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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die alte Krone - Ein Roman aus dem Spreewald - -Author: Paul Keller - -Release Date: April 10, 2016 [EBook #51722] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ALTE KRONE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Ende -des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<p class="h2">Die gelben Ullstein-Bücher</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h1>Die alte Krone</h1> - -<p class="center">Ein Roman aus dem Spreewald</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="center large">Paul Keller</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/logo.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Im Verlag Ullstein / Berlin -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="center smaller">Umschlagbild: Die Filmschauspielerin Carmen Boni / Phot. Ufa<br /> -Copyright 1909 by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau<br /> -<em class="antiqua">Printed in Germany</em> -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p class="ph2">Die Spree ist ein Heidekind. Ihre Jugend ist arm und ohne -Wagemut, ihre Kraft gering und ihre Lustigkeit schüchtern. -Frühzeitig – als halberwachsen Ding – muß sie in Dienst -nach der anspruchsvollsten Stadt der Welt, nach Berlin, wo -man ihr, einer jungen, billigen, schmucklosen Dienerin, auf die -schwachen Schultern viel Last und Qual ladet.</p> - -<p>Aber auch sie hat eine grüne Heimat und eine grüne Jugend. -Gar nicht fern von dem schreienden, lachenden, gellenden Berlin -wohnt die große Stille in hohen Föhrenwäldern, ist eine andere -Welt, wohnt ein anderes Volk, ist eine andere Zeit. Gar nicht -fern von dem prangenden Reichtum der glänzenden Weltstadt -ziehen arme Sandwege durchs Land, stehen hohe Farnkräuter -an alten Ziehbrunnen; nur wenige Stunden von dem Mittelpunkt -kaltherziger Weisheit, heißblütiger Genußsucht sieht das -Volk auf den Blättern der Pflanze <em class="antiqua">cerweny drest</em> die Blutstropfen -Christi glänzen, saugen die Kinder süßen Saft aus -weißen Birkenstämmen, legen die Leute das Freundschaftskraut -»<em class="antiqua">kokoski</em>« unters verwitterte Strohdach, um am grünenden -oder welkenden Kräutlein zu erkennen, ob das ferne -liebe Leben eines Freundes noch frisch und grün oder im Tode -verblichen sei.</p> - -<p>Das ist das Land, wo ein kecker Hase, der ins Dorf kommt, -den Leuten ein Feuer verkündet, wo man neun Sünden verziehen -bekommt, wenn man eine Maulwurfsgrille tötet, wo -der Mann sich eine krabbelnde Fledermaus unter die Mütze -steckt, um im Spiele Glück zu haben, wo das Mädchen dem -jungen Burschen, dessen Liebe sie gewinnen will, einen Apfel -zu essen gibt, den sie eine ganze Nacht lang in der Schulterhöhle -getragen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Das ist das Land Wendei. Keine rote oder blaue Grenzlinie -kennzeichnet das Wendenland auf einem Kartenbild; -jahrhundertelang war es ein Spielball der Brandenburger, -Sachsen und Böhmen, und auch heut noch muß man von der -sächsischen Stadt Bautzen die böhmische Grenze entlang durch -die schmale schlesische Lausitz bis hin in den brandenburgischen -Spreewald wandern, wenn man die Wendei kennenlernen will.</p> - -<p>Ein anderes Volk als in Berlin, der deutschesten aller -deutschen Städte, die nur wenig Bahnstunden entfernt ist – -ureingesessene Slawen, die in grauer Vorzeit den ganzen Osten -unseres Vaterlandes bis an die Ostsee beherrschten, dann -zurückwichen Schritt um Schritt und die trotz jahrtausendelanger -Abhängigkeit, in die sie alsbald gerieten, sich ihre -trotzige Eigenart in Sprache und Sitte, in Kleidertracht, -Häuserbau und Gemeindeanlage bewahrt haben. Jetzt aber ist -Wendenland eine kleine, zerbröckelnde Slaweninsel im brausenden -deutschen Meere, das an seiner Küste zehrt, seine -geistigen Springfluten über das Land gießt und es bald bis -zum letzten Brocken aufgezehrt haben wird.</p> - -<p>Sorben, oder – wie sie die Deutschen nennen – Wenden. -Eines von den Völkern, die jahrtausendelang bestehen, ohne -eine Geschichte zu haben, die alt werden, ohne je jung gewesen -zu sein, Blutsverwandte der Tschechen und Schicksalsverwandte -der südslawischen Stämme der Slowenen und Kroaten, die -auf den mageren Ziegenweiden des felsigen Karstlandes ihre -Jahrhunderte verträumten.</p> - -<p>Kein Hoheslied, kein Heldenbuch, keine steinerne Tafel mit -unvergänglichen Gesetzen, keine Ruhmeshalle mit Ewigkeitsphysiognomien -großer Menschen und großer Geschehnisse -kennzeichnete den Weg, den diese Nationen durch die Geschichte -schritten. Ihre Spur verlief im Sand. Die Weltgeschichte -vermerkt ihre Namen nur in nebensächlichen Fußnoten. Einige -Grenzplänkeleien mit dem großen Karl, dem schlauen Heinrich, -dem Markgrafen Gero, den Meißener Bischöfen, den dänischen -Herrschern, nicht viel mehr von eigener Geschichte.</p> - -<p>Eine recht dürftige Historie. Geschickte, fleißige Forscher und<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -Sammler haben dagegen Mythen, Sagen, Märchen, Volkslieder, -Schnurren, Eigentümlichkeiten in Sitte und Brauch -getreulich niedergeschrieben, Dinge, die Zeugnis geben von dem -Leben, das einst im wendischen Völkerwald war. Schmaler, -Andree, Schulenburg, Veckenstedt, Tetzner und andere tüchtige -Männer wurden unsere Lehrer über das Wendentum. Aber es -sind nur Einzelheiten, Forschungsergebnisse, abgerissene Töne -und Klänge, die sie einfangen. Ein ganzes Bild haben sie nicht -zusammengestimmt; selbst die Sage vom König der Wenden -liegt bei ihnen in Schutt und Trümmern.</p> - -<p>Die deutschen Dichter sind an diesem einsamen Heide- und -Flußwald, an dieser geschichtlichen Trümmerburg vorbeigegangen. -Die Wenden selbst waren immer stille Leute. Kein -politischer Alarmruf ging von ihnen aus, kein kraftvoller -Dichter erstand aus ihrer Mitte. Ein tausendjähriges Volk sind -die Wenden, ohne Geschichte, ohne Literatur, ohne bildende -Kunst, kleine Ansätze abgerechnet.</p> - -<p>Wenn mich, den Schlesier, das Heidegeheimnis meiner -Heimat reizte, so lag das nahe. Ich bin mit ganzer Liebe an das -Werk gegangen, habe nach den Trümmerbildern, die ich fand, -die Sage vom Wendenkönig rekonstruiert und hoffe, daß mich -das deutsche Herz nirgends, wo zwischen Nationalitäten abzuwägen -war, zu einer Sünde ungerechter Parteilichkeit -verführt hat.</p> - -<p>Kraft, geistige und körperliche Fruchtbarkeit, Entwicklungsfähigkeit, -Wollen zur Höhe, Schätze und Kräfte sonder Zahl -waren auch im Volke der Lausitzer Sorben. Die Kinder Gottes -sind alle zur Herrschaft berufen. Aber den Wenden fehlten die -Führer. Die Könige, die Führer, die Befreier kommen von selbst -ihre lichte Straße daher oder sie kommen nicht, mag das Volk -auch tausend Jahre am Boden knien und rufen: »Tauet -Himmel den Gerechten!«</p> - -<p>Gegen versagte Gnade, die im Weltplan begründet ist, hilft -kein Wollen, kein Beten, kein Toben. Der Führer kommt nicht, -das Volk verträumt seine Zeit, es altert und vergeht, ohne daß -es jung war. – –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>Heutigen Tags hat der Donner der Lokomotiven, das -Sausen der Automobile, die durch die Wendei rasen, die -Lutchen und andere Zwerggeisterlein, die Mittagsfrau und die -Kobolde vertrieben; der scharfe Wind geistiger Aufklärung, der -schneidend über alles Land fegt, hat die blauen Traumlichter -romantischen Glaubens in den Herzkammern der Wenden -ausgelöscht; die Sucht nach Gold und Lust hat das Heidevölklein -aus seinen stillen Wald- und Wiesenwinkeln herausgelockt -ins breite allgemeine Gefild, in die große Stadt, wo die -jungen Burschen ihre Kraft, die jungen Mütter die Milch ihrer -Brust verkaufen; der moderne Fabrikbetrieb verlangt viele -Kräfte; die malerischen Volkstrachten mit ihrer soliden Pracht -haben vielfach schäbigem modischen Zeug aus billigen Bazaren -Platz gemacht; die wendische Sprache hört mehr und mehr -auf: bald wird die ganze Wendei nichts mehr sein als eine -historische Reminiszenz.</p> - -<p>Aber in der Zeit, von der dies Buch erzählen will, in den -Jahren 1860 bis 66, da war es doch noch ganz anders. Damals -begann die Zersetzung des Wendentums erst, die jetzt beinahe -vollendet ist.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p class="ph2">Rot glüht der Wald über die Heide. In den Wellen der -stillen Spree schwimmen die ersten gelben Weidenblätter -wie lange, gelbe Schifflein. Eine kleine Flotte, mit der der junge -Herbst spielt. Weiden den ganzen Fluß hinab, auch auf den -Moorwiesen, die sich lang im Abendsonnenschein dehnen. Torf -schläft in der schlammigen, quabbeligen Erde, saures Gras -wächst darüber, und zahllose Wollblumen wiegen leicht die -Perückenköpfe. Hoch und ragend aber steht der Föhrenwald. -Das Auge blickt tief hinein; denn die Stämme sind schlank, die -Föhre duldet kein Unterholz. Wie ein Heer von Kriegern stehen -die Stämme und sind alle rot wie in blankes Kupfer gepanzert.</p> - -<p>Und erst die Kronen! Wie Burgen türmen sie sich in der -Luft; das Abendsonnengold vermischt sich dem dunklen Grün, -und die Burgen haben alle Wände und Dächer von grünroter -Patina bedeckt.</p> - -<p>Alt, ehrwürdig, kostbar ist das alles.</p> - -<p>Kein Laut. Nur irgendein schwarzgefiederter Burgwart -gibt manchmal den Brüdern ein Signal, die draußen auf der -Wiese noch nach Beute suchen.</p> - -<p>Der erste Stern taucht auf.</p> - -<p>Da treibt der Gänsehirt seine schnatternde Herde heim.</p> - -<p>Das zweite Sternlein erglimmt.</p> - -<p>Ein alter Wende blinzelt hinauf, erkennt sein Zeichen und -treibt zehn Schweinchen, die er aufs Feld geführt hatte, in den -Stall.</p> - -<p>Das dritte Sternlein schimmert im Osten.</p> - -<p>Da singt der Schafhirt zur Heimkehr.</p> - -<p>Ein vierter Stern ersteht leuchtend am Himmel.</p> - -<p>»Geht ein, Rote, Schwarze, geht ein!« ruft der Kuhhüter -und strebt nach dem Dorfe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<p>Das fünfte Sternlein strahlt friedlich hernieder. Da hören -die Kinder auf zu spielen, schließen sich den Herden an und -helfen sie heimführen.</p> - -<p>Draußen, wo die stille Spree schläfrig zwischen den Weiden -rinnt und wo die alte Landstraße weit hinausführt – Gott -weiß, wohin! –, wird es nun ganz still, und wie der Mond -aufsteigt, findet er nichts Lebendes auf den weiten Wiesenplänen -als ein paar Birken, die die weißen schlanken Leiber -biegen und die herrlichen Lockenköpfe zu leisen Liedern zierlich -bewegen. –</p> - -<p>Eine Wolke verhüllt das strahlende Himmelslicht, und -dunkle Schatten legen sich auf das Gelände und auf die alte -Landstraße, die weit hinausführt, Gott weiß, wohin.</p> - -<p>Da schleicht durch die Schatten der Waldbäume ein Gespenst. -Es hat einen brennenden Leib, greift mit zuckenden -Armen irr in der Luft herum, dehnt sich zur Höhe, kauert sich -zu Boden, huscht zu den Birken, verbirgt sich hinter den Weiden, -schaut ins Wasser, springt wieder über die Wiese und zittert -plötzlich entsetzt empor, als ein zweites brennendes Gespenst -ihm nahe kommt.</p> - -<p>Da gibt es eine wilde Jagd weit über den Moorgrund. Das -erste Gespenst duckt sich zusammen, versteckt sich, wird aufgescheucht, -jagt davon, schlägt Zacken wie ein gehetztes Wild, -springt zwischen die Bäume, und das zweite setzt ihm nach, -langt nach ihm mit gierigen, flackernden Händen. – Horch! -Ein Knarren kommt die Landstraße daher. Ein Wagen wird -sichtbar. Darin sitzen Menschen. Ganz langsam geht das -Pferd, fast unhörbar auf dem grasbewachsenen Wege. Der -Kutscher hebt seine Peitsche und weist nach den brennenden -Gespenstern.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Ty newetko pormorski!</em>«</p> - -<p>»Fluche nicht, Lobo!« sagt die eine Frau, die im Wagen -sitzt, leise und ängstlich. »Gott schütze uns! Es sind Jakub und -Merten. Gott sei ihnen gnädig!«</p> - -<p>»Gott sei ihnen gnädig!« brummt auch der eingeschüchterte -Knecht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>Da recken sich die Gespenster, langen noch einmal mit -brennenden Armen hinauf gen Himmel und verschwinden. -Langsam schleicht das Fuhrwerk weiter. Nun, da es eine -Wegbiegung erreicht, atmet die Frau auf und sagt zu der -jüngeren Begleiterin, die neben ihr sitzt, im Flüsterton: »Es -waren Jakub und Merten. Jakub hat seinen Vater Merten, -der bei ihm im Auszug war, mit einem Strick erdrosselt, weil -er ihm zu lange lebte, und dann hat ihn der Gewissensteufel -geplagt, und da hat er sich mit demselben Strick erhängt. Jetzt -irren die armen Seelen über dem Moor. Hast du gesehen, wie -der Vater den Strick in der Hand hält und den Sohn damit -treibt?«</p> - -<p>Das Mädchen schmiegt sich fröstelnd an die Alte.</p> - -<p>»Ich fürchte mich«, sagt es leise.</p> - -<p>»Es ist unsere böse Gegend hier, Hanka«, fährt die Ältere -fort. »Um alles will ich hier nicht sein zur Abendzeit. Und wir -wären längst daheim, wenn sich Lobo, der Liederlich, nicht -betrunken hätte.«</p> - -<p>Der Kutscher hört die Anklage und brummt für sich. Langsam -schleicht das Gefährt dahin. Wer will in verrufener Gegend -den bösen Jäger wecken oder in rascher Fahrt dem Nachtfuhrmann -begegnen? Ist nicht selbst der himmlische Fuhrmann, -dessen Wagen am Firmament steht, auf zu rascher Fahrt an -eine Mauer der Hölle angefahren, so daß die hintere Achse aus -dem Quadrat wich und sich die Deichsel für alle Ewigkeit verbog?</p> - -<p>Langsam schleicht das Gefährt. Neue Wiesenflächen tauchen -auf. Die alte Bäuerin sagt furchtsam, beklommen: »Hanka, -erschrick nicht; aber ich muß es dir sagen: Hier ist noch eine -böse Gegend; hier wohnt die Todesgöttin Smjertniza. Gott -schütze uns!« …</p> - -<p>In einem Nebelschloß wohnt die Todesgöttin Smjertniza. -Sie ist immer in weißen Kleidern. Die Tür ihres Hauses ist -zweifach verriegelt, mit einer Menschenhand und mit einem -Menschenfuß. Aber ob sich auch die Menschen mit Hand und -Fuß gegen die Tür ihres Schlosses stemmen – wenn sie ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Lichter entzündet, schiebt sie die Riegel zur Seite und geht über -die Felder bis zu den Dörfern. Die Menschen sehen sie nicht. -Die Tiere sehen sie. Aber der Mensch, dem sie begegnet und den -sie meint, stirbt nach drei Tagen …</p> - -<p>Drüben liegt die Wiese mit dem dunklen Waldrand.</p> - -<p>»Schau geradeaus, Hanka! Geradeaus! Schau nicht -hinüber!«</p> - -<p>Lobo, der Kutscher, hält durch Zurufe die Pferde zu noch -langsamerem Gange an. Wie unter angstvollem Zauberbann -schleicht der Wagen dahin.</p> - -<p>Da schallt Hundegebell übers Feld. Die Frauen horchen -erschreckt auf.</p> - -<p>»Es ist Tyra, unser Hund!« sagt Lobo. »Ich kenne ihn an -der Stimme. Er hat sich losgerissen von der Kette.«</p> - -<p>Zwei Tiere jagen aus dem Busch am Wegrand, ein Reh, -ein Hund dahinter. Sie springen dicht vor dem Gefährt auf -die Straße. Die Pferde bäumen auf. Das Reh bleibt zitternd -stehen. Der Hund steht, keucht. Die Pferde stehen. Die alte -Frau schreit gellend auf:</p> - -<p>»Die Smjertniza, die Todesgöttin!«</p> - -<p>Drüben über der Wiese, weit drüben steht das Nebelschloß -– Lichter blitzen drin –, eine weiße Gestalt löst sich von dem -Schlosse los –</p> - -<p>»Die Smjertniza! Die Tiere – sehen – sie –«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Ty newetko pormorski!</em>« flucht da der Knecht, schlägt -auf die Pferde wie rasend, die Pferde gehen durch, jagen die -Straße entlang, springen über einen Graben querfeldein auf -ein Dorf zu –</p> - -<p>Beim Eingang des Dorfes schlägt der Wagen um – zerbirst -an einem Prellstein – die Insassen fliegen heraus – -Pferde reißen sich los, jagen davon –</p> - -<p>Schreiende Leute kommen gelaufen. Sie richten Lobo, den -Knecht, und Hanka, das Mädchen, die wenig verletzt sind, auf -und tragen die Bäuerin, die am Sterben ist, nach ihrem -Gehöfte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wie ein Herrensitz ist das Gehöft des Scholta<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Hanzo. -Hoch ragt das schindelgedeckte Wohnhaus, das nach wendischer -Art mit der schmalen Giebelseite der Dorfstraße zugekehrt ist. -Die Dorfstraße ist ziemlich weit vom Hause entfernt. Eigener -Zufuhrweg, Teich und Anger liegen zwischen ihr und dem -Gehöft; das wendische Angerdorf ist breit und geräumig -angelegt. Muster von Lindenblättern, mit Sternen durchwirkt, -schmücken den Giebel des Hauses, ein Kreuz schaut ernst aus -dem Blattgerank, und ein Spruch, der darunter steht:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Durch Gott und eigene Kraft<br /></span> -<span class="i0">Haben wir's geschafft«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">zeigt an: hier wohnen starke, selbstbewußte Menschen. Es ist -eines der wenigen Bauernhäuser der Wenden, die groß, -geräumig und von einem gewissen Luxus sind. Ein Mann hat -es gebaut, der ein Withas<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> werden wollte, der aber doch ein -Bauer blieb. Eine hohe Mauer, ein festes Tor schließen den -Hof und den Vorgarten ab, der steinerne Stall, die hölzerne -Scheune ragen darüber empor. Der Großgarten trennt das -Gebäude vollends von jeder unmittelbaren Nachbarschaft.</p> - -<p>Es ist spät. Um diese Stunde wacht sonst im Gehöft kein -Mensch mehr, es sei denn ein Wächter in unsicheren Zeiten, -wenn Brandleger in der Gegend auftauchen.</p> - -<p>Heute aber sitzen unter dem zweiten Hauptgebäude, das -dem Wohnhaus gegenüber liegt, in einem Laubengang -zischelnde Leute, Knechte und Mägde des Großbauern. Sie -hocken auf niederen Schemelchen oder kauern am Boden und -schauen hinüber nach den erleuchteten Fenstern.</p> - -<p>»Ich hab' schwarze Holzklötzer in der Spree schwimmen -sehen«, sagt ein Knecht.</p> - -<p>»Und ich hab' weiße Männer fahren sehen in einem Kahn«, -sagt eine Magd.</p> - -<p>»Es meldet sich immer an«, sagt ein drittes.</p> - -<p>Dann Stille.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>»Erzähl' es noch einmal, wie es war, Lobo!«</p> - -<p>»Es war ganz einfach«, sagt einer. »Lobo war besoffen!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Hognity kjandros</em>« – fährt Lobo auf den Sprecher los. -Aber der wehrt ihn gemütlich ab.</p> - -<p>»Ich bin kee abgefaulter Baier, ich bin höchstens a abgefaulter -Schläsinger.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Cerwiško!</em> Aas!« fährt der Wende abermals auf und geht -auf den Deutschen zu.</p> - -<p>»Ruhe! <em class="antiqua">Tormy gótuju.</em> Die Wolken türmen sich!« mahnt -ein alter Wende. »Drüben liegt die sterbende Frau. Ruhe!«</p> - -<p>Ein Weilchen Stille.</p> - -<p>Dann: »Erzähl' es noch einmal, wie es war, Lobo!«</p> - -<p>Und Lobo erzählt von den Feuermännern, von dem Hund -und dem Reh, von der Todesgöttin Smjertniza.</p> - -<p>»Ich dachte, es wär' Tyra, unser Hund. Es hat mich aber -genarrt, es war nicht Tyra. Es war auch kein richtiges Reh. -Es waren Tiere von der bösen Meute.«</p> - -<p>»Gott schütze uns!«</p> - -<p>Tiefe Stille. In den niederen Wendenstirnen arbeiten die -Gedanken. Der Riesenarm des Ziehbrunnens streckt sich -drohend zum Himmel.</p> - -<p>Da flattert eine Gestalt über den Hof. Eine Magd ist es, -die aus dem Herrenhause kommt.</p> - -<p>»Wie geht es, Anna, wie geht es der Frau?«</p> - -<p>Die Magd macht eine klagende Gebärde. Dann sagt sie -flüsternd:</p> - -<p>»Wir wollen die Probe machen.«</p> - -<p>Sie zeigt ein Stück Speck.</p> - -<p>»Du hast ihr die Fußsohle damit gerieben?«</p> - -<p>Die Magd nickt.</p> - -<p>Da stehen alle wie auf ein heimliches Kommando auf, -gehen auf den Zehenspitzen und schleichen den Stall entlang -bis zur Hundehütte. Tyra fährt knurrend aus dem Schlafe, -beruhigt sich aber, als er die bekannten Gesichter sieht.</p> - -<p>Die Magd wirft ihm das Speckstück hin.</p> - -<p>»Zeig' es an, Tyra, zeig' es an! Friß!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>Der Hund beschnuppert den Speck und läßt ihn liegen.</p> - -<p>Da geht ein leiser Schreckensruf durch die kleine Schar.</p> - -<p>»Er frißt ihn nicht! Die Frau muß sterben.«</p> - -<p>»Tyra ist krank!« wendet der deutsche Knecht ein. »Er -frißt schon zwei Tage lang nichts.«</p> - -<p>Sie sehen ihn zornig an und schleichen nach dem Laubengang -zurück.</p> - -<p>»Die Frau muß sterben!«</p> - -<p>»Sie ist erst fünfzig Jahre. Sie könnte noch viel arbeiten. -Sie muß noch lange nicht in den Auszug. Was stirbt sie schon?«</p> - -<p>»Man sollte es ihren Söhnen nach Breslau schreiben.«</p> - -<p>»Sie haben vielleicht jetzt keine Ferien.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Ty bamlak!</em> Braucht man Ferien, wenn die Mutter stirbt? -Und überhaupt, richtige Studenten haben immer Ferien.«</p> - -<p>»Der Großbauer will morgen früh einen Brief an die Söhne -schreiben.«</p> - -<p>»Ja, und indes vergehen die drei Tage, die ihr die Smjertniza -noch läßt, und die Söhne kommen zu spät.«</p> - -<p>»Wie Gott will!«</p> - -<p>Der eine Knecht entkorkt eine Branntweinflasche, nimmt -einen tiefen Schluck und reicht die Flasche weiter.</p> - -<p>»Wie Gott will!« sagt der letzte, als er getrunken hat.</p> - -<p>»Und nun müssen wir alle neue weiße Trauerkleider haben.«</p> - -<p>»Die kauft der Großbauer.«</p> - -<p>Als die Mägde von den neuen Kleidern hörten, mischte -sich in ihren jungen Herzen mit der Trauer um die Frau ein -heimliches Entzücken.</p> - -<p>»Grinst nicht so vergnügt, ihr eitlen Frauenzimmer«, fuhr -der alte Knecht Kito sie an. Er war sonst der lustigste Patron -trotz seines Alters; aber heute war er völlig gebrochen.</p> - -<p>»Erzähl' es noch einmal, Lobo, wie es war.«</p> - -<p>»Wir wissen es schon!«</p> - -<p>»Nein, wie es dort war, in dem Dorfe, von wo ihr kamet.«</p> - -<p>»Es war gut. Es gab viel zu essen. Drei Tage sind wir dort -gewesen. Es gab reichlich zu essen; nur der Schnaps war etwas -zu wässerig. Es war kein Rum darin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p> - -<p>»Und dann fuhr das fremde Mädchen mit?«</p> - -<p>»Sie ist eine Verwandte vom Großbauern, freilich, das -Wasser von der siebenten Windel. Und sie heißt Hanka.«</p> - -<p>»Warum hat die Frau die Reise gemacht, zwei Tage mit -dem Wagen hin, drei Tage dort, zwei Tage mit dem Wagen -zurück? Mit der Eisenbahn fährt sie nicht. Eine ganze Woche -war sie fort, jetzt in der Arbeitszeit.«</p> - -<p>»Sie kann tun, was sie will, sie ist die Frau. Und es sind -Verwandte. Das fremde Mädchen bleibt jetzt hier.«</p> - -<p>»Ja, sie wird den Juro heiraten, den Erbsohn«, sagte eine -junge Magd, »denn sie ist aus dem könig –«</p> - -<p>Eine Hand preßte sich dem Mädchen auf den Mund, und -alle Wenden sahen auf den deutschen Knecht.</p> - -<p>Der stand auf und machte eine abweisende Handbewegung.</p> - -<p>»Tut nicht so albern! Ich weiß soviel wie ihr!«</p> - -<p>Er entfernte sich langsam und ging über den Hof.</p> - -<p>Die anderen fielen über die junge Magd her.</p> - -<p>»Wie kannst du, Worsla, du Plappermaul? – Vom -König spricht man nicht! Noch dazu, wenn ein Fremder dabei -ist. Das ist das heilige Geheimnis!«</p> - -<p>Das hübsche junge Mädchen brach in Tränen aus.</p> - -<p>»Ich wußte es nicht. Ich glaubte, er gehört zu uns.«</p> - -<p>»Er ist ein guter Kerl,« sagte einer, »aber er ist ein -Deutscher.«</p> - -<p>»Ein <em class="antiqua">hognity kjandros</em> ist er«, lallte Lobo, der bereits -wieder betrunken war.</p> - -<p>»Sie ist verliebt in Wilhelm,« sagte giftig eine Magd; -»sie hat ihm drei Haare vom Nacken und ein Stück Haut vom -Knie in den Osterkuchen gebacken. Nun ist er in sie vernarrt.«</p> - -<p>»Es ist nicht wahr«, schluchzte Worsla, »es ist nicht -wahr!«</p> - -<p>»Ruhe!« kommandierte der alte Kito. »Heute ist keine -Zeit für Liebessachen!«</p> - -<p>Es entstand eine Pause. Man hörte nichts als gelegentlich -den glucksenden Ton, wenn einer Branntwein trank.</p> - -<p>Da sprach der Alte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>»Ich will nicht, daß die Frau stirbt. Sie ist noch jung und -sie ist gut. Vor dreißig Jahren bin ich mit ihr auf den Hof -gekommen. Ich will nicht, daß sie stirbt. Ich werde sie anräuchern. -Noch ehe die Sonne aufgeht, werde ich auf den -Kirchhof gehen und Gras abschneiden von einem Kindergrabe. -Und ich werde dabei zählen: neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, -drei, zwei, eins. So werde ich zählen. Und am Morgen werde -ich das Gras anzünden und die Frau beräuchern. Das wird ihr -helfen. Das wird ihr helfen, oder – oder …«</p> - -<p>Er machte eine Handbewegung. Starr blickte er vor sich -hin und fuhr dann fort:</p> - -<p>»Ich bin alt. Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme, oder -ob mich die Toten dort behalten. Zeit ist es längst. Es gibt auch -Leute, die mir das Leben nicht mehr vergönnen. Wenn eines mit -mir auf den Kirchhof gehen will, so soll er es sagen. Er darf -aber auf dem Wege kein Wort sprechen.«</p> - -<p>Sie duckten sich alle zusammen, als ob plötzlich ein eisiger -Wind sie gefaßt hätte.</p> - -<p>Nur die junge Magd Worsla sagte:</p> - -<p>»Vater Kito, ich gehe mit dir. Du bist sonst so lustig und -immer gut.«</p> - -<p>Der Alte nickte und sah sie an.</p> - -<p>»Wenn sie – wenn sie mich dort behalten, dann lege mir -gleich zwei Steine auf die Augen.«</p> - -<p>Schritte klangen über den Hof. Wilhelm, der deutsche -Knecht, kehrte zurück.</p> - -<p>»Will keiner einspannen und nach dem Doktor fahren?« -fragte er.</p> - -<p>Sie wehrten alle ab. Der Arzt bringe den Tod. Der Bader -sei bei der Frau, die Smjertniza sei auf dem Felde, der Doktor -solle fortbleiben.</p> - -<p>Der Deutsche wurde wütend.</p> - -<p>»Gebt mir den Schlüssel zum Pferdestall!« rief er zornig.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Hognity kjandros!</em>« fuhr Lobo auf.</p> - -<p>Da erhielt er eine Ohrfeige, daß er taumelte.</p> - -<p>Mit Mühe wurden die beiden auseinandergebracht. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -vergebens versuchte der deutsche Knecht, den Schlüssel zum -Pferdestall zu erlangen.</p> - -<p>»So werde ich nach der Stadt laufen.«</p> - -<p>»Das Hoftor ist zu. Den Schlüssel bekommt er nicht!«</p> - -<p>Wilhelm lächelte verächtlich. Aber er fuhr zusammen, als -er leises Weinen hörte. Worsla, die junge Magd, hob die Hände -zu ihm.</p> - -<p>»Geh nicht! Die Smjertniza geht um! Geh nicht! Es ist -nicht nötig! Ich gehe mit Kito zum Friedhof. Wir holen heiliges -Gras von einem Kindergrab. Da räuchern wir die Frau an, -und sie wird gesund werden.«</p> - -<p>Sie streckte ihm, alle Scheu vergessend, beide Hände hin, -er aber wehrte sie unwirsch ab und sagte:</p> - -<p>»Du bist auch so eine Gans!«</p> - -<p>Ging über den Hof und schwang sich über die Mauer.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Die weiten Matten des Riesengebirges sind dort am breitesten -und schönsten, wo der große Elbstrom seine Quellen -hat. Runde dichte Knieholzgebüsche sind über den kurzen Rasen -verstreut wie dunkelgrüne Kränze.</p> - -<p>Ein leichter milder Abendwind ging über die sich weit hindehnende -Elbwiese und erquickte einige Wandersleute, die, vom -Gipfel des Hohen Rades herkommend, sich am Boden lagerten.</p> - -<p>»Kolossale Fläche«, sagte ein stattlicher Fünfziger und ließ -die fröhlichen, stahlgrauen Augen rundum schweifen.</p> - -<p>»Grandiose Fläche! Und das liegt nun alles hier oben viertausend -Fuß hoch und hat keinen Zweck.«</p> - -<p>»Aber, Papa, das ist doch so schön!« entgegnete ihm seine -schlanke Tochter; »sieh mal, wie sich diese weiten Wiesen hindehnen -und eine so friedlich schöne Brücke sind zwischen den -zwei großen Gebirgskämmen …«</p> - -<p>»Jawohl«, unterbrach sie der Alte sarkastisch und mit -imitiert flötender Stimme. »Diese epische, ruhige Breite, nur -hin und wieder unterbrochen durch die Lyrismen winziger<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -märchenhafter Knieholzwälder, deren Baumstämmchen nur so -groß sind wie die Kinder und so verträumt sind wie die Kinder.«</p> - -<p>»Papa!«</p> - -<p>»Tja! Herrschaften, denken Sie nu ja nicht etwa, die Stelle -von der epischen Wiese und von den lyrischen Kniehölzern is -von mir. Keine Spur! Hier steht sie, die diese Stelle gedichtet -hat – meine Tochter Elisabeth von Withold. Es hört sich großartig -an sowas. Man kann sich zwar nischt dabei denken, aber -es klingt nach was!«</p> - -<p>»Papa, du hast …«</p> - -<p>»Ich habe jar nischt. Dein Papa ›hat‹ nie! Nämlich spioniert! -Er hat sich lediglich erlaubt, direkt auf dem Wege ein -Notizblatt zu finden, das seine poetische Tochter verloren hatte -und das er hiermit submissest zurückerstattet, weil er keine Verwendung -dafür hat.«</p> - -<p>»Gnädiges Fräulein, die Stelle von der epischen Ruhe dieser -großen hohen Wiesenflächen und ihrer lyrischen Unterbrechung -durch die kleinen Büsche mit ihren bizarren Zwergstämmchen -und den wunderlichen Kronen ist herrlich. Bitte, schenken Sie -mir das Blatt!«</p> - -<p>Der das sprach, war ein junger, schlanker Mann. Der Alte -lachte fröhlich.</p> - -<p>»Bravo, Herr Juro, bravo! Man hört Ihnen gleich an, daß -Sie Ackerbau studieren und künftiger Scholta und Großbauer -im Wendenland sind. Jawohl, das ist unsere moderne Landwirtschaft! -Der Landwirt stellt sich an die Wiese und phantasiert -von epischer Ruhe und lyrischer Unterbrechung, und die Ochsen -zu Hause verhungern und die Wirtschaft geht sachte zum -Deibel.«</p> - -<p>»Lieber Vater …«</p> - -<p>»Lieber Sohn?! Sei du man stille! Denn du bist erst der -rechte!«</p> - -<p>Heinrich von Withold, ein zweiter junger Mann, nickte -seinem Vater gemütlich zu und pfiff eine kurze musikalische -Sentenz.</p> - -<p>»Pfeif nur, Bürschel, pfeif nur! War wohl wieder von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -verrückten Kerl, von dem Wagner? Ich sage – einmal und -nicht wieder!«</p> - -<p>Niemand fragte, was er meine. Alle wußten, er meine, einmal -habe er eine der neuen Wagnerschen Opern angehört und -tue das nie wieder.</p> - -<p>»Auf keinen Fall!« fuhr Herr Withold zornig beteuernd -fort. »Jetzt – was soll ich machen, daß der Junge, der Heinrich -da, sich viel mehr mit musikalischen Faxen abgibt, als daß er -Volkswirtschaft und Agrikultur studiert, wofür ich ihn, -Himmeldonnerwetter, nach Breslau zur Universität geschickt -habe?! Was soll ich machen?«</p> - -<p>»Ach, wir können die Kinder nach unserm Sinn nicht -formen. So wie Gott sie uns gab, muß man sie halten und -lieben,« entgegnete Heinrich, der Jüngling. »Siehst du, Papa, -diese Verse sind auch dichterisch, zwar nicht von meiner Schwester -Elisabeth, aber von Goethe, von Johann Wolfgang von Goethe.«</p> - -<p>»Affe!« sagte der Alte. (Er meinte seinen Sohn Heinrich, -nicht Goethe.) »Affe!« wiederholte er, »ihr habt Glück, daß ihr -so einen schafsgutmütigen Vater habt, sonst – Donnerschlag -ja …! Ich amüsier' mich schon immer, wenn ich so 'ne Visitenkarte -von einem Studenten sehe: ›<em class="antiqua">stud. med.</em>‹, ›<em class="antiqua">stud. jur.</em>‹, -›<em class="antiqua">stud. phil.</em>‹, ›<em class="antiqua">stud. agric.</em>‹ und was da alles draufsteht. – Da -sag ich mir immer, das erste ›<em class="antiqua">stud.</em>‹, das is das, was der Kerl -im allgemeinen nicht macht, und das, was dahinter kommt, -das is das, wovon er sich ganz besonders drückt. Herr Gott, -dahier stehen zwei Studenten, <em class="antiqua">cives academiae</em>, wie es so stolz -heißt – Herr Juro und Herr Heinrich, mein vielbegabter Herr -Sohn; beide sollen in Breslau Agrikultur studieren, beide -sollen ja einmal große Güter übernehmen. Gut! Kommen wir -also hier an diese kolossalen Bergwiesen. Müßte man denken – -halt – Studenten des Ackerbaues – halt! – was werden die -machen? Werden sich gewiß hinstellen und sagen: Bis zu dem -Gebüsch da soundsoviel Huben, bis zur Baude soundsoviel -Huben und so weiter. Und dann: Verflixt ja, wenn ich diese -Prachtwiesen unten im Gelände hätte – das Kroppzeug von -Knieholz rodete ich aus – Klee? – Ruchgras? – Luzerne? –<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -Zum mindesten Buchweizen? – Wollen mal sehen! – Aber -die Wiesen liegen nu mal hier oben. Viertausend Fuß hoch. -Nichts zu machen mit Talbepflanzung. Aber mit Almenwirtschaft, -zum Donnerwetter, mit rationeller Almenwirtschaft! -Schande und schade um so herrliche Flur! Jawohl, so müßte -man denken, würden zwei Studenten sagen, die Ackerbau -studieren. Ach, du oller Döskopp! Einer spricht von epischer -Breite und lyrischer Unterbrechung und einer pfeift 'ne Melodie, -nach der nicht mal sein letzter Pferdeknecht tanzen mag.«</p> - -<p>»Herr von Withold, Sie haben ganz recht. Was mich angeht, -so befinde ich mich sicher an ganz falschem Platze. Ich habe eben -für die Landwirtschaft nicht das mindeste Talent.«</p> - -<p>»Na, Juro, so schlimm wird ja das nicht sein. Hauptsache, -Sie geben sich Mühe. Seh'n Sie mal, das schöne Gut wartet -doch auf Sie! Ein Rittergut können Sie aus der alten wendischen -Scholtisei machen, wenn Sie's vernünftig anstellen. -Ihr Großvater und Ihr Vater haben ja kolossal zugekauft. Wie -groß ist denn Ihr Väterliches jetzt?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht«, sagte Juro achselzuckend.</p> - -<p>»Sie – Sie wissen das nicht? Ja, erlauben Sie mal, das – -das ist arg! Studiert Ackerbau und weiß nicht mal, wie groß -das väterliche Gut ist. – Das ist ja unglaublich! Als ich so alt -war wie Sie, kannte ich auf unserem Gute sozusagen jedes -Rind, jedes Schaf, jeden Hahn persönlich mit seiner ganzen -Lebens- und Familiengeschichte. Und Sie wissen nicht mal – -ja, dann ist's allerdings am besten, Sie hängen die Geschichte -an den Nagel.«</p> - -<p>»Ich möchte wohl, wenn ich es könnte.«</p> - -<p>»Aber Mensch, Christ, Bürger, Sie haben doch Traditionen -zu erfüllen! Sie können doch nicht mir nichts dir nichts eine so -wunderbare Sache fahren lassen. Donnerwetter, bei Ihnen ist -ja von Bauernwirtschaft gar keine Rede mehr, das ist doch ein -großes Gut! Ja, Mensch, wollten Sie denn lieber ein ärmlicher -Stubenhocker sein, als über eigenen Grund und Boden schreiten -als freier Mann, dem niemand auch nur ein Wörtlein zu sagen -hat, der lebt wie ein König?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>»Wie ein König der Wenden!«</p> - -<p>»Red' mir nicht hinein, Heinrich! König der Wenden, das -gibt's nich! Das is eine von den vielen alten Sagen, die die -Wenden haben. Unsere Wenden sind gute Preußen, haben ihren -König in Berlin, wie andere Preußen, ihren Bramborski Kral. -Aber ein König in seiner Art ist jeder freie Landwirt, und nur er, -alle anderen bis zum Minister und General hinauf sind abhängige -Diener.«</p> - -<p>Er nahm einen Schluck aus der Reiseflasche und fuhr fort: -»Und Heimat – ist Heimat gar nichts mehr? Irgendein Tand, -den man leichten Herzens aufgibt? Sehen Sie, Juro, Ihre -Wendenheimat ist schön! Nicht lauter Kernboden – nein, viel -Sand und auch Moor dazwischen. Aber doch gutes, treues -Land, auf das man sich immer noch verlassen kann. Ja, und -ich – ich bin ja eigentlich ein Fremder dort zu Lande. Na, -schütteln Sie nich den Kopp! Ich bin ein deutscher Rittermäßiger, -der sich im Wendenland sein Gut gekauft hat. Ja, -ich kann mich nicht beschweren, die Wenden sind gute Leute. -Saufen ja 'n bissel – das tun wir auch – sind auch sonst nicht -gerade große Säulenheilige – das sind wir auch nicht –, aber -sind fleißige Arbeiter und ehrliche Leute. Juro, ich bin ein Deutscher, -aber ich möcht aus dem Wendenland nicht raus; es is -mir zur Heimat geworden, wenn ich mir auch jetzt noch mit -jedem wendischen Wort die Zunge verrenke. Und Sie – Sie -sind doch ein geborener Wende!«</p> - -<p>Juro ließ den Kopf sinken und zupfte mit den Fingern an -dem kurzen Grase. Der Wind spielte leicht mit seinen schlichten -blonden Haaren, und eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen. -So sprach er:</p> - -<p>»Ach, Herr von Withold, Sie wissen nicht, woran Sie da -rühren. Das sind ja die Kämpfe, die ich seit vielen Jahren führe -mit meiner Mutter, mit meinem Vater, mit mir selbst, auch mit -meinem Bruder Samo. Daß ich für die Landwirtschaft kein -Talent und kein Interesse habe, ist ja von meiner Nationalität -ganz unabhängig und hat damit gar nichts zu tun. Ich studiere -ja auch in der Hauptsache Medizin und höre nur nebenbei einige<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -landwirtschaftliche Vorlesungen. Was mich grämt, ist aber, daß -sie mich zu Hause alle als einen Abtrünnigen ansehen, als einen, -der sein Wendentum verrät und ein Deutscher wurde.«</p> - -<p>Der junge Mann stand auf. Eine große Erregung überkam -ihn.</p> - -<p>»Ich will's ja nicht leugnen, ich bin ein Deutscher in -meinem Herzen. Aber ich wehre mich dagegen, daß ich das -Wendentum verraten haben soll. Was sind die Wenden noch? -Ein winziges Häuflein, eingesprengt ins große deutsche Volk. -Und wie ist ihnen zu helfen? Dadurch, daß sie sich feindselig -und eigensinnig absperren? Dann müssen sie verhungern, vor -allen Dingen auch geistig verhungern. Wir haben keine große -Nationalliteratur, keine nationale Kunst, keine nationale -Wissenschaft, keine großen nationalen Schulen, nicht einmal -nationale Geschäftsbetriebe. Auf unseren Walddörfern sitzen -wir in Armut, und wenn einer hinauskommt und nichts kann -als seine wendische Sprache, die niemand versteht, dann wird -er ein Helot, und das ganze Volk wird ein Helotenvolk werden. -Das will ich nicht, dagegen wehr' ich mich, eben weil ich die -Meinigen liebe, und darum müssen wir, die selbst zu schwach -sind, uns an ein stärkeres und reicheres Volk anschließen, -müssen wir eine Sprache haben, die ins weite Land klingt und -auf vielen Märkten und in vielen Hörsälen verstanden wird.«</p> - -<p>Er hielt inne und blickte hinunter ins tiefe Elbtal, das den -preußischen und den böhmischen Kamm des Riesengebirges -trennt. Steil fallen die Felsenwände des böhmischen Krokonosch -hinab zum Fluß. Juros Blicke schweiften hinüber zum böhmischen -Land. Und er sprach das, was in seinem jungen Grüblerherzen -sich in vielen einsamen Stunden gebildet und immer -wiederholt hatte, was er wie sein eigenes Evangelium konnte:</p> - -<p>»Anschluß an ein glücklicheres Volk, als wir sind, denen -das Schicksal durch alle Jahrhunderte die Größe und Selbstherrlichkeit -versagt hat! Kapitulation in Ehren! Aussöhnung -mit gegebenen Notwendigkeiten, Aussöhnung, die uns nicht -schändet, die uns vorwärts führt. Heimatsuchen in weitem Gefild, -Heimatsuchen, das meinen stillen, gutmütigen Brüdern<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -und Schwestern nicht schwerfallen wird … Aber nicht dort -drüben, nicht bei den Tschechen, die unsere Vettern heißen, die -viel glücklicher waren als wir, in viel reicherem Lande wohnen -und die doch trotz aller Großmannssucht den Weg zu einer -hohen Staffel der Menschheit nicht fanden. Wir wollen Deutsche -sein, im Deutschtum vorwärtskommen und ehrlich mithelfen, -das, was uns am Deutschtum nicht gefallen kann, zu ändern -und zu bessern.«</p> - -<p>Der alte Withold reichte Juro gerührt die Hand, und der -Mund des jungen, leidenschaftlich erregten Wenden zuckte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Silberlicht des Mondes spielte die junge Elbe auf der -Bergwiese. Und sie plauderte harmlos wie alle Bächlein, die -mit Gräsern spielen und mit lachendem Glick-Glack und Hopp-Schlock -über wichtigtuende Hölzchen wegsetzen, die sich ihnen -neckend in den Weg legen. Das spielende Königskind, das zu -Großem berufen ist, zur Beherrscherin weiter Lande und mächtiger -Städte, tändelt hier in seiner Jugendheimat, lacht, tanzt -und plaudert wie ein armes Wiesenwässerchen, das im nächsten -Dorfteich mündet.</p> - -<p>Aber eine ungestörte Jugend haben Königskinder nicht. -Alte Leute, die von ihrer großen Mission wissen, nehmen sie -von Zeit zu Zeit vom Spielplatz weg, bekleiden sie mit Größe -und Würde, mit Brokatgewändern und goldenen Kronen, -trichtern ihnen ein trutzig und altklug Sprüchlein ein und stellen -sie so dem Volk zur Schau.</p> - -<p>»Seht da, das Königskind! Seht die Würde und Größe, -die in ihm ruht!«</p> - -<p>Also geschieht es auch mit der jungen Elbe. Ihre Wässerchen -werden in einem großen Wasserbehälter aufgefangen, der dicht -an einem felsigen Abgrund liegt, und wenn der ganze Behälter -voll ist und wenn genug Volk da ist, das geneigt ist, seinen -Tribut zu entrichten, dann zieht der Wärter, der Gouverneur -des jungen Königskindes, eine Schleuse, und das Kind, das -eben noch silbern lachte, spricht plötzlich mit donnernden<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Herrscherworten, entrollt seinen tausendfaltigen Demantmantel, -steigt mit Riesenschritten hinab ins Tal.</p> - -<p>Freilich, es ist nur ein höfisches Theater, es ist nur, um dem -Volk ein Schaustück zu stellen. Kaum ist das Königskind -im Tal angelangt, so zieht es den wallenden Demantmantel -wieder aus, hört auf, seinen eingelernten Donnerspruch -zu sagen, und spielt tändelnd wieder wie andere Kinder. – –</p> - -<p>Einsam lag die Gebirgsbaude an der Felsschlucht, wo der -alte Wärter am Wasserbassin lehnte und wartete, ob er um ein -Stücklein Trinkgeld den »Elbfall« noch einmal »ziehen« -können würde. In der Baude saßen Gäste, lachten beim böhmischen -Wein. Ein Fiedler spielte, sein Weib schlug die Gitarre. -Sie sangen »Gott erhalte Franz den Kaiser« und »Heil dir im -Siegerkranz«.</p> - -<p>Die drei Künstlermenschen, das Geschwisterpaar Withold -und der junge Wende Juro, wanderten draußen durch den -lichten Abend, sahen den Himmelskuß des Sternenlichtes auf -den Stirnen der Berge, sahen das tiefe dunkle Elbtal hinab -einen weißen Nebelschwaden fahren, der war wie ein silberner -Kahn auf dunklem Strom. Als die drei zu einem schmalen, -steinigen Fußsteig kamen, der in die Elbschlucht führt, sagte -Heinrich zu Juro und Elisabeth:</p> - -<p>»Steigt ein Stücklein da hinab. Ich gehe hinüber zum -Wärter, er muß den Fall noch einmal ablassen. Das wird schön -aussehen jetzt im Mondenschein.«</p> - -<p>Da standen Juro und Elisabeth erst zögernd still, dann -gingen sie beklommen den dunklen, schmalen Felsenweg hinab. -Sie waren jung. Sie waren Träumer. Sie liebten sich, und ihre -Seelen waren unverdorben. Da war die herzschlagende Scheu -in ihnen, die bange Furcht und doch auch die schmerzliche Sehnsucht: -jetzt in dieser lichten Abendstunde möge die Zeit gekommen -sein, wo das goldene Tor zum Allerheiligsten ihrer -Seele aufspringen und sich das Wunder offenbaren würde, das -wohlgehütet da wohnte – ihre Liebe.</p> - -<p>Langsam stiegen sie den holprigen Pfad hinab, und wenn -der Mann dem Mädchen die Hand reichte, dann glühten die<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Hände ineinander wie im Fieberfeuer, oder sie trafen sich kalt -wie in Schreck und Angst.</p> - -<p>Als sie endlich stehenblieben, war ein Baumstamm zwischen -ihnen, aber sie fühlten ihre Nähe, und es war, als ob -tausend weiche Wunderfäden sich um sie und den Stamm -rankten und sie in weltferne Wonnen einspännen. Ein Nachtvogel -huschte vor ihnen auf; sonst war alles in tiefer, feierlicher -Ruhe.</p> - -<p>Da kam ein Plätschern, ein Rauschen, dann ein Brausen, -und donnernd fiel eine Silberflut vor ihren Augen durch die -Nacht, und eine Siegeshymne dröhnte an ihr Ohr. Eine Fülle -von Schönheit, Größe, Kraft ward vor ihnen aufgetan, ein -Siegesjubel, ein jauchzender Glaube an Glück und Freude -durchschütterte sie …</p> - -<p>Der Strom überdröhnte den Schlag ihrer Herzen, und sie -lagen sich in den Armen zum ersten langen heißen Kuß.</p> - -<p>Sie sprachen kein Wort. Den ganzen großen jubelnden -Inhalt ihrer Herzen sang der silberne Fluß in gewaltiger -Melodie.</p> - -<p>Erst als der Strom versiegte, als ein dünnes Rinnlein einen -leisen Epilog zu dem großen Schauspiel sprach, da erwachten sie -zur Menschensprache und gaben sich in stammelnden Fragen -und wirren Antworten, mit leisem Seufzen und glückseligem -Lachen Kunde von ihrer Liebe.</p> - -<p>»Ich gehöre dir für immer und ewig!«</p> - -<p>Diese Worte sprach Juro fest und mit feierlichem Ernst. Es -war ein Gelöbnis, das aus der Gegenwart herauswuchs und -an keine Kämpfe der Zukunft dachte.</p> - -<p>Der Wendensohn und das deutsche Mädchen hatten sich -verlobt. – – –</p> - -<p>Heinrich kam, merkte sogleich, was geschehen sei, drückte -dem Freund und seiner Schwester die Hand und übernahm es, -oben auf dem Wiesenplan die Verwirrung der beiden jungen -Leute durch seine Munterkeit zu verbergen.</p> - -<p>Die Eltern und alle anderen Gäste waren aus der Baude -gekommen, und nun wurde im Freien eine große Polonaise<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -geschritten, zu der der Böhme und sein gitarreschlagendes Weib -gar lieblich musizierten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein später Wanderer kam vom Hohen Rad herüber. Er war -schon weit gegangen, hatte in vielen Bauden Einkehr gehalten -und überall dieselbe Frage getan. Nun wies ihn die Spur, der -er folgte, nach der Elbfallbaude, die da endlich vor ihm lag. -Er hörte Musik, sah tanzende Gestalten, hörte ein deutsches Lied -singen und blieb stehen. Den Hut hielt er in der Hand, der Mond -bestrahlte seinen Kopf.</p> - -<p>Schlichtes, schwarzes Haar, in die Stirn gekämmt, etwa wie -es die Russen tragen, breite Wangen, zwei kleine dunkle, bewegliche -Augen. Die Figur klein, aber kräftig, ein wenig krummrückig, -so daß der Hals kurz, gedrückt erschien. Er war jung, -ohne recht jung auszusehen, über dem scharf und energisch geschnittenen -Mund war kein Barthaar zu sehen.</p> - -<p>Wieder tönte das Lied herüber. Da kniffen sich die kleinen -Augen zusammen, und der Fremde sprach in fremder Sprache:</p> - -<p>»Tolle Deutsche auf slawischem Boden!«</p> - -<p>Im Weitergehen summte auch er ein Lied:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Kde domov muj?</em>«</p> - -<p>Es war das tschechische Heimatlied: »Wo steht mein Vaterhaus?«</p> - -<p>So kam er an die Baude heran. Mit finsterem Blick schaute -er dem fröhlichen Tanze zu, blickte er besonders auf Juro, der -mit Elisabeth tanzte und die Ankunft des Fremden gar nicht -bemerkte.</p> - -<p>Da faßte ihn dieser am Arm, hielt das Paar an.</p> - -<p>»Hör auf zu tanzen!«</p> - -<p>Er sagte es in der fremden Sprache.</p> - -<p>Juro wandte sich ihm bestürzt zu.</p> - -<p>»Was – was ist? – Samo – du? – Du – Samo? – -Ja – was – was willst du denn?«</p> - -<p>»Daß du aufhörst zu tanzen!«</p> - -<p>»Was fällt dir ein? – Wo kommst du her? – Kennst du<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -denn Fräulein von Withold nicht, die Tochter von Herrn -von Withold aus unserem Nachbardorf?«</p> - -<p>Der Fremde machte Elisabeth eine leichte, mürrische Verneigung.</p> - -<p>»Ich habe mit meinem Bruder zu reden«, sagte er kurz.</p> - -<p>»Samo, ich verbitte mir diesen Ton! Ich verbitte mir, <span id="corr028">daß du</span> -mich hier mitten im harmlosen Tanz überfällst.«</p> - -<p>»So tanze weiter! Indes liegt unsere Mutter daheim im -Sterben!«</p> - -<p>»Du bist – du bist wohl wahnsinnig?«</p> - -<p>Der andere reichte ihm ein Depeschenblatt hin.</p> - -<p>»Mutter tödlich verunglückt –«</p> - -<p>»Samo – was – was – das ist ja nicht möglich – -o Gott, Samo, das ist doch nicht wahr? Sag doch, was das -ist – sag doch, was du weißt –«</p> - -<p>»Ich weiß, daß ich das Blatt in Breslau bekam, daß ich -hierhergefahren bin und daß ich dich den ganzen Tag gesucht -habe.«</p> - -<p>Juro brach in ein mühsam unterdrücktes Schluchzen aus -und wollte sich dem Bruder an die Brust werfen. Der wehrte -ihn ab.</p> - -<p>»Hol deine Sachen und komm!«</p> - -<p>Eine Weile stand Juro fassungslos da, indes seine Hände -das böse Blatt zerknitterten, dann wandte er sich zu Elisabeth.</p> - -<p>Die stand mit todblassem Gesicht neben ihm. Die anderen -drängten heran, die Musikanten brachen das Spiel ab, eine -kurze Auskunft wurde gegeben, eine Flut bedauernder Worte -wogte durcheinander.</p> - -<p>Da ging Juro nach der Baude, holte sein geringes Reisegepäck. -Als er vor Elisabeth zum Abschiednehmen stand, sagte -er leise zu ihr:</p> - -<p>»Nun bleib mir treu! Jetzt brauche ich dich mehr als früher!«</p> - -<p>Sie wollte etwas sagen, aber ihre Lippen zuckten nur. Doch -sie drückte ihm die Hand.</p> - -<p>Bald darauf wanderten die beiden Brüder der preußischen -Grenze zu.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p class="ph2">Drüben im Wendenland kämpft die verunglückte Frau mit -dem Tode.</p> - -<p>»Es geht zu Ende! – Nehmt mich aus dem Bett! Holt -frisches Stroh. – – – Weine nicht so sehr, Hanka! – Wenn -ich tot bin, weine nicht auf meinen Sarg – – sonst müßte -ich kommen und dich zu mir holen – –«</p> - -<p>Eine lange, bange Pause. Dann fährt die Kranke fort: -»Kommt Juro? – Habt ihr ihm geschrieben? – – Ich muß -noch mit ihm reden – – und ich will ihn sehen –«</p> - -<p>Der alte Scholta tritt ans Bett seiner Frau.</p> - -<p>»Juro kommt und auch Samo kommt.«</p> - -<p>Die Kranke lächelt und reicht ihrem Gatten die Hand.</p> - -<p>»Hanzo! Ich danke dir, daß du mich zu deiner Frau genommen -hast! Das war eine Gnade von Gott!«</p> - -<p>Über das scharfgeschnittene, bartlose Gesicht des alten -Wenden geht ein tiefer Schmerz; aber er sagt nichts als: -»Gott helfe dir!«</p> - -<p>Die Frau richtet den Blick nach der Wand, wo der Glasschrank -steht. Er ist aus gelbgestrichenem Kirschbaumholz und -hat eine Tür mit drei Glasscheiben, durch die man ein Gewirr -bunter Dinge steht. Da sind Porzellan- und Glasgefäße vom -Ahn und Urahn her. An alle knüpfen sich Familienerinnerungen, -auf manchem steht ein alter Name, eine alte Jahreszahl, -ein alter Segensspruch, der noch immer wirkt, wenn man -ihn liest. Da sind noch die Tabaksdose und die Korallenkette, -die der Alte Fritz den Urgroßeltern geschenkt hat, als er einmal -in der Scholtisei gerastet hat; da ist Großvaters eiserner Ehering -vom Jahre 1813. Wie die Kaffeetassen glitzern mit ihren -goldenen oder hellroten Aufschriften! Dazwischen liegt ein altes -Stück Holz. Es stammt von der uralten Hejka, der Hammerkeule, -die der erste Scholta der Familie als Zeichen seiner Macht -führte, mit der er sich verteidigte, als er in bösen Zeitläuften des -langen Krieges von Kroaten überfallen wurde. Die Kroaten -erschlugen ihn, zerschlugen seine Hejka. Aber das Holz der Hejka -liegt immer noch als Heiligtum im Glasschrank unter den -schönen feierlichen Kaffeetassen, das Andenken des Urahnen ist<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -immer noch im Segen, und die Kroaten werden wohl gestorben -und verdorben und verloren sein, wie alle bösen Menschen verlorengehen.</p> - -<p>Die schlimmen Schmerzen kommen wieder, die Kranke verliert -das Bewußtsein.</p> - -<p>Hanka, das junge Wendenmädchen, schreit laut auf, Hanzo -tritt ruhig ans Bett und schiebt das jammernde Mädchen beiseite. -Der alte Knecht Kito schleicht durch die Tür herein. Er hat -ein Büschel Kirchhofgras in der Hand.</p> - -<p>Die Kranke erwacht wieder zum Leben. Und nachdem ihre -Augen lange in Fieber und Schmerz an der Stubendecke herumgeirrt -sind, richtet sie wieder den Blick nach dem Glasschrank -und reicht ihrem Manne die Hand.</p> - -<p>»Hanzo, es war eine Gnade –!«</p> - -<p>Dort im Glasschrank ist noch der kleine Rautenkranz, den -Hanzo bei der Hochzeit auf dem Kopfe trug. Weil er »<em class="antiqua">cysty</em>« -war – ehrbar. Und der Kranz ist ihm nicht abgefallen den -ganzen Tag, nicht einmal beim Tanze. Nun ist der Kranz freilich -braun und dürr, aber die grünen und weißen Seidenfäden, die -von ihm herunterhängen, sind noch immer weiß und grün. Da -steht noch ihre eigene farbengeschmückte Brauthaube, da ist noch -ihr eigener Kranz, da ist noch der Taler, den ihr die Mutter in -den Brautstrumpf steckte, damit sie immer im Leben Geld habe. -Da sind noch zwei Kerzenstümpfe, die gebrannt haben von dem -Augenblick der Geburt ihrer beiden Söhne Juro und Samo an -bis zu deren Taufe. Nun kann der Teufel keine Macht über sie -haben ihr Leben lang.</p> - -<p>Grüne, schöne Zeit! Die scheidende Seele geht am letzten -Herbsttag immer zu ihrem Frühling zurück.</p> - -<p>»Sie stirbt! Sie stirbt!« schreit Hanka, das Mädchen, wieder -leidenschaftlich auf und neigt sich über die bleiche Kranke. Die -fährt mit irren Fingern nach dem Verband an ihrem Kopf, und -ein rotes Rinnsel fließt über Auge und Wange.</p> - -<p>»Sie stirbt! Sie stirbt!«</p> - -<p>»Geh weg, Mädel!«</p> - -<p>Der alte Knecht Kito steht am Bett. Er hat Gras geholt vom<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Kirchhof und es trocknen lassen. Nun zündet er die dürren -Gräser und Blumen an, läßt den Rauch hingehen über die -Kranke und spricht:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich sehe einen heiligen Baum.<br /></span> -<span class="i0">Er hat kostbare Frucht getragen.<br /></span> -<span class="i0">Er trägt nicht mehr.<br /></span> -<span class="i0">Blut stehe still und tue nicht weh:<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen -Geistes!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">To pomogaj si bóg wósc, bóg syn a bóg swety duch</em>«, -wiederholt der alte Scholta. – –</p> - -<p>Da fährt ein Wagen in den Hof. Ein Herr springt heraus, -stellt draußen einige Fragen und tritt in die Stube.</p> - -<p>»Tag! Also, was ist los?« So fragt er barsch.</p> - -<p>Die beiden alten Wenden und das junge Mädchen starren -den Fremdling an. Der geht auf das Krankenbett los …</p> - -<p>»Also, wollen mal sehen!«</p> - -<p>Und streckt die Hand nach der Kranken aus.</p> - -<p>»Herr, wer sind Sie? Was wollen Sie hier?« fragt der alte -Scholta.</p> - -<p>»Ja, Mann, ich bin doch der Arzt – <em class="antiqua">Dr.</em> Brehler. Sie haben -mich doch rufen lassen.«</p> - -<p>»Ich habe Sie nicht rufen lassen.«</p> - -<p>»Na, hört sich alles auf! Kommt so'n Kerl, Wilhelm Tielscher -oder so ähnlich – also Ihr Knecht – kommt der mitten -in der Nacht, klingelt mich raus und sagt, ich müsse sofort zu -seiner verunglückten Frau kommen. Na, ich hab' den Morgen -abgewartet und bin nun hier. Die Fahrt durch Ihre Sandgruben -und Schlammgräben ist doch kein Vergnügen. Ist das nu Ihre -Frau?«</p> - -<p>»Ja! Und verunglückt, schwer verunglückt ist sie auch – -ja! Aber Sie rufen lassen habe ich nicht – nein!«</p> - -<p>»Das ist stark! Mich hierher in dieses weltverlorene Nest – -Ja, Mann, sehen Sie nicht, daß die Frau stirbt?«</p> - -<p>»Ja, das sehe ich!« sagt der Scholta ganz leise.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p> - -<p>»Und Sie lassen die Frau so liegen? Was ist denn das für -ein schauderhafter Qualm hier?«</p> - -<p>Der alte Kito tritt vor.</p> - -<p>»Ich habe die Frau angeräuchert und das Blut besprochen«, -sagt er mit großem Ernst.</p> - -<p>»Beräuchert? Besprochen? Ja, Menschenkinder, gibt's denn -im neunzehnten Jahrhundert wirklich noch solch schafsdämliche -Gesellschaft? Seid ihr denn verrückt?«</p> - -<p>»Herr Doktor! – Herr Doktor! – Herr Doktor!«</p> - -<p>Mehr bringt der weißhaarige Alte nicht heraus. Aber mit -seinem angebrannten Grasbüschel fährt er dem Arzt vor dem -Gesicht herum.</p> - -<p>»Herr Doktor – ich habe – im Namen Gottes –«</p> - -<p>»Im Namen Gottes wird der hellste Blödsinn vollführt -seit ewigen Zeiten!« schrie der Doktor. »Macht das Fenster -auf! – Und Sie – Sie sind doch der Mann von der Frau? -Soll ich sie nun untersuchen oder nicht?«</p> - -<p>Der Scholta senkte den Kopf und schwieg.</p> - -<p>»Also – da – da macht doch, was ihr wollt!«</p> - -<p>Zornschnaubend wandte sich der Arzt nach der Tür. Da eilte -ihm Hanzo nach.</p> - -<p>»Herr Doktor – können Sie – können Sie meiner Frau -wirklich das Leben retten?«</p> - -<p>»Natürlich kann ich. Dafür bin ich Doktor! Aber ihr mit -eurem blödsinnigen Quatsch macht ja alles zuschanden. Adieu!«</p> - -<p>»Herr Doktor! Herr Doktor! Ich bitte so sehr! Ich gebe -alles, was Sie wollen, wenn Sie es wirklich können!«</p> - -<p>»So! Auf einmal! Erst wird man behandelt wie'n Schuhputzer, -und dann –«</p> - -<p>Er kehrte um, tat einige barsche Fragen und enthüllte dann -die bewußtlose Frau, um sie zu untersuchen.</p> - -<p>Der alte Hanzo wandte sich ab. Er schluchzte, und seine Brust -krampfte sich zusammen. Der Sohn der Heide litt darunter, -daß ein fremder Mann seine Frau sah. Der alte Kito schlich -mit seinem Grasbüschel hinaus.</p> - -<p>Eine lange schmerzliche Pause. Die Sonne sah zum Fenster<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -herein und vergoldete den Rautenkranz, den der Scholta bei -seiner Trauung getragen, und in dem alten Glasschrank war -Licht und Glanz, und in der keuschen Seele des Bauern war -Nacht und Qual.</p> - -<p>»Hm! Da ist nichts mehr zu machen! Da ist es vorbei!«</p> - -<p>»Herr! – Und da – da – da – haben Sie erst –«</p> - -<p>»Was habe ich?«</p> - -<p>»Sie – Sie – Mariana –«</p> - -<p>Der alte Scholta sinkt am Bett nieder und deckt alles, was -er mit seinen zitternden Händen erlangt, hastig über seine Frau.</p> - -<p>»Ja, Mann, was wollen Sie eigentlich?«</p> - -<p>Der Scholta springt auf.</p> - -<p>»Können Sie – können Sie ihr nicht helfen?«</p> - -<p>»Nein! – Es ist vorbei –!«</p> - -<p>»Und Sie haben –«</p> - -<p>»Was habe ich?«</p> - -<p>»Sie erst – erst – erst –«</p> - -<p>»Also, Mann, brüllen Sie mich nicht an! Ich hab' die Sache -endlich satt. Adieu!«</p> - -<p>Mit kraftlos herabhängenden Armen, an denen sich die -Fäuste ballten, sah der alte Wende dem Arzte nach. – –</p> - -<p>Oh, es war schade!</p> - -<p>Es war schade, daß kein besserer Arzt, kein besserer Deutscher, -kein besserer Mensch in diese wendische Krankenstube trat. Und -es war schade, daß der deutsche Knecht Wilhelm Tielscher sechs -Wochen lang ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er den Arzt, -den er auf der Heimfahrt begleitete, unterwegs aus dem Wagen -gezogen, durchgeprügelt und zu Fuß hatte heimgehen lassen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Als der Abend kam, sagte die kranke Frau: »Nehmt mich -aus dem Bett. Holt das Sterbestroh und legt mich -darauf!«</p> - -<p>Alle wehrten ab.</p> - -<p>»Ich muß sterben,« sagte die Frau, »und es möchte niemand<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -mehr in den Betten schlafen, in denen ich gestorben bin. Legt -mich auf das Stroh!«</p> - -<p>Sie verlangte den alten wendischen Brauch, der das Bettzeug -nicht unbrauchbar werden lassen will, weshalb der Kranke -vor seinem Verscheiden neben das Bett auf Stroh gelegt wird.</p> - -<p>»Es ist schade um die Betten!« sagte die sparsame Frau. -»Ihr müßtet sie verbrennen!«</p> - -<p>Hanzo neigte sich über sie und sagte:</p> - -<p>»Weißt du nicht, wer du bist?«</p> - -<p>Da flog ein stolzes Lächeln über das Antlitz der Kranken, -und sie sagte wieder:</p> - -<p>»Hanzo, es war eine Gnade!«</p> - -<p>Dann sprach sie stolz zum alten Kito und zu Hanka:</p> - -<p>»Ich sterbe im Bett, weil mein Mann der Kral<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> ist.«</p> - -<p>Sie nahm ihn an der Hand und flüsterte:</p> - -<p>»Ich werde noch so lange leben, bis Juro kommt. Ich muß -noch mit ihm reden wegen Hanka und vom Kral.«</p> - -<p>Er nickte und saß am Bette und hielt ihre Hand.</p> - -<p>Und so warteten die beiden auf ihre Söhne und auf den Tod.</p> - -<p>Aber zwischen alles schwere Leid und alle Erwartung mischte -sich immer der Königsgedanke. Der Königsgedanke war im -ganzen Haus – bei der Frau als die stolzeste Erinnerung ihres -entfliehenden Lebens, bei dem Manne und bei allen Wenden in -Haus und Hof.</p> - -<p>Es war die Gewißheit, hier geschehe etwas anderes, Größeres, -als wenn sonst eine wendische Frau starb.</p> - -<p>Die Frau des Kral starb, die heimliche Königin der Wenden -schied aus dem Leben.</p> - -<p>Dieser Gedanke ging durchs Dorf: der alte Briefträger trug -ihn über die Heide; ein Händler fing die Kunde auf und trug -sie weiter; am Ackerpflug, am Webstuhl wurde er besprochen, -und bald sagten sich die Schiffer und Fischer drunten im Niederland -an der Spree wie auch die Schafhirten im Oberlande -heimlich und scheu: »Die Frau des Kral stirbt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>Als dieser Abend weiter vorschritt und der Nachtwind ans -Fenster klopfte, schrie die Frau auf:</p> - -<p>»Oh – der Nachtjäger!«</p> - -<p>Die Mägde stürzten mit neuem Tee herbei, mit Wohlverleih -und Schwarzwurzel, die da gut sind für die Wunden, und sie -brachten Bitterklee gegen das Fieber.</p> - -<p>Im Wundfieber sprach die Frau vom König der Wenden. -Wirr waren ihre Worte: vom verblühten Flieder sprach sie, von -der ledernen Brücke, von toten Kindern und vom Spinnen und -Weben – abgerissene, harte Worte vom Untergang, und dann -lachte sie dazwischen, rief nach Juro und Samo, gab Befehle -für die Milchwirtschaft und kam wieder auf den Kral und sprach -von einer silbernen Schaufel, von einer weißen Wolke und -einem weißen Fisch …</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist aber dieses die</p> - -<p class="center gesperrt">Sage vom Wendenkönig.</p> - -<p>Es war vor tausend und vielen Jahren. Der Winter war mit -seinem Eis bis auf den Grund der Spree gedrungen und -sprach mit knirschenden Worten zu den Waldbäumen, die, in -silberne Panzer gezwängt, seine Fronsleute waren.</p> - -<p>Da ritt vom verrufenen Kreuzweg her der Nachtjäger Sturm -gegen die gepanzerten Bäume. Er hatte das Gesicht im Nacken -und pfiff mit gellem Ton seinen sieben Wolfshunden. Die hatten -Schweinsköpfe und kamen mit fliegenden Flanken und triefenden, -behaarten Zungen dahergejagt. Das pechschwarze Roß -des Nachtjägers sprang zur Höhe, daß Funken von den Hufen -auf das Eis des Weges sprühten, und gelbes Feuer brach aus -den Nüstern des Rosses.</p> - -<p>So ritt der Nachtjäger Sturm. Ein Beben ging durch den -Wald, und alle Panzer klirrten, und alle Bäume duckten sich -angstvoll und gramvoll nieder.</p> - -<p>»Hallojoho! Hallojoho! Hallojoho!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<p>Eine Peitsche knallte, die Rüden bellten heiser und hohl. Der -Nachtjäger lachte. Wo er vorüberritt, verhüllten sich alle Sterne. -Wo er vorüberritt, kam das Sterben über das Vieh, erblindeten -alte Leute, ging Jungfrauenehre verloren, ringelten sich graue -Stricke gleich lockenden Schlangen in die Hände verzweifelnder -Menschen.</p> - -<p>»Hallojoho! Hallojoho!«</p> - -<p>Die Luft dröhnt und brüllt, Raben flattern zuckend am -Boden, die ersten Bäume brechen zusammen.</p> - -<p>Hallojoho! Der Nachtjäger ist da! – –</p> - -<p>Da tritt ein Mann aus dem Wald. Er trägt einen Pilgermantel -und einen Stecken als Stab.</p> - -<p>»Hallojoho! Ich reite dich zu Blut und Knochenbrei, und -meine Hunde fressen dir Auge und Herz!«</p> - -<p>Der Fremdling aber hebt seinen Stab und steht plötzlich in -großer Stille, steht in silbernem Mondenlicht und lächelt. Da -bäumt das Roß des Nachtjägers hoch auf, da dreht sich der -Kopf des wilden Reiters in wüstem Wirbel, da heulen die -Hunde wie unter grausamer Peitsche, da wendet sich der böse -Troß zu jäher Flucht.</p> - -<p>Die Wolken zerreißen, Mondenschein und Sonnenlicht fällt -auf die Wiese, der Wald richtet sich auf, und der Wanderer geht -auf ein kleines Haus zu, in dem ein Licht brennt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am knorrigen Ast des Apfelbaumes vor dem Hause hing -ein alter Mann. Die Glieder zuckten noch im Todeskampf. Der -Fremdling knüpfte den Gehenkten los, stellte ihn auf die Füße, -stützte ihn mit jugendstarkem Arm und fragte nach einer Weile:</p> - -<p>»Warum wolltest du sterben?