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-Project Gutenberg's Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Gedancken von Schertzen
-
-Author: Georg Friedrich Meier
-
-Release Date: March 23, 2016 [EBook #51535]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANCKEN VON SCHERTZEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription:
-
- Der vorliegende Text wurde anhand des 1744 erschienenen Buchausgabe
- nahezu originalgetreu wiedergegeben. Lediglich die Zeichensetzung
- sowie offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Altertümliche und inkonsistente Schreibweisen, wie
- z.B. 'Wirckung' bzw. 'Würckung' wurden dagegen beibehalten; auch
- die Schreibweise von Namen ist zum Teil inkonsistent, wurde aber
- hier nicht vereinheitlicht. Fremdsprachliche Zitate sowie deren
- Quellenangaben wurden der gedruckten Ausgabe gemäß wiedergegeben;
- eine Korrektur wurde nicht vorgenommen. Wiederholt werden Begriffe
- mit der Vorsilbe 'Uber' anstatt 'Über' verwendet, was hier
- ebenfalls beibehalten wurde. Einzelne in der gedruckten Version
- nicht oder nur unklar erkennbare Buchstaben wurden sinngemäß
- hinzugefügt.
-
- Der Hauptteil des Textes wurde im Original in Fraktur gesetzt,
- fremdsprachige Zitate (meist in Latein) dagegen in Antiqua, was
- hier durch ~Tilden~ hervorgehoben wird; deren Quellenangaben
- erscheinen kursiver Antiquaschrift, die hier durch _Unterstriche_
- repräsentiert wird. Einige Namen wurden in einer anderen
- Frakturschrift gesetzt, was hier durch +Pluszeichen+ wiedergegeben
- wird.
-
- ####################################################################
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-
-
-
- M. Georg Friedrich Meiers
-
- Gedancken
- von
- Schertzen.
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- -------- -------- -------- -------- -------- --------
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- _Cic. de Orat. L. II._
-
- ~Ego in his praeceptis hanc vim, & hanc vtilitatem esse arbitror,
- non vt, ad reperiendum quid dicamus, arte ducamur, sed vt ea quae
- natura quae studio, quae exercitatione consequimur; aut recta
- esse confidamus aut praua intelligamus, quum quo refenda sint,
- didicerimus.~
-
- -------- -------- -------- -------- -------- --------
-
- +H A L L E+,
-
- Verlegts Carl Herrmann Hemmerede.
-
- 1744.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-[Illustration]
-
-Die Verbesserung des Geschmacks ist eine so edle Beschäftigung, daß
-sich jederzeit, die erhabensten Geister eines Volcks, derselben
-unterzogen haben. Dadurch unterscheiden sich, unter andern, die
-Patrioten eines Landes, von dem übrigen Hauffen ihrer Mitbürger, daß
-sie entweder selbst an der Reinigung des Geschmacks, es sey nun in
-was für Stücken es wolle, arbeiten; oder doch dieses lobenswürdige
-Unternehmen gerne sehen, wünschen, und befördern helfen. Ich habe
-mich daher, auf eine lebendige Art, zu überzeugen gesucht, daß es
-die Pflicht eines redlich gesinten Deutschen mit sich bringe, sich
-zur Parthey dieser Patrioten zu schlagen, und so viel sein Vermögen
-ihm erlaubt, auf alle mögliche Art, den Geschmack seiner Landsleute
-feiner zu machen. Unser Vaterland kan sich in unsern Tagen glücklich
-schätzen, daß es seinen Nachbarn, auch in diesem Stücke, die Wage zu
-halten anfängt, und das rühmliche Beyspiel so vieler schönen Geister,
-die sich um den deutschen Geschmack so sehr verdient machen, ist so
-reizend, daß es nothwendig Nachahmungs Begierde verursachen muß.
-
-Ich bin so eitel oder so dreist, zu bekennen, daß ich seit geraumer
-Zeit einen heftigen Trieb in mir empfunden, diesen erwehnten Vorgängern
-zu folgen. Ich habe aber denselben bisher nur durch einem blossen
-Wunsch stillen, oder vielmehr unterhalten und verstärcken können. Und
-jetzo wage ichs in diesen Blättern, meiner Begierde den Ausbruch zu
-verstatten. Ich kan nicht läugnen, daß ichs mit einiger Bangigkeit
-thue. Der Geschmack unserer deutschen Kunstrichter ist schon so zart
-und edel, daß ich zu sehr mit meiner eigenen Arbeit zufrieden seyn
-müste, wenn ich diese Bogen, ohne alle Furchtsamkeit, ans Licht treten
-liesse. Ich unterstütze mich, durch das Vertrauen auf die Gütigkeit
-meiner +Geehrtesten Leser+, daß sie wenigstens meinen guten Willen
-nicht mißbilligen werden, wenn auch meine Kräfte zu matt gewesen seyn
-solten, eine Arbeit zu liefern, die des Beyfalls der Kunstrichter
-völlig werth wäre.
-
-Ich habe verschiedene Gründe gehabt, warum ich eben von Schertzen
-meine Gedancken habe drucken lassen. Ich stehe in der Meinung, daß
-der verdorbene und pöbelhafte Geschmack am häuffigsten noch in den
-Schertzen herrsche. Man mag nun die Schertze verstehen, die in dem
-täglichen Umgange vorkommen; oder diejenigen, die unter den Vortrag,
-es sey derselbe ein mündlicher oder schriftlicher, gemengt werden;
-oder diejenigen Spasse, die auf der Schaubühne vorgetragen werden. Ich
-glaube, daß der gantze vernünftige Theil meiner Landesleute überzeugt
-ist, daß es zu wünschen wäre, daß die Deutschen, auch im spassen, den
-feinen Geschmack herrschen liessen. Und ich kan mich nicht besinnen,
-daß eine ausführliche Abhandlung der Schertze in unserer Muttersprache
-schon vorhanden wäre. Das letzte kan ein Irrthum seyn, und so ists
-eine Unwissenheits-Sünde, die mir also um so viel eher vergeben werden
-wird. Dazu kömmt noch, daß eine jede andere Materie, die in das Reich
-des Geschmacks gehört, und die ich hätte ausführen können, mir jetzo
-entweder zu schwer oder zu weitläuftig gewesen, und ich halte es für
-eine vernünftige Maxime eines Schriftstellers, wenn er eine Materie
-erwehlt, durch die er sich völlig ausdehnen kan.
-
-Ich habe hin und wieder, in diesen Blättern, meine Betrachtungen,
-eine Critik der Schertze, genennt. Ich weiß nicht, ob alle meine
-+Leser+ diese Benennung werden genehm halten. Sie haben vielleicht
-einen andern Begriff von der Critik, als ich mir gemacht habe, und ich
-kan mich zwar in diesem engen Raume einer Vorrede, nicht weitläuftig
-in die Untersuchung des Begriffs der Critik einlassen, doch fodert
-die Rechtfertigung meines Gebrauchs dieses Worts, daß ich meine
-Begriffe von der Critik überhaupt mit wenigen vortrage. Die Critik, im
-allerweitesten Umfange, ist die Wissenschaft von den Vollkommenheiten
-und Unvollkommenheiten zu urtheilen. Sie erstreckt sich über alle
-mögliche Dinge, und alle Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-derselben. Diese Critik theilt sich in zwey Hauptäste. Der erste ist
-die Kunst, den Geschmack zu bilden, und lehrt von den Vollkommenheiten
-und Unvollkommenheiten, auf eine sinnliche Art, urtheilen. Diese
-Kunst erstreckt sich über alle sinnliche Vorstellungen, aller
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, aller Dinge. Sie fängt von
-den Heldengedichten an und geht bis auf die Haarlocken der Stutzer,
-und Schminckpflästerchen auf den Wangen der Schönen herunter. In
-hunderttausend Dingen, von dieser Art, kan ein edler und pöbelhafter,
-ein feiner und grober, ein reiner und verdorbener Geschmack herschen,
-und man darf sich also nicht wundern, daß diese Kunst ihre Grenzen
-so weit ausdehnt. Der andere Haupttheil der Critik, lehrt die
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten aus deutlichen Begriffen
-beurtheilen, und bekommt so viele besondere Theile, als es Arten der
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gibt. Andere schrencken
-den Begriff der Critik enger ein, und verstehen darunter, die
-Wissenschaft historische und vermischte Schriften zu beurtheilen.
-Im engsten Verstande versteht man darunter die Wissenschaft, die
-alten Schriftsteller zu beurtheilen, ob sie bis auf unsere Zeiten
-unverfälscht gekommen, und die eingeschlichenen Fehler zu entdecken
-und zu verbessern. Diese beyden letzten Begriffe, verhalten sich zu
-dem meinigen, wie ein Theil zum gantzen. Ich unterscheide von meiner
-Critik einmal, die Anwendung derselben auf einzelne Fälle, wenn man
-gewisse Gegenstände, nach den critischen Regeln, würcklich untersucht;
-und hernach die Wissenschaft der Regeln, von dem Verhalten eines
-Kunstrichters. Diese letzte würde die Logik der Critik seyn. Die
-allgemeine Critik könnte man die Metaphysik der Critik nennen. Sie
-wäre eine Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-überhaupt und den allerhöchsten Gattungen derselben zu urtheilen. Ich
-kan meine Begriffe nicht rechtfertigen, ich habe nichts weiter im
-Sinne gehabt, als den Grund zu zeigen, warum ich meine Gedancken von
-Schertzen, in diesen Blättern, zur Critik gerechnet habe.
-
-Ich schmeichele mir nicht, daß meine Abhandlung so gut, noch
-vielweniger so schön gerathen, daß sie untadelhaft. Solche Abhandlungen
-sind Unternehmungen, dazu gerade ein grösserer Geist erfodert wird, als
-der meinige ist. Ich mercke es selbst, daß diese Blätter viele Stellen
-enthalten, die meinen Wunsch nicht zu erfüllen vermögend sind. Und ich
-sehe es von selbst ein, daß sie in hundert Stellen verbessert werden
-könnten. Man könnte mir daher, vielleicht nicht ohne allen Grund,
-einwenden, daß man vernünftiger handele, wenn man eine Schrift von
-dieser Art, die nicht überwiegend schön und in ihrer Art vortrefflich
-ist, lieber ungedruckt liesse, als die Anzahl solcher Schriften zu
-vermehren, die voller Mängel sind. Ich habe aber irgendswo gelesen,
-daß es Leute gegeben, die niemals Schriftsteller geworden sind,
-weil sie gar zu gute Schriftsteller haben werden wollen; und, die
-Wahrheit zu bekennen, ich bin viel zu starck gewesen als daß ich unter
-dieser Versuchung hätte erliegen sollen. Wenn meine geneigten Leser
-das schwache dieser Beantwortung übersehen werden, so habe ich das
-wichtigste erlangt, was ich mir von ihnen, in dieser Vorrede, ausbitten
-kan.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-§. 1.
-
-Ich begreiffe mit leichter Mühe, daß die mehresten meiner +geneigten
-Leser+ in den Gedancken stehen, als wenn ein Schriftsteller, der seine
-Betrachtungen über das Schertzen ihnen vorträgt, ein schöner Geist,
-und selbst ein spaßhafter Kopf seyn müsse. Ich bin weder das eine,
-noch das andere, und unterstehe mich dem ohnerachtet von Schertzen
-zu schreiben. Ich bin der Meinung, daß ein witziger Kopf von dem
-witzigen, sinreichen, scharfsinnigen, schertzhaften, und wie es sonst
-heissen mag, nicht deswegen urtheilen könne, weil er vielen Witz
-besitzt; sondern weil er ausserdem ein Weltweiser ist, der seinen
-Geschmack nach den Regeln der gesunden Critik ausgebessert hat. Diese
-Eigenschaften können jemanden zukommen, der auf einen feurigen Witz
-sehr wenige Ansprüche hat. Man kan von der Schönheit eines Gemähldes,
-von den erhabenen Zügen eines Gedichts, und der Vollkommenheit einer
-Rede urtheilen, und Regeln geben, ohne selbst ein Mahler, Dichter,
-und Redner zu seyn. Es kan jemand ein geistreicher und belebter Kopf
-seyn, er kan sich in seinen Gedancken mit der kühnsten und angenehmsten
-Stärcke heben, und sein Feur durch Proben an den Tag legen, die
-den Beyfall aller Kunstrichter verdienen. Weil er aber zu wenig
-Wissenschaft von seinen eigenen Kräften, und den Vollkommenheiten
-derselben besitzt, so ist er nicht im Stande, aus deutlichen Gründen
-die Regeln herzuleiten, durch deren Beobachtung seine sinnreichen
-Einfälle so viel Geist und Leben bekommen. Er fühlt und schmeckt die
-Schönheit seiner Gedancken, er begreift aber selbst nicht, warum
-sie so reitzend sind. Man thue hinzu, daß derjenige, der selbst ein
-aufgeweckter Kopf ist, mehrentheils viel zu ohnmächtig ist, als daß
-er alle Partheilichkeit in seinen Urtheilen über das sinnreiche zu
-vermeiden im Stande seyn solte. So wenig von einem Frauenzimmer, so
-sichs einmahl in den Kopf gesetzt hat, schön zu seyn, zu erwarten ist,
-etwas anders für reizend zu halten, als was sie selber besitzt; so
-wenig ists von manchen witzigen Köpfen zu hoffen, daß sie die Einfälle
-für schön halten solten, die der Art ihres Witzes nicht gemäß zu
-seyn scheinen. Der Witz vieler feurigen Köpfe bekommt einen gewissen
-Schwung, der über ihre Beurtheilungskraft zum Tyrannen wird. Ihnen
-eckelt vor alle dem, so ihrem Geschmacke, der nun einmal an gewisse
-Speisen gewöhnt ist, nicht gemäß ist. Diese Köpfe müsten sich zu viel
-Gewalt anthun, unpartheiisch von einem Schertze zu urtheilen, bey dem
-sie nicht absehen können, wie sie selbst denselben hätten vortragen
-können. Man lasse den +Cicero+, der nach +Quintilians+ Zeugniß keine
-Maß im schertzen halten können, von einem Spasse, der auf einer blossen
-Anspielung der Worte beruht, urtheilen. Ich will verlohren haben,
-wenn er ihn nicht bewundern wird. Das befremdet mich im geringsten
-nicht. +Cicero+ selbst bediente sich mehr, als einem so grossen
-Geiste anständig war, dieser Schertze. Ich habe das Vertrauen zu der
-Billigkeit meiner +Leser+, daß sie aus dem, was ich bisher gesagt,
-nicht schliessen werden, als wenn ich glaubte, daß kein witziger Kopf
-von Schertzen gesunde Urtheile fällen könne. Noch vielweniger, daß
-ein Mensch ohne allen Witz sich dergleichen unterfangen dürfe. Ich
-behaupte nur, daß es nicht unumgänglich nothwendig sey, daß derjenige,
-der von Schertzen vernünftige Gedancken haben will, selbst glücklich im
-spassen seyn müsse. Ein Mensch der einen gereinigten Geschmack besitzt,
-aber nicht schertzen kan oder will, besitzt eine Gleichgültigkeit
-gegen die Schertze, die ihn unpartheiisch macht. Er tadelt und lobt
-das schertzhafte, ohne daß sich eine schmeichelnde oder empfindliche
-Eigenliebe unter die Gründe seiner Urtheile mengt.
-
- ~Ergo fungar vice cotis, acutum
- Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi.~
-
- _Horat. de art. poet._
-
-
-§. 2.
-
-Es gibt eine Art ernsthafter Leute, welche es überhaupt zur Sünde
-machen will, wenn man schertzet und lachet. Solten diese Blätter das
-Schicksal haben, in die Hände dieser Leute zu gerathen, so kan ich mir
-schon zum voraus einbilden, was sie, bey der Erblickung derselben,
-vor saure Minen machen werden. Sie werden mirs als ein sittliches
-Verbrechen anrechnen, daß ich von einer Materie schreibe, die sich mit
-der Tugend nicht reimen will. Ich gebe diesen Gegenfüssern muntrer und
-aufgeweckter Köpfe zu, daß viele Schertze unmöglich mit der Tugend
-bestehen können. Nur werden sie mir auch im Gegentheil zugestehen, daß
-nicht eine jede Ernsthaftigkeit zum Character der wahren Tugend gehört.
-
- ~Multum ringitur otiosa virtus.~
-
- _Sidon._
-
-Es kan manchmal ein tugendhafter zugleich ein schläffriger und
-niedergeschlagener Kopf seyn, der noch dazu von einem schwartzen
-Geblüthe durchschwämt wird. Der würde sich augenscheinlich betrügen,
-wenn er seine natürlich nothwendige Traurigkeit für eine Wirckung der
-Tugend halten wolte. Aergert er sich nun, wenn andere frölich sind und
-schertzen, weil er selbst nicht anders als immer misvergnügt zu seyn
-das Unglück hat, so muß er so viel Menschenliebe in seinen Urtheilen
-blicken lassen, diejenigen nicht gleich für lasterhaft zu halten, die
-nicht so ernsthaft seyn können, wie er selbst ist. Ich werde keine
-sündliche Schertze billigen, ich will mich bemühen zu zeigen, daß ein
-vollkommener Schertz, der ohne allen Fehler ist, einen sehr grossen
-Witz und Scharfsinnigkeit, zwey grosse Vollkommenheiten der Seele, zum
-Grunde habe, und also unmöglich Sünde seyn könne.
-
-
-§. 3.
-
-Eine wohlgerathene Untersuchung der Schertze kan nicht ohne Nutzen
-seyn, und man hat keine Ursach sich die Zeit gereuen zu lassen, die
-man entweder auf die Ausarbeitung, oder aufs Durchlesen derselben
-verwendet. Ich bin nicht willens alle Nutzen, die eine solche Schrift
-haben kan, in ihrer völligen Ausdehnung auszuführen. Ich begnüge mich
-mit zweyen oder dreyen, die ich für die grösten halte. Den ersten haben
-die witzigen Köpfe davon zu erwarten. Ein feuriger Witz ist eine zu
-unruhige Kraft der Seele. Sie läßt ihrem Besitzer nicht beständig Zeit
-genug, seine spaßhaften Einfälle gehörig zu prüfen und zu beurtheilen.
-Alles was ihm einfält, hält er für witzig und sinnreich, und wer wolte
-ihm auch wohl das Recht dazu streitig machen? Seine Zunge ist viel zu
-dienstfertig, als daß sie schweigen solte. Nein, ein witziger Kopf
-nimt sich die Freyheit zu schertzen, wenn, wo, mit wem, und womit er
-will. Er thut das mit so vielen Vertrauen auf sich selbst, daß er
-sich unmöglich mit den verdrießlichen Gedancken herumschlagen kan,
-als wenn es ihm an Bewundern seiner Schertze fehlen würde. Ich gebe
-einem jedweden zu bedencken, ob ein solcher plauderhafter Verschwender
-seines Witzes wo nicht den Frost seines Gehirns mehr als zu oft
-verrathen, doch wenigstens in den mehresten Fällen ein unerträglicher
-Gesellschafter werden müsse. Wie kan man diesem Uebel wohl anders
-abhelfen, als durch eine gründliche Ueberzeugung, daß zu einem guten
-Schertze mehr erfodert werde, als man gemeiniglich denckt, und daß
-der sinnreichste und witzigste Kopf öfters sehr schläffrige Einfälle
-haben könne. +Cicero+ beweißt das zur genüge, so ein schöner
-Geist er auch gewesen ist, so ist sein Witz doch sehr oft gesuncken
-und ohnmächtig geworden. Solte meine Abhandlung gerathen, so rathe ich
-einem jeden witzigen Kopfe dieselbe zu lesen. Er wird dadurch auf eine
-heilsame Art furchtsam gemacht werden, so oft als er schertzen will. Er
-wird dadurch seinen Geschmack verbessern, und viele Schertze in ihrer
-Geburth ersticken, die ihm wo nicht Schande, doch wenig Ehre zuwege
-bringen würden.
-
-
-§. 4.
-
-Man kan den armseeligen Vorrath seines Witzes nicht nur verrathen, wenn
-man selbst auf eine erbärmliche Art schertzet, sondern auch wenn man
-elende Schertze bewundert. Man gibt dadurch einen pöbelhaften Geschmack
-zu erkennen, der jederzeit von einem matten Witze begleitet wird. So
-wenig ein vortreflicher Schertz bey einem kriechenden Witze einen
-Eindruck verursachen kan, so sehr wird der elendeste Spaß von denselben
-bewundert. Ein elender Kopf schertzet nicht nur auf eine elende Art,
-sondern er wird auch bey den schlechtesten Einfällen vor Freuden ausser
-sich gesetzt. In den Versamlungen des Pöbels, macht der frostigste
-Einfall seinen Erfinder zum angenehmsten und lustigsten Gesellschafter.
-Das wissen die kleinen witzigen Köpfe, auf eine listige Art, zu ihrem
-grossen Troste anzuwenden. Wollen sie grosse Geister nicht bewundern,
-so thun sie ihnen den Possen, und theilen ihre sinnreichen Einfälle
-Leuten mit, die sie gütiger, und auf eine ihnen gefälligere Art,
-aufzunehmen wissen. So furchtsam ich bin selber zu schertzen, so sehr
-nehme ich mich in acht über einen schlechten Schertz zu lachen, ich
-müste es denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit thun müssen. Dieses
-halte ich vor einen ansehnlichen Nutzen, den man, von einer gründlichen
-Critik der Schertze, erwarten kan. Man lernt dadurch einen feurigen
-Schertz, von einem frostigen unterscheiden, man lacht über den ersten,
-und bleibt bey dem letzten unempfindlich, und beweißt sich dadurch als
-einen Menschen von gereinigten und feinen Geschmacke.
-
-
-§. 5.
-
-Ein gut gerathener Schertz bringt uns die Gewogenheit und Bewunderung
-der Zuhörer zuwege. Wir werden für scharfsinnig, aufgeweckt, höflich
-gehalten, und für geschmeidige Köpfe. Durch einen wohlangebrachten
-Spaß, kan man seinen Gegner in Verwirrung setzen, ihn zaghaft machen
-und wiederlegen. Man mäßiget dadurch die gar zu grosse und traurige
-Ernsthaftigkeit, das Gemüth wird aufgeheitert, und man setzt seine
-Zuhörer in den Zustand, die verdrießlichsten Dinge, die man ihnen
-zu sagen hat, gelassen, und nicht ohne Vergnügen anzuhören. Das sind
-Stücke die einem Redner unentbehrlich sind. Ich könnte noch mehr hinzu
-thun, wenn das angeführte nicht schon hinreichend wäre, zu beweisen,
-daß ein Redner zu seinem grossen Vortheile bisweilen schertzen müsse.
-Mit weniger Veränderung, kan man eben das von einem Dichter sagen.
-Dieser muß fast noch öfter schertzen als der erste. Wie oft hat ein
-Dichter nicht nöthig seiner Muse zuzuruffen?
-
- ~Sed ne relictis musa procax iocis
- Ceæ retractes munera næniæ:
- Mecum Dionæo sub antro
- Quære modos leviore plectro.~
-
- _Hor. Carm. L. II. od. 1._
-
-Man kan daher die Untersuchung der Schertze als eine Materie ansehen,
-die zur Rede und Dichtkunst gehört. +Cicero+ und +Quintilian+
-sind mit mir einig. Sie haben beyde in ihren Schriften, darinn sie die
-Redekunst abgehandelt haben, auch eine Betrachtung über die Schertze
-angestellt. Dieser Nutzen allein wäre hinreichend, meine gegenwärtige
-Bemühung nicht für unnütz zu halten.
-
-
-§. 6.
-
-Die Untersuchung der Schertze ist eine Materie, die als ein Stück
-der so genannten Aesthetik anzusehen ist. Die Aesthetik ist eine
-Wissenschaft der sinnlichen Erkenntniß und dem Vortrage derselben. Sie
-untersucht die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten ihres Vorwurfs.
-Sie gibt Regeln jene zu erlangen, und diese zu vermeiden. Keine untere
-Erkenntniß Kraft der Seele ist von dem Gegenstande der Aesthetik
-ausgeschlossen. Man besehe die Psychologie des Herrn Professor
-+Baumgartens+, so wird man daselbst hin und wieder den gantzen
-Grundriß dieser Wissenschaft antreffen. Ich werde in dem folgenden
-darthun, daß ein Schertz durch den sinnlichen Witz und Scharfsinnigkeit
-gewürckt werde. Folglich ist der Schertz eine sinnliche Vorstellung
-und Rede, und gehört in das Feld der Aesthetik, dieses merckwürdigen
-Theils, ja ich will sagen, dieses gantzen Inbegriffs der schönen
-Wissenschaften.
-
-
-§. 7.
-
-Die sinnliche Beurtheilungskraft, oder der Geschmack, ist das Vermögen
-von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen, doch
-so, daß man weder die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten selbst
-deutlich erkennt, noch auch seine Urtheile von ihnen philosophisch
-aus deutlich erkannten Gründen, auf eine deutliche Art herleitet.
-Vollkommenheiten, in so fern sie undeutlich und auf eine sinnliche Art
-erkannt werden, sind Schönheiten und die Unvollkommenheiten werden in
-eben dieser Absicht Häßlichkeiten genennet. Der Geschmack ist demnach
-das Vermögen von den Schönheiten und Häßlichkeiten zu urtheilen, und
-dieselben gewahr zu werden. Ein Schertz ist eine sinnliche Vorstellung
-und Rede, und seine Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind
-Schönheiten und Häßlichkeiten. Man ist also genöthiget die Beurtheilung
-eines Schertzes, vor den Richterstuhl des Geschmacks zu verweisen.
-Wenn ein Kunstrichter überhaupt derjenige genennet wird, der von
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten urtheilen kan, so muß derjenige
-der einen Spaß beurtheilen will ein Kunstrichter seyn. Die Untersuchung
-der Schertze gehört demnach auch in denjenigen Theil der Aesthetik, den
-man den critischen nennt.
-
-
-§. 8.
-
-Man hat es bey nahe als eine Regel angenommen, daß man über den
-Geschmack mit niemanden streiten dürfe. Diese Regel ist gegründet,
-so lange man nicht weiter gehen will, als auf den Geschmack. Alsdenn
-beruhiget man sich in einer bloß sinnlichen und undeutlichen
-Erkenntniß, davon man die Gründe einem andern weder angeben noch
-erklären kan. O elendes disputiren! wo die streitenden Partheien nicht
-durch Schlüsse wider einander zu Felde gehen! So lange man also mit
-dem Geschmacke nicht die höhere Beurtheilungskraft, das Vermögen aus
-deutlicher Erkenntniß eine Sache zu beurtheilen, verknüpft, so lange
-ists eine vergebliche Arbeit, über Schönheiten und deren Gegentheil,
-sich mit jemanden in einen Streit einzulassen.
-
- ~Trahit sua quemque voluptas.~
-
- _Virgil._
-
-Weil aber alle Schönheiten und Häßlichkeiten, Vollkommenheiten und
-Unvollkommenheiten sind, und diese, an sich betrachtet, insgesamt
-deutlich können vorgestellet werden, so bleibt es zwar ausgemacht,
-daß man von dem Geschmacke, in so fern er ein Geschmack ist, wenig
-sagen könne, aber man muß ihn, wenn ich so reden darf, entwickeln.
-Man muß die Gegenstände des Geschmacks, auch nach der höhern
-Beurtheilungskraft, untersuchen, und da erkennt man ob der Geschmack
-gegründet sey oder nicht. Die verworrenen Vorstellungen können nicht
-anders richtig seyn, als wenn sie uns dasjenige, was in den deutlichen
-unterschieden wird, mit einemmal, und unter einander geworffen,
-vorstellen. Folglich kan man den Geschmack selbst beurtheilen, und
-gewisse Regeln geben wonach sich derselbe, auf eine ihm selbst
-unbekante Art, zu richten hat. Wenn das alle Kunstrichter beobachteten,
-so würden sie nicht Geschmack dem Geschmack entgegen setzen, und
-dadurch Streitigkeiten verewigen, die vielleicht kürzer ausgemacht
-werden könnten. Ob nun gleich die Beurtheilung der Schertze ein Werck
-des Geschmacks ist (§. 7.) so kan man doch Regeln geben, wonach die
-Schönheiten und Häßlichkeiten eines Schertzes beurtheilet werden können.
-
-
-§. 9.
-
-Es gibt Regeln wonach die Schertze beurtheilt und eingerichtet werden
-können. Man würde also ohne Ursach zweiffeln, ob auch Gründe vorhanden
-wären, woher diese Regeln fliessen. Nein, alles hat seinen Grund,
-sollten wohl die Regeln des Geschmacks eine Ausnahme von dieser Regel
-machen, welcher das gantze Reich der Möglichkeiten und Würcklichkeiten,
-nach seinem gantzen Umfange, unterworffen ist? Ich rechne zu diesen
-Gründen, die Beschaffenheit der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-überhaupt. Insbesondere die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-unserer Erkenntniß, und des Vortrages derselben. Und endlich die
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der sinnlichen Erkenntnißkräfte
-der Seele, insonderheit des sinnlichen Witzes und Scharfsinnigkeit.
-Aus diesen Quellen müssen die Regeln, der Beurtheilung und Einrichtung
-eines Spasses, erwiesen werden. Ich begnüge mich mit der blossen
-Benennung und Anführung dieser Gründe. Ich müste meinen +Lesern+
-zu wenig Einsicht zutrauen, wenn ich sie beweisen wolte, da mein Zweck
-nicht darinn besteht, den Geschmack überhaupt in diesen Blättern zu
-bilden und einzurichten.
-
-
-§. 10.
-
-Wenn es Regeln zu schertzen gibt, wenn diese Regeln aus Gründen
-können bewiesen werden, so müste man ohne Grund an der Möglichkeit
-einer Wissenschaft der Schertze zweiffeln. Ich bin überzeugt, daß
-eine Wissenschaft möglich sey, in welcher gezeigt wird, wie man einen
-Schertz erfinden, und bis zur Grentze seiner Vollkommenheit erheben
-kan. +Cicero+ und +Quintilian+ scheinen mir zu widersprechen.
-Allein ihre Gründe beweisen nicht, daß diese Wissenschaft unmöglich
-sey, und daß man nicht auf eine Kunstmäßige Art ein spaßhafter Mensch
-werden könne. Beyde glauben, daß die Natur und Gelegenheit das meiste
-zu einem glücklichen Schertze beytragen müssen. Ich glaube es auch.
-Aber so wenig man sagen kan, daß es keine künstliche Vernunftlehre
-gebe, weil zur Ausübung derselben ein guter Mutterwitz erfodert wird;
-eben so wenig wird die Wissenschaft der Schertze, und die Theorie
-derselben, geläugnet werden können, weil man mit allen Regeln keinen
-Menschen zu einen schertzhaften Kopfe machen kan, der keine natürliche
-Geschicklichkeit zu schertzen empfangen hat. Ein anders ist die Regeln
-zu schertzen verstehen, und dieselben geschickt ausüben können. Ich
-behaupte nur, daß ein Mensch der ein gutes Naturell zu schertzen
-besitzt, durch die Kunst, leichter, eher und besser, eine Fertigkeit
-zu schertzen bekommen könne, wenn sich überdies gute Gelegenheiten
-dazu an die Hand geben, als ein anderer, der sich mit der blossen
-Natur behelfen will. Die Natur arbeitet ihre Wercke nur aus den groben
-heraus, sie überliefert uns ihre Kunststücke roh, und überläßt unserer
-Geschicklichkeit den Ausputz. Der letzte wird vielmehr frostige
-Schertze erzeugen, als der erste, er mag sich auch noch so sehr in acht
-nehmen wollen.
-
- ~In vitium ducit culpæ fuga, si caret arte.~
-
- _Horat. de art. poet._
-
-Ich gebe noch mehr zu. Ich behaupte daß derjenige, der schertzen will,
-wenn er bey einem jeden Schertze sich erst auf die Regeln besinnen,
-und seinen Schertz mit Fleiß kunstmäßig einrichten will, besser thut
-wenn er gar stille schweigt. Ein Schertz muß unvermuthet vorgetragen
-werden, und ein Schertz, auf den man sich vorbereitet, muß unglücklich
-gerathen, wie ich das in dem folgenden darthun will. Nichts desto
-weniger hat die Wissenschaft zu schertzen ihren Nutzen. Es verhält sich
-hier eben so, wie bey der künstlichen Vernunftlehre. Das würde ein
-erbärmlicher Philosoph seyn, der bey einer jeden Erklärung, bey einem
-jeden Schlusse, sich der Regeln der Vernunftlehre deutlich erinnern
-wolte. Man muß eine Fertigkeit in der Vernunftlehre erlangen, man muß
-seine Vernunft und Verstand gewöhnen, die Regeln der Vernunftlehre zu
-beobachten, ohne unser Wissen. Eben das sage ich von der Wissenschaft
-der Schertze. Sie muß unserm Witze und Scharfsinnigkeit den gehörigen
-Schwung und Einrichtung geben, daß wir nach ihren Regeln schertzen
-können ohne uns derselben bewust zu seyn.
-
- ~Simul ac durauerit ætas
- Membra animumque tuum, nabis sine cortice.~
-
- _Horat._
-
-Wer demnach von Natur ein feuriger und aufgeweckter Kopf ist, wer
-die Gelegenheit gut in acht nehmen, und zu seiner Absicht geschickt
-anwenden kan, und die Wissenschaft zu schertzen versteht, dem bin ich
-gut davor, daß er glücklich im schertzen seyn wird.
-
-
-§. 11.
-
-Ich will nicht mehr versprechen, als ich zu halten mir getraue. Ich
-will nicht sagen, daß ich willens sey, eine Wissenschaft der Schertze
-zu schreiben. Sondern meine Absicht ist hauptsächlich, Regeln fest
-zu setzen, wonach die Schönheit und Häßlichkeit eines Schertzes
-beurtheilet werden kan. Diese Regeln machen entweder die Wissenschaft
-der Schertze aus, oder die letzte wird doch mit geringer Mühe, und
-einigen kleinen Veränderungen und Zusätzen, daraus fliessen. Meiner
-Einsicht nach glaube ich, daß die Regeln, wonach die Vollkommenheit
-einer Sache beurtheilt werden muß, einerley sind mit den Regeln, die
-beobachtet werden müssen, wenn eine Sache zu ihrer Vollkommenheit soll
-erhoben werden.
-
-
-§. 12.
-
-Weil ich zu furchtsam bin selbst zu schertzen, so werde ich mich sehr
-hüten, wenn ich ein Exempel anführen soll, welches doch selten genug
-geschehen wird, selbst zu spassen. Ich könnte zwar aus dem gemeinem
-Leben dergleichen erwählen, da man mehr als zu viel antrift, die
-fast zu einer allgemeinen Gewohnheit geworden. Allein da dieselben
-gröstentheils zu frostig und abgeschmackt sind, so würde ich meinen
-+Lesern+ Verdruß erwecken, wenn ich sie ausdrücklich anführen
-wolte. Ich werde mich begnügen, meinen Eckel vor solchen ungeschickten
-Schertzen von weiten zu bezeugen. Noch eins habe ich zu erinnern. Wenn
-ich an einem Schertze was loben werde, so werden meine +Leser+
-die Gütigkeit haben, und nicht glauben, daß ich den gantzen Schertz
-billigte. Ein Schertz kan viele Vollkommenheiten haben. Die eine kan
-er besitzen, eine andere kan ihm fehlen. Ja ein Spaß kan mehr gut als
-böse seyn, und mehr böse als gut, jene können gebilliget werden, weil
-man doch in dem Reiche der Natur nichts findet das durch und durch gut
-wäre.
-
- ~Vbi plura nitent - - non ego paucis
- Offendar maculis, quas non incuria fudit,
- Aut humana parum cauit natura.~
-
- _Horat. de art. poet._
-
-
-§. 13.
-
-Ich könnte mich noch länger bey solchen allgemeinen Betrachtungen,
-diesen angenehmen Materien, aufhalten, wenn ich überhaupt von dem
-Geschmacke handeln wolte. Ich habe aber meinen jetzigen Gedancken
-überaus enge Schrancken gesetzt. Ich will nur von Schertzen handeln,
-und gewisse Regeln fest setzen, wonach sie beurtheilt werden können.
-Ich muß, meine Beurtheilungsgründe ungezweifelt zu erweisen, ein
-paar Erklärungen zum voraus untersuchen. Es sollen das nicht alle
-diejenigen seyn, die in meine Betrachtung einen nähern Einfluß haben,
-sondern ich will mich begnügen, den Witz, die Scharfsinnigkeit und
-den scharfsinnigen Witz, nur in so fern zu untersuchen, als es zur
-Beurtheilung der Schönheiten eines Schertzes nöthig seyn wird. Ich
-würde sonst meinen +Lesern+ beschwerlich fallen, und mich des
-Fehlers eines Schriftstellers theilhaftig machen, der zu weit ausholt
-und von dem man sagen kan
-
- ~Gemino bellum troianum orditur ab ovo.~
-
- _Hor. de art. poet._
-
-
-§. 14.
-
-Wir haben ein Vermögen die Uebereinstimmung der Dinge gewahr zu
-werden. Die Fertigkeit in diesem Vermögen nennet man den Witz. Zu den
-Uebereinstimmungen der Dinge, muß man die Aehnlichkeit, die Gleichheit
-und die Proportionen rechnen. Der Witz ist demnach die Fertigkeit die
-Aehnlichkeit, Gleichheit und Proportion der Dinge zu erkennen. Ist
-diese Erkenntniß deutlich, so kan man den Witz einen höhern, obern oder
-vernünftigen Witz nennen. Ist sie aber undeutlich, so heißt es der
-sinnliche und untere Witz. Die Vorstellungen und Reden, die durch den
-Witz gewürckt werden, sind sinnreiche oder witzige Vorstellungen und
-Reden.
-
-
-§. 15.
-
-Wir besitzen ein Vermögen die Verschiedenheit der Dinge zu erkennen.
-Wer eine Fertigkeit in demselben hat, wird scharfsinnig genennt.
-Man muß zu der Verschiedenheit nicht nur die Unähnlichkeit rechnen,
-sondern auch die Ungleichheit, und das Gegentheil der Proportion. Die
-Scharfsinnigkeit besteht also in der Fertigkeit, die Unähnlichkeit
-und Ungleichheit, nebst der Verschiedenheit der Grössen-Verhältnisse
-zu erkennen. Diese Erkenntniß ist entweder deutlich, oder undeutlich.
-Die erste ist ein Werck der höhern und vernünftigen Scharfsinnigkeit,
-und die andere gehört für die untere und sinnliche Scharfsinnigkeit.
-Vorstellungen und Reden die durch die Scharfsinnigkeit gewürckt
-werden heissen scharfsinnig. Die Fertigkeit die aus dem Witze und der
-Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, will ich den scharfsinnigen Witz
-nennen, welcher demnach entweder ein sinnlicher oder vernünftiger ist.
-Ich thue nicht ein Wort zu diesen Erklärungen mehr hinzu. Ich hätte sie
-bey nahe gantz ausgelassen, wenn ich nur gewust, ob die Eintheilung
-des scharfsinnigen Witzes in den sinnlichen und vernünftigen so
-sehr bekannt wäre, als ich sie bey meiner Abhandlung werde nöthig
-haben. Es kan zwar scheinen, als wenn ich ein freyer Schöpffer dieser
-Erklärungen sey. Allein man wird sich der Mühe überheben können, von
-meinen künftigen Beweisen viel abzuziehen, wenn man bedenckt, daß meine
-Erklärungen, der Sache nach und im Grunde, verschieden sind, man mag
-nun die erklärten Sachen mit einem Namen ausdrucken, mit welchem man es
-vor gut befindet.
-
-
-§. 16.
-
-Eine Vorstellung ist um so viel vollkommener, je mehr das Vermögen,
-wodurch sie gewürckt worden, bey ihrer Hervorbringung, seine
-Vollkommenheit bewiesen hat. Die Stärcke und Vortreflichkeit der
-würckenden Ursach, breitet sich bis in die Würckung aus; und wie
-die Ursach beschaffen ist, in so fern sie würckt, so ist auch die
-Würckung beschaffen, in so fern sie von ihrer Ursach abhänget. Die
-Vollkommenheiten der Vorstellungen, haben also ihren Grund in den
-Vollkommenheiten des Vermögens, die es zu ihrer Hervorbringung
-angewendet hat. Ich will die Vollkommenheiten der Schertze fest setzen.
-Diese sind Vorstellungen, die durch den scharfsinnigen Witz gewürckt
-werden. Es ist demnach nöthig, daß ich die Vollkommenheiten des
-scharfsinnigen Witzes bestimme. Die Vollkommenheiten eines Vermögens
-sind von zweyfacher Art. Die ersten entstehen aus dem Vorwurffe des
-Vermögens, und die letzten befinden sich in der Einrichtung des
-Vermögens selbst. Ich habe es jetzo bloß mit der letzten Art zu thun.
-Wenn ich von der Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes rede, so
-verstehe ich dieselbe, wie man zu reden pflegt, ~formaliter~
-betrachtet. Und in dieser Absicht besteht sie in der Grösse und Stärcke
-desselben. Je grösser ein Vermögen ist, desto mehr verschiedenes ist
-in demselben befindlich, folglich ist die Anzahl der übereinstimmigen
-Stücke in dem Vermögen um so viel grösser. Die Vollkommenheit wächst
-aber, durch die Vermehrung der übereinstimmigen Stücke. Wenn ich also
-die formelle Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes den Stuffen
-nach bestimmen will, so darf ich nur die Grade des Witzes und der
-Scharfsinnigkeit ausmachen.
-
-
-§. 17.
-
-Die Grösse eines Vermögens wird bestimmt 1) durch die Grösse der
-Würckungen 2) durch die Menge derselben. Je grössere und mehrere
-Würckungen ein Vermögen hervorbringt, desto grösser ist es. 3)
-durch die Schwierigkeit der Würckungen. Je leichter die Würckung
-hervorgebracht werden kan, desto kleiner ist das Vermögen. Je schwerer
-aber die Würckung ist, je mehr Hindernisse in den Weg gelegt werden,
-desto mehr Kraft muß angewendet werden, und um so viel grösser muß das
-Vermögen seyn, welches dem ohnerachtet die Würckung geleistet hat.
-Diese Sätze entlehne ich aus der Dynamik, in welcher man bemüht ist,
-die Kräfte überhaupt auszumessen.
-
-
-§. 18.
-
-Der sinnliche Witz ist um so viel grösser und vollkommener 1) je mehr
-Dinge mit einander verglichen werden. Wenn Dinge in eine Vergleichung
-gesetzt werden, so müssen sie vorgestellt werden. Ein Witz, der
-demnach nur zwey Dinge mit einander vergleicht, stelt sich nicht
-so viel vor, als derjenige so mehrere in Vergleichung setzt. Die
-Anzahl der Würckungen des letztern ist also grösser, mithin muß der
-Witz selber grösser seyn §. 17. ~n.~ 2. 2) Je unbekannter die
-Dinge sind, die mit einander verglichen werden. Dinge die man sich
-unzählige mahl schon vorgestellet hat, und die uns dadurch überaus
-bekannt geworden, stellen wir uns mit leichter Mühe vor, weil wir eine
-Fertigkeit dieselben vorzustellen erlangt haben. Sind sie uns aber
-noch nicht sehr bekannt, so ist ihre Vorstellung schwerer, und ihre
-Vergleichung erfodert also einen grössern Witz §. 17. ~n.~ 3.
-3) Je verschiedener die Dinge sind, deren Uebereinstimmung der Witz
-erkennet. Denn alsdenn ist die Uebereinstimmung schwerer zu entdecken,
-weil sie nicht nur sehr versteckt und geringe ist, sondern weil durch
-die augenscheinliche Verschiedenheit unsere Aufmercksamkeit stärcker
-auf das verschiedene gezogen wird, dadurch unserm Witze eine Hinderniß
-bey der Entdeckung der Uebereinstimmung in den Weg gelegt wird. §.
-17. ~n.~ 3. 4) Je mehr Uebereinstimmungsstücke erkannt werden.
-In diesem Falle, ist die Menge der Würckungen des Witzes grösser, und
-folglich muß der Witz selber grösser seyn §. 17. ~n.~ 2. 5) Je
-grössere Uebereinstimmungen entdeckt werden. Alsdenn ist die Grösse der
-Würckungen des Witzes ansehnlicher, welche eben deswegen seine eigene
-Grösse vermehrt §. 17. ~n.~ 1. 6) Je stärcker die Vorstellungen
-gewesen, die vor der Uebung des Witzes vorhergegangen, ja je stärcker
-die Vorstellungen sind, welche bey seiner Uebung zugleich in der Seele
-angetroffen werden, wenn diese Vorstellungen von anderer Art, als die
-Vorstellungen des Witzes, sind. Aus der Lehre von unserer Seele ist
-bekannt, daß eine sehr starcke Vorstellung uns verhindert, gleich
-nachher, auf etwas anders zu dencken; und wenn wir den Kopf sonst
-voller starcken Vorstellungen haben, so ist es ungemein schwer, zu
-gleicher Zeit auf etwas anders zu dencken. Ein Witz der mitten unter
-diesen grossen Hindernissen dennoch würcksam seyn kan, muß grosse
-Hindernisse übersteigen, und demnach groß seyn §. 17. ~n.~ 3.
-7) Je klärer, richtiger, gewisser und lebendiger, doch aber auf eine
-undeutliche Art, die Uebereinstimmung vorgestelt wird. Denn der Grad
-der Deutlichkeit gehört für den vernünftigen Witz, davon ich nicht
-rede. Eine klare, richtige, gewisse und lebendige Vorstellung ist
-allezeit grösser, als eine dunckele, unrichtige, ungewisse, matte und
-todte Vorstellung, wenn man die übrigen Stücke derselben als gleich
-annimmt. Ein Witz der klärere, richtigere, gewissere und lebendigere
-Vorstellungen würckt, bringt also grössere Wirckungen hervor, als
-derjenige, dessen Vorstellungen nach allen diesen Stücken kleiner sind.
-Jener ist demnach grösser und vollkommener. §. 17. ~n.~ 1.
-
-
-§. 19.
-
-Ich will mich bey den Graden der Vollkommenheit, in der
-Scharfsinnigkeit nicht aufhalten. Die Scharfsinnigkeit ist von dem
-Witze nicht unterschieden, als nur dem Gegenstande nach. Man nehme den
-vorhergehenden Absatz. Wo das Wort Uebereinstimmung steht, da setze
-man Verschiedenheit, und an statt dieses setze man jenes, so hat man
-die Regeln wodurch die Grösse der Scharfsinnigkeit bestimmt wird. Da
-nun der scharfsinnige Witz eine Fertigkeit ist, die aus dem Witze und
-der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, so versteht sich von selbst,
-daß, je grösser und vollkommener diese beyden Fertigkeiten sind, desto
-grösser und vollkommener der scharfsinnige Witz seyn müsse.
-
-
-§. 20.
-
-+Quintilian+ versichert uns, in dem +sechsten Buche seiner
-Redekunst+, daß die Natur das meiste zu einem guten Schertze
-beytrage, weil sie einen Menschen, unter andern, scharfsinniger
-und fertiger in der Erfindung der Spasse mache. Ja, er erklärt
-einen Schertz ausdrücklich durch: ~sermonem cum risu aliquos
-incessentem~. +Cicero+ stimmt mit dem letzten überein. Er
-setzt jederzeit voraus, daß ein Schertz geschickt sey, ein lachen zu
-verursachen, und daß ein Spaß deßwegen vorgetragen werde, damit ein
-Gelächter möge erweckt werden. Betrachtet man alle die Exempel, die
-beyde anführen, nebst den Quellen, woraus sie die Schertze hergeleitet
-haben; so muß man augenblicklich auf die Gedancken gerathen, daß zu
-einem Schertze, eine Uebereinstimmung verschiedener Dinge, und die
-Einsicht derselben, erfodert werde. Dieses zum voraus gesetzt, werde
-ich nicht irren, wenn ich sage: daß ein Schertz eine Rede sey, wodurch
-wir Vorstellungen, die von den scharfsinnigen Witze gewürckt worden,
-vortragen, und welche zum nächsten Zwecke hat, andere zum lachen zu
-reizen. Ich sage ein Schertz sey eine Rede. Ich will deßwegen nicht
-in Abrede seyn, daß ein schertzhafter Kopf mit sich selbst spassen
-könne. Ich will sagen, daß ich zugebe, daß ein Mensch Vorstellungen
-haben kan, denen alle Eigenschaften eines Schertzes zukommen, und
-denen nichts weiter fehlt, als der Ausdruck und Vortrag. Ich will
-niemanden einen Streit erregen, wer diesen Vorstellungen schon den
-Namen der Schertze beylegen will. Ich habe aber doch geglaubt, daß ich
-berechtiget sey, einen Schertz eine Rede zu nennen. Ich habe nicht
-nur den häuffigsten Gebrauch zu reden auf meiner Seite; sondern wenn
-es auch ein Irthum ist, so irre ich zum ummercklichen Nachtheil der
-Critik über die Schertze. Alles was ich von den Schertzen, nach meiner
-Erklärung, beweisen werde, wenn man das ausnimmt, was von dem Vortrage
-derselben wird gesagt werden, gilt auch von einem Schertze, wenn man
-ihn als eine blosse Vorstellung betrachten will. Ich sage nicht, daß
-ein Schertz allezeit ein Lachen erwecke. Es kan jemand sehr starck zum
-Lachen gereitzt werden, und doch durch tausenderley Ursachen genöthiget
-werden, die Stirne mit Runzeln zu bedecken. Ich leugne nicht, daß man
-bey einem Schertze ausser dem Lachen noch andere entferntere Zwecke
-haben könne. Ich sage nur daß der Schertzende zunächst, durch seinen
-Schertz ein Lachen zu erwecken, gesinnet seyn müsse.
-
-
-§. 21.
-
-Ich unterscheide einen Schertz von einer sinnreichen Rede und Einfalle
-überhaupt. Es kan jemand sehr vielen Witz in seinen Reden blicken
-lassen, er kan die artigsten Einfälle vortragen, darüber sich seine
-Zuhörer in einem hohen Grade belustigen, und man wird deswegen nicht
-sagen können, daß er schertze. Man müste denn alle Allegorien,
-Metaphern, und alle Würckungen des Witzes, Schertze nennen wollen,
-welches gewiß nur aus Spaß geschehen würde. Desgleichen, wird auch
-nicht eine jede scharfsinnige Rede ein Schertz seyn. Wer das im Ernst
-behaupten wolte, der müste alle Subtilitäten für Spaß halten. Gewiß,
-ein schöner Einfall! auf die Art würde der ernsthafteste Metaphysicus
-und Mathematicus, in seinem Vortrage nichts thun, als spassen. Endlich
-so muß man das nicht gleich für einen Schertz halten, wodurch man zum
-lachen bewegt wird. Es kan jemand sich aus dem Athem lachen, wenn er
-einen andern fallen sieht, der Hals und Bein zerbricht, welcher aber
-doch gewiß nicht aus Spaß gefallen ist. Das Lachen kan aus unzähligen
-Ursachen entstehen, die keinen Schertz zum Grunde haben. Doch davon
-werde ich weiter handeln, wenn ich die Vollkommenheit eines Schertzes,
-in Absicht aufs lachen, untersuchen werde.
-
-
-§. 22.
-
-Die Vollkommenheit und Unvollkommenheit eines Schertzes ist, entweder
-eine materielle oder formelle. Die erste entsteht aus den Dingen,
-die man zum Schertze braucht, und worüber man schertzet. Ich bin
-nicht willens alle Eintheilungen der Schertze, die daher erwachsen,
-anzuführen. Sie sind nicht nur leicht, sondern auch bey nahe unzählig.
-Ich brauche sie auch zu meiner Abhandlung sehr wenig, weil es
-nicht hieher gehört, die Sittlichkeit der Schertze, und die daher
-entstehenden Pflichten zu untersuchen. Ich werde nur überhaupt zum
-Beschlusse meiner Abhandlung einige Anmerckungen darüber machen. Doch
-kan ich mich nicht enthalten, mit wenigen einige Arten dieser Schertze
-anzuführen. Ich nenne einen Schertz unschuldig, wenn er keine Sünde
-ist, oder wenn dabey keine Pflicht übertreten wird. Die Schertze die
-nicht unschuldig sind, bekommen ihren Namen von den Pflichten, welche
-dabey übertreten werden. Ein Schertz ist gottloß, wenn er den Pflichten
-gegen GOtt zuwieder; grob, unhöflich, bäurisch, wenn er die Pflichten
-der Höflichkeit übertrit; unanständig wenn er den Pflichten der
-Wohlanständigkeit widerspricht u. s. w. Man erkennt von selbst was ein
-höflicher, anständiger, keuscher Schertz u. s. w. sagen wolle. Hieher
-kan man auch die verschiedenen Arten der Schertze rechnen, welche auf
-den Zwecken, die man ausser dem Lachen bey einem Spasse haben kan,
-beruhen. Man wird ohne mein Erinnern gewahr werden, daß ich dahin,
-unter andern, die beissenden oder satyrischen Schertze rechne.
-
-
-§. 23.
-
-Die formellen Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der Schertze,
-gehören wesentlich in meine Abhandlung. Sie beruhen auf der Einrichtung
-derselben, und Geschicklichkeit zu ihrem Zweck, in so fern sie von
-einem scharfsinnigen Witze abhangen, ohne daß man dabey auf ihren
-Gegenstand sieht. Ich theile sie in dieser Absicht in zwey Arten. Die
-erste begreift die glücklichen oder geschickten Schertze, wenn sie
-formaliter vollkommen sind. Sind sie in einem höhern Grade glücklich,
-so werden sie feurige Schertze genennt. Zu der zweyten Art gehören
-diejenigen, denen eine formelle Unvollkommenheit zukommt, sie werden
-unglückliche, ungeschickte, abgeschmackte Schertze genennt. Ein Schertz
-der in höhern Grade abgeschmackt ist, heißt frostig. Ich hätte bey nahe
-vergessen zu erinnern, daß ein feuriger Schertz gottloß unhöflich seyn
-könne, und ein abgeschmackter unschuldig. Folglich kan ein Schertz eine
-grosse formelle Vollkommenheit besitzen, der aber in der Sache selbst
-höchst unvollkommen ist, und umgekehrt.
-
-
-§. 24.
-
-Da eine Vorstellung um so viel vollkommener oder unvollkommener ist,
-formaliter betrachtet, je vortreflicher oder schlechter sich die
-Vorstellungskraft, wodurch sie gewürckt wird, bey ihrer Hervorbringung
-bewiesen; so muß auch ein Schertz um so viel glücklicher oder
-unglücklicher seyn, je stärcker oder matter und schwächer der
-scharfsinnige Witz ist, wodurch er gewürckt wird, und je geschickter
-er selbst ist ein Lachen zu erwecken. Das Feuer und die Kälte eines
-Schertzes, haben also ihren Grund, eines theils, in der Stärcke und
-Mattigkeit des scharfsinnigen Witzes; andern theils aber, in der
-Geschicklichkeit desselben einen andern zum lachen zu reitzen. Man
-thue hinzu, daß auch ein geschickter Vortrag des Schertzes sehr
-viel beytragen kan, das Feuer desselben zu vermehren, gleichwie der
-feurigste Spaß durch einen ungeschickten Vortrag kan ausgedämpft werden.
-
-
-§. 25.
-
-Wenn man den 24. Absatz mit dem 28. vergleicht, so können daher die
-Hauptregeln mit geringer Mühe erwiesen werden, wonach ein Schertz
-eingerichtet werden muß, wenn er glücklich und feurig seyn soll. Ein
-Spaß wird glücklich 1) wenn viele Dinge verglichen werden. 2) Wenn die
-Vorstellungen, die den Schertz ausmachen, unbekannt sind. 3) Wenn die
-verglichenen Sachen sehr verschieden sind. 4) Wenn er viele und grosse
-Uebereinstimmungsstücke entdeckt. 5) Wenn kurtz vor dem Schertze, sehr
-starcke Vorstellungen von anderer Art, vorhergegangen. 6) Wenn er
-mitten unter solchen Vorstellungen vorgetragen wird, die sehr starck
-und von anderer Art sind. 7) Wenn er selbst eine sehr starcke und
-grosse sinnliche Vorstellung ist. 8) Wenn er sehr geschickt ist ein
-Lachen hervorzubringen, oder wenigstens dazu sehr lebhaft zu reitzen.
-9) Wenn er auf eine geschickte Art vorgetragen wird. Nach diesen
-Regeln will ich meine Beurtheilung der Schertze einrichten. Und ich
-glaube, es wird aus denselben, durch ein geringes Nachdencken, können
-erkannt werden, daß ein feuriger Schertz unter die vollkommensten und
-vortreflichsten sinnlichen Vorstellungen gehöre; und daß ein spaßhafter
-Kopf, der in seinen Schertzen glücklich ist, eine wahre Hochachtung und
-Bewunderung verdiene.
-
-
-§. 26.
