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-The Project Gutenberg EBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der letzte Hansbur
- Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
-
-Author: Hermann Löns
-
-Release Date: March 21, 2016 [EBook #51517]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Hermann Löns
-
- Der letzte Hansbur
-
- Ein Bauernroman aus
- der Lüneburger Heide
-
- Adolf Sponholtz Verlag, G. m. b. H. / Hannover
-
-
-
-
- Als ich damit begann, die
- Geschichte des letzten Hansburen
- niederzuschreiben, war ich mir darüber
- klar, daß es unmöglich sei, die Gespräche
- plattdeutsch wiederzugeben, da eine Erzählung
- nicht in zwei Sprachen geschrieben werden kann.
- Ganz von selber kam ich dann dazu, den gesamten
- Text in der Denk- und Sprechweise der Haidjer zu
- halten, woraus sich, wie mir scheint, eine glückliche
- Einheit zwischen dem Stoffe und der Form ergab. Diese
- Darstellungsweise zwang mich, vielfach Worte und
- Wendungen zu gebrauchen, die manchem Leser
- ungewohnt sein werden, weswegen ich am
- Schlusse des Buches die notwendigen
- Erläuterungen gebe. / H. L.
-
-[Illustration]
-
-
- Copyright 1909 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H. Hannover.
-
-
-
-
-[Illustration: Der Bullerborn]
-
-
-
-
-Der Bullerborn.
-
-
-Es war meist noch Nacht, da warf der Storch den Tau von sich und flog
-los.
-
-Mitten in der Heide lag ein klarer Pump, der Bullerborn geheißen; da
-ließ er sich nieder.
-
-Die Nebelhexen verjagten sich, als der Adebar angebraust kam, und als
-ein heller Wind über die Heide lief und sie bei Seite stieß, und als
-die Sonne über die Wohld stieg und sie scharf ansah, da gaben sie das
-Tanzen über dem Bullerborn auf und machten, daß sie in das Bruch kamen.
-
-Der Storch ging um den Born herum und nickte mit dem Kopfe. Fische gab
-es nicht in dem Wasser, dazu war es zu frisch, und Frösche erst recht
-nicht, denn dazu war es zu wild. Wer aber lange in den Born sah, in dem
-das Wasser immer um und um ging, daß der weiße Sand nur so mülmte, der
-wußte, was der Storch da suchte, und wenn der Pastor von Lichtelohe
-es auch einen Heidenschnack nannte, daß der Adebar aus dem Bullerborn
-die Seelen für die kleinen Kinder holen sollte, die Bauern wußten das
-besser.
-
-Als die Sonne so hoch stand, daß sie just in den Born hineinsehen
-konnte, nahm der Storch sich auf und flog über das Bruch und die hohe
-Heide und die Felder, bis er da war, wo er hergekommen war, auf dem
-Hehlenhof, der ganz allein für sich in seinem Hausbusche lag, so daß
-man vor lauter Eichen und Hülsen und Holderbüschen, die hinter der
-mächtigen Mauer aus Ortsteinen wuchsen, nichts von ihm sah, als den
-Herdrauch.
-
-Die Störchin stand auf, als der Storch kam; er aber flog über das
-Hausdach fort und ließ sich im Blumengarten hinter dem Wohnhause
-nieder, wo der Flieder durch den Tau roch und der Goldregen über den
-Zaun hing. Er stand zwischen den Buchsbaumrabatten und sah sich um;
-dann ging er bis zu der Ecke, wo das Fenster der Dönze offen stand.
-
-Das Totenhuhn, das auf dem Windbrett saß und einen Diener über den
-anderen machte, drehte sich bald den Hals ab, aber es konnte nicht
-sehen, was der Adebar da machte, denn er war hinter einem der spitzen
-Machangelbüsche, die rechts und links vor der Türe standen, kam aber
-bald wieder heraus, ging bis mitten in den Garten und flog fort.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Adebarstag]
-
-
-
-
-Adebarstag.
-
-
-In der Schlafbutze der Dönze lag die Bäuerin und in ihrem Arme der
-Hoferbe und beide atmeten durcheinander.
-
-Als der Storch fortflog, schlug das Kind die Augen auf und meldete sich.
-
-Die Bäuerin seufzte den Schlaf fort, strich sich den Schweiß von der
-Stirn, sah um sich und lächelte, als sie das Kind sah, das mit den
-Händen nach ihrer Brust fühlte.
-
-Sie legte es an und sah zu, wie es trank. Im Flett gingen bedächtige
-Schritte, die Dönzentür ging leise auf und der Bauer kam auf Strümpfen
-herein.
-
-Seine Augen lächelten, als er vor die Butze trat. Er strich mit seiner
-großen Hand über die Backe seiner Frau und mit einer Fingerspitze über
-den Kopf des Kindes, nickte und sagte: »Nötigen braucht man ihn nicht.«
-
-Im Flett kamen wieder Schritte näher, eine große, breite Frau mit
-schönem Gesicht stand in der Türe.
-
-»Komm' man her, Großmutter,« sagte der Bauer, »ich muß jetzt nach den
-Wiesen. Bei Uhre elfe bin ich wieder zurück.«
-
-Er ging, aber in der Türe drehte er sich noch einmal um: »Es ist eine
-wahre Pracht, wie er trinkt.«
-
-Die Großmutter nickte und sah zu, wie das Kind trank, und als es die
-Mutterbrust von sich stieß, nahm sie es hin und wickelte es aus.
-
-Sie lachte, als sie die breite Brust und die geraden Glieder des Kindes
-sah. »Er ist fast zu schön für ein Dreitagekind, Detta,« meinte sie,
-»so schier und eben. Und welche Masse Haare er hat, als wenn er sechs
-Wochen alt wäre. Und hat man schon bei einem Kinde, das noch nicht
-wochenalt ist, solche festen Nägel gesehen?«
-
-Sie klopfte es zärtlich, aber dann nahm sie das rechte Händchen des
-Kindes zwischen ihre Finger: »Den alten dummerhaftigen Beifinger, den
-brauchte er nicht zu haben. Junge, Junge, was brauchst du elf Finger?«
-
-Ihre Tochter lächelte: »Ach, Mutter, das ist ja wohl kein Unglück!
-Wer lang hat, läßt lang hängen. Und sein Großvater hat ja sogar zwölf
-gehabt.«
-
-Die Großmutter machte eine krause Stirne: »Das ist es ja eben, das
-mit dem Großvater. Hätte er zehn Finger gehabt, dann hätte er wohl
-noch ein Enkelkind hüten können. Die alten vermuckten Beifinger! Alle
-Hehlmanns mit überzähligen Fingern hatten zuviel Hitze im Geblüt. Aber
-wenn man dieses Kind sieht, so hübsch, als wie es daliegt, mit Augen,
-wie der liebe Himmel, dann sollte man meinen, daß das bloß ein dummer
-Aberglauben ist. Die Zukunft liegt in Gottes Hand; wir wollen uns
-darüber keine Gedanken machen. Wer zu lang vorausdenkt, macht sich zu
-früh Sorgen.«
-
-Sie legte das Kind hin, rief die Kleinmagd, daß sie das Wasserwarmbier
-bringe, und als die Wöchnerin die Suppe ausgelöffelt hatte, strich ihr
-die Mutter das Kissen zurecht, schloß das Fenster der Fliegen wegen
-dicht zu und mahnte: »So, nun schlaf' man, daß du bald wieder beinig
-wirst.«
-
-In der Tür blieb sie stehen: »Er sieht heute ganz anders aus den Augen,
-als wie die Tage vorher; er sieht einen heute schon ordentlich an, als
-wenn er einen kennen täte. Gestern hatte er noch gar keinen Blick in
-den Augen.«
-
-Ihre Tochter lächelte: »Ja, Mutter, das bedünkt mich auch so. Aber
-heute ist ja auch Adebarstag.«
-
-»Heidenschnack«, warf die Großmutter lächelnd hin, und dann ließ sie
-Tochter und Enkel für sich.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Beifinger]
-
-
-
-
-Der Beifinger.
-
-
-Das Kind schlief, und Detta Hehlmann sah es an, bis daß der gelbe Vogel
-draußen so laut an zu pfeifen fing, daß sie nach dem Fenster sehen
-mußte.
-
-Im Garten ging der Wind; das Weinlaub war rege und ein weißer
-Nägelchenbusch ging immer auf und ab.
-
-Der jungen Frau bedünkte es, als hätte sie das alles noch kein mal
-gesehen. Vier Tage waren es erst her, daß sie von den Füßen mußte, aber
-ihr war zu Mute, als wenn ein Jahr darüber hin wäre.
-
-Noch kein mal war ihr das Weinlaub so schön vorgekommen und noch nie
-hatte der Wigelwagel so süß in den Hofeichen gesungen.
-
-Ihr wurde ganz weichmütig zu Sinne und die Augen gingen ihr über. Ihr
-war so wunderlich, daß sie die Hände falten mußte.
-
-Ihren Johann hatte sie, einen guten Mann, und dann dieses Kind, so
-schön und so gesund. Am ersten Maitage in der Frühe war es dagewesen,
-ein Morgenkind, ein Maikind, und darum war es wohl so schön.
-
-Die Mutter hatte recht; heute hatte der Junge ganz andere Augen.
-
-Detta lächelte und dachte an die Worte der alten Magd: »Am dritten Tage
-bekommt ein Kind die Seele. Der Adebar bringt sie ihm. Bis dahin ist es
-nicht mehr, als ein unvernünftiges Vieh.«
-
-Das alte Mädchen steckte voll von Heidenglauben. Sie war manchmal nicht
-ganz bei sich, die alte Hermine; sie hatte auch ein trauriges Leben
-gehabt.
-
-Sie war mit einem Großknecht versprochen gewesen. Da kam der Bonaparte
-und nahm ihr den Bräutigam.
-
-»Ich wollte ihm etwas Gutes mitgeben,« hatte die alte Magd an Dettas
-Ehrentage erzählt, »und da konnte ich nicht anders, als meinem Karl zu
-willen sein. Und das ist mir heute noch nicht gereut.«
-
-Der Bräutigam blieb in Rußland; es kam nie wieder eine Kunde von ihm.
-Sein Kind aber wuchs auf dem Hehlenhofe zu einem strammen Jungen heran
-und kein Mensch trug es ihm nach, daß er ein lediges Kind war. Zwei
-Jahre war er schon Kleinknecht, da schlug ihn der Schimmel tot.
-
-Das arme alte Mädchen! Die junge Frau sah zu ihrem Kinde hinab. Das
-rechte Händchen mit dem Beifinger lag auf dem Kissen.
-
-Ihr trat der Großvater ihres Jungen vor die Augen. Der wilde Hehlmann
-hatte er geheißen. Ein Kerl, wie eine Tanne war er, mit Augen, die
-einen hellen Blick hatten.
-
-Der war auch mit zwölf Fingern auf die Welt gekommen und sein Haar
-hatte im Nacken just solchen Wirbel, wie sein Enkelkind, das er nicht
-mehr sehen sollte, denn er lag schon einige Jahre neben der Kirche.
-
-Durch eigene Schuld war er mit sechzig Jahren unter die Erde gekommen,
-denn von Rechts wegen mußte er es auf hundert bringen. Aber seine
-zwölfhundert Morgen Eigenjagd waren ihm zu wenig; er hatte immer den
-Grenzstein in der Tasche und jagte, soweit der Himmel blau und die
-Heide braun war.
-
-Als er wieder einmal im Königlichen jagte, hatten ihn die Förster
-spitz gekriegt und mit dem Hunde seine Spur ausgearbeitet. Aber der
-alte Hehlmann hatte es gemerkt, und obzwar es wintertags war, hatte er
-sich nicht besonnen und war drei Male bis an die Brust quer durch die
-Beeke gegangen und hatte dann naß wie eine Katze im Bruch den Abend
-abgewartet, ehe er auf Umwegen nach seinem Hofe ging.
-
-Acht Tage hinterher lag er steif und kalt auf dem Schragen; eine
-Lungenentzündung hatte ihn umgeworfen.
-
-»Bis auf das Letzte ist er gegen den Tod angegangen,« hatte die alte
-Hermine erzählt. »Er wollte und wollte nicht sterben. Noch nicht, noch
-nicht, schrie er immer; es war schrecklich anzuhören. Schlecht war er
-nicht, aber er gehörte hier nicht her. Er hielt den Kopf höher, wie ein
-adeliger Herr, und es war keine Frau und kein Mädchen, das ihm in die
-Augen sehen konnte, ohne daß ihr das Blut in die Backen sprang. Gegen
-Kinder und Hunde war er von Herzen gut, aber die Mannsleute kriegten
-gefährliche Augen, wenn die Rede auf ihn kam. Wo ein glattes Gesicht
-war, da war er nicht weit; in seinem letzten Jahre mußte seinethalben
-noch eine Magd vom Hehlenhofe. Er war kein Mann für geruhige Zeiten;
-es war ein Kerl, wie man sie braucht, wenn die Kriegsvölker zu Gange
-sind.«
-
-Dettas Gesicht wurde ernst. Der Beifinger ihres Jungen und der
-Haarwirbel im Nacken wollten ihr nicht aus dem Sinne.
-
-Und dann dachte sie an das, was man von dem Großvater des Großvaters
-erzählte, von Hans Detel Hehlmann.
-
-Mit dem hatte es ein schlimmes Ende genommen. Er hatte den Hut
-aufbehalten, als der adelige Herr vorüberging, denn er hatte einmal
-einen Ärger mit ihm gehabt. Da hatte der Herr ihn mit der Peitsche
-über den Hut geschlagen und gerufen: »Mach' dich bar, Bauer!« Und da
-war der Bauer zugesprungen, und hatte den Ritter mit der baren Faust
-totgeschlagen.
-
-Bei Nacht und Nebel war er aus dem Lande gegangen und in dem Hausbuche
-stehen hinter seinem Namen die Worte: »Es kam niemals wieder eine Kunde
-von ihm. R. i. p.«
-
-Dettas Augen wurden wieder heller. »Die Welt geht jetzt einen
-geruhigeren Gang,« dachte sie. »Und ist der Junge auch an der Reihe,
-daß das wilde Blut bei ihm hochkommt, Johann und ich, wir wollen schon
-dafür sorgen, daß es sich in Zucht und Sitte hält. Alle Mannsleute sind
-zuletzt von wilder Art, die besseren wenigstens.«
-
-Sie dachte an ihren Jochen, der ihr anfangs fast zu gut vorgekommen
-war. Eines Tages jedoch hatte der Knecht den Rappen mit dem Forkenstiel
-über das Maul geschlagen; da hatte der Bauer aber losgelegt; wie ein
-Ungewitter polterten seine Worte über den Knecht her. Und da wurde der
-Knecht frech und machte eine ausverschämte Redensart. Es sollte ihn
-bald gereuen. Hehlmanns Augen wurden rund und blank; mit einem Griffe
-hatte er den Burschen bei der Brust, und ehe der es sich versah, lag
-er im Entenpump. Ganz voll von Entenflott kam er wieder heraus, nahm
-seinen Lohn, packte seine Sachen und machte, daß er weiter kam.
-
-Der Fink im Garten sang immer und immer wieder dasselbe Lied und der
-Wigelwagel flötete in einem fort auf die gleiche Art. Und immer und
-immer wieder gingen die grünen Blätter und die weißen Blumen hinter den
-kleinen Scheiben auf und ab.
-
-Der jungen Frau fielen die Augen zu. Aber mit einem Male seufzte sie
-auf und sah wild um sich. Sie sah nach der Wiege und dann hinter dem
-Traume her, der eben bei ihr gewesen war.
-
-Da hatten auf einmal zwei Frauen bei der Wiege gestanden. Die eine, die
-mit dem braunen Gesicht und den Augen, so schwarz und blank, wie der
-Ruß am Rehmen, war aus dem Moore gekommen, denn sie roch nach Post.
-
-Die andere, deren Gesicht wie Milch war, mit Augen, so blau wie
-Bachblumen, war über die Wiesen gekommen, denn von ihren Kleidern kam
-der Geruch von Gras und Blumen.
-
-Sie standen bei der Wiege und besahen das Kind. Die Frau mit dem gelben
-Gesicht hatte gemurmelt: »Als wie ein Herr sollst du leben.« Dann
-machte sie das Hexenkreuz über dem Kinde und war verschwunden.
-
-Die andere Frau aber machte über dem Jungen das Zeichen, das die Bauern
-vom Hehlenhofe seit unvordenklichen Zeiten als Hausmarke hatten, und
-flüsterte: »Und dein Knecht sollst du sein.« Dann war sie nicht mehr zu
-sehen.
-
-Die junge Frau dachte nach. Träume sind Schäume, sagt der Pastor, und
-dann fiel ihr die alte Hermine ein, die so fest an Träume glaubte, daß
-sie ihr eigenes Begräbnis voraussagte.
-
-»Mein Karl hat mich wissen lassen, ich soll Sonntag bei ihm sein,«
-hatte sie Freitag gesagt. Am Sonnabend Morgen lag sie tot im Bette.