«</p> - -<p>Der Greis keuchte etwas von Not und Elend, von Krankheit -unter dem Vieh, vom harten Winter und harten Hunger.</p> - -<p>»Der Nachtjäger hat dich betört! Komm ins Haus!«</p> - -<p>In der Hütte saß die Frau des alten Mannes. Sie war blind.</p> - -<p>»Warum bist du blind?« fragte der Fremdling.</p> - -<p>»Weil ich so viel geweint habe!«</p> - -<p>»Und warum hast du geweint?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p> - -<p>Sie machte eine müde Gebärde.</p> - -<p>Da zog der Fremdling eine goldene Schale aus der Tasche, -darin war eine kristallklare Flüssigkeit, und er strich mit der -Flüssigkeit über die Augen des alten Weibleins, und sie jauchzte -und lachte mit ihren wieder geöffneten Augen.</p> - -<p>Der alte Mann aber kniete am Tische nieder und sagte: -»Du bist der König der Wenden!«</p> - -<p>Und das alte Weiblein kniete am Tische nieder und sagte: -»Du bist unser Kral.«</p> - -<p>»Ja, ich bin der Kral der Wenden«, sagte der Fremde mit -Feierlichkeit.</p> - -<p>Dann zog er eine Spindel aus der Tasche und ein Säckchen -mit Leinsamen und belehrte die alten Leute, wie sie Flachs -bauen und spinnen sollten. Und wenn erst alle Leute Flachs -bauten und spännen, dann würde die Not fort sein aus dem -Wendenlande.</p> - -<p>Diese Leute hatten aber eine schöne Tochter. Sie war groß -gewachsen und üppig gebildet, hatte helle Haare und ein rotes -Gesicht; ihre Arme waren stark und ihre Füße flink.</p> - -<p>Sie trat nun in die Stube und sah den Fremdling, und er -sah sie. Und sie sahen beide ihre junge Gesundheit und ihre -schöne Kraft und liebten sich alsobald.</p> - -<p>»Ich höre, daß die Krankheit unter dein Vieh gekommen -ist«, begann der Fremde.</p> - -<p>»Ja, es ist so«, antwortete das Mädchen.</p> - -<p>»So komm mit mir in den Stall!«</p> - -<p>Sie gingen in die Winternacht hinaus nach dem Stalle, in -dem die Kühe krank die Köpfe hängen ließen.</p> - -<p>Der Fremde ließ die Tiere an einem Salz lecken, hob dann -die Hand und sagte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Neun Brunnen sind im Mittagsland,<br /></span> -<span class="i0">Neun Würmer nagen am Ufersand.<br /></span> -<span class="i0">Die Brunnen versiegten beim Morgenrot,<br /></span> -<span class="i0">Die Würmer waren am Mittag tot,<br /></span> -<span class="i0">Zu Abend und Nacht ich spreche dies Wort:<br /></span> -<span class="i0">All' Krankheit weiche von diesem Ort!«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> -<p>Da wurden die Tiere gesund.</p> - -<p>Am nächsten Tage, als es Mittag war und die Sonne klar -über das weiße Feld strahlte, nahm der Fremde das Mädchen -an der Hand, führte es in den kleinen Garten vor der Hütte -und sagte:</p> - -<p>»Ich schenke dir diesen Stab, den ich hier in die Erde stoße. -Er wird zu einem Baume werden, an dem tausend Blumen -blühen werden. Und der böse Jäger wird nimmermehr Macht -haben über euch.«</p> - -<p>Das Mädchen dankte ihm, und als sie der Fremde so sah in -ihrer Schönheit und Stärke, sagte er:</p> - -<p>»Du bist schön und gefällst mir wohl, und ich möchte dich -zum Weibe nehmen, wenn du mir in Wahrheit sagen kannst, -daß du eine reine Jungfer bist.«</p> - -<p>Da erglühte das Mädchen, und dann wurde es blaß, und -es sah auf den herrlichen Jüngling und zögerte noch drei Herzschläge -lang und sagte dann:</p> - -<p>»Wohl, ich bin eine reine Jungfrau!«</p> - -<p>Er fragte weiter:</p> - -<p>»Sage mir noch, wer der Mann war, den ich gestern abend -von deinem Hause schleichen sah, ehe ich bei euch eintrat.«</p> - -<p>Sie antwortete:</p> - -<p>»War es keiner vom wilden Heer, so war es wohl ein Dieb.«</p> - -<p>Darauf nahm er sie in seine Arme, küßte sie und sagte: »Am -Tage des nächsten Vollmondes soll unsere Hochzeit sein.« –</p> - -<p>Nach drei Tagen war aber im Kretscham des Dorfes Spiel -und Tanz. Da war auch der Fremde dabei, und er tanzte mit -seiner Braut bald zierlich, bald keck und feurig, bis die Sterne -hoch standen.</p> - -<p>Dann aber fielen die Burschen des Dorfes, die von einem -eifersüchtigen jungen Manne aufgehetzt waren, über den Fremden -her, um ihn zu töten.</p> - -<p>Er aber warf sie – hundert an der Zahl – mit Riesenkräften -der Reihe nach auf die Straße, und den einen, der -das Messer nach ihm <span id="corr038">zückte</span>, schlug er mit einem Fausthieb -nieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>Da riefen die draußen auf der Straße: »Weh', er hat ihren -Buhlen erschlagen!«</p> - -<p>Der Fremde sagte zu den Spielleuten, der Tanz sei aus, -und ging in den Wald.</p> - -<p>Am anderen Tage, als wieder die Mittagssonne klar übers -Feld schien, kam er zurück in die Hütte seiner Braut, nahm das -Mädchen bei der Hand und führte sie nach dem Garten, wo der -Wanderstecken in der Erde steckte.</p> - -<p>Und er fragte sie mit strenger Stimme:</p> - -<p>»Hatten jene recht, die sagten, ich habe deinen Buhlen erschlagen?«</p> - -<p>Weil aber das Mädchen nicht »nein« sagen konnte, riß er -den Stecken aus der Erde und schlug sie nieder.</p> - -<p>Noch ehe sie starb, fragte er:</p> - -<p>»Warum hast du mich belogen?«</p> - -<p>Da sagte sie, daß sie ihn ja früher nicht gekannt hätte, daß -sie ihn aber mit Treue geliebt hätte, als sie ihn sah. Und sie -starb.</p> - -<p>Der Fremdling stand drei Stunden neben ihr in tiefem -Nachdenken. Dann holte er eine Schaufel, begrub das Mädchen -und steckte den Stecken auf ihr Grab. Am selben Abend -noch zog er fort in die Welt.</p> - -<p>Als der Frühling kam, wuchs aus dem Stecken ein Fliederbaum. -Und der Flieder war fortan im Wendenland. Die Blüten -waren hold und lieb in jedem Jahr, und ihr Duft war süß und -zart; aber wer sie pflückte, dem welkten sie an der Brust, noch -ehe die Frühlingssonne unterging.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nach vielen Jahren kam der König wieder ins Wendenland. -Als er die Heimat betrat, wurde sein Antlitz rot und jung; -er war wieder ein Jüngling.</p> - -<p>Auf dem Sandwege im Föhrenwald begegnete ihm ein -wendisches Mädchen. Sie war zierlich und schlank und trug ein -Bündel unter dem Arm.</p> - -<p>»Wie heißest du? Woher bist du? Wohin gehst du? Und was -trägst du unter dem Arm?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p> - -<p>»Das sind viele Fragen. Ich heiße Trudetzka, ich bin aus -Burg und reise nach der reichen Stadt, um mein Garn zu verkaufen.«</p> - -<p>»Zeige mir dein Garn.«</p> - -<p>Er prüfte es und fand es fein und regelmäßig gesponnen.</p> - -<p>»Wer hat euch diese Kunst gelehrt?«</p> - -<p>Sie erzählte ihm vom Kral.</p> - -<p>Er hörte versonnen zu und fragte am Schlusse nur: »Blüht -der Flieder?«</p> - -<p>»Ja, der Flieder blüht im ganzen Lande.«</p> - -<p>Darauf besann sich der König eine Weile lang und sagte -dann:</p> - -<p>»Verkaufe dein Garn nicht an die Deutschen. Behalte es -und gehe heim. Ich werde mit dir gehen und dir das Geld geben, -das du verdienen wolltest.«</p> - -<p>Das Mädchen ging mit ihm, und sie kamen nach langer -Wanderung nach Burg, das an der Spree liegt. Dort kaufte -sich der Wendenkönig ein Haus. Und er baute alsbald mit -kundiger Hand einen Webstuhl und wurde ein Leinweber.</p> - -<p>Da kamen die Wenden aus allen Häusern und Wäldern. -Sie kamen auf Kähnen und auf Rossen, besahen sich den Webstuhl -und kehrten heim. Viele aber erkannten den starken, -klugen Mann, und sie flüsterten unter sich: »Er ist unser Kral.«</p> - -<p>Es geschah aber, daß Boten des Markgrafen Johannes, der -an der Grenze herrschte, in das Haus des Kral traten und ihn -fragten, ob er nicht Dienste nehmen wolle bei den deutschen -Kriegern. Ein Obrist solle er sein mit goldenem Stern und -funkelndem Degen.</p> - -<p>Der Kral wies das Angebot stolz von sich. Er wollte kein -Diener sein und sich auch nicht trennen von Trudetzka, um deren -Lieblichkeit willen er nach Burg gekommen war.</p> - -<p>Sein Ansehen wuchs von Tag zu Tag, und bald sagten die -Leute in den Spinnstuben:</p> - -<p>»Der Leinweber in Burg ist der König der Wenden. Er ist -uns nachgekommen aus dem fernen Asia. Er wird uns reich -und groß machen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<p>Trudetzka aber, die goldene Münzen am Mieder trug, die -ihr der Kral geschenkt hatte, sie führte den Kral an einem rotseidenen -Faden wie einen Narren, und einmal lockte sie ihn in -eine einsame Waldgegend und verriet ihn an Häscher des Markgrafen -Johannes.</p> - -<p>Der Kral schlug die Häscher tot. Das Mädchen aber trug er -sieben Stunden weit bis an den tiefsten Sumpf. Dort senkte er -Trudetzka hinein.</p> - -<p>Und er tat einen Fluch gegen Wendenland und ging in die -Welt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nach drei Menschenaltern saß der Kral in einer Herberge des -Morgenlandes. Er war zum Greise geworden. Ihm gegenüber -saß ein Mann mit dunklem Haar und stechend schwarzen Augen.</p> - -<p>Der Kral hob den Kopf und sagte zu dem Fremden:</p> - -<p>»Bist du aus Armenia?«</p> - -<p>Da lachte der Dunkle und wies gen Norden:</p> - -<p>»Droben im Nordland ist meine Heimat. Ich bin ein Sorb, -ein Slaw; denn ich habe ›<em class="antiqua">slovo</em>‹, das Wort, und die Deutschen -sind ›<em class="antiqua">njemski</em>‹, das ist stumme Hunde, denn sie können meine -Worte nicht sprechen.«</p> - -<p>Da erschrak der Kral und sagte:</p> - -<p>»Erzähle mir von deiner Heimat!«</p> - -<p>Und der Fremde begann:</p> - -<p>»Es ist ein Fluß, der heißt Sprewja, und es ist ein Ort -daran, der heißt Burg. Weithin bis nach der berühmten Stadt -Budissin dehnen sich Felder, Wälder und Wiesen. Dort wohnen -die Sorben, die von den <em class="antiqua">njemski</em> Wenden genannt werden. Das -Volk war arm, aber nun ist es reich und stark, denn ein Kral ist -erstanden, ein Retter und Erlöser, der hat das Volk nützliche -Künste gelehrt, die es groß und reich gemacht haben.«</p> - -<p>»Ein Kral sagst du?« fragte der Alte. »Ist er noch unter -euch? Ist er jung und stark?«</p> - -<p>Die Stirn des Fremden umwölkte sich.</p> - -<p>»Der Kral ist lange nicht mehr bei uns. Er ist aufgegangen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -an unserem Himmel wie eine Sonne und ist untergegangen -hinter zwei schwarzen Wolken!«</p> - -<p>»Hinter zwei schwarzen Wolken?«</p> - -<p>»Ja! Siehe, der Mann ist ein Stern, der auf die Erde scheint, -und das Weib ist die Wolke, die von ihm vergoldet wird, die ihn -weiß umrahmen, die ihn aber auch nächtlich verdecken kann. Es -standen zwei schwarze Wolken an unserem Himmel, das waren -zwei unwürdige Töchter unseres Volkes. Dahinter verschwand -der Kral.«</p> - -<p>Der Alte seufzte und fragte:</p> - -<p>»Ist nun das Land ohne Fürsten?«</p> - -<p>Da schwieg der Fremde lange, als kämpfe er mit tiefem -Gram. Dann berichtete er:</p> - -<p>»Das Land war so groß und reich, daß es einunddreißig -Fürsten hatte. Aber an der Grenze lauerte der stumme Hund. -Der <em class="antiqua">njemz</em>! Der Deutsche. Es war ein Markgraf, Gero mit -Namen –, der tat freundlich den Wenden. Der lud die einunddreißig -Fürsten auf sein Schloß zu üppigem Mahl und flößte -ihnen einen Teufelswein ein, der sie trunken und ihre Hände schlaff -machte, und er ließ dreißig erschlagen. Ein einziger entkam.«</p> - -<p>Aufsprang der Kral in weher Wut.</p> - -<p>»Und der eine – der letzte – er hat das Volk gesammelt, -er hat an dem <em class="antiqua">njemz</em> Rache genommen, sein Blut vergossen, -seine Burg zerstört, sein Land verwüstet – gesiegt –«</p> - -<p>»Schweig, ehrwürdiger Greis – schweige, denn ich ertrage -deine Worte nicht – die Schamröte verbrennt meine Wangen, -wenn du so redest – – der letzte, der einunddreißigste, floh -vor hundertfacher Übermacht und sitzt, ein beschämter Pilger, -an deinem Tisch.«</p> - -<p>»Du bist es?«</p> - -<p>»Ja, ich!«</p> - -<p>Still und traurig ging die Stunde weiter. Der Dunkle legte -den Kopf auf den Tisch, der Alte deckte die Hände über die -Augen, und seine Tränen tropften.</p> - -<p>»So ist das Volk ohne Führer?« fragte er endlich mit tiefer -Traurigkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p> - -<p>»Es ist allein. Wer bin ich, ihm zu helfen? Ein einziger -könnte ihm helfen – – der Kral. Aber die Sonne ist untergegangen, -und die Flur der Wenden liegt in Nacht.«</p> - -<p>Da stand der Alte auf und sprach mit Feierlichkeit:</p> - -<p>»Ich bin der König der Wenden.«</p> - -<p>Und der Fremde sah ihn erschrocken an und sank am Tisch -in die Knie und fragte erschüttert:</p> - -<p>»Du bist der König der Wenden?«</p> - -<p>»Ich bin es! Und wenn mich mein Alter trägt durch die -fremden Länder bis zur Heimat, dann will ich für mein Volk -kämpfen und dann sterben!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Sie saßen lange beisammen in der Herberge des Morgenlandes. -Und der Fremde sagte:</p> - -<p>»Großer Kral! Das Volk wartet auf dich. Ich bin nichts -als Morkusky, dein Diener. Aber Morkusky ist ein nützlicher -Diener. Er ist jahrelang bei einem großen Meister gewesen und -nun selbst geheimer Kräfte Meister.«</p> - -<p>Am folgenden Morgen reiste der Kral mit Morkusky gen -Norden.</p> - -<p>Als er in seine Heimat kam, wurde er mit jedem Tage um -ein Jahr jünger. Dieses Heimatwunder dauerte so lange, bis -der Kral wieder ein starker, schöner Jüngling war. – –</p> - -<p>Auf seiner Reise kam er gen Schorbus. Dort ist ein Berg, -auf dem zwei Felsblöcke liegen. Auf dem einen Stein saß Bely -Bog, der weiße Gott, der den Menschen, die über den Berg -wanderten, die Hände mit guten Gaben und das Herz mit -guten Gedanken füllte; auf dem andern Stein saß Zarny Bog, -der den Menschen die guten Gaben nahm und in den Schmutz -warf, die guten Gedanken in alle Winde stieß.</p> - -<p>Und der Kral wußte nicht, zu wem er sich wenden sollte. -Denn ob er gleich wieder ein Jüngling war von Gestalt und -Aussehen, so war doch sein Herz alt und kalt geblieben, hatte -böser Jahre und bösen Verrats nicht vergessen und war hart -und ohne Liebe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>Und der Kral stand mitten zwischen den beiden Göttern, -nicht um <span id="corr044">Haaresbreite</span> dem einen näher oder entfernter.</p> - -<p>Da kam von der anderen Seite her den Berg herauf ein -junger Mann, fast noch ein Knabe. Er war blond und schön, -und seine Augen blühten wie blaue Blumen. Er ging nach der -Seite des guten Gottes hin und grüßte nach Art der Deutschen.</p> - -<p>»Wohin willst du, deutscher Jüngling?« fragte finster der -Kral.</p> - -<p>»Ich suche den König der Wenden.«</p> - -<p>»Was willst du vom Kral?«</p> - -<p>»Ich komme für Gero, den Markgrafen. Er lud dreißig -wendische Fürsten zu sich auf sein Schloß. Er sprach gütlich mit -ihnen. Sie aber tranken und prahlten mit der Deutschen Tod. -Da wurden sie getötet.«</p> - -<p>»Er hat sie gemeuchelt«, schrie der Kral und trat einen -Schritt nach der linken Seite.</p> - -<p>»Er hat sie alle dreißig im Kampf selbst erschlagen.«</p> - -<p>Da trat der Kral drei Schritt weiter auf den schwarzen -Gott zu.</p> - -<p>»Was faselt der Knirps? Ein Deutscher hätte dreißig -Wenden erschlagen? Drückt ihn der <em class="antiqua">Plon</em>?<a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Was willst du -hier, Knabe?«</p> - -<p>»Ich bin kein Knabe; ich bin fünfzehn Jahre alt. Aber -Gero ist alt geworden. Alle Nächte kämpfen die dreißig Wenden -mit ihm. Er ist in sieben frommen Klöstern gewesen, er ist nach -Rom gewallfahrtet und findet doch keine Ruhe. Darum suche -ich den Kral.«</p> - -<p>»Was willst du vom Kral?«</p> - -<p>»Ich will, daß er meinem Vater das gibt, wonach er alle -Nächte seufzet: die Versöhnung mit den Wenden.«</p> - -<p>Als die Menschen so redeten, schwiegen die Götter. Nun aber -erhob sich Bely Bog, der gute Gott, und er streckte seine weißen -Hände aus, die eine über Wendenland, die andere dem Lande -der Deutschen zu, und hob dann die Hände über sein Haupt und<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -wob aus Sonnenschein zwei goldene Ringe der Eintracht. Die -hielt er wortlos den beiden hin.</p> - -<p>Zwei zögernde Schritte ging der Kral auf den guten Gott -zu. Aber auch der deutsche Jüngling nahm nur zögernd den -Ring.</p> - -<p>Und er sagte dabei:</p> - -<p>»Es ist um Geros Ruhe willen!«</p> - -<p>»Um Geros Ruhe willen, sagst du? Verabscheust du selbst -die Tat nicht?« fragte der Kral.</p> - -<p>»Nein, Gero ist krank geworden am Gemüt. Wäre ich wie -er gewesen, ich hätte in Mannentreue die Wenden erschlagen -und es nie bereut.«</p> - -<p>Da schrie der Kral auf, da stürzte er zum schwarzen Gott; -da griff Zarny Bog unter seinen Steinsitz und zog eine Schlange -hervor, die sich in ein Schwert verwandelte, und gab das -Schlangenschwert dem Kral.</p> - -<p>Der stieß es dem Jüngling ins Herz.</p> - -<p>»Hier steht der Kral der Wenden!« –</p> - -<p>Das junge Herzblut rann, die blauen Augen verblühten, -und eine Knabenstimme sprach:</p> - -<p>»Ich bin Geros einziger Sohn.« –</p> - -<p>Der gute Gott schlug seine weißen Hände vors Angesicht, -der Zarny Bog aber wuchs wie eine schwarze Wolke zum -Himmel, und der Kral lachte ein schmerzliches wildes Gelächter.</p> - -<p>Die goldenen Ringe rollten die zwei Bergseiten hinab und -sanken ins tiefste Wasser.</p> - -<p>Gero, der Stadt und Kloster Gernrode gebaut hatte und -mit müdem, krankem Sinn daselbst alter Blutschuld nachhing, -erfuhr von dem grausamen Tod seines Sohnes.</p> - -<p>Oft zertritt die Göttin des Leids mit schwerem Tritt das -Gewürm nagender Zweifel.</p> - -<p>So auch hier. Gero erwachte aus langem Angsttraum, der -alte Mut, der alte Haß lohte auf in seiner Brust, und sieben -Tage, nachdem die Todeskunde nach Gernrode gedrungen war, -rauchten im Wendenlande die ersten Trümmerhaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p> - -<p>Gero verwüstete das Land, und seine Mannen verfolgten -den Kral durch die Heide, durch alle Wälder und verborgensten -Winkel, über Seen und Moräste.</p> - -<p>Und der Kral hatte weder ein Roß noch einen Kahn. Wie -ein Hirsch floh er durch die Wälder, wie ein Fisch schwamm er -durch den Fluß. Kam er aber an ein Wendenhaus und bat um -Schutz und Einlaß, dann schlossen die Leute die Tür vor ihm -und jagten ihn fort, denn sie fürchteten die Rache des Markgrafen -und fluchten dem Kral, um dessentwillen alles Unheil -über das Land gekommen sei.</p> - -<p>Gehetzt von den Deutschen, verraten von seinem Volk, mit -zerrissenen Füßen, mit durchnäßten, zerfetzten Kleidern, die -Augen fieberglänzend von Anstrengung und Hunger, so brach -einmal bei herandämmernder Nacht der Kral zusammen, -als dreißig deutsche Reiter hinter ihm her waren. Aber noch ehe -der erste vollends herankam, brach in donnerndem Ritt ein -schwarzer Reiter aus dem Gebüsch, erfaßte den Kral, hob ihn -auf sein Roß und ritt durch die Luft mit ihm davon.</p> - -<p>Und der schwarze Reiter drehte das Gesicht in den Nacken -und bleckte den Deutschen eine lange behaarte Zunge heraus, -und als er das Gesicht dem Kral wieder zuwandte, war es -Morkusky, sein Begleiter aus Morgenland.</p> - -<p>»Morkusky, du bist der Nachtjäger?« rief der Kral entsetzt.</p> - -<p>»Ich bin wer ich will«, zischte der Schwarze. »Willst du -keine Gemeinschaft mit mir? Willst du es mit den Wenden oder -mit den Deutschen halten?«</p> - -<p>»Ich fluche den Wenden wie den Deutschen!« schrie der -Kral. Da lachte der Nachtjäger.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>An der Spree türmte der Nachtjäger einen Berg, grub einen -tiefen See rundum, ließ gelbe giftige Lichter um den Uferrand -erbrennen und baute in einer Nacht für den Kral auf dem Berge -mitten im See ein festes Schloß.</p> - -<p>Zum jenseitigen Ufer führten nur eine lederne Brücke und -ein blutroter Kahn. Die Deutschen wollten das Schloß<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -erstürmen, aber die meisten von ihnen gingen in einem Sumpf -elend zugrunde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Wendenkönig wurde nun ein Räuber. Er sammelte -eine Horde verkommener Leute um sich, raubte, brannte und -mordete und feierte mit seinen Spießgesellen, mit Hexen und -schlechten Weibern auf seiner Burg teuflische Feste. Weit -breitete er seine Macht aus. Die Wenden plünderte und unterdrückte -er, den Deutschen aber stahl er Kinder. Die Mädchen -schlachtete er und fraß sie auf, die Knaben steckte er in sein -Räuberheer und machte sie zu Unholden. Zuletzt wurde er so -schlimm wie Morkusky, sein Meister.</p> - -<p>Und als dieser ganz zufrieden mit ihm war, verließ er ihn, -um nach anderen Ländern zu reiten und dort Zwietracht zwischen -die Völker zu säen – zwischen Wenden und Deutschen war -Morkuskys Werk getan.</p> - -<p>Der Kral wurde oft verfolgt von Wenden wie von Deutschen. -Aber er schlug seinem Rosse die Hufeisen verkehrt auf, so daß -er seine Verfolger täuschte. In höchster Not flüchtete er in sein -Schloß, indem er über die lederne Brücke ritt, die sich hinter -ihm aufrollte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da geschah es, daß der König einmal ein wunderholdes -Mädchen raubte. Das hieß Rinetta und war zehn Jahre alt. -Und es saß unter einem Fliederbaum, als er es stahl. Während -nun der Kral heimritt mit seiner jungen Beute, war eine -blühende Nacht. Alle Wege grün und bunt, die Sterne so -träumerisch am Himmel, der sanfte Wind wie ein heiliger, -heilender Strom.</p> - -<p>Das Kindlein weinte in des Räubers Arm, aber allgemach -schlief es ein, ruhte an der Brust seines Mörders und sagte im -Traum zu ihm: »Du guter Vater!«</p> - -<p>Da sah der König erschrocken auf das Kind. Er sah es mit -finsterem Auge an. Aber er sah es zweimal und dreimal, und -durch die Mainacht kamen in Sternenglanz und Mondschein<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -alte Freunde, Jugendfreunde seiner Seele: reine, wundersame -Gedanken. Nur weil er so versonnen war, nur weil er wie in -müdem Traum durch den Wald ritt, wies er sie nicht ab.</p> - -<p>Und er sah das Kindlein noch einmal an, wie es im Glanz -des Himmelslichtes in seinem Arm lag, und wandte in Sinnen -versunken langsam sein Roß und trug das Kind in das Haus -seiner Eltern zurück.</p> - -<p>Die schrien, als sie den Kral erkannten. Das erwachte Kind -aber, als es sich wieder bei seinen Eltern sah, lächelte und sagte:</p> - -<p>»Oh, er hat mir nichts getan; er hat mich nur ein wenig -auf seinem Pferde reiten lassen.«</p> - -<p>Da ging der Kral rasch von dannen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und die gute Tat ging dem Kral nach in sein böses Leben. -Wohl blieb er ein wilder Räuber, aber er stahl keine Kinder -mehr. Und wenn das bittere Heimweh kam, das alle bösen -Herzen von Zeit zu Zeit überkommt, wenn es nicht wich bei -Raubzug und Zechgelag, dann lenkte der Kral sein Roß zu -dem Hause der Rinetta, die lieblicher aufblühte von Jahr -zu Jahr.</p> - -<p>Zuletzt faßte den Kral eine so verzehrende Liebe zu dem -Mädchen, daß er einsam wurde und wochenlang aus seiner -Burg nicht herauskam.</p> - -<p>Seine Spießgesellen murrten. Viele jagte der Kral davon, -andere zogen auf eigene Faust in die Fremde. Am Ende war -der Kral allein, und am nächsten Tage kam Rinetta zu ihm als -seine Frau. Von da an tat er keinen Raubzug mehr.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und es geschah ein großes Wunder im Wendenland, als -Rinetta dem Kral einen Sohn schenkte. Da ward der Kral -dem Lande ein gütiger Vater. Er verteilte von den ungeheuren -Geldschätzen, die er gesammelt hatte, er baute Weiler und -Dörfer, er wurde ein Feind und Vernichter aller Räuber, die -noch im Lande waren.</p> - -<p>Einmal, als der Kral auf einer Wiese ein Fest feierte, fiel<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -vor ihm eine silberne Kugel vom Himmel. Alles Volk sah das -Wunder. Und es kam ein Mann aus dem Walde, der hob die -Kugel auf und fing an, sie zu kneten und zu drücken, als sei sie -aus Wachs, und er formte aus dem Silber eine Krone.</p> - -<p>Die Krone übergab er kniend dem Kral. Der setzte sie aufs -Haupt, und alle Wenden jauchzten ihm zu.</p> - -<p>Der Mann, der die Krone geformt hatte, verschwand und -ist nicht mehr gesehen worden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einzelne von den ehemaligen Spießgesellen des Kral aber -hatten in der Welt Morkusky, den Nachtjäger, getroffen und -hatten ihm gesagt: »Freue dich, es ist Friede zwischen den -Deutschen und den Wenden, und der Kral sitzt bei seiner Frau -und singt ihrem Sohne Wiegenlieder.«</p> - -<p>Da brach der Nachtjäger zornschnaubend auf und sammelte -in allen verrufenen Spelunken der Welt, in den Felsgründen -wilder Gebirge und auf unwirtlichen Straßen ein großes -Räuberheer. Damit fiel er im Wendenlande ein. Als er an die -Spree kam, verwandelte er sich in einen Adler, der so groß war -wie ein Pferd, flog zwölfmal um die Burg und tat beim -dreizehnten Mal einen Zauberspruch, durch den das Schloß -mit allem, was darin war, in die Erde sank und der See austrocknete, -so daß nur einige kleine Wässerchen übrigblieben.</p> - -<p>Der Kral aber, der durch einen guten Geist gewarnt worden -war, war mit seiner Frau und seinem Sohne ausgezogen.</p> - -<p>Er wanderte mit ihnen in einen tiefen Wald. Dort vergrub -er die Krone in einen Hügel und sprach:</p> - -<p>»Hier soll die Krone liegen, bis eine Jungfrau sie mit einer -silbernen Schaufel ausgraben wird.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es kam zu der großen Schlacht der Wenden gegen die -Räuber. Das Blut floß derart in Strömen, daß es eine Wassermühle -in Bewegung setzte, die die Blutmühle heißt bis auf -den heutigen Tag. Und die Heide färbte sich rot und bleibt rot<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -für alle Ewigkeit. Die Verwundeten selbst kämpften, auf ihre -Schilde gestützt. Die Wenden siegten; alle Räuber wurden -getötet. Der Kral selbst erschlug ihrer hundertundeinen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Zuletzt aber sprengte der Nachtjäger gegen den Kral an, -wie er es schon einmal vor vielen Jahren getan, als der junge -König nur den Fliederstecken trug.</p> - -<p>Auch jetzt hob der Kral den Arm gegen den wilden Jäger. -Aber das Schwert, das er aufhob, triefte von Blut, und der -Nachtjäger floh nicht wie damals, sondern schrie höhnisch:</p> - -<p>»Wiegenliedsänger! Kinderfresser! Sieh, was ich habe!« -Er hatte das Schlangenschwert, mit dem der Kral ehemals -seine Untaten vollführt und das er nach seiner Bekehrung in -einen Sumpf geworfen hatte.</p> - -<p>Dieses Schlangenschwert stieß der Nachtjäger dem Kral -ins Herz. – –</p> - -<p>Eine weiße Wolke stieg von dem Leichnam des Kral zum -Himmel. Diese weiße Wolke wandert immerzu über das -Wendenland. Auch an ganz sonnenhellen Tagen ist sie tief -im Blauen am Himmel zu sehen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Königin Rinetta aber hatte am Tage der Wendenschlacht -ein weißes Roß bestiegen und war über die Heide -gejagt, um dem geliebten Gemahl beizustehen, wenn er in Not -sei. Als sie an die Spree kam, traten ihr drei wendische Männer -entgegen, klagten und riefen: »Unser Kral ist tot!« Da sprang -das Roß der Königin in die Spree und versank mit ihr. Nichts -war mehr von beiden zu sehen. Nur ein weißer Fisch schwamm -im Wasser.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und der weiße Fisch sah aus dem Wasser, und die weiße -Wolke hielt still am Himmel, wenn der junge Königssohn am -Uferrande spielte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es geschah aber, daß die Deutschen, als sie hörten, der -Kral sei gefallen und sein Schloß sei versunken, in das Land -kamen und es unter ihre Herrschaft brachten. Die Wenden -waren zu schwach, um ihnen zu widerstehen. Die Deutschen -forschten nach dem Königskinde, aber niemand hat es verraten, -obwohl alle Leute im Wendenlande es kannten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und der Sohn des Kral wurde ein Bauer. Er hatte sechs -Söhne, und dem ältesten von ihnen zeigte er den Ort, wo die -silberne Krone begraben lag, und sprach:</p> - -<p>»Bewahre das Geheimnis, und vererbe es auf den ältesten -Sohn! Wenn die Zeit erfüllt ist, wird die weiße Wolke in den -Himmel verschwinden, wird der weiße Fisch ins Meer -schwimmen bis dorthin, wo das Meer in den Himmel fließt, -und eine reine Jungfrau wird kommen und mit einer silbernen -Schaufel die Krone ausgraben. Der, der dann Kral sein wird, -wird die Krone tragen und unser Volk zum ersten der Erde -machen. Wenn ich tot bin, bist du der Kral. Und wenn du tot -bist, wird dein ältester Sohn der Kral. So soll es sein und -bleiben durch alle Zeit.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Nachtjäger aber wagt sich nur noch in den sieben -bösen Nächten, die zwischen Weihnachten und Neujahr sind, -ins Wendenland. Dann ist die weiße Wolke hinter undurchdringlichen -Nebeln verborgen, der weiße Fisch wohnt in einem -festen Haus von Eis, und die silberne Krone liegt tief unter -dem Schnee im Walde.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p class="ph2">Das ist die Sage vom Kral, die durch tausend und viele -Jahre im Wendenvolk lebt und die an dem Abend, da -Hanzos Frau am Sterben war, wieder lebendig wurde, von den -Heidewiesen des Oberlandes an bis tief hinunter in die Strohhütten -an der Spree, so daß sich die Fischer im Niederland wie -die Hirten im Oberland es zuraunten: »Die Frau des Kral -stirbt.«</p> - -<p>Wieder einmal stand das Volk an einer Wende. Nur wenig -änderte der schmale Weg, den seine Geschicke durch das Land -der Geschichte nahmen, seine Richtung.</p> - -<p>Nur die Frau des Kral starb. Ein derbes, tüchtiges Bauernweib -ging dahin. Der Kral selbst lebte.</p> - -<p>Er ging durch den Hof und durch die Zimmer so steiffeierlich -wie immer. Nichts war anders an seiner hohen -Gestalt. Und die schmalen Lippen des bartlosen Gesichtes -waren so fest, so ohne sichtbare Linie des Grams zum Schweigen -aufeinandergepreßt wie in den Tagen der Freude, wo auch -kaum ein leises Lächeln um seinen Mund, ein heimliches -Leuchten in seine Augen kam.</p> - -<p>Nur die Frau des Kral starb!</p> - -<p>Aber sie war für den Königsgedanken wichtiger als alle. -Ihre Frauenseele hatte das große Geheimnis am besten betreut. -Weil ihre Kindlichkeit an alle jene nationalen Wunder am -festesten glaubte. Nicht, daß sie die Hoheit des Gedankens -erfaßt hätte. Sie war keine Heldin, sie war eine Hausfrau. -Sie hütete den Königsgedanken wie ein kostbares Erb- und -Prunkstück.</p> - -<p>Es war ein Unglück für wendisches Volkstum, daß diese -Frau starb. Die alte Art fing an zu vergehen. Die jungen Burschen -lachten über den Nachtjäger; und wer bei der Garde gedient -hatte, erwartete vielleicht, daß ihn sein Kral grüße. Die Mädchen, -kaum fürchteten sie noch. Und die alten Sagen standen nur -lebendig wieder auf, wenn etwas Schreckliches kam: ein wildes -Wetter, der bleiche Tod oder die bleiche, unglückliche Liebe.</p> - -<p>Dann wurden auch für die jungen Herzen die alten Wunder -wieder wach. –</p> - -<p>In lichten Augenblicken, wenn das Fieber etwas nachließ, -betete die Frau mit lauter Stimme zu ihrem Herrn und Heiland -Jesus Christus. Sie hatte jenes Christentum, das den Alten -eigen war, die im Walde immer noch ihre heidnischen Geister -huschen hörten, wenn sie gläubig zur christlichen Kirche schritten,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -oder wie jene Heilandsleute, die in Christus den größten Helden -und in seinen Aposteln Ritter und Reisige voll Kraft und Mut -verehrten.</p> - -<p>Und zwischen ihrem Beten lenkte die Kranke das Ohr -lauschend nach dem Hoftor, ob die Söhne nicht kämen.</p> - -<p>»Ich muß mit Juro reden wegen Hanka und vom Kral.«</p> - -<p>Dann kam das Fieber wieder, und sie sprach von ihrer -Brauthaube, von der Heyka des Urvaters und von Morkusky, -dem bösen Zauberer.</p> - -<p>Es war schon tief in der Nacht, als ein Wagen in den Hof -fuhr. Das Hoftor war seit dem Morgen weit geöffnet geblieben.</p> - -<p>Die Dienstboten huschten aus dem Gesindehaus; der alte -Scholta erschien in der Haustür.</p> - -<p>Juro und Samo, mit Staub bedeckt, entstiegen dem Wagen. -Sie waren die ganze Nacht gewandert, den ganzen Tag gefahren.</p> - -<p>Der Scholta ging seinen Söhnen entgegen.</p> - -<p>»Ihr kommt noch zur rechten Zeit. Morgen früh wäre es -zu spät gewesen.«</p> - -<p>Da schmiegten sich die Söhne an den Vater, und er schlang -die Arme um sie, und es war ein Bild einträchtiger Liebe zu -der einen.</p> - -<p>Leise gingen sie dann nach der Krankenstube, und die -jungen Männer knieten nieder am Bett der kranken Frau, die -bewußtlos war. Sie weinten, wie heimkehrende Söhne -weinen, wenn sie die Mutter im Sterben finden.</p> - -<p>Bis an die zartesten Wurzeln unseres Seins rührt der Tod, -wenn er uns die nimmt, die uns das Leben gaben oder denen -wir das Leben gaben. Aber wenn beim Tode einer Frau der Gatte -mehr leidet als ihre Kinder, ist das Entartung?</p> - -<p>Wer litt hier am tiefsten? Samo, der sich leidenschaftlich -schluchzend an den Bettpfosten klammerte – Juro, dessen -Brust zuckte und dessen Hände irr über das blasse Gesicht -fuhren – oder der alte Scholta, der am Tische lehnte, seine -Frau betrachtete und sich nicht rührte?</p> - -<p>Diese drei dort, die beiden Jünglinge und die Frau, sind<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -ein Fleisch und ein Blut, sind sich innig verbunden von der -ersten Sekunde ihres Seins an.</p> - -<p>Er, Hanzo, ist nicht ihr Fleisch und Blut, er hat sie vor kaum -dreißig Jahren nicht einmal gekannt.</p> - -<p>Und wenn sie jetzt geht? Wenn ihr Leben ausgelöscht wird -wie eine Kerze? Wird nicht dennoch auf dem Wege jener beiden -bald ein neues Licht leuchten, und wird nicht der alternde -Mann seine dunkle Straße allein ziehen?</p> - -<p>Feine, stille Grenzen sind im Menschenland. Und die volle -Lebenskameradschaft hat doch ein weiteres Gelände, als die -Erbgebiete des Blutes sind. –</p> - -<p>Die Söhne erhoben sich, setzten sich auf zwei Stühle. Sie -waren müde. Müde von der langen Reise und von Angst und -Groll, die sie gequält hatten.</p> - -<p>Hanka trat ins Zimmer. Die Jünglinge reichten ihr die -Hand. Sie kannten sie kaum. Vor vielen Jahren hatten sie -das Mädchen einmal gesehen, als sie noch heranwachsende -Burschen waren und die Hanka noch ein Kind war. Aber sie -wußten, daß sie eine entfernte Verwandte war, drüben aus -dem Sächsischen. Eine aus der Familie, die nach der Tradition -als die königliche galt. Auch die Mutter war von dort her. Wie -kam das Mädchen hierher?</p> - -<p>Der Vater gab flüsternd eine kurze Aufklärung. Nun erst -erfuhren die Söhne, auf welchem Wege die Mutter verunglückt -war.</p> - -<p>Beklommen standen sie dem Mädchen gegenüber.</p> - -<p>Die Kranke begann wieder zu sprechen.</p> - -<p>»Eine reine Jungfer muß es sein – die mit der silbernen -Schaufel nach der Krone gräbt …«</p> - -<p>»Nicht die, die unter dem Flieder liegt …«</p> - -<p>»Ja, der Lobo ist ein Süffling – ja …«</p> - -<p>»Aber Juro – Juro und Hanka …«</p> - -<p>»Ich will mit ihm reden – wegen Hanka und vom Kral.«</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ach, bleib mit deiner Gnade<br /></span> -<span class="i0">Bei uns, Herr Jesu Christ!«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> -<p>Da erwachte sie.</p> - -<p>»Juro! – Samo! – Seid ihr da? Seid ihr gekommen? – -Seid ihr gesund? – Geht es euch gut? Habt ihr schon zu essen -bekommen?«</p> - -<p>Sie herzte die Söhne, sie hörte ihre Liebesworte. Sie herzte -sie wieder. Sie sah Juro forschend an.</p> - -<p>»Ich wollte – wollte – etwas mit dir reden – ich weiß -es nicht mehr – was wollte ich doch mit dir reden …?«</p> - -<p>Dann plötzlich schrie sie:</p> - -<p>»Macht das Fenster auf!«</p> - -<p>Und sie versank in den Todeskampf.</p> - -<p>Der Scholta wurde blaß bis auf die Lippen. Aber er ging -ohne Schwanken zum Fenster und öffnete es.</p> - -<p>Noch als er sich an dem einen Flügel festhielt, starb die Frau.</p> - -<p>Und der Mann glaubte zu fühlen, wie die erlöste Seele vom -Bette herschwebte, ihm noch einmal die Stirn berührte und -sich dann durch das geöffnete Fenster aufschwang zum Firmament, -das mit Millionen winkender ferner Heimatlichter -herniedergrüßte.</p> - -<p>Hanka und die Söhne knieten weinend am Bette.</p> - -<p>Der alte Hanzo trat heran und drückte der Toten die Augen -zu. Er nahm ihre rechte Hand zwischen seine beiden Hände zum -Abschied und zum Gebet. Dann wandte er sich ab, nahm ein -großes Tuch, verhängte den Spiegel, der an der Wand hing, -und hielt die Uhr an. Das alles tat er mit ruhiger Gewissenhaftigkeit.</p> - -<p>Zuletzt ging er in den Hof und rief das Gesinde zusammen.</p> - -<p>»Die Frau ist gestorben!« sagte er schlicht und stand hochaufgerichtet -im mondbeschienenen Hofe. Nach den wenigen -Worten ging er nach dem Hause zurück. Der alte Knecht Kito -aber trennte sich von dem jammernden Weibsvolk, ging nach -den Viehställen, trieb die schlummernden Tiere auf und rief -mit seiner alten Stimme durch den Stall:</p> - -<p>»Die Frau ist gestorben!«</p> - -<p>Da brüllten ein paar Kühe auf, und die Pferde klirrten mit -den Halfterketten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> - -<p>Kito ging weiter bis in den Großgarten, wo die Bienenstöcke -standen, klopfte dreimal an jedes Bienenhaus und sagte dann -laut und deutlich:</p> - -<p>»Die Frau ist gestorben!«</p> - -<p>Da kam es wie ein leise summendes Geflüster aus den -Bienenstöcken.</p> - -<p>Kito ging an die Hundehütte.</p> - -<p>»Tyra, die Frau ist gestorben!«</p> - -<p>Das Tier rührte sich nicht. Es war tot.</p> - -<p>Zitternd ging der alte Knecht in seine kleine Stube, wo in -einem kleinen Bauer ein schlafender Kanarienvogel saß. Er -weckte das Tierchen, das ihn müde anblinzelte, und sagte ihm:</p> - -<p>»Die Frau ist gestorben!«</p> - -<p>Da sang der Vogel eine wehmütige kurze Melodie und -schlief wieder ein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Am Tage vor dem Begräbnis ritt Heinrich von Withold, -Elisabeths Bruder, in den Hof des Scholta. Er sprang -vom Pferde und reichte die Zügel einem Mädchen hin, das eben -in die Haustür trat. Es war Hanka.</p> - -<p>»Bind mal den Gaul an einer passenden Stelle fest, schönes -Kind!« sagte Heinrich leutselig.</p> - -<p>Das Mädchen errötete, und ihre hohe Gestalt straffte sich.</p> - -<p>»Ich werde einen Knecht oder eine Magd rufen«, sagte sie.</p> - -<p>Da sah Heinrich von Withold ein, daß er wohl eine Unhöflichkeit -begangen habe. Er stammelte eine Entschuldigung und -band sein Roß selbst fest.</p> - -<p>»Ich bitte um Verzeihung, verehrtes Fräulein«, sagte er -dann; »ich bin ja hierzulande nicht fremd, aber ich kann mir -die Abzeichen der Wendentracht partout nicht merken. Wollen -Sie mir sagen, meine Gnädigste, ob ich den Herrn Scholta -sprechen kann?«</p> - -<p>»Da kommt er schon.«</p> - -<p>Der wendische Großbauer und der deutsche junge Edelmann<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -traten sich gegenüber. Heinrich geriet in Verlegenheit, -aber dann nahm er all seinen Schliff zusammen und sagte:</p> - -<p>»Herr Scholta, ich erlaube mir, Ihnen namens meiner Familie -einen Kondolenzbesuch abzustatten und Ihnen anläßlich -des Hinscheidens Ihrer Frau Gemahlin unser herzlichstes Beileid -auszudrücken. Mein alter Herr würde dieser traurigen -Pflicht selbst nachgekommen sein, aber er ist noch verreist. -Wollen also mit dieser Stellvertretung gütigst vorliebnehmen.«</p> - -<p>Auf diese geschniegelte Rede hin wußte der alte Wende -nichts zu sagen. Er nahm verlegen seine Kappe ab und sagte:</p> - -<p>»Ja – ja, die Frau ist gestorben!«</p> - -<p>Darauf wußte wieder Heinrich von Withold nichts zu sagen. -Und so entstand eine peinliche Pause. Zum Glück kam Juro aus -dem Hause. Heinrich eilte auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn -und drückte ihm dann warm die Hände.</p> - -<p>»Alter Junge, das hat mir aber scheußlich leid getan!« -sagte er bewegt.</p> - -<p>Nach diesem studentischen Freundschaftsausbruch besann er -sich aber gleich wieder auf seinen höflichen Ton und erklärte -Juro:</p> - -<p>»Ich habe mir erlaubt, dem Scholta, deinem alten Herrn, -anläßlich des Hinscheidens deiner Frau Mutter die Kondolation -unserer Familie zu überbringen.«</p> - -<p>Es entstand wieder eine Pause, und Heinrich erklärte also, -er habe bloß seine Mission ausrichten wollen, werde jetzt nicht -weiter stören und gestatte sich also, sich zu empfehlen. Darauf -begann endlich Hanzo, der Scholta, zu reden. Er sagte wohl an -die zehnmal: »Nein, nein!« Der gnädige junge Herr müsse -ins Haus treten und dürfe eine kurze Gastfreundschaft nicht -verschmähen. Der Scholta selbst band Heinrichs Pferd los, um -es nach einem Stall zu führen. Der höfliche junge Mann suchte -diesen Dienst auf alle Weise zu hindern, was ihm <span id="corr057">aber</span> mißlang, -und ging schließlich selbst mit nach dem Stall, wo er über die -dort befindlichen Pferde enthusiastische Urteile abgab, die in der -Mehrzahl Unsinn waren und von gar keiner Sachkenntnis -zeugten und die der Scholta schweigend anhörte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>»Und der Blauschimmel, Herr Scholta, der Blauschimmel! -Ein Götterroß!«</p> - -<p>Der alte Hanzo rückte verlegen an seiner Kappe.</p> - -<p>»Ich habe das Pferd für eine Forderung eingetauscht«, sagte -er. »Es wird wenig benutzt. Ich brauche es nur fürs Osterreiten. -Und sonst ist es für die Jungen, wenn die mal zu den -Ferien sind.«</p> - -<p>»Ein Götterroß, Herr Scholta! Ich kann mir's denken; es -ist vom alten Hinzberg, von dem deutschen Rittermäßigen, der -überall Schulden hatte, natürlich auch bei Ihnen.«</p> - -<p>Hanzo antwortete nicht. Sie verließen den Stall.</p> - -<p>»Ich möchte riesig gern noch etwas mehr von Ihrer Musterwirtschaft -sehen, Herr Scholta«, sagte Heinrich darauf. »Wissen -Sie, wenn man nun mal Landwirtschaft studiert, interessiert -einen das mächtig. Aber die Veranlassung meines Besuches ist -zu trauriger Art.«</p> - -<p>Hanzo machte eine Handbewegung und führte dann Heinrich -durch sämtliche Wirtschaftsräume, zeigte ihm alle Wirtschaftsgeräte, -führte ihn bis hinter das Gehöft, von wo man -einen großen Teil der Felder übersah, und erklärte alles mit -einer ihm sonst ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit. Hanzo -wäre kein wendischer Bauer gewesen, wenn er das nicht getan -hätte.</p> - -<p>Und als er seinen Gast endlich in ein kleines Stübchen geführt -hatte, wo seine Söhne und Hanka mit einem Frühstück -warteten, ging er selbst nach »der guten Stube«, wo seine Frau -aufgebahrt war. Und es war, als ob die tote Bäuerin lächelte.</p> - -<p>»Hast du ihm auch alles gezeigt? Nicht wahr, es hat ihm -gefallen? Es muß ihm ja gefallen!«</p> - -<p>Juro begleitete seinen Freund nach Hause. Sie legten die -gute Wegstunde zu Fuß zurück. Das Reitpferd führte Heinrich -am Zügel. Sie gingen lange schon über die Felder, da fragte -Heinrich:</p> - -<p>»Ist das hier noch euer Besitz, Georg?«<a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p> -<p>»Ich glaube wohl; aber es ist erst dazugekauft worden von -meinem Vater und Großvater. Das waren tüchtige Landwirte. -Und deshalb muß ich ja durchaus landwirtschaftliche Studien -machen, obwohl ich doch Mediziner bin.«</p> - -<p>»Ja, ich weiß es. Sie wollen einen gelehrten Herrn auf -großem Besitz aus dir machen. So 'ne Art kleinen ›König der -Wenden‹.«</p> - -<p>Juro errötete und schwieg.</p> - -<p>»Und was wird jetzt werden?«</p> - -<p>»Ich möchte – wenn das möglich wäre – Jura studieren -und Theologie und Medizin und möchte alles tun für die -braven Leute, die hier wohnen, und möchte sie so recht heimisch -machen und vorwärtsbringen im deutschen Vaterland.«</p> - -<p>Heinrich lachte.</p> - -<p>»Ein guter Prediger würdest du sein. Wenn du willst, -sprichst du mit Schwung. Und ernst bist du. Eigentlich doch ein -Grübler. Es ist ein reines Wunder, daß du mit einem so leichten -Huhn, wie ich bin, dich befreundet hast.«</p> - -<p>Er wartete keine Antwort ab.</p> - -<p>»Übrigens, dein Bruder Samo – du, der hat mir heut -wieder Augen gemacht! Höflich war er ja – na ja, weil ich der -Gast war, aber Augen – – du, wenn der mich fressen könnte, -mich und alle Deutschen!«</p> - -<p>»Es ist seine unglückliche Art«, sagte Juro.</p> - -<p>»Und dem willst du dieses ganze Königreich abtreten?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht. Ich bin so unentschlossen. Ich passe -sicher besser in die Stadt. Und dann – dann ist es wegen -Elisabeth.«</p> - -<p>»Stimmt! Die paßt allerdings besser in die Stadt als in -eure Scholtisei. Obwohl sich das Mädel für alles interessiert. -Sie spricht sogar ziemlich gut wendisch, was z. B. mein Vater -und ich nie kapieren. Übrigens, das Fräulein aus eurer Verwandtschaft, -die Hanka, ist ein süperbes Mädel. Ein Urbild von -Gesundheit. Leider habe ich es mit ihr gleich von vornherein -verdorben. Erstens halte ich Esel sie für eine hübsche Magd und -sage ihr, sie solle mein Pferd anbinden, zweitens faselte ich von<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Irrlichtern und Nebelgebilden, als sie so gläubig von den -brennenden Gespenstern und dieser weißen Todesgöttin sprach. -Sie glaubt daran.«</p> - -<p>»Ja, sie glaubt daran, wie meine Mutter daran geglaubt -hat.«</p> - -<p>»Und dein Vater?«</p> - -<p>»Er hat noch keinen in sein Herz sehen lassen. Wie Samo! -Vor dessen Verstand und Bildung hielt natürlich der ganze alte -Aberglaube nicht stand, aber im innersten Herzen hängt er -daran wie der einfachste Wende. Aus Nationalität – jawohl! -So etwa, wie die Schweizer am Tell hängen oder alle Völker -an mancherlei Geschehnissen, Heldentugenden, Herrschertaten, -die nie gewesen sind.«</p> - -<p>»Alle diese Selbsttäuschungen machen doch aber sehr glücklich.«</p> - -<p>Juro wehrte heftig ab.</p> - -<p>»Nein, sie halten auf, sie hemmen! Sie sind toter Ballast, -der die Schiffe der Völker unnütz beschwert. Es sind vorgespiegelte -Reichtümer, erträumte Erbschaften, die den Nationen -einen falschen Begriff von ihrer Größe geben und in denen der -Chauvinismus, der größte Feind aller Völkerverbrüderung und -des menschlichen Fortschritts, am tiefsten wurzelt.«</p> - -<p>»Sprechen wir von etwas anderem«, sagte Heinrich, der des -schweren Themas schon müde war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Park der Witholdschen Besitzung traf Juro mit Elisabeth -zusammen und blieb mit ihr allein. Heinrich hatte sein -Pferd davongeführt.</p> - -<p>»Du bist sehr blaß, Elisabeth? Du trauerst um meine -Mutter.«</p> - -<p>Sie saßen auf einer Holzbank unter einem alten Baume.</p> - -<p>»Erzähle mir von deiner Mutter«, bat das Mädchen. »Ich -habe sie nur zweimal in meinem Leben gesehen. Sie hatte sehr -gute Augen.«</p> - -<p>Er erzählte. Er sprach wie ein guter Sohn. Und das deutsche<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Mädchen sah mit feuchten Augen der Seele der wendischen Frau -nach in das blaue Dämmern, das über ihnen war.</p> - -<p>Sie küßten sich nicht. Aber sie hielt seine Hand. Und der -Schmerz, der in ihm war, wurde milder und stiller in der -Gegenwart dieses lieben Mädchens.</p> - -<p>Er sagte es ihr. Da antwortete sie:</p> - -<p>»Wenn es anders wäre, würde ich wohl nicht für dich -taugen.«</p> - -<p>»Du bist viel klüger, viel erfahrener, als sonst Mädchen in -deinem Alter sind«, meinte er.</p> - -<p>»Das ist, weil ich keine Mutter gehabt habe! Weil sie so früh -starb! Da muß ein Mädchen vieles, was ihm sonst die Mutter -abnähme, selbst tragen und selbst erleben.«</p> - -<p>Er schwieg eine Weile und sagte dann:</p> - -<p>»Elisabeth, ich werde dich in ein Geheimnis einweihen, das -du wissen mußt. Du könntest mich sonst nicht ganz verstehen -und auch nicht die schwere Aufgabe ermessen, die dir werden -wird, wenn du meine Frau sein wirst.«</p> - -<p>Und Juro erzählte Elisabeth die Sage vom Wendenkönig. -Er entrollte ihr das alte, ehrwürdige Gemälde, das, im Allerheiligsten -des Tempels wendischen Volkstums gehütet und gehegt, -sonst kein »<em class="antiqua">Njemz</em>« zu ersehen bekam. Das Mädchen hörte -zu mit verwunderter Seele, und allmählich kam eine Angst und -plötzlich kam ein Schreck über sie …</p> - -<p>Und sie erkannte, daß Juro der zukünftige Kral der Wenden -war. –</p> - -<p>Da tat sie das, was die Frauen großen Erkenntnissen gegenüber -tun – sie weinte.</p> - -<p>Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. -Die große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein -Sonnenmeer von Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet.</p> - -<p>Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er -sie selbst das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle -erst dann recht und wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich -bemühen, zu lehren, wie wir immer dann den rechten Weg am -ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem andern zeigen wollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im -Herzen Juros, und er sprang auf und ging weit den Waldweg -entlang, kam ganz langsam zurück. Die tote Mutter, die Braut, -sein ganzes bisheriges Leben mit allem Großen und Kleinlichen -waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro den Waldweg -auf und ab wandelte.</p> - -<p>Endlich blieb er vor Elisabeth stehen.</p> - -<p>»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, -die hart klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und -Feigling zu sein. Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles -nicht so, wie es ein feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist -leibliche und körperliche Not. Da ist Dummheit und Aberglaube -und neben der Knechtseligkeit die heimliche Großmannssucht. -Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren Plunderformeln die -Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen die -Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und -die Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten -Gewässer wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich -für Schiffer. Mit ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum -nächsten Wochenmarkt, wo sie der dämlichste deutsche Händler -übers Ohr haut. Bücher haben sie nicht, es seien denn jämmerliche -Übersetzungen. Und die sind noch in fünffacher Orthographie. -Da gibt es eine oberwendische, eine niederwendische, -eine tschechische, eine evangelische, eine katholische Rechtschreibung. -Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als ein -ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt -werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, -wo jeder Wende geschlagen werden durfte. Es ist heute noch -nicht viel besser. Immer in die Heide gedrückt bleibt der Wende, -immer auf der mageren Scholle sitzt er. Und wenn er einen -Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon stolz sein Haus. Die -Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses Volkes. -Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin -oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus -Hunger oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. -Wäre ein guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meine<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -Mutter lebte noch! So ist sie gemordet worden durch die gutmütige -Unvernunft, die bei uns Volksreligion ist. Nicht wahr, -und einem solchen Volk den Rücken zu kehren, das ist leicht? -Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert sich, bürstet sich den -Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein feiner Mann!«</p> - -<p>Juro lachte höhnisch über sich selbst.</p> - -<p>»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen -über mich kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille -ist Feigheit der Schwäche gegenüber. Also die elendeste -Feigheit. Das weiß ich jetzt. Aber ich war ein Feigling. Ich -wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir ein nettes deutsches -Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier in der -Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten -von reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht -mehr um die Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine -Schurkerei! Und die ist mir erst aufgedämmert, als meine -Mutter starb, und ist mir jetzt völlig klar geworden, da ich dir -diese Kralssage erzählte.«</p> - -<p>Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang -bald wieder auf.</p> - -<p>»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. -An Samo! An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf -dem Gute hausen würde, ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen -Mäulern die Hand lecken ließe, der das Volk sorgsam -in seinem Aberglauben lassen und sich das obendrein als -eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der verfluchte -Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat, daß -alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten – -die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, -Juden –, daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und -sich – das will ich ja zugeben – auch dazu berufen fühlten. -Keiner kam, der das Volk ans Licht führte, keiner, der den -Leuten die frohe Kunde brachte: Ihr, ihr das Volk, seid die -Hauptsache, ihr sollt reich, stark, gesund, klug sein, ihr sollt euch -wohlfühlen, und die Regierenden sollen sich abrackern, wie sie -das zustande bringen! Es ziemt sich nicht, daß der eine Mensch<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -wohne wie ein Gott und der andere wie ein Tier, und überall, -wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer Götzendienst, -auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am Ende, -wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten -Götzen! Arme Slawen!«</p> - -<p>Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so -erregt sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission -über ihn gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen -der Tradition ein Wundertrank geschöpft worden war, der den -Blinden sehend, den Träumer zum Helden machte.</p> - -<p>Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen.</p> - -<p>»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« -fragte sie langsam.</p> - -<p>Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum.</p> - -<p>»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so -sprechen? Weißt du nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht -deinethalben! Ich hatte sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre -Stärke, ihre Gründlichkeit und verlässige Pflichttreue, ihren -starken, wunderbaren Fleiß. Ich vergöttere ihre Kunst und finde -auch einiges Hübsche in ihrer Geschichte. Ich wohne in Preußen, -ich habe alles, was ich körperlich und geistig besitze, von Preußen. -Also bin ich ein Preuße! Nicht, daß ich die Fehler dieses -Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes Spartanertum nicht -oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser bei ihnen als -bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei den -Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als -bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor -den selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den -Slowaken, Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd -in ihrer Armut dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der -Bettlerhand drohen; besser endlich als bei den Tschechen, die es -trotz ihres reichen Landes, trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten -auf keinem Gebiet über die Mittelmäßigkeit hinausgebracht -haben. An alle diese soll mein Wendenvolk keinen -Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der Anstrengungen, -die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden,<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter -uns.«</p> - -<p>Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. -Er war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, -der gern Ideen, Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits -ein Deutscher. Das Mädchen war klug und ernst. Es war wohl -fähig, solchen Worten zu folgen, aber ihr Herz war jetzt weit -von den Schicksalen slawischer Stämme, es war nur bei dem -einen, der sprach, und bei ihrem eigenen Schicksal.</p> - -<p>»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie.</p> - -<p>Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam.</p> - -<p>Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten -bemerkt hätte.</p> - -<p>»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; -ich glaube nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller -Heimlichkeit zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn -daran, einige mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die -Erhaltung dieser uralten Tradition. Alle, bis auf mich! Ich -halte solche Traditionen viel eher für ein Hemmnis als für eine -gesunde Wurzel. Und deshalb wollte ich meiner Wege gehen. -Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz überlassen. Bis -die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte Volkssage erzählte -und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich der -Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe -darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, -das Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.«</p> - -<p>Das Mädchen faßte ihn am Arm.</p> - -<p>»Erschrick nicht, Elisabeth! Es ist kein Verrat! Es ist die -einzig vernünftige Tat, die geschehen kann. Was ist klüger: eine -alte Kaluppe, die jeden Augenblick vom Wind über den Haufen -geworfen werden kann, immer neu zu stützen, die klaffenden -Löcher mit Lehm zu verschmieren, die zerschlagenen Fensterscheiben -mit Papierfetzen zu verkleben – oder die ganze Bude -kurzweg niederzureißen und ein festes, gesundes Haus an seine -Stelle zu setzen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein, nicht -wahr? Die Wenden üben alle Staatsbürgerpflichten auf das<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -gewissenhafteste, haben aber nicht vollen Genuß staatsbürgerlicher -Vorteile. Das ist, weil ihnen ihre Tradition anhängt. -Ihre schmucke Volkstracht ist in den Augen der Welt doch weiter -nichts als das Proletenkleid zurückgebliebener Leute; ihre isolierte -Sprache macht sie unfähig zu vielem, macht sie befangen, -furchtsam; der alte Aberglaube hält ihre Stirnen umwölkt. -Fort mit all diesem Plunder! Heraus aus dem Sandwald ins -grüne Land! Heran an den großen deutschen Tisch! Gleiche -Rechte! Gleiches Gepräge!«</p> - -<p>Mit den flammenden Prophetenaugen begeisterter Jugend -stand er vor ihr. Und sie war auch jung, und ihr Herz erglühte -im Glauben an ihn und an seine Sache.</p> - -<p>»Du bist edel, Juro! Du bist klug! Du hast recht!«</p> - -<p>Da faßte er sie fest an den Händen.</p> - -<p>»Elisabeth, wirst du es mit mir wagen, was ich vorhabe? -Wirst du die Frau des letzten Wendenkrals sein, der sein Volk -zur wahren Freiheit führen will?«</p> - -<p>»Ja, Juro! Als ich erkannte, wer du eigentlich bist, erschrak -ich und glaubte, ich könne nicht deine Frau werden. Ich glaubte, -wenn du der König der Wenden bist, müßtest du auch eine -Wendin heiraten. Aber so, wie du es vorhast, ist es doch anders. -Wenn du die Wenden zu Deutschen machen willst, sollst du -selbst eine deutsche Frau haben! Und die will ich von Herzen -gern sein!«</p> - -<p>Sie küßten sich auch jetzt nicht.</p> - -<p>Aber sie ging weit mit ihm über die Felder, als er heimkehrte, -und hielt ihn fest an der Hand.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als Juro allein war, brannten ihm die Wangen. Und in -seiner Lebhaftigkeit sprach er mit sich selbst von seinen Aufgaben, -seinen Zielen, die ihm klar vor der Seele standen. Er -blieb oft stehen, und seine Arme fuhren durch die Luft, als er so -mit sich selbst sprach.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pomogaj Bog wam!</em>«</p> - -<p>Er erschrak und sah eine alte Frau vor sich stehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>»<em class="antiqua">Bog žekujscho</em>«, antwortete er.</p> - -<p>»Gott helfe Euch!« hatte sie gegrüßt. »Gott vergelte es!« -hatte er wendisch geantwortet. Er besann sich kurz und redete die -Alte in deutscher Sprache an.</p> - -<p>»Nun, Mütterchen, habt Ihr Pilze gesucht? Es <span id="corr067a">gibt</span> heuer -recht viele, weil das Wetter naß ist.«</p> - -<p>Sie machte eine <span id="corr067b">Gebärde</span> mit der Hand, die bedeuten sollte, -daß sie nicht Deutsch verstehe. Dann kicherte sie und sagte -wendisch:</p> - -<p>»Der Sohn des Kral spricht deutsch mit mir!«</p> - -<p>Es erschien ihr wie ein Scherz, den Juro mit ihr trieb. Er -sah, daß sie eine alte Frau sei und also wohl wirklich kein deutsches -Wort verstehe. Sie verfiel augenblicklich in einen weinerlichen -Ton, klagte, daß nun die gute Frau gestorben sei, bei der -sie hätte sich alle Tage ein Töpflein Milch holen können. Juro -sagte ihr, er wolle anordnen, daß sie die Milch auch fernerhin -bekäme.</p> - -<p>Da haschte sie nach seiner Hand, um sie zu küssen. Er aber -entzog ihr die Hand heftig und sagte in wendischer Sprache:</p> - -<p>»Mütterchen, habt Ihr ein Kreuz zu Haus, woran dem -Herrn Jesus die Hände genagelt sind?«</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>»Die Hände dürft Ihr küssen, wenn Ihr an die wirklichen -Hände des Herrn Jesus denkt. Aber nicht meine. Ich bin kein -Gott!«</p> - -<p>»Auch nicht dem Herrn Pastor? Oder dem gnädigen Herrn?«</p> - -<p>»Auch diesen nicht! Ihr sollt es durchaus nicht tun!«</p> - -<p>»Aber Eurem Herrn Bruder Samo habe ich vor einer -Stunde beide Hände geküßt, weil er mir zwei Dreier geschenkt -hat.«</p> - -<p>»Ihr sollt es nie wieder tun, weder ihm noch einem andern -Menschen.«</p> - -<p>Er schenkte ihr eine Silbermünze. Da schnappte sie doch -wieder nach seiner Hand.</p> - -<p>»Ihr sollt es nicht!« rief er erzürnt. »Hunde lecken die -Hände, nicht Menschen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>Da erschrak sie, steckte die Silbermünze ein und sagte wieder: -»<em class="antiqua">Pomogaj Bog wam!</em>« Dann huschte sie über eine schmale -Wasserrinne in den Wald. Aber Juro hörte noch, daß sie bei -sich brummte:</p> - -<p>»Er tut, als ob ich ein giftiges Maul hätte!« – –</p> - -<p>Nach drei Tagen ging in den Dörfern das Gerücht, Juro -habe die alte Domasch einen Hund genannt und halte sich arme -Leute stolz vom Leibe.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Langsam ging Juro nach seiner Begegnung mit der alten -Frau seines Weges. Es war, als ob er sich fürchte, heimzukommen -zur Mutter. Was war sie für eine eifrige, gläubige -Wendin gewesen! – Aber seine Seele straffte sich wieder und -schüttelte den Kleinmut von sich.