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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die alte Krone - Ein Roman aus dem Spreewald - -Author: Paul Keller - -Release Date: April 10, 2016 [EBook #51722] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ALTE KRONE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -Die gelben Ullstein-Bücher - - - - - Die alte Krone - - Ein Roman aus dem Spreewald - - von - - Paul Keller - - [Illustration] - - Im Verlag Ullstein / Berlin - - - - - Umschlagbild: Die Filmschauspielerin Carmen Boni / Phot. Ufa - Copyright 1909 by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau - ~Printed in Germany~ - - - - -Die Spree ist ein Heidekind. Ihre Jugend ist arm und ohne Wagemut, -ihre Kraft gering und ihre Lustigkeit schüchtern. Frühzeitig -- als -halberwachsen Ding -- muß sie in Dienst nach der anspruchsvollsten -Stadt der Welt, nach Berlin, wo man ihr, einer jungen, billigen, -schmucklosen Dienerin, auf die schwachen Schultern viel Last und Qual -ladet. - -Aber auch sie hat eine grüne Heimat und eine grüne Jugend. Gar nicht -fern von dem schreienden, lachenden, gellenden Berlin wohnt die große -Stille in hohen Föhrenwäldern, ist eine andere Welt, wohnt ein anderes -Volk, ist eine andere Zeit. Gar nicht fern von dem prangenden Reichtum -der glänzenden Weltstadt ziehen arme Sandwege durchs Land, stehen -hohe Farnkräuter an alten Ziehbrunnen; nur wenige Stunden von dem -Mittelpunkt kaltherziger Weisheit, heißblütiger Genußsucht sieht das -Volk auf den Blättern der Pflanze ~cerweny drest~ die Blutstropfen -Christi glänzen, saugen die Kinder süßen Saft aus weißen Birkenstämmen, -legen die Leute das Freundschaftskraut »~kokoski~« unters verwitterte -Strohdach, um am grünenden oder welkenden Kräutlein zu erkennen, ob -das ferne liebe Leben eines Freundes noch frisch und grün oder im Tode -verblichen sei. - -Das ist das Land, wo ein kecker Hase, der ins Dorf kommt, den Leuten -ein Feuer verkündet, wo man neun Sünden verziehen bekommt, wenn man -eine Maulwurfsgrille tötet, wo der Mann sich eine krabbelnde Fledermaus -unter die Mütze steckt, um im Spiele Glück zu haben, wo das Mädchen dem -jungen Burschen, dessen Liebe sie gewinnen will, einen Apfel zu essen -gibt, den sie eine ganze Nacht lang in der Schulterhöhle getragen hat. - -Das ist das Land Wendei. Keine rote oder blaue Grenzlinie kennzeichnet -das Wendenland auf einem Kartenbild; jahrhundertelang war es ein -Spielball der Brandenburger, Sachsen und Böhmen, und auch heut noch -muß man von der sächsischen Stadt Bautzen die böhmische Grenze entlang -durch die schmale schlesische Lausitz bis hin in den brandenburgischen -Spreewald wandern, wenn man die Wendei kennenlernen will. - -Ein anderes Volk als in Berlin, der deutschesten aller deutschen -Städte, die nur wenig Bahnstunden entfernt ist -- ureingesessene -Slawen, die in grauer Vorzeit den ganzen Osten unseres Vaterlandes bis -an die Ostsee beherrschten, dann zurückwichen Schritt um Schritt und -die trotz jahrtausendelanger Abhängigkeit, in die sie alsbald gerieten, -sich ihre trotzige Eigenart in Sprache und Sitte, in Kleidertracht, -Häuserbau und Gemeindeanlage bewahrt haben. Jetzt aber ist Wendenland -eine kleine, zerbröckelnde Slaweninsel im brausenden deutschen Meere, -das an seiner Küste zehrt, seine geistigen Springfluten über das Land -gießt und es bald bis zum letzten Brocken aufgezehrt haben wird. - -Sorben, oder -- wie sie die Deutschen nennen -- Wenden. Eines von -den Völkern, die jahrtausendelang bestehen, ohne eine Geschichte zu -haben, die alt werden, ohne je jung gewesen zu sein, Blutsverwandte der -Tschechen und Schicksalsverwandte der südslawischen Stämme der Slowenen -und Kroaten, die auf den mageren Ziegenweiden des felsigen Karstlandes -ihre Jahrhunderte verträumten. - -Kein Hoheslied, kein Heldenbuch, keine steinerne Tafel mit -unvergänglichen Gesetzen, keine Ruhmeshalle mit Ewigkeitsphysiognomien -großer Menschen und großer Geschehnisse kennzeichnete den Weg, den -diese Nationen durch die Geschichte schritten. Ihre Spur verlief im -Sand. Die Weltgeschichte vermerkt ihre Namen nur in nebensächlichen -Fußnoten. Einige Grenzplänkeleien mit dem großen Karl, dem schlauen -Heinrich, dem Markgrafen Gero, den Meißener Bischöfen, den dänischen -Herrschern, nicht viel mehr von eigener Geschichte. - -Eine recht dürftige Historie. Geschickte, fleißige Forscher und -Sammler haben dagegen Mythen, Sagen, Märchen, Volkslieder, Schnurren, -Eigentümlichkeiten in Sitte und Brauch getreulich niedergeschrieben, -Dinge, die Zeugnis geben von dem Leben, das einst im wendischen -Völkerwald war. Schmaler, Andree, Schulenburg, Veckenstedt, Tetzner -und andere tüchtige Männer wurden unsere Lehrer über das Wendentum. -Aber es sind nur Einzelheiten, Forschungsergebnisse, abgerissene -Töne und Klänge, die sie einfangen. Ein ganzes Bild haben sie nicht -zusammengestimmt; selbst die Sage vom König der Wenden liegt bei ihnen -in Schutt und Trümmern. - -Die deutschen Dichter sind an diesem einsamen Heide- und Flußwald, an -dieser geschichtlichen Trümmerburg vorbeigegangen. Die Wenden selbst -waren immer stille Leute. Kein politischer Alarmruf ging von ihnen aus, -kein kraftvoller Dichter erstand aus ihrer Mitte. Ein tausendjähriges -Volk sind die Wenden, ohne Geschichte, ohne Literatur, ohne bildende -Kunst, kleine Ansätze abgerechnet. - -Wenn mich, den Schlesier, das Heidegeheimnis meiner Heimat reizte, -so lag das nahe. Ich bin mit ganzer Liebe an das Werk gegangen, habe -nach den Trümmerbildern, die ich fand, die Sage vom Wendenkönig -rekonstruiert und hoffe, daß mich das deutsche Herz nirgends, wo -zwischen Nationalitäten abzuwägen war, zu einer Sünde ungerechter -Parteilichkeit verführt hat. - -Kraft, geistige und körperliche Fruchtbarkeit, Entwicklungsfähigkeit, -Wollen zur Höhe, Schätze und Kräfte sonder Zahl waren auch im Volke -der Lausitzer Sorben. Die Kinder Gottes sind alle zur Herrschaft -berufen. Aber den Wenden fehlten die Führer. Die Könige, die Führer, -die Befreier kommen von selbst ihre lichte Straße daher oder sie kommen -nicht, mag das Volk auch tausend Jahre am Boden knien und rufen: »Tauet -Himmel den Gerechten!« - -Gegen versagte Gnade, die im Weltplan begründet ist, hilft kein Wollen, -kein Beten, kein Toben. Der Führer kommt nicht, das Volk verträumt -seine Zeit, es altert und vergeht, ohne daß es jung war. -- -- - -Heutigen Tags hat der Donner der Lokomotiven, das Sausen der -Automobile, die durch die Wendei rasen, die Lutchen und andere -Zwerggeisterlein, die Mittagsfrau und die Kobolde vertrieben; der -scharfe Wind geistiger Aufklärung, der schneidend über alles Land fegt, -hat die blauen Traumlichter romantischen Glaubens in den Herzkammern -der Wenden ausgelöscht; die Sucht nach Gold und Lust hat das -Heidevölklein aus seinen stillen Wald- und Wiesenwinkeln herausgelockt -ins breite allgemeine Gefild, in die große Stadt, wo die jungen -Burschen ihre Kraft, die jungen Mütter die Milch ihrer Brust verkaufen; -der moderne Fabrikbetrieb verlangt viele Kräfte; die malerischen -Volkstrachten mit ihrer soliden Pracht haben vielfach schäbigem -modischen Zeug aus billigen Bazaren Platz gemacht; die wendische -Sprache hört mehr und mehr auf: bald wird die ganze Wendei nichts mehr -sein als eine historische Reminiszenz. - -Aber in der Zeit, von der dies Buch erzählen will, in den Jahren 1860 -bis 66, da war es doch noch ganz anders. Damals begann die Zersetzung -des Wendentums erst, die jetzt beinahe vollendet ist. - - - - -Rot glüht der Wald über die Heide. In den Wellen der stillen Spree -schwimmen die ersten gelben Weidenblätter wie lange, gelbe Schifflein. -Eine kleine Flotte, mit der der junge Herbst spielt. Weiden den ganzen -Fluß hinab, auch auf den Moorwiesen, die sich lang im Abendsonnenschein -dehnen. Torf schläft in der schlammigen, quabbeligen Erde, saures -Gras wächst darüber, und zahllose Wollblumen wiegen leicht die -Perückenköpfe. Hoch und ragend aber steht der Föhrenwald. Das Auge -blickt tief hinein; denn die Stämme sind schlank, die Föhre duldet kein -Unterholz. Wie ein Heer von Kriegern stehen die Stämme und sind alle -rot wie in blankes Kupfer gepanzert. - -Und erst die Kronen! Wie Burgen türmen sie sich in der Luft; das -Abendsonnengold vermischt sich dem dunklen Grün, und die Burgen haben -alle Wände und Dächer von grünroter Patina bedeckt. - -Alt, ehrwürdig, kostbar ist das alles. - -Kein Laut. Nur irgendein schwarzgefiederter Burgwart gibt manchmal den -Brüdern ein Signal, die draußen auf der Wiese noch nach Beute suchen. - -Der erste Stern taucht auf. - -Da treibt der Gänsehirt seine schnatternde Herde heim. - -Das zweite Sternlein erglimmt. - -Ein alter Wende blinzelt hinauf, erkennt sein Zeichen und treibt zehn -Schweinchen, die er aufs Feld geführt hatte, in den Stall. - -Das dritte Sternlein schimmert im Osten. - -Da singt der Schafhirt zur Heimkehr. - -Ein vierter Stern ersteht leuchtend am Himmel. - -»Geht ein, Rote, Schwarze, geht ein!« ruft der Kuhhüter und strebt nach -dem Dorfe. - -Das fünfte Sternlein strahlt friedlich hernieder. Da hören die Kinder -auf zu spielen, schließen sich den Herden an und helfen sie heimführen. - -Draußen, wo die stille Spree schläfrig zwischen den Weiden rinnt und -wo die alte Landstraße weit hinausführt -- Gott weiß, wohin! --, -wird es nun ganz still, und wie der Mond aufsteigt, findet er nichts -Lebendes auf den weiten Wiesenplänen als ein paar Birken, die die -weißen schlanken Leiber biegen und die herrlichen Lockenköpfe zu leisen -Liedern zierlich bewegen. -- - -Eine Wolke verhüllt das strahlende Himmelslicht, und dunkle Schatten -legen sich auf das Gelände und auf die alte Landstraße, die weit -hinausführt, Gott weiß, wohin. - -Da schleicht durch die Schatten der Waldbäume ein Gespenst. Es hat -einen brennenden Leib, greift mit zuckenden Armen irr in der Luft -herum, dehnt sich zur Höhe, kauert sich zu Boden, huscht zu den Birken, -verbirgt sich hinter den Weiden, schaut ins Wasser, springt wieder -über die Wiese und zittert plötzlich entsetzt empor, als ein zweites -brennendes Gespenst ihm nahe kommt. - -Da gibt es eine wilde Jagd weit über den Moorgrund. Das erste Gespenst -duckt sich zusammen, versteckt sich, wird aufgescheucht, jagt davon, -schlägt Zacken wie ein gehetztes Wild, springt zwischen die Bäume, und -das zweite setzt ihm nach, langt nach ihm mit gierigen, flackernden -Händen. -- Horch! Ein Knarren kommt die Landstraße daher. Ein Wagen -wird sichtbar. Darin sitzen Menschen. Ganz langsam geht das Pferd, fast -unhörbar auf dem grasbewachsenen Wege. Der Kutscher hebt seine Peitsche -und weist nach den brennenden Gespenstern. - -»~Ty newetko pormorski!~« - -»Fluche nicht, Lobo!« sagt die eine Frau, die im Wagen sitzt, leise und -ängstlich. »Gott schütze uns! Es sind Jakub und Merten. Gott sei ihnen -gnädig!« - -»Gott sei ihnen gnädig!« brummt auch der eingeschüchterte Knecht. - -Da recken sich die Gespenster, langen noch einmal mit brennenden Armen -hinauf gen Himmel und verschwinden. Langsam schleicht das Fuhrwerk -weiter. Nun, da es eine Wegbiegung erreicht, atmet die Frau auf und -sagt zu der jüngeren Begleiterin, die neben ihr sitzt, im Flüsterton: -»Es waren Jakub und Merten. Jakub hat seinen Vater Merten, der bei ihm -im Auszug war, mit einem Strick erdrosselt, weil er ihm zu lange lebte, -und dann hat ihn der Gewissensteufel geplagt, und da hat er sich mit -demselben Strick erhängt. Jetzt irren die armen Seelen über dem Moor. -Hast du gesehen, wie der Vater den Strick in der Hand hält und den Sohn -damit treibt?« - -Das Mädchen schmiegt sich fröstelnd an die Alte. - -»Ich fürchte mich«, sagt es leise. - -»Es ist unsere böse Gegend hier, Hanka«, fährt die Ältere fort. »Um -alles will ich hier nicht sein zur Abendzeit. Und wir wären längst -daheim, wenn sich Lobo, der Liederlich, nicht betrunken hätte.« - -Der Kutscher hört die Anklage und brummt für sich. Langsam schleicht -das Gefährt dahin. Wer will in verrufener Gegend den bösen Jäger wecken -oder in rascher Fahrt dem Nachtfuhrmann begegnen? Ist nicht selbst der -himmlische Fuhrmann, dessen Wagen am Firmament steht, auf zu rascher -Fahrt an eine Mauer der Hölle angefahren, so daß die hintere Achse aus -dem Quadrat wich und sich die Deichsel für alle Ewigkeit verbog? - -Langsam schleicht das Gefährt. Neue Wiesenflächen tauchen auf. Die -alte Bäuerin sagt furchtsam, beklommen: »Hanka, erschrick nicht; aber -ich muß es dir sagen: Hier ist noch eine böse Gegend; hier wohnt die -Todesgöttin Smjertniza. Gott schütze uns!« ... - -In einem Nebelschloß wohnt die Todesgöttin Smjertniza. Sie ist immer -in weißen Kleidern. Die Tür ihres Hauses ist zweifach verriegelt, mit -einer Menschenhand und mit einem Menschenfuß. Aber ob sich auch die -Menschen mit Hand und Fuß gegen die Tür ihres Schlosses stemmen -- wenn -sie ihre Lichter entzündet, schiebt sie die Riegel zur Seite und geht -über die Felder bis zu den Dörfern. Die Menschen sehen sie nicht. Die -Tiere sehen sie. Aber der Mensch, dem sie begegnet und den sie meint, -stirbt nach drei Tagen ... - -Drüben liegt die Wiese mit dem dunklen Waldrand. - -»Schau geradeaus, Hanka! Geradeaus! Schau nicht hinüber!« - -Lobo, der Kutscher, hält durch Zurufe die Pferde zu noch langsamerem -Gange an. Wie unter angstvollem Zauberbann schleicht der Wagen dahin. - -Da schallt Hundegebell übers Feld. Die Frauen horchen erschreckt auf. - -»Es ist Tyra, unser Hund!« sagt Lobo. »Ich kenne ihn an der Stimme. Er -hat sich losgerissen von der Kette.« - -Zwei Tiere jagen aus dem Busch am Wegrand, ein Reh, ein Hund dahinter. -Sie springen dicht vor dem Gefährt auf die Straße. Die Pferde bäumen -auf. Das Reh bleibt zitternd stehen. Der Hund steht, keucht. Die Pferde -stehen. Die alte Frau schreit gellend auf: - -»Die Smjertniza, die Todesgöttin!« - -Drüben über der Wiese, weit drüben steht das Nebelschloß -- Lichter -blitzen drin --, eine weiße Gestalt löst sich von dem Schlosse los -- - -»Die Smjertniza! Die Tiere -- sehen -- sie --« - -»~Ty newetko pormorski!~« flucht da der Knecht, schlägt auf die Pferde -wie rasend, die Pferde gehen durch, jagen die Straße entlang, springen -über einen Graben querfeldein auf ein Dorf zu -- - -Beim Eingang des Dorfes schlägt der Wagen um -- zerbirst an einem -Prellstein -- die Insassen fliegen heraus -- Pferde reißen sich los, -jagen davon -- - -Schreiende Leute kommen gelaufen. Sie richten Lobo, den Knecht, und -Hanka, das Mädchen, die wenig verletzt sind, auf und tragen die -Bäuerin, die am Sterben ist, nach ihrem Gehöfte. - - * * * * * - -Wie ein Herrensitz ist das Gehöft des Scholta[1] Hanzo. Hoch ragt das -schindelgedeckte Wohnhaus, das nach wendischer Art mit der schmalen -Giebelseite der Dorfstraße zugekehrt ist. Die Dorfstraße ist ziemlich -weit vom Hause entfernt. Eigener Zufuhrweg, Teich und Anger liegen -zwischen ihr und dem Gehöft; das wendische Angerdorf ist breit und -geräumig angelegt. Muster von Lindenblättern, mit Sternen durchwirkt, -schmücken den Giebel des Hauses, ein Kreuz schaut ernst aus dem -Blattgerank, und ein Spruch, der darunter steht: - - »Durch Gott und eigene Kraft - Haben wir's geschafft« - -zeigt an: hier wohnen starke, selbstbewußte Menschen. Es ist eines -der wenigen Bauernhäuser der Wenden, die groß, geräumig und von einem -gewissen Luxus sind. Ein Mann hat es gebaut, der ein Withas[2] werden -wollte, der aber doch ein Bauer blieb. Eine hohe Mauer, ein festes -Tor schließen den Hof und den Vorgarten ab, der steinerne Stall, die -hölzerne Scheune ragen darüber empor. Der Großgarten trennt das Gebäude -vollends von jeder unmittelbaren Nachbarschaft. - -Es ist spät. Um diese Stunde wacht sonst im Gehöft kein Mensch mehr, -es sei denn ein Wächter in unsicheren Zeiten, wenn Brandleger in der -Gegend auftauchen. - -Heute aber sitzen unter dem zweiten Hauptgebäude, das dem Wohnhaus -gegenüber liegt, in einem Laubengang zischelnde Leute, Knechte und -Mägde des Großbauern. Sie hocken auf niederen Schemelchen oder kauern -am Boden und schauen hinüber nach den erleuchteten Fenstern. - -»Ich hab' schwarze Holzklötzer in der Spree schwimmen sehen«, sagt ein -Knecht. - -»Und ich hab' weiße Männer fahren sehen in einem Kahn«, sagt eine Magd. - -»Es meldet sich immer an«, sagt ein drittes. - -Dann Stille. - -»Erzähl' es noch einmal, wie es war, Lobo!« - -»Es war ganz einfach«, sagt einer. »Lobo war besoffen!« - -»~Hognity kjandros~« -- fährt Lobo auf den Sprecher los. Aber der wehrt -ihn gemütlich ab. - -»Ich bin kee abgefaulter Baier, ich bin höchstens a abgefaulter -Schläsinger.« - -»~Cerwiško!~ Aas!« fährt der Wende abermals auf und geht auf den -Deutschen zu. - -»Ruhe! ~Tormy gótuju.~ Die Wolken türmen sich!« mahnt ein alter Wende. -»Drüben liegt die sterbende Frau. Ruhe!« - -Ein Weilchen Stille. - -Dann: »Erzähl' es noch einmal, wie es war, Lobo!« - -Und Lobo erzählt von den Feuermännern, von dem Hund und dem Reh, von -der Todesgöttin Smjertniza. - -»Ich dachte, es wär' Tyra, unser Hund. Es hat mich aber genarrt, es -war nicht Tyra. Es war auch kein richtiges Reh. Es waren Tiere von der -bösen Meute.« - -»Gott schütze uns!« - -Tiefe Stille. In den niederen Wendenstirnen arbeiten die Gedanken. Der -Riesenarm des Ziehbrunnens streckt sich drohend zum Himmel. - -Da flattert eine Gestalt über den Hof. Eine Magd ist es, die aus dem -Herrenhause kommt. - -»Wie geht es, Anna, wie geht es der Frau?« - -Die Magd macht eine klagende Gebärde. Dann sagt sie flüsternd: - -»Wir wollen die Probe machen.« - -Sie zeigt ein Stück Speck. - -»Du hast ihr die Fußsohle damit gerieben?« - -Die Magd nickt. - -Da stehen alle wie auf ein heimliches Kommando auf, gehen auf den -Zehenspitzen und schleichen den Stall entlang bis zur Hundehütte. -Tyra fährt knurrend aus dem Schlafe, beruhigt sich aber, als er die -bekannten Gesichter sieht. - -Die Magd wirft ihm das Speckstück hin. - -»Zeig' es an, Tyra, zeig' es an! Friß!« - -Der Hund beschnuppert den Speck und läßt ihn liegen. - -Da geht ein leiser Schreckensruf durch die kleine Schar. - -»Er frißt ihn nicht! Die Frau muß sterben.« - -»Tyra ist krank!« wendet der deutsche Knecht ein. »Er frißt schon zwei -Tage lang nichts.« - -Sie sehen ihn zornig an und schleichen nach dem Laubengang zurück. - -»Die Frau muß sterben!« - -»Sie ist erst fünfzig Jahre. Sie könnte noch viel arbeiten. Sie muß -noch lange nicht in den Auszug. Was stirbt sie schon?« - -»Man sollte es ihren Söhnen nach Breslau schreiben.« - -»Sie haben vielleicht jetzt keine Ferien.« - -»~Ty bamlak!~ Braucht man Ferien, wenn die Mutter stirbt? Und -überhaupt, richtige Studenten haben immer Ferien.« - -»Der Großbauer will morgen früh einen Brief an die Söhne schreiben.« - -»Ja, und indes vergehen die drei Tage, die ihr die Smjertniza noch -läßt, und die Söhne kommen zu spät.« - -»Wie Gott will!« - -Der eine Knecht entkorkt eine Branntweinflasche, nimmt einen tiefen -Schluck und reicht die Flasche weiter. - -»Wie Gott will!« sagt der letzte, als er getrunken hat. - -»Und nun müssen wir alle neue weiße Trauerkleider haben.« - -»Die kauft der Großbauer.« - -Als die Mägde von den neuen Kleidern hörten, mischte sich in ihren -jungen Herzen mit der Trauer um die Frau ein heimliches Entzücken. - -»Grinst nicht so vergnügt, ihr eitlen Frauenzimmer«, fuhr der alte -Knecht Kito sie an. Er war sonst der lustigste Patron trotz seines -Alters; aber heute war er völlig gebrochen. - -»Erzähl' es noch einmal, Lobo, wie es war.« - -»Wir wissen es schon!« - -»Nein, wie es dort war, in dem Dorfe, von wo ihr kamet.« - -»Es war gut. Es gab viel zu essen. Drei Tage sind wir dort gewesen. Es -gab reichlich zu essen; nur der Schnaps war etwas zu wässerig. Es war -kein Rum darin.« - -»Und dann fuhr das fremde Mädchen mit?« - -»Sie ist eine Verwandte vom Großbauern, freilich, das Wasser von der -siebenten Windel. Und sie heißt Hanka.« - -»Warum hat die Frau die Reise gemacht, zwei Tage mit dem Wagen hin, -drei Tage dort, zwei Tage mit dem Wagen zurück? Mit der Eisenbahn fährt -sie nicht. Eine ganze Woche war sie fort, jetzt in der Arbeitszeit.« - -»Sie kann tun, was sie will, sie ist die Frau. Und es sind Verwandte. -Das fremde Mädchen bleibt jetzt hier.« - -»Ja, sie wird den Juro heiraten, den Erbsohn«, sagte eine junge Magd, -»denn sie ist aus dem könig --« - -Eine Hand preßte sich dem Mädchen auf den Mund, und alle Wenden sahen -auf den deutschen Knecht. - -Der stand auf und machte eine abweisende Handbewegung. - -»Tut nicht so albern! Ich weiß soviel wie ihr!« - -Er entfernte sich langsam und ging über den Hof. - -Die anderen fielen über die junge Magd her. - -»Wie kannst du, Worsla, du Plappermaul? -- Vom König spricht man nicht! -Noch dazu, wenn ein Fremder dabei ist. Das ist das heilige Geheimnis!« - -Das hübsche junge Mädchen brach in Tränen aus. - -»Ich wußte es nicht. Ich glaubte, er gehört zu uns.« - -»Er ist ein guter Kerl,« sagte einer, »aber er ist ein Deutscher.« - -»Ein ~hognity kjandros~ ist er«, lallte Lobo, der bereits wieder -betrunken war. - -»Sie ist verliebt in Wilhelm,« sagte giftig eine Magd; »sie hat ihm -drei Haare vom Nacken und ein Stück Haut vom Knie in den Osterkuchen -gebacken. Nun ist er in sie vernarrt.« - -»Es ist nicht wahr«, schluchzte Worsla, »es ist nicht wahr!« - -»Ruhe!« kommandierte der alte Kito. »Heute ist keine Zeit für -Liebessachen!« - -Es entstand eine Pause. Man hörte nichts als gelegentlich den -glucksenden Ton, wenn einer Branntwein trank. - -Da sprach der Alte: - -»Ich will nicht, daß die Frau stirbt. Sie ist noch jung und sie ist -gut. Vor dreißig Jahren bin ich mit ihr auf den Hof gekommen. Ich will -nicht, daß sie stirbt. Ich werde sie anräuchern. Noch ehe die Sonne -aufgeht, werde ich auf den Kirchhof gehen und Gras abschneiden von -einem Kindergrabe. Und ich werde dabei zählen: neun, acht, sieben, -sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. So werde ich zählen. Und am Morgen -werde ich das Gras anzünden und die Frau beräuchern. Das wird ihr -helfen. Das wird ihr helfen, oder -- oder ...« - -Er machte eine Handbewegung. Starr blickte er vor sich hin und fuhr -dann fort: - -»Ich bin alt. Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme, oder ob mich die -Toten dort behalten. Zeit ist es längst. Es gibt auch Leute, die mir -das Leben nicht mehr vergönnen. Wenn eines mit mir auf den Kirchhof -gehen will, so soll er es sagen. Er darf aber auf dem Wege kein Wort -sprechen.« - -Sie duckten sich alle zusammen, als ob plötzlich ein eisiger Wind sie -gefaßt hätte. - -Nur die junge Magd Worsla sagte: - -»Vater Kito, ich gehe mit dir. Du bist sonst so lustig und immer gut.« - -Der Alte nickte und sah sie an. - -»Wenn sie -- wenn sie mich dort behalten, dann lege mir gleich zwei -Steine auf die Augen.« - -Schritte klangen über den Hof. Wilhelm, der deutsche Knecht, kehrte -zurück. - -»Will keiner einspannen und nach dem Doktor fahren?« fragte er. - -Sie wehrten alle ab. Der Arzt bringe den Tod. Der Bader sei bei der -Frau, die Smjertniza sei auf dem Felde, der Doktor solle fortbleiben. - -Der Deutsche wurde wütend. - -»Gebt mir den Schlüssel zum Pferdestall!« rief er zornig. - -»~Hognity kjandros!~« fuhr Lobo auf. - -Da erhielt er eine Ohrfeige, daß er taumelte. - -Mit Mühe wurden die beiden auseinandergebracht. Aber vergebens -versuchte der deutsche Knecht, den Schlüssel zum Pferdestall zu -erlangen. - -»So werde ich nach der Stadt laufen.« - -»Das Hoftor ist zu. Den Schlüssel bekommt er nicht!« - -Wilhelm lächelte verächtlich. Aber er fuhr zusammen, als er leises -Weinen hörte. Worsla, die junge Magd, hob die Hände zu ihm. - -»Geh nicht! Die Smjertniza geht um! Geh nicht! Es ist nicht nötig! -Ich gehe mit Kito zum Friedhof. Wir holen heiliges Gras von einem -Kindergrab. Da räuchern wir die Frau an, und sie wird gesund werden.« - -Sie streckte ihm, alle Scheu vergessend, beide Hände hin, er aber -wehrte sie unwirsch ab und sagte: - -»Du bist auch so eine Gans!« - -Ging über den Hof und schwang sich über die Mauer. - - - - -Die weiten Matten des Riesengebirges sind dort am breitesten und -schönsten, wo der große Elbstrom seine Quellen hat. Runde dichte -Knieholzgebüsche sind über den kurzen Rasen verstreut wie dunkelgrüne -Kränze. - -Ein leichter milder Abendwind ging über die sich weit hindehnende -Elbwiese und erquickte einige Wandersleute, die, vom Gipfel des Hohen -Rades herkommend, sich am Boden lagerten. - -»Kolossale Fläche«, sagte ein stattlicher Fünfziger und ließ die -fröhlichen, stahlgrauen Augen rundum schweifen. - -»Grandiose Fläche! Und das liegt nun alles hier oben viertausend Fuß -hoch und hat keinen Zweck.« - -»Aber, Papa, das ist doch so schön!« entgegnete ihm seine schlanke -Tochter; »sieh mal, wie sich diese weiten Wiesen hindehnen und eine so -friedlich schöne Brücke sind zwischen den zwei großen Gebirgskämmen ...« - -»Jawohl«, unterbrach sie der Alte sarkastisch und mit imitiert -flötender Stimme. »Diese epische, ruhige Breite, nur hin und wieder -unterbrochen durch die Lyrismen winziger märchenhafter Knieholzwälder, -deren Baumstämmchen nur so groß sind wie die Kinder und so verträumt -sind wie die Kinder.« - -»Papa!« - -»Tja! Herrschaften, denken Sie nu ja nicht etwa, die Stelle von der -epischen Wiese und von den lyrischen Kniehölzern is von mir. Keine -Spur! Hier steht sie, die diese Stelle gedichtet hat -- meine Tochter -Elisabeth von Withold. Es hört sich großartig an sowas. Man kann sich -zwar nischt dabei denken, aber es klingt nach was!« - -»Papa, du hast ...« - -»Ich habe jar nischt. Dein Papa ›hat‹ nie! Nämlich spioniert! Er -hat sich lediglich erlaubt, direkt auf dem Wege ein Notizblatt zu -finden, das seine poetische Tochter verloren hatte und das er hiermit -submissest zurückerstattet, weil er keine Verwendung dafür hat.« - -»Gnädiges Fräulein, die Stelle von der epischen Ruhe dieser großen -hohen Wiesenflächen und ihrer lyrischen Unterbrechung durch die kleinen -Büsche mit ihren bizarren Zwergstämmchen und den wunderlichen Kronen -ist herrlich. Bitte, schenken Sie mir das Blatt!« - -Der das sprach, war ein junger, schlanker Mann. Der Alte lachte -fröhlich. - -»Bravo, Herr Juro, bravo! Man hört Ihnen gleich an, daß Sie Ackerbau -studieren und künftiger Scholta und Großbauer im Wendenland sind. -Jawohl, das ist unsere moderne Landwirtschaft! Der Landwirt stellt -sich an die Wiese und phantasiert von epischer Ruhe und lyrischer -Unterbrechung, und die Ochsen zu Hause verhungern und die Wirtschaft -geht sachte zum Deibel.« - -»Lieber Vater ...« - -»Lieber Sohn?! Sei du man stille! Denn du bist erst der rechte!« - -Heinrich von Withold, ein zweiter junger Mann, nickte seinem Vater -gemütlich zu und pfiff eine kurze musikalische Sentenz. - -»Pfeif nur, Bürschel, pfeif nur! War wohl wieder von dem verrückten -Kerl, von dem Wagner? Ich sage -- einmal und nicht wieder!« - -Niemand fragte, was er meine. Alle wußten, er meine, einmal habe er -eine der neuen Wagnerschen Opern angehört und tue das nie wieder. - -»Auf keinen Fall!« fuhr Herr Withold zornig beteuernd fort. »Jetzt --- was soll ich machen, daß der Junge, der Heinrich da, sich viel -mehr mit musikalischen Faxen abgibt, als daß er Volkswirtschaft und -Agrikultur studiert, wofür ich ihn, Himmeldonnerwetter, nach Breslau -zur Universität geschickt habe?! Was soll ich machen?« - -»Ach, wir können die Kinder nach unserm Sinn nicht formen. So wie Gott -sie uns gab, muß man sie halten und lieben,« entgegnete Heinrich, der -Jüngling. »Siehst du, Papa, diese Verse sind auch dichterisch, zwar -nicht von meiner Schwester Elisabeth, aber von Goethe, von Johann -Wolfgang von Goethe.« - -»Affe!« sagte der Alte. (Er meinte seinen Sohn Heinrich, nicht -Goethe.) »Affe!« wiederholte er, »ihr habt Glück, daß ihr so einen -schafsgutmütigen Vater habt, sonst -- Donnerschlag ja ...! Ich amüsier' -mich schon immer, wenn ich so 'ne Visitenkarte von einem Studenten -sehe: ›~stud. med.~‹, ›~stud. jur.~‹, ›~stud. phil.~‹, ›~stud. -agric.~‹ und was da alles draufsteht. -- Da sag ich mir immer, das -erste ›~stud.~‹, das is das, was der Kerl im allgemeinen nicht macht, -und das, was dahinter kommt, das is das, wovon er sich ganz besonders -drückt. Herr Gott, dahier stehen zwei Studenten, ~cives academiae~, wie -es so stolz heißt -- Herr Juro und Herr Heinrich, mein vielbegabter -Herr Sohn; beide sollen in Breslau Agrikultur studieren, beide sollen -ja einmal große Güter übernehmen. Gut! Kommen wir also hier an diese -kolossalen Bergwiesen. Müßte man denken -- halt -- Studenten des -Ackerbaues -- halt! -- was werden die machen? Werden sich gewiß -hinstellen und sagen: Bis zu dem Gebüsch da soundsoviel Huben, bis zur -Baude soundsoviel Huben und so weiter. Und dann: Verflixt ja, wenn ich -diese Prachtwiesen unten im Gelände hätte -- das Kroppzeug von Knieholz -rodete ich aus -- Klee? -- Ruchgras? -- Luzerne? -- Zum mindesten -Buchweizen? -- Wollen mal sehen! -- Aber die Wiesen liegen nu mal hier -oben. Viertausend Fuß hoch. Nichts zu machen mit Talbepflanzung. Aber -mit Almenwirtschaft, zum Donnerwetter, mit rationeller Almenwirtschaft! -Schande und schade um so herrliche Flur! Jawohl, so müßte man denken, -würden zwei Studenten sagen, die Ackerbau studieren. Ach, du oller -Döskopp! Einer spricht von epischer Breite und lyrischer Unterbrechung -und einer pfeift 'ne Melodie, nach der nicht mal sein letzter -Pferdeknecht tanzen mag.« - -»Herr von Withold, Sie haben ganz recht. Was mich angeht, so befinde -ich mich sicher an ganz falschem Platze. Ich habe eben für die -Landwirtschaft nicht das mindeste Talent.« - -»Na, Juro, so schlimm wird ja das nicht sein. Hauptsache, Sie geben -sich Mühe. Seh'n Sie mal, das schöne Gut wartet doch auf Sie! Ein -Rittergut können Sie aus der alten wendischen Scholtisei machen, wenn -Sie's vernünftig anstellen. Ihr Großvater und Ihr Vater haben ja -kolossal zugekauft. Wie groß ist denn Ihr Väterliches jetzt?« - -»Ich weiß es nicht«, sagte Juro achselzuckend. - -»Sie -- Sie wissen das nicht? Ja, erlauben Sie mal, das -- das ist arg! -Studiert Ackerbau und weiß nicht mal, wie groß das väterliche Gut ist. --- Das ist ja unglaublich! Als ich so alt war wie Sie, kannte ich auf -unserem Gute sozusagen jedes Rind, jedes Schaf, jeden Hahn persönlich -mit seiner ganzen Lebens- und Familiengeschichte. Und Sie wissen nicht -mal -- ja, dann ist's allerdings am besten, Sie hängen die Geschichte -an den Nagel.« - -»Ich möchte wohl, wenn ich es könnte.« - -»Aber Mensch, Christ, Bürger, Sie haben doch Traditionen zu erfüllen! -Sie können doch nicht mir nichts dir nichts eine so wunderbare Sache -fahren lassen. Donnerwetter, bei Ihnen ist ja von Bauernwirtschaft gar -keine Rede mehr, das ist doch ein großes Gut! Ja, Mensch, wollten Sie -denn lieber ein ärmlicher Stubenhocker sein, als über eigenen Grund und -Boden schreiten als freier Mann, dem niemand auch nur ein Wörtlein zu -sagen hat, der lebt wie ein König?« - -»Wie ein König der Wenden!« - -»Red' mir nicht hinein, Heinrich! König der Wenden, das gibt's nich! -Das is eine von den vielen alten Sagen, die die Wenden haben. Unsere -Wenden sind gute Preußen, haben ihren König in Berlin, wie andere -Preußen, ihren Bramborski Kral. Aber ein König in seiner Art ist jeder -freie Landwirt, und nur er, alle anderen bis zum Minister und General -hinauf sind abhängige Diener.« - -Er nahm einen Schluck aus der Reiseflasche und fuhr fort: »Und Heimat --- ist Heimat gar nichts mehr? Irgendein Tand, den man leichten Herzens -aufgibt? Sehen Sie, Juro, Ihre Wendenheimat ist schön! Nicht lauter -Kernboden -- nein, viel Sand und auch Moor dazwischen. Aber doch gutes, -treues Land, auf das man sich immer noch verlassen kann. Ja, und ich -- -ich bin ja eigentlich ein Fremder dort zu Lande. Na, schütteln Sie nich -den Kopp! Ich bin ein deutscher Rittermäßiger, der sich im Wendenland -sein Gut gekauft hat. Ja, ich kann mich nicht beschweren, die Wenden -sind gute Leute. Saufen ja 'n bissel -- das tun wir auch -- sind auch -sonst nicht gerade große Säulenheilige -- das sind wir auch nicht --, -aber sind fleißige Arbeiter und ehrliche Leute. Juro, ich bin ein -Deutscher, aber ich möcht aus dem Wendenland nicht raus; es is mir zur -Heimat geworden, wenn ich mir auch jetzt noch mit jedem wendischen Wort -die Zunge verrenke. Und Sie -- Sie sind doch ein geborener Wende!« - -Juro ließ den Kopf sinken und zupfte mit den Fingern an dem kurzen -Grase. Der Wind spielte leicht mit seinen schlichten blonden Haaren, -und eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen. So sprach er: - -»Ach, Herr von Withold, Sie wissen nicht, woran Sie da rühren. Das sind -ja die Kämpfe, die ich seit vielen Jahren führe mit meiner Mutter, mit -meinem Vater, mit mir selbst, auch mit meinem Bruder Samo. Daß ich für -die Landwirtschaft kein Talent und kein Interesse habe, ist ja von -meiner Nationalität ganz unabhängig und hat damit gar nichts zu tun. -Ich studiere ja auch in der Hauptsache Medizin und höre nur nebenbei -einige landwirtschaftliche Vorlesungen. Was mich grämt, ist aber, daß -sie mich zu Hause alle als einen Abtrünnigen ansehen, als einen, der -sein Wendentum verrät und ein Deutscher wurde.« - -Der junge Mann stand auf. Eine große Erregung überkam ihn. - -»Ich will's ja nicht leugnen, ich bin ein Deutscher in meinem Herzen. -Aber ich wehre mich dagegen, daß ich das Wendentum verraten haben -soll. Was sind die Wenden noch? Ein winziges Häuflein, eingesprengt -ins große deutsche Volk. Und wie ist ihnen zu helfen? Dadurch, daß -sie sich feindselig und eigensinnig absperren? Dann müssen sie -verhungern, vor allen Dingen auch geistig verhungern. Wir haben keine -große Nationalliteratur, keine nationale Kunst, keine nationale -Wissenschaft, keine großen nationalen Schulen, nicht einmal nationale -Geschäftsbetriebe. Auf unseren Walddörfern sitzen wir in Armut, und -wenn einer hinauskommt und nichts kann als seine wendische Sprache, -die niemand versteht, dann wird er ein Helot, und das ganze Volk wird -ein Helotenvolk werden. Das will ich nicht, dagegen wehr' ich mich, -eben weil ich die Meinigen liebe, und darum müssen wir, die selbst zu -schwach sind, uns an ein stärkeres und reicheres Volk anschließen, -müssen wir eine Sprache haben, die ins weite Land klingt und auf vielen -Märkten und in vielen Hörsälen verstanden wird.« - -Er hielt inne und blickte hinunter ins tiefe Elbtal, das den -preußischen und den böhmischen Kamm des Riesengebirges trennt. Steil -fallen die Felsenwände des böhmischen Krokonosch hinab zum Fluß. Juros -Blicke schweiften hinüber zum böhmischen Land. Und er sprach das, was -in seinem jungen Grüblerherzen sich in vielen einsamen Stunden gebildet -und immer wiederholt hatte, was er wie sein eigenes Evangelium konnte: - -»Anschluß an ein glücklicheres Volk, als wir sind, denen das Schicksal -durch alle Jahrhunderte die Größe und Selbstherrlichkeit versagt hat! -Kapitulation in Ehren! Aussöhnung mit gegebenen Notwendigkeiten, -Aussöhnung, die uns nicht schändet, die uns vorwärts führt. -Heimatsuchen in weitem Gefild, Heimatsuchen, das meinen stillen, -gutmütigen Brüdern und Schwestern nicht schwerfallen wird ... Aber -nicht dort drüben, nicht bei den Tschechen, die unsere Vettern heißen, -die viel glücklicher waren als wir, in viel reicherem Lande wohnen und -die doch trotz aller Großmannssucht den Weg zu einer hohen Staffel -der Menschheit nicht fanden. Wir wollen Deutsche sein, im Deutschtum -vorwärtskommen und ehrlich mithelfen, das, was uns am Deutschtum nicht -gefallen kann, zu ändern und zu bessern.« - -Der alte Withold reichte Juro gerührt die Hand, und der Mund des -jungen, leidenschaftlich erregten Wenden zuckte. - - * * * * * - -Im Silberlicht des Mondes spielte die junge Elbe auf der Bergwiese. Und -sie plauderte harmlos wie alle Bächlein, die mit Gräsern spielen und -mit lachendem Glick-Glack und Hopp-Schlock über wichtigtuende Hölzchen -wegsetzen, die sich ihnen neckend in den Weg legen. Das spielende -Königskind, das zu Großem berufen ist, zur Beherrscherin weiter Lande -und mächtiger Städte, tändelt hier in seiner Jugendheimat, lacht, tanzt -und plaudert wie ein armes Wiesenwässerchen, das im nächsten Dorfteich -mündet. - -Aber eine ungestörte Jugend haben Königskinder nicht. Alte Leute, -die von ihrer großen Mission wissen, nehmen sie von Zeit zu Zeit vom -Spielplatz weg, bekleiden sie mit Größe und Würde, mit Brokatgewändern -und goldenen Kronen, trichtern ihnen ein trutzig und altklug Sprüchlein -ein und stellen sie so dem Volk zur Schau. - -»Seht da, das Königskind! Seht die Würde und Größe, die in ihm ruht!« - -Also geschieht es auch mit der jungen Elbe. Ihre Wässerchen werden in -einem großen Wasserbehälter aufgefangen, der dicht an einem felsigen -Abgrund liegt, und wenn der ganze Behälter voll ist und wenn genug Volk -da ist, das geneigt ist, seinen Tribut zu entrichten, dann zieht der -Wärter, der Gouverneur des jungen Königskindes, eine Schleuse, und das -Kind, das eben noch silbern lachte, spricht plötzlich mit donnernden -Herrscherworten, entrollt seinen tausendfaltigen Demantmantel, steigt -mit Riesenschritten hinab ins Tal. - -Freilich, es ist nur ein höfisches Theater, es ist nur, um dem Volk -ein Schaustück zu stellen. Kaum ist das Königskind im Tal angelangt, -so zieht es den wallenden Demantmantel wieder aus, hört auf, seinen -eingelernten Donnerspruch zu sagen, und spielt tändelnd wieder wie -andere Kinder. -- -- - -Einsam lag die Gebirgsbaude an der Felsschlucht, wo der alte Wärter am -Wasserbassin lehnte und wartete, ob er um ein Stücklein Trinkgeld den -»Elbfall« noch einmal »ziehen« können würde. In der Baude saßen Gäste, -lachten beim böhmischen Wein. Ein Fiedler spielte, sein Weib schlug die -Gitarre. Sie sangen »Gott erhalte Franz den Kaiser« und »Heil dir im -Siegerkranz«. - -Die drei Künstlermenschen, das Geschwisterpaar Withold und der junge -Wende Juro, wanderten draußen durch den lichten Abend, sahen den -Himmelskuß des Sternenlichtes auf den Stirnen der Berge, sahen das -tiefe dunkle Elbtal hinab einen weißen Nebelschwaden fahren, der -war wie ein silberner Kahn auf dunklem Strom. Als die drei zu einem -schmalen, steinigen Fußsteig kamen, der in die Elbschlucht führt, sagte -Heinrich zu Juro und Elisabeth: - -»Steigt ein Stücklein da hinab. Ich gehe hinüber zum Wärter, er muß -den Fall noch einmal ablassen. Das wird schön aussehen jetzt im -Mondenschein.« - -Da standen Juro und Elisabeth erst zögernd still, dann gingen sie -beklommen den dunklen, schmalen Felsenweg hinab. Sie waren jung. Sie -waren Träumer. Sie liebten sich, und ihre Seelen waren unverdorben. Da -war die herzschlagende Scheu in ihnen, die bange Furcht und doch auch -die schmerzliche Sehnsucht: jetzt in dieser lichten Abendstunde möge -die Zeit gekommen sein, wo das goldene Tor zum Allerheiligsten ihrer -Seele aufspringen und sich das Wunder offenbaren würde, das wohlgehütet -da wohnte -- ihre Liebe. - -Langsam stiegen sie den holprigen Pfad hinab, und wenn der Mann dem -Mädchen die Hand reichte, dann glühten die Hände ineinander wie im -Fieberfeuer, oder sie trafen sich kalt wie in Schreck und Angst. - -Als sie endlich stehenblieben, war ein Baumstamm zwischen ihnen, aber -sie fühlten ihre Nähe, und es war, als ob tausend weiche Wunderfäden -sich um sie und den Stamm rankten und sie in weltferne Wonnen -einspännen. Ein Nachtvogel huschte vor ihnen auf; sonst war alles in -tiefer, feierlicher Ruhe. - -Da kam ein Plätschern, ein Rauschen, dann ein Brausen, und donnernd -fiel eine Silberflut vor ihren Augen durch die Nacht, und eine -Siegeshymne dröhnte an ihr Ohr. Eine Fülle von Schönheit, Größe, Kraft -ward vor ihnen aufgetan, ein Siegesjubel, ein jauchzender Glaube an -Glück und Freude durchschütterte sie ... - -Der Strom überdröhnte den Schlag ihrer Herzen, und sie lagen sich in -den Armen zum ersten langen heißen Kuß. - -Sie sprachen kein Wort. Den ganzen großen jubelnden Inhalt ihrer Herzen -sang der silberne Fluß in gewaltiger Melodie. - -Erst als der Strom versiegte, als ein dünnes Rinnlein einen leisen -Epilog zu dem großen Schauspiel sprach, da erwachten sie zur -Menschensprache und gaben sich in stammelnden Fragen und wirren -Antworten, mit leisem Seufzen und glückseligem Lachen Kunde von ihrer -Liebe. - -»Ich gehöre dir für immer und ewig!« - -Diese Worte sprach Juro fest und mit feierlichem Ernst. Es war ein -Gelöbnis, das aus der Gegenwart herauswuchs und an keine Kämpfe der -Zukunft dachte. - -Der Wendensohn und das deutsche Mädchen hatten sich verlobt. -- -- -- - -Heinrich kam, merkte sogleich, was geschehen sei, drückte dem Freund -und seiner Schwester die Hand und übernahm es, oben auf dem Wiesenplan -die Verwirrung der beiden jungen Leute durch seine Munterkeit zu -verbergen. - -Die Eltern und alle anderen Gäste waren aus der Baude gekommen, und nun -wurde im Freien eine große Polonaise geschritten, zu der der Böhme und -sein gitarreschlagendes Weib gar lieblich musizierten. - - * * * * * - -Ein später Wanderer kam vom Hohen Rad herüber. Er war schon weit -gegangen, hatte in vielen Bauden Einkehr gehalten und überall -dieselbe Frage getan. Nun wies ihn die Spur, der er folgte, nach der -Elbfallbaude, die da endlich vor ihm lag. Er hörte Musik, sah tanzende -Gestalten, hörte ein deutsches Lied singen und blieb stehen. Den Hut -hielt er in der Hand, der Mond bestrahlte seinen Kopf. - -Schlichtes, schwarzes Haar, in die Stirn gekämmt, etwa wie es die -Russen tragen, breite Wangen, zwei kleine dunkle, bewegliche Augen. Die -Figur klein, aber kräftig, ein wenig krummrückig, so daß der Hals kurz, -gedrückt erschien. Er war jung, ohne recht jung auszusehen, über dem -scharf und energisch geschnittenen Mund war kein Barthaar zu sehen. - -Wieder tönte das Lied herüber. Da kniffen sich die kleinen Augen -zusammen, und der Fremde sprach in fremder Sprache: - -»Tolle Deutsche auf slawischem Boden!« - -Im Weitergehen summte auch er ein Lied: - -»~Kde domov muj?~« - -Es war das tschechische Heimatlied: »Wo steht mein Vaterhaus?« - -So kam er an die Baude heran. Mit finsterem Blick schaute er dem -fröhlichen Tanze zu, blickte er besonders auf Juro, der mit Elisabeth -tanzte und die Ankunft des Fremden gar nicht bemerkte. - -Da faßte ihn dieser am Arm, hielt das Paar an. - -»Hör auf zu tanzen!« - -Er sagte es in der fremden Sprache. - -Juro wandte sich ihm bestürzt zu. - -»Was -- was ist? -- Samo -- du? -- Du -- Samo? -- Ja -- was -- was -willst du denn?« - -»Daß du aufhörst zu tanzen!« - -»Was fällt dir ein? -- Wo kommst du her? -- Kennst du denn Fräulein -von Withold nicht, die Tochter von Herrn von Withold aus unserem -Nachbardorf?« - -Der Fremde machte Elisabeth eine leichte, mürrische Verneigung. - -»Ich habe mit meinem Bruder zu reden«, sagte er kurz. - -»Samo, ich verbitte mir diesen Ton! Ich verbitte mir, daß du mich -hier mitten im harmlosen Tanz überfällst.« - -»So tanze weiter! Indes liegt unsere Mutter daheim im Sterben!« - -»Du bist -- du bist wohl wahnsinnig?« - -Der andere reichte ihm ein Depeschenblatt hin. - -»Mutter tödlich verunglückt --« - -»Samo -- was -- was -- das ist ja nicht möglich -- o Gott, Samo, das -ist doch nicht wahr? Sag doch, was das ist -- sag doch, was du weißt --« - -»Ich weiß, daß ich das Blatt in Breslau bekam, daß ich hierhergefahren -bin und daß ich dich den ganzen Tag gesucht habe.« - -Juro brach in ein mühsam unterdrücktes Schluchzen aus und wollte sich -dem Bruder an die Brust werfen. Der wehrte ihn ab. - -»Hol deine Sachen und komm!« - -Eine Weile stand Juro fassungslos da, indes seine Hände das böse Blatt -zerknitterten, dann wandte er sich zu Elisabeth. - -Die stand mit todblassem Gesicht neben ihm. Die anderen drängten heran, -die Musikanten brachen das Spiel ab, eine kurze Auskunft wurde gegeben, -eine Flut bedauernder Worte wogte durcheinander. - -Da ging Juro nach der Baude, holte sein geringes Reisegepäck. Als er -vor Elisabeth zum Abschiednehmen stand, sagte er leise zu ihr: - -»Nun bleib mir treu! Jetzt brauche ich dich mehr als früher!« - -Sie wollte etwas sagen, aber ihre Lippen zuckten nur. Doch sie drückte -ihm die Hand. - -Bald darauf wanderten die beiden Brüder der preußischen Grenze zu. - - - - -Drüben im Wendenland kämpft die verunglückte Frau mit dem Tode. - -»Es geht zu Ende! -- Nehmt mich aus dem Bett! Holt frisches Stroh. -- --- -- Weine nicht so sehr, Hanka! -- Wenn ich tot bin, weine nicht auf -meinen Sarg -- -- sonst müßte ich kommen und dich zu mir holen -- --« - -Eine lange, bange Pause. Dann fährt die Kranke fort: »Kommt Juro? -- -Habt ihr ihm geschrieben? -- -- Ich muß noch mit ihm reden -- -- und -ich will ihn sehen --« - -Der alte Scholta tritt ans Bett seiner Frau. - -»Juro kommt und auch Samo kommt.« - -Die Kranke lächelt und reicht ihrem Gatten die Hand. - -»Hanzo! Ich danke dir, daß du mich zu deiner Frau genommen hast! Das -war eine Gnade von Gott!« - -Über das scharfgeschnittene, bartlose Gesicht des alten Wenden geht ein -tiefer Schmerz; aber er sagt nichts als: »Gott helfe dir!« - -Die Frau richtet den Blick nach der Wand, wo der Glasschrank steht. -Er ist aus gelbgestrichenem Kirschbaumholz und hat eine Tür mit drei -Glasscheiben, durch die man ein Gewirr bunter Dinge steht. Da sind -Porzellan- und Glasgefäße vom Ahn und Urahn her. An alle knüpfen sich -Familienerinnerungen, auf manchem steht ein alter Name, eine alte -Jahreszahl, ein alter Segensspruch, der noch immer wirkt, wenn man -ihn liest. Da sind noch die Tabaksdose und die Korallenkette, die -der Alte Fritz den Urgroßeltern geschenkt hat, als er einmal in der -Scholtisei gerastet hat; da ist Großvaters eiserner Ehering vom Jahre -1813. Wie die Kaffeetassen glitzern mit ihren goldenen oder hellroten -Aufschriften! Dazwischen liegt ein altes Stück Holz. Es stammt von -der uralten Hejka, der Hammerkeule, die der erste Scholta der Familie -als Zeichen seiner Macht führte, mit der er sich verteidigte, als er -in bösen Zeitläuften des langen Krieges von Kroaten überfallen wurde. -Die Kroaten erschlugen ihn, zerschlugen seine Hejka. Aber das Holz der -Hejka liegt immer noch als Heiligtum im Glasschrank unter den schönen -feierlichen Kaffeetassen, das Andenken des Urahnen ist immer noch im -Segen, und die Kroaten werden wohl gestorben und verdorben und verloren -sein, wie alle bösen Menschen verlorengehen. - -Die schlimmen Schmerzen kommen wieder, die Kranke verliert das -Bewußtsein. - -Hanka, das junge Wendenmädchen, schreit laut auf, Hanzo tritt ruhig ans -Bett und schiebt das jammernde Mädchen beiseite. Der alte Knecht Kito -schleicht durch die Tür herein. Er hat ein Büschel Kirchhofgras in der -Hand. - -Die Kranke erwacht wieder zum Leben. Und nachdem ihre Augen lange in -Fieber und Schmerz an der Stubendecke herumgeirrt sind, richtet sie -wieder den Blick nach dem Glasschrank und reicht ihrem Manne die Hand. - -»Hanzo, es war eine Gnade --!« - -Dort im Glasschrank ist noch der kleine Rautenkranz, den Hanzo bei der -Hochzeit auf dem Kopfe trug. Weil er »~cysty~« war -- ehrbar. Und der -Kranz ist ihm nicht abgefallen den ganzen Tag, nicht einmal beim Tanze. -Nun ist der Kranz freilich braun und dürr, aber die grünen und weißen -Seidenfäden, die von ihm herunterhängen, sind noch immer weiß und grün. -Da steht noch ihre eigene farbengeschmückte Brauthaube, da ist noch -ihr eigener Kranz, da ist noch der Taler, den ihr die Mutter in den -Brautstrumpf steckte, damit sie immer im Leben Geld habe. Da sind noch -zwei Kerzenstümpfe, die gebrannt haben von dem Augenblick der Geburt -ihrer beiden Söhne Juro und Samo an bis zu deren Taufe. Nun kann der -Teufel keine Macht über sie haben ihr Leben lang. - -Grüne, schöne Zeit! Die scheidende Seele geht am letzten Herbsttag -immer zu ihrem Frühling zurück. - -»Sie stirbt! Sie stirbt!« schreit Hanka, das Mädchen, wieder -leidenschaftlich auf und neigt sich über die bleiche Kranke. Die fährt -mit irren Fingern nach dem Verband an ihrem Kopf, und ein rotes Rinnsel -fließt über Auge und Wange. - -»Sie stirbt! Sie stirbt!« - -»Geh weg, Mädel!« - -Der alte Knecht Kito steht am Bett. Er hat Gras geholt vom Kirchhof -und es trocknen lassen. Nun zündet er die dürren Gräser und Blumen an, -läßt den Rauch hingehen über die Kranke und spricht: - - »Ich sehe einen heiligen Baum. - Er hat kostbare Frucht getragen. - Er trägt nicht mehr. - Blut stehe still und tue nicht weh: - -Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!« - -»~To pomogaj si bóg wósc, bóg syn a bóg swety duch~«, wiederholt der -alte Scholta. -- -- - -Da fährt ein Wagen in den Hof. Ein Herr springt heraus, stellt draußen -einige Fragen und tritt in die Stube. - -»Tag! Also, was ist los?« So fragt er barsch. - -Die beiden alten Wenden und das junge Mädchen starren den Fremdling an. -Der geht auf das Krankenbett los ... - -»Also, wollen mal sehen!« - -Und streckt die Hand nach der Kranken aus. - -»Herr, wer sind Sie? Was wollen Sie hier?« fragt der alte Scholta. - -»Ja, Mann, ich bin doch der Arzt -- ~Dr.~ Brehler. Sie haben mich doch -rufen lassen.« - -»Ich habe Sie nicht rufen lassen.« - -»Na, hört sich alles auf! Kommt so'n Kerl, Wilhelm Tielscher oder so -ähnlich -- also Ihr Knecht -- kommt der mitten in der Nacht, klingelt -mich raus und sagt, ich müsse sofort zu seiner verunglückten Frau -kommen. Na, ich hab' den Morgen abgewartet und bin nun hier. Die Fahrt -durch Ihre Sandgruben und Schlammgräben ist doch kein Vergnügen. Ist -das nu Ihre Frau?« - -»Ja! Und verunglückt, schwer verunglückt ist sie auch -- ja! Aber Sie -rufen lassen habe ich nicht -- nein!« - -»Das ist stark! Mich hierher in dieses weltverlorene Nest -- Ja, Mann, -sehen Sie nicht, daß die Frau stirbt?« - -»Ja, das sehe ich!« sagt der Scholta ganz leise. - -»Und Sie lassen die Frau so liegen? Was ist denn das für ein -schauderhafter Qualm hier?« - -Der alte Kito tritt vor. - -»Ich habe die Frau angeräuchert und das Blut besprochen«, sagt er mit -großem Ernst. - -»Beräuchert? Besprochen? Ja, Menschenkinder, gibt's denn im neunzehnten -Jahrhundert wirklich noch solch schafsdämliche Gesellschaft? Seid ihr -denn verrückt?« - -»Herr Doktor! -- Herr Doktor! -- Herr Doktor!« - -Mehr bringt der weißhaarige Alte nicht heraus. Aber mit seinem -angebrannten Grasbüschel fährt er dem Arzt vor dem Gesicht herum. - -»Herr Doktor -- ich habe -- im Namen Gottes --« - -»Im Namen Gottes wird der hellste Blödsinn vollführt seit ewigen -Zeiten!« schrie der Doktor. »Macht das Fenster auf! -- Und Sie -- Sie -sind doch der Mann von der Frau? Soll ich sie nun untersuchen oder -nicht?« - -Der Scholta senkte den Kopf und schwieg. - -»Also -- da -- da macht doch, was ihr wollt!« - -Zornschnaubend wandte sich der Arzt nach der Tür. Da eilte ihm Hanzo -nach. - -»Herr Doktor -- können Sie -- können Sie meiner Frau wirklich das Leben -retten?« - -»Natürlich kann ich. Dafür bin ich Doktor! Aber ihr mit eurem -blödsinnigen Quatsch macht ja alles zuschanden. Adieu!« - -»Herr Doktor! Herr Doktor! Ich bitte so sehr! Ich gebe alles, was Sie -wollen, wenn Sie es wirklich können!« - -»So! Auf einmal! Erst wird man behandelt wie'n Schuhputzer, und dann --« - -Er kehrte um, tat einige barsche Fragen und enthüllte dann die -bewußtlose Frau, um sie zu untersuchen. - -Der alte Hanzo wandte sich ab. Er schluchzte, und seine Brust krampfte -sich zusammen. Der Sohn der Heide litt darunter, daß ein fremder Mann -seine Frau sah. Der alte Kito schlich mit seinem Grasbüschel hinaus. - -Eine lange schmerzliche Pause. Die Sonne sah zum Fenster herein -und vergoldete den Rautenkranz, den der Scholta bei seiner Trauung -getragen, und in dem alten Glasschrank war Licht und Glanz, und in der -keuschen Seele des Bauern war Nacht und Qual. - -»Hm! Da ist nichts mehr zu machen! Da ist es vorbei!« - -»Herr! -- Und da -- da -- da -- haben Sie erst --« - -»Was habe ich?« - -»Sie -- Sie -- Mariana --« - -Der alte Scholta sinkt am Bett nieder und deckt alles, was er mit -seinen zitternden Händen erlangt, hastig über seine Frau. - -»Ja, Mann, was wollen Sie eigentlich?« - -Der Scholta springt auf. - -»Können Sie -- können Sie ihr nicht helfen?« - -»Nein! -- Es ist vorbei --!« - -»Und Sie haben --« - -»Was habe ich?« - -»Sie erst -- erst -- erst --« - -»Also, Mann, brüllen Sie mich nicht an! Ich hab' die Sache endlich -satt. Adieu!« - -Mit kraftlos herabhängenden Armen, an denen sich die Fäuste ballten, -sah der alte Wende dem Arzte nach. -- -- - -Oh, es war schade! - -Es war schade, daß kein besserer Arzt, kein besserer Deutscher, kein -besserer Mensch in diese wendische Krankenstube trat. Und es war -schade, daß der deutsche Knecht Wilhelm Tielscher sechs Wochen lang ins -Gefängnis gesteckt wurde, weil er den Arzt, den er auf der Heimfahrt -begleitete, unterwegs aus dem Wagen gezogen, durchgeprügelt und zu Fuß -hatte heimgehen lassen. - - - - -Als der Abend kam, sagte die kranke Frau: »Nehmt mich aus dem Bett. -Holt das Sterbestroh und legt mich darauf!« - -Alle wehrten ab. - -»Ich muß sterben,« sagte die Frau, »und es möchte niemand mehr in den -Betten schlafen, in denen ich gestorben bin. Legt mich auf das Stroh!« - -Sie verlangte den alten wendischen Brauch, der das Bettzeug nicht -unbrauchbar werden lassen will, weshalb der Kranke vor seinem -Verscheiden neben das Bett auf Stroh gelegt wird. - -»Es ist schade um die Betten!« sagte die sparsame Frau. »Ihr müßtet sie -verbrennen!« - -Hanzo neigte sich über sie und sagte: - -»Weißt du nicht, wer du bist?« - -Da flog ein stolzes Lächeln über das Antlitz der Kranken, und sie sagte -wieder: - -»Hanzo, es war eine Gnade!« - -Dann sprach sie stolz zum alten Kito und zu Hanka: - -»Ich sterbe im Bett, weil mein Mann der Kral[3] ist.« - -Sie nahm ihn an der Hand und flüsterte: - -»Ich werde noch so lange leben, bis Juro kommt. Ich muß noch mit ihm -reden wegen Hanka und vom Kral.« - -Er nickte und saß am Bette und hielt ihre Hand. - -Und so warteten die beiden auf ihre Söhne und auf den Tod. - -Aber zwischen alles schwere Leid und alle Erwartung mischte sich immer -der Königsgedanke. Der Königsgedanke war im ganzen Haus -- bei der Frau -als die stolzeste Erinnerung ihres entfliehenden Lebens, bei dem Manne -und bei allen Wenden in Haus und Hof. - -Es war die Gewißheit, hier geschehe etwas anderes, Größeres, als wenn -sonst eine wendische Frau starb. - -Die Frau des Kral starb, die heimliche Königin der Wenden schied aus -dem Leben. - -Dieser Gedanke ging durchs Dorf: der alte Briefträger trug ihn über -die Heide; ein Händler fing die Kunde auf und trug sie weiter; am -Ackerpflug, am Webstuhl wurde er besprochen, und bald sagten sich -die Schiffer und Fischer drunten im Niederland an der Spree wie auch -die Schafhirten im Oberlande heimlich und scheu: »Die Frau des Kral -stirbt!« - -Als dieser Abend weiter vorschritt und der Nachtwind ans Fenster -klopfte, schrie die Frau auf: - -»Oh -- der Nachtjäger!« - -Die Mägde stürzten mit neuem Tee herbei, mit Wohlverleih und -Schwarzwurzel, die da gut sind für die Wunden, und sie brachten -Bitterklee gegen das Fieber. - -Im Wundfieber sprach die Frau vom König der Wenden. Wirr waren ihre -Worte: vom verblühten Flieder sprach sie, von der ledernen Brücke, von -toten Kindern und vom Spinnen und Weben -- abgerissene, harte Worte vom -Untergang, und dann lachte sie dazwischen, rief nach Juro und Samo, gab -Befehle für die Milchwirtschaft und kam wieder auf den Kral und sprach -von einer silbernen Schaufel, von einer weißen Wolke und einem weißen -Fisch ... - - * * * * * - -Es ist aber dieses die - - -+Sage vom Wendenkönig.+ - -Es war vor tausend und vielen Jahren. Der Winter war mit seinem Eis bis -auf den Grund der Spree gedrungen und sprach mit knirschenden Worten -zu den Waldbäumen, die, in silberne Panzer gezwängt, seine Fronsleute -waren. - -Da ritt vom verrufenen Kreuzweg her der Nachtjäger Sturm gegen die -gepanzerten Bäume. Er hatte das Gesicht im Nacken und pfiff mit gellem -Ton seinen sieben Wolfshunden. Die hatten Schweinsköpfe und kamen mit -fliegenden Flanken und triefenden, behaarten Zungen dahergejagt. Das -pechschwarze Roß des Nachtjägers sprang zur Höhe, daß Funken von den -Hufen auf das Eis des Weges sprühten, und gelbes Feuer brach aus den -Nüstern des Rosses. - -So ritt der Nachtjäger Sturm. Ein Beben ging durch den Wald, und alle -Panzer klirrten, und alle Bäume duckten sich angstvoll und gramvoll -nieder. - -»Hallojoho! Hallojoho! Hallojoho!« - -Eine Peitsche knallte, die Rüden bellten heiser und hohl. Der -Nachtjäger lachte. Wo er vorüberritt, verhüllten sich alle Sterne. Wo -er vorüberritt, kam das Sterben über das Vieh, erblindeten alte Leute, -ging Jungfrauenehre verloren, ringelten sich graue Stricke gleich -lockenden Schlangen in die Hände verzweifelnder Menschen. - -»Hallojoho! Hallojoho!