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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 10:59:00 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der letzte Hansbur - Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide - -Author: Hermann Löns - -Release Date: March 21, 2016 [EBook #51517] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -[Illustration] - - - - - Hermann Löns - - Der letzte Hansbur - - Ein Bauernroman aus - der Lüneburger Heide - - Adolf Sponholtz Verlag, G. m. b. H. / Hannover - - - - - Als ich damit begann, die - Geschichte des letzten Hansburen - niederzuschreiben, war ich mir darüber - klar, daß es unmöglich sei, die Gespräche - plattdeutsch wiederzugeben, da eine Erzählung - nicht in zwei Sprachen geschrieben werden kann. - Ganz von selber kam ich dann dazu, den gesamten - Text in der Denk- und Sprechweise der Haidjer zu - halten, woraus sich, wie mir scheint, eine glückliche - Einheit zwischen dem Stoffe und der Form ergab. Diese - Darstellungsweise zwang mich, vielfach Worte und - Wendungen zu gebrauchen, die manchem Leser - ungewohnt sein werden, weswegen ich am - Schlusse des Buches die notwendigen - Erläuterungen gebe. / H. L. - -[Illustration] - - - Copyright 1909 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H. Hannover. - - - - -[Illustration: Der Bullerborn] - - - - -Der Bullerborn. - - -Es war meist noch Nacht, da warf der Storch den Tau von sich und flog -los. - -Mitten in der Heide lag ein klarer Pump, der Bullerborn geheißen; da -ließ er sich nieder. - -Die Nebelhexen verjagten sich, als der Adebar angebraust kam, und als -ein heller Wind über die Heide lief und sie bei Seite stieß, und als -die Sonne über die Wohld stieg und sie scharf ansah, da gaben sie das -Tanzen über dem Bullerborn auf und machten, daß sie in das Bruch kamen. - -Der Storch ging um den Born herum und nickte mit dem Kopfe. Fische gab -es nicht in dem Wasser, dazu war es zu frisch, und Frösche erst recht -nicht, denn dazu war es zu wild. Wer aber lange in den Born sah, in dem -das Wasser immer um und um ging, daß der weiße Sand nur so mülmte, der -wußte, was der Storch da suchte, und wenn der Pastor von Lichtelohe -es auch einen Heidenschnack nannte, daß der Adebar aus dem Bullerborn -die Seelen für die kleinen Kinder holen sollte, die Bauern wußten das -besser. - -Als die Sonne so hoch stand, daß sie just in den Born hineinsehen -konnte, nahm der Storch sich auf und flog über das Bruch und die hohe -Heide und die Felder, bis er da war, wo er hergekommen war, auf dem -Hehlenhof, der ganz allein für sich in seinem Hausbusche lag, so daß -man vor lauter Eichen und Hülsen und Holderbüschen, die hinter der -mächtigen Mauer aus Ortsteinen wuchsen, nichts von ihm sah, als den -Herdrauch. - -Die Störchin stand auf, als der Storch kam; er aber flog über das -Hausdach fort und ließ sich im Blumengarten hinter dem Wohnhause -nieder, wo der Flieder durch den Tau roch und der Goldregen über den -Zaun hing. Er stand zwischen den Buchsbaumrabatten und sah sich um; -dann ging er bis zu der Ecke, wo das Fenster der Dönze offen stand. - -Das Totenhuhn, das auf dem Windbrett saß und einen Diener über den -anderen machte, drehte sich bald den Hals ab, aber es konnte nicht -sehen, was der Adebar da machte, denn er war hinter einem der spitzen -Machangelbüsche, die rechts und links vor der Türe standen, kam aber -bald wieder heraus, ging bis mitten in den Garten und flog fort. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Adebarstag] - - - - -Adebarstag. - - -In der Schlafbutze der Dönze lag die Bäuerin und in ihrem Arme der -Hoferbe und beide atmeten durcheinander. - -Als der Storch fortflog, schlug das Kind die Augen auf und meldete sich. - -Die Bäuerin seufzte den Schlaf fort, strich sich den Schweiß von der -Stirn, sah um sich und lächelte, als sie das Kind sah, das mit den -Händen nach ihrer Brust fühlte. - -Sie legte es an und sah zu, wie es trank. Im Flett gingen bedächtige -Schritte, die Dönzentür ging leise auf und der Bauer kam auf Strümpfen -herein. - -Seine Augen lächelten, als er vor die Butze trat. Er strich mit seiner -großen Hand über die Backe seiner Frau und mit einer Fingerspitze über -den Kopf des Kindes, nickte und sagte: »Nötigen braucht man ihn nicht.« - -Im Flett kamen wieder Schritte näher, eine große, breite Frau mit -schönem Gesicht stand in der Türe. - -»Komm' man her, Großmutter,« sagte der Bauer, »ich muß jetzt nach den -Wiesen. Bei Uhre elfe bin ich wieder zurück.« - -Er ging, aber in der Türe drehte er sich noch einmal um: »Es ist eine -wahre Pracht, wie er trinkt.« - -Die Großmutter nickte und sah zu, wie das Kind trank, und als es die -Mutterbrust von sich stieß, nahm sie es hin und wickelte es aus. - -Sie lachte, als sie die breite Brust und die geraden Glieder des Kindes -sah. »Er ist fast zu schön für ein Dreitagekind, Detta,« meinte sie, -»so schier und eben. Und welche Masse Haare er hat, als wenn er sechs -Wochen alt wäre. Und hat man schon bei einem Kinde, das noch nicht -wochenalt ist, solche festen Nägel gesehen?« - -Sie klopfte es zärtlich, aber dann nahm sie das rechte Händchen des -Kindes zwischen ihre Finger: »Den alten dummerhaftigen Beifinger, den -brauchte er nicht zu haben. Junge, Junge, was brauchst du elf Finger?« - -Ihre Tochter lächelte: »Ach, Mutter, das ist ja wohl kein Unglück! -Wer lang hat, läßt lang hängen. Und sein Großvater hat ja sogar zwölf -gehabt.« - -Die Großmutter machte eine krause Stirne: »Das ist es ja eben, das -mit dem Großvater. Hätte er zehn Finger gehabt, dann hätte er wohl -noch ein Enkelkind hüten können. Die alten vermuckten Beifinger! Alle -Hehlmanns mit überzähligen Fingern hatten zuviel Hitze im Geblüt. Aber -wenn man dieses Kind sieht, so hübsch, als wie es daliegt, mit Augen, -wie der liebe Himmel, dann sollte man meinen, daß das bloß ein dummer -Aberglauben ist. Die Zukunft liegt in Gottes Hand; wir wollen uns -darüber keine Gedanken machen. Wer zu lang vorausdenkt, macht sich zu -früh Sorgen.« - -Sie legte das Kind hin, rief die Kleinmagd, daß sie das Wasserwarmbier -bringe, und als die Wöchnerin die Suppe ausgelöffelt hatte, strich ihr -die Mutter das Kissen zurecht, schloß das Fenster der Fliegen wegen -dicht zu und mahnte: »So, nun schlaf' man, daß du bald wieder beinig -wirst.« - -In der Tür blieb sie stehen: »Er sieht heute ganz anders aus den Augen, -als wie die Tage vorher; er sieht einen heute schon ordentlich an, als -wenn er einen kennen täte. Gestern hatte er noch gar keinen Blick in -den Augen.« - -Ihre Tochter lächelte: »Ja, Mutter, das bedünkt mich auch so. Aber -heute ist ja auch Adebarstag.« - -»Heidenschnack«, warf die Großmutter lächelnd hin, und dann ließ sie -Tochter und Enkel für sich. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Beifinger] - - - - -Der Beifinger. - - -Das Kind schlief, und Detta Hehlmann sah es an, bis daß der gelbe Vogel -draußen so laut an zu pfeifen fing, daß sie nach dem Fenster sehen -mußte. - -Im Garten ging der Wind; das Weinlaub war rege und ein weißer -Nägelchenbusch ging immer auf und ab. - -Der jungen Frau bedünkte es, als hätte sie das alles noch kein mal -gesehen. Vier Tage waren es erst her, daß sie von den Füßen mußte, aber -ihr war zu Mute, als wenn ein Jahr darüber hin wäre. - -Noch kein mal war ihr das Weinlaub so schön vorgekommen und noch nie -hatte der Wigelwagel so süß in den Hofeichen gesungen. - -Ihr wurde ganz weichmütig zu Sinne und die Augen gingen ihr über. Ihr -war so wunderlich, daß sie die Hände falten mußte. - -Ihren Johann hatte sie, einen guten Mann, und dann dieses Kind, so -schön und so gesund. Am ersten Maitage in der Frühe war es dagewesen, -ein Morgenkind, ein Maikind, und darum war es wohl so schön. - -Die Mutter hatte recht; heute hatte der Junge ganz andere Augen. - -Detta lächelte und dachte an die Worte der alten Magd: »Am dritten Tage -bekommt ein Kind die Seele. Der Adebar bringt sie ihm. Bis dahin ist es -nicht mehr, als ein unvernünftiges Vieh.« - -Das alte Mädchen steckte voll von Heidenglauben. Sie war manchmal nicht -ganz bei sich, die alte Hermine; sie hatte auch ein trauriges Leben -gehabt. - -Sie war mit einem Großknecht versprochen gewesen. Da kam der Bonaparte -und nahm ihr den Bräutigam. - -»Ich wollte ihm etwas Gutes mitgeben,« hatte die alte Magd an Dettas -Ehrentage erzählt, »und da konnte ich nicht anders, als meinem Karl zu -willen sein. Und das ist mir heute noch nicht gereut.« - -Der Bräutigam blieb in Rußland; es kam nie wieder eine Kunde von ihm. -Sein Kind aber wuchs auf dem Hehlenhofe zu einem strammen Jungen heran -und kein Mensch trug es ihm nach, daß er ein lediges Kind war. Zwei -Jahre war er schon Kleinknecht, da schlug ihn der Schimmel tot. - -Das arme alte Mädchen! Die junge Frau sah zu ihrem Kinde hinab. Das -rechte Händchen mit dem Beifinger lag auf dem Kissen. - -Ihr trat der Großvater ihres Jungen vor die Augen. Der wilde Hehlmann -hatte er geheißen. Ein Kerl, wie eine Tanne war er, mit Augen, die -einen hellen Blick hatten. - -Der war auch mit zwölf Fingern auf die Welt gekommen und sein Haar -hatte im Nacken just solchen Wirbel, wie sein Enkelkind, das er nicht -mehr sehen sollte, denn er lag schon einige Jahre neben der Kirche. - -Durch eigene Schuld war er mit sechzig Jahren unter die Erde gekommen, -denn von Rechts wegen mußte er es auf hundert bringen. Aber seine -zwölfhundert Morgen Eigenjagd waren ihm zu wenig; er hatte immer den -Grenzstein in der Tasche und jagte, soweit der Himmel blau und die -Heide braun war. - -Als er wieder einmal im Königlichen jagte, hatten ihn die Förster -spitz gekriegt und mit dem Hunde seine Spur ausgearbeitet. Aber der -alte Hehlmann hatte es gemerkt, und obzwar es wintertags war, hatte er -sich nicht besonnen und war drei Male bis an die Brust quer durch die -Beeke gegangen und hatte dann naß wie eine Katze im Bruch den Abend -abgewartet, ehe er auf Umwegen nach seinem Hofe ging. - -Acht Tage hinterher lag er steif und kalt auf dem Schragen; eine -Lungenentzündung hatte ihn umgeworfen. - -»Bis auf das Letzte ist er gegen den Tod angegangen,« hatte die alte -Hermine erzählt. »Er wollte und wollte nicht sterben. Noch nicht, noch -nicht, schrie er immer; es war schrecklich anzuhören. Schlecht war er -nicht, aber er gehörte hier nicht her. Er hielt den Kopf höher, wie ein -adeliger Herr, und es war keine Frau und kein Mädchen, das ihm in die -Augen sehen konnte, ohne daß ihr das Blut in die Backen sprang. Gegen -Kinder und Hunde war er von Herzen gut, aber die Mannsleute kriegten -gefährliche Augen, wenn die Rede auf ihn kam. Wo ein glattes Gesicht -war, da war er nicht weit; in seinem letzten Jahre mußte seinethalben -noch eine Magd vom Hehlenhofe. Er war kein Mann für geruhige Zeiten; -es war ein Kerl, wie man sie braucht, wenn die Kriegsvölker zu Gange -sind.« - -Dettas Gesicht wurde ernst. Der Beifinger ihres Jungen und der -Haarwirbel im Nacken wollten ihr nicht aus dem Sinne. - -Und dann dachte sie an das, was man von dem Großvater des Großvaters -erzählte, von Hans Detel Hehlmann. - -Mit dem hatte es ein schlimmes Ende genommen. Er hatte den Hut -aufbehalten, als der adelige Herr vorüberging, denn er hatte einmal -einen Ärger mit ihm gehabt. Da hatte der Herr ihn mit der Peitsche -über den Hut geschlagen und gerufen: »Mach' dich bar, Bauer!« Und da -war der Bauer zugesprungen, und hatte den Ritter mit der baren Faust -totgeschlagen. - -Bei Nacht und Nebel war er aus dem Lande gegangen und in dem Hausbuche -stehen hinter seinem Namen die Worte: »Es kam niemals wieder eine Kunde -von ihm. R. i. p.« - -Dettas Augen wurden wieder heller. »Die Welt geht jetzt einen -geruhigeren Gang,« dachte sie. »Und ist der Junge auch an der Reihe, -daß das wilde Blut bei ihm hochkommt, Johann und ich, wir wollen schon -dafür sorgen, daß es sich in Zucht und Sitte hält. Alle Mannsleute sind -zuletzt von wilder Art, die besseren wenigstens.« - -Sie dachte an ihren Jochen, der ihr anfangs fast zu gut vorgekommen -war. Eines Tages jedoch hatte der Knecht den Rappen mit dem Forkenstiel -über das Maul geschlagen; da hatte der Bauer aber losgelegt; wie ein -Ungewitter polterten seine Worte über den Knecht her. Und da wurde der -Knecht frech und machte eine ausverschämte Redensart. Es sollte ihn -bald gereuen. Hehlmanns Augen wurden rund und blank; mit einem Griffe -hatte er den Burschen bei der Brust, und ehe der es sich versah, lag -er im Entenpump. Ganz voll von Entenflott kam er wieder heraus, nahm -seinen Lohn, packte seine Sachen und machte, daß er weiter kam. - -Der Fink im Garten sang immer und immer wieder dasselbe Lied und der -Wigelwagel flötete in einem fort auf die gleiche Art. Und immer und -immer wieder gingen die grünen Blätter und die weißen Blumen hinter den -kleinen Scheiben auf und ab. - -Der jungen Frau fielen die Augen zu. Aber mit einem Male seufzte sie -auf und sah wild um sich. Sie sah nach der Wiege und dann hinter dem -Traume her, der eben bei ihr gewesen war. - -Da hatten auf einmal zwei Frauen bei der Wiege gestanden. Die eine, die -mit dem braunen Gesicht und den Augen, so schwarz und blank, wie der -Ruß am Rehmen, war aus dem Moore gekommen, denn sie roch nach Post. - -Die andere, deren Gesicht wie Milch war, mit Augen, so blau wie -Bachblumen, war über die Wiesen gekommen, denn von ihren Kleidern kam -der Geruch von Gras und Blumen. - -Sie standen bei der Wiege und besahen das Kind. Die Frau mit dem gelben -Gesicht hatte gemurmelt: »Als wie ein Herr sollst du leben.« Dann -machte sie das Hexenkreuz über dem Kinde und war verschwunden. - -Die andere Frau aber machte über dem Jungen das Zeichen, das die Bauern -vom Hehlenhofe seit unvordenklichen Zeiten als Hausmarke hatten, und -flüsterte: »Und dein Knecht sollst du sein.« Dann war sie nicht mehr zu -sehen. - -Die junge Frau dachte nach. Träume sind Schäume, sagt der Pastor, und -dann fiel ihr die alte Hermine ein, die so fest an Träume glaubte, daß -sie ihr eigenes Begräbnis voraussagte. - -»Mein Karl hat mich wissen lassen, ich soll Sonntag bei ihm sein,« -hatte sie Freitag gesagt. Am Sonnabend Morgen lag sie tot im Bette. - -»Wer hat recht?« dachte die junge Frau und sah nach dem Fenster. »Hat -der Pastor recht oder Hermine? Der Pastor hat die Wissenschaft, aber -das alte Mädchen hatte den Glauben.« - -Wieder lächelte sie, es kam ihr in den Sinn, daß sie als Schulmädchen -ein Buch gelesen hatte, in dem die Geschichte von der guten und der -bösen Patenfee stand. - -Dieses alte Märchen war ihr im Schlaf wieder eingefallen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Das Hausbuch] - - - - -Das Hausbuch. - - -»Johannes Gotthard Georgius soll er heißen,« sagte der Hansbur. - -Den ganzen Sonntag Nachmittag hatte er in der Dönze gesessen und in dem -Hausbuche gelesen. - -Das war ein altes Buch in Schweinsleder gebunden und mit einem Schlosse -aus Messing. Auf der ersten Seite war dieser Spruch zu lesen: »De -Mensche van ejner Frouwen geboren leuet ejne Korte tidt unde is vull -vnrowe«. - -Allerlei war darin zu lesen, von Kriegsnöten und Pest, Mord und Brand, -von hungrigen Zeiten und fetten Jahren. - -Fromme Sprüche waren darin aufgezeichnet und alte Mittel, dem Vieh zu -helfen mit Kräutern und Besprechung. - -Unterschiedlich war die Handschrift, bald kraus und bunt, bald -steif und steil; hier wie gestochen, und da krumm und schief, wie -Fuhrentelgen. - -Absonderliche Belebnisse standen darin: »Die Wölfe haben so gehecket, -dieweil keiner ist, der ihnen zu Leibe gehen kann, daß wir uns deren -nicht erwehren können. Gestern sind wieder drei Schafe weniger in -den Kaben zurückgekommen, als morgens herausgelassen waren. Das sind -siebzehn Stück in diesem Frühjahre.« - -Hehlmann blätterte um, denn das war es nicht, was er suchte. Aber -dieses hier mußte er doch lesen: »Der englische Schweiß geht wieder im -Lande um. In Ohldörpe sind letzte Woche bei Zwanzig Leute abgestorben, -die mehrsten vor dem dritten Tage. In Lichtelohe sind sieben neue -Gräber bei der Kirche. Herr, halte deine Hand über uns!« - -Hehlmann blätterte zurück; da stand zu lesen: »Des Herrn Wege sind -wunderlich. Johann Detel Georg Hehlmann hat uns ein Schreiben zukommen -lassen. Zweimal zehn Jahre ist er verschollen gewesen für uns. Er hat -mit Bravour gegen die Türken gefochten und ist immer mehr geworden, -zuletzt ein hoher General und Anführer über viele Kriegsvölker. Der -Kaiser hat ihm große Güter gegeben und einen Grafen aus ihm gemacht, so -daß er jetzt Graf Hehlmann von Gollenstedt geheißen wird. Hier hatte er -nicht taugen wollen.« - -Darunter stand: »Ohm Hein sagt, er hat sechs Finger an jeder Hand -gehabt und sein Haar ist in zwei Wirbeln gelegen.« - -Hehlmann sah auf: das war der erste mit Beifingern und mehr als einem -Haarwirbel. Der hatte es zu etwas gebracht, aber sein Geschlecht war -bald ausgestorben und die Güter waren wieder dem Kaiser zugefallen. -Ein Hehlmann hatte darum geklagt; die Herren vom Gericht hatten aber -herausgefunden, daß die Verwandtschaft zu weitläufig war. - -Der Bauer dachte nach. »Detel soll er nicht heißen,« beschloß er bei -sich. »Drei Namen haben wir alle. Der erste ist immer der alte Name, -wonach die Bauern solange Hansbur hießen, bis die Regierung befahl, -daß sie sich nach einem Beinamen umsehen mußten. Auf den dritten Namen -kommt es nicht an, aber auf den zweiten, denn mit dem wurden sie -gerufen. Und Detel war kein guter Name.« - -Er las weiter. »Johann Hinrich Detel« stand da und ein Kreuz dahinter -und die Worte: »Der Herr erbarme sich seiner armen Seele.« - -Weiter stand nichts da, aber mit anderer Schrift war an den Rand -geschrieben: »Er hat im Kruge zu Eschede im Mai 1711 einen Handelsmann -mit dem Messer beim Kartjen erstochen. Am 8. Juni mit dem Schwerte zu -Zelle vom Leben zum Tode gebracht. In den Gerichtsakten steht als -absonderliches Merkzeichen: Er hatte eilfen Finger.« - -Hehlmann machte die Stirne kraus. Also Hinrich, das ging auch nicht. -Und einen neuen Namen wollte er nicht haben für den Jungen. - -Er schlug weiter um. Über die Frauennamen las er weg. Aber bei dem -einen blieb er doch hängen. »Dorothea Hille Sophia Hehlmann, geb. 13. -Mai 1773. Gest. 13. Mai 1813. Sie hat sich weggeschmissen.« - -Mit roter Tinte stand in zierlicher Schrift am Rande: »Wir wollen -keinen Stein auf ihr werfen. Sie soll ausnehmend schön gewesen sein -und ist nach vielfachen Fahrten eines achtbaren Mannes ehelich Weib -geworden. Gotth. H. Hehlmann, P.« - -Der Wigelwagel pfiff in den Hofeichen und schrie hinterher ganz -unmäßig. Hehlmann war es so, als ob er Detel oder Hinrich schrie. - -»Nein, Detel und Hinrich sind keine Namen für meinen Jungen,« dachte -er, »so scharf und spitz, das hat keine Art. So ein Name, der muß -sein, daß er in sich selbst Bestand hat.« - -Er blätterte wieder weiter. »Johannes Gotthard Hinrich Hehlmann, Pastor -zu Lichtelohe. Sein Andenken bleibt ewiglich in Ehren. Er war ein -frommer Knecht des Herrn.« - -Hehlmann nickte. »Gotthard hört sich vortrefflich an, ruhig und sinnig. -Das ist ein Name, der einem Manne zu Gesichte steht, wie ein ehrbarer -Rock.« - -Er schlug weiter um: »Johannes Gotthard Antonius. Er war ein Mehrer des -Hofes und hat ihn aus den Schulden herausgebracht.« - -Hehlmanns Augen wurden hell. Es kamen zwei leere Seiten, dann vier -Seiten mit frommen Sprüchen und Heilmitteln für das Vieh, und dann -stand wieder da: »Johann Gotthard Hermen; ist über achtzig geworden -und hatte noch alle Zähne und solche Kraft, daß er das junge Volk bei -der Arbeit hinter sich ließ. Er hatte für jedermann einen Rat und ein -trostreiches Wort und wurde in allen Nöten des Leibes und der Seele um -Hülfe angegangen. Wenn einer, so ruhet er in Abrahams Schoß.« - -Der Bauer tauchte die Feder ein und schrieb: »Johannes Gotthard«, -dann besann er sich eine Weile nach einem dritten Namen und schrieb -»Georgius«, denn so hieß der nächstverwandte Hehlmann, Ohm Jürn, der -die Schnucken unter sich hatte. - -Hehlmann scharrte Sand von den Dielen, streute ihn auf die Schrift, -las noch einmal, was er geschrieben hatte und sprach vor sich hin: -»Johannes Gotthard Georgius«, und nach einer Weile: »Gotthard Hehlmann«. - -Dann schlug er das Buch zu und legte es in die Beilade. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Das Osterfeuer] - - - - -Das Osterfeuer. - - -Göde riefen sie den Jungen, denn Gotthard nahm ihnen zuviel Zeit. - -Der Junge wuchs, daß es ein Staat war. Er hatte einen ansehnlichen -Vater und seine Mutter war das glattste Mädchen weit und breit gewesen. -So war es kein Wunder, daß der Junge rundumher als das schönste Kind -galt. - -Und gesund war er und kernfest, wie die Eichen auf dem Hofe. Er hatte -Licht und Luft und gute Hut, und als seine Mutter mit ihm ging, hatte -sie ihre Augen hell und ihr Herz rein gehalten. - -Keinmal hatte sie beim Nähen schwarzen Zwirn über den Hals gehängt, nie -einen Faden abgebissen, niemals die Leinwand gerissen. - -Eins nur machte ihr Sorge: Als sie fühlte, daß sie guter Hoffnung war, -war der Viehhändler Seligmann auf den Hof gekommen. Sie hatte ihn nie -so recht leiden können. Als er ihr auf so wunderliche Art die Hand -gab, sie mit Augen ansah, als hätten sie zusammen Holz gestohlen, und -sie schmusternd fragte: »Nun, schöne, junge Frau, hat der Adebar schon -geklappert?« da hatte sie den Kopf geschüttelt. Wenn aber eine Mutter -ihr Kind ableugnet, dann bleibt es nicht bei der Wahrheit. - -Aber das mochte nur wieder so ein Schnack sein von Mutter Griebsch, die -der jungen Frau sagte, was sie tun dürfe und was nicht. - -Detta gab auf alle diese Dinge nicht so ganz viel, denn zuoft hatte der -Pastor dagegen von der Kanzel geredet; deswegen stellte sie die Wiege -aber doch immer fest, wenn das Kind nicht darin lag, damit sie nicht -taub hin und her ging und der Junge Kopfweh bekam. Sie sorgte dafür, -daß keine jungen Hunde auf dem Hofe waren, und nahm nicht die Schere, -wuchsen dem Kinde die Nägel über. - -Weil der Junge elf Finger hatte, zog sie ihn durch die Zwille einer -jungen Eiche, und als der Finger trotzdem nicht zurückging, band sie -ihn mit einem weißen Faden ab und tat den Saft von Jesuwundenkraut -darauf, und es blieb nichts zurück, als eine kleine rote Stelle. - -Die große bunte Wiege von Eichenholz, die seit 1564 auf dem Hofe war, -wurde zu kurz, als Göde ein knappes Jahr alt war, so wuchs der Junge. - -Durchschnittlich war er ein freundliches Kind, aber einmal, als seine -Mutter sich verjagt hatte, als das Wetter in eine von den großen Eichen -schlug und die ganze Deele voll von blauem Feuer war, mußte ihr wohl -die Milch hart geworden sein, denn als der Junge trinken wollte, hatte -er schnell losgelassen und ganz falsch mit der Hand nach der Brust -geschlagen. »Du Untier,« hatte die Mutter gesagt, »noch nicht ein Jahr -und schon schlägt er zu, wie ein Alter.« - -Sonst war er aber gutartig, lachte immer und wenn man ihn mitten aus -dem Schlafe aufnahm. Er konnte drei Stunden allein liegen und mit -seinen Füßen spielen oder lauthals über den Schatten juchen, den seine -Hände gegen die Wand warfen. Wenn er einmal ein bißchen weinte, so wie -einer mit ihm sprach, gleich lachte er wieder. - -Bloß wenn der Bauer vorbeiging, ohne mit ihm zu sprechen oder ihn auf -den Arm zu nehmen, dann fing er ganz gefährlich an zu schreien, und -Hehlmann lachte und sagte: »Eine Stimme hat er, wie ein Bullenkalb.« - -So blieb er auch; immer war er lustig und nie verzagt. Als er vier -Jahre alt war, schnitt er sich zwei Finger bis auf den Knochen durch -und kam mit Tränen in den Augen ganz still an und sagte: »Mutter, -Lappen ummachen.« Mit sieben Jahren griff er den Marder, der in das -Tellereisen getreten war, und brachte Marder und Eisen lachend in das -Haus, und dabei hatte ihn das Tier durch den Daumennagel gebissen. - -Er hatte eine Art mit dem Vieh umzugehen, als wenn er schon ein Kerl -von zwanzig Jahren wäre; alles, was auf dem Hofe an Getier war, mußte -ihm untertänig sein, aber nie ging er hart damit um, außer, wenn eins -nicht so wollte, wie er. - -Dann aber wurden seine Augen blank und seine Stimme war wie ein -Peitschenklappen, und der Bauer und die Bäuerin sahen sich an, machten -enge Lippen und die Mutter rief über den Hof: »Göde, prahl nicht so!« - -Ein einziges Mal war der Vater böse zu ihm geworden. Die Kinder hatten -sich ein Osterfeuer gemacht und waren über die Flammen gesprungen, Göde -immer vornweg. - -Bloß Ludjen Wehmeyer, ein Häuslingsjunge, wollte nicht, denn er war -bange. Da war Göde an ihm vorbeigelaufen, hatte ihn an den Ärmel -gefaßt und war mit ihm über das Feuer gesprungen, das heißt, nur halb, -denn weil Ludjen sich sträubte, fiel Göde, und nun lagen sie alle beide -in dem Feuer. - -Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen um so mehr, und als -Mutter Wehmeyer auf den Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte, da -hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei. - -Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbetüre gerufen: »Doch hat er -schuld, ich hab' es gesehen!« - -Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen und gesagt: »Warum -bleibst du mit der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich das für -einen Bauernsohn? Wie kann ich dir glauben, wenn du einmal gelogen -hast? Und damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche nicht mit -in das Bruch.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Im Ruhhorn] - - - - -Im Ruhhorn. - - -Das war ein harter Spruch. - -Schön war es auf dem Hofe unter den tausendjährigen Eichen; da flogen -die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und es sah putzwunderlich aus, -wenn sie die kleinen Wagen zogen, die Göde ihnen machte. - -In dem alten Burgfried, der im Giebel noch drei Kugellöcher aus der -Schwedenzeit aufwies, hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war -rein zum Lachen, wenn Göde kam; denn dann machte sie sich ganz lang -und wackelte just so wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er einen -Schnaps zuviel hatte. - -Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken und wenn man sich still -verhielt, liefen sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse. - -Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest und machte eine furchtbare -Schande, wenn ein Mensch in die Nähe kam. - -Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen hatte, die lauter -Dummerhaftigkeiten im Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze machte -oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie verrückt in ihre Ketten -gingen und die Hühner für unklug unter das Holz liefen. - -Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke oder Kiekebusch, die beiden -jungen Bracken, die der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem -Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so lange in das Untier -hineinbissen, daß ihnen der blanke Schaum vor den Schnauzen stand. - -Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu jagen, und das brachte etwas -ein, denn für jede gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte Göde zum -Rattenpassen keine Lust, dann nahm er das Pusterohr und wartete in -der Laube, bis es im Kirschbaume knackte, und es war selten, daß die -Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen die Zwiebeln warf. - -Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen und an die Birnen gingen, -hielt Göde mächtig im Schach, und manch einen holte er mit der Pistole -herunter. - -Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn es in die Wildnis ging. -Was gab das für ein Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier, -Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp! Heraus, Kreih!« - -Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so wurden Strom und Pollis und -Widu hinterhergeschickt. Dann war Göde auf der Höhe, wenn er drei, -vier Jungens, die Hunde und das Vieh unter sich hatte, und alle ihm -gehorchen mußten, selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange -Peitsche hinkam, da zog es Blasen. - -»Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte der Bauer, »ich habe das -mit vierzehn Jahren noch nicht so gekonnt.« - -Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke des Hehlenbruches, wo die -schnelle Bullerbeeke mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam, denn da -brauchte er nicht so viel aufzupassen, weil das Vieh nicht durch das -Wasser ging. - -Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das schönste Teil von dem ganzen -Bruche. - -Viel altes Holz stand da auf den hohen Sandbrinken, die vor der Beeke -lagen, Eichen und Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten und -Birken in Masse, und darunter wuchsen Machangeln, Hülsen und Haseln und -wer weiß was alles. Erdbeeren gab es da die schwere Menge und später -Bickbeeren, Brombeeren und Kronsbeeren. - -Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke und manchmal auch ein -wildes Schwein. Der Habicht baute da und der Rabe und der schwarze -Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der Beeke und im großen -Moore gingen die Kraniche auf und ab, klappten mit den Flügeln und -bliesen wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt. - -Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der Mücken und Gnitten und blinden -Fliegen und der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen Forellen, und -wer sich darauf verstand, konnte sie leicht kriegen; in der Wittbeeke -standen Hechte und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie es ihm -Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen, die Kleinknechte, beigebracht -hatten. - -Er ging nicht gern mit den Knechten, denn dann mußte er tun, was die -wollten, und das war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er hinter -den Kühen, weil er dann allein das Wort hatte. - -Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten eine andere Arbeit -hatte, mußte er mit den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes -einzige Mal etwas Neues. - -Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen Setzangeln, Hein Gird aber -stokelte überall herum und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern -an, bald mit einem jungen Reh, und in der Schummerstunde brachte er das -dann nach seiner Mutter. - -Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg, der Förster, sie -dabei packte. Da mußten sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen -heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache herauskam und sagte, daß -Tönnes und Hein Gird ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und -viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein junges Reh nach Hause -geschleppt hatten. - -Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild gesehen: »Junge,« hatte -er gerufen und war ganz rot unter den Augen geworden, »machst du mir -solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie ein Vagabunde, der an -fremder Leute Eigentum gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Beeken -ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du kannst heilsfroh -sein, daß ich mit dem Droste gut stehe, sonst geht es dir, wie den -beiden Unduchten, dem Tönnes und dem Hein Gird: die sind jeder zu zehn -Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie heute Abend zurückkommen, sag' -ihnen, sie sollen dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine -Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist nun aus. Vom Montag ab -gehst du zum Pastor in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch -her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.« - -Der Junge war weiß wie eine Wand geworden. Daß er nicht mehr in das -Bruch durfte, das war schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht -gern, und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht nichts; aber -wenn er daran dachte, daß jetzt beim Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf -der langen Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit dem Haselstocke, -daß es nur so brummte, da wußte er: wäre es ihm so gegangen, er -hätte sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde Döbke, der -Schneider, als er unter das Schnapsverbot kam. - -Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu Ohm Jürn, der auf der Heide -bei den Schnucken stand und an einem Strumpfe knüttete. Der freute -sich, als er den Jungen kommen sah, über sein ganzes altes faltiges -Gesicht, das so braun wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede, -eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist sprach er überhaupt -nicht, höchstens brummte er so vor sich hin. - -»Ja, ja, Junge; laß' den Kopp nicht hängen, Kind, sagte die Kuh, als -sie mit dem Kalb durch die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm. -Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein Umgang für einen Hoferben.« - -Das sah Göde denn auch ein, und das Herz tat ihm gar nicht weh, als -abends die Jungens mit dem Vieh vom Bruche zurückkamen und lauthals -sangen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Die Grenze] - - - - -Die Grenze. - - -Die Vormittagsschule war lange nicht so schlimm, wie Göde sich das -gedacht hatte. - -Der alte Pastor Rotermund sah nur von weitem so gefährlich aus, weil er -so lang war und so dünn und weil ihm das weiße Haar über den Rockkragen -hing. - -So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar er sich da nicht so -fühlte, als wie in der Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf -dem Hansburhofe ging es ja auch sinnig und anständig zu, aber bei dem -Pastor war es, als wenn jeden Tag Sonntag war. - -Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter war und Schultern hatte, -wie ein Mannsbild und meist Beiderwand oder Blauleinen trug und vor -keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas an sich, daß Göde jedesmal rot -wurde, wenn er sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm. - -Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht die erste Violine spielte, -wie in der Übermittagsschule bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel, der -Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es zwar an Kräften mit ihm auf, aber -er hatte eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für den Tod nicht -ausstehen konnte. - -Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren die beiden -aneinandergekommen. - -Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er noch nicht einmal wußte, wer -Pipin war, denn wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen, Schreiben, -etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche und Gesangbuchverse -beigebracht hatte, das schien ihm schon reichlich für einen Bauern- -oder Häuslingsjungen. - -Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt, wieviel Vieh sein Vater -habe, und ihn ausgelacht, als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen keins; -wir sind keine Mistbauern.« - -Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer schickt, muß dein Vater -ihm für einen Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch beim -Kinderholen helfen«, und das hatte den Doktorsjungen so falsch gemacht, -daß er Göde eins hinter die Ohren schlug. - -Göde wurde es heiß und kalt; es war der erste Schlag seit seinem -fünften Jahre; es wurde ihm rot vor den Augen und es war, als hielte -ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er aus, daß Walter die Bank -zwischen sich und ihn brachte. - -Es war aber auch die höchste Zeit, denn Göde, der an einem Stocke -geschnippelt hatte, zischte wie eine Adder und stürzte mit dem blanken -Messer auf Walter los. - -Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der auch beim Pastor in die -Schule ging, laut auf und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein -Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen Gliedern und der Schweiß -stand ihm auf der Stirn. - -In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau bei ihnen und sagte: »Kommt -mal alle mit!« Und als sie in der Waschküche standen, fragte sie: »Was -war das mit euch? Erzähle mal, Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er -immer gelassen blieb. - -Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen Worten ihr Benehmen und ließ -sich von allen Dreien in die Hand versprechen, daß keiner darüber reden -solle. »Mein Pastor regt sich sonst zu sehr darüber auf und bekommt am -Ende sein Lungenbluten wieder«, setzte sie hinzu. - -Nach der Schule rief sie über den Hausflur: »Komm' mal her, Göde, du -kannst deiner lieben Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der Junge -in der Wohnstube stand, machte sie die Türe zu, legte ihm beide Hände -auf die Schulter, sah ihm freundlich in die Augen und sagte: - -»Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut, aber einen lütjen Satan -hast du in dir. Denke bloß, was du hättest anrichten können. Es war -sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das Messer nehmen, mein -Kind, das ist denn doch nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt -sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht; besser ist es aber, er -läßt den Zorn nicht über sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn, -er hat schon einen Hehlmann in das Unglück gestürzt und Schande auf -euren Namen gebracht.« - -Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter, streichelte ihm die -Backen und erzählte ihm die schreckliche Geschichte von Hinrich -Hehlmann, der im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub -über die Heide roch, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht -wurde, wie es in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom Hansburhof -aufgezeichnet war. Und sie redete so gut mit ihm, daß Göde die Augen -überliefen. - -Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte: »Unter uns bleibt die Sache; -ob Walter schweigt, soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade so -gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!« - -Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe, dem er bisher etwas albern -vorgekommen war, weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und immer -einen Abstand zwischen sich und den andern hielt, obzwar jeder wußte, -daß der alte Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich und seine -sieben Kinder mit seiner geringen Pension auf dem kleinen Gute, von dem -in schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft waren, durchzuschlagen. - -Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner Armut geneckt hatte, da -hatte dieser ruhig gesagt: »Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch -hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte er sich umgedreht und -Christian stehen lassen, der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn -wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er aus dem Wendischen war, -hing ihm überall nach, und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu -sein, als der reiche Müller. - -Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage nie mehr sprach und Walter -ihm auch nicht gefiel, so schloß er sich an Göde an, zumal sie beide -denselben Weg hatten, denn Hohenholte lag hinter dem Hehlenhof nach -Ohlendorp zu. - -Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte, so machte es sich von -selber, daß er Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges Wetter -niederging, nahm er die Einladung der Bäuerin an und blieb zum Mittag -da. - -Am andern Morgen kam Herr von Hohenholte auf den Hof geritten. Die -Bäuerin fütterte gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel sprang. - -»Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er über den Hof, »Sie sollen auch -vielmals bedankt sein, daß Sie gestern meinen Bengel beherbergt und -verpflegt haben.« - -Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein: »O, da nicht für, Herr -Rittmeister! Es war uns eine Freude.« - -Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort gab das andere und der Bauer -lud den Freiherrn ein, sich das Vieh anzusehen. - -Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer länger, als er die Pferde, das -Vieh und die Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um und fragte: - -»Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?« denn überall zwischen den -Eichen sah man einen Stall, einen Speicher oder Schuppen. - -»So alles in allem an fünfundzwanzig«, meinte Hehlmann. - -»Donnerstag und Freitag«, rief der Rittmeister, »und alles wie aus dem -Ei gepellt! Und das nennt sich Bauer! Ach ja, wer es auch so hätte. -Aber mein seliger Großvater konnte die Finger nicht zusammenhalten, dem -gingen die Füchse immer durch.« - -Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein macht es nicht, Herr -Rittmeister, der Name ist auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren -und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter gewesen wären, dann -wären nicht so tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten nicht -dafür sorgen können, daß der Bonaparte zum Teufel gejagt wurde. Das -soll ihnen unvergessen sein. Und Hohenholte kann noch einmal wieder -werden, was es war.« - -Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und als der Bauer ihm sagte: -»Ja, Herr Rittmeister, ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl; -ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe«, lachte er und nahm an. - -Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen Besamungen zeigte, sagte -dieser: »Junge, du kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst, -zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist ein kleines Königreich. -Und kein Deubel hat dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.« - -Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im Kopfe herum, denn wenn er auch -schon seinen Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand, das wurde -ihm jetzt erst klar und er sah den Hof und sich nun mit ganz anderen -Augen an. - -Deshalb hielt er sich von den Lichteloher Jungens immer mehr zurück, -denn das ging wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn und -Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte und Prügeleien, weil einer -sich immer besser dünkte als der andere. - -Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich nicht mehr ab, denn wenn er -sie mit Wolf verglich und mit seinen Eltern, dann kamen sie ihm zu -minne vor. - -Auch als Göde schon aus der Schule war und als Kleinknecht auf dem -Hehlenhofe arbeitete und Wolf auf der Militärschule war, blieben die -Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so still und so sinnig war, -hatte bei dem Bauern einen dicken Stein im Brette. - -»Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen, er kommt morgen wieder,« -sagte Hehlmann zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte er hinzu, als -er sah, daß der Junge dunkele Augen bekam. »Weißt du einen?« - -»Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell. Der beste Bock ging am -Totenort, aber den wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe geht ein -guter Sechser; er steht bei westlichem Winde schon bei hellichtem Tage -draußen,« sagte er. - -»Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl der Bauer. - -Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit Tange, der hirschroten -Teckelhündin, los. - -Als sie bei den alten Heidenbrinken waren, die rund um den Brammelkamp -lagen, und sich bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten, -dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat aus der Fuhrendickung -und gleich darauf der Bock. - -Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als er sah, wie Wolf den Hahn -überzog und das Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den Sinn, den -Bock fortzuwinken. - -Aber da krachte es schon, der Bock machte kehrt und floh in die Dickung -zurück. - -Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das Jagdfieber, zumal er -meinte, daß er daneben gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat -die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir wollen ihn erst krank -werden lassen und dann soll Tange ihn arbeiten.« - -So vesperten die Jungens denn über den Daumen und als eine Stunde um -war, wurde Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens durch die -Dickung, über die hohe Haide bis an die Ohlendorper Grenze. - -Am Grenzgraben machte Göde einen langen Hals und dann rief er: »Da -liegt er!« - -So war es; zehn Schritte über den Graben lag der Bock vor einer rauhen -Fuhre. - -»Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn holen.« - -Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht über den Grenzgraben!« - -Der andere sah ihn verwundert an: »Die paar Schritt? Und es ist doch -unser Bock! Und dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht, und -überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es schon gar nicht so genau mit -der Grenze.« - -Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern ging nach Ohlendorp und kam -mit dem Vollmeier Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick besann, -dann aber Wolf das Gehörn gab. - -Als Göde dem Vater die Sache erzählte und meinte, Wolf sei ein bißchen -dumm gewesen, sah ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan, was -recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie sollte es wohl auf der -Welt werden, wenn einer des anderen Eigentum nicht achtet!« - -Und dabei dachte er an seinen Vater, den es das Leben gekostet hatte, -weil er das Grenzrecht nicht gewahrt hatte. - -Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte zu erzählen, aber er -konnte es nicht, da es sich um seinen eigenen Vater handelte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Am toten Ort] - - - - -Am Toten Ort. - - -Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch mit vielen frischen Quellen, der -an der Grenze der Hehlenheide über der Hover Mühle lag, die dem Müller -Beckmann zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe Pfeife Tabak bis -dahin. - -Der Ort war verschrien, denn es ging die Sage von ihm, daß zu -Kriegszeiten die Bauern von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen -dort ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten und ihrer dreißig -erschlagen hätten. - -Die Heide bis zu dem Busche gehört noch dem Hehlenhofe, der Busch -selber aber war des Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd -verpachtet hatte. - -Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem großen Bocke her, der im -Toten Ort seinen Hauptstand hatte und manchen tauben Gang hatte er ihm -zuliebe gemacht. - -An einem schönen Maitage in der Unterstunde schlumpte es. Göde saß noch -keine Viertelstunde, da trat der Bock aus und stellte sich breit und -blank vor ihn hin. - -Der Junge nahm dem Bocke das Maß und sah, wie er im Feuer stürzte; als -er ihn aber gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und sprang in den -Busch. - -Göde trat an die Grenze und hörte, daß der Bock nicht weit von ihm noch -ein paar Male schlug. - -Der Junge sah sich um; es war kein Mensch zu sehen und zu hören. Bei -der Mühle krähte ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein -Buchfink schlug und laut spielten die Quellen. - -Er steckte seine Büchse unter einen Machangel, sah sich noch einmal um -und trat in den Busch. Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte -sich, als der Markwart ihn anmeldete. - -Aber dann schlich er vorwärts auf dem Schmoorboden, der laut quatschte, -wenn Göde den Fuß aus dem Schlamme herauszog. - -Auf einmal wurden seine Augen groß; da lag der Bock vor einem breiten -Hülsenbusch. Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag, feuerrot in -der Sonne vor dem dunklen Busche. - -Er zog ihn bis an den Rand des Busches, ging dann zurück und deckte -jeden Tropfen Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm er den Bock auf -und ging damit über die Grenze bis hinter einen breiten Machangelbusch. - -Als er zurückging, um seine Büchse zu holen, stand ein Mädchen da und -lachte ihn an. - -Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken, die angenommene Tochter des -Müllers, ein über ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste von -allen, die in die Lichteloher Schule gegangen waren und von der es -damals schon hieß, daß sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse, als -andere Mädchen, die schon längst aus der Schule waren. - -Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten und fragte: »Na, hast'n endlich -dot? Ich habe dich schon manchen Tag hier gesehen.« - -Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte, was er machen sollte. -Hatte Miken gesehen, daß er den Bock aus dem Busche geholt hatte? Aber -was wird das Mädchen wissen, wo die Grenze geht, dachte er und brach -den Bock auf. - -Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig zu. Göde sah sie von -der Seite an und ihm wurde ganz absonderlich zu Mute. So dicht war -eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm gewesen. - -Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock, und kraus war es und -leuchtete, wie eitel Gold. Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz -anders, wie bei den anderen Mädchen. Und was sie für einen roten Mund -hatte. - -Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn an eine Fuhre gehängt hatte, -wusch er sich die Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer Schürze -ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie so dicht bei ihm stand und seine -Hände rieb und ein Schudder lief ihm über die Brust. - -»Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit kleinen Augen an. »Wollen -uns noch was erzählen. Hier kommt meistens kein Mensch her.« - -Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich wundert bloß,« sagte sie -und sah ihn verliebt an, »daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist, -so groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du meist schon achtzehn -wärst.« - -»Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust herunter und an den -weißen Armen, die kaum ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist -für achtzehn gelten.« - -Das Mädchen lachte eitel. »Was du für schönes Haar hast,« sagte -sie dann und ging ihm mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie -Haberstroh.« - -»O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie fort und rückte immer -näher an ihn heran, daß ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das -Blut in die Backen sprang. - -»Brauchst keine Bange zu haben, daß ich was sage,« flüsterte sie; »dem -Müller ist es gleich, wer den Bock kriegt und der Hauptmann soll ihn -nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal weggejagt. Der tut so, als -wenn ich gar nicht auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen. -Hier ist es so langweilig. Lauter alte Leute!« - -Sie seufzte und schummelte sich immer dichter an ihn heran und sah ihm -in die Augen. - -»Was für Augen sie hat,« dachte der Junge, »solche habe ich meinen Tag -noch nicht gesehen. Grün und braun durcheinander.« - -Und dann ging er mit seiner Hand über ihren Arm, und wie Feuer lief es -ihm über die Brust. - -Das Mädchen warf ihm die Arme um den Hals: »Komm, Junge, sei nicht -dumm, du bist so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen Jungen -bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.« - -Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang Göde nach einer Weile auf; -es sauste und brauste ihm in den Ohren und seine Brust flog. - -Das Mädchen hing an seinem Halse: »Wann kommst du wieder? Komm morgen. -Ich mache dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen gehen. Und wenn -du kommst, dann brauchst du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das -kannst du doch? Paß' auf!« - -Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der Pfingstvogel und gab auch -das Kreischen wieder. »So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell -hintereinander und dann das olle Schreien hinterher. Dann weiß ich, -daß du da bist. Du kommst doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter -mir her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste. Ich hab' -schon immer nach dir ausgesehen.« - -Als Göde über die Haide ging, den Bock über den Nacken geschlagen, -wußte er nicht, ob er sich freuen oder schämen sollte. - -Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen und darum stellen sich die -Jungens ihretwegen so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was ihm -früher dunkel geblieben war. - -Auf einmal mußte er lachen: was wohl die anderen Jungens sagen würden, -wenn die das wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als wenn er sich -schämen müßte. Wie Wolf das wohl aufnehmen würde? - -Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht hatte, als ihnen in -der Haide die beiden Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt -hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte Jungens! Fiken, was -meinst'e, das wären so'n paar Aeppel für'n Durst!« - -Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und leise gesagt: »Pfui Deubel!« - -Als er nach Hause kam, fand er im Flett ein Mädchen vor, das beim -Feuer kniete, so daß ihr Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er -eintrat, sah sie auf. - -»Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die Mutter; »das ist Meta -Dettmer. Vertragen werdet ihr euch wohl.« - -Meta stand auf, wischte sich die Hand an der Schürze ab und streckte -sie Göde hin. Der wunderte sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände -waren heiß gewesen. - -Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte sie ansehen, denn sie war -so flink und doch so ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen, -sah sie nach seinem Arm und nahm ihm ein langes, rotes Haar, das an -seinem Aermel hing, fort. - -Und da steckte sich Göde rot an und ging schnell fort. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Blumengarten] - - - - -Der Blumengarten. - - -Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am Toten Orte, sogar noch im Herbst. - -»Weißt du, Göde,« sagte Miken eines Abends, »du mußt anders flötjen. -Der Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der Wigelwagel noch -nicht fort ist.« - -Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte Art. »Was für Stimmen -kannst du noch? Das beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz -hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht her ist, und abends -die Eule.« Sie machte den Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.« - -Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß es ihm heiß über den -Hals lief: »Ich glaube, du flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun -schläft auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß mein Kammerfenster -aufzustoßen. Die anderen merken nichts, die schlafen alle nach vorne. -Komm' gleich heute Abend!« - -Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er dachte daran, daß Miken um den -Bock wußte. Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich stahl er -sich wieder hinein. - -»Junge, was hujahnst du in einem Ende?« fragte der Bauer, als sie bei -der Morgenzeit saßen. - -»Das kommt, weil daß er wächst«, sagte die Mutter und sah ihm nach, als -er aufstand und dachte bei sich: »Bald ist er so lang, wie der Vater. -Und ein ganz anderes Gesicht hatte er gekriegt. Ja, ja, aus Kindern -werden Leute!« - -Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtigt auf dem Hofe stand -und mit Meta sprach, sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz -blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing ein rotes Haar von -Miken. - -Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus dem Wege, und als sie -ihm beim Frühstück gegenübersaß, sah er, daß sie rote Augen hatte. -Er dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein Sinn war bei der -anderen. - -Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner Dönze ging, sah er erst -seine Jacke nach, ob er nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort, -denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor Meta schämen müsse, wenn -sie wüßte, mit wem er sich abgab. - -Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen, mehr als vor Vater und -Mutter. Das Mädchen hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in der -Sonne über den Hof ging, so leicht und so schnell, dann mußte er immer -hinter ihr hersehen. - -Meist war sie ernst und still, denn sie konnte es so leicht nicht -vergessen, daß sie in drei Tagen Vater und Mutter hatte wegsterben -sehen; wenn sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn die Sonne in -einen dunkelen Wald kam. - -An einem Sonntag-Nachmittag, als Göde vom Lichteloher Kruge, wo er -gekegelt hatte, nach Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er -eine große Unruhe in sich und dachte immer daran, daß es noch mehrere -Stunden hin wären, ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat ihm -wieder Meta vor die Augen; er ging schneller und hatte dabei das -Gefühl, als könne er die andere nicht mehr so gut leiden. - -Wenn er sie sich genau besah, so war ihr Haar meist unordentlich und -Löcher hatte sie wohl immer in den Strümpfen. Meta war nun schon -einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal hatte er gesehen, -daß ihr Haar wild oder sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie -sah immer aus, wie aus der Beilade genommen, und wenn sie auch beim -Schweinefüttern war. - -Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich denken sollte, daß Meta bei ihm -im Busche längelangs auf dem Leibe liegen und an einem Reethalme kauen -könnte, und es war ganz unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den -Anfang machen werde, wenn sie einmal eine Liebschaft hätte. - -Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über die Haide, die ganz grün -von dem jungen Birkenlaub war. - -Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er gehört, was der Vater mit -der Mutter redete: »Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,« -hatte der Vater gesagt; »ich wollte sie bliebe auf dem Hofe.« - -Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine Meinung; eine bessere Bäuerin -kriegt der Hehlenhof nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge anderswo -was hat; ich wüßte bloß nicht wo. Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er -nichts.« - -Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann meinte er: »In den Jahren ist -er. Aber wo sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein, daß er im -Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen ist mir das aber noch nicht -weiter. Aber wenn aus ihm und der Meta was wird, ich könnte keine -größere Freude haben. Nach dem Alter passen sie gut zusammen und sonst -stimmt auch alles.