</p> - -<p>Da sah er auf einem schmalen Raine, der zwischen den -Feldern seines Vaters hinlief, Hanka, das fremde Mädchen. -Die schritt rüstig aus, hatte die Schürze hochgebunden, hielt in -der linken Hand einen Topf und machte mit der rechten die -Bewegung des Säens. Juro wußte, was sie tat. In dem Topf -war das Wasser gewesen, mit dem sie die tote Mutter gewaschen -hatten. Nun hatten sie dem Topf den Boden ausgeschlagen, -und das Mädchen säte durch den Topf Hirsesamen auf die -Felder. Da würde im nächsten Jahr kein Vogel ein Körnlein -von diesen Feldern picken. Ein Widerwille erfaßte den jungen -Mann. Er wartete, bis Hanka näherkam, und rief sie an. Sie -erschrak, als sie Juro sah, kam aber zu ihm.</p> - -<p>»Was tust du da?« fragte er in deutscher Sprache.</p> - -<p>»Ich säe den Totensamen! Es ist besser, wenn es ein Mädchen -tut, als wenn es ein Mann tut!«</p> - -<p>Sie hatte wendisch geantwortet.</p> - -<p>»Sprichst du nicht Deutsch, Hanka?«</p> - -<p>Sie sah ihn verwundert an.</p> - -<p>»Warum sollte ich das wohl tun? Ich bin doch eine -Wendin!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<p>»Ja, Hanka! Wir werden noch später darüber sprechen. Ich -hoffe, wir werden uns verständigen, denn du bist ja ein kluges -Mädchen. Sag mir, warum säst du den Totensamen? Glaubst -du daran?«</p> - -<p>»Glaubst du denn <em class="gesperrt">nicht</em> daran?« gab sie verwundert zurück.</p> - -<p>»Ich bitte dich, gib mir den Topf!«</p> - -<p>Sie reichte ihm den Topf, und Juro warf ihn auf einen -nahen Steinhaufen, daß er zerbrach.</p> - -<p>»Was tust du? Ich bin noch lange nicht fertig mit allen -Feldern!« rief sie erschrocken.</p> - -<p>»Laß die Felder und laß die Vögel! Siehst du den Schwarm -Sperlinge? Sie werden die Hirse fressen, die du gesät hast.«</p> - -<p>»Ja, sie kosten davon und kommen dann nie wieder!«</p> - -<p>»Sie kommen wieder, Hanka, davon wirst du dich selbst -bald überzeugen können. Und warum sollten wir sie vertreiben? -Der Mensch soll nicht geizig sein gegen die kleinen Kostgänger -des Herrgotts!«</p> - -<p>»Ich bin nicht geizig!« sagte sie trotzig, »es sind nicht meine -Felder!«</p> - -<p>»Ich will dich auch nicht kränken, Hanka!« sagte er milder. -»Aber – nicht wahr, der Nutzen könnte doch nur klein sein, -und wir wollen keinen Nutzen ziehen aus dem Tode eines -Menschen!«</p> - -<p>»Der Nutzen ist nicht für mich; er ist für euch!«</p> - -<p>Sie bückte sich über den Steinhaufen und nahm einen -größeren Scherben auf.</p> - -<p>»Was willst du damit, Hanka?«</p> - -<p>»Aus dem Scherben weitersäen!«</p> - -<p>»Das wirst du nicht tun! Ich will es nicht! Es ist schmählich! -Ich verbiete es dir!«</p> - -<p>Er stampfte mit dem Fuß auf. Sie sah ihn mit ihren stahlblauen -Augen hart an.</p> - -<p>»Du bist grob!« sagte sie und wandte sich ab.</p> - -<p>»Hanka!« rief er zornig, »du wirst das Säen sein lassen! -Begreifst du denn nicht, was du damit ausdrückst? Daß das<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -Wasser, mit dem meine Mutter gewaschen wurde, kleinen unschuldigen -Tieren – einen – einen Ekel einflößen soll? Ich -verbiete es dir!«</p> - -<p>»Du hast mir nichts zu verbieten! Jemand anders hat mir -befohlen, den Samen zu säen!«</p> - -<p>»Wer? – Wer ist so töricht? – Ich will ihn zur Rechenschaft -ziehen …«</p> - -<p>Bei dieser Frage erbleichte sie und rannte, so schnell sie -konnte, den Feldrain entlang.</p> - -<p>Zornig schritt Juro weiter, dem väterlichen Gehöft zu. Er -begegnete seinem Bruder Samo. Der wartete ab, bis ihn der -Bruder grüßte, und gab eine mürrische Antwort.</p> - -<p>»Samo, siehst du das Mädchen dort drüben – die Hanka? -Sie sät aus dem Topf, aus dem die Mutter gewaschen worden -ist, ›Totensamen‹ auf die Felder! Wer hat ihr diesen greulichen -Unsinn befohlen? Ich will ihn zur Rechenschaft ziehen! Wer -hat es angeordnet?«</p> - -<p>»Die Mutter selbst!« antwortete Samo kurz und hart.</p> - -<p>Juro wich einen Schritt zurück. Samo betrachtete ihn mit -einem schadenfrohen Zucken im Blick.</p> - -<p>»Juro, du würdest besser tun, dich nicht in diese Dinge zu -mischen, die Leute bei ihren alten Gebräuchen zu lassen. Sie -ehren unsere Toten weit besser als zum Beispiel dein deutscher -Freund heute mit seinem albernen studentischen Geschwätz!«</p> - -<p>Er ließ den Bruder stehen. Wie ein Geschlagener ging Juro -den Weg entlang. Ein Schwarm Schwalben flog hoch in der -Luft immer im Kreis herum. Die Vögel dachten ans Abschiednehmen.</p> - -<p>Im Großgarten lehnte der Vater regungslos an einem -Apfelbaum und starrte in die sinkende Abendsonne.</p> - -<p>Das Glöcklein vom Kirchturm begann zu läuten.</p> - -<p>Dort in der Stube mit dem verhangenen Fenster schlief die -Mutter den letzten Abend auf dieser Erde.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pusty wjecor</em>«, sagen die Wenden.</p> - -<p>»Der öde Abend!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p class="ph2">Der letzte Trauergast war an den schwarzen, weißgeränderten -Sarg getreten, in dem die tote Frau in ihrer Brauttracht -lag, hatte sein stilles Vaterunser gebetet, den Anverwandten -sein Beileid ausgesprochen und war dann nach der -großen Gesindestube gegangen, wo Kaffee und Kuchen, Käse -und Branntwein zu haben waren.</p> - -<p>Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Vater und Söhne -nahmen bewegten Abschied, und die Tote wurde im offenen -Sarg aus der Stube getragen, mit den Füßen voran, damit sie -nicht »zurückschauen könne«. Der Spiegel wurde enthüllt, das -Fenster geöffnet, die Stühle, auf denen der Sarg gestanden -hatte, wurden umgestürzt.</p> - -<p>An der Haustür wurde der offene Sarg hingestellt. Die tote -Bäuerin, deren Augen halboffen waren, blinzelte noch einmal -in ihren Hof hinein. Es war alles sauber und ordentlich. Die -zwei Mägde, die das Vieh im Augenblick des Abschieds füttern -mußten, rannten so eilig mit ihrem Heu, als fürchteten sie -immer noch einen Tadel der Frau. Ein paar junge Mädchen -rückten an ihrer Plachta<a id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>, ob sie auch ordentlich säße; einige alte -Leute nickten der Toten zu: »Du kannst stolz sein, daß du ein -so großes Grabgeleite hast!«</p> - -<p>Unter der weißgekleideten Trauergesellschaft standen zwei -in schwarzen Gewändern: Elisabeth und ihr Bruder Heinrich. -Samo, der einmal die Augen aufhob und die beiden Deutschen -sah, dachte bei sich: Sie sind wie schwarze Flecken auf weißen -Kleidern.</p> - -<p>Die Herbstsonne schien auf den bevölkerten und doch so -stillen Hof. Da trat der alte Scholta an den Sarg heran, nahm -den Hut ab und sprach laut:</p> - -<p>»Vater, in deine Hände befehle ich meine Frau!«</p> - -<p>Dann wurde der Sarg geschlossen und nach dem hochgelegenen -Friedhof getragen, wo ein Glöcklein mit blechernem -Klang läutete. – – –</p> - -<p>Alle einfachen Menschen haben das Bedürfnis, zu lärmen,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -wenn sie einmal eine Zeitlang haben still sein müssen. Nach dem -Begräbnis wurde die Dorfstraße überaus lebhaft.</p> - -<p>Die Mägde sprachen von dem »prachtvollen Leichenputz«, -den die Tote getragen, von den blütenweißen Brusttüchern und -der breiten gestickten Seidenschärpe, vor allem aber davon, daß -sie in der linken Hand statt des üblichen Sträußchens eine -Zitrone gehabt habe.</p> - -<p>»Nun, sie war eine Reiche!«</p> - -<p>»Und was für eine! Sie ist sogar im Bette gestorben!«</p> - -<p>»Arme Leute könnten das nicht!«</p> - -<p>»Dürften es auch nicht. Es wäre gegen die Schicklichkeit.« –</p> - -<p>Die Burschen waren noch lebhafter. Sie behandelten insbesondere -eine Standesfrage.</p> - -<p>Zu den Leichenträgern gehörten auch ein Halbbauer und ein -Häusler; sogar der Schäfer. Der Großbauer Klin hat nicht mit -»Träger« sein mögen deshalb. Sie haben müssen herumschicken. -Da ist der Gregorek für den Klin eingesprungen.</p> - -<p>»Der Klin hat ganz recht. Bauersleute sollen nur von -Bauern getragen werden. Anderen Leuten kommt das nicht zu«, -sagte ein junger Bauernsohn stolz.</p> - -<p>»Du schmutziger Bengel, du bist der richtige!« fuhr ein -anderer dazwischen. »Der Tod macht alles gleich. Und dem -Toten ist es ganz gleich, wer ihn trägt.«</p> - -<p>Der Bauernsohn geriet in Hitze.</p> - -<p>»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, -»würde ich dir eine ›Pflaume‹<a id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> geben, an der du zu kauen -hättest – du – du Demokrat du!«</p> - -<p>»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die -Pflaume kommt zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger -werden – für dich.«</p> - -<p>»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da -ist es etwas anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der -Branntwein war gut. Es wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch -keinen erlebt habt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>Darauf sprachen sie von Mädeln und von Manövern. –</p> - -<p>Zwei alte Weiber humpelten zusammen.</p> - -<p>»Mein Gott«, sagte die alte Wičaz, die Mutter des Knechtes -Lobo, »man kommt im Leben zu nichts. Ich hab' doch so viel -Wanzen in meinem Bett, und da hab' ich ein paar gefangen -und in eine Federspule gesperrt und die Spule an beiden Enden -mit Wachs verklebt. Ich wollte sie in den Sarg stecken, daß ich -alle Plagegeister los würde. Aber ich habe ja nicht allein an den -Sarg kommen können. Es waren ja immer Leute da. Nun ist -gar das Wachs von der Spule in meiner Tasche abgegangen, -und die Viecher sitzen mir im Kirchenkleide. Ein armer Mensch -hat kein Glück.«</p> - -<p>»Wart, bis der alte Kito stirbt«, tröstete die andere. »Der -macht's nicht mehr lange. Und bei dem sind nicht viel Leute. -Der nimmt die Wanzen mit.«</p> - -<p>»Hast du nicht deine Wanzen dem Merten mitgegeben?«</p> - -<p>»Ja, aber sie haben nicht mit ihm gehen mögen, weil der sich -doch gehangen hat und in die Hölle gekommen ist. Sie sind -wiedergekommen.«</p> - -<p>»Also warten wir, bis der alte Kito stirbt. Auf den hat man -sich immer verlassen können!« – – –</p> - -<p>Juro ging mit den beiden Deutschen vom Kirchhof zurück. -Sie redeten nicht viel. Es war nur, daß die Gäste nicht allein -blieben. Am Kretscham stand Heinrichs Fuhre. Dort nahmen sie -bald Abschied. Elisabeth sagte leise zu Juro:</p> - -<p>»Es tat mir weh, daß ich am Grabe deiner Mutter allein so -fremd war. Die Leute sahen mich an, als ob ich nicht dahin -gehöre, und ich gehörte doch gewiß dahin.«</p> - -<p>»Ich danke dir, daß du gekommen bist, Elisabeth. Es wird -eine schwere Sache, die wir übernehmen wollen, weil wir nicht -zu den Leuten hingehen, weil wir sie zu uns herüberziehen -müssen. Aber wir wollen mutige Kameraden sein.«</p> - -<p>Sie reichten sich die Hände und schieden. – –</p> - -<p>Samo ging mit Hanka. Sie sprachen eine Weile nicht, dann -hob Samo den Kopf, wies nach vorn und sagte:</p> - -<p>»Da gehen die Deutschen. Sie sind aufdringlich. Wie alle<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -Deutschen! Gestern das studentische Gefasele dem Vater gegenüber -war direkt ekelhaft. Sie sind hinter Juro her.«</p> - -<p>»Wie meinst du das?« fragte das Mädchen arglos wie ein -Kind.</p> - -<p>»Es ist nicht schwer zu raten. Sie wollen ihn für das deutsche -Mädchen.«</p> - -<p>»Für diese da? – Als Mann? Als Ehemann?«</p> - -<p>»Ja natürlich!«</p> - -<p>Hanka schüttelte den Kopf und sagte ruhig:</p> - -<p>»Das darf er nicht. Eure Mutter hat es mit meinen Eltern -ausgemacht, daß Juro mich heiratet. Das muß er nun doch -tun!«</p> - -<p>»Nimmst du ihn gern?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mit mir. Gestern hat er -mich ausgeschimpft und mir den Leichentopf zerschlagen. -Eigentlich fürchte ich mich vor ihm. Aber er ist ein <span id="corr074">hübscher</span> -Mann.«</p> - -<p>»Ja! Und er ist ein Glückspilz!« knirschte Samo zwischen -den Zähnen.</p> - -<p>Hanka senkte traurig den Kopf.</p> - -<p>»Ich möchte am liebsten wieder heim. Es ist so schön zu -Hause. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka<a id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, und -ich bin doch erst achtzehn Jahr.«</p> - -<p>Samo blieb vor ihr stehen und sah sie an. Und die Trauer -wich auf ein paar Sekunden aus seiner Seele, und er sah, daß -Hanka schön und lieblich sei.</p> - -<p>»Man sollte dich auf Händen tragen, Hanka!«</p> - -<p>»Sie sind alle gut zu mir. Nur Juro ist streng. Er schalt -mich gestern, daß ich wendisch sprach.«</p> - -<p>Da kollerte ein leises, grimmes Lachen über Samos Lippen.</p> - -<p>»Der zukünftige Kral!« sagte er verächtlich. »Nun, ich bin -da und will aufpassen. Gehen wir durch die Seitengasse, Hanka. -Ich will nicht am Kretscham vorbei. Ich mag diese Deutschen -nicht grüßen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<p>»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist -ein Fräulein, man sieht es gleich.«</p> - -<p>Samo ging allein durch die Seitengasse. – – –</p> - -<p>Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht -war ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines -Lebens brach eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, -zeigte sich seine Königswürde.</p> - -<p>Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, -viele aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, -auch von den Städten Lübbenau und Kottbus. Dann welche -aus Wittichenau und den Dörfern um Hoyerswerda, endlich -viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte und gelehrte -Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten Weg -nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille -funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen -Kundgebung des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, -und daß es wohl vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.</p> - -<p>Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich -an den Kral heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und -daheim Kunde geben vom König, dessen Bild auf keiner Münze -und in keinem Buche stand. Eine Röte stieg dem Kral in die -Wangen und verdrängte die bleiche Trauer. Und Dankbarkeit -war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt eingescharrt wurde. -Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein Königtum deutlich -gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute am -Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk -seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und -Städten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn -begrüßten. Der König lud sein Volk zum Mahle. Im -Großgarten waren lange Tafeln aufgeschlagen; in allen -Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und Stühle. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -war kein gewöhnlicher <em class="antiqua">zakopowane</em><a id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> mit gelber Suppe und -etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl -mit gekochtem und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein -und Tabak für die Männer und Kaffee mit Kuchen und -Schokolade für die Frauen. Selbst Zuckererbsen für die Kinder -gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral ging ein paarmal durch -die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede an und sprach -selbst selten ein Wort.</p> - -<p>Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden -Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen.</p> - -<p>Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die -Burschen sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob -sie heut abend im Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt -muß werden bei einem so großen Begräbnis.«</p> - -<p>»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird -nicht tanzen. Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist -sie hier.«</p> - -<p>»Wo ist Juro?«</p> - -<p>»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel gemeiner«<a id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>. – – –</p> - -<p>Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war -ihm zuwider. Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das -Klingen der Gläser an. Barbarisch ist das, abscheulich! Es -ekelte ihn.</p> - -<p>Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken -der Mutter nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein -junges Leben vergoldet hatte.</p> - -<p>Schließlich mußte er doch umkehren.</p> - -<p>Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. -Juro kannte den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker -<span id="corr076">aus</span> Bautzen, war er. Juro wußte seine ganze Geschichte. -Wie er mit einem Stipendium des preußischen Königs studiert, -wie er dann seine ganze Lebensarbeit der Erhaltung des wendischen<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann, der seine -kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen herausgab, -selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb, das -Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige -seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt -wie dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau -kannte man ihn, aus Prag wallfahrteten tschechische Politiker, -Schriftsteller, Studenten zu ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag -an seinem schwarzen Rock den russischen St. Annenorden -zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die Panslawisten -aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«<a id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> -ihre Hoffnungen setzten.</p> - -<p>Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der -wirkliche, geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle -Erbe des wendischen Königtums.</p> - -<p>»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer -Sprache.</p> - -<p>»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete -Juro deutsch.</p> - -<p>Schmaler sah überrascht auf ihn.</p> - -<p>»Sie sprechen deutsch mit mir?«</p> - -<p>»Ja, Sie sind aus Bautzen, und Bautzen ist, denke ich, eine -deutsche Stadt.«</p> - -<p>»Sie wissen sehr wohl, wer ich bin, werter Herr, und Sie -wissen auch, daß Budissin<a id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> eine uralte wendische Stadt ist. -Was verdrießt Sie an den Wenden? Man hat mir schon gesagt, -daß Sie kein Freund der Wenden sind.«</p> - -<p>Schmaler hatte ruhig und mild gesprochen; Juro entgegnete -heftig:</p> - -<p>»Ich bin kein Freund der Wenden? Wer Ihnen das gesagt -hat, Herr Schmaler, ist ein Lügner! Wer Ihnen das gesagt hat, -ist ein Schuft!«</p> - -<p>»Nun, nun, es kommt viel auf die Auffassung an. Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -können ja ganz ruhig miteinander sprechen. Und wenn Ihnen -heute eine Aussprache nicht paßt, so verstehe ich das wohl und -will Sie gewiß nicht quälen.«</p> - -<p>»Wir können miteinander sprechen, Herr Schmaler, aber ich -fürchte, wir werden uns nicht verstehen. Ich kenne Sie und Ihr -Werk, und ich habe Hochachtung vor Ihren Talenten, Ihrer -Ausdauer, Ihrem Opfermut. Sie sind ein Freund der Wenden -in Ihrem Sinne, ich bin ein Freund der Wenden im gerade entgegengesetzten -Sinne. Ich glaube nicht, daß so scharfe Gegensätze, -wie sie zwischen uns sind, sich oft wiederholen.«</p> - -<p>»Das soll heißen,« sagte Schmaler düster, »daß Sie alle -meine Bestrebungen um die Erhaltung sorbischen Slawentums -in der Lausitz verwerfen, wenn nicht gar bekämpfen wollen.«</p> - -<p>»So ist es!« sagte Juro aufrichtig.</p> - -<p>Schmaler schwieg eine Weile, dann sagte er:</p> - -<p>»Ich könnte Sie um die Begründung Ihres Urteils fragen, -aber ich kenne alle Einwände, die gegen mein Werk erhoben -werden. Sie halten es für vergeblich.«</p> - -<p>»Ja! Für so vergeblich, wie wenn Sie in heißen Frühjahrstagen -mit einem eisernen Haken eine Eisscholle in der Spree -festhalten wollten. Die Wenden schwimmen im deutschen Fluß, -und unter der deutschen Kultursonne wird Ihnen die Scholle, -die Sie festzuhalten sich bemühen, trotz aller Haken und Anstrengungen -zerrinnen.«</p> - -<p>Wieder entgegnete Schmaler nicht gleich. Dann sagte er:</p> - -<p>»Sie wissen, daß alle Gleichnisse hinken. Ich könnte Ihnen -hundert andere entgegenstellen, z. B. daß es mir lieber ist, als -armer Häusler in eigener Hütte zu wohnen, als daß ich als -Dominialknecht zu einem großen Herrn zöge.«</p> - -<p>»Knechte sind die Wenden nur so lange, als sie Wenden -bleiben. Werden sie Deutsche, so sind sie freie Kinder des freien -Hauses.«</p> - -<p>»Mein Gott, so spricht der zukünftige Kral!«</p> - -<p>»Herr Schmaler, Sie wissen, daß unser Königtum eine -Illusion ist.«</p> - -<p>»Nehmen Sie die Illusion aus der Welt, und die Staaten<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -und die Gemeinschaften und die Familien und alles individuelle -Leben geht in Trümmer. Fällt Ihnen nie ein, was für Kulturwerte -versinken, wenn dieses Volk untergeht? Glauben Sie -nicht, daß nur im Individualismus die Welt schön und liebenswürdig -sein kann? Glauben Sie nicht, daß es zum Sterben -langweilig wäre, wenn auf der Welt überall dieselbe Art Menschen -wohnte?«</p> - -<p>»In der Welt ja; aber ein Reich ist nur in einer Einheit -<span id="corr079a">bewundernswert</span>. Das weiß sonst niemand besser als die Panslawisten.«</p> - -<p>Juro sagte es mit einem Seitenblick auf Schmaler. Der -entgegnete ruhig:</p> - -<p>»Ich bin ein Panslawist. Es sind mir oft in slawischen -Ländern gute, wohlbesoldete Stellen angeboten worden; ich bin -im sächsischen <span id="corr079b">Budissin</span> geblieben, habe dort meine Kraft, -meine Gesundheit, mein Vermögen zugesetzt im Dienst der -wendischen Sache. Aus Eitelkeit, werden meine Feinde sagen, -aus der Sucht heraus, ein Eigenbrötler zu sein, der Beachtung -findet. Das mögen sie sagen; ich verachte es.«</p> - -<p>»Ich meine, daß Ihre ehrlichen Gegner an Ihren Idealismus -glauben, Herr Schmaler; ich jedenfalls gehöre zu diesen.«</p> - -<p>»Danke! Das eine kann man mir auch jedenfalls nicht bestreiten, -daß ich ein loyaler sächsischer Untertan bin.«</p> - -<p>»Sehen Sie, Herr Schmaler, das würde ich bestreiten. Ich -glaube, daß Sie Ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, aber -Ihre Seele gehört hinüber zu den Tschechen, mit denen Sie -eine Spracheinheit anstreben, mit denen Sie ständig sympathisieren.«</p> - -<p>»Was soll ich tun? Sie selbst sagen, daß meine Scholle zerbröckelt. -Festigkeit, geistigen Inhalt für meine Sache kann ich -nur bei unseren slawischen Brüdern suchen. Ich suche Stärkung -bei den Slawen für unser wendisches Volkstum, aber ich suche -keinen politischen Anschluß an sie. Ich will die Erhaltung des -sorbischen Slawentums innerhalb der bestehenden Staatsverbände. -Ist das Landesverrat?«</p> - -<p>»Landesverrat nicht! Nein! Sicherlich aber auch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -Patriotismus, der die Wurzeln seiner Kraft nicht im Auslande -hat.«</p> - -<p>»Vaterland? – Welches Blut haben uns unsere Väter vererbt? -Wo zieht es uns hin?« –</p> - -<p>Sie waren inzwischen nahe an das Gehöft gekommen, wo -festliches Treiben war. Mitten aus dem Lärm hob sich das -widerliche Geschrei eines Betrunkenen ab:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Njet hordujo ta kóža přepita!</em>«<a id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p>»Hören Sie! Hören Sie!« keuchte Juro. »Ist das nicht eine -Roheit sondergleichen? Ist das nicht gemeiner Kannibalismus! -Wenn ich den Kerl erwische, schlage ich ihn nieder!«</p> - -<p>Er wollte voran. Schmaler faßte ihn am Arm und hielt -ihn fest.</p> - -<p>»Es ist roh! Ja, es ist widerlich roh! Aber der Mann ist -betrunken!«</p> - -<p>»Oh, es wird nicht lange dauern, da brüllen sie alle dieselbe -Gemeinheit!«</p> - -<p>»Nicht doch! Denken Sie daran, daß solch arme Leute jeden -öffentlichen Anlaß zu einer Festlichkeit benutzen, weil ihr Leben -so wenig Feste hat.«</p> - -<p>»Da sind sie voll von diesem eklen Kannibalenfraß, da -dürfen sie von einer edlen Toten sprechen wie von einem geschlachteten -Tier! Ich halte es nicht aus! Ich werfe sie hinaus; -ich werfe sie alle hinaus!«</p> - -<p>»Es sind die Gäste Ihres Vaters! Roheiten kommen überall -vor. Beruhigen Sie sich! Es ist ein ungebildetes Volk! Sie -denken sich nichts so Schlimmes dabei!«</p> - -<p>»Prosit! Prosit!« scholl es vom Großgarten her, und wieder -kam der rohe Satz:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Njet hordujo ta kóža přepita!</em>«</p> - -<p>Da überfiel Juro ein starker physischer Ekel; ein Brechreiz -würgte ihn, dann riß er sich los und eilte nach dem Großgarten. -Er sah eine Gruppe zechender Männer.</p> - -<p>»Prosit, Juro, prosit!« schrien sie. »<em class="antiqua">Njet hordujo</em> …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>»Wollt ihr schweigen, ihr – ihr – Schweine!«</p> - -<p>Juro brüllte es.</p> - -<p>»Ist das ein Sauffest? Dürft ihr so von meiner Mutter -sprechen? Hinaus, sage ich, hinaus mit euch besoffenem -Pack!«</p> - -<p>Die Gesellschaft erschrak. Blöde, ernüchtert sahen sie den -tobenden jungen Mann an.</p> - -<p>»Was – Was sagt er?« grunzte einer.</p> - -<p>»Was ich sage? Daß ihr eine besoffene Horde seid, die sich -benimmt wie die Wilden!«</p> - -<p>Nun ging ein Skandal los.</p> - -<p>»Wir haben doch den Branntwein nicht gestohlen!«</p> - -<p>»Wir sind doch nicht zum Spaß so weit hergelaufen!«</p> - -<p>»Er ist ein aufgeblasener Bengel!« – »Er hat uns beim -Totenschmaus der eigenen Mutter verjagt!« – »Pfui, er ist -geizig!«</p> - -<p>»Da – da hast du dein Fett!«</p> - -<p>Und es warf einer das Schnapsglas nach Juro, das haarscharf -an seinem Kopf vorbeisauste. Mit einer unflätigen Beleidigung -stampfte der Kerl davon. Eine Anzahl anderer warf -die Gläser ebenfalls ins Gras und ging davon.</p> - -<p>Der Kral kam schnell heran und sagte laut:</p> - -<p>»Ich bin hier der Herr! Wer mein Gast ist und wem es hier -gefällt, der bleibt!«</p> - -<p>Aber wenige blieben. Juro ging zitternd vor Aufregung ins -Haus.</p> - -<p>Schmaler trat an den Scholta heran und sprach einige aufklärende -Worte.</p> - -<p>»Es hat mir auch wehgetan, wenn sie so brüllten«, sagte der -alte Hanzo; »aber es ist eine Redensart seit alters her. Und -Gäste soll man nicht vertreiben.«</p> - -<p>»Juro ist kein Wende mehr«, sagte Samo, der auch herangetreten -war. »Er hat sich so mit Haut und Haaren den Deutschen -verschrieben, hat sich so an geschniegelte Kreise angeschlossen, -daß ihm alles in der Heimat zu roh ist, daß er sich -zimperlich benimmt wie ein Frauenzimmer. Mit den Deutschen<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -ist er gegangen; mit einem Wenden hat der feine Herr nicht gesprochen.«</p> - -<p>»Nur mit mir!« sagte Schmaler. »Freilich haben wir gestritten. -Ich kehre bedrückten Herzens heim, weil ich gesehen -habe, wie der zukünftige Kral über das Wendentum denkt.«</p> - -<p>Ein Seufzer kam aus der Brust des alten Hanzo, und er -wandte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen, wieder zu seinen -Gästen. Eine Anzahl kam zurück. Es wurde weiter geschmaust -und getrunken, aber es ging stiller her. – Schmaler und Samo -gingen nun ein Stück den Feldweg entlang. Sie verstanden sich -besser.</p> - -<p>Schmaler erzählte mit Begeisterung von Prag.</p> - -<p>»Ich kann es nicht begreifen«, sagte Samo, »daß mein -Vater darauf bestand, ich müsse in Breslau studieren. Mir ist -das deutschgewordene Nest, das Slawen gegründet haben, zuwider. -Wir wendischen Studenten gehören nach Prag. Denn die -Lausitz gehört ebenso wie <span id="corr082">Schlesien</span> geschichtlich und rechtlich -zur ›<em class="antiqua">Koruna ceska</em>‹«<a id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>.</p> - -<p>Schmaler schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Ich gehe nicht so weit, ich fasse unsere Stellung zu den verwandten -Tschechen anders auf!«</p> - -<p>»Was man will, muß man ganz wollen, Meister Schmaler. -Los von den Deutschen! Die deutsche Länderkrume, die uns -von den tschechischen Brüdern trennt, ist dünn genug, daß man -sie durchbrechen kann. Wir müssen nur ausharren, festhalten, -hier treu bleiben auf dem slawischen Vorposten. Jahrhundertelang -hat unser armes Volk den deutschen Druck ertragen und -ist slawisch geblieben im fremden Joch, im fremden Land. -Sehen Sie dagegen auf die Deutschen! Alle fremden Sprachfetzen -lesen sie auf, die vom Schneidertisch anderer Nationen -fallen, behängen sich damit und glauben sich geschmückt. Ihre -Nationalität hält im fremden Land nicht vom Vater auf den -Sohn. Weil sie nichts taugt! Und deshalb werden unsere -tschechischen Brüder Tag um Tag weiter vordringen gen<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -Norden, und eines Tages werden wir mit ihnen vereinigt sein. -Dann wird man sowohl vor den Mauern Berlins wie vor den -Mauern Wiens die slawische Sprache hören.«</p> - -<p>»Sie gehen zu weit, Sie gehen viel zu weit in Ihren Plänen -und Hoffnungen«, sagte der vorsichtige Schmaler besorgt.</p> - -<p>»Ich setze mir ein Ziel: Erhaltung des Sorbentums als -Vorposten der siegreich vordringenden Slawen.«</p> - -<p>Schmaler schwieg. Er mochte sich zu solch kühnen Worten -nicht äußern.</p> - -<p>»Liegt es nicht an der Feigheit unserer Intelligenz, wenn -das Sorbentum leider Gottes zurückgeht?« fuhr Samo fort. -»Wenn wir solche Führer haben wie meinen Bruder Juro, -dann Gnade uns Gott!«</p> - -<p>»Auch ich fürchte von ihm viel«, sagte Schmaler.</p> - -<p>»Er darf kein Führer werden; er darf es nicht! Ich werde -es verhindern. Gott sei Dank, ich glaube, er will es auch nicht. -Er ist zu feig und oberflächlich dazu. Ich sah mit scheelen Augen -darauf, daß er hinter einer Deutschen herlief. Ich war ein -Esel. Ein Glück ist diese Liebschaft! Er soll sich nur sein bleichsüchtiges -Ding nehmen, nach Berlin ziehen und alle zehn Jahre -einmal nach Hause zur Kirmeß kommen. Öfter gehört er auf -unsern Hof nicht! Da ist er unmöglich! Vollends mit seiner -deutschen Zierpuppe. Auf unsern Hof gehöre ich!«</p> - -<p>»Er ist der Erbsohn«, warf Schmaler ein. »Er ist auch nach -der Tradition der zukünftige Kral.«</p> - -<p>»Haben nicht andere abgedankt als er, wenn sie unfähig -waren für ihre Sache? Er wird abdanken!«</p> - -<p>»Ich will mich in einen Familienstreit nicht mischen«, -sagte Schmaler wieder vorsichtig.</p> - -<p>»Das ist kein Familienstreit, das ist eine Sache, die alle -angeht und die Sie unterstützen sollten, wenn eine Unterstützung -nötig wird.«</p> - -<p>»Ihr Vater ist noch jung. Wir müssen die Entwicklung der -Dinge abwarten.«</p> - -<p>»Die Dinge werden sich rasch entwickeln. Denken Sie an -Hanka! Sie ist das letzte Mädchen aus dem Geschlechte, das<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -uns als das königliche gilt. Meine Eltern und ihre Eltern -haben sie für Juro bestimmt. Und wenn er sich um seiner -deutschen Liebsten willen weigert, das Mädchen zu nehmen? -Wenn er mit seiner deutschen Frau als Arzt nach irgendeiner -Stadt zieht? Nach allen seinen Äußerungen glaube ich bestimmt, -daß er das tun wird. Nun, irgend jemand wird wohl die Sache -hier übernehmen müssen.«</p> - -<p>Schmaler drückte Samo die Hand.</p> - -<p>»Sie wissen, daß ich Sie hundertmal lieber als Herr auf -dem Hofe sehen würde als Ihren Bruder.«</p> - -<p>»Das genügt mir!« sagte Samo, und seine dunklen Augen -funkelten.</p> - -<p>Dann sprach er von der Zeitung, die Schmaler herausgab, -von der »<em class="antiqua">Sorbske Nowiny</em>«. Er lobte Schmalers Bestreben, -die deutschen Fremdwörter und Lehnformen aus der wendischen -Sprache auszurotten und überall da, wo ein rein wendisches -Wort nicht vorhanden war, tschechische Formen einzuführen. -Er versprach auch, selbst an der »<em class="antiqua">Sorbske Nowiny</em>« mitzuarbeiten, -zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und wies auf -einen Artikel.</p> - -<p>»Den müssen Sie abdrucken. Der trifft das Richtige!«</p> - -<p>»Sie lesen Russisch?« fragte Schmaler.</p> - -<p>»Ja, ich habe mich von Kindheit an mit dieser Sprache -befaßt.«</p> - -<p>Schmaler, der ebenfalls des Russischen mächtig war, las:<a id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> -»Wir Slawen bewundern den Genius der Semiten auf dem -Gebiete religiöser Schöpfungen, den der Griechen auf dem -Gebiete der Wissenschaften und Künste, den Genius der Römer -auf dem Gebiete des Rechts und der Politik; wir bewundern den -begeisterten Schwung des Spaniers und Italieners, das -gesellschaftliche Talent und den Geschmack des Franzosen, die -schöpferische Kraft und die Erfindungsgabe des Engländers. -Was kann dagegen der Deutsche für sich beanspruchen? Was -ist an ihm genial, was ideal, was vollendet? Ist sein Glaube<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -nicht abstrakt und sein Unglaube kühl, seine Philosophie -phantastisch und seine Poesie philosophisch? Seine soziale -Existenz, sein Feudalismus, sein Junkertum, sind sie nicht die -Negation der Menschenrechte, die organisierte Gewalttat? -Können seine gute militärische Disziplin, seine Mäßigkeit und -Akkuratesse, sein kaltes, herzloses, maschinenartiges Ausführen -dessen, was ihm befohlen wird, selbst auf Kosten der -geheiligten Gefühle der Großmut und des Mitleids – können -sie dieses Volk erheben und Liebe erregen? Können seine -Arbeitsamkeit und Pünktlichkeit den Mangel an Humanität -und schöpferischer Kraft ersetzen? Möge die geschichtliche Vorsehung -die Slawen vor dem Wege der Entwicklung bewahren, -auf dem sie den Deutschen ähnlich werden könnten!«</p> - -<p>»Haben Sie das selbst geschrieben?« fragte Schmaler.</p> - -<p>Samo zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Geschrieben oder nicht, es ist meine Meinung. Und Sie -sollen den Artikel abdrucken.«</p> - -<p>»Nein«, sagte Schmaler, »er ist zwar geistreich, aber er -schießt über das Ziel hinaus. Die Russen können unmöglich den -Deutschen den Vorwurf kalter Herzlosigkeit, Unfreiheit und -schöpferischer Unproduktivität machen. Solche Angriffe verfehlen -ihren Zweck.«</p> - -<p>Samo zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Wer dieses Volk angreift, hat immer recht. Die ›<em class="antiqua">Nàrodni -listi</em>‹ in Prag sollten Sie sich zum Muster nehmen. Das Blatt -nennt das Ziel, stellt die Aufgabe klar, wenn es schreibt: ›Wir -werden immer auf seiten jenes Volkes stehen, das gegen die -Deutschen den Krieg unternimmt, weil der Feind unseres -Feindes stets unser Freund ist.‹ Sehen Sie, Pàn Schmaler, das -ist stark und zielbewußt! Für Ihre ›<em class="antiqua">Sorbske Nowiny</em>‹ aber -werde ich nichts schreiben können, weil ich fürchte, dies Blatt -ist zu deutschfreundlich.«</p> - -<p>Das mußte sich der alte Wendenführer von dem jungen -Manne sagen lassen. Als er gen Bautzen nach Hause fuhr, -mußte er sich eingestehen, daß er sich mit keinem der beiden -Söhne des Kral verstanden hatte, mußte er sich sagen, es sei<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -doch eine mißliche Sache, in Prag und Moskau als Vertrauensmann -zu gelten und daheim dem König von Preußen ein -Wendenbuch zu widmen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende -Bauersleute aus dem Sächsischen, teilgenommen. -Am Abend noch sprach der Scholta zu ihnen: »Herr Vetter und -Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche Bitte auszusprechen. -Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein paar Wochen -zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille, daß -die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit, -wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir -die Frau gestorben …!«</p> - -<p>Er hielt nach dieser langen Rede müde inne und machte eine -Handbewegung, die bedeuten sollte: alles andere könnt ihr euch -wohl selbst denken. Die Mutter Hankas verstand ihn auch.</p> - -<p>»Der Herr Vetter meint, weil das Hauswesen jetzt ohne -Frau ist, so sollten wir in Gottes Namen die Hanka auf längere -Zeit hierlassen, daß er nicht ganz allein ist, wenn die Herren -Söhne wieder fortziehen, und daß eine weibliche Aufsicht -wäre.«</p> - -<p>Hanzo nickte der Frau dankbar zu. Er freute sich, daß sie -ihm das weitere Sprechen und Bitten ersparte.</p> - -<p>Die Frau aber schwieg jetzt, und auch ihr Mann schwieg. -Sie brauchten sich ihre Gedanken nicht mitzuteilen. Sie dachten -alle drei dasselbe: daß Hanka an einem Unglückstage in dies -Dorf eingezogen, daß ihr unterwegs die Smjertniza begegnet -war. Der alte Scholta suchte endlich die Bedenken zu zerstreuen, -indem er sprach:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bog te swoje žiwńe gromadu zwežo!</em>«<a id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a></p> - -<p>Diesem Spruche dachte die Frau nach, und ihr Mann -wartete, wie sie sich entscheiden werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<p>Endlich sprach die Mutter Hankas:</p> - -<p>»So wollen wir das Mädchen in Gottes Namen hierlassen, -bis der Herr Vetter seine Wirtschaft gerichtet hat.«</p> - -<p>Der Mann sah seine Frau an, als wollte er sagen: Ich hätte -erwartet, daß wir uns anders entscheiden würden. Aber die -Frau sagte: »Gott hat das Kind behütet und auch mit tollen -Pferden gesund hierher geführt, es mag hierbleiben.«</p> - -<p>Hanka wurde nun herbeigerufen, und der Familienbeschluß -wurde ihr mitgeteilt. Da rannen ein paar helle Tränlein über -die roten Wangen des Mädchens.</p> - -<p>»Es war so schön zu Haus. In der Spinnstube war ich schon -die Kantorka!«</p> - -<p>»Du wirst hier auch die Kantorka werden!« tröstete die -Mutter. Das Mädchen aber hielt die Hände vors Gesicht. -Da stand die Mutter auf und sagte recht barsch:</p> - -<p>»Höre, Hanka, ich will nicht hoffen, daß dir ein Kerl von -zu Haus im Kopfe steckt.«</p> - -<p>Das Mädchen sah sie groß an.</p> - -<p>»Nein! Wie wäre das möglich? Ich denke, ich soll den Juro -heiraten!«</p> - -<p>Da nickten sich die drei Alten befriedigt zu: »Sie ist ein -folgsames Kind!«</p> - -<p>Ein Weilchen war's still, dann seufzte die Frau und sagte:</p> - -<p>»Der Herr Juro hat ein gar hitziges Blut!«</p> - -<p>Ihr Mann wollte nun auch was sagen und sprach:</p> - -<p>»Das muß so sein bei den Herren Studenten.«</p> - -<p>Die Frau sah ihn an und sagte nichts. Aber der Mann -wußte, daß sie bei sich dachte: Was faselst du? Du hast in -deinem Leben keine fünf Studenten gesehen. Das war wahr, -und der Mann nahm sich vor, ein andermal mit Reden nicht so -voreilig zu sein.</p> - -<p>»Er wird ein schweres Leben haben, wenn er erst auf dem -Gut ist und so hitziges Blut hat«, nahm die Frau das Thema -wieder auf.</p> - -<p>»Er wird älter werden!« sagte der Kral.</p> - -<p>»Und er hatte ganz recht«, rief Hanka, halb noch in Tränen.<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -»Ich habe auch einem von den Kerlen, die so lärmten, eine -Flinka<a id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> gegeben.«</p> - -<p>»Du?!«</p> - -<p>»Ja, es kam einer an die Küchentür und sagte den gemeinen -Spruch: ›<em class="antiqua">Jana stawa baba</em>‹.«<a id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p> - -<p>»Der Kerl! Da hattest du recht, daß du ihm eine Flinka -gabst. Was sagte er?« fragte die Mutter.</p> - -<p>»Ach, er lachte und meinte: Ei sieh, das Kätzchen gibt die -Pfote!«</p> - -<p>»Und du?«</p> - -<p>»Ich gab ihm noch einmal die Pfote!« sagte Hanka und -lachte auch.</p> - -<p>Die Eltern sahen stolz auf den Scholta: »Sieh, was für -eine Schwiegertochter du bekommst!«</p> - -<p>»Juro ist streng!« sagte Hanka nachdenklich, »er hat auch -auf mich schon sehr geschimpft. Aber er ist schöner als alle!«</p> - -<p>Da sahen die Eltern wieder auf den Scholta: »Nehmt euch -diese Perle wahr!« Hanzo nickte.</p> - -<p>Als die Eltern Hankas an die Heimreise gingen, schieden sie -in Zufriedenheit, obwohl sie sich von ihrem zukünftigen -Schwiegersohn Juro nicht einmal verabschieden konnten, weil -er nirgends zu finden war. So hatte Juro mit ihnen außer -einer kurzen Begrüßung bei der Ankunft überhaupt kein Wort -gesprochen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Scholta brauchte drei Tage und drei Nächte, ehe er sich -zu dem Entschluß aufraffte, mit seinen Söhnen Rücksprache -über die Zukunft zu nehmen. Endlich saß er mit ihnen in dem -kleinen Stübchen, in dem sein uralter Schreibtisch stand, der so -hoch war wie ein Schrank.</p> - -<p>Der alte Hanzo schloß das Fenster und verriegelte die Tür.<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -»Meine Söhne,« sagte er dann mit der ihm eigenen Feierlichkeit, -»es hat sich in unserer Familie ein so großes Unglück ereignet, -daß wir jetzt daran denken müssen, wie in Zukunft alles -werden soll. Ich habe hier auf dem Papier alles aufgeschrieben, -was die Mutter eingebracht hat, und es kommen jetzt nach -ihrem Tode auf jeden von euch sechstausend Taler Mutterteil.«</p> - -<p>Die Söhne sagten übereinstimmend, daß sie das Geld vorläufig -aus dem Gute nicht herausziehen wollten.</p> - -<p>»So werde ich euch jedem eine Hypothek auf das Geld eintragen -lassen; denn es muß Ordnung sein«, sagte der Vater.</p> - -<p>Damit – meinte er – sei alles erledigt, und er wollte die -Tür wieder aufriegeln. Aber beide Söhne sagten, sie hätten noch -mit dem Vater zu reden und wollten bald alles abmachen.</p> - -<p>»Nun, so kommt zuerst Juro an die Reihe«, sagte der -Scholta. Er sah gespannt auf den Sohn. Der redegewandte -Juro stockte erst und brachte auch dann seine Sätze nicht ganz -glatt heraus.</p> - -<p>»Vater, du weißt, daß ich in meinem Berufsstudium hinter -Samo zurück bin, obgleich ich ein Jahr eher auf die Universität -kam als er. Er hat gleich von Anfang an Medizin studiert, und -ich habe erst zwei Jahre mit der Jurisprudenz verloren, ehe ich -auch zur Medizin umsattelte. Ich konnte aber nicht Advokat -oder Richter werden; ich hatte mich in mir getäuscht. Nun wird -Samo schon vor nächsten Ostern fertig, und ich werde noch ein -und ein halbes Jahr brauchen, ehe ich approbiert bin. Es kommt -dazu, daß ich auf deinen und der Mutter Wunsch nebenbei auch -landwirtschaftliche Vorlesungen höre.«</p> - -<p>»Wozu erzählst du das?« sprach Samo dazwischen, »das -wissen wir doch.«</p> - -<p>»Es gehört zum Ganzen«, sagte Juro. »Du weißt, Vater, -daß ich mich für die Landwirtschaft bisher wenig interessiert -habe; ich habe euch zuliebe diese Vorlesungen gehört, obwohl -ich es für ganz unnütz hielt, und ich will dir gestehen, daß ich -im Ernst gar nicht daran dachte, einmal Landwirt zu werden.«</p> - -<p>Der Vater entgegnete nichts; er kannte die Interesselosigkeit -des Sohnes an der Landwirtschaft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p> - -<p>»Aber, Juro, weshalb erzählst du das?« fragte Samo -wieder. »Wir alle wissen, daß du kein Landwirt bist und also -auch später einmal das Gut nicht übernehmen kannst.«</p> - -<p>Juro wandte sich seinem Bruder zu, und der Haß blitzte -auf in seinen Augen, und ein Lächeln der Schadenfreude spielte -um seine Lippen.</p> - -<p>»Und wer wird es übernehmen?« fragte er kalt. »Fremde -Leute?«</p> - -<p>»Ich bin auch noch da – ich –«</p> - -<p>Juro brach in ein Gelächter aus.</p> - -<p>»Du?! – Ja, du! – Ich verstehe! – Ich konnte es mir -denken!«</p> - -<p>Dann stand er auf und schrie den Bruder an:</p> - -<p>»Nein, du wirst es nicht übernehmen! Ich bin der Erbsohn! -Ich!! Ich bin der zukünftige Kral der Wenden!«</p> - -<p>»Das bist du!« sagte der Vater und stand auf und sah mit -leuchtenden Augen auf seinen Sohn, der ihm wie ein Wunder -erschien in seiner plötzlichen Verwandlung.</p> - -<p>Samo aber sah seinen Bruder ganz erschrocken an.</p> - -<p>»Du – du – was fällt dir auf einmal ein?«</p> - -<p>»Jetzt rede ich erst!« sprach der Vater mild, aber fest, und -wandte sich an seinen ältesten Sohn.</p> - -<p>»Dir hat Gott geholfen, Juro, er hat dir gezeigt, was du -tun sollst, weil du der Kral der Wenden sein wirst. Die Mutter -hat sich großen Kummer gemacht. Sie wollte noch mit dir reden, -aber sie starb zu rasch. So werde ich dir sagen, was nötig ist. -Wir wollen, daß du ein guter Hausvater und ein treuer Kral -wirst, und wir haben bestimmt, daß du unsere Jungfer Hanka -zur Frau nimmst.«</p> - -<p>»Ich – was? – Ich – Hanka? – –«</p> - -<p>Der Jüngling brachte keinen Satz zustande. Er stand blaß -vor dem Vater, und es war, als ob sein Hirn lahm und seine -Glieder starr geworden wären.</p> - -<p>Samo schlug ein lautes Gelächter an.</p> - -<p>Der Vater verwies Samo dieses Lachen mit strenger Gebärde.</p> - -<p>Juro gewann endlich die Herrschaft über sich zurück. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -sprach nicht gleich, aber man sah an seinem Gesicht, wie rasch -die Gedanken arbeiteten.</p> - -<p>Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme, durch die kaum -ein merkliches Beben lief:</p> - -<p>»Vater, der Eltern Wille ist in Ehren! Und das Mädchen, -die Hanka, ist in Ehren! Aber ich werde Hanka nicht heiraten, -denn ich habe bereits eine Braut.«</p> - -<p>Der Vater sah ihm steif ins Gesicht und sprach:</p> - -<p>»Du kannst keine Braut haben, Juro, denn ich weiß nichts -davon. Es ist Sitte von alters her in unserer Familie, daß der -Sohn mit seinem Vater spricht, ehe er mit einem Mädchen von -der Ehe redet, und es ist Sitte, daß kein braves Mädchen mit -sich von der Ehe sprechen läßt, ehe sie weiß, daß der Bursch mit -seinem Vater einig ist.«</p> - -<p>Juros Gesicht wurde dunkelrot. Aber er sprach mit ruhiger -Stimme:</p> - -<p>»Die Zeiten ändern sich, Vater! Unsere Zeit macht die -Menschen schnell selbständig. Unselbständige Leute vernichtet -sie. Ich bin schon lange mündig, ich habe so viel gelernt, um -zu wissen, was ich tue, und ich werde nur das Mädchen heiraten, -das ich mir selbst gewählt habe. Es ist Elisabeth von Withold.«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Elisabeth, die Tochter unseres Nachbarn!«</p> - -<p>»Des Rittermäßigen?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>Da ging der Vater auf den Sohn zu, tippte ihm mit dem -Zeigefinger auf die Brust und sagte:</p> - -<p>»Weißt du, daß du ein Bauernjunge bist?«</p> - -<p>»Ich weiß, daß ich ein gebildeter Mensch bin!«</p> - -<p>»Das vergiß nicht, Vater!« rief Samo höhnisch dazwischen.</p> - -<p>Der Bauer setzte sich an den Tisch. Er sah starr auf Juro -und fragte dann:</p> - -<p>»Und du hast es wirklich gewagt, das dem deutschen Edelmann -zu sagen?«</p> - -<p>»Ich habe es ihm noch nicht gesagt, weil es noch nicht möglich -war, aber ich werde es alsbald tun!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>Da sprang der alte Wende auf, und eine Energie kam über -ihn, die seltsam von seiner Art abstach. Seine sonst so ruhige -Stimme wurde scharf:</p> - -<p>»Du wirst es nicht tun! Du wirst uns die Schande nicht -machen, daß der deutsche Edelmann den wendischen Bauernjungen -mit den Hunden hinaushetzt!«</p> - -<p>»Das wird er nicht! Das kann er nicht!« lächelte Juro.</p> - -<p>»Er wird es tun! Er gehört zu den Deutschen, die die -Wenden verachten! Er ist ein Ritter, und wir sind Bauern!«</p> - -<p>»Laß das meine Sorge sein, Vater!«</p> - -<p>»Nein, es ist <em class="gesperrt">meine</em> Sorge. Ich bin der Vater! Die Schande -kommt über uns alle!«</p> - -<p>Da hielt Juro eine lange Rede. Er sprach von der Emanzipation -des Wendenvolks, von seiner Gleichberechtigung mit -den Deutschen, von dem Ausgleich zwischen den Ständen. Er -sprach mit herzlicher Liebe und mit großer Begeisterung von -Elisabeth und von ihrer Liebe zu ihm. Und er schloß:</p> - -<p>»Wendin oder Deutsche – es ist gleich; adelig oder nicht -adelig, es ist kein Hindernis für die Liebe! Wir lieben uns, weil -wir uns lieben müssen, unsere Herzen haben zusammengeschlagen, -ohne daß alte Vorurteile es hindern konnten. Die Zeiten, -wo Menschen ihr Glück mit selbstgeschaffenen Ketten erwürgten, -sind gottlob vorbei!«</p> - -<p>Der alte Wende hörte ihm starr zu. Zuletzt schlug er die -Hände vor's Gesicht und sagte:</p> - -<p>»Ich wollte, ich wäre bei der Mutter!«</p> - -<p>Juro sah ihn erschüttert an.</p> - -<p>»Willst du mich nicht verstehen, Vater?«</p> - -<p>»Nein, ich verstehe eure Welt nicht, in der alles ohne Sitte -und Ordnung ist, alles von unten nach oben gedreht wird!«</p> - -<p>»Vater, du warst immer gerecht. Du kannst kein hartes -Urteil fällen über ein Mädchen, das du nicht kennst. Oder -hast du je etwas Schlimmes von ihr oder ihrer Familie -gehört?«</p> - -<p>»Nein! Aber es sind Edelleute. Und ein Fräulein paßt nicht -zu einem Bauernsohn!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<p>»Warum hast du uns studieren lassen, Vater? Doch darum, -daß wir vorwärts kommen sollen in der Welt!«</p> - -<p>»Ja, aber nicht so! Die Wenden haben keinen Arzt, keinen -Advokaten, der ihre Sprache spricht, nicht einmal genug Geistliche -und Lehrer, die Wendisch können. Da war es doch meine -Pflicht als Kral, daß ich euch auf die Schule gab. Einer sollte -Advokat werden, einer Arzt!«</p> - -<p>»Nun werde ich auch Arzt. Aus innerer Neigung. Und ich -werde mich ganz den Wenden widmen, die der ärztlichen Hilfe -so nötig bedürfen!«</p> - -<p>Samo, der mit feuerrotem Gesicht der Unterredung zuhörte, -sagte nun dazwischen:</p> - -<p>»Er wird die Kranken kurieren oder auch nicht kurieren – -je nachdem –, und das gnädige Fräulein von Withold, die dann -eine Bauernfrau geworden ist, wird indes zu Hause die Schweine -füttern!«</p> - -<p>Juro sah den Bruder kalt an.</p> - -<p>»Wir haben uns nicht vertragen, als du noch glaubtest, ich -würde dir Platz machen; wir werden uns natürlich erst recht -nicht vertragen, nachdem du weißt, daß ich nicht dir zu Lieb' auf -mein Erbe verzichte!«</p> - -<p>Samo sprang auf.</p> - -<p>»Bin ich ein Erbschleicher?«</p> - -<p>Juro sah ihn mit strengen Augen an und zuckte die Achseln. -Da holte Samo zum Schlage gegen ihn aus. Der alte Scholta -aber hieb mit der Faust auf den Tisch.</p> - -<p>»Wie benehmt ihr euch? Was erdreistet ihr euch in meiner -Gegenwart? Geht hinaus! Beide!«</p> - -<p>Die Söhne mußten das Zimmer verlassen, und der Vater -blieb allein und sprach drei Tage lang mit keinem Menschen -ein Wort.</p> - -<p>Dann aber ließ er die Söhne wieder zu sich rufen.</p> - -<p>»Ich will dich fragen, Juro, ob du es dir überlegt hast, daß -ein adliges Fräulein nicht in unseren Hof als Bäuerin ziehen -kann!«</p> - -<p>»Elisabeth wohnt jetzt auch auf dem Hofe ihres Vaters. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -interessiert sich für die Landwirtschaft und verträgt sich aufs -beste mit allen Leuten!« entgegnete Juro kleinlaut.</p> - -<p>»Sie haben ein herrschaftliches Schloß, einen Park!«</p> - -<p>»Das brauchen wir nicht! Aber ich wollte dich allerdings -bitten, Vater, daß ich mir hinter unserem Großgarten ein neues -Wohnhaus bauen darf: nicht groß und prunkvoll, aber gesund -und bequem!«</p> - -<p>»Das soll heißen, Vater,« fiel Samo ein, »er baut nebenan -ein deutsches Herrenhaus, und du darfst hier in der wendischen -Kaluppe weiterwohnen und seinen Großknecht spielen!«</p> - -<p>Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, aber die Gegenwart -des strengen Vaters hielt die Brüder im Zaum.</p> - -<p>»Ich beabsichtige,« sagte Juro, »von hier aus meine ärztliche -Praxis auszuüben und mich – soweit mir Zeit bleibt – unter -deiner Leitung in die Verwaltung des Gutes einzurichten.«</p> - -<p>»Und das Fräulein?«</p> - -<p>»Sie wird zufrieden sein und dir eine gute Tochter sein.«</p> - -<p>Der Alte schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Sie ist eine Deutsche!«</p> - -<p>»Gott sei Dank!« sagte Samo.</p> - -<p>»Was meinst du damit?« fragte ihn der Vater.</p> - -<p>»Ich meine, es ist gut, daß sie eine Deutsche ist. Sie paßt zu -Juro, denn er ist auch ein Deutscher, ein Stockdeutscher.«</p> - -<p>Der Vater sah mit forschenden Augen dem Sohne ins Gesicht.</p> - -<p>»Er hat die Wenden oft unfreundlicher behandelt, als ich -wünschte, aber deshalb kann noch kein Mensch behaupten, daß -er ein Deutscher geworden ist«, sagte der Alte.</p> - -<p>Juro, der erkannte, auf welches Geleise ihn der Bruder geführt, -verschmähte es, sich zu verstecken.</p> - -<p>»Ja, ich bin ein Deutscher«, rief er. »Ich will es, ich mag es, -ich kann es nicht verheimlichen.«</p> - -<p>»Und – und dein Wendentum?«</p> - -<p>»Ich liebe die Wenden; aber ich sehe kein anderes Heil für -sie, als daß sie Deutsche werden.«</p> - -<p>»Ihre Sitte, ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihr Volksglaube?«</p> - -<p>Juro wartete einige Sekunden. Dann sagte er fest:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p> - -<p>»Sie sind dem wahren Fortschritt der Wenden hinderlich. -Darum müssen sie ausgetilgt werden.«</p> - -<p>»Juro – Juro, bist du das – ist das mein Sohn, der so -redet?«</p> - -<p>»Ich kann nicht anders. Bei Gott, Vater, es ist meine Überzeugung!«</p> - -<p>Er wollte auf ihn zugehen; aber der Vater wehrte mit -beiden Händen ab.</p> - -<p>Bleich und gesenkten Hauptes ging der alte Mann zur Tür. -Dort blieb er stehen und sagte noch:</p> - -<p>»Das ist das Schwerste, was ich im Leben hören mußte! -Da gehört viel Zeit dazu, ehe ich das fassen kann.«</p> - -<p>Juro streckte die Hände nach ihm aus, aber der Vater schloß -die Tür von draußen. – –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Birnbaum steht im weiten Felde<a id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>.<br /></span> -<span class="i0">Weiße Steine liegen drunter,<br /></span> -<span class="i0">Unter all den weißen Steinen<br /></span> -<span class="i0">Liegt ein rotes, gold'nes Ringlein.<br /></span> -<span class="i0">Durch das Ringlein wachsen Halme,<br /></span> -<span class="i0">Und die Halme tragen Blüten.<br /></span> -<span class="i0">Kommt ein Pfau dahergeschritten,<br /></span> -<span class="i0">Läßt die schönsten Federn fliegen,<br /></span> -<span class="i0">Kommt ein Mädchen hergegangen,<br /></span> -<span class="i0">Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein …<br /></span> -<span class="i0">— — — — — —<br /></span> -<span class="i0">Birnbaum steht im weiten Felde,<br /></span> -<span class="i0">Gold'nes Ringlein schläft darunter,<br /></span> -<span class="i0">Von dem Turme schallt die Glocke,<br /></span> -<span class="i0">Mädchen macht ein Rautenkränzlein.<br /></span> -</div></div> - -<p>»Das ist ein schönes Lied, Töchterchen«, sagte die alte -Wičaz zu Hanka. Sie saß mit ihr im Hofe.</p> - -<p>»Ein schönes Lied, und du hast eine schöne Stimme.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p> - -<p>»Zu Hause war ich schon die Kantorka«, erwiderte Hanka -und seufzte. »Hier singt man wenig.«</p> - -<p>»Wer soll singen?« sagte die Wičaz. »Ich weiß einen, der -singt schöner als alle Burschen; das ist mein Sohn Lobo.«</p> - -<p>»Dein Lobo trinkt zu viel Branntwein. Wäre er nicht betrunken -gewesen, hätte vielleicht der Wagen mit der Tante nicht -umgeworfen. <em class="antiqua">Palenc je walenc!</em>«<a id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a></p> - -<p>Die alte Wičaz schüttelte den grausträhnigen Kopf. Sie war -als die Sprichwörter-<span id="corr096">Wičaz</span> bekannt, da sie beständig Sprichwörter -in lehrhaftem Ton gebrauchte, ärgerte sich aber, daß ihr -jetzt das Mädchen mit dem verdrießlichen Vers: »<em class="antiqua">Palenc je -walenc</em>« kam, denn sie hielt auf ihren Sohn Lobo.</p> - -<p>»Töchterchen, das redest du so«, meinte sie ärgerlich. »Du -kennst gewiß nicht den richtigen Spruch:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Woda wšitko zhloda!</em>«<a id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p> - -<p>»Hättet ihr mit einem verhungerten Kutscher fahren wollen? -Mein Lobo ist gut und stark und hat eine schöne Stimme. Gegen -die Smjertniza konnte er euch freilich nicht helfen, obwohl er -stark war. Sonst – ist er so fromm wie der Kater beim -Quarge.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Sie hacken, sie pflügen –<br /></span> -<span class="i0">Da bleib ich hübsch liegen;<br /></span> -<span class="i0">Sie fressen und saufen –<br /></span> -<span class="i0">Da komm ich gelaufen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Da – da habt Ihr Euren Sohn! Er singt schöne Lieder!«</p> - -<p>»Töchterchen, der Gesang muß lustig sein; sonst ist er kein -guter Gesang. Es muß Schmalz darin sein! Siehst du, dort -kommt er, mein Lobo. Er ist doch ein schöner, starker Bursch!«</p> - -<p>»Betrunken ist er schon wieder am Vormittag. Pfui! Ich -gehe ins Haus!«</p> - -<p>Sie verschwand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<p>»Ich sehe dich, Mutter!«<a id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> rief Lobo von weitem, trank aus -einer Flasche und kam dann heran. Er blieb vor der alten -Frau stehen, sah sie beinahe schadenfroh an und sagte unvermittelt:</p> - -<p>»Mutter, wir müssen fort!«</p> - -<p>»Wir? Fort? Was? Was faselst du? Wohin?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht. Der Neue, der Juro, will uns rausschmeißen.«</p> - -<p>»Rausschmeißen? Uns? Mich?«</p> - -<p>Das alte Weib grunzte vor Überraschung.</p> - -<p>»Ich bin mein Lebtag auf diesem Hofe gewesen. Ich gehöre -hierher! Bist du verrückt, du Süffling?«</p> - -<p>Lobo zuckte die Achseln. »Wenn Ihr schimpft, erzähl' ich -nichts mehr.«</p> - -<p>»Erzähl es, sag es, Lobo!« besänftigte sie ihn.</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>»Erzähl es, Lobo, mein Söhnchen! Ich habe noch sechs -Dreier in der Ulmer, die geb' ich dir«, bat sie.</p> - -<p>»Sechs Dreier? Und Ihr sagtet, Ihr hättet kein Geld? -Sechs Dreier sind zu wenig.«</p> - -<p>»Ich habe noch zwei Silbergroschen, die geb' ich dir.«</p> - -<p>Der Trunkenbold blinzelte die Mutter an.</p> - -<p>»Es ist wegen der Frau. Weil die Smjertniza den Wagen -umgeworfen hat. Der Juro hat keine Religion, er sagt, die -Smjertniza ist dummes Zeug.«</p> - -<p>Das Weib schlug die Hände zusammen.</p> - -<p>»Daß ihn der Teufel hol!«</p> - -<p>»Er wird ihn schon holen!« sagte Lobo grimmig, »ihn und -den alten Kito, diesen abgefaulten, alten Lumpen. Kito weiß, -daß Ihr ihm unsere Wanzen mit in den Sarg geben wollt, -wenn er stirbt. Die Wanzen will der Kito nicht annehmen. Er -vermacht dem abgefaulten Baier, dem Wilhelm, zehn Taler, -und der wird Wache beim Sarge halten, wenn Kito stirbt.«</p> - -<p>»Ah, der schlechte Kerl! Der Wanzenwächter! Aber, mein<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -Söhnchen, deshalb ziehen wir nicht aus. Da werde ich eben die -Wanzen behalten.«</p> - -<p>»Behalten oder nicht, fort müssen wir doch! Denn sie haben -dem Juro die Wanzengeschichte erzählt und auch erzählt, daß -Ihr immer mit einer Federspule um den Sarg der toten Frau -geschlichen seid, und da heißt es jetzt: fort!«</p> - -<p>»Wer sagt das?«</p> - -<p>»Juro sagte es zu mir. Wir müßten raus. Er wird nicht -ruhen, bis wir raus sind. Er hat uns Schweine genannt.«</p> - -<p>Das Weib schlug die Hände zusammen.</p> - -<p>»Der Grobian! Ach, er ist dazu imstande; er tut's! Hat er -doch sogar die reichen Leichengäste hinausgeworfen.«</p> - -<p>»Ich sehe dich, Mutter«, lallte Lobo und trank ihr zu. »Ich -werde den Juro totschlagen.«</p> - -<p>Da faßte ihn seine Mutter an der Hand.</p> - -<p>»Rede nicht so laut, mein Söhnchen; ich werde dir auch drei -Silbergroschen schenken.«</p> - -<p>»Der Wilhelm, der abgefaulte Baier, wird auch rausgeschmissen«, -grinste Lobo. »Den schmeißt der andere raus – -der Samo.«</p> - -<p>»Was sagst du, Samo hat den Wilhelm fortgejagt, den -Deutschen?«</p> - -<p>»Ja, Juro hat gesagt, ich und du werden rausgeschmissen, -und Samo hat gesagt, Wilhelm wird rausgeschmissen.«</p> - -<p>Die Alte grinste.</p> - -<p>»Die zwei werden den ganzen Hof ausräumen.«</p> - -<p>»Ja, es fehlte nicht viel, daß sie sich prügelten, die feinen -Herren. Es wär' mir recht gewesen. Den Juro wollt' ich schon -besorgen. So habe ich bloß meine Hacke weggeschmissen und -bin abgezogen. Alle fünf streck ich gerade und mach' keinen mehr -krumm. Ich sehe dich, Mutter!«</p> - -<p>»Lobo, mein Söhnchen, geh' arbeiten, daß dich der Scholta -nicht sieht. Auf ihn kommt es an. Laß mich nur machen.«</p> - -<p>Der Bursche torkelte erst nach vielen Bitten und Versprechungen -nach dem Felde zurück. Die Alte blieb allein auf -der Bank sitzen. Sie hatte heut keine »Tour«. Sonst ging sie<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -als Botenfrau nach der Stadt, kehrte in vielen Häusern unterwegs -ein, besorgte für die Leute allerhand Aufträge. Hier im -Schulzenhofe hatte sie ein kleines Stübchen, in dem sie mit -ihrem Sohn Lobo schlief.</p> - -<p>Die Alte war klug und schlau auf ihre Weise. Sie kam viel -bei Leuten herum, hörte mancherlei und wußte es für sich zu -benutzen. Sie stand im Rufe der Wahrsagekunst und bekam viel -Geld für das Besprechen von Krankheiten an Menschen und -Tieren.</p> - -<p>Jetzt blinzelte sie ins Sonnenlicht und dachte nach. – –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Birnbaum steht im weiten Felde,<br /></span> -<span class="i0">Weiße Steine liegen drunter …«<br /></span> -</div></div> - -<p>Hanka sang im Hause. Die Alte hörte aufmerksam zu und -sprach bei sich:</p> - -<p>»Mit dem Mädel wird vielleicht etwas zu machen sein.«</p> - -<p>Nun hörte sie drinnen ein Gespräch. Samo unterhielt sich -mit Hanka.</p> - -<p>»Das ist ein hübsches Lied. Wir singen es etwas anders. -Du hast es von den Böhmischen«, sagte Samo.</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, ich habe es so gelernt«, erwiderte Hanka.</p> - -<p>»Weißt du, was es bedeutet?«</p> - -<p>Sie lachte.</p> - -<p>»Meinst du, ich bin so dumm, daß ich nicht weiß, was ich -singe?«</p> - -<p>»Oh, das Lied ist gar nicht so leicht zu verstehen. Oder was -denkst du dir unter dem Pfau, der seine Federn verliert, und -unter dem Mädchen, das den Rautenkranz flicht?«</p> - -<p>»Nichts! Es ist eben ein Pfau. Ich weiß, daß es eigentlich -etwas Trauriges ist, weil der Rautenkranz sowohl der Brautkranz -wie der Totenkranz ist; aber ich will nicht daran denken.«</p> - -<p>»So – ja so! Ich finde, Hanka, du bist blässer, als du sonst -warst. Schläfst du nicht gut oder fehlt dir sonst etwas?«</p> - -<p>Sie seufzte.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr so -lustig sein. Vielleicht habe ich die Heimkrankheit.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>»Hanka, ich möchte so gern, daß es dir bei uns gefällt. Ich -möchte dir alles verschaffen, was du willst, dir alles von den -Augen absehen.«</p> - -<p>»Ja, Samo, du bist ein guter Mensch!«</p> - -<p>Er lachte bitter.</p> - -<p>»Guter Mensch! Ich habe kein Glück. Ich bin nicht so schön -und fein und geschniegelt wie – wie zum Beispiel mein Bruder -Juro. Nicht wahr, der gefällt dir gut?«</p> - -<p>»Er muß mir wohl gefallen. Es ist ja meine Pflicht, da ich -ihn doch heiraten soll!«</p> - -<p>Das Mädchen sagte es mit stockender, beklommener -Stimme.</p> - -<p>»Kein Mensch kann dich dazu zwingen, kein Mensch«, sagte -Samo erregt. »Es ist dein freier Wille. Du kannst ebensogut -einen – einen andern nehmen.«</p> - -<p>Das Mädchen stieß einen langen Seufzer aus. Da trat -jemand in die Stube, und das Gespräch brach ab.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Nachmittag desselben Tages traf die alte Wičaz wie -von ungefähr Samo auf einem Feldweg.</p> - -<p>»Laß die Geschichte mit den Wanzen,« sagte er zu ihr; -»mein Bruder Juro will euch rauswerfen; aber ich werde schon -sehen, daß ihr eure Kamorka<a id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> behaltet.«</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">Druga ruka</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Druga gluka!