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-The Project Gutenberg EBook of Die alte Krone, by Paul Keller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Die alte Krone
- Ein Roman aus dem Spreewald
-
-Author: Paul Keller
-
-Release Date: April 10, 2016 [EBook #51722]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ALTE KRONE ***
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-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-Die gelben Ullstein-Bücher
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- Die alte Krone
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- Ein Roman aus dem Spreewald
-
- von
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- Paul Keller
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- [Illustration]
-
- Im Verlag Ullstein / Berlin
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- Umschlagbild: Die Filmschauspielerin Carmen Boni / Phot. Ufa
- Copyright 1909 by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau
- ~Printed in Germany~
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-Die Spree ist ein Heidekind. Ihre Jugend ist arm und ohne Wagemut,
-ihre Kraft gering und ihre Lustigkeit schüchtern. Frühzeitig -- als
-halberwachsen Ding -- muß sie in Dienst nach der anspruchsvollsten
-Stadt der Welt, nach Berlin, wo man ihr, einer jungen, billigen,
-schmucklosen Dienerin, auf die schwachen Schultern viel Last und Qual
-ladet.
-
-Aber auch sie hat eine grüne Heimat und eine grüne Jugend. Gar nicht
-fern von dem schreienden, lachenden, gellenden Berlin wohnt die große
-Stille in hohen Föhrenwäldern, ist eine andere Welt, wohnt ein anderes
-Volk, ist eine andere Zeit. Gar nicht fern von dem prangenden Reichtum
-der glänzenden Weltstadt ziehen arme Sandwege durchs Land, stehen
-hohe Farnkräuter an alten Ziehbrunnen; nur wenige Stunden von dem
-Mittelpunkt kaltherziger Weisheit, heißblütiger Genußsucht sieht das
-Volk auf den Blättern der Pflanze ~cerweny drest~ die Blutstropfen
-Christi glänzen, saugen die Kinder süßen Saft aus weißen Birkenstämmen,
-legen die Leute das Freundschaftskraut »~kokoski~« unters verwitterte
-Strohdach, um am grünenden oder welkenden Kräutlein zu erkennen, ob
-das ferne liebe Leben eines Freundes noch frisch und grün oder im Tode
-verblichen sei.
-
-Das ist das Land, wo ein kecker Hase, der ins Dorf kommt, den Leuten
-ein Feuer verkündet, wo man neun Sünden verziehen bekommt, wenn man
-eine Maulwurfsgrille tötet, wo der Mann sich eine krabbelnde Fledermaus
-unter die Mütze steckt, um im Spiele Glück zu haben, wo das Mädchen dem
-jungen Burschen, dessen Liebe sie gewinnen will, einen Apfel zu essen
-gibt, den sie eine ganze Nacht lang in der Schulterhöhle getragen hat.
-
-Das ist das Land Wendei. Keine rote oder blaue Grenzlinie kennzeichnet
-das Wendenland auf einem Kartenbild; jahrhundertelang war es ein
-Spielball der Brandenburger, Sachsen und Böhmen, und auch heut noch
-muß man von der sächsischen Stadt Bautzen die böhmische Grenze entlang
-durch die schmale schlesische Lausitz bis hin in den brandenburgischen
-Spreewald wandern, wenn man die Wendei kennenlernen will.
-
-Ein anderes Volk als in Berlin, der deutschesten aller deutschen
-Städte, die nur wenig Bahnstunden entfernt ist -- ureingesessene
-Slawen, die in grauer Vorzeit den ganzen Osten unseres Vaterlandes bis
-an die Ostsee beherrschten, dann zurückwichen Schritt um Schritt und
-die trotz jahrtausendelanger Abhängigkeit, in die sie alsbald gerieten,
-sich ihre trotzige Eigenart in Sprache und Sitte, in Kleidertracht,
-Häuserbau und Gemeindeanlage bewahrt haben. Jetzt aber ist Wendenland
-eine kleine, zerbröckelnde Slaweninsel im brausenden deutschen Meere,
-das an seiner Küste zehrt, seine geistigen Springfluten über das Land
-gießt und es bald bis zum letzten Brocken aufgezehrt haben wird.
-
-Sorben, oder -- wie sie die Deutschen nennen -- Wenden. Eines von
-den Völkern, die jahrtausendelang bestehen, ohne eine Geschichte zu
-haben, die alt werden, ohne je jung gewesen zu sein, Blutsverwandte der
-Tschechen und Schicksalsverwandte der südslawischen Stämme der Slowenen
-und Kroaten, die auf den mageren Ziegenweiden des felsigen Karstlandes
-ihre Jahrhunderte verträumten.
-
-Kein Hoheslied, kein Heldenbuch, keine steinerne Tafel mit
-unvergänglichen Gesetzen, keine Ruhmeshalle mit Ewigkeitsphysiognomien
-großer Menschen und großer Geschehnisse kennzeichnete den Weg, den
-diese Nationen durch die Geschichte schritten. Ihre Spur verlief im
-Sand. Die Weltgeschichte vermerkt ihre Namen nur in nebensächlichen
-Fußnoten. Einige Grenzplänkeleien mit dem großen Karl, dem schlauen
-Heinrich, dem Markgrafen Gero, den Meißener Bischöfen, den dänischen
-Herrschern, nicht viel mehr von eigener Geschichte.
-
-Eine recht dürftige Historie. Geschickte, fleißige Forscher und
-Sammler haben dagegen Mythen, Sagen, Märchen, Volkslieder, Schnurren,
-Eigentümlichkeiten in Sitte und Brauch getreulich niedergeschrieben,
-Dinge, die Zeugnis geben von dem Leben, das einst im wendischen
-Völkerwald war. Schmaler, Andree, Schulenburg, Veckenstedt, Tetzner
-und andere tüchtige Männer wurden unsere Lehrer über das Wendentum.
-Aber es sind nur Einzelheiten, Forschungsergebnisse, abgerissene
-Töne und Klänge, die sie einfangen. Ein ganzes Bild haben sie nicht
-zusammengestimmt; selbst die Sage vom König der Wenden liegt bei ihnen
-in Schutt und Trümmern.
-
-Die deutschen Dichter sind an diesem einsamen Heide- und Flußwald, an
-dieser geschichtlichen Trümmerburg vorbeigegangen. Die Wenden selbst
-waren immer stille Leute. Kein politischer Alarmruf ging von ihnen aus,
-kein kraftvoller Dichter erstand aus ihrer Mitte. Ein tausendjähriges
-Volk sind die Wenden, ohne Geschichte, ohne Literatur, ohne bildende
-Kunst, kleine Ansätze abgerechnet.
-
-Wenn mich, den Schlesier, das Heidegeheimnis meiner Heimat reizte,
-so lag das nahe. Ich bin mit ganzer Liebe an das Werk gegangen, habe
-nach den Trümmerbildern, die ich fand, die Sage vom Wendenkönig
-rekonstruiert und hoffe, daß mich das deutsche Herz nirgends, wo
-zwischen Nationalitäten abzuwägen war, zu einer Sünde ungerechter
-Parteilichkeit verführt hat.
-
-Kraft, geistige und körperliche Fruchtbarkeit, Entwicklungsfähigkeit,
-Wollen zur Höhe, Schätze und Kräfte sonder Zahl waren auch im Volke
-der Lausitzer Sorben. Die Kinder Gottes sind alle zur Herrschaft
-berufen. Aber den Wenden fehlten die Führer. Die Könige, die Führer,
-die Befreier kommen von selbst ihre lichte Straße daher oder sie kommen
-nicht, mag das Volk auch tausend Jahre am Boden knien und rufen: »Tauet
-Himmel den Gerechten!«
-
-Gegen versagte Gnade, die im Weltplan begründet ist, hilft kein Wollen,
-kein Beten, kein Toben. Der Führer kommt nicht, das Volk verträumt
-seine Zeit, es altert und vergeht, ohne daß es jung war. -- --
-
-Heutigen Tags hat der Donner der Lokomotiven, das Sausen der
-Automobile, die durch die Wendei rasen, die Lutchen und andere
-Zwerggeisterlein, die Mittagsfrau und die Kobolde vertrieben; der
-scharfe Wind geistiger Aufklärung, der schneidend über alles Land fegt,
-hat die blauen Traumlichter romantischen Glaubens in den Herzkammern
-der Wenden ausgelöscht; die Sucht nach Gold und Lust hat das
-Heidevölklein aus seinen stillen Wald- und Wiesenwinkeln herausgelockt
-ins breite allgemeine Gefild, in die große Stadt, wo die jungen
-Burschen ihre Kraft, die jungen Mütter die Milch ihrer Brust verkaufen;
-der moderne Fabrikbetrieb verlangt viele Kräfte; die malerischen
-Volkstrachten mit ihrer soliden Pracht haben vielfach schäbigem
-modischen Zeug aus billigen Bazaren Platz gemacht; die wendische
-Sprache hört mehr und mehr auf: bald wird die ganze Wendei nichts mehr
-sein als eine historische Reminiszenz.
-
-Aber in der Zeit, von der dies Buch erzählen will, in den Jahren 1860
-bis 66, da war es doch noch ganz anders. Damals begann die Zersetzung
-des Wendentums erst, die jetzt beinahe vollendet ist.
-
-
-
-
-Rot glüht der Wald über die Heide. In den Wellen der stillen Spree
-schwimmen die ersten gelben Weidenblätter wie lange, gelbe Schifflein.
-Eine kleine Flotte, mit der der junge Herbst spielt. Weiden den ganzen
-Fluß hinab, auch auf den Moorwiesen, die sich lang im Abendsonnenschein
-dehnen. Torf schläft in der schlammigen, quabbeligen Erde, saures
-Gras wächst darüber, und zahllose Wollblumen wiegen leicht die
-Perückenköpfe. Hoch und ragend aber steht der Föhrenwald. Das Auge
-blickt tief hinein; denn die Stämme sind schlank, die Föhre duldet kein
-Unterholz. Wie ein Heer von Kriegern stehen die Stämme und sind alle
-rot wie in blankes Kupfer gepanzert.
-
-Und erst die Kronen! Wie Burgen türmen sie sich in der Luft; das
-Abendsonnengold vermischt sich dem dunklen Grün, und die Burgen haben
-alle Wände und Dächer von grünroter Patina bedeckt.
-
-Alt, ehrwürdig, kostbar ist das alles.
-
-Kein Laut. Nur irgendein schwarzgefiederter Burgwart gibt manchmal den
-Brüdern ein Signal, die draußen auf der Wiese noch nach Beute suchen.
-
-Der erste Stern taucht auf.
-
-Da treibt der Gänsehirt seine schnatternde Herde heim.
-
-Das zweite Sternlein erglimmt.
-
-Ein alter Wende blinzelt hinauf, erkennt sein Zeichen und treibt zehn
-Schweinchen, die er aufs Feld geführt hatte, in den Stall.
-
-Das dritte Sternlein schimmert im Osten.
-
-Da singt der Schafhirt zur Heimkehr.
-
-Ein vierter Stern ersteht leuchtend am Himmel.
-
-»Geht ein, Rote, Schwarze, geht ein!« ruft der Kuhhüter und strebt nach
-dem Dorfe.
-
-Das fünfte Sternlein strahlt friedlich hernieder. Da hören die Kinder
-auf zu spielen, schließen sich den Herden an und helfen sie heimführen.
-
-Draußen, wo die stille Spree schläfrig zwischen den Weiden rinnt und
-wo die alte Landstraße weit hinausführt -- Gott weiß, wohin! --,
-wird es nun ganz still, und wie der Mond aufsteigt, findet er nichts
-Lebendes auf den weiten Wiesenplänen als ein paar Birken, die die
-weißen schlanken Leiber biegen und die herrlichen Lockenköpfe zu leisen
-Liedern zierlich bewegen. --
-
-Eine Wolke verhüllt das strahlende Himmelslicht, und dunkle Schatten
-legen sich auf das Gelände und auf die alte Landstraße, die weit
-hinausführt, Gott weiß, wohin.
-
-Da schleicht durch die Schatten der Waldbäume ein Gespenst. Es hat
-einen brennenden Leib, greift mit zuckenden Armen irr in der Luft
-herum, dehnt sich zur Höhe, kauert sich zu Boden, huscht zu den Birken,
-verbirgt sich hinter den Weiden, schaut ins Wasser, springt wieder
-über die Wiese und zittert plötzlich entsetzt empor, als ein zweites
-brennendes Gespenst ihm nahe kommt.
-
-Da gibt es eine wilde Jagd weit über den Moorgrund. Das erste Gespenst
-duckt sich zusammen, versteckt sich, wird aufgescheucht, jagt davon,
-schlägt Zacken wie ein gehetztes Wild, springt zwischen die Bäume, und
-das zweite setzt ihm nach, langt nach ihm mit gierigen, flackernden
-Händen. -- Horch! Ein Knarren kommt die Landstraße daher. Ein Wagen
-wird sichtbar. Darin sitzen Menschen. Ganz langsam geht das Pferd, fast
-unhörbar auf dem grasbewachsenen Wege. Der Kutscher hebt seine Peitsche
-und weist nach den brennenden Gespenstern.
-
-»~Ty newetko pormorski!~«
-
-»Fluche nicht, Lobo!« sagt die eine Frau, die im Wagen sitzt, leise und
-ängstlich. »Gott schütze uns! Es sind Jakub und Merten. Gott sei ihnen
-gnädig!«
-
-»Gott sei ihnen gnädig!« brummt auch der eingeschüchterte Knecht.
-
-Da recken sich die Gespenster, langen noch einmal mit brennenden Armen
-hinauf gen Himmel und verschwinden. Langsam schleicht das Fuhrwerk
-weiter. Nun, da es eine Wegbiegung erreicht, atmet die Frau auf und
-sagt zu der jüngeren Begleiterin, die neben ihr sitzt, im Flüsterton:
-»Es waren Jakub und Merten. Jakub hat seinen Vater Merten, der bei ihm
-im Auszug war, mit einem Strick erdrosselt, weil er ihm zu lange lebte,
-und dann hat ihn der Gewissensteufel geplagt, und da hat er sich mit
-demselben Strick erhängt. Jetzt irren die armen Seelen über dem Moor.
-Hast du gesehen, wie der Vater den Strick in der Hand hält und den Sohn
-damit treibt?«
-
-Das Mädchen schmiegt sich fröstelnd an die Alte.
-
-»Ich fürchte mich«, sagt es leise.
-
-»Es ist unsere böse Gegend hier, Hanka«, fährt die Ältere fort. »Um
-alles will ich hier nicht sein zur Abendzeit. Und wir wären längst
-daheim, wenn sich Lobo, der Liederlich, nicht betrunken hätte.«
-
-Der Kutscher hört die Anklage und brummt für sich. Langsam schleicht
-das Gefährt dahin. Wer will in verrufener Gegend den bösen Jäger wecken
-oder in rascher Fahrt dem Nachtfuhrmann begegnen? Ist nicht selbst der
-himmlische Fuhrmann, dessen Wagen am Firmament steht, auf zu rascher
-Fahrt an eine Mauer der Hölle angefahren, so daß die hintere Achse aus
-dem Quadrat wich und sich die Deichsel für alle Ewigkeit verbog?
-
-Langsam schleicht das Gefährt. Neue Wiesenflächen tauchen auf. Die
-alte Bäuerin sagt furchtsam, beklommen: »Hanka, erschrick nicht; aber
-ich muß es dir sagen: Hier ist noch eine böse Gegend; hier wohnt die
-Todesgöttin Smjertniza. Gott schütze uns!« ...
-
-In einem Nebelschloß wohnt die Todesgöttin Smjertniza. Sie ist immer
-in weißen Kleidern. Die Tür ihres Hauses ist zweifach verriegelt, mit
-einer Menschenhand und mit einem Menschenfuß. Aber ob sich auch die
-Menschen mit Hand und Fuß gegen die Tür ihres Schlosses stemmen -- wenn
-sie ihre Lichter entzündet, schiebt sie die Riegel zur Seite und geht
-über die Felder bis zu den Dörfern. Die Menschen sehen sie nicht. Die
-Tiere sehen sie. Aber der Mensch, dem sie begegnet und den sie meint,
-stirbt nach drei Tagen ...
-
-Drüben liegt die Wiese mit dem dunklen Waldrand.
-
-»Schau geradeaus, Hanka! Geradeaus! Schau nicht hinüber!«
-
-Lobo, der Kutscher, hält durch Zurufe die Pferde zu noch langsamerem
-Gange an. Wie unter angstvollem Zauberbann schleicht der Wagen dahin.
-
-Da schallt Hundegebell übers Feld. Die Frauen horchen erschreckt auf.
-
-»Es ist Tyra, unser Hund!« sagt Lobo. »Ich kenne ihn an der Stimme. Er
-hat sich losgerissen von der Kette.«
-
-Zwei Tiere jagen aus dem Busch am Wegrand, ein Reh, ein Hund dahinter.
-Sie springen dicht vor dem Gefährt auf die Straße. Die Pferde bäumen
-auf. Das Reh bleibt zitternd stehen. Der Hund steht, keucht. Die Pferde
-stehen. Die alte Frau schreit gellend auf:
-
-»Die Smjertniza, die Todesgöttin!«
-
-Drüben über der Wiese, weit drüben steht das Nebelschloß -- Lichter
-blitzen drin --, eine weiße Gestalt löst sich von dem Schlosse los --
-
-»Die Smjertniza! Die Tiere -- sehen -- sie --«
-
-»~Ty newetko pormorski!~« flucht da der Knecht, schlägt auf die Pferde
-wie rasend, die Pferde gehen durch, jagen die Straße entlang, springen
-über einen Graben querfeldein auf ein Dorf zu --
-
-Beim Eingang des Dorfes schlägt der Wagen um -- zerbirst an einem
-Prellstein -- die Insassen fliegen heraus -- Pferde reißen sich los,
-jagen davon --
-
-Schreiende Leute kommen gelaufen. Sie richten Lobo, den Knecht, und
-Hanka, das Mädchen, die wenig verletzt sind, auf und tragen die
-Bäuerin, die am Sterben ist, nach ihrem Gehöfte.
-
- * * * * *
-
-Wie ein Herrensitz ist das Gehöft des Scholta[1] Hanzo. Hoch ragt das
-schindelgedeckte Wohnhaus, das nach wendischer Art mit der schmalen
-Giebelseite der Dorfstraße zugekehrt ist. Die Dorfstraße ist ziemlich
-weit vom Hause entfernt. Eigener Zufuhrweg, Teich und Anger liegen
-zwischen ihr und dem Gehöft; das wendische Angerdorf ist breit und
-geräumig angelegt. Muster von Lindenblättern, mit Sternen durchwirkt,
-schmücken den Giebel des Hauses, ein Kreuz schaut ernst aus dem
-Blattgerank, und ein Spruch, der darunter steht:
-
- »Durch Gott und eigene Kraft
- Haben wir's geschafft«
-
-zeigt an: hier wohnen starke, selbstbewußte Menschen. Es ist eines
-der wenigen Bauernhäuser der Wenden, die groß, geräumig und von einem
-gewissen Luxus sind. Ein Mann hat es gebaut, der ein Withas[2] werden
-wollte, der aber doch ein Bauer blieb. Eine hohe Mauer, ein festes
-Tor schließen den Hof und den Vorgarten ab, der steinerne Stall, die
-hölzerne Scheune ragen darüber empor. Der Großgarten trennt das Gebäude
-vollends von jeder unmittelbaren Nachbarschaft.
-
-Es ist spät. Um diese Stunde wacht sonst im Gehöft kein Mensch mehr,
-es sei denn ein Wächter in unsicheren Zeiten, wenn Brandleger in der
-Gegend auftauchen.
-
-Heute aber sitzen unter dem zweiten Hauptgebäude, das dem Wohnhaus
-gegenüber liegt, in einem Laubengang zischelnde Leute, Knechte und
-Mägde des Großbauern. Sie hocken auf niederen Schemelchen oder kauern
-am Boden und schauen hinüber nach den erleuchteten Fenstern.
-
-»Ich hab' schwarze Holzklötzer in der Spree schwimmen sehen«, sagt ein
-Knecht.
-
-»Und ich hab' weiße Männer fahren sehen in einem Kahn«, sagt eine Magd.
-
-»Es meldet sich immer an«, sagt ein drittes.
-
-Dann Stille.
-
-»Erzähl' es noch einmal, wie es war, Lobo!«
-
-»Es war ganz einfach«, sagt einer. »Lobo war besoffen!«
-
-»~Hognity kjandros~« -- fährt Lobo auf den Sprecher los. Aber der wehrt
-ihn gemütlich ab.
-
-»Ich bin kee abgefaulter Baier, ich bin höchstens a abgefaulter
-Schläsinger.«
-
-»~Cerwiško!~ Aas!« fährt der Wende abermals auf und geht auf den
-Deutschen zu.
-
-»Ruhe! ~Tormy gótuju.~ Die Wolken türmen sich!« mahnt ein alter Wende.
-»Drüben liegt die sterbende Frau. Ruhe!«
-
-Ein Weilchen Stille.
-
-Dann: »Erzähl' es noch einmal, wie es war, Lobo!«
-
-Und Lobo erzählt von den Feuermännern, von dem Hund und dem Reh, von
-der Todesgöttin Smjertniza.
-
-»Ich dachte, es wär' Tyra, unser Hund. Es hat mich aber genarrt, es
-war nicht Tyra. Es war auch kein richtiges Reh. Es waren Tiere von der
-bösen Meute.«
-
-»Gott schütze uns!«
-
-Tiefe Stille. In den niederen Wendenstirnen arbeiten die Gedanken. Der
-Riesenarm des Ziehbrunnens streckt sich drohend zum Himmel.
-
-Da flattert eine Gestalt über den Hof. Eine Magd ist es, die aus dem
-Herrenhause kommt.
-
-»Wie geht es, Anna, wie geht es der Frau?«
-
-Die Magd macht eine klagende Gebärde. Dann sagt sie flüsternd:
-
-»Wir wollen die Probe machen.«
-
-Sie zeigt ein Stück Speck.
-
-»Du hast ihr die Fußsohle damit gerieben?«
-
-Die Magd nickt.
-
-Da stehen alle wie auf ein heimliches Kommando auf, gehen auf den
-Zehenspitzen und schleichen den Stall entlang bis zur Hundehütte.
-Tyra fährt knurrend aus dem Schlafe, beruhigt sich aber, als er die
-bekannten Gesichter sieht.
-
-Die Magd wirft ihm das Speckstück hin.
-
-»Zeig' es an, Tyra, zeig' es an! Friß!«
-
-Der Hund beschnuppert den Speck und läßt ihn liegen.
-
-Da geht ein leiser Schreckensruf durch die kleine Schar.
-
-»Er frißt ihn nicht! Die Frau muß sterben.«
-
-»Tyra ist krank!« wendet der deutsche Knecht ein. »Er frißt schon zwei
-Tage lang nichts.«
-
-Sie sehen ihn zornig an und schleichen nach dem Laubengang zurück.
-
-»Die Frau muß sterben!«
-
-»Sie ist erst fünfzig Jahre. Sie könnte noch viel arbeiten. Sie muß
-noch lange nicht in den Auszug. Was stirbt sie schon?«
-
-»Man sollte es ihren Söhnen nach Breslau schreiben.«
-
-»Sie haben vielleicht jetzt keine Ferien.«
-
-»~Ty bamlak!~ Braucht man Ferien, wenn die Mutter stirbt? Und
-überhaupt, richtige Studenten haben immer Ferien.«
-
-»Der Großbauer will morgen früh einen Brief an die Söhne schreiben.«
-
-»Ja, und indes vergehen die drei Tage, die ihr die Smjertniza noch
-läßt, und die Söhne kommen zu spät.«
-
-»Wie Gott will!«
-
-Der eine Knecht entkorkt eine Branntweinflasche, nimmt einen tiefen
-Schluck und reicht die Flasche weiter.
-
-»Wie Gott will!« sagt der letzte, als er getrunken hat.
-
-»Und nun müssen wir alle neue weiße Trauerkleider haben.«
-
-»Die kauft der Großbauer.«
-
-Als die Mägde von den neuen Kleidern hörten, mischte sich in ihren
-jungen Herzen mit der Trauer um die Frau ein heimliches Entzücken.
-
-»Grinst nicht so vergnügt, ihr eitlen Frauenzimmer«, fuhr der alte
-Knecht Kito sie an. Er war sonst der lustigste Patron trotz seines
-Alters; aber heute war er völlig gebrochen.
-
-»Erzähl' es noch einmal, Lobo, wie es war.«
-
-»Wir wissen es schon!«
-
-»Nein, wie es dort war, in dem Dorfe, von wo ihr kamet.«
-
-»Es war gut. Es gab viel zu essen. Drei Tage sind wir dort gewesen. Es
-gab reichlich zu essen; nur der Schnaps war etwas zu wässerig. Es war
-kein Rum darin.«
-
-»Und dann fuhr das fremde Mädchen mit?«
-
-»Sie ist eine Verwandte vom Großbauern, freilich, das Wasser von der
-siebenten Windel. Und sie heißt Hanka.«
-
-»Warum hat die Frau die Reise gemacht, zwei Tage mit dem Wagen hin,
-drei Tage dort, zwei Tage mit dem Wagen zurück? Mit der Eisenbahn fährt
-sie nicht. Eine ganze Woche war sie fort, jetzt in der Arbeitszeit.«
-
-»Sie kann tun, was sie will, sie ist die Frau. Und es sind Verwandte.
-Das fremde Mädchen bleibt jetzt hier.«
-
-»Ja, sie wird den Juro heiraten, den Erbsohn«, sagte eine junge Magd,
-»denn sie ist aus dem könig --«
-
-Eine Hand preßte sich dem Mädchen auf den Mund, und alle Wenden sahen
-auf den deutschen Knecht.
-
-Der stand auf und machte eine abweisende Handbewegung.
-
-»Tut nicht so albern! Ich weiß soviel wie ihr!«
-
-Er entfernte sich langsam und ging über den Hof.
-
-Die anderen fielen über die junge Magd her.
-
-»Wie kannst du, Worsla, du Plappermaul? -- Vom König spricht man nicht!
-Noch dazu, wenn ein Fremder dabei ist. Das ist das heilige Geheimnis!«
-
-Das hübsche junge Mädchen brach in Tränen aus.
-
-»Ich wußte es nicht. Ich glaubte, er gehört zu uns.«
-
-»Er ist ein guter Kerl,« sagte einer, »aber er ist ein Deutscher.«
-
-»Ein ~hognity kjandros~ ist er«, lallte Lobo, der bereits wieder
-betrunken war.
-
-»Sie ist verliebt in Wilhelm,« sagte giftig eine Magd; »sie hat ihm
-drei Haare vom Nacken und ein Stück Haut vom Knie in den Osterkuchen
-gebacken. Nun ist er in sie vernarrt.«
-
-»Es ist nicht wahr«, schluchzte Worsla, »es ist nicht wahr!«
-
-»Ruhe!« kommandierte der alte Kito. »Heute ist keine Zeit für
-Liebessachen!«
-
-Es entstand eine Pause. Man hörte nichts als gelegentlich den
-glucksenden Ton, wenn einer Branntwein trank.
-
-Da sprach der Alte:
-
-»Ich will nicht, daß die Frau stirbt. Sie ist noch jung und sie ist
-gut. Vor dreißig Jahren bin ich mit ihr auf den Hof gekommen. Ich will
-nicht, daß sie stirbt. Ich werde sie anräuchern. Noch ehe die Sonne
-aufgeht, werde ich auf den Kirchhof gehen und Gras abschneiden von
-einem Kindergrabe. Und ich werde dabei zählen: neun, acht, sieben,
-sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. So werde ich zählen. Und am Morgen
-werde ich das Gras anzünden und die Frau beräuchern. Das wird ihr
-helfen. Das wird ihr helfen, oder -- oder ...«
-
-Er machte eine Handbewegung. Starr blickte er vor sich hin und fuhr
-dann fort:
-
-»Ich bin alt. Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme, oder ob mich die
-Toten dort behalten. Zeit ist es längst. Es gibt auch Leute, die mir
-das Leben nicht mehr vergönnen. Wenn eines mit mir auf den Kirchhof
-gehen will, so soll er es sagen. Er darf aber auf dem Wege kein Wort
-sprechen.«
-
-Sie duckten sich alle zusammen, als ob plötzlich ein eisiger Wind sie
-gefaßt hätte.
-
-Nur die junge Magd Worsla sagte:
-
-»Vater Kito, ich gehe mit dir. Du bist sonst so lustig und immer gut.«
-
-Der Alte nickte und sah sie an.
-
-»Wenn sie -- wenn sie mich dort behalten, dann lege mir gleich zwei
-Steine auf die Augen.«
-
-Schritte klangen über den Hof. Wilhelm, der deutsche Knecht, kehrte
-zurück.
-
-»Will keiner einspannen und nach dem Doktor fahren?« fragte er.
-
-Sie wehrten alle ab. Der Arzt bringe den Tod. Der Bader sei bei der
-Frau, die Smjertniza sei auf dem Felde, der Doktor solle fortbleiben.
-
-Der Deutsche wurde wütend.
-
-»Gebt mir den Schlüssel zum Pferdestall!« rief er zornig.
-
-»~Hognity kjandros!~« fuhr Lobo auf.
-
-Da erhielt er eine Ohrfeige, daß er taumelte.
-
-Mit Mühe wurden die beiden auseinandergebracht. Aber vergebens
-versuchte der deutsche Knecht, den Schlüssel zum Pferdestall zu
-erlangen.
-
-»So werde ich nach der Stadt laufen.«
-
-»Das Hoftor ist zu. Den Schlüssel bekommt er nicht!«
-
-Wilhelm lächelte verächtlich. Aber er fuhr zusammen, als er leises
-Weinen hörte. Worsla, die junge Magd, hob die Hände zu ihm.
-
-»Geh nicht! Die Smjertniza geht um! Geh nicht! Es ist nicht nötig!
-Ich gehe mit Kito zum Friedhof. Wir holen heiliges Gras von einem
-Kindergrab. Da räuchern wir die Frau an, und sie wird gesund werden.«
-
-Sie streckte ihm, alle Scheu vergessend, beide Hände hin, er aber
-wehrte sie unwirsch ab und sagte:
-
-»Du bist auch so eine Gans!«
-
-Ging über den Hof und schwang sich über die Mauer.
-
-
-
-
-Die weiten Matten des Riesengebirges sind dort am breitesten und
-schönsten, wo der große Elbstrom seine Quellen hat. Runde dichte
-Knieholzgebüsche sind über den kurzen Rasen verstreut wie dunkelgrüne
-Kränze.
-
-Ein leichter milder Abendwind ging über die sich weit hindehnende
-Elbwiese und erquickte einige Wandersleute, die, vom Gipfel des Hohen
-Rades herkommend, sich am Boden lagerten.
-
-»Kolossale Fläche«, sagte ein stattlicher Fünfziger und ließ die
-fröhlichen, stahlgrauen Augen rundum schweifen.
-
-»Grandiose Fläche! Und das liegt nun alles hier oben viertausend Fuß
-hoch und hat keinen Zweck.«
-
-»Aber, Papa, das ist doch so schön!« entgegnete ihm seine schlanke
-Tochter; »sieh mal, wie sich diese weiten Wiesen hindehnen und eine so
-friedlich schöne Brücke sind zwischen den zwei großen Gebirgskämmen ...«
-
-»Jawohl«, unterbrach sie der Alte sarkastisch und mit imitiert
-flötender Stimme. »Diese epische, ruhige Breite, nur hin und wieder
-unterbrochen durch die Lyrismen winziger märchenhafter Knieholzwälder,
-deren Baumstämmchen nur so groß sind wie die Kinder und so verträumt
-sind wie die Kinder.«
-
-»Papa!«
-
-»Tja! Herrschaften, denken Sie nu ja nicht etwa, die Stelle von der
-epischen Wiese und von den lyrischen Kniehölzern is von mir. Keine
-Spur! Hier steht sie, die diese Stelle gedichtet hat -- meine Tochter
-Elisabeth von Withold. Es hört sich großartig an sowas. Man kann sich
-zwar nischt dabei denken, aber es klingt nach was!«
-
-»Papa, du hast ...«
-
-»Ich habe jar nischt. Dein Papa ›hat‹ nie! Nämlich spioniert! Er
-hat sich lediglich erlaubt, direkt auf dem Wege ein Notizblatt zu
-finden, das seine poetische Tochter verloren hatte und das er hiermit
-submissest zurückerstattet, weil er keine Verwendung dafür hat.«
-
-»Gnädiges Fräulein, die Stelle von der epischen Ruhe dieser großen
-hohen Wiesenflächen und ihrer lyrischen Unterbrechung durch die kleinen
-Büsche mit ihren bizarren Zwergstämmchen und den wunderlichen Kronen
-ist herrlich. Bitte, schenken Sie mir das Blatt!«
-
-Der das sprach, war ein junger, schlanker Mann. Der Alte lachte
-fröhlich.
-
-»Bravo, Herr Juro, bravo! Man hört Ihnen gleich an, daß Sie Ackerbau
-studieren und künftiger Scholta und Großbauer im Wendenland sind.
-Jawohl, das ist unsere moderne Landwirtschaft! Der Landwirt stellt
-sich an die Wiese und phantasiert von epischer Ruhe und lyrischer
-Unterbrechung, und die Ochsen zu Hause verhungern und die Wirtschaft
-geht sachte zum Deibel.«
-
-»Lieber Vater ...«
-
-»Lieber Sohn?! Sei du man stille! Denn du bist erst der rechte!«
-
-Heinrich von Withold, ein zweiter junger Mann, nickte seinem Vater
-gemütlich zu und pfiff eine kurze musikalische Sentenz.
-
-»Pfeif nur, Bürschel, pfeif nur! War wohl wieder von dem verrückten
-Kerl, von dem Wagner? Ich sage -- einmal und nicht wieder!«
-
-Niemand fragte, was er meine. Alle wußten, er meine, einmal habe er
-eine der neuen Wagnerschen Opern angehört und tue das nie wieder.
-
-»Auf keinen Fall!« fuhr Herr Withold zornig beteuernd fort. »Jetzt
--- was soll ich machen, daß der Junge, der Heinrich da, sich viel
-mehr mit musikalischen Faxen abgibt, als daß er Volkswirtschaft und
-Agrikultur studiert, wofür ich ihn, Himmeldonnerwetter, nach Breslau
-zur Universität geschickt habe?! Was soll ich machen?«
-
-»Ach, wir können die Kinder nach unserm Sinn nicht formen. So wie Gott
-sie uns gab, muß man sie halten und lieben,« entgegnete Heinrich, der
-Jüngling. »Siehst du, Papa, diese Verse sind auch dichterisch, zwar
-nicht von meiner Schwester Elisabeth, aber von Goethe, von Johann
-Wolfgang von Goethe.«
-
-»Affe!« sagte der Alte. (Er meinte seinen Sohn Heinrich, nicht
-Goethe.) »Affe!« wiederholte er, »ihr habt Glück, daß ihr so einen
-schafsgutmütigen Vater habt, sonst -- Donnerschlag ja ...! Ich amüsier'
-mich schon immer, wenn ich so 'ne Visitenkarte von einem Studenten
-sehe: ›~stud. med.~‹, ›~stud. jur.~‹, ›~stud. phil.~‹, ›~stud.
-agric.~‹ und was da alles draufsteht. -- Da sag ich mir immer, das
-erste ›~stud.~‹, das is das, was der Kerl im allgemeinen nicht macht,
-und das, was dahinter kommt, das is das, wovon er sich ganz besonders
-drückt. Herr Gott, dahier stehen zwei Studenten, ~cives academiae~, wie
-es so stolz heißt -- Herr Juro und Herr Heinrich, mein vielbegabter
-Herr Sohn; beide sollen in Breslau Agrikultur studieren, beide sollen
-ja einmal große Güter übernehmen. Gut! Kommen wir also hier an diese
-kolossalen Bergwiesen. Müßte man denken -- halt -- Studenten des
-Ackerbaues -- halt! -- was werden die machen? Werden sich gewiß
-hinstellen und sagen: Bis zu dem Gebüsch da soundsoviel Huben, bis zur
-Baude soundsoviel Huben und so weiter. Und dann: Verflixt ja, wenn ich
-diese Prachtwiesen unten im Gelände hätte -- das Kroppzeug von Knieholz
-rodete ich aus -- Klee? -- Ruchgras? -- Luzerne? -- Zum mindesten
-Buchweizen? -- Wollen mal sehen! -- Aber die Wiesen liegen nu mal hier
-oben. Viertausend Fuß hoch. Nichts zu machen mit Talbepflanzung. Aber
-mit Almenwirtschaft, zum Donnerwetter, mit rationeller Almenwirtschaft!
-Schande und schade um so herrliche Flur! Jawohl, so müßte man denken,
-würden zwei Studenten sagen, die Ackerbau studieren. Ach, du oller
-Döskopp! Einer spricht von epischer Breite und lyrischer Unterbrechung
-und einer pfeift 'ne Melodie, nach der nicht mal sein letzter
-Pferdeknecht tanzen mag.«
-
-»Herr von Withold, Sie haben ganz recht. Was mich angeht, so befinde
-ich mich sicher an ganz falschem Platze. Ich habe eben für die
-Landwirtschaft nicht das mindeste Talent.«
-
-»Na, Juro, so schlimm wird ja das nicht sein. Hauptsache, Sie geben
-sich Mühe. Seh'n Sie mal, das schöne Gut wartet doch auf Sie! Ein
-Rittergut können Sie aus der alten wendischen Scholtisei machen, wenn
-Sie's vernünftig anstellen. Ihr Großvater und Ihr Vater haben ja
-kolossal zugekauft. Wie groß ist denn Ihr Väterliches jetzt?«
-
-»Ich weiß es nicht«, sagte Juro achselzuckend.
-
-»Sie -- Sie wissen das nicht? Ja, erlauben Sie mal, das -- das ist arg!
-Studiert Ackerbau und weiß nicht mal, wie groß das väterliche Gut ist.
--- Das ist ja unglaublich! Als ich so alt war wie Sie, kannte ich auf
-unserem Gute sozusagen jedes Rind, jedes Schaf, jeden Hahn persönlich
-mit seiner ganzen Lebens- und Familiengeschichte. Und Sie wissen nicht
-mal -- ja, dann ist's allerdings am besten, Sie hängen die Geschichte
-an den Nagel.«
-
-»Ich möchte wohl, wenn ich es könnte.«
-
-»Aber Mensch, Christ, Bürger, Sie haben doch Traditionen zu erfüllen!
-Sie können doch nicht mir nichts dir nichts eine so wunderbare Sache
-fahren lassen. Donnerwetter, bei Ihnen ist ja von Bauernwirtschaft gar
-keine Rede mehr, das ist doch ein großes Gut! Ja, Mensch, wollten Sie
-denn lieber ein ärmlicher Stubenhocker sein, als über eigenen Grund und
-Boden schreiten als freier Mann, dem niemand auch nur ein Wörtlein zu
-sagen hat, der lebt wie ein König?«
-
-»Wie ein König der Wenden!«
-
-»Red' mir nicht hinein, Heinrich! König der Wenden, das gibt's nich!
-Das is eine von den vielen alten Sagen, die die Wenden haben. Unsere
-Wenden sind gute Preußen, haben ihren König in Berlin, wie andere
-Preußen, ihren Bramborski Kral. Aber ein König in seiner Art ist jeder
-freie Landwirt, und nur er, alle anderen bis zum Minister und General
-hinauf sind abhängige Diener.«
-
-Er nahm einen Schluck aus der Reiseflasche und fuhr fort: »Und Heimat
--- ist Heimat gar nichts mehr? Irgendein Tand, den man leichten Herzens
-aufgibt? Sehen Sie, Juro, Ihre Wendenheimat ist schön! Nicht lauter
-Kernboden -- nein, viel Sand und auch Moor dazwischen. Aber doch gutes,
-treues Land, auf das man sich immer noch verlassen kann. Ja, und ich --
-ich bin ja eigentlich ein Fremder dort zu Lande. Na, schütteln Sie nich
-den Kopp! Ich bin ein deutscher Rittermäßiger, der sich im Wendenland
-sein Gut gekauft hat. Ja, ich kann mich nicht beschweren, die Wenden
-sind gute Leute. Saufen ja 'n bissel -- das tun wir auch -- sind auch
-sonst nicht gerade große Säulenheilige -- das sind wir auch nicht --,
-aber sind fleißige Arbeiter und ehrliche Leute. Juro, ich bin ein
-Deutscher, aber ich möcht aus dem Wendenland nicht raus; es is mir zur
-Heimat geworden, wenn ich mir auch jetzt noch mit jedem wendischen Wort
-die Zunge verrenke. Und Sie -- Sie sind doch ein geborener Wende!«
-
-Juro ließ den Kopf sinken und zupfte mit den Fingern an dem kurzen
-Grase. Der Wind spielte leicht mit seinen schlichten blonden Haaren,
-und eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen. So sprach er:
-
-»Ach, Herr von Withold, Sie wissen nicht, woran Sie da rühren. Das sind
-ja die Kämpfe, die ich seit vielen Jahren führe mit meiner Mutter, mit
-meinem Vater, mit mir selbst, auch mit meinem Bruder Samo. Daß ich für
-die Landwirtschaft kein Talent und kein Interesse habe, ist ja von
-meiner Nationalität ganz unabhängig und hat damit gar nichts zu tun.
-Ich studiere ja auch in der Hauptsache Medizin und höre nur nebenbei
-einige landwirtschaftliche Vorlesungen. Was mich grämt, ist aber, daß
-sie mich zu Hause alle als einen Abtrünnigen ansehen, als einen, der
-sein Wendentum verrät und ein Deutscher wurde.«
-
-Der junge Mann stand auf. Eine große Erregung überkam ihn.
-
-»Ich will's ja nicht leugnen, ich bin ein Deutscher in meinem Herzen.
-Aber ich wehre mich dagegen, daß ich das Wendentum verraten haben
-soll. Was sind die Wenden noch? Ein winziges Häuflein, eingesprengt
-ins große deutsche Volk. Und wie ist ihnen zu helfen? Dadurch, daß
-sie sich feindselig und eigensinnig absperren? Dann müssen sie
-verhungern, vor allen Dingen auch geistig verhungern. Wir haben keine
-große Nationalliteratur, keine nationale Kunst, keine nationale
-Wissenschaft, keine großen nationalen Schulen, nicht einmal nationale
-Geschäftsbetriebe. Auf unseren Walddörfern sitzen wir in Armut, und
-wenn einer hinauskommt und nichts kann als seine wendische Sprache,
-die niemand versteht, dann wird er ein Helot, und das ganze Volk wird
-ein Helotenvolk werden. Das will ich nicht, dagegen wehr' ich mich,
-eben weil ich die Meinigen liebe, und darum müssen wir, die selbst zu
-schwach sind, uns an ein stärkeres und reicheres Volk anschließen,
-müssen wir eine Sprache haben, die ins weite Land klingt und auf vielen
-Märkten und in vielen Hörsälen verstanden wird.«
-
-Er hielt inne und blickte hinunter ins tiefe Elbtal, das den
-preußischen und den böhmischen Kamm des Riesengebirges trennt. Steil
-fallen die Felsenwände des böhmischen Krokonosch hinab zum Fluß. Juros
-Blicke schweiften hinüber zum böhmischen Land. Und er sprach das, was
-in seinem jungen Grüblerherzen sich in vielen einsamen Stunden gebildet
-und immer wiederholt hatte, was er wie sein eigenes Evangelium konnte:
-
-»Anschluß an ein glücklicheres Volk, als wir sind, denen das Schicksal
-durch alle Jahrhunderte die Größe und Selbstherrlichkeit versagt hat!
-Kapitulation in Ehren! Aussöhnung mit gegebenen Notwendigkeiten,
-Aussöhnung, die uns nicht schändet, die uns vorwärts führt.
-Heimatsuchen in weitem Gefild, Heimatsuchen, das meinen stillen,
-gutmütigen Brüdern und Schwestern nicht schwerfallen wird ... Aber
-nicht dort drüben, nicht bei den Tschechen, die unsere Vettern heißen,
-die viel glücklicher waren als wir, in viel reicherem Lande wohnen und
-die doch trotz aller Großmannssucht den Weg zu einer hohen Staffel
-der Menschheit nicht fanden. Wir wollen Deutsche sein, im Deutschtum
-vorwärtskommen und ehrlich mithelfen, das, was uns am Deutschtum nicht
-gefallen kann, zu ändern und zu bessern.«
-
-Der alte Withold reichte Juro gerührt die Hand, und der Mund des
-jungen, leidenschaftlich erregten Wenden zuckte.
-
- * * * * *
-
-Im Silberlicht des Mondes spielte die junge Elbe auf der Bergwiese. Und
-sie plauderte harmlos wie alle Bächlein, die mit Gräsern spielen und
-mit lachendem Glick-Glack und Hopp-Schlock über wichtigtuende Hölzchen
-wegsetzen, die sich ihnen neckend in den Weg legen. Das spielende
-Königskind, das zu Großem berufen ist, zur Beherrscherin weiter Lande
-und mächtiger Städte, tändelt hier in seiner Jugendheimat, lacht, tanzt
-und plaudert wie ein armes Wiesenwässerchen, das im nächsten Dorfteich
-mündet.
-
-Aber eine ungestörte Jugend haben Königskinder nicht. Alte Leute,
-die von ihrer großen Mission wissen, nehmen sie von Zeit zu Zeit vom
-Spielplatz weg, bekleiden sie mit Größe und Würde, mit Brokatgewändern
-und goldenen Kronen, trichtern ihnen ein trutzig und altklug Sprüchlein
-ein und stellen sie so dem Volk zur Schau.
-
-»Seht da, das Königskind! Seht die Würde und Größe, die in ihm ruht!«
-
-Also geschieht es auch mit der jungen Elbe. Ihre Wässerchen werden in
-einem großen Wasserbehälter aufgefangen, der dicht an einem felsigen
-Abgrund liegt, und wenn der ganze Behälter voll ist und wenn genug Volk
-da ist, das geneigt ist, seinen Tribut zu entrichten, dann zieht der
-Wärter, der Gouverneur des jungen Königskindes, eine Schleuse, und das
-Kind, das eben noch silbern lachte, spricht plötzlich mit donnernden
-Herrscherworten, entrollt seinen tausendfaltigen Demantmantel, steigt
-mit Riesenschritten hinab ins Tal.
-
-Freilich, es ist nur ein höfisches Theater, es ist nur, um dem Volk
-ein Schaustück zu stellen. Kaum ist das Königskind im Tal angelangt,
-so zieht es den wallenden Demantmantel wieder aus, hört auf, seinen
-eingelernten Donnerspruch zu sagen, und spielt tändelnd wieder wie
-andere Kinder. -- --
-
-Einsam lag die Gebirgsbaude an der Felsschlucht, wo der alte Wärter am
-Wasserbassin lehnte und wartete, ob er um ein Stücklein Trinkgeld den
-»Elbfall« noch einmal »ziehen« können würde. In der Baude saßen Gäste,
-lachten beim böhmischen Wein. Ein Fiedler spielte, sein Weib schlug die
-Gitarre. Sie sangen »Gott erhalte Franz den Kaiser« und »Heil dir im
-Siegerkranz«.
-
-Die drei Künstlermenschen, das Geschwisterpaar Withold und der junge
-Wende Juro, wanderten draußen durch den lichten Abend, sahen den
-Himmelskuß des Sternenlichtes auf den Stirnen der Berge, sahen das
-tiefe dunkle Elbtal hinab einen weißen Nebelschwaden fahren, der
-war wie ein silberner Kahn auf dunklem Strom. Als die drei zu einem
-schmalen, steinigen Fußsteig kamen, der in die Elbschlucht führt, sagte
-Heinrich zu Juro und Elisabeth:
-
-»Steigt ein Stücklein da hinab. Ich gehe hinüber zum Wärter, er muß
-den Fall noch einmal ablassen. Das wird schön aussehen jetzt im
-Mondenschein.«
-
-Da standen Juro und Elisabeth erst zögernd still, dann gingen sie
-beklommen den dunklen, schmalen Felsenweg hinab. Sie waren jung. Sie
-waren Träumer. Sie liebten sich, und ihre Seelen waren unverdorben. Da
-war die herzschlagende Scheu in ihnen, die bange Furcht und doch auch
-die schmerzliche Sehnsucht: jetzt in dieser lichten Abendstunde möge
-die Zeit gekommen sein, wo das goldene Tor zum Allerheiligsten ihrer
-Seele aufspringen und sich das Wunder offenbaren würde, das wohlgehütet
-da wohnte -- ihre Liebe.
-
-Langsam stiegen sie den holprigen Pfad hinab, und wenn der Mann dem
-Mädchen die Hand reichte, dann glühten die Hände ineinander wie im
-Fieberfeuer, oder sie trafen sich kalt wie in Schreck und Angst.
-
-Als sie endlich stehenblieben, war ein Baumstamm zwischen ihnen, aber
-sie fühlten ihre Nähe, und es war, als ob tausend weiche Wunderfäden
-sich um sie und den Stamm rankten und sie in weltferne Wonnen
-einspännen. Ein Nachtvogel huschte vor ihnen auf; sonst war alles in
-tiefer, feierlicher Ruhe.
-
-Da kam ein Plätschern, ein Rauschen, dann ein Brausen, und donnernd
-fiel eine Silberflut vor ihren Augen durch die Nacht, und eine
-Siegeshymne dröhnte an ihr Ohr. Eine Fülle von Schönheit, Größe, Kraft
-ward vor ihnen aufgetan, ein Siegesjubel, ein jauchzender Glaube an
-Glück und Freude durchschütterte sie ...
-
-Der Strom überdröhnte den Schlag ihrer Herzen, und sie lagen sich in
-den Armen zum ersten langen heißen Kuß.
-
-Sie sprachen kein Wort. Den ganzen großen jubelnden Inhalt ihrer Herzen
-sang der silberne Fluß in gewaltiger Melodie.
-
-Erst als der Strom versiegte, als ein dünnes Rinnlein einen leisen
-Epilog zu dem großen Schauspiel sprach, da erwachten sie zur
-Menschensprache und gaben sich in stammelnden Fragen und wirren
-Antworten, mit leisem Seufzen und glückseligem Lachen Kunde von ihrer
-Liebe.
-
-»Ich gehöre dir für immer und ewig!«
-
-Diese Worte sprach Juro fest und mit feierlichem Ernst. Es war ein
-Gelöbnis, das aus der Gegenwart herauswuchs und an keine Kämpfe der
-Zukunft dachte.
-
-Der Wendensohn und das deutsche Mädchen hatten sich verlobt. -- -- --
-
-Heinrich kam, merkte sogleich, was geschehen sei, drückte dem Freund
-und seiner Schwester die Hand und übernahm es, oben auf dem Wiesenplan
-die Verwirrung der beiden jungen Leute durch seine Munterkeit zu
-verbergen.
-
-Die Eltern und alle anderen Gäste waren aus der Baude gekommen, und nun
-wurde im Freien eine große Polonaise geschritten, zu der der Böhme und
-sein gitarreschlagendes Weib gar lieblich musizierten.
-
- * * * * *
-
-Ein später Wanderer kam vom Hohen Rad herüber. Er war schon weit
-gegangen, hatte in vielen Bauden Einkehr gehalten und überall
-dieselbe Frage getan. Nun wies ihn die Spur, der er folgte, nach der
-Elbfallbaude, die da endlich vor ihm lag. Er hörte Musik, sah tanzende
-Gestalten, hörte ein deutsches Lied singen und blieb stehen. Den Hut
-hielt er in der Hand, der Mond bestrahlte seinen Kopf.
-
-Schlichtes, schwarzes Haar, in die Stirn gekämmt, etwa wie es die
-Russen tragen, breite Wangen, zwei kleine dunkle, bewegliche Augen. Die
-Figur klein, aber kräftig, ein wenig krummrückig, so daß der Hals kurz,
-gedrückt erschien. Er war jung, ohne recht jung auszusehen, über dem
-scharf und energisch geschnittenen Mund war kein Barthaar zu sehen.
-
-Wieder tönte das Lied herüber. Da kniffen sich die kleinen Augen
-zusammen, und der Fremde sprach in fremder Sprache:
-
-»Tolle Deutsche auf slawischem Boden!«
-
-Im Weitergehen summte auch er ein Lied:
-
-»~Kde domov muj?~«
-
-Es war das tschechische Heimatlied: »Wo steht mein Vaterhaus?«
-
-So kam er an die Baude heran. Mit finsterem Blick schaute er dem
-fröhlichen Tanze zu, blickte er besonders auf Juro, der mit Elisabeth
-tanzte und die Ankunft des Fremden gar nicht bemerkte.
-
-Da faßte ihn dieser am Arm, hielt das Paar an.
-
-»Hör auf zu tanzen!«
-
-Er sagte es in der fremden Sprache.
-
-Juro wandte sich ihm bestürzt zu.
-
-»Was -- was ist? -- Samo -- du? -- Du -- Samo? -- Ja -- was -- was
-willst du denn?«
-
-»Daß du aufhörst zu tanzen!«
-
-»Was fällt dir ein? -- Wo kommst du her? -- Kennst du denn Fräulein
-von Withold nicht, die Tochter von Herrn von Withold aus unserem
-Nachbardorf?«
-
-Der Fremde machte Elisabeth eine leichte, mürrische Verneigung.
-
-»Ich habe mit meinem Bruder zu reden«, sagte er kurz.
-
-»Samo, ich verbitte mir diesen Ton! Ich verbitte mir, daß du mich
-hier mitten im harmlosen Tanz überfällst.«
-
-»So tanze weiter! Indes liegt unsere Mutter daheim im Sterben!«
-
-»Du bist -- du bist wohl wahnsinnig?«
-
-Der andere reichte ihm ein Depeschenblatt hin.
-
-»Mutter tödlich verunglückt --«
-
-»Samo -- was -- was -- das ist ja nicht möglich -- o Gott, Samo, das
-ist doch nicht wahr? Sag doch, was das ist -- sag doch, was du weißt --«
-
-»Ich weiß, daß ich das Blatt in Breslau bekam, daß ich hierhergefahren
-bin und daß ich dich den ganzen Tag gesucht habe.«
-
-Juro brach in ein mühsam unterdrücktes Schluchzen aus und wollte sich
-dem Bruder an die Brust werfen. Der wehrte ihn ab.
-
-»Hol deine Sachen und komm!«
-
-Eine Weile stand Juro fassungslos da, indes seine Hände das böse Blatt
-zerknitterten, dann wandte er sich zu Elisabeth.
-
-Die stand mit todblassem Gesicht neben ihm. Die anderen drängten heran,
-die Musikanten brachen das Spiel ab, eine kurze Auskunft wurde gegeben,
-eine Flut bedauernder Worte wogte durcheinander.
-
-Da ging Juro nach der Baude, holte sein geringes Reisegepäck. Als er
-vor Elisabeth zum Abschiednehmen stand, sagte er leise zu ihr:
-
-»Nun bleib mir treu! Jetzt brauche ich dich mehr als früher!«
-
-Sie wollte etwas sagen, aber ihre Lippen zuckten nur. Doch sie drückte
-ihm die Hand.
-
-Bald darauf wanderten die beiden Brüder der preußischen Grenze zu.
-
-
-
-
-Drüben im Wendenland kämpft die verunglückte Frau mit dem Tode.
-
-»Es geht zu Ende! -- Nehmt mich aus dem Bett! Holt frisches Stroh. --
--- -- Weine nicht so sehr, Hanka! -- Wenn ich tot bin, weine nicht auf
-meinen Sarg -- -- sonst müßte ich kommen und dich zu mir holen -- --«
-
-Eine lange, bange Pause. Dann fährt die Kranke fort: »Kommt Juro? --
-Habt ihr ihm geschrieben? -- -- Ich muß noch mit ihm reden -- -- und
-ich will ihn sehen --«
-
-Der alte Scholta tritt ans Bett seiner Frau.
-
-»Juro kommt und auch Samo kommt.«
-
-Die Kranke lächelt und reicht ihrem Gatten die Hand.
-
-»Hanzo! Ich danke dir, daß du mich zu deiner Frau genommen hast! Das
-war eine Gnade von Gott!«
-
-Über das scharfgeschnittene, bartlose Gesicht des alten Wenden geht ein
-tiefer Schmerz; aber er sagt nichts als: »Gott helfe dir!«
-
-Die Frau richtet den Blick nach der Wand, wo der Glasschrank steht.
-Er ist aus gelbgestrichenem Kirschbaumholz und hat eine Tür mit drei
-Glasscheiben, durch die man ein Gewirr bunter Dinge steht. Da sind
-Porzellan- und Glasgefäße vom Ahn und Urahn her. An alle knüpfen sich
-Familienerinnerungen, auf manchem steht ein alter Name, eine alte
-Jahreszahl, ein alter Segensspruch, der noch immer wirkt, wenn man
-ihn liest. Da sind noch die Tabaksdose und die Korallenkette, die
-der Alte Fritz den Urgroßeltern geschenkt hat, als er einmal in der
-Scholtisei gerastet hat; da ist Großvaters eiserner Ehering vom Jahre
-1813. Wie die Kaffeetassen glitzern mit ihren goldenen oder hellroten
-Aufschriften! Dazwischen liegt ein altes Stück Holz. Es stammt von
-der uralten Hejka, der Hammerkeule, die der erste Scholta der Familie
-als Zeichen seiner Macht führte, mit der er sich verteidigte, als er
-in bösen Zeitläuften des langen Krieges von Kroaten überfallen wurde.
-Die Kroaten erschlugen ihn, zerschlugen seine Hejka. Aber das Holz der
-Hejka liegt immer noch als Heiligtum im Glasschrank unter den schönen
-feierlichen Kaffeetassen, das Andenken des Urahnen ist immer noch im
-Segen, und die Kroaten werden wohl gestorben und verdorben und verloren
-sein, wie alle bösen Menschen verlorengehen.
-
-Die schlimmen Schmerzen kommen wieder, die Kranke verliert das
-Bewußtsein.
-
-Hanka, das junge Wendenmädchen, schreit laut auf, Hanzo tritt ruhig ans
-Bett und schiebt das jammernde Mädchen beiseite. Der alte Knecht Kito
-schleicht durch die Tür herein. Er hat ein Büschel Kirchhofgras in der
-Hand.