-
-Das Feuer eines Schertzes, und die unterschiedenen Grade desselben,
-entstehen 1) durch die Menge der Regeln die dabey beobachtet werden. Je
-mehr von den kurtz vorher angeführten Regeln beobachtet werden, desto
-glücklicher und feuriger wird der Schertz; je wenigern Regeln er aber
-gemäß ist, desto unglücklicher und frostiger muß er seyn. 2) Durch die
-genauere Beobachtung einer jeden Regel. Je mehr und besser eine jede
-beobachtet wird, desto glücklicher ist der Spaß; je schlechter und
-kleiner aber die Beobachtung einer jeden Regel ist, desto unglücklicher
-und frostiger muß der Schertz gerathen. Ich will mich nicht unterstehen
-zu versichern, daß ich mir getrauete, den Grad der Güte eines Schertzes
-in einem gegebenen Falle genau zu bestimmen. So weit habe ich es noch
-nicht in der mathematischen Erkenntniß solcher Dinge gebracht, die
-nicht nach Ruthen und Schuhen können abgemessen werden. Ich begreiffe
-auch leicht, daß ich einen zu strengen Kunstrichter abgeben würde,
-wenn ich keinen andern Schertz loben wolte, als solche die im höchsten
-Grade feurig sind. Mir deucht, daß ich das von einem spaßhaften Kopfe
-sagen könne, was +Horatz+ von den Dichtern behauptet:
-
- ~mediocribus esse poetis
- Non homines, non di, non concessere columnae.~
-
-Ich bin also der Meinung, daß man einem Schertze seinen Beyfall nicht
-versagen könne, wenn er nur mehr als mittelmäßig glücklich ist. Doch
-ich muß nun weiter gehen, und eine jede der gegebenen Regeln genauer
-untersuchen.
-
-
-§. 27.
-
-Die erste Vollkommenheit eines glücklichen Schertzes entsteht,
-vermöge der ersten Regel §. 25. aus der Anzal der Dinge, die mit
-einander verglichen werden. Ich rede nicht von der Vollkommenheit
-und Stärcke eines schertzhaften Menschen, die man ihm zugestehen
-muß, wenn er geschickt ist oft und viel zu schertzen, mit allem was
-ihm vorkommt. Ein Mensch dessen Fertigkeit zu schertzen sich über
-unzälige Gegenstände erstreckt, hat ein sehr weites Feld, darin sich
-sein Witz und Scharfsinnigkeit würcksam beweißt, und man muß ihm einen
-grossen Reichthum an schertzhaften Einfällen zugestehen. Darin besteht
-aber nicht die Vollkommenheit, die ich hier meine. Diese Schönheit
-eines Schertzes muß in einem einzigen Schertze enthalten seyn. Der
-Schertz der dieselbe haben soll, muß uns sehr viele Dinge auf einmal
-vorstellen. Ich gebe zu, daß ein Schertz, der auch nur zwey Dinge mit
-einander vergleicht, im übrigen sehr feurig seyn könne. Man wird aber
-doch zugestehen müssen, daß ihm eine Schönheit fehlt, die nicht anders
-möglich ist, als durch die Menge der Gegenstände, die man in einem
-einzigen Schertze zusammen faßt. Zwey Schertze, die im übrigen gleich
-schön sind, deren einer nur zwey Dinge vergleicht, der andere aber
-mehrere, sind ohne Streit dergestalt von einander unterschieden, daß
-der letztere vor den erstern den Vorzug erhalten muß.
-
-
-§. 28.
-
-Ein Schertz bekommt durch die in dem vorhergehenden Absatze angemerckte
-Vollkommenheit, eine Schönheit, die eine ungemeine Belustigung zu
-verursachen vermögend ist. Nichts belustiget die Einbildungskraft
-stärcker, als die Verschiedenheit. Das Auge irret mit dem grösten
-Vergnügen in einer Gegend herum, von der es kein Ende erblickt,
-und welche durch eine unendliche Mannigfaltigkeit der Gegenstände
-ausgefüllt ist. Alles was groß und unendlich ist, erweckt in der
-Seele eine angenehme Empfindung. Es sey nun, daß unser Geist sich
-über seine eigene Stärcke, wodurch er vermögend ist so vieles auf
-einmal zu fassen, ergötzt. Oder, daß selbst eine jede Vorstellung
-eine Vollkommenheit ist, die die Seele fühlt, und welche durch die
-Vervielfältigung der Vorstellungen selbst vervielfältiget wird. Oder
-daß die Menge der Vorstellungen, die die Seele mit einemmal begreift,
-eine Uebereinstimmung des mannigfaltigen in der Seele selbst entsteht,
-welche sie fühlt, und woher, als aus einem Gefühl der Vollkommenheit,
-eine Lust entstehen muß. Dem sey wie ihm wolle, das mannigfaltige, und
-die Abwechselung in demselben, führt jederzeit etwas belustigendes mit
-sich.
-
- ~Jucundum nihil est nisi quod reficit varietas.~
-
- _Publ. mimogr._
-
-Wenn also ein Schertz eine solche Mannigfaltigkeit in sich faßt, so muß
-er angenehm seyn. Und ich halte mich vor überzeugt, daß ein angenehmer
-Schertz besser sey, als ein unangenehmer. Jener erweckt ein lachen
-wodurch das Gemüth aufgeheitert wird, und wer lacht nicht gerne zu dem
-Ende? Und wer geht nicht gerne mit solchen Leuten um die auf eine so
-angenehme Art schertzen?
-
- ~Nil ego contulerim iucundo sanus amico.~
-
- _Hor. Satt. L. I. Sat. V._
-
-
-§. 29.
-
-Zu den Schertzen, welche diese erste Vollkommenheit haben, können
-diejenigen gerechnet werden, welche durch die Anführung eines Verses
-aus einem berühmten Poeten gemacht werden. Wenn die Wahl glücklich
-ist, so wird der Schertz ohnfehlbar gerathen. Man kan entweder die
-unveränderten Worte des Dichters behalten, oder dieselben etwas
-verändern. Wem nun der Dichter bekannt ist, dem wird durch die
-Anführung, auch nur einiger Worte, der Zusammenhang der gantzen Stelle
-ins Gemüth gebracht, woher man den Vers entlehnt hat. Und man wird
-mir ohne Beweiß zugestehen, daß dadurch der Einbildungskraft eine
-gantze Menge mannigfaltiger Dinge vorgestellt wird. Ich setze voraus,
-daß sonst keine nothwendige Eigenschaft eines Schertzes fehlt. Dieses
-Kunstgriffes wissen sich die Satyrenschreiber, mit grossen Vortheile,
-zu bedienen, und ich halte es daher für unnöthig Exempel anzuführen.
-Von gleicher Art sind die Sprüchwörter. Einige derselben beziehen
-sich nicht nur, vermöge ihres wesentlichen Inhalts, auf viele Dinge
-zugleich, sondern weil sie in unendlich vielen Fällen im gemeinen
-Leben gebraucht werden, so stellt uns die Einbildungskraft, so bald
-wir das Sprüchwort hören, unzälige solcher Fälle vor. Wenn man demnach
-schertzen will, und man führt zu dem Ende, ein bekanntes Sprüchwort
-an, das sich sonst zu den Umständen schickt, und die Sache lächerlich
-macht, so bekommt der Schertz eine Mannigfaltigkeit die angenehm seyn
-muß.
-
-
-§. 30.
-
-Diese Vollkommenheit der Schertze, von der ich bisher geredet habe,
-entsteht auch aus der Erzehlung einer gantzen Begebenheit. Man kan sie
-entweder selbst erdichten, oder aus der Geschichtskunde entlehnen.
-Das erste erfodert eine grosse Geschicklichkeit. Ich unterstehe mich
-nicht, Regeln davon zu geben, da es überdies mein Zweck nicht ist
-dergleichen vorzutragen. Ich mercke nur an, daß durch eine solche
-Erzehlung, ein Schertz diejenige Schönheit bekommt, von der ich jetzo
-rede. Eine Erzehlung faßt sehr vieles in sich, es kan demnach einem
-solchen Spasse an Mannigfaltigkeit nicht fehlen. Ein Exempel gibt mir
-des Herrn +Liskov+ Satyre, auf den bekannten +Philippi+,
-in welcher er seinen Tod erzehlt. Entlehnt man die Erzehlung aus der
-Geschichtskunde, so kan es auf verschiedene Art geschehen. Man kan eine
-berühmte Person nennen, oder sonst eine berühmte Sache und Begebenheit.
-Man kan durch einen kurzen Ausspruch, eine bekante Sache ins Gedächtnis
-bringen, und dem Schertze diejenige Lebhaftigkeit geben, welche durch
-die Anzahl der verglichenen Dinge entsteht. Meine +Leser+ werden
-nicht dencken, als wenn ich glaubte, daß die Verse, Sprüchwörter,
-und Erzehlungen, dem Schertze keine andere Schönheiten, als die
-Mannigfaltigkeit zu geben vermögend wären. Ich habe diese Quellen der
-Schertze nur deswegen angeführt, damit man überzeugt werde, daß meine
-erste Regel der Schönheit eines Schertzes, von der ich bisher geredet,
-gegründet sey.
-
-
-§. 31.
-
-Ich gehe zur andern Hauptvollkommenheit der Schertze fort. Ich habe §.
-25. erwiesen, daß ein glücklicher Schertz unbekannt seyn müsse. Man muß
-diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als wenn das Materielle des
-Schertzes, die Sachen worüber man schertzet, und woher man den Schertz
-nimmt, unbekannt seyn müsten. Nein, das wäre eine Unvollkommenheit die
-den gantzen Schertz verderben würde. Ein solcher Spaß wäre viel zu
-dunckel, als daß er solte verstanden werden können, und ein Schertz
-der nicht eingesehen wird, ist in Absicht auf den, der ihn nicht
-einsieht, kein Schertz. Der allerfeurigste Spaß thut keine Würckung,
-bey denen die ihn nicht verstehen. Ich glaube daß uns viele Schertze im
-+Cicero+, und andern alten Schriftstellern besser gefallen würden,
-wenn wir sie nur gantz verstünden. Warum kan niemand über die ~pyxis
-Coeliana~ im +Quintilian+ und +Cicero+ lachen? Die Sache
-ist uns unbekannt. Man begreift also, wovon ich unten ausführlicher
-handeln werde, daß die Sachen womit man schertzet, demjenigen bekannt
-seyn müssen, bey dem ein Schertz seine Würckung thun soll. Was ist
-aber denn nun das unbekannte, das zur Schönheit eines Schertzes
-erfodert wird? Es besteht, mit einem Worte, in dem schertzhaften eines
-Spasses. Das was einen Schertz zum Schertz macht, die Form desselben,
-der Schwung der Gedancken, die Vergleichung verschiedener Stücke, und
-hundert andere Dinge die das Wesen eines Schertzes ausmachen, müssen
-noch unbekannt seyn. Oder, will man es anders ausdrucken, so sage man,
-daß ein glücklicher Schertz neu seyn müsse.
-
-
-§. 32.
-
-Wenn ich sage, daß ein glücklicher Schertz noch neu und unbekannt
-seyn müsse, so verstehe ich das nicht nur von den Personen, denen der
-Schertz vorgetragen wird, sondern auch von der schertzenden Person
-selbst. Ein Mensch der einen ihm schon bekannten Schertz vorträgt,
-beweißt alsdenn keine Stärcke seines scharfsinnigen Witzes. Er braucht
-nichts weiter als sein Gedächtniß, und er verhält sich dabey nicht
-anders als ein Geschichtschreiber, der die Schertze eines andern
-erzehlen kan, ohne selbst ein spaßhafter Kopf zu seyn. Es ist wahr,
-wenn ein solcher Schertz nur den Zuhörern noch unbekannt ist, so kan
-er bey ihnen alle Würckungen eines feurigen Schertzes hervorbringen.
-Derjenige, der den Schertz erzehlt, darf sichs nur nicht mercken
-lassen, daß ihm derselbe schon längst bekannt gewesen ist. Dem
-ohnerachtet behält ein solcher Spaß einen Fehler, der von andern nur
-darinn unterschieden ist, daß er nicht so mercklich ist. Noch viel
-nöthiger aber ist es, daß ein Schertz der glücklich gerathen soll, den
-Zuhörern noch neu und unbekannt sey. Haben sie ihm schon unzählige mal
-gehört, so ist er was altes, und er verliehrt alles das Feur, welches
-ihm nichts anders als die Neuigkeit geben kan.
-
-
-§. 33.
-
-Das neue hat jederzeit eine Schönheit, die alle dem fehlen muß, was
-alt ist. Das alte wird uns zur Gewohnheit, man gibt nicht mehr drauf
-achtung, die Vorstellung desselben verdunckelt sich nach und nach, und
-wir werden natürlicher Weise verdrießlich, ein und eben dasselbe so oft
-zu dencken, weil die Seele keinen Zuwachs der Erkenntniß, so ein Mangel
-einer Vollkommenheit ist, dabey fühlt. Was uns aber noch neu ist,
-beschäftiget unsere gantze Aufmercksamkeit, es entsteht darüber eine
-Art einer angenehmen Verwunderung, unsere Seele freuet sich heimlich
-über den Anwachs ihrer Erkenntniß, welcher überhaupt betrachtet eine
-Vollkommenheit ist. Kurtz, eine Vorstellung die bey uns gantz neu
-ist, hat ein Licht welches viel zu angenehm ist, als daß wir es nicht
-mit Vergnügen sehen solten. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welchen
-vor dem was neu ist eckelt, und die sich in das Alterthum dermassen
-verliebt haben, daß sie mit einem innigern Vergnügen die Schrift auf
-einer verrosteten Müntze lesen, als den Beweis einer neuen Wahrheit
-durchdencken. Allein ich weiß auch, daß diese Bewunderer des Alterthums
-meinen Satz bestätigen. Nimmermehr würden sie ein verschimmeltes
-Manuscript mit Vergnügen ansehen, wenn es in ihrer Vorstellung nicht
-etwas neues wäre. Nein, es bleibt dabey, die Natur bleibt sich überall
-ähnlich, das alte in so fern es alt ist kan niemals uns das Vergnügen
-geben, welches Neuigkeiten verursachen, als in so fern unsere Gedancken
-davon neu sind. Die Neuigkeit ist also eine Schönheit des Schertzes,
-welche reitzt. Man kan hinzu thun, daß die Neuigkeit eines Schertzes
-ein untrüglicher Beweiß sey, daß ihn der schertzende selbst gemacht
-hat. Die Stärcke und Geschicklichkeit seines scharfsinnigen Witzes
-leuchtet darinn unleugbar hervor, und gibt dem Schertze eine Anmuth,
-die eine Bewunderung des Urhebers verursacht. Ein Schertz der feurig
-seyn soll, muß wenigstens einen gantz neuen Gedancken enthalten, der
-zu dem schertzhaften in demselben gehört.
-
-
-§. 34.
-
-Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt und frostig seyn, der von
-Vater auf Sohn fortgepflanzt worden. Man solte, bey manchen Spassen,
-womit sich verfrorne Köpfe breit machen, fast auf die Gedancken
-gerathen, daß es Familien-Spasse gebe; und daß man, wenn die dunckeln
-Zeiten diese wichtige Nachricht nicht entrissen hätten, den Ursprung
-mancher Schertze vor den Hunnen Kriege finden könnte. Es ist nichts
-natürlicher, als daß ein Sohn die Schertze seines spaßhaften Vaters
-bewundert und sich mercket. Kan man wohl anders dencken, als ein
-Vater werde sich über sein kluges Kind hertzlich freuen müssen, wenn
-es so gelehrig ist, und die Schertze seines Vaters wieder an Mann zu
-bringen weiß? Ich betrüge mich entweder, oder die mehresten Spasse,
-die man im gemeinen Leben hört, sind geerbte Spasse, nur daß sie,
-wie bey allen mündlichen Ueberliefferungen zu geschehen pflegt, denn
-und wenn eine kleine Veränderung auszustehen haben. Ein Schertz der
-scharfsinnigen Köpfen, und einem gereinigten Geschmacke gefallen soll,
-muß unsern Vätern unbekannt gewesen seyn. Man hat sich dabey nicht
-nach den Beyfall des grösten Hauffens zu richten. Ich weiß wohl, daß
-unter denselben ein verdorbener Geschmack herrscht, dem solche ererbte
-Schertze dennoch zu gefallen pflegen. Allein, das ist ein Beweis der
-abgeschmackten Beschaffenheit eines Spasses, wenn er einem frostigen
-Kopfe gefällt, und es bleibt wahr was +Horatz+ gesagt:
-
- ~Nec, si quid fricti ciceris probat & nucis emtor,
- Aequis accipiunt animis, donantue corona.~
-
-
-§. 35.
-
-Ein Schertz der feurig seyn soll, muß nicht zur Mode geworden seyn.
-Ein Mode Schertz ist viel zu bekannt, und alt, als daß er einiges Feur
-behalten solte. Man kan leicht dencken, was ein feuriger Witz vor
-Vergnügen finden wird, in den gewöhnlichen artigen Zusammenkünften,
-da sich ein jeder bemüht die Gesellschaft, mit spaßhaften Einfällen
-nach der Mode, zu unterhalten. Will man Exempel solcher abgeschmackten
-Schertze hören, so darf man nur mit einem kleinen Herrn umgehen. Ein
-kleiner Herre ist eine Archiv aller Dinge die zur Mode gehören. Sein
-Kopf start vor Menge der artigen Einfälle, welche im Schwange gehen.
-Er bringt mit inniger Zufriedenheit hundert lustige Einfälle vor, die
-tausend andere ebenfals sagen. Es müste jemand sehr wenigen Umgang
-haben, dem nicht hundert Schertze von solcher Art beyfallen solten.
-Doch kan ich mich nicht enthalten derjenigen zu erwehnen, die man durch
-eine Anspielung auf solche Dinge macht, die mir die Schamhaftigkeit zu
-nennen verbiethet. Ich will nicht sagen, daß diese abgeschmackten Zoten
-viel zu schmutzig sind, als daß sie einem ehrbaren Menschen solten
-anständig seyn. Ich sage nur, daß derjenige einen sehr armseeligen
-Witz blicken läßt, der mit Schertzen aufgezogen kommt die unter den
-Pöbel im Schwange gehen, und davon man Millionen ähnliche und gantz
-gleiche Schertze antrift. Muß das nicht ein allerliebster Umgang mit
-Frauenzimmer seyn, wo man seiner Schönen mit dergleichen witzigen
-Einfällen zu schmeicheln sucht? Die Kützelung, die durch einen solchen
-frostigen Schertz entsteht, rührt gewiß nicht aus dem sinnreichen
-desselben her, sondern aus dem Inhalte desselben, der allein im Stande
-ist, die Lebens Geister eines schmutzigen Gehirns, zu reitzen. Es sey
-also ferne, daß ich solche Mode Schertze billigen solte, sie gehören
-unter die Zahl derjenigen, die ein guter Geschmack für abgeschmackt
-hält. Doch was kan man wohl hoffen? Kan man wohl glauben, daß die
-Liebhaber dieser Schertze sich bessern werden, wenn man ihnen auch
-die Wahrheit noch so deutlich sagt? Ich zweiffele sehr daran. Sie
-wollen mit aller Gewalt spaßhafte Köpfe seyn, sie selbst können
-nicht schertzen, ist es wohl anders möglich, als daß sie zur Mode
-ihre Zuflucht nehmen? Uberdem finden solche frostige Köpfe jederzeit
-Bewunderer ihres Witzes:
-
- ~vn sot trouve touiours un plus sot qui l’admire~
-
- _Boileau._
-
-So lange es demnach Leute gibt die ihrer Natur zum Possen schertzen
-wollen; So lange es Leute gibt, die einen Mode Schertz bewundern, so
-lange werden auch die Mode Schertze ihr altes Recht behaupten.
-
-
-§. 36.
-
-Der vorhergehende Absatz veranlaßt mich zu einer Critik, über eine
-Stelle im +3. Buch der Odyssee+. +Homer+ läßt den +Demodocus+ die
-Rache des +Vulcans+ besingen, die ihm die Eifersucht über seine
-Frau eingeblasen. +Vulcan+ war von der Untreue seiner +Venus+
-benachrichtiget worden, und weil er sich auf seine Füsse zu verlassen
-keine Ursach fand, so hatte er Grund zu zweiffeln die +Venus+ auf
-frischer That einmal zu ertappen. Er ersan eine List, die man von einem
-Schmidt, der eine Gottheit ist, vermuthen kan. Er verfertigte eine
-unsichtbare Schlinge, die unzerbrechlich war, und die er nur selbst
-aufzulösen vermochte. +Venus+ und +Mars+ werden gefangen. +Vulcan+
-erblickt seinen Fang, und hebt ein so erbärmliches Geschrey an, wozu
-Rache, Eifersucht, Zorn und Verspottung einen Ehemann in ähnlichen
-Umständen nur immer zu vermögen im Stande sind. Alle Gottheiten
-männlichen Geschlechts, denn das Frauenzimmer des +Olympus+ war viel zu
-schamhaftig, als daß es bey dieser schmutzigen Begebenheit erscheinen
-solte, kommen zu Hauffe, und bewundern die List des +Vulcans+. Wer
-+Homers+ Götter kennt wird mit leichter Mühe errathen können, was ein
-jeder von ihnen, bey diesem Anblicke, wird gedacht haben. +Apollo+
-ist unverstellter als die übrigen, er fragt den +Mercur+, ob er wohl
-wünschte sich jetzt in den Umständen zu befinden, in welchen +Mars+
-betroffen worden? +Mercur+ antwortet mit aller der Schalckhaftigkeit,
-wozu eine so lustige Gottheit im Stande war. O, sagt er, wenn es nur
-wahr wäre, und wenn ich noch dreymal stärcker gefesselt wäre, und
-alle Götter und Göttinnen mich sehen solten, so wolte ich doch bey
-der unvergleichlichen +Venus+ gerne liegen. Diß war nun der Spaß,
-darüber alle Götter anfingen zu lachen. Ich will nicht sagen, daß
-dieser Schertz einer Gottheit unanständig sey, und daß +Mercur+, wenn
-er ein Philosoph gewesen wäre, ohnfehlbar zur +Cynischen+ Secte gehört
-hätte. Der läppische Character den +Homers+ Gottheiten haben kan
-damit völlig bestehen. +Homer+ hat auch sehr gut gethan, daß er das
-Frauenzimmer zu Hause bleiben lassen, weil er selbst scheint gesehen zu
-haben, daß sonst die gantze Begebenheit, und der Spaß den er anbringt,
-unerträglicher würde geworden seyn. Ich will auch zugeben daß dieser
-Schertz einiges Feuer in anderen Absichten haben könne. Ob er aber neu
-genug sey, daran habe ich grosse Ursach zu zweiffeln. Es ist mir sehr
-wahrscheinlich, daß +Apollo+, wo nicht eben die Gedancken gehabt, doch
-schon die Antwort des +Mercurs+ vorhergesehen. Und ich zweiffele gar
-nicht, daß die übrigen Götter eben das gedacht. War also dieser Schertz
-in der Versammlung der Götter etwas neues? +Homers+ Fabel macht also
-den Schertz des +Mercurs+ auf dieser Seite frostig. Doch ich tadle auch
-diesen Schertz aus einem ernsthafteren Grunde. Soll er feurig seyn, so
-muß er den Lesern des +Homers+ neu und unbekannt seyn. Kan man dieses
-wohl von diesem lustigen Einfalle des +Mercurs+ sagen? Ich habe Ursach
-dran zu zweiffeln. Dieser Schertz gehört unter die Alltages Schertze,
-deren man mehr, als gut ist, antrift. War dieser Schertz also wohl
-werth, daß bey nahe der gantze Himmel drüber lacht?
-
-
-§. 37.
-
-Wenn ein feuriger Schertz neu seyn soll, so muß ihn der Schertzende
-auch keinem andern abborgen. Er muß sich nicht für den Erfinder eines
-Spasses ausgeben, den ein anderer erdacht hat. Es gibt auch hier
-eine Art eines gelehrten Diebstahls, wird er entdeckt, so verliehrt
-der Schertz ein grosses Stück seines Feuers; bleibt er aber auch
-verborgen, so fehlt ihm nichts destoweniger eine Schönheit, ob man
-gleich diesen Mangel nicht merckt. Wer einen Schertz stiehlt, muß, wenn
-er anders nicht ausserordentlich unverschämt ist, mit tausend Aengsten
-befürchten, daß es seine Zuhörer mercken werden, denn alsdenn ist ihnen
-der Schertz entweder schon bekannt, oder der schertzende wird von ihnen
-nicht anders als ein Sprachrohr betrachtet, durch welches, der von
-ihnen entfernte Urheber des Scherzes, ihnen seinen lustigen Einfall
-mittheilt. Wenn man eines andern Schertze erzehlt, kan man sehr selten
-diejenige anständige Dreistigkeit behalten, die zu einem glücklichen
-Spasse nöthig ist. Ja was noch mehr. Der Schertz kan in dem Munde
-seines Erfinders ein grosses Feur besessen haben, welches verlöscht,
-wenn ein anderer eben denselben vortragen will, weil sich beyde in
-verschiedenen Umständen befinden, die doch allezeit sich aufs genaueste
-passen müssen, wenn der Spaß gerathen soll. Ich will zugeben daß
-niemand den Diebstahl merckt, daß derjenige, der den Spaß von andern
-entlehnt, die anständigste Dreistigkeit blicken lasse, und daß alle
-Umstände sich aufs genaueste schicken. Dem ohnerachtet behaupte ich,
-daß der Schertz eine Häßlichkeit behält, weil zwar der Fehler verborgen
-ist, aber doch würcklich vorhanden ist. Denn der Schertz ist doch alt,
-und der ihn vorträgt ist ein blosser Erzähler desselben. Ich könnte
-dergleichen Schertze +Thrasonische+ Spasse nennen. +Thraso+
-beym +Terenz+ im ~Eunuch.~ macht es eben so:
-
- ~Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.
- Audieras? saepe; & fertur in primis.
- Meum est.~
-
-Ich rathe demnach einem jeden spaßhaften Kopfe, ja niemals die Schertze
-anderer Leute nachzubeten. Sind sie selbst nicht im Stande Erfinder
-der Schertze zu seyn, so thun sie viel besser gar nicht zu spassen,
-als so verwegen zu seyn, und sich in die Gefahr zu begeben, die Armut
-ihres Witzes zu verrathen. Eben das gilt auch von allen denjenigen, die
-durch das lesen artiger und sinreicher Schriftsteller, einen Vorrath
-artiger Gedancken sich gesamlet haben, die sie bey aller Gelegenheit,
-durch eine männliche Nachahmung, wiederum an Mann zu bringen suchen.
-Man kan ihnen den Ruhm geschickter und glücklicher Nachahmer manchmal
-nicht absprechen. Ein +Bayle+ und +Fontenelle+, kan der Vater unzäliger
-kleiner +Bayle+ und +Fontenelle+ seyn. Nur müssen sich diese
-kunstmäßigen Abschreiber bescheiden, so lange keinen Anspruch auf einen
-witzigen Kopf vom ersten Range zu machen, bis sie Erfinder artiger
-Einfälle geworden.
-
-
-§. 38.
-
-Eine Sache die noch so neu ist wird mit der Zeit alt. Alle Dinge in
-der Welt sind der Vergänglichkeit unterworffen, und ein Schertz mag
-noch so feurig seyn, so wird er mit der Zeit frostig. Folglich muß ein
-Spaß nicht zu oft aufgewärmt werden. Wenn ein Schertz das erstemal
-noch so schön gerathen, so wird er das andre mal schon viel von seiner
-Lebhaftigkeit verlohren haben, und noch mehr wenn man ihn zum dritten
-mal hört. Man kan einen Schertz mit der Zeit ohne Bewegung anhören,
-über welchen man sich das erstemal aus dem Othem gelacht hat, und man
-verwandelt endlich sein Wohlgefallen über den Spaß, in eine Verachtung
-desjenigen, der sich erkühnt uns mit einerley so oft zu unterhalten.
-
- ~Ridetur chorda qui semper oberrat eadem.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Ein solcher Schertz wird mit der Zeit gar zu bekant, und man hat grosse
-Ursach zu glauben, daß ein scharfsinniger Witz nicht eben gar zu groß
-und fruchtbar seyn müsse, der sich durch einen einzigen glücklichen
-Schertz erschöpft zu haben scheint, weil er immer denselben und keinen
-neuen vorträgt. Ja der, so diesen Fehler in Schertzen begeht, bezeigt
-gar zu wenig Hochachtung gegen seine Zuhörer. Er glaubt entweder, daß
-sie kein gutes Gedächtniß haben, und daß ihnen also einerley Sache
-immer neu bleiben müsse; oder daß sie nicht witzig genug gewesen,
-seinen Spaß schon hinlänglich zu verstehen; oder daß sie gar zu
-flatterhaft sind, und die schlechteste Ursach zum lachen ergreiffen,
-sich lustig zu machen. Alles dieses wird dem Schertzenden sehr wenig
-Hochachtung bey seinen Zuhörern zu wege bringen. Nein, ein Schertz der
-einmal geglückt, muß Zeitlebens nicht wieder vorgetragen werden. Oder,
-will man mehr Gelindigkeit von mir fodern, so kan ich zwar die Zahl der
-Wiederholung nicht bestimmen; doch, nach meinem Geschmacke, gefält mir
-ein Schertz noch ziemlich, den ich zum zweyten oder dritten mal höre,
-wird er mir aber zum vierten oder fünften mal gesagt, so erweckt er in
-mir entweder Gleichgültigkeit, oder Verdruß. Das, was ich jetzo von
-Schertzen gesagt habe, kan man auch von einem jeden artigen Gedancken
-und Einfalle sagen. Ein Schriftsteller, der eine gewisse Anzal artiger
-Einfälle zu haben scheint, die er so oft vorbringt, als er redet oder
-schreibt, scheinet mir einen sehr eingeschränckten Vorrath davon zu
-besitzen, und macht seine Schrift, bey vernünftigen Lesern eckelhaft.
-
-
-§. 39.
-
-Ich kan mich hier nicht enthalten einen Fehler anzumercken den manche,
-die mit Gewalt, es koste was es wolle, lustige Gesellschafter seyn
-wollen, begehen. Sie samlen sich einen ziemlichen Vorrath kleiner
-poßirlichen Histörchen, die sie in allen Gesellschaften mit einer
-kützelnden Zufriedenheit erzehlen. Sie haben ihren eigenen Witz
-dergestalt verwöhnt, daß sie nicht lustig seyn können wenn sie diese
-Lappalien nicht vortragen. Und wer solche Leute kennt der pflegt, so
-bald sie den Faden ihrer Geschichte anfangen, zu sagen, ja ja! nun
-kommen die Historien, nun werden sie aufgeräumt. Ich will nicht sagen,
-daß es unverschämt gehandelt sey, eine gantze Gesellschaft mit Dingen
-zu unterhalten, die man ihnen wohl tausendmal gesagt hat. Ich sage nur,
-daß dis ein Zeichen eines sehr matten und frostigen Witzes sey, wenn
-man einerley schertzhafte Einfälle, so oft wiederholt. Wollen diese
-lebendigen Chronicken etwa einwenden, daß die Gesellschaft gleichwol
-lache, so bitte ich sie achtung zu geben, ob ein solches lachen nicht
-vielmehr eine erzwungene Höflichkeit sey, die man ihnen beweißt, weil
-man sich doch genöthiget sieht, mit ihnen umzugehen. Wenn sie sich die
-Mühe nehmen wollen diese Beobachtung zu machen, so werden sie gewahr
-werden, daß mancher über ihre Erzehlungen lacht, indem er mitten im
-Gähnen begriffen war. Doch kan es seyn daß sie sich in Gesellschaft mit
-Leuten von frostigen Witze und üblen Geschmack befinden, und alsdenn
-versichere ich ihnen, daß diese lachen werden, und wenn sie ihre
-Historien ihnen noch tausendmal vortragen solten.
-
-
-§. 40.
-
-Noch ein Fehler ist zu bemercken, welcher der Schönheit eines
-Schertzes, so aus der Neuigkeit desselben entspringt, zu wieder ist. Es
-besteht derselbe darin, wenn man gar zu aufgeräumt ist, und in kurtzer
-Zeit gar zu viel Schertze hinter einander vorträgt. +Cicero+ hat
-denselben auch bemerckt, im +andern Buche vom Redner+: ~Hoc
-opinor primum, ne, quotiescunque potuerit dictum dici, necesse habeamus
-dicere~. Ein jeder dieser Schertze kan an sich sehr schön seyn,
-und, wenn er allein vorgetragen wird, alles das Feur besitzen, so zu
-einem angenehmen Schertze erfodert wird. Allein weil er unter einer gar
-zu grossen Menge anderer Schertze vorgetragen wird, so erkaltet er.
-Man wird des lachens auch müde. Unsere Seele liebt die Veränderungen,
-eine Belustigung die gar zu lange einträchtig bleibt, wird matt und
-verliehrt ihre Anmuth. Alle glückliche Schertze erwecken in der Seele
-ein ähnliches Vergnügen, ist es also nicht natürlich, daß, wenn in
-kurzer Zeit, gar zu viele Schertze auf einander folgen, die folgenden
-immer frostiger werden müssen, je weiter sie von dem ersten entfernt
-sind? Alle sinnliche Lust wenn sie aufs höchste getrieben worden,
-nimt von selbst natürlicher Weise wieder ab. ~Omnibus in rebus
-voluptatibus maximis fastidium est finitimum.~ +Cicero+ im
-+dritten Buch vom Redner+. Es streitet wider die Natur der Seele,
-viele feurigen Schertze hinter einander, mit gleicher Lebhaftigkeit, zu
-fühlen, die letztern haben keine völlige Neuigkeit mehr, weil sie das
-Vergnügen, das die vorhergehenden erweckt haben, nur durch einen etwas
-veränderten Grund verursachen, oder vielmehr nur fortsetzen. Es ist
-demnach natürlich, daß uns das Schertzen endlich verdrießlich werden
-muß, wenn es in einem, durch eine geraume Zeit, fortgeht.
-
- ~Quem bis terque bonum cum risu miror, & idem
- Indignor.~
-
- _Hor. de art. poet._
-
-Sollen alle unsere Schertze glücklich seyn, so muß man nicht zu viel
-auf einmal, und kurtz hinter einander spassen. Es ist demnach eine
-Maxim die der Vollkommenheit der Schertze nachtheilig ist, wenn
-man annimt, daß ein Schertz, der an sich feurig ist, auch könne
-vorgetragen werden, ohne weitere Betrachtungen dabey anzustellen.
-Ein schertzhafter Kopf muß kein Verschwender, sondern ein sparsamer
-Haußhalter seyn, der für das künftige sorgt. Hat er in manchen
-Stunden einen gar zu starcken Zufluß von Schertzen, so bedencke er,
-daß theure Zeiten kommen können, da bey ihm die Schertze sehr rar
-seyn möchten. Die Leute, die manchmal gar zu lustige und aufgeräumte
-Stunden bekommen, besitzen einen Witz, der mir einem gewaltigen
-Strohme gleich zu seyn scheint, bey welchen, wenn er einmal seinen Dam
-durchbrochen, kein aufhalten ist. Es ist wahr, wir sind, wenn wir auch
-noch so feurige Köpfe wären, nicht immer zum spassen aufgelegt; aber
-man kan doch sagen, daß es möglich sey sich vor den Fehler zu hüten,
-den +Horatz+ an den Sängern bemerckt hat. _Satt. L. I. Sat.
-III._
-
- ~Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos
- Vt nunquam inducant animum cantare rogati.
- Iniussi nunquam desistant.~
-
-
-§. 41.
-
-Ich will durch alle die bisherigen Regeln nicht fodern, daß der gantze
-Schertz von dem schertzenden erst müsse erfunden werden, ob ich gleich
-behaupte, daß das die schönsten Schertze dieser Art sind, welche der
-schertzende erschaffen hat, und das erstemal vorträgt. Man kan einen
-von andern gehörten Spaß vortragen, ja man kan seine eigene Spasse
-wieder aufwärmen, wenn nur etwas neues dabey vorkommt. Folglich muß
-wenigstens der schertzende mit Wahrheit behaupten können, daß er etwas
-an dem Schertze, den Augenblick erst, erfunden habe. Solche Schertze
-sind auch schön, ob gleich nicht in dem Grade, als die ganz neuen. Es
-kan hier eben so gehalten werden, als in den Wissenschaften. Man kan
-daselbst Wahrheiten von andern entlehnen, wenn man sie mit einiger
-Veränderung und Zusatz vorträgt, oder auch nur auf eine andere Art
-beweißt, und andere Folgen daraus herleitet, so kan man sich für
-den Erfinder einiger Theile dieser Wahrheit mit Recht ausgeben. Man
-kan daher andern ihre Spasse abborgen, ein kleiner Umstand, den wir
-hinzu oder wegthun, gibt uns ein Recht denselben eines theils für
-den unsrigen auszugeben. Wenn wir ihn auch nur in andern Umständen
-vortragen, und ihn so geschickt vorzubringen wissen, daß es natürlich
-zu seyn scheint, auf einen solchen schertzhaften Einfall zu kommen, so
-fehlts demselben doch nicht an aller Neuigkeit.
-
-
-§. 42.
-
-Ich habe zur dritten Schönheit der Schertze, die Verschiedenheit der
-Dinge, die man mit einander vergleicht, angenommen. §. 28. Wenn die
-Dinge gar nicht mercklich, oder doch in einem sehr geringen Grade
-verschieden sind, so verursacht die Entdeckung ihrer Ubereinstimmung,
-entweder gar keinen, oder doch einen sehr frostigen Spaß. Ich will
-nicht wieder sagen, daß ein solcher Spaß frostig sey, weil er von
-einem sehr matten Witze seinen Ursprung hat, denn das habe ich schon
-§. 20. angemerckt. Sondern ich habe noch andere Ursachen, warum ich
-behaupte, daß ein feuriger Schertz von Dingen, die in einem hohen
-Grade verschieden sind, müsse entlehnt werden. Ich werde unten
-darthun, daß wir lachen, wenn wir einen Wiederspruch in Kleinigkeiten
-gewahr werden. Soll nun der Spaß zum lachen reitzen, so muß er einen
-solchen Wiederspruch entdecken. Das wird gewiß nicht geschehen, wenn
-man Dinge, deren Uebereinstimmung groß, und augenscheinlich ist, mit
-einander vergleicht. Nimt man aber Dinge, die sehr verschieden sind,
-und deren Verschiedenheit offenbar, und in die Augen fält, und entdeckt
-in ihnen eine Uebereinstimmung, so scheint das ein Wiederspruch zu
-seyn, und wir erhalten unsern Zweck. Man kan hinzu thun, daß sonst
-der Spaß nicht neu und unerwartet genug seyn würde. Dinge die gar zu
-mercklich mit einander übereinkommen, sind sehr leicht zu vergleichen,
-ein jeder der sie betrachtet, kan mit einer geringen Aufmercksamkeit
-die Uebereinstimmung gewahr werden. Wird man jemanden also wohl viel
-neues sagen, wenn man sich die Mühe macht, ihm in solchen kleinen
-Entdeckungen zu helfen? Nein, Dinge worüber man glücklich schertzen
-will, müssen eine sehr unmerckliche Uebereinstimmung haben. Ihre
-Verschiedenheit muß so mercklich und groß seyn, daß sie dem Ansehen
-nach nichts mit einander gemein zu haben scheinen. Oder, wenn sie
-auch mit einander in manchen Stücken übereinkommen, so muß doch die
-Ubereinstimmung, die wir durch unsern Schertz in ihnen entdecken
-wollen, dergestalt beschaffen seyn, daß sie der Verschiedenheit
-derselben zu wiedersprechen scheint, und daß man daher Ursach zu
-glauben hat, daß keiner von unsern Zuhörern, ohne unsern Schertz, diese
-Entdeckung würde gemacht haben.
-
-
-§. 43.
-
-Wenn ein Schertz nicht die gemeldete Eigenschaft besitzt, so ist er ein
-so stumpfer Einfall, daß er für keine Geburth der Scharfsinnigkeit kan
-angesehen werden. Ein feuriger Schertz muß nicht nur durch den Witz
-gewürckt werden, sondern es muß auch darin eine grosse Scharfsinnigkeit
-hervorleuchten. Kan dieses wohl möglich seyn, wenn die verglichenen
-Dinge mit einander sehr übereinkommen? Nein, wenn ein Schertz nicht ein
-Schertz seyn soll,
-
- ~ quem praecepit
- Rusticus, abnormis sapiens, crassaque Minerua.~
-
- _Hor. Sat. L. II. Sat. II._
-
-so muß man nicht, wenn man schertzen will, handgreifliche
-Uebereinstimmungen vorbringen. Ein feuriger Schertz muß so fein und
-scharfsinnig seyn, daß er von einem plumpen Kopfe nicht eingesehen
-werden kan. Das kan nicht anders erhalten werden, als wenn man den
-Schertz dergestalt einrichtet, daß derjenige, der ihn begreiffen
-will, erst vorläufig einen grossen Unterschied gewahr werden muß. Das
-gemeine Leben könnte mir hier wieder eine ansehnliche Menge solcher
-stumpfen Spasse an die Hand geben, wenn ich glaubte daß der Versuch,
-den Geschmack des Pöbels zu verbessern, einen mercklichen Nutzen haben
-könnte.
-
-
-§. 44.
-
-Zur Verschiedenheit der Dinge wird ihre Unähnlichkeit, die
-Verschiedenheit ihrer Beschaffenheiten, gerechnet. Soll demnach ein
-Schertz gerathen, so müssen die Dinge, womit man schertzet, eine
-augenscheinliche Unähnlichkeit haben, die so groß und mercklich ist,
-daß man keine Aehnlichkeit in ihnen gewahr wird, wenn man sie nicht mit
-der äussersten Aufmercksamkeit betrachtet. Wenn man die mercklichen und
-augenscheinlichen Aehnlichkeiten der Dinge entdeckt, so kan man zwar
-sagen, daß man eine gute Allegorie, oder andere witzige Vergleichungen,
-gemacht habe, aber ein Schertz kan eine solche Entdeckung nicht genennt
-werden. So wenig man darüber lachen würde, wenn ein Maler sein Bild dem
-Originale so ähnlich macht als möglich, so wenig wird man durch die
-Anzeige der offenbaren Aehnlichkeit zweyer Dinge zum lachen gereitzt
-werden. Der König in Franckreich, +Ludewig der eilfte+, gibt
-mir ein Exempel von einem Schertze, der diese Schönheit an sich hat.
-Man erzehlt daß er, da ihm die Nachricht überbracht worden, daß ein
-gewisser ungelehrter Mensch, einen sehr schönen Büchervorrath besitze,
-geantwortet habe: dieser Mensch sey wie ein bucklichter, der eine Last
-auf den Rücken trage, die er nicht sehen könne. Man wird ohne mein
-Erinnern mir zugestehen, daß ein ungelehrter Besitzer einer schönen
-Bibliothek, und ein ausgewachsener Mensch, zwey Dinge sind, deren
-Unähnlichkeit groß und handgreiflich genug ist.
-
-
-§. 45.
-
-Die andere Art der Verschiedenheit ist die Ungleichheit, die
-Verschiedenheit der Grösse. Ich bin überzeugt daß nichts lächerlicher
-und thörichter könne gedacht werden, als wenn sich kleine Dinge grossen
-gleichschätzen wollen. Die belachenswürdige Thorheit eitler und
-hochmüthiger Menschen, besteht ja eben darin, daß sie sich über sich
-selbst ausdehnen wollen, und dem Frosche in der Fabel ähnlich sind,
-der gerne so groß seyn wolte als ein Ochse. Meines Erachtens kan also
-kein Schertz stärcker zum lachen reitzen, als derjenige, welcher Dinge
-vergleicht, die der Grösse nach unendlich verschieden sind. Ich sage
-nicht, daß man die grossen Dinge denen kleinen gleich schätzen solle,
-das könnte nicht nur manchmal eine Frucht der Dumheit, Unwissenheit,
-Grobheit und Unverschämtheit seyn, sondern es würde auch in vielen
-Fällen nicht lächerlich seyn, weil alle grossen Dinge, der Wahrheit
-gemäß, den kleinen gleich sind, wenn man von ihnen dasjenige absondert,
-wodurch sie die kleinen übertreffen. Meinem Bedüncken nach, ist das
-eigentlich lächerlich, wenn man kleine Dinge denen grossen gleich
-schätzt. Das Grosse bleibt dabey in seinen Würden und Vorzuge, und man
-hütet sich vor den Verdacht der Leichtsinnigkeit. Der Wiederspruch ist
-dabey so mercklich, daß es nothwendig lächerlich seyn muß. Wird man
-nicht starck zum Lachen gereitzt wenn man beym +Ausonius+, ~Epigr.
-XCV.~ die Begebenheit des +Faustulus+ ließt? +Faustulus+ ritte auf
-einer Ameise. Da diese den Koller bekam, warf sie den unglückseeligen
-+Faustulus+ herunter, schlug hinten aus, und versetzte ihm einen
-dergestalt tödtlichen Stoß, daß er in seiner Todesstunde nur noch zu
-seinem Troste sagen konnte: Er habe eben so einen schweren Fall gethan
-als +Phaeton+.
-
- ~Faustulus insidens formicae, vt magno elephanto
- Decidit, & terrae terga supina dedit.
- Moxque idem est ad mortem multatus calcibus eius
- Perditus vt posset vix retinere animam.
- Vix tamen est fatus: quid rides improbe livor?
- Quod cecidi? cecidit non aliter Phaëton.~
-
-Ein feuriger Spaß muß also unter Dingen, die der Grösse nach fast
-unendlich verschieden sind, eine Verhältniß, eine Gleichheit entdecken.
-Ich will eben nicht sagen, daß dis zu allen feurigen Schertzen
-nöthig sey. Manchmal kan man zwey Dinge der Grösse nach nicht mit
-einander vergleichen, weil man nur auf ihre Aehnlichkeit sieht. Doch
-ist unleugbar, daß ein Schertz um so viel feuriger seyn müsse, je
-ungleicher die Dinge sind, die mit einander verglichen werden.
-
-
-§. 46.
-
-Keine Dinge sind so verschieden als die einander entgegen gesetzt sind.
-In so fern sie entgegen gesetzt sind, haben sie gar nichts mit einander
-gemein. Man begreift also mit leichter Mühe, daß die Vollkommenheit
-eines Schertzes, von der ich bisher rede, nicht besser erhalten werden
-kan, als durch die Verbindung und Vergleichung wiederwärtiger Dinge.
-Und o! was entdeckt sich hier für eine fruchtbare Quelle der Schertze!
-Ich begnüge mich dieselbe bloß angezeigt zu haben. Exempel trift man
-in grosser Menge in den Satirischen Schriften an, welchen die Ironie
-die Stacheln gibt. Die Quelle der Ironie ist eben das entgegengesetzte
-desjenigen, worüber man spotten will. Und wenn sonst alles seine
-Richtigkeit hat, so müssen die Schertze, die daher genommen werden
-nothwendig gerathen. Es sind demnach alle sinnreichen Einfälle matte
-Schertze, wenn sie keine grosse Verschiedenheit der Dinge, womit man
-schertzet, zum Grunde haben. Sie können sonst alle Schönheiten eines
-sinreichen Einfals haben, und in dieser Absicht angenehm seyn, nur muß
-man ihnen den Namen der Schertze nicht beylegen, denn zu diesen wird
-auch Scharfsinnigkeit erfodert.
-
-
-§. 47.
-
-Aus dem, was bisher gesagt worden, erhellet von selbst, warum manche
-Leute mit ihren spaßhaften Einfällen, einem zur Last werden. Es sind
-das alle diejenigen die einen gar zu lebhaften Witz besitzen, der
-von einer schlechten Beurtheilungskraft regiert wird. Der Mangel
-der Beurtheilungskraft erhält seinen Ursprung aus dem Mangel der
-Scharfsinnigkeit. Es ist also klar, daß solche spaßhafte Köpfe
-einen viel zu lebhaften Witz besitzen, mit Ausschliessung der
-Scharfsinnigkeit, als daß sie glücklich in Schertzen seyn sollen.
-Muß das nicht verdrießlich seyn, wenn man mit lauter Anspielungen,
-Allegorien, tropischen Redensarten, und dergleichen unterhalten
-wird, wenn man diese Dinge für artige Schertze halten soll? Ich
-rathe daher einem jedweden witzigen Kopfe, nicht gleich einen jeden
-sinnreichen Einfall für einen Schertz zu halten und auszugeben, sondern
-jederzeit zu bedencken, ob der Witz durch die nöthige Scharfsinnigkeit
-unterstützt worden. Wenn man diese Behutsamkeit verabsäumt, so kan es
-leicht geschehen, daß uns unser Witz ein Blendwerck vormacht, und wir
-dadurch genöthiget werden, Dinge in solchen Stücken zu vergleichen,
-worin sie doch von einander unterschieden werden. Ein solcher Irrthum
-macht unsern sinreichen Einfall abgeschmackt, und um so viel unwürdiger
-ein guter Schertz zu heissen.
-
-
-§. 48.
-
-Ich komme zur vierten Schönheit der Schertze §. 25. Ein feuriger
-Schertz, muß sehr viele und grosse Uebereinstimmungsstücke, der
-verglichenen Dinge, entdecken. Dadurch wird ausser der Stärcke
-des Witzes, die alsdenn in dem Schertze mercklich wird, eine
-Vollkommenheit in demselben hervorgebracht, welche in Verwunderung
-setzt, die Sache lächerlich macht, und ungemein belustiget. Wenn
-die Sachen, wie die vorhergehende Schönheit der Schertze erfodert,
-ungemein unterschieden sind, und doch eine vielfältige und grosse
-Uebereinstimmung unter ihnen entdeckt wird, so ist das so etwas
-unerwartetes, welches ein angenehmes Erstaunen und Verwunderung
-verursacht. Man bewundert ja alle diejenigen Dinge, die man als
-etwas ansieht, so man vorher gar nicht gedacht hat. Es scheint
-wiedersinnisch zu seyn, daß so sehr verschiedene Dinge, doch eine so
-grosse Uebereinstimmung haben, und das ist eine kräftige Reitzung zu
-lachen. Wolte man wohl zweiffeln, daß diese Verwunderung und dieses
-lachen etwas unangenehmes sey? Es kan nicht anders seyn, als daß aus
-dem Gewahrwerden dieser Uebereinstimmung, eine Belustigung entsteht,
-weil die Uebereinstimmung der Dinge überhaupt eine Schönheit und
-Vollkommenheit ist.
-
-
-§. 49.
-
-Wenn ich sage, daß ein Schertz viele und grosse Vergleichungsstücke
-entdecken müsse, so will ich nicht behaupten, daß man durch eine
-weitläuftige Erzehlung dieser Stücke, den Schertz vortragen
-solle. Nein, dadurch würde der Schertz frostig werden. Man kan
-auch mit wenigen Worten sehr viel sagen. Genug, wenn man es nur
-sagt. Man muß seinem Zuhörer nur ein weites Feld eröfnen, die
-Uebereinstimmungsstücke selbst zu errathen, man muß ihn aber auch
-selbst gleichsam, zu dieser Untersuchung, zwingen. Ich sage jetzt
-nichts weiter, als daß durch einen Schertz dem Zuhörer mit einem mal,
-eine sehr grosse und mannigfaltige Ubereinstimmung der verglichenen
-Dinge vorgestelt werden müsse. Unser Schertz muß ein sehr kurzer
-Inbegriff sehr vieler Vergleichungsstücke seyn. Er muß einem Abgrunde
-ähnlich seyn, in welchem man immer mehr erblickt, je länger man in
-denselben hinein sieht. Es versteht sich von selbst, daß es wahre
-Vergleichungsstücke seyn müssen. Ein Blendwerck des Witzes, wodurch uns
-eine Verschiedenheit als eine Ubereinstimmung vorgestelt wird, kan nur
-so lange eine ungegründete Lust verursachen, so lange wir in Verwirrung
-und Irrthum bleiben. So bald der Nebel und das Blendwerck verschwunden,
-schämen wir uns, daß wir über einen Gedancken gelacht haben, der ein
-Hirngespinst gewesen. Doch davon werde ich weiter reden wenn ich die
-Wahrheit der Schertze untersuchen werde.
-
-
-§. 50.
-
-Durch diese Eigenschaft bekommt ein Schertz eine Schönheit, die ihm
-nichts anders zu geben vermag. Ein Schertz, der diese Beschaffenheit
-hat, gefält uns, so oft wir uns dessen wieder erinnern. So oft wir
-ihn von neuen überdencken, erblicken wir mehrere Vergleichungsstücke.
-Dadurch entsteht nicht nur ein neues Vergnügen, sondern wir sind auch
-mit uns selbst zufrieden, weil wir überzeugt werden, daß wir einen
-Schertz gebilliget, und darüber gelacht haben, der es vollkommen werth
-gewesen. Wir freuen uns heimlich über unsern guten Geschmack, und sind
-versichert, daß wir uns, durch das belachen dieses Spasses, keiner
-flüchtigen Leichtsinnigkeit verdächtig gemacht haben. Mit einem Wort,
-ein Schertz der diese Eigenschaft besitzt, hat diejenige Schönheit die
-+Ovidius+, ~Epist. ex pont. L. III. ep. V.~ an einer andern
-Sache rühmt.
-
- ~Cumque nihil, toties lecta, e dulcedine perdant.
- Viribus illa suis, non nouitate placent.~
-
-Ich widerspreche mir nicht. Ich habe zwar erwiesen, daß ein alter
-Schertz mat und frostig werde, das ist aber meinem jetzigen Gedancken
-nicht zu wieder. Es ist gantz ein anders, wenn man einen Schertz,
-als einen Schertz, sich oft muß vorsagen lassen, und wenn man eines
-Schertzes, den man von andern nur einmal gehört hat, sich oft wieder
-erinnert. Ich rede auch hier von einer andern Art des Vergnügens, so
-von dem gantz unterschieden ist, so aus der Neuigkeit entsteht. Ja
-man füge hinzu, wie ich niemals behauptet, daß die Neuigkeit eines
-Scherzes die einzige Schönheit desselben sey, und noch weniger, daß
-alles Vergnügen über einen Spaß, gantz allein aus dem neuen desselben
-entstehe. Noch einmal, ein guter Schertz muß ein Thema seyn, darüber
-ein witziger Kopf, einen sehr langen allegorischen und Emblematischen
-Vortrag halten könnte.
-
-
-§. 51.
-
-Die Ubereinstimmungsstücke sind entweder Aehnlichkeiten, oder
-Gleichheiten, oder beydes zusammen. Ein glücklicher Spaß muß demnach,
-viele und grosse Aehnlichkeiten und Gleichheiten entdecken. Es
-ist wahr, die blosse Aehnlichkeit kan manchmal zureichen, allein
-ich glaube doch, daß die Gleichheiten und Proportionen derselben,
-erst dem Schertze die rechte Schönheit auf dieser Seite geben. Die
-Aehnlichkeiten fallen eher in die Augen, können leichter entdeckt
-werden, und es ist weniger Scharfsinnigkeit zu ihrer Entdeckung nöthig.
-Allein die Vergleichungen der Grössen erfodern mehr durchdringenden
-Verstand. Man muß die Grössen ausmessen, und sie mit einander
-vergleichen. Kan nun das unsere Seele gleichsam im Augenblicke
-verrichten, so beweißt sie dadurch ihre Stärcke in ausnehmenden
-Grade. Die Entdeckungen der Aehnlichkeiten können viel unrichtige
-Gedancken verursachen, wenn sie nicht durch eine genaue Beobachtung der
-Proportion in ihren gehörigen Schrancken erhalten werden. Alle einzelne
-Theile eines Gesichts können schön seyn, haben sie aber nicht die
-gehörige Proportion, so wolte ich nicht sagen, daß das Gesicht reitzend
-sey. Man kan sagen, daß die Proportion der Grundriß der Schönheit
-überhaupt sey. Kan wohl die Schönheit eine Schönheit seyn, wenn der
-Plan, nach welchen sie aufgeführt worden, nichts taugt? Ich sage also,
-daß ein Schertz abgeschmackt werden müsse, ob er gleich viele und
-grosse Aehnlichkeiten vorstelt, wenn in denselben gar keine Proportion
-ist. Doch wird niemals erfodert, daß die Proportion, die ich zu einem
-Schertze erfodere, nach der strengsten Mathematik richtig sey. Ein
-wenig mehr oder weniger, thut hier nichts zur Sache. Die Schertze sind
-ja ohne dem undeutliche Vorstellungen. Wenn nur die Proportion, dem
-Ansehen nach, beobachtet wird, so entsteht die Schönheit, von der ich
-rede. Ist doch in der Baukunst nicht einmal diese Strenge nöthig. Die
-Proportion kan fehlerhaft seyn, wenn der Fehler nur nicht in die Sinne
-fält.
-
-
-§. 52.
-
-Ich erachte es unnöthig zu seyn hier die Quellen anzuführen, woher
-diese Schönheit der Schertze entsteht. Sie sind viel zu bekannt, als
-daß ich meine +Leser+ damit aufhalten solte. Alle Metaphern,
-Allegorien, und wie sie Namen haben mögen, sind die Gründe zu dieser
-Schönheit der Schertze, wenn sonst dabey kein Fehler begangen wird, der
-den Spaß frostig macht.
