sagte sie, und gab ihm die -Hand, »und das habe ich gern! Seien Sie nicht böse, daß ich Sie hart -anließ, mir ist heut so grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen -ja von Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir haben -werden!« - -Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein wollte und Erting, -der meist mehr Furcht vor seiner Braut empfand, als Liebe zu ihr -- -hatte er sie doch zumeist auf den Wunsch seiner Mutter gewählt -- -vermochte sich diesem Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich -über die schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die -Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im Brandau'schen -Hause und besonders die einschüchternde, kühle Freundlichkeit Ediths -während des Brautstandes gestattete. - -Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause folgte, die er -endlich unterbrach, indem er seine Absicht aussprach, jetzt nach der -Stadt zurückzukehren, da er den Abend noch eine Versammlung zu besuchen -habe. - -»Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?« fragte er, als er sich -am Parkeingang von Edith verabschiedete. - -Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht. - -»Gewiß,« sagte sie dann, indem sie einen kleinen Tannenzweig -zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln zerstreut in die Luft -warf, »kommen Sie, so oft Sie wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel -von meiner Gesellschaft zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit -und meine schönen, langen Ritte -- und dann sind wir auch sehr fleißig -jetzt -- aber wie gesagt, kommen Sie nur!« - -Sie reichte ihm die Hand. - -»Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, ich hätte meinen Ritt -für heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien,« rief -sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und während er stand und ihr -nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung der -Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als -sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck -angelangt war, wurde es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge -folgend, den Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein -Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fuß betrat, und -der schon seit Jahren unbeachtet grünte und wucherte. Hier war es so -schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender -Rosenblätter flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen -Fontaine machte die Stille nur bemerklicher. - -Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener -Wassersäule auf den Rasen niederließ und mit gedankenschweren Augen in -den blassen Abendhimmel sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle, -die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht -lieblicher verkörpert werden können. - -Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine längst in der Ferne -verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie früher hier -gesessen, das verschüchterte, kleine Mädchen, unbewillkommnet und -unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte -sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem -Bilde des einsamen Kindes -- an diesem Plätzchen hatte er sie stets -zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf -trennt, war wohl längst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer -durchzuschlüpfen verstanden. - -Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden größer -und ernsthafter, aus den Märchen, die sie sich erzählten, wuchs -langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen -Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des -übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller Sommermorgen, an -dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum -letzten Lebewohl; damit war's aus gewesen! - -Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen -daran geglaubt, so war sie eben thöricht gewesen; fünfmal hatten -seitdem die Rosen geblüht, und kein einziges Briefblatt, kein -Gruß aus der wilden Ferne, in die der Jüngling damals so kühn und -abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht! - -Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner -Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein -Majorat gekostet -- und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die -um so härter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren -mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich -der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten Temperaments überlassend, es -Edith täglich und stündlich zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß -sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der -in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natürlich -auf das verlorene Majorat zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht -tausend Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als nun wieder -ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil -ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast fürstliches -Vermögen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal -Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der -Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr -gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie -so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie -frug, warum sie doch nachgegeben! - -Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut! - -Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die -Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Fürstin von T.... hatte es sich -förmlich erbeten, für die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte -tagtäglich mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den -glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, Möbelstoffe und -Tapetenfarben wählen. Die Abende führten sie dann meist in Gesellschaft -oder ins Theater, und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies -Treiben so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, es -sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen! - -Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend -kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue -sich ihr auf die Lippen drängen, und aller trügerische Glanz war fort --- verwischt -- zwei übermüthige blaue Augen blitzten sie an -- und es -war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt. - -Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte man sie schon, wer -hatte sie auch geheißen, gerade heute den alten Platz aufzusuchen? -Sie schritt hastig vorwärts, um auf einem Umwege über die waldige -Fahrstraße ins Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen -Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber trat. - -Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des -Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts im Gürtel, -mit dem ihre Hand spielte, ließ ein Knistern und Knacken in den Zweigen -sie überrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der -Herbstsonne, die Geister der alten Zeit? - -Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen Sätzen auf sie -zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebräunten, -wildschönen Zügen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jüngling von -damals, aber wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm -und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber -- ihr war, als -müßte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf -Jahre, auf immer! - -Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen -Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln ließ. -So standen sich Beide still gegenüber, Keins fand einen Laut zur -Begrüßung, an ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen -Freiers, und er wußte es! - -Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, »wir haben uns lange nicht -gesehen, Gerald,« und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin. - -Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte, -ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem -fort: - -»Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, seit -einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise -fehlte noch jede Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für -verschollen.« - -»Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,« erwiderte -er langsam und mit erzwungener Ruhe, »auch war die Annahme nicht -»allgemein,« wie Sie sagen. =Eine= hat immer von mir gewußt, haben Sie -sich in den ganzen, langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?« - -Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher -geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den -Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach. - -»Ich hatte keine Berechtigung dazu,« sagte sie kalt, »warum haben Sie -in den »ganzen langen fünf Jahren« nicht =einmal= direct von sich hören -lassen?« - -Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder. - -»Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten -Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und hätte auch in den -ersten Jahren verzweifelt wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen -gewußt! Ich habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, nur -in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen können oder mögen! -Sie wissen, ich habe es mündlich nie verstanden, mich besser zu machen -als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und -da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer -hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, daß Sie auf dieselbe Art -auch von mir hören und an mich denken würden.« - -Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths. - -»Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, Baron Rüdiger; man -mag in meiner »Lebenssphäre« nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie -Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur -Vollkommenheit -- zu vergessen, wo ich vergessen war!« - -Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand über die Stirn. Er -stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen -Schritt auf sie zu. - -»Edith,« sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, »einen solchen Ton -mag ich nicht von Ihnen hören, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er -ist des Mädchens nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit -Thränen in den Augen zu mir sagte, »wenn Sie auch wiederkommen, Gerald, -Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben!« Diese -Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich -hörte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag, -in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thörichten Träume von -der Heimath träumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie »vergaß,« wie -Sie sagen, da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und einsam, -unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster -standen, wenn die Nachtigallen schlugen --« - -»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, »selbst -wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das -Recht, solche Worte anzuhören -- ich bin Braut!« - -»Man hat es mir erzählt,« sagte Rüdiger finster, »und ich habe erst -gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie -mit meinem stolzen Mädchen angefangen, durch welche Teufelskünste ist -sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre -zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen Sie, was Sie -thun?« - -Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie -antwortete -- die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik -ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorüber! - -»Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,« erwiderte sie -hochmüthig, »aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen! -Ja, ich weiß, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern -ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und -zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?« - -»Ja und nein,« sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen suchte, -den ihr kalter Ton in ihm anfachte, »ich verstehe Sie, Edith -- in -dürren Worten, Erting hat Ihrem Stiefbruder die Schulden bezahlt, -und dafür sind Sie seine Braut geworden. Hölle und Teufel,« rief er -plötzlich, und schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt -hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es mit dumpfem -Klange auf den Boden schlug, »daß ich hier stehen soll, ich vor allen -Menschen auf der ganzen Erde, und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte -verhandeln, Edith -- das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie ein -Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld hat ihre Grenzen!« - -»Und worin soll dies Ende bestehen?« frug sie, während sie ihn -unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem urwüchsigen Zorn! - -»Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder Sie niederschießen -darf, daß diese ganze Brautschaft ein widerwärtiges, tolles Puppenspiel -ist, und Sie mir doch im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer -schönen Reden.« - -Sie trat einen Schritt auf ihn zu. - -»Gerald, Gerald!« sagte sie in halb traurigem, halb leichtem Ton, und -legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, »ich habe doch mehr gelernt, als -Sie in den fünf Jahren, mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen -Sturmesflügeln nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir hat das -Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach der andern, und ich -habe es ganz hübsch begriffen, daß man sich in Unabänderliches fügen -muß. Aber Sie, wie Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen, -ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger, und spielten -hier im Walde »Räuber und Prinzessin!« Sie sind wirklich noch ganz -derselbe --« - -»Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, und seine -Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith Brandau einen -Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen Recht haben,« sagte er spöttisch, -»nun, Sie haben ja Ruhe für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen -lernen! Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf mich -empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting kommt doch gewiß zum -Thee, ich will Sie nicht aufhalten, Comtesse!« - -Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. Als er einige -Schritte gethan hatte, rief Edith zögernd: »Gerald!« - -Er wandte sich hastig um. - -»Ihr Gewehr, Baron Rüdiger -- und Sie haben mir nicht Lebewohl gesagt!« - -Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom Boden auf, dann stützte er -sich darauf und blieb einen Augenblick stehen. - -»Edith,« sagte er hart und kalt, »hüten Sie sich vor mir! Wie wir Beide -uns kennen, taugt es nicht, wenn Sie mit mir spielen wollten, wie -damals, wo ich für ein freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der -Welt gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es könnte Ihnen -doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, wenn ich Ernst aus dem -Spiel machen wollte! Ich habe noch ein gutes Theil Wildheit in mir, -lassen Sie mich lieber in Frieden -- es ist für uns Beide, und für Ihre -Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere Wege gehe! Und -nun, gute Nacht Edith!« - -Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht. - -»Nein, Gerald,« sagte sie weich und traurig, »gehen Sie nicht so im -Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, weil ich gekränkt war, nicht -bedacht, daß auch Sie im Augenblick etwas zu verwinden hatten, -wollen wir uns nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch -wahrscheinlich, daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen -zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden von einstmals, -dann fremd und kalt an einander vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht -mehr lange hier --« - -Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und plötzlich brach ein -Strom von heißen Thränen aus ihren Augen, der zur Genüge bewies, daß -die Ruhe der letzten Stunden erkünstelt gewesen. - -»Edith, was thun Sie?« rief er, wie außer sich, und streckte die Arme -nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon gefaßt, und wies ihn mit einem -energischen Kopfschütteln zurück. - -»Gerald, verstehen Sie mich recht,« sagte sie fest im Ausdruck, wenn -auch die Stimme noch bebte, »ich schäme mich dieser Thränen nicht, sie -waren ein Tribut an unsre schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die -uns ja doch kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart, -Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir recht thun, nicht ob es -uns gefällt! Dazu helfe mir Gott -- und Sie, mein alter Kamerad, Sie -werden mir dabei gewiß nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!« - -Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne ihr zu antworten, -verließ sie ihn, und ging nach dem Park zurück. Der höher und höher -steigende Herbstnebel schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich -aufzunehmen, und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem -grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand es Gerald mit -wildem Schmerz, daß er sie wirklich und unwiederbringlich verloren habe! - - - Gott schütz' Dich vor dem ungeschlachten, - Ohn Maßen groben Cavalier! - -Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat der Fürstin -von T... alljährlich zum Besten eines von ihr gegründeten Krankenhauses -stattfand, wurde in diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse -Zungen behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr so ganz -dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren Zeiten. - -Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab und zu, und -war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem, was in irgend einer Form -Vergnügen hieß. - -Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen müssen, -sie war schon von je durch ihre Erscheinung die Krone jedes solchen -Unternehmens, und jetzt, wo der etwas seltsame Brautstand die -allgemeine Neugier in Bezug auf das schöne Mädchen noch erregt hatte, -durfte man eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des -Publikums von ihr erwarten. - -Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte drängte, -hatte noch nicht geschlagen, doch waren die Unternehmerinnen schon -erschienen, und nahmen beim strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt -und geschmackvoll arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da -noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen mehr -wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des Wohlthätigkeitssinnes in -den Hintergrund schoben. - -Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt. Ein mattblauer, -schwerer Stoff umrauschte sie, wie das Element, dem sie mit ihren -Nixenaugen und ihrem Goldhaar anzugehören schien. Neben ihr lag ein -riesiger weißer Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast -nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie in Ertings -Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt in den Saal überreicht -wurden. - -Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die kurzen Wochen, die -zwischen ihrer Unterredung mit Gerald und dem heutigen Abend lagen, -hatten ihr so manche Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens -erzittern ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte. - -Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und wieder mit dem -Jugendfreunde zusammenzubringen, und der auf »freundschaftlicher« -Basis angeknüpfte Verkehr, den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte, -nahm nur zu bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds -ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh. Er hatte -sich mit scheinbarer Unbefangenheit im Hause ihrer Mutter eingeführt, -er, der sonst so ungestüm Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den -schlecht verhehlten Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn -existirte nur Edith! - -Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es so nicht sein -dürfe -- hatte sie wenigstens nur, wenn er nicht in ihrer Nähe war! -Dann gelobte sie sich jedes Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten -sagen, daß er lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das -Beste sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen vermeide, und -wenn er dann wiederkam, und sie den ganzen Zauber empfand, den seine -Stimme und seine Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem -gefährlichsten Trost: »es ist ja nicht auf lange, ich bin ja bald fort, -und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!« Und sie vermied es -nicht, wie sie gesollt hätte, ihn zu sprechen und ihm zu begegnen, -sie spielte ein gefährliches Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht -vergessen konnte, daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs, -die Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr -- erste Liebe -hieß. - -Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches Geräusch gerissen. -Soeben erschien die Fürstin mit ihren Damen in den weit geöffneten -Flügelthüren. Mit einem prüfenden Blick überflog sie das Arrangement -der Tische, eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin -zur andern, bis sie den Brandau'schen Tisch entdeckte. - -Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu. - -»Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,« sagte sie, und strich -zärtlich über das goldrothe Haar der jungen Dame, die sich tief -verneigte. »Sie sehen bleich aus! ich weiß, daß Sie sich heute opfern -durch Ihr Erscheinen, aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!« - -»Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein Opfer ist, -Durchlaucht,« sagte die Gräfin Brandau, als Edith schwieg, und warf -ihr einen zornigen Blick zu, »so wäre es durch diese Anerkennung schon -reichlich vergütet!« - -Die Fürstin winkte begütigend. - -»Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, Gräfin, sie hat das -Vorrecht, ein wenig launenhaft zu sein, es steht ihr ja doch Alles gut! -Und nun, meine liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch -neue Schätze angekommen!« - -Während die Damen sich in die Besichtigung und Erklärung der -ausgestellten Gegenstände vertieften, und die Gräfin sich nach ihrem -etwas weiter entfernten Tische begab, begann der Saal sich langsam zu -füllen. - -Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter ihnen die meisten -Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange unserer Erzählung in der -Weinstube zusammengesessen hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab -seine gewohnten ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum -Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt. - -Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, im Frack und -weißer Halsbinde, eine Rosenknospe im Knopfloch. Er ging langsam von -Tisch zu Tisch, wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich -bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die Fürstin -begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel placirte. - -»Nun, Herr Erting,« rief sie dem sich tief Verbeugenden entgegen, -»Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich hoffe um so mehr von Ihrem -Wohlthätigkeitssinn, als Sie den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht, -sicher nicht zu widerstehen vermögen.