-
-»Wer hat recht?« dachte die junge Frau und sah nach dem Fenster. »Hat
-der Pastor recht oder Hermine? Der Pastor hat die Wissenschaft, aber
-das alte Mädchen hatte den Glauben.«
-
-Wieder lächelte sie, es kam ihr in den Sinn, daß sie als Schulmädchen
-ein Buch gelesen hatte, in dem die Geschichte von der guten und der
-bösen Patenfee stand.
-
-Dieses alte Märchen war ihr im Schlaf wieder eingefallen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Das Hausbuch]
-
-
-
-
-Das Hausbuch.
-
-
-»Johannes Gotthard Georgius soll er heißen,« sagte der Hansbur.
-
-Den ganzen Sonntag Nachmittag hatte er in der Dönze gesessen und in dem
-Hausbuche gelesen.
-
-Das war ein altes Buch in Schweinsleder gebunden und mit einem Schlosse
-aus Messing. Auf der ersten Seite war dieser Spruch zu lesen: »De
-Mensche van ejner Frouwen geboren leuet ejne Korte tidt unde is vull
-vnrowe«.
-
-Allerlei war darin zu lesen, von Kriegsnöten und Pest, Mord und Brand,
-von hungrigen Zeiten und fetten Jahren.
-
-Fromme Sprüche waren darin aufgezeichnet und alte Mittel, dem Vieh zu
-helfen mit Kräutern und Besprechung.
-
-Unterschiedlich war die Handschrift, bald kraus und bunt, bald
-steif und steil; hier wie gestochen, und da krumm und schief, wie
-Fuhrentelgen.
-
-Absonderliche Belebnisse standen darin: »Die Wölfe haben so gehecket,
-dieweil keiner ist, der ihnen zu Leibe gehen kann, daß wir uns deren
-nicht erwehren können. Gestern sind wieder drei Schafe weniger in
-den Kaben zurückgekommen, als morgens herausgelassen waren. Das sind
-siebzehn Stück in diesem Frühjahre.«
-
-Hehlmann blätterte um, denn das war es nicht, was er suchte. Aber
-dieses hier mußte er doch lesen: »Der englische Schweiß geht wieder im
-Lande um. In Ohldörpe sind letzte Woche bei Zwanzig Leute abgestorben,
-die mehrsten vor dem dritten Tage. In Lichtelohe sind sieben neue
-Gräber bei der Kirche. Herr, halte deine Hand über uns!«
-
-Hehlmann blätterte zurück; da stand zu lesen: »Des Herrn Wege sind
-wunderlich. Johann Detel Georg Hehlmann hat uns ein Schreiben zukommen
-lassen. Zweimal zehn Jahre ist er verschollen gewesen für uns. Er hat
-mit Bravour gegen die Türken gefochten und ist immer mehr geworden,
-zuletzt ein hoher General und Anführer über viele Kriegsvölker. Der
-Kaiser hat ihm große Güter gegeben und einen Grafen aus ihm gemacht, so
-daß er jetzt Graf Hehlmann von Gollenstedt geheißen wird. Hier hatte er
-nicht taugen wollen.«
-
-Darunter stand: »Ohm Hein sagt, er hat sechs Finger an jeder Hand
-gehabt und sein Haar ist in zwei Wirbeln gelegen.«
-
-Hehlmann sah auf: das war der erste mit Beifingern und mehr als einem
-Haarwirbel. Der hatte es zu etwas gebracht, aber sein Geschlecht war
-bald ausgestorben und die Güter waren wieder dem Kaiser zugefallen.
-Ein Hehlmann hatte darum geklagt; die Herren vom Gericht hatten aber
-herausgefunden, daß die Verwandtschaft zu weitläufig war.
-
-Der Bauer dachte nach. »Detel soll er nicht heißen,« beschloß er bei
-sich. »Drei Namen haben wir alle. Der erste ist immer der alte Name,
-wonach die Bauern solange Hansbur hießen, bis die Regierung befahl,
-daß sie sich nach einem Beinamen umsehen mußten. Auf den dritten Namen
-kommt es nicht an, aber auf den zweiten, denn mit dem wurden sie
-gerufen. Und Detel war kein guter Name.«
-
-Er las weiter. »Johann Hinrich Detel« stand da und ein Kreuz dahinter
-und die Worte: »Der Herr erbarme sich seiner armen Seele.«
-
-Weiter stand nichts da, aber mit anderer Schrift war an den Rand
-geschrieben: »Er hat im Kruge zu Eschede im Mai 1711 einen Handelsmann
-mit dem Messer beim Kartjen erstochen. Am 8. Juni mit dem Schwerte zu
-Zelle vom Leben zum Tode gebracht. In den Gerichtsakten steht als
-absonderliches Merkzeichen: Er hatte eilfen Finger.«
-
-Hehlmann machte die Stirne kraus. Also Hinrich, das ging auch nicht.
-Und einen neuen Namen wollte er nicht haben für den Jungen.
-
-Er schlug weiter um. Über die Frauennamen las er weg. Aber bei dem
-einen blieb er doch hängen. »Dorothea Hille Sophia Hehlmann, geb. 13.
-Mai 1773. Gest. 13. Mai 1813. Sie hat sich weggeschmissen.«
-
-Mit roter Tinte stand in zierlicher Schrift am Rande: »Wir wollen
-keinen Stein auf ihr werfen. Sie soll ausnehmend schön gewesen sein
-und ist nach vielfachen Fahrten eines achtbaren Mannes ehelich Weib
-geworden. Gotth. H. Hehlmann, P.«
-
-Der Wigelwagel pfiff in den Hofeichen und schrie hinterher ganz
-unmäßig. Hehlmann war es so, als ob er Detel oder Hinrich schrie.
-
-»Nein, Detel und Hinrich sind keine Namen für meinen Jungen,« dachte
-er, »so scharf und spitz, das hat keine Art. So ein Name, der muß
-sein, daß er in sich selbst Bestand hat.«
-
-Er blätterte wieder weiter. »Johannes Gotthard Hinrich Hehlmann, Pastor
-zu Lichtelohe. Sein Andenken bleibt ewiglich in Ehren. Er war ein
-frommer Knecht des Herrn.«
-
-Hehlmann nickte. »Gotthard hört sich vortrefflich an, ruhig und sinnig.
-Das ist ein Name, der einem Manne zu Gesichte steht, wie ein ehrbarer
-Rock.«
-
-Er schlug weiter um: »Johannes Gotthard Antonius. Er war ein Mehrer des
-Hofes und hat ihn aus den Schulden herausgebracht.«
-
-Hehlmanns Augen wurden hell. Es kamen zwei leere Seiten, dann vier
-Seiten mit frommen Sprüchen und Heilmitteln für das Vieh, und dann
-stand wieder da: »Johann Gotthard Hermen; ist über achtzig geworden
-und hatte noch alle Zähne und solche Kraft, daß er das junge Volk bei
-der Arbeit hinter sich ließ. Er hatte für jedermann einen Rat und ein
-trostreiches Wort und wurde in allen Nöten des Leibes und der Seele um
-Hülfe angegangen. Wenn einer, so ruhet er in Abrahams Schoß.«
-
-Der Bauer tauchte die Feder ein und schrieb: »Johannes Gotthard«,
-dann besann er sich eine Weile nach einem dritten Namen und schrieb
-»Georgius«, denn so hieß der nächstverwandte Hehlmann, Ohm Jürn, der
-die Schnucken unter sich hatte.
-
-Hehlmann scharrte Sand von den Dielen, streute ihn auf die Schrift,
-las noch einmal, was er geschrieben hatte und sprach vor sich hin:
-»Johannes Gotthard Georgius«, und nach einer Weile: »Gotthard Hehlmann«.
-
-Dann schlug er das Buch zu und legte es in die Beilade.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Das Osterfeuer]
-
-
-
-
-Das Osterfeuer.
-
-
-Göde riefen sie den Jungen, denn Gotthard nahm ihnen zuviel Zeit.
-
-Der Junge wuchs, daß es ein Staat war. Er hatte einen ansehnlichen
-Vater und seine Mutter war das glattste Mädchen weit und breit gewesen.
-So war es kein Wunder, daß der Junge rundumher als das schönste Kind
-galt.
-
-Und gesund war er und kernfest, wie die Eichen auf dem Hofe. Er hatte
-Licht und Luft und gute Hut, und als seine Mutter mit ihm ging, hatte
-sie ihre Augen hell und ihr Herz rein gehalten.
-
-Keinmal hatte sie beim Nähen schwarzen Zwirn über den Hals gehängt, nie
-einen Faden abgebissen, niemals die Leinwand gerissen.
-
-Eins nur machte ihr Sorge: Als sie fühlte, daß sie guter Hoffnung war,
-war der Viehhändler Seligmann auf den Hof gekommen. Sie hatte ihn nie
-so recht leiden können. Als er ihr auf so wunderliche Art die Hand
-gab, sie mit Augen ansah, als hätten sie zusammen Holz gestohlen, und
-sie schmusternd fragte: »Nun, schöne, junge Frau, hat der Adebar schon
-geklappert?« da hatte sie den Kopf geschüttelt. Wenn aber eine Mutter
-ihr Kind ableugnet, dann bleibt es nicht bei der Wahrheit.
-
-Aber das mochte nur wieder so ein Schnack sein von Mutter Griebsch, die
-der jungen Frau sagte, was sie tun dürfe und was nicht.
-
-Detta gab auf alle diese Dinge nicht so ganz viel, denn zuoft hatte der
-Pastor dagegen von der Kanzel geredet; deswegen stellte sie die Wiege
-aber doch immer fest, wenn das Kind nicht darin lag, damit sie nicht
-taub hin und her ging und der Junge Kopfweh bekam. Sie sorgte dafür,
-daß keine jungen Hunde auf dem Hofe waren, und nahm nicht die Schere,
-wuchsen dem Kinde die Nägel über.
-
-Weil der Junge elf Finger hatte, zog sie ihn durch die Zwille einer
-jungen Eiche, und als der Finger trotzdem nicht zurückging, band sie
-ihn mit einem weißen Faden ab und tat den Saft von Jesuwundenkraut
-darauf, und es blieb nichts zurück, als eine kleine rote Stelle.
-
-Die große bunte Wiege von Eichenholz, die seit 1564 auf dem Hofe war,
-wurde zu kurz, als Göde ein knappes Jahr alt war, so wuchs der Junge.
-
-Durchschnittlich war er ein freundliches Kind, aber einmal, als seine
-Mutter sich verjagt hatte, als das Wetter in eine von den großen Eichen
-schlug und die ganze Deele voll von blauem Feuer war, mußte ihr wohl
-die Milch hart geworden sein, denn als der Junge trinken wollte, hatte
-er schnell losgelassen und ganz falsch mit der Hand nach der Brust
-geschlagen. »Du Untier,« hatte die Mutter gesagt, »noch nicht ein Jahr
-und schon schlägt er zu, wie ein Alter.«
-
-Sonst war er aber gutartig, lachte immer und wenn man ihn mitten aus
-dem Schlafe aufnahm. Er konnte drei Stunden allein liegen und mit
-seinen Füßen spielen oder lauthals über den Schatten juchen, den seine
-Hände gegen die Wand warfen. Wenn er einmal ein bißchen weinte, so wie
-einer mit ihm sprach, gleich lachte er wieder.
-
-Bloß wenn der Bauer vorbeiging, ohne mit ihm zu sprechen oder ihn auf
-den Arm zu nehmen, dann fing er ganz gefährlich an zu schreien, und
-Hehlmann lachte und sagte: »Eine Stimme hat er, wie ein Bullenkalb.«
-
-So blieb er auch; immer war er lustig und nie verzagt. Als er vier
-Jahre alt war, schnitt er sich zwei Finger bis auf den Knochen durch
-und kam mit Tränen in den Augen ganz still an und sagte: »Mutter,
-Lappen ummachen.« Mit sieben Jahren griff er den Marder, der in das
-Tellereisen getreten war, und brachte Marder und Eisen lachend in das
-Haus, und dabei hatte ihn das Tier durch den Daumennagel gebissen.
-
-Er hatte eine Art mit dem Vieh umzugehen, als wenn er schon ein Kerl
-von zwanzig Jahren wäre; alles, was auf dem Hofe an Getier war, mußte
-ihm untertänig sein, aber nie ging er hart damit um, außer, wenn eins
-nicht so wollte, wie er.
-
-Dann aber wurden seine Augen blank und seine Stimme war wie ein
-Peitschenklappen, und der Bauer und die Bäuerin sahen sich an, machten
-enge Lippen und die Mutter rief über den Hof: »Göde, prahl nicht so!«
-
-Ein einziges Mal war der Vater böse zu ihm geworden. Die Kinder hatten
-sich ein Osterfeuer gemacht und waren über die Flammen gesprungen, Göde
-immer vornweg.
-
-Bloß Ludjen Wehmeyer, ein Häuslingsjunge, wollte nicht, denn er war
-bange. Da war Göde an ihm vorbeigelaufen, hatte ihn an den Ärmel
-gefaßt und war mit ihm über das Feuer gesprungen, das heißt, nur halb,
-denn weil Ludjen sich sträubte, fiel Göde, und nun lagen sie alle beide
-in dem Feuer.
-
-Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen um so mehr, und als
-Mutter Wehmeyer auf den Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte, da
-hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei.
-
-Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbetüre gerufen: »Doch hat er
-schuld, ich hab' es gesehen!«
-
-Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen und gesagt: »Warum
-bleibst du mit der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich das für
-einen Bauernsohn? Wie kann ich dir glauben, wenn du einmal gelogen
-hast? Und damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche nicht mit
-in das Bruch.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Im Ruhhorn]
-
-
-
-
-Im Ruhhorn.
-
-
-Das war ein harter Spruch.
-
-Schön war es auf dem Hofe unter den tausendjährigen Eichen; da flogen
-die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und es sah putzwunderlich aus,
-wenn sie die kleinen Wagen zogen, die Göde ihnen machte.
-
-In dem alten Burgfried, der im Giebel noch drei Kugellöcher aus der
-Schwedenzeit aufwies, hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war
-rein zum Lachen, wenn Göde kam; denn dann machte sie sich ganz lang
-und wackelte just so wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er einen
-Schnaps zuviel hatte.
-
-Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken und wenn man sich still
-verhielt, liefen sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse.
-
-Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest und machte eine furchtbare
-Schande, wenn ein Mensch in die Nähe kam.
-
-Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen hatte, die lauter
-Dummerhaftigkeiten im Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze machte
-oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie verrückt in ihre Ketten
-gingen und die Hühner für unklug unter das Holz liefen.
-
-Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke oder Kiekebusch, die beiden
-jungen Bracken, die der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem
-Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so lange in das Untier
-hineinbissen, daß ihnen der blanke Schaum vor den Schnauzen stand.
-
-Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu jagen, und das brachte etwas
-ein, denn für jede gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte Göde zum
-Rattenpassen keine Lust, dann nahm er das Pusterohr und wartete in
-der Laube, bis es im Kirschbaume knackte, und es war selten, daß die
-Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen die Zwiebeln warf.
-
-Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen und an die Birnen gingen,
-hielt Göde mächtig im Schach, und manch einen holte er mit der Pistole
-herunter.
-
-Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn es in die Wildnis ging.
-Was gab das für ein Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier,
-Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp! Heraus, Kreih!«
-
-Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so wurden Strom und Pollis und
-Widu hinterhergeschickt. Dann war Göde auf der Höhe, wenn er drei,
-vier Jungens, die Hunde und das Vieh unter sich hatte, und alle ihm
-gehorchen mußten, selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange
-Peitsche hinkam, da zog es Blasen.
-
-»Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte der Bauer, »ich habe das
-mit vierzehn Jahren noch nicht so gekonnt.«
-
-Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke des Hehlenbruches, wo die
-schnelle Bullerbeeke mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam, denn da
-brauchte er nicht so viel aufzupassen, weil das Vieh nicht durch das
-Wasser ging.
-
-Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das schönste Teil von dem ganzen
-Bruche.
-
-Viel altes Holz stand da auf den hohen Sandbrinken, die vor der Beeke
-lagen, Eichen und Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten und
-Birken in Masse, und darunter wuchsen Machangeln, Hülsen und Haseln und
-wer weiß was alles. Erdbeeren gab es da die schwere Menge und später
-Bickbeeren, Brombeeren und Kronsbeeren.
-
-Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke und manchmal auch ein
-wildes Schwein. Der Habicht baute da und der Rabe und der schwarze
-Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der Beeke und im großen
-Moore gingen die Kraniche auf und ab, klappten mit den Flügeln und
-bliesen wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt.
-
-Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der Mücken und Gnitten und blinden
-Fliegen und der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen Forellen, und
-wer sich darauf verstand, konnte sie leicht kriegen; in der Wittbeeke
-standen Hechte und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie es ihm
-Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen, die Kleinknechte, beigebracht
-hatten.
-
-Er ging nicht gern mit den Knechten, denn dann mußte er tun, was die
-wollten, und das war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er hinter
-den Kühen, weil er dann allein das Wort hatte.
-
-Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten eine andere Arbeit
-hatte, mußte er mit den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes
-einzige Mal etwas Neues.