</em>«<a id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a><br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">sagte die Sprichwörter-Wičaz. »Der Herr Samo ist ein freundlicher -Herr. Vielleicht kann ich ihm dankbar sein. Ich habe die -Karten aufgeschlagen und weiß wohl manches, was für den -Herrn Samo gut wäre, auch zu wissen.«</p> - -<p>Er machte eine abwehrende Handbewegung.</p> - -<p>»Laß nur das mit den Karten! Ich will das nicht!«</p> - -<p>Das Weib ging ein Weilchen schweigend neben Samo her. -Plötzlich sagte sie halblaut:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<p>»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt -zurück und baut sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«<a id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p> - -<p>»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht.</p> - -<p>Die Alte antwortete mit einem Spruch:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wem Gott wohl will,<br /></span> -<span class="i0">Dem kommt's im Schlafe;<br /></span> -<span class="i0">Wem Gott nicht wohl will,<br /></span> -<span class="i0">Dem fällt's vom Löffel.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht.</p> - -<p>»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob -ich dir trauen darf.«</p> - -<p>»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten -lege. Ich werde dann in seine Seele sehen und er in meine.«</p> - -<p>Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte -sich also auf einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit -stummer Gebärde der Alten ihren Platz gegenüber an. Sie zog -ein Päckchen schmutziger Karten, auf die allerhand mystische -und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus der Tasche, mischte -sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte sich gleich -darauf die Hand am Grase ab.</p> - -<p>Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, -kniete davor, fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte -allerlei vor sich hin und sagte dann:</p> - -<p>»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.«</p> - -<p>Samo lachte.</p> - -<p>»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.«</p> - -<p>»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst.</p> - -<p>Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben -Finger und fuhr fort:</p> - -<p>»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!«</p> - -<p>Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die -Alte schon wieder bei den Karten.</p> - -<p>»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der junge<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -Herr wird viel Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen -erringen, weil es das Volk will.«</p> - -<p>»Was heißt das: weil es das Volk will?«</p> - -<p>Samo fragte es schnell und erregt.</p> - -<p>»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte -sehr ernst.</p> - -<p>Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten -die Umgebung ab.</p> - -<p>»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß -ich einen älteren Bruder habe.«</p> - -<p>»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt -nicht zum Glück. Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den -Herrn Samo wollen. Zwei Adler fliegen aus vom Wendenland. -Einer kommt zurück und baut sein Nest, der andere ertrinkt im -deutschen Fluß.«</p> - -<p>»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster -Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?«</p> - -<p>Die Alte lächelte.</p> - -<p>»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich -komme weit herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre -Zukunft. Soll ich Euch noch mehr prophezeien?«</p> - -<p>Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein -tiefes, grünes Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen -Weg sahen.</p> - -<p>Eine ganze Weile sagte er nichts.</p> - -<p>»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann.</p> - -<p>»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der -Stadt, und es ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt -hätte. Alle jungen Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, -und in der Stadt habe ich eine Stube, wo ich alle Freitage und -an jedem 7., 13. und 17. des Monats die Karten aufschlage; -da sind oft an die dreißig, ja fünfzig Leute bei mir.«</p> - -<p>»Wenden?«</p> - -<p>»Ich spreche nicht Deutsch.«</p> - -<p>Samo nickte.</p> - -<p>»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p>Sie lächelte.</p> - -<p>»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt -mir für einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, -einen Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar -Minuten die Karten aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. -Nur mein Lobo darf nicht wissen, was ich verdiene. Ich will -ihm einmal eine kleine Wirtschaft kaufen, wenn er erst ein -ordentliches Weib hat.«</p> - -<p>»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen -Kamorka bei uns?«</p> - -<p>Die Wičaz lächelte überlegen.</p> - -<p>»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer -Kamorka wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört -dazu. Und in Eurer Kamorka wohne ich, weil ich eben beim Kral -wohne.«</p> - -<p>»Ah – ich verstehe Euch!«</p> - -<p>Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung -und mit großem Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte -wieder leichthin, ja spöttisch:</p> - -<p>»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem -Herzen haben und was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man -das <em class="antiqua">čelatko</em><a id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> großziehen oder besser dem Fleischer verkaufen -soll, wieviel Junge die <em class="antiqua">ranca</em><a id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> bekommen wird, und vor -allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob der Pilip die -Marja kriegen wird.«</p> - -<p>Die Alte war nicht gekränkt.</p> - -<p>»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie -beim Militär Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie -im grünen Rautenkranz zum Traualtar gehen werden; die -Männer, ob ihre Wirtschaft in die Höhe gehen wird, und die -Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann nicht prügelt. -Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich auch, -wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchem<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -Kaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen -immer fünf Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen -mich zu schätzen. Ich habe stets besseren Kaffee getrunken als -die Frau Mutter.«</p> - -<p>Samo staunte über die menschenkundige Alte.</p> - -<p>»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber -warum wollt Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?«</p> - -<p>»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.«</p> - -<p>»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen – ich -meine wendische Nachrichten?«</p> - -<p>»O ja – der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe -manches auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in -der Stadt auf mich gesagt: Sieh da – das ist der wendische -Staatskurier, das ist die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht -und gesagt, der Scholta vertraue mir nicht einmal an, -ein paar Hühner zu verkaufen.«</p> - -<p>»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt -Ihr das Gleichnis von den zwei Adlern?«</p> - -<p>»Ich habe es aus den Karten gelesen.«</p> - -<p>Samo machte eine wegwerfende Handbewegung.</p> - -<p>»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich -auf den weiten Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, -wenn ich in den Hof des Kral kam. Da sah ich es mit offenen -Augen.«</p> - -<p>»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?«</p> - -<p>»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, -daß der eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich -sonst zu sehr freuen.«</p> - -<p>»Freuen? Über diesen Untergang?«</p> - -<p>»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt -sie die Wenden fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es -blutet.«</p> - -<p>Samo nickte und sah die Alte versonnen an.</p> - -<p>»Und der andere?« fragte er leise.</p> - -<p>»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.«</p> - -<p>Sie schwieg. Und er schwieg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> - -<p>»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er -endlich und gab ihr einen Taler.</p> - -<p>Da sah sie ihn durchdringend an und sprach:</p> - -<p>»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall -erzählen, in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern -– auch den Wenden in der Stadt.«</p> - -<p>Er gab ihr noch einen Taler.</p> - -<p>Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den -Großgarten. Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des -Herbstes war über allen Feldern und Wegen und war auch in -dem Herzen des jungen Mannes, der drüben bei der Geliebten -gewesen war und von ihr Abschied genommen hatte.</p> - -<p>Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten -sich dem Ende zu.</p> - -<p>Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen -Plänen, von der Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der -Vater gegen die Heirat sei; denn er hoffte, den stillen Mann -schon noch für sich zu gewinnen, aber er hatte ihr doch wieder -schwere Kämpfe in Aussicht gestellt.</p> - -<p>Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein -Werk nicht zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und -Nachsicht die Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an -sein Ziel kommen werde.</p> - -<p>Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft -um ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, -hatte er gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. -Geduld sei etwas für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit -der die Regierung diesen Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, -die Geduld, mit der der Wende seit tausend Jahren -schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel hocke, sie sei schuld -an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher, er erkläre -laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner von -vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt.</p> - -<p>Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen -und in ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, -was ihnen unmittelbar bevorstand.</p> - -<p>Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die -Vereinbarung einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken -würden, wo und in welcher Lage sie sich auch befänden, eine -Blume, ein blaues Band, eine Locke – alle diese Dinge, die in -den Abschiedsstunden junger deutscher Liebesleute ihre süßschmerzliche -Rolle spielten, sie hatten auch hier nicht gefehlt.</p> - -<p>Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er -wie in der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und -Leid und Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die -abendlichen Wege zurück zu der Geliebten, die ihm nun mit -ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig nachschaute. – – –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Birnbaum steht im weiten Felde,<br /></span> -<span class="i0">Gold'nes Ringlein schläft darunter,<br /></span> -<span class="i0">Von dem Turme schallt die Glocke,<br /></span> -<span class="i0">Mädchen macht ein Federkränzlein.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben -in der Nähe der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie -bürstete Schuhe ab. Und als er näher kam, sah er, daß es seine -eigenen Schuhe waren, die er tags zuvor getragen hatte, als er -bei Elisabeth war, und die auf regendurchweichtem Wege recht -schmutzig geworden waren.</p> - -<p>Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst -wenig, fast nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr -stehen und sagte halb freundlich und halb ärgerlich:</p> - -<p>»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? -Das kann doch ein anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute -da?«</p> - -<p>Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so -knallrot, daß er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht -gewöhnliches Gesicht. Sie gab keine Antwort.</p> - -<p>»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -den Schuh aus der Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch -mit ihr sprach.</p> - -<p>»Mache ich es nicht gut?« fragte sie.</p> - -<p>»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du -bist meine Verwandte!«</p> - -<p>Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und -schöner, und sie sagte:</p> - -<p>»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.«</p> - -<p>Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus:</p> - -<p>»Denn ich bin doch deine Braut!«</p> - -<p>Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an -den Baum.</p> - -<p>»Was sagst du? Wer – wer hat dir das gesagt? Hat dir das -wirklich jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher -Stimme.</p> - -<p>Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus -laufen. Er hielt sie aber zurück.</p> - -<p>»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. -Morgen muß ich fort.«</p> - -<p>Sie nickte traurig.</p> - -<p>»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und -so stolz!«</p> - -<p>»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich -und vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den -Nußbaum!«</p> - -<p>Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. -Unter dem Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud -sie ein, neben ihm Platz zu nehmen. Aber sie weigerte sich und -blieb mit gesenktem Haupte vor ihm stehen. Durch das Gezweig -des Baumes fielen rote Lichtfunken auf ihren schlichten, -blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein kraftvolles, -gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen -und eine Trauer, und er sagte:</p> - -<p>»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht -wahr, Hanka, du selbst hast nie daran gedacht?«</p> - -<p>»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Und wer hat dir das vorgeredet?«</p> - -<p>»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als -sie mich abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.«</p> - -<p>Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare.</p> - -<p>»Wie alt bist du, Hanka?«</p> - -<p>»Achtzehn Jahre.«</p> - -<p>»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei -Menschen nicht von Vater und Mutter miteinander verheiratet -werden können, daß es auf sie selber ankommt?«</p> - -<p>»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.«</p> - -<p>Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner -feinen Rechten.</p> - -<p>»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn -man sich heiraten soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? -Du hast gewiß einen schönen Burschen in deiner Heimat lieb.«</p> - -<p>Sie erglühte.</p> - -<p>»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu -sagen. Aber ich verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß -dich niemand mehr mit solchen Dingen belästigt; ich verspreche -dir, dafür einzutreten, daß du deinen Liebsten heiraten kannst.«</p> - -<p>Da sagte sie:</p> - -<p>»Ich habe keinen Liebsten!«</p> - -<p>»Du hast keinen?«</p> - -<p>»Nein, ich habe immer gehört, daß ich – daß ich …«</p> - -<p>»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, -Hanka, das ist nicht so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, -auch dein Vater und deine Mutter nicht. Dazu bist du nicht -verpflichtet, weder vor Gott noch vor den Menschen! Am wenigsten -bist du es mir schuldig! Damit du aus allen Zweifeln -herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine -Braut!«</p> - -<p>Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an.</p> - -<p>Sie brachte kein Wort heraus.</p> - -<p>»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. -Freust du dich denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los -bist?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p> - -<p>Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen.</p> - -<p>»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles -auf mich schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!«</p> - -<p>Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er -fragte betroffen:</p> - -<p>»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?«</p> - -<p>Da stammelte sie:</p> - -<p>»Ja, – ja – ich freue mich – ich wäre ja auch viel – -viel zu gewöhnlich …«</p> - -<p>»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine -Braut schon, ehe ich dich sah!«</p> - -<p>Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken -zu ihm hin, dann sagte sie:</p> - -<p>»Ich muß hinein!«</p> - -<p>Und sie ging trotz seines Zurufes.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner -Giebelstube. Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind -ging durch welkes Laub und dürres Gras.</p> - -<p>Dort vom Berge her grüßte der Hochwald.</p> - -<p>Dahinter lag das Haus der Geliebten.</p> - -<p>Morgen war er weit.</p> - -<p>Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war -tiefe Ruhe.</p> - -<p>Da drang leises Weinen an Juros Ohr.</p> - -<p>Unten aus dem Garten.</p> - -<p>Lehnte nicht dort ein Mädchen?</p> - -<p>War das nicht Hanka?</p> - -<p>»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!«</p> - -<p>Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich -mehr. Juro lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es -fröstelnd schloß.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!</em>« sagte er in -seiner wendischen Muttersprache zu sich.</p> - -<p>»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<p class="ph2">Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er -die Krone, die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, -an einem sicheren Orte. Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone -vergraben, an einer Stelle, wohin kein Weg noch Fußpfad -führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem Grabe des Königsschmuckes -errichtet. Den haben die Kiefern mit langen, braunen -Nadeln zugedeckt.</p> - -<p>Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort.</p> - -<p>Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf -hundert Schritt. Was am Kronenhügel wächst und steht, -welkt oder fällt, entsteht und vergeht nach den Gesetzen des -Urwalds.</p> - -<p>Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist -Gottesfriede für Mensch und Tier.</p> - -<p>Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im -Walde spielen, fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen.</p> - -<p>Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die -meisten wissen gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in -welchem Walde er liegt, und mancher, dem sonst die Kappe -fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie in heimlicher Stunde, wenn -er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf dem Hügel ist ein -einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer Grenzstein. -Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt.</p> - -<p>Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; -aber als das Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das -Eisen glühend geworden, und es ist mit dem Nachtjäger -davongerast, und der wilde Jäger hat sich nimmer getraut an -selbigen Ort.</p> - -<p>Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem -kleinen Hügel.</p> - -<p>Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel -kommen, nach ihr zu graben?</p> - -<p>Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und -mächtig werden.</p> - -<p>Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk -denkt an dich! Der Schiffer tief drunten an der Spree träumt<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -manchmal von dir, wenn er in langsamer Fahrt durch das -stille Wasser zieht; der Pflugtreiber, der sich auf sandigem -Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und müht, -ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen -Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt -und geflüstert, und keines dieser treuen armen Menschenkinder -wird dich je verraten.</p> - -<p>Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen -tagt, da du auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen -Grabe!</p> - -<p>Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland -segelt, oft über dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, -wird der weiße Fisch in der Sprewja im stillen Wasser -stehen und nach dem grünen Walde hinüberlugen, wo du -schläfst.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von -ungefähr auf dem Felde getroffen hatten, sahen von ferne den -grünen Kronenwald.</p> - -<p>Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte:</p> - -<p>»Daran will er sich auch vergreifen!«</p> - -<p>»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?«</p> - -<p>»Ja, an dem Kronenhügel.«</p> - -<p>»Wer? Juro?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!«</p> - -<p>Die Wičaz zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Ich weiß es!«</p> - -<p>»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!«</p> - -<p>Er gab ihr wieder ein Geldstück.</p> - -<p>Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den -grauen Kopf zu Samo hin und sagte:</p> - -<p>»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden -eine Weinstube. Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde -Heinrich von Withold gesessen. Und sie haben fünf Flaschen -Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden saufen. <em class="antiqua">Palenc<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -je walenc</em>! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist wohl kein -Umwerfer – wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich; -Branntwein ist billig, der Wende ist arm.«</p> - -<p>»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich -nicht auf, erzähl, was ich hören will!«</p> - -<p>»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro -wieder davon gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen -will, hat über das Wendische geschimpft und hat auch vom -Kronenhügel angefangen. Das sei ein blöder Ameisenhaufen, -hat er gesagt.«</p> - -<p>»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er -zu klug.«</p> - -<p>»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen -Bischof angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine -Eiche umgehackt.«</p> - -<p>»Bonifacius?«</p> - -<p>»Jawohl – so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen -nicht behalten. Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. -Und der Bischof hat sie umgehauen, daß die Leute sehen sollten, -die Geschichte mit der Eiche sei Lüge und Plunder.«</p> - -<p>Samo tat drei rasche Atemzüge.</p> - -<p>»Und so – so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? -Etwa nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine -Krone in dem Hügel liegt, dadurch ihren Volksglauben, ihre -ganze Hoffnung, ihre Nationalität zerstören?« Er sprach mehr -zu sich selbst. Aber die alte Wičaz antwortete:</p> - -<p>»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.«</p> - -<p>»Wer hat es gehört?«</p> - -<p>»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den -er hat, versteht nicht Deutsch.«</p> - -<p>»Und der Kaufmann – wird er es nicht weitererzählen?«</p> - -<p>»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und -es erst mir erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. -Und er weiß, daß Juro der Sohn vom Kral ist, bei dem ich -wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe es niemand weitererzählen, -was er gehört hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>Die alte Wičaz zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!«</p> - -<p>Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen -hafteten am Boden.</p> - -<p>»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen -alle Wenden«, sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem -Tone.</p> - -<p>Er wehrte heftig ab.</p> - -<p>»Nein! Es darf niemand wissen, – niemand – hörst -du? – Oder du fliegst aus dem Hof, – hörst du? – Ich will -es nicht! – Er ist mein Bruder! – Und ich – ich glaube -überhaupt nicht, daß er das gesagt hat. Geh jetzt!«</p> - -<p>Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die -alte Wičaz starrte ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser -Veränderung sagen sollte.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Tý plundrawa!</em><a id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> Scher' dich zum Teufel!«</p> - -<p>Sie wandte sich erschreckt ab.</p> - -<p>Da rief er sie noch einmal an.</p> - -<p>»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? -Das ist selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir -nichts zu schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du -mir gesagt hast, ist alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, -ich sage dir, halte dich fern von Juro und mir! Sage nicht so – -sage nicht anders. Sage gar nichts! Dann kannst du auf dem -Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es war. Sonst – -du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.«</p> - -<p>Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. -»Herrendienst ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. -Aber nach einer Weile, als sie nachgedacht hatte, -sprach sie schlau blinzelnd bei sich selbst: »<em class="antiqua">Stóž je z kóčdu -wločil, najljepe wje kak čelńe.</em>«<a id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p> - -<p class="ph2">Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« -gingen zwei junge Männer. Es war bereits Nacht. Die -»argandischen Lampen« der damaligen Straßenbeleuchtung -erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin und -wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen -Moldauwasser herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis -von Prag, lag in Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von -dem dunkelblauen Nachthimmel ab.</p> - -<p>»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine -der jungen Männer.</p> - -<p>»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere.</p> - -<p>Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, -nach Prag gefahren, um einige Tage bei guten Freunden -zu sein, die er früher in Breslau kennengelernt und mit denen -er einer slawischen Geheimverbindung angehörte.</p> - -<p>Der andere betrachtete ihn von der Seite.</p> - -<p>»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese -Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns -in der Tschamarka nicht sehen lassen, – jetzt wird es wieder -anders!«</p> - -<p>Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, -Bändern und Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf -die Stiefel, die ihm bis an die halbe Wade reichten. Und er -rückte an dem runden slawischen Hut, den er trug.</p> - -<p>»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und -ich wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er.</p> - -<p>»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.«</p> - -<p>Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen.</p> - -<p>»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte -der Prager.</p> - -<p>Samo zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er -gleichgültig.</p> - -<p>»Das heißt, – verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite -darauf, »ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! -Sonst weißt du wohl, daß ich kein Freund der<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -Pfaffen bin. Ach du, – wenn wir noch Hussiten wären! Da -wäre alles anders!«</p> - -<p>Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter -zur dunklen Moldau.</p> - -<p>»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, -ohne daß ich toll werde. Und wenn die <em class="antiqua">pamatka mistra Jana -Husi</em><a id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> kommt, da weiß ich, da wissen Tausende und aber -Tausende hier im Lande, zu welcher Religion wir eigentlich -gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf, die schwarze Fahne -mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende von treuen -Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als -religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen -Helden vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten -einer die Deutschen gehaßt.«</p> - -<p>»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit -Hilfe Wenzels alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, -wie er am Tage ihrer Vertreibung einen Jubelhymnus -von der Kanzel sprach, das war herrlich!« Der andere seufzte.</p> - -<p>»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde -wieder zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine -Weile schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den -Arm um Samos Nacken und sprach: »Oh, Samo, wenn ich -den Brüdern sagen könnte, wer du bist! Wenn ich jetzt auf -unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte: Sehet -da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen -Kral der Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten -Brüder an der Sprewja!«</p> - -<p>»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder -ist es, der Renegat.«</p> - -<p>»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte -der andere feierlich.</p> - -<p>Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hell<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -erleuchteten Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der -Treppe bereits kamen ihnen einige Leute entgegen, die auch die -tschechische Tschamarka trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. -Die Tür eines großen Saales war mit Lindenzweigen -und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen geziert. Die -Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot und -weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der -Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe -Herbstlaub nahm sich bunt und schön aus auf dem grünen -Untergrund von Tannenzweigen. An einer Wand war ein -Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über der -Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter -waren die Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische -weiße Löwe, der Adler Mährens, der schwarze schlesische Aar, -der gekrönte weiße Adler Polens, auch das Schachbrettwappen -der Kroaten und der doppelköpfige Aar der südslawischen -Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war, -daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen -waren, die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und -der Niederlausitzer rote Stier auf weißem Grund. Auf einer -Seite des Podiums die rot-weiße böhmische Flagge, auf der -anderen die rot-weiß-blaue »slawische Trikolore«.</p> - -<p>Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in -der böhmischen Tschamarka, viele in der komödiantenhaft -bunten Tracht der nationalen Sokolvereine, hier ein Pole in der -Konfederatka, dort ein Hanak in grellrotem Gewand mit -blauem Mantel, da ein Bulgare mit der Tschubaramütze aus -Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch und -Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische -Mieder, mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, -viele haben Kränze von Lindenlaub im Haar.</p> - -<p>Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen -slawischen Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die -tschechische Sprache völlig beherrscht, wird von seinem Freunde -Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt, von allen mit großer -Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p>Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen -Brüdern an der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin -in Sachsen noch eine ganz slawische Stadt sei, und ob die -Lausitzer auch nie vergessen würden, daß sie zu Böhmen gehören, -slawisches Blut zu slawischem Blut, slawisches Land -zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die nördlichen -Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der -Wand andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen -mit leuchtenden Augen die Hand.</p> - -<p>Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede -eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: -»<em class="antiqua">Svaty Václave</em>«.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Heiliger Wenzeslaus,<br /></span> -<span class="i0">Herzog des Böhmerlands,<br /></span> -<span class="i0">Du unser Fürst,<br /></span> -<span class="i0">Bitt für uns bei Gott!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber -sie denken wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der -so demütig war, daß er den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, -aus dem er die Hostien buk, daß er den Wein selbst kelterte, -den er zum heiligen Opfer brauchte. Vergessen das Bild -frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten der geistige, -politische Führer geworden, weil er der Träger der Wenzelskrone -war.</p> - -<p>Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten -Krone, die dort zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu -sehen ist; der milde Heilige ist zum Bannerträger geworden, -zum Schutzpatron im Kampfe gegen die Deutschen; und in dem -Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von der Schönheit -des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um politischen -und sozialen Sieg.</p> - -<p>Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich -junger Mann besteigt die Rednertribüne.</p> - -<p>»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die -slawischen Brüder«, die zum Teil weither gekommen seien<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -vom fernen Südland, wo der rohe Türke die Brüder knechte -seit Jahrhunderten, und vom Norden, wo es am Fluß der -Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe.</p> - -<p>Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. -Der sitzt regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; -aber er bringt es nicht fertig, weil ihm im gleichen Augenblick -sein Vater einfällt, der ein zufriedener Preuße ist.</p> - -<p>Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit, -Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige -Übermacht! Denn geistig waren die Slawen den Germanen -immer überlegen!</p> - -<p>Ein starker Beifallssturm der anwesenden Slawen bestätigt -diese bescheidene Behauptung.</p> - -<p>Als die Deutschen noch lebten wie die Tiere, als sie Eicheln -fraßen, sich in Felle hüllten und Ochsenhörner auf dem Kopfe -trugen, waren die Slawen längst in viel höherer Kultur. Und -wir Slawen sollen unseren geistigen Besitz den Deutschen -verdanken?</p> - -<p>Stürmischer Widerspruch.</p> - -<p>Eingenistet haben sie sich in dieses Land, das Gastrecht -haben sie gemißbraucht! Denn den Slawen ist der Gast heilig. -»Hast du einen Gast im Haus, so hast du Gott im Haus«, -das ist immer und ewig der slawische Grundsatz gewesen. -Aber der Gast betrog uns, er machte sich zum Herrn!</p> - -<p>Er betrog uns um die Herrschaft, um unser leibliches Gut. -Wie haben aber die Deutschen erst geistig gestohlen und gefälscht! -Wer ist der Feldherr Wallenstein, der ihr Land vor den -Ausländern rettete? Ist er nicht der Tscheche <em class="antiqua">Valdstyn</em>? Wer -ist ihr gefeierter Feldmarschall Radetzky, dem sie so ungeheuer -viel verdanken? Ist er nicht unser slawischer Bruder Hradecky? -Hat nicht ein Tscheche die Buchdruckerkunst erfunden? War -nicht der große Jan, der diese unsterblichste aller Künste erfand, -ein Ausgewanderter aus unserer böhmischen Stadt Kuttenberg? -War es nicht eine Frechheit sondergleichen von den Deutschen, -<em class="antiqua">anno</em> vierzig die Buchdruckerkunst als <em class="gesperrt">ihre</em> Erfindung zu bezeichnen, -aus einem Jan Kuttenberg einen Johann Gutenberg<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -zu machen? Aber laßt sie nur ihr ›Gott erhalte Franz den -Kaiser‹ brüllen; Joseph Haydn hat die Melodie den Tschechen -gestohlen, und das wird noch an den Tag kommen! Was haben -die Deutschen nicht alles von uns! Stammt nicht ihr Dichter -Lessing aus dem wendischen Dorfe Kamenz; ist er also nicht -ein Slaw? Hat nicht Karl Maria von Weber seinen »Jungfernkranz« -den Tschechen gestohlen? Und da wollen die Deutschen -sagen, wir hätten keinen großen Dichter, keinen großen -Musiker?« Es gab wieder starken Beifall. Nur Samo und sein -Freund Bohuslaw saßen mit niedergeschlagenen Augen da. -Bohuslaw wußte, daß die kuriose Beweisführung des Redners -seinem klugen Freunde peinlich war.</p> - -<p>Der Redner fuhr fort: »Wofür sollen wir uns bei den -Deutschen bedanken? Dafür, daß sie uns zu knebeln versuchten, -daß sie unsere Sprache, unsere Sitte, unsere Freiheit verfolgten, -unsere Söhne auf ihre Schlachtfelder schleppten, dafür, daß -der preußische Barbar Friedrich <em class="antiqua">II.</em> unseren heiligen Hradschin -beschoß, allein an einem Tage eintausendfünfhundert Kugeln -gegen unseren Dom richten ließ, dafür, daß wir selbst die Gebeine -des heiligen Jan von Nepomuk vor ihm in Sicherheit -bringen mußten?«</p> - -<p>Tosende Zwischenrufe. Der Redner erhob die Stimme zu -größter Kraftentfaltung. Er brüllte:</p> - -<p>»Sollen wir uns bei den Deutschen dafür bedanken, daß -sie uns unseren großen Magister Jan Hus heimtückisch -ermordeten?«</p> - -<p>Brausende Bewegung.</p> - -<p>»Warum haben sie ihn ermordet? Wegen seiner kirchlichen -Lehre etwa? Manch einer hat freiere Dinge gelehrt und blieb -am Leben und blieb in Ehren. Warum haben sie Luther geschont -und Jan Hus verbrannt? Weil Luther ein Deutscher war und -Jan Hus ein Böhme!«</p> - -<p>Jetzt sprangen viele auf. Auch Samo und Bohuslaw. Und -sie standen da mit wogender Brust und leuchtenden Augen. -Spazierstöcke mit dem Ziška-Knopf wurden hochgehoben, und -das Symbol der Hussitenkeule schwebte in der Luft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>»Darum haben sie ihn ermordet«, rief der Redner, »weil -er die Deutschen haßte, wie sie es verdienten, weil er eines -Sinnes, einer Seele war mit dem slawischen Volk, weil seine -Donnerstimme die deutschen Studenten aus dem Lande -scheuchte, weil er den deutschen Ratsherren in Prag das Handwerk -legte, weil er für unsere Muttersprache eintrat, weil er -gesagt hat: ›So wie Nehemias, als er hörte, jüdische Kinder -sprächen halb Azotisch und könnten nicht mehr rein Jüdisch -sprechen, diese geißelte, so verdienen die Prager gegeißelt zu -werden, die halb Deutsch reden!‹ Hatte er nicht recht, meine -Brüder?«</p> - -<p>Stürmische Zustimmung.</p> - -<p>»Slawische Brüder! Jan Hus ist verbrannt worden, weil -er der Feind der Feinde seines Vaterlandes war!«</p> - -<p>Der Redner griff blitzschnell in die Rocktasche und zog eine -kleine schwarze Fahne heraus, die Hussitenfahne mit dem -roten Kelch.</p> - -<p>Ein Teil der Versammelten heulte laut auf vor Jubel, ein -anderer schwieg. Ein katholischer Priester sprang auf das -Podium, verschaffte sich durch eine Handbewegung Schweigen -und rief:</p> - -<p>»Im Namen der heiligen Kirche muß ich protestieren gegen -die Entfaltung dieser Fahne!«</p> - -<p>Der Redner sah ihn an.</p> - -<p>»Nun gut«, sagte er, »ich will nicht Zwietracht säen unter -die Brüder. Ich stecke die Fahne ein. Aber ich sage, es ist notwendig, -an ein Konzil zu appellieren, daß die Akten des Jan -Hus noch einmal revidiert werden. Wir können uns in nationaler -Beziehung von diesem großen Mann nicht trennen.«</p> - -<p>Niemand widersprach.</p> - -<p>Noch einmal kam der Redner zu sprechen auf die großen -welt- und kulturgeschichtlichen Leistungen der Slawen. Belisar, -der dem Kaiser Justinian die Schlachten gewann, war ein -Slawe, eine Unmenge deutscher Städte sind slawische Gründungen, -ja die erste Kultur Oberitaliens war slawisch. Venedig -ist weiter nichts als eine ursprünglich slawische Stadt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p>Samo rückte wieder ungeduldig auf dem Stuhle hin und -her. Weiter prahlte der Redner. Es sei heute eine Binsenweisheit, -daß vor Christoph Kolumbus längst ein polnischer -Seefahrer von Island aus Amerika entdeckt habe; in der -Geschichte Christians <em class="antiqua">II.</em> von Dänemark sei das nachzulesen. -Neuerdings würde auch geprüft, ob das berühmte Buch »Von -der Nachfolge Christi« nicht einem Slawen statt Thomas a -Kempis zuzuschreiben sei. Schließlich kam der Redner auf -Rußland zu sprechen, von dessen Stärke allein die Auferstehung -slawischer Macht zu hoffen sei. Hoffen wir auf den Zaren!</p> - -<p>»<em class="antiqua">At' žije!</em>«<a id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> rief die Menge begeistert dazwischen.</p> - -<p>»Ja,« schrie der Redner, »ich halte es mit unserem großen -Havlitschek-Borowsky: ›Lieber die russische Knute als die -deutsche Freiheit!‹«</p> - -<p>Es gab Beifall, in den allerdings die anwesenden Russisch-Polen -nicht einstimmten.</p> - -<p>Eine Schlußapotheose des Slawentums, die dem sprachgewandten -Redner gut gelang, und in der sich die Schönheit -und der Reichtum der tschechischen Sprache offenbarte.</p> - -<p>Und der Redner schloß, indem er zu singen anhub:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Kde domov muj?</em>«</p> - -<p>»Wo steht mein Vaterhaus?«</p> - -<p>Die Versammlung sang das sehr schöne tschechische Heimatlied -mit. – –</p> - -<p>Ein älterer Mann stieg auf die Rednertribüne. Er sprach -gemäßigter, sprach von den strengen tschechenfeindlichen Erlassen -Josephs <em class="antiqua">II.</em>, erörterte allerhand schikanöse Anordnungen -der Wiener Regierung, unter anderem, daß die -Tschechen in ihrem eigenen Lande nicht in tschechischer Sprache -telegraphieren dürften, während dies in allen möglichen -fremden Sprachen erlaubt sei. –</p> - -<p>Da erscheinen zwei männliche Gestalten auf dem Podium, -die das Erstaunen aller aufs höchste erregen. Der eine ist -bunter als ein Pfau. Er trägt einen stechend grünen Rock,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -knallrote Weste, hellgelbe Hose, braune Stiefel, eine riesig -lange weißrote Krawatte und einen scheckigen, rot-weiß-blauen -Hut. Sein Begleiter hat einen Zottelpelz an, Holzschuhe und -trägt auf dem Kopf eine riesige Pudelmütze. »Slawische -Brüder,« schreit der Bunte mit krähender Stimme, »nehmt es -nicht übel, wenn wir hier reden und wenn uns eure schöne -Sprache nicht so gut vom Munde fließt, wie es bei euch Göttlichen -der Fall ist! Wundert euch nicht über uns! Ich bin ein -Masur, und dieser mein Bruder in der Pudelmütze ist ein Lette. -Und das, was wir hier anhaben, sind unsere neuen Nationaltrachten, -die erst in diesem Jahre ein berühmter und sinnreicher -Schneider in Warschau für uns erfunden hat. Ich hoffe, wir -Slawen aus dem gottvergessenen Ostpreußen dürfen uns in -eurem edlen Kreise einfinden.«</p> - -<p>Der Bunte und die Pudelmütze wurden akklamiert.</p> - -<p>»Slawische Brüder, mit Staunen haben wir in diesem -gelehrten Kreise von unseren berühmten slawischen Männern -gehört, von dem slawischen Dichter Lessing und von dem herrlichen -Nasensammler Sobeslaw. Unser Herz hat höher geschlagen. -Heil den Polen, die Amerika entdeckt haben! Heil -den Tschechen, die die Buchdruckerkunst erfanden! Ich komme -aber, um euch Kunde zu sagen von ganz neuen Entdeckungen, -die ein berühmter und eifriger Forscher und Gelehrter unseres -masurischen Volkes, das gleich eurem stets der Wissenschaft -diente, gefunden hat …</p> - -<p>… Nero, das römische Kaiserscheusal, war ein Deutscher!«</p> - -<p>Bewegung.</p> - -<p>»Wohl war Agrippina seine Mutter, aber das verbuhlte -Weib hat ihn gezeugt mit einem deutschen Söldling aus der -Umgegend von Köln. Weiter: Pontius Pilatus, der den -größten und schändlichsten Mord der Welt auf dem Gewissen -hat, war ein Deutscher!«</p> - -<p>Einige Stirnen im Saal runzeln sich, einige Augen werden -scharf.</p> - -<p>Der Bunte fährt unbeirrt fort:</p> - -<p>»Das heißt eigentlich auch nur ein Halbdeutscher. Aber was<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -für einer! Er war der heimliche Sohn des Kaisers Augustus -und Thusneldas, der gefangenen Gattin Hermanns des -Cheruskers!«</p> - -<p>Einige tschechische Studenten treten dicht vor das Podium -und sehen den Redner scharf an. Harmlos spricht der weiter:</p> - -<p>»Ich berichte hier nur das, was unser Forscher entdeckt hat. -Die Beweisführung muß ich seiner Weisheit und Gewissenhaftigkeit -überlassen. Aber wenn auch seine Resultate verblüffend -sind, wenn sie auch unsere Feinde, die bluthündischen -Deutschen, schwer ärgern müssen – sollen sie deshalb unausgesprochen -bleiben? Nein, nein, nein!«</p> - -<p>Zustimmung. Die Studenten treten vom Podium zurück.</p> - -<p>»Und so sage ich euch: auch Judas Ischariot war ein Deutscher! -Es ist klar erwiesen, daß sein Großvater als Kriegsgefangener -von Julius Cäsar nach Rom gebracht wurde und -durch Abschiebung nach Kairot ins Morgenland kam; denn -Judas Ischariot ist eben Judas aus Kairot. Ich will die -Ehrenliste deutscher Helden hier nicht verlängern; die Forschungen -unseres Meisters, ob nicht auch der bethlehemitische -Herodes deutsches Blut in den Adern hatte, sind noch nicht -abgeschlossen!«</p> - -<p>Wieder treten einige Studenten erregt vor.</p> - -<p>»Laßt mich ein Wort sagen, slawische Brüder, über die -Knechtung unseres Volkstums in Ostpreußen. Über neunzig -Prozent unserer Kinder unterliegen dem Schulzwang; im -slawischen Dalmatien brauchen bloß zwei Prozent der eingestellten -Rekruten lesen zu können!«</p> - -<p>»Was soll das heißen?« rief ein Student dazwischen.</p> - -<p>»Das soll heißen, daß wir Slawen uns nicht in die deutsche -Bildungszwangsjacke pressen lassen wollen. Haben wir das -nötig? Neuerdings hat ja sogar ein Wiener Gelehrter zugegeben, -daß das tschechische Gehirn das relativ schwerste ist, -fünfzig Gramm schwerer als das deutsche!«</p> - -<p>»Stimmt! <em class="antiqua">Dr.</em> Weisbach in Wien!« schrie einer.</p> - -<p>Einige Studenten fixieren den Redner scharf.</p> - -<p>»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daß <span id="corr123">Sie</span> mich<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -meine bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. Vergönnen -<span id="corr124">Sie</span> nun auch meinem lettischen Bruder und Nachbar -einige wenige Minuten!«</p> - -<p>Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt -stockend: Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. -Aber jetzt habe er den Germanen abgestreift und stehe als -Slawe hier. (Lebhafter Beifall.) Leider beherrsche er sehr -wenig die tschechische Sprache, wolle aber nicht zurückhalten mit -einer Entdeckung, die ein berühmter und eifriger Forscher seines -Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf dem alle moderne -Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum -und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar -die zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger -Gottes die Gebote auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, -daß aber Moses die Tafeln zerschlug, als er die Israeliten beim -goldenen Kalbe erwischte. Nun, unser Forscher hat jahrelang -am Sinai nachgegraben, hat die Scherben der Tafeln gefunden, -hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn Gebote waren -von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!«</p> - -<p>»Was soll das heißen? Was sagt er?«</p> - -<p>Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo -spricht erregt auf seinen Freund ein.</p> - -<p>»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« -fährt der Lette fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele -Polen glauben, der Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die -Argumente unseres Forschers schon nachgeprüft? Haben wir -Ihnen nicht auch die Erfindung der Buchdruckerkunst geglaubt? -Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen Beseda könne man -reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich bis -hierher angehört haben!«</p> - -<p>Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das -Podium, und beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden -nach. An der Tür stieg der Lette auf einen Stuhl und rief:</p> - -<p>»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, -wie Sie sie kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes -Gebot: du sollst nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst kein<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, das heißt also: -du sollst kein Tscheche sein!«</p> - -<p>Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine -deutsche Studentenkappe kommt zum Vorschein.</p> - -<p>»Leben Sie wohl!« schreien die beiden in deutscher Sprache -und sind zur Tür hinaus. Ein wahnwitziges Geschrei geht los. -Hunderte von Menschen drängen zur Tür. Sie verlegen einander -den Weg. Unten auf der Straße fährt ein Wagen -rasch davon. Im Saale herrscht die grimmigste Empörung. -Mehr als eine halbe Stunde vergeht in ohnmächtigem -Toben und Fluchen. Viele Frauen weinen. Da steigt einer -aufs Podium.</p> - -<p>»Slawische Brüder! Laßt eure Feier nicht stören durch diese -deutschen Lausbuben!«</p> - -<p>Großer Beifall!</p> - -<p>»Sind sie nicht ausgerissen wie Feiglinge?«</p> - -<p>Stürmischer Beifall.</p> - -<p>»Wir werden sie und ihresgleichen zu treffen wissen!«</p> - -<p>Geschrei.</p> - -<p>»Wieder einmal ist es erwiesen, daß die Deutschen die -Friedensstörer, die Provokateure sind, die sich selbst zu so -friedlichen Slawenfesten wie dieses heimtückisch einschmuggeln. -Lasten wir uns nicht stören; der Tag der Vergeltung kommt.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Šusnelka nám piše.</em>«</p> - -<p>Er stimmte den beliebten Gassenhauer an, der davon -redet, die Deutschen hätten alle gefährliche Bauchschmerzen, und -die Versammlung sang mit.</p> - -<p>Die Erregung legte sich allgemach etwas; nur einzelne -Studentengruppen führten unter sich aufgeregte Debatten. Man -beschloß eine große Demonstration vor der Karlsuniversität.</p> - -<p>Und nun trat »<em class="antiqua">Plzenske piwo</em>« in seine gewaltigen Rechte. -Pilsener Bier. Je erregter der Mann, desto tiefer der Trunk. -Nur, daß der köstliche Trank das innere Feuer nicht löschte, -sondern immer mehr anfachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p> - -<p>»Diese elenden Frankfurter!«<a id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a></p> - -<p>»Jauche haben sie gegossen in unseren slawischen Verbrüderungswein!«</p> - -<p>»Der eine sah aus wie ein bunter Hanswurst, der andere -wie ein Urmensch aus der Eiszeit. Und das nannten sie slawische -Nationaltracht! Und der Kerl, der Lette, sagte ausdrücklich, -eigentlich bin ich ein Germanoslawe, aber ich habe den Germanen -abgestreift und stehe jetzt als Slawe hier. Und wir klatschen -Beifall dazu. Eine Schmach! Eine Schmach!«</p> - -<p>Der junge Student, der das sagte, vergoß Tränen.</p> - -<p>Da stimmte jemand das Lied von der Aussiger Schlacht an: -»<em class="antiqua">Bitwa před Ustim.</em>«</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gedankt sei Gott! O preiset ihn,<br /></span> -<span class="i0">Er hat uns hilfereich verlieh'n,<br /></span> -<span class="i0">Die Deutschen ruhmvoll zu schlagen<br /></span> -<span class="i0">Und aus dem Lande zu jagen!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Studenten hörten mit finsteren Gesichtern zu. Heut -war der Ruhm, wie sie die Deutschen aus dem Felde geschlagen -hatten, klein.</p> - -<p>Selbst als ein paar hübsche Mädchen etliche der wunderherrlichen -Volkslieder der Tschechen vortrugen, die für Trauer -und Sehnsucht des Menschenherzens in stillen Worten und -tiefen reichen Melodien so ergreifenden Ausdruck finden, kam -keine rechte Stimmung mehr zustande.</p> - -<p>Die Beseda war verunglückt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Es war kaum zehn Uhr, als Samo aufbrach. Sein Freund -Bohuslaw folgte ihm. »Ich ersticke in diesem Saal!« -sagte Samo draußen. »So ist es selten einmal durchtriebenen -Hallunken geglückt, die Gegner zu äffen.«</p> - -<p>»Mein Herz leidet, daß es geschah, Samo«, antwortete der -sanfte Bohuslaw. »Wenn es nun einmal geschehen sollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -dann doch nie in deiner Gegenwart. In dir ist der slawische -Königsgedanke beleidigt worden.«</p> - -<p>Der junge Mann hing an Samo mit einer Art ehrfürchtiger -Liebe. Er ehrte in ihm mit tiefer Überzeugung den heimlichen -Königssohn.</p> - -<p>Schweigend gingen die beiden jungen Männer weiter. Als -sie in eine schmale, winklige Straße kamen, zeigte Bohuslaw -auf das Erkerfenster eines Eckhauses. Mattes Licht schimmerte -durch die kleinen bleigefaßten Scheiben des Fensters.</p> - -<p>»Dort wohnt mein Onkel Krok, von dem ich dir erzählte. -Wenn es dir gefällt, so gehen wir zu ihm hinauf. Wohin sollen -wir jetzt in dieser Stimmung?«</p> - -<p>»Es ist zu spät für einen Besuch.«</p> - -<p>»Mein Onkel Krok würde um Mitternacht aufstehen und -dir sieben Meilen entgegengehen, wenn er wüßte, du wolltest -ihn besuchen. Erlaubst du, daß ich klopfe?«</p> - -<p>Samo zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Tu, was du willst.«</p> - -<p>Bohuslaw klopfte mit dem eisernen Schläger an die Tür, -und bald erschien an dem Erkerfenster der Kopf eines alten -Mannes.</p> - -<p>»Wer klopft? Bist du es, Bohuslaw? Und wer ist der -andere?«</p> - -<p>»Das ist Samo. Unser Samo!«</p> - -<p>»Unser – unser …«</p> - -<p>Dem Alten stockte die Stimme. Er warf den Fensterflügel -zu und erschien bald in der Tür mit einem Licht. Eine in einen -weiten Schlafrock gehüllte schmächtige Gestalt eilte auf Samo -zu und beugte sich tief vor ihm.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Fjersta! Fjersta!</em>«<a id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> rief der Alte zitternd, und ehe es -sich Samo versah, küßte er ihm ehrfurchtsvoll die Hände. -»In Gottes Namen, willkommen! Gesegnet der Tag, da -meinem Hause diese goldene Ehre widerfährt!«</p> - -<p>Samo war bestürzt, daß er kaum etwas zu antworten<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -wußte. Wie im Traum trat er durch die schmale Tür, stieg -er eine schmale Stiege hinauf. Der Alte, der ihm leuchtete, -stammelte unausgesetzt Worte freudigen, ehrfurchtsvollen -Willkommens.</p> - -<p>Sie traten in das sehr geräumige Erkerzimmer. Es war -erhellt durch eine große Hängelampe von auffällig schöner -Schmiedearbeit. Der große Tisch unter der Lampe war mit -Büchern und Manuskripten bedeckt. Sonst machte das Zimmer -den Eindruck des Lagerraums eines Altwarenhändlers oder -des ungeordneten Saales eines Museums. Alte Möbel, -Waffen, Bilder standen und lagen umher, von der Decke hingen -seidene Tücher mit bunten Malereien, an den Wänden waren -kostbare Stickereien, in Glaskästen allerhand kleine historische -Pretiosen, geschichtliche Reliquien und Sonderbarkeiten.</p> - -<p>»Heilige Madonna, ich danke dir, daß ich diesen Tag erlebte! -<em class="antiqua">O Fjersta! Fjersta!</em>«</p> - -<p>Und wieder wollte der Alte Samo die Hand küssen.</p> - -<p>Dieser wehrte ihn freundlich ab.</p> - -<p>»Ich freue mich, daß ich bei Euch bin; aber ich bin nichts -als ein wendischer Student.«</p> - -<p>»Ich weiß, wer Ihr seid! Der <em class="antiqua">sorbski kral</em>, der kommen -wird. O seht, wenn ich auf unserer heiligen slawischen Erde -reise und sehe, wie schön und reich sie ist, ich finde alles: ich -finde große Berge und weite Ebenen, Städte mit alten Domen -und heiligen Gräbern, Wiesenflächen mit singenden Dörfern, -ich finde alte Nationalschätze und habe davon manches gesammelt, -ich finde eine stolze Jugend, die an ihr Slawentum -glaubt, ich finde Dichterwerke und Weisheitswerke und Silber -und Gold und Edelstein – aber ich finde das nicht, wonach ich -mit meinen alten Augen immer noch suche: ich finde keinen -slawischen König. Und nun ist er hier! Und nun ist er hier!«</p> - -<p>Der Alte fing so heftig an zu zittern, daß ihn sein Neffe -nach einem der großen Lehnstühle führen mußte. Auch Samo -faßte es an wie ein Taumel, und er setzte sich langsam und -schwer auf einen Stuhl an dem großen Tisch.</p> - -<p>Eine tiefe, tiefe Stille kam. Der Alte blickte auf den jungen<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -Königssohn wie ein Vater, dem in frühen Jahren ein Sohn, -das Kleinod seiner Ehre und seiner Hoffnung, geraubt worden -ist, dem die goldene Wahrheit und Gewißheit seines Lebens in -graue, neblige Ferne entwich, der mit heißen Augen und nimmermüdem -Fleiß suchte durch die besten Jahre seines Lebens und -endlich müde heimkehren mußte mit winzigen Andenken und -ungewissen Anhalten, ein Träumer sitzt am einsamen Tisch – -und dem mitten in der Nacht im Sternenschein der Sohn als -ein kommender Sieger wiederkehrt.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Fjersta!</em>«</p> - -<p>Samo eilte auf den Alten zu – sie liegen sich in den -Armen. – – –</p> - -<p>Endlich sagte Samo:</p> - -<p>»Ihr überschätzt mich! Ich bin nur der zweitgeborene Sohn -des <em class="antiqua">sorbski kral</em>.«</p> - -<p>Der Alte schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Die, die sich um die Slawen kümmern, wissen, wer Ihr -seid. Euer Bruder, der den slawisierten Germanennamen Juro -trägt, ist nicht der Kral. Ihr heißet Samo, Ihr tragt den Namen, -der als einziger aus dem ersten Schöpfungstag tschechischer -Geschichte zu uns herüberleuchtet. Samo, der Slaw, der die -Avaren schlug, an die sich Kaiser Karl vergeblich gewagt hatte, -Samo, der die Tschechen heimisch machte in diesem Lande -Gottes – Ihr könntet keinen schöneren Namen haben als -diesen!«</p> - -<p>»Der Name macht es nicht; obwohl ich zugebe, daß Ihr, -der Ihr Krok heißt, gewiß mit dem alten Tschechenherzog Krok, -dem Klugen und Gerechten, vieles gemeinsam habt.«</p> - -<p>»Ich bin ein alter Mann, der nicht viel mehr für seine -slawischen Brüder tun konnte, als daß er sein Leben lang um -sie litt. Und der ein wenig sammelte. Freilich, es sind nicht die -Schätze vom Karlstein.«</p> - -<p>Der Alte wies auf seine Raritäten.</p> - -<p>»Waret Ihr im Karlstein, Pán Samo?«</p> - -<p>»Nein, ich komme erst zum zweitenmal in meinem Leben -nach Böhmen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p> - -<p>»Zürnet nicht, Herr, wenn ich sage, daß das nicht gut ist.«</p> - -<p>»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in -dem deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden -für starkes, echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. -So habe ich auch den Karlstein noch nicht gesehen.«</p> - -<p>Das Auge des Alten strahlte.</p> - -<p>»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die -die Mauern bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt -aus Glas, aber doch ist der Karlstein noch immer unsere -Gralsburg, wie sie Meister Mathias von Arras schuf. Ich denke -jetzt nicht an die Rittersäle, die großen Höfe; an eine der -Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und ich sehe, wie -Karl <em class="antiqua">IV.</em> barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier eiserne -Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle -erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig -Lichtern, indes der Probst die Messe zelebriert. Die -vergoldeten Wände funkeln, die Jaspise und Karneole blitzen, -durch die Halbedelsteinfenster fällt das Licht hinaus ins Land, -bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn sie lebten, -die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen, -die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im -Hochaltar, hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, -die Insignien des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der -als Kaiser das ganze deutsche Reich beherrscht, liegt hier auf -den Knien, betet zu Gott um Schutz für die Krone, und draußen -ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal: ›Bleibet der -heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil -und Tod!‹«</p> - -<p>Über der Kapelle prangt die Schrift:</p> - -<p>»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese -Kleinodien bis zum letzten Tage<a id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>!«</p> - -<p>»War das nicht eine große, schöne Zeit?«</p> - -<p>Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnen<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -an. Sein Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von -vielen anderen Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und -weltlichen Reliquien kostbarer Art.</p> - -<p>»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo.</p> - -<p>»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn -eilends davon. Zweifel macht arm und verödet das Herz; er -ist der Bilderstürmer im Dom unserer Seele, dessen Altäre er -entkleidet und von dessen Wänden er Glanz und Schönheit -nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind harte, -nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit -nennen, der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster -fährt, kann uns nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten -beraubt ist und die ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, -Pán Samo, an alten Symbolen hängt der Gedanke, und der -Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen schauen -aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar -Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu -träumen wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne -Neid von dem Glanz der Wenzelskrone gehört, ich habe mit -Freude davon gehört; aber es ist doch bitter, wenn ich daran -denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes Volk war. Kennt -Ihr die Sage vom Wendenkönig?«</p> - -<p>»Ich kenne sie.«</p> - -<p>»Seht, Pán Krok, der Wendenkönig konnte sich keine -bleibende Burg bauen, keine goldene Kapelle errichten, wo er -seine Schätze verwahrte, für ihn gab es noch keinen Pán Krystus, -dessen Schützernamen er über seine Tür schreiben konnte. Als -er in die entscheidende Schlacht zog, hatte er niemand, der seine -Krone verwahrte; in den armen Sand der Heide mußte er sie -vergraben, unter die Bäume des Waldes. Eine Grube zwischen -Erde und Steinen war unsere Kronenstätte.«</p> - -<p>Der Alte stand auf, und seine milden Augen ruhten liebevoll -auf Samo.