« - -»Erting verhält sich doch am Ende passiv,« sagte Raven für den verlegen -Verstummten, »er weiß, daß er bereits das Schönste zu eigen hat, was -ihm die Welt bieten kann, was sollte ihn da wohl noch verlocken?« - -»Das steht auf einem andern Blatt,« erwiderte die Fürstin, während ihr -Blick lächelnd Edith streifte, welche durch keine Miene verrieth, ob -sie Ravens Worte überhaupt gehört, »ich rede von Dingen die =gekauft= -werden können!« - -In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über das bleiche, -schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig ab und suchte in den -Gegenständen auf dem Tisch umher. - -Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den Doppelsinn der -Worte erfaßt hatte, oder nicht. - -Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich auf den Eingang -des Saales, und sie wandte sich zu Raven. - -»Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große, blonde Mann, der -eben eintritt? -- ach, Sie sehen ja nicht hin, dort im Jagdcostüm --« - -»Das ist der sogenannte »tolle Junker,« Baron Rüdiger, erinnern sich -Durchlaucht nicht mehr? -- der jetzt Wolfsdorf geerbt hat. Eine -sonderbare Idee, in =diesem= Aufzug hier zu erscheinen!« - -»Jedenfalls eine kleidsame Idee,« sagte die Fürstin, deren Augen immer -noch den Besprochenen fixirten, »das ist eine interessante Erscheinung; -wie kommt es übrigens, daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht -zu Gesicht bekommen hat?« - -»Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen zu verstoßen, -Durchlaucht,« sagte Erting etwas bitter, »er sucht darin eine gewisse -Originalität!« - -»Das thut er =nicht=,« rief Edith plötzlich mit Energie und tief -erröthend, »er ist ein Naturmensch durch und durch, und wenn er sich in -seiner sorglosen Weise gehen läßt, so ist das eben originell, und er -braucht es nicht erst zu =suchen=, wie Sie sagen!« - -Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit einem forschenden -Blick nach dem plötzlich so lebhaft sprechenden Mädchen, und wandte -sich dann zu Raven: - -»Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, Herr von Raven, ich -möchte gern durch den Augenschein urtheilen.« - -»Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige Minuten -beurlaube,« sagte Erting rasch, während Raven sich anschickte, Rüdiger -aufzusuchen. - -Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand, und wandte sich zu -Edith, als Erting sich entfernt hatte. - -»Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus, ist es wirklich -eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade dann!« - -Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen Gestalt -Ertings. - -»Durchlaucht sind grausam,« erwiderte Edith mit zuckenden Lippen, -»habe ich das verdient? Wer mir in der Zeit meiner Verlobung so nahe -gestanden hat, sollte anders denken, oder sprechen!« - -Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick wie bestürzt -vor sich nieder. - -»Verzeihen Sie mir,« sagte sie dann in ihrer gewohnten leichten Art, -»Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, und im Moment kam mir die -Idee, welch herrliches Paar Sie Beide -- doch halt, er kommt!« - -Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin. - -»Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, Baron Rüdiger,« -sagte sie in liebenswürdigem Ton, »ich habe Ihren Oheim sehr wohl -gekannt, und weiß mich Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu -erinnern! Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der Fremde -verlernt?« - -»So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,« erwiderte Rüdiger -verbindlich, »wenn ich trotzdem ein Versäumniß beging, so bitte ich, es -in Gnaden der partiellen Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man -bei einem Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht -entgeht.« - -»Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,« sagte Raven -in seiner gewohnten ironischen Weise, »man muß seine tadellosen -Verbeugungen sehen, um zu staunen, daß er in Californien Gold gegraben, -in Australien --« - -»Ich bitte, erklären Sie mich nicht,« unterbrach ihn Rüdiger etwas -kurz, »außerdem sagen meine Verbeugungen durchaus Nichts -- man muß mit -den Wölfen heulen -- meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den -Affen um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse -pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist man eben Kosmopolit!« - -Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem schönen, -wildaussehenden Jägersmanne wuchs. - -»Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd geworden ist,« sagte -sie, sich erhebend, »so hoffe ich, Sie öfters zu sehen. Wir musiciren -jeden Freitag in kleinem Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt, -daß Sie erwartet werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich schon -über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith, auf Wiedersehen!« - -Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während Rüdiger schweigend -vor Edith stehen blieb. - -»Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht guten Abend sagen!« -nahm sie endlich lächelnd das Wort, ihn anzusehen. - -»Ich =wollte= auch nicht, aber Ihnen gegenüber =muß= ich stets, auch -was ich nicht will! Schütteln Sie nicht wieder den Kopf, erzählen Sie -mir lieber, wie Ihnen unser gestriger Weg bekommen ist!« - -»Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch gar nicht als -Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir viel abkaufen, hier, diese -schöne Jagdtasche --« - -»Haben Sie sie gearbeitet?« - -Sie schüttelte den Kopf. - -»Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr? Ich verstand stets -besser mit der Reitpeitsche umzugehen, als mit der Nadel! Aber nun -ernstlich, was kaufen Sie?« - -»Nur Eins!« erwiderte er langsam, »aber für dieses Eine gebe ich Ihnen -meine ganze Börse preis!« - -»Und das wäre?« - -»Sie werden es nicht geben wollen!« - -»Ist es bei den Verkaufsartikeln?« frug sie, ahnungslos, was er meinte. - -Er lachte. - -»Ja, es liegt dabei!« - -»Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, mein ganzes -Sinnen und Trachten ist auf einen möglichst hohen Preis gerichtet, wo -ist es?« - -»Hier,« erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet vom Tisch, während -er seine gefüllte Börse ernsthaft in ihre kleine Geldkasse gleiten ließ. - -»Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?« sagte plötzlich Ertings -Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit gehabt hatte, Einspruch zu thun. - -»Ich habe es gekauft,« sagte Rüdiger, und blickte herausfordernd auf -seinen kleinen Rivalen nieder. - -Edith mischte sich hastig ein. - -»Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen, daß ich nicht daran -denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand zu verkaufen -- legen Sie -gleich das Bouquet wieder her! Es war nur ein Scherz,« wandte sie sich -verwirrt an Erting. - -»Das Bouquet ist mein,« erwiderte Rüdiger, ohne sich an Ertings -zornbleiche Miene zu kehren, »dort liegt meine Börse, Geschäft ist -Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie als Kaufmann doch am besten -wissen!« - -»Sie sind unartig, Gerald,« fiel Edith wieder hastig ein, »und ich -allein habe das Recht, hier zu entscheiden. Legen Sie das Bouquet -wieder her, ich mag Ihr Geld nicht haben, auf sophistischem Wege bin -ich nicht wohlthätig!« Sie hielt ihm die Börse hin. - -»Das Bouquet,« wiederholte sie. - -»Geben Sie das Bouquet her,« sagte Erting gleichzeitig, mit vor Wuth -fast erstickter Stimme, »haben Sie ein Recht darauf, oder ich?« - -»Leider Sie!« erwiderte Rüdiger lachend und hielt den fraglichen -Gegenstand hoch in die Höhe, »aber trotzdem bleiben diese Blumen mein, -ich würde ebenso gern meinen Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges -Blättchen aus dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie können -ihn gar nicht erreichen!« - -»Genug,« sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie sah, daß Erting -aufs Aeußerste gereizt war, »ich =befehle=, daß Sie die Blumen meinem -Bräutigam geben, Gerald!« - -Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting zu Rüdiger -gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte auf. Er nahm den -Strauß und die schwere Börse, und mit dem heftigen Ausruf: »So soll sie -Niemand haben!« schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster -in den Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand Lebewohl -gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft stumm und entsetzt dem -»tollen Junker« nachsah, der sich eben wieder seines Namens so werth -gezeigt hatte. - -Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt gewesen, -hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe rasch und erstaunt -umgewendet, und sandte jetzt Raven ab, um den Grund dieser Störung zu -erfahren. Als er mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell -auf: - -»Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich ein Original! -Aber wie erfrischend wirkt das in unseren nüchternen Kreisen!« - -»Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache nicht in diesem -Sinne auffassen wird,« sagte Raven, »er schäumte geradezu vor Wuth, und -seine Mutter, die eben eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu -sehen, war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur nicht ernstere -Folgen hat!« - -»Das wäre ja abscheulich!« rief die Fürstin lebhaft, »und gerade -jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den interessanten Goldgräber zu -unseren kleinen Festen heranzuziehen; eine derartige Differenz würde -Alles zerstören. Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich -werde die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe der -Außergewöhnlichkeit ein Opfer!« - -Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas ingrimmig murmelnd: -»Besonders, wenn diese »Außergewöhnlichkeit« ein so hübsches Gesicht -hat, da opfert man sich mit Leichtigkeit!« - -Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen der Fürstin -entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter und zog sie mit sich hinaus. - -»Ich gehe nach Haus,« sagte er auf ihren verwundert fragenden Blick. - -»Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig, du wirst doch deine -Braut nicht allein hier lassen!« - -»Ich gehe nach Haus,« wiederholte er heftig, »für heute habe ich wieder -einmal genug von dem vornehmen Brautstand. Was, ich soll mich wohl von -dem infamen Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken und -zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht gut; wenn =du= nicht -merkst, daß man sich hier über uns lustig macht, =ich= merke es, und -was habe ich denn davon?« - -»Aber Ludwig,« rief die erschrockene Frau, die währenddessen mit dem -zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden prächtigen Wagen bestiegen -hatte, und nun an seiner Seite durch die Straßen rollte, »Ludwig, -hast du denn gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du -eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen und in höhere -Sphären kommen, mein liebes Kind -- ich will ja nur dein Glück, wenn -ich dir dazu rathe!« - -»Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,« sagte er, schon ruhiger, -»und es ist ja auch möglich, daß eine Heirath mit Edith ein Glück -ist, in manchem Sinne! Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für -mich, ich hätte mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise -herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so wäre ich später -einmal Herr in meinem Hause, und nicht, was ich hier immer sein werde, -der Mann meiner Frau, die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug -ist, die aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich mir -gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter, aber wir wollen -nicht weiter davon sprechen. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern!« - -Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers, -einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wußte. - -Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn zu beschwichtigen. -Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter. - -»Mein liebes Kind,« sagte sie ängstlich, »so sei doch nicht so heftig! -Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit -Edith drängte, weißt du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit -ihr werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste Mädchen, -das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so viel -_chic_!« - -»Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir -unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefällt es nicht, -und außerdem gehört das _chic_ und was du sonst sagst, nicht zur Sache. -Antworte mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?« - -Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes -sich so fest auf sie richteten. - -»Was verstehst du unter lieben?« frug sie ausweichend. - -»Nun, ungefähr, was =du= darunter verstandest, als du meinen Vater -heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glänzende -Existenz bieten konnte! Oder ungefähr, was =ich= darunter verstand, ehe -Martha unter fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath -machen konnte!« - -»Ludwig,« sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der -Sohn, »reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau -rückgängig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich -kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen -Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn -ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben -zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting -erhältst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich -nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche -ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück holen lassen; also -du hast es in deiner Hand, wie lange Martha »unter fremden Leuten« sein -soll! Ich dachte, du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem -Kopf geschlagen!« - -»Reden wir nicht mehr davon,« sagte Erting finster, »ich habe mich -vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser übermüthige -Junker, der Rüdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein -unverschämtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm -zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und -baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter -- du weißt, ich -habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich -todtschießt, so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich -vornehm umgekommen bin!« - -Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau -Erting aussteigen. - -»Gute Nacht, Mutter,« sagte er dann, »da kommt schon einer von unseren -Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir -heute ganz dienlich sein!« - -Und damit wandte er sich ab und ging die Straße hinunter, während die -Mutter, halb entsetzt, halb stolz über den heldenmüthigen kleinen -Eisenfresser, im Hause verschwand. - - - Entflieh' mit mir! - -Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen, -die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen dem Brautpaar und Rüdiger zu -veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes -kleine _faible_ für Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der -er in Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die -Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu beobachten. So -jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste -nach einander, und immer war der »tolle Junker« der Held aller dieser -Festivitäten. - -Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte, -und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte, -das wußte Niemand. Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens -hätte jede Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst -sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome der Gegenwart -dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewußt ist, daß -wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so größerem Entzücken -weiter träumen. Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie -vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen könnten, -kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrückt, wie es -entstand. - -Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glänzender Maskenball -die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte -Edith, die mehrere Tage bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau -zurück. - -Der Maskenball war glänzend und es herrschte nur =eine= Stimme vollster -Befriedigung. Die Fürstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer -rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie -selbst war natürlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß, -und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend, -solche in möglichst großer Zahl unter ihren Gästen anzustiften. - -Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin einen altdeutschen -Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen -Gewande, mit den herabhängenden, schweren Goldflechten sinnend am -Fenster lehnte, hätte allerdings das »Gretchen« nicht reizender gedacht -werden können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz -und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch -den wehmüthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von -der Mädchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen -neuen und geradezu hinreißenden Zauber verlieh. - -Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem -Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewählt, aber seine schüchterne -Unbehülflichkeit ließ ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine -Prätension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend, -am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in -die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher -Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, welches sie stets für ihn -empfand, auf ihn zu. - -»Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht erkannt, oder wollen -Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?« sagte sie, und legte ihre kleine -Hand auf seine Schulter. - -Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; es lag ein Zug von -trübem Nachdenken auf seiner Stirn. - -»Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer Freiheit überhaupt -bald zu Ende ist?« sagte er in einem Tone, der scherzhaft sein sollte, -aber bitter klang. - -»Was haben Sie, Ludwig?« frug Edith halb erstaunt und halb verletzt, -indem sie einen Schritt zurück trat. In dem Moment fiel ihr Blick auf -eine hohe Gestalt in der düsterschönen Tracht eines spanischen Granden. -Eine tiefe, jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und war -trotz der Larve wohl zu bemerken. - -»Was ich habe?« gab er finster zurück, »sehen Sie einmal in den -Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, und fragen Sie sich, -»was ich habe,« wenn das Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein -wird, beim Anblick eines Anderen so tief erröthet -- Sie haben sich zu -früh demaskirt!« - -Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres Wort verlassen, -aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er so Unrecht nicht habe! Sie -bezwang sich und blieb. - -»Ludwig, seien Sie nicht hart,« sagte sie, fast bittend, »Sie kennen -mich genug, um zu wissen, daß ich bei jedem überraschenden Wort oder -Anblick roth werde, und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets -beobachten, wenn Gerald kommt --« - -»Ach was Gerald -- Gerald,« rief er heftig, »Sie brauchen den Baron -nicht beim Vornamen zu nennen, ich kann diese Jugendfreundschaft nicht -leiden, die er zum Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor -meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu machen! Sie werden -ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, und Sie werden heute Abend nicht -mit ihm tanzen!« - -Edith war leichenblaß geworden. - -»Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,« sagte sie langsam und -eiskalt, »aber noch brauche ich mir in solchem Tone nichts befehlen zu -lassen, ich werde Gerald Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit -ihm tanzen, bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!« - -Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische, -und nahm Geralds Begrüßung mit um so seltsameren Gefühlen entgegen, -als der leidenschaftlich entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte, -schneidend von dem Wesen Ertings abstach. - -Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man -demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog, -da folgten Aller Blicke bewundernd und -- bedauernd dem herrlichen -Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und -jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen denken -ließ, die neben einander und für einander gewachsen schienen. - -Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so klar empfunden, was -sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefühl -»des letzten Males« ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh. -Noch nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu -sprechen -- und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen Härte, wies -ihn nicht zurück! - -»Und übermorgen ist Ihr Polterabend!« sagte Gerald jetzt ohne -Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal -nach einem kühleren Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen -Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung zu, ohne -zu antworten. »Erlauben Sie!« sagte er jetzt, und nahm den Fächer aus -ihrer Hand, »das paßt nicht für Gretchen -- überlassen Sie es Faust!« - -»Sie sind nicht Faust!« erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf, -um ihn anzusehen. - -»Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens sofort dafür -erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm auch warm genug empfohlen!« - -»Abscheulich!« rief Edith erröthend, »weil sie wußte, daß es Ludwig -kränken würde!« - -»Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?« sagte Rüdiger -höhnisch, »soll ich das ganz allein thun?« - -»Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!« - -»Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: ich gräme mich, -ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf -und Herzen aussieht!« - -»Ich bin gar nicht neugierig!« erwiderte sie anscheinend ruhig, aber -mit leicht bebender Stimme, »überdies kann ich es mir denken!« - -»Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!« - -»Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!« - -»Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen -eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie -Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die -Verantwortung für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit, -die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!« - -Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern -der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig im Schoße lagen, -verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie -versetzten. - -»Entscheiden Sie sich, Edith,« fuhr er athemlos vor Aufregung fort, -»ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, daß -ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder -Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith,« er blickte sich hastig um, sie -waren allein im Zimmer, »ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein -Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er führe -mich zum Teufel in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener -Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der -Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind, -dürfen Sie auch kein Wort sprechen!