-
-Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen Setzangeln, Hein Gird aber
-stokelte überall herum und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern
-an, bald mit einem jungen Reh, und in der Schummerstunde brachte er das
-dann nach seiner Mutter.
-
-Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg, der Förster, sie
-dabei packte. Da mußten sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen
-heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache herauskam und sagte, daß
-Tönnes und Hein Gird ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und
-viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein junges Reh nach Hause
-geschleppt hatten.
-
-Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild gesehen: »Junge,« hatte
-er gerufen und war ganz rot unter den Augen geworden, »machst du mir
-solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie ein Vagabunde, der an
-fremder Leute Eigentum gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Beeken
-ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du kannst heilsfroh
-sein, daß ich mit dem Droste gut stehe, sonst geht es dir, wie den
-beiden Unduchten, dem Tönnes und dem Hein Gird: die sind jeder zu zehn
-Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie heute Abend zurückkommen, sag'
-ihnen, sie sollen dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine
-Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist nun aus. Vom Montag ab
-gehst du zum Pastor in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch
-her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.«
-
-Der Junge war weiß wie eine Wand geworden. Daß er nicht mehr in das
-Bruch durfte, das war schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht
-gern, und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht nichts; aber
-wenn er daran dachte, daß jetzt beim Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf
-der langen Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit dem Haselstocke,
-daß es nur so brummte, da wußte er: wäre es ihm so gegangen, er
-hätte sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde Döbke, der
-Schneider, als er unter das Schnapsverbot kam.
-
-Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu Ohm Jürn, der auf der Heide
-bei den Schnucken stand und an einem Strumpfe knüttete. Der freute
-sich, als er den Jungen kommen sah, über sein ganzes altes faltiges
-Gesicht, das so braun wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede,
-eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist sprach er überhaupt
-nicht, höchstens brummte er so vor sich hin.
-
-»Ja, ja, Junge; laß' den Kopp nicht hängen, Kind, sagte die Kuh, als
-sie mit dem Kalb durch die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm.
-Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein Umgang für einen Hoferben.«
-
-Das sah Göde denn auch ein, und das Herz tat ihm gar nicht weh, als
-abends die Jungens mit dem Vieh vom Bruche zurückkamen und lauthals
-sangen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Die Grenze]
-
-
-
-
-Die Grenze.
-
-
-Die Vormittagsschule war lange nicht so schlimm, wie Göde sich das
-gedacht hatte.
-
-Der alte Pastor Rotermund sah nur von weitem so gefährlich aus, weil er
-so lang war und so dünn und weil ihm das weiße Haar über den Rockkragen
-hing.
-
-So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar er sich da nicht so
-fühlte, als wie in der Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf
-dem Hansburhofe ging es ja auch sinnig und anständig zu, aber bei dem
-Pastor war es, als wenn jeden Tag Sonntag war.
-
-Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter war und Schultern hatte,
-wie ein Mannsbild und meist Beiderwand oder Blauleinen trug und vor
-keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas an sich, daß Göde jedesmal rot
-wurde, wenn er sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm.
-
-Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht die erste Violine spielte,
-wie in der Übermittagsschule bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel, der
-Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es zwar an Kräften mit ihm auf, aber
-er hatte eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für den Tod nicht
-ausstehen konnte.
-
-Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren die beiden
-aneinandergekommen.
-
-Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er noch nicht einmal wußte, wer
-Pipin war, denn wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen, Schreiben,
-etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche und Gesangbuchverse
-beigebracht hatte, das schien ihm schon reichlich für einen Bauern-
-oder Häuslingsjungen.
-
-Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt, wieviel Vieh sein Vater
-habe, und ihn ausgelacht, als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen keins;
-wir sind keine Mistbauern.«
-
-Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer schickt, muß dein Vater
-ihm für einen Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch beim
-Kinderholen helfen«, und das hatte den Doktorsjungen so falsch gemacht,
-daß er Göde eins hinter die Ohren schlug.
-
-Göde wurde es heiß und kalt; es war der erste Schlag seit seinem
-fünften Jahre; es wurde ihm rot vor den Augen und es war, als hielte
-ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er aus, daß Walter die Bank
-zwischen sich und ihn brachte.
-
-Es war aber auch die höchste Zeit, denn Göde, der an einem Stocke
-geschnippelt hatte, zischte wie eine Adder und stürzte mit dem blanken
-Messer auf Walter los.
-
-Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der auch beim Pastor in die
-Schule ging, laut auf und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein
-Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen Gliedern und der Schweiß
-stand ihm auf der Stirn.
-
-In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau bei ihnen und sagte: »Kommt
-mal alle mit!« Und als sie in der Waschküche standen, fragte sie: »Was
-war das mit euch? Erzähle mal, Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er
-immer gelassen blieb.
-
-Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen Worten ihr Benehmen und ließ
-sich von allen Dreien in die Hand versprechen, daß keiner darüber reden
-solle. »Mein Pastor regt sich sonst zu sehr darüber auf und bekommt am
-Ende sein Lungenbluten wieder«, setzte sie hinzu.
-
-Nach der Schule rief sie über den Hausflur: »Komm' mal her, Göde, du
-kannst deiner lieben Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der Junge
-in der Wohnstube stand, machte sie die Türe zu, legte ihm beide Hände
-auf die Schulter, sah ihm freundlich in die Augen und sagte:
-
-»Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut, aber einen lütjen Satan
-hast du in dir. Denke bloß, was du hättest anrichten können. Es war
-sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das Messer nehmen, mein
-Kind, das ist denn doch nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt
-sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht; besser ist es aber, er
-läßt den Zorn nicht über sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn,
-er hat schon einen Hehlmann in das Unglück gestürzt und Schande auf
-euren Namen gebracht.«
-
-Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter, streichelte ihm die
-Backen und erzählte ihm die schreckliche Geschichte von Hinrich
-Hehlmann, der im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub
-über die Heide roch, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht
-wurde, wie es in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom Hansburhof
-aufgezeichnet war. Und sie redete so gut mit ihm, daß Göde die Augen
-überliefen.
-
-Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte: »Unter uns bleibt die Sache;
-ob Walter schweigt, soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade so
-gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!«
-
-Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe, dem er bisher etwas albern
-vorgekommen war, weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und immer
-einen Abstand zwischen sich und den andern hielt, obzwar jeder wußte,
-daß der alte Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich und seine
-sieben Kinder mit seiner geringen Pension auf dem kleinen Gute, von dem
-in schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft waren, durchzuschlagen.
-
-Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner Armut geneckt hatte, da
-hatte dieser ruhig gesagt: »Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch
-hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte er sich umgedreht und
-Christian stehen lassen, der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn
-wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er aus dem Wendischen war,
-hing ihm überall nach, und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu
-sein, als der reiche Müller.
-
-Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage nie mehr sprach und Walter
-ihm auch nicht gefiel, so schloß er sich an Göde an, zumal sie beide
-denselben Weg hatten, denn Hohenholte lag hinter dem Hehlenhof nach
-Ohlendorp zu.
-
-Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte, so machte es sich von
-selber, daß er Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges Wetter
-niederging, nahm er die Einladung der Bäuerin an und blieb zum Mittag
-da.
-
-Am andern Morgen kam Herr von Hohenholte auf den Hof geritten. Die
-Bäuerin fütterte gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel sprang.
-
-»Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er über den Hof, »Sie sollen auch
-vielmals bedankt sein, daß Sie gestern meinen Bengel beherbergt und
-verpflegt haben.«
-
-Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein: »O, da nicht für, Herr
-Rittmeister! Es war uns eine Freude.«
-
-Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort gab das andere und der Bauer
-lud den Freiherrn ein, sich das Vieh anzusehen.
-
-Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer länger, als er die Pferde, das
-Vieh und die Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um und fragte:
-
-»Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?« denn überall zwischen den
-Eichen sah man einen Stall, einen Speicher oder Schuppen.
-
-»So alles in allem an fünfundzwanzig«, meinte Hehlmann.
-
-»Donnerstag und Freitag«, rief der Rittmeister, »und alles wie aus dem
-Ei gepellt! Und das nennt sich Bauer! Ach ja, wer es auch so hätte.
-Aber mein seliger Großvater konnte die Finger nicht zusammenhalten, dem
-gingen die Füchse immer durch.«
-
-Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein macht es nicht, Herr
-Rittmeister, der Name ist auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren
-und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter gewesen wären, dann
-wären nicht so tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten nicht
-dafür sorgen können, daß der Bonaparte zum Teufel gejagt wurde. Das
-soll ihnen unvergessen sein. Und Hohenholte kann noch einmal wieder
-werden, was es war.«
-
-Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und als der Bauer ihm sagte:
-»Ja, Herr Rittmeister, ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl;
-ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe«, lachte er und nahm an.
-
-Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen Besamungen zeigte, sagte
-dieser: »Junge, du kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst,
-zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist ein kleines Königreich.
-Und kein Deubel hat dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.«
-
-Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im Kopfe herum, denn wenn er auch
-schon seinen Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand, das wurde
-ihm jetzt erst klar und er sah den Hof und sich nun mit ganz anderen
-Augen an.
-
-Deshalb hielt er sich von den Lichteloher Jungens immer mehr zurück,
-denn das ging wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn und
-Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte und Prügeleien, weil einer
-sich immer besser dünkte als der andere.
-
-Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich nicht mehr ab, denn wenn er
-sie mit Wolf verglich und mit seinen Eltern, dann kamen sie ihm zu
-minne vor.
-
-Auch als Göde schon aus der Schule war und als Kleinknecht auf dem
-Hehlenhofe arbeitete und Wolf auf der Militärschule war, blieben die
-Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so still und so sinnig war,
-hatte bei dem Bauern einen dicken Stein im Brette.
-
-»Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen, er kommt morgen wieder,«
-sagte Hehlmann zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte er hinzu, als
-er sah, daß der Junge dunkele Augen bekam. »Weißt du einen?«
-
-»Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell. Der beste Bock ging am
-Totenort, aber den wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe geht ein
-guter Sechser; er steht bei westlichem Winde schon bei hellichtem Tage
-draußen,« sagte er.
-
-»Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl der Bauer.
-
-Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit Tange, der hirschroten
-Teckelhündin, los.
-
-Als sie bei den alten Heidenbrinken waren, die rund um den Brammelkamp
-lagen, und sich bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten,
-dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat aus der Fuhrendickung
-und gleich darauf der Bock.
-
-Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als er sah, wie Wolf den Hahn
-überzog und das Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den Sinn, den
-Bock fortzuwinken.
-
-Aber da krachte es schon, der Bock machte kehrt und floh in die Dickung
-zurück.
-
-Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das Jagdfieber, zumal er
-meinte, daß er daneben gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat
-die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir wollen ihn erst krank
-werden lassen und dann soll Tange ihn arbeiten.«
-
-So vesperten die Jungens denn über den Daumen und als eine Stunde um
-war, wurde Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens durch die
-Dickung, über die hohe Haide bis an die Ohlendorper Grenze.
-
-Am Grenzgraben machte Göde einen langen Hals und dann rief er: »Da
-liegt er!«
-
-So war es; zehn Schritte über den Graben lag der Bock vor einer rauhen
-Fuhre.
-
-»Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn holen.«
-
-Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht über den Grenzgraben!«
-
-Der andere sah ihn verwundert an: »Die paar Schritt? Und es ist doch
-unser Bock! Und dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht, und
-überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es schon gar nicht so genau mit
-der Grenze.«
-
-Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern ging nach Ohlendorp und kam
-mit dem Vollmeier Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick besann,
-dann aber Wolf das Gehörn gab.
-
-Als Göde dem Vater die Sache erzählte und meinte, Wolf sei ein bißchen
-dumm gewesen, sah ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan, was
-recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie sollte es wohl auf der
-Welt werden, wenn einer des anderen Eigentum nicht achtet!«
-
-Und dabei dachte er an seinen Vater, den es das Leben gekostet hatte,
-weil er das Grenzrecht nicht gewahrt hatte.
-
-Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte zu erzählen, aber er
-konnte es nicht, da es sich um seinen eigenen Vater handelte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Am toten Ort]
-
-
-
-
-Am Toten Ort.
-
-
-Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch mit vielen frischen Quellen, der
-an der Grenze der Hehlenheide über der Hover Mühle lag, die dem Müller
-Beckmann zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe Pfeife Tabak bis
-dahin.
-
-Der Ort war verschrien, denn es ging die Sage von ihm, daß zu
-Kriegszeiten die Bauern von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen
-dort ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten und ihrer dreißig
-erschlagen hätten.
-
-Die Heide bis zu dem Busche gehört noch dem Hehlenhofe, der Busch
-selber aber war des Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd
-verpachtet hatte.
-
-Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem großen Bocke her, der im
-Toten Ort seinen Hauptstand hatte und manchen tauben Gang hatte er ihm
-zuliebe gemacht.
-
-An einem schönen Maitage in der Unterstunde schlumpte es. Göde saß noch
-keine Viertelstunde, da trat der Bock aus und stellte sich breit und
-blank vor ihn hin.
-
-Der Junge nahm dem Bocke das Maß und sah, wie er im Feuer stürzte; als
-er ihn aber gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und sprang in den
-Busch.
-
-Göde trat an die Grenze und hörte, daß der Bock nicht weit von ihm noch
-ein paar Male schlug.
-
-Der Junge sah sich um; es war kein Mensch zu sehen und zu hören. Bei
-der Mühle krähte ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein
-Buchfink schlug und laut spielten die Quellen.
-
-Er steckte seine Büchse unter einen Machangel, sah sich noch einmal um
-und trat in den Busch. Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte
-sich, als der Markwart ihn anmeldete.
-
-Aber dann schlich er vorwärts auf dem Schmoorboden, der laut quatschte,
-wenn Göde den Fuß aus dem Schlamme herauszog.
-
-Auf einmal wurden seine Augen groß; da lag der Bock vor einem breiten
-Hülsenbusch. Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag, feuerrot in
-der Sonne vor dem dunklen Busche.
-
-Er zog ihn bis an den Rand des Busches, ging dann zurück und deckte
-jeden Tropfen Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm er den Bock auf
-und ging damit über die Grenze bis hinter einen breiten Machangelbusch.
-
-Als er zurückging, um seine Büchse zu holen, stand ein Mädchen da und
-lachte ihn an.
-
-Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken, die angenommene Tochter des
-Müllers, ein über ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste von
-allen, die in die Lichteloher Schule gegangen waren und von der es
-damals schon hieß, daß sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse, als
-andere Mädchen, die schon längst aus der Schule waren.
-
-Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten und fragte: »Na, hast'n endlich
-dot? Ich habe dich schon manchen Tag hier gesehen.«
-
-Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte, was er machen sollte.
-Hatte Miken gesehen, daß er den Bock aus dem Busche geholt hatte? Aber
-was wird das Mädchen wissen, wo die Grenze geht, dachte er und brach
-den Bock auf.
-
-Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig zu. Göde sah sie von
-der Seite an und ihm wurde ganz absonderlich zu Mute. So dicht war
-eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm gewesen.
-
-Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock, und kraus war es und
-leuchtete, wie eitel Gold. Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz
-anders, wie bei den anderen Mädchen. Und was sie für einen roten Mund
-hatte.
-
-Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn an eine Fuhre gehängt hatte,
-wusch er sich die Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer Schürze
-ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie so dicht bei ihm stand und seine
-Hände rieb und ein Schudder lief ihm über die Brust.
-
-»Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit kleinen Augen an. »Wollen
-uns noch was erzählen. Hier kommt meistens kein Mensch her.«
-
-Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich wundert bloß,« sagte sie
-und sah ihn verliebt an, »daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist,
-so groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du meist schon achtzehn
-wärst.«
-
-»Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust herunter und an den
-weißen Armen, die kaum ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist
-für achtzehn gelten.«
-
-Das Mädchen lachte eitel. »Was du für schönes Haar hast,« sagte
-sie dann und ging ihm mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie
-Haberstroh.«
-
-»O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie fort und rückte immer
-näher an ihn heran, daß ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das
-Blut in die Backen sprang.
-
-»Brauchst keine Bange zu haben, daß ich was sage,« flüsterte sie; »dem
-Müller ist es gleich, wer den Bock kriegt und der Hauptmann soll ihn
-nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal weggejagt. Der tut so, als
-wenn ich gar nicht auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen.
-Hier ist es so langweilig. Lauter alte Leute!«
-
-Sie seufzte und schummelte sich immer dichter an ihn heran und sah ihm
-in die Augen.
-
-»Was für Augen sie hat,« dachte der Junge, »solche habe ich meinen Tag
-noch nicht gesehen. Grün und braun durcheinander.«
-
-Und dann ging er mit seiner Hand über ihren Arm, und wie Feuer lief es
-ihm über die Brust.
-
-Das Mädchen warf ihm die Arme um den Hals: »Komm, Junge, sei nicht
-dumm, du bist so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen Jungen
-bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.«
-
-Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang Göde nach einer Weile auf;
-es sauste und brauste ihm in den Ohren und seine Brust flog.
-
-Das Mädchen hing an seinem Halse: »Wann kommst du wieder? Komm morgen.