</p> - -<p>»Gott selbst hat einen blauen Dom über Eure Krone gewölbt, -Pán Samo, und seine Sterne werden nicht weniger -hell gefunkelt haben als unsere Karneole. Und hat Euch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -Gott wunderbar erhalten? Unser Königtum ging verloren, -das Eure blieb!«</p> - -<p>»Es wird verloren sein für immer und ewig«, sagte Samo -düster.</p> - -<p>»Das darf nicht sein, Pán Samo, das darf nimmer geschehen! -Ihr werdet es aufrechterhalten; denn Ihr müßt der -Kral werden, geschehe auch, was wolle!«</p> - -<p>Die milde Hoheit war von dem Alten gewichen, ein fanatischer -Eifer sprühte aus seinen grauen Augen. –</p> - -<p>»Die Deutschen verseuchen unser Volkstum«, fuhr Samo -fort; »sorbisch geht der Bursch zum Militär, verdorben, deutsch -kommt er zurück; der deutsche Gutsherr, der deutsche Krämer, -der deutsche Gastwirt bohren sich wie die Maden in die slawische -Frucht; unsere Gebildeten liegen in einem Halbschlummer; -sie träumen noch ein wenig vom Slawentum, aber vor der -Welt sind sie gehorsame Diener des deutschen Herrn. Die -wendischen Geistlichen und Lehrer sterben aus; sie waren die -besten und letzten Hüter unseres Volkstums, ihre Nachfolger -sind Pioniere des Deutschtums. Das Volk kehrt sich vom -heimischen Ackerbau ab, strebt in den Frondienst deutscher -Fabriken. Es ist – es ist aus mit uns droben in der Lausitz!«</p> - -<p>»Das ist ein düsteres Bild, das ist ein zu düsteres Bild!«</p> - -<p>»Schreien möchte ich, Pán Krok, daß es so ist! Tausend -Jahre lang hat unser sorbisches Volk der Lausitz seine slawische -Art bewahrt mitten in Kampf und Not. Die Herren haben -gewechselt, die Bedrücker sind geblieben, aber auch das Slawentum -ist geblieben. Keine Gewalt, keine List, keine leibliche und -geistige Aushungerung hat es vernichtet. Der arme, starke -Sandwald hat es geschützt. Und welche Hoffnung blieb uns? -Unsere Zahl schmolz zusammen. Wir konnten nicht mehr hoffen, -ein eigenes Reich zu errichten, wie es die alte Sage verheißt.«</p> - -<p>»Ihr müßt das hoffen, Pán Samo,« rief der Alte; »Ihr -dürft diese Hoffnung im Herzen des Volkes nicht untergehen -lassen. Man darf einen Stern nicht ableugnen, weil man nicht -nach ihm greifen kann. Genug, wenn er leuchtet. Der felsenfeste -Glaube an die große Zukunft muß dem Volk erhalten<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -bleiben. Ohne großes Ziel keine Religion, kein aufstrebendes -Volkstum, nicht einmal irgendein gutes Einzelwerk!«</p> - -<p>Samo zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was -zu tun ist und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum -in der Lausitz zu erhalten, bis die deutsche Kluft, die -zwischen uns und den Tschechen liegt, überbrückt ist, mit einem -Wort, das Wendentum zu konservieren, bis das deutsche -Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben unmittelbaren -territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen -haben.«</p> - -<p>»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte -Krok begeistert. »Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt -ihr in letzter Stunde unterliegen, da der Sieg so nahe ist? -Ja, ihr seid auf einem gefährlichen, auf dem bedrohtesten -Vorposten; aber, ihr Brüder, ihr seht doch, daß euch die siegreiche -Hauptarmee Stunde um Stunde näherkommt!«</p> - -<p>Samo entgegnete finster:</p> - -<p>»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die -Verhältnisse liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die -stolzen Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon -haben, wird angezweifelt, soll vernichtet werden.«</p> - -<p>»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! -Nur nicht an die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von -ihrem unermeßlichen Wert reden. Gestattet, daß ich in einem -Gleichnis spreche. Seht, da war eine Edelfamilie, die hegte als -großen Schatz einen alten, goldenen Ring. Den Ring, so erzählte -die Familiengeschichte, habe ein Ahn von einem edlen -Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der -Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler -Art, er war in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, -daß er das Herz seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm -eines Tages die Freiheit schenkte und ihm den Ring mitgab mit -den Worten: »Denke meiner in deiner Heimat, du bewunderungswürdiger -Mann, gönne mir ferner deine Freundschaft, -die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in der<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Familie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt -ihn dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der -Jüngling gelobte bei dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er -in die Welt ging; die Jungfrau bekam ihn bei der Trauung an -den Finger gesteckt; der Sterbende trug ihn an der Hand, wenn -er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott aufhob. – – Da -erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein Gelehrter, -prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht -aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert -und offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit -stolzgeblähter Brust und dem eitlen Gedanken, er habe diesen -Leuten die historische Wahrheit gebracht. – Wißt Ihr, Pán -Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war? Was war der -Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen -tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele -Generationen wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser -Aufklärer!«</p> - -<p>Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg -eine Weile, dann aber sagte er mit gepreßter Stimme:</p> - -<p>»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen -Ring entwerten.«</p> - -<p>»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher -sei er geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán -Samo, mit allen Mitteln entgegenstehen!«</p> - -<p>»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok -die Hand.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw -beim alten Krok. Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen -Wein gebracht, wie Samo noch nie zuvor getrunken hatte. -So war auch er mitteilsamer geworden und hatte von seinen -letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause erzählt. Der -kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und so wie -seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem -aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -Juro, den »Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo -erzählen, selbst seine Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg -er nicht.</p> - -<p>Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner -Sammlungen. Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten -Slawen, aber auch mit der strahlenden Freude des erfolgreichen -Sammlers, dem die Eitelkeit nicht fremd ist.</p> - -<p>Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen -Männer, den Worten des begeisterten Alten zu lauschen, der an -oft unscheinbaren Dingen in leuchtenden Einzelbildern böhmische -Geschichte entwickelte. Andenken aus der Zeit der -Kämpfe des Christentums und Heidentums; ein Pilgerstecken, -den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige, große Held, -große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das -das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den -Böhmen flüchten mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin -Drahomira, die von der Erde verschlungen wurde; Kriegstrophäen -aus den Kämpfen mit den Polen und Ungarn; eine -Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas; -ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der -im Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben -verlor; ein Schild aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von -Kärnten verjagt wurde; ein Evangelienbuch der ketzerischen -Beguinen; viel Andenken an den Vater Böhmens, Karl <em class="antiqua">IV.</em>, -darunter ein Teil der Biographie, die dieser Herrscher über sich -selbst schrieb. Endlich vielerlei historische Andenken aus der -Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen Krieges: -Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein -silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins; -dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte -Stickereien, alte Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, -bunt gemalte Abschriften aus Benediktinerklöstern, -Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen, Petschafte.</p> - -<p>Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer -und einem anstoßenden großen Raum untergebracht.</p> - -<p>Samo staunte über den Reichtum.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle -Winde; aber dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!«</p> - -<p>Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen -reichten in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war -über Erwerb und Herkunft der historischen Reliquien genau und -treulich berichtet.</p> - -<p>»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, -Kostbare, Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er -lebte mehr in Wien und Paris, als unserem Familiengut -günstig war. So ging es verloren. Burg, Dorf, Wald, Feld -mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb gerade genug, -nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber mir -blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben, -nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige -Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare -Steine er ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein -Schlemmerleben zu haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, -der die silbernen Apostelfiguren zu Talern einschmelzen -ließ und dabei die lästerlichen Worte sprach: ›Gehet -hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein Vater hat mir -keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich bin ein -glücklicher, zufriedener Mensch.«</p> - -<p>Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden -hineinrückten, wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge -wollten fortgehen, aber der Alte hinderte sie und wurde heftig, -als sie abermals davon sprachen.</p> - -<p>Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl -aus auf Samo. Als draußen der Tag schon graute, sprach er:</p> - -<p>»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist -es nur für ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für -andere, dann muß der Mensch Erben seines Geheimnisses -suchen. Ich bin alt, und eines Morgens, wenn der Tag graut, -wird er mich tot finden bei diesen Reliquien, ich selbst eine -Reliquie, das geringwertige Überbleibsel einer alten Zeit. Was -Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier verwahrt sind, -ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure Herzen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -schreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein für -den Fall meines Todes.«</p> - -<p>Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht -des aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen -Kopf. Und Krok sprach langsam und feierlich:</p> - -<p>»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure -Seelen mit meiner Seele rückwärts wandern den ganzen -heißen, arbeitsreichen Tag der böhmischen Geschichte entlang -bis zu der Stunde, da das herandämmernde Licht der beginnenden -Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über das Land -schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges -Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der -Gerechte, gab das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle -Töchter. Als er zum Sterben kam, wußte er nicht, welcher der -drei Töchter er das Reich vererben sollte. Und er warf das Los, -und das Los fiel auf Libussa, die weiseste und machtvollste der -Königstöchter. Libussa gründete die Stadt Prag und regierte -klug und streng. Die Böhmen waren glücklich unter ihr, aber -eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen Gatten -nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar -ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem -eisernen Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll -König sein!‹ Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und -dieses Roß setzte sich an die Spitze der Schar und schlug den -Weg ein gen Staditz.</p> - -<p>Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da -saß ein Bauer auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; -die Lerchen sangen, das Gras und die junge Erde -dufteten. Der Bauer saß lachend auf dem Felde und aß sein -Frühstück von der blanken Pflugschar. Da wieherte das -Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten nieder, -und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem -Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher -Przemisl hieß, stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog -nach Prag und wurde der Gatte der Königin. Libussa ließ ihm -eine silberne Krone machen; sie selbst aber trug eine goldene<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -Krone, denn sie war an Macht über ihm. Jahrhundertelang -haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die Schicksale -Böhmens gelenkt.</p> - -<p>Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam -erzogen, und die Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, -empörte sich gegen die Herrin, gewann ein Heer von Frauen -und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete bis ins Riesengebirge, -und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre goldene -Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den -Bergen springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone -noch jetzt. –</p> - -<p>Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten -nach seiner silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« –</p> - -<p>Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem -Nachdenken da. Dann sagte er:</p> - -<p>»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!«</p> - -<p>Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer -Zeit zurück.</p> - -<p>»Kommt.«</p> - -<p>Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern -angefüllt war, und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar -war, weil Krok eine große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen -hatte. Krok öffnete die Tür, und die Jünglinge -blickten in eine Kapelle.</p> - -<p>Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen -Lampen glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, -darauf war ein Tabernakel. Rundum die Wände waren mit -Stickereien und seidenen Tüchern behangen, ein großer Teppich -bedeckte den Fußboden. Viele Bilder schmückten die Wände. -Gestalten aus der Heiligen- und der profanen Geschichte -Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius, -die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das -große Bild Karls <em class="antiqua">IV.</em>, ein Bild von Libussa und von Przemisl -am Pflug. Diese Gemälde hingen über dem Altar; in der Mitte -war ein altes, eisernes Kreuz. An den Seitenwänden die Taufe -Borzivois, die Gründung des Bistums Prag durch Boleslaw<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -den Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl Konrads <em class="antiqua">II.</em>; -die deutschen Kaiser Heinrich <em class="antiqua">IV.</em> und Barbarossa, die Böhmen -die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter -Orden, die sich um das Land verdient machten; -mehrere Bilder des großen Ottokar: als Herr in Kärnten, -als Gründer der Stadt Königsberg, sein Tod auf dem Marchfeld; -dann die Ermordung Wenzels <em class="antiqua">III.</em>, des letzten Przemisliden. -Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder -Erinnerungen an Karl <em class="antiqua">IV.</em>: die Moldaubrücke, der Karlstein, -die Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische -Universität. Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter -und Redner sind vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, -der »böhmische Cicero«, der Hofpoet Simon Lomnicky.</p> - -<p>Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder -aus der Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos -Comenius, der Brüderbischof. –</p> - -<p>Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche -sind billige Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres -Kunstwertes wegen da. –</p> - -<p>Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die -Worte geschrieben: »<em class="antiqua">Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz -techto klenotuw, ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!</em>«</p> - -<p>Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür -stehen. Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein -Wort zu sprechen vermochten. Auch Krok stand stumm neben -ihnen. Erst nach langer Zeit sagte er in tiefer Ergriffenheit, -leise flüsternd:</p> - -<p>»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!«</p> - -<p>Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!«</p> - -<p>»Herr Krystus, mächtigster Herr, behüte du selbst diese -Kleinodien bis zum letzten Tage!«</p> - -<p>»Das ist das Wort vom Karlstein,« sagte Krok, »das Wort, -das über meiner Wohnung und über meinem ganzen Leben -schwebt.«</p> - -<p>Und Tränen rannen in seinen grauen Bart.</p> - -<p>Scheu gingen die Jünglinge die Wände entlang, betrachteten<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -die Bilder. Der Alte schritt zum Altar, kniete nieder und preßte -die Hände vors Gesicht, wie zu inbrünstigem Gebet. Auch -Bohuslaw kniete nieder. Samo stand mit gefalteten Händen -und gesenktem Kopf.</p> - -<p>Da stieg der alte Krok die Stufen des Altars hinauf und -öffnete den Tabernakel. – –</p> - -<p>In dem Tabernakel lag auf einem seidenen Kissen eine alte -silberne Krone …</p> - -<p>Und Krok wandte sich mit der Krone um. Mit bewegter, -tränenerstickter Stimme sagte er:</p> - -<p>»Seht da, das Kleinod! Das ist die silberne Krone Przemisls -<em class="antiqua">I.</em>, des Königs vom Pflug. Das ist die Urväterkrone -unseres böhmischen Volkes!«</p> - -<p>Die Hände des Alten zitterten so, daß er die Krone auf den -Altar niederlegen mußte. Langsam beruhigte er sich:</p> - -<p>»Zweifelt nicht an der Krone! Sie ist die echte, heilige Krone -Przemisls! Ehrwürdige Urkunden ehrwürdiger Männer bestätigen -sie bis in die älteste Zeit.«</p> - -<p>Bohuslaw trat einige Schritte näher. Samo stand regungslos -wie eine Statue.</p> - -<p>Da rief ihm der alte Krok zu:</p> - -<p>»Pán Samo, kommt an den Altar.«</p> - -<p>Mit schweren Schritten gehorchte ihm Samo.</p> - -<p>»Pán Samo, zukünftiger Kral der Lausitzer Sorben, ich -begrüße Euch an dieser heiligen Stätte. Bin ich auch kein -geweihter Diener Gottes, so habe ich doch die Weihe einer -Familie, die von der Vorsehung ausersehen war, durch Jahrhunderte -dieses Heiligtum zu hüten und zu hegen. Samo, ich -setze Euch diese Krone aufs Haupt, nicht daß ich Euch zum -König von Böhmen kröne, sondern als ein Unterpfand Eurer -eigenen zukünftigen Würde.«</p> - -<p>Und Krok setzte Samo die Krone aufs Haupt. Das alte -Silber berührte kühl die heiße Stirn des Mannes. Ein paar -Herzschläge lang stand Samo so im königlichen Schmuck; -dann ergriff er die Krone, küßte sie, legte sie auf den Altar und -ging eilends aus der Kapelle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten -Zimmer fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen.</p> - -<p>»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in -das größte Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, -und alles geht darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. -Pán Samo, vergeßt dieses nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, -vom Symbol losgelöst, verfliegen im Wind. Kommt -noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe Euch etwas -zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Spätherbst droben im Wendenlande.</p> - -<p>Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte -Singvogel zog fort.</p> - -<p>Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, -irgendwo gibt es laute, große Städte.</p> - -<p>Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue -Einsamkeit. Spät dämmert der müde Tag, früh geht er zur -Rüste. Oft liegt der Waldweg die ganze Woche einsam. Kein -Wanderer kommt daher.</p> - -<p>Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen -könnte, wo müde Augen ruhen und wilde Herzen stille werden -könnten.</p> - -<p>Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören -auf die knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel -früherer Zeit nachdenken, an die Lutchen denken, die -Zwergmännlein, die jetzt selbst zur Mittagszeit die Zipfelkappe -fest über die dicken Köpfe ziehen und bei sinkender Sonne -fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter der Erde! -O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut!</p> - -<p>Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher -nicht kommen; die Smjertniza könnte ihm begegnen. –</p> - -<p>Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit -seinen Kahn heim. Ihm gegenüber saß seine einzige -Schwester. Sie war von großer Schönheit; aber nun war sie<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -traurig und blaß und sah immer ins Wasser hinein, in dem die -letzten bunten Blätter des Waldes schwammen.</p> - -<p>Da fing der Bursche an zu singen:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Sla je holčka po wodu …</em>«</p> - -<p>Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; -aber er sang das Lied:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gingen nach Wasser drei Mägdelein<br /></span> -<span class="i0">In den weißen See hinein …<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die erste schöpfte die Kanne ein<br /></span> -<span class="i0">Und verlor ihr Ringelein.<br /></span> -<span class="i0">Mädchen an zu weinen fing –<br /></span> -<span class="i0">Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die zweite schöpfte die Kanne ein,<br /></span> -<span class="i0">Verlor ihr seiden Tüchelein.<br /></span> -<span class="i0">Das Mädchen weinte und klagte genug –<br /></span> -<span class="i0">Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die dritte schöpfte die Kanne ein,<br /></span> -<span class="i0">Verlor ihr Rautenkränzelein;<br /></span> -<span class="i0">Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn –<br /></span> -<span class="i0">Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, -das Mädchen saß gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor -dem Gesicht.</p> - -<p>Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der -Bursch auf den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den -Namen des Mannes, der seiner Schwester Glück und Ehre -nahm, geschrieben hat, dort, wo der Klöpfel anschlägt. Nun -geht mit jedem Glockenschlag der Name des Schelmen über -alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt und -die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name -des Verführers an Gottes Ohr klingen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.</p> - -<p>Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher -Mann. Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum,<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -der einzige Baum, den er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel -immer bis tief in den November hängen. Dann verlieren -sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden mürber und -lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf den -Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei -Ästen gegenüber.</p> - -<p>»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber.</p> - -<p>»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein.</p> - -<p>»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie -gut herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel -nur immer beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat -uns auch Gott alle Jahre so reichlich beschert.«</p> - -<p>»Ja, so ist es!« sagt die Frau.</p> - -<p>Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die -beiden an zu schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln -zur Erde; die beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie -können. Denn der Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und -wenn der letzte Ton verhallt, muß die Arbeit beendet sein. -Deshalb herrscht eine ganz bestimmte Strategie, eine genaue -Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche Äste es zu -schütteln hat.</p> - -<p>Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von -einem Ast zum andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. -Endlich sagt der Alte:</p> - -<p>»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch -was drauf bleiben; der Mensch soll nicht genußsüchtig sein -und nicht alles für sich haben wollen.«</p> - -<p>Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch -immer tönt die Glocke.</p> - -<p>»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau.</p> - -<p>»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: -Ich hab' ihm heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, -und hab' ihn einmal schnupfen lassen.«</p> - -<p>Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen -Herbstsegen zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit -finden sie ihn süß und reich.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p> - -<p class="ph2">»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht -Kito, als er zu Hanka in die Stube trat.</p> - -<p>Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der -Lampe und war mit einer Näharbeit beschäftigt.</p> - -<p>»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die -Doppelfenster haben.«</p> - -<p>»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.«</p> - -<p>»Ja, bis zur <em class="antiqua">pšaza</em><a id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern -die Mägde schon?«</p> - -<p>»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. -Du bist die einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder -duldet.«</p> - -<p>Das Mädchen errötete.</p> - -<p>»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu -Hause nicht zugegeben.«</p> - -<p>Der Alte nickte.</p> - -<p>»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. -Voriges Jahr sind drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich -geworden. Eine hat noch geheiratet, die anderen …«</p> - -<p>Er machte eine bedauernde Handbewegung.</p> - -<p>»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch -solche Schelmenlieder gesungen. O ja – was für welche! -Wenn man dann alt ist, gefällt einem das nicht mehr. Aber du -bist noch jung, Hanka, jung und hübsch!«</p> - -<p>»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert -auf. Der Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, -von der Wirtschaft allerlei.</p> - -<p>»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte -Hanka.</p> - -<p>Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich -setzte er sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die -Tischplatte.</p> - -<p>»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abraham<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -seinen Knecht Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn -Isaak eine Frau zu suchen. Elieser war nur ein Knecht, aber er -bekam doch dieses wichtige Amt.«</p> - -<p>»Wo soll das hinaus?«</p> - -<p>Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder -auf und spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte -fand.</p> - -<p>»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich -habe bei der <em class="antiqua">kremuša</em><a id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> drei Tage lang gegessen und getrunken -und drei Nächte lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe -ich! Ich hab' bei der ›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger -Bursch auf einem fremden Dorf getanzt, und es ist nicht herausgekommen. -Jawohl, das war ich! Ich war der Anführer der -›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke, wo -wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! -Jawohl, das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der -Jan beim Johannisfest war ich! Der tollste Reiter! Bei den -Husaren habe ich gedient, und wenn ich der Jan war, da hatte -ich aus Birkenrinde eine Larve<a id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> vorm Gesicht und den ganzen -Buckel voll Blumengirlanden – ei ja, schön war ich! Über und -über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste Pferd! -Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs -Dorf! Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. -Sie machen eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber -wie der Blitz durch die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich -kehre blitzschnell um. Vom Pferd runter. Alle Weiber fall'n -über mich her. Jede will 'ne Blume. Die verheirateten, daß sie -starke Kinder kriegen, die ledigen, daß sie 'n Mann kriegen. Und -ich immer rechts und links mit beiden Armen und Händen das -ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde geklettert -bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt -gehalten. Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein -Prediger, hab' ich gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie der<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -invalide Unteroffizier, den der alte Fritz den Wenden schickte? -Drei Jahre lang predigte dieser Mann alle Sonntage dieselbe -Predigt, die er sich auswendig gelernt hatte. Und als drei -Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz und sagten, -sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß immerfort -dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der -alte Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten -nichts. Nun, sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch -ruhig seine zehn Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein -Prediger war ich nicht! Ich hab' von meiner Linde gepredigt, -daß sie unten rot und blau wurden, daß sie manchmal schrien: -›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle, der Schulze, die -Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten was ans -Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen, -›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich -mich selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie -ich gerade eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und -die andere Hälfte flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen -Predigtstuhl und breche mir die Hüfte. Und wenn man die -Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist es mit dem Reiten und -kräftigen Predigen vorbei.«</p> - -<p>Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, -dicken Fingern auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. -»Hanka, denke nicht an den <em class="antiqua">palenc</em><a id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>. Drei Gläschen habe ich -getrunken; aber drei Gläschen sind nötig zu dem, was ich -vorhab'.«</p> - -<p>»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?«</p> - -<p>Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die -abermals erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen -Span zu entzünden, spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte -dann passend:</p> - -<p>»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen -wäre, da säß ich doch nicht so lange hier und versäumte bei -einem Mädel dummerweise meine Zeit!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>Er setzte sich wieder an den Tisch.</p> - -<p>»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">Moja mač jo wúdowa,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Ja som liderlich škrodawa.</em>«<a id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a><br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! -Es ist schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, -Hanka! Es waren einmal drei Jungen, die hatten einen Käse -gefunden. Und weil sie nicht einig wurden, wem der Käse -gehören sollte, so wollten sie wetten. Und sie machten es also -aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der kriegt den -Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber -sie konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. -Da kam der Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen -aus, um was sie sich so händelten. Und da er alles angehört -hatte, machte er die <span id="corr147">Stirn</span> runzelig und sagte: ›Pfui, ihr -Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr, hab' ich <em class="gesperrt">nie</em> gelogen!‹ -Und richtig – so ein frecher Schlingel gibt ihm den Käse und -sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese -Range war ich!«</p> - -<p>Hanka sah überrascht auf.</p> - -<p>»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!«</p> - -<p>Kito schüttelte melancholisch den Kopf.</p> - -<p>»Kauz hin – Kauz her – es ist doch aus! Jetzt – jetzt -lauert bloß die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den -Sarg stecken kann. Aber ich werd' ihr was … Hanka, ich schlag' -mit allen vieren aus, daß der ganze Sarg umkippt, wenn die -alte Schraube mit ihrer wanzigen Federspule angerückt kommt.«</p> - -<p>Hanka suchte ihn zu beruhigen.</p> - -<p>»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger -als die Wičaz.«</p> - -<p>Kito wehrte ab.</p> - -<p>»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit -heiligem Gras angeräuchert, weil ich das so gehört habe, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -genutzt hat es nichts. Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland -herum. Eigentliche Wunder habe ich wenig bemerkt. -Den Vampyr habe ich manchmal gesehen – jawohl, aber nur, -wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am -nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. -Und oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts -um zwölf Uhr auf der Wiese kleine Flämmchen brennen sieht, -da brennt Geld. So hat es mir meine Großmutter erzählt. -Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen die Flämmchen -zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt -man einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter -die Flämmchen geworfen, und am anderen Morgen war alles -futsch – der Schatz und der Lohn.«</p> - -<p>»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein.</p> - -<p>»Ort hin – Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig -geworden. Seit das Gras bei unserer guten Frau -nichts geholfen hat, denk ich mir das meine. Und siehst du, der -<em class="antiqua">domjacy</em><a id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>, der Juro, der glaubt auch nicht an solche Dinge -und ist doch bald ein <em class="antiqua">Pán doctor</em>.«</p> - -<p>»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka.</p> - -<p>»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war -er schon als Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. -Offen und ehrlich ist er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber -auch gutherzig. Und ein richtiger Kerl. Der könnte den Jan -beim Johannisfest machen!«</p> - -<p>Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich -selbst.</p> - -<p>»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl -auf Gottes weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes -Maul?«</p> - -<p>Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus:</p> - -<p>»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!«</p> - -<p>Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten.</p> - -<p>»War es das, was du auf dem Herzen hattest?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, -daß ich es leichter herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich -versitz' dahier sonst bloß unnütz meine Zeit.«</p> - -<p>Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein -ein, nippte der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte -es dann vor den Alten.</p> - -<p>»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu.</p> - -<p>»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das -Mädchen.</p> - -<p>»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl -bemerkt hast.«</p> - -<p>Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte -hinter den Ofen.</p> - -<p>»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er -war nur ein Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte -für den Sohn seines Herrn die Braut werben. Als ich noch -jung war, bin ich auch oft Brautwerber gewesen. Du kennst -das ja. Im Oberlande heißt man's <em class="antiqua"><span id="corr149">družba</span></em>, im Niederlande -<em class="antiqua">pobratz</em> (Brautwerber). Na, du kannst glauben, Hanka, es ist -nicht so einfach, wenn man für einen anderen auf die Brautschau -geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen. Man -muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß -man politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht -rausrücken. Und man geht immer so um die Abenddämmerung. -Da fällt's nicht so auf, wenn man rausgeschmissen wird.«</p> - -<p>Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie:</p> - -<p>»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede -bedeuten?«</p> - -<p>»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch -nichts überstürzen. Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater -gewesen in meinem Leben; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, -aber zweimal ist was aus der Sache geworden. -Nun, man hat seine Erfahrungen!«</p> - -<p>»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!«</p> - -<p>Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde -plötzlich sehr ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische.<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -Er stockte noch eine Minute lang, dann sagte er mit bewegter -Stimme:</p> - -<p>»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe -ich in Gottes Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren -Gutssohn Samo.«</p> - -<p>Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein -paarmal, und ihr Gesicht war bleich.</p> - -<p>»Bist du – bist du toll?« fragte sie stockend.</p> - -<p>»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht.</p> - -<p>Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche -und las mit feierlicher Stimme:</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Breslau, am 20. November 1860.<br /> -</p> - -<p>Mein lieber alter Freund Kito!</p> - -<p>Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen -Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist bei -unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben -Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder -Juro ein Deutscher geworden ist und auch ein deutsches -Mädchen heiraten wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil -ich sie von Herzen lieb habe, weil sie ein braves sorbisches -Mädchen ist. Du sollst erst mit meinem Vater sprechen und -dann für mich werben. Ich werde dir stets dankbar sein. Gott -möge dir helfen!</p> - -<p class="right"> -Samo. -</p></div> - -<p>Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. -Ohne auf das fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann:</p> - -<p>»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt -mich ›mein alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das -werden ihm alle Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören -werden.«</p> - -<p>Hanka stand auf.</p> - -<p>»Wo willst du hin, Hanka?«</p> - -<p>»Hinaus!«</p> - -<p>»Und gibst du mir keine Antwort?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> - -<p>Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief -ein. Betrübt senkte er den weißen Kopf.</p> - -<p>»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und -so gut gemacht!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter -Hanka war krank.</p> - -<p>Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. -Eine Magd brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. -Tee wollte die Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel -verschmähte sie.</p> - -<p>Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. -Das Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber -schon nach einer Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet -auf dem Tisch. Hanka sah mit großen Augen vom Bett -her auf die Alte. Ihr Gesicht war in der kurzen Zeit blaß und -schmal geworden.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Wuše stupaš, dale widžiš</em>«, begann die Alte; »je höher -du steigst, je weiter du siehst.«</p> - -<p>Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen -in die Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern -darüber, zuckte mit den Lippen.</p> - -<p>Dann sprach sie:</p> - -<p>»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. -Der eine Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es -an und hackt es mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. -Dann fliegt er fort und paart sich mit einer Krähe. Und sie -fliegen bis an den Lóbjofluß. Da werden sie erschossen und -sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt das Adlerweibchen, -und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten -Baume und verjagen alle Krähen. <em class="antiqua">Wuše stupaš, dale widžiš.</em> -Je höher du steigst, je weiter du siehst.«</p> - -<p>Hanka hörte der Alten staunend zu.</p> - -<p>»Woher weißt du das?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.«</p> - -<p>Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. – –</p> - -<p>Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu -Hanka.</p> - -<p>»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er.</p> - -<p>Hanka schlug die Hände vors Gesicht.</p> - -<p>»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht -bloß für dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, -kann ich nie zugeben.«</p> - -<p>Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen -Großgarten.</p> - -<p>»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, -sagte er nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo -keine Frau im Hof, da ist der Böse im Hof. Ich müßte aber -doch jetzt sagen: ›Fahr wieder heim, Hanka!‹ Doch ich schäme -mich, ich schäme mich!«</p> - -<p>Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen -begann bitterlich zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort:</p> - -<p>»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, -die Leute hier auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so -nicht heimgehen lassen.«</p> - -<p>Da richtete sich das Mädchen halb auf.</p> - -<p>»Ja, es wär' – es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, -sagt mir das eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß -aus Barmherzigkeit nehmen, weil mich Juro nicht mag?«</p> - -<p>Da leuchteten die Augen des Alten auf.</p> - -<p>»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer -sollte dich auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und -er hat es mir schon gesagt, als er noch hier war.«</p> - -<p>Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen -Augen, dann sagte es leise:</p> - -<p>»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.«</p> - -<p>Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka -dreimal auf die Stirn.</p> - -<p>Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst -scheu und schweigsam war, sprach:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr -auf diesem Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch -Juro darauf vergißt, wir anderen wollen es nicht vergessen, -daß du in Wahrheit eine Königstochter bist, aus älterem Geschlecht -als manche Prinzessin. Darum sollst du den Kopf -hochtragen und nicht mehr weinen.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Nan!</em>«<a id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a></p> - -<p>Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme -um den Hals des Alten …</p> - -<p>Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen -Altknecht Kito.</p> - -<p>Er drückte ihm die Hand und sagte:</p> - -<p>»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine -Kirmes. Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr -ist, aber im Kretscham werde ich alles bezahlen.«</p> - -<p>Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen -Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet.</p> - -<p>»Hat sie – hat sie?«</p> - -<p>»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, -denn er hat dich zum Brautwerber gemacht.«</p> - -<p>Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein -lahmer Enterich. Am Ziehbrunnen blieb er stehen.</p> - -<p>»Zehnmal bin ich jetzt <em class="antiqua">družba</em> gewesen; siebenmal haben -sie mich rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, -daß ich schon so alt bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.«</p> - -<p>Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr -erklärter Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens -ihre rechte Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte -die Frau etliche Male blitzschnell um ihre Achse.</p> - -<p>»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die -Alte schnaufend.</p> - -<p>»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchen <em class="antiqua">serska -reja</em><a id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.«</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> -<p>Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann -schimpfend davon. Kito aber begab sich nach dem Kretscham, -der gleichzeitig das Kaufhaus des Dorfes war, trank erst drei -Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte, Feder und Papier und -schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden Bericht:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Lieber Freund Samo! -</p> - -<p>Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläser <em class="antiqua">palenc</em> hatte ich -getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst zugetrunken. -Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den Pastor mit dem Käse -hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat mit mir <em class="antiqua">serska reja</em> tanzen -müssen. Oh, die hat geflucht! Aber sie soll nur mit ihren Wanzen -kommen! Ich fühle mich wieder ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange -nicht. Und sie wird schon wieder gesund werden. Denn solche Mädel -haben solche Mucken, das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. -Aber auf den Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch -auf die Linde könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. -Womit ich schließe als dein treuer Freund und Brautwerber</p> - -<p class="right"> -Kito. -</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei -Mädchen, denen die ehrbare <em class="antiqua">pšaza</em> Hankas zu »langweilig« -war, hatten die Unterbrechung benutzt, sich einer -lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die eine kam -die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert. -Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst -lag auf ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste -Entschlossenheit leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller -geworden. Eine Herbheit war in ihrem Wesen, die oft in Stolz -überging. Sie weinte nie mehr, auch nicht, wenn sie allein war. -Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen Brief. Er schrieb -zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.</p> - -<p>Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die -noch zu ihrer <em class="antiqua">pšaza</em> gehörten, mit ihren Spinnrädern und -Flachsrocken. Bald saßen alle Mädchen in einer Reihe im -Halbkreis, und die Rädlein schnurrten und die Mäulchen<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -schnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und dabei -spinnen, spinnen!</p> - -<p>Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, -kernige Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite -Röcke haben sie alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, -manche hat einen besonders feinen Brustlatz aus -Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe gewunden mit weitausgreifenden -Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine schöne -Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald den -rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor.</p> - -<p>Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; -außerdem brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich -und traulich ist es in der Spinnstube, indes draußen der Sturm -über die Heide pfeift oder der Regen an die kleinen Fenster -klopft, leise wie mit Geisterfingerlein.</p> - -<p>Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada<a id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> -des Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr -des Gemeindedieners, des Dorfschmiedes und des Nachtwächters -ab. Entblößten Hauptes müssen sie am 21. Dezember -im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre Wiederanstellung -bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie -solche erhalten haben.</p> - -<p>Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er -hat zwar im Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen -und etwas gebrummt, was man bei viel gutem Willen für -eine Bitte um Wiederanstellung hätte halten können, aber er -ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter auf ein neues -Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft, ja -er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in -einem greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser -Nachtwächter!</p> - -<p>»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter -eines der <em class="antiqua">starsi</em><a id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>.</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p> -<p>»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, -»da werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter -kriegen sie nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht -bekommt. Dafür möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.«</p> - -<p>Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« -gähnte und schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten.</p> - -<p>»Sechs Dreier sind auch Geld«, sagte die Schöffentochter -verärgert. »Überhaupt, mein Vater sagt, es ist eine ganz schlechte -aufsässige Zeit. Unser Knecht hat sich Strümpfe gekauft! -Strümpfe! Ein Knecht! Wo mein Vater in Fußlappen geht -oder auf Stroh in den Stiefeln, kauft sich der Knecht auf dem -Jahrmarkt ein Paar Strümpfe!«</p> - -<p>Kito nickte nach dem Feuer hin.</p> - -<p>»Ja, ja,« seufzte er, »der Untergang der Welt kann nicht -mehr weit sein. Napolium, scharr dich nicht!«</p> - -<p>Die Mädchen waren des politischen Gesprächs schon wieder -müde. Eine Liebesgeschichte machte tuschelnd die Runde, und es -wurde viel heimlich gelacht und viel Spott getrieben. Ein Mädchen -wurde durchgehechelt.</p> - -<p>»So eine Schlafliese hat Glück. Die stieß die <em class="antiqua">Dřemotka</em><a id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> -schon immer um halb neun in den Nacken. Und kriegt einen -solchen Burschen!«</p> - -<p>»Sie hat sich sogar abkonterfeien lassen.«</p> - -<p>Kaum war das Wort gefallen, so stimmte Kito ein Lied an. -Mit meckriger Stimme sang er:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wer hoch und angesehn will sein<a id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a>,<br /></span> -<span class="i0">Der muß sich lassen konterfein,<br /></span> -<span class="i0">Schön weiß und rot fürs liebe Geld,<br /></span> -<span class="i0">Wie's Mode ist,<br /></span> -<span class="i0">Wie's Mode, Mode ist,<br /></span> -<span class="i0">Wie's Mod' ist in der Welt!<br /></span> -<span class="i0">Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt,<br /></span> -<span class="i0">Da wurd' ich ganz und gar verrückt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -<span class="i0">Um mein Genie ist's schlecht bestellt,<br /></span> -<span class="i0">Wie's Mode, Mode ist,<br /></span> -<span class="i0">Mode ist auf der Welt!«<br /></span> -</div></div> - -<p>»O du Hund! Kaum fang' ich an zu singen, so beißt mich -dieser Lump von Napolium in die Waden.«</p> - -<p>»Ach, Kito, du hast doch gar keine Waden mehr«, lachte ein -Mädchen.</p> - -<p>»Soll ich sie zeigen?«</p> - -<p>Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen.</p> - -<p>»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte.</p> - -<p>»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber -als die Alten. O jerum!«</p> - -<p>Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische -Spinnstube nach ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es -schon anders hergehen. Nun ja, zweimal waren die Burschen -zu Besuch dagewesen und hatten auch Branntwein mitgebracht, -aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst war auch nicht viel -Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen feinen -Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel -neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche -Leute leisten. Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue -Lieder hatte das fremde Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach -Hanka, zwei neue Lieder zu singen. Es waren aber diese:</p> - -<p><em class="center gesperrt">Die entlaufene Mutter.</em><a id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Kathinka aus Gurich lief davon<br /></span> -<span class="i0">Dem Ehemann, dem Saufpatron.<br /></span> -<span class="i0">Sie lief bis Malschwitz in toller Hast,<br /></span> -<span class="i0">Dort macht sie müde am Hügel Rast.<br /></span> -<span class="i0">Mit trübe geweinten Äugelein<br /></span> -<span class="i0">Sah sie in Gottes Sonne hinein.<br /></span> -<span class="i0">»O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn,<br /></span> -<span class="i0">Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?«<br /></span> -<span class="i0">»O Maja, Maja, du Blümlein rot,<br /></span> -<span class="i0">Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?«<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -<span class="i0">»Und du, mein Merten, du Kleinster, mein,<br /></span> -<span class="i0">Wer singt dich heut in den Schlummer ein?«<br /></span> -<span class="i0">Da weinte sie laut, da stand sie auf<br /></span> -<span class="i0">Und nahm gen Gurich den raschen Lauf:<br /></span> -<span class="i0">»Und schlüg er mir auch das Leben heraus,<br /></span> -<span class="i0">Ich kehre um und gehe nach Haus!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Und das andere Lied war dieses:</p> - -<p><em class="center gesperrt">Die Leichtsinnige.</em><a id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und als der junge Bursche erfuhr,<br /></span> -<span class="i0">Daß andere liebet sein Schätzelein,<br /></span> -<span class="i0">Zog aus der Scheide er sein Schwert<br /></span> -<span class="i0">Und bohrt sich's tief ins Herz hinein.<br /></span> -<span class="i0">Zur Kirche ging das Mägdelein<br /></span> -<span class="i0">Und sprang dann in das Feld hinaus,<br /></span> -<span class="i0">Da lag ihr Liebster hinterm Busch<br /></span> -<span class="i0">Und ruht' von Leid und Untreu aus.<br /></span> -<span class="i0">Das Mädchen weinte, und ihm war bang<br /></span> -<span class="i0">– Fast eine ganze Woche lang.<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Lieder wurden gelobt, der Text wurde gelernt, die Weise -eingeübt; noch am selben Abend wurden die beiden Lieder gemeinsam -gesungen.</p> - -<p>Dann wurde Kito aufgefordert, Scherze zu erzählen.</p> - -<p>Er wollte vom Alten Fritz und dem Prediger anfangen, aber -alle wehrten ab. Das sei eine ganz alte Geschichte. Auch der -Pastor mit dem Käse wurde abgelehnt sowie die Erzählung, -wie Kito von der Linde predigte.</p> - -<p>Schließlich sagte er: »Ein Deutscher sagte einmal zu einem -Wenden im Kretscham: ›Aus vier Wenden<a id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> baut man einen -Schweinestall‹.«</p> - -<p>»Ja, und er sperrt ein deutsches Schwein hinein!« riefen -die Mädchen alle zusammen.</p> - -<p>»Oh, Kito, bei deinen Geschichten hat Adam zu Paten gestanden!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p>Kito schüttelte den grauen Kopf.</p> - -<p>»Die Welt ist neuerungssüchtig und verderbt. Der Knecht -kauft sich Strümpfe, und wendische Mädel woll'n neue Geschichten!«</p> - -<p>Er fing nun an zu singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere,<br /></span> -<span class="i0">Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«;<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">aber auch dieses schöne Lied fand keinen Beifall, weil es alt und -abgeleiert sei.</p> - -<p>Selbst einer seiner schönsten Späße wurde mäßig gelobt, -daß er nämlich einer Herde von Weibern, die neugierig durch -ein Gasthausfenster dem Tanze zusahen und dichtgedrängt -standen, heimlich die bauschigen Röcke aneinandergenäht hatte -und daß sie am Ende nicht auseinander konnten, was viel Geschrei -und Spektakel ergab.</p> - -<p>»Wer weiß eine Gespenstergeschichte?«</p> - -<p>Das war etwas. Die Mädchen rückten näher zusammen. -Und eine sprach halb im Flüsterton:</p> - -<p>»Bei Leipa drunten in der Mühle hat es gespukt. Alle Nächte -sind eine greuliche Menge Katzen gekommen und haben um -Mitternacht einen großen Spektakel gemacht. Alle Leute aus der -Mühle sind ausgezogen. Da ist einmal ein Scharfrichter durch -Leipa gekommen, der hat von der Mühle gehört. Und er ist hineingegangen, -hat sich in der großen Stube an den Tisch gesetzt, -zwei Lichter vor sich gestellt und sein Richtbeil vor sich gelegt -und um den ganzen Tisch mit Kreide einen Kreis gezogen. Und -so hat er gewartet. Dann haben draußen alle Wächter zwölf -gepfiffen, und da ist es losgegangen. Das hat gerasselt und gepoltert -und gefaucht, und an die hundert böse Katzen sind hereingekommen -und haben sich alle auf den Scharfrichter stürzen -wollen. Aber keine einzige hat sich über den Kreis getraut. Geh -du rüber! Geh du rüber! haben sie zueinander gesagt. Aber -keine hat sich's getraut. Bloß eine große, gelbe Katze hat die -Pfote in den Kreis hineingestreckt. Da hat schnell der Scharfrichter -sein Beil genommen und sie blutig gehackt. Da sind alle<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -Katzen winselnd fortgelaufen. Und am andern Tag hat die -Frau des Amtmanns von Leipa eine verbundene Hand gehabt -und hat gesagt, sie hätte sich aus Versehen mit einem Messer -einen Finger abgeschnitten. Aber die Leute haben jetzt gewußt, -daß sie eine Hexe war!«</p> - -<p>»Da werd' ich auch etwas von einer Hexe erzählen«, sagte -eine andere. »Die hat in einem Dorfe gewohnt, und abends hat -sich immer ihr Geist auf den Feldern und in den Gassen herumgetrieben, -während ihr Leib im Bette lag, und der Geist hat die -Leute geängstigt. Da ist einmal der Schulmeister von Saßleben -dem Gespenst begegnet und hat es mit einem Stock jämmerlich -durchgeprügelt. Am andern Morgen hat eine Bauersfrau nicht -aufstehen können, weil sie ganz grün und blau geprügelt war. -Und das war die Hexe.«</p> - -<p>Kito seufzte in seiner Ofenhölle.</p> - -<p>»Ja, ich bin auch einmal so eine Hexe gewesen.«</p> - -<p>»Du, eine Hexe? Das ist nicht möglich!«</p> - -<p>»Doch! Und es war auch so ein Abenteuer mit einem Schulmeister. -Ich ging damals noch in die Schule und saß auf der -Schulbank. Das heißt, es sah nur so aus, als ob ich dort säße. -In Wirklichkeit spukte ich. Denn der Mensch besteht aus Leib -und Geist. Und mein Geist, der war nicht mit in der Schule, der -war im Walde und fing mit Sprenkeln Rotkehlchen. Da fing -plötzlich der Schulmeister an zuzuhauen. Aber er hieb nicht auf -den Geist ein, sondern der Leib bekam die Hiebe persönlich. -Grün und blau war er aber auch.«</p> - -<p>Kito wird ein alter Narr genannt und ausgescholten. -Teufelsgeschichten kommen an die Reihe: wie der Teufel Asche -in Gold verwandelte, wie er als dreibeiniger Hase herumhüpfte, -wie er mit zwei schwarzen Ochsen die Spree pflügte und die -Ochsen immer so ungebärdig hin und her sprangen, daß die -Spree ganz krumm geworden ist.</p> - -<p>Und mit scheuen Augen erzählt eine von dem Mädchen, das -im Rautenkranz zur Kirche ging und mit Rosen geschmückt auf -einem Stuhl vor dem Altar saß. Da kam plötzlich ein Kind -vom Altar her, setzte sich dem Mädchen auf den Schoß und<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -sagte: »Ich will bei meiner Mutter sein!« Da gestand die erbleichende -Braut, daß sie heimlich ein Kind geboren und getötet -habe. Und das Kind nahm die Seele ihrer Mutter mit. Die -Braut fiel tot vom Stuhl, der Rosenkranz aber flog auf den -Kirchhof hinaus. Dort wuchs ein großer Rosenbusch, der noch -heute zu sehen ist. Und das ist in Gahlen geschehen vor zweihundert -Jahren.</p> - -<p>Lauter schaurige Geschichten erzählen die Mädchen, indes -der Wind an die Scheiben poltert und das Feuer im Herde -knistert.</p> - -<p>Wißt ihr die Geschichte von dem Schatz im Totenkopf? -Wißt ihr, wie der Tod in Luckau den Dreißigjährigen Krieg vorhergesagt -hat?</p> - -<p>Wer weiß die Geschichte von dem Riesen, der ein dreieckiges -Gesicht hatte? Er hat viel Übles getan. Die kleinen Ludki haben -ihn im Schlaf erschlagen. Und er wurde begraben, aber er spukte -in jeder Nacht, und alle Leute fürchteten sich sehr. Da haben die -Leute die Leiche des Riesen ausgegraben, ihr einen Nagel in den -Kopf und einen Pfahl durchs Herz getrieben, und dann hatten -sie Ruhe.</p> - -<p>Von brennendem Feld wird erzählt, von weißen Männchen, -von dem unglücklichen Mädchen, das der Nix in sein Wasserschloß -holte, von der Mittagsgöttin, die allen denen mit der -Sichel den Kopf abschneidet, die sie zur Mittagszeit im Felde -trifft und die ihre vielen Fragen nicht beantworten können, von -unverwundbaren Wölfen, gespenstigen Kälbern.</p> - -<p>»Heda! Kito, der Swinigel, sucht dem Hunde Flöhe ab!« -Die Mädchen kreischten, sprangen auf, traten zurück.</p> - -<p>»Was schreit ihr?« sagte Kito gemütlich. »Eure Geschichten -sind so blutig, daß ich mir dazu eine blutige Arbeit gesucht habe.«</p> - -<p>Die Mädchen schimpften alle auf ihn ein. Er sei ein unerhörter -Swinigel. »Pfui, pfui!«</p> - -<p>»Tut nur nicht so,« verteidigte sich der Alte; »ich werfe sie -alle ins Feuer, und wenn ja einer der Schwarzen zu einer von -euch springt, die kann ihn morgen wiederbringen, wenn sie ihn -unter den eigenen herauskennt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Ei, wie gingen die Mäulchen! Hanka tat einen Schiedsspruch; -Kito mußte das Liebeswerk an seinem »Napolium« -einstellen, und bald schnurrten die Rädchen wieder und ging -das Erzählen.