-
-Die Kranke erwacht wieder zum Leben. Und nachdem ihre Augen lange in
-Fieber und Schmerz an der Stubendecke herumgeirrt sind, richtet sie
-wieder den Blick nach dem Glasschrank und reicht ihrem Manne die Hand.
-
-»Hanzo, es war eine Gnade --!«
-
-Dort im Glasschrank ist noch der kleine Rautenkranz, den Hanzo bei der
-Hochzeit auf dem Kopfe trug. Weil er »~cysty~« war -- ehrbar. Und der
-Kranz ist ihm nicht abgefallen den ganzen Tag, nicht einmal beim Tanze.
-Nun ist der Kranz freilich braun und dürr, aber die grünen und weißen
-Seidenfäden, die von ihm herunterhängen, sind noch immer weiß und grün.
-Da steht noch ihre eigene farbengeschmückte Brauthaube, da ist noch
-ihr eigener Kranz, da ist noch der Taler, den ihr die Mutter in den
-Brautstrumpf steckte, damit sie immer im Leben Geld habe. Da sind noch
-zwei Kerzenstümpfe, die gebrannt haben von dem Augenblick der Geburt
-ihrer beiden Söhne Juro und Samo an bis zu deren Taufe. Nun kann der
-Teufel keine Macht über sie haben ihr Leben lang.
-
-Grüne, schöne Zeit! Die scheidende Seele geht am letzten Herbsttag
-immer zu ihrem Frühling zurück.
-
-»Sie stirbt! Sie stirbt!« schreit Hanka, das Mädchen, wieder
-leidenschaftlich auf und neigt sich über die bleiche Kranke. Die fährt
-mit irren Fingern nach dem Verband an ihrem Kopf, und ein rotes Rinnsel
-fließt über Auge und Wange.
-
-»Sie stirbt! Sie stirbt!«
-
-»Geh weg, Mädel!«
-
-Der alte Knecht Kito steht am Bett. Er hat Gras geholt vom Kirchhof
-und es trocknen lassen. Nun zündet er die dürren Gräser und Blumen an,
-läßt den Rauch hingehen über die Kranke und spricht:
-
- »Ich sehe einen heiligen Baum.
- Er hat kostbare Frucht getragen.
- Er trägt nicht mehr.
- Blut stehe still und tue nicht weh:
-
-Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!«
-
-»~To pomogaj si bóg wósc, bóg syn a bóg swety duch~«, wiederholt der
-alte Scholta. -- --
-
-Da fährt ein Wagen in den Hof. Ein Herr springt heraus, stellt draußen
-einige Fragen und tritt in die Stube.
-
-»Tag! Also, was ist los?« So fragt er barsch.
-
-Die beiden alten Wenden und das junge Mädchen starren den Fremdling an.
-Der geht auf das Krankenbett los ...
-
-»Also, wollen mal sehen!«
-
-Und streckt die Hand nach der Kranken aus.
-
-»Herr, wer sind Sie? Was wollen Sie hier?« fragt der alte Scholta.
-
-»Ja, Mann, ich bin doch der Arzt -- ~Dr.~ Brehler. Sie haben mich doch
-rufen lassen.«
-
-»Ich habe Sie nicht rufen lassen.«
-
-»Na, hört sich alles auf! Kommt so'n Kerl, Wilhelm Tielscher oder so
-ähnlich -- also Ihr Knecht -- kommt der mitten in der Nacht, klingelt
-mich raus und sagt, ich müsse sofort zu seiner verunglückten Frau
-kommen. Na, ich hab' den Morgen abgewartet und bin nun hier. Die Fahrt
-durch Ihre Sandgruben und Schlammgräben ist doch kein Vergnügen. Ist
-das nu Ihre Frau?«
-
-»Ja! Und verunglückt, schwer verunglückt ist sie auch -- ja! Aber Sie
-rufen lassen habe ich nicht -- nein!«
-
-»Das ist stark! Mich hierher in dieses weltverlorene Nest -- Ja, Mann,
-sehen Sie nicht, daß die Frau stirbt?«
-
-»Ja, das sehe ich!« sagt der Scholta ganz leise.
-
-»Und Sie lassen die Frau so liegen? Was ist denn das für ein
-schauderhafter Qualm hier?«
-
-Der alte Kito tritt vor.
-
-»Ich habe die Frau angeräuchert und das Blut besprochen«, sagt er mit
-großem Ernst.
-
-»Beräuchert? Besprochen? Ja, Menschenkinder, gibt's denn im neunzehnten
-Jahrhundert wirklich noch solch schafsdämliche Gesellschaft? Seid ihr
-denn verrückt?«
-
-»Herr Doktor! -- Herr Doktor! -- Herr Doktor!«
-
-Mehr bringt der weißhaarige Alte nicht heraus. Aber mit seinem
-angebrannten Grasbüschel fährt er dem Arzt vor dem Gesicht herum.
-
-»Herr Doktor -- ich habe -- im Namen Gottes --«
-
-»Im Namen Gottes wird der hellste Blödsinn vollführt seit ewigen
-Zeiten!« schrie der Doktor. »Macht das Fenster auf! -- Und Sie -- Sie
-sind doch der Mann von der Frau? Soll ich sie nun untersuchen oder
-nicht?«
-
-Der Scholta senkte den Kopf und schwieg.
-
-»Also -- da -- da macht doch, was ihr wollt!«
-
-Zornschnaubend wandte sich der Arzt nach der Tür. Da eilte ihm Hanzo
-nach.
-
-»Herr Doktor -- können Sie -- können Sie meiner Frau wirklich das Leben
-retten?«
-
-»Natürlich kann ich. Dafür bin ich Doktor! Aber ihr mit eurem
-blödsinnigen Quatsch macht ja alles zuschanden. Adieu!«
-
-»Herr Doktor! Herr Doktor! Ich bitte so sehr! Ich gebe alles, was Sie
-wollen, wenn Sie es wirklich können!«
-
-»So! Auf einmal! Erst wird man behandelt wie'n Schuhputzer, und dann --«
-
-Er kehrte um, tat einige barsche Fragen und enthüllte dann die
-bewußtlose Frau, um sie zu untersuchen.
-
-Der alte Hanzo wandte sich ab. Er schluchzte, und seine Brust krampfte
-sich zusammen. Der Sohn der Heide litt darunter, daß ein fremder Mann
-seine Frau sah. Der alte Kito schlich mit seinem Grasbüschel hinaus.
-
-Eine lange schmerzliche Pause. Die Sonne sah zum Fenster herein
-und vergoldete den Rautenkranz, den der Scholta bei seiner Trauung
-getragen, und in dem alten Glasschrank war Licht und Glanz, und in der
-keuschen Seele des Bauern war Nacht und Qual.
-
-»Hm! Da ist nichts mehr zu machen! Da ist es vorbei!«
-
-»Herr! -- Und da -- da -- da -- haben Sie erst --«
-
-»Was habe ich?«
-
-»Sie -- Sie -- Mariana --«
-
-Der alte Scholta sinkt am Bett nieder und deckt alles, was er mit
-seinen zitternden Händen erlangt, hastig über seine Frau.
-
-»Ja, Mann, was wollen Sie eigentlich?«
-
-Der Scholta springt auf.
-
-»Können Sie -- können Sie ihr nicht helfen?«
-
-»Nein! -- Es ist vorbei --!«
-
-»Und Sie haben --«
-
-»Was habe ich?«
-
-»Sie erst -- erst -- erst --«
-
-»Also, Mann, brüllen Sie mich nicht an! Ich hab' die Sache endlich
-satt. Adieu!«
-
-Mit kraftlos herabhängenden Armen, an denen sich die Fäuste ballten,
-sah der alte Wende dem Arzte nach. -- --
-
-Oh, es war schade!
-
-Es war schade, daß kein besserer Arzt, kein besserer Deutscher, kein
-besserer Mensch in diese wendische Krankenstube trat. Und es war
-schade, daß der deutsche Knecht Wilhelm Tielscher sechs Wochen lang ins
-Gefängnis gesteckt wurde, weil er den Arzt, den er auf der Heimfahrt
-begleitete, unterwegs aus dem Wagen gezogen, durchgeprügelt und zu Fuß
-hatte heimgehen lassen.
-
-
-
-
-Als der Abend kam, sagte die kranke Frau: »Nehmt mich aus dem Bett.
-Holt das Sterbestroh und legt mich darauf!«
-
-Alle wehrten ab.
-
-»Ich muß sterben,« sagte die Frau, »und es möchte niemand mehr in den
-Betten schlafen, in denen ich gestorben bin. Legt mich auf das Stroh!«
-
-Sie verlangte den alten wendischen Brauch, der das Bettzeug nicht
-unbrauchbar werden lassen will, weshalb der Kranke vor seinem
-Verscheiden neben das Bett auf Stroh gelegt wird.
-
-»Es ist schade um die Betten!« sagte die sparsame Frau. »Ihr müßtet sie
-verbrennen!«
-
-Hanzo neigte sich über sie und sagte:
-
-»Weißt du nicht, wer du bist?«
-
-Da flog ein stolzes Lächeln über das Antlitz der Kranken, und sie sagte
-wieder:
-
-»Hanzo, es war eine Gnade!«
-
-Dann sprach sie stolz zum alten Kito und zu Hanka:
-
-»Ich sterbe im Bett, weil mein Mann der Kral[3] ist.«
-
-Sie nahm ihn an der Hand und flüsterte:
-
-»Ich werde noch so lange leben, bis Juro kommt. Ich muß noch mit ihm
-reden wegen Hanka und vom Kral.«
-
-Er nickte und saß am Bette und hielt ihre Hand.
-
-Und so warteten die beiden auf ihre Söhne und auf den Tod.
-
-Aber zwischen alles schwere Leid und alle Erwartung mischte sich immer
-der Königsgedanke. Der Königsgedanke war im ganzen Haus -- bei der Frau
-als die stolzeste Erinnerung ihres entfliehenden Lebens, bei dem Manne
-und bei allen Wenden in Haus und Hof.
-
-Es war die Gewißheit, hier geschehe etwas anderes, Größeres, als wenn
-sonst eine wendische Frau starb.
-
-Die Frau des Kral starb, die heimliche Königin der Wenden schied aus
-dem Leben.
-
-Dieser Gedanke ging durchs Dorf: der alte Briefträger trug ihn über
-die Heide; ein Händler fing die Kunde auf und trug sie weiter; am
-Ackerpflug, am Webstuhl wurde er besprochen, und bald sagten sich
-die Schiffer und Fischer drunten im Niederland an der Spree wie auch
-die Schafhirten im Oberlande heimlich und scheu: »Die Frau des Kral
-stirbt!«
-
-Als dieser Abend weiter vorschritt und der Nachtwind ans Fenster
-klopfte, schrie die Frau auf:
-
-»Oh -- der Nachtjäger!«
-
-Die Mägde stürzten mit neuem Tee herbei, mit Wohlverleih und
-Schwarzwurzel, die da gut sind für die Wunden, und sie brachten
-Bitterklee gegen das Fieber.
-
-Im Wundfieber sprach die Frau vom König der Wenden. Wirr waren ihre
-Worte: vom verblühten Flieder sprach sie, von der ledernen Brücke, von
-toten Kindern und vom Spinnen und Weben -- abgerissene, harte Worte vom
-Untergang, und dann lachte sie dazwischen, rief nach Juro und Samo, gab
-Befehle für die Milchwirtschaft und kam wieder auf den Kral und sprach
-von einer silbernen Schaufel, von einer weißen Wolke und einem weißen
-Fisch ...
-
- * * * * *
-
-Es ist aber dieses die
-
-
-+Sage vom Wendenkönig.+
-
-Es war vor tausend und vielen Jahren. Der Winter war mit seinem Eis bis
-auf den Grund der Spree gedrungen und sprach mit knirschenden Worten
-zu den Waldbäumen, die, in silberne Panzer gezwängt, seine Fronsleute
-waren.
-
-Da ritt vom verrufenen Kreuzweg her der Nachtjäger Sturm gegen die
-gepanzerten Bäume. Er hatte das Gesicht im Nacken und pfiff mit gellem
-Ton seinen sieben Wolfshunden. Die hatten Schweinsköpfe und kamen mit
-fliegenden Flanken und triefenden, behaarten Zungen dahergejagt. Das
-pechschwarze Roß des Nachtjägers sprang zur Höhe, daß Funken von den
-Hufen auf das Eis des Weges sprühten, und gelbes Feuer brach aus den
-Nüstern des Rosses.
-
-So ritt der Nachtjäger Sturm. Ein Beben ging durch den Wald, und alle
-Panzer klirrten, und alle Bäume duckten sich angstvoll und gramvoll
-nieder.
-
-»Hallojoho! Hallojoho! Hallojoho!«
-
-Eine Peitsche knallte, die Rüden bellten heiser und hohl. Der
-Nachtjäger lachte. Wo er vorüberritt, verhüllten sich alle Sterne. Wo
-er vorüberritt, kam das Sterben über das Vieh, erblindeten alte Leute,
-ging Jungfrauenehre verloren, ringelten sich graue Stricke gleich
-lockenden Schlangen in die Hände verzweifelnder Menschen.
-
-»Hallojoho! Hallojoho!«
-
-Die Luft dröhnt und brüllt, Raben flattern zuckend am Boden, die ersten
-Bäume brechen zusammen.
-
-Hallojoho! Der Nachtjäger ist da! -- --
-
-Da tritt ein Mann aus dem Wald. Er trägt einen Pilgermantel und einen
-Stecken als Stab.
-
-»Hallojoho! Ich reite dich zu Blut und Knochenbrei, und meine Hunde
-fressen dir Auge und Herz!«
-
-Der Fremdling aber hebt seinen Stab und steht plötzlich in großer
-Stille, steht in silbernem Mondenlicht und lächelt. Da bäumt das Roß
-des Nachtjägers hoch auf, da dreht sich der Kopf des wilden Reiters in
-wüstem Wirbel, da heulen die Hunde wie unter grausamer Peitsche, da
-wendet sich der böse Troß zu jäher Flucht.
-
-Die Wolken zerreißen, Mondenschein und Sonnenlicht fällt auf die Wiese,
-der Wald richtet sich auf, und der Wanderer geht auf ein kleines Haus
-zu, in dem ein Licht brennt.
-
- * * * * *
-
-Am knorrigen Ast des Apfelbaumes vor dem Hause hing ein alter Mann. Die
-Glieder zuckten noch im Todeskampf. Der Fremdling knüpfte den Gehenkten
-los, stellte ihn auf die Füße, stützte ihn mit jugendstarkem Arm und
-fragte nach einer Weile:
-
-»Warum wolltest du sterben?«
-
-Der Greis keuchte etwas von Not und Elend, von Krankheit unter dem
-Vieh, vom harten Winter und harten Hunger.
-
-»Der Nachtjäger hat dich betört! Komm ins Haus!«
-
-In der Hütte saß die Frau des alten Mannes. Sie war blind.
-
-»Warum bist du blind?« fragte der Fremdling.
-
-»Weil ich so viel geweint habe!«
-
-»Und warum hast du geweint?«
-
-Sie machte eine müde Gebärde.
-
-Da zog der Fremdling eine goldene Schale aus der Tasche, darin war eine
-kristallklare Flüssigkeit, und er strich mit der Flüssigkeit über die
-Augen des alten Weibleins, und sie jauchzte und lachte mit ihren wieder
-geöffneten Augen.
-
-Der alte Mann aber kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist der
-König der Wenden!«
-
-Und das alte Weiblein kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist unser
-Kral.«
-
-»Ja, ich bin der Kral der Wenden«, sagte der Fremde mit Feierlichkeit.
-
-Dann zog er eine Spindel aus der Tasche und ein Säckchen mit Leinsamen
-und belehrte die alten Leute, wie sie Flachs bauen und spinnen sollten.
-Und wenn erst alle Leute Flachs bauten und spännen, dann würde die Not
-fort sein aus dem Wendenlande.
-
-Diese Leute hatten aber eine schöne Tochter. Sie war groß gewachsen
-und üppig gebildet, hatte helle Haare und ein rotes Gesicht; ihre Arme
-waren stark und ihre Füße flink.
-
-Sie trat nun in die Stube und sah den Fremdling, und er sah sie. Und
-sie sahen beide ihre junge Gesundheit und ihre schöne Kraft und liebten
-sich alsobald.
-
-»Ich höre, daß die Krankheit unter dein Vieh gekommen ist«, begann der
-Fremde.
-
-»Ja, es ist so«, antwortete das Mädchen.
-
-»So komm mit mir in den Stall!«
-
-Sie gingen in die Winternacht hinaus nach dem Stalle, in dem die Kühe
-krank die Köpfe hängen ließen.
-
-Der Fremde ließ die Tiere an einem Salz lecken, hob dann die Hand und
-sagte:
-
- »Neun Brunnen sind im Mittagsland,
- Neun Würmer nagen am Ufersand.
- Die Brunnen versiegten beim Morgenrot,
- Die Würmer waren am Mittag tot,
- Zu Abend und Nacht ich spreche dies Wort:
- All' Krankheit weiche von diesem Ort!«
-
-Da wurden die Tiere gesund.
-
-Am nächsten Tage, als es Mittag war und die Sonne klar über das weiße
-Feld strahlte, nahm der Fremde das Mädchen an der Hand, führte es in
-den kleinen Garten vor der Hütte und sagte:
-
-»Ich schenke dir diesen Stab, den ich hier in die Erde stoße. Er wird
-zu einem Baume werden, an dem tausend Blumen blühen werden. Und der
-böse Jäger wird nimmermehr Macht haben über euch.«
-
-Das Mädchen dankte ihm, und als sie der Fremde so sah in ihrer
-Schönheit und Stärke, sagte er:
-
-»Du bist schön und gefällst mir wohl, und ich möchte dich zum Weibe
-nehmen, wenn du mir in Wahrheit sagen kannst, daß du eine reine Jungfer
-bist.«
-
-Da erglühte das Mädchen, und dann wurde es blaß, und es sah auf den
-herrlichen Jüngling und zögerte noch drei Herzschläge lang und sagte
-dann:
-
-»Wohl, ich bin eine reine Jungfrau!«
-
-Er fragte weiter:
-
-»Sage mir noch, wer der Mann war, den ich gestern abend von deinem
-Hause schleichen sah, ehe ich bei euch eintrat.«
-
-Sie antwortete:
-
-»War es keiner vom wilden Heer, so war es wohl ein Dieb.«
-
-Darauf nahm er sie in seine Arme, küßte sie und sagte: »Am Tage des
-nächsten Vollmondes soll unsere Hochzeit sein.« --
-
-Nach drei Tagen war aber im Kretscham des Dorfes Spiel und Tanz. Da war
-auch der Fremde dabei, und er tanzte mit seiner Braut bald zierlich,
-bald keck und feurig, bis die Sterne hoch standen.
-
-Dann aber fielen die Burschen des Dorfes, die von einem eifersüchtigen
-jungen Manne aufgehetzt waren, über den Fremden her, um ihn zu töten.
-
-Er aber warf sie -- hundert an der Zahl -- mit Riesenkräften der Reihe
-nach auf die Straße, und den einen, der das Messer nach ihm zückte,
-schlug er mit einem Fausthieb nieder.
-
-Da riefen die draußen auf der Straße: »Weh', er hat ihren Buhlen
-erschlagen!«
-
-Der Fremde sagte zu den Spielleuten, der Tanz sei aus, und ging in den
-Wald.
-
-Am anderen Tage, als wieder die Mittagssonne klar übers Feld schien,
-kam er zurück in die Hütte seiner Braut, nahm das Mädchen bei der
-Hand und führte sie nach dem Garten, wo der Wanderstecken in der Erde
-steckte.
-
-Und er fragte sie mit strenger Stimme:
-
-»Hatten jene recht, die sagten, ich habe deinen Buhlen erschlagen?«
-
-Weil aber das Mädchen nicht »nein« sagen konnte, riß er den Stecken aus
-der Erde und schlug sie nieder.
-
-Noch ehe sie starb, fragte er:
-
-»Warum hast du mich belogen?«
-
-Da sagte sie, daß sie ihn ja früher nicht gekannt hätte, daß sie ihn
-aber mit Treue geliebt hätte, als sie ihn sah. Und sie starb.
-
-Der Fremdling stand drei Stunden neben ihr in tiefem Nachdenken. Dann
-holte er eine Schaufel, begrub das Mädchen und steckte den Stecken auf
-ihr Grab. Am selben Abend noch zog er fort in die Welt.
-
-Als der Frühling kam, wuchs aus dem Stecken ein Fliederbaum. Und der
-Flieder war fortan im Wendenland. Die Blüten waren hold und lieb in
-jedem Jahr, und ihr Duft war süß und zart; aber wer sie pflückte, dem
-welkten sie an der Brust, noch ehe die Frühlingssonne unterging.
-
- * * * * *
-
-Nach vielen Jahren kam der König wieder ins Wendenland. Als er die
-Heimat betrat, wurde sein Antlitz rot und jung; er war wieder ein
-Jüngling.
-
-Auf dem Sandwege im Föhrenwald begegnete ihm ein wendisches Mädchen.
-Sie war zierlich und schlank und trug ein Bündel unter dem Arm.
-
-»Wie heißest du? Woher bist du? Wohin gehst du? Und was trägst du unter
-dem Arm?«
-
-»Das sind viele Fragen. Ich heiße Trudetzka, ich bin aus Burg und reise
-nach der reichen Stadt, um mein Garn zu verkaufen.«
-
-»Zeige mir dein Garn.«
-
-Er prüfte es und fand es fein und regelmäßig gesponnen.
-
-»Wer hat euch diese Kunst gelehrt?«
-
-Sie erzählte ihm vom Kral.
-
-Er hörte versonnen zu und fragte am Schlusse nur: »Blüht der Flieder?«
-
-»Ja, der Flieder blüht im ganzen Lande.«
-
-Darauf besann sich der König eine Weile lang und sagte dann:
-
-»Verkaufe dein Garn nicht an die Deutschen. Behalte es und gehe heim.
-Ich werde mit dir gehen und dir das Geld geben, das du verdienen
-wolltest.«
-
-Das Mädchen ging mit ihm, und sie kamen nach langer Wanderung nach
-Burg, das an der Spree liegt. Dort kaufte sich der Wendenkönig ein
-Haus. Und er baute alsbald mit kundiger Hand einen Webstuhl und wurde
-ein Leinweber.
-
-Da kamen die Wenden aus allen Häusern und Wäldern. Sie kamen auf Kähnen
-und auf Rossen, besahen sich den Webstuhl und kehrten heim. Viele aber
-erkannten den starken, klugen Mann, und sie flüsterten unter sich: »Er
-ist unser Kral.«
-
-Es geschah aber, daß Boten des Markgrafen Johannes, der an der Grenze
-herrschte, in das Haus des Kral traten und ihn fragten, ob er nicht
-Dienste nehmen wolle bei den deutschen Kriegern. Ein Obrist solle er
-sein mit goldenem Stern und funkelndem Degen.
-
-Der Kral wies das Angebot stolz von sich. Er wollte kein Diener sein
-und sich auch nicht trennen von Trudetzka, um deren Lieblichkeit willen
-er nach Burg gekommen war.
-
-Sein Ansehen wuchs von Tag zu Tag, und bald sagten die Leute in den
-Spinnstuben:
-
-»Der Leinweber in Burg ist der König der Wenden. Er ist uns
-nachgekommen aus dem fernen Asia. Er wird uns reich und groß machen.«
-
-Trudetzka aber, die goldene Münzen am Mieder trug, die ihr der Kral
-geschenkt hatte, sie führte den Kral an einem rotseidenen Faden wie
-einen Narren, und einmal lockte sie ihn in eine einsame Waldgegend und
-verriet ihn an Häscher des Markgrafen Johannes.
-
-Der Kral schlug die Häscher tot. Das Mädchen aber trug er sieben
-Stunden weit bis an den tiefsten Sumpf. Dort senkte er Trudetzka hinein.
-
-Und er tat einen Fluch gegen Wendenland und ging in die Welt.
-
- * * * * *
-
-Nach drei Menschenaltern saß der Kral in einer Herberge des
-Morgenlandes. Er war zum Greise geworden. Ihm gegenüber saß ein Mann
-mit dunklem Haar und stechend schwarzen Augen.
-
-Der Kral hob den Kopf und sagte zu dem Fremden:
-
-»Bist du aus Armenia?«
-
-Da lachte der Dunkle und wies gen Norden:
-
-»Droben im Nordland ist meine Heimat. Ich bin ein Sorb, ein Slaw; denn
-ich habe ›~slovo~‹, das Wort, und die Deutschen sind ›~njemski~‹, das
-ist stumme Hunde, denn sie können meine Worte nicht sprechen.«
-
-Da erschrak der Kral und sagte:
-
-»Erzähle mir von deiner Heimat!«
-
-Und der Fremde begann:
-
-»Es ist ein Fluß, der heißt Sprewja, und es ist ein Ort daran, der
-heißt Burg. Weithin bis nach der berühmten Stadt Budissin dehnen
-sich Felder, Wälder und Wiesen. Dort wohnen die Sorben, die von den
-~njemski~ Wenden genannt werden. Das Volk war arm, aber nun ist es
-reich und stark, denn ein Kral ist erstanden, ein Retter und Erlöser,
-der hat das Volk nützliche Künste gelehrt, die es groß und reich
-gemacht haben.«
-
-»Ein Kral sagst du?« fragte der Alte. »Ist er noch unter euch? Ist er
-jung und stark?«
-
-Die Stirn des Fremden umwölkte sich.
-
-»Der Kral ist lange nicht mehr bei uns. Er ist aufgegangen an unserem
-Himmel wie eine Sonne und ist untergegangen hinter zwei schwarzen
-Wolken!«
-
-»Hinter zwei schwarzen Wolken?«
-
-»Ja! Siehe, der Mann ist ein Stern, der auf die Erde scheint, und das
-Weib ist die Wolke, die von ihm vergoldet wird, die ihn weiß umrahmen,
-die ihn aber auch nächtlich verdecken kann. Es standen zwei schwarze
-Wolken an unserem Himmel, das waren zwei unwürdige Töchter unseres
-Volkes. Dahinter verschwand der Kral.«
-
-Der Alte seufzte und fragte:
-
-»Ist nun das Land ohne Fürsten?«
-
-Da schwieg der Fremde lange, als kämpfe er mit tiefem Gram. Dann
-berichtete er:
-
-»Das Land war so groß und reich, daß es einunddreißig Fürsten hatte.
-Aber an der Grenze lauerte der stumme Hund. Der ~njemz~! Der Deutsche.
-Es war ein Markgraf, Gero mit Namen --, der tat freundlich den Wenden.
-Der lud die einunddreißig Fürsten auf sein Schloß zu üppigem Mahl und
-flößte ihnen einen Teufelswein ein, der sie trunken und ihre Hände
-schlaff machte, und er ließ dreißig erschlagen. Ein einziger entkam.«
-
-Aufsprang der Kral in weher Wut.
-
-»Und der eine -- der letzte -- er hat das Volk gesammelt, er hat an dem
-~njemz~ Rache genommen, sein Blut vergossen, seine Burg zerstört, sein
-Land verwüstet -- gesiegt --«
-
-»Schweig, ehrwürdiger Greis -- schweige, denn ich ertrage deine Worte
-nicht -- die Schamröte verbrennt meine Wangen, wenn du so redest -- --
-der letzte, der einunddreißigste, floh vor hundertfacher Übermacht und
-sitzt, ein beschämter Pilger, an deinem Tisch.«
-
-»Du bist es?«
-
-»Ja, ich!«
-
-Still und traurig ging die Stunde weiter. Der Dunkle legte den Kopf auf
-den Tisch, der Alte deckte die Hände über die Augen, und seine Tränen
-tropften.
-
-»So ist das Volk ohne Führer?« fragte er endlich mit tiefer
-Traurigkeit.
-
-»Es ist allein. Wer bin ich, ihm zu helfen? Ein einziger könnte ihm
-helfen -- -- der Kral. Aber die Sonne ist untergegangen, und die Flur
-der Wenden liegt in Nacht.«
-
-Da stand der Alte auf und sprach mit Feierlichkeit:
-
-»Ich bin der König der Wenden.«
-
-Und der Fremde sah ihn erschrocken an und sank am Tisch in die Knie und
-fragte erschüttert:
-
-»Du bist der König der Wenden?«
-
-»Ich bin es! Und wenn mich mein Alter trägt durch die fremden Länder
-bis zur Heimat, dann will ich für mein Volk kämpfen und dann sterben!«
-
- * * * * *
-
-Sie saßen lange beisammen in der Herberge des Morgenlandes. Und der
-Fremde sagte:
-
-»Großer Kral! Das Volk wartet auf dich. Ich bin nichts als Morkusky,
-dein Diener. Aber Morkusky ist ein nützlicher Diener. Er ist jahrelang
-bei einem großen Meister gewesen und nun selbst geheimer Kräfte
-Meister.«
-
-Am folgenden Morgen reiste der Kral mit Morkusky gen Norden.
-
-Als er in seine Heimat kam, wurde er mit jedem Tage um ein Jahr jünger.
-Dieses Heimatwunder dauerte so lange, bis der Kral wieder ein starker,
-schöner Jüngling war. -- --
-
-Auf seiner Reise kam er gen Schorbus. Dort ist ein Berg, auf dem zwei
-Felsblöcke liegen. Auf dem einen Stein saß Bely Bog, der weiße Gott,
-der den Menschen, die über den Berg wanderten, die Hände mit guten
-Gaben und das Herz mit guten Gedanken füllte; auf dem andern Stein saß
-Zarny Bog, der den Menschen die guten Gaben nahm und in den Schmutz
-warf, die guten Gedanken in alle Winde stieß.
-
-Und der Kral wußte nicht, zu wem er sich wenden sollte. Denn ob er
-gleich wieder ein Jüngling war von Gestalt und Aussehen, so war doch
-sein Herz alt und kalt geblieben, hatte böser Jahre und bösen Verrats
-nicht vergessen und war hart und ohne Liebe.
-
-Und der Kral stand mitten zwischen den beiden Göttern, nicht um
-Haaresbreite dem einen näher oder entfernter.
-
-Da kam von der anderen Seite her den Berg herauf ein junger Mann, fast
-noch ein Knabe. Er war blond und schön, und seine Augen blühten wie
-blaue Blumen. Er ging nach der Seite des guten Gottes hin und grüßte
-nach Art der Deutschen.
-
-»Wohin willst du, deutscher Jüngling?« fragte finster der Kral.
-
-»Ich suche den König der Wenden.«
-
-»Was willst du vom Kral?«
-
-»Ich komme für Gero, den Markgrafen. Er lud dreißig wendische Fürsten
-zu sich auf sein Schloß. Er sprach gütlich mit ihnen. Sie aber tranken
-und prahlten mit der Deutschen Tod. Da wurden sie getötet.«
-
-»Er hat sie gemeuchelt«, schrie der Kral und trat einen Schritt nach
-der linken Seite.
-
-»Er hat sie alle dreißig im Kampf selbst erschlagen.«
-
-Da trat der Kral drei Schritt weiter auf den schwarzen Gott zu.
-
-»Was faselt der Knirps? Ein Deutscher hätte dreißig Wenden erschlagen?
-Drückt ihn der ~Plon~?[4] Was willst du hier, Knabe?«
-
-»Ich bin kein Knabe; ich bin fünfzehn Jahre alt. Aber Gero ist alt
-geworden. Alle Nächte kämpfen die dreißig Wenden mit ihm. Er ist in
-sieben frommen Klöstern gewesen, er ist nach Rom gewallfahrtet und
-findet doch keine Ruhe. Darum suche ich den Kral.«
-
-»Was willst du vom Kral?«
-
-»Ich will, daß er meinem Vater das gibt, wonach er alle Nächte seufzet:
-die Versöhnung mit den Wenden.«
-
-Als die Menschen so redeten, schwiegen die Götter. Nun aber erhob sich
-Bely Bog, der gute Gott, und er streckte seine weißen Hände aus, die
-eine über Wendenland, die andere dem Lande der Deutschen zu, und hob
-dann die Hände über sein Haupt und wob aus Sonnenschein zwei goldene
-Ringe der Eintracht. Die hielt er wortlos den beiden hin.
-
-Zwei zögernde Schritte ging der Kral auf den guten Gott zu. Aber auch
-der deutsche Jüngling nahm nur zögernd den Ring.
-
-Und er sagte dabei:
-
-»Es ist um Geros Ruhe willen!«
-
-»Um Geros Ruhe willen, sagst du? Verabscheust du selbst die Tat nicht?«
-fragte der Kral.
-
-»Nein, Gero ist krank geworden am Gemüt. Wäre ich wie er gewesen, ich
-hätte in Mannentreue die Wenden erschlagen und es nie bereut.«
-
-Da schrie der Kral auf, da stürzte er zum schwarzen Gott; da griff
-Zarny Bog unter seinen Steinsitz und zog eine Schlange hervor, die sich
-in ein Schwert verwandelte, und gab das Schlangenschwert dem Kral.
-
-Der stieß es dem Jüngling ins Herz.
-
-»Hier steht der Kral der Wenden!« --
-
-Das junge Herzblut rann, die blauen Augen verblühten, und eine
-Knabenstimme sprach:
-
-»Ich bin Geros einziger Sohn.« --
-
-Der gute Gott schlug seine weißen Hände vors Angesicht, der Zarny Bog
-aber wuchs wie eine schwarze Wolke zum Himmel, und der Kral lachte ein
-schmerzliches wildes Gelächter.
-
-Die goldenen Ringe rollten die zwei Bergseiten hinab und sanken ins
-tiefste Wasser.
-
-Gero, der Stadt und Kloster Gernrode gebaut hatte und mit müdem,
-krankem Sinn daselbst alter Blutschuld nachhing, erfuhr von dem
-grausamen Tod seines Sohnes.
-
-Oft zertritt die Göttin des Leids mit schwerem Tritt das Gewürm
-nagender Zweifel.
-
-So auch hier. Gero erwachte aus langem Angsttraum, der alte Mut, der
-alte Haß lohte auf in seiner Brust, und sieben Tage, nachdem die
-Todeskunde nach Gernrode gedrungen war, rauchten im Wendenlande die
-ersten Trümmerhaufen.
-
-Gero verwüstete das Land, und seine Mannen verfolgten den Kral durch
-die Heide, durch alle Wälder und verborgensten Winkel, über Seen und
-Moräste.
-
-Und der Kral hatte weder ein Roß noch einen Kahn. Wie ein Hirsch floh
-er durch die Wälder, wie ein Fisch schwamm er durch den Fluß. Kam er
-aber an ein Wendenhaus und bat um Schutz und Einlaß, dann schlossen
-die Leute die Tür vor ihm und jagten ihn fort, denn sie fürchteten die
-Rache des Markgrafen und fluchten dem Kral, um dessentwillen alles
-Unheil über das Land gekommen sei.
-
-Gehetzt von den Deutschen, verraten von seinem Volk, mit zerrissenen
-Füßen, mit durchnäßten, zerfetzten Kleidern, die Augen fieberglänzend
-von Anstrengung und Hunger, so brach einmal bei herandämmernder Nacht
-der Kral zusammen, als dreißig deutsche Reiter hinter ihm her waren.
-Aber noch ehe der erste vollends herankam, brach in donnerndem Ritt ein
-schwarzer Reiter aus dem Gebüsch, erfaßte den Kral, hob ihn auf sein
-Roß und ritt durch die Luft mit ihm davon.
-
-Und der schwarze Reiter drehte das Gesicht in den Nacken und bleckte
-den Deutschen eine lange behaarte Zunge heraus, und als er das
-Gesicht dem Kral wieder zuwandte, war es Morkusky, sein Begleiter aus
-Morgenland.
-
-»Morkusky, du bist der Nachtjäger?« rief der Kral entsetzt.
-
-»Ich bin wer ich will«, zischte der Schwarze. »Willst du keine
-Gemeinschaft mit mir? Willst du es mit den Wenden oder mit den
-Deutschen halten?«
-
-»Ich fluche den Wenden wie den Deutschen!« schrie der Kral. Da lachte
-der Nachtjäger.
-
- * * * * *
-
-An der Spree türmte der Nachtjäger einen Berg, grub einen tiefen See
-rundum, ließ gelbe giftige Lichter um den Uferrand erbrennen und baute
-in einer Nacht für den Kral auf dem Berge mitten im See ein festes
-Schloß.
-
-Zum jenseitigen Ufer führten nur eine lederne Brücke und ein blutroter
-Kahn. Die Deutschen wollten das Schloß erstürmen, aber die meisten von
-ihnen gingen in einem Sumpf elend zugrunde.
-
- * * * * *
-
-Der Wendenkönig wurde nun ein Räuber. Er sammelte eine Horde
-verkommener Leute um sich, raubte, brannte und mordete und feierte
-mit seinen Spießgesellen, mit Hexen und schlechten Weibern auf seiner
-Burg teuflische Feste. Weit breitete er seine Macht aus. Die Wenden
-plünderte und unterdrückte er, den Deutschen aber stahl er Kinder. Die
-Mädchen schlachtete er und fraß sie auf, die Knaben steckte er in sein
-Räuberheer und machte sie zu Unholden. Zuletzt wurde er so schlimm wie
-Morkusky, sein Meister.
-
-Und als dieser ganz zufrieden mit ihm war, verließ er ihn, um nach
-anderen Ländern zu reiten und dort Zwietracht zwischen die Völker zu
-säen -- zwischen Wenden und Deutschen war Morkuskys Werk getan.
-
-Der Kral wurde oft verfolgt von Wenden wie von Deutschen. Aber er
-schlug seinem Rosse die Hufeisen verkehrt auf, so daß er seine
-Verfolger täuschte. In höchster Not flüchtete er in sein Schloß, indem
-er über die lederne Brücke ritt, die sich hinter ihm aufrollte.
-
- * * * * *
-
-Da geschah es, daß der König einmal ein wunderholdes Mädchen raubte.
-Das hieß Rinetta und war zehn Jahre alt. Und es saß unter einem
-Fliederbaum, als er es stahl. Während nun der Kral heimritt mit seiner
-jungen Beute, war eine blühende Nacht. Alle Wege grün und bunt, die
-Sterne so träumerisch am Himmel, der sanfte Wind wie ein heiliger,
-heilender Strom.
-
-Das Kindlein weinte in des Räubers Arm, aber allgemach schlief es ein,
-ruhte an der Brust seines Mörders und sagte im Traum zu ihm: »Du guter
-Vater!«
-
-Da sah der König erschrocken auf das Kind. Er sah es mit finsterem Auge
-an. Aber er sah es zweimal und dreimal, und durch die Mainacht kamen in
-Sternenglanz und Mondschein alte Freunde, Jugendfreunde seiner Seele:
-reine, wundersame Gedanken. Nur weil er so versonnen war, nur weil er
-wie in müdem Traum durch den Wald ritt, wies er sie nicht ab.
-
-Und er sah das Kindlein noch einmal an, wie es im Glanz des
-Himmelslichtes in seinem Arm lag, und wandte in Sinnen versunken
-langsam sein Roß und trug das Kind in das Haus seiner Eltern zurück.
-
-Die schrien, als sie den Kral erkannten. Das erwachte Kind aber, als es
-sich wieder bei seinen Eltern sah, lächelte und sagte:
-
-»Oh, er hat mir nichts getan; er hat mich nur ein wenig auf seinem
-Pferde reiten lassen.«
-
-Da ging der Kral rasch von dannen.
-
- * * * * *
-
-Und die gute Tat ging dem Kral nach in sein böses Leben. Wohl blieb
-er ein wilder Räuber, aber er stahl keine Kinder mehr. Und wenn das
-bittere Heimweh kam, das alle bösen Herzen von Zeit zu Zeit überkommt,
-wenn es nicht wich bei Raubzug und Zechgelag, dann lenkte der Kral sein
-Roß zu dem Hause der Rinetta, die lieblicher aufblühte von Jahr zu Jahr.
-
-Zuletzt faßte den Kral eine so verzehrende Liebe zu dem Mädchen, daß er
-einsam wurde und wochenlang aus seiner Burg nicht herauskam.
-
-Seine Spießgesellen murrten. Viele jagte der Kral davon, andere zogen
-auf eigene Faust in die Fremde. Am Ende war der Kral allein, und am
-nächsten Tage kam Rinetta zu ihm als seine Frau. Von da an tat er
-keinen Raubzug mehr.
-
- * * * * *
-
-Und es geschah ein großes Wunder im Wendenland, als Rinetta dem Kral
-einen Sohn schenkte. Da ward der Kral dem Lande ein gütiger Vater. Er
-verteilte von den ungeheuren Geldschätzen, die er gesammelt hatte,
-er baute Weiler und Dörfer, er wurde ein Feind und Vernichter aller
-Räuber, die noch im Lande waren.
-
-Einmal, als der Kral auf einer Wiese ein Fest feierte, fiel vor ihm
-eine silberne Kugel vom Himmel. Alles Volk sah das Wunder. Und es kam
-ein Mann aus dem Walde, der hob die Kugel auf und fing an, sie zu
-kneten und zu drücken, als sei sie aus Wachs, und er formte aus dem
-Silber eine Krone.
-
-Die Krone übergab er kniend dem Kral. Der setzte sie aufs Haupt, und
-alle Wenden jauchzten ihm zu.
-
-Der Mann, der die Krone geformt hatte, verschwand und ist nicht mehr
-gesehen worden.
-
- * * * * *
-
-Einzelne von den ehemaligen Spießgesellen des Kral aber hatten in der
-Welt Morkusky, den Nachtjäger, getroffen und hatten ihm gesagt: »Freue
-dich, es ist Friede zwischen den Deutschen und den Wenden, und der Kral
-sitzt bei seiner Frau und singt ihrem Sohne Wiegenlieder.«
-
-Da brach der Nachtjäger zornschnaubend auf und sammelte in allen
-verrufenen Spelunken der Welt, in den Felsgründen wilder Gebirge und
-auf unwirtlichen Straßen ein großes Räuberheer. Damit fiel er im
-Wendenlande ein. Als er an die Spree kam, verwandelte er sich in einen
-Adler, der so groß war wie ein Pferd, flog zwölfmal um die Burg und
-tat beim dreizehnten Mal einen Zauberspruch, durch den das Schloß mit
-allem, was darin war, in die Erde sank und der See austrocknete, so daß
-nur einige kleine Wässerchen übrigblieben.
-
-Der Kral aber, der durch einen guten Geist gewarnt worden war, war mit
-seiner Frau und seinem Sohne ausgezogen.
-
-Er wanderte mit ihnen in einen tiefen Wald. Dort vergrub er die Krone
-in einen Hügel und sprach:
-
-»Hier soll die Krone liegen, bis eine Jungfrau sie mit einer silbernen
-Schaufel ausgraben wird.«
-
- * * * * *
-
-Es kam zu der großen Schlacht der Wenden gegen die Räuber. Das Blut
-floß derart in Strömen, daß es eine Wassermühle in Bewegung setzte, die
-die Blutmühle heißt bis auf den heutigen Tag. Und die Heide färbte sich
-rot und bleibt rot für alle Ewigkeit. Die Verwundeten selbst kämpften,
-auf ihre Schilde gestützt. Die Wenden siegten; alle Räuber wurden
-getötet. Der Kral selbst erschlug ihrer hundertundeinen.
-
- * * * * *
-
-Zuletzt aber sprengte der Nachtjäger gegen den Kral an, wie er es
-schon einmal vor vielen Jahren getan, als der junge König nur den
-Fliederstecken trug.
-
-Auch jetzt hob der Kral den Arm gegen den wilden Jäger. Aber das
-Schwert, das er aufhob, triefte von Blut, und der Nachtjäger floh nicht
-wie damals, sondern schrie höhnisch:
-
-»Wiegenliedsänger! Kinderfresser! Sieh, was ich habe!« Er hatte das
-Schlangenschwert, mit dem der Kral ehemals seine Untaten vollführt und
-das er nach seiner Bekehrung in einen Sumpf geworfen hatte.
-
-Dieses Schlangenschwert stieß der Nachtjäger dem Kral ins Herz. -- --
-
-Eine weiße Wolke stieg von dem Leichnam des Kral zum Himmel. Diese
-weiße Wolke wandert immerzu über das Wendenland. Auch an ganz
-sonnenhellen Tagen ist sie tief im Blauen am Himmel zu sehen.
-
- * * * * *
-
-Die Königin Rinetta aber hatte am Tage der Wendenschlacht ein weißes
-Roß bestiegen und war über die Heide gejagt, um dem geliebten Gemahl
-beizustehen, wenn er in Not sei. Als sie an die Spree kam, traten ihr
-drei wendische Männer entgegen, klagten und riefen: »Unser Kral ist
-tot!« Da sprang das Roß der Königin in die Spree und versank mit ihr.
-Nichts war mehr von beiden zu sehen. Nur ein weißer Fisch schwamm im
-Wasser.
-
- * * * * *
-
-Und der weiße Fisch sah aus dem Wasser, und die weiße Wolke hielt still
-am Himmel, wenn der junge Königssohn am Uferrande spielte.
-
- * * * * *
-
-Es geschah aber, daß die Deutschen, als sie hörten, der Kral sei
-gefallen und sein Schloß sei versunken, in das Land kamen und es unter
-ihre Herrschaft brachten. Die Wenden waren zu schwach, um ihnen zu
-widerstehen. Die Deutschen forschten nach dem Königskinde, aber niemand
-hat es verraten, obwohl alle Leute im Wendenlande es kannten.
-
- * * * * *
-
-Und der Sohn des Kral wurde ein Bauer. Er hatte sechs Söhne, und dem
-ältesten von ihnen zeigte er den Ort, wo die silberne Krone begraben
-lag, und sprach:
-
-»Bewahre das Geheimnis, und vererbe es auf den ältesten Sohn! Wenn die
-Zeit erfüllt ist, wird die weiße Wolke in den Himmel verschwinden,
-wird der weiße Fisch ins Meer schwimmen bis dorthin, wo das Meer in
-den Himmel fließt, und eine reine Jungfrau wird kommen und mit einer
-silbernen Schaufel die Krone ausgraben. Der, der dann Kral sein wird,
-wird die Krone tragen und unser Volk zum ersten der Erde machen. Wenn
-ich tot bin, bist du der Kral. Und wenn du tot bist, wird dein ältester
-Sohn der Kral. So soll es sein und bleiben durch alle Zeit.«
-
- * * * * *
-
-Der Nachtjäger aber wagt sich nur noch in den sieben bösen Nächten, die
-zwischen Weihnachten und Neujahr sind, ins Wendenland. Dann ist die
-weiße Wolke hinter undurchdringlichen Nebeln verborgen, der weiße Fisch
-wohnt in einem festen Haus von Eis, und die silberne Krone liegt tief
-unter dem Schnee im Walde.
-
-
-
-
-Das ist die Sage vom Kral, die durch tausend und viele Jahre im
-Wendenvolk lebt und die an dem Abend, da Hanzos Frau am Sterben war,
-wieder lebendig wurde, von den Heidewiesen des Oberlandes an bis tief
-hinunter in die Strohhütten an der Spree, so daß sich die Fischer im
-Niederland wie die Hirten im Oberland es zuraunten: »Die Frau des Kral
-stirbt.«
-
-Wieder einmal stand das Volk an einer Wende. Nur wenig änderte der
-schmale Weg, den seine Geschicke durch das Land der Geschichte nahmen,
-seine Richtung.
-
-Nur die Frau des Kral starb. Ein derbes, tüchtiges Bauernweib ging
-dahin. Der Kral selbst lebte.
-
-Er ging durch den Hof und durch die Zimmer so steiffeierlich wie immer.
-Nichts war anders an seiner hohen Gestalt. Und die schmalen Lippen des
-bartlosen Gesichtes waren so fest, so ohne sichtbare Linie des Grams
-zum Schweigen aufeinandergepreßt wie in den Tagen der Freude, wo auch
-kaum ein leises Lächeln um seinen Mund, ein heimliches Leuchten in
-seine Augen kam.
-
-Nur die Frau des Kral starb!
-
-Aber sie war für den Königsgedanken wichtiger als alle. Ihre
-Frauenseele hatte das große Geheimnis am besten betreut. Weil ihre
-Kindlichkeit an alle jene nationalen Wunder am festesten glaubte.
-Nicht, daß sie die Hoheit des Gedankens erfaßt hätte. Sie war keine
-Heldin, sie war eine Hausfrau. Sie hütete den Königsgedanken wie ein
-kostbares Erb- und Prunkstück.
-
-Es war ein Unglück für wendisches Volkstum, daß diese Frau starb. Die
-alte Art fing an zu vergehen. Die jungen Burschen lachten über den
-Nachtjäger; und wer bei der Garde gedient hatte, erwartete vielleicht,
-daß ihn sein Kral grüße. Die Mädchen, kaum fürchteten sie noch. Und die
-alten Sagen standen nur lebendig wieder auf, wenn etwas Schreckliches
-kam: ein wildes Wetter, der bleiche Tod oder die bleiche, unglückliche
-Liebe.
-
-Dann wurden auch für die jungen Herzen die alten Wunder wieder wach. --
-
-In lichten Augenblicken, wenn das Fieber etwas nachließ, betete die
-Frau mit lauter Stimme zu ihrem Herrn und Heiland Jesus Christus. Sie
-hatte jenes Christentum, das den Alten eigen war, die im Walde immer
-noch ihre heidnischen Geister huschen hörten, wenn sie gläubig zur
-christlichen Kirche schritten, oder wie jene Heilandsleute, die in
-Christus den größten Helden und in seinen Aposteln Ritter und Reisige
-voll Kraft und Mut verehrten.
-
-Und zwischen ihrem Beten lenkte die Kranke das Ohr lauschend nach dem
-Hoftor, ob die Söhne nicht kämen.
-
-»Ich muß mit Juro reden wegen Hanka und vom Kral.«
-
-Dann kam das Fieber wieder, und sie sprach von ihrer Brauthaube, von
-der Heyka des Urvaters und von Morkusky, dem bösen Zauberer.
-
-Es war schon tief in der Nacht, als ein Wagen in den Hof fuhr. Das
-Hoftor war seit dem Morgen weit geöffnet geblieben.
-
-Die Dienstboten huschten aus dem Gesindehaus; der alte Scholta erschien
-in der Haustür.
-
-Juro und Samo, mit Staub bedeckt, entstiegen dem Wagen. Sie waren die
-ganze Nacht gewandert, den ganzen Tag gefahren.
-
-Der Scholta ging seinen Söhnen entgegen.
-
-»Ihr kommt noch zur rechten Zeit. Morgen früh wäre es zu spät gewesen.«
-
-Da schmiegten sich die Söhne an den Vater, und er schlang die Arme um
-sie, und es war ein Bild einträchtiger Liebe zu der einen.
-
-Leise gingen sie dann nach der Krankenstube, und die jungen Männer
-knieten nieder am Bett der kranken Frau, die bewußtlos war. Sie
-weinten, wie heimkehrende Söhne weinen, wenn sie die Mutter im Sterben
-finden.
-
-Bis an die zartesten Wurzeln unseres Seins rührt der Tod, wenn er uns
-die nimmt, die uns das Leben gaben oder denen wir das Leben gaben. Aber
-wenn beim Tode einer Frau der Gatte mehr leidet als ihre Kinder, ist
-das Entartung?
-
-Wer litt hier am tiefsten? Samo, der sich leidenschaftlich schluchzend
-an den Bettpfosten klammerte -- Juro, dessen Brust zuckte und dessen
-Hände irr über das blasse Gesicht fuhren -- oder der alte Scholta, der
-am Tische lehnte, seine Frau betrachtete und sich nicht rührte?
-
-Diese drei dort, die beiden Jünglinge und die Frau, sind ein Fleisch
-und ein Blut, sind sich innig verbunden von der ersten Sekunde ihres
-Seins an.
-
-Er, Hanzo, ist nicht ihr Fleisch und Blut, er hat sie vor kaum dreißig
-Jahren nicht einmal gekannt.
-
-Und wenn sie jetzt geht? Wenn ihr Leben ausgelöscht wird wie eine
-Kerze? Wird nicht dennoch auf dem Wege jener beiden bald ein neues
-Licht leuchten, und wird nicht der alternde Mann seine dunkle Straße
-allein ziehen?
-
-Feine, stille Grenzen sind im Menschenland. Und die volle
-Lebenskameradschaft hat doch ein weiteres Gelände, als die Erbgebiete
-des Blutes sind. --
-
-Die Söhne erhoben sich, setzten sich auf zwei Stühle. Sie waren müde.
-Müde von der langen Reise und von Angst und Groll, die sie gequält
-hatten.
-
-Hanka trat ins Zimmer. Die Jünglinge reichten ihr die Hand. Sie kannten
-sie kaum. Vor vielen Jahren hatten sie das Mädchen einmal gesehen, als
-sie noch heranwachsende Burschen waren und die Hanka noch ein Kind
-war. Aber sie wußten, daß sie eine entfernte Verwandte war, drüben aus
-dem Sächsischen. Eine aus der Familie, die nach der Tradition als die
-königliche galt. Auch die Mutter war von dort her. Wie kam das Mädchen
-hierher?
-
-Der Vater gab flüsternd eine kurze Aufklärung. Nun erst erfuhren die
-Söhne, auf welchem Wege die Mutter verunglückt war.
-
-Beklommen standen sie dem Mädchen gegenüber.
-
-Die Kranke begann wieder zu sprechen.
-
-»Eine reine Jungfer muß es sein -- die mit der silbernen Schaufel nach
-der Krone gräbt ...«
-
-»Nicht die, die unter dem Flieder liegt ...«
-
-»Ja, der Lobo ist ein Süffling -- ja ...«
-
-»Aber Juro -- Juro und Hanka ...«
-
-»Ich will mit ihm reden -- wegen Hanka und vom Kral.«
-
- »Ach, bleib mit deiner Gnade
- Bei uns, Herr Jesu Christ!«
-
-Da erwachte sie.
-
-»Juro! -- Samo! -- Seid ihr da? Seid ihr gekommen? -- Seid ihr gesund?
--- Geht es euch gut? Habt ihr schon zu essen bekommen?«
-
-Sie herzte die Söhne, sie hörte ihre Liebesworte. Sie herzte sie
-wieder. Sie sah Juro forschend an.
-
-»Ich wollte -- wollte -- etwas mit dir reden -- ich weiß es nicht mehr
--- was wollte ich doch mit dir reden ...?«
-
-Dann plötzlich schrie sie:
-
-»Macht das Fenster auf!«
-
-Und sie versank in den Todeskampf.
-
-Der Scholta wurde blaß bis auf die Lippen. Aber er ging ohne Schwanken
-zum Fenster und öffnete es.
-
-Noch als er sich an dem einen Flügel festhielt, starb die Frau.
-
-Und der Mann glaubte zu fühlen, wie die erlöste Seele vom Bette
-herschwebte, ihm noch einmal die Stirn berührte und sich dann durch das
-geöffnete Fenster aufschwang zum Firmament, das mit Millionen winkender
-ferner Heimatlichter herniedergrüßte.
-
-Hanka und die Söhne knieten weinend am Bette.
-
-Der alte Hanzo trat heran und drückte der Toten die Augen zu. Er nahm
-ihre rechte Hand zwischen seine beiden Hände zum Abschied und zum
-Gebet. Dann wandte er sich ab, nahm ein großes Tuch, verhängte den
-Spiegel, der an der Wand hing, und hielt die Uhr an. Das alles tat er
-mit ruhiger Gewissenhaftigkeit.
-
-Zuletzt ging er in den Hof und rief das Gesinde zusammen.
-
-»Die Frau ist gestorben!« sagte er schlicht und stand hochaufgerichtet
-im mondbeschienenen Hofe. Nach den wenigen Worten ging er nach dem
-Hause zurück. Der alte Knecht Kito aber trennte sich von dem jammernden
-Weibsvolk, ging nach den Viehställen, trieb die schlummernden Tiere auf
-und rief mit seiner alten Stimme durch den Stall:
-
-»Die Frau ist gestorben!«
-
-Da brüllten ein paar Kühe auf, und die Pferde klirrten mit den
-Halfterketten.
-
-Kito ging weiter bis in den Großgarten, wo die Bienenstöcke standen,
-klopfte dreimal an jedes Bienenhaus und sagte dann laut und deutlich:
-
-»Die Frau ist gestorben!«
-
-Da kam es wie ein leise summendes Geflüster aus den Bienenstöcken.
-
-Kito ging an die Hundehütte.
-
-»Tyra, die Frau ist gestorben!«
-
-Das Tier rührte sich nicht. Es war tot.
-
-Zitternd ging der alte Knecht in seine kleine Stube, wo in einem
-kleinen Bauer ein schlafender Kanarienvogel saß. Er weckte das
-Tierchen, das ihn müde anblinzelte, und sagte ihm:
-
-»Die Frau ist gestorben!«
-
-Da sang der Vogel eine wehmütige kurze Melodie und schlief wieder ein.
-
-
-
-
-Am Tage vor dem Begräbnis ritt Heinrich von Withold, Elisabeths Bruder,
-in den Hof des Scholta. Er sprang vom Pferde und reichte die Zügel
-einem Mädchen hin, das eben in die Haustür trat. Es war Hanka.
-
-»Bind mal den Gaul an einer passenden Stelle fest, schönes Kind!« sagte
-Heinrich leutselig.
-
-Das Mädchen errötete, und ihre hohe Gestalt straffte sich.
-
-»Ich werde einen Knecht oder eine Magd rufen«, sagte sie.
-
-Da sah Heinrich von Withold ein, daß er wohl eine Unhöflichkeit
-begangen habe. Er stammelte eine Entschuldigung und band sein Roß
-selbst fest.