-Ich mache dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen gehen. Und wenn
-du kommst, dann brauchst du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das
-kannst du doch? Paß' auf!«
-
-Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der Pfingstvogel und gab auch
-das Kreischen wieder. »So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell
-hintereinander und dann das olle Schreien hinterher. Dann weiß ich,
-daß du da bist. Du kommst doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter
-mir her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste. Ich hab'
-schon immer nach dir ausgesehen.«
-
-Als Göde über die Haide ging, den Bock über den Nacken geschlagen,
-wußte er nicht, ob er sich freuen oder schämen sollte.
-
-Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen und darum stellen sich die
-Jungens ihretwegen so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was ihm
-früher dunkel geblieben war.
-
-Auf einmal mußte er lachen: was wohl die anderen Jungens sagen würden,
-wenn die das wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als wenn er sich
-schämen müßte. Wie Wolf das wohl aufnehmen würde?
-
-Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht hatte, als ihnen in
-der Haide die beiden Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt
-hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte Jungens! Fiken, was
-meinst'e, das wären so'n paar Aeppel für'n Durst!«
-
-Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und leise gesagt: »Pfui Deubel!«
-
-Als er nach Hause kam, fand er im Flett ein Mädchen vor, das beim
-Feuer kniete, so daß ihr Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er
-eintrat, sah sie auf.
-
-»Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die Mutter; »das ist Meta
-Dettmer. Vertragen werdet ihr euch wohl.«
-
-Meta stand auf, wischte sich die Hand an der Schürze ab und streckte
-sie Göde hin. Der wunderte sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände
-waren heiß gewesen.
-
-Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte sie ansehen, denn sie war
-so flink und doch so ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen,
-sah sie nach seinem Arm und nahm ihm ein langes, rotes Haar, das an
-seinem Aermel hing, fort.
-
-Und da steckte sich Göde rot an und ging schnell fort.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Blumengarten]
-
-
-
-
-Der Blumengarten.
-
-
-Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am Toten Orte, sogar noch im Herbst.
-
-»Weißt du, Göde,« sagte Miken eines Abends, »du mußt anders flötjen.
-Der Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der Wigelwagel noch
-nicht fort ist.«
-
-Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte Art. »Was für Stimmen
-kannst du noch? Das beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz
-hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht her ist, und abends
-die Eule.« Sie machte den Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.«
-
-Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß es ihm heiß über den
-Hals lief: »Ich glaube, du flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun
-schläft auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß mein Kammerfenster
-aufzustoßen. Die anderen merken nichts, die schlafen alle nach vorne.
-Komm' gleich heute Abend!«
-
-Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er dachte daran, daß Miken um den
-Bock wußte. Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich stahl er
-sich wieder hinein.
-
-»Junge, was hujahnst du in einem Ende?« fragte der Bauer, als sie bei
-der Morgenzeit saßen.
-
-»Das kommt, weil daß er wächst«, sagte die Mutter und sah ihm nach, als
-er aufstand und dachte bei sich: »Bald ist er so lang, wie der Vater.
-Und ein ganz anderes Gesicht hatte er gekriegt. Ja, ja, aus Kindern
-werden Leute!«
-
-Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtigt auf dem Hofe stand
-und mit Meta sprach, sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz
-blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing ein rotes Haar von
-Miken.
-
-Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus dem Wege, und als sie
-ihm beim Frühstück gegenübersaß, sah er, daß sie rote Augen hatte.
-Er dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein Sinn war bei der
-anderen.
-
-Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner Dönze ging, sah er erst
-seine Jacke nach, ob er nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort,
-denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor Meta schämen müsse, wenn
-sie wüßte, mit wem er sich abgab.
-
-Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen, mehr als vor Vater und
-Mutter. Das Mädchen hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in der
-Sonne über den Hof ging, so leicht und so schnell, dann mußte er immer
-hinter ihr hersehen.
-
-Meist war sie ernst und still, denn sie konnte es so leicht nicht
-vergessen, daß sie in drei Tagen Vater und Mutter hatte wegsterben
-sehen; wenn sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn die Sonne in
-einen dunkelen Wald kam.
-
-An einem Sonntag-Nachmittag, als Göde vom Lichteloher Kruge, wo er
-gekegelt hatte, nach Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er
-eine große Unruhe in sich und dachte immer daran, daß es noch mehrere
-Stunden hin wären, ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat ihm
-wieder Meta vor die Augen; er ging schneller und hatte dabei das
-Gefühl, als könne er die andere nicht mehr so gut leiden.
-
-Wenn er sie sich genau besah, so war ihr Haar meist unordentlich und
-Löcher hatte sie wohl immer in den Strümpfen. Meta war nun schon
-einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal hatte er gesehen,
-daß ihr Haar wild oder sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie
-sah immer aus, wie aus der Beilade genommen, und wenn sie auch beim
-Schweinefüttern war.
-
-Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich denken sollte, daß Meta bei ihm
-im Busche längelangs auf dem Leibe liegen und an einem Reethalme kauen
-könnte, und es war ganz unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den
-Anfang machen werde, wenn sie einmal eine Liebschaft hätte.
-
-Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über die Haide, die ganz grün
-von dem jungen Birkenlaub war.
-
-Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er gehört, was der Vater mit
-der Mutter redete: »Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,«
-hatte der Vater gesagt; »ich wollte sie bliebe auf dem Hofe.«
-
-Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine Meinung; eine bessere Bäuerin
-kriegt der Hehlenhof nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge anderswo
-was hat; ich wüßte bloß nicht wo. Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er
-nichts.«
-
-Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann meinte er: »In den Jahren ist
-er. Aber wo sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein, daß er im
-Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen ist mir das aber noch nicht
-weiter. Aber wenn aus ihm und der Meta was wird, ich könnte keine
-größere Freude haben. Nach dem Alter passen sie gut zusammen und sonst
-stimmt auch alles.«
-
-Göde ging weiter. Nein, er wollte heute Nacht nicht nach der Mühle. Die
-Geschichte mußte ein Ende haben.
-
-Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so gut abgelaufen war, denn
-wenn er sich denken sollte, daß er das rote Miken einmal freien müßte,
-nein, das war keine Möglichkeit. Die als Bäuerin da, wo seine Mutter
-war, das ging nicht.
-
-Da hörte ein Mädchen von einem großen Hofe hin, nicht so eine wie
-Miken, die das Magdsdenken nicht verlernen konnte, und die nur dann
-arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu gekriegt wurde.
-
-Ihm war zu Mute, als habe er sich weggeschmissen, vorzüglich, wenn
-er daran dachte, wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf dem
-Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die im Dorfe im Quartier lagen.
-
-Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm mit einmal nicht mehr
-schmecken. »Morgen darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich
-gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.«
-
-Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen. Da steckte etwas hinter.
-Und wenn er es so recht besah, bald wollte sie dies und bald das,
-heute Haubenspitze und morgen ein Fürtuch, und neulich hatte sie davon
-gesprochen, was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel habe.
-
-Es war ihm ja nicht um das Geld, aber es kam ihm doch wunderlich vor.
-Und jetzt fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letzte Mal in der
-Kirche umgehabt hatte, das hatte Krischan Holtmann für zwei Taler beim
-Krämer erstanden, just als Göde Balkennägel geholt hatte. Er mußte rein
-blind gewesen sein die ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem
-Allermannslottchen nichts mehr wissen.
-
-Er ging noch schneller; er wußte, daß außer Meta niemand auf dem Hofe
-war, denn Vater und Mutter waren zur Freundschaft gefahren, und die
-Leute waren im Dorfe.
-
-Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über das Stegel stieg. Die
-Maisonne fiel durch das frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange,
-der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen sang.
-
-Göde schüttelte den Pferden Futter auf und gab ihnen zu trinken. Gerade
-zog er die Stalljacke aus, da war es ihm, als wenn er einen Gesang
-hörte. Er trat aus dem Stall und hörte, daß es Meta war.
-
-Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen hören und immer ganz leise
-und bloß, wenn sie allein war. Heute aber war ihre Stimme klar.
-
-Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem Hause, und das Lied, das sie
-sang, war ein Lied, das die kleinen Mädchen beim Spielen singen. Hell
-kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie sein Herz unruhig wurde.
-
-Er ging nach dem Blumengarten und sah Meta bei den weißen Lilien
-stehen, die seiner Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und
-las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete in der Sonne.
-
-Göde wurde benaud zu Mute, als er sie so stehen sah, so frisch und
-sauber und so ruhig und bedachtsam.
-
-Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose bewachsen, und so vernahm sie
-es nicht, als er hinter sie kam, und erst als er den Arm um sie legte
-und sagte: »Na, Meta, ganz allein?« fuhr sie zusammen und wurde ganz
-rot im Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie schon wieder wie
-sonst, nur daß ihre Augen noch blauer waren als gewöhnlich.
-
-Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du nicht wieder in den Krug?«
-
-Er drückte sie noch fester an sich: »Nein, Meta, ich will hier
-bleiben,« und dabei atmete er schwer.
-
-»Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr Brusttuch auf- und abging,
-und sie bald rot, bald weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die
-grüne Bank.
-
-Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta sagte: »Das Moos muß auch
-mal weg. Es sieht so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.«
-
-Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen, und sie lachte: »Was du für
-eine Hand hast, Göde, als wie ein Heidbrink.«
-
-Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht dagegen aus, wie das Kalb
-neben der Kuh. Aber arbeiten kann sie deswegen doch.«
-
-Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer auf der Diele gegangen.«
-
-Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte, faßte er sie um, zog sie
-auf den Schoß, schlug seine Arme um sie und küßte sie ein über das
-andere mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und sie stöhnte: »Göde,
-Göde, nicht so wild; mir geht ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am
-Kopfe aussehe!«
-
-Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta; du siehst immer fein aus.
-Keine sieht so glatt aus als wie du,« und dann fing er wieder an, sie
-zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem Male die Augen überliefen
-und sie ihn umfaßte und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut ganz
-wild machte. Und dann sprang sie auf und ging in das Haus.
-
-Göde ging ihr nach und fand sie vor der Eimerbank stehen und aus der
-Schöpfkelle trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er lachend; »ich
-auch!«
-
-Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank. Aber dann faßte er sie wieder
-um, küßte sie und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du glaubst gar
-nicht, wie gern ich dich habe. Hast du mich auch so gern?«
-
-Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel sie ihm um den Hals und ließ
-sich von ihm küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen Willen, und er
-fühlte, wie ihr Herz klopfte.
-
-Sie fuhren auseinander; draußen gingen Schritte. Der Bauer und die
-Bäuerin kamen zurück.
-
-»Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte die Mutter über die
-Halbtüre; »das ist ja mal nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im
-Kruge, Göde.«
-
-Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau ihn schnell von der Seite
-ansah, wußte sie, daß er ebensoviel gesehen hatte, wie sie, und froh
-darüber war.
-
-»Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte ihr Sohn; »der Fuchs will
-immer noch nicht so recht fressen. Wo ist denn der Wagen?«
-
-»Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,« antwortete der Bauer. »Er ist
-zu Meyers gerufen, die Altmutter ist schwer krank geworden; wir trafen
-ihn gerade, als er auf dem Steinbrink war. Dem alten Mann wird der Weg
-hin und her zu weit.«
-
-Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf, und als Göde sie anredete,
-wurde sie über und über rot.
-
-»Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im Bette lag und dabei stieß er
-seine Frau an, »ich glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh
-gekommen.«
-
-Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich erst beim Kopfe haben, das
-andere findet sich. Der Anfang ist das schwerste. Du warst zuerst auch
-so ein Stoffel.«
-
-Hehlmann lachte: »Ja, Detta, so dumm als wie ich, wird der Junge sich
-wohl nicht anstellen.«
-
-Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du noch damals?«
-
-Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke: »Schweig bloß still; ich schäme
-mich heute noch halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was willst
-du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den Arm unter ihren Hals schob,
-»wir sind doch reichlich alt genug für solche Dummheiten. Wenn das die
-Kinder wüßten!«
-
-Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß, was die jetzt tun.«
-
-Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem Bette; sie hatte die Hände
-gefaltet und dachte weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn
-habe!«
-
-Nebenan in der Dönze warf sich Göde in seinem Bette hin und her und
-wußte nicht, wo er den Schlaf hernehmen sollte.
-
-Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle, aber er scheute sich
-davor, und so lag er mit offenen Augen da, drehte sich von einer Seite
-auf die andere und hörte immer das Lied, das sie im Blumengarten
-gesungen hatte:
-
- Ick set woll up den Breedensteen
- Un harr min Ogen so recht beweent.
- De annern Dirns kregen all 'n Mann
- Un ick müß sitten und seg dat an.
- Ick müß min Hoor up den Puckel slahn
- Un noch en Jahr as Jumfer gahn.
-
-
-
-
-[Illustration: Die Eule]
-
-
-
-
-Die Eule.
-
-
-Zwei Heimlichkeiten waren von diesem Maitage an auf dem Hofe.
-
-»Hier ist eine geheime Braut im Hause,« sagte die Großmagd eines Abends
-zu der Bäuerin; »es brennen drei Lampen.«
-
-Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz an der Dönzenwand: »Das große
-Brautlaken ist da auch schon.«
-
-Die Bäuerin lachte: »Das wirst du wohl wesen, Durtjen. Oder will Hermen
-nicht so, wie er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullax!«
-
-Meta hörte durch die offene Dönzentür das Gespräch und als sie in den
-Spiegel sah, sah sie, daß ihr das Blut im Gesicht stand.
-
-»Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,« hatte vor ein paar Tagen
-der Rittmeister gesagt, als er sie in der Haide antraf.
-
-»Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah noch einmal in den Spiegel.
-Ein Wunder war es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer, wo sie
-auch war, Göde hinter ihr stand und sie in den Arm nahm.
-
-Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist etwas laurig aus und sah sie
-an, als wenn er etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen.
-
-Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen, was ihm fehle.
-
-Aber noch eine andere Heimlichkeit war im Hause. Als der Juli kam, ging
-der Bauer mit seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld und trieb
-seinen Roggen an.
-
-»Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr alles wächst. Das machen die
-Maigewitter. Mairegen bringt Wachstum.«
-
-»Was hast du, Mutter?« fragte er dann, denn als er sich umdrehte, sah
-er, daß sie heimlich lachte und bis in das Haar rot wurde. »Worüber
-lachst du?« fragte er noch einmal.
-
-Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,« sagte sie, »mir fiel bloß
-was ein.«
-
-Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie sich nahe an ihn heran und
-sagte leise: »Jochen, ich muß dir was sagen.«
-
-Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so schüchtern und verwundert fragte
-er: »Na, Dirn, was hast du denn? Ist dir nicht gut?«
-
-Sie zog seinen Kopf an sich heran und flüsterte: »Mußt's aber auch
-keinem wiedersagen, Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt du noch
-den Maiabend, als wir die Kinder antrafen, wie sie sich umgefaßt
-hatten?«
-
-Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein Unglück wäre das ja auch
-nicht.«
-
-Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser: »Ach nee, Jochen, da
-nicht, aber bei uns.«
-
-Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf die Art! Ja, wer A gesagt
-hat, muß B sagen. Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe ist
-ja wohl noch Platz für ein zweites Kind. Man schade, daß es sich so
-versäumt hat, es konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.«
-
-»Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er dann; »denke ja nicht, daß
-es mir nicht recht ist. Es ist mir nur noch so ungewohnt.«
-
-Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die Augen und als sie immer
-mehr an zu weinen fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie, wie
-ein Vater sein Kind.
-
-Am andern Morgen aber, als er über den Hof ging, flötete er das
-Brummelbeerlied. Die Großmagd sagte zum Großknecht:
-
-»Was hat denn der Bauer? Den habe ich ja meinen Tag noch nicht flötjen
-hören!«
-
-Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich erst um Verlaubnis fragen?«
-
-Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta eines Sonntags früh bei der
-Bäuerin im Flett, als die Frau auf einmal weiß wie die Wand wurde, so
-daß das Mädchen schnell zusprang, sie umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf
-und ihr ein Glas Wasser gab.
-
-Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta ihr den kalten Schweiß
-von der Stirn wischte, zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf
-die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber nichts.
-
-Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im Blumengarten. Meta freute sich,
-daß die Tante wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die Frau an:
-
-»Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich gedacht heute morgen, als
-mir das zustieß?«
-
-Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das kann ja wohl mal bei jedem
-kommen.«
-
-Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja doch wissen, darum will ich es
-dir lieber gleich sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet kann
-ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf freien Füßen bin, und du weißt,
-große Hitze vertrage ich so schon schlecht.«
-
-Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach Tante, das ist ja schön.
-Bloß ein Kind, das ist auch viel zu wenig für einen großen Hof. Freust
-du dich denn nicht? So spät, das ist doch ein doppeltes Gottesgeschenk!«
-
-Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf, faßte Meta um die Schultern,
-drehte ihr den Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der Bauer gesagt
-hat, als ich ihm sagte, daß hier im Hause was fällig ist?«
-
-Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen, zog ihren Kopf ganz dicht an
-sich heran und flüsterte ihr ins Ohr:
-
-»Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne gehabt.« Und dann lachte
-sie ganz unbändig.