« - -Die Luft dröhnt und brüllt, Raben flattern zuckend am Boden, die ersten -Bäume brechen zusammen. - -Hallojoho! Der Nachtjäger ist da! -- -- - -Da tritt ein Mann aus dem Wald. Er trägt einen Pilgermantel und einen -Stecken als Stab. - -»Hallojoho! Ich reite dich zu Blut und Knochenbrei, und meine Hunde -fressen dir Auge und Herz!« - -Der Fremdling aber hebt seinen Stab und steht plötzlich in großer -Stille, steht in silbernem Mondenlicht und lächelt. Da bäumt das Roß -des Nachtjägers hoch auf, da dreht sich der Kopf des wilden Reiters in -wüstem Wirbel, da heulen die Hunde wie unter grausamer Peitsche, da -wendet sich der böse Troß zu jäher Flucht. - -Die Wolken zerreißen, Mondenschein und Sonnenlicht fällt auf die Wiese, -der Wald richtet sich auf, und der Wanderer geht auf ein kleines Haus -zu, in dem ein Licht brennt. - - * * * * * - -Am knorrigen Ast des Apfelbaumes vor dem Hause hing ein alter Mann. Die -Glieder zuckten noch im Todeskampf. Der Fremdling knüpfte den Gehenkten -los, stellte ihn auf die Füße, stützte ihn mit jugendstarkem Arm und -fragte nach einer Weile: - -»Warum wolltest du sterben?« - -Der Greis keuchte etwas von Not und Elend, von Krankheit unter dem -Vieh, vom harten Winter und harten Hunger. - -»Der Nachtjäger hat dich betört! Komm ins Haus!« - -In der Hütte saß die Frau des alten Mannes. Sie war blind. - -»Warum bist du blind?« fragte der Fremdling. - -»Weil ich so viel geweint habe!« - -»Und warum hast du geweint?« - -Sie machte eine müde Gebärde. - -Da zog der Fremdling eine goldene Schale aus der Tasche, darin war eine -kristallklare Flüssigkeit, und er strich mit der Flüssigkeit über die -Augen des alten Weibleins, und sie jauchzte und lachte mit ihren wieder -geöffneten Augen. - -Der alte Mann aber kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist der -König der Wenden!« - -Und das alte Weiblein kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist unser -Kral.« - -»Ja, ich bin der Kral der Wenden«, sagte der Fremde mit Feierlichkeit. - -Dann zog er eine Spindel aus der Tasche und ein Säckchen mit Leinsamen -und belehrte die alten Leute, wie sie Flachs bauen und spinnen sollten. -Und wenn erst alle Leute Flachs bauten und spännen, dann würde die Not -fort sein aus dem Wendenlande. - -Diese Leute hatten aber eine schöne Tochter. Sie war groß gewachsen -und üppig gebildet, hatte helle Haare und ein rotes Gesicht; ihre Arme -waren stark und ihre Füße flink. - -Sie trat nun in die Stube und sah den Fremdling, und er sah sie. Und -sie sahen beide ihre junge Gesundheit und ihre schöne Kraft und liebten -sich alsobald. - -»Ich höre, daß die Krankheit unter dein Vieh gekommen ist«, begann der -Fremde. - -»Ja, es ist so«, antwortete das Mädchen. - -»So komm mit mir in den Stall!« - -Sie gingen in die Winternacht hinaus nach dem Stalle, in dem die Kühe -krank die Köpfe hängen ließen. - -Der Fremde ließ die Tiere an einem Salz lecken, hob dann die Hand und -sagte: - - »Neun Brunnen sind im Mittagsland, - Neun Würmer nagen am Ufersand. - Die Brunnen versiegten beim Morgenrot, - Die Würmer waren am Mittag tot, - Zu Abend und Nacht ich spreche dies Wort: - All' Krankheit weiche von diesem Ort!« - -Da wurden die Tiere gesund. - -Am nächsten Tage, als es Mittag war und die Sonne klar über das weiße -Feld strahlte, nahm der Fremde das Mädchen an der Hand, führte es in -den kleinen Garten vor der Hütte und sagte: - -»Ich schenke dir diesen Stab, den ich hier in die Erde stoße. Er wird -zu einem Baume werden, an dem tausend Blumen blühen werden. Und der -böse Jäger wird nimmermehr Macht haben über euch.« - -Das Mädchen dankte ihm, und als sie der Fremde so sah in ihrer -Schönheit und Stärke, sagte er: - -»Du bist schön und gefällst mir wohl, und ich möchte dich zum Weibe -nehmen, wenn du mir in Wahrheit sagen kannst, daß du eine reine Jungfer -bist.« - -Da erglühte das Mädchen, und dann wurde es blaß, und es sah auf den -herrlichen Jüngling und zögerte noch drei Herzschläge lang und sagte -dann: - -»Wohl, ich bin eine reine Jungfrau!« - -Er fragte weiter: - -»Sage mir noch, wer der Mann war, den ich gestern abend von deinem -Hause schleichen sah, ehe ich bei euch eintrat.« - -Sie antwortete: - -»War es keiner vom wilden Heer, so war es wohl ein Dieb.« - -Darauf nahm er sie in seine Arme, küßte sie und sagte: »Am Tage des -nächsten Vollmondes soll unsere Hochzeit sein.« -- - -Nach drei Tagen war aber im Kretscham des Dorfes Spiel und Tanz. Da war -auch der Fremde dabei, und er tanzte mit seiner Braut bald zierlich, -bald keck und feurig, bis die Sterne hoch standen. - -Dann aber fielen die Burschen des Dorfes, die von einem eifersüchtigen -jungen Manne aufgehetzt waren, über den Fremden her, um ihn zu töten. - -Er aber warf sie -- hundert an der Zahl -- mit Riesenkräften der Reihe -nach auf die Straße, und den einen, der das Messer nach ihm zückte, -schlug er mit einem Fausthieb nieder. - -Da riefen die draußen auf der Straße: »Weh', er hat ihren Buhlen -erschlagen!« - -Der Fremde sagte zu den Spielleuten, der Tanz sei aus, und ging in den -Wald. - -Am anderen Tage, als wieder die Mittagssonne klar übers Feld schien, -kam er zurück in die Hütte seiner Braut, nahm das Mädchen bei der -Hand und führte sie nach dem Garten, wo der Wanderstecken in der Erde -steckte. - -Und er fragte sie mit strenger Stimme: - -»Hatten jene recht, die sagten, ich habe deinen Buhlen erschlagen?« - -Weil aber das Mädchen nicht »nein« sagen konnte, riß er den Stecken aus -der Erde und schlug sie nieder. - -Noch ehe sie starb, fragte er: - -»Warum hast du mich belogen?« - -Da sagte sie, daß sie ihn ja früher nicht gekannt hätte, daß sie ihn -aber mit Treue geliebt hätte, als sie ihn sah. Und sie starb. - -Der Fremdling stand drei Stunden neben ihr in tiefem Nachdenken. Dann -holte er eine Schaufel, begrub das Mädchen und steckte den Stecken auf -ihr Grab. Am selben Abend noch zog er fort in die Welt. - -Als der Frühling kam, wuchs aus dem Stecken ein Fliederbaum. Und der -Flieder war fortan im Wendenland. Die Blüten waren hold und lieb in -jedem Jahr, und ihr Duft war süß und zart; aber wer sie pflückte, dem -welkten sie an der Brust, noch ehe die Frühlingssonne unterging. - - * * * * * - -Nach vielen Jahren kam der König wieder ins Wendenland. Als er die -Heimat betrat, wurde sein Antlitz rot und jung; er war wieder ein -Jüngling. - -Auf dem Sandwege im Föhrenwald begegnete ihm ein wendisches Mädchen. -Sie war zierlich und schlank und trug ein Bündel unter dem Arm. - -»Wie heißest du? Woher bist du? Wohin gehst du? Und was trägst du unter -dem Arm?« - -»Das sind viele Fragen. Ich heiße Trudetzka, ich bin aus Burg und reise -nach der reichen Stadt, um mein Garn zu verkaufen.« - -»Zeige mir dein Garn.« - -Er prüfte es und fand es fein und regelmäßig gesponnen. - -»Wer hat euch diese Kunst gelehrt?« - -Sie erzählte ihm vom Kral. - -Er hörte versonnen zu und fragte am Schlusse nur: »Blüht der Flieder?« - -»Ja, der Flieder blüht im ganzen Lande.« - -Darauf besann sich der König eine Weile lang und sagte dann: - -»Verkaufe dein Garn nicht an die Deutschen. Behalte es und gehe heim. -Ich werde mit dir gehen und dir das Geld geben, das du verdienen -wolltest.« - -Das Mädchen ging mit ihm, und sie kamen nach langer Wanderung nach -Burg, das an der Spree liegt. Dort kaufte sich der Wendenkönig ein -Haus. Und er baute alsbald mit kundiger Hand einen Webstuhl und wurde -ein Leinweber. - -Da kamen die Wenden aus allen Häusern und Wäldern. Sie kamen auf Kähnen -und auf Rossen, besahen sich den Webstuhl und kehrten heim. Viele aber -erkannten den starken, klugen Mann, und sie flüsterten unter sich: »Er -ist unser Kral.« - -Es geschah aber, daß Boten des Markgrafen Johannes, der an der Grenze -herrschte, in das Haus des Kral traten und ihn fragten, ob er nicht -Dienste nehmen wolle bei den deutschen Kriegern. Ein Obrist solle er -sein mit goldenem Stern und funkelndem Degen. - -Der Kral wies das Angebot stolz von sich. Er wollte kein Diener sein -und sich auch nicht trennen von Trudetzka, um deren Lieblichkeit willen -er nach Burg gekommen war. - -Sein Ansehen wuchs von Tag zu Tag, und bald sagten die Leute in den -Spinnstuben: - -»Der Leinweber in Burg ist der König der Wenden. Er ist uns -nachgekommen aus dem fernen Asia. Er wird uns reich und groß machen.« - -Trudetzka aber, die goldene Münzen am Mieder trug, die ihr der Kral -geschenkt hatte, sie führte den Kral an einem rotseidenen Faden wie -einen Narren, und einmal lockte sie ihn in eine einsame Waldgegend und -verriet ihn an Häscher des Markgrafen Johannes. - -Der Kral schlug die Häscher tot. Das Mädchen aber trug er sieben -Stunden weit bis an den tiefsten Sumpf. Dort senkte er Trudetzka hinein. - -Und er tat einen Fluch gegen Wendenland und ging in die Welt. - - * * * * * - -Nach drei Menschenaltern saß der Kral in einer Herberge des -Morgenlandes. Er war zum Greise geworden. Ihm gegenüber saß ein Mann -mit dunklem Haar und stechend schwarzen Augen. - -Der Kral hob den Kopf und sagte zu dem Fremden: - -»Bist du aus Armenia?« - -Da lachte der Dunkle und wies gen Norden: - -»Droben im Nordland ist meine Heimat. Ich bin ein Sorb, ein Slaw; denn -ich habe ›~slovo~‹, das Wort, und die Deutschen sind ›~njemski~‹, das -ist stumme Hunde, denn sie können meine Worte nicht sprechen.« - -Da erschrak der Kral und sagte: - -»Erzähle mir von deiner Heimat!« - -Und der Fremde begann: - -»Es ist ein Fluß, der heißt Sprewja, und es ist ein Ort daran, der -heißt Burg. Weithin bis nach der berühmten Stadt Budissin dehnen -sich Felder, Wälder und Wiesen. Dort wohnen die Sorben, die von den -~njemski~ Wenden genannt werden. Das Volk war arm, aber nun ist es -reich und stark, denn ein Kral ist erstanden, ein Retter und Erlöser, -der hat das Volk nützliche Künste gelehrt, die es groß und reich -gemacht haben.« - -»Ein Kral sagst du?« fragte der Alte. »Ist er noch unter euch? Ist er -jung und stark?« - -Die Stirn des Fremden umwölkte sich. - -»Der Kral ist lange nicht mehr bei uns. Er ist aufgegangen an unserem -Himmel wie eine Sonne und ist untergegangen hinter zwei schwarzen -Wolken!« - -»Hinter zwei schwarzen Wolken?« - -»Ja! Siehe, der Mann ist ein Stern, der auf die Erde scheint, und das -Weib ist die Wolke, die von ihm vergoldet wird, die ihn weiß umrahmen, -die ihn aber auch nächtlich verdecken kann. Es standen zwei schwarze -Wolken an unserem Himmel, das waren zwei unwürdige Töchter unseres -Volkes. Dahinter verschwand der Kral.« - -Der Alte seufzte und fragte: - -»Ist nun das Land ohne Fürsten?« - -Da schwieg der Fremde lange, als kämpfe er mit tiefem Gram. Dann -berichtete er: - -»Das Land war so groß und reich, daß es einunddreißig Fürsten hatte. -Aber an der Grenze lauerte der stumme Hund. Der ~njemz~! Der Deutsche. -Es war ein Markgraf, Gero mit Namen --, der tat freundlich den Wenden. -Der lud die einunddreißig Fürsten auf sein Schloß zu üppigem Mahl und -flößte ihnen einen Teufelswein ein, der sie trunken und ihre Hände -schlaff machte, und er ließ dreißig erschlagen. Ein einziger entkam.« - -Aufsprang der Kral in weher Wut. - -»Und der eine -- der letzte -- er hat das Volk gesammelt, er hat an dem -~njemz~ Rache genommen, sein Blut vergossen, seine Burg zerstört, sein -Land verwüstet -- gesiegt --« - -»Schweig, ehrwürdiger Greis -- schweige, denn ich ertrage deine Worte -nicht -- die Schamröte verbrennt meine Wangen, wenn du so redest -- -- -der letzte, der einunddreißigste, floh vor hundertfacher Übermacht und -sitzt, ein beschämter Pilger, an deinem Tisch.« - -»Du bist es?« - -»Ja, ich!« - -Still und traurig ging die Stunde weiter. Der Dunkle legte den Kopf auf -den Tisch, der Alte deckte die Hände über die Augen, und seine Tränen -tropften. - -»So ist das Volk ohne Führer?« fragte er endlich mit tiefer -Traurigkeit. - -»Es ist allein. Wer bin ich, ihm zu helfen? Ein einziger könnte ihm -helfen -- -- der Kral. Aber die Sonne ist untergegangen, und die Flur -der Wenden liegt in Nacht.« - -Da stand der Alte auf und sprach mit Feierlichkeit: - -»Ich bin der König der Wenden.« - -Und der Fremde sah ihn erschrocken an und sank am Tisch in die Knie und -fragte erschüttert: - -»Du bist der König der Wenden?« - -»Ich bin es! Und wenn mich mein Alter trägt durch die fremden Länder -bis zur Heimat, dann will ich für mein Volk kämpfen und dann sterben!« - - * * * * * - -Sie saßen lange beisammen in der Herberge des Morgenlandes. Und der -Fremde sagte: - -»Großer Kral! Das Volk wartet auf dich. Ich bin nichts als Morkusky, -dein Diener. Aber Morkusky ist ein nützlicher Diener. Er ist jahrelang -bei einem großen Meister gewesen und nun selbst geheimer Kräfte -Meister.« - -Am folgenden Morgen reiste der Kral mit Morkusky gen Norden. - -Als er in seine Heimat kam, wurde er mit jedem Tage um ein Jahr jünger. -Dieses Heimatwunder dauerte so lange, bis der Kral wieder ein starker, -schöner Jüngling war. -- -- - -Auf seiner Reise kam er gen Schorbus. Dort ist ein Berg, auf dem zwei -Felsblöcke liegen. Auf dem einen Stein saß Bely Bog, der weiße Gott, -der den Menschen, die über den Berg wanderten, die Hände mit guten -Gaben und das Herz mit guten Gedanken füllte; auf dem andern Stein saß -Zarny Bog, der den Menschen die guten Gaben nahm und in den Schmutz -warf, die guten Gedanken in alle Winde stieß. - -Und der Kral wußte nicht, zu wem er sich wenden sollte. Denn ob er -gleich wieder ein Jüngling war von Gestalt und Aussehen, so war doch -sein Herz alt und kalt geblieben, hatte böser Jahre und bösen Verrats -nicht vergessen und war hart und ohne Liebe. - -Und der Kral stand mitten zwischen den beiden Göttern, nicht um -Haaresbreite dem einen näher oder entfernter. - -Da kam von der anderen Seite her den Berg herauf ein junger Mann, fast -noch ein Knabe. Er war blond und schön, und seine Augen blühten wie -blaue Blumen. Er ging nach der Seite des guten Gottes hin und grüßte -nach Art der Deutschen. - -»Wohin willst du, deutscher Jüngling?« fragte finster der Kral. - -»Ich suche den König der Wenden.« - -»Was willst du vom Kral?« - -»Ich komme für Gero, den Markgrafen. Er lud dreißig wendische Fürsten -zu sich auf sein Schloß. Er sprach gütlich mit ihnen. Sie aber tranken -und prahlten mit der Deutschen Tod. Da wurden sie getötet.« - -»Er hat sie gemeuchelt«, schrie der Kral und trat einen Schritt nach -der linken Seite. - -»Er hat sie alle dreißig im Kampf selbst erschlagen.« - -Da trat der Kral drei Schritt weiter auf den schwarzen Gott zu. - -»Was faselt der Knirps? Ein Deutscher hätte dreißig Wenden erschlagen? -Drückt ihn der ~Plon~?[4] Was willst du hier, Knabe?« - -»Ich bin kein Knabe; ich bin fünfzehn Jahre alt. Aber Gero ist alt -geworden. Alle Nächte kämpfen die dreißig Wenden mit ihm. Er ist in -sieben frommen Klöstern gewesen, er ist nach Rom gewallfahrtet und -findet doch keine Ruhe. Darum suche ich den Kral.« - -»Was willst du vom Kral?« - -»Ich will, daß er meinem Vater das gibt, wonach er alle Nächte seufzet: -die Versöhnung mit den Wenden.« - -Als die Menschen so redeten, schwiegen die Götter. Nun aber erhob sich -Bely Bog, der gute Gott, und er streckte seine weißen Hände aus, die -eine über Wendenland, die andere dem Lande der Deutschen zu, und hob -dann die Hände über sein Haupt und wob aus Sonnenschein zwei goldene -Ringe der Eintracht. Die hielt er wortlos den beiden hin. - -Zwei zögernde Schritte ging der Kral auf den guten Gott zu. Aber auch -der deutsche Jüngling nahm nur zögernd den Ring. - -Und er sagte dabei: - -»Es ist um Geros Ruhe willen!« - -»Um Geros Ruhe willen, sagst du? Verabscheust du selbst die Tat nicht?« -fragte der Kral. - -»Nein, Gero ist krank geworden am Gemüt. Wäre ich wie er gewesen, ich -hätte in Mannentreue die Wenden erschlagen und es nie bereut.« - -Da schrie der Kral auf, da stürzte er zum schwarzen Gott; da griff -Zarny Bog unter seinen Steinsitz und zog eine Schlange hervor, die sich -in ein Schwert verwandelte, und gab das Schlangenschwert dem Kral. - -Der stieß es dem Jüngling ins Herz. - -»Hier steht der Kral der Wenden!« -- - -Das junge Herzblut rann, die blauen Augen verblühten, und eine -Knabenstimme sprach: - -»Ich bin Geros einziger Sohn.« -- - -Der gute Gott schlug seine weißen Hände vors Angesicht, der Zarny Bog -aber wuchs wie eine schwarze Wolke zum Himmel, und der Kral lachte ein -schmerzliches wildes Gelächter. - -Die goldenen Ringe rollten die zwei Bergseiten hinab und sanken ins -tiefste Wasser. - -Gero, der Stadt und Kloster Gernrode gebaut hatte und mit müdem, -krankem Sinn daselbst alter Blutschuld nachhing, erfuhr von dem -grausamen Tod seines Sohnes. - -Oft zertritt die Göttin des Leids mit schwerem Tritt das Gewürm -nagender Zweifel. - -So auch hier. Gero erwachte aus langem Angsttraum, der alte Mut, der -alte Haß lohte auf in seiner Brust, und sieben Tage, nachdem die -Todeskunde nach Gernrode gedrungen war, rauchten im Wendenlande die -ersten Trümmerhaufen. - -Gero verwüstete das Land, und seine Mannen verfolgten den Kral durch -die Heide, durch alle Wälder und verborgensten Winkel, über Seen und -Moräste. - -Und der Kral hatte weder ein Roß noch einen Kahn. Wie ein Hirsch floh -er durch die Wälder, wie ein Fisch schwamm er durch den Fluß. Kam er -aber an ein Wendenhaus und bat um Schutz und Einlaß, dann schlossen -die Leute die Tür vor ihm und jagten ihn fort, denn sie fürchteten die -Rache des Markgrafen und fluchten dem Kral, um dessentwillen alles -Unheil über das Land gekommen sei. - -Gehetzt von den Deutschen, verraten von seinem Volk, mit zerrissenen -Füßen, mit durchnäßten, zerfetzten Kleidern, die Augen fieberglänzend -von Anstrengung und Hunger, so brach einmal bei herandämmernder Nacht -der Kral zusammen, als dreißig deutsche Reiter hinter ihm her waren. -Aber noch ehe der erste vollends herankam, brach in donnerndem Ritt ein -schwarzer Reiter aus dem Gebüsch, erfaßte den Kral, hob ihn auf sein -Roß und ritt durch die Luft mit ihm davon. - -Und der schwarze Reiter drehte das Gesicht in den Nacken und bleckte -den Deutschen eine lange behaarte Zunge heraus, und als er das -Gesicht dem Kral wieder zuwandte, war es Morkusky, sein Begleiter aus -Morgenland. - -»Morkusky, du bist der Nachtjäger?« rief der Kral entsetzt. - -»Ich bin wer ich will«, zischte der Schwarze. »Willst du keine -Gemeinschaft mit mir? Willst du es mit den Wenden oder mit den -Deutschen halten?« - -»Ich fluche den Wenden wie den Deutschen!« schrie der Kral. Da lachte -der Nachtjäger. - - * * * * * - -An der Spree türmte der Nachtjäger einen Berg, grub einen tiefen See -rundum, ließ gelbe giftige Lichter um den Uferrand erbrennen und baute -in einer Nacht für den Kral auf dem Berge mitten im See ein festes -Schloß. - -Zum jenseitigen Ufer führten nur eine lederne Brücke und ein blutroter -Kahn. Die Deutschen wollten das Schloß erstürmen, aber die meisten von -ihnen gingen in einem Sumpf elend zugrunde. - - * * * * * - -Der Wendenkönig wurde nun ein Räuber. Er sammelte eine Horde -verkommener Leute um sich, raubte, brannte und mordete und feierte -mit seinen Spießgesellen, mit Hexen und schlechten Weibern auf seiner -Burg teuflische Feste. Weit breitete er seine Macht aus. Die Wenden -plünderte und unterdrückte er, den Deutschen aber stahl er Kinder. Die -Mädchen schlachtete er und fraß sie auf, die Knaben steckte er in sein -Räuberheer und machte sie zu Unholden. Zuletzt wurde er so schlimm wie -Morkusky, sein Meister. - -Und als dieser ganz zufrieden mit ihm war, verließ er ihn, um nach -anderen Ländern zu reiten und dort Zwietracht zwischen die Völker zu -säen -- zwischen Wenden und Deutschen war Morkuskys Werk getan. - -Der Kral wurde oft verfolgt von Wenden wie von Deutschen. Aber er -schlug seinem Rosse die Hufeisen verkehrt auf, so daß er seine -Verfolger täuschte. In höchster Not flüchtete er in sein Schloß, indem -er über die lederne Brücke ritt, die sich hinter ihm aufrollte. - - * * * * * - -Da geschah es, daß der König einmal ein wunderholdes Mädchen raubte. -Das hieß Rinetta und war zehn Jahre alt. Und es saß unter einem -Fliederbaum, als er es stahl. Während nun der Kral heimritt mit seiner -jungen Beute, war eine blühende Nacht. Alle Wege grün und bunt, die -Sterne so träumerisch am Himmel, der sanfte Wind wie ein heiliger, -heilender Strom. - -Das Kindlein weinte in des Räubers Arm, aber allgemach schlief es ein, -ruhte an der Brust seines Mörders und sagte im Traum zu ihm: »Du guter -Vater!« - -Da sah der König erschrocken auf das Kind. Er sah es mit finsterem Auge -an. Aber er sah es zweimal und dreimal, und durch die Mainacht kamen in -Sternenglanz und Mondschein alte Freunde, Jugendfreunde seiner Seele: -reine, wundersame Gedanken. Nur weil er so versonnen war, nur weil er -wie in müdem Traum durch den Wald ritt, wies er sie nicht ab. - -Und er sah das Kindlein noch einmal an, wie es im Glanz des -Himmelslichtes in seinem Arm lag, und wandte in Sinnen versunken -langsam sein Roß und trug das Kind in das Haus seiner Eltern zurück. - -Die schrien, als sie den Kral erkannten. Das erwachte Kind aber, als es -sich wieder bei seinen Eltern sah, lächelte und sagte: - -»Oh, er hat mir nichts getan; er hat mich nur ein wenig auf seinem -Pferde reiten lassen.« - -Da ging der Kral rasch von dannen. - - * * * * * - -Und die gute Tat ging dem Kral nach in sein böses Leben. Wohl blieb -er ein wilder Räuber, aber er stahl keine Kinder mehr. Und wenn das -bittere Heimweh kam, das alle bösen Herzen von Zeit zu Zeit überkommt, -wenn es nicht wich bei Raubzug und Zechgelag, dann lenkte der Kral sein -Roß zu dem Hause der Rinetta, die lieblicher aufblühte von Jahr zu Jahr. - -Zuletzt faßte den Kral eine so verzehrende Liebe zu dem Mädchen, daß er -einsam wurde und wochenlang aus seiner Burg nicht herauskam. - -Seine Spießgesellen murrten. Viele jagte der Kral davon, andere zogen -auf eigene Faust in die Fremde. Am Ende war der Kral allein, und am -nächsten Tage kam Rinetta zu ihm als seine Frau. Von da an tat er -keinen Raubzug mehr. - - * * * * * - -Und es geschah ein großes Wunder im Wendenland, als Rinetta dem Kral -einen Sohn schenkte. Da ward der Kral dem Lande ein gütiger Vater. Er -verteilte von den ungeheuren Geldschätzen, die er gesammelt hatte, -er baute Weiler und Dörfer, er wurde ein Feind und Vernichter aller -Räuber, die noch im Lande waren. - -Einmal, als der Kral auf einer Wiese ein Fest feierte, fiel vor ihm -eine silberne Kugel vom Himmel. Alles Volk sah das Wunder. Und es kam -ein Mann aus dem Walde, der hob die Kugel auf und fing an, sie zu -kneten und zu drücken, als sei sie aus Wachs, und er formte aus dem -Silber eine Krone. - -Die Krone übergab er kniend dem Kral. Der setzte sie aufs Haupt, und -alle Wenden jauchzten ihm zu. - -Der Mann, der die Krone geformt hatte, verschwand und ist nicht mehr -gesehen worden. - - * * * * * - -Einzelne von den ehemaligen Spießgesellen des Kral aber hatten in der -Welt Morkusky, den Nachtjäger, getroffen und hatten ihm gesagt: »Freue -dich, es ist Friede zwischen den Deutschen und den Wenden, und der Kral -sitzt bei seiner Frau und singt ihrem Sohne Wiegenlieder.« - -Da brach der Nachtjäger zornschnaubend auf und sammelte in allen -verrufenen Spelunken der Welt, in den Felsgründen wilder Gebirge und -auf unwirtlichen Straßen ein großes Räuberheer. Damit fiel er im -Wendenlande ein. Als er an die Spree kam, verwandelte er sich in einen -Adler, der so groß war wie ein Pferd, flog zwölfmal um die Burg und -tat beim dreizehnten Mal einen Zauberspruch, durch den das Schloß mit -allem, was darin war, in die Erde sank und der See austrocknete, so daß -nur einige kleine Wässerchen übrigblieben. - -Der Kral aber, der durch einen guten Geist gewarnt worden war, war mit -seiner Frau und seinem Sohne ausgezogen. - -Er wanderte mit ihnen in einen tiefen Wald. Dort vergrub er die Krone -in einen Hügel und sprach: - -»Hier soll die Krone liegen, bis eine Jungfrau sie mit einer silbernen -Schaufel ausgraben wird.« - - * * * * * - -Es kam zu der großen Schlacht der Wenden gegen die Räuber. Das Blut -floß derart in Strömen, daß es eine Wassermühle in Bewegung setzte, die -die Blutmühle heißt bis auf den heutigen Tag. Und die Heide färbte sich -rot und bleibt rot für alle Ewigkeit. Die Verwundeten selbst kämpften, -auf ihre Schilde gestützt. Die Wenden siegten; alle Räuber wurden -getötet. Der Kral selbst erschlug ihrer hundertundeinen. - - * * * * * - -Zuletzt aber sprengte der Nachtjäger gegen den Kral an, wie er es -schon einmal vor vielen Jahren getan, als der junge König nur den -Fliederstecken trug. - -Auch jetzt hob der Kral den Arm gegen den wilden Jäger. Aber das -Schwert, das er aufhob, triefte von Blut, und der Nachtjäger floh nicht -wie damals, sondern schrie höhnisch: - -»Wiegenliedsänger! Kinderfresser! Sieh, was ich habe!« Er hatte das -Schlangenschwert, mit dem der Kral ehemals seine Untaten vollführt und -das er nach seiner Bekehrung in einen Sumpf geworfen hatte. - -Dieses Schlangenschwert stieß der Nachtjäger dem Kral ins Herz. -- -- - -Eine weiße Wolke stieg von dem Leichnam des Kral zum Himmel. Diese -weiße Wolke wandert immerzu über das Wendenland. Auch an ganz -sonnenhellen Tagen ist sie tief im Blauen am Himmel zu sehen. - - * * * * * - -Die Königin Rinetta aber hatte am Tage der Wendenschlacht ein weißes -Roß bestiegen und war über die Heide gejagt, um dem geliebten Gemahl -beizustehen, wenn er in Not sei. Als sie an die Spree kam, traten ihr -drei wendische Männer entgegen, klagten und riefen: »Unser Kral ist -tot!« Da sprang das Roß der Königin in die Spree und versank mit ihr. -Nichts war mehr von beiden zu sehen. Nur ein weißer Fisch schwamm im -Wasser. - - * * * * * - -Und der weiße Fisch sah aus dem Wasser, und die weiße Wolke hielt still -am Himmel, wenn der junge Königssohn am Uferrande spielte. - - * * * * * - -Es geschah aber, daß die Deutschen, als sie hörten, der Kral sei -gefallen und sein Schloß sei versunken, in das Land kamen und es unter -ihre Herrschaft brachten. Die Wenden waren zu schwach, um ihnen zu -widerstehen. Die Deutschen forschten nach dem Königskinde, aber niemand -hat es verraten, obwohl alle Leute im Wendenlande es kannten. - - * * * * * - -Und der Sohn des Kral wurde ein Bauer. Er hatte sechs Söhne, und dem -ältesten von ihnen zeigte er den Ort, wo die silberne Krone begraben -lag, und sprach: - -»Bewahre das Geheimnis, und vererbe es auf den ältesten Sohn! Wenn die -Zeit erfüllt ist, wird die weiße Wolke in den Himmel verschwinden, -wird der weiße Fisch ins Meer schwimmen bis dorthin, wo das Meer in -den Himmel fließt, und eine reine Jungfrau wird kommen und mit einer -silbernen Schaufel die Krone ausgraben. Der, der dann Kral sein wird, -wird die Krone tragen und unser Volk zum ersten der Erde machen. Wenn -ich tot bin, bist du der Kral. Und wenn du tot bist, wird dein ältester -Sohn der Kral. So soll es sein und bleiben durch alle Zeit.« - - * * * * * - -Der Nachtjäger aber wagt sich nur noch in den sieben bösen Nächten, die -zwischen Weihnachten und Neujahr sind, ins Wendenland. Dann ist die -weiße Wolke hinter undurchdringlichen Nebeln verborgen, der weiße Fisch -wohnt in einem festen Haus von Eis, und die silberne Krone liegt tief -unter dem Schnee im Walde. - - - - -Das ist die Sage vom Kral, die durch tausend und viele Jahre im -Wendenvolk lebt und die an dem Abend, da Hanzos Frau am Sterben war, -wieder lebendig wurde, von den Heidewiesen des Oberlandes an bis tief -hinunter in die Strohhütten an der Spree, so daß sich die Fischer im -Niederland wie die Hirten im Oberland es zuraunten: »Die Frau des Kral -stirbt.« - -Wieder einmal stand das Volk an einer Wende. Nur wenig änderte der -schmale Weg, den seine Geschicke durch das Land der Geschichte nahmen, -seine Richtung. - -Nur die Frau des Kral starb. Ein derbes, tüchtiges Bauernweib ging -dahin. Der Kral selbst lebte. - -Er ging durch den Hof und durch die Zimmer so steiffeierlich wie immer. -Nichts war anders an seiner hohen Gestalt. Und die schmalen Lippen des -bartlosen Gesichtes waren so fest, so ohne sichtbare Linie des Grams -zum Schweigen aufeinandergepreßt wie in den Tagen der Freude, wo auch -kaum ein leises Lächeln um seinen Mund, ein heimliches Leuchten in -seine Augen kam. - -Nur die Frau des Kral starb! - -Aber sie war für den Königsgedanken wichtiger als alle. Ihre -Frauenseele hatte das große Geheimnis am besten betreut. Weil ihre -Kindlichkeit an alle jene nationalen Wunder am festesten glaubte. -Nicht, daß sie die Hoheit des Gedankens erfaßt hätte. Sie war keine -Heldin, sie war eine Hausfrau. Sie hütete den Königsgedanken wie ein -kostbares Erb- und Prunkstück. - -Es war ein Unglück für wendisches Volkstum, daß diese Frau starb. Die -alte Art fing an zu vergehen. Die jungen Burschen lachten über den -Nachtjäger; und wer bei der Garde gedient hatte, erwartete vielleicht, -daß ihn sein Kral grüße. Die Mädchen, kaum fürchteten sie noch. Und die -alten Sagen standen nur lebendig wieder auf, wenn etwas Schreckliches -kam: ein wildes Wetter, der bleiche Tod oder die bleiche, unglückliche -Liebe. - -Dann wurden auch für die jungen Herzen die alten Wunder wieder wach. -- - -In lichten Augenblicken, wenn das Fieber etwas nachließ, betete die -Frau mit lauter Stimme zu ihrem Herrn und Heiland Jesus Christus. Sie -hatte jenes Christentum, das den Alten eigen war, die im Walde immer -noch ihre heidnischen Geister huschen hörten, wenn sie gläubig zur -christlichen Kirche schritten, oder wie jene Heilandsleute, die in -Christus den größten Helden und in seinen Aposteln Ritter und Reisige -voll Kraft und Mut verehrten. - -Und zwischen ihrem Beten lenkte die Kranke das Ohr lauschend nach dem -Hoftor, ob die Söhne nicht kämen. - -»Ich muß mit Juro reden wegen Hanka und vom Kral.« - -Dann kam das Fieber wieder, und sie sprach von ihrer Brauthaube, von -der Heyka des Urvaters und von Morkusky, dem bösen Zauberer. - -Es war schon tief in der Nacht, als ein Wagen in den Hof fuhr. Das -Hoftor war seit dem Morgen weit geöffnet geblieben. - -Die Dienstboten huschten aus dem Gesindehaus; der alte Scholta erschien -in der Haustür. - -Juro und Samo, mit Staub bedeckt, entstiegen dem Wagen. Sie waren die -ganze Nacht gewandert, den ganzen Tag gefahren. - -Der Scholta ging seinen Söhnen entgegen. - -»Ihr kommt noch zur rechten Zeit. Morgen früh wäre es zu spät gewesen.« - -Da schmiegten sich die Söhne an den Vater, und er schlang die Arme um -sie, und es war ein Bild einträchtiger Liebe zu der einen. - -Leise gingen sie dann nach der Krankenstube, und die jungen Männer -knieten nieder am Bett der kranken Frau, die bewußtlos war. Sie -weinten, wie heimkehrende Söhne weinen, wenn sie die Mutter im Sterben -finden. - -Bis an die zartesten Wurzeln unseres Seins rührt der Tod, wenn er uns -die nimmt, die uns das Leben gaben oder denen wir das Leben gaben. Aber -wenn beim Tode einer Frau der Gatte mehr leidet als ihre Kinder, ist -das Entartung? - -Wer litt hier am tiefsten? Samo, der sich leidenschaftlich schluchzend -an den Bettpfosten klammerte -- Juro, dessen Brust zuckte und dessen -Hände irr über das blasse Gesicht fuhren -- oder der alte Scholta, der -am Tische lehnte, seine Frau betrachtete und sich nicht rührte? - -Diese drei dort, die beiden Jünglinge und die Frau, sind ein Fleisch -und ein Blut, sind sich innig verbunden von der ersten Sekunde ihres -Seins an. - -Er, Hanzo, ist nicht ihr Fleisch und Blut, er hat sie vor kaum dreißig -Jahren nicht einmal gekannt. - -Und wenn sie jetzt geht? Wenn ihr Leben ausgelöscht wird wie eine -Kerze? Wird nicht dennoch auf dem Wege jener beiden bald ein neues -Licht leuchten, und wird nicht der alternde Mann seine dunkle Straße -allein ziehen? - -Feine, stille Grenzen sind im Menschenland. Und die volle -Lebenskameradschaft hat doch ein weiteres Gelände, als die Erbgebiete -des Blutes sind. -- - -Die Söhne erhoben sich, setzten sich auf zwei Stühle. Sie waren müde. -Müde von der langen Reise und von Angst und Groll, die sie gequält -hatten. - -Hanka trat ins Zimmer. Die Jünglinge reichten ihr die Hand. Sie kannten -sie kaum. Vor vielen Jahren hatten sie das Mädchen einmal gesehen, als -sie noch heranwachsende Burschen waren und die Hanka noch ein Kind -war. Aber sie wußten, daß sie eine entfernte Verwandte war, drüben aus -dem Sächsischen. Eine aus der Familie, die nach der Tradition als die -königliche galt. Auch die Mutter war von dort her. Wie kam das Mädchen -hierher? - -Der Vater gab flüsternd eine kurze Aufklärung. Nun erst erfuhren die -Söhne, auf welchem Wege die Mutter verunglückt war. - -Beklommen standen sie dem Mädchen gegenüber. - -Die Kranke begann wieder zu sprechen. - -»Eine reine Jungfer muß es sein -- die mit der silbernen Schaufel nach -der Krone gräbt ...« - -»Nicht die, die unter dem Flieder liegt ...« - -»Ja, der Lobo ist ein Süffling -- ja ...« - -»Aber Juro -- Juro und Hanka ...« - -»Ich will mit ihm reden -- wegen Hanka und vom Kral.« - - »Ach, bleib mit deiner Gnade - Bei uns, Herr Jesu Christ!« - -Da erwachte sie. - -»Juro! -- Samo! -- Seid ihr da? Seid ihr gekommen? -- Seid ihr gesund? --- Geht es euch gut? Habt ihr schon zu essen bekommen?« - -Sie herzte die Söhne, sie hörte ihre Liebesworte. Sie herzte sie -wieder. Sie sah Juro forschend an. - -»Ich wollte -- wollte -- etwas mit dir reden -- ich weiß es nicht mehr --- was wollte ich doch mit dir reden ...?« - -Dann plötzlich schrie sie: - -»Macht das Fenster auf!« - -Und sie versank in den Todeskampf. - -Der Scholta wurde blaß bis auf die Lippen. Aber er ging ohne Schwanken -zum Fenster und öffnete es. - -Noch als er sich an dem einen Flügel festhielt, starb die Frau. - -Und der Mann glaubte zu fühlen, wie die erlöste Seele vom Bette -herschwebte, ihm noch einmal die Stirn berührte und sich dann durch das -geöffnete Fenster aufschwang zum Firmament, das mit Millionen winkender -ferner Heimatlichter herniedergrüßte. - -Hanka und die Söhne knieten weinend am Bette. - -Der alte Hanzo trat heran und drückte der Toten die Augen zu. Er nahm -ihre rechte Hand zwischen seine beiden Hände zum Abschied und zum -Gebet. Dann wandte er sich ab, nahm ein großes Tuch, verhängte den -Spiegel, der an der Wand hing, und hielt die Uhr an. Das alles tat er -mit ruhiger Gewissenhaftigkeit. - -Zuletzt ging er in den Hof und rief das Gesinde zusammen. - -»Die Frau ist gestorben!« sagte er schlicht und stand hochaufgerichtet -im mondbeschienenen Hofe. Nach den wenigen Worten ging er nach dem -Hause zurück. Der alte Knecht Kito aber trennte sich von dem jammernden -Weibsvolk, ging nach den Viehställen, trieb die schlummernden Tiere auf -und rief mit seiner alten Stimme durch den Stall: - -»Die Frau ist gestorben!« - -Da brüllten ein paar Kühe auf, und die Pferde klirrten mit den -Halfterketten. - -Kito ging weiter bis in den Großgarten, wo die Bienenstöcke standen, -klopfte dreimal an jedes Bienenhaus und sagte dann laut und deutlich: - -»Die Frau ist gestorben!« - -Da kam es wie ein leise summendes Geflüster aus den Bienenstöcken. - -Kito ging an die Hundehütte. - -»Tyra, die Frau ist gestorben!« - -Das Tier rührte sich nicht. Es war tot. - -Zitternd ging der alte Knecht in seine kleine Stube, wo in einem -kleinen Bauer ein schlafender Kanarienvogel saß. Er weckte das -Tierchen, das ihn müde anblinzelte, und sagte ihm: - -»Die Frau ist gestorben!« - -Da sang der Vogel eine wehmütige kurze Melodie und schlief wieder ein. - - - - -Am Tage vor dem Begräbnis ritt Heinrich von Withold, Elisabeths Bruder, -in den Hof des Scholta. Er sprang vom Pferde und reichte die Zügel -einem Mädchen hin, das eben in die Haustür trat. Es war Hanka. - -»Bind mal den Gaul an einer passenden Stelle fest, schönes Kind!« sagte -Heinrich leutselig. - -Das Mädchen errötete, und ihre hohe Gestalt straffte sich. - -»Ich werde einen Knecht oder eine Magd rufen«, sagte sie. - -Da sah Heinrich von Withold ein, daß er wohl eine Unhöflichkeit -begangen habe. Er stammelte eine Entschuldigung und band sein Roß -selbst fest. - -»Ich bitte um Verzeihung, verehrtes Fräulein«, sagte er dann; »ich -bin ja hierzulande nicht fremd, aber ich kann mir die Abzeichen -der Wendentracht partout nicht merken. Wollen Sie mir sagen, meine -Gnädigste, ob ich den Herrn Scholta sprechen kann?« - -»Da kommt er schon.« - -Der wendische Großbauer und der deutsche junge Edelmann traten sich -gegenüber. Heinrich geriet in Verlegenheit, aber dann nahm er all -seinen Schliff zusammen und sagte: - -»Herr Scholta, ich erlaube mir, Ihnen namens meiner Familie einen -Kondolenzbesuch abzustatten und Ihnen anläßlich des Hinscheidens Ihrer -Frau Gemahlin unser herzlichstes Beileid auszudrücken. Mein alter -Herr würde dieser traurigen Pflicht selbst nachgekommen sein, aber -er ist noch verreist. Wollen also mit dieser Stellvertretung gütigst -vorliebnehmen.« - -Auf diese geschniegelte Rede hin wußte der alte Wende nichts zu sagen. -Er nahm verlegen seine Kappe ab und sagte: - -»Ja -- ja, die Frau ist gestorben!« - -Darauf wußte wieder Heinrich von Withold nichts zu sagen. Und so -entstand eine peinliche Pause. Zum Glück kam Juro aus dem Hause. -Heinrich eilte auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und drückte ihm dann -warm die Hände. - -»Alter Junge, das hat mir aber scheußlich leid getan!« sagte er bewegt. - -Nach diesem studentischen Freundschaftsausbruch besann er sich aber -gleich wieder auf seinen höflichen Ton und erklärte Juro: - -»Ich habe mir erlaubt, dem Scholta, deinem alten Herrn, anläßlich des -Hinscheidens deiner Frau Mutter die Kondolation unserer Familie zu -überbringen.« - -Es entstand wieder eine Pause, und Heinrich erklärte also, er habe bloß -seine Mission ausrichten wollen, werde jetzt nicht weiter stören und -gestatte sich also, sich zu empfehlen. Darauf begann endlich Hanzo, -der Scholta, zu reden. Er sagte wohl an die zehnmal: »Nein, nein!« -Der gnädige junge Herr müsse ins Haus treten und dürfe eine kurze -Gastfreundschaft nicht verschmähen. Der Scholta selbst band Heinrichs -Pferd los, um es nach einem Stall zu führen. Der höfliche junge Mann -suchte diesen Dienst auf alle Weise zu hindern, was ihm aber mißlang, -und ging schließlich selbst mit nach dem Stall, wo er über die dort -befindlichen Pferde enthusiastische Urteile abgab, die in der Mehrzahl -Unsinn waren und von gar keiner Sachkenntnis zeugten und die der -Scholta schweigend anhörte. - -»Und der Blauschimmel, Herr Scholta, der Blauschimmel! Ein Götterroß!« - -Der alte Hanzo rückte verlegen an seiner Kappe. - -»Ich habe das Pferd für eine Forderung eingetauscht«, sagte er. »Es -wird wenig benutzt. Ich brauche es nur fürs Osterreiten. Und sonst ist -es für die Jungen, wenn die mal zu den Ferien sind.« - -»Ein Götterroß, Herr Scholta! Ich kann mir's denken; es ist vom alten -Hinzberg, von dem deutschen Rittermäßigen, der überall Schulden hatte, -natürlich auch bei Ihnen.« - -Hanzo antwortete nicht. Sie verließen den Stall. - -»Ich möchte riesig gern noch etwas mehr von Ihrer Musterwirtschaft -sehen, Herr Scholta«, sagte Heinrich darauf. »Wissen Sie, wenn man nun -mal Landwirtschaft studiert, interessiert einen das mächtig. Aber die -Veranlassung meines Besuches ist zu trauriger Art.« - -Hanzo machte eine Handbewegung und führte dann Heinrich durch sämtliche -Wirtschaftsräume, zeigte ihm alle Wirtschaftsgeräte, führte ihn bis -hinter das Gehöft, von wo man einen großen Teil der Felder übersah, und -erklärte alles mit einer ihm sonst ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit. -Hanzo wäre kein wendischer Bauer gewesen, wenn er das nicht getan hätte. - -Und als er seinen Gast endlich in ein kleines Stübchen geführt hatte, -wo seine Söhne und Hanka mit einem Frühstück warteten, ging er selbst -nach »der guten Stube«, wo seine Frau aufgebahrt war. Und es war, als -ob die tote Bäuerin lächelte. - -»Hast du ihm auch alles gezeigt? Nicht wahr, es hat ihm gefallen? Es -muß ihm ja gefallen!« - -Juro begleitete seinen Freund nach Hause. Sie legten die gute Wegstunde -zu Fuß zurück. Das Reitpferd führte Heinrich am Zügel. Sie gingen lange -schon über die Felder, da fragte Heinrich: - -»Ist das hier noch euer Besitz, Georg?«[5] - -»Ich glaube wohl; aber es ist erst dazugekauft worden von meinem Vater -und Großvater. Das waren tüchtige Landwirte. Und deshalb muß ich ja -durchaus landwirtschaftliche Studien machen, obwohl ich doch Mediziner -bin.« - -»Ja, ich weiß es. Sie wollen einen gelehrten Herrn auf großem Besitz -aus dir machen. So 'ne Art kleinen ›König der Wenden‹.« - -Juro errötete und schwieg. - -»Und was wird jetzt werden?« - -»Ich möchte -- wenn das möglich wäre -- Jura studieren und Theologie -und Medizin und möchte alles tun für die braven Leute, die hier -wohnen, und möchte sie so recht heimisch machen und vorwärtsbringen im -deutschen Vaterland.« - -Heinrich lachte. - -»Ein guter Prediger würdest du sein. Wenn du willst, sprichst du mit -Schwung. Und ernst bist du. Eigentlich doch ein Grübler. Es ist ein -reines Wunder, daß du mit einem so leichten Huhn, wie ich bin, dich -befreundet hast.« - -Er wartete keine Antwort ab. - -»Übrigens, dein Bruder Samo -- du, der hat mir heut wieder Augen -gemacht! Höflich war er ja -- na ja, weil ich der Gast war, aber Augen --- -- du, wenn der mich fressen könnte, mich und alle Deutschen!« - -»Es ist seine unglückliche Art«, sagte Juro. - -»Und dem willst du dieses ganze Königreich abtreten?« - -»Ich weiß es nicht. Ich bin so unentschlossen. Ich passe sicher besser -in die Stadt. Und dann -- dann ist es wegen Elisabeth.« - -»Stimmt! Die paßt allerdings besser in die Stadt als in eure -Scholtisei. Obwohl sich das Mädel für alles interessiert. Sie spricht -sogar ziemlich gut wendisch, was z. B. mein Vater und ich nie kapieren. -Übrigens, das Fräulein aus eurer Verwandtschaft, die Hanka, ist ein -süperbes Mädel. Ein Urbild von Gesundheit. Leider habe ich es mit ihr -gleich von vornherein verdorben. Erstens halte ich Esel sie für eine -hübsche Magd und sage ihr, sie solle mein Pferd anbinden, zweitens -faselte ich von Irrlichtern und Nebelgebilden, als sie so gläubig von -den brennenden Gespenstern und dieser weißen Todesgöttin sprach. Sie -glaubt daran.« - -»Ja, sie glaubt daran, wie meine Mutter daran geglaubt hat.« - -»Und dein Vater?« - -»Er hat noch keinen in sein Herz sehen lassen. Wie Samo! Vor dessen -Verstand und Bildung hielt natürlich der ganze alte Aberglaube nicht -stand, aber im innersten Herzen hängt er daran wie der einfachste -Wende. Aus Nationalität -- jawohl! So etwa, wie die Schweizer am Tell -hängen oder alle Völker an mancherlei Geschehnissen, Heldentugenden, -Herrschertaten, die nie gewesen sind.« - -»Alle diese Selbsttäuschungen machen doch aber sehr glücklich.« - -Juro wehrte heftig ab. - -»Nein, sie halten auf, sie hemmen! Sie sind toter Ballast, der die -Schiffe der Völker unnütz beschwert. Es sind vorgespiegelte Reichtümer, -erträumte Erbschaften, die den Nationen einen falschen Begriff von -ihrer Größe geben und in denen der Chauvinismus, der größte Feind aller -Völkerverbrüderung und des menschlichen Fortschritts, am tiefsten -wurzelt.« - -»Sprechen wir von etwas anderem«, sagte Heinrich, der des schweren -Themas schon müde war. - - * * * * * - -Im Park der Witholdschen Besitzung traf Juro mit Elisabeth zusammen und -blieb mit ihr allein. Heinrich hatte sein Pferd davongeführt. - -»Du bist sehr blaß, Elisabeth? Du trauerst um meine Mutter.« - -Sie saßen auf einer Holzbank unter einem alten Baume. - -»Erzähle mir von deiner Mutter«, bat das Mädchen. »Ich habe sie nur -zweimal in meinem Leben gesehen. Sie hatte sehr gute Augen.« - -Er erzählte. Er sprach wie ein guter Sohn. Und das deutsche Mädchen -sah mit feuchten Augen der Seele der wendischen Frau nach in das blaue -Dämmern, das über ihnen war. - -Sie küßten sich nicht. Aber sie hielt seine Hand. Und der Schmerz, der -in ihm war, wurde milder und stiller in der Gegenwart dieses lieben -Mädchens. - -Er sagte es ihr. Da antwortete sie: - -»Wenn es anders wäre, würde ich wohl nicht für dich taugen.« - -»Du bist viel klüger, viel erfahrener, als sonst Mädchen in deinem -Alter sind«, meinte er. - -»Das ist, weil ich keine Mutter gehabt habe! Weil sie so früh starb! Da -muß ein Mädchen vieles, was ihm sonst die Mutter abnähme, selbst tragen -und selbst erleben.« - -Er schwieg eine Weile und sagte dann: - -»Elisabeth, ich werde dich in ein Geheimnis einweihen, das du wissen -mußt. Du könntest mich sonst nicht ganz verstehen und auch nicht die -schwere Aufgabe ermessen, die dir werden wird, wenn du meine Frau sein -wirst.« - -Und Juro erzählte Elisabeth die Sage vom Wendenkönig. Er entrollte -ihr das alte, ehrwürdige Gemälde, das, im Allerheiligsten des Tempels -wendischen Volkstums gehütet und gehegt, sonst kein »~Njemz~« zu -ersehen bekam. Das Mädchen hörte zu mit verwunderter Seele, und -allmählich kam eine Angst und plötzlich kam ein Schreck über sie ... - -Und sie erkannte, daß Juro der zukünftige Kral der Wenden war. -- - -Da tat sie das, was die Frauen großen Erkenntnissen gegenüber tun -- -sie weinte. - -Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. Die -große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein Sonnenmeer von -Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet. - -Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er sie selbst -das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle erst dann recht und -wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich bemühen, zu lehren, wie wir -immer dann den rechten Weg am ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem -andern zeigen wollen. - -Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im Herzen Juros, und er -sprang auf und ging weit den Waldweg entlang, kam ganz langsam zurück. -Die tote Mutter, die Braut, sein ganzes bisheriges Leben mit allem -Großen und Kleinlichen waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro -den Waldweg auf und ab wandelte. - -Endlich blieb er vor Elisabeth stehen. - -»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, die hart -klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und Feigling zu sein. -Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles nicht so, wie es ein -feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist leibliche und körperliche -Not. Da ist Dummheit und Aberglaube und neben der Knechtseligkeit die -heimliche Großmannssucht. Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren -Plunderformeln die Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen -die Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und die -Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten Gewässer -wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich für Schiffer. Mit -ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum nächsten Wochenmarkt, -wo sie der dämlichste deutsche Händler übers Ohr haut. Bücher haben -sie nicht, es seien denn jämmerliche Übersetzungen. Und die sind -noch in fünffacher Orthographie. Da gibt es eine oberwendische, eine -niederwendische, eine tschechische, eine evangelische, eine katholische -Rechtschreibung. Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als -ein ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt -werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, wo jeder Wende -geschlagen werden durfte. Es ist heute noch nicht viel besser. Immer -in die Heide gedrückt bleibt der Wende, immer auf der mageren Scholle -sitzt er. Und wenn er einen Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon -stolz sein Haus. Die Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses -Volkes. Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin -oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus Hunger -oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. Wäre ein -guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meine Mutter lebte noch! So -ist sie gemordet worden durch die gutmütige Unvernunft, die bei uns -Volksreligion ist. Nicht wahr, und einem solchen Volk den Rücken zu -kehren, das ist leicht? Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert -sich, bürstet sich den Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein -feiner Mann!« - -Juro lachte höhnisch über sich selbst. - -»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen über mich -kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille ist Feigheit der -Schwäche gegenüber. Also die elendeste Feigheit. Das weiß ich jetzt. -Aber ich war ein Feigling. Ich wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir -ein nettes deutsches Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier -in der Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten von -reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht mehr um die -Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine Schurkerei! Und die ist -mir erst aufgedämmert, als meine Mutter starb, und ist mir jetzt völlig -klar geworden, da ich dir diese Kralssage erzählte.« - -Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang bald wieder -auf. - -»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. An Samo! -An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf dem Gute hausen würde, -ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen Mäulern die Hand lecken -ließe, der das Volk sorgsam in seinem Aberglauben lassen und sich das -obendrein als eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der -verfluchte Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat, -daß alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten -- -die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, Juden --, -daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und sich -- das will -ich ja zugeben -- auch dazu berufen fühlten. Keiner kam, der das Volk -ans Licht führte, keiner, der den Leuten die frohe Kunde brachte: -Ihr, ihr das Volk, seid die Hauptsache, ihr sollt reich, stark, -gesund, klug sein, ihr sollt euch wohlfühlen, und die Regierenden -sollen sich abrackern, wie sie das zustande bringen! Es ziemt sich -nicht, daß der eine Mensch wohne wie ein Gott und der andere wie ein -Tier, und überall, wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer -Götzendienst, auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am -Ende, wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten Götzen! -Arme Slawen!« - -Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so erregt -sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission über ihn -gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen der Tradition ein -Wundertrank geschöpft worden war, der den Blinden sehend, den Träumer -zum Helden machte. - -Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen. - -»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« fragte sie -langsam. - -Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum. - -»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so sprechen? Weißt du -nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht deinethalben! Ich hatte -sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre Stärke, ihre Gründlichkeit -und verlässige Pflichttreue, ihren starken, wunderbaren Fleiß. -Ich vergöttere ihre Kunst und finde auch einiges Hübsche in ihrer -Geschichte. Ich wohne in Preußen, ich habe alles, was ich körperlich -und geistig besitze, von Preußen. Also bin ich ein Preuße! Nicht, -daß ich die Fehler dieses Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes -Spartanertum nicht oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser -bei ihnen als bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei -den Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als -bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor den -selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den Slowaken, -Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd in ihrer Armut -dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der Bettlerhand drohen; besser -endlich als bei den Tschechen, die es trotz ihres reichen Landes, -trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten auf keinem Gebiet über -die Mittelmäßigkeit hinausgebracht haben. An alle diese soll mein -Wendenvolk keinen Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der -Anstrengungen, die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden, -trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter uns.« - -Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. Er -war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, der gern Ideen, -Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits ein Deutscher. Das -Mädchen war klug und ernst. Es war wohl fähig, solchen Worten zu -folgen, aber ihr Herz war jetzt weit von den Schicksalen slawischer -Stämme, es war nur bei dem einen, der sprach, und bei ihrem eigenen -Schicksal. - -»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie. - -Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam. - -Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten bemerkt -hätte. - -»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; ich glaube -nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller Heimlichkeit -zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn daran, einige -mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die Erhaltung dieser uralten -Tradition. Alle, bis auf mich! Ich halte solche Traditionen viel -eher für ein Hemmnis als für eine gesunde Wurzel. Und deshalb wollte -ich meiner Wege gehen. Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz -überlassen. Bis die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte -Volkssage erzählte und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich -der Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe -darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, das -Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.« - -Das Mädchen faßte ihn am Arm. - -»Erschrick nicht, Elisabeth! Es ist kein Verrat! Es ist die einzig -vernünftige Tat, die geschehen kann. Was ist klüger: eine alte Kaluppe, -die jeden Augenblick vom Wind über den Haufen geworfen werden kann, -immer neu zu stützen, die klaffenden Löcher mit Lehm zu verschmieren, -die zerschlagenen Fensterscheiben mit Papierfetzen zu verkleben -- -oder die ganze Bude kurzweg niederzureißen und ein festes, gesundes -Haus an seine Stelle zu setzen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft -sein, nicht wahr? Die Wenden üben alle Staatsbürgerpflichten auf das -gewissenhafteste, haben aber nicht vollen Genuß staatsbürgerlicher -Vorteile. Das ist, weil ihnen ihre Tradition anhängt. Ihre schmucke -Volkstracht ist in den Augen der Welt doch weiter nichts als das -Proletenkleid zurückgebliebener Leute; ihre isolierte Sprache macht sie -unfähig zu vielem, macht sie befangen, furchtsam; der alte Aberglaube -hält ihre Stirnen umwölkt. Fort mit all diesem Plunder! Heraus aus dem -Sandwald ins grüne Land! Heran an den großen deutschen Tisch! Gleiche -Rechte! Gleiches Gepräge!« - -Mit den flammenden Prophetenaugen begeisterter Jugend stand er vor ihr. -Und sie war auch jung, und ihr Herz erglühte im Glauben an ihn und an -seine Sache. - -»Du bist edel, Juro! Du bist klug! Du hast recht!« - -Da faßte er sie fest an den Händen. - -»Elisabeth, wirst du es mit mir wagen, was ich vorhabe? Wirst du die -Frau des letzten Wendenkrals sein, der sein Volk zur wahren Freiheit -führen will?« - -»Ja, Juro! Als ich erkannte, wer du eigentlich bist, erschrak ich und -glaubte, ich könne nicht deine Frau werden. Ich glaubte, wenn du der -König der Wenden bist, müßtest du auch eine Wendin heiraten. Aber so, -wie du es vorhast, ist es doch anders. Wenn du die Wenden zu Deutschen -machen willst, sollst du selbst eine deutsche Frau haben! Und die will -ich von Herzen gern sein!« - -Sie küßten sich auch jetzt nicht. - -Aber sie ging weit mit ihm über die Felder, als er heimkehrte, und -hielt ihn fest an der Hand. - - * * * * * - -Als Juro allein war, brannten ihm die Wangen. Und in seiner -Lebhaftigkeit sprach er mit sich selbst von seinen Aufgaben, seinen -Zielen, die ihm klar vor der Seele standen. Er blieb oft stehen, und -seine Arme fuhren durch die Luft, als er so mit sich selbst sprach. - -»~Pomogaj Bog wam!~« - -Er erschrak und sah eine alte Frau vor sich stehen. - -»~Bog žekujscho~«, antwortete er. - -»Gott helfe Euch!« hatte sie gegrüßt. »Gott vergelte es!« hatte er -wendisch geantwortet. Er besann sich kurz und redete die Alte in -deutscher Sprache an. - -»Nun, Mütterchen, habt Ihr Pilze gesucht? Es gibt heuer recht viele, -weil das Wetter naß ist.« - -Sie machte eine Gebärde mit der Hand, die bedeuten sollte, daß sie -nicht Deutsch verstehe. Dann kicherte sie und sagte wendisch: - -»Der Sohn des Kral spricht deutsch mit mir!