-
-»Ich bitte um Verzeihung, verehrtes Fräulein«, sagte er dann; »ich
-bin ja hierzulande nicht fremd, aber ich kann mir die Abzeichen
-der Wendentracht partout nicht merken. Wollen Sie mir sagen, meine
-Gnädigste, ob ich den Herrn Scholta sprechen kann?«
-
-»Da kommt er schon.«
-
-Der wendische Großbauer und der deutsche junge Edelmann traten sich
-gegenüber. Heinrich geriet in Verlegenheit, aber dann nahm er all
-seinen Schliff zusammen und sagte:
-
-»Herr Scholta, ich erlaube mir, Ihnen namens meiner Familie einen
-Kondolenzbesuch abzustatten und Ihnen anläßlich des Hinscheidens Ihrer
-Frau Gemahlin unser herzlichstes Beileid auszudrücken. Mein alter
-Herr würde dieser traurigen Pflicht selbst nachgekommen sein, aber
-er ist noch verreist. Wollen also mit dieser Stellvertretung gütigst
-vorliebnehmen.«
-
-Auf diese geschniegelte Rede hin wußte der alte Wende nichts zu sagen.
-Er nahm verlegen seine Kappe ab und sagte:
-
-»Ja -- ja, die Frau ist gestorben!«
-
-Darauf wußte wieder Heinrich von Withold nichts zu sagen. Und so
-entstand eine peinliche Pause. Zum Glück kam Juro aus dem Hause.
-Heinrich eilte auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und drückte ihm dann
-warm die Hände.
-
-»Alter Junge, das hat mir aber scheußlich leid getan!« sagte er bewegt.
-
-Nach diesem studentischen Freundschaftsausbruch besann er sich aber
-gleich wieder auf seinen höflichen Ton und erklärte Juro:
-
-»Ich habe mir erlaubt, dem Scholta, deinem alten Herrn, anläßlich des
-Hinscheidens deiner Frau Mutter die Kondolation unserer Familie zu
-überbringen.«
-
-Es entstand wieder eine Pause, und Heinrich erklärte also, er habe bloß
-seine Mission ausrichten wollen, werde jetzt nicht weiter stören und
-gestatte sich also, sich zu empfehlen. Darauf begann endlich Hanzo,
-der Scholta, zu reden. Er sagte wohl an die zehnmal: »Nein, nein!«
-Der gnädige junge Herr müsse ins Haus treten und dürfe eine kurze
-Gastfreundschaft nicht verschmähen. Der Scholta selbst band Heinrichs
-Pferd los, um es nach einem Stall zu führen. Der höfliche junge Mann
-suchte diesen Dienst auf alle Weise zu hindern, was ihm aber mißlang,
-und ging schließlich selbst mit nach dem Stall, wo er über die dort
-befindlichen Pferde enthusiastische Urteile abgab, die in der Mehrzahl
-Unsinn waren und von gar keiner Sachkenntnis zeugten und die der
-Scholta schweigend anhörte.
-
-»Und der Blauschimmel, Herr Scholta, der Blauschimmel! Ein Götterroß!«
-
-Der alte Hanzo rückte verlegen an seiner Kappe.
-
-»Ich habe das Pferd für eine Forderung eingetauscht«, sagte er. »Es
-wird wenig benutzt. Ich brauche es nur fürs Osterreiten. Und sonst ist
-es für die Jungen, wenn die mal zu den Ferien sind.«
-
-»Ein Götterroß, Herr Scholta! Ich kann mir's denken; es ist vom alten
-Hinzberg, von dem deutschen Rittermäßigen, der überall Schulden hatte,
-natürlich auch bei Ihnen.«
-
-Hanzo antwortete nicht. Sie verließen den Stall.
-
-»Ich möchte riesig gern noch etwas mehr von Ihrer Musterwirtschaft
-sehen, Herr Scholta«, sagte Heinrich darauf. »Wissen Sie, wenn man nun
-mal Landwirtschaft studiert, interessiert einen das mächtig. Aber die
-Veranlassung meines Besuches ist zu trauriger Art.«
-
-Hanzo machte eine Handbewegung und führte dann Heinrich durch sämtliche
-Wirtschaftsräume, zeigte ihm alle Wirtschaftsgeräte, führte ihn bis
-hinter das Gehöft, von wo man einen großen Teil der Felder übersah, und
-erklärte alles mit einer ihm sonst ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit.
-Hanzo wäre kein wendischer Bauer gewesen, wenn er das nicht getan hätte.
-
-Und als er seinen Gast endlich in ein kleines Stübchen geführt hatte,
-wo seine Söhne und Hanka mit einem Frühstück warteten, ging er selbst
-nach »der guten Stube«, wo seine Frau aufgebahrt war. Und es war, als
-ob die tote Bäuerin lächelte.
-
-»Hast du ihm auch alles gezeigt? Nicht wahr, es hat ihm gefallen? Es
-muß ihm ja gefallen!«
-
-Juro begleitete seinen Freund nach Hause. Sie legten die gute Wegstunde
-zu Fuß zurück. Das Reitpferd führte Heinrich am Zügel. Sie gingen lange
-schon über die Felder, da fragte Heinrich:
-
-»Ist das hier noch euer Besitz, Georg?«[5]
-
-»Ich glaube wohl; aber es ist erst dazugekauft worden von meinem Vater
-und Großvater. Das waren tüchtige Landwirte. Und deshalb muß ich ja
-durchaus landwirtschaftliche Studien machen, obwohl ich doch Mediziner
-bin.«
-
-»Ja, ich weiß es. Sie wollen einen gelehrten Herrn auf großem Besitz
-aus dir machen. So 'ne Art kleinen ›König der Wenden‹.«
-
-Juro errötete und schwieg.
-
-»Und was wird jetzt werden?«
-
-»Ich möchte -- wenn das möglich wäre -- Jura studieren und Theologie
-und Medizin und möchte alles tun für die braven Leute, die hier
-wohnen, und möchte sie so recht heimisch machen und vorwärtsbringen im
-deutschen Vaterland.«
-
-Heinrich lachte.
-
-»Ein guter Prediger würdest du sein. Wenn du willst, sprichst du mit
-Schwung. Und ernst bist du. Eigentlich doch ein Grübler. Es ist ein
-reines Wunder, daß du mit einem so leichten Huhn, wie ich bin, dich
-befreundet hast.«
-
-Er wartete keine Antwort ab.
-
-Ȇbrigens, dein Bruder Samo -- du, der hat mir heut wieder Augen
-gemacht! Höflich war er ja -- na ja, weil ich der Gast war, aber Augen
--- -- du, wenn der mich fressen könnte, mich und alle Deutschen!«
-
-»Es ist seine unglückliche Art«, sagte Juro.
-
-»Und dem willst du dieses ganze Königreich abtreten?«
-
-»Ich weiß es nicht. Ich bin so unentschlossen. Ich passe sicher besser
-in die Stadt. Und dann -- dann ist es wegen Elisabeth.«
-
-»Stimmt! Die paßt allerdings besser in die Stadt als in eure
-Scholtisei. Obwohl sich das Mädel für alles interessiert. Sie spricht
-sogar ziemlich gut wendisch, was z. B. mein Vater und ich nie kapieren.
-Übrigens, das Fräulein aus eurer Verwandtschaft, die Hanka, ist ein
-süperbes Mädel. Ein Urbild von Gesundheit. Leider habe ich es mit ihr
-gleich von vornherein verdorben. Erstens halte ich Esel sie für eine
-hübsche Magd und sage ihr, sie solle mein Pferd anbinden, zweitens
-faselte ich von Irrlichtern und Nebelgebilden, als sie so gläubig von
-den brennenden Gespenstern und dieser weißen Todesgöttin sprach. Sie
-glaubt daran.«
-
-»Ja, sie glaubt daran, wie meine Mutter daran geglaubt hat.«
-
-»Und dein Vater?«
-
-»Er hat noch keinen in sein Herz sehen lassen. Wie Samo! Vor dessen
-Verstand und Bildung hielt natürlich der ganze alte Aberglaube nicht
-stand, aber im innersten Herzen hängt er daran wie der einfachste
-Wende. Aus Nationalität -- jawohl! So etwa, wie die Schweizer am Tell
-hängen oder alle Völker an mancherlei Geschehnissen, Heldentugenden,
-Herrschertaten, die nie gewesen sind.«
-
-»Alle diese Selbsttäuschungen machen doch aber sehr glücklich.«
-
-Juro wehrte heftig ab.
-
-»Nein, sie halten auf, sie hemmen! Sie sind toter Ballast, der die
-Schiffe der Völker unnütz beschwert. Es sind vorgespiegelte Reichtümer,
-erträumte Erbschaften, die den Nationen einen falschen Begriff von
-ihrer Größe geben und in denen der Chauvinismus, der größte Feind aller
-Völkerverbrüderung und des menschlichen Fortschritts, am tiefsten
-wurzelt.«
-
-»Sprechen wir von etwas anderem«, sagte Heinrich, der des schweren
-Themas schon müde war.
-
- * * * * *
-
-Im Park der Witholdschen Besitzung traf Juro mit Elisabeth zusammen und
-blieb mit ihr allein. Heinrich hatte sein Pferd davongeführt.
-
-»Du bist sehr blaß, Elisabeth? Du trauerst um meine Mutter.«
-
-Sie saßen auf einer Holzbank unter einem alten Baume.
-
-»Erzähle mir von deiner Mutter«, bat das Mädchen. »Ich habe sie nur
-zweimal in meinem Leben gesehen. Sie hatte sehr gute Augen.«
-
-Er erzählte. Er sprach wie ein guter Sohn. Und das deutsche Mädchen
-sah mit feuchten Augen der Seele der wendischen Frau nach in das blaue
-Dämmern, das über ihnen war.
-
-Sie küßten sich nicht. Aber sie hielt seine Hand. Und der Schmerz, der
-in ihm war, wurde milder und stiller in der Gegenwart dieses lieben
-Mädchens.
-
-Er sagte es ihr. Da antwortete sie:
-
-»Wenn es anders wäre, würde ich wohl nicht für dich taugen.«
-
-»Du bist viel klüger, viel erfahrener, als sonst Mädchen in deinem
-Alter sind«, meinte er.
-
-»Das ist, weil ich keine Mutter gehabt habe! Weil sie so früh starb! Da
-muß ein Mädchen vieles, was ihm sonst die Mutter abnähme, selbst tragen
-und selbst erleben.«
-
-Er schwieg eine Weile und sagte dann:
-
-»Elisabeth, ich werde dich in ein Geheimnis einweihen, das du wissen
-mußt. Du könntest mich sonst nicht ganz verstehen und auch nicht die
-schwere Aufgabe ermessen, die dir werden wird, wenn du meine Frau sein
-wirst.«
-
-Und Juro erzählte Elisabeth die Sage vom Wendenkönig. Er entrollte
-ihr das alte, ehrwürdige Gemälde, das, im Allerheiligsten des Tempels
-wendischen Volkstums gehütet und gehegt, sonst kein »~Njemz~« zu
-ersehen bekam. Das Mädchen hörte zu mit verwunderter Seele, und
-allmählich kam eine Angst und plötzlich kam ein Schreck über sie ...
-
-Und sie erkannte, daß Juro der zukünftige Kral der Wenden war. --
-
-Da tat sie das, was die Frauen großen Erkenntnissen gegenüber tun --
-sie weinte.
-
-Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. Die
-große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein Sonnenmeer von
-Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet.
-
-Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er sie selbst
-das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle erst dann recht und
-wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich bemühen, zu lehren, wie wir
-immer dann den rechten Weg am ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem
-andern zeigen wollen.
-
-Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im Herzen Juros, und er
-sprang auf und ging weit den Waldweg entlang, kam ganz langsam zurück.
-Die tote Mutter, die Braut, sein ganzes bisheriges Leben mit allem
-Großen und Kleinlichen waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro
-den Waldweg auf und ab wandelte.
-
-Endlich blieb er vor Elisabeth stehen.
-
-»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, die hart
-klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und Feigling zu sein.
-Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles nicht so, wie es ein
-feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist leibliche und körperliche
-Not. Da ist Dummheit und Aberglaube und neben der Knechtseligkeit die
-heimliche Großmannssucht. Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren
-Plunderformeln die Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen
-die Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und die
-Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten Gewässer
-wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich für Schiffer. Mit
-ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum nächsten Wochenmarkt,
-wo sie der dämlichste deutsche Händler übers Ohr haut. Bücher haben
-sie nicht, es seien denn jämmerliche Übersetzungen. Und die sind
-noch in fünffacher Orthographie. Da gibt es eine oberwendische, eine
-niederwendische, eine tschechische, eine evangelische, eine katholische
-Rechtschreibung. Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als
-ein ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt
-werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, wo jeder Wende
-geschlagen werden durfte. Es ist heute noch nicht viel besser. Immer
-in die Heide gedrückt bleibt der Wende, immer auf der mageren Scholle
-sitzt er. Und wenn er einen Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon
-stolz sein Haus. Die Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses
-Volkes. Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin
-oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus Hunger
-oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. Wäre ein
-guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meine Mutter lebte noch! So
-ist sie gemordet worden durch die gutmütige Unvernunft, die bei uns
-Volksreligion ist. Nicht wahr, und einem solchen Volk den Rücken zu
-kehren, das ist leicht? Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert
-sich, bürstet sich den Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein
-feiner Mann!«
-
-Juro lachte höhnisch über sich selbst.
-
-»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen über mich
-kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille ist Feigheit der
-Schwäche gegenüber. Also die elendeste Feigheit. Das weiß ich jetzt.
-Aber ich war ein Feigling. Ich wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir
-ein nettes deutsches Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier
-in der Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten von
-reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht mehr um die
-Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine Schurkerei! Und die ist
-mir erst aufgedämmert, als meine Mutter starb, und ist mir jetzt völlig
-klar geworden, da ich dir diese Kralssage erzählte.«
-
-Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang bald wieder
-auf.
-
-»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. An Samo!
-An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf dem Gute hausen würde,
-ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen Mäulern die Hand lecken
-ließe, der das Volk sorgsam in seinem Aberglauben lassen und sich das
-obendrein als eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der
-verfluchte Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat,
-daß alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten --
-die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, Juden --,
-daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und sich -- das will
-ich ja zugeben -- auch dazu berufen fühlten. Keiner kam, der das Volk
-ans Licht führte, keiner, der den Leuten die frohe Kunde brachte:
-Ihr, ihr das Volk, seid die Hauptsache, ihr sollt reich, stark,
-gesund, klug sein, ihr sollt euch wohlfühlen, und die Regierenden
-sollen sich abrackern, wie sie das zustande bringen! Es ziemt sich
-nicht, daß der eine Mensch wohne wie ein Gott und der andere wie ein
-Tier, und überall, wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer
-Götzendienst, auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am
-Ende, wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten Götzen!
-Arme Slawen!«
-
-Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so erregt
-sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission über ihn
-gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen der Tradition ein
-Wundertrank geschöpft worden war, der den Blinden sehend, den Träumer
-zum Helden machte.
-
-Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen.
-
-»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« fragte sie
-langsam.
-
-Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum.
-
-»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so sprechen? Weißt du
-nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht deinethalben! Ich hatte
-sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre Stärke, ihre Gründlichkeit
-und verlässige Pflichttreue, ihren starken, wunderbaren Fleiß.
-Ich vergöttere ihre Kunst und finde auch einiges Hübsche in ihrer
-Geschichte. Ich wohne in Preußen, ich habe alles, was ich körperlich
-und geistig besitze, von Preußen. Also bin ich ein Preuße! Nicht,
-daß ich die Fehler dieses Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes
-Spartanertum nicht oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser
-bei ihnen als bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei
-den Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als
-bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor den
-selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den Slowaken,
-Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd in ihrer Armut
-dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der Bettlerhand drohen; besser
-endlich als bei den Tschechen, die es trotz ihres reichen Landes,
-trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten auf keinem Gebiet über
-die Mittelmäßigkeit hinausgebracht haben. An alle diese soll mein
-Wendenvolk keinen Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der
-Anstrengungen, die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden,
-trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter uns.«
-
-Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. Er
-war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, der gern Ideen,
-Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits ein Deutscher. Das
-Mädchen war klug und ernst. Es war wohl fähig, solchen Worten zu
-folgen, aber ihr Herz war jetzt weit von den Schicksalen slawischer
-Stämme, es war nur bei dem einen, der sprach, und bei ihrem eigenen
-Schicksal.
-
-»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie.
-
-Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam.
-
-Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten bemerkt
-hätte.
-
-»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; ich glaube
-nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller Heimlichkeit
-zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn daran, einige
-mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die Erhaltung dieser uralten
-Tradition. Alle, bis auf mich! Ich halte solche Traditionen viel
-eher für ein Hemmnis als für eine gesunde Wurzel. Und deshalb wollte
-ich meiner Wege gehen. Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz
-überlassen. Bis die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte
-Volkssage erzählte und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich
-der Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe
-darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, das
-Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.«
-
-Das Mädchen faßte ihn am Arm.
-
-»Erschrick nicht, Elisabeth! Es ist kein Verrat! Es ist die einzig
-vernünftige Tat, die geschehen kann. Was ist klüger: eine alte Kaluppe,
-die jeden Augenblick vom Wind über den Haufen geworfen werden kann,
-immer neu zu stützen, die klaffenden Löcher mit Lehm zu verschmieren,
-die zerschlagenen Fensterscheiben mit Papierfetzen zu verkleben --
-oder die ganze Bude kurzweg niederzureißen und ein festes, gesundes
-Haus an seine Stelle zu setzen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft
-sein, nicht wahr? Die Wenden üben alle Staatsbürgerpflichten auf das
-gewissenhafteste, haben aber nicht vollen Genuß staatsbürgerlicher
-Vorteile. Das ist, weil ihnen ihre Tradition anhängt. Ihre schmucke
-Volkstracht ist in den Augen der Welt doch weiter nichts als das
-Proletenkleid zurückgebliebener Leute; ihre isolierte Sprache macht sie
-unfähig zu vielem, macht sie befangen, furchtsam; der alte Aberglaube
-hält ihre Stirnen umwölkt. Fort mit all diesem Plunder! Heraus aus dem
-Sandwald ins grüne Land! Heran an den großen deutschen Tisch! Gleiche
-Rechte! Gleiches Gepräge!«
-
-Mit den flammenden Prophetenaugen begeisterter Jugend stand er vor ihr.
-Und sie war auch jung, und ihr Herz erglühte im Glauben an ihn und an
-seine Sache.
-
-»Du bist edel, Juro! Du bist klug! Du hast recht!«
-
-Da faßte er sie fest an den Händen.
-
-»Elisabeth, wirst du es mit mir wagen, was ich vorhabe? Wirst du die
-Frau des letzten Wendenkrals sein, der sein Volk zur wahren Freiheit
-führen will?«
-
-»Ja, Juro! Als ich erkannte, wer du eigentlich bist, erschrak ich und
-glaubte, ich könne nicht deine Frau werden. Ich glaubte, wenn du der
-König der Wenden bist, müßtest du auch eine Wendin heiraten. Aber so,
-wie du es vorhast, ist es doch anders. Wenn du die Wenden zu Deutschen
-machen willst, sollst du selbst eine deutsche Frau haben! Und die will
-ich von Herzen gern sein!«
-
-Sie küßten sich auch jetzt nicht.
-
-Aber sie ging weit mit ihm über die Felder, als er heimkehrte, und
-hielt ihn fest an der Hand.
-
- * * * * *
-
-Als Juro allein war, brannten ihm die Wangen. Und in seiner
-Lebhaftigkeit sprach er mit sich selbst von seinen Aufgaben, seinen
-Zielen, die ihm klar vor der Seele standen. Er blieb oft stehen, und
-seine Arme fuhren durch die Luft, als er so mit sich selbst sprach.
-
-»~Pomogaj Bog wam!~«
-
-Er erschrak und sah eine alte Frau vor sich stehen.
-
-»~Bog žekujscho~«, antwortete er.
-
-»Gott helfe Euch!« hatte sie gegrüßt. »Gott vergelte es!« hatte er
-wendisch geantwortet. Er besann sich kurz und redete die Alte in
-deutscher Sprache an.
-
-»Nun, Mütterchen, habt Ihr Pilze gesucht? Es gibt heuer recht viele,
-weil das Wetter naß ist.«
-
-Sie machte eine Gebärde mit der Hand, die bedeuten sollte, daß sie
-nicht Deutsch verstehe. Dann kicherte sie und sagte wendisch:
-
-»Der Sohn des Kral spricht deutsch mit mir!«
-
-Es erschien ihr wie ein Scherz, den Juro mit ihr trieb. Er sah, daß sie
-eine alte Frau sei und also wohl wirklich kein deutsches Wort verstehe.
-Sie verfiel augenblicklich in einen weinerlichen Ton, klagte, daß nun
-die gute Frau gestorben sei, bei der sie hätte sich alle Tage ein
-Töpflein Milch holen können. Juro sagte ihr, er wolle anordnen, daß sie
-die Milch auch fernerhin bekäme.
-
-Da haschte sie nach seiner Hand, um sie zu küssen. Er aber entzog ihr
-die Hand heftig und sagte in wendischer Sprache:
-
-»Mütterchen, habt Ihr ein Kreuz zu Haus, woran dem Herrn Jesus die
-Hände genagelt sind?«
-
-Sie nickte.
-
-»Die Hände dürft Ihr küssen, wenn Ihr an die wirklichen Hände des Herrn
-Jesus denkt. Aber nicht meine. Ich bin kein Gott!«
-
-»Auch nicht dem Herrn Pastor? Oder dem gnädigen Herrn?«
-
-»Auch diesen nicht! Ihr sollt es durchaus nicht tun!«
-
-»Aber Eurem Herrn Bruder Samo habe ich vor einer Stunde beide Hände
-geküßt, weil er mir zwei Dreier geschenkt hat.«
-
-»Ihr sollt es nie wieder tun, weder ihm noch einem andern Menschen.«
-
-Er schenkte ihr eine Silbermünze. Da schnappte sie doch wieder nach
-seiner Hand.
-
-»Ihr sollt es nicht!« rief er erzürnt. »Hunde lecken die Hände, nicht
-Menschen!«
-
-Da erschrak sie, steckte die Silbermünze ein und sagte wieder:
-»~Pomogaj Bog wam!~« Dann huschte sie über eine schmale Wasserrinne in
-den Wald. Aber Juro hörte noch, daß sie bei sich brummte:
-
-»Er tut, als ob ich ein giftiges Maul hätte!« -- --
-
-Nach drei Tagen ging in den Dörfern das Gerücht, Juro habe die alte
-Domasch einen Hund genannt und halte sich arme Leute stolz vom Leibe.
-
- * * * * *
-
-Langsam ging Juro nach seiner Begegnung mit der alten Frau seines
-Weges. Es war, als ob er sich fürchte, heimzukommen zur Mutter. Was
-war sie für eine eifrige, gläubige Wendin gewesen! -- Aber seine Seele
-straffte sich wieder und schüttelte den Kleinmut von sich.
-
-Da sah er auf einem schmalen Raine, der zwischen den Feldern seines
-Vaters hinlief, Hanka, das fremde Mädchen. Die schritt rüstig aus,
-hatte die Schürze hochgebunden, hielt in der linken Hand einen Topf
-und machte mit der rechten die Bewegung des Säens. Juro wußte, was sie
-tat. In dem Topf war das Wasser gewesen, mit dem sie die tote Mutter
-gewaschen hatten. Nun hatten sie dem Topf den Boden ausgeschlagen, und
-das Mädchen säte durch den Topf Hirsesamen auf die Felder. Da würde im
-nächsten Jahr kein Vogel ein Körnlein von diesen Feldern picken. Ein
-Widerwille erfaßte den jungen Mann. Er wartete, bis Hanka näherkam, und
-rief sie an. Sie erschrak, als sie Juro sah, kam aber zu ihm.
-
-»Was tust du da?« fragte er in deutscher Sprache.
-
-»Ich säe den Totensamen! Es ist besser, wenn es ein Mädchen tut, als
-wenn es ein Mann tut!«
-
-Sie hatte wendisch geantwortet.
-
-»Sprichst du nicht Deutsch, Hanka?«
-
-Sie sah ihn verwundert an.
-
-»Warum sollte ich das wohl tun? Ich bin doch eine Wendin!«
-
-»Ja, Hanka! Wir werden noch später darüber sprechen. Ich hoffe, wir
-werden uns verständigen, denn du bist ja ein kluges Mädchen. Sag mir,
-warum säst du den Totensamen? Glaubst du daran?«
-
-»Glaubst du denn +nicht+ daran?« gab sie verwundert zurück.
-
-»Ich bitte dich, gib mir den Topf!«
-
-Sie reichte ihm den Topf, und Juro warf ihn auf einen nahen
-Steinhaufen, daß er zerbrach.
-
-»Was tust du? Ich bin noch lange nicht fertig mit allen Feldern!« rief
-sie erschrocken.
-
-»Laß die Felder und laß die Vögel! Siehst du den Schwarm Sperlinge? Sie
-werden die Hirse fressen, die du gesät hast.«
-
-»Ja, sie kosten davon und kommen dann nie wieder!«
-
-»Sie kommen wieder, Hanka, davon wirst du dich selbst bald überzeugen
-können. Und warum sollten wir sie vertreiben? Der Mensch soll nicht
-geizig sein gegen die kleinen Kostgänger des Herrgotts!«
-
-»Ich bin nicht geizig!« sagte sie trotzig, »es sind nicht meine Felder!«
-
-»Ich will dich auch nicht kränken, Hanka!« sagte er milder. »Aber --
-nicht wahr, der Nutzen könnte doch nur klein sein, und wir wollen
-keinen Nutzen ziehen aus dem Tode eines Menschen!«
-
-»Der Nutzen ist nicht für mich; er ist für euch!«
-
-Sie bückte sich über den Steinhaufen und nahm einen größeren Scherben
-auf.
-
-»Was willst du damit, Hanka?«
-
-»Aus dem Scherben weitersäen!«
-
-»Das wirst du nicht tun! Ich will es nicht! Es ist schmählich! Ich
-verbiete es dir!«
-
-Er stampfte mit dem Fuß auf. Sie sah ihn mit ihren stahlblauen Augen
-hart an.
-
-»Du bist grob!« sagte sie und wandte sich ab.
-
-»Hanka!« rief er zornig, »du wirst das Säen sein lassen! Begreifst du
-denn nicht, was du damit ausdrückst? Daß das Wasser, mit dem meine
-Mutter gewaschen wurde, kleinen unschuldigen Tieren -- einen -- einen
-Ekel einflößen soll? Ich verbiete es dir!«
-
-»Du hast mir nichts zu verbieten! Jemand anders hat mir befohlen, den
-Samen zu säen!«
-
-»Wer? -- Wer ist so töricht? -- Ich will ihn zur Rechenschaft
-ziehen ...«
-
-Bei dieser Frage erbleichte sie und rannte, so schnell sie konnte, den
-Feldrain entlang.
-
-Zornig schritt Juro weiter, dem väterlichen Gehöft zu. Er begegnete
-seinem Bruder Samo. Der wartete ab, bis ihn der Bruder grüßte, und gab
-eine mürrische Antwort.
-
-»Samo, siehst du das Mädchen dort drüben -- die Hanka? Sie sät aus dem
-Topf, aus dem die Mutter gewaschen worden ist, ›Totensamen‹ auf die
-Felder! Wer hat ihr diesen greulichen Unsinn befohlen? Ich will ihn zur
-Rechenschaft ziehen! Wer hat es angeordnet?«
-
-»Die Mutter selbst!« antwortete Samo kurz und hart.
-
-Juro wich einen Schritt zurück. Samo betrachtete ihn mit einem
-schadenfrohen Zucken im Blick.
-
-»Juro, du würdest besser tun, dich nicht in diese Dinge zu mischen, die
-Leute bei ihren alten Gebräuchen zu lassen. Sie ehren unsere Toten weit
-besser als zum Beispiel dein deutscher Freund heute mit seinem albernen
-studentischen Geschwätz!«
-
-Er ließ den Bruder stehen. Wie ein Geschlagener ging Juro den Weg
-entlang. Ein Schwarm Schwalben flog hoch in der Luft immer im Kreis
-herum. Die Vögel dachten ans Abschiednehmen.
-
-Im Großgarten lehnte der Vater regungslos an einem Apfelbaum und
-starrte in die sinkende Abendsonne.
-
-Das Glöcklein vom Kirchturm begann zu läuten.
-
-Dort in der Stube mit dem verhangenen Fenster schlief die Mutter den
-letzten Abend auf dieser Erde.
-
-»~Pusty wjecor~«, sagen die Wenden.
-
-»Der öde Abend!«
-
-
-
-
-Der letzte Trauergast war an den schwarzen, weißgeränderten Sarg
-getreten, in dem die tote Frau in ihrer Brauttracht lag, hatte sein
-stilles Vaterunser gebetet, den Anverwandten sein Beileid ausgesprochen
-und war dann nach der großen Gesindestube gegangen, wo Kaffee und
-Kuchen, Käse und Branntwein zu haben waren.
-
-Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Vater und Söhne nahmen bewegten
-Abschied, und die Tote wurde im offenen Sarg aus der Stube getragen,
-mit den Füßen voran, damit sie nicht »zurückschauen könne«. Der Spiegel
-wurde enthüllt, das Fenster geöffnet, die Stühle, auf denen der Sarg
-gestanden hatte, wurden umgestürzt.
-
-An der Haustür wurde der offene Sarg hingestellt. Die tote Bäuerin,
-deren Augen halboffen waren, blinzelte noch einmal in ihren Hof hinein.
-Es war alles sauber und ordentlich. Die zwei Mägde, die das Vieh im
-Augenblick des Abschieds füttern mußten, rannten so eilig mit ihrem
-Heu, als fürchteten sie immer noch einen Tadel der Frau. Ein paar junge
-Mädchen rückten an ihrer Plachta[6], ob sie auch ordentlich säße;
-einige alte Leute nickten der Toten zu: »Du kannst stolz sein, daß du
-ein so großes Grabgeleite hast!«
-
-Unter der weißgekleideten Trauergesellschaft standen zwei in schwarzen
-Gewändern: Elisabeth und ihr Bruder Heinrich. Samo, der einmal die
-Augen aufhob und die beiden Deutschen sah, dachte bei sich: Sie sind
-wie schwarze Flecken auf weißen Kleidern.
-
-Die Herbstsonne schien auf den bevölkerten und doch so stillen Hof. Da
-trat der alte Scholta an den Sarg heran, nahm den Hut ab und sprach
-laut:
-
-»Vater, in deine Hände befehle ich meine Frau!«
-
-Dann wurde der Sarg geschlossen und nach dem hochgelegenen Friedhof
-getragen, wo ein Glöcklein mit blechernem Klang läutete. -- -- --
-
-Alle einfachen Menschen haben das Bedürfnis, zu lärmen, wenn sie
-einmal eine Zeitlang haben still sein müssen. Nach dem Begräbnis wurde
-die Dorfstraße überaus lebhaft.
-
-Die Mägde sprachen von dem »prachtvollen Leichenputz«, den die Tote
-getragen, von den blütenweißen Brusttüchern und der breiten gestickten
-Seidenschärpe, vor allem aber davon, daß sie in der linken Hand statt
-des üblichen Sträußchens eine Zitrone gehabt habe.
-
-»Nun, sie war eine Reiche!«
-
-»Und was für eine! Sie ist sogar im Bette gestorben!«
-
-»Arme Leute könnten das nicht!«
-
-»Dürften es auch nicht. Es wäre gegen die Schicklichkeit.« --
-
-Die Burschen waren noch lebhafter. Sie behandelten insbesondere eine
-Standesfrage.
-
-Zu den Leichenträgern gehörten auch ein Halbbauer und ein Häusler;
-sogar der Schäfer. Der Großbauer Klin hat nicht mit »Träger« sein mögen
-deshalb. Sie haben müssen herumschicken. Da ist der Gregorek für den
-Klin eingesprungen.
-
-»Der Klin hat ganz recht. Bauersleute sollen nur von Bauern getragen
-werden. Anderen Leuten kommt das nicht zu«, sagte ein junger Bauernsohn
-stolz.
-
-»Du schmutziger Bengel, du bist der richtige!« fuhr ein anderer
-dazwischen. »Der Tod macht alles gleich. Und dem Toten ist es ganz
-gleich, wer ihn trägt.«
-
-Der Bauernsohn geriet in Hitze.
-
-»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, »würde ich
-dir eine ›Pflaume‹[7] geben, an der du zu kauen hättest -- du -- du
-Demokrat du!«
-
-»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die Pflaume kommt
-zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger werden -- für dich.«
-
-»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da ist es etwas
-anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der Branntwein war gut. Es
-wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch keinen erlebt habt.«
-
-Darauf sprachen sie von Mädeln und von Manövern. --
-
-Zwei alte Weiber humpelten zusammen.
-
-»Mein Gott«, sagte die alte Wičaz, die Mutter des Knechtes Lobo, »man
-kommt im Leben zu nichts. Ich hab' doch so viel Wanzen in meinem Bett,
-und da hab' ich ein paar gefangen und in eine Federspule gesperrt und
-die Spule an beiden Enden mit Wachs verklebt. Ich wollte sie in den
-Sarg stecken, daß ich alle Plagegeister los würde. Aber ich habe ja
-nicht allein an den Sarg kommen können. Es waren ja immer Leute da. Nun
-ist gar das Wachs von der Spule in meiner Tasche abgegangen, und die
-Viecher sitzen mir im Kirchenkleide. Ein armer Mensch hat kein Glück.«
-
-»Wart, bis der alte Kito stirbt«, tröstete die andere. »Der macht's
-nicht mehr lange. Und bei dem sind nicht viel Leute. Der nimmt die
-Wanzen mit.«
-
-»Hast du nicht deine Wanzen dem Merten mitgegeben?«
-
-»Ja, aber sie haben nicht mit ihm gehen mögen, weil der sich doch
-gehangen hat und in die Hölle gekommen ist. Sie sind wiedergekommen.«
-
-»Also warten wir, bis der alte Kito stirbt. Auf den hat man sich immer
-verlassen können!« -- -- --
-
-Juro ging mit den beiden Deutschen vom Kirchhof zurück. Sie redeten
-nicht viel. Es war nur, daß die Gäste nicht allein blieben. Am
-Kretscham stand Heinrichs Fuhre. Dort nahmen sie bald Abschied.
-Elisabeth sagte leise zu Juro:
-
-»Es tat mir weh, daß ich am Grabe deiner Mutter allein so fremd war.
-Die Leute sahen mich an, als ob ich nicht dahin gehöre, und ich gehörte
-doch gewiß dahin.«
-
-»Ich danke dir, daß du gekommen bist, Elisabeth. Es wird eine schwere
-Sache, die wir übernehmen wollen, weil wir nicht zu den Leuten
-hingehen, weil wir sie zu uns herüberziehen müssen. Aber wir wollen
-mutige Kameraden sein.«
-
-Sie reichten sich die Hände und schieden. -- --
-
-Samo ging mit Hanka. Sie sprachen eine Weile nicht, dann hob Samo den
-Kopf, wies nach vorn und sagte:
-
-»Da gehen die Deutschen. Sie sind aufdringlich. Wie alle Deutschen!
-Gestern das studentische Gefasele dem Vater gegenüber war direkt
-ekelhaft. Sie sind hinter Juro her.«
-
-»Wie meinst du das?« fragte das Mädchen arglos wie ein Kind.
-
-»Es ist nicht schwer zu raten. Sie wollen ihn für das deutsche Mädchen.«
-
-»Für diese da? -- Als Mann? Als Ehemann?«
-
-»Ja natürlich!«
-
-Hanka schüttelte den Kopf und sagte ruhig:
-
-»Das darf er nicht. Eure Mutter hat es mit meinen Eltern ausgemacht,
-daß Juro mich heiratet. Das muß er nun doch tun!«
-
-»Nimmst du ihn gern?«
-
-»Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mit mir. Gestern hat er mich
-ausgeschimpft und mir den Leichentopf zerschlagen. Eigentlich fürchte
-ich mich vor ihm. Aber er ist ein hübscher Mann.«
-
-»Ja! Und er ist ein Glückspilz!« knirschte Samo zwischen den Zähnen.
-
-Hanka senkte traurig den Kopf.
-
-»Ich möchte am liebsten wieder heim. Es ist so schön zu Hause. In
-der Spinnstube war ich schon die Kantorka[8], und ich bin doch erst
-achtzehn Jahr.«
-
-Samo blieb vor ihr stehen und sah sie an. Und die Trauer wich auf
-ein paar Sekunden aus seiner Seele, und er sah, daß Hanka schön und
-lieblich sei.
-
-»Man sollte dich auf Händen tragen, Hanka!«
-
-»Sie sind alle gut zu mir. Nur Juro ist streng. Er schalt mich gestern,
-daß ich wendisch sprach.«
-
-Da kollerte ein leises, grimmes Lachen über Samos Lippen.
-
-»Der zukünftige Kral!« sagte er verächtlich. »Nun, ich bin da und will
-aufpassen. Gehen wir durch die Seitengasse, Hanka. Ich will nicht am
-Kretscham vorbei. Ich mag diese Deutschen nicht grüßen.«
-
-»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist ein Fräulein,
-man sieht es gleich.«
-
-Samo ging allein durch die Seitengasse. -- -- --
-
-Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war
-ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach
-eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine
-Königswürde.
-
-Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele
-aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten
-Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um
-Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte
-und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten
-Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille
-funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung
-des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl
-vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.
-
-Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral
-heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben
-vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand.
-Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche
-Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt
-eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein
-Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute
-am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk
-seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten.
-
-
-
-
-»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn begrüßten.
-Der König lud sein Volk zum Mahle. Im Großgarten waren lange Tafeln
-aufgeschlagen; in allen Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und
-Stühle. Das war kein gewöhnlicher ~zakopowane~[9] mit gelber Suppe und
-etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl mit gekochtem
-und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein und Tabak für die
-Männer und Kaffee mit Kuchen und Schokolade für die Frauen. Selbst
-Zuckererbsen für die Kinder gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral
-ging ein paarmal durch die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede
-an und sprach selbst selten ein Wort.
-
-Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden
-Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen.
-
-Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die Burschen
-sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob sie heut abend im
-Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt muß werden bei einem so großen
-Begräbnis.«
-
-»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird nicht tanzen.
-Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist sie hier.«
-
-»Wo ist Juro?«
-
-»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel
-gemeiner«[10]. -- -- --
-
-Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war ihm zuwider.
-Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das Klingen der Gläser an.
-Barbarisch ist das, abscheulich! Es ekelte ihn.
-
-Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken der Mutter
-nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein junges Leben
-vergoldet hatte.
-
-Schließlich mußte er doch umkehren.
-
-Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. Juro kannte
-den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker aus Bautzen, war er.
-Juro wußte seine ganze Geschichte. Wie er mit einem Stipendium des
-preußischen Königs studiert, wie er dann seine ganze Lebensarbeit
-der Erhaltung des wendischen Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann,
-der seine kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen
-herausgab, selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb,
-das Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige
-seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt wie
-dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau kannte man ihn, aus Prag
-wallfahrteten tschechische Politiker, Schriftsteller, Studenten zu
-ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag an seinem schwarzen Rock den
-russischen St. Annenorden zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die
-Panslawisten aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«[11] ihre
-Hoffnungen setzten.
-
-Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der wirkliche,
-geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle Erbe des wendischen
-Königtums.
-
-»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer Sprache.
-
-»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete Juro
-deutsch.
-
-Schmaler sah überrascht auf ihn.
-
-»Sie sprechen deutsch mit mir?«
-
-»Ja, Sie sind aus Bautzen, und Bautzen ist, denke ich, eine deutsche
-Stadt.«
-
-»Sie wissen sehr wohl, wer ich bin, werter Herr, und Sie wissen auch,
-daß Budissin[12] eine uralte wendische Stadt ist. Was verdrießt Sie an
-den Wenden? Man hat mir schon gesagt, daß Sie kein Freund der Wenden
-sind.«
-
-Schmaler hatte ruhig und mild gesprochen; Juro entgegnete heftig:
-
-»Ich bin kein Freund der Wenden? Wer Ihnen das gesagt hat, Herr
-Schmaler, ist ein Lügner! Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Schuft!«
-
-»Nun, nun, es kommt viel auf die Auffassung an. Wir können ja ganz
-ruhig miteinander sprechen. Und wenn Ihnen heute eine Aussprache nicht
-paßt, so verstehe ich das wohl und will Sie gewiß nicht quälen.«
-
-»Wir können miteinander sprechen, Herr Schmaler, aber ich fürchte,
-wir werden uns nicht verstehen. Ich kenne Sie und Ihr Werk, und ich
-habe Hochachtung vor Ihren Talenten, Ihrer Ausdauer, Ihrem Opfermut.
-Sie sind ein Freund der Wenden in Ihrem Sinne, ich bin ein Freund der
-Wenden im gerade entgegengesetzten Sinne. Ich glaube nicht, daß so
-scharfe Gegensätze, wie sie zwischen uns sind, sich oft wiederholen.«
-
-»Das soll heißen,« sagte Schmaler düster, »daß Sie alle meine
-Bestrebungen um die Erhaltung sorbischen Slawentums in der Lausitz
-verwerfen, wenn nicht gar bekämpfen wollen.«
-
-»So ist es!« sagte Juro aufrichtig.
-
-Schmaler schwieg eine Weile, dann sagte er:
-
-»Ich könnte Sie um die Begründung Ihres Urteils fragen, aber ich kenne
-alle Einwände, die gegen mein Werk erhoben werden. Sie halten es für
-vergeblich.«
-
-»Ja! Für so vergeblich, wie wenn Sie in heißen Frühjahrstagen mit einem
-eisernen Haken eine Eisscholle in der Spree festhalten wollten. Die
-Wenden schwimmen im deutschen Fluß, und unter der deutschen Kultursonne
-wird Ihnen die Scholle, die Sie festzuhalten sich bemühen, trotz aller
-Haken und Anstrengungen zerrinnen.«
-
-Wieder entgegnete Schmaler nicht gleich. Dann sagte er:
-
-»Sie wissen, daß alle Gleichnisse hinken. Ich könnte Ihnen hundert
-andere entgegenstellen, z. B. daß es mir lieber ist, als armer Häusler
-in eigener Hütte zu wohnen, als daß ich als Dominialknecht zu einem
-großen Herrn zöge.«
-
-»Knechte sind die Wenden nur so lange, als sie Wenden bleiben. Werden
-sie Deutsche, so sind sie freie Kinder des freien Hauses.«
-
-»Mein Gott, so spricht der zukünftige Kral!«
-
-»Herr Schmaler, Sie wissen, daß unser Königtum eine Illusion ist.«
-
-»Nehmen Sie die Illusion aus der Welt, und die Staaten und die
-Gemeinschaften und die Familien und alles individuelle Leben geht in
-Trümmer. Fällt Ihnen nie ein, was für Kulturwerte versinken, wenn
-dieses Volk untergeht? Glauben Sie nicht, daß nur im Individualismus
-die Welt schön und liebenswürdig sein kann? Glauben Sie nicht, daß es
-zum Sterben langweilig wäre, wenn auf der Welt überall dieselbe Art
-Menschen wohnte?«
-
-»In der Welt ja; aber ein Reich ist nur in einer Einheit
-bewundernswert. Das weiß sonst niemand besser als die Panslawisten.«
-
-Juro sagte es mit einem Seitenblick auf Schmaler. Der entgegnete ruhig:
-
-»Ich bin ein Panslawist. Es sind mir oft in slawischen Ländern gute,
-wohlbesoldete Stellen angeboten worden; ich bin im sächsischen
-Budissin geblieben, habe dort meine Kraft, meine Gesundheit, mein
-Vermögen zugesetzt im Dienst der wendischen Sache. Aus Eitelkeit,
-werden meine Feinde sagen, aus der Sucht heraus, ein Eigenbrötler zu
-sein, der Beachtung findet. Das mögen sie sagen; ich verachte es.«
-
-»Ich meine, daß Ihre ehrlichen Gegner an Ihren Idealismus glauben, Herr
-Schmaler; ich jedenfalls gehöre zu diesen.«
-
-»Danke! Das eine kann man mir auch jedenfalls nicht bestreiten, daß ich
-ein loyaler sächsischer Untertan bin.«
-
-»Sehen Sie, Herr Schmaler, das würde ich bestreiten. Ich glaube, daß
-Sie Ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, aber Ihre Seele gehört
-hinüber zu den Tschechen, mit denen Sie eine Spracheinheit anstreben,
-mit denen Sie ständig sympathisieren.«
-
-»Was soll ich tun? Sie selbst sagen, daß meine Scholle zerbröckelt.
-Festigkeit, geistigen Inhalt für meine Sache kann ich nur bei unseren
-slawischen Brüdern suchen. Ich suche Stärkung bei den Slawen für unser
-wendisches Volkstum, aber ich suche keinen politischen Anschluß an
-sie. Ich will die Erhaltung des sorbischen Slawentums innerhalb der
-bestehenden Staatsverbände. Ist das Landesverrat?«
-
-»Landesverrat nicht! Nein! Sicherlich aber auch nicht Patriotismus,
-der die Wurzeln seiner Kraft nicht im Auslande hat.«
-
-»Vaterland? -- Welches Blut haben uns unsere Väter vererbt? Wo zieht es
-uns hin?« --
-
-Sie waren inzwischen nahe an das Gehöft gekommen, wo festliches Treiben
-war. Mitten aus dem Lärm hob sich das widerliche Geschrei eines
-Betrunkenen ab:
-
-»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«[13]
-
-»Hören Sie! Hören Sie!« keuchte Juro. »Ist das nicht eine Roheit
-sondergleichen? Ist das nicht gemeiner Kannibalismus! Wenn ich den Kerl
-erwische, schlage ich ihn nieder!«
-
-Er wollte voran. Schmaler faßte ihn am Arm und hielt ihn fest.
-
-»Es ist roh! Ja, es ist widerlich roh! Aber der Mann ist betrunken!«
-
-»Oh, es wird nicht lange dauern, da brüllen sie alle dieselbe
-Gemeinheit!«
-
-»Nicht doch! Denken Sie daran, daß solch arme Leute jeden öffentlichen
-Anlaß zu einer Festlichkeit benutzen, weil ihr Leben so wenig Feste
-hat.«
-
-»Da sind sie voll von diesem eklen Kannibalenfraß, da dürfen sie von
-einer edlen Toten sprechen wie von einem geschlachteten Tier! Ich halte
-es nicht aus! Ich werfe sie hinaus; ich werfe sie alle hinaus!«
-
-»Es sind die Gäste Ihres Vaters! Roheiten kommen überall vor. Beruhigen
-Sie sich! Es ist ein ungebildetes Volk! Sie denken sich nichts so
-Schlimmes dabei!«
-
-»Prosit! Prosit!« scholl es vom Großgarten her, und wieder kam der rohe
-Satz:
-
-»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«
-
-Da überfiel Juro ein starker physischer Ekel; ein Brechreiz würgte ihn,
-dann riß er sich los und eilte nach dem Großgarten. Er sah eine Gruppe
-zechender Männer.
-
-»Prosit, Juro, prosit!« schrien sie. »~Njet hordujo~ ...«
-
-»Wollt ihr schweigen, ihr -- ihr -- Schweine!«
-
-Juro brüllte es.
-
-»Ist das ein Sauffest? Dürft ihr so von meiner Mutter sprechen? Hinaus,
-sage ich, hinaus mit euch besoffenem Pack!«
-
-Die Gesellschaft erschrak. Blöde, ernüchtert sahen sie den tobenden
-jungen Mann an.
-
-»Was -- Was sagt er?« grunzte einer.
-
-»Was ich sage? Daß ihr eine besoffene Horde seid, die sich benimmt wie
-die Wilden!«
-
-Nun ging ein Skandal los.
-
-»Wir haben doch den Branntwein nicht gestohlen!«
-
-»Wir sind doch nicht zum Spaß so weit hergelaufen!«
-
-»Er ist ein aufgeblasener Bengel!« -- »Er hat uns beim Totenschmaus der
-eigenen Mutter verjagt!« -- »Pfui, er ist geizig!«
-
-»Da -- da hast du dein Fett!«
-
-Und es warf einer das Schnapsglas nach Juro, das haarscharf an seinem
-Kopf vorbeisauste. Mit einer unflätigen Beleidigung stampfte der Kerl
-davon. Eine Anzahl anderer warf die Gläser ebenfalls ins Gras und ging
-davon.
-
-Der Kral kam schnell heran und sagte laut:
-
-»Ich bin hier der Herr! Wer mein Gast ist und wem es hier gefällt, der
-bleibt!«
-
-Aber wenige blieben. Juro ging zitternd vor Aufregung ins Haus.
-
-Schmaler trat an den Scholta heran und sprach einige aufklärende Worte.
-
-»Es hat mir auch wehgetan, wenn sie so brüllten«, sagte der alte Hanzo;
-»aber es ist eine Redensart seit alters her. Und Gäste soll man nicht
-vertreiben.«
-
-»Juro ist kein Wende mehr«, sagte Samo, der auch herangetreten war. »Er
-hat sich so mit Haut und Haaren den Deutschen verschrieben, hat sich so
-an geschniegelte Kreise angeschlossen, daß ihm alles in der Heimat zu
-roh ist, daß er sich zimperlich benimmt wie ein Frauenzimmer. Mit den
-Deutschen ist er gegangen; mit einem Wenden hat der feine Herr nicht
-gesprochen.«
-
-»Nur mit mir!« sagte Schmaler. »Freilich haben wir gestritten.
-Ich kehre bedrückten Herzens heim, weil ich gesehen habe, wie der
-zukünftige Kral über das Wendentum denkt.«
-
-Ein Seufzer kam aus der Brust des alten Hanzo, und er wandte sich, ohne
-weiter ein Wort zu sagen, wieder zu seinen Gästen. Eine Anzahl kam
-zurück. Es wurde weiter geschmaust und getrunken, aber es ging stiller
-her. -- Schmaler und Samo gingen nun ein Stück den Feldweg entlang. Sie
-verstanden sich besser.
-
-Schmaler erzählte mit Begeisterung von Prag.
-
-»Ich kann es nicht begreifen«, sagte Samo, »daß mein Vater darauf
-bestand, ich müsse in Breslau studieren. Mir ist das deutschgewordene
-Nest, das Slawen gegründet haben, zuwider. Wir wendischen Studenten
-gehören nach Prag. Denn die Lausitz gehört ebenso wie Schlesien
-geschichtlich und rechtlich zur ›~Koruna ceska~‹«[14].
-
-Schmaler schüttelte den Kopf.
-
-»Ich gehe nicht so weit, ich fasse unsere Stellung zu den verwandten
-Tschechen anders auf!«
-
-»Was man will, muß man ganz wollen, Meister Schmaler. Los von den
-Deutschen! Die deutsche Länderkrume, die uns von den tschechischen
-Brüdern trennt, ist dünn genug, daß man sie durchbrechen kann. Wir
-müssen nur ausharren, festhalten, hier treu bleiben auf dem slawischen
-Vorposten. Jahrhundertelang hat unser armes Volk den deutschen Druck
-ertragen und ist slawisch geblieben im fremden Joch, im fremden Land.
-Sehen Sie dagegen auf die Deutschen! Alle fremden Sprachfetzen lesen
-sie auf, die vom Schneidertisch anderer Nationen fallen, behängen sich
-damit und glauben sich geschmückt. Ihre Nationalität hält im fremden
-Land nicht vom Vater auf den Sohn. Weil sie nichts taugt! Und deshalb
-werden unsere tschechischen Brüder Tag um Tag weiter vordringen gen
-Norden, und eines Tages werden wir mit ihnen vereinigt sein. Dann
-wird man sowohl vor den Mauern Berlins wie vor den Mauern Wiens die
-slawische Sprache hören.«
-
-»Sie gehen zu weit, Sie gehen viel zu weit in Ihren Plänen und
-Hoffnungen«, sagte der vorsichtige Schmaler besorgt.
-
-»Ich setze mir ein Ziel: Erhaltung des Sorbentums als Vorposten der
-siegreich vordringenden Slawen.«
-
-Schmaler schwieg. Er mochte sich zu solch kühnen Worten nicht äußern.
-
-»Liegt es nicht an der Feigheit unserer Intelligenz, wenn das Sorbentum
-leider Gottes zurückgeht?« fuhr Samo fort. »Wenn wir solche Führer
-haben wie meinen Bruder Juro, dann Gnade uns Gott!«
-
-»Auch ich fürchte von ihm viel«, sagte Schmaler.
-
-»Er darf kein Führer werden; er darf es nicht! Ich werde es verhindern.
-Gott sei Dank, ich glaube, er will es auch nicht. Er ist zu feig
-und oberflächlich dazu. Ich sah mit scheelen Augen darauf, daß er
-hinter einer Deutschen herlief. Ich war ein Esel. Ein Glück ist diese
-Liebschaft! Er soll sich nur sein bleichsüchtiges Ding nehmen, nach
-Berlin ziehen und alle zehn Jahre einmal nach Hause zur Kirmeß kommen.
-Öfter gehört er auf unsern Hof nicht! Da ist er unmöglich! Vollends mit
-seiner deutschen Zierpuppe. Auf unsern Hof gehöre ich!«
-
-»Er ist der Erbsohn«, warf Schmaler ein. »Er ist auch nach der
-Tradition der zukünftige Kral.«
-
-»Haben nicht andere abgedankt als er, wenn sie unfähig waren für ihre
-Sache? Er wird abdanken!«
-
-»Ich will mich in einen Familienstreit nicht mischen«, sagte Schmaler
-wieder vorsichtig.
-
-»Das ist kein Familienstreit, das ist eine Sache, die alle angeht und
-die Sie unterstützen sollten, wenn eine Unterstützung nötig wird.«
-
-»Ihr Vater ist noch jung. Wir müssen die Entwicklung der Dinge
-abwarten.«
-
-»Die Dinge werden sich rasch entwickeln. Denken Sie an Hanka! Sie ist
-das letzte Mädchen aus dem Geschlechte, das uns als das königliche
-gilt. Meine Eltern und ihre Eltern haben sie für Juro bestimmt. Und
-wenn er sich um seiner deutschen Liebsten willen weigert, das Mädchen
-zu nehmen? Wenn er mit seiner deutschen Frau als Arzt nach irgendeiner
-Stadt zieht? Nach allen seinen Äußerungen glaube ich bestimmt, daß er
-das tun wird. Nun, irgend jemand wird wohl die Sache hier übernehmen
-müssen.«
-
-Schmaler drückte Samo die Hand.
-
-»Sie wissen, daß ich Sie hundertmal lieber als Herr auf dem Hofe sehen
-würde als Ihren Bruder.«
-
-»Das genügt mir!« sagte Samo, und seine dunklen Augen funkelten.
-
-Dann sprach er von der Zeitung, die Schmaler herausgab, von der
-»~Sorbske Nowiny~«. Er lobte Schmalers Bestreben, die deutschen
-Fremdwörter und Lehnformen aus der wendischen Sprache auszurotten
-und überall da, wo ein rein wendisches Wort nicht vorhanden war,
-tschechische Formen einzuführen. Er versprach auch, selbst an der
-»~Sorbske Nowiny~« mitzuarbeiten, zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche
-und wies auf einen Artikel.
-
-»Den müssen Sie abdrucken. Der trifft das Richtige!«
-
-»Sie lesen Russisch?« fragte Schmaler.
-
-»Ja, ich habe mich von Kindheit an mit dieser Sprache befaßt.«
-
-Schmaler, der ebenfalls des Russischen mächtig war, las:[15] »Wir
-Slawen bewundern den Genius der Semiten auf dem Gebiete religiöser
-Schöpfungen, den der Griechen auf dem Gebiete der Wissenschaften
-und Künste, den Genius der Römer auf dem Gebiete des Rechts und
-der Politik; wir bewundern den begeisterten Schwung des Spaniers
-und Italieners, das gesellschaftliche Talent und den Geschmack
-des Franzosen, die schöpferische Kraft und die Erfindungsgabe des
-Engländers. Was kann dagegen der Deutsche für sich beanspruchen? Was
-ist an ihm genial, was ideal, was vollendet? Ist sein Glaube nicht
-abstrakt und sein Unglaube kühl, seine Philosophie phantastisch und
-seine Poesie philosophisch? Seine soziale Existenz, sein Feudalismus,
-sein Junkertum, sind sie nicht die Negation der Menschenrechte, die
-organisierte Gewalttat? Können seine gute militärische Disziplin, seine
-Mäßigkeit und Akkuratesse, sein kaltes, herzloses, maschinenartiges
-Ausführen dessen, was ihm befohlen wird, selbst auf Kosten der
-geheiligten Gefühle der Großmut und des Mitleids -- können sie
-dieses Volk erheben und Liebe erregen? Können seine Arbeitsamkeit
-und Pünktlichkeit den Mangel an Humanität und schöpferischer Kraft
-ersetzen? Möge die geschichtliche Vorsehung die Slawen vor dem Wege der
-Entwicklung bewahren, auf dem sie den Deutschen ähnlich werden könnten!«
-
-»Haben Sie das selbst geschrieben?« fragte Schmaler.
-
-Samo zuckte die Achseln.
-
-»Geschrieben oder nicht, es ist meine Meinung. Und Sie sollen den
-Artikel abdrucken.«
-
-»Nein«, sagte Schmaler, »er ist zwar geistreich, aber er schießt über
-das Ziel hinaus. Die Russen können unmöglich den Deutschen den Vorwurf
-kalter Herzlosigkeit, Unfreiheit und schöpferischer Unproduktivität
-machen. Solche Angriffe verfehlen ihren Zweck.«
-
-Samo zuckte die Achseln.
-
-»Wer dieses Volk angreift, hat immer recht. Die ›~Nàrodni listi~‹ in
-Prag sollten Sie sich zum Muster nehmen. Das Blatt nennt das Ziel,
-stellt die Aufgabe klar, wenn es schreibt: ›Wir werden immer auf seiten
-jenes Volkes stehen, das gegen die Deutschen den Krieg unternimmt,
-weil der Feind unseres Feindes stets unser Freund ist.‹ Sehen Sie, Pàn
-Schmaler, das ist stark und zielbewußt! Für Ihre ›~Sorbske Nowiny~‹
-aber werde ich nichts schreiben können, weil ich fürchte, dies Blatt
-ist zu deutschfreundlich.«
-
-Das mußte sich der alte Wendenführer von dem jungen Manne sagen lassen.