-
-»Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf, über und über rot; Tränen
-standen ihr in den Augen.
-
-Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern zog sie wieder neben
-sich, nahm sie in den Arm und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du
-und Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit dem Stocke fühlen.
-Umsonst würd'st du nicht von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du man
-so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett. Na, uns ist es recht;
-eine bessere Tochter wünschen wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid
-ihr ja noch, aber das gibt sich eher, als einem lieb ist. Also, wie ist
-es mit euch?«
-
-Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter der Frau und sagte:
-
-»Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.«
-
-Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das ist schön, meine Tochter.«
-Dann sah sie ihr listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann müssen
-wir ja wohl eine neue Wiege machen lassen, denn eine haben wir man.
-Na, na, schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor auch redet, das
-ist sicher: zur Eingehung einer christlichen Ehe reicht der feste Wille
-aus. Das hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei Monate nach der
-Hochzeit da.«
-
-»Was hast du denn?« fragte sie ängstlich, als das Mädchen weiß und rot
-durcheinander wurde und ihm der Atem hin- und herging; »nu mal heraus
-mit der Sprache! So schlimm wird es doch wohl nicht sein, daß du zu
-liegen kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?«
-
-Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist, es ist nicht an dem. Ich
-bin nicht anders, als ich aus der Schule kam.«
-
-Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf diese Art! Darum sieht der
-Junge so laurig aus. Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich nicht
-oder was ist sonst?«
-
-Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann sagte sie
-nur: »Stell die Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee, Meta!«
-
-Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde, willst du nicht nach Plesse hin,
-da ist heute Erntebier?«
-
-Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee, was soll ich da?«
-
-Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was gehört? Was er da soll?
-Tanzen sollst du und lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt
-jetzt meist als so'n Trankrüsel aus. Steck dir die Taschen voll Taler
-und laß die Musiker spielen, bis ihnen die Arme runterfallen, und
-trinke eine Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken kommst! Und nimm
-Meta mit, der tut es auch mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr
-werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so krumm und schief wie die
-Machangeln auf der Haide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder nicht?«
-
-Das Mädchen stand vor dem Fenster und bückte sich, als wenn sie etwas
-verloren hätte, damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht aussah.
-
-»Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann.
-
-»Dirn, das hört sich ja an, als wollte ich dir zumuten, du solltest
-heute am heiligen Sonntag den Schweinestall ausmisten,« rief die
-Bäuerin lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an und denn zu! Als
-ich noch Mädchen war, brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen. Ich
-glaube, heute noch nicht!«
-
-Und dann lachte sie verlegen, denn Meta hatte ihr ein paar Augen
-gemacht, als wenn sie sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst,
-dann sage ich, was ich weiß!«
-
-Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe ankamen, war der Tanz
-schon im Gange und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen konnte
-man kaum die Musik hören.
-
-Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta ankam, denn Göde machte
-sich seit dem Mai rar und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzefesten,
-trotzdem sie besser tanzen konnte als die meisten Mädchen.
-
-Aber heute konnte sie gar nicht zugange kommen, weil ihr unfrei zu
-Sinne war, und Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in die
-Dönze und tranken ein paar Glas Wein.
-
-Danach wurde ihnen leichter zu Mute. Göde warf den Musikanten
-einen Taler hin und bestellte einen Bunten, und hinterher einen
-Kontrazweitritt, und als sie erst einmal im Gange waren, kamen sie aus
-dem Tanzen nicht mehr heraus, und sogar Meta sang die Tanzlieder mit
-und trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller.
-
-Es war schon Nacht, als sie nach Hause gingen. Der halbe Mond stand am
-hellen Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren. Die Luft war weich
-und warm und kein Lüftchen rührte sich.
-
-Eng aneinandergedrückt gingen die beiden Liebesleute über die Haide,
-einer den Arm um die Lenden des anderen und die Hände ineinander.
-
-Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte: »Wie schön war es heute und
-wie schön ist es noch!«
-
-Göde drückte sie noch fester an sich und sagte: »Und wird noch schöner
-werden, Meta,« und voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf noch
-mehr gegen seine Schulter lehnte.
-
-Schweigend gingen sie weiter; Göde streichelte ihre Hand und flüsterte
-ab und an: »Meta, meine liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen.
-
-Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen hatte, schreckte laut. Das
-Mädchen fuhr zusammen.
-
-»Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was hätte ich mich sonst
-verjagt. Letzte Nacht, als die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der
-kalten Angst.«
-
-Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der diesigen Luft wird die Eule
-heute Nacht wohl wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl besser, ich
-komme in deine Kammer mit, damit du dich nicht wieder so verjagst. Soll
-ich, Meta?«
-
-Das Mädchen legte den Kopf gegen seine Brust und nickte.
-
-Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie stöhnte und sagte nur: »Meta!«
-
-Und von da ab trug er sie mehr als daß sie ging, denn ihr war, als wenn
-sie keine Kraft in den Beinen hätte.
-
-Als er am andern Tage zur Morgenzeit kam, sah seine Mutter mit einem
-Blick, daß er anders war als am Tage vorher. Als sie dann nachher Meta
-allein in der Dönze traf, nahm sie sie in den Arm, gab ihr einen Kuß
-und sagte: »Hör' mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er seit
-Wochen nicht getan.«
-
-Göde aber ging über den Hof, hatte blanke Augen und ein schieres
-Gesicht, wie lange nicht, und flötete wie ein Scherenschleifer den
-Walzer, den er gestern mit Meta getanzt hatte.
-
-Die Großmagd sagte zu dem Großknecht: »Hermen, hör bloß, was er
-flötjet!«
-
-Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich hin, denn sie war gestern
-mit dem Großknecht auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer die
-heimliche Braut im Hause war.
-
-Der Großknecht aber brummte nur so vor sich hin, denn das Lied, das die
-Magd sang, lautete:
-
- Eija, poleija, wo weihet de Wind!
- Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding,
- Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been,
- Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn.
-
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-
-[Illustration: Der Notweg]
-
-
-
-
-Der Notweg.
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-Meta blühte immer mehr auf und wo sie ging und stand, da sang sie; die
-Bäuerin aber fiel immer mehr ab und man hörte sie an einem Tage mehr
-seufzen, als sonst in einem ganzen Monat.
-
-Sie trug eine große Angst mit sich herum und wollte es keinen Menschen
-merken lassen, vorzüglich ihren Mann nicht, der sich schon Sorge genug
-um sie machte.
-
-Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße geschwollen, und jede Nacht
-hatte sie Atemnot und Herzspann.
-
-Es war eine stürmische Nacht im Christmond, als der Bauer in die Dönze
-seines Sohnes kam und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt nach
-Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter ist mir eben weggeblieben.«
-
-In diesem Augenblicke ging auch nebenan die Tür und Meta rief: »Ich
-komme auch schon.« Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das, Mädchen.«
-
-Als sie in die Ehedönze kamen, war die Bäuerin schon wieder bei sich.
-Meta machte ihr einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man in meinem
-Bette schlafen; ich will hier bleiben. Ich weiß besser damit Bescheid.«
-
-Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig, dann schoß sie in die Höhe
-und flüsterte: »O, Gott, was hab' ich für'n Herzspann!«
-
-Meta machte ihr einen frischen Umschlag und rieb ihr die Füße, aber es
-dauerte lange, ehe der Anfall fortging.
-
-Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck das Licht wieder an, mir ist
-im Düstern angst!« Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte ganz
-hell.
-
-Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich muß nun doch fort von euch.
-Sei still, ich weiß es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt
-hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr euch kriegt. Meta, du wirst ihm
-eine gute Frau sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle Hehlmanns
-mit elf Fingern und zwei Wirbeln waren so. Sie waren alle gut, bloß so
-wild. Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.«
-
-Sie sah mit Augen, die von der Erde fort waren, das Mädchen an. »Als
-er drei Tage alt war, da träumte mir, es standen zwei Frauen bei der
-Wiege; die eine gab ihm Böses in den Sinn, aber die andere wünschte
-es weg. Sei geduldig mit ihm, auch wenn er über die Stränge schlägt.
-Niemals schimpfen, das hat bei ihm keine Art; mit Güte kann man ihn
-hinhaben, wo man will.«
-
-Sie machte die Augen zu und lag eine ganze Zeit still da, bis ein neuer
-Anfall kam. Als der vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern: »Ich
-glaube, er ist von der Art, die mehr als eine Frau brauchen. Eine Frau
-muß nicht immer alles sehen. Sein Großvater war auch so, und seine Frau
-hat immer gut mit ihm ausgekonnt.«
-
-Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen. Der setzte sich vor das
-Bett, klopfte der Kranken die Backen und sagte:
-
-»Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn für Dummheiten! Sie sind zu
-sehr aus der Gewohnheit gekommen. Das erste ist schon ein Mann und nun
-kommt erst das zweite! Warten Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.«
-
-Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver in eine Tasse und rief
-Meta: »So, Kind, das gib ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er
-bei: »Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem Dorfe fahren und
-den Pastor und die Hebamme holen, aber schnell.«
-
-Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist es so schlimm?«
-
-Der Doktor wiegte den Kopf hin und her: »Wissen kann man es nie. Da ist
-etwas gänzlich aus der Kehr.«
-
-Eine knappe Stunde war weggegangen, da kam der Wagen zurück. In
-demselben Augenblicke, als der Pastor auf die Deele trat, wurde es so
-hell wie der Tag und ein Donnerschlag kam hinterher.
-
-Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in die Dönze. »Vielleicht ist
-Ihnen nun besser, Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu ihr
-nieder.
-
-»Viel, viel besser,« flüsterte sie.
-
-Der Doktor trat an die Tür und rief leise: »Hehlmann, Göde, kommt her.
-Ruhig, ruhig, ihr dürft sie nicht erschrecken.«
-
-Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr Atem ging.
-
-Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah klar nach der Türe. »Meta,«
-rief sie laut. Das Mädchen kam. »Gebt euch die Hände!«
-
-Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau. Halte sie in Ehren. Sie hat
-ein Herz von Gold!«
-
-Sie drehte sich nach der Wand und atmete so ruhig, als wenn sie
-schliefe.
-
-Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile gab er Hehlmann die Hand:
-»Es ist vorbei,« sagte er.
-
-In demselben Augenblicke heulte draußen der alte Tyras auf und kratzte
-an der Türe.
-
-Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in den Spinnstuhl, daß der
-Doktor erschrocken hinging. Er redete auf ihn ein, aber der Bauer sah
-ihn ohne Verstand an.
-
-Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine Hände und sprach ihm Trost
-ein. Hehlmann gab einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl, als
-wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles vorbei.«
-
-Dann fiel er wieder zusammen und sah in das Herdfeuer, ohne zu sehen
-und zu hören, was vorging.
-
-Am anderen Tage war er ganz vernünftig, bloß daß er aussah, als wäre er
-aus dem Grabe genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras, weil es ihm
-eine fremde Stimme schien.
-
-Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das die Frau erwartete, längst
-tot gewesen sei, hörte er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das
-seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem Schranke, schnitt
-selbst den Namen aus dem Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem
-Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten Notholze den Sarg
-mache, und nach der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten mit wie
-vordem.
-
-Aber eins war allen sonderbar: als die Bäuerin aufgebahrt war, sagte
-Meta: »Wie schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie lacht.«
-Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm; sie wird einen nachholen.«
-
-In diesem Augenblick trat der Bauer aus dem Schatten, gab der Toten die
-Hand und sagte: »Ja, Mutter, das wirst du. Uebers Jahr bin ich bei
-dir.«
-
-Dabei sah er ganz zufrieden aus.
-
-Als die Beerdigung vorbei war, ging das Leben auf dem Hehlenhofe wieder
-seinen alten Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan hatte, Meta
-übernahm.
-
-Zwischen ihr und Göde war es anders geworden. Einmal hatte der Tod
-einen Schatten auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei ihnen,
-seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie es um sie stand, etwas genommen,
-und wenn der Vater fragte, wann sie heiraten wollten, dann wehrte er ab
-und Meta auch.
-
-Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war aus der Vormundschaft heraus
-und fand sich ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht.
-
-Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte und ihm zusagen mußte,
-einige Wochen zu ihm zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen, aber
-sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im Stiche lassen, meinte sie.
-
-Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe; es ging alles nach der
-Reihe, weil eine ältliche Witwe vor der Hand die Wirtschaft führte,
-aber es fehlte die Sonne.
-
-Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem die Frau tot war, wurde er
-immer kleiner und lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen.
-
-Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo es so still war, wie in
-einer leeren Kirche. So lange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus,
-aber abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und ab und zu ging er nach
-dem Krug, wo er doch wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu hören
-bekam.
-
-So ging der Sommer hin und der Herbst kam. Der Bauer fiel immer mehr ab
-und hustete Tag und Nacht.
-
-Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen, hatte er gesagt: »Meta
-bleibt aber lange fort.« Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht
-abkommen, hat sie mich wissen lassen. Es ist da eine Luderwirtschaft
-auf dem Hofe gewesen. Und ihr Bruder geht ihr doch vor.«
-
-Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine, ihr seid so gut wie Mann und
-Frau. Und hier muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts für einen
-jungen Kerl, das einschichtige Leben; davon wird das Geblüt hart. Wenn
-Meta hier wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge gehen.«
-
-Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,« und von da ab war er nicht
-mehr nach dem Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig war. Er lebte
-stumpf vor sich hin und ging ab und zu auf die Jagd.
-
-Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm selbst verwunderlich, wie wenig
-bange ihm nach ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie glücklich er
-mit ihr gewesen war, ehe daß die Mutter fortstarb.
-
-Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er an sie dachte: wie ging es zu,
-daß sie nicht guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er lieber mochte,
-aber eine Frau, von der er keinen Hoferben haben sollte, das wollte ihm
-nicht in den Sinn.
-
-Als der Dezember kam, hustete der Vater immer hohler und eines Morgens
-blieb er in der Butze.
-
-Göde schickte nach dem Doktor, aber der Bauer sagte, der könne ihm doch
-nicht helfen, und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht aus, wie ein
-Krüsel ohne Oel; er hat keinen Willen zum Leben mehr.«
-
-Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der Butze des Bauern und fraß
-kaum mehr.
-
-Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte Göde, er solle den Advokaten
-holen lassen, und als der da war, verschrieb er Göde den Hof unter der
-Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger, solange Meta Dettmer
-leben sollte, eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden und
-verpflegen sollten, wie es einem Mädchen von einem großen Hofe zukam.
-
-An diesem Abend ging Tyras auf den Hof, heulte nach dem Kirchhofe und
-ging nicht wieder in die Dönze, sondern legte sich auf seinen alten
-Platz im Pferdestall; als der Großknecht ihm am anderen Morgen eine
-Satte Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war.
-
-Am Morgen darauf lag der Bauer tot in seiner Butze. Sein Gesicht war
-ernst und streng. »Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau, als sie
-ihn in das Notlaken einnähte.
-
-Es war eine große Leiche, denn die Hehlmanns hatten eine weitläufige
-Freundschaft, und die Hohenhölter waren da und sogar der Droste.
-
-Unter den Klageweibern, die in ihren weißen Notlaken bei dem Sarge
-saßen und nebenher gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an der
-Lungensucht.
-
-Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte sich, wie wenig traurig ihm
-zu Mute war. Er hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden, aber in
-dem letzten Jahre war dieser immer mehr von ihm abgerückt.
-
-Es war ihm so, als wenn der alte, kranke Mann, der jetzt den Notweg
-fuhr, ein ganz anderer war, als der, der bis zum Tode der Mutter auf
-dem Hofe war, und als bei der Trauerrede des alten Pastors ihm eine
-Träne über die Backe lief, da weinte er nicht um den Vater, da weinte
-er der Mutter nach und den hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe
-kamen und gingen.
-
-Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen. Mit düsterem Gesicht ging er
-durch das Dorf. Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei ihm wäre.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Doppelte Liebe]
-
-
-
-
-Doppelte Liebe.
-
-
-»Wenn das so beibleibt,« sagte Durtjen, die den Großknecht geheiratet
-hatte und jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte, »denn setzt er sich
-noch was in den Kopp!«
-
-Hermen brummte; er war kein Freund vom vielen Reden, aber er nickkoppte
-wenigstens, damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal, ihn in die
-Rippen stieß und sagte: »Junge, sei nicht so faulmäulsch!«
-
-»Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme Frau und setzte sich ihrem
-Manne auf den Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm beinahe die
-Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist doch schrecklich, wenn ein Mensch so
-allein ist.«
-
-Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm einen Kuß, worüber er brummte,
-als wenn ihm das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber gern, nur kam
-ihm das immer etwas dumm vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau
-hatte.
-
-»Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du Dössel,« lachte Durtjen
-und kitzelte ihn, daß er prustete wie ein Maikater; »aber es ist
-doch besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal was, du oller
-Schrapenpüster, oder ich kitzele dich, bis du das Elend kriegst!«
-
-Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor ihn hin und tat so, als
-wenn sie ihre Worte wahr machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit
-und je näher sie ihm mit ihren runden Armen kam, um so brummiger wurde
-sein Gesicht, bis er endlich die Pfeife beiseite legte und ungeschickt,
-wie ein Bär, seine junge Frau um den Hals faßte. Und als er erst im
-Zuge war, da wurde er ganz rechtschaffen zärtlich.