-
-
-§. 53.
-
-Da die Namen womit gewisse Dinge bezeichnet werden, und überhaupt
-die Worte, nicht als innere Bestimmungen der bezeichneten Sachen
-selbst anzusehen sind, so macht die Ubereinstimmung der Namen nicht
-die geringste Aehnlichkeit und Gleichheit der Sachen selbst aus.
-Es sind das demnach sehr frostige Schertze, welche auf der blossen
-Ubereinstimmung der Namen und der Worte, beruhen. Die Namen der Dinge
-sind viel zu weit, wenn ich so reden soll, von dem Rande der Dinge
-selbst entfernt, als daß sie auch nur die geringste Ubereinstimmung
-ausmachen könnten, die den Dingen selbst eigenthümlich zugehörten.
-Ein spaßhafter Kopf, der seine Schertze bloß in der Uebereinstimmung
-der Worte sucht, verräth einen Witz der viel zu mat ist, als daß er
-bis in die Sache selbst dringen solle. Die Sachen stehen weiter von
-seinem Gesichtspuncte weg, als ihre Namen, und er ist zu kurtzsichtig,
-er kan sie nicht erreichen. Nein, solche Spasse sind zu abgeschmackt,
-sie können nicht gebilliget werden. Sie können keinen anderm Witze
-gefallen, als der weniger Feuer besitzt, als zu einem feinem Geschmacke
-erfodert wird. +Cicero+, +im andern Buche vom Redner+, billiget diese
-Schertze überhaupt. +Quintilian+ verwirft diese Wort-Schertze auch
-nicht gantz in seinen +6ten Buche+, doch gibt er den Schertzen, die aus
-der Sache selbst genommen werden, einen grossen Vorzug.
-
-
-§. 54.
-
-Ich verwerffe in einem feurigen Schertze nicht alle Anspielungen und
-Aehnlichkeiten der Worte; sondern nur diejenigen Spasse, die in der
-blossen Aehnlichkeit der Worte bestehen. Man kan es daher leicht gewahr
-werden, ob ein Spaß diesen Fehler habe. Man darf ihn nur in anderen
-Worten ausdrucken, oder in eine fremde Sprache übersetzen, verliehrt
-er alsdenn alle sein Feur, so ist er gewiß abgeschmackt. Ein feuriger
-Spaß muß in allen möglichen Sprachen ein Schertz bleiben, obgleich
-nicht immer in einerley Grade. Man kan sagen, daß ein feuriger Spaß die
-Schönheit eines Gedichts haben müsse. Dasselbe muß ein Gedicht bleiben,
-man mag die Ordnung der Worte ändern, oder auch andere gleichgültige
-Worte an die Stelle der vorigen setzen,
-
- ~Inuenias etiam disiecti membra poetae.~
-
- _Hor. Sat. L. I. Sat. IIII._
-
-Folglich muß ein Schertz, aus der Uebereinstimmung der Gedancken und
-Sachen selbst, hergenommen werden. Weil aber die Worte, womit man
-ähnliche Dinge ausdruckt, ungezwungen ähnlich seyn können, so würde
-es beym Schertzen ein unnöthiger Zwang seyn, den ich niemanden rathen
-wolte, wenn man die Uebereinstimmung der Worte mit Gewalt vermeiden
-wolte. Wenn sie nur nicht die Hauptsache beym spassen ist, und als eine
-ungezwungene Folge der Vergleichung der Begriffe anzusehen ist, so
-kan die Aehnlichkeit der Worte die Schönheit eines Schertzes wohl gar
-etwas vermehren, wenigstens in ein grösseres Licht setzen, indem sie
-die Einsicht des Spasses selbst erleichtert. Wenn man dem +Cicero+
-und +Quintilian+ diese Meinung zuschreiben will, so kan man sie
-entschuldigen, daß sie die Wort-Schertze gebilliget haben.
-
-
-§. 55.
-
-Zu diesem Klapperwerck in Schertzen rechne ich alle Zweydeutigkeiten,
-Anspielungen auf Nahmen, Versetzungen der Buchstaben, Veränderungen
-derselben, Verstimmelungen und Verlängerungen der Namen, und wie
-diese Kindereyen alle heissen mögen. Des +Cicero+ ~Jus verrinum~ ist
-ein zu oft gepeitschter Spaß, als daß ich nöthig hätte denselben zu
-tadeln. Man findet mehr dergleichen in eben diesem Schriftsteller,
-insonderheit in seinen Briefen, und in den Reden wieder den +Verres+.
-Ich rechne diese abgeschmackten Schertze mit zu den Mode-Spassen und
-Jedermans-Einfällen. Die kleinen Herrn wissen sich sonderlich derselben
-fleißig in den Umgange mit Frauenzimmer zu bedienen. In allen artigen
-Zusammenkünften nach der Mode, sind diese Läppereyen die gewöhnlichsten
-Belustigungen. Und man darf sich mit der Hofnung im geringsten nicht
-schmeicheln, daß diese Anzahl der Schertze mercklich werde verringert
-werden. Es verhält sich hier eben so wie in der Dichtkunst. Grosse
-Dichter mögen noch so sehr wider die Wortspiele, und andere Läppereyen
-in der Dichtkunst, eiffern, so finden sich doch immer schläfrige
-Köpfe genug, welche dem ohnerachtet die Musen durch Wortkrämereyen
-mißhandeln. So lange es noch Leute von pöbelhaften Geschmacke und
-frostigen Witze gibt, die doch gleichwohl spassen wollen, so lange
-werden auch die Wortschertze nicht aufhören. Ein matter und schläfriger
-Kopf hat ein viel zu grosses Vergnügen an solchen Wortspielen, als daß
-er sie für was elendes ansehen solte. Vor Armseligkeit seines Witzes,
-kan er nichts feiners und edlers schmecken, man würde ihm demnach alles
-Vergnügen dieser Art rauben, wenn man ihm untersagen wolte, mit blossen
-Worten zu spielen. Nein, ein leerer Kopf vergnügt sich selbst über
-diese seine Einfälle, er bewundert sich selbst, und er ist der Person
-völlig ähnlich die +Boileau+ in folgenden Worten abschildert:
-
- ~Un sot en ecrivant fait tout avec plaisir,
- Il n’a point dans ses vers l’embarras de choisir,
- Et toujours amoureux de ce qu’il vient d’ecrire,
- Ravi d’etonnement en soi meme il s’admire.~
-
-Diese Unsinnigkeit im Schertzen ist manchmal nicht ohne alle Würckung,
-bey Leuten die etwas zu furchtsam und zärtlich zu seyn pflegen. Sie
-haben, ich weiß selbst nicht ob ich es so nennen soll, das Unglück
-einen Namen von ihren Vorfahren zu erben, der abgeschmackten Köpfen,
-einen unermeslichen Vorrath zu erbärmlichen Spassen, an die Hand gibt.
-Sie sind zu empfindlich ihr Erbgut ohne Veränderung zu behalten.
-Allein ist es wohl werth, einem Narren zu gefallen, die Genealogie zu
-verwirren? Daß diese letzte Anmerckung eine historische Wahrheit, zum
-Grunde habe, kan ich beweisen. Die Gemahlin des +Wilhelm Bautru+,
-Grafen von Serrant, der, unter andern, als ein aufgeweckter Kopf
-das ~XVII.~ Jahrhunderts, berühmt ist, wolte lieber Frau von
-+Nogent+, als von +Bautrou+ heissen, weil sie sich nach der
-italienischen Aussprache dieses Namens, unzähligen Stichen, durch ein
-Wortspiel auf ~trou~, ausgesetzt hatte.
-
-
-§. 56.
-
-Ich habe die fünfte Schönheit der Schertze §. 25. darin gesetzt, daß
-vor dem Schertze starcke Vorstellungen, von gantz anderer Art, müssen
-vorhergegangen seyn. Ich verstehe das nicht nur von dem schertzenden
-selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Der Schertzende und seine
-Zuhörer müssen, vor dem Spasse, einen sehr grossen Eindruck, von
-gantz andern Vorstellungen, gehabt haben, die mit dem Schertze, in so
-fern er ein Schertz ist, nichts gemein haben. Sie müssen ihre ganze
-Aufmercksamkeit, mit ganz andern Dingen beschäftiget haben, als daß sie
-den Schertz hätten vorhersehen sollen. Dadurch bekommt der Spaß ein
-Licht das in Verwunderung setzt. Der Schertz wird so neu und unerwartet
-seyn, daß man sagen kan, er könne sonst nicht recht neu seyn. Diese
-schleunige Veränderung der Scene in unsern Vorstellungen, macht eine
-so angenehme Verwandelung und Verwirrung, daß sie ohne Vergnügen und
-Bewunderung nicht geschehen kan. Der schertzende beweißt dadurch, wie
-leicht es ihm sey einen Schertz zu machen, und zeigt die Stärcke seines
-Witzes, die den Spaß selbst groß und feurig macht. Ich glaube, das
-sey der Grund, warum die Schertze, die ein Lehrer, mitten unter dem
-Vortrage der scharfsinnigsten Wahrheiten vorbringet, so angenehm sind;
-weil die Gemüther vorher mit viel zu ernsthaften Dingen beschäftiget
-gewesen, als daß sie hätten den Spaß vorhersehen können.
-
-
-§. 57.
-
-Wenn man sich auf etwas lange besinnen muß, so will man eine
-Vorstellung klar machen, vermittelst solcher Vorstellungen, die vieles
-mit ihr gemein haben, und die also mit ihr zu gleicher Art können
-gerechnet werden. Ein Schertz auf den man sich lange besint, muß
-demnach unglücklich gerathen. Er beweißt, daß unser Witz lange nicht
-diejenige Munterkeit besitzt, die erfodert wird, wenn ein feuriger
-Schertz, unmittelbar auf solche Vorstellungen folgen soll, die von
-gantz anderer Art sind. Nein, ein glücklicher Schertz muß die Frucht
-eines Witzes seyn, der so hurtig aufgeweckt, und schnell ist, daß
-er nicht genöthiget ist sich lange zu besinnen. Wer sich auf seine
-Schertze lange besinnen muß, wird sich sehr schwer, vor den Ausbruch
-seines Zauderns, und der Anstalten die sein Witz vorkehrt, hüten
-können. Dem Zuhörer wird die Zeit unterdessen lang werden. Komt endlich
-der Schertz zur Welt, so wird er entweder nicht neu genug seyn, oder
-die Hofnung des Zuhörers betrogen haben. Einem langsamen Witze geräth
-sehr selten ein Schertz. Der Schertz der glücklich seyn soll, muß so
-schleunig in der Seele des schertzenden klar werden, daß er selbst
-dadurch in eine Art der Verwunderung gesetzt wird. Diese Verwunderung
-wird dem schertzenden eine Lebhaftigkeit, und Dreistigkeit geben, ohne
-welche der Vortrag des Schertzes elend werden muß.
-
-
-§. 58.
-
-Wer glücklich im Schertzen seyn will, der hüte sich seine Spasse
-nicht vorher auszudencken. Wer den Spaß vorher erdenckt, und sich auf
-denselben vorbereitet, der geht so lange damit schwanger, bis er ihn
-vorgetragen hat. Die gantze Reihe der Vorstellungen, von der Zeit an,
-da er den Schertz erdacht, bis auf den Zeitpunct da er vorgetragen
-werden soll, ist entweder mit dem Schertze ausgefüllt, oder doch mit
-sehr ähnlichen Vorstellungen. Es ist demnach nothwendig daß der Spaß
-mißlingen muß. §. 57. +Cicero+ merckt diesen Fehler auch an, er
-sagt +im andern Buche vom Redner+: ~quia meditata videntur minus
-ridentur~. +Quintilian im sechsten Buche+, fodert gleichfals,
-daß man sich auf den Schertz nicht vorbereiten müsse. Er sagt: ~ne
-praeparatum & domo allatum videatur, quod dicimus~. Wer sich auf
-den Schertz vorbereitet, kan unmöglich die anständige Dreistigkeit
-behalten, die zum Vortrage eines Schertzes nothwendig ist. Man wirds
-ihm an den Augen ansehen, daß er einen Spaß auf den Hertzen hat,
-den er gern an Mann bringen möchte. Er wird mit einer ängstlichen
-Sehnsucht, die er nicht verbergen kan, die Zeit erwarten, da er seinen
-Schertz vortragen will. Kan also der Schertz wohl neu genug seyn, in
-Absicht auf den schertzenden und den Zuhörer? Und das ist doch ein so
-nöthiges Stück zu einem feurigen Schertze. Uberdem, kan ja derjenige
-der sich auf einen Schertz vorbereitet, nicht jederzeit vorhersehen,
-ob er sich zu den Umständen, in welchen er sich befinden wird, genau
-schicken wird. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß ein vorbereiteter
-Schertz zur Unzeit angebracht wird, und das werde ich als einen grossen
-Fehler im folgenden vorstellen.
-
-
-§. 59.
-
-Soll man sich auf einen Schertz gar nicht vorbereiten, so muß man
-auch die Umstände nicht mit Fleiß so einrichten, damit man den Spaß
-anbringen könne. Die Gelegenheit zu schertzen, muß sich selbst
-darbiethen, und wir müssen nichts weiter thun als sie ergreiffen. Es
-verrathen also alle diejenigen die Mattigkeit ihres Witzes, welche,
-wenn sie einen Vortrag thun sollen, oder in eine Gesellschaft sich
-begeben, ihre Rolle, in so fern sie die schertzhafte Person seyn
-wollen, vorher auswendig lernen. Sind sie nun überdies zu ungeduldig,
-die Zeit zu erwarten in welcher sie ihren Spaß anbringen können und
-bereiten sie sich selbst die Gelegenheit zu ihrem Schertze, so wird
-dieser Fehler noch mercklicher, und ihr Schertz wird matt und frostig
-seyn. Ich leugne nicht daß es nicht manchmal solte möglich seyn zu
-verhindern, daß der Zuhörer die Vorbereitung zum Spasse mercke. Ich
-sage nur, daß dieses sehr schwer sey, und in den mehresten Fällen
-mislingen müsse. Der Spaß behält überdies doch einen Fehler, der nur
-von andern darin verschieden ist, daß er bisweilen nicht gesehen wird.
-
-
-§. 60.
-
-Aus dem was ich bisher gesagt erhellet, warum die Schertze die man in
-den Antworten auf vorgelegte Fragen vorträgt so sehr gefallen. Weil wir
-nicht haben vorher sehen können, was uns ein anderer fragen werde, so
-ist nicht die geringste Vermuthung vorhanden, daß wir unsern Schertz
-vorher ausgedacht haben. Ein solcher Schertz, wenn er sonst nicht zu
-frostig ist, muß also feuriger seyn, als alle diejenigen, die man
-ohne gefragt zu werden vorträgt, weil wir in den wenigsten Fällen den
-Verdacht der Vorbereitung von uns ablehnen können. +Cicero+ hat
-eben diese Schönheit angemerckt, er setzt, an oft gedachten Orte, den
-Grund hinzu: ~nam & ingenii celeritas maior est quae apparet in
-respondendo, & humanitatis est responsio.~
-
-
-§. 61.
-
-Die sechste Schönheit der Schertze §. 25. entsteht daher, wenn er von
-vielen Vorstellungen anderer Art, die in den Gemüthern einen grossen
-Eindruck haben, begleitet wird. Man verstehe dieses nicht nur von
-den schertzenden selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Jener muß
-seinen Kopf sonst voller Gedancken haben, die bey nahe seine gantze
-Aufmercksamkeit beschäftigen, und die mit dem Schertze nichts, oder
-doch sehr wenig gemein haben. Er muß mitten unter diesen Vorstellungen
-seinen Schertz erdencken. Die Zuhörer müssen in gleichen Umständen
-ihres Gemüths stehen. Die Seele der Zuhörer muß einer Schaubühne gleich
-seyn, und der Schertz einer Zwischenfabel in einen theatralischen
-Stücke. Bey so gestalten Sachen, ist es sehr wahrscheinlich, daß kein
-anderer den schertzhaften Einfall haben wird, den der schertzende hat.
-Der Schertz wird also vollkommen neu, und unerwartet seyn. Er wird eine
-Lebhaftigkeit besitzen, die ihm unter ähnlichen Gedancken fehlen würde,
-und die Verschiedenheit der übrigen Gedancken wird seinen Glantz um
-ein merckliches erhöhen. Diese Schönheit wird noch mehr erhalten, wenn
-man schertzt zu der Zeit, da wir und unsere Zuhörer mit vielen andern
-Gedancken beschäftiget sind, die den schertzhaften Gedancken entgegen
-gesetzt sind. ~Opposita iuxta se posita magis elucescunt~, ist
-eine viel zu bekannte Regel, als daß ich den vorhergehenden Gedancken
-zu beweisen für nöthig halte.
-
-
-§. 62.
-
-Ein feuriger Schertz muß demnach gantz unvermuthet und unerwartet
-seyn. Es muß weder in unsern vorhergehenden Gedancken §. 56. noch in
-denjenigen, die wir zu gleicher Zeit haben, eine merckliche Vermuthung
-des Schertzes vorhanden seyn. Eine Sache die wir vermuthen und
-erwarten, sehen wir vorher; wird sie würcklich, so kan sie unmöglich
-gantz neu seyn. Ein erwarteter Schertz kan demnach unmöglich so feurig
-seyn, als ein unerwarteter, weil jener nicht so neu ist als dieser.
-Wenn man gantz unerwartete Schertze vorträgt, so überfällt man den
-Zuhörer, man läßt ihm nicht viel Zeit nachzudencken, und es muß ihm ein
-Schertz gefallen, der sonst nicht eben zu viel Feur besitzt. Man kan
-sagen, daß das unerwartete in einem Schertze, ein Mittel sey, viele
-andere Fehler des Schertzes zu verbergen. Wenn der Zuhörer unsern
-Schertz erwartet, so macht er eine Zurüstung die uns gefährlich ist.
-Er samlet die gantze Macht seiner Beurtheilungskraft, und er hat ein
-Recht was ausnehmendes zu erwarten. Er stellt sich schon zum voraus
-manches artige von unsern Schertze vor. Und da müssen wir ihm entweder
-einen ausnehmend feurigen Schertz vortragen, oder wir betrügen seine
-Hofnung, und er verwandelt sein Vergnügen, so er uns zugedacht, in eine
-Verachtung und hönisches Lachen. Man hüte sich also andern auf unsere
-Schertze Hofnung zu machen. Wir können sonst nicht verhüten daß unsere
-Zuhörer dencken
-
- ~Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu?
- Parturient montes, nascetur ridiculus mus.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Es gilt hier eine Art eines gewissen Betrugs. Man hintergehe seine
-Zuhörer. Man mache ihnen zu gantz andern Dingen Hofnung, und ehe
-sie sichs versehen betrüge man sie. Man sage ihnen das nicht worauf
-sie gewartet, sondern vielmehr den Schertz, den sie nicht erwartet.
-+Cicero+ steht in den Gedancken, als wenn das Vergnügen, so aus
-einem solchen Betruge bey dem Zuhörer entsteht, daher rühre, weil uns
-unser eigener Irrthum belustiget. Ich bin gantz anderer Meinung. Ein
-Irthum bleibt eine Unvollkommenheit, die uns nicht belustigen kan, in
-so fern sie ein Irthum ist. Der Irthum macht nur, daß uns der Spaß
-gantz unerwartet und unvermuthet vorgetragen wird, und das ists was
-uns bey demselben gefält.
-
-
-§. 63.
-
-Wer also im Schertzen glücklich seyn will, muß sichs durchaus vorher
-nicht mercken lassen, daß er spassen will. Ich rede nicht von einem
-Fehler, den man ohnedem selten antrift. Ich meine, wenn es jemand
-vorher sagen wolte, daß er schertzen wolte. Wer seinen Schertz mit
-ausdrücklichen Worten ankündiget, kan nicht schertzen, und begeht
-einen abgeschmackten Fehler. Sondern ich bemercke hier einen Fehler
-der häufiger ist. Man kan es manchem spaßhaften Kopfe schon zum voraus
-ansehen, daß er spassen will. Er gewöhnt sich gewisse Gesichtszüge
-an, die jederzeit vor seinem Schertze vorhergehen. Er kan nicht
-eher spassen, ehe er nicht sein Gesicht in gewisse dazu ausgesuchte
-Falten gelegt hat. Sie mögen beschaffen seyn wie sie wollen, so wird
-der Schertz dadurch verdorben, wenn der Zuhörer daher den Schertz
-prophezeyen kan. Ich rechne dahin den Fehler, wenn ein schertzhafter
-Kopf sich erst vorher selbst satt lacht, ehe er andere zu lachen machen
-will. Ein solcher Mensch verdirbt seinen gantzen Spaß, wenn er die
-Früchte desselben selbst vorher einerntet, und die Zuhörer haben keine
-Ursach seinen Spaß zu belohnen, weil er sich die Bezahlung für seine
-Mühe selbst genommen hat. Vorher muß niemand lachen. Ob man aber
-bey dem Schertze, oder nachher, auch lachen dürffe, will ich unten
-beurtheilen. Genug, daß ich erwiesen habe, ein schertzhafter Kopf müsse
-sichs vorher durch nichts, was es auch sey, mercken lassen, daß er
-schertzen wolle.
-
-
-§. 64.
-
-Aus dem vorhergehenden ist klar, daß die Schertze, wenn sonst das
-übrige seine Richtigkeit hat, gerathen müssen, welche Zuhörern
-vorgetragen werden, die mit vielen ernsthaften Gedancken beschäftiget
-sind. Das ernsthafte ist ja dem schertzhaften entgegen gesetzt, und ein
-schertzhafter Kopf der diese Gelegenheit ergreift, folgt der Regel des
-+Horatz+
-
- ~Misce stultitiam consiliis breuem.~
-
- _Carm. L. III. od. XII._
-
-und bringt seinen Spaß mitten unter Vorstellungen vor, die von gantz
-verschiedener Art sind. Geht seine Geschicklichkeit noch weiter, und
-kan er mitten unter betrübten und traurigen Gedancken schertzen, so
-erhält sein Spaß noch eine grössere Schönheit von dieser Seite. Die
-Verminderung der Traurigkeit ist immer was angenehmes, und die Lust
-die eine Betrübniß verdrengt, oder mindert, ist durchdringender. Ein
-Schertz der dergestalt vorgetragen wird daß er
-
- ~ - - - - amara laeto
- temperet risu - - ~
-
- _Hor. Carm. L. II. od. XVI._
-
-muß viel angenehmer seyn, als ein anderer, wenn er anders nicht aus
-einem leichtsinnigen und fladderhaften Gemüth entsprungen. Ein Mensch
-der alsdenn schertzen kan, wenn ihm ein Glied abgelößt wird, muß gewiß
-einen sehr lebhaften und starcken Witz besitzen. Das, deucht mich,
-ist der Grund, warum diejenigen Köpfe, die in ihrer Todes Stunde noch
-gespaßt haben, als witzige Köpfe bewundert werden. +Socrates+, +Adrian+
-der Kayser, +Margaretha von Oesterreich+, und andere, geben hier, wenn
-man den Erzählungen von ihnen glaubt, Exempel an die Hand.
-
-
-§. 65.
-
-Wenn ernsthafte Gedancken in der Seele die Oberhand haben, so muß das
-Gesicht natürlicher Weise ernsthafte Züge behalten. Herrschen aber die
-schertzhaften Gedancken, so muß man sich mit Gewalt zwingen, das Lachen
-zu verbeissen. Ein Mensch, der bey dem Vortrage seines Schertzes,
-gar keine Ernsthaftigkeit behält, beweißt also, daß der Schertz in
-seiner Seele herrsche. Folglich hat er nicht diejenige Vollkommenheit
-seines Witzes, vermöge welcher er, mitten unter starcken Gedancken von
-anderer Art, schertzen kan, und er macht dadurch seinen Schertz matter.
-Wer recht glücklich schertzen will, bey dem muß mitten im schertzen
-die Ernsthaftigkeit in der Seele, und in dem Gesichte, die Oberhand
-behalten. Ich sage nicht daß er finstere und saure Minen machen soll,
-das ist ein Fehler von dem ich unten reden werde. Die Ernsthaftigkeit
-muß nur stärcker bleiben, als das Gegentheil. Man muß von ihm sagen
-können
-
- ~Incolumi grauitate iocum tentauit.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Kurtz, derjenige der schertzt, muß im Schertzen bey nahe ein +Crassus+
-seyn, ~qui cum omnium esset venustissimus & vrbanissimus, omnium
-grauissimus & seuerissimus & erat & videbatur~, nach dem Zeugniß des
-+Cicero im andern Buch vom Redner+.
-
-
-§. 66.
-
-Hieraus läßt sich ein Fehler beurtheilen, den man bey manchen
-spaßhaften Köpfen antrift. Ihr scharfsinniger Witz ist den Körpern
-ähnlich, die nicht eher in Bewegung gerathen, bis sie von andern
-angestossen worden. Ihr Witz schläft so lange, bis ein anderer anfängt
-zu schertzen, und alsdenn werden sie auch rege. Sie leiten aus einem
-Schertze, den sie gehört, andere her. Und man kan sagen, daß ein
-feuriger Witz viele andere erwärmen und erhitzen könne. Man darf sich
-nicht wundern, daß demjenigen, der den herrschenden Witz in solchen
-Fällen hat, seine Schertze gelingen, denn er bringt sie mitten unter
-verschiedenen Gedancken vor. Seine Affen aber haben das Glück nicht.
-Sie tragen ihre Schertze alsdenn erst vor, wenn die Gesellschaft
-schon aufgeräumt worden, und sie kommen mit ihren Einfällen zu spät.
-Ein anderer hat schon die besten Früchte eines Schertzes genossen,
-und ihnen bleibt nur die Nachlese übrig, die bisweilen mager genug
-ist. Dahin können auch die Schertze gerechnet werden, die in den
-stillen Gesellschaften vorgetragen werden. Es scheint, daß manche
-Zusammenkünfte nur gehalten werden, um einander anzusehen, und von
-Gedancken auszuruhen. Eine solche Gesellschaft von Seulen, kan sehr
-leicht durch den frostigsten Einfall ergötzt werden. Sie dencken wenig
-oder nichts, und eine Kleinigkeit kan ihre gantze Seele einnehmen. Ein
-Schertz aber, der alsdenn belacht wird, ist auf dieser Seite sehr mat.
-Der schertzende und die Zuhörer dencken ausser dem Schertze weiter
-nichts, und also mangelt ihm die Schönheit die ich bisher ausgeführet
-habe.
-
-
-§. 67.
-
-Ich komme nunmehr auf die siebende Vollkommenheit der Schertze §. 25.
-Ein feuriger Schertz muß eine sehr grosse und vollkommene sinliche
-Vorstellung seyn. Oder, er muß alle Vollkommenheiten einer sinlichen
-Vorstellung, in einem mercklichen Grade, besitzen. Ich bin nicht
-willens, alle einzelne Vollkommenheiten eines sinlichen Gedanckens
-durchzugehen. Das würde für meine jetzige Absicht zu weitläuftig seyn.
-Ich will mich begnügen, die vornehmsten, und wenn ich so reden soll
-die Grund-Vollkommenheiten der sinnlichen Erkenntniß durchzugehen.
-Die übrigen sind entweder in diesen schon mit begriffen, oder
-können doch mit leichter Mühe daraus hergeleitet werden. Zu diesen
-Hauptvollkommenheiten rechne ich, die Klarheit, die Wahrheit, und das
-Leben. Ich könnte auch die Gewißheit noch hinzuthun. Allein da sie der
-Inbegriff der Klarheit und der Wahrheit ist, so übergehe ich sie ohne
-Schaden. Kurtz, ein feuriger Schertz muß in hohem Grade klar, richtig,
-und lebendig seyn.
-
-
-§. 68.
-
-Die Klarheit einer sinlichen Vorstellung wird entweder vermehrt durch
-die geringere Dunckelheit ihrer Theile, oder durch die Menge der Theile
-und Merckmaale, die in ihr enthalten sind. Beyde Vollkommenheiten
-müssen bey einem feurigen Schertze verbunden werden. Die letzte wird
-insonderheit die Lebhaftigkeit genennt. Ein feuriger Schertz muß uns
-sehr vieles auf einmal vorstellen. Er muß unserm Auge die Aussicht
-in ein Feld eröfnen, dessen Ende es vor Menge der Gegenstände nicht
-gewahr werden kan. Wir müssen durch den Schertz von einem Chaos der
-Begriffe überhäuft werden dessen Entwickelung wir entweder vorzunehmen
-nicht Zeit haben, oder in der Geschwindigkeit nicht anzufangen wissen.
-Eine jede dieser Vorstellungen muß zwar nicht völlig klar, aber auch
-nicht vollkommen dunckel seyn. Ich habe nicht nöthig zu zeigen, wie
-diese Schönheit der Schertze könne hervorgebracht werden. Das ist nicht
-nur von meinem jetzigen Zweck entfernet, sondern ich glaube auch,
-daß es nicht eben nöthig sey. Wer nur die Schönheiten der Schertze,
-die ich bisher abgehandelt habe, zu erhalten sucht, sonderlich die
-erste bis zur vierten, der wird in seinem Schertze eine unendliche
-Mannigfaltigkeit hervorbringen. Weiß er sie nun dem Zuhörer dergestalt
-vorzustellen, daß dieser sie gewahr wird, so bekommt sein Schertz die
-nöthige Lebhaftigkeit.
-
-
-§. 69.
-
-Die Lebhaftigkeit eines Schertzes muß vermindert werden, oder wohl gar
-verlohren gehen, wenn er zu weitläuftig und zu lang ist. Die Kürtze
-desselben ist mit seiner Lebhaftigkeit nothwendig verbunden. Wenn der
-Schertz zu lang ist, so wird er entwickelt und deutlich, er bleibt also
-keine sinliche Vorstellung mehr. Die Theile des Schertzes werden der
-Aufmercksamkeit nach und nach vorgestelt, und man hat Zeit ein Stück
-nach dem andern zu überdencken. Folglich empfinden wir nicht dasjenige
-Licht, und die angenehme Verwirrung, welche durch nichts anders möglich
-ist, als wenn man auf einmal mit Begriffen überhäuft wird. Es verhält
-sich wie mit den Lichtstrahlen. So lange dieselben zerstreut bleiben,
-bringen sie zwar ein Licht hervor, welches aber lange nicht so starck
-und durchdringend ist, als wenn sie durch einen Brenspiegel gesamlet,
-und in einen Punct gedrengt werden. Folglich muß ein Schertz zwar sehr
-vieles in sich fassen, aber dasselbe nicht durch eine weitläuftige
-Vorstellung zerstreuen, sondern mit einemmal dem Gemüth vorstellen.
-Man kan auch mit wenig Worten sehr viel sagen. Wenige Vorstellungen
-sind oft ein Inbegriff unendlich vieler andern. Bey einem Schertze
-muß ungleich mehr gedacht als gesagt werden. Man muß dem Zuhörer nur
-Gelegenheit geben, und dabey zwingen selbst nachzudencken.
-
- ~Est breuitate opus, vt currat sententia, neu se
- Impediat verbis lassas onerantibus aures.~
-
- _Hor. Satt. L. I. Sat. X._
-
-
-§. 70.
-
-Wenn man die nöthige Klarheit und Kürtze in einem Spasse zu gleicher
-Zeit erhalten will, so muß er sich zu den Umständen, in welchen wir
-uns eben befinden, vollkommen schicken. Zu diesen Umständen rechne ich
-die Personen mit denen wir umgehen nebst allen ihren Umständen, die
-Zeit, den Ort, die Reden und Erzählungen, mit denen die Gesellschaft
-unterhalten wird. Mit einem Wort, den gantzen Zustand in welchen wir
-uns mit unsern Zuhörern befinden. Alle diese Umstände müssen die
-Vignette seyn, und unser Schertz die Devise. Diese Umstände müssen
-also den völligen Grund, die Veranlassung, und die ganze Erklärung
-unseres Scherzes enthalten. Dadurch erhalten wir die Klarheit unseres
-Schertzes. Ein jeder versteht ihn, und unser Schertz kommt so zu
-gelegener Zeit, und er paßt sich so genau, daß wir nicht nur beweisen,
-daß wir den Schertz erst selbst erfunden, sondern wir brauchen auch
-sehr wenig zu sagen, und wir werden doch verstanden. Ueberdies so
-entsteht aus dieser Eigenschaft des Schertzes ein Vergnügen, weil diese
-Uebereinstimmung mit allen Umständen eine Vollkommenheit ist, die den
-Schertz angenehm machen muß.
-
- ~Dulce est desipere in loco.~
-
- _Hor. Carm. L. III. od. XII._
-
-Die schönsten Schertze in dieser Art sind ohnfehlbar diejenigen,
-welche sich so genau zu den Umständen schicken, daß sie in keinem
-andern Zustande unverändert können angebracht werden. Denn, da in
-der Welt nicht zwey Zeiten möglich sind die völlig einerley wären,
-so ist es ein Beweiß, daß ein Schertz nicht den höchsten Grad dieser
-Vollkommenheit besitzt, oder daß er nicht allen Umständen völlig gemäß
-ist, wenn er mehr als einmal angebracht werden kan. Ein vollkommen
-glücklicher Spaß kan also nur ein einziges mal angebracht werden,
-wenn er gar nichts von seinem Feuer verliehren soll. Durch diese
-Eigenschaft erhält man auch die Lebhaftigkeit eines Schertzes noch
-auf eine andere Art. Wenn der Schertz so genau mit allen Umständen
-übereinstimmt, so muß der so den Spaß einsieht, den ganzen Umfang
-seines Zustandes sich auf einmal vorstellen. Wie viel, ja unendlich
-viel, enthält nicht unser Zustand in einem jeden Augenblicke? Muß also
-der Schertz dadurch nicht eine unendliche Mannigfaltigkeit erhalten?
-Wider diese Regel versündigen sich alle spaßhafte Köpfe, die zu
-phlegmatisch sind, auf eine lächerliche Art. Sie haben das Unglück,
-von einer gewissen Langsamkeit beherrscht zu werden, vermöge welcher
-sie zur Auswickelung ihrer Gedancken zu viel Zeit brauchen. Der Fluß
-ihrer Umstände ist für sie zu schnell, sie können der Geschwindigkeit
-desselben in ihren Gedancken nicht folgen, und sie sind gezwungen sich
-bey manchen Umständen zu verweilen, die alsdann längst vorbey sind,
-wenn sie sie erst recht gewahr werden. Diese Köpfe kommen mit ihren
-spaßhaften Einfällen immer zu spät. Die Gesellschaft hat das schon
-wieder vergessen, worauf sie ihren Schertz gründen, und sie machen
-sich lächerlich, wenn sie die Gesellschaft nöthigen wollen, ihnen
-zu gefallen sich wieder auf das vorhergehende zu besinnen. Wem erst
-nachher ein Schertz einfält, wenn die Gelegenheit vergangen ist, der
-unterdrücke ihn ja, wenn er anders nicht die Trägheit seines Witzes auf
-eine lächerliche Art verrathen will.
-
-
-§. 71.
-
-Ein Schertz verliehrt nothwendig seine Schönheit wenn er deutlich ist,
-und in so fern er deutlich ist. Ein jeder deutlicher Begriff führt
-eine Ueberlegung mit sich, durch welche man sich den gantzen Begriff,
-nicht auf einmal, sondern Stückweise, und nach und nach, vorstelt. Ein
-deutlicher Schertz verliehrt die Lebhaftigkeit, die ihn so schön macht.
-Man kan das von allen Schönheiten sagen. So bald wir einen deutlichen
-Begriff von einer Schönheit erlangen, so bald verschwindet das schöne,
-als welches nur in der Verwirrung des Begriffs liegt. Man lasse einen
-Meßkünstler das schönste Gesicht ausmessen, und die Proportionen aller
-Theile und Züge desselben in Zahlen ausdrucken, man lasse ihn die
-Lage aller Theile und Züge nach geometrischen Gründen bestimmen. Ich
-glaube nicht, daß sich jemand in ein solches abgeschriebenes Gesicht
-verlieben würde. Man lasse aber eben dieses Gesicht von einem Mahler
-abmahlen, so wird es in seinem völligen Glantze erscheinen. Soll
-also ein Schertz eine schöne sinliche Vorstellung bleiben, so muß er
-nicht durch den Verstand betrachtet werden, so lange er diese seine
-Schönheit behalten soll. Ein Schertz muß nothwendig frostig werden, den
-der schertzende mit einem weitläuftigen Commentarius begleitet. Das
-muß man den Zuhörer selbst überlassen, der mag den Schertz in seinem
-Gemüth so weitläuftig zergliedern, wie er es selbst für gut befindet.
-Es ist auch eine Art der Unverschämtheit, die ein spaßhafter Kopf gegen
-seine Zuhörer blicken läßt, wenn er ihnen seinen Schertz erklärt. Er
-gibt zu verstehen, daß er ihnen nicht Einsicht genug zutraue, die
-Stärcke seines Schertzes zu begreiffen. Es ist eine sehr beschwerliche
-Mode mancher schertzhaften Köpfe, daß sie so gefällig sind, und ihrem
-Zuhörer die Mühe des Nachdenckens überheben wollen. Es schmeckt dieß
-Verhalten zu sehr nach Eigenliebe, und Einbildung, als daß es gefallen
-solte. Ein Schertz der einen Commentarius nöthig hat, oder gleich damit
-versehen wird, ist in beyden Fällen frostig. Noch viel abgeschmackter
-ist ein anderer Fehler, den ich nur beyläufig berühre. Es sind manche,
-die selbst zu schertzen ungeschickt sind, so gefällig gegen die
-Gesellschaft, daß sie die Schertze, die andere in derselben vortragen,
-mit Noten erläutern. Man könnte diese Leute die Scholiasten spaßhafter
-Köpfe nennen. Sie begehen einen doppelten Fehler. Sie beweisen sich
-nicht nur unbescheiden gegen die Gesellschaft, indem sie in der Meinung
-zu stehen den Schein geben, daß sie allein die Stärcke des Schertzes
-begriffen, sondern sie machen auch die Schertze eines andern, so viel
-an ihnen ist, frostig.
-
-
-§. 72.
-
-Ein Schertz der lebhaft seyn soll muß in einem hohen Grade klar seyn.
-Wenn er demnach dunckel ist, und gar nicht eingesehen wird, so hört
-er auf, ein Schertz zu seyn. Man kan also sagen, daß ein Schertz in
-so fern er dunckel ist, gar kein Schertz sey. Es ist ein Fehler eines
-Schertzes wenn er dunckel ist, und ohne Noten und Commentarius nicht
-verstanden werden kan. Ich sage nicht, daß ein Schertz von allen Leuten
-müsse verstanden werden, denn so müste er gewiß sehr frostig und
-abgeschmackt seyn, weil dieser allgemeine Begriff das Unglück hat, sehr
-abgeschmackte Köpfe unter sich zu begreiffen. Sondern ich behaupte, daß
-ein feuriger Schertz keinem witzigen Kopfe, der die Umstände weiß, in
-welchen er vorgetragen worden, dunckel seyn müsse. Es können dahin alle
-die Schertze gerechnet werden, die gar zu weit hergeholt sind, die gar
-zu sehr erzwungen werden, und bey denen man gar zu viel nachdencken
-muß, ehe man sie einsehen kan. Dieser Fehler hat mannigfaltige
-Ursachen. Wenn ein schertzhafter Kopf seine Schertze nicht nach der
-Gelegenheit einrichtet; wenn in den Umständen gar keiner, oder doch
-ein sehr unmercklicher, Grund zum Schertze vorhanden ist; wenn die
-Gedancken bey dem Schertze, aus welchen die übrigen leicht fliessen,
-verschwiegen werden, und diejenigen vorgetragen werden, aus welchen
-sehr schwer das übrige erkannt werden kan; wenn die Vergleichungsstücke
-sehr klein und unmercklich sind u. s. w. so wird er ausser dem
-Gesichtskreyse der allermehresten Zuhörer angetroffen werden. Ein
-glücklicher Schertz muß ungezwungen seyn, leicht eingesehen werden
-können, und das schertzhafte dergestalt entdecken, daß man dem Zuhörer,
-als der sich gerne belustigen will, nicht die Mühe macht, den Kopf zu
-sehr zu zerbrechen. Es sind manche Köpfe, die mitten in Gesellschaften
-doch allein sind. Sie haben ihre eigenen Reihen der Vorstellungen,
-und wenn ihnen alsdenn was schertzhaftes einfält, so tragen sie es
-ohne Bedencken vor, und wundern sich, wenn andere nicht mitlachen. Sie
-solten erst die Gütigkeit haben, und ihre vorhergehenden Vorstellungen
-vortragen, oder die Gefälligkeit gegen die Gesellschaft beweisen, und
-mit Leib und Seel unter ihr gegenwärtig seyn.
-
-
-§. 73.
-
-Die Wahrheit eines Schertzes ist eine so nothwendige Eigenschaft
-desselben, daß man sagen kan, ein falscher Schertz sey gar kein
-Schertz. Ein Schertz, der in einem gantz unrichtigen und falschen
-Gedancken besteht, kan zwar so lange einen Schein und Glantz haben,
-so lange wir in Irrthum stecken. Allein sein Feuer gleicht dem Feuer
-eines Irlichts. So lange man dasselbe von ferne sieht, hält man es
-für ein Feuer dem Scheine nach, betrachtet man es aber in der Nähe,
-so werden wir den Betrug gewahr. Man kan also sagen, daß ein Schertz,
-der in einem falschen Gedancken besteht, kein dauerhaftes Feuer habe.
-Sein Feuer verschwindet, so bald wir unsern Irthum gewahr werden.
-Ein falscher Gedancke ist ja eigentlich kein Gedancke, er ist ein
-Blendwerck, ein Hirngespinst, das man nicht zu genau und zu nahe
-betrachten muß, wenn man es lange besitzen will. Könnte also wol ein
-Schertz in der That ein Schertz, oder wol gar ein feuriger Schertz
-seyn, der in einem falschen Gedancken besteht? Nichts weniger als
-das, er ist ein Scheinschertz, der keinen Grund keine Dauer bey der
-Probe behalten kan. Ich sage also, daß ein feuriger Schertz in einem
-wahren und richtigen Gedancken bestehen müsse. Da nun der Gedancke,
-der den Schertz unmittelbar und zunächst ausmacht, die Vorstellung
-der Uebereinstimmung verschiedener Dinge ist, so wird zur Wahrheit
-des Schertzes nicht nur erfodert, daß die Dinge, die wir uns als
-verschieden vorstellen, in der That diese Verschiedenheit haben,
-sondern, daß sie auch in den Stücken mit einander übereinkommen, nach
-welchen wir sie vergleichen. Ein Schertz muß also im Grunde frostig
-seyn, wenn er uns Dinge als verschieden vorstelt, in so ferne sie
-entweder gar nicht, oder doch nicht so wie wir sie uns vorstellen
-verschieden sind; und wenn er uns Dinge als übereinstimmig vorstelt,
-in so ferne sie entweder gar nicht, oder doch nicht so wie wir sie uns
-vorstellen, übereinkommen. Kurtz, ein feuriger Schertz muß uns solche
-Uebereinstimmungen und Verschiedenheiten vorstellen, die den Dingen
-würcklich zukommen.
-
-
-§. 74.
-
-Meine Meinung von der Wahrheit der Schertze, die ich in dem
-vorhergehenden Absatze vorgetragen, widerspricht den Kunstrichtern
-nicht, welche den Unwahrheiten in den Schertzen einen Platz verstatten.
-+Cicero+ gehört dahin, welcher +im andern Buch vom Redner+
-sagt: ~Perspicitis hoc genus quam sit facetum, quam elegans, quam
-oratorium, siue habeas vere quod narrare possis, quod tamen est
-mendaciunculis aspergendum, siue fingas.~ Diese Kunstrichter
-betrachten den Schertz auf eine gantz andere Art. Wenn man von
-Schertzen redet, so versteht man entweder die Dinge die man vergleicht,
-worüber man schertzet, und von denen man den Schertz entlehnt; oder
-man versteht den Gedancken selbst in welchen das schertzhafte besteht,
-die Vergleichung verschiedener Dinge. In der letzten Absicht muß,
-meines Erachtens, kein unrichtiger Gedancke, und wenn er auch ein
-~mendaciunculum~ wäre, in dem Schertze vorkommen. In der ersten
-Absicht muß man anders urtheilen. Da können also die Dinge womit man
-schertzet, auch wahr seyn, oder sie sind falsch und erdichtet. Wenn
-diese Dinge auch wahr sind, so ist der Schertz durch und durch wahr,
-und enthält nicht den geringsten unrichtigen Gedancken, und diese
-Wahrheit nennet man die unbedingte Wahrheit eines Schertzes.
-
-
-§. 75.
-
-Die bedingte Wahrheit eines Schertzes besteht darin, wenn die Dinge,
-womit man schertzet, falsch, erdichtet und unrichtig sind, wenn aber
-dem ohnerachtet der Schertz die §. 73. erfoderte Wahrheit hat. Der
-schertzende und seine Zuhörer, können entweder durch einen Irrthum
-diese Dinge auch für wahr halten, oder sie könnens wissen, daß sie
-falsch sind, und diese Dinge erdichten. Zu jenen gehören die Schertze
-welche die Heyden von ihren Gottheiten und andern Fabeln entlehnt
-haben. Dahin man den berühmten Spaß mit der +Diana+ rechnen kan, den
-man bey den alten antrift. In der Nacht, da der Tempel der +Diane+
-zu +Ephesus+ verbrante, wurde +Alexander der grosse+ gebohren. Man
-fragte warum +Diane+ ihren Tempel nicht gerettet, und man bekam zur
-Antwort, weil sie nicht zu Hause gewesen, sondern der +Olympias+
-bey der Geburt beystehen müssen. Diese Schertze die eine bedingte
-Wahrheit haben, kan man durchaus nicht verwerffen, man müste denn
-allen Fabeln und Erdichtungen alle Schönheiten absprechen. Nein, wenn
-ein solcher Schertz nur die §. 73. angeführte Wahrheit hat, so kan er
-überaus feurig seyn. Nur müssen dabey die Regeln einer guten Fabel und
-Erdichtung beobachtet werden. Ein Schertz, der eine bedingte Wahrheit
-hat, muß den Regeln völlig gemäß seyn, die man in der Dichtkunst von
-der Wahrscheinlichkeit der Fabeln gibt. Ich habe demnach nicht nöthig
-Regeln davon zu geben. Man beobachte nur die Vorschrift des +Horatz+:
-
- ~Ficta voluptatis causa sint proxima veris.~
-
- _Art. poet._
-
-
-§. 76.
-
-Meinem Urtheil nach, gebe ich doch einem Schertze der unbedingt wahr
-ist, den Vorzug vor denjenigen, die nur unter gewissen Bedingungen
-wahr sind. Ich habe darzu verschiedene Ursachen. Eine jede Unwahrheit
-ist doch ein unvollkommener Gedancke als eine Wahrheit. Ein Schertz
-mag so feurig seyn wie er will, wenn er nur unter Bedingungen wahr
-ist, so hat er keine wahren und richtigen Gründe, worauf er beruht.
-Ueberdem so scheint mir der Witz nicht so starck zu seyn, der sich
-den Stoff zu spassen erdichtet. Er kan nach seinem Gefallen dichten,
-weglassen, und hinzuthun was ihm gefält, folglich ist es kein Wunder,
-daß ihm sein Schertz gelingen muß. Es scheint überdies, als wenn ein
-solcher spaßhafter Kopf seinen Schertz vorher ausdenckt, und alsdenn
-erst die Materialien dazu erfindet. Er scheint einem Menschen ähnlich
-zu seyn, der seinen Vortrag erst ausarbeitet, und hernach den Text
-dazu aussucht. Gantz anders verhält sichs im entgegen gesetzten Falle.
-Unser Witz ist alsdenn schlechterdings an die Sachen gebunden, er muß
-in der Geschwindigkeit sich so zu biegen wissen, daß er auf die Dinge
-paßt, denn es wird nichts seinem Willkühr überlassen. Ich gebe gerne
-zu, daß ein Schertz der eine bedingte Wahrheit hat, bisweilen unendlich
-feuriger seyn kan, als ein anderer, sonderlich wenn der schertzende
-die Dinge nicht selbst erdichtet, sondern schon längst bekannte Fabeln
-braucht. In diesem letzten Falle, gibt er einem schlechterdings
-richtigen Schertze sehr wenig nach. Ich sage nur, wenn zwey Schertze
-sonst vollkommen gleich sind, und der eine ist unbedingt wahr, der
-andere aber nur unter gewissen Bedingungen, so ist der erste feuriger
-als der andere. Ein Witz, der in dem Reiche der Wahrheiten keinen
-Stoff zum Schertze finden kan, scheint mir nicht durchdringend und
-scharfsichtig genug zu seyn, als zu einem recht feurigen Witze nöthig
-ist.
-
-
-§. 77.
-
-Das Leben der Erkenntniß besteht in dem Vergnügen oder Verdrusse, so
-damit verbunden ist. Soll also ein Schertz lebendig genug seyn, so muß
-er entweder Vergnügen, oder Verdruß bey den Zuhörern erwecken. Das
-letzte wolte ich eben nicht sagen. Ich will balde erweisen, daß das
-Lachen über einen feurigen Schertz aus Vergnügen entstehen müsse. Ich
-gebe zu, daß die Personen über die man schertzt verdrieslich werden
-können, wenn sie lächerlich gemacht werden. Es kan auch seyn, daß durch
-unsern Schertz, mittelbar ein Verdruß verursacht wird, wenn wir zu dem
-Ende etwas durch unsern Schertz lächerlich gemacht haben, damit es
-unsere Zuhörer verabscheuen sollen. Dem sey wie ihm wolle, so nehme
-ich an, daß das Lachen, welches wir zunächst durch unsern Schertz
-hervorzubringen suchen, mit Vergnügen verbunden seyn müsse.
-
- ~Non satis est pulcra esse poemata: dulcia sunto
- Et quocunque volent, animum auditoris agunto.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Ich sage eben das von einem feurigen Schertze. Erweckt er in unsern
-Zuhörern Vergnügen und Lust, so hören sie uns gerne zu, wir machen
-sie uns geneigt, und sie sind uns Danck schuldig, daß wir ihnen so
-was vergnügtes vorgesagt haben. Je mehr Vergnügen ein Schertz also
-verursacht, je mehr angenehme Gemüthsbewegungen dadurch erregt werden,
-desto feuriger ist er.
-
-
-§. 78.
-
-Das Vergnügen entsteht aus der anschauenden Erkenntniß einer
-Vollkommenheit. Das Vergnügen, so durch einen Schertz verursacht wird,
-entsteht demnach entweder aus dem Gefühl seiner formellen Schönheit,
-oder seiner Materiellen. Von dem ersten rede ich jetzo, und das
-scheint eine natürliche Frucht und Würckung eines feurigen Schertzes
-zu seyn. Wenn ein Schertz einen hohen Grad der Schönheit besitzt,
-wenn wir denselben dergestalt vortragen, daß der Zuhörer die gantze
-Schönheit des Schertzes begreift und fühlt, so muß er ihm gefallen
-und ein Vergnügen in ihm verursachen. Ein Schertz der kein Vergnügen
-verursacht, muß entweder nicht feurig genug seyn, oder von dem
-Zuhörer, aus seiner eigenen Schuld, nicht begriffen werden, oder der
-Zuhörer muß ein Klotz seyn. In dem ersten Falle ist die Mattigkeit des
-Schertzes eine Häßlichkeit desselben, und es ist daraus klar, daß ich
-mit Grunde fodere, daß ein feuriger Schertz nicht nur lebendig seyn,
-sondern auch keinen Verdruß zunächst verursachen müsse. Zu gleicher
-Zeit erhellet, daß ich nicht nöthig habe, besondere Regeln von dem
-Leben eines Schertzes zu geben, weil ein Schertz der sehr feurig ist
-und den Regeln, die ich bisher ausgeführt habe, gemäß ist, nothwendig
-reizend seyn muß. Ein Schertz der von einem lebhaften feurigen und
-muntern Kopfe, mit kaltem Blute kan angehöret werden, oder wol gar mit
-Widerwillen, muß sehr frostig seyn, wenn anders keine andere Ursach zum
-Verdrusse kan angegeben werden.
-
- ~male si - - loqueris
- Aut dormitabo, aut ridebo.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-
-§. 79.
-
-Ich habe zur achten Vollkommenheit eines feurigen Schertzes, die
-Geschicklichkeit desselben, ein Lachen zu verursachen, angenommen.
-§. 25. Ich habe schon einmal erinnert, daß meine Meinung nicht darin
-besteht, als wenn ein Spaß würcklich müsse mit einem lachen begleitet
-werden, noch viel weniger werde ich die Grösse des Lachens bey einem
-Zuhörer, zum Merckmal der Grösse und Stärcke eines feurigen Schertzes,
-annehmen. Es kan jemand eine so ernsthafte Gemüthsfassung besitzen,
-daß er entweder gar nicht, oder doch sehr selten lacht; dieser wird
-auch über den feurigsten Schertz nicht lachen, ob er gleich noch so
-sehr dazu gereitzt wird. Mancher kan einen sehr heftigen Trieb zum
-lachen fühlen, und doch aus überwiegenden Gründen sich zwingen nicht zu
-lachen. Jener lacht über Kleinigkeiten, über ein Nichts, daß ihm der
-Othem vergeht, dieser lächelt nur bey den allerlächerlichsten Dingen.
-Ich sehe mich also genöthiget, die Schönheit eines Schertzes, die aus
-dem Verhältniß desselben zum lachen entspringt, nur darin zu setzen,
-daß er etwas belachenswürdiges enthalte, und dergestalt eingerichtet
-sey, daß ein Mensch der gerne und leicht, doch nicht ohne Grund, lacht,
-durch denselben zu einen starcken lachen sehr starck bewegt werde.
-
-
-§. 80.
-
-Man kan aus und mit Verdruß lachen, man kan aber auch aus Vergnügen
-lachen, und das Lachen kan unser Gemüth dergestalt aufheitern, daß
-dadurch alle bange Ernsthaftigkeit aus der Seele vertrieben wird.
-Man kan sagen, daß ein solches Lachen den Winden ähnlich sey, die
-die Wolcken zertheilen, vertreiben, und den Himmel aufheitern. Ein
-solches lachen ist eine so starcke Bewegung des Gemüths, die fähig
-ist, der Seele eine Munterkeit und aufgeräumtes Wesen zu geben, so
-der Betrübniß entgegengesetzt ist. Man wird mir ohne Schwierigkeit
-einräumen, daß die letzte Art des lachens diejenige sey, die durch
-einen Schertz muß gesucht werden. Der Schertz muß das Gemüth auf eine
-angenehme Art erschüttern, und die verwirrte Bewegung verursachen, die
-wir das Lachen nennen. Wenn man jemand zu einem verdrieslichen Lachen
-zwingt, so werden wir wenig Danck verdienen. Er wird sich wider uns
-rüsten, und alle seine Kräfte samlen uns zu widerstehen. Er wird unserm
-Schertze den Eingang verwehren, und wir werden ihm mit unsern Schertzen
-zur Last werden. Ueberdem müste es ein elender Spaß seyn, der wenig
-Schönheit haben würde, wenn er dem Zuhörer nicht zugleich vergnügen
-könnte. Es scheint überdies das Vergnügen eine nothwendige Verbindung
-mit dem Schertze zu haben, weil wir alsdenn am wenigsten zu schertzen
-im Stande sind, wenn wir nicht aufgeräumt, sondern mißvergnügt sind.
-Noch einmal, ein feuriger Schertz muß geschickt seyn, ein lachen zu
-verursachen, das von einem starcken sinlichen Vergnügen begleitet wird.
-Ich erinnere nur noch das einzige, daß ich nicht behaupte, als wenn ein
-Lachen möglich wäre mit welchem gar kein Vergnügen verbunden ist, ich
-behaupte nur, daß manchmal mit dem Lachen ein Verdruß verbunden seyn
-kan, der grösser und stärcker ist, als das Vergnügen so zugleich dabey
-angetroffen wird.
-
-
-§. 81.
-
-Man kan sagen, daß es eine schwere Untersuchung sey, den Ursprung
-des Lachens, nach allen seinen Stücken, auseinander zu setzen. Das
-Lachen ist eine so verworrene und, aus unendlich vielen andern,
-zusammengesetzte Veränderung, daß man Ursach zu zweiffeln hat, ob man
-dieselbe so deutlich erklären könne, als andere Veränderungen die
-bey uns vorgehen. Ich übergehe die Bewegung des Körpers, die mit dem
-Lachen verbunden ist. Ich will nur bestimmen, woher die Veränderung
-der Seele entsteht, wenn sie über etwas lächerliches lacht, denn das
-ist dasjenige lachen, so durch einen Schertz verursacht werden soll.
-Lächerlich sind alle Ungereimtheiten die man in Kleinigkeiten bemerckt.