« - -Göde ging weiter. Nein, er wollte heute Nacht nicht nach der Mühle. Die -Geschichte mußte ein Ende haben. - -Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so gut abgelaufen war, denn -wenn er sich denken sollte, daß er das rote Miken einmal freien müßte, -nein, das war keine Möglichkeit. Die als Bäuerin da, wo seine Mutter -war, das ging nicht. - -Da hörte ein Mädchen von einem großen Hofe hin, nicht so eine wie -Miken, die das Magdsdenken nicht verlernen konnte, und die nur dann -arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu gekriegt wurde. - -Ihm war zu Mute, als habe er sich weggeschmissen, vorzüglich, wenn -er daran dachte, wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf dem -Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die im Dorfe im Quartier lagen. - -Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm mit einmal nicht mehr -schmecken. »Morgen darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich -gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.« - -Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen. Da steckte etwas hinter. -Und wenn er es so recht besah, bald wollte sie dies und bald das, -heute Haubenspitze und morgen ein Fürtuch, und neulich hatte sie davon -gesprochen, was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel habe. - -Es war ihm ja nicht um das Geld, aber es kam ihm doch wunderlich vor. -Und jetzt fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letzte Mal in der -Kirche umgehabt hatte, das hatte Krischan Holtmann für zwei Taler beim -Krämer erstanden, just als Göde Balkennägel geholt hatte. Er mußte rein -blind gewesen sein die ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem -Allermannslottchen nichts mehr wissen. - -Er ging noch schneller; er wußte, daß außer Meta niemand auf dem Hofe -war, denn Vater und Mutter waren zur Freundschaft gefahren, und die -Leute waren im Dorfe. - -Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über das Stegel stieg. Die -Maisonne fiel durch das frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange, -der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen sang. - -Göde schüttelte den Pferden Futter auf und gab ihnen zu trinken. Gerade -zog er die Stalljacke aus, da war es ihm, als wenn er einen Gesang -hörte. Er trat aus dem Stall und hörte, daß es Meta war. - -Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen hören und immer ganz leise -und bloß, wenn sie allein war. Heute aber war ihre Stimme klar. - -Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem Hause, und das Lied, das sie -sang, war ein Lied, das die kleinen Mädchen beim Spielen singen. Hell -kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie sein Herz unruhig wurde. - -Er ging nach dem Blumengarten und sah Meta bei den weißen Lilien -stehen, die seiner Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und -las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete in der Sonne. - -Göde wurde benaud zu Mute, als er sie so stehen sah, so frisch und -sauber und so ruhig und bedachtsam. - -Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose bewachsen, und so vernahm sie -es nicht, als er hinter sie kam, und erst als er den Arm um sie legte -und sagte: »Na, Meta, ganz allein?« fuhr sie zusammen und wurde ganz -rot im Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie schon wieder wie -sonst, nur daß ihre Augen noch blauer waren als gewöhnlich. - -Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du nicht wieder in den Krug?« - -Er drückte sie noch fester an sich: »Nein, Meta, ich will hier -bleiben,« und dabei atmete er schwer. - -»Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr Brusttuch auf- und abging, -und sie bald rot, bald weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die -grüne Bank. - -Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta sagte: »Das Moos muß auch -mal weg. Es sieht so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.« - -Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen, und sie lachte: »Was du für -eine Hand hast, Göde, als wie ein Heidbrink.« - -Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht dagegen aus, wie das Kalb -neben der Kuh. Aber arbeiten kann sie deswegen doch.« - -Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer auf der Diele gegangen.« - -Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte, faßte er sie um, zog sie -auf den Schoß, schlug seine Arme um sie und küßte sie ein über das -andere mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und sie stöhnte: »Göde, -Göde, nicht so wild; mir geht ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am -Kopfe aussehe!« - -Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta; du siehst immer fein aus. -Keine sieht so glatt aus als wie du,« und dann fing er wieder an, sie -zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem Male die Augen überliefen -und sie ihn umfaßte und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut ganz -wild machte. Und dann sprang sie auf und ging in das Haus. - -Göde ging ihr nach und fand sie vor der Eimerbank stehen und aus der -Schöpfkelle trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er lachend; »ich -auch!« - -Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank. Aber dann faßte er sie wieder -um, küßte sie und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du glaubst gar -nicht, wie gern ich dich habe. Hast du mich auch so gern?« - -Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel sie ihm um den Hals und ließ -sich von ihm küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen Willen, und er -fühlte, wie ihr Herz klopfte. - -Sie fuhren auseinander; draußen gingen Schritte. Der Bauer und die -Bäuerin kamen zurück. - -»Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte die Mutter über die -Halbtüre; »das ist ja mal nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im -Kruge, Göde.« - -Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau ihn schnell von der Seite -ansah, wußte sie, daß er ebensoviel gesehen hatte, wie sie, und froh -darüber war. - -»Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte ihr Sohn; »der Fuchs will -immer noch nicht so recht fressen. Wo ist denn der Wagen?« - -»Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,« antwortete der Bauer. »Er ist -zu Meyers gerufen, die Altmutter ist schwer krank geworden; wir trafen -ihn gerade, als er auf dem Steinbrink war. Dem alten Mann wird der Weg -hin und her zu weit.« - -Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf, und als Göde sie anredete, -wurde sie über und über rot. - -»Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im Bette lag und dabei stieß er -seine Frau an, »ich glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh -gekommen.« - -Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich erst beim Kopfe haben, das -andere findet sich. Der Anfang ist das schwerste. Du warst zuerst auch -so ein Stoffel.« - -Hehlmann lachte: »Ja, Detta, so dumm als wie ich, wird der Junge sich -wohl nicht anstellen.« - -Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du noch damals?« - -Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke: »Schweig bloß still; ich schäme -mich heute noch halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was willst -du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den Arm unter ihren Hals schob, -»wir sind doch reichlich alt genug für solche Dummheiten. Wenn das die -Kinder wüßten!« - -Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß, was die jetzt tun.« - -Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem Bette; sie hatte die Hände -gefaltet und dachte weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn -habe!« - -Nebenan in der Dönze warf sich Göde in seinem Bette hin und her und -wußte nicht, wo er den Schlaf hernehmen sollte. - -Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle, aber er scheute sich -davor, und so lag er mit offenen Augen da, drehte sich von einer Seite -auf die andere und hörte immer das Lied, das sie im Blumengarten -gesungen hatte: - - Ick set woll up den Breedensteen - Un harr min Ogen so recht beweent. - De annern Dirns kregen all 'n Mann - Un ick müß sitten und seg dat an. - Ick müß min Hoor up den Puckel slahn - Un noch en Jahr as Jumfer gahn. - - - - -[Illustration: Die Eule] - - - - -Die Eule. - - -Zwei Heimlichkeiten waren von diesem Maitage an auf dem Hofe. - -»Hier ist eine geheime Braut im Hause,« sagte die Großmagd eines Abends -zu der Bäuerin; »es brennen drei Lampen.« - -Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz an der Dönzenwand: »Das große -Brautlaken ist da auch schon.« - -Die Bäuerin lachte: »Das wirst du wohl wesen, Durtjen. Oder will Hermen -nicht so, wie er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullax!« - -Meta hörte durch die offene Dönzentür das Gespräch und als sie in den -Spiegel sah, sah sie, daß ihr das Blut im Gesicht stand. - -»Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,« hatte vor ein paar Tagen -der Rittmeister gesagt, als er sie in der Haide antraf. - -»Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah noch einmal in den Spiegel. -Ein Wunder war es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer, wo sie -auch war, Göde hinter ihr stand und sie in den Arm nahm. - -Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist etwas laurig aus und sah sie -an, als wenn er etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen. - -Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen, was ihm fehle. - -Aber noch eine andere Heimlichkeit war im Hause. Als der Juli kam, ging -der Bauer mit seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld und trieb -seinen Roggen an. - -»Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr alles wächst. Das machen die -Maigewitter. Mairegen bringt Wachstum.« - -»Was hast du, Mutter?« fragte er dann, denn als er sich umdrehte, sah -er, daß sie heimlich lachte und bis in das Haar rot wurde. »Worüber -lachst du?« fragte er noch einmal. - -Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,« sagte sie, »mir fiel bloß -was ein.« - -Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie sich nahe an ihn heran und -sagte leise: »Jochen, ich muß dir was sagen.« - -Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so schüchtern und verwundert fragte -er: »Na, Dirn, was hast du denn? Ist dir nicht gut?« - -Sie zog seinen Kopf an sich heran und flüsterte: »Mußt's aber auch -keinem wiedersagen, Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt du noch -den Maiabend, als wir die Kinder antrafen, wie sie sich umgefaßt -hatten?« - -Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein Unglück wäre das ja auch -nicht.« - -Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser: »Ach nee, Jochen, da -nicht, aber bei uns.« - -Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf die Art! Ja, wer A gesagt -hat, muß B sagen. Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe ist -ja wohl noch Platz für ein zweites Kind. Man schade, daß es sich so -versäumt hat, es konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.« - -»Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er dann; »denke ja nicht, daß -es mir nicht recht ist. Es ist mir nur noch so ungewohnt.« - -Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die Augen und als sie immer -mehr an zu weinen fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie, wie -ein Vater sein Kind. - -Am andern Morgen aber, als er über den Hof ging, flötete er das -Brummelbeerlied. Die Großmagd sagte zum Großknecht: - -»Was hat denn der Bauer? Den habe ich ja meinen Tag noch nicht flötjen -hören!« - -Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich erst um Verlaubnis fragen?« - -Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta eines Sonntags früh bei der -Bäuerin im Flett, als die Frau auf einmal weiß wie die Wand wurde, so -daß das Mädchen schnell zusprang, sie umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf -und ihr ein Glas Wasser gab. - -Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta ihr den kalten Schweiß -von der Stirn wischte, zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf -die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber nichts. - -Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im Blumengarten. Meta freute sich, -daß die Tante wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die Frau an: - -»Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich gedacht heute morgen, als -mir das zustieß?« - -Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das kann ja wohl mal bei jedem -kommen.« - -Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja doch wissen, darum will ich es -dir lieber gleich sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet kann -ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf freien Füßen bin, und du weißt, -große Hitze vertrage ich so schon schlecht.« - -Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach Tante, das ist ja schön. -Bloß ein Kind, das ist auch viel zu wenig für einen großen Hof. Freust -du dich denn nicht? So spät, das ist doch ein doppeltes Gottesgeschenk!« - -Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf, faßte Meta um die Schultern, -drehte ihr den Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der Bauer gesagt -hat, als ich ihm sagte, daß hier im Hause was fällig ist?« - -Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen, zog ihren Kopf ganz dicht an -sich heran und flüsterte ihr ins Ohr: - -»Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne gehabt.« Und dann lachte -sie ganz unbändig. - -»Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf, über und über rot; Tränen -standen ihr in den Augen. - -Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern zog sie wieder neben -sich, nahm sie in den Arm und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du -und Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit dem Stocke fühlen. -Umsonst würd'st du nicht von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du man -so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett. Na, uns ist es recht; -eine bessere Tochter wünschen wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid -ihr ja noch, aber das gibt sich eher, als einem lieb ist. Also, wie ist -es mit euch?« - -Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter der Frau und sagte: - -»Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.« - -Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das ist schön, meine Tochter.« -Dann sah sie ihr listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann müssen -wir ja wohl eine neue Wiege machen lassen, denn eine haben wir man. -Na, na, schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor auch redet, das -ist sicher: zur Eingehung einer christlichen Ehe reicht der feste Wille -aus. Das hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei Monate nach der -Hochzeit da.« - -»Was hast du denn?« fragte sie ängstlich, als das Mädchen weiß und rot -durcheinander wurde und ihm der Atem hin- und herging; »nu mal heraus -mit der Sprache! So schlimm wird es doch wohl nicht sein, daß du zu -liegen kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?« - -Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist, es ist nicht an dem. Ich -bin nicht anders, als ich aus der Schule kam.« - -Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf diese Art! Darum sieht der -Junge so laurig aus. Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich nicht -oder was ist sonst?« - -Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann sagte sie -nur: »Stell die Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee, Meta!« - -Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde, willst du nicht nach Plesse hin, -da ist heute Erntebier?« - -Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee, was soll ich da?« - -Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was gehört? Was er da soll? -Tanzen sollst du und lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt -jetzt meist als so'n Trankrüsel aus. Steck dir die Taschen voll Taler -und laß die Musiker spielen, bis ihnen die Arme runterfallen, und -trinke eine Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken kommst! Und nimm -Meta mit, der tut es auch mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr -werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so krumm und schief wie die -Machangeln auf der Haide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder nicht?« - -Das Mädchen stand vor dem Fenster und bückte sich, als wenn sie etwas -verloren hätte, damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht aussah. - -»Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann. - -»Dirn, das hört sich ja an, als wollte ich dir zumuten, du solltest -heute am heiligen Sonntag den Schweinestall ausmisten,« rief die -Bäuerin lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an und denn zu! Als -ich noch Mädchen war, brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen. Ich -glaube, heute noch nicht!« - -Und dann lachte sie verlegen, denn Meta hatte ihr ein paar Augen -gemacht, als wenn sie sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst, -dann sage ich, was ich weiß!« - -Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe ankamen, war der Tanz -schon im Gange und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen konnte -man kaum die Musik hören. - -Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta ankam, denn Göde machte -sich seit dem Mai rar und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzefesten, -trotzdem sie besser tanzen konnte als die meisten Mädchen. - -Aber heute konnte sie gar nicht zugange kommen, weil ihr unfrei zu -Sinne war, und Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in die -Dönze und tranken ein paar Glas Wein. - -Danach wurde ihnen leichter zu Mute. Göde warf den Musikanten -einen Taler hin und bestellte einen Bunten, und hinterher einen -Kontrazweitritt, und als sie erst einmal im Gange waren, kamen sie aus -dem Tanzen nicht mehr heraus, und sogar Meta sang die Tanzlieder mit -und trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller. - -Es war schon Nacht, als sie nach Hause gingen. Der halbe Mond stand am -hellen Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren. Die Luft war weich -und warm und kein Lüftchen rührte sich. - -Eng aneinandergedrückt gingen die beiden Liebesleute über die Haide, -einer den Arm um die Lenden des anderen und die Hände ineinander. - -Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte: »Wie schön war es heute und -wie schön ist es noch!« - -Göde drückte sie noch fester an sich und sagte: »Und wird noch schöner -werden, Meta,« und voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf noch -mehr gegen seine Schulter lehnte. - -Schweigend gingen sie weiter; Göde streichelte ihre Hand und flüsterte -ab und an: »Meta, meine liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen. - -Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen hatte, schreckte laut. Das -Mädchen fuhr zusammen. - -»Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was hätte ich mich sonst -verjagt. Letzte Nacht, als die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der -kalten Angst.« - -Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der diesigen Luft wird die Eule -heute Nacht wohl wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl besser, ich -komme in deine Kammer mit, damit du dich nicht wieder so verjagst. Soll -ich, Meta?« - -Das Mädchen legte den Kopf gegen seine Brust und nickte. - -Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie stöhnte und sagte nur: »Meta!« - -Und von da ab trug er sie mehr als daß sie ging, denn ihr war, als wenn -sie keine Kraft in den Beinen hätte. - -Als er am andern Tage zur Morgenzeit kam, sah seine Mutter mit einem -Blick, daß er anders war als am Tage vorher. Als sie dann nachher Meta -allein in der Dönze traf, nahm sie sie in den Arm, gab ihr einen Kuß -und sagte: »Hör' mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er seit -Wochen nicht getan.« - -Göde aber ging über den Hof, hatte blanke Augen und ein schieres -Gesicht, wie lange nicht, und flötete wie ein Scherenschleifer den -Walzer, den er gestern mit Meta getanzt hatte. - -Die Großmagd sagte zu dem Großknecht: »Hermen, hör bloß, was er -flötjet!« - -Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich hin, denn sie war gestern -mit dem Großknecht auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer die -heimliche Braut im Hause war. - -Der Großknecht aber brummte nur so vor sich hin, denn das Lied, das die -Magd sang, lautete: - - Eija, poleija, wo weihet de Wind! - Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding, - Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been, - Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn. - - - - -[Illustration: Der Notweg] - - - - -Der Notweg. - - -Meta blühte immer mehr auf und wo sie ging und stand, da sang sie; die -Bäuerin aber fiel immer mehr ab und man hörte sie an einem Tage mehr -seufzen, als sonst in einem ganzen Monat. - -Sie trug eine große Angst mit sich herum und wollte es keinen Menschen -merken lassen, vorzüglich ihren Mann nicht, der sich schon Sorge genug -um sie machte. - -Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße geschwollen, und jede Nacht -hatte sie Atemnot und Herzspann. - -Es war eine stürmische Nacht im Christmond, als der Bauer in die Dönze -seines Sohnes kam und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt nach -Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter ist mir eben weggeblieben.« - -In diesem Augenblicke ging auch nebenan die Tür und Meta rief: »Ich -komme auch schon.« Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das, Mädchen.« - -Als sie in die Ehedönze kamen, war die Bäuerin schon wieder bei sich. -Meta machte ihr einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man in meinem -Bette schlafen; ich will hier bleiben. Ich weiß besser damit Bescheid.« - -Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig, dann schoß sie in die Höhe -und flüsterte: »O, Gott, was hab' ich für'n Herzspann!« - -Meta machte ihr einen frischen Umschlag und rieb ihr die Füße, aber es -dauerte lange, ehe der Anfall fortging. - -Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck das Licht wieder an, mir ist -im Düstern angst!« Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte ganz -hell. - -Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich muß nun doch fort von euch. -Sei still, ich weiß es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt -hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr euch kriegt. Meta, du wirst ihm -eine gute Frau sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle Hehlmanns -mit elf Fingern und zwei Wirbeln waren so. Sie waren alle gut, bloß so -wild. Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.« - -Sie sah mit Augen, die von der Erde fort waren, das Mädchen an. »Als -er drei Tage alt war, da träumte mir, es standen zwei Frauen bei der -Wiege; die eine gab ihm Böses in den Sinn, aber die andere wünschte -es weg. Sei geduldig mit ihm, auch wenn er über die Stränge schlägt. -Niemals schimpfen, das hat bei ihm keine Art; mit Güte kann man ihn -hinhaben, wo man will.« - -Sie machte die Augen zu und lag eine ganze Zeit still da, bis ein neuer -Anfall kam. Als der vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern: »Ich -glaube, er ist von der Art, die mehr als eine Frau brauchen. Eine Frau -muß nicht immer alles sehen. Sein Großvater war auch so, und seine Frau -hat immer gut mit ihm ausgekonnt.« - -Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen. Der setzte sich vor das -Bett, klopfte der Kranken die Backen und sagte: - -»Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn für Dummheiten! Sie sind zu -sehr aus der Gewohnheit gekommen. Das erste ist schon ein Mann und nun -kommt erst das zweite! Warten Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.« - -Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver in eine Tasse und rief -Meta: »So, Kind, das gib ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er -bei: »Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem Dorfe fahren und -den Pastor und die Hebamme holen, aber schnell.« - -Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist es so schlimm?« - -Der Doktor wiegte den Kopf hin und her: »Wissen kann man es nie. Da ist -etwas gänzlich aus der Kehr.« - -Eine knappe Stunde war weggegangen, da kam der Wagen zurück. In -demselben Augenblicke, als der Pastor auf die Deele trat, wurde es so -hell wie der Tag und ein Donnerschlag kam hinterher. - -Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in die Dönze. »Vielleicht ist -Ihnen nun besser, Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu ihr -nieder. - -»Viel, viel besser,« flüsterte sie. - -Der Doktor trat an die Tür und rief leise: »Hehlmann, Göde, kommt her. -Ruhig, ruhig, ihr dürft sie nicht erschrecken.« - -Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr Atem ging. - -Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah klar nach der Türe. »Meta,« -rief sie laut. Das Mädchen kam. »Gebt euch die Hände!« - -Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau. Halte sie in Ehren. Sie hat -ein Herz von Gold!« - -Sie drehte sich nach der Wand und atmete so ruhig, als wenn sie -schliefe. - -Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile gab er Hehlmann die Hand: -»Es ist vorbei,« sagte er. - -In demselben Augenblicke heulte draußen der alte Tyras auf und kratzte -an der Türe. - -Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in den Spinnstuhl, daß der -Doktor erschrocken hinging. Er redete auf ihn ein, aber der Bauer sah -ihn ohne Verstand an. - -Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine Hände und sprach ihm Trost -ein. Hehlmann gab einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl, als -wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles vorbei.« - -Dann fiel er wieder zusammen und sah in das Herdfeuer, ohne zu sehen -und zu hören, was vorging. - -Am anderen Tage war er ganz vernünftig, bloß daß er aussah, als wäre er -aus dem Grabe genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras, weil es ihm -eine fremde Stimme schien. - -Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das die Frau erwartete, längst -tot gewesen sei, hörte er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das -seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem Schranke, schnitt -selbst den Namen aus dem Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem -Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten Notholze den Sarg -mache, und nach der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten mit wie -vordem. - -Aber eins war allen sonderbar: als die Bäuerin aufgebahrt war, sagte -Meta: »Wie schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie lacht.« -Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm; sie wird einen nachholen.« - -In diesem Augenblick trat der Bauer aus dem Schatten, gab der Toten die -Hand und sagte: »Ja, Mutter, das wirst du. Uebers Jahr bin ich bei -dir.« - -Dabei sah er ganz zufrieden aus. - -Als die Beerdigung vorbei war, ging das Leben auf dem Hehlenhofe wieder -seinen alten Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan hatte, Meta -übernahm. - -Zwischen ihr und Göde war es anders geworden. Einmal hatte der Tod -einen Schatten auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei ihnen, -seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie es um sie stand, etwas genommen, -und wenn der Vater fragte, wann sie heiraten wollten, dann wehrte er ab -und Meta auch. - -Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war aus der Vormundschaft heraus -und fand sich ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht. - -Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte und ihm zusagen mußte, -einige Wochen zu ihm zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen, aber -sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im Stiche lassen, meinte sie. - -Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe; es ging alles nach der -Reihe, weil eine ältliche Witwe vor der Hand die Wirtschaft führte, -aber es fehlte die Sonne. - -Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem die Frau tot war, wurde er -immer kleiner und lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen. - -Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo es so still war, wie in -einer leeren Kirche. So lange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus, -aber abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und ab und zu ging er nach -dem Krug, wo er doch wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu hören -bekam. - -So ging der Sommer hin und der Herbst kam. Der Bauer fiel immer mehr ab -und hustete Tag und Nacht. - -Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen, hatte er gesagt: »Meta -bleibt aber lange fort.« Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht -abkommen, hat sie mich wissen lassen. Es ist da eine Luderwirtschaft -auf dem Hofe gewesen. Und ihr Bruder geht ihr doch vor.« - -Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine, ihr seid so gut wie Mann und -Frau. Und hier muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts für einen -jungen Kerl, das einschichtige Leben; davon wird das Geblüt hart. Wenn -Meta hier wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge gehen.« - -Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,« und von da ab war er nicht -mehr nach dem Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig war. Er lebte -stumpf vor sich hin und ging ab und zu auf die Jagd. - -Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm selbst verwunderlich, wie wenig -bange ihm nach ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie glücklich er -mit ihr gewesen war, ehe daß die Mutter fortstarb. - -Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er an sie dachte: wie ging es zu, -daß sie nicht guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er lieber mochte, -aber eine Frau, von der er keinen Hoferben haben sollte, das wollte ihm -nicht in den Sinn. - -Als der Dezember kam, hustete der Vater immer hohler und eines Morgens -blieb er in der Butze. - -Göde schickte nach dem Doktor, aber der Bauer sagte, der könne ihm doch -nicht helfen, und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht aus, wie ein -Krüsel ohne Oel; er hat keinen Willen zum Leben mehr.« - -Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der Butze des Bauern und fraß -kaum mehr. - -Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte Göde, er solle den Advokaten -holen lassen, und als der da war, verschrieb er Göde den Hof unter der -Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger, solange Meta Dettmer -leben sollte, eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden und -verpflegen sollten, wie es einem Mädchen von einem großen Hofe zukam. - -An diesem Abend ging Tyras auf den Hof, heulte nach dem Kirchhofe und -ging nicht wieder in die Dönze, sondern legte sich auf seinen alten -Platz im Pferdestall; als der Großknecht ihm am anderen Morgen eine -Satte Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war. - -Am Morgen darauf lag der Bauer tot in seiner Butze. Sein Gesicht war -ernst und streng. »Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau, als sie -ihn in das Notlaken einnähte. - -Es war eine große Leiche, denn die Hehlmanns hatten eine weitläufige -Freundschaft, und die Hohenhölter waren da und sogar der Droste. - -Unter den Klageweibern, die in ihren weißen Notlaken bei dem Sarge -saßen und nebenher gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an der -Lungensucht. - -Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte sich, wie wenig traurig ihm -zu Mute war. Er hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden, aber in -dem letzten Jahre war dieser immer mehr von ihm abgerückt. - -Es war ihm so, als wenn der alte, kranke Mann, der jetzt den Notweg -fuhr, ein ganz anderer war, als der, der bis zum Tode der Mutter auf -dem Hofe war, und als bei der Trauerrede des alten Pastors ihm eine -Träne über die Backe lief, da weinte er nicht um den Vater, da weinte -er der Mutter nach und den hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe -kamen und gingen. - -Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen. Mit düsterem Gesicht ging er -durch das Dorf. Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei ihm wäre. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Doppelte Liebe] - - - - -Doppelte Liebe. - - -»Wenn das so beibleibt,« sagte Durtjen, die den Großknecht geheiratet -hatte und jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte, »denn setzt er sich -noch was in den Kopp!« - -Hermen brummte; er war kein Freund vom vielen Reden, aber er nickkoppte -wenigstens, damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal, ihn in die -Rippen stieß und sagte: »Junge, sei nicht so faulmäulsch!« - -»Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme Frau und setzte sich ihrem -Manne auf den Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm beinahe die -Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist doch schrecklich, wenn ein Mensch so -allein ist.« - -Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm einen Kuß, worüber er brummte, -als wenn ihm das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber gern, nur kam -ihm das immer etwas dumm vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau -hatte. - -»Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du Dössel,« lachte Durtjen -und kitzelte ihn, daß er prustete wie ein Maikater; »aber es ist -doch besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal was, du oller -Schrapenpüster, oder ich kitzele dich, bis du das Elend kriegst!« - -Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor ihn hin und tat so, als -wenn sie ihre Worte wahr machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit -und je näher sie ihm mit ihren runden Armen kam, um so brummiger wurde -sein Gesicht, bis er endlich die Pfeife beiseite legte und ungeschickt, -wie ein Bär, seine junge Frau um den Hals faßte. Und als er erst im -Zuge war, da wurde er ganz rechtschaffen zärtlich. - -Durtjen huschelte sich ganz fest an ihn heran: »Siehst du, du Hanns -Taps, du bist grade so, wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das nicht -mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt es nicht an. Aber nun wollen wir -mal wie vernünftige Leute reden: was ist das mit dem Bauern? Man möcht' -ja beinahe laut losheulen, wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal -lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er die Hunde ansieht, wo er doch -früher immer mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte. Nu rede -doch mal, du Hammel!« - -Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal warm geworden war, versuchte -er, seine Frau wieder in den Arm zu nehmen. - -Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher noch Zeit zu. Weißt du was: -sobald ich kann, fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will doch mal -sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege. Ich möchte bloßig wissen, -was mit den beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz einig.« - -Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann horchte sie auf. »Just -kommt er!« sagte sie, »ich glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie -den Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause vorüber. - -»Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem Kruge,« sagte die Frau. »Gut -ist das auch nicht, aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.« - -Als sie nachher neben ihrem Manne lag, stieß sie ihn an: »Hermen, hast -du all gehört, Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen, wie -eine Gräfin. Vor Jahren soll der Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als -er noch ein halber Junge war.« - -Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht was vorgehabt? Er war der -erste nicht, und er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte -er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den ganzen Tag Mist -umgewendet. - -Am anderen Tage ging der Bauer nach der Hehlenhaide, um nach seinen -Pflanzfuhren zu sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte -nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl abgestorben waren. - -Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel getrunken; der Schnaps -steckte ihm noch im Geblüte und machte ihn übermütig, und darum ließ -er, als er am Toten Orte war, den Wigelwagel dreimal pfeifen und -schreien, aber dann lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf. - -»Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da hinter ihm, und als er sich -umdrehte, sah er Miken da stehen. - -Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er hatte noch nichts davon -gehört, daß sie wieder da war. - -Er sah an ihr herauf und herunter. Das war ja eine vornehme Dame -geworden! Sie trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und hatte ein -Kleid und Schuhe an, wie er es nur in Celle bei den herrschaftlichen -Leuten gesehen hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker hatte sie. - -Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen sollte. Sie aber nahm ihn -ohne Umstände an die Ohren und gab ihm ein Dutzend Küsse; dann lachte -sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein Junge! Früher sahst du viel -graller aus den Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen großen Hof, -keine Schulden, was willst du denn noch mehr? Du mußt sehen, daß du -eine Frau kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich. Aber -hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß uns in den Schatten gehen!« - -Sie drängte ihn nach dem Busche hin und da, wo die weißen und gelben -Blumen durch den blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin. - -Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume ab und warf sie in den -Quellbach, der vor ihnen dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die -gelbe trieb fort. - -»So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn an, und er sah, daß sie noch -dieselben bunten Augen hatte, wie vor Jahren; »der eine muß in die Welt -und der andere bleibt da, wo er ist.« - -Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf, daß ihr rotes Haar nur -so leuchtete, lachte und sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?« -und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an seiner Brust lag, und -ihre Augen wurden klein wie an dem Tage, als er hier den großen Bock -geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt wurde. - -Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er andere Augen als am Tage vorher, -so daß Durtjen über das ganze Gesicht lachte. - -Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß, daß die ganze Deele -schwamm, mußte sie so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank -fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch Hermen sein Lachen -vernehmen, das sich anhörte, als wenn der alte Schnuckenbock hustete. - -»Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,« sagte Durtjen zu ihrem -Manne; »es wird gelacht, daß die Haide wackelt, wo es eben geht, und -wenn du Ungetüm nicht mithältst, dann schmier dir man deine Rippen.« - -»Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!« schrie sie ihn an und ging -mit spitzen Fingern auf ihn los. - -Aber Hermen machte, daß er in den Stall kam, und da kratzte er sich -hinter den Ohren und sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht in -Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die Frauensleute!« - -Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand, hörte man ihr helles Lachen, -bald im Stall, bald auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause. - -Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein gewöhnliches Gesicht machte, -ging es ihm hundeelend, denn dann kitzelte sie ihn, daß ihm der Atem -stehen blieb, so daß er vor lauter Angst zuletzt immer gleich an zu -lachen fing, wenn sie ihn bloß ansah. - -Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine noch schwerere Arbeit ansah, -als das Reden, kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm eines Tages -sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen, denn ansonsten verpaßte -er die besten Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm her -lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus der Dönze kam und mitlachen -mußte. Und ehe Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im Arme und -küßte sie auf den Mund. - -Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich den Mund ab und sagte: -»Ach nee, Hansbur, das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl vor -Hermen bestehen?« - -Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man bloß Spaß, Durtjen, und -Freude, daß es auf dem Hofe doch wieder anders ist, als bislang. Und -damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine, komm her, ich habe da -was hingelegt,« und er gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine -Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen Durtjen die Tränen -aus den Augen; aber sofort lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das -man nicht noch gereut! Aber dann kannst du es ja von uns lehnen.« Und -nun lachten sie beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen. - -So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal wieder sein altes Gesicht -hatte, lange hielt es nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war -noch keine Woche dahingegangen, da hatte Hehlmann wieder das Gesicht, -das er von dem Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier gewesen -war. - -Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit flog ihm nur so von der -Hand, und die Hunde gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn er nach -Hause kam. - -Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von Hohenholte eines Tages -angeritten kam. Der ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel -sprang, und die Schruthähne fingen gefährlich an zu prahlen, denn der -Leutnant hatte seinen feuerroten Rock an. - -Er war nicht mehr der stille Junge, sondern ein forscher Kerl geworden. - -»Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte mal wieder von deinem -Schinken essen und Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen feiere -ich meine Verlobung; da mußt du bei sein. Sträub' dich man nicht wie -ein Borgfarken! Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich mir den Schinder -wieder zwischen die Hosen und du siehst mich sobald nicht wieder. -Donner, hier ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den Juni -kannst du mir einen guten Bock kaltstellen, und wenn es nicht anders -ist, bin ich auch mit zweien zufrieden.« - -»Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist wohl von 'ner alten Kuh -gebissen? Hat der Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich wohl, -einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer Bauer, als wie du bist. Häh? -Und das ist ja wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen Ehestande? -Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß ich was zu essen kriege! Ich bin mit -ledigem Leibe heute früh von Celle losgeritten.« - -Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der Bauer ließ auftragen, was -im Hause war, holte den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus -dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge vom Bört und nahm die -hohen Gläser mit dem Goldrande und den sieben Perlen im Fuße aus der -Schatull, denn so hatte er sich lange nicht gefreut. - -Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner roten Uniformjacke mit der -Narbe in der Backe, die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte, ganz -prachtvoll aussah. - -Und lustig war er! Als er sich die Ställe ansah, während der Bauer mit -einem Manne verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es überall -Lachen und Quietschen, und die hübsche Lütjemagd, die Wolf in dem -Haidschauer antraf, hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und -konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen. - -Am nächsten Tage nahm sich der Bauer doppelt so viel Zeit beim -Bartabnehmen, zog sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte. - -Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen alt geworden war, freute -sich über sein ganzes Gesicht und duzte Hehlmann wie zuvor, und die -Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau habe und fragte, ob sie -sich nach einer für ihn umsehen sollte. - -Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie ein Tannenbaum, und mit -Backen, wie Rosen so rot, sprach fortwährend mit ihm, weil, wie sie -sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte. - -So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der Bauer merkte gar nicht, daß -er nicht unter seinesgleichen war. - -Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften schlafen, der Leutnant -blieb mit seiner Braut in der Fensternische sitzen und die Herren -gingen mit ihren Pfeifen und Zigarren in die große Laube. - -»Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister, »eine Braut, wie man -sie nicht alle Tage findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne -Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten auch. Sie haben es sich -sauer werden lassen.« - -Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der Qualm ihm um die Ohren schlug -und drehte sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover Mühle ist jetzt -ein Gerenne, als wenn da eine heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das -rote Miken ist wieder da.« - -Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle, antwortete: »So? Na, dann -kann Wolf sehen, daß er ihr nicht in die Quere kommt; das Frauenzimmer -hat den dreifach destillierten Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß -er sich mit der Personage abgeben konnte. Jung waren wir alle einmal, -aber Hohenholte ist doch aus den Jahren heraus, wo man nicht danach -fragt, wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie müssen das Besteck ja -doch auch kennen, Herr Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.« - -Der Bauer antwortete nicht und machte sich mit seiner Zigarre zu -schaffen, aber er dachte bei sich: »Also so eine ist das! Darum die -feine Kleedage!« - -Die anderen aber redeten weiter. Als ein dürrer, langer Mensch von -mittlerem Alter, der Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten -rauchte und ein viereckiges Glas mit einem goldenen Rande im Auge -hielt, sagte: »Aber schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,« -da redeten sie alle über Kreuz: »Schneidig, ja, Rasse, ja, Feuer, ja, -aber ein Saumensch ist sie darum doch und von Rechts wegen gehörte -sie an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln vor die Hunde gegangen? -Weshalb mußte der dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen diesem -Frauenziefer!« - -»Nun aber Schluß!« dachte der Bauer, als er das hörte; es war ihm nicht -so ganz sauber zu Mute. - -Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß er das Lachen wieder -lernte, und es tat ihm doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war. - -Als er gegen Abend über die Haide ging, fiel ihm Meta ein, und er sagte -sich, daß es Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe. - -Aber dann hatte er das zu tun und dann das, und so verblieb es, zumal -er allerhand Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da im Kruge -saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder sonst was Glattes anzutreffen war, -und dann hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut vom Dieshofe -fort könne, weil ihre Brudersfrau sich von den Wochen gar nicht -erholen konnte. - -»Ordentlich elend und abgefallen sieht sie aus,« erzählte Durtjen, »als -wenn sie zehn Jahre älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja auch vor -Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder kartjet, die Frau liegt, du lieber -Himmel, ich war froh, als ich da wieder weg war.« - -Alles konnte Hehlmann vertragen, bloß kein Unglück; davon hatte er in -den letzten Jahren mehr als genug zu schmecken bekommen. - -Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging, und an Gelegenheit mangelte -es ihm nicht. - -Am meisten war er im Piewittskruge zu sehen; da war ein lustiger alter -Wirt und eine noch lustigere junge Wirtin, mit der sich schon ein Wort -im Vertrauen reden ließ, denn der Wirt sah und hörte nichts, wenn nur -gut verzehrt wurde. - -Daß das geschah, dafür sorgte Lischen Lustig schon, unter welchem -Ekelnamen die Wirtin weit und breit bekannt war. Wenn gute Gäste da -waren, ließ sich der Wirtsmann nicht sehen, und dann ging es hoch her, -denn es war bald diese, bald jene Kusine von der Frau oder dem Manne -da, und das Küchenmädchen verstand auch Spaß; so gab es manchen langen -Abend bei Bier und Wein. - -Hehlmann war nach dem Piewittskruge gekommen, weil der Wirt bei ihm -einmal angefragt hatte, ob er nicht einen Rehbock kriegen könne. - -Seitdem wurde er da all sein Wild los, denn der Piewittskrüger handelte -mit allem, was es gab, und da er dem Bauern auch seinen Wachs und -seinen Honig abnahm und was es sonst gab, so hatte Hehlmann vor sich -immer einen Grund, nach der Brücke zu gehen. - -Wenn er erst einmal da war, kam er so bald nicht wieder fort, denn zu -Hause war es ihm zu langweilig den ganzen Abend. - -In dem Kruge lernte er auch Klas Kordes näher kennen, einen jungen -Bauern, der früher in Lichtelohe als Knecht gedient hatte. Das war ein -fixer Kerl, und wo er war, da ging es hoch her. - -Er hatte nicht weit vom Kruge auf einen guten Hof geheiratet, der einem -wahren Ungetüm von Frau gehörte, so groß und so breit, wie es rundumher -keine gab, aber eine fleißige und herzensgute Frau, die ganz verrückt -in ihren hübschen Kerl war, der zwölf Jahre jünger war als sie. - -Wenn auf dem Hofe die Arbeit nachließ, machte er allerlei Fuhren für -den Krüger; auch wußte man, daß er ein gefährlicher Scharfschütze war. - -Er hatte sich eine kleine Jagd gepachtet, die vor dem königlichen Forst -lag, und aus der er mehr Böcke herausholte, als andere aus zehnfach -größeren Jagden. - -Er hatte eine Schwester, die bei ihm auf dem Voßhofe war, ein -ansehnliches Mädchen, die Hehlmann mächtig in die Augen stach. - -Als im Piewittskruge Tanzefest war, tanzte Hehlmann nur mit Trina -Kordes. Es ging lustig zu, denn bei dem Krüger gab es bessere Sachen zu -trinken, als in den anderen Wirtschaften. - -Als der wilde Meyer aus Krusenhagen, der am Abend vorher mit dem -Schweinehändler im Kruge hoch gespielt und gefährlich gewonnen hatte, -drei Buddeln Schampagner ausgab, da war kein Halten mehr; überall -knallten die Körke gegen die Decke und das Küssen und Drücken nahm kein -Ende. - -Auch Hehlmann hatte ganz seine Ernsthaftigkeit verloren. Er hatte -mehrere Flaschen Schampagner ausgegeben und dazwischen noch eine -Mischung nach der anderen getrunken, die aus viererlei Schnaps und -Likör zusammengegossen war und die sie doppelte Liebe nannten. - -So sah er den Himmel für eine Baßgeige und Trina für einen Engel an, -und als er sich vor Tau und Tag aus ihrer Kammer stahl und nach dem -Hehlenhofe ging, war ihm, als habe er das große Los gewonnen. - -Er war nun öfter bei ihr, bis daß Klas ihm eines abends, als die Köpfe -alle heiß waren von Bier und Grog, fragte: »Wannehr wollt ihr denn -freien?« - -Hehlmann wurde vor Schreck ganz nüchtern, denn als Frau war ihm Trina -nicht so recht nach der Mütze. Aber das half nun nichts mehr; sie war -eine anständige Kätnerstochter, und wenn er sie sitzen ließ, wurde er -in allen Dörfern auf dem Burmal unehrlich gemacht. - -Und schließlich, es war auch Zeit, daß er freite. So wurde denn alles -festgemacht, und vier Wochen nachher war die Hochzeit. - -Sehr groß war sie nicht, denn von der Hehlmannschen Seite blieben -meist alle fort, weil es zu offenbar war, daß er mit Meta Dettmer -versprochen war, und eine Kordes galt ihnen auch nicht für voll. Das -fiel dem Bauern schwer auf die Seele. - -Als er am andern Morgen mit dickem Kopfe aufwachte, denn er hatte -mehr als genug getrunken, und seine Frau, die noch schlief, ansah, -gefiel sie ihm gar nicht mehr. Ihre Hübschigkeit lag zumeist in der -Aufmachung, und wie sie jetzt so dalag, hatte sie einen ganz häßlichen -Mund, und ihre Hände sahen gewöhnlich aus. - -Da fiel ihm Meta ein, die einen so schönen Mund und so feine Hände -hatte trotz der groben Arbeit. Selbst wenn sie alt und krank wäre, -würde Meta noch gut aussehen, dachte er. - -Aber diese Trina? Er mochte gar nicht daran denken. - -Und nun sang auch noch Durtjen im Hofe: - - Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, - Einer reichen Erbin von dem Rhein, - Schlangenbisse, die den Falschen quälten, - Ließen ihn nicht ruhig schlafen ein. - - - - -[Illustration: Auf der Wildbahn] - - - - -Auf der Wildbahn. - - -Wenn Hehlmann nicht die Jagd gehabt hätte, wäre ihm das Leben bald leid -geworden. - -Es dauerte noch keine drei Monate, und es stieß ihm sauer auf, wenn er -Trinas Stimme hörte. So scharf wie ein Messer war sie und so hart wie -Stein. Noch schlimmer hörte es sich an, wenn sie lachte. - -Alles war gewöhnlich an ihr, ihr rappeliger Gang, ihr hastiges -Arbeiten, ihr ewiges Klagen über die Leute. Wo Mutter Hehlmann -gesprochen hatte, da schrie sie, und sie schimpfte, statt zu zeigen, -wie es sein müsse. - -Sie konnte sich keine Stellung bei den Leuten machen; immer kam die -Kätnertochter bei ihr heraus. - -Auf den Bauern nahm sie keine Rücksicht; er war ihr Mann und damit war -es gut. Mit wildem Haar und schmutziger Schürze setzte sie sich zum -Essen, und das war auch danach. - -Sie kochte ohne Liebe, und die schmälzt mehr, als der beste Speck. Den -ganzen Tag schoß sie im Hause hin und her und putzte hier und wischte -da, aber rein und ordentlich sah es nie recht aus. - -Hehlmann ließ sie im Hause machen, was sie wollte, und wenn er nicht -bei der Arbeit war oder schlief, dann war er in der Wildbahn, entweder -in seiner Eigenjagd oder bei Klas. - -Dem ging es auch nicht besser. Mit der Zeit war die Voßbäuerin dahinter -gekommen, daß der hübsche Kerl hier und da nahm, was ihm geboten wurde, -und war die Frau bisher lauter Honig und Sirup, so wurde sie jetzt -eitel Gift und Galle. Und das schlimmste war, daß sie den Daumen auf -den Beutel hielt. - -Auf die Art fand Klas immer mehr Gefallen am Freijagen, denn der Krüger -war ein guter Abnehmer, und Kordes brauchte Geld für Bier und Wein, und -für Brusttücher und Gürtelschnallen auch, »denn«, sagte er, »mit lütjen -Happen macht man die Hunde kirre.« - -Bisher hatte er sich mit Hasen und Rehböcken zufrieden gegeben, und auf -die gaben die Förster im Königlichen nicht viel, aber mit der Zeit ging -er ihnen auch über die Hirschböcke. - -Es wurde so schlimm damit, daß von der Hofjägerei in Hannover ein -heiliges Donnerwetter wegen der großen Abgänge an den Forstmeister -kamen, und der gab es weiter. - -Tag und Nacht lagen nun die Förster im Holze, aber immer waren sie -betrogen. Wenn sie hier lauerten, knallte es da, und paßten sie da, so -ballerte es hier. - -Daß Kordes der Freischütz war, daran dachten sie nicht; sie hatten die -Celler Mascher im Verdachte, Völker, denen nicht recht zu trauen war. - -Dem alten Hegemeister Hagelberg schlug der Aerger so in das Blut, daß -er sich in Pension gab. An seine Stelle kam ein Ostpreuße, Adomeit -geheißen, ein langer Mann mit schläfrigem Gesicht, über den die Bauern -lachten, weil er keinen Bart trug, wie es bei den Grünröcken üblich -war, so ganz anders sprach, als wie es Landesbrauch war, und nichts -vertragen konnte. - -Er ließ sich blitzwenig im Kruge blicken, aber wenn er kam, dann war -er nach einer Stunde voll, wie ein Entendarm, denn er trank immer nur -Grog, auch bei der wahnsten Hitze; und dann saß er da, lachte wie -ein Unkluger und machte kleine Augen, so daß das junge Volk seinen -Hahnjökel mit ihm trieb und der Forstmeister ihm sagte, wenn er das -Saufen nicht ließe, könne er machen, daß er wieder in die Kaschubei -käme. Denn er war bloß auf Probe angestellt. - -Nun hatte der Hansbur einen hirschroten Dachshund, an dem sein ganzes -Herz hing, weil der Hund so ausnehmend klug war und so vorzüglich -jagte. An einem Morgen schoß Hehlmann im Hehlloh dicht am Königlichen -einen Bock krank, der den Post annahm, so daß der Bauer den Hund -schnallen mußte, und da jagte der Hund über und Adomeit schoß ihn vor -den Kopf. - -Der Bauer rührte mittags nichts an und ging nachher nach dem Voßhofe, -wo er Klas den Fall vortrug. - -Das kam dem wie gerufen, denn er hatte immer schon gewünscht, daß sein -Schwager ihm beistehen solle. Er nahm ihn mit in den Krug und hetzte -ihn so lange auf, bis Hehlmann einsah, besser könne er es dem Förster -nicht geben, als wenn er ihm die Hirschböcke totschösse. - -Zudem freute es ihn, wenn er seinem Schwager helfen konnte, denn der -hatte ein Mädchen mit einem Kinde sitzen und mußte ihr den Mund mit -Talern stopfen. - -Sie fingen das nun ganz schlau an. Wenn Hehlmann im Piewittskruge oder -im braunen Schimmel in Lichtelohe saß, dann schoß Kordes am Hehlloh -herum, und wenn er im Kruge saß, dann knallte es im großen Moore, an -das der Voßhof angrenzte, so daß die Förster nicht einen Augenblick -daran dachten, daß der Hansbur und der Voßbur die Freischützen waren. - -Zudem diente bei dem Forstmeister ein Mädchen, das früher auf dem -Voßhofe Magd gewesen war, mit der es Kordes immer noch hielt, und die -ließ ihn wissen, an welchem Tage Försterappell oder wo Holzbeschau war, -so daß Kordes immer wußte, wann die Luft rein war. - -Bisher hatten sie jeder für sich gewildert, aber als wieder einmal -Försterappell angesetzt war, gingen sie zusammen, weil Klas sich einen -guten Plan ausgedacht hatte. - -An das Hehlloh stieß nämlich eine mächtige Fuhrendickung, und darin -steckte das Rotwild mit Vorliebe. Nun sollte Hehlmann ohne Gewehr die -Dickung durchdrücken und Kordes wollte sich bei dem Wechsel hinter dem -großen Windbruche anstellen. - -Sie besprachen sich das ganz genau, und als es an der Zeit war, ging -Hehlmann los. - -Ihm war nicht ganz sauber zu Sinne, aber er schrieb es darauf, daß die -Bäuerin ihm wieder wegen Durtjen in den Ohren gelegen hatte, denn die -zeigte es ihr gerade heraus, wie wenig sie von ihr hielt. - -Sie hatte ihr, als die Frau über Gebühr Arbeit von ihr verlangte, das -rund abgeschlagen, und als die Bäuerin ihr an die Ehre ging, war sie -ihr mit den Fäusten unter die Augen gegangen und hatte gerufen: »Du -alte Gaffelzange, du bist doch man bloß hier auf den Hof gekommen, wie -der Kuhdreck in die Dönze.« - -Hehlmann hatte im Halse gelacht, als er das anhören mußte; als ihm -seine Frau aber auftrug, den Häusling zu kündigen, hatte er sie groß -angesehen und gesagt: »Gewiß, wenn du die Arbeit machen willst.