« - -Es erschien ihr wie ein Scherz, den Juro mit ihr trieb. Er sah, daß sie -eine alte Frau sei und also wohl wirklich kein deutsches Wort verstehe. -Sie verfiel augenblicklich in einen weinerlichen Ton, klagte, daß nun -die gute Frau gestorben sei, bei der sie hätte sich alle Tage ein -Töpflein Milch holen können. Juro sagte ihr, er wolle anordnen, daß sie -die Milch auch fernerhin bekäme. - -Da haschte sie nach seiner Hand, um sie zu küssen. Er aber entzog ihr -die Hand heftig und sagte in wendischer Sprache: - -»Mütterchen, habt Ihr ein Kreuz zu Haus, woran dem Herrn Jesus die -Hände genagelt sind?« - -Sie nickte. - -»Die Hände dürft Ihr küssen, wenn Ihr an die wirklichen Hände des Herrn -Jesus denkt. Aber nicht meine. Ich bin kein Gott!« - -»Auch nicht dem Herrn Pastor? Oder dem gnädigen Herrn?« - -»Auch diesen nicht! Ihr sollt es durchaus nicht tun!« - -»Aber Eurem Herrn Bruder Samo habe ich vor einer Stunde beide Hände -geküßt, weil er mir zwei Dreier geschenkt hat.« - -»Ihr sollt es nie wieder tun, weder ihm noch einem andern Menschen.« - -Er schenkte ihr eine Silbermünze. Da schnappte sie doch wieder nach -seiner Hand. - -»Ihr sollt es nicht!« rief er erzürnt. »Hunde lecken die Hände, nicht -Menschen!« - -Da erschrak sie, steckte die Silbermünze ein und sagte wieder: -»~Pomogaj Bog wam!~« Dann huschte sie über eine schmale Wasserrinne in -den Wald. Aber Juro hörte noch, daß sie bei sich brummte: - -»Er tut, als ob ich ein giftiges Maul hätte!« -- -- - -Nach drei Tagen ging in den Dörfern das Gerücht, Juro habe die alte -Domasch einen Hund genannt und halte sich arme Leute stolz vom Leibe. - - * * * * * - -Langsam ging Juro nach seiner Begegnung mit der alten Frau seines -Weges. Es war, als ob er sich fürchte, heimzukommen zur Mutter. Was -war sie für eine eifrige, gläubige Wendin gewesen! -- Aber seine Seele -straffte sich wieder und schüttelte den Kleinmut von sich. - -Da sah er auf einem schmalen Raine, der zwischen den Feldern seines -Vaters hinlief, Hanka, das fremde Mädchen. Die schritt rüstig aus, -hatte die Schürze hochgebunden, hielt in der linken Hand einen Topf -und machte mit der rechten die Bewegung des Säens. Juro wußte, was sie -tat. In dem Topf war das Wasser gewesen, mit dem sie die tote Mutter -gewaschen hatten. Nun hatten sie dem Topf den Boden ausgeschlagen, und -das Mädchen säte durch den Topf Hirsesamen auf die Felder. Da würde im -nächsten Jahr kein Vogel ein Körnlein von diesen Feldern picken. Ein -Widerwille erfaßte den jungen Mann. Er wartete, bis Hanka näherkam, und -rief sie an. Sie erschrak, als sie Juro sah, kam aber zu ihm. - -»Was tust du da?« fragte er in deutscher Sprache. - -»Ich säe den Totensamen! Es ist besser, wenn es ein Mädchen tut, als -wenn es ein Mann tut!« - -Sie hatte wendisch geantwortet. - -»Sprichst du nicht Deutsch, Hanka?« - -Sie sah ihn verwundert an. - -»Warum sollte ich das wohl tun? Ich bin doch eine Wendin!« - -»Ja, Hanka! Wir werden noch später darüber sprechen. Ich hoffe, wir -werden uns verständigen, denn du bist ja ein kluges Mädchen. Sag mir, -warum säst du den Totensamen? Glaubst du daran?« - -»Glaubst du denn +nicht+ daran?« gab sie verwundert zurück. - -»Ich bitte dich, gib mir den Topf!« - -Sie reichte ihm den Topf, und Juro warf ihn auf einen nahen -Steinhaufen, daß er zerbrach. - -»Was tust du? Ich bin noch lange nicht fertig mit allen Feldern!« rief -sie erschrocken. - -»Laß die Felder und laß die Vögel! Siehst du den Schwarm Sperlinge? Sie -werden die Hirse fressen, die du gesät hast.« - -»Ja, sie kosten davon und kommen dann nie wieder!« - -»Sie kommen wieder, Hanka, davon wirst du dich selbst bald überzeugen -können. Und warum sollten wir sie vertreiben? Der Mensch soll nicht -geizig sein gegen die kleinen Kostgänger des Herrgotts!« - -»Ich bin nicht geizig!« sagte sie trotzig, »es sind nicht meine Felder!« - -»Ich will dich auch nicht kränken, Hanka!« sagte er milder. »Aber -- -nicht wahr, der Nutzen könnte doch nur klein sein, und wir wollen -keinen Nutzen ziehen aus dem Tode eines Menschen!« - -»Der Nutzen ist nicht für mich; er ist für euch!« - -Sie bückte sich über den Steinhaufen und nahm einen größeren Scherben -auf. - -»Was willst du damit, Hanka?« - -»Aus dem Scherben weitersäen!« - -»Das wirst du nicht tun! Ich will es nicht! Es ist schmählich! Ich -verbiete es dir!« - -Er stampfte mit dem Fuß auf. Sie sah ihn mit ihren stahlblauen Augen -hart an. - -»Du bist grob!« sagte sie und wandte sich ab. - -»Hanka!« rief er zornig, »du wirst das Säen sein lassen! Begreifst du -denn nicht, was du damit ausdrückst? Daß das Wasser, mit dem meine -Mutter gewaschen wurde, kleinen unschuldigen Tieren -- einen -- einen -Ekel einflößen soll? Ich verbiete es dir!« - -»Du hast mir nichts zu verbieten! Jemand anders hat mir befohlen, den -Samen zu säen!« - -»Wer? -- Wer ist so töricht? -- Ich will ihn zur Rechenschaft -ziehen ...« - -Bei dieser Frage erbleichte sie und rannte, so schnell sie konnte, den -Feldrain entlang. - -Zornig schritt Juro weiter, dem väterlichen Gehöft zu. Er begegnete -seinem Bruder Samo. Der wartete ab, bis ihn der Bruder grüßte, und gab -eine mürrische Antwort. - -»Samo, siehst du das Mädchen dort drüben -- die Hanka? Sie sät aus dem -Topf, aus dem die Mutter gewaschen worden ist, ›Totensamen‹ auf die -Felder! Wer hat ihr diesen greulichen Unsinn befohlen? Ich will ihn zur -Rechenschaft ziehen! Wer hat es angeordnet?« - -»Die Mutter selbst!« antwortete Samo kurz und hart. - -Juro wich einen Schritt zurück. Samo betrachtete ihn mit einem -schadenfrohen Zucken im Blick. - -»Juro, du würdest besser tun, dich nicht in diese Dinge zu mischen, die -Leute bei ihren alten Gebräuchen zu lassen. Sie ehren unsere Toten weit -besser als zum Beispiel dein deutscher Freund heute mit seinem albernen -studentischen Geschwätz!« - -Er ließ den Bruder stehen. Wie ein Geschlagener ging Juro den Weg -entlang. Ein Schwarm Schwalben flog hoch in der Luft immer im Kreis -herum. Die Vögel dachten ans Abschiednehmen. - -Im Großgarten lehnte der Vater regungslos an einem Apfelbaum und -starrte in die sinkende Abendsonne. - -Das Glöcklein vom Kirchturm begann zu läuten. - -Dort in der Stube mit dem verhangenen Fenster schlief die Mutter den -letzten Abend auf dieser Erde. - -»~Pusty wjecor~«, sagen die Wenden. - -»Der öde Abend!« - - - - -Der letzte Trauergast war an den schwarzen, weißgeränderten Sarg -getreten, in dem die tote Frau in ihrer Brauttracht lag, hatte sein -stilles Vaterunser gebetet, den Anverwandten sein Beileid ausgesprochen -und war dann nach der großen Gesindestube gegangen, wo Kaffee und -Kuchen, Käse und Branntwein zu haben waren. - -Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Vater und Söhne nahmen bewegten -Abschied, und die Tote wurde im offenen Sarg aus der Stube getragen, -mit den Füßen voran, damit sie nicht »zurückschauen könne«. Der Spiegel -wurde enthüllt, das Fenster geöffnet, die Stühle, auf denen der Sarg -gestanden hatte, wurden umgestürzt. - -An der Haustür wurde der offene Sarg hingestellt. Die tote Bäuerin, -deren Augen halboffen waren, blinzelte noch einmal in ihren Hof hinein. -Es war alles sauber und ordentlich. Die zwei Mägde, die das Vieh im -Augenblick des Abschieds füttern mußten, rannten so eilig mit ihrem -Heu, als fürchteten sie immer noch einen Tadel der Frau. Ein paar junge -Mädchen rückten an ihrer Plachta[6], ob sie auch ordentlich säße; -einige alte Leute nickten der Toten zu: »Du kannst stolz sein, daß du -ein so großes Grabgeleite hast!« - -Unter der weißgekleideten Trauergesellschaft standen zwei in schwarzen -Gewändern: Elisabeth und ihr Bruder Heinrich. Samo, der einmal die -Augen aufhob und die beiden Deutschen sah, dachte bei sich: Sie sind -wie schwarze Flecken auf weißen Kleidern. - -Die Herbstsonne schien auf den bevölkerten und doch so stillen Hof. Da -trat der alte Scholta an den Sarg heran, nahm den Hut ab und sprach -laut: - -»Vater, in deine Hände befehle ich meine Frau!« - -Dann wurde der Sarg geschlossen und nach dem hochgelegenen Friedhof -getragen, wo ein Glöcklein mit blechernem Klang läutete. -- -- -- - -Alle einfachen Menschen haben das Bedürfnis, zu lärmen, wenn sie -einmal eine Zeitlang haben still sein müssen. Nach dem Begräbnis wurde -die Dorfstraße überaus lebhaft. - -Die Mägde sprachen von dem »prachtvollen Leichenputz«, den die Tote -getragen, von den blütenweißen Brusttüchern und der breiten gestickten -Seidenschärpe, vor allem aber davon, daß sie in der linken Hand statt -des üblichen Sträußchens eine Zitrone gehabt habe. - -»Nun, sie war eine Reiche!« - -»Und was für eine! Sie ist sogar im Bette gestorben!« - -»Arme Leute könnten das nicht!« - -»Dürften es auch nicht. Es wäre gegen die Schicklichkeit.« -- - -Die Burschen waren noch lebhafter. Sie behandelten insbesondere eine -Standesfrage. - -Zu den Leichenträgern gehörten auch ein Halbbauer und ein Häusler; -sogar der Schäfer. Der Großbauer Klin hat nicht mit »Träger« sein mögen -deshalb. Sie haben müssen herumschicken. Da ist der Gregorek für den -Klin eingesprungen. - -»Der Klin hat ganz recht. Bauersleute sollen nur von Bauern getragen -werden. Anderen Leuten kommt das nicht zu«, sagte ein junger Bauernsohn -stolz. - -»Du schmutziger Bengel, du bist der richtige!« fuhr ein anderer -dazwischen. »Der Tod macht alles gleich. Und dem Toten ist es ganz -gleich, wer ihn trägt.« - -Der Bauernsohn geriet in Hitze. - -»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, »würde ich -dir eine ›Pflaume‹[7] geben, an der du zu kauen hättest -- du -- du -Demokrat du!« - -»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die Pflaume kommt -zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger werden -- für dich.« - -»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da ist es etwas -anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der Branntwein war gut. Es -wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch keinen erlebt habt.« - -Darauf sprachen sie von Mädeln und von Manövern. -- - -Zwei alte Weiber humpelten zusammen. - -»Mein Gott«, sagte die alte Wičaz, die Mutter des Knechtes Lobo, »man -kommt im Leben zu nichts. Ich hab' doch so viel Wanzen in meinem Bett, -und da hab' ich ein paar gefangen und in eine Federspule gesperrt und -die Spule an beiden Enden mit Wachs verklebt. Ich wollte sie in den -Sarg stecken, daß ich alle Plagegeister los würde. Aber ich habe ja -nicht allein an den Sarg kommen können. Es waren ja immer Leute da. Nun -ist gar das Wachs von der Spule in meiner Tasche abgegangen, und die -Viecher sitzen mir im Kirchenkleide. Ein armer Mensch hat kein Glück.« - -»Wart, bis der alte Kito stirbt«, tröstete die andere. »Der macht's -nicht mehr lange. Und bei dem sind nicht viel Leute. Der nimmt die -Wanzen mit.« - -»Hast du nicht deine Wanzen dem Merten mitgegeben?« - -»Ja, aber sie haben nicht mit ihm gehen mögen, weil der sich doch -gehangen hat und in die Hölle gekommen ist. Sie sind wiedergekommen.« - -»Also warten wir, bis der alte Kito stirbt. Auf den hat man sich immer -verlassen können!« -- -- -- - -Juro ging mit den beiden Deutschen vom Kirchhof zurück. Sie redeten -nicht viel. Es war nur, daß die Gäste nicht allein blieben. Am -Kretscham stand Heinrichs Fuhre. Dort nahmen sie bald Abschied. -Elisabeth sagte leise zu Juro: - -»Es tat mir weh, daß ich am Grabe deiner Mutter allein so fremd war. -Die Leute sahen mich an, als ob ich nicht dahin gehöre, und ich gehörte -doch gewiß dahin.« - -»Ich danke dir, daß du gekommen bist, Elisabeth. Es wird eine schwere -Sache, die wir übernehmen wollen, weil wir nicht zu den Leuten -hingehen, weil wir sie zu uns herüberziehen müssen. Aber wir wollen -mutige Kameraden sein.« - -Sie reichten sich die Hände und schieden. -- -- - -Samo ging mit Hanka. Sie sprachen eine Weile nicht, dann hob Samo den -Kopf, wies nach vorn und sagte: - -»Da gehen die Deutschen. Sie sind aufdringlich. Wie alle Deutschen! -Gestern das studentische Gefasele dem Vater gegenüber war direkt -ekelhaft. Sie sind hinter Juro her.« - -»Wie meinst du das?« fragte das Mädchen arglos wie ein Kind. - -»Es ist nicht schwer zu raten. Sie wollen ihn für das deutsche Mädchen.« - -»Für diese da? -- Als Mann? Als Ehemann?« - -»Ja natürlich!« - -Hanka schüttelte den Kopf und sagte ruhig: - -»Das darf er nicht. Eure Mutter hat es mit meinen Eltern ausgemacht, -daß Juro mich heiratet. Das muß er nun doch tun!« - -»Nimmst du ihn gern?« - -»Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mit mir. Gestern hat er mich -ausgeschimpft und mir den Leichentopf zerschlagen. Eigentlich fürchte -ich mich vor ihm. Aber er ist ein hübscher Mann.« - -»Ja! Und er ist ein Glückspilz!« knirschte Samo zwischen den Zähnen. - -Hanka senkte traurig den Kopf. - -»Ich möchte am liebsten wieder heim. Es ist so schön zu Hause. In -der Spinnstube war ich schon die Kantorka[8], und ich bin doch erst -achtzehn Jahr.« - -Samo blieb vor ihr stehen und sah sie an. Und die Trauer wich auf -ein paar Sekunden aus seiner Seele, und er sah, daß Hanka schön und -lieblich sei. - -»Man sollte dich auf Händen tragen, Hanka!« - -»Sie sind alle gut zu mir. Nur Juro ist streng. Er schalt mich gestern, -daß ich wendisch sprach.« - -Da kollerte ein leises, grimmes Lachen über Samos Lippen. - -»Der zukünftige Kral!« sagte er verächtlich. »Nun, ich bin da und will -aufpassen. Gehen wir durch die Seitengasse, Hanka. Ich will nicht am -Kretscham vorbei. Ich mag diese Deutschen nicht grüßen.« - -»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist ein Fräulein, -man sieht es gleich.« - -Samo ging allein durch die Seitengasse. -- -- -- - -Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war -ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach -eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine -Königswürde. - -Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele -aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten -Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um -Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte -und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten -Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille -funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung -des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl -vereinbar sei mit der preußischen Königstreue. - -Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral -heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben -vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand. -Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche -Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt -eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein -Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute -am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk -seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten. - - - - -»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn begrüßten. -Der König lud sein Volk zum Mahle. Im Großgarten waren lange Tafeln -aufgeschlagen; in allen Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und -Stühle. Das war kein gewöhnlicher ~zakopowane~[9] mit gelber Suppe und -etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl mit gekochtem -und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein und Tabak für die -Männer und Kaffee mit Kuchen und Schokolade für die Frauen. Selbst -Zuckererbsen für die Kinder gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral -ging ein paarmal durch die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede -an und sprach selbst selten ein Wort. - -Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden -Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen. - -Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die Burschen -sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob sie heut abend im -Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt muß werden bei einem so großen -Begräbnis.« - -»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird nicht tanzen. -Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist sie hier.« - -»Wo ist Juro?« - -»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel -gemeiner«[10]. -- -- -- - -Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war ihm zuwider. -Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das Klingen der Gläser an. -Barbarisch ist das, abscheulich! Es ekelte ihn. - -Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken der Mutter -nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein junges Leben -vergoldet hatte. - -Schließlich mußte er doch umkehren. - -Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. Juro kannte -den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker aus Bautzen, war er. -Juro wußte seine ganze Geschichte. Wie er mit einem Stipendium des -preußischen Königs studiert, wie er dann seine ganze Lebensarbeit -der Erhaltung des wendischen Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann, -der seine kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen -herausgab, selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb, -das Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige -seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt wie -dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau kannte man ihn, aus Prag -wallfahrteten tschechische Politiker, Schriftsteller, Studenten zu -ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag an seinem schwarzen Rock den -russischen St. Annenorden zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die -Panslawisten aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«[11] ihre -Hoffnungen setzten. - -Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der wirkliche, -geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle Erbe des wendischen -Königtums. - -»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer Sprache. - -»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete Juro -deutsch. - -Schmaler sah überrascht auf ihn. - -»Sie sprechen deutsch mit mir?« - -»Ja, Sie sind aus Bautzen, und Bautzen ist, denke ich, eine deutsche -Stadt.« - -»Sie wissen sehr wohl, wer ich bin, werter Herr, und Sie wissen auch, -daß Budissin[12] eine uralte wendische Stadt ist. Was verdrießt Sie an -den Wenden? Man hat mir schon gesagt, daß Sie kein Freund der Wenden -sind.« - -Schmaler hatte ruhig und mild gesprochen; Juro entgegnete heftig: - -»Ich bin kein Freund der Wenden? Wer Ihnen das gesagt hat, Herr -Schmaler, ist ein Lügner! Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Schuft!« - -»Nun, nun, es kommt viel auf die Auffassung an. Wir können ja ganz -ruhig miteinander sprechen. Und wenn Ihnen heute eine Aussprache nicht -paßt, so verstehe ich das wohl und will Sie gewiß nicht quälen.« - -»Wir können miteinander sprechen, Herr Schmaler, aber ich fürchte, -wir werden uns nicht verstehen. Ich kenne Sie und Ihr Werk, und ich -habe Hochachtung vor Ihren Talenten, Ihrer Ausdauer, Ihrem Opfermut. -Sie sind ein Freund der Wenden in Ihrem Sinne, ich bin ein Freund der -Wenden im gerade entgegengesetzten Sinne. Ich glaube nicht, daß so -scharfe Gegensätze, wie sie zwischen uns sind, sich oft wiederholen.« - -»Das soll heißen,« sagte Schmaler düster, »daß Sie alle meine -Bestrebungen um die Erhaltung sorbischen Slawentums in der Lausitz -verwerfen, wenn nicht gar bekämpfen wollen.« - -»So ist es!« sagte Juro aufrichtig. - -Schmaler schwieg eine Weile, dann sagte er: - -»Ich könnte Sie um die Begründung Ihres Urteils fragen, aber ich kenne -alle Einwände, die gegen mein Werk erhoben werden. Sie halten es für -vergeblich.« - -»Ja! Für so vergeblich, wie wenn Sie in heißen Frühjahrstagen mit einem -eisernen Haken eine Eisscholle in der Spree festhalten wollten. Die -Wenden schwimmen im deutschen Fluß, und unter der deutschen Kultursonne -wird Ihnen die Scholle, die Sie festzuhalten sich bemühen, trotz aller -Haken und Anstrengungen zerrinnen.« - -Wieder entgegnete Schmaler nicht gleich. Dann sagte er: - -»Sie wissen, daß alle Gleichnisse hinken. Ich könnte Ihnen hundert -andere entgegenstellen, z. B. daß es mir lieber ist, als armer Häusler -in eigener Hütte zu wohnen, als daß ich als Dominialknecht zu einem -großen Herrn zöge.« - -»Knechte sind die Wenden nur so lange, als sie Wenden bleiben. Werden -sie Deutsche, so sind sie freie Kinder des freien Hauses.« - -»Mein Gott, so spricht der zukünftige Kral!« - -»Herr Schmaler, Sie wissen, daß unser Königtum eine Illusion ist.« - -»Nehmen Sie die Illusion aus der Welt, und die Staaten und die -Gemeinschaften und die Familien und alles individuelle Leben geht in -Trümmer. Fällt Ihnen nie ein, was für Kulturwerte versinken, wenn -dieses Volk untergeht? Glauben Sie nicht, daß nur im Individualismus -die Welt schön und liebenswürdig sein kann? Glauben Sie nicht, daß es -zum Sterben langweilig wäre, wenn auf der Welt überall dieselbe Art -Menschen wohnte?« - -»In der Welt ja; aber ein Reich ist nur in einer Einheit -bewundernswert. Das weiß sonst niemand besser als die Panslawisten.« - -Juro sagte es mit einem Seitenblick auf Schmaler. Der entgegnete ruhig: - -»Ich bin ein Panslawist. Es sind mir oft in slawischen Ländern gute, -wohlbesoldete Stellen angeboten worden; ich bin im sächsischen -Budissin geblieben, habe dort meine Kraft, meine Gesundheit, mein -Vermögen zugesetzt im Dienst der wendischen Sache. Aus Eitelkeit, -werden meine Feinde sagen, aus der Sucht heraus, ein Eigenbrötler zu -sein, der Beachtung findet. Das mögen sie sagen; ich verachte es.« - -»Ich meine, daß Ihre ehrlichen Gegner an Ihren Idealismus glauben, Herr -Schmaler; ich jedenfalls gehöre zu diesen.« - -»Danke! Das eine kann man mir auch jedenfalls nicht bestreiten, daß ich -ein loyaler sächsischer Untertan bin.« - -»Sehen Sie, Herr Schmaler, das würde ich bestreiten. Ich glaube, daß -Sie Ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, aber Ihre Seele gehört -hinüber zu den Tschechen, mit denen Sie eine Spracheinheit anstreben, -mit denen Sie ständig sympathisieren.« - -»Was soll ich tun? Sie selbst sagen, daß meine Scholle zerbröckelt. -Festigkeit, geistigen Inhalt für meine Sache kann ich nur bei unseren -slawischen Brüdern suchen. Ich suche Stärkung bei den Slawen für unser -wendisches Volkstum, aber ich suche keinen politischen Anschluß an -sie. Ich will die Erhaltung des sorbischen Slawentums innerhalb der -bestehenden Staatsverbände. Ist das Landesverrat?« - -»Landesverrat nicht! Nein! Sicherlich aber auch nicht Patriotismus, -der die Wurzeln seiner Kraft nicht im Auslande hat.« - -»Vaterland? -- Welches Blut haben uns unsere Väter vererbt? Wo zieht es -uns hin?« -- - -Sie waren inzwischen nahe an das Gehöft gekommen, wo festliches Treiben -war. Mitten aus dem Lärm hob sich das widerliche Geschrei eines -Betrunkenen ab: - -»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«[13] - -»Hören Sie! Hören Sie!« keuchte Juro. »Ist das nicht eine Roheit -sondergleichen? Ist das nicht gemeiner Kannibalismus! Wenn ich den Kerl -erwische, schlage ich ihn nieder!« - -Er wollte voran. Schmaler faßte ihn am Arm und hielt ihn fest. - -»Es ist roh! Ja, es ist widerlich roh! Aber der Mann ist betrunken!« - -»Oh, es wird nicht lange dauern, da brüllen sie alle dieselbe -Gemeinheit!« - -»Nicht doch! Denken Sie daran, daß solch arme Leute jeden öffentlichen -Anlaß zu einer Festlichkeit benutzen, weil ihr Leben so wenig Feste -hat.« - -»Da sind sie voll von diesem eklen Kannibalenfraß, da dürfen sie von -einer edlen Toten sprechen wie von einem geschlachteten Tier! Ich halte -es nicht aus! Ich werfe sie hinaus; ich werfe sie alle hinaus!« - -»Es sind die Gäste Ihres Vaters! Roheiten kommen überall vor. Beruhigen -Sie sich! Es ist ein ungebildetes Volk! Sie denken sich nichts so -Schlimmes dabei!« - -»Prosit! Prosit!« scholl es vom Großgarten her, und wieder kam der rohe -Satz: - -»~Njet hordujo ta kóža přepita!~« - -Da überfiel Juro ein starker physischer Ekel; ein Brechreiz würgte ihn, -dann riß er sich los und eilte nach dem Großgarten. Er sah eine Gruppe -zechender Männer. - -»Prosit, Juro, prosit!« schrien sie. »~Njet hordujo~ ...« - -»Wollt ihr schweigen, ihr -- ihr -- Schweine!« - -Juro brüllte es. - -»Ist das ein Sauffest? Dürft ihr so von meiner Mutter sprechen? Hinaus, -sage ich, hinaus mit euch besoffenem Pack!« - -Die Gesellschaft erschrak. Blöde, ernüchtert sahen sie den tobenden -jungen Mann an. - -»Was -- Was sagt er?« grunzte einer. - -»Was ich sage? Daß ihr eine besoffene Horde seid, die sich benimmt wie -die Wilden!« - -Nun ging ein Skandal los. - -»Wir haben doch den Branntwein nicht gestohlen!« - -»Wir sind doch nicht zum Spaß so weit hergelaufen!« - -»Er ist ein aufgeblasener Bengel!« -- »Er hat uns beim Totenschmaus der -eigenen Mutter verjagt!« -- »Pfui, er ist geizig!« - -»Da -- da hast du dein Fett!« - -Und es warf einer das Schnapsglas nach Juro, das haarscharf an seinem -Kopf vorbeisauste. Mit einer unflätigen Beleidigung stampfte der Kerl -davon. Eine Anzahl anderer warf die Gläser ebenfalls ins Gras und ging -davon. - -Der Kral kam schnell heran und sagte laut: - -»Ich bin hier der Herr! Wer mein Gast ist und wem es hier gefällt, der -bleibt!« - -Aber wenige blieben. Juro ging zitternd vor Aufregung ins Haus. - -Schmaler trat an den Scholta heran und sprach einige aufklärende Worte. - -»Es hat mir auch wehgetan, wenn sie so brüllten«, sagte der alte Hanzo; -»aber es ist eine Redensart seit alters her. Und Gäste soll man nicht -vertreiben.« - -»Juro ist kein Wende mehr«, sagte Samo, der auch herangetreten war. »Er -hat sich so mit Haut und Haaren den Deutschen verschrieben, hat sich so -an geschniegelte Kreise angeschlossen, daß ihm alles in der Heimat zu -roh ist, daß er sich zimperlich benimmt wie ein Frauenzimmer. Mit den -Deutschen ist er gegangen; mit einem Wenden hat der feine Herr nicht -gesprochen.« - -»Nur mit mir!« sagte Schmaler. »Freilich haben wir gestritten. -Ich kehre bedrückten Herzens heim, weil ich gesehen habe, wie der -zukünftige Kral über das Wendentum denkt.« - -Ein Seufzer kam aus der Brust des alten Hanzo, und er wandte sich, ohne -weiter ein Wort zu sagen, wieder zu seinen Gästen. Eine Anzahl kam -zurück. Es wurde weiter geschmaust und getrunken, aber es ging stiller -her. -- Schmaler und Samo gingen nun ein Stück den Feldweg entlang. Sie -verstanden sich besser. - -Schmaler erzählte mit Begeisterung von Prag. - -»Ich kann es nicht begreifen«, sagte Samo, »daß mein Vater darauf -bestand, ich müsse in Breslau studieren. Mir ist das deutschgewordene -Nest, das Slawen gegründet haben, zuwider. Wir wendischen Studenten -gehören nach Prag. Denn die Lausitz gehört ebenso wie Schlesien -geschichtlich und rechtlich zur ›~Koruna ceska~‹«[14]. - -Schmaler schüttelte den Kopf. - -»Ich gehe nicht so weit, ich fasse unsere Stellung zu den verwandten -Tschechen anders auf!« - -»Was man will, muß man ganz wollen, Meister Schmaler. Los von den -Deutschen! Die deutsche Länderkrume, die uns von den tschechischen -Brüdern trennt, ist dünn genug, daß man sie durchbrechen kann. Wir -müssen nur ausharren, festhalten, hier treu bleiben auf dem slawischen -Vorposten. Jahrhundertelang hat unser armes Volk den deutschen Druck -ertragen und ist slawisch geblieben im fremden Joch, im fremden Land. -Sehen Sie dagegen auf die Deutschen! Alle fremden Sprachfetzen lesen -sie auf, die vom Schneidertisch anderer Nationen fallen, behängen sich -damit und glauben sich geschmückt. Ihre Nationalität hält im fremden -Land nicht vom Vater auf den Sohn. Weil sie nichts taugt! Und deshalb -werden unsere tschechischen Brüder Tag um Tag weiter vordringen gen -Norden, und eines Tages werden wir mit ihnen vereinigt sein. Dann -wird man sowohl vor den Mauern Berlins wie vor den Mauern Wiens die -slawische Sprache hören.« - -»Sie gehen zu weit, Sie gehen viel zu weit in Ihren Plänen und -Hoffnungen«, sagte der vorsichtige Schmaler besorgt. - -»Ich setze mir ein Ziel: Erhaltung des Sorbentums als Vorposten der -siegreich vordringenden Slawen.« - -Schmaler schwieg. Er mochte sich zu solch kühnen Worten nicht äußern. - -»Liegt es nicht an der Feigheit unserer Intelligenz, wenn das Sorbentum -leider Gottes zurückgeht?« fuhr Samo fort. »Wenn wir solche Führer -haben wie meinen Bruder Juro, dann Gnade uns Gott!« - -»Auch ich fürchte von ihm viel«, sagte Schmaler. - -»Er darf kein Führer werden; er darf es nicht! Ich werde es verhindern. -Gott sei Dank, ich glaube, er will es auch nicht. Er ist zu feig -und oberflächlich dazu. Ich sah mit scheelen Augen darauf, daß er -hinter einer Deutschen herlief. Ich war ein Esel. Ein Glück ist diese -Liebschaft! Er soll sich nur sein bleichsüchtiges Ding nehmen, nach -Berlin ziehen und alle zehn Jahre einmal nach Hause zur Kirmeß kommen. -Öfter gehört er auf unsern Hof nicht! Da ist er unmöglich! Vollends mit -seiner deutschen Zierpuppe. Auf unsern Hof gehöre ich!« - -»Er ist der Erbsohn«, warf Schmaler ein. »Er ist auch nach der -Tradition der zukünftige Kral.« - -»Haben nicht andere abgedankt als er, wenn sie unfähig waren für ihre -Sache? Er wird abdanken!« - -»Ich will mich in einen Familienstreit nicht mischen«, sagte Schmaler -wieder vorsichtig. - -»Das ist kein Familienstreit, das ist eine Sache, die alle angeht und -die Sie unterstützen sollten, wenn eine Unterstützung nötig wird.« - -»Ihr Vater ist noch jung. Wir müssen die Entwicklung der Dinge -abwarten.« - -»Die Dinge werden sich rasch entwickeln. Denken Sie an Hanka! Sie ist -das letzte Mädchen aus dem Geschlechte, das uns als das königliche -gilt. Meine Eltern und ihre Eltern haben sie für Juro bestimmt. Und -wenn er sich um seiner deutschen Liebsten willen weigert, das Mädchen -zu nehmen? Wenn er mit seiner deutschen Frau als Arzt nach irgendeiner -Stadt zieht? Nach allen seinen Äußerungen glaube ich bestimmt, daß er -das tun wird. Nun, irgend jemand wird wohl die Sache hier übernehmen -müssen.« - -Schmaler drückte Samo die Hand. - -»Sie wissen, daß ich Sie hundertmal lieber als Herr auf dem Hofe sehen -würde als Ihren Bruder.« - -»Das genügt mir!« sagte Samo, und seine dunklen Augen funkelten. - -Dann sprach er von der Zeitung, die Schmaler herausgab, von der -»~Sorbske Nowiny~«. Er lobte Schmalers Bestreben, die deutschen -Fremdwörter und Lehnformen aus der wendischen Sprache auszurotten -und überall da, wo ein rein wendisches Wort nicht vorhanden war, -tschechische Formen einzuführen. Er versprach auch, selbst an der -»~Sorbske Nowiny~« mitzuarbeiten, zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche -und wies auf einen Artikel. - -»Den müssen Sie abdrucken. Der trifft das Richtige!« - -»Sie lesen Russisch?« fragte Schmaler. - -»Ja, ich habe mich von Kindheit an mit dieser Sprache befaßt.« - -Schmaler, der ebenfalls des Russischen mächtig war, las:[15] »Wir -Slawen bewundern den Genius der Semiten auf dem Gebiete religiöser -Schöpfungen, den der Griechen auf dem Gebiete der Wissenschaften -und Künste, den Genius der Römer auf dem Gebiete des Rechts und -der Politik; wir bewundern den begeisterten Schwung des Spaniers -und Italieners, das gesellschaftliche Talent und den Geschmack -des Franzosen, die schöpferische Kraft und die Erfindungsgabe des -Engländers. Was kann dagegen der Deutsche für sich beanspruchen? Was -ist an ihm genial, was ideal, was vollendet? Ist sein Glaube nicht -abstrakt und sein Unglaube kühl, seine Philosophie phantastisch und -seine Poesie philosophisch? Seine soziale Existenz, sein Feudalismus, -sein Junkertum, sind sie nicht die Negation der Menschenrechte, die -organisierte Gewalttat? Können seine gute militärische Disziplin, seine -Mäßigkeit und Akkuratesse, sein kaltes, herzloses, maschinenartiges -Ausführen dessen, was ihm befohlen wird, selbst auf Kosten der -geheiligten Gefühle der Großmut und des Mitleids -- können sie -dieses Volk erheben und Liebe erregen? Können seine Arbeitsamkeit -und Pünktlichkeit den Mangel an Humanität und schöpferischer Kraft -ersetzen? Möge die geschichtliche Vorsehung die Slawen vor dem Wege der -Entwicklung bewahren, auf dem sie den Deutschen ähnlich werden könnten!« - -»Haben Sie das selbst geschrieben?« fragte Schmaler. - -Samo zuckte die Achseln. - -»Geschrieben oder nicht, es ist meine Meinung. Und Sie sollen den -Artikel abdrucken.« - -»Nein«, sagte Schmaler, »er ist zwar geistreich, aber er schießt über -das Ziel hinaus. Die Russen können unmöglich den Deutschen den Vorwurf -kalter Herzlosigkeit, Unfreiheit und schöpferischer Unproduktivität -machen. Solche Angriffe verfehlen ihren Zweck.« - -Samo zuckte die Achseln. - -»Wer dieses Volk angreift, hat immer recht. Die ›~Nàrodni listi~‹ in -Prag sollten Sie sich zum Muster nehmen. Das Blatt nennt das Ziel, -stellt die Aufgabe klar, wenn es schreibt: ›Wir werden immer auf seiten -jenes Volkes stehen, das gegen die Deutschen den Krieg unternimmt, -weil der Feind unseres Feindes stets unser Freund ist.‹ Sehen Sie, Pàn -Schmaler, das ist stark und zielbewußt! Für Ihre ›~Sorbske Nowiny~‹ -aber werde ich nichts schreiben können, weil ich fürchte, dies Blatt -ist zu deutschfreundlich.« - -Das mußte sich der alte Wendenführer von dem jungen Manne sagen lassen. -Als er gen Bautzen nach Hause fuhr, mußte er sich eingestehen, daß -er sich mit keinem der beiden Söhne des Kral verstanden hatte, mußte -er sich sagen, es sei doch eine mißliche Sache, in Prag und Moskau -als Vertrauensmann zu gelten und daheim dem König von Preußen ein -Wendenbuch zu widmen. - - - - -An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende Bauersleute -aus dem Sächsischen, teilgenommen. Am Abend noch sprach der Scholta -zu ihnen: »Herr Vetter und Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche -Bitte auszusprechen. Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein -paar Wochen zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille, -daß die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit, -wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir die Frau -gestorben ...!« - -Er hielt nach dieser langen Rede müde inne und machte eine -Handbewegung, die bedeuten sollte: alles andere könnt ihr euch wohl -selbst denken. Die Mutter Hankas verstand ihn auch. - -»Der Herr Vetter meint, weil das Hauswesen jetzt ohne Frau ist, so -sollten wir in Gottes Namen die Hanka auf längere Zeit hierlassen, daß -er nicht ganz allein ist, wenn die Herren Söhne wieder fortziehen, und -daß eine weibliche Aufsicht wäre.« - -Hanzo nickte der Frau dankbar zu. Er freute sich, daß sie ihm das -weitere Sprechen und Bitten ersparte. - -Die Frau aber schwieg jetzt, und auch ihr Mann schwieg. Sie brauchten -sich ihre Gedanken nicht mitzuteilen. Sie dachten alle drei dasselbe: -daß Hanka an einem Unglückstage in dies Dorf eingezogen, daß ihr -unterwegs die Smjertniza begegnet war. Der alte Scholta suchte endlich -die Bedenken zu zerstreuen, indem er sprach: - -»~Bog te swoje žiwńe gromadu zwežo!~«[16] - -Diesem Spruche dachte die Frau nach, und ihr Mann wartete, wie sie sich -entscheiden werde. - -Endlich sprach die Mutter Hankas: - -»So wollen wir das Mädchen in Gottes Namen hierlassen, bis der Herr -Vetter seine Wirtschaft gerichtet hat.« - -Der Mann sah seine Frau an, als wollte er sagen: Ich hätte erwartet, -daß wir uns anders entscheiden würden. Aber die Frau sagte: »Gott hat -das Kind behütet und auch mit tollen Pferden gesund hierher geführt, es -mag hierbleiben.« - -Hanka wurde nun herbeigerufen, und der Familienbeschluß wurde ihr -mitgeteilt. Da rannen ein paar helle Tränlein über die roten Wangen des -Mädchens. - -»Es war so schön zu Haus. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka!« - -»Du wirst hier auch die Kantorka werden!« tröstete die Mutter. Das -Mädchen aber hielt die Hände vors Gesicht. Da stand die Mutter auf und -sagte recht barsch: - -»Höre, Hanka, ich will nicht hoffen, daß dir ein Kerl von zu Haus im -Kopfe steckt.« - -Das Mädchen sah sie groß an. - -»Nein! Wie wäre das möglich? Ich denke, ich soll den Juro heiraten!« - -Da nickten sich die drei Alten befriedigt zu: »Sie ist ein folgsames -Kind!« - -Ein Weilchen war's still, dann seufzte die Frau und sagte: - -»Der Herr Juro hat ein gar hitziges Blut!« - -Ihr Mann wollte nun auch was sagen und sprach: - -»Das muß so sein bei den Herren Studenten.« - -Die Frau sah ihn an und sagte nichts. Aber der Mann wußte, daß sie -bei sich dachte: Was faselst du? Du hast in deinem Leben keine fünf -Studenten gesehen. Das war wahr, und der Mann nahm sich vor, ein -andermal mit Reden nicht so voreilig zu sein. - -»Er wird ein schweres Leben haben, wenn er erst auf dem Gut ist und so -hitziges Blut hat«, nahm die Frau das Thema wieder auf. - -»Er wird älter werden!« sagte der Kral. - -»Und er hatte ganz recht«, rief Hanka, halb noch in Tränen. »Ich habe -auch einem von den Kerlen, die so lärmten, eine Flinka[17] gegeben.« - -»Du?!« - -»Ja, es kam einer an die Küchentür und sagte den gemeinen Spruch: -›~Jana stawa baba~‹.«[18] - -»Der Kerl! Da hattest du recht, daß du ihm eine Flinka gabst. Was sagte -er?« fragte die Mutter. - -»Ach, er lachte und meinte: Ei sieh, das Kätzchen gibt die Pfote!« - -»Und du?« - -»Ich gab ihm noch einmal die Pfote!« sagte Hanka und lachte auch. - -Die Eltern sahen stolz auf den Scholta: »Sieh, was für eine -Schwiegertochter du bekommst!« - -»Juro ist streng!« sagte Hanka nachdenklich, »er hat auch auf mich -schon sehr geschimpft. Aber er ist schöner als alle!« - -Da sahen die Eltern wieder auf den Scholta: »Nehmt euch diese Perle -wahr!« Hanzo nickte. - -Als die Eltern Hankas an die Heimreise gingen, schieden sie in -Zufriedenheit, obwohl sie sich von ihrem zukünftigen Schwiegersohn Juro -nicht einmal verabschieden konnten, weil er nirgends zu finden war. -So hatte Juro mit ihnen außer einer kurzen Begrüßung bei der Ankunft -überhaupt kein Wort gesprochen. - - * * * * * - -Der Scholta brauchte drei Tage und drei Nächte, ehe er sich zu dem -Entschluß aufraffte, mit seinen Söhnen Rücksprache über die Zukunft zu -nehmen. Endlich saß er mit ihnen in dem kleinen Stübchen, in dem sein -uralter Schreibtisch stand, der so hoch war wie ein Schrank. - -Der alte Hanzo schloß das Fenster und verriegelte die Tür. »Meine -Söhne,« sagte er dann mit der ihm eigenen Feierlichkeit, »es hat sich -in unserer Familie ein so großes Unglück ereignet, daß wir jetzt daran -denken müssen, wie in Zukunft alles werden soll. Ich habe hier auf -dem Papier alles aufgeschrieben, was die Mutter eingebracht hat, und -es kommen jetzt nach ihrem Tode auf jeden von euch sechstausend Taler -Mutterteil.« - -Die Söhne sagten übereinstimmend, daß sie das Geld vorläufig aus dem -Gute nicht herausziehen wollten. - -»So werde ich euch jedem eine Hypothek auf das Geld eintragen lassen; -denn es muß Ordnung sein«, sagte der Vater. - -Damit -- meinte er -- sei alles erledigt, und er wollte die Tür wieder -aufriegeln. Aber beide Söhne sagten, sie hätten noch mit dem Vater zu -reden und wollten bald alles abmachen. - -»Nun, so kommt zuerst Juro an die Reihe«, sagte der Scholta. Er sah -gespannt auf den Sohn. Der redegewandte Juro stockte erst und brachte -auch dann seine Sätze nicht ganz glatt heraus. - -»Vater, du weißt, daß ich in meinem Berufsstudium hinter Samo zurück -bin, obgleich ich ein Jahr eher auf die Universität kam als er. Er hat -gleich von Anfang an Medizin studiert, und ich habe erst zwei Jahre -mit der Jurisprudenz verloren, ehe ich auch zur Medizin umsattelte. -Ich konnte aber nicht Advokat oder Richter werden; ich hatte mich in -mir getäuscht. Nun wird Samo schon vor nächsten Ostern fertig, und ich -werde noch ein und ein halbes Jahr brauchen, ehe ich approbiert bin. -Es kommt dazu, daß ich auf deinen und der Mutter Wunsch nebenbei auch -landwirtschaftliche Vorlesungen höre.« - -»Wozu erzählst du das?« sprach Samo dazwischen, »das wissen wir doch.« - -»Es gehört zum Ganzen«, sagte Juro. »Du weißt, Vater, daß ich mich -für die Landwirtschaft bisher wenig interessiert habe; ich habe euch -zuliebe diese Vorlesungen gehört, obwohl ich es für ganz unnütz hielt, -und ich will dir gestehen, daß ich im Ernst gar nicht daran dachte, -einmal Landwirt zu werden.« - -Der Vater entgegnete nichts; er kannte die Interesselosigkeit des -Sohnes an der Landwirtschaft. - -»Aber, Juro, weshalb erzählst du das?« fragte Samo wieder. »Wir alle -wissen, daß du kein Landwirt bist und also auch später einmal das Gut -nicht übernehmen kannst.« - -Juro wandte sich seinem Bruder zu, und der Haß blitzte auf in seinen -Augen, und ein Lächeln der Schadenfreude spielte um seine Lippen. - -»Und wer wird es übernehmen?« fragte er kalt. »Fremde Leute?« - -»Ich bin auch noch da -- ich --« - -Juro brach in ein Gelächter aus. - -»Du?! -- Ja, du! -- Ich verstehe! -- Ich konnte es mir denken!« - -Dann stand er auf und schrie den Bruder an: - -»Nein, du wirst es nicht übernehmen! Ich bin der Erbsohn! Ich!! Ich bin -der zukünftige Kral der Wenden!« - -»Das bist du!« sagte der Vater und stand auf und sah mit leuchtenden -Augen auf seinen Sohn, der ihm wie ein Wunder erschien in seiner -plötzlichen Verwandlung. - -Samo aber sah seinen Bruder ganz erschrocken an. - -»Du -- du -- was fällt dir auf einmal ein?« - -»Jetzt rede ich erst!« sprach der Vater mild, aber fest, und wandte -sich an seinen ältesten Sohn. - -»Dir hat Gott geholfen, Juro, er hat dir gezeigt, was du tun sollst, -weil du der Kral der Wenden sein wirst. Die Mutter hat sich großen -Kummer gemacht. Sie wollte noch mit dir reden, aber sie starb zu rasch. -So werde ich dir sagen, was nötig ist. Wir wollen, daß du ein guter -Hausvater und ein treuer Kral wirst, und wir haben bestimmt, daß du -unsere Jungfer Hanka zur Frau nimmst.« - -»Ich -- was? -- Ich -- Hanka? -- --« - -Der Jüngling brachte keinen Satz zustande. Er stand blaß vor dem Vater, -und es war, als ob sein Hirn lahm und seine Glieder starr geworden -wären. - -Samo schlug ein lautes Gelächter an. - -Der Vater verwies Samo dieses Lachen mit strenger Gebärde. - -Juro gewann endlich die Herrschaft über sich zurück. Er sprach -nicht gleich, aber man sah an seinem Gesicht, wie rasch die Gedanken -arbeiteten. - -Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme, durch die kaum ein merkliches -Beben lief: - -»Vater, der Eltern Wille ist in Ehren! Und das Mädchen, die Hanka, ist -in Ehren! Aber ich werde Hanka nicht heiraten, denn ich habe bereits -eine Braut.« - -Der Vater sah ihm steif ins Gesicht und sprach: - -»Du kannst keine Braut haben, Juro, denn ich weiß nichts davon. Es ist -Sitte von alters her in unserer Familie, daß der Sohn mit seinem Vater -spricht, ehe er mit einem Mädchen von der Ehe redet, und es ist Sitte, -daß kein braves Mädchen mit sich von der Ehe sprechen läßt, ehe sie -weiß, daß der Bursch mit seinem Vater einig ist.« - -Juros Gesicht wurde dunkelrot. Aber er sprach mit ruhiger Stimme: - -»Die Zeiten ändern sich, Vater! Unsere Zeit macht die Menschen schnell -selbständig. Unselbständige Leute vernichtet sie. Ich bin schon lange -mündig, ich habe so viel gelernt, um zu wissen, was ich tue, und ich -werde nur das Mädchen heiraten, das ich mir selbst gewählt habe. Es ist -Elisabeth von Withold.« - -»Wer?« - -»Elisabeth, die Tochter unseres Nachbarn!« - -»Des Rittermäßigen?« - -»Ja!« - -Da ging der Vater auf den Sohn zu, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf -die Brust und sagte: - -»Weißt du, daß du ein Bauernjunge bist?« - -»Ich weiß, daß ich ein gebildeter Mensch bin!« - -»Das vergiß nicht, Vater!« rief Samo höhnisch dazwischen. - -Der Bauer setzte sich an den Tisch. Er sah starr auf Juro und fragte -dann: - -»Und du hast es wirklich gewagt, das dem deutschen Edelmann zu sagen?« - -»Ich habe es ihm noch nicht gesagt, weil es noch nicht möglich war, -aber ich werde es alsbald tun!« - -Da sprang der alte Wende auf, und eine Energie kam über ihn, die -seltsam von seiner Art abstach. Seine sonst so ruhige Stimme wurde -scharf: - -»Du wirst es nicht tun! Du wirst uns die Schande nicht machen, daß -der deutsche Edelmann den wendischen Bauernjungen mit den Hunden -hinaushetzt!« - -»Das wird er nicht! Das kann er nicht!« lächelte Juro. - -»Er wird es tun! Er gehört zu den Deutschen, die die Wenden verachten! -Er ist ein Ritter, und wir sind Bauern!« - -»Laß das meine Sorge sein, Vater!« - -»Nein, es ist +meine+ Sorge. Ich bin der Vater! Die Schande kommt über -uns alle!« - -Da hielt Juro eine lange Rede. Er sprach von der Emanzipation des -Wendenvolks, von seiner Gleichberechtigung mit den Deutschen, von dem -Ausgleich zwischen den Ständen. Er sprach mit herzlicher Liebe und mit -großer Begeisterung von Elisabeth und von ihrer Liebe zu ihm. Und er -schloß: - -»Wendin oder Deutsche -- es ist gleich; adelig oder nicht adelig, -es ist kein Hindernis für die Liebe! Wir lieben uns, weil wir uns -lieben müssen, unsere Herzen haben zusammengeschlagen, ohne daß alte -Vorurteile es hindern konnten. Die Zeiten, wo Menschen ihr Glück mit -selbstgeschaffenen Ketten erwürgten, sind gottlob vorbei!« - -Der alte Wende hörte ihm starr zu. Zuletzt schlug er die Hände vor's -Gesicht und sagte: - -»Ich wollte, ich wäre bei der Mutter!« - -Juro sah ihn erschüttert an. - -»Willst du mich nicht verstehen, Vater?« - -»Nein, ich verstehe eure Welt nicht, in der alles ohne Sitte und -Ordnung ist, alles von unten nach oben gedreht wird!« - -»Vater, du warst immer gerecht. Du kannst kein hartes Urteil fällen -über ein Mädchen, das du nicht kennst. Oder hast du je etwas Schlimmes -von ihr oder ihrer Familie gehört?« - -»Nein! Aber es sind Edelleute. Und ein Fräulein paßt nicht zu einem -Bauernsohn!« - -»Warum hast du uns studieren lassen, Vater? Doch darum, daß wir -vorwärts kommen sollen in der Welt!« - -»Ja, aber nicht so! Die Wenden haben keinen Arzt, keinen Advokaten, der -ihre Sprache spricht, nicht einmal genug Geistliche und Lehrer, die -Wendisch können. Da war es doch meine Pflicht als Kral, daß ich euch -auf die Schule gab. Einer sollte Advokat werden, einer Arzt!« - -»Nun werde ich auch Arzt. Aus innerer Neigung. Und ich werde mich ganz -den Wenden widmen, die der ärztlichen Hilfe so nötig bedürfen!« - -Samo, der mit feuerrotem Gesicht der Unterredung zuhörte, sagte nun -dazwischen: - -»Er wird die Kranken kurieren oder auch nicht kurieren -- je nachdem ---, und das gnädige Fräulein von Withold, die dann eine Bauernfrau -geworden ist, wird indes zu Hause die Schweine füttern!« - -Juro sah den Bruder kalt an. - -»Wir haben uns nicht vertragen, als du noch glaubtest, ich würde dir -Platz machen; wir werden uns natürlich erst recht nicht vertragen, -nachdem du weißt, daß ich nicht dir zu Lieb' auf mein Erbe verzichte!« - -Samo sprang auf. - -»Bin ich ein Erbschleicher?« - -Juro sah ihn mit strengen Augen an und zuckte die Achseln. Da holte -Samo zum Schlage gegen ihn aus. Der alte Scholta aber hieb mit der -Faust auf den Tisch. - -»Wie benehmt ihr euch? Was erdreistet ihr euch in meiner Gegenwart? -Geht hinaus! Beide!« - -Die Söhne mußten das Zimmer verlassen, und der Vater blieb allein und -sprach drei Tage lang mit keinem Menschen ein Wort. - -Dann aber ließ er die Söhne wieder zu sich rufen. - -»Ich will dich fragen, Juro, ob du es dir überlegt hast, daß ein -adliges Fräulein nicht in unseren Hof als Bäuerin ziehen kann!« - -»Elisabeth wohnt jetzt auch auf dem Hofe ihres Vaters. Sie -interessiert sich für die Landwirtschaft und verträgt sich aufs beste -mit allen Leuten!« entgegnete Juro kleinlaut. - -»Sie haben ein herrschaftliches Schloß, einen Park!« - -»Das brauchen wir nicht! Aber ich wollte dich allerdings bitten, Vater, -daß ich mir hinter unserem Großgarten ein neues Wohnhaus bauen darf: -nicht groß und prunkvoll, aber gesund und bequem!« - -»Das soll heißen, Vater,« fiel Samo ein, »er baut nebenan ein deutsches -Herrenhaus, und du darfst hier in der wendischen Kaluppe weiterwohnen -und seinen Großknecht spielen!« - -Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, aber die Gegenwart des -strengen Vaters hielt die Brüder im Zaum. - -»Ich beabsichtige,« sagte Juro, »von hier aus meine ärztliche Praxis -auszuüben und mich -- soweit mir Zeit bleibt -- unter deiner Leitung in -die Verwaltung des Gutes einzurichten.« - -»Und das Fräulein?« - -»Sie wird zufrieden sein und dir eine gute Tochter sein.« - -Der Alte schüttelte den Kopf. - -»Sie ist eine Deutsche!« - -»Gott sei Dank!« sagte Samo. - -»Was meinst du damit?« fragte ihn der Vater. - -»Ich meine, es ist gut, daß sie eine Deutsche ist. Sie paßt zu Juro, -denn er ist auch ein Deutscher, ein Stockdeutscher.« - -Der Vater sah mit forschenden Augen dem Sohne ins Gesicht. - -»Er hat die Wenden oft unfreundlicher behandelt, als ich wünschte, aber -deshalb kann noch kein Mensch behaupten, daß er ein Deutscher geworden -ist«, sagte der Alte. - -Juro, der erkannte, auf welches Geleise ihn der Bruder geführt, -verschmähte es, sich zu verstecken. - -»Ja, ich bin ein Deutscher«, rief er. »Ich will es, ich mag es, ich -kann es nicht verheimlichen.« - -»Und -- und dein Wendentum?« - -»Ich liebe die Wenden; aber ich sehe kein anderes Heil für sie, als daß -sie Deutsche werden.« - -»Ihre Sitte, ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihr Volksglaube?« - -Juro wartete einige Sekunden. Dann sagte er fest: - -»Sie sind dem wahren Fortschritt der Wenden hinderlich. Darum müssen -sie ausgetilgt werden.« - -»Juro -- Juro, bist du das -- ist das mein Sohn, der so redet?« - -»Ich kann nicht anders. Bei Gott, Vater, es ist meine Überzeugung!« - -Er wollte auf ihn zugehen; aber der Vater wehrte mit beiden Händen ab. - -Bleich und gesenkten Hauptes ging der alte Mann zur Tür. Dort blieb er -stehen und sagte noch: - -»Das ist das Schwerste, was ich im Leben hören mußte! Da gehört viel -Zeit dazu, ehe ich das fassen kann.« - -Juro streckte die Hände nach ihm aus, aber der Vater schloß die Tür von -draußen. -- -- - - - - - Birnbaum steht im weiten Felde[19]. - Weiße Steine liegen drunter, - Unter all den weißen Steinen - Liegt ein rotes, gold'nes Ringlein. - Durch das Ringlein wachsen Halme, - Und die Halme tragen Blüten. - Kommt ein Pfau dahergeschritten, - Läßt die schönsten Federn fliegen, - Kommt ein Mädchen hergegangen, - Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein ... - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Birnbaum steht im weiten Felde, - Gold'nes Ringlein schläft darunter, - Von dem Turme schallt die Glocke, - Mädchen macht ein Rautenkränzlein. - -»Das ist ein schönes Lied, Töchterchen«, sagte die alte Wičaz zu Hanka. -Sie saß mit ihr im Hofe. - -»Ein schönes Lied, und du hast eine schöne Stimme.« - -»Zu Hause war ich schon die Kantorka«, erwiderte Hanka und seufzte. -»Hier singt man wenig.« - -»Wer soll singen?« sagte die Wičaz. »Ich weiß einen, der singt schöner -als alle Burschen; das ist mein Sohn Lobo.« - -»Dein Lobo trinkt zu viel Branntwein. Wäre er nicht betrunken gewesen, -hätte vielleicht der Wagen mit der Tante nicht umgeworfen. ~Palenc je -walenc!~«[20] - -Die alte Wičaz schüttelte den grausträhnigen Kopf. Sie war als die -Sprichwörter-Wičaz bekannt, da sie beständig Sprichwörter in lehrhaftem -Ton gebrauchte, ärgerte sich aber, daß ihr jetzt das Mädchen mit dem -verdrießlichen Vers: »~Palenc je walenc~« kam, denn sie hielt auf ihren -Sohn Lobo. - -»Töchterchen, das redest du so«, meinte sie ärgerlich. »Du kennst gewiß -nicht den richtigen Spruch: - -»~Woda wšitko zhloda!~«[21] - -»Hättet ihr mit einem verhungerten Kutscher fahren wollen? Mein Lobo -ist gut und stark und hat eine schöne Stimme. Gegen die Smjertniza -konnte er euch freilich nicht helfen, obwohl er stark war. Sonst -- ist -er so fromm wie der Kater beim Quarge.« - - * * * * * - - »Sie hacken, sie pflügen -- - Da bleib ich hübsch liegen; - Sie fressen und saufen -- - Da komm ich gelaufen.« - -»Da -- da habt Ihr Euren Sohn! Er singt schöne Lieder!« - -»Töchterchen, der Gesang muß lustig sein; sonst ist er kein guter -Gesang. Es muß Schmalz darin sein! Siehst du, dort kommt er, mein Lobo. -Er ist doch ein schöner, starker Bursch!« - -»Betrunken ist er schon wieder am Vormittag. Pfui! Ich gehe ins Haus!« - -Sie verschwand. - -»Ich sehe dich, Mutter!«[22] rief Lobo von weitem, trank aus einer -Flasche und kam dann heran. Er blieb vor der alten Frau stehen, sah sie -beinahe schadenfroh an und sagte unvermittelt: - -»Mutter, wir müssen fort!« - -»Wir? Fort? Was? Was faselst du? Wohin?« - -»Das weiß ich nicht. Der Neue, der Juro, will uns rausschmeißen.« - -»Rausschmeißen? Uns? Mich?« - -Das alte Weib grunzte vor Überraschung. - -»Ich bin mein Lebtag auf diesem Hofe gewesen. Ich gehöre hierher! Bist -du verrückt, du Süffling?« - -Lobo zuckte die Achseln. »Wenn Ihr schimpft, erzähl' ich nichts mehr.« - -»Erzähl es, sag es, Lobo!« besänftigte sie ihn. - -»Nein!« - -»Erzähl es, Lobo, mein Söhnchen! Ich habe noch sechs Dreier in der -Ulmer, die geb' ich dir«, bat sie. - -»Sechs Dreier? Und Ihr sagtet, Ihr hättet kein Geld? Sechs Dreier sind -zu wenig.« - -»Ich habe noch zwei Silbergroschen, die geb' ich dir.« - -Der Trunkenbold blinzelte die Mutter an. - -»Es ist wegen der Frau. Weil die Smjertniza den Wagen umgeworfen hat. -Der Juro hat keine Religion, er sagt, die Smjertniza ist dummes Zeug.« - -Das Weib schlug die Hände zusammen. - -»Daß ihn der Teufel hol!« - -»Er wird ihn schon holen!« sagte Lobo grimmig, »ihn und den alten Kito, -diesen abgefaulten, alten Lumpen. Kito weiß, daß Ihr ihm unsere Wanzen -mit in den Sarg geben wollt, wenn er stirbt. Die Wanzen will der Kito -nicht annehmen. Er vermacht dem abgefaulten Baier, dem Wilhelm, zehn -Taler, und der wird Wache beim Sarge halten, wenn Kito stirbt.« - -»Ah, der schlechte Kerl! Der Wanzenwächter! Aber, mein Söhnchen, -deshalb ziehen wir nicht aus. Da werde ich eben die Wanzen behalten.« - -»Behalten oder nicht, fort müssen wir doch! Denn sie haben dem Juro -die Wanzengeschichte erzählt und auch erzählt, daß Ihr immer mit einer -Federspule um den Sarg der toten Frau geschlichen seid, und da heißt es -jetzt: fort!« - -»Wer sagt das?« - -»Juro sagte es zu mir. Wir müßten raus. Er wird nicht ruhen, bis wir -raus sind. Er hat uns Schweine genannt.« - -Das Weib schlug die Hände zusammen. - -»Der Grobian! Ach, er ist dazu imstande; er tut's! Hat er doch sogar -die reichen Leichengäste hinausgeworfen.« - -»Ich sehe dich, Mutter«, lallte Lobo und trank ihr zu. »Ich werde den -Juro totschlagen.« - -Da faßte ihn seine Mutter an der Hand. - -»Rede nicht so laut, mein Söhnchen; ich werde dir auch drei -Silbergroschen schenken.« - -»Der Wilhelm, der abgefaulte Baier, wird auch rausgeschmissen«, grinste -Lobo. »Den schmeißt der andere raus -- der Samo.« - -»Was sagst du, Samo hat den Wilhelm fortgejagt, den Deutschen?« - -»Ja, Juro hat gesagt, ich und du werden rausgeschmissen, und Samo hat -gesagt, Wilhelm wird rausgeschmissen.« - -Die Alte grinste. - -»Die zwei werden den ganzen Hof ausräumen.« - -»Ja, es fehlte nicht viel, daß sie sich prügelten, die feinen Herren. -Es wär' mir recht gewesen. Den Juro wollt' ich schon besorgen. So habe -ich bloß meine Hacke weggeschmissen und bin abgezogen. Alle fünf streck -ich gerade und mach' keinen mehr krumm. Ich sehe dich, Mutter!« - -»Lobo, mein Söhnchen, geh' arbeiten, daß dich der Scholta nicht sieht. -Auf ihn kommt es an. Laß mich nur machen.« - -Der Bursche torkelte erst nach vielen Bitten und Versprechungen nach -dem Felde zurück. Die Alte blieb allein auf der Bank sitzen. Sie hatte -heut keine »Tour«. Sonst ging sie als Botenfrau nach der Stadt, kehrte -in vielen Häusern unterwegs ein, besorgte für die Leute allerhand -Aufträge. Hier im Schulzenhofe hatte sie ein kleines Stübchen, in dem -sie mit ihrem Sohn Lobo schlief. - -Die Alte war klug und schlau auf ihre Weise. Sie kam viel bei Leuten -herum, hörte mancherlei und wußte es für sich zu benutzen. Sie stand -im Rufe der Wahrsagekunst und bekam viel Geld für das Besprechen von -Krankheiten an Menschen und Tieren. - -Jetzt blinzelte sie ins Sonnenlicht und dachte nach. -- -- - - »Birnbaum steht im weiten Felde, - Weiße Steine liegen drunter ...« - -Hanka sang im Hause. Die Alte hörte aufmerksam zu und sprach bei sich: - -»Mit dem Mädel wird vielleicht etwas zu machen sein.« - -Nun hörte sie drinnen ein Gespräch. Samo unterhielt sich mit Hanka. - -»Das ist ein hübsches Lied. Wir singen es etwas anders. Du hast es von -den Böhmischen«, sagte Samo. - -»Ich weiß es nicht, ich habe es so gelernt«, erwiderte Hanka. - -»Weißt du, was es bedeutet?« - -Sie lachte. - -»Meinst du, ich bin so dumm, daß ich nicht weiß, was ich singe?« - -»Oh, das Lied ist gar nicht so leicht zu verstehen. Oder was denkst du -dir unter dem Pfau, der seine Federn verliert, und unter dem Mädchen, -das den Rautenkranz flicht?« - -»Nichts! Es ist eben ein Pfau. Ich weiß, daß es eigentlich etwas -Trauriges ist, weil der Rautenkranz sowohl der Brautkranz wie der -Totenkranz ist; aber ich will nicht daran denken.« - -»So -- ja so! Ich finde, Hanka, du bist blässer, als du sonst warst. -Schläfst du nicht gut oder fehlt dir sonst etwas?« - -Sie seufzte. - -»Ich weiß nicht, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr so lustig sein. -Vielleicht habe ich die Heimkrankheit.