</p> - -<p>Da knurrte der Hund, und von draußen kam ein feines Läuten.</p> - -<p>»Hört, hört, was ist das? Hört ihr es läuten?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bože džječo! Bože džječo!</em>«<a id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> rief da ein Mädchen, und -alle Rädlein standen still, und über alle jungen Gesichter ging -der helle Schein der Freude.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bože džječo!</em> Still, still! Fleißig, fleißig, daß wir es nicht -verscheuchen!«</p> - -<p>Und die Rädlein schnurrten wie nie zuvor, und die Mäulchen -standen ganz still.</p> - -<p>Da wurde die Tür geöffnet, liebliches Schellengeläut ertönte -im Hausflur, und eine feine Stimme fragte:</p> - -<p>»Sind fleißige, gute Mädchen in der Spinnstube?«</p> - -<p>»Nein!« schrie Kito von der Ofenhölle aus, und sein »Napolium« -bellte.</p> - -<p>»Ja, ja, ja!« riefen die Mädchen, »gute, fleißige Mädchen!«</p> - -<p>Da kam das Gotteskind in die Stube. Es war ganz weiß -gekleidet, das Gesicht verschleiert, auf dem Kopf trug es eine -Krone aus Goldpapier. In der einen Hand hatte es die Schelle, -in der anderen eine Rute. Es war von einem Weihnachtsmann -begleitet, der einen großen Korb in der Hand und einen Sack -auf dem Rücken trug und sich ganz greulich vermummt hatte. -Das Hofgesinde drängte in die Stube, auch der Hausherr -Hanzo erschien. Hanka machte erstaunte Augen; sie hatte von -der Veranstaltung nichts gewußt.</p> - -<p>»Hausvater,« fragte das Gotteskind, »sind das fleißige, -brave Spinnmädchen?«</p> - -<p>Der Hausvater bejahte es.</p> - -<p>Da ging das Gotteskind von einem Spinnrad zum andern, -prüfte das Garn, lobte die, die wenig, und tadelte die, die noch -zuviel Flachs am Rocken hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p> - -<p>Dann sprach es: »Singt die Kantorka mit euch gute Lieder?«</p> - -<p>Die Mädchen standen auf, Hanka stimmte an, und alle -sangen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Heil'ge Maria am Rocken spann<a id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a><br /></span> -<span class="i0">Den Flachs gar wunderfein,<br /></span> -<span class="i0">Heil'ge Maria saß und sann<br /></span> -<span class="i0">Und nähte ein Hemdelein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Da kamen herein zur Kammertür<br /></span> -<span class="i0">Zwei liebliche Engelein:<br /></span> -<span class="i0">»Maria, wir wollen spielen mit dir,<br /></span> -<span class="i0">Wir sind so jung und klein!«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich kann nicht singen und spielen mit euch,<br /></span> -<span class="i0">Die Stund' nicht ferne ist,<br /></span> -<span class="i0">Braucht Hemdchen und Windeln und Linnenzeug<br /></span> -<span class="i0">Mein Söhnlein Jesus Christ!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Mädchen standen mit gefalteten Händen hinter ihren -Spinnrädern und sangen das Lied andächtig und schön. Das -Kaminfeuer warf einen roten Schein über sie und über das -»Gotteskind« in seinem feierlichen, weißen Kleid.</p> - -<p>Nun packte der Weihnachtsmann mit großem Gepolter seine -Gaben aus und fuhr mit einem alten Besen derb unter dem -Mannsvolk herum, wodurch er den Zorn des Hundes »Napolium« -erweckte, der beständig nach seinen Waden schnappte, -was viel Hallo gab. Es gab für eine »Vorbescherung« ganz -unerhört kostbare Dinge; denn die eigentliche Bescherung kam -erst am Heiligabend. Die Spinnmädchen bekamen alle kleine -silberne Anhängsel: ein Herzchen, ein Kreuzchen, einen Stern, -die Knechte und Mägde wurden reichlich mit Kleidungsstücken -bedacht, Kito erhielt eine silberbeschlagene Tabakspfeife, der -Hausvater bekam die schön ausgeführten Wappen der Ober- -und Niederlausitz, beide unter einem geschnitzten Lindenkranz -vereinigt. Von wem ging diese Bescherung aus? Die Antwort -ergab sich bald.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<p>Zur Tür herein kam Samo. Er war am späten Nachmittag -heimlich angekommen.</p> - -<p>»Darf ich auch bei der Bescherung sein?« fragte er, nachdem -er gegrüßt hatte. Hanka wurde blaß und hielt sich an dem -Spinnrocken fest. Errötend gab sie Samo die Hand.</p> - -<p>Plötzlich aber stieß sie einen lauten Freudenschrei aus. Ihre -Eltern waren in die Stube getreten. Das Mädchen hing an -ihrem Halse und lachte und weinte vor Freude.</p> - -<p>Da stand Kito auf und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Er -nahm Hanka an der Hand und sagte:</p> - -<p>»Setz dich auf deinen Platz! Es muß Ordnung sein!«</p> - -<p>Und dann stellte er sich mitten in die Stube und sprach:</p> - -<p>»Ihr kennt alle die Bibel. Als Abraham für seinen Sohn -Isaak ein Weib haben wollte, schickte er seinen Knecht Elieser -aus, ein solches zu suchen; denn er dachte wahrscheinlich, daß -Elieser das besser verstände als er und Isaak. Elieser war nur -ein Knecht, aber er hatte doch dieses wichtige Amt bekommen. -Er war ein <em class="antiqua">družba</em>. Hier seht ihr auch einen <em class="antiqua">družba</em> stehen. -Zehnmal bin ich schon Zurater und Brautwerber gewesen; -siebenmal haben sie mich – aber davon will ich nicht reden. -Kurz und gut, dreimal ist es geglückt. Und dazu gehört dieses -Mal. Ihr dürft nicht glauben, daß es nur der <em class="antiqua">palenc</em> war, der -meine Zunge so geschmeidig und siegreich gemacht hat; denn ich -habe schon von der Linde gepredigt. Kurz und bündig: durch -Gottes Gnade und meine Hilfe ist es geglückt, von unserer ehrbaren -Jungfrau Hanka für unseren ehrbaren Junggesellen und -Gutssohn Samo das ›Jawort‹ zu bekommen.«</p> - -<p>Ein Ruf allgemeiner Überraschung ging durch die Stube. -Die Spinnmädchen umdrängten Hanka, und es wurde ein -solcher Lärm, daß Kito sich nur durch die Anwendung von Grobheit -wieder Ruhe schaffen konnte.</p> - -<p>»Und so will ich nun die achtbaren Eltern unserer Jungfrau -Hanka bitten und fragen, ob sie in Gottes Namen ihre Einwilligung -zu der Verbindung geben wollen.«</p> - -<p>Die Frage wurde bejaht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>»Und so frage ich unseren achtbaren Hausvater, ob auch er -in Gottes Namen seine Einwilligung geben will.«</p> - -<p>»Ja!« sagte Hanzo.</p> - -<p>»So frage ich nun, ob diese Zeugen hier genügen, oder ob -ich noch andere Zeugen holen soll.«</p> - -<p>»Sie genügen.«</p> - -<p>»Nun, so bitte ich für meinen Freund Samo alle, die er beleidigt -hat, um Verzeihung. Jetzt aber tretet ihr zwei hierher!«</p> - -<p>Samo und Hanka traten in die Mitte der Stube, der Brautwerber -legte ihre Hände ineinander und sprach die vorgeschriebenen -Worte:</p> - -<p>»Ich verlobe euch öffentlich vor diesen Zeugen in Gottes -Namen. Es sei mit euch beiden der Gott unserer Väter und -segne euch mit den Gütern, mit denen er unsere Väter gesegnet -hat. Amen!«</p> - -<p>Darauf sangen alle Anwesenden das Lied:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne<br /></span> -<span class="i0">Und auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Als das Lied zu Ende war, trat das weiße »Gotteskind« vor -Hanka, gab ihr einen goldenen Ring und sprach dazu:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Aus der Erd' stammt das Gold,<br /></span> -<span class="i0">Vom Himmel die Treu,<br /></span> -<span class="i0">Dein goldenes Ringlein<br /></span> -<span class="i0">Breche nimmer entzwei!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Samo küßte Hanka auf die leise bebenden Lippen. Die zwei -waren nach wendischem Brauch verlobt. –</p> - -<p>Nun brach die Tollheit des lebenslustigen Wendenvolkes -sich Bahn. Boten eilten in die anderen Spinnstuben des Dorfes, -und nicht lange, so wimmelte es von Burschen und Mädchen. -Die fremden Burschen drangen in die Stube; einer hatte ein -langes Messer in der Hand, damit »erstach« er den Rocken -Hankas. Und nun nahmen die anderen Burschen den Mädchen -die Rocken weg, und aller Flachs, der noch dran war, wanderte -ins Feuer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>Ein Ungetüm sauste in die Stube. Es sollte einen Schimmel -darstellen und hatte einen Kopf aus Stroh. Es wurde weidlich -durchgeprügelt und machte wilde Sprünge und Purzelbäume.</p> - -<p>Ein paar wollten anfangen zu tanzen. Da aber trat Kito, -der Brautwerber, wieder auf, und nachdem er sich mühsam -Ruhe verschafft hatte, rief er:</p> - -<p>»Hochgeachtete Gäste!«</p> - -<p>Er wurde unterbrochen; denn sein Hund »Napolium« hatte -sich mit dem Schimmel verbissen, und es gab ein tolles Gelächter.</p> - -<p>»Laßt sie, laßt sie! Es ist wie im Zirkus!«</p> - -<p>Nachdem der Kampf der Bestien vorüber war, rief Kito -abermals:</p> - -<p>»Hochgeachtete Gäste! Dieweilen dies hier ein Trauerhaus -ist, seid ihr gebeten, in den Kretscham zu gehen und euch dort zu -Ehren des Brautpaares etwas zu erfreuen.«</p> - -<p>Da zog das Völklein jauchzend ab, und das helle Lachen -und Singen klang vom Kretscham her die ganze Nacht, bis der -Tag graute.</p> - -<p>Hanka saß indes aufrecht in ihrem Bett. Sie allein lachte nicht.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Auch Juro kam zu den Weihnachtsferien nach Hause. Er -traf zwei Tage später ein als Samo. Als er bald nach -seiner Ankunft dem Bruder begegnete, sagte er:</p> - -<p>»Warum hast du mir von deiner Abreise aus Breslau nichts -gesagt? Konnten wir nicht zusammen reisen?«</p> - -<p>»Von uns zweien findet jeder den Weg für sich«, antwortete -Samo unliebenswürdig.</p> - -<p>»Jawohl, das weiß ich!« sagte Juro und wollte sich abwenden. -Aber Samo sprach ihn noch einmal an.</p> - -<p>»Ich will dir etwas sagen, ehe du es von anderen Leuten -hörst: ich habe mich vorgestern mit Hanka verlobt.«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>Juro starrte ihn an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>»Ich habe das Mädchen lieb,« fuhr Samo fort, »und es -muß die Tradition in unserer Familie gewahrt werden. Im -übrigen bin ich dir ja wohl weitere Rechenschaft nicht schuldig.«</p> - -<p>»Du – du bist wohl verrückt?«</p> - -<p>»Nein, im Gegenteil, recht vernünftig! Ich weiß, was ich -will!«</p> - -<p>Da faßte Juro sein Zorn.</p> - -<p>»Samo – Mensch – ist das wirklich wahr? Hast du dich -wirklich mit dem unerfahrenen Mädchen verlobt?«</p> - -<p>»Wie ich dir sagte …«</p> - -<p>»Und – und du schämst dich nicht – eine so gemeine -Komödie …«</p> - -<p>»Hüte dich, du deutscher Lümmel!«</p> - -<p>Juro ballte die Faust.</p> - -<p>»Noch so ein Wort, und ich schlag' dich nieder, du – du -Erbschleicher!«</p> - -<p>Samo lachte ihm höhnisch ins Gesicht.</p> - -<p>»Schlag' nur zu! Es ist die deutsche Art, etwas zu beweisen, -was nicht zu beweisen ist. Aber es nützt dir gar nichts! Deine -Rolle ist hier verspielt!«</p> - -<p>Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu.</p> - -<p>Juro suchte in höchster Erregung seinen Vater auf.</p> - -<p>»Vater, ist das wahr, das von Samo und Hanka …?«</p> - -<p>»Sie sind seit vorgestern verlobt!«</p> - -<p>Juro wurde bleich.</p> - -<p>»Und du hast das zugegeben?« fragte er fassungslos.</p> - -<p>»Ja, ich habe es sogar gewünscht. Ich will nicht, daß ein -so braves Mädchen wie Hanka verachtet wird, ich will mich vor -ihren Eltern und allen Leuten nicht lächerlich machen.«</p> - -<p>»Und das Mädchen?«</p> - -<p>»Es hat eingewilligt.«</p> - -<p>»Aber siehst du denn nicht ein, Vater, was Hanka für großes -Unrecht geschieht, daß Samo sie nur nimmt, weil es in seine -Berechnungen paßt, daß es eine Schmach für das Mädchen ist, -so – so – als Spekulationsobjekt behandelt zu werden?«</p> - -<p>»Wieso Spekulation?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>»Es liegt doch auf der Hand, daß Samo, der im Grunde -genommen immer alles Bäuerische mißachtet hat, weil seine -Gedankenflüge zu hoch gingen, jetzt durch seine wendische -Heirat nichts anderes will, als sich hier auf dem Gut als künftigen -Herrn festsetzen.«</p> - -<p>Das Gesicht des Vaters wurde noch ernster, als es schon war.</p> - -<p>»Das Gut bekommt er sowieso – mein Testament ist gemacht.«</p> - -<p>»Dein – Testament – – für Samo? Und – und mit – -mit welchem Recht schließest du mich aus?«</p> - -<p>»Ich schließe dich nicht aus. Was dir zukommt, wirst du -bekommen in barem Geld.«</p> - -<p>Juro schlug ein bitteres Gelächter an.</p> - -<p>»Bares Geld? Und das Heimatsrecht?«</p> - -<p>»Du hast dich selbst von deiner Heimat losgesagt.«</p> - -<p>»Das ist nicht wahr!«</p> - -<p>»Sprichst du so mit deinem Vater?«</p> - -<p>»Ja, auch mit dir! Es ist nicht wahr, es ist beim allwissenden -Gott nicht wahr, daß ich mich von meiner Heimat losgesagt -habe.«</p> - -<p>»Du willst von den Wenden nichts wissen, Juro; ich habe -es selbst gehört!«</p> - -<p>»Ja, ja, ich will von ihnen wissen; ich will ihnen ja mein -ganzes Leben, meine ganze Arbeit, meine ganze Fürsorge -weihen, ich will ja nichts anderes erstreben, als ihnen zu helfen, -sie geistig zu heben, ihre Lage zu verbessern, sie vorwärtszubringen -in der Welt.«</p> - -<p>»Dadurch, daß du sie deutsch machst«, sagte der Vater -finster.</p> - -<p>»Jawohl, dadurch! Vater, ich beschwöre dich, ich bitte dich, -sieh es doch ein, gib es doch zu, daß das das Beste, das Richtige -ist! Unsere geringe Anzahl, kaum hundertfünfzigtausend -Seelen, sie kann sich doch nicht halten, sie kann doch ihr Volkstum -nicht behaupten in unserer jetzigen Zeit; wir können doch -mit dem Festhalten an alten, längst überlebten Bräuchen, mit -dem Verharren in albernem Aberglauben …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p> - -<p>»Schweig!« schrie ihn der Vater an; »hier steht der Kral -der Wenden, die du beschimpfst.«</p> - -<p>Juro fuhr sich ein paarmal über die Stirn. Dann sagte er -erschöpft:</p> - -<p>»Der Kral der Wenden bist du; es kann niemand beweisen, -daß du es nicht bist! Aber das Königtum ist uns genommen; -der wendische König, der heute regiert, heißt Wilhelm von -Hohenzollern und wohnt in Berlin.«</p> - -<p>»Das weiß ich«, sagte der Alte ernst. »Und ich bin sein -treuer Untertan. Ich tue meine Pflicht. Ich bin kein Hochverräter. -Aber Gott führt die Schicksale der Menschen, und ich -brauche die Würde, die er mir gab, im Herzen nicht aufzugeben -und die Leute, die zu mir halten, mir nicht abtrünnig machen zu -lassen von meinem eigenen Sohne, solange unsere alte Krone -noch ruht im heiligen Hügel.«</p> - -<p>»Ich glaube nicht daran, daß in dem Hügel eine Krone liegt; -es ist eine Sage wie alle. Ich kann nicht an sowas glauben.«</p> - -<p>»Und du wagst es, zu sagen, daß du dich nicht von deiner -Heimat losgesagt hast?«</p> - -<p>»Nicht von der Heimat, nicht von dir, nicht von allen -Wenden. Nur von dem, was ihnen schadet, was sie tiefhält, -was nicht wahr ist! Und das sage ich dir, Vater, Samo glaubt -an alle diese Dinge so wenig wie ich. Aber er heuchelt und hat -den Vorteil, und ich sage die Wahrheit und verliere dich und -verliere alles.«</p> - -<p>»Samo lügt nicht. Samo beachtet unsere Gebräuche bis ins -kleinste. Für dich aber ist alles, was uns heilig ist, Aberglaube -und Dummheit. Und deshalb ist Samo an deine Stelle getreten. -Mit Fug und Recht, Juro; ich habe es in vielen schlaflosen -Nächten mit mir abgemacht.«</p> - -<p>»Und meine Erbfolgeschaft als künftiger Kral?«</p> - -<p>»Die vor allen Dingen wirst du an Samo abtreten.«</p> - -<p>Da kam der Zorn wieder über Juro, und er richtete sich auf -und sagte:</p> - -<p>»Das werde ich <em class="gesperrt">nicht</em>! Dein Gut kannst du vermachen, wem -du willst, es ist dein Eigentum, und die preußischen Gesetze werden<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -dafür sorgen, daß dein wendisches Testament bis ins kleinste -erfüllt wird. Aber das Recht der Erstgeburt, das kannst du mir -nicht nehmen und kein Gericht, das behalte ich! Das behalte ich!«</p> - -<p>»Du, der nicht an das Königtum glaubt?«</p> - -<p>»Ja, ich! Ich bleibe doch der künftige Kral. Ich werde den -Einfluß, den ich dadurch habe, nicht aufgeben. Denn ich will -der Kral sein, der sein Volk aus der Gefangenschaft finsterer -Vorurteile herausführt, und dazu brauche ich Ansehen, sei es -auch eingebildetes Ansehen. Niemand anders als der Kral -selbst kann den Leuten zeigen, daß es keinen Kral gibt!«</p> - -<p>»Du Verräter!«</p> - -<p>»Vater, ich bin noch weniger ein Verräter an den Wenden -als du ein Hochverräter am König von Preußen bist, dem du -Treue geschworen hast.«</p> - -<p>Einige Augenblicke standen sich Vater und Sohn noch gegenüber, -Kälte im Blick, Kälte im Herzen; dann sagte Hanzo:</p> - -<p>»Wir sind fertig miteinander!«</p> - -<p>Und er ging hinaus.</p> - -<p>Juro war allein. Ein paarmal ging er ratlos hin und her -mit unsicheren Schritten, dann sank er auf einen Stuhl und -weinte vor Zorn und vor Schmerz.</p> - -<p>Aber es gibt keinen stärkeren Trost in den Bitternissen des -Lebens als die Erkenntnis, daß einem Unrecht geschehen ist. So -erhob sich Juro nach kurzer Zeit, und seine Gestalt straffte sich -wieder zu ihrer schlanken Schönheit.</p> - -<p>Er stieg hinauf in seine Kammer und holte Mantel, Stab -und Hut.</p> - -<p>Und er zog fort aus seinem Vaterhause.</p> - -<p>Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam -das Dorf hinab. Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst -auf seinen Weg. Hin und wieder begegnete ihm ein Bursch, der -seine Mütze zog. Starke, gutmütige Menschen. Aber die Sonne -einer höheren Erkenntnis scheint nicht in ihre Heimat, ihre Gedanken -irren nur immer um ihre schmalen Felder, und ihre -Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer -oder an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -armselig liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche -Rauch, der aus dem windschiefen Schornstein steigt, stammt -vielleicht von einem Bündel Holz, das der Mann aus dem -Walde des Reichen zur Nachtzeit mit pochendem Herzen holte, -damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in dieser strengen -Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen und -weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse -noch vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend -auch nicht die kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten -sich, warum der holde Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, -ihnen auch nicht ein einziges buntes Lichtlein schicke. O ihr -Träumer, wacht auf! Draußen ist eine reichere Tafel für euch -und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine weitere, lichtere -Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort steht doch -die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum -Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, -ihr Träumer, seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer -Menschenrecht, werdet im Anschluß an die anderen glücklich! -Dann aber müßt ihr heraus aus der Enge; denn eure wendischen -Stammelrufe hört niemand, versteht und beachtet niemand in -der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten könnt ihr -nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht satt! – –</p> - -<p>Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte -hinaus ins Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros -Gang, da klangen ein paar Stimmen in seinem Ohr, die ihm -einmal lieb waren, da gingen ein paar Heimatsmelodien traurig -durch sein Herz.</p> - -<p>Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem -Stock stark auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm -in ihren letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: -ob er nicht zu stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, -ob es notwendig sei, immer seine herausfordernde Meinung so<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -laut zu sagen, oder ob nicht klugem Abwarten eine bessere Aussicht -auf Erfolg beschieden sei.</p> - -<p>Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen -Dingen kein Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und -hoffe, daß sich Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, -damit er unter diesem Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, -was der Mann in schweren Kämpfen vom Weibe hören muß: -»Ich glaube an dich; deine Sache ist gerecht!«</p> - -<p>Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr -ernst. Mit Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth -saß er an dem runden Tisch der mit alter solider Biederkeit -traulich ausgestatteten Wohnstube seines Herrenhauses, tat -einen tiefen Trunk und sagte:</p> - -<p>»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. – -Es sind Dickköppe!«</p> - -<p>Damit meinte er die Wenden.</p> - -<p>»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. -Lassen sich nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ -bis auf die Knochen. Eigentlich mein Fall!«</p> - -<p>Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold -winkte ab.</p> - -<p>»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden -ist richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich -krieg' das Niesen, das Schlucken und den Keuchhusten, wenn -ich es sprechen soll. Es ist ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe -ist es anders, und für den Verkehr taugt so was gar nischt. -Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem Humbug, den sie -sonst machen, Volkssitten, Märchen und so – na, da soll man -nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem sogenannten -Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene -Parvenüs züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel -in die Stube stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife -waschen lassen. Das ist moderner Unfug! Das sind so -Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt verstehen von der -Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so was -nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin kein<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -Unmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also -jetzt das neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll -jede Familie zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n -sogar große Fenster rein, obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus -halte. Aber seh'n Sie, Juro, da Sie nu eben mal mein zukünftiger -Schwiegersohn sind, da möcht' ich nich gern, daß Sie -bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer Furchenklecker. Also, -es wird werden!«</p> - -<p>Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort:</p> - -<p>»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also -eingeweiht! Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit -dem Kral, das is – das is – ja, wenn ich sagen würde, es is -Blech, wär' es zu grob – also sag' ich, es is nich Blech – bloß, -es hat keenen Zweck! Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer -Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der hat nach -dem Kral suchen lassen. Seine Häscher hatten auch den richtigen -Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen Mann. Also so einen -Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin unter -die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade -im kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der -hieb plötzlich dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, -weil er behauptete, der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, -und die Häscher sagten sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn -sonst hätte ihn kein Wende geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, -und der Kurfürst in Berlin saß da mit seiner langen Nase, -die ohnehin lang genug war. Jawohl, das ist Tatsache! Das ist -Geschichte! Das hat sich keiner aus den Fingern gesogen. Und -auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und aufgepaßt, -daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten -Tschechen ›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und -sind Ihre Ahnen, Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer -Edelmann hat für so was Verständnis. Aber jetzt, Juro, -jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu machen. Aus und vorbei -ist es!«</p> - -<p>»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast -das ganze Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt noch<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -am Kral. Und deshalb darf nicht mein Bruder Samo der Kral -der Wenden werden, weil er ihren alten Aberglauben aus Selbstsucht -erhalten würde, sondern ich muß der Kral sein, der die -Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren Dasein -führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist. -Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.«</p> - -<p>»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im -Arbeiterhause werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, -wie wir noch die alte Fronordnung hatten, da ist es ja den -Bauern nicht gerade berühmt gegangen. Aber die Güter waren -gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine schöne Zeit!«</p> - -<p>Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk -und schüttelte ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so -an die »gute, alte, liebe Fronzeit« dachte. Dann raffte er -sich auf.</p> - -<p>»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns -an die Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. -Ich kann's Ihnen nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade -erfreulich ist, daß es so kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger -Plan war da überhaupt nich. Ihre Väterei in Ehren, -Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer Wende hat 'ne -solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin wie die -Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.«</p> - -<p>»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, -»und deshalb möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag -machen.«</p> - -<p>»Deine vernünftigen Vorschläge sind unvernünftig«, lehnte -sein Vater ab. »Leute, die Zigaretten rauchen, haben überhaupt -keine Vernunft. Meine Ansicht ist die, Juro, Sie geben die Geschichte -da drüben in Ihrer Heimat auf, setzen sich, wenn Sie -Ihr Staatsexamen und Ihren Doktor gemacht haben, in -irgend 'ne große deutsche Stadt als Arzt, gründen da Ihren -Hausstand und pfeifen auf die ganze wendische Geschichte.«</p> - -<p>»Das kann ich nicht und das werd' ich auch nicht, Herr -von Withold. Ich werde meine wendische Heimat nicht im Stich<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -lassen. Es ist mein Ideal, den Wenden zu helfen, ihnen zu -dienen, und das werde ich durchführen. Ich werde mich als Arzt -in irgendeinem wendischen Ort niederlassen und von da aus -wirken.«</p> - -<p>Herr von Withold schnitt ein saures Gesicht.</p> - -<p>»Arzt im wendischen Ort? – So 'ne Sache! Wo? In -Hoyerswerda oder in Burg? Kottbus wär' etwas oder Bautzen. -Aber da haben sie deutsche Ärzte, und die Städte sind deutsch, -sind da bloß an der Peripherie der Wendei. Und mitten im Land -wird Ihr Bruder Samo als Arzt sitzen wie die Spinne im Netz -und wird Ihnen Ihre Mücken abfangen.«</p> - -<p>»Darf ich jetzt endlich meinen vernünftigen Vorschlag -machen?« warf Heinrich wieder ein.</p> - -<p>»Donnerwetter, der Junge läßt keine Ruhe. Wenn wenigstens -seine Zigaretten nicht so stinken möchten. Also schieße los!«</p> - -<p>Heinrich, der mit seinem Vater sehr kordial stand, blies ihm -eine Rauchwolke ins Gesicht und sagte:</p> - -<p>»Stück zwei Dreier!« Dann wurde sein hübsches, weiches -Gesicht, das von einer Fülle wirrer »Künstlerlocken« umrahmt -war, sehr ernst, und er sagte:</p> - -<p>»Was ich vorzuschlagen habe, ist mir nicht erst jetzt eingefallen, -sondern meine Lieblingsidee seit langem. Ich will es -kurz heraussagen, einen Sturm gibt's sowieso. Also, mit dem -Landwirt ist's für mich ein für allemal nichts. Ich würde unglücklich -werden und es mein Lebtag zu nichts bringen. Ich habe -die ganzen Jahre nebenher Kunstgeschichte und Musik studiert. -Das Vernünftigste ist, ich widme mich ganz und gar der Musik -und erobere mir eine Stellung in der Welt, die mir zusagt. Juro -wird Arzt, heiratet die Liese, wohnt mit ihr hier in diesem weitläufigen -Gespensterbau, doktert ein bißchen (denn viel zu tun -wird er nicht haben), reformiert seine Wenden, richtet sich in die -Gutsverwaltung ein und übernimmt als Eigentümer das Gut, -wenn sich der Vater zur Ruhe setzt. Dann ist uns allen geholfen.«</p> - -<p>Da schlug der alte Withold auf den Tisch, daß die Gläser -klirrten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> - -<p>»Habt Ihr's gehört? – Er ist verrückt! Jagt mir nichts dir -nichts das väterliche Gut in die Binsen, präsentiert es einem -andern wie eine Zigarette für zwei Dreier. Oho, Bürschchen, -oho! Ich werd' schon dafür sorgen, daß es dir in dem weitläufigen -Gespensterbau nicht zu eng wird. Ja, glaubst du denn, -dafür hat man einen Sohn, einen Stammhalter?«</p> - -<p>»Lieber Vater, den Stamm kann ich dir ja woanders erhalten; -das muß doch nicht gerade hier sein. Und von Wegschenken -ist keine Rede; ich laß mich natürlich auszahlen.«</p> - -<p>»Auszahlen – wie ein Weib! Pfui Teufel! Das macht der -verfluchte Wagner! Die Liese wird ausgezahlt als Tochter – -verstanden? Du gehörst hierher! So ist es Brauch und Recht.«</p> - -<p>»Es ist natürlich gänzlich ausgeschlossen,« sagte Juro, »daß -durch meine Lebensschicksale die Familiengeschichte Withold in -dieser Weise beeinflußt werden soll.«</p> - -<p>»Natürlich, Juro, du bist ja vernünftig. Wir werden uns -schon vertragen. Na, man könnte z. B. das Jagdschlößchen für -euch beide recht hübsch herrichten lassen, und da könntest du von -hier aus deinen ärztlichen Bezirk haben. Das läßt sich ja alles -einrichten. Aber wenn einem sein einziger Sohn so kommt, das -ist stark! Das übersteigt alle Begriffe!«</p> - -<p>Er ging aufs höchste verärgert aus der Stube, und bald -darauf hörte man ihn unten im Hofe herumschimpfen.</p> - -<p>Heinrich schritt gelassen ins Nebenzimmer, wo ein großer -Flügel stand, und vertiefte sich in die Schönheit der Wagnerschen -»Gralserzählung«.</p> - -<p>Juro und Elisabeth waren allein. Das Mädchen küßte dem -Geliebten Mund, Stirn und Augen. Dann lehnte sie an seiner -Schulter und sprach tröstende und zärtliche Worte zu ihm. Er -lächelte glücklich; nur ein paarmal irrte sein Blick zum Fenster -hinaus. Dort in der Richtung, wo der bleiche Mond stand, lag -das Vaterhaus, das er verlassen hatte.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne:<br /></span> -<span class="i0">Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">sang Heinrich im Nebenzimmer mit Begeisterung.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p> - -<p class="ph2">Es war am Nachmittag, zwei Tage vor Weihnachten. Frostwetter -mit leichtem Schneefall. Elisabeth von Withold war -allein auf der öden Landstraße. Der Vater war mit Juro und -Heinrich auf der Jagd. So hatte sie unbemerkt von Hause fortgekonnt.</p> - -<p>Nach einstündigem scharfen Zuschreiten stand Elisabeth vor -dem Heimatsdorfe Juros. Das Herz schlug ihr heftig, eine -brennende Röte stieg in ihre Wangen, aber ihre Füße wanderten -darum nicht weniger schnell.</p> - -<p>Es mußte noch vor dem Heiligen Abend geschehen. Irgend -jemand mußte zu dem alten wendischen Vater gehen und ihm -ein gutes Wort geben, damit sein Herz nicht so vergrämt sei am -Fest der Liebe.</p> - -<p>Und es mußte Juros wegen geschehen. Sein Stolz fand den -Heimweg nicht, aber seine bange Sehnsucht nach dem alten -Manne, der sein Vater war, irrte oft hin zu der Heimat. Er sollte -am Heiligen Abend Frieden haben.</p> - -<p>Nun war das erste Gehöft erreicht. Kinder, Burschen, -Mägde stürzten in Fenster und Tür und starrten das fremde -Fräulein an, das hier ins Dorf kam. Ein paar Leute kannten sie, -und es entstand ein Tuscheln.</p> - -<p>Das Mädchen faßte Angst und Scham. Sie war mit Juro -noch nicht einmal öffentlich verlobt und wagte diesen Schritt. -Aber ihr tapferes Herz trieb sie vorwärts.</p> - -<p>Nur als Juros Vaterhaus auftauchte, ging sie langsam. -Vor dem kleinen Hoftürchen blieb sie ein paar Minuten lang stehen -und zupfte aufgeregt an ihren Kleidern und an ihrem Schleier.</p> - -<p>»Helfe mir Gott!«</p> - -<p>Und sie trat in den Hof. Vor der Haustür stand Hanka und -schaute verwundert auf.</p> - -<p>Die Mädchen kannten sich von dem Begräbnis her. Und sie -kannten sich aus ihrem stummen Herzenskampf. Jetzt, da sie -sich sahen, erschraken sie beide tödlich, und das deutsche wie das -wendische Mädchen preßte die Hand aufs Herz und jede stieß -einen Schrei aus, und kein Gott hätte einen nationalen Unterschied -in ihrem Empfinden und Gebaren herausgefunden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span></p> - -<p>Elisabeth blieb bestürzt stehen, und Hanka rannte wie gehetzt -zur Haustür hinein.</p> - -<p>Eine Minute lang war es Elisabeth, als müsse nun auch sie -fliehen, fliehen aus diesem Hof, wo sie nicht nur eine Fremde, -wo sie eine Gehaßte war. Aber die Kraft ihrer starken Frauenseele -kam wieder, und sie trat entschlossen in das Haus.</p> - -<p>Ein großer Hund kläffte sie wütend an. Sie blieb ratlos -stehen. Kein anderer Gruß wurde ihr als das Gekläff des -Hundes. Da kam jemand schlürfenden Schrittes die Kellertreppe -herauf.</p> - -<p>»Napolium, halte die Schnauze! Je, je, ein Fräulein …«</p> - -<p>Der Hund bekam einen Fußtritt.</p> - -<p>»Das Fräulein von Withold!«</p> - -<p>»Ja. Und Ihr – Ihr seid wohl Kito?«</p> - -<p>»Kito! Kito! Kito!« sagte der Alte in höchster Verlegenheit -und machte eine Menge Verneigungen.</p> - -<p>»Ich möchte ein paar Augenblicke mit dem Herrn sprechen.«</p> - -<p>»Mit dem Scholta! Der ist zu Haus. Herr Samo ist in der -Stadt. Wenn das gnädige Fräulein so gnädig wäre, ins gute -Stübel zu kommen, wir müssen freilich über die Treppe …«</p> - -<p>»Es ist nicht nötig, Kito! Ich warte hier.«</p> - -<p>»Hier im Hausflur? O nein, nein! Auch nicht in der Wohnstube! -Ein gnädiges Fräulein …«</p> - -<p>Hinter der Küchentür hatte Hanka alles mit angehört. Zu -dem Schreck, den sie erlitten, kam jetzt die weibliche Angst, der -alte Pulverkopf Kito möchte wirklich die – die Fremde ins -»gute Stübel« führen. Das war ungeheizt, und der ganze Fußboden -des fast nie benutzten Raumes lag voll Winteräpfel und -Walnüsse. Diese Schande ertrug Hanka nicht. Kurz entschlossen -trat sie in den Hausflur.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pomogaj Bog wam!</em>« grüßte sie wendisch. »Gott helfe -Euch!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bog žekujscho!</em>« dankte Elisabeth. »Gott vergelte es!«</p> - -<p>»Es – es – in der Oberstube ist es kalt«, stammelte Hanka -und öffnete die Wohnstubentür. Elisabeth trat in den großen -Raum, in dem das Kaminfeuer brannte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p> - -<p>»Ich möchte nur einige Augenblicke den Herrn sprechen.«</p> - -<p>»Ja. Er wird kommen.«</p> - -<p>Die Mädchen standen noch ein paar Augenblicke voreinander. -Jede wollte etwas sagen; keine brachte ein Wort heraus. -Endlich sagte Hanka in deutscher Sprache, aber mit schwerem -Akzent:</p> - -<p>»Bitte sich zu setzen. Ich werde den Herrn rufen!«</p> - -<p>Elisabeth war allein und blieb lange allein. Sie fröstelte -am Kaminfeuer. Als sie endlich einen Männertritt hörte, überfiel -sie große Furcht.</p> - -<p>Der alte Hanzo trat ein. Er hatte sich offenbar erst frisch -gewaschen und gekämmt und trug seinen langen blauen -Staatsrock. Auch er war schwer befangen. Als er aber das -zitternde Mädchen sah, das sich an die Stuhllehne klammerte, -sagte er in deutscher Sprache:</p> - -<p>»In Gottes Namen willkommen! Es ist mir eine große -Ehre, daß mich das gnädige Fräulein besucht.«</p> - -<p>Elisabeth ging zwei Schritte auf ihn zu.</p> - -<p>»Verzeihen Sie – verzeihen Sie –«</p> - -<p>Dann brach sie in Tränen aus.</p> - -<p>Hanzo kam an sie heran, faßte sie an der Hand und führte -sie auf einen Stuhl. Da brachte sie mühsam hervor:</p> - -<p>»Ich habe es – es gewagt, weil – weil – es nicht sein -kann, daß Heiliger Abend ist und daß Sie und Ihr Sohn –«</p> - -<p>Weiter kam sie nicht.</p> - -<p>Der alte Hanzo suchte nach Worten. Endlich sagte er:</p> - -<p>»Mein Sohn Juro ist als Gast bei Ihrem Herrn Vater. -<span id="corr179">Er hat</span> es mir geschrieben.«</p> - -<p>Und nach einer kleinen Weile fragte er:</p> - -<p>»Weiß es – weiß es Juro, daß Sie –?«</p> - -<p>»Nein, niemand weiß es. Nur Gott weiß es, daß ich nicht -anders konnte als herkommen. Ich – ich wollte Sie bitten, -daß Sie keinen – keinen Groll auf mich haben. Sonst könnte -ich nicht mehr glücklich sein.«</p> - -<p>Da wurden die Augen des alten Hanzo mild und warm.</p> - -<p>»Sie sind gut!« sagte er schlicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>»Aber hauptsächlich komme ich wegen Juro«, fuhr Elisabeth -etwas gefaßter fort. »Er ist unglücklich, denn er hat Sie sehr -lieb.«</p> - -<p>Hanzo schlug finster den Blick nieder. Eine lange Pause kam.</p> - -<p>»Das ist eine andere Sache«, sagte Hanzo endlich.</p> - -<p>Hier klopfte es leise an die Tür, und dann trat Hanka ein.</p> - -<p>»Ich möchte das gnädige Fräulein fragen, ob ich ein Glas -Wein <span id="corr180">oder</span> ein Glas Milch bringen darf«, sagte sie schnell -heraus.</p> - -<p>Elisabeth wehrte freundlich dankend ab. Aber der Hausherr -meinte:</p> - -<p>»Eines wird uns Wenden immer gelassen, unsere Gastfreundschaft. -Es geht kein Gast von uns, dem wir nicht etwas -Bescheidenes anbieten.«</p> - -<p>Da sagte Elisabeth:</p> - -<p>»Ich werde gern trinken, wenn Fräulein Hanka mit uns -trinken will.«</p> - -<p>Hanka sah auf, als sie sich beim Namen genannt hörte, -und verschwand eiligst.</p> - -<p>Hanzo trommelte leise auf den Tisch, dann sagte er:</p> - -<p>»Gnädiges Fräulein, ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt. -Nur so vom Sehen habe ich Sie gekannt. Ich hätte auch nicht -zugegeben, daß mein Sohn Juro die Augen zu Ihnen erhebt, -aber jetzt sehe ich ein: Gott hat ihn gesegnet!«</p> - -<p>Elisabeth schlug die Augen nieder. Hanzo fuhr fort:</p> - -<p>»Juro wird Ihnen alles gesagt haben. Er muß das auch, -da er Ihr Bräutigam ist. Und Sie werden ihm recht geben, -nicht wahr?«</p> - -<p>Elisabeth blickte angstvoll auf.</p> - -<p>»Ich – ich kann es ja nicht leugnen: – ja, ich gebe ihm -recht.«</p> - -<p>»Das ist ganz richtig!« entgegnete Hanzo milde. »Sie als -deutsches Fräulein können gar nicht anders. Sie halten zu -Ihrem Volk; das wird Ihnen niemand verdenken. Aber anders -ist es mit Juro. Der ist ein Wende, oder vielmehr, er war ein -Wende; denn er ist abtrünnig!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p> - -<p>Da sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit:</p> - -<p>»Er hat seine Überzeugung und handelt nach seiner Überzeugung; -wenn er das nicht täte, wäre er kein Mann.«</p> - -<p>Nun schlug Hanzo die Augen nieder. Elisabeth fuhr fort:</p> - -<p>»Ich bitte Sie, daß Sie sich mit ihm versöhnen, daß Sie -zugeben, er muß nach seiner Überzeugung handeln.«</p> - -<p>»Nein, das kann ich nicht«, sagte Hanzo fest und bestimmt.</p> - -<p>»Geben Sie nicht zu, daß er bloß der inneren Macht folgt, -die ihn leitet? Glauben Sie, er sei schlecht?«</p> - -<p>Hanzo sah vor sich hin.</p> - -<p>»Das ist eine schwere Frage«, sagte er beklommen.</p> - -<p>Elisabeth stand auf. Ihre Stimme floß jetzt ruhiger, aber -es war ein bitterer Ton darin, als sie sagte:</p> - -<p>»Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch ein unerfahrenes -Mädchen, aber ich habe immer gehört, man dürfe zwar eine -fremde Meinung bekämpfen, <span id="corr181">aber</span> man dürfe den, der sie hat, -nicht für schlecht halten, nur weil er anders denkt als man -selbst denkt.«</p> - -<p>»Wollen Sie sich nicht wieder setzen, gnädiges Fräulein?«</p> - -<p>»Ich kann nicht. Wenn Sie glauben, daß ich der Schlechtigkeit -das Wort rede, kann ich ja nicht hier bleiben.«</p> - -<p>»Gnädiges Fräulein, ich denke von Ihnen das Allerbeste. -Und ich will auch nicht sagen, daß Juro schlecht ist. Aber er ist -so betört, er hat sich selbst so von uns getrennt, daß er für uns -alle verloren ist, auch für mich.«</p> - -<p>»So bin ich umsonst gekommen«, sagte Elisabeth in tiefer -Niedergeschlagenheit und setzte sich langsam wieder auf ihren -Stuhl.</p> - -<p>»Vielleicht hat es Gott so gefügt, gnädiges Fräulein,« -entgegnete Hanzo bewegt, »daß Sie doch gekommen sind, daß -Sie diese gute Tat vollbracht haben, damit mir altem Mann -ein Trost wird, denn ich habe den Trost sehr nötig.«</p> - -<p>Das Mädchen saß regungslos da.</p> - -<p>»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung -mit Ihnen glücklich bin und daß ich euch Gottes -Segen wünsche.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p> - -<p>»Vater Hanzo!«</p> - -<p>Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor -dem wendischen Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen -Hals.</p> - -<p>»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das -Mädchen ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein -schönes, stilles Weilchen blieben die beiden so, dann sagte -Elisabeth:</p> - -<p>»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf -ihn haben?«</p> - -<p>Hanzo antwortete ausweichend:</p> - -<p>»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, -was er tut, ausgenommen das, was er gegen die Wenden -tun will.«</p> - -<p>»Er will nach seiner Überzeugung gar nichts <em class="gesperrt">gegen</em> die -Wenden, alles <em class="gesperrt">für</em> die Wenden tun.«</p> - -<p>»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte -machen.«</p> - -<p>Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein -und drei Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, -aber sie setzte sich ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die -Gläser und trank Elisabeth zu:</p> - -<p>»Herzlich willkommen!« sagte er warm.</p> - -<p>Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise -in ihrer sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war -kaum vernehmbar. Auch Elisabeth war wieder verwirrt. Sie -suchte nach irgendwelchen Worten.</p> - -<p>»Nicht wahr – Sie – Sie haben sich dieser Tage verlobt? -Darf ich Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!«</p> - -<p>Hanka sah zum Fenster hinaus.</p> - -<p>»Ich danke!« sagte sie.</p> - -<p>»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die -peinliche Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere -Spinnstube!«</p> - -<p>Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth -gab freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -nach. Sie sagte auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; -sie seien schon einigemal Wahlmänner zusammen gewesen, -auch einmal Geschworene.</p> - -<p>»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, -daß sich der gnädige Herr darauf erinnert.«</p> - -<p>So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf.</p> - -<p>»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.«</p> - -<p>Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein -Wagen vor. Es war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden -Kutschpferden, das Staunen aller wendischen Kleinbauern. -Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem Bock.</p> - -<p>»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren -lasse, bis Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der -Weg ist lang und einsam.«</p> - -<p>»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn -ich mich auch nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit -in der Wendei.«</p> - -<p>Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, -die er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren -nicht armen Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte -seines Charakters entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, -nachdem er ihr nochmals für ihren Besuch gedankt und ihr -gesagt hatte, er werde ihr ihn nie vergessen.</p> - -<p>An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal -zusammen.</p> - -<p>»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen -Dank.«</p> - -<p>»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für -den Besuch«, sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat.</p> - -<p>Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. -Bald darauf fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. -Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth über alltägliche -Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden beide -wieder sehr ernst.</p> - -<p>»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. -»Und wenn es auch nur auf eine Viertelstunde wäre.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p>»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt -nicht fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und -Ihrem Herrn Vater einen Besuch machen.«</p> - -<p>»Darf ich – darf ich – gar keine Hoffnung mitnehmen?«</p> - -<p>Hanzo antwortete nicht gleich.</p> - -<p>»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' -alles gut.«</p> - -<p>»Das tut er nicht.«</p> - -<p>»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.«</p> - -<p>Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen -Schlosse führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth -aus, und der Wagen kehrte um.</p> - -<p>Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, -das ihm in tiefer Traurigkeit nachschaute.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, -wer dagewesen sei und daß der Vater im guten Wagen -den Gast nach Hause geleitet. Samo war mit rotem Kopf nach -Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus für das -Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei -viel getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine -Frage wegen des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige -Auskunft. Da blitzte es zornig auf in den Augen Samos. -Grimmig fuhr er das Mädchen an:</p> - -<p>»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den -Alten herbei, du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre -– was hat sie dir denn für Trinkgeld gegeben?«</p> - -<p>»Samo!«</p> - -<p>Das Mädchen richtete sich beleidigt auf.</p> - -<p>»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, -was die Gastfreundschaft gebietet.«</p> - -<p>»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo. -»Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, -Kannibalen und sonst noch einigermaßen achtbare Völker, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -nicht gegen Deutsche! Wendische Gastfreundschaft gegen -Deutsche ist die Gastfreundschaft der Schafe für den Wolf!«</p> - -<p>Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort.</p> - -<p>Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. -Der alte Hanzo wurde blaß.</p> - -<p>»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem -Hause, und wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch -alles anders überlegen.«</p> - -<p>Samo zuckte die Schultern.</p> - -<p>»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. -Schon versuchen sie mit List und Schmeichelei das -zu erreichen, was sie mit Gewalt nicht bekommen können. -Die Wenden sind dann verloren.«</p> - -<p>»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit -nachgegeben. Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, -und deine Anschuldigung fällt auf dich zurück. Mir scheint, -Gott hat mir zwei wackere Schwiegertöchter zugedacht; was -ich aber von meinen beiden Söhnen denken soll, weiß ich nicht -mehr.«</p> - -<p>Auch der Vater ließ ihn stehen.</p> - -<p>Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. -Er traf die alte Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam.</p> - -<p>»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?«</p> - -<p>»Die meisten freuen sich.«</p> - -<p>»Die meisten? Nicht alle?«</p> - -<p>»Hm – es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die -beim Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. -Denen gefällt der Herr Juro gar nicht schlecht.«</p> - -<p>»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?«</p> - -<p>Die Alte zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir -angetan?«</p> - -<p>»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, -habt Ihr einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz –«</p> - -<p>»Ach ja – ich verstehe – für dich kommt's auch noch –«</p> - -<p>Die Alte sah ihn von der Seite her listig an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p> - -<p>»Was ihm – dem Juro – die Leute am meisten übelnehmen, -ist, daß er sich am Kronenhügel vergreifen will.«</p> - -<p>Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude -flog über sein Gesicht.</p> - -<p>»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er -möglichst ruhig.</p> - -<p>»Es spricht sich so langsam herum.«</p> - -<p>»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller -herumspräche«, sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler.</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon -machen.«</p> - -<p>»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!«</p> - -<p>Er nickte ihr zu und ging allein weiter.</p> - -<p>»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es -mir so dumm verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß -ich die Geschichte mit Hanka und dem Alten wieder ins Geleise -bringe.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen, wenn -alles so tot und still ist draußen und dieselben Menschen -immer zusammenhocken in derselben niederen Stube? Zuletzt -lachen sie wohl nicht mehr, reden wohl nicht mehr, wissen sich -nichts mehr zu sagen!</p> - -<p>Sind sie nicht wie Gefangene? Weg und Steg verschneit, -das liebe Brot schmal, der Beutel leer, das Herz leer.</p> - -<p>Dann sind wohl manche wie stumpfe Tiere, die mit der -Kette an magerer Krippe hängen, dumpf hinstarren vor sich in -die grausige Langeweile. Und die anderen, die die Sehnsucht -kennen, wandern aus. Im fahlen Schneelicht reist ihre Seele -nach großen Städten, wo die prangenden Theater sind, wo die -schönsten Frauen der Erde in lichtstrahlenden Sälen tanzen, -oder nach den Ländern des Südens, wo jetzt die blauen -Schwalben fliegen über roten Blüten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p> - -<p>Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen? Im -Unterland, wo die Sprewja breit und vielfach verzweigt ist, ist -jetzt lustige Zeit. Da laufen selbst die alten Weiber auf Schlittschuhen, -und jeder Bursch fährt seine Liebste auf dem Schlitten. -Die Unterländer sind lustig, aber leichtsinnig; die ernsteren -Oberländer haben das immer behauptet und immer etwas auf -die Spreewaldleute herabgesehen.</p> - -<p>Doch auch sie wollen ihr Vergnügen, und auch in ihren -stillen Stuben stirbt das Lachen nicht in der langen einsamen -Zeit. – –</p> - -<p>Der alte Kito steht im Hof und unterhält sich mit einem -Sperling.</p> - -<p>»Was, <em class="antiqua">wrobel</em><a id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a>, was sagst du? ›Lieber Kito, 'ne Ähre‹? -Das sagst du? Und was sangst du im Sommer? ›Dem Kito -'n Strick, dem Kito 'n Strick!‹ Und was sangst du noch im -Herbst: ›Korn ist Dreck, Korn ist Dreck!‹ Wart, <em class="antiqua">wrobel</em>, ich -schmeiß dich tot!« Und er warf nach ihm mit fünf Haferkörnchen.</p> - -<p>Es ist doch gut, daß die Lieder sind und die alten Sagen und -die alten Bräuche. So schläft die Seele nicht ein. Und auch der -Magen fühlt sich wohl dabei. Am Sebastianstag muß auch -der Ärmste sein Pfund Fleisch essen, sonst wird das Vieh krank, -muß geschlachtet werden, und es gibt bald Fleisch in Fülle.</p> - -<p>Dann kommt die lustige Faschingszeit. Welcher Spaß ist -größer, wo in der Welt wird herzlicher gelacht, als wenn in -den Spinnstuben am <em class="antiqua">cazowečor</em><a id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> sich die Burschen und Mädel -gegenseitig die Gesichter mit Ruß schwärzen? Am Faschingsdienstag -gar schallt der stille Föhrenwald wider von jubelndem -Lachen, wenn die Burschen »zampern« gehen, alle als Weiber -verkleidet, jeder mit einem großen Korb, in dem er Speck und -Eier einsammelt. Wer ein einziges Mal den alten Kito in der -Tracht eines jungen Mädchens gesehen hat mit dem gestickten -Busentüchlein und der großen Bänderhaube und dem bunt<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -gestreiften Rock, der vergißt es sein Lebtag nicht. Dieses Jahr -ist er aber nicht als junges Mädel, sondern als alte Wičaz -gegangen, hat mit verklebten Federspulen, in die er gelbe -Sandstückchen getan hatte, die wie Wanzen aussahen, überall -Schrecken und Angst erregt, zumal er die Spulen den Weibern -in den Nacken steckte. Auch hat er Karten gelegt und unerhörte -Dinge geweissagt, so, daß auf den Sonntag der Montag -treffen wird und daß ein Dreierlicht auch dann noch einen -Dreier kosten wird, wenn das Wachs aufschlagen sollte. Die -wirkliche Wičaz ist ihm nachgegangen, und die beiden Wičaze, -die echte und die unechte, sind sich in die Haare geraten, und so -ein schöner Spaß ist noch nie und nirgends dagewesen. Oh, -es lebt sich lustig und herrlich zur Winterzeit im Föhrenwald! -Und »am Ostermorgen tanzt die Sonne«.</p> - -<p>Hanka hat mit ihren Spinnmädchen am Karfreitag draußen -gestanden auf dem freien Feld, sie sind feierlich im Kreise -zusammengetreten und haben gesungen: »<em class="antiqua">Nět daj moj Jezus -dobru noc</em>«, »Nun gib, mein Jesus, gute Nacht«, und als am -Karsamstag Mitternacht vorbei war, haben die Burschen in -allen Dörfern geschossen; Hanka aber ist, noch ehe die Sonne -aufging, schweigend mit einem Krüglein zur stillen Spree gegangen -und hat Osterwasser geholt; das wird sie nun gesund -erhalten das ganze Jahr. Viele Mädchen und Frauen sind ihr -begegnet, keine hat ein Wort gesprochen.</p> - -<p>Ja, am Ostermorgen tanzte die Sonne! Winter war aus, -neues Leben kam in die Heide.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und auch der Sommer verging.</p> - -<p>Hanka war zu ihren Eltern zurückgekehrt, als ihr Bräutigam -Samo als »<em class="antiqua">Pán doctor</em>« nach Hause gekommen war.</p> - -<p>Mit gewaltigem Respekt betrachteten die Dorfleute den -jungen Arzt. Ja, es kam so weit, daß die Bäuerin Pösch, die die -Rose bekam, allen Ernstes daran dachte, sich den neuen Doktor -rufen zu lassen, wenn sie es zuletzt doch nicht vorgezogen hätte, -sich lieber von der Wičaz »besprechen« zu lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p> - -<p>Samo war nicht lange zu Hause geblieben, sondern wieder -nach Prag gefahren. Von dort war er erst nach Monatsfrist -zurückgekehrt.</p> - -<p>So ging der Sommer vorbei. Wieder spielte der junge -Herbst mit den gelben Blättern, die auf der Spree schwammen, -wie mit kleinen Schifflein. Ein Jahr und einen Tag war es nun -her, seit Mariana, die Frau des Scholta, gestorben war.</p> - -<p>Da war die Trauerzeit zu Ende.</p> - -<p>Und zwei Tage später war die Hochzeit Samos mit Hanka. -Sie fand in Hankas Heimatsort statt. Kito als Brautführer -war schon einige Wochen vorher daselbst eingetroffen, um alles -vorzubereiten. Denn der Bräutigam hatte ausdrücklich gewünscht, -daß bei seiner Hochzeit alles genau nach der Väter -Sitte hergehe. Und alle Leute lobten den Bräutigam, der, obwohl -er ein <em class="antiqua">Pán doctor</em> war, sich nicht stolz von ihnen und ihrer -Art absonderte.</p> - -<p>So erschien Samo in wendischer Bauerntracht, den kleinen -Rautenkranz auf dem Kopf, am Hochzeitsmorgen vor der Tür -der Braut. Alle Männer, die ihn begleiteten, trugen lange, -buntbebänderte Stöcke. Eine Musikbande war auch dabei. Ein -Fiedler strich die <em class="antiqua">husla</em>, die dreisaitige wendische Geige; ein -anderer Musikant entlockte seiner <em class="antiqua">tarakawa</em> schreiende Oboetöne, -die Hauptsache aber war der Dudelsackpfeifer, dessen <em class="antiqua">kozol</em> mit -einem mächtigen gehörnten Ziegenbockkopf gekrönt war.</p> - -<p>Kito, der <em class="antiqua">družba</em>, klopfte an die verschlossene Tür des -Hochzeitshauses, begehrte Einlaß und verlangte die Braut -heraus. Ein altes Weib mit einem mächtigen Höcker wurde durch -die Tür geschoben.</p> - -<p>»Was, das soll die Braut sein?« schrie der <em class="antiqua">družba</em>. »Ich -schlag' ihr den Buckel entzwei.«</p> - -<p>Und er schlug mit seinem Stock auf den Buckel, der auch -wirklich zersprang, weil er aus einem untergebundenen Topf -hergestellt war.</p> - -<p>Nun wurde ein junges Mädchen durch die Tür geschoben. -Aber auch jetzt schrie Kito:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p> - -<p>»Das ist nicht die Braut! Das ist nur die <em class="antiqua">družka</em><a id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>. Der -<em class="antiqua">zagolka</em><a id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a> soll sie bekommen.«</p> - -<p>Endlich kam Hanka im Brautstaat. Sie war blasser als -sonst, aber sie lächelte. Mit großem Lärm wurde sie empfangen. -Nun ging es ins Haus hinein zum Frühstück. Der Bräutigam -mußte sich von der Braut fernhalten; nur der <em class="antiqua">družba</em> hatte das -Recht, ihr Kavalier zu sein. Kito strahlte vor Stolz und Freude. -Und er sorgte für alles. Er fragte die Mutter, ob sie der Tochter -auch einen Taler in den Strumpf gesteckt, ob sie ihr auch Salz in -den Schuh geschüttet habe, damit der Reichtum nicht ausbleibe, -und ob sie auch nicht vergessen habe, ihr ein Äpflein mitzugeben, -damit der Kindersegen nicht fehle. Er wolle gewiß drei Bissen -Brotes unterwegs essen, damit die Ehe eine glückliche werde.</p> - -<p>Alles war erfüllt. Alle Vorzeichen waren gut. Zunehmender -Mond war, und es war Dienstag, der beste Tag für eine -Hochzeit.</p> - -<p>Zur Trauung ging es zu Wagen, und wieder war Kito -der Begleiter der Braut. Kinder und große Leute standen am -Wege, Zuckerwerk und kleine Münzen wurden ausgestreut, -und es war Jubel aller Enden.</p> - -<p>Unterwegs geschah aber etwas, worüber sie alle erschraken. -Eine Kuhherde kreuzte den Weg. Der Brautwagen mußte anhalten. -Das war kein gutes Zeichen. Kito aß nun neunmal drei -Bissen trockenes Brot, um den Zauber abzulenken, und sagte -nach dem siebenundzwanzigsten Bissen: »Jetzt bin ich zwar satt, -und das ist schade an einem solchen Tage, zumal, wenn man -sein Lebtag nicht immer an der Bratenpfanne gesessen hat; -aber nun wird doch alles gut gehen in der Ehe.«</p> - -<p>Hanka nickte freundlich. Sie war sehr still in allen diesen -Tagen und ließ alles schweigend über sich ergehen.</p> - -<p>Bei der Rückkehr aus der Kirche hielt der Wagen vor dem -Tor. Die Mutter kam aus dem Hof. Sie hielt einen neuen -Topf mit Milch in der Hand. Daraus tranken Bräutigam und<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -Braut, und der <em class="antiqua">družba</em> zerschellte darauf den Topf an einem -Stein. Nun ging die ganze Hochzeitsgesellschaft in den Hof; -der <em class="antiqua">družba</em> hielt eine Rede, in der er wieder Abbitte leistete für -alles etwa geschehene Unrecht, dann setzte die Musik ein, und -es wurde im Hofe getanzt.</p> - -<p>Und dann wurde geschmaust und gegessen den ganzen Tag -lang und in der Schenke die ganze Nacht getanzt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es waren aber zu dieser Hochzeit Gäste von nah und fern -gekommen, Gäste, die nicht zur Verwandtschaft und nächsten -Freundschaft gehörten, sondern Ehren halber als Vertreter -großer Gemeinden oder Bezirke vom Kral eingeladen worden -waren.</p> - -<p>Einer von diesen Leuten traf bald nach dem Essen mit -Hanzo im Großgarten zusammen und sagte:</p> - -<p>»Höre Kral, ich muß dir etwas sagen. Da wir nun zu -diesem frohen und schönen Feste so viele Dorfväter beisammen -sind, so wollen wir etwas besprechen und abmachen, was allen -von uns sehr am Herzen liegt. Dein Sohn Juro ist nicht hier, -obwohl sein einziger Bruder Hochzeit hält.«</p> - -<p>Hanzo errötete leicht.</p> - -<p>»Juro ist auf einer Reise,« sagte er; »er ist jetzt in Italien.«</p> - -<p>»Ja, und er ist vier Wochen vor der Hochzeit dorthin gereist. -Aber das geht uns nichts an. Etwas anderes müssen wir mit -dir abmachen. Sieh, Hanzo, du bist noch nicht alt, und Gott -soll dir noch viele Jahre schenken. Aber deine Frau war auch -nicht alt und starb doch. ›Ihr wisset weder den Ort noch die -Stunde‹, sagt die Bibel. Wenn du nun einmal den Tod finden -wirst, müssen unsere Leute wissen, wer ihr Kral ist. Und ihr -Kral kann dann nur Pán Samo sein.«</p> - -<p>Hanzo schwieg.</p> - -<p>»Er hat heute«, fuhr der andere fort, »die Hanka geheiratet, -das einzige Mädchen, das noch aus der Familie des alten Kral -ist. Er hält zu uns, er beachtet unser Volk; er soll unser Kral -sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p> - -<p>Hanzo entgegnete darauf:</p> - -<p>»Der Erbsohn ist Juro, und er hat sein Recht nicht abgetreten -und will es auch nicht abtreten.«</p> - -<p>»So müssen wir ihn absetzen, und zwar werden wir ihn -heute absetzen.«</p> - -<p>»Nicht heute«, wehrte Hanzo ab.</p> - -<p>»Warum nicht heute? Heute ist der richtige Tag. Wann -werden wir wieder so viele beisammen sein, die da mitzureden -haben?«</p> - -<p>»Wir können uns am Martinimarkt in der Stadt treffen.«</p> - -<p>»Wozu willst du den Aufschub?«</p> - -<p>»Ich möchte es nicht hinterrücks tun. Ich will meinem -Sohn Juro schreiben, was ihr vorhabt; dann kann er sich -verteidigen.«</p> - -<p>Der andere sagte mit finsterer Miene:</p> - -<p>»Er kann sich nicht verteidigen. Er hat offen und vielmal -gesagt, daß er kein Wende, daß er ein Deutscher ist; er hat -sogar gesagt, er werde den Kronenhügel aufgraben, um den -Wenden zu zeigen, daß ihr Glaube Dummheit ist, daß in dem -Hügel keine Krone ist, sondern nur Erde und Steine. Und das -kann ihm nicht verziehen werden.«</p> - -<p>»Er hat es doch nicht getan! Er scheut sich doch und weiß, -es wäre ein Verbrechen.«</p> - -<p>»Aber er wird es tun«, sagte der andere. »Er hat es bestimmt -gesagt.«</p> - -<p>»Wissen viele Leute davon?« fragte Hanzo trostlos.</p> - -<p>»Alle!« entgegnete der andere.</p> - -<p>»Woher wissen sie es? Er schreit es doch nicht auf die -Straße.«</p> - -<p>»Das kann ich nicht sagen. Es ist in aller Mund. Und alle -wissen, was Juro gegen die Wenden gesagt und getan hat – -alle! Es ist alles gegen ihn. Und es wird täglich schlimmer.«</p> - -<p>Sie schwiegen beide. Dann fuhr der andere fort:</p> - -<p>»Bezwinge dich, alter Hanzo! Es mag schwer sein, aber es -muß sein! Treten wir zusammen, die wir hier sind, und machen -wir es aus. Einmal muß es doch sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p> - -<p>»Heute nicht! – <em class="antiqua">Njok!</em>«</p> - -<p>Mit diesem »<em class="antiqua">Njok!</em>«, diesem messerscharfen, endgültigen: -»Ich will nicht!« schnitt der Kral die Unterhaltung ab. Kein -Widerspruch erfolgte mehr.</p> - -<p>War auch die Zeit längst vorbei, wo der Kral eine heimliche -Kopfsteuer erhielt, so war doch sein Einfluß so stark, sein Wille -so mächtig, daß alle anwesenden »Volksvertreter« sich dem -»<em class="antiqua">Njok!