« Da -hatte die Frau stillgeschwiegen; aber ab und an kam sie ihm wieder -damit und nöhlte ihm die Ruhe fort. - -Der Honigbaum war am Anblühen, die Bienen flogen und die Luft roch süß, -als Hehlmann über die Haide ging. - -Ein Hase sprang vor ihm auf und lief nach links. Der Bauer war nicht -abergläubisch, aber er dachte daran, daß das ein schlechtes Zeichen -sein sollte. - -Auf dem Pattwege begegnete ihm eine alte Frau aus Horst, die für eine -Hexe beschrieen war und zu der die Mädchen spät abends in das Haus -gingen, wenn sie in Nöten waren. - -»Das ist Nummero zwei,« dachte der Bauer, und dann lachte er sich die -Angst weg. Aber es fiel ihm ein, daß er in der Nacht aufgewacht war, -weil der Hund so scheußlich geheult hatte. - -Er trocknete sich den Schweiß unter der Mütze ab, denn es war diesige -Luft, und dabei wurde es ihm klar, daß das mit dem Hund der erste -Vorspuk gewesen war, und daß noch zwei hinterher gekommen waren. - -»Duffsinn,« dachte er und holte die Schnapsflasche heraus, die er jetzt -immer bei sich hatte, wenn er losging. - -Als er bei der Dickung war, wartete er erst eine Weile hinter einem -großmächtigen Machangel. - -In der Forst schrie der Schwarzspecht, erst lang und klar wie eine -Glocke, und dann schnell hintereinander. »Das Wetter schlägt um,« -dachte der Bauer. - -In der Birke bei dem Grenzsteine sprang ein kleiner, schmaler Vogel -hin und her und gab in einem Ende einen Ton von sich, der sich ganz -unglücklich anhörte, im Hehlenbruche schrie eine Kuh, als wenn sie -zum Schlachter sollte, und mitten in der gewöhniglichen Haide am -Grenzgraben stand ein Busch, der blühte weiß. - -»Das ist gerade, als wenn es nach Unglück riecht,« dachte Hehlmann; er -nahm noch einen Schnaps und trat über den Grenzgraben. - -In der Dickung war es stickend heiß; es nahm ihm ordentlich die Luft -weg. So manches Mal war er schon über die Grenze gegangen, aber so war -ihm noch nie zu Sinne gewesen. - -Hin und her ging er durch die Fuhren, wo sie etwas raum wurden; oftmals -mußte er fast kriechen, so rauh waren sie meist. - -Als er ungefähr in der Mitte war, hörte er, daß Wild vor ihm absprang, -gleich dahinter meldete der Markwart in dem Windbruche und nun wartete -er, daß es knallen sollte. Aber es knallte nicht, und so drückte er die -Dickung durch, bis ihm der Schweiß über den Rücken lief. - -Als er am Ende war, nahm er noch einen Schnaps, wischte sich den -Schweiß und die Spinneweben aus dem Gesicht, holte tief Luft, denn von -der Hitze war ihm ganz benaud geworden, und dann nahm er den Hut ab und -ließ hinter den Zweigen her seine Augen über die Blöße gehen. - -Da war nichts, wie er erst meinte, aber dann sah er, daß halbrechts -hinter einem Wurfboden sich etwas rührte; es waren die Köpfe von drei -Stück Wildpret, einem alten Tiere und zwei Kälbern, die nach dem -Stangenort hinäugten und spielohrten. - -»Warum schießt er nicht,« dachte er, »sie stehen so schön breit,« und -er wollte gerade auf einen Stuken steigen, um weiteren Blick zu haben, -da trat das Wild hin und her und bog dann nach links ab. - -»Sie haben eine Mütze voll Wind gekriegt,« dachte er, aber dann -horchte er auf; drüben im Holze meldete der Specht und in demselben -Augenblicke knallte es, das Hirschkalb stürzte im Feuer, das alte Stück -und das Wildkalb machten kehrt und polterten in die Dickung zurück. - -Hehlmann wartete und wartete, aber es blieb alles still. So still war -es, daß er vernahm, wie ihm das Herz in der Brust arbeitete; unheimlich -still war es. - -Quer über den Windbruch flog der Schwarzspecht; jedes Mal, wenn er -einen Flügelschlag tat, schnurrte es laut. - -Ein Rotkehlchen setzte sich auf eine lose Wurzel, die aus einem -Wurfboden heraus hing, und Hehlmann war es, als wenn es ihn traurig -ansah. - -Und dann war über ihm in den Fuhren wieder der kleine schmale Vogel mit -seinem unglücklichen Gepiepe zu gange. - -Dem Bauern wurde es bald heiß, bald kalt, und als drüben der Markwart -meldete, verjagte er sich. »Wir kriegen ein Gewitter,« dachte er bei -sich; »ich habe es mit den Nerven.« - -Vom Hehlenbruche her zog ein Wetter herauf; es donnerte schon. Der Wind -machte sich auf und stieß die Fuhrenzweige zusammen, und aus der großen -Wolke blitzte es ein über das andere Mal. Immer schneller kam das -Wetter herauf; die Kuhtauben flogen zu Holze, daß es klingelte. - -»Was das bloß ist, daß ich von ihm nichts höre und sehe,« dachte er, -und dann überlegte er, ob er nicht nach der anderen Seite gehen sollte. -Aber das war gegen die Abmachung, denn jeder sollte für sich seinen -Weg gehen und bei dem Immenschauer auf der Brandhaide wollten sie sich -treffen. - -Es wurde immer schwärzer in der Luft; aus dem Winde wurde ein -Sturmwetter, es goß wie mit Mollen und blitzte und donnerte -durcheinander. - -Als es gerade hell leuchtete, war es ihm, als ginge ein Mann über die -Blöße, aber bei dem nächsten Blitz konnte er nichts mehr wahrnehmen, -und so machte er schließlich, daß er weiter kam. - -Gerade als er sich umdrehte, schien es ihm, als wenn er eine Stimme -durch das Brausen hörte, und der nächste Donner klang ihm bald wie -ein Schuß; er sah noch einmal über die Blöße hin, aber als da nichts -war, kroch er durch die Dickung, sprang in guter Deckung über den -Grenzgraben und kam gerade beim Immenzaun an, als das Wetter nachließ. - -Obzwar er durch und durch naß war, wartete er noch eine halbe Stunde, -als es ihn aber gar zu sehr schudderte, ging er nach dem Hofe. - -Klas war nicht da. »Er wird wohl bei dem Wetter gleich nach Hause -gegangen sein, naß wie er war.« Damit beruhigte er sich. - -Als er am anderen Morgen bei fünf Uhr nach den Ställen ging, kam der -Kleinknecht vom Voßhofe angelaufen. »Die Frau läßt fragen, wenn der -Bauer die Nacht über hier geblieben ist?« - -Hehlmann lief es kalt über. »Ist er denn die Nacht nicht inne gewesen?« -fragte er. - -Der Junge schüttelte den Kopf: »Er ging gestern nachmittag bei -fünfe weg und sagte, er wäre bei elfe wieder da. Er wollte nach den -Kartoffeln, weil da das Wild Schaden gemacht hatte, und darum nahm er -das Gewehr mit. Auf dem Piewittskruge war ich auch schon, da ist er -auch nicht gewesen, und da mußte er doch vorbei, wenn er vom Felde -zurück wollte, und zumeist kehrt er da ein. Der wilde Meyer war gestern -abend da und da hat es bis nach eine gedauert.« - -Der Bauer wühlte in der Krippe, damit der Junge ihm nicht in das -Gesicht sehen sollte und überlegte, was zu machen war. - -Nach dem Windbruche konnte er nicht gehen; er hatte da nichts zu -suchen, und wenn es ein Unglück gegeben hatte, dann machte er sich mit -verdächtig, denn es war so gut wie sicher, daß die Förster die Blöße -den ganzen Tag über im Auge behalten würden. - -Dreimal schickte die Voßbäuerin bis Mittag und ließ fragen, ob Kordes -nicht da war. - -Als es bei vier Uhr war, konnte der Bauer sich vor Unruhe nicht -mehr bergen; er hatte sich einen Plan gemacht. Er sagte dem ersten -Kleinknecht, der ein Waisenkind war und an ihm hing wie ein Hund, -weil er es noch nie so gut gehabt hatte, als wie auf dem Hansburhofe: -»Tönnes, nimm die Schute mit, das Wasser hat mir den Abfluß bei dem -Hehlloh zugeschwemmt.« - -Als sie dort waren, wies er ihn an, die toten Pflanzfuhren zu zählen, -und er selber machte sich an dem Grabenkopf zu schaffen. - -Nach einer Weile meinte er: »Nun geh man wieder nach Hause. Ich will -nach dem Förster gehen und ihn fragen, ob er mir mit Pflanzfuhren -aushelfen kann.« - -»Na, kannst auch mitgehen,« rief er hinter ihm her; »wir haben auf dem -Kruge noch einen Korb stehen und das vergißt sich sonst.« - -Sie gingen den Pattweg entlang, den Hehlmann gestern gegangen war. Als -sie an dem Königlichen waren, blieb der Bauer stehen: »Ich glaube, am -besten gehen wir über den Windbruch, das ist ein Richteweg.« Er wandte -sich nach links, bis er an die verwachsene Bahn kam, und bald standen -sie auf der Blöße. - -Heute sah es da anders aus. Die Grauartschen sangen und die weißen -Buttervögel flogen um die Disteln. - -»Ich glaube, so gehen wir am besten,« rief er laut, und schlug die -Richtung nach der Stelle ein, wo gestern abend das Wildkalb gestürzt -war. - -Aber da war nichts zu sehen. »Donnerschlag, was ist das hier für ein -dummes Gehen,« rief er dann wieder laut; »wir müssen mehr nach links, -hier füllen wir uns bloß die Schuhe voll,« und damit steuerte er nach -der krausen Fichte, von wo der Schuß gefallen war. - -»Die Fliegen sind rein zu doll heute,« rief er und sah sich um; »ich -will mir eine Pfeife anstecken. Der Förster wird uns ja wohl nicht -gleich schnappen.« - -Er faßte in die Tasche. »Den Deubel, nun habe ich den Kopf verloren! -Das ist mir sehr ärgerlich, der war noch von meinem Vater selig; den -kann ich nicht missen. Wollen mal suchen, ob wir ihn nicht wieder -kriegen. Wenn du ihn findest, kriegst du ein Kaßmännken. Es ist der -weiße Kopf mit dem Bild von Eidig darauf.« - -Sie suchten hin, sie suchten her. Hehlmann ging das Ende zwischen der -krausen Fichte und dem Wurfboden, wo das Wild gestanden hatte, ab und -ließ dabei den Pfeifenkopf fallen. - -Er sah allerlei umgebrochene Himbeerruten, aber das konnte das Wild -auch getan haben, denn alte Fährten waren da genug. Aber eine frische -Menschenfährte oder Blut fand er nicht; es hatte über Nacht zu -gefährlich nachgeregnet. - -Als er zum dritten Male zurückkam, sah er etwas Weißes im Grase -liegen. Er ließ sein Taschentuch fallen und hob es auf. Es war ein -Gewehrpfropfen aus Zeitungspapier. - -Er wischte sich die Stirn ab und steckte Tuch und Papier ein. Da hörte -er den Jungen rufen: »Ich hab'n!« Er zwang sich zum Lachen und sagte: -»Du bist ein ganzer Kerl! Dafür sollst du noch ein Glas Bier haben. Nu -geh' man vor!« - -Als sie im Holze waren, holte er das Papier heraus und machte es auf. -Es war ein Stück von der Zeitung, die der Förster hielt. - -Dem Bauern war zumute, als wenn er losweinen sollte. Also hatte er doch -recht gehört; es war ein zweiter Schuß gefallen. - -Als er beim Forsthaus war, lief es ihm kalt über, aber er nahm sich -zusammen und rief der alten Frau, die dem Förster die Wirtschaft -führte, zu: »Is er inne?« und als sie sagte: »Nee,« war er heilsfroh, -denn mit dem Manne wollte er nicht gern zusammentreffen. - -Im Piewittskruge war es, als wenn eine Leiche im Hause war. Zwei -Anbauern saßen still bei ihrem Schnaps. - -»Ist Klas noch nicht zurück?« fragte er sie. Die Männer schüttelten -schweigend mit den Köpfen. - -»Trink erst, Junge,« sagte er dann, »und denn geh' mal nach dem -Voßhofe, wenn der Bauer noch nicht da wäre.« - -Der jüngere von den beiden Gästen sah auf, als der Knecht fort war: -»Der kommt nicht wieder,« und dann sprach er ganz leise: »Der Förster, -der Pollack, alle glaubten sie, das ist ein dummer Kerl, weil er sich -immer so anstellt. Ich habe ihn aber gesehen, als er dicht an mir -vorbeiging und ich hinter dem Busche stand, und ich sage: der stellt -sich bloß dumm. Und wer ihm in die Augen sieht, der weiß Bescheid: der -hat ein Gewissen, wie ein Schlachterhund. Warum ist er denn gestern -allein nicht zum Appell hingewesen. Die Olle, die er bei sich hat, -sagt, er hat es im Leibe gehabt und hat den ganzen Tag im Bett gelegen. -Na, und als ich bei zehn Uhr nach dem Wetter sehen wollte, ich müßte -mich doch sehr irren, wenn er das nicht war, der über das Feld zu gehen -kam.« - -Der Junge kam zurück: »Er ist noch nicht inne. Die Frau ist ganz von -sich; sie schreit in einem fort nach ihm.« - -Hehlmann gab ihm das Fundgeld. »Wenn du ausgetrunken hast, laß dir den -Weidenkorb geben und geh' zurück. Ich komme so bei neun, sag' man.« - -Die alte Kastenuhr ging hart und die Fliegen summten. Die Männer sahen -in ihre Gläser. - -»Als ich noch Hütejunge war,« fing zuletzt der ältere Mann an, »da -hatten wir hier einen Förster, der wurde der schwarze Schmidt genannt, -weil er einen Bart hatte wie Pech. Das war auch so einer. Er hielt sich -immer für sich, und man sah ihn nicht kommen, noch gehen. Wie manches -Mal habe ich mich verjagt, wenn er wie aus der Erde gewachsen da stand.« - -Er besann sich eine Weile, trank einen kleinen Schluck und fing wieder -an: »Damals ist ein Bauernsohn und ein Knecht hier fortgekommen. Kröger -hieß der eine und der andere, wie hieß der doch? Timmermann, glaub' -ich. Das waren beide Freischützen. Man hat da nichts wieder von gehört. -Was unser Vater war, der sagte: Der Förster hätte sie totgeschossen -und ausgezogen und in den dichten Busch geschleppt, für die wilden -Schweine, und die lassen nichts von übrig, als die großen Knochen. So -wird es mit Kordesklas auch sein.« - -Hehlmann schudderte es. Er trank seinen Schnaps aus und schenkte sich -noch einen ein. - -Er saß bis neun Uhr im Kruge, aber von Kordes kam keine Nachricht. Am -anderen Tage auch nicht. Und überhaupt nicht. - -Der Gendarm fragte überall um, konnte aber nichts herauskriegen. -Von Celle kamen die Gerichtsherren; es war ihnen ein Brief ohne -Unterschrift zugegangen, worin es hieß, daß der polsche Förster Kordes -umgebracht hätte und darunter stand: »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« - -Der Förster wurde vernommen, aber er blieb dabei, daß er das Laufen -gehabt hätte und von Mittag an im Bett geblieben sei. - -Am anderen Tage lagen seine beiden Hunde tot im Stall. Als er abends -den Laden zumachte, wurde nach ihm geschossen. Die Haushälterin sagte -ihm auf. Kein einer Mensch bot ihm die Tageszeit. - -Wenn er durch das Dorf ging, schrie es von irgendwo her: »Bluthund, -polscher Mörder, Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Wo er sich sehen ließ, -pfiffen die Männer das Lied von dem Freischütz, den der Jäger totschoß, -und die Kinder schimpften hinter ihm her. - -Die Pflanzkämpe in seinem Belaufe waren in einer Nacht kurz und klein -getrammpt und in der anderen brannte der Schuppen beim Forsthause, und -keine Hand rührte sich, um beim Löschen zu helfen. Der Krämer und die -Wirte verkauften ihm nichts mehr. - -Er mußte versetzt werden. Bei Nacht und Nebel zog er ab. - -Kordesklas aber blieb verschwunden. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Grummet] - - - - -Grummet. - - -Die Bäuerin hatte sich zuerst um ihren Bruder ganz mächtig angestellt -und Tag und Nacht gejammert, als aber eine Woche um war, konnte sie -schon wieder schimpfen und lachen. - -Dem Bauern ging es viel näher. Nun war er so kahl wie ein Birkenbaum -vor dem Winter. Er war nicht mehr der lustige Mann von früher; er hatte -einen Mund und Augen wie ein alter Mann. Zu keinem Menschen konnte er -sich aussprechen, und darum fraß es so an ihm. - -Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an Meta. Er hatte das Korn -fortgeschüttet und das Kaff aufgehegt. - -Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem Mädchen nieder. Er hatte es nicht -anders erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt, und dann, weil -sie die ganze Zeit über so schlecht aussah. - -»Das habe ich davon,« sagte er sich, als er über die Haide ging, in der -die Birken so gelb wie Gold waren. Der Wind riß die alten Blätter von -ihnen ab und trieb sie über den Dietweg. - -»Was habe ich von dem wilden Leben gehabt?« Miken, die -Piewittskrügerin, Trina und die anderen, er hatte jetzt nichts davon, -als einen schlechten Nachgeschmack. - -Das Einzige, was sich gelohnt hatte, war die Zeit gewesen, wo er und -Meta Liebesleute waren. Er war dumm gewesen, mehr als dumm und schlecht -obendrein. - -»Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte er. »Eine Frau, die ich nicht -sehen kann, und keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind kam, das -wußte er, es würde auch ein Mädchen werden. - -So wurde es denn auch. Zwei Jahre später war noch ein Mädchen da. Er -hatte es vorausgewußt, aber es war doch ein harter Schlag für ihn. - -Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte Zeit immer stiller geworden; -sie hielt sich ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo sie -konnte. Sie hatte einmal mit anhören müssen, wie die Großmagd zu -Durtjen sagte: »Der Bauer kann einen dauern; was hat die Frau bloß aus -ihm gemacht!« - -Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber ein Bild von Mensch. Wenn sie -mit hochgesteckten Röcken nach den Ställen ging, mußte der Bauer hinter -ihr hersehen. - -Und sie sah hinter ihm her. Es war kein Mann auf dem Hofe, der gegen -ihn aufkam. Der erste Knecht war versprochen, der zweite gehörte zu den -Stillen im Lande und sah an jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte -zählten nicht mit. - -Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine schöne Stimme. Wo sie ging -und stand, sang sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das bald -spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens Liebeslieder, und wenn sie dem -Bauern einen Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte: »Merkst du -was?« - -Hehlmann aber biß die Zähne zusammen; er wollte keine neuen -Heimlichkeiten, er hatte ganz genug an den alten; so wurde er von -Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich gleich und war immer -freundlich zu ihm, und wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, -es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte, denn trotz allem: er war -doch noch ein junger Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für den -Durst. - -Er war aber immer gut zu ihr, denn sie tat ihm leid, und er sah, daß -sie alles tat, um ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie sich -zu stellen gewußt und die war froh, daß es jetzt sinnig auf dem Hofe -zuging. - -»Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß ihren Mann in die Rippen, -daß er vor Angst an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut du es -hast, daß ich dich genommen habe. Denk' mal bloß, du wärest der Bauer -und hättest diese Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man kann nicht -recht froh darüber werden. Es ist ein Kreuz und ein Elend, daß Meta -damals hier wegmußte.« - -Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe gewesen; Durtjen hatte sie noch -einmal besucht und sie wohl und munter angetroffen. Sie hatte das Leit -in die Hände genommen und ihre Schwägerin, die immer noch nicht so -ganz in die Reihe kommen wollte, war es zufrieden, und der Bauer war -froh, daß Meta das Regiment führte. Von früh bis spät war sie im Gange: -sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder an; bei der Arbeit -war sie über ihre Gedanken weggekommen und war wieder so hübsch, wie -früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden. - -Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie hörte, war nicht danach, -daß sie Freude daran hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge -verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die ein ordentlicher Mann -hingehörte; dann hatte sie auch vernommen, daß er zu viel auf die Jagd -gehen sollte und oft mehr trank, als es gut war; und mit den Karten -befaßte er sich auch. - -Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da wurde es ihr klar, warum -ihr Göde, wie sie ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn -gekommen war. »Freude kann er an der Frau nicht haben,« dachte sie; -»vorzüglich, wo er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.« - -Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt. Die beiden Kinder gediehen, -aber da es keine Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum. - -In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil von da aus das Unglück -gekommen war; zudem verkehrten da jetzt meist nur Knechte und fremde -Völker. - -Die Jagd war ihm halb und halb verleidet; er ging nur mit der Büchse -los, wenn das Wild ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen -Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er an den Oberförster -verpachtet; er wollte damit nichts mehr zu tun haben. - -Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn er in den anderen -Wirtschaften einkehrte, trank er, bis ihm die Augen klein wurden und -ging dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage schämte er sich. - -Als er im Bruche Grummet auflud, nahm Anna ab. Es war ein -Hauptheuwetter an dem Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen -haben und das ganze Bruch voll von Lachen und Juchen ist. - -Jedes Mal, wenn das Mädchen das Schoof annahm, sah sie ihm in die -Augen. Der helle Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre Arme, -das war eine wahre Pracht, wie rund die waren und so schön braun. - -Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr unter einer krausen Fuhre, -und es fiel ihm auf, wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß, -denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften hatte essen sehen, war es -ihm zuwider, wenn einer hörbar oder hastig aß. - -Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein süßer?« fragte sie und sah -ihn aus kleinen Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte er die -Flasche hin und nahm sie in den Arm. - -Hinterher war er es, der an die Folgen dachte, aber das hübsche Mädchen -lachte und sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten -mache; dafür kann ich dich viel zu gut leiden. Da hast du meine Hand -drauf.« - -Er nahm sie wieder in den Arm und sagte: »Es ist nicht wegen mir, aber -du bist zu schade dafür.« - -Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist schade? Soll ich warten, bis -ich alt und kalt bin? Was sein muß, das muß sein.« - -Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue Heimlichkeit nahm die alte -weg, und er hatte jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich -sprechen konnte. - -Seitdem das erste Kind gekommen war, schlief er wieder für sich und so -war es ihnen leicht gemacht, zusammen zu sein. - -Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die Bäuerin etwas merkte, aber sie -sagte nichts. Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam er sich -schlecht vor. - -An einem Sonntag war er ganz allein mit Anna auf dem Flett und sie saß -auf seinen Knieen. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht auf die Zeit -gepaßt und so kam es, daß die Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte -sich sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh gleich mal nach, ob -Eier da sind; wir wollen Pfannkuchen backen.« - -Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen hatte, nur daß sie den -ganzen Abend nicht aufsah. - -Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen; er schämte sich vor seiner -Frau. Hätte sie Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht nicht so -aufgestunken. - -Am Morgen ging er der Magd in den Stall nach. Sie schlug die Augen -unter sich, als er kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr ging es -nicht anders, als ihm. - -»Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun aufhören mit uns. Kommt es -rund, dann bist du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und dabei wies -er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause, »das Herz nicht noch schwerer -machen. Sie trägt schon schlimm genug daran, daß wir keinen Jungen -haben. Du mußt fort von hier.« - -Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging auf und ab und die Tränen -liefen ihr aus den Augen. - -»Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort, »du weißt, ich kann dich -leiden; gerade deshalb mußt du gehen. Es gibt noch mehr Männer auf der -Welt und was ich dir an dem Tage beim Grummet sagte: du bist zu schade -für eine Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und nun nimm mir das -nicht vor übel: du bist ein armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle -und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse so viel für dich auf, -daß du eine gute Aussteuer und noch was in der Hand hast und das kannst -du abheben, so bald du einen ordentlichen Kerl findest. Schwer wird dir -das ja nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau auf und siehst -dich nach was anderem um.« - -Er gab ihr die Hand, drehte sich um und ging lauten Schrittes durch den -Stall, denn wenn er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die Macht -über sich. - -Am Abend ging er in den Krug, trank aber so gut wie nichts und ging bei -Dunkelwerden fort. - -Es war der erste schöne Märzabend und die Mädchen gingen untergehakt -über die Straße und sangen eins von den Liedern, die der Pastor nicht -haben wollte. - -Langsam ging er den Pattweg durch die Haide und dachte an die Nacht -nach dem Erntebier, als er mit Meta hier gegangen war. Wie lange war -das schon her! Damals sah er über die Fuhren weg; heute konnte er das -nicht mehr. - -Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich um. Am Himmel stand der halbe -Mond und alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte vor ihm und -polterte in die Fuhren, und vom Hofe her rief die Eule; es war ganz so -wie an jenem Abend. - -Das Herz wurde ihm schwer; nun war er wieder ganz allein. Aber es mußte -sein; zu sehen, wie sich seine Frau unter die Erde grämte, das ging -nicht. Wenn sie von Anfang an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er -mit ihr ein ganz gutes Leben haben können. - -Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich auseinandergewöhnt. Seine -Schuld war es nicht, aber es traf ihn mit. - -Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen die Deckenbalken. Sie waren -so angeordnet, daß es wie ein ~AH~ aussah, und dem Bauern fiel es ein, -daß das Mädchen eine Nacht, als es mondhell war, ihm zugeflüstert -hatte: »Kiek, da steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das barsch -verwiesen hatte. - -Er seufzte tief auf und warf sich hin und her; das Lied, das die -Mädchen im Dorfe gesungen hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne: - - Und du bleibst bei mir, - schläfst bei mir, - schläfst die liebe lange Nacht bei mir, - ju, ja, Nacht bei mir - im dustern Kämmerlein. - - - - -[Illustration: Der Blaurand] - - - - -Der Blaurand. - - -Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand aus, als sie der Bäuerin die -Hand gab. - -Als das Mädchen aufsagte, meinte die Frau zu dem Bauern, ohne -aufzusehen: »Sie wird uns schwer abgehen, so fix wie sie bei der Arbeit -war.« - -Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr Mädchen, die arbeiten können. Wer -fort will, den soll man nicht halten.« - -Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als das Nötigste mit ihr -gesprochen. - -Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann durch das Dorf. Als er -an dem braunen Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein: »Weißt -du schon, daß der junge Herr vom Gute sich umgebracht hat?« - -Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?« - -Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es eben erzählt; er hat es gestern -in Celle gehört. Es soll um das rote Miken gekommen sein. Mit der hat -er es immer noch gehalten, auch nachdem er schon befreit war, oder -vielmehr, das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem er zu -Gelde gekommen war, und da hat sie ihm irgend eine Schweinerei gemacht. -Schade, es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah er ja meist was -still aus.« - -Abends sah Trina ihren Mann immer von der Seite an, aber fragen mochte -sie nicht, denn sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich kam -er von selber mit der Sprache heraus und als wenn er zu sich selber -redete, sprach er vor sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das kommt -von den Heimlichkeiten; ein verheirateter Kerl muß klare Bahn um sich -haben, sonst tut das kein gut.« - -Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in die Augen und brachte es -fertig, ihm die Kinder zu bringen und sich dicht bei ihm zu stellen, -wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es bei kleinem zwischen ihm und -ihr halbwege richtig. - -Aber auch nur halbwege, denn die Liebe fehlte und das Vertrauen. -Hehlmann konnte es sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten -konnte, aber bei Trina brachte er es nicht fertig. So blieb er im -Grunde ganz für sich und war ärmer als der ärmste Knecht. - -In der hillen Zeit merkte er davon wenig, wenn die Arbeit aber -nachließ, kam die Unruhe wieder über ihn und dann blieb ihm nichts -übrig als zu trinken. - -Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug er einen gehörigen Stiefel -voll, aber unglücklich, wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier -und der Schnaps das Geblüt und wenn er seine Ladung hatte, dann stieg -ihm der Ekel über sich selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um und -dann warf er mit dem Gelde um sich und spielte bis in den hellichten -Morgen. - -Am anderen Tage war ihm dann zumute, als müsse er sich in die Erde -verkriechen und ihm wurde nicht eher besser, als bis er von neuem -hinter dem Blaurand saß. - -Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten Kruge, einen gefährlich -großen Wachtmeister mit doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen im -Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust, wie der Hansbur sie hatte, -dazu gehörte, daß er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas stand -auf dem Bört über dem Tische, an dem er immer saß und kein anderer -durfte daraus trinken. - -Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf dem zwischen zwei Palmblättern -zu lesen stand: Liebe mich allein oder lasse ganz es sein. - -An einem schmählich kalten Dezemberabend war er nach der kalten Flage -gegangen, um auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der Jagd auch nicht -so viel mehr machte als vordem, er brachte doch den Abend damit hin, -denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen und nichts zu sagen; -denn außer über alltägliche Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in das -Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine Art hatte. Wenn sie sich -auch noch so viel Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte nicht -weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus. - -So saß er denn in seinem Anstandsloche und sah auf den Schnee, bis es -ihm bunt vor den Augen wurde. Ihn fror, denn der Wind kam scharf von -Morgen, und um sich warm zu machen, nahm er ab und zu einen Schluck. - -Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit der Kälte und da sich der -Wind auch gedreht hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter auf -die Sauen paßte, und deshalb ging er nach dem alten Kruge; da saß -schon der wilde Meyer, der rote Schmidt und der Müller. - -Sowie er in die Tür trat, sprang der wilde Meyer auf und hielt eine -Rede auf Hehlmann und dann brachte er ihm ein Horüdho nach alter Art -aus, daß ihm das Maul schäumte, und die anderen, die alle Jäger waren, -gaben Hals wie eine vollzählige Meute. - -»Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote Schmidt, »jetzt wird -Hatten Lena gespielt, daß die Haide wackelt.« - -Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem fort gesungen wurde: »Hatten -Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apen mal din -Etelschapp, min Magen bellt ganz lut; un wenn du noch wat owar hest, so -lang man her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal -to'n Finster rut.« - -Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein Krug, je nachdem, was -getrunken wurde, und da waren mit Kreide Striche angemacht, und wer -verspielte, mußte bis zu dem nächsten Striche trinken und ein Stück -Geld in die Pinke schmeißen. - -Na, das ging dann nun los und es traf sich, daß Hehlmann fünfmal -hintereinander trinken mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept -vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen Schuß Wasser. So kam denn ein -großmächtiger Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht lange, da -hatten sie alle Köpfe wie Legehühner, vorzüglich der Hansbur, der sich -in der kalten Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein doppeltes -Loch riß. - -Als der Stiefel leer war, schrie der rote Schmidt, der mit Getreide -handelte: »Auf einem Bein kann man nicht stehen, außer wenn 'n Adebar -ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der ledig war, hieß es: »Aller -guten Dinge sind drei,« und der Krüger füllte von frischem auf. - -Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür auf und der Sägemüller -Vodegel kam herein, derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule -Hehlmann eins hinter die Ohren geschlagen hatte, als sie noch Jungens -waren, und auf den dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die -Ohrfeige behalten mußte. - -Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er hatte im braunen Roß eine -Wette mit vertrinken helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er -seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte. - -Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so eigen mit dem Glase und dem Kruge -war, langte er sich den Blaurand und den Krug von dem Bört, schenkte -sich einen Schnaps und Bier ein und prostete die Gesellschaft an. - -»Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen? Du weißt doch, daß das meins -ist!« rief der Hansbur ihm zu. - -»Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,« antwortete der -Sägemüller, »das schadet dem Glase nicht und dir nicht.« - -Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich sage, du stellst das Glas hin, -ich trinke nicht mit jedwedem aus einem Glase!« - -Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl bloß Grog?« - -»Das kann ich machen, wie ich lustig bin. Setz' das Glas hin!« - -»Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und überhaupt, befehlen lasse ich -mir von dir nicht.« - -Damit setzte er das Glas an den Mund, aber ehe er zum Trinken kam, -schlug ihm der Hansbur das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs -auf den Estrich fiel. - -Er stand aber gleich auf, wischte sich das Blut von dem Munde und ging -hinaus. - -Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die anderen sagten nichts, denn -Hehlmann sah zu gefährlich aus, und als der Müller aufstand, gingen sie -alle. - -Als der Hansbur allein war, lachte er vor sich hin; nun hatte er die -Ohrfeige bezahlt. - -Je länger er aber ging, um so mehr schlug es in ihm um, denn die -scharfe Luft und der Grog hatten ihn zwischen sich und als er in -der Haide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee standen, war ihm -hundeelend zumute. - -Wie ein Stromer hatte er sich benommen; ohne Not hatte er zugeschlagen, -und einen Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und dann sah er sich -da sitzen und saufen und bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn -so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte. - -Da sah er, daß er das Gewehr bei sich hatte; es wurde ihm schwarz vor -den Augen, er nahm es von der Schulter, zog den Hahn über, stellte den -Kolben in den Schnee, hielt die Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit -der Stockzwinge den Abzug durch. - -Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der hieß Widu und hing sehr an dem -Bauern. Der hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht, und als er -zurücklief, kam er unter dem Winde da vorbei, wo Hehlmann lag. - -Er lief hin, roch an ihm herum, und als er das Blut spürte, heulte er -los und lief so schnell wie er konnte nach dem Hofe und bellte den -Knecht heraus. - -Der verwies ihm erst das Bellen, als der Hund sich aber immer -gefährlicher anstellte, ging er hinter ihm her und fand den Bauern im -Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die anderen Knechte und auf einer -Wagenleiter trugen sie den Bauern in das Haus. - -Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder zu sich; er hatte nur einen -Prellschuß über dem linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief bis -in den hellichten Tag hinein. - -Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach und nach alles ein, was -sich begeben hatte, und er wünschte sich, daß er besser getroffen -hätte, so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die Leute an ein -Unglück glaubten und nicht daran dachten, daß er Hand an sich gelegt -hatte. - -Nachmittags kam der Vorsteher und fragte, wie das mit der Schlägerei -gekommen sei. »Der Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte er; -»er hat ein Maul wie ein Baumaffe!« - -Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal abgehalten und folgender Spruch -gefunden: »Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er angefangen -hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung hat er nicht davongetragen. -Item: es ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu ziehen.« - -Aus dieser Gefahr war der Hansbur also heraus; um so schlimmer ging er -mit sich selbst zu Gerichte. - -Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so getroffen, wie er es -vorhatte, dann lebte der nicht mehr, und weshalb? um ein lumpiges -Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der Grog! Weswegen hätte er beinahe -Schimpf und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn er die letzte -Nacht das Gewehr anders gehalten hätte? Weil er angetrunken war! Warum -quälten Trina und er sich miteinander hin? Weil er damals beim Trinken -nicht hatte Maß halten können. - -Es war ein Sonntag; der Wind trug das Kirchenläuten heran. Heute war -die Reihe an ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen; aber so, wie er -aussah, konnte er dem Pastor nicht unter die Augen gehen. Eine Schande -war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so aufzuführen. - -So dachte er, und als er allein war, schlug er die Beilade auf, um die -Bibel herauszulangen. Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt oft -darin. Aber das Hausbuch lag da und das nahm er sich und setzte sich -damit in den Backenstuhl hinter den Ofen. - -Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen, um die Todestage der -Eltern, seinen Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben; -jetzt las er es von oben bis unten und immer mehr wurde es ihm -sichtbar, daß er auf dem besten Wege war, einer von denen zu werden, -deren Namen in dem Buche nicht mit Ehren genannt werden konnten. - -Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 durch den Branntwein -zum Mörder geworden war und dem der Henker den Kopf abgeschlagen -hatte; er stellte sich vor, wie es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe -ausgesehen habe, und er machte einen neuen Strich in sein Leben. - -Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe war, hatte er stand gehalten, und -wenn ihm auch noch so blanke Augen gemacht wurden; und so wollte er es -hinfort auch mit dem Schnaps halten. - - - - -[Illustration: Herzbube] - - - - -Herzbube. - - -Leicht wurde ihm das nicht und zu Zeiten meinte er, er müßte verrückt -werden, oder etwas Schlimmes anstellen, wenn er sich nicht ab und an -volltrinken könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem Leibe, die erst -wegging, wenn er in lustiger Gesellschaft war. - -Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn Gewitterluft war oder das Wetter -umschlagen wollte oder Vollmond war; dann hatte er dunkle Augen und -einen unruhigen Blick und konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was -sonst nicht seine Art war. - -Dann sagte er, er habe Geschäfte und ritt fort, und wenn er im Galopp -über die Haide ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein, was er -damals bei der Verlobungsfeier in Hohenholte über sich gehört hatte. - -Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen, und als er hinter der -Hagebuchenhecke stand und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß -die Herren über ihn redeten. - -»Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister gesagt; »aber glücklich -ist er nicht. Der müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen kann.« - -»Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist, als ob man einen von den -alten Longobarden sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen, sich -die Lappen und Eskimos ansahen, die hier herumkrebsten, und sagten: -›So, nun willt wi erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen Betrieb -infoihren!‹ Er hat das Zeug zu einem Eroberer in sich.« - -Es ist wahr, dachte er, als er so über die Haide ritt; Tag für Tag -dasselbe, heute säen, morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er nur -einen Menschen hätte, dem er sagen könnte, wie ihm um das Herz war. - -An Meta dachte er nicht; das war lange vorbei. Zum Piewittskruge ging -er nicht; da wollte der Mann sein Geld und die Frau, die war hübsch, -aber schlecht und dabei dumm. Takelzeug war es. - -Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht gewesen, aber der hatte doch -Verstand für ihn gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte die jetzt -sein? Wenn er an den Morgen dachte, als er ihr im Stall sagte, sie -müsse vom Hofe, dann tat ihm das Herz weh. - -Da hatte er einen Menschen für sich gehabt, einen Menschen treu wie -Gold, und er hatte ihn fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand er -da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den die anderen vom Rudel -abgeschlagen haben. - -Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte sich in die Bügel und sah -über das Bruch, das von dem blühenden Post rot und gelb war. Ihm war, -als müsse er da einen Feind sehen und ihn über den Haufen reiten. - -Er ritt unter dem Uhlenbrink her und bog in den Kösterdamm ein, der in -die Mordhaide führte; da war es kahl und leer wie in einer Bettlerhand. -Er gab dem Fuchs die Eisen und der ging in voller Fahrt erst über das -blanke Haidfeld und dann durch die Machangeln, die vor den Bruchwiesen -standen. - -Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte und ging zurück. Er gab -ihm ein über das andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der Fuchs den -Kanal, sprang aber zu kurz, trat mit den Hinterfüßen in das Wasser und -warf den Bauern über sich fort. - -Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß das Pferd das Gesicht -hatte, was sie annehmen, wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die -Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich aus. Es lag mit dem -Hinterleibe im Kanal, schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke und -schrie. - -Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut war und als er näher ging, -fand er, daß der Fuchs sich einen Pfahl, um den altes Reet stand, tief -in die Brust gejagt hatte, und jedesmal, wenn er schnob, flog ihm das -Blut hellrot aus Maul und Nase. - -Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen war. Er faßte nach der -Hosennaht, aber er hatte das große Messer nicht bei sich und das -Klappmesser dünkte ihm zu klein. - -Aber länger konnte er es nicht mit ansehen, wie der Fuchs sich zu Tode -quälte. Er überlegte einen Augenblick, dann trat er dicht hinter das -Tier, holte aus und schlug es mit der vollen Faust gegen den linken -Schlaf, und so wie der Schlag gefallen war, ließ es den Kopf hängen. - -Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als müsse er sich über seine -Kraft freuen. Dann nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs die -Schlagader am Halse durch und blieb so lange dabei stehen, bis er -abgeblutet war. - -Einen Augenblick schämte er sich; er hatte das schöne Tier unnütz in -den Tod gejagt. Aber dann bekam er blanke Augen; es war doch einmal -etwas anderes, und wie er so dastand und das tote Tier ansah, das -halb auf dem Ufer und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie -einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit, wenn der Himmel über dem -Walde rot wird, langsam über das Schlachtfeld zu reiten und auf die -hinzusehen, die steif und kalt neben ihren toten Pferden lagen. - -Das war denn doch noch ein Leben; wenn man auch selbst dabei vor die -Hunde ging, das machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte auch so -gedacht. Der alte Pastor war beinahe umgefallen, als er Wolf fragte: -»Was ist ein seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet hatte: -»Kugel vor den Kopf, Herr Pastor, und Salve über dem Grabe.« - -Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch anders als er sich das dachte, -aber eine Salve nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner jungen -Frau auf sein Totenhemd; nun lag er in der Erde und fror, weil die -Tränen nicht trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm und steif -über den Hof und konnte nicht mehr lachen. - -Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann warf den Kopf in den -Nacken: was man belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur etwas -belebt. Und er wollte etwas beleben, koste es, was es wolle. - -Miken war jetzt wieder in Celle; der rote Schmidt hatte sie da -getroffen. Er hatte Lusten, sie einmal wieder lachen zu hören. War es -auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man bei ihr nicht sein. - -Hehlmann überlegte. Von hier bis zum Piewittskruge war es eine kleine -Viertelstunde. Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn nach Celle -fahren und auf dem Hehlenhofe Bescheid sagen lassen. - -Mit großen Schritten ging er durch das Bruch; die Postbüsche sahen -in der Abendsonne so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf und -ab und schrieen, in der Luft waren der Bewerbock zu Gange und die -Birkhähne balzten, daß es eine Art hatte. - -Rund und rot kam der Mond hinter der Wohld in die Höhe; Hehlmann -meinte, so groß und rot hätte er ihn noch kein Mal gesehen. Die Enten -strichen hin und her, die Rehe standen im Nebel, und in der hohlen -Grund rief der Moorochs. - -Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein schwarzer Strich und -darunter noch einer, und auf einmal waren es zwei Augen und Nase und -Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das lachte. »Das sieht ja -putzwunderlich aus,« dachte er und dann trat er über die Straße und -stieß die Türe zum Piewittskruge auf. - -Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war da und der wilde Meyer und -Pohlmann und Schwen und Scheele und Drewes und Lühner auch. Sie saßen -um den runden Tisch, tranken Wein und spielten Karten. - -Die Krugwirtin machte blanke Augen, als der Hansbur eintrat. Sie rückte -ihm den großen Stuhl hin und daneben noch einen für ihre Nichte, ein -hübsches Mädchen mit grallen Augen. - -Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in seinem Fahrwasser; er -bestellte vom besten, was im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf -den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie große Männer spielen und -nicht um Bohnen und Pfennige!« - -»Das soll ein Wort sein,« rief der wilde Meyer, und das Spiel ging los. -Als sie eine Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein ganzes Geld -los. Er hatte viel getrunken, denn die Aufregung mit dem Pferd und das -schnelle Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er dem Wirt, der -auf einen Augenblick in die Stube kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib -mal 'ne Hand voll Taler her!« - -Das tat der liebendgern, denn es war eine Ewigkeit her, daß der Hansbur -sich dort hatte sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er ihm -gefällig sein konnte. - -Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper; Hehlmann aß, wie er -lange nicht gegessen hatte. Da die Wurst scharf und der Käse alt war, -so trank er tüchtig dabei und es dauerte nicht lange, da hatte er die -Alma auf dem Schoße sitzen. - -Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar sie noch jung war, verstand -sie doch schon gut mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur ganz -vergaß, daß er nach Celle zu Miken fahren wollte. Er nannte sie seine -Coeurmadam und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als er ihr ins -Ohr flüsterte: »Wenn die anderen man erst weg wären.« - -Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte, aber sie gingen erst, als er -auch das Geld, das er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war, und da -saß er denn mit der Alma auf der Faulbank, bis die Frau in den Keller -ging, um Wein zu holen. - -Sie blieb lange aus, und als sie wieder kam, plinkte sie ihrer Nichte -zu, und die verstand und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis eine -Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand. - -Als Hehlmann einige Tage später zum Piewittskruge ging, um seine Zeche -glatt zu machen, die alles in allem so fünfzig Taler ausmachte, gefiel -ihm die Alma kein bißchen mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre -Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb darum auch nicht lange und -ließ sich nicht wieder sehen. - -Er hatte sich den anderen Tag weiter keine Gedanken gemacht, wie -damals, als er Vodegel den Blaurand in das Maul geschlagen hatte, denn -er sagte sich: Geschehen ist geschehen! Aber er sagte sich auch, daß er -bei den Leuten keine Achtung mehr haben würde, wenn es herumkäme, wie -er es getrieben hätte. - -Als seine zweite Tochter ihn eines Abends in den Arm nahm und ihm einen -Kuß gab, da fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das Frauenzimmer -im Piewittskruge geküßt hatte und die Wirtin auch; und die waren für -jeden da, der Geld auf den Tisch warf. - -So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß in den Krug zu setzen und -hielt Wort. - -Das wurde ihm nicht schwer, denn eines Abends kam der wilde Meyer -zu ihm und sah ganz begossen aus; über den Piewittskrug war ein -Donnerwetter heruntergegangen; der Krüger war wegen Hehlerei und wegen -Duldens von Glücksspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei nach -Celle gebracht. - -Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf dem Leibe, daß er als Zeuge -vor Gericht müsse. - -Acht Tage später kam ein Mann auf den Hehlenhof und wollte den Bauern -sprechen; da er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz nach. Es war -Almas Vater; er war Lohndiener in der Stadt und sah wie nichts Gutes -aus. - -Er redete erst lange hin und her und das Ende vom Liede war, daß der -Bauer noch einmal fünfzig Taler herausrücken mußte, denn wie der Kerl, -der sich groß beleidigt anstellte, sagte, war seine Tochter noch keine -sechzehn alt und unbescholten. - -Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was er getan hatte, und -eigentlich nicht wußte, was Reue war, machte hinter dem Manne ein -Gesicht, als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war ebenso scheußlich -zumute wie damals, als er mit Tönnes und Hein Gird im Ruhhorn Fische -gestohlen hatte und die beiden auf die lange Bank mußten. - -Noch dümmer aber kam er sich vor, als er nach der Gerichtsverhandlung, -in der der Piewittskrüger zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis -verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte, daß die Alma erstens über -achtzehn Jahre alt war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den roten -Schmidt und nicht minder Scheele und Drewes ebenso geleimt hatte wie -ihn, und er dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt geblieben war, -Zeuge spielen zu müssen. - -Als er hinterher eines Abends in Celle aus dem Ratskeller kam, wo -er mit dem Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen -Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken daherkommen. - -Sie war in Sammet und Seide und sah noch viel schöner aus als früher, -aber er trat schnell hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser -Sorte Weibervolk. - -Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote Schmidt, daß er das -Mädchen in Hamburg gesehen hatte; wie der halbe Tod hatte sie -ausgesehen und ihn um Gottes willen um einen Taler angesprochen, weil -sie am Verhungern war. - -Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze war, schüttelte sich und -sagte: »Ich gab ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr lange -machen konnte. Sie hatte die Auszehrung, und wenn sie hustete, kam ihr -das helle Blut in den Mund.« - -Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf einmal kein Bier mehr. Er sah -sie vor sich, wie sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war Tanz -gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet, und sie hatte mit ihrer -lustigen Stimme durch die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen an -zu schrecken fingen. - -Was konnte sie küssen und lachen und wählig sein! Und nun war sie -elendiglich zugrunde gegangen. - -Ihm wurde erbärmlich zumute. - - - - -[Illustration: Die Moosbank] - - - - -Die Moosbank. - - -Das elendigliche Ende Mikens gab dem Bauern viel zu denken; sein Herz -hatte er nicht an sie gehängt, aber es lief ihm kalt über, wenn er -daran dachte, wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er einmal über die -Haide ging und eine Schnucke husten hörte, schudderte es ihn. - -In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener werden und in einem Falle -ein Urteil abgeben, das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter von dem -Halbmeier Scheele, mit dem er so manches Mal bei Bier und Karten lustig -gewesen war, saß auf der Armensünderbank; er war durch das Kartjen -in Bedrängnis gekommen und hatte einen Meineid geschworen. Er wurde -schuldig gesprochen und erhängte sich in der Nacht darauf. - -Das ging Hehlmann nahe, aber noch schlimmer traf ihn die Rede, die der -Staatsanwalt gehalten hatte, denn der hatte gesagt: »Leider können wir -die Hauptschuldigen nicht fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes -Leben schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben verführt und -ins Unglück gebracht haben.« - -Das ging auf den wilden Meyer und den roten Schmidt. Mit einem Schlage -standen die beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich hielt, ging -ihnen aus dem Wege. - -Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt Recht geben. Daß er -damals Vodegel das Glas in die Zähne schlug und hinterher Hand an sich -legte, und daß er wegen des liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in -den Mund der Leute gekommen war, die beiden hatten die mehrste Schuld -daran. - -Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor Heuer, der ihn ab und -an besuchte. Der Mann gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine -Mördergrube machte. Als er sich einmal den Hansburhof angesehen hatte, -meinte er: »Hehlmann, Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da hatte der -Bauer die Achseln gezuckt und gesagt: »Was hilft mir der ganze Kram, wo -ich keinen Hoferben habe!« - -Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt; so etwas war dem -Bauern noch keinmal vorgekommen, seitdem er kein Junge mehr war. - -Ein Wort war es besonders, das ihm zu denken gab: »Ein Mann wie Sie -nimmt sein Leben fest in die Hand, mag da kommen, was da will.« - -Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei gesunde Töchter haben -Sie! Und ich? Mein gesundes Kind wurde mir genommen, das krüpplige -blieb mir. Soll ich deshalb verzagen? Man muß nicht an das denken, -was man wünscht, sondern an das, was man hat. Sie sind doch kein -Schwächling! Jedem kann es der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die -wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden, was man hat.« - -Mit dem Pastor kam er von da ab öfter zusammen; der baute nicht, wie -der alte Pastor, eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde, sondern -hielt freundschaftlichen Verkehr mit den Bauern. Obzwar sie erst den -Kopf darüber schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen ließ und -sein Glas Bier trank, ohne viel danach zu fragen, wer bei ihm saß, mit -der Zeit leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile gut war, denn -wenn der Pastor da war, ging es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb -langweilig wurde, denn er war von lustigem Gemüt und es kam ihm selbst -auf eine quante Redensart nicht an. - -Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde Sinn für etwas anderes -hatte, als bloß für Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die holte er -sich so bei kleinem zusammen. - -Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf gespielt; mit der Zeit -blieben die Karten vom Tische, es wurde über Politik und andere Dinge -geredet, und zuletzt wurde so eine Art Verein daraus, in dem der Pastor -oder der neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung hatte als der -alte Mackentun, der schon einige Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus -den Büchern vorlas. - -Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur, der auf diese Art von seiner -Unruhe abgelenkt wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher hatte, so -lehnte Hehlmann sich Bücher über Reisen oder Kriegsgeschichten und kam -dadurch über seine dummen Stunden fort. - -Bislang war auf dem Hehlenhofe in der Ackerwirtschaft alles nach der -alten Art gegangen und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine neue -Einrichtung einführte. - -Der Pastor besorgte dem Bauern auch Bücher über Landwirtschaft und -Viehzucht und dadurch bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen, -und auf die Art kriegte er wieder Freude an seiner Wirtschaft. - -Er beschaffte sich Edelreiser und besserte seinen Baumgarten auf, -bepflanzte den Mergelbrink, der sich an der Bullerbeeke entlang zog, -mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran, wie sie gediehen, er -ging zur Gründüngung über und konnte mehr Land bestellen als mit der -Stalldüngung, und schließlich ging er sogar an den künstlichen Dünger -und brachte es auf geringem Boden bald zu guten Erträgen. - -Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um so weniger hatte er unter der -inneren Hitze zu leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den Krug -trieb, spürte er kaum mehr. Er machte sich mit den Gutsbesitzern in der -Umgegend und den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen allerlei ab. Bei -kleinem sprach es sich rund, daß er ein Bauer war, der mit der Zeit -ging, und es ging keine Woche hin, daß er nicht Besuch von Bauern oder -Landwirten bekam, die sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten. - -So machte es sich ganz von selbst, daß er Beisitzer im Vorstande des -landwirtschaftlichen Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden -hatte, ergriff er bei den Besprechungen oft das Wort und schließlich -ließ er sich von dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen, über -seine Versuche auf der Hauptversammlung einen Vortrag zu halten. - -Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte nicht, ob er imstande war, -einen vernünftigen Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete ihm -seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine Uebersicht auszuarbeiten und -riet ihm so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und so fuhr -er getrost los. - -Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute, als er in den großen Saal kam -und die vielen Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das Wort hat -jetzt unser zweiter Vorsitzender, der Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,« -und über vierhundert Gesichter ihn ansahen, da wünschte er, daß er ganz -wo anders war, und als er aufstand, hatte er erst einen roten Kopf; -aber dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine Hände auf die Lehne -und fing an zu sprechen. - -»Meine lieben Freunde, ich bin man ein einfacher Bauer und kann meine -Worte nicht so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,« fing er -an, und da wurden die vielen Gesichter auf einmal lachend und das gab -ihm Mut. - -Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst nach der Väter Art -gewirtschaftet hatte, wie ihm das langweilig geworden war, und wie er -dann seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge, sondern in den Büchern -gelassen habe und bei kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung zu -der anderen gekommen war. - -Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von selber zuflogen, und alle -Augenblicke klappten die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen -durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart gemacht hatte oder einen -Vergleich, der zwischen seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner -Birkenbaum auf brauner Haide. - -Ueber eine Stunde dauerte seine Rede, ohne daß er auch nur einen Blick -auf die Ausarbeitung warf, die er sich gemacht hatte, und als er mit -den Worten schloß: »Wenn sich einer aus meiner Rede etwas entnehmen -sollte, was ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große Freude -sein,« da gab es ein solches Händeklappen und Füßegetrampel, daß die -Fensterscheiben beberten. - -Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand und hielt eine Rede, in der -er ihm im Namen der Versammlung den Dank für den Vortrag aussprach und -also schloß: »Doch das Wichtigste, was uns der Vortrag unseres Freundes -gelehrt hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das alles hat er ganz -aus sich selbst heraus!