-Als er gen Bautzen nach Hause fuhr, mußte er sich eingestehen, daß
-er sich mit keinem der beiden Söhne des Kral verstanden hatte, mußte
-er sich sagen, es sei doch eine mißliche Sache, in Prag und Moskau
-als Vertrauensmann zu gelten und daheim dem König von Preußen ein
-Wendenbuch zu widmen.
-
-
-
-
-An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende Bauersleute
-aus dem Sächsischen, teilgenommen. Am Abend noch sprach der Scholta
-zu ihnen: »Herr Vetter und Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche
-Bitte auszusprechen. Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein
-paar Wochen zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille,
-daß die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit,
-wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir die Frau
-gestorben ...!«
-
-Er hielt nach dieser langen Rede müde inne und machte eine
-Handbewegung, die bedeuten sollte: alles andere könnt ihr euch wohl
-selbst denken. Die Mutter Hankas verstand ihn auch.
-
-»Der Herr Vetter meint, weil das Hauswesen jetzt ohne Frau ist, so
-sollten wir in Gottes Namen die Hanka auf längere Zeit hierlassen, daß
-er nicht ganz allein ist, wenn die Herren Söhne wieder fortziehen, und
-daß eine weibliche Aufsicht wäre.«
-
-Hanzo nickte der Frau dankbar zu. Er freute sich, daß sie ihm das
-weitere Sprechen und Bitten ersparte.
-
-Die Frau aber schwieg jetzt, und auch ihr Mann schwieg. Sie brauchten
-sich ihre Gedanken nicht mitzuteilen. Sie dachten alle drei dasselbe:
-daß Hanka an einem Unglückstage in dies Dorf eingezogen, daß ihr
-unterwegs die Smjertniza begegnet war. Der alte Scholta suchte endlich
-die Bedenken zu zerstreuen, indem er sprach:
-
-»~Bog te swoje žiwńe gromadu zwežo!~«[16]
-
-Diesem Spruche dachte die Frau nach, und ihr Mann wartete, wie sie sich
-entscheiden werde.
-
-Endlich sprach die Mutter Hankas:
-
-»So wollen wir das Mädchen in Gottes Namen hierlassen, bis der Herr
-Vetter seine Wirtschaft gerichtet hat.«
-
-Der Mann sah seine Frau an, als wollte er sagen: Ich hätte erwartet,
-daß wir uns anders entscheiden würden. Aber die Frau sagte: »Gott hat
-das Kind behütet und auch mit tollen Pferden gesund hierher geführt, es
-mag hierbleiben.«
-
-Hanka wurde nun herbeigerufen, und der Familienbeschluß wurde ihr
-mitgeteilt. Da rannen ein paar helle Tränlein über die roten Wangen des
-Mädchens.
-
-»Es war so schön zu Haus. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka!«
-
-»Du wirst hier auch die Kantorka werden!« tröstete die Mutter. Das
-Mädchen aber hielt die Hände vors Gesicht. Da stand die Mutter auf und
-sagte recht barsch:
-
-»Höre, Hanka, ich will nicht hoffen, daß dir ein Kerl von zu Haus im
-Kopfe steckt.«
-
-Das Mädchen sah sie groß an.
-
-»Nein! Wie wäre das möglich? Ich denke, ich soll den Juro heiraten!«
-
-Da nickten sich die drei Alten befriedigt zu: »Sie ist ein folgsames
-Kind!«
-
-Ein Weilchen war's still, dann seufzte die Frau und sagte:
-
-»Der Herr Juro hat ein gar hitziges Blut!«
-
-Ihr Mann wollte nun auch was sagen und sprach:
-
-»Das muß so sein bei den Herren Studenten.«
-
-Die Frau sah ihn an und sagte nichts. Aber der Mann wußte, daß sie
-bei sich dachte: Was faselst du? Du hast in deinem Leben keine fünf
-Studenten gesehen. Das war wahr, und der Mann nahm sich vor, ein
-andermal mit Reden nicht so voreilig zu sein.
-
-»Er wird ein schweres Leben haben, wenn er erst auf dem Gut ist und so
-hitziges Blut hat«, nahm die Frau das Thema wieder auf.
-
-»Er wird älter werden!« sagte der Kral.
-
-»Und er hatte ganz recht«, rief Hanka, halb noch in Tränen. »Ich habe
-auch einem von den Kerlen, die so lärmten, eine Flinka[17] gegeben.«
-
-»Du?!«
-
-»Ja, es kam einer an die Küchentür und sagte den gemeinen Spruch:
-›~Jana stawa baba~‹.«[18]
-
-»Der Kerl! Da hattest du recht, daß du ihm eine Flinka gabst. Was sagte
-er?« fragte die Mutter.
-
-»Ach, er lachte und meinte: Ei sieh, das Kätzchen gibt die Pfote!«
-
-»Und du?«
-
-»Ich gab ihm noch einmal die Pfote!« sagte Hanka und lachte auch.
-
-Die Eltern sahen stolz auf den Scholta: »Sieh, was für eine
-Schwiegertochter du bekommst!«
-
-»Juro ist streng!« sagte Hanka nachdenklich, »er hat auch auf mich
-schon sehr geschimpft. Aber er ist schöner als alle!«
-
-Da sahen die Eltern wieder auf den Scholta: »Nehmt euch diese Perle
-wahr!« Hanzo nickte.
-
-Als die Eltern Hankas an die Heimreise gingen, schieden sie in
-Zufriedenheit, obwohl sie sich von ihrem zukünftigen Schwiegersohn Juro
-nicht einmal verabschieden konnten, weil er nirgends zu finden war.
-So hatte Juro mit ihnen außer einer kurzen Begrüßung bei der Ankunft
-überhaupt kein Wort gesprochen.
-
- * * * * *
-
-Der Scholta brauchte drei Tage und drei Nächte, ehe er sich zu dem
-Entschluß aufraffte, mit seinen Söhnen Rücksprache über die Zukunft zu
-nehmen. Endlich saß er mit ihnen in dem kleinen Stübchen, in dem sein
-uralter Schreibtisch stand, der so hoch war wie ein Schrank.
-
-Der alte Hanzo schloß das Fenster und verriegelte die Tür. »Meine
-Söhne,« sagte er dann mit der ihm eigenen Feierlichkeit, »es hat sich
-in unserer Familie ein so großes Unglück ereignet, daß wir jetzt daran
-denken müssen, wie in Zukunft alles werden soll. Ich habe hier auf
-dem Papier alles aufgeschrieben, was die Mutter eingebracht hat, und
-es kommen jetzt nach ihrem Tode auf jeden von euch sechstausend Taler
-Mutterteil.«
-
-Die Söhne sagten übereinstimmend, daß sie das Geld vorläufig aus dem
-Gute nicht herausziehen wollten.
-
-»So werde ich euch jedem eine Hypothek auf das Geld eintragen lassen;
-denn es muß Ordnung sein«, sagte der Vater.
-
-Damit -- meinte er -- sei alles erledigt, und er wollte die Tür wieder
-aufriegeln. Aber beide Söhne sagten, sie hätten noch mit dem Vater zu
-reden und wollten bald alles abmachen.
-
-»Nun, so kommt zuerst Juro an die Reihe«, sagte der Scholta. Er sah
-gespannt auf den Sohn. Der redegewandte Juro stockte erst und brachte
-auch dann seine Sätze nicht ganz glatt heraus.
-
-»Vater, du weißt, daß ich in meinem Berufsstudium hinter Samo zurück
-bin, obgleich ich ein Jahr eher auf die Universität kam als er. Er hat
-gleich von Anfang an Medizin studiert, und ich habe erst zwei Jahre
-mit der Jurisprudenz verloren, ehe ich auch zur Medizin umsattelte.
-Ich konnte aber nicht Advokat oder Richter werden; ich hatte mich in
-mir getäuscht. Nun wird Samo schon vor nächsten Ostern fertig, und ich
-werde noch ein und ein halbes Jahr brauchen, ehe ich approbiert bin.
-Es kommt dazu, daß ich auf deinen und der Mutter Wunsch nebenbei auch
-landwirtschaftliche Vorlesungen höre.«
-
-»Wozu erzählst du das?« sprach Samo dazwischen, »das wissen wir doch.«
-
-»Es gehört zum Ganzen«, sagte Juro. »Du weißt, Vater, daß ich mich
-für die Landwirtschaft bisher wenig interessiert habe; ich habe euch
-zuliebe diese Vorlesungen gehört, obwohl ich es für ganz unnütz hielt,
-und ich will dir gestehen, daß ich im Ernst gar nicht daran dachte,
-einmal Landwirt zu werden.«
-
-Der Vater entgegnete nichts; er kannte die Interesselosigkeit des
-Sohnes an der Landwirtschaft.
-
-»Aber, Juro, weshalb erzählst du das?« fragte Samo wieder. »Wir alle
-wissen, daß du kein Landwirt bist und also auch später einmal das Gut
-nicht übernehmen kannst.«
-
-Juro wandte sich seinem Bruder zu, und der Haß blitzte auf in seinen
-Augen, und ein Lächeln der Schadenfreude spielte um seine Lippen.
-
-»Und wer wird es übernehmen?« fragte er kalt. »Fremde Leute?«
-
-»Ich bin auch noch da -- ich --«
-
-Juro brach in ein Gelächter aus.
-
-»Du?! -- Ja, du! -- Ich verstehe! -- Ich konnte es mir denken!«
-
-Dann stand er auf und schrie den Bruder an:
-
-»Nein, du wirst es nicht übernehmen! Ich bin der Erbsohn! Ich!! Ich bin
-der zukünftige Kral der Wenden!«
-
-»Das bist du!« sagte der Vater und stand auf und sah mit leuchtenden
-Augen auf seinen Sohn, der ihm wie ein Wunder erschien in seiner
-plötzlichen Verwandlung.
-
-Samo aber sah seinen Bruder ganz erschrocken an.
-
-»Du -- du -- was fällt dir auf einmal ein?«
-
-»Jetzt rede ich erst!« sprach der Vater mild, aber fest, und wandte
-sich an seinen ältesten Sohn.
-
-»Dir hat Gott geholfen, Juro, er hat dir gezeigt, was du tun sollst,
-weil du der Kral der Wenden sein wirst. Die Mutter hat sich großen
-Kummer gemacht. Sie wollte noch mit dir reden, aber sie starb zu rasch.
-So werde ich dir sagen, was nötig ist. Wir wollen, daß du ein guter
-Hausvater und ein treuer Kral wirst, und wir haben bestimmt, daß du
-unsere Jungfer Hanka zur Frau nimmst.«
-
-»Ich -- was? -- Ich -- Hanka? -- --«
-
-Der Jüngling brachte keinen Satz zustande. Er stand blaß vor dem Vater,
-und es war, als ob sein Hirn lahm und seine Glieder starr geworden
-wären.
-
-Samo schlug ein lautes Gelächter an.
-
-Der Vater verwies Samo dieses Lachen mit strenger Gebärde.
-
-Juro gewann endlich die Herrschaft über sich zurück. Er sprach
-nicht gleich, aber man sah an seinem Gesicht, wie rasch die Gedanken
-arbeiteten.
-
-Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme, durch die kaum ein merkliches
-Beben lief:
-
-»Vater, der Eltern Wille ist in Ehren! Und das Mädchen, die Hanka, ist
-in Ehren! Aber ich werde Hanka nicht heiraten, denn ich habe bereits
-eine Braut.«
-
-Der Vater sah ihm steif ins Gesicht und sprach:
-
-»Du kannst keine Braut haben, Juro, denn ich weiß nichts davon. Es ist
-Sitte von alters her in unserer Familie, daß der Sohn mit seinem Vater
-spricht, ehe er mit einem Mädchen von der Ehe redet, und es ist Sitte,
-daß kein braves Mädchen mit sich von der Ehe sprechen läßt, ehe sie
-weiß, daß der Bursch mit seinem Vater einig ist.«
-
-Juros Gesicht wurde dunkelrot. Aber er sprach mit ruhiger Stimme:
-
-»Die Zeiten ändern sich, Vater! Unsere Zeit macht die Menschen schnell
-selbständig. Unselbständige Leute vernichtet sie. Ich bin schon lange
-mündig, ich habe so viel gelernt, um zu wissen, was ich tue, und ich
-werde nur das Mädchen heiraten, das ich mir selbst gewählt habe. Es ist
-Elisabeth von Withold.«
-
-»Wer?«
-
-»Elisabeth, die Tochter unseres Nachbarn!«
-
-»Des Rittermäßigen?«
-
-»Ja!«
-
-Da ging der Vater auf den Sohn zu, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf
-die Brust und sagte:
-
-»Weißt du, daß du ein Bauernjunge bist?«
-
-»Ich weiß, daß ich ein gebildeter Mensch bin!«
-
-»Das vergiß nicht, Vater!« rief Samo höhnisch dazwischen.
-
-Der Bauer setzte sich an den Tisch. Er sah starr auf Juro und fragte
-dann:
-
-»Und du hast es wirklich gewagt, das dem deutschen Edelmann zu sagen?«
-
-»Ich habe es ihm noch nicht gesagt, weil es noch nicht möglich war,
-aber ich werde es alsbald tun!«
-
-Da sprang der alte Wende auf, und eine Energie kam über ihn, die
-seltsam von seiner Art abstach. Seine sonst so ruhige Stimme wurde
-scharf:
-
-»Du wirst es nicht tun! Du wirst uns die Schande nicht machen, daß
-der deutsche Edelmann den wendischen Bauernjungen mit den Hunden
-hinaushetzt!«
-
-»Das wird er nicht! Das kann er nicht!« lächelte Juro.
-
-»Er wird es tun! Er gehört zu den Deutschen, die die Wenden verachten!
-Er ist ein Ritter, und wir sind Bauern!«
-
-»Laß das meine Sorge sein, Vater!«
-
-»Nein, es ist +meine+ Sorge. Ich bin der Vater! Die Schande kommt über
-uns alle!«
-
-Da hielt Juro eine lange Rede. Er sprach von der Emanzipation des
-Wendenvolks, von seiner Gleichberechtigung mit den Deutschen, von dem
-Ausgleich zwischen den Ständen. Er sprach mit herzlicher Liebe und mit
-großer Begeisterung von Elisabeth und von ihrer Liebe zu ihm. Und er
-schloß:
-
-»Wendin oder Deutsche -- es ist gleich; adelig oder nicht adelig,
-es ist kein Hindernis für die Liebe! Wir lieben uns, weil wir uns
-lieben müssen, unsere Herzen haben zusammengeschlagen, ohne daß alte
-Vorurteile es hindern konnten. Die Zeiten, wo Menschen ihr Glück mit
-selbstgeschaffenen Ketten erwürgten, sind gottlob vorbei!«
-
-Der alte Wende hörte ihm starr zu. Zuletzt schlug er die Hände vor's
-Gesicht und sagte:
-
-»Ich wollte, ich wäre bei der Mutter!«
-
-Juro sah ihn erschüttert an.
-
-»Willst du mich nicht verstehen, Vater?«
-
-»Nein, ich verstehe eure Welt nicht, in der alles ohne Sitte und
-Ordnung ist, alles von unten nach oben gedreht wird!«
-
-»Vater, du warst immer gerecht. Du kannst kein hartes Urteil fällen
-über ein Mädchen, das du nicht kennst. Oder hast du je etwas Schlimmes
-von ihr oder ihrer Familie gehört?«
-
-»Nein! Aber es sind Edelleute. Und ein Fräulein paßt nicht zu einem
-Bauernsohn!«
-
-»Warum hast du uns studieren lassen, Vater? Doch darum, daß wir
-vorwärts kommen sollen in der Welt!«
-
-»Ja, aber nicht so! Die Wenden haben keinen Arzt, keinen Advokaten, der
-ihre Sprache spricht, nicht einmal genug Geistliche und Lehrer, die
-Wendisch können. Da war es doch meine Pflicht als Kral, daß ich euch
-auf die Schule gab. Einer sollte Advokat werden, einer Arzt!«
-
-»Nun werde ich auch Arzt. Aus innerer Neigung. Und ich werde mich ganz
-den Wenden widmen, die der ärztlichen Hilfe so nötig bedürfen!«
-
-Samo, der mit feuerrotem Gesicht der Unterredung zuhörte, sagte nun
-dazwischen:
-
-»Er wird die Kranken kurieren oder auch nicht kurieren -- je nachdem
---, und das gnädige Fräulein von Withold, die dann eine Bauernfrau
-geworden ist, wird indes zu Hause die Schweine füttern!«
-
-Juro sah den Bruder kalt an.
-
-»Wir haben uns nicht vertragen, als du noch glaubtest, ich würde dir
-Platz machen; wir werden uns natürlich erst recht nicht vertragen,
-nachdem du weißt, daß ich nicht dir zu Lieb' auf mein Erbe verzichte!«
-
-Samo sprang auf.
-
-»Bin ich ein Erbschleicher?«
-
-Juro sah ihn mit strengen Augen an und zuckte die Achseln. Da holte
-Samo zum Schlage gegen ihn aus. Der alte Scholta aber hieb mit der
-Faust auf den Tisch.
-
-»Wie benehmt ihr euch? Was erdreistet ihr euch in meiner Gegenwart?
-Geht hinaus! Beide!«
-
-Die Söhne mußten das Zimmer verlassen, und der Vater blieb allein und
-sprach drei Tage lang mit keinem Menschen ein Wort.
-
-Dann aber ließ er die Söhne wieder zu sich rufen.
-
-»Ich will dich fragen, Juro, ob du es dir überlegt hast, daß ein
-adliges Fräulein nicht in unseren Hof als Bäuerin ziehen kann!«
-
-»Elisabeth wohnt jetzt auch auf dem Hofe ihres Vaters. Sie
-interessiert sich für die Landwirtschaft und verträgt sich aufs beste
-mit allen Leuten!« entgegnete Juro kleinlaut.
-
-»Sie haben ein herrschaftliches Schloß, einen Park!«
-
-»Das brauchen wir nicht! Aber ich wollte dich allerdings bitten, Vater,
-daß ich mir hinter unserem Großgarten ein neues Wohnhaus bauen darf:
-nicht groß und prunkvoll, aber gesund und bequem!«
-
-»Das soll heißen, Vater,« fiel Samo ein, »er baut nebenan ein deutsches
-Herrenhaus, und du darfst hier in der wendischen Kaluppe weiterwohnen
-und seinen Großknecht spielen!«
-
-Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, aber die Gegenwart des
-strengen Vaters hielt die Brüder im Zaum.
-
-»Ich beabsichtige,« sagte Juro, »von hier aus meine ärztliche Praxis
-auszuüben und mich -- soweit mir Zeit bleibt -- unter deiner Leitung in
-die Verwaltung des Gutes einzurichten.«
-
-»Und das Fräulein?«
-
-»Sie wird zufrieden sein und dir eine gute Tochter sein.«
-
-Der Alte schüttelte den Kopf.
-
-»Sie ist eine Deutsche!«
-
-»Gott sei Dank!« sagte Samo.
-
-»Was meinst du damit?« fragte ihn der Vater.
-
-»Ich meine, es ist gut, daß sie eine Deutsche ist. Sie paßt zu Juro,
-denn er ist auch ein Deutscher, ein Stockdeutscher.«
-
-Der Vater sah mit forschenden Augen dem Sohne ins Gesicht.
-
-»Er hat die Wenden oft unfreundlicher behandelt, als ich wünschte, aber
-deshalb kann noch kein Mensch behaupten, daß er ein Deutscher geworden
-ist«, sagte der Alte.
-
-Juro, der erkannte, auf welches Geleise ihn der Bruder geführt,
-verschmähte es, sich zu verstecken.
-
-»Ja, ich bin ein Deutscher«, rief er. »Ich will es, ich mag es, ich
-kann es nicht verheimlichen.«
-
-»Und -- und dein Wendentum?«
-
-»Ich liebe die Wenden; aber ich sehe kein anderes Heil für sie, als daß
-sie Deutsche werden.«
-
-»Ihre Sitte, ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihr Volksglaube?«
-
-Juro wartete einige Sekunden. Dann sagte er fest:
-
-»Sie sind dem wahren Fortschritt der Wenden hinderlich. Darum müssen
-sie ausgetilgt werden.«
-
-»Juro -- Juro, bist du das -- ist das mein Sohn, der so redet?«
-
-»Ich kann nicht anders. Bei Gott, Vater, es ist meine Überzeugung!«
-
-Er wollte auf ihn zugehen; aber der Vater wehrte mit beiden Händen ab.
-
-Bleich und gesenkten Hauptes ging der alte Mann zur Tür. Dort blieb er
-stehen und sagte noch:
-
-»Das ist das Schwerste, was ich im Leben hören mußte! Da gehört viel
-Zeit dazu, ehe ich das fassen kann.«
-
-Juro streckte die Hände nach ihm aus, aber der Vater schloß die Tür von
-draußen. -- --
-
-
-
-
- Birnbaum steht im weiten Felde[19].
- Weiße Steine liegen drunter,
- Unter all den weißen Steinen
- Liegt ein rotes, gold'nes Ringlein.
- Durch das Ringlein wachsen Halme,
- Und die Halme tragen Blüten.
- Kommt ein Pfau dahergeschritten,
- Läßt die schönsten Federn fliegen,
- Kommt ein Mädchen hergegangen,
- Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein ...
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Birnbaum steht im weiten Felde,
- Gold'nes Ringlein schläft darunter,
- Von dem Turme schallt die Glocke,
- Mädchen macht ein Rautenkränzlein.
-
-»Das ist ein schönes Lied, Töchterchen«, sagte die alte Wičaz zu Hanka.
-Sie saß mit ihr im Hofe.
-
-»Ein schönes Lied, und du hast eine schöne Stimme.«
-
-»Zu Hause war ich schon die Kantorka«, erwiderte Hanka und seufzte.
-»Hier singt man wenig.«
-
-»Wer soll singen?« sagte die Wičaz. »Ich weiß einen, der singt schöner
-als alle Burschen; das ist mein Sohn Lobo.«
-
-»Dein Lobo trinkt zu viel Branntwein. Wäre er nicht betrunken gewesen,
-hätte vielleicht der Wagen mit der Tante nicht umgeworfen. ~Palenc je
-walenc!~«[20]
-
-Die alte Wičaz schüttelte den grausträhnigen Kopf. Sie war als die
-Sprichwörter-Wičaz bekannt, da sie beständig Sprichwörter in lehrhaftem
-Ton gebrauchte, ärgerte sich aber, daß ihr jetzt das Mädchen mit dem
-verdrießlichen Vers: »~Palenc je walenc~« kam, denn sie hielt auf ihren
-Sohn Lobo.
-
-»Töchterchen, das redest du so«, meinte sie ärgerlich. »Du kennst gewiß
-nicht den richtigen Spruch:
-
-»~Woda wšitko zhloda!~«[21]
-
-»Hättet ihr mit einem verhungerten Kutscher fahren wollen? Mein Lobo
-ist gut und stark und hat eine schöne Stimme. Gegen die Smjertniza
-konnte er euch freilich nicht helfen, obwohl er stark war. Sonst -- ist
-er so fromm wie der Kater beim Quarge.«
-
- * * * * *
-
- »Sie hacken, sie pflügen --
- Da bleib ich hübsch liegen;
- Sie fressen und saufen --
- Da komm ich gelaufen.«
-
-»Da -- da habt Ihr Euren Sohn! Er singt schöne Lieder!«
-
-»Töchterchen, der Gesang muß lustig sein; sonst ist er kein guter
-Gesang. Es muß Schmalz darin sein! Siehst du, dort kommt er, mein Lobo.
-Er ist doch ein schöner, starker Bursch!«
-
-»Betrunken ist er schon wieder am Vormittag. Pfui! Ich gehe ins Haus!«
-
-Sie verschwand.
-
-»Ich sehe dich, Mutter!«[22] rief Lobo von weitem, trank aus einer
-Flasche und kam dann heran. Er blieb vor der alten Frau stehen, sah sie
-beinahe schadenfroh an und sagte unvermittelt:
-
-»Mutter, wir müssen fort!«
-
-»Wir? Fort? Was? Was faselst du? Wohin?«
-
-»Das weiß ich nicht. Der Neue, der Juro, will uns rausschmeißen.«
-
-»Rausschmeißen? Uns? Mich?«
-
-Das alte Weib grunzte vor Überraschung.
-
-»Ich bin mein Lebtag auf diesem Hofe gewesen. Ich gehöre hierher! Bist
-du verrückt, du Süffling?«
-
-Lobo zuckte die Achseln. »Wenn Ihr schimpft, erzähl' ich nichts mehr.«
-
-»Erzähl es, sag es, Lobo!« besänftigte sie ihn.
-
-»Nein!«
-
-»Erzähl es, Lobo, mein Söhnchen! Ich habe noch sechs Dreier in der
-Ulmer, die geb' ich dir«, bat sie.
-
-»Sechs Dreier? Und Ihr sagtet, Ihr hättet kein Geld? Sechs Dreier sind
-zu wenig.«
-
-»Ich habe noch zwei Silbergroschen, die geb' ich dir.«
-
-Der Trunkenbold blinzelte die Mutter an.
-
-»Es ist wegen der Frau. Weil die Smjertniza den Wagen umgeworfen hat.
-Der Juro hat keine Religion, er sagt, die Smjertniza ist dummes Zeug.«
-
-Das Weib schlug die Hände zusammen.
-
-»Daß ihn der Teufel hol!«
-
-»Er wird ihn schon holen!« sagte Lobo grimmig, »ihn und den alten Kito,
-diesen abgefaulten, alten Lumpen. Kito weiß, daß Ihr ihm unsere Wanzen
-mit in den Sarg geben wollt, wenn er stirbt. Die Wanzen will der Kito
-nicht annehmen. Er vermacht dem abgefaulten Baier, dem Wilhelm, zehn
-Taler, und der wird Wache beim Sarge halten, wenn Kito stirbt.«
-
-»Ah, der schlechte Kerl! Der Wanzenwächter! Aber, mein Söhnchen,
-deshalb ziehen wir nicht aus. Da werde ich eben die Wanzen behalten.«
-
-»Behalten oder nicht, fort müssen wir doch! Denn sie haben dem Juro
-die Wanzengeschichte erzählt und auch erzählt, daß Ihr immer mit einer
-Federspule um den Sarg der toten Frau geschlichen seid, und da heißt es
-jetzt: fort!«
-
-»Wer sagt das?«
-
-»Juro sagte es zu mir. Wir müßten raus. Er wird nicht ruhen, bis wir
-raus sind. Er hat uns Schweine genannt.«
-
-Das Weib schlug die Hände zusammen.
-
-»Der Grobian! Ach, er ist dazu imstande; er tut's! Hat er doch sogar
-die reichen Leichengäste hinausgeworfen.«
-
-»Ich sehe dich, Mutter«, lallte Lobo und trank ihr zu. »Ich werde den
-Juro totschlagen.«
-
-Da faßte ihn seine Mutter an der Hand.
-
-»Rede nicht so laut, mein Söhnchen; ich werde dir auch drei
-Silbergroschen schenken.«
-
-»Der Wilhelm, der abgefaulte Baier, wird auch rausgeschmissen«, grinste
-Lobo. »Den schmeißt der andere raus -- der Samo.«
-
-»Was sagst du, Samo hat den Wilhelm fortgejagt, den Deutschen?«
-
-»Ja, Juro hat gesagt, ich und du werden rausgeschmissen, und Samo hat
-gesagt, Wilhelm wird rausgeschmissen.«
-
-Die Alte grinste.
-
-»Die zwei werden den ganzen Hof ausräumen.«
-
-»Ja, es fehlte nicht viel, daß sie sich prügelten, die feinen Herren.
-Es wär' mir recht gewesen. Den Juro wollt' ich schon besorgen. So habe
-ich bloß meine Hacke weggeschmissen und bin abgezogen. Alle fünf streck
-ich gerade und mach' keinen mehr krumm. Ich sehe dich, Mutter!«
-
-»Lobo, mein Söhnchen, geh' arbeiten, daß dich der Scholta nicht sieht.
-Auf ihn kommt es an. Laß mich nur machen.«
-
-Der Bursche torkelte erst nach vielen Bitten und Versprechungen nach
-dem Felde zurück. Die Alte blieb allein auf der Bank sitzen. Sie hatte
-heut keine »Tour«. Sonst ging sie als Botenfrau nach der Stadt, kehrte
-in vielen Häusern unterwegs ein, besorgte für die Leute allerhand
-Aufträge. Hier im Schulzenhofe hatte sie ein kleines Stübchen, in dem
-sie mit ihrem Sohn Lobo schlief.
-
-Die Alte war klug und schlau auf ihre Weise. Sie kam viel bei Leuten
-herum, hörte mancherlei und wußte es für sich zu benutzen. Sie stand
-im Rufe der Wahrsagekunst und bekam viel Geld für das Besprechen von
-Krankheiten an Menschen und Tieren.
-
-Jetzt blinzelte sie ins Sonnenlicht und dachte nach. -- --
-
- »Birnbaum steht im weiten Felde,
- Weiße Steine liegen drunter ...«
-
-Hanka sang im Hause. Die Alte hörte aufmerksam zu und sprach bei sich:
-
-»Mit dem Mädel wird vielleicht etwas zu machen sein.«
-
-Nun hörte sie drinnen ein Gespräch. Samo unterhielt sich mit Hanka.
-
-»Das ist ein hübsches Lied. Wir singen es etwas anders. Du hast es von
-den Böhmischen«, sagte Samo.
-
-»Ich weiß es nicht, ich habe es so gelernt«, erwiderte Hanka.
-
-»Weißt du, was es bedeutet?«
-
-Sie lachte.
-
-»Meinst du, ich bin so dumm, daß ich nicht weiß, was ich singe?«
-
-»Oh, das Lied ist gar nicht so leicht zu verstehen. Oder was denkst du
-dir unter dem Pfau, der seine Federn verliert, und unter dem Mädchen,
-das den Rautenkranz flicht?«
-
-»Nichts! Es ist eben ein Pfau. Ich weiß, daß es eigentlich etwas
-Trauriges ist, weil der Rautenkranz sowohl der Brautkranz wie der
-Totenkranz ist; aber ich will nicht daran denken.«
-
-»So -- ja so! Ich finde, Hanka, du bist blässer, als du sonst warst.
-Schläfst du nicht gut oder fehlt dir sonst etwas?«
-
-Sie seufzte.
-
-»Ich weiß nicht, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr so lustig sein.
-Vielleicht habe ich die Heimkrankheit.«
-
-»Hanka, ich möchte so gern, daß es dir bei uns gefällt. Ich möchte dir
-alles verschaffen, was du willst, dir alles von den Augen absehen.«
-
-»Ja, Samo, du bist ein guter Mensch!«
-
-Er lachte bitter.
-
-»Guter Mensch! Ich habe kein Glück. Ich bin nicht so schön und fein und
-geschniegelt wie -- wie zum Beispiel mein Bruder Juro. Nicht wahr, der
-gefällt dir gut?«
-
-»Er muß mir wohl gefallen. Es ist ja meine Pflicht, da ich ihn doch
-heiraten soll!«
-
-Das Mädchen sagte es mit stockender, beklommener Stimme.
-
-»Kein Mensch kann dich dazu zwingen, kein Mensch«, sagte Samo erregt.
-»Es ist dein freier Wille. Du kannst ebensogut einen -- einen andern
-nehmen.«
-
-Das Mädchen stieß einen langen Seufzer aus. Da trat jemand in die
-Stube, und das Gespräch brach ab.
-
- * * * * *
-
-Am Nachmittag desselben Tages traf die alte Wičaz wie von ungefähr Samo
-auf einem Feldweg.
-
-»Laß die Geschichte mit den Wanzen,« sagte er zu ihr; »mein Bruder
-Juro will euch rauswerfen; aber ich werde schon sehen, daß ihr eure
-Kamorka[23] behaltet.«
-
- »~Druga ruka
- Druga gluka!~«[24]
-
-sagte die Sprichwörter-Wičaz. »Der Herr Samo ist ein freundlicher Herr.
-Vielleicht kann ich ihm dankbar sein. Ich habe die Karten aufgeschlagen
-und weiß wohl manches, was für den Herrn Samo gut wäre, auch zu wissen.«
-
-Er machte eine abwehrende Handbewegung.
-
-»Laß nur das mit den Karten! Ich will das nicht!«
-
-Das Weib ging ein Weilchen schweigend neben Samo her. Plötzlich sagte
-sie halblaut:
-
-»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt zurück und baut
-sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«[25].
-
-»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht.
-
-Die Alte antwortete mit einem Spruch:
-
- »Wem Gott wohl will,
- Dem kommt's im Schlafe;
- Wem Gott nicht wohl will,
- Dem fällt's vom Löffel.«
-
-Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht.
-
-»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob ich dir
-trauen darf.«
-
-»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten lege. Ich werde
-dann in seine Seele sehen und er in meine.«
-
-Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte sich also auf
-einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit stummer Gebärde der Alten
-ihren Platz gegenüber an. Sie zog ein Päckchen schmutziger Karten, auf
-die allerhand mystische und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus
-der Tasche, mischte sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte
-sich gleich darauf die Hand am Grase ab.
-
-Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, kniete davor,
-fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte allerlei vor sich hin und
-sagte dann:
-
-»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.«
-
-Samo lachte.
-
-»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.«
-
-»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst.
-
-Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben Finger und fuhr
-fort:
-
-»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!«
-
-Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die Alte schon wieder
-bei den Karten.
-
-»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der junge Herr wird viel
-Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen erringen, weil es das
-Volk will.«
-
-»Was heißt das: weil es das Volk will?«
-
-Samo fragte es schnell und erregt.
-
-»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte sehr ernst.
-
-Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten die Umgebung
-ab.
-
-»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß ich einen
-älteren Bruder habe.«
-
-»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt nicht zum Glück.
-Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den Herrn Samo wollen. Zwei
-Adler fliegen aus vom Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein
-Nest, der andere ertrinkt im deutschen Fluß.«
-
-»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster
-Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?«
-
-Die Alte lächelte.
-
-»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich komme weit
-herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre Zukunft. Soll ich Euch
-noch mehr prophezeien?«
-
-Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein tiefes, grünes
-Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen Weg sahen.
-
-Eine ganze Weile sagte er nichts.
-
-»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann.
-
-»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der Stadt, und es
-ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt hätte. Alle jungen
-Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, und in der Stadt habe ich
-eine Stube, wo ich alle Freitage und an jedem 7., 13. und 17. des
-Monats die Karten aufschlage; da sind oft an die dreißig, ja fünfzig
-Leute bei mir.«
-
-»Wenden?«
-
-»Ich spreche nicht Deutsch.«
-
-Samo nickte.
-
-»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin.
-
-Sie lächelte.
-
-»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt mir für
-einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, einen
-Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar Minuten die Karten
-aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. Nur mein Lobo darf nicht
-wissen, was ich verdiene. Ich will ihm einmal eine kleine Wirtschaft
-kaufen, wenn er erst ein ordentliches Weib hat.«
-
-»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen Kamorka bei uns?«
-
-Die Wičaz lächelte überlegen.
-
-»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer Kamorka
-wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört dazu. Und in Eurer Kamorka
-wohne ich, weil ich eben beim Kral wohne.«
-
-»Ah -- ich verstehe Euch!«
-
-Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung und mit großem
-Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte wieder leichthin, ja
-spöttisch:
-
-»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem Herzen haben und
-was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man das ~čelatko~[26] großziehen oder
-besser dem Fleischer verkaufen soll, wieviel Junge die ~ranca~[27]
-bekommen wird, und vor allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob
-der Pilip die Marja kriegen wird.«
-
-Die Alte war nicht gekränkt.
-
-»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie beim Militär
-Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie im grünen Rautenkranz
-zum Traualtar gehen werden; die Männer, ob ihre Wirtschaft in die
-Höhe gehen wird, und die Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann
-nicht prügelt. Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich
-auch, wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchem
-Kaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen immer fünf
-Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen mich zu schätzen. Ich
-habe stets besseren Kaffee getrunken als die Frau Mutter.«
-
-Samo staunte über die menschenkundige Alte.
-
-»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber warum wollt
-Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?«
-
-»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.«
-
-»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen -- ich meine wendische
-Nachrichten?«
-
-»O ja -- der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe manches
-auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in der Stadt auf
-mich gesagt: Sieh da -- das ist der wendische Staatskurier, das ist
-die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, der Scholta
-vertraue mir nicht einmal an, ein paar Hühner zu verkaufen.«
-
-»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt Ihr das Gleichnis
-von den zwei Adlern?«
-
-»Ich habe es aus den Karten gelesen.«
-
-Samo machte eine wegwerfende Handbewegung.
-
-»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich auf den weiten
-Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, wenn ich in den Hof des
-Kral kam. Da sah ich es mit offenen Augen.«
-
-»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?«
-
-»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, daß der
-eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich sonst zu sehr
-freuen.«
-
-»Freuen? Über diesen Untergang?«
-
-»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt sie die Wenden
-fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es blutet.«
-
-Samo nickte und sah die Alte versonnen an.
-
-»Und der andere?« fragte er leise.
-
-»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.«
-
-Sie schwieg. Und er schwieg.
-
-»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er endlich und
-gab ihr einen Taler.
-
-Da sah sie ihn durchdringend an und sprach:
-
-»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall erzählen,
-in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern -- auch den
-Wenden in der Stadt.«
-
-Er gab ihr noch einen Taler.
-
-
-Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den Großgarten.
-Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des Herbstes war über allen
-Feldern und Wegen und war auch in dem Herzen des jungen Mannes, der
-drüben bei der Geliebten gewesen war und von ihr Abschied genommen
-hatte.
-
-Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten sich dem Ende
-zu.
-
-Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen Plänen, von der
-Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der Vater gegen die Heirat
-sei; denn er hoffte, den stillen Mann schon noch für sich zu gewinnen,
-aber er hatte ihr doch wieder schwere Kämpfe in Aussicht gestellt.
-
-Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein Werk nicht
-zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und Nachsicht die
-Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an sein Ziel kommen werde.
-
-Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft um
-ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, hatte er
-gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. Geduld sei etwas
-für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit der die Regierung diesen
-Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, die Geduld, mit der der
-Wende seit tausend Jahren schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel
-hocke, sie sei schuld an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher,
-er erkläre laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner
-von vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig.
-
-So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt.
-
-Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen und in
-ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, was ihnen unmittelbar
-bevorstand.
-
-Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die Vereinbarung
-einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken würden, wo und in
-welcher Lage sie sich auch befänden, eine Blume, ein blaues Band, eine
-Locke -- alle diese Dinge, die in den Abschiedsstunden junger deutscher
-Liebesleute ihre süßschmerzliche Rolle spielten, sie hatten auch hier
-nicht gefehlt.
-
-Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er wie in
-der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und Leid und
-Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die abendlichen Wege zurück zu
-der Geliebten, die ihm nun mit ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig
-nachschaute. -- -- --
-
- »Birnbaum steht im weiten Felde,
- Gold'nes Ringlein schläft darunter,
- Von dem Turme schallt die Glocke,
- Mädchen macht ein Federkränzlein.«
-
-Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben in der Nähe
-der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie bürstete Schuhe ab. Und
-als er näher kam, sah er, daß es seine eigenen Schuhe waren, die er
-tags zuvor getragen hatte, als er bei Elisabeth war, und die auf
-regendurchweichtem Wege recht schmutzig geworden waren.
-
-Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst wenig, fast
-nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr stehen und sagte
-halb freundlich und halb ärgerlich:
-
-»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? Das kann doch ein
-anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute da?«
-
-Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so knallrot, daß
-er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht gewöhnliches
-Gesicht. Sie gab keine Antwort.
-
-»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihr den Schuh aus der
-Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch mit ihr sprach.
-
-»Mache ich es nicht gut?« fragte sie.
-
-»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du bist meine
-Verwandte!«
-
-Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und schöner, und
-sie sagte:
-
-»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.«
-
-Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus:
-
-»Denn ich bin doch deine Braut!«
-
-Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an den Baum.
-
-»Was sagst du? Wer -- wer hat dir das gesagt? Hat dir das wirklich
-jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher Stimme.
-
-Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus laufen. Er hielt
-sie aber zurück.
-
-»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. Morgen muß ich
-fort.«
-
-Sie nickte traurig.
-
-»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und so stolz!«
-
-»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich und
-vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den Nußbaum!«
-
-Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. Unter dem
-Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud sie ein, neben ihm Platz
-zu nehmen. Aber sie weigerte sich und blieb mit gesenktem Haupte vor
-ihm stehen. Durch das Gezweig des Baumes fielen rote Lichtfunken
-auf ihren schlichten, blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein
-kraftvolles, gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen
-und eine Trauer, und er sagte:
-
-»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht wahr, Hanka,
-du selbst hast nie daran gedacht?«
-
-»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!«
-
-»Und wer hat dir das vorgeredet?«
-
-»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als sie mich
-abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.«
-
-Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare.
-
-»Wie alt bist du, Hanka?«
-
-»Achtzehn Jahre.«
-
-»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei Menschen nicht von
-Vater und Mutter miteinander verheiratet werden können, daß es auf sie
-selber ankommt?«
-
-»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.«
-
-Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner feinen
-Rechten.
-
-»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn man sich heiraten
-soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? Du hast gewiß einen
-schönen Burschen in deiner Heimat lieb.«
-
-Sie erglühte.
-
-»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu sagen. Aber ich
-verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß dich niemand mehr mit
-solchen Dingen belästigt; ich verspreche dir, dafür einzutreten, daß du
-deinen Liebsten heiraten kannst.«
-
-Da sagte sie:
-
-»Ich habe keinen Liebsten!«
-
-»Du hast keinen?«
-
-»Nein, ich habe immer gehört, daß ich -- daß ich ...«
-
-»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, Hanka, das ist nicht
-so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, auch dein Vater und deine
-Mutter nicht. Dazu bist du nicht verpflichtet, weder vor Gott noch vor
-den Menschen! Am wenigsten bist du es mir schuldig! Damit du aus allen
-Zweifeln herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine
-Braut!«
-
-Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an.
-
-Sie brachte kein Wort heraus.
-
-»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. Freust du dich
-denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los bist?«
-
-Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen.
-
-»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles auf mich
-schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!«
-
-Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er fragte betroffen:
-
-»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?«
-
-Da stammelte sie:
-
-»Ja, -- ja -- ich freue mich -- ich wäre ja auch viel -- viel zu
-gewöhnlich ...«
-
-»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine Braut schon, ehe
-ich dich sah!«
-
-Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken zu ihm hin,
-dann sagte sie:
-
-»Ich muß hinein!«
-
-Und sie ging trotz seines Zurufes.
-
- * * * * *
-
-Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner Giebelstube.
-Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind ging durch welkes Laub und
-dürres Gras.
-
-Dort vom Berge her grüßte der Hochwald.
-
-Dahinter lag das Haus der Geliebten.
-
-Morgen war er weit.
-
-Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war tiefe Ruhe.
-
-Da drang leises Weinen an Juros Ohr.
-
-Unten aus dem Garten.
-
-Lehnte nicht dort ein Mädchen?
-
-War das nicht Hanka?
-
-»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!«
-
-Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich mehr. Juro
-lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es fröstelnd schloß.
-
-»~Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!~« sagte er in seiner wendischen
-Muttersprache zu sich.
-
-»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!«
-
-
-
-
-Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er die Krone,
-die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, an einem sicheren Orte.
-Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone vergraben, an einer Stelle,
-wohin kein Weg noch Fußpfad führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem
-Grabe des Königsschmuckes errichtet. Den haben die Kiefern mit langen,
-braunen Nadeln zugedeckt.
-
-Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort.
-
-Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf hundert Schritt.
-Was am Kronenhügel wächst und steht, welkt oder fällt, entsteht und
-vergeht nach den Gesetzen des Urwalds.
-
-Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist Gottesfriede für
-Mensch und Tier.
-
-Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im Walde spielen,
-fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen.
-
-Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die meisten wissen
-gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in welchem Walde er liegt,
-und mancher, dem sonst die Kappe fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie
-in heimlicher Stunde, wenn er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf
-dem Hügel ist ein einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer
-Grenzstein. Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt.
-
-Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; aber als das
-Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das Eisen glühend geworden,
-und es ist mit dem Nachtjäger davongerast, und der wilde Jäger hat sich
-nimmer getraut an selbigen Ort.
-
-Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem kleinen Hügel.
-
-Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel kommen, nach ihr zu
-graben?
-
-Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und mächtig werden.
-
-Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk denkt an dich!
-Der Schiffer tief drunten an der Spree träumt manchmal von dir, wenn
-er in langsamer Fahrt durch das stille Wasser zieht; der Pflugtreiber,
-der sich auf sandigem Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und
-müht, ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen
-Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt und geflüstert,
-und keines dieser treuen armen Menschenkinder wird dich je verraten.
-
-Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen tagt, da du
-auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen Grabe!
-
-Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland segelt, oft über
-dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, wird der weiße
-Fisch in der Sprewja im stillen Wasser stehen und nach dem grünen Walde
-hinüberlugen, wo du schläfst.
-
- * * * * *
-
-Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von ungefähr auf dem
-Felde getroffen hatten, sahen von ferne den grünen Kronenwald.
-
-Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte:
-
-»Daran will er sich auch vergreifen!«
-
-»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?«
-
-»Ja, an dem Kronenhügel.«
-
-»Wer? Juro?«
-
-»Ja!«
-
-»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!«
-
-Die Wičaz zuckte die Achseln.
-
-»Ich weiß es!«
-
-»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!«
-
-Er gab ihr wieder ein Geldstück.
-
-Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den grauen Kopf zu
-Samo hin und sagte:
-
-»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden eine Weinstube.
-Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold gesessen.
-Und sie haben fünf Flaschen Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden
-saufen. ~Palenc je walenc~! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist
-wohl kein Umwerfer -- wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich;
-Branntwein ist billig, der Wende ist arm.«
-
-»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich nicht auf,
-erzähl, was ich hören will!«
-
-»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro wieder davon
-gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen will, hat über das
-Wendische geschimpft und hat auch vom Kronenhügel angefangen. Das sei
-ein blöder Ameisenhaufen, hat er gesagt.«
-
-»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er zu klug.«
-
-»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen Bischof
-angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine Eiche umgehackt.«
-
-»Bonifacius?«
-
-»Jawohl -- so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen nicht behalten.
-Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. Und der Bischof hat sie
-umgehauen, daß die Leute sehen sollten, die Geschichte mit der Eiche
-sei Lüge und Plunder.«
-
-Samo tat drei rasche Atemzüge.
-
-»Und so -- so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? Etwa
-nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine Krone in dem Hügel liegt,
-dadurch ihren Volksglauben, ihre ganze Hoffnung, ihre Nationalität
-zerstören?« Er sprach mehr zu sich selbst. Aber die alte Wičaz
-antwortete:
-
-»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.«
-
-»Wer hat es gehört?«
-
-»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den er hat, versteht
-nicht Deutsch.«
-
-»Und der Kaufmann -- wird er es nicht weitererzählen?«
-
-»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und es erst mir
-erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. Und er weiß, daß Juro
-der Sohn vom Kral ist, bei dem ich wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe
-es niemand weitererzählen, was er gehört hat.«
-
-»Warum?«
-
-Die alte Wičaz zuckte die Achseln.
-
-»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!«
-
-Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen hafteten am Boden.
-
-»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen alle Wenden«,
-sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem Tone.
-
-Er wehrte heftig ab.
-
-»Nein! Es darf niemand wissen, -- niemand -- hörst du? -- Oder du
-fliegst aus dem Hof, -- hörst du? -- Ich will es nicht! -- Er ist mein
-Bruder! -- Und ich -- ich glaube überhaupt nicht, daß er das gesagt
-hat. Geh jetzt!«
-
-Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die alte Wičaz starrte
-ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser Veränderung sagen sollte.
-
-»~Tý plundrawa!~[28] Scher' dich zum Teufel!«
-
-Sie wandte sich erschreckt ab.
-
-Da rief er sie noch einmal an.
-
-»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? Das ist
-selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir nichts zu
-schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du mir gesagt hast, ist
-alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, ich sage dir, halte dich fern
-von Juro und mir! Sage nicht so -- sage nicht anders. Sage gar nichts!
-Dann kannst du auf dem Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es
-war. Sonst -- du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.«
-
-Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. »Herrendienst
-ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. Aber nach einer
-Weile, als sie nachgedacht hatte, sprach sie schlau blinzelnd bei sich
-selbst: »~Stóž je z kóčdu wločil, najljepe wje kak čelńe.~«[29]
-
-
-
-
-Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« gingen zwei junge
-Männer. Es war bereits Nacht. Die »argandischen Lampen« der damaligen
-Straßenbeleuchtung erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin
-und wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen Moldauwasser
-herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis von Prag, lag in
-Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von dem dunkelblauen
-Nachthimmel ab.
-
-»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine der jungen
-Männer.
-
-»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere.
-
-Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, nach Prag
-gefahren, um einige Tage bei guten Freunden zu sein, die er
-früher in Breslau kennengelernt und mit denen er einer slawischen
-Geheimverbindung angehörte.
-
-Der andere betrachtete ihn von der Seite.
-
-»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese
-Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns in der
-Tschamarka nicht sehen lassen, -- jetzt wird es wieder anders!«
-
-Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, Bändern und
-Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf die Stiefel, die ihm
-bis an die halbe Wade reichten. Und er rückte an dem runden slawischen
-Hut, den er trug.
-
-»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und ich
-wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er.
-
-»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.«
-
-Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen.
-
-»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte der Prager.
-
-Samo zuckte die Achseln.
-
-»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er gleichgültig.
-
-»Das heißt, -- verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf,
-»ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt
-du wohl, daß ich kein Freund der Pfaffen bin. Ach du, -- wenn wir noch
-Hussiten wären! Da wäre alles anders!«
-
-Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur
-dunklen Moldau.
-
-»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich
-toll werde. Und wenn die ~pamatka mistra Jana Husi~[30] kommt, da weiß
-ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher
-Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf,
-die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende
-von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als
-religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden
-vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen
-gehaßt.«
-
-»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit Hilfe Wenzels
-alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, wie er am Tage ihrer
-Vertreibung einen Jubelhymnus von der Kanzel sprach, das war herrlich!«
-Der andere seufzte.
-
-»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde wieder
-zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine Weile
-schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den Arm um Samos Nacken
-und sprach: »Oh, Samo, wenn ich den Brüdern sagen könnte, wer du bist!
-Wenn ich jetzt auf unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte:
-Sehet da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen Kral der
-Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten Brüder an der
-Sprewja!«
-
-»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder ist es, der
-Renegat.«
-
-»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte der andere
-feierlich.
-
-Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hell erleuchteten
-Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der Treppe bereits kamen
-ihnen einige Leute entgegen, die auch die tschechische Tschamarka
-trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. Die Tür eines großen Saales
-war mit Lindenzweigen und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen
-geziert. Die Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot
-und weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der
-Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe Herbstlaub nahm
-sich bunt und schön aus auf dem grünen Untergrund von Tannenzweigen. An
-einer Wand war ein Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über
-der Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter waren die
-Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische weiße Löwe, der Adler
-Mährens, der schwarze schlesische Aar, der gekrönte weiße Adler Polens,
-auch das Schachbrettwappen der Kroaten und der doppelköpfige Aar der
-südslawischen Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war,
-daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen waren,
-die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und der Niederlausitzer
-rote Stier auf weißem Grund. Auf einer Seite des Podiums die rot-weiße
-böhmische Flagge, auf der anderen die rot-weiß-blaue »slawische
-Trikolore«.
-
-Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in der böhmischen
-Tschamarka, viele in der komödiantenhaft bunten Tracht der nationalen
-Sokolvereine, hier ein Pole in der Konfederatka, dort ein Hanak
-in grellrotem Gewand mit blauem Mantel, da ein Bulgare mit der
-Tschubaramütze aus Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch
-und Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische Mieder, mit
-rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, viele haben Kränze
-von Lindenlaub im Haar.
-
-Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen slawischen
-Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die tschechische Sprache völlig
-beherrscht, wird von seinem Freunde Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt,
-von allen mit großer Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt.
-
-Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen Brüdern an
-der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin in Sachsen noch eine
-ganz slawische Stadt sei, und ob die Lausitzer auch nie vergessen
-würden, daß sie zu Böhmen gehören, slawisches Blut zu slawischem Blut,
-slawisches Land zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die
-nördlichen Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der Wand
-andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen mit leuchtenden
-Augen die Hand.
-
-Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede
-eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: »~Svaty Václave~«.
-
- »Heiliger Wenzeslaus,
- Herzog des Böhmerlands,
- Du unser Fürst,
- Bitt für uns bei Gott!«
-
-Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber sie denken
-wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der so demütig war, daß er
-den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, aus dem er die Hostien buk,
-daß er den Wein selbst kelterte, den er zum heiligen Opfer brauchte.
-Vergessen das Bild frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten
-der geistige, politische Führer geworden, weil er der Träger der
-Wenzelskrone war.
-
-Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten Krone, die dort
-zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu sehen ist; der milde Heilige
-ist zum Bannerträger geworden, zum Schutzpatron im Kampfe gegen die
-Deutschen; und in dem Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von
-der Schönheit des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um
-politischen und sozialen Sieg.
-
-Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich junger
-Mann besteigt die Rednertribüne.
-
-»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die slawischen
-Brüder«, die zum Teil weither gekommen seien vom fernen Südland, wo
-der rohe Türke die Brüder knechte seit Jahrhunderten, und vom Norden,
-wo es am Fluß der Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe.
-
-Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. Der sitzt
-regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; aber er bringt es nicht
-fertig, weil ihm im gleichen Augenblick sein Vater einfällt, der ein
-zufriedener Preuße ist.
-
-Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit,
-Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige Übermacht!
-Denn geistig waren die Slawen den Germanen immer überlegen!
-
-Ein starker Beifallssturm der anwesenden Slawen bestätigt diese
-bescheidene Behauptung.
-
-Als die Deutschen noch lebten wie die Tiere, als sie Eicheln fraßen,
-sich in Felle hüllten und Ochsenhörner auf dem Kopfe trugen, waren die
-Slawen längst in viel höherer Kultur. Und wir Slawen sollen unseren
-geistigen Besitz den Deutschen verdanken?
-
-Stürmischer Widerspruch.
-
-Eingenistet haben sie sich in dieses Land, das Gastrecht haben sie
-gemißbraucht! Denn den Slawen ist der Gast heilig. »Hast du einen Gast
-im Haus, so hast du Gott im Haus«, das ist immer und ewig der slawische
-Grundsatz gewesen. Aber der Gast betrog uns, er machte sich zum Herrn!
-
-Er betrog uns um die Herrschaft, um unser leibliches Gut. Wie haben
-aber die Deutschen erst geistig gestohlen und gefälscht! Wer ist der
-Feldherr Wallenstein, der ihr Land vor den Ausländern rettete? Ist er
-nicht der Tscheche ~Valdstyn~? Wer ist ihr gefeierter Feldmarschall
-Radetzky, dem sie so ungeheuer viel verdanken? Ist er nicht unser
-slawischer Bruder Hradecky? Hat nicht ein Tscheche die Buchdruckerkunst
-erfunden? War nicht der große Jan, der diese unsterblichste aller
-Künste erfand, ein Ausgewanderter aus unserer böhmischen Stadt
-Kuttenberg? War es nicht eine Frechheit sondergleichen von den
-Deutschen, ~anno~ vierzig die Buchdruckerkunst als +ihre+ Erfindung zu
-bezeichnen, aus einem Jan Kuttenberg einen Johann Gutenberg zu machen?
-Aber laßt sie nur ihr ›Gott erhalte Franz den Kaiser‹ brüllen; Joseph
-Haydn hat die Melodie den Tschechen gestohlen, und das wird noch an
-den Tag kommen! Was haben die Deutschen nicht alles von uns! Stammt
-nicht ihr Dichter Lessing aus dem wendischen Dorfe Kamenz; ist er also
-nicht ein Slaw? Hat nicht Karl Maria von Weber seinen »Jungfernkranz«
-den Tschechen gestohlen? Und da wollen die Deutschen sagen, wir hätten
-keinen großen Dichter, keinen großen Musiker?« Es gab wieder starken
-Beifall. Nur Samo und sein Freund Bohuslaw saßen mit niedergeschlagenen
-Augen da. Bohuslaw wußte, daß die kuriose Beweisführung des Redners
-seinem klugen Freunde peinlich war.
-
-Der Redner fuhr fort: »Wofür sollen wir uns bei den Deutschen bedanken?
-Dafür, daß sie uns zu knebeln versuchten, daß sie unsere Sprache,
-unsere Sitte, unsere Freiheit verfolgten, unsere Söhne auf ihre
-Schlachtfelder schleppten, dafür, daß der preußische Barbar Friedrich
-~II.~ unseren heiligen Hradschin beschoß, allein an einem Tage
-eintausendfünfhundert Kugeln gegen unseren Dom richten ließ, dafür,
-daß wir selbst die Gebeine des heiligen Jan von Nepomuk vor ihm in
-Sicherheit bringen mußten?«
-
-Tosende Zwischenrufe. Der Redner erhob die Stimme zu größter
-Kraftentfaltung. Er brüllte:
-
-»Sollen wir uns bei den Deutschen dafür bedanken, daß sie uns unseren
-großen Magister Jan Hus heimtückisch ermordeten?«
-
-Brausende Bewegung.
-
-»Warum haben sie ihn ermordet? Wegen seiner kirchlichen Lehre etwa?
-Manch einer hat freiere Dinge gelehrt und blieb am Leben und blieb in
-Ehren. Warum haben sie Luther geschont und Jan Hus verbrannt? Weil
-Luther ein Deutscher war und Jan Hus ein Böhme!«
-
-Jetzt sprangen viele auf. Auch Samo und Bohuslaw. Und sie standen
-da mit wogender Brust und leuchtenden Augen. Spazierstöcke mit dem
-Ziška-Knopf wurden hochgehoben, und das Symbol der Hussitenkeule
-schwebte in der Luft.