-Das Lachen entsteht also aus der Beobachtung einer Ungereimtheit in
-Kleinigkeiten. +Cicero+ sagt +im andern Buche vom Redner+:
-~Locus autem & regio quasi ridiculi turpitudine & deformitate quadam
-continetur, haec enim ridentur vel sola, vel maxime, quae notant
-& designant turpitudinem aliquam non turpiter~. Es wird leicht
-zu erweisen seyn, daß eine jede Häßlichkeit etwas ungereimtes oder
-wiedersprechendes enthalte, indem die Natur alsdenn von den Regeln der
-Vollkommenheit abweicht, worin ihre Maximen bestehen, wenn sie etwas
-häßliches in ihren Wercken hervorbringt. +Cicero+ bemerckt an
-eben dem Orte, daß man weder über eine gar zu grosse Häßlichkeit noch
-Schandthat lache. Die erste bewegt zum Mitleiden, die andere zum Zorn
-und Abscheu. Folglich würde ein solches Lachen mit einem überwiegenden
-Verdrusse verbunden seyn. Man thue hinzu, daß man, wenn man grosse
-Dinge lächerlich macht, sein leichtsinniges Gemüth verräth, eine
-Beschaffenheit die abermals einem guten Geschmacke Verdruß erwecken
-muß. Ich habe demnach mit Grunde annehmen können, daß, wenn man
-andre mit Vergnügen zu lachen machen will, man in Kleinigkeiten eine
-Ungereimtheit oder Widerspruch entdecken müsse.
-
-
-§. 82.
-
-Wenn ein Schertz also kräftig zum Lachen reizen soll, so muß er einmal,
-von Kleinigkeiten handeln, es mögen nun sittliche Dinge seyn oder bloß
-natürliche. Man nennt sie Kleinigkeiten aus verschiedenen Gründen, die
-ich nicht nöthig habe anzuführen. Ich bemercke nur daß es Dinge seyn
-müssen, die weder an sich betrachtet, noch in Absicht auf ihre Folgen,
-von grosser Wichtigkeit sind. Die Ungereimtheit die man entdeckt, kan
-überhaupt die Abweichung einer Sache von ihren Regeln seyn. Diese
-Regeln mögen nun moralisch oder nicht moralisch seyn, genug, wenn die
-Sache nur als regelloß, widersinnisch und häßlich vorgestelt wird. Je
-mehr solcher Unrichtigkeiten entdeckt werden, desto lächerlicher wird
-die Sache. Ich thue nicht ein Wort mehr hinzu, weil ich schon mehr als
-einmal erinnert habe, daß ich keine Wissenschaft der Schertze schreibe.
-Genug, daß ich nunmehr die Gründe habe, woraus ich verschiedene
-Unvollkommenheiten bey den Schertzen entdecken kan.
-
-
-§. 83.
-
-Ein jeder feuriger Schertz ist werth, daß er mit lachen angehört wird.
-Man hüte sich aber daß man nicht alles, was lächerlich und belachens
-werth ist, für einen Schertz halte. Noch viel weniger kan alles
-das was ein lachen verursacht ein Schertz seyn. ~Non sunt omnia
-ridicula faceta. _Cic. de Orat. L. II._ In einem Schertze, wenn
-er feurig seyn soll, muß das formelle, die Vergleichung verschiedener
-Dinge, der sinreiche und scharfsinnige Gedancke, den Grund zum lachen
-enthalten. Liegt dieser Grund in etwas anders, so kan es entweder gar
-kein Schertz genennt werden, oder er muß überaus frostig seyn. Alle
-diejenigen lustigen Herrn, die einen armseeligen Witz besitzen, mögen
-sich also ja in acht nehmen, sich einzubilden, daß sie spaßhafte Köpfe
-sind, wenn sie keinen andern Grund dazu anzugeben wissen, als weil
-sie geschickt sind andere zum lachen zu bestimmen. Es gehört mehr zu
-einem schertzhaften Kopfe, als die Geschicklichkeit ein lachen zu
-verursachen, ob ich gleich derselben ihren völligen Werth lasse, der
-ihr in anderer Absicht zukommen kan.
-
-
-§. 84.
-
-Wenn eine Person, Sache, Begebenheit, Handlung, oder wie es Namen
-haben mag, an sich schon lächerlich ist, ohne daß wir nöthig haben
-einen sinreichen Einfall hinzuzuthun, so wird die blosse Erzählung und
-Vorstellung dieser Stücke schon ein Lachen verursachen. Man würde sich
-aber gewaltig irren, wenn man dergleichen Erzählungen für Schertze
-halten wolte, und die Person die sie vorträgt für einen schertzhaften
-Kopf. Es ist wahr, wenn die Materialien unseres Schertzes schon an sich
-lächerlich sind, so wird es uns leichter werden, damit zu schertzen,
-und unser Schertz kan dadurch feuriger werden. Allein wenn über weiter
-nichts, als über die Sachen gelacht wird, so ist ein lustigmacher zu
-eilfertig, sich deswegen für einen Meister in Schertzen zu halten. Das
-haben sich alle Liebhaber poßierlicher Historien zu mercken. Sie können
-sich in anderer Absicht die Gesellschaft verbindlich machen, wenn ihre
-Histörchen alle diejenige Artigkeit haben, die einen vernünftigen
-Menschen nicht verunzieren, wenn er sie erzählt oder belacht. Aber,
-daß sie deswegen für witzige und feurige Köpfe wollen gehalten seyn,
-ist eine Hofnung, die sie sich so lange müssen vergehen lassen, bis sie
-wichtigere Gründe dazu anzugeben wissen.
-
-
-§. 85.
-
-Ich weiß selbst nicht woher es kommt, daß manche Dinge, bey den meisten
-Leuten, ein ungemeines lachen verursachen, und wenn sie auch ohne allen
-Witz und Scharfsinnigkeit vorgetragen werden, die doch nicht lächerlich
-sind. Man nenne nur gewisse Dinge, bey denen schamhafte Gemüther roth
-werden, oder man nenne auch Dinge die zur Religion gehören, ich bin
-gut dafür, daß es unzählige Leute gibt die hertzlich darüber lachen
-werden, obgleich nicht das geringste spaßhafte dabey angetroffen wird.
-Der Grund dieses lachens liegt in der schmutzigen und leichtsinnigen
-Beschaffenheit des Zuhörers, und ich bin zufrieden angemerckt zu
-haben, daß dergleichen Zoten und Mißbrauch der Dinge, die mit der
-Religion eine Verwandschaft haben, wenn sie mit keinem sinreichen
-Einfalle begleitet werden, keine Schertze können genannt werden, und
-ob sie noch so hertzlich belacht würden. Oben habe ich gezeigt, daß
-man schandbare Zoten, und ob sie gleich mit Witz und Scharfsinnigkeit
-vorgetragen würden, demohnerachtet für frostige Spasse halten müsse.
-Und ich werde mich also nicht betrügen, wenn ich überhaupt sage, daß
-alle Unflätereyen, sie mögen Namen haben wie sie wollen, entweder gar
-keine Schertze, oder doch ein viel zu elender Stoff sind, als daß ein
-reinliches Gemüth sich die Mühe nehmen solte, sie zu durchwürcken, und
-einen Schertz daraus zu machen.
-
-
-§. 86.
-
-Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt seyn, der auf keine andere Art
-zum lachen reitzen kan, als wenn man den schertzenden ansieht, und auf
-seine Geberden dabey achtung gibt. Ein feuriger Schertz muß auch ein
-Schertz bleiben, wenn man den Urheber desselben auch nicht sehen solte,
-ob ich gleich nicht in Abrede seyn will, daß die Art des Vortrages
-ein vieles, zur Vermehrung der Schönheit eines Schertzes, beytragen
-könne. Dem sey wie ihm wolle. Ein Schertz der sonst gar kein Feuer hat,
-als wenn man das Bezeugen des schertzenden beym Vortrage desselben
-mit zu Hülfe nimt, ist ein sehr frostiger Schertz. Der schertzende
-macht sich alsdenn zu einen Narren und Harlekin. Man lacht nicht über
-seinen sinreichen Einfall, sondern über sein ungereimtes Betragen.
-Kurtz, Reden die nicht eher zum lachen bewegen, bis sie mit tausend
-närrischen Verzuckungen der Glieder des Körpers begleitet werden,
-sind Narrenspossen. Und man kan sagen, daß ihr Feuer nicht geistig,
-sondern bloß körperlich sey, weil sie alle ihre Lebhaftigkeit durch die
-Mißhandlungen des Körpers bekommen.
-
-
-§. 87.
-
-Man solte fast auf die Gedancken gerathen, daß die Natur bey der
-Bildung gewisser Menschen gespaßt habe. Man sagt von diesen Leuten,
-daß sie zu Narren geboren sind. Wenigstens scheints, daß die Natur bey
-ihnen nicht so regelmäßig verfahren sey, als sie ordentlicher Weise zu
-thun gewohnt ist. Tausend Kleinigkeiten befinden sich in der Gestalt,
-und gantzen Bildung solcher Leute, welche regelloß sind, und diese
-Leute so unglückseelig machen, daß man sie ohne lachen nicht ansehen
-kan. Diese verunglückten Wercke der Natur, dürfen nur den frostigsten
-Einfall vorbringen, so wird überlaut gelacht; und Leute von weniger
-Beurtheilungskraft glauben, daß denselben das schertzen überaus wohl
-anstehe. Ich darf diesen lächerlichen Irthum nicht wiederlegen. Es
-ist von selbst klar, daß man nicht über den Einfall, sondern über die
-Person lache. Und, meiner Einsicht nach, schicken sich solche Leute am
-allerwenigsten, schön und feurig zu schertzen. Ihre Einfälle können
-Schertze für die Augen, und nicht für die Ohren genennt werden.
-
-
-§. 88.
-
-Wenn die lächerliche Gestalt eines Menschen ein blosser Naturfehler
-ist, so verdient er Mitleiden und Vergebung. Wer aber seinen Körper
-durch Fleiß und Uebung zu einen poßirlichen Werckzeuge, andere Leute
-zu belustigen, macht, verdient ohnfehlbar die Verachtung vernünftiger
-Leute. Schertze, die mit ungereimten und ausserordentlichen
-Verzuckungen der Gesichtszüge, und unmenschlichen Verdrehungen der
-Theile desselben, vorgetragen werden, gehören auf die Schaubühne, und
-auch da hat man sie schon weg gepeitscht. Eine Rede, die mit einem
-Fratzen-Gesichte vorgetragen wird, ist ein Schertz der für einen groben
-und pöbelhaften Geschmack gehört. Es ist zu bedauren, daß manche
-witzige Köpfe auf diese Ausschweiffung gerathen. Sie würden sonst
-nicht gantz unglücklich im Schertzen seyn. Weil sie aber die Narrheit
-begehen, und sich befleißigen, ihre Gesichter dergestalt zu verzucken,
-
- ~Possent vt iuuenes visere fervidi
- Multo non sine risu
- Dilapsam in cineres faciem~
-
- _Hor. Carm. L. IV. od. XV._
-
-so sind sie nicht werth, daß man sie schertzhafte Leute nennt. Wer sich
-so weit erniedrigen kan, sich selbst mit Fleiß lächerlich zu machen,
-verdient nicht, ein vernünftiges Wesen zu heissen.
-
-
-§. 89.
-
-Es ist unmöglich und unnöthig alle die Thorheiten beym schertzen zu
-züchtigen, die mit der vorhergehenden eine Verwandschaft haben. Viele
-lassen es nicht bey den Verdrehungen ihres Gesichts bewenden, sie
-brauchen ihren ganzen Körper zu einem Gauckelwerck, und befleißigen
-sich, wider die ordentlichen mechanischen Regeln, ihre Gliedmassen zu
-bewegen. Viele geben, durch ihre poßirliche Kleidung, ihren Worten den
-Schein eines Schertzes.
-
- ~ - tunicis - - est qui
- Inguen ad obscoenum subductis vsque facetus.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Andere befleißigen sich, durch kindische Nachäffungen anderer Leute in
-Worten und Geberden, ein Lachen zu verursachen. Noch andere beweisen
-ihre Kunst in dummen, unförmlichen, unverständlichen Worten und Tönen.
-Kurtz, ich rechne alle diejenigen dahin, die sich selbst bey einem
-Schertze lächerlich machen, es sey nun auf die eine, oder die andere
-Weise. Derjenige der einen feurigen Schertz machen will, muß auf alle
-mögliche Art bemüht seyn, sich selbst nicht zum Narren zu machen. Er
-muß sein Ansehen und Hochachtung bey seinen Zuhörern erhalten, und
-jederzeit der Regel des +Cicero+ folgen: ~ne aut scurrilis iocus
-sit aut mimicus~.
-
-
-§. 90.
-
-Wenn ein schertzhafter Kopf in den Gedancken steht, daß es sehr leicht
-sey, ein anständiges lachen zu verursachen; und daß man bey einem
-Spasse entweder allein, oder zuerst darauf zu sehen habe, wie man
-seine Zuhörer zu lachen machen wolle, so hegt er zwey sehr schädliche
-Vorurtheile.
-
- ~- Non satis est risu diducere rictum
- Auditoris, & est quaedam tamen hic quoque virtus.~
-
- _Hor. Sat. L. I. Sat. X._
-
-Aus dem vorhergehenden erhellet eines theils, daß derjenige viele
-Scharfsinnigkeit und Witz besitzen müsse, der, ohne sich selbst
-lächerlich zu machen, andere Leute von feinem Geschmacke zum lachen
-bestimmen will. Andern theils ist ausgemacht, daß man hauptsächlich
-davor sorgen müsse, dem Schertze das gehörige Feuer zu verschaffen,
-so wird derselbe ohne dem werth seyn, mit lachen von andern angehört
-zu werden. Wer aber demohnerachtet die angeführten unrichtigen Sätze
-zu Maximen beym Spassen annimmt, der wird wo nicht beständig, doch
-mehrentheils, ein Harlekin seyn. Er wird alles zusammen samlen, was
-lächerlich ist, und er wird sich kein Bedencken machen, auch seine
-eigene Person als ein Mittel zu diesem seinen Zwecke zu brauchen. Das
-Lachen muß bey einem jeden Spasse zum Zwecke angenommen werden, und
-folglich in der Ausübung das letzte seyn, die übrigen Schönheiten
-müssen zuerst in dem Schertze hervorgebracht werden, hernach ist es
-erst Zeit auf die Hervorbringung des Lachens zu dencken.
-
-
-§. 91.
-
-Die letzte Schönheit eines glücklichen Schertzes besteht in einem
-geschickten Vortrage desselben. Man mag nun den Vortrag zu den
-wesentlichen Stücken eines Spasses rechnen, oder ihn nur als die
-Einkleidung desselben ansehen, so wird doch jederzeit auf den Vortrag
-des Schertzes viel ankommen, wenn er glücklich gerathen soll. Der
-Vortrag verhält sich wie die Einfassung eines Diamants, wodurch der
-Glantz desselben innerlich zwar weder vermehrt noch vermindert werden
-kan, wohl aber äusserlich; sie befördert und erhöhet den Glantz, oder
-erstickt ihn. Ein Schertz kan im höchsten Grade feurig seyn, wenn
-man ihn als einen Gedancken betrachtet, durch einen ungeschickten
-Vortrag aber dergestalt verunstaltet werden, daß sein Feuer umhült und
-unsichtbar wird. Im Gegentheil kan das Feuer eines sehr mittelmässigen
-Schertzes, vielmehr gläntzen, wenn es durch einen gehörigen Vortrag
-unterstützt wird.
-
-
-§. 92.
-
-Bey dem Vortrage unserer Gedancken muß man auf zwey Stücke sehen. Auf
-die Worte, und auf das Betragen des gantzen Körpers, nebst andern
-Veränderungen, die mit dem Vortrage eine nothwendige Verbindung haben.
-Ich bin nicht willens alle die Regeln auszuführen, die zu einem
-geschickten Vortrage eines Schertzes erfodert werden. Sie sind mit
-den Regeln der Redekunst den wesentlichen Stücken nach einerley. Ich
-werde mich begnügen, einige Fehler im Vortrage der Spasse zu bemercken
-wodurch das Feuer derselben verdunckelt wird. Die Worte wodurch der
-Schertz vorgetragen wird sollen die Zeichen desselben seyn. Wenn sie
-demnach dergestalt beschaffen sind, daß der Zuhörer aus denselben den
-gantzen Schertz, nebst allen Schönheiten desselben, erkennen kan, so
-sind sie ohne Tadel. Der Schertzende muß seinen Vortrag dergestalt
-einrichten, daß keine Schönheit verborgen bleibt oder verdunckelt wird.
-Hat er einen feurigen Spaß erdacht, kan er reden, ist er der Sprache
-mächtig, und weiß er was vor Töne, Erhöhungen und Erniedrigungen der
-Stimme, zu einem jedem Gedancken sich schicken, so kan es ihm an einem
-geschickten Vortrage nicht fehlen.
-
- ~Verbaque provisam rem non invita sequentur.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Der Vortrag eines Schertzes ist ohne Tadel, in welchen sich der
-Schertz in seiner ganzen Pracht und vollem Lichte zeigt. Ich thue
-noch das einige hinzu, daß der Vortrag des Schertzes geschwind seyn
-müsse. Ist man gar zu langsam, zählt man gleichsam die Worte, so kan
-man den Zuhörer nicht unvermuthet genug überfallen, und es wird der
-Schertz nicht lebhaft genug werden. Dem Zuhörer wird die Zeit lang,
-und man läßt ihm gar zu viel Raum zur Ueberlegung und zum Nachdencken.
-Ueberdies würde ein gar zu langsamer Vortrag, ein untrügliches Zeichen
-der Langsamkeit unseres Witzes seyn. Nein, die bedachtsame Munterkeit
-und Hitze des Geistes, belebt auch den Körper, und zwingt ihn, in allen
-seinen Handlungen und Worten, eine Hurtigkeit zu beobachten, die nicht
-übereilt und schläfrig ist.
-
-
-§. 93.
-
-So gewiß es ist, daß zu einem geschickten Vortrage, auch die
-Uebereinstimmung aller Minen und Züge des Gesichts mit dem Vortrage,
-erfodert werde, so schwer ists, die Regeln zu entdecken, durch welche
-diese Einrichtung des Gesichts bestimmt wird. Zum guten Glück, pflegt
-die Natur in solchen Kleinigkeiten den Mangel unseres Fleisses zu
-ersetzen. ~Itaque imbuendus est is, qui iocose volet dicere, quasi
-natura quadam apta ad haec genera, & moribus, vt ad cuiusque modi genus
-ridiculi vultus etiam accommodetur. _Cic. de Orat. L. II._ Wer in
-seinem Vortrage ungezwungen ist, und nicht gar zu sehr künstelt, wer
-selbst einen lebhaften Eindruck von den Sachen hat, die er vorträgt,
-dessen Gesichtszüge werden um der natürlichen Uebereinstimmung des
-Körpers mit der Seele willen, seinem Vortrage am gemässesten seyn,
-wenn er am wenigsten drauf denckt. Man kan eben dieses von einem
-schertzenden sagen. Kan man ihm gleich nicht ausführlich vorschreiben,
-wie ers machen soll, daß er seinem Gesichte die gehörige Einrichtung
-beym spassen gebe, so kan man doch gar zu leicht die Regellosigkeit in
-diesem Stücke gewahr werden. Ich werde nur ein paar Fehler dieser Art
-berühren, weil sie der Schönheit eines Schertzes gar zu nachtheilig zu
-seyn scheinen. Der erste ist die Finsterniß des Gesichts. Ich habe zwar
-erwiesen, daß der schertzende ernsthaft seyn müsse, ein ernsthaftes
-Gesicht aber ist nicht saur und finster. Es ist wahr, der Schertz
-wird ungemein belacht, der mit einer runzlichten Stirne vorgetragen
-wird. Allein ich bin mit dem +Cicero+ eines Sinnes: ~In moroso
-non sal sed natura ridetur~. Man schließt aus der Finsterniß des
-Gesichts, auf einen murrischen Kopf, und es scheint uns wiedersprechend
-und ungereimt zu seyn, daß ein so murrischer und unaufgeräumter
-Kopf, so lustige und aufgeräumte Einfälle haben könne. Ueberdies
-hat es das Ansehen, als wenn die Natur bey einem solchen Menschen
-ihre Maximen vergessen. Sie pflegt gewöhnlicher Weise, die genaueste
-Uebereinstimmung zwischen Leib und Seele, zu erhalten. Ist es also
-nicht wiedersinnisch, daß sie die Seele eines +Democritus+ in
-den Körper eines +Cato+ gesteckt hat? der schertzende macht sich
-selbst lächerlich, wenn er nicht eine heitere, freudige und muntere
-Ernsthaftigkeit annimt, und ich habe oben erwiesen, daß ein Schertz
-viel von seinem Feuer verliehre, wenn sich der schertzende selbst
-lächerlich macht.
-
-
-§. 94.
-
-Der andere Fehler des Gesichts, der dem schertzenden nachtheilig ist,
-besteht darin, wenn er eine gar zu grosse Zufriedenheit über seinen
-Spaß mercken läßt. Man sieht es manchem spaßhaften Kopfe an den Augen
-an, daß er ein inniges Vergnügen über seinen Einfall empfindet, und
-seine Artigkeit gar zu lebhaft selbst fühlt. Die Augen funckeln
-ihm im Kopfe, und gehen von einem Zuhörer zu den andern fort, sie
-scheinen ein Verlangen nach dem Beyfalle der Zuhörer zu entdecken, und
-eine Verwunderung und Zorn an den Tag zu legen, im Fall der Beyfall
-der Zuhörer nicht so, und in eben der Stärcke, gleich erfolgt, als
-der schertzende sich würdig zu seyn glaubt. Ein solches Bezeugen
-verursacht eine kleine Rache bey den Zuhörern, die in Absicht auf den
-schertzenden grausam ist. Ein vernünftiger Mensch verachtet überhaupt
-alle Personen, die mit sich selbst gar zu sehr zufrieden sind. Er
-glaubt, daß sein Beyfall unnöthig sey, weil der scherzende, durch seine
-Zufriedenheit mit sich selbst, ihm zuvorgekommen. Er schließt nach
-einen Vorurtheil, so in den mehresten Fällen eintrift, daß ein Kind,
-welches von seinen Eltern affenmäßig geliebt wird, viele Fehler habe.
-Er wird aufmercksam gemacht, Fehler zu entdecken, die er sonst nicht
-würde sonderlich bemerckt haben; und man pflegt einem Menschen, der mit
-sich selbst gar zu sehr zufrieden ist, Fehler anzurechnen, die man bey
-andern wo nicht ganz übersehen, doch nicht so sehr ahnden würde. Ein
-Mensch der glücklich im Schertzen seyn, und Beyfall erlangen will, muß
-gegen seinen eigenen Einfall gleichgültig zu seyn scheinen. Er darf die
-Augen eben nicht niederschlagen und auf seinen Schertz fluchen. Allein
-er muß sich sehr in acht nehmen, kein gar zu lebhaftes Vergnügen, über
-seine eigene Schertze, von sich blicken zu lassen.
-
-
-§. 95.
-
-Ein Mensch der mitten in seinem Schertze lacht, und denselben mit
-lachen vorträgt handelt poßirlich. Er verliehrt die angenehme
-Ernsthaftigkeit, die einen Schertz so schön macht. Er wird durch das
-lachen gehindert, seinen Schertz geschwind und hurtig vorzutragen,
-und dadurch die Zuhörer unvermuthet zu überfallen. Ehe noch der
-Schertz völlig vorgetragen wird, mercken es schon die Zuhörer, daß
-ein Schertz vorgetragen werden soll; er kan ihnen also unmöglich
-gantz neu seyn, wenn sie ihn hernach in seinem Umfange und völligen
-Ausdehnung erkennen. Der Schertz bekommt dadurch alle Häßlichkeiten
-eines vorhergesehenen Spasses. Der schertzende kan dadurch gehindert
-werden, seinen Schertz ordentlich und verständlich vorzutragen, und
-er kan wohl gar in den kindischen Fehler fallen, daß er den Vortrag
-unterbrechen muß, und die läppische Entschuldigung hinzu thun, daß er
-es vor lachen nicht sagen könne. Ja man kan sagen, daß das lachen in
-manchen Gesellschaften eine Sympathetische Kraft habe. Es darf nur
-einer lachen, so lacht die gantze Gesellschaft, ohne zu wissen warum.
-Es ist also vermuthlich, daß, wenn der schertzende seinen Schertz mit
-lachen vorträgt, seine Zuhörer ihm Gesellschaft leisten werden, und
-sie haben nicht nöthig über den Schertz selbst hernach zu lachen. Es
-kommt einem überhaupt poßirlich vor, wenn man einen Menschen lachen
-sieht, und man weiß nicht warum. Der schertzende macht sich also selbst
-lächerlich, wenn er mitten im schertzen lacht. Soll der Schertz nicht
-frostig werden so muß der schertzende weder vorher, noch mitten im
-Schertze lachen.
-
-
-§. 96.
-
-Wenn man dem spaßhaften Kopfe ja erlauben will, über seinen Einfall
-zu lachen, so muß er es nicht eher thun als nachher, doch hüte er
-sich vor einer gar zu grossen Eilfertigkeit. Ist er der erste im
-lachen, so kommt mir dieses lachen vor, wie das ~plaudite~ bey
-einem Lustspiel. Man scheint die Zuhörer zum lachen aufzumuntern,
-man scheint zu befürchten, das lachen werde nicht erfolgen. Es ist
-überhaupt der nöthigen Ernsthaftigkeit beym schertzen zu wieder, und
-man erweckt den Verdacht, daß man selbst gar zu sehr für seinen Einfall
-eingenommen sey. Wenn aber der Schertz sehr feurig ist, und alles um
-uns herum lacht, so muß ein Mensch sehr viele Herrschaft über sich
-selbst besitzen, wenn er sich des lachens enthalten will. Ein lachen
-das alsdenn entsteht, kan als eine Schwachheits-Sünde entschuldiget
-werden. Ich nenne es eine Schwachheits-Sünde weil ich glaube, daß ein
-vollkommener Schertz eine freudige Ernsthaftigkeit vorher und nachher
-erfodert. Der schertzende beweißt die Stärcke seines Witzes auf eine
-ausnehmende Art, wenn er mitten unter vorhergehenden, begleitenden und
-nachfolgenden ernsthaften Gedancken schertzen kan. Und da wird er gewiß
-auch nachher nicht lachen. Der schertzende muß gleichsam im Vorbeygehen
-den Schertz anbringen. Er muß den Schein geben, daß es ihm selbst nicht
-viel darum zu thun sey, so beweißt er dadurch wie leicht es ihm sey,
-auf eine feurige Art zu schertzen. Ich will nicht einmal den Fehler
-berühren, wenn ein frostiger Kopf über seine eigene bejammernswürdige
-Einfälle lacht. Ich bin zweiffelhaft, ob ein solcher Mensch Mitleiden,
-oder Verachtung und Verspottung verdiene. Ein solcher alberner
-Possenreißer ist vernünftigen Leuten dergestalt entgegen gesetzt, daß
-er auch gantz verschiedenen Gemüthsbewegungen unterworffen ist,
-
- Und wenn er +selber+ lacht so möchten andre weinen
-
- +Canitz.+
-
-
-§. 97.
-
-Ich halte es nicht eben für einen der geringsten Fehler, wenn
-der schertzende eine gar zu ängstliche Furchtsamkeit, bey dem
-Vortrage des Spasses, von sich blicken läßt. Wenn der Schertz recht
-gelingen soll, so muß er mit einer anständigen Dreistigkeit, und
-Unerschrockenheit vorgetragen werden. Ich verstehe dadurch kein
-freches und unverschämtes Wesen, sondern eine kühne Munterkeit,
-welche aus dem Uebergewicht des bewustseyns, daß der Schertz werth sey
-vorgetragen zu werden, entsteht, und welche das Mittel ist zwischen
-einer zaghaften Blödigkeit und einer lermenden Tollkühnheit. Mancher
-Kopf hat sehr feurige Einfälle, allein so bald sie ihm auf die Zunge
-kommen, überfält ihn eine Bangigkeit, die ihn blaß macht, den Othem
-versetzt, und durch eine zitternde und unterbrochene Stimme die
-Angst seines Hertzens verräth. Solche Gemüther sind zu zärtlich und
-empfindlich, sie sind übertriebene Richter ihrer eigenen Gedancken, und
-haben eine zu schlechte Hofnung der guten Aufnahm ihres Schertzes. Sie
-verderben dadurch ihre Schertze, die im übrigen glücklich genug sind.
-Sie sind nicht im Stande, ihren Schertz munter genug vorzutragen, sie
-können den Zuhörer nicht unvermuthet genug überfallen, sie erwecken
-selbst eine Art der Angst in den Gemüthern der Zuhörer, welche
-nothwendig mit einiger Unlust den Schertz erwarten müssen, der so viele
-Geburtsschmertzen verursacht. Ja sie verrathen eine gewisse Schwäche
-ihres Witzes, die den Schertz selber matt machen muß. Ein hitziger Kopf
-hat viel zu feurige Einfälle, als daß sie ihm Zeit, zu ängstlichen
-Beurtheilungen, lassen solten. Er wird von seinen eigenen Einfällen
-so unvermuthet und plötzlich überfallen, und so nachdrücklich gerührt,
-daß er in eine Art der Verwirrung geräth, die ihm natürlicher Weise
-eine Kühnheit geben muß. Die Lebhaftigkeit und Stärcke seiner Schertze,
-breitet sich bis in seinen Körper aus, und geben ihm alles das Feuer,
-das zu einem unerschrockenen und dreisten Vortrage derselben nöthig
-ist. Kan man wohl diese Stärcke des Witzes, bey demjenigen annehmen,
-der mit Zittern und Zagen, und einer stotternden Stimme spaßt? Wer
-sich nicht getrauet, mit einem männlichen und unverzagten Muthe, zu
-schertzen, der überhebe sich gar dieser Mühe. Seine Furchtsamkeit kan
-ihn überdies manchmal in eine solche Verwirrung setzen, daß er nicht
-mehr weiß was er sagt, und er wird sich der Gefahr, ausgelacht zu
-werden, aussetzen.
-
-
-§. 98.
-
-Ich habe bisher die Schönheiten eines Schertzes ausgeführt, welche
-meinen Bedüncken nach nöthig sind, wenn er glücklich gerathen soll.
-Ich will nicht sagen, daß ich keine einzige übergangen hätte. Ich will
-auch nicht zum andern, oder gar zum dritten mal, sagen, daß ich nicht
-in den Gedancken stehe, als wenn ein jeder glücklicher Schertz, alle
-diese Schönheiten besitzen müsse. Sondern ich werde meine Erinnerungen
-die ich noch zu machen habe, in ein paar allgemeine Anmerckungen
-einschrencken. Zuerst gebe ich zu, daß es manche Schertze gibt, bey
-welchen unmöglich alle diese Schönheiten zusammen stat finden können.
-Es kan geschehen, daß bey gewissen Spassen, nach allen ihren Umständen
-betrachtet, einige dieser Schönheiten einander wiedersprechen. Daraus
-wird aber meines Erachtens nichts weiter folgen, als daß manche
-Schertze unmöglich den grösten Grad der Schönheit erreichen können,
-der bey einem Schertze, überhaupt betrachtet, möglich ist. Hernach ist
-mit leichter Mühe zu begreiffen, daß eine Schönheit eines Schertzes so
-groß, starck und einnehmend seyn könne, daß viele andere Fehler dadurch
-bedeckt werden. Was einem Schertze an der einen Schönheit abgeht, kan
-durch die andre ersetzt werden. Und es gibt Fehler der Schertze die mit
-leichter Mühe können versteckt werden. Ja, man kan sich in Gesellschaft
-befinden, da man hundert Fehler in Schertzen begehen kan, die die
-Gesellschaft nicht merckt.
-
- ~Non quiuis videt immodulata poemata iudex.~
-
- _Hor. art. poet._
-
-Es gehört ein wenig Verschlagenheit und List dazu, wenn man in allen
-Gesellschaften, die aus keinen grossen Geistern bestehen, im spassen
-glücklich seyn will. Man kundschafte den Geschmack der Gesellschaft
-aus, man verstecke die Fehler seiner Schertze, so bin ich gut davor,
-daß man für einen schertzhaften Kopf wird gehalten werden. Nur hüte
-man sich vor der Eitelkeit, deswegen zu glauben, daß man auch vor dem
-Richterstuhle der gesunden Critik, eines guten Ausspruchs, bloß um
-dieser Ursach willen, sich zu getrösten habe.
-
-
-§. 99.
-
-Die Gründe der Beurtheilung eines Schertzes, die ich bisher ausgeführet
-habe, können innere Gründe genennet werden, weil sie in den Schönheiten
-bestehen, die einem glücklichen Schertze eigenthümlich zugehören. Es
-gibt aber auch äusserliche Gründe, die überhaupt aus dem Urtheile
-anderer von unsern Schertzen hergenommen werden, und aus dem Eindrucke
-den unser Schertz in den Gemüthern unserer Zuhörer macht. Doch ist
-dabey viel Behutsamkeit nöthig. Ich will erst untersuchen, ob man einen
-Schertz für feurig zu halten Ursache habe, wenn er von andern gelobt,
-belacht, und gebilliget wird. Es würde ein übereiltes Urtheil seyn,
-wenn man diese Frage schlechterdings bejahen wolte. Unser Zuhörer, dem
-wir den Schertz vortragen, kan aus grosser Höflichkeit und Freundschaft
-unsere frostigsten Schertze loben und belachen, weil er uns einen
-Gefallen dadurch zu erweisen glaubt. Hat man also nicht nöthig der
-Warnung des +Horatz+ Gehör zu geben?
-
- ~Nunquam te fallant animi sub vulpe latentes.~
-
- _Art. poet._
-
-Oder er kan uns wohl gar so viel Ehrfurcht und Unterwürfigkeit von
-Rechts wegen schuldig seyn, daß es ein unbesonnenes Verbrechen
-seyn würde, wenn er sich nicht verstellen wolte. Oder er kan ein
-+Gnatho+ seyn, welcher denckt:
-
- ~Est genus hominum, qui esse primos se omnium rerum volunt,
- Nec sunt. Hos consector. Hisce ego non paro me vt rideant,
- Sed eis vltro arrideo, & eorum ingenia admiror simul.
- Quicquid dicunt laudo, id rursum si negant, laudo id quoque,
- Negat quis, nego; ait, aio; postremo imperaui egomet mihi
- Omnia assentari.~
-
- _Terent. in Eunuch._
-
-Oder, welches vor allen Dingen anzumercken, unser Zuhörer kan ein
-einfältiger, stumpfer, frostiger Kopf seyn. Man sage ihm die feurigsten
-Schertze, die sind ihm zu hoch, er kan sie nicht begreiffen, er bleibt
-ungerührt. Hört er aber den frostigsten und abgeschmacktesten Spaß,
-der wird für seinen groben Geschmack sich schicken. Sein eißkaltes
-Gehirne wird den kleinsten Grad des Feuers fühlen, welches in einem
-ohnedem feurigen Kopfe unmercklich ist. Man sieht demnach, daß der
-Beyfall, der unsern Schertzen gegeben wird, ein sehr zweiffelhaftes
-Merckmaal der Schönheit derselben ist. Wollen wir daraus einen
-wahrscheinlichen Schluß machen, so müssen wir wissen, daß derjenige,
-der unsern Schertz lobt, ein feuriger Kopf von gereinigtem Geschmacke
-sey, und daß er weder aus Freundschaft, noch Höflichkeit, noch
-Unterwürfigkeit, noch Schmeicheley über unsern Einfall lache.
-
-
-§. 100.
-
-Eben so wenig kan man daher, wenn unser Schertz getadelt wird, und
-keinen Eindruck bey andern verursacht, auf den Frost desselben
-einen unbetrüglichen Schluß machen. Ich habe schon bemerckt, daß
-ein frostiger und ungeschliffener Kopf, den schönsten Schertz ohne
-Rührung, anhören und ihn tadeln wird. Aus diesem Tadel darf man sich
-so wenig machen, daß man ihn vielmehr als ein Zeichen der Schönheit
-unsers Schertzes anzusehen hat. Es kan jemand aus Feindschaft,
-Verachtung unserer Person, Neid, und Tadelsucht unsere Einfälle
-tadeln, und sich mit Gewalt zwingen nicht zu lachen, sondern sein
-Vergnügen über den Schertz zu verheelen und zu ersticken. Ich weiß
-selbst nicht woher es kommt, daß der Neid fast eine Erbsünde vieler
-feurigen Köpfe zu seyn scheint. Ein witziger Kopf wird viel Mühe
-nöthig haben, einen sinnreichen Einfall an andern zu loben. Ich rede
-nur von solchen aufgeweckten Köpfen, die ausserdem nicht eben gar zu
-grosse Vollkommenheiten besitzen. Ja es kan auch ein geistreicher
-Kopf, der in keinem dieser angeführten Fehler steckt, manchmal viel zu
-ernsthafte und verdriesliche Gedancken haben, als daß er die Schönheit
-eines feurigen Schertzes zu mercken vermögend seyn solte. So wenig
-man beständig zu schertzen aufgelegt ist, so wenig ist man zu allen
-Zeiten im Stande, durch einen glücklichen Schertz gerührt zu werden.
-Ja endlich kan die Verschiedenheit des Geschmacks Ursach seyn, warum
-andere unsere Schertze nicht für schön halten.
-
- ~Laudatur ab his culpatur ab illis.~
-
- _Hor. Sat. L. I. Sat. II._
-
-Mich dünckt, ich habe überflüßig dargethan, daß ein Schertz sehr
-feurig seyn könne ob er gleich von andern getadelt wird, und keinen
-mercklichen Eindruck bey andern macht. Wenn aber ein Mensch von
-grossem Witze, Scharfsinnigkeit, und Beurtheilungskraft, der gantz
-unpartheiisch ist, unsern Schertz ohne Rührung anhört und ihn
-verachtet, so ist der Schluß überaus wahrscheinlich, daß der Schertz
-mat, unglücklich und frostig sey. Noch viel behutsamer muß man seyn,
-wenn man von seinem eigenen Urtheile, über seine eigene Einfälle, einen
-Schluß auf ihre Häßlichkeit oder Schönheit machen will. Eitelkeit
-und Eigenliebe verblenden uns, daß wir unsere eigene Fehler nicht
-mercken, und unsere Vollkommenheiten durch ein Vergrösserungsglas
-betrachten. Niederträchtigkeit stelt uns häßlicher, in unsern eigenen
-Augen, dar, als wir in der That sind. Es sind demnach Uebereilungen,
-wenn man gerade zu schliessen wolte: Mein Spaß der mir gefält ist
-feurig, und der mir mißfält ist frostig. Wer aber seinen Geist über die
-Schwachheiten der Eitelkeit und Niederträchtigkeit erhoben hat, wer
-ein feuriger Kopf ist, und einen feinen Geschmack hat, der kan diese
-Schlüsse mit vieler Wahrscheinlichkeit machen. Nur muß er sich hüten,
-daß das auch keine Frucht einer schmeichelnden Eigenliebe sey, wenn er
-sich selbst für einen erhabenen, feurigen und feinen Geist hält.
-
-
-§. 101.
-
-Ich könnte meine Betrachtung hier beschliessen. Das hundert der Absätze
-ist ohne dem wieder mein Vermuthen voll geworden. Ich habe aber
-angemerckt, und zwar, wie ich mir schmeichle, nicht ohne Grund, daß die
-formelle Vollkommenheit eines Schertzes in verschiedenen Stücken, von
-der materiellen Vollkommenheit derselben abhänget. Ich werde daher von
-dieser noch handeln müssen. Ich bin nicht willens mich dabey so weit
-auszudehnen, als ich zu thun im Stande wäre. Ich werde die materielle
-Vollkommenheit der Schertze, nur in so weit in Betrachtung ziehen,
-als sie das Feuer eines Schertzes entweder glänzender machen, oder
-verdunckeln kan. Ich werde alle Weitläuftigkeit vermeiden, und diese
-gantze Betrachtung in drey oder vier Regeln einschliessen.
-
-
-§. 102.
-
-So lange die materielle Unvollkommenheit eines Schertzes kleiner
-ist, als die formelle Schönheit desselben, so wird jene dem Feuer
-desselben keinen mercklichen Abbruch thun. So bald aber die materielle
-Unvollkommenheit mit der formellen Vollkommenheit die Wage hält, oder
-diese wohl gar übertrift, so bekommt die Schönheit eines Schertzes
-einen Schandfleck, der wenigstens die formellen Schönheiten verdeckt.
-Ein solcher Schertz gleicht einem Feuer, das vielen Dampf und Rauch
-verursacht. Wenn gleich der Rauch dem Feuer selbst keine Kraft nimt,
-so verdeckt er doch dasselbe, und verhindert den Glantz desselben,
-der sonst sich weiter ausbreiten, und durchdringender seyn würde. Ein
-Mensch, der an einem Dinge Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-gewahr wird, beurtheilt die Sache nach dem Uebergewicht der einen
-oder der andern. Wenn die letzten die ersten weit übertreffen, so
-kan es natürlicher Weise nicht anders seyn, als daß man sich die
-häßliche Seite eines solchen Dinges aufmercksamer, klärer, gewisser
-und lebendiger vorstelt. Darüber vergißt man nach und nach die
-Vollkommenheiten, sie scheinen nicht hinreichend zu seyn eine Sache,
-die überwiegend fehlerhaft ist, nach ihrem schwächern Theile zu
-beurtheilen. Mit einem Wort, eine Sache die mehr häßlich als schön
-ist, wird nach ihrer schönen Seite nicht vornemlich beurtheilt. Die
-Schönheiten werden durch die stärckern Häßlichkeiten verdunckelt, und
-man ist nicht gewohnt, wenige Vollkommenheiten, mit einem so elenden
-Anhange mehrerer Unvollkommenheiten, besonders zu schätzen. Soll also
-der Schertz sein völliges Feuer behalten, und darin unterstützt werden,
-so muß die materielle Unvollkommenheit, wo nicht gantz fehlen, welches
-allerdings besser ist, doch mercklich kleiner seyn. Mir deucht alle
-Religions-Spöttereien haben diesen Fehler. Die Schertze die über
-Religionssachen getrieben werden, können bisweilen sehr gut geraten,
-weil aber die Gottlosigkeit und Leichtsinnigkeit derselben, zwey Sünden
-sind, die bey nahe den höchsten Grad in diesem Falle erreichen, so
-können solche Schertze bey niemanden ihre Würckung thun, als die eben
-so gottloß und leichtsinnig sind, wie der schertzende selbst.
-
-
-§. 103.
-
-Wenn der Verdruß und der Eckel des Zuhörers über die materielle
-Unvollkommenheit unseres Schertzes, grösser ist, als sein Vergnügen
-über die formelle Schönheit desselben, so verliehrt unser Schertz
-seinen Glantz und Feuer, wenigstens in dem Gemüthe unsers Zuhörers.
-Niemand ist so thöricht, eine kleine Lust durch einen stärckern Verdruß
-zu erkauffen; und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Verdruß über
-unsern Schertz das Vergnügen über eben demselben verdunckeln werde,
-folglich auch den Grund desselben, oder die Anschauung der Schönheiten
-desselben. Diese werden sich gleichsam hinter der Häßlichkeit des
-Schertzes verliehren, und so gut seyn als wenn sie gar nicht da wären.
-Wenn ja ein feuriger Schertz eine materielle Unvollkommenheit hat, so
-muß doch der Verdruß darüber mercklich schwächer und dunckeler seyn,
-als das Vergnügen über eben denselben. Alsdenn wird sichs umgekehrt
-verhalten. Die häßliche Seite wird sich immer weiter hinter die schöne
-drehen, und es kan wohl gar kommen daß der Zuhörer, über den Vergnügen,
-an die Unvollkommenheiten zu gedencken vergißt. Wenigstens ists einem
-oftermals nicht zuwieder, einen kleinen Verdruß auszustehen, wenn er
-nur durch ein grösser Vergnügen belohnt und ersetzt wird. Es ist nicht
-zu leugnen, daß die Ausübung dieser Regel viele Kunst erfodert. Es kan
-jemand einen sehr grossen Verdruß worüber empfinden, so dem andern
-gar keine, oder doch eine sehr kleine Unlust erweckt, und so verhält
-es sich auch mit dem Vergnügen. Dem sey nun wie ihm wolle, so muß der
-schertzende sich durchaus nach den Zuhörern bequemen, wenn er bey
-ihnen seinen Zweck erreichen will. Ich rechne dahin die Schertze, die
-von unzüchtigen, unflätigen, und gar zu gemeinen Dingen hergenommen
-werden. Kurtz, alle diejenigen Schertze die in der Einbildungskraft ein
-schändliches und eckelhaftes Bild verursachen. Ich lasse einen jeden
-urtheilen, ob die feurigsten Schertze nicht ihren Glantz verliehren,
-wenn sie eine so schmutzige und säuische Einfassung bekommen? Ein
-spaßhafter Kopf, der bey seinen Schertzen gar zu oft ins Dicke trit,
-kan zwar in einer Zeche Mistträger ohne Eckel gehört werden, aber
-nicht von Leuten, die sehr selten Empfindungen von gewissen Dingen zu
-haben pflegen. Es gibt eine gewisse Art Leute, die, ich weiß nicht
-was für ein ehrwürdiges etwas, darin zu suchen pflegen, wenn sie ohne
-Eckel gewisse Dinge ansehen, und befühlen, und wohl gar mit noch einem
-andern Sinne empfinden können. Diese Leute schreiben sich deswegen eine
-heldenmäßige Hertzhaftigkeit zu, und verlachen alle diejenigen, die
-kein solches +Cyclopen+-Hertz besitzen als sie selbst. Und diese
-sinds die mehrentheils in Gesellschaften, und was noch das ärgste ist,
-alsdenn wenn gegessen wird, solche Spasse machen, die gar zu natürlich
-sind, und wodurch sie andern einen Eckel verursachen, der ihnen die
-Materie zu ihrem Triumphe darbietet. Meinem Urtheile nach, verdunckeln
-solche spaßhafte Köpfe, durch ihre eigene Schuld, das schöne ihrer
-Schertze, durch das schmutzige womit sie schertzen. Ich will nicht
-einmal von den bejammernswürdigen Köpfen reden, deren Zoten nicht
-einmal eine formelle Schönheit besitzen. Denn alsdenn ist der Zeug des
-Spasses säuisch, und der Spaß selbst häßlich, und kan auf keinerley Art
-gerechtfertiget werden.
-
-
-§. 104.
-
-Wenn man mit Dingen scherzt, die man mit der äussersten
-Ernsthaftigkeit, zu betrachten verbunden ist, so ist auch das
-kleinste lachen bey solchen Dingen eine Sünde. Ein feuriger Schertz
-verursacht ein grosses lachen. Folglich muß ein solcher Schertz, der
-mit und über dergleichen Dinge geführt wird, eine grössere materielle
-Unvollkommenheit haben, und folglich viel von seinem Feuer verliehren.
-Ich rechne dahin, nicht nur diejenigen Scherze, in welchen solche
-wichtige Dinge selbst lächerlich gemacht werden, als welches überdies
-eine strafbare Leichtsinnigkeit ist; sondern auch diejenigen, die etwas
-anders durch Vergleichung mit dergleichen Dingen lächerlich machen.
-Es ist wahr, diese wichtigen Dinge bleiben alsdenn in ihrem völligen
-Werthe. Allein die Einbildungskraft pflegt hernach den Schertz uns
-wieder ins Gemüth zu bringen, so bald wir an solche ernsthafte Dinge
-dencken, und da ist es nothwendig, daß wir unsere Pflicht übertreten
-müssen. Ich tadle alle Schertze, in welchen solcher wichtigen Dinge
-Erwehnung geschieht, es sey nun auf die eine, oder die andere Art.
-Meines Erachtens gehören dahin, alle Schertze die mit der Religion
-getrieben werden, es sey nun, daß man über Religionssachen schertze,
-welches freylich das ärgste ist, oder daß man durch Religionssachen
-etwas anders lächerlich mache. ~Nimium enim risus pretium est, si
-probitatis impendio constat. _Quint._ _de inst. Orat._ Ich weiß
-wohl, daß man vieles zur Entschuldigung der letztern anzuführen pflegt.
-Ich weiß aber auch, daß ich sie nicht verwerffe, weil ich glaube,
-daß sie Religions-Spöttereyen wären. Wenn man weiter nichts thut,
-als daß man die Religionssachen braucht, etwas anders lächerlich zu
-machen, so spottet man nicht der Religion, die bleibt in ihrer Hoheit.
-Allein unsere Einbildungskraft vergesellschaftet die Religion mit den
-Schertzen, wir erinnern uns der Schertze, wenn wir an die Religion
-dencken, und man ist alsdenn nicht im Stande, gantz ernsthaft zu
-bleiben, wozu man doch bey der Religion jederzeit verbunden ist. Alle
-vernünftige Kenner der Schaubühne, stimmen mit mir in diesem Stücke
-überein. Sie sehen es als einen groben Fehler an, wenn man wichtige
-Dinge, und insonderheit Dinge, die mit der Religion eine Verwandschaft
-haben, in die Comödie bringt. Sie tadeln insgesamt, den berühmten
-Nürnbergischen Dichter +Hans Sachsen+, der so artig zu dichten
-gewust, daß er +Adam+ und +Eva+ aufgeführt, wie sie ihre
-Kinder in Gegenwart GOttes, der ihnen erschienen, aus +Luthers+
-Catechismus examiret, da denn +Abel+ recht gut bestanden,
-+Cain+ aber sehr schlecht antworten können. Man begreift ohne
-Mühe, daß der Grund dieses Tadels, darin zu suchen sey, weil die
-Comödie der Ort ist, wo geschertzt werden soll, und da die Thorheiten
-der Menschen lächerlich gemacht werden sollen. Verbannt man nun die
-Religion aus der Comödie, so gibt man zu verstehen, daß es häßlich
-sey, wenn man die Religion zu schertzen braucht, und ob man gleich sie
-selbst nicht lächerlich mache, und die Schertze noch so feurig seyn
-solten. Was ich von der Religion gesagt habe, das gilt auch von allen
-wichtigen Wahrheiten, die man durchaus nicht zum Schertzen brauchen
-muß. Ich hätte hier die schönste Gelegenheit, denen Herrn den Text
-zu lesen, die mit der Philosophie ihren Schertz treiben, und wunder
-dencken, wie spitzfindig sie sind, wenn sie z. E. über die beste Welt
-ein lachen verursachen. Doch ich begnüge mich anzumercken daß man
-weder über, noch mit dergleichen Dingen schertzen müsse, bey denen wir
-verbunden sind, so oft wir uns damit beschäftigen, eine genaue und
-strenge Ernsthaftigkeit zu beobachten.
-
- ~Non haec iocosae conueniunt lyrae~
-
- _Hor. Carm. L. III. Od. III._
-
-
-§. 105.
-
-Wenn wir uns in solchen Umständen befinden, in welchen wir verbunden
-sind, die strengste Ernsthaftigkeit zu beobachten, so ist das
-geringste lachen eine Sünde, und die materielle Unvollkommenheit
-unsers Schertzes fält alsdenn mehr, und stärcker in die Augen, als
-die formelle Schönheit, und unser Schertz wird verdorben. Es gibt
-gewisse Personen, in deren Gegenwart wir die strengste Ernsthaftigkeit
-beobachten müssen, wenn sie uns selbst nicht einigermassen von diesem
-Zwange loßzumachen für gut befinden. Es gibt Orte und Zeiten, die von
-uns fodern, alsdenn gar nicht zu lachen, wenn wir uns in denselben
-befinden. Alle Schertze die in Gegenwart solcher Personen, an solchen
-Orten und in solchen Zeiten vorgetragen werden, wenn sie auch noch
-so feurig sind, verliehren ein vieles von ihrer Schönheit, weil sie
-aus einer Leichtsinnigkeit entstehen, die gar zu sehr in die Augen
-fält. Ich hätte hier Gelegenheit eine weitläuftige Critik, über
-viele Arten der Schertze anzustellen. Ich will mich aber begnügen,
-nur einige derselben anzuführen, mehr, um meine Anmerckung dadurch
-zu bestätigen, als sie selbst ausführlich zu untersuchen. Ich rechne
-dahin zuerst alle Schertze, die in der Todesstunde getrieben werden.
-Es ist wahr, solche Schertze haben ein ungemeines Feuer, wenn sie
-sonst nicht überwiegend häßlich sind. Ich habe dieses schon oben
-angemerckt. Allein die Todesstunde ist die wichtigste Zeit unsers
-Lebens. Wir sollen in derselben einen Schrit thun, bey dem die
-gröste Aufmercksamkeit und Bedachtsamkeit nöthig ist, und wir sind
-verbunden alle unsere Verstandeskräfte zusammenzufassen, um mit der
-strengsten Aufmercksamkeit die Veränderung zu erwarten, die uns aus
-der Zeit in die Ewigkeit versetzt. Mich deucht, daß alles dieses ohne
-Ernsthaftigkeit unmöglich sey. Und wer in seiner Todesstunde spaßt,
-ist viel zu leichtsinnig, als daß er den Tod regelmäßig ausstehen
-solte. Diese Leichtsinnigkeit verdunckelt auch den feurigsten Spaß.
-Nein, in der Todesstunde kan kein Spaß recht glücklich gerathen. Zum
-andern gehören hieher die Schertze in der Kirche, und insonderheit
-auf der Canzel. Ein P. ~Abraham von Sancta Clara~ mag noch so
-ein lustiger Kopf seyn, er mag noch so feurig seyn, so wird ihm doch
-kein Schertz gelingen, wenn er ihn auf den Stuhle vorträgt welcher
-den wichtigsten Wahrheiten gewidmet ist. Daher darf kein Prediger die
-Laster auf der Canzel lächerlich machen, er muß sie aus wichtigern
-Gründen mit dem grösten Ernste bestürmen. Endlich rechne ich dahin die
-Heldengedichte und grossen Lobreden. Ein Dichter und Lobredner verhält
-sich unanständig gegen seinen Helden, wenn er schertzt. Das hohe,
-das erhabene, das ehrwürdige wird durch das lächerliche verdunckelt.
-In solchen Reden und Gedichten muß gar nicht geschertzt werden.
-+Günther+ wird daher mit Recht getadelt, daß er in der Helden-Ode
-auf den +Eugen+ einen Soldaten nach dem pöbelhaftesten Character
-aufführt.
-
-
-§. 106.
-
-Ich muß nunmehr den Beschluß meiner Betrachtung machen. Ich solte
-glauben, daß diese Blätter nicht gantz ungeschickt wären, den guten
-Geschmack zu befördern, in einer Sache die sehr häufig zu seyn pflegt.
-Ich habe mich wenigstens bemüht, diese Critik der Schertze auf Gründe
-zu bauen, die aus der Natur der Seele, und der Schönheiten überhaupt
-hergenommen sind, und ich habe nichts weiter mehr nöthig, als mich der
-Gewogenheit meiner +geneigten Leser+ zu empfehlen.
-
- ~Viue, vale! si quid nouisti rectius istis,
- Candidus imperti; si non, his vtere mecum.~
-
-
- +E N D E.+
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANCKEN VON SCHERTZEN ***
-
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-
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- The Project Gutenberg eBook of Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier.