« - -Ueber die Besprechung des Vortrages ging noch eine Stunde hin und -mehrere Male mußte Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der Wirt nicht -gemahnt hätte, daß das Essen fertig wäre, dann hätte man noch länger -verhandelt, so viel Anregung hatte die Rede gegeben. - -Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem ersten Vorsitzenden und dem -Ehrenvorsitzenden Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im Trinken -zurückhielt, hatte er doch bald einen roten Kopf, denn von allen Seiten -wurde ihm vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich wegen der -vielen Ehre freuen oder schämen sollte. - -Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit, wo er es heimlich mit -Meta hielt, noch nicht wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam vor -Freude nasse Augen, als er ihr erzählte, wie es ihm gegangen war, und -sie sah zu ihm auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel. - -Die größte Freude aber hatte sie, als erst das Kreisblatt mit einem -Bericht über die Rede und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit -der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte es ihr auf das Herz, wie -wenig sie neben einen solchen Mann paßte. - -Hehlmann ließ sie das aber nicht merken, und weil die Sonne nun wieder -durch die Hofeichen schien, gediehen die Leute, und die Frau wurde -wieder meist so ansehnlich, wie sie als Mädchen gewesen war, als sie -sich noch um die Mannsleute Mühe gab. - -Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen die Leute nicht mehr -von ihm zu ihr und meinten: »Na, er ist da auch man so dran hängen -geblieben.« Auch bei den Mädchen war sie in Ansehen gekommen, seitdem -sie das Schimpfen aufgegeben hatte. - -Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine Zufriedenheit fand, gewöhnte -er sich auch mehr an die Kinder heran, auf die er früher wenig acht -gegeben hatte. - -Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter schlachtete, -hatte an Hausarbeit und Blumen Freude. - -Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von Mutterseite artete, war mehr -für den Gemüsegarten und das Federvieh. - -Die eine freute sich über alles, was glatt und hübsch war, die andere -hatte ihre Freude an dem, das etwas einbrachte. - -Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta war ein Mutterkind, Sophie hing -sich an den Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie an den -Masern zu liegen kam. - -Kaum war sie wieder auf den Füßen, da legte sich die älteste und die -Bäuerin kam durch das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und als auch -Detta wieder in der Sonne sitzen konnte, mußte sich die Bäuerin legen, -denn sie hatte sich angesteckt. - -Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß der Doktor jeden Tag -kommen mußte, aber er konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug -zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde. - -Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal klar im Kopfe, sah den -Bauern freundlich an und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte. - -Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber als sie nicht mehr da war, -merkte er doch, daß sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte. - -Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn Detta, die sich um ihre Mutter -sehr grämte, machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie schließlich -zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen große Stücke hielt. - -Sophie aber kam bald über den Tod der Mutter weg; sie ging dem Vater -überall zur Hand und konnte so besinnlich über das, was sie in den -landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte, reden, daß er sich abends -keinmal mehr allein vorkam. - -Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen Verein, nahm -er sie immer mit, und es war ein harter Schlag für ihn, als sie sagte, -sie wolle gern eine Zeit auf ein großes Gut gehen, um mehr zu lernen. - -Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen seinen eigenen Weg ging, denn -sie war die erste Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter lernte, -als sie schon aus der Schule war. Und da Detta jetzt wieder im Hause -war und er viel um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin. - -Als er zum ersten Male wieder mit den beiden Mädchen zur Kirche -fuhr, war er ganz stolz, so glatt sahen sie aus, eine ganz anders -als die andere und beide doch so, daß die jungen Leute mehr nach der -Hansburbank als nach der Kanzel sahen; und wenn sie abends zusammen -in der Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten, dann ging ihm -nichts ab. - -Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste der Vorsteher zu ihm -sagte: »Hansbur, den Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und -deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen, werden sie bald genug -beschrieen sein. Und in die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.« - -Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta, die sich besser auf ihn -verstand, wenn auch Sophie mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was -hast du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.« - -Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden sollte, wenn die Mädchen -heirateten. Wenn auch Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt, -denn dann kam doch ihr Mann in erster Reihe. - -Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit sich herum; am Sonntag aber -sattelte er den Rappen und ritt nach dem Mittag los. - -Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen konnte; die Haide war -abgeblüht und sah aus, als ob Silber darauf lag. Die Birken waren -über und über gelb und brannten in der Sonne wie Flammen und der -Altweibersommer hing in allen Fuhrenzweigen. - -Der erste Mensch, der ihm in der hohen Haide in die Möte kam, war die -Jungmagd vom Voßhofe, ein Mädchen so schier und eben, daß ihm das Herz -im Leibe lachte. »Das ist ein guter Vorspuk,« dachte er und rief ihr -ein lustiges Wort zu. - -Als er über den Knüppeldamm ritt, standen an die hundert Störche im -Bruche: »Auch nicht schlecht!« dachte er wieder. - -In den Wiesen sah er einen Hasen von links nach rechts laufen. »Heute -geht nichts verkehrt,« sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg -entlang, daß es nur so mülmte, und als drei Handwerksburschen ihn um -einen Zehrpfennig angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden. - -Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe ankam. Der Hof sah -schnicker und ordentlich aus. Ueber der Einfahrt war ein Spruchbrett -und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,« und auf dem Torbalken -war zu lesen: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf der -Deele wurde ein geistliches Lied gesungen. - -Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das Singen auf und der Diesbauer -ging auf ihn zu. Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte. Er -hatte Dettmer früher etliche Male gesehen, und obzwar er damals selber -kein leeres und kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer mochte er -darum doch nicht leiden. Dieser Mann hier aber war ein anderer geworden. - -Es wurde erst über das Wetter und die Ernte geschnackt, und dann -sagte Hehlmann, er müßte Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er -ganz vergessen, daß sie von seinem Vater in dem Testamente mit einer -Stiftung bedacht war, und davon wollte er ihr die Abschrift bringen. - -»Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin, »sie ist nach Brinkmanns -gegangen; da ist die Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht sie -sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen Bett und Stuhl herum.« - -Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß ein Werkzeug des Herrn; -ihm allein gebührt der Dank.« - -Hehlmann fragte, wann sie zurückkommen wollte, und als er hörte, daß -das nicht bestimmt wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr -entgegen. - -Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm das Herz schwer; Jahre lagen -jetzt zwischen ihnen. Mai war es, als er sie im Grasgarten in den Arm -nahm, und die weißen Lilien blühten, und jetzt waren die Krammetsvögel -in den Ebereschen zu Gange. - -Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es hatte ihm nicht viel Gutes -gebracht und wer weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen freiten -wohl bald; dann war er allein und ging als alter Mann auf dem Hofe -herum und war jedem im Wege. - -Er ließ den Kopf hängen und ging langsam den anmoorigen Weg fürbaß und -riß in Gedanken den Windhalmen die Köpfe ab. - -So tief war er in Gedanken, daß er sich ganz mächtig verjagte, als vor -ihm jemand seinen Namen rief. - -Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen, steckte sich aber rot an, wie -ein junges Mädchen und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du bloß auf -einmal her?« und dann wurde sie ganz weiß im Gesicht. - -Es war ihm warm um das Herz dabei geworden. »Meine Meta,« rief er und -nahm sie um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen. Da faßte er -sie um und führte sie unter eine krause Fuhre am Grabenbord, unter der -sich die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten. - -Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch; dann trocknete sie sich die -Augen: »Ich habe mich zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas -denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach dem Dieshofe?« - -Er sah sie so lange an, bis sie über und über rot wurde: »Du hast dich -gut gehalten, Meta, bloß daß du früher dünner warst.« - -Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch kein eines graues Haar, Göde, -und die zwei Wirbel hast du immer noch.« - -»Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz so wie früher, trotz der -vielen Arbeit.« - -»Und deine, Göde, die sind noch immer, wie zwei Haidbrinke,« sagte sie -und lachte dabei. - -»Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist wie ein Kalb gegen die -Kuh,« und dann lachten sie beide, denn sie dachten an den Tag im -Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf ihrem Kleiderrocke lag. - -Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war nun schon so lange her und -was lag da nicht alles dazwischen. - -Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er seufzte auf und sah über die -Buchweizenstoppel, die ganz rot aussah in der Sonne. - -Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den Mund und hinter den Augen -hatte sie Falten und unter der Haube sah man ein paar graue Haare. Aber -wenn sie auch noch mehr Falten und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte, -es war seine Meta mit den treuen Augen und dem schönen Mund und den -guten Händen. - -Er holte das Papier aus der Tasche und hielt es ihr hin: »Da hatte ich -ganz auf vergessen, Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten Willen -aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für dich immer eine Stätte ist, -wenn es dir wo anders nicht mehr paßt.« - -Sie sah in das Papier und meinte leise: »O, hier habe ich es ganz gut.« - -»Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast mich nicht nötig, aber ich -habe dich nötig. Wie lange wird es dauern, und die Mädchen freien, und -dann habe ich wieder keinen Menschen, wie so viele Jahre.« - -Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so ist, Göde, mich brauchen -sie auf dem Dieshofe nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe -ziehen.« - -Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor das Gesicht und weinte, daß -es sie schüttelte, denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück, um den -einen Mann zu sein, dem ihr Herz von Anbeginn gehört hatte, oder war -es schrecklich, da Wirtschafterin zu sein, wo sie von rechtswegen als -Bäuerin hingehört hätte. - -»Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um, »Meta, glaubst du denn, -ich wäre so ein grundschlechter Kerl, daß ich dich bloß für meine -Bequemlichkeit haben wollte? Ich habe die ganzen Jahre an dich gedacht, -wo ich ging und stand, und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein, -Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz anders.« - -»So alt sind wir beide noch nicht, und wenn auch, wir sind regelrecht -versprochen gewesen und du sollst meine Frau werden, denn so haben wir -es uns gelobt.« - -Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen liefen ihm über das Gesicht: -»Göde, o Gott, Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen Tag wäre!« - -Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie fest an sich und mußte auch -weinen. - -»Nu kiek einer an! Hat man so was schon belebt,« schrie es hinter -ihnen. »Wir warten und warten, aber keine Meta und kein Hansbur -will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta, schon so alt und noch so -leichtsinnig, und Hansbur, redet lang und breit von Erbschaftssachen -und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich, daß unser alter Bolze -Junge kriegt!« - -»Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn dann könntet ihr was -gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit und weltlicher Fleischeslust und -dem Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt und es ist lange -Vesperzeit. Ich will man schon vorlaufen.« - -Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und Meta aber hatten den Sturm -hinter sich; er hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf gegen seine -Schulter, und ihre rechte Hand war in seiner linken. - -So gingen sie langsam durch die hohen Fuhren, und es war ihnen, als -wenn es Mai war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich. - -Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg standen und sich abküßten, -sahen ihnen verwundert nach, aber keins lachte, denn der Mann und die -Frau sahen aus, als wenn sie geradewegs aus dem Paradiese kamen. - -Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur nach Hause ritt; die -Krammetsvögel zogen und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer. - -Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu viel Frieden war in ihm. - -Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die Mädchen hinter ihm her: - - Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen, - Zu dem Tore reit ich hinaus, - Schatz, du bleibst mir auserkoren, - Bis ich wieder komm nach Haus. - - - - -[Illustration: Das Altenteil] - - - - -Das Altenteil. - - -Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen in die Dönze: »Detta und -Sophie,« sagte er und legte ihnen die Hände auf die Schultern, »was ich -euch jetzt sage, wird euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien und -dann zieht eine von euch weg von hier und die andere hat ihren Mann. - -Bevor ich eure selige Mutter kannte, war ich mit einer anderen -versprochen. Wie es kam, daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier -nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern war ich bei ihr und -in vier Wochen wird sie meine Frau.« - -Er wartete einen Augenblick und sah aus dem Fenster, dann machte er es -auf und rief hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die Schweine -laufen ansonsten in den Blumengarten!« Dann ging er aus der Dönze. - -Die Mädchen standen da und sagten nichts. Zuletzt fing Sophie an zu -weinen: »Es ist eine Schande.« - -Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins Wort: »Ja, das ist es, -daß du gegen unseren Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was Vater -tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.« - -Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als das Aufgebot erfolgte und es -gab viel Kopfschütteln und Gerede nach der Kirche. Als abends im Alten -Kruge der Sägemüller seine Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du -hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und da lachte alles, aber -nicht über den Hansbur. - -Der ließ sich wenig sehen und als er einmal in das Dorf kam und der -Vorsteher ihm zu verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß er -noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein guter Rat ist des -anderen wert; paß' auf: behalte deine Meinung für dich, Burvogt, und -wenn du das nicht aushalten kannst, so berede dich mit deiner Frau im -Bette. Und wenn ich dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine -Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage genug danach.« - -Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen und so getan, als wenn er -bloß Spaß gemacht hätte und sich lang und breit entschuldigen wollen, -aber der andere sagte: »Ja, sagte der Zaunigel, so bin ich nun mal: -warum setzt du dich gerade auf mich?« - -Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit wäre paßlicher, aber Hehlmann -hatte gesagt: »Nix da! Brauchen wir uns denn was zu schämen? Wenn der -Hansbur freit, soll man es zehn Meilen in die Runde hören.« - -So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei Hof rund, und an die aus der -Bekanntschaft, die zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und es wurde -eine Hochzeit, wie man sie lange nicht belebt hatte, denn der ganze -Vorstand von dem landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen -gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren Frauen, so daß es alles -in allem an die dreihundert Menschen waren; und Vodegel saß allein im -Kruge und ärgerte sich, denn er hatte nicht angenommen. - -Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine großmächtige silberne -Bowle mit einem Schilde und darauf war zu lesen, daß die der -landwirtschaftliche Verein in Dankbarkeit seinem lieben zweiten -Vorsitzenden zu seinem Ehrentage geschenkt hatte. - -Als das Essen meist zu Ende war, stand der Ehrenvorsitzende des -Vereins, der Graf Kettenburg, auf und alle Augen wurden rund, als er -eine schöne Rede hielt und zum Schluß im Namen des Königs dem Bräutigam -einen Orden überreichte wegen seiner Verdienste um die Landwirtschaft, -und als er zu der Braut ging, und ihr die Hand drückte, da sagte sich -Meta, daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren gut machte. - -Wer sich aber am meisten freute, das war Durtjen; die saß auf ihrem -Stuhle und weinte und aß abwechselnd, und ihr Hermen bekam es mit der -Angst, denn daß seine Frau das Weinen kriegte, das hatte er noch nie -belebt. - -Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta gestellt und Sophie hatte -die silberne Bowle und die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr -in die Augen gestochen, als daß sie noch länger die Kalte spielen -konnte, zumal der Bäuerin die Gutherzigkeit aus den Augen sah. - -Außerdem war die Hochzeit für sie selber auch wichtig, denn beim Essen -hatte der Sekretär des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen, -und einen so klugen und lustigen Mann hatte sie ihren Tag noch nicht -kennen gelernt und noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können. - -Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll und zu heiß war, gingen -sie in den Hof und vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten in die -Haide und hinterher wußte Sophie gar nicht, was sie von sich denken -sollte, denn sie hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen und -nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder geküßt und auch nicht bloß -einmal. - -Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom Hofe fuhr, da winkte sie ihm -aus ihrer Dönze nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins Bett und -nahm sie in den Arm und weinte ganz gottsjämmerlich und sagte, sie sei -ein schlechtes Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut und so schön -anzusehen. - -Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der drei Tage anhielt, denn da -kam ein Brief und nun war alles gut und sie lachte und sang den ganzen -Tag und war zu ihrer Stiefmutter der reine Honig, so daß Hehlmann den -Kopf schüttelte und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie Hermen es -machte, wenn seine Frau verlangte, daß er lachen sollte. - -Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie ihrem Vater in den -Versuchsgarten nach und sagte: »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich muß -heiraten!« - -Der Bauer machte runde Augen und lachte: »Du mußt? Ich denke, ich habe -eine feine Dame zur Tochter und nun freit sie ganz nach der alten Art! -Bis wann mußt du denn freien?« - -Sophie trampte auf und gab ihrem Vater einen Schlag auf den Arm: »So -ist das nicht, bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid weißt: -der Sekretär Sunder und ich, wir sind uns einig und da haben wir uns -das so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten zu der Schreiberei. -Nun liegt am Toten Ort doch die alte Mühle. Beckmann will gern -verkaufen; er ist zu alt und Kundschaft hat er kaum mehr. Ich habe die -Mühle und das nötige Land schon an die Hand gekauft.« - -Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte aber: »Man weiter!« und -Sophie fuhr fort: »Der Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Beeke -erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die Wittbeeke und dann ist -allerhand Boden da, warmer und frischer, leichter und besserer. Nun -haben wir uns das überlegt, daß wir einen besseren Platz gar nicht -bekommen für das, was wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft -haben, in der Hauptsache aber Fische, Geflügel, Obst und Gemüse ziehen, -alles nur beste Sorten.« - -»Karl«, sie wurde rot und Hehlmann lachte, »Herr Sunder sagt, in zwei -Jahren spätestens bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir aus dem -ersten Bröddel heraus. Wir wollen ganz langsam anfangen; die Brut- und -Zuchtanlagen sollen erst aus lauter alten Brettern gemacht werden. Karl -kriegt das alles billig.« - -»Einrichten tun wir uns erst ganz klein, denn unser Geld brauchen wir -für die Wirtschaft. So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse -und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt er noch etwas dazu.« - -Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine Puppe gegen ihn war, um und -kniff sie in die Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen: dumm -bist du nicht. Und der Karl Sunder ist mir auch nach der Mütze. Ich -habe seinen Vater gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter Mann und -hat aus der alten Klippmühle, die er von seinem Vater hatte, etwas -gemacht, trotzdem daß er vier Geschwister abzufinden hatte.« - -»Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen habe, denn ihr wollt -womöglich schon morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir mit der? -Die können wir doch nicht so lange in den Backofen schieben? Na, dann -schreibe man deinem Karl, er soll so bald wie möglich kommen, daß wir -alles in die Reihe bringen.« - -Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er kommt heute Nachmittag -schon.« Der Vater sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr habt 'n -guten Schritt am Leibe; für euch brauch ich nicht bange zu sein.« - -Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf den Hof. Als Detta sah, wer -darin war, bekam sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze. - -»Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann, als er sah, wer der Besuch -war. Es war der Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch, einer der -besten Züchter im Lande, mit dem Hehlmann gut bekannt war. - -Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht, der ebenso lang und ebenso -ruhig war, wie der Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des -landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt. - -Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer zu seinem Sohn: »Wenn alles -glatt geht, kommst du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon den -Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger Kerl!« - -Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht, dann kann aus der Freierei -vorläufig nichts werden.« - -Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur gefiel der Freier, zumal -Detta ihm sagte, einen anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn -abgemacht, daß der junge Ehemann über den Hof und alles Land, was unter -dem Pfluge war oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben sollte; das -Unland aber behielt Hehlmann sich vor. - -Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit gefeiert; Mönchmeyer, -jetzt Hehlmann genannt, trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne in -die alte Mühle und der Altvater Hehlmann und Meta richteten sich das -Altenteilerhaus ein. - -Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten genug zu tun, zumal -Hehlmann ein Stück Haide nach dem anderen anforstete und Meta bald auf -dem Hofe und in der Mühle Großmutter spielen mußte. Als sechs Jahre hin -waren, da war sie sechsfache Großmutter. - -Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch Hehlmann war nicht mehr so -blond wie vordem, aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd sagte zu -ihrem Hinnerk: »Junge, wenn du mal so alt bist, wie unser Altvater, ich -möchte bloß wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie er sich mit -seiner Meta. Erst dacht' ich, ich sollt' darüber lachen, aber wenn ich -denke, wie andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn sie alt sind, -dann bedünkt mich, so ist es doch besser.« - -Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie die Forke wieder zur Hand -und warf weiter Mist aus und sang dabei das Lied von dem roten Husaren, -der sein Liebchen bis über den Tod hinaus liebt. - -Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde Meta krank; sie hatte -sich schwer erkältet und wollte sich gar nicht wieder herausmachen. -Sie behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf den Füßen und die -Besinnung ließ zu Zeiten bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was -zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe gelebt hatte. Aber -sie war glücklich, vorzüglich, wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im Arm -hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst nicht warm wurde. - -Gegen den Sommer wurde es besser mit ihr, so daß sie im Hause hin- und -hergehen und Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte; des Abends -aber kamen ihr meist die Gedanken durcheinander und dann hatte sie -sich, als wenn sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn er sie zu -Bett brachte, lachte sie vor sich hin und sagte: »Nicht so laut, die -andern brauchen da nichts von zu wissen.« - -Als die Birken gelb werden wollten, kam Göde eines Abends nach Hause -und fror; er hatte sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und -in der Haide wehte eine scharfe Luft. Am anderen Tage ging es ihm sehr -schlecht und als es am dritten Tage nicht besser mit ihm werden wollte, -wurde nach dem Doktor geschickt. - -Der machte eine krause Stirn und als er an dem Kranken herumgehorcht -hatte, sagte er: »Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir ihn -nicht durch; er hat eine ganz gefährliche Lungenentzündung.« - -Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr Mann krank war, auf einmal ganz -gesund wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen. - -»Heute ist mir besser, Meta,« sagte der Kranke am sechsten Morgen. »Wir -haben doch noch schöne Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine -Hände, die ganz mager geworden waren in den Tagen, drückten ihren Kopf -an seine Brust. - -»Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er dann und ihr war, als wenn er -sie küssen wollte. Aber er schlief schon wieder ein. - -Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte, lag er tot im Bette und hatte -ein freundliches Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl neben -dem Ofen und schlief vor Schwäche. - -Die Bäuerin schlug die Schürze vor das Gesicht und ging schnell über -die Deele und winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen aufhören, -denn sie sang wieder: - - Es war einmal ein roter Husar, - Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr, - Ein ganzes Jahr und noch viel mehr, - Die Liebe nahm kein Ende mehr. - - - - -[Illustration: Die beiden Tauben] - - - - -Die beiden Tauben. - - -Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen bestimmt, daß er ganz nach -der alten Art begraben werden wolle, denn damals war schon die Mode -aufgekommen, daß schwarz getrauert wurde. - -Um ihn aber sollte weiß getrauert werden, auch wollte er keinen hohen -Sarg haben und keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein Pfahl und -kein Kreuz zu stehen kommen. - -Er wurde in das Notlaken eingenäht, das Meta aus selbstgesponnenem -Flachse gewebt und genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen -an den Sterbekittel und zog ihm die weiße Sonntagszipfelmütze über. - -Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der Deele und war mit dem -Leichlaken zugedeckt, und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei alte -hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier springende Pferde waren. - -Rechts von der großen Türe hingen die beiden Seelenlaken an der Wand -herunter, damit, wenn der Tote noch einmal zurückkäme, er doch einen -Platz für sich fände. - -Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause die Fenster der -Schlafdönze nicht offen standen und daß das Bettstroh, auf dem der -Altvater gestorben war, bis auf eine Hand voll verbrannt wurde, und -daß der Backenstuhl, in dem der Alte neben dem Ofen gesessen hatte, -umgestoßen wurde. - -Durtjen warf die Waschschale, aus der der Tote gewaschen war, entzwei -und grub sie ein und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg, denn Meta, -die von Detta in das Wohnhaus gebracht war, war so hinfällig, daß sie -an nichts denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der Dönze und sang -leise aus dem Gebetbuche, aber keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge. - -Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken wurde herunter genommen. -Mit freundlichem Gesichte lag der Bauer in dem eichenen, mit Rehmenruß -schwarz gemachten Sarge, Bibel und Gesangbuch unter dem Kinn. - -Einer nach dem anderen von der Freundschaft ging über die Deele, -nickte dem Toten zu und ging nach der Dönze, wo das Frühstück stand. -Sie sprachen alle leise, die Männer, und die Frauen flüsterten. Es war -ihnen, als wäre dieses ein ganz besonderes Begräbnis. - -Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl an der Zeit.« Da gingen sie -alle aus der Dönze; einer nach dem anderen trat an den Sarg und gab dem -Toten die Hand. - -Detta und Sophie, von Kopf bis zu den Füßen in dem weißen Klagelaken, -weinten los, denn der Tischler stellte die Leuchter bei Seite und -schloß den Sarg. - -Er wurde aus der großen Tür getragen und auf das Wagenstroh gehoben. -Durtjen reichte das Leichlaken her und Detta und Sophie, die hinter -dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß es rechts und links lang -herunterhing. - -Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine Schale Wasser aus und lief dann -in die Dönze, um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel zuzuhängen. - -Der Großknecht stellte sich an den Kopf des Sattelpferdes und die -Pferde zogen an und schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh -mußten, das der zweite Knecht ihnen vor die Füße warf. - -Die Frauen aus der nächsten Freundschaft, alle in weißen Trauerlaken, -gingen hinter dem Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die Männer, -alle im Kirchenrock und hohem Hute. - -Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes Gotthard Georgius -Hehlmann, den letzten Hansbur, den Notweg fuhren. Die Birkenbäume -waren so gelb wie Gold und der Himmel war hoch und hell. - -»Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer zum roten Schmidt, »ein Tag, -der ihm passen konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen tiefen -Himmel.« - -Der andere nickte und wischte sich den Schweiß unter dem hohen rauhen -Hute ab; er war recht alt geworden, und Meyer noch mehr und die Sonne -war ihnen beschwerlich. - -»Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte Schmidt; »weißt du noch den -Abend, als er dem Sägemüller das Schluckglas in das Maul schlug? Was -war das für ein Kerl! So einer kommt so bald nicht wieder.« - -Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen, trotz der alten -Feindschaft; das ist schön von ihm.« - -Als der Leichenzug meist bei der Kirche war, begab sich etwas, worüber -sich alle wunderten. Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In ihrer -Angst setzten sie sich auf das Leichlaken; der Stößer nahm die -schwarze Taube und flog mit ihr fort. - -Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben wurde, flog die weiße Taube -auf; sie flog steil gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Das Seelenlaken] - - - - -Das Seelenlaken. - - -Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; im Wohnhaus war bloß die Magd -und die Witwe des Bauern zurückgeblieben; Meta war in der Dönze und die -Magd räumte auf der Deele auf. - -Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, brachte der Wind das Läuten -der Lichteloher Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke -tat sich die Dönzentür auf und Meta kam heraus. - -Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, denn die Frau hatte ihre -Sonntagsjacke an und ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und hielt -den Kopf hoch und horchte. - -Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn die Frau sah aus, wie ein -seliger Geist; ganz weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren hell -und stetig. - -Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken zu, stellte sich dicht -davor, lachte ihm zu, streichelte es und sagte mit einer Stimme, die -sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft kam: »Ja doch, mein Göde, -ich komme ja schon!« - -Und da sah die Magd, daß das Tuch sich erst langsam und dann schneller -bewegte und sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar sie sah, -daß eine Maus auf die Erde fiel und in den Hof lief, wurde das Mädchen -den Schreck drei Tage nicht los. - -Die alte Frau ging wieder in die Dönze zurück und die Magd hörte, wie -sie erst so sprach, als antwortete sie jemand anders; dann hörte sie -singen und zuletzt wurde es still. - -Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen, war Doris noch ganz weiß um -die Nase von dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte, was -sie belebt hatte. - -Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in die Dönze und sah die Frau -mit dem Gesangbuch auf dem Schoß im Ofenstuhl sitzen. Sie ging hinein -und sah, daß sie tot war. - -Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem Erntedanklied, das sie zuletzt -gesungen hatte, und das fing an: - - HERR im himmel, GOTT auf erden, - Herrscher dieser ganzen welt! - Laß den mund voll lobes werden; - Da man DIR zu fuße fällt, - Für den reichen ernte-segen - Dank und opfer darzulegen. - - - - -Worterklärung. - - -1. Kapitel. Der Bullerborn. - -+Pump+, Teich. +Adebar+, Storch. +Wohld+, wilder, angeflogener -Wald. +mülmen+, wirbeln. +Hülse+, Stechpalme. +Holder+, Hollunder. -+Ortstein+, Raseneisenstein. +Dönze+, Wohn- oder Schlafstube. -+Totenhuhn+, Käuzchen. +Windbrett+, Bretter, die den Dächern und -Giebeln (bei diesen oft in Pferdekopfform) vorgenagelt sind, um zu -verhüten, daß der Wind unter die Ziegel oder das Strohdach fährt. -+Machangel+, Wacholder. - - -2. Kapitel. Adebarstag. - -+Schlafbutze+, verschließbare Bettstatt in der Dönze. +Flett+, der -Teil der Hausdiele, auf der die Herdstatt ist. +Wasserwarmbier+, -Wöchnerinnen- und Krankensuppe. - - -3. Kapitel. Der Beifinger. - -+Nägelchen+, spanischer Flieder. +Wigelwagel+, Pirol, Pfingstvogel. -+Beeke+, Bach. +Rehmen+, Rauchfang über dem Herd. +Post+, ein Strauch, -Myrica gale, auch Gagel genannt. - - -4. Kapitel. Das Hausbuch. - -+Fuhre+, Föhre, Kiefer. +Fuhrentelgen+, Kiefernzweige. +Kartjen+, -Kartenspielen. +Schnucke+, Haidschaf. +Beilade+, ein kleiner Kasten mit -Deckel in Truhen. - - -5. Kapitel. Das Osterfeuer. - -+Schmustern+, schmunzeln. +Jesuwundenkraut+, Schöllkraut, Chelidonium -majus. +Zwille+, Astgabel. +Lüttjemagd+, Kleinmagd. +prahlen+, überlaut -reden. - - -6. Kapitel. Im Ruhhorn. - -+Burgfried+, befestigter Speicher. +Heermännken+, Wiesel. -+Haidschauer+, Schuppen in der Haide. +Bracke+, lautjagender Hund. -+Sandbrink+, Sandberg. +Bickbeere+, Heidelbeere. +Kronsbeere+, -Preißelbeere. +Gnitte+, winzige Mücke, Gelse. +Vagelbund+, Vagabund. -+weifen+, schlagen. - - -7. Kapitel. Die Grenze. - -+Beiderwand+, derbes, eigengemachtes Zeug. +Adder+, Otter, Giftschlange -(plattdeutsches Wort). +minne+, gering. +Tange+, Zange, Hundename. -+Heidenbrink+, Hügel in der Heide, auf dem ein Hünengrab steht. -+Fuhrendickung+, schwer zu durchdringender junger Kiefernwald. - - -8. Kapitel. Am Toten Ort. - -+Marodebruder+, Marodör. +schlumpen+, glücken. +gnicken+, mit einem -Gnickstich töten. +Markwart+, Eichelhäher. +Schmoorboden+, weicher, -schwarzer Waldboden. +Schudder+, Schauer. +Celler Mascher+, Bewohner -der Vorstadt an der Allermarsch bei Celle, wo früher allerlei Volk -wohnte, das Zigeunerblut im Leibe hatte. - - -9. Kapitel. Der Blumengarten. - -+hujahnen+, gähnen. +Reethalm+, Rohrhalm. +Danzeschatz+, Tanzschatz. -+Fürtuch+, Schulter- oder Brusttuch. +Stegel+, Uebertritt in der -Einfriedigung, +Heidbrink+, Heidberg. +Altmutter+, Großmutter. - - -10. Kapitel. Die Eule. - -+wesen+, sein. +Trankrüsel+, Tranlampe. +hille+, eilig. +Bunter+, -ein Tanz, der kein Rundtanz ist. +diesige Luft+, dicke, weiche Luft. -+Morgenzeit+, erste Mahlzeit. - - -11. Kapitel. Der Notweg. - -+Herzspann+, Magendrücken, Atemnot. - - -12. Kapitel. Doppelte Liebe. - -+Schruthahn+, Truthahn. +Borgfarken+, männliches Ferkel. +Schatull+, -Glasschrank. +Burmal+, Versammlung der Bauern. - - -13. Kapitel. Auf der Wildbahn. - -+wahn+, sehr groß. +Hahnjökel+, Unsinn. +Pattweg+, Fußweg. +Duffsinn+, -Blödsinn. +raum+, licht, lückig. +benaud+, beklommen oder verbiestert. -+Wurfboden+, die Wurzelballen vom Sturm geworfener Bäume. +Wildpret+, -weibliches Rotwild. +Stangenort+, jüngerer Waldbestand. +Stuken+, -Baumstumpf. +Grauartsche+, Hänfling. +Buttervogel+, Schmetterling. -+Kaßmännken+, Zweieinhalbgroschenstück. +Eidig+, volkstümlicher -Wilddieb. - - -14. Kapitel. Grummet. - -+Kaff+, Spreu. +Dietweg+, unbefestigter Fahrweg. +Leit+, Zügel. -+Schoof+, Bund. +Fluckerhut+, Zeughaube in Helgoländerform. - - -15. Kapitel. Der Blaurand. - -+Horüdho+, Jagdschrei. +Hatten Lena+, Herzen Lena. +Schlaf+, Schläfe. - - -16. Kapitel. Herzbube. - -+Bewerbock+, Bekassine. +Moorochs+, Rohrdommel. +Uhlenvesper+, -scherzhaft für eine mitten in der Nacht eingeschobene Mahlzeit bei -Trinkgelagen. +Faulbank+, Sofa. - - -17. Kapitel. Die Moosbank. - -+quant+, derb. +anmoorig+, mooriger Sandboden. +Bolze+, Kater. +Tüte+, -Regenpfeifer. - - -18. Kapitel. Das Altenteil. - -+Hahnenvesper+, ähnlich wie Uhlenvesper, nur gegen Morgen. - - -19. Kapitel. Die beiden Tauben. - -+Notweg+, Totenweg. +Stößer+, Sperber. - - - - -Die an den Kapitelschlüssen stehenden Hakenkreuze finden sich in vielen -Teilen der Welt, namentlich aber auch in Nord- und Mitteleuropa (hier -bereits etwa seit 5000 Jahren), als mythische Zeichen an Geräten, -Waffen, Felsen usw. Man sieht in ihnen Sonnen-, Feuer-, Lebens-, -Fruchtbarkeitssinnbilder, Glück- und Heilbringer. - -Ihre Auswahl geschah durch den Dichter in Anlehnung an den Inhalt der -einzelnen Kapitel. Er folgte wohl althergebrachten oder volkstümlichen -Deutungen bzw. Deutungsversuchen der verschiedenen Abarten des -Hakenkreuzes (wie »Morgensonne«, »Abendsonne«, »Männlichkeit«, -»Weiblichkeit«), oder aber er wurde zu dem Entschluß, ihnen -den betreffenden Platz zuzuweisen, rein gefühlsmäßig durch den -unmittelbaren graphischen Eindruck des jeweiligen Zeichens veranlaßt. - -[Illustration] - - - - - Bücher von Hermann Löns - - aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover - - -Illustrierte Ausgaben - - - Sein letztes Lied - - Eine Auswahl der schönsten Jagdgeschichten - - Ausgewählt und eingeleitet von Egon Frhr. v. Rapherr. Mit über - 50, darunter 20 ganzseitigen Bildern von Paul Haase. Des Buch - bringt auf 300 Seiten 34 der besten Jagdskizzen des Dichters. - - In Ganzleinen gebunden 8.50 Mark - In Halbleder gebunden 12 Mark - - - Lüttjemann und Püttjerinchen - - Das Buch vereinigt die schönsten Heidemärchen von Hermann Löns. - 68 Originallithographien von Fritz Eggers sind mit des Dichters - Meistermärchen eine untrennbare Einheit geworden. So ist ein - Buch von seltener innerer und äußerer Schönheit entstanden, an - dem alt und jung wirkliche Freude haben wird. - - In Halbleinen gebunden 5.-- Mark - - - Eulenspiegeleien - - Eingeleitet und herausgegeben von Traugott Pilf - - Eine Sammlung von 28 in Faksimile wiedergegebenen Postkarten - mit Versen und farbigen Zeichnungen von Hermann Löns, der - vielfach etwas Eulenspiegelhaftes im besten Sinne an sich - hatte. Wie dem echten Till Eulenspiegel fehlt auch ihm niemals - die Innerlichkeit des tiefen Gemütes, und so versteckt sich - der Schmerz hinter dem Spott und die Weichheit hinter einem - scheinbar harten Scherz. - - - Goldhals - - Ein Tierbuch - - - Aus Wald und Heide - - Geschichten und Schilderungen - - Diese beiden für die Jugend zusammengestellten Bände bringen - eine Auswahl der schönsten Tier- und Naturschilderungen aus - den Werken des Dichters und sind mit je 8 farbigen Vollbildern - von Paul Haase und Erich Fricke geschmückt. Die Bücher sind - besonders zu Geschenkzwecken geeignet. - - In Halbleinen gebunden je 5 Mark - - Von beiden Bänden gibt es eine kleine Ausgabe mit - Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die kartoniert 1.20 Mark kostet. - - - - - Bücher von Hermann Löns - - aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover - - - Mümmelmann Ein Tierbuch - Widu Ein neues Tierbuch - Mein braunes Buch Haidbilder - Haidbilder Neue Folge von »Mein braunes Buch« - Da draußen vor dem Tore Heimatliche Naturbilder - Mein buntes Buch Naturschilderungen - Der zweckmäßige Meyer Ein schnurriges Buch - Auf der Wildbahn Jagdschilderungen - Kraut und Lot Ein Buch für Heger und Jäger - Ho Rüd' hoh Jagderlebnisse - Mein blaues Buch Balladen und Romanzen - Dahinten in der Heide Roman - Die Häuser von Ohlenhof Der Roman eines Dorfes - - In Ganzleinen gebunden 5.50 Mark - - Der letzte Hansbur Ein Bauernroman - aus der Lüneburger Heide - - In Ganzleinen gebunden 6.50 Mark - - Mein niedersächsisches Skizzenbuch Aus dem Nachlaß - - In Ganzleinen 7 Mark, in Halbleder 9.50 Mark - - Gedanken und Gestalten Aus dem Nachlaß - Für Sippe und Sitte Aus dem Nachlaß - - Jeder Band in Ganzleinen gebunden 4.50 Mark - - Preisänderungen vorbehalten - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere auch der großen - Umlaute, wurden beibehalten. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 31: elifen → eilfen - Er hatte {eilfen} Finger - - S. 45: lachen → Lachen - und es war rein zum {Lachen} - - S. 49: Gnitte → Gnitten - trotz der Mücken und {Gnitten} - - S. 62: sie → Sie - daß {Sie} gestern meinen Bengel beherbergt - - S. 79: Fleet → Flett - fand er im {Flett} ein Mädchen vor - - S. 112: steichelte → streichelte - Göde {streichelte} ihre Hand - - S. 135: ganz sich → sich ganz - Durtjen huschelte {sich ganz} fest an ihn - - S. 150: alle → all - Seitdem wurde er da {all} sein Wild los - - S. 161: Helloh → Hehlloh - im {Hehlloh} dicht am Königlichen - - S. 191: Fleet → Flett - ganz allein mit Anna auf dem {Flett} - - S. 201: ihn → ihm - und sich dicht bei {ihm} zu stellen - - S. 219: Reth → Reet - um den altes {Reet} stand - - S. 244: Vetta → Detta - als auch {Detta} wieder in der Sonne - - S. 288: Beverbock → Bewerbock - +{Bewerbock}+, Bekassine. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR *** - -***** This file should be named 51517-0.txt or 51517-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/5/1/51517/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der letzte Hansbur - Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide - -Author: Hermann Löns - -Release Date: March 21, 2016 [EBook #51517] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figright"> -<img src="images/illu-001.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Hermann Löns</p> - -<h1>Der letzte Hansbur</h1> - -<p class="h2">Ein Bauernroman aus<br /> -der Lüneburger Heide</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center p2">Adolf Sponholtz Verlag, G. m. b. H. / Hannover</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Als ich damit begann, die<br /> -Geschichte des letzten Hansburen<br /> -niederzuschreiben, war ich mir darüber<br /> -klar, daß es unmöglich sei, die Gespräche<br /> -plattdeutsch wiederzugeben, da eine Erzählung<br /> -nicht in zwei Sprachen geschrieben werden kann.<br /> -Ganz von selber kam ich dann dazu, den gesamten<br /> -Text in der Denk- und Sprechweise der Haidjer zu<br /> -halten, woraus sich, wie mir scheint, eine glückliche<br /> -Einheit zwischen dem Stoffe und der Form ergab. Diese<br /> -Darstellungsweise zwang mich, vielfach Worte und<br /> -Wendungen zu gebrauchen, die manchem Leser<br /> -ungewohnt sein werden, weswegen ich am<br /> -Schlusse des Buches die notwendigen<br /> -Erläuterungen gebe. / H. L. -</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-004.png" alt="" /> -</div> - -<p class="center p2">Copyright 1909 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H. Hannover.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-005.png" alt="Der Bullerborn" /> -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Bullerborn">Der Bullerborn.</h2> -</div> -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-j">Es war meist noch Nacht, da warf der -Storch den Tau von sich und flog los.</p> - -<p>Mitten in der Heide lag ein klarer -Pump, der Bullerborn geheißen; da ließ -er sich nieder.</p> - -<p>Die Nebelhexen verjagten sich, als der Adebar -angebraust kam, und als ein heller Wind über -die Heide lief und sie bei Seite stieß, und als -die Sonne über die Wohld stieg und sie scharf -ansah, da gaben sie das Tanzen über dem Bullerborn -auf und machten, daß sie in das Bruch -kamen.</p> - -<p>Der Storch ging um den Born herum und -nickte mit dem Kopfe. Fische gab es nicht in<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -dem Wasser, dazu war es zu frisch, und Frösche -erst recht nicht, denn dazu war es zu wild. -Wer aber lange in den Born sah, in dem das -Wasser immer um und um ging, daß der weiße -Sand nur so mülmte, der wußte, was der Storch -da suchte, und wenn der Pastor von Lichtelohe -es auch einen Heidenschnack nannte, daß der -Adebar aus dem Bullerborn die Seelen für die -kleinen Kinder holen sollte, die Bauern wußten -das besser.</p> - -<p>Als die Sonne so hoch stand, daß sie just in -den Born hineinsehen konnte, nahm der Storch -sich auf und flog über das Bruch und die hohe -Heide und die Felder, bis er da war, wo er -hergekommen war, auf dem Hehlenhof, der ganz -allein für sich in seinem Hausbusche lag, so daß man -vor lauter Eichen und Hülsen und Holderbüschen, -die hinter der mächtigen Mauer aus Ortsteinen -wuchsen, nichts von ihm sah, als den Herdrauch.</p> - -<p>Die Störchin stand auf, als der Storch kam; -er aber flog über das Hausdach fort und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -sich im Blumengarten hinter dem Wohnhause -nieder, wo der Flieder durch den Tau roch und -der Goldregen über den Zaun hing. Er stand -zwischen den Buchsbaumrabatten und sah sich -um; dann ging er bis zu der Ecke, wo das -Fenster der Dönze offen stand.</p> - -<p>Das Totenhuhn, das auf dem Windbrett saß -und einen Diener über den anderen machte, -drehte sich bald den Hals ab, aber es konnte -nicht sehen, was der Adebar da machte, denn er -war hinter einem der spitzen Machangelbüsche, -die rechts und links vor der Türe standen, kam -aber bald wieder heraus, ging bis mitten in den -Garten und flog fort.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-009.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-011.png" alt="Adebarstag" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<h2 id="Adebarstag">Adebarstag.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-i">In der Schlafbutze der Dönze lag die Bäuerin -und in ihrem Arme der Hoferbe und beide -atmeten durcheinander.</p> - -<p>Als der Storch fortflog, schlug das Kind -die Augen auf und meldete sich.</p> - -<p>Die Bäuerin seufzte den Schlaf fort, strich sich -den Schweiß von der Stirn, sah um sich und -lächelte, als sie das Kind sah, das mit den Händen -nach ihrer Brust fühlte.</p> - -<p>Sie legte es an und sah zu, wie es trank. -Im Flett gingen bedächtige Schritte, die Dönzentür -ging leise auf und der Bauer kam auf Strümpfen -herein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<p>Seine Augen lächelten, als er vor die Butze trat. -Er strich mit seiner großen Hand über die Backe -seiner Frau und mit einer Fingerspitze über den -Kopf des Kindes, nickte und sagte: »Nötigen -braucht man ihn nicht.«</p> - -<p>Im Flett kamen wieder Schritte näher, eine -große, breite Frau mit schönem Gesicht stand in -der Türe.</p> - -<p>»Komm' man her, Großmutter,« sagte der -Bauer, »ich muß jetzt nach den Wiesen. Bei -Uhre elfe bin ich wieder zurück.«</p> - -<p>Er ging, aber in der Türe drehte er sich -noch einmal um: »Es ist eine wahre Pracht, wie -er trinkt.«</p> - -<p>Die Großmutter nickte und sah zu, wie das -Kind trank, und als es die Mutterbrust von sich -stieß, nahm sie es hin und wickelte es aus.</p> - -<p>Sie lachte, als sie die breite Brust und die -geraden Glieder des Kindes sah. »Er ist fast zu -schön für ein Dreitagekind, Detta,« meinte sie, -»so schier und eben. Und welche Masse Haare<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -er hat, als wenn er sechs Wochen alt wäre. Und -hat man schon bei einem Kinde, das noch nicht -wochenalt ist, solche festen Nägel gesehen?«</p> - -<p>Sie klopfte es zärtlich, aber dann nahm sie -das rechte Händchen des Kindes zwischen ihre -Finger: »Den alten dummerhaftigen Beifinger, -den brauchte er nicht zu haben. Junge, Junge, -was brauchst du elf Finger?«</p> - -<p>Ihre Tochter lächelte: »Ach, Mutter, das ist ja -wohl kein Unglück! Wer lang hat, läßt lang -hängen. Und sein Großvater hat ja sogar zwölf -gehabt.«</p> - -<p>Die Großmutter machte eine krause Stirne: -»Das ist es ja eben, das mit dem Großvater. -Hätte er zehn Finger gehabt, dann hätte er wohl -noch ein Enkelkind hüten können. Die alten -vermuckten Beifinger! Alle Hehlmanns mit überzähligen -Fingern hatten zuviel Hitze im Geblüt. -Aber wenn man dieses Kind sieht, so hübsch, als -wie es daliegt, mit Augen, wie der liebe Himmel, -dann sollte man meinen, daß das bloß ein<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -dummer Aberglauben ist. Die Zukunft liegt in -Gottes Hand; wir wollen uns darüber keine -Gedanken machen. Wer zu lang vorausdenkt, -macht sich zu früh Sorgen.«</p> - -<p>Sie legte das Kind hin, rief die Kleinmagd, -daß sie das Wasserwarmbier bringe, und als die -Wöchnerin die Suppe ausgelöffelt hatte, strich ihr -die Mutter das Kissen zurecht, schloß das Fenster -der Fliegen wegen dicht zu und mahnte: »So, -nun schlaf' man, daß du bald wieder beinig wirst.«</p> - -<p>In der Tür blieb sie stehen: »Er sieht heute -ganz anders aus den Augen, als wie die Tage -vorher; er sieht einen heute schon ordentlich an, -als wenn er einen kennen täte. Gestern hatte -er noch gar keinen Blick in den Augen.«</p> - -<p>Ihre Tochter lächelte: »Ja, Mutter, das bedünkt -mich auch so. Aber heute ist ja auch Adebarstag.«</p> - -<p>»Heidenschnack«, warf die Großmutter lächelnd -hin, und dann ließ sie Tochter und Enkel für sich.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-016.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-017.png" alt="Der Beifinger" /> -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Beifinger">Der Beifinger.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Das Kind schlief, und Detta Hehlmann sah -es an, bis daß der gelbe Vogel draußen -so laut an zu pfeifen fing, daß sie nach -dem Fenster sehen mußte.</p> - -<p>Im Garten ging der Wind; das Weinlaub war -rege und ein weißer Nägelchenbusch ging immer -auf und ab.</p> - -<p>Der jungen Frau bedünkte es, als hätte sie das -alles noch kein mal gesehen. Vier Tage waren es -erst her, daß sie von den Füßen mußte, aber ihr -war zu Mute, als wenn ein Jahr darüber hin wäre.</p> - -<p>Noch kein mal war ihr das Weinlaub so schön -vorgekommen und noch nie hatte der Wigelwagel -so süß in den Hofeichen gesungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p> - -<p>Ihr wurde ganz weichmütig zu Sinne und die -Augen gingen ihr über. Ihr war so wunderlich, -daß sie die Hände falten mußte.</p> - -<p>Ihren Johann hatte sie, einen guten Mann, -und dann dieses Kind, so schön und so gesund. -Am ersten Maitage in der Frühe war es dagewesen, -ein Morgenkind, ein Maikind, und -darum war es wohl so schön.</p> - -<p>Die Mutter hatte recht; heute hatte der Junge -ganz andere Augen.</p> - -<p>Detta lächelte und dachte an die Worte der -alten Magd: »Am dritten Tage bekommt ein -Kind die Seele. Der Adebar bringt sie ihm. -Bis dahin ist es nicht mehr, als ein unvernünftiges -Vieh.«</p> - -<p>Das alte Mädchen steckte voll von Heidenglauben. -Sie war manchmal nicht ganz bei sich, -die alte Hermine; sie hatte auch ein trauriges -Leben gehabt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>Sie war mit einem Großknecht versprochen -gewesen. Da kam der Bonaparte und nahm ihr -den Bräutigam.</p> - -<p>»Ich wollte ihm etwas Gutes mitgeben,« hatte -die alte Magd an Dettas Ehrentage erzählt, »und -da konnte ich nicht anders, als meinem Karl -zu willen sein. Und das ist mir heute noch -nicht gereut.«</p> - -<p>Der Bräutigam blieb in Rußland; es kam -nie wieder eine Kunde von ihm. Sein Kind aber -wuchs auf dem Hehlenhofe zu einem strammen -Jungen heran und kein Mensch trug es ihm nach, -daß er ein lediges Kind war. Zwei Jahre war er -schon Kleinknecht, da schlug ihn der Schimmel tot.</p> - -<p>Das arme alte Mädchen! Die junge Frau sah -zu ihrem Kinde hinab. Das rechte Händchen mit -dem Beifinger lag auf dem Kissen.</p> - -<p>Ihr trat der Großvater ihres Jungen vor die -Augen. Der wilde Hehlmann hatte er geheißen. -Ein Kerl, wie eine Tanne war er, mit Augen, -die einen hellen Blick hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p> - -<p>Der war auch mit zwölf Fingern auf die -Welt gekommen und sein Haar hatte im Nacken -just solchen Wirbel, wie sein Enkelkind, das er -nicht mehr sehen sollte, denn er lag schon einige -Jahre neben der Kirche.</p> - -<p>Durch eigene Schuld war er mit sechzig Jahren -unter die Erde gekommen, denn von Rechts wegen -mußte er es auf hundert bringen. Aber seine -zwölfhundert Morgen Eigenjagd waren ihm zu -wenig; er hatte immer den Grenzstein in der -Tasche und jagte, soweit der Himmel blau und -die Heide braun war.</p> - -<p>Als er wieder einmal im Königlichen jagte, -hatten ihn die Förster spitz gekriegt und mit dem -Hunde seine Spur ausgearbeitet. Aber der alte -Hehlmann hatte es gemerkt, und obzwar es -wintertags war, hatte er sich nicht besonnen und -war drei Male bis an die Brust quer durch die -Beeke gegangen und hatte dann naß wie eine -Katze im Bruch den Abend abgewartet, ehe er -auf Umwegen nach seinem Hofe ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>Acht Tage hinterher lag er steif und kalt auf -dem Schragen; eine Lungenentzündung hatte ihn -umgeworfen.</p> - -<p>»Bis auf das Letzte ist er gegen den Tod -angegangen,« hatte die alte Hermine erzählt. -»Er wollte und wollte nicht sterben. Noch nicht, -noch nicht, schrie er immer; es war schrecklich -anzuhören. Schlecht war er nicht, aber er gehörte -hier nicht her. Er hielt den Kopf höher, wie -ein adeliger Herr, und es war keine Frau und -kein Mädchen, das ihm in die Augen sehen -konnte, ohne daß ihr das Blut in die Backen -sprang. Gegen Kinder und Hunde war er von -Herzen gut, aber die Mannsleute kriegten gefährliche -Augen, wenn die Rede auf ihn kam. -Wo ein glattes Gesicht war, da war er nicht weit; -in seinem letzten Jahre mußte seinethalben noch -eine Magd vom Hehlenhofe. Er war kein Mann -für geruhige Zeiten; es war ein Kerl, wie man -sie braucht, wenn die Kriegsvölker zu Gange -sind.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<p>Dettas Gesicht wurde ernst. Der Beifinger -ihres Jungen und der Haarwirbel im Nacken -wollten ihr nicht aus dem Sinne.</p> - -<p>Und dann dachte sie an das, was man von -dem Großvater des Großvaters erzählte, von Hans -Detel Hehlmann.</p> - -<p>Mit dem hatte es ein schlimmes Ende genommen. -Er hatte den Hut aufbehalten, als -der adelige Herr vorüberging, denn er hatte -einmal einen Ärger mit ihm gehabt. Da hatte -der Herr ihn mit der Peitsche über den Hut geschlagen -und gerufen: »Mach' dich bar, Bauer!« -Und da war der Bauer zugesprungen, und hatte -den Ritter mit der baren Faust totgeschlagen.</p> - -<p>Bei Nacht und Nebel war er aus dem Lande -gegangen und in dem Hausbuche stehen hinter -seinem Namen die Worte: »Es kam niemals -wieder eine Kunde von ihm. R. i. p.«</p> - -<p>Dettas Augen wurden wieder heller. »Die -Welt geht jetzt einen geruhigeren Gang,« dachte -sie. »Und ist der Junge auch an der Reihe, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -das wilde Blut bei ihm hochkommt, Johann und -ich, wir wollen schon dafür sorgen, daß es sich -in Zucht und Sitte hält. Alle Mannsleute sind -zuletzt von wilder Art, die besseren wenigstens.