-
-»Darum haben sie ihn ermordet«, rief der Redner, »weil er die Deutschen
-haßte, wie sie es verdienten, weil er eines Sinnes, einer Seele war mit
-dem slawischen Volk, weil seine Donnerstimme die deutschen Studenten
-aus dem Lande scheuchte, weil er den deutschen Ratsherren in Prag das
-Handwerk legte, weil er für unsere Muttersprache eintrat, weil er
-gesagt hat: ›So wie Nehemias, als er hörte, jüdische Kinder sprächen
-halb Azotisch und könnten nicht mehr rein Jüdisch sprechen, diese
-geißelte, so verdienen die Prager gegeißelt zu werden, die halb Deutsch
-reden!‹ Hatte er nicht recht, meine Brüder?«
-
-Stürmische Zustimmung.
-
-»Slawische Brüder! Jan Hus ist verbrannt worden, weil er der Feind der
-Feinde seines Vaterlandes war!«
-
-Der Redner griff blitzschnell in die Rocktasche und zog eine kleine
-schwarze Fahne heraus, die Hussitenfahne mit dem roten Kelch.
-
-Ein Teil der Versammelten heulte laut auf vor Jubel, ein anderer
-schwieg. Ein katholischer Priester sprang auf das Podium, verschaffte
-sich durch eine Handbewegung Schweigen und rief:
-
-»Im Namen der heiligen Kirche muß ich protestieren gegen die Entfaltung
-dieser Fahne!«
-
-Der Redner sah ihn an.
-
-»Nun gut«, sagte er, »ich will nicht Zwietracht säen unter die Brüder.
-Ich stecke die Fahne ein. Aber ich sage, es ist notwendig, an ein
-Konzil zu appellieren, daß die Akten des Jan Hus noch einmal revidiert
-werden. Wir können uns in nationaler Beziehung von diesem großen Mann
-nicht trennen.«
-
-Niemand widersprach.
-
-Noch einmal kam der Redner zu sprechen auf die großen welt- und
-kulturgeschichtlichen Leistungen der Slawen. Belisar, der dem Kaiser
-Justinian die Schlachten gewann, war ein Slawe, eine Unmenge deutscher
-Städte sind slawische Gründungen, ja die erste Kultur Oberitaliens war
-slawisch. Venedig ist weiter nichts als eine ursprünglich slawische
-Stadt.
-
-Samo rückte wieder ungeduldig auf dem Stuhle hin und her. Weiter
-prahlte der Redner. Es sei heute eine Binsenweisheit, daß vor Christoph
-Kolumbus längst ein polnischer Seefahrer von Island aus Amerika
-entdeckt habe; in der Geschichte Christians ~II.~ von Dänemark sei
-das nachzulesen. Neuerdings würde auch geprüft, ob das berühmte Buch
-»Von der Nachfolge Christi« nicht einem Slawen statt Thomas a Kempis
-zuzuschreiben sei. Schließlich kam der Redner auf Rußland zu sprechen,
-von dessen Stärke allein die Auferstehung slawischer Macht zu hoffen
-sei. Hoffen wir auf den Zaren!
-
-»~At' žije!~«[31] rief die Menge begeistert dazwischen.
-
-»Ja,« schrie der Redner, »ich halte es mit unserem großen
-Havlitschek-Borowsky: ›Lieber die russische Knute als die deutsche
-Freiheit!‹«
-
-Es gab Beifall, in den allerdings die anwesenden Russisch-Polen nicht
-einstimmten.
-
-Eine Schlußapotheose des Slawentums, die dem sprachgewandten Redner
-gut gelang, und in der sich die Schönheit und der Reichtum der
-tschechischen Sprache offenbarte.
-
-Und der Redner schloß, indem er zu singen anhub:
-
-»~Kde domov muj?~«
-
-»Wo steht mein Vaterhaus?«
-
-Die Versammlung sang das sehr schöne tschechische Heimatlied mit. -- --
-
-Ein älterer Mann stieg auf die Rednertribüne. Er sprach gemäßigter,
-sprach von den strengen tschechenfeindlichen Erlassen Josephs ~II.~,
-erörterte allerhand schikanöse Anordnungen der Wiener Regierung,
-unter anderem, daß die Tschechen in ihrem eigenen Lande nicht in
-tschechischer Sprache telegraphieren dürften, während dies in allen
-möglichen fremden Sprachen erlaubt sei. --
-
-Da erscheinen zwei männliche Gestalten auf dem Podium, die das
-Erstaunen aller aufs höchste erregen. Der eine ist bunter als ein
-Pfau. Er trägt einen stechend grünen Rock, knallrote Weste, hellgelbe
-Hose, braune Stiefel, eine riesig lange weißrote Krawatte und einen
-scheckigen, rot-weiß-blauen Hut. Sein Begleiter hat einen Zottelpelz
-an, Holzschuhe und trägt auf dem Kopf eine riesige Pudelmütze.
-»Slawische Brüder,« schreit der Bunte mit krähender Stimme, »nehmt es
-nicht übel, wenn wir hier reden und wenn uns eure schöne Sprache nicht
-so gut vom Munde fließt, wie es bei euch Göttlichen der Fall ist!
-Wundert euch nicht über uns! Ich bin ein Masur, und dieser mein Bruder
-in der Pudelmütze ist ein Lette. Und das, was wir hier anhaben, sind
-unsere neuen Nationaltrachten, die erst in diesem Jahre ein berühmter
-und sinnreicher Schneider in Warschau für uns erfunden hat. Ich hoffe,
-wir Slawen aus dem gottvergessenen Ostpreußen dürfen uns in eurem edlen
-Kreise einfinden.«
-
-Der Bunte und die Pudelmütze wurden akklamiert.
-
-»Slawische Brüder, mit Staunen haben wir in diesem gelehrten Kreise von
-unseren berühmten slawischen Männern gehört, von dem slawischen Dichter
-Lessing und von dem herrlichen Nasensammler Sobeslaw. Unser Herz hat
-höher geschlagen. Heil den Polen, die Amerika entdeckt haben! Heil
-den Tschechen, die die Buchdruckerkunst erfanden! Ich komme aber, um
-euch Kunde zu sagen von ganz neuen Entdeckungen, die ein berühmter und
-eifriger Forscher und Gelehrter unseres masurischen Volkes, das gleich
-eurem stets der Wissenschaft diente, gefunden hat ...
-
-... Nero, das römische Kaiserscheusal, war ein Deutscher!«
-
-Bewegung.
-
-»Wohl war Agrippina seine Mutter, aber das verbuhlte Weib hat ihn
-gezeugt mit einem deutschen Söldling aus der Umgegend von Köln. Weiter:
-Pontius Pilatus, der den größten und schändlichsten Mord der Welt auf
-dem Gewissen hat, war ein Deutscher!«
-
-Einige Stirnen im Saal runzeln sich, einige Augen werden scharf.
-
-Der Bunte fährt unbeirrt fort:
-
-»Das heißt eigentlich auch nur ein Halbdeutscher. Aber was für einer!
-Er war der heimliche Sohn des Kaisers Augustus und Thusneldas, der
-gefangenen Gattin Hermanns des Cheruskers!«
-
-Einige tschechische Studenten treten dicht vor das Podium und sehen den
-Redner scharf an. Harmlos spricht der weiter:
-
-»Ich berichte hier nur das, was unser Forscher entdeckt hat. Die
-Beweisführung muß ich seiner Weisheit und Gewissenhaftigkeit
-überlassen. Aber wenn auch seine Resultate verblüffend sind, wenn sie
-auch unsere Feinde, die bluthündischen Deutschen, schwer ärgern müssen
--- sollen sie deshalb unausgesprochen bleiben? Nein, nein, nein!«
-
-Zustimmung. Die Studenten treten vom Podium zurück.
-
-»Und so sage ich euch: auch Judas Ischariot war ein Deutscher! Es ist
-klar erwiesen, daß sein Großvater als Kriegsgefangener von Julius
-Cäsar nach Rom gebracht wurde und durch Abschiebung nach Kairot ins
-Morgenland kam; denn Judas Ischariot ist eben Judas aus Kairot. Ich
-will die Ehrenliste deutscher Helden hier nicht verlängern; die
-Forschungen unseres Meisters, ob nicht auch der bethlehemitische
-Herodes deutsches Blut in den Adern hatte, sind noch nicht
-abgeschlossen!«
-
-Wieder treten einige Studenten erregt vor.
-
-»Laßt mich ein Wort sagen, slawische Brüder, über die Knechtung
-unseres Volkstums in Ostpreußen. Über neunzig Prozent unserer Kinder
-unterliegen dem Schulzwang; im slawischen Dalmatien brauchen bloß zwei
-Prozent der eingestellten Rekruten lesen zu können!«
-
-»Was soll das heißen?« rief ein Student dazwischen.
-
-»Das soll heißen, daß wir Slawen uns nicht in die deutsche
-Bildungszwangsjacke pressen lassen wollen. Haben wir das nötig?
-Neuerdings hat ja sogar ein Wiener Gelehrter zugegeben, daß das
-tschechische Gehirn das relativ schwerste ist, fünfzig Gramm schwerer
-als das deutsche!«
-
-»Stimmt! ~Dr.~ Weisbach in Wien!« schrie einer.
-
-Einige Studenten fixieren den Redner scharf.
-
-»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daß Sie mich meine
-bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. Vergönnen Sie nun auch
-meinem lettischen Bruder und Nachbar einige wenige Minuten!«
-
-Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt stockend:
-Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. Aber jetzt
-habe er den Germanen abgestreift und stehe als Slawe hier. (Lebhafter
-Beifall.) Leider beherrsche er sehr wenig die tschechische Sprache,
-wolle aber nicht zurückhalten mit einer Entdeckung, die ein berühmter
-und eifriger Forscher seines Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf
-dem alle moderne Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum
-und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar die
-zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger Gottes die Gebote
-auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, daß aber Moses die Tafeln
-zerschlug, als er die Israeliten beim goldenen Kalbe erwischte. Nun,
-unser Forscher hat jahrelang am Sinai nachgegraben, hat die Scherben
-der Tafeln gefunden, hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn
-Gebote waren von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!«
-
-»Was soll das heißen? Was sagt er?«
-
-Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo spricht erregt
-auf seinen Freund ein.
-
-»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« fährt der Lette
-fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele Polen glauben, der
-Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die Argumente unseres Forschers
-schon nachgeprüft? Haben wir Ihnen nicht auch die Erfindung der
-Buchdruckerkunst geglaubt? Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen
-Beseda könne man reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich
-bis hierher angehört haben!«
-
-Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das Podium, und
-beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden nach. An der Tür stieg
-der Lette auf einen Stuhl und rief:
-
-»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, wie Sie sie
-kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes Gebot: du sollst
-nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst kein falsches Zeugnis geben
-wider deinen Nächsten, das heißt also: du sollst kein Tscheche sein!«
-
-Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine deutsche
-Studentenkappe kommt zum Vorschein.
-
-»Leben Sie wohl!« schreien die beiden in deutscher Sprache und sind zur
-Tür hinaus. Ein wahnwitziges Geschrei geht los. Hunderte von Menschen
-drängen zur Tür. Sie verlegen einander den Weg. Unten auf der Straße
-fährt ein Wagen rasch davon. Im Saale herrscht die grimmigste Empörung.
-Mehr als eine halbe Stunde vergeht in ohnmächtigem Toben und Fluchen.
-Viele Frauen weinen. Da steigt einer aufs Podium.
-
-»Slawische Brüder! Laßt eure Feier nicht stören durch diese deutschen
-Lausbuben!«
-
-Großer Beifall!
-
-»Sind sie nicht ausgerissen wie Feiglinge?«
-
-Stürmischer Beifall.
-
-»Wir werden sie und ihresgleichen zu treffen wissen!«
-
-Geschrei.
-
-»Wieder einmal ist es erwiesen, daß die Deutschen die Friedensstörer,
-die Provokateure sind, die sich selbst zu so friedlichen Slawenfesten
-wie dieses heimtückisch einschmuggeln. Lasten wir uns nicht stören; der
-Tag der Vergeltung kommt.«
-
-»~Šusnelka nám piše.~«
-
-Er stimmte den beliebten Gassenhauer an, der davon redet, die Deutschen
-hätten alle gefährliche Bauchschmerzen, und die Versammlung sang mit.
-
-Die Erregung legte sich allgemach etwas; nur einzelne Studentengruppen
-führten unter sich aufgeregte Debatten. Man beschloß eine große
-Demonstration vor der Karlsuniversität.
-
-Und nun trat »~Plzenske piwo~« in seine gewaltigen Rechte. Pilsener
-Bier. Je erregter der Mann, desto tiefer der Trunk. Nur, daß der
-köstliche Trank das innere Feuer nicht löschte, sondern immer mehr
-anfachte.
-
-»Diese elenden Frankfurter!«[32]
-
-»Jauche haben sie gegossen in unseren slawischen Verbrüderungswein!«
-
-»Der eine sah aus wie ein bunter Hanswurst, der andere wie ein Urmensch
-aus der Eiszeit. Und das nannten sie slawische Nationaltracht! Und
-der Kerl, der Lette, sagte ausdrücklich, eigentlich bin ich ein
-Germanoslawe, aber ich habe den Germanen abgestreift und stehe jetzt
-als Slawe hier. Und wir klatschen Beifall dazu. Eine Schmach! Eine
-Schmach!«
-
-Der junge Student, der das sagte, vergoß Tränen.
-
-Da stimmte jemand das Lied von der Aussiger Schlacht an: »~Bitwa před
-Ustim.~«
-
- »Gedankt sei Gott! O preiset ihn,
- Er hat uns hilfereich verlieh'n,
- Die Deutschen ruhmvoll zu schlagen
- Und aus dem Lande zu jagen!«
-
-Die Studenten hörten mit finsteren Gesichtern zu. Heut war der Ruhm,
-wie sie die Deutschen aus dem Felde geschlagen hatten, klein.
-
-Selbst als ein paar hübsche Mädchen etliche der wunderherrlichen
-Volkslieder der Tschechen vortrugen, die für Trauer und Sehnsucht
-des Menschenherzens in stillen Worten und tiefen reichen Melodien so
-ergreifenden Ausdruck finden, kam keine rechte Stimmung mehr zustande.
-
-Die Beseda war verunglückt.
-
-
-
-
-Es war kaum zehn Uhr, als Samo aufbrach. Sein Freund Bohuslaw folgte
-ihm. »Ich ersticke in diesem Saal!« sagte Samo draußen. »So ist es
-selten einmal durchtriebenen Hallunken geglückt, die Gegner zu äffen.«
-
-»Mein Herz leidet, daß es geschah, Samo«, antwortete der sanfte
-Bohuslaw. »Wenn es nun einmal geschehen sollte, dann doch nie in
-deiner Gegenwart. In dir ist der slawische Königsgedanke beleidigt
-worden.«
-
-Der junge Mann hing an Samo mit einer Art ehrfürchtiger Liebe. Er ehrte
-in ihm mit tiefer Überzeugung den heimlichen Königssohn.
-
-Schweigend gingen die beiden jungen Männer weiter. Als sie in eine
-schmale, winklige Straße kamen, zeigte Bohuslaw auf das Erkerfenster
-eines Eckhauses. Mattes Licht schimmerte durch die kleinen bleigefaßten
-Scheiben des Fensters.
-
-»Dort wohnt mein Onkel Krok, von dem ich dir erzählte. Wenn es dir
-gefällt, so gehen wir zu ihm hinauf. Wohin sollen wir jetzt in dieser
-Stimmung?«
-
-»Es ist zu spät für einen Besuch.«
-
-»Mein Onkel Krok würde um Mitternacht aufstehen und dir sieben Meilen
-entgegengehen, wenn er wüßte, du wolltest ihn besuchen. Erlaubst du,
-daß ich klopfe?«
-
-Samo zuckte die Achseln.
-
-»Tu, was du willst.«
-
-Bohuslaw klopfte mit dem eisernen Schläger an die Tür, und bald
-erschien an dem Erkerfenster der Kopf eines alten Mannes.
-
-»Wer klopft? Bist du es, Bohuslaw? Und wer ist der andere?«
-
-»Das ist Samo. Unser Samo!«
-
-»Unser -- unser ...«
-
-Dem Alten stockte die Stimme. Er warf den Fensterflügel zu und erschien
-bald in der Tür mit einem Licht. Eine in einen weiten Schlafrock
-gehüllte schmächtige Gestalt eilte auf Samo zu und beugte sich tief vor
-ihm.
-
-»~Fjersta! Fjersta!~«[33] rief der Alte zitternd, und ehe es sich
-Samo versah, küßte er ihm ehrfurchtsvoll die Hände. »In Gottes Namen,
-willkommen! Gesegnet der Tag, da meinem Hause diese goldene Ehre
-widerfährt!«
-
-Samo war bestürzt, daß er kaum etwas zu antworten wußte. Wie im Traum
-trat er durch die schmale Tür, stieg er eine schmale Stiege hinauf.
-Der Alte, der ihm leuchtete, stammelte unausgesetzt Worte freudigen,
-ehrfurchtsvollen Willkommens.
-
-Sie traten in das sehr geräumige Erkerzimmer. Es war erhellt durch
-eine große Hängelampe von auffällig schöner Schmiedearbeit. Der große
-Tisch unter der Lampe war mit Büchern und Manuskripten bedeckt. Sonst
-machte das Zimmer den Eindruck des Lagerraums eines Altwarenhändlers
-oder des ungeordneten Saales eines Museums. Alte Möbel, Waffen, Bilder
-standen und lagen umher, von der Decke hingen seidene Tücher mit bunten
-Malereien, an den Wänden waren kostbare Stickereien, in Glaskästen
-allerhand kleine historische Pretiosen, geschichtliche Reliquien und
-Sonderbarkeiten.
-
-»Heilige Madonna, ich danke dir, daß ich diesen Tag erlebte! ~O
-Fjersta! Fjersta!~«
-
-Und wieder wollte der Alte Samo die Hand küssen.
-
-Dieser wehrte ihn freundlich ab.
-
-»Ich freue mich, daß ich bei Euch bin; aber ich bin nichts als ein
-wendischer Student.«
-
-»Ich weiß, wer Ihr seid! Der ~sorbski kral~, der kommen wird. O seht,
-wenn ich auf unserer heiligen slawischen Erde reise und sehe, wie schön
-und reich sie ist, ich finde alles: ich finde große Berge und weite
-Ebenen, Städte mit alten Domen und heiligen Gräbern, Wiesenflächen
-mit singenden Dörfern, ich finde alte Nationalschätze und habe davon
-manches gesammelt, ich finde eine stolze Jugend, die an ihr Slawentum
-glaubt, ich finde Dichterwerke und Weisheitswerke und Silber und Gold
-und Edelstein -- aber ich finde das nicht, wonach ich mit meinen alten
-Augen immer noch suche: ich finde keinen slawischen König. Und nun ist
-er hier! Und nun ist er hier!«
-
-Der Alte fing so heftig an zu zittern, daß ihn sein Neffe nach einem
-der großen Lehnstühle führen mußte. Auch Samo faßte es an wie ein
-Taumel, und er setzte sich langsam und schwer auf einen Stuhl an dem
-großen Tisch.
-
-Eine tiefe, tiefe Stille kam. Der Alte blickte auf den jungen
-Königssohn wie ein Vater, dem in frühen Jahren ein Sohn, das Kleinod
-seiner Ehre und seiner Hoffnung, geraubt worden ist, dem die goldene
-Wahrheit und Gewißheit seines Lebens in graue, neblige Ferne entwich,
-der mit heißen Augen und nimmermüdem Fleiß suchte durch die besten
-Jahre seines Lebens und endlich müde heimkehren mußte mit winzigen
-Andenken und ungewissen Anhalten, ein Träumer sitzt am einsamen Tisch
--- und dem mitten in der Nacht im Sternenschein der Sohn als ein
-kommender Sieger wiederkehrt.
-
-»~Fjersta!~«
-
-Samo eilte auf den Alten zu -- sie liegen sich in den Armen. -- -- --
-
-Endlich sagte Samo:
-
-»Ihr überschätzt mich! Ich bin nur der zweitgeborene Sohn des ~sorbski
-kral~.«
-
-Der Alte schüttelte den Kopf.
-
-»Die, die sich um die Slawen kümmern, wissen, wer Ihr seid. Euer
-Bruder, der den slawisierten Germanennamen Juro trägt, ist nicht der
-Kral. Ihr heißet Samo, Ihr tragt den Namen, der als einziger aus dem
-ersten Schöpfungstag tschechischer Geschichte zu uns herüberleuchtet.
-Samo, der Slaw, der die Avaren schlug, an die sich Kaiser Karl
-vergeblich gewagt hatte, Samo, der die Tschechen heimisch machte in
-diesem Lande Gottes -- Ihr könntet keinen schöneren Namen haben als
-diesen!«
-
-»Der Name macht es nicht; obwohl ich zugebe, daß Ihr, der Ihr Krok
-heißt, gewiß mit dem alten Tschechenherzog Krok, dem Klugen und
-Gerechten, vieles gemeinsam habt.«
-
-»Ich bin ein alter Mann, der nicht viel mehr für seine slawischen
-Brüder tun konnte, als daß er sein Leben lang um sie litt. Und der ein
-wenig sammelte. Freilich, es sind nicht die Schätze vom Karlstein.«
-
-Der Alte wies auf seine Raritäten.
-
-»Waret Ihr im Karlstein, Pán Samo?«
-
-»Nein, ich komme erst zum zweitenmal in meinem Leben nach Böhmen.«
-
-»Zürnet nicht, Herr, wenn ich sage, daß das nicht gut ist.«
-
-»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in dem
-deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden für starkes,
-echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. So habe ich auch den
-Karlstein noch nicht gesehen.«
-
-Das Auge des Alten strahlte.
-
-»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die die Mauern
-bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt aus Glas, aber
-doch ist der Karlstein noch immer unsere Gralsburg, wie sie Meister
-Mathias von Arras schuf. Ich denke jetzt nicht an die Rittersäle, die
-großen Höfe; an eine der Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und
-ich sehe, wie Karl ~IV.~ barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier
-eiserne Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle
-erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig Lichtern, indes
-der Probst die Messe zelebriert. Die vergoldeten Wände funkeln, die
-Jaspise und Karneole blitzen, durch die Halbedelsteinfenster fällt das
-Licht hinaus ins Land, bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn
-sie lebten, die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen,
-die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im Hochaltar,
-hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, die Insignien
-des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der als Kaiser das ganze deutsche
-Reich beherrscht, liegt hier auf den Knien, betet zu Gott um Schutz für
-die Krone, und draußen ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal:
-›Bleibet der heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil
-und Tod!‹«
-
-Über der Kapelle prangt die Schrift:
-
-»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis
-zum letzten Tage[34]!«
-
-»War das nicht eine große, schöne Zeit?«
-
-Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnen an. Sein
-Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von vielen anderen
-Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und weltlichen Reliquien
-kostbarer Art.
-
-»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo.
-
-»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn eilends davon.
-Zweifel macht arm und verödet das Herz; er ist der Bilderstürmer im Dom
-unserer Seele, dessen Altäre er entkleidet und von dessen Wänden er
-Glanz und Schönheit nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind
-harte, nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit nennen,
-der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster fährt, kann uns
-nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten beraubt ist und die
-ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, Pán Samo, an alten Symbolen hängt
-der Gedanke, und der Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen
-schauen aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar
-Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu träumen
-wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne Neid von dem Glanz
-der Wenzelskrone gehört, ich habe mit Freude davon gehört; aber es ist
-doch bitter, wenn ich daran denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes
-Volk war. Kennt Ihr die Sage vom Wendenkönig?«
-
-»Ich kenne sie.«
-
-»Seht, Pán Krok, der Wendenkönig konnte sich keine bleibende Burg
-bauen, keine goldene Kapelle errichten, wo er seine Schätze verwahrte,
-für ihn gab es noch keinen Pán Krystus, dessen Schützernamen er über
-seine Tür schreiben konnte. Als er in die entscheidende Schlacht zog,
-hatte er niemand, der seine Krone verwahrte; in den armen Sand der
-Heide mußte er sie vergraben, unter die Bäume des Waldes. Eine Grube
-zwischen Erde und Steinen war unsere Kronenstätte.«
-
-Der Alte stand auf, und seine milden Augen ruhten liebevoll auf Samo.
-
-»Gott selbst hat einen blauen Dom über Eure Krone gewölbt, Pán Samo,
-und seine Sterne werden nicht weniger hell gefunkelt haben als unsere
-Karneole. Und hat Euch nicht Gott wunderbar erhalten? Unser Königtum
-ging verloren, das Eure blieb!«
-
-»Es wird verloren sein für immer und ewig«, sagte Samo düster.
-
-»Das darf nicht sein, Pán Samo, das darf nimmer geschehen! Ihr werdet
-es aufrechterhalten; denn Ihr müßt der Kral werden, geschehe auch, was
-wolle!«
-
-Die milde Hoheit war von dem Alten gewichen, ein fanatischer Eifer
-sprühte aus seinen grauen Augen. --
-
-»Die Deutschen verseuchen unser Volkstum«, fuhr Samo fort; »sorbisch
-geht der Bursch zum Militär, verdorben, deutsch kommt er zurück; der
-deutsche Gutsherr, der deutsche Krämer, der deutsche Gastwirt bohren
-sich wie die Maden in die slawische Frucht; unsere Gebildeten liegen
-in einem Halbschlummer; sie träumen noch ein wenig vom Slawentum,
-aber vor der Welt sind sie gehorsame Diener des deutschen Herrn. Die
-wendischen Geistlichen und Lehrer sterben aus; sie waren die besten
-und letzten Hüter unseres Volkstums, ihre Nachfolger sind Pioniere des
-Deutschtums. Das Volk kehrt sich vom heimischen Ackerbau ab, strebt in
-den Frondienst deutscher Fabriken. Es ist -- es ist aus mit uns droben
-in der Lausitz!«
-
-»Das ist ein düsteres Bild, das ist ein zu düsteres Bild!«
-
-»Schreien möchte ich, Pán Krok, daß es so ist! Tausend Jahre lang hat
-unser sorbisches Volk der Lausitz seine slawische Art bewahrt mitten
-in Kampf und Not. Die Herren haben gewechselt, die Bedrücker sind
-geblieben, aber auch das Slawentum ist geblieben. Keine Gewalt, keine
-List, keine leibliche und geistige Aushungerung hat es vernichtet.
-Der arme, starke Sandwald hat es geschützt. Und welche Hoffnung blieb
-uns? Unsere Zahl schmolz zusammen. Wir konnten nicht mehr hoffen, ein
-eigenes Reich zu errichten, wie es die alte Sage verheißt.«
-
-»Ihr müßt das hoffen, Pán Samo,« rief der Alte; »Ihr dürft diese
-Hoffnung im Herzen des Volkes nicht untergehen lassen. Man darf einen
-Stern nicht ableugnen, weil man nicht nach ihm greifen kann. Genug,
-wenn er leuchtet. Der felsenfeste Glaube an die große Zukunft muß
-dem Volk erhalten bleiben. Ohne großes Ziel keine Religion, kein
-aufstrebendes Volkstum, nicht einmal irgendein gutes Einzelwerk!«
-
-Samo zuckte die Achseln.
-
-»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was zu tun ist
-und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum in der Lausitz zu
-erhalten, bis die deutsche Kluft, die zwischen uns und den Tschechen
-liegt, überbrückt ist, mit einem Wort, das Wendentum zu konservieren,
-bis das deutsche Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben
-unmittelbaren territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen haben.«
-
-»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte Krok begeistert.
-»Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt ihr in letzter Stunde
-unterliegen, da der Sieg so nahe ist? Ja, ihr seid auf einem
-gefährlichen, auf dem bedrohtesten Vorposten; aber, ihr Brüder,
-ihr seht doch, daß euch die siegreiche Hauptarmee Stunde um Stunde
-näherkommt!«
-
-Samo entgegnete finster:
-
-»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die Verhältnisse
-liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die stolzen
-Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon haben, wird
-angezweifelt, soll vernichtet werden.«
-
-»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! Nur nicht an
-die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von ihrem unermeßlichen Wert
-reden. Gestattet, daß ich in einem Gleichnis spreche. Seht, da war
-eine Edelfamilie, die hegte als großen Schatz einen alten, goldenen
-Ring. Den Ring, so erzählte die Familiengeschichte, habe ein Ahn von
-einem edlen Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der
-Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler Art, er war
-in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, daß er das Herz
-seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm eines Tages die Freiheit
-schenkte und ihm den Ring mitgab mit den Worten: »Denke meiner in
-deiner Heimat, du bewunderungswürdiger Mann, gönne mir ferner deine
-Freundschaft, die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in
-der Familie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt ihn
-dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der Jüngling gelobte bei
-dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er in die Welt ging; die Jungfrau
-bekam ihn bei der Trauung an den Finger gesteckt; der Sterbende trug
-ihn an der Hand, wenn er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott
-aufhob. -- -- Da erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein
-Gelehrter, prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht
-aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert und
-offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit stolzgeblähter Brust
-und dem eitlen Gedanken, er habe diesen Leuten die historische Wahrheit
-gebracht. -- Wißt Ihr, Pán Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war?
-Was war der Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen
-tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele Generationen
-wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser Aufklärer!«
-
-Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg eine Weile,
-dann aber sagte er mit gepreßter Stimme:
-
-»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen Ring entwerten.«
-
-»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher sei er
-geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán Samo, mit allen
-Mitteln entgegenstehen!«
-
-»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok die Hand.
-
- * * * * *
-
-Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw beim alten Krok.
-Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen Wein gebracht, wie Samo
-noch nie zuvor getrunken hatte. So war auch er mitteilsamer geworden
-und hatte von seinen letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause
-erzählt. Der kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und
-so wie seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem
-aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegen Juro, den
-»Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo erzählen, selbst seine
-Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg er nicht.
-
-Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner Sammlungen.
-Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten Slawen, aber auch mit der
-strahlenden Freude des erfolgreichen Sammlers, dem die Eitelkeit nicht
-fremd ist.
-
-Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen Männer, den Worten
-des begeisterten Alten zu lauschen, der an oft unscheinbaren Dingen
-in leuchtenden Einzelbildern böhmische Geschichte entwickelte.
-Andenken aus der Zeit der Kämpfe des Christentums und Heidentums;
-ein Pilgerstecken, den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige,
-große Held, große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das
-das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den Böhmen flüchten
-mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin Drahomira, die von der Erde
-verschlungen wurde; Kriegstrophäen aus den Kämpfen mit den Polen und
-Ungarn; eine Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas;
-ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der im
-Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben verlor; ein Schild
-aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von Kärnten verjagt wurde; ein
-Evangelienbuch der ketzerischen Beguinen; viel Andenken an den Vater
-Böhmens, Karl ~IV.~, darunter ein Teil der Biographie, die dieser
-Herrscher über sich selbst schrieb. Endlich vielerlei historische
-Andenken aus der Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen
-Krieges: Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein
-silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins;
-dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte Stickereien, alte
-Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, bunt gemalte Abschriften
-aus Benediktinerklöstern, Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen,
-Petschafte.
-
-Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer und einem
-anstoßenden großen Raum untergebracht.
-
-Samo staunte über den Reichtum.
-
-»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle Winde; aber
-dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!«
-
-Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen reichten
-in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war über Erwerb und Herkunft der
-historischen Reliquien genau und treulich berichtet.
-
-»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, Kostbare,
-Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er lebte mehr in Wien
-und Paris, als unserem Familiengut günstig war. So ging es verloren.
-Burg, Dorf, Wald, Feld mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb
-gerade genug, nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber
-mir blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben,
-nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige
-Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare Steine er
-ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein Schlemmerleben zu
-haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, der die silbernen
-Apostelfiguren zu Talern einschmelzen ließ und dabei die lästerlichen
-Worte sprach: ›Gehet hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein
-Vater hat mir keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich
-bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.«
-
-Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden hineinrückten,
-wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge wollten fortgehen, aber
-der Alte hinderte sie und wurde heftig, als sie abermals davon sprachen.
-
-Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl aus auf Samo.
-Als draußen der Tag schon graute, sprach er:
-
-»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist es nur für
-ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für andere, dann
-muß der Mensch Erben seines Geheimnisses suchen. Ich bin alt, und
-eines Morgens, wenn der Tag graut, wird er mich tot finden bei diesen
-Reliquien, ich selbst eine Reliquie, das geringwertige Überbleibsel
-einer alten Zeit. Was Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier
-verwahrt sind, ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure
-Herzen schreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein
-für den Fall meines Todes.«
-
-Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht des
-aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen Kopf. Und Krok sprach
-langsam und feierlich:
-
-»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure Seelen mit meiner
-Seele rückwärts wandern den ganzen heißen, arbeitsreichen Tag der
-böhmischen Geschichte entlang bis zu der Stunde, da das herandämmernde
-Licht der beginnenden Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über
-das Land schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges
-Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der Gerechte, gab
-das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle Töchter. Als er zum
-Sterben kam, wußte er nicht, welcher der drei Töchter er das Reich
-vererben sollte. Und er warf das Los, und das Los fiel auf Libussa,
-die weiseste und machtvollste der Königstöchter. Libussa gründete die
-Stadt Prag und regierte klug und streng. Die Böhmen waren glücklich
-unter ihr, aber eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen
-Gatten nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar
-ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem eisernen
-Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll König sein!‹
-Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und dieses Roß setzte sich
-an die Spitze der Schar und schlug den Weg ein gen Staditz.
-
-Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da saß ein Bauer
-auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; die Lerchen
-sangen, das Gras und die junge Erde dufteten. Der Bauer saß lachend
-auf dem Felde und aß sein Frühstück von der blanken Pflugschar. Da
-wieherte das Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten
-nieder, und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem
-Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher Przemisl hieß,
-stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog nach Prag und wurde der
-Gatte der Königin. Libussa ließ ihm eine silberne Krone machen; sie
-selbst aber trug eine goldene Krone, denn sie war an Macht über ihm.
-Jahrhundertelang haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die
-Schicksale Böhmens gelenkt.
-
-Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam erzogen, und die
-Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, empörte sich gegen die Herrin,
-gewann ein Heer von Frauen und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete
-bis ins Riesengebirge, und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre
-goldene Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den Bergen
-springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone noch jetzt. --
-
-Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten nach seiner
-silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« --
-
-Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem Nachdenken da.
-Dann sagte er:
-
-»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!«
-
-Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer Zeit zurück.
-
-»Kommt.«
-
-Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern angefüllt war,
-und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar war, weil Krok eine
-große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen hatte. Krok öffnete
-die Tür, und die Jünglinge blickten in eine Kapelle.
-
-Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen Lampen
-glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, darauf war ein
-Tabernakel. Rundum die Wände waren mit Stickereien und seidenen Tüchern
-behangen, ein großer Teppich bedeckte den Fußboden. Viele Bilder
-schmückten die Wände. Gestalten aus der Heiligen- und der profanen
-Geschichte Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius,
-die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das große Bild Karls
-~IV.~, ein Bild von Libussa und von Przemisl am Pflug. Diese Gemälde
-hingen über dem Altar; in der Mitte war ein altes, eisernes Kreuz.
-An den Seitenwänden die Taufe Borzivois, die Gründung des Bistums
-Prag durch Boleslaw den Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl
-Konrads ~II.~; die deutschen Kaiser Heinrich ~IV.~ und Barbarossa, die
-Böhmen die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter
-Orden, die sich um das Land verdient machten; mehrere Bilder des
-großen Ottokar: als Herr in Kärnten, als Gründer der Stadt Königsberg,
-sein Tod auf dem Marchfeld; dann die Ermordung Wenzels ~III.~, des
-letzten Przemisliden. Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder
-Erinnerungen an Karl ~IV.~: die Moldaubrücke, der Karlstein, die
-Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische Universität.
-Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter und Redner sind
-vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, der »böhmische Cicero«, der
-Hofpoet Simon Lomnicky.
-
-Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder aus der
-Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos Comenius, der
-Brüderbischof. --
-
-Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche sind billige
-Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres Kunstwertes wegen da. --
-
-Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die Worte
-geschrieben: »~Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz techto klenotuw,
-ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!~«
-
-Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür stehen.
-Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein Wort zu sprechen
-vermochten. Auch Krok stand stumm neben ihnen. Erst nach langer Zeit
-sagte er in tiefer Ergriffenheit, leise flüsternd:
-
-»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!«
-
-Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!«
-
-»Herr Krystus, mächtigster Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis
-zum letzten Tage!«
-
-»Das ist das Wort vom Karlstein,« sagte Krok, »das Wort, das über
-meiner Wohnung und über meinem ganzen Leben schwebt.«
-
-Und Tränen rannen in seinen grauen Bart.
-
-Scheu gingen die Jünglinge die Wände entlang, betrachteten die Bilder.
-Der Alte schritt zum Altar, kniete nieder und preßte die Hände vors
-Gesicht, wie zu inbrünstigem Gebet. Auch Bohuslaw kniete nieder. Samo
-stand mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf.
-
-Da stieg der alte Krok die Stufen des Altars hinauf und öffnete den
-Tabernakel. -- --
-
-In dem Tabernakel lag auf einem seidenen Kissen eine alte silberne
-Krone ...
-
-Und Krok wandte sich mit der Krone um. Mit bewegter, tränenerstickter
-Stimme sagte er:
-
-»Seht da, das Kleinod! Das ist die silberne Krone Przemisls ~I.~, des
-Königs vom Pflug. Das ist die Urväterkrone unseres böhmischen Volkes!«
-
-Die Hände des Alten zitterten so, daß er die Krone auf den Altar
-niederlegen mußte. Langsam beruhigte er sich:
-
-»Zweifelt nicht an der Krone! Sie ist die echte, heilige Krone
-Przemisls! Ehrwürdige Urkunden ehrwürdiger Männer bestätigen sie bis in
-die älteste Zeit.«
-
-Bohuslaw trat einige Schritte näher. Samo stand regungslos wie eine
-Statue.
-
-Da rief ihm der alte Krok zu:
-
-»Pán Samo, kommt an den Altar.«
-
-Mit schweren Schritten gehorchte ihm Samo.
-
-»Pán Samo, zukünftiger Kral der Lausitzer Sorben, ich begrüße Euch an
-dieser heiligen Stätte. Bin ich auch kein geweihter Diener Gottes, so
-habe ich doch die Weihe einer Familie, die von der Vorsehung ausersehen
-war, durch Jahrhunderte dieses Heiligtum zu hüten und zu hegen. Samo,
-ich setze Euch diese Krone aufs Haupt, nicht daß ich Euch zum König
-von Böhmen kröne, sondern als ein Unterpfand Eurer eigenen zukünftigen
-Würde.«
-
-Und Krok setzte Samo die Krone aufs Haupt. Das alte Silber berührte
-kühl die heiße Stirn des Mannes. Ein paar Herzschläge lang stand Samo
-so im königlichen Schmuck; dann ergriff er die Krone, küßte sie, legte
-sie auf den Altar und ging eilends aus der Kapelle.
-
-Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten Zimmer
-fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen.
-
-»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in das größte
-Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, und alles geht
-darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. Pán Samo, vergeßt dieses
-nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, vom Symbol losgelöst, verfliegen
-im Wind. Kommt noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe
-Euch etwas zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.«
-
-
-
-
-Spätherbst droben im Wendenlande.
-
-Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte Singvogel zog fort.
-
-Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, irgendwo gibt
-es laute, große Städte.
-
-Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue Einsamkeit. Spät
-dämmert der müde Tag, früh geht er zur Rüste. Oft liegt der Waldweg die
-ganze Woche einsam. Kein Wanderer kommt daher.
-
-Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen könnte, wo müde
-Augen ruhen und wilde Herzen stille werden könnten.
-
-Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören auf die
-knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel früherer Zeit
-nachdenken, an die Lutchen denken, die Zwergmännlein, die jetzt selbst
-zur Mittagszeit die Zipfelkappe fest über die dicken Köpfe ziehen und
-bei sinkender Sonne fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter
-der Erde! O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut!
-
-Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher nicht kommen;
-die Smjertniza könnte ihm begegnen. --
-
-Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit seinen Kahn
-heim. Ihm gegenüber saß seine einzige Schwester. Sie war von großer
-Schönheit; aber nun war sie traurig und blaß und sah immer ins Wasser
-hinein, in dem die letzten bunten Blätter des Waldes schwammen.
-
-Da fing der Bursche an zu singen:
-
-»~Sla je holčka po wodu ...~«
-
-Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang
-das Lied:
-
- »Gingen nach Wasser drei Mägdelein
- In den weißen See hinein ...
-
- Die erste schöpfte die Kanne ein
- Und verlor ihr Ringelein.
- Mädchen an zu weinen fing --
- Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.
-
- Die zweite schöpfte die Kanne ein,
- Verlor ihr seiden Tüchelein.
- Das Mädchen weinte und klagte genug --
- Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.
-
- Die dritte schöpfte die Kanne ein,
- Verlor ihr Rautenkränzelein;
- Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn --
- Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«
-
-Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß
-gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht.
-
-Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf
-den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes,
-der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo
-der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des
-Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt
-und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des
-Verführers an Gottes Ohr klingen.
-
- * * * * *
-
-Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.
-
-Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann.
-Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum, der einzige Baum, den
-er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November
-hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden
-mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf
-den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen
-gegenüber.
-
-»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber.
-
-»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein.
-
-»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie gut
-herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel nur immer
-beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat uns auch Gott alle
-Jahre so reichlich beschert.«
-
-»Ja, so ist es!« sagt die Frau.
-
-Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die beiden an zu
-schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln zur Erde; die
-beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie können. Denn der
-Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und wenn der letzte Ton verhallt,
-muß die Arbeit beendet sein. Deshalb herrscht eine ganz bestimmte
-Strategie, eine genaue Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche
-Äste es zu schütteln hat.
-
-Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von einem Ast zum
-andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. Endlich sagt der Alte:
-
-»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch was drauf bleiben;
-der Mensch soll nicht genußsüchtig sein und nicht alles für sich haben
-wollen.«
-
-Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch immer tönt
-die Glocke.
-
-»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau.
-
-»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: Ich hab' ihm
-heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, und hab' ihn einmal
-schnupfen lassen.«
-
-Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen Herbstsegen
-zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit finden sie ihn süß und
-reich.
-
-
-
-
-»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht Kito, als er zu
-Hanka in die Stube trat.
-
-Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der Lampe und war
-mit einer Näharbeit beschäftigt.
-
-»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die Doppelfenster
-haben.«
-
-»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.«
-
-»Ja, bis zur ~pšaza~[35] sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern die Mägde
-schon?«
-
-»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. Du bist die
-einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder duldet.«
-
-Das Mädchen errötete.
-
-»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu Hause nicht
-zugegeben.«
-
-Der Alte nickte.
-
-»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. Voriges Jahr sind
-drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich geworden. Eine hat noch
-geheiratet, die anderen ...«
-
-Er machte eine bedauernde Handbewegung.
-
-»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch solche
-Schelmenlieder gesungen. O ja -- was für welche! Wenn man dann alt ist,
-gefällt einem das nicht mehr. Aber du bist noch jung, Hanka, jung und
-hübsch!«
-
-»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert auf. Der
-Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, von der Wirtschaft
-allerlei.
-
-»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte Hanka.
-
-Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich setzte er
-sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die Tischplatte.
-
-»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abraham seinen Knecht
-Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen.
-Elieser war nur ein Knecht, aber er bekam doch dieses wichtige Amt.«
-
-»Wo soll das hinaus?«
-
-Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder auf und
-spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte fand.
-
-»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich habe bei der
-~kremuša~[36] drei Tage lang gegessen und getrunken und drei Nächte
-lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe ich! Ich hab' bei der
-›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger Bursch auf einem fremden Dorf
-getanzt, und es ist nicht herausgekommen. Jawohl, das war ich! Ich war
-der Anführer der ›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke,
-wo wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! Jawohl,
-das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der Jan beim Johannisfest
-war ich! Der tollste Reiter! Bei den Husaren habe ich gedient, und
-wenn ich der Jan war, da hatte ich aus Birkenrinde eine Larve[37]
-vorm Gesicht und den ganzen Buckel voll Blumengirlanden -- ei ja,
-schön war ich! Über und über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste
-Pferd! Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs Dorf!
-Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. Sie machen
-eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber wie der Blitz durch
-die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich kehre blitzschnell um. Vom
-Pferd runter. Alle Weiber fall'n über mich her. Jede will 'ne Blume.
-Die verheirateten, daß sie starke Kinder kriegen, die ledigen, daß
-sie 'n Mann kriegen. Und ich immer rechts und links mit beiden Armen
-und Händen das ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde
-geklettert bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt gehalten.
-Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein Prediger, hab' ich
-gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie der invalide Unteroffizier, den
-der alte Fritz den Wenden schickte? Drei Jahre lang predigte dieser
-Mann alle Sonntage dieselbe Predigt, die er sich auswendig gelernt
-hatte. Und als drei Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz
-und sagten, sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß
-immerfort dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der alte
-Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten nichts. Nun,
-sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch ruhig seine zehn
-Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein Prediger war ich nicht! Ich
-hab' von meiner Linde gepredigt, daß sie unten rot und blau wurden,
-daß sie manchmal schrien: ›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle,
-der Schulze, die Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten
-was ans Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen,
-›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich mich
-selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie ich gerade
-eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und die andere Hälfte
-flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen Predigtstuhl und breche
-mir die Hüfte. Und wenn man die Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist
-es mit dem Reiten und kräftigen Predigen vorbei.«
-
-Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, dicken Fingern
-auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. »Hanka, denke nicht an den
-~palenc~[38]. Drei Gläschen habe ich getrunken; aber drei Gläschen sind
-nötig zu dem, was ich vorhab'.«
-
-»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?«
-
-Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die abermals
-erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen Span zu entzünden,
-spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte dann passend:
-
-»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen wäre, da säß ich
-doch nicht so lange hier und versäumte bei einem Mädel dummerweise
-meine Zeit!«
-
-Er setzte sich wieder an den Tisch.
-
-»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht:
-
- »~Moja mač jo wúdowa,
- Ja som liderlich škrodawa.~«[39]
-
-Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! Es ist
-schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, Hanka! Es waren
-einmal drei Jungen, die hatten einen Käse gefunden. Und weil sie nicht
-einig wurden, wem der Käse gehören sollte, so wollten sie wetten. Und
-sie machten es also aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der
-kriegt den Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber sie
-konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. Da kam der
-Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen aus, um was sie sich
-so händelten. Und da er alles angehört hatte, machte er die Stirn
-runzelig und sagte: ›Pfui, ihr Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr,
-hab' ich +nie+ gelogen!‹ Und richtig -- so ein frecher Schlingel gibt
-ihm den Käse und sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese
-Range war ich!«
-
-Hanka sah überrascht auf.
-
-»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!«
-
-Kito schüttelte melancholisch den Kopf.
-
-»Kauz hin -- Kauz her -- es ist doch aus! Jetzt -- jetzt lauert bloß
-die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den Sarg stecken kann.
-Aber ich werd' ihr was ... Hanka, ich schlag' mit allen vieren aus,
-daß der ganze Sarg umkippt, wenn die alte Schraube mit ihrer wanzigen
-Federspule angerückt kommt.«
-
-Hanka suchte ihn zu beruhigen.
-
-»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger als die
-Wičaz.«
-
-Kito wehrte ab.
-
-»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit heiligem Gras
-angeräuchert, weil ich das so gehört habe, aber genutzt hat es nichts.
-Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland herum. Eigentliche Wunder
-habe ich wenig bemerkt. Den Vampyr habe ich manchmal gesehen -- jawohl,
-aber nur, wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am
-nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. Und
-oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts um zwölf Uhr auf der Wiese
-kleine Flämmchen brennen sieht, da brennt Geld. So hat es mir meine
-Großmutter erzählt. Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen
-die Flämmchen zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt man
-einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter die Flämmchen
-geworfen, und am anderen Morgen war alles futsch -- der Schatz und der
-Lohn.«
-
-»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein.
-
-»Ort hin -- Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig geworden.
-Seit das Gras bei unserer guten Frau nichts geholfen hat, denk ich mir
-das meine. Und siehst du, der ~domjacy~[40], der Juro, der glaubt auch
-nicht an solche Dinge und ist doch bald ein ~Pán doctor~.«
-
-»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka.
-
-»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war er schon als
-Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. Offen und ehrlich ist
-er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber auch gutherzig. Und ein
-richtiger Kerl. Der könnte den Jan beim Johannisfest machen!«
-
-Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich selbst.
-
-»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl auf Gottes
-weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes Maul?«
-
-Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus:
-
-»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!«
-
-Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten.
-
-»War es das, was du auf dem Herzen hattest?«
-
-»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, daß ich es leichter
-herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich versitz' dahier sonst bloß
-unnütz meine Zeit.«
-
-Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein ein, nippte
-der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte es dann vor den Alten.
-
-»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu.
-
-»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das Mädchen.
-
-»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl bemerkt hast.«
-
-Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte hinter den Ofen.
-
-»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er war nur ein
-Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte für den Sohn
-seines Herrn die Braut werben. Als ich noch jung war, bin ich auch
-oft Brautwerber gewesen. Du kennst das ja. Im Oberlande heißt man's
-~družba~, im Niederlande ~pobratz~ (Brautwerber). Na, du kannst
-glauben, Hanka, es ist nicht so einfach, wenn man für einen anderen
-auf die Brautschau geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen.
-Man muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß man
-politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht rausrücken.
-Und man geht immer so um die Abenddämmerung. Da fällt's nicht so auf,
-wenn man rausgeschmissen wird.«
-
-Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie:
-
-»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede bedeuten?«
-
-»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch nichts überstürzen.
-Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater gewesen in meinem Leben;
-siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, aber zweimal ist was aus der
-Sache geworden. Nun, man hat seine Erfahrungen!«
-
-»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!«
-
-Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr
-ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische. Er stockte noch eine
-Minute lang, dann sagte er mit bewegter Stimme:
-
-»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe ich in Gottes
-Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren Gutssohn Samo.«
-
-Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein paarmal, und
-ihr Gesicht war bleich.
-
-»Bist du -- bist du toll?« fragte sie stockend.
-
-»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht.
-
-Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche und las
-mit feierlicher Stimme:
-
- Breslau, am 20. November 1860.
-
- Mein lieber alter Freund Kito!
-
- Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen
- Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist
- bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben
- Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein
- Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten
- wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen
- lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du
- sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben.
- Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen!
-
- Samo.
-
-Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. Ohne auf das
-fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann:
-
-»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt mich ›mein
-alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das werden ihm alle
-Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören werden.«
-
-Hanka stand auf.
-
-»Wo willst du hin, Hanka?«
-
-»Hinaus!«
-
-»Und gibst du mir keine Antwort?«
-
-Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief ein. Betrübt
-senkte er den weißen Kopf.
-
-»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und so gut
-gemacht!«
-
-
-
-
-Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter Hanka war
-krank.
-
-Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. Eine Magd
-brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. Tee wollte die
-Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel verschmähte sie.
-
-Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. Das
-Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber schon nach einer
-Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet auf dem Tisch.
-Hanka sah mit großen Augen vom Bett her auf die Alte. Ihr Gesicht war
-in der kurzen Zeit blaß und schmal geworden.
-
-»~Wuše stupaš, dale widžiš~«, begann die Alte; »je höher du steigst, je
-weiter du siehst.«
-
-Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen in die
-Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern darüber, zuckte
-mit den Lippen.
-
-Dann sprach sie:
-
-»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. Der eine
-Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es an und hackt es
-mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. Dann fliegt er fort und
-paart sich mit einer Krähe. Und sie fliegen bis an den Lóbjofluß. Da
-werden sie erschossen und sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt
-das Adlerweibchen, und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten
-Baume und verjagen alle Krähen. ~Wuše stupaš, dale widžiš.~ Je höher du
-steigst, je weiter du siehst.«
-
-Hanka hörte der Alten staunend zu.
-
-»Woher weißt du das?«
-
-»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.«
-
-Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. -- --
-
-Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu Hanka.
-
-»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er.
-
-Hanka schlug die Hände vors Gesicht.
-
-»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht bloß für
-dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, kann ich nie
-zugeben.«
-
-Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Großgarten.
-
-»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, sagte er
-nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo keine Frau im Hof, da
-ist der Böse im Hof. Ich müßte aber doch jetzt sagen: ›Fahr wieder
-heim, Hanka!‹ Doch ich schäme mich, ich schäme mich!«
-
-Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen begann bitterlich
-zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort:
-
-»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, die Leute hier
-auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so nicht heimgehen lassen.«
-
-Da richtete sich das Mädchen halb auf.
-
-»Ja, es wär' -- es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, sagt mir das
-eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß aus Barmherzigkeit nehmen,
-weil mich Juro nicht mag?«
-
-Da leuchteten die Augen des Alten auf.
-
-»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer sollte dich
-auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und er hat es mir
-schon gesagt, als er noch hier war.«
-
-Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen Augen, dann sagte
-es leise:
-
-»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.«
-
-Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka dreimal auf die
-Stirn.
-
-Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst scheu und
-schweigsam war, sprach:
-
-»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr auf diesem
-Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch Juro darauf vergißt,
-wir anderen wollen es nicht vergessen, daß du in Wahrheit eine
-Königstochter bist, aus älterem Geschlecht als manche Prinzessin. Darum
-sollst du den Kopf hochtragen und nicht mehr weinen.«
-
-»~Nan!~«[41]
-
-Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme um den Hals des
-Alten ...
-
-Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen Altknecht
-Kito.
-
-Er drückte ihm die Hand und sagte:
-
-»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine Kirmes.
-Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr ist, aber im
-Kretscham werde ich alles bezahlen.«
-
-Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen
-Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet.
-
-»Hat sie -- hat sie?«
-
-»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, denn er hat dich
-zum Brautwerber gemacht.«
-
-Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein lahmer Enterich.
-Am Ziehbrunnen blieb er stehen.
-
-»Zehnmal bin ich jetzt ~družba~ gewesen; siebenmal haben sie mich
-rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, daß ich schon so alt
-bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.«
-
-Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr erklärter
-Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens ihre rechte
-Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte die Frau etliche Male
-blitzschnell um ihre Achse.
-
-»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die Alte
-schnaufend.
-
-»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchen ~serska reja~[42]
-tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.«
-
-Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann schimpfend davon.
-Kito aber begab sich nach dem Kretscham, der gleichzeitig das Kaufhaus
-des Dorfes war, trank erst drei Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte,
-Feder und Papier und schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden
-Bericht:
-
- Lieber Freund Samo!
-
- Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläser ~palenc~ hatte
- ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst
- zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den
- Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat
- mit mir ~serska reja~ tanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber
- sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder
- ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon
- wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken,
- das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den
- Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde
- könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich
- schließe als dein treuer Freund und Brautwerber
-
- Kito.
-
-
-
-
-Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die
-ehrbare ~pšaza~ Hankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung
-benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die
-eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert.
-Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf
-ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit
-leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war
-in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch
-nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen
-Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.
-
-Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die noch zu ihrer
-~pšaza~ gehörten, mit ihren Spinnrädern und Flachsrocken. Bald saßen
-alle Mädchen in einer Reihe im Halbkreis, und die Rädlein schnurrten
-und die Mäulchen schnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und
-dabei spinnen, spinnen!
-
-Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, kernige
-Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite Röcke haben sie
-alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, manche hat einen
-besonders feinen Brustlatz aus Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe
-gewunden mit weitausgreifenden Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine
-schöne Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald
-den rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor.
-
-Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; außerdem
-brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich und traulich ist es in der
-Spinnstube, indes draußen der Sturm über die Heide pfeift oder der
-Regen an die kleinen Fenster klopft, leise wie mit Geisterfingerlein.
-
-Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada[43] des
-Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr des Gemeindedieners, des
-Dorfschmiedes und des Nachtwächters ab. Entblößten Hauptes müssen sie
-am 21. Dezember im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre
-Wiederanstellung bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie
-solche erhalten haben.
-
-Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er hat zwar im
-Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen und etwas gebrummt, was
-man bei viel gutem Willen für eine Bitte um Wiederanstellung hätte
-halten können, aber er ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter
-auf ein neues Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft,
-ja er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in einem
-greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser Nachtwächter!
-
-»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter eines der
-~starsi~[44].
-
-»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, »da
-werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter kriegen sie
-nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht bekommt. Dafür
-möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.«
-
-Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« gähnte und
-schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten.
-
-»Sechs Dreier sind auch Geld«, sagte die Schöffentochter verärgert.
-»Überhaupt, mein Vater sagt, es ist eine ganz schlechte aufsässige
-Zeit. Unser Knecht hat sich Strümpfe gekauft! Strümpfe! Ein Knecht! Wo
-mein Vater in Fußlappen geht oder auf Stroh in den Stiefeln, kauft sich
-der Knecht auf dem Jahrmarkt ein Paar Strümpfe!«
-
-Kito nickte nach dem Feuer hin.
-
-»Ja, ja,« seufzte er, »der Untergang der Welt kann nicht mehr weit
-sein. Napolium, scharr dich nicht!«
-
-Die Mädchen waren des politischen Gesprächs schon wieder müde. Eine
-Liebesgeschichte machte tuschelnd die Runde, und es wurde viel heimlich
-gelacht und viel Spott getrieben. Ein Mädchen wurde durchgehechelt.
-
-»So eine Schlafliese hat Glück. Die stieß die ~Dřemotka~[45] schon
-immer um halb neun in den Nacken. Und kriegt einen solchen Burschen!«
-
-»Sie hat sich sogar abkonterfeien lassen.«
-
-Kaum war das Wort gefallen, so stimmte Kito ein Lied an. Mit meckriger
-Stimme sang er:
-
- »Wer hoch und angesehn will sein[46],
- Der muß sich lassen konterfein,
- Schön weiß und rot fürs liebe Geld,
- Wie's Mode ist,
- Wie's Mode, Mode ist,
- Wie's Mod' ist in der Welt!
- Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt,
- Da wurd' ich ganz und gar verrückt,
- Um mein Genie ist's schlecht bestellt,
- Wie's Mode, Mode ist,
- Mode ist auf der Welt!«
-
-»O du Hund! Kaum fang' ich an zu singen, so beißt mich dieser Lump von
-Napolium in die Waden.«
-
-»Ach, Kito, du hast doch gar keine Waden mehr«, lachte ein Mädchen.
-
-»Soll ich sie zeigen?«
-
-Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen.
-
-»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte.
-
-»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber als die Alten.