-
-Durtjen huschelte sich ganz fest an ihn heran: »Siehst du, du Hanns
-Taps, du bist grade so, wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das nicht
-mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt es nicht an. Aber nun wollen wir
-mal wie vernünftige Leute reden: was ist das mit dem Bauern? Man möcht'
-ja beinahe laut losheulen, wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal
-lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er die Hunde ansieht, wo er doch
-früher immer mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte. Nu rede
-doch mal, du Hammel!«
-
-Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal warm geworden war, versuchte
-er, seine Frau wieder in den Arm zu nehmen.
-
-Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher noch Zeit zu. Weißt du was:
-sobald ich kann, fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will doch mal
-sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege. Ich möchte bloßig wissen,
-was mit den beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz einig.«
-
-Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann horchte sie auf. »Just
-kommt er!« sagte sie, »ich glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie
-den Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause vorüber.
-
-»Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem Kruge,« sagte die Frau. »Gut
-ist das auch nicht, aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.«
-
-Als sie nachher neben ihrem Manne lag, stieß sie ihn an: »Hermen, hast
-du all gehört, Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen, wie
-eine Gräfin. Vor Jahren soll der Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als
-er noch ein halber Junge war.«
-
-Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht was vorgehabt? Er war der
-erste nicht, und er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte
-er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den ganzen Tag Mist
-umgewendet.
-
-Am anderen Tage ging der Bauer nach der Hehlenhaide, um nach seinen
-Pflanzfuhren zu sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte
-nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl abgestorben waren.
-
-Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel getrunken; der Schnaps
-steckte ihm noch im Geblüte und machte ihn übermütig, und darum ließ
-er, als er am Toten Orte war, den Wigelwagel dreimal pfeifen und
-schreien, aber dann lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf.
-
-»Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da hinter ihm, und als er sich
-umdrehte, sah er Miken da stehen.
-
-Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er hatte noch nichts davon
-gehört, daß sie wieder da war.
-
-Er sah an ihr herauf und herunter. Das war ja eine vornehme Dame
-geworden! Sie trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und hatte ein
-Kleid und Schuhe an, wie er es nur in Celle bei den herrschaftlichen
-Leuten gesehen hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker hatte sie.
-
-Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen sollte. Sie aber nahm ihn
-ohne Umstände an die Ohren und gab ihm ein Dutzend Küsse; dann lachte
-sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein Junge! Früher sahst du viel
-graller aus den Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen großen Hof,
-keine Schulden, was willst du denn noch mehr? Du mußt sehen, daß du
-eine Frau kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich. Aber
-hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß uns in den Schatten gehen!«
-
-Sie drängte ihn nach dem Busche hin und da, wo die weißen und gelben
-Blumen durch den blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin.
-
-Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume ab und warf sie in den
-Quellbach, der vor ihnen dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die
-gelbe trieb fort.
-
-»So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn an, und er sah, daß sie noch
-dieselben bunten Augen hatte, wie vor Jahren; »der eine muß in die Welt
-und der andere bleibt da, wo er ist.«
-
-Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf, daß ihr rotes Haar nur
-so leuchtete, lachte und sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?«
-und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an seiner Brust lag, und
-ihre Augen wurden klein wie an dem Tage, als er hier den großen Bock
-geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt wurde.
-
-Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er andere Augen als am Tage vorher,
-so daß Durtjen über das ganze Gesicht lachte.
-
-Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß, daß die ganze Deele
-schwamm, mußte sie so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank
-fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch Hermen sein Lachen
-vernehmen, das sich anhörte, als wenn der alte Schnuckenbock hustete.
-
-»Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,« sagte Durtjen zu ihrem
-Manne; »es wird gelacht, daß die Haide wackelt, wo es eben geht, und
-wenn du Ungetüm nicht mithältst, dann schmier dir man deine Rippen.«
-
-»Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!« schrie sie ihn an und ging
-mit spitzen Fingern auf ihn los.
-
-Aber Hermen machte, daß er in den Stall kam, und da kratzte er sich
-hinter den Ohren und sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht in
-Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die Frauensleute!«
-
-Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand, hörte man ihr helles Lachen,
-bald im Stall, bald auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause.
-
-Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein gewöhnliches Gesicht machte,
-ging es ihm hundeelend, denn dann kitzelte sie ihn, daß ihm der Atem
-stehen blieb, so daß er vor lauter Angst zuletzt immer gleich an zu
-lachen fing, wenn sie ihn bloß ansah.
-
-Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine noch schwerere Arbeit ansah,
-als das Reden, kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm eines Tages
-sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen, denn ansonsten verpaßte
-er die besten Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm her
-lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus der Dönze kam und mitlachen
-mußte. Und ehe Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im Arme und
-küßte sie auf den Mund.
-
-Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich den Mund ab und sagte:
-»Ach nee, Hansbur, das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl vor
-Hermen bestehen?«
-
-Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man bloß Spaß, Durtjen, und
-Freude, daß es auf dem Hofe doch wieder anders ist, als bislang. Und
-damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine, komm her, ich habe da
-was hingelegt,« und er gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine
-Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen Durtjen die Tränen
-aus den Augen; aber sofort lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das
-man nicht noch gereut! Aber dann kannst du es ja von uns lehnen.« Und
-nun lachten sie beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen.
-
-So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal wieder sein altes Gesicht
-hatte, lange hielt es nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war
-noch keine Woche dahingegangen, da hatte Hehlmann wieder das Gesicht,
-das er von dem Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier gewesen
-war.
-
-Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit flog ihm nur so von der
-Hand, und die Hunde gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn er nach
-Hause kam.
-
-Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von Hohenholte eines Tages
-angeritten kam. Der ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel
-sprang, und die Schruthähne fingen gefährlich an zu prahlen, denn der
-Leutnant hatte seinen feuerroten Rock an.
-
-Er war nicht mehr der stille Junge, sondern ein forscher Kerl geworden.
-
-»Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte mal wieder von deinem
-Schinken essen und Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen feiere
-ich meine Verlobung; da mußt du bei sein. Sträub' dich man nicht wie
-ein Borgfarken! Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich mir den Schinder
-wieder zwischen die Hosen und du siehst mich sobald nicht wieder.
-Donner, hier ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den Juni
-kannst du mir einen guten Bock kaltstellen, und wenn es nicht anders
-ist, bin ich auch mit zweien zufrieden.«
-
-»Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist wohl von 'ner alten Kuh
-gebissen? Hat der Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich wohl,
-einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer Bauer, als wie du bist. Häh?
-Und das ist ja wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen Ehestande?
-Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß ich was zu essen kriege! Ich bin mit
-ledigem Leibe heute früh von Celle losgeritten.«
-
-Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der Bauer ließ auftragen, was
-im Hause war, holte den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus
-dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge vom Bört und nahm die
-hohen Gläser mit dem Goldrande und den sieben Perlen im Fuße aus der
-Schatull, denn so hatte er sich lange nicht gefreut.
-
-Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner roten Uniformjacke mit der
-Narbe in der Backe, die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte, ganz
-prachtvoll aussah.
-
-Und lustig war er! Als er sich die Ställe ansah, während der Bauer mit
-einem Manne verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es überall
-Lachen und Quietschen, und die hübsche Lütjemagd, die Wolf in dem
-Haidschauer antraf, hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und
-konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen.
-
-Am nächsten Tage nahm sich der Bauer doppelt so viel Zeit beim
-Bartabnehmen, zog sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte.
-
-Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen alt geworden war, freute
-sich über sein ganzes Gesicht und duzte Hehlmann wie zuvor, und die
-Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau habe und fragte, ob sie
-sich nach einer für ihn umsehen sollte.
-
-Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie ein Tannenbaum, und mit
-Backen, wie Rosen so rot, sprach fortwährend mit ihm, weil, wie sie
-sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte.
-
-So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der Bauer merkte gar nicht, daß
-er nicht unter seinesgleichen war.
-
-Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften schlafen, der Leutnant
-blieb mit seiner Braut in der Fensternische sitzen und die Herren
-gingen mit ihren Pfeifen und Zigarren in die große Laube.
-
-»Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister, »eine Braut, wie man
-sie nicht alle Tage findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne
-Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten auch. Sie haben es sich
-sauer werden lassen.«
-
-Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der Qualm ihm um die Ohren schlug
-und drehte sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover Mühle ist jetzt
-ein Gerenne, als wenn da eine heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das
-rote Miken ist wieder da.«
-
-Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle, antwortete: »So? Na, dann
-kann Wolf sehen, daß er ihr nicht in die Quere kommt; das Frauenzimmer
-hat den dreifach destillierten Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß
-er sich mit der Personage abgeben konnte. Jung waren wir alle einmal,
-aber Hohenholte ist doch aus den Jahren heraus, wo man nicht danach
-fragt, wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie müssen das Besteck ja
-doch auch kennen, Herr Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.«
-
-Der Bauer antwortete nicht und machte sich mit seiner Zigarre zu
-schaffen, aber er dachte bei sich: »Also so eine ist das! Darum die
-feine Kleedage!«
-
-Die anderen aber redeten weiter. Als ein dürrer, langer Mensch von
-mittlerem Alter, der Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten
-rauchte und ein viereckiges Glas mit einem goldenen Rande im Auge
-hielt, sagte: »Aber schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,«
-da redeten sie alle über Kreuz: »Schneidig, ja, Rasse, ja, Feuer, ja,
-aber ein Saumensch ist sie darum doch und von Rechts wegen gehörte
-sie an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln vor die Hunde gegangen?
-Weshalb mußte der dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen diesem
-Frauenziefer!«
-
-»Nun aber Schluß!« dachte der Bauer, als er das hörte; es war ihm nicht
-so ganz sauber zu Mute.
-
-Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß er das Lachen wieder
-lernte, und es tat ihm doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war.
-
-Als er gegen Abend über die Haide ging, fiel ihm Meta ein, und er sagte
-sich, daß es Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe.
-
-Aber dann hatte er das zu tun und dann das, und so verblieb es, zumal
-er allerhand Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da im Kruge
-saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder sonst was Glattes anzutreffen war,
-und dann hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut vom Dieshofe
-fort könne, weil ihre Brudersfrau sich von den Wochen gar nicht
-erholen konnte.
-
-»Ordentlich elend und abgefallen sieht sie aus,« erzählte Durtjen, »als
-wenn sie zehn Jahre älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja auch vor
-Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder kartjet, die Frau liegt, du lieber
-Himmel, ich war froh, als ich da wieder weg war.«
-
-Alles konnte Hehlmann vertragen, bloß kein Unglück; davon hatte er in
-den letzten Jahren mehr als genug zu schmecken bekommen.
-
-Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging, und an Gelegenheit mangelte
-es ihm nicht.
-
-Am meisten war er im Piewittskruge zu sehen; da war ein lustiger alter
-Wirt und eine noch lustigere junge Wirtin, mit der sich schon ein Wort
-im Vertrauen reden ließ, denn der Wirt sah und hörte nichts, wenn nur
-gut verzehrt wurde.
-
-Daß das geschah, dafür sorgte Lischen Lustig schon, unter welchem
-Ekelnamen die Wirtin weit und breit bekannt war. Wenn gute Gäste da
-waren, ließ sich der Wirtsmann nicht sehen, und dann ging es hoch her,
-denn es war bald diese, bald jene Kusine von der Frau oder dem Manne
-da, und das Küchenmädchen verstand auch Spaß; so gab es manchen langen
-Abend bei Bier und Wein.
-
-Hehlmann war nach dem Piewittskruge gekommen, weil der Wirt bei ihm
-einmal angefragt hatte, ob er nicht einen Rehbock kriegen könne.
-
-Seitdem wurde er da all sein Wild los, denn der Piewittskrüger handelte
-mit allem, was es gab, und da er dem Bauern auch seinen Wachs und
-seinen Honig abnahm und was es sonst gab, so hatte Hehlmann vor sich
-immer einen Grund, nach der Brücke zu gehen.
-
-Wenn er erst einmal da war, kam er so bald nicht wieder fort, denn zu
-Hause war es ihm zu langweilig den ganzen Abend.
-
-In dem Kruge lernte er auch Klas Kordes näher kennen, einen jungen
-Bauern, der früher in Lichtelohe als Knecht gedient hatte. Das war ein
-fixer Kerl, und wo er war, da ging es hoch her.
-
-Er hatte nicht weit vom Kruge auf einen guten Hof geheiratet, der einem
-wahren Ungetüm von Frau gehörte, so groß und so breit, wie es rundumher
-keine gab, aber eine fleißige und herzensgute Frau, die ganz verrückt
-in ihren hübschen Kerl war, der zwölf Jahre jünger war als sie.
-
-Wenn auf dem Hofe die Arbeit nachließ, machte er allerlei Fuhren für
-den Krüger; auch wußte man, daß er ein gefährlicher Scharfschütze war.
-
-Er hatte sich eine kleine Jagd gepachtet, die vor dem königlichen Forst
-lag, und aus der er mehr Böcke herausholte, als andere aus zehnfach
-größeren Jagden.
-
-Er hatte eine Schwester, die bei ihm auf dem Voßhofe war, ein
-ansehnliches Mädchen, die Hehlmann mächtig in die Augen stach.
-
-Als im Piewittskruge Tanzefest war, tanzte Hehlmann nur mit Trina
-Kordes. Es ging lustig zu, denn bei dem Krüger gab es bessere Sachen zu
-trinken, als in den anderen Wirtschaften.
-
-Als der wilde Meyer aus Krusenhagen, der am Abend vorher mit dem
-Schweinehändler im Kruge hoch gespielt und gefährlich gewonnen hatte,
-drei Buddeln Schampagner ausgab, da war kein Halten mehr; überall
-knallten die Körke gegen die Decke und das Küssen und Drücken nahm kein
-Ende.
-
-Auch Hehlmann hatte ganz seine Ernsthaftigkeit verloren. Er hatte
-mehrere Flaschen Schampagner ausgegeben und dazwischen noch eine
-Mischung nach der anderen getrunken, die aus viererlei Schnaps und
-Likör zusammengegossen war und die sie doppelte Liebe nannten.
-
-So sah er den Himmel für eine Baßgeige und Trina für einen Engel an,
-und als er sich vor Tau und Tag aus ihrer Kammer stahl und nach dem
-Hehlenhofe ging, war ihm, als habe er das große Los gewonnen.
-
-Er war nun öfter bei ihr, bis daß Klas ihm eines abends, als die Köpfe
-alle heiß waren von Bier und Grog, fragte: »Wannehr wollt ihr denn
-freien?«
-
-Hehlmann wurde vor Schreck ganz nüchtern, denn als Frau war ihm Trina
-nicht so recht nach der Mütze. Aber das half nun nichts mehr; sie war
-eine anständige Kätnerstochter, und wenn er sie sitzen ließ, wurde er
-in allen Dörfern auf dem Burmal unehrlich gemacht.
-
-Und schließlich, es war auch Zeit, daß er freite. So wurde denn alles
-festgemacht, und vier Wochen nachher war die Hochzeit.
-
-Sehr groß war sie nicht, denn von der Hehlmannschen Seite blieben
-meist alle fort, weil es zu offenbar war, daß er mit Meta Dettmer
-versprochen war, und eine Kordes galt ihnen auch nicht für voll. Das
-fiel dem Bauern schwer auf die Seele.
-
-Als er am andern Morgen mit dickem Kopfe aufwachte, denn er hatte
-mehr als genug getrunken, und seine Frau, die noch schlief, ansah,
-gefiel sie ihm gar nicht mehr. Ihre Hübschigkeit lag zumeist in der
-Aufmachung, und wie sie jetzt so dalag, hatte sie einen ganz häßlichen
-Mund, und ihre Hände sahen gewöhnlich aus.
-
-Da fiel ihm Meta ein, die einen so schönen Mund und so feine Hände
-hatte trotz der groben Arbeit. Selbst wenn sie alt und krank wäre,
-würde Meta noch gut aussehen, dachte er.
-
-Aber diese Trina? Er mochte gar nicht daran denken.
-
-Und nun sang auch noch Durtjen im Hofe:
-
- Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten,
- Einer reichen Erbin von dem Rhein,
- Schlangenbisse, die den Falschen quälten,
- Ließen ihn nicht ruhig schlafen ein.
-
-
-
-
-[Illustration: Auf der Wildbahn]
-
-
-
-
-Auf der Wildbahn.
-
-
-Wenn Hehlmann nicht die Jagd gehabt hätte, wäre ihm das Leben bald leid
-geworden.
-
-Es dauerte noch keine drei Monate, und es stieß ihm sauer auf, wenn er
-Trinas Stimme hörte. So scharf wie ein Messer war sie und so hart wie
-Stein. Noch schlimmer hörte es sich an, wenn sie lachte.
-
-Alles war gewöhnlich an ihr, ihr rappeliger Gang, ihr hastiges
-Arbeiten, ihr ewiges Klagen über die Leute. Wo Mutter Hehlmann
-gesprochen hatte, da schrie sie, und sie schimpfte, statt zu zeigen,
-wie es sein müsse.