« - -Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob. - -»Genug, Baron Rüdiger,« sagte sie mit gepreßter Stimme, »Sie beleidigen -mich tief, tödtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie -haben es für möglich gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit -Ihnen davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? Und nicht -nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie es gehalten,« fuhr sie -fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hieß, »auf -wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie -kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten, -mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafür gestraft, -daß ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend -einräumte.« - -Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand er still und zwang sie -dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben. - -»Edith, verzeihen Sie mir,« sagte er rauh und ohne sie anzusehen, -»es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht -überlegt, daß Sie der Gedanke kränken mußte; was blieb mir schließlich -übrig? Verzeihen Sie mir,« wiederholte er zornig, als sie schwieg und -vor sich niederblickte. »Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen oder es wird -nicht gut!« - -Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an sich, daß sie einen -leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig ließ er sie los. - -»Sehen Sie,« sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber ohne sich zu -entschuldigen, »was davon kommt, wenn man mir den Willen nicht thut? -Aber jetzt noch einmal, Edith, verzeihen Sie mir, wir sind für lange -Zeit das letzte Mal zusammen gewesen -- gönnen Sie mir diesen einen -armen Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute noch einmal -vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!« - -»Weshalb?« frug sie überrascht, und sah zu ihm auf. - -»Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein? Sie taxiren mich denn -doch etwas zu zahm, Edith! =viel= zu zahm, wie Sie noch einmal einsehen -werden! Aber Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir? -Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?« - -»Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,« erwiderte sie -kalt. - -»Nun, dann bin ich zu Ende,« rief er trotzig und wild, »thun Sie was -Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn ich es auch thue!« - -Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit wildschlagendem -Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien sich wie ein Bleigewicht an ihre -Schritte zu hängen. Als sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter -nicht sofort sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr -sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und legte ihre -Hand in seinen Arm. - -»Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,« sagte sie, »was -soll man davon denken?« - -»Sie ließen mich allein,« erwiderte er, halb versöhnt durch ihr -Einlenken, -- »aber es soll mir um so lieber sein, wenn ich jetzt in -Ihrer Nähe bleiben darf! Geben Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine -Quadrille!« - -»Gern,« sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr grollte, »sehen -Sie sich, bitte, nach einem _vis-à-vis_ um, ich erwarte Sie bei Mama!« - -Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen wieder in den Saal -getreten war. Dann ging er, sich einer Gruppe von Herren zugesellend, -zu der auch Rüdiger gehörte. - -Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden mit angstvoller -Spannung, aber da nichts Auffälliges zu bemerken war, wandte sie sich -ihrer Mutter zu, und bemühte sich, die kritischen Bemerkungen zu -belächeln, welche die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden -ließ. - -Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch placirten, durch -Orangerie fast versteckten Orchester. Die verschiedenen Gruppen im Saal -geriethen in Bewegung, ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith -warf einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam nicht, und -sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken. - -Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben zurück ziehen, als -Raven zu ihr trat. - -»Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen Tanz?« - -»Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht mich,« sagte -sie lächelnd, »ich habe die Quadrille meinem Bräutigam zugesagt, und er -scheint dies vergessen zu haben!« - -»Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde eben abgerufen, weil ihn -Jemand auf einen Augenblick zu sprechen wünschte, mag sein, daß die -Unterredung sich ein wenig in die Länge zieht!« - -»Ah so!« erwiderte Edith beruhigt, nun, »plaudern wir, bis er kommt, -Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, Sie verstehen das ja so -meisterhaft!« - -Raven verbeugte sich. - -»_Tempi passati_, meine gnädigste, _tempi passati_, jetzt überläßt man -es jüngeren Kräften!« - -Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths anfängliches Befremden -über das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in -noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich -doch wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu geben, was ihn -verhindere! - -»Irgend eine Börsennachricht,« dachte sie bitter, »das ist wichtiger, -als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das -läßt sich eben später nicht anlernen!« - -Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen vielen -»Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich« entlassen hatte, trat -Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes, -aber doch tiefes Roth färbte ihre Wangen. - -Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. Wenn sie, -als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu -erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und -übermüthiger aus, wie je! - -»Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?« frug er, indem er ihr -Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab. - -»Das dürfen Sie,« sagte Edith, gegen ihr besseres Gefühl, »ich bin ja -ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott weiß warum, den Ball verlassen, -ohne ein Wort der Aufklärung an mich!« - -»Hat er das?« - -»Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört rücksichtslos?« - -»Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,« sagte Rüdiger, der sie -zu ihrem Platze geleitet hatte, »er konnte zwingende Gründe haben! -Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen -- er ist fort, ich bin da, es -lebe die Gegenwart!« - -Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang -leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte -sich zu fast fieberhafter Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den -Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des »tollen Junkers« so -geblitzt, wie an diesem Abend. - -Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der Minute hin, sie -fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so rücksichtslos, so gleichgültig -verlassen hatte, und die Stunden flogen vorüber, leicht und glänzend, -wie die Schneeflocken, die draußen dicht und dichter niederfielen. - -Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der Tafel und zugleich -zur Beendigung des Festes. - -Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren begann, trat -Rüdiger noch einmal zu Edith. - -»Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?« - -»Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?« - -»Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen noch Zeit, wenn ich -Sie erst nach Brandau bringe, ich benütze dann einen späteren Zug.« - -Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. Sie -schüttelte den Kopf. - -»Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe heute noch bei der -Fürstin, es ist mir zu spät geworden, um nach Brandau hinaus zu fahren, -und meine Mutter hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen, -im Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem Schutze nicht -anvertrauen.« - -»Wie Sie befehlen,« sagte Rüdiger, ohne zu ihrer Ueberraschung noch mit -Bitten in sie zu dringen, »dann fahre ich von hier direct zur Bahn, und -fort. Leben Sie wohl, Edith, auf Wiedersehen!« - -»Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,« sagte sie mit -etwas mühsamem Lächeln, »wir reisen gleich nach der Trauung für den -Rest des Winters nach Italien.« - -»Gleich nach der Trauung, und für den ganzen Winter? O, wie schade! -Nun, der Frühling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer -darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse -auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!« - -Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in dem er, der sie noch -vor wenig Stunden wie außer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen, -jetzt ihre Hochzeitsreise besprach -- war dies Comödie, oder alles -Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen. - -»Leben Sie wohl!« sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im -Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Aber als er sich -wieder aufrichtete, und zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder -Bewegung, da stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen noch -einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: »Du siehst ihn =nie= -wieder, wie Ihr Euch heut gesehen!« und sie gab ihm nochmals die Hand: - -»Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen --« und wandte sich -hastig ab, während er eben so rasch das Zimmer verließ, und seinen -Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt. - -Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubärtige -Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurück, und gab seinem Herrn -die Zügel. Beide vermieden es sorgfältig, einander anzusehen. - -»Vorwärts!« rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog -der Schlitten über die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos -sauste das Gefährt über die Landstraße, im kalten Vollmondlicht von -seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet. -Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen, -funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und -ein Ruck mit den Zügeln ließ die Pferde langsam gehen. Schon stieg das -Wolfsdorffer Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet -aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins -Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher. - -»Job!« - -»Gnädiger Herr?« - -»Alles ruhig oben?« - -»Nein, gnädiger Herr!« - -»Was macht er denn, Job?« - -»Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen die Thüren. Zwei -Fenster hat er auch schon eingeschlagen.« - -Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Pause, die den -Schlitten wieder näher an das Schloß brachte, begann er von Neuem. - -»Job!« - -»Gnädiger Herr!« - -»Warum sagst du nichts?« - -»Ich weiß nichts, gnädiger Herr!« - -»Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!« - -»Das glaub' ich, gnädiger Herr!« - -Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die Pferde, daß sie im -Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß erreicht war. Der gellende Ton -der Pfeife übte auch hier seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde -die Zugbrücke herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof, die -Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu Hause. - -Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend, wie Job, -trat ihm mit einer Lampe entgegen, die einen breiten, röthlichen -Schein über den Schloßhof fallen ließ. Rüdiger schüttelte sich die -Schneeflocken vom Hut und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel -zu, und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, die nach den -Wohnräumen führte. Der Diener folgte ihm mit der Laterne. - -Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen. Wenn er hätte sehen -können, welch seltsam malerischen und schönen Anblick er in seiner -altspanischen Tracht, an der dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend, -darbot, er hätte sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber -ist es, daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig -gewesen wäre. - -Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung und schritt dann, -nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich gestanden hatte, -den langen, hallenden Gang herunter, der nach dem unfreiwilligen -Aufenthaltsort seines Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür -sich ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß auf und -klopfte gleichzeitig. - -»Wer ist da?« rief Ertings Stimme von drinnen, zwischen Aengstlichkeit -und Wuth. - -»Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, -- wollen Sie --« - -Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die Thür wurde -aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, in dem ungewissen -Mondlicht, welches sein vom Zorn bleiches Gesicht noch weißer -erscheinen ließ. - -»Wo haben Sie Ihre Pistolen?« knirschte er, indem er Miene machte, sich -auf Rüdiger zu stürzen, »wo haben Sie Ihre Pistolen, ich will nicht -mehr leben, wenn ich nicht an Ihnen Rache nehmen darf!« - -Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch, daß er im ersten -Moment kein Wort fand, um zu erwidern. Erting mochte das für den -kalten Hohn des Siegers dem Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein -Rasender auf Rüdiger zu, und packte ihn am Arm. - -»Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den Schimpf, den Sie mir -angethan haben, oder soll ich Sie dazu zwingen?« - -Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt zurück, noch sehr -ruhig, wie es schien. - -»Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht mit Ihnen!« - -»Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine Schonung!« - -»Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen Arzt zur Stelle -haben, von einem Duell also keine Rede sein kann, sodann aber, weil Sie -mit Schießgewehr nicht umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran -finde, einen Wehrlosen niederzuschießen.« - -»Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen durch Ihre Leute -knebeln und fortschleppen zu lassen, so ist das reichlich eben so -feige!« - -»Erting, nehmen Sie sich in Acht,« rief Rüdiger, auf dessen Stirn eine -unheilverkündende, düstre Röthe erschien, »ich dulde heute Viel von -Ihnen, weil Sie der Beleidigte sind, aber nicht Alles!« - -»Sie wollen sich nicht mit mir schießen?« schrie Erting mit fast -erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, und im Begriff stand, -das Zimmer zu verlassen. - -»Nein!« erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er keine Silbe mehr -sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen. - -»Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?« fuhr Erting, sinnlos vor -Wuth, fort, »Edith, ich sehe jetzt klar, sie war doch jedenfalls im -Complott, als es galt, den unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!« - -»Genug!« sagte Rüdiger todtenbleich und fest, »Sie haben einen Namen in -unseren Streit hineingezogen, der es mir unmöglich macht, Ihnen noch -ferner Genugthuung zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen -treffen. Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!« - -Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück, in einem -Tumult von Empfindungen, der ihm fast den Verstand zu rauben drohte. -Ueberwiegend war immer noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die -aber in der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja zu -müssen, bereits nachzulassen begann. - -Blitzschnell jagten sich die Gedanken, »was wird man zu Hause von dir -denken? in welchem Lichte mußt du Edith erscheinen?« denn im Innern -hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere -Bilder -- wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gänzlich -Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der Runde gegenüber! Was -würde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er -geliebt, ehe er in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte -auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer floß. Wer -weiß, ehe die nächste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hülflos, -zum Krüppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste. - -Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer, -in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum -Fenster, riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und warf im grellen -Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine -Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: »für -den Fall meines Todes abzugeben.« Dann ergriff er das andere Blatt -- -sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren, -durch Rüdiger, der sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird! -Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt hastig -und fliegend: »Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich -nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, daß ich dich -immer geliebt habe, und daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.« - -Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, als der Schall -von Schritten seiner Thür nahte. - -Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen Männern, deren einer -ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer plötzlich zum Theil -mit grellem Licht erfüllten, während die verjagte Dunkelheit scheu und -doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den -Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein würde. - -Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, auf den Tisch -und wandte sich zu Erting. - -»Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,« sagte er im verbindlichen -Ton, »aber um die nöthigsten Formalitäten zu erfüllen, habe ich uns -wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Förster Strauch, er wird uns -die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu -verbinden.« - -Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus. - -»Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden abnehme,« sagte er -dann zu Erting, »meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und -lassen sich nicht von Jedermann handhaben!« - -Erting verbeugte sich stumm. - -»Ein Wort, Herr von Rüdiger,« sagte er dann. - -»So viel Sie befehlen!« erwiderte sein Gegner, indem er mit ihm zum -Fenster trat. - -»Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden Zettel an ihre -Adresse zu befördern, ich stelle mich für einen gleichen Auftrag zur -Verfügung.« - -Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, einen schnellen -verwunderten Blick auf Erting. - -»Nichts an Comtesse Brandau?« - -»Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten würden!« - -Rüdiger zuckte die Achseln. - -»Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?« - -Erting schwieg einen einzigen Moment. - -»Ja,« sagte er dann. »Sie haben mir keinen Auftrag zu geben?« - -»Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur zustößt, so würden die -sogenannten Meinigen, deren ich wenig besitze, sich durchaus nicht -wundern; sie erfahren es dann am Besten durch meinen alten Job. Und -Comtesse Brandau -- ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich Bericht -erstatten, Herr Erting!« - -Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin. Dieser nahm sie -nicht, und sah ihn zornig verwundert an. - -»Es ist Usus so, oder ähnlich,« sagte Rüdiger freundlich, »aber wie Sie -wollen!« - -Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener hatte das Zimmer -wieder verlassen. - -»Ich denke, wir schießen _a tempo_,« sagte Rüdiger, noch immer in einem -Ton, wie im Ballsaal, »zählen Sie, Strauch, bis drei!« - -Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen, Rüdigers -Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf fort und schlug in die -Wand. Als sich die blauen Rauchwolken langsam verzogen, sah der vor -Aufregung halb sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es -zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, und -trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend. - -»Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, -- und nun zürnen -Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz hübsche Lehre bekommen!« - -Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen Gegner, dessen -rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, und von dem das Blut -dicht und schnell niederrieselte und in dem Streifen Mondlicht am -Fußboden unheimlich aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die -finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß er heftige -Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts von ihrem übermüthigen -Klange verloren. - -Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier über seine Züge, -und der Förster hatte eben noch Zeit, den ohnmächtig Zurücksinkenden -aufzufangen. - -Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder. - -»Großer Gott, ich habe ihn gemordet!« schrie er auf, und warf sich -neben seinem bleichen Feinde nieder. - -Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock auszuziehen, -was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner -Unbehülflichkeit ihn daran hinderte. - -»Helfen Sie 'mal,« herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den -Händen verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, »heben Sie -den Arm in die Höhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.« - -Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte -zu gehorchen, aber seine zitternden Hände erwiesen sich als so -ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich bei Seite schob. - -»Rufen Sie den Job,« sagte er, »wir müssen uns eilen, daß wir das Blut -stillen, sonst wird das nicht gut!« - -»Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,« sagte Erting kläglich, dessen -durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu -einem Nichts zusammengeschrumpft war. - -»Dann werde ich ihn holen,« sagte der Förster, »bleiben Sie hier bei -dem Baron!« - -Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit Rüdiger allein. - -Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit von seinem -Opfer zu flüchten, aber eine bessere und muthigere Regung überwog. Er -nahte sich dem noch immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd, -neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten -Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht draußen -war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines -Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber -bezwungen, starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm -das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke Leben hatte er -zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager -gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust -und Jagdeifer Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an -solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich -bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht nie mehr heben; mit -den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entströmten, ging vielleicht die -letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin! - -Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thür zu -gehen, er hielt förmlich den Athem an. - -Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese Strafe im Verhältniß -zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Hätte er nicht ruhiger, -nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst, -der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des -Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie -er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief -aufstöhnend, den Kopf erhob, und Rüdiger anblickte, öffnete dieser -langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin. - -Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und versuchte, sich -aufzurichten. - -Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte ihn. Rüdiger -erkannte seinen kleinen Feind und ein leises Lächeln flog über sein -Gesicht. - -»Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen Sie nicht so jämmerlich -aus, es war mir ganz gesund, daß Sie mir etwas Blut abzapften!