«</p> - -<p>Sie dachte an ihren Jochen, der ihr anfangs -fast zu gut vorgekommen war. Eines Tages -jedoch hatte der Knecht den Rappen mit dem -Forkenstiel über das Maul geschlagen; da hatte -der Bauer aber losgelegt; wie ein Ungewitter -polterten seine Worte über den Knecht her. Und -da wurde der Knecht frech und machte eine -ausverschämte Redensart. Es sollte ihn bald -gereuen. Hehlmanns Augen wurden rund und -blank; mit einem Griffe hatte er den Burschen -bei der Brust, und ehe der es sich versah, lag er -im Entenpump. Ganz voll von Entenflott kam -er wieder heraus, nahm seinen Lohn, packte -seine Sachen und machte, daß er weiter kam.</p> - -<p>Der Fink im Garten sang immer und immer -wieder dasselbe Lied und der Wigelwagel flötete -in einem fort auf die gleiche Art. Und immer<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -und immer wieder gingen die grünen Blätter -und die weißen Blumen hinter den kleinen -Scheiben auf und ab.</p> - -<p>Der jungen Frau fielen die Augen zu. Aber -mit einem Male seufzte sie auf und sah wild um -sich. Sie sah nach der Wiege und dann hinter -dem Traume her, der eben bei ihr gewesen war.</p> - -<p>Da hatten auf einmal zwei Frauen bei der -Wiege gestanden. Die eine, die mit dem braunen -Gesicht und den Augen, so schwarz und blank, -wie der Ruß am Rehmen, war aus dem Moore -gekommen, denn sie roch nach Post.</p> - -<p>Die andere, deren Gesicht wie Milch war, mit -Augen, so blau wie Bachblumen, war über die -Wiesen gekommen, denn von ihren Kleidern kam -der Geruch von Gras und Blumen.</p> - -<p>Sie standen bei der Wiege und besahen das -Kind. Die Frau mit dem gelben Gesicht hatte -gemurmelt: »Als wie ein Herr sollst du leben.«<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Dann machte sie das Hexenkreuz über dem Kinde -und war verschwunden.</p> - -<p>Die andere Frau aber machte über dem -Jungen das Zeichen, das die Bauern vom Hehlenhofe -seit unvordenklichen Zeiten als Hausmarke -hatten, und flüsterte: »Und dein Knecht sollst du -sein.« Dann war sie nicht mehr zu sehen.</p> - -<p>Die junge Frau dachte nach. Träume sind -Schäume, sagt der Pastor, und dann fiel ihr die -alte Hermine ein, die so fest an Träume glaubte, -daß sie ihr eigenes Begräbnis voraussagte.</p> - -<p>»Mein Karl hat mich wissen lassen, ich soll -Sonntag bei ihm sein,« hatte sie Freitag gesagt. -Am Sonnabend Morgen lag sie tot im Bette.</p> - -<p>»Wer hat recht?« dachte die junge Frau und -sah nach dem Fenster. »Hat der Pastor recht -oder Hermine? Der Pastor hat die Wissenschaft, -aber das alte Mädchen hatte den Glauben.«</p> - -<p>Wieder lächelte sie, es kam ihr in den Sinn, -daß sie als Schulmädchen ein Buch gelesen hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -in dem die Geschichte von der guten und der -bösen Patenfee stand.</p> - -<p>Dieses alte Märchen war ihr im Schlaf wieder -eingefallen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-028.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-029.png" alt="Das Hausbuch" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Hausbuch">Das Hausbuch.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-j.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-j">»Johannes Gotthard Georgius soll er heißen,« -sagte der Hansbur.</p> - -<p>Den ganzen Sonntag Nachmittag hatte -er in der Dönze gesessen und in dem Hausbuche -gelesen.</p> - -<p>Das war ein altes Buch in Schweinsleder -gebunden und mit einem Schlosse aus Messing. -Auf der ersten Seite war dieser Spruch zu lesen: -»De Mensche van ejner Frouwen geboren leuet -ejne Korte tidt unde is vull vnrowe«.</p> - -<p>Allerlei war darin zu lesen, von Kriegsnöten -und Pest, Mord und Brand, von hungrigen Zeiten -und fetten Jahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Fromme Sprüche waren darin aufgezeichnet -und alte Mittel, dem Vieh zu helfen mit Kräutern -und Besprechung.</p> - -<p>Unterschiedlich war die Handschrift, bald kraus -und bunt, bald steif und steil; hier wie gestochen, -und da krumm und schief, wie Fuhrentelgen.</p> - -<p>Absonderliche Belebnisse standen darin: »Die -Wölfe haben so gehecket, dieweil keiner ist, der -ihnen zu Leibe gehen kann, daß wir uns deren -nicht erwehren können. Gestern sind wieder drei -Schafe weniger in den Kaben zurückgekommen, -als morgens herausgelassen waren. Das sind -siebzehn Stück in diesem Frühjahre.«</p> - -<p>Hehlmann blätterte um, denn das war es -nicht, was er suchte. Aber dieses hier mußte er -doch lesen: »Der englische Schweiß geht wieder -im Lande um. In Ohldörpe sind letzte Woche -bei Zwanzig Leute abgestorben, die mehrsten vor -dem dritten Tage. In Lichtelohe sind sieben neue -Gräber bei der Kirche. Herr, halte deine Hand -über uns!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>Hehlmann blätterte zurück; da stand zu lesen: -»Des Herrn Wege sind wunderlich. Johann Detel -Georg Hehlmann hat uns ein Schreiben zukommen -lassen. Zweimal zehn Jahre ist er verschollen gewesen -für uns. Er hat mit Bravour gegen die -Türken gefochten und ist immer mehr geworden, -zuletzt ein hoher General und Anführer über viele -Kriegsvölker. Der Kaiser hat ihm große Güter -gegeben und einen Grafen aus ihm gemacht, -so daß er jetzt Graf Hehlmann von Gollenstedt -geheißen wird. Hier hatte er nicht taugen wollen.«</p> - -<p>Darunter stand: »Ohm Hein sagt, er hat sechs -Finger an jeder Hand gehabt und sein Haar ist -in zwei Wirbeln gelegen.«</p> - -<p>Hehlmann sah auf: das war der erste mit -Beifingern und mehr als einem Haarwirbel. Der -hatte es zu etwas gebracht, aber sein Geschlecht -war bald ausgestorben und die Güter waren -wieder dem Kaiser zugefallen. Ein Hehlmann -hatte darum geklagt; die Herren vom Gericht<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -hatten aber herausgefunden, daß die Verwandtschaft -zu weitläufig war.</p> - -<p>Der Bauer dachte nach. »Detel soll er nicht -heißen,« beschloß er bei sich. »Drei Namen haben -wir alle. Der erste ist immer der alte Name, -wonach die Bauern solange Hansbur hießen, bis -die Regierung befahl, daß sie sich nach einem -Beinamen umsehen mußten. Auf den dritten -Namen kommt es nicht an, aber auf den zweiten, -denn mit dem wurden sie gerufen. Und Detel -war kein guter Name.«</p> - -<p>Er las weiter. »Johann Hinrich Detel« stand -da und ein Kreuz dahinter und die Worte: »Der -Herr erbarme sich seiner armen Seele.«</p> - -<p>Weiter stand nichts da, aber mit anderer -Schrift war an den Rand geschrieben: »Er hat -im Kruge zu Eschede im Mai 1711 einen Handelsmann -mit dem Messer beim Kartjen erstochen. -Am 8. Juni mit dem Schwerte zu Zelle vom Leben -zum Tode gebracht. In den Gerichtsakten steht<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -als absonderliches Merkzeichen: Er hatte <span id="corr031">eilfen</span> -Finger.«</p> - -<p>Hehlmann machte die Stirne kraus. Also -Hinrich, das ging auch nicht. Und einen neuen -Namen wollte er nicht haben für den Jungen.</p> - -<p>Er schlug weiter um. Über die Frauennamen -las er weg. Aber bei dem einen blieb er doch -hängen. »Dorothea Hille Sophia Hehlmann, geb. -13. Mai 1773. Gest. 13. Mai 1813. Sie hat sich -weggeschmissen.«</p> - -<p>Mit roter Tinte stand in zierlicher Schrift am -Rande: »Wir wollen keinen Stein auf ihr werfen. -Sie soll ausnehmend schön gewesen sein und ist -nach vielfachen Fahrten eines achtbaren Mannes -ehelich Weib geworden. Gotth. H. Hehlmann, P.«</p> - -<p>Der Wigelwagel pfiff in den Hofeichen und -schrie hinterher ganz unmäßig. Hehlmann war -es so, als ob er Detel oder Hinrich schrie.</p> - -<p>»Nein, Detel und Hinrich sind keine Namen -für meinen Jungen,« dachte er, »so scharf und<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -spitz, das hat keine Art. So ein Name, der muß -sein, daß er in sich selbst Bestand hat.«</p> - -<p>Er blätterte wieder weiter. »Johannes Gotthard -Hinrich Hehlmann, Pastor zu Lichtelohe. Sein -Andenken bleibt ewiglich in Ehren. Er war ein -frommer Knecht des Herrn.«</p> - -<p>Hehlmann nickte. »Gotthard hört sich vortrefflich -an, ruhig und sinnig. Das ist ein Name, -der einem Manne zu Gesichte steht, wie ein ehrbarer -Rock.«</p> - -<p>Er schlug weiter um: »Johannes Gotthard -Antonius. Er war ein Mehrer des Hofes und -hat ihn aus den Schulden herausgebracht.«</p> - -<p>Hehlmanns Augen wurden hell. Es kamen -zwei leere Seiten, dann vier Seiten mit frommen -Sprüchen und Heilmitteln für das Vieh, und dann -stand wieder da: »Johann Gotthard Hermen; ist -über achtzig geworden und hatte noch alle Zähne -und solche Kraft, daß er das junge Volk bei der -Arbeit hinter sich ließ. Er hatte für jedermann -einen Rat und ein trostreiches Wort und wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -in allen Nöten des Leibes und der Seele um -Hülfe angegangen. Wenn einer, so ruhet er in -Abrahams Schoß.«</p> - -<p>Der Bauer tauchte die Feder ein und schrieb: -»Johannes Gotthard«, dann besann er sich eine -Weile nach einem dritten Namen und schrieb -»Georgius«, denn so hieß der nächstverwandte -Hehlmann, Ohm Jürn, der die Schnucken unter -sich hatte.</p> - -<p>Hehlmann scharrte Sand von den Dielen, streute -ihn auf die Schrift, las noch einmal, was er geschrieben -hatte und sprach vor sich hin: »Johannes -Gotthard Georgius«, und nach einer Weile: »Gotthard -Hehlmann«.</p> - -<p>Dann schlug er das Buch zu und legte es in -die Beilade.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-037.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-039.png" alt="Das Osterfeuer" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Osterfeuer">Das Osterfeuer.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-g.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Göde riefen sie den Jungen, denn Gotthard -nahm ihnen zuviel Zeit.</p> - -<p>Der Junge wuchs, daß es ein Staat -war. Er hatte einen ansehnlichen Vater -und seine Mutter war das glattste Mädchen weit -und breit gewesen. So war es kein Wunder, -daß der Junge rundumher als das schönste Kind -galt.</p> - -<p>Und gesund war er und kernfest, wie die -Eichen auf dem Hofe. Er hatte Licht und Luft -und gute Hut, und als seine Mutter mit ihm ging, -hatte sie ihre Augen hell und ihr Herz rein gehalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>Keinmal hatte sie beim Nähen schwarzen -Zwirn über den Hals gehängt, nie einen Faden -abgebissen, niemals die Leinwand gerissen.</p> - -<p>Eins nur machte ihr Sorge: Als sie fühlte, -daß sie guter Hoffnung war, war der Viehhändler -Seligmann auf den Hof gekommen. Sie hatte -ihn nie so recht leiden können. Als er ihr auf -so wunderliche Art die Hand gab, sie mit Augen -ansah, als hätten sie zusammen Holz gestohlen, -und sie schmusternd fragte: »Nun, schöne, junge -Frau, hat der Adebar schon geklappert?« da -hatte sie den Kopf geschüttelt. Wenn aber eine -Mutter ihr Kind ableugnet, dann bleibt es nicht -bei der Wahrheit.</p> - -<p>Aber das mochte nur wieder so ein Schnack -sein von Mutter Griebsch, die der jungen Frau -sagte, was sie tun dürfe und was nicht.</p> - -<p>Detta gab auf alle diese Dinge nicht so ganz -viel, denn zuoft hatte der Pastor dagegen von -der Kanzel geredet; deswegen stellte sie die Wiege -aber doch immer fest, wenn das Kind nicht darin<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -lag, damit sie nicht taub hin und her ging und -der Junge Kopfweh bekam. Sie sorgte dafür, -daß keine jungen Hunde auf dem Hofe waren, -und nahm nicht die Schere, wuchsen dem Kinde -die Nägel über.</p> - -<p>Weil der Junge elf Finger hatte, zog sie ihn -durch die Zwille einer jungen Eiche, und als der -Finger trotzdem nicht zurückging, band sie ihn -mit einem weißen Faden ab und tat den Saft -von Jesuwundenkraut darauf, und es blieb nichts -zurück, als eine kleine rote Stelle.</p> - -<p>Die große bunte Wiege von Eichenholz, die -seit 1564 auf dem Hofe war, wurde zu kurz, als -Göde ein knappes Jahr alt war, so wuchs der -Junge.</p> - -<p>Durchschnittlich war er ein freundliches Kind, -aber einmal, als seine Mutter sich verjagt hatte, -als das Wetter in eine von den großen Eichen -schlug und die ganze Deele voll von blauem -Feuer war, mußte ihr wohl die Milch hart geworden -sein, denn als der Junge trinken wollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -hatte er schnell losgelassen und ganz falsch mit -der Hand nach der Brust geschlagen. »Du Untier,« -hatte die Mutter gesagt, »noch nicht ein Jahr und -schon schlägt er zu, wie ein Alter.«</p> - -<p>Sonst war er aber gutartig, lachte immer und -wenn man ihn mitten aus dem Schlafe aufnahm. -Er konnte drei Stunden allein liegen und mit -seinen Füßen spielen oder lauthals über den -Schatten juchen, den seine Hände gegen die Wand -warfen. Wenn er einmal ein bißchen weinte, so -wie einer mit ihm sprach, gleich lachte er wieder.</p> - -<p>Bloß wenn der Bauer vorbeiging, ohne mit -ihm zu sprechen oder ihn auf den Arm zu -nehmen, dann fing er ganz gefährlich an zu -schreien, und Hehlmann lachte und sagte: »Eine -Stimme hat er, wie ein Bullenkalb.«</p> - -<p>So blieb er auch; immer war er lustig und -nie verzagt. Als er vier Jahre alt war, schnitt er -sich zwei Finger bis auf den Knochen durch und -kam mit Tränen in den Augen ganz still an und -sagte: »Mutter, Lappen ummachen.« Mit sieben<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Jahren griff er den Marder, der in das Tellereisen -getreten war, und brachte Marder und Eisen -lachend in das Haus, und dabei hatte ihn das -Tier durch den Daumennagel gebissen.</p> - -<p>Er hatte eine Art mit dem Vieh umzugehen, -als wenn er schon ein Kerl von zwanzig Jahren -wäre; alles, was auf dem Hofe an Getier war, -mußte ihm untertänig sein, aber nie ging er -hart damit um, außer, wenn eins nicht so wollte, -wie er.</p> - -<p>Dann aber wurden seine Augen blank und -seine Stimme war wie ein Peitschenklappen, und -der Bauer und die Bäuerin sahen sich an, machten -enge Lippen und die Mutter rief über den Hof: -»Göde, prahl nicht so!«</p> - -<p>Ein einziges Mal war der Vater böse zu ihm -geworden. Die Kinder hatten sich ein Osterfeuer -gemacht und waren über die Flammen gesprungen, -Göde immer vornweg.</p> - -<p>Bloß Ludjen Wehmeyer, ein Häuslingsjunge, -wollte nicht, denn er war bange. Da war Göde<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -an ihm vorbeigelaufen, hatte ihn an den Ärmel -gefaßt und war mit ihm über das Feuer gesprungen, -das heißt, nur halb, denn weil Ludjen -sich sträubte, fiel Göde, und nun lagen sie alle -beide in dem Feuer.</p> - -<p>Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen -um so mehr, und als Mutter Wehmeyer auf den -Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte, -da hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei.</p> - -<p>Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbetüre -gerufen: »Doch hat er schuld, ich hab' es gesehen!«</p> - -<p>Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen -und gesagt: »Warum bleibst du mit -der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich -das für einen Bauernsohn? Wie kann ich dir -glauben, wenn du einmal gelogen hast? Und -damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche -nicht mit in das Bruch.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-046.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-047.png" alt="Im Ruhhorn" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<h2 id="Im_Ruhhorn">Im Ruhhorn.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Das war ein harter Spruch.</p> - -<p>Schön war es auf dem Hofe unter -den tausendjährigen Eichen; da flogen -die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und -es sah putzwunderlich aus, wenn sie die kleinen -Wagen zogen, die Göde ihnen machte.</p> - -<p>In dem alten Burgfried, der im Giebel noch -drei Kugellöcher aus der Schwedenzeit aufwies, -hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war -rein zum <span id="corr045">Lachen</span>, wenn Göde kam; denn dann -machte sie sich ganz lang und wackelte just so -wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er -einen Schnaps zuviel hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p> - -<p>Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken -und wenn man sich still verhielt, liefen -sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse.</p> - -<p>Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest -und machte eine furchtbare Schande, wenn ein -Mensch in die Nähe kam.</p> - -<p>Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen -hatte, die lauter Dummerhaftigkeiten im -Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze machte -oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie -verrückt in ihre Ketten gingen und die Hühner -für unklug unter das Holz liefen.</p> - -<p>Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke -oder Kiekebusch, die beiden jungen Bracken, die -der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem -Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so -lange in das Untier hineinbissen, daß ihnen der -blanke Schaum vor den Schnauzen stand.</p> - -<p>Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu -jagen, und das brachte etwas ein, denn für jede -gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -Göde zum Rattenpassen keine Lust, dann nahm -er das Pusterohr und wartete in der Laube, bis -es im Kirschbaume knackte, und es war selten, -daß die Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen -die Zwiebeln warf.</p> - -<p>Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen -und an die Birnen gingen, hielt Göde mächtig -im Schach, und manch einen holte er mit der -Pistole herunter.</p> - -<p>Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn -es in die Wildnis ging. Was gab das für ein -Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier, -Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp! -Heraus, Kreih!«</p> - -<p>Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so -wurden Strom und Pollis und Widu hinterhergeschickt. -Dann war Göde auf der Höhe, wenn -er drei, vier Jungens, die Hunde und das Vieh -unter sich hatte, und alle ihm gehorchen mußten, -selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange -Peitsche hinkam, da zog es Blasen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<p>»Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte -der Bauer, »ich habe das mit vierzehn Jahren -noch nicht so gekonnt.«</p> - -<p>Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke -des Hehlenbruches, wo die schnelle Bullerbeeke -mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam, -denn da brauchte er nicht so viel aufzupassen, -weil das Vieh nicht durch das Wasser ging.</p> - -<p>Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das -schönste Teil von dem ganzen Bruche.</p> - -<p>Viel altes Holz stand da auf den hohen Sandbrinken, -die vor der Beeke lagen, Eichen und -Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten -und Birken in Masse, und darunter wuchsen -Machangeln, Hülsen und Haseln und wer weiß -was alles. Erdbeeren gab es da die schwere -Menge und später Bickbeeren, Brombeeren und -Kronsbeeren.</p> - -<p>Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke -und manchmal auch ein wildes Schwein. Der -Habicht baute da und der Rabe und der schwarze<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der -Beeke und im großen Moore gingen die Kraniche -auf und ab, klappten mit den Flügeln und bliesen -wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt.</p> - -<p>Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der -Mücken und <span id="corr049">Gnitten</span> und blinden Fliegen und -der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen -Forellen, und wer sich darauf verstand, konnte -sie leicht kriegen; in der Wittbeeke standen Hechte -und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie -es ihm Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen, -die Kleinknechte, beigebracht hatten.</p> - -<p>Er ging nicht gern mit den Knechten, denn -dann mußte er tun, was die wollten, und das -war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er -hinter den Kühen, weil er dann allein das Wort -hatte.</p> - -<p>Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten -eine andere Arbeit hatte, mußte er mit -den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes -einzige Mal etwas Neues.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen -Setzangeln, Hein Gird aber stokelte überall herum -und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern -an, bald mit einem jungen Reh, und in -der Schummerstunde brachte er das dann nach -seiner Mutter.</p> - -<p>Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg, -der Förster, sie dabei packte. Da mußten -sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen -heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache -herauskam und sagte, daß Tönnes und Hein Gird -ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und -viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein -junges Reh nach Hause geschleppt hatten.</p> - -<p>Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild -gesehen: »Junge,« hatte er gerufen und war ganz -rot unter den Augen geworden, »machst du mir -solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie -ein Vagabunde, der an fremder Leute Eigentum -gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Beeken -ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -kannst heilsfroh sein, daß ich mit dem Droste gut -stehe, sonst geht es dir, wie den beiden Unduchten, -dem Tönnes und dem Hein Gird: die sind jeder -zu zehn Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie -heute Abend zurückkommen, sag' ihnen, sie sollen -dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine -Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist -nun aus. Vom Montag ab gehst du zum Pastor -in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch -her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.«</p> - -<p>Der Junge war weiß wie eine Wand geworden. -Daß er nicht mehr in das Bruch durfte, das war -schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht gern, -und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht -nichts; aber wenn er daran dachte, daß jetzt beim -Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf der langen -Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit -dem Haselstocke, daß es nur so brummte, da -wußte er: wäre es ihm so gegangen, er hätte -sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Döbke, der Schneider, als er unter das Schnapsverbot -kam.</p> - -<p>Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu -Ohm Jürn, der auf der Heide bei den Schnucken -stand und an einem Strumpfe knüttete. Der -freute sich, als er den Jungen kommen sah, über -sein ganzes altes faltiges Gesicht, das so braun -wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede, -eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist -sprach er überhaupt nicht, höchstens brummte er -so vor sich hin.</p> - -<p>»Ja, ja, Junge; laß' den Kopp nicht hängen, -Kind, sagte die Kuh, als sie mit dem Kalb durch -die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm. -Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein -Umgang für einen Hoferben.«</p> - -<p>Das sah Göde denn auch ein, und das Herz -tat ihm gar nicht weh, als abends die Jungens -mit dem Vieh vom Bruche zurückkamen und -lauthals sangen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-056.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-057.png" alt="Die Grenze" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Grenze">Die Grenze.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Die Vormittagsschule war lange nicht so -schlimm, wie Göde sich das gedacht hatte.</p> - -<p>Der alte Pastor Rotermund sah nur -von weitem so gefährlich aus, weil er -so lang war und so dünn und weil ihm das -weiße Haar über den Rockkragen hing.</p> - -<p>So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar -er sich da nicht so fühlte, als wie in der -Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf -dem Hansburhofe ging es ja auch sinnig und -anständig zu, aber bei dem Pastor war es, als -wenn jeden Tag Sonntag war.</p> - -<p>Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter -war und Schultern hatte, wie ein Mannsbild<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -und meist Beiderwand oder Blauleinen trug -und vor keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas -an sich, daß Göde jedesmal rot wurde, wenn er -sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm.</p> - -<p>Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht -die erste Violine spielte, wie in der Übermittagsschule -bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel, -der Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es -zwar an Kräften mit ihm auf, aber er hatte -eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für -den Tod nicht ausstehen konnte.</p> - -<p>Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren -die beiden aneinandergekommen.</p> - -<p>Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er -noch nicht einmal wußte, wer Pipin war, denn -wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen, -Schreiben, etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche -und Gesangbuchverse beigebracht hatte, -das schien ihm schon reichlich für einen Bauern- -oder Häuslingsjungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt, -wieviel Vieh sein Vater habe, und ihn ausgelacht, -als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen -keins; wir sind keine Mistbauern.«</p> - -<p>Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer -schickt, muß dein Vater ihm für einen -Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch -beim Kinderholen helfen«, und das hatte den -Doktorsjungen so falsch gemacht, daß er Göde -eins hinter die Ohren schlug.</p> - -<p>Göde wurde es heiß und kalt; es war der -erste Schlag seit seinem fünften Jahre; es wurde -ihm rot vor den Augen und es war, als hielte -ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er -aus, daß Walter die Bank zwischen sich und ihn -brachte.</p> - -<p>Es war aber auch die höchste Zeit, denn -Göde, der an einem Stocke geschnippelt hatte, -zischte wie eine Adder und stürzte mit dem -blanken Messer auf Walter los.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der -auch beim Pastor in die Schule ging, laut auf -und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein -Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen -Gliedern und der Schweiß stand ihm auf der -Stirn.</p> - -<p>In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau -bei ihnen und sagte: »Kommt mal alle mit!« -Und als sie in der Waschküche standen, fragte -sie: »Was war das mit euch? Erzähle mal, -Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er immer -gelassen blieb.</p> - -<p>Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen -Worten ihr Benehmen und ließ sich von allen -Dreien in die Hand versprechen, daß keiner -darüber reden solle. »Mein Pastor regt sich -sonst zu sehr darüber auf und bekommt am -Ende sein Lungenbluten wieder«, setzte sie hinzu.</p> - -<p>Nach der Schule rief sie über den Hausflur: -»Komm' mal her, Göde, du kannst deiner lieben -Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -Junge in der Wohnstube stand, machte sie die -Türe zu, legte ihm beide Hände auf die Schulter, -sah ihm freundlich in die Augen und sagte:</p> - -<p>»Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut, -aber einen lütjen Satan hast du in dir. Denke -bloß, was du hättest anrichten können. Es war -sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das -Messer nehmen, mein Kind, das ist denn doch -nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt -sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht; -besser ist es aber, er läßt den Zorn nicht über -sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn, -er hat schon einen Hehlmann in das Unglück -gestürzt und Schande auf euren Namen gebracht.«</p> - -<p>Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter, -streichelte ihm die Backen und erzählte ihm die -schreckliche Geschichte von Hinrich Hehlmann, der -im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub -über die Heide roch, mit dem Schwerte -vom Leben zum Tode gebracht wurde, wie es<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom -Hansburhof aufgezeichnet war. Und sie redete -so gut mit ihm, daß Göde die Augen überliefen.</p> - -<p>Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte: -»Unter uns bleibt die Sache; ob Walter schweigt, -soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade -so gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!«</p> - -<p>Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe, -dem er bisher etwas albern vorgekommen war, -weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und -immer einen Abstand zwischen sich und den -andern hielt, obzwar jeder wußte, daß der alte -Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich -und seine sieben Kinder mit seiner geringen -Pension auf dem kleinen Gute, von dem in -schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft -waren, durchzuschlagen.</p> - -<p>Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner -Armut geneckt hatte, da hatte dieser ruhig gesagt: -»Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch -hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -er sich umgedreht und Christian stehen lassen, -der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn -wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er -aus dem Wendischen war, hing ihm überall nach, -und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu -sein, als der reiche Müller.</p> - -<p>Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage -nie mehr sprach und Walter ihm auch nicht gefiel, -so schloß er sich an Göde an, zumal sie -beide denselben Weg hatten, denn Hohenholte -lag hinter dem Hehlenhof nach Ohlendorp zu.</p> - -<p>Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte, -so machte es sich von selber, daß er -Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges -Wetter niederging, nahm er die Einladung der -Bäuerin an und blieb zum Mittag da.</p> - -<p>Am andern Morgen kam Herr von Hohenholte -auf den Hof geritten. Die Bäuerin fütterte -gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel -sprang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>»Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er -über den Hof, »Sie sollen auch vielmals bedankt -sein, daß <span id="corr062">Sie</span> gestern meinen Bengel beherbergt -und verpflegt haben.«</p> - -<p>Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein: -»O, da nicht für, Herr Rittmeister! Es war uns -eine Freude.«</p> - -<p>Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort -gab das andere und der Bauer lud den Freiherrn -ein, sich das Vieh anzusehen.</p> - -<p>Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer -länger, als er die Pferde, das Vieh und die -Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um -und fragte:</p> - -<p>»Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?« -denn überall zwischen den Eichen sah man einen -Stall, einen Speicher oder Schuppen.</p> - -<p>»So alles in allem an fünfundzwanzig«, -meinte Hehlmann.</p> - -<p>»Donnerstag und Freitag«, rief der Rittmeister, -»und alles wie aus dem Ei gepellt!<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -Und das nennt sich Bauer! Ach ja, wer es auch -so hätte. Aber mein seliger Großvater konnte -die Finger nicht zusammenhalten, dem gingen -die Füchse immer durch.«</p> - -<p>Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein -macht es nicht, Herr Rittmeister, der Name ist -auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren -und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter -gewesen wären, dann wären nicht so -tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten -nicht dafür sorgen können, daß der Bonaparte -zum Teufel gejagt wurde. Das soll ihnen unvergessen -sein. Und Hohenholte kann noch einmal -wieder werden, was es war.«</p> - -<p>Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und -als der Bauer ihm sagte: »Ja, Herr Rittmeister, -ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl; -ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe«, lachte -er und nahm an.</p> - -<p>Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen -Besamungen zeigte, sagte dieser: »Junge, du<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst, -zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist -ein kleines Königreich. Und kein Deubel hat -dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.«</p> - -<p>Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im -Kopfe herum, denn wenn er auch schon seinen -Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand, -das wurde ihm jetzt erst klar und er sah den -Hof und sich nun mit ganz anderen Augen an.</p> - -<p>Deshalb hielt er sich von den Lichteloher -Jungens immer mehr zurück, denn das ging -wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn -und Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte -und Prügeleien, weil einer sich immer -besser dünkte als der andere.</p> - -<p>Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich -nicht mehr ab, denn wenn er sie mit Wolf verglich -und mit seinen Eltern, dann kamen sie -ihm zu minne vor.</p> - -<p>Auch als Göde schon aus der Schule war und -als Kleinknecht auf dem Hehlenhofe arbeitete<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -und Wolf auf der Militärschule war, blieben die -Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so -still und so sinnig war, hatte bei dem Bauern -einen dicken Stein im Brette.</p> - -<p>»Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen, -er kommt morgen wieder,« sagte Hehlmann -zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte -er hinzu, als er sah, daß der Junge dunkele -Augen bekam. »Weißt du einen?«</p> - -<p>»Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell. -Der beste Bock ging am Totenort, aber den -wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe -geht ein guter Sechser; er steht bei westlichem -Winde schon bei hellichtem Tage draußen,« sagte er.</p> - -<p>»Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl -der Bauer.</p> - -<p>Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit -Tange, der hirschroten Teckelhündin, los.</p> - -<p>Als sie bei den alten Heidenbrinken waren, -die rund um den Brammelkamp lagen, und sich -bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten,<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat -aus der Fuhrendickung und gleich darauf der Bock.</p> - -<p>Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als -er sah, wie Wolf den Hahn überzog und das -Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den -Sinn, den Bock fortzuwinken.</p> - -<p>Aber da krachte es schon, der Bock machte -kehrt und floh in die Dickung zurück.</p> - -<p>Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das -Jagdfieber, zumal er meinte, daß er daneben -gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat -die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir -wollen ihn erst krank werden lassen und dann -soll Tange ihn arbeiten.«</p> - -<p>So vesperten die Jungens denn über den -Daumen und als eine Stunde um war, wurde -Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens -durch die Dickung, über die hohe Haide bis an -die Ohlendorper Grenze.</p> - -<p>Am Grenzgraben machte Göde einen langen -Hals und dann rief er: »Da liegt er!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>So war es; zehn Schritte über den Graben -lag der Bock vor einer rauhen Fuhre.</p> - -<p>»Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn -holen.«</p> - -<p>Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht -über den Grenzgraben!«</p> - -<p>Der andere sah ihn verwundert an: »Die -paar Schritt? Und es ist doch unser Bock! Und -dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht, -und überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es -schon gar nicht so genau mit der Grenze.«</p> - -<p>Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern -ging nach Ohlendorp und kam mit dem Vollmeier -Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick -besann, dann aber Wolf das Gehörn gab.</p> - -<p>Als Göde dem Vater die Sache erzählte und -meinte, Wolf sei ein bißchen dumm gewesen, sah -ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan, -was recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie -sollte es wohl auf der Welt werden, wenn einer -des anderen Eigentum nicht achtet!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>Und dabei dachte er an seinen Vater, den es -das Leben gekostet hatte, weil er das Grenzrecht -nicht gewahrt hatte.</p> - -<p>Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte -zu erzählen, aber er konnte es nicht, -da es sich um seinen eigenen Vater handelte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-072.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-073.png" alt="Am toten Ort" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<h2 id="Am_Toten_Ort">Am Toten Ort.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch -mit vielen frischen Quellen, der an der -Grenze der Hehlenheide über der Hover -Mühle lag, die dem Müller Beckmann -zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe -Pfeife Tabak bis dahin.</p> - -<p>Der Ort war verschrien, denn es ging die -Sage von ihm, daß zu Kriegszeiten die Bauern -von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen dort -ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten -und ihrer dreißig erschlagen hätten.</p> - -<p>Die Heide bis zu dem Busche gehört noch -dem Hehlenhofe, der Busch selber aber war des<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd -verpachtet hatte.</p> - -<p>Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem -großen Bocke her, der im Toten Ort seinen Hauptstand -hatte und manchen tauben Gang hatte er -ihm zuliebe gemacht.</p> - -<p>An einem schönen Maitage in der Unterstunde -schlumpte es. Göde saß noch keine Viertelstunde, -da trat der Bock aus und stellte sich breit -und blank vor ihn hin.</p> - -<p>Der Junge nahm dem Bocke das Maß und -sah, wie er im Feuer stürzte; als er ihn aber -gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und -sprang in den Busch.</p> - -<p>Göde trat an die Grenze und hörte, daß der -Bock nicht weit von ihm noch ein paar Male -schlug.</p> - -<p>Der Junge sah sich um; es war kein Mensch -zu sehen und zu hören. Bei der Mühle krähte -ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein -Buchfink schlug und laut spielten die Quellen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>Er steckte seine Büchse unter einen Machangel, -sah sich noch einmal um und trat in den Busch. -Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte -sich, als der Markwart ihn anmeldete.</p> - -<p>Aber dann schlich er vorwärts auf dem -Schmoorboden, der laut quatschte, wenn Göde -den Fuß aus dem Schlamme herauszog.</p> - -<p>Auf einmal wurden seine Augen groß; da -lag der Bock vor einem breiten Hülsenbusch. -Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag, -feuerrot in der Sonne vor dem dunklen Busche.</p> - -<p>Er zog ihn bis an den Rand des Busches, -ging dann zurück und deckte jeden Tropfen -Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm -er den Bock auf und ging damit über die Grenze -bis hinter einen breiten Machangelbusch.</p> - -<p>Als er zurückging, um seine Büchse zu holen, -stand ein Mädchen da und lachte ihn an.</p> - -<p>Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken, -die angenommene Tochter des Müllers, ein über -ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -von allen, die in die Lichteloher Schule gegangen -waren und von der es damals schon hieß, daß -sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse, als -andere Mädchen, die schon längst aus der Schule -waren.</p> - -<p>Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten und fragte: -»Na, hast'n endlich dot? Ich habe dich schon -manchen Tag hier gesehen.«</p> - -<p>Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte, -was er machen sollte. Hatte Miken gesehen, -daß er den Bock aus dem Busche geholt -hatte? Aber was wird das Mädchen wissen, wo -die Grenze geht, dachte er und brach den Bock auf.</p> - -<p>Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig -zu. Göde sah sie von der Seite an und -ihm wurde ganz absonderlich zu Mute. So dicht -war eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm -gewesen.</p> - -<p>Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock, -und kraus war es und leuchtete, wie eitel Gold. -Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -anders, wie bei den anderen Mädchen. Und was -sie für einen roten Mund hatte.</p> - -<p>Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn -an eine Fuhre gehängt hatte, wusch er sich die -Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer -Schürze ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie -so dicht bei ihm stand und seine Hände rieb und -ein Schudder lief ihm über die Brust.</p> - -<p>»Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit -kleinen Augen an. »Wollen uns noch was erzählen. -Hier kommt meistens kein Mensch her.«</p> - -<p>Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich -wundert bloß,« sagte sie und sah ihn verliebt an, -»daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist, so -groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du -meist schon achtzehn wärst.«</p> - -<p>»Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust -herunter und an den weißen Armen, die kaum -ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist -für achtzehn gelten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>Das Mädchen lachte eitel. »Was du für -schönes Haar hast,« sagte sie dann und ging ihm -mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie -Haberstroh.«</p> - -<p>»O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie -fort und rückte immer näher an ihn heran, daß -ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das -Blut in die Backen sprang.</p> - -<p>»Brauchst keine Bange zu haben, daß ich -was sage,« flüsterte sie; »dem Müller ist es gleich, -wer den Bock kriegt und der Hauptmann soll -ihn nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal -weggejagt. Der tut so, als wenn ich gar nicht -auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen. -Hier ist es so langweilig. Lauter alte -Leute!«</p> - -<p>Sie seufzte und schummelte sich immer dichter -an ihn heran und sah ihm in die Augen.</p> - -<p>»Was für Augen sie hat,« dachte der Junge, -»solche habe ich meinen Tag noch nicht gesehen. -Grün und braun durcheinander.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>Und dann ging er mit seiner Hand über ihren -Arm, und wie Feuer lief es ihm über die Brust.</p> - -<p>Das Mädchen warf ihm die Arme um den -Hals: »Komm, Junge, sei nicht dumm, du bist -so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen -Jungen bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.«</p> - -<p>Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang -Göde nach einer Weile auf; es sauste und brauste -ihm in den Ohren und seine Brust flog.</p> - -<p>Das Mädchen hing an seinem Halse: »Wann -kommst du wieder? Komm morgen. Ich mache -dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen -gehen. Und wenn du kommst, dann brauchst -du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das kannst -du doch? Paß' auf!«</p> - -<p>Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der -Pfingstvogel und gab auch das Kreischen wieder. -»So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell -hintereinander und dann das olle Schreien hinterher.<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -Dann weiß ich, daß du da bist. Du kommst -doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter mir -her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste. -Ich hab' schon immer nach dir ausgesehen.«</p> - -<p>Als Göde über die Haide ging, den Bock über -den Nacken geschlagen, wußte er nicht, ob er sich -freuen oder schämen sollte.</p> - -<p>Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen -und darum stellen sich die Jungens ihretwegen -so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was -ihm früher dunkel geblieben war.</p> - -<p>Auf einmal mußte er lachen: was wohl die -anderen Jungens sagen würden, wenn die das -wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als -wenn er sich schämen müßte. Wie Wolf das wohl -aufnehmen würde?</p> - -<p>Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht -hatte, als ihnen in der Haide die beiden -Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt -hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -Jungens! Fiken, was meinst'e, das wären so'n -paar Aeppel für'n Durst!«</p> - -<p>Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und -leise gesagt: »Pfui Deubel!«</p> - -<p>Als er nach Hause kam, fand er im <span id="corr079">Flett</span> ein -Mädchen vor, das beim Feuer kniete, so daß ihr -Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er -eintrat, sah sie auf.</p> - -<p>»Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die -Mutter; »das ist Meta Dettmer. Vertragen werdet -ihr euch wohl.«</p> - -<p>Meta stand auf, wischte sich die Hand an der -Schürze ab und streckte sie Göde hin. Der wunderte -sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände waren -heiß gewesen.</p> - -<p>Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte -sie ansehen, denn sie war so flink und doch so -ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen, -sah sie nach seinem Arm und nahm ihm ein<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -langes, rotes Haar, das an seinem Aermel hing, -fort.</p> - -<p>Und da steckte sich Göde rot an und ging -schnell fort.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-084.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-085.png" alt="Der Blumengarten" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Blumengarten">Der Blumengarten.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am -Toten Orte, sogar noch im Herbst.</p> - -<p>»Weißt du, Göde,« sagte Miken eines -Abends, »du mußt anders flötjen. Der -Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der -Wigelwagel noch nicht fort ist.«</p> - -<p>Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte -Art. »Was für Stimmen kannst du noch? Das -beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz -hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht -her ist, und abends die Eule.« Sie machte den -Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.«</p> - -<p>Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß -es ihm heiß über den Hals lief: »Ich glaube, du<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun schläft -auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß -mein Kammerfenster aufzustoßen. Die anderen -merken nichts, die schlafen alle nach vorne. -Komm' gleich heute Abend!«</p> - -<p>Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er -dachte daran, daß Miken um den Bock wußte. -Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich -stahl er sich wieder hinein.</p> - -<p>»Junge, was hujahnst du in einem Ende?« -fragte der Bauer, als sie bei der Morgenzeit saßen.</p> - -<p>»Das kommt, weil daß er wächst«, sagte die -Mutter und sah ihm nach, als er aufstand und -dachte bei sich: »Bald ist er so lang, wie der -Vater. Und ein ganz anderes Gesicht hatte er -gekriegt. Ja, ja, aus Kindern werden Leute!«</p> - -<p>Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtigt -auf dem Hofe stand und mit Meta sprach, -sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz -blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing -ein rotes Haar von Miken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus -dem Wege, und als sie ihm beim Frühstück gegenübersaß, -sah er, daß sie rote Augen hatte. Er -dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein -Sinn war bei der anderen.</p> - -<p>Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner -Dönze ging, sah er erst seine Jacke nach, ob er -nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort, -denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor -Meta schämen müsse, wenn sie wüßte, mit wem -er sich abgab.</p> - -<p>Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen, -mehr als vor Vater und Mutter. Das Mädchen -hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in -der Sonne über den Hof ging, so leicht und so -schnell, dann mußte er immer hinter ihr hersehen.</p> - -<p>Meist war sie ernst und still, denn sie konnte -es so leicht nicht vergessen, daß sie in drei Tagen -Vater und Mutter hatte wegsterben sehen; wenn -sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn -die Sonne in einen dunkelen Wald kam.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<p>An einem Sonntag-Nachmittag, als Göde vom -Lichteloher Kruge, wo er gekegelt hatte, nach -Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er -eine große Unruhe in sich und dachte immer -daran, daß es noch mehrere Stunden hin wären, -ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat -ihm wieder Meta vor die Augen; er ging schneller -und hatte dabei das Gefühl, als könne er die -andere nicht mehr so gut leiden.</p> - -<p>Wenn er sie sich genau besah, so war ihr -Haar meist unordentlich und Löcher hatte sie wohl -immer in den Strümpfen. Meta war nun schon -einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal -hatte er gesehen, daß ihr Haar wild oder -sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie -sah immer aus, wie aus der Beilade genommen, -und wenn sie auch beim Schweinefüttern war.</p> - -<p>Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich -denken sollte, daß Meta bei ihm im Busche längelangs -auf dem Leibe liegen und an einem -Reethalme kauen könnte, und es war ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den -Anfang machen werde, wenn sie einmal eine -Liebschaft hätte.</p> - -<p>Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über -die Haide, die ganz grün von dem jungen Birkenlaub -war.</p> - -<p>Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er -gehört, was der Vater mit der Mutter redete: -»Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,« -hatte der Vater gesagt; »ich wollte sie bliebe auf -dem Hofe.«</p> - -<p>Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine -Meinung; eine bessere Bäuerin kriegt der Hehlenhof -nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge -anderswo was hat; ich wüßte bloß nicht wo. -Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er nichts.«</p> - -<p>Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann -meinte er: »In den Jahren ist er. Aber wo -sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein, -daß er im Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen -ist mir das aber noch nicht weiter. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -wenn aus ihm und der Meta was wird, ich -könnte keine größere Freude haben. Nach dem -Alter passen sie gut zusammen und sonst stimmt -auch alles.«</p> - -<p>Göde ging weiter. Nein, er wollte heute -Nacht nicht nach der Mühle. Die Geschichte -mußte ein Ende haben.</p> - -<p>Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so -gut abgelaufen war, denn wenn er sich denken -sollte, daß er das rote Miken einmal freien -müßte, nein, das war keine Möglichkeit. Die -als Bäuerin da, wo seine Mutter war, das ging -nicht.</p> - -<p>Da hörte ein Mädchen von einem großen -Hofe hin, nicht so eine wie Miken, die das Magdsdenken -nicht verlernen konnte, und die nur -dann arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu -gekriegt wurde.</p> - -<p>Ihm war zu Mute, als habe er sich weggeschmissen, -vorzüglich, wenn er daran dachte, -wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -dem Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die -im Dorfe im Quartier lagen.</p> - -<p>Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm -mit einmal nicht mehr schmecken. »Morgen -darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich -gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.«</p> - -<p>Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen. -Da steckte etwas hinter. Und wenn -er es so recht besah, bald wollte sie dies und -bald das, heute Haubenspitze und morgen ein -Fürtuch, und neulich hatte sie davon gesprochen, -was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel -habe.</p> - -<p>Es war ihm ja nicht um das Geld, aber -es kam ihm doch wunderlich vor. Und jetzt -fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letzte -Mal in der Kirche umgehabt hatte, das hatte -Krischan Holtmann für zwei Taler beim Krämer -erstanden, just als Göde Balkennägel geholt -hatte. Er mußte rein blind gewesen sein die<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem -Allermannslottchen nichts mehr wissen.</p> - -<p>Er ging noch schneller; er wußte, daß außer -Meta niemand auf dem Hofe war, denn Vater -und Mutter waren zur Freundschaft gefahren, -und die Leute waren im Dorfe.</p> - -<p>Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über -das Stegel stieg. Die Maisonne fiel durch das -frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange, -der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen -sang.</p> - -<p>Göde schüttelte den Pferden Futter auf und -gab ihnen zu trinken. Gerade zog er die Stalljacke -aus, da war es ihm, als wenn er einen -Gesang hörte. Er trat aus dem Stall und hörte, -daß es Meta war.</p> - -<p>Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen -hören und immer ganz leise und bloß, wenn -sie allein war. Heute aber war ihre Stimme -klar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<p>Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem -Hause, und das Lied, das sie sang, war ein Lied, -das die kleinen Mädchen beim Spielen singen. -Hell kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie -sein Herz unruhig wurde.</p> - -<p>Er ging nach dem Blumengarten und sah -Meta bei den weißen Lilien stehen, die seiner -Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und -las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete -in der Sonne.</p> - -<p>Göde wurde benaud zu Mute, als er sie so -stehen sah, so frisch und sauber und so ruhig -und bedachtsam.</p> - -<p>Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose -bewachsen, und so vernahm sie es nicht, als er -hinter sie kam, und erst als er den Arm um -sie legte und sagte: »Na, Meta, ganz allein?« -fuhr sie zusammen und wurde ganz rot im -Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie -schon wieder wie sonst, nur daß ihre Augen -noch blauer waren als gewöhnlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du -nicht wieder in den Krug?«</p> - -<p>Er drückte sie noch fester an sich: »Nein, -Meta, ich will hier bleiben,« und dabei atmete -er schwer.</p> - -<p>»Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr -Brusttuch auf- und abging, und sie bald rot, bald -weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die -grüne Bank.</p> - -<p>Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta -sagte: »Das Moos muß auch mal weg. Es sieht -so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.«</p> - -<p>Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen, -und sie lachte: »Was du für eine Hand hast, -Göde, als wie ein Heidbrink.«</p> - -<p>Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht -dagegen aus, wie das Kalb neben der Kuh. -Aber arbeiten kann sie deswegen doch.«</p> - -<p>Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer -auf der Diele gegangen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<p>Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte, -faßte er sie um, zog sie auf den Schoß, schlug -seine Arme um sie und küßte sie ein über das -andere mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und -sie stöhnte: »Göde, Göde, nicht so wild; mir geht -ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am -Kopfe aussehe!«</p> - -<p>Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta; -du siehst immer fein aus. Keine sieht so glatt -aus als wie du,« und dann fing er wieder an, -sie zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem -Male die Augen überliefen und sie ihn umfaßte -und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut -ganz wild machte. Und dann sprang sie auf und -ging in das Haus.</p> - -<p>Göde ging ihr nach und fand sie vor der -Eimerbank stehen und aus der Schöpfkelle -trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er -lachend; »ich auch!«</p> - -<p>Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank. -Aber dann faßte er sie wieder um, küßte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du -glaubst gar nicht, wie gern ich dich habe. Hast -du mich auch so gern?«</p> - -<p>Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel -sie ihm um den Hals und ließ sich von ihm -küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen -Willen, und er fühlte, wie ihr Herz klopfte.</p> - -<p>Sie fuhren auseinander; draußen gingen -Schritte. Der Bauer und die Bäuerin kamen -zurück.</p> - -<p>»Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte -die Mutter über die Halbtüre; »das ist ja mal -nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im -Kruge, Göde.«</p> - -<p>Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau -ihn schnell von der Seite ansah, wußte sie, daß -er ebensoviel gesehen hatte, wie sie, und froh -darüber war.</p> - -<p>»Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte -ihr Sohn; »der Fuchs will immer noch nicht so -recht fressen. Wo ist denn der Wagen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p> - -<p>»Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,« -antwortete der Bauer. »Er ist zu Meyers gerufen, -die Altmutter ist schwer krank geworden; -wir trafen ihn gerade, als er auf dem Steinbrink -war. Dem alten Mann wird der Weg hin und -her zu weit.«</p> - -<p>Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf, -und als Göde sie anredete, wurde sie über und -über rot.</p> - -<p>»Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im -Bette lag und dabei stieß er seine Frau an, »ich -glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh -gekommen.«</p> - -<p>Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich -erst beim Kopfe haben, das andere findet sich. -Der Anfang ist das schwerste. Du warst zuerst -auch so ein Stoffel.«</p> - -<p>Hehlmann lachte: »Ja, Detta, so dumm als -wie ich, wird der Junge sich wohl nicht anstellen.«</p> - -<p>Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du -noch damals?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p> - -<p>Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke: -»Schweig bloß still; ich schäme mich heute noch -halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was -willst du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den -Arm unter ihren Hals schob, »wir sind doch reichlich -alt genug für solche Dummheiten. Wenn das -die Kinder wüßten!«</p> - -<p>Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß, -was die jetzt tun.