-O jerum!«
-
-Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische Spinnstube nach
-ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es schon anders hergehen. Nun
-ja, zweimal waren die Burschen zu Besuch dagewesen und hatten auch
-Branntwein mitgebracht, aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst
-war auch nicht viel Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen
-feinen Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel
-neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche Leute leisten.
-Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue Lieder hatte das fremde
-Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach Hanka, zwei neue Lieder zu
-singen. Es waren aber diese:
-
-
- +Die entlaufene Mutter.+[47]
-
- Kathinka aus Gurich lief davon
- Dem Ehemann, dem Saufpatron.
- Sie lief bis Malschwitz in toller Hast,
- Dort macht sie müde am Hügel Rast.
- Mit trübe geweinten Äugelein
- Sah sie in Gottes Sonne hinein.
- »O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn,
- Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?«
- »O Maja, Maja, du Blümlein rot,
- Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?«
- »Und du, mein Merten, du Kleinster, mein,
- Wer singt dich heut in den Schlummer ein?«
- Da weinte sie laut, da stand sie auf
- Und nahm gen Gurich den raschen Lauf:
- »Und schlüg er mir auch das Leben heraus,
- Ich kehre um und gehe nach Haus!«
-
-Und das andere Lied war dieses:
-
-
- +Die Leichtsinnige.+[48]
-
- Und als der junge Bursche erfuhr,
- Daß andere liebet sein Schätzelein,
- Zog aus der Scheide er sein Schwert
- Und bohrt sich's tief ins Herz hinein.
- Zur Kirche ging das Mägdelein
- Und sprang dann in das Feld hinaus,
- Da lag ihr Liebster hinterm Busch
- Und ruht' von Leid und Untreu aus.
- Das Mädchen weinte, und ihm war bang
- -- Fast eine ganze Woche lang.
-
-Die Lieder wurden gelobt, der Text wurde gelernt, die Weise eingeübt;
-noch am selben Abend wurden die beiden Lieder gemeinsam gesungen.
-
-Dann wurde Kito aufgefordert, Scherze zu erzählen.
-
-Er wollte vom Alten Fritz und dem Prediger anfangen, aber alle wehrten
-ab. Das sei eine ganz alte Geschichte. Auch der Pastor mit dem Käse
-wurde abgelehnt sowie die Erzählung, wie Kito von der Linde predigte.
-
-Schließlich sagte er: »Ein Deutscher sagte einmal zu einem Wenden im
-Kretscham: ›Aus vier Wenden[49] baut man einen Schweinestall‹.«
-
-»Ja, und er sperrt ein deutsches Schwein hinein!« riefen die Mädchen
-alle zusammen.
-
-»Oh, Kito, bei deinen Geschichten hat Adam zu Paten gestanden!«
-
-Kito schüttelte den grauen Kopf.
-
-»Die Welt ist neuerungssüchtig und verderbt. Der Knecht kauft sich
-Strümpfe, und wendische Mädel woll'n neue Geschichten!«
-
-Er fing nun an zu singen:
-
- »Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere,
- Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«;
-
-aber auch dieses schöne Lied fand keinen Beifall, weil es alt und
-abgeleiert sei.
-
-Selbst einer seiner schönsten Späße wurde mäßig gelobt, daß er nämlich
-einer Herde von Weibern, die neugierig durch ein Gasthausfenster dem
-Tanze zusahen und dichtgedrängt standen, heimlich die bauschigen Röcke
-aneinandergenäht hatte und daß sie am Ende nicht auseinander konnten,
-was viel Geschrei und Spektakel ergab.
-
-»Wer weiß eine Gespenstergeschichte?«
-
-Das war etwas. Die Mädchen rückten näher zusammen. Und eine sprach halb
-im Flüsterton:
-
-»Bei Leipa drunten in der Mühle hat es gespukt. Alle Nächte sind eine
-greuliche Menge Katzen gekommen und haben um Mitternacht einen großen
-Spektakel gemacht. Alle Leute aus der Mühle sind ausgezogen. Da ist
-einmal ein Scharfrichter durch Leipa gekommen, der hat von der Mühle
-gehört. Und er ist hineingegangen, hat sich in der großen Stube an den
-Tisch gesetzt, zwei Lichter vor sich gestellt und sein Richtbeil vor
-sich gelegt und um den ganzen Tisch mit Kreide einen Kreis gezogen. Und
-so hat er gewartet. Dann haben draußen alle Wächter zwölf gepfiffen,
-und da ist es losgegangen. Das hat gerasselt und gepoltert und
-gefaucht, und an die hundert böse Katzen sind hereingekommen und haben
-sich alle auf den Scharfrichter stürzen wollen. Aber keine einzige hat
-sich über den Kreis getraut. Geh du rüber! Geh du rüber! haben sie
-zueinander gesagt. Aber keine hat sich's getraut. Bloß eine große,
-gelbe Katze hat die Pfote in den Kreis hineingestreckt. Da hat schnell
-der Scharfrichter sein Beil genommen und sie blutig gehackt. Da sind
-alle Katzen winselnd fortgelaufen. Und am andern Tag hat die Frau des
-Amtmanns von Leipa eine verbundene Hand gehabt und hat gesagt, sie
-hätte sich aus Versehen mit einem Messer einen Finger abgeschnitten.
-Aber die Leute haben jetzt gewußt, daß sie eine Hexe war!«
-
-»Da werd' ich auch etwas von einer Hexe erzählen«, sagte eine andere.
-»Die hat in einem Dorfe gewohnt, und abends hat sich immer ihr Geist
-auf den Feldern und in den Gassen herumgetrieben, während ihr Leib im
-Bette lag, und der Geist hat die Leute geängstigt. Da ist einmal der
-Schulmeister von Saßleben dem Gespenst begegnet und hat es mit einem
-Stock jämmerlich durchgeprügelt. Am andern Morgen hat eine Bauersfrau
-nicht aufstehen können, weil sie ganz grün und blau geprügelt war. Und
-das war die Hexe.«
-
-Kito seufzte in seiner Ofenhölle.
-
-»Ja, ich bin auch einmal so eine Hexe gewesen.«
-
-»Du, eine Hexe? Das ist nicht möglich!«
-
-»Doch! Und es war auch so ein Abenteuer mit einem Schulmeister. Ich
-ging damals noch in die Schule und saß auf der Schulbank. Das heißt, es
-sah nur so aus, als ob ich dort säße. In Wirklichkeit spukte ich. Denn
-der Mensch besteht aus Leib und Geist. Und mein Geist, der war nicht
-mit in der Schule, der war im Walde und fing mit Sprenkeln Rotkehlchen.
-Da fing plötzlich der Schulmeister an zuzuhauen. Aber er hieb nicht auf
-den Geist ein, sondern der Leib bekam die Hiebe persönlich. Grün und
-blau war er aber auch.«
-
-Kito wird ein alter Narr genannt und ausgescholten. Teufelsgeschichten
-kommen an die Reihe: wie der Teufel Asche in Gold verwandelte, wie er
-als dreibeiniger Hase herumhüpfte, wie er mit zwei schwarzen Ochsen die
-Spree pflügte und die Ochsen immer so ungebärdig hin und her sprangen,
-daß die Spree ganz krumm geworden ist.
-
-Und mit scheuen Augen erzählt eine von dem Mädchen, das im Rautenkranz
-zur Kirche ging und mit Rosen geschmückt auf einem Stuhl vor dem Altar
-saß. Da kam plötzlich ein Kind vom Altar her, setzte sich dem Mädchen
-auf den Schoß und sagte: »Ich will bei meiner Mutter sein!« Da gestand
-die erbleichende Braut, daß sie heimlich ein Kind geboren und getötet
-habe. Und das Kind nahm die Seele ihrer Mutter mit. Die Braut fiel tot
-vom Stuhl, der Rosenkranz aber flog auf den Kirchhof hinaus. Dort wuchs
-ein großer Rosenbusch, der noch heute zu sehen ist. Und das ist in
-Gahlen geschehen vor zweihundert Jahren.
-
-Lauter schaurige Geschichten erzählen die Mädchen, indes der Wind an
-die Scheiben poltert und das Feuer im Herde knistert.
-
-Wißt ihr die Geschichte von dem Schatz im Totenkopf? Wißt ihr, wie der
-Tod in Luckau den Dreißigjährigen Krieg vorhergesagt hat?
-
-Wer weiß die Geschichte von dem Riesen, der ein dreieckiges Gesicht
-hatte? Er hat viel Übles getan. Die kleinen Ludki haben ihn im Schlaf
-erschlagen. Und er wurde begraben, aber er spukte in jeder Nacht, und
-alle Leute fürchteten sich sehr. Da haben die Leute die Leiche des
-Riesen ausgegraben, ihr einen Nagel in den Kopf und einen Pfahl durchs
-Herz getrieben, und dann hatten sie Ruhe.
-
-Von brennendem Feld wird erzählt, von weißen Männchen, von dem
-unglücklichen Mädchen, das der Nix in sein Wasserschloß holte, von der
-Mittagsgöttin, die allen denen mit der Sichel den Kopf abschneidet, die
-sie zur Mittagszeit im Felde trifft und die ihre vielen Fragen nicht
-beantworten können, von unverwundbaren Wölfen, gespenstigen Kälbern.
-
-»Heda! Kito, der Swinigel, sucht dem Hunde Flöhe ab!« Die Mädchen
-kreischten, sprangen auf, traten zurück.
-
-»Was schreit ihr?« sagte Kito gemütlich. »Eure Geschichten sind so
-blutig, daß ich mir dazu eine blutige Arbeit gesucht habe.«
-
-Die Mädchen schimpften alle auf ihn ein. Er sei ein unerhörter
-Swinigel. »Pfui, pfui!«
-
-»Tut nur nicht so,« verteidigte sich der Alte; »ich werfe sie alle
-ins Feuer, und wenn ja einer der Schwarzen zu einer von euch springt,
-die kann ihn morgen wiederbringen, wenn sie ihn unter den eigenen
-herauskennt.«
-
-Ei, wie gingen die Mäulchen! Hanka tat einen Schiedsspruch; Kito mußte
-das Liebeswerk an seinem »Napolium« einstellen, und bald schnurrten die
-Rädchen wieder und ging das Erzählen.
-
-Da knurrte der Hund, und von draußen kam ein feines Läuten.
-
-»Hört, hört, was ist das? Hört ihr es läuten?«
-
-»~Bože džječo! Bože džječo!~«[50] rief da ein Mädchen, und alle Rädlein
-standen still, und über alle jungen Gesichter ging der helle Schein der
-Freude.
-
-»~Bože džječo!~ Still, still! Fleißig, fleißig, daß wir es nicht
-verscheuchen!«
-
-Und die Rädlein schnurrten wie nie zuvor, und die Mäulchen standen ganz
-still.
-
-Da wurde die Tür geöffnet, liebliches Schellengeläut ertönte im
-Hausflur, und eine feine Stimme fragte:
-
-»Sind fleißige, gute Mädchen in der Spinnstube?«
-
-»Nein!« schrie Kito von der Ofenhölle aus, und sein »Napolium« bellte.
-
-»Ja, ja, ja!« riefen die Mädchen, »gute, fleißige Mädchen!«
-
-Da kam das Gotteskind in die Stube. Es war ganz weiß gekleidet, das
-Gesicht verschleiert, auf dem Kopf trug es eine Krone aus Goldpapier.
-In der einen Hand hatte es die Schelle, in der anderen eine Rute. Es
-war von einem Weihnachtsmann begleitet, der einen großen Korb in der
-Hand und einen Sack auf dem Rücken trug und sich ganz greulich vermummt
-hatte. Das Hofgesinde drängte in die Stube, auch der Hausherr Hanzo
-erschien. Hanka machte erstaunte Augen; sie hatte von der Veranstaltung
-nichts gewußt.
-
-»Hausvater,« fragte das Gotteskind, »sind das fleißige, brave
-Spinnmädchen?«
-
-Der Hausvater bejahte es.
-
-Da ging das Gotteskind von einem Spinnrad zum andern, prüfte das Garn,
-lobte die, die wenig, und tadelte die, die noch zuviel Flachs am Rocken
-hatten.
-
-Dann sprach es: »Singt die Kantorka mit euch gute Lieder?«
-
-Die Mädchen standen auf, Hanka stimmte an, und alle sangen:
-
- Heil'ge Maria am Rocken spann[51]
- Den Flachs gar wunderfein,
- Heil'ge Maria saß und sann
- Und nähte ein Hemdelein.
-
- Da kamen herein zur Kammertür
- Zwei liebliche Engelein:
- »Maria, wir wollen spielen mit dir,
- Wir sind so jung und klein!«
-
- »Ich kann nicht singen und spielen mit euch,
- Die Stund' nicht ferne ist,
- Braucht Hemdchen und Windeln und Linnenzeug
- Mein Söhnlein Jesus Christ!«
-
-Die Mädchen standen mit gefalteten Händen hinter ihren Spinnrädern und
-sangen das Lied andächtig und schön. Das Kaminfeuer warf einen roten
-Schein über sie und über das »Gotteskind« in seinem feierlichen, weißen
-Kleid.
-
-Nun packte der Weihnachtsmann mit großem Gepolter seine Gaben aus und
-fuhr mit einem alten Besen derb unter dem Mannsvolk herum, wodurch er
-den Zorn des Hundes »Napolium« erweckte, der beständig nach seinen
-Waden schnappte, was viel Hallo gab. Es gab für eine »Vorbescherung«
-ganz unerhört kostbare Dinge; denn die eigentliche Bescherung kam
-erst am Heiligabend. Die Spinnmädchen bekamen alle kleine silberne
-Anhängsel: ein Herzchen, ein Kreuzchen, einen Stern, die Knechte und
-Mägde wurden reichlich mit Kleidungsstücken bedacht, Kito erhielt
-eine silberbeschlagene Tabakspfeife, der Hausvater bekam die schön
-ausgeführten Wappen der Ober- und Niederlausitz, beide unter einem
-geschnitzten Lindenkranz vereinigt. Von wem ging diese Bescherung aus?
-Die Antwort ergab sich bald.
-
-Zur Tür herein kam Samo. Er war am späten Nachmittag heimlich
-angekommen.
-
-»Darf ich auch bei der Bescherung sein?« fragte er, nachdem er gegrüßt
-hatte. Hanka wurde blaß und hielt sich an dem Spinnrocken fest.
-Errötend gab sie Samo die Hand.
-
-Plötzlich aber stieß sie einen lauten Freudenschrei aus. Ihre Eltern
-waren in die Stube getreten. Das Mädchen hing an ihrem Halse und lachte
-und weinte vor Freude.
-
-Da stand Kito auf und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Er nahm Hanka an
-der Hand und sagte:
-
-»Setz dich auf deinen Platz! Es muß Ordnung sein!«
-
-Und dann stellte er sich mitten in die Stube und sprach:
-
-»Ihr kennt alle die Bibel. Als Abraham für seinen Sohn Isaak ein Weib
-haben wollte, schickte er seinen Knecht Elieser aus, ein solches zu
-suchen; denn er dachte wahrscheinlich, daß Elieser das besser verstände
-als er und Isaak. Elieser war nur ein Knecht, aber er hatte doch
-dieses wichtige Amt bekommen. Er war ein ~družba~. Hier seht ihr auch
-einen ~družba~ stehen. Zehnmal bin ich schon Zurater und Brautwerber
-gewesen; siebenmal haben sie mich -- aber davon will ich nicht reden.
-Kurz und gut, dreimal ist es geglückt. Und dazu gehört dieses Mal.
-Ihr dürft nicht glauben, daß es nur der ~palenc~ war, der meine Zunge
-so geschmeidig und siegreich gemacht hat; denn ich habe schon von der
-Linde gepredigt. Kurz und bündig: durch Gottes Gnade und meine Hilfe
-ist es geglückt, von unserer ehrbaren Jungfrau Hanka für unseren
-ehrbaren Junggesellen und Gutssohn Samo das ›Jawort‹ zu bekommen.«
-
-Ein Ruf allgemeiner Überraschung ging durch die Stube. Die Spinnmädchen
-umdrängten Hanka, und es wurde ein solcher Lärm, daß Kito sich nur
-durch die Anwendung von Grobheit wieder Ruhe schaffen konnte.
-
-»Und so will ich nun die achtbaren Eltern unserer Jungfrau Hanka bitten
-und fragen, ob sie in Gottes Namen ihre Einwilligung zu der Verbindung
-geben wollen.«
-
-Die Frage wurde bejaht.
-
-»Und so frage ich unseren achtbaren Hausvater, ob auch er in Gottes
-Namen seine Einwilligung geben will.«
-
-»Ja!« sagte Hanzo.
-
-»So frage ich nun, ob diese Zeugen hier genügen, oder ob ich noch
-andere Zeugen holen soll.«
-
-»Sie genügen.«
-
-»Nun, so bitte ich für meinen Freund Samo alle, die er beleidigt hat,
-um Verzeihung. Jetzt aber tretet ihr zwei hierher!«
-
-Samo und Hanka traten in die Mitte der Stube, der Brautwerber legte
-ihre Hände ineinander und sprach die vorgeschriebenen Worte:
-
-»Ich verlobe euch öffentlich vor diesen Zeugen in Gottes Namen. Es sei
-mit euch beiden der Gott unserer Väter und segne euch mit den Gütern,
-mit denen er unsere Väter gesegnet hat. Amen!«
-
-Darauf sangen alle Anwesenden das Lied:
-
- »Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne
- Und auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.«
-
-Als das Lied zu Ende war, trat das weiße »Gotteskind« vor Hanka, gab
-ihr einen goldenen Ring und sprach dazu:
-
- »Aus der Erd' stammt das Gold,
- Vom Himmel die Treu,
- Dein goldenes Ringlein
- Breche nimmer entzwei!«
-
-Samo küßte Hanka auf die leise bebenden Lippen. Die zwei waren nach
-wendischem Brauch verlobt. --
-
-Nun brach die Tollheit des lebenslustigen Wendenvolkes sich Bahn. Boten
-eilten in die anderen Spinnstuben des Dorfes, und nicht lange, so
-wimmelte es von Burschen und Mädchen. Die fremden Burschen drangen in
-die Stube; einer hatte ein langes Messer in der Hand, damit »erstach«
-er den Rocken Hankas. Und nun nahmen die anderen Burschen den Mädchen
-die Rocken weg, und aller Flachs, der noch dran war, wanderte ins
-Feuer.
-
-Ein Ungetüm sauste in die Stube. Es sollte einen Schimmel darstellen
-und hatte einen Kopf aus Stroh. Es wurde weidlich durchgeprügelt und
-machte wilde Sprünge und Purzelbäume.
-
-Ein paar wollten anfangen zu tanzen. Da aber trat Kito, der
-Brautwerber, wieder auf, und nachdem er sich mühsam Ruhe verschafft
-hatte, rief er:
-
-»Hochgeachtete Gäste!«
-
-Er wurde unterbrochen; denn sein Hund »Napolium« hatte sich mit dem
-Schimmel verbissen, und es gab ein tolles Gelächter.
-
-»Laßt sie, laßt sie! Es ist wie im Zirkus!«
-
-Nachdem der Kampf der Bestien vorüber war, rief Kito abermals:
-
-»Hochgeachtete Gäste! Dieweilen dies hier ein Trauerhaus ist, seid
-ihr gebeten, in den Kretscham zu gehen und euch dort zu Ehren des
-Brautpaares etwas zu erfreuen.«
-
-Da zog das Völklein jauchzend ab, und das helle Lachen und Singen klang
-vom Kretscham her die ganze Nacht, bis der Tag graute.
-
-Hanka saß indes aufrecht in ihrem Bett. Sie allein lachte nicht.
-
-
-
-
-Auch Juro kam zu den Weihnachtsferien nach Hause. Er traf zwei Tage
-später ein als Samo. Als er bald nach seiner Ankunft dem Bruder
-begegnete, sagte er:
-
-»Warum hast du mir von deiner Abreise aus Breslau nichts gesagt?
-Konnten wir nicht zusammen reisen?«
-
-»Von uns zweien findet jeder den Weg für sich«, antwortete Samo
-unliebenswürdig.
-
-»Jawohl, das weiß ich!« sagte Juro und wollte sich abwenden. Aber Samo
-sprach ihn noch einmal an.
-
-»Ich will dir etwas sagen, ehe du es von anderen Leuten hörst: ich habe
-mich vorgestern mit Hanka verlobt.«
-
-»Was?«
-
-Juro starrte ihn an.
-
-»Ich habe das Mädchen lieb,« fuhr Samo fort, »und es muß die Tradition
-in unserer Familie gewahrt werden. Im übrigen bin ich dir ja wohl
-weitere Rechenschaft nicht schuldig.«
-
-»Du -- du bist wohl verrückt?«
-
-»Nein, im Gegenteil, recht vernünftig! Ich weiß, was ich will!«
-
-Da faßte Juro sein Zorn.
-
-»Samo -- Mensch -- ist das wirklich wahr? Hast du dich wirklich mit dem
-unerfahrenen Mädchen verlobt?«
-
-»Wie ich dir sagte ...«
-
-»Und -- und du schämst dich nicht -- eine so gemeine Komödie ...«
-
-»Hüte dich, du deutscher Lümmel!«
-
-Juro ballte die Faust.
-
-»Noch so ein Wort, und ich schlag' dich nieder, du -- du Erbschleicher!«
-
-Samo lachte ihm höhnisch ins Gesicht.
-
-»Schlag' nur zu! Es ist die deutsche Art, etwas zu beweisen, was nicht
-zu beweisen ist. Aber es nützt dir gar nichts! Deine Rolle ist hier
-verspielt!«
-
-Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu.
-
-Juro suchte in höchster Erregung seinen Vater auf.
-
-»Vater, ist das wahr, das von Samo und Hanka ...?«
-
-»Sie sind seit vorgestern verlobt!«
-
-Juro wurde bleich.
-
-»Und du hast das zugegeben?« fragte er fassungslos.
-
-»Ja, ich habe es sogar gewünscht. Ich will nicht, daß ein so braves
-Mädchen wie Hanka verachtet wird, ich will mich vor ihren Eltern und
-allen Leuten nicht lächerlich machen.«
-
-»Und das Mädchen?«
-
-»Es hat eingewilligt.«
-
-»Aber siehst du denn nicht ein, Vater, was Hanka für großes Unrecht
-geschieht, daß Samo sie nur nimmt, weil es in seine Berechnungen
-paßt, daß es eine Schmach für das Mädchen ist, so -- so -- als
-Spekulationsobjekt behandelt zu werden?«
-
-»Wieso Spekulation?«
-
-»Es liegt doch auf der Hand, daß Samo, der im Grunde genommen immer
-alles Bäuerische mißachtet hat, weil seine Gedankenflüge zu hoch
-gingen, jetzt durch seine wendische Heirat nichts anderes will, als
-sich hier auf dem Gut als künftigen Herrn festsetzen.«
-
-Das Gesicht des Vaters wurde noch ernster, als es schon war.
-
-»Das Gut bekommt er sowieso -- mein Testament ist gemacht.«
-
-»Dein -- Testament -- -- für Samo? Und -- und mit -- mit welchem Recht
-schließest du mich aus?«
-
-»Ich schließe dich nicht aus. Was dir zukommt, wirst du bekommen in
-barem Geld.«
-
-Juro schlug ein bitteres Gelächter an.
-
-»Bares Geld? Und das Heimatsrecht?«
-
-»Du hast dich selbst von deiner Heimat losgesagt.«
-
-»Das ist nicht wahr!«
-
-»Sprichst du so mit deinem Vater?«
-
-»Ja, auch mit dir! Es ist nicht wahr, es ist beim allwissenden Gott
-nicht wahr, daß ich mich von meiner Heimat losgesagt habe.«
-
-»Du willst von den Wenden nichts wissen, Juro; ich habe es selbst
-gehört!«
-
-»Ja, ja, ich will von ihnen wissen; ich will ihnen ja mein ganzes
-Leben, meine ganze Arbeit, meine ganze Fürsorge weihen, ich will ja
-nichts anderes erstreben, als ihnen zu helfen, sie geistig zu heben,
-ihre Lage zu verbessern, sie vorwärtszubringen in der Welt.«
-
-»Dadurch, daß du sie deutsch machst«, sagte der Vater finster.
-
-»Jawohl, dadurch! Vater, ich beschwöre dich, ich bitte dich, sieh es
-doch ein, gib es doch zu, daß das das Beste, das Richtige ist! Unsere
-geringe Anzahl, kaum hundertfünfzigtausend Seelen, sie kann sich doch
-nicht halten, sie kann doch ihr Volkstum nicht behaupten in unserer
-jetzigen Zeit; wir können doch mit dem Festhalten an alten, längst
-überlebten Bräuchen, mit dem Verharren in albernem Aberglauben ...«
-
-»Schweig!« schrie ihn der Vater an; »hier steht der Kral der Wenden,
-die du beschimpfst.«
-
-Juro fuhr sich ein paarmal über die Stirn. Dann sagte er erschöpft:
-
-»Der Kral der Wenden bist du; es kann niemand beweisen, daß du es nicht
-bist! Aber das Königtum ist uns genommen; der wendische König, der
-heute regiert, heißt Wilhelm von Hohenzollern und wohnt in Berlin.«
-
-»Das weiß ich«, sagte der Alte ernst. »Und ich bin sein treuer
-Untertan. Ich tue meine Pflicht. Ich bin kein Hochverräter. Aber Gott
-führt die Schicksale der Menschen, und ich brauche die Würde, die er
-mir gab, im Herzen nicht aufzugeben und die Leute, die zu mir halten,
-mir nicht abtrünnig machen zu lassen von meinem eigenen Sohne, solange
-unsere alte Krone noch ruht im heiligen Hügel.«
-
-»Ich glaube nicht daran, daß in dem Hügel eine Krone liegt; es ist eine
-Sage wie alle. Ich kann nicht an sowas glauben.«
-
-»Und du wagst es, zu sagen, daß du dich nicht von deiner Heimat
-losgesagt hast?«
-
-»Nicht von der Heimat, nicht von dir, nicht von allen Wenden. Nur von
-dem, was ihnen schadet, was sie tiefhält, was nicht wahr ist! Und das
-sage ich dir, Vater, Samo glaubt an alle diese Dinge so wenig wie ich.
-Aber er heuchelt und hat den Vorteil, und ich sage die Wahrheit und
-verliere dich und verliere alles.«
-
-»Samo lügt nicht. Samo beachtet unsere Gebräuche bis ins kleinste. Für
-dich aber ist alles, was uns heilig ist, Aberglaube und Dummheit. Und
-deshalb ist Samo an deine Stelle getreten. Mit Fug und Recht, Juro; ich
-habe es in vielen schlaflosen Nächten mit mir abgemacht.«
-
-»Und meine Erbfolgeschaft als künftiger Kral?«
-
-»Die vor allen Dingen wirst du an Samo abtreten.«
-
-Da kam der Zorn wieder über Juro, und er richtete sich auf und sagte:
-
-»Das werde ich +nicht+! Dein Gut kannst du vermachen, wem du willst, es
-ist dein Eigentum, und die preußischen Gesetze werden dafür sorgen,
-daß dein wendisches Testament bis ins kleinste erfüllt wird. Aber das
-Recht der Erstgeburt, das kannst du mir nicht nehmen und kein Gericht,
-das behalte ich! Das behalte ich!«
-
-»Du, der nicht an das Königtum glaubt?«
-
-»Ja, ich! Ich bleibe doch der künftige Kral. Ich werde den Einfluß, den
-ich dadurch habe, nicht aufgeben. Denn ich will der Kral sein, der sein
-Volk aus der Gefangenschaft finsterer Vorurteile herausführt, und dazu
-brauche ich Ansehen, sei es auch eingebildetes Ansehen. Niemand anders
-als der Kral selbst kann den Leuten zeigen, daß es keinen Kral gibt!«
-
-»Du Verräter!«
-
-»Vater, ich bin noch weniger ein Verräter an den Wenden als du ein
-Hochverräter am König von Preußen bist, dem du Treue geschworen hast.«
-
-Einige Augenblicke standen sich Vater und Sohn noch gegenüber, Kälte im
-Blick, Kälte im Herzen; dann sagte Hanzo:
-
-»Wir sind fertig miteinander!«
-
-Und er ging hinaus.
-
-Juro war allein. Ein paarmal ging er ratlos hin und her mit unsicheren
-Schritten, dann sank er auf einen Stuhl und weinte vor Zorn und vor
-Schmerz.
-
-Aber es gibt keinen stärkeren Trost in den Bitternissen des Lebens
-als die Erkenntnis, daß einem Unrecht geschehen ist. So erhob sich
-Juro nach kurzer Zeit, und seine Gestalt straffte sich wieder zu ihrer
-schlanken Schönheit.
-
-Er stieg hinauf in seine Kammer und holte Mantel, Stab und Hut.
-
-Und er zog fort aus seinem Vaterhause.
-
-Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam das Dorf hinab.
-Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst auf seinen Weg. Hin und
-wieder begegnete ihm ein Bursch, der seine Mütze zog. Starke, gutmütige
-Menschen. Aber die Sonne einer höheren Erkenntnis scheint nicht in
-ihre Heimat, ihre Gedanken irren nur immer um ihre schmalen Felder,
-und ihre Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer oder
-an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wie armselig
-liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche Rauch, der aus
-dem windschiefen Schornstein steigt, stammt vielleicht von einem
-Bündel Holz, das der Mann aus dem Walde des Reichen zur Nachtzeit mit
-pochendem Herzen holte, damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in
-dieser strengen Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen
-und weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse noch
-vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend auch nicht die
-kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten sich, warum der holde
-Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, ihnen auch nicht ein einziges
-buntes Lichtlein schicke. O ihr Träumer, wacht auf! Draußen ist eine
-reichere Tafel für euch und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine
-weitere, lichtere Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort
-steht doch die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum
-Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, ihr Träumer,
-seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer Menschenrecht,
-werdet im Anschluß an die anderen glücklich! Dann aber müßt ihr heraus
-aus der Enge; denn eure wendischen Stammelrufe hört niemand, versteht
-und beachtet niemand in der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten
-könnt ihr nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht
-satt! -- --
-
-Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte hinaus ins
-Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros Gang, da klangen ein paar
-Stimmen in seinem Ohr, die ihm einmal lieb waren, da gingen ein paar
-Heimatsmelodien traurig durch sein Herz.
-
-Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem Stock stark
-auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts.
-
-
-
-
-Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm in ihren
-letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: ob er nicht zu
-stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, ob es notwendig sei, immer
-seine herausfordernde Meinung so laut zu sagen, oder ob nicht klugem
-Abwarten eine bessere Aussicht auf Erfolg beschieden sei.
-
-Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen Dingen kein
-Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und hoffe, daß sich
-Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, damit er unter diesem
-Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, was der Mann in schweren
-Kämpfen vom Weibe hören muß: »Ich glaube an dich; deine Sache ist
-gerecht!«
-
-Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr ernst. Mit
-Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth saß er an dem
-runden Tisch der mit alter solider Biederkeit traulich ausgestatteten
-Wohnstube seines Herrenhauses, tat einen tiefen Trunk und sagte:
-
-»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. -- Es sind
-Dickköppe!«
-
-Damit meinte er die Wenden.
-
-»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. Lassen sich
-nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ bis auf die
-Knochen. Eigentlich mein Fall!«
-
-Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold winkte ab.
-
-»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden ist
-richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich krieg' das Niesen,
-das Schlucken und den Keuchhusten, wenn ich es sprechen soll. Es ist
-ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe ist es anders, und für den Verkehr
-taugt so was gar nischt. Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem
-Humbug, den sie sonst machen, Volkssitten, Märchen und so -- na, da
-soll man nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem
-sogenannten Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene Parvenüs
-züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel in die Stube
-stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife waschen lassen. Das ist
-moderner Unfug! Das sind so Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt
-verstehen von der Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so
-was nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin kein
-Unmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also jetzt das
-neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll jede Familie
-zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n sogar große Fenster rein,
-obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus halte. Aber seh'n Sie, Juro,
-da Sie nu eben mal mein zukünftiger Schwiegersohn sind, da möcht'
-ich nich gern, daß Sie bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer
-Furchenklecker. Also, es wird werden!«
-
-Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort:
-
-»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also eingeweiht!
-Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit dem Kral, das is
--- das is -- ja, wenn ich sagen würde, es is Blech, wär' es zu grob
--- also sag' ich, es is nich Blech -- bloß, es hat keenen Zweck!
-Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer Kurfürst Friedrich Wilhelm
-von Brandenburg, der hat nach dem Kral suchen lassen. Seine Häscher
-hatten auch den richtigen Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen
-Mann. Also so einen Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin
-unter die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade im
-kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der hieb plötzlich
-dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, weil er behauptete,
-der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, und die Häscher sagten
-sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn sonst hätte ihn kein Wende
-geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, und der Kurfürst in Berlin
-saß da mit seiner langen Nase, die ohnehin lang genug war. Jawohl,
-das ist Tatsache! Das ist Geschichte! Das hat sich keiner aus den
-Fingern gesogen. Und auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und
-aufgepaßt, daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten Tschechen
-›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und sind Ihre Ahnen,
-Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer Edelmann hat für so was
-Verständnis. Aber jetzt, Juro, jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu
-machen. Aus und vorbei ist es!«
-
-»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast das ganze
-Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt noch am Kral. Und deshalb
-darf nicht mein Bruder Samo der Kral der Wenden werden, weil er ihren
-alten Aberglauben aus Selbstsucht erhalten würde, sondern ich muß der
-Kral sein, der die Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren
-Dasein führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist.
-Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.«
-
-»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im Arbeiterhause
-werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, wie wir noch die alte
-Fronordnung hatten, da ist es ja den Bauern nicht gerade berühmt
-gegangen. Aber die Güter waren gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine
-schöne Zeit!«
-
-Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk und schüttelte
-ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so an die »gute, alte, liebe
-Fronzeit« dachte. Dann raffte er sich auf.
-
-»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns an die
-Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. Ich kann's Ihnen
-nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade erfreulich ist, daß es so
-kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger Plan war da überhaupt nich.
-Ihre Väterei in Ehren, Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer
-Wende hat 'ne solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin
-wie die Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.«
-
-»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, »und deshalb
-möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag machen.«
-
-»Deine vernünftigen Vorschläge sind unvernünftig«, lehnte sein Vater
-ab. »Leute, die Zigaretten rauchen, haben überhaupt keine Vernunft.
-Meine Ansicht ist die, Juro, Sie geben die Geschichte da drüben in
-Ihrer Heimat auf, setzen sich, wenn Sie Ihr Staatsexamen und Ihren
-Doktor gemacht haben, in irgend 'ne große deutsche Stadt als Arzt,
-gründen da Ihren Hausstand und pfeifen auf die ganze wendische
-Geschichte.«
-
-»Das kann ich nicht und das werd' ich auch nicht, Herr von Withold. Ich
-werde meine wendische Heimat nicht im Stich lassen. Es ist mein Ideal,
-den Wenden zu helfen, ihnen zu dienen, und das werde ich durchführen.
-Ich werde mich als Arzt in irgendeinem wendischen Ort niederlassen und
-von da aus wirken.«
-
-Herr von Withold schnitt ein saures Gesicht.
-
-»Arzt im wendischen Ort? -- So 'ne Sache! Wo? In Hoyerswerda oder in
-Burg? Kottbus wär' etwas oder Bautzen. Aber da haben sie deutsche
-Ärzte, und die Städte sind deutsch, sind da bloß an der Peripherie der
-Wendei. Und mitten im Land wird Ihr Bruder Samo als Arzt sitzen wie die
-Spinne im Netz und wird Ihnen Ihre Mücken abfangen.«
-
-»Darf ich jetzt endlich meinen vernünftigen Vorschlag machen?« warf
-Heinrich wieder ein.
-
-»Donnerwetter, der Junge läßt keine Ruhe. Wenn wenigstens seine
-Zigaretten nicht so stinken möchten. Also schieße los!«
-
-Heinrich, der mit seinem Vater sehr kordial stand, blies ihm eine
-Rauchwolke ins Gesicht und sagte:
-
-»Stück zwei Dreier!« Dann wurde sein hübsches, weiches Gesicht, das von
-einer Fülle wirrer »Künstlerlocken« umrahmt war, sehr ernst, und er
-sagte:
-
-»Was ich vorzuschlagen habe, ist mir nicht erst jetzt eingefallen,
-sondern meine Lieblingsidee seit langem. Ich will es kurz heraussagen,
-einen Sturm gibt's sowieso. Also, mit dem Landwirt ist's für mich ein
-für allemal nichts. Ich würde unglücklich werden und es mein Lebtag
-zu nichts bringen. Ich habe die ganzen Jahre nebenher Kunstgeschichte
-und Musik studiert. Das Vernünftigste ist, ich widme mich ganz und gar
-der Musik und erobere mir eine Stellung in der Welt, die mir zusagt.
-Juro wird Arzt, heiratet die Liese, wohnt mit ihr hier in diesem
-weitläufigen Gespensterbau, doktert ein bißchen (denn viel zu tun
-wird er nicht haben), reformiert seine Wenden, richtet sich in die
-Gutsverwaltung ein und übernimmt als Eigentümer das Gut, wenn sich der
-Vater zur Ruhe setzt. Dann ist uns allen geholfen.«
-
-Da schlug der alte Withold auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
-
-»Habt Ihr's gehört? -- Er ist verrückt! Jagt mir nichts dir nichts das
-väterliche Gut in die Binsen, präsentiert es einem andern wie eine
-Zigarette für zwei Dreier. Oho, Bürschchen, oho! Ich werd' schon dafür
-sorgen, daß es dir in dem weitläufigen Gespensterbau nicht zu eng wird.
-Ja, glaubst du denn, dafür hat man einen Sohn, einen Stammhalter?«
-
-»Lieber Vater, den Stamm kann ich dir ja woanders erhalten; das muß
-doch nicht gerade hier sein. Und von Wegschenken ist keine Rede; ich
-laß mich natürlich auszahlen.«
-
-»Auszahlen -- wie ein Weib! Pfui Teufel! Das macht der verfluchte
-Wagner! Die Liese wird ausgezahlt als Tochter -- verstanden? Du gehörst
-hierher! So ist es Brauch und Recht.«
-
-»Es ist natürlich gänzlich ausgeschlossen,« sagte Juro, »daß durch
-meine Lebensschicksale die Familiengeschichte Withold in dieser Weise
-beeinflußt werden soll.«
-
-»Natürlich, Juro, du bist ja vernünftig. Wir werden uns schon
-vertragen. Na, man könnte z. B. das Jagdschlößchen für euch beide
-recht hübsch herrichten lassen, und da könntest du von hier aus deinen
-ärztlichen Bezirk haben. Das läßt sich ja alles einrichten. Aber wenn
-einem sein einziger Sohn so kommt, das ist stark! Das übersteigt alle
-Begriffe!«
-
-Er ging aufs höchste verärgert aus der Stube, und bald darauf hörte man
-ihn unten im Hofe herumschimpfen.
-
-Heinrich schritt gelassen ins Nebenzimmer, wo ein großer Flügel stand,
-und vertiefte sich in die Schönheit der Wagnerschen »Gralserzählung«.
-
-Juro und Elisabeth waren allein. Das Mädchen küßte dem Geliebten
-Mund, Stirn und Augen. Dann lehnte sie an seiner Schulter und sprach
-tröstende und zärtliche Worte zu ihm. Er lächelte glücklich; nur ein
-paarmal irrte sein Blick zum Fenster hinaus. Dort in der Richtung, wo
-der bleiche Mond stand, lag das Vaterhaus, das er verlassen hatte.
-
- »So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne:
- Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!«
-
-sang Heinrich im Nebenzimmer mit Begeisterung.
-
-
-
-
-Es war am Nachmittag, zwei Tage vor Weihnachten. Frostwetter mit
-leichtem Schneefall. Elisabeth von Withold war allein auf der öden
-Landstraße. Der Vater war mit Juro und Heinrich auf der Jagd. So hatte
-sie unbemerkt von Hause fortgekonnt.
-
-Nach einstündigem scharfen Zuschreiten stand Elisabeth vor dem
-Heimatsdorfe Juros. Das Herz schlug ihr heftig, eine brennende Röte
-stieg in ihre Wangen, aber ihre Füße wanderten darum nicht weniger
-schnell.
-
-Es mußte noch vor dem Heiligen Abend geschehen. Irgend jemand mußte zu
-dem alten wendischen Vater gehen und ihm ein gutes Wort geben, damit
-sein Herz nicht so vergrämt sei am Fest der Liebe.
-
-Und es mußte Juros wegen geschehen. Sein Stolz fand den Heimweg nicht,
-aber seine bange Sehnsucht nach dem alten Manne, der sein Vater war,
-irrte oft hin zu der Heimat. Er sollte am Heiligen Abend Frieden haben.
-
-Nun war das erste Gehöft erreicht. Kinder, Burschen, Mägde stürzten in
-Fenster und Tür und starrten das fremde Fräulein an, das hier ins Dorf
-kam. Ein paar Leute kannten sie, und es entstand ein Tuscheln.
-
-Das Mädchen faßte Angst und Scham. Sie war mit Juro noch nicht einmal
-öffentlich verlobt und wagte diesen Schritt. Aber ihr tapferes Herz
-trieb sie vorwärts.
-
-Nur als Juros Vaterhaus auftauchte, ging sie langsam. Vor dem kleinen
-Hoftürchen blieb sie ein paar Minuten lang stehen und zupfte aufgeregt
-an ihren Kleidern und an ihrem Schleier.
-
-»Helfe mir Gott!«
-
-Und sie trat in den Hof. Vor der Haustür stand Hanka und schaute
-verwundert auf.
-
-Die Mädchen kannten sich von dem Begräbnis her. Und sie kannten sich
-aus ihrem stummen Herzenskampf. Jetzt, da sie sich sahen, erschraken
-sie beide tödlich, und das deutsche wie das wendische Mädchen preßte
-die Hand aufs Herz und jede stieß einen Schrei aus, und kein Gott
-hätte einen nationalen Unterschied in ihrem Empfinden und Gebaren
-herausgefunden.
-
-Elisabeth blieb bestürzt stehen, und Hanka rannte wie gehetzt zur
-Haustür hinein.
-
-Eine Minute lang war es Elisabeth, als müsse nun auch sie fliehen,
-fliehen aus diesem Hof, wo sie nicht nur eine Fremde, wo sie eine
-Gehaßte war. Aber die Kraft ihrer starken Frauenseele kam wieder, und
-sie trat entschlossen in das Haus.
-
-Ein großer Hund kläffte sie wütend an. Sie blieb ratlos stehen. Kein
-anderer Gruß wurde ihr als das Gekläff des Hundes. Da kam jemand
-schlürfenden Schrittes die Kellertreppe herauf.
-
-»Napolium, halte die Schnauze! Je, je, ein Fräulein ...«
-
-Der Hund bekam einen Fußtritt.
-
-»Das Fräulein von Withold!«
-
-»Ja. Und Ihr -- Ihr seid wohl Kito?«
-
-»Kito! Kito! Kito!« sagte der Alte in höchster Verlegenheit und machte
-eine Menge Verneigungen.
-
-»Ich möchte ein paar Augenblicke mit dem Herrn sprechen.«
-
-»Mit dem Scholta! Der ist zu Haus. Herr Samo ist in der Stadt. Wenn das
-gnädige Fräulein so gnädig wäre, ins gute Stübel zu kommen, wir müssen
-freilich über die Treppe ...«
-
-»Es ist nicht nötig, Kito! Ich warte hier.«
-
-»Hier im Hausflur? O nein, nein! Auch nicht in der Wohnstube! Ein
-gnädiges Fräulein ...«
-
-Hinter der Küchentür hatte Hanka alles mit angehört. Zu dem Schreck,
-den sie erlitten, kam jetzt die weibliche Angst, der alte Pulverkopf
-Kito möchte wirklich die -- die Fremde ins »gute Stübel« führen. Das
-war ungeheizt, und der ganze Fußboden des fast nie benutzten Raumes lag
-voll Winteräpfel und Walnüsse. Diese Schande ertrug Hanka nicht. Kurz
-entschlossen trat sie in den Hausflur.
-
-»~Pomogaj Bog wam!~« grüßte sie wendisch. »Gott helfe Euch!«
-
-»~Bog žekujscho!~« dankte Elisabeth. »Gott vergelte es!«
-
-»Es -- es -- in der Oberstube ist es kalt«, stammelte Hanka und öffnete
-die Wohnstubentür. Elisabeth trat in den großen Raum, in dem das
-Kaminfeuer brannte.
-
-»Ich möchte nur einige Augenblicke den Herrn sprechen.«
-
-»Ja. Er wird kommen.«
-
-Die Mädchen standen noch ein paar Augenblicke voreinander. Jede wollte
-etwas sagen; keine brachte ein Wort heraus. Endlich sagte Hanka in
-deutscher Sprache, aber mit schwerem Akzent:
-
-»Bitte sich zu setzen. Ich werde den Herrn rufen!«
-
-Elisabeth war allein und blieb lange allein. Sie fröstelte am
-Kaminfeuer. Als sie endlich einen Männertritt hörte, überfiel sie große
-Furcht.
-
-Der alte Hanzo trat ein. Er hatte sich offenbar erst frisch gewaschen
-und gekämmt und trug seinen langen blauen Staatsrock. Auch er war
-schwer befangen. Als er aber das zitternde Mädchen sah, das sich an die
-Stuhllehne klammerte, sagte er in deutscher Sprache:
-
-»In Gottes Namen willkommen! Es ist mir eine große Ehre, daß mich das
-gnädige Fräulein besucht.«
-
-Elisabeth ging zwei Schritte auf ihn zu.
-
-»Verzeihen Sie -- verzeihen Sie --«
-
-Dann brach sie in Tränen aus.
-
-Hanzo kam an sie heran, faßte sie an der Hand und führte sie auf einen
-Stuhl. Da brachte sie mühsam hervor:
-
-»Ich habe es -- es gewagt, weil -- weil -- es nicht sein kann, daß
-Heiliger Abend ist und daß Sie und Ihr Sohn --«
-
-Weiter kam sie nicht.
-
-Der alte Hanzo suchte nach Worten. Endlich sagte er:
-
-»Mein Sohn Juro ist als Gast bei Ihrem Herrn Vater. Er hat es mir
-geschrieben.«
-
-Und nach einer kleinen Weile fragte er:
-
-»Weiß es -- weiß es Juro, daß Sie --?«
-
-»Nein, niemand weiß es. Nur Gott weiß es, daß ich nicht anders konnte
-als herkommen. Ich -- ich wollte Sie bitten, daß Sie keinen -- keinen
-Groll auf mich haben. Sonst könnte ich nicht mehr glücklich sein.«
-
-Da wurden die Augen des alten Hanzo mild und warm.
-
-»Sie sind gut!« sagte er schlicht.
-
-»Aber hauptsächlich komme ich wegen Juro«, fuhr Elisabeth etwas
-gefaßter fort. »Er ist unglücklich, denn er hat Sie sehr lieb.«
-
-Hanzo schlug finster den Blick nieder. Eine lange Pause kam.
-
-»Das ist eine andere Sache«, sagte Hanzo endlich.
-
-Hier klopfte es leise an die Tür, und dann trat Hanka ein.
-
-»Ich möchte das gnädige Fräulein fragen, ob ich ein Glas Wein oder ein
-Glas Milch bringen darf«, sagte sie schnell heraus.
-
-Elisabeth wehrte freundlich dankend ab. Aber der Hausherr meinte:
-
-»Eines wird uns Wenden immer gelassen, unsere Gastfreundschaft. Es geht
-kein Gast von uns, dem wir nicht etwas Bescheidenes anbieten.«
-
-Da sagte Elisabeth:
-
-»Ich werde gern trinken, wenn Fräulein Hanka mit uns trinken will.«
-
-Hanka sah auf, als sie sich beim Namen genannt hörte, und verschwand
-eiligst.
-
-Hanzo trommelte leise auf den Tisch, dann sagte er:
-
-»Gnädiges Fräulein, ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt. Nur so vom
-Sehen habe ich Sie gekannt. Ich hätte auch nicht zugegeben, daß mein
-Sohn Juro die Augen zu Ihnen erhebt, aber jetzt sehe ich ein: Gott hat
-ihn gesegnet!«
-
-Elisabeth schlug die Augen nieder. Hanzo fuhr fort:
-
-»Juro wird Ihnen alles gesagt haben. Er muß das auch, da er Ihr
-Bräutigam ist. Und Sie werden ihm recht geben, nicht wahr?«
-
-Elisabeth blickte angstvoll auf.
-
-»Ich -- ich kann es ja nicht leugnen: -- ja, ich gebe ihm recht.«
-
-»Das ist ganz richtig!« entgegnete Hanzo milde. »Sie als deutsches
-Fräulein können gar nicht anders. Sie halten zu Ihrem Volk; das wird
-Ihnen niemand verdenken. Aber anders ist es mit Juro. Der ist ein
-Wende, oder vielmehr, er war ein Wende; denn er ist abtrünnig!«
-
-Da sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit:
-
-»Er hat seine Überzeugung und handelt nach seiner Überzeugung; wenn er
-das nicht täte, wäre er kein Mann.«
-
-Nun schlug Hanzo die Augen nieder. Elisabeth fuhr fort:
-
-»Ich bitte Sie, daß Sie sich mit ihm versöhnen, daß Sie zugeben, er muß
-nach seiner Überzeugung handeln.«
-
-»Nein, das kann ich nicht«, sagte Hanzo fest und bestimmt.
-
-»Geben Sie nicht zu, daß er bloß der inneren Macht folgt, die ihn
-leitet? Glauben Sie, er sei schlecht?«
-
-Hanzo sah vor sich hin.
-
-»Das ist eine schwere Frage«, sagte er beklommen.
-
-Elisabeth stand auf. Ihre Stimme floß jetzt ruhiger, aber es war ein
-bitterer Ton darin, als sie sagte:
-
-»Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch ein unerfahrenes Mädchen,
-aber ich habe immer gehört, man dürfe zwar eine fremde Meinung
-bekämpfen, aber man dürfe den, der sie hat, nicht für schlecht halten,
-nur weil er anders denkt als man selbst denkt.«
-
-»Wollen Sie sich nicht wieder setzen, gnädiges Fräulein?«
-
-»Ich kann nicht. Wenn Sie glauben, daß ich der Schlechtigkeit das Wort
-rede, kann ich ja nicht hier bleiben.«
-
-»Gnädiges Fräulein, ich denke von Ihnen das Allerbeste. Und ich will
-auch nicht sagen, daß Juro schlecht ist. Aber er ist so betört, er hat
-sich selbst so von uns getrennt, daß er für uns alle verloren ist, auch
-für mich.«
-
-»So bin ich umsonst gekommen«, sagte Elisabeth in tiefer
-Niedergeschlagenheit und setzte sich langsam wieder auf ihren Stuhl.
-
-»Vielleicht hat es Gott so gefügt, gnädiges Fräulein,« entgegnete Hanzo
-bewegt, »daß Sie doch gekommen sind, daß Sie diese gute Tat vollbracht
-haben, damit mir altem Mann ein Trost wird, denn ich habe den Trost
-sehr nötig.«
-
-Das Mädchen saß regungslos da.
-
-»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung mit Ihnen
-glücklich bin und daß ich euch Gottes Segen wünsche.«
-
-»Vater Hanzo!«
-
-Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor dem wendischen
-Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen Hals.
-
-»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das Mädchen
-ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein schönes, stilles
-Weilchen blieben die beiden so, dann sagte Elisabeth:
-
-»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf ihn haben?«
-
-Hanzo antwortete ausweichend:
-
-»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, was er tut,
-ausgenommen das, was er gegen die Wenden tun will.«
-
-»Er will nach seiner Überzeugung gar nichts +gegen+ die Wenden, alles
-+für+ die Wenden tun.«
-
-»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte machen.«
-
-Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein und drei
-Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, aber sie setzte sich
-ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die Gläser und trank Elisabeth zu:
-
-»Herzlich willkommen!« sagte er warm.
-
-Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise in ihrer
-sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war kaum vernehmbar. Auch
-Elisabeth war wieder verwirrt. Sie suchte nach irgendwelchen Worten.
-
-»Nicht wahr -- Sie -- Sie haben sich dieser Tage verlobt? Darf ich
-Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!«
-
-Hanka sah zum Fenster hinaus.
-
-»Ich danke!« sagte sie.
-
-»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die peinliche
-Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere Spinnstube!«
-
-Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth gab
-freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwas nach. Sie sagte
-auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; sie seien schon einigemal
-Wahlmänner zusammen gewesen, auch einmal Geschworene.
-
-»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, daß sich der
-gnädige Herr darauf erinnert.«
-
-So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf.
-
-»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.«
-
-Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor. Es
-war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden Kutschpferden, das Staunen
-aller wendischen Kleinbauern. Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem
-Bock.
-
-»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren lasse, bis
-Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der Weg ist lang und
-einsam.«
-
-»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn ich mich auch
-nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit in der Wendei.«
-
-Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, die
-er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren nicht armen
-Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte seines Charakters
-entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, nachdem er ihr nochmals
-für ihren Besuch gedankt und ihr gesagt hatte, er werde ihr ihn nie
-vergessen.
-
-An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal zusammen.
-
-»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen Dank.«
-
-»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für den Besuch«,
-sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat.
-
-Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. Bald darauf
-fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth
-über alltägliche Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden
-beide wieder sehr ernst.
-
-»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. »Und wenn es auch
-nur auf eine Viertelstunde wäre.«
-
-»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt nicht
-fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und Ihrem Herrn Vater
-einen Besuch machen.«
-
-»Darf ich -- darf ich -- gar keine Hoffnung mitnehmen?«
-
-Hanzo antwortete nicht gleich.
-
-»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' alles gut.«
-
-»Das tut er nicht.«
-
-»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.«
-
-Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen Schlosse
-führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth aus, und der Wagen
-kehrte um.
-
-Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, das ihm in
-tiefer Traurigkeit nachschaute.
-
-
-
-
-Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, wer dagewesen
-sei und daß der Vater im guten Wagen den Gast nach Hause geleitet. Samo
-war mit rotem Kopf nach Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus
-für das Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei viel
-getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine Frage wegen
-des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige Auskunft. Da blitzte es zornig
-auf in den Augen Samos. Grimmig fuhr er das Mädchen an:
-
-»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den Alten herbei,
-du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre -- was hat sie dir
-denn für Trinkgeld gegeben?«
-
-»Samo!«
-
-Das Mädchen richtete sich beleidigt auf.
-
-»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, was die
-Gastfreundschaft gebietet.«
-
-»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo.
-»Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, Kannibalen und
-sonst noch einigermaßen achtbare Völker, aber nicht gegen Deutsche!
-Wendische Gastfreundschaft gegen Deutsche ist die Gastfreundschaft der
-Schafe für den Wolf!«
-
-Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort.
-
-Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. Der alte Hanzo
-wurde blaß.
-
-»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem Hause, und
-wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch alles anders überlegen.«
-
-Samo zuckte die Schultern.
-
-»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. Schon
-versuchen sie mit List und Schmeichelei das zu erreichen, was sie mit
-Gewalt nicht bekommen können. Die Wenden sind dann verloren.«
-
-»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit nachgegeben.
-Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, und deine Anschuldigung
-fällt auf dich zurück. Mir scheint, Gott hat mir zwei wackere
-Schwiegertöchter zugedacht; was ich aber von meinen beiden Söhnen
-denken soll, weiß ich nicht mehr.«
-
-Auch der Vater ließ ihn stehen.
-
-Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. Er traf die alte
-Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam.
-
-»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?«
-
-»Die meisten freuen sich.«
-
-»Die meisten? Nicht alle?«
-
-»Hm -- es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die beim
-Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. Denen gefällt
-der Herr Juro gar nicht schlecht.«
-
-»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?«
-
-Die Alte zuckte die Achseln.
-
-»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir angetan?«
-
-»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, habt Ihr
-einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz --«
-
-»Ach ja -- ich verstehe -- für dich kommt's auch noch --«
-
-Die Alte sah ihn von der Seite her listig an.
-
-»Was ihm -- dem Juro -- die Leute am meisten übelnehmen, ist, daß er
-sich am Kronenhügel vergreifen will.«
-
-Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude flog über sein
-Gesicht.
-
-»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er möglichst ruhig.
-
-»Es spricht sich so langsam herum.«
-
-»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller herumspräche«,
-sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler.
-
-Sie nickte.
-
-»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon machen.«
-
-»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!«
-
-Er nickte ihr zu und ging allein weiter.
-
-»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es mir so dumm
-verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß ich die Geschichte mit
-Hanka und dem Alten wieder ins Geleise bringe.«
-
-
-
-
-Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen, wenn alles so tot und
-still ist draußen und dieselben Menschen immer zusammenhocken in
-derselben niederen Stube? Zuletzt lachen sie wohl nicht mehr, reden
-wohl nicht mehr, wissen sich nichts mehr zu sagen!
-
-Sind sie nicht wie Gefangene? Weg und Steg verschneit, das liebe Brot
-schmal, der Beutel leer, das Herz leer.
-
-Dann sind wohl manche wie stumpfe Tiere, die mit der Kette an magerer
-Krippe hängen, dumpf hinstarren vor sich in die grausige Langeweile.
-Und die anderen, die die Sehnsucht kennen, wandern aus. Im fahlen
-Schneelicht reist ihre Seele nach großen Städten, wo die prangenden
-Theater sind, wo die schönsten Frauen der Erde in lichtstrahlenden
-Sälen tanzen, oder nach den Ländern des Südens, wo jetzt die blauen
-Schwalben fliegen über roten Blüten.
-
-Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen? Im Unterland, wo die
-Sprewja breit und vielfach verzweigt ist, ist jetzt lustige Zeit. Da
-laufen selbst die alten Weiber auf Schlittschuhen, und jeder Bursch
-fährt seine Liebste auf dem Schlitten. Die Unterländer sind lustig,
-aber leichtsinnig; die ernsteren Oberländer haben das immer behauptet
-und immer etwas auf die Spreewaldleute herabgesehen.
-
-Doch auch sie wollen ihr Vergnügen, und auch in ihren stillen Stuben
-stirbt das Lachen nicht in der langen einsamen Zeit. -- --
-
-Der alte Kito steht im Hof und unterhält sich mit einem Sperling.