</em>« Hanzos fügten und die »Absetzung« Juros, sein Ausschluß -von der Kralswürde, auf eine große <em class="antiqua">Gromada</em> am Martinimarkt -vertagt wurde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz -zu. Mit seiner jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit -den Brautjungfern durfte er sich nur dann im Kreise drehen, -wenn es der allmächtige <em class="antiqua">Družba</em> erlaubte. Der Bräutigam ist -im Wendenland an seinem Hochzeitstag rechtlos.</p> - -<p>Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, -hinaus in die Nacht. Es war ihm eigen zumute. -Wenn er Hanka ansah, die nun seine Frau war, dann sagte er -sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe wußte er nichts, hatte -er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für Schwärmer -und unreife Menschen, nichts für ihn.</p> - -<p>In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. -König sein, wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur -ein König über ein kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben -eines Volkes an erster Stelle stehen! Der Mann sein, auf den -auch die Slawen anderer Länder mit ehrfürchtiger Scheu sahen, -dem alte Leute die Hand küßten und für den der gelehrte Krok -die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm!</p> - -<p>Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! -Und dann den heimlichen, zähen Kampf führen mit dem -Soldatenkönig in Berlin! Sich äußerlich bescheiden und doch -wissen: ich stehe auf Vorposten gegen dich und bahne den -slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner Stadt! -Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -Bildung schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich -von einem <em class="antiqua">Družba</em> tyrannisieren, trank man mit den Burschen -ein Glas Branntwein ums andere. – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande -Hochzeit hielten, saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von -Withold auf dem Posilip bei Neapel. Und er träumte hinüber -zu den silbernen Städten Castellamare und Sorrent und nach -Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt lag vor ihm. -Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm, es -geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur -Wahrheit geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen -und Träume, denen seine junge Seele nachging, als er noch -einsam im Wendenwald war.</p> - -<p>Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und -war auch das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn -es hatte immer Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen -selbst Königspaläste nur mit matten Bildern ihre Wände -schmücken konnten.</p> - -<p>Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim -Rauschen des blauen Südmeeres und beim Duft der roten -Mandelblüten das Heimweh überkam nach den Sandwegen -der Wendei, nach den Föhren an der stillen Spree. Und das -geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise getan, -sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte.</p> - -<p>Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine -Sehnsucht nach Hause. –</p> - -<p>Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei -Briefe gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, -nein, die Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich -hatte ihm der Vater sogar gegen seinen Willen sein mütterliches -Erbteil auszahlen lassen.</p> - -<p>Das war der Bruch; damit sollte Juro völlig ausgeschlossen -werden von dem heimischen Hof.</p> - -<p>Eine tiefe Bitternis war über Juro gekommen. Seine frohe,<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -selbstbewußte Art drohte in finsteren Trotz umzuschlagen. Er -war oft schweigsam und müde wie ein Kranker. Da kam -Samos Hochzeit immer näher heran. Samo lud den Bruder -erst auf ausdrücklichen Befehl des Vaters zu dem Fest; er tat -es in der denkbar kältesten Form. Juro schlug die Einladung -aus, und um allen Peinlichkeiten zu entgehen, um sich andererseits -zu zerstreuen und wieder einmal Sonne in die Seele zu -bekommen, begab er sich mit seinem Freunde auf die Reise.</p> - -<p>Oh, wohl war es schön in Florenz und Rom, wohl war es -ein Genuß, mit Heinrich, der seit Jahren Kunstgeschichte -studiert hatte, durch die Museen zu wandern, wohl war es -herrlich hier am alten Posilip! Aber die Bitterkeit wich nicht -ganz aus Juros Herzen, und als einmal Musikanten ein -italienisches Volkslied sangen, sagte er:</p> - -<p>»Wir haben ein ähnliches Lied; ich finde es sogar schöner.«</p> - -<p>Und er sang dem Freunde leise das Lied vor – in wendischer -Sprache. – – –</p> - -<p>Nach zwei Monaten kehrten sie heim. Da fand Juro in -seiner Breslauer Wohnung einen Brief des Vaters vor. Der -Vater machte ihm die Mitteilung, daß die Vertreter der -wendischen Gemeinden beschlossen hätten, ihm die künftige -Kralswürde abzusprechen auf Grund seines feindlichen Verhaltens -gegen das Wendentum und vor allen Dingen auf -Grund seines geäußerten Vorsatzes, den Kronenhügel aufzugraben -und das Nichtvorhandensein der alten Krone der -Wenden nachzuweisen. Am Martinitage mittags solle in dem -und dem Lokal die Ausschließung Juros von der Kralswürde -erfolgen. Es sei Juro anheimgestellt, bei dieser großen <em class="antiqua">Gromada</em> -zu erscheinen und daselbst seine Sache zu führen, wolle er aber -klug handeln und seinem Vater einen Schmerz ersparen, so -solle er vorher durch freiwilligen schriftlichen Verzicht das -traurige Schauspiel unnötig machen.</p> - -<p>»So wirf ihnen doch die ganze Geschichte hin«, sagte -Heinrich, der mitanwesend war und den Brief ebenfalls las. -»Das ist doch alles Humbug! Darum wirst du dir doch nicht -das Leben verbittern!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p> - -<p>»Nein!« rief Juro, »nein! Ich gebe nicht nach!«</p> - -<p>»Aber, Mensch, du siehst doch, daß du sowieso keinen Einfluß -auf die Wenden hast. Wozu also dieses trotzige Festhalten -an dieser phantastischen Würde? Bei denen wirst du nichts ausrichten, -auch wenn du der eingebildete zukünftige Kral bleibst.«</p> - -<p>»Ich werde etwas ausrichten, denn ich bin nicht ohne -Anhang. Die Jungen, die einmal ins Land hinausgerochen -haben, die sind denn doch anders als die alten Nesthocker. An -die Jungen muß ich mich wenden. Ich werde jetzt wirklich den -Kronenhügel aufgraben!«</p> - -<p>»Das laß nur hübsch bleiben! Das könnte dir schlecht -bekommen!«</p> - -<p>»Mir kann nichts mehr schlechter bekommen als dieser -Brief meines Vaters. Vor allem aber weiche ich meinem -Bruder Samo nicht, dessen Hand ich hinter all diesen Machenschaften -deutlich sehe. Die Wenden allein wären viel zu schläfrig, -viel zu indolent, um so vorzugehen. Es ist einer, der hetzt und -das alles leitet, und das ist Samo.«</p> - -<p>»Das ist allerdings auch meine Ansicht. Tue also, was du -nicht lassen kannst!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem -wendischen Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf -Männer, darunter Hanzo und Samo. Jeder hat ein Glas -Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt hat. Es herrscht bedrücktes -Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt zwölf. -Da tritt Juro ein.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pomogaj Bóg wam!</em>« grüßt er. Er hat sich nach langem -Überlegen zu dem wendischen Gruß entschlossen.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bóg žekuscho!</em>« kommt es bedrückt zurück.</p> - -<p>Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, -die dieser langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen -Männer zögernd die Hand. Seinen Bruder Samo übersieht -Juro völlig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<p>»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte -Hanzo mit etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum -Leiter dieser Versammlung gewählt. Es ist Klage gegen Juro, -meinen ältesten Sohn. Die Klage will ich nicht selbst vorbringen, -sondern das wird der Bur Klin tun.«</p> - -<p>Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. -Heute aber stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der -für ihn der gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins -Gesicht sagen mußte. Aber er stammelte doch die Anklage -heraus: Juro sei gegen das Wendentum, er habe in diesen und -diesen Fällen Wenden schwer beleidigt, er habe die wendischen -Gebräuche nicht nur selbst gemieden, sondern auch gesagt, er -wolle sie ausrotten, er habe die wendische Sprache geschmäht, er -habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden zu Deutschen -machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel vergreifen -und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische -Krone gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher -Mann nicht der zukünftige Kral sein könne.</p> - -<p>»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte -Hanzo.</p> - -<p>»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland -festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener -Sohn des Kral hat, dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu -vernichten und die Wenden den Deutschen auszuliefern.«</p> - -<p>Nun bekam Juro das Wort.</p> - -<p>»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger -Bürger oder Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde -bereits Sitz und Stimme?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser -Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.«</p> - -<p>Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. -Der Erfolg war, daß Samo bleiben durfte.</p> - -<p>»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich -werde annehmen, daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz -reiner Luft sei!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p> - -<p>Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies -Juro die getane Beleidigung aufs strengste und forderte ihn -auf, sich zu der Klage, die der Bauer Klin im Namen aller -hier vorgebracht habe, zu äußern.</p> - -<p>Da überkam Juro seine Spottlust.</p> - -<p>»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede -gegen mich geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag -gewählt werden.«</p> - -<p>Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig.</p> - -<p>»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist -uns heiliger Ernst!«</p> - -<p>»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch -einmal auf den Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden -keinen Vertreter dort, warum seid ihr politisch so rechtlos? -Warum habt ihr nicht einmal versucht, eure Stimme zu erheben? -Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit verträumt -und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt -wie alle anderen Kinder des Staates.«</p> - -<p>Unwilliges Murren.</p> - -<p>»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. -Und wie ihr keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt -ihr auch keinen wendischen Arzt …«</p> - -<p>»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen -Advokaten, keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein -Theater oder sonstiges Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? -Oh, nicht ihr, die ihr hier seid! Ich weiß, jeder von euch ist ein -Bur und hat soundsoviel Hufen Landes. Aber die Mehrzahl, -warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele in windschiefen -Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig -Freude? Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge -euch allen zehnmal besser!«</p> - -<p>»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.</p> - -<p>»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden -mit euch gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze -eingesetzt hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -sitzen bleiben auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache -schon in Bautzen oder in Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da -in den Hauptstädten der Länder, zu denen ihr gehört, in Berlin -und Dresden, die meisten Leute nicht einmal recht wissen, was -ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein wendisches Wort -gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch daran -denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß -das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten -zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die -hinüberschielen zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer -Leben lang nicht um die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, -die von dort gemacht worden sind. Die Tschechen waren -euch hundsegal; es gibt sogar viele, die dem wendischen Schmied -Stosch recht geben, der den Buchdrucker Schmaler für einen -Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die tschechische -Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an brave, -zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr -waren es eure Väter und Urväter. Ist das so?«</p> - -<p>»Ja, das ist so!«</p> - -<p>»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen -seid, warum wollt ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung -und Sitte, hauptsächlich aber in der Sprache, damit auch ihr -mit euren Kindern besser fortkommt in der Welt? Und wenn -euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät, sagt an, ist -er nicht in Wahrheit euer Freund?«</p> - -<p>Ein alter Bauer stand auf.</p> - -<p>»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater -waren gute Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. -Und dabei soll es bleiben.«</p> - -<p>Juro wurde wieder erregt.</p> - -<p>»Das ist die alte – die alte – ich will es nicht aussprechen. -Niemand kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus -der Bibel! Man soll nur eines sein und das eine ganz! Alles -andere ist Zwiespältigkeit oder schlimmer: Hinterhältigkeit. -Ja, ich glaube, daß der Staat nichts verliert, wenn er euch euer -Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat, hat eine fleißige,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend, wo sonst -nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum auch -nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf -eure, ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn -euch das Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer -Sprache schickt. Der Staat fährt gut dabei; aber ihr -fahrt schlecht, weil ihr nicht die gleichen Aussichten, nicht die -gleichen Möglichkeiten habt wie die anderen. Nehmt mich zum -Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich auf die Schule -kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als den -deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, -was diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. -Denkt <span id="corr200">an</span> jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar -jeden Rekruten. Die Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, -ist uns ein Hemmnis!«</p> - -<p>»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in -einem fremden Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, -so verstände eure Sprache jedermann. Deutschland ist nicht -unser Land; wir sind Slawen und gehören zu den -Slawen!«</p> - -<p>»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der -euch vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin -auch weder Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure -Dummheit der Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt -zu meiner Freude eine Karte von Europa an der Wand. Nun -seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen ist also Böhmen. -Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen Hälfte -Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich -zu dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger -Tschechen hat als Böhmen, und ein bißchen slowakisches -Hinterland – was käm' heraus? Ein Weltstaat, nicht wahr?! -Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage euch, es wäre ein Kleinstaat -mehr, noch dazu sprachlich und national zersetzt, ein -Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden, Westen -und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die -Polen hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -Ungarn, mit denen sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus -dem Ganzen nichts anderes werden als ein russischer Vasallenstaat, -eine russische Provinz, und da wir wieder nur ein -Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so wären wir die -Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in -Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen -lieber deutsche Einwohner des großen deutschen Landes -sein!«</p> - -<p>Nun stand Samo auf.</p> - -<p>»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo -gibt es ein großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, -etwas Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo -gibt es etwas Lächerlicheres als diese »Frankfurter«? Wohin -deine Sprache weist, da steht dein Vaterhaus, da ist deine -Heimat, da ist dein Vaterland!«</p> - -<p>Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht <span id="corr201">zwischen</span> Juro -und Samo ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern -wegbrauste. Die meisten saßen mit verdrossenen Gesichtern -gelangweilt da. Das bemerkte Samo eher als Juro; darum -spielte er einen guten Trumpf aus:</p> - -<p>»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne -Volkstracht einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, -sollen eure Frauen und Töchter nicht mehr ihre herrlichen -Wendenkleider tragen dürfen, sollen die Spinnstube, die Kirmes, -das Osterreiten aufhören, soll euer alter wendischer Gruß -verboten sein, sollen eure wendischen Gesangbücher verbrannt, -soll …«</p> - -<p>Er wurde unterbrochen.</p> - -<p>»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« -schrie es durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.</p> - -<p>»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.</p> - -<p>»Und – und wer sich der wendischen Tracht und der -wendischen Sprache schämt, der soll – der soll gehen …«</p> - -<p>Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen -und deren Beweise vor alter Gewöhnung in nichts -zerflossen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p> - -<p>»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur -wird weitergehen auch gegen diese <em class="antiqua">Gromada</em>, und die Betrogenen -seid allein ihr!«</p> - -<p>»Und – unsere alte Krone?« fragte ein Bauer.</p> - -<p>Alle sahen gespannt auf Juro.</p> - -<p>»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine -Sage, die sich jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar -hohenzollersche Fürsten gewußt haben, die aber durch nichts -und in nichts anderem begründet ist als in der Einbildung -unseres Volkes.«</p> - -<p>Der alte Hanzo sprang auf.</p> - -<p>»Du – du – du …«</p> - -<p>Die Stimme brach ihm.</p> - -<p>»So stellst du mich – mich – als einen Lügner, als einen -Theaterspieler hin – vor diesen – diesen Leuten …«</p> - -<p>»Gott behüte mich – nein! Wahr spricht, der das spricht, -was er glaubt!«</p> - -<p>»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht!«</p> - -<p>Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden -umgeworfen, einzelne Männer liefen gestikulierend in der -Stube herum, alle sahen voll Abscheu auf Juro.</p> - -<p>»Und – unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt -weichst du nicht aus – jetzt frage ich dich: Unsere alte -Krone?«</p> - -<p>»Existiert nicht!«</p> - -<p>»Der Kronenhügel …«</p> - -<p>»Ist leer!«</p> - -<p>»Hast du – hast du nachgegraben …«</p> - -<p>»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als -Steine und Erde!«</p> - -<p>»Gottloser Mensch du!«</p> - -<p>Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen.</p> - -<p>Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie -ein Jüngling und rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p> - -<p>»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.«</p> - -<p>Juro warf trotzig den Kopf zurück.</p> - -<p>»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. -Ich werde beweisen, daß ich recht habe!«</p> - -<p>»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!«</p> - -<p>Sie drangen auf Juro ein.</p> - -<p>Der wehrte sie ab.</p> - -<p>»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, -der mich anrührt!«</p> - -<p>Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach:</p> - -<p>»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben -wir noch Zeugen nötig?«</p> - -<p>»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der -Bibel so fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah -vor dem elendesten Gerichtshof der Welt. Die paßt -hierher!«</p> - -<p>Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener -Stimme, indem er auf Juro mit dem Finger zeigte:</p> - -<p>»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den -Wenden nichts mehr zu tun hat und nicht unser künftiger Kral -sein kann, der stehe auf!«</p> - -<p>Alle erhoben sich.</p> - -<p>»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!«</p> - -<p>Juro lachte laut auf.</p> - -<p>»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein -Recht dazu. Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? -Von euch selbst oder von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt -hat?«</p> - -<p>Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen. -Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn -Eindringende abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür -rief er noch:</p> - -<p>»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine -gehen müssen. Aber das sage ich euch: ich bin und bleibe der -zukünftige Kral, der euch beweisen wird, daß es keinen Kral -gibt!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p> - -<p class="ph2">Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch -das dichte schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, -daß man das leise Murmeln der Spree hören konnte.</p> - -<p>In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer.</p> - -<p>»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.«</p> - -<p>»Du hast doch eine Axt.«</p> - -<p>»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? -Ich sage dir, Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den -Kopf. Und ich hab' einen sehr schwachen Kopf!«</p> - -<p>»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, -sagte Kito.</p> - -<p>»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich -habe sieben Kinder.«</p> - -<p>»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte -Knecht.</p> - -<p>»Was soll ich machen – wenn sie's doch verlangten? Sie -sind doch alle meine Kunden, von denen ich leben muß. Und -eine Nacht kommt jeder daran.«</p> - -<p>»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß -hier gewacht werden.«</p> - -<p>»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun -wirklich tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen -und ihn mit seinem Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral -hat hier die silberne Krone selbst vergraben vor der Wendenschlacht.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit -silberner Schaufel soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk -stark sein.«</p> - -<p>Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf.</p> - -<p>»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er -gelogen, auch immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und -nun – und nun …«</p> - -<p>Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel -Kummer auf seine alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr -blaß und schweigsam, Hanka gar nicht die fröhliche, glückliche -Frau, wie er es gedacht und gewünscht hatte, selbst Samo ein<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -wunderlicher Mann. Er lief so viel in den Städten und auf den -Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der Schenke, -war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag -gefahren. Was wollte er immer in Prag?</p> - -<p>»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der -Schneider wieder. »Horch – horch – hörst du's rascheln?«</p> - -<p>»Ich höre nichts.«</p> - -<p>»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach -Hause gehen ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier -lassen.«</p> - -<p>»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. -Hier nützest du doch nichts.«</p> - -<p>»Wirst du es auch niemand verraten?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« -Und fort war er.</p> - -<p>Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und -Grauen. Die Nacht war so unheimlich still, so unheimlich -dunkel. Und alle alten Sagen und bösen Geschichten wurden -lebendig im Herzen des Alten.</p> - -<p>Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war -wieder das Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. -Kito lehnte sich an einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm -von der Stirn. Mühsam hielt er sich aufrecht.</p> - -<p>Da – eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier.</p> - -<p>Kito fing laut an zu ächzen.</p> - -<p>»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme -Juros.</p> - -<p>»Da ist ein Mann. Kito – Kito – bist du es?«</p> - -<p>»Pán Juro!«</p> - -<p>Der Alte wimmerte.</p> - -<p>»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu -fürchten. Wir tun dir nichts. Was machst du hier?«</p> - -<p>»Ich – ich soll – soll bei dem Kronenhügel wachen.«</p> - -<p>»Wer hat es dir befohlen?«</p> - -<p>»Die <em class="antiqua">Gromada</em>.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span></p> - -<p>»Aah!«</p> - -<p>Juro lachte leise.</p> - -<p>»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, -den Kronenhügel aufzugraben.«</p> - -<p>»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«</p> - -<p>Der Alte lag vor ihm auf den Knien.</p> - -<p>»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten -nützen nichts. Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, -die haben sich in der Welt umgesehen, und die werden -nun Zeugen sein, daß in dem Kronenhügel nichts ist als Erde, -Sand und Stein. Und so werden die Wenden von einem alten -Aberglauben erlöst werden.«</p> - -<p>»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«</p> - -<p>»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder -willst du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?«</p> - -<p>»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, -ich kann ja nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und -schlügen Pán Juro tot.«</p> - -<p>»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer -Stunde wirst du sehen, daß ich recht habe, und dann werden -alle Wenden es sehen. Du bist mir der willkommenste Zeuge.«</p> - -<p>»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!«</p> - -<p>Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. -Jeder hatte Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge.</p> - -<p>»Ans Werk!«</p> - -<p>Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. -Dann sagte er:</p> - -<p>»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst -tun, und wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich -einmischt, wird euch der Mut schon kommen.«</p> - -<p>»Tut es nicht, Pán Juro!«</p> - -<p>Kito warf sich auf den kleinen Hügel.</p> - -<p>»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer -zogen Kito empor und führten ihn abseits.</p> - -<p>Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in -den heiligen Kronenhügel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p> - -<p>Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er -zum Himmel hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern -zu. Juro grub und grub. Da kam erst einer der Männer -und half ihm graben, und dann halfen alle drei. Der Mond -brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man hörte -nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern -Kitos.</p> - -<p>Eine gute Weile verging – – –</p> - -<p>Da … »Da liegt was!« schreit ein Mann und springt aus -der Grube.</p> - -<p>»Da – da ist ein Topf!«</p> - -<p>»Eine Urne!«</p> - -<p>»Um Jesu willen, Pán Juro, den Hügel zu – den Hügel -zu!«</p> - -<p>»Weg mit euch! Es gibt viel Urnen in der Welt!«</p> - -<p>Juro hebt ein altersgraues Gefäß aus der Erde, er setzt es -neben die Grube, löst den Deckel, schaut hinein …</p> - -<p>»Was – was – was …«</p> - -<p>Er stammelt – er röchelt – er stöhnt …</p> - -<p>»Um Jesu willen, Pán Juro …«</p> - -<p>Der greift in die Urne, nimmt etwas heraus, richtet sich auf, -wendet sich gegen das Mondenlicht, steht so drei Herzschläge -lang und bricht, wie vom Blitz erschlagen, mit einem markerschütternden -Schrei zusammen.</p> - -<p>In der rechten Hand hält er eine alte Krone. –</p> - -<p>Die vier Männer knien zitternd, stammelnd, ächzend am -Boden. Kito nimmt zitternd die alte Krone auf, küßt sie scheu -am Rande und ruft weinend:</p> - -<p>»Du Heilige – du Heilige – du Heilige – um Gottes -willen, verzeih uns!«</p> - -<p>Und bettet die Krone wieder in die Urne, schließt mit zitternden -Händen die Urne und senkt sie in die Erde.</p> - -<p>»Zuschütten! Den Hügel zuschütten! Schnell zuschütten! -Sonst richtet uns Gott!«</p> - -<p>Wie die Rasenden arbeiten die Männer. In ganz kurzer Zeit -ist der Hügel geschlossen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p> - -<p>Dann läuft einer fluchtartig waldein. Die zwei andern -helfen dem alten Kito, Juro aufzuraffen.</p> - -<p>»Lebt er?«</p> - -<p>»Sein Herz schlägt!«</p> - -<p>»Er ist so weiß wie eine Leiche. Er kann jeden Augenblick -sterben.«</p> - -<p>»Helft ihn tragen!«</p> - -<p>Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. – – –</p> - -<p>Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde -niedergelegt. Er schlägt die Augen auf.</p> - -<p>»Was – was ist? Wo? – Wer?«</p> - -<p>Plötzlich verzerrt er sein Gesicht.</p> - -<p>»Die alte Krone!«</p> - -<p>Und er sinkt in die Ohnmacht zurück.</p> - -<p>Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und -dringt ins Haus. Er klopft an die Tür des Scholta.</p> - -<p>»Kommt herunter, Herr – vors Tor – es ist ein Unglück -geschehen …«</p> - -<p>Mehr bringt er nicht heraus.</p> - -<p>Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt -ihn an und fragt dann mit eisiger Stimme:</p> - -<p>»Hat er nach der Krone gegraben?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Der Alte lehnt sich an das Tor.</p> - -<p>»Und …?«</p> - -<p>»Und er hat sie gefunden!«</p> - -<p>Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt.</p> - -<p>»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz -seiner schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine -Augen, die sich zu stummem Dank gen Himmel richten.</p> - -<p>»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt -in Ewigkeit! Amen!«</p> - -<p>Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito:</p> - -<p>»Herr, Euer Sohn …«</p> - -<p>Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p> - -<p>»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er -tot ist oder noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!«</p> - -<p>»Wohin sollen wir mit ihm?«</p> - -<p>»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, -oder irgendwohin; mir ist es gleich!«</p> - -<p>»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für -den weiten Weg.«</p> - -<p>Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er:</p> - -<p>»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am -Tor.«</p> - -<p>Da faßte ihn Kito am Arm.</p> - -<p>»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, -auf dem die Gehängten auf den Kirchhof gefahren -werden!«</p> - -<p>»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe -ich für ihn nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh -auf den Wagen und schafft ihn fort!«</p> - -<p>Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen -auf den Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das -Stroh und ein Pferd. Mit finsterem, starrem Angesicht sah -Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh gebettet wurde; dann -schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von dannen fuhr.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg -so lang. Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid -mit einem, den man lieb hat! In seinem langen Leben hatte der -alte Kito keine Stunde gehabt, die so bitter gewesen wäre wie -diese. Und er zergrübelte seinen alten Kopf, wie er's nun anstellen -sollte. Es war noch finster. Was würden die Leute auf -der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem solchen Fuhrwerk -daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die Augen -eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh -meines Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!«</p> - -<p>Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einen<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -wilden Zorn mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem -Sohn diese Schande antat!</p> - -<p>O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war -der, den er so langsam dahinfuhr, schon gestorben.</p> - -<p>Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, -kniete bei Juro nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen -nach Juros Herzen. Es dauerte lange, ehe er einen -schwachen Herzschlag fühlte.</p> - -<p>Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und -als er an den Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen -Schlosse führte, fuhr er daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, -mit einem solchen Auftrage dem deutschen Herrn vor die Augen -zu treten.</p> - -<p>Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für -eine Nacht! So gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So -war Hanzo wirklich ein König! Und seinen ältesten Sohn hatte -der Schlag getroffen, als er sich an der Krone vergriff. Heilig -war sie! Mochte Gott allen vergeben und alle schützen vor der -Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein kalter Morgen. -Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er Juro -übergeben könnte. Da – da sprang auch wirklich jemand über -den Graben …</p> - -<p>»Heda – heda!« schrie der alte Kito.</p> - -<p>Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er -trug eine Büchse über der Schulter.</p> - -<p>»Was ist los? – Was schreien Sie?«</p> - -<p>»O Gott – gerade der gnädige junge Herr!«</p> - -<p>»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?«</p> - -<p>»Ich soll – ich will – Gott schütze mich!«</p> - -<p>»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?«</p> - -<p>»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!«</p> - -<p>»Juro!«</p> - -<p>Die Büchse fiel auf den Weg.</p> - -<p>»Ja – was – was ist denn? Ist er verunglückt? -Wo bringt Ihr ihn denn her? Was ist geschehen? Juro! -Juro!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p> - -<p>Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, -fühlte nach seinem Puls.</p> - -<p>»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito.</p> - -<p>»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein – Gott sei Dank, -nur ohnmächtig …! Spannen Sie das Pferd aus, damit es -nicht anrückt! Dann helfen Sie mir! So! – Den Kopf tief -betten – er ist ja leichenblaß – und nun die Arme und die -Beine reiben – tüchtig!«</p> - -<p>Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche -ein und rieb ihm die Herzgrube.</p> - -<p>Dabei fragte er Kito:</p> - -<p>»Wo habt Ihr ihn gefunden?«</p> - -<p>Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte:</p> - -<p>»Er hat – hat – die alte Krone ausgegraben, und da hat -ihn der Schlag getroffen.«</p> - -<p>»Die alte Krone? Seid Ihr irre?«</p> - -<p>»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.«</p> - -<p>»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?«</p> - -<p>»Ja, in einem alten grauen Topf.«</p> - -<p>»Das ist nicht möglich!«</p> - -<p>»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst -wieder in den Topf getan und sie wieder eingegraben.«</p> - -<p>»Kräftiger reiben! Kräftiger! – Und er fiel also ohnmächtig -um? – Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. -Er hat nächtelang nicht geschlafen! – Ja, Mann, wie kommt -Ihr denn zu dem Wagen?«</p> - -<p>Kito gab jammernd Auskunft.</p> - -<p>»Was – auf einen Mist- – auf einen Schand- und -Schinderwagen – der eigene Vater?! – – – Bande! Bande! -Bande!«</p> - -<p>Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen.</p> - -<p>»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! -Aber es ist nichts dabei, wird bald vorüber sein! Da trink -mal!«</p> - -<p>»Wo bin ich? Was ist?«</p> - -<p>»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<p>Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu -angestrengtem Nachdenken, und dann sagte er erschauernd:</p> - -<p>»Die Krone! Die Krone!«</p> - -<p>»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! -Spannen Sie ein, Mann! Dann den Weg rechts hinab!«</p> - -<p>»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles – alles -wahr! Sie ist da!«</p> - -<p>»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.«</p> - -<p>»Ich schäme mich – ich hab' ein Heiligtum geschändet – -ich bin schlecht!«</p> - -<p>Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half -Heinrich dem Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die -beiden Männer und trat durch eine Hintertür ins Schloß.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Da ließ sich Heinrich -von Withold beim alten Scholta Hanzo anmelden. Er -wartete im Kretscham auf Antwort. Es dauerte zwei Stunden -ehe die Nachricht eintraf, daß der Scholta Heinrich erwartete. -Die beiden Männer begrüßten sich stumm. Der Scholta wies -auf einen Stuhl.</p> - -<p>»Ich danke,« lehnte Heinrich ab; »ich habe nicht viel zu -sagen. Allerdings, was ich zu sagen habe, ist wichtig. Mein -Freund und Schwager Juro hat, gehetzt durch die aufgestachelte -öffentliche Meinung und in der Überzeugung, daß eine alte -Krone der Wenden nicht existiere, nach ihr gegraben und zu -seiner schweren Überraschung eine Krone gefunden. Da ist er -dem Schreck, einem plötzlichen Nervenanfall, erlegen – er ist -ohnmächtig geworden.«</p> - -<p>»Gott hat ihn geschlagen!« sagte Hanzo ernst.</p> - -<p>Heinrich beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr fort:</p> - -<p>»Als ich Juro auf Ihrem Düngerwagen liegend fand, hatte -ich zuerst vor, die ganze Sache der Behörde anzuzeigen.«</p> - -<p>»Das konnten Sie! Von uns aus ist nichts Unrechtes geschehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß nicht,« entgegnete Heinrich kalt, »wieweit sich die -beiden Würden eines preußischen Schulzen und heimlichen -Wendenkönigs miteinander vertragen, jedenfalls habe ich die -Anzeige unterlassen, weil ich mich zu solchen Dingen nicht eigne. -Aber ich habe etwas anderes getan: ich habe mir die Krone auch -einmal angesehen! Hier ist sie!«</p> - -<p>Er zog unter dem weiten Kragen seines Mantels ein Paket -hervor und legte es auf den Tisch.</p> - -<p>»Was – was – was sagen Sie? – Was ist das?«</p> - -<p>Heinrich löste die Umhüllung, eine alte Krone, ein schmaler -silberner Stirnreif wurde sichtbar.</p> - -<p>»Da! – Das hat Juro gefunden!«</p> - -<p>Der alte Hanzo streckte entsetzt die Hände aus gegen den -Tisch.</p> - -<p>»Das – das – die Krone! – Sie haben es gewagt – -Sie …«</p> - -<p>»Regen Sie sich nicht auf,« sagte Heinrich ruhig; »die -Krone ist gefälscht!«</p> - -<p>Der alte Wende sank auf einen Stuhl; die Zähne schlugen -ihm aufeinander.</p> - -<p>»Ist das – ist das – die Krone aus dem Hügel?«</p> - -<p>»Ja, und sie ist nicht die alte Kralskrone, sie ist gefälscht!«</p> - -<p>»Sie haben sie ausgegraben?«</p> - -<p>»Ja – unter der Zeugenschaft von zwei gebildeten Männern.«</p> - -<p>Da stürzte der alte Hanzo mit geballten Fäusten auf Heinrich -los, schlug auf ihn ein, rang mit ihm und mußte doch von -dem Angegriffenen halb gehalten werden, damit er nicht niederfiel. -Schließlich sank er völlig gebrochen, kraftlos und erschöpft -auf seinen Stuhl.</p> - -<p>Da öffnete sich die Tür, und Samo trat ein.</p> - -<p>»Was geht hier vor?«</p> - -<p>»Ich habe dem Scholta die Krone gebracht, die mein Freund -Juro neulich gefunden hat.«</p> - -<p>Samo wurde bleich.</p> - -<p>»Wie kommen Sie zu der Krone?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>»Ich habe sie ausgegraben mit noch zwei gebildeten Männern; -ich habe sofort erkannt, daß es sich um eine wertlose -Imitation handelt, und habe mir meine Ansicht durch ein Sachverständigenurteil -in Berlin bestätigen lassen. Hier ist eine beglaubigte -Abschrift!«</p> - -<p>»Sie sind ein Lump!« schrie Samo heiser.</p> - -<p>»Es ist mir eine Ehre, von Ihnen beschimpft zu werden,« -erwiderte Heinrich mit eisiger Kälte; »denn ich bringe Sie mit -dem schmählichen Betrug, der hier vollführt wurde, in Verbindung.«</p> - -<p>»Herr! Sie werden mir mit der Waffe Genugtuung geben. -Diese Schmach kann nur Ihr Tod sühnen!«</p> - -<p>»Ich schlage mich nicht mit Verbrechern!« sagte Heinrich -verächtlich.</p> - -<p>Da fiel Samo über ihn her, Heinrich aber schleuderte ihn -beiseite und verließ rasch das Haus.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">»Vater!«</p> - -<p>Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf -der Tischplatte ruhte. Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem -Sohne starr ins Gesicht und sprach:</p> - -<p>»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der -Mensch Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich -irrsinnig geworden durch all die schwere Zeit?«</p> - -<p>»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!«</p> - -<p>»Die Krone!«</p> - -<p>Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen -Reif.</p> - -<p>»Er sagt – er sagt – sie ist falsch!«</p> - -<p>»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, -dem nichts heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden -eindrang und die Krone stahl.«</p> - -<p>»Ist das – ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?«</p> - -<p>»Frage Kito – er hat sie gesehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p> - -<p>Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, -wollte er an der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster -in seinen alten Tagen! Aber er mußte in die Stube, -mußte an die Krone herantreten.</p> - -<p>»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich -kenne sie genau wieder.«</p> - -<p>Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück.</p> - -<p>»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem -soll stehen, die Krone ist gefälscht.«</p> - -<p>»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm -das Blatt Papier hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!«</p> - -<p>»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab.</p> - -<p>»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon -alles gestanden hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, -daß es kein Vaterland gibt, daß es kein Eigentum gibt, -daß es kein Recht der Slawen gibt, ja daß es überhaupt keine -Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung ist. Alle solche -Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten deutschen -Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da wird -zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und -der tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur -eine deutsche Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von -unseren Feinden ein anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, -das unsere Widersacher bei ihresgleichen bestellt und bezahlt -haben, anders ausfallen?«</p> - -<p>»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!«</p> - -<p>Er zerriß das Papier in viele kleine Teile.</p> - -<p>»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. -Laßt mich allein!«</p> - -<p>Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen -Andacht im Herzen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel -noch einmal aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, -Samos und dreier Zeugen aus dem Dorfe. Die Männer überzeugten<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -sich, daß der Hügel nunmehr leer sei, und Hanzo gab -den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde.</p> - -<p>»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« -sagte er ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt -worden, nun soll er nicht mehr sein!«</p> - -<p>Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte -ihnen die Krone und sagte:</p> - -<p>»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom -Himmel gefallen, ein gottgesandter Mann hat sie geformt. Der -Urkral hat sie getragen. Aus ihrem tausendjährigen Hause ist -sie vertrieben worden. Sie soll zurück in die mütterliche Erde. -Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen Schaufel gekommen -und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es -getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen -Ort. Den soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und -ich, als immer der Kral und sein ältester Sohn. Was ihr gehört -und gesehen habt, dürft ihr den Wenden erzählen, aber keinem -Deutschen.«</p> - -<p>Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung -von dannen. – – –</p> - -<p>Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er:</p> - -<p>»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden -wir eine Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie -wird dann über Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.«</p> - -<p>Samo wandte sich ab.</p> - -<p>Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. -Sein Atem ging rasch. Endlich wandte er sich um.</p> - -<p>»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die -Stätte der Toten. Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere -Hoffnung knüpft sich daran, die Hoffnung, daß wir Slawen -noch einmal loskommen von diesem elenden Lande der Deutschen. -Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater. Ganz -lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem -Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!«</p> - -<p>Der Vater blieb bei seinem Vorsatz.</p> - -<p>»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur tot<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -für eine Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. -Und auch unsere Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst -sie mit mir dort begraben, wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort -sicher; denn sie hat dort Wächter, an die sich nicht leicht jemand -wagt.«</p> - -<p>»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt -um. Ihre Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen -brannten große rote Flecken. Da stellte sie plötzlich das Paket -hin, das sie getragen, und begann heftig zu zittern.</p> - -<p>»Da – da – ist er – Samo!«</p> - -<p>Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund.</p> - -<p>»Samo! Samo!«</p> - -<p>»Pst – still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern -überall Polizeihunde. Komm weiter!«</p> - -<p>Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen -geschlossenen Wagen. Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und -weinte leidenschaftlich.</p> - -<p>»O Samo – Samo! Endlich seh' ich dich wieder!«</p> - -<p>Er sagte etwas, was sie nicht verstand.</p> - -<p>»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen -bin?«</p> - -<p>»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir -wird es nicht lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, -wie ich lebe!«</p> - -<p>Er sprach mit abgewandtem Gesicht.</p> - -<p>»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du -uns so lange nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir -ausgestanden um dich!«</p> - -<p>»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!«</p> - -<p>»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst -nie schlecht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<p>Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur -Hanka weinte leise vor sich hin.</p> - -<p>»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine -Stimme war düster.</p> - -<p>»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.«</p> - -<p>Samo schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. -Und ich hab' aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.«</p> - -<p>»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka -erschauernd.</p> - -<p>»Ja, ich spreche <em class="gesperrt">nur</em> davon! Ich hab' in den ganzen zwei -Jahren eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als -immer das eine. Ich glaubte, er sei längst vermodert.«</p> - -<p>»Samo, sprich nicht so Schreckliches!«</p> - -<p>»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre -es anders gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in -diesen heißen, unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' -gut gewesen.«</p> - -<p>»Samo!«</p> - -<p>»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen -Hund. Er schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs -neue, als ich ihn persönlich stellte. Da bekam er das Messer in -die Brust. Ich konnte nicht anders. Meine Hand tat es von -selbst.«</p> - -<p>»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat -sich auch frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die -meiste Schuld gehabt!«</p> - -<p>»Sie haben einen Steckbrief <span id="corr218">hinter</span> mir erlassen?«</p> - -<p>»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt – um Juros -willen – wegen des Namens –, aber der Staatsanwalt ist -gekommen, und es hat sich nichts ändern lassen. – Juro hat -damals seine Verlobung aufgelöst –«</p> - -<p>»So?«</p> - -<p>Samo schwieg eine Weile.</p> - -<p>»Weil sein Name geschändet war – weil ich den Bruder -seiner Braut – nun ja, ich kann mir's denken!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p> - -<p>»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen -nach Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt -sind sie schon verheiratet.«</p> - -<p>»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat -nichts davon gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt -denn das junge Paar? Beim Vater zu Haus auf der Scholtisei?«</p> - -<p>»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der -Vater verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen -hat, wie er dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt -hast.«</p> - -<p>Samo sah zum Wagenfenster hinaus.</p> - -<p>»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig.</p> - -<p>»Was – was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken.</p> - -<p>»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? -Kannst du nur ein wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze -Jahre mit einem Ermordeten zu ringen, was das heißt, verbannt, -geächtet, verfolgt zu sein, ein Mordbube zu sein, dem -jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig erscheint, was -das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle Hoffnung -zusammenbricht?«</p> - -<p>»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka.</p> - -<p>»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch -geschrieben, hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken -Prags unter falschem Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, -bis ich es nicht mehr aushielt, bis ich euch doch eine -Nachricht gab.«</p> - -<p>»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Besser</em> – vielleicht! Es kann aber nicht mehr <em class="gesperrt">gut</em> werden. -Der Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die -Heimat ist verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.«</p> - -<p>Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm -um seinen Hals.</p> - -<p>»Samo, ich hab' dich lieb!«</p> - -<p>Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du -mich nicht lieb, da liebtest du den Juro.«</p> - -<p>Sie wurde rot.</p> - -<p>»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel -schlimmeres Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht -aushalten.«</p> - -<p>»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!«</p> - -<p>Er schob sie sacht beiseite.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt -Prags bewohnte, die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. -Ein Bett stand in dem sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, -ein Tisch und ein paar Stühle. An der Wand waren einige -Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein halbzerbrochenes -Waschbecken.</p> - -<p>»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz -des zukünftigen Krals der Wenden.«</p> - -<p>Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch -Leib und Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf -Ordnung, Reinlichkeit und behaglichen Wohlstand gerichtet war, -erschrak vor dieser liederlichen Höhle.</p> - -<p>»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?«</p> - -<p>»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war -noch schlimmer; zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.«</p> - -<p>Da brach sie in Tränen aus.</p> - -<p>»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von -deinem Vater – sechstausend Taler!«</p> - -<p>Samos Augen blitzten auf.</p> - -<p>»Geld? – Sechstausend Taler? – Ah, mein Mutterteil! -Das ist nicht schlecht!«</p> - -<p>Er lächelte vergnügt.</p> - -<p>»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das -niemandem, Hanka, das darf niemand wissen! Das würde -gleich Verdacht erregen. Ich bin hier der verbummelte und<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -verarmte Journalist Wenzel Halek. Das darfst du nie vergessen. -Ich heiße Wenzel Halek.«</p> - -<p>Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl.</p> - -<p>»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen -muß man sich schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe -einem verbummelten Kerl seine Papiere abgekauft. Um fünfzig -Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er noch vertrunken, und am -anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital gestorben, -ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.«</p> - -<p>»O Gott, o barmherziger Gott!«</p> - -<p>»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was -für eine Welt du kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht -ertragen. Ich – ich habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe -schon hierher!«</p> - -<p>»Samo!«</p> - -<p>»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot – der -neue Wenzel Halek ist ein Lump – er sauft ebenso wie der alte -Wenzel Halek.«</p> - -<p>»Samo, Samo, was – was redest du –«</p> - -<p>»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. -Es gab Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal -betrunken war. Das wird so, wenn man mit – mit Schatten -kämpft und wenn man alles, was einem lieb war, verloren -hat.«</p> - -<p>Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank -mit dem Kopf auf den Tisch.</p> - -<p>Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. -Eine dicke, alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher -Neugier Hanka.</p> - -<p>»Also – das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? -Ein schmuckes Frauchen! – Nu, Herzchen, wie gefällt es -Ihnen hier? Ja, mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber -es ist gemütlich!«</p> - -<p>»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo.</p> - -<p>»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden -schuldig.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p> - -<p>»Kriegst du morgen! Und nun hinaus, <em class="antiqua">murguta Myrlawa!</em>«<a id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a></p> - -<p>Er schob die Alte zur Tür hinaus.</p> - -<p>»Wer – wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen.</p> - -<p>»Meine Wirtin.«</p> - -<p>»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht -gesagt, daß ich deine Frau bin?«</p> - -<p>»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. -Hier läuft alles durcheinander.«</p> - -<p>Sie nahm ihn ängstlich an der Hand.</p> - -<p>»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube -nehmen und ein ordentliches Leben führen?«</p> - -<p>Er machte sich achselzuckend los von ihr.</p> - -<p>»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.«</p> - -<p>»Du kannst doch sagen, ich – ich habe dir das Erbteil mitgebracht –«</p> - -<p>»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird -machen lassen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. -In eine »ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, -hoch in den oberen Stock eines sauberen Hauses. Aber -ein »ordentliches Leben« führten sie nicht.</p> - -<p>Samo war liederlich geworden.</p> - -<p>Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib -saß und mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, -hinauf zu den Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, -daß ihre Sehnsucht immer mit auf die Reise ging, hinstrebte -nach der wendischen Heimat, die für ihn und sie auf immer verloren -war.</p> - -<p>Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang -hatte er manchmal Bücher aus einer Bibliothek besorgt und<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -etwas studiert. Aber was nutzte ihm das Studieren? Er interessierte -sich in der Hauptsache für medizinische Schriften, und -was in aller Welt sollte ihm noch die medizinische Wissenschaft -nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert, Wenzel Halek hatte -nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt; geistig war -er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei Qualifikationen -erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im Delirium -geendet war, mußte Samo nun fortsetzen.</p> - -<p>»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite -Wenzel Halek saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.</p> - -<p>Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht -gewachsen; er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, -zumal sie nicht viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen -Heimat. Einmal hatten ihre Eltern auf Besuch kommen -wollen; sie hatte es auf Samos Wunsch verhindern müssen.</p> - -<p>So war Hanka in schwerster Verlassenheit.</p> - -<p>Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in -untergeordneten, schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht -auffalle, daß er plötzlich mehr Geld habe«, gab er als Grund an. -In Wirklichkeit hatte er – seit er aus der besseren Gesellschaft -ausgestoßen war – einen Haß auf alles, was sicher, ordentlich, -anständig erschien; er degradierte sich in tollem Grimm über -sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr und mehr. -Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.</p> - -<p>Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden -diese Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, -entlassene Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen -und dazwischen die große Schar der Entgleisten aus guten Familien: -verbummelte Literaten und Studenten, Musiker, fortgelaufene -Schüler, herabgekommene Komödianten, bankerotte -Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser Existenzen war es zuzuschreiben, -daß in demselben Jahre in Prag, das damals zweihunderttausend -Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute -verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde -noch geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! –</p> - -<p>Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -Wirtin, der fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel -tragend und schlechten Wein. Zweimal war schon eine Prügelei -gewesen, einmal war die Polizei einem Taschendieb nachgegangen, -der sich hierher flüchtete, hatte ihn weggeholt und bei -dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein Frauenzimmer -mitgenommen.</p> - -<p>Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen -unterhielten sich in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und -manch ein Ohr lauschte hin, um etwas von dieser Kunst zu -profitieren.</p> - -<p>Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in -schäbigen, abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, -von vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene -Linien im Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens -stammen und deren tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn -wegzuwischen ist, waren auch noch in den Gesichtern jener -Männer.</p> - -<p>Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:</p> - -<p>»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat -mich oft genug zur Kirche gerufen.«</p> - -<p>»Du bist Katholik?«</p> - -<p>»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male -das Hochamt gesungen.«</p> - -<p>»Ach, du warst Priester?«</p> - -<p>Der andere zuckte die Schultern.</p> - -<p>»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer.</p> - -<p>»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein -ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich -noch Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. -Jetzt ist's anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich -einmal aus deiner Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer – -na also, die Kirche hat immer noch einen guten Magen.«</p> - -<p>Er lachte unflätig.</p> - -<p>»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in -der Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt -haben soll? Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p> - -<p>»Ein Cikán! Ein Cikán!«</p> - -<p>Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er -hatte ein schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug -oder aus der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige -Kreuzer für ihre Kunst; aber alles lauschte gespannt und gläubig -ihren Worten. Sie mischte ihre Vorhersagungen aus buntem -Glück und schwarzem Unheil, prophezeite goldene Reichtümer -oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und Zähneknirschen. -Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin. -Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie:</p> - -<p>»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen -ist. Und du wirst dort liegen bleiben!«</p> - -<p>»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! -Er ist ein Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle -hier, Zigeunerweib?! Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns -trinken!