«</p> - -<p>Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem -Bette; sie hatte die Hände gefaltet und dachte -weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn -habe!«</p> - -<p>Nebenan in der Dönze warf sich Göde in -seinem Bette hin und her und wußte nicht, wo -er den Schlaf hernehmen sollte.</p> - -<p>Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle, -aber er scheute sich davor, und so lag er mit -offenen Augen da, drehte sich von einer Seite<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -auf die andere und hörte immer das Lied, das -sie im Blumengarten gesungen hatte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ick set woll up den Breedensteen<br /></span> -<span class="i0">Un harr min Ogen so recht beweent.<br /></span> -<span class="i0">De annern Dirns kregen all 'n Mann<br /></span> -<span class="i0">Un ick müß sitten und seg dat an.<br /></span> -<span class="i0">Ick müß min Hoor up den Puckel slahn<br /></span> -<span class="i0">Un noch en Jahr as Jumfer gahn.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-103.png" alt="Die Eule" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Eule">Die Eule.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-z.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Zwei Heimlichkeiten waren von diesem -Maitage an auf dem Hofe.</p> - -<p>»Hier ist eine geheime Braut im -Hause,« sagte die Großmagd eines Abends -zu der Bäuerin; »es brennen drei Lampen.«</p> - -<p>Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz -an der Dönzenwand: »Das große Brautlaken -ist da auch schon.«</p> - -<p>Die Bäuerin lachte: »Das wirst du wohl -wesen, Durtjen. Oder will Hermen nicht so, wie -er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullax!«</p> - -<p>Meta hörte durch die offene Dönzentür das -Gespräch und als sie in den Spiegel sah, sah sie, -daß ihr das Blut im Gesicht stand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>»Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,« -hatte vor ein paar Tagen der Rittmeister -gesagt, als er sie in der Haide antraf.</p> - -<p>»Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah -noch einmal in den Spiegel. Ein Wunder war -es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer, -wo sie auch war, Göde hinter ihr stand und sie -in den Arm nahm.</p> - -<p>Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist -etwas laurig aus und sah sie an, als wenn er -etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen.</p> - -<p>Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen, -was ihm fehle.</p> - -<p>Aber noch eine andere Heimlichkeit war im -Hause. Als der Juli kam, ging der Bauer mit -seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld -und trieb seinen Roggen an.</p> - -<p>»Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr -alles wächst. Das machen die Maigewitter. Mairegen -bringt Wachstum.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p>»Was hast du, Mutter?« fragte er dann, -denn als er sich umdrehte, sah er, daß sie heimlich -lachte und bis in das Haar rot wurde. -»Worüber lachst du?« fragte er noch einmal.</p> - -<p>Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,« -sagte sie, »mir fiel bloß was ein.«</p> - -<p>Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie -sich nahe an ihn heran und sagte leise: »Jochen, -ich muß dir was sagen.«</p> - -<p>Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so -schüchtern und verwundert fragte er: »Na, Dirn, -was hast du denn? Ist dir nicht gut?«</p> - -<p>Sie zog seinen Kopf an sich heran und -flüsterte: »Mußt's aber auch keinem wiedersagen, -Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt -du noch den Maiabend, als wir die Kinder antrafen, -wie sie sich umgefaßt hatten?«</p> - -<p>Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein -Unglück wäre das ja auch nicht.«</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser: -»Ach nee, Jochen, da nicht, aber bei uns.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p> - -<p>Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf -die Art! Ja, wer A gesagt hat, muß B sagen. -Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe -ist ja wohl noch Platz für ein zweites Kind. -Man schade, daß es sich so versäumt hat, es -konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.«</p> - -<p>»Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er -dann; »denke ja nicht, daß es mir nicht recht -ist. Es ist mir nur noch so ungewohnt.«</p> - -<p>Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die -Augen und als sie immer mehr an zu weinen -fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie, -wie ein Vater sein Kind.</p> - -<p>Am andern Morgen aber, als er über den -Hof ging, flötete er das Brummelbeerlied. Die -Großmagd sagte zum Großknecht:</p> - -<p>»Was hat denn der Bauer? Den habe ich -ja meinen Tag noch nicht flötjen hören!«</p> - -<p>Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich -erst um Verlaubnis fragen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> - -<p>Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta -eines Sonntags früh bei der Bäuerin im Flett, -als die Frau auf einmal weiß wie die Wand -wurde, so daß das Mädchen schnell zusprang, sie -umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf und ihr ein -Glas Wasser gab.</p> - -<p>Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta -ihr den kalten Schweiß von der Stirn wischte, -zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf -die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber -nichts.</p> - -<p>Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im -Blumengarten. Meta freute sich, daß die Tante -wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die -Frau an:</p> - -<p>»Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich -gedacht heute morgen, als mir das zustieß?«</p> - -<p>Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das -kann ja wohl mal bei jedem kommen.«</p> - -<p>Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja -doch wissen, darum will ich es dir lieber gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet -kann ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf -freien Füßen bin, und du weißt, große Hitze vertrage -ich so schon schlecht.«</p> - -<p>Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach -Tante, das ist ja schön. Bloß ein Kind, das ist -auch viel zu wenig für einen großen Hof. -Freust du dich denn nicht? So spät, das ist doch -ein doppeltes Gottesgeschenk!«</p> - -<p>Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf, -faßte Meta um die Schultern, drehte ihr den -Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der -Bauer gesagt hat, als ich ihm sagte, daß hier -im Hause was fällig ist?«</p> - -<p>Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen, -zog ihren Kopf ganz dicht an sich heran und -flüsterte ihr ins Ohr:</p> - -<p>»Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne -gehabt.« Und dann lachte sie ganz unbändig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<p>»Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf, -über und über rot; Tränen standen ihr in den -Augen.</p> - -<p>Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern -zog sie wieder neben sich, nahm sie in den Arm -und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du und -Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit -dem Stocke fühlen. Umsonst würd'st du nicht -von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du -man so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett. -Na, uns ist es recht; eine bessere Tochter wünschen -wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid ihr ja -noch, aber das gibt sich eher, als einem lieb ist. -Also, wie ist es mit euch?«</p> - -<p>Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter -der Frau und sagte:</p> - -<p>»Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.«</p> - -<p>Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das -ist schön, meine Tochter.« Dann sah sie ihr -listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann -müssen wir ja wohl eine neue Wiege machen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -lassen, denn eine haben wir man. Na, na, -schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor -auch redet, das ist sicher: zur Eingehung einer -christlichen Ehe reicht der feste Wille aus. Das -hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei -Monate nach der Hochzeit da.«</p> - -<p>»Was hast du denn?« fragte sie ängstlich, -als das Mädchen weiß und rot durcheinander -wurde und ihm der Atem hin- und herging; -»nu mal heraus mit der Sprache! So schlimm -wird es doch wohl nicht sein, daß du zu liegen -kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?«</p> - -<p>Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist, -es ist nicht an dem. Ich bin nicht anders, als -ich aus der Schule kam.«</p> - -<p>Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf -diese Art! Darum sieht der Junge so laurig aus. -Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich -nicht oder was ist sonst?«</p> - -<p>Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen -wollte, aber dann sagte sie nur: »Stell die<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee, -Meta!«</p> - -<p>Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde, -willst du nicht nach Plesse hin, da ist heute -Erntebier?«</p> - -<p>Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee, -was soll ich da?«</p> - -<p>Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was -gehört? Was er da soll? Tanzen sollst du und -lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt -jetzt meist als so'n Trankrüsel aus. Steck dir die -Taschen voll Taler und laß die Musiker spielen, -bis ihnen die Arme runterfallen, und trinke eine -Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken -kommst! Und nimm Meta mit, der tut es auch -mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr -werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so -krumm und schief wie die Machangeln auf der -Haide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder -nicht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<p>Das Mädchen stand vor dem Fenster und -bückte sich, als wenn sie etwas verloren hätte, -damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht -aussah.</p> - -<p>»Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann.</p> - -<p>»Dirn, das hört sich ja an, als wollte ich dir -zumuten, du solltest heute am heiligen Sonntag -den Schweinestall ausmisten,« rief die Bäuerin -lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an -und denn zu! Als ich noch Mädchen war, -brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen. -Ich glaube, heute noch nicht!«</p> - -<p>Und dann lachte sie verlegen, denn Meta -hatte ihr ein paar Augen gemacht, als wenn sie -sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst, -dann sage ich, was ich weiß!«</p> - -<p>Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe -ankamen, war der Tanz schon im Gange -und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen -konnte man kaum die Musik hören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p> - -<p>Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta -ankam, denn Göde machte sich seit dem Mai rar -und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzefesten, -trotzdem sie besser tanzen konnte als die -meisten Mädchen.</p> - -<p>Aber heute konnte sie gar nicht zugange -kommen, weil ihr unfrei zu Sinne war, und -Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in -die Dönze und tranken ein paar Glas Wein.</p> - -<p>Danach wurde ihnen leichter zu Mute. Göde -warf den Musikanten einen Taler hin und bestellte -einen Bunten, und hinterher einen Kontrazweitritt, -und als sie erst einmal im Gange waren, -kamen sie aus dem Tanzen nicht mehr heraus, -und sogar Meta sang die Tanzlieder mit und -trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller.</p> - -<p>Es war schon Nacht, als sie nach Hause -gingen. Der halbe Mond stand am hellen -Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren. -Die Luft war weich und warm und kein Lüftchen -rührte sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p> - -<p>Eng aneinandergedrückt gingen die beiden -Liebesleute über die Haide, einer den Arm um -die Lenden des anderen und die Hände ineinander.</p> - -<p>Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte: -»Wie schön war es heute und wie schön ist es -noch!«</p> - -<p>Göde drückte sie noch fester an sich und sagte: -»Und wird noch schöner werden, Meta,« und -voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf -noch mehr gegen seine Schulter lehnte.</p> - -<p>Schweigend gingen sie weiter; Göde <span id="corr112">streichelte</span> -ihre Hand und flüsterte ab und an: »Meta, meine -liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen.</p> - -<p>Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen -hatte, schreckte laut. Das Mädchen fuhr zusammen.</p> - -<p>»Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was -hätte ich mich sonst verjagt. Letzte Nacht, als -die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der -kalten Angst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der -diesigen Luft wird die Eule heute Nacht wohl -wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl -besser, ich komme in deine Kammer mit, damit -du dich nicht wieder so verjagst. Soll ich, Meta?«</p> - -<p>Das Mädchen legte den Kopf gegen seine -Brust und nickte.</p> - -<p>Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie -stöhnte und sagte nur: »Meta!«</p> - -<p>Und von da ab trug er sie mehr als daß sie -ging, denn ihr war, als wenn sie keine Kraft -in den Beinen hätte.</p> - -<p>Als er am andern Tage zur Morgenzeit kam, -sah seine Mutter mit einem Blick, daß er anders -war als am Tage vorher. Als sie dann nachher -Meta allein in der Dönze traf, nahm sie sie in -den Arm, gab ihr einen Kuß und sagte: »Hör' -mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er -seit Wochen nicht getan.«</p> - -<p>Göde aber ging über den Hof, hatte blanke -Augen und ein schieres Gesicht, wie lange nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -und flötete wie ein Scherenschleifer den Walzer, -den er gestern mit Meta getanzt hatte.</p> - -<p>Die Großmagd sagte zu dem Großknecht: -»Hermen, hör bloß, was er flötjet!«</p> - -<p>Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich -hin, denn sie war gestern mit dem Großknecht -auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer -die heimliche Braut im Hause war.</p> - -<p>Der Großknecht aber brummte nur so vor -sich hin, denn das Lied, das die Magd sang, -lautete:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Eija, poleija, wo weihet de Wind!<br /></span> -<span class="i0">Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding,<br /></span> -<span class="i0">Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been,<br /></span> -<span class="i0">Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-119.png" alt="Der Notweg" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Notweg">Der Notweg.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-m.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-j">Meta blühte immer mehr auf und wo -sie ging und stand, da sang sie; die -Bäuerin aber fiel immer mehr ab -und man hörte sie an einem Tage -mehr seufzen, als sonst in einem ganzen Monat.</p> - -<p>Sie trug eine große Angst mit sich herum und -wollte es keinen Menschen merken lassen, vorzüglich -ihren Mann nicht, der sich schon Sorge -genug um sie machte.</p> - -<p>Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße -geschwollen, und jede Nacht hatte sie Atemnot -und Herzspann.</p> - -<p>Es war eine stürmische Nacht im Christmond, -als der Bauer in die Dönze seines Sohnes kam<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt -nach Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter -ist mir eben weggeblieben.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke ging auch nebenan -die Tür und Meta rief: »Ich komme auch schon.« -Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das, Mädchen.«</p> - -<p>Als sie in die Ehedönze kamen, war die -Bäuerin schon wieder bei sich. Meta machte ihr -einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man -in meinem Bette schlafen; ich will hier bleiben. -Ich weiß besser damit Bescheid.«</p> - -<p>Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig, -dann schoß sie in die Höhe und flüsterte: »O, -Gott, was hab' ich für'n Herzspann!«</p> - -<p>Meta machte ihr einen frischen Umschlag und -rieb ihr die Füße, aber es dauerte lange, ehe -der Anfall fortging.</p> - -<p>Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck -das Licht wieder an, mir ist im Düstern angst!« -Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte -ganz hell.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<p>Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich -muß nun doch fort von euch. Sei still, ich weiß -es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt -hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr -euch kriegt. Meta, du wirst ihm eine gute Frau -sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle -Hehlmanns mit elf Fingern und zwei Wirbeln -waren so. Sie waren alle gut, bloß so wild. -Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.«</p> - -<p>Sie sah mit Augen, die von der Erde fort -waren, das Mädchen an. »Als er drei Tage alt -war, da träumte mir, es standen zwei Frauen -bei der Wiege; die eine gab ihm Böses in den -Sinn, aber die andere wünschte es weg. Sei -geduldig mit ihm, auch wenn er über die -Stränge schlägt. Niemals schimpfen, das hat bei -ihm keine Art; mit Güte kann man ihn hinhaben, -wo man will.«</p> - -<p>Sie machte die Augen zu und lag eine ganze -Zeit still da, bis ein neuer Anfall kam. Als der -vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern: »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -glaube, er ist von der Art, die mehr als eine -Frau brauchen. Eine Frau muß nicht immer -alles sehen. Sein Großvater war auch so, und -seine Frau hat immer gut mit ihm ausgekonnt.«</p> - -<p>Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen. -Der setzte sich vor das Bett, klopfte der -Kranken die Backen und sagte:</p> - -<p>»Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn -für Dummheiten! Sie sind zu sehr aus der Gewohnheit -gekommen. Das erste ist schon ein -Mann und nun kommt erst das zweite! Warten -Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.«</p> - -<p>Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver -in eine Tasse und rief Meta: »So, Kind, das gib -ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er bei: -»Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem -Dorfe fahren und den Pastor und die Hebamme -holen, aber schnell.«</p> - -<p>Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist -es so schlimm?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p>Der Doktor wiegte den Kopf hin und her: -»Wissen kann man es nie. Da ist etwas gänzlich -aus der Kehr.«</p> - -<p>Eine knappe Stunde war weggegangen, da -kam der Wagen zurück. In demselben Augenblicke, -als der Pastor auf die Deele trat, wurde -es so hell wie der Tag und ein Donnerschlag -kam hinterher.</p> - -<p>Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in -die Dönze. »Vielleicht ist Ihnen nun besser, -Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu -ihr nieder.</p> - -<p>»Viel, viel besser,« flüsterte sie.</p> - -<p>Der Doktor trat an die Tür und rief leise: -»Hehlmann, Göde, kommt her. Ruhig, ruhig, -ihr dürft sie nicht erschrecken.«</p> - -<p>Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr -Atem ging.</p> - -<p>Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah -klar nach der Türe. »Meta,« rief sie laut. Das -Mädchen kam. »Gebt euch die Hände!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<p>Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau. -Halte sie in Ehren. Sie hat ein Herz von Gold!«</p> - -<p>Sie drehte sich nach der Wand und atmete -so ruhig, als wenn sie schliefe.</p> - -<p>Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile -gab er Hehlmann die Hand: »Es ist vorbei,« -sagte er.</p> - -<p>In demselben Augenblicke heulte draußen der -alte Tyras auf und kratzte an der Türe.</p> - -<p>Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in -den Spinnstuhl, daß der Doktor erschrocken hinging. -Er redete auf ihn ein, aber der Bauer -sah ihn ohne Verstand an.</p> - -<p>Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine -Hände und sprach ihm Trost ein. Hehlmann gab -einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl, -als wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles -vorbei.«</p> - -<p>Dann fiel er wieder zusammen und sah in -das Herdfeuer, ohne zu sehen und zu hören, -was vorging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<p>Am anderen Tage war er ganz vernünftig, -bloß daß er aussah, als wäre er aus dem Grabe -genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras, -weil es ihm eine fremde Stimme schien.</p> - -<p>Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das -die Frau erwartete, längst tot gewesen sei, hörte -er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das -seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem -Schranke, schnitt selbst den Namen aus dem -Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem -Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten -Notholze den Sarg mache, und nach -der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten -mit wie vordem.</p> - -<p>Aber eins war allen sonderbar: als die -Bäuerin aufgebahrt war, sagte Meta: »Wie -schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie -lacht.« Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm; -sie wird einen nachholen.«</p> - -<p>In diesem Augenblick trat der Bauer aus dem -Schatten, gab der Toten die Hand und sagte:<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -»Ja, Mutter, das wirst du. Uebers Jahr bin ich -bei dir.«</p> - -<p>Dabei sah er ganz zufrieden aus.</p> - -<p>Als die Beerdigung vorbei war, ging das -Leben auf dem Hehlenhofe wieder seinen alten -Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan -hatte, Meta übernahm.</p> - -<p>Zwischen ihr und Göde war es anders geworden. -Einmal hatte der Tod einen Schatten -auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei -ihnen, seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie -es um sie stand, etwas genommen, und wenn -der Vater fragte, wann sie heiraten wollten, -dann wehrte er ab und Meta auch.</p> - -<p>Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war -aus der Vormundschaft heraus und fand sich -ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht.</p> - -<p>Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte -und ihm zusagen mußte, einige Wochen zu ihm -zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -aber sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im -Stiche lassen, meinte sie.</p> - -<p>Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe; -es ging alles nach der Reihe, weil eine -ältliche Witwe vor der Hand die Wirtschaft führte, -aber es fehlte die Sonne.</p> - -<p>Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem -die Frau tot war, wurde er immer kleiner und -lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen.</p> - -<p>Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo -es so still war, wie in einer leeren Kirche. So -lange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus, aber -abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und -ab und zu ging er nach dem Krug, wo er doch -wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu -hören bekam.</p> - -<p>So ging der Sommer hin und der Herbst kam. -Der Bauer fiel immer mehr ab und hustete Tag -und Nacht.</p> - -<p>Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen, -hatte er gesagt: »Meta bleibt aber lange fort.«<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht abkommen, -hat sie mich wissen lassen. Es ist da -eine Luderwirtschaft auf dem Hofe gewesen. Und -ihr Bruder geht ihr doch vor.«</p> - -<p>Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine, -ihr seid so gut wie Mann und Frau. Und hier -muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts -für einen jungen Kerl, das einschichtige Leben; -davon wird das Geblüt hart. Wenn Meta hier -wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge -gehen.«</p> - -<p>Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,« -und von da ab war er nicht mehr nach dem -Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig -war. Er lebte stumpf vor sich hin und ging ab -und zu auf die Jagd.</p> - -<p>Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm -selbst verwunderlich, wie wenig bange ihm nach -ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie -glücklich er mit ihr gewesen war, ehe daß die -Mutter fortstarb.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er -an sie dachte: wie ging es zu, daß sie nicht -guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er -lieber mochte, aber eine Frau, von der er keinen -Hoferben haben sollte, das wollte ihm nicht in -den Sinn.</p> - -<p>Als der Dezember kam, hustete der Vater -immer hohler und eines Morgens blieb er in -der Butze.</p> - -<p>Göde schickte nach dem Doktor, aber der -Bauer sagte, der könne ihm doch nicht helfen, -und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht -aus, wie ein Krüsel ohne Oel; er hat keinen -Willen zum Leben mehr.«</p> - -<p>Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der -Butze des Bauern und fraß kaum mehr.</p> - -<p>Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte -Göde, er solle den Advokaten holen lassen, und -als der da war, verschrieb er Göde den Hof -unter der Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger, -solange Meta Dettmer leben sollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden -und verpflegen sollten, wie es einem Mädchen -von einem großen Hofe zukam.</p> - -<p>An diesem Abend ging Tyras auf den Hof, -heulte nach dem Kirchhofe und ging nicht -wieder in die Dönze, sondern legte sich auf -seinen alten Platz im Pferdestall; als der Großknecht -ihm am anderen Morgen eine Satte -Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war.</p> - -<p>Am Morgen darauf lag der Bauer tot in -seiner Butze. Sein Gesicht war ernst und streng. -»Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau, -als sie ihn in das Notlaken einnähte.</p> - -<p>Es war eine große Leiche, denn die Hehlmanns -hatten eine weitläufige Freundschaft, und -die Hohenhölter waren da und sogar der Droste.</p> - -<p>Unter den Klageweibern, die in ihren weißen -Notlaken bei dem Sarge saßen und nebenher -gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an -der Lungensucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p> - -<p>Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte -sich, wie wenig traurig ihm zu Mute war. Er -hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden, -aber in dem letzten Jahre war dieser immer -mehr von ihm abgerückt.</p> - -<p>Es war ihm so, als wenn der alte, kranke -Mann, der jetzt den Notweg fuhr, ein ganz -anderer war, als der, der bis zum Tode der -Mutter auf dem Hofe war, und als bei der -Trauerrede des alten Pastors ihm eine Träne -über die Backe lief, da weinte er nicht um den -Vater, da weinte er der Mutter nach und den -hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe -kamen und gingen.</p> - -<p>Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen. -Mit düsterem Gesicht ging er durch das Dorf. -Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei -ihm wäre.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-133.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-135.png" alt="Doppelte Liebe" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<h2 id="Doppelte_Liebe">Doppelte Liebe.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-w">»Wenn das so beibleibt,« sagte Durtjen, die -den Großknecht geheiratet hatte und -jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte, -»denn setzt er sich noch was in den -Kopp!«</p> - -<p>Hermen brummte; er war kein Freund vom -vielen Reden, aber er nickkoppte wenigstens, -damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal, -ihn in die Rippen stieß und sagte: »Junge, sei -nicht so faulmäulsch!«</p> - -<p>»Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme -Frau und setzte sich ihrem Manne auf den -Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -beinahe die Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist -doch schrecklich, wenn ein Mensch so allein ist.«</p> - -<p>Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm -einen Kuß, worüber er brummte, als wenn ihm -das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber -gern, nur kam ihm das immer etwas dumm -vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau hatte.</p> - -<p>»Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du -Dössel,« lachte Durtjen und kitzelte ihn, daß er -prustete wie ein Maikater; »aber es ist doch -besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal -was, du oller Schrapenpüster, oder ich kitzele -dich, bis du das Elend kriegst!«</p> - -<p>Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor -ihn hin und tat so, als wenn sie ihre Worte wahr -machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit -und je näher sie ihm mit ihren runden Armen -kam, um so brummiger wurde sein Gesicht, bis -er endlich die Pfeife beiseite legte und ungeschickt, -wie ein Bär, seine junge Frau um den<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -Hals faßte. Und als er erst im Zuge war, da -wurde er ganz rechtschaffen zärtlich.</p> - -<p>Durtjen huschelte <span id="corr135">sich ganz</span> fest an ihn heran: -»Siehst du, du Hanns Taps, du bist grade so, -wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das -nicht mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt -es nicht an. Aber nun wollen wir mal wie -vernünftige Leute reden: was ist das mit dem -Bauern? Man möcht' ja beinahe laut losheulen, -wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal -lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er -die Hunde ansieht, wo er doch früher immer -mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte. -Nu rede doch mal, du Hammel!«</p> - -<p>Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal -warm geworden war, versuchte er, seine -Frau wieder in den Arm zu nehmen.</p> - -<p>Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher -noch Zeit zu. Weißt du was: sobald ich kann, -fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will -doch mal sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege.<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -Ich möchte bloßig wissen, was mit den -beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz -einig.«</p> - -<p>Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann -horchte sie auf. »Just kommt er!« sagte sie, »ich -glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie den -Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause -vorüber.</p> - -<p>»Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem -Kruge,« sagte die Frau. »Gut ist das auch nicht, -aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.«</p> - -<p>Als sie nachher neben ihrem Manne lag, -stieß sie ihn an: »Hermen, hast du all gehört, -Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen, -wie eine Gräfin. Vor Jahren soll der -Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als er noch -ein halber Junge war.«</p> - -<p>Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht -was vorgehabt? Er war der erste nicht, und -er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den -ganzen Tag Mist umgewendet.</p> - -<p>Am anderen Tage ging der Bauer nach der -Hehlenhaide, um nach seinen Pflanzfuhren zu -sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte -nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl -abgestorben waren.</p> - -<p>Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel -getrunken; der Schnaps steckte ihm noch im -Geblüte und machte ihn übermütig, und darum -ließ er, als er am Toten Orte war, den Wigelwagel -dreimal pfeifen und schreien, aber dann -lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da -hinter ihm, und als er sich umdrehte, sah er -Miken da stehen.</p> - -<p>Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er -hatte noch nichts davon gehört, daß sie wieder -da war.</p> - -<p>Er sah an ihr herauf und herunter. Das -war ja eine vornehme Dame geworden! Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und -hatte ein Kleid und Schuhe an, wie er es nur -in Celle bei den herrschaftlichen Leuten gesehen -hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker -hatte sie.</p> - -<p>Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen -sollte. Sie aber nahm ihn ohne Umstände an -die Ohren und gab ihm ein Dutzend Küsse; dann -lachte sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein -Junge! Früher sahst du viel graller aus den -Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen -großen Hof, keine Schulden, was willst du denn -noch mehr? Du mußt sehen, daß du eine Frau -kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich. -Aber hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß -uns in den Schatten gehen!«</p> - -<p>Sie drängte ihn nach dem Busche hin und da, -wo die weißen und gelben Blumen durch den -blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin.</p> - -<p>Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume -ab und warf sie in den Quellbach, der vor ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die -gelbe trieb fort.</p> - -<p>»So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn -an, und er sah, daß sie noch dieselben bunten -Augen hatte, wie vor Jahren; »der eine muß -in die Welt und der andere bleibt da, wo er ist.«</p> - -<p>Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf, -daß ihr rotes Haar nur so leuchtete, lachte und -sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?« -und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an -seiner Brust lag, und ihre Augen wurden klein -wie an dem Tage, als er hier den großen Bock -geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt -wurde.</p> - -<p>Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er -andere Augen als am Tage vorher, so daß -Durtjen über das ganze Gesicht lachte.</p> - -<p>Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß, -daß die ganze Deele schwamm, mußte sie -so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank -fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -Hermen sein Lachen vernehmen, das sich anhörte, -als wenn der alte Schnuckenbock hustete.</p> - -<p>»Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,« -sagte Durtjen zu ihrem Manne; »es -wird gelacht, daß die Haide wackelt, wo es eben -geht, und wenn du Ungetüm nicht mithältst, -dann schmier dir man deine Rippen.«</p> - -<p>»Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!« -schrie sie ihn an und ging mit spitzen Fingern -auf ihn los.</p> - -<p>Aber Hermen machte, daß er in den Stall -kam, und da kratzte er sich hinter den Ohren und -sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht -in Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die -Frauensleute!«</p> - -<p>Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand, -hörte man ihr helles Lachen, bald im Stall, bald -auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause.</p> - -<p>Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein -gewöhnliches Gesicht machte, ging es ihm hundeelend,<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -denn dann kitzelte sie ihn, daß ihm der -Atem stehen blieb, so daß er vor lauter Angst -zuletzt immer gleich an zu lachen fing, wenn sie -ihn bloß ansah.</p> - -<p>Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine -noch schwerere Arbeit ansah, als das Reden, -kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm -eines Tages sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen, -denn ansonsten verpaßte er die besten -Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm -her lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus -der Dönze kam und mitlachen mußte. Und ehe -Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im -Arme und küßte sie auf den Mund.</p> - -<p>Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich -den Mund ab und sagte: »Ach nee, Hansbur, -das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl -vor Hermen bestehen?«</p> - -<p>Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man -bloß Spaß, Durtjen, und Freude, daß es auf -dem Hofe doch wieder anders ist, als bislang.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -Und damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine, -komm her, ich habe da was hingelegt,« und er -gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine -Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen -Durtjen die Tränen aus den Augen; aber sofort -lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das -man nicht noch gereut! Aber dann kannst du -es ja von uns lehnen.« Und nun lachten sie -beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen.</p> - -<p>So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal -wieder sein altes Gesicht hatte, lange hielt es -nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war -noch keine Woche dahingegangen, da hatte -Hehlmann wieder das Gesicht, das er von dem -Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier -gewesen war.</p> - -<p>Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit -flog ihm nur so von der Hand, und die Hunde -gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn -er nach Hause kam.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<p>Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von -Hohenholte eines Tages angeritten kam. Der -ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel -sprang, und die Schruthähne fingen gefährlich an -zu prahlen, denn der Leutnant hatte seinen feuerroten -Rock an.</p> - -<p>Er war nicht mehr der stille Junge, sondern -ein forscher Kerl geworden.</p> - -<p>»Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte -mal wieder von deinem Schinken essen und -Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen -feiere ich meine Verlobung; da mußt du bei -sein. Sträub' dich man nicht wie ein Borgfarken! -Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich -mir den Schinder wieder zwischen die Hosen und -du siehst mich sobald nicht wieder. Donner, hier -ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den -Juni kannst du mir einen guten Bock kaltstellen, -und wenn es nicht anders ist, bin ich auch mit -zweien zufrieden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p> - -<p>»Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist -wohl von 'ner alten Kuh gebissen? Hat der -Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich -wohl, einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer -Bauer, als wie du bist. Häh? Und das ist ja -wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen -Ehestande? Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß -ich was zu essen kriege! Ich bin mit ledigem -Leibe heute früh von Celle losgeritten.«</p> - -<p>Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der -Bauer ließ auftragen, was im Hause war, holte -den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus -dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge -vom Bört und nahm die hohen Gläser mit dem -Goldrande und den sieben Perlen im Fuße aus -der Schatull, denn so hatte er sich lange nicht -gefreut.</p> - -<p>Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner -roten Uniformjacke mit der Narbe in der Backe, -die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte, -ganz prachtvoll aussah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>Und lustig war er! Als er sich die Ställe -ansah, während der Bauer mit einem Manne -verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es -überall Lachen und Quietschen, und die hübsche -Lütjemagd, die Wolf in dem Haidschauer antraf, -hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und -konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen.</p> - -<p>Am nächsten Tage nahm sich der Bauer -doppelt so viel Zeit beim Bartabnehmen, zog -sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte.</p> - -<p>Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen -alt geworden war, freute sich über sein ganzes -Gesicht und duzte Hehlmann wie zuvor, und die -Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau -habe und fragte, ob sie sich nach einer für ihn -umsehen sollte.</p> - -<p>Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie -ein Tannenbaum, und mit Backen, wie Rosen so -rot, sprach fortwährend mit ihm, weil, wie sie -sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<p>So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der -Bauer merkte gar nicht, daß er nicht unter seinesgleichen -war.</p> - -<p>Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften -schlafen, der Leutnant blieb mit seiner -Braut in der Fensternische sitzen und die Herren -gingen mit ihren Pfeifen und Zigarren in die -große Laube.</p> - -<p>»Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister, -»eine Braut, wie man sie nicht alle Tage -findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne -Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten -auch. Sie haben es sich sauer werden lassen.«</p> - -<p>Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der -Qualm ihm um die Ohren schlug und drehte -sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover -Mühle ist jetzt ein Gerenne, als wenn da eine -heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das rote -Miken ist wieder da.«</p> - -<p>Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle, -antwortete: »So? Na, dann kann Wolf sehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -daß er ihr nicht in die Quere kommt; das -Frauenzimmer hat den dreifach destillierten -Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß er sich -mit der Personage abgeben konnte. Jung waren -wir alle einmal, aber Hohenholte ist doch aus -den Jahren heraus, wo man nicht danach fragt, -wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie -müssen das Besteck ja doch auch kennen, Herr -Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.«</p> - -<p>Der Bauer antwortete nicht und machte sich -mit seiner Zigarre zu schaffen, aber er dachte -bei sich: »Also so eine ist das! Darum die feine -Kleedage!«</p> - -<p>Die anderen aber redeten weiter. Als ein -dürrer, langer Mensch von mittlerem Alter, der -Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten -rauchte und ein viereckiges Glas mit einem -goldenen Rande im Auge hielt, sagte: »Aber -schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,« -da redeten sie alle über Kreuz: »Schneidig, ja, -Rasse, ja, Feuer, ja, aber ein Saumensch ist sie<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -darum doch und von Rechts wegen gehörte sie -an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln -vor die Hunde gegangen? Weshalb mußte der -dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen -diesem Frauenziefer!«</p> - -<p>»Nun aber Schluß!« dachte der Bauer, als -er das hörte; es war ihm nicht so ganz sauber -zu Mute.</p> - -<p>Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß -er das Lachen wieder lernte, und es tat ihm -doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war.</p> - -<p>Als er gegen Abend über die Haide ging, -fiel ihm Meta ein, und er sagte sich, daß es -Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe.</p> - -<p>Aber dann hatte er das zu tun und dann -das, und so verblieb es, zumal er allerhand -Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da -im Kruge saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder -sonst was Glattes anzutreffen war, und dann -hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut -vom Dieshofe fort könne, weil ihre Brudersfrau<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -sich von den Wochen gar nicht erholen -konnte.</p> - -<p>»Ordentlich elend und abgefallen sieht sie -aus,« erzählte Durtjen, »als wenn sie zehn Jahre -älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja -auch vor Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder -kartjet, die Frau liegt, du lieber Himmel, ich -war froh, als ich da wieder weg war.«</p> - -<p>Alles konnte Hehlmann vertragen, bloß kein -Unglück; davon hatte er in den letzten Jahren -mehr als genug zu schmecken bekommen.</p> - -<p>Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging, -und an Gelegenheit mangelte es ihm nicht.</p> - -<p>Am meisten war er im Piewittskruge zu -sehen; da war ein lustiger alter Wirt und eine -noch lustigere junge Wirtin, mit der sich schon -ein Wort im Vertrauen reden ließ, denn der -Wirt sah und hörte nichts, wenn nur gut verzehrt -wurde.</p> - -<p>Daß das geschah, dafür sorgte Lischen Lustig -schon, unter welchem Ekelnamen die Wirtin<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -weit und breit bekannt war. Wenn gute Gäste -da waren, ließ sich der Wirtsmann nicht sehen, -und dann ging es hoch her, denn es war bald -diese, bald jene Kusine von der Frau oder dem -Manne da, und das Küchenmädchen verstand -auch Spaß; so gab es manchen langen Abend -bei Bier und Wein.</p> - -<p>Hehlmann war nach dem Piewittskruge gekommen, -weil der Wirt bei ihm einmal angefragt -hatte, ob er nicht einen Rehbock kriegen -könne.</p> - -<p>Seitdem wurde er da <span id="corr150">all</span> sein Wild los, denn -der Piewittskrüger handelte mit allem, was es -gab, und da er dem Bauern auch seinen Wachs -und seinen Honig abnahm und was es sonst -gab, so hatte Hehlmann vor sich immer einen -Grund, nach der Brücke zu gehen.</p> - -<p>Wenn er erst einmal da war, kam er so -bald nicht wieder fort, denn zu Hause war es -ihm zu langweilig den ganzen Abend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> - -<p>In dem Kruge lernte er auch Klas Kordes -näher kennen, einen jungen Bauern, der früher -in Lichtelohe als Knecht gedient hatte. Das war -ein fixer Kerl, und wo er war, da ging es -hoch her.</p> - -<p>Er hatte nicht weit vom Kruge auf einen -guten Hof geheiratet, der einem wahren Ungetüm -von Frau gehörte, so groß und so breit, -wie es rundumher keine gab, aber eine fleißige -und herzensgute Frau, die ganz verrückt in -ihren hübschen Kerl war, der zwölf Jahre jünger -war als sie.</p> - -<p>Wenn auf dem Hofe die Arbeit nachließ, -machte er allerlei Fuhren für den Krüger; auch -wußte man, daß er ein gefährlicher Scharfschütze -war.</p> - -<p>Er hatte sich eine kleine Jagd gepachtet, die -vor dem königlichen Forst lag, und aus der -er mehr Böcke herausholte, als andere aus zehnfach -größeren Jagden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>Er hatte eine Schwester, die bei ihm auf -dem Voßhofe war, ein ansehnliches Mädchen, -die Hehlmann mächtig in die Augen stach.</p> - -<p>Als im Piewittskruge Tanzefest war, tanzte -Hehlmann nur mit Trina Kordes. Es ging lustig -zu, denn bei dem Krüger gab es bessere Sachen -zu trinken, als in den anderen Wirtschaften.</p> - -<p>Als der wilde Meyer aus Krusenhagen, der -am Abend vorher mit dem Schweinehändler im -Kruge hoch gespielt und gefährlich gewonnen -hatte, drei Buddeln Schampagner ausgab, da -war kein Halten mehr; überall knallten die -Körke gegen die Decke und das Küssen und -Drücken nahm kein Ende.</p> - -<p>Auch Hehlmann hatte ganz seine Ernsthaftigkeit -verloren. Er hatte mehrere Flaschen Schampagner -ausgegeben und dazwischen noch eine -Mischung nach der anderen getrunken, die aus -viererlei Schnaps und Likör zusammengegossen -war und die sie doppelte Liebe nannten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>So sah er den Himmel für eine Baßgeige -und Trina für einen Engel an, und als er sich -vor Tau und Tag aus ihrer Kammer stahl und -nach dem Hehlenhofe ging, war ihm, als habe -er das große Los gewonnen.</p> - -<p>Er war nun öfter bei ihr, bis daß Klas ihm -eines abends, als die Köpfe alle heiß waren -von Bier und Grog, fragte: »Wannehr wollt ihr -denn freien?«</p> - -<p>Hehlmann wurde vor Schreck ganz nüchtern, -denn als Frau war ihm Trina nicht so recht nach -der Mütze. Aber das half nun nichts mehr; sie -war eine anständige Kätnerstochter, und wenn -er sie sitzen ließ, wurde er in allen Dörfern auf -dem Burmal unehrlich gemacht.</p> - -<p>Und schließlich, es war auch Zeit, daß er -freite. So wurde denn alles festgemacht, und vier -Wochen nachher war die Hochzeit.</p> - -<p>Sehr groß war sie nicht, denn von der Hehlmannschen -Seite blieben meist alle fort, weil es -zu offenbar war, daß er mit Meta Dettmer<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -versprochen war, und eine Kordes galt ihnen -auch nicht für voll. Das fiel dem Bauern schwer -auf die Seele.</p> - -<p>Als er am andern Morgen mit dickem Kopfe -aufwachte, denn er hatte mehr als genug getrunken, -und seine Frau, die noch schlief, ansah, -gefiel sie ihm gar nicht mehr. Ihre Hübschigkeit -lag zumeist in der Aufmachung, und wie sie -jetzt so dalag, hatte sie einen ganz häßlichen -Mund, und ihre Hände sahen gewöhnlich aus.</p> - -<p>Da fiel ihm Meta ein, die einen so schönen -Mund und so feine Hände hatte trotz der groben -Arbeit. Selbst wenn sie alt und krank wäre, -würde Meta noch gut aussehen, dachte er.</p> - -<p>Aber diese Trina? Er mochte gar nicht daran -denken.</p> - -<p>Und nun sang auch noch Durtjen im Hofe:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten,<br /></span> -<span class="i0">Einer reichen Erbin von dem Rhein,<br /></span> -<span class="i0">Schlangenbisse, die den Falschen quälten,<br /></span> -<span class="i0">Ließen ihn nicht ruhig schlafen ein.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-159.png" alt="Auf der Wildbahn" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<h2 id="Auf_der_Wildbahn">Auf der Wildbahn.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-j">Wenn Hehlmann nicht die Jagd gehabt -hätte, wäre ihm das Leben bald leid -geworden.</p> - -<p>Es dauerte noch keine drei Monate, -und es stieß ihm sauer auf, wenn er Trinas -Stimme hörte. So scharf wie ein Messer war -sie und so hart wie Stein. Noch schlimmer hörte -es sich an, wenn sie lachte.</p> - -<p>Alles war gewöhnlich an ihr, ihr rappeliger -Gang, ihr hastiges Arbeiten, ihr ewiges Klagen -über die Leute. Wo Mutter Hehlmann gesprochen -hatte, da schrie sie, und sie schimpfte, -statt zu zeigen, wie es sein müsse.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span></p> - -<p>Sie konnte sich keine Stellung bei den Leuten -machen; immer kam die Kätnertochter bei ihr -heraus.</p> - -<p>Auf den Bauern nahm sie keine Rücksicht; -er war ihr Mann und damit war es gut. Mit -wildem Haar und schmutziger Schürze setzte sie -sich zum Essen, und das war auch danach.</p> - -<p>Sie kochte ohne Liebe, und die schmälzt mehr, -als der beste Speck. Den ganzen Tag schoß sie -im Hause hin und her und putzte hier und -wischte da, aber rein und ordentlich sah es nie -recht aus.</p> - -<p>Hehlmann ließ sie im Hause machen, was -sie wollte, und wenn er nicht bei der Arbeit -war oder schlief, dann war er in der Wildbahn, -entweder in seiner Eigenjagd oder bei Klas.</p> - -<p>Dem ging es auch nicht besser. Mit der Zeit -war die Voßbäuerin dahinter gekommen, daß -der hübsche Kerl hier und da nahm, was ihm -geboten wurde, und war die Frau bisher lauter -Honig und Sirup, so wurde sie jetzt eitel Gift<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -und Galle. Und das schlimmste war, daß sie -den Daumen auf den Beutel hielt.</p> - -<p>Auf die Art fand Klas immer mehr Gefallen -am Freijagen, denn der Krüger war ein guter -Abnehmer, und Kordes brauchte Geld für Bier -und Wein, und für Brusttücher und Gürtelschnallen -auch, »denn«, sagte er, »mit lütjen -Happen macht man die Hunde kirre.«</p> - -<p>Bisher hatte er sich mit Hasen und Rehböcken -zufrieden gegeben, und auf die gaben die Förster -im Königlichen nicht viel, aber mit der Zeit -ging er ihnen auch über die Hirschböcke.</p> - -<p>Es wurde so schlimm damit, daß von der -Hofjägerei in Hannover ein heiliges Donnerwetter -wegen der großen Abgänge an den Forstmeister -kamen, und der gab es weiter.</p> - -<p>Tag und Nacht lagen nun die Förster im -Holze, aber immer waren sie betrogen. Wenn -sie hier lauerten, knallte es da, und paßten sie -da, so ballerte es hier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<p>Daß Kordes der Freischütz war, daran dachten -sie nicht; sie hatten die Celler Mascher im Verdachte, -Völker, denen nicht recht zu trauen war.</p> - -<p>Dem alten Hegemeister Hagelberg schlug der -Aerger so in das Blut, daß er sich in Pension -gab. An seine Stelle kam ein Ostpreuße, Adomeit -geheißen, ein langer Mann mit schläfrigem -Gesicht, über den die Bauern lachten, weil er -keinen Bart trug, wie es bei den Grünröcken -üblich war, so ganz anders sprach, als wie es -Landesbrauch war, und nichts vertragen konnte.</p> - -<p>Er ließ sich blitzwenig im Kruge blicken, aber -wenn er kam, dann war er nach einer Stunde -voll, wie ein Entendarm, denn er trank immer -nur Grog, auch bei der wahnsten Hitze; und -dann saß er da, lachte wie ein Unkluger und -machte kleine Augen, so daß das junge Volk -seinen Hahnjökel mit ihm trieb und der Forstmeister -ihm sagte, wenn er das Saufen nicht -ließe, könne er machen, daß er wieder in die<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Kaschubei käme. Denn er war bloß auf Probe -angestellt.</p> - -<p>Nun hatte der Hansbur einen hirschroten -Dachshund, an dem sein ganzes Herz hing, weil -der Hund so ausnehmend klug war und so vorzüglich -jagte. An einem Morgen schoß Hehlmann -im <span id="corr161">Hehlloh</span> dicht am Königlichen einen -Bock krank, der den Post annahm, so daß der -Bauer den Hund schnallen mußte, und da jagte -der Hund über und Adomeit schoß ihn vor den -Kopf.</p> - -<p>Der Bauer rührte mittags nichts an und ging -nachher nach dem Voßhofe, wo er Klas den Fall -vortrug.</p> - -<p>Das kam dem wie gerufen, denn er hatte -immer schon gewünscht, daß sein Schwager ihm -beistehen solle. Er nahm ihn mit in den Krug -und hetzte ihn so lange auf, bis Hehlmann einsah, -besser könne er es dem Förster nicht geben, -als wenn er ihm die Hirschböcke totschösse.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Zudem freute es ihn, wenn er seinem -Schwager helfen konnte, denn der hatte ein -Mädchen mit einem Kinde sitzen und mußte ihr -den Mund mit Talern stopfen.</p> - -<p>Sie fingen das nun ganz schlau an. Wenn -Hehlmann im Piewittskruge oder im braunen -Schimmel in Lichtelohe saß, dann schoß Kordes -am Hehlloh herum, und wenn er im Kruge saß, -dann knallte es im großen Moore, an das der -Voßhof angrenzte, so daß die Förster nicht einen -Augenblick daran dachten, daß der Hansbur und -der Voßbur die Freischützen waren.</p> - -<p>Zudem diente bei dem Forstmeister ein -Mädchen, das früher auf dem Voßhofe Magd -gewesen war, mit der es Kordes immer noch -hielt, und die ließ ihn wissen, an welchem Tage -Försterappell oder wo Holzbeschau war, so daß -Kordes immer wußte, wann die Luft rein war.</p> - -<p>Bisher hatten sie jeder für sich gewildert, -aber als wieder einmal Försterappell angesetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -war, gingen sie zusammen, weil Klas sich einen -guten Plan ausgedacht hatte.</p> - -<p>An das Hehlloh stieß nämlich eine mächtige -Fuhrendickung, und darin steckte das Rotwild -mit Vorliebe. Nun sollte Hehlmann ohne Gewehr -die Dickung durchdrücken und Kordes wollte sich -bei dem Wechsel hinter dem großen Windbruche -anstellen.</p> - -<p>Sie besprachen sich das ganz genau, und als -es an der Zeit war, ging Hehlmann los.</p> - -<p>Ihm war nicht ganz sauber zu Sinne, aber -er schrieb es darauf, daß die Bäuerin ihm -wieder wegen Durtjen in den Ohren gelegen -hatte, denn die zeigte es ihr gerade heraus, wie -wenig sie von ihr hielt.</p> - -<p>Sie hatte ihr, als die Frau über Gebühr -Arbeit von ihr verlangte, das rund abgeschlagen, -und als die Bäuerin ihr an die Ehre ging, war -sie ihr mit den Fäusten unter die Augen gegangen -und hatte gerufen: »Du alte Gaffelzange,<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -du bist doch man bloß hier auf den Hof gekommen, -wie der Kuhdreck in die Dönze.«</p> - -<p>Hehlmann hatte im Halse gelacht, als er das -anhören mußte; als ihm seine Frau aber auftrug, -den Häusling zu kündigen, hatte er sie -groß angesehen und gesagt: »Gewiß, wenn du -die Arbeit machen willst.« Da hatte die Frau -stillgeschwiegen; aber ab und an kam sie ihm -wieder damit und nöhlte ihm die Ruhe fort.</p> - -<p>Der Honigbaum war am Anblühen, die -Bienen flogen und die Luft roch süß, als Hehlmann -über die Haide ging.</p> - -<p>Ein Hase sprang vor ihm auf und lief nach -links. Der Bauer war nicht abergläubisch, aber -er dachte daran, daß das ein schlechtes Zeichen -sein sollte.</p> - -<p>Auf dem Pattwege begegnete ihm eine alte -Frau aus Horst, die für eine Hexe beschrieen -war und zu der die Mädchen spät abends in -das Haus gingen, wenn sie in Nöten waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>»Das ist Nummero zwei,« dachte der Bauer, -und dann lachte er sich die Angst weg. Aber -es fiel ihm ein, daß er in der Nacht aufgewacht -war, weil der Hund so scheußlich geheult hatte.</p> - -<p>Er trocknete sich den Schweiß unter der Mütze -ab, denn es war diesige Luft, und dabei wurde -es ihm klar, daß das mit dem Hund der erste -Vorspuk gewesen war, und daß noch zwei hinterher -gekommen waren.</p> - -<p>»Duffsinn,« dachte er und holte die Schnapsflasche -heraus, die er jetzt immer bei sich hatte, -wenn er losging.</p> - -<p>Als er bei der Dickung war, wartete er erst -eine Weile hinter einem großmächtigen Machangel.</p> - -<p>In der Forst schrie der Schwarzspecht, erst -lang und klar wie eine Glocke, und dann schnell -hintereinander. »Das Wetter schlägt um,« dachte -der Bauer.</p> - -<p>In der Birke bei dem Grenzsteine sprang ein -kleiner, schmaler Vogel hin und her und gab in -einem Ende einen Ton von sich, der sich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -unglücklich anhörte, im Hehlenbruche schrie eine -Kuh, als wenn sie zum Schlachter sollte, und -mitten in der gewöhniglichen Haide am Grenzgraben -stand ein Busch, der blühte weiß.</p> - -<p>»Das ist gerade, als wenn es nach Unglück -riecht,« dachte Hehlmann; er nahm noch einen -Schnaps und trat über den Grenzgraben.</p> - -<p>In der Dickung war es stickend heiß; es -nahm ihm ordentlich die Luft weg. So manches -Mal war er schon über die Grenze gegangen, -aber so war ihm noch nie zu Sinne gewesen.</p> - -<p>Hin und her ging er durch die Fuhren, wo -sie etwas raum wurden; oftmals mußte er fast -kriechen, so rauh waren sie meist.</p> - -<p>Als er ungefähr in der Mitte war, hörte er, -daß Wild vor ihm absprang, gleich dahinter -meldete der Markwart in dem Windbruche und -nun wartete er, daß es knallen sollte. Aber es -knallte nicht, und so drückte er die Dickung -durch, bis ihm der Schweiß über den Rücken lief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>Als er am Ende war, nahm er noch einen -Schnaps, wischte sich den Schweiß und die -Spinneweben aus dem Gesicht, holte tief Luft, -denn von der Hitze war ihm ganz benaud geworden, -und dann nahm er den Hut ab und -ließ hinter den Zweigen her seine Augen über -die Blöße gehen.