-
-Sie konnte sich keine Stellung bei den Leuten machen; immer kam die
-Kätnertochter bei ihr heraus.
-
-Auf den Bauern nahm sie keine Rücksicht; er war ihr Mann und damit war
-es gut. Mit wildem Haar und schmutziger Schürze setzte sie sich zum
-Essen, und das war auch danach.
-
-Sie kochte ohne Liebe, und die schmälzt mehr, als der beste Speck. Den
-ganzen Tag schoß sie im Hause hin und her und putzte hier und wischte
-da, aber rein und ordentlich sah es nie recht aus.
-
-Hehlmann ließ sie im Hause machen, was sie wollte, und wenn er nicht
-bei der Arbeit war oder schlief, dann war er in der Wildbahn, entweder
-in seiner Eigenjagd oder bei Klas.
-
-Dem ging es auch nicht besser. Mit der Zeit war die Voßbäuerin dahinter
-gekommen, daß der hübsche Kerl hier und da nahm, was ihm geboten wurde,
-und war die Frau bisher lauter Honig und Sirup, so wurde sie jetzt
-eitel Gift und Galle. Und das schlimmste war, daß sie den Daumen auf
-den Beutel hielt.
-
-Auf die Art fand Klas immer mehr Gefallen am Freijagen, denn der Krüger
-war ein guter Abnehmer, und Kordes brauchte Geld für Bier und Wein, und
-für Brusttücher und Gürtelschnallen auch, »denn«, sagte er, »mit lütjen
-Happen macht man die Hunde kirre.«
-
-Bisher hatte er sich mit Hasen und Rehböcken zufrieden gegeben, und auf
-die gaben die Förster im Königlichen nicht viel, aber mit der Zeit ging
-er ihnen auch über die Hirschböcke.
-
-Es wurde so schlimm damit, daß von der Hofjägerei in Hannover ein
-heiliges Donnerwetter wegen der großen Abgänge an den Forstmeister
-kamen, und der gab es weiter.
-
-Tag und Nacht lagen nun die Förster im Holze, aber immer waren sie
-betrogen. Wenn sie hier lauerten, knallte es da, und paßten sie da, so
-ballerte es hier.
-
-Daß Kordes der Freischütz war, daran dachten sie nicht; sie hatten die
-Celler Mascher im Verdachte, Völker, denen nicht recht zu trauen war.
-
-Dem alten Hegemeister Hagelberg schlug der Aerger so in das Blut, daß
-er sich in Pension gab. An seine Stelle kam ein Ostpreuße, Adomeit
-geheißen, ein langer Mann mit schläfrigem Gesicht, über den die Bauern
-lachten, weil er keinen Bart trug, wie es bei den Grünröcken üblich
-war, so ganz anders sprach, als wie es Landesbrauch war, und nichts
-vertragen konnte.
-
-Er ließ sich blitzwenig im Kruge blicken, aber wenn er kam, dann war
-er nach einer Stunde voll, wie ein Entendarm, denn er trank immer nur
-Grog, auch bei der wahnsten Hitze; und dann saß er da, lachte wie
-ein Unkluger und machte kleine Augen, so daß das junge Volk seinen
-Hahnjökel mit ihm trieb und der Forstmeister ihm sagte, wenn er das
-Saufen nicht ließe, könne er machen, daß er wieder in die Kaschubei
-käme. Denn er war bloß auf Probe angestellt.
-
-Nun hatte der Hansbur einen hirschroten Dachshund, an dem sein ganzes
-Herz hing, weil der Hund so ausnehmend klug war und so vorzüglich
-jagte. An einem Morgen schoß Hehlmann im Hehlloh dicht am Königlichen
-einen Bock krank, der den Post annahm, so daß der Bauer den Hund
-schnallen mußte, und da jagte der Hund über und Adomeit schoß ihn vor
-den Kopf.
-
-Der Bauer rührte mittags nichts an und ging nachher nach dem Voßhofe,
-wo er Klas den Fall vortrug.
-
-Das kam dem wie gerufen, denn er hatte immer schon gewünscht, daß sein
-Schwager ihm beistehen solle. Er nahm ihn mit in den Krug und hetzte
-ihn so lange auf, bis Hehlmann einsah, besser könne er es dem Förster
-nicht geben, als wenn er ihm die Hirschböcke totschösse.
-
-Zudem freute es ihn, wenn er seinem Schwager helfen konnte, denn der
-hatte ein Mädchen mit einem Kinde sitzen und mußte ihr den Mund mit
-Talern stopfen.
-
-Sie fingen das nun ganz schlau an. Wenn Hehlmann im Piewittskruge oder
-im braunen Schimmel in Lichtelohe saß, dann schoß Kordes am Hehlloh
-herum, und wenn er im Kruge saß, dann knallte es im großen Moore, an
-das der Voßhof angrenzte, so daß die Förster nicht einen Augenblick
-daran dachten, daß der Hansbur und der Voßbur die Freischützen waren.
-
-Zudem diente bei dem Forstmeister ein Mädchen, das früher auf dem
-Voßhofe Magd gewesen war, mit der es Kordes immer noch hielt, und die
-ließ ihn wissen, an welchem Tage Försterappell oder wo Holzbeschau war,
-so daß Kordes immer wußte, wann die Luft rein war.
-
-Bisher hatten sie jeder für sich gewildert, aber als wieder einmal
-Försterappell angesetzt war, gingen sie zusammen, weil Klas sich einen
-guten Plan ausgedacht hatte.
-
-An das Hehlloh stieß nämlich eine mächtige Fuhrendickung, und darin
-steckte das Rotwild mit Vorliebe. Nun sollte Hehlmann ohne Gewehr die
-Dickung durchdrücken und Kordes wollte sich bei dem Wechsel hinter dem
-großen Windbruche anstellen.
-
-Sie besprachen sich das ganz genau, und als es an der Zeit war, ging
-Hehlmann los.
-
-Ihm war nicht ganz sauber zu Sinne, aber er schrieb es darauf, daß die
-Bäuerin ihm wieder wegen Durtjen in den Ohren gelegen hatte, denn die
-zeigte es ihr gerade heraus, wie wenig sie von ihr hielt.
-
-Sie hatte ihr, als die Frau über Gebühr Arbeit von ihr verlangte, das
-rund abgeschlagen, und als die Bäuerin ihr an die Ehre ging, war sie
-ihr mit den Fäusten unter die Augen gegangen und hatte gerufen: »Du
-alte Gaffelzange, du bist doch man bloß hier auf den Hof gekommen, wie
-der Kuhdreck in die Dönze.«
-
-Hehlmann hatte im Halse gelacht, als er das anhören mußte; als ihm
-seine Frau aber auftrug, den Häusling zu kündigen, hatte er sie groß
-angesehen und gesagt: »Gewiß, wenn du die Arbeit machen willst.« Da
-hatte die Frau stillgeschwiegen; aber ab und an kam sie ihm wieder
-damit und nöhlte ihm die Ruhe fort.
-
-Der Honigbaum war am Anblühen, die Bienen flogen und die Luft roch süß,
-als Hehlmann über die Haide ging.
-
-Ein Hase sprang vor ihm auf und lief nach links. Der Bauer war nicht
-abergläubisch, aber er dachte daran, daß das ein schlechtes Zeichen
-sein sollte.
-
-Auf dem Pattwege begegnete ihm eine alte Frau aus Horst, die für eine
-Hexe beschrieen war und zu der die Mädchen spät abends in das Haus
-gingen, wenn sie in Nöten waren.
-
-»Das ist Nummero zwei,« dachte der Bauer, und dann lachte er sich die
-Angst weg. Aber es fiel ihm ein, daß er in der Nacht aufgewacht war,
-weil der Hund so scheußlich geheult hatte.
-
-Er trocknete sich den Schweiß unter der Mütze ab, denn es war diesige
-Luft, und dabei wurde es ihm klar, daß das mit dem Hund der erste
-Vorspuk gewesen war, und daß noch zwei hinterher gekommen waren.
-
-»Duffsinn,« dachte er und holte die Schnapsflasche heraus, die er jetzt
-immer bei sich hatte, wenn er losging.
-
-Als er bei der Dickung war, wartete er erst eine Weile hinter einem
-großmächtigen Machangel.
-
-In der Forst schrie der Schwarzspecht, erst lang und klar wie eine
-Glocke, und dann schnell hintereinander. »Das Wetter schlägt um,«
-dachte der Bauer.
-
-In der Birke bei dem Grenzsteine sprang ein kleiner, schmaler Vogel
-hin und her und gab in einem Ende einen Ton von sich, der sich ganz
-unglücklich anhörte, im Hehlenbruche schrie eine Kuh, als wenn sie
-zum Schlachter sollte, und mitten in der gewöhniglichen Haide am
-Grenzgraben stand ein Busch, der blühte weiß.
-
-»Das ist gerade, als wenn es nach Unglück riecht,« dachte Hehlmann; er
-nahm noch einen Schnaps und trat über den Grenzgraben.
-
-In der Dickung war es stickend heiß; es nahm ihm ordentlich die Luft
-weg. So manches Mal war er schon über die Grenze gegangen, aber so war
-ihm noch nie zu Sinne gewesen.
-
-Hin und her ging er durch die Fuhren, wo sie etwas raum wurden; oftmals
-mußte er fast kriechen, so rauh waren sie meist.
-
-Als er ungefähr in der Mitte war, hörte er, daß Wild vor ihm absprang,
-gleich dahinter meldete der Markwart in dem Windbruche und nun wartete
-er, daß es knallen sollte. Aber es knallte nicht, und so drückte er die
-Dickung durch, bis ihm der Schweiß über den Rücken lief.
-
-Als er am Ende war, nahm er noch einen Schnaps, wischte sich den
-Schweiß und die Spinneweben aus dem Gesicht, holte tief Luft, denn von
-der Hitze war ihm ganz benaud geworden, und dann nahm er den Hut ab und
-ließ hinter den Zweigen her seine Augen über die Blöße gehen.
-
-Da war nichts, wie er erst meinte, aber dann sah er, daß halbrechts
-hinter einem Wurfboden sich etwas rührte; es waren die Köpfe von drei
-Stück Wildpret, einem alten Tiere und zwei Kälbern, die nach dem
-Stangenort hinäugten und spielohrten.
-
-»Warum schießt er nicht,« dachte er, »sie stehen so schön breit,« und
-er wollte gerade auf einen Stuken steigen, um weiteren Blick zu haben,
-da trat das Wild hin und her und bog dann nach links ab.
-
-»Sie haben eine Mütze voll Wind gekriegt,« dachte er, aber dann
-horchte er auf; drüben im Holze meldete der Specht und in demselben
-Augenblicke knallte es, das Hirschkalb stürzte im Feuer, das alte Stück
-und das Wildkalb machten kehrt und polterten in die Dickung zurück.
-
-Hehlmann wartete und wartete, aber es blieb alles still. So still war
-es, daß er vernahm, wie ihm das Herz in der Brust arbeitete; unheimlich
-still war es.
-
-Quer über den Windbruch flog der Schwarzspecht; jedes Mal, wenn er
-einen Flügelschlag tat, schnurrte es laut.
-
-Ein Rotkehlchen setzte sich auf eine lose Wurzel, die aus einem
-Wurfboden heraus hing, und Hehlmann war es, als wenn es ihn traurig
-ansah.
-
-Und dann war über ihm in den Fuhren wieder der kleine schmale Vogel mit
-seinem unglücklichen Gepiepe zu gange.
-
-Dem Bauern wurde es bald heiß, bald kalt, und als drüben der Markwart
-meldete, verjagte er sich. »Wir kriegen ein Gewitter,« dachte er bei
-sich; »ich habe es mit den Nerven.«
-
-Vom Hehlenbruche her zog ein Wetter herauf; es donnerte schon. Der Wind
-machte sich auf und stieß die Fuhrenzweige zusammen, und aus der großen
-Wolke blitzte es ein über das andere Mal. Immer schneller kam das
-Wetter herauf; die Kuhtauben flogen zu Holze, daß es klingelte.
-
-»Was das bloß ist, daß ich von ihm nichts höre und sehe,« dachte er,
-und dann überlegte er, ob er nicht nach der anderen Seite gehen sollte.
-Aber das war gegen die Abmachung, denn jeder sollte für sich seinen
-Weg gehen und bei dem Immenschauer auf der Brandhaide wollten sie sich
-treffen.
-
-Es wurde immer schwärzer in der Luft; aus dem Winde wurde ein
-Sturmwetter, es goß wie mit Mollen und blitzte und donnerte
-durcheinander.
-
-Als es gerade hell leuchtete, war es ihm, als ginge ein Mann über die
-Blöße, aber bei dem nächsten Blitz konnte er nichts mehr wahrnehmen,
-und so machte er schließlich, daß er weiter kam.
-
-Gerade als er sich umdrehte, schien es ihm, als wenn er eine Stimme
-durch das Brausen hörte, und der nächste Donner klang ihm bald wie
-ein Schuß; er sah noch einmal über die Blöße hin, aber als da nichts
-war, kroch er durch die Dickung, sprang in guter Deckung über den
-Grenzgraben und kam gerade beim Immenzaun an, als das Wetter nachließ.
-
-Obzwar er durch und durch naß war, wartete er noch eine halbe Stunde,
-als es ihn aber gar zu sehr schudderte, ging er nach dem Hofe.
-
-Klas war nicht da. »Er wird wohl bei dem Wetter gleich nach Hause
-gegangen sein, naß wie er war.« Damit beruhigte er sich.
-
-Als er am anderen Morgen bei fünf Uhr nach den Ställen ging, kam der
-Kleinknecht vom Voßhofe angelaufen. »Die Frau läßt fragen, wenn der
-Bauer die Nacht über hier geblieben ist?«
-
-Hehlmann lief es kalt über. »Ist er denn die Nacht nicht inne gewesen?«
-fragte er.
-
-Der Junge schüttelte den Kopf: »Er ging gestern nachmittag bei
-fünfe weg und sagte, er wäre bei elfe wieder da. Er wollte nach den
-Kartoffeln, weil da das Wild Schaden gemacht hatte, und darum nahm er
-das Gewehr mit. Auf dem Piewittskruge war ich auch schon, da ist er
-auch nicht gewesen, und da mußte er doch vorbei, wenn er vom Felde
-zurück wollte, und zumeist kehrt er da ein. Der wilde Meyer war gestern
-abend da und da hat es bis nach eine gedauert.«
-
-Der Bauer wühlte in der Krippe, damit der Junge ihm nicht in das
-Gesicht sehen sollte und überlegte, was zu machen war.
-
-Nach dem Windbruche konnte er nicht gehen; er hatte da nichts zu
-suchen, und wenn es ein Unglück gegeben hatte, dann machte er sich mit
-verdächtig, denn es war so gut wie sicher, daß die Förster die Blöße
-den ganzen Tag über im Auge behalten würden.
-
-Dreimal schickte die Voßbäuerin bis Mittag und ließ fragen, ob Kordes
-nicht da war.
-
-Als es bei vier Uhr war, konnte der Bauer sich vor Unruhe nicht
-mehr bergen; er hatte sich einen Plan gemacht. Er sagte dem ersten
-Kleinknecht, der ein Waisenkind war und an ihm hing wie ein Hund,
-weil er es noch nie so gut gehabt hatte, als wie auf dem Hansburhofe:
-»Tönnes, nimm die Schute mit, das Wasser hat mir den Abfluß bei dem
-Hehlloh zugeschwemmt.«
-
-Als sie dort waren, wies er ihn an, die toten Pflanzfuhren zu zählen,
-und er selber machte sich an dem Grabenkopf zu schaffen.
-
-Nach einer Weile meinte er: »Nun geh man wieder nach Hause. Ich will
-nach dem Förster gehen und ihn fragen, ob er mir mit Pflanzfuhren
-aushelfen kann.«
-
-»Na, kannst auch mitgehen,« rief er hinter ihm her; »wir haben auf dem
-Kruge noch einen Korb stehen und das vergißt sich sonst.«
-
-Sie gingen den Pattweg entlang, den Hehlmann gestern gegangen war. Als
-sie an dem Königlichen waren, blieb der Bauer stehen: »Ich glaube, am
-besten gehen wir über den Windbruch, das ist ein Richteweg.« Er wandte
-sich nach links, bis er an die verwachsene Bahn kam, und bald standen
-sie auf der Blöße.
-
-Heute sah es da anders aus. Die Grauartschen sangen und die weißen
-Buttervögel flogen um die Disteln.
-
-»Ich glaube, so gehen wir am besten,« rief er laut, und schlug die
-Richtung nach der Stelle ein, wo gestern abend das Wildkalb gestürzt
-war.
-
-Aber da war nichts zu sehen. »Donnerschlag, was ist das hier für ein
-dummes Gehen,« rief er dann wieder laut; »wir müssen mehr nach links,
-hier füllen wir uns bloß die Schuhe voll,« und damit steuerte er nach
-der krausen Fichte, von wo der Schuß gefallen war.