« - -Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein Dolchstoß. - -»Ich habe Sie unglücklich gemacht,« stöhnte er, die Hände vor's Gesicht -schlagend, »können Sie mir verzeihen?« - -Rüdiger erröthete leicht. - -»Erting, machen Sie mich nicht verlegen,« sagte er hastig und streckte -die Hand nach dem Andern aus, »ich Ihnen verzeihen! Ich habe Sie -auf das Unerhörteste behandelt und kann von Glück sagen, mit einer -so »gnädigen Strafe« davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen -betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird schon noch eine Büchse -führen können, bis die rechte wieder dienstfähig ist!« - -Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte er schon fast -gemurmelt -- aber endlich, endlich kamen Schritte den Corridor entlang. -Der Förster, Job und noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer. -Einer davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem jungen -Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß den verwundeten -Arm zu untersuchen. - -Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das Urtheil über Tod und -Leben, nachdem Job ihm mit finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt. - -»Ist das Bett des Herrn Baron bereit?« frug der Heilkünstler jetzt. - -»Wie lange schon!« murrte Job, »es ist ja glücklich fünf Uhr vorbei!« - -»Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?« sagte Rüdiger, sich ein wenig -aufrichtend, »heulen Sie mir aber nichts vor, denn ich verstehe ebenso -viel von der Chirurgie wie Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?« - -»Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,« erwiderte der Wundarzt -trocken. Erting klappte zusammen wie ein Taschenmesser, während Rüdiger -kein Zeichen der Bewegung sehen ließ. - -»Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor allen Dingen ruhige -Lage und kühles Getränk!« - -»Tröstlich!« sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings bereits fieberhaft -zu glühen begannen, »denken Sie aber nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen -Gewäsch folge! Was, ruhige Lage! -- sitzen werde ich bis morgen früh -und mein kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie sich -einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne Feindschaft mit -Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut dran! Job, flink, in den -Keller!« - -»Baron Rüdiger,« sagte Erting flehend, und faßte in seinem Eifer die -Hand des Gegners, »ich beschwöre Sie, thun Sie, was der Arzt Ihnen -sagt! Bedenken Sie, was daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen -Anordnungen widersetzen.« - -Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die Thränen in die Augen. -Rüdiger sah ihn einen Moment verwundert an und lachte kurz auf. - -»Sie sind eine gute Seele,« sagte er, »und sollen sich nicht ängstigen! -Ich werde zu Bett wandern, damit Sie nicht, wenn ich mit achtzig Jahren -sterbe, sich einbilden, ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und -sich ihr Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor allen -Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren. Job, laß anspannen! -ah, der Wagen kommt schon eine -- schwere Kutsche, wie sie rasselt! -Aber die Todten reiten schnell!« - -Er schloß die Augen. - -»Zu Bett mit ihm,« sagte der Chirurg energisch, »das Fieber steigt -rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,« wandte er sich an Erting, »so -schicken Sie doch noch einen Arzt heraus, ich mag die Verantwortung -nicht allein übernehmen.« - -Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich ohne weiteren -Widerstand von Erting und Job in sein Zimmer bringen, dann kehrte -Ersterer zu dem Arzt zurück. - -»Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,« sagte er mit -ungewöhnlicher Festigkeit, »ich bleibe bei dem Baron, er hat schon -darein gewilligt.« - -Der Chirurg sah ihn erstaunt an. - -»Nun meinetwegen,« sagte er, »legen Sie ihm fleißig Eis auf den Kopf, -und halten Sie ihn möglichst ruhig. Aber ein Arzt muß noch heraus!« - -»Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke zu Doctor -Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir persönlich bekannt. -Halten Sie denn den Zustand des Barons für gefährlich?« Ertings Lippen -zitterten. - -»Offen gesagt, ja!« erwiderte der Wundarzt nach einigem Besinnen, -»das Fieber tritt so schnell und heftig auf, daß es die Kräfte sehr -hinnehmen muß und für einen Mann von des Barons ganzer Natur ist ein -Krankenlager immer eine böse Sache. Aber wir wollen das Beste hoffen!« - -Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote sich bereit machte; -er citirte Doctor Stein heraus und benachrichtigte in einem zweiten -Briefe Edith von seinem Aufenthalt und dem stattgehabten Duell. - -Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den wildesten Phantasien -vorfand. - -Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer Erzählung kennen -lernten, traf in wenig Stunden ein. Er trat mit dem ihm eigenen, -besonnenen Wesen an das Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß -vermochte Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen -ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er schon -wieder in heftige Raserei. Erlebtes und Geträumtes mischte sich auf -eine für Erting unbeschreiblich qualvolle Weise in seine Reden. - -Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich empfahl. - -»Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,« sagte er auf -Ertings verzweifelt fragenden Blick, »aber das Ungestüm des Fiebers -macht mich besorgt. So viel ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen -Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.« - -»Thun Sie das nicht,« bat Erting flehentlich, »sagen Sie mir Alles, was -geschehen soll, Stein, ich will gewiß nichts an ihm versäumen! Gönnen -Sie mir den kleinen Trost für das Schreckliche, was ich in meinem -unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!« - -Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend die Hand auf -die Schulter legte. - -»Ruhig Blut, alter Freund,« sagte er tröstend, »Rüdiger ist jung und -hat schon mehr Stürme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen übrigens -Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins -sage ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang -tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!« - -Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schloß -verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurück. Tage und Nächte saß er -nun an Rüdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst. -Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen -können, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekränkt. - -Und während dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging -in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting -fühlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den -- -freilich seltenen -- Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach -und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und -Freuden einflößte. Oft ertappte er sich dabei, daß er fast mit einem -Gefühl von Zärtlichkeit in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken -blickte, und seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger, -der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht -Ertings zu blicken -- der jeden Labetrunk aus den Händen des einst so -Gehaßten und Verspotteten entgegennahm -- er hatte, unklar, wie die -Krankheit ihn denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser -kleine Mann zu ihm gehöre -- daß ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an -seiner Seite sei. - -Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden -- aus Brandeck -und aus der Residenz, und die tägliche Antwort -- »noch beim Alten,« -wollte und wollte keiner Besserung weichen. - -Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an Rüdigers Lager saß, -blickte dieser plötzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf. - -»Erting,« sagte er, »mir ist heut auf einmal merkwürdig vernünftig -im Kopf, das muß ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, für -alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben -- Sie sind ein braver, treuer -Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!« - -»Schweigen Sie doch,« sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu -werden. - -Rüdiger schüttelte den Kopf. - -»Lassen Sie mich heute reden!« fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort, -»wer weiß, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund, -es wird am längsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen -heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich -reden,« wiederholte er hastig und erregt, »oder ich springe aus dem -Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!« - -»Nun, so reden Sie,« sagte Erting rathlos, als er sah, daß Rüdiger sich -mühsam emporrichtete, »aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen -Sie!« - -»Ich will Ihnen nur sagen,« begann Rüdiger in kurzen Sätzen und schnell -athmend, »daß ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, für den -Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem -Maskenabend, ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei Gott -nicht! Ich wollte -- ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith« -- er -seufzte schwer auf -- »also -- Edith ein letztes Ultimatum stellen -- -sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig -- und wir geriethen -aneinander!« - -Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich wieder fort: - -»Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn du =ihn= -wegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit sein und du hättest der ganzen -Bande noch einmal tüchtig die Hölle heiß gemacht. An Das, was später -kommen könnte -- dachte ich nicht -- habe ich nie gedacht -- nie!« - -»Ja, ja!« sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder schwach -zurücksank, »das weiß ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!« - -»Nur Eins noch, Erting,« sagte Gerald, und faßte des Andern Hand, »ich -spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier -mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie -Beide taugen nicht für einander, ich kenne das Mädchen besser -- sie -würde unglücklich werden und machen! Die hätte zu so einem Durchgänger -gepaßt wie ich bin, -- nun, es sollte nicht sein!« - -»Rüdiger,« sagte Erting mit vor Rührung zitternder Stimme, »nun hören -Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, daß wenn Sie sterben -sollten -- wenn ich Sie umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß -ich dann noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, das nicht! -das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, denn sie weiß ganz gut, -daß Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie -wieder gesund sind -- und Sie =werden= wieder gesund werden -- dann -sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt -- =ich= stehe Ihnen -nicht mehr im Wege!« - -»Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth annehmen?« rief -Rüdiger fieberhaft erregt, »ich hätte gehofft, daß Sie mich nun besser -kennten!« - -Erting sah vor sich nieder. - -»Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,« sagte er und wurde roth, »so -sehr großmüthig wäre es nicht 'mal von mir! Ich habe schon lange das -Gefühl, als wenn Edith Brandau und ich einen dummen Streich begangen -hätten, als wir uns verlobten, und -- und ich muß Ihnen nur sagen, ich -habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, -- nun, Sie können sich -das Andere denken!« - -Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das Haar von der Stirn. - -»Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe ich, das wissen -Sie ja so gut wie ich, und dann, wie Edith ist, habe ich sie mir durch -meinen tollen Streich von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie -läßt sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war -- und -ich war es nicht -- jetzt bin ich es geworden, glauben Sie mir, Erting! -Aber ich habe nun genug gesprochen, ich will schlafen!« - -Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht in den Kissen. - -Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. Doktor Stein wurde -geholt, Rüdigers Zustand hatte sich aufs Heftigste verschlimmert. - -Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um Mitternacht zurückfuhr -und versprach, gegen Morgen noch einmal wiederzukommen, da wußte man im -Schloß, daß Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch nach -Stunden zähle. - -Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, sie flog mit -ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von Brandeck und schlug an die -Fenster, hinter denen Edith wohnte, und schlug auf das verzweifelnde -Herz von Geralds erster Liebe. - -Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung wieder in den -Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem Halbschlummer. Erting öffnete -leise die Thür, als er Schritte im Vorzimmer vernahm. - -»Stein, sind Sie es?« - -»Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,« sagte der Doctor mit -unterdrückter Bewegung, »machen Sie einmal Platz, Erting!« - -Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief verschleierte -Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte ihm beide Hände hin. - -»Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan habe -- und -verzeihen Sie mir auch diesen Schritt -- aber ich mußte Ihn noch -=einmal= sehen!« - -Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. »Gehen Sie zu ihm, Edith, -ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten -- der da drinnen hat Sie mit -seinem Blut erkauft!« - -Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, sie sah einige -Augenblicke in sein bleiches Gesicht und dann kniete sie neben ihm -nieder und küßte seine Hand. - -Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr glücklich, und sagte: -»Nicht wahr, du bleibst jetzt bei mir?« - -Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte, schloß er die -Augen und verfiel in einen sanften Schlummer. - -»Das war ein Gewaltstreich,« sagte Doctor Stein eine Stunde später -zu Erting, »aber er hat die Krisis beschleunigt. Ich halte ihn für -gerettet!« - - * * * * * - -Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte, war Alles gekommen, -wie es hatte kommen müssen! Gerald Rüdiger und seine schöne Frau -standen auf der Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen -Augen des »tollen Junkers« war ein ernsteres Licht aufgegangen; dies -und der steife Arm, der noch immer nicht wieder ganz beweglich sein -wollte, gemahnte noch an die Vergangenheit, die ihm heute wieder -besonders lebhaft nahe gerückt worden. - -Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht -- Ludwig Erting, der -den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichts =dieser= -treuen Liebe gerührt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in -ihrer hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven -Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen und Tüchtigen zu halten. - -Und Rüdiger? -- Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten geträumt, -ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar über dem -Wolfsdorffer Schloß emporsteigt, stehen er und -- noch Eine am -Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzählt ihm -immer wieder die Geschichte, die zu hören er nicht müde wird -- die -Geschichte von der Liebe seiner Jugend -- von dem Kampfpreis seines -Lebens. - - - - - Finderlohn. - - -Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte eine mir befreundete -Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall -führte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die -etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkürzt zu sehen, -bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es war allerdings kein Damencoupé, -welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist -dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn -Jahre zählt, zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung -vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts -- aber ich bin -noch nie in einem solchen Coupé gefahren, ohne mich über die kleinliche -Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen -Hitze und Kälte und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln -zu ärgern, die eben auf den Stationen =nicht= zu haben waren. - -So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma -erlöste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der -den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand -sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen, -freundlich begrüßte. - -Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die ich zu -erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn -zu beschreiben mit all' dem Enthusiasmus, den ich für ihn empfand; -erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in -der stillen Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht -irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile -mit dem mich noch in der Erinnerung entzückenden herzlichen Lachen, in -welches er zuweilen ausbrach, ruft: »Das soll =ich= wohl am Ende sein?« - -Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als -seine freie Stirn von schneeweißem, feinem Haar umwachsen war, welches, -glänzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft -stand, und die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen -auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn -unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schöne, lebhafte, -recht junge Augen hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten --- jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten Gesundheit lag -auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, goldene Heiterkeit -einer ewigen Jugend tönte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen, -mit welchem er in jeden Scherz einstimmte. - -Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn! -Das ist ein Damenwort, ich weiß es, aber ich bleibe dabei und rufe -zum Schluß meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur -ein reizender alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar -den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen -habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur daran zu denken, erheitert -mich noch! Ueber den kleinen, schäbigen Jungen, der auf einer Station -emsig und still vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die -mit eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen, -über die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine -klangvolle italienische Leier uns die »schöne blaue Donau« zu hören -gab, wie ernst und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine -sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder über -seine eigene Rührung lachte! - -Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem -liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten hatten, durch eine zufällige -Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen -vor kurzem stattgefunden. - -Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte einen Ausflug zu ihrer -Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten -dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor -Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach -Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln über so -schnell gewonnene Herzen und ich meinte: - -»Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das sich nur acht Tage -gekannt hat, ehe es ein Brautpaar wurde! Eine bedenkliche Sache!« - -Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf nach uns um. - -»Verzeihen Sie,« begann er lächelnd, »wenn ich mich in Ihr Gespräch -mische, welches von Persönlichkeiten handelt. Aber von der Bemerkung, -die Sie eben machten, mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen, -als daß ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem Fall, -von dem Sie eben sprechen -- ich habe meine Frau sogar nur drei oder -vier Mal gesehen, eh' wir uns verlobten, und wir sind doch ein sehr -glückliches Ehepaar geworden.« - -Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung nicht -unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich fände. Mein -alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher Miene zu, es mochte ihm -wohl schon öfter vorgekommen sein, daß er so schnell Eroberungen machte. - -Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die Frage an ihn, wie -das denn gekommen sei, ob er nicht Zeit gehabt hätte, sich länger zu -besinnen? - -Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in unsere neugierigen -Gesichter, dann sagte er freundlich: - -»Ja, so etwas hören junge Damen immer gern! Aber es ist eine lange -Geschichte, am Ende komme ich an's Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh' -ich zu Ende bin!« - -»Ach bitte,« riefen wir Beide, »es wird schon gehen, die Geschichte ist -=uns= sicher nicht zu lang -- wenn Sie so sehr freundlich sein wollen!