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-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Gedancken von Schertzen
-
-Author: Georg Friedrich Meier
-
-Release Date: March 23, 2016 [EBook #51535]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANCKEN VON SCHERTZEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<h1><span class="s6">M. Georg Friedrich Meiers</span><br />
-
-<span class="s5">Gedancken</span><br />
-<span class="s7">von</span><br />
-Schertzen.</h1>
-
-<div class="quot">
-
-<hr class="quot" />
-
-<p class="center"><span class="antiqua"><i>Cic. de Orat. L. II.</i></span></p>
-
-<p class="p_1">
-<span class="antiqua">Ego in his praeceptis hanc vim, &amp; hanc
-vtilitatem esse arbitror, non vt, ad
-reperiendum quid dicamus, arte
-ducamur, sed vt ea quae natura
-quae studio, quae exercitatione consequimur;
-aut recta esse confidamus
-aut praua intelligamus, quum
-quo refenda sint, didicerimus.</span></p>
-
-<hr class="quot" />
-
-</div>
-
-<p class="s3 center"><b>HALLE</b>,</p>
-
-<p class="s3 center">Verlegts Carl Herrmann Hemmerede.</p>
-
-<p class="s3 center">1744.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="figcenter">
- <a id="a003_1" name="a003_1">
- <img class="mtop1" src="images/a003_1.jpg"
- alt="Kopfstück zur Vorrede" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorrede">Vorrede.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="figleft mtop-3_3">
- <a id="a003_2" name="a003_2">
- <img src="images/a003_2.jpg"
- alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p1st"><span class="hidden">D</span>ie Verbesserung des Geschmacks ist eine so edle Beschäftigung, daß
-sich jederzeit, die erhabensten Geister eines Volcks, derselben
-unterzogen haben. Dadurch unterscheiden sich, unter andern, die
-Patrioten eines Landes, von dem übrigen Hauffen ihrer Mitbürger, daß
-sie entweder selbst an der Reinigung des Geschmacks, es sey nun in
-was für Stücken es wolle, arbeiten; oder doch dieses lobenswürdige
-Unternehmen gerne sehen, wünschen, und befördern helfen. Ich habe
-mich daher, auf eine lebendige Art, zu überzeugen gesucht, daß es
-die Pflicht eines redlich gesinten Deutschen mit sich bringe, sich
-zur Parthey dieser Patrioten zu schlagen, und so viel sein Vermögen
-ihm erlaubt, auf alle mögliche Art, den Geschmack seiner Landsleute
-feiner zu machen. Unser Vaterland kan sich in unsern Tagen glücklich
-schätzen, daß es seinen Nachbarn, auch in diesem Stücke, die Wage zu
-halten anfängt, und das rühmliche Beyspiel so vieler schönen Geister,
-die sich um den deutschen Geschmack so sehr verdient machen, ist so
-reizend, daß es nothwendig Nachahmungs Begierde verursachen muß.</p>
-
-<p>Ich bin so eitel oder so dreist, zu bekennen, daß ich seit geraumer
-Zeit einen heftigen Trieb in mir empfunden, diesen erwehnten Vorgängern
-zu folgen. Ich habe aber denselben bisher nur durch einem blossen
-Wunsch stillen, oder vielmehr unterhalten und verstärcken können. Und
-jetzo wage ichs in diesen Blättern, meiner Begierde den Ausbruch zu
-verstatten. Ich kan nicht läugnen, daß ichs mit einiger Bangigkeit
-thue. Der Geschmack unserer deutschen Kunstrichter ist schon so zart
-und edel, daß ich zu sehr mit meiner eigenen Arbeit zufrieden seyn
-müste, wenn ich diese Bogen, ohne alle Furchtsamkeit, ans Licht treten
-liesse. Ich unterstütze mich, durch das Vertrauen auf die Gütigkeit
-meiner <b>Geehrtesten Leser</b>, daß sie wenigstens meinen guten Willen
-nicht mißbilligen werden, wenn auch meine Kräfte zu matt gewesen seyn
-solten, eine Arbeit zu liefern, die des Beyfalls der Kunstrichter
-völlig werth wäre.</p>
-
-<p>Ich habe verschiedene Gründe gehabt, warum ich eben von Schertzen
-meine Gedancken habe drucken lassen. Ich stehe in der Meinung, daß
-der verdorbene und pöbelhafte Geschmack am häuffigsten noch in den
-Schertzen herrsche. Man mag nun die Schertze verstehen, die in dem
-täglichen Umgange vorkommen; oder diejenigen, die unter den Vortrag,
-es sey derselbe ein mündlicher oder schriftlicher, gemengt werden;
-oder diejenigen Spasse, die auf der Schaubühne vorgetragen werden. Ich
-glaube, daß der gantze vernünftige Theil meiner Landesleute überzeugt
-ist, daß es zu wünschen wäre, daß die Deutschen, auch im spassen, den
-feinen Geschmack herrschen liessen. Und ich kan mich nicht besinnen,
-daß eine ausführliche Abhandlung der Schertze in unserer Muttersprache
-schon vorhanden wäre. Das letzte kan ein Irrthum seyn, und so ists
-eine Unwissenheits-Sünde, die mir also um so viel eher vergeben werden
-wird. Dazu kömmt noch, daß eine jede andere Materie, die in das Reich
-des Geschmacks gehört, und die ich hätte ausführen können, mir jetzo
-entweder zu schwer oder zu weitläuftig gewesen, und ich halte es für
-eine vernünftige Maxime eines Schriftstellers, wenn er eine Materie
-erwehlt, durch die er sich völlig ausdehnen kan.</p>
-
-<p>Ich habe hin und wieder, in diesen Blättern, meine Betrachtungen,
-eine Critik der Schertze, genennt. Ich weiß nicht, ob alle meine
-<b>Leser</b> diese Benennung werden genehm halten. Sie haben vielleicht
-einen andern Begriff von der Critik, als ich mir gemacht habe, und ich
-kan mich zwar in diesem engen Raume einer Vorrede, nicht weitläuftig
-in die Untersuchung des Begriffs der Critik einlassen, doch fodert
-die Rechtfertigung meines Gebrauchs dieses Worts, daß ich meine
-Begriffe von der Critik überhaupt mit wenigen vortrage. Die Critik, im
-allerweitesten Umfange, ist die Wissenschaft von den Vollkommenheiten
-und Unvollkommenheiten zu urtheilen. Sie erstreckt sich über alle
-mögliche Dinge, und alle Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-derselben. Diese Critik theilt sich in zwey Hauptäste. Der erste ist
-die Kunst, den Geschmack zu bilden, und lehrt von den Vollkommenheiten
-und Unvollkommenheiten, auf eine sinnliche Art, urtheilen. Diese
-Kunst erstreckt sich über alle sinnliche Vorstellungen, aller
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, aller Dinge. Sie fängt von
-den Heldengedichten an und geht bis auf die Haarlocken der Stutzer,
-und Schminckpflästerchen auf den Wangen der Schönen herunter. In
-hunderttausend Dingen, von dieser Art, kan ein edler und pöbelhafter,
-ein feiner und grober, ein reiner und verdorbener Geschmack herschen,
-und man darf sich also nicht wundern, daß diese Kunst ihre Grenzen
-so weit ausdehnt. Der andere Haupttheil der Critik, lehrt die
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten aus deutlichen Begriffen
-beurtheilen, und bekommt so viele besondere Theile, als es Arten der
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gibt. Andere schrencken
-den Begriff der Critik enger ein, und verstehen darunter, die
-Wissenschaft historische und vermischte Schriften zu beurtheilen.
-Im engsten Verstande versteht man darunter die Wissenschaft, die
-alten Schriftsteller zu beurtheilen, ob sie bis auf unsere Zeiten
-unverfälscht gekommen, und die eingeschlichenen Fehler zu entdecken
-und zu verbessern. Diese beyden letzten Begriffe, verhalten sich zu
-dem meinigen, wie ein Theil zum gantzen. Ich unterscheide von meiner
-Critik einmal, die Anwendung derselben auf einzelne Fälle, wenn man
-gewisse Gegenstände, nach den critischen Regeln, würcklich untersucht;
-und hernach die Wissenschaft der Regeln, von dem Verhalten eines
-Kunstrichters. Diese letzte würde die Logik der Critik seyn. Die
-allgemeine Critik könnte man die Metaphysik der Critik nennen. Sie
-wäre eine Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-überhaupt und den allerhöchsten Gattungen derselben zu urtheilen. Ich
-kan meine Begriffe nicht rechtfertigen, ich habe nichts weiter im
-Sinne gehabt, als den Grund zu zeigen, warum ich meine Gedancken von
-Schertzen, in diesen Blättern, zur Critik gerechnet habe.</p>
-
-<p>Ich schmeichele mir nicht, daß meine Abhandlung so gut, noch
-vielweniger so schön gerathen, daß sie untadelhaft. Solche Abhandlungen
-sind Unternehmungen, dazu gerade ein grösserer Geist erfodert wird, als
-der meinige ist. Ich mercke es selbst, daß diese Blätter viele Stellen
-enthalten, die meinen Wunsch nicht zu erfüllen vermögend sind. Und ich
-sehe es von selbst ein, daß sie in hundert Stellen verbessert werden
-könnten. Man könnte mir daher, vielleicht nicht ohne allen Grund,
-einwenden, daß man vernünftiger handele, wenn man eine Schrift von
-dieser Art, die nicht überwiegend schön und in ihrer Art vortrefflich
-ist, lieber ungedruckt liesse, als die Anzahl solcher Schriften zu
-vermehren, die voller Mängel sind. Ich habe aber irgendswo gelesen,
-daß es Leute gegeben, die niemals Schriftsteller geworden sind,
-weil sie gar zu gute Schriftsteller haben werden wollen; und, die
-Wahrheit zu bekennen, ich bin viel zu starck gewesen als daß ich unter
-dieser Versuchung hätte erliegen sollen. Wenn meine geneigten Leser
-das schwache dieser Beantwortung übersehen werden, so habe ich das
-wichtigste erlangt, was ich mir von ihnen, in dieser Vorrede, ausbitten
-kan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="a003_1a" name="a003_1a">
- <img class="mtop1 mbot3" src="images/a003_1.jpg"
- alt="Kopfstück zum Haupttext" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_1">§. 1.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="figleft mtop-4">
- <a id="p001" name="p001">
- <img src="images/p001.jpg"
- alt="I" /></a>
-</div>
-
-<p class="p2nd"><span class="hidden">I</span>ch begreiffe mit leichter Mühe, daß die mehresten meiner <b>geneigten
-Leser</b> in den Gedancken stehen, als wenn ein Schriftsteller, der
-seine Betrachtungen über das Schertzen ihnen vorträgt, ein schöner
-Geist, und selbst ein spaßhafter Kopf seyn müsse. Ich bin weder
-das eine, noch das andere, und unterstehe mich dem ohnerachtet von
-Schertzen zu schreiben. Ich bin der Meinung, daß ein witziger Kopf von
-dem witzigen, sinreichen, scharfsinnigen, schertzhaften, und wie es
-sonst heissen mag, nicht deswegen urtheilen könne, weil er vielen Witz
-besitzt; sondern weil er<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2"><span class="pagenum2">[S. 2]</span></a></span> ausserdem ein Weltweiser ist, der seinen
-Geschmack nach den Regeln der gesunden Critik ausgebessert hat. Diese
-Eigenschaften können jemanden zukommen, der auf einen feurigen Witz
-sehr wenige Ansprüche hat. Man kan von der Schönheit eines Gemähldes,
-von den erhabenen Zügen eines Gedichts, und der Vollkommenheit einer
-Rede urtheilen, und Regeln geben, ohne selbst ein Mahler, Dichter,
-und Redner zu seyn. Es kan jemand ein geistreicher und belebter Kopf
-seyn, er kan sich in seinen Gedancken mit der kühnsten und angenehmsten
-Stärcke heben, und sein Feur durch Proben an den Tag legen, die
-den Beyfall aller Kunstrichter verdienen. Weil er aber zu wenig
-Wissenschaft von seinen eigenen Kräften, und den Vollkommenheiten
-derselben besitzt, so ist er nicht im Stande, aus deutlichen Gründen
-die Regeln herzuleiten, durch deren Beobachtung seine sinnreichen
-Einfälle so viel Geist und Leben bekommen. Er fühlt und schmeckt die
-Schönheit seiner Gedancken, er begreift aber selbst nicht, warum
-sie so reitzend sind. Man thue hinzu, daß derjenige, der selbst ein
-aufgeweckter Kopf ist, mehrentheils viel zu ohnmächtig ist, als daß
-er alle Partheilichkeit in seinen Urtheilen über das sinnreiche zu
-vermeiden im Stande seyn solte. So wenig von einem Frauenzimmer, so
-sichs einmahl in den Kopf gesetzt hat, schön zu<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3"><span class="pagenum2">[S. 3]</span></a></span> seyn, zu erwarten ist,
-etwas anders für reizend zu halten, als was sie selber besitzt; so
-wenig ists von manchen witzigen Köpfen zu hoffen, daß sie die Einfälle
-für schön halten solten, die der Art ihres Witzes nicht gemäß zu
-seyn scheinen. Der Witz vieler feurigen Köpfe bekommt einen gewissen
-Schwung, der über ihre Beurtheilungskraft zum Tyrannen wird. Ihnen
-eckelt vor alle dem, so ihrem Geschmacke, der nun einmal an gewisse
-Speisen gewöhnt ist, nicht gemäß ist. Diese Köpfe müsten sich zu viel
-Gewalt anthun, unpartheiisch von einem Schertze zu urtheilen, bey dem
-sie nicht absehen können, wie sie selbst denselben hätten vortragen
-können. Man lasse den <b>Cicero</b>, der nach <b>Quintilians</b>
-Zeugniß keine Maß im schertzen halten können, von einem Spasse, der
-auf einer blossen Anspielung der Worte beruht, urtheilen. Ich will
-verlohren haben, wenn er ihn nicht bewundern wird. Das befremdet mich
-im geringsten nicht. <b>Cicero</b> selbst bediente sich mehr, als
-einem so grossen Geiste anständig war, dieser Schertze. Ich habe das
-Vertrauen zu der Billigkeit meiner <b>Leser</b>, daß sie aus dem, was
-ich bisher gesagt, nicht schliessen werden, als wenn ich glaubte,
-daß kein witziger Kopf von Schertzen gesunde Urtheile fällen könne.
-Noch vielweniger, daß ein Mensch ohne allen Witz sich dergleichen
-unterfangen dürfe. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4"><span class="pagenum2">[S. 4]</span></a></span> behaupte nur, daß es nicht unumgänglich
-nothwendig sey, daß derjenige, der von Schertzen vernünftige Gedancken
-haben will, selbst glücklich im spassen seyn müsse. Ein Mensch der
-einen gereinigten Geschmack besitzt, aber nicht schertzen kan oder
-will, besitzt eine Gleichgültigkeit gegen die Schertze, die ihn
-unpartheiisch macht. Er tadelt und lobt das schertzhafte, ohne daß sich
-eine schmeichelnde oder empfindliche Eigenliebe unter die Gründe seiner
-Urtheile mengt.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft2">Ergo fungar vice cotis, acutum</div>
- <div class="verse">Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi.</div>
- <div class="verse vright"><i>Horat. de art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_2">§. 2.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es gibt eine Art ernsthafter Leute, welche es überhaupt zur Sünde
-machen will, wenn man schertzet und lachet. Solten diese Blätter das
-Schicksal haben, in die Hände dieser Leute zu gerathen, so kan ich mir
-schon zum voraus einbilden, was sie, bey der Erblickung derselben,
-vor saure Minen machen werden. Sie werden mirs als ein sittliches
-Verbrechen anrechnen, daß ich von einer Materie schreibe, die sich mit
-der Tugend nicht reimen will. Ich gebe diesen Gegenfüssern muntrer und
-aufgeweckter Köpfe zu, daß viele Schertze unmöglich mit der Tugend
-bestehen können. Nur werden sie mir auch im Gegentheil zugestehen, daß
-nicht ei<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>ne jede Ernsthaftigkeit zum Character der wahren Tugend gehört.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Multum ringitur otiosa virtus.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Sidon.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Es kan manchmal ein tugendhafter zugleich ein schläffriger und
-niedergeschlagener Kopf seyn, der noch dazu von einem schwartzen
-Geblüthe durchschwämt wird. Der würde sich augenscheinlich betrügen,
-wenn er seine natürlich nothwendige Traurigkeit für eine Wirckung der
-Tugend halten wolte. Aergert er sich nun, wenn andere frölich sind und
-schertzen, weil er selbst nicht anders als immer misvergnügt zu seyn
-das Unglück hat, so muß er so viel Menschenliebe in seinen Urtheilen
-blicken lassen, diejenigen nicht gleich für lasterhaft zu halten, die
-nicht so ernsthaft seyn können, wie er selbst ist. Ich werde keine
-sündliche Schertze billigen, ich will mich bemühen zu zeigen, daß ein
-vollkommener Schertz, der ohne allen Fehler ist, einen sehr grossen
-Witz und Scharfsinnigkeit, zwey grosse Vollkommenheiten der Seele, zum
-Grunde habe, und also unmöglich Sünde seyn könne.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_3">§. 3.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine wohlgerathene Untersuchung der Schertze kan nicht ohne Nutzen
-seyn, und man hat keine Ursach sich die Zeit gereuen zu lassen, die
-man entweder auf die Ausarbeitung, oder aufs Durchlesen derselben
-ver<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>wendet. Ich bin nicht willens alle Nutzen, die eine solche Schrift
-haben kan, in ihrer völligen Ausdehnung auszuführen. Ich begnüge mich
-mit zweyen oder dreyen, die ich für die grösten halte. Den ersten haben
-die witzigen Köpfe davon zu erwarten. Ein feuriger Witz ist eine zu
-unruhige Kraft der Seele. Sie läßt ihrem Besitzer nicht beständig Zeit
-genug, seine spaßhaften Einfälle gehörig zu prüfen und zu beurtheilen.
-Alles was ihm einfält, hält er für witzig und sinnreich, und wer wolte
-ihm auch wohl das Recht dazu streitig machen? Seine Zunge ist viel zu
-dienstfertig, als daß sie schweigen solte. Nein, ein witziger Kopf
-nimt sich die Freyheit zu schertzen, wenn, wo, mit wem, und womit er
-will. Er thut das mit so vielen Vertrauen auf sich selbst, daß er
-sich unmöglich mit den verdrießlichen Gedancken herumschlagen kan,
-als wenn es ihm an Bewundern seiner Schertze fehlen würde. Ich gebe
-einem jedweden zu bedencken, ob ein solcher plauderhafter Verschwender
-seines Witzes wo nicht den Frost seines Gehirns mehr als zu oft
-verrathen, doch wenigstens in den mehresten Fällen ein unerträglicher
-Gesellschafter werden müsse. Wie kan man diesem Uebel wohl anders
-abhelfen, als durch eine gründliche Ueberzeugung, daß zu einem guten
-Schertze mehr erfodert werde, als man gemeiniglich denckt, und daß
-der sinnreichste<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> und witzigste Kopf öfters sehr schläffrige Einfälle
-haben könne. <b>Cicero</b> beweißt das zur genüge, so ein schöner
-Geist er auch gewesen ist, so ist sein Witz doch sehr oft gesuncken
-und ohnmächtig geworden. Solte meine Abhandlung gerathen, so rathe ich
-einem jeden witzigen Kopfe dieselbe zu lesen. Er wird dadurch auf eine
-heilsame Art furchtsam gemacht werden, so oft als er schertzen will. Er
-wird dadurch seinen Geschmack verbessern, und viele Schertze in ihrer
-Geburth ersticken, die ihm wo nicht Schande, doch wenig Ehre zuwege
-bringen würden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_4">§. 4.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man kan den armseeligen Vorrath seines Witzes nicht nur verrathen, wenn
-man selbst auf eine erbärmliche Art schertzet, sondern auch wenn man
-elende Schertze bewundert. Man gibt dadurch einen pöbelhaften Geschmack
-zu erkennen, der jederzeit von einem matten Witze begleitet wird. So
-wenig ein vortreflicher Schertz bey einem kriechenden Witze einen
-Eindruck verursachen kan, so sehr wird der elendeste Spaß von denselben
-bewundert. Ein elender Kopf schertzet nicht nur auf eine elende Art,
-sondern er wird auch bey den schlechtesten Einfällen vor Freuden ausser
-sich gesetzt. In den Versamlungen des Pöbels, macht der frostigste
-Einfall seinen Erfinder zum angenehmsten und lustigsten Gesellschafter.
-Das<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> wissen die kleinen witzigen Köpfe, auf eine listige Art, zu ihrem
-grossen Troste anzuwenden. Wollen sie grosse Geister nicht bewundern,
-so thun sie ihnen den Possen, und theilen ihre sinnreichen Einfälle
-Leuten mit, die sie gütiger, und auf eine ihnen gefälligere Art,
-aufzunehmen wissen. So furchtsam ich bin selber zu schertzen, so sehr
-nehme ich mich in acht über einen schlechten Schertz zu lachen, ich
-müste es denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit thun müssen. Dieses
-halte ich vor einen ansehnlichen Nutzen, den man, von einer gründlichen
-Critik der Schertze, erwarten kan. Man lernt dadurch einen feurigen
-Schertz, von einem frostigen unterscheiden, man lacht über den ersten,
-und bleibt bey dem letzten unempfindlich, und beweißt sich dadurch als
-einen Menschen von gereinigten und feinen Geschmacke.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_5">§. 5.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein gut gerathener Schertz bringt uns die Gewogenheit und Bewunderung
-der Zuhörer zuwege. Wir werden für scharfsinnig, aufgeweckt, höflich
-gehalten, und für geschmeidige Köpfe. Durch einen wohlangebrachten
-Spaß, kan man seinen Gegner in Verwirrung setzen, ihn zaghaft machen
-und wiederlegen. Man mäßiget dadurch die gar zu grosse und traurige
-Ernsthaftigkeit, das Gemüth wird aufgeheitert, und man setzt seine
-Zuhörer in den Zustand, die verdrießlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> Dinge, die man ihnen
-zu sagen hat, gelassen, und nicht ohne Vergnügen anzuhören. Das sind
-Stücke die einem Redner unentbehrlich sind. Ich könnte noch mehr hinzu
-thun, wenn das angeführte nicht schon hinreichend wäre, zu beweisen,
-daß ein Redner zu seinem grossen Vortheile bisweilen schertzen müsse.
-Mit weniger Veränderung, kan man eben das von einem Dichter sagen.
-Dieser muß fast noch öfter schertzen als der erste. Wie oft hat ein
-Dichter nicht nöthig seiner Muse zuzuruffen?</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Sed ne relictis musa procax iocis</div>
- <div class="verse">Ceæ retractes munera næniæ:</div>
- <div class="verse">Mecum Dionæo sub antro</div>
- <div class="verse">Quære modos leviore plectro.</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Carm. L. II. od. 1.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Man kan daher die Untersuchung der Schertze als eine Materie ansehen,
-die zur Rede und Dichtkunst gehört. <b>Cicero</b> und <b>Quintilian</b>
-sind mit mir einig. Sie haben beyde in ihren Schriften, darinn sie die
-Redekunst abgehandelt haben, auch eine Betrachtung über die Schertze
-angestellt. Dieser Nutzen allein wäre hinreichend, meine gegenwärtige
-Bemühung nicht für unnütz zu halten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_6">§. 6.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Untersuchung der Schertze ist eine Materie, die als ein Stück
-der so genannten Aesthetik anzusehen ist. Die Aesthetik ist eine
-Wissenschaft der sinnlichen Er<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>kenntniß und dem Vortrage derselben. Sie
-untersucht die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten ihres Vorwurfs.
-Sie gibt Regeln jene zu erlangen, und diese zu vermeiden. Keine untere
-Erkenntniß Kraft der Seele ist von dem Gegenstande der Aesthetik
-ausgeschlossen. Man besehe die Psychologie des Herrn Professor
-<b>Baumgartens</b>, so wird man daselbst hin und wieder den gantzen
-Grundriß dieser Wissenschaft antreffen. Ich werde in dem folgenden
-darthun, daß ein Schertz durch den sinnlichen Witz und Scharfsinnigkeit
-gewürckt werde. Folglich ist der Schertz eine sinnliche Vorstellung
-und Rede, und gehört in das Feld der Aesthetik, dieses merckwürdigen
-Theils, ja ich will sagen, dieses gantzen Inbegriffs der schönen
-Wissenschaften.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_7">§. 7.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die sinnliche Beurtheilungskraft, oder der Geschmack, ist das Vermögen
-von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen, doch
-so, daß man weder die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten selbst
-deutlich erkennt, noch auch seine Urtheile von ihnen philosophisch
-aus deutlich erkannten Gründen, auf eine deutliche Art herleitet.
-Vollkommenheiten, in so fern sie undeutlich und auf eine sinnliche Art
-erkannt werden, sind Schönheiten und die Unvollkommenheiten werden in
-eben dieser Absicht<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Häßlichkeiten genennet. Der Geschmack ist demnach
-das Vermögen von den Schönheiten und Häßlichkeiten zu urtheilen, und
-dieselben gewahr zu werden. Ein Schertz ist eine sinnliche Vorstellung
-und Rede, und seine Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind
-Schönheiten und Häßlichkeiten. Man ist also genöthiget die Beurtheilung
-eines Schertzes, vor den Richterstuhl des Geschmacks zu verweisen.
-Wenn ein Kunstrichter überhaupt derjenige genennet wird, der von
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten urtheilen kan, so muß derjenige
-der einen Spaß beurtheilen will ein Kunstrichter seyn. Die Untersuchung
-der Schertze gehört demnach auch in denjenigen Theil der Aesthetik, den
-man den critischen nennt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_8">§. 8.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man hat es bey nahe als eine Regel angenommen, daß man über den
-Geschmack mit niemanden streiten dürfe. Diese Regel ist gegründet,
-so lange man nicht weiter gehen will, als auf den Geschmack. Alsdenn
-beruhiget man sich in einer bloß sinnlichen und undeutlichen
-Erkenntniß, davon man die Gründe einem andern weder angeben noch
-erklären kan. O elendes disputiren! wo die streitenden Partheien nicht
-durch Schlüsse wider einander zu Felde gehen! So lange man also mit
-dem Geschmacke nicht die höhere Beurtheilungskraft, das Vermögen aus<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-deutlicher Erkenntniß eine Sache zu beurtheilen, verknüpft, so lange
-ists eine vergebliche Arbeit, über Schönheiten und deren Gegentheil,
-sich mit jemanden in einen Streit einzulassen.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Trahit sua quemque voluptas.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Virgil.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Weil aber alle Schönheiten und Häßlichkeiten, Vollkommenheiten und
-Unvollkommenheiten sind, und diese, an sich betrachtet, insgesamt
-deutlich können vorgestellet werden, so bleibt es zwar ausgemacht,
-daß man von dem Geschmacke, in so fern er ein Geschmack ist, wenig
-sagen könne, aber man muß ihn, wenn ich so reden darf, entwickeln.
-Man muß die Gegenstände des Geschmacks, auch nach der höhern
-Beurtheilungskraft, untersuchen, und da erkennt man ob der Geschmack
-gegründet sey oder nicht. Die verworrenen Vorstellungen können nicht
-anders richtig seyn, als wenn sie uns dasjenige, was in den deutlichen
-unterschieden wird, mit einemmal, und unter einander geworffen,
-vorstellen. Folglich kan man den Geschmack selbst beurtheilen, und
-gewisse Regeln geben wonach sich derselbe, auf eine ihm selbst
-unbekante Art, zu richten hat. Wenn das alle Kunstrichter beobachteten,
-so würden sie nicht Geschmack dem Geschmack entgegen setzen, und
-dadurch Streitigkeiten verewigen, die vielleicht kürzer ausgemacht
-werden<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> könnten. Ob nun gleich die Beurtheilung der Schertze ein Werck
-des Geschmacks ist (<a href="#Par_7">§. 7.</a>) so kan man doch Regeln geben, wonach die
-Schönheiten und Häßlichkeiten eines Schertzes beurtheilet werden können.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_9">§. 9.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es gibt Regeln wonach die Schertze beurtheilt und eingerichtet werden
-können. Man würde also ohne Ursach zweiffeln, ob auch Gründe vorhanden
-wären, woher diese Regeln fliessen. Nein, alles hat seinen Grund,
-sollten wohl die Regeln des Geschmacks eine Ausnahme von dieser Regel
-machen, welcher das gantze Reich der Möglichkeiten und Würcklichkeiten,
-nach seinem gantzen Umfange, unterworffen ist? Ich rechne zu diesen
-Gründen, die Beschaffenheit der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-überhaupt. Insbesondere die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-unserer Erkenntniß, und des Vortrages derselben. Und endlich die
-Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der sinnlichen Erkenntnißkräfte
-der Seele, insonderheit des sinnlichen Witzes und Scharfsinnigkeit.
-Aus diesen Quellen müssen die Regeln, der Beurtheilung und Einrichtung
-eines Spasses, erwiesen werden. Ich begnüge mich mit der blossen
-Benennung und Anführung dieser Gründe. Ich müste meinen <b>Lesern</b>
-zu wenig Einsicht zutrauen, wenn ich sie beweisen wolte,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> da mein Zweck
-nicht darinn besteht, den Geschmack überhaupt in diesen Blättern zu
-bilden und einzurichten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_10">§. 10.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn es Regeln zu schertzen gibt, wenn diese Regeln aus Gründen
-können bewiesen werden, so müste man ohne Grund an der Möglichkeit
-einer Wissenschaft der Schertze zweiffeln. Ich bin überzeugt, daß
-eine Wissenschaft möglich sey, in welcher gezeigt wird, wie man einen
-Schertz erfinden, und bis zur Grentze seiner Vollkommenheit erheben
-kan. <b>Cicero</b> und <b>Quintilian</b> scheinen mir zu widersprechen.
-Allein ihre Gründe beweisen nicht, daß diese Wissenschaft unmöglich
-sey, und daß man nicht auf eine Kunstmäßige Art ein spaßhafter Mensch
-werden könne. Beyde glauben, daß die Natur und Gelegenheit das meiste
-zu einem glücklichen Schertze beytragen müssen. Ich glaube es auch.
-Aber so wenig man sagen kan, daß es keine künstliche Vernunftlehre
-gebe, weil zur Ausübung derselben ein guter Mutterwitz erfodert wird;
-eben so wenig wird die Wissenschaft der Schertze, und die Theorie
-derselben, geläugnet werden können, weil man mit allen Regeln keinen
-Menschen zu einen schertzhaften Kopfe machen kan, der keine natürliche
-Geschicklichkeit zu schertzen empfangen hat. Ein anders ist die Regeln
-zu schertzen verstehen, und dieselben geschickt ausüben können. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
-behaupte nur, daß ein Mensch der ein gutes Naturell zu schertzen
-besitzt, durch die Kunst, leichter, eher und besser, eine Fertigkeit
-zu schertzen bekommen könne, wenn sich überdies gute Gelegenheiten
-dazu an die Hand geben, als ein anderer, der sich mit der blossen
-Natur behelfen will. Die Natur arbeitet ihre Wercke nur aus den groben
-heraus, sie überliefert uns ihre Kunststücke roh, und überläßt unserer
-Geschicklichkeit den Ausputz. Der letzte wird vielmehr frostige
-Schertze erzeugen, als der erste, er mag sich auch noch so sehr in acht
-nehmen wollen.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">In vitium ducit culpæ fuga, si caret arte.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Horat. de art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ich gebe noch mehr zu. Ich behaupte daß derjenige, der schertzen will,
-wenn er bey einem jeden Schertze sich erst auf die Regeln besinnen,
-und seinen Schertz mit Fleiß kunstmäßig einrichten will, besser thut
-wenn er gar stille schweigt. Ein Schertz muß unvermuthet vorgetragen
-werden, und ein Schertz, auf den man sich vorbereitet, muß unglücklich
-gerathen, wie ich das in dem folgenden darthun will. Nichts desto
-weniger hat die Wissenschaft zu schertzen ihren Nutzen. Es verhält sich
-hier eben so, wie bey der künstlichen Vernunftlehre. Das würde ein
-erbärmlicher Philosoph seyn, der bey einer jeden Erklärung, bey einem
-jeden Schlusse, sich der Regeln der Vernunftlehre deutlich<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> erinnern
-wolte. Man muß eine Fertigkeit in der Vernunftlehre erlangen, man muß
-seine Vernunft und Verstand gewöhnen, die Regeln der Vernunftlehre zu
-beobachten, ohne unser Wissen. Eben das sage ich von der Wissenschaft
-der Schertze. Sie muß unserm Witze und Scharfsinnigkeit den gehörigen
-Schwung und Einrichtung geben, daß wir nach ihren Regeln schertzen
-können ohne uns derselben bewust zu seyn.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3">Simul ac durauerit ætas</div>
- <div class="verse">Membra animumque tuum, nabis sine cortice.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Horat.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Wer demnach von Natur ein feuriger und aufgeweckter Kopf ist, wer
-die Gelegenheit gut in acht nehmen, und zu seiner Absicht geschickt
-anwenden kan, und die Wissenschaft zu schertzen versteht, dem bin ich
-gut davor, daß er glücklich im schertzen seyn wird.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_11">§. 11.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich will nicht mehr versprechen, als ich zu halten mir getraue. Ich
-will nicht sagen, daß ich willens sey, eine Wissenschaft der Schertze
-zu schreiben. Sondern meine Absicht ist hauptsächlich, Regeln fest
-zu setzen, wonach die Schönheit und Häßlichkeit eines Schertzes
-beurtheilet werden kan. Diese Regeln machen entweder die Wissenschaft
-der Schertze aus, oder die letzte wird doch mit geringer Mühe, und
-einigen klei<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>nen Veränderungen und Zusätzen, daraus fliessen. Meiner
-Einsicht nach glaube ich, daß die Regeln, wonach die Vollkommenheit
-einer Sache beurtheilt werden muß, einerley sind mit den Regeln, die
-beobachtet werden müssen, wenn eine Sache zu ihrer Vollkommenheit soll
-erhoben werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_12">§. 12.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Weil ich zu furchtsam bin selbst zu schertzen, so werde ich mich sehr
-hüten, wenn ich ein Exempel anführen soll, welches doch selten genug
-geschehen wird, selbst zu spassen. Ich könnte zwar aus dem gemeinem
-Leben dergleichen erwählen, da man mehr als zu viel antrift, die
-fast zu einer allgemeinen Gewohnheit geworden. Allein da dieselben
-gröstentheils zu frostig und abgeschmackt sind, so würde ich meinen
-<b>Lesern</b> Verdruß erwecken, wenn ich sie ausdrücklich anführen
-wolte. Ich werde mich begnügen, meinen Eckel vor solchen ungeschickten
-Schertzen von weiten zu bezeugen. Noch eins habe ich zu erinnern. Wenn
-ich an einem Schertze was loben werde, so werden meine <b>Leser</b>
-die Gütigkeit haben, und nicht glauben, daß ich den gantzen Schertz
-billigte. Ein Schertz kan viele Vollkommenheiten haben. Die eine kan
-er besitzen, eine andere kan ihm fehlen. Ja ein Spaß kan mehr gut als
-böse seyn, und mehr böse als gut, jene können gebilliget werden, weil
-man doch in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Reiche der Natur nichts findet das durch und durch gut
-wäre.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Vbi plura nitent - - non ego paucis</div>
- <div class="verse">Offendar maculis, quas non incuria fudit,</div>
- <div class="verse">Aut humana parum cauit natura.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Horat. de art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_13">§. 13.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich könnte mich noch länger bey solchen allgemeinen Betrachtungen,
-diesen angenehmen Materien, aufhalten, wenn ich überhaupt von dem
-Geschmacke handeln wolte. Ich habe aber meinen jetzigen Gedancken
-überaus enge Schrancken gesetzt. Ich will nur von Schertzen handeln,
-und gewisse Regeln fest setzen, wonach sie beurtheilt werden können.
-Ich muß, meine Beurtheilungsgründe ungezweifelt zu erweisen, ein
-paar Erklärungen zum voraus untersuchen. Es sollen das nicht alle
-diejenigen seyn, die in meine Betrachtung einen nähern Einfluß haben,
-sondern ich will mich begnügen, den Witz, die Scharfsinnigkeit und
-den scharfsinnigen Witz, nur in so fern zu untersuchen, als es zur
-Beurtheilung der Schönheiten eines Schertzes nöthig seyn wird. Ich
-würde sonst meinen <b>Lesern</b> beschwerlich fallen, und mich des
-Fehlers eines Schriftstellers theilhaftig machen, der zu weit ausholt
-und von dem man sagen kan</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gemino bellum troianum orditur ab ovo.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Hor. de art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_14">§. 14.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wir haben ein Vermögen die Uebereinstimmung der Dinge gewahr zu
-werden. Die Fertigkeit in diesem Vermögen nennet man den Witz. Zu den
-Uebereinstimmungen der Dinge, muß man die Aehnlichkeit, die Gleichheit
-und die Proportionen rechnen. Der Witz ist demnach die Fertigkeit die
-Aehnlichkeit, Gleichheit und Proportion der Dinge zu erkennen. Ist
-diese Erkenntniß deutlich, so kan man den Witz einen höhern, obern oder
-vernünftigen Witz nennen. Ist sie aber undeutlich, so heißt es der
-sinnliche und untere Witz. Die Vorstellungen und Reden, die durch den
-Witz gewürckt werden, sind sinnreiche oder witzige Vorstellungen und
-Reden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_15">§. 15.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wir besitzen ein Vermögen die Verschiedenheit der Dinge zu erkennen.
-Wer eine Fertigkeit in demselben hat, wird scharfsinnig genennt.
-Man muß zu der Verschiedenheit nicht nur die Unähnlichkeit rechnen,
-sondern auch die Ungleichheit, und das Gegentheil der Proportion. Die
-Scharfsinnigkeit besteht also in der Fertigkeit, die Unähnlichkeit
-und Ungleichheit, nebst der Verschiedenheit der Grössen-Verhältnisse
-zu erkennen. Diese Erkenntniß ist entweder deutlich, oder undeutlich.
-Die erste ist ein Werck der höhern und vernünftigen Scharf<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>sinnigkeit,
-und die andere gehört für die untere und sinnliche Scharfsinnigkeit.
-Vorstellungen und Reden die durch die Scharfsinnigkeit gewürckt
-werden heissen scharfsinnig. Die Fertigkeit die aus dem Witze und der
-Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, will ich den scharfsinnigen Witz
-nennen, welcher demnach entweder ein sinnlicher oder vernünftiger ist.
-Ich thue nicht ein Wort zu diesen Erklärungen mehr hinzu. Ich hätte sie
-bey nahe gantz ausgelassen, wenn ich nur gewust, ob die Eintheilung
-des scharfsinnigen Witzes in den sinnlichen und vernünftigen so
-sehr bekannt wäre, als ich sie bey meiner Abhandlung werde nöthig
-haben. Es kan zwar scheinen, als wenn ich ein freyer Schöpffer dieser
-Erklärungen sey. Allein man wird sich der Mühe überheben können, von
-meinen künftigen Beweisen viel abzuziehen, wenn man bedenckt, daß meine
-Erklärungen, der Sache nach und im Grunde, verschieden sind, man mag
-nun die erklärten Sachen mit einem Namen ausdrucken, mit welchem man es
-vor gut befindet.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_16">§. 16.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine Vorstellung ist um so viel vollkommener, je mehr das Vermögen,
-wodurch sie gewürckt worden, bey ihrer Hervorbringung, seine
-Vollkommenheit bewiesen hat. Die Stärcke und Vortreflichkeit der
-würckenden Ursach, breitet sich bis in die Wür<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>ckung aus; und wie
-die Ursach beschaffen ist, in so fern sie würckt, so ist auch die
-Würckung beschaffen, in so fern sie von ihrer Ursach abhänget. Die
-Vollkommenheiten der Vorstellungen, haben also ihren Grund in den
-Vollkommenheiten des Vermögens, die es zu ihrer Hervorbringung
-angewendet hat. Ich will die Vollkommenheiten der Schertze fest setzen.
-Diese sind Vorstellungen, die durch den scharfsinnigen Witz gewürckt
-werden. Es ist demnach nöthig, daß ich die Vollkommenheiten des
-scharfsinnigen Witzes bestimme. Die Vollkommenheiten eines Vermögens
-sind von zweyfacher Art. Die ersten entstehen aus dem Vorwurffe des
-Vermögens, und die letzten befinden sich in der Einrichtung des
-Vermögens selbst. Ich habe es jetzo bloß mit der letzten Art zu thun.
-Wenn ich von der Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes rede, so
-verstehe ich dieselbe, wie man zu reden pflegt, <span class="antiqua">formaliter</span>
-betrachtet. Und in dieser Absicht besteht sie in der Grösse und Stärcke
-desselben. Je grösser ein Vermögen ist, desto mehr verschiedenes ist
-in demselben befindlich, folglich ist die Anzahl der übereinstimmigen
-Stücke in dem Vermögen um so viel grösser. Die Vollkommenheit wächst
-aber, durch die Vermehrung der übereinstimmigen Stücke. Wenn ich also
-die formelle Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes den Stuffen<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-nach bestimmen will, so darf ich nur die Grade des Witzes und der
-Scharfsinnigkeit ausmachen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_17">§. 17.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Grösse eines Vermögens wird bestimmt 1) durch die Grösse der
-Würckungen 2) durch die Menge derselben. Je grössere und mehrere
-Würckungen ein Vermögen hervorbringt, desto grösser ist es. 3)
-durch die Schwierigkeit der Würckungen. Je leichter die Würckung
-hervorgebracht werden kan, desto kleiner ist das Vermögen. Je schwerer
-aber die Würckung ist, je mehr Hindernisse in den Weg gelegt werden,
-desto mehr Kraft muß angewendet werden, und um so viel grösser muß das
-Vermögen seyn, welches dem ohnerachtet die Würckung geleistet hat.
-Diese Sätze entlehne ich aus der Dynamik, in welcher man bemüht ist,
-die Kräfte überhaupt auszumessen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_18">§. 18.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der sinnliche Witz ist um so viel grösser und vollkommener 1) je mehr
-Dinge mit einander verglichen werden. Wenn Dinge in eine Vergleichung
-gesetzt werden, so müssen sie vorgestellt werden. Ein Witz, der
-demnach nur zwey Dinge mit einander vergleicht, stelt sich nicht
-so viel vor, als derjenige so mehrere in Vergleichung setzt. Die
-Anzahl der Würckungen des letztern ist also grösser, mithin muß der
-Witz selber grösser seyn <span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span><a href="#Par_17">§. 17.</a> <span class="antiqua">n.</span> 2. 2) Je unbekannter die
-Dinge sind, die mit einander verglichen werden. Dinge die man sich
-unzählige mahl schon vorgestellet hat, und die uns dadurch überaus
-bekannt geworden, stellen wir uns mit leichter Mühe vor, weil wir eine
-Fertigkeit dieselben vorzustellen erlangt haben. Sind sie uns aber
-noch nicht sehr bekannt, so ist ihre Vorstellung schwerer, und ihre
-Vergleichung erfodert also einen grössern Witz <a href="#Par_17">§. 17.</a> <span class="antiqua">n.</span> 3.
-3) Je verschiedener die Dinge sind, deren Uebereinstimmung der Witz
-erkennet. Denn alsdenn ist die Uebereinstimmung schwerer zu entdecken,
-weil sie nicht nur sehr versteckt und geringe ist, sondern weil durch
-die augenscheinliche Verschiedenheit unsere Aufmercksamkeit stärcker
-auf das verschiedene gezogen wird, dadurch unserm Witze eine Hinderniß
-bey der Entdeckung der Uebereinstimmung in den Weg gelegt wird. <a href="#Par_17">§. 17.</a>
-<span class="antiqua">n.</span> 3. 4) Je mehr Uebereinstimmungsstücke erkannt werden.
-In diesem Falle, ist die Menge der Würckungen des Witzes grösser, und
-folglich muß der Witz selber grösser seyn <a href="#Par_17">§. 17.</a> <span class="antiqua">n.</span> 2. 5) Je
-grössere Uebereinstimmungen entdeckt werden. Alsdenn ist die Grösse der
-Würckungen des Witzes ansehnlicher, welche eben deswegen seine eigene
-Grösse vermehrt <a href="#Par_17">§. 17.</a> <span class="antiqua">n.</span> 1. 6) Je stärcker die Vorstellungen
-gewesen, die vor der Uebung des Witzes vorhergegangen, ja je stärcker
-die Vorstel<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>lungen sind, welche bey seiner Uebung zugleich in der Seele
-angetroffen werden, wenn diese Vorstellungen von anderer Art, als die
-Vorstellungen des Witzes, sind. Aus der Lehre von unserer Seele ist
-bekannt, daß eine sehr starcke Vorstellung uns verhindert, gleich
-nachher, auf etwas anders zu dencken; und wenn wir den Kopf sonst
-voller starcken Vorstellungen haben, so ist es ungemein schwer, zu
-gleicher Zeit auf etwas anders zu dencken. Ein Witz der mitten unter
-diesen grossen Hindernissen dennoch würcksam seyn kan, muß grosse
-Hindernisse übersteigen, und demnach groß seyn <a href="#Par_17">§. 17.</a> <span class="antiqua">n.</span> 3.
-7) Je klärer, richtiger, gewisser und lebendiger, doch aber auf eine
-undeutliche Art, die Uebereinstimmung vorgestelt wird. Denn der Grad
-der Deutlichkeit gehört für den vernünftigen Witz, davon ich nicht
-rede. Eine klare, richtige, gewisse und lebendige Vorstellung ist
-allezeit grösser, als eine dunckele, unrichtige, ungewisse, matte und
-todte Vorstellung, wenn man die übrigen Stücke derselben als gleich
-annimmt. Ein Witz der klärere, richtigere, gewissere und lebendigere
-Vorstellungen würckt, bringt also grössere Wirckungen hervor, als
-derjenige, dessen Vorstellungen nach allen diesen Stücken kleiner sind.
-Jener ist demnach grösser und vollkommener. <a href="#Par_17">§. 17.</a> <span class="antiqua">n.</span> 1.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_19">§. 19.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich will mich bey den Graden der Vollkommenheit, in der
-Scharfsinnigkeit nicht aufhalten. Die Scharfsinnigkeit ist von dem
-Witze nicht unterschieden, als nur dem Gegenstande nach. Man nehme den
-vorhergehenden Absatz. Wo das Wort Uebereinstimmung steht, da setze
-man Verschiedenheit, und an statt dieses setze man jenes, so hat man
-die Regeln wodurch die Grösse der Scharfsinnigkeit bestimmt wird. Da
-nun der scharfsinnige Witz eine Fertigkeit ist, die aus dem Witze und
-der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, so versteht sich von selbst,
-daß, je grösser und vollkommener diese beyden Fertigkeiten sind, desto
-grösser und vollkommener der scharfsinnige Witz seyn müsse.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_20">§. 20.</h2>
-
-</div>
-
-<p><b>Quintilian</b> versichert uns, in dem <b>sechsten Buche seiner
-Redekunst</b>, daß die Natur das meiste zu einem guten Schertze
-beytrage, weil sie einen Menschen, unter andern, scharfsinniger
-und fertiger in der Erfindung der Spasse mache. Ja, er erklärt
-einen Schertz ausdrücklich durch: <span class="antiqua">sermonem cum risu aliquos
-incessentem</span>. <b>Cicero</b> stimmt mit dem letzten überein. Er
-setzt jederzeit voraus, daß ein Schertz geschickt sey, ein lachen zu
-verursachen, und daß ein Spaß deßwegen vorgetragen werde,<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> damit ein
-Gelächter möge erweckt werden. Betrachtet man alle die Exempel, die
-beyde anführen, nebst den Quellen, woraus sie die Schertze hergeleitet
-haben; so muß man augenblicklich auf die Gedancken gerathen, daß zu
-einem Schertze, eine Uebereinstimmung verschiedener Dinge, und die
-Einsicht derselben, erfodert werde. Dieses zum voraus gesetzt, werde
-ich nicht irren, wenn ich sage: daß ein Schertz eine Rede sey, wodurch
-wir Vorstellungen, die von den scharfsinnigen Witze gewürckt worden,
-vortragen, und welche zum nächsten Zwecke hat, andere zum lachen zu
-reizen. Ich sage ein Schertz sey eine Rede. Ich will deßwegen nicht
-in Abrede seyn, daß ein schertzhafter Kopf mit sich selbst spassen
-könne. Ich will sagen, daß ich zugebe, daß ein Mensch Vorstellungen
-haben kan, denen alle Eigenschaften eines Schertzes zukommen, und
-denen nichts weiter fehlt, als der Ausdruck und Vortrag. Ich will
-niemanden einen Streit erregen, wer diesen Vorstellungen schon den
-Namen der Schertze beylegen will. Ich habe aber doch geglaubt, daß ich
-berechtiget sey, einen Schertz eine Rede zu nennen. Ich habe nicht
-nur den häuffigsten Gebrauch zu reden auf meiner Seite; sondern wenn
-es auch ein Irthum ist, so irre ich zum ummercklichen Nachtheil der
-Critik über die Schertze. Alles was ich von den Schertzen, nach mei<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>ner
-Erklärung, beweisen werde, wenn man das ausnimmt, was von dem Vortrage
-derselben wird gesagt werden, gilt auch von einem Schertze, wenn man
-ihn als eine blosse Vorstellung betrachten will. Ich sage nicht, daß
-ein Schertz allezeit ein Lachen erwecke. Es kan jemand sehr starck zum
-Lachen gereitzt werden, und doch durch tausenderley Ursachen genöthiget
-werden, die Stirne mit Runzeln zu bedecken. Ich leugne nicht, daß man
-bey einem Schertze ausser dem Lachen noch andere entferntere Zwecke
-haben könne. Ich sage nur daß der Schertzende zunächst, durch seinen
-Schertz ein Lachen zu erwecken, gesinnet seyn müsse.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_21">§. 21.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich unterscheide einen Schertz von einer sinnreichen Rede und Einfalle
-überhaupt. Es kan jemand sehr vielen Witz in seinen Reden blicken
-lassen, er kan die artigsten Einfälle vortragen, darüber sich seine
-Zuhörer in einem hohen Grade belustigen, und man wird deswegen nicht
-sagen können, daß er schertze. Man müste denn alle Allegorien,
-Metaphern, und alle Würckungen des Witzes, Schertze nennen wollen,
-welches gewiß nur aus Spaß geschehen würde. Desgleichen, wird auch
-nicht eine jede scharfsinnige Rede ein Schertz seyn. Wer das im Ernst
-behaupten wolte, der müste alle Subtilitäten für Spaß halten. Gewiß,
-ein schöner<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Einfall! auf die Art würde der ernsthafteste Metaphysicus
-und Mathematicus, in seinem Vortrage nichts thun, als spassen. Endlich
-so muß man das nicht gleich für einen Schertz halten, wodurch man zum
-lachen bewegt wird. Es kan jemand sich aus dem Athem lachen, wenn er
-einen andern fallen sieht, der Hals und Bein zerbricht, welcher aber
-doch gewiß nicht aus Spaß gefallen ist. Das Lachen kan aus unzähligen
-Ursachen entstehen, die keinen Schertz zum Grunde haben. Doch davon
-werde ich weiter handeln, wenn ich die Vollkommenheit eines Schertzes,
-in Absicht aufs lachen, untersuchen werde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_22">§. 22.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Vollkommenheit und Unvollkommenheit eines Schertzes ist, entweder
-eine materielle oder formelle. Die erste entsteht aus den Dingen,
-die man zum Schertze braucht, und worüber man schertzet. Ich bin
-nicht willens alle Eintheilungen der Schertze, die daher erwachsen,
-anzuführen. Sie sind nicht nur leicht, sondern auch bey nahe unzählig.
-Ich brauche sie auch zu meiner Abhandlung sehr wenig, weil es
-nicht hieher gehört, die Sittlichkeit der Schertze, und die daher
-entstehenden Pflichten zu untersuchen. Ich werde nur überhaupt zum
-Beschlusse meiner Abhandlung einige Anmerckungen darüber machen. Doch
-kan ich<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> mich nicht enthalten, mit wenigen einige Arten dieser Schertze
-anzuführen. Ich nenne einen Schertz unschuldig, wenn er keine Sünde
-ist, oder wenn dabey keine Pflicht übertreten wird. Die Schertze die
-nicht unschuldig sind, bekommen ihren Namen von den Pflichten, welche
-dabey übertreten werden. Ein Schertz ist gottloß, wenn er den Pflichten
-gegen GOtt zuwieder; grob, unhöflich, bäurisch, wenn er die Pflichten
-der Höflichkeit übertrit; unanständig wenn er den Pflichten der
-Wohlanständigkeit widerspricht u. s. w. Man erkennt von selbst was ein
-höflicher, anständiger, keuscher Schertz u. s. w. sagen wolle. Hieher
-kan man auch die verschiedenen Arten der Schertze rechnen, welche auf
-den Zwecken, die man ausser dem Lachen bey einem Spasse haben kan,
-beruhen. Man wird ohne mein Erinnern gewahr werden, daß ich dahin,
-unter andern, die beissenden oder satyrischen Schertze rechne.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_23">§. 23.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die formellen Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der Schertze,
-gehören wesentlich in meine Abhandlung. Sie beruhen auf der Einrichtung
-derselben, und Geschicklichkeit zu ihrem Zweck, in so fern sie von
-einem scharfsinnigen Witze abhangen, ohne daß man dabey auf ihren
-Gegenstand sieht. Ich theile sie in dieser Absicht in zwey Arten. Die
-erste begreift die glücklichen oder<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> geschickten Schertze, wenn sie
-formaliter vollkommen sind. Sind sie in einem höhern Grade glücklich,
-so werden sie feurige Schertze genennt. Zu der zweyten Art gehören
-diejenigen, denen eine formelle Unvollkommenheit zukommt, sie werden
-unglückliche, ungeschickte, abgeschmackte Schertze genennt. Ein Schertz
-der in höhern Grade abgeschmackt ist, heißt frostig. Ich hätte bey nahe
-vergessen zu erinnern, daß ein feuriger Schertz gottloß unhöflich seyn
-könne, und ein abgeschmackter unschuldig. Folglich kan ein Schertz eine
-grosse formelle Vollkommenheit besitzen, der aber in der Sache selbst
-höchst unvollkommen ist, und umgekehrt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_24">§. 24.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Da eine Vorstellung um so viel vollkommener oder unvollkommener ist,
-formaliter betrachtet, je vortreflicher oder schlechter sich die
-Vorstellungskraft, wodurch sie gewürckt wird, bey ihrer Hervorbringung
-bewiesen; so muß auch ein Schertz um so viel glücklicher oder
-unglücklicher seyn, je stärcker oder matter und schwächer der
-scharfsinnige Witz ist, wodurch er gewürckt wird, und je geschickter
-er selbst ist ein Lachen zu erwecken. Das Feuer und die Kälte eines
-Schertzes, haben also ihren Grund, eines theils, in der Stärcke und
-Mattigkeit des scharfsinnigen Witzes; andern theils aber, in der
-Geschicklichkeit desselben einen andern zum lachen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> reitzen. Man
-thue hinzu, daß auch ein geschickter Vortrag des Schertzes sehr
-viel beytragen kan, das Feuer desselben zu vermehren, gleichwie der
-feurigste Spaß durch einen ungeschickten Vortrag kan ausgedämpft werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_25">§. 25.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn man den 24. Absatz mit dem 28. vergleicht, so können daher die
-Hauptregeln mit geringer Mühe erwiesen werden, wonach ein Schertz
-eingerichtet werden muß, wenn er glücklich und feurig seyn soll. Ein
-Spaß wird glücklich 1) wenn viele Dinge verglichen werden. 2) Wenn die
-Vorstellungen, die den Schertz ausmachen, unbekannt sind. 3) Wenn die
-verglichenen Sachen sehr verschieden sind. 4) Wenn er viele und grosse
-Uebereinstimmungsstücke entdeckt. 5) Wenn kurtz vor dem Schertze, sehr
-starcke Vorstellungen von anderer Art, vorhergegangen. 6) Wenn er
-mitten unter solchen Vorstellungen vorgetragen wird, die sehr starck
-und von anderer Art sind. 7) Wenn er selbst eine sehr starcke und
-grosse sinnliche Vorstellung ist. 8) Wenn er sehr geschickt ist ein
-Lachen hervorzubringen, oder wenigstens dazu sehr lebhaft zu reitzen.