-
-»Was, ~wrobel~[52], was sagst du? ›Lieber Kito, 'ne Ähre‹? Das sagst
-du? Und was sangst du im Sommer? ›Dem Kito 'n Strick, dem Kito 'n
-Strick!‹ Und was sangst du noch im Herbst: ›Korn ist Dreck, Korn ist
-Dreck!‹ Wart, ~wrobel~, ich schmeiß dich tot!« Und er warf nach ihm mit
-fünf Haferkörnchen.
-
-Es ist doch gut, daß die Lieder sind und die alten Sagen und die alten
-Bräuche. So schläft die Seele nicht ein. Und auch der Magen fühlt sich
-wohl dabei. Am Sebastianstag muß auch der Ärmste sein Pfund Fleisch
-essen, sonst wird das Vieh krank, muß geschlachtet werden, und es gibt
-bald Fleisch in Fülle.
-
-Dann kommt die lustige Faschingszeit. Welcher Spaß ist größer, wo
-in der Welt wird herzlicher gelacht, als wenn in den Spinnstuben am
-~cazowečor~[53] sich die Burschen und Mädel gegenseitig die Gesichter
-mit Ruß schwärzen? Am Faschingsdienstag gar schallt der stille
-Föhrenwald wider von jubelndem Lachen, wenn die Burschen »zampern«
-gehen, alle als Weiber verkleidet, jeder mit einem großen Korb, in
-dem er Speck und Eier einsammelt. Wer ein einziges Mal den alten Kito
-in der Tracht eines jungen Mädchens gesehen hat mit dem gestickten
-Busentüchlein und der großen Bänderhaube und dem bunt gestreiften
-Rock, der vergißt es sein Lebtag nicht. Dieses Jahr ist er aber nicht
-als junges Mädel, sondern als alte Wičaz gegangen, hat mit verklebten
-Federspulen, in die er gelbe Sandstückchen getan hatte, die wie Wanzen
-aussahen, überall Schrecken und Angst erregt, zumal er die Spulen den
-Weibern in den Nacken steckte. Auch hat er Karten gelegt und unerhörte
-Dinge geweissagt, so, daß auf den Sonntag der Montag treffen wird und
-daß ein Dreierlicht auch dann noch einen Dreier kosten wird, wenn das
-Wachs aufschlagen sollte. Die wirkliche Wičaz ist ihm nachgegangen, und
-die beiden Wičaze, die echte und die unechte, sind sich in die Haare
-geraten, und so ein schöner Spaß ist noch nie und nirgends dagewesen.
-Oh, es lebt sich lustig und herrlich zur Winterzeit im Föhrenwald! Und
-»am Ostermorgen tanzt die Sonne«.
-
-Hanka hat mit ihren Spinnmädchen am Karfreitag draußen gestanden auf
-dem freien Feld, sie sind feierlich im Kreise zusammengetreten und
-haben gesungen: »~Nět daj moj Jezus dobru noc~«, »Nun gib, mein Jesus,
-gute Nacht«, und als am Karsamstag Mitternacht vorbei war, haben die
-Burschen in allen Dörfern geschossen; Hanka aber ist, noch ehe die
-Sonne aufging, schweigend mit einem Krüglein zur stillen Spree gegangen
-und hat Osterwasser geholt; das wird sie nun gesund erhalten das ganze
-Jahr. Viele Mädchen und Frauen sind ihr begegnet, keine hat ein Wort
-gesprochen.
-
-Ja, am Ostermorgen tanzte die Sonne! Winter war aus, neues Leben kam in
-die Heide.
-
- * * * * *
-
-Und auch der Sommer verging.
-
-Hanka war zu ihren Eltern zurückgekehrt, als ihr Bräutigam Samo als
-»~Pán doctor~« nach Hause gekommen war.
-
-Mit gewaltigem Respekt betrachteten die Dorfleute den jungen Arzt.
-Ja, es kam so weit, daß die Bäuerin Pösch, die die Rose bekam, allen
-Ernstes daran dachte, sich den neuen Doktor rufen zu lassen, wenn sie
-es zuletzt doch nicht vorgezogen hätte, sich lieber von der Wičaz
-»besprechen« zu lassen.
-
-Samo war nicht lange zu Hause geblieben, sondern wieder nach Prag
-gefahren. Von dort war er erst nach Monatsfrist zurückgekehrt.
-
-So ging der Sommer vorbei. Wieder spielte der junge Herbst mit
-den gelben Blättern, die auf der Spree schwammen, wie mit kleinen
-Schifflein. Ein Jahr und einen Tag war es nun her, seit Mariana, die
-Frau des Scholta, gestorben war.
-
-Da war die Trauerzeit zu Ende.
-
-Und zwei Tage später war die Hochzeit Samos mit Hanka. Sie fand
-in Hankas Heimatsort statt. Kito als Brautführer war schon einige
-Wochen vorher daselbst eingetroffen, um alles vorzubereiten. Denn
-der Bräutigam hatte ausdrücklich gewünscht, daß bei seiner Hochzeit
-alles genau nach der Väter Sitte hergehe. Und alle Leute lobten den
-Bräutigam, der, obwohl er ein ~Pán doctor~ war, sich nicht stolz von
-ihnen und ihrer Art absonderte.
-
-So erschien Samo in wendischer Bauerntracht, den kleinen Rautenkranz
-auf dem Kopf, am Hochzeitsmorgen vor der Tür der Braut. Alle
-Männer, die ihn begleiteten, trugen lange, buntbebänderte Stöcke.
-Eine Musikbande war auch dabei. Ein Fiedler strich die ~husla~,
-die dreisaitige wendische Geige; ein anderer Musikant entlockte
-seiner ~tarakawa~ schreiende Oboetöne, die Hauptsache aber war der
-Dudelsackpfeifer, dessen ~kozol~ mit einem mächtigen gehörnten
-Ziegenbockkopf gekrönt war.
-
-Kito, der ~družba~, klopfte an die verschlossene Tür des
-Hochzeitshauses, begehrte Einlaß und verlangte die Braut heraus. Ein
-altes Weib mit einem mächtigen Höcker wurde durch die Tür geschoben.
-
-»Was, das soll die Braut sein?« schrie der ~družba~. »Ich schlag' ihr
-den Buckel entzwei.«
-
-Und er schlug mit seinem Stock auf den Buckel, der auch wirklich
-zersprang, weil er aus einem untergebundenen Topf hergestellt war.
-
-Nun wurde ein junges Mädchen durch die Tür geschoben. Aber auch jetzt
-schrie Kito:
-
-»Das ist nicht die Braut! Das ist nur die ~družka~[54]. Der
-~zagolka~[55] soll sie bekommen.«
-
-Endlich kam Hanka im Brautstaat. Sie war blasser als sonst, aber
-sie lächelte. Mit großem Lärm wurde sie empfangen. Nun ging es ins
-Haus hinein zum Frühstück. Der Bräutigam mußte sich von der Braut
-fernhalten; nur der ~družba~ hatte das Recht, ihr Kavalier zu sein.
-Kito strahlte vor Stolz und Freude. Und er sorgte für alles. Er
-fragte die Mutter, ob sie der Tochter auch einen Taler in den Strumpf
-gesteckt, ob sie ihr auch Salz in den Schuh geschüttet habe, damit der
-Reichtum nicht ausbleibe, und ob sie auch nicht vergessen habe, ihr ein
-Äpflein mitzugeben, damit der Kindersegen nicht fehle. Er wolle gewiß
-drei Bissen Brotes unterwegs essen, damit die Ehe eine glückliche werde.
-
-Alles war erfüllt. Alle Vorzeichen waren gut. Zunehmender Mond war, und
-es war Dienstag, der beste Tag für eine Hochzeit.
-
-Zur Trauung ging es zu Wagen, und wieder war Kito der Begleiter der
-Braut. Kinder und große Leute standen am Wege, Zuckerwerk und kleine
-Münzen wurden ausgestreut, und es war Jubel aller Enden.
-
-Unterwegs geschah aber etwas, worüber sie alle erschraken. Eine
-Kuhherde kreuzte den Weg. Der Brautwagen mußte anhalten. Das war kein
-gutes Zeichen. Kito aß nun neunmal drei Bissen trockenes Brot, um den
-Zauber abzulenken, und sagte nach dem siebenundzwanzigsten Bissen:
-»Jetzt bin ich zwar satt, und das ist schade an einem solchen Tage,
-zumal, wenn man sein Lebtag nicht immer an der Bratenpfanne gesessen
-hat; aber nun wird doch alles gut gehen in der Ehe.«
-
-Hanka nickte freundlich. Sie war sehr still in allen diesen Tagen und
-ließ alles schweigend über sich ergehen.
-
-Bei der Rückkehr aus der Kirche hielt der Wagen vor dem Tor. Die
-Mutter kam aus dem Hof. Sie hielt einen neuen Topf mit Milch in
-der Hand. Daraus tranken Bräutigam und Braut, und der ~družba~
-zerschellte darauf den Topf an einem Stein. Nun ging die ganze
-Hochzeitsgesellschaft in den Hof; der ~družba~ hielt eine Rede, in der
-er wieder Abbitte leistete für alles etwa geschehene Unrecht, dann
-setzte die Musik ein, und es wurde im Hofe getanzt.
-
-Und dann wurde geschmaust und gegessen den ganzen Tag lang und in der
-Schenke die ganze Nacht getanzt.
-
- * * * * *
-
-Es waren aber zu dieser Hochzeit Gäste von nah und fern gekommen,
-Gäste, die nicht zur Verwandtschaft und nächsten Freundschaft gehörten,
-sondern Ehren halber als Vertreter großer Gemeinden oder Bezirke vom
-Kral eingeladen worden waren.
-
-Einer von diesen Leuten traf bald nach dem Essen mit Hanzo im
-Großgarten zusammen und sagte:
-
-»Höre Kral, ich muß dir etwas sagen. Da wir nun zu diesem frohen und
-schönen Feste so viele Dorfväter beisammen sind, so wollen wir etwas
-besprechen und abmachen, was allen von uns sehr am Herzen liegt. Dein
-Sohn Juro ist nicht hier, obwohl sein einziger Bruder Hochzeit hält.«
-
-Hanzo errötete leicht.
-
-»Juro ist auf einer Reise,« sagte er; »er ist jetzt in Italien.«
-
-»Ja, und er ist vier Wochen vor der Hochzeit dorthin gereist. Aber das
-geht uns nichts an. Etwas anderes müssen wir mit dir abmachen. Sieh,
-Hanzo, du bist noch nicht alt, und Gott soll dir noch viele Jahre
-schenken. Aber deine Frau war auch nicht alt und starb doch. ›Ihr
-wisset weder den Ort noch die Stunde‹, sagt die Bibel. Wenn du nun
-einmal den Tod finden wirst, müssen unsere Leute wissen, wer ihr Kral
-ist. Und ihr Kral kann dann nur Pán Samo sein.«
-
-Hanzo schwieg.
-
-»Er hat heute«, fuhr der andere fort, »die Hanka geheiratet, das
-einzige Mädchen, das noch aus der Familie des alten Kral ist. Er hält
-zu uns, er beachtet unser Volk; er soll unser Kral sein.«
-
-Hanzo entgegnete darauf:
-
-»Der Erbsohn ist Juro, und er hat sein Recht nicht abgetreten und will
-es auch nicht abtreten.«
-
-»So müssen wir ihn absetzen, und zwar werden wir ihn heute absetzen.«
-
-»Nicht heute«, wehrte Hanzo ab.
-
-»Warum nicht heute? Heute ist der richtige Tag. Wann werden wir wieder
-so viele beisammen sein, die da mitzureden haben?«
-
-»Wir können uns am Martinimarkt in der Stadt treffen.«
-
-»Wozu willst du den Aufschub?«
-
-»Ich möchte es nicht hinterrücks tun. Ich will meinem Sohn Juro
-schreiben, was ihr vorhabt; dann kann er sich verteidigen.«
-
-Der andere sagte mit finsterer Miene:
-
-»Er kann sich nicht verteidigen. Er hat offen und vielmal gesagt, daß
-er kein Wende, daß er ein Deutscher ist; er hat sogar gesagt, er werde
-den Kronenhügel aufgraben, um den Wenden zu zeigen, daß ihr Glaube
-Dummheit ist, daß in dem Hügel keine Krone ist, sondern nur Erde und
-Steine. Und das kann ihm nicht verziehen werden.«
-
-»Er hat es doch nicht getan! Er scheut sich doch und weiß, es wäre ein
-Verbrechen.«
-
-»Aber er wird es tun«, sagte der andere. »Er hat es bestimmt gesagt.«
-
-»Wissen viele Leute davon?« fragte Hanzo trostlos.
-
-»Alle!« entgegnete der andere.
-
-»Woher wissen sie es? Er schreit es doch nicht auf die Straße.«
-
-»Das kann ich nicht sagen. Es ist in aller Mund. Und alle wissen, was
-Juro gegen die Wenden gesagt und getan hat -- alle! Es ist alles gegen
-ihn. Und es wird täglich schlimmer.«
-
-Sie schwiegen beide. Dann fuhr der andere fort:
-
-»Bezwinge dich, alter Hanzo! Es mag schwer sein, aber es muß sein!
-Treten wir zusammen, die wir hier sind, und machen wir es aus. Einmal
-muß es doch sein.«
-
-»Heute nicht! -- ~Njok!~«
-
-Mit diesem »~Njok!~«, diesem messerscharfen, endgültigen: »Ich will
-nicht!« schnitt der Kral die Unterhaltung ab. Kein Widerspruch erfolgte
-mehr.
-
-War auch die Zeit längst vorbei, wo der Kral eine heimliche Kopfsteuer
-erhielt, so war doch sein Einfluß so stark, sein Wille so mächtig, daß
-alle anwesenden »Volksvertreter« sich dem »~Njok!~« Hanzos fügten und
-die »Absetzung« Juros, sein Ausschluß von der Kralswürde, auf eine
-große ~Gromada~ am Martinimarkt vertagt wurde.
-
- * * * * *
-
-Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz zu. Mit seiner
-jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit den Brautjungfern durfte
-er sich nur dann im Kreise drehen, wenn es der allmächtige ~Družba~
-erlaubte. Der Bräutigam ist im Wendenland an seinem Hochzeitstag
-rechtlos.
-
-Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, hinaus in
-die Nacht. Es war ihm eigen zumute. Wenn er Hanka ansah, die nun seine
-Frau war, dann sagte er sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe
-wußte er nichts, hatte er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für
-Schwärmer und unreife Menschen, nichts für ihn.
-
-In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. König sein,
-wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur ein König über ein
-kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben eines Volkes an erster
-Stelle stehen! Der Mann sein, auf den auch die Slawen anderer Länder
-mit ehrfürchtiger Scheu sahen, dem alte Leute die Hand küßten und für
-den der gelehrte Krok die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm!
-
-Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! Und dann den
-heimlichen, zähen Kampf führen mit dem Soldatenkönig in Berlin! Sich
-äußerlich bescheiden und doch wissen: ich stehe auf Vorposten gegen
-dich und bahne den slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner
-Stadt! Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und Bildung
-schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich von einem ~Družba~
-tyrannisieren, trank man mit den Burschen ein Glas Branntwein ums
-andere. -- --
-
- * * * * *
-
-Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande Hochzeit hielten,
-saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold auf dem Posilip bei
-Neapel. Und er träumte hinüber zu den silbernen Städten Castellamare
-und Sorrent und nach Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt
-lag vor ihm. Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm,
-es geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur Wahrheit
-geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen und Träume, denen seine
-junge Seele nachging, als er noch einsam im Wendenwald war.
-
-Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und war auch
-das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn es hatte immer
-Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen selbst Königspaläste nur
-mit matten Bildern ihre Wände schmücken konnten.
-
-Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim Rauschen des
-blauen Südmeeres und beim Duft der roten Mandelblüten das Heimweh
-überkam nach den Sandwegen der Wendei, nach den Föhren an der stillen
-Spree. Und das geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise
-getan, sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte.
-
-Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach
-Hause. --
-
-Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei Briefe
-gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, nein, die
-Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich hatte ihm der Vater sogar
-gegen seinen Willen sein mütterliches Erbteil auszahlen lassen.
-
-Das war der Bruch; damit sollte Juro völlig ausgeschlossen werden von
-dem heimischen Hof.
-
-Eine tiefe Bitternis war über Juro gekommen. Seine frohe,
-selbstbewußte Art drohte in finsteren Trotz umzuschlagen. Er war oft
-schweigsam und müde wie ein Kranker. Da kam Samos Hochzeit immer näher
-heran. Samo lud den Bruder erst auf ausdrücklichen Befehl des Vaters
-zu dem Fest; er tat es in der denkbar kältesten Form. Juro schlug
-die Einladung aus, und um allen Peinlichkeiten zu entgehen, um sich
-andererseits zu zerstreuen und wieder einmal Sonne in die Seele zu
-bekommen, begab er sich mit seinem Freunde auf die Reise.
-
-Oh, wohl war es schön in Florenz und Rom, wohl war es ein Genuß, mit
-Heinrich, der seit Jahren Kunstgeschichte studiert hatte, durch die
-Museen zu wandern, wohl war es herrlich hier am alten Posilip! Aber die
-Bitterkeit wich nicht ganz aus Juros Herzen, und als einmal Musikanten
-ein italienisches Volkslied sangen, sagte er:
-
-»Wir haben ein ähnliches Lied; ich finde es sogar schöner.«
-
-Und er sang dem Freunde leise das Lied vor -- in wendischer
-Sprache. -- -- --
-
-Nach zwei Monaten kehrten sie heim. Da fand Juro in seiner Breslauer
-Wohnung einen Brief des Vaters vor. Der Vater machte ihm die
-Mitteilung, daß die Vertreter der wendischen Gemeinden beschlossen
-hätten, ihm die künftige Kralswürde abzusprechen auf Grund seines
-feindlichen Verhaltens gegen das Wendentum und vor allen Dingen auf
-Grund seines geäußerten Vorsatzes, den Kronenhügel aufzugraben und
-das Nichtvorhandensein der alten Krone der Wenden nachzuweisen. Am
-Martinitage mittags solle in dem und dem Lokal die Ausschließung Juros
-von der Kralswürde erfolgen. Es sei Juro anheimgestellt, bei dieser
-großen ~Gromada~ zu erscheinen und daselbst seine Sache zu führen,
-wolle er aber klug handeln und seinem Vater einen Schmerz ersparen, so
-solle er vorher durch freiwilligen schriftlichen Verzicht das traurige
-Schauspiel unnötig machen.
-
-»So wirf ihnen doch die ganze Geschichte hin«, sagte Heinrich, der
-mitanwesend war und den Brief ebenfalls las. »Das ist doch alles
-Humbug! Darum wirst du dir doch nicht das Leben verbittern!«
-
-»Nein!« rief Juro, »nein! Ich gebe nicht nach!«
-
-»Aber, Mensch, du siehst doch, daß du sowieso keinen Einfluß auf
-die Wenden hast. Wozu also dieses trotzige Festhalten an dieser
-phantastischen Würde? Bei denen wirst du nichts ausrichten, auch wenn
-du der eingebildete zukünftige Kral bleibst.«
-
-»Ich werde etwas ausrichten, denn ich bin nicht ohne Anhang. Die
-Jungen, die einmal ins Land hinausgerochen haben, die sind denn doch
-anders als die alten Nesthocker. An die Jungen muß ich mich wenden. Ich
-werde jetzt wirklich den Kronenhügel aufgraben!«
-
-»Das laß nur hübsch bleiben! Das könnte dir schlecht bekommen!«
-
-»Mir kann nichts mehr schlechter bekommen als dieser Brief meines
-Vaters. Vor allem aber weiche ich meinem Bruder Samo nicht, dessen Hand
-ich hinter all diesen Machenschaften deutlich sehe. Die Wenden allein
-wären viel zu schläfrig, viel zu indolent, um so vorzugehen. Es ist
-einer, der hetzt und das alles leitet, und das ist Samo.«
-
-»Das ist allerdings auch meine Ansicht. Tue also, was du nicht lassen
-kannst!«
-
-
-
-
-Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem wendischen
-Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf Männer, darunter Hanzo
-und Samo. Jeder hat ein Glas Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt
-hat. Es herrscht bedrücktes Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt
-zwölf. Da tritt Juro ein.
-
-»~Pomogaj Bóg wam!~« grüßt er. Er hat sich nach langem Überlegen zu dem
-wendischen Gruß entschlossen.
-
-»~Bóg žekuscho!~« kommt es bedrückt zurück.
-
-Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, die dieser
-langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen Männer zögernd die Hand.
-Seinen Bruder Samo übersieht Juro völlig.
-
-»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte Hanzo mit
-etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum Leiter dieser Versammlung
-gewählt. Es ist Klage gegen Juro, meinen ältesten Sohn. Die Klage will
-ich nicht selbst vorbringen, sondern das wird der Bur Klin tun.«
-
-Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. Heute aber
-stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der für ihn der
-gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins Gesicht sagen
-mußte. Aber er stammelte doch die Anklage heraus: Juro sei gegen
-das Wendentum, er habe in diesen und diesen Fällen Wenden schwer
-beleidigt, er habe die wendischen Gebräuche nicht nur selbst gemieden,
-sondern auch gesagt, er wolle sie ausrotten, er habe die wendische
-Sprache geschmäht, er habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden
-zu Deutschen machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel
-vergreifen und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische Krone
-gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher Mann nicht der
-zukünftige Kral sein könne.
-
-»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte Hanzo.
-
-»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland
-festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener Sohn des Kral hat,
-dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu vernichten und die Wenden den
-Deutschen auszuliefern.«
-
-Nun bekam Juro das Wort.
-
-»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger Bürger oder
-Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde bereits Sitz und Stimme?«
-
-»Nein!«
-
-»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser
-Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.«
-
-Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. Der Erfolg war,
-daß Samo bleiben durfte.
-
-»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich werde annehmen,
-daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz reiner Luft sei!«
-
-Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies Juro die getane
-Beleidigung aufs strengste und forderte ihn auf, sich zu der Klage, die
-der Bauer Klin im Namen aller hier vorgebracht habe, zu äußern.
-
-Da überkam Juro seine Spottlust.
-
-»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede gegen mich
-geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag gewählt werden.«
-
-Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig.
-
-»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist uns heiliger
-Ernst!«
-
-»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch einmal auf den
-Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden keinen Vertreter dort, warum
-seid ihr politisch so rechtlos? Warum habt ihr nicht einmal versucht,
-eure Stimme zu erheben? Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit
-verträumt und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt
-wie alle anderen Kinder des Staates.«
-
-Unwilliges Murren.
-
-»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. Und wie ihr
-keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt ihr auch keinen wendischen
-Arzt ...«
-
-»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln.
-
-»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten,
-keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges
-Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid!
-Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes.
-Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele
-in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude?
-Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal
-besser!«
-
-»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.
-
-»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch
-gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt
-hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig sitzen bleiben
-auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in
-Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder,
-zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht
-einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein
-wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch
-daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß
-das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten
-zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen
-zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um
-die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht
-worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele,
-die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker
-Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die
-tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an
-brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren
-es eure Väter und Urväter. Ist das so?«
-
-»Ja, das ist so!«
-
-»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt
-ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich
-aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt
-in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät,
-sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?«
-
-Ein alter Bauer stand auf.
-
-»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute
-Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.«
-
-Juro wurde wieder erregt.
-
-»Das ist die alte -- die alte -- ich will es nicht aussprechen. Niemand
-kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll
-nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit
-oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts
-verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat,
-hat eine fleißige, genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend,
-wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum
-auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure,
-ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das
-Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt.
-Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die
-gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die
-anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich
-auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als
-den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was
-diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denkt an
-jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die
-Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!«
-
-»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden
-Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache
-jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und
-gehören zu den Slawen!«
-
-»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch
-vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder
-Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der
-Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte
-von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen
-ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen
-Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu
-dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat
-als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland -- was käm' heraus?
-Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage
-euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national
-zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden,
-Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen
-hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die Ungarn, mit denen
-sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes
-werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und
-da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so
-wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in
-Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche
-Einwohner des großen deutschen Landes sein!«
-
-Nun stand Samo auf.
-
-»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein
-großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas
-Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres
-als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein
-Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!«
-
-Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht zwischen Juro und Samo
-ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten
-saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo
-eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus:
-
-»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht
-einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen
-und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen,
-sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll
-euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen
-Gesangbücher verbrannt, soll ...«
-
-Er wurde unterbrochen.
-
-»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es
-durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.
-
-»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.
-
-»Und -- und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache
-schämt, der soll -- der soll gehen ...«
-
-Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren
-Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen.
-
-»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur wird
-weitergehen auch gegen diese ~Gromada~, und die Betrogenen seid allein
-ihr!«
-
-»Und -- unsere alte Krone?« fragte ein Bauer.
-
-Alle sahen gespannt auf Juro.
-
-»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine Sage, die sich
-jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar hohenzollersche Fürsten
-gewußt haben, die aber durch nichts und in nichts anderem begründet ist
-als in der Einbildung unseres Volkes.«
-
-Der alte Hanzo sprang auf.
-
-»Du -- du -- du ...«
-
-Die Stimme brach ihm.
-
-»So stellst du mich -- mich -- als einen Lügner, als einen
-Theaterspieler hin -- vor diesen -- diesen Leuten ...«
-
-»Gott behüte mich -- nein! Wahr spricht, der das spricht, was er
-glaubt!«
-
-»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?«
-
-»Ich weiß es nicht!«
-
-Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden umgeworfen,
-einzelne Männer liefen gestikulierend in der Stube herum, alle sahen
-voll Abscheu auf Juro.
-
-»Und -- unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt weichst du nicht
-aus -- jetzt frage ich dich: Unsere alte Krone?«
-
-»Existiert nicht!«
-
-»Der Kronenhügel ...«
-
-»Ist leer!«
-
-»Hast du -- hast du nachgegraben ...«
-
-»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als Steine und
-Erde!«
-
-»Gottloser Mensch du!«
-
-Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen.
-
-Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie ein Jüngling und
-rief:
-
-»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.«
-
-Juro warf trotzig den Kopf zurück.
-
-»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. Ich werde beweisen,
-daß ich recht habe!«
-
-»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!«
-
-Sie drangen auf Juro ein.
-
-Der wehrte sie ab.
-
-»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, der mich
-anrührt!«
-
-Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach:
-
-»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben wir noch
-Zeugen nötig?«
-
-»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der Bibel so
-fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah vor dem elendesten
-Gerichtshof der Welt. Die paßt hierher!«
-
-Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener Stimme, indem er
-auf Juro mit dem Finger zeigte:
-
-»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den Wenden nichts mehr
-zu tun hat und nicht unser künftiger Kral sein kann, der stehe auf!«
-
-Alle erhoben sich.
-
-»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!«
-
-Juro lachte laut auf.
-
-»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein Recht dazu.
-Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? Von euch selbst oder
-von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt hat?«
-
-Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen.
-Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn Eindringende
-abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür rief er noch:
-
-»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine gehen müssen. Aber
-das sage ich euch: ich bin und bleibe der zukünftige Kral, der euch
-beweisen wird, daß es keinen Kral gibt!«
-
-
-
-
-Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch das dichte
-schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, daß man das leise
-Murmeln der Spree hören konnte.
-
-In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer.
-
-»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.«
-
-»Du hast doch eine Axt.«
-
-»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? Ich sage dir,
-Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den Kopf. Und ich hab' einen
-sehr schwachen Kopf!«
-
-»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, sagte Kito.
-
-»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich habe
-sieben Kinder.«
-
-»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte Knecht.
-
-»Was soll ich machen -- wenn sie's doch verlangten? Sie sind doch alle
-meine Kunden, von denen ich leben muß. Und eine Nacht kommt jeder
-daran.«
-
-»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß hier gewacht
-werden.«
-
-»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun wirklich
-tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen und ihn mit seinem
-Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral hat hier die silberne Krone
-selbst vergraben vor der Wendenschlacht.«
-
-»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit silberner Schaufel
-soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk stark sein.«
-
-Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf.
-
-»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er gelogen, auch
-immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und nun -- und nun ...«
-
-Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel Kummer auf seine
-alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr blaß und schweigsam, Hanka gar
-nicht die fröhliche, glückliche Frau, wie er es gedacht und gewünscht
-hatte, selbst Samo ein wunderlicher Mann. Er lief so viel in den
-Städten und auf den Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der
-Schenke, war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag
-gefahren. Was wollte er immer in Prag?
-
-»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der Schneider wieder.
-»Horch -- horch -- hörst du's rascheln?«
-
-»Ich höre nichts.«
-
-»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach Hause gehen
-ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier lassen.«
-
-»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. Hier
-nützest du doch nichts.«
-
-»Wirst du es auch niemand verraten?«
-
-»Nein!«
-
-»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« Und fort war er.
-
-Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und Grauen. Die Nacht
-war so unheimlich still, so unheimlich dunkel. Und alle alten Sagen und
-bösen Geschichten wurden lebendig im Herzen des Alten.
-
-Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war wieder das
-Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. Kito lehnte sich an
-einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Mühsam hielt er
-sich aufrecht.
-
-Da -- eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier.
-
-Kito fing laut an zu ächzen.
-
-»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme Juros.
-
-»Da ist ein Mann. Kito -- Kito -- bist du es?«
-
-»Pán Juro!«
-
-Der Alte wimmerte.
-
-»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu fürchten. Wir
-tun dir nichts. Was machst du hier?«
-
-»Ich -- ich soll -- soll bei dem Kronenhügel wachen.«
-
-»Wer hat es dir befohlen?«
-
-»Die ~Gromada~.«
-
-»Aah!«
-
-Juro lachte leise.
-
-»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, den Kronenhügel
-aufzugraben.«
-
-»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
-
-Der Alte lag vor ihm auf den Knien.
-
-»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten nützen nichts.
-Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, die haben sich
-in der Welt umgesehen, und die werden nun Zeugen sein, daß in dem
-Kronenhügel nichts ist als Erde, Sand und Stein. Und so werden die
-Wenden von einem alten Aberglauben erlöst werden.«
-
-»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
-
-»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder willst
-du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?«
-
-»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, ich kann ja
-nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und schlügen Pán Juro tot.«
-
-»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer Stunde wirst
-du sehen, daß ich recht habe, und dann werden alle Wenden es sehen. Du
-bist mir der willkommenste Zeuge.«
-
-»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!«
-
-Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. Jeder hatte
-Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge.
-
-»Ans Werk!«
-
-Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. Dann sagte er:
-
-»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst tun, und
-wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich einmischt, wird
-euch der Mut schon kommen.«
-
-»Tut es nicht, Pán Juro!«
-
-Kito warf sich auf den kleinen Hügel.
-
-»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer zogen Kito empor
-und führten ihn abseits.
-
-Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in den heiligen
-Kronenhügel.
-
-Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er zum Himmel
-hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern zu. Juro grub und
-grub. Da kam erst einer der Männer und half ihm graben, und dann halfen
-alle drei. Der Mond brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man
-hörte nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern
-Kitos.
-
-Eine gute Weile verging -- -- --
-
-Da ... »Da liegt was!« schreit ein Mann und springt aus der Grube.
-
-»Da -- da ist ein Topf!«
-
-»Eine Urne!«
-
-»Um Jesu willen, Pán Juro, den Hügel zu -- den Hügel zu!«
-
-»Weg mit euch! Es gibt viel Urnen in der Welt!«
-
-Juro hebt ein altersgraues Gefäß aus der Erde, er setzt es neben die
-Grube, löst den Deckel, schaut hinein ...
-
-»Was -- was -- was ...«
-
-Er stammelt -- er röchelt -- er stöhnt ...
-
-»Um Jesu willen, Pán Juro ...«
-
-Der greift in die Urne, nimmt etwas heraus, richtet sich auf, wendet
-sich gegen das Mondenlicht, steht so drei Herzschläge lang und bricht,
-wie vom Blitz erschlagen, mit einem markerschütternden Schrei zusammen.
-
-In der rechten Hand hält er eine alte Krone. --
-
-Die vier Männer knien zitternd, stammelnd, ächzend am Boden. Kito nimmt
-zitternd die alte Krone auf, küßt sie scheu am Rande und ruft weinend:
-
-»Du Heilige -- du Heilige -- du Heilige -- um Gottes willen, verzeih
-uns!«
-
-Und bettet die Krone wieder in die Urne, schließt mit zitternden Händen
-die Urne und senkt sie in die Erde.
-
-»Zuschütten! Den Hügel zuschütten! Schnell zuschütten! Sonst richtet
-uns Gott!«
-
-Wie die Rasenden arbeiten die Männer. In ganz kurzer Zeit ist der Hügel
-geschlossen.
-
-Dann läuft einer fluchtartig waldein. Die zwei andern helfen dem alten
-Kito, Juro aufzuraffen.
-
-»Lebt er?«
-
-»Sein Herz schlägt!«
-
-»Er ist so weiß wie eine Leiche. Er kann jeden Augenblick sterben.«
-
-»Helft ihn tragen!«
-
-Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. -- -- --
-
-Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde niedergelegt. Er
-schlägt die Augen auf.
-
-»Was -- was ist? Wo? -- Wer?«
-
-Plötzlich verzerrt er sein Gesicht.
-
-»Die alte Krone!«
-
-Und er sinkt in die Ohnmacht zurück.
-
-Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und dringt ins Haus. Er
-klopft an die Tür des Scholta.
-
-»Kommt herunter, Herr -- vors Tor -- es ist ein Unglück geschehen ...«
-
-Mehr bringt er nicht heraus.
-
-Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt ihn an und
-fragt dann mit eisiger Stimme:
-
-»Hat er nach der Krone gegraben?«
-
-»Ja.«
-
-Der Alte lehnt sich an das Tor.
-
-»Und ...?«
-
-»Und er hat sie gefunden!«
-
-Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt.
-
-»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz seiner
-schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine Augen, die
-sich zu stummem Dank gen Himmel richten.
-
-»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt in
-Ewigkeit! Amen!«
-
-Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito:
-
-»Herr, Euer Sohn ...«
-
-Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro.
-
-»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er tot ist oder
-noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!«
-
-»Wohin sollen wir mit ihm?«
-
-»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, oder
-irgendwohin; mir ist es gleich!«
-
-»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für den weiten Weg.«
-
-Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er:
-
-»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am Tor.«
-
-Da faßte ihn Kito am Arm.
-
-»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, auf dem
-die Gehängten auf den Kirchhof gefahren werden!«
-
-»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe ich für ihn
-nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh auf den Wagen und
-schafft ihn fort!«
-
-Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen auf den
-Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das Stroh und ein Pferd. Mit
-finsterem, starrem Angesicht sah Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh
-gebettet wurde; dann schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von
-dannen fuhr.
-
-
-
-
-Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg so lang.
-Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid mit einem, den man lieb
-hat! In seinem langen Leben hatte der alte Kito keine Stunde gehabt,
-die so bitter gewesen wäre wie diese. Und er zergrübelte seinen alten
-Kopf, wie er's nun anstellen sollte. Es war noch finster. Was würden
-die Leute auf der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem
-solchen Fuhrwerk daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die
-Augen eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh meines
-Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!«
-
-Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einen wilden Zorn
-mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem Sohn diese Schande antat!
-
-O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war der, den
-er so langsam dahinfuhr, schon gestorben.
-
-Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, kniete bei Juro
-nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen nach Juros Herzen.
-Es dauerte lange, ehe er einen schwachen Herzschlag fühlte.
-
-Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und als er an den
-Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, fuhr er
-daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, mit einem solchen Auftrage dem
-deutschen Herrn vor die Augen zu treten.
-
-Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für eine Nacht! So
-gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So war Hanzo wirklich ein
-König! Und seinen ältesten Sohn hatte der Schlag getroffen, als er
-sich an der Krone vergriff. Heilig war sie! Mochte Gott allen vergeben
-und alle schützen vor der Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein
-kalter Morgen. Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er
-Juro übergeben könnte. Da -- da sprang auch wirklich jemand über den
-Graben ...
-
-»Heda -- heda!« schrie der alte Kito.
-
-Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er trug eine Büchse
-über der Schulter.
-
-»Was ist los? -- Was schreien Sie?«
-
-»O Gott -- gerade der gnädige junge Herr!«
-
-»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?«
-
-»Ich soll -- ich will -- Gott schütze mich!«
-
-»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?«
-
-»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!«
-
-»Juro!«
-
-Die Büchse fiel auf den Weg.
-
-»Ja -- was -- was ist denn? Ist er verunglückt? Wo bringt Ihr ihn denn
-her? Was ist geschehen? Juro! Juro!«
-
-Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, fühlte
-nach seinem Puls.
-
-»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito.
-
-»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein -- Gott sei Dank, nur
-ohnmächtig ...! Spannen Sie das Pferd aus, damit es nicht anrückt! Dann
-helfen Sie mir! So! -- Den Kopf tief betten -- er ist ja leichenblaß --
-und nun die Arme und die Beine reiben -- tüchtig!«
-
-Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche ein und rieb
-ihm die Herzgrube.
-
-Dabei fragte er Kito:
-
-»Wo habt Ihr ihn gefunden?«
-
-Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte:
-
-»Er hat -- hat -- die alte Krone ausgegraben, und da hat ihn der Schlag
-getroffen.«
-
-»Die alte Krone? Seid Ihr irre?«
-
-»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.«
-
-»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?«
-
-»Ja, in einem alten grauen Topf.«
-
-»Das ist nicht möglich!«
-
-»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst wieder in den
-Topf getan und sie wieder eingegraben.«
-
-»Kräftiger reiben! Kräftiger! -- Und er fiel also ohnmächtig um? --
-Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. Er hat nächtelang nicht
-geschlafen! -- Ja, Mann, wie kommt Ihr denn zu dem Wagen?«
-
-Kito gab jammernd Auskunft.
-
-»Was -- auf einen Mist- -- auf einen Schand- und Schinderwagen -- der
-eigene Vater?! -- -- -- Bande! Bande! Bande!«
-
-Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen.
-
-»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! Aber es ist nichts
-dabei, wird bald vorüber sein! Da trink mal!«
-
-»Wo bin ich? Was ist?«
-
-»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!«
-
-Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu angestrengtem
-Nachdenken, und dann sagte er erschauernd:
-
-»Die Krone! Die Krone!«
-
-»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! Spannen Sie ein,
-Mann! Dann den Weg rechts hinab!«
-
-»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles -- alles wahr!
-Sie ist da!«
-
-»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.«
-
-»Ich schäme mich -- ich hab' ein Heiligtum geschändet -- ich bin
-schlecht!«
-
-Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half Heinrich dem
-Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die beiden Männer und trat
-durch eine Hintertür ins Schloß.
-
-
-
-
-Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Da ließ sich Heinrich von Withold
-beim alten Scholta Hanzo anmelden. Er wartete im Kretscham auf Antwort.
-Es dauerte zwei Stunden ehe die Nachricht eintraf, daß der Scholta
-Heinrich erwartete. Die beiden Männer begrüßten sich stumm. Der Scholta
-wies auf einen Stuhl.
-
-»Ich danke,« lehnte Heinrich ab; »ich habe nicht viel zu sagen.
-Allerdings, was ich zu sagen habe, ist wichtig. Mein Freund und
-Schwager Juro hat, gehetzt durch die aufgestachelte öffentliche
-Meinung und in der Überzeugung, daß eine alte Krone der Wenden nicht
-existiere, nach ihr gegraben und zu seiner schweren Überraschung eine
-Krone gefunden. Da ist er dem Schreck, einem plötzlichen Nervenanfall,
-erlegen -- er ist ohnmächtig geworden.«
-
-»Gott hat ihn geschlagen!« sagte Hanzo ernst.
-
-Heinrich beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr fort:
-
-»Als ich Juro auf Ihrem Düngerwagen liegend fand, hatte ich zuerst vor,
-die ganze Sache der Behörde anzuzeigen.«
-
-»Das konnten Sie! Von uns aus ist nichts Unrechtes geschehen.«
-
-»Ich weiß nicht,« entgegnete Heinrich kalt, »wieweit sich die beiden
-Würden eines preußischen Schulzen und heimlichen Wendenkönigs
-miteinander vertragen, jedenfalls habe ich die Anzeige unterlassen,
-weil ich mich zu solchen Dingen nicht eigne. Aber ich habe etwas
-anderes getan: ich habe mir die Krone auch einmal angesehen! Hier ist
-sie!«
-
-Er zog unter dem weiten Kragen seines Mantels ein Paket hervor und
-legte es auf den Tisch.
-
-»Was -- was -- was sagen Sie? -- Was ist das?«
-
-Heinrich löste die Umhüllung, eine alte Krone, ein schmaler silberner
-Stirnreif wurde sichtbar.
-
-»Da! -- Das hat Juro gefunden!«
-
-Der alte Hanzo streckte entsetzt die Hände aus gegen den Tisch.
-
-»Das -- das -- die Krone! -- Sie haben es gewagt -- Sie ...«
-
-»Regen Sie sich nicht auf,« sagte Heinrich ruhig; »die Krone ist
-gefälscht!«
-
-Der alte Wende sank auf einen Stuhl; die Zähne schlugen ihm aufeinander.
-
-»Ist das -- ist das -- die Krone aus dem Hügel?«
-
-»Ja, und sie ist nicht die alte Kralskrone, sie ist gefälscht!«
-
-»Sie haben sie ausgegraben?«
-
-»Ja -- unter der Zeugenschaft von zwei gebildeten Männern.«
-
-Da stürzte der alte Hanzo mit geballten Fäusten auf Heinrich los,
-schlug auf ihn ein, rang mit ihm und mußte doch von dem Angegriffenen
-halb gehalten werden, damit er nicht niederfiel. Schließlich sank er
-völlig gebrochen, kraftlos und erschöpft auf seinen Stuhl.
-
-Da öffnete sich die Tür, und Samo trat ein.
-
-»Was geht hier vor?«
-
-»Ich habe dem Scholta die Krone gebracht, die mein Freund Juro neulich
-gefunden hat.«
-
-Samo wurde bleich.
-
-»Wie kommen Sie zu der Krone?«
-
-»Ich habe sie ausgegraben mit noch zwei gebildeten Männern; ich habe
-sofort erkannt, daß es sich um eine wertlose Imitation handelt, und
-habe mir meine Ansicht durch ein Sachverständigenurteil in Berlin
-bestätigen lassen. Hier ist eine beglaubigte Abschrift!«
-
-»Sie sind ein Lump!« schrie Samo heiser.
-
-»Es ist mir eine Ehre, von Ihnen beschimpft zu werden,« erwiderte
-Heinrich mit eisiger Kälte; »denn ich bringe Sie mit dem schmählichen
-Betrug, der hier vollführt wurde, in Verbindung.«
-
-»Herr! Sie werden mir mit der Waffe Genugtuung geben. Diese Schmach
-kann nur Ihr Tod sühnen!«
-
-»Ich schlage mich nicht mit Verbrechern!« sagte Heinrich verächtlich.
-
-Da fiel Samo über ihn her, Heinrich aber schleuderte ihn beiseite und
-verließ rasch das Haus.
-
-
-
-
-»Vater!«
-
-Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf der Tischplatte ruhte.
-Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem Sohne starr ins Gesicht und sprach:
-
-»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der Mensch
-Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich irrsinnig
-geworden durch all die schwere Zeit?«
-
-»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!«
-
-»Die Krone!«
-
-Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen Reif.
-
-»Er sagt -- er sagt -- sie ist falsch!«
-
-»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, dem nichts
-heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden eindrang und die
-Krone stahl.«
-
-»Ist das -- ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?«
-
-»Frage Kito -- er hat sie gesehen.«
-
-Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, wollte er an
-der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster in seinen alten
-Tagen! Aber er mußte in die Stube, mußte an die Krone herantreten.
-
-»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich kenne sie genau
-wieder.«
-
-Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück.
-
-»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem soll stehen,
-die Krone ist gefälscht.«
-
-»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm das Blatt Papier
-hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!«
-
-»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab.
-
-»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon alles gestanden
-hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, daß es kein Vaterland
-gibt, daß es kein Eigentum gibt, daß es kein Recht der Slawen gibt,
-ja daß es überhaupt keine Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung
-ist. Alle solche Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten
-deutschen Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da
-wird zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und der
-tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur eine deutsche
-Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von unseren Feinden ein
-anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, das unsere Widersacher bei
-ihresgleichen bestellt und bezahlt haben, anders ausfallen?«
-
-»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!«
-
-Er zerriß das Papier in viele kleine Teile.
-
-»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. Laßt
-mich allein!«
-
-Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen Andacht
-im Herzen.
-
- * * * * *
-
-Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel noch einmal
-aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, Samos und dreier Zeugen aus
-dem Dorfe. Die Männer überzeugten sich, daß der Hügel nunmehr leer
-sei, und Hanzo gab den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde.
-
-»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« sagte er
-ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt worden, nun soll
-er nicht mehr sein!«
-
-Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte ihnen die Krone
-und sagte:
-
-»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom Himmel gefallen, ein
-gottgesandter Mann hat sie geformt. Der Urkral hat sie getragen. Aus
-ihrem tausendjährigen Hause ist sie vertrieben worden. Sie soll zurück
-in die mütterliche Erde. Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen
-Schaufel gekommen und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es
-getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen Ort. Den
-soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und ich, als immer der Kral
-und sein ältester Sohn. Was ihr gehört und gesehen habt, dürft ihr den
-Wenden erzählen, aber keinem Deutschen.«
-
-Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung von
-dannen. -- -- --
-
-Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er:
-
-»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden wir eine
-Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie wird dann über
-Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.«
-
-Samo wandte sich ab.
-
-Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Sein Atem ging
-rasch. Endlich wandte er sich um.
-
-»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die Stätte der Toten.
-Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere Hoffnung knüpft sich daran,
-die Hoffnung, daß wir Slawen noch einmal loskommen von diesem elenden
-Lande der Deutschen. Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater.
-Ganz lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem
-Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!«
-
-Der Vater blieb bei seinem Vorsatz.
-
-»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur tot für eine
-Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. Und auch unsere
-Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst sie mit mir dort begraben,
-wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort sicher; denn sie hat dort Wächter,
-an die sich nicht leicht jemand wagt.«
-
-»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo.
-
-
-
-
-Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt um. Ihre
-Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen brannten große rote Flecken.
-Da stellte sie plötzlich das Paket hin, das sie getragen, und begann
-heftig zu zittern.
-
-»Da -- da -- ist er -- Samo!«
-
-Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund.
-
-»Samo! Samo!«
-
-»Pst -- still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern überall
-Polizeihunde. Komm weiter!«
-
-Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen geschlossenen Wagen.
-Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und weinte leidenschaftlich.
-
-»O Samo -- Samo! Endlich seh' ich dich wieder!«
-
-Er sagte etwas, was sie nicht verstand.
-
-»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen bin?«
-
-»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir wird es nicht
-lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, wie ich lebe!«
-
-Er sprach mit abgewandtem Gesicht.
-
-»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du uns so lange
-nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir ausgestanden um dich!«
-
-»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!«
-
-»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst nie schlecht!«
-
-Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur Hanka weinte
-leise vor sich hin.
-
-»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine Stimme war düster.
-
-»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.«
-
-Samo schüttelte den Kopf.
-
-»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. Und ich hab'
-aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.«
-
-»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka erschauernd.
-
-»Ja, ich spreche +nur+ davon! Ich hab' in den ganzen zwei Jahren
-eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als immer das eine.
-Ich glaubte, er sei längst vermodert.«
-
-»Samo, sprich nicht so Schreckliches!«
-
-»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre es anders
-gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in diesen heißen,
-unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' gut gewesen.«
-
-»Samo!«
-
-»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen Hund. Er
-schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs neue, als ich ihn
-persönlich stellte. Da bekam er das Messer in die Brust. Ich konnte
-nicht anders. Meine Hand tat es von selbst.«
-
-»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat sich auch
-frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die meiste Schuld
-gehabt!«
-
-»Sie haben einen Steckbrief hinter mir erlassen?«
-
-»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt -- um Juros willen -- wegen
-des Namens --, aber der Staatsanwalt ist gekommen, und es hat sich
-nichts ändern lassen. -- Juro hat damals seine Verlobung aufgelöst --«
-
-»So?«
-
-Samo schwieg eine Weile.
-
-»Weil sein Name geschändet war -- weil ich den Bruder seiner Braut --
-nun ja, ich kann mir's denken!«
-
-»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen nach
-Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt sind sie schon
-verheiratet.«
-
-»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat nichts davon
-gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt denn das junge Paar? Beim
-Vater zu Haus auf der Scholtisei?«
-
-»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der Vater
-verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen hat, wie er
-dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt hast.«
-
-Samo sah zum Wagenfenster hinaus.
-
-»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig.
-
-»Was -- was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken.
-
-»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? Kannst du nur ein
-wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze Jahre mit einem Ermordeten
-zu ringen, was das heißt, verbannt, geächtet, verfolgt zu sein, ein
-Mordbube zu sein, dem jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig
-erscheint, was das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle
-Hoffnung zusammenbricht?«
-
-»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka.
-
-»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch geschrieben,
-hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken Prags unter falschem
-Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, bis ich es nicht mehr aushielt,
-bis ich euch doch eine Nachricht gab.«
-
-»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!«
-
-»+Besser+ -- vielleicht! Es kann aber nicht mehr +gut+ werden. Der
-Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die Heimat ist
-verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.«
-
-Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm um seinen Hals.
-
-»Samo, ich hab' dich lieb!«
-
-Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin.
-
-»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du mich nicht
-lieb, da liebtest du den Juro.«
-
-Sie wurde rot.
-
-»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel schlimmeres
-Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht aushalten.«
-
-»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!«
-
-Er schob sie sacht beiseite.
-
- * * * * *
-
-Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt Prags bewohnte,
-die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. Ein Bett stand in dem
-sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, ein Tisch und ein paar Stühle.
-An der Wand waren einige Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein
-halbzerbrochenes Waschbecken.
-
-»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz des zukünftigen
-Krals der Wenden.«
-
-Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch Leib und
-Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf Ordnung, Reinlichkeit
-und behaglichen Wohlstand gerichtet war, erschrak vor dieser
-liederlichen Höhle.
-
-»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?«
-
-»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war noch schlimmer;
-zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.«
-
-Da brach sie in Tränen aus.
-
-»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von deinem Vater
--- sechstausend Taler!«
-
-Samos Augen blitzten auf.
-
-»Geld? -- Sechstausend Taler? -- Ah, mein Mutterteil! Das ist nicht
-schlecht!«
-
-Er lächelte vergnügt.
-
-»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das niemandem,
-Hanka, das darf niemand wissen! Das würde gleich Verdacht erregen. Ich
-bin hier der verbummelte und verarmte Journalist Wenzel Halek. Das
-darfst du nie vergessen. Ich heiße Wenzel Halek.«
-
-Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl.
-
-»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen muß man sich
-schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe einem verbummelten Kerl
-seine Papiere abgekauft. Um fünfzig Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er
-noch vertrunken, und am anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital
-gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.«
-
-»O Gott, o barmherziger Gott!«
-
-»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was für eine Welt du
-kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht ertragen. Ich -- ich
-habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe schon hierher!«
-
-»Samo!«
-
-»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot -- der neue Wenzel
-Halek ist ein Lump -- er sauft ebenso wie der alte Wenzel Halek.«
-
-»Samo, Samo, was -- was redest du --«
-
-»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. Es gab
-Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal betrunken war.
-Das wird so, wenn man mit -- mit Schatten kämpft und wenn man alles,
-was einem lieb war, verloren hat.«
-
-Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank mit dem Kopf
-auf den Tisch.
-
-Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. Eine dicke,
-alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher Neugier Hanka.
-
-»Also -- das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? Ein
-schmuckes Frauchen! -- Nu, Herzchen, wie gefällt es Ihnen hier? Ja,
-mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber es ist gemütlich!«
-
-»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo.
-
-»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden schuldig.«
-
-»Kriegst du morgen! Und nun hinaus, ~murguta Myrlawa!~«[56]
-
-Er schob die Alte zur Tür hinaus.
-
-»Wer -- wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen.
-
-»Meine Wirtin.«
-
-»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht gesagt, daß
-ich deine Frau bin?«
-
-»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. Hier läuft
-alles durcheinander.«
-
-Sie nahm ihn ängstlich an der Hand.
-
-»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube nehmen und ein
-ordentliches Leben führen?«
-
-Er machte sich achselzuckend los von ihr.
-
-»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.«
-
-»Du kannst doch sagen, ich -- ich habe dir das Erbteil mitgebracht --«
-
-»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird machen
-lassen.«
-
-
-
-
-Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. In eine
-»ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, hoch in den oberen
-Stock eines sauberen Hauses. Aber ein »ordentliches Leben« führten sie
-nicht.
-
-Samo war liederlich geworden.
-
-Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib saß und
-mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, hinauf zu den
-Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, daß ihre Sehnsucht immer mit
-auf die Reise ging, hinstrebte nach der wendischen Heimat, die für ihn
-und sie auf immer verloren war.
-
-Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang hatte er manchmal
-Bücher aus einer Bibliothek besorgt und etwas studiert. Aber was
-nutzte ihm das Studieren? Er interessierte sich in der Hauptsache für
-medizinische Schriften, und was in aller Welt sollte ihm noch die
-medizinische Wissenschaft nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert,
-Wenzel Halek hatte nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt;
-geistig war er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei
-Qualifikationen erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im
-Delirium geendet war, mußte Samo nun fortsetzen.
-
-»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek
-saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.
-
-Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen;
-er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht
-viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal
-hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos
-Wunsch verhindern müssen.
-
-So war Hanka in schwerster Verlassenheit.
-
-Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten,
-schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich
-mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er -- seit
-er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war -- einen Haß auf
-alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich
-in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr
-und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.
-
-Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese
-Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene
-Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große
-Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten
-und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene
-Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser
-Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das
-damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute
-verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch
-geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! --
-
-Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige Wirtin, der
-fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten
-Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei
-einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn
-weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein
-Frauenzimmer mitgenommen.
-
-Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich
-in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin,
-um etwas von dieser Kunst zu profitieren.
-
-Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen,
-abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von
-vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im
-Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren
-tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch
-noch in den Gesichtern jener Männer.
-
-Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:
-
-»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft
-genug zur Kirche gerufen.«
-
-»Du bist Katholik?«
-
-»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male das Hochamt
-gesungen.«
-
-»Ach, du warst Priester?«
-
-Der andere zuckte die Schultern.
-
-»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer.
-
-»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein
-ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich noch
-Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. Jetzt ist's
-anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich einmal aus deiner
-Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer -- na also, die Kirche hat
-immer noch einen guten Magen.«
-
-Er lachte unflätig.
-
-»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in der
-Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt haben soll?
-Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!«
-
-»Ein Cikán! Ein Cikán!«
-
-Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er hatte ein
-schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug oder aus
-der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige Kreuzer für ihre Kunst;
-aber alles lauschte gespannt und gläubig ihren Worten. Sie mischte
-ihre Vorhersagungen aus buntem Glück und schwarzem Unheil, prophezeite
-goldene Reichtümer oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und
-Zähneknirschen. Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin.
-Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie:
-
-»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen ist. Und du
-wirst dort liegen bleiben!«
-
-»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! Er ist ein
-Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle hier, Zigeunerweib?!
-Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns trinken!«
-
-Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die alte Wičaz zu
-Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt seine Hand hin. Die
-Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, dann seine Hand und sagte:
-
-»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von einem Fremden,
-der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist ein anderer schuld, daß
-du hier bist. Du wirst dich an ihm rächen.«
-
-Samo nickte düster.
-
-»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte Wičaz. Was
-faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl nicht der eine im
-Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der Moldau.«
-
-Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin.
-
-Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange und flüsterte
-ihm dann ins Ohr:
-
-»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber wenn du einen
-Feind hast, räche dich!«
-
-In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem fernen ungarischen
-Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandert und hatte Weib und Kind
-daheim gelassen. Mit Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch
-Drahtbinden seine Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst
-erspart, nur von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da
-er sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der in seine
-arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen kaufen wollte.
-
-Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf bloßer Erde;
-die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er trug sein
-fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als die Zigeunerin
-herumging, stand einer der Gäste auf, trat an den Slowaken heran und
-rüttelte ihn.
-
-»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.«
-
-Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und schlief weiter.
-
-Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit Kämmen, Knöpfen,
-Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem Kleinkram. Er machte geringe
-Geschäfte. Während er noch schacherte, erwachte der Slowak und fing
-plötzlich laut an zu schreien.
-
-Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast zwei Jahre
-fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. Der arme Mann schrie,
-jammerte, warf sich auf die Erde, schlug verzweiflungsvoll mit Armen
-und Beinen.
-
-»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer.
-
-Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden.
-
-»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, der vorhin den
-Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem Geld!«
-
-Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. Samo aber
-rief in das Lokal hinein:
-
-»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. Hier darf keinem
-was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.«
-
-Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde der Beutel, den er
-in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam zu seinem Gelde.
-
-Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand.
-
-»O danke, Pán, o danke, Pán!« -- -- --
-
-Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der Szene zu. Als
-Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren Freund Bohuslaw, den
-Neffen des alten Krok.
-
-Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch seine Hand hielt,
-los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw auf die Straße.
-
-»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw draußen.
-
-»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch.
-
-»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit haben wir
-nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, du seist gar nicht mehr
-in Prag.«
-
-»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige Leute!«
-
-Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße entlang. Da
-setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer.
-
-»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er.
-
-Bohuslaw setzte sich neben ihn.
-
-»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal --«
-
-»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke gehöre ich! Da
-brauche ich mich wenigstens vor den andern nicht zu schämen.«
-
-»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« sagte Bohuslaw
-traurig.