« - -Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle Drei gemüthlich -zurecht und er begann: - -»Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich auf Freiersfüßen -ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf -der wir jetzt so selbstverständlich durch die Welt fliegen, war damals -etwas ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem -Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. So gewöhnt sich der -Mensch an Alles und wir nennen die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll, -ihr wird nur eben Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große -Leute erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph war -damals auch erst eben erfunden -- ja, ja, denken Sie nur! - -Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte Zeit -anzutreten, ein Entschluß, der mir um so leichter wurde, als ich ganz -frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden -besaß, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang -der Zeitströmung, auf den schönen Namen »Nap« hörte. Nicht wahr, eine -ziemlich durchsichtige Abkürzung im Jahrhundert der Freiheitskriege? - -Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter -Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte -mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund -und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, daß -ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine -lieben alten Tanten nicht ausgenommen. - -Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar -Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich -Zeit ließen. Schon die äußere Umgebung der beiden alten Damen war die -Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause, -nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten -Fensterscheiben auszeichnete und grüne Jalousien hatte. Das Häuschen -war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken -und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum mit der -Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da können Sie glauben, daß -kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen, -sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar -ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und gewissenhaftere -Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen -sich ganz gleich, hatten Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte -Löckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man sie jetzt -nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen. - -An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit meinem Nap bei den -Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre -Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen -Dimensionen ungefähr der Art waren, als hätten die sieben Zwerge fragen -können: »wer hat von meinem Tellerchen gegessen« u. s. w. Aber ich -ließ es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Pläne -für die nächste Zeit mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem -kühnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene -Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut -nehmen wollten. - -Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern nicht wenig -erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft, -ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen, -beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute -Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut' -nicht anzuschlagen, endlich nahmen sie _a tempo_ die Brillen ab und -sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes, -deutliches »Ja!« - -Ich wußte, welch' ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch -dankbar aus, ich fügte bei, daß nur das Bewußtsein, meinen Hund in den -besten Händen zu wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und -dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmüthigen -Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich erklärte meinen schnellen -Aufbruch damit, daß ich am nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn -weiter müsse, welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte, -von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen meinen Weg -fortsetzen. - -»Und, liebe, beste Tanten,« fügte ich noch dringend hinzu, »laßt Nap -die nächsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewiß Versuche machen -mir nachzusetzen und könnte alsdann verloren gehen!« - -Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten und dankbaren -Abschied, während Nap, durch ein Schüsselchen Milch in's Haus gelockt, -ahnungslos diesen Labetrank schlürfte. - -Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als ich in das Städtchen -H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet, -zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß, -der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, der auf meine Nase -fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch stürzte hernieder -und das liebenswürdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt, -recht gründlich »einzuregnen.« Unter diesen Umständen eine Fußtour -beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das -Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr als Thorheit gewesen. Es hieß also -warten! - -Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der -vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster -hinaus. Zum Glück war ich von jeher besonders unfähig, mich zu -langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas -Unterhaltendes in die Quere -- es ging nicht! - -Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht gut langweilen -können, aber da lag gerade dem Gasthause gegenüber ein ganz -allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hören gab. -Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes -beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen -Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht -ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam. - -An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge Dame und nähte. Ihr -Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bückte sich immer sehr tief auf die -Arbeit; ich sah nur ein Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse -eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um einen -seltsam geformten weißen Kamm geschlungen. - -Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Muße, diese -Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen -Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher -Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen -hatte, denn er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden Schirm -über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige Person schon -innerhalb der Hausthür war. Und dann zur Thür hinaus schüttelte und -spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug -wäre. - -Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über mein _vis-à-vis_ -erfahren können, aber ich wollte es nicht -- es war so sehr ergötzlich, -mir meine Schlüsse aus Dem zu ziehen, was ich sah. - -Der Hausherr war entschieden =kein= Arzt, dazu kam er zu regelmäßig -nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame -am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich -stets geraden Weges zu ihr in's Zimmer. Dann stand sie sofort auf, -legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person, -die ich häufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren -Jahren, mußte die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn -wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix. - -Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein -wenig lichter zu werden, ich trat an's Fenster und, wie mir schon zur -Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß -die junge Dame -- dies Mal ohne Näharbeit -- ich hätte ihr Gesicht -gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen -- -sie weinte! - -Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir -zugeben, daß ein junges Mädchen mit so schönen blonden Zöpfen, die -von ihrem Papa verzogen wird und -- weint, ein Fall ist, über den man -nachdenklich werden kann. - -Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die Augen, schrieb -einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verließ das -Fenster. Wenige Minuten darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat -heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte -nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das muß ich schon sagen! - -Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, weiß -ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in -respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet. - -Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm meiner Schönen und -drehte ihn von innen nach außen, er machte, wie man zu sagen pflegt, -eine Tulpe daraus. Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter -Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen Versuch, den -treulosen Beschützer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte -ihre Schritte und eilte in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das -tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul, -betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen -Dame gegenüber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die -Hausthür, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um -zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. »Kein Trauring!« -dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute. - -Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, nahm das Fräulein -ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung -zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink -des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich -bescheiden vor und bot meine Hülfe an, die auch freundlich angenommen -wurde. - -Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht -sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich -wendete alle Gewalt an, der Tückische aber verstand keinen Spaß, -sondern brach gelassen mitten durch. Das Fräulein sah erschrocken -aus, aber nicht zornig -- durchaus nicht zornig, was ich mir -mit richtiger Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen -Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, stammelte -ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubniß, meinen -Schirm als Ersatz anbieten zu dürfen, wozu mich noch die egoistische -Hoffnung stachelte, ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen -Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der -blondzöpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht -mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders! - -»Ich danke sehr, mein Herr,« sagte das junge Mädchen freundlich, »ich -kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine -Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich -es dankbar an!« - -Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, daß ein sehr -liebenswürdiges »Danke« mich belohnte, dann, während ich, den Hut in -der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame -zum Kutscher hinauf: »Nach der Zeitungsexpedition!« Der Schlag fiel zu --- und da stand ich. - -Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der -Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestürmten mich -- -sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts -wissen soll? Erst Thränen, dann Zeitungsexpedition -- verdächtige -Zusammenstellung! - -»Dahinter muß ich kommen,« rief ich so zornig, als wäre ich der -Beichtvater der kleinen Dame. - -Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mußte einen Vorwand -haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen -fragen? Nein, das war mit einem »Nichts für Sie!« zu schnell abgemacht. -Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der -Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: »Ein kleiner, -schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen -Nap hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten, -denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grünen Falken, -Zimmer Nr. 10, abzugeben.« Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache -an Wahrscheinlichkeit gewönne und die junge Dame nicht glaubte, ich -wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen. - -Nun denken Sie -- der arme Nap! Er mußte noch herhalten, mußte sich -angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu -bringen! Einige Kreuz- und Querfragen führten mich rasch nach der -Expedition des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den -ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war. - -Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor, -welche fast bis an die Thür hin sich drängte und nur langsam zum -Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am -Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den -Augenblick der Beförderung. - -Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, dabei etwas von -»glücklichem Zufall« murmelte, sah sie mich überrascht an, erröthete -und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, daß sie diese -zweite Begegnung für keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung -erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung -nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht. - -»Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor -drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der -Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein -verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!« - -Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, daß sie mir -Unrecht gethan -- nach =ihrer= Ansicht -- und ärgerte sich vielleicht -ein wenig über die Eitelkeit, welche ihr zugeflüstert, ich sei -wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete -etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines -Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken. - -»So, wie es hier beschrieben ist,« fügte sie hinzu und reichte mir den -kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. »Können Sie mir wohl sagen, -mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus -Niemand darum fragen,« setzte sie treuherzig hinzu, »weil -- nun, weil -ich fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er erführe, -daß ich eben =dieses= Besitzthum verloren habe!« - -Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand die Anzeige, -daß ein schmaler goldener Ring mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen -darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...straße Nr. 6 -abzugeben sei. - -»Sie können sich einige Worte sparen,« bemerkte ich; »mit Ihrer -Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere Form.« - -Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das Original des -kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem -Fräulein die Copie überreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken. - -»Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,« begann sie nun ihrerseits -etwas schüchtern, »ist es auch ein Andenken?« - -»Ja, aber anderer Art,« erwiderte ich, »=mein= Andenken hat vier Beine, -einen krausen, schwarzen Pelz und bellt -- mein Hund ist mir verloren -gegangen!« - -»Ach, wie schade,« sagte sie bedauernd, »aber wie kann man einen Hund -verlieren!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu. - -»Nun,« gab ich ruhig zurück, »ebensogut, wie man einen Ring verlieren -kann, den man am Finger trägt.« - -Sie lachte. - -»Ich hatte ihn aber abgezogen,« erwiderte sie eifrig, »ich wollte ihn -zu dem Juwelier dort drüben tragen,« sie wies nach einem hübschen Laden -mit großen Spiegelfenstern, »wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben -will -- ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder sonst wo verloren -habe, weiß ich nicht.« - -»Ich denke, er findet sich wieder,« tröstete ich, »und ich für meine -Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen Augen umhergehen -- wer -weiß, ob ich nicht das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und -dann so glücklich bin, es Ihnen zu geben.« - -In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die junge Dame eilte -vor, gab ihren Zettel ab und verließ mit einer flüchtig freundlichen -Kopfneigung gegen mich die Expedition, während ich nach ihrem -Verschwinden gedankenlos mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte, -daß es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem Druck zu -übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen Dingen läßt sich zwar noch -viel sagen, aber nichts mehr thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd -und sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft weiter -spinnen sollte. - -Plötzlich fiel mir etwas ein. - -Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort kein Mal, -also wollen wir es noch ein zweites Mal thun, und dabei mehrere Fliegen -mit einer Klappe schlagen -- die Gelegenheit zur Fortsetzung einer -Beziehung finden, die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen -Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen. - -Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, mir etwas -vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen Dame bezeichneten -Juwelierladen und bat, mir verschiedene Ringe vorzulegen. Während der -Kaufmann das Verlangte herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf -dem Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald über Namen -und Stand meines Gegenüber bereitwillig Auskunft ertheilte. - -Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie ich vermuthete, -Justizrath -- leider sind die Adreßbücher nicht ausreichend, um -sonstige gewünschte Details über eine Familie zu erfahren. Indeß ich -wußte genug und begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu -spinnen. - -Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche Kaufherr mir -vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte endlich, dies sei Alles nicht -was ich wollte, ich brauchte einen bestimmten Ring. - -»Ich will genau denselben haben, den Fräulein W..., die Tochter des -Justizrath W... in der T...straße, besitzt, es handelt sich um eine -Wette,« fügte ich rasch hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und -sogar ein wenig lächelte. - -»Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,« sagte er nun, »und ich hatte -genau denselben noch einmal, habe ihn aber meiner Tochter geschenkt, -der er bei Fräulein W... so gut gefiel.« - -»Das ist betrübend,« erwiderte ich achselzuckend, »denn ich müßte ihn -bald haben. In zwei bis drei Tagen spätestens verlasse ich die Stadt -und möchte meine Wette gern vorher noch zum Austrag bringen.« - -Der Juwelier besann sich ein Weilchen. - -»Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,« begann er dann zögernd, -»so könnte ich ja meiner Tochter später ein anderes Exemplar des -Gewünschten anfertigen lassen -- er ist nun freilich schon längere Zeit -getragen worden und sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer -Ring.« - -»Um so besser,« rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte aber dämpfend -hinzu, »ich meine, das schadet nichts -- wenn Ihr Fräulein Tochter so -sehr gütig sein wollte!« - -»Ich will mit ihr sprechen,« bemerkte der Vater, dem die Sache -zweifelhaft schien, »vielleicht bemühen Sie sich morgen früh noch -einmal zu mir.« - -Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich darüber -nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen werde. Nachdem ich mein -schönes _vis-à-vis_ einmal gesprochen, konnten mich die stummen -Fensterbeobachtungen nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch -unstatthaft geworden. - -In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es ist, sich -darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch genug vergeht! Aber die -Jugend, mit ihrem unerschöpflichen Reichthum an zukünftigen Tagen, -möchte oft das »heute« mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu -irgend einem ersehnten »morgen« zu gelangen! - -Nun, auch mein Tag ging dahin -- und ehe ich mich's versah, war der -Abend da und die Nacht -- ich ging auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu -begeben. - -Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah auf die Straße und -auf das Haus gegenüber. - -Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein lag auf den -Dächern, milde, warme Luft strich über meine Stirn -- ich konnte weiter -reisen -- wenn ich wollte! - -Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und trat im Traum -auf einen kleinen harten Gegenstand, der sich als ein Ring mit einem -blauen Stein auswies. Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem -Hause des Justizraths begeben -- da klopft es an meine Thür, und die -naseweise Bemerkung: »Der Barbier ist da!« ruft mich aus der Traumwelt -in die rauhe Wirklichkeit zurück. - -Ich frühstückte eilig -- es war mittlerweile elf Uhr geworden -- und -wollte eben das Hotel verlassen, als ich neben meiner Kaffeetasse die -neueste Zeitung liegen sah. - -Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil -- richtig -- da stand der -kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben. - -Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier. - -Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war angebrochen -- zu einer -Gebirgsreise wie geschaffen! - -Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste! - -Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem lächelnden Gesicht des -Inhabers, daß »Goldschmieds Töchterlein« wirklich so liebenswürdig -gewesen sei, den Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein -neuerworbenes Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach -dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner eifrigsten -Beobachtungen war. - -Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir sagte eine innere -Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich einen bedeutungsvollen -Lebensabschnitt beträte -- und mit heiligem Schauder zog ich an dem -Klingelgriff. - -Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte, mochte -wohl Verwunderung erregen, um so mehr, da ich nach den Damen gefragt -hatte, also nicht wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte --- aber ich wurde angenommen und befand mich bald in einem großen, -hellen Zimmer, das in einen schönen, blumengeschmückten Gartensalon -Einblick gewährte. - -Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame -- aber sonst war -Niemand zu sehen! - -Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz ausgearbeiteten -Entwurf einen häßlichen Strich machen zu wollen -- indeß ich konnte -nichts weiter dabei thun! - -Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung und sah mich fragend an. - -»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« begann ich, mit einer -mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend, »daß ich so fremd hier -einzudringen wage. Meine Kühnheit ist nur durch einen besondern Umstand -zu entschuldigen -- ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß -eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren hat -- und ich -bin so glücklich gewesen, denselben wiederzufinden!« - -»Ach, Sophiechen's Ring,« rief die Dame mit sehr freundlichem Gesicht, -»das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst -zu uns bemühen. Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring -gegrämt, sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so bald gestorben -ist, eine Schwester der Frau Justizräthin, die uns auch leider so früh -entrissen wurde, und da durfte gar nichts verlauten, daß der Ring -verloren war, denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut, -wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar zu Sophiechen ein -sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, wie die Herren sind, sie haben -alle ihre Eigenheiten und eigen ist der Herr Justizrath auch.« - -Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, ein Wort -einzuschieben. - -»Nun aber,« fuhr die gute Dame fort, »will ich Sophiechen holen. Sie -sollen selbst sehen, was sie für eine Freude haben wird! Sie ist ja -schon ganz unglücklich über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht -genug wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding, wie leicht -konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen gestern -- er konnte -in die Gosse fallen -- und weg war er! Es konnte ihn ja auch Jemand -finden, der nicht ehrlich war -- es giebt zu schlechte Menschen!« - -Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie verließ mit den -Worten: »Einen Augenblick, mein Herr!« das Zimmer, während ich meinen -Ring in der Hand hielt, mich schämte und mich freute. - -Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder eintrat, und dicht -hinter ihr das junge Mädchen, deren Bekanntschaft ich schon gestern -gemacht. - -Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine kleine -vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben mit einigen erklärenden -Worten nähern, als die Alte wieder dazwischen fuhr. - -»Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du wunderst dich wohl schon, -nicht wahr? Wie ich ihr sage, daß sie mitkommen soll, es wäre ein -fremder Herr da, da sagt sie: »Tante, was soll ich denn drüben, du -kannst doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,« denn sie war -gerade über dem Einkochen von --« - -»Liebe Tante,« unterbrach sie das Mädchen freundlich, »das kann den -Herrn unmöglich interessiren!