« - -»Hanka, ich möchte so gern, daß es dir bei uns gefällt. Ich möchte dir -alles verschaffen, was du willst, dir alles von den Augen absehen.« - -»Ja, Samo, du bist ein guter Mensch!« - -Er lachte bitter. - -»Guter Mensch! Ich habe kein Glück. Ich bin nicht so schön und fein und -geschniegelt wie -- wie zum Beispiel mein Bruder Juro. Nicht wahr, der -gefällt dir gut?« - -»Er muß mir wohl gefallen. Es ist ja meine Pflicht, da ich ihn doch -heiraten soll!« - -Das Mädchen sagte es mit stockender, beklommener Stimme. - -»Kein Mensch kann dich dazu zwingen, kein Mensch«, sagte Samo erregt. -»Es ist dein freier Wille. Du kannst ebensogut einen -- einen andern -nehmen.« - -Das Mädchen stieß einen langen Seufzer aus. Da trat jemand in die -Stube, und das Gespräch brach ab. - - * * * * * - -Am Nachmittag desselben Tages traf die alte Wičaz wie von ungefähr Samo -auf einem Feldweg. - -»Laß die Geschichte mit den Wanzen,« sagte er zu ihr; »mein Bruder -Juro will euch rauswerfen; aber ich werde schon sehen, daß ihr eure -Kamorka[23] behaltet.« - - »~Druga ruka - Druga gluka!~«[24] - -sagte die Sprichwörter-Wičaz. »Der Herr Samo ist ein freundlicher Herr. -Vielleicht kann ich ihm dankbar sein. Ich habe die Karten aufgeschlagen -und weiß wohl manches, was für den Herrn Samo gut wäre, auch zu wissen.« - -Er machte eine abwehrende Handbewegung. - -»Laß nur das mit den Karten! Ich will das nicht!« - -Das Weib ging ein Weilchen schweigend neben Samo her. Plötzlich sagte -sie halblaut: - -»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt zurück und baut -sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«[25]. - -»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht. - -Die Alte antwortete mit einem Spruch: - - »Wem Gott wohl will, - Dem kommt's im Schlafe; - Wem Gott nicht wohl will, - Dem fällt's vom Löffel.« - -Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht. - -»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob ich dir -trauen darf.« - -»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten lege. Ich werde -dann in seine Seele sehen und er in meine.« - -Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte sich also auf -einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit stummer Gebärde der Alten -ihren Platz gegenüber an. Sie zog ein Päckchen schmutziger Karten, auf -die allerhand mystische und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus -der Tasche, mischte sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte -sich gleich darauf die Hand am Grase ab. - -Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, kniete davor, -fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte allerlei vor sich hin und -sagte dann: - -»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.« - -Samo lachte. - -»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.« - -»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst. - -Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben Finger und fuhr -fort: - -»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!« - -Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die Alte schon wieder -bei den Karten. - -»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der junge Herr wird viel -Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen erringen, weil es das -Volk will.« - -»Was heißt das: weil es das Volk will?« - -Samo fragte es schnell und erregt. - -»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte sehr ernst. - -Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten die Umgebung -ab. - -»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß ich einen -älteren Bruder habe.« - -»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt nicht zum Glück. -Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den Herrn Samo wollen. Zwei -Adler fliegen aus vom Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein -Nest, der andere ertrinkt im deutschen Fluß.« - -»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster -Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?« - -Die Alte lächelte. - -»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich komme weit -herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre Zukunft. Soll ich Euch -noch mehr prophezeien?« - -Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein tiefes, grünes -Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen Weg sahen. - -Eine ganze Weile sagte er nichts. - -»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann. - -»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der Stadt, und es -ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt hätte. Alle jungen -Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, und in der Stadt habe ich -eine Stube, wo ich alle Freitage und an jedem 7., 13. und 17. des -Monats die Karten aufschlage; da sind oft an die dreißig, ja fünfzig -Leute bei mir.« - -»Wenden?« - -»Ich spreche nicht Deutsch.« - -Samo nickte. - -»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin. - -Sie lächelte. - -»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt mir für -einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, einen -Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar Minuten die Karten -aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. Nur mein Lobo darf nicht -wissen, was ich verdiene. Ich will ihm einmal eine kleine Wirtschaft -kaufen, wenn er erst ein ordentliches Weib hat.« - -»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen Kamorka bei uns?« - -Die Wičaz lächelte überlegen. - -»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer Kamorka -wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört dazu. Und in Eurer Kamorka -wohne ich, weil ich eben beim Kral wohne.« - -»Ah -- ich verstehe Euch!« - -Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung und mit großem -Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte wieder leichthin, ja -spöttisch: - -»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem Herzen haben und -was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man das ~čelatko~[26] großziehen oder -besser dem Fleischer verkaufen soll, wieviel Junge die ~ranca~[27] -bekommen wird, und vor allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob -der Pilip die Marja kriegen wird.« - -Die Alte war nicht gekränkt. - -»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie beim Militär -Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie im grünen Rautenkranz -zum Traualtar gehen werden; die Männer, ob ihre Wirtschaft in die -Höhe gehen wird, und die Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann -nicht prügelt. Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich -auch, wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchem -Kaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen immer fünf -Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen mich zu schätzen. Ich -habe stets besseren Kaffee getrunken als die Frau Mutter.« - -Samo staunte über die menschenkundige Alte. - -»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber warum wollt -Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?« - -»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.« - -»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen -- ich meine wendische -Nachrichten?« - -»O ja -- der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe manches -auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in der Stadt auf -mich gesagt: Sieh da -- das ist der wendische Staatskurier, das ist -die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, der Scholta -vertraue mir nicht einmal an, ein paar Hühner zu verkaufen.« - -»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt Ihr das Gleichnis -von den zwei Adlern?« - -»Ich habe es aus den Karten gelesen.« - -Samo machte eine wegwerfende Handbewegung. - -»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich auf den weiten -Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, wenn ich in den Hof des -Kral kam. Da sah ich es mit offenen Augen.« - -»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?« - -»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, daß der -eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich sonst zu sehr -freuen.« - -»Freuen? Über diesen Untergang?« - -»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt sie die Wenden -fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es blutet.« - -Samo nickte und sah die Alte versonnen an. - -»Und der andere?« fragte er leise. - -»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.« - -Sie schwieg. Und er schwieg. - -»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er endlich und -gab ihr einen Taler. - -Da sah sie ihn durchdringend an und sprach: - -»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall erzählen, -in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern -- auch den -Wenden in der Stadt.« - -Er gab ihr noch einen Taler. - - -Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den Großgarten. -Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des Herbstes war über allen -Feldern und Wegen und war auch in dem Herzen des jungen Mannes, der -drüben bei der Geliebten gewesen war und von ihr Abschied genommen -hatte. - -Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten sich dem Ende -zu. - -Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen Plänen, von der -Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der Vater gegen die Heirat -sei; denn er hoffte, den stillen Mann schon noch für sich zu gewinnen, -aber er hatte ihr doch wieder schwere Kämpfe in Aussicht gestellt. - -Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein Werk nicht -zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und Nachsicht die -Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an sein Ziel kommen werde. - -Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft um -ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, hatte er -gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. Geduld sei etwas -für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit der die Regierung diesen -Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, die Geduld, mit der der -Wende seit tausend Jahren schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel -hocke, sie sei schuld an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher, -er erkläre laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner -von vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig. - -So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt. - -Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen und in -ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, was ihnen unmittelbar -bevorstand. - -Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die Vereinbarung -einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken würden, wo und in -welcher Lage sie sich auch befänden, eine Blume, ein blaues Band, eine -Locke -- alle diese Dinge, die in den Abschiedsstunden junger deutscher -Liebesleute ihre süßschmerzliche Rolle spielten, sie hatten auch hier -nicht gefehlt. - -Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er wie in -der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und Leid und -Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die abendlichen Wege zurück zu -der Geliebten, die ihm nun mit ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig -nachschaute. -- -- -- - - »Birnbaum steht im weiten Felde, - Gold'nes Ringlein schläft darunter, - Von dem Turme schallt die Glocke, - Mädchen macht ein Federkränzlein.« - -Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben in der Nähe -der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie bürstete Schuhe ab. Und -als er näher kam, sah er, daß es seine eigenen Schuhe waren, die er -tags zuvor getragen hatte, als er bei Elisabeth war, und die auf -regendurchweichtem Wege recht schmutzig geworden waren. - -Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst wenig, fast -nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr stehen und sagte -halb freundlich und halb ärgerlich: - -»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? Das kann doch ein -anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute da?« - -Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so knallrot, daß -er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht gewöhnliches -Gesicht. Sie gab keine Antwort. - -»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihr den Schuh aus der -Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch mit ihr sprach. - -»Mache ich es nicht gut?« fragte sie. - -»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du bist meine -Verwandte!« - -Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und schöner, und -sie sagte: - -»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.« - -Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus: - -»Denn ich bin doch deine Braut!« - -Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an den Baum. - -»Was sagst du? Wer -- wer hat dir das gesagt? Hat dir das wirklich -jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher Stimme. - -Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus laufen. Er hielt -sie aber zurück. - -»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. Morgen muß ich -fort.« - -Sie nickte traurig. - -»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und so stolz!« - -»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich und -vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den Nußbaum!« - -Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. Unter dem -Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud sie ein, neben ihm Platz -zu nehmen. Aber sie weigerte sich und blieb mit gesenktem Haupte vor -ihm stehen. Durch das Gezweig des Baumes fielen rote Lichtfunken -auf ihren schlichten, blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein -kraftvolles, gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen -und eine Trauer, und er sagte: - -»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht wahr, Hanka, -du selbst hast nie daran gedacht?« - -»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!« - -»Und wer hat dir das vorgeredet?« - -»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als sie mich -abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.« - -Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare. - -»Wie alt bist du, Hanka?« - -»Achtzehn Jahre.« - -»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei Menschen nicht von -Vater und Mutter miteinander verheiratet werden können, daß es auf sie -selber ankommt?« - -»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.« - -Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner feinen -Rechten. - -»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn man sich heiraten -soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? Du hast gewiß einen -schönen Burschen in deiner Heimat lieb.« - -Sie erglühte. - -»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu sagen. Aber ich -verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß dich niemand mehr mit -solchen Dingen belästigt; ich verspreche dir, dafür einzutreten, daß du -deinen Liebsten heiraten kannst.« - -Da sagte sie: - -»Ich habe keinen Liebsten!« - -»Du hast keinen?« - -»Nein, ich habe immer gehört, daß ich -- daß ich ...« - -»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, Hanka, das ist nicht -so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, auch dein Vater und deine -Mutter nicht. Dazu bist du nicht verpflichtet, weder vor Gott noch vor -den Menschen! Am wenigsten bist du es mir schuldig! Damit du aus allen -Zweifeln herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine -Braut!« - -Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an. - -Sie brachte kein Wort heraus. - -»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. Freust du dich -denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los bist?« - -Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen. - -»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles auf mich -schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!« - -Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er fragte betroffen: - -»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?« - -Da stammelte sie: - -»Ja, -- ja -- ich freue mich -- ich wäre ja auch viel -- viel zu -gewöhnlich ...« - -»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine Braut schon, ehe -ich dich sah!« - -Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken zu ihm hin, -dann sagte sie: - -»Ich muß hinein!« - -Und sie ging trotz seines Zurufes. - - * * * * * - -Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner Giebelstube. -Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind ging durch welkes Laub und -dürres Gras. - -Dort vom Berge her grüßte der Hochwald. - -Dahinter lag das Haus der Geliebten. - -Morgen war er weit. - -Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war tiefe Ruhe. - -Da drang leises Weinen an Juros Ohr. - -Unten aus dem Garten. - -Lehnte nicht dort ein Mädchen? - -War das nicht Hanka? - -»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!« - -Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich mehr. Juro -lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es fröstelnd schloß. - -»~Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!~« sagte er in seiner wendischen -Muttersprache zu sich. - -»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!« - - - - -Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er die Krone, -die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, an einem sicheren Orte. -Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone vergraben, an einer Stelle, -wohin kein Weg noch Fußpfad führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem -Grabe des Königsschmuckes errichtet. Den haben die Kiefern mit langen, -braunen Nadeln zugedeckt. - -Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort. - -Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf hundert Schritt. -Was am Kronenhügel wächst und steht, welkt oder fällt, entsteht und -vergeht nach den Gesetzen des Urwalds. - -Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist Gottesfriede für -Mensch und Tier. - -Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im Walde spielen, -fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen. - -Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die meisten wissen -gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in welchem Walde er liegt, -und mancher, dem sonst die Kappe fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie -in heimlicher Stunde, wenn er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf -dem Hügel ist ein einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer -Grenzstein. Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt. - -Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; aber als das -Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das Eisen glühend geworden, -und es ist mit dem Nachtjäger davongerast, und der wilde Jäger hat sich -nimmer getraut an selbigen Ort. - -Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem kleinen Hügel. - -Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel kommen, nach ihr zu -graben? - -Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und mächtig werden. - -Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk denkt an dich! -Der Schiffer tief drunten an der Spree träumt manchmal von dir, wenn -er in langsamer Fahrt durch das stille Wasser zieht; der Pflugtreiber, -der sich auf sandigem Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und -müht, ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen -Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt und geflüstert, -und keines dieser treuen armen Menschenkinder wird dich je verraten. - -Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen tagt, da du -auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen Grabe! - -Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland segelt, oft über -dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, wird der weiße -Fisch in der Sprewja im stillen Wasser stehen und nach dem grünen Walde -hinüberlugen, wo du schläfst. - - * * * * * - -Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von ungefähr auf dem -Felde getroffen hatten, sahen von ferne den grünen Kronenwald. - -Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte: - -»Daran will er sich auch vergreifen!« - -»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?« - -»Ja, an dem Kronenhügel.« - -»Wer? Juro?« - -»Ja!« - -»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!« - -Die Wičaz zuckte die Achseln. - -»Ich weiß es!« - -»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!« - -Er gab ihr wieder ein Geldstück. - -Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den grauen Kopf zu -Samo hin und sagte: - -»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden eine Weinstube. -Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold gesessen. -Und sie haben fünf Flaschen Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden -saufen. ~Palenc je walenc~! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist -wohl kein Umwerfer -- wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich; -Branntwein ist billig, der Wende ist arm.« - -»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich nicht auf, -erzähl, was ich hören will!« - -»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro wieder davon -gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen will, hat über das -Wendische geschimpft und hat auch vom Kronenhügel angefangen. Das sei -ein blöder Ameisenhaufen, hat er gesagt.« - -»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er zu klug.« - -»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen Bischof -angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine Eiche umgehackt.« - -»Bonifacius?« - -»Jawohl -- so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen nicht behalten. -Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. Und der Bischof hat sie -umgehauen, daß die Leute sehen sollten, die Geschichte mit der Eiche -sei Lüge und Plunder.« - -Samo tat drei rasche Atemzüge. - -»Und so -- so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? Etwa -nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine Krone in dem Hügel liegt, -dadurch ihren Volksglauben, ihre ganze Hoffnung, ihre Nationalität -zerstören?« Er sprach mehr zu sich selbst. Aber die alte Wičaz -antwortete: - -»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.« - -»Wer hat es gehört?« - -»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den er hat, versteht -nicht Deutsch.« - -»Und der Kaufmann -- wird er es nicht weitererzählen?« - -»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und es erst mir -erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. Und er weiß, daß Juro -der Sohn vom Kral ist, bei dem ich wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe -es niemand weitererzählen, was er gehört hat.« - -»Warum?« - -Die alte Wičaz zuckte die Achseln. - -»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!« - -Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen hafteten am Boden. - -»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen alle Wenden«, -sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem Tone. - -Er wehrte heftig ab. - -»Nein! Es darf niemand wissen, -- niemand -- hörst du? -- Oder du -fliegst aus dem Hof, -- hörst du? -- Ich will es nicht! -- Er ist mein -Bruder! -- Und ich -- ich glaube überhaupt nicht, daß er das gesagt -hat. Geh jetzt!« - -Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die alte Wičaz starrte -ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser Veränderung sagen sollte. - -»~Tý plundrawa!~[28] Scher' dich zum Teufel!« - -Sie wandte sich erschreckt ab. - -Da rief er sie noch einmal an. - -»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? Das ist -selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir nichts zu -schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du mir gesagt hast, ist -alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, ich sage dir, halte dich fern -von Juro und mir! Sage nicht so -- sage nicht anders. Sage gar nichts! -Dann kannst du auf dem Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es -war. Sonst -- du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.« - -Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. »Herrendienst -ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. Aber nach einer -Weile, als sie nachgedacht hatte, sprach sie schlau blinzelnd bei sich -selbst: »~Stóž je z kóčdu wločil, najljepe wje kak čelńe.~«[29] - - - - -Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« gingen zwei junge -Männer. Es war bereits Nacht. Die »argandischen Lampen« der damaligen -Straßenbeleuchtung erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin -und wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen Moldauwasser -herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis von Prag, lag in -Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von dem dunkelblauen -Nachthimmel ab. - -»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine der jungen -Männer. - -»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere. - -Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, nach Prag -gefahren, um einige Tage bei guten Freunden zu sein, die er -früher in Breslau kennengelernt und mit denen er einer slawischen -Geheimverbindung angehörte. - -Der andere betrachtete ihn von der Seite. - -»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese -Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns in der -Tschamarka nicht sehen lassen, -- jetzt wird es wieder anders!« - -Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, Bändern und -Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf die Stiefel, die ihm -bis an die halbe Wade reichten. Und er rückte an dem runden slawischen -Hut, den er trug. - -»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und ich -wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er. - -»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.« - -Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen. - -»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte der Prager. - -Samo zuckte die Achseln. - -»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er gleichgültig. - -»Das heißt, -- verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf, -»ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt -du wohl, daß ich kein Freund der Pfaffen bin. Ach du, -- wenn wir noch -Hussiten wären! Da wäre alles anders!« - -Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur -dunklen Moldau. - -»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich -toll werde. Und wenn die ~pamatka mistra Jana Husi~[30] kommt, da weiß -ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher -Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf, -die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende -von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als -religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden -vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen -gehaßt.« - -»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit Hilfe Wenzels -alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, wie er am Tage ihrer -Vertreibung einen Jubelhymnus von der Kanzel sprach, das war herrlich!« -Der andere seufzte. - -»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde wieder -zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine Weile -schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den Arm um Samos Nacken -und sprach: »Oh, Samo, wenn ich den Brüdern sagen könnte, wer du bist! -Wenn ich jetzt auf unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte: -Sehet da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen Kral der -Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten Brüder an der -Sprewja!« - -»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder ist es, der -Renegat.« - -»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte der andere -feierlich. - -Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hell erleuchteten -Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der Treppe bereits kamen -ihnen einige Leute entgegen, die auch die tschechische Tschamarka -trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. Die Tür eines großen Saales -war mit Lindenzweigen und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen -geziert. Die Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot -und weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der -Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe Herbstlaub nahm -sich bunt und schön aus auf dem grünen Untergrund von Tannenzweigen. An -einer Wand war ein Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über -der Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter waren die -Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische weiße Löwe, der Adler -Mährens, der schwarze schlesische Aar, der gekrönte weiße Adler Polens, -auch das Schachbrettwappen der Kroaten und der doppelköpfige Aar der -südslawischen Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war, -daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen waren, -die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und der Niederlausitzer -rote Stier auf weißem Grund. Auf einer Seite des Podiums die rot-weiße -böhmische Flagge, auf der anderen die rot-weiß-blaue »slawische -Trikolore«. - -Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in der böhmischen -Tschamarka, viele in der komödiantenhaft bunten Tracht der nationalen -Sokolvereine, hier ein Pole in der Konfederatka, dort ein Hanak -in grellrotem Gewand mit blauem Mantel, da ein Bulgare mit der -Tschubaramütze aus Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch -und Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische Mieder, mit -rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, viele haben Kränze -von Lindenlaub im Haar. - -Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen slawischen -Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die tschechische Sprache völlig -beherrscht, wird von seinem Freunde Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt, -von allen mit großer Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt. - -Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen Brüdern an -der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin in Sachsen noch eine -ganz slawische Stadt sei, und ob die Lausitzer auch nie vergessen -würden, daß sie zu Böhmen gehören, slawisches Blut zu slawischem Blut, -slawisches Land zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die -nördlichen Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der Wand -andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen mit leuchtenden -Augen die Hand. - -Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede -eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: »~Svaty Václave~«. - - »Heiliger Wenzeslaus, - Herzog des Böhmerlands, - Du unser Fürst, - Bitt für uns bei Gott!« - -Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber sie denken -wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der so demütig war, daß er -den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, aus dem er die Hostien buk, -daß er den Wein selbst kelterte, den er zum heiligen Opfer brauchte. -Vergessen das Bild frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten -der geistige, politische Führer geworden, weil er der Träger der -Wenzelskrone war. - -Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten Krone, die dort -zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu sehen ist; der milde Heilige -ist zum Bannerträger geworden, zum Schutzpatron im Kampfe gegen die -Deutschen; und in dem Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von -der Schönheit des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um -politischen und sozialen Sieg. - -Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich junger -Mann besteigt die Rednertribüne. - -»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die slawischen -Brüder«, die zum Teil weither gekommen seien vom fernen Südland, wo -der rohe Türke die Brüder knechte seit Jahrhunderten, und vom Norden, -wo es am Fluß der Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe. - -Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. Der sitzt -regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; aber er bringt es nicht -fertig, weil ihm im gleichen Augenblick sein Vater einfällt, der ein -zufriedener Preuße ist. - -Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit, -Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige Übermacht! -Denn geistig waren die Slawen den Germanen immer überlegen! - -Ein starker Beifallssturm der anwesenden Slawen bestätigt diese -bescheidene Behauptung. - -Als die Deutschen noch lebten wie die Tiere, als sie Eicheln fraßen, -sich in Felle hüllten und Ochsenhörner auf dem Kopfe trugen, waren die -Slawen längst in viel höherer Kultur. Und wir Slawen sollen unseren -geistigen Besitz den Deutschen verdanken? - -Stürmischer Widerspruch. - -Eingenistet haben sie sich in dieses Land, das Gastrecht haben sie -gemißbraucht! Denn den Slawen ist der Gast heilig. »Hast du einen Gast -im Haus, so hast du Gott im Haus«, das ist immer und ewig der slawische -Grundsatz gewesen. Aber der Gast betrog uns, er machte sich zum Herrn! - -Er betrog uns um die Herrschaft, um unser leibliches Gut. Wie haben -aber die Deutschen erst geistig gestohlen und gefälscht! Wer ist der -Feldherr Wallenstein, der ihr Land vor den Ausländern rettete? Ist er -nicht der Tscheche ~Valdstyn~? Wer ist ihr gefeierter Feldmarschall -Radetzky, dem sie so ungeheuer viel verdanken? Ist er nicht unser -slawischer Bruder Hradecky? Hat nicht ein Tscheche die Buchdruckerkunst -erfunden? War nicht der große Jan, der diese unsterblichste aller -Künste erfand, ein Ausgewanderter aus unserer böhmischen Stadt -Kuttenberg? War es nicht eine Frechheit sondergleichen von den -Deutschen, ~anno~ vierzig die Buchdruckerkunst als +ihre+ Erfindung zu -bezeichnen, aus einem Jan Kuttenberg einen Johann Gutenberg zu machen? -Aber laßt sie nur ihr ›Gott erhalte Franz den Kaiser‹ brüllen; Joseph -Haydn hat die Melodie den Tschechen gestohlen, und das wird noch an -den Tag kommen! Was haben die Deutschen nicht alles von uns! Stammt -nicht ihr Dichter Lessing aus dem wendischen Dorfe Kamenz; ist er also -nicht ein Slaw? Hat nicht Karl Maria von Weber seinen »Jungfernkranz« -den Tschechen gestohlen? Und da wollen die Deutschen sagen, wir hätten -keinen großen Dichter, keinen großen Musiker?« Es gab wieder starken -Beifall. Nur Samo und sein Freund Bohuslaw saßen mit niedergeschlagenen -Augen da. Bohuslaw wußte, daß die kuriose Beweisführung des Redners -seinem klugen Freunde peinlich war. - -Der Redner fuhr fort: »Wofür sollen wir uns bei den Deutschen bedanken? -Dafür, daß sie uns zu knebeln versuchten, daß sie unsere Sprache, -unsere Sitte, unsere Freiheit verfolgten, unsere Söhne auf ihre -Schlachtfelder schleppten, dafür, daß der preußische Barbar Friedrich -~II.~ unseren heiligen Hradschin beschoß, allein an einem Tage -eintausendfünfhundert Kugeln gegen unseren Dom richten ließ, dafür, -daß wir selbst die Gebeine des heiligen Jan von Nepomuk vor ihm in -Sicherheit bringen mußten?« - -Tosende Zwischenrufe. Der Redner erhob die Stimme zu größter -Kraftentfaltung. Er brüllte: - -»Sollen wir uns bei den Deutschen dafür bedanken, daß sie uns unseren -großen Magister Jan Hus heimtückisch ermordeten?« - -Brausende Bewegung. - -»Warum haben sie ihn ermordet? Wegen seiner kirchlichen Lehre etwa? -Manch einer hat freiere Dinge gelehrt und blieb am Leben und blieb in -Ehren. Warum haben sie Luther geschont und Jan Hus verbrannt? Weil -Luther ein Deutscher war und Jan Hus ein Böhme!« - -Jetzt sprangen viele auf. Auch Samo und Bohuslaw. Und sie standen -da mit wogender Brust und leuchtenden Augen. Spazierstöcke mit dem -Ziška-Knopf wurden hochgehoben, und das Symbol der Hussitenkeule -schwebte in der Luft. - -»Darum haben sie ihn ermordet«, rief der Redner, »weil er die Deutschen -haßte, wie sie es verdienten, weil er eines Sinnes, einer Seele war mit -dem slawischen Volk, weil seine Donnerstimme die deutschen Studenten -aus dem Lande scheuchte, weil er den deutschen Ratsherren in Prag das -Handwerk legte, weil er für unsere Muttersprache eintrat, weil er -gesagt hat: ›So wie Nehemias, als er hörte, jüdische Kinder sprächen -halb Azotisch und könnten nicht mehr rein Jüdisch sprechen, diese -geißelte, so verdienen die Prager gegeißelt zu werden, die halb Deutsch -reden!‹ Hatte er nicht recht, meine Brüder?« - -Stürmische Zustimmung. - -»Slawische Brüder! Jan Hus ist verbrannt worden, weil er der Feind der -Feinde seines Vaterlandes war!« - -Der Redner griff blitzschnell in die Rocktasche und zog eine kleine -schwarze Fahne heraus, die Hussitenfahne mit dem roten Kelch. - -Ein Teil der Versammelten heulte laut auf vor Jubel, ein anderer -schwieg. Ein katholischer Priester sprang auf das Podium, verschaffte -sich durch eine Handbewegung Schweigen und rief: - -»Im Namen der heiligen Kirche muß ich protestieren gegen die Entfaltung -dieser Fahne!« - -Der Redner sah ihn an. - -»Nun gut«, sagte er, »ich will nicht Zwietracht säen unter die Brüder. -Ich stecke die Fahne ein. Aber ich sage, es ist notwendig, an ein -Konzil zu appellieren, daß die Akten des Jan Hus noch einmal revidiert -werden. Wir können uns in nationaler Beziehung von diesem großen Mann -nicht trennen.« - -Niemand widersprach. - -Noch einmal kam der Redner zu sprechen auf die großen welt- und -kulturgeschichtlichen Leistungen der Slawen. Belisar, der dem Kaiser -Justinian die Schlachten gewann, war ein Slawe, eine Unmenge deutscher -Städte sind slawische Gründungen, ja die erste Kultur Oberitaliens war -slawisch. Venedig ist weiter nichts als eine ursprünglich slawische -Stadt. - -Samo rückte wieder ungeduldig auf dem Stuhle hin und her. Weiter -prahlte der Redner. Es sei heute eine Binsenweisheit, daß vor Christoph -Kolumbus längst ein polnischer Seefahrer von Island aus Amerika -entdeckt habe; in der Geschichte Christians ~II.~ von Dänemark sei -das nachzulesen. Neuerdings würde auch geprüft, ob das berühmte Buch -»Von der Nachfolge Christi« nicht einem Slawen statt Thomas a Kempis -zuzuschreiben sei. Schließlich kam der Redner auf Rußland zu sprechen, -von dessen Stärke allein die Auferstehung slawischer Macht zu hoffen -sei. Hoffen wir auf den Zaren! - -»~At' žije!~«[31] rief die Menge begeistert dazwischen. - -»Ja,« schrie der Redner, »ich halte es mit unserem großen -Havlitschek-Borowsky: ›Lieber die russische Knute als die deutsche -Freiheit!‹« - -Es gab Beifall, in den allerdings die anwesenden Russisch-Polen nicht -einstimmten. - -Eine Schlußapotheose des Slawentums, die dem sprachgewandten Redner -gut gelang, und in der sich die Schönheit und der Reichtum der -tschechischen Sprache offenbarte. - -Und der Redner schloß, indem er zu singen anhub: - -»~Kde domov muj?~« - -»Wo steht mein Vaterhaus?« - -Die Versammlung sang das sehr schöne tschechische Heimatlied mit. -- -- - -Ein älterer Mann stieg auf die Rednertribüne. Er sprach gemäßigter, -sprach von den strengen tschechenfeindlichen Erlassen Josephs ~II.~, -erörterte allerhand schikanöse Anordnungen der Wiener Regierung, -unter anderem, daß die Tschechen in ihrem eigenen Lande nicht in -tschechischer Sprache telegraphieren dürften, während dies in allen -möglichen fremden Sprachen erlaubt sei. -- - -Da erscheinen zwei männliche Gestalten auf dem Podium, die das -Erstaunen aller aufs höchste erregen. Der eine ist bunter als ein -Pfau. Er trägt einen stechend grünen Rock, knallrote Weste, hellgelbe -Hose, braune Stiefel, eine riesig lange weißrote Krawatte und einen -scheckigen, rot-weiß-blauen Hut. Sein Begleiter hat einen Zottelpelz -an, Holzschuhe und trägt auf dem Kopf eine riesige Pudelmütze. -»Slawische Brüder,« schreit der Bunte mit krähender Stimme, »nehmt es -nicht übel, wenn wir hier reden und wenn uns eure schöne Sprache nicht -so gut vom Munde fließt, wie es bei euch Göttlichen der Fall ist! -Wundert euch nicht über uns! Ich bin ein Masur, und dieser mein Bruder -in der Pudelmütze ist ein Lette. Und das, was wir hier anhaben, sind -unsere neuen Nationaltrachten, die erst in diesem Jahre ein berühmter -und sinnreicher Schneider in Warschau für uns erfunden hat. Ich hoffe, -wir Slawen aus dem gottvergessenen Ostpreußen dürfen uns in eurem edlen -Kreise einfinden.« - -Der Bunte und die Pudelmütze wurden akklamiert. - -»Slawische Brüder, mit Staunen haben wir in diesem gelehrten Kreise von -unseren berühmten slawischen Männern gehört, von dem slawischen Dichter -Lessing und von dem herrlichen Nasensammler Sobeslaw. Unser Herz hat -höher geschlagen. Heil den Polen, die Amerika entdeckt haben! Heil -den Tschechen, die die Buchdruckerkunst erfanden! Ich komme aber, um -euch Kunde zu sagen von ganz neuen Entdeckungen, die ein berühmter und -eifriger Forscher und Gelehrter unseres masurischen Volkes, das gleich -eurem stets der Wissenschaft diente, gefunden hat ... - -... Nero, das römische Kaiserscheusal, war ein Deutscher!« - -Bewegung. - -»Wohl war Agrippina seine Mutter, aber das verbuhlte Weib hat ihn -gezeugt mit einem deutschen Söldling aus der Umgegend von Köln. Weiter: -Pontius Pilatus, der den größten und schändlichsten Mord der Welt auf -dem Gewissen hat, war ein Deutscher!« - -Einige Stirnen im Saal runzeln sich, einige Augen werden scharf. - -Der Bunte fährt unbeirrt fort: - -»Das heißt eigentlich auch nur ein Halbdeutscher. Aber was für einer! -Er war der heimliche Sohn des Kaisers Augustus und Thusneldas, der -gefangenen Gattin Hermanns des Cheruskers!« - -Einige tschechische Studenten treten dicht vor das Podium und sehen den -Redner scharf an. Harmlos spricht der weiter: - -»Ich berichte hier nur das, was unser Forscher entdeckt hat. Die -Beweisführung muß ich seiner Weisheit und Gewissenhaftigkeit -überlassen. Aber wenn auch seine Resultate verblüffend sind, wenn sie -auch unsere Feinde, die bluthündischen Deutschen, schwer ärgern müssen --- sollen sie deshalb unausgesprochen bleiben? Nein, nein, nein!« - -Zustimmung. Die Studenten treten vom Podium zurück. - -»Und so sage ich euch: auch Judas Ischariot war ein Deutscher! Es ist -klar erwiesen, daß sein Großvater als Kriegsgefangener von Julius -Cäsar nach Rom gebracht wurde und durch Abschiebung nach Kairot ins -Morgenland kam; denn Judas Ischariot ist eben Judas aus Kairot. Ich -will die Ehrenliste deutscher Helden hier nicht verlängern; die -Forschungen unseres Meisters, ob nicht auch der bethlehemitische -Herodes deutsches Blut in den Adern hatte, sind noch nicht -abgeschlossen!« - -Wieder treten einige Studenten erregt vor. - -»Laßt mich ein Wort sagen, slawische Brüder, über die Knechtung -unseres Volkstums in Ostpreußen. Über neunzig Prozent unserer Kinder -unterliegen dem Schulzwang; im slawischen Dalmatien brauchen bloß zwei -Prozent der eingestellten Rekruten lesen zu können!« - -»Was soll das heißen?« rief ein Student dazwischen. - -»Das soll heißen, daß wir Slawen uns nicht in die deutsche -Bildungszwangsjacke pressen lassen wollen. Haben wir das nötig? -Neuerdings hat ja sogar ein Wiener Gelehrter zugegeben, daß das -tschechische Gehirn das relativ schwerste ist, fünfzig Gramm schwerer -als das deutsche!« - -»Stimmt! ~Dr.~ Weisbach in Wien!« schrie einer. - -Einige Studenten fixieren den Redner scharf. - -»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daß Sie mich meine -bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. Vergönnen Sie nun auch -meinem lettischen Bruder und Nachbar einige wenige Minuten!« - -Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt stockend: -Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. Aber jetzt -habe er den Germanen abgestreift und stehe als Slawe hier. (Lebhafter -Beifall.) Leider beherrsche er sehr wenig die tschechische Sprache, -wolle aber nicht zurückhalten mit einer Entdeckung, die ein berühmter -und eifriger Forscher seines Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf -dem alle moderne Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum -und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar die -zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger Gottes die Gebote -auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, daß aber Moses die Tafeln -zerschlug, als er die Israeliten beim goldenen Kalbe erwischte. Nun, -unser Forscher hat jahrelang am Sinai nachgegraben, hat die Scherben -der Tafeln gefunden, hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn -Gebote waren von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!« - -»Was soll das heißen? Was sagt er?« - -Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo spricht erregt -auf seinen Freund ein. - -»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« fährt der Lette -fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele Polen glauben, der -Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die Argumente unseres Forschers -schon nachgeprüft? Haben wir Ihnen nicht auch die Erfindung der -Buchdruckerkunst geglaubt? Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen -Beseda könne man reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich -bis hierher angehört haben!« - -Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das Podium, und -beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden nach. An der Tür stieg -der Lette auf einen Stuhl und rief: - -»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, wie Sie sie -kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes Gebot: du sollst -nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst kein falsches Zeugnis geben -wider deinen Nächsten, das heißt also: du sollst kein Tscheche sein!« - -Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine deutsche -Studentenkappe kommt zum Vorschein. - -»Leben Sie wohl!« schreien die beiden in deutscher Sprache und sind zur -Tür hinaus. Ein wahnwitziges Geschrei geht los. Hunderte von Menschen -drängen zur Tür. Sie verlegen einander den Weg. Unten auf der Straße -fährt ein Wagen rasch davon. Im Saale herrscht die grimmigste Empörung. -Mehr als eine halbe Stunde vergeht in ohnmächtigem Toben und Fluchen. -Viele Frauen weinen. Da steigt einer aufs Podium. - -»Slawische Brüder! Laßt eure Feier nicht stören durch diese deutschen -Lausbuben!« - -Großer Beifall! - -»Sind sie nicht ausgerissen wie Feiglinge?« - -Stürmischer Beifall. - -»Wir werden sie und ihresgleichen zu treffen wissen!« - -Geschrei. - -»Wieder einmal ist es erwiesen, daß die Deutschen die Friedensstörer, -die Provokateure sind, die sich selbst zu so friedlichen Slawenfesten -wie dieses heimtückisch einschmuggeln. Lasten wir uns nicht stören; der -Tag der Vergeltung kommt.« - -»~Šusnelka nám piše.~« - -Er stimmte den beliebten Gassenhauer an, der davon redet, die Deutschen -hätten alle gefährliche Bauchschmerzen, und die Versammlung sang mit. - -Die Erregung legte sich allgemach etwas; nur einzelne Studentengruppen -führten unter sich aufgeregte Debatten. Man beschloß eine große -Demonstration vor der Karlsuniversität. - -Und nun trat »~Plzenske piwo~« in seine gewaltigen Rechte. Pilsener -Bier. Je erregter der Mann, desto tiefer der Trunk. Nur, daß der -köstliche Trank das innere Feuer nicht löschte, sondern immer mehr -anfachte. - -»Diese elenden Frankfurter!«[32] - -»Jauche haben sie gegossen in unseren slawischen Verbrüderungswein!« - -»Der eine sah aus wie ein bunter Hanswurst, der andere wie ein Urmensch -aus der Eiszeit. Und das nannten sie slawische Nationaltracht! Und -der Kerl, der Lette, sagte ausdrücklich, eigentlich bin ich ein -Germanoslawe, aber ich habe den Germanen abgestreift und stehe jetzt -als Slawe hier. Und wir klatschen Beifall dazu. Eine Schmach! Eine -Schmach!« - -Der junge Student, der das sagte, vergoß Tränen. - -Da stimmte jemand das Lied von der Aussiger Schlacht an: »~Bitwa před -Ustim.~« - - »Gedankt sei Gott! O preiset ihn, - Er hat uns hilfereich verlieh'n, - Die Deutschen ruhmvoll zu schlagen - Und aus dem Lande zu jagen!« - -Die Studenten hörten mit finsteren Gesichtern zu. Heut war der Ruhm, -wie sie die Deutschen aus dem Felde geschlagen hatten, klein. - -Selbst als ein paar hübsche Mädchen etliche der wunderherrlichen -Volkslieder der Tschechen vortrugen, die für Trauer und Sehnsucht -des Menschenherzens in stillen Worten und tiefen reichen Melodien so -ergreifenden Ausdruck finden, kam keine rechte Stimmung mehr zustande. - -Die Beseda war verunglückt. - - - - -Es war kaum zehn Uhr, als Samo aufbrach. Sein Freund Bohuslaw folgte -ihm. »Ich ersticke in diesem Saal!« sagte Samo draußen. »So ist es -selten einmal durchtriebenen Hallunken geglückt, die Gegner zu äffen.« - -»Mein Herz leidet, daß es geschah, Samo«, antwortete der sanfte -Bohuslaw. »Wenn es nun einmal geschehen sollte, dann doch nie in -deiner Gegenwart. In dir ist der slawische Königsgedanke beleidigt -worden.« - -Der junge Mann hing an Samo mit einer Art ehrfürchtiger Liebe. Er ehrte -in ihm mit tiefer Überzeugung den heimlichen Königssohn. - -Schweigend gingen die beiden jungen Männer weiter. Als sie in eine -schmale, winklige Straße kamen, zeigte Bohuslaw auf das Erkerfenster -eines Eckhauses. Mattes Licht schimmerte durch die kleinen bleigefaßten -Scheiben des Fensters. - -»Dort wohnt mein Onkel Krok, von dem ich dir erzählte. Wenn es dir -gefällt, so gehen wir zu ihm hinauf. Wohin sollen wir jetzt in dieser -Stimmung?« - -»Es ist zu spät für einen Besuch.« - -»Mein Onkel Krok würde um Mitternacht aufstehen und dir sieben Meilen -entgegengehen, wenn er wüßte, du wolltest ihn besuchen. Erlaubst du, -daß ich klopfe?« - -Samo zuckte die Achseln. - -»Tu, was du willst.« - -Bohuslaw klopfte mit dem eisernen Schläger an die Tür, und bald -erschien an dem Erkerfenster der Kopf eines alten Mannes. - -»Wer klopft? Bist du es, Bohuslaw? Und wer ist der andere?« - -»Das ist Samo. Unser Samo!« - -»Unser -- unser ...« - -Dem Alten stockte die Stimme. Er warf den Fensterflügel zu und erschien -bald in der Tür mit einem Licht. Eine in einen weiten Schlafrock -gehüllte schmächtige Gestalt eilte auf Samo zu und beugte sich tief vor -ihm. - -»~Fjersta! Fjersta!~«[33] rief der Alte zitternd, und ehe es sich -Samo versah, küßte er ihm ehrfurchtsvoll die Hände. »In Gottes Namen, -willkommen! Gesegnet der Tag, da meinem Hause diese goldene Ehre -widerfährt!« - -Samo war bestürzt, daß er kaum etwas zu antworten wußte. Wie im Traum -trat er durch die schmale Tür, stieg er eine schmale Stiege hinauf. -Der Alte, der ihm leuchtete, stammelte unausgesetzt Worte freudigen, -ehrfurchtsvollen Willkommens. - -Sie traten in das sehr geräumige Erkerzimmer. Es war erhellt durch -eine große Hängelampe von auffällig schöner Schmiedearbeit. Der große -Tisch unter der Lampe war mit Büchern und Manuskripten bedeckt. Sonst -machte das Zimmer den Eindruck des Lagerraums eines Altwarenhändlers -oder des ungeordneten Saales eines Museums. Alte Möbel, Waffen, Bilder -standen und lagen umher, von der Decke hingen seidene Tücher mit bunten -Malereien, an den Wänden waren kostbare Stickereien, in Glaskästen -allerhand kleine historische Pretiosen, geschichtliche Reliquien und -Sonderbarkeiten. - -»Heilige Madonna, ich danke dir, daß ich diesen Tag erlebte! ~O -Fjersta! Fjersta!~« - -Und wieder wollte der Alte Samo die Hand küssen. - -Dieser wehrte ihn freundlich ab. - -»Ich freue mich, daß ich bei Euch bin; aber ich bin nichts als ein -wendischer Student.« - -»Ich weiß, wer Ihr seid! Der ~sorbski kral~, der kommen wird. O seht, -wenn ich auf unserer heiligen slawischen Erde reise und sehe, wie schön -und reich sie ist, ich finde alles: ich finde große Berge und weite -Ebenen, Städte mit alten Domen und heiligen Gräbern, Wiesenflächen -mit singenden Dörfern, ich finde alte Nationalschätze und habe davon -manches gesammelt, ich finde eine stolze Jugend, die an ihr Slawentum -glaubt, ich finde Dichterwerke und Weisheitswerke und Silber und Gold -und Edelstein -- aber ich finde das nicht, wonach ich mit meinen alten -Augen immer noch suche: ich finde keinen slawischen König. Und nun ist -er hier! Und nun ist er hier!« - -Der Alte fing so heftig an zu zittern, daß ihn sein Neffe nach einem -der großen Lehnstühle führen mußte. Auch Samo faßte es an wie ein -Taumel, und er setzte sich langsam und schwer auf einen Stuhl an dem -großen Tisch. - -Eine tiefe, tiefe Stille kam. Der Alte blickte auf den jungen -Königssohn wie ein Vater, dem in frühen Jahren ein Sohn, das Kleinod -seiner Ehre und seiner Hoffnung, geraubt worden ist, dem die goldene -Wahrheit und Gewißheit seines Lebens in graue, neblige Ferne entwich, -der mit heißen Augen und nimmermüdem Fleiß suchte durch die besten -Jahre seines Lebens und endlich müde heimkehren mußte mit winzigen -Andenken und ungewissen Anhalten, ein Träumer sitzt am einsamen Tisch --- und dem mitten in der Nacht im Sternenschein der Sohn als ein -kommender Sieger wiederkehrt. - -»~Fjersta!~« - -Samo eilte auf den Alten zu -- sie liegen sich in den Armen. -- -- -- - -Endlich sagte Samo: - -»Ihr überschätzt mich! Ich bin nur der zweitgeborene Sohn des ~sorbski -kral~.« - -Der Alte schüttelte den Kopf. - -»Die, die sich um die Slawen kümmern, wissen, wer Ihr seid. Euer -Bruder, der den slawisierten Germanennamen Juro trägt, ist nicht der -Kral. Ihr heißet Samo, Ihr tragt den Namen, der als einziger aus dem -ersten Schöpfungstag tschechischer Geschichte zu uns herüberleuchtet. -Samo, der Slaw, der die Avaren schlug, an die sich Kaiser Karl -vergeblich gewagt hatte, Samo, der die Tschechen heimisch machte in -diesem Lande Gottes -- Ihr könntet keinen schöneren Namen haben als -diesen!« - -»Der Name macht es nicht; obwohl ich zugebe, daß Ihr, der Ihr Krok -heißt, gewiß mit dem alten Tschechenherzog Krok, dem Klugen und -Gerechten, vieles gemeinsam habt.« - -»Ich bin ein alter Mann, der nicht viel mehr für seine slawischen -Brüder tun konnte, als daß er sein Leben lang um sie litt. Und der ein -wenig sammelte. Freilich, es sind nicht die Schätze vom Karlstein.« - -Der Alte wies auf seine Raritäten. - -»Waret Ihr im Karlstein, Pán Samo?« - -»Nein, ich komme erst zum zweitenmal in meinem Leben nach Böhmen.« - -»Zürnet nicht, Herr, wenn ich sage, daß das nicht gut ist.« - -»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in dem -deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden für starkes, -echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. So habe ich auch den -Karlstein noch nicht gesehen.« - -Das Auge des Alten strahlte. - -»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die die Mauern -bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt aus Glas, aber -doch ist der Karlstein noch immer unsere Gralsburg, wie sie Meister -Mathias von Arras schuf. Ich denke jetzt nicht an die Rittersäle, die -großen Höfe; an eine der Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und -ich sehe, wie Karl ~IV.~ barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier -eiserne Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle -erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig Lichtern, indes -der Probst die Messe zelebriert. Die vergoldeten Wände funkeln, die -Jaspise und Karneole blitzen, durch die Halbedelsteinfenster fällt das -Licht hinaus ins Land, bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn -sie lebten, die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen, -die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im Hochaltar, -hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, die Insignien -des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der als Kaiser das ganze deutsche -Reich beherrscht, liegt hier auf den Knien, betet zu Gott um Schutz für -die Krone, und draußen ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal: -›Bleibet der heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil -und Tod!‹« - -Über der Kapelle prangt die Schrift: - -»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis -zum letzten Tage[34]!« - -»War das nicht eine große, schöne Zeit?