-9) Wenn er auf eine geschickte Art vorgetragen wird. Nach diesen
-Regeln will ich meine Beurtheilung der Schertze einrichten. Und ich
-glaube, es wird aus denselben, durch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> geringes Nachdencken, können
-erkannt werden, daß ein feuriger Schertz unter die vollkommensten und
-vortreflichsten sinnlichen Vorstellungen gehöre; und daß ein spaßhafter
-Kopf, der in seinen Schertzen glücklich ist, eine wahre Hochachtung und
-Bewunderung verdiene.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_26">§. 26.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Feuer eines Schertzes, und die unterschiedenen Grade desselben,
-entstehen 1) durch die Menge der Regeln die dabey beobachtet werden. Je
-mehr von den kurtz vorher angeführten Regeln beobachtet werden, desto
-glücklicher und feuriger wird der Schertz; je wenigern Regeln er aber
-gemäß ist, desto unglücklicher und frostiger muß er seyn. 2) Durch die
-genauere Beobachtung einer jeden Regel. Je mehr und besser eine jede
-beobachtet wird, desto glücklicher ist der Spaß; je schlechter und
-kleiner aber die Beobachtung einer jeden Regel ist, desto unglücklicher
-und frostiger muß der Schertz gerathen. Ich will mich nicht unterstehen
-zu versichern, daß ich mir getrauete, den Grad der Güte eines Schertzes
-in einem gegebenen Falle genau zu bestimmen. So weit habe ich es noch
-nicht in der mathematischen Erkenntniß solcher Dinge gebracht, die
-nicht nach Ruthen und Schuhen können abgemessen werden. Ich begreiffe
-auch leicht, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> ich einen zu strengen Kunstrichter abgeben würde,
-wenn ich keinen andern Schertz loben wolte, als solche die im höchsten
-Grade feurig sind. Mir deucht, daß ich das von einem spaßhaften Kopfe
-sagen könne, was <b>Horatz</b> von den Dichtern behauptet:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3">mediocribus esse poetis</div>
- <div class="verse">Non homines, non di, non concessere columnae.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ich bin also der Meinung, daß man einem Schertze seinen Beyfall nicht
-versagen könne, wenn er nur mehr als mittelmäßig glücklich ist. Doch
-ich muß nun weiter gehen, und eine jede der gegebenen Regeln genauer
-untersuchen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_27">§. 27.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die erste Vollkommenheit eines glücklichen Schertzes entsteht,
-vermöge der ersten Regel <a href="#Par_25">§. 25.</a> aus der Anzal der Dinge, die mit
-einander verglichen werden. Ich rede nicht von der Vollkommenheit
-und Stärcke eines schertzhaften Menschen, die man ihm zugestehen
-muß, wenn er geschickt ist oft und viel zu schertzen, mit allem was
-ihm vorkommt. Ein Mensch dessen Fertigkeit zu schertzen sich über
-unzälige Gegenstände erstreckt, hat ein sehr weites Feld, darin sich
-sein Witz und Scharfsinnigkeit würcksam beweißt, und man muß ihm einen
-grossen Reichthum an schertzhaften Einfällen zugestehen. Darin besteht
-aber nicht die Voll<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>kommenheit, die ich hier meine. Diese Schönheit
-eines Schertzes muß in einem einzigen Schertze enthalten seyn. Der
-Schertz der dieselbe haben soll, muß uns sehr viele Dinge auf einmal
-vorstellen. Ich gebe zu, daß ein Schertz, der auch nur zwey Dinge mit
-einander vergleicht, im übrigen sehr feurig seyn könne. Man wird aber
-doch zugestehen müssen, daß ihm eine Schönheit fehlt, die nicht anders
-möglich ist, als durch die Menge der Gegenstände, die man in einem
-einzigen Schertze zusammen faßt. Zwey Schertze, die im übrigen gleich
-schön sind, deren einer nur zwey Dinge vergleicht, der andere aber
-mehrere, sind ohne Streit dergestalt von einander unterschieden, daß
-der letztere vor den erstern den Vorzug erhalten muß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_28">§. 28.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Schertz bekommt durch die in dem vorhergehenden Absatze angemerckte
-Vollkommenheit, eine Schönheit, die eine ungemeine Belustigung zu
-verursachen vermögend ist. Nichts belustiget die Einbildungskraft
-stärcker, als die Verschiedenheit. Das Auge irret mit dem grösten
-Vergnügen in einer Gegend herum, von der es kein Ende erblickt,
-und welche durch eine unendliche Mannigfaltigkeit der Gegenstände
-ausgefüllt ist. Alles was groß und unendlich ist, erweckt in der
-Seele eine angenehme Empfindung. Es sey nun, daß unser Geist sich
-über<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> seine eigene Stärcke, wodurch er vermögend ist so vieles auf
-einmal zu fassen, ergötzt. Oder, daß selbst eine jede Vorstellung
-eine Vollkommenheit ist, die die Seele fühlt, und welche durch die
-Vervielfältigung der Vorstellungen selbst vervielfältiget wird. Oder
-daß die Menge der Vorstellungen, die die Seele mit einemmal begreift,
-eine Uebereinstimmung des mannigfaltigen in der Seele selbst entsteht,
-welche sie fühlt, und woher, als aus einem Gefühl der Vollkommenheit,
-eine Lust entstehen muß. Dem sey wie ihm wolle, das mannigfaltige, und
-die Abwechselung in demselben, führt jederzeit etwas belustigendes mit
-sich.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Jucundum nihil est nisi quod reficit varietas.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Publ. mimogr.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Wenn also ein Schertz eine solche Mannigfaltigkeit in sich faßt, so muß
-er angenehm seyn. Und ich halte mich vor überzeugt, daß ein angenehmer
-Schertz besser sey, als ein unangenehmer. Jener erweckt ein lachen
-wodurch das Gemüth aufgeheitert wird, und wer lacht nicht gerne zu dem
-Ende? Und wer geht nicht gerne mit solchen Leuten um die auf eine so
-angenehme Art schertzen?</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nil ego contulerim iucundo sanus amico.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. Satt. L. I. Sat. V.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_29">§. 29.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Zu den Schertzen, welche diese erste Vollkommenheit haben, können
-diejenigen gerechnet werden, welche durch die Anführung eines Verses
-aus einem berühmten Poeten gemacht werden. Wenn die Wahl glücklich
-ist, so wird der Schertz ohnfehlbar gerathen. Man kan entweder die
-unveränderten Worte des Dichters behalten, oder dieselben etwas
-verändern. Wem nun der Dichter bekannt ist, dem wird durch die
-Anführung, auch nur einiger Worte, der Zusammenhang der gantzen Stelle
-ins Gemüth gebracht, woher man den Vers entlehnt hat. Und man wird
-mir ohne Beweiß zugestehen, daß dadurch der Einbildungskraft eine
-gantze Menge mannigfaltiger Dinge vorgestellt wird. Ich setze voraus,
-daß sonst keine nothwendige Eigenschaft eines Schertzes fehlt. Dieses
-Kunstgriffes wissen sich die Satyrenschreiber, mit grossen Vortheile,
-zu bedienen, und ich halte es daher für unnöthig Exempel anzuführen.
-Von gleicher Art sind die Sprüchwörter. Einige derselben beziehen
-sich nicht nur, vermöge ihres wesentlichen Inhalts, auf viele Dinge
-zugleich, sondern weil sie in unendlich vielen Fällen im gemeinen
-Leben gebraucht werden, so stellt uns die Einbildungskraft, so bald
-wir das Sprüchwort hören, unzälige solcher Fälle vor. Wenn man demnach
-schertzen will, und man<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> führt zu dem Ende, ein bekanntes Sprüchwort
-an, das sich sonst zu den Umständen schickt, und die Sache lächerlich
-macht, so bekommt der Schertz eine Mannigfaltigkeit die angenehm seyn
-muß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_30">§. 30.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Diese Vollkommenheit der Schertze, von der ich bisher geredet habe,
-entsteht auch aus der Erzehlung einer gantzen Begebenheit. Man kan sie
-entweder selbst erdichten, oder aus der Geschichtskunde entlehnen.
-Das erste erfodert eine grosse Geschicklichkeit. Ich unterstehe mich
-nicht, Regeln davon zu geben, da es überdies mein Zweck nicht ist
-dergleichen vorzutragen. Ich mercke nur an, daß durch eine solche
-Erzehlung, ein Schertz diejenige Schönheit bekommt, von der ich jetzo
-rede. Eine Erzehlung faßt sehr vieles in sich, es kan demnach einem
-solchen Spasse an Mannigfaltigkeit nicht fehlen. Ein Exempel gibt mir
-des Herrn <b>Liskov</b> Satyre, auf den bekannten <b>Philippi</b>,
-in welcher er seinen Tod erzehlt. Entlehnt man die Erzehlung aus der
-Geschichtskunde, so kan es auf verschiedene Art geschehen. Man kan eine
-berühmte Person nennen, oder sonst eine berühmte Sache und Begebenheit.
-Man kan durch einen kurzen Ausspruch, eine bekante Sache ins Gedächtnis
-bringen, und dem Schertze diejenige Lebhaftigkeit geben, welche durch
-die Anzahl der<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> verglichenen Dinge entsteht. Meine <b>Leser</b> werden
-nicht dencken, als wenn ich glaubte, daß die Verse, Sprüchwörter,
-und Erzehlungen, dem Schertze keine andere Schönheiten, als die
-Mannigfaltigkeit zu geben vermögend wären. Ich habe diese Quellen der
-Schertze nur deswegen angeführt, damit man überzeugt werde, daß meine
-erste Regel der Schönheit eines Schertzes, von der ich bisher geredet,
-gegründet sey.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_31">§. 31.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich gehe zur andern Hauptvollkommenheit der Schertze fort. Ich habe <a href="#Par_25">§. 25.</a>
-erwiesen, daß ein glücklicher Schertz unbekannt seyn müsse. Man muß
-diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als wenn das Materielle des
-Schertzes, die Sachen worüber man schertzet, und woher man den Schertz
-nimmt, unbekannt seyn müsten. Nein, das wäre eine Unvollkommenheit die
-den gantzen Schertz verderben würde. Ein solcher Spaß wäre viel zu
-dunckel, als daß er solte verstanden werden können, und ein Schertz
-der nicht eingesehen wird, ist in Absicht auf den, der ihn nicht
-einsieht, kein Schertz. Der allerfeurigste Spaß thut keine Würckung,
-bey denen die ihn nicht verstehen. Ich glaube daß uns viele Schertze im
-<b>Cicero</b>, und andern alten Schriftstellern besser gefallen würden,
-wenn wir sie nur gantz verstünden. Warum kan niemand<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> über die <span class="antiqua">pyxis
-Coeliana</span> im <b>Quintilian</b> und <b>Cicero</b> lachen? Die Sache
-ist uns unbekannt. Man begreift also, wovon ich unten ausführlicher
-handeln werde, daß die Sachen womit man schertzet, demjenigen bekannt
-seyn müssen, bey dem ein Schertz seine Würckung thun soll. Was ist
-aber denn nun das unbekannte, das zur Schönheit eines Schertzes
-erfodert wird? Es besteht, mit einem Worte, in dem schertzhaften eines
-Spasses. Das was einen Schertz zum Schertz macht, die Form desselben,
-der Schwung der Gedancken, die Vergleichung verschiedener Stücke, und
-hundert andere Dinge die das Wesen eines Schertzes ausmachen, müssen
-noch unbekannt seyn. Oder, will man es anders ausdrucken, so sage man,
-daß ein glücklicher Schertz neu seyn müsse.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_32">§. 32.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ich sage, daß ein glücklicher Schertz noch neu und unbekannt
-seyn müsse, so verstehe ich das nicht nur von den Personen, denen der
-Schertz vorgetragen wird, sondern auch von der schertzenden Person
-selbst. Ein Mensch der einen ihm schon bekannten Schertz vorträgt,
-beweißt alsdenn keine Stärcke seines scharfsinnigen Witzes. Er braucht
-nichts weiter als sein Gedächtniß, und er verhält sich dabey nicht
-anders als ein Geschichtschreiber, der die Schertze eines andern
-erzehlen kan, ohne selbst ein spaßhafter<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Kopf zu seyn. Es ist wahr,
-wenn ein solcher Schertz nur den Zuhörern noch unbekannt ist, so kan
-er bey ihnen alle Würckungen eines feurigen Schertzes hervorbringen.
-Derjenige, der den Schertz erzehlt, darf sichs nur nicht mercken
-lassen, daß ihm derselbe schon längst bekannt gewesen ist. Dem
-ohnerachtet behält ein solcher Spaß einen Fehler, der von andern nur
-darinn unterschieden ist, daß er nicht so mercklich ist. Noch viel
-nöthiger aber ist es, daß ein Schertz der glücklich gerathen soll, den
-Zuhörern noch neu und unbekannt sey. Haben sie ihm schon unzählige mal
-gehört, so ist er was altes, und er verliehrt alles das Feur, welches
-ihm nichts anders als die Neuigkeit geben kan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_33">§. 33.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das neue hat jederzeit eine Schönheit, die alle dem fehlen muß, was
-alt ist. Das alte wird uns zur Gewohnheit, man gibt nicht mehr drauf
-achtung, die Vorstellung desselben verdunckelt sich nach und nach, und
-wir werden natürlicher Weise verdrießlich, ein und eben dasselbe so oft
-zu dencken, weil die Seele keinen Zuwachs der Erkenntniß, so ein Mangel
-einer Vollkommenheit ist, dabey fühlt. Was uns aber noch neu ist,
-beschäftiget unsere gantze Aufmercksamkeit, es entsteht darüber eine
-Art einer angenehmen Verwunderung, unsere Seele freuet sich heimlich
-über den Anwachs ihrer Er<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>kenntniß, welcher überhaupt betrachtet eine
-Vollkommenheit ist. Kurtz, eine Vorstellung die bey uns gantz neu
-ist, hat ein Licht welches viel zu angenehm ist, als daß wir es nicht
-mit Vergnügen sehen solten. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welchen
-vor dem was neu ist eckelt, und die sich in das Alterthum dermassen
-verliebt haben, daß sie mit einem innigern Vergnügen die Schrift auf
-einer verrosteten Müntze lesen, als den Beweis einer neuen Wahrheit
-durchdencken. Allein ich weiß auch, daß diese Bewunderer des Alterthums
-meinen Satz bestätigen. Nimmermehr würden sie ein verschimmeltes
-Manuscript mit Vergnügen ansehen, wenn es in ihrer Vorstellung nicht
-etwas neues wäre. Nein, es bleibt dabey, die Natur bleibt sich überall
-ähnlich, das alte in so fern es alt ist kan niemals uns das Vergnügen
-geben, welches Neuigkeiten verursachen, als in so fern unsere Gedancken
-davon neu sind. Die Neuigkeit ist also eine Schönheit des Schertzes,
-welche reitzt. Man kan hinzu thun, daß die Neuigkeit eines Schertzes
-ein untrüglicher Beweiß sey, daß ihn der schertzende selbst gemacht
-hat. Die Stärcke und Geschicklichkeit seines scharfsinnigen Witzes
-leuchtet darinn unleugbar hervor, und gibt dem Schertze eine Anmuth,
-die eine Bewunderung des Urhebers verursacht. Ein Schertz der feurig
-seyn soll, muß wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> einen gantz neuen Gedancken enthalten, der
-zu dem schertzhaften in demselben gehört.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_34">§. 34.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt und frostig seyn, der von
-Vater auf Sohn fortgepflanzt worden. Man solte, bey manchen Spassen,
-womit sich verfrorne Köpfe breit machen, fast auf die Gedancken
-gerathen, daß es Familien-Spasse gebe; und daß man, wenn die dunckeln
-Zeiten diese wichtige Nachricht nicht entrissen hätten, den Ursprung
-mancher Schertze vor den Hunnen Kriege finden könnte. Es ist nichts
-natürlicher, als daß ein Sohn die Schertze seines spaßhaften Vaters
-bewundert und sich mercket. Kan man wohl anders dencken, als ein
-Vater werde sich über sein kluges Kind hertzlich freuen müssen, wenn
-es so gelehrig ist, und die Schertze seines Vaters wieder an Mann zu
-bringen weiß? Ich betrüge mich entweder, oder die mehresten Spasse,
-die man im gemeinen Leben hört, sind geerbte Spasse, nur daß sie,
-wie bey allen mündlichen Ueberliefferungen zu geschehen pflegt, denn
-und wenn eine kleine Veränderung auszustehen haben. Ein Schertz der
-scharfsinnigen Köpfen, und einem gereinigten Geschmacke gefallen soll,
-muß unsern Vätern unbekannt gewesen seyn. Man hat sich dabey nicht
-nach den Beyfall des grösten Hauffens zu richten. Ich weiß wohl, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-unter denselben ein verdorbener Geschmack herrscht, dem solche ererbte
-Schertze dennoch zu gefallen pflegen. Allein, das ist ein Beweis der
-abgeschmackten Beschaffenheit eines Spasses, wenn er einem frostigen
-Kopfe gefällt, und es bleibt wahr was <b>Horatz</b> gesagt:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nec, si quid fricti ciceris probat &amp; nucis emtor,</div>
- <div class="verse">Aequis accipiunt animis, donantue corona.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_35">§. 35.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Schertz der feurig seyn soll, muß nicht zur Mode geworden seyn.
-Ein Mode Schertz ist viel zu bekannt, und alt, als daß er einiges Feur
-behalten solte. Man kan leicht dencken, was ein feuriger Witz vor
-Vergnügen finden wird, in den gewöhnlichen artigen Zusammenkünften,
-da sich ein jeder bemüht die Gesellschaft, mit spaßhaften Einfällen
-nach der Mode, zu unterhalten. Will man Exempel solcher abgeschmackten
-Schertze hören, so darf man nur mit einem kleinen Herrn umgehen. Ein
-kleiner Herre ist eine Archiv aller Dinge die zur Mode gehören. Sein
-Kopf start vor Menge der artigen Einfälle, welche im Schwange gehen.
-Er bringt mit inniger Zufriedenheit hundert lustige Einfälle vor, die
-tausend andere ebenfals sagen. Es müste jemand sehr wenigen Umgang
-haben, dem nicht hundert Schertze<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> von solcher Art beyfallen solten.
-Doch kan ich mich nicht enthalten derjenigen zu erwehnen, die man durch
-eine Anspielung auf solche Dinge macht, die mir die Schamhaftigkeit zu
-nennen verbiethet. Ich will nicht sagen, daß diese abgeschmackten Zoten
-viel zu schmutzig sind, als daß sie einem ehrbaren Menschen solten
-anständig seyn. Ich sage nur, daß derjenige einen sehr armseeligen
-Witz blicken läßt, der mit Schertzen aufgezogen kommt die unter den
-Pöbel im Schwange gehen, und davon man Millionen ähnliche und gantz
-gleiche Schertze antrift. Muß das nicht ein allerliebster Umgang mit
-Frauenzimmer seyn, wo man seiner Schönen mit dergleichen witzigen
-Einfällen zu schmeicheln sucht? Die Kützelung, die durch einen solchen
-frostigen Schertz entsteht, rührt gewiß nicht aus dem sinnreichen
-desselben her, sondern aus dem Inhalte desselben, der allein im Stande
-ist, die Lebens Geister eines schmutzigen Gehirns, zu reitzen. Es sey
-also ferne, daß ich solche Mode Schertze billigen solte, sie gehören
-unter die Zahl derjenigen, die ein guter Geschmack für abgeschmackt
-hält. Doch was kan man wohl hoffen? Kan man wohl glauben, daß die
-Liebhaber dieser Schertze sich bessern werden, wenn man ihnen auch
-die Wahrheit noch so deutlich sagt? Ich zweiffele sehr daran. Sie
-wollen mit aller Gewalt spaßhafte Köpfe<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> seyn, sie selbst können
-nicht schertzen, ist es wohl anders möglich, als daß sie zur Mode
-ihre Zuflucht nehmen? Uberdem finden solche frostige Köpfe jederzeit
-Bewunderer ihres Witzes:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">vn sot trouve touiours un plus sot qui l’admire</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Boileau.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">So lange es demnach Leute gibt die ihrer Natur zum Possen schertzen
-wollen; So lange es Leute gibt, die einen Mode Schertz bewundern, so
-lange werden auch die Mode Schertze ihr altes Recht behaupten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_36">§. 36.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der vorhergehende Absatz veranlaßt mich zu einer Critik, über
-eine Stelle im <b>3. Buch der Odyssee</b>. <b>Homer</b> läßt den
-<b>Demodocus</b> die Rache des <b>Vulcans</b> besingen, die ihm die
-Eifersucht über seine Frau eingeblasen. <b>Vulcan</b> war von der
-Untreue seiner <b>Venus</b> benachrichtiget worden, und weil er sich
-auf seine Füsse zu verlassen keine Ursach fand, so hatte er Grund
-zu zweiffeln die <b>Venus</b> auf frischer That einmal zu ertappen.
-Er ersan eine List, die man von einem Schmidt, der eine Gottheit
-ist, vermuthen kan. Er verfertigte eine unsichtbare Schlinge, die
-unzerbrechlich war, und die er nur selbst aufzulösen vermochte.
-<b>Venus</b> und <b>Mars</b> werden gefangen. <b>Vulcan</b> erblickt
-seinen Fang, und hebt ein so erbärmliches<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Geschrey an, wozu Rache,
-Eifersucht, Zorn und Verspottung einen Ehemann in ähnlichen Umständen
-nur immer zu vermögen im Stande sind. Alle Gottheiten männlichen
-Geschlechts, denn das Frauenzimmer des <b>Olympus</b> war viel zu
-schamhaftig, als daß es bey dieser schmutzigen Begebenheit erscheinen
-solte, kommen zu Hauffe, und bewundern die List des <b>Vulcans</b>.
-Wer <b>Homers</b> Götter kennt wird mit leichter Mühe errathen
-können, was ein jeder von ihnen, bey diesem Anblicke, wird gedacht
-haben. <b>Apollo</b> ist unverstellter als die übrigen, er fragt
-den <b>Mercur</b>, ob er wohl wünschte sich jetzt in den Umständen
-zu befinden, in welchen <b>Mars</b> betroffen worden? <b>Mercur</b>
-antwortet mit aller der Schalckhaftigkeit, wozu eine so lustige
-Gottheit im Stande war. O, sagt er, wenn es nur wahr wäre, und wenn ich
-noch dreymal stärcker gefesselt wäre, und alle Götter und Göttinnen
-mich sehen solten, so wolte ich doch bey der unvergleichlichen
-<b>Venus</b> gerne liegen. Diß war nun der Spaß, darüber alle Götter
-anfingen zu lachen. Ich will nicht sagen, daß dieser Schertz einer
-Gottheit unanständig sey, und daß <b>Mercur</b>, wenn er ein Philosoph
-gewesen wäre, ohnfehlbar zur <b>Cynischen</b> Secte gehört hätte.
-Der läppische Character den <b>Homers</b> Gottheiten haben kan damit
-völlig bestehen. <b>Homer</b> hat auch sehr gut gethan,<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> daß er das
-Frauenzimmer zu Hause bleiben lassen, weil er selbst scheint gesehen zu
-haben, daß sonst die gantze Begebenheit, und der Spaß den er anbringt,
-unerträglicher würde geworden seyn. Ich will auch zugeben daß dieser
-Schertz einiges Feuer in anderen Absichten haben könne. Ob er aber neu
-genug sey, daran habe ich grosse Ursach zu zweiffeln. Es ist mir sehr
-wahrscheinlich, daß <b>Apollo</b>, wo nicht eben die Gedancken gehabt,
-doch schon die Antwort des <b>Mercurs</b> vorhergesehen. Und ich
-zweiffele gar nicht, daß die übrigen Götter eben das gedacht. War also
-dieser Schertz in der Versammlung der Götter etwas neues? <b>Homers</b>
-Fabel macht also den Schertz des <b>Mercurs</b> auf dieser Seite
-frostig. Doch ich tadle auch diesen Schertz aus einem ernsthafteren
-Grunde. Soll er feurig seyn, so muß er den Lesern des <b>Homers</b> neu
-und unbekannt seyn. Kan man dieses wohl von diesem lustigen Einfalle
-des <b>Mercurs</b> sagen? Ich habe Ursach dran zu zweiffeln. Dieser
-Schertz gehört unter die Alltages Schertze, deren man mehr, als gut
-ist, antrift. War dieser Schertz also wohl werth, daß bey nahe der
-gantze Himmel drüber lacht?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_37">§. 37.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ein feuriger Schertz neu seyn soll, so muß ihn der Schertzende
-auch keinem andern abborgen. Er muß sich nicht für den<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Erfinder eines
-Spasses ausgeben, den ein anderer erdacht hat. Es gibt auch hier
-eine Art eines gelehrten Diebstahls, wird er entdeckt, so verliehrt
-der Schertz ein grosses Stück seines Feuers; bleibt er aber auch
-verborgen, so fehlt ihm nichts destoweniger eine Schönheit, ob man
-gleich diesen Mangel nicht merckt. Wer einen Schertz stiehlt, muß, wenn
-er anders nicht ausserordentlich unverschämt ist, mit tausend Aengsten
-befürchten, daß es seine Zuhörer mercken werden, denn alsdenn ist ihnen
-der Schertz entweder schon bekannt, oder der schertzende wird von ihnen
-nicht anders als ein Sprachrohr betrachtet, durch welches, der von
-ihnen entfernte Urheber des Scherzes, ihnen seinen lustigen Einfall
-mittheilt. Wenn man eines andern Schertze erzehlt, kan man sehr selten
-diejenige anständige Dreistigkeit behalten, die zu einem glücklichen
-Spasse nöthig ist. Ja was noch mehr. Der Schertz kan in dem Munde
-seines Erfinders ein grosses Feur besessen haben, welches verlöscht,
-wenn ein anderer eben denselben vortragen will, weil sich beyde in
-verschiedenen Umständen befinden, die doch allezeit sich aufs genaueste
-passen müssen, wenn der Spaß gerathen soll. Ich will zugeben daß
-niemand den Diebstahl merckt, daß derjenige, der den Spaß von andern
-entlehnt, die anständigste Dreistigkeit blicken lasse, und daß alle
-Umstände sich aufs<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> genaueste schicken. Dem ohnerachtet behaupte ich,
-daß der Schertz eine Häßlichkeit behält, weil zwar der Fehler verborgen
-ist, aber doch würcklich vorhanden ist. Denn der Schertz ist doch alt,
-und der ihn vorträgt ist ein blosser Erzähler desselben. Ich könnte
-dergleichen Schertze <b>Thrasonische</b> Spasse nennen. <b>Thraso</b>
-beym <b>Terenz</b> im <span class="antiqua">Eunuch.</span> macht es eben so:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.</div>
- <div class="verse">Audieras? saepe; &amp; fertur in primis.</div>
- <div class="verse">Meum est.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ich rathe demnach einem jeden spaßhaften Kopfe, ja niemals die Schertze
-anderer Leute nachzubeten. Sind sie selbst nicht im Stande Erfinder
-der Schertze zu seyn, so thun sie viel besser gar nicht zu spassen,
-als so verwegen zu seyn, und sich in die Gefahr zu begeben, die Armut
-ihres Witzes zu verrathen. Eben das gilt auch von allen denjenigen, die
-durch das lesen artiger und sinreicher Schriftsteller, einen Vorrath
-artiger Gedancken sich gesamlet haben, die sie bey aller Gelegenheit,
-durch eine männliche Nachahmung, wiederum an Mann zu bringen suchen.
-Man kan ihnen den Ruhm geschickter und glücklicher Nachahmer manchmal
-nicht absprechen. Ein <b>Bayle</b> und <b>Fontenelle</b>, kan der
-Vater unzäliger kleiner <b>Bayle</b> und <b>Fontenelle</b> seyn. Nur
-müssen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> diese kunstmäßigen Abschreiber bescheiden, so lange keinen
-Anspruch auf einen witzigen Kopf vom ersten Range zu machen, bis sie
-Erfinder artiger Einfälle geworden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_38">§. 38.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine Sache die noch so neu ist wird mit der Zeit alt. Alle Dinge in
-der Welt sind der Vergänglichkeit unterworffen, und ein Schertz mag
-noch so feurig seyn, so wird er mit der Zeit frostig. Folglich muß ein
-Spaß nicht zu oft aufgewärmt werden. Wenn ein Schertz das erstemal
-noch so schön gerathen, so wird er das andre mal schon viel von seiner
-Lebhaftigkeit verlohren haben, und noch mehr wenn man ihn zum dritten
-mal hört. Man kan einen Schertz mit der Zeit ohne Bewegung anhören,
-über welchen man sich das erstemal aus dem Othem gelacht hat, und man
-verwandelt endlich sein Wohlgefallen über den Spaß, in eine Verachtung
-desjenigen, der sich erkühnt uns mit einerley so oft zu unterhalten.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ridetur chorda qui semper oberrat eadem.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ein solcher Schertz wird mit der Zeit gar zu bekant, und man hat grosse
-Ursach zu glauben, daß ein scharfsinniger Witz nicht eben gar zu groß
-und fruchtbar seyn müsse, der sich durch einen einzigen glücklichen
-Schertz erschöpft zu haben scheint, weil er immer<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> denselben und keinen
-neuen vorträgt. Ja der, so diesen Fehler in Schertzen begeht, bezeigt
-gar zu wenig Hochachtung gegen seine Zuhörer. Er glaubt entweder, daß
-sie kein gutes Gedächtniß haben, und daß ihnen also einerley Sache
-immer neu bleiben müsse; oder daß sie nicht witzig genug gewesen,
-seinen Spaß schon hinlänglich zu verstehen; oder daß sie gar zu
-flatterhaft sind, und die schlechteste Ursach zum lachen ergreiffen,
-sich lustig zu machen. Alles dieses wird dem Schertzenden sehr wenig
-Hochachtung bey seinen Zuhörern zu wege bringen. Nein, ein Schertz der
-einmal geglückt, muß Zeitlebens nicht wieder vorgetragen werden. Oder,
-will man mehr Gelindigkeit von mir fodern, so kan ich zwar die Zahl der
-Wiederholung nicht bestimmen; doch, nach meinem Geschmacke, gefält mir
-ein Schertz noch ziemlich, den ich zum zweyten oder dritten mal höre,
-wird er mir aber zum vierten oder fünften mal gesagt, so erweckt er in
-mir entweder Gleichgültigkeit, oder Verdruß. Das, was ich jetzo von
-Schertzen gesagt habe, kan man auch von einem jeden artigen Gedancken
-und Einfalle sagen. Ein Schriftsteller, der eine gewisse Anzal artiger
-Einfälle zu haben scheint, die er so oft vorbringt, als er redet oder
-schreibt, scheinet mir einen sehr eingeschränckten Vorrath davon zu
-besitzen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> macht seine Schrift, bey vernünftigen Lesern eckelhaft.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_39">§. 39.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich kan mich hier nicht enthalten einen Fehler anzumercken den manche,
-die mit Gewalt, es koste was es wolle, lustige Gesellschafter seyn
-wollen, begehen. Sie samlen sich einen ziemlichen Vorrath kleiner
-poßirlichen Histörchen, die sie in allen Gesellschaften mit einer
-kützelnden Zufriedenheit erzehlen. Sie haben ihren eigenen Witz
-dergestalt verwöhnt, daß sie nicht lustig seyn können wenn sie diese
-Lappalien nicht vortragen. Und wer solche Leute kennt der pflegt, so
-bald sie den Faden ihrer Geschichte anfangen, zu sagen, ja ja! nun
-kommen die Historien, nun werden sie aufgeräumt. Ich will nicht sagen,
-daß es unverschämt gehandelt sey, eine gantze Gesellschaft mit Dingen
-zu unterhalten, die man ihnen wohl tausendmal gesagt hat. Ich sage nur,
-daß dis ein Zeichen eines sehr matten und frostigen Witzes sey, wenn
-man einerley schertzhafte Einfälle, so oft wiederholt. Wollen diese
-lebendigen Chronicken etwa einwenden, daß die Gesellschaft gleichwol
-lache, so bitte ich sie achtung zu geben, ob ein solches lachen nicht
-vielmehr eine erzwungene Höflichkeit sey, die man ihnen beweißt, weil
-man sich doch genöthiget sieht, mit ihnen umzugehen. Wenn sie sich die
-Mühe nehmen wol<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>len diese Beobachtung zu machen, so werden sie gewahr
-werden, daß mancher über ihre Erzehlungen lacht, indem er mitten im
-Gähnen begriffen war. Doch kan es seyn daß sie sich in Gesellschaft mit
-Leuten von frostigen Witze und üblen Geschmack befinden, und alsdenn
-versichere ich ihnen, daß diese lachen werden, und wenn sie ihre
-Historien ihnen noch tausendmal vortragen solten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_40">§. 40.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Noch ein Fehler ist zu bemercken, welcher der Schönheit eines
-Schertzes, so aus der Neuigkeit desselben entspringt, zu wieder ist. Es
-besteht derselbe darin, wenn man gar zu aufgeräumt ist, und in kurtzer
-Zeit gar zu viel Schertze hinter einander vorträgt. <b>Cicero</b> hat
-denselben auch bemerckt, im <b>andern Buche vom Redner</b>: <span class="antiqua">Hoc
-opinor primum, ne, quotiescunque potuerit dictum dici, necesse habeamus
-dicere</span>. Ein jeder dieser Schertze kan an sich sehr schön seyn,
-und, wenn er allein vorgetragen wird, alles das Feur besitzen, so zu
-einem angenehmen Schertze erfodert wird. Allein weil er unter einer gar
-zu grossen Menge anderer Schertze vorgetragen wird, so erkaltet er.
-Man wird des lachens auch müde. Unsere Seele liebt die Veränderungen,
-eine Belustigung die gar zu lange einträchtig bleibt, wird matt und
-verliehrt ihre Anmuth. Alle glückliche Schertze erwecken in der Seele
-ein<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> ähnliches Vergnügen, ist es also nicht natürlich, daß, wenn in
-kurzer Zeit, gar zu viele Schertze auf einander folgen, die folgenden
-immer frostiger werden müssen, je weiter sie von dem ersten entfernt
-sind? Alle sinnliche Lust wenn sie aufs höchste getrieben worden,
-nimt von selbst natürlicher Weise wieder ab. <span class="antiqua">Omnibus in rebus
-voluptatibus maximis fastidium est finitimum.</span> <b>Cicero</b> im
-<b>dritten Buch vom Redner</b>. Es streitet wider die Natur der Seele,
-viele feurigen Schertze hinter einander, mit gleicher Lebhaftigkeit, zu
-fühlen, die letztern haben keine völlige Neuigkeit mehr, weil sie das
-Vergnügen, das die vorhergehenden erweckt haben, nur durch einen etwas
-veränderten Grund verursachen, oder vielmehr nur fortsetzen. Es ist
-demnach natürlich, daß uns das Schertzen endlich verdrießlich werden
-muß, wenn es in einem, durch eine geraume Zeit, fortgeht.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Quem bis terque bonum cum risu miror, &amp; idem</div>
- <div class="verse">Indignor.</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. de art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Sollen alle unsere Schertze glücklich seyn, so muß man nicht zu viel
-auf einmal, und kurtz hinter einander spassen. Es ist demnach eine
-Maxim die der Vollkommenheit der Schertze nachtheilig ist, wenn
-man annimt, daß ein Schertz, der an sich feurig ist, auch kön<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ne
-vorgetragen werden, ohne weitere Betrachtungen dabey anzustellen.
-Ein schertzhafter Kopf muß kein Verschwender, sondern ein sparsamer
-Haußhalter seyn, der für das künftige sorgt. Hat er in manchen
-Stunden einen gar zu starcken Zufluß von Schertzen, so bedencke er,
-daß theure Zeiten kommen können, da bey ihm die Schertze sehr rar
-seyn möchten. Die Leute, die manchmal gar zu lustige und aufgeräumte
-Stunden bekommen, besitzen einen Witz, der mir einem gewaltigen
-Strohme gleich zu seyn scheint, bey welchen, wenn er einmal seinen Dam
-durchbrochen, kein aufhalten ist. Es ist wahr, wir sind, wenn wir auch
-noch so feurige Köpfe wären, nicht immer zum spassen aufgelegt; aber
-man kan doch sagen, daß es möglich sey sich vor den Fehler zu hüten,
-den <b>Horatz</b> an den Sängern bemerckt hat. <span class="antiqua"><i>Satt. L. I. Sat.
-III.</i></span></p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos</div>
- <div class="verse">Vt nunquam inducant animum cantare rogati.</div>
- <div class="verse">Iniussi nunquam desistant.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_41">§. 41.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich will durch alle die bisherigen Regeln nicht fodern, daß der gantze
-Schertz von dem schertzenden erst müsse erfunden werden, ob ich gleich
-behaupte, daß das die schönsten Schertze dieser Art sind, welche der
-scher<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>tzende erschaffen hat, und das erstemal vorträgt. Man kan einen
-von andern gehörten Spaß vortragen, ja man kan seine eigene Spasse
-wieder aufwärmen, wenn nur etwas neues dabey vorkommt. Folglich muß
-wenigstens der schertzende mit Wahrheit behaupten können, daß er etwas
-an dem Schertze, den Augenblick erst, erfunden habe. Solche Schertze
-sind auch schön, ob gleich nicht in dem Grade, als die ganz neuen. Es
-kan hier eben so gehalten werden, als in den Wissenschaften. Man kan
-daselbst Wahrheiten von andern entlehnen, wenn man sie mit einiger
-Veränderung und Zusatz vorträgt, oder auch nur auf eine andere Art
-beweißt, und andere Folgen daraus herleitet, so kan man sich für
-den Erfinder einiger Theile dieser Wahrheit mit Recht ausgeben. Man
-kan daher andern ihre Spasse abborgen, ein kleiner Umstand, den wir
-hinzu oder wegthun, gibt uns ein Recht denselben eines theils für
-den unsrigen auszugeben. Wenn wir ihn auch nur in andern Umständen
-vortragen, und ihn so geschickt vorzubringen wissen, daß es natürlich
-zu seyn scheint, auf einen solchen schertzhaften Einfall zu kommen, so
-fehlts demselben doch nicht an aller Neuigkeit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_42">§. 42.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe zur dritten Schönheit der Schertze, die Verschiedenheit der
-Dinge, die man mit einander vergleicht, angenommen.<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-<a href="#Par_28">§. 28.</a> Wenn die
-Dinge gar nicht mercklich, oder doch in einem sehr geringen Grade
-verschieden sind, so verursacht die Entdeckung ihrer Ubereinstimmung,
-entweder gar keinen, oder doch einen sehr frostigen Spaß. Ich will
-nicht wieder sagen, daß ein solcher Spaß frostig sey, weil er von
-einem sehr matten Witze seinen Ursprung hat, denn das habe ich schon
-<a href="#Par_20">§. 20.</a> angemerckt. Sondern ich habe noch andere Ursachen, warum ich
-behaupte, daß ein feuriger Schertz von Dingen, die in einem hohen
-Grade verschieden sind, müsse entlehnt werden. Ich werde unten
-darthun, daß wir lachen, wenn wir einen Wiederspruch in Kleinigkeiten
-gewahr werden. Soll nun der Spaß zum lachen reitzen, so muß er einen
-solchen Wiederspruch entdecken. Das wird gewiß nicht geschehen, wenn
-man Dinge, deren Uebereinstimmung groß, und augenscheinlich ist, mit
-einander vergleicht. Nimt man aber Dinge, die sehr verschieden sind,
-und deren Verschiedenheit offenbar, und in die Augen fält, und entdeckt
-in ihnen eine Uebereinstimmung, so scheint das ein Wiederspruch zu
-seyn, und wir erhalten unsern Zweck. Man kan hinzu thun, daß sonst
-der Spaß nicht neu und unerwartet genug seyn würde. Dinge die gar zu
-mercklich mit einander übereinkommen, sind sehr leicht zu vergleichen,
-ein jeder der sie betrachtet, kan mit einer geringen Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>mercksamkeit
-die Uebereinstimmung gewahr werden. Wird man jemanden also wohl viel
-neues sagen, wenn man sich die Mühe macht, ihm in solchen kleinen
-Entdeckungen zu helfen? Nein, Dinge worüber man glücklich schertzen
-will, müssen eine sehr unmerckliche Uebereinstimmung haben. Ihre
-Verschiedenheit muß so mercklich und groß seyn, daß sie dem Ansehen
-nach nichts mit einander gemein zu haben scheinen. Oder, wenn sie
-auch mit einander in manchen Stücken übereinkommen, so muß doch die
-Ubereinstimmung, die wir durch unsern Schertz in ihnen entdecken
-wollen, dergestalt beschaffen seyn, daß sie der Verschiedenheit
-derselben zu wiedersprechen scheint, und daß man daher Ursach zu
-glauben hat, daß keiner von unsern Zuhörern, ohne unsern Schertz, diese
-Entdeckung würde gemacht haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_43">§. 43.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ein Schertz nicht die gemeldete Eigenschaft besitzt, so ist er ein
-so stumpfer Einfall, daß er für keine Geburth der Scharfsinnigkeit kan
-angesehen werden. Ein feuriger Schertz muß nicht nur durch den Witz
-gewürckt werden, sondern es muß auch darin eine grosse Scharfsinnigkeit
-hervorleuchten. Kan dieses wohl möglich seyn, wenn die verglichenen
-Dinge mit einander sehr übereinkommen? Nein, wenn ein Schertz nicht ein
-Schertz seyn soll,</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft6">quem praecepit</div>
- <div class="verse">Rusticus, abnormis sapiens, crassaque Minerua.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. Sat. L. II. Sat. II.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">so muß man nicht, wenn man schertzen will, handgreifliche
-Uebereinstimmungen vorbringen. Ein feuriger Schertz muß so fein und
-scharfsinnig seyn, daß er von einem plumpen Kopfe nicht eingesehen
-werden kan. Das kan nicht anders erhalten werden, als wenn man den
-Schertz dergestalt einrichtet, daß derjenige, der ihn begreiffen
-will, erst vorläufig einen grossen Unterschied gewahr werden muß. Das
-gemeine Leben könnte mir hier wieder eine ansehnliche Menge solcher
-stumpfen Spasse an die Hand geben, wenn ich glaubte daß der Versuch,
-den Geschmack des Pöbels zu verbessern, einen mercklichen Nutzen haben
-könnte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_44">§. 44.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Zur Verschiedenheit der Dinge wird ihre Unähnlichkeit, die
-Verschiedenheit ihrer Beschaffenheiten, gerechnet. Soll demnach ein
-Schertz gerathen, so müssen die Dinge, womit man schertzet, eine
-augenscheinliche Unähnlichkeit haben, die so groß und mercklich ist,
-daß man keine Aehnlichkeit in ihnen gewahr wird, wenn man sie nicht mit
-der äussersten Aufmercksamkeit betrachtet. Wenn man die mercklichen und
-augenscheinlichen Aehnlichkeiten der Dinge entdeckt, so kan man<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> zwar
-sagen, daß man eine gute Allegorie, oder andere witzige Vergleichungen,
-gemacht habe, aber ein Schertz kan eine solche Entdeckung nicht genennt
-werden. So wenig man darüber lachen würde, wenn ein Maler sein Bild dem
-Originale so ähnlich macht als möglich, so wenig wird man durch die
-Anzeige der offenbaren Aehnlichkeit zweyer Dinge zum lachen gereitzt
-werden. Der König in Franckreich, <b>Ludewig der eilfte</b>, gibt
-mir ein Exempel von einem Schertze, der diese Schönheit an sich hat.
-Man erzehlt daß er, da ihm die Nachricht überbracht worden, daß ein
-gewisser ungelehrter Mensch, einen sehr schönen Büchervorrath besitze,
-geantwortet habe: dieser Mensch sey wie ein bucklichter, der eine Last
-auf den Rücken trage, die er nicht sehen könne. Man wird ohne mein
-Erinnern mir zugestehen, daß ein ungelehrter Besitzer einer schönen
-Bibliothek, und ein ausgewachsener Mensch, zwey Dinge sind, deren
-Unähnlichkeit groß und handgreiflich genug ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_45">§. 45.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die andere Art der Verschiedenheit ist die Ungleichheit, die
-Verschiedenheit der Grösse. Ich bin überzeugt daß nichts lächerlicher
-und thörichter könne gedacht werden, als wenn sich kleine Dinge grossen
-gleichschätzen wollen. Die belachenswürdige Thorheit eitler und
-hochmüthiger Men<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>schen, besteht ja eben darin, daß sie sich über sich
-selbst ausdehnen wollen, und dem Frosche in der Fabel ähnlich sind,
-der gerne so groß seyn wolte als ein Ochse. Meines Erachtens kan also
-kein Schertz stärcker zum lachen reitzen, als derjenige, welcher Dinge
-vergleicht, die der Grösse nach unendlich verschieden sind. Ich sage
-nicht, daß man die grossen Dinge denen kleinen gleich schätzen solle,
-das könnte nicht nur manchmal eine Frucht der Dumheit, Unwissenheit,
-Grobheit und Unverschämtheit seyn, sondern es würde auch in vielen
-Fällen nicht lächerlich seyn, weil alle grossen Dinge, der Wahrheit
-gemäß, den kleinen gleich sind, wenn man von ihnen dasjenige absondert,
-wodurch sie die kleinen übertreffen. Meinem Bedüncken nach, ist das
-eigentlich lächerlich, wenn man kleine Dinge denen grossen gleich
-schätzt. Das Grosse bleibt dabey in seinen Würden und Vorzuge, und man
-hütet sich vor den Verdacht der Leichtsinnigkeit. Der Wiederspruch
-ist dabey so mercklich, daß es nothwendig lächerlich seyn muß. Wird
-man nicht starck zum Lachen gereitzt wenn man beym <b>Ausonius</b>,
-<span class="antiqua">Epigr. XCV.</span> die Begebenheit des <b>Faustulus</b> ließt?
-<b>Faustulus</b> ritte auf einer Ameise. Da diese den Koller bekam,
-warf sie den unglückseeligen <b>Faustulus</b> herunter, schlug hinten
-aus, und versetzte ihm einen dergestalt tödtlichen Stoß,<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> daß er in
-seiner Todesstunde nur noch zu seinem Troste sagen konnte: Er habe eben
-so einen schweren Fall gethan als <b>Phaeton</b>.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Faustulus insidens formicae, vt magno elephanto</div>
- <div class="verse">Decidit, &amp; terrae terga supina dedit.</div>
- <div class="verse">Moxque idem est ad mortem multatus calcibus eius</div>
- <div class="verse">Perditus vt posset vix retinere animam.</div>
- <div class="verse">Vix tamen est fatus: quid rides improbe livor?</div>
- <div class="verse">Quod cecidi? cecidit non aliter Phaëton.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ein feuriger Spaß muß also unter Dingen, die der Grösse nach fast
-unendlich verschieden sind, eine Verhältniß, eine Gleichheit entdecken.
-Ich will eben nicht sagen, daß dis zu allen feurigen Schertzen
-nöthig sey. Manchmal kan man zwey Dinge der Grösse nach nicht mit
-einander vergleichen, weil man nur auf ihre Aehnlichkeit sieht. Doch
-ist unleugbar, daß ein Schertz um so viel feuriger seyn müsse, je
-ungleicher die Dinge sind, die mit einander verglichen werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_46">§. 46.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Keine Dinge sind so verschieden als die einander entgegen gesetzt sind.
-In so fern sie entgegen gesetzt sind, haben sie gar nichts mit einander
-gemein. Man begreift also mit leichter Mühe, daß die Vollkommen<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>heit
-eines Schertzes, von der ich bisher rede, nicht besser erhalten werden
-kan, als durch die Verbindung und Vergleichung wiederwärtiger Dinge.
-Und o! was entdeckt sich hier für eine fruchtbare Quelle der Schertze!
-Ich begnüge mich dieselbe bloß angezeigt zu haben. Exempel trift man
-in grosser Menge in den Satirischen Schriften an, welchen die Ironie
-die Stacheln gibt. Die Quelle der Ironie ist eben das entgegengesetzte
-desjenigen, worüber man spotten will. Und wenn sonst alles seine
-Richtigkeit hat, so müssen die Schertze, die daher genommen werden
-nothwendig gerathen. Es sind demnach alle sinnreichen Einfälle matte
-Schertze, wenn sie keine grosse Verschiedenheit der Dinge, womit man
-schertzet, zum Grunde haben. Sie können sonst alle Schönheiten eines
-sinreichen Einfals haben, und in dieser Absicht angenehm seyn, nur muß
-man ihnen den Namen der Schertze nicht beylegen, denn zu diesen wird
-auch Scharfsinnigkeit erfodert.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_47">§. 47.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Aus dem, was bisher gesagt worden, erhellet von selbst, warum manche
-Leute mit ihren spaßhaften Einfällen, einem zur Last werden. Es sind
-das alle diejenigen die einen gar zu lebhaften Witz besitzen, der
-von einer schlechten Beurtheilungskraft regiert wird. Der Mangel
-der Beurtheilungskraft<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> erhält seinen Ursprung aus dem Mangel der
-Scharfsinnigkeit. Es ist also klar, daß solche spaßhafte Köpfe
-einen viel zu lebhaften Witz besitzen, mit Ausschliessung der
-Scharfsinnigkeit, als daß sie glücklich in Schertzen seyn sollen.
-Muß das nicht verdrießlich seyn, wenn man mit lauter Anspielungen,
-Allegorien, tropischen Redensarten, und dergleichen unterhalten
-wird, wenn man diese Dinge für artige Schertze halten soll? Ich
-rathe daher einem jedweden witzigen Kopfe, nicht gleich einen jeden
-sinnreichen Einfall für einen Schertz zu halten und auszugeben, sondern
-jederzeit zu bedencken, ob der Witz durch die nöthige Scharfsinnigkeit
-unterstützt worden. Wenn man diese Behutsamkeit verabsäumt, so kan es
-leicht geschehen, daß uns unser Witz ein Blendwerck vormacht, und wir
-dadurch genöthiget werden, Dinge in solchen Stücken zu vergleichen,
-worin sie doch von einander unterschieden werden. Ein solcher Irrthum
-macht unsern sinreichen Einfall abgeschmackt, und um so viel unwürdiger
-ein guter Schertz zu heissen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_48">§. 48.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich komme zur vierten Schönheit der Schertze <a href="#Par_25">§. 25.</a> Ein feuriger
-Schertz, muß sehr viele und grosse Uebereinstimmungsstücke, der
-verglichenen Dinge, entdecken. Dadurch wird ausser der Stärcke
-des Witzes, die alsdenn in dem Schertze mercklich wird,<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> eine
-Vollkommenheit in demselben hervorgebracht, welche in Verwunderung
-setzt, die Sache lächerlich macht, und ungemein belustiget. Wenn
-die Sachen, wie die vorhergehende Schönheit der Schertze erfodert,
-ungemein unterschieden sind, und doch eine vielfältige und grosse
-Uebereinstimmung unter ihnen entdeckt wird, so ist das so etwas
-unerwartetes, welches ein angenehmes Erstaunen und Verwunderung
-verursacht. Man bewundert ja alle diejenigen Dinge, die man als
-etwas ansieht, so man vorher gar nicht gedacht hat. Es scheint
-wiedersinnisch zu seyn, daß so sehr verschiedene Dinge, doch eine so
-grosse Uebereinstimmung haben, und das ist eine kräftige Reitzung zu
-lachen. Wolte man wohl zweiffeln, daß diese Verwunderung und dieses
-lachen etwas unangenehmes sey? Es kan nicht anders seyn, als daß aus
-dem Gewahrwerden dieser Uebereinstimmung, eine Belustigung entsteht,
-weil die Uebereinstimmung der Dinge überhaupt eine Schönheit und
-Vollkommenheit ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_49">§. 49.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ich sage, daß ein Schertz viele und grosse Vergleichungsstücke
-entdecken müsse, so will ich nicht behaupten, daß man durch eine
-weitläuftige Erzehlung dieser Stücke, den Schertz vortragen
-solle. Nein, dadurch würde der Schertz frostig werden. Man kan
-auch mit wenigen Worten sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> viel sagen. Genug, wenn man es nur
-sagt. Man muß seinem Zuhörer nur ein weites Feld eröfnen, die
-Uebereinstimmungsstücke selbst zu errathen, man muß ihn aber auch
-selbst gleichsam, zu dieser Untersuchung, zwingen. Ich sage jetzt
-nichts weiter, als daß durch einen Schertz dem Zuhörer mit einem mal,
-eine sehr grosse und mannigfaltige Ubereinstimmung der verglichenen
-Dinge vorgestelt werden müsse. Unser Schertz muß ein sehr kurzer
-Inbegriff sehr vieler Vergleichungsstücke seyn. Er muß einem Abgrunde
-ähnlich seyn, in welchem man immer mehr erblickt, je länger man in
-denselben hinein sieht. Es versteht sich von selbst, daß es wahre
-Vergleichungsstücke seyn müssen. Ein Blendwerck des Witzes, wodurch uns
-eine Verschiedenheit als eine Ubereinstimmung vorgestelt wird, kan nur
-so lange eine ungegründete Lust verursachen, so lange wir in Verwirrung
-und Irrthum bleiben. So bald der Nebel und das Blendwerck verschwunden,
-schämen wir uns, daß wir über einen Gedancken gelacht haben, der ein
-Hirngespinst gewesen. Doch davon werde ich weiter reden wenn ich die
-Wahrheit der Schertze untersuchen werde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_50">§. 50.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Durch diese Eigenschaft bekommt ein Schertz eine Schönheit, die ihm
-nichts anders zu geben vermag. Ein Schertz, der<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> diese Beschaffenheit
-hat, gefält uns, so oft wir uns dessen wieder erinnern. So oft wir
-ihn von neuen überdencken, erblicken wir mehrere Vergleichungsstücke.
-Dadurch entsteht nicht nur ein neues Vergnügen, sondern wir sind auch
-mit uns selbst zufrieden, weil wir überzeugt werden, daß wir einen
-Schertz gebilliget, und darüber gelacht haben, der es vollkommen werth
-gewesen. Wir freuen uns heimlich über unsern guten Geschmack, und sind
-versichert, daß wir uns, durch das belachen dieses Spasses, keiner
-flüchtigen Leichtsinnigkeit verdächtig gemacht haben. Mit einem Wort,
-ein Schertz der diese Eigenschaft besitzt, hat diejenige Schönheit die
-<b>Ovidius</b>, <span class="antiqua">Epist. ex pont. L. III. ep. V.</span> an einer andern
-Sache rühmt.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Cumque nihil, toties lecta, e dulcedine perdant.</div>
- <div class="verse">Viribus illa suis, non nouitate placent.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ich widerspreche mir nicht. Ich habe zwar erwiesen, daß ein alter
-Schertz mat und frostig werde, das ist aber meinem jetzigen Gedancken
-nicht zu wieder. Es ist gantz ein anders, wenn man einen Schertz,
-als einen Schertz, sich oft muß vorsagen lassen, und wenn man eines
-Schertzes, den man von andern nur einmal gehört hat, sich oft wieder
-erinnert. Ich rede auch hier von einer andern Art des Vergnügens, so
-von dem gantz<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> unterschieden ist, so aus der Neuigkeit entsteht. Ja
-man füge hinzu, wie ich niemals behauptet, daß die Neuigkeit eines
-Scherzes die einzige Schönheit desselben sey, und noch weniger, daß
-alles Vergnügen über einen Spaß, gantz allein aus dem neuen desselben
-entstehe. Noch einmal, ein guter Schertz muß ein Thema seyn, darüber
-ein witziger Kopf, einen sehr langen allegorischen und Emblematischen
-Vortrag halten könnte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_51">§. 51.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Ubereinstimmungsstücke sind entweder Aehnlichkeiten, oder
-Gleichheiten, oder beydes zusammen. Ein glücklicher Spaß muß demnach,
-viele und grosse Aehnlichkeiten und Gleichheiten entdecken. Es
-ist wahr, die blosse Aehnlichkeit kan manchmal zureichen, allein
-ich glaube doch, daß die Gleichheiten und Proportionen derselben,
-erst dem Schertze die rechte Schönheit auf dieser Seite geben. Die
-Aehnlichkeiten fallen eher in die Augen, können leichter entdeckt
-werden, und es ist weniger Scharfsinnigkeit zu ihrer Entdeckung nöthig.
-Allein die Vergleichungen der Grössen erfodern mehr durchdringenden
-Verstand. Man muß die Grössen ausmessen, und sie mit einander
-vergleichen. Kan nun das unsere Seele gleichsam im Augenblicke
-verrichten, so beweißt sie dadurch ihre Stärcke in ausnehmenden
-Grade. Die Entdeckungen der Aehnlichkeiten können viel un<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>richtige
-Gedancken verursachen, wenn sie nicht durch eine genaue Beobachtung der
-Proportion in ihren gehörigen Schrancken erhalten werden. Alle einzelne
-Theile eines Gesichts können schön seyn, haben sie aber nicht die
-gehörige Proportion, so wolte ich nicht sagen, daß das Gesicht reitzend
-sey. Man kan sagen, daß die Proportion der Grundriß der Schönheit
-überhaupt sey. Kan wohl die Schönheit eine Schönheit seyn, wenn der
-Plan, nach welchen sie aufgeführt worden, nichts taugt? Ich sage also,
-daß ein Schertz abgeschmackt werden müsse, ob er gleich viele und
-grosse Aehnlichkeiten vorstelt, wenn in denselben gar keine Proportion
-ist. Doch wird niemals erfodert, daß die Proportion, die ich zu einem
-Schertze erfodere, nach der strengsten Mathematik richtig sey. Ein
-wenig mehr oder weniger, thut hier nichts zur Sache. Die Schertze sind
-ja ohne dem undeutliche Vorstellungen. Wenn nur die Proportion, dem
-Ansehen nach, beobachtet wird, so entsteht die Schönheit, von der ich
-rede. Ist doch in der Baukunst nicht einmal diese Strenge nöthig. Die
-Proportion kan fehlerhaft seyn, wenn der Fehler nur nicht in die Sinne
-fält.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_52">§. 52.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich erachte es unnöthig zu seyn hier die Quellen anzuführen, woher
-diese Schönheit der Schertze entsteht. Sie sind viel zu<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> bekannt, als
-daß ich meine <b>Leser</b> damit aufhalten solte. Alle Metaphern,
-Allegorien, und wie sie Namen haben mögen, sind die Gründe zu dieser
-Schönheit der Schertze, wenn sonst dabey kein Fehler begangen wird, der
-den Spaß frostig macht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_53">§. 53.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Da die Namen womit gewisse Dinge bezeichnet werden, und überhaupt
-die Worte, nicht als innere Bestimmungen der bezeichneten Sachen
-selbst anzusehen sind, so macht die Ubereinstimmung der Namen nicht
-die geringste Aehnlichkeit und Gleichheit der Sachen selbst aus.
-Es sind das demnach sehr frostige Schertze, welche auf der blossen
-Ubereinstimmung der Namen und der Worte, beruhen. Die Namen der Dinge
-sind viel zu weit, wenn ich so reden soll, von dem Rande der Dinge
-selbst entfernt, als daß sie auch nur die geringste Ubereinstimmung
-ausmachen könnten, die den Dingen selbst eigenthümlich zugehörten.