« - -Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich fragend an. - -»Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich so große -Verwunderung meinerseits verspricht?« - -»Ich war so glücklich,« begann ich stockend, hielt aber inne und -überreichte ihr den Ring. - -Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und zwei große Thränen -traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter Hand kam sie auf mich zu. - -»Ich danke Ihnen -- ich danke vielmals! Sie machen mir eine unendlich -große Freude -- mein lieber Ring!« - -Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger Betrüger -vor! Hier stand ich und nahm Dank, Freudenthränen, freundliche Aufnahme --- sogar einen freundlichen Händedruck entgegen -- für einen ganz -abscheulichen Schwindel. - -Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen, und herausgeworfen zu -werden, als sich die Thür auf's neue öffnete und der stattliche Herr -des Hauses eintrat. - -Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der Mitte des Zimmers -erblickte. - -Sie -- die Gruppe -- sah auch nicht unbedenklich aus! Ein verlegener -junger Mann, ein erröthendes Mädchen mit Thränen in den Augen und einem -Ringe in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen können! - -Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften Justizrath ein -und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen, Vorstellungen -- bis -er sich lachend die Hände vor die Ohren hielt. - -»Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, daß Sophie ihren -Ring verloren und wiederbekommen hat und daß wir Ihnen, mein Herr, -dafür zu danken haben.« - -Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht verdiente! Ich -erstickte fast daran und mußte mich nun noch von dem Papa auf's Sopha -nöthigen lassen und eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei -plaudern! - -Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, wie einem Friseur -oder Schneidergesellen zu Muth sein muß, der als Graf in ein Weltbad -reist und demgemäß behandelt wird. - -Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im Begriff, meine -Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber ehrliches Schaf aus meinem -Wolfspelz hervorzukriechen -- aber der Zauber des Augenblicks war -stärker als ich -- ich blieb und schwieg. - -Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht länger vom Genuß -des Mittagessens zurückzuhalten, lud mich der Hausherr in freundlicher -Weise ein, den Abend bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber -äußerlich mit schöner Fassung annahm. - -So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher Unbekanntschaft -in das verzauberte Schloß gedrungen, aber das Ritterschwert, welches -mir den Weg zur Prinzeß Dornröschen gebahnt hatte -- war eine Lüge! Mit -einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die Mittel heilige, -sang ich mein Gewissen in Schlaf, und kehrte in den Gasthof zurück. - -Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, mit einer groben -Physiognomie, er trug einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm. Ich -achtete nicht auf ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich -angenehmen Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen zu überlassen. - -Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf. - -Auf mein »Herein!« erschien zuerst der wohlfrisirte Oberkellner, hinter -ihm der Mann in der blauen Jacke mit dem Hunde, den ich beim Eintreten -bemerkt hatte. Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das -Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm entgegenhielt, -sagte er: - -»Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie verloren haben?« - -Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust und Beschämung -kämpften heftig in mir -- die greifbaren Folgen der =zweiten= Lüge -machten sich bemerklich. - -»Nein,« sagte ich kurz, »das ist nicht mein Hund!« - -»Am Ende doch!« bemerkte der Fremde, »er ist ja schwarz und klein!« - -Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien es nicht wieder -an sich nehmen zu wollen. Die kleine, höchst gemein aussehende Creatur -fuhr, wahrscheinlich durch schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend -und schreiend auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise -nach meinen Stiefeln. - -»Sehen Sie, er kennt Sie!« sagte das blaujackige Individuum mit der -größten Frechheit, »ich bitte um die Belohnung, die in der Zeitung --« - -»Das ist doch zu stark!« rief ich nun meinerseits geärgert, »dieses -Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich, und Sie wollen von mir noch -eine Belohnung? Dort ist die Thür!« - -Der Mann rührte sich nicht. - -»Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld aus -- ich habe zwei -ganze Stunden hier auf Sie gewartet und meine Zeit kostet Geld!« - -»Nemesis!« dachte ich und gab ihm, um es kurz zu machen, ein Geldstück, -worauf er den Hund wieder wie ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem -höhnischen Kratzfuß das Feld räumte. - -Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen und ein großer -schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten -- der Junge sogar einen -weißen! -- und die mit Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld -und wer weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend sollte -mich für diese Mühsal belohnen. - -Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen neuen Freunden, und -wir plauderten so gemüthlich, als kennten wir uns schon seit langer -Zeit. - -Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns ein Lied; der Vater -sah vergnügt dazu aus -- und ich -- nun ich war auch ganz befriedigt -von meiner Lage. Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau, -daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch einen Ring -angefangen hatte -- wenn es nach mir ging, sollten noch mehr Ringe in -unseren gegenseitigen Beziehungen eine Rolle spielen. Also, es geht -manchmal schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt! - -Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im Hause des -Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft aufgestöbert, -die zwischen einer Großmutter meiner Stieftante und einem Onkel des -Justizraths bestanden haben konnte -- ich hatte also gewissermaßen ein -Recht, dort zu sein! - -Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend mit Sophie und der -Tante im Gartensaal saß und die Letztere abgerufen wurde. - -Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten Gefühlen -gleich Worte gegeben? O nein, so von selber ging das nicht! Ich mußte -noch gehörig durch die Traufe. - -Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung zusammen, wie -das so leicht kommt, wenn man mehr zu sagen wüßte, als recht angehen -will -- da stürzt freudeglühenden Antlitzes die Magd des Hauses herein. - -»Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! Ich bin in Ihrer -Stube und nähe und da fällt mir der Fingerhut auf die Erde und kollert -unter den großen Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den -Schrank etwas beiseite und was finde ich? -- Ihren Ring, den Sie so -gesucht haben!« - -Prosit die Mahlzeit! - -Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment dachte. Mein Hauptgefühl -war lebhaftes Bedauern, daß die Wohnungen wohlhabender Privatleute -keine Versenkungen haben, in denen man in so entschieden blamablen -Augenblicken verschwinden könne. - -Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden. »Ich danke, Christiane, -es ist mir sehr lieb, daß der Ring da ist -- Sie können gehen!« - -Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft über die ruhige -Aufnahme dieses freudigen Ereignisses. - -Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas. - -»Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über dies sonderbare -Zusammentreffen aufzuklären und -- Ihr Eigenthum wieder an sich zu -nehmen!« - -Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den ich gefunden haben -wollte, vom Finger und hielt ihn mir hin. - -Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun sollen -- ich -beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie sie mich interessirt -hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, wie lebhaft ich gewünscht, -in das Haus ihres Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze -Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt hätte. Und -dann bat ich sie flehentlich, den Ring zu behalten und wurde immer -eifriger und beredter und sagte schließlich Alles heraus, daß ich -den Ring nur dann wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern -vertauschen dürfte -- mit dem Verlobungsring! - -Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die Thatsache, daß der -wirkliche Ring noch heut hier an meiner Uhrkette hängt -- sehen Sie, -das ist er! und daß Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine -Frau ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment zurückzukommen, -so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen, als plötzlich der Diener -erschien und mir ein Telegramm überreichte. - -Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war von meinen -Tanten und lautete: - -»Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!« Daß nun die -Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß Abends, als die -Gesundheit des Brautpaares getrunken wurde, der Schwiegervater meine -ganze Schlechtigkeit erfuhr, das können Sie sich denken. - -Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und -Verloben und es hält doch.« - -Der Zug begann langsamer zu fahren. - -»Leben Sie wohl, meine jungen Damen,« sagte der liebe, alte Herr -mit seinem freundlichsten Lächeln, »vergeben Sie, wenn Ihnen meine -Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer -geht's nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch sehr -unangenehm, wenn es an's Licht kommt!« - -Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich habe ihn seitdem -nicht wieder gesehen. -- Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen -ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir -entgegenglänzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören! - - - - - Glück muß man haben! - -»Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner Werbung nicht -durchaus abgeneigt sein sollten, so darf ich wohl die ergebene Bitte -aussprechen, die Inlage Ihrer Fräulein Tochter zu übergeben und mir, -in freundlicher Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort -womöglich noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu lassen, was sich -ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung zwischen hier und -Frankenberg sehr wohl ermöglichen läßt.« - -Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck seinen Brief, -steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: »An Herrn Amtsrath -Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg« und legte das bedeutungsvolle -Schriftstück mit einem erleichterten »So« vor sich auf den Tisch. - -Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte schon in -unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen -- noch dazu einen -Sonntagsmorgen -- der frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel -verhüllt über der schlafenden Stadt emporstieg. - -Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen Schreiberei -gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen Gemisch von nüchterner -Müdigkeit und nervöser Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten -Morgenstunde so leicht empfinden, am geöffneten Fenster Platz. Es -schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen, den Schlaf noch einmal -aufzusuchen; er blickte, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll -auf den leeren Marktplatz zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte -sich ihm die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung des -Werbebriefes so -- ja so richtig nüchtern zu Muthe sei? Oder lag es bei -ihm in den besonderen Verhältnissen? - -Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem Sprunge. Sein -Abschied vom Militair war eingereicht und er trat bis zur Bewilligung -desselben am nächsten Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut -selbst zu übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem ihm jeder -Zoll Boden bekannt war. - -Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn seiner Eltern, -des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers, seiner schüchternen, -graublonden Frau, und seiner noch schüchterneren und noch graublonderen -Tochter Amalie. - -Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte Fritz gar nichts -vernünftigeres thun, als Amalien zu heirathen -- »die Aecker grenzten -nachbarlich zusammen, die Herzen stimmten überein« -- oder wenn sie -es nicht thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und an -Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund, warum die Besitzer -dieser Herzen nicht äußerst glücklich mit einander werden sollten. - -Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines hin und wieder -hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, ein ganz klein wenig -Philister -- das heißt Familienphilister! -- was man daheim für gut -und wünschenswerth erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben -ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie Solgers immer -als etwas gutes und wünschenswerthes geschildert und erschienen. Immer --- bis heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben! - -Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt vor sich auf dem -Tische, in den herrlichen jungen Tag hinausblickte, der in seinen halb -durchsichtigen Wolkenschleiern die waldigen Hügel des nahgelegenen -Höhenzuges bald zeigte und bald verbarg -- da überfiel ihn mit -plötzlicher Traurigkeit das Bewußtsein, =was= ihm eigentlich fehle! So -duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form und Umriß muß nicht nur -die Frühstunde eines schönen Tages -- nein auch die Morgenstunde des -Lebens sein, wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der -=Ungewißheit= war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte -- es lag nicht -vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht, die man mit ahnungsvollem -Entzücken, unbekannten Abenteuern entgegen, betritt -- sein Schicksal -glich einem kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein, -abgegrenzt, durch und durch alltäglich -- und nur =dem= begehrenswerth, -der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher schon getrunken hat! - -Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose Nacht es sei, die -ihm sein neues Glück in so überwachter, mattfarbiger Beleuchtung zeige, -und griff nach der Mütze, entschlossen, den mahnenden und grollenden -Stimmen in seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch -Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten. - -Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und zweifelhaft -betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem späten Abend auf Antwort -nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, daß sein zukünftiger -Schwiegervater in der Laune sein sollte, ihm sofort ein »Ja« oder -»Nein« zuzurufen oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie gesagt, -ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament entsprechende -Stimme, vermittels derer er die sanften Einwürfe seiner Frau und -Tochter einfach todtschrie. - -Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen Bescheid zu -warten hat um so weniger etwas Verlockendes, wenn die Zeit einem -Sonntage angehört. Das dunkle Gefühl, daß dies der letzte Sonntag -ungebundener Freiheit für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der -Woche schon als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen -Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene sitzen -werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell, ohne viel zu -überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner Uniform anlegte, mit -dem Entschlusse, diesen »letzten Sonntag« noch auf irgend eine Weise -auszunützen, und sich als Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die -Hand zu geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen -meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten Tag zu gönnen. - -»Aber der Brief muß fort,« sagte Fritz vor sich hin, während er sich -anschickte, das Haus zu verlassen, »denn sonst bleibt die Geschichte -wieder wochenlang liegen, und ich möchte nun endlich einmal damit ins -Reine kommen.« - -Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz hinaus, an -dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend entgegenwinkte. - -Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens verschwunden war, -erhob er die Augen und erblickte zwei weibliche Gestalten, welche an -ihm vorbei über den Platz gingen. - -Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde das Haus -verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen wuchs mit großer -Schnelligkeit, als er bemerkte, daß eine der beiden Spaziergängerinnen -ein junges Mädchen von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige -Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts einen leichten -Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, daß zwei blitzende, -dunkelblaue Augen sich als Licht in diesem Schatten befanden. Den -Augen entsprechend trug das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung -des Mädchens, welches eben der Schule entwachsen zu sein schien, -ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes und -Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche Beweglichkeit -in der Art, wie sie ihren zierlichen, blonden Kopf nach allen Seiten -drehte und mit der naiven Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie -trug einen ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am -Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes weißes -Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles Rokokoansehen, welches -unseren Fritz unwillkürlich an Friederike von Sesenheim gemahnen wollte. - -Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr wohlbeleibte Dame -mit einem unendlich gutmüthigen breiten Gesicht, welches in Form und -Ausdruck den Abbildungen der Sonne in manchen Bilderbüchern glich. -Gleichwohl bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf der -Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar durch Zauberei, -jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem Haupte erhielt, einen -gewissen Anstrich von energischer Unternehmungslust. - -Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge Mädchen am Arme -trug, daß die Damen sich nach einem der Kaffeegärten zu begeben im -Begriff standen, welche, in der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen -Morgenausflügen benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde. -Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem gewissen -Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, welche die -junge Dame in dem Sande der Promenadenanlagen hinterließ. - -An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen nach rechts, -Fritz that ein Gleiches und befand sich auf einem freien Platze, einer -zahlreichen, munter durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber, -die, um einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie -rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, Nichte, -Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde freudig und zugleich -wegen der Verspätung vorwurfsvoll begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr -es auffing, daß die junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an, -den Wagen zu besteigen. - -Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen Plan und -ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung, ohne sich Zeit -zur Ueberlegung zu lassen. Er mischte sich mit edler Dreistigkeit, -ohne ein Wort zu sprechen, unter die Gesellschaft, und als ein sehr -geschniegelter, sehr blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen -Platz neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn mit -einem höflichen »erlauben Sie« zurück und nahm, seinen Hut artig -lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften ein. - -Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort- und -bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein Unparteiischer in -Versuchung gekommen wäre, Fritzens hübsches, biederes Gesicht für ein -Medusenhaupt zu halten. Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell, -und ein älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart -trat mit den Worten auf unseren Helden zu: »Mein Herr, darf ich Sie -wenigstens bitten, uns zu sagen, =wen= wir die Ehre haben, in unserer -Mitte zu sehen?« - -Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd, erwiderte mit -großer Unbefangenheit: »Ich sehe eigentlich keinen Grund dafür, mein -Herr, jeder Mensch hat doch das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen -Spazierfahrt zu benutzen, ohne sofort über sein _Curriculum vitae_ -befragt zu werden!« - -Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich bei der ersten -Hälfte von Fritzens Entgegnung über die männlichen Gesichter in der -Gesellschaft verbreitet hatte, wich nach und nach dem ironischen -Lächeln der Ueberlegenheit; »der wird einen guten Schreck bekommen,« -stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. Auch der -alte Herr, welcher der Festordner bei dieser Vereinigung zu sein -schien, lächelte. - -»Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus ist von uns für -den heutigen Tag gemiethet und zu einem gemeinsamen Ausfluge im -geschlossenen Kreise bestimmt.