« - -Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnen an. Sein -Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von vielen anderen -Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und weltlichen Reliquien -kostbarer Art. - -»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo. - -»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn eilends davon. -Zweifel macht arm und verödet das Herz; er ist der Bilderstürmer im Dom -unserer Seele, dessen Altäre er entkleidet und von dessen Wänden er -Glanz und Schönheit nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind -harte, nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit nennen, -der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster fährt, kann uns -nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten beraubt ist und die -ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, Pán Samo, an alten Symbolen hängt -der Gedanke, und der Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen -schauen aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar -Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu träumen -wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne Neid von dem Glanz -der Wenzelskrone gehört, ich habe mit Freude davon gehört; aber es ist -doch bitter, wenn ich daran denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes -Volk war. Kennt Ihr die Sage vom Wendenkönig?« - -»Ich kenne sie.« - -»Seht, Pán Krok, der Wendenkönig konnte sich keine bleibende Burg -bauen, keine goldene Kapelle errichten, wo er seine Schätze verwahrte, -für ihn gab es noch keinen Pán Krystus, dessen Schützernamen er über -seine Tür schreiben konnte. Als er in die entscheidende Schlacht zog, -hatte er niemand, der seine Krone verwahrte; in den armen Sand der -Heide mußte er sie vergraben, unter die Bäume des Waldes. Eine Grube -zwischen Erde und Steinen war unsere Kronenstätte.« - -Der Alte stand auf, und seine milden Augen ruhten liebevoll auf Samo. - -»Gott selbst hat einen blauen Dom über Eure Krone gewölbt, Pán Samo, -und seine Sterne werden nicht weniger hell gefunkelt haben als unsere -Karneole. Und hat Euch nicht Gott wunderbar erhalten? Unser Königtum -ging verloren, das Eure blieb!« - -»Es wird verloren sein für immer und ewig«, sagte Samo düster. - -»Das darf nicht sein, Pán Samo, das darf nimmer geschehen! Ihr werdet -es aufrechterhalten; denn Ihr müßt der Kral werden, geschehe auch, was -wolle!« - -Die milde Hoheit war von dem Alten gewichen, ein fanatischer Eifer -sprühte aus seinen grauen Augen. -- - -»Die Deutschen verseuchen unser Volkstum«, fuhr Samo fort; »sorbisch -geht der Bursch zum Militär, verdorben, deutsch kommt er zurück; der -deutsche Gutsherr, der deutsche Krämer, der deutsche Gastwirt bohren -sich wie die Maden in die slawische Frucht; unsere Gebildeten liegen -in einem Halbschlummer; sie träumen noch ein wenig vom Slawentum, -aber vor der Welt sind sie gehorsame Diener des deutschen Herrn. Die -wendischen Geistlichen und Lehrer sterben aus; sie waren die besten -und letzten Hüter unseres Volkstums, ihre Nachfolger sind Pioniere des -Deutschtums. Das Volk kehrt sich vom heimischen Ackerbau ab, strebt in -den Frondienst deutscher Fabriken. Es ist -- es ist aus mit uns droben -in der Lausitz!« - -»Das ist ein düsteres Bild, das ist ein zu düsteres Bild!« - -»Schreien möchte ich, Pán Krok, daß es so ist! Tausend Jahre lang hat -unser sorbisches Volk der Lausitz seine slawische Art bewahrt mitten -in Kampf und Not. Die Herren haben gewechselt, die Bedrücker sind -geblieben, aber auch das Slawentum ist geblieben. Keine Gewalt, keine -List, keine leibliche und geistige Aushungerung hat es vernichtet. -Der arme, starke Sandwald hat es geschützt. Und welche Hoffnung blieb -uns? Unsere Zahl schmolz zusammen. Wir konnten nicht mehr hoffen, ein -eigenes Reich zu errichten, wie es die alte Sage verheißt.« - -»Ihr müßt das hoffen, Pán Samo,« rief der Alte; »Ihr dürft diese -Hoffnung im Herzen des Volkes nicht untergehen lassen. Man darf einen -Stern nicht ableugnen, weil man nicht nach ihm greifen kann. Genug, -wenn er leuchtet. Der felsenfeste Glaube an die große Zukunft muß -dem Volk erhalten bleiben. Ohne großes Ziel keine Religion, kein -aufstrebendes Volkstum, nicht einmal irgendein gutes Einzelwerk!« - -Samo zuckte die Achseln. - -»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was zu tun ist -und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum in der Lausitz zu -erhalten, bis die deutsche Kluft, die zwischen uns und den Tschechen -liegt, überbrückt ist, mit einem Wort, das Wendentum zu konservieren, -bis das deutsche Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben -unmittelbaren territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen haben.« - -»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte Krok begeistert. -»Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt ihr in letzter Stunde -unterliegen, da der Sieg so nahe ist? Ja, ihr seid auf einem -gefährlichen, auf dem bedrohtesten Vorposten; aber, ihr Brüder, -ihr seht doch, daß euch die siegreiche Hauptarmee Stunde um Stunde -näherkommt!« - -Samo entgegnete finster: - -»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die Verhältnisse -liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die stolzen -Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon haben, wird -angezweifelt, soll vernichtet werden.« - -»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! Nur nicht an -die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von ihrem unermeßlichen Wert -reden. Gestattet, daß ich in einem Gleichnis spreche. Seht, da war -eine Edelfamilie, die hegte als großen Schatz einen alten, goldenen -Ring. Den Ring, so erzählte die Familiengeschichte, habe ein Ahn von -einem edlen Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der -Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler Art, er war -in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, daß er das Herz -seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm eines Tages die Freiheit -schenkte und ihm den Ring mitgab mit den Worten: »Denke meiner in -deiner Heimat, du bewunderungswürdiger Mann, gönne mir ferner deine -Freundschaft, die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in -der Familie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt ihn -dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der Jüngling gelobte bei -dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er in die Welt ging; die Jungfrau -bekam ihn bei der Trauung an den Finger gesteckt; der Sterbende trug -ihn an der Hand, wenn er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott -aufhob. -- -- Da erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein -Gelehrter, prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht -aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert und -offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit stolzgeblähter Brust -und dem eitlen Gedanken, er habe diesen Leuten die historische Wahrheit -gebracht. -- Wißt Ihr, Pán Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war? -Was war der Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen -tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele Generationen -wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser Aufklärer!« - -Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg eine Weile, -dann aber sagte er mit gepreßter Stimme: - -»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen Ring entwerten.« - -»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher sei er -geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán Samo, mit allen -Mitteln entgegenstehen!« - -»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok die Hand. - - * * * * * - -Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw beim alten Krok. -Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen Wein gebracht, wie Samo -noch nie zuvor getrunken hatte. So war auch er mitteilsamer geworden -und hatte von seinen letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause -erzählt. Der kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und -so wie seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem -aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegen Juro, den -»Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo erzählen, selbst seine -Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg er nicht. - -Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner Sammlungen. -Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten Slawen, aber auch mit der -strahlenden Freude des erfolgreichen Sammlers, dem die Eitelkeit nicht -fremd ist. - -Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen Männer, den Worten -des begeisterten Alten zu lauschen, der an oft unscheinbaren Dingen -in leuchtenden Einzelbildern böhmische Geschichte entwickelte. -Andenken aus der Zeit der Kämpfe des Christentums und Heidentums; -ein Pilgerstecken, den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige, -große Held, große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das -das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den Böhmen flüchten -mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin Drahomira, die von der Erde -verschlungen wurde; Kriegstrophäen aus den Kämpfen mit den Polen und -Ungarn; eine Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas; -ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der im -Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben verlor; ein Schild -aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von Kärnten verjagt wurde; ein -Evangelienbuch der ketzerischen Beguinen; viel Andenken an den Vater -Böhmens, Karl ~IV.~, darunter ein Teil der Biographie, die dieser -Herrscher über sich selbst schrieb. Endlich vielerlei historische -Andenken aus der Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen -Krieges: Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein -silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins; -dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte Stickereien, alte -Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, bunt gemalte Abschriften -aus Benediktinerklöstern, Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen, -Petschafte. - -Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer und einem -anstoßenden großen Raum untergebracht. - -Samo staunte über den Reichtum. - -»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle Winde; aber -dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!« - -Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen reichten -in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war über Erwerb und Herkunft der -historischen Reliquien genau und treulich berichtet. - -»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, Kostbare, -Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er lebte mehr in Wien -und Paris, als unserem Familiengut günstig war. So ging es verloren. -Burg, Dorf, Wald, Feld mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb -gerade genug, nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber -mir blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben, -nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige -Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare Steine er -ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein Schlemmerleben zu -haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, der die silbernen -Apostelfiguren zu Talern einschmelzen ließ und dabei die lästerlichen -Worte sprach: ›Gehet hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein -Vater hat mir keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich -bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.« - -Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden hineinrückten, -wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge wollten fortgehen, aber -der Alte hinderte sie und wurde heftig, als sie abermals davon sprachen. - -Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl aus auf Samo. -Als draußen der Tag schon graute, sprach er: - -»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist es nur für -ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für andere, dann -muß der Mensch Erben seines Geheimnisses suchen. Ich bin alt, und -eines Morgens, wenn der Tag graut, wird er mich tot finden bei diesen -Reliquien, ich selbst eine Reliquie, das geringwertige Überbleibsel -einer alten Zeit. Was Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier -verwahrt sind, ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure -Herzen schreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein -für den Fall meines Todes.« - -Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht des -aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen Kopf. Und Krok sprach -langsam und feierlich: - -»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure Seelen mit meiner -Seele rückwärts wandern den ganzen heißen, arbeitsreichen Tag der -böhmischen Geschichte entlang bis zu der Stunde, da das herandämmernde -Licht der beginnenden Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über -das Land schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges -Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der Gerechte, gab -das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle Töchter. Als er zum -Sterben kam, wußte er nicht, welcher der drei Töchter er das Reich -vererben sollte. Und er warf das Los, und das Los fiel auf Libussa, -die weiseste und machtvollste der Königstöchter. Libussa gründete die -Stadt Prag und regierte klug und streng. Die Böhmen waren glücklich -unter ihr, aber eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen -Gatten nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar -ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem eisernen -Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll König sein!‹ -Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und dieses Roß setzte sich -an die Spitze der Schar und schlug den Weg ein gen Staditz. - -Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da saß ein Bauer -auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; die Lerchen -sangen, das Gras und die junge Erde dufteten. Der Bauer saß lachend -auf dem Felde und aß sein Frühstück von der blanken Pflugschar. Da -wieherte das Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten -nieder, und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem -Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher Przemisl hieß, -stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog nach Prag und wurde der -Gatte der Königin. Libussa ließ ihm eine silberne Krone machen; sie -selbst aber trug eine goldene Krone, denn sie war an Macht über ihm. -Jahrhundertelang haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die -Schicksale Böhmens gelenkt. - -Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam erzogen, und die -Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, empörte sich gegen die Herrin, -gewann ein Heer von Frauen und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete -bis ins Riesengebirge, und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre -goldene Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den Bergen -springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone noch jetzt. -- - -Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten nach seiner -silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« -- - -Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem Nachdenken da. -Dann sagte er: - -»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!« - -Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer Zeit zurück. - -»Kommt.« - -Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern angefüllt war, -und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar war, weil Krok eine -große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen hatte. Krok öffnete -die Tür, und die Jünglinge blickten in eine Kapelle. - -Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen Lampen -glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, darauf war ein -Tabernakel. Rundum die Wände waren mit Stickereien und seidenen Tüchern -behangen, ein großer Teppich bedeckte den Fußboden. Viele Bilder -schmückten die Wände. Gestalten aus der Heiligen- und der profanen -Geschichte Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius, -die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das große Bild Karls -~IV.~, ein Bild von Libussa und von Przemisl am Pflug. Diese Gemälde -hingen über dem Altar; in der Mitte war ein altes, eisernes Kreuz. -An den Seitenwänden die Taufe Borzivois, die Gründung des Bistums -Prag durch Boleslaw den Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl -Konrads ~II.~; die deutschen Kaiser Heinrich ~IV.~ und Barbarossa, die -Böhmen die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter -Orden, die sich um das Land verdient machten; mehrere Bilder des -großen Ottokar: als Herr in Kärnten, als Gründer der Stadt Königsberg, -sein Tod auf dem Marchfeld; dann die Ermordung Wenzels ~III.~, des -letzten Przemisliden. Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder -Erinnerungen an Karl ~IV.~: die Moldaubrücke, der Karlstein, die -Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische Universität. -Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter und Redner sind -vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, der »böhmische Cicero«, der -Hofpoet Simon Lomnicky. - -Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder aus der -Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos Comenius, der -Brüderbischof. -- - -Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche sind billige -Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres Kunstwertes wegen da. -- - -Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die Worte -geschrieben: »~Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz techto klenotuw, -ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!~« - -Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür stehen. -Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein Wort zu sprechen -vermochten. Auch Krok stand stumm neben ihnen. Erst nach langer Zeit -sagte er in tiefer Ergriffenheit, leise flüsternd: - -»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!« - -Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!« - -»Herr Krystus, mächtigster Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis -zum letzten Tage!« - -»Das ist das Wort vom Karlstein,« sagte Krok, »das Wort, das über -meiner Wohnung und über meinem ganzen Leben schwebt.« - -Und Tränen rannen in seinen grauen Bart. - -Scheu gingen die Jünglinge die Wände entlang, betrachteten die Bilder. -Der Alte schritt zum Altar, kniete nieder und preßte die Hände vors -Gesicht, wie zu inbrünstigem Gebet. Auch Bohuslaw kniete nieder. Samo -stand mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf. - -Da stieg der alte Krok die Stufen des Altars hinauf und öffnete den -Tabernakel. -- -- - -In dem Tabernakel lag auf einem seidenen Kissen eine alte silberne -Krone ... - -Und Krok wandte sich mit der Krone um. Mit bewegter, tränenerstickter -Stimme sagte er: - -»Seht da, das Kleinod! Das ist die silberne Krone Przemisls ~I.~, des -Königs vom Pflug. Das ist die Urväterkrone unseres böhmischen Volkes!« - -Die Hände des Alten zitterten so, daß er die Krone auf den Altar -niederlegen mußte. Langsam beruhigte er sich: - -»Zweifelt nicht an der Krone! Sie ist die echte, heilige Krone -Przemisls! Ehrwürdige Urkunden ehrwürdiger Männer bestätigen sie bis in -die älteste Zeit.« - -Bohuslaw trat einige Schritte näher. Samo stand regungslos wie eine -Statue. - -Da rief ihm der alte Krok zu: - -»Pán Samo, kommt an den Altar.« - -Mit schweren Schritten gehorchte ihm Samo. - -»Pán Samo, zukünftiger Kral der Lausitzer Sorben, ich begrüße Euch an -dieser heiligen Stätte. Bin ich auch kein geweihter Diener Gottes, so -habe ich doch die Weihe einer Familie, die von der Vorsehung ausersehen -war, durch Jahrhunderte dieses Heiligtum zu hüten und zu hegen. Samo, -ich setze Euch diese Krone aufs Haupt, nicht daß ich Euch zum König -von Böhmen kröne, sondern als ein Unterpfand Eurer eigenen zukünftigen -Würde.« - -Und Krok setzte Samo die Krone aufs Haupt. Das alte Silber berührte -kühl die heiße Stirn des Mannes. Ein paar Herzschläge lang stand Samo -so im königlichen Schmuck; dann ergriff er die Krone, küßte sie, legte -sie auf den Altar und ging eilends aus der Kapelle. - -Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten Zimmer -fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen. - -»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in das größte -Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, und alles geht -darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. Pán Samo, vergeßt dieses -nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, vom Symbol losgelöst, verfliegen -im Wind. Kommt noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe -Euch etwas zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.« - - - - -Spätherbst droben im Wendenlande. - -Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte Singvogel zog fort. - -Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, irgendwo gibt -es laute, große Städte. - -Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue Einsamkeit. Spät -dämmert der müde Tag, früh geht er zur Rüste. Oft liegt der Waldweg die -ganze Woche einsam. Kein Wanderer kommt daher. - -Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen könnte, wo müde -Augen ruhen und wilde Herzen stille werden könnten. - -Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören auf die -knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel früherer Zeit -nachdenken, an die Lutchen denken, die Zwergmännlein, die jetzt selbst -zur Mittagszeit die Zipfelkappe fest über die dicken Köpfe ziehen und -bei sinkender Sonne fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter -der Erde! O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut! - -Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher nicht kommen; -die Smjertniza könnte ihm begegnen. -- - -Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit seinen Kahn -heim. Ihm gegenüber saß seine einzige Schwester. Sie war von großer -Schönheit; aber nun war sie traurig und blaß und sah immer ins Wasser -hinein, in dem die letzten bunten Blätter des Waldes schwammen. - -Da fing der Bursche an zu singen: - -»~Sla je holčka po wodu ...~« - -Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang -das Lied: - - »Gingen nach Wasser drei Mägdelein - In den weißen See hinein ... - - Die erste schöpfte die Kanne ein - Und verlor ihr Ringelein. - Mädchen an zu weinen fing -- - Ihr Liebster kauft einen neuen Ring. - - Die zweite schöpfte die Kanne ein, - Verlor ihr seiden Tüchelein. - Das Mädchen weinte und klagte genug -- - Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch. - - Die dritte schöpfte die Kanne ein, - Verlor ihr Rautenkränzelein; - Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn -- - Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.« - -Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß -gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht. - -Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf -den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes, -der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo -der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des -Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt -und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des -Verführers an Gottes Ohr klingen. - - * * * * * - -Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande. - -Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann. -Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum, der einzige Baum, den -er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November -hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden -mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf -den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen -gegenüber. - -»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber. - -»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein. - -»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie gut -herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel nur immer -beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat uns auch Gott alle -Jahre so reichlich beschert.« - -»Ja, so ist es!« sagt die Frau. - -Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die beiden an zu -schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln zur Erde; die -beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie können. Denn der -Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und wenn der letzte Ton verhallt, -muß die Arbeit beendet sein. Deshalb herrscht eine ganz bestimmte -Strategie, eine genaue Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche -Äste es zu schütteln hat. - -Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von einem Ast zum -andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. Endlich sagt der Alte: - -»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch was drauf bleiben; -der Mensch soll nicht genußsüchtig sein und nicht alles für sich haben -wollen.« - -Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch immer tönt -die Glocke. - -»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau. - -»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: Ich hab' ihm -heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, und hab' ihn einmal -schnupfen lassen.« - -Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen Herbstsegen -zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit finden sie ihn süß und -reich. - - - - -»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht Kito, als er zu -Hanka in die Stube trat. - -Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der Lampe und war -mit einer Näharbeit beschäftigt. - -»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die Doppelfenster -haben.« - -»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.« - -»Ja, bis zur ~pšaza~[35] sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern die Mägde -schon?« - -»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. Du bist die -einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder duldet.« - -Das Mädchen errötete. - -»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu Hause nicht -zugegeben.« - -Der Alte nickte. - -»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. Voriges Jahr sind -drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich geworden. Eine hat noch -geheiratet, die anderen ...« - -Er machte eine bedauernde Handbewegung. - -»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch solche -Schelmenlieder gesungen. O ja -- was für welche! Wenn man dann alt ist, -gefällt einem das nicht mehr. Aber du bist noch jung, Hanka, jung und -hübsch!« - -»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert auf. Der -Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, von der Wirtschaft -allerlei. - -»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte Hanka. - -Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich setzte er -sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die Tischplatte. - -»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abraham seinen Knecht -Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen. -Elieser war nur ein Knecht, aber er bekam doch dieses wichtige Amt.« - -»Wo soll das hinaus?« - -Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder auf und -spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte fand. - -»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich habe bei der -~kremuša~[36] drei Tage lang gegessen und getrunken und drei Nächte -lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe ich! Ich hab' bei der -›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger Bursch auf einem fremden Dorf -getanzt, und es ist nicht herausgekommen. Jawohl, das war ich! Ich war -der Anführer der ›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke, -wo wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! Jawohl, -das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der Jan beim Johannisfest -war ich! Der tollste Reiter! Bei den Husaren habe ich gedient, und -wenn ich der Jan war, da hatte ich aus Birkenrinde eine Larve[37] -vorm Gesicht und den ganzen Buckel voll Blumengirlanden -- ei ja, -schön war ich! Über und über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste -Pferd! Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs Dorf! -Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. Sie machen -eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber wie der Blitz durch -die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich kehre blitzschnell um. Vom -Pferd runter. Alle Weiber fall'n über mich her. Jede will 'ne Blume. -Die verheirateten, daß sie starke Kinder kriegen, die ledigen, daß -sie 'n Mann kriegen. Und ich immer rechts und links mit beiden Armen -und Händen das ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde -geklettert bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt gehalten. -Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein Prediger, hab' ich -gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie der invalide Unteroffizier, den -der alte Fritz den Wenden schickte? Drei Jahre lang predigte dieser -Mann alle Sonntage dieselbe Predigt, die er sich auswendig gelernt -hatte. Und als drei Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz -und sagten, sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß -immerfort dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der alte -Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten nichts. Nun, -sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch ruhig seine zehn -Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein Prediger war ich nicht! Ich -hab' von meiner Linde gepredigt, daß sie unten rot und blau wurden, -daß sie manchmal schrien: ›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle, -der Schulze, die Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten -was ans Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen, -›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich mich -selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie ich gerade -eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und die andere Hälfte -flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen Predigtstuhl und breche -mir die Hüfte. Und wenn man die Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist -es mit dem Reiten und kräftigen Predigen vorbei.« - -Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, dicken Fingern -auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. »Hanka, denke nicht an den -~palenc~[38]. Drei Gläschen habe ich getrunken; aber drei Gläschen sind -nötig zu dem, was ich vorhab'.« - -»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?« - -Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die abermals -erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen Span zu entzünden, -spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte dann passend: - -»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen wäre, da säß ich -doch nicht so lange hier und versäumte bei einem Mädel dummerweise -meine Zeit!« - -Er setzte sich wieder an den Tisch. - -»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht: - - »~Moja mač jo wúdowa, - Ja som liderlich škrodawa.~«[39] - -Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! Es ist -schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, Hanka! Es waren -einmal drei Jungen, die hatten einen Käse gefunden. Und weil sie nicht -einig wurden, wem der Käse gehören sollte, so wollten sie wetten. Und -sie machten es also aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der -kriegt den Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber sie -konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. Da kam der -Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen aus, um was sie sich -so händelten. Und da er alles angehört hatte, machte er die Stirn -runzelig und sagte: ›Pfui, ihr Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr, -hab' ich +nie+ gelogen!‹ Und richtig -- so ein frecher Schlingel gibt -ihm den Käse und sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese -Range war ich!« - -Hanka sah überrascht auf. - -»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!« - -Kito schüttelte melancholisch den Kopf. - -»Kauz hin -- Kauz her -- es ist doch aus! Jetzt -- jetzt lauert bloß -die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den Sarg stecken kann. -Aber ich werd' ihr was ... Hanka, ich schlag' mit allen vieren aus, -daß der ganze Sarg umkippt, wenn die alte Schraube mit ihrer wanzigen -Federspule angerückt kommt.« - -Hanka suchte ihn zu beruhigen. - -»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger als die -Wičaz.« - -Kito wehrte ab. - -»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit heiligem Gras -angeräuchert, weil ich das so gehört habe, aber genutzt hat es nichts. -Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland herum. Eigentliche Wunder -habe ich wenig bemerkt. Den Vampyr habe ich manchmal gesehen -- jawohl, -aber nur, wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am -nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. Und -oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts um zwölf Uhr auf der Wiese -kleine Flämmchen brennen sieht, da brennt Geld. So hat es mir meine -Großmutter erzählt. Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen -die Flämmchen zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt man -einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter die Flämmchen -geworfen, und am anderen Morgen war alles futsch -- der Schatz und der -Lohn.« - -»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein. - -»Ort hin -- Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig geworden. -Seit das Gras bei unserer guten Frau nichts geholfen hat, denk ich mir -das meine. Und siehst du, der ~domjacy~[40], der Juro, der glaubt auch -nicht an solche Dinge und ist doch bald ein ~Pán doctor~.« - -»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka. - -»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war er schon als -Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. Offen und ehrlich ist -er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber auch gutherzig. Und ein -richtiger Kerl. Der könnte den Jan beim Johannisfest machen!« - -Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich selbst. - -»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl auf Gottes -weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes Maul?« - -Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus: - -»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!« - -Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten. - -»War es das, was du auf dem Herzen hattest?« - -»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, daß ich es leichter -herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich versitz' dahier sonst bloß -unnütz meine Zeit.« - -Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein ein, nippte -der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte es dann vor den Alten. - -»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu. - -»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das Mädchen. - -»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl bemerkt hast.« - -Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte hinter den Ofen. - -»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er war nur ein -Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte für den Sohn -seines Herrn die Braut werben. Als ich noch jung war, bin ich auch -oft Brautwerber gewesen. Du kennst das ja. Im Oberlande heißt man's -~družba~, im Niederlande ~pobratz~ (Brautwerber). Na, du kannst -glauben, Hanka, es ist nicht so einfach, wenn man für einen anderen -auf die Brautschau geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen. -Man muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß man -politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht rausrücken. -Und man geht immer so um die Abenddämmerung. Da fällt's nicht so auf, -wenn man rausgeschmissen wird.« - -Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie: - -»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede bedeuten?« - -»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch nichts überstürzen. -Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater gewesen in meinem Leben; -siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, aber zweimal ist was aus der -Sache geworden. Nun, man hat seine Erfahrungen!« - -»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!« - -Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr -ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische. Er stockte noch eine -Minute lang, dann sagte er mit bewegter Stimme: - -»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe ich in Gottes -Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren Gutssohn Samo.« - -Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein paarmal, und -ihr Gesicht war bleich. - -»Bist du -- bist du toll?« fragte sie stockend. - -»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht. - -Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche und las -mit feierlicher Stimme: - - Breslau, am 20. November 1860. - - Mein lieber alter Freund Kito! - - Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen - Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist - bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben - Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein - Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten - wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen - lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du - sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben. - Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen! - - Samo. - -Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. Ohne auf das -fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann: - -»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt mich ›mein -alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das werden ihm alle -Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören werden.« - -Hanka stand auf. - -»Wo willst du hin, Hanka?« - -»Hinaus!« - -»Und gibst du mir keine Antwort?« - -Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief ein. Betrübt -senkte er den weißen Kopf. - -»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und so gut -gemacht!« - - - - -Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter Hanka war -krank. - -Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. Eine Magd -brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. Tee wollte die -Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel verschmähte sie. - -Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. Das -Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber schon nach einer -Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet auf dem Tisch. -Hanka sah mit großen Augen vom Bett her auf die Alte. Ihr Gesicht war -in der kurzen Zeit blaß und schmal geworden. - -»~Wuše stupaš, dale widžiš~«, begann die Alte; »je höher du steigst, je -weiter du siehst.« - -Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen in die -Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern darüber, zuckte -mit den Lippen. - -Dann sprach sie: - -»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. Der eine -Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es an und hackt es -mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. Dann fliegt er fort und -paart sich mit einer Krähe. Und sie fliegen bis an den Lóbjofluß. Da -werden sie erschossen und sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt -das Adlerweibchen, und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten -Baume und verjagen alle Krähen. ~Wuše stupaš, dale widžiš.~ Je höher du -steigst, je weiter du siehst.« - -Hanka hörte der Alten staunend zu. - -»Woher weißt du das?« - -»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.« - -Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. -- -- - -Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu Hanka. - -»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er. - -Hanka schlug die Hände vors Gesicht. - -»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht bloß für -dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, kann ich nie -zugeben.« - -Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Großgarten. - -»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, sagte er -nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo keine Frau im Hof, da -ist der Böse im Hof. Ich müßte aber doch jetzt sagen: ›Fahr wieder -heim, Hanka!‹ Doch ich schäme mich, ich schäme mich!« - -Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen begann bitterlich -zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort: - -»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, die Leute hier -auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so nicht heimgehen lassen.« - -Da richtete sich das Mädchen halb auf. - -»Ja, es wär' -- es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, sagt mir das -eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß aus Barmherzigkeit nehmen, -weil mich Juro nicht mag?« - -Da leuchteten die Augen des Alten auf. - -»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer sollte dich -auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und er hat es mir -schon gesagt, als er noch hier war.« - -Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen Augen, dann sagte -es leise: - -»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.« - -Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka dreimal auf die -Stirn. - -Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst scheu und -schweigsam war, sprach: - -»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr auf diesem -Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch Juro darauf vergißt, -wir anderen wollen es nicht vergessen, daß du in Wahrheit eine -Königstochter bist, aus älterem Geschlecht als manche Prinzessin. Darum -sollst du den Kopf hochtragen und nicht mehr weinen.« - -»~Nan!~«[41] - -Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme um den Hals des -Alten ... - -Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen Altknecht -Kito. - -Er drückte ihm die Hand und sagte: - -»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine Kirmes. -Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr ist, aber im -Kretscham werde ich alles bezahlen.« - -Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen -Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet. - -»Hat sie -- hat sie?« - -»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, denn er hat dich -zum Brautwerber gemacht.« - -Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein lahmer Enterich. -Am Ziehbrunnen blieb er stehen. - -»Zehnmal bin ich jetzt ~družba~ gewesen; siebenmal haben sie mich -rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, daß ich schon so alt -bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.« - -Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr erklärter -Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens ihre rechte -Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte die Frau etliche Male -blitzschnell um ihre Achse. - -»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die Alte -schnaufend. - -»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchen ~serska reja~[42] -tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.« - -Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann schimpfend davon. -Kito aber begab sich nach dem Kretscham, der gleichzeitig das Kaufhaus -des Dorfes war, trank erst drei Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte, -Feder und Papier und schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden -Bericht: - - Lieber Freund Samo! - - Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläser ~palenc~ hatte - ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst - zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den - Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat - mit mir ~serska reja~ tanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber - sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder - ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon - wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken, - das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den - Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde - könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich - schließe als dein treuer Freund und Brautwerber - - Kito. - - - - -Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die -ehrbare ~pšaza~ Hankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung -benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die -eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert. -Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf -ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit -leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war -in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch -nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen -Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl. - -Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die noch zu ihrer -~pšaza~ gehörten, mit ihren Spinnrädern und Flachsrocken. Bald saßen -alle Mädchen in einer Reihe im Halbkreis, und die Rädlein schnurrten -und die Mäulchen schnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und -dabei spinnen, spinnen! - -Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, kernige -Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite Röcke haben sie -alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, manche hat einen -besonders feinen Brustlatz aus Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe -gewunden mit weitausgreifenden Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine -schöne Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald -den rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor. - -Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; außerdem -brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich und traulich ist es in der -Spinnstube, indes draußen der Sturm über die Heide pfeift oder der -Regen an die kleinen Fenster klopft, leise wie mit Geisterfingerlein. - -Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada[43] des -Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr des Gemeindedieners, des -Dorfschmiedes und des Nachtwächters ab. Entblößten Hauptes müssen sie -am 21. Dezember im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre -Wiederanstellung bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie -solche erhalten haben. - -Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er hat zwar im -Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen und etwas gebrummt, was -man bei viel gutem Willen für eine Bitte um Wiederanstellung hätte -halten können, aber er ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter -auf ein neues Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft, -ja er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in einem -greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser Nachtwächter! - -»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter eines der -~starsi~[44]. - -»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, »da -werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter kriegen sie -nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht bekommt. Dafür -möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.« - -Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« gähnte und -schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten. - -»Sechs Dreier sind auch Geld«, sagte die Schöffentochter verärgert. -»Überhaupt, mein Vater sagt, es ist eine ganz schlechte aufsässige -Zeit. Unser Knecht hat sich Strümpfe gekauft! Strümpfe! Ein Knecht! Wo -mein Vater in Fußlappen geht oder auf Stroh in den Stiefeln, kauft sich -der Knecht auf dem Jahrmarkt ein Paar Strümpfe!« - -Kito nickte nach dem Feuer hin. - -»Ja, ja,« seufzte er, »der Untergang der Welt kann nicht mehr weit -sein. Napolium, scharr dich nicht!« - -Die Mädchen waren des politischen Gesprächs schon wieder müde. Eine -Liebesgeschichte machte tuschelnd die Runde, und es wurde viel heimlich -gelacht und viel Spott getrieben. Ein Mädchen wurde durchgehechelt. - -»So eine Schlafliese hat Glück. Die stieß die ~Dřemotka~[45] schon -immer um halb neun in den Nacken. Und kriegt einen solchen Burschen!« - -»Sie hat sich sogar abkonterfeien lassen.« - -Kaum war das Wort gefallen, so stimmte Kito ein Lied an. Mit meckriger -Stimme sang er: - - »Wer hoch und angesehn will sein[46], - Der muß sich lassen konterfein, - Schön weiß und rot fürs liebe Geld, - Wie's Mode ist, - Wie's Mode, Mode ist, - Wie's Mod' ist in der Welt! - Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt, - Da wurd' ich ganz und gar verrückt, - Um mein Genie ist's schlecht bestellt, - Wie's Mode, Mode ist, - Mode ist auf der Welt!« - -»O du Hund! Kaum fang' ich an zu singen, so beißt mich dieser Lump von -Napolium in die Waden.« - -»Ach, Kito, du hast doch gar keine Waden mehr«, lachte ein Mädchen. - -»Soll ich sie zeigen?« - -Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen. - -»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte. - -»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber als die Alten. -O jerum!« - -Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische Spinnstube nach -ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es schon anders hergehen. Nun -ja, zweimal waren die Burschen zu Besuch dagewesen und hatten auch -Branntwein mitgebracht, aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst -war auch nicht viel Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen -feinen Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel -neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche Leute leisten. -Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue Lieder hatte das fremde -Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach Hanka, zwei neue Lieder zu -singen. Es waren aber diese: - - - +Die entlaufene Mutter.+[47] - - Kathinka aus Gurich lief davon - Dem Ehemann, dem Saufpatron. - Sie lief bis Malschwitz in toller Hast, - Dort macht sie müde am Hügel Rast. - Mit trübe geweinten Äugelein - Sah sie in Gottes Sonne hinein. - »O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn, - Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?« - »O Maja, Maja, du Blümlein rot, - Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?« - »Und du, mein Merten, du Kleinster, mein, - Wer singt dich heut in den Schlummer ein?« - Da weinte sie laut, da stand sie auf - Und nahm gen Gurich den raschen Lauf: - »Und schlüg er mir auch das Leben heraus, - Ich kehre um und gehe nach Haus!« - -Und das andere Lied war dieses: - - - +Die Leichtsinnige.+[48] - - Und als der junge Bursche erfuhr, - Daß andere liebet sein Schätzelein, - Zog aus der Scheide er sein Schwert - Und bohrt sich's tief ins Herz hinein. - Zur Kirche ging das Mägdelein - Und sprang dann in das Feld hinaus, - Da lag ihr Liebster hinterm Busch - Und ruht' von Leid und Untreu aus. - Das Mädchen weinte, und ihm war bang - -- Fast eine ganze Woche lang. - -Die Lieder wurden gelobt, der Text wurde gelernt, die Weise eingeübt; -noch am selben Abend wurden die beiden Lieder gemeinsam gesungen. - -Dann wurde Kito aufgefordert, Scherze zu erzählen. - -Er wollte vom Alten Fritz und dem Prediger anfangen, aber alle wehrten -ab. Das sei eine ganz alte Geschichte. Auch der Pastor mit dem Käse -wurde abgelehnt sowie die Erzählung, wie Kito von der Linde predigte. - -Schließlich sagte er: »Ein Deutscher sagte einmal zu einem Wenden im -Kretscham: ›Aus vier Wenden[49] baut man einen Schweinestall‹.« - -»Ja, und er sperrt ein deutsches Schwein hinein!« riefen die Mädchen -alle zusammen. - -»Oh, Kito, bei deinen Geschichten hat Adam zu Paten gestanden!« - -Kito schüttelte den grauen Kopf. - -»Die Welt ist neuerungssüchtig und verderbt. Der Knecht kauft sich -Strümpfe, und wendische Mädel woll'n neue Geschichten!« - -Er fing nun an zu singen: - - »Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere, - Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«; - -aber auch dieses schöne Lied fand keinen Beifall, weil es alt und -abgeleiert sei. - -Selbst einer seiner schönsten Späße wurde mäßig gelobt, daß er nämlich -einer Herde von Weibern, die neugierig durch ein Gasthausfenster dem -Tanze zusahen und dichtgedrängt standen, heimlich die bauschigen Röcke -aneinandergenäht hatte und daß sie am Ende nicht auseinander konnten, -was viel Geschrei und Spektakel ergab. - -»Wer weiß eine Gespenstergeschichte?« - -Das war etwas. Die Mädchen rückten näher zusammen. Und eine sprach halb -im Flüsterton: - -»Bei Leipa drunten in der Mühle hat es gespukt. Alle Nächte sind eine -greuliche Menge Katzen gekommen und haben um Mitternacht einen großen -Spektakel gemacht. Alle Leute aus der Mühle sind ausgezogen. Da ist -einmal ein Scharfrichter durch Leipa gekommen, der hat von der Mühle -gehört. Und er ist hineingegangen, hat sich in der großen Stube an den -Tisch gesetzt, zwei Lichter vor sich gestellt und sein Richtbeil vor -sich gelegt und um den ganzen Tisch mit Kreide einen Kreis gezogen. Und -so hat er gewartet. Dann haben draußen alle Wächter zwölf gepfiffen, -und da ist es losgegangen. Das hat gerasselt und gepoltert und -gefaucht, und an die hundert böse Katzen sind hereingekommen und haben -sich alle auf den Scharfrichter stürzen wollen. Aber keine einzige hat -sich über den Kreis getraut. Geh du rüber! Geh du rüber! haben sie -zueinander gesagt. Aber keine hat sich's getraut. Bloß eine große, -gelbe Katze hat die Pfote in den Kreis hineingestreckt. Da hat schnell -der Scharfrichter sein Beil genommen und sie blutig gehackt. Da sind -alle Katzen winselnd fortgelaufen. Und am andern Tag hat die Frau des -Amtmanns von Leipa eine verbundene Hand gehabt und hat gesagt, sie -hätte sich aus Versehen mit einem Messer einen Finger abgeschnitten. -Aber die Leute haben jetzt gewußt, daß sie eine Hexe war!« - -»Da werd' ich auch etwas von einer Hexe erzählen«, sagte eine andere. -»Die hat in einem Dorfe gewohnt, und abends hat sich immer ihr Geist -auf den Feldern und in den Gassen herumgetrieben, während ihr Leib im -Bette lag, und der Geist hat die Leute geängstigt. Da ist einmal der -Schulmeister von Saßleben dem Gespenst begegnet und hat es mit einem -Stock jämmerlich durchgeprügelt. Am andern Morgen hat eine Bauersfrau -nicht aufstehen können, weil sie ganz grün und blau geprügelt war. Und -das war die Hexe.« - -Kito seufzte in seiner Ofenhölle. - -»Ja, ich bin auch einmal so eine Hexe gewesen.« - -»Du, eine Hexe? Das ist nicht möglich!« - -»Doch! Und es war auch so ein Abenteuer mit einem Schulmeister. Ich -ging damals noch in die Schule und saß auf der Schulbank. Das heißt, es -sah nur so aus, als ob ich dort säße. In Wirklichkeit spukte ich. Denn -der Mensch besteht aus Leib und Geist. Und mein Geist, der war nicht -mit in der Schule, der war im Walde und fing mit Sprenkeln Rotkehlchen. -Da fing plötzlich der Schulmeister an zuzuhauen. Aber er hieb nicht auf -den Geist ein, sondern der Leib bekam die Hiebe persönlich. Grün und -blau war er aber auch.« - -Kito wird ein alter Narr genannt und ausgescholten. Teufelsgeschichten -kommen an die Reihe: wie der Teufel Asche in Gold verwandelte, wie er -als dreibeiniger Hase herumhüpfte, wie er mit zwei schwarzen Ochsen die -Spree pflügte und die Ochsen immer so ungebärdig hin und her sprangen, -daß die Spree ganz krumm geworden ist. - -Und mit scheuen Augen erzählt eine von dem Mädchen, das im Rautenkranz -zur Kirche ging und mit Rosen geschmückt auf einem Stuhl vor dem Altar -saß. Da kam plötzlich ein Kind vom Altar her, setzte sich dem Mädchen -auf den Schoß und sagte: »Ich will bei meiner Mutter sein!