</p> - -<p>Da war nichts, wie er erst meinte, aber -dann sah er, daß halbrechts hinter einem Wurfboden -sich etwas rührte; es waren die Köpfe -von drei Stück Wildpret, einem alten Tiere und -zwei Kälbern, die nach dem Stangenort hinäugten -und spielohrten.</p> - -<p>»Warum schießt er nicht,« dachte er, »sie -stehen so schön breit,« und er wollte gerade auf -einen Stuken steigen, um weiteren Blick zu -haben, da trat das Wild hin und her und bog -dann nach links ab.</p> - -<p>»Sie haben eine Mütze voll Wind gekriegt,« -dachte er, aber dann horchte er auf; drüben im -Holze meldete der Specht und in demselben<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -Augenblicke knallte es, das Hirschkalb stürzte -im Feuer, das alte Stück und das Wildkalb -machten kehrt und polterten in die Dickung -zurück.</p> - -<p>Hehlmann wartete und wartete, aber es -blieb alles still. So still war es, daß er vernahm, -wie ihm das Herz in der Brust arbeitete; unheimlich -still war es.</p> - -<p>Quer über den Windbruch flog der Schwarzspecht; -jedes Mal, wenn er einen Flügelschlag -tat, schnurrte es laut.</p> - -<p>Ein Rotkehlchen setzte sich auf eine lose -Wurzel, die aus einem Wurfboden heraus hing, -und Hehlmann war es, als wenn es ihn traurig -ansah.</p> - -<p>Und dann war über ihm in den Fuhren -wieder der kleine schmale Vogel mit seinem -unglücklichen Gepiepe zu gange.</p> - -<p>Dem Bauern wurde es bald heiß, bald kalt, -und als drüben der Markwart meldete, verjagte<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -er sich. »Wir kriegen ein Gewitter,« dachte er -bei sich; »ich habe es mit den Nerven.«</p> - -<p>Vom Hehlenbruche her zog ein Wetter herauf; -es donnerte schon. Der Wind machte sich auf -und stieß die Fuhrenzweige zusammen, und aus -der großen Wolke blitzte es ein über das andere -Mal. Immer schneller kam das Wetter herauf; -die Kuhtauben flogen zu Holze, daß es klingelte.</p> - -<p>»Was das bloß ist, daß ich von ihm nichts -höre und sehe,« dachte er, und dann überlegte -er, ob er nicht nach der anderen Seite gehen -sollte. Aber das war gegen die Abmachung, -denn jeder sollte für sich seinen Weg gehen und -bei dem Immenschauer auf der Brandhaide -wollten sie sich treffen.</p> - -<p>Es wurde immer schwärzer in der Luft; aus -dem Winde wurde ein Sturmwetter, es goß wie -mit Mollen und blitzte und donnerte durcheinander.</p> - -<p>Als es gerade hell leuchtete, war es ihm, als -ginge ein Mann über die Blöße, aber bei dem<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -nächsten Blitz konnte er nichts mehr wahrnehmen, -und so machte er schließlich, daß er weiter kam.</p> - -<p>Gerade als er sich umdrehte, schien es ihm, -als wenn er eine Stimme durch das Brausen -hörte, und der nächste Donner klang ihm bald -wie ein Schuß; er sah noch einmal über die -Blöße hin, aber als da nichts war, kroch er -durch die Dickung, sprang in guter Deckung über -den Grenzgraben und kam gerade beim Immenzaun -an, als das Wetter nachließ.</p> - -<p>Obzwar er durch und durch naß war, wartete -er noch eine halbe Stunde, als es ihn aber gar -zu sehr schudderte, ging er nach dem Hofe.</p> - -<p>Klas war nicht da. »Er wird wohl bei dem -Wetter gleich nach Hause gegangen sein, naß -wie er war.« Damit beruhigte er sich.</p> - -<p>Als er am anderen Morgen bei fünf Uhr -nach den Ställen ging, kam der Kleinknecht vom -Voßhofe angelaufen. »Die Frau läßt fragen, -wenn der Bauer die Nacht über hier geblieben -ist?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p> - -<p>Hehlmann lief es kalt über. »Ist er denn -die Nacht nicht inne gewesen?« fragte er.</p> - -<p>Der Junge schüttelte den Kopf: »Er ging -gestern nachmittag bei fünfe weg und sagte, -er wäre bei elfe wieder da. Er wollte nach -den Kartoffeln, weil da das Wild Schaden gemacht -hatte, und darum nahm er das Gewehr -mit. Auf dem Piewittskruge war ich auch schon, -da ist er auch nicht gewesen, und da mußte er -doch vorbei, wenn er vom Felde zurück wollte, -und zumeist kehrt er da ein. Der wilde Meyer -war gestern abend da und da hat es bis nach -eine gedauert.«</p> - -<p>Der Bauer wühlte in der Krippe, damit der -Junge ihm nicht in das Gesicht sehen sollte und -überlegte, was zu machen war.</p> - -<p>Nach dem Windbruche konnte er nicht gehen; -er hatte da nichts zu suchen, und wenn es ein -Unglück gegeben hatte, dann machte er sich mit -verdächtig, denn es war so gut wie sicher, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -die Förster die Blöße den ganzen Tag über im -Auge behalten würden.</p> - -<p>Dreimal schickte die Voßbäuerin bis Mittag -und ließ fragen, ob Kordes nicht da war.</p> - -<p>Als es bei vier Uhr war, konnte der Bauer -sich vor Unruhe nicht mehr bergen; er hatte sich -einen Plan gemacht. Er sagte dem ersten Kleinknecht, -der ein Waisenkind war und an ihm -hing wie ein Hund, weil er es noch nie so gut -gehabt hatte, als wie auf dem Hansburhofe: -»Tönnes, nimm die Schute mit, das Wasser hat -mir den Abfluß bei dem Hehlloh zugeschwemmt.«</p> - -<p>Als sie dort waren, wies er ihn an, die toten -Pflanzfuhren zu zählen, und er selber machte -sich an dem Grabenkopf zu schaffen.</p> - -<p>Nach einer Weile meinte er: »Nun geh man -wieder nach Hause. Ich will nach dem Förster -gehen und ihn fragen, ob er mir mit Pflanzfuhren -aushelfen kann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p> - -<p>»Na, kannst auch mitgehen,« rief er hinter -ihm her; »wir haben auf dem Kruge noch einen -Korb stehen und das vergißt sich sonst.«</p> - -<p>Sie gingen den Pattweg entlang, den Hehlmann -gestern gegangen war. Als sie an dem -Königlichen waren, blieb der Bauer stehen: »Ich -glaube, am besten gehen wir über den Windbruch, -das ist ein Richteweg.« Er wandte sich -nach links, bis er an die verwachsene Bahn -kam, und bald standen sie auf der Blöße.</p> - -<p>Heute sah es da anders aus. Die Grauartschen -sangen und die weißen Buttervögel flogen -um die Disteln.</p> - -<p>»Ich glaube, so gehen wir am besten,« rief -er laut, und schlug die Richtung nach der Stelle -ein, wo gestern abend das Wildkalb gestürzt war.</p> - -<p>Aber da war nichts zu sehen. »Donnerschlag, -was ist das hier für ein dummes Gehen,« -rief er dann wieder laut; »wir müssen mehr -nach links, hier füllen wir uns bloß die Schuhe<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -voll,« und damit steuerte er nach der krausen -Fichte, von wo der Schuß gefallen war.</p> - -<p>»Die Fliegen sind rein zu doll heute,« rief -er und sah sich um; »ich will mir eine Pfeife -anstecken. Der Förster wird uns ja wohl nicht -gleich schnappen.«</p> - -<p>Er faßte in die Tasche. »Den Deubel, nun -habe ich den Kopf verloren! Das ist mir sehr -ärgerlich, der war noch von meinem Vater selig; -den kann ich nicht missen. Wollen mal suchen, -ob wir ihn nicht wieder kriegen. Wenn du ihn -findest, kriegst du ein Kaßmännken. Es ist der -weiße Kopf mit dem Bild von Eidig darauf.«</p> - -<p>Sie suchten hin, sie suchten her. Hehlmann -ging das Ende zwischen der krausen Fichte und -dem Wurfboden, wo das Wild gestanden hatte, -ab und ließ dabei den Pfeifenkopf fallen.</p> - -<p>Er sah allerlei umgebrochene Himbeerruten, -aber das konnte das Wild auch getan haben, -denn alte Fährten waren da genug. Aber eine<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -frische Menschenfährte oder Blut fand er nicht; -es hatte über Nacht zu gefährlich nachgeregnet.</p> - -<p>Als er zum dritten Male zurückkam, sah er -etwas Weißes im Grase liegen. Er ließ sein -Taschentuch fallen und hob es auf. Es war ein -Gewehrpfropfen aus Zeitungspapier.</p> - -<p>Er wischte sich die Stirn ab und steckte Tuch -und Papier ein. Da hörte er den Jungen rufen: -»Ich hab'n!« Er zwang sich zum Lachen und -sagte: »Du bist ein ganzer Kerl! Dafür sollst -du noch ein Glas Bier haben. Nu geh' man vor!«</p> - -<p>Als sie im Holze waren, holte er das Papier -heraus und machte es auf. Es war ein Stück -von der Zeitung, die der Förster hielt.</p> - -<p>Dem Bauern war zumute, als wenn er losweinen -sollte. Also hatte er doch recht gehört; -es war ein zweiter Schuß gefallen.</p> - -<p>Als er beim Forsthaus war, lief es ihm kalt -über, aber er nahm sich zusammen und rief -der alten Frau, die dem Förster die Wirtschaft -führte, zu: »Is er inne?« und als sie sagte:<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -»Nee,« war er heilsfroh, denn mit dem Manne -wollte er nicht gern zusammentreffen.</p> - -<p>Im Piewittskruge war es, als wenn eine -Leiche im Hause war. Zwei Anbauern saßen -still bei ihrem Schnaps.</p> - -<p>»Ist Klas noch nicht zurück?« fragte er sie. -Die Männer schüttelten schweigend mit den Köpfen.</p> - -<p>»Trink erst, Junge,« sagte er dann, »und -denn geh' mal nach dem Voßhofe, wenn der -Bauer noch nicht da wäre.«</p> - -<p>Der jüngere von den beiden Gästen sah auf, -als der Knecht fort war: »Der kommt nicht -wieder,« und dann sprach er ganz leise: »Der -Förster, der Pollack, alle glaubten sie, das ist -ein dummer Kerl, weil er sich immer so anstellt. -Ich habe ihn aber gesehen, als er dicht -an mir vorbeiging und ich hinter dem Busche -stand, und ich sage: der stellt sich bloß dumm. -Und wer ihm in die Augen sieht, der weiß Bescheid: -der hat ein Gewissen, wie ein Schlachterhund. -Warum ist er denn gestern allein nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -zum Appell hingewesen. Die Olle, die er bei -sich hat, sagt, er hat es im Leibe gehabt und -hat den ganzen Tag im Bett gelegen. Na, und -als ich bei zehn Uhr nach dem Wetter sehen -wollte, ich müßte mich doch sehr irren, wenn -er das nicht war, der über das Feld zu gehen -kam.«</p> - -<p>Der Junge kam zurück: »Er ist noch nicht -inne. Die Frau ist ganz von sich; sie schreit in -einem fort nach ihm.«</p> - -<p>Hehlmann gab ihm das Fundgeld. »Wenn -du ausgetrunken hast, laß dir den Weidenkorb -geben und geh' zurück. Ich komme so bei neun, -sag' man.«</p> - -<p>Die alte Kastenuhr ging hart und die Fliegen -summten. Die Männer sahen in ihre Gläser.</p> - -<p>»Als ich noch Hütejunge war,« fing zuletzt -der ältere Mann an, »da hatten wir hier einen -Förster, der wurde der schwarze Schmidt genannt, -weil er einen Bart hatte wie Pech. Das -war auch so einer. Er hielt sich immer für sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -und man sah ihn nicht kommen, noch gehen. -Wie manches Mal habe ich mich verjagt, wenn -er wie aus der Erde gewachsen da stand.«</p> - -<p>Er besann sich eine Weile, trank einen kleinen -Schluck und fing wieder an: »Damals ist ein -Bauernsohn und ein Knecht hier fortgekommen. -Kröger hieß der eine und der andere, wie hieß -der doch? Timmermann, glaub' ich. Das waren -beide Freischützen. Man hat da nichts wieder -von gehört. Was unser Vater war, der sagte: -Der Förster hätte sie totgeschossen und ausgezogen -und in den dichten Busch geschleppt, für -die wilden Schweine, und die lassen nichts von -übrig, als die großen Knochen. So wird es mit -Kordesklas auch sein.«</p> - -<p>Hehlmann schudderte es. Er trank seinen -Schnaps aus und schenkte sich noch einen ein.</p> - -<p>Er saß bis neun Uhr im Kruge, aber von -Kordes kam keine Nachricht. Am anderen Tage -auch nicht. Und überhaupt nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p> - -<p>Der Gendarm fragte überall um, konnte -aber nichts herauskriegen. Von Celle kamen -die Gerichtsherren; es war ihnen ein Brief ohne -Unterschrift zugegangen, worin es hieß, daß der -polsche Förster Kordes umgebracht hätte und -darunter stand: »Auge um Auge, Zahn um Zahn!«</p> - -<p>Der Förster wurde vernommen, aber er blieb -dabei, daß er das Laufen gehabt hätte und von -Mittag an im Bett geblieben sei.</p> - -<p>Am anderen Tage lagen seine beiden Hunde -tot im Stall. Als er abends den Laden zumachte, -wurde nach ihm geschossen. Die Haushälterin -sagte ihm auf. Kein einer Mensch bot -ihm die Tageszeit.</p> - -<p>Wenn er durch das Dorf ging, schrie es von -irgendwo her: »Bluthund, polscher Mörder, Kain, -wo ist dein Bruder Abel?« Wo er sich sehen -ließ, pfiffen die Männer das Lied von dem Freischütz, -den der Jäger totschoß, und die Kinder -schimpften hinter ihm her.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>Die Pflanzkämpe in seinem Belaufe waren -in einer Nacht kurz und klein getrammpt und in -der anderen brannte der Schuppen beim Forsthause, -und keine Hand rührte sich, um beim -Löschen zu helfen. Der Krämer und die Wirte -verkauften ihm nichts mehr.</p> - -<p>Er mußte versetzt werden. Bei Nacht und -Nebel zog er ab.</p> - -<p>Kordesklas aber blieb verschwunden.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-184.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-185.png" alt="Grummet" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<h2 id="Grummet">Grummet.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Die Bäuerin hatte sich zuerst um ihren -Bruder ganz mächtig angestellt und Tag -und Nacht gejammert, als aber eine -Woche um war, konnte sie schon wieder -schimpfen und lachen.</p> - -<p>Dem Bauern ging es viel näher. Nun war -er so kahl wie ein Birkenbaum vor dem Winter. -Er war nicht mehr der lustige Mann von früher; -er hatte einen Mund und Augen wie ein alter -Mann. Zu keinem Menschen konnte er sich -aussprechen, und darum fraß es so an ihm.</p> - -<p>Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an -Meta. Er hatte das Korn fortgeschüttet und das -Kaff aufgehegt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p>Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem -Mädchen nieder. Er hatte es nicht anders -erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt, -und dann, weil sie die ganze Zeit über so schlecht -aussah.</p> - -<p>»Das habe ich davon,« sagte er sich, als er -über die Haide ging, in der die Birken so gelb -wie Gold waren. Der Wind riß die alten -Blätter von ihnen ab und trieb sie über den -Dietweg.</p> - -<p>»Was habe ich von dem wilden Leben -gehabt?« Miken, die Piewittskrügerin, Trina -und die anderen, er hatte jetzt nichts davon, als -einen schlechten Nachgeschmack.</p> - -<p>Das Einzige, was sich gelohnt hatte, war die -Zeit gewesen, wo er und Meta Liebesleute -waren. Er war dumm gewesen, mehr als -dumm und schlecht obendrein.</p> - -<p>»Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte -er. »Eine Frau, die ich nicht sehen kann, und -keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -kam, das wußte er, es würde auch ein -Mädchen werden.</p> - -<p>So wurde es denn auch. Zwei Jahre später -war noch ein Mädchen da. Er hatte es vorausgewußt, -aber es war doch ein harter Schlag -für ihn.</p> - -<p>Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte -Zeit immer stiller geworden; sie hielt sich -ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo -sie konnte. Sie hatte einmal mit anhören -müssen, wie die Großmagd zu Durtjen sagte: -»Der Bauer kann einen dauern; was hat die -Frau bloß aus ihm gemacht!«</p> - -<p>Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber -ein Bild von Mensch. Wenn sie mit hochgesteckten -Röcken nach den Ställen ging, mußte -der Bauer hinter ihr hersehen.</p> - -<p>Und sie sah hinter ihm her. Es war kein -Mann auf dem Hofe, der gegen ihn aufkam. -Der erste Knecht war versprochen, der zweite -gehörte zu den Stillen im Lande und sah an<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte zählten -nicht mit.</p> - -<p>Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine -schöne Stimme. Wo sie ging und stand, sang -sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das -bald spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens -Liebeslieder, und wenn sie dem Bauern einen -Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte: -»Merkst du was?«</p> - -<p>Hehlmann aber biß die Zähne zusammen; -er wollte keine neuen Heimlichkeiten, er hatte -ganz genug an den alten; so wurde er von -Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich -gleich und war immer freundlich zu ihm, und -wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, -es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte, -denn trotz allem: er war doch noch ein junger -Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für -den Durst.</p> - -<p>Er war aber immer gut zu ihr, denn sie -tat ihm leid, und er sah, daß sie alles tat, um<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie -sich zu stellen gewußt und die war froh, daß -es jetzt sinnig auf dem Hofe zuging.</p> - -<p>»Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß -ihren Mann in die Rippen, daß er vor Angst -an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut -du es hast, daß ich dich genommen habe. Denk' -mal bloß, du wärest der Bauer und hättest diese -Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man -kann nicht recht froh darüber werden. Es ist -ein Kreuz und ein Elend, daß Meta damals hier -wegmußte.«</p> - -<p>Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe -gewesen; Durtjen hatte sie noch einmal besucht -und sie wohl und munter angetroffen. Sie -hatte das Leit in die Hände genommen und ihre -Schwägerin, die immer noch nicht so ganz in -die Reihe kommen wollte, war es zufrieden, -und der Bauer war froh, daß Meta das Regiment -führte. Von früh bis spät war sie im Gange: -sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -an; bei der Arbeit war sie über ihre Gedanken -weggekommen und war wieder so hübsch, wie -früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden.</p> - -<p>Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie -hörte, war nicht danach, daß sie Freude daran -hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge -verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die -ein ordentlicher Mann hingehörte; dann hatte -sie auch vernommen, daß er zu viel auf die -Jagd gehen sollte und oft mehr trank, als es -gut war; und mit den Karten befaßte er sich auch.</p> - -<p>Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da -wurde es ihr klar, warum ihr Göde, wie sie -ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn -gekommen war. »Freude kann er an der -Frau nicht haben,« dachte sie; »vorzüglich, wo -er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.«</p> - -<p>Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt. -Die beiden Kinder gediehen, aber da es keine -Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p> - -<p>In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil -von da aus das Unglück gekommen war; zudem -verkehrten da jetzt meist nur Knechte und -fremde Völker.</p> - -<p>Die Jagd war ihm halb und halb verleidet; -er ging nur mit der Büchse los, wenn das Wild -ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen -Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er -an den Oberförster verpachtet; er wollte damit -nichts mehr zu tun haben.</p> - -<p>Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn -er in den anderen Wirtschaften einkehrte, trank -er, bis ihm die Augen klein wurden und ging -dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage -schämte er sich.</p> - -<p>Als er im Bruche Grummet auflud, nahm -Anna ab. Es war ein Hauptheuwetter an dem -Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen -haben und das ganze Bruch voll von Lachen -und Juchen ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p> - -<p>Jedes Mal, wenn das Mädchen das Schoof -annahm, sah sie ihm in die Augen. Der helle -Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre -Arme, das war eine wahre Pracht, wie rund die -waren und so schön braun.</p> - -<p>Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr -unter einer krausen Fuhre, und es fiel ihm auf, -wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß, -denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften -hatte essen sehen, war es ihm zuwider, wenn -einer hörbar oder hastig aß.</p> - -<p>Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein -süßer?« fragte sie und sah ihn aus kleinen -Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte -er die Flasche hin und nahm sie in den Arm.</p> - -<p>Hinterher war er es, der an die Folgen -dachte, aber das hübsche Mädchen lachte und -sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten -mache; dafür kann ich dich viel -zu gut leiden. Da hast du meine Hand drauf.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<p>Er nahm sie wieder in den Arm und sagte: -»Es ist nicht wegen mir, aber du bist zu schade -dafür.«</p> - -<p>Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist -schade? Soll ich warten, bis ich alt und kalt -bin? Was sein muß, das muß sein.«</p> - -<p>Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue -Heimlichkeit nahm die alte weg, und er hatte -jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich -sprechen konnte.</p> - -<p>Seitdem das erste Kind gekommen war, -schlief er wieder für sich und so war es ihnen -leicht gemacht, zusammen zu sein.</p> - -<p>Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die -Bäuerin etwas merkte, aber sie sagte nichts. -Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam -er sich schlecht vor.</p> - -<p>An einem Sonntag war er ganz allein mit -Anna auf dem <span id="corr191">Flett</span> und sie saß auf seinen -Knieen. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht -auf die Zeit gepaßt und so kam es, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte sich -sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh -gleich mal nach, ob Eier da sind; wir wollen -Pfannkuchen backen.«</p> - -<p>Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen -hatte, nur daß sie den ganzen Abend nicht aufsah.</p> - -<p>Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen; -er schämte sich vor seiner Frau. Hätte sie -Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht -nicht so aufgestunken.</p> - -<p>Am Morgen ging er der Magd in den Stall -nach. Sie schlug die Augen unter sich, als er -kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr -ging es nicht anders, als ihm.</p> - -<p>»Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun -aufhören mit uns. Kommt es rund, dann bist -du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und -dabei wies er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause, -»das Herz nicht noch schwerer machen. -Sie trägt schon schlimm genug daran, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -wir keinen Jungen haben. Du mußt fort von -hier.«</p> - -<p>Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging -auf und ab und die Tränen liefen ihr aus den -Augen.</p> - -<p>»Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort, -»du weißt, ich kann dich leiden; gerade deshalb -mußt du gehen. Es gibt noch mehr Männer -auf der Welt und was ich dir an dem Tage -beim Grummet sagte: du bist zu schade für eine -Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und -nun nimm mir das nicht vor übel: du bist ein -armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle -und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse -so viel für dich auf, daß du eine gute -Aussteuer und noch was in der Hand hast und -das kannst du abheben, so bald du einen ordentlichen -Kerl findest. Schwer wird dir das ja -nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau -auf und siehst dich nach was anderem um.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p> - -<p>Er gab ihr die Hand, drehte sich um und -ging lauten Schrittes durch den Stall, denn wenn -er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die -Macht über sich.</p> - -<p>Am Abend ging er in den Krug, trank aber -so gut wie nichts und ging bei Dunkelwerden fort.</p> - -<p>Es war der erste schöne Märzabend und die -Mädchen gingen untergehakt über die Straße -und sangen eins von den Liedern, die der -Pastor nicht haben wollte.</p> - -<p>Langsam ging er den Pattweg durch die -Haide und dachte an die Nacht nach dem Erntebier, -als er mit Meta hier gegangen war. Wie -lange war das schon her! Damals sah er über -die Fuhren weg; heute konnte er das nicht mehr.</p> - -<p>Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich -um. Am Himmel stand der halbe Mond und -alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -vor ihm und polterte in die Fuhren, und vom -Hofe her rief die Eule; es war ganz so wie an -jenem Abend.</p> - -<p>Das Herz wurde ihm schwer; nun war er -wieder ganz allein. Aber es mußte sein; zu -sehen, wie sich seine Frau unter die Erde -grämte, das ging nicht. Wenn sie von Anfang -an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er -mit ihr ein ganz gutes Leben haben können.</p> - -<p>Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich -auseinandergewöhnt. Seine Schuld war es nicht, -aber es traf ihn mit.</p> - -<p>Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen -die Deckenbalken. Sie waren so angeordnet, -daß es wie ein <em class="antiqua">AH</em> aussah, und dem Bauern -fiel es ein, daß das Mädchen eine Nacht, als es -mondhell war, ihm zugeflüstert hatte: »Kiek, da -steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das -barsch verwiesen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p> - -<p>Er seufzte tief auf und warf sich hin und -her; das Lied, das die Mädchen im Dorfe gesungen -hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und du bleibst bei mir,<br /></span> -<span class="i0">schläfst bei mir,<br /></span> -<span class="i0">schläfst die liebe lange Nacht bei mir,<br /></span> -<span class="i0">ju, ja, Nacht bei mir<br /></span> -<span class="i0">im dustern Kämmerlein.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-201.png" alt="Der Blaurand" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Blaurand">Der Blaurand.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-o.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand -aus, als sie der Bäuerin die Hand gab.</p> - -<p>Als das Mädchen aufsagte, meinte -die Frau zu dem Bauern, ohne aufzusehen: -»Sie wird uns schwer abgehen, so fix -wie sie bei der Arbeit war.«</p> - -<p>Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr -Mädchen, die arbeiten können. Wer fort will, -den soll man nicht halten.«</p> - -<p>Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als -das Nötigste mit ihr gesprochen.</p> - -<p>Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann -durch das Dorf. Als er an dem braunen -Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein:<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -»Weißt du schon, daß der junge Herr vom Gute -sich umgebracht hat?«</p> - -<p>Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?«</p> - -<p>Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es -eben erzählt; er hat es gestern in Celle gehört. -Es soll um das rote Miken gekommen sein. -Mit der hat er es immer noch gehalten, auch -nachdem er schon befreit war, oder vielmehr, -das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem -er zu Gelde gekommen war, und da hat -sie ihm irgend eine Schweinerei gemacht. Schade, -es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah -er ja meist was still aus.«</p> - -<p>Abends sah Trina ihren Mann immer von -der Seite an, aber fragen mochte sie nicht, denn -sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich -kam er von selber mit der Sprache heraus und -als wenn er zu sich selber redete, sprach er vor -sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das -kommt von den Heimlichkeiten; ein verheirateter<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -Kerl muß klare Bahn um sich haben, sonst tut -das kein gut.«</p> - -<p>Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in -die Augen und brachte es fertig, ihm die Kinder -zu bringen und sich dicht bei <span id="corr201">ihm</span> zu stellen, -wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es -bei kleinem zwischen ihm und ihr halbwege -richtig.</p> - -<p>Aber auch nur halbwege, denn die Liebe -fehlte und das Vertrauen. Hehlmann konnte es -sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten -konnte, aber bei Trina brachte er es -nicht fertig. So blieb er im Grunde ganz für -sich und war ärmer als der ärmste Knecht.</p> - -<p>In der hillen Zeit merkte er davon wenig, -wenn die Arbeit aber nachließ, kam die Unruhe -wieder über ihn und dann blieb ihm nichts -übrig als zu trinken.</p> - -<p>Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug -er einen gehörigen Stiefel voll, aber unglücklich, -wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier und<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -der Schnaps das Geblüt und wenn er seine -Ladung hatte, dann stieg ihm der Ekel über sich -selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um -und dann warf er mit dem Gelde um sich und -spielte bis in den hellichten Morgen.</p> - -<p>Am anderen Tage war ihm dann zumute, -als müsse er sich in die Erde verkriechen und -ihm wurde nicht eher besser, als bis er von -neuem hinter dem Blaurand saß.</p> - -<p>Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten -Kruge, einen gefährlich großen Wachtmeister mit -doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen -im Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust, -wie der Hansbur sie hatte, dazu gehörte, daß -er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas -stand auf dem Bört über dem Tische, an dem -er immer saß und kein anderer durfte daraus -trinken.</p> - -<p>Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf -dem zwischen zwei Palmblättern zu lesen stand: -Liebe mich allein oder lasse ganz es sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p> - -<p>An einem schmählich kalten Dezemberabend -war er nach der kalten Flage gegangen, um -auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der -Jagd auch nicht so viel mehr machte als vordem, -er brachte doch den Abend damit hin, -denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen -und nichts zu sagen; denn außer über alltägliche -Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in -das Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine -Art hatte. Wenn sie sich auch noch so viel -Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte -nicht weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus.</p> - -<p>So saß er denn in seinem Anstandsloche und -sah auf den Schnee, bis es ihm bunt vor -den Augen wurde. Ihn fror, denn der Wind -kam scharf von Morgen, und um sich warm zu -machen, nahm er ab und zu einen Schluck.</p> - -<p>Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit -der Kälte und da sich der Wind auch gedreht -hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter -auf die Sauen paßte, und deshalb ging er nach<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -dem alten Kruge; da saß schon der wilde Meyer, -der rote Schmidt und der Müller.</p> - -<p>Sowie er in die Tür trat, sprang der wilde -Meyer auf und hielt eine Rede auf Hehlmann -und dann brachte er ihm ein Horüdho nach -alter Art aus, daß ihm das Maul schäumte, und -die anderen, die alle Jäger waren, gaben Hals -wie eine vollzählige Meute.</p> - -<p>»Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote -Schmidt, »jetzt wird Hatten Lena gespielt, daß -die Haide wackelt.«</p> - -<p>Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem -fort gesungen wurde: »Hatten Lena mit de -Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apen -mal din Etelschapp, min Magen bellt ganz lut; -un wenn du noch wat owar hest, so lang man -her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp, -kiek mal to'n Finster rut.«</p> - -<p>Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein -Krug, je nachdem, was getrunken wurde, und -da waren mit Kreide Striche angemacht, und<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -wer verspielte, mußte bis zu dem nächsten -Striche trinken und ein Stück Geld in die Pinke -schmeißen.</p> - -<p>Na, das ging dann nun los und es traf sich, -daß Hehlmann fünfmal hintereinander trinken -mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept -vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen -Schuß Wasser. So kam denn ein großmächtiger -Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht -lange, da hatten sie alle Köpfe wie Legehühner, -vorzüglich der Hansbur, der sich in der kalten -Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein -doppeltes Loch riß.</p> - -<p>Als der Stiefel leer war, schrie der rote -Schmidt, der mit Getreide handelte: »Auf einem -Bein kann man nicht stehen, außer wenn 'n -Adebar ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der -ledig war, hieß es: »Aller guten Dinge sind -drei,« und der Krüger füllte von frischem auf.</p> - -<p>Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür -auf und der Sägemüller Vodegel kam herein,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule -Hehlmann eins hinter die Ohren geschlagen -hatte, als sie noch Jungens waren, und auf den -dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die -Ohrfeige behalten mußte.</p> - -<p>Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er -hatte im braunen Roß eine Wette mit vertrinken -helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er -seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte.</p> - -<p>Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so -eigen mit dem Glase und dem Kruge war, -langte er sich den Blaurand und den Krug von -dem Bört, schenkte sich einen Schnaps und Bier -ein und prostete die Gesellschaft an.</p> - -<p>»Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen? -Du weißt doch, daß das meins ist!« rief der -Hansbur ihm zu.</p> - -<p>»Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,« -antwortete der Sägemüller, »das schadet dem -Glase nicht und dir nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p> - -<p>Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich -sage, du stellst das Glas hin, ich trinke nicht mit -jedwedem aus einem Glase!«</p> - -<p>Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl -bloß Grog?«</p> - -<p>»Das kann ich machen, wie ich lustig bin. -Setz' das Glas hin!«</p> - -<p>»Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und -überhaupt, befehlen lasse ich mir von dir nicht.«</p> - -<p>Damit setzte er das Glas an den Mund, aber -ehe er zum Trinken kam, schlug ihm der Hansbur -das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs -auf den Estrich fiel.</p> - -<p>Er stand aber gleich auf, wischte sich das -Blut von dem Munde und ging hinaus.</p> - -<p>Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die -anderen sagten nichts, denn Hehlmann sah zu -gefährlich aus, und als der Müller aufstand, -gingen sie alle.</p> - -<p>Als der Hansbur allein war, lachte er vor -sich hin; nun hatte er die Ohrfeige bezahlt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p> - -<p>Je länger er aber ging, um so mehr schlug -es in ihm um, denn die scharfe Luft und der -Grog hatten ihn zwischen sich und als er in der -Haide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee -standen, war ihm hundeelend zumute.</p> - -<p>Wie ein Stromer hatte er sich benommen; -ohne Not hatte er zugeschlagen, und einen -Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und -dann sah er sich da sitzen und saufen und -bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn -so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte.</p> - -<p>Da sah er, daß er das Gewehr bei sich -hatte; es wurde ihm schwarz vor den Augen, -er nahm es von der Schulter, zog den Hahn -über, stellte den Kolben in den Schnee, hielt die -Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit der -Stockzwinge den Abzug durch.</p> - -<p>Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der -hieß Widu und hing sehr an dem Bauern. Der -hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht,<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -und als er zurücklief, kam er unter dem Winde -da vorbei, wo Hehlmann lag.</p> - -<p>Er lief hin, roch an ihm herum, und als er -das Blut spürte, heulte er los und lief so schnell -wie er konnte nach dem Hofe und bellte den -Knecht heraus.</p> - -<p>Der verwies ihm erst das Bellen, als der -Hund sich aber immer gefährlicher anstellte, -ging er hinter ihm her und fand den Bauern -im Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die -anderen Knechte und auf einer Wagenleiter -trugen sie den Bauern in das Haus.</p> - -<p>Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder -zu sich; er hatte nur einen Prellschuß über dem -linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief -bis in den hellichten Tag hinein.</p> - -<p>Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach -und nach alles ein, was sich begeben hatte, und -er wünschte sich, daß er besser getroffen hätte, -so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -Leute an ein Unglück glaubten und nicht daran -dachten, daß er Hand an sich gelegt hatte.</p> - -<p>Nachmittags kam der Vorsteher und fragte, -wie das mit der Schlägerei gekommen sei. »Der -Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte -er; »er hat ein Maul wie ein Baumaffe!«</p> - -<p>Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal -abgehalten und folgender Spruch gefunden: -»Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er -angefangen hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung -hat er nicht davongetragen. Item: es -ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu -ziehen.«</p> - -<p>Aus dieser Gefahr war der Hansbur also -heraus; um so schlimmer ging er mit sich selbst -zu Gerichte.</p> - -<p>Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so -getroffen, wie er es vorhatte, dann lebte der -nicht mehr, und weshalb? um ein lumpiges -Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der -Grog! Weswegen hätte er beinahe Schimpf<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn -er die letzte Nacht das Gewehr anders gehalten -hätte? Weil er angetrunken war! Warum -quälten Trina und er sich miteinander hin? -Weil er damals beim Trinken nicht hatte Maß -halten können.</p> - -<p>Es war ein Sonntag; der Wind trug das -Kirchenläuten heran. Heute war die Reihe an -ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen; -aber so, wie er aussah, konnte er dem Pastor -nicht unter die Augen gehen. Eine Schande -war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so -aufzuführen.</p> - -<p>So dachte er, und als er allein war, schlug -er die Beilade auf, um die Bibel herauszulangen. -Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt -oft darin. Aber das Hausbuch lag da und das -nahm er sich und setzte sich damit in den -Backenstuhl hinter den Ofen.</p> - -<p>Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen, -um die Todestage der Eltern, seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben; -jetzt las er es von oben bis unten -und immer mehr wurde es ihm sichtbar, daß -er auf dem besten Wege war, einer von denen -zu werden, deren Namen in dem Buche nicht -mit Ehren genannt werden konnten.</p> - -<p>Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre -1711 durch den Branntwein zum Mörder geworden -war und dem der Henker den Kopf -abgeschlagen hatte; er stellte sich vor, wie -es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe ausgesehen -habe, und er machte einen neuen -Strich in sein Leben.</p> - -<p>Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe -war, hatte er stand gehalten, und wenn ihm -auch noch so blanke Augen gemacht wurden; -und so wollte er es hinfort auch mit dem -Schnaps halten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-217.png" alt="Herzbube" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p> - -<h2 id="Herzbube">Herzbube.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-l.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Leicht wurde ihm das nicht und zu Zeiten -meinte er, er müßte verrückt werden, -oder etwas Schlimmes anstellen, wenn -er sich nicht ab und an volltrinken -könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem -Leibe, die erst wegging, wenn er in lustiger -Gesellschaft war.</p> - -<p>Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn -Gewitterluft war oder das Wetter umschlagen -wollte oder Vollmond war; dann hatte er -dunkle Augen und einen unruhigen Blick und -konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was -sonst nicht seine Art war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span></p> - -<p>Dann sagte er, er habe Geschäfte und ritt -fort, und wenn er im Galopp über die Haide -ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein, -was er damals bei der Verlobungsfeier in -Hohenholte über sich gehört hatte.</p> - -<p>Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen, -und als er hinter der Hagebuchenhecke stand -und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß -die Herren über ihn redeten.</p> - -<p>»Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister -gesagt; »aber glücklich ist er nicht. Der -müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen -kann.«</p> - -<p>»Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist, -als ob man einen von den alten Longobarden -sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen, -sich die Lappen und Eskimos ansahen, die hier -herumkrebsten, und sagten: ›So, nun willt wi -erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen -Betrieb infoihren!‹ Er hat das Zeug zu einem -Eroberer in sich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p> - -<p>Es ist wahr, dachte er, als er so über die -Haide ritt; Tag für Tag dasselbe, heute säen, -morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er -nur einen Menschen hätte, dem er sagen könnte, -wie ihm um das Herz war.</p> - -<p>An Meta dachte er nicht; das war lange -vorbei. Zum Piewittskruge ging er nicht; da -wollte der Mann sein Geld und die Frau, die -war hübsch, aber schlecht und dabei dumm. -Takelzeug war es.</p> - -<p>Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht -gewesen, aber der hatte doch Verstand für ihn -gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte -die jetzt sein? Wenn er an den Morgen dachte, -als er ihr im Stall sagte, sie müsse vom Hofe, -dann tat ihm das Herz weh.</p> - -<p>Da hatte er einen Menschen für sich gehabt, -einen Menschen treu wie Gold, und er hatte ihn -fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand -er da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den -die anderen vom Rudel abgeschlagen haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<p>Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte -sich in die Bügel und sah über das Bruch, das -von dem blühenden Post rot und gelb war. -Ihm war, als müsse er da einen Feind sehen -und ihn über den Haufen reiten.</p> - -<p>Er ritt unter dem Uhlenbrink her und bog -in den Kösterdamm ein, der in die Mordhaide -führte; da war es kahl und leer wie in einer -Bettlerhand. Er gab dem Fuchs die Eisen und -der ging in voller Fahrt erst über das blanke -Haidfeld und dann durch die Machangeln, die -vor den Bruchwiesen standen.</p> - -<p>Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte -und ging zurück. Er gab ihm ein über das -andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der -Fuchs den Kanal, sprang aber zu kurz, trat -mit den Hinterfüßen in das Wasser und warf -den Bauern über sich fort.</p> - -<p>Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß -das Pferd das Gesicht hatte, was sie annehmen, -wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich -aus. Es lag mit dem Hinterleibe im Kanal, -schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke -und schrie.</p> - -<p>Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut -war und als er näher ging, fand er, daß der -Fuchs sich einen Pfahl, um den altes <span id="corr219">Reet</span> -stand, tief in die Brust gejagt hatte, und jedesmal, -wenn er schnob, flog ihm das Blut hellrot -aus Maul und Nase.</p> - -<p>Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen -war. Er faßte nach der Hosennaht, aber er -hatte das große Messer nicht bei sich und das -Klappmesser dünkte ihm zu klein.</p> - -<p>Aber länger konnte er es nicht mit ansehen, -wie der Fuchs sich zu Tode quälte. Er überlegte -einen Augenblick, dann trat er dicht -hinter das Tier, holte aus und schlug es -mit der vollen Faust gegen den linken Schlaf, -und so wie der Schlag gefallen war, ließ es -den Kopf hängen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als -müsse er sich über seine Kraft freuen. Dann -nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs -die Schlagader am Halse durch und blieb so -lange dabei stehen, bis er abgeblutet war.</p> - -<p>Einen Augenblick schämte er sich; er hatte -das schöne Tier unnütz in den Tod gejagt. Aber -dann bekam er blanke Augen; es war doch -einmal etwas anderes, und wie er so dastand -und das tote Tier ansah, das halb auf dem Ufer -und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie -einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit, -wenn der Himmel über dem Walde rot wird, -langsam über das Schlachtfeld zu reiten und -auf die hinzusehen, die steif und kalt neben -ihren toten Pferden lagen.</p> - -<p>Das war denn doch noch ein Leben; wenn -man auch selbst dabei vor die Hunde ging, das -machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte -auch so gedacht. Der alte Pastor war beinahe -umgefallen, als er Wolf fragte: »Was ist ein<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet -hatte: »Kugel vor den Kopf, Herr Pastor, -und Salve über dem Grabe.«</p> - -<p>Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch -anders als er sich das dachte, aber eine Salve -nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner -jungen Frau auf sein Totenhemd; nun lag er -in der Erde und fror, weil die Tränen nicht -trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm -und steif über den Hof und konnte nicht mehr -lachen.</p> - -<p>Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann -warf den Kopf in den Nacken: was man -belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur -etwas belebt. Und er wollte etwas beleben, -koste es, was es wolle.</p> - -<p>Miken war jetzt wieder in Celle; der rote -Schmidt hatte sie da getroffen. Er hatte Lusten, -sie einmal wieder lachen zu hören. War es -auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man -bei ihr nicht sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p> - -<p>Hehlmann überlegte. Von hier bis zum -Piewittskruge war es eine kleine Viertelstunde. -Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn -nach Celle fahren und auf dem Hehlenhofe -Bescheid sagen lassen.</p> - -<p>Mit großen Schritten ging er durch das -Bruch; die Postbüsche sahen in der Abendsonne -so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf -und ab und schrieen, in der Luft waren der -Bewerbock zu Gange und die Birkhähne balzten, -daß es eine Art hatte.</p> - -<p>Rund und rot kam der Mond hinter der -Wohld in die Höhe; Hehlmann meinte, so groß -und rot hätte er ihn noch kein Mal gesehen. -Die Enten strichen hin und her, die Rehe standen -im Nebel, und in der hohlen Grund rief der -Moorochs.</p> - -<p>Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein -schwarzer Strich und darunter noch einer, und -auf einmal waren es zwei Augen und Nase und -Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -lachte. »Das sieht ja putzwunderlich aus,« dachte -er und dann trat er über die Straße und stieß -die Türe zum Piewittskruge auf.</p> - -<p>Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war -da und der wilde Meyer und Pohlmann und -Schwen und Scheele und Drewes und Lühner -auch. Sie saßen um den runden Tisch, tranken -Wein und spielten Karten.</p> - -<p>Die Krugwirtin machte blanke Augen, als -der Hansbur eintrat. Sie rückte ihm den großen -Stuhl hin und daneben noch einen für ihre -Nichte, ein hübsches Mädchen mit grallen Augen.</p> - -<p>Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in -seinem Fahrwasser; er bestellte vom besten, was -im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf -den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie -große Männer spielen und nicht um Bohnen und -Pfennige!«</p> - -<p>»Das soll ein Wort sein,« rief der wilde -Meyer, und das Spiel ging los. Als sie eine -Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -ganzes Geld los. Er hatte viel getrunken, denn -die Aufregung mit dem Pferd und das schnelle -Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er -dem Wirt, der auf einen Augenblick in die Stube -kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib mal 'ne -Hand voll Taler her!«</p> - -<p>Das tat der liebendgern, denn es war eine -Ewigkeit her, daß der Hansbur sich dort hatte -sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er -ihm gefällig sein konnte.</p> - -<p>Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper; -Hehlmann aß, wie er lange nicht gegessen -hatte. Da die Wurst scharf und der Käse -alt war, so trank er tüchtig dabei und es dauerte -nicht lange, da hatte er die Alma auf dem Schoße -sitzen.</p> - -<p>Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar -sie noch jung war, verstand sie doch schon gut -mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur -ganz vergaß, daß er nach Celle zu Miken -fahren wollte. Er nannte sie seine Coeurmadam<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als -er ihr ins Ohr flüsterte: »Wenn die anderen -man erst weg wären.«</p> - -<p>Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte, -aber sie gingen erst, als er auch das Geld, das -er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war, -und da saß er denn mit der Alma auf der -Faulbank, bis die Frau in den Keller ging, um -Wein zu holen.</p> - -<p>Sie blieb lange aus, und als sie wieder -kam, plinkte sie ihrer Nichte zu, und die verstand -und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis -eine Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand.</p> - -<p>Als Hehlmann einige Tage später zum -Piewittskruge ging, um seine Zeche glatt zu -machen, die alles in allem so fünfzig Taler -ausmachte, gefiel ihm die Alma kein bißchen -mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre -Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb -darum auch nicht lange und ließ sich nicht -wieder sehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p> - -<p>Er hatte sich den anderen Tag weiter keine -Gedanken gemacht, wie damals, als er Vodegel -den Blaurand in das Maul geschlagen hatte, -denn er sagte sich: Geschehen ist geschehen! -Aber er sagte sich auch, daß er bei den Leuten -keine Achtung mehr haben würde, wenn es -herumkäme, wie er es getrieben hätte.</p> - -<p>Als seine zweite Tochter ihn eines Abends -in den Arm nahm und ihm einen Kuß gab, da -fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das -Frauenzimmer im Piewittskruge geküßt hatte -und die Wirtin auch; und die waren für jeden -da, der Geld auf den Tisch warf.</p> - -<p>So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß -in den Krug zu setzen und hielt Wort.</p> - -<p>Das wurde ihm nicht schwer, denn eines -Abends kam der wilde Meyer zu ihm und sah -ganz begossen aus; über den Piewittskrug -war ein Donnerwetter heruntergegangen; der -Krüger war wegen Hehlerei und wegen Duldens -von Glücksspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei -nach Celle gebracht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p> - -<p>Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf -dem Leibe, daß er als Zeuge vor Gericht müsse.</p> - -<p>Acht Tage später kam ein Mann auf den -Hehlenhof und wollte den Bauern sprechen; da -er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz -nach. Es war Almas Vater; er war Lohndiener -in der Stadt und sah wie nichts Gutes aus.</p> - -<p>Er redete erst lange hin und her und das -Ende vom Liede war, daß der Bauer noch einmal -fünfzig Taler herausrücken mußte, denn -wie der Kerl, der sich groß beleidigt anstellte, -sagte, war seine Tochter noch keine sechzehn -alt und unbescholten.</p> - -<p>Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was -er getan hatte, und eigentlich nicht wußte, was -Reue war, machte hinter dem Manne ein Gesicht, -als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war -ebenso scheußlich zumute wie damals, als er -mit Tönnes und Hein Gird im Ruhhorn Fische -gestohlen hatte und die beiden auf die lange -Bank mußten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<p>Noch dümmer aber kam er sich vor, als er -nach der Gerichtsverhandlung, in der der Piewittskrüger -zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis -verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte, -daß die Alma erstens über achtzehn Jahre alt -war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den -roten Schmidt und nicht minder Scheele und -Drewes ebenso geleimt hatte wie ihn, und er -dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt -geblieben war, Zeuge spielen zu müssen.</p> - -<p>Als er hinterher eines Abends in Celle aus -dem Ratskeller kam, wo er mit dem Vollmeier -Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen -Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken -daherkommen.</p> - -<p>Sie war in Sammet und Seide und sah noch -viel schöner aus als früher, aber er trat schnell -hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser -Sorte Weibervolk.</p> - -<p>Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote -Schmidt, daß er das Mädchen in Hamburg gesehen -hatte; wie der halbe Tod hatte sie ausgesehen<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -und ihn um Gottes willen um einen -Taler angesprochen, weil sie am Verhungern war.</p> - -<p>Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze -war, schüttelte sich und sagte: »Ich gab -ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr -lange machen konnte. Sie hatte die Auszehrung, -und wenn sie hustete, kam ihr das helle Blut -in den Mund.«</p> - -<p>Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf -einmal kein Bier mehr. Er sah sie vor sich, wie -sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war -Tanz gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet, -und sie hatte mit ihrer lustigen Stimme durch -die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen -an zu schrecken fingen.</p> - -<p>Was konnte sie küssen und lachen und -wählig sein! Und nun war sie elendiglich zugrunde -gegangen.</p> - -<p>Ihm wurde erbärmlich zumute.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-235.png" alt="Die Moosbank" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Moosbank">Die Moosbank.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Das elendigliche Ende Mikens gab dem -Bauern viel zu denken; sein Herz hatte -er nicht an sie gehängt, aber es lief -ihm kalt über, wenn er daran dachte, -wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er -einmal über die Haide ging und eine Schnucke -husten hörte, schudderte es ihn.</p> - -<p>In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener -werden und in einem Falle ein Urteil abgeben, -das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter -von dem Halbmeier Scheele, mit dem er so -manches Mal bei Bier und Karten lustig gewesen -war, saß auf der Armensünderbank; er war -durch das Kartjen in Bedrängnis gekommen und -hatte einen Meineid geschworen. Er wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -schuldig gesprochen und erhängte sich in der -Nacht darauf.</p> - -<p>Das ging Hehlmann nahe, aber noch -schlimmer traf ihn die Rede, die der Staatsanwalt -gehalten hatte, denn der hatte gesagt: -»Leider können wir die Hauptschuldigen nicht -fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes Leben -schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben -verführt und ins Unglück gebracht haben.«</p> - -<p>Das ging auf den wilden Meyer und den -roten Schmidt. Mit einem Schlage standen die -beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich -hielt, ging ihnen aus dem Wege.</p> - -<p>Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt -Recht geben. Daß er damals Vodegel -das Glas in die Zähne schlug und hinterher -Hand an sich legte, und daß er wegen des -liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in den -Mund der Leute gekommen war, die beiden -hatten die mehrste Schuld daran.</p> - -<p>Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor -Heuer, der ihn ab und an besuchte. Der Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine -Mördergrube machte. Als er sich einmal den -Hansburhof angesehen hatte, meinte er: »Hehlmann, -Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da -hatte der Bauer die Achseln gezuckt und gesagt: -»Was hilft mir der ganze Kram, wo ich keinen -Hoferben habe!«</p> - -<p>Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt; -so etwas war dem Bauern noch keinmal -vorgekommen, seitdem er kein Junge -mehr war.</p> - -<p>Ein Wort war es besonders, das ihm zu -denken gab: »Ein Mann wie Sie nimmt sein -Leben fest in die Hand, mag da kommen, was -da will.«</p> - -<p>Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei -gesunde Töchter haben Sie! Und ich? Mein -gesundes Kind wurde mir genommen, das -krüpplige blieb mir. Soll ich deshalb verzagen? -Man muß nicht an das denken, was man -wünscht, sondern an das, was man hat. Sie -sind doch kein Schwächling! Jedem kann es<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die -wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden, -was man hat.«</p> - -<p>Mit dem Pastor kam er von da ab öfter -zusammen; der baute nicht, wie der alte Pastor, -eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde, -sondern hielt freundschaftlichen Verkehr mit den -Bauern. Obzwar sie erst den Kopf darüber -schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen -ließ und sein Glas Bier trank, ohne viel danach -zu fragen, wer bei ihm saß, mit der Zeit -leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile -gut war, denn wenn der Pastor da war, ging -es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb -langweilig wurde, denn er war von lustigem -Gemüt und es kam ihm selbst auf eine quante -Redensart nicht an.</p> - -<p>Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde -Sinn für etwas anderes hatte, als bloß für -Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die -holte er sich so bei kleinem zusammen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p> - -<p>Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf -gespielt; mit der Zeit blieben die Karten -vom Tische, es wurde über Politik und andere -Dinge geredet, und zuletzt wurde so eine Art -Verein daraus, in dem der Pastor oder der -neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung -hatte als der alte Mackentun, der schon einige -Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus den Büchern -vorlas.</p> - -<p>Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur, -der auf diese Art von seiner Unruhe abgelenkt -wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher -hatte, so lehnte Hehlmann sich Bücher über -Reisen oder Kriegsgeschichten und kam dadurch -über seine dummen Stunden fort.</p> - -<p>Bislang war auf dem Hehlenhofe in der -Ackerwirtschaft alles nach der alten Art gegangen -und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine -neue Einrichtung einführte.