« - -Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz Beschämung und -Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann und der dazu gehörigen -Frau, er bedauerte auf's lebhafteste, ahnungslos einen solchen _faux -pas_ gemacht zu haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft, -indem er eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen -verlockt, nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung -zurückkehren werde. - -Fritz konnte wirklich =sehr= liebenswürdig sein! Auch bei diesen -Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit und Gewandtheit, -daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft fast ausnahmslos für ihn -entschied, was er schlau genug war, zu bemerken. Nur der blonde junge -Mann, den er von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah -düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden. - -Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten -Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr wieder auf Fritz -zu und forderte ihn freundlich auf, da er nun einmal in ihren Kreis -gekommen sei, den Platz im Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren. -Fritz, dessen Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch -die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft -gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen Bekannten zu passen, -auf seinen Civilanzug hin keck als Kaufmann Schröter vor, und nahm -mit den Gefühlen eines großen Jungen, der hinter die Schule geht, -glückselig neben der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen -Minuten bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine -Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich mehr als -zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt hatte. Das -Mädchen antwortete auch vor der Hand nur in schüchterner, kurzer -Weise und erröthete jedesmal sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit -unverhohlener Bewunderung auf ihr ruhten. - -Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der Wagen die Stadt -verlassen hatte und zwischen blühenden Saatfeldern hinaus auf das -Land zu rollte, plauderten die beiden schon so lustig und harmlos mit -einander, als hätten sie sich Jahre lang gekannt. =Was= zwei junge -Leute, die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem schönen -Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf kommt es gar nicht an, das -=wie= ist die Hauptsache! - -Und =wie= konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er entdeckte -in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine ungeahnte Fundgrube -von guten Einfällen in seinem Innern, er hatte nie gewußt, daß es -ihm gegeben war, gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger -Form anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes -Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte hervorzurufen, -mit einem Wort, er war noch nie verliebt gewesen, dafür war er es -jetzt intensiver, als er selbst wußte! Und auch seine allerliebste -Nachbarin schien dem Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die -Unterhaltung der beiden gerieth nie ins Stocken. - -Fritz vermied -- er wußte nur zu gut, warum -- jedes Eingehen auf -seine persönlichen Verhältnisse, obwohl er seine Lüge schon zu bereuen -begann. Er hätte am liebsten seine Identität mit dem ernsthaften, -überlegten jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im Begriff -stand, eine »Vernunftsheirath« zu schließen. So viel stand bei ihm -schon nach der ersten Stunde, der größeren Hälfte der zurückzulegenden -Tour, fest, hätte er die Landpartie oder besser die Bekanntschaft -seiner anmuthigen Nachbarin =vor= der Abfassung des heutigen Briefes -gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden. - -Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um sich nicht zu -verrathen, er mußte, um die Situation nicht zu verwickeln, nicht -Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann Schröter, und er durfte -nicht daran denken, daß sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem -Augenblicke, vom Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn -befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit, sowie die -Unterhaltung auf ihn selbst kam. - -Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie hatte nichts zu -verbergen. Seit Ostern war sie aus der Schule entlassen und nun bei -ihren Eltern zu Haus. Auf die heutige Landpartie hatte die Tante -- sie -wies auf ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen -- sie mitgenommen, -sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen. - -»Die Tante meint es sehr gut mit mir,« fügte sie dankbar hinzu, »sie -weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen Geschwistern tüchtig zu -thun habe, und nimmt mich öfters gegen Abend mit spazieren. Sie ist -eine Wittwe und gewöhnlich ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und -wenn sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, und -sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu schenken. Aber was -ich Ihnen alles erzähle,« brach sie erröthend ab, »ich freue mich nur -schon so sehr darauf und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht -kennen.« - -»Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,« sagte Fritz lachend, »und wenn Sie -mich etwa nicht kennen wollen, so ist das sehr undankbar von Ihnen! -Wüßten Sie, was ich alles heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe -zu verleben!« - -Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie mit jedem Blick dieser -klaren, dunkelblauen Augen Amaliens Aktien sanken! - -»Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich muß Ihnen beichten; -denken Sie wirklich, daß ich nicht wußte, was ich that, als ich, -ohne zu fragen, in Ihren Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den -Kaffee? War ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen -hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der Kronenstraße über -den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, und wußte ich nicht, daß eine -dieser Damen wiederzusehen oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich -das größte Glück« -- hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein -- -er stockte und fuhr verwirrt fort: »Mit einem Wort, mein Fräulein, ich -habe Ihretwegen gelogen, schmählich gelogen, ich wußte ganz genau, daß -ich bei Ihnen und den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um -diese Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus fährt -- und -nun sagen Sie, daß Sie =sehr= böse sind!« - -»Sehr!« erwiderte sie, ohne aufzublicken. - -»Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause gehen? Oder noch besser, -soll ich so lange neben dem Wagen herlaufen, bis Sie mir verziehen -haben und mich wieder hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!« - -»Und wenn ich den Befehl gäbe,« sagte Lottchen verwirrt und lachend, -»würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!« - -»Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz andere Dinge thäte?« - -Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen! Aber das ungestörte -Lachen und Plaudern der beiden sollte ein Ende finden. An der anderen -Ecke des Wagens, der Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz -so rücksichtslos verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von Lottens -mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten unser Paar -unaufhörlich, wobei die Augen des Blonden mit den Wagenrädern förmlich -um die Wette rollten. - -Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche Fregatte -zwischen den Sitzenden hindurch, wobei verschiedene Stöße des Wagens -sie als solides Schoßkind bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie -setzten, und langte mit den Worten bei Lotte an: »Liebes Kind, wechsele -doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins Gesicht.« - -Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die kleine Schönheit -und begab sich an die Stelle der intriguanten Tante, welche mit -durchbohrenden Blicken neben dem verblüfften Fritz sich niederließ. - -»Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr Schröter?« fragte sie -sofort. - -»Bis jetzt ausgezeichnet,« sagte der doppelzüngige Fritz und -blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde eine eifrige -Konversation ins Werk zu setzen begann. - -Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren Helden, und sanftere -Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen. - -»Er sieht wirklich sehr gut aus,« dachte sie, »und wer weiß, ob unser -Lottchen nicht hier ihr Glück macht! Ich muß ein wenig auf den Busch -klopfen, und ist er ein ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann -man ja weiter sehn!« - -Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen, wie alle -guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung nach sehr vorsichtig -und unmerklich, unseren Fritz auszuforschen begann, entspannen sich die -weitaussehendsten Pläne in ihrem Kopfe. - -Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen durchschaute, -ihr in der vertraulichsten Weise von seinem einträglichen -Kolonialwaarengeschäft erzählte und Kaffeeproben zu senden versprach, -mit denen sie wohl zufrieden sein sollte, während er in dieses -übermüthige Lügengewebe die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien -und Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen je eine -arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende Dame schon im -Geiste in einem violetten Seidenkleide an der Hochzeitstafel sitzen, -und hörte, wie der gerührte Brautvater ans Glas schlug und sie, die -Tante, als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ, denn -hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, so wäre ihr der -hübsche und vermögende Bewerber vielleicht, nein gewiß, nie begegnet. - -Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte sie dem aufhorchenden -Fritz mit geheimem Stolze, wie häuslich und fleißig Lottchen erzogen -worden, wie sie für jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, »und,« -fügte sie bedeutungsvoll hinzu, »so jung das Kind noch ist, sie hat -schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie wohl, Herr Schröter, -den jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte -nur mit den Augen zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber -Lottchen hat ihren Kopf für sich, und ...« - -Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und der Redefluß der -Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel der Fahrt war erreicht, bald -vereinigte ein vergnügtes Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank -sei es dem Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand. - -Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die Empfindung -hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu seiner folgenreichen -Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl den Kopf noch frei genug, -um sich beim Beobachten der Versammlung mit einiger Beschämung zu -gestehen, daß sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und -daß er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können, ohne -sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle Heiterkeit belebte den -kleinen Kreis, und jeder genoß auf seine Weise die frohe Stunde bei -gutem Wein und in der hübschen Umgebung. - -Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen Tone von -unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin allmählich in das Geleise -einer ruhigen Unterhaltung gekommen, in der sich das anziehendste aller -Bilder, eine kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen -aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung entsprachen -so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen lange vergeblich -gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken waren, mit denen er, sein -gefülltes Glas erhebend, halblaut zu ihr sagte: »Die Zukunft!« - -»Warum nicht lieber die Gegenwart?« gab sie unbefangen zurück, »wer -weiß was die Zukunft bringt, ich baue nicht gern Luftschlösser!« - -»Ich um so lieber«, erwiderte Fritz, »und bauen Sie mir zu Gefallen -einmal mit -- wie denken Sie sich Ihre Zukunft?« - -»Fragen Sie lieber, wie ich sie mir =wünsche=, das kann ich Ihnen -ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in Erfüllung gehen wird: ich -möchte auf dem Lande leben!« - -»Bravo,« rief Fritz, »das lobe ich mir! Und auf die Erfüllung dieses -Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben ist das einzig vernünftige -Leben und ein Landwirth der glücklichste Mensch, vorausgesetzt --« er -vollendete mit einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes -Erröthen in Lottchens Gesicht trieb. - -»Wenn Sie aber auch so für das Landleben schwärmen,« begann sie hastig, -wie ablenkend, »warum bleiben Sie denn in der Stadt?« - -»Dort war ich ja nur vorübergehend für einige Jahre,« erwiderte Fritz -unvorsichtig, »von morgen an ist es mit dem --« - -Er stockte, erschrak und wurde fast noch röther, als seine Nachbarin. -»Was haben Sie denn?« fragte sie erstaunt. - -Fritz schwieg, er schämte sich! Kein angenehmer Zustand, solchen -vertrauenden, blauen Augen gegenüber! - -»Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt nicht näher -erklären,« sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen, »in mir ist heut -alles unklar und unsicher, wundern Sie sich nicht, wenn ich viel -thörichtes rede, es kommt hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles, -was Sie nur überhaupt von mir wissen mögen, deutlich sagen kann und -darf!« - -Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu dröhnenden Schlägen aus, -die Zeit war schon weit vorgeschritten. Jetzt mußte der Brief längst in -Neu-Tessin sein, die Antwort -- alle Chancen sprachen dafür, daß sie -eine bejahende sein werde -- war möglicherweise schon unterwegs, und -dann? - -Fritz wurde es heiß und kalt, nun war aber auch hohe Zeit, daß er hier -ein Ende machte! Als man sich vom Tische erhob, begab er sich allein -und tief nachdenklich in den Garten, der um das Wirthshaus blühte und -grünte. Er kämpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen -und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender ansah, als sie hinter -einem Gitter von Schwierigkeiten stand, welches seine eigene Schuld -errichtet hatte! Er athmete tief auf, sein Entschluß war gefaßt. Wie -auch die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr Vorwürfe -zu machen haben, als er ohnehin schon empfand -- er ging festen -Schrittes auf das Haus zu, um seinen Hut zu holen und unter einem -Vorwande der Gesellschaft und allen schönen Träumen Lebewohl zu sagen! - -Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in die Arme -geworfen, ist ein heimtückischer Gesell, der seine Anhänger freilich -oft auf reizenden Waldpfaden zum erwünschten Ziele führt, oft aber -auch an jeder Biegung eines guten und verständigen Weges als neckender -Kobold sitzt und ruft: »Halt, du hast die Rechnung ohne den Wirth -gemacht, hier wird hübsch umgekehrt und ausgegessen, was du unter -meiner Aegide dir so schön eingebrockt hast!« - -Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines der Theilnehmer -am heutigen Ausfluge vor einem großen, verstimmten Dorfpianino und -gab im Schweiße seines Angesichtes einen etwas unregelmäßigen Walzer -zum Besten, nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und -schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen begann. - -Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend nach seinem Hut -umhersah, begegnete ihm ein einziger, ganz kurzer und flüchtiger Blick -Lottchens, der, wenn je ein Blick gesprochen hat, fragte: »Tanzen Sie -nicht?« - -Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, er tanzte gut, -das wußte er! Gut genug, um die Produktionen der ganzen hier -versammelten Gesellschaft in den tiefsten Schatten zu stellen, und -gern -- fast immer gern! Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb -traurigen Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus -eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch die geöffneten -Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und die Rosen dufteten -- -ade Vernunft, ade Gewissen -- eben schreitet der blonde Rival im -zierlichsten Pas durch das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt -ihm zum zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den er je -gehört oder getanzt hat! - -Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und doch taktmäßig, so, das -fühlte er deutlich, würde er mit ihr durch das Leben fliegen können! -Es mochte ja unrecht und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber -der Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige manchmal, -oft -- um nicht zu sagen meist, am besten gefällt! Und mit dem schönen -Gefühl, »nun hast du die Dummheit einmal gemacht, nun ist es auch -ganz gleich, wie weit du dich verrennst,« gestattete sich Fritz die -allerdeutlichsten Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen -Herzenszustand und fand kein ganz unwilliges Gehör! - -Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu betäuben, steigerte -sich unser Held zu fast ausgelassener Lustigkeit; er tanzte wie -unsinnig, nicht nur mit Lottchen, nicht nur mit allen =jungen= Damen, -nein, er bewog sogar die Mütter und schließlich die gute Tante, -einen ehrsamen Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem -nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte und allgemeinste -Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung aller Familienväter -eine Française zu Stande, die an künstlicher Verwickelung jedes -Erschaffene und Erfundene übertraf, er entzückte alles, außer dem -Blonden, der, von seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor -der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von Speise und -Trank an der Gesellschaft rächte. - -Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, Tücher und Paletots wurden, -zu einem wüsten Knäuel geballt, von zwei Hausknechten herbeigetragen -und entwirrt. Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und -sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz neben ihr -wieder einnahm. - -Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht hin. Ringsum war -es still und friedlich, die Sterne blitzten in schweigsamer Pracht; -sanft und groß stieg der Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf -und leuchtete mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels. -Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, wie das Echo -ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber. Wem sollte da nicht weich ums -Herz werden! - -Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon am Horizont -herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz den Wunsch, fast die -Pflicht, vor seinem Abschiede noch ein erklärendes, rechtfertigendes -Wort zu sagen, und fand keines! - -Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der Stille der Sommernacht, -nach all dem Getöse und fröhlichen Lärm, wieder sagen mußte, was er -gethan! Das schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches -Gesicht jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der -unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, und hatte nicht -an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender Eindruck, vielleicht ein -Geschick sich an diesen Tag knüpfen werde. - -That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie, ohne sie -wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick sich bestrebt, ihr Herz -zu gewinnen, so hatte er von einem jungen, glücklichen Schmetterling, -der ahnungslos in den Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten -Blüthenstaub in frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde -das reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in die Welt -getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung zu erleben. Und doch -konnte, doch durfte er nicht sprechen, wer stand ihm denn dafür, daß er -nicht jetzt, in diesem Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der -Gedanke stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf. - -Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag etwas so kindlich -Vertrauendes in diesem Blicke, daß er ihm ins Herz schnitt. - -»Sie seufzen so schwer?« sagte sie, halb lächelnd. - -»Ich denke wieder einmal an die Zukunft,« erwiderte er ernster, als er -noch heut gesprochen. - -»So lassen Sie doch Ihre Zukunft!« rief sie munter, »sie wird schon von -selbst kommen, und ändern können Sie doch nichts daran!« - -»Das frage ich mich eben!« gab er immer noch ernst zurück, »ich stehe -vor einem Wendepunkte in meinem Leben, Fräulein Lottchen, und das habe -ich heut den ganzen Tag zu wenig bedacht!« - -Er sah, daß seine Worte einen leichten Schatten auf ihr frohes -Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz verlieh, aber einen Reiz -wehmüthiger Natur. Er fuhr hastig fort: - -»Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt, wer weiß, ob wir uns -noch einmal wieder treffen! Lassen Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe -ich gehe!« - -Sie war ganz blaß und still geworden und nickte seinen Worten nur stumm -Gewährung. - -»Ich sagte Ihnen schon, daß ich vor einer Wendung meines Geschickes -stehe, vielleicht entscheidet der heutige Abend noch über jene Zukunft, -an die ich vorhin dachte -- wollen Sie mir nicht Glück auf meinen Weg -wünschen?« - -Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten, er beugte sich zu -ihr und nahm ihre Hand, zum ersten -- vielleicht zum letzten Mal! - -»Nun, kein Glückwunsch?« wiederholte er dringend, da sie schwieg. - -»Doch,« erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen, obwohl eine -seltsame Verwirrung auf ihren Zügen lag, »ich wünsche jedem Menschen -Glück, warum nicht Ihnen?« - -»Damit muß ich mich für heute begnügen,« sagte er, und führte ihre Hand -leicht an seine Lippen, »geht Ihr Wunsch in Erfüllung, so werde ich es -Ihnen noch einmal selbst sagen, und dann --« - -Der Wagen rollte hier zum Glück über das Straßenpflaster in die Stadt -hinein, die nickenden Beschützer und Beschützerinnen fuhren empor, -und an der ersten Ecke, wo der Omnibus einen Theil der Gesellschaft -absetzte, nahm Fritz sich den Entschluß über den Kopf weg, und -verabschiedete sich mit flüchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden, -die ihn wie einen alten Bekannten mit fröhlichem Zuruf entließen, -während Lottchen stumm und sichtlich erregt nur durch eine Kopfneigung -seinen Gruß erwiderte. - - * * * * * - -Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthür stand, und der große -Schlüssel sich kreischend im Schloß drehte, war es ihm, als öffne er -sich selbst den Eingang zu einem lebenslangen Gefängniß. Wenn er nun -jetzt in sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das Jawort -brachte -- wie sollte er sich dann benehmen? Er war, das fühlte er, -er war zu weit gegangen, um einfach mit französischem Abschied aus -Lottchens Gesichtskreis zu verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und -Lust, sich in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und -dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere, ungleich härtere -zu fügen, eine Verlobung mit der unseligen Amalie, die ihm in der -parteiischen Beleuchtung seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr -als ein blasses, negatives Bild der Alltäglichkeit, sondern als ein -wahres Monstrum erschien! - -Als er die Stubenthür öffnete, begegnete sein Blick zunächst keinem -Briefe, sondern egyptischer Finsterniß, welche durch das laute -Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches erhielt. - -Daß Fritz keine Streichhölzer in der Tasche hatte, versteht sich von -selbst, wenn man sich gern schnell durch den Augenschein von etwas -überzeugen möchte, fehlt dergleichen immer! - -Der Bursche erwachte etwas mühselig, krabbelte, an alle Gegenstände -im Zimmer anstoßend, eine Zeit lang umher, die Fritz zur Ewigkeit -wurde, und die er doch nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen -sei, zu unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: »das erfahre ich -immer noch früh genug,« und endlich erstrahlte das Zimmer im Glanz -einer Kerze. Der Tisch, auf dem die eingegangenen Depeschen zu liegen -pflegten, war leer! - -»Ist nichts mit der Post gekommen?« frug endlich Fritz, bebend vor -Erwartung. - -»Nein, Herr Lieutenant!« - -Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, eine widerwärtige, -flaue Fluth von Möglichkeiten, in der man nun noch bis zum andern -Morgen schwimmen konnte! - -Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen schlaflos zu -werden drohte, das Durchkonjugiren von »hätte ich!« ist stets eine der -unerfreulichsten Beschäftigungen, ganz abgesehen von ihrer völligen -Nutzlosigkeit. Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit -begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: »hätte ich dies gethan, -oder das =nicht= gethan!