-Ein spaßhafter Kopf, der seine Schertze bloß in der Uebereinstimmung
-der Worte sucht, verräth einen Witz der viel zu mat ist, als daß er
-bis in die Sache selbst dringen solle. Die Sachen stehen weiter von
-seinem Gesichtspuncte weg, als ihre Namen, und er ist zu kurtzsichtig,
-er kan sie nicht erreichen. Nein, solche Spasse sind zu abgeschmackt,
-sie können nicht gebilliget werden. Sie können keinen an<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>derm Witze
-gefallen, als der weniger Feuer besitzt, als zu einem feinem Geschmacke
-erfodert wird. <b>Cicero</b>, <b>im andern Buche vom Redner</b>,
-billiget diese Schertze überhaupt. <b>Quintilian</b> verwirft diese
-Wort-Schertze auch nicht gantz in seinen <b>6ten Buche</b>, doch gibt
-er den Schertzen, die aus der Sache selbst genommen werden, einen
-grossen Vorzug.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_54">§. 54.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich verwerffe in einem feurigen Schertze nicht alle Anspielungen und
-Aehnlichkeiten der Worte; sondern nur diejenigen Spasse, die in der
-blossen Aehnlichkeit der Worte bestehen. Man kan es daher leicht gewahr
-werden, ob ein Spaß diesen Fehler habe. Man darf ihn nur in anderen
-Worten ausdrucken, oder in eine fremde Sprache übersetzen, verliehrt
-er alsdenn alle sein Feur, so ist er gewiß abgeschmackt. Ein feuriger
-Spaß muß in allen möglichen Sprachen ein Schertz bleiben, obgleich
-nicht immer in einerley Grade. Man kan sagen, daß ein feuriger Spaß die
-Schönheit eines Gedichts haben müsse. Dasselbe muß ein Gedicht bleiben,
-man mag die Ordnung der Worte ändern, oder auch andere gleichgültige
-Worte an die Stelle der vorigen setzen,</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Inuenias etiam disiecti membra poetae.</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Sat. L. I. Sat. IIII.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p class="p0">Folglich muß ein Schertz, aus der Uebereinstimmung der Gedancken und
-Sachen selbst, hergenommen werden. Weil aber die Worte, womit man
-ähnliche Dinge ausdruckt, ungezwungen ähnlich seyn können, so würde
-es beym Schertzen ein unnöthiger Zwang seyn, den ich niemanden rathen
-wolte, wenn man die Uebereinstimmung der Worte mit Gewalt vermeiden
-wolte. Wenn sie nur nicht die Hauptsache beym spassen ist, und als eine
-ungezwungene Folge der Vergleichung der Begriffe anzusehen ist, so
-kan die Aehnlichkeit der Worte die Schönheit eines Schertzes wohl gar
-etwas vermehren, wenigstens in ein grösseres Licht setzen, indem sie
-die Einsicht des Spasses selbst erleichtert. Wenn man dem <b>Cicero</b>
-und <b>Quintilian</b> diese Meinung zuschreiben will, so kan man sie
-entschuldigen, daß sie die Wort-Schertze gebilliget haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_55">§. 55.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Zu diesem Klapperwerck in Schertzen rechne ich alle Zweydeutigkeiten,
-Anspielungen auf Nahmen, Versetzungen der Buchstaben, Veränderungen
-derselben, Verstimmelungen und Verlängerungen der Namen, und wie
-diese Kindereyen alle heissen mögen. Des <b>Cicero</b> <span class="antiqua">Jus
-verrinum</span> ist ein zu oft gepeitschter Spaß, als daß ich nöthig
-hätte denselben zu tadeln. Man findet mehr dergleichen in eben diesem
-Schriftsteller, insonder<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>heit in seinen Briefen, und in den Reden
-wieder den <b>Verres</b>. Ich rechne diese abgeschmackten Schertze mit
-zu den Mode-Spassen und Jedermans-Einfällen. Die kleinen Herrn wissen
-sich sonderlich derselben fleißig in den Umgange mit Frauenzimmer zu
-bedienen. In allen artigen Zusammenkünften nach der Mode, sind diese
-Läppereyen die gewöhnlichsten Belustigungen. Und man darf sich mit
-der Hofnung im geringsten nicht schmeicheln, daß diese Anzahl der
-Schertze mercklich werde verringert werden. Es verhält sich hier eben
-so wie in der Dichtkunst. Grosse Dichter mögen noch so sehr wider
-die Wortspiele, und andere Läppereyen in der Dichtkunst, eiffern, so
-finden sich doch immer schläfrige Köpfe genug, welche dem ohnerachtet
-die Musen durch Wortkrämereyen mißhandeln. So lange es noch Leute von
-pöbelhaften Geschmacke und frostigen Witze gibt, die doch gleichwohl
-spassen wollen, so lange werden auch die Wortschertze nicht aufhören.
-Ein matter und schläfriger Kopf hat ein viel zu grosses Vergnügen an
-solchen Wortspielen, als daß er sie für was elendes ansehen solte. Vor
-Armseligkeit seines Witzes, kan er nichts feiners und edlers schmecken,
-man würde ihm demnach alles Vergnügen dieser Art rauben, wenn man ihm
-untersagen wolte, mit blossen Worten zu spielen. Nein, ein leerer Kopf
-vergnügt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> selbst über diese seine Einfälle, er bewundert sich
-selbst, und er ist der Person völlig ähnlich die <b>Boileau</b> in
-folgenden Worten abschildert:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Un sot en ecrivant fait tout avec plaisir,</div>
- <div class="verse">Il n’a point dans ses vers l’embarras de choisir,</div>
- <div class="verse">Et toujours amoureux de ce qu’il vient d’ecrire,</div>
- <div class="verse">Ravi d’etonnement en soi meme il s’admire.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Diese Unsinnigkeit im Schertzen ist manchmal nicht ohne alle Würckung,
-bey Leuten die etwas zu furchtsam und zärtlich zu seyn pflegen. Sie
-haben, ich weiß selbst nicht ob ich es so nennen soll, das Unglück
-einen Namen von ihren Vorfahren zu erben, der abgeschmackten Köpfen,
-einen unermeslichen Vorrath zu erbärmlichen Spassen, an die Hand gibt.
-Sie sind zu empfindlich ihr Erbgut ohne Veränderung zu behalten.
-Allein ist es wohl werth, einem Narren zu gefallen, die Genealogie zu
-verwirren? Daß diese letzte Anmerckung eine historische Wahrheit, zum
-Grunde habe, kan ich beweisen. Die Gemahlin des <b>Wilhelm Bautru</b>,
-Grafen von Serrant, der, unter andern, als ein aufgeweckter Kopf
-das <span class="antiqua">XVII.</span> Jahrhunderts, berühmt ist, wolte lieber Frau von
-<b>Nogent</b>, als von <b>Bautrou</b> heissen, weil sie sich nach der
-italienischen Aussprache dieses Namens,<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> unzähligen Stichen, durch ein
-Wortspiel auf <span class="antiqua">trou</span>, ausgesetzt hatte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_56">§. 56.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe die fünfte Schönheit der Schertze <a href="#Par_25">§. 25.</a> darin gesetzt, daß
-vor dem Schertze starcke Vorstellungen, von gantz anderer Art, müssen
-vorhergegangen seyn. Ich verstehe das nicht nur von dem schertzenden
-selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Der Schertzende und seine
-Zuhörer müssen, vor dem Spasse, einen sehr grossen Eindruck, von
-gantz andern Vorstellungen, gehabt haben, die mit dem Schertze, in so
-fern er ein Schertz ist, nichts gemein haben. Sie müssen ihre ganze
-Aufmercksamkeit, mit ganz andern Dingen beschäftiget haben, als daß sie
-den Schertz hätten vorhersehen sollen. Dadurch bekommt der Spaß ein
-Licht das in Verwunderung setzt. Der Schertz wird so neu und unerwartet
-seyn, daß man sagen kan, er könne sonst nicht recht neu seyn. Diese
-schleunige Veränderung der Scene in unsern Vorstellungen, macht eine
-so angenehme Verwandelung und Verwirrung, daß sie ohne Vergnügen und
-Bewunderung nicht geschehen kan. Der schertzende beweißt dadurch, wie
-leicht es ihm sey einen Schertz zu machen, und zeigt die Stärcke seines
-Witzes, die den Spaß selbst groß und feurig macht. Ich glaube, das
-sey der Grund, warum die Schertze, die ein Lehrer, mitten<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> unter dem
-Vortrage der scharfsinnigsten Wahrheiten vorbringet, so angenehm sind;
-weil die Gemüther vorher mit viel zu ernsthaften Dingen beschäftiget
-gewesen, als daß sie hätten den Spaß vorhersehen können.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_57">§. 57.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn man sich auf etwas lange besinnen muß, so will man eine
-Vorstellung klar machen, vermittelst solcher Vorstellungen, die vieles
-mit ihr gemein haben, und die also mit ihr zu gleicher Art können
-gerechnet werden. Ein Schertz auf den man sich lange besint, muß
-demnach unglücklich gerathen. Er beweißt, daß unser Witz lange nicht
-diejenige Munterkeit besitzt, die erfodert wird, wenn ein feuriger
-Schertz, unmittelbar auf solche Vorstellungen folgen soll, die von
-gantz anderer Art sind. Nein, ein glücklicher Schertz muß die Frucht
-eines Witzes seyn, der so hurtig aufgeweckt, und schnell ist, daß
-er nicht genöthiget ist sich lange zu besinnen. Wer sich auf seine
-Schertze lange besinnen muß, wird sich sehr schwer, vor den Ausbruch
-seines Zauderns, und der Anstalten die sein Witz vorkehrt, hüten
-können. Dem Zuhörer wird die Zeit unterdessen lang werden. Komt endlich
-der Schertz zur Welt, so wird er entweder nicht neu genug seyn, oder
-die Hofnung des Zuhörers betrogen haben. Einem langsamen Witze geräth
-sehr selten ein Schertz. Der Schertz der glück<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>lich seyn soll, muß so
-schleunig in der Seele des schertzenden klar werden, daß er selbst
-dadurch in eine Art der Verwunderung gesetzt wird. Diese Verwunderung
-wird dem schertzenden eine Lebhaftigkeit, und Dreistigkeit geben, ohne
-welche der Vortrag des Schertzes elend werden muß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_58">§. 58.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wer glücklich im Schertzen seyn will, der hüte sich seine Spasse
-nicht vorher auszudencken. Wer den Spaß vorher erdenckt, und sich auf
-denselben vorbereitet, der geht so lange damit schwanger, bis er ihn
-vorgetragen hat. Die gantze Reihe der Vorstellungen, von der Zeit an,
-da er den Schertz erdacht, bis auf den Zeitpunct da er vorgetragen
-werden soll, ist entweder mit dem Schertze ausgefüllt, oder doch mit
-sehr ähnlichen Vorstellungen. Es ist demnach nothwendig daß der Spaß
-mißlingen muß. <a href="#Par_57">§. 57.</a> <b>Cicero</b> merckt diesen Fehler auch an, er
-sagt <b>im andern Buche vom Redner</b>: <span class="antiqua">quia meditata videntur minus
-ridentur</span>. <b>Quintilian im sechsten Buche</b>, fodert gleichfals,
-daß man sich auf den Schertz nicht vorbereiten müsse. Er sagt: <span class="antiqua">ne
-praeparatum &amp; domo allatum videatur, quod dicimus</span>. Wer sich auf
-den Schertz vorbereitet, kan unmöglich die anständige Dreistigkeit
-behalten, die zum Vortrage eines Schertzes nothwendig ist. Man wirds
-ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> an den Augen ansehen, daß er einen Spaß auf den Hertzen hat,
-den er gern an Mann bringen möchte. Er wird mit einer ängstlichen
-Sehnsucht, die er nicht verbergen kan, die Zeit erwarten, da er seinen
-Schertz vortragen will. Kan also der Schertz wohl neu genug seyn, in
-Absicht auf den schertzenden und den Zuhörer? Und das ist doch ein so
-nöthiges Stück zu einem feurigen Schertze. Uberdem, kan ja derjenige
-der sich auf einen Schertz vorbereitet, nicht jederzeit vorhersehen,
-ob er sich zu den Umständen, in welchen er sich befinden wird, genau
-schicken wird. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß ein vorbereiteter
-Schertz zur Unzeit angebracht wird, und das werde ich als einen grossen
-Fehler im folgenden vorstellen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_59">§. 59.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Soll man sich auf einen Schertz gar nicht vorbereiten, so muß man
-auch die Umstände nicht mit Fleiß so einrichten, damit man den Spaß
-anbringen könne. Die Gelegenheit zu schertzen, muß sich selbst
-darbiethen, und wir müssen nichts weiter thun als sie ergreiffen. Es
-verrathen also alle diejenigen die Mattigkeit ihres Witzes, welche,
-wenn sie einen Vortrag thun sollen, oder in eine Gesellschaft sich
-begeben, ihre Rolle, in so fern sie die schertzhafte Person seyn
-wollen, vorher auswendig lernen. Sind sie nun überdies zu ungeduldig,
-die Zeit zu erwarten<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> in welcher sie ihren Spaß anbringen können und
-bereiten sie sich selbst die Gelegenheit zu ihrem Schertze, so wird
-dieser Fehler noch mercklicher, und ihr Schertz wird matt und frostig
-seyn. Ich leugne nicht daß es nicht manchmal solte möglich seyn zu
-verhindern, daß der Zuhörer die Vorbereitung zum Spasse mercke. Ich
-sage nur, daß dieses sehr schwer sey, und in den mehresten Fällen
-mislingen müsse. Der Spaß behält überdies doch einen Fehler, der nur
-von andern darin verschieden ist, daß er bisweilen nicht gesehen wird.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_60">§. 60.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Aus dem was ich bisher gesagt erhellet, warum die Schertze die man in
-den Antworten auf vorgelegte Fragen vorträgt so sehr gefallen. Weil wir
-nicht haben vorher sehen können, was uns ein anderer fragen werde, so
-ist nicht die geringste Vermuthung vorhanden, daß wir unsern Schertz
-vorher ausgedacht haben. Ein solcher Schertz, wenn er sonst nicht zu
-frostig ist, muß also feuriger seyn, als alle diejenigen, die man
-ohne gefragt zu werden vorträgt, weil wir in den wenigsten Fällen den
-Verdacht der Vorbereitung von uns ablehnen können. <b>Cicero</b> hat
-eben diese Schönheit angemerckt, er setzt, an oft gedachten Orte, den
-Grund hinzu: <span class="antiqua">nam &amp; ingenii celeritas maior<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> est quae apparet in
-respondendo, &amp; humanitatis est responsio.</span></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_61">§. 61.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die sechste Schönheit der Schertze <a href="#Par_25">§. 25.</a> entsteht daher, wenn er von
-vielen Vorstellungen anderer Art, die in den Gemüthern einen grossen
-Eindruck haben, begleitet wird. Man verstehe dieses nicht nur von
-den schertzenden selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Jener muß
-seinen Kopf sonst voller Gedancken haben, die bey nahe seine gantze
-Aufmercksamkeit beschäftigen, und die mit dem Schertze nichts, oder
-doch sehr wenig gemein haben. Er muß mitten unter diesen Vorstellungen
-seinen Schertz erdencken. Die Zuhörer müssen in gleichen Umständen
-ihres Gemüths stehen. Die Seele der Zuhörer muß einer Schaubühne gleich
-seyn, und der Schertz einer Zwischenfabel in einen theatralischen
-Stücke. Bey so gestalten Sachen, ist es sehr wahrscheinlich, daß kein
-anderer den schertzhaften Einfall haben wird, den der schertzende hat.
-Der Schertz wird also vollkommen neu, und unerwartet seyn. Er wird eine
-Lebhaftigkeit besitzen, die ihm unter ähnlichen Gedancken fehlen würde,
-und die Verschiedenheit der übrigen Gedancken wird seinen Glantz um
-ein merckliches erhöhen. Diese Schönheit wird noch mehr erhalten, wenn
-man schertzt zu der Zeit, da wir und unsere Zuhörer mit vielen andern
-Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>dancken beschäftiget sind, die den schertzhaften Gedancken entgegen
-gesetzt sind. <span class="antiqua">Opposita iuxta se posita magis elucescunt</span>, ist
-eine viel zu bekannte Regel, als daß ich den vorhergehenden Gedancken
-zu beweisen für nöthig halte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_62">§. 62.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein feuriger Schertz muß demnach gantz unvermuthet und unerwartet
-seyn. Es muß weder in unsern vorhergehenden Gedancken <a href="#Par_56">§. 56.</a> noch in
-denjenigen, die wir zu gleicher Zeit haben, eine merckliche Vermuthung
-des Schertzes vorhanden seyn. Eine Sache die wir vermuthen und
-erwarten, sehen wir vorher; wird sie würcklich, so kan sie unmöglich
-gantz neu seyn. Ein erwarteter Schertz kan demnach unmöglich so feurig
-seyn, als ein unerwarteter, weil jener nicht so neu ist als dieser.
-Wenn man gantz unerwartete Schertze vorträgt, so überfällt man den
-Zuhörer, man läßt ihm nicht viel Zeit nachzudencken, und es muß ihm ein
-Schertz gefallen, der sonst nicht eben zu viel Feur besitzt. Man kan
-sagen, daß das unerwartete in einem Schertze, ein Mittel sey, viele
-andere Fehler des Schertzes zu verbergen. Wenn der Zuhörer unsern
-Schertz erwartet, so macht er eine Zurüstung die uns gefährlich ist.
-Er samlet die gantze Macht seiner Beurtheilungskraft, und er hat ein
-Recht was ausnehmendes zu erwarten. Er stellt sich schon zum<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> voraus
-manches artige von unsern Schertze vor. Und da müssen wir ihm entweder
-einen ausnehmend feurigen Schertz vortragen, oder wir betrügen seine
-Hofnung, und er verwandelt sein Vergnügen, so er uns zugedacht, in eine
-Verachtung und hönisches Lachen. Man hüte sich also andern auf unsere
-Schertze Hofnung zu machen. Wir können sonst nicht verhüten daß unsere
-Zuhörer dencken</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu?</div>
- <div class="verse">Parturient montes, nascetur ridiculus mus.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Es gilt hier eine Art eines gewissen Betrugs. Man hintergehe seine
-Zuhörer. Man mache ihnen zu gantz andern Dingen Hofnung, und ehe
-sie sichs versehen betrüge man sie. Man sage ihnen das nicht worauf
-sie gewartet, sondern vielmehr den Schertz, den sie nicht erwartet.
-<b>Cicero</b> steht in den Gedancken, als wenn das Vergnügen, so aus
-einem solchen Betruge bey dem Zuhörer entsteht, daher rühre, weil uns
-unser eigener Irrthum belustiget. Ich bin gantz anderer Meinung. Ein
-Irthum bleibt eine Unvollkommenheit, die uns nicht belustigen kan, in
-so fern sie ein Irthum ist. Der Irthum macht nur, daß uns der Spaß
-gantz unerwartet und unvermuthet vor<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>getragen wird, und das ists was
-uns bey demselben gefält.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_63">§. 63.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wer also im Schertzen glücklich seyn will, muß sichs durchaus vorher
-nicht mercken lassen, daß er spassen will. Ich rede nicht von einem
-Fehler, den man ohnedem selten antrift. Ich meine, wenn es jemand
-vorher sagen wolte, daß er schertzen wolte. Wer seinen Schertz mit
-ausdrücklichen Worten ankündiget, kan nicht schertzen, und begeht
-einen abgeschmackten Fehler. Sondern ich bemercke hier einen Fehler
-der häufiger ist. Man kan es manchem spaßhaften Kopfe schon zum voraus
-ansehen, daß er spassen will. Er gewöhnt sich gewisse Gesichtszüge
-an, die jederzeit vor seinem Schertze vorhergehen. Er kan nicht
-eher spassen, ehe er nicht sein Gesicht in gewisse dazu ausgesuchte
-Falten gelegt hat. Sie mögen beschaffen seyn wie sie wollen, so wird
-der Schertz dadurch verdorben, wenn der Zuhörer daher den Schertz
-prophezeyen kan. Ich rechne dahin den Fehler, wenn ein schertzhafter
-Kopf sich erst vorher selbst satt lacht, ehe er andere zu lachen machen
-will. Ein solcher Mensch verdirbt seinen gantzen Spaß, wenn er die
-Früchte desselben selbst vorher einerntet, und die Zuhörer haben keine
-Ursach seinen Spaß zu belohnen, weil er sich die Bezahlung für seine
-Mühe selbst genommen hat.<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Vorher muß niemand lachen. Ob man aber
-bey dem Schertze, oder nachher, auch lachen dürffe, will ich unten
-beurtheilen. Genug, daß ich erwiesen habe, ein schertzhafter Kopf müsse
-sichs vorher durch nichts, was es auch sey, mercken lassen, daß er
-schertzen wolle.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_64">§. 64.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Aus dem vorhergehenden ist klar, daß die Schertze, wenn sonst das
-übrige seine Richtigkeit hat, gerathen müssen, welche Zuhörern
-vorgetragen werden, die mit vielen ernsthaften Gedancken beschäftiget
-sind. Das ernsthafte ist ja dem schertzhaften entgegen gesetzt, und ein
-schertzhafter Kopf der diese Gelegenheit ergreift, folgt der Regel des
-<b>Horatz</b></p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Misce stultitiam consiliis breuem.</div>
- <div class="verse vright"><i>Carm. L. III. od. XII.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">und bringt seinen Spaß mitten unter Vorstellungen vor, die von gantz
-verschiedener Art sind. Geht seine Geschicklichkeit noch weiter, und
-kan er mitten unter betrübten und traurigen Gedancken schertzen, so
-erhält sein Spaß noch eine grössere Schönheit von dieser Seite. Die
-Verminderung der Traurigkeit ist immer was angenehmes, und die Lust
-die eine Betrübniß verdrengt, oder mindert, ist durchdringender. Ein
-Schertz der dergestalt vorgetragen wird daß er</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"> - &emsp; - &emsp; - &emsp; - &emsp; amara laeto</div>
- <div class="verse">temperet risu &emsp; - &emsp; -</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Carm. L. II. od. XVI.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">muß viel angenehmer seyn, als ein anderer, wenn er anders nicht aus
-einem leichtsinnigen und fladderhaften Gemüth entsprungen. Ein Mensch
-der alsdenn schertzen kan, wenn ihm ein Glied abgelößt wird, muß gewiß
-einen sehr lebhaften und starcken Witz besitzen. Das, deucht mich,
-ist der Grund, warum diejenigen Köpfe, die in ihrer Todes Stunde noch
-gespaßt haben, als witzige Köpfe bewundert werden. <b>Socrates</b>,
-<b>Adrian</b> der Kayser, <b>Margaretha von Oesterreich</b>, und
-andere, geben hier, wenn man den Erzählungen von ihnen glaubt, Exempel
-an die Hand.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_65">§. 65.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ernsthafte Gedancken in der Seele die Oberhand haben, so muß das
-Gesicht natürlicher Weise ernsthafte Züge behalten. Herrschen aber die
-schertzhaften Gedancken, so muß man sich mit Gewalt zwingen, das Lachen
-zu verbeissen. Ein Mensch, der bey dem Vortrage seines Schertzes,
-gar keine Ernsthaftigkeit behält, beweißt also, daß der Schertz in
-seiner Seele herrsche. Folglich hat er nicht diejenige Vollkommenheit
-seines Witzes, vermöge welcher er, mitten unter starcken Gedancken von
-anderer Art, schertzen kan, und er macht dadurch seinen Schertz matter.
-Wer recht glücklich scher<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>tzen will, bey dem muß mitten im schertzen
-die Ernsthaftigkeit in der Seele, und in dem Gesichte, die Oberhand
-behalten. Ich sage nicht daß er finstere und saure Minen machen soll,
-das ist ein Fehler von dem ich unten reden werde. Die Ernsthaftigkeit
-muß nur stärcker bleiben, als das Gegentheil. Man muß von ihm sagen
-können</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Incolumi grauitate iocum tentauit.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Kurtz, derjenige der schertzt, muß im Schertzen bey nahe ein
-<b>Crassus</b> seyn, <span class="antiqua">qui cum omnium esset venustissimus &amp;
-vrbanissimus, omnium grauissimus &amp; seuerissimus &amp; erat &amp; videbatur</span>,
-nach dem Zeugniß des <b>Cicero im andern Buch vom Redner</b>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_66">§. 66.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Hieraus läßt sich ein Fehler beurtheilen, den man bey manchen
-spaßhaften Köpfen antrift. Ihr scharfsinniger Witz ist den Körpern
-ähnlich, die nicht eher in Bewegung gerathen, bis sie von andern
-angestossen worden. Ihr Witz schläft so lange, bis ein anderer anfängt
-zu schertzen, und alsdenn werden sie auch rege. Sie leiten aus einem
-Schertze, den sie gehört, andere her. Und man kan sagen, daß ein
-feuriger Witz viele andere erwärmen und erhitzen könne. Man darf sich
-nicht wundern, daß demjenigen, der den herrschenden Witz in solchen
-Fällen<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> hat, seine Schertze gelingen, denn er bringt sie mitten unter
-verschiedenen Gedancken vor. Seine Affen aber haben das Glück nicht.
-Sie tragen ihre Schertze alsdenn erst vor, wenn die Gesellschaft
-schon aufgeräumt worden, und sie kommen mit ihren Einfällen zu spät.
-Ein anderer hat schon die besten Früchte eines Schertzes genossen,
-und ihnen bleibt nur die Nachlese übrig, die bisweilen mager genug
-ist. Dahin können auch die Schertze gerechnet werden, die in den
-stillen Gesellschaften vorgetragen werden. Es scheint, daß manche
-Zusammenkünfte nur gehalten werden, um einander anzusehen, und von
-Gedancken auszuruhen. Eine solche Gesellschaft von Seulen, kan sehr
-leicht durch den frostigsten Einfall ergötzt werden. Sie dencken wenig
-oder nichts, und eine Kleinigkeit kan ihre gantze Seele einnehmen. Ein
-Schertz aber, der alsdenn belacht wird, ist auf dieser Seite sehr mat.
-Der schertzende und die Zuhörer dencken ausser dem Schertze weiter
-nichts, und also mangelt ihm die Schönheit die ich bisher ausgeführet
-habe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_67">§. 67.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich komme nunmehr auf die siebende Vollkommenheit der Schertze <a href="#Par_25">§. 25.</a>
-Ein feuriger Schertz muß eine sehr grosse und vollkommene sinliche
-Vorstellung seyn. Oder, er muß alle Vollkommenheiten einer sinlichen
-Vorstellung, in einem mercklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Grade, besitzen. Ich bin nicht
-willens, alle einzelne Vollkommenheiten eines sinlichen Gedanckens
-durchzugehen. Das würde für meine jetzige Absicht zu weitläuftig seyn.
-Ich will mich begnügen, die vornehmsten, und wenn ich so reden soll
-die Grund-Vollkommenheiten der sinnlichen Erkenntniß durchzugehen.
-Die übrigen sind entweder in diesen schon mit begriffen, oder
-können doch mit leichter Mühe daraus hergeleitet werden. Zu diesen
-Hauptvollkommenheiten rechne ich, die Klarheit, die Wahrheit, und das
-Leben. Ich könnte auch die Gewißheit noch hinzuthun. Allein da sie der
-Inbegriff der Klarheit und der Wahrheit ist, so übergehe ich sie ohne
-Schaden. Kurtz, ein feuriger Schertz muß in hohem Grade klar, richtig,
-und lebendig seyn.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_68">§. 68.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Klarheit einer sinlichen Vorstellung wird entweder vermehrt durch
-die geringere Dunckelheit ihrer Theile, oder durch die Menge der Theile
-und Merckmaale, die in ihr enthalten sind. Beyde Vollkommenheiten
-müssen bey einem feurigen Schertze verbunden werden. Die letzte wird
-insonderheit die Lebhaftigkeit genennt. Ein feuriger Schertz muß uns
-sehr vieles auf einmal vorstellen. Er muß unserm Auge die Aussicht
-in ein Feld eröfnen, dessen Ende es vor Menge der Gegenstände nicht
-gewahr werden kan. Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> müssen durch den Schertz von einem Chaos der
-Begriffe überhäuft werden dessen Entwickelung wir entweder vorzunehmen
-nicht Zeit haben, oder in der Geschwindigkeit nicht anzufangen wissen.
-Eine jede dieser Vorstellungen muß zwar nicht völlig klar, aber auch
-nicht vollkommen dunckel seyn. Ich habe nicht nöthig zu zeigen, wie
-diese Schönheit der Schertze könne hervorgebracht werden. Das ist nicht
-nur von meinem jetzigen Zweck entfernet, sondern ich glaube auch,
-daß es nicht eben nöthig sey. Wer nur die Schönheiten der Schertze,
-die ich bisher abgehandelt habe, zu erhalten sucht, sonderlich die
-erste bis zur vierten, der wird in seinem Schertze eine unendliche
-Mannigfaltigkeit hervorbringen. Weiß er sie nun dem Zuhörer dergestalt
-vorzustellen, daß dieser sie gewahr wird, so bekommt sein Schertz die
-nöthige Lebhaftigkeit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_69">§. 69.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Lebhaftigkeit eines Schertzes muß vermindert werden, oder wohl gar
-verlohren gehen, wenn er zu weitläuftig und zu lang ist. Die Kürtze
-desselben ist mit seiner Lebhaftigkeit nothwendig verbunden. Wenn der
-Schertz zu lang ist, so wird er entwickelt und deutlich, er bleibt also
-keine sinliche Vorstellung mehr. Die Theile des Schertzes werden der
-Aufmercksamkeit nach und nach vorgestelt, und man hat Zeit ein Stück
-nach<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> dem andern zu überdencken. Folglich empfinden wir nicht dasjenige
-Licht, und die angenehme Verwirrung, welche durch nichts anders möglich
-ist, als wenn man auf einmal mit Begriffen überhäuft wird. Es verhält
-sich wie mit den Lichtstrahlen. So lange dieselben zerstreut bleiben,
-bringen sie zwar ein Licht hervor, welches aber lange nicht so starck
-und durchdringend ist, als wenn sie durch einen Brenspiegel gesamlet,
-und in einen Punct gedrengt werden. Folglich muß ein Schertz zwar sehr
-vieles in sich fassen, aber dasselbe nicht durch eine weitläuftige
-Vorstellung zerstreuen, sondern mit einemmal dem Gemüth vorstellen.
-Man kan auch mit wenig Worten sehr viel sagen. Wenige Vorstellungen
-sind oft ein Inbegriff unendlich vieler andern. Bey einem Schertze
-muß ungleich mehr gedacht als gesagt werden. Man muß dem Zuhörer nur
-Gelegenheit geben, und dabey zwingen selbst nachzudencken.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Est breuitate opus, vt currat sententia, neu se</div>
- <div class="verse">Impediat verbis lassas onerantibus aures.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. Satt. L. I. Sat. X.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_70">§. 70.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn man die nöthige Klarheit und Kürtze in einem Spasse zu gleicher
-Zeit erhalten will, so muß er sich zu den Umständen,<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> in welchen wir
-uns eben befinden, vollkommen schicken. Zu diesen Umständen rechne ich
-die Personen mit denen wir umgehen nebst allen ihren Umständen, die
-Zeit, den Ort, die Reden und Erzählungen, mit denen die Gesellschaft
-unterhalten wird. Mit einem Wort, den gantzen Zustand in welchen wir
-uns mit unsern Zuhörern befinden. Alle diese Umstände müssen die
-Vignette seyn, und unser Schertz die Devise. Diese Umstände müssen
-also den völligen Grund, die Veranlassung, und die ganze Erklärung
-unseres Scherzes enthalten. Dadurch erhalten wir die Klarheit unseres
-Schertzes. Ein jeder versteht ihn, und unser Schertz kommt so zu
-gelegener Zeit, und er paßt sich so genau, daß wir nicht nur beweisen,
-daß wir den Schertz erst selbst erfunden, sondern wir brauchen auch
-sehr wenig zu sagen, und wir werden doch verstanden. Ueberdies so
-entsteht aus dieser Eigenschaft des Schertzes ein Vergnügen, weil diese
-Uebereinstimmung mit allen Umständen eine Vollkommenheit ist, die den
-Schertz angenehm machen muß.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Dulce est desipere in loco.</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Carm. L. III. od. XII.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Die schönsten Schertze in dieser Art sind ohnfehlbar diejenigen,
-welche sich so genau zu den Umständen schicken, daß sie in keinem
-andern Zustande unverändert können angebracht werden. Denn, da in
-der Welt nicht zwey<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> Zeiten möglich sind die völlig einerley wären,
-so ist es ein Beweiß, daß ein Schertz nicht den höchsten Grad dieser
-Vollkommenheit besitzt, oder daß er nicht allen Umständen völlig gemäß
-ist, wenn er mehr als einmal angebracht werden kan. Ein vollkommen
-glücklicher Spaß kan also nur ein einziges mal angebracht werden,
-wenn er gar nichts von seinem Feuer verliehren soll. Durch diese
-Eigenschaft erhält man auch die Lebhaftigkeit eines Schertzes noch
-auf eine andere Art. Wenn der Schertz so genau mit allen Umständen
-übereinstimmt, so muß der so den Spaß einsieht, den ganzen Umfang
-seines Zustandes sich auf einmal vorstellen. Wie viel, ja unendlich
-viel, enthält nicht unser Zustand in einem jeden Augenblicke? Muß also
-der Schertz dadurch nicht eine unendliche Mannigfaltigkeit erhalten?
-Wider diese Regel versündigen sich alle spaßhafte Köpfe, die zu
-phlegmatisch sind, auf eine lächerliche Art. Sie haben das Unglück,
-von einer gewissen Langsamkeit beherrscht zu werden, vermöge welcher
-sie zur Auswickelung ihrer Gedancken zu viel Zeit brauchen. Der Fluß
-ihrer Umstände ist für sie zu schnell, sie können der Geschwindigkeit
-desselben in ihren Gedancken nicht folgen, und sie sind gezwungen sich
-bey manchen Umständen zu verweilen, die alsdann längst vorbey sind,
-wenn sie sie erst recht gewahr werden. Diese Köpfe kommen mit<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> ihren
-spaßhaften Einfällen immer zu spät. Die Gesellschaft hat das schon
-wieder vergessen, worauf sie ihren Schertz gründen, und sie machen
-sich lächerlich, wenn sie die Gesellschaft nöthigen wollen, ihnen
-zu gefallen sich wieder auf das vorhergehende zu besinnen. Wem erst
-nachher ein Schertz einfält, wenn die Gelegenheit vergangen ist, der
-unterdrücke ihn ja, wenn er anders nicht die Trägheit seines Witzes auf
-eine lächerliche Art verrathen will.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_71">§. 71.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Schertz verliehrt nothwendig seine Schönheit wenn er deutlich ist,
-und in so fern er deutlich ist. Ein jeder deutlicher Begriff führt
-eine Ueberlegung mit sich, durch welche man sich den gantzen Begriff,
-nicht auf einmal, sondern Stückweise, und nach und nach, vorstelt. Ein
-deutlicher Schertz verliehrt die Lebhaftigkeit, die ihn so schön macht.
-Man kan das von allen Schönheiten sagen. So bald wir einen deutlichen
-Begriff von einer Schönheit erlangen, so bald verschwindet das schöne,
-als welches nur in der Verwirrung des Begriffs liegt. Man lasse einen
-Meßkünstler das schönste Gesicht ausmessen, und die Proportionen aller
-Theile und Züge desselben in Zahlen ausdrucken, man lasse ihn die
-Lage aller Theile und Züge nach geometrischen Gründen bestimmen. Ich
-glaube nicht, daß sich jemand in ein solches abge<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>schriebenes Gesicht
-verlieben würde. Man lasse aber eben dieses Gesicht von einem Mahler
-abmahlen, so wird es in seinem völligen Glantze erscheinen. Soll
-also ein Schertz eine schöne sinliche Vorstellung bleiben, so muß er
-nicht durch den Verstand betrachtet werden, so lange er diese seine
-Schönheit behalten soll. Ein Schertz muß nothwendig frostig werden, den
-der schertzende mit einem weitläuftigen Commentarius begleitet. Das
-muß man den Zuhörer selbst überlassen, der mag den Schertz in seinem
-Gemüth so weitläuftig zergliedern, wie er es selbst für gut befindet.
-Es ist auch eine Art der Unverschämtheit, die ein spaßhafter Kopf gegen
-seine Zuhörer blicken läßt, wenn er ihnen seinen Schertz erklärt. Er
-gibt zu verstehen, daß er ihnen nicht Einsicht genug zutraue, die
-Stärcke seines Schertzes zu begreiffen. Es ist eine sehr beschwerliche
-Mode mancher schertzhaften Köpfe, daß sie so gefällig sind, und ihrem
-Zuhörer die Mühe des Nachdenckens überheben wollen. Es schmeckt dieß
-Verhalten zu sehr nach Eigenliebe, und Einbildung, als daß es gefallen
-solte. Ein Schertz der einen Commentarius nöthig hat, oder gleich damit
-versehen wird, ist in beyden Fällen frostig. Noch viel abgeschmackter
-ist ein anderer Fehler, den ich nur beyläufig berühre. Es sind manche,
-die selbst zu schertzen ungeschickt sind, so gefällig gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> die
-Gesellschaft, daß sie die Schertze, die andere in derselben vortragen,
-mit Noten erläutern. Man könnte diese Leute die Scholiasten spaßhafter
-Köpfe nennen. Sie begehen einen doppelten Fehler. Sie beweisen sich
-nicht nur unbescheiden gegen die Gesellschaft, indem sie in der Meinung
-zu stehen den Schein geben, daß sie allein die Stärcke des Schertzes
-begriffen, sondern sie machen auch die Schertze eines andern, so viel
-an ihnen ist, frostig.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_72">§. 72.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Schertz der lebhaft seyn soll muß in einem hohen Grade klar seyn.
-Wenn er demnach dunckel ist, und gar nicht eingesehen wird, so hört
-er auf, ein Schertz zu seyn. Man kan also sagen, daß ein Schertz in
-so fern er dunckel ist, gar kein Schertz sey. Es ist ein Fehler eines
-Schertzes wenn er dunckel ist, und ohne Noten und Commentarius nicht
-verstanden werden kan. Ich sage nicht, daß ein Schertz von allen Leuten
-müsse verstanden werden, denn so müste er gewiß sehr frostig und
-abgeschmackt seyn, weil dieser allgemeine Begriff das Unglück hat, sehr
-abgeschmackte Köpfe unter sich zu begreiffen. Sondern ich behaupte, daß
-ein feuriger Schertz keinem witzigen Kopfe, der die Umstände weiß, in
-welchen er vorgetragen worden, dunckel seyn müsse. Es können dahin alle
-die Schertze gerechnet werden, die gar<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> zu weit hergeholt sind, die gar
-zu sehr erzwungen werden, und bey denen man gar zu viel nachdencken
-muß, ehe man sie einsehen kan. Dieser Fehler hat mannigfaltige
-Ursachen. Wenn ein schertzhafter Kopf seine Schertze nicht nach der
-Gelegenheit einrichtet; wenn in den Umständen gar keiner, oder doch
-ein sehr unmercklicher, Grund zum Schertze vorhanden ist; wenn die
-Gedancken bey dem Schertze, aus welchen die übrigen leicht fliessen,
-verschwiegen werden, und diejenigen vorgetragen werden, aus welchen
-sehr schwer das übrige erkannt werden kan; wenn die Vergleichungsstücke
-sehr klein und unmercklich sind u. s. w. so wird er ausser dem
-Gesichtskreyse der allermehresten Zuhörer angetroffen werden. Ein
-glücklicher Schertz muß ungezwungen seyn, leicht eingesehen werden
-können, und das schertzhafte dergestalt entdecken, daß man dem Zuhörer,
-als der sich gerne belustigen will, nicht die Mühe macht, den Kopf zu
-sehr zu zerbrechen. Es sind manche Köpfe, die mitten in Gesellschaften
-doch allein sind. Sie haben ihre eigenen Reihen der Vorstellungen,
-und wenn ihnen alsdenn was schertzhaftes einfält, so tragen sie es
-ohne Bedencken vor, und wundern sich, wenn andere nicht mitlachen. Sie
-solten erst die Gütigkeit haben, und ihre vorhergehenden Vorstellungen
-vortragen, oder die Gefälligkeit gegen die Gesellschaft be<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>weisen, und
-mit Leib und Seel unter ihr gegenwärtig seyn.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_73">§. 73.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Wahrheit eines Schertzes ist eine so nothwendige Eigenschaft
-desselben, daß man sagen kan, ein falscher Schertz sey gar kein
-Schertz. Ein Schertz, der in einem gantz unrichtigen und falschen
-Gedancken besteht, kan zwar so lange einen Schein und Glantz haben,
-so lange wir in Irrthum stecken. Allein sein Feuer gleicht dem Feuer
-eines Irlichts. So lange man dasselbe von ferne sieht, hält man es
-für ein Feuer dem Scheine nach, betrachtet man es aber in der Nähe,
-so werden wir den Betrug gewahr. Man kan also sagen, daß ein Schertz,
-der in einem falschen Gedancken besteht, kein dauerhaftes Feuer habe.
-Sein Feuer verschwindet, so bald wir unsern Irthum gewahr werden.
-Ein falscher Gedancke ist ja eigentlich kein Gedancke, er ist ein
-Blendwerck, ein Hirngespinst, das man nicht zu genau und zu nahe
-betrachten muß, wenn man es lange besitzen will. Könnte also wol ein
-Schertz in der That ein Schertz, oder wol gar ein feuriger Schertz
-seyn, der in einem falschen Gedancken besteht? Nichts weniger als
-das, er ist ein Scheinschertz, der keinen Grund keine Dauer bey der
-Probe behalten kan. Ich sage also, daß ein feuriger Schertz in einem
-wahren und richtigen Gedancken bestehen müsse. Da nun der Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>dancke,
-der den Schertz unmittelbar und zunächst ausmacht, die Vorstellung
-der Uebereinstimmung verschiedener Dinge ist, so wird zur Wahrheit
-des Schertzes nicht nur erfodert, daß die Dinge, die wir uns als
-verschieden vorstellen, in der That diese Verschiedenheit haben,
-sondern, daß sie auch in den Stücken mit einander übereinkommen, nach
-welchen wir sie vergleichen. Ein Schertz muß also im Grunde frostig
-seyn, wenn er uns Dinge als verschieden vorstelt, in so ferne sie
-entweder gar nicht, oder doch nicht so wie wir sie uns vorstellen
-verschieden sind; und wenn er uns Dinge als übereinstimmig vorstelt,
-in so ferne sie entweder gar nicht, oder doch nicht so wie wir sie uns
-vorstellen, übereinkommen. Kurtz, ein feuriger Schertz muß uns solche
-Uebereinstimmungen und Verschiedenheiten vorstellen, die den Dingen
-würcklich zukommen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_74">§. 74.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Meine Meinung von der Wahrheit der Schertze, die ich in dem
-vorhergehenden Absatze vorgetragen, widerspricht den Kunstrichtern
-nicht, welche den Unwahrheiten in den Schertzen einen Platz verstatten.
-<b>Cicero</b> gehört dahin, welcher <b>im andern Buch vom Redner</b>
-sagt: <span class="antiqua">Perspicitis hoc genus quam sit facetum, quam elegans, quam
-oratorium, siue habeas vere quod narrare possis, quod tamen est
-mendaciunculis asper<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>gendum, siue fingas.</span> Diese Kunstrichter
-betrachten den Schertz auf eine gantz andere Art. Wenn man von
-Schertzen redet, so versteht man entweder die Dinge die man vergleicht,
-worüber man schertzet, und von denen man den Schertz entlehnt; oder
-man versteht den Gedancken selbst in welchen das schertzhafte besteht,
-die Vergleichung verschiedener Dinge. In der letzten Absicht muß,
-meines Erachtens, kein unrichtiger Gedancke, und wenn er auch ein
-<span class="antiqua">mendaciunculum</span> wäre, in dem Schertze vorkommen. In der ersten
-Absicht muß man anders urtheilen. Da können also die Dinge womit man
-schertzet, auch wahr seyn, oder sie sind falsch und erdichtet. Wenn
-diese Dinge auch wahr sind, so ist der Schertz durch und durch wahr,
-und enthält nicht den geringsten unrichtigen Gedancken, und diese
-Wahrheit nennet man die unbedingte Wahrheit eines Schertzes.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_75">§. 75.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die bedingte Wahrheit eines Schertzes besteht darin, wenn die Dinge,
-womit man schertzet, falsch, erdichtet und unrichtig sind, wenn aber
-dem ohnerachtet der Schertz die <a href="#Par_73">§. 73.</a> erfoderte Wahrheit hat. Der
-schertzende und seine Zuhörer, können entweder durch einen Irrthum
-diese Dinge auch für wahr halten, oder sie könnens wissen, daß sie
-falsch sind, und diese Dinge erdichten. Zu jenen gehören die Schertze
-welche die Heyden von<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> ihren Gottheiten und andern Fabeln entlehnt
-haben. Dahin man den berühmten Spaß mit der <b>Diana</b> rechnen
-kan, den man bey den alten antrift. In der Nacht, da der Tempel der
-<b>Diane</b> zu <b>Ephesus</b> verbrante, wurde <b>Alexander der
-grosse</b> gebohren. Man fragte warum <b>Diane</b> ihren Tempel
-nicht gerettet, und man bekam zur Antwort, weil sie nicht zu Hause
-gewesen, sondern der <b>Olympias</b> bey der Geburt beystehen müssen.
-Diese Schertze die eine bedingte Wahrheit haben, kan man durchaus
-nicht verwerffen, man müste denn allen Fabeln und Erdichtungen alle
-Schönheiten absprechen. Nein, wenn ein solcher Schertz nur die <a href="#Par_73">§. 73.</a>
-angeführte Wahrheit hat, so kan er überaus feurig seyn. Nur müssen
-dabey die Regeln einer guten Fabel und Erdichtung beobachtet werden.
-Ein Schertz, der eine bedingte Wahrheit hat, muß den Regeln völlig
-gemäß seyn, die man in der Dichtkunst von der Wahrscheinlichkeit der
-Fabeln gibt. Ich habe demnach nicht nöthig Regeln davon zu geben. Man
-beobachte nur die Vorschrift des <b>Horatz</b>:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ficta voluptatis causa sint proxima veris.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_76">§. 76.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Meinem Urtheil nach, gebe ich doch einem Schertze der unbedingt wahr
-ist, den Vorzug vor denjenigen, die nur unter ge<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>wissen Bedingungen
-wahr sind. Ich habe darzu verschiedene Ursachen. Eine jede Unwahrheit
-ist doch ein unvollkommener Gedancke als eine Wahrheit. Ein Schertz
-mag so feurig seyn wie er will, wenn er nur unter Bedingungen wahr
-ist, so hat er keine wahren und richtigen Gründe, worauf er beruht.
-Ueberdem so scheint mir der Witz nicht so starck zu seyn, der sich
-den Stoff zu spassen erdichtet. Er kan nach seinem Gefallen dichten,
-weglassen, und hinzuthun was ihm gefält, folglich ist es kein Wunder,
-daß ihm sein Schertz gelingen muß. Es scheint überdies, als wenn ein
-solcher spaßhafter Kopf seinen Schertz vorher ausdenckt, und alsdenn
-erst die Materialien dazu erfindet. Er scheint einem Menschen ähnlich
-zu seyn, der seinen Vortrag erst ausarbeitet, und hernach den Text
-dazu aussucht. Gantz anders verhält sichs im entgegen gesetzten Falle.
-Unser Witz ist alsdenn schlechterdings an die Sachen gebunden, er muß
-in der Geschwindigkeit sich so zu biegen wissen, daß er auf die Dinge
-paßt, denn es wird nichts seinem Willkühr überlassen. Ich gebe gerne
-zu, daß ein Schertz der eine bedingte Wahrheit hat, bisweilen unendlich
-feuriger seyn kan, als ein anderer, sonderlich wenn der schertzende
-die Dinge nicht selbst erdichtet, sondern schon längst bekannte Fabeln
-braucht. In diesem letzten Falle, gibt er einem schlechterdings
-richtigen<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Schertze sehr wenig nach. Ich sage nur, wenn zwey Schertze
-sonst vollkommen gleich sind, und der eine ist unbedingt wahr, der
-andere aber nur unter gewissen Bedingungen, so ist der erste feuriger
-als der andere. Ein Witz, der in dem Reiche der Wahrheiten keinen
-Stoff zum Schertze finden kan, scheint mir nicht durchdringend und
-scharfsichtig genug zu seyn, als zu einem recht feurigen Witze nöthig
-ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_77">§. 77.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Leben der Erkenntniß besteht in dem Vergnügen oder Verdrusse, so
-damit verbunden ist. Soll also ein Schertz lebendig genug seyn, so muß
-er entweder Vergnügen, oder Verdruß bey den Zuhörern erwecken. Das
-letzte wolte ich eben nicht sagen. Ich will balde erweisen, daß das
-Lachen über einen feurigen Schertz aus Vergnügen entstehen müsse. Ich
-gebe zu, daß die Personen über die man schertzt verdrieslich werden
-können, wenn sie lächerlich gemacht werden. Es kan auch seyn, daß durch
-unsern Schertz, mittelbar ein Verdruß verursacht wird, wenn wir zu dem
-Ende etwas durch unsern Schertz lächerlich gemacht haben, damit es
-unsere Zuhörer verabscheuen sollen. Dem sey wie ihm wolle, so nehme
-ich an, daß das Lachen, welches wir zunächst durch unsern Schertz
-hervorzubringen suchen, mit Vergnügen verbunden seyn müsse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Non satis est pulcra esse poemata: dulcia sunto</div>
- <div class="verse">Et quocunque volent, animum auditoris agunto.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ich sage eben das von einem feurigen Schertze. Erweckt er in unsern
-Zuhörern Vergnügen und Lust, so hören sie uns gerne zu, wir machen
-sie uns geneigt, und sie sind uns Danck schuldig, daß wir ihnen so
-was vergnügtes vorgesagt haben. Je mehr Vergnügen ein Schertz also
-verursacht, je mehr angenehme Gemüthsbewegungen dadurch erregt werden,
-desto feuriger ist er.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_78">§. 78.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Vergnügen entsteht aus der anschauenden Erkenntniß einer
-Vollkommenheit. Das Vergnügen, so durch einen Schertz verursacht wird,
-entsteht demnach entweder aus dem Gefühl seiner formellen Schönheit,
-oder seiner Materiellen. Von dem ersten rede ich jetzo, und das
-scheint eine natürliche Frucht und Würckung eines feurigen Schertzes
-zu seyn. Wenn ein Schertz einen hohen Grad der Schönheit besitzt,
-wenn wir denselben dergestalt vortragen, daß der Zuhörer die gantze
-Schönheit des Schertzes begreift und fühlt, so muß er ihm gefallen
-und ein Vergnügen in ihm verursachen. Ein Schertz der kein Vergnügen
-verursacht, muß entweder nicht feurig genug seyn, oder von<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> dem
-Zuhörer, aus seiner eigenen Schuld, nicht begriffen werden, oder der
-Zuhörer muß ein Klotz seyn. In dem ersten Falle ist die Mattigkeit des
-Schertzes eine Häßlichkeit desselben, und es ist daraus klar, daß ich
-mit Grunde fodere, daß ein feuriger Schertz nicht nur lebendig seyn,
-sondern auch keinen Verdruß zunächst verursachen müsse. Zu gleicher
-Zeit erhellet, daß ich nicht nöthig habe, besondere Regeln von dem
-Leben eines Schertzes zu geben, weil ein Schertz der sehr feurig ist
-und den Regeln, die ich bisher ausgeführt habe, gemäß ist, nothwendig
-reizend seyn muß. Ein Schertz der von einem lebhaften feurigen und
-muntern Kopfe, mit kaltem Blute kan angehöret werden, oder wol gar mit
-Widerwillen, muß sehr frostig seyn, wenn anders keine andere Ursach zum
-Verdrusse kan angegeben werden.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3">male si - &nbsp; - loqueris</div>
- <div class="verse">Aut dormitabo, aut ridebo.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_79">§. 79.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe zur achten Vollkommenheit eines feurigen Schertzes, die
-Geschicklichkeit desselben, ein Lachen zu verursachen, angenommen.
-<a href="#Par_25">§. 25.</a> Ich habe schon einmal erinnert, daß meine Meinung nicht darin
-besteht, als wenn ein Spaß würcklich müsse mit einem lachen begleitet
-werden, noch viel weniger werde ich die Grösse des Lachens bey einem
-Zuhö<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>rer, zum Merckmal der Grösse und Stärcke eines feurigen Schertzes,
-annehmen. Es kan jemand eine so ernsthafte Gemüthsfassung besitzen,
-daß er entweder gar nicht, oder doch sehr selten lacht; dieser wird
-auch über den feurigsten Schertz nicht lachen, ob er gleich noch so
-sehr dazu gereitzt wird. Mancher kan einen sehr heftigen Trieb zum
-lachen fühlen, und doch aus überwiegenden Gründen sich zwingen nicht zu
-lachen. Jener lacht über Kleinigkeiten, über ein Nichts, daß ihm der
-Othem vergeht, dieser lächelt nur bey den allerlächerlichsten Dingen.
-Ich sehe mich also genöthiget, die Schönheit eines Schertzes, die aus
-dem Verhältniß desselben zum lachen entspringt, nur darin zu setzen,
-daß er etwas belachenswürdiges enthalte, und dergestalt eingerichtet
-sey, daß ein Mensch der gerne und leicht, doch nicht ohne Grund, lacht,
-durch denselben zu einen starcken lachen sehr starck bewegt werde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_80">§. 80.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man kan aus und mit Verdruß lachen, man kan aber auch aus Vergnügen
-lachen, und das Lachen kan unser Gemüth dergestalt aufheitern, daß
-dadurch alle bange Ernsthaftigkeit aus der Seele vertrieben wird.
-Man kan sagen, daß ein solches Lachen den Winden ähnlich sey, die
-die Wolcken zertheilen, vertreiben, und den Himmel aufheitern. Ein
-solches lachen ist eine so starcke Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> des Gemüths, die fähig
-ist, der Seele eine Munterkeit und aufgeräumtes Wesen zu geben, so
-der Betrübniß entgegengesetzt ist. Man wird mir ohne Schwierigkeit
-einräumen, daß die letzte Art des lachens diejenige sey, die durch
-einen Schertz muß gesucht werden. Der Schertz muß das Gemüth auf eine
-angenehme Art erschüttern, und die verwirrte Bewegung verursachen, die
-wir das Lachen nennen. Wenn man jemand zu einem verdrieslichen Lachen
-zwingt, so werden wir wenig Danck verdienen. Er wird sich wider uns
-rüsten, und alle seine Kräfte samlen uns zu widerstehen. Er wird unserm
-Schertze den Eingang verwehren, und wir werden ihm mit unsern Schertzen
-zur Last werden. Ueberdem müste es ein elender Spaß seyn, der wenig
-Schönheit haben würde, wenn er dem Zuhörer nicht zugleich vergnügen
-könnte. Es scheint überdies das Vergnügen eine nothwendige Verbindung
-mit dem Schertze zu haben, weil wir alsdenn am wenigsten zu schertzen
-im Stande sind, wenn wir nicht aufgeräumt, sondern mißvergnügt sind.
-Noch einmal, ein feuriger Schertz muß geschickt seyn, ein lachen zu
-verursachen, das von einem starcken sinlichen Vergnügen begleitet wird.
-Ich erinnere nur noch das einzige, daß ich nicht behaupte, als wenn ein
-Lachen möglich wäre mit welchem gar kein Vergnügen verbunden ist, ich
-behaupte nur, daß manch<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>mal mit dem Lachen ein Verdruß verbunden seyn
-kan, der grösser und stärcker ist, als das Vergnügen so zugleich dabey
-angetroffen wird.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_81">§. 81.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man kan sagen, daß es eine schwere Untersuchung sey, den Ursprung
-des Lachens, nach allen seinen Stücken, auseinander zu setzen. Das
-Lachen ist eine so verworrene und, aus unendlich vielen andern,
-zusammengesetzte Veränderung, daß man Ursach zu zweiffeln hat, ob man
-dieselbe so deutlich erklären könne, als andere Veränderungen die
-bey uns vorgehen. Ich übergehe die Bewegung des Körpers, die mit dem
-Lachen verbunden ist. Ich will nur bestimmen, woher die Veränderung
-der Seele entsteht, wenn sie über etwas lächerliches lacht, denn das
-ist dasjenige lachen, so durch einen Schertz verursacht werden soll.
-Lächerlich sind alle Ungereimtheiten die man in Kleinigkeiten bemerckt.