-
-»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! Ich brauche
-mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, Pán Bohuslaw, das steht
-doch anders! Aber es wird noch mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir
-eine Zigeunerin geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn -- ich
-weiß es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist schuld
-an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! Und dieser Fremde
-ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.«
-
-»Samo!«
-
-»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; ich wollte
-meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen durchkämpfen; da ist
-dieser verrückte Altertumskrämer in mein Leben getreten und hat mich
-auch verrückt gemacht! Mit seinem Kerzengeflimmer und Altarklimbim
-hat er mich so sentimental, so duselig, so toll gemacht, daß ich
-schließlich auf seine hirnverbrannten Ideen eingegangen bin.«
-
-»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok sagen?«
-
-Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort:
-
-»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben stand,
-als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst ihre Sache fast
-verloren. Und den Hauptschlag gegen das Slawentum an der Sprewja
-fürchtetest du von deinem Bruder Juro, der gedroht hatte, den
-Kronenhügel aufzugraben und so den einfachen Leuten da oben den Beweis
-zu erbringen, daß es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der
-alte Krok gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß
-das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die slawische
-Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz deutsch!«
-
-»Was wärmst du den alten Kohl auf?«
-
-»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.«
-
-»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug verleitete.«
-
-»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in Wahrheit da,
-die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. Die Kralswürde
-ist echt. Und der Glaube daran darf nicht an der äußerlichen Tatsache
-scheitern, daß die substanzielle Krone fehlt oder wenigstens dort
-fehlt, wo man sie vermutete.«
-
-»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und sie im
-Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat fürwahr! Oder
-vielleicht auch eine romantische Schufterei.«
-
-»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt hast. Er hat
-dir doch geraten, nachdem die Krone eingegraben war, dafür zu sorgen,
-daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben und nach einem würdigeren
-Platz bringen solltest, etwa nach eurer Heimatkirche. Dann war der
-Glaube befestigt, dann konnte auch nichts passieren, dann konnte ja
-nichts entdeckt werden.«
-
-Samo sprang von der Mauer herab.
-
-»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. So einen Quark,
-so einen betrügerischen Schmarren, den hier in Prag ein Pfuscher
-gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche bringen, das vermochte
-ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. Grub Juro den Hügel nicht
-auf -- nun gut -- dann war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann
-war ihm die Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute
-war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, war ein
-elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler deutscher Student
-erkannte.«
-
-»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone Przemisls
-gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und Nacht überwacht.«
-
-»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er nicht seine
-echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den slawischen Gedanken
-an der Sprewja zu befestigen? Weil er ein selbstsüchtiger Geizhals ist!
-So wurde ein Stümperwerk geschaffen, das mich ins Verderben brachte.«
-
-»Krok hat gewollt -- ich sage es noch einmal --, du selbst solltest den
-Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone auszugraben und nach
-einem sicheren Ort zu bringen, da sie durch Juro bedroht sei. Hättest
-du das getan, wär alles gut.«
-
-»Und -- ich sag' es auch noch einmal -- ich konnte es nicht! Ich
-brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und in unsere
-Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch -- doch der Vater
-gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof zu begraben über dem
-Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, das ist es, was mich wie ein
-Fluch verfolgt, das war es, was mir schon am nächsten Tag den Sinn so
-verwirrte, daß ich den Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt
-hatte. Das ist es, was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den
-Nächten nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der falschen
-Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein sehr schlechter
-Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, werde ich darüber
-verrückt!«
-
-Bohuslaw seufzte schwer auf.
-
-»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen bin ich hier, bin
-ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde das tun, wozu mir die
-Zigeunerin riet, ich werde mich an dem alten Krok rächen, der mich
-vom geraden Pfade ehrlichen Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem
-romantischem Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich
-gehe nach dem Wirtshaus zurück.«
-
-»Samo!«
-
-Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme.
-
-
-
-
-Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war schon am frühen
-Morgen fortgegangen. Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen.
-Erst spät war er nach Hause gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er
-hatte wieder soviel laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war,
-wenn er schrie:
-
-»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom Kopf! Mutter, sie
-drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, daß du die Krone auf dem
-Kopf hast!«
-
-Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und streckte die
-Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte er, bis er erwachte
-und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er nur mit der Krone hatte! Er
-sprach niemals ein gutes Wort von ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn
-die Krone nur erwähnt wurde.
-
-Und doch, war er nicht ein Märtyrer der alten Krone? Hatte er sie nicht
-verteidigt gegen Frevlerhände, mußte er nicht Schmach und Verachtung
-für sie erdulden, war es nicht die Krone, um derentwillen er Heimat und
-Ehre verlor?
-
-Um dieses Martyriums willen liebte Hanka ihren Mann, hatte sie für
-seine Verirrungen nichts als liebendes Bedauern.
-
-Nun saß sie wieder einmal allein. Sie nähte an kleiner Wäsche für das
-Kind, das sie erwartete. Sie freute sich auf dieses Kind. Vielleicht
-würde Samo erlauben, daß ihre Eltern zur Taufe kämen. Das würde doch
-ein Lichtblick sein in ihr so dunkles, einsames Leben; vielleicht würde
-Samo gar ordentlicher werden, mehr zu Haus bleiben, wenn erst das
-Kindchen da war. Dann würde Hanka zufrieden sein.
-
-Da klopfte es an die Tür, und es stürzte ein alter Mann in höchster
-Aufregung ins Zimmer.
-
-»Sind Sie -- sind Sie Frau Halek?«
-
-»Ja, -- was wollen Sie?«
-
-»Sind Sie die Frau Samos?«
-
-»Mein Mann heißt Wenzel Halek.«
-
-»Ja, gut, gut; aber ich weiß, wer er ist, woher er stammt. Wo ist Ihr
-Mann?«
-
-»Das weiß ich nicht! Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
-
-»Wo ist Ihr Mann?« schrie der Alte.
-
-»Ich weiß es nicht!«
-
-»Sie wissen es bestimmt! Sie wissen auch, wo die Krone ist! Wo ist
-meine Krone? Meine kostbare Krone?«
-
-Der Alte brüllte es. Hanka sah ihn erschrocken und verängstigt an. Sie
-glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Verzweiflungsvoll fuhr
-sich der Mann mit beiden Händen über den kahlen Kopf.
-
-»Wenn Sie es nicht sagen, dann hole ich die Polizei! Dann lasse ich
-alle einsperren -- alle!«
-
-»Was wollen Sie eigentlich von meinem Mann?«
-
-»Die Krone hat er mir gestohlen. Aus dem Altar heraus hat er sie mir
-gestohlen. Hat sich eingeschlichen, weil er meine Wirtschafterin kennt!«
-
-»Was für eine Krone? Was redet Ihr immer von einer Krone?«
-
-»Die Krone Przemisls. Die echte Krone! Das Heiligtum! Die Krone, nach
-der Ihre wendische Krone gemacht worden ist.«
-
-Noch immer sah ihn Hanka fassungslos an.
-
-»Die wendische Krone gemacht worden ist --?« wiederholte sie
-verständnislos.
-
-»Nun ja, ich hab' doch meine echte böhmische Krone hergeliehen, daß
-sich Samo eine Krone machen lassen konnte --«
-
-»Eine Krone machen lassen konnte -- --? Wozu braucht Samo jetzt eine
-Krone?«
-
-»Jetzt?! Frau, verstellen Sie sich nicht! Wer redet von ›Jetzt?‹ Damals
--- als er die Krone für den wendischen Königshügel brauchte, -- als er
-sich die Krone machen ließ --«
-
-»Für -- für unseren -- unseren Hügel?!«
-
-Hanka fragte es mit entsetzt starrenden Augen. Ein grausiges Licht ging
-ihr auf.
-
-»Nun, natürlich für Ihren Hügel -- Sie verstellen sich doch bloß -- Sie
-müssen doch das wissen als seine Frau. Und das ist der Dank, daß er
-mir --«
-
-Er hielt inne. Die Frau vor ihm war ohnmächtig zusammengesunken.
-
-»Was ist das? Was ist mit ihr? -- Aah -- Sie erschrak vor der Polizei!
-O hätt' ich doch -- hätt' ich doch -- meine Krone --«
-
-Er begann die ganze Stube zu durchsuchen, öffnete den Schrank, riß die
-Schübe auf, wühlte alles durcheinander. Darüber kam Samo nach Haus.
-
-»Was geht hier vor? -- Was macht der alte Halunke? -- Stiehlt er? --
-Ahnt' ich es doch!«
-
-Er schloß die Tür hinter sich ab.
-
-»Meine Krone will ich -- meine Krone will ich -- wo hast du sie -- du
--- du ...« brüllte der Alte. Samo schob ihn beiseite.
-
-»Hanka -- was ist mit Hanka? Hat sie der Lump erschlagen?«
-
-»Sie ist von selbst umgefallen. Ich habe ihr nichts getan.«
-
-»Hast du es ihr gesagt, daß wir unsere Krone nach deiner ...«
-
-Der Alte nickte. »Ich glaubte, sie wüßte es! Und es ist alles egal --
-alles egal -- meine Krone will ich.«
-
-»Oh, du -- du -- du Lump -- auch das noch -- auch das noch!«
-
-Samo schüttelte den alten Mann, daß ihm der Atem ausging. Dann raffte
-er Hanka auf und legte sie aufs Bett. Dabei erwachte sie. Sie schaute
-entsetzt auf Samo:
-
-»Ist es wahr, was jener Mann dort ...«
-
-»Ja,« stieß Samo heiser heraus, »es ist wahr! Nun sollst du's schon
-wissen!«
-
-Da schloß Hanka die Augen und rührte sich nicht mehr.
-
-»Meine Krone will ich, meine heilige Krone will ich!« heulte wieder der
-Alte.
-
-Samo stieß ihn auf einen Stuhl.
-
-»Deine heilige Krone habe ich verkauft!«
-
-Der Alte schrie auf.
-
-»Ich habe sie an einen Matrosen verkauft, der hier zu Besuch war und
-jetzt über alle Berge ist.«
-
-»Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein,« heulte Krok; »das
-gibt Gott nicht zu!«
-
-»Laß Gott aus dem Spiel, alter Lump! Deine Krone wird in irgendeinem
-Hafenort verschachert oder eingeschmolzen werden. Fünf Gulden habe ich
-dafür bekommen. Da hast du das Geld!«
-
-Er warf es dem Alten vor die Füße. Der schnappte nach Luft, brachte
-aber kein Wort mehr heraus.
-
-»Siehst du, alter Krok, das ist meine Rache! Eine viel zu winzige
-Rache. Ich habe dir einen alten Silberscherben genommen, der tot und
-leblos war; du hast mir die lebendige Krone meines Volkes vom Haupte
-gerissen, du hast aus dem künftigen Wendenkral einen versoffenen
-Vagabunden gemacht. Wenn ich sage, wir sind quitt, bin ich großmütig.
-Ich zerstörte dir eine Marotte, du zerstörtest mir das Leben.«
-
-Nun schlug der alte Krok einen andern Ton an:
-
-Mit gefalteten Händen stand er vor Samo:
-
-»Erbarme dich, Samo, erbarme dich! Sei großmütig, wirklich großmütig!
-Gib mir die Krone wieder!«
-
-»Gib du mir meine Krone wieder, wenn du kannst!«
-
-»Sieh es ein, Samo, ich habe es gut mit dir gemeint. Denke an die
-schöne, feierliche Nacht, da du zuerst bei mir warst.«
-
-»Ich verfluche diese Nacht; sie war der Anfang zu meinem Verderben.«
-
-»Es mußte doch so sein, wenn das Slawentum bei euch gerettet werden
-sollte -- sieh es doch ein!«
-
-»Nein, es mußte nicht so sein!«
-
-»Ich habe es dir anders geraten ...«
-
-»Ich weiß, was du mir geraten hast. Selbst sollte ich die Krone
-ausgraben oder von dieser Frau dort, die damals noch ein Mädchen war,
-mit einer versilberten Schaufel ausgraben lassen und die Krone nach
-meiner Heimatkirche übertragen. -- Ich konnte es nicht; ich brachte
-diese elende Komödie nicht fertig ...«
-
-»Völker sind oft durch Komödien geleitet worden, Samo, tausendmal sind
-Völker durch ein Spiel, das ihre Phantasie ergötzte, zum Glück und
-zur Größe geführt worden. Wer das nicht wagt, was kleine Leute Betrug
-nennen, kann nicht der Führer eines Volkes sein; denn die Völker wollen
-und müssen von Zeit zu Zeit betrogen werden. Es gibt keinen Staat der
-Welt, wo so etwas nicht bewußt geschehen wäre.«
-
-»Das ist deine Sophistik!«
-
-»Du hast ihr zugestimmt. Und dann ist das Ganze an deiner Schwäche
-gescheitert.«
-
-»An meiner Ehrlichkeit!«
-
-»Nenne es, wie du willst! Aber wenn du ehrlich bist, gib mir die Krone
-wieder, die du aus meiner Kapelle geholt hast. Ich bitte dich um Himmel
-und Erde willen, gib mir die Krone!«
-
-Hanka sprang vom Bett auf. Finster schaute sie auf Samo.
-
-»Gib ihm die Krone zurück! Sei wenigstens kein Dieb!« sagte sie hart.
-
-»O gute Frau! O brave Frau Hanka!«
-
-Samo lachte laut und lange. Er wandte sich an Hanka:
-
-»Nun hast du mich also ganz erkannt, Hanka! Ein Prachtkerl, nicht wahr?
-Und das, was ich bin, bin ich durch diesen Mann. Schau ihn an, den
-kahlen Affen! Er hat kein anderes Ideal als alten Kram, in dem er sich
-wohlfühlt. Ich wußte, daß ich ihn nicht ärger treffen konnte, als daß
-ich ihm seine alte Krone nahm; deshalb nahm ich sie ihm, und deshalb
-bleibt sie ihm genommen.«
-
-»Samo, erbarme dich ...«
-
-Der Alte fiel vor ihm auf die Knie.
-
-Da nahm Samo seinen Hut und stürmte davon. Der Alte lief ihm wimmernd
-und händeringend nach.
-
-
-
-
-Der trübe Tag verging, eine sternenlose Nacht folgte ihm. Und als auch
-sie vorüber war und das fahle Morgenlicht durch die Straßen schlich
-wie ein zu früh gewecktes, müdes Kind, das auf Arbeit ausgehen muß, da
-verließ Samo das Wirtshaus, in dem er so lange gewesen war, und irrte
-erst ziellos durch die Gassen und kam schließlich, von innerem Drang
-geleitet, an das Haus des alten Krok.
-
-Was er dort wollte, wußte er nicht; er wollte sich wohl mit dem alten
-Manne weiter streiten. Es tat ihm wohl, mit ihm Händel zu haben. So
-klopfte er an die Tür.
-
-Nur wenige Minuten, und die alte Haushälterin kam und erschrak so vor
-Samo, daß sie sich auf die Treppe setzen mußte. Samo schloß die Tür
-von innen und ließ die Alte sitzen, nachdem er ihr unter einer rauhen
-Drohung verboten hatte, Lärm zu schlagen. Das Weiblein duckte sich
-zitternd und heulend zusammen.
-
-Oben im Eckzimmer war Licht, auch der Nebenraum war erleuchtet. Aber
-Krok war nicht zu sehen. Da ging Samo nach der Kapelle.
-
-Sie war hell erleuchtet. Ungezählte Kerzen flammten.
-
-Der beraubte Tabernakel des Altars stand offen.
-
-Und auf den Stufen des Altars lag lang dahingestreckt der alte Krok und
-war tot.
-
-Regungslos stand Samo, starrte mit stumpfem Sinnen in das
-Kerzengeflimmer und dann wieder auf den toten Greis. Lange stand er
-so. Dann aber war es, als würden die Heiligen und Helden an den Wänden
-lebendig.
-
-Wenzeslaus schwenkte seine Fahne, der große König Karl stieg aus dem
-Bilde, Wallenstein zückte den Degen, Przemisl, der König, dessen Krone
-geraubt worden war, sprang auf von seinem Pflug.
-
-Da lief Samo davon, die Treppe hinab, hinaus auf die Straße.
-
-Die kühle Morgenluft ernüchterte ihn. Er ging zwei oder drei Straßen
-weiter, dann setzte er sich müde auf die Stufen, die zu einer
-Kirchenpforte emporführten.
-
-Krok war tot. Weil er die Krone verloren hatte! Weil das alte Heiligtum
-nun ein wüster Matrose irgendwo versetzte und das Geld, das er dafür
-bekam, verliederte.
-
-Ei, alter Krok, dir ist es schlecht ergangen!
-
-Aber ich habe auch keine Krone. Ich bin auch tot.
-
-Tröste dich! Siehe, der dort auf der Straße dahertorkelt, der war
-früher ein Priester. Siehst du, wie er stehen bleibt? Siehst du, wie
-er ein paar Sekunden lang her auf die Kirche sieht? Da hat er früher
-Hochamt gehalten, und an seinem Altar brannten viele Lichter.
-
-Er hat auch eine Krone verloren.
-
-Viel, viel Menschen verlieren eine kostbare, alte Krone, sinken von
-einem Thron in den Pfuhl.
-
-Tröste dich also, alter, toter Krok! Ich will jetzt nicht mehr bös auf
-dich sein. Davon hast du schon etwas; denn ich bin doch ein Königssohn.
-Weißt du noch, wie du mich vergöttert hast? Wie du mir die Hand
-küßtest? Es ist dumm genug, daß alles so kommen mußte!
-
-Als es heller wurde, ging Samo nach Hause.
-
-Nun kam noch ein ernstes Wort mit dem Weibe. Am Ende war der auch
-Unrecht geschehen. Aber Unrecht muß geschehen, Hanka, muß! Hast halt
-auch Unglück gehabt. Glaubtest, einen künftigen König zu heiraten, und
-bekamst einen Lumpen ...
-
-Die Stube war leer. -- -- --
-
-Auf dem Tische lag ein Zettel. In Hankas wenig geübten Schriftzeichen
-stand darauf zu lesen:
-
-»Ich habe bei dir ausgehalten, weil ich glaubte, du seiest im Recht.
-Jetzt gehe ich fort. Ich will unser Kind ordentlich erziehen oder es
-doch zu guten Leuten bringen. Deiner mag sich Gott erbarmen. Hanka.«
-
-Samo las den Zettel zweimal, dann nickte er mit dem Kopf.
-
-»Es stimmt!«
-
-Ein paar Minuten starrte er stumpf vor sich hin. Dann öffnete er die
-Kommode und durchsuchte sie. Dabei brummte er:
-
-»Es war doch -- es war doch -- ein Strick im Schube! -- -- Wo ist er
-nur -- ist er nur? Immer, wenn man was braucht, findet man's nicht. Wo
-ist nur der Strick?«
-
-Beim Suchen fiel ihm eine Geldbörse in die Hand.
-
-»Das Geld hat sie dagelassen -- hat sie dagelassen -- o ja, anständig
-war sie ...«
-
-Er trat ans Fenster und stand dort regungslos wohl eine Viertelstunde.
-Der junge Morgen leuchtete ihm ins Gesicht.
-
-Da steckte er die Börse und einige Papiere zu sich, verließ das Zimmer,
-schloß es ab und trat wieder auf die Straße.
-
-
-
-
-Es war an einem regnerischen Märzabend des Jahres 1866. Eine Frau
-erschien an der Tür Juros, der in einer ansehnlichen deutschen Stadt
-als Arzt lebte. Die Frau begehrte den Herrn Doktor zu sprechen.
-
-Das Dienstmädchen öffnete eine Tür.
-
-»Sie wünschen?« fragte der Doktor.
-
-Die Frau rührte sich nicht. Sie blieb an der Tür stehen. Da kam ihr
-Juro näher.
-
-»Womit kann ich Ihnen -- -- Hanka! Hanka! Hanka! -- Bist du es
-wirklich? -- Komm -- nimm meinen Arm! Setze dich! Aber, Hanka, reg dich
-doch nicht so auf! Sei doch ruhig! Wir wollen ja ganz ruhig sprechen.
-Rege dich nicht auf! Wir kommen schon zum Ziel. Sei doch ruhig --
-fürchte dich nicht!«
-
-»Ich komm -- ich komm um Verzeihung bitten -- ich ...«
-
-»Was? Laß das, Hanka! Werde erst ruhig! Laß mich lieber fragen. Du
-warst bei Samo, bei deinem Manne, nicht wahr?«
-
-»Ja -- er -- er hat -- hat alle betrogen -- er hat -- hat die Krone
-eingegraben -- und sie war -- war gefälscht!«
-
-Sie weinte leidenschaftlich. Juro faßte sie an beiden Händen.
-
-»Liebes Kind, das weiß ich schon, das ist mir ja nichts Neues -- reg'
-dich doch darum nicht so auf! Das ist eine alte Geschichte für mich,
-die nun endlich vergessen sein soll.«
-
-»Ich bin -- bin bei ihm geblieben, bis ich das wußte. Aber jetzt --
-jetzt konnte ich nicht mehr.«
-
-»Du bist fort von ihm?« sagte Juro düster. »Du hältst es bei ihm nicht
-aus?« Weiteres mochte er nicht fragen.
-
-Hanka aber sagte unter einem Strom von Tränen:
-
-»Er ist -- ist ganz liederlich geworden -- er erträgt es nicht, daß er
-so ausgestoßen ist -- und ich -- ich erwarte ein Kind -- und das Kind
-kann da nicht aufwachsen, nicht bei diesen schrecklichen Menschen in
-Prag -- nicht, wo ich jetzt alles weiß ...«
-
-Juro sah sie mitleidig an. Er streichelte ihr den Kopf, und sie
-schwieg eine lange Weile, ehe sie sich fassen konnte. »Und nun bin ich
-gekommen,« fuhr sie dann fort, »um Verzeihung zu bitten -- dich und
-deine Frau und deinen Schwager Heinrich und unsern alten -- alten Vater
-Hanzo.«
-
-Da stand Juro auf.
-
-»Nein,« rief er, »nein, Hanka, der Vater darf davon nichts wissen, der
-darf nie, nie erfahren, daß die Krone gefälscht war.«
-
-»Er muß es doch erfahren!«
-
-»Nein, Hanka! Sieh, ich bin nicht mehr der alte. Wohl erkenne ich jetzt
-noch meine Prinzipien als richtig, wohl glaube ich jetzt noch, daß für
-unser Wendenvölklein allein im innigsten Anschluß an die Deutschen das
-Heil liegt, aber ich weiß auch, daß ich nicht unschuldig bin an allem,
-was geschehen ist. Ach, Hanka, uns arme Menschen quält alle eine
-Schuld. Keiner von uns ist weiß wie Schnee, keiner von uns ist schwarz
-wie die Nacht.«
-
-Er sah ein Weilchen vor sich hin, dann fuhr er fort: »Mein
-Jugendungestüm, oder sage ich ruhig, mein geistiger Hochmut, hat mich
-verleitet, rücksichtslos mein Ziel zu verfolgen, hat alles kluge
-Abwarten vereitelt. Daß ich den Hügel aufgrub, war nicht recht! Die
-Schicksale der Völker gehen ihren Weg wie die großen Ströme; es ist
-töricht, unsere paar Hände voll Sand gegen sie zu werfen. Und es ist
-sündhaft, altes, gläubiges Vertrauen ohne Not niederzureißen. Selbst
-Gottes Sonne schmilzt ja altes Eis nicht an einem Tag.«
-
-Wieder machte er eine Pause, ehe er weitersprach:
-
-»Dem Vater muß sein Vertrauen zu der alten Krone erhalten bleiben. Was
-nützt es, seinem sinkenden Tag das Abendgold zu nehmen? Und so wie er
-ist sein wendisches Volk. Dessen langer mühsamer Tag geht zur Neige.
-Es stehen noch ein paar rote Träumerwolken an seinem Himmel; ich habe
-erkannt, daß es unrecht ist, den Wenden dieses letzte Glück zu nehmen.«
-
-Hanka hörte auf zu weinen, als er so redete. Nach einiger Zeit
-beruhigte sie sich so weit, daß sie einen Bericht über die zwei letzten
-Jahre ihres Lebens geben konnte. Sie stockte oft und brachte die Worte
-nur mühsam heraus, und als sie der letzten Tage gedachte, mußte sie
-alle Kraft zusammennehmen. Als sie geendet hatte, sagte Juro:
-
-»Hanka, auch du darfst das Vertrauen nicht verlieren. Du darfst nicht
-so in bitterem Groll an deinen Mann denken. Schon um deines und seines
-Kindes willen darfst du es nicht. Hanka, ich bin überzeugt, daß Samo,
-als er die Krone eingrub, glaubte, er tue etwas, das unerläßlich sei,
-er begehe nichts als eine Kriegslist, zu der ich ihn gezwungen hatte.
-Mit diesem Gedanken ist er von dem alten Manne aus Prag zurückgekehrt.
-Und, Hanka, was er gefehlt hat, hat er bitter büßen müssen. Er ist ja
-so unglücklich geworden!«
-
-»Ich kann nicht zu ihm zurück; sein Leben ist schrecklich!«
-
-»Du sollst und du darfst auch jetzt nicht zu ihm. Vielleicht findet er
-später noch eine friedliche Stätte.«
-
-Hanka schüttelte traurig den Kopf.
-
-»Er hat wirklich sehr an seiner Heimat gehangen; er findet sich draußen
-nicht zurecht.«
-
-Juro grübelte. Er hatte längst Erkundigungen eingezogen, ob denn keine
-Aussicht sei, daß durch des Königs Gnade die Gefängnisstrafe, die Samo
-zu gewärtigen hatte, wenn er zurückkehrte, in Festungshaft umgewandelt
-werden könnte. Er hatte nichts Tröstliches erfahren. Daß Samo nach der
-Tat geflohen war, und daß er sich nicht selbst gestellt hatte, daß er
-unter einem falschen Namen sich so lange verborgen hatte, machte die
-Sache aussichtslos.
-
-Armes Weib! So jung und so tief in der Verlassenheit. Armes Kind, das
-zum Leben strebte und schon jetzt keinen Vater mehr hatte!
-
-Juro suchte nach freundlichen Trostworten; er fand keine. Es würgte ihn
-an der Kehle, er brachte nichts Ordentliches heraus. Endlich sagte er:
-
-»Du mußt bei uns zu Gaste bleiben, Hanka!«
-
-Sie wehrte mit beiden Händen ab.
-
-Nein! Nein! Sie wollte bloß ihre Pflicht tun, Aufklärung geben, Abbitte
-leisten und dann sehen, ob ihre Eltern sie aufnehmen würden. Sie wolle
-bald wieder fort.
-
-Da ging Juro hinaus und holte seine Frau. Elisabeth eilte herbei. Ach,
-diese kleine deutsche Frau lachte und weinte und lachte wieder und war
-so offenbar glücklich, Hanka zu sehen, daß sich das arme Weib ihren
-Zärtlichkeiten nicht entziehen konnte.
-
-Juro schlich hinaus. Nach einem Weilchen kam er mit einem Kindchen
-zurück.
-
-»Sieh, Hanka, das ist unser Kind. Es ist sechs Monate alt.«
-
-Da nahm Hanka das Kind auf ihre Arme, und das Gefühl einer großen
-heiligen Versöhnung überkam sie. Schwere, erlösende Tränen quollen aus
-ihren Augen, aber ihre Augen glänzten durch diese Tränen. Eine süße
-Vorahnung eigenen Mutterglücks ward in ihr lebendig und tilgte das
-Herzeleid und machte die Stunde schön und lieblich.
-
- * * * * *
-
-Während die Frauen später an der Wiege des kleinen Mädchens saßen und
-Elisabeth echte Töne des Trostes und der Beruhigung für Hanka fand,
-saß Juro in seinem Arbeitszimmer und schrieb einen ernsten Brief in
-wendischer Sprache.
-
- Lieber Vater!
-
- Dein Sohn Juro klopft an Deine Tür und bittet Dich um
- Verzeihung für all das, was Du Bitteres durch ihn erfahren
- hast. Ich habe eingesehen, daß der Weg, auf dem ich meine
- Prinzipien in Tat und Wahrheit umsetzen wollte, nicht der
- richtige war, daß überall da, wo zwischen Menschen und
- Völkern der Kampf geführt wird, der beglückende wahre Sieg
- fehlen muß, wenn als Kampfmittel nur Klugheit und List,
- Energie und sachliche Überlegenheit oder gar Gewalttat und
- Rücksichtslosigkeit eingestellt werden, wenn die Liebe fehlt,
- die allein zu versöhnen, zu überzeugen und zu gewinnen vermag.
- Ich habe geirrt; es tut mir leid. Ich will nicht mehr dessen
- gedenken, was auf der Gegenseite verschuldet wurde; ich will
- auch die Schande, die mir widerfahren ist, als ich auf jenem
- Wagen aus dem Dorfe gefahren wurde, hinnehmen als eine Strafe,
- die der Vater dem Sohne aufzuerlegen für gerecht fand. Ich rede
- nur von mir und bekenne mich in vielen Dingen für schuldig.
-
- Von dem Versöhnungsgedanken getrieben, ist heute Hanka in
- meinem Hause eingekehrt. Sie sitzt, während ich diesen Brief
- schreibe, mit meiner Frau an dem Bettchen unseres Töchterchens,
- Deines ersten Enkelkindes. Hanka ist mit uns im Frieden. Auch
- sie wird ein Kind bekommen in der nächsten Zeit. Sie hat aber
- doch ihren Mann, unseren Samo, verlassen müssen, weil sein
- Leben zu unsicher ist und Hanka in ihrer schweren Zeit nicht
- bei ihm bleiben konnte. Sonst ist Samo gesund, und wir alle
- hoffen, daß er noch einmal eine friedliche Stätte findet und
- daß Hanka dann mit ihrem und seinem Kinde zu ihm zurückkehren
- kann.
-
- Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, verzichte
- ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die Erbfolge an der
- wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten des zu erwartenden
- Kindes meines Bruders Samo und seiner Frau Hanka.
-
- Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken!
-
- In Liebe: Dein Sohn Juro.
-
-Drei Tage später stand der alte Hanzo unter der Tür seines Sohnes Juro.
-Er hielt den Hut in der Hand und sagte: »Darf ich zu euch herein? Ich
-möchte zu meinen Kindern.«
-
-
-
-
-Sommer 1866. Der Deutsche Krieg brach los. Die preußischen Heere
-drängten durch die Pässe des schlesischen Gebirges und zogen den
-Elbstrom hinab nach Böhmen. Auch die Wenden zogen in den Kampf. Was
-diesseits der preußischen Grenze war, für Preußen, was drüben in
-Sachsen wohnte, für Österreich. Das Völkchen der Wenden in zwei Lager
-zerrissen. Da standen sich oft Bruder und Bruder gegenüber. Der alte
-»Kral« Hanzo litt schwer in diesen Tagen um sein kleines, getrenntes
-Volk.
-
-Juro machte den Feldzug als preußischer Militärarzt mit. Er war einem
-Regiment, in dem besonders viele Wenden waren, als Hilfsarzt zugeteilt.
-
-Und wo er auf dem Schlachtfeld einen fand, der seine Schmerzen in
-wendischen Lauten beklagte, da fragte er nicht: »Sprichst du auch
-Deutsch?« Da kniete er bei ihm nieder und erquickte ihn nicht nur mit
-ärztlicher Hilfe, sondern auch mit dem süßen Trost der Muttersprache.
-
-Ganz gleichgültig ist es auf dem Felde der Leiden, auf welcher Seite
-der verwundete Mann gefochten hat. Juro, der auf der Sprachgrenze der
-Obersorben und Niedersorben aufgewachsen war, erforschte mit feinem
-Ohr die Gegend, aus der der Verwundete stammte, und sprach zu ihm in
-seinem heimischen Dialekt, und ehe es ans Sterben kam, betete er mit
-dem Mann aus dem Oberlande: »~Wótcě naš, kiž sy w njebjesach~« und mit
-dem Mann aus Niederland: »~Woschz nas, kenž sy na niebju~«, und es
-hieß immer: »Vater unser, der du bist im Himmel.« -- Da trat mitten im
-großen Völkerschicksal das eigene Schicksal wieder an Juro heran.
-
-Als der Krieg eben sein rasches Ende gefunden hatte, schrieb ihm ein
-Freund und ärztlicher Kollege aus Königgrätz: »In unserem Spital liegt
-dein Bruder Samo. Er ist bei Sadowa im böhmischen Heer schwer verwundet
-worden. Er nennt sich Wenzel Halek. Aber ich kenne ihn doch von früher.
-Wenn du ihn noch sehen willst, eile -- er ist verloren!«
-
-Nun, es ließ sich machen, daß Juro Urlaub bekam.
-
-Und die beiden Brüder sahen sich wieder ...
-
-»Bruder Samo!«
-
-Samo wandte das Gesicht zur Seite.
-
-»Willst du mir nicht die Hand geben?«
-
-»Es ist keine Ehre, mir die Hand zu geben.«
-
-»Es ist eine Ehre! Du bist ein tapferer Krieger gewesen!«
-
-»Tapferer Krieger?«
-
-Samo lachte gequält, dann wandte er sich halb um: »Als gemeiner Mann,
-als Wenzel Halek eingestellt! Ein lustiger Krieg -- nicht wahr?
-Deutsche gegen Deutsche! Es ist die alte Katzbalgerei, die Mode ist
-bei dieser großen Nation!« Er schwieg erschöpft. Juro war erschüttert.
-Nach so langer Zeit, nach so vielen schweren Schicksalen sahen sich die
-Brüder wieder, und sofort begann Samo seine alte Weise. Das Reden fiel
-ihm schwer; aber er bezwang sich und sprach mit dem alten Haß in der
-Stimme:
-
-»Die alten deutschen Herzöge haben sich geprügelt, die Grafen und
-Ritter haben sich geprügelt, die deutschen Kaiser haben mit den
-deutschen Gegenkaisern gerauft, der Dreißigjährige Krieg ist gewesen,
-dies große Schauspiel der Schande, Maria Theresia hat mit dem
-preußischen Friedrich gerungen, die katholischen deutschen Bayern haben
-die katholischen Tiroler gemetzget, der Schlesier Blücher hat die
-sächsische Stadt Leipzig genommen -- alles -- alles -- alles Deutsche
--- und jetzt wieder -- wieder dasselbe -- und das ist die Nation der
-wir uns -- uns unterwerfen sollen.«
-
-Kraftlos schloß er die Augen. In steigendem Fieber hatte er geredet.
-
-Juro legte ihm die Hand auf die Stirn.
-
-»Samo -- streng dich doch nicht an -- du bist krank --«
-
-Samo schlug die Augen auf. Er lächelte verächtlich.
-
-»Krank? Ich bin morgen früh tot. Das weiß ich. Die preußische Kugel ist
-mir -- mir in den Unterleib -- weißt du, das ist das Gescheiteste --
-was -- was die Preußen seit langem gemacht haben, -- daß mich -- daß
-mich einer getroffen hat.«
-
-»O dieser unglückselige Krieg!«
-
-Samo schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile konnte er wieder
-sprechen, die Schmerzen quälten ihn sehr.
-
-»Der Krieg ist gut -- gut -- gut -- er spaltet die Deutschen -- und
-durch den Spalt -- braust -- braust frische Luft -- ins slawische
-Feuer!«
-
-Er blieb bis zum Tode derselbe. Draußen auf der Straße marschierten
-preußische Krieger vorbei; die Kapelle spielte »Heil dir im
-Siegerkranz!«
-
-»Hörst du sie --? Das ist die Trostmusik, die sie uns spielen, uns
-Sterbenden! Aber laß sie schmettern! Besiegt ist das Deutschtum,
-zersprungen in zwei Hälften; die Zeit der Slawen ist näher als sonst.
-Dieser Krieg war gut. Die Deutschen haben ihn geführt, die Slawen haben
-den Sieg davongetragen.«
-
-Juro mochte ihm in nichts mehr widersprechen. Er stand mit gesenktem
-Kopf am Lager Samos und wartete, ob ihm denn nicht ein Erinnern kommen
-würde an seine Heimat. Aber länger als eine halbe Stunde sprach Samo
-mit vielen Pausen noch von dem Niedergang des Deutschtums, dem Sieg der
-Slawen. Endlich fragte er doch ganz schüchtern, ganz furchtsam:
-
-»Lebt der Vater noch?«
-
-Er fragte es mit abgewandtem Gesicht.
-
-»Er lebt und denkt an dich ohne Groll.«
-
-»Weiß er --?«
-
-»Nein, er weiß es nicht«, unterbrach ihn Juro rasch. »Er wird es nie
-erfahren. Der Glaube an sein Kraltum soll ihm nicht genommen werden.«
-
-»Das sagst du? Da hast du dich geändert.«
-
-»Ich habe mich in mancherlei geändert -- ja!«
-
-»Aber ein Deutscher bleibst du?«
-
-»Ja.«
-
-Samo seufzte tief, er sagte, ihn schmerze seine Wunde. Als er ruhiger
-wurde, sagte Juro mit tiefbewegter Stimme:
-
-»Ich habe auf die Kralswürde verzichtet. Ein anderer wird Kral sein --
-dein Sohn!«
-
-Samo starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er sagte kein Wort.
-
-»Hanka hat im Mai einen Knaben geboren, Samo!«
-
-Noch immer sah ihn Samo starr an. Endlich sprach er leise:
-
-»War es ein Knabe? -- -- Ich fürchtete immer, es werde ein Mädchen
-sein.«
-
-»Ein gesunder Knabe!«
-
-Da schloß Samo die Augen. Juro stand regungslos. Die große
-Feierlichkeit, da ein scheidendes Leben erfuhr, daß ein Kind, ein Teil
-seines Wesens, auf der Erde zurückbleiben würde, durfte kein Wort
-stören. Die Hände Samos falteten sich auf der Bettdecke. Gott allein
-wußte, wo die Gedanken waren. Endlich tastete die Rechte nach Juros
-Hand. Ein leiser Druck. Lange schwere Feindschaft war ausgelöscht. Die
-Lippen bewegten sich. Juro beugte sich tief über den Bruder.
-
-»Wie heißt er?«
-
-»Er heißt Hanzo wie sein Großvater.«
-
-Samo nickte.
-
-»Es ist gut, daß er nicht heißt wie ich.«
-
-Noch einmal zuckten die Lippen.
-
-»Er soll gesegnet sein!«
-
-Dann rief er laut und ängstlich:
-
-»Mach das Fenster auf!«
-
-Juro öffnete das Fenster. Als er ans Lager zurückkehrte, lag Samo im
-Todeskampf. -- -- --
-
-Als es überstanden war, drückte Juro dem toten Bruder die Augen zu. Und
-er, der Deutsche, übte den wendischen Totenbrauch; er hielt die kleine
-Wanduhr an und deckte über den winzigen Spiegel, der auf dem Tisch lag,
-ein Taschentuch.
-
-Vor dem Fenster saß ein kleiner Vogel und sang.
-
-Zu dem sagte Juro mit tränenerstickter Stimme:
-
-»Der Herr ist gestorben!«
-
-Da flog der kleine Vogel davon.
-
-Vielleicht flog er nach der Heimat.
-
-
-
-
-Die Jahre gingen dahin, der Französische Krieg war geschlagen, die
-Wenden hatten ihre alte Tapferkeit bewiesen im Kampfe für das große
-Vaterland. Und es war Friede geworden im deutschen Land, alter Hader
-beglichen, alte Wunden vernarbt.
-
-Auch im Wendenland war Friede. Keinerlei Auflehnung und Untreue des
-kleinen stillen Völkchens, keinerlei Bedrückung, kein unfreundliches
-Wort von seiten der Deutschen. Noch flatterten die großen Haubenbänder
-im Wind, noch schnurrten in den Spinnstuben die Rädchen und die
-Mäulchen, noch ritten die Osterreiter übers Feld, noch klangen die
-alten wendischen Lieder. Und mit Liebe und Sorgfalt gingen gelehrte
-Gesellschaften und Einzelpersonen daran, zu sammeln, zu hegen,
-daß nichts Wertvolles, nichts Köstliches aus diesem Völkerleben
-verlorengehe oder vergessen werde. Und diesen Leuten stehen alle
-Deutschen nahe, die guten Willens sind.
-
-Stilles friedliches Einvernehmen! Die Schönheit des wendischen
-Spreewalds wurde den Leuten im weiten Lande durch Hunderte von Bildern
-kundgetan, und bald besannen sich die klugen Berliner, daß ihre Spree,
-an deren »grünem Strand« sie wohnen, ja doch irgendwoher kommen müsse,
-und kühn wie die Sucher der Nilquellen drangen sie stromaufwärts,
-gerieten in den Spreewald und staunten, daß da ein wundersames
-Lagunenland war, märchenhaft wie das alte Venedig, mit hohen grünen
-Walddomen und Gondolieren, die auf leisen Nachen den Fremden durch
-verträumte Wasserstraßen fahren.
-
-Auch ins noch stillere Oberland kam manch ein Maler, mancher Künstler
-und Volksfreund.
-
-Und die deutsche Sprache kam mit ihnen. Aber die Wenden suchten sie
-auch selbst auf den Märkten, in den Fabriken, in den Studiersälen.
-Aufgezwungen darf sie nicht werden. Nationalität ist Liebe, und Liebe
-kann nicht erzwungen werden!
-
-Friede war auch bei den Menschen, von denen dies Buch erzählt hat.
-
-Hanka war die aufrechte, starke Herrscherin auf dem Hof des alten
-Scholta Hanzo. Als sie von dem Tode ihres Mannes erfahren hatte,
-legte sie weiße Trauerkleider an und trug sie ein Jahr und einen Tag.
-Sie sprach nie von Samo, aber sie wies alle Freier, die sich an sie
-drängten, herb und kurz ab. Selten versah sich jemand von ihr eines
-übermäßig freundlichen oder gar scherzenden Wortes; sie hielt strenge
-Zucht, und sogar der alte Kito bekam öfters seinen Tadel. Aber sie war
-gerecht. In ihrem ganzen Haus und Hof war nichts Unordentliches, nichts
-Unsauberes. Die alte Wičaz mit ihrem Sohn hatte fortziehen müssen.
-Der Scholta überließ Hanka mehr und mehr das volle Regiment, und der
-Wohlstand mehrte sich von Jahr zu Jahr.
-
-Über ihrem Söhnchen Hanzo wachte sie mit äußerer Kühle, aber desto
-innigerer Herzenssorge. Einmal, als der Knirps eben fünf Jahre alt
-geworden war, trat er vor seine Mutter, hatte einen Papierhelm auf
-dem Kopfe und einen Holzstecken als Schwert an der Seite und sagte:
-»Mutter, ich bin der Kral!«
-
-Da erschrak Hanka so, daß sie erst kein Wort herausbrachte. Dann berief
-sie den alten Kito und fuhr ihn hart an. Es stellte sich heraus, daß
-Kito unschuldig war; die Knaben auf der Gasse hatten dem kleinen Hanzo
-zugerufen, daß er der Kral sei.
-
-Da sagte Hanka kein Wort mehr über diese Sache, aber sie gewöhnte ihren
-Sohn noch mehr als früher an Bescheidenheit und friedfertiges Wesen.
-
-Zweimal im Jahre ließ sie die gute Kutsche anspannen und fuhr zu Besuch
-auf den Hof des Herrn von Withold. Und der alte Edelmann nannte sie
-»gnädige Frau« und küßte ihr die Hand. Mit Elisabeth verband sie seit
-den Tagen von Breslau eine stille Freundschaft. Von Juro hielt sie sich
-ferner. Sie fragte ihn nie um Rat, auch nicht wegen der Erziehung ihres
-Sohnes, dessen Pate er war. Desto größere Zärtlichkeit brachte sie
-seinem Töchterchen entgegen, das das einzige Kind seiner Ehe geblieben
-war. Juro lebte mit seiner Frau auf dem Gut seines Schwiegervaters.
-Sein Schwager Heinrich hatte seinen Willen, sich ganz der Musik zu
-widmen, durchgesetzt. Er war Kapellmeister in einem kleinen Hoftheater
-geworden. Er hatte eine Oper geschrieben, die allerdings durchgefallen
-war; aber sein Leben war nicht ohne Glanz, denn sein Heros Richard
-Wagner hatte ihn einmal auf die Schulter geklopft und »Mein lieber,
-geschickter Freund!« zu ihm gesagt. Von solcher Hocherinnerung ließ
-sich leben.
-
-Juros ärztliche Praxis war nicht bedeutend. Es gab immer noch
-viele Wenden, die ihre Krankheiten besprechen ließen oder sich mit
-Hausmitteln behalfen. Immerhin: nach geraumer Zeit sickerte durch, daß
-der »~Pán doctor~« selten für seine Hilfe Geld beanspruche, ja daß er
-bei armen Leuten eher etwas aus eigener Tasche zulege. Und nun mehrten
-sich die Patienten. Juro sprach mit den Leuten wendisch. Manchmal --
-wie von ungefähr -- sprach er deutsch. Und das war immer ein leises
-Examen. Endlich kam eine Zeit, wo ihn die Leute fragten, was sie mit
-ihren Kindern beginnen sollten, wenn sie aus der Schule entlassen
-wurden. Dann gab er ihnen die Ratschläge, die seine Überzeugung ihm
-vorschrieb. -- --
-
-Eines hatte die Großbäuerin Hanka lange gequält. Ihr Schwiegervater
-Hanzo hatte einmal in einer ernsten Stunde zu ihr gesagt:
-
-»Hanka, ich muß dir etwas anvertrauen, was eigentlich nur eine Sache
-für Männer ist. Aber seit Samo tot ist, stehst du an seiner Stelle.
-Der kleine Hanzo ist ein Kind, mit dem ich über solche Dinge nicht
-reden kann. Und Juro hat verzichtet und steht abseits. So will ich dir
-sagen, wohin unsere alte Krone gekommen ist, als sie aus dem heiligen
-Hügel gerissen wurde, damit du es deinem Sohne anvertraust, wenn er
-groß ist und ich nicht mehr bin. -- Die alte Krone habe ich mit Samo
-in nächtlicher Zeit unter unserer Kirchhoflinde begraben, dort, wo
-die Mutter liegt und wo ich einmal liegen werde. Und die Krone wird
-über unsern Häuptern sein, wenn wir da schlafen. Niemand weiß das;
-die Kronenstätte ist dem wendischen Volke fortan unbekannt. Nur der
-Kral darf sie wissen und sein Erbe. Das ist dein Sohn. Und bis er es
-erfahren kann, sollst du es wissen!«
-
-Nach dieser Aussprache war die Großbäuerin Hanka tagelang bleich und
-vergrämt umhergegangen, so daß die Leute unter sich flüsterten: »Die
-Frau ist krank!« Das war aber, weil kein Schlaf mehr über ihre Augen
-kam. Denn in der Nacht, wenn Hanka in halbwachem Traumschlummer lag,
-trat Samo an ihr Bett, sah sie mit heißen, verängstigten Augen an und
-rief:
-
-»Die Mutter muß die Krone vom Kopfe nehmen!«
-
-Das war wie in den schrecklichen Tagen von Prag. Und wenn der Morgen
-kam, grübelte Hanka, was sie tun solle. Ein einziger Mensch war, den
-sie hätte um Rat fragen können, das war Juro. Aber sie fragte ihn
-nicht. --
-
-Nach sieben bangen Tagen und sieben schweren Nächten hatte es Hanka mit
-sich ausgemacht.
-
-Heimlich verließ sie zur Nachtzeit Haus und Hof. Gestählt durch ihren
-bewußten Willen, ging sie zum hochgelegenen Gottesacker. Alles, was an
-Furcht- und Spukgestalt seit der Kindheit Tagen in ihrem Herzen lebte,
-war besiegt. Und sie ging zu der Linde, unter deren Krone die Frau
-ruhte, mit der sie in dies Dorf gezogen war. Sie stach mit ihrem Spaten
-vorsichtig den Rasen ab. Sie grub. Das Herz bangte ihr, der Spaten
-werde den Sarg jener Frau treffen, aber es geschah nicht. So arbeitete
-Hanka zwischen Grabsteinen und alten Holzkreuzen im Mondenlicht.
-
-Und sie fand zwischen den Wurzeln des Slawenbaums, der Linde, die
-silberne Krone. Die putzte sie mit ihrer Schürze ab und legte sie
-beiseite. Dann schloß sie die Grube, fügte den Rasen auf seine Stelle.
-
-Eine kleine Weile stand sie an dem Grabe und sprach in ihrem Herzen:
-
-»Ich wollte deine Ruhe nicht stören, gute Mutter, aber ich mußte diese
-Krone holen, weil es dein Sohn Samo verlangt. Nun sollt ihr beide in
-Gottes Frieden ruhen!« Die Krone trug Hanka auf ihrer Brust unter dem
-großen Umschlagtuch davon.
-
-Und sie ging auf Seitenwegen hin zur Spree.
-
-Dahinein senkte sie die Krone.
-
-Leise und langsam floß das stille Wasser darüber. -- --
-
- * * * * *
-
-Hanzo aber, der alte »Kral«, ging noch oft auf den Gottesacker zum
-Grabe seiner Frau und träumte beim leisen Rauschen der Linde von einer
-tiefen, stillen Ruhe da unten im Schmuck einer strahlenden Krone.
-
-Und er war nicht getäuscht. Das wußte auch Hanka.
-
-Eine Krone würde über seinem Haupte sein, wenn er da unten schlief:
-
-Die alte, unvergängliche Krone, in deren Glanz und ewigem Schmuck alle
-die ruhen, die auf Erden die Wahrheit gesucht und das Recht geliebt
-haben.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1] Schulzen.
-
-[2] Rittermäßiger
-
-[3] König.
-
-[4] Alp.
-
-[5] Juro ist der wendische Name für Georg.
-
-[6] Großes weißes Tuch.
-
-[7] Ohrfeige.
-
-[8] Vorsängerin.
-
-[9] Totenschmaus.
-
-[10] ist viel herablassender, freundlicher.
-
-[11] Spree.
-
-[12] Slawischer Name für Bautzen.
-
-[13] Jetzt versaufen wir das Fell! (der Verstorbenen).
-
-[14] Böhmischen Krone.
-
-[15] Aus der russischen Zeitung »Golos«.
-
-[16] Gott führt die Seinen wunderlich zusammen.
-
-[17] Ohrfeige.
-
-[18] »~Jana stawa baba,~ »Ein altes Weib,
- ~Jaden stary kón~ Ein altes Pferd
- ~Nejstej togo carta wert.~« Sind beide nicht den Teufel wert.«
-
-
-[19] Nach dem böhmischen Volksgesang. »~Stoji hruška w širem poli~«.
-
-[20] Der Branntwein ist ein Umwerfer.
-
-[21] Wasser macht hungrig (schwach).
-
-[22] Wendische Formel beim Zutrinken.
-
-[23] Kämmerchen.
-
-[24] Andere Hand -- anderes Glück.
-
-[25] Elbe.
-
-[26] Kälbchen.
-
-[27] Sau.
-
-[28] Du Plunderliese.
-
-[29] Wer mit der Katze gepflügt hat, weiß, wie sie zieht.
-
-[30] »Gedächtnistag des Meisters Johann Hus.« Der 6. Juli. Hus wurde
- bekanntlich am 6. Juli 1369 geboren und am 6. Juli 1415 zu
- Konstanz verbrannt.
-
-[31] Er lebe!
-
-[32] Slawische Bezeichnung der Deutschen während der Zeit des
- Frankfurter Parlamentes.
-
-[33] Fürst! Fürst!
-
-[34] ~Pán Krystus, neýmocnegssj pán, racz techto klenotuw ostrzjhati
- sam, až do neyposlednegssho dne.~
-
-[35] Spinngesellschaft.
-
-[36] Kirmes.
-
-[37] Maske.
-
-[38] Branntwein.
-
-[39] Meine Mutter ist eine Witwe,
- Ich bin eine liederliche Kröte!
-
-
-[40] Sohn des Hauses.
-
-[41] Vater!
-
-[42] Wendischer Nationaltanz.
-
-[43] Gemeindeversammlung.
-
-[44] Gemeindeschöffen.
-
-[45] Schlafgöttin.
-
-[46] »~Stoz 'ce so swjeci prolowac.~«
-
-[47] »~Ceknena mać.~«
-
-[48] »~Lóchko zmýslena!~«
-
-[49] Wänden!
-
-[50] Das Gotteskind (Christkind).
-
-[51] Nach dem Lied: »~Pšadla Marja kudželku.~«
-
-[52] Spatz.
-
-[53] Rußabend.
-
-[54] Brautjungfer.
-
-[55] Brautgeselle.
-
-[56] Schmutzige Hexe.
-
-
-
-
- Beachten Sie
- bitte die folgenden
- Seiten!
-
-
-
-
- ~Von~
-
- ~PAUL KELLER~
-
- ~erschien in gleicher Ausstattung~
-
-
- ~Heimat~
-
- »Ein Roman aus den schlesischen Bergen, ein sehr starkes Werk
- des Dichters, der seine Menschen aus dem Innern, aus dem Herzen
- zeichnet.«
-
- Frankfurter Nachrichten
-
-
-
-
-~DIE GELBEN ULLSTEIN-BÜCHER~
-
-
- ~RUDOLF HANS BARTSCH~
-
- ~Hannerl und ihre Liebhaber~
-
- Das Schicksal einer lustigen, kleinen Wienerin, die im Glauben,
- über der Liebe zu stehen, an ihr zugrunde geht.
-
-
- ~ELISABETH RUSSELL~
-
- ~Urlaub von der Ehe~
-
- Ein sonniger, humorvoller Ferienroman aus einer
- oberitalienischen Villa, in der einige Frauen und Mädchen
- glauben, den Männern entfliehen zu können.
-
-
- ~P. O. HÖCKER~
-
- ~Die Sonne von St. Moritz~
-
- »Saison in St. Moritz, das mondäne Treiben des Luxushotels,
- der sport- und klatschlüsternen ›Welt‹ geben den Rahmen dieser
- neuen Erzählung Höckers. In dieser strahlenden Umgebung erfüllt
- sich das Schicksal zweier Menschen, um endlich, nach mancherlei
- Verwicklung, zu einem versöhnlichen Ende zu führen.«
-
- Nürnberger Zeitung
-
-
- ~CARL ROESSLER~
-
- ~Wellen des Eros~
-
- »Roeßler hat hier mit der Gabe außerordentlich scharfer
- Charakterisierung ein Buch geschaffen, wie es nur einer kann,
- der all' die Figuren bis ins Innerste kennt.«
-
- Neue Freie Presse
-
-
- ~PAUL FRANK~
-
- ~Das Liebesschiff~
-
- Das Liebeserlebnis einer schönen, vielumworbenen Frau, die sich
- bis zum geheimnisvollen Verschwinden eines Mannes für keinen
- ihrer zahlreichen Verehrer entscheiden kann.
-
-
- ~HERMANN LINT~
-
- ~Horizont der Liebe~
-
- »Am Horizont der Liebe geistert eine schöne Frau, rätselhaft
- verschwunden, rätselhaft auftauchend in neuer, verhängnisvoller
- Erscheinung.«
-
- Hannoverscher Kurier
-
-
- ~LUDWIG THOMA~
-
- ~Krawall~
-
- Eine Reihe köstlicher Burlesken von der kochenden bayrischen
- Volksseele, von Richtern, Bauern und Städtern, von Krach und
- Krawall vor Gericht.
-
-
- ~P. G. WODEHOUSE~
-
- ~Der schüchterne Junggeselle~
-
- Eine der amüsantesten Schöpfungen des großen englischen
- Humoristen. Die Handlung spielt auf dem Dachgarten eines
- New-Yorker Wolkenkratzers und schildert »schreckliche
- Abenteuer«, die ein sehr sympathischer, sehr blonder, sehr
- junger, sehr schüchterner Mann mit bösen Schwiegermüttern,
- eleganten Kartenlegerinnen und lyrischen Polizisten zu bestehen
- hat.
-
-
- ~EDMUND SABOTT~
-
- ~Jan Fock, der Millionär~
-
- »Diese lustige, leichtbeschwingte und amüsante Diebskomödie
- läßt die Sympathien des Lesers von Seite zu Seite wachsen.«
-
- Hamburger Fremdenblatt
-
-
-~+JEDER BAND 1 MARK+~
-
-
-
-
- Gedruckt
- im Ullsteinhaus
- Berlin
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Die Darstellung der Ellipsen und der Gedankensprünge wurde
- vereinheitlicht.
-
- Sofern hier nicht aufgeführt, wurden unterschiedliche Schreibweisen
- beibehalten.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 28: daß → daß du
- Ich verbitte mir, {daß du} mich hier
-
- S. 38: zuckte → zückte
- das Messer nach ihm {zückte}
-
- S. 44: Haaresbre te → Haaresbreite
- nicht um {Haaresbreite} dem einen näher
-
- S. 57: ber → aber
- alle Weise zu hindern, was ihm {aber} mißlang
-
- S. 67: gib → gibt
- Es {gibt} heuer recht viele
-
- S. 67: Geberde → Gebärde
- Sie machte eine {Gebärde} mit der Hand
-
- S. 74: übscher → hübscher
- Aber er ist ein {hübscher} Mann
-
- S. 76: us → aus
- der Buchdrucker {aus} Bautzen
-
- S. 79: bewunderswert → bewundernswert
- ein Reich ist nur in einer Einheit {bewundernswert}
-
- S. 79: Baudissin → Budissin
- ich bin im sächsischen {Budissin} geblieben
-
- S. 82: chlesien → Schlesien
- ebenso wie {Schlesien} geschichtlich und rechtlich
-
- S. 96: Wicaz → Wičaz
- Sie war als die Sprichwörter-{Wičaz} bekannt
-
- S. 123: sie → Sie
- ich danke, daß {Sie} mich
-
- S. 124: sie → Sie
- Vergönnen {Sie} nun auch meinem lettischen Bruder
-
- S. 147: Strin → Stirn
- machte er die {Stirn} runzelig und sagte
-
- S. 149 druzba → družba
- Oberlande heißt man's ~{družba}~
-
- S. 179: hat → Er hat
- {Er hat} es mir geschrieben
-
- S. 180: der → oder
- ob ich ein Glas Wein {oder} ein Glas Milch bringen darf
-
- S. 181: ber → aber
- fremde Meinung bekämpfen, {aber} man dürfe
-
- S. 200: n → an
- Denkt {an} jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden
-
- S. 201: wischen → zwischen
- Wortgefecht {zwischen} Juro und Samo ausgewachsen
-
- S. 218: hiner → hinter
- einen Steckbrief {hinter} mir erlassen
-
- S. 229: war → wär
- Hättest du das getan, {wär} alles gut
-
- S. 243: nd → und
- er bezwang sich {und} sprach
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die alte Krone, by Paul Keller
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ALTE KRONE ***
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-approach us with offers to donate.
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-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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