« - -Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal, unser armer Held -schlief ein, und schlief, traumlos, wie man immer schlafen sollte, bis -tief in den nächsten Morgen hinein, der ihm beim Erwachen grell und -golden in die Augen schien. - -Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten, aber die Klingel -rührte sich nicht, und der Vormittag verging ihm, dem schon vom Dienst -Dispensirten, in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er -sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben mußte, er warf -sich in seinen Staat, und schritt wenige Minuten darauf mit Helm und -Schärpe, äußerlich ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein -deprimirter Hase, seinem Bestimmungsort zu. - -Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den Heimweg antrat, -beschloß er, um seinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben, noch einmal -durch die Anlagen zu wandern. - -Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger zu -Muthe. Hätte er ein »Ja« erhalten, so wäre die Antwort jetzt gewiß -schon da. Es war ja möglich -- entzückende Möglichkeit! daß er Amalien -über Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn er sich's -recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen Grund, anzunehmen, daß -sie ihm besonders gewogen sei; was er für Stille und Zurückhaltung -in ihrem Wesen genommen, war vielleicht -- nein gewiß! verborgene -Abneigung gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so leicht einreden, -als was man wünscht, Fritz war noch keine zehn Minuten gegangen, als er -schon glückselig einen imaginären Korb von Amalien am Arm, und einen -ebenso imaginären Ring von Lottchen am Finger trug. - -Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem Inneren zu dem -farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich das Mädchen in ihrer ganzen -Lieblichkeit vor, so deutlich, daß es ihn kaum überraschte, als er, um -eine Ecke biegend, sich plötzlich ihr gegenüber sah. - -Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm, aber Lottchen blickte -ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos an, plötzlich wandte sie -sich ab, und setzte, ohne seinen Gruß zu erwidern, ihren Weg fort. - -Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann -Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des einträglichen -Kolonialwaarengeschäfts, dem -- d. h. dem Besitzer! -- sie in ihren -Träumen bereits eine nicht ganz nebensächliche Rolle zugewiesen hatte, -er klirrte heute als bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte -begreiflicherweise nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche, -oder was sie sonst von ihm denken solle. - -Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und schritt, ohne -ihr stummes Kopfschütteln, womit sie all seine Worte der Begrüßung -und Freude erwiderte, zu beachten, neben ihr her, die ziemlich -menschenleeren Anlagen entlang. - -»Wenn Sie wüßten,« begann er verwirrt und ganz unberechtigt -vorwurfsvoll, »=wie= ich mich freute, als ich Sie so überraschend -wieder vor mir sah, Sie würden mich nicht durch Ihren Zorn betrüben. -Sagen Sie mir nur, was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte -ich Sie!« - -»Ich denke =gar nichts= von Ihnen,« erwiderte das Mädchen in einem -seltsam harten und kalten Tone, den man ihrer jugendlichen Stimme gar -nicht zugetraut hätte, »ich kenne Sie überhaupt nicht, und bitte Sie, -mich augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.« - -»Fräulein Lottchen,« bat der unglückliche Fritz flehend, »wollen Sie -mich nicht wenigstens anhören? Sie thun mir sicher in Gedanken unrecht, -ich bin nicht so schuldig, als es den Anschein hat.« - -»Sondern noch viel schuldiger,« jammerte es in seinem Inneren, »wenn -sie schon über die einfache Namensverwechselung =so= böse ist, was -würde sie erst sagen, wenn sie wüßte! --« - -Fritz schauderte. - -»Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten Komödie?« sagte -jetzt das Mädchen stehen bleibend, noch immer im selben Ton. »Was -Sie =gestern= gewollt haben, sehe ich heute wohl ein, uns alle zum -Spielzeug Ihrer hochmüthigen Laune benützen, nun es ist Ihnen ja -gelungen -- Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht -- was soll ich -nun noch anhören?« - -Fritz blieb gleichfalls stehen, und ließ seine Augen erst einen Moment -traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach. - -»Wenn Sie =so= fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann dann nur meiner -Wege gehen, denn ich fühle, daß Sie ein Recht haben, mir zu zürnen, -und daß ich mich nur dann vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst -erlauben. Soll ich wirklich =so= von Ihnen scheiden?« - -Sie machte einen tapferen Versuch »ja!« zu erwidern, er scheiterte aber -an halb erstickten Thränen, die sich plötzlich in ihre Stimme und in -ihre Augen drängten. Heftig aufschluchzend schlug sie beide Hände vors -Gesicht und wandte sich von ihm ab. - -Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden sehr wenig -heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz diesem Anblick nicht ganz -weit davon entfernt war, dem Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten! -Eine solche Hochfluth widerstrebender Empfindungen schlug über seinem -Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen seiner Gefühle -rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand Lottchen in fliegenden -Worten seine Liebe, und bekannte ihr, daß er gestern zwar anfänglich -in übermüthiger Laune seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe, -daß er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen tollen Einfall -empfunden, und sich schon vor Ende des Tages bewußt gewesen sei, daß -aus seinem Scherz tiefster Ernst für ihn geworden, und daß er -- nun -kurz, was man in solchen Fällen sagt. - -»Und Lottchen,« fügte er dringend hinzu, indem er ihre Hand nahm, »wenn -ich Ihren Thränen eine Deutung geben darf, wenn auch Sie jener alten -Geschichte von der »Liebe auf den ersten Blick« seit gestern glauben -gelernt haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon Verzeihung -zutheil werden, oder lieber,« fügte er lächelnd hinzu, da sie ihn, wenn -auch noch durch Thränen, doch schon wieder freundlicher ansah, »seien -Sie so böse auf den »Kaufmann Schröter,« wie Sie nur irgend wollen, -aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafür umso lieber -- was meinen -Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen, und ihnen sagen, daß Sie -mir diesen Besuch gestattet haben?« - -Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar nicht ja, aber sie -nickte mit dem Kopfe, und das that dieselben Dienste! - -Näher kommende Schritte ließen unser Paar etwas bestürzt auffahren, -und Fritzens Schreck steigerte sich zu plötzlichem Entsetzen, als der -Störenfried sich in der sonst harmlosen Gestalt eines Briefträgers -präsentirte, der in geschäftsmäßigem Tritt, ohne rechts oder links zu -blicken, an ihnen vorüber nach der Stadt ging. »Glaubst du, dieser -Adler sei dir geschenkt?« schien mit feurigen Buchstaben um die Mütze -des ehrlichen Postbeamten geschrieben -- was für eine Pandorabüchse -konnte jene Ledertasche sein! - -Fritz verbarg mit Mühe seine Verwirrung, und trennte sich von -seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die Stadt münden, mit dem -nochmaligen Versprechen, sobald es seine Zeit gestatte, sich bei ihren -Eltern einfinden zu wollen. Noch ein herzlicher Händedruck, und ihre -Wege führten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen, -anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte wohl noch -zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst der Verschwindenden -nachzusehen. - -Als er einige Stunden später in stiller Beklommenheit auf seinem Sopha -saß, klopfte es, der Bursche brachte ihm einen Brief, Poststempel -Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte noch nie vor der Mündung einer -geladenen Pistole gestanden, er wußte demnach nicht aus Erfahrung, -wie einem dabei zu Muthe ist, ungefähr konnte er sich's aber nach -diesem Moment vorstellen. Es hilft doch nichts -- auf mit dem Brief! Er -lautete: - - Mein verehrter, junger Freund! - -Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und erfreut. Wir nehmen -Ihre Bewerbung um unsere Tochter gern an, und hoffen, in Ihnen einen -lieben Sohn zu finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten -Zusammensein ganz klar die demnächstigen Ereignisse voraussehen, doch -hielt ich dies für eine Illusion, zu der das weibliche Geschlecht in -Betreff von Heirathsabsichten ja stets neigt. Nun hat sie doch Recht -behalten! - -Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl, und wollen -dann alles andere mündlich erörtern. Ein Gruß von Malchen wird Ihnen -wohl nicht unangenehm sein? - - Ihr treu ergebner Schwiegervater _in spe_ - - Solgers, Amtsrath. - -Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags. - -Das lähmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim Durchlesen -dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemächtigte, spottet jeder -Beschreibung. Er starrte den verhängnißvollen Zettel an, eigentlich -ohne Bewußtsein, er las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht -ein Schimmer von Zweifel ließ sich daraus entnehmen! - -»Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsräthin etwas gemerkt -haben,« murmelte er dumpf, »=ich= habe nichts gemerkt! Wann soll denn -das gewesen sein? Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin -gewesen -- nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es muß wohl den -Tag =sehr= guten Punsch gegeben haben,« sagte er gedankenlos vor sich -hin. - -Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung im Zimmer auf und -ab, sein Herz schlug so laut vor Angst, daß er es zu hören meinte. -War wohl je ein Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen -verwickelten Familienverhältnissen! Nun hatte er zwei Bräute, zwei -Schwiegermütter und zwei Schwiegerväter, von denen der ihm bekannte ein -wahrer Bär von deutscher Grobheit war. - -=Wessen= er sich versah, wenn er mit seiner Beichte in Tessin -herausrückte, war gar nicht auszudenken, und er durfte doch nicht -wieder grob werden; hatte er nicht frevelhaft den Hausfrieden und -Seelenfrieden einer glücklichen Familie gestört? Und Amalie schien ihn -nun doch zu lieben, der schalkhafte Schlußsatz des Briefes deutete auf -das Aergste! - -Armer Fritz, zwei Mädchenherzen liegen zu deinen Füßen, =eines= mußt du -unfehlbar zertreten, magst du einen noch so künstlichen, moralischen -Eiertanz ausführen! - -Aber alles jammern und sich abmartern nützte nichts, jetzt hieß es -handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte nie gedacht, daß dies so -schwer wäre! - -In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem Tage nach Tessin -ab, und man erwartete ihn »zum fröhlichen Verlobungsmahle!« Sollte er -schreiben? das war ihm unmöglich, er =konnte= sich nicht entschließen, -seine Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths -niederzulegen, nein, es mußte ausgebadet werden! Er schickte den -Burschen nach einer Droschke, und während dieser unterwegs war, schrieb -er eilig und innerlich zerfleischt von Höllenqualen einige Zeilen -an Lottchen, worin er ihr mittheilte, daß Familienangelegenheiten -unaufschiebbarer Natur ihn zwängen, die Stadt auf einige Stunden zu -verlassen. Sie möge ihm nur vertrauen, der nächste Tag finde ihn sicher -bei ihr und ihren Eltern. - -Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort ab, und -fuhr dann zur Bahn. Seine stille Hoffnung, er werde den Zug versäumen, -und sich auf diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam -rechtzeitig an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin trennt, -war bald auf Dampfesflügeln durcheilt. - -Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin, lag etwa zehn Minuten -von der Bahnstation Frankenberg. Als Fritz den Zug verließ, entdeckte -er bald die wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters -Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem alten Sprichwort: -»wer zuerst kommt, mahlt zuerst,« hatte Amalie entschieden den Vorrang -bei diesem seltsamsten aller Wettrennen. - -Ein ihm fremder Kutscher lenkte das Gefährt, und blickte spähend in -die aussteigende Menschenmenge. Als Fritz sich ihm näherte, und zur -Sicherheit sich noch einmal erkundigte: »Herrn Amtsrath Solgers Wagen?« -nickte der Rosselenker, und frug, das trübselige Gesicht vor ihm mit -einigem Mißtrauen betrachtend: »sind Sie der Herr Bräutigam?« - -Unwillig bejahte der gequälte Fritz, und bald rollte das Gefährt auf -der Landstraße dahin. Noch eine Biegung des Weges, da lag das Amtshaus, -von der untergehenden Sonne vergoldet, vor ihm. - -Als Fritz sich dem Hofe näherte, welchen man zu passiren hat, ehe -man das Haus erreicht, begrüßten ihn zwar arg verstimmte, aber doch -wohlgemeinte, schmetternde Klänge, die Dorfkapelle blies einen Tusch. -Die durch diese Ovation etwas erregten Pferde ließen sich erst schwer -zum Stehen bringen, Fritzens verstörte Augen bemerkten über der -Hausthür eine dicke Guirlande, und als er, halb betäubt vor Verwirrung, -dem Wagen entstieg, strömte ihm der warme Duft von Punsch und Braten -festlich entgegen. - -Vor der Thür stand der Amtsrath im schwarzen Leibrock, das -Ordensbändchen im Knopfloch, die Amtsräthin im Seidenkleide, -neugierige kleine Schwäger, Schwägerinnen und Dienstboten drängten -sich im Hausflur, Malchen schien sich in bräutlicher Verschämtheit im -Hintertreffen zu halten. - -Fritz schwankte, wie ein Gerichteter, der das Schaffot besteigen soll. - -Aber Unerwartetes begab sich. - -Das dröhnende »Willkommen,« mit dem der Hausherr den Wagen bereits -anzuschreien begonnen hatte, verstummte plötzlich wie abgeschnitten, -als er unseren Fritz erblickte. Es wäre schwer zu sagen, wessen Züge -die größere Verlegenheit ausdrückten, die des Ankommenden, oder die -der Erwartenden. - -Die Amtsräthin machte kurz kehrt, und zerstreute mit Wort und Geberde -die Neugierigen im Hausflur, dann ward sie nicht mehr gesehen. - -Ihr Gatte erhob mechanisch die Hand, kratzte sich hinter dem Ohr, und --- schwieg. - -Fritz schwieg auch, ihm war fürchterlich zu Muthe. Er glaubte, er mußte -ja glauben, daß der Anblick seines bleichen, deprimirten Gesichts so -niederschmetternd auf die schwiegerelterlichen Nerven wirke, daß man -keine Worte fände, ihn fröhlich als fröhlichen Bräutigam zu grüßen. - -Aber dies gegenseitige, schweigende Anstarren war zum Tollwerden! »Noch -zwei Sekunden so,« dachte Fritz, »und ich gebe Fersengeld, und laufe, -so weit mich meine Füße tragen.« - -Er räusperte sich mehrmals, streckte etwas gezwungen die Hand aus, und -begann: »Sie waren so überaus gütig, Herr Amtsrath --« - -Der alte Herr sah starr auf den Boden nieder, ergriff die dargebotene -Hand und schüttelte sie kräftig, dann sagte er mit bedrückter Stimme: -»Bitte, bitte, nicht Ursach', mein lieber Freund! Ich hatte freilich -nicht erwartet -- aber wollen Sie nicht einige Augenblicke näher -treten? Wir können unsere Besprechung ja in meinem Zimmer vornehmen.« - -Er ließ dem Schwiegersohn höflich den Vortritt ins Haus und öffnete -die Thür seiner zu gleicher Erde belegenen Wohnstube, in die ihm Fritz -ungefähr mit den Gefühlen folgte, die man im Vorzimmer des Zahnarztes -durchzumachen pflegt. - -»Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?« unterbrach der Amtsrath die -Grabesstille. - -»Sie sind sehr gütig!« und Fritz begann zu rauchen, und zwar mit einem -Eifer, als hinge sein Leben daran, daß er die Cigarre in zehn Minuten -bis auf die letzte Spur vertilgt habe. - -Der Amtsrath paffte eben so krampfhaft in seiner Ecke. - -Endlich erhob sich Fritz, und stellte sich, militärisch hoch -aufgerichtet, vor den alten Herrn. - -»Ich weiß in der That nicht, Herr Amtsrath, was Sie von mir denken -werden, wenn ich Ihnen eine Erklärung meiner Handlungsweise gegeben -habe, die --« - -»Aber ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund,« erwiderte der Alte -ganz ängstlich, »wozu wollen Sie sich und mir eine solche unnöthige -Qual bereiten! Ich habe ja alles, was zu der Sache irgend zu sagen -war, in meinem Briefe auseinandergesetzt, und um Ihnen die Situation -zu erleichtern, wiederhole ich Ihnen noch einmal mündlich, was ich -schriftlich sagte, an meinem und meiner Tochter Entschluß ist nichts -mehr zu ändern, wenn Sie eine derartige Absicht herführt, so ist jedes -Wort unnöthig.« - -Fritz rang mit dem Tode! Er sah die Zornader auf der Stirn des Alten -schon im Geiste anlaufen, aber es half nichts -- durch! - -»Herr Amtsrath!« begann er von neuem, und fuhr sich mit dem Taschentuch -über die Stirn, »halten Sie mich für einen Elenden -- ich halte mich -selbst dafür, aber ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, -mein Gott, wie soll ich mich nur ausdrücken? ich flehe Sie an, nehmen -Sie Ihr Wort zurück!« - -»Aber sagen Sie mir, Herr,« rief jetzt der Amtsrath, »was ficht Sie -denn eigentlich an? Allen Respekt vor Ihnen, aber Sie benehmen sich, um -mich ganz gelinde auszudrücken, wie ein Narr! Seien Sie ein Mann, fügen -Sie sich ins Unvermeidliche, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Ich -werde mich doch jetzt nicht zum Gespött der ganzen Gegend machen, als -ein alter Schwachkopf, der nicht weiß, was er will! Meine Tochter ist -Braut -- und damit basta.« - -»Nun dann,« sagte Fritz mit der Ruhe eines Verzweifelten, »dann bleibt -mir nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen! Ich habe -wie ein Ehrloser gehandelt, ich muß die Folgen tragen! Denken Sie von -mir, was Sie wollen, aber ich kann Ihre Tochter nicht heirathen!« - -»Was!« schrie der Amtsrath und sprang auf, »=was= sagen Sie da?« - -»Ich kann Ihre Tochter nicht heirathen,« wiederholte Fritz dumpf und -leichenblaß, »und nun machen Sie mit mir, was Sie wollen!« - -»Meine Tochter nicht heirathen?« brüllte jetzt der Amtsrath, und -sprang auf Fritz zu, ihn bei den Schultern packend, »aber Mensch, wer -verlangt denn, daß Sie sie heirathen? Bin ich toll, oder sind Sie toll, -oder sind wir's alle beide?« - -»Ich weiß nicht,« sagte Fritz ganz erschöpft, und sank in seinen Stuhl -zurück. - -Der Alte trat zum Nebentisch, goß zwei Gläser Wasser aus einer Karaffe -ein, trank eins, und reichte das andere unserem Helden. »So, das -schlägt nieder,« sagte er dann etwas ruhiger, »und nun sagen Sie mir -einmal, =was= Sie eigentlich wollen! Sie halten um meine Tochter -an, ich schreibe Ihnen, umgehend, wie Sie es verlangten, eine ganz -vernehmliche, möglichst freundlich abgefaßte Antwort, und statt sich -dabei zu beruhigen, wie ein vernünftiger Mensch, kommen Sie hierher -wie ein Tollhäusler, und schreien, Sie können meine Tochter nicht -heirathen! Ich muß Ihnen gestehen, ich finde es, gelinde gesagt, sehr -dumm und albern, daß Sie heute überhaupt hierher kommen!« - -»Aber mein Himmel,« rief Fritz, und durchwühlte seine Brieftasche mit -zitternden Händen, »Sie haben mich ja doch selbst eingeladen!« - -»Ich -- Sie?« schrie der Amtsrath noch lauter, »i, so schlag doch --« - -»Hier!« sagte Fritz lakonisch, und reichte dem alten Herrn seinen Brief -hin. - -Der Amtsrath las -- verfärbte sich -- wiegte den Kopf hin und her -- -plötzlich rief er: »Ach, du meines Lebens! Da habe ich eine schöne -Geschichte gemacht, lieber Sterneck, ich bin ja an allem schuld! Ich -habe den Absagebrief an Sie gleichzeitig mit dem Zusagebrief an meinen -Nachbar Rummler geschrieben -- der hielt zufällig vor zwei Tagen auch -um Amalie an, und wie ich nun Ihren Brief sofort beantworten mußte, da -habe ich in der Eile und Aufregung die Adressen verwechselt! Nein, das -ist ja schrecklich -- und nun sitzt mir der mit einem Korbe da! Er hat -auch Bahnstation in Frankenberg, und der Wagen sollte =ihn= holen und -nicht Sie! Ach, ich bin ein geschlagener Mann -- ich alter Esel! Nein, -ist denn das aber menschenmöglich?« - -Während der Alte wie außer sich im Zimmer umherrannte, ergoß sich in -Fritzens umdüsterte Seele eine wahre Sonnenhelle. Er sollte Amalien -nicht heirathen -- die gute, die liebe Amalie wollte ihn nicht, hatte -sogar schon einen Ersatzmann gefunden -- ach, das hatte er nicht -verdient! - -In überströmender Glückseligkeit sprang er auf und fiel dem erstaunten -Amtsrath um den Hals. »Lieber, alter Freund -- bester Herr Amtsrath -- -meine innigsten Glückwünsche -- ach, so habe ich mich doch in meinem -ganzen Leben noch nicht gefreut!« - -Es sprach eine so innige Ueberzeugtheit aus diesen Worten, daß dem -guten Amtsrath, was man ihm auch nicht verdenken kann, wieder ganz -unheimlich zu Muthe wurde. Er machte sich etwas unsanft los. - -»Na, lassen Sie das nur gut sein,« sagte er, und schob Fritz -mißtrauisch zurück, »was =Sie= denken und ob Sie sich freuen, ist mir -im Augenblick ganz egal -- ich weiß nur nicht, wie =ich= meine Eseleien -wieder gut mache, ohne daß es meine Weibsleute merken, sonst haben die -eine Handhabe gegen mich bis ans Ende meiner Tage!« - -»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,« nahm Fritz, dessen -Gefühlswogen sich zu legen begannen, jetzt das Wort, »Gefallen gegen -Gefallen! Borgen Sie mir Ihren Rappen bis morgen früh, dann reite ich -jetzt zu Herrn Rummler hinüber und besorge Ihnen einen Brief hin, den -Sie schnell schreiben, während ich mich anziehe -- und dann reite -ich zur Stadt und schicke Ihnen das Pferd morgen wieder heraus. Herr -Rummler kann in einer Stunde hier sein und niemand erfährt etwas!« - -»Ach, das ist Unsinn,« sagte der Amtsrath, »ich will Ihnen etwas -anderes sagen -- mir wird das Briefschreiben sauer -- geben Sie mir -Ihren Brief, und ich schicke ihn zu Rummler, und schreibe nur, =das= -wäre der richtige, und der andere wäre für Sie bestimmt. Wenn ich das -schreiben kann, so ist die Sache abgemacht.« - -»Meinetwegen,« rief der glückselige Fritz, »aber den Rappen geben Sie -mir mit. Ich =muß= nothwendig heute Abend nach Hause -- Sie sollen bald -erfahren, warum!« - -»Ich bin nicht neugierig,« sagte der unliebenswürdige Alte, »aber -eins sagen Sie mir -- =warum= haben Sie denn eigentlich um die Amalie -angehalten, wenn Sie so froh sind, daß sie Sie nicht haben will?« - -»Das ist eine lange Geschichte,« erwiderte Fritz, und wurde roth, -»wollte ich Ihnen die jetzt erzählen, so verbrennte der Braten, und der -Punsch, den das Brautpaar heute noch trinken soll, würde kalt. Lassen -Sie mich fort und schicken Sie den Wagen zu Ihrem Schwiegersohne. Und -nun leben Sie wohl, mein lieber, guter Herr Amtsrath -- sagen Sie Ihren -Damen -- -- was Sie wollen! Ich lasse mir den Rappen satteln!« - -Im Hause des Amtsraths ging es den Abend noch sehr lustig her -- -in manchen anderen Häusern gewiß auch -- es giebt ja, trotz aller -Pessimisten, noch immer eine ganze Menge vergnügter Leute auf der Welt --- aber ein fröhlicherer Geselle, als unser Fritz, den sein tänzelnder -Rappe durch den schönen Sommerabend nach der Stadt hin trug, die sein -Glück barg, war an diesem Abend schwerlich zu finden! -- Wie er es -angefangen hat, seine reizende Braut mit dem zweiten Akt der Komödie zu -versöhnen, die er auf der Landpartie zu spielen begonnen -- das geht -uns nichts an. Er wird schon mit ihr fertig geworden sein! - - -W. =Moeser Hofbuchdruckerei=, Berlin, Stallschreiber-Straße 34. 35. - - - - - Inhalt. - - - - Seite - - Hausgenossen 1 - - Und doch! 59 - - Der tolle Junker 85 - - Finderlohn 161 - - Glück muß man haben! 193 - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, nur - offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. - Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, - der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt - war, wurde mit _ markiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN *** - -***** This file should be named 51901-8.txt or 51901-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/9/0/51901/ - -Produced by Norbert Müller and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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