« Da gestand -die erbleichende Braut, daß sie heimlich ein Kind geboren und getötet -habe. Und das Kind nahm die Seele ihrer Mutter mit. Die Braut fiel tot -vom Stuhl, der Rosenkranz aber flog auf den Kirchhof hinaus. Dort wuchs -ein großer Rosenbusch, der noch heute zu sehen ist. Und das ist in -Gahlen geschehen vor zweihundert Jahren. - -Lauter schaurige Geschichten erzählen die Mädchen, indes der Wind an -die Scheiben poltert und das Feuer im Herde knistert. - -Wißt ihr die Geschichte von dem Schatz im Totenkopf? Wißt ihr, wie der -Tod in Luckau den Dreißigjährigen Krieg vorhergesagt hat? - -Wer weiß die Geschichte von dem Riesen, der ein dreieckiges Gesicht -hatte? Er hat viel Übles getan. Die kleinen Ludki haben ihn im Schlaf -erschlagen. Und er wurde begraben, aber er spukte in jeder Nacht, und -alle Leute fürchteten sich sehr. Da haben die Leute die Leiche des -Riesen ausgegraben, ihr einen Nagel in den Kopf und einen Pfahl durchs -Herz getrieben, und dann hatten sie Ruhe. - -Von brennendem Feld wird erzählt, von weißen Männchen, von dem -unglücklichen Mädchen, das der Nix in sein Wasserschloß holte, von der -Mittagsgöttin, die allen denen mit der Sichel den Kopf abschneidet, die -sie zur Mittagszeit im Felde trifft und die ihre vielen Fragen nicht -beantworten können, von unverwundbaren Wölfen, gespenstigen Kälbern. - -»Heda! Kito, der Swinigel, sucht dem Hunde Flöhe ab!« Die Mädchen -kreischten, sprangen auf, traten zurück. - -»Was schreit ihr?« sagte Kito gemütlich. »Eure Geschichten sind so -blutig, daß ich mir dazu eine blutige Arbeit gesucht habe.« - -Die Mädchen schimpften alle auf ihn ein. Er sei ein unerhörter -Swinigel. »Pfui, pfui!« - -»Tut nur nicht so,« verteidigte sich der Alte; »ich werfe sie alle -ins Feuer, und wenn ja einer der Schwarzen zu einer von euch springt, -die kann ihn morgen wiederbringen, wenn sie ihn unter den eigenen -herauskennt.« - -Ei, wie gingen die Mäulchen! Hanka tat einen Schiedsspruch; Kito mußte -das Liebeswerk an seinem »Napolium« einstellen, und bald schnurrten die -Rädchen wieder und ging das Erzählen. - -Da knurrte der Hund, und von draußen kam ein feines Läuten. - -»Hört, hört, was ist das? Hört ihr es läuten?« - -»~Bože džječo! Bože džječo!~«[50] rief da ein Mädchen, und alle Rädlein -standen still, und über alle jungen Gesichter ging der helle Schein der -Freude. - -»~Bože džječo!~ Still, still! Fleißig, fleißig, daß wir es nicht -verscheuchen!« - -Und die Rädlein schnurrten wie nie zuvor, und die Mäulchen standen ganz -still. - -Da wurde die Tür geöffnet, liebliches Schellengeläut ertönte im -Hausflur, und eine feine Stimme fragte: - -»Sind fleißige, gute Mädchen in der Spinnstube?« - -»Nein!« schrie Kito von der Ofenhölle aus, und sein »Napolium« bellte. - -»Ja, ja, ja!« riefen die Mädchen, »gute, fleißige Mädchen!« - -Da kam das Gotteskind in die Stube. Es war ganz weiß gekleidet, das -Gesicht verschleiert, auf dem Kopf trug es eine Krone aus Goldpapier. -In der einen Hand hatte es die Schelle, in der anderen eine Rute. Es -war von einem Weihnachtsmann begleitet, der einen großen Korb in der -Hand und einen Sack auf dem Rücken trug und sich ganz greulich vermummt -hatte. Das Hofgesinde drängte in die Stube, auch der Hausherr Hanzo -erschien. Hanka machte erstaunte Augen; sie hatte von der Veranstaltung -nichts gewußt. - -»Hausvater,« fragte das Gotteskind, »sind das fleißige, brave -Spinnmädchen?« - -Der Hausvater bejahte es. - -Da ging das Gotteskind von einem Spinnrad zum andern, prüfte das Garn, -lobte die, die wenig, und tadelte die, die noch zuviel Flachs am Rocken -hatten. - -Dann sprach es: »Singt die Kantorka mit euch gute Lieder?« - -Die Mädchen standen auf, Hanka stimmte an, und alle sangen: - - Heil'ge Maria am Rocken spann[51] - Den Flachs gar wunderfein, - Heil'ge Maria saß und sann - Und nähte ein Hemdelein. - - Da kamen herein zur Kammertür - Zwei liebliche Engelein: - »Maria, wir wollen spielen mit dir, - Wir sind so jung und klein!« - - »Ich kann nicht singen und spielen mit euch, - Die Stund' nicht ferne ist, - Braucht Hemdchen und Windeln und Linnenzeug - Mein Söhnlein Jesus Christ!« - -Die Mädchen standen mit gefalteten Händen hinter ihren Spinnrädern und -sangen das Lied andächtig und schön. Das Kaminfeuer warf einen roten -Schein über sie und über das »Gotteskind« in seinem feierlichen, weißen -Kleid. - -Nun packte der Weihnachtsmann mit großem Gepolter seine Gaben aus und -fuhr mit einem alten Besen derb unter dem Mannsvolk herum, wodurch er -den Zorn des Hundes »Napolium« erweckte, der beständig nach seinen -Waden schnappte, was viel Hallo gab. Es gab für eine »Vorbescherung« -ganz unerhört kostbare Dinge; denn die eigentliche Bescherung kam -erst am Heiligabend. Die Spinnmädchen bekamen alle kleine silberne -Anhängsel: ein Herzchen, ein Kreuzchen, einen Stern, die Knechte und -Mägde wurden reichlich mit Kleidungsstücken bedacht, Kito erhielt -eine silberbeschlagene Tabakspfeife, der Hausvater bekam die schön -ausgeführten Wappen der Ober- und Niederlausitz, beide unter einem -geschnitzten Lindenkranz vereinigt. Von wem ging diese Bescherung aus? -Die Antwort ergab sich bald. - -Zur Tür herein kam Samo. Er war am späten Nachmittag heimlich -angekommen. - -»Darf ich auch bei der Bescherung sein?« fragte er, nachdem er gegrüßt -hatte. Hanka wurde blaß und hielt sich an dem Spinnrocken fest. -Errötend gab sie Samo die Hand. - -Plötzlich aber stieß sie einen lauten Freudenschrei aus. Ihre Eltern -waren in die Stube getreten. Das Mädchen hing an ihrem Halse und lachte -und weinte vor Freude. - -Da stand Kito auf und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Er nahm Hanka an -der Hand und sagte: - -»Setz dich auf deinen Platz! Es muß Ordnung sein!« - -Und dann stellte er sich mitten in die Stube und sprach: - -»Ihr kennt alle die Bibel. Als Abraham für seinen Sohn Isaak ein Weib -haben wollte, schickte er seinen Knecht Elieser aus, ein solches zu -suchen; denn er dachte wahrscheinlich, daß Elieser das besser verstände -als er und Isaak. Elieser war nur ein Knecht, aber er hatte doch -dieses wichtige Amt bekommen. Er war ein ~družba~. Hier seht ihr auch -einen ~družba~ stehen. Zehnmal bin ich schon Zurater und Brautwerber -gewesen; siebenmal haben sie mich -- aber davon will ich nicht reden. -Kurz und gut, dreimal ist es geglückt. Und dazu gehört dieses Mal. -Ihr dürft nicht glauben, daß es nur der ~palenc~ war, der meine Zunge -so geschmeidig und siegreich gemacht hat; denn ich habe schon von der -Linde gepredigt. Kurz und bündig: durch Gottes Gnade und meine Hilfe -ist es geglückt, von unserer ehrbaren Jungfrau Hanka für unseren -ehrbaren Junggesellen und Gutssohn Samo das ›Jawort‹ zu bekommen.« - -Ein Ruf allgemeiner Überraschung ging durch die Stube. Die Spinnmädchen -umdrängten Hanka, und es wurde ein solcher Lärm, daß Kito sich nur -durch die Anwendung von Grobheit wieder Ruhe schaffen konnte. - -»Und so will ich nun die achtbaren Eltern unserer Jungfrau Hanka bitten -und fragen, ob sie in Gottes Namen ihre Einwilligung zu der Verbindung -geben wollen.« - -Die Frage wurde bejaht. - -»Und so frage ich unseren achtbaren Hausvater, ob auch er in Gottes -Namen seine Einwilligung geben will.« - -»Ja!« sagte Hanzo. - -»So frage ich nun, ob diese Zeugen hier genügen, oder ob ich noch -andere Zeugen holen soll.« - -»Sie genügen.« - -»Nun, so bitte ich für meinen Freund Samo alle, die er beleidigt hat, -um Verzeihung. Jetzt aber tretet ihr zwei hierher!« - -Samo und Hanka traten in die Mitte der Stube, der Brautwerber legte -ihre Hände ineinander und sprach die vorgeschriebenen Worte: - -»Ich verlobe euch öffentlich vor diesen Zeugen in Gottes Namen. Es sei -mit euch beiden der Gott unserer Väter und segne euch mit den Gütern, -mit denen er unsere Väter gesegnet hat. Amen!« - -Darauf sangen alle Anwesenden das Lied: - - »Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne - Und auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.« - -Als das Lied zu Ende war, trat das weiße »Gotteskind« vor Hanka, gab -ihr einen goldenen Ring und sprach dazu: - - »Aus der Erd' stammt das Gold, - Vom Himmel die Treu, - Dein goldenes Ringlein - Breche nimmer entzwei!« - -Samo küßte Hanka auf die leise bebenden Lippen. Die zwei waren nach -wendischem Brauch verlobt. -- - -Nun brach die Tollheit des lebenslustigen Wendenvolkes sich Bahn. Boten -eilten in die anderen Spinnstuben des Dorfes, und nicht lange, so -wimmelte es von Burschen und Mädchen. Die fremden Burschen drangen in -die Stube; einer hatte ein langes Messer in der Hand, damit »erstach« -er den Rocken Hankas. Und nun nahmen die anderen Burschen den Mädchen -die Rocken weg, und aller Flachs, der noch dran war, wanderte ins -Feuer. - -Ein Ungetüm sauste in die Stube. Es sollte einen Schimmel darstellen -und hatte einen Kopf aus Stroh. Es wurde weidlich durchgeprügelt und -machte wilde Sprünge und Purzelbäume. - -Ein paar wollten anfangen zu tanzen. Da aber trat Kito, der -Brautwerber, wieder auf, und nachdem er sich mühsam Ruhe verschafft -hatte, rief er: - -»Hochgeachtete Gäste!« - -Er wurde unterbrochen; denn sein Hund »Napolium« hatte sich mit dem -Schimmel verbissen, und es gab ein tolles Gelächter. - -»Laßt sie, laßt sie! Es ist wie im Zirkus!« - -Nachdem der Kampf der Bestien vorüber war, rief Kito abermals: - -»Hochgeachtete Gäste! Dieweilen dies hier ein Trauerhaus ist, seid -ihr gebeten, in den Kretscham zu gehen und euch dort zu Ehren des -Brautpaares etwas zu erfreuen.« - -Da zog das Völklein jauchzend ab, und das helle Lachen und Singen klang -vom Kretscham her die ganze Nacht, bis der Tag graute. - -Hanka saß indes aufrecht in ihrem Bett. Sie allein lachte nicht. - - - - -Auch Juro kam zu den Weihnachtsferien nach Hause. Er traf zwei Tage -später ein als Samo. Als er bald nach seiner Ankunft dem Bruder -begegnete, sagte er: - -»Warum hast du mir von deiner Abreise aus Breslau nichts gesagt? -Konnten wir nicht zusammen reisen?« - -»Von uns zweien findet jeder den Weg für sich«, antwortete Samo -unliebenswürdig. - -»Jawohl, das weiß ich!« sagte Juro und wollte sich abwenden. Aber Samo -sprach ihn noch einmal an. - -»Ich will dir etwas sagen, ehe du es von anderen Leuten hörst: ich habe -mich vorgestern mit Hanka verlobt.« - -»Was?« - -Juro starrte ihn an. - -»Ich habe das Mädchen lieb,« fuhr Samo fort, »und es muß die Tradition -in unserer Familie gewahrt werden. Im übrigen bin ich dir ja wohl -weitere Rechenschaft nicht schuldig.« - -»Du -- du bist wohl verrückt?« - -»Nein, im Gegenteil, recht vernünftig! Ich weiß, was ich will!« - -Da faßte Juro sein Zorn. - -»Samo -- Mensch -- ist das wirklich wahr? Hast du dich wirklich mit dem -unerfahrenen Mädchen verlobt?« - -»Wie ich dir sagte ...« - -»Und -- und du schämst dich nicht -- eine so gemeine Komödie ...« - -»Hüte dich, du deutscher Lümmel!« - -Juro ballte die Faust. - -»Noch so ein Wort, und ich schlag' dich nieder, du -- du Erbschleicher!« - -Samo lachte ihm höhnisch ins Gesicht. - -»Schlag' nur zu! Es ist die deutsche Art, etwas zu beweisen, was nicht -zu beweisen ist. Aber es nützt dir gar nichts! Deine Rolle ist hier -verspielt!« - -Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu. - -Juro suchte in höchster Erregung seinen Vater auf. - -»Vater, ist das wahr, das von Samo und Hanka ...?« - -»Sie sind seit vorgestern verlobt!« - -Juro wurde bleich. - -»Und du hast das zugegeben?« fragte er fassungslos. - -»Ja, ich habe es sogar gewünscht. Ich will nicht, daß ein so braves -Mädchen wie Hanka verachtet wird, ich will mich vor ihren Eltern und -allen Leuten nicht lächerlich machen.« - -»Und das Mädchen?« - -»Es hat eingewilligt.« - -»Aber siehst du denn nicht ein, Vater, was Hanka für großes Unrecht -geschieht, daß Samo sie nur nimmt, weil es in seine Berechnungen -paßt, daß es eine Schmach für das Mädchen ist, so -- so -- als -Spekulationsobjekt behandelt zu werden?« - -»Wieso Spekulation?« - -»Es liegt doch auf der Hand, daß Samo, der im Grunde genommen immer -alles Bäuerische mißachtet hat, weil seine Gedankenflüge zu hoch -gingen, jetzt durch seine wendische Heirat nichts anderes will, als -sich hier auf dem Gut als künftigen Herrn festsetzen.« - -Das Gesicht des Vaters wurde noch ernster, als es schon war. - -»Das Gut bekommt er sowieso -- mein Testament ist gemacht.« - -»Dein -- Testament -- -- für Samo? Und -- und mit -- mit welchem Recht -schließest du mich aus?« - -»Ich schließe dich nicht aus. Was dir zukommt, wirst du bekommen in -barem Geld.« - -Juro schlug ein bitteres Gelächter an. - -»Bares Geld? Und das Heimatsrecht?« - -»Du hast dich selbst von deiner Heimat losgesagt.« - -»Das ist nicht wahr!« - -»Sprichst du so mit deinem Vater?« - -»Ja, auch mit dir! Es ist nicht wahr, es ist beim allwissenden Gott -nicht wahr, daß ich mich von meiner Heimat losgesagt habe.« - -»Du willst von den Wenden nichts wissen, Juro; ich habe es selbst -gehört!« - -»Ja, ja, ich will von ihnen wissen; ich will ihnen ja mein ganzes -Leben, meine ganze Arbeit, meine ganze Fürsorge weihen, ich will ja -nichts anderes erstreben, als ihnen zu helfen, sie geistig zu heben, -ihre Lage zu verbessern, sie vorwärtszubringen in der Welt.« - -»Dadurch, daß du sie deutsch machst«, sagte der Vater finster. - -»Jawohl, dadurch! Vater, ich beschwöre dich, ich bitte dich, sieh es -doch ein, gib es doch zu, daß das das Beste, das Richtige ist! Unsere -geringe Anzahl, kaum hundertfünfzigtausend Seelen, sie kann sich doch -nicht halten, sie kann doch ihr Volkstum nicht behaupten in unserer -jetzigen Zeit; wir können doch mit dem Festhalten an alten, längst -überlebten Bräuchen, mit dem Verharren in albernem Aberglauben ...« - -»Schweig!« schrie ihn der Vater an; »hier steht der Kral der Wenden, -die du beschimpfst.« - -Juro fuhr sich ein paarmal über die Stirn. Dann sagte er erschöpft: - -»Der Kral der Wenden bist du; es kann niemand beweisen, daß du es nicht -bist! Aber das Königtum ist uns genommen; der wendische König, der -heute regiert, heißt Wilhelm von Hohenzollern und wohnt in Berlin.« - -»Das weiß ich«, sagte der Alte ernst. »Und ich bin sein treuer -Untertan. Ich tue meine Pflicht. Ich bin kein Hochverräter. Aber Gott -führt die Schicksale der Menschen, und ich brauche die Würde, die er -mir gab, im Herzen nicht aufzugeben und die Leute, die zu mir halten, -mir nicht abtrünnig machen zu lassen von meinem eigenen Sohne, solange -unsere alte Krone noch ruht im heiligen Hügel.« - -»Ich glaube nicht daran, daß in dem Hügel eine Krone liegt; es ist eine -Sage wie alle. Ich kann nicht an sowas glauben.« - -»Und du wagst es, zu sagen, daß du dich nicht von deiner Heimat -losgesagt hast?« - -»Nicht von der Heimat, nicht von dir, nicht von allen Wenden. Nur von -dem, was ihnen schadet, was sie tiefhält, was nicht wahr ist! Und das -sage ich dir, Vater, Samo glaubt an alle diese Dinge so wenig wie ich. -Aber er heuchelt und hat den Vorteil, und ich sage die Wahrheit und -verliere dich und verliere alles.« - -»Samo lügt nicht. Samo beachtet unsere Gebräuche bis ins kleinste. Für -dich aber ist alles, was uns heilig ist, Aberglaube und Dummheit. Und -deshalb ist Samo an deine Stelle getreten. Mit Fug und Recht, Juro; ich -habe es in vielen schlaflosen Nächten mit mir abgemacht.« - -»Und meine Erbfolgeschaft als künftiger Kral?« - -»Die vor allen Dingen wirst du an Samo abtreten.« - -Da kam der Zorn wieder über Juro, und er richtete sich auf und sagte: - -»Das werde ich +nicht+! Dein Gut kannst du vermachen, wem du willst, es -ist dein Eigentum, und die preußischen Gesetze werden dafür sorgen, -daß dein wendisches Testament bis ins kleinste erfüllt wird. Aber das -Recht der Erstgeburt, das kannst du mir nicht nehmen und kein Gericht, -das behalte ich! Das behalte ich!« - -»Du, der nicht an das Königtum glaubt?« - -»Ja, ich! Ich bleibe doch der künftige Kral. Ich werde den Einfluß, den -ich dadurch habe, nicht aufgeben. Denn ich will der Kral sein, der sein -Volk aus der Gefangenschaft finsterer Vorurteile herausführt, und dazu -brauche ich Ansehen, sei es auch eingebildetes Ansehen. Niemand anders -als der Kral selbst kann den Leuten zeigen, daß es keinen Kral gibt!« - -»Du Verräter!« - -»Vater, ich bin noch weniger ein Verräter an den Wenden als du ein -Hochverräter am König von Preußen bist, dem du Treue geschworen hast.« - -Einige Augenblicke standen sich Vater und Sohn noch gegenüber, Kälte im -Blick, Kälte im Herzen; dann sagte Hanzo: - -»Wir sind fertig miteinander!« - -Und er ging hinaus. - -Juro war allein. Ein paarmal ging er ratlos hin und her mit unsicheren -Schritten, dann sank er auf einen Stuhl und weinte vor Zorn und vor -Schmerz. - -Aber es gibt keinen stärkeren Trost in den Bitternissen des Lebens -als die Erkenntnis, daß einem Unrecht geschehen ist. So erhob sich -Juro nach kurzer Zeit, und seine Gestalt straffte sich wieder zu ihrer -schlanken Schönheit. - -Er stieg hinauf in seine Kammer und holte Mantel, Stab und Hut. - -Und er zog fort aus seinem Vaterhause. - -Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam das Dorf hinab. -Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst auf seinen Weg. Hin und -wieder begegnete ihm ein Bursch, der seine Mütze zog. Starke, gutmütige -Menschen. Aber die Sonne einer höheren Erkenntnis scheint nicht in -ihre Heimat, ihre Gedanken irren nur immer um ihre schmalen Felder, -und ihre Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer oder -an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wie armselig -liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche Rauch, der aus -dem windschiefen Schornstein steigt, stammt vielleicht von einem -Bündel Holz, das der Mann aus dem Walde des Reichen zur Nachtzeit mit -pochendem Herzen holte, damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in -dieser strengen Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen -und weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse noch -vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend auch nicht die -kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten sich, warum der holde -Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, ihnen auch nicht ein einziges -buntes Lichtlein schicke. O ihr Träumer, wacht auf! Draußen ist eine -reichere Tafel für euch und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine -weitere, lichtere Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort -steht doch die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum -Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, ihr Träumer, -seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer Menschenrecht, -werdet im Anschluß an die anderen glücklich! Dann aber müßt ihr heraus -aus der Enge; denn eure wendischen Stammelrufe hört niemand, versteht -und beachtet niemand in der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten -könnt ihr nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht -satt! -- -- - -Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte hinaus ins -Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros Gang, da klangen ein paar -Stimmen in seinem Ohr, die ihm einmal lieb waren, da gingen ein paar -Heimatsmelodien traurig durch sein Herz. - -Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem Stock stark -auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts. - - - - -Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm in ihren -letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: ob er nicht zu -stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, ob es notwendig sei, immer -seine herausfordernde Meinung so laut zu sagen, oder ob nicht klugem -Abwarten eine bessere Aussicht auf Erfolg beschieden sei. - -Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen Dingen kein -Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und hoffe, daß sich -Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, damit er unter diesem -Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, was der Mann in schweren -Kämpfen vom Weibe hören muß: »Ich glaube an dich; deine Sache ist -gerecht!« - -Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr ernst. Mit -Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth saß er an dem -runden Tisch der mit alter solider Biederkeit traulich ausgestatteten -Wohnstube seines Herrenhauses, tat einen tiefen Trunk und sagte: - -»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. -- Es sind -Dickköppe!« - -Damit meinte er die Wenden. - -»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. Lassen sich -nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ bis auf die -Knochen. Eigentlich mein Fall!« - -Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold winkte ab. - -»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden ist -richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich krieg' das Niesen, -das Schlucken und den Keuchhusten, wenn ich es sprechen soll. Es ist -ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe ist es anders, und für den Verkehr -taugt so was gar nischt. Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem -Humbug, den sie sonst machen, Volkssitten, Märchen und so -- na, da -soll man nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem -sogenannten Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene Parvenüs -züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel in die Stube -stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife waschen lassen. Das ist -moderner Unfug! Das sind so Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt -verstehen von der Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so -was nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin kein -Unmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also jetzt das -neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll jede Familie -zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n sogar große Fenster rein, -obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus halte. Aber seh'n Sie, Juro, -da Sie nu eben mal mein zukünftiger Schwiegersohn sind, da möcht' -ich nich gern, daß Sie bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer -Furchenklecker. Also, es wird werden!« - -Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort: - -»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also eingeweiht! -Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit dem Kral, das is --- das is -- ja, wenn ich sagen würde, es is Blech, wär' es zu grob --- also sag' ich, es is nich Blech -- bloß, es hat keenen Zweck! -Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer Kurfürst Friedrich Wilhelm -von Brandenburg, der hat nach dem Kral suchen lassen. Seine Häscher -hatten auch den richtigen Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen -Mann. Also so einen Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin -unter die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade im -kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der hieb plötzlich -dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, weil er behauptete, -der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, und die Häscher sagten -sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn sonst hätte ihn kein Wende -geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, und der Kurfürst in Berlin -saß da mit seiner langen Nase, die ohnehin lang genug war. Jawohl, -das ist Tatsache! Das ist Geschichte! Das hat sich keiner aus den -Fingern gesogen. Und auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und -aufgepaßt, daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten Tschechen -›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und sind Ihre Ahnen, -Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer Edelmann hat für so was -Verständnis. Aber jetzt, Juro, jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu -machen. Aus und vorbei ist es!« - -»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast das ganze -Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt noch am Kral. Und deshalb -darf nicht mein Bruder Samo der Kral der Wenden werden, weil er ihren -alten Aberglauben aus Selbstsucht erhalten würde, sondern ich muß der -Kral sein, der die Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren -Dasein führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist. -Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.« - -»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im Arbeiterhause -werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, wie wir noch die alte -Fronordnung hatten, da ist es ja den Bauern nicht gerade berühmt -gegangen. Aber die Güter waren gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine -schöne Zeit!« - -Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk und schüttelte -ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so an die »gute, alte, liebe -Fronzeit« dachte. Dann raffte er sich auf. - -»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns an die -Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. Ich kann's Ihnen -nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade erfreulich ist, daß es so -kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger Plan war da überhaupt nich. -Ihre Väterei in Ehren, Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer -Wende hat 'ne solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin -wie die Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.« - -»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, »und deshalb -möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag machen.« - -»Deine vernünftigen Vorschläge sind unvernünftig«, lehnte sein Vater -ab. »Leute, die Zigaretten rauchen, haben überhaupt keine Vernunft. -Meine Ansicht ist die, Juro, Sie geben die Geschichte da drüben in -Ihrer Heimat auf, setzen sich, wenn Sie Ihr Staatsexamen und Ihren -Doktor gemacht haben, in irgend 'ne große deutsche Stadt als Arzt, -gründen da Ihren Hausstand und pfeifen auf die ganze wendische -Geschichte.« - -»Das kann ich nicht und das werd' ich auch nicht, Herr von Withold. Ich -werde meine wendische Heimat nicht im Stich lassen. Es ist mein Ideal, -den Wenden zu helfen, ihnen zu dienen, und das werde ich durchführen. -Ich werde mich als Arzt in irgendeinem wendischen Ort niederlassen und -von da aus wirken.« - -Herr von Withold schnitt ein saures Gesicht. - -»Arzt im wendischen Ort? -- So 'ne Sache! Wo? In Hoyerswerda oder in -Burg? Kottbus wär' etwas oder Bautzen. Aber da haben sie deutsche -Ärzte, und die Städte sind deutsch, sind da bloß an der Peripherie der -Wendei. Und mitten im Land wird Ihr Bruder Samo als Arzt sitzen wie die -Spinne im Netz und wird Ihnen Ihre Mücken abfangen.« - -»Darf ich jetzt endlich meinen vernünftigen Vorschlag machen?« warf -Heinrich wieder ein. - -»Donnerwetter, der Junge läßt keine Ruhe. Wenn wenigstens seine -Zigaretten nicht so stinken möchten. Also schieße los!« - -Heinrich, der mit seinem Vater sehr kordial stand, blies ihm eine -Rauchwolke ins Gesicht und sagte: - -»Stück zwei Dreier!« Dann wurde sein hübsches, weiches Gesicht, das von -einer Fülle wirrer »Künstlerlocken« umrahmt war, sehr ernst, und er -sagte: - -»Was ich vorzuschlagen habe, ist mir nicht erst jetzt eingefallen, -sondern meine Lieblingsidee seit langem. Ich will es kurz heraussagen, -einen Sturm gibt's sowieso. Also, mit dem Landwirt ist's für mich ein -für allemal nichts. Ich würde unglücklich werden und es mein Lebtag -zu nichts bringen. Ich habe die ganzen Jahre nebenher Kunstgeschichte -und Musik studiert. Das Vernünftigste ist, ich widme mich ganz und gar -der Musik und erobere mir eine Stellung in der Welt, die mir zusagt. -Juro wird Arzt, heiratet die Liese, wohnt mit ihr hier in diesem -weitläufigen Gespensterbau, doktert ein bißchen (denn viel zu tun -wird er nicht haben), reformiert seine Wenden, richtet sich in die -Gutsverwaltung ein und übernimmt als Eigentümer das Gut, wenn sich der -Vater zur Ruhe setzt. Dann ist uns allen geholfen.« - -Da schlug der alte Withold auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. - -»Habt Ihr's gehört? -- Er ist verrückt! Jagt mir nichts dir nichts das -väterliche Gut in die Binsen, präsentiert es einem andern wie eine -Zigarette für zwei Dreier. Oho, Bürschchen, oho! Ich werd' schon dafür -sorgen, daß es dir in dem weitläufigen Gespensterbau nicht zu eng wird. -Ja, glaubst du denn, dafür hat man einen Sohn, einen Stammhalter?« - -»Lieber Vater, den Stamm kann ich dir ja woanders erhalten; das muß -doch nicht gerade hier sein. Und von Wegschenken ist keine Rede; ich -laß mich natürlich auszahlen.« - -»Auszahlen -- wie ein Weib! Pfui Teufel! Das macht der verfluchte -Wagner! Die Liese wird ausgezahlt als Tochter -- verstanden? Du gehörst -hierher! So ist es Brauch und Recht.« - -»Es ist natürlich gänzlich ausgeschlossen,« sagte Juro, »daß durch -meine Lebensschicksale die Familiengeschichte Withold in dieser Weise -beeinflußt werden soll.« - -»Natürlich, Juro, du bist ja vernünftig. Wir werden uns schon -vertragen. Na, man könnte z. B. das Jagdschlößchen für euch beide -recht hübsch herrichten lassen, und da könntest du von hier aus deinen -ärztlichen Bezirk haben. Das läßt sich ja alles einrichten. Aber wenn -einem sein einziger Sohn so kommt, das ist stark! Das übersteigt alle -Begriffe!« - -Er ging aufs höchste verärgert aus der Stube, und bald darauf hörte man -ihn unten im Hofe herumschimpfen. - -Heinrich schritt gelassen ins Nebenzimmer, wo ein großer Flügel stand, -und vertiefte sich in die Schönheit der Wagnerschen »Gralserzählung«. - -Juro und Elisabeth waren allein. Das Mädchen küßte dem Geliebten -Mund, Stirn und Augen. Dann lehnte sie an seiner Schulter und sprach -tröstende und zärtliche Worte zu ihm. Er lächelte glücklich; nur ein -paarmal irrte sein Blick zum Fenster hinaus. Dort in der Richtung, wo -der bleiche Mond stand, lag das Vaterhaus, das er verlassen hatte. - - »So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne: - Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!« - -sang Heinrich im Nebenzimmer mit Begeisterung. - - - - -Es war am Nachmittag, zwei Tage vor Weihnachten. Frostwetter mit -leichtem Schneefall. Elisabeth von Withold war allein auf der öden -Landstraße. Der Vater war mit Juro und Heinrich auf der Jagd. So hatte -sie unbemerkt von Hause fortgekonnt. - -Nach einstündigem scharfen Zuschreiten stand Elisabeth vor dem -Heimatsdorfe Juros. Das Herz schlug ihr heftig, eine brennende Röte -stieg in ihre Wangen, aber ihre Füße wanderten darum nicht weniger -schnell. - -Es mußte noch vor dem Heiligen Abend geschehen. Irgend jemand mußte zu -dem alten wendischen Vater gehen und ihm ein gutes Wort geben, damit -sein Herz nicht so vergrämt sei am Fest der Liebe. - -Und es mußte Juros wegen geschehen. Sein Stolz fand den Heimweg nicht, -aber seine bange Sehnsucht nach dem alten Manne, der sein Vater war, -irrte oft hin zu der Heimat. Er sollte am Heiligen Abend Frieden haben. - -Nun war das erste Gehöft erreicht. Kinder, Burschen, Mägde stürzten in -Fenster und Tür und starrten das fremde Fräulein an, das hier ins Dorf -kam. Ein paar Leute kannten sie, und es entstand ein Tuscheln. - -Das Mädchen faßte Angst und Scham. Sie war mit Juro noch nicht einmal -öffentlich verlobt und wagte diesen Schritt. Aber ihr tapferes Herz -trieb sie vorwärts. - -Nur als Juros Vaterhaus auftauchte, ging sie langsam. Vor dem kleinen -Hoftürchen blieb sie ein paar Minuten lang stehen und zupfte aufgeregt -an ihren Kleidern und an ihrem Schleier. - -»Helfe mir Gott!« - -Und sie trat in den Hof. Vor der Haustür stand Hanka und schaute -verwundert auf. - -Die Mädchen kannten sich von dem Begräbnis her. Und sie kannten sich -aus ihrem stummen Herzenskampf. Jetzt, da sie sich sahen, erschraken -sie beide tödlich, und das deutsche wie das wendische Mädchen preßte -die Hand aufs Herz und jede stieß einen Schrei aus, und kein Gott -hätte einen nationalen Unterschied in ihrem Empfinden und Gebaren -herausgefunden. - -Elisabeth blieb bestürzt stehen, und Hanka rannte wie gehetzt zur -Haustür hinein. - -Eine Minute lang war es Elisabeth, als müsse nun auch sie fliehen, -fliehen aus diesem Hof, wo sie nicht nur eine Fremde, wo sie eine -Gehaßte war. Aber die Kraft ihrer starken Frauenseele kam wieder, und -sie trat entschlossen in das Haus. - -Ein großer Hund kläffte sie wütend an. Sie blieb ratlos stehen. Kein -anderer Gruß wurde ihr als das Gekläff des Hundes. Da kam jemand -schlürfenden Schrittes die Kellertreppe herauf. - -»Napolium, halte die Schnauze! Je, je, ein Fräulein ...« - -Der Hund bekam einen Fußtritt. - -»Das Fräulein von Withold!« - -»Ja. Und Ihr -- Ihr seid wohl Kito?« - -»Kito! Kito! Kito!« sagte der Alte in höchster Verlegenheit und machte -eine Menge Verneigungen. - -»Ich möchte ein paar Augenblicke mit dem Herrn sprechen.« - -»Mit dem Scholta! Der ist zu Haus. Herr Samo ist in der Stadt. Wenn das -gnädige Fräulein so gnädig wäre, ins gute Stübel zu kommen, wir müssen -freilich über die Treppe ...« - -»Es ist nicht nötig, Kito! Ich warte hier.« - -»Hier im Hausflur? O nein, nein! Auch nicht in der Wohnstube! Ein -gnädiges Fräulein ...« - -Hinter der Küchentür hatte Hanka alles mit angehört. Zu dem Schreck, -den sie erlitten, kam jetzt die weibliche Angst, der alte Pulverkopf -Kito möchte wirklich die -- die Fremde ins »gute Stübel« führen. Das -war ungeheizt, und der ganze Fußboden des fast nie benutzten Raumes lag -voll Winteräpfel und Walnüsse. Diese Schande ertrug Hanka nicht. Kurz -entschlossen trat sie in den Hausflur. - -»~Pomogaj Bog wam!~« grüßte sie wendisch. »Gott helfe Euch!« - -»~Bog žekujscho!~« dankte Elisabeth. »Gott vergelte es!« - -»Es -- es -- in der Oberstube ist es kalt«, stammelte Hanka und öffnete -die Wohnstubentür. Elisabeth trat in den großen Raum, in dem das -Kaminfeuer brannte. - -»Ich möchte nur einige Augenblicke den Herrn sprechen.« - -»Ja. Er wird kommen.« - -Die Mädchen standen noch ein paar Augenblicke voreinander. Jede wollte -etwas sagen; keine brachte ein Wort heraus. Endlich sagte Hanka in -deutscher Sprache, aber mit schwerem Akzent: - -»Bitte sich zu setzen. Ich werde den Herrn rufen!« - -Elisabeth war allein und blieb lange allein. Sie fröstelte am -Kaminfeuer. Als sie endlich einen Männertritt hörte, überfiel sie große -Furcht. - -Der alte Hanzo trat ein. Er hatte sich offenbar erst frisch gewaschen -und gekämmt und trug seinen langen blauen Staatsrock. Auch er war -schwer befangen. Als er aber das zitternde Mädchen sah, das sich an die -Stuhllehne klammerte, sagte er in deutscher Sprache: - -»In Gottes Namen willkommen! Es ist mir eine große Ehre, daß mich das -gnädige Fräulein besucht.« - -Elisabeth ging zwei Schritte auf ihn zu. - -»Verzeihen Sie -- verzeihen Sie --« - -Dann brach sie in Tränen aus. - -Hanzo kam an sie heran, faßte sie an der Hand und führte sie auf einen -Stuhl. Da brachte sie mühsam hervor: - -»Ich habe es -- es gewagt, weil -- weil -- es nicht sein kann, daß -Heiliger Abend ist und daß Sie und Ihr Sohn --« - -Weiter kam sie nicht. - -Der alte Hanzo suchte nach Worten. Endlich sagte er: - -»Mein Sohn Juro ist als Gast bei Ihrem Herrn Vater. Er hat es mir -geschrieben.« - -Und nach einer kleinen Weile fragte er: - -»Weiß es -- weiß es Juro, daß Sie --?« - -»Nein, niemand weiß es. Nur Gott weiß es, daß ich nicht anders konnte -als herkommen. Ich -- ich wollte Sie bitten, daß Sie keinen -- keinen -Groll auf mich haben. Sonst könnte ich nicht mehr glücklich sein.« - -Da wurden die Augen des alten Hanzo mild und warm. - -»Sie sind gut!« sagte er schlicht. - -»Aber hauptsächlich komme ich wegen Juro«, fuhr Elisabeth etwas -gefaßter fort. »Er ist unglücklich, denn er hat Sie sehr lieb.« - -Hanzo schlug finster den Blick nieder. Eine lange Pause kam. - -»Das ist eine andere Sache«, sagte Hanzo endlich. - -Hier klopfte es leise an die Tür, und dann trat Hanka ein. - -»Ich möchte das gnädige Fräulein fragen, ob ich ein Glas Wein oder ein -Glas Milch bringen darf«, sagte sie schnell heraus. - -Elisabeth wehrte freundlich dankend ab. Aber der Hausherr meinte: - -»Eines wird uns Wenden immer gelassen, unsere Gastfreundschaft. Es geht -kein Gast von uns, dem wir nicht etwas Bescheidenes anbieten.« - -Da sagte Elisabeth: - -»Ich werde gern trinken, wenn Fräulein Hanka mit uns trinken will.« - -Hanka sah auf, als sie sich beim Namen genannt hörte, und verschwand -eiligst. - -Hanzo trommelte leise auf den Tisch, dann sagte er: - -»Gnädiges Fräulein, ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt. Nur so vom -Sehen habe ich Sie gekannt. Ich hätte auch nicht zugegeben, daß mein -Sohn Juro die Augen zu Ihnen erhebt, aber jetzt sehe ich ein: Gott hat -ihn gesegnet!« - -Elisabeth schlug die Augen nieder. Hanzo fuhr fort: - -»Juro wird Ihnen alles gesagt haben. Er muß das auch, da er Ihr -Bräutigam ist. Und Sie werden ihm recht geben, nicht wahr?« - -Elisabeth blickte angstvoll auf. - -»Ich -- ich kann es ja nicht leugnen: -- ja, ich gebe ihm recht.« - -»Das ist ganz richtig!« entgegnete Hanzo milde. »Sie als deutsches -Fräulein können gar nicht anders. Sie halten zu Ihrem Volk; das wird -Ihnen niemand verdenken. Aber anders ist es mit Juro. Der ist ein -Wende, oder vielmehr, er war ein Wende; denn er ist abtrünnig!« - -Da sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit: - -»Er hat seine Überzeugung und handelt nach seiner Überzeugung; wenn er -das nicht täte, wäre er kein Mann.« - -Nun schlug Hanzo die Augen nieder. Elisabeth fuhr fort: - -»Ich bitte Sie, daß Sie sich mit ihm versöhnen, daß Sie zugeben, er muß -nach seiner Überzeugung handeln.« - -»Nein, das kann ich nicht«, sagte Hanzo fest und bestimmt. - -»Geben Sie nicht zu, daß er bloß der inneren Macht folgt, die ihn -leitet? Glauben Sie, er sei schlecht?« - -Hanzo sah vor sich hin. - -»Das ist eine schwere Frage«, sagte er beklommen. - -Elisabeth stand auf. Ihre Stimme floß jetzt ruhiger, aber es war ein -bitterer Ton darin, als sie sagte: - -»Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch ein unerfahrenes Mädchen, -aber ich habe immer gehört, man dürfe zwar eine fremde Meinung -bekämpfen, aber man dürfe den, der sie hat, nicht für schlecht halten, -nur weil er anders denkt als man selbst denkt.« - -»Wollen Sie sich nicht wieder setzen, gnädiges Fräulein?« - -»Ich kann nicht. Wenn Sie glauben, daß ich der Schlechtigkeit das Wort -rede, kann ich ja nicht hier bleiben.« - -»Gnädiges Fräulein, ich denke von Ihnen das Allerbeste. Und ich will -auch nicht sagen, daß Juro schlecht ist. Aber er ist so betört, er hat -sich selbst so von uns getrennt, daß er für uns alle verloren ist, auch -für mich.« - -»So bin ich umsonst gekommen«, sagte Elisabeth in tiefer -Niedergeschlagenheit und setzte sich langsam wieder auf ihren Stuhl. - -»Vielleicht hat es Gott so gefügt, gnädiges Fräulein,« entgegnete Hanzo -bewegt, »daß Sie doch gekommen sind, daß Sie diese gute Tat vollbracht -haben, damit mir altem Mann ein Trost wird, denn ich habe den Trost -sehr nötig.« - -Das Mädchen saß regungslos da. - -»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung mit Ihnen -glücklich bin und daß ich euch Gottes Segen wünsche.« - -»Vater Hanzo!« - -Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor dem wendischen -Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen Hals. - -»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das Mädchen -ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein schönes, stilles -Weilchen blieben die beiden so, dann sagte Elisabeth: - -»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf ihn haben?« - -Hanzo antwortete ausweichend: - -»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, was er tut, -ausgenommen das, was er gegen die Wenden tun will.« - -»Er will nach seiner Überzeugung gar nichts +gegen+ die Wenden, alles -+für+ die Wenden tun.« - -»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte machen.« - -Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein und drei -Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, aber sie setzte sich -ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die Gläser und trank Elisabeth zu: - -»Herzlich willkommen!« sagte er warm. - -Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise in ihrer -sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war kaum vernehmbar. Auch -Elisabeth war wieder verwirrt. Sie suchte nach irgendwelchen Worten. - -»Nicht wahr -- Sie -- Sie haben sich dieser Tage verlobt? Darf ich -Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!« - -Hanka sah zum Fenster hinaus. - -»Ich danke!« sagte sie. - -»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die peinliche -Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere Spinnstube!« - -Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth gab -freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwas nach. Sie sagte -auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; sie seien schon einigemal -Wahlmänner zusammen gewesen, auch einmal Geschworene. - -»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, daß sich der -gnädige Herr darauf erinnert.« - -So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf. - -»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.« - -Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor. Es -war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden Kutschpferden, das Staunen -aller wendischen Kleinbauern. Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem -Bock. - -»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren lasse, bis -Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der Weg ist lang und -einsam.« - -»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn ich mich auch -nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit in der Wendei.« - -Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, die -er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren nicht armen -Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte seines Charakters -entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, nachdem er ihr nochmals -für ihren Besuch gedankt und ihr gesagt hatte, er werde ihr ihn nie -vergessen. - -An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal zusammen. - -»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen Dank.« - -»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für den Besuch«, -sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat. - -Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. Bald darauf -fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth -über alltägliche Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden -beide wieder sehr ernst. - -»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. »Und wenn es auch -nur auf eine Viertelstunde wäre.« - -»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt nicht -fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und Ihrem Herrn Vater -einen Besuch machen.« - -»Darf ich -- darf ich -- gar keine Hoffnung mitnehmen?« - -Hanzo antwortete nicht gleich. - -»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' alles gut.« - -»Das tut er nicht.« - -»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.« - -Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen Schlosse -führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth aus, und der Wagen -kehrte um. - -Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, das ihm in -tiefer Traurigkeit nachschaute. - - - - -Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, wer dagewesen -sei und daß der Vater im guten Wagen den Gast nach Hause geleitet. Samo -war mit rotem Kopf nach Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus -für das Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei viel -getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine Frage wegen -des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige Auskunft. Da blitzte es zornig -auf in den Augen Samos. Grimmig fuhr er das Mädchen an: - -»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den Alten herbei, -du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre -- was hat sie dir -denn für Trinkgeld gegeben?« - -»Samo!« - -Das Mädchen richtete sich beleidigt auf. - -»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, was die -Gastfreundschaft gebietet.« - -»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo. -»Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, Kannibalen und -sonst noch einigermaßen achtbare Völker, aber nicht gegen Deutsche! -Wendische Gastfreundschaft gegen Deutsche ist die Gastfreundschaft der -Schafe für den Wolf!« - -Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort. - -Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. Der alte Hanzo -wurde blaß. - -»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem Hause, und -wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch alles anders überlegen.« - -Samo zuckte die Schultern. - -»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. Schon -versuchen sie mit List und Schmeichelei das zu erreichen, was sie mit -Gewalt nicht bekommen können. Die Wenden sind dann verloren.« - -»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit nachgegeben. -Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, und deine Anschuldigung -fällt auf dich zurück. Mir scheint, Gott hat mir zwei wackere -Schwiegertöchter zugedacht; was ich aber von meinen beiden Söhnen -denken soll, weiß ich nicht mehr.« - -Auch der Vater ließ ihn stehen. - -Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. Er traf die alte -Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam. - -»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?« - -»Die meisten freuen sich.« - -»Die meisten? Nicht alle?« - -»Hm -- es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die beim -Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. Denen gefällt -der Herr Juro gar nicht schlecht.« - -»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?« - -Die Alte zuckte die Achseln. - -»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir angetan?« - -»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, habt Ihr -einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz --« - -»Ach ja -- ich verstehe -- für dich kommt's auch noch --« - -Die Alte sah ihn von der Seite her listig an. - -»Was ihm -- dem Juro -- die Leute am meisten übelnehmen, ist, daß er -sich am Kronenhügel vergreifen will.« - -Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude flog über sein -Gesicht. - -»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er möglichst ruhig. - -»Es spricht sich so langsam herum.« - -»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller herumspräche«, -sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler. - -Sie nickte. - -»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon machen.« - -»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!« - -Er nickte ihr zu und ging allein weiter. - -»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es mir so dumm -verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß ich die Geschichte mit -Hanka und dem Alten wieder ins Geleise bringe.« - - - - -Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen, wenn alles so tot und -still ist draußen und dieselben Menschen immer zusammenhocken in -derselben niederen Stube? Zuletzt lachen sie wohl nicht mehr, reden -wohl nicht mehr, wissen sich nichts mehr zu sagen! - -Sind sie nicht wie Gefangene? Weg und Steg verschneit, das liebe Brot -schmal, der Beutel leer, das Herz leer. - -Dann sind wohl manche wie stumpfe Tiere, die mit der Kette an magerer -Krippe hängen, dumpf hinstarren vor sich in die grausige Langeweile. -Und die anderen, die die Sehnsucht kennen, wandern aus. Im fahlen -Schneelicht reist ihre Seele nach großen Städten, wo die prangenden -Theater sind, wo die schönsten Frauen der Erde in lichtstrahlenden -Sälen tanzen, oder nach den Ländern des Südens, wo jetzt die blauen -Schwalben fliegen über roten Blüten. - -Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen? Im Unterland, wo die -Sprewja breit und vielfach verzweigt ist, ist jetzt lustige Zeit. Da -laufen selbst die alten Weiber auf Schlittschuhen, und jeder Bursch -fährt seine Liebste auf dem Schlitten. Die Unterländer sind lustig, -aber leichtsinnig; die ernsteren Oberländer haben das immer behauptet -und immer etwas auf die Spreewaldleute herabgesehen. - -Doch auch sie wollen ihr Vergnügen, und auch in ihren stillen Stuben -stirbt das Lachen nicht in der langen einsamen Zeit. -- -- - -Der alte Kito steht im Hof und unterhält sich mit einem Sperling. - -»Was, ~wrobel~[52], was sagst du? ›Lieber Kito, 'ne Ähre‹? Das sagst -du? Und was sangst du im Sommer? ›Dem Kito 'n Strick, dem Kito 'n -Strick!‹ Und was sangst du noch im Herbst: ›Korn ist Dreck, Korn ist -Dreck!‹ Wart, ~wrobel~, ich schmeiß dich tot!« Und er warf nach ihm mit -fünf Haferkörnchen. - -Es ist doch gut, daß die Lieder sind und die alten Sagen und die alten -Bräuche. So schläft die Seele nicht ein. Und auch der Magen fühlt sich -wohl dabei. Am Sebastianstag muß auch der Ärmste sein Pfund Fleisch -essen, sonst wird das Vieh krank, muß geschlachtet werden, und es gibt -bald Fleisch in Fülle. - -Dann kommt die lustige Faschingszeit. Welcher Spaß ist größer, wo -in der Welt wird herzlicher gelacht, als wenn in den Spinnstuben am -~cazowečor~[53] sich die Burschen und Mädel gegenseitig die Gesichter -mit Ruß schwärzen? Am Faschingsdienstag gar schallt der stille -Föhrenwald wider von jubelndem Lachen, wenn die Burschen »zampern« -gehen, alle als Weiber verkleidet, jeder mit einem großen Korb, in -dem er Speck und Eier einsammelt. Wer ein einziges Mal den alten Kito -in der Tracht eines jungen Mädchens gesehen hat mit dem gestickten -Busentüchlein und der großen Bänderhaube und dem bunt gestreiften -Rock, der vergißt es sein Lebtag nicht. Dieses Jahr ist er aber nicht -als junges Mädel, sondern als alte Wičaz gegangen, hat mit verklebten -Federspulen, in die er gelbe Sandstückchen getan hatte, die wie Wanzen -aussahen, überall Schrecken und Angst erregt, zumal er die Spulen den -Weibern in den Nacken steckte. Auch hat er Karten gelegt und unerhörte -Dinge geweissagt, so, daß auf den Sonntag der Montag treffen wird und -daß ein Dreierlicht auch dann noch einen Dreier kosten wird, wenn das -Wachs aufschlagen sollte. Die wirkliche Wičaz ist ihm nachgegangen, und -die beiden Wičaze, die echte und die unechte, sind sich in die Haare -geraten, und so ein schöner Spaß ist noch nie und nirgends dagewesen. -Oh, es lebt sich lustig und herrlich zur Winterzeit im Föhrenwald! Und -»am Ostermorgen tanzt die Sonne«. - -Hanka hat mit ihren Spinnmädchen am Karfreitag draußen gestanden auf -dem freien Feld, sie sind feierlich im Kreise zusammengetreten und -haben gesungen: »~Nět daj moj Jezus dobru noc~«, »Nun gib, mein Jesus, -gute Nacht«, und als am Karsamstag Mitternacht vorbei war, haben die -Burschen in allen Dörfern geschossen; Hanka aber ist, noch ehe die -Sonne aufging, schweigend mit einem Krüglein zur stillen Spree gegangen -und hat Osterwasser geholt; das wird sie nun gesund erhalten das ganze -Jahr. Viele Mädchen und Frauen sind ihr begegnet, keine hat ein Wort -gesprochen. - -Ja, am Ostermorgen tanzte die Sonne! Winter war aus, neues Leben kam in -die Heide. - - * * * * * - -Und auch der Sommer verging. - -Hanka war zu ihren Eltern zurückgekehrt, als ihr Bräutigam Samo als -»~Pán doctor~« nach Hause gekommen war. - -Mit gewaltigem Respekt betrachteten die Dorfleute den jungen Arzt. -Ja, es kam so weit, daß die Bäuerin Pösch, die die Rose bekam, allen -Ernstes daran dachte, sich den neuen Doktor rufen zu lassen, wenn sie -es zuletzt doch nicht vorgezogen hätte, sich lieber von der Wičaz -»besprechen« zu lassen. - -Samo war nicht lange zu Hause geblieben, sondern wieder nach Prag -gefahren. Von dort war er erst nach Monatsfrist zurückgekehrt. - -So ging der Sommer vorbei. Wieder spielte der junge Herbst mit -den gelben Blättern, die auf der Spree schwammen, wie mit kleinen -Schifflein. Ein Jahr und einen Tag war es nun her, seit Mariana, die -Frau des Scholta, gestorben war. - -Da war die Trauerzeit zu Ende. - -Und zwei Tage später war die Hochzeit Samos mit Hanka. Sie fand -in Hankas Heimatsort statt. Kito als Brautführer war schon einige -Wochen vorher daselbst eingetroffen, um alles vorzubereiten. Denn -der Bräutigam hatte ausdrücklich gewünscht, daß bei seiner Hochzeit -alles genau nach der Väter Sitte hergehe. Und alle Leute lobten den -Bräutigam, der, obwohl er ein ~Pán doctor~ war, sich nicht stolz von -ihnen und ihrer Art absonderte. - -So erschien Samo in wendischer Bauerntracht, den kleinen Rautenkranz -auf dem Kopf, am Hochzeitsmorgen vor der Tür der Braut. Alle -Männer, die ihn begleiteten, trugen lange, buntbebänderte Stöcke. -Eine Musikbande war auch dabei. Ein Fiedler strich die ~husla~, -die dreisaitige wendische Geige; ein anderer Musikant entlockte -seiner ~tarakawa~ schreiende Oboetöne, die Hauptsache aber war der -Dudelsackpfeifer, dessen ~kozol~ mit einem mächtigen gehörnten -Ziegenbockkopf gekrönt war. - -Kito, der ~družba~, klopfte an die verschlossene Tür des -Hochzeitshauses, begehrte Einlaß und verlangte die Braut heraus. Ein -altes Weib mit einem mächtigen Höcker wurde durch die Tür geschoben. - -»Was, das soll die Braut sein?« schrie der ~družba~. »Ich schlag' ihr -den Buckel entzwei.« - -Und er schlug mit seinem Stock auf den Buckel, der auch wirklich -zersprang, weil er aus einem untergebundenen Topf hergestellt war. - -Nun wurde ein junges Mädchen durch die Tür geschoben. Aber auch jetzt -schrie Kito: - -»Das ist nicht die Braut! Das ist nur die ~družka~[54]. Der -~zagolka~[55] soll sie bekommen.« - -Endlich kam Hanka im Brautstaat. Sie war blasser als sonst, aber -sie lächelte. Mit großem Lärm wurde sie empfangen. Nun ging es ins -Haus hinein zum Frühstück. Der Bräutigam mußte sich von der Braut -fernhalten; nur der ~družba~ hatte das Recht, ihr Kavalier zu sein. -Kito strahlte vor Stolz und Freude. Und er sorgte für alles. Er -fragte die Mutter, ob sie der Tochter auch einen Taler in den Strumpf -gesteckt, ob sie ihr auch Salz in den Schuh geschüttet habe, damit der -Reichtum nicht ausbleibe, und ob sie auch nicht vergessen habe, ihr ein -Äpflein mitzugeben, damit der Kindersegen nicht fehle. Er wolle gewiß -drei Bissen Brotes unterwegs essen, damit die Ehe eine glückliche werde. - -Alles war erfüllt. Alle Vorzeichen waren gut. Zunehmender Mond war, und -es war Dienstag, der beste Tag für eine Hochzeit. - -Zur Trauung ging es zu Wagen, und wieder war Kito der Begleiter der -Braut. Kinder und große Leute standen am Wege, Zuckerwerk und kleine -Münzen wurden ausgestreut, und es war Jubel aller Enden. - -Unterwegs geschah aber etwas, worüber sie alle erschraken. Eine -Kuhherde kreuzte den Weg. Der Brautwagen mußte anhalten. Das war kein -gutes Zeichen. Kito aß nun neunmal drei Bissen trockenes Brot, um den -Zauber abzulenken, und sagte nach dem siebenundzwanzigsten Bissen: -»Jetzt bin ich zwar satt, und das ist schade an einem solchen Tage, -zumal, wenn man sein Lebtag nicht immer an der Bratenpfanne gesessen -hat; aber nun wird doch alles gut gehen in der Ehe.« - -Hanka nickte freundlich. Sie war sehr still in allen diesen Tagen und -ließ alles schweigend über sich ergehen. - -Bei der Rückkehr aus der Kirche hielt der Wagen vor dem Tor. Die -Mutter kam aus dem Hof. Sie hielt einen neuen Topf mit Milch in -der Hand. Daraus tranken Bräutigam und Braut, und der ~družba~ -zerschellte darauf den Topf an einem Stein. Nun ging die ganze -Hochzeitsgesellschaft in den Hof; der ~družba~ hielt eine Rede, in der -er wieder Abbitte leistete für alles etwa geschehene Unrecht, dann -setzte die Musik ein, und es wurde im Hofe getanzt. - -Und dann wurde geschmaust und gegessen den ganzen Tag lang und in der -Schenke die ganze Nacht getanzt. - - * * * * * - -Es waren aber zu dieser Hochzeit Gäste von nah und fern gekommen, -Gäste, die nicht zur Verwandtschaft und nächsten Freundschaft gehörten, -sondern Ehren halber als Vertreter großer Gemeinden oder Bezirke vom -Kral eingeladen worden waren. - -Einer von diesen Leuten traf bald nach dem Essen mit Hanzo im -Großgarten zusammen und sagte: - -»Höre Kral, ich muß dir etwas sagen. Da wir nun zu diesem frohen und -schönen Feste so viele Dorfväter beisammen sind, so wollen wir etwas -besprechen und abmachen, was allen von uns sehr am Herzen liegt. Dein -Sohn Juro ist nicht hier, obwohl sein einziger Bruder Hochzeit hält.« - -Hanzo errötete leicht. - -»Juro ist auf einer Reise,« sagte er; »er ist jetzt in Italien.« - -»Ja, und er ist vier Wochen vor der Hochzeit dorthin gereist. Aber das -geht uns nichts an. Etwas anderes müssen wir mit dir abmachen. Sieh, -Hanzo, du bist noch nicht alt, und Gott soll dir noch viele Jahre -schenken. Aber deine Frau war auch nicht alt und starb doch. ›Ihr -wisset weder den Ort noch die Stunde‹, sagt die Bibel. Wenn du nun -einmal den Tod finden wirst, müssen unsere Leute wissen, wer ihr Kral -ist. Und ihr Kral kann dann nur Pán Samo sein.