«</p> - -<p>Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die -alte Wičaz zu Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt -seine Hand hin. Die Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, -dann seine Hand und sagte:</p> - -<p>»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von -einem Fremden, der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist -ein anderer schuld, daß du hier bist. Du wirst dich an ihm -rächen.«</p> - -<p>Samo nickte düster.</p> - -<p>»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte -Wičaz. Was faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl -nicht der eine im Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der -Moldau.«</p> - -<p>Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin.</p> - -<p>Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange -und flüsterte ihm dann ins Ohr:</p> - -<p>»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber -wenn du einen Feind hast, räche dich!«</p> - -<p>In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem -fernen ungarischen Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandert<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -und hatte Weib und Kind daheim gelassen. Mit -Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch Drahtbinden seine -Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst erspart, nur -von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da er -sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der -in seine arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen -kaufen wollte.</p> - -<p>Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf -bloßer Erde; die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er -trug sein fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als -die Zigeunerin herumging, stand einer der Gäste auf, trat an -den Slowaken heran und rüttelte ihn.</p> - -<p>»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.«</p> - -<p>Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und -schlief weiter.</p> - -<p>Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit -Kämmen, Knöpfen, Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem -Kleinkram. Er machte geringe Geschäfte. Während er noch -schacherte, erwachte der Slowak und fing plötzlich laut an zu -schreien.</p> - -<p>Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast -zwei Jahre fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. -Der arme Mann schrie, jammerte, warf sich auf die Erde, schlug -verzweiflungsvoll mit Armen und Beinen.</p> - -<p>»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer.</p> - -<p>Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden.</p> - -<p>»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, -der vorhin den Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem -Geld!«</p> - -<p>Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. -Samo aber rief in das Lokal hinein:</p> - -<p>»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. -Hier darf keinem was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.«</p> - -<p>Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde der<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -Beutel, den er in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam -zu seinem Gelde.</p> - -<p>Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand.</p> - -<p>»O danke, Pán, o danke, Pán!« – – –</p> - -<p>Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der -Szene zu. Als Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren -Freund Bohuslaw, den Neffen des alten Krok.</p> - -<p>Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch -seine Hand hielt, los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw -auf die Straße.</p> - -<p>»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw -draußen.</p> - -<p>»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch.</p> - -<p>»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit -haben wir nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, -du seist gar nicht mehr in Prag.«</p> - -<p>»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige -Leute!«</p> - -<p>Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße -entlang. Da setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer.</p> - -<p>»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er.</p> - -<p>Bohuslaw setzte sich neben ihn.</p> - -<p>»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal –«</p> - -<p>»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke -gehöre ich! Da brauche ich mich wenigstens vor den andern -nicht zu schämen.«</p> - -<p>»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« -sagte Bohuslaw traurig.</p> - -<p>»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! -Ich brauche mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, -Pán Bohuslaw, das steht doch anders! Aber es wird noch -mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir eine Zigeunerin -geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn – ich weiß -es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist -schuld an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! -Und dieser Fremde ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<p>»Samo!«</p> - -<p>»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; -ich wollte meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen -durchkämpfen; da ist dieser verrückte Altertumskrämer in mein -Leben getreten und hat mich auch verrückt gemacht! Mit seinem -Kerzengeflimmer und Altarklimbim hat er mich so sentimental, -so duselig, so toll gemacht, daß ich schließlich auf seine hirnverbrannten -Ideen eingegangen bin.«</p> - -<p>»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok -sagen?«</p> - -<p>Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort:</p> - -<p>»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben -stand, als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst -ihre Sache fast verloren. Und den Hauptschlag gegen das -Slawentum an der Sprewja fürchtetest du von deinem Bruder -Juro, der gedroht hatte, den Kronenhügel aufzugraben und -so den einfachen Leuten da oben den Beweis zu erbringen, daß -es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der alte Krok -gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß -das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die -slawische Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz -deutsch!«</p> - -<p>»Was wärmst du den alten Kohl auf?«</p> - -<p>»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.«</p> - -<p>»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug -verleitete.«</p> - -<p>»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in -Wahrheit da, die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. -Die Kralswürde ist echt. Und der Glaube daran darf -nicht an der äußerlichen Tatsache scheitern, daß die substanzielle -Krone fehlt oder wenigstens dort fehlt, wo man sie vermutete.«</p> - -<p>»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und -sie im Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat -fürwahr! Oder vielleicht auch eine romantische Schufterei.«</p> - -<p>»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt -hast. Er hat dir doch geraten, nachdem die Krone eingegraben<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -war, dafür zu sorgen, daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben -und nach einem würdigeren Platz bringen solltest, etwa -nach eurer Heimatkirche. Dann war der Glaube befestigt, dann -konnte auch nichts passieren, dann konnte ja nichts entdeckt -werden.«</p> - -<p>Samo sprang von der Mauer herab.</p> - -<p>»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. -So einen Quark, so einen betrügerischen Schmarren, den hier -in Prag ein Pfuscher gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche -bringen, das vermochte ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. -Grub Juro den Hügel nicht auf – nun gut – dann -war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann war ihm die -Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute -war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, -war ein elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler -deutscher Student erkannte.«</p> - -<p>»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone -Przemisls gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und -Nacht überwacht.«</p> - -<p>»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er -nicht seine echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den -slawischen Gedanken an der Sprewja zu befestigen? Weil er -ein selbstsüchtiger Geizhals ist! So wurde ein Stümperwerk -geschaffen, das mich ins Verderben brachte.«</p> - -<p>»Krok hat gewollt – ich sage es noch einmal –, du selbst -solltest den Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone -auszugraben und nach einem sicheren Ort zu bringen, da sie -durch Juro bedroht sei. Hättest du das getan, <span id="corr229">wär</span> alles gut.«</p> - -<p>»Und – ich sag' es auch noch einmal – ich konnte es nicht! -Ich brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und -in unsere Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch – -doch der Vater gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof -zu begraben über dem Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, -das ist es, was mich wie ein Fluch verfolgt, das war es, was -mir schon am nächsten Tag den Sinn so verwirrte, daß ich den -Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt hatte. Das ist es,<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den Nächten -nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der -falschen Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein -sehr schlechter Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, -werde ich darüber verrückt!«</p> - -<p>Bohuslaw seufzte schwer auf.</p> - -<p>»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen -bin ich hier, bin ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde -das tun, wozu mir die Zigeunerin riet, ich werde mich an dem -alten Krok rächen, der mich vom geraden Pfade ehrlichen -Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem romantischem -Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich gehe -nach dem Wirtshaus zurück.«</p> - -<p>»Samo!«</p> - -<p>Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war -schon am frühen Morgen fortgegangen. Es war wieder -eine schreckliche Nacht gewesen. Erst spät war er nach Hause -gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er hatte wieder soviel -laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war, wenn er schrie:</p> - -<p>»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom -Kopf! Mutter, sie drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, -daß du die Krone auf dem Kopf hast!«</p> - -<p>Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und -streckte die Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte -er, bis er erwachte und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er -nur mit der Krone hatte! Er sprach niemals ein gutes Wort von -ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn die Krone nur erwähnt -wurde.</p> - -<p>Und doch, war er nicht ein Märtyrer der alten Krone? -Hatte er sie nicht verteidigt gegen Frevlerhände, mußte er nicht -Schmach und Verachtung für sie erdulden, war es nicht die -Krone, um derentwillen er Heimat und Ehre verlor?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p> - -<p>Um dieses Martyriums willen liebte Hanka ihren Mann, -hatte sie für seine Verirrungen nichts als liebendes Bedauern.</p> - -<p>Nun saß sie wieder einmal allein. Sie nähte an kleiner -Wäsche für das Kind, das sie erwartete. Sie freute sich auf -dieses Kind. Vielleicht würde Samo erlauben, daß ihre Eltern -zur Taufe kämen. Das würde doch ein Lichtblick sein in ihr so -dunkles, einsames Leben; vielleicht würde Samo gar ordentlicher -werden, mehr zu Haus bleiben, wenn erst das Kindchen da war. -Dann würde Hanka zufrieden sein.</p> - -<p>Da klopfte es an die Tür, und es stürzte ein alter Mann in -höchster Aufregung ins Zimmer.</p> - -<p>»Sind Sie – sind Sie Frau Halek?«</p> - -<p>»Ja, – was wollen Sie?«</p> - -<p>»Sind Sie die Frau Samos?«</p> - -<p>»Mein Mann heißt Wenzel Halek.«</p> - -<p>»Ja, gut, gut; aber ich weiß, wer er ist, woher er stammt. -Wo ist Ihr Mann?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht! Wer sind Sie? Was wollen Sie?«</p> - -<p>»Wo ist Ihr Mann?« schrie der Alte.</p> - -<p>»Ich weiß es nicht!«</p> - -<p>»Sie wissen es bestimmt! Sie wissen auch, wo die Krone -ist! Wo ist meine Krone? Meine kostbare Krone?«</p> - -<p>Der Alte brüllte es. Hanka sah ihn erschrocken und verängstigt -an. Sie glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. -Verzweiflungsvoll fuhr sich der Mann mit beiden Händen über -den kahlen Kopf.</p> - -<p>»Wenn Sie es nicht sagen, dann hole ich die Polizei! Dann -lasse ich alle einsperren – alle!«</p> - -<p>»Was wollen Sie eigentlich von meinem Mann?«</p> - -<p>»Die Krone hat er mir gestohlen. Aus dem Altar heraus -hat er sie mir gestohlen. Hat sich eingeschlichen, weil er meine -Wirtschafterin kennt!«</p> - -<p>»Was für eine Krone? Was redet Ihr immer von einer -Krone?«</p> - -<p>»Die Krone Przemisls. Die echte Krone! Das Heiligtum! -Die Krone, nach der Ihre wendische Krone gemacht worden ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span></p> - -<p>Noch immer sah ihn Hanka fassungslos an.</p> - -<p>»Die wendische Krone gemacht worden ist –?« wiederholte -sie verständnislos.</p> - -<p>»Nun ja, ich hab' doch meine echte böhmische Krone hergeliehen, -daß sich Samo eine Krone machen lassen konnte –«</p> - -<p>»Eine Krone machen lassen konnte – –? Wozu braucht -Samo jetzt eine Krone?«</p> - -<p>»Jetzt?! Frau, verstellen Sie sich nicht! Wer redet von -›Jetzt?‹ Damals – als er die Krone für den wendischen -Königshügel brauchte, – als er sich die Krone machen ließ –«</p> - -<p>»Für – für unseren – unseren Hügel?!«</p> - -<p>Hanka fragte es mit entsetzt starrenden Augen. Ein grausiges -Licht ging ihr auf.</p> - -<p>»Nun, natürlich für Ihren Hügel – Sie verstellen sich doch -bloß – Sie müssen doch das wissen als seine Frau. Und das -ist der Dank, daß er mir –«</p> - -<p>Er hielt inne. Die Frau vor ihm war ohnmächtig zusammengesunken.</p> - -<p>»Was ist das? Was ist mit ihr? – Aah – Sie erschrak -vor der Polizei! O hätt' ich doch – hätt' ich doch – meine -Krone –«</p> - -<p>Er begann die ganze Stube zu durchsuchen, öffnete den -Schrank, riß die Schübe auf, wühlte alles durcheinander. -Darüber kam Samo nach Haus.</p> - -<p>»Was geht hier vor? – Was macht der alte Halunke? – -Stiehlt er? – Ahnt' ich es doch!«</p> - -<p>Er schloß die Tür hinter sich ab.</p> - -<p>»Meine Krone will ich – meine Krone will ich – wo hast -du sie – du – du …« brüllte der Alte. Samo schob ihn -beiseite.</p> - -<p>»Hanka – was ist mit Hanka? Hat sie der Lump erschlagen?«</p> - -<p>»Sie ist von selbst umgefallen. Ich habe ihr nichts getan.«</p> - -<p>»Hast du es ihr gesagt, daß wir unsere Krone nach deiner …«</p> - -<p>Der Alte nickte. »Ich glaubte, sie wüßte es! Und es ist -alles egal – alles egal – meine Krone will ich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<p>»Oh, du – du – du Lump – auch das noch – auch das -noch!«</p> - -<p>Samo schüttelte den alten Mann, daß ihm der Atem ausging. -Dann raffte er Hanka auf und legte sie aufs Bett. Dabei -erwachte sie. Sie schaute entsetzt auf Samo:</p> - -<p>»Ist es wahr, was jener Mann dort …«</p> - -<p>»Ja,« stieß Samo heiser heraus, »es ist wahr! Nun sollst -du's schon wissen!«</p> - -<p>Da schloß Hanka die Augen und rührte sich nicht mehr.</p> - -<p>»Meine Krone will ich, meine heilige Krone will ich!« heulte -wieder der Alte.</p> - -<p>Samo stieß ihn auf einen Stuhl.</p> - -<p>»Deine heilige Krone habe ich verkauft!«</p> - -<p>Der Alte schrie auf.</p> - -<p>»Ich habe sie an einen Matrosen verkauft, der hier zu Besuch -war und jetzt über alle Berge ist.«</p> - -<p>»Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein,« -heulte Krok; »das gibt Gott nicht zu!«</p> - -<p>»Laß Gott aus dem Spiel, alter Lump! Deine Krone wird -in irgendeinem Hafenort verschachert oder eingeschmolzen -werden. Fünf Gulden habe ich dafür bekommen. Da hast du -das Geld!«</p> - -<p>Er warf es dem Alten vor die Füße. Der schnappte nach -Luft, brachte aber kein Wort mehr heraus.</p> - -<p>»Siehst du, alter Krok, das ist meine Rache! Eine viel zu -winzige Rache. Ich habe dir einen alten Silberscherben genommen, -der tot und leblos war; du hast mir die lebendige -Krone meines Volkes vom Haupte gerissen, du hast aus dem -künftigen Wendenkral einen versoffenen Vagabunden gemacht. -Wenn ich sage, wir sind quitt, bin ich großmütig. Ich zerstörte -dir eine Marotte, du zerstörtest mir das Leben.«</p> - -<p>Nun schlug der alte Krok einen andern Ton an:</p> - -<p>Mit gefalteten Händen stand er vor Samo:</p> - -<p>»Erbarme dich, Samo, erbarme dich! Sei großmütig, -wirklich großmütig! Gib mir die Krone wieder!«</p> - -<p>»Gib du mir meine Krone wieder, wenn du kannst!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p> - -<p>»Sieh es ein, Samo, ich habe es gut mit dir gemeint. -Denke an die schöne, feierliche Nacht, da du zuerst bei mir -warst.«</p> - -<p>»Ich verfluche diese Nacht; sie war der Anfang zu meinem -Verderben.«</p> - -<p>»Es mußte doch so sein, wenn das Slawentum bei euch -gerettet werden sollte – sieh es doch ein!«</p> - -<p>»Nein, es mußte nicht so sein!«</p> - -<p>»Ich habe es dir anders geraten …«</p> - -<p>»Ich weiß, was du mir geraten hast. Selbst sollte ich die -Krone ausgraben oder von dieser Frau dort, die damals noch -ein Mädchen war, mit einer versilberten Schaufel ausgraben -lassen und die Krone nach meiner Heimatkirche übertragen. – -Ich konnte es nicht; ich brachte diese elende Komödie nicht -fertig …«</p> - -<p>»Völker sind oft durch Komödien geleitet worden, Samo, -tausendmal sind Völker durch ein Spiel, das ihre Phantasie -ergötzte, zum Glück und zur Größe geführt worden. Wer -das nicht wagt, was kleine Leute Betrug nennen, kann nicht -der Führer eines Volkes sein; denn die Völker wollen und müssen -von Zeit zu Zeit betrogen werden. Es gibt keinen Staat der -Welt, wo so etwas nicht bewußt geschehen wäre.«</p> - -<p>»Das ist deine Sophistik!«</p> - -<p>»Du hast ihr zugestimmt. Und dann ist das Ganze an deiner -Schwäche gescheitert.«</p> - -<p>»An meiner Ehrlichkeit!«</p> - -<p>»Nenne es, wie du willst! Aber wenn du ehrlich bist, gib -mir die Krone wieder, die du aus meiner Kapelle geholt hast. -Ich bitte dich um Himmel und Erde willen, gib mir die Krone!«</p> - -<p>Hanka sprang vom Bett auf. Finster schaute sie auf Samo.</p> - -<p>»Gib ihm die Krone zurück! Sei wenigstens kein Dieb!« -sagte sie hart.</p> - -<p>»O gute Frau! O brave Frau Hanka!«</p> - -<p>Samo lachte laut und lange. Er wandte sich an Hanka:</p> - -<p>»Nun hast du mich also ganz erkannt, Hanka! Ein Prachtkerl, -nicht wahr? Und das, was ich bin, bin ich durch diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -Mann. Schau ihn an, den kahlen Affen! Er hat kein anderes -Ideal als alten Kram, in dem er sich wohlfühlt. Ich wußte, -daß ich ihn nicht ärger treffen konnte, als daß ich ihm seine -alte Krone nahm; deshalb nahm ich sie ihm, und deshalb bleibt -sie ihm genommen.«</p> - -<p>»Samo, erbarme dich …«</p> - -<p>Der Alte fiel vor ihm auf die Knie.</p> - -<p>Da nahm Samo seinen Hut und stürmte davon. Der Alte -lief ihm wimmernd und händeringend nach.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Der trübe Tag verging, eine sternenlose Nacht folgte ihm. -Und als auch sie vorüber war und das fahle Morgenlicht -durch die Straßen schlich wie ein zu früh gewecktes, müdes -Kind, das auf Arbeit ausgehen muß, da verließ Samo das -Wirtshaus, in dem er so lange gewesen war, und irrte erst -ziellos durch die Gassen und kam schließlich, von innerem -Drang geleitet, an das Haus des alten Krok.</p> - -<p>Was er dort wollte, wußte er nicht; er wollte sich wohl mit -dem alten Manne weiter streiten. Es tat ihm wohl, mit ihm -Händel zu haben. So klopfte er an die Tür.</p> - -<p>Nur wenige Minuten, und die alte Haushälterin kam und -erschrak so vor Samo, daß sie sich auf die Treppe setzen mußte. -Samo schloß die Tür von innen und ließ die Alte sitzen, nachdem -er ihr unter einer rauhen Drohung verboten hatte, Lärm -zu schlagen. Das Weiblein duckte sich zitternd und heulend -zusammen.</p> - -<p>Oben im Eckzimmer war Licht, auch der Nebenraum war -erleuchtet. Aber Krok war nicht zu sehen. Da ging Samo nach -der Kapelle.</p> - -<p>Sie war hell erleuchtet. Ungezählte Kerzen flammten.</p> - -<p>Der beraubte Tabernakel des Altars stand offen.</p> - -<p>Und auf den Stufen des Altars lag lang dahingestreckt der -alte Krok und war tot.</p> - -<p>Regungslos stand Samo, starrte mit stumpfem Sinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -in das Kerzengeflimmer und dann wieder auf den toten Greis. -Lange stand er so. Dann aber war es, als würden die Heiligen -und Helden an den Wänden lebendig.</p> - -<p>Wenzeslaus schwenkte seine Fahne, der große König Karl -stieg aus dem Bilde, Wallenstein zückte den Degen, Przemisl, -der König, dessen Krone geraubt worden war, sprang auf von -seinem Pflug.</p> - -<p>Da lief Samo davon, die Treppe hinab, hinaus auf die -Straße.</p> - -<p>Die kühle Morgenluft ernüchterte ihn. Er ging zwei oder -drei Straßen weiter, dann setzte er sich müde auf die Stufen, -die zu einer Kirchenpforte emporführten.</p> - -<p>Krok war tot. Weil er die Krone verloren hatte! Weil das -alte Heiligtum nun ein wüster Matrose irgendwo versetzte und -das Geld, das er dafür bekam, verliederte.</p> - -<p>Ei, alter Krok, dir ist es schlecht ergangen!</p> - -<p>Aber ich habe auch keine Krone. Ich bin auch tot.</p> - -<p>Tröste dich! Siehe, der dort auf der Straße dahertorkelt, -der war früher ein Priester. Siehst du, wie er stehen bleibt? -Siehst du, wie er ein paar Sekunden lang her auf die Kirche -sieht? Da hat er früher Hochamt gehalten, und an seinem -Altar brannten viele Lichter.</p> - -<p>Er hat auch eine Krone verloren.</p> - -<p>Viel, viel Menschen verlieren eine kostbare, alte Krone, -sinken von einem Thron in den Pfuhl.</p> - -<p>Tröste dich also, alter, toter Krok! Ich will jetzt nicht mehr -bös auf dich sein. Davon hast du schon etwas; denn ich bin doch -ein Königssohn. Weißt du noch, wie du mich vergöttert hast? -Wie du mir die Hand küßtest? Es ist dumm genug, daß alles -so kommen mußte!</p> - -<p>Als es heller wurde, ging Samo nach Hause.</p> - -<p>Nun kam noch ein ernstes Wort mit dem Weibe. Am Ende -war der auch Unrecht geschehen. Aber Unrecht muß geschehen, -Hanka, muß! Hast halt auch Unglück gehabt. Glaubtest, einen -künftigen König zu heiraten, und bekamst einen Lumpen …</p> - -<p>Die Stube war leer. – – –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p> - -<p>Auf dem Tische lag ein Zettel. In Hankas wenig geübten -Schriftzeichen stand darauf zu lesen:</p> - -<p>»Ich habe bei dir ausgehalten, weil ich glaubte, du seiest -im Recht. Jetzt gehe ich fort. Ich will unser Kind ordentlich -erziehen oder es doch zu guten Leuten bringen. Deiner mag sich -Gott erbarmen. Hanka.«</p> - -<p>Samo las den Zettel zweimal, dann nickte er mit dem -Kopf.</p> - -<p>»Es stimmt!«</p> - -<p>Ein paar Minuten starrte er stumpf vor sich hin. Dann -öffnete er die Kommode und durchsuchte sie. Dabei brummte er:</p> - -<p>»Es war doch – es war doch – ein Strick im Schube! -– – Wo ist er nur – ist er nur? Immer, wenn man was -braucht, findet man's nicht. Wo ist nur der Strick?«</p> - -<p>Beim Suchen fiel ihm eine Geldbörse in die Hand.</p> - -<p>»Das Geld hat sie dagelassen – hat sie dagelassen – o ja, -anständig war sie …«</p> - -<p>Er trat ans Fenster und stand dort regungslos wohl eine -Viertelstunde. Der junge Morgen leuchtete ihm ins Gesicht.</p> - -<p>Da steckte er die Börse und einige Papiere zu sich, verließ -das Zimmer, schloß es ab und trat wieder auf die Straße.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Es war an einem regnerischen Märzabend des Jahres 1866. -Eine Frau erschien an der Tür Juros, der in einer ansehnlichen -deutschen Stadt als Arzt lebte. Die Frau begehrte -den Herrn Doktor zu sprechen.</p> - -<p>Das Dienstmädchen öffnete eine Tür.</p> - -<p>»Sie wünschen?« fragte der Doktor.</p> - -<p>Die Frau rührte sich nicht. Sie blieb an der Tür stehen. -Da kam ihr Juro näher.</p> - -<p>»Womit kann ich Ihnen – – Hanka! Hanka! Hanka! -– Bist du es wirklich? – Komm – nimm meinen Arm! -Setze dich! Aber, Hanka, reg dich doch nicht so auf! Sei doch -ruhig! Wir wollen ja ganz ruhig sprechen. Rege dich nicht auf!<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -Wir kommen schon zum Ziel. Sei doch ruhig – fürchte dich -nicht!«</p> - -<p>»Ich komm – ich komm um Verzeihung bitten – ich …«</p> - -<p>»Was? Laß das, Hanka! Werde erst ruhig! Laß mich lieber -fragen. Du warst bei Samo, bei deinem Manne, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja – er – er hat – hat alle betrogen – er hat – hat -die Krone eingegraben – und sie war – war gefälscht!«</p> - -<p>Sie weinte leidenschaftlich. Juro faßte sie an beiden -Händen.</p> - -<p>»Liebes Kind, das weiß ich schon, das ist mir ja nichts -Neues – reg' dich doch darum nicht so auf! Das ist eine alte -Geschichte für mich, die nun endlich vergessen sein soll.«</p> - -<p>»Ich bin – bin bei ihm geblieben, bis ich das wußte. Aber -jetzt – jetzt konnte ich nicht mehr.«</p> - -<p>»Du bist fort von ihm?« sagte Juro düster. »Du hältst -es bei ihm nicht aus?« Weiteres mochte er nicht fragen.</p> - -<p>Hanka aber sagte unter einem Strom von Tränen:</p> - -<p>»Er ist – ist ganz liederlich geworden – er erträgt es nicht, -daß er so ausgestoßen ist – und ich – ich erwarte ein Kind – -und das Kind kann da nicht aufwachsen, nicht bei diesen -schrecklichen Menschen in Prag – nicht, wo ich jetzt alles -weiß …«</p> - -<p>Juro sah sie mitleidig an. Er streichelte ihr den Kopf, und -sie schwieg eine lange Weile, ehe sie sich fassen konnte. »Und -nun bin ich gekommen,« fuhr sie dann fort, »um Verzeihung -zu bitten – dich und deine Frau und deinen Schwager Heinrich -und unsern alten – alten Vater Hanzo.«</p> - -<p>Da stand Juro auf.</p> - -<p>»Nein,« rief er, »nein, Hanka, der Vater darf davon nichts -wissen, der darf nie, nie erfahren, daß die Krone gefälscht war.«</p> - -<p>»Er muß es doch erfahren!«</p> - -<p>»Nein, Hanka! Sieh, ich bin nicht mehr der alte. Wohl -erkenne ich jetzt noch meine Prinzipien als richtig, wohl glaube -ich jetzt noch, daß für unser Wendenvölklein allein im innigsten -Anschluß an die Deutschen das Heil liegt, aber ich weiß auch, -daß ich nicht unschuldig bin an allem, was geschehen ist. Ach,<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -Hanka, uns arme Menschen quält alle eine Schuld. Keiner von -uns ist weiß wie Schnee, keiner von uns ist schwarz wie die -Nacht.«</p> - -<p>Er sah ein Weilchen vor sich hin, dann fuhr er fort: »Mein -Jugendungestüm, oder sage ich ruhig, mein geistiger Hochmut, -hat mich verleitet, rücksichtslos mein Ziel zu verfolgen, hat -alles kluge Abwarten vereitelt. Daß ich den Hügel aufgrub, -war nicht recht! Die Schicksale der Völker gehen ihren Weg wie -die großen Ströme; es ist töricht, unsere paar Hände voll -Sand gegen sie zu werfen. Und es ist sündhaft, altes, gläubiges -Vertrauen ohne Not niederzureißen. Selbst Gottes Sonne -schmilzt ja altes Eis nicht an einem Tag.«</p> - -<p>Wieder machte er eine Pause, ehe er weitersprach:</p> - -<p>»Dem Vater muß sein Vertrauen zu der alten Krone -erhalten bleiben. Was nützt es, seinem sinkenden Tag das -Abendgold zu nehmen? Und so wie er ist sein wendisches Volk. -Dessen langer mühsamer Tag geht zur Neige. Es stehen noch -ein paar rote Träumerwolken an seinem Himmel; ich habe -erkannt, daß es unrecht ist, den Wenden dieses letzte Glück zu -nehmen.«</p> - -<p>Hanka hörte auf zu weinen, als er so redete. Nach einiger -Zeit beruhigte sie sich so weit, daß sie einen Bericht über die -zwei letzten Jahre ihres Lebens geben konnte. Sie stockte oft -und brachte die Worte nur mühsam heraus, und als sie der -letzten Tage gedachte, mußte sie alle Kraft zusammennehmen. -Als sie geendet hatte, sagte Juro:</p> - -<p>»Hanka, auch du darfst das Vertrauen nicht verlieren. Du -darfst nicht so in bitterem Groll an deinen Mann denken. -Schon um deines und seines Kindes willen darfst du es nicht. -Hanka, ich bin überzeugt, daß Samo, als er die Krone eingrub, -glaubte, er tue etwas, das unerläßlich sei, er begehe nichts -als eine Kriegslist, zu der ich ihn gezwungen hatte. Mit diesem -Gedanken ist er von dem alten Manne aus Prag zurückgekehrt. -Und, Hanka, was er gefehlt hat, hat er bitter büßen -müssen. Er ist ja so unglücklich geworden!«</p> - -<p>»Ich kann nicht zu ihm zurück; sein Leben ist schrecklich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p> - -<p>»Du sollst und du darfst auch jetzt nicht zu ihm. Vielleicht -findet er später noch eine friedliche Stätte.«</p> - -<p>Hanka schüttelte traurig den Kopf.</p> - -<p>»Er hat wirklich sehr an seiner Heimat gehangen; er findet -sich draußen nicht zurecht.«</p> - -<p>Juro grübelte. Er hatte längst Erkundigungen eingezogen, -ob denn keine Aussicht sei, daß durch des Königs Gnade die -Gefängnisstrafe, die Samo zu gewärtigen hatte, wenn er -zurückkehrte, in Festungshaft umgewandelt werden könnte. -Er hatte nichts Tröstliches erfahren. Daß Samo nach der Tat -geflohen war, und daß er sich nicht selbst gestellt hatte, daß er -unter einem falschen Namen sich so lange verborgen hatte, -machte die Sache aussichtslos.</p> - -<p>Armes Weib! So jung und so tief in der Verlassenheit. -Armes Kind, das zum Leben strebte und schon jetzt keinen -Vater mehr hatte!</p> - -<p>Juro suchte nach freundlichen Trostworten; er fand keine. -Es würgte ihn an der Kehle, er brachte nichts Ordentliches -heraus. Endlich sagte er:</p> - -<p>»Du mußt bei uns zu Gaste bleiben, Hanka!«</p> - -<p>Sie wehrte mit beiden Händen ab.</p> - -<p>Nein! Nein! Sie wollte bloß ihre Pflicht tun, Aufklärung -geben, Abbitte leisten und dann sehen, ob ihre Eltern sie aufnehmen -würden. Sie wolle bald wieder fort.</p> - -<p>Da ging Juro hinaus und holte seine Frau. Elisabeth eilte -herbei. Ach, diese kleine deutsche Frau lachte und weinte und -lachte wieder und war so offenbar glücklich, Hanka zu sehen, -daß sich das arme Weib ihren Zärtlichkeiten nicht entziehen -konnte.</p> - -<p>Juro schlich hinaus. Nach einem Weilchen kam er mit -einem Kindchen zurück.</p> - -<p>»Sieh, Hanka, das ist unser Kind. Es ist sechs Monate alt.«</p> - -<p>Da nahm Hanka das Kind auf ihre Arme, und das Gefühl -einer großen heiligen Versöhnung überkam sie. Schwere, -erlösende Tränen quollen aus ihren Augen, aber ihre Augen -glänzten durch diese Tränen. Eine süße Vorahnung eigenen<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Mutterglücks ward in ihr lebendig und tilgte das Herzeleid und -machte die Stunde schön und lieblich.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während die Frauen später an der Wiege des kleinen -Mädchens saßen und Elisabeth echte Töne des Trostes und der -Beruhigung für Hanka fand, saß Juro in seinem Arbeitszimmer -und schrieb einen ernsten Brief in wendischer Sprache.</p> - -<div class="letter"> -<p> -Lieber Vater! -</p> - -<p>Dein Sohn Juro klopft an Deine Tür und bittet Dich um -Verzeihung für all das, was Du Bitteres durch ihn erfahren -hast. Ich habe eingesehen, daß der Weg, auf dem ich meine -Prinzipien in Tat und Wahrheit umsetzen wollte, nicht der -richtige war, daß überall da, wo zwischen Menschen und Völkern -der Kampf geführt wird, der beglückende wahre Sieg fehlen -muß, wenn als Kampfmittel nur Klugheit und List, Energie und -sachliche Überlegenheit oder gar Gewalttat und Rücksichtslosigkeit -eingestellt werden, wenn die Liebe fehlt, die allein zu -versöhnen, zu überzeugen und zu gewinnen vermag. Ich habe -geirrt; es tut mir leid. Ich will nicht mehr dessen gedenken, -was auf der Gegenseite verschuldet wurde; ich will auch die -Schande, die mir widerfahren ist, als ich auf jenem Wagen -aus dem Dorfe gefahren wurde, hinnehmen als eine Strafe, die -der Vater dem Sohne aufzuerlegen für gerecht fand. Ich rede -nur von mir und bekenne mich in vielen Dingen für schuldig.</p> - -<p>Von dem Versöhnungsgedanken getrieben, ist heute Hanka -in meinem Hause eingekehrt. Sie sitzt, während ich diesen Brief -schreibe, mit meiner Frau an dem Bettchen unseres Töchterchens, -Deines ersten Enkelkindes. Hanka ist mit uns im Frieden. -Auch sie wird ein Kind bekommen in der nächsten Zeit. Sie hat -aber doch ihren Mann, unseren Samo, verlassen müssen, weil -sein Leben zu unsicher ist und Hanka in ihrer schweren Zeit nicht -bei ihm bleiben konnte. Sonst ist Samo gesund, und wir alle -hoffen, daß er noch einmal eine friedliche Stätte findet und daß -Hanka dann mit ihrem und seinem Kinde zu ihm zurückkehren -kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p> - -<p>Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, -verzichte ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die -Erbfolge an der wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten -des zu erwartenden Kindes meines Bruders Samo und seiner -Frau Hanka.</p> - -<p>Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken!</p> - -<p class="right"> -In Liebe: Dein Sohn Juro. -</p></div> - -<p>Drei Tage später stand der alte Hanzo unter der Tür seines -Sohnes Juro. Er hielt den Hut in der Hand und sagte: »Darf -ich zu euch herein? Ich möchte zu meinen Kindern.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Sommer 1866. Der Deutsche Krieg brach los. Die preußischen -Heere drängten durch die Pässe des schlesischen -Gebirges und zogen den Elbstrom hinab nach Böhmen. Auch -die Wenden zogen in den Kampf. Was diesseits der preußischen -Grenze war, für Preußen, was drüben in Sachsen wohnte, für -Österreich. Das Völkchen der Wenden in zwei Lager zerrissen. -Da standen sich oft Bruder und Bruder gegenüber. Der alte -»Kral« Hanzo litt schwer in diesen Tagen um sein kleines, -getrenntes Volk.</p> - -<p>Juro machte den Feldzug als preußischer Militärarzt mit. -Er war einem Regiment, in dem besonders viele Wenden waren, -als Hilfsarzt zugeteilt.</p> - -<p>Und wo er auf dem Schlachtfeld einen fand, der seine -Schmerzen in wendischen Lauten beklagte, da fragte er nicht: -»Sprichst du auch Deutsch?« Da kniete er bei ihm nieder und -erquickte ihn nicht nur mit ärztlicher Hilfe, sondern auch mit -dem süßen Trost der Muttersprache.</p> - -<p>Ganz gleichgültig ist es auf dem Felde der Leiden, auf -welcher Seite der verwundete Mann gefochten hat. Juro, der -auf der Sprachgrenze der Obersorben und Niedersorben aufgewachsen -war, erforschte mit feinem Ohr die Gegend, aus der -der Verwundete stammte, und sprach zu ihm in seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -heimischen Dialekt, und ehe es ans Sterben kam, betete er mit -dem Mann aus dem Oberlande: »<em class="antiqua">Wótcě naš, kiž sy w -njebjesach</em>« und mit dem Mann aus Niederland: »<em class="antiqua">Woschz -nas, kenž sy na niebju</em>«, und es hieß immer: »Vater unser, -der du bist im Himmel.« – Da trat mitten im großen Völkerschicksal -das eigene Schicksal wieder an Juro heran.</p> - -<p>Als der Krieg eben sein rasches Ende gefunden hatte, -schrieb ihm ein Freund und ärztlicher Kollege aus Königgrätz: -»In unserem Spital liegt dein Bruder Samo. Er ist bei -Sadowa im böhmischen Heer schwer verwundet worden. Er -nennt sich Wenzel Halek. Aber ich kenne ihn doch von früher. -Wenn du ihn noch sehen willst, eile – er ist verloren!«</p> - -<p>Nun, es ließ sich machen, daß Juro Urlaub bekam.</p> - -<p>Und die beiden Brüder sahen sich wieder …</p> - -<p>»Bruder Samo!«</p> - -<p>Samo wandte das Gesicht zur Seite.</p> - -<p>»Willst du mir nicht die Hand geben?«</p> - -<p>»Es ist keine Ehre, mir die Hand zu geben.«</p> - -<p>»Es ist eine Ehre! Du bist ein tapferer Krieger gewesen!«</p> - -<p>»Tapferer Krieger?«</p> - -<p>Samo lachte gequält, dann wandte er sich halb um: »Als -gemeiner Mann, als Wenzel Halek eingestellt! Ein lustiger -Krieg – nicht wahr? Deutsche gegen Deutsche! Es ist die alte -Katzbalgerei, die Mode ist bei dieser großen Nation!« Er -schwieg erschöpft. Juro war erschüttert. Nach so langer Zeit, -nach so vielen schweren Schicksalen sahen sich die Brüder wieder, -und sofort begann Samo seine alte Weise. Das Reden fiel ihm -schwer; aber er bezwang sich <span id="corr243">und</span> sprach mit dem alten Haß in -der Stimme:</p> - -<p>»Die alten deutschen Herzöge haben sich geprügelt, die -Grafen und Ritter haben sich geprügelt, die deutschen Kaiser -haben mit den deutschen Gegenkaisern gerauft, der Dreißigjährige -Krieg ist gewesen, dies große Schauspiel der Schande, -Maria Theresia hat mit dem preußischen Friedrich gerungen, -die katholischen deutschen Bayern haben die katholischen -Tiroler gemetzget, der Schlesier Blücher hat die sächsische Stadt<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -Leipzig genommen – alles – alles – alles Deutsche – und -jetzt wieder – wieder dasselbe – und das ist die Nation der -wir uns – uns unterwerfen sollen.«</p> - -<p>Kraftlos schloß er die Augen. In steigendem Fieber hatte -er geredet.</p> - -<p>Juro legte ihm die Hand auf die Stirn.</p> - -<p>»Samo – streng dich doch nicht an – du bist krank –«</p> - -<p>Samo schlug die Augen auf. Er lächelte verächtlich.</p> - -<p>»Krank? Ich bin morgen früh tot. Das weiß ich. Die -preußische Kugel ist mir – mir in den Unterleib – weißt du, -das ist das Gescheiteste – was – was die Preußen seit langem -gemacht haben, – daß mich – daß mich einer getroffen hat.«</p> - -<p>»O dieser unglückselige Krieg!«</p> - -<p>Samo schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile konnte -er wieder sprechen, die Schmerzen quälten ihn sehr.</p> - -<p>»Der Krieg ist gut – gut – gut – er spaltet die Deutschen -– und durch den Spalt – braust – braust frische Luft – -ins slawische Feuer!«</p> - -<p>Er blieb bis zum Tode derselbe. Draußen auf der Straße -marschierten preußische Krieger vorbei; die Kapelle spielte -»Heil dir im Siegerkranz!«</p> - -<p>»Hörst du sie –? Das ist die Trostmusik, die sie uns -spielen, uns Sterbenden! Aber laß sie schmettern! Besiegt ist -das Deutschtum, zersprungen in zwei Hälften; die Zeit der -Slawen ist näher als sonst. Dieser Krieg war gut. Die Deutschen -haben ihn geführt, die Slawen haben den Sieg davongetragen.«</p> - -<p>Juro mochte ihm in nichts mehr widersprechen. Er stand mit -gesenktem Kopf am Lager Samos und wartete, ob ihm denn -nicht ein Erinnern kommen würde an seine Heimat. Aber länger -als eine halbe Stunde sprach Samo mit vielen Pausen noch von -dem Niedergang des Deutschtums, dem Sieg der Slawen. -Endlich fragte er doch ganz schüchtern, ganz furchtsam:</p> - -<p>»Lebt der Vater noch?«</p> - -<p>Er fragte es mit abgewandtem Gesicht.</p> - -<p>»Er lebt und denkt an dich ohne Groll.«</p> - -<p>»Weiß er –?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p> - -<p>»Nein, er weiß es nicht«, unterbrach ihn Juro rasch. »Er -wird es nie erfahren. Der Glaube an sein Kraltum soll ihm -nicht genommen werden.«</p> - -<p>»Das sagst du? Da hast du dich geändert.«</p> - -<p>»Ich habe mich in mancherlei geändert – ja!«</p> - -<p>»Aber ein Deutscher bleibst du?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Samo seufzte tief, er sagte, ihn schmerze seine Wunde. Als -er ruhiger wurde, sagte Juro mit tiefbewegter Stimme:</p> - -<p>»Ich habe auf die Kralswürde verzichtet. Ein anderer wird -Kral sein – dein Sohn!«</p> - -<p>Samo starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er sagte -kein Wort.</p> - -<p>»Hanka hat im Mai einen Knaben geboren, Samo!«</p> - -<p>Noch immer sah ihn Samo starr an. Endlich sprach er leise:</p> - -<p>»War es ein Knabe? – – Ich fürchtete immer, es werde -ein Mädchen sein.«</p> - -<p>»Ein gesunder Knabe!«</p> - -<p>Da schloß Samo die Augen. Juro stand regungslos. Die -große Feierlichkeit, da ein scheidendes Leben erfuhr, daß ein -Kind, ein Teil seines Wesens, auf der Erde zurückbleiben würde, -durfte kein Wort stören. Die Hände Samos falteten sich auf -der Bettdecke. Gott allein wußte, wo die Gedanken waren. -Endlich tastete die Rechte nach Juros Hand. Ein leiser Druck. -Lange schwere Feindschaft war ausgelöscht. Die Lippen bewegten -sich. Juro beugte sich tief über den Bruder.</p> - -<p>»Wie heißt er?«</p> - -<p>»Er heißt Hanzo wie sein Großvater.«</p> - -<p>Samo nickte.</p> - -<p>»Es ist gut, daß er nicht heißt wie ich.«</p> - -<p>Noch einmal zuckten die Lippen.</p> - -<p>»Er soll gesegnet sein!«</p> - -<p>Dann rief er laut und ängstlich:</p> - -<p>»Mach das Fenster auf!«</p> - -<p>Juro öffnete das Fenster. Als er ans Lager zurückkehrte, -lag Samo im Todeskampf. – – –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p> - -<p>Als es überstanden war, drückte Juro dem toten Bruder -die Augen zu. Und er, der Deutsche, übte den wendischen -Totenbrauch; er hielt die kleine Wanduhr an und deckte über -den winzigen Spiegel, der auf dem Tisch lag, ein Taschentuch.</p> - -<p>Vor dem Fenster saß ein kleiner Vogel und sang.</p> - -<p>Zu dem sagte Juro mit tränenerstickter Stimme:</p> - -<p>»Der Herr ist gestorben!«</p> - -<p>Da flog der kleine Vogel davon.</p> - -<p>Vielleicht flog er nach der Heimat.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p class="ph2">Die Jahre gingen dahin, der Französische Krieg war -geschlagen, die Wenden hatten ihre alte Tapferkeit bewiesen -im Kampfe für das große Vaterland. Und es war -Friede geworden im deutschen Land, alter Hader beglichen, alte -Wunden vernarbt.</p> - -<p>Auch im Wendenland war Friede. Keinerlei Auflehnung -und Untreue des kleinen stillen Völkchens, keinerlei Bedrückung, -kein unfreundliches Wort von seiten der Deutschen. Noch -flatterten die großen Haubenbänder im Wind, noch schnurrten -in den Spinnstuben die Rädchen und die Mäulchen, noch ritten -die Osterreiter übers Feld, noch klangen die alten wendischen -Lieder. Und mit Liebe und Sorgfalt gingen gelehrte Gesellschaften -und Einzelpersonen daran, zu sammeln, zu hegen, daß -nichts Wertvolles, nichts Köstliches aus diesem Völkerleben -verlorengehe oder vergessen werde. Und diesen Leuten stehen -alle Deutschen nahe, die guten Willens sind.</p> - -<p>Stilles friedliches Einvernehmen! Die Schönheit des wendischen -Spreewalds wurde den Leuten im weiten Lande durch -Hunderte von Bildern kundgetan, und bald besannen sich die -klugen Berliner, daß ihre Spree, an deren »grünem Strand« -sie wohnen, ja doch irgendwoher kommen müsse, und kühn wie -die Sucher der Nilquellen drangen sie stromaufwärts, gerieten -in den Spreewald und staunten, daß da ein wundersames -Lagunenland war, märchenhaft wie das alte Venedig, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -hohen grünen Walddomen und Gondolieren, die auf leisen -Nachen den Fremden durch verträumte Wasserstraßen fahren.</p> - -<p>Auch ins noch stillere Oberland kam manch ein Maler, -mancher Künstler und Volksfreund.</p> - -<p>Und die deutsche Sprache kam mit ihnen. Aber die Wenden -suchten sie auch selbst auf den Märkten, in den Fabriken, in -den Studiersälen. Aufgezwungen darf sie nicht werden. Nationalität -ist Liebe, und Liebe kann nicht erzwungen werden!</p> - -<p>Friede war auch bei den Menschen, von denen dies Buch -erzählt hat.</p> - -<p>Hanka war die aufrechte, starke Herrscherin auf dem Hof -des alten Scholta Hanzo. Als sie von dem Tode ihres Mannes -erfahren hatte, legte sie weiße Trauerkleider an und trug sie -ein Jahr und einen Tag. Sie sprach nie von Samo, aber sie -wies alle Freier, die sich an sie drängten, herb und kurz ab. -Selten versah sich jemand von ihr eines übermäßig freundlichen -oder gar scherzenden Wortes; sie hielt strenge Zucht, und sogar -der alte Kito bekam öfters seinen Tadel. Aber sie war gerecht. -In ihrem ganzen Haus und Hof war nichts Unordentliches, -nichts Unsauberes. Die alte Wičaz mit ihrem Sohn hatte fortziehen -müssen. Der Scholta überließ Hanka mehr und mehr das -volle Regiment, und der Wohlstand mehrte sich von Jahr zu -Jahr.</p> - -<p>Über ihrem Söhnchen Hanzo wachte sie mit äußerer Kühle, -aber desto innigerer Herzenssorge. Einmal, als der Knirps -eben fünf Jahre alt geworden war, trat er vor seine Mutter, -hatte einen Papierhelm auf dem Kopfe und einen Holzstecken -als Schwert an der Seite und sagte: »Mutter, ich bin der -Kral!«</p> - -<p>Da erschrak Hanka so, daß sie erst kein Wort herausbrachte. -Dann berief sie den alten Kito und fuhr ihn hart an. Es stellte -sich heraus, daß Kito unschuldig war; die Knaben auf der Gasse -hatten dem kleinen Hanzo zugerufen, daß er der Kral sei.</p> - -<p>Da sagte Hanka kein Wort mehr über diese Sache, aber sie -gewöhnte ihren Sohn noch mehr als früher an Bescheidenheit -und friedfertiges Wesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p> - -<p>Zweimal im Jahre ließ sie die gute Kutsche anspannen und -fuhr zu Besuch auf den Hof des Herrn von Withold. Und der -alte Edelmann nannte sie »gnädige Frau« und küßte ihr die -Hand. Mit Elisabeth verband sie seit den Tagen von Breslau -eine stille Freundschaft. Von Juro hielt sie sich ferner. Sie -fragte ihn nie um Rat, auch nicht wegen der Erziehung ihres -Sohnes, dessen Pate er war. Desto größere Zärtlichkeit brachte -sie seinem Töchterchen entgegen, das das einzige Kind seiner -Ehe geblieben war. Juro lebte mit seiner Frau auf dem Gut -seines Schwiegervaters. Sein Schwager Heinrich hatte seinen -Willen, sich ganz der Musik zu widmen, durchgesetzt. Er war -Kapellmeister in einem kleinen Hoftheater geworden. Er hatte -eine Oper geschrieben, die allerdings durchgefallen war; aber -sein Leben war nicht ohne Glanz, denn sein Heros Richard -Wagner hatte ihn einmal auf die Schulter geklopft und »Mein -lieber, geschickter Freund!« zu ihm gesagt. Von solcher Hocherinnerung -ließ sich leben.</p> - -<p>Juros ärztliche Praxis war nicht bedeutend. Es gab immer -noch viele Wenden, die ihre Krankheiten besprechen ließen oder -sich mit Hausmitteln behalfen. Immerhin: nach geraumer Zeit -sickerte durch, daß der »<em class="antiqua">Pán doctor</em>« selten für seine Hilfe Geld -beanspruche, ja daß er bei armen Leuten eher etwas aus eigener -Tasche zulege. Und nun mehrten sich die Patienten. Juro sprach -mit den Leuten wendisch. Manchmal – wie von ungefähr – -sprach er deutsch. Und das war immer ein leises Examen. Endlich -kam eine Zeit, wo ihn die Leute fragten, was sie mit ihren -Kindern beginnen sollten, wenn sie aus der Schule entlassen -wurden. Dann gab er ihnen die Ratschläge, die seine Überzeugung -ihm vorschrieb. – –</p> - -<p>Eines hatte die Großbäuerin Hanka lange gequält. Ihr -Schwiegervater Hanzo hatte einmal in einer ernsten Stunde zu -ihr gesagt:</p> - -<p>»Hanka, ich muß dir etwas anvertrauen, was eigentlich nur -eine Sache für Männer ist. Aber seit Samo tot ist, stehst du an -seiner Stelle. Der kleine Hanzo ist ein Kind, mit dem ich über -solche Dinge nicht reden kann. Und Juro hat verzichtet und steht<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -abseits. So will ich dir sagen, wohin unsere alte Krone gekommen -ist, als sie aus dem heiligen Hügel gerissen wurde, damit -du es deinem Sohne anvertraust, wenn er groß ist und ich -nicht mehr bin. – Die alte Krone habe ich mit Samo in nächtlicher -Zeit unter unserer Kirchhoflinde begraben, dort, wo die -Mutter liegt und wo ich einmal liegen werde. Und die Krone -wird über unsern Häuptern sein, wenn wir da schlafen. Niemand -weiß das; die Kronenstätte ist dem wendischen Volke -fortan unbekannt. Nur der Kral darf sie wissen und sein Erbe. -Das ist dein Sohn. Und bis er es erfahren kann, sollst du es -wissen!«</p> - -<p>Nach dieser Aussprache war die Großbäuerin Hanka tagelang -bleich und vergrämt umhergegangen, so daß die Leute -unter sich flüsterten: »Die Frau ist krank!« Das war aber, weil -kein Schlaf mehr über ihre Augen kam. Denn in der Nacht, -wenn Hanka in halbwachem Traumschlummer lag, trat Samo -an ihr Bett, sah sie mit heißen, verängstigten Augen an und rief:</p> - -<p>»Die Mutter muß die Krone vom Kopfe nehmen!«</p> - -<p>Das war wie in den schrecklichen Tagen von Prag. Und -wenn der Morgen kam, grübelte Hanka, was sie tun solle. Ein -einziger Mensch war, den sie hätte um Rat fragen können, das -war Juro. Aber sie fragte ihn nicht. –</p> - -<p>Nach sieben bangen Tagen und sieben schweren Nächten -hatte es Hanka mit sich ausgemacht.</p> - -<p>Heimlich verließ sie zur Nachtzeit Haus und Hof. Gestählt -durch ihren bewußten Willen, ging sie zum hochgelegenen -Gottesacker. Alles, was an Furcht- und Spukgestalt seit der -Kindheit Tagen in ihrem Herzen lebte, war besiegt. Und sie ging -zu der Linde, unter deren Krone die Frau ruhte, mit der sie in -dies Dorf gezogen war. Sie stach mit ihrem Spaten vorsichtig -den Rasen ab. Sie grub. Das Herz bangte ihr, der Spaten werde -den Sarg jener Frau treffen, aber es geschah nicht. So arbeitete -Hanka zwischen Grabsteinen und alten Holzkreuzen im -Mondenlicht.</p> - -<p>Und sie fand zwischen den Wurzeln des Slawenbaums, der -Linde, die silberne Krone. Die putzte sie mit ihrer Schürze ab<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -und legte sie beiseite. Dann schloß sie die Grube, fügte den -Rasen auf seine Stelle.</p> - -<p>Eine kleine Weile stand sie an dem Grabe und sprach in -ihrem Herzen:</p> - -<p>»Ich wollte deine Ruhe nicht stören, gute Mutter, aber ich -mußte diese Krone holen, weil es dein Sohn Samo verlangt. -Nun sollt ihr beide in Gottes Frieden ruhen!« Die Krone trug -Hanka auf ihrer Brust unter dem großen Umschlagtuch davon.</p> - -<p>Und sie ging auf Seitenwegen hin zur Spree.</p> - -<p>Dahinein senkte sie die Krone.</p> - -<p>Leise und langsam floß das stille Wasser darüber. – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hanzo aber, der alte »Kral«, ging noch oft auf den Gottesacker -zum Grabe seiner Frau und träumte beim leisen Rauschen -der Linde von einer tiefen, stillen Ruhe da unten im Schmuck -einer strahlenden Krone.</p> - -<p>Und er war nicht getäuscht. Das wußte auch Hanka.</p> - -<p>Eine Krone würde über seinem Haupte sein, wenn er da -unten schlief:</p> - -<p>Die alte, unvergängliche Krone, in deren Glanz und ewigem -Schmuck alle die ruhen, die auf Erden die Wahrheit gesucht und -das Recht geliebt haben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<div class="footnotes"> -<h2><a id="FOOTNOTES">Fußnoten</a></h2> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Schulzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Rittermäßiger</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> König.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Alp.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Juro ist der wendische Name für Georg.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Großes weißes Tuch.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Ohrfeige.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Vorsängerin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Totenschmaus.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> ist viel herablassender, freundlicher.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Spree.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Slawischer Name für Bautzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Jetzt versaufen wir das Fell! (der Verstorbenen).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Böhmischen Krone.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Aus der russischen Zeitung »Golos«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Gott führt die Seinen wunderlich zusammen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Ohrfeige.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> -</p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">Jana stawa baba,</em> »Ein altes Weib,<br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Jaden stary kón</em> Ein altes Pferd<br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Nejstej togo carta wert.</em>« Sind beide nicht den Teufel wert.«<br /></span> -</div></div> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Nach dem böhmischen Volksgesang. »<em class="antiqua">Stoji hruška w širem -poli</em>«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Der Branntwein ist ein Umwerfer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Wasser macht hungrig (schwach).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Wendische Formel beim Zutrinken.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Kämmerchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Andere Hand – anderes Glück.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Elbe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Kälbchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Sau.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Du Plunderliese.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Wer mit der Katze gepflügt hat, weiß, wie sie zieht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> »Gedächtnistag des Meisters Johann Hus.« Der 6. Juli. -Hus wurde bekanntlich am 6. Juli 1369 geboren und am 6. Juli 1415 -zu Konstanz verbrannt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Er lebe!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Slawische Bezeichnung der Deutschen während der Zeit des -Frankfurter Parlamentes.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Fürst! Fürst!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> <em class="antiqua">Pán Krystus, neýmocnegssj pán, racz techto klenotuw -ostrzjhati sam, až do neyposlednegssho dne.</em></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Spinngesellschaft.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Kirmes.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Maske.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Branntwein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> -</p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Meine Mutter ist eine Witwe,<br /></span> -<span class="i0">Ich bin eine liederliche Kröte!<br /></span> -</div></div> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Sohn des Hauses.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Vater!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Wendischer Nationaltanz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Gemeindeversammlung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Gemeindeschöffen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Schlafgöttin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> »<em class="antiqua">Stoz 'ce so swjeci prolowac.</em>«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> »<em class="antiqua">Ceknena mać.</em>«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> »<em class="antiqua">Lóchko zmýslena!</em>«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Wänden!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Das Gotteskind (Christkind).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Nach dem Lied: »<em class="antiqua">Pšadla Marja kudželku.</em>«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Spatz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Rußabend.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Brautjungfer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Brautgeselle.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Schmutzige Hexe.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Beachten Sie<br /> -bitte die folgenden<br /> -Seiten! -</p> -<hr class="chap" /> - -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p class="center"><em class="antiqua">Von</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">PAUL KELLER</em></p> - -<p class="center"><em class="antiqua">erschien in gleicher Ausstattung</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Heimat</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">»Ein Roman aus den schlesischen Bergen, -ein sehr starkes Werk des Dichters, -der seine Menschen aus dem -Innern, aus dem Herzen zeichnet.«</p> - -<p class="center">Frankfurter Nachrichten</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">DIE GELBEN ULLSTEIN-BÜCHER</em> -</p> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">RUDOLF HANS BARTSCH</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Hannerl und ihre Liebhaber</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">Das Schicksal einer lustigen, kleinen Wienerin, -die im Glauben, über der Liebe zu stehen, an ihr -zugrunde geht.</p></div> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">ELISABETH RUSSELL</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Urlaub von der Ehe</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">Ein sonniger, humorvoller Ferienroman aus -einer oberitalienischen Villa, in der einige -Frauen und Mädchen glauben, den Männern -entfliehen zu können.</p></div> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">P. O. HÖCKER</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Die Sonne von St. Moritz</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">»Saison in St. Moritz, das mondäne Treiben -des Luxushotels, der sport- und klatschlüsternen -›Welt‹ geben den Rahmen dieser neuen Erzählung -Höckers. In dieser strahlenden Umgebung -erfüllt sich das Schicksal zweier Menschen, um -endlich, nach mancherlei Verwicklung, zu einem -versöhnlichen Ende zu führen.«</p> - -<p class="right"> -Nürnberger Zeitung -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">CARL ROESSLER</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Wellen des Eros</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">»Roeßler hat hier mit der Gabe außerordentlich -scharfer Charakterisierung ein Buch geschaffen, -wie es nur einer kann, der all' die Figuren bis -ins Innerste kennt.«</p> - -<p class="right"> -Neue Freie Presse -</p></div> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">PAUL FRANK</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Das Liebesschiff</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">Das Liebeserlebnis einer schönen, vielumworbenen -Frau, die sich bis zum geheimnisvollen -Verschwinden eines Mannes für keinen ihrer -zahlreichen Verehrer entscheiden kann.</p></div> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">HERMANN LINT</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Horizont der Liebe</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">»Am Horizont der Liebe geistert eine schöne -Frau, rätselhaft verschwunden, rätselhaft auftauchend -in neuer, verhängnisvoller Erscheinung.«</p> - -<p class="right"> -Hannoverscher Kurier -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p> -<p class="center p2"><em class="antiqua">LUDWIG THOMA</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Krawall</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">Eine Reihe köstlicher Burlesken von der kochenden -bayrischen Volksseele, von Richtern, Bauern und -Städtern, von Krach und Krawall vor Gericht.</p></div> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">P. G. WODEHOUSE</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Der schüchterne Junggeselle</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">Eine der amüsantesten Schöpfungen des großen -englischen Humoristen. Die Handlung spielt auf -dem Dachgarten eines New-Yorker Wolkenkratzers -und schildert »schreckliche Abenteuer«, -die ein sehr sympathischer, sehr blonder, sehr -junger, sehr schüchterner Mann mit bösen -Schwiegermüttern, eleganten Kartenlegerinnen -und lyrischen Polizisten zu bestehen hat.</p></div> - -<p class="center p2"><em class="antiqua">EDMUND SABOTT</em></p> - -<p class="h2"><em class="antiqua">Jan Fock, der Millionär</em> -</p> - -<div class="adv"> - -<p class="noind">»Diese lustige, leichtbeschwingte und amüsante -Diebskomödie läßt die Sympathien des Lesers -von Seite zu Seite wachsen.«</p> - -<p class="right"> -Hamburger Fremdenblatt -</p></div> - -<p class="center large"><em class="antiqua">JEDER BAND 1 MARK</em> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p> - -<p class="center">Gedruckt<br /> -im Ullsteinhaus<br /> -Berlin -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Die Darstellung der Ellipsen und der Gedankensprünge wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Sofern hier nicht aufgeführt, wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 28: daß → daß du<br /> -Ich verbitte mir, <a href="#corr028">daß du</a> mich hier</p> -<p> -S. 38: zuckte → zückte<br /> -das Messer nach ihm <a href="#corr038">zückte</a></p> -<p> -S. 44: Haaresbre te → Haaresbreite<br /> -nicht um <a href="#corr044">Haaresbreite</a> dem einen näher</p> -<p> -S. 57: ber → aber<br /> -alle Weise zu hindern, was ihm <a href="#corr057">aber</a> mißlang</p> -<p> -S. 67: gib → gibt<br /> -Es <a href="#corr067a">gibt</a> heuer recht viele</p> -<p> -S. 67: Geberde → Gebärde<br /> -Sie machte eine <a href="#corr067b">Gebärde</a> mit der Hand</p> -<p> -S. 74: übscher → hübscher<br /> -Aber er ist ein <a href="#corr074">hübscher</a> Mann</p> -<p> -S. 76: us → aus<br /> -der Buchdrucker <a href="#corr076">aus</a> Bautzen</p> -<p> -S. 79: bewunderswert → bewundernswert<br /> -ein Reich ist nur in einer Einheit <a href="#corr079a">bewundernswert</a></p> -<p> -S. 79: Baudissin → Budissin<br /> -ich bin im sächsischen <a href="#corr079b">Budissin</a> geblieben</p> -<p> -S. 82: chlesien → Schlesien<br /> -ebenso wie <a href="#corr082">Schlesien</a> geschichtlich und rechtlich</p> -<p> -S. 96: Wicaz → Wičaz<br /> -Sie war als die Sprichwörter-<a href="#corr096">Wičaz</a> bekannt</p> -<p> -S. 123: sie → Sie<br /> -ich danke, daß <a href="#corr123">Sie</a> mich</p> -<p> -S. 124: sie → Sie<br /> -Vergönnen <a href="#corr124">Sie</a> nun auch meinem lettischen Bruder</p> -<p> -S. 147: Strin → Stirn<br /> -machte er die <a href="#corr147">Stirn</a> runzelig und sagte</p> -<p> -S. 149 druzba → družba<br /> -Oberlande heißt man's <em class="antiqua"><a href="#corr149">družba</a></em></p> -<p> -S. 179: hat → Er hat<br /> -<a href="#corr179">Er hat</a> es mir geschrieben</p> -<p> -S. 180: der → oder<br /> -ob ich ein Glas Wein <a href="#corr180">oder</a> ein Glas Milch bringen darf</p> -<p> -S. 181: ber → aber<br /> -fremde Meinung bekämpfen, <a href="#corr181">aber</a> man dürfe</p> -<p> -S. 200: n → an<br /> -Denkt <a href="#corr200">an</a> jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden</p> -<p> -S. 201: wischen → zwischen<br /> -Wortgefecht <a href="#corr201">zwischen</a> Juro und Samo ausgewachsen</p> -<p> -S. 218: hiner → hinter<br /> -einen Steckbrief <a href="#corr218">hinter</a> mir erlassen</p> -<p> -S. 229: war → wär<br /> -Hättest du das getan, <a href="#corr229">wär</a> alles gut</p> -<p> -S. 243: nd → und<br /> -er bezwang sich <a href="#corr243">und</a> sprach</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die alte Krone, by Paul Keller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ALTE KRONE *** - -***** This file should be named 51722-h.htm or 51722-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/7/2/51722/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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