</p> - -<p>Der Pastor besorgte dem Bauern auch Bücher -über Landwirtschaft und Viehzucht und dadurch -bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -und auf die Art kriegte er wieder Freude an -seiner Wirtschaft.</p> - -<p>Er beschaffte sich Edelreiser und besserte -seinen Baumgarten auf, bepflanzte den Mergelbrink, -der sich an der Bullerbeeke entlang zog, -mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran, -wie sie gediehen, er ging zur Gründüngung -über und konnte mehr Land bestellen als mit -der Stalldüngung, und schließlich ging er sogar -an den künstlichen Dünger und brachte es auf -geringem Boden bald zu guten Erträgen.</p> - -<p>Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um -so weniger hatte er unter der inneren Hitze zu -leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den -Krug trieb, spürte er kaum mehr. Er machte -sich mit den Gutsbesitzern in der Umgegend und -den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen -allerlei ab. Bei kleinem sprach es sich rund, -daß er ein Bauer war, der mit der Zeit ging, -und es ging keine Woche hin, daß er nicht -Besuch von Bauern oder Landwirten bekam, die -sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p> - -<p>So machte es sich ganz von selbst, daß er -Beisitzer im Vorstande des landwirtschaftlichen -Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden -hatte, ergriff er bei den Besprechungen -oft das Wort und schließlich ließ er sich von -dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen, -über seine Versuche auf der Hauptversammlung -einen Vortrag zu halten.</p> - -<p>Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte -nicht, ob er imstande war, einen vernünftigen -Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete -ihm seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine -Uebersicht auszuarbeiten und riet ihm so zu -reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, -und so fuhr er getrost los.</p> - -<p>Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute, -als er in den großen Saal kam und die vielen -Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das -Wort hat jetzt unser zweiter Vorsitzender, der -Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,« und über -vierhundert Gesichter ihn ansahen, da wünschte -er, daß er ganz wo anders war, und als er<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -aufstand, hatte er erst einen roten Kopf; aber -dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine -Hände auf die Lehne und fing an zu sprechen.</p> - -<p>»Meine lieben Freunde, ich bin man ein -einfacher Bauer und kann meine Worte nicht -so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,« -fing er an, und da wurden die vielen Gesichter -auf einmal lachend und das gab ihm Mut.</p> - -<p>Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst -nach der Väter Art gewirtschaftet hatte, wie ihm -das langweilig geworden war, und wie er dann -seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge, -sondern in den Büchern gelassen habe und bei -kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung -zu der anderen gekommen war.</p> - -<p>Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von -selber zuflogen, und alle Augenblicke klappten -die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen -durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart -gemacht hatte oder einen Vergleich, der zwischen -seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner -Birkenbaum auf brauner Haide.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p> - -<p>Ueber eine Stunde dauerte seine Rede, ohne -daß er auch nur einen Blick auf die Ausarbeitung -warf, die er sich gemacht hatte, und -als er mit den Worten schloß: »Wenn sich einer -aus meiner Rede etwas entnehmen sollte, was -ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große -Freude sein,« da gab es ein solches Händeklappen -und Füßegetrampel, daß die Fensterscheiben -beberten.</p> - -<p>Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand -und hielt eine Rede, in der er ihm im Namen -der Versammlung den Dank für den Vortrag -aussprach und also schloß: »Doch das Wichtigste, -was uns der Vortrag unseres Freundes gelehrt -hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das -alles hat er ganz aus sich selbst heraus!«</p> - -<p>Ueber die Besprechung des Vortrages ging -noch eine Stunde hin und mehrere Male mußte -Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der -Wirt nicht gemahnt hätte, daß das Essen fertig -wäre, dann hätte man noch länger verhandelt, -so viel Anregung hatte die Rede gegeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p> - -<p>Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem -ersten Vorsitzenden und dem Ehrenvorsitzenden -Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im -Trinken zurückhielt, hatte er doch bald einen -roten Kopf, denn von allen Seiten wurde ihm -vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich -wegen der vielen Ehre freuen oder schämen -sollte.</p> - -<p>Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit, -wo er es heimlich mit Meta hielt, noch nicht -wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam -vor Freude nasse Augen, als er ihr erzählte, -wie es ihm gegangen war, und sie sah zu ihm -auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel.</p> - -<p>Die größte Freude aber hatte sie, als erst -das Kreisblatt mit einem Bericht über die Rede -und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit -der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte -es ihr auf das Herz, wie wenig sie neben einen -solchen Mann paßte.</p> - -<p>Hehlmann ließ sie das aber nicht merken, -und weil die Sonne nun wieder durch die Hofeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -schien, gediehen die Leute, und die Frau -wurde wieder meist so ansehnlich, wie sie als -Mädchen gewesen war, als sie sich noch um die -Mannsleute Mühe gab.</p> - -<p>Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen -die Leute nicht mehr von ihm zu ihr und -meinten: »Na, er ist da auch man so dran -hängen geblieben.« Auch bei den Mädchen war -sie in Ansehen gekommen, seitdem sie das -Schimpfen aufgegeben hatte.</p> - -<p>Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine -Zufriedenheit fand, gewöhnte er sich auch mehr -an die Kinder heran, auf die er früher wenig -acht gegeben hatte.</p> - -<p>Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter -schlachtete, hatte an Hausarbeit und Blumen -Freude.</p> - -<p>Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von -Mutterseite artete, war mehr für den Gemüsegarten -und das Federvieh.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p> - -<p>Die eine freute sich über alles, was glatt -und hübsch war, die andere hatte ihre Freude -an dem, das etwas einbrachte.</p> - -<p>Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta -war ein Mutterkind, Sophie hing sich an den -Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie -an den Masern zu liegen kam.</p> - -<p>Kaum war sie wieder auf den Füßen, da -legte sich die älteste und die Bäuerin kam durch -das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und -als auch <span id="corr244">Detta</span> wieder in der Sonne sitzen konnte, -mußte sich die Bäuerin legen, denn sie hatte sich -angesteckt.</p> - -<p>Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß -der Doktor jeden Tag kommen mußte, aber er -konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug -zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde.</p> - -<p>Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal -klar im Kopfe, sah den Bauern freundlich an -und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p> - -<p>Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber -als sie nicht mehr da war, merkte er doch, daß -sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte.</p> - -<p>Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn -Detta, die sich um ihre Mutter sehr grämte, -machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie -schließlich zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen -große Stücke hielt.</p> - -<p>Sophie aber kam bald über den Tod der -Mutter weg; sie ging dem Vater überall zur Hand -und konnte so besinnlich über das, was sie in -den landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte, -reden, daß er sich abends keinmal mehr allein -vorkam.</p> - -<p>Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen -Verein, nahm er sie immer mit, -und es war ein harter Schlag für ihn, als sie -sagte, sie wolle gern eine Zeit auf ein großes -Gut gehen, um mehr zu lernen.</p> - -<p>Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen -seinen eigenen Weg ging, denn sie war die erste -Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -lernte, als sie schon aus der Schule war. Und -da Detta jetzt wieder im Hause war und er viel -um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin.</p> - -<p>Als er zum ersten Male wieder mit den beiden -Mädchen zur Kirche fuhr, war er ganz stolz, so -glatt sahen sie aus, eine ganz anders als die -andere und beide doch so, daß die jungen Leute -mehr nach der Hansburbank als nach der Kanzel -sahen; und wenn sie abends zusammen in der -Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten, -dann ging ihm nichts ab.</p> - -<p>Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste -der Vorsteher zu ihm sagte: »Hansbur, den -Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und -deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen, -werden sie bald genug beschrieen sein. Und in -die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.«</p> - -<p>Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta, -die sich besser auf ihn verstand, wenn auch Sophie -mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was hast -du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p>Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden -sollte, wenn die Mädchen heirateten. Wenn auch -Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt, -denn dann kam doch ihr Mann in erster -Reihe.</p> - -<p>Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit -sich herum; am Sonntag aber sattelte er den -Rappen und ritt nach dem Mittag los.</p> - -<p>Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen -konnte; die Haide war abgeblüht und sah aus, -als ob Silber darauf lag. Die Birken waren über -und über gelb und brannten in der Sonne wie -Flammen und der Altweibersommer hing in allen -Fuhrenzweigen.</p> - -<p>Der erste Mensch, der ihm in der hohen Haide -in die Möte kam, war die Jungmagd vom Voßhofe, -ein Mädchen so schier und eben, daß ihm -das Herz im Leibe lachte. »Das ist ein guter -Vorspuk,« dachte er und rief ihr ein lustiges -Wort zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p> - -<p>Als er über den Knüppeldamm ritt, standen -an die hundert Störche im Bruche: »Auch nicht -schlecht!« dachte er wieder.</p> - -<p>In den Wiesen sah er einen Hasen von links -nach rechts laufen. »Heute geht nichts verkehrt,« -sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg -entlang, daß es nur so mülmte, und als drei -Handwerksburschen ihn um einen Zehrpfennig -angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden.</p> - -<p>Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe -ankam. Der Hof sah schnicker und ordentlich -aus. Ueber der Einfahrt war ein Spruchbrett -und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,« -und auf dem Torbalken war zu lesen: »Ich und -mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf -der Deele wurde ein geistliches Lied gesungen.</p> - -<p>Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das -Singen auf und der Diesbauer ging auf ihn zu. -Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte. -Er hatte Dettmer früher etliche Male gesehen, -und obzwar er damals selber kein leeres und -kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -mochte er darum doch nicht leiden. Dieser Mann -hier aber war ein anderer geworden.</p> - -<p>Es wurde erst über das Wetter und die Ernte -geschnackt, und dann sagte Hehlmann, er müßte -Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er ganz -vergessen, daß sie von seinem Vater in dem -Testamente mit einer Stiftung bedacht war, und -davon wollte er ihr die Abschrift bringen.</p> - -<p>»Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin, -»sie ist nach Brinkmanns gegangen; da ist die -Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht -sie sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen -Bett und Stuhl herum.«</p> - -<p>Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß -ein Werkzeug des Herrn; ihm allein gebührt -der Dank.«</p> - -<p>Hehlmann fragte, wann sie zurückkommen -wollte, und als er hörte, daß das nicht bestimmt -wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr -entgegen.</p> - -<p>Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm -das Herz schwer; Jahre lagen jetzt zwischen ihnen.<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -Mai war es, als er sie im Grasgarten in den -Arm nahm, und die weißen Lilien blühten, und -jetzt waren die Krammetsvögel in den Ebereschen -zu Gange.</p> - -<p>Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es -hatte ihm nicht viel Gutes gebracht und wer -weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen -freiten wohl bald; dann war er allein und ging -als alter Mann auf dem Hofe herum und war -jedem im Wege.</p> - -<p>Er ließ den Kopf hängen und ging langsam -den anmoorigen Weg fürbaß und riß in Gedanken -den Windhalmen die Köpfe ab.</p> - -<p>So tief war er in Gedanken, daß er sich -ganz mächtig verjagte, als vor ihm jemand -seinen Namen rief.</p> - -<p>Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen, -steckte sich aber rot an, wie ein junges Mädchen -und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du -bloß auf einmal her?« und dann wurde sie ganz -weiß im Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<p>Es war ihm warm um das Herz dabei geworden. -»Meine Meta,« rief er und nahm sie -um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen. -Da faßte er sie um und führte sie unter eine -krause Fuhre am Grabenbord, unter der sich -die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten.</p> - -<p>Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch; -dann trocknete sie sich die Augen: »Ich habe mich -zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas -denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach -dem Dieshofe?«</p> - -<p>Er sah sie so lange an, bis sie über und über -rot wurde: »Du hast dich gut gehalten, Meta, -bloß daß du früher dünner warst.«</p> - -<p>Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch -kein eines graues Haar, Göde, und die zwei -Wirbel hast du immer noch.«</p> - -<p>»Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz -so wie früher, trotz der vielen Arbeit.«</p> - -<p>»Und deine, Göde, die sind noch immer, wie -zwei Haidbrinke,« sagte sie und lachte dabei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p>»Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist -wie ein Kalb gegen die Kuh,« und dann lachten -sie beide, denn sie dachten an den Tag im -Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf -ihrem Kleiderrocke lag.</p> - -<p>Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war -nun schon so lange her und was lag da nicht -alles dazwischen.</p> - -<p>Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er -seufzte auf und sah über die Buchweizenstoppel, -die ganz rot aussah in der Sonne.</p> - -<p>Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den -Mund und hinter den Augen hatte sie Falten -und unter der Haube sah man ein paar graue -Haare. Aber wenn sie auch noch mehr Falten -und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte, es -war seine Meta mit den treuen Augen und dem -schönen Mund und den guten Händen.</p> - -<p>Er holte das Papier aus der Tasche und hielt -es ihr hin: »Da hatte ich ganz auf vergessen, -Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten -Willen aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -dich immer eine Stätte ist, wenn es dir wo anders -nicht mehr paßt.«</p> - -<p>Sie sah in das Papier und meinte leise: »O, -hier habe ich es ganz gut.«</p> - -<p>»Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast -mich nicht nötig, aber ich habe dich nötig. Wie -lange wird es dauern, und die Mädchen freien, -und dann habe ich wieder keinen Menschen, wie -so viele Jahre.«</p> - -<p>Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so -ist, Göde, mich brauchen sie auf dem Dieshofe -nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe -ziehen.«</p> - -<p>Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor -das Gesicht und weinte, daß es sie schüttelte, -denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück, -um den einen Mann zu sein, dem ihr Herz von -Anbeginn gehört hatte, oder war es schrecklich, -da Wirtschafterin zu sein, wo sie von rechtswegen -als Bäuerin hingehört hätte.</p> - -<p>»Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um, -»Meta, glaubst du denn, ich wäre so ein grundschlechter<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -Kerl, daß ich dich bloß für meine Bequemlichkeit -haben wollte? Ich habe die ganzen -Jahre an dich gedacht, wo ich ging und stand, -und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein, -Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz -anders.«</p> - -<p>»So alt sind wir beide noch nicht, und wenn -auch, wir sind regelrecht versprochen gewesen -und du sollst meine Frau werden, denn so haben -wir es uns gelobt.«</p> - -<p>Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen -liefen ihm über das Gesicht: »Göde, o Gott, -Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen -Tag wäre!«</p> - -<p>Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie -fest an sich und mußte auch weinen.</p> - -<p>»Nu kiek einer an! Hat man so was schon -belebt,« schrie es hinter ihnen. »Wir warten und -warten, aber keine Meta und kein Hansbur -will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta, -schon so alt und noch so leichtsinnig, und Hansbur, -redet lang und breit von Erbschaftssachen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich, -daß unser alter Bolze Junge kriegt!«</p> - -<p>»Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn -dann könntet ihr was gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit -und weltlicher Fleischeslust und dem -Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt -und es ist lange Vesperzeit. Ich will man schon -vorlaufen.«</p> - -<p>Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und -Meta aber hatten den Sturm hinter sich; er -hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf -gegen seine Schulter, und ihre rechte Hand war -in seiner linken.</p> - -<p>So gingen sie langsam durch die hohen -Fuhren, und es war ihnen, als wenn es Mai -war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich.</p> - -<p>Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg -standen und sich abküßten, sahen ihnen -verwundert nach, aber keins lachte, denn der -Mann und die Frau sahen aus, als wenn sie -geradewegs aus dem Paradiese kamen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p> - -<p>Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur -nach Hause ritt; die Krammetsvögel zogen -und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer.</p> - -<p>Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu -viel Frieden war in ihm.</p> - -<p>Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die -Mädchen hinter ihm her:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen,<br /></span> -<span class="i0">Zu dem Tore reit ich hinaus,<br /></span> -<span class="i0">Schatz, du bleibst mir auserkoren,<br /></span> -<span class="i0">Bis ich wieder komm nach Haus.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-261.png" alt="Das Altenteil" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Altenteil">Das Altenteil.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen -in die Dönze: »Detta und Sophie,« sagte -er und legte ihnen die Hände auf die -Schultern, »was ich euch jetzt sage, wird -euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien -und dann zieht eine von euch weg von hier -und die andere hat ihren Mann.</p> - -<p>Bevor ich eure selige Mutter kannte, war -ich mit einer anderen versprochen. Wie es kam, -daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier -nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern -war ich bei ihr und in vier Wochen wird sie -meine Frau.«</p> - -<p>Er wartete einen Augenblick und sah aus -dem Fenster, dann machte er es auf und rief<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die -Schweine laufen ansonsten in den Blumengarten!« -Dann ging er aus der Dönze.</p> - -<p>Die Mädchen standen da und sagten nichts. -Zuletzt fing Sophie an zu weinen: »Es ist eine -Schande.«</p> - -<p>Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins -Wort: »Ja, das ist es, daß du gegen unseren -Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was -Vater tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.«</p> - -<p>Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als -das Aufgebot erfolgte und es gab viel Kopfschütteln -und Gerede nach der Kirche. Als -abends im Alten Kruge der Sägemüller seine -Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du -hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und -da lachte alles, aber nicht über den Hansbur.</p> - -<p>Der ließ sich wenig sehen und als er einmal -in das Dorf kam und der Vorsteher ihm zu -verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß -er noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein -guter Rat ist des anderen wert; paß' auf: behalte<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -deine Meinung für dich, Burvogt, und -wenn du das nicht aushalten kannst, so berede -dich mit deiner Frau im Bette. Und wenn ich -dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine -Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage -genug danach.«</p> - -<p>Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen -und so getan, als wenn er bloß Spaß gemacht -hätte und sich lang und breit entschuldigen -wollen, aber der andere sagte: »Ja, sagte der -Zaunigel, so bin ich nun mal: warum setzt du -dich gerade auf mich?«</p> - -<p>Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit -wäre paßlicher, aber Hehlmann hatte gesagt: -»Nix da! Brauchen wir uns denn was zu -schämen? Wenn der Hansbur freit, soll man -es zehn Meilen in die Runde hören.«</p> - -<p>So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei -Hof rund, und an die aus der Bekanntschaft, die -zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und -es wurde eine Hochzeit, wie man sie lange nicht -belebt hatte, denn der ganze Vorstand von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span> -landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen -gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren -Frauen, so daß es alles in allem an die dreihundert -Menschen waren; und Vodegel saß -allein im Kruge und ärgerte sich, denn er hatte -nicht angenommen.</p> - -<p>Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine -großmächtige silberne Bowle mit einem Schilde -und darauf war zu lesen, daß die der landwirtschaftliche -Verein in Dankbarkeit seinem -lieben zweiten Vorsitzenden zu seinem Ehrentage -geschenkt hatte.</p> - -<p>Als das Essen meist zu Ende war, stand der -Ehrenvorsitzende des Vereins, der Graf Kettenburg, -auf und alle Augen wurden rund, als er -eine schöne Rede hielt und zum Schluß im -Namen des Königs dem Bräutigam einen Orden -überreichte wegen seiner Verdienste um die -Landwirtschaft, und als er zu der Braut ging, -und ihr die Hand drückte, da sagte sich Meta, -daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren -gut machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p> - -<p>Wer sich aber am meisten freute, das war -Durtjen; die saß auf ihrem Stuhle und weinte -und aß abwechselnd, und ihr Hermen bekam es -mit der Angst, denn daß seine Frau das Weinen -kriegte, das hatte er noch nie belebt.</p> - -<p>Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta -gestellt und Sophie hatte die silberne Bowle und -die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr -in die Augen gestochen, als daß sie noch länger -die Kalte spielen konnte, zumal der Bäuerin die -Gutherzigkeit aus den Augen sah.</p> - -<p>Außerdem war die Hochzeit für sie selber -auch wichtig, denn beim Essen hatte der Sekretär -des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen, -und einen so klugen und lustigen Mann hatte -sie ihren Tag noch nicht kennen gelernt und -noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können.</p> - -<p>Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll -und zu heiß war, gingen sie in den Hof und -vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten -in die Haide und hinterher wußte Sophie gar -nicht, was sie von sich denken sollte, denn sie<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen -und nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder -geküßt und auch nicht bloß einmal.</p> - -<p>Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom -Hofe fuhr, da winkte sie ihm aus ihrer Dönze -nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins -Bett und nahm sie in den Arm und weinte ganz -gottsjämmerlich und sagte, sie sei ein schlechtes -Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut -und so schön anzusehen.</p> - -<p>Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der -drei Tage anhielt, denn da kam ein Brief und -nun war alles gut und sie lachte und sang den -ganzen Tag und war zu ihrer Stiefmutter der -reine Honig, so daß Hehlmann den Kopf schüttelte -und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie -Hermen es machte, wenn seine Frau verlangte, -daß er lachen sollte.</p> - -<p>Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie -ihrem Vater in den Versuchsgarten nach und -sagte: »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich -muß heiraten!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p> - -<p>Der Bauer machte runde Augen und lachte: -»Du mußt? Ich denke, ich habe eine feine Dame -zur Tochter und nun freit sie ganz nach der -alten Art! Bis wann mußt du denn freien?«</p> - -<p>Sophie trampte auf und gab ihrem Vater -einen Schlag auf den Arm: »So ist das nicht, -bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid -weißt: der Sekretär Sunder und ich, wir -sind uns einig und da haben wir uns das -so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten -zu der Schreiberei. Nun liegt am Toten Ort -doch die alte Mühle. Beckmann will gern verkaufen; -er ist zu alt und Kundschaft hat er -kaum mehr. Ich habe die Mühle und das nötige -Land schon an die Hand gekauft.«</p> - -<p>Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte -aber: »Man weiter!« und Sophie fuhr fort: »Der -Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Beeke -erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die -Wittbeeke und dann ist allerhand Boden da, -warmer und frischer, leichter und besserer. Nun -haben wir uns das überlegt, daß wir einen<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span> -besseren Platz gar nicht bekommen für das, was -wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft -haben, in der Hauptsache aber Fische, -Geflügel, Obst und Gemüse ziehen, alles nur -beste Sorten.«</p> - -<p>»Karl«, sie wurde rot und Hehlmann lachte, -»Herr Sunder sagt, in zwei Jahren spätestens -bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir -aus dem ersten Bröddel heraus. Wir wollen -ganz langsam anfangen; die Brut- und Zuchtanlagen -sollen erst aus lauter alten Brettern -gemacht werden. Karl kriegt das alles billig.«</p> - -<p>»Einrichten tun wir uns erst ganz klein, -denn unser Geld brauchen wir für die Wirtschaft. -So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse -und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt -er noch etwas dazu.«</p> - -<p>Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine -Puppe gegen ihn war, um und kniff sie in die -Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen: -dumm bist du nicht. Und der Karl Sunder ist -mir auch nach der Mütze. Ich habe seinen Vater<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter -Mann und hat aus der alten Klippmühle, die -er von seinem Vater hatte, etwas gemacht, trotzdem -daß er vier Geschwister abzufinden hatte.«</p> - -<p>»Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen -habe, denn ihr wollt womöglich schon -morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir -mit der? Die können wir doch nicht so lange -in den Backofen schieben? Na, dann schreibe -man deinem Karl, er soll so bald wie möglich -kommen, daß wir alles in die Reihe bringen.«</p> - -<p>Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er -kommt heute Nachmittag schon.« Der Vater -sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr -habt 'n guten Schritt am Leibe; für euch brauch -ich nicht bange zu sein.«</p> - -<p>Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf -den Hof. Als Detta sah, wer darin war, bekam -sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze.</p> - -<p>»Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann, -als er sah, wer der Besuch war. Es war der -Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch,<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -einer der besten Züchter im Lande, mit dem -Hehlmann gut bekannt war.</p> - -<p>Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht, -der ebenso lang und ebenso ruhig war, wie der -Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des -landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt.</p> - -<p>Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer -zu seinem Sohn: »Wenn alles glatt geht, kommst -du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon -den Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger -Kerl!«</p> - -<p>Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht, -dann kann aus der Freierei vorläufig nichts -werden.«</p> - -<p>Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur -gefiel der Freier, zumal Detta ihm sagte, einen -anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn -abgemacht, daß der junge Ehemann über den -Hof und alles Land, was unter dem Pfluge war -oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben -sollte; das Unland aber behielt Hehlmann sich vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p> - -<p>Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit -gefeiert; Mönchmeyer, jetzt Hehlmann genannt, -trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne -in die alte Mühle und der Altvater Hehlmann -und Meta richteten sich das Altenteilerhaus ein.</p> - -<p>Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten -genug zu tun, zumal Hehlmann ein Stück Haide -nach dem anderen anforstete und Meta bald -auf dem Hofe und in der Mühle Großmutter -spielen mußte. Als sechs Jahre hin waren, da -war sie sechsfache Großmutter.</p> - -<p>Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch -Hehlmann war nicht mehr so blond wie vordem, -aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd -sagte zu ihrem Hinnerk: »Junge, wenn du mal -so alt bist, wie unser Altvater, ich möchte bloß -wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie -er sich mit seiner Meta. Erst dacht' ich, ich -sollt' darüber lachen, aber wenn ich denke, wie -andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn -sie alt sind, dann bedünkt mich, so ist es doch -besser.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p> - -<p>Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie -die Forke wieder zur Hand und warf weiter -Mist aus und sang dabei das Lied von dem -roten Husaren, der sein Liebchen bis über den -Tod hinaus liebt.</p> - -<p>Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde -Meta krank; sie hatte sich schwer erkältet und -wollte sich gar nicht wieder herausmachen. Sie -behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf -den Füßen und die Besinnung ließ zu Zeiten -bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was -zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe -gelebt hatte. Aber sie war glücklich, vorzüglich, -wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im -Arm hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst -nicht warm wurde.</p> - -<p>Gegen den Sommer wurde es besser mit -ihr, so daß sie im Hause hin- und hergehen und -Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte; -des Abends aber kamen ihr meist die Gedanken -durcheinander und dann hatte sie sich, als wenn -sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -er sie zu Bett brachte, lachte sie vor sich hin -und sagte: »Nicht so laut, die andern brauchen -da nichts von zu wissen.«</p> - -<p>Als die Birken gelb werden wollten, kam -Göde eines Abends nach Hause und fror; er hatte -sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und -in der Haide wehte eine scharfe Luft. Am -anderen Tage ging es ihm sehr schlecht und -als es am dritten Tage nicht besser mit ihm -werden wollte, wurde nach dem Doktor geschickt.</p> - -<p>Der machte eine krause Stirn und als er an -dem Kranken herumgehorcht hatte, sagte er: -»Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir -ihn nicht durch; er hat eine ganz gefährliche -Lungenentzündung.«</p> - -<p>Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr -Mann krank war, auf einmal ganz gesund -wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen.</p> - -<p>»Heute ist mir besser, Meta,« sagte der Kranke -am sechsten Morgen. »Wir haben doch noch schöne -Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span> -Hände, die ganz mager geworden waren in den -Tagen, drückten ihren Kopf an seine Brust.</p> - -<p>»Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er -dann und ihr war, als wenn er sie küssen wollte. -Aber er schlief schon wieder ein.</p> - -<p>Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte, -lag er tot im Bette und hatte ein freundliches -Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl -neben dem Ofen und schlief vor Schwäche.</p> - -<p>Die Bäuerin schlug die Schürze vor das -Gesicht und ging schnell über die Deele und -winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen -aufhören, denn sie sang wieder:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es war einmal ein roter Husar,<br /></span> -<span class="i0">Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr,<br /></span> -<span class="i0">Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,<br /></span> -<span class="i0">Die Liebe nahm kein Ende mehr.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-277.png" alt="Die beiden Tauben" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span></p> - -<h2 id="Die_beiden_Tauben">Die beiden Tauben.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen -bestimmt, daß er ganz nach der alten -Art begraben werden wolle, denn damals -war schon die Mode aufgekommen, -daß schwarz getrauert wurde.</p> - -<p>Um ihn aber sollte weiß getrauert werden, -auch wollte er keinen hohen Sarg haben und -keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein -Pfahl und kein Kreuz zu stehen kommen.</p> - -<p>Er wurde in das Notlaken eingenäht, das -Meta aus selbstgesponnenem Flachse gewebt und -genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen -an den Sterbekittel und zog ihm die weiße -Sonntagszipfelmütze über.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span></p> - -<p>Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der -Deele und war mit dem Leichlaken zugedeckt, -und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei -alte hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier -springende Pferde waren.</p> - -<p>Rechts von der großen Türe hingen die -beiden Seelenlaken an der Wand herunter, damit, -wenn der Tote noch einmal zurückkäme, -er doch einen Platz für sich fände.</p> - -<p>Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause -die Fenster der Schlafdönze nicht offen standen -und daß das Bettstroh, auf dem der Altvater -gestorben war, bis auf eine Hand voll verbrannt -wurde, und daß der Backenstuhl, in dem der -Alte neben dem Ofen gesessen hatte, umgestoßen -wurde.</p> - -<p>Durtjen warf die Waschschale, aus der der -Tote gewaschen war, entzwei und grub sie ein -und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg, -denn Meta, die von Detta in das Wohnhaus gebracht -war, war so hinfällig, daß sie an nichts -denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span> -Dönze und sang leise aus dem Gebetbuche, aber -keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge.</p> - -<p>Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken -wurde herunter genommen. Mit freundlichem -Gesichte lag der Bauer in dem eichenen, -mit Rehmenruß schwarz gemachten Sarge, Bibel -und Gesangbuch unter dem Kinn.</p> - -<p>Einer nach dem anderen von der Freundschaft -ging über die Deele, nickte dem Toten zu -und ging nach der Dönze, wo das Frühstück -stand. Sie sprachen alle leise, die Männer, und -die Frauen flüsterten. Es war ihnen, als wäre -dieses ein ganz besonderes Begräbnis.</p> - -<p>Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl -an der Zeit.« Da gingen sie alle aus der Dönze; -einer nach dem anderen trat an den Sarg und -gab dem Toten die Hand.</p> - -<p>Detta und Sophie, von Kopf bis zu den -Füßen in dem weißen Klagelaken, weinten los, -denn der Tischler stellte die Leuchter bei Seite -und schloß den Sarg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span></p> - -<p>Er wurde aus der großen Tür getragen und -auf das Wagenstroh gehoben. Durtjen reichte -das Leichlaken her und Detta und Sophie, die -hinter dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß -es rechts und links lang herunterhing.</p> - -<p>Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine -Schale Wasser aus und lief dann in die Dönze, -um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel -zuzuhängen.</p> - -<p>Der Großknecht stellte sich an den Kopf des -Sattelpferdes und die Pferde zogen an und -schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh -mußten, das der zweite Knecht ihnen vor -die Füße warf.</p> - -<p>Die Frauen aus der nächsten Freundschaft, -alle in weißen Trauerlaken, gingen hinter dem -Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die -Männer, alle im Kirchenrock und hohem Hute.</p> - -<p>Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes -Gotthard Georgius Hehlmann, den letzten Hansbur, -den Notweg fuhren. Die Birkenbäume<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span> -waren so gelb wie Gold und der Himmel war -hoch und hell.</p> - -<p>»Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer -zum roten Schmidt, »ein Tag, der ihm passen -konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen -tiefen Himmel.«</p> - -<p>Der andere nickte und wischte sich den -Schweiß unter dem hohen rauhen Hute ab; er -war recht alt geworden, und Meyer noch mehr -und die Sonne war ihnen beschwerlich.</p> - -<p>»Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte -Schmidt; »weißt du noch den Abend, als er dem -Sägemüller das Schluckglas in das Maul schlug? -Was war das für ein Kerl! So einer kommt so -bald nicht wieder.«</p> - -<p>Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen, -trotz der alten Feindschaft; das ist -schön von ihm.«</p> - -<p>Als der Leichenzug meist bei der Kirche war, -begab sich etwas, worüber sich alle wunderten. -Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In -ihrer Angst setzten sie sich auf das Leichlaken;<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -der Stößer nahm die schwarze Taube und flog -mit ihr fort.</p> - -<p>Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben -wurde, flog die weiße Taube auf; sie flog steil -gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-284.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-285.png" alt="Das Seelenlaken" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Seelenlaken">Das Seelenlaken.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop drop-d">Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; -im Wohnhaus war bloß die Magd und -die Witwe des Bauern zurückgeblieben; -Meta war in der Dönze und die Magd -räumte auf der Deele auf.</p> - -<p>Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, -brachte der Wind das Läuten der Lichteloher -Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke -tat sich die Dönzentür auf und Meta kam -heraus.</p> - -<p>Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, -denn die Frau hatte ihre Sonntagsjacke an und -ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und -hielt den Kopf hoch und horchte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p> - -<p>Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn -die Frau sah aus, wie ein seliger Geist; ganz -weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren -hell und stetig.</p> - -<p>Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken -zu, stellte sich dicht davor, lachte ihm zu, -streichelte es und sagte mit einer Stimme, die -sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft -kam: »Ja doch, mein Göde, ich komme ja schon!«</p> - -<p>Und da sah die Magd, daß das Tuch sich -erst langsam und dann schneller bewegte und -sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar -sie sah, daß eine Maus auf die Erde fiel -und in den Hof lief, wurde das Mädchen den -Schreck drei Tage nicht los.</p> - -<p>Die alte Frau ging wieder in die Dönze -zurück und die Magd hörte, wie sie erst so -sprach, als antwortete sie jemand anders; dann -hörte sie singen und zuletzt wurde es still.</p> - -<p>Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen, -war Doris noch ganz weiß um die Nase von<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span> -dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte, -was sie belebt hatte.</p> - -<p>Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in -die Dönze und sah die Frau mit dem Gesangbuch -auf dem Schoß im Ofenstuhl sitzen. Sie -ging hinein und sah, daß sie tot war.</p> - -<p>Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem -Erntedanklied, das sie zuletzt gesungen hatte, -und das fing an:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">HERR im himmel, GOTT auf erden,<br /></span> -<span class="i0">Herrscher dieser ganzen welt!<br /></span> -<span class="i0">Laß den mund voll lobes werden;<br /></span> -<span class="i0">Da man DIR zu fuße fällt,<br /></span> -<span class="i0">Für den reichen ernte-segen<br /></span> -<span class="i0">Dank und opfer darzulegen.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p> - -<h2 id="Worterklaerung">Worterklärung.</h2> -</div> - -<p class="center">1. Kapitel. <span class="larger">Der Bullerborn.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Pump</em>, Teich. <em class="gesperrt">Adebar</em>, Storch. <em class="gesperrt">Wohld</em>, wilder, angeflogener -Wald. <em class="gesperrt">mülmen</em>, wirbeln. <em class="gesperrt">Hülse</em>, Stechpalme. -<em class="gesperrt">Holder</em>, Hollunder. <em class="gesperrt">Ortstein</em>, Raseneisenstein. <em class="gesperrt">Dönze</em>, Wohn- -oder Schlafstube. <em class="gesperrt">Totenhuhn</em>, Käuzchen. <em class="gesperrt">Windbrett</em>, -Bretter, die den Dächern und Giebeln (bei diesen oft in Pferdekopfform) -vorgenagelt sind, um zu verhüten, daß der Wind unter -die Ziegel oder das Strohdach fährt. <em class="gesperrt">Machangel</em>, Wacholder.</p> - -<p class="center">2. Kapitel. <span class="larger">Adebarstag.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Schlafbutze</em>, verschließbare Bettstatt in der Dönze. <em class="gesperrt">Flett</em>, -der Teil der Hausdiele, auf der die Herdstatt ist. <em class="gesperrt">Wasserwarmbier</em>, -Wöchnerinnen- und Krankensuppe.</p> - -<p class="center">3. Kapitel. <span class="larger">Der Beifinger.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Nägelchen</em>, spanischer Flieder. <em class="gesperrt">Wigelwagel</em>, Pirol, -Pfingstvogel. <em class="gesperrt">Beeke</em>, Bach. <em class="gesperrt">Rehmen</em>, Rauchfang über dem -Herd. <em class="gesperrt">Post</em>, ein Strauch, Myrica gale, auch Gagel genannt.</p> - -<p class="center">4. Kapitel. <span class="larger">Das Hausbuch.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Fuhre</em>, Föhre, Kiefer. <em class="gesperrt">Fuhrentelgen</em>, Kiefernzweige. -<em class="gesperrt">Kartjen</em>, Kartenspielen. <em class="gesperrt">Schnucke</em>, Haidschaf. <em class="gesperrt">Beilade</em>, ein -kleiner Kasten mit Deckel in Truhen.</p> - -<p class="center">5. Kapitel. <span class="larger">Das Osterfeuer.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Schmustern</em>, schmunzeln. <em class="gesperrt">Jesuwundenkraut</em>, Schöllkraut, -Chelidonium majus. <em class="gesperrt">Zwille</em>, Astgabel. <em class="gesperrt">Lüttjemagd</em>, -Kleinmagd. <em class="gesperrt">prahlen</em>, überlaut reden.</p> - -<p class="center">6. Kapitel. <span class="larger">Im Ruhhorn.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Burgfried</em>, befestigter Speicher. <em class="gesperrt">Heermännken</em>, Wiesel. -<em class="gesperrt">Haidschauer</em>, Schuppen in der Haide. <em class="gesperrt">Bracke</em>, lautjagender -Hund. <em class="gesperrt">Sandbrink</em>, Sandberg. <em class="gesperrt">Bickbeere</em>, Heidelbeere.<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span> -<em class="gesperrt">Kronsbeere</em>, Preißelbeere. <em class="gesperrt">Gnitte</em>, winzige Mücke, Gelse. -<em class="gesperrt">Vagelbund</em>, Vagabund. <em class="gesperrt">weifen</em>, schlagen.</p> - -<p class="center">7. Kapitel. <span class="larger">Die Grenze.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Beiderwand</em>, derbes, eigengemachtes Zeug. <em class="gesperrt">Adder</em>, Otter, -Giftschlange (plattdeutsches Wort). <em class="gesperrt">minne</em>, gering. <em class="gesperrt">Tange</em>, -Zange, Hundename. <em class="gesperrt">Heidenbrink</em>, Hügel in der Heide, auf -dem ein Hünengrab steht. <em class="gesperrt">Fuhrendickung</em>, schwer zu -durchdringender junger Kiefernwald.</p> - -<p class="center">8. Kapitel. <span class="larger">Am Toten Ort.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Marodebruder</em>, Marodör. <em class="gesperrt">schlumpen</em>, glücken. -<em class="gesperrt">gnicken</em>, mit einem Gnickstich töten. <em class="gesperrt">Markwart</em>, Eichelhäher. -<em class="gesperrt">Schmoorboden</em>, weicher, schwarzer Waldboden. -<em class="gesperrt">Schudder</em>, Schauer. <em class="gesperrt">Celler Mascher</em>, Bewohner der Vorstadt -an der Allermarsch bei Celle, wo früher allerlei Volk -wohnte, das Zigeunerblut im Leibe hatte.</p> - -<p class="center">9. Kapitel. <span class="larger">Der Blumengarten.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">hujahnen</em>, gähnen. <em class="gesperrt">Reethalm</em>, Rohrhalm. <em class="gesperrt">Danzeschatz</em>, -Tanzschatz. <em class="gesperrt">Fürtuch</em>, Schulter- oder Brusttuch. <em class="gesperrt">Stegel</em>, -Uebertritt in der Einfriedigung, <em class="gesperrt">Heidbrink</em>, Heidberg. <em class="gesperrt">Altmutter</em>, -Großmutter.</p> - -<p class="center">10. Kapitel. <span class="larger">Die Eule.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">wesen</em>, sein. <em class="gesperrt">Trankrüsel</em>, Tranlampe. <em class="gesperrt">hille</em>, eilig. -<em class="gesperrt">Bunter</em>, ein Tanz, der kein Rundtanz ist. <em class="gesperrt">diesige Luft</em>, -dicke, weiche Luft. <em class="gesperrt">Morgenzeit</em>, erste Mahlzeit.</p> - -<p class="center">11. Kapitel. <span class="larger">Der Notweg.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Herzspann</em>, Magendrücken, Atemnot.</p> - -<p class="center">12. Kapitel. <span class="larger">Doppelte Liebe.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Schruthahn</em>, Truthahn. <em class="gesperrt">Borgfarken</em>, männliches -Ferkel. <em class="gesperrt">Schatull</em>, Glasschrank. <em class="gesperrt">Burmal</em>, Versammlung -der Bauern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p> - -<p class="center">13. Kapitel. <span class="larger">Auf der Wildbahn.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">wahn</em>, sehr groß. <em class="gesperrt">Hahnjökel</em>, Unsinn. <em class="gesperrt">Pattweg</em>, -Fußweg. <em class="gesperrt">Duffsinn</em>, Blödsinn. <em class="gesperrt">raum</em>, licht, lückig. <em class="gesperrt">benaud</em>, -beklommen oder verbiestert. <em class="gesperrt">Wurfboden</em>, die Wurzelballen -vom Sturm geworfener Bäume. <em class="gesperrt">Wildpret</em>, weibliches Rotwild. -<em class="gesperrt">Stangenort</em>, jüngerer Waldbestand. <em class="gesperrt">Stuken</em>, -Baumstumpf. <em class="gesperrt">Grauartsche</em>, Hänfling. <em class="gesperrt">Buttervogel</em>, -Schmetterling. <em class="gesperrt">Kaßmännken</em>, Zweieinhalbgroschenstück. -<em class="gesperrt">Eidig</em>, volkstümlicher Wilddieb.</p> - -<p class="center">14. Kapitel. <span class="larger">Grummet.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Kaff</em>, Spreu. <em class="gesperrt">Dietweg</em>, unbefestigter Fahrweg. <em class="gesperrt">Leit</em>, -Zügel. <em class="gesperrt">Schoof</em>, Bund. <em class="gesperrt">Fluckerhut</em>, Zeughaube in Helgoländerform.</p> - -<p class="center">15. Kapitel. <span class="larger">Der Blaurand.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Horüdho</em>, Jagdschrei. <em class="gesperrt">Hatten Lena</em>, Herzen Lena. -<em class="gesperrt">Schlaf</em>, Schläfe.</p> - -<p class="center">16. Kapitel. <span class="larger">Herzbube.</span></p> - -<p><em class="gesperrt"><span id="corr288">Bewerbock</span></em>, Bekassine. <em class="gesperrt">Moorochs</em>, Rohrdommel. <em class="gesperrt">Uhlenvesper</em>, -scherzhaft für eine mitten in der Nacht eingeschobene -Mahlzeit bei Trinkgelagen. <em class="gesperrt">Faulbank</em>, Sofa.</p> - -<p class="center">17. Kapitel. <span class="larger">Die Moosbank.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">quant</em>, derb. <em class="gesperrt">anmoorig</em>, mooriger Sandboden. <em class="gesperrt">Bolze</em>, -Kater. <em class="gesperrt">Tüte</em>, Regenpfeifer.</p> - -<p class="center">18. Kapitel. <span class="larger">Das Altenteil.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Hahnenvesper</em>, ähnlich wie Uhlenvesper, nur gegen -Morgen.</p> - -<p class="center">19. Kapitel. <span class="larger">Die beiden Tauben.</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Notweg</em>, Totenweg. <em class="gesperrt">Stößer</em>, Sperber.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p> - -<div class="blockquot"> -<p>Die an den Kapitelschlüssen stehenden Hakenkreuze -finden sich in vielen Teilen der Welt, namentlich aber -auch in Nord- und Mitteleuropa (hier bereits etwa seit -5000 Jahren), als mythische Zeichen an Geräten, Waffen, -Felsen usw. Man sieht in ihnen Sonnen-, Feuer-, Lebens-, -Fruchtbarkeitssinnbilder, Glück- und Heilbringer.</p> - -<p>Ihre Auswahl geschah durch den Dichter in Anlehnung -an den Inhalt der einzelnen Kapitel. Er folgte -wohl althergebrachten oder volkstümlichen Deutungen -bzw. Deutungsversuchen der verschiedenen Abarten des -Hakenkreuzes (wie »Morgensonne«, »Abendsonne«, -»Männlichkeit«, »Weiblichkeit«), oder aber er wurde -zu dem Entschluß, ihnen den betreffenden Platz zuzuweisen, -rein gefühlsmäßig durch den unmittelbaren -graphischen Eindruck des jeweiligen Zeichens veranlaßt.</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-293.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -Bücher von Hermann Löns<br /> -<span class="smaller">aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover</span> -</p> -</div> - -<p class="center">Illustrierte Ausgaben</p> - -<p class="h2">Sein letztes Lied</p> -<p class="center smaller"> -Eine Auswahl der schönsten Jagdgeschichten<br /> -</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="noind">Ausgewählt und eingeleitet von Egon Frhr. v. Rapherr. Mit über 50, -darunter 20 ganzseitigen Bildern von Paul Haase. Des Buch bringt -auf 300 Seiten 34 der besten Jagdskizzen des Dichters.</p></div> - -<p class="center smaller"> -In Ganzleinen gebunden 8.50 Mark<br /> -In Halbleder gebunden 12 Mark -</p> - -<p class="h2">Lüttjemann und Püttjerinchen</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="noind">Das Buch vereinigt die schönsten Heidemärchen von Hermann Löns. -68 Originallithographien von Fritz Eggers sind mit des Dichters Meistermärchen -eine untrennbare Einheit geworden. So ist ein Buch von seltener -innerer und äußerer Schönheit entstanden, an dem alt und jung -wirkliche Freude haben wird.</p></div> - -<p class="center smaller"> -In Halbleinen gebunden 5.– Mark -</p> - -<p class="h2">Eulenspiegeleien</p> -<p class="center smaller"> -Eingeleitet und herausgegeben von Traugott Pilf -</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="noind">Eine Sammlung von 28 in Faksimile wiedergegebenen Postkarten mit -Versen und farbigen Zeichnungen von Hermann Löns, der vielfach -etwas Eulenspiegelhaftes im besten Sinne an sich hatte. Wie dem echten -Till Eulenspiegel fehlt auch ihm niemals die Innerlichkeit des tiefen -Gemütes, und so versteckt sich der Schmerz hinter dem Spott und die -Weichheit hinter einem scheinbar harten Scherz.</p></div> - -<p class="h2">Goldhals</p> -<p class="center smaller"> -Ein Tierbuch -</p> - -<p class="h2">Aus Wald und Heide</p> -<p class="center smaller"> -Geschichten und Schilderungen -</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="noind">Diese beiden für die Jugend zusammengestellten Bände bringen eine -Auswahl der schönsten Tier- und Naturschilderungen aus den Werken -des Dichters und sind mit je 8 farbigen Vollbildern von Paul Haase -und Erich Fricke geschmückt. Die Bücher sind besonders zu Geschenkzwecken -geeignet.</p></div> - -<p class="center smaller"> -In Halbleinen gebunden je 5 Mark -</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center">Von beiden Bänden gibt es eine kleine Ausgabe mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen, -die kartoniert 1.20 Mark kostet.</p></div> - -<p class="h2"> -Bücher von Hermann Löns<br /> -<span class="smaller">aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover</span> -</p> - -<table summary="Buchliste"> -<tr> -<td class="larger">Mümmelmann</td> - <td class="tdr">Ein Tierbuch</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Widu</td> - <td class="tdr">Ein neues Tierbuch</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Mein braunes Buch</td> - <td class="tdr">Haidbilder</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Haidbilder</td> - <td class="tdr">Neue Folge von »Mein braunes Buch«</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Da draußen vor dem Tore</td> - <td class="tdr">Heimatliche Naturbilder</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Mein buntes Buch</td> - <td class="tdr">Naturschilderungen</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Der zweckmäßige Meyer</td> - <td class="tdr">Ein schnurriges Buch</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Auf der Wildbahn</td> - <td class="tdr">Jagdschilderungen</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Kraut und Lot</td> - <td class="tdr">Ein Buch für Heger und Jäger</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Ho Rüd' hoh</td> - <td class="tdr">Jagderlebnisse</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Mein blaues Buch</td> - <td class="tdr">Balladen und Romanzen</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Dahinten in der Heide</td> - <td class="tdr">Roman</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Die Häuser von Ohlenhof</td> - <td class="tdr">Der Roman eines Dorfes</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc tdp2" colspan="2">In Ganzleinen gebunden 5.50 Mark</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Der letzte Hansbur</td> - <td class="tdr">Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc tdp2" colspan="2">In Ganzleinen gebunden 6.50 Mark</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Mein niedersächsisches Skizzenbuch</td> - <td class="tdr">Aus dem Nachlaß</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc tdp2" colspan="2">In Ganzleinen 7 Mark, in Halbleder 9.50 Mark</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Gedanken und Gestalten</td> - <td class="tdr">Aus dem Nachlaß</td> -</tr> -<tr> -<td class="larger">Für Sippe und Sitte</td> - <td class="tdr">Aus dem Nachlaß</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc tdp2" colspan="2">Jeder Band in Ganzleinen gebunden 4.50 Mark</td> -</tr> -</table> - -<p class="center"> -Preisänderungen vorbehalten -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere auch der großen Umlaute, wurden -beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 31: elifen → eilfen<br /> -Er hatte <a href="#corr031">eilfen</a> Finger</p> -<p> -S. 45: lachen → Lachen<br /> -und es war rein zum <a href="#corr045">Lachen</a></p> -<p> -S. 49: Gnitte → Gnitten<br /> -trotz der Mücken und <a href="#corr049">Gnitten</a></p> -<p> -S. 62: sie → Sie<br /> -daß <a href="#corr062">Sie</a> gestern meinen Bengel beherbergt</p> -<p> -S. 79: Fleet → Flett<br /> -fand er im <a href="#corr079">Flett</a> ein Mädchen vor</p> -<p> -S. 112: steichelte → streichelte<br /> -Göde <a href="#corr112">streichelte</a> ihre Hand</p> -<p> -S. 135: ganz sich → sich ganz<br /> -Durtjen huschelte <a href="#corr135">sich ganz</a> fest an ihn</p> -<p> -S. 150: alle → all<br /> -Seitdem wurde er da <a href="#corr150">all</a> sein Wild los</p> -<p> -S. 161: Helloh → Hehlloh<br /> -im <a href="#corr161">Hehlloh</a> dicht am Königlichen</p> -<p> -S. 191: Fleet → Flett<br /> -ganz allein mit Anna auf dem <a href="#corr191">Flett</a></p> -<p> -S. 201: ihn → ihm<br /> -und sich dicht bei <a href="#corr201">ihm</a> zu stellen</p> -<p> -S. 219: Reth → Reet<br /> -um den altes <a href="#corr219">Reet</a> stand</p> -<p> -S. 244: Vetta → Detta<br /> -als auch <a href="#corr244">Detta</a> wieder in der Sonne</p> -<p> -S. 288: Beverbock → Bewerbock<br /> -<em class="gesperrt"><a href="#corr288">Bewerbock</a></em>, Bekassine.</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR *** - -***** This file should be named 51517-h.htm or 51517-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/5/1/51517/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/51517-h/images/cover.jpg b/old/51517-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 67942be..0000000 --- a/old/51517-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/51517-h/images/drop-a.png b/old/51517-h/images/drop-a.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 6bde5a8..0000000 --- a/old/51517-h/images/drop-a.png +++ /dev/null diff --git a/old/51517-h/images/drop-d.png b/old/51517-h/images/drop-d.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 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