« - -Hanzo schwieg. - -»Er hat heute«, fuhr der andere fort, »die Hanka geheiratet, das -einzige Mädchen, das noch aus der Familie des alten Kral ist. Er hält -zu uns, er beachtet unser Volk; er soll unser Kral sein.« - -Hanzo entgegnete darauf: - -»Der Erbsohn ist Juro, und er hat sein Recht nicht abgetreten und will -es auch nicht abtreten.« - -»So müssen wir ihn absetzen, und zwar werden wir ihn heute absetzen.« - -»Nicht heute«, wehrte Hanzo ab. - -»Warum nicht heute? Heute ist der richtige Tag. Wann werden wir wieder -so viele beisammen sein, die da mitzureden haben?« - -»Wir können uns am Martinimarkt in der Stadt treffen.« - -»Wozu willst du den Aufschub?« - -»Ich möchte es nicht hinterrücks tun. Ich will meinem Sohn Juro -schreiben, was ihr vorhabt; dann kann er sich verteidigen.« - -Der andere sagte mit finsterer Miene: - -»Er kann sich nicht verteidigen. Er hat offen und vielmal gesagt, daß -er kein Wende, daß er ein Deutscher ist; er hat sogar gesagt, er werde -den Kronenhügel aufgraben, um den Wenden zu zeigen, daß ihr Glaube -Dummheit ist, daß in dem Hügel keine Krone ist, sondern nur Erde und -Steine. Und das kann ihm nicht verziehen werden.« - -»Er hat es doch nicht getan! Er scheut sich doch und weiß, es wäre ein -Verbrechen.« - -»Aber er wird es tun«, sagte der andere. »Er hat es bestimmt gesagt.« - -»Wissen viele Leute davon?« fragte Hanzo trostlos. - -»Alle!« entgegnete der andere. - -»Woher wissen sie es? Er schreit es doch nicht auf die Straße.« - -»Das kann ich nicht sagen. Es ist in aller Mund. Und alle wissen, was -Juro gegen die Wenden gesagt und getan hat -- alle! Es ist alles gegen -ihn. Und es wird täglich schlimmer.« - -Sie schwiegen beide. Dann fuhr der andere fort: - -»Bezwinge dich, alter Hanzo! Es mag schwer sein, aber es muß sein! -Treten wir zusammen, die wir hier sind, und machen wir es aus. Einmal -muß es doch sein.« - -»Heute nicht! -- ~Njok!~« - -Mit diesem »~Njok!~«, diesem messerscharfen, endgültigen: »Ich will -nicht!« schnitt der Kral die Unterhaltung ab. Kein Widerspruch erfolgte -mehr. - -War auch die Zeit längst vorbei, wo der Kral eine heimliche Kopfsteuer -erhielt, so war doch sein Einfluß so stark, sein Wille so mächtig, daß -alle anwesenden »Volksvertreter« sich dem »~Njok!~« Hanzos fügten und -die »Absetzung« Juros, sein Ausschluß von der Kralswürde, auf eine -große ~Gromada~ am Martinimarkt vertagt wurde. - - * * * * * - -Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz zu. Mit seiner -jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit den Brautjungfern durfte -er sich nur dann im Kreise drehen, wenn es der allmächtige ~Družba~ -erlaubte. Der Bräutigam ist im Wendenland an seinem Hochzeitstag -rechtlos. - -Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, hinaus in -die Nacht. Es war ihm eigen zumute. Wenn er Hanka ansah, die nun seine -Frau war, dann sagte er sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe -wußte er nichts, hatte er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für -Schwärmer und unreife Menschen, nichts für ihn. - -In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. König sein, -wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur ein König über ein -kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben eines Volkes an erster -Stelle stehen! Der Mann sein, auf den auch die Slawen anderer Länder -mit ehrfürchtiger Scheu sahen, dem alte Leute die Hand küßten und für -den der gelehrte Krok die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm! - -Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! Und dann den -heimlichen, zähen Kampf führen mit dem Soldatenkönig in Berlin! Sich -äußerlich bescheiden und doch wissen: ich stehe auf Vorposten gegen -dich und bahne den slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner -Stadt! Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und Bildung -schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich von einem ~Družba~ -tyrannisieren, trank man mit den Burschen ein Glas Branntwein ums -andere. -- -- - - * * * * * - -Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande Hochzeit hielten, -saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold auf dem Posilip bei -Neapel. Und er träumte hinüber zu den silbernen Städten Castellamare -und Sorrent und nach Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt -lag vor ihm. Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm, -es geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur Wahrheit -geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen und Träume, denen seine -junge Seele nachging, als er noch einsam im Wendenwald war. - -Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und war auch -das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn es hatte immer -Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen selbst Königspaläste nur -mit matten Bildern ihre Wände schmücken konnten. - -Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim Rauschen des -blauen Südmeeres und beim Duft der roten Mandelblüten das Heimweh -überkam nach den Sandwegen der Wendei, nach den Föhren an der stillen -Spree. Und das geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise -getan, sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte. - -Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach -Hause. -- - -Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei Briefe -gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, nein, die -Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich hatte ihm der Vater sogar -gegen seinen Willen sein mütterliches Erbteil auszahlen lassen. - -Das war der Bruch; damit sollte Juro völlig ausgeschlossen werden von -dem heimischen Hof. - -Eine tiefe Bitternis war über Juro gekommen. Seine frohe, -selbstbewußte Art drohte in finsteren Trotz umzuschlagen. Er war oft -schweigsam und müde wie ein Kranker. Da kam Samos Hochzeit immer näher -heran. Samo lud den Bruder erst auf ausdrücklichen Befehl des Vaters -zu dem Fest; er tat es in der denkbar kältesten Form. Juro schlug -die Einladung aus, und um allen Peinlichkeiten zu entgehen, um sich -andererseits zu zerstreuen und wieder einmal Sonne in die Seele zu -bekommen, begab er sich mit seinem Freunde auf die Reise. - -Oh, wohl war es schön in Florenz und Rom, wohl war es ein Genuß, mit -Heinrich, der seit Jahren Kunstgeschichte studiert hatte, durch die -Museen zu wandern, wohl war es herrlich hier am alten Posilip! Aber die -Bitterkeit wich nicht ganz aus Juros Herzen, und als einmal Musikanten -ein italienisches Volkslied sangen, sagte er: - -»Wir haben ein ähnliches Lied; ich finde es sogar schöner.« - -Und er sang dem Freunde leise das Lied vor -- in wendischer -Sprache. -- -- -- - -Nach zwei Monaten kehrten sie heim. Da fand Juro in seiner Breslauer -Wohnung einen Brief des Vaters vor. Der Vater machte ihm die -Mitteilung, daß die Vertreter der wendischen Gemeinden beschlossen -hätten, ihm die künftige Kralswürde abzusprechen auf Grund seines -feindlichen Verhaltens gegen das Wendentum und vor allen Dingen auf -Grund seines geäußerten Vorsatzes, den Kronenhügel aufzugraben und -das Nichtvorhandensein der alten Krone der Wenden nachzuweisen. Am -Martinitage mittags solle in dem und dem Lokal die Ausschließung Juros -von der Kralswürde erfolgen. Es sei Juro anheimgestellt, bei dieser -großen ~Gromada~ zu erscheinen und daselbst seine Sache zu führen, -wolle er aber klug handeln und seinem Vater einen Schmerz ersparen, so -solle er vorher durch freiwilligen schriftlichen Verzicht das traurige -Schauspiel unnötig machen. - -»So wirf ihnen doch die ganze Geschichte hin«, sagte Heinrich, der -mitanwesend war und den Brief ebenfalls las. »Das ist doch alles -Humbug! Darum wirst du dir doch nicht das Leben verbittern!« - -»Nein!« rief Juro, »nein! Ich gebe nicht nach!« - -»Aber, Mensch, du siehst doch, daß du sowieso keinen Einfluß auf -die Wenden hast. Wozu also dieses trotzige Festhalten an dieser -phantastischen Würde? Bei denen wirst du nichts ausrichten, auch wenn -du der eingebildete zukünftige Kral bleibst.« - -»Ich werde etwas ausrichten, denn ich bin nicht ohne Anhang. Die -Jungen, die einmal ins Land hinausgerochen haben, die sind denn doch -anders als die alten Nesthocker. An die Jungen muß ich mich wenden. Ich -werde jetzt wirklich den Kronenhügel aufgraben!« - -»Das laß nur hübsch bleiben! Das könnte dir schlecht bekommen!« - -»Mir kann nichts mehr schlechter bekommen als dieser Brief meines -Vaters. Vor allem aber weiche ich meinem Bruder Samo nicht, dessen Hand -ich hinter all diesen Machenschaften deutlich sehe. Die Wenden allein -wären viel zu schläfrig, viel zu indolent, um so vorzugehen. Es ist -einer, der hetzt und das alles leitet, und das ist Samo.« - -»Das ist allerdings auch meine Ansicht. Tue also, was du nicht lassen -kannst!« - - - - -Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem wendischen -Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf Männer, darunter Hanzo -und Samo. Jeder hat ein Glas Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt -hat. Es herrscht bedrücktes Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt -zwölf. Da tritt Juro ein. - -»~Pomogaj Bóg wam!~« grüßt er. Er hat sich nach langem Überlegen zu dem -wendischen Gruß entschlossen. - -»~Bóg žekuscho!~« kommt es bedrückt zurück. - -Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, die dieser -langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen Männer zögernd die Hand. -Seinen Bruder Samo übersieht Juro völlig. - -»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte Hanzo mit -etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum Leiter dieser Versammlung -gewählt. Es ist Klage gegen Juro, meinen ältesten Sohn. Die Klage will -ich nicht selbst vorbringen, sondern das wird der Bur Klin tun.« - -Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. Heute aber -stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der für ihn der -gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins Gesicht sagen -mußte. Aber er stammelte doch die Anklage heraus: Juro sei gegen -das Wendentum, er habe in diesen und diesen Fällen Wenden schwer -beleidigt, er habe die wendischen Gebräuche nicht nur selbst gemieden, -sondern auch gesagt, er wolle sie ausrotten, er habe die wendische -Sprache geschmäht, er habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden -zu Deutschen machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel -vergreifen und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische Krone -gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher Mann nicht der -zukünftige Kral sein könne. - -»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte Hanzo. - -»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland -festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener Sohn des Kral hat, -dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu vernichten und die Wenden den -Deutschen auszuliefern.« - -Nun bekam Juro das Wort. - -»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger Bürger oder -Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde bereits Sitz und Stimme?« - -»Nein!« - -»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser -Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.« - -Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. Der Erfolg war, -daß Samo bleiben durfte. - -»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich werde annehmen, -daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz reiner Luft sei!« - -Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies Juro die getane -Beleidigung aufs strengste und forderte ihn auf, sich zu der Klage, die -der Bauer Klin im Namen aller hier vorgebracht habe, zu äußern. - -Da überkam Juro seine Spottlust. - -»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede gegen mich -geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag gewählt werden.« - -Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig. - -»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist uns heiliger -Ernst!« - -»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch einmal auf den -Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden keinen Vertreter dort, warum -seid ihr politisch so rechtlos? Warum habt ihr nicht einmal versucht, -eure Stimme zu erheben? Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit -verträumt und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt -wie alle anderen Kinder des Staates.« - -Unwilliges Murren. - -»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. Und wie ihr -keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt ihr auch keinen wendischen -Arzt ...« - -»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln. - -»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten, -keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges -Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid! -Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes. -Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele -in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude? -Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal -besser!« - -»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer. - -»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch -gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt -hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig sitzen bleiben -auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in -Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder, -zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht -einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein -wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch -daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß -das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten -zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen -zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um -die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht -worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele, -die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker -Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die -tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an -brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren -es eure Väter und Urväter. Ist das so?« - -»Ja, das ist so!« - -»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt -ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich -aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt -in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät, -sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?« - -Ein alter Bauer stand auf. - -»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute -Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.« - -Juro wurde wieder erregt. - -»Das ist die alte -- die alte -- ich will es nicht aussprechen. Niemand -kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll -nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit -oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts -verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat, -hat eine fleißige, genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend, -wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum -auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure, -ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das -Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt. -Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die -gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die -anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich -auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als -den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was -diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denkt an -jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die -Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!« - -»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden -Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache -jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und -gehören zu den Slawen!« - -»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch -vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder -Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der -Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte -von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen -ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen -Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu -dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat -als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland -- was käm' heraus? -Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage -euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national -zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden, -Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen -hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die Ungarn, mit denen -sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes -werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und -da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so -wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in -Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche -Einwohner des großen deutschen Landes sein!« - -Nun stand Samo auf. - -»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein -großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas -Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres -als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein -Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!« - -Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht zwischen Juro und Samo -ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten -saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo -eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus: - -»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht -einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen -und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen, -sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll -euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen -Gesangbücher verbrannt, soll ...« - -Er wurde unterbrochen. - -»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es -durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber. - -»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd. - -»Und -- und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache -schämt, der soll -- der soll gehen ...« - -Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren -Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen. - -»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur wird -weitergehen auch gegen diese ~Gromada~, und die Betrogenen seid allein -ihr!« - -»Und -- unsere alte Krone?« fragte ein Bauer. - -Alle sahen gespannt auf Juro. - -»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine Sage, die sich -jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar hohenzollersche Fürsten -gewußt haben, die aber durch nichts und in nichts anderem begründet ist -als in der Einbildung unseres Volkes.« - -Der alte Hanzo sprang auf. - -»Du -- du -- du ...« - -Die Stimme brach ihm. - -»So stellst du mich -- mich -- als einen Lügner, als einen -Theaterspieler hin -- vor diesen -- diesen Leuten ...« - -»Gott behüte mich -- nein! Wahr spricht, der das spricht, was er -glaubt!« - -»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?« - -»Ich weiß es nicht!« - -Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden umgeworfen, -einzelne Männer liefen gestikulierend in der Stube herum, alle sahen -voll Abscheu auf Juro. - -»Und -- unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt weichst du nicht -aus -- jetzt frage ich dich: Unsere alte Krone?« - -»Existiert nicht!« - -»Der Kronenhügel ...« - -»Ist leer!« - -»Hast du -- hast du nachgegraben ...« - -»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als Steine und -Erde!« - -»Gottloser Mensch du!« - -Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen. - -Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie ein Jüngling und -rief: - -»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.« - -Juro warf trotzig den Kopf zurück. - -»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. Ich werde beweisen, -daß ich recht habe!« - -»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!« - -Sie drangen auf Juro ein. - -Der wehrte sie ab. - -»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, der mich -anrührt!« - -Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach: - -»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben wir noch -Zeugen nötig?« - -»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der Bibel so -fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah vor dem elendesten -Gerichtshof der Welt. Die paßt hierher!« - -Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener Stimme, indem er -auf Juro mit dem Finger zeigte: - -»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den Wenden nichts mehr -zu tun hat und nicht unser künftiger Kral sein kann, der stehe auf!« - -Alle erhoben sich. - -»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!« - -Juro lachte laut auf. - -»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein Recht dazu. -Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? Von euch selbst oder -von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt hat?« - -Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen. -Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn Eindringende -abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür rief er noch: - -»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine gehen müssen. Aber -das sage ich euch: ich bin und bleibe der zukünftige Kral, der euch -beweisen wird, daß es keinen Kral gibt!« - - - - -Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch das dichte -schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, daß man das leise -Murmeln der Spree hören konnte. - -In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer. - -»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.« - -»Du hast doch eine Axt.« - -»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? Ich sage dir, -Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den Kopf. Und ich hab' einen -sehr schwachen Kopf!« - -»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, sagte Kito. - -»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich habe -sieben Kinder.« - -»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte Knecht. - -»Was soll ich machen -- wenn sie's doch verlangten? Sie sind doch alle -meine Kunden, von denen ich leben muß. Und eine Nacht kommt jeder -daran.« - -»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß hier gewacht -werden.« - -»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun wirklich -tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen und ihn mit seinem -Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral hat hier die silberne Krone -selbst vergraben vor der Wendenschlacht.« - -»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit silberner Schaufel -soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk stark sein.« - -Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf. - -»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er gelogen, auch -immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und nun -- und nun ...« - -Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel Kummer auf seine -alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr blaß und schweigsam, Hanka gar -nicht die fröhliche, glückliche Frau, wie er es gedacht und gewünscht -hatte, selbst Samo ein wunderlicher Mann. Er lief so viel in den -Städten und auf den Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der -Schenke, war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag -gefahren. Was wollte er immer in Prag? - -»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der Schneider wieder. -»Horch -- horch -- hörst du's rascheln?« - -»Ich höre nichts.« - -»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach Hause gehen -ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier lassen.« - -»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. Hier -nützest du doch nichts.« - -»Wirst du es auch niemand verraten?« - -»Nein!« - -»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« Und fort war er. - -Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und Grauen. Die Nacht -war so unheimlich still, so unheimlich dunkel. Und alle alten Sagen und -bösen Geschichten wurden lebendig im Herzen des Alten. - -Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war wieder das -Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. Kito lehnte sich an -einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Mühsam hielt er -sich aufrecht. - -Da -- eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier. - -Kito fing laut an zu ächzen. - -»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme Juros. - -»Da ist ein Mann. Kito -- Kito -- bist du es?« - -»Pán Juro!« - -Der Alte wimmerte. - -»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu fürchten. Wir -tun dir nichts. Was machst du hier?« - -»Ich -- ich soll -- soll bei dem Kronenhügel wachen.« - -»Wer hat es dir befohlen?« - -»Die ~Gromada~.« - -»Aah!« - -Juro lachte leise. - -»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, den Kronenhügel -aufzugraben.« - -»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!« - -Der Alte lag vor ihm auf den Knien. - -»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten nützen nichts. -Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, die haben sich -in der Welt umgesehen, und die werden nun Zeugen sein, daß in dem -Kronenhügel nichts ist als Erde, Sand und Stein. Und so werden die -Wenden von einem alten Aberglauben erlöst werden.« - -»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!« - -»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder willst -du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?« - -»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, ich kann ja -nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und schlügen Pán Juro tot.« - -»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer Stunde wirst -du sehen, daß ich recht habe, und dann werden alle Wenden es sehen. Du -bist mir der willkommenste Zeuge.« - -»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!« - -Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. Jeder hatte -Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge. - -»Ans Werk!« - -Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. Dann sagte er: - -»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst tun, und -wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich einmischt, wird -euch der Mut schon kommen.« - -»Tut es nicht, Pán Juro!« - -Kito warf sich auf den kleinen Hügel. - -»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer zogen Kito empor -und führten ihn abseits. - -Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in den heiligen -Kronenhügel. - -Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er zum Himmel -hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern zu. Juro grub und -grub. Da kam erst einer der Männer und half ihm graben, und dann halfen -alle drei. Der Mond brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man -hörte nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern -Kitos. - -Eine gute Weile verging -- -- -- - -Da ... »Da liegt was!« schreit ein Mann und springt aus der Grube. - -»Da -- da ist ein Topf!« - -»Eine Urne!« - -»Um Jesu willen, Pán Juro, den Hügel zu -- den Hügel zu!« - -»Weg mit euch! Es gibt viel Urnen in der Welt!« - -Juro hebt ein altersgraues Gefäß aus der Erde, er setzt es neben die -Grube, löst den Deckel, schaut hinein ... - -»Was -- was -- was ...« - -Er stammelt -- er röchelt -- er stöhnt ... - -»Um Jesu willen, Pán Juro ...« - -Der greift in die Urne, nimmt etwas heraus, richtet sich auf, wendet -sich gegen das Mondenlicht, steht so drei Herzschläge lang und bricht, -wie vom Blitz erschlagen, mit einem markerschütternden Schrei zusammen. - -In der rechten Hand hält er eine alte Krone. -- - -Die vier Männer knien zitternd, stammelnd, ächzend am Boden. Kito nimmt -zitternd die alte Krone auf, küßt sie scheu am Rande und ruft weinend: - -»Du Heilige -- du Heilige -- du Heilige -- um Gottes willen, verzeih -uns!« - -Und bettet die Krone wieder in die Urne, schließt mit zitternden Händen -die Urne und senkt sie in die Erde. - -»Zuschütten! Den Hügel zuschütten! Schnell zuschütten! Sonst richtet -uns Gott!« - -Wie die Rasenden arbeiten die Männer. In ganz kurzer Zeit ist der Hügel -geschlossen. - -Dann läuft einer fluchtartig waldein. Die zwei andern helfen dem alten -Kito, Juro aufzuraffen. - -»Lebt er?« - -»Sein Herz schlägt!« - -»Er ist so weiß wie eine Leiche. Er kann jeden Augenblick sterben.« - -»Helft ihn tragen!« - -Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. -- -- -- - -Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde niedergelegt. Er -schlägt die Augen auf. - -»Was -- was ist? Wo? -- Wer?« - -Plötzlich verzerrt er sein Gesicht. - -»Die alte Krone!« - -Und er sinkt in die Ohnmacht zurück. - -Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und dringt ins Haus. Er -klopft an die Tür des Scholta. - -»Kommt herunter, Herr -- vors Tor -- es ist ein Unglück geschehen ...« - -Mehr bringt er nicht heraus. - -Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt ihn an und -fragt dann mit eisiger Stimme: - -»Hat er nach der Krone gegraben?« - -»Ja.« - -Der Alte lehnt sich an das Tor. - -»Und ...?« - -»Und er hat sie gefunden!« - -Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt. - -»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz seiner -schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine Augen, die -sich zu stummem Dank gen Himmel richten. - -»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt in -Ewigkeit! Amen!« - -Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito: - -»Herr, Euer Sohn ...« - -Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro. - -»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er tot ist oder -noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!« - -»Wohin sollen wir mit ihm?« - -»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, oder -irgendwohin; mir ist es gleich!« - -»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für den weiten Weg.« - -Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er: - -»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am Tor.« - -Da faßte ihn Kito am Arm. - -»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, auf dem -die Gehängten auf den Kirchhof gefahren werden!« - -»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe ich für ihn -nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh auf den Wagen und -schafft ihn fort!« - -Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen auf den -Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das Stroh und ein Pferd. Mit -finsterem, starrem Angesicht sah Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh -gebettet wurde; dann schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von -dannen fuhr. - - - - -Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg so lang. -Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid mit einem, den man lieb -hat! In seinem langen Leben hatte der alte Kito keine Stunde gehabt, -die so bitter gewesen wäre wie diese. Und er zergrübelte seinen alten -Kopf, wie er's nun anstellen sollte. Es war noch finster. Was würden -die Leute auf der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem -solchen Fuhrwerk daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die -Augen eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh meines -Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!« - -Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einen wilden Zorn -mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem Sohn diese Schande antat! - -O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war der, den -er so langsam dahinfuhr, schon gestorben. - -Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, kniete bei Juro -nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen nach Juros Herzen. -Es dauerte lange, ehe er einen schwachen Herzschlag fühlte. - -Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und als er an den -Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, fuhr er -daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, mit einem solchen Auftrage dem -deutschen Herrn vor die Augen zu treten. - -Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für eine Nacht! So -gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So war Hanzo wirklich ein -König! Und seinen ältesten Sohn hatte der Schlag getroffen, als er -sich an der Krone vergriff. Heilig war sie! Mochte Gott allen vergeben -und alle schützen vor der Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein -kalter Morgen. Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er -Juro übergeben könnte. Da -- da sprang auch wirklich jemand über den -Graben ... - -»Heda -- heda!« schrie der alte Kito. - -Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er trug eine Büchse -über der Schulter. - -»Was ist los? -- Was schreien Sie?« - -»O Gott -- gerade der gnädige junge Herr!« - -»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?« - -»Ich soll -- ich will -- Gott schütze mich!« - -»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?« - -»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!« - -»Juro!« - -Die Büchse fiel auf den Weg. - -»Ja -- was -- was ist denn? Ist er verunglückt? Wo bringt Ihr ihn denn -her? Was ist geschehen? Juro! Juro!« - -Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, fühlte -nach seinem Puls. - -»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito. - -»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein -- Gott sei Dank, nur -ohnmächtig ...! Spannen Sie das Pferd aus, damit es nicht anrückt! Dann -helfen Sie mir! So! -- Den Kopf tief betten -- er ist ja leichenblaß -- -und nun die Arme und die Beine reiben -- tüchtig!« - -Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche ein und rieb -ihm die Herzgrube. - -Dabei fragte er Kito: - -»Wo habt Ihr ihn gefunden?« - -Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte: - -»Er hat -- hat -- die alte Krone ausgegraben, und da hat ihn der Schlag -getroffen.« - -»Die alte Krone? Seid Ihr irre?« - -»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.« - -»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?« - -»Ja, in einem alten grauen Topf.« - -»Das ist nicht möglich!« - -»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst wieder in den -Topf getan und sie wieder eingegraben.« - -»Kräftiger reiben! Kräftiger! -- Und er fiel also ohnmächtig um? -- -Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. Er hat nächtelang nicht -geschlafen! -- Ja, Mann, wie kommt Ihr denn zu dem Wagen?« - -Kito gab jammernd Auskunft. - -»Was -- auf einen Mist- -- auf einen Schand- und Schinderwagen -- der -eigene Vater?! -- -- -- Bande! Bande! Bande!« - -Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen. - -»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! Aber es ist nichts -dabei, wird bald vorüber sein! Da trink mal!« - -»Wo bin ich? Was ist?« - -»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!« - -Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu angestrengtem -Nachdenken, und dann sagte er erschauernd: - -»Die Krone! Die Krone!« - -»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! Spannen Sie ein, -Mann! Dann den Weg rechts hinab!« - -»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles -- alles wahr! -Sie ist da!« - -»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.« - -»Ich schäme mich -- ich hab' ein Heiligtum geschändet -- ich bin -schlecht!« - -Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half Heinrich dem -Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die beiden Männer und trat -durch eine Hintertür ins Schloß. - - - - -Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Da ließ sich Heinrich von Withold -beim alten Scholta Hanzo anmelden. Er wartete im Kretscham auf Antwort. -Es dauerte zwei Stunden ehe die Nachricht eintraf, daß der Scholta -Heinrich erwartete. Die beiden Männer begrüßten sich stumm. Der Scholta -wies auf einen Stuhl. - -»Ich danke,« lehnte Heinrich ab; »ich habe nicht viel zu sagen. -Allerdings, was ich zu sagen habe, ist wichtig. Mein Freund und -Schwager Juro hat, gehetzt durch die aufgestachelte öffentliche -Meinung und in der Überzeugung, daß eine alte Krone der Wenden nicht -existiere, nach ihr gegraben und zu seiner schweren Überraschung eine -Krone gefunden. Da ist er dem Schreck, einem plötzlichen Nervenanfall, -erlegen -- er ist ohnmächtig geworden.« - -»Gott hat ihn geschlagen!« sagte Hanzo ernst. - -Heinrich beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr fort: - -»Als ich Juro auf Ihrem Düngerwagen liegend fand, hatte ich zuerst vor, -die ganze Sache der Behörde anzuzeigen.« - -»Das konnten Sie! Von uns aus ist nichts Unrechtes geschehen.« - -»Ich weiß nicht,« entgegnete Heinrich kalt, »wieweit sich die beiden -Würden eines preußischen Schulzen und heimlichen Wendenkönigs -miteinander vertragen, jedenfalls habe ich die Anzeige unterlassen, -weil ich mich zu solchen Dingen nicht eigne. Aber ich habe etwas -anderes getan: ich habe mir die Krone auch einmal angesehen! Hier ist -sie!« - -Er zog unter dem weiten Kragen seines Mantels ein Paket hervor und -legte es auf den Tisch. - -»Was -- was -- was sagen Sie? -- Was ist das?« - -Heinrich löste die Umhüllung, eine alte Krone, ein schmaler silberner -Stirnreif wurde sichtbar. - -»Da! -- Das hat Juro gefunden!« - -Der alte Hanzo streckte entsetzt die Hände aus gegen den Tisch. - -»Das -- das -- die Krone! -- Sie haben es gewagt -- Sie ...« - -»Regen Sie sich nicht auf,« sagte Heinrich ruhig; »die Krone ist -gefälscht!« - -Der alte Wende sank auf einen Stuhl; die Zähne schlugen ihm aufeinander. - -»Ist das -- ist das -- die Krone aus dem Hügel?« - -»Ja, und sie ist nicht die alte Kralskrone, sie ist gefälscht!« - -»Sie haben sie ausgegraben?« - -»Ja -- unter der Zeugenschaft von zwei gebildeten Männern.« - -Da stürzte der alte Hanzo mit geballten Fäusten auf Heinrich los, -schlug auf ihn ein, rang mit ihm und mußte doch von dem Angegriffenen -halb gehalten werden, damit er nicht niederfiel. Schließlich sank er -völlig gebrochen, kraftlos und erschöpft auf seinen Stuhl. - -Da öffnete sich die Tür, und Samo trat ein. - -»Was geht hier vor?« - -»Ich habe dem Scholta die Krone gebracht, die mein Freund Juro neulich -gefunden hat.« - -Samo wurde bleich. - -»Wie kommen Sie zu der Krone?« - -»Ich habe sie ausgegraben mit noch zwei gebildeten Männern; ich habe -sofort erkannt, daß es sich um eine wertlose Imitation handelt, und -habe mir meine Ansicht durch ein Sachverständigenurteil in Berlin -bestätigen lassen. Hier ist eine beglaubigte Abschrift!« - -»Sie sind ein Lump!« schrie Samo heiser. - -»Es ist mir eine Ehre, von Ihnen beschimpft zu werden,« erwiderte -Heinrich mit eisiger Kälte; »denn ich bringe Sie mit dem schmählichen -Betrug, der hier vollführt wurde, in Verbindung.« - -»Herr! Sie werden mir mit der Waffe Genugtuung geben. Diese Schmach -kann nur Ihr Tod sühnen!« - -»Ich schlage mich nicht mit Verbrechern!« sagte Heinrich verächtlich. - -Da fiel Samo über ihn her, Heinrich aber schleuderte ihn beiseite und -verließ rasch das Haus. - - - - -»Vater!« - -Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf der Tischplatte ruhte. -Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem Sohne starr ins Gesicht und sprach: - -»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der Mensch -Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich irrsinnig -geworden durch all die schwere Zeit?« - -»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!« - -»Die Krone!« - -Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen Reif. - -»Er sagt -- er sagt -- sie ist falsch!« - -»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, dem nichts -heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden eindrang und die -Krone stahl.« - -»Ist das -- ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?« - -»Frage Kito -- er hat sie gesehen.« - -Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, wollte er an -der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster in seinen alten -Tagen! Aber er mußte in die Stube, mußte an die Krone herantreten. - -»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich kenne sie genau -wieder.« - -Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück. - -»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem soll stehen, -die Krone ist gefälscht.« - -»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm das Blatt Papier -hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!« - -»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab. - -»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon alles gestanden -hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, daß es kein Vaterland -gibt, daß es kein Eigentum gibt, daß es kein Recht der Slawen gibt, -ja daß es überhaupt keine Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung -ist. Alle solche Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten -deutschen Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da -wird zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und der -tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur eine deutsche -Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von unseren Feinden ein -anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, das unsere Widersacher bei -ihresgleichen bestellt und bezahlt haben, anders ausfallen?« - -»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!« - -Er zerriß das Papier in viele kleine Teile. - -»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. Laßt -mich allein!« - -Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen Andacht -im Herzen. - - * * * * * - -Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel noch einmal -aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, Samos und dreier Zeugen aus -dem Dorfe. Die Männer überzeugten sich, daß der Hügel nunmehr leer -sei, und Hanzo gab den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde. - -»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« sagte er -ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt worden, nun soll -er nicht mehr sein!« - -Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte ihnen die Krone -und sagte: - -»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom Himmel gefallen, ein -gottgesandter Mann hat sie geformt. Der Urkral hat sie getragen. Aus -ihrem tausendjährigen Hause ist sie vertrieben worden. Sie soll zurück -in die mütterliche Erde. Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen -Schaufel gekommen und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es -getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen Ort. Den -soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und ich, als immer der Kral -und sein ältester Sohn. Was ihr gehört und gesehen habt, dürft ihr den -Wenden erzählen, aber keinem Deutschen.« - -Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung von -dannen. -- -- -- - -Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er: - -»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden wir eine -Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie wird dann über -Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.« - -Samo wandte sich ab. - -Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Sein Atem ging -rasch. Endlich wandte er sich um. - -»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die Stätte der Toten. -Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere Hoffnung knüpft sich daran, -die Hoffnung, daß wir Slawen noch einmal loskommen von diesem elenden -Lande der Deutschen. Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater. -Ganz lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem -Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!« - -Der Vater blieb bei seinem Vorsatz. - -»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur tot für eine -Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. Und auch unsere -Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst sie mit mir dort begraben, -wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort sicher; denn sie hat dort Wächter, -an die sich nicht leicht jemand wagt.« - -»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo. - - - - -Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt um. Ihre -Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen brannten große rote Flecken. -Da stellte sie plötzlich das Paket hin, das sie getragen, und begann -heftig zu zittern. - -»Da -- da -- ist er -- Samo!« - -Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund. - -»Samo! Samo!« - -»Pst -- still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern überall -Polizeihunde. Komm weiter!« - -Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen geschlossenen Wagen. -Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und weinte leidenschaftlich. - -»O Samo -- Samo! Endlich seh' ich dich wieder!« - -Er sagte etwas, was sie nicht verstand. - -»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen bin?« - -»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir wird es nicht -lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, wie ich lebe!« - -Er sprach mit abgewandtem Gesicht. - -»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du uns so lange -nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir ausgestanden um dich!« - -»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!« - -»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst nie schlecht!« - -Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur Hanka weinte -leise vor sich hin. - -»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine Stimme war düster. - -»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.« - -Samo schüttelte den Kopf. - -»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. Und ich hab' -aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.« - -»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka erschauernd. - -»Ja, ich spreche +nur+ davon! Ich hab' in den ganzen zwei Jahren -eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als immer das eine. -Ich glaubte, er sei längst vermodert.« - -»Samo, sprich nicht so Schreckliches!« - -»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre es anders -gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in diesen heißen, -unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' gut gewesen.« - -»Samo!« - -»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen Hund. Er -schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs neue, als ich ihn -persönlich stellte. Da bekam er das Messer in die Brust. Ich konnte -nicht anders. Meine Hand tat es von selbst.« - -»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat sich auch -frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die meiste Schuld -gehabt!« - -»Sie haben einen Steckbrief hinter mir erlassen?« - -»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt -- um Juros willen -- wegen -des Namens --, aber der Staatsanwalt ist gekommen, und es hat sich -nichts ändern lassen. -- Juro hat damals seine Verlobung aufgelöst --« - -»So?« - -Samo schwieg eine Weile. - -»Weil sein Name geschändet war -- weil ich den Bruder seiner Braut -- -nun ja, ich kann mir's denken!« - -»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen nach -Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt sind sie schon -verheiratet.« - -»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat nichts davon -gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt denn das junge Paar? Beim -Vater zu Haus auf der Scholtisei?« - -»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der Vater -verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen hat, wie er -dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt hast.« - -Samo sah zum Wagenfenster hinaus. - -»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig. - -»Was -- was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken. - -»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? Kannst du nur ein -wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze Jahre mit einem Ermordeten -zu ringen, was das heißt, verbannt, geächtet, verfolgt zu sein, ein -Mordbube zu sein, dem jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig -erscheint, was das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle -Hoffnung zusammenbricht?« - -»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka. - -»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch geschrieben, -hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken Prags unter falschem -Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, bis ich es nicht mehr aushielt, -bis ich euch doch eine Nachricht gab.« - -»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!« - -»+Besser+ -- vielleicht! Es kann aber nicht mehr +gut+ werden. Der -Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die Heimat ist -verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.« - -Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm um seinen Hals. - -»Samo, ich hab' dich lieb!« - -Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin. - -»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du mich nicht -lieb, da liebtest du den Juro.« - -Sie wurde rot. - -»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel schlimmeres -Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht aushalten.« - -»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!« - -Er schob sie sacht beiseite. - - * * * * * - -Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt Prags bewohnte, -die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. Ein Bett stand in dem -sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, ein Tisch und ein paar Stühle. -An der Wand waren einige Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein -halbzerbrochenes Waschbecken. - -»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz des zukünftigen -Krals der Wenden.« - -Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch Leib und -Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf Ordnung, Reinlichkeit -und behaglichen Wohlstand gerichtet war, erschrak vor dieser -liederlichen Höhle. - -»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?« - -»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war noch schlimmer; -zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.« - -Da brach sie in Tränen aus. - -»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von deinem Vater --- sechstausend Taler!« - -Samos Augen blitzten auf. - -»Geld? -- Sechstausend Taler? -- Ah, mein Mutterteil! Das ist nicht -schlecht!« - -Er lächelte vergnügt. - -»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das niemandem, -Hanka, das darf niemand wissen! Das würde gleich Verdacht erregen. Ich -bin hier der verbummelte und verarmte Journalist Wenzel Halek. Das -darfst du nie vergessen. Ich heiße Wenzel Halek.« - -Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl. - -»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen muß man sich -schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe einem verbummelten Kerl -seine Papiere abgekauft. Um fünfzig Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er -noch vertrunken, und am anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital -gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.« - -»O Gott, o barmherziger Gott!« - -»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was für eine Welt du -kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht ertragen. Ich -- ich -habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe schon hierher!« - -»Samo!« - -»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot -- der neue Wenzel -Halek ist ein Lump -- er sauft ebenso wie der alte Wenzel Halek.« - -»Samo, Samo, was -- was redest du --« - -»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. Es gab -Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal betrunken war. -Das wird so, wenn man mit -- mit Schatten kämpft und wenn man alles, -was einem lieb war, verloren hat.« - -Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank mit dem Kopf -auf den Tisch. - -Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. Eine dicke, -alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher Neugier Hanka. - -»Also -- das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? Ein -schmuckes Frauchen! -- Nu, Herzchen, wie gefällt es Ihnen hier? Ja, -mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber es ist gemütlich!« - -»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo. - -»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden schuldig.« - -»Kriegst du morgen! Und nun hinaus, ~murguta Myrlawa!~«[56] - -Er schob die Alte zur Tür hinaus. - -»Wer -- wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen. - -»Meine Wirtin.« - -»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht gesagt, daß -ich deine Frau bin?« - -»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. Hier läuft -alles durcheinander.« - -Sie nahm ihn ängstlich an der Hand. - -»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube nehmen und ein -ordentliches Leben führen?« - -Er machte sich achselzuckend los von ihr. - -»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.« - -»Du kannst doch sagen, ich -- ich habe dir das Erbteil mitgebracht --« - -»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird machen -lassen.« - - - - -Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. In eine -»ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, hoch in den oberen -Stock eines sauberen Hauses. Aber ein »ordentliches Leben« führten sie -nicht. - -Samo war liederlich geworden. - -Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib saß und -mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, hinauf zu den -Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, daß ihre Sehnsucht immer mit -auf die Reise ging, hinstrebte nach der wendischen Heimat, die für ihn -und sie auf immer verloren war. - -Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang hatte er manchmal -Bücher aus einer Bibliothek besorgt und etwas studiert. Aber was -nutzte ihm das Studieren? Er interessierte sich in der Hauptsache für -medizinische Schriften, und was in aller Welt sollte ihm noch die -medizinische Wissenschaft nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert, -Wenzel Halek hatte nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt; -geistig war er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei -Qualifikationen erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im -Delirium geendet war, mußte Samo nun fortsetzen. - -»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek -saufen«, sagte er oft zynisch und brutal. - -Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen; -er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht -viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal -hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos -Wunsch verhindern müssen. - -So war Hanka in schwerster Verlassenheit. - -Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten, -schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich -mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er -- seit -er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war -- einen Haß auf -alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich -in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr -und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft. - -Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese -Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene -Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große -Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten -und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene -Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser -Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das -damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute -verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch -geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! -- - -Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige Wirtin, der -fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten -Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei -einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn -weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein -Frauenzimmer mitgenommen. - -Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich -in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin, -um etwas von dieser Kunst zu profitieren. - -Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen, -abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von -vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im -Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren -tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch -noch in den Gesichtern jener Männer. - -Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine: - -»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft -genug zur Kirche gerufen.