-Das Lachen entsteht also aus der Beobachtung einer Ungereimtheit in
-Kleinigkeiten. <b>Cicero</b> sagt <b>im andern Buche vom Redner</b>:
-<span class="antiqua">Locus autem &amp; regio quasi ridiculi turpitudine &amp; deformitate quadam
-continetur, haec enim ridentur vel sola, vel maxime, quae notant
-&amp; designant turpitudinem aliquam non turpiter</span>. Es wird leicht
-zu erweisen seyn, daß eine jede Häßlichkeit etwas ungereimtes oder
-wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>sprechendes enthalte, indem die Natur alsdenn von den Regeln der
-Vollkommenheit abweicht, worin ihre Maximen bestehen, wenn sie etwas
-häßliches in ihren Wercken hervorbringt. <b>Cicero</b> bemerckt an
-eben dem Orte, daß man weder über eine gar zu grosse Häßlichkeit noch
-Schandthat lache. Die erste bewegt zum Mitleiden, die andere zum Zorn
-und Abscheu. Folglich würde ein solches Lachen mit einem überwiegenden
-Verdrusse verbunden seyn. Man thue hinzu, daß man, wenn man grosse
-Dinge lächerlich macht, sein leichtsinniges Gemüth verräth, eine
-Beschaffenheit die abermals einem guten Geschmacke Verdruß erwecken
-muß. Ich habe demnach mit Grunde annehmen können, daß, wenn man
-andre mit Vergnügen zu lachen machen will, man in Kleinigkeiten eine
-Ungereimtheit oder Widerspruch entdecken müsse.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_82">§. 82.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ein Schertz also kräftig zum Lachen reizen soll, so muß er einmal,
-von Kleinigkeiten handeln, es mögen nun sittliche Dinge seyn oder bloß
-natürliche. Man nennt sie Kleinigkeiten aus verschiedenen Gründen, die
-ich nicht nöthig habe anzuführen. Ich bemercke nur daß es Dinge seyn
-müssen, die weder an sich betrachtet, noch in Absicht auf ihre Folgen,
-von grosser Wichtigkeit sind. Die Ungereimtheit die man entdeckt, kan
-überhaupt die Abweichung einer Sache von ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> Regeln seyn. Diese
-Regeln mögen nun moralisch oder nicht moralisch seyn, genug, wenn die
-Sache nur als regelloß, widersinnisch und häßlich vorgestelt wird. Je
-mehr solcher Unrichtigkeiten entdeckt werden, desto lächerlicher wird
-die Sache. Ich thue nicht ein Wort mehr hinzu, weil ich schon mehr als
-einmal erinnert habe, daß ich keine Wissenschaft der Schertze schreibe.
-Genug, daß ich nunmehr die Gründe habe, woraus ich verschiedene
-Unvollkommenheiten bey den Schertzen entdecken kan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_83">§. 83.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein jeder feuriger Schertz ist werth, daß er mit lachen angehört wird.
-Man hüte sich aber daß man nicht alles, was lächerlich und belachens
-werth ist, für einen Schertz halte. Noch viel weniger kan alles
-das was ein lachen verursacht ein Schertz seyn. <span class="antiqua">Non sunt omnia
-ridicula faceta. <i>Cic. de Orat. L. II.</i></span> In einem Schertze, wenn
-er feurig seyn soll, muß das formelle, die Vergleichung verschiedener
-Dinge, der sinreiche und scharfsinnige Gedancke, den Grund zum lachen
-enthalten. Liegt dieser Grund in etwas anders, so kan es entweder gar
-kein Schertz genennt werden, oder er muß überaus frostig seyn. Alle
-diejenigen lustigen Herrn, die einen armseeligen Witz besitzen, mögen
-sich also ja in acht nehmen, sich einzubilden, daß sie spaßhafte Köpfe
-sind, wenn sie keinen andern<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Grund dazu anzugeben wissen, als weil
-sie geschickt sind andere zum lachen zu bestimmen. Es gehört mehr zu
-einem schertzhaften Kopfe, als die Geschicklichkeit ein lachen zu
-verursachen, ob ich gleich derselben ihren völligen Werth lasse, der
-ihr in anderer Absicht zukommen kan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_84">§. 84.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn eine Person, Sache, Begebenheit, Handlung, oder wie es Namen
-haben mag, an sich schon lächerlich ist, ohne daß wir nöthig haben
-einen sinreichen Einfall hinzuzuthun, so wird die blosse Erzählung und
-Vorstellung dieser Stücke schon ein Lachen verursachen. Man würde sich
-aber gewaltig irren, wenn man dergleichen Erzählungen für Schertze
-halten wolte, und die Person die sie vorträgt für einen schertzhaften
-Kopf. Es ist wahr, wenn die Materialien unseres Schertzes schon an sich
-lächerlich sind, so wird es uns leichter werden, damit zu schertzen,
-und unser Schertz kan dadurch feuriger werden. Allein wenn über weiter
-nichts, als über die Sachen gelacht wird, so ist ein lustigmacher zu
-eilfertig, sich deswegen für einen Meister in Schertzen zu halten. Das
-haben sich alle Liebhaber poßierlicher Historien zu mercken. Sie können
-sich in anderer Absicht die Gesellschaft verbindlich machen, wenn ihre
-Histörchen alle diejenige Artigkeit haben, die einen vernünftigen
-Menschen nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> verunzieren, wenn er sie erzählt oder belacht. Aber,
-daß sie deswegen für witzige und feurige Köpfe wollen gehalten seyn,
-ist eine Hofnung, die sie sich so lange müssen vergehen lassen, bis sie
-wichtigere Gründe dazu anzugeben wissen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_85">§. 85.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich weiß selbst nicht woher es kommt, daß manche Dinge, bey den meisten
-Leuten, ein ungemeines lachen verursachen, und wenn sie auch ohne allen
-Witz und Scharfsinnigkeit vorgetragen werden, die doch nicht lächerlich
-sind. Man nenne nur gewisse Dinge, bey denen schamhafte Gemüther roth
-werden, oder man nenne auch Dinge die zur Religion gehören, ich bin
-gut dafür, daß es unzählige Leute gibt die hertzlich darüber lachen
-werden, obgleich nicht das geringste spaßhafte dabey angetroffen wird.
-Der Grund dieses lachens liegt in der schmutzigen und leichtsinnigen
-Beschaffenheit des Zuhörers, und ich bin zufrieden angemerckt zu
-haben, daß dergleichen Zoten und Mißbrauch der Dinge, die mit der
-Religion eine Verwandschaft haben, wenn sie mit keinem sinreichen
-Einfalle begleitet werden, keine Schertze können genannt werden, und
-ob sie noch so hertzlich belacht würden. Oben habe ich gezeigt, daß
-man schandbare Zoten, und ob sie gleich mit Witz und Scharfsinnigkeit
-vorgetragen würden, demohnerachtet für frostige Spasse halten<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> müsse.
-Und ich werde mich also nicht betrügen, wenn ich überhaupt sage, daß
-alle Unflätereyen, sie mögen Namen haben wie sie wollen, entweder gar
-keine Schertze, oder doch ein viel zu elender Stoff sind, als daß ein
-reinliches Gemüth sich die Mühe nehmen solte, sie zu durchwürcken, und
-einen Schertz daraus zu machen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_86">§. 86.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt seyn, der auf keine andere Art
-zum lachen reitzen kan, als wenn man den schertzenden ansieht, und auf
-seine Geberden dabey achtung gibt. Ein feuriger Schertz muß auch ein
-Schertz bleiben, wenn man den Urheber desselben auch nicht sehen solte,
-ob ich gleich nicht in Abrede seyn will, daß die Art des Vortrages
-ein vieles, zur Vermehrung der Schönheit eines Schertzes, beytragen
-könne. Dem sey wie ihm wolle. Ein Schertz der sonst gar kein Feuer hat,
-als wenn man das Bezeugen des schertzenden beym Vortrage desselben
-mit zu Hülfe nimt, ist ein sehr frostiger Schertz. Der schertzende
-macht sich alsdenn zu einen Narren und Harlekin. Man lacht nicht über
-seinen sinreichen Einfall, sondern über sein ungereimtes Betragen.
-Kurtz, Reden die nicht eher zum lachen bewegen, bis sie mit tausend
-närrischen Verzuckungen der Glieder des Körpers begleitet werden,
-sind Narrenspossen. Und man kan sagen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> ihr Feuer nicht geistig,
-sondern bloß körperlich sey, weil sie alle ihre Lebhaftigkeit durch die
-Mißhandlungen des Körpers bekommen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_87">§. 87.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man solte fast auf die Gedancken gerathen, daß die Natur bey der
-Bildung gewisser Menschen gespaßt habe. Man sagt von diesen Leuten,
-daß sie zu Narren geboren sind. Wenigstens scheints, daß die Natur bey
-ihnen nicht so regelmäßig verfahren sey, als sie ordentlicher Weise zu
-thun gewohnt ist. Tausend Kleinigkeiten befinden sich in der Gestalt,
-und gantzen Bildung solcher Leute, welche regelloß sind, und diese
-Leute so unglückseelig machen, daß man sie ohne lachen nicht ansehen
-kan. Diese verunglückten Wercke der Natur, dürfen nur den frostigsten
-Einfall vorbringen, so wird überlaut gelacht; und Leute von weniger
-Beurtheilungskraft glauben, daß denselben das schertzen überaus wohl
-anstehe. Ich darf diesen lächerlichen Irthum nicht wiederlegen. Es
-ist von selbst klar, daß man nicht über den Einfall, sondern über die
-Person lache. Und, meiner Einsicht nach, schicken sich solche Leute am
-allerwenigsten, schön und feurig zu schertzen. Ihre Einfälle können
-Schertze für die Augen, und nicht für die Ohren genennt werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_88">§. 88.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn die lächerliche Gestalt eines Menschen ein blosser Naturfehler
-ist, so verdient er<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> Mitleiden und Vergebung. Wer aber seinen Körper
-durch Fleiß und Uebung zu einen poßirlichen Werckzeuge, andere Leute
-zu belustigen, macht, verdient ohnfehlbar die Verachtung vernünftiger
-Leute. Schertze, die mit ungereimten und ausserordentlichen
-Verzuckungen der Gesichtszüge, und unmenschlichen Verdrehungen der
-Theile desselben, vorgetragen werden, gehören auf die Schaubühne, und
-auch da hat man sie schon weg gepeitscht. Eine Rede, die mit einem
-Fratzen-Gesichte vorgetragen wird, ist ein Schertz der für einen groben
-und pöbelhaften Geschmack gehört. Es ist zu bedauren, daß manche
-witzige Köpfe auf diese Ausschweiffung gerathen. Sie würden sonst
-nicht gantz unglücklich im Schertzen seyn. Weil sie aber die Narrheit
-begehen, und sich befleißigen, ihre Gesichter dergestalt zu verzucken,</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Possent vt iuuenes visere fervidi</div>
- <div class="verse">Multo non sine risu</div>
- <div class="verse">Dilapsam in cineres faciem</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Carm. L. IV. od. XV.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">so sind sie nicht werth, daß man sie schertzhafte Leute nennt. Wer sich
-so weit erniedrigen kan, sich selbst mit Fleiß lächerlich zu machen,
-verdient nicht, ein vernünftiges Wesen zu heissen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_89">§. 89.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ist unmöglich und unnöthig alle die Thorheiten beym schertzen zu
-züchtigen, die mit der vorhergehenden eine Verwandschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> haben. Viele
-lassen es nicht bey den Verdrehungen ihres Gesichts bewenden, sie
-brauchen ihren ganzen Körper zu einem Gauckelwerck, und befleißigen
-sich, wider die ordentlichen mechanischen Regeln, ihre Gliedmassen zu
-bewegen. Viele geben, durch ihre poßirliche Kleidung, ihren Worten den
-Schein eines Schertzes.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"> - &emsp; tunicis &emsp; - &emsp; - &emsp; est qui</div>
- <div class="verse">Inguen ad obscoenum subductis vsque facetus.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Andere befleißigen sich, durch kindische Nachäffungen anderer Leute in
-Worten und Geberden, ein Lachen zu verursachen. Noch andere beweisen
-ihre Kunst in dummen, unförmlichen, unverständlichen Worten und Tönen.
-Kurtz, ich rechne alle diejenigen dahin, die sich selbst bey einem
-Schertze lächerlich machen, es sey nun auf die eine, oder die andere
-Weise. Derjenige der einen feurigen Schertz machen will, muß auf alle
-mögliche Art bemüht seyn, sich selbst nicht zum Narren zu machen. Er
-muß sein Ansehen und Hochachtung bey seinen Zuhörern erhalten, und
-jederzeit der Regel des <b>Cicero</b> folgen: <span class="antiqua">ne aut scurrilis iocus
-sit aut mimicus</span>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_90">§. 90.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn ein schertzhafter Kopf in den Gedancken steht, daß es sehr leicht
-sey, ein anständiges lachen zu verursachen; und daß man bey einem
-Spasse entweder allein, oder zuerst<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> darauf zu sehen habe, wie man
-seine Zuhörer zu lachen machen wolle, so hegt er zwey sehr schädliche
-Vorurtheile.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">- &ensp; Non satis est risu diducere rictum</div>
- <div class="verse">Auditoris, &amp; est quaedam tamen hic quoque virtus.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. Sat. L. I. Sat. X.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Aus dem vorhergehenden erhellet eines theils, daß derjenige viele
-Scharfsinnigkeit und Witz besitzen müsse, der, ohne sich selbst
-lächerlich zu machen, andere Leute von feinem Geschmacke zum lachen
-bestimmen will. Andern theils ist ausgemacht, daß man hauptsächlich
-davor sorgen müsse, dem Schertze das gehörige Feuer zu verschaffen,
-so wird derselbe ohne dem werth seyn, mit lachen von andern angehört
-zu werden. Wer aber demohnerachtet die angeführten unrichtigen Sätze
-zu Maximen beym Spassen annimmt, der wird wo nicht beständig, doch
-mehrentheils, ein Harlekin seyn. Er wird alles zusammen samlen, was
-lächerlich ist, und er wird sich kein Bedencken machen, auch seine
-eigene Person als ein Mittel zu diesem seinen Zwecke zu brauchen. Das
-Lachen muß bey einem jeden Spasse zum Zwecke angenommen werden, und
-folglich in der Ausübung das letzte seyn, die übrigen Schönheiten
-müssen zuerst in dem Schertze hervorgebracht werden, hernach ist es
-erst Zeit auf die Hervorbringung des Lachens zu dencken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_91">§. 91.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die letzte Schönheit eines glücklichen Schertzes besteht in einem
-geschickten Vortrage desselben. Man mag nun den Vortrag zu den
-wesentlichen Stücken eines Spasses rechnen, oder ihn nur als die
-Einkleidung desselben ansehen, so wird doch jederzeit auf den Vortrag
-des Schertzes viel ankommen, wenn er glücklich gerathen soll. Der
-Vortrag verhält sich wie die Einfassung eines Diamants, wodurch der
-Glantz desselben innerlich zwar weder vermehrt noch vermindert werden
-kan, wohl aber äusserlich; sie befördert und erhöhet den Glantz, oder
-erstickt ihn. Ein Schertz kan im höchsten Grade feurig seyn, wenn
-man ihn als einen Gedancken betrachtet, durch einen ungeschickten
-Vortrag aber dergestalt verunstaltet werden, daß sein Feuer umhült und
-unsichtbar wird. Im Gegentheil kan das Feuer eines sehr mittelmässigen
-Schertzes, vielmehr gläntzen, wenn es durch einen gehörigen Vortrag
-unterstützt wird.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_92">§. 92.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Bey dem Vortrage unserer Gedancken muß man auf zwey Stücke sehen. Auf
-die Worte, und auf das Betragen des gantzen Körpers, nebst andern
-Veränderungen, die mit dem Vortrage eine nothwendige Verbindung haben.
-Ich bin nicht willens alle die Regeln auszuführen, die zu einem
-geschickten<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Vortrage eines Schertzes erfodert werden. Sie sind mit
-den Regeln der Redekunst den wesentlichen Stücken nach einerley. Ich
-werde mich begnügen, einige Fehler im Vortrage der Spasse zu bemercken
-wodurch das Feuer derselben verdunckelt wird. Die Worte wodurch der
-Schertz vorgetragen wird sollen die Zeichen desselben seyn. Wenn sie
-demnach dergestalt beschaffen sind, daß der Zuhörer aus denselben den
-gantzen Schertz, nebst allen Schönheiten desselben, erkennen kan, so
-sind sie ohne Tadel. Der Schertzende muß seinen Vortrag dergestalt
-einrichten, daß keine Schönheit verborgen bleibt oder verdunckelt wird.
-Hat er einen feurigen Spaß erdacht, kan er reden, ist er der Sprache
-mächtig, und weiß er was vor Töne, Erhöhungen und Erniedrigungen der
-Stimme, zu einem jedem Gedancken sich schicken, so kan es ihm an einem
-geschickten Vortrage nicht fehlen.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Verbaque provisam rem non invita sequentur.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Der Vortrag eines Schertzes ist ohne Tadel, in welchen sich der
-Schertz in seiner ganzen Pracht und vollem Lichte zeigt. Ich thue
-noch das einige hinzu, daß der Vortrag des Schertzes geschwind seyn
-müsse. Ist man gar zu langsam, zählt man gleichsam die Worte, so kan
-man den Zuhörer nicht unvermuthet genug überfallen, und es wird der<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-Schertz nicht lebhaft genug werden. Dem Zuhörer wird die Zeit lang,
-und man läßt ihm gar zu viel Raum zur Ueberlegung und zum Nachdencken.
-Ueberdies würde ein gar zu langsamer Vortrag, ein untrügliches Zeichen
-der Langsamkeit unseres Witzes seyn. Nein, die bedachtsame Munterkeit
-und Hitze des Geistes, belebt auch den Körper, und zwingt ihn, in allen
-seinen Handlungen und Worten, eine Hurtigkeit zu beobachten, die nicht
-übereilt und schläfrig ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_93">§. 93.</h2>
-
-</div>
-
-<p>So gewiß es ist, daß zu einem geschickten Vortrage, auch die
-Uebereinstimmung aller Minen und Züge des Gesichts mit dem Vortrage,
-erfodert werde, so schwer ists, die Regeln zu entdecken, durch welche
-diese Einrichtung des Gesichts bestimmt wird. Zum guten Glück, pflegt
-die Natur in solchen Kleinigkeiten den Mangel unseres Fleisses zu
-ersetzen. <span class="antiqua">Itaque imbuendus est is, qui iocose volet dicere, quasi
-natura quadam apta ad haec genera, &amp; moribus, vt ad cuiusque modi genus
-ridiculi vultus etiam accommodetur. <i>Cic. de Orat. L. II.</i></span> Wer in
-seinem Vortrage ungezwungen ist, und nicht gar zu sehr künstelt, wer
-selbst einen lebhaften Eindruck von den Sachen hat, die er vorträgt,
-dessen Gesichtszüge werden um der<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> natürlichen Uebereinstimmung des
-Körpers mit der Seele willen, seinem Vortrage am gemässesten seyn,
-wenn er am wenigsten drauf denckt. Man kan eben dieses von einem
-schertzenden sagen. Kan man ihm gleich nicht ausführlich vorschreiben,
-wie ers machen soll, daß er seinem Gesichte die gehörige Einrichtung
-beym spassen gebe, so kan man doch gar zu leicht die Regellosigkeit in
-diesem Stücke gewahr werden. Ich werde nur ein paar Fehler dieser Art
-berühren, weil sie der Schönheit eines Schertzes gar zu nachtheilig zu
-seyn scheinen. Der erste ist die Finsterniß des Gesichts. Ich habe zwar
-erwiesen, daß der schertzende ernsthaft seyn müsse, ein ernsthaftes
-Gesicht aber ist nicht saur und finster. Es ist wahr, der Schertz
-wird ungemein belacht, der mit einer runzlichten Stirne vorgetragen
-wird. Allein ich bin mit dem <b>Cicero</b> eines Sinnes: <span class="antiqua">In moroso
-non sal sed natura ridetur</span>. Man schließt aus der Finsterniß des
-Gesichts, auf einen murrischen Kopf, und es scheint uns wiedersprechend
-und ungereimt zu seyn, daß ein so murrischer und unaufgeräumter
-Kopf, so lustige und aufgeräumte Einfälle haben könne. Ueberdies
-hat es das Ansehen, als wenn die Natur bey einem solchen Menschen
-ihre Maximen vergessen. Sie pflegt gewöhnlicher Weise, die genaueste
-Uebereinstimmung zwischen Leib und<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> Seele, zu erhalten. Ist es also
-nicht wiedersinnisch, daß sie die Seele eines <b>Democritus</b> in
-den Körper eines <b>Cato</b> gesteckt hat? der schertzende macht sich
-selbst lächerlich, wenn er nicht eine heitere, freudige und muntere
-Ernsthaftigkeit annimt, und ich habe oben erwiesen, daß ein Schertz
-viel von seinem Feuer verliehre, wenn sich der schertzende selbst
-lächerlich macht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_94">§. 94.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der andere Fehler des Gesichts, der dem schertzenden nachtheilig ist,
-besteht darin, wenn er eine gar zu grosse Zufriedenheit über seinen
-Spaß mercken läßt. Man sieht es manchem spaßhaften Kopfe an den Augen
-an, daß er ein inniges Vergnügen über seinen Einfall empfindet, und
-seine Artigkeit gar zu lebhaft selbst fühlt. Die Augen funckeln
-ihm im Kopfe, und gehen von einem Zuhörer zu den andern fort, sie
-scheinen ein Verlangen nach dem Beyfalle der Zuhörer zu entdecken, und
-eine Verwunderung und Zorn an den Tag zu legen, im Fall der Beyfall
-der Zuhörer nicht so, und in eben der Stärcke, gleich erfolgt, als
-der schertzende sich würdig zu seyn glaubt. Ein solches Bezeugen
-verursacht eine kleine Rache bey den Zuhörern, die in Absicht auf den
-schertzenden grausam ist. Ein vernünftiger Mensch ver<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>achtet überhaupt
-alle Personen, die mit sich selbst gar zu sehr zufrieden sind. Er
-glaubt, daß sein Beyfall unnöthig sey, weil der scherzende, durch seine
-Zufriedenheit mit sich selbst, ihm zuvorgekommen. Er schließt nach
-einen Vorurtheil, so in den mehresten Fällen eintrift, daß ein Kind,
-welches von seinen Eltern affenmäßig geliebt wird, viele Fehler habe.
-Er wird aufmercksam gemacht, Fehler zu entdecken, die er sonst nicht
-würde sonderlich bemerckt haben; und man pflegt einem Menschen, der mit
-sich selbst gar zu sehr zufrieden ist, Fehler anzurechnen, die man bey
-andern wo nicht ganz übersehen, doch nicht so sehr ahnden würde. Ein
-Mensch der glücklich im Schertzen seyn, und Beyfall erlangen will, muß
-gegen seinen eigenen Einfall gleichgültig zu seyn scheinen. Er darf die
-Augen eben nicht niederschlagen und auf seinen Schertz fluchen. Allein
-er muß sich sehr in acht nehmen, kein gar zu lebhaftes Vergnügen, über
-seine eigene Schertze, von sich blicken zu lassen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_95">§. 95.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ein Mensch der mitten in seinem Schertze lacht, und denselben mit
-lachen vorträgt handelt poßirlich. Er verliehrt die angenehme
-Ernsthaftigkeit, die einen Schertz so schön macht. Er wird durch das
-lachen gehindert,<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> seinen Schertz geschwind und hurtig vorzutragen,
-und dadurch die Zuhörer unvermuthet zu überfallen. Ehe noch der
-Schertz völlig vorgetragen wird, mercken es schon die Zuhörer, daß
-ein Schertz vorgetragen werden soll; er kan ihnen also unmöglich
-gantz neu seyn, wenn sie ihn hernach in seinem Umfange und völligen
-Ausdehnung erkennen. Der Schertz bekommt dadurch alle Häßlichkeiten
-eines vorhergesehenen Spasses. Der schertzende kan dadurch gehindert
-werden, seinen Schertz ordentlich und verständlich vorzutragen, und
-er kan wohl gar in den kindischen Fehler fallen, daß er den Vortrag
-unterbrechen muß, und die läppische Entschuldigung hinzu thun, daß er
-es vor lachen nicht sagen könne. Ja man kan sagen, daß das lachen in
-manchen Gesellschaften eine Sympathetische Kraft habe. Es darf nur
-einer lachen, so lacht die gantze Gesellschaft, ohne zu wissen warum.
-Es ist also vermuthlich, daß, wenn der schertzende seinen Schertz mit
-lachen vorträgt, seine Zuhörer ihm Gesellschaft leisten werden, und
-sie haben nicht nöthig über den Schertz selbst hernach zu lachen. Es
-kommt einem überhaupt poßirlich vor, wenn man einen Menschen lachen
-sieht, und man weiß nicht warum. Der schertzende macht sich also selbst
-lächerlich, wenn er mitten im schertzen lacht. Soll der Schertz<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> nicht
-frostig werden so muß der schertzende weder vorher, noch mitten im
-Schertze lachen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_96">§. 96.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn man dem spaßhaften Kopfe ja erlauben will, über seinen Einfall
-zu lachen, so muß er es nicht eher thun als nachher, doch hüte er
-sich vor einer gar zu grossen Eilfertigkeit. Ist er der erste im
-lachen, so kommt mir dieses lachen vor, wie das <span class="antiqua">plaudite</span> bey
-einem Lustspiel. Man scheint die Zuhörer zum lachen aufzumuntern,
-man scheint zu befürchten, das lachen werde nicht erfolgen. Es ist
-überhaupt der nöthigen Ernsthaftigkeit beym schertzen zu wieder, und
-man erweckt den Verdacht, daß man selbst gar zu sehr für seinen Einfall
-eingenommen sey. Wenn aber der Schertz sehr feurig ist, und alles um
-uns herum lacht, so muß ein Mensch sehr viele Herrschaft über sich
-selbst besitzen, wenn er sich des lachens enthalten will. Ein lachen
-das alsdenn entsteht, kan als eine Schwachheits-Sünde entschuldiget
-werden. Ich nenne es eine Schwachheits-Sünde weil ich glaube, daß ein
-vollkommener Schertz eine freudige Ernsthaftigkeit vorher und nachher
-erfodert. Der schertzende beweißt die Stärcke seines Witzes auf eine
-ausnehmende Art, wenn er mitten unter vor<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>hergehenden, begleitenden und
-nachfolgenden ernsthaften Gedancken schertzen kan. Und da wird er gewiß
-auch nachher nicht lachen. Der schertzende muß gleichsam im Vorbeygehen
-den Schertz anbringen. Er muß den Schein geben, daß es ihm selbst nicht
-viel darum zu thun sey, so beweißt er dadurch wie leicht es ihm sey,
-auf eine feurige Art zu schertzen. Ich will nicht einmal den Fehler
-berühren, wenn ein frostiger Kopf über seine eigene bejammernswürdige
-Einfälle lacht. Ich bin zweiffelhaft, ob ein solcher Mensch Mitleiden,
-oder Verachtung und Verspottung verdiene. Ein solcher alberner
-Possenreißer ist vernünftigen Leuten dergestalt entgegen gesetzt, daß
-er auch gantz verschiedenen Gemüthsbewegungen unterworffen ist,</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Und wenn er <b>selber</b> lacht so möchten andre weinen.</div>
- <div class="verse vright mright2"><b>Canitz.</b></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_97">§. 97.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich halte es nicht eben für einen der geringsten Fehler, wenn
-der schertzende eine gar zu ängstliche Furchtsamkeit, bey dem
-Vortrage des Spasses, von sich blicken läßt. Wenn der Schertz recht
-gelingen soll, so muß er mit einer anständigen Dreistigkeit, und
-Unerschrockenheit vorgetragen werden. Ich verstehe dadurch kein
-freches und unver<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>schämtes Wesen, sondern eine kühne Munterkeit,
-welche aus dem Uebergewicht des bewustseyns, daß der Schertz werth sey
-vorgetragen zu werden, entsteht, und welche das Mittel ist zwischen
-einer zaghaften Blödigkeit und einer lermenden Tollkühnheit. Mancher
-Kopf hat sehr feurige Einfälle, allein so bald sie ihm auf die Zunge
-kommen, überfält ihn eine Bangigkeit, die ihn blaß macht, den Othem
-versetzt, und durch eine zitternde und unterbrochene Stimme die
-Angst seines Hertzens verräth. Solche Gemüther sind zu zärtlich und
-empfindlich, sie sind übertriebene Richter ihrer eigenen Gedancken, und
-haben eine zu schlechte Hofnung der guten Aufnahm ihres Schertzes. Sie
-verderben dadurch ihre Schertze, die im übrigen glücklich genug sind.
-Sie sind nicht im Stande, ihren Schertz munter genug vorzutragen, sie
-können den Zuhörer nicht unvermuthet genug überfallen, sie erwecken
-selbst eine Art der Angst in den Gemüthern der Zuhörer, welche
-nothwendig mit einiger Unlust den Schertz erwarten müssen, der so viele
-Geburtsschmertzen verursacht. Ja sie verrathen eine gewisse Schwäche
-ihres Witzes, die den Schertz selber matt machen muß. Ein hitziger Kopf
-hat viel zu feurige Einfälle, als daß sie ihm Zeit, zu ängstlichen
-Beurtheilungen, lassen solten. Er wird<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> von seinen eigenen Einfällen
-so unvermuthet und plötzlich überfallen, und so nachdrücklich gerührt,
-daß er in eine Art der Verwirrung geräth, die ihm natürlicher Weise
-eine Kühnheit geben muß. Die Lebhaftigkeit und Stärcke seiner Schertze,
-breitet sich bis in seinen Körper aus, und geben ihm alles das Feuer,
-das zu einem unerschrockenen und dreisten Vortrage derselben nöthig
-ist. Kan man wohl diese Stärcke des Witzes, bey demjenigen annehmen,
-der mit Zittern und Zagen, und einer stotternden Stimme spaßt? Wer
-sich nicht getrauet, mit einem männlichen und unverzagten Muthe, zu
-schertzen, der überhebe sich gar dieser Mühe. Seine Furchtsamkeit kan
-ihn überdies manchmal in eine solche Verwirrung setzen, daß er nicht
-mehr weiß was er sagt, und er wird sich der Gefahr, ausgelacht zu
-werden, aussetzen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_98">§. 98.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe bisher die Schönheiten eines Schertzes ausgeführt, welche
-meinen Bedüncken nach nöthig sind, wenn er glücklich gerathen soll.
-Ich will nicht sagen, daß ich keine einzige übergangen hätte. Ich will
-auch nicht zum andern, oder gar zum dritten mal, sagen, daß ich nicht
-in den Gedancken stehe, als wenn ein jeder glücklicher Schertz, alle
-diese Schönheiten besitzen müsse. Sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> ich werde meine Erinnerungen
-die ich noch zu machen habe, in ein paar allgemeine Anmerckungen
-einschrencken. Zuerst gebe ich zu, daß es manche Schertze gibt, bey
-welchen unmöglich alle diese Schönheiten zusammen stat finden können.
-Es kan geschehen, daß bey gewissen Spassen, nach allen ihren Umständen
-betrachtet, einige dieser Schönheiten einander wiedersprechen. Daraus
-wird aber meines Erachtens nichts weiter folgen, als daß manche
-Schertze unmöglich den grösten Grad der Schönheit erreichen können,
-der bey einem Schertze, überhaupt betrachtet, möglich ist. Hernach ist
-mit leichter Mühe zu begreiffen, daß eine Schönheit eines Schertzes so
-groß, starck und einnehmend seyn könne, daß viele andere Fehler dadurch
-bedeckt werden. Was einem Schertze an der einen Schönheit abgeht, kan
-durch die andre ersetzt werden. Und es gibt Fehler der Schertze die mit
-leichter Mühe können versteckt werden. Ja, man kan sich in Gesellschaft
-befinden, da man hundert Fehler in Schertzen begehen kan, die die
-Gesellschaft nicht merckt.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Non quiuis videt immodulata poemata iudex.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Hor. art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Es gehört ein wenig Verschlagenheit und List dazu, wenn man in allen
-Gesellschaften, die aus keinen grossen Geistern bestehen, im<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> spassen
-glücklich seyn will. Man kundschafte den Geschmack der Gesellschaft
-aus, man verstecke die Fehler seiner Schertze, so bin ich gut davor,
-daß man für einen schertzhaften Kopf wird gehalten werden. Nur hüte
-man sich vor der Eitelkeit, deswegen zu glauben, daß man auch vor dem
-Richterstuhle der gesunden Critik, eines guten Ausspruchs, bloß um
-dieser Ursach willen, sich zu getrösten habe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_99">§. 99.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Gründe der Beurtheilung eines Schertzes, die ich bisher ausgeführet
-habe, können innere Gründe genennet werden, weil sie in den Schönheiten
-bestehen, die einem glücklichen Schertze eigenthümlich zugehören. Es
-gibt aber auch äusserliche Gründe, die überhaupt aus dem Urtheile
-anderer von unsern Schertzen hergenommen werden, und aus dem Eindrucke
-den unser Schertz in den Gemüthern unserer Zuhörer macht. Doch ist
-dabey viel Behutsamkeit nöthig. Ich will erst untersuchen, ob man einen
-Schertz für feurig zu halten Ursache habe, wenn er von andern gelobt,
-belacht, und gebilliget wird. Es würde ein übereiltes Urtheil seyn,
-wenn man diese Frage schlechterdings bejahen wolte. Unser Zuhörer, dem
-wir den Schertz vortragen, kan aus grosser Höflichkeit und Freundschaft
-unsere frostigsten Schertze loben und be<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>lachen, weil er uns einen
-Gefallen dadurch zu erweisen glaubt. Hat man also nicht nöthig der
-Warnung des <b>Horatz</b> Gehör zu geben?</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nunquam te fallant animi sub vulpe latentes.</div>
- <div class="verse vright mright1"><i>Art. poet.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Oder er kan uns wohl gar so viel Ehrfurcht und Unterwürfigkeit von
-Rechts wegen schuldig seyn, daß es ein unbesonnenes Verbrechen
-seyn würde, wenn er sich nicht verstellen wolte. Oder er kan ein
-<b>Gnatho</b> seyn, welcher denckt:</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Est genus hominum, qui esse primos se omnium rerum volunt,</div>
- <div class="verse">Nec sunt. Hos consector. Hisce ego non paro me vt rideant,</div>
- <div class="verse">Sed eis vltro arrideo, &amp; eorum ingenia admiror simul.</div>
- <div class="verse">Quicquid dicunt laudo, id rursum si negant, laudo id quoque,</div>
- <div class="verse">Negat quis, nego; ait, aio; postremo imperaui egomet mihi</div>
- <div class="verse">Omnia assentari.</div>
- <div class="verse vright mright2"><i>Terent. in Eunuch.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Oder, welches vor allen Dingen anzumercken, unser Zuhörer kan ein
-einfältiger, stumpfer, frostiger Kopf seyn. Man sage ihm die feurigsten
-Schertze, die sind ihm zu hoch, er kan sie nicht begreiffen, er bleibt
-ungerührt.<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> Hört er aber den frostigsten und abgeschmacktesten Spaß,
-der wird für seinen groben Geschmack sich schicken. Sein eißkaltes
-Gehirne wird den kleinsten Grad des Feuers fühlen, welches in einem
-ohnedem feurigen Kopfe unmercklich ist. Man sieht demnach, daß der
-Beyfall, der unsern Schertzen gegeben wird, ein sehr zweiffelhaftes
-Merckmaal der Schönheit derselben ist. Wollen wir daraus einen
-wahrscheinlichen Schluß machen, so müssen wir wissen, daß derjenige,
-der unsern Schertz lobt, ein feuriger Kopf von gereinigtem Geschmacke
-sey, und daß er weder aus Freundschaft, noch Höflichkeit, noch
-Unterwürfigkeit, noch Schmeicheley über unsern Einfall lache.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_100">§. 100.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eben so wenig kan man daher, wenn unser Schertz getadelt wird, und
-keinen Eindruck bey andern verursacht, auf den Frost desselben
-einen unbetrüglichen Schluß machen. Ich habe schon bemerckt, daß
-ein frostiger und ungeschliffener Kopf, den schönsten Schertz ohne
-Rührung, anhören und ihn tadeln wird. Aus diesem Tadel darf man sich
-so wenig machen, daß man ihn vielmehr als ein Zeichen der Schönheit
-unsers Schertzes anzusehen hat. Es kan jemand aus Feindschaft,
-Verachtung unserer Person, Neid, und Tadelsucht unsere Einfälle
-tadeln, und sich<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> mit Gewalt zwingen nicht zu lachen, sondern sein
-Vergnügen über den Schertz zu verheelen und zu ersticken. Ich weiß
-selbst nicht woher es kommt, daß der Neid fast eine Erbsünde vieler
-feurigen Köpfe zu seyn scheint. Ein witziger Kopf wird viel Mühe
-nöthig haben, einen sinnreichen Einfall an andern zu loben. Ich rede
-nur von solchen aufgeweckten Köpfen, die ausserdem nicht eben gar zu
-grosse Vollkommenheiten besitzen. Ja es kan auch ein geistreicher
-Kopf, der in keinem dieser angeführten Fehler steckt, manchmal viel zu
-ernsthafte und verdriesliche Gedancken haben, als daß er die Schönheit
-eines feurigen Schertzes zu mercken vermögend seyn solte. So wenig
-man beständig zu schertzen aufgelegt ist, so wenig ist man zu allen
-Zeiten im Stande, durch einen glücklichen Schertz gerührt zu werden.
-Ja endlich kan die Verschiedenheit des Geschmacks Ursach seyn, warum
-andere unsere Schertze nicht für schön halten.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Laudatur ab his culpatur ab illis.</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Sat. L. I. Sat. II.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Mich dünckt, ich habe überflüßig dargethan, daß ein Schertz sehr
-feurig seyn könne ob er gleich von andern getadelt wird, und keinen
-mercklichen Eindruck bey andern macht. Wenn aber ein Mensch von
-grossem Witze, Scharfsinnigkeit, und Beurtheilungskraft, der gantz<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-unpartheiisch ist, unsern Schertz ohne Rührung anhört und ihn
-verachtet, so ist der Schluß überaus wahrscheinlich, daß der Schertz
-mat, unglücklich und frostig sey. Noch viel behutsamer muß man seyn,
-wenn man von seinem eigenen Urtheile, über seine eigene Einfälle, einen
-Schluß auf ihre Häßlichkeit oder Schönheit machen will. Eitelkeit
-und Eigenliebe verblenden uns, daß wir unsere eigene Fehler nicht
-mercken, und unsere Vollkommenheiten durch ein Vergrösserungsglas
-betrachten. Niederträchtigkeit stelt uns häßlicher, in unsern eigenen
-Augen, dar, als wir in der That sind. Es sind demnach Uebereilungen,
-wenn man gerade zu schliessen wolte: Mein Spaß der mir gefält ist
-feurig, und der mir mißfält ist frostig. Wer aber seinen Geist über die
-Schwachheiten der Eitelkeit und Niederträchtigkeit erhoben hat, wer
-ein feuriger Kopf ist, und einen feinen Geschmack hat, der kan diese
-Schlüsse mit vieler Wahrscheinlichkeit machen. Nur muß er sich hüten,
-daß das auch keine Frucht einer schmeichelnden Eigenliebe sey, wenn er
-sich selbst für einen erhabenen, feurigen und feinen Geist hält.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_101">§. 101.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich könnte meine Betrachtung hier beschliessen. Das hundert der Absätze
-ist ohne dem wieder mein Vermuthen voll geworden.<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Ich habe aber
-angemerckt, und zwar, wie ich mir schmeichle, nicht ohne Grund, daß die
-formelle Vollkommenheit eines Schertzes in verschiedenen Stücken, von
-der materiellen Vollkommenheit derselben abhänget. Ich werde daher von
-dieser noch handeln müssen. Ich bin nicht willens mich dabey so weit
-auszudehnen, als ich zu thun im Stande wäre. Ich werde die materielle
-Vollkommenheit der Schertze, nur in so weit in Betrachtung ziehen,
-als sie das Feuer eines Schertzes entweder glänzender machen, oder
-verdunckeln kan. Ich werde alle Weitläuftigkeit vermeiden, und diese
-gantze Betrachtung in drey oder vier Regeln einschliessen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_102">§. 102.</h2>
-
-</div>
-
-<p>So lange die materielle Unvollkommenheit eines Schertzes kleiner
-ist, als die formelle Schönheit desselben, so wird jene dem Feuer
-desselben keinen mercklichen Abbruch thun. So bald aber die materielle
-Unvollkommenheit mit der formellen Vollkommenheit die Wage hält, oder
-diese wohl gar übertrift, so bekommt die Schönheit eines Schertzes
-einen Schandfleck, der wenigstens die formellen Schönheiten verdeckt.
-Ein solcher Schertz gleicht einem Feuer, das vielen Dampf und Rauch
-verursacht. Wenn gleich der<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Rauch dem Feuer selbst keine Kraft nimt,
-so verdeckt er doch dasselbe, und verhindert den Glantz desselben,
-der sonst sich weiter ausbreiten, und durchdringender seyn würde. Ein
-Mensch, der an einem Dinge Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
-gewahr wird, beurtheilt die Sache nach dem Uebergewicht der einen
-oder der andern. Wenn die letzten die ersten weit übertreffen, so
-kan es natürlicher Weise nicht anders seyn, als daß man sich die
-häßliche Seite eines solchen Dinges aufmercksamer, klärer, gewisser
-und lebendiger vorstelt. Darüber vergißt man nach und nach die
-Vollkommenheiten, sie scheinen nicht hinreichend zu seyn eine Sache,
-die überwiegend fehlerhaft ist, nach ihrem schwächern Theile zu
-beurtheilen. Mit einem Wort, eine Sache die mehr häßlich als schön
-ist, wird nach ihrer schönen Seite nicht vornemlich beurtheilt. Die
-Schönheiten werden durch die stärckern Häßlichkeiten verdunckelt, und
-man ist nicht gewohnt, wenige Vollkommenheiten, mit einem so elenden
-Anhange mehrerer Unvollkommenheiten, besonders zu schätzen. Soll also
-der Schertz sein völliges Feuer behalten, und darin unterstützt werden,
-so muß die materielle Unvollkommenheit, wo nicht gantz fehlen, welches
-allerdings besser ist, doch mercklich kleiner seyn. Mir deucht alle
-Religions-Spöttereien haben diesen Feh<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>ler. Die Schertze die über
-Religionssachen getrieben werden, können bisweilen sehr gut geraten,
-weil aber die Gottlosigkeit und Leichtsinnigkeit derselben, zwey Sünden
-sind, die bey nahe den höchsten Grad in diesem Falle erreichen, so
-können solche Schertze bey niemanden ihre Würckung thun, als die eben
-so gottloß und leichtsinnig sind, wie der schertzende selbst.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_103">§. 103.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn der Verdruß und der Eckel des Zuhörers über die materielle
-Unvollkommenheit unseres Schertzes, grösser ist, als sein Vergnügen
-über die formelle Schönheit desselben, so verliehrt unser Schertz
-seinen Glantz und Feuer, wenigstens in dem Gemüthe unsers Zuhörers.
-Niemand ist so thöricht, eine kleine Lust durch einen stärckern Verdruß
-zu erkauffen; und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Verdruß über
-unsern Schertz das Vergnügen über eben demselben verdunckeln werde,
-folglich auch den Grund desselben, oder die Anschauung der Schönheiten
-desselben. Diese werden sich gleichsam hinter der Häßlichkeit des
-Schertzes verliehren, und so gut seyn als wenn sie gar nicht da wären.
-Wenn ja ein feuriger Schertz eine materielle Unvollkommenheit hat, so
-muß doch der Verdruß darüber mercklich schwächer und dunckeler seyn,
-als das Vergnügen über eben densel<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>ben. Alsdenn wird sichs umgekehrt
-verhalten. Die häßliche Seite wird sich immer weiter hinter die schöne
-drehen, und es kan wohl gar kommen daß der Zuhörer, über den Vergnügen,
-an die Unvollkommenheiten zu gedencken vergißt. Wenigstens ists einem
-oftermals nicht zuwieder, einen kleinen Verdruß auszustehen, wenn er
-nur durch ein grösser Vergnügen belohnt und ersetzt wird. Es ist nicht
-zu leugnen, daß die Ausübung dieser Regel viele Kunst erfodert. Es kan
-jemand einen sehr grossen Verdruß worüber empfinden, so dem andern
-gar keine, oder doch eine sehr kleine Unlust erweckt, und so verhält
-es sich auch mit dem Vergnügen. Dem sey nun wie ihm wolle, so muß der
-schertzende sich durchaus nach den Zuhörern bequemen, wenn er bey
-ihnen seinen Zweck erreichen will. Ich rechne dahin die Schertze, die
-von unzüchtigen, unflätigen, und gar zu gemeinen Dingen hergenommen
-werden. Kurtz, alle diejenigen Schertze die in der Einbildungskraft ein
-schändliches und eckelhaftes Bild verursachen. Ich lasse einen jeden
-urtheilen, ob die feurigsten Schertze nicht ihren Glantz verliehren,
-wenn sie eine so schmutzige und säuische Einfassung bekommen? Ein
-spaßhafter Kopf, der bey seinen Schertzen gar zu oft ins Dicke trit,
-kan zwar in einer Zeche Mistträger ohne Eckel gehört werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> aber
-nicht von Leuten, die sehr selten Empfindungen von gewissen Dingen zu
-haben pflegen. Es gibt eine gewisse Art Leute, die, ich weiß nicht
-was für ein ehrwürdiges etwas, darin zu suchen pflegen, wenn sie ohne
-Eckel gewisse Dinge ansehen, und befühlen, und wohl gar mit noch einem
-andern Sinne empfinden können. Diese Leute schreiben sich deswegen eine
-heldenmäßige Hertzhaftigkeit zu, und verlachen alle diejenigen, die
-kein solches <b>Cyclopen</b>-Hertz besitzen als sie selbst. Und diese
-sinds die mehrentheils in Gesellschaften, und was noch das ärgste ist,
-alsdenn wenn gegessen wird, solche Spasse machen, die gar zu natürlich
-sind, und wodurch sie andern einen Eckel verursachen, der ihnen die
-Materie zu ihrem Triumphe darbietet. Meinem Urtheile nach, verdunckeln
-solche spaßhafte Köpfe, durch ihre eigene Schuld, das schöne ihrer
-Schertze, durch das schmutzige womit sie schertzen. Ich will nicht
-einmal von den bejammernswürdigen Köpfen reden, deren Zoten nicht
-einmal eine formelle Schönheit besitzen. Denn alsdenn ist der Zeug des
-Spasses säuisch, und der Spaß selbst häßlich, und kan auf keinerley Art
-gerechtfertiget werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_104">§. 104.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn man mit Dingen scherzt, die man mit der äussersten
-Ernsthaftigkeit, zu betrach<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>ten verbunden ist, so ist auch das
-kleinste lachen bey solchen Dingen eine Sünde. Ein feuriger Schertz
-verursacht ein grosses lachen. Folglich muß ein solcher Schertz, der
-mit und über dergleichen Dinge geführt wird, eine grössere materielle
-Unvollkommenheit haben, und folglich viel von seinem Feuer verliehren.
-Ich rechne dahin, nicht nur diejenigen Scherze, in welchen solche
-wichtige Dinge selbst lächerlich gemacht werden, als welches überdies
-eine strafbare Leichtsinnigkeit ist; sondern auch diejenigen, die etwas
-anders durch Vergleichung mit dergleichen Dingen lächerlich machen.
-Es ist wahr, diese wichtigen Dinge bleiben alsdenn in ihrem völligen
-Werthe. Allein die Einbildungskraft pflegt hernach den Schertz uns
-wieder ins Gemüth zu bringen, so bald wir an solche ernsthafte Dinge
-dencken, und da ist es nothwendig, daß wir unsere Pflicht übertreten
-müssen. Ich tadle alle Schertze, in welchen solcher wichtigen Dinge
-Erwehnung geschieht, es sey nun auf die eine, oder die andere Art.
-Meines Erachtens gehören dahin, alle Schertze die mit der Religion
-getrieben werden, es sey nun, daß man über Religionssachen schertze,
-welches freylich das ärgste ist, oder daß man durch Religionssachen
-etwas anders lächerlich mache. <span class="antiqua">Nimium enim risus pretium est, si
-probitatis impendio constat. <i>Quint.</i><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> <i>de inst. Orat.</i></span> Ich weiß
-wohl, daß man vieles zur Entschuldigung der letztern anzuführen pflegt.
-Ich weiß aber auch, daß ich sie nicht verwerffe, weil ich glaube,
-daß sie Religions-Spöttereyen wären. Wenn man weiter nichts thut,
-als daß man die Religionssachen braucht, etwas anders lächerlich zu
-machen, so spottet man nicht der Religion, die bleibt in ihrer Hoheit.
-Allein unsere Einbildungskraft vergesellschaftet die Religion mit den
-Schertzen, wir erinnern uns der Schertze, wenn wir an die Religion
-dencken, und man ist alsdenn nicht im Stande, gantz ernsthaft zu
-bleiben, wozu man doch bey der Religion jederzeit verbunden ist. Alle
-vernünftige Kenner der Schaubühne, stimmen mit mir in diesem Stücke
-überein. Sie sehen es als einen groben Fehler an, wenn man wichtige
-Dinge, und insonderheit Dinge, die mit der Religion eine Verwandschaft
-haben, in die Comödie bringt. Sie tadeln insgesamt, den berühmten
-Nürnbergischen Dichter <b>Hans Sachsen</b>, der so artig zu dichten
-gewust, daß er <b>Adam</b> und <b>Eva</b> aufgeführt, wie sie ihre
-Kinder in Gegenwart GOttes, der ihnen erschienen, aus <b>Luthers</b>
-Catechismus examiret, da denn <b>Abel</b> recht gut bestanden,
-<b>Cain</b> aber sehr schlecht antworten können. Man begreift ohne
-Mühe, daß der Grund dieses Tadels, darin zu suchen sey, weil die
-Comö<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>die der Ort ist, wo geschertzt werden soll, und da die Thorheiten
-der Menschen lächerlich gemacht werden sollen. Verbannt man nun die
-Religion aus der Comödie, so gibt man zu verstehen, daß es häßlich
-sey, wenn man die Religion zu schertzen braucht, und ob man gleich sie
-selbst nicht lächerlich mache, und die Schertze noch so feurig seyn
-solten. Was ich von der Religion gesagt habe, das gilt auch von allen
-wichtigen Wahrheiten, die man durchaus nicht zum Schertzen brauchen
-muß. Ich hätte hier die schönste Gelegenheit, denen Herrn den Text
-zu lesen, die mit der Philosophie ihren Schertz treiben, und wunder
-dencken, wie spitzfindig sie sind, wenn sie z. E. über die beste Welt
-ein lachen verursachen. Doch ich begnüge mich anzumercken daß man
-weder über, noch mit dergleichen Dingen schertzen müsse, bey denen wir
-verbunden sind, so oft wir uns damit beschäftigen, eine genaue und
-strenge Ernsthaftigkeit zu beobachten.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Non haec iocosae conueniunt lyrae</div>
- <div class="verse vright"><i>Hor. Carm. L. III. Od. III.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_105">§. 105.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn wir uns in solchen Umständen befinden, in welchen wir verbunden
-sind, die strengste Ernsthaftigkeit zu beobachten, so ist<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> das
-geringste lachen eine Sünde, und die materielle Unvollkommenheit
-unsers Schertzes fält alsdenn mehr, und stärcker in die Augen, als
-die formelle Schönheit, und unser Schertz wird verdorben. Es gibt
-gewisse Personen, in deren Gegenwart wir die strengste Ernsthaftigkeit
-beobachten müssen, wenn sie uns selbst nicht einigermassen von diesem
-Zwange loßzumachen für gut befinden. Es gibt Orte und Zeiten, die von
-uns fodern, alsdenn gar nicht zu lachen, wenn wir uns in denselben
-befinden. Alle Schertze die in Gegenwart solcher Personen, an solchen
-Orten und in solchen Zeiten vorgetragen werden, wenn sie auch noch
-so feurig sind, verliehren ein vieles von ihrer Schönheit, weil sie
-aus einer Leichtsinnigkeit entstehen, die gar zu sehr in die Augen
-fält. Ich hätte hier Gelegenheit eine weitläuftige Critik, über
-viele Arten der Schertze anzustellen. Ich will mich aber begnügen,
-nur einige derselben anzuführen, mehr, um meine Anmerckung dadurch
-zu bestätigen, als sie selbst ausführlich zu untersuchen. Ich rechne
-dahin zuerst alle Schertze, die in der Todesstunde getrieben werden.
-Es ist wahr, solche Schertze haben ein ungemeines Feuer, wenn sie
-sonst nicht überwiegend häßlich sind. Ich habe dieses schon oben
-angemerckt. Allein die Todesstunde ist die wichtigste Zeit unsers
-Lebens. Wir sol<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>len in derselben einen Schrit thun, bey dem die
-gröste Aufmercksamkeit und Bedachtsamkeit nöthig ist, und wir sind
-verbunden alle unsere Verstandeskräfte zusammenzufassen, um mit der
-strengsten Aufmercksamkeit die Veränderung zu erwarten, die uns aus
-der Zeit in die Ewigkeit versetzt. Mich deucht, daß alles dieses ohne
-Ernsthaftigkeit unmöglich sey. Und wer in seiner Todesstunde spaßt,
-ist viel zu leichtsinnig, als daß er den Tod regelmäßig ausstehen
-solte. Diese Leichtsinnigkeit verdunckelt auch den feurigsten Spaß.
-Nein, in der Todesstunde kan kein Spaß recht glücklich gerathen. Zum
-andern gehören hieher die Schertze in der Kirche, und insonderheit
-auf der Canzel. Ein P. <span class="antiqua">Abraham von Sancta Clara</span> mag noch so
-ein lustiger Kopf seyn, er mag noch so feurig seyn, so wird ihm doch
-kein Schertz gelingen, wenn er ihn auf den Stuhle vorträgt welcher
-den wichtigsten Wahrheiten gewidmet ist. Daher darf kein Prediger die
-Laster auf der Canzel lächerlich machen, er muß sie aus wichtigern
-Gründen mit dem grösten Ernste bestürmen. Endlich rechne ich dahin die
-Heldengedichte und grossen Lobreden. Ein Dichter und Lobredner verhält
-sich unanständig gegen seinen Helden, wenn er schertzt. Das hohe,
-das erhabene, das ehrwürdige wird durch das lächerliche verdunckelt.
-In solchen Reden<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> und Gedichten muß gar nicht geschertzt werden.
-<b>Günther</b> wird daher mit Recht getadelt, daß er in der Helden-Ode
-auf den <b>Eugen</b> einen Soldaten nach dem pöbelhaftesten Character
-aufführt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Par_106">§. 106.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich muß nunmehr den Beschluß meiner Betrachtung machen. Ich solte
-glauben, daß diese Blätter nicht gantz ungeschickt wären, den guten
-Geschmack zu befördern, in einer Sache die sehr häufig zu seyn pflegt.
-Ich habe mich wenigstens bemüht, diese Critik der Schertze auf Gründe
-zu bauen, die aus der Natur der Seele, und der Schönheiten überhaupt
-hergenommen sind, und ich habe nichts weiter mehr nöthig, als mich der
-Gewogenheit meiner <b>geneigten Leser</b> zu empfehlen.</p>
-
-<div class="poetry-container antiqua">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Viue, vale! si quid nouisti rectius istis,</div>
- <div class="verse">Candidus imperti; si non, his vtere mecum.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b>E<span class="mleft1">N</span><span class="mleft1">D</span><span class="mleft1">E</span>.</b></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p144" name="p144">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p144.jpg"
- alt="Zierbild zum Ende" /></a>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="transnote mtop3">
-
-<h2 class="s5 nobreak"><span class="s3"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></span></h2>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand des 1744 erschienenen
-Buchausgabe nahezu originalgetreu wiedergegeben. Lediglich die
-Zeichensetzung sowie offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Altertümliche und inkonsistente
-Schreibweisen, wie z.B. ‚Wirckung‘ bzw. ‚Würckung‘ wurden dagegen
-beibehalten; auch die Schreibweise von Namen ist zum Teil inkonsistent,
-wurde aber hier nicht vereinheitlicht. Fremdsprachliche Zitate sowie
-deren Quellenangaben wurden der Buchausgabe gemäß wiedergegeben;
-eine Korrektur wurde nicht vorgenommen. Wiederholt werden Begriffe
-mit der Vorsilbe ‚Uber‘ anstatt ‚Über‘ verwendet, was hier ebenfalls
-beibehalten wurde. Einzelne in der gedruckten Version nicht oder nur
-unklar erkennbare Buchstaben wurden sinngemäß hinzugefügt.</p>
-
-<p class="p0">Der Hauptteil des Textes wurde im Original in Fraktur
-gesetzt, fremdsprachige Zitate (meist in Latein) dagegen in Antiqua,
-was hier durch <span class="antiqua">serifenlose Schrift</span>
-hervorgehoben wird; deren Quellenangaben erscheinen in
-<i>kursiver Antiquaschrift</i>. Einige Namen wurden in einer anderen Frakturschrift
-gesetzt, was hier durch <b>Fettdruck</b> wiedergegeben wird.</p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANCKEN VON SCHERTZEN ***
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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