« - -»Du bist Katholik?« - -»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male das Hochamt -gesungen.« - -»Ach, du warst Priester?« - -Der andere zuckte die Schultern. - -»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer. - -»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein -ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich noch -Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. Jetzt ist's -anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich einmal aus deiner -Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer -- na also, die Kirche hat -immer noch einen guten Magen.« - -Er lachte unflätig. - -»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in der -Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt haben soll? -Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!« - -»Ein Cikán! Ein Cikán!« - -Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er hatte ein -schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug oder aus -der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige Kreuzer für ihre Kunst; -aber alles lauschte gespannt und gläubig ihren Worten. Sie mischte -ihre Vorhersagungen aus buntem Glück und schwarzem Unheil, prophezeite -goldene Reichtümer oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und -Zähneknirschen. Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin. -Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie: - -»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen ist. Und du -wirst dort liegen bleiben!« - -»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! Er ist ein -Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle hier, Zigeunerweib?! -Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns trinken!« - -Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die alte Wičaz zu -Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt seine Hand hin. Die -Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, dann seine Hand und sagte: - -»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von einem Fremden, -der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist ein anderer schuld, daß -du hier bist. Du wirst dich an ihm rächen.« - -Samo nickte düster. - -»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte Wičaz. Was -faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl nicht der eine im -Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der Moldau.« - -Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin. - -Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange und flüsterte -ihm dann ins Ohr: - -»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber wenn du einen -Feind hast, räche dich!« - -In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem fernen ungarischen -Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandert und hatte Weib und Kind -daheim gelassen. Mit Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch -Drahtbinden seine Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst -erspart, nur von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da -er sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der in seine -arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen kaufen wollte. - -Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf bloßer Erde; -die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er trug sein -fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als die Zigeunerin -herumging, stand einer der Gäste auf, trat an den Slowaken heran und -rüttelte ihn. - -»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.« - -Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und schlief weiter. - -Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit Kämmen, Knöpfen, -Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem Kleinkram. Er machte geringe -Geschäfte. Während er noch schacherte, erwachte der Slowak und fing -plötzlich laut an zu schreien. - -Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast zwei Jahre -fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. Der arme Mann schrie, -jammerte, warf sich auf die Erde, schlug verzweiflungsvoll mit Armen -und Beinen. - -»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer. - -Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden. - -»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, der vorhin den -Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem Geld!« - -Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. Samo aber -rief in das Lokal hinein: - -»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. Hier darf keinem -was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.« - -Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde der Beutel, den er -in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam zu seinem Gelde. - -Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand. - -»O danke, Pán, o danke, Pán!« -- -- -- - -Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der Szene zu. Als -Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren Freund Bohuslaw, den -Neffen des alten Krok. - -Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch seine Hand hielt, -los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw auf die Straße. - -»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw draußen. - -»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch. - -»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit haben wir -nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, du seist gar nicht mehr -in Prag.« - -»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige Leute!« - -Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße entlang. Da -setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer. - -»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er. - -Bohuslaw setzte sich neben ihn. - -»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal --« - -»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke gehöre ich! Da -brauche ich mich wenigstens vor den andern nicht zu schämen.« - -»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« sagte Bohuslaw -traurig. - -»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! Ich brauche -mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, Pán Bohuslaw, das steht -doch anders! Aber es wird noch mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir -eine Zigeunerin geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn -- ich -weiß es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist schuld -an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! Und dieser Fremde -ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.« - -»Samo!« - -»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; ich wollte -meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen durchkämpfen; da ist -dieser verrückte Altertumskrämer in mein Leben getreten und hat mich -auch verrückt gemacht! Mit seinem Kerzengeflimmer und Altarklimbim -hat er mich so sentimental, so duselig, so toll gemacht, daß ich -schließlich auf seine hirnverbrannten Ideen eingegangen bin.« - -»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok sagen?« - -Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort: - -»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben stand, -als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst ihre Sache fast -verloren. Und den Hauptschlag gegen das Slawentum an der Sprewja -fürchtetest du von deinem Bruder Juro, der gedroht hatte, den -Kronenhügel aufzugraben und so den einfachen Leuten da oben den Beweis -zu erbringen, daß es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der -alte Krok gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß -das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die slawische -Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz deutsch!« - -»Was wärmst du den alten Kohl auf?« - -»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.« - -»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug verleitete.« - -»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in Wahrheit da, -die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. Die Kralswürde -ist echt. Und der Glaube daran darf nicht an der äußerlichen Tatsache -scheitern, daß die substanzielle Krone fehlt oder wenigstens dort -fehlt, wo man sie vermutete.« - -»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und sie im -Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat fürwahr! Oder -vielleicht auch eine romantische Schufterei.« - -»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt hast. Er hat -dir doch geraten, nachdem die Krone eingegraben war, dafür zu sorgen, -daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben und nach einem würdigeren -Platz bringen solltest, etwa nach eurer Heimatkirche. Dann war der -Glaube befestigt, dann konnte auch nichts passieren, dann konnte ja -nichts entdeckt werden.« - -Samo sprang von der Mauer herab. - -»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. So einen Quark, -so einen betrügerischen Schmarren, den hier in Prag ein Pfuscher -gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche bringen, das vermochte -ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. Grub Juro den Hügel nicht -auf -- nun gut -- dann war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann -war ihm die Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute -war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, war ein -elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler deutscher Student -erkannte.« - -»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone Przemisls -gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und Nacht überwacht.« - -»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er nicht seine -echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den slawischen Gedanken -an der Sprewja zu befestigen? Weil er ein selbstsüchtiger Geizhals ist! -So wurde ein Stümperwerk geschaffen, das mich ins Verderben brachte.« - -»Krok hat gewollt -- ich sage es noch einmal --, du selbst solltest den -Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone auszugraben und nach -einem sicheren Ort zu bringen, da sie durch Juro bedroht sei. Hättest -du das getan, wär alles gut.« - -»Und -- ich sag' es auch noch einmal -- ich konnte es nicht! Ich -brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und in unsere -Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch -- doch der Vater -gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof zu begraben über dem -Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, das ist es, was mich wie ein -Fluch verfolgt, das war es, was mir schon am nächsten Tag den Sinn so -verwirrte, daß ich den Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt -hatte. Das ist es, was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den -Nächten nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der falschen -Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein sehr schlechter -Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, werde ich darüber -verrückt!« - -Bohuslaw seufzte schwer auf. - -»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen bin ich hier, bin -ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde das tun, wozu mir die -Zigeunerin riet, ich werde mich an dem alten Krok rächen, der mich -vom geraden Pfade ehrlichen Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem -romantischem Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich -gehe nach dem Wirtshaus zurück.« - -»Samo!« - -Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme. - - - - -Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war schon am frühen -Morgen fortgegangen. Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen. -Erst spät war er nach Hause gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er -hatte wieder soviel laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war, -wenn er schrie: - -»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom Kopf! Mutter, sie -drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, daß du die Krone auf dem -Kopf hast!« - -Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und streckte die -Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte er, bis er erwachte -und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er nur mit der Krone hatte! Er -sprach niemals ein gutes Wort von ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn -die Krone nur erwähnt wurde. - -Und doch, war er nicht ein Märtyrer der alten Krone? Hatte er sie nicht -verteidigt gegen Frevlerhände, mußte er nicht Schmach und Verachtung -für sie erdulden, war es nicht die Krone, um derentwillen er Heimat und -Ehre verlor? - -Um dieses Martyriums willen liebte Hanka ihren Mann, hatte sie für -seine Verirrungen nichts als liebendes Bedauern. - -Nun saß sie wieder einmal allein. Sie nähte an kleiner Wäsche für das -Kind, das sie erwartete. Sie freute sich auf dieses Kind. Vielleicht -würde Samo erlauben, daß ihre Eltern zur Taufe kämen. Das würde doch -ein Lichtblick sein in ihr so dunkles, einsames Leben; vielleicht würde -Samo gar ordentlicher werden, mehr zu Haus bleiben, wenn erst das -Kindchen da war. Dann würde Hanka zufrieden sein. - -Da klopfte es an die Tür, und es stürzte ein alter Mann in höchster -Aufregung ins Zimmer. - -»Sind Sie -- sind Sie Frau Halek?« - -»Ja, -- was wollen Sie?« - -»Sind Sie die Frau Samos?« - -»Mein Mann heißt Wenzel Halek.« - -»Ja, gut, gut; aber ich weiß, wer er ist, woher er stammt. Wo ist Ihr -Mann?« - -»Das weiß ich nicht! Wer sind Sie? Was wollen Sie?« - -»Wo ist Ihr Mann?« schrie der Alte. - -»Ich weiß es nicht!« - -»Sie wissen es bestimmt! Sie wissen auch, wo die Krone ist! Wo ist -meine Krone? Meine kostbare Krone?« - -Der Alte brüllte es. Hanka sah ihn erschrocken und verängstigt an. Sie -glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Verzweiflungsvoll fuhr -sich der Mann mit beiden Händen über den kahlen Kopf. - -»Wenn Sie es nicht sagen, dann hole ich die Polizei! Dann lasse ich -alle einsperren -- alle!« - -»Was wollen Sie eigentlich von meinem Mann?« - -»Die Krone hat er mir gestohlen. Aus dem Altar heraus hat er sie mir -gestohlen. Hat sich eingeschlichen, weil er meine Wirtschafterin kennt!« - -»Was für eine Krone? Was redet Ihr immer von einer Krone?« - -»Die Krone Przemisls. Die echte Krone! Das Heiligtum! Die Krone, nach -der Ihre wendische Krone gemacht worden ist.« - -Noch immer sah ihn Hanka fassungslos an. - -»Die wendische Krone gemacht worden ist --?« wiederholte sie -verständnislos. - -»Nun ja, ich hab' doch meine echte böhmische Krone hergeliehen, daß -sich Samo eine Krone machen lassen konnte --« - -»Eine Krone machen lassen konnte -- --? Wozu braucht Samo jetzt eine -Krone?« - -»Jetzt?! Frau, verstellen Sie sich nicht! Wer redet von ›Jetzt?‹ Damals --- als er die Krone für den wendischen Königshügel brauchte, -- als er -sich die Krone machen ließ --« - -»Für -- für unseren -- unseren Hügel?!« - -Hanka fragte es mit entsetzt starrenden Augen. Ein grausiges Licht ging -ihr auf. - -»Nun, natürlich für Ihren Hügel -- Sie verstellen sich doch bloß -- Sie -müssen doch das wissen als seine Frau. Und das ist der Dank, daß er -mir --« - -Er hielt inne. Die Frau vor ihm war ohnmächtig zusammengesunken. - -»Was ist das? Was ist mit ihr? -- Aah -- Sie erschrak vor der Polizei! -O hätt' ich doch -- hätt' ich doch -- meine Krone --« - -Er begann die ganze Stube zu durchsuchen, öffnete den Schrank, riß die -Schübe auf, wühlte alles durcheinander. Darüber kam Samo nach Haus. - -»Was geht hier vor? -- Was macht der alte Halunke? -- Stiehlt er? -- -Ahnt' ich es doch!« - -Er schloß die Tür hinter sich ab. - -»Meine Krone will ich -- meine Krone will ich -- wo hast du sie -- du --- du ...« brüllte der Alte. Samo schob ihn beiseite. - -»Hanka -- was ist mit Hanka? Hat sie der Lump erschlagen?« - -»Sie ist von selbst umgefallen. Ich habe ihr nichts getan.« - -»Hast du es ihr gesagt, daß wir unsere Krone nach deiner ...« - -Der Alte nickte. »Ich glaubte, sie wüßte es! Und es ist alles egal -- -alles egal -- meine Krone will ich.« - -»Oh, du -- du -- du Lump -- auch das noch -- auch das noch!« - -Samo schüttelte den alten Mann, daß ihm der Atem ausging. Dann raffte -er Hanka auf und legte sie aufs Bett. Dabei erwachte sie. Sie schaute -entsetzt auf Samo: - -»Ist es wahr, was jener Mann dort ...« - -»Ja,« stieß Samo heiser heraus, »es ist wahr! Nun sollst du's schon -wissen!« - -Da schloß Hanka die Augen und rührte sich nicht mehr. - -»Meine Krone will ich, meine heilige Krone will ich!« heulte wieder der -Alte. - -Samo stieß ihn auf einen Stuhl. - -»Deine heilige Krone habe ich verkauft!« - -Der Alte schrie auf. - -»Ich habe sie an einen Matrosen verkauft, der hier zu Besuch war und -jetzt über alle Berge ist.« - -»Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein,« heulte Krok; »das -gibt Gott nicht zu!« - -»Laß Gott aus dem Spiel, alter Lump! Deine Krone wird in irgendeinem -Hafenort verschachert oder eingeschmolzen werden. Fünf Gulden habe ich -dafür bekommen. Da hast du das Geld!« - -Er warf es dem Alten vor die Füße. Der schnappte nach Luft, brachte -aber kein Wort mehr heraus. - -»Siehst du, alter Krok, das ist meine Rache! Eine viel zu winzige -Rache. Ich habe dir einen alten Silberscherben genommen, der tot und -leblos war; du hast mir die lebendige Krone meines Volkes vom Haupte -gerissen, du hast aus dem künftigen Wendenkral einen versoffenen -Vagabunden gemacht. Wenn ich sage, wir sind quitt, bin ich großmütig. -Ich zerstörte dir eine Marotte, du zerstörtest mir das Leben.« - -Nun schlug der alte Krok einen andern Ton an: - -Mit gefalteten Händen stand er vor Samo: - -»Erbarme dich, Samo, erbarme dich! Sei großmütig, wirklich großmütig! -Gib mir die Krone wieder!« - -»Gib du mir meine Krone wieder, wenn du kannst!« - -»Sieh es ein, Samo, ich habe es gut mit dir gemeint. Denke an die -schöne, feierliche Nacht, da du zuerst bei mir warst.« - -»Ich verfluche diese Nacht; sie war der Anfang zu meinem Verderben.« - -»Es mußte doch so sein, wenn das Slawentum bei euch gerettet werden -sollte -- sieh es doch ein!« - -»Nein, es mußte nicht so sein!« - -»Ich habe es dir anders geraten ...« - -»Ich weiß, was du mir geraten hast. Selbst sollte ich die Krone -ausgraben oder von dieser Frau dort, die damals noch ein Mädchen war, -mit einer versilberten Schaufel ausgraben lassen und die Krone nach -meiner Heimatkirche übertragen. -- Ich konnte es nicht; ich brachte -diese elende Komödie nicht fertig ...« - -»Völker sind oft durch Komödien geleitet worden, Samo, tausendmal sind -Völker durch ein Spiel, das ihre Phantasie ergötzte, zum Glück und -zur Größe geführt worden. Wer das nicht wagt, was kleine Leute Betrug -nennen, kann nicht der Führer eines Volkes sein; denn die Völker wollen -und müssen von Zeit zu Zeit betrogen werden. Es gibt keinen Staat der -Welt, wo so etwas nicht bewußt geschehen wäre.« - -»Das ist deine Sophistik!« - -»Du hast ihr zugestimmt. Und dann ist das Ganze an deiner Schwäche -gescheitert.« - -»An meiner Ehrlichkeit!« - -»Nenne es, wie du willst! Aber wenn du ehrlich bist, gib mir die Krone -wieder, die du aus meiner Kapelle geholt hast. Ich bitte dich um Himmel -und Erde willen, gib mir die Krone!« - -Hanka sprang vom Bett auf. Finster schaute sie auf Samo. - -»Gib ihm die Krone zurück! Sei wenigstens kein Dieb!« sagte sie hart. - -»O gute Frau! O brave Frau Hanka!« - -Samo lachte laut und lange. Er wandte sich an Hanka: - -»Nun hast du mich also ganz erkannt, Hanka! Ein Prachtkerl, nicht wahr? -Und das, was ich bin, bin ich durch diesen Mann. Schau ihn an, den -kahlen Affen! Er hat kein anderes Ideal als alten Kram, in dem er sich -wohlfühlt. Ich wußte, daß ich ihn nicht ärger treffen konnte, als daß -ich ihm seine alte Krone nahm; deshalb nahm ich sie ihm, und deshalb -bleibt sie ihm genommen.« - -»Samo, erbarme dich ...« - -Der Alte fiel vor ihm auf die Knie. - -Da nahm Samo seinen Hut und stürmte davon. Der Alte lief ihm wimmernd -und händeringend nach. - - - - -Der trübe Tag verging, eine sternenlose Nacht folgte ihm. Und als auch -sie vorüber war und das fahle Morgenlicht durch die Straßen schlich -wie ein zu früh gewecktes, müdes Kind, das auf Arbeit ausgehen muß, da -verließ Samo das Wirtshaus, in dem er so lange gewesen war, und irrte -erst ziellos durch die Gassen und kam schließlich, von innerem Drang -geleitet, an das Haus des alten Krok. - -Was er dort wollte, wußte er nicht; er wollte sich wohl mit dem alten -Manne weiter streiten. Es tat ihm wohl, mit ihm Händel zu haben. So -klopfte er an die Tür. - -Nur wenige Minuten, und die alte Haushälterin kam und erschrak so vor -Samo, daß sie sich auf die Treppe setzen mußte. Samo schloß die Tür -von innen und ließ die Alte sitzen, nachdem er ihr unter einer rauhen -Drohung verboten hatte, Lärm zu schlagen. Das Weiblein duckte sich -zitternd und heulend zusammen. - -Oben im Eckzimmer war Licht, auch der Nebenraum war erleuchtet. Aber -Krok war nicht zu sehen. Da ging Samo nach der Kapelle. - -Sie war hell erleuchtet. Ungezählte Kerzen flammten. - -Der beraubte Tabernakel des Altars stand offen. - -Und auf den Stufen des Altars lag lang dahingestreckt der alte Krok und -war tot. - -Regungslos stand Samo, starrte mit stumpfem Sinnen in das -Kerzengeflimmer und dann wieder auf den toten Greis. Lange stand er -so. Dann aber war es, als würden die Heiligen und Helden an den Wänden -lebendig. - -Wenzeslaus schwenkte seine Fahne, der große König Karl stieg aus dem -Bilde, Wallenstein zückte den Degen, Przemisl, der König, dessen Krone -geraubt worden war, sprang auf von seinem Pflug. - -Da lief Samo davon, die Treppe hinab, hinaus auf die Straße. - -Die kühle Morgenluft ernüchterte ihn. Er ging zwei oder drei Straßen -weiter, dann setzte er sich müde auf die Stufen, die zu einer -Kirchenpforte emporführten. - -Krok war tot. Weil er die Krone verloren hatte! Weil das alte Heiligtum -nun ein wüster Matrose irgendwo versetzte und das Geld, das er dafür -bekam, verliederte. - -Ei, alter Krok, dir ist es schlecht ergangen! - -Aber ich habe auch keine Krone. Ich bin auch tot. - -Tröste dich! Siehe, der dort auf der Straße dahertorkelt, der war -früher ein Priester. Siehst du, wie er stehen bleibt? Siehst du, wie -er ein paar Sekunden lang her auf die Kirche sieht? Da hat er früher -Hochamt gehalten, und an seinem Altar brannten viele Lichter. - -Er hat auch eine Krone verloren. - -Viel, viel Menschen verlieren eine kostbare, alte Krone, sinken von -einem Thron in den Pfuhl. - -Tröste dich also, alter, toter Krok! Ich will jetzt nicht mehr bös auf -dich sein. Davon hast du schon etwas; denn ich bin doch ein Königssohn. -Weißt du noch, wie du mich vergöttert hast? Wie du mir die Hand -küßtest? Es ist dumm genug, daß alles so kommen mußte! - -Als es heller wurde, ging Samo nach Hause. - -Nun kam noch ein ernstes Wort mit dem Weibe. Am Ende war der auch -Unrecht geschehen. Aber Unrecht muß geschehen, Hanka, muß! Hast halt -auch Unglück gehabt. Glaubtest, einen künftigen König zu heiraten, und -bekamst einen Lumpen ... - -Die Stube war leer. -- -- -- - -Auf dem Tische lag ein Zettel. In Hankas wenig geübten Schriftzeichen -stand darauf zu lesen: - -»Ich habe bei dir ausgehalten, weil ich glaubte, du seiest im Recht. -Jetzt gehe ich fort. Ich will unser Kind ordentlich erziehen oder es -doch zu guten Leuten bringen. Deiner mag sich Gott erbarmen. Hanka.« - -Samo las den Zettel zweimal, dann nickte er mit dem Kopf. - -»Es stimmt!« - -Ein paar Minuten starrte er stumpf vor sich hin. Dann öffnete er die -Kommode und durchsuchte sie. Dabei brummte er: - -»Es war doch -- es war doch -- ein Strick im Schube! -- -- Wo ist er -nur -- ist er nur? Immer, wenn man was braucht, findet man's nicht. Wo -ist nur der Strick?« - -Beim Suchen fiel ihm eine Geldbörse in die Hand. - -»Das Geld hat sie dagelassen -- hat sie dagelassen -- o ja, anständig -war sie ...« - -Er trat ans Fenster und stand dort regungslos wohl eine Viertelstunde. -Der junge Morgen leuchtete ihm ins Gesicht. - -Da steckte er die Börse und einige Papiere zu sich, verließ das Zimmer, -schloß es ab und trat wieder auf die Straße. - - - - -Es war an einem regnerischen Märzabend des Jahres 1866. Eine Frau -erschien an der Tür Juros, der in einer ansehnlichen deutschen Stadt -als Arzt lebte. Die Frau begehrte den Herrn Doktor zu sprechen. - -Das Dienstmädchen öffnete eine Tür. - -»Sie wünschen?« fragte der Doktor. - -Die Frau rührte sich nicht. Sie blieb an der Tür stehen. Da kam ihr -Juro näher. - -»Womit kann ich Ihnen -- -- Hanka! Hanka! Hanka! -- Bist du es -wirklich? -- Komm -- nimm meinen Arm! Setze dich! Aber, Hanka, reg dich -doch nicht so auf! Sei doch ruhig! Wir wollen ja ganz ruhig sprechen. -Rege dich nicht auf! Wir kommen schon zum Ziel. Sei doch ruhig -- -fürchte dich nicht!« - -»Ich komm -- ich komm um Verzeihung bitten -- ich ...« - -»Was? Laß das, Hanka! Werde erst ruhig! Laß mich lieber fragen. Du -warst bei Samo, bei deinem Manne, nicht wahr?« - -»Ja -- er -- er hat -- hat alle betrogen -- er hat -- hat die Krone -eingegraben -- und sie war -- war gefälscht!« - -Sie weinte leidenschaftlich. Juro faßte sie an beiden Händen. - -»Liebes Kind, das weiß ich schon, das ist mir ja nichts Neues -- reg' -dich doch darum nicht so auf! Das ist eine alte Geschichte für mich, -die nun endlich vergessen sein soll.« - -»Ich bin -- bin bei ihm geblieben, bis ich das wußte. Aber jetzt -- -jetzt konnte ich nicht mehr.« - -»Du bist fort von ihm?« sagte Juro düster. »Du hältst es bei ihm nicht -aus?« Weiteres mochte er nicht fragen. - -Hanka aber sagte unter einem Strom von Tränen: - -»Er ist -- ist ganz liederlich geworden -- er erträgt es nicht, daß er -so ausgestoßen ist -- und ich -- ich erwarte ein Kind -- und das Kind -kann da nicht aufwachsen, nicht bei diesen schrecklichen Menschen in -Prag -- nicht, wo ich jetzt alles weiß ...« - -Juro sah sie mitleidig an. Er streichelte ihr den Kopf, und sie -schwieg eine lange Weile, ehe sie sich fassen konnte. »Und nun bin ich -gekommen,« fuhr sie dann fort, »um Verzeihung zu bitten -- dich und -deine Frau und deinen Schwager Heinrich und unsern alten -- alten Vater -Hanzo.« - -Da stand Juro auf. - -»Nein,« rief er, »nein, Hanka, der Vater darf davon nichts wissen, der -darf nie, nie erfahren, daß die Krone gefälscht war.« - -»Er muß es doch erfahren!« - -»Nein, Hanka! Sieh, ich bin nicht mehr der alte. Wohl erkenne ich jetzt -noch meine Prinzipien als richtig, wohl glaube ich jetzt noch, daß für -unser Wendenvölklein allein im innigsten Anschluß an die Deutschen das -Heil liegt, aber ich weiß auch, daß ich nicht unschuldig bin an allem, -was geschehen ist. Ach, Hanka, uns arme Menschen quält alle eine -Schuld. Keiner von uns ist weiß wie Schnee, keiner von uns ist schwarz -wie die Nacht.« - -Er sah ein Weilchen vor sich hin, dann fuhr er fort: »Mein -Jugendungestüm, oder sage ich ruhig, mein geistiger Hochmut, hat mich -verleitet, rücksichtslos mein Ziel zu verfolgen, hat alles kluge -Abwarten vereitelt. Daß ich den Hügel aufgrub, war nicht recht! Die -Schicksale der Völker gehen ihren Weg wie die großen Ströme; es ist -töricht, unsere paar Hände voll Sand gegen sie zu werfen. Und es ist -sündhaft, altes, gläubiges Vertrauen ohne Not niederzureißen. Selbst -Gottes Sonne schmilzt ja altes Eis nicht an einem Tag.« - -Wieder machte er eine Pause, ehe er weitersprach: - -»Dem Vater muß sein Vertrauen zu der alten Krone erhalten bleiben. Was -nützt es, seinem sinkenden Tag das Abendgold zu nehmen? Und so wie er -ist sein wendisches Volk. Dessen langer mühsamer Tag geht zur Neige. -Es stehen noch ein paar rote Träumerwolken an seinem Himmel; ich habe -erkannt, daß es unrecht ist, den Wenden dieses letzte Glück zu nehmen.« - -Hanka hörte auf zu weinen, als er so redete. Nach einiger Zeit -beruhigte sie sich so weit, daß sie einen Bericht über die zwei letzten -Jahre ihres Lebens geben konnte. Sie stockte oft und brachte die Worte -nur mühsam heraus, und als sie der letzten Tage gedachte, mußte sie -alle Kraft zusammennehmen. Als sie geendet hatte, sagte Juro: - -»Hanka, auch du darfst das Vertrauen nicht verlieren. Du darfst nicht -so in bitterem Groll an deinen Mann denken. Schon um deines und seines -Kindes willen darfst du es nicht. Hanka, ich bin überzeugt, daß Samo, -als er die Krone eingrub, glaubte, er tue etwas, das unerläßlich sei, -er begehe nichts als eine Kriegslist, zu der ich ihn gezwungen hatte. -Mit diesem Gedanken ist er von dem alten Manne aus Prag zurückgekehrt. -Und, Hanka, was er gefehlt hat, hat er bitter büßen müssen. Er ist ja -so unglücklich geworden!« - -»Ich kann nicht zu ihm zurück; sein Leben ist schrecklich!« - -»Du sollst und du darfst auch jetzt nicht zu ihm. Vielleicht findet er -später noch eine friedliche Stätte.« - -Hanka schüttelte traurig den Kopf. - -»Er hat wirklich sehr an seiner Heimat gehangen; er findet sich draußen -nicht zurecht.« - -Juro grübelte. Er hatte längst Erkundigungen eingezogen, ob denn keine -Aussicht sei, daß durch des Königs Gnade die Gefängnisstrafe, die Samo -zu gewärtigen hatte, wenn er zurückkehrte, in Festungshaft umgewandelt -werden könnte. Er hatte nichts Tröstliches erfahren. Daß Samo nach der -Tat geflohen war, und daß er sich nicht selbst gestellt hatte, daß er -unter einem falschen Namen sich so lange verborgen hatte, machte die -Sache aussichtslos. - -Armes Weib! So jung und so tief in der Verlassenheit. Armes Kind, das -zum Leben strebte und schon jetzt keinen Vater mehr hatte! - -Juro suchte nach freundlichen Trostworten; er fand keine. Es würgte ihn -an der Kehle, er brachte nichts Ordentliches heraus. Endlich sagte er: - -»Du mußt bei uns zu Gaste bleiben, Hanka!« - -Sie wehrte mit beiden Händen ab. - -Nein! Nein! Sie wollte bloß ihre Pflicht tun, Aufklärung geben, Abbitte -leisten und dann sehen, ob ihre Eltern sie aufnehmen würden. Sie wolle -bald wieder fort. - -Da ging Juro hinaus und holte seine Frau. Elisabeth eilte herbei. Ach, -diese kleine deutsche Frau lachte und weinte und lachte wieder und war -so offenbar glücklich, Hanka zu sehen, daß sich das arme Weib ihren -Zärtlichkeiten nicht entziehen konnte. - -Juro schlich hinaus. Nach einem Weilchen kam er mit einem Kindchen -zurück. - -»Sieh, Hanka, das ist unser Kind. Es ist sechs Monate alt.« - -Da nahm Hanka das Kind auf ihre Arme, und das Gefühl einer großen -heiligen Versöhnung überkam sie. Schwere, erlösende Tränen quollen aus -ihren Augen, aber ihre Augen glänzten durch diese Tränen. Eine süße -Vorahnung eigenen Mutterglücks ward in ihr lebendig und tilgte das -Herzeleid und machte die Stunde schön und lieblich. - - * * * * * - -Während die Frauen später an der Wiege des kleinen Mädchens saßen und -Elisabeth echte Töne des Trostes und der Beruhigung für Hanka fand, -saß Juro in seinem Arbeitszimmer und schrieb einen ernsten Brief in -wendischer Sprache. - - Lieber Vater! - - Dein Sohn Juro klopft an Deine Tür und bittet Dich um - Verzeihung für all das, was Du Bitteres durch ihn erfahren - hast. Ich habe eingesehen, daß der Weg, auf dem ich meine - Prinzipien in Tat und Wahrheit umsetzen wollte, nicht der - richtige war, daß überall da, wo zwischen Menschen und - Völkern der Kampf geführt wird, der beglückende wahre Sieg - fehlen muß, wenn als Kampfmittel nur Klugheit und List, - Energie und sachliche Überlegenheit oder gar Gewalttat und - Rücksichtslosigkeit eingestellt werden, wenn die Liebe fehlt, - die allein zu versöhnen, zu überzeugen und zu gewinnen vermag. - Ich habe geirrt; es tut mir leid. Ich will nicht mehr dessen - gedenken, was auf der Gegenseite verschuldet wurde; ich will - auch die Schande, die mir widerfahren ist, als ich auf jenem - Wagen aus dem Dorfe gefahren wurde, hinnehmen als eine Strafe, - die der Vater dem Sohne aufzuerlegen für gerecht fand. Ich rede - nur von mir und bekenne mich in vielen Dingen für schuldig. - - Von dem Versöhnungsgedanken getrieben, ist heute Hanka in - meinem Hause eingekehrt. Sie sitzt, während ich diesen Brief - schreibe, mit meiner Frau an dem Bettchen unseres Töchterchens, - Deines ersten Enkelkindes. Hanka ist mit uns im Frieden. Auch - sie wird ein Kind bekommen in der nächsten Zeit. Sie hat aber - doch ihren Mann, unseren Samo, verlassen müssen, weil sein - Leben zu unsicher ist und Hanka in ihrer schweren Zeit nicht - bei ihm bleiben konnte. Sonst ist Samo gesund, und wir alle - hoffen, daß er noch einmal eine friedliche Stätte findet und - daß Hanka dann mit ihrem und seinem Kinde zu ihm zurückkehren - kann. - - Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, verzichte - ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die Erbfolge an der - wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten des zu erwartenden - Kindes meines Bruders Samo und seiner Frau Hanka. - - Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken! - - In Liebe: Dein Sohn Juro. - -Drei Tage später stand der alte Hanzo unter der Tür seines Sohnes Juro. -Er hielt den Hut in der Hand und sagte: »Darf ich zu euch herein? Ich -möchte zu meinen Kindern.« - - - - -Sommer 1866. Der Deutsche Krieg brach los. Die preußischen Heere -drängten durch die Pässe des schlesischen Gebirges und zogen den -Elbstrom hinab nach Böhmen. Auch die Wenden zogen in den Kampf. Was -diesseits der preußischen Grenze war, für Preußen, was drüben in -Sachsen wohnte, für Österreich. Das Völkchen der Wenden in zwei Lager -zerrissen. Da standen sich oft Bruder und Bruder gegenüber. Der alte -»Kral« Hanzo litt schwer in diesen Tagen um sein kleines, getrenntes -Volk. - -Juro machte den Feldzug als preußischer Militärarzt mit. Er war einem -Regiment, in dem besonders viele Wenden waren, als Hilfsarzt zugeteilt. - -Und wo er auf dem Schlachtfeld einen fand, der seine Schmerzen in -wendischen Lauten beklagte, da fragte er nicht: »Sprichst du auch -Deutsch?« Da kniete er bei ihm nieder und erquickte ihn nicht nur mit -ärztlicher Hilfe, sondern auch mit dem süßen Trost der Muttersprache. - -Ganz gleichgültig ist es auf dem Felde der Leiden, auf welcher Seite -der verwundete Mann gefochten hat. Juro, der auf der Sprachgrenze der -Obersorben und Niedersorben aufgewachsen war, erforschte mit feinem -Ohr die Gegend, aus der der Verwundete stammte, und sprach zu ihm in -seinem heimischen Dialekt, und ehe es ans Sterben kam, betete er mit -dem Mann aus dem Oberlande: »~Wótcě naš, kiž sy w njebjesach~« und mit -dem Mann aus Niederland: »~Woschz nas, kenž sy na niebju~«, und es -hieß immer: »Vater unser, der du bist im Himmel.« -- Da trat mitten im -großen Völkerschicksal das eigene Schicksal wieder an Juro heran. - -Als der Krieg eben sein rasches Ende gefunden hatte, schrieb ihm ein -Freund und ärztlicher Kollege aus Königgrätz: »In unserem Spital liegt -dein Bruder Samo. Er ist bei Sadowa im böhmischen Heer schwer verwundet -worden. Er nennt sich Wenzel Halek. Aber ich kenne ihn doch von früher. -Wenn du ihn noch sehen willst, eile -- er ist verloren!« - -Nun, es ließ sich machen, daß Juro Urlaub bekam. - -Und die beiden Brüder sahen sich wieder ... - -»Bruder Samo!« - -Samo wandte das Gesicht zur Seite. - -»Willst du mir nicht die Hand geben?« - -»Es ist keine Ehre, mir die Hand zu geben.« - -»Es ist eine Ehre! Du bist ein tapferer Krieger gewesen!« - -»Tapferer Krieger?« - -Samo lachte gequält, dann wandte er sich halb um: »Als gemeiner Mann, -als Wenzel Halek eingestellt! Ein lustiger Krieg -- nicht wahr? -Deutsche gegen Deutsche! Es ist die alte Katzbalgerei, die Mode ist -bei dieser großen Nation!« Er schwieg erschöpft. Juro war erschüttert. -Nach so langer Zeit, nach so vielen schweren Schicksalen sahen sich die -Brüder wieder, und sofort begann Samo seine alte Weise. Das Reden fiel -ihm schwer; aber er bezwang sich und sprach mit dem alten Haß in der -Stimme: - -»Die alten deutschen Herzöge haben sich geprügelt, die Grafen und -Ritter haben sich geprügelt, die deutschen Kaiser haben mit den -deutschen Gegenkaisern gerauft, der Dreißigjährige Krieg ist gewesen, -dies große Schauspiel der Schande, Maria Theresia hat mit dem -preußischen Friedrich gerungen, die katholischen deutschen Bayern haben -die katholischen Tiroler gemetzget, der Schlesier Blücher hat die -sächsische Stadt Leipzig genommen -- alles -- alles -- alles Deutsche --- und jetzt wieder -- wieder dasselbe -- und das ist die Nation der -wir uns -- uns unterwerfen sollen.« - -Kraftlos schloß er die Augen. In steigendem Fieber hatte er geredet. - -Juro legte ihm die Hand auf die Stirn. - -»Samo -- streng dich doch nicht an -- du bist krank --« - -Samo schlug die Augen auf. Er lächelte verächtlich. - -»Krank? Ich bin morgen früh tot. Das weiß ich. Die preußische Kugel ist -mir -- mir in den Unterleib -- weißt du, das ist das Gescheiteste -- -was -- was die Preußen seit langem gemacht haben, -- daß mich -- daß -mich einer getroffen hat.« - -»O dieser unglückselige Krieg!« - -Samo schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile konnte er wieder -sprechen, die Schmerzen quälten ihn sehr. - -»Der Krieg ist gut -- gut -- gut -- er spaltet die Deutschen -- und -durch den Spalt -- braust -- braust frische Luft -- ins slawische -Feuer!« - -Er blieb bis zum Tode derselbe. Draußen auf der Straße marschierten -preußische Krieger vorbei; die Kapelle spielte »Heil dir im -Siegerkranz!« - -»Hörst du sie --? Das ist die Trostmusik, die sie uns spielen, uns -Sterbenden! Aber laß sie schmettern! Besiegt ist das Deutschtum, -zersprungen in zwei Hälften; die Zeit der Slawen ist näher als sonst. -Dieser Krieg war gut. Die Deutschen haben ihn geführt, die Slawen haben -den Sieg davongetragen.« - -Juro mochte ihm in nichts mehr widersprechen. Er stand mit gesenktem -Kopf am Lager Samos und wartete, ob ihm denn nicht ein Erinnern kommen -würde an seine Heimat. Aber länger als eine halbe Stunde sprach Samo -mit vielen Pausen noch von dem Niedergang des Deutschtums, dem Sieg der -Slawen. Endlich fragte er doch ganz schüchtern, ganz furchtsam: - -»Lebt der Vater noch?« - -Er fragte es mit abgewandtem Gesicht. - -»Er lebt und denkt an dich ohne Groll.« - -»Weiß er --?« - -»Nein, er weiß es nicht«, unterbrach ihn Juro rasch. »Er wird es nie -erfahren. Der Glaube an sein Kraltum soll ihm nicht genommen werden.« - -»Das sagst du? Da hast du dich geändert.« - -»Ich habe mich in mancherlei geändert -- ja!« - -»Aber ein Deutscher bleibst du?« - -»Ja.« - -Samo seufzte tief, er sagte, ihn schmerze seine Wunde. Als er ruhiger -wurde, sagte Juro mit tiefbewegter Stimme: - -»Ich habe auf die Kralswürde verzichtet. Ein anderer wird Kral sein -- -dein Sohn!« - -Samo starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er sagte kein Wort. - -»Hanka hat im Mai einen Knaben geboren, Samo!« - -Noch immer sah ihn Samo starr an. Endlich sprach er leise: - -»War es ein Knabe? -- -- Ich fürchtete immer, es werde ein Mädchen -sein.« - -»Ein gesunder Knabe!« - -Da schloß Samo die Augen. Juro stand regungslos. Die große -Feierlichkeit, da ein scheidendes Leben erfuhr, daß ein Kind, ein Teil -seines Wesens, auf der Erde zurückbleiben würde, durfte kein Wort -stören. Die Hände Samos falteten sich auf der Bettdecke. Gott allein -wußte, wo die Gedanken waren. Endlich tastete die Rechte nach Juros -Hand. Ein leiser Druck. Lange schwere Feindschaft war ausgelöscht. Die -Lippen bewegten sich. Juro beugte sich tief über den Bruder. - -»Wie heißt er?« - -»Er heißt Hanzo wie sein Großvater.« - -Samo nickte. - -»Es ist gut, daß er nicht heißt wie ich.« - -Noch einmal zuckten die Lippen. - -»Er soll gesegnet sein!« - -Dann rief er laut und ängstlich: - -»Mach das Fenster auf!« - -Juro öffnete das Fenster. Als er ans Lager zurückkehrte, lag Samo im -Todeskampf. -- -- -- - -Als es überstanden war, drückte Juro dem toten Bruder die Augen zu. Und -er, der Deutsche, übte den wendischen Totenbrauch; er hielt die kleine -Wanduhr an und deckte über den winzigen Spiegel, der auf dem Tisch lag, -ein Taschentuch. - -Vor dem Fenster saß ein kleiner Vogel und sang. - -Zu dem sagte Juro mit tränenerstickter Stimme: - -»Der Herr ist gestorben!« - -Da flog der kleine Vogel davon. - -Vielleicht flog er nach der Heimat. - - - - -Die Jahre gingen dahin, der Französische Krieg war geschlagen, die -Wenden hatten ihre alte Tapferkeit bewiesen im Kampfe für das große -Vaterland. Und es war Friede geworden im deutschen Land, alter Hader -beglichen, alte Wunden vernarbt. - -Auch im Wendenland war Friede. Keinerlei Auflehnung und Untreue des -kleinen stillen Völkchens, keinerlei Bedrückung, kein unfreundliches -Wort von seiten der Deutschen. Noch flatterten die großen Haubenbänder -im Wind, noch schnurrten in den Spinnstuben die Rädchen und die -Mäulchen, noch ritten die Osterreiter übers Feld, noch klangen die -alten wendischen Lieder. Und mit Liebe und Sorgfalt gingen gelehrte -Gesellschaften und Einzelpersonen daran, zu sammeln, zu hegen, -daß nichts Wertvolles, nichts Köstliches aus diesem Völkerleben -verlorengehe oder vergessen werde. Und diesen Leuten stehen alle -Deutschen nahe, die guten Willens sind. - -Stilles friedliches Einvernehmen! Die Schönheit des wendischen -Spreewalds wurde den Leuten im weiten Lande durch Hunderte von Bildern -kundgetan, und bald besannen sich die klugen Berliner, daß ihre Spree, -an deren »grünem Strand« sie wohnen, ja doch irgendwoher kommen müsse, -und kühn wie die Sucher der Nilquellen drangen sie stromaufwärts, -gerieten in den Spreewald und staunten, daß da ein wundersames -Lagunenland war, märchenhaft wie das alte Venedig, mit hohen grünen -Walddomen und Gondolieren, die auf leisen Nachen den Fremden durch -verträumte Wasserstraßen fahren. - -Auch ins noch stillere Oberland kam manch ein Maler, mancher Künstler -und Volksfreund. - -Und die deutsche Sprache kam mit ihnen. Aber die Wenden suchten sie -auch selbst auf den Märkten, in den Fabriken, in den Studiersälen. -Aufgezwungen darf sie nicht werden. Nationalität ist Liebe, und Liebe -kann nicht erzwungen werden! - -Friede war auch bei den Menschen, von denen dies Buch erzählt hat. - -Hanka war die aufrechte, starke Herrscherin auf dem Hof des alten -Scholta Hanzo. Als sie von dem Tode ihres Mannes erfahren hatte, -legte sie weiße Trauerkleider an und trug sie ein Jahr und einen Tag. -Sie sprach nie von Samo, aber sie wies alle Freier, die sich an sie -drängten, herb und kurz ab. Selten versah sich jemand von ihr eines -übermäßig freundlichen oder gar scherzenden Wortes; sie hielt strenge -Zucht, und sogar der alte Kito bekam öfters seinen Tadel. Aber sie war -gerecht. In ihrem ganzen Haus und Hof war nichts Unordentliches, nichts -Unsauberes. Die alte Wičaz mit ihrem Sohn hatte fortziehen müssen. -Der Scholta überließ Hanka mehr und mehr das volle Regiment, und der -Wohlstand mehrte sich von Jahr zu Jahr. - -Über ihrem Söhnchen Hanzo wachte sie mit äußerer Kühle, aber desto -innigerer Herzenssorge. Einmal, als der Knirps eben fünf Jahre alt -geworden war, trat er vor seine Mutter, hatte einen Papierhelm auf -dem Kopfe und einen Holzstecken als Schwert an der Seite und sagte: -»Mutter, ich bin der Kral!« - -Da erschrak Hanka so, daß sie erst kein Wort herausbrachte. Dann berief -sie den alten Kito und fuhr ihn hart an. Es stellte sich heraus, daß -Kito unschuldig war; die Knaben auf der Gasse hatten dem kleinen Hanzo -zugerufen, daß er der Kral sei. - -Da sagte Hanka kein Wort mehr über diese Sache, aber sie gewöhnte ihren -Sohn noch mehr als früher an Bescheidenheit und friedfertiges Wesen. - -Zweimal im Jahre ließ sie die gute Kutsche anspannen und fuhr zu Besuch -auf den Hof des Herrn von Withold. Und der alte Edelmann nannte sie -»gnädige Frau« und küßte ihr die Hand. Mit Elisabeth verband sie seit -den Tagen von Breslau eine stille Freundschaft. Von Juro hielt sie sich -ferner. Sie fragte ihn nie um Rat, auch nicht wegen der Erziehung ihres -Sohnes, dessen Pate er war. Desto größere Zärtlichkeit brachte sie -seinem Töchterchen entgegen, das das einzige Kind seiner Ehe geblieben -war. Juro lebte mit seiner Frau auf dem Gut seines Schwiegervaters. -Sein Schwager Heinrich hatte seinen Willen, sich ganz der Musik zu -widmen, durchgesetzt. Er war Kapellmeister in einem kleinen Hoftheater -geworden. Er hatte eine Oper geschrieben, die allerdings durchgefallen -war; aber sein Leben war nicht ohne Glanz, denn sein Heros Richard -Wagner hatte ihn einmal auf die Schulter geklopft und »Mein lieber, -geschickter Freund!« zu ihm gesagt. Von solcher Hocherinnerung ließ -sich leben. - -Juros ärztliche Praxis war nicht bedeutend. Es gab immer noch -viele Wenden, die ihre Krankheiten besprechen ließen oder sich mit -Hausmitteln behalfen. Immerhin: nach geraumer Zeit sickerte durch, daß -der »~Pán doctor~« selten für seine Hilfe Geld beanspruche, ja daß er -bei armen Leuten eher etwas aus eigener Tasche zulege. Und nun mehrten -sich die Patienten. Juro sprach mit den Leuten wendisch. Manchmal -- -wie von ungefähr -- sprach er deutsch. Und das war immer ein leises -Examen. Endlich kam eine Zeit, wo ihn die Leute fragten, was sie mit -ihren Kindern beginnen sollten, wenn sie aus der Schule entlassen -wurden. Dann gab er ihnen die Ratschläge, die seine Überzeugung ihm -vorschrieb. -- -- - -Eines hatte die Großbäuerin Hanka lange gequält. Ihr Schwiegervater -Hanzo hatte einmal in einer ernsten Stunde zu ihr gesagt: - -»Hanka, ich muß dir etwas anvertrauen, was eigentlich nur eine Sache -für Männer ist. Aber seit Samo tot ist, stehst du an seiner Stelle. -Der kleine Hanzo ist ein Kind, mit dem ich über solche Dinge nicht -reden kann. Und Juro hat verzichtet und steht abseits. So will ich dir -sagen, wohin unsere alte Krone gekommen ist, als sie aus dem heiligen -Hügel gerissen wurde, damit du es deinem Sohne anvertraust, wenn er -groß ist und ich nicht mehr bin. -- Die alte Krone habe ich mit Samo -in nächtlicher Zeit unter unserer Kirchhoflinde begraben, dort, wo -die Mutter liegt und wo ich einmal liegen werde. Und die Krone wird -über unsern Häuptern sein, wenn wir da schlafen. Niemand weiß das; -die Kronenstätte ist dem wendischen Volke fortan unbekannt. Nur der -Kral darf sie wissen und sein Erbe. Das ist dein Sohn. Und bis er es -erfahren kann, sollst du es wissen!« - -Nach dieser Aussprache war die Großbäuerin Hanka tagelang bleich und -vergrämt umhergegangen, so daß die Leute unter sich flüsterten: »Die -Frau ist krank!« Das war aber, weil kein Schlaf mehr über ihre Augen -kam. Denn in der Nacht, wenn Hanka in halbwachem Traumschlummer lag, -trat Samo an ihr Bett, sah sie mit heißen, verängstigten Augen an und -rief: - -»Die Mutter muß die Krone vom Kopfe nehmen!« - -Das war wie in den schrecklichen Tagen von Prag. Und wenn der Morgen -kam, grübelte Hanka, was sie tun solle. Ein einziger Mensch war, den -sie hätte um Rat fragen können, das war Juro. Aber sie fragte ihn -nicht. -- - -Nach sieben bangen Tagen und sieben schweren Nächten hatte es Hanka mit -sich ausgemacht. - -Heimlich verließ sie zur Nachtzeit Haus und Hof. Gestählt durch ihren -bewußten Willen, ging sie zum hochgelegenen Gottesacker. Alles, was an -Furcht- und Spukgestalt seit der Kindheit Tagen in ihrem Herzen lebte, -war besiegt. Und sie ging zu der Linde, unter deren Krone die Frau -ruhte, mit der sie in dies Dorf gezogen war. Sie stach mit ihrem Spaten -vorsichtig den Rasen ab. Sie grub. Das Herz bangte ihr, der Spaten -werde den Sarg jener Frau treffen, aber es geschah nicht. So arbeitete -Hanka zwischen Grabsteinen und alten Holzkreuzen im Mondenlicht. - -Und sie fand zwischen den Wurzeln des Slawenbaums, der Linde, die -silberne Krone. Die putzte sie mit ihrer Schürze ab und legte sie -beiseite. Dann schloß sie die Grube, fügte den Rasen auf seine Stelle. - -Eine kleine Weile stand sie an dem Grabe und sprach in ihrem Herzen: - -»Ich wollte deine Ruhe nicht stören, gute Mutter, aber ich mußte diese -Krone holen, weil es dein Sohn Samo verlangt. Nun sollt ihr beide in -Gottes Frieden ruhen!« Die Krone trug Hanka auf ihrer Brust unter dem -großen Umschlagtuch davon. - -Und sie ging auf Seitenwegen hin zur Spree. - -Dahinein senkte sie die Krone. - -Leise und langsam floß das stille Wasser darüber. -- -- - - * * * * * - -Hanzo aber, der alte »Kral«, ging noch oft auf den Gottesacker zum -Grabe seiner Frau und träumte beim leisen Rauschen der Linde von einer -tiefen, stillen Ruhe da unten im Schmuck einer strahlenden Krone. - -Und er war nicht getäuscht. Das wußte auch Hanka. - -Eine Krone würde über seinem Haupte sein, wenn er da unten schlief: - -Die alte, unvergängliche Krone, in deren Glanz und ewigem Schmuck alle -die ruhen, die auf Erden die Wahrheit gesucht und das Recht geliebt -haben. - - - - -Fußnoten - - -[1] Schulzen. - -[2] Rittermäßiger - -[3] König. - -[4] Alp. - -[5] Juro ist der wendische Name für Georg. - -[6] Großes weißes Tuch. - -[7] Ohrfeige. - -[8] Vorsängerin. - -[9] Totenschmaus. - -[10] ist viel herablassender, freundlicher. - -[11] Spree. - -[12] Slawischer Name für Bautzen. - -[13] Jetzt versaufen wir das Fell! (der Verstorbenen). - -[14] Böhmischen Krone. - -[15] Aus der russischen Zeitung »Golos«. - -[16] Gott führt die Seinen wunderlich zusammen. - -[17] Ohrfeige. - -[18] »~Jana stawa baba,~ »Ein altes Weib, - ~Jaden stary kón~ Ein altes Pferd - ~Nejstej togo carta wert.~« Sind beide nicht den Teufel wert.« - - -[19] Nach dem böhmischen Volksgesang. »~Stoji hruška w širem poli~«. - -[20] Der Branntwein ist ein Umwerfer. - -[21] Wasser macht hungrig (schwach). - -[22] Wendische Formel beim Zutrinken. - -[23] Kämmerchen. - -[24] Andere Hand -- anderes Glück. - -[25] Elbe. - -[26] Kälbchen. - -[27] Sau. - -[28] Du Plunderliese. - -[29] Wer mit der Katze gepflügt hat, weiß, wie sie zieht. - -[30] »Gedächtnistag des Meisters Johann Hus.« Der 6. Juli. Hus wurde - bekanntlich am 6. Juli 1369 geboren und am 6. Juli 1415 zu - Konstanz verbrannt. - -[31] Er lebe! - -[32] Slawische Bezeichnung der Deutschen während der Zeit des - Frankfurter Parlamentes. - -[33] Fürst! Fürst! - -[34] ~Pán Krystus, neýmocnegssj pán, racz techto klenotuw ostrzjhati - sam, až do neyposlednegssho dne.~ - -[35] Spinngesellschaft. - -[36] Kirmes. - -[37] Maske. - -[38] Branntwein. - -[39] Meine Mutter ist eine Witwe, - Ich bin eine liederliche Kröte! - - -[40] Sohn des Hauses. - -[41] Vater! - -[42] Wendischer Nationaltanz. - -[43] Gemeindeversammlung. - -[44] Gemeindeschöffen. - -[45] Schlafgöttin. - -[46] »~Stoz 'ce so swjeci prolowac.~« - -[47] »~Ceknena mać.~« - -[48] »~Lóchko zmýslena!~« - -[49] Wänden! - -[50] Das Gotteskind (Christkind). - -[51] Nach dem Lied: »~Pšadla Marja kudželku.~« - -[52] Spatz. - -[53] Rußabend. - -[54] Brautjungfer. - -[55] Brautgeselle. - -[56] Schmutzige Hexe. - - - - - Beachten Sie - bitte die folgenden - Seiten! - - - - - ~Von~ - - ~PAUL KELLER~ - - ~erschien in gleicher Ausstattung~ - - - ~Heimat~ - - »Ein Roman aus den schlesischen Bergen, ein sehr starkes Werk - des Dichters, der seine Menschen aus dem Innern, aus dem Herzen - zeichnet.« - - Frankfurter Nachrichten - - - - -~DIE GELBEN ULLSTEIN-BÜCHER~ - - - ~RUDOLF HANS BARTSCH~ - - ~Hannerl und ihre Liebhaber~ - - Das Schicksal einer lustigen, kleinen Wienerin, die im Glauben, - über der Liebe zu stehen, an ihr zugrunde geht. - - - ~ELISABETH RUSSELL~ - - ~Urlaub von der Ehe~ - - Ein sonniger, humorvoller Ferienroman aus einer - oberitalienischen Villa, in der einige Frauen und Mädchen - glauben, den Männern entfliehen zu können. - - - ~P. O. HÖCKER~ - - ~Die Sonne von St. Moritz~ - - »Saison in St. Moritz, das mondäne Treiben des Luxushotels, - der sport- und klatschlüsternen ›Welt‹ geben den Rahmen dieser - neuen Erzählung Höckers. In dieser strahlenden Umgebung erfüllt - sich das Schicksal zweier Menschen, um endlich, nach mancherlei - Verwicklung, zu einem versöhnlichen Ende zu führen.« - - Nürnberger Zeitung - - - ~CARL ROESSLER~ - - ~Wellen des Eros~ - - »Roeßler hat hier mit der Gabe außerordentlich scharfer - Charakterisierung ein Buch geschaffen, wie es nur einer kann, - der all' die Figuren bis ins Innerste kennt.« - - Neue Freie Presse - - - ~PAUL FRANK~ - - ~Das Liebesschiff~ - - Das Liebeserlebnis einer schönen, vielumworbenen Frau, die sich - bis zum geheimnisvollen Verschwinden eines Mannes für keinen - ihrer zahlreichen Verehrer entscheiden kann. - - - ~HERMANN LINT~ - - ~Horizont der Liebe~ - - »Am Horizont der Liebe geistert eine schöne Frau, rätselhaft - verschwunden, rätselhaft auftauchend in neuer, verhängnisvoller - Erscheinung.« - - Hannoverscher Kurier - - - ~LUDWIG THOMA~ - - ~Krawall~ - - Eine Reihe köstlicher Burlesken von der kochenden bayrischen - Volksseele, von Richtern, Bauern und Städtern, von Krach und - Krawall vor Gericht. - - - ~P. G. WODEHOUSE~ - - ~Der schüchterne Junggeselle~ - - Eine der amüsantesten Schöpfungen des großen englischen - Humoristen. Die Handlung spielt auf dem Dachgarten eines - New-Yorker Wolkenkratzers und schildert »schreckliche - Abenteuer«, die ein sehr sympathischer, sehr blonder, sehr - junger, sehr schüchterner Mann mit bösen Schwiegermüttern, - eleganten Kartenlegerinnen und lyrischen Polizisten zu bestehen - hat. - - - ~EDMUND SABOTT~ - - ~Jan Fock, der Millionär~ - - »Diese lustige, leichtbeschwingte und amüsante Diebskomödie - läßt die Sympathien des Lesers von Seite zu Seite wachsen.« - - Hamburger Fremdenblatt - - -~+JEDER BAND 1 MARK+~ - - - - - Gedruckt - im Ullsteinhaus - Berlin - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Die Darstellung der Ellipsen und der Gedankensprünge wurde - vereinheitlicht. - - Sofern hier nicht aufgeführt, wurden unterschiedliche Schreibweisen - beibehalten. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 28: daß → daß du - Ich verbitte mir, {daß du} mich hier - - S. 38: zuckte → zückte - das Messer nach ihm {zückte} - - S. 44: Haaresbre te → Haaresbreite - nicht um {Haaresbreite} dem einen näher - - S. 57: ber → aber - alle Weise zu hindern, was ihm {aber} mißlang - - S. 67: gib → gibt - Es {gibt} heuer recht viele - - S. 67: Geberde → Gebärde - Sie machte eine {Gebärde} mit der Hand - - S. 74: übscher → hübscher - Aber er ist ein {hübscher} Mann - - S. 76: us → aus - der Buchdrucker {aus} Bautzen - - S. 79: bewunderswert → bewundernswert - ein Reich ist nur in einer Einheit {bewundernswert} - - S. 79: Baudissin → Budissin - ich bin im sächsischen {Budissin} geblieben - - S. 82: chlesien → Schlesien - ebenso wie {Schlesien} geschichtlich und rechtlich - - S. 96: Wicaz → Wičaz - Sie war als die Sprichwörter-{Wičaz} bekannt - - S. 123: sie → Sie - ich danke, daß {Sie} mich - - S. 124: sie → Sie - Vergönnen {Sie} nun auch meinem lettischen Bruder - - S. 147: Strin → Stirn - machte er die {Stirn} runzelig und sagte - - S. 149 druzba → družba - Oberlande heißt man's ~{družba}~ - - S. 179: hat → Er hat - {Er hat} es mir geschrieben - - S. 180: der → oder - ob ich ein Glas Wein {oder} ein Glas Milch bringen darf - - S. 181: ber → aber - fremde Meinung bekämpfen, {aber} man dürfe - - S. 200: n → an - Denkt {an} jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden - - S. 201: wischen → zwischen - Wortgefecht {zwischen} Juro und Samo ausgewachsen - - S. 218: hiner → hinter - einen Steckbrief {hinter} mir erlassen - - S. 229: war → wär - Hättest du das getan, {wär} alles gut - - S. 243: nd → und - er bezwang sich {und} sprach - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die alte Krone, by Paul Keller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ALTE KRONE *** - -***** This file should be named 51722-0.txt or 51722-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/7/2/51722/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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