-
-»Die Fliegen sind rein zu doll heute,« rief er und sah sich um; »ich
-will mir eine Pfeife anstecken. Der Förster wird uns ja wohl nicht
-gleich schnappen.«
-
-Er faßte in die Tasche. »Den Deubel, nun habe ich den Kopf verloren!
-Das ist mir sehr ärgerlich, der war noch von meinem Vater selig; den
-kann ich nicht missen. Wollen mal suchen, ob wir ihn nicht wieder
-kriegen. Wenn du ihn findest, kriegst du ein Kaßmännken. Es ist der
-weiße Kopf mit dem Bild von Eidig darauf.«
-
-Sie suchten hin, sie suchten her. Hehlmann ging das Ende zwischen der
-krausen Fichte und dem Wurfboden, wo das Wild gestanden hatte, ab und
-ließ dabei den Pfeifenkopf fallen.
-
-Er sah allerlei umgebrochene Himbeerruten, aber das konnte das Wild
-auch getan haben, denn alte Fährten waren da genug. Aber eine frische
-Menschenfährte oder Blut fand er nicht; es hatte über Nacht zu
-gefährlich nachgeregnet.
-
-Als er zum dritten Male zurückkam, sah er etwas Weißes im Grase
-liegen. Er ließ sein Taschentuch fallen und hob es auf. Es war ein
-Gewehrpfropfen aus Zeitungspapier.
-
-Er wischte sich die Stirn ab und steckte Tuch und Papier ein. Da hörte
-er den Jungen rufen: »Ich hab'n!« Er zwang sich zum Lachen und sagte:
-»Du bist ein ganzer Kerl! Dafür sollst du noch ein Glas Bier haben. Nu
-geh' man vor!«
-
-Als sie im Holze waren, holte er das Papier heraus und machte es auf.
-Es war ein Stück von der Zeitung, die der Förster hielt.
-
-Dem Bauern war zumute, als wenn er losweinen sollte. Also hatte er doch
-recht gehört; es war ein zweiter Schuß gefallen.
-
-Als er beim Forsthaus war, lief es ihm kalt über, aber er nahm sich
-zusammen und rief der alten Frau, die dem Förster die Wirtschaft
-führte, zu: »Is er inne?« und als sie sagte: »Nee,« war er heilsfroh,
-denn mit dem Manne wollte er nicht gern zusammentreffen.
-
-Im Piewittskruge war es, als wenn eine Leiche im Hause war. Zwei
-Anbauern saßen still bei ihrem Schnaps.
-
-»Ist Klas noch nicht zurück?« fragte er sie. Die Männer schüttelten
-schweigend mit den Köpfen.
-
-»Trink erst, Junge,« sagte er dann, »und denn geh' mal nach dem
-Voßhofe, wenn der Bauer noch nicht da wäre.«
-
-Der jüngere von den beiden Gästen sah auf, als der Knecht fort war:
-»Der kommt nicht wieder,« und dann sprach er ganz leise: »Der Förster,
-der Pollack, alle glaubten sie, das ist ein dummer Kerl, weil er sich
-immer so anstellt. Ich habe ihn aber gesehen, als er dicht an mir
-vorbeiging und ich hinter dem Busche stand, und ich sage: der stellt
-sich bloß dumm. Und wer ihm in die Augen sieht, der weiß Bescheid: der
-hat ein Gewissen, wie ein Schlachterhund. Warum ist er denn gestern
-allein nicht zum Appell hingewesen. Die Olle, die er bei sich hat,
-sagt, er hat es im Leibe gehabt und hat den ganzen Tag im Bett gelegen.
-Na, und als ich bei zehn Uhr nach dem Wetter sehen wollte, ich müßte
-mich doch sehr irren, wenn er das nicht war, der über das Feld zu gehen
-kam.«
-
-Der Junge kam zurück: »Er ist noch nicht inne. Die Frau ist ganz von
-sich; sie schreit in einem fort nach ihm.«
-
-Hehlmann gab ihm das Fundgeld. »Wenn du ausgetrunken hast, laß dir den
-Weidenkorb geben und geh' zurück. Ich komme so bei neun, sag' man.«
-
-Die alte Kastenuhr ging hart und die Fliegen summten. Die Männer sahen
-in ihre Gläser.
-
-»Als ich noch Hütejunge war,« fing zuletzt der ältere Mann an, »da
-hatten wir hier einen Förster, der wurde der schwarze Schmidt genannt,
-weil er einen Bart hatte wie Pech. Das war auch so einer. Er hielt sich
-immer für sich, und man sah ihn nicht kommen, noch gehen. Wie manches
-Mal habe ich mich verjagt, wenn er wie aus der Erde gewachsen da stand.«
-
-Er besann sich eine Weile, trank einen kleinen Schluck und fing wieder
-an: »Damals ist ein Bauernsohn und ein Knecht hier fortgekommen. Kröger
-hieß der eine und der andere, wie hieß der doch? Timmermann, glaub'
-ich. Das waren beide Freischützen. Man hat da nichts wieder von gehört.
-Was unser Vater war, der sagte: Der Förster hätte sie totgeschossen
-und ausgezogen und in den dichten Busch geschleppt, für die wilden
-Schweine, und die lassen nichts von übrig, als die großen Knochen. So
-wird es mit Kordesklas auch sein.«
-
-Hehlmann schudderte es. Er trank seinen Schnaps aus und schenkte sich
-noch einen ein.
-
-Er saß bis neun Uhr im Kruge, aber von Kordes kam keine Nachricht. Am
-anderen Tage auch nicht. Und überhaupt nicht.
-
-Der Gendarm fragte überall um, konnte aber nichts herauskriegen.
-Von Celle kamen die Gerichtsherren; es war ihnen ein Brief ohne
-Unterschrift zugegangen, worin es hieß, daß der polsche Förster Kordes
-umgebracht hätte und darunter stand: »Auge um Auge, Zahn um Zahn!«
-
-Der Förster wurde vernommen, aber er blieb dabei, daß er das Laufen
-gehabt hätte und von Mittag an im Bett geblieben sei.
-
-Am anderen Tage lagen seine beiden Hunde tot im Stall. Als er abends
-den Laden zumachte, wurde nach ihm geschossen. Die Haushälterin sagte
-ihm auf. Kein einer Mensch bot ihm die Tageszeit.
-
-Wenn er durch das Dorf ging, schrie es von irgendwo her: »Bluthund,
-polscher Mörder, Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Wo er sich sehen ließ,
-pfiffen die Männer das Lied von dem Freischütz, den der Jäger totschoß,
-und die Kinder schimpften hinter ihm her.
-
-Die Pflanzkämpe in seinem Belaufe waren in einer Nacht kurz und klein
-getrammpt und in der anderen brannte der Schuppen beim Forsthause, und
-keine Hand rührte sich, um beim Löschen zu helfen. Der Krämer und die
-Wirte verkauften ihm nichts mehr.
-
-Er mußte versetzt werden. Bei Nacht und Nebel zog er ab.
-
-Kordesklas aber blieb verschwunden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Grummet]
-
-
-
-
-Grummet.
-
-
-Die Bäuerin hatte sich zuerst um ihren Bruder ganz mächtig angestellt
-und Tag und Nacht gejammert, als aber eine Woche um war, konnte sie
-schon wieder schimpfen und lachen.
-
-Dem Bauern ging es viel näher. Nun war er so kahl wie ein Birkenbaum
-vor dem Winter. Er war nicht mehr der lustige Mann von früher; er hatte
-einen Mund und Augen wie ein alter Mann. Zu keinem Menschen konnte er
-sich aussprechen, und darum fraß es so an ihm.
-
-Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an Meta. Er hatte das Korn
-fortgeschüttet und das Kaff aufgehegt.
-
-Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem Mädchen nieder. Er hatte es nicht
-anders erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt, und dann, weil
-sie die ganze Zeit über so schlecht aussah.
-
-»Das habe ich davon,« sagte er sich, als er über die Haide ging, in der
-die Birken so gelb wie Gold waren. Der Wind riß die alten Blätter von
-ihnen ab und trieb sie über den Dietweg.
-
-»Was habe ich von dem wilden Leben gehabt?« Miken, die
-Piewittskrügerin, Trina und die anderen, er hatte jetzt nichts davon,
-als einen schlechten Nachgeschmack.
-
-Das Einzige, was sich gelohnt hatte, war die Zeit gewesen, wo er und
-Meta Liebesleute waren. Er war dumm gewesen, mehr als dumm und schlecht
-obendrein.
-
-»Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte er. »Eine Frau, die ich nicht
-sehen kann, und keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind kam, das
-wußte er, es würde auch ein Mädchen werden.
-
-So wurde es denn auch. Zwei Jahre später war noch ein Mädchen da. Er
-hatte es vorausgewußt, aber es war doch ein harter Schlag für ihn.
-
-Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte Zeit immer stiller geworden;
-sie hielt sich ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo sie
-konnte. Sie hatte einmal mit anhören müssen, wie die Großmagd zu
-Durtjen sagte: »Der Bauer kann einen dauern; was hat die Frau bloß aus
-ihm gemacht!«
-
-Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber ein Bild von Mensch. Wenn sie
-mit hochgesteckten Röcken nach den Ställen ging, mußte der Bauer hinter
-ihr hersehen.
-
-Und sie sah hinter ihm her. Es war kein Mann auf dem Hofe, der gegen
-ihn aufkam. Der erste Knecht war versprochen, der zweite gehörte zu den
-Stillen im Lande und sah an jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte
-zählten nicht mit.
-
-Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine schöne Stimme. Wo sie ging
-und stand, sang sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das bald
-spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens Liebeslieder, und wenn sie dem
-Bauern einen Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte: »Merkst du
-was?«
-
-Hehlmann aber biß die Zähne zusammen; er wollte keine neuen
-Heimlichkeiten, er hatte ganz genug an den alten; so wurde er von
-Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich gleich und war immer
-freundlich zu ihm, und wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte,
-es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte, denn trotz allem: er war
-doch noch ein junger Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für den
-Durst.
-
-Er war aber immer gut zu ihr, denn sie tat ihm leid, und er sah, daß
-sie alles tat, um ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie sich
-zu stellen gewußt und die war froh, daß es jetzt sinnig auf dem Hofe
-zuging.
-
-»Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß ihren Mann in die Rippen,
-daß er vor Angst an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut du es
-hast, daß ich dich genommen habe. Denk' mal bloß, du wärest der Bauer
-und hättest diese Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man kann nicht
-recht froh darüber werden. Es ist ein Kreuz und ein Elend, daß Meta
-damals hier wegmußte.«
-
-Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe gewesen; Durtjen hatte sie noch
-einmal besucht und sie wohl und munter angetroffen. Sie hatte das Leit
-in die Hände genommen und ihre Schwägerin, die immer noch nicht so
-ganz in die Reihe kommen wollte, war es zufrieden, und der Bauer war
-froh, daß Meta das Regiment führte. Von früh bis spät war sie im Gange:
-sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder an; bei der Arbeit
-war sie über ihre Gedanken weggekommen und war wieder so hübsch, wie
-früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden.
-
-Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie hörte, war nicht danach,
-daß sie Freude daran hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge
-verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die ein ordentlicher Mann
-hingehörte; dann hatte sie auch vernommen, daß er zu viel auf die Jagd
-gehen sollte und oft mehr trank, als es gut war; und mit den Karten
-befaßte er sich auch.
-
-Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da wurde es ihr klar, warum
-ihr Göde, wie sie ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn
-gekommen war. »Freude kann er an der Frau nicht haben,« dachte sie;
-»vorzüglich, wo er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.«
-
-Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt. Die beiden Kinder gediehen,
-aber da es keine Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum.
-
-In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil von da aus das Unglück
-gekommen war; zudem verkehrten da jetzt meist nur Knechte und fremde
-Völker.
-
-Die Jagd war ihm halb und halb verleidet; er ging nur mit der Büchse
-los, wenn das Wild ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen
-Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er an den Oberförster
-verpachtet; er wollte damit nichts mehr zu tun haben.
-
-Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn er in den anderen
-Wirtschaften einkehrte, trank er, bis ihm die Augen klein wurden und
-ging dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage schämte er sich.
-
-Als er im Bruche Grummet auflud, nahm Anna ab. Es war ein
-Hauptheuwetter an dem Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen
-haben und das ganze Bruch voll von Lachen und Juchen ist.
-
-Jedes Mal, wenn das Mädchen das Schoof annahm, sah sie ihm in die
-Augen. Der helle Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre Arme,
-das war eine wahre Pracht, wie rund die waren und so schön braun.
-
-Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr unter einer krausen Fuhre,
-und es fiel ihm auf, wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß,
-denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften hatte essen sehen, war es
-ihm zuwider, wenn einer hörbar oder hastig aß.
-
-Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein süßer?« fragte sie und sah
-ihn aus kleinen Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte er die
-Flasche hin und nahm sie in den Arm.
-
-Hinterher war er es, der an die Folgen dachte, aber das hübsche Mädchen
-lachte und sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten
-mache; dafür kann ich dich viel zu gut leiden. Da hast du meine Hand
-drauf.«
-
-Er nahm sie wieder in den Arm und sagte: »Es ist nicht wegen mir, aber
-du bist zu schade dafür.«
-
-Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist schade? Soll ich warten, bis
-ich alt und kalt bin? Was sein muß, das muß sein.«
-
-Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue Heimlichkeit nahm die alte
-weg, und er hatte jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich
-sprechen konnte.
-
-Seitdem das erste Kind gekommen war, schlief er wieder für sich und so
-war es ihnen leicht gemacht, zusammen zu sein.
-
-Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die Bäuerin etwas merkte, aber sie
-sagte nichts. Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam er sich
-schlecht vor.
-
-An einem Sonntag war er ganz allein mit Anna auf dem Flett und sie saß
-auf seinen Knieen. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht auf die Zeit
-gepaßt und so kam es, daß die Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte
-sich sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh gleich mal nach, ob
-Eier da sind; wir wollen Pfannkuchen backen.«
-
-Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen hatte, nur daß sie den
-ganzen Abend nicht aufsah.
-
-Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen; er schämte sich vor seiner
-Frau. Hätte sie Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht nicht so
-aufgestunken.
-
-Am Morgen ging er der Magd in den Stall nach. Sie schlug die Augen
-unter sich, als er kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr ging es
-nicht anders, als ihm.
-
-»Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun aufhören mit uns. Kommt es
-rund, dann bist du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und dabei wies
-er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause, »das Herz nicht noch schwerer
-machen. Sie trägt schon schlimm genug daran, daß wir keinen Jungen
-haben. Du mußt fort von hier.«
-
-Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging auf und ab und die Tränen
-liefen ihr aus den Augen.
-
-»Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort, »du weißt, ich kann dich
-leiden; gerade deshalb mußt du gehen. Es gibt noch mehr Männer auf der
-Welt und was ich dir an dem Tage beim Grummet sagte: du bist zu schade
-für eine Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und nun nimm mir das
-nicht vor übel: du bist ein armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle
-und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse so viel für dich auf,
-daß du eine gute Aussteuer und noch was in der Hand hast und das kannst
-du abheben, so bald du einen ordentlichen Kerl findest. Schwer wird dir
-das ja nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau auf und siehst
-dich nach was anderem um.«
-
-Er gab ihr die Hand, drehte sich um und ging lauten Schrittes durch den
-Stall, denn wenn er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die Macht
-über sich.
-
-Am Abend ging er in den Krug, trank aber so gut wie nichts und ging bei
-Dunkelwerden fort.
-
-Es war der erste schöne Märzabend und die Mädchen gingen untergehakt
-über die Straße und sangen eins von den Liedern, die der Pastor nicht
-haben wollte.
-
-Langsam ging er den Pattweg durch die Haide und dachte an die Nacht
-nach dem Erntebier, als er mit Meta hier gegangen war. Wie lange war
-das schon her! Damals sah er über die Fuhren weg; heute konnte er das
-nicht mehr.
-
-Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich um. Am Himmel stand der halbe
-Mond und alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte vor ihm und
-polterte in die Fuhren, und vom Hofe her rief die Eule; es war ganz so
-wie an jenem Abend.
-
-Das Herz wurde ihm schwer; nun war er wieder ganz allein. Aber es mußte
-sein; zu sehen, wie sich seine Frau unter die Erde grämte, das ging
-nicht. Wenn sie von Anfang an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er
-mit ihr ein ganz gutes Leben haben können.
-
-Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich auseinandergewöhnt. Seine
-Schuld war es nicht, aber es traf ihn mit.
-
-Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen die Deckenbalken. Sie waren
-so angeordnet, daß es wie ein ~AH~ aussah, und dem Bauern fiel es ein,
-daß das Mädchen eine Nacht, als es mondhell war, ihm zugeflüstert
-hatte: »Kiek, da steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das barsch
-verwiesen hatte.
-
-Er seufzte tief auf und warf sich hin und her; das Lied, das die
-Mädchen im Dorfe gesungen hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne:
-
- Und du bleibst bei mir,
- schläfst bei mir,
- schläfst die liebe lange Nacht bei mir,
- ju, ja, Nacht bei mir
- im dustern Kämmerlein.
-
-
-
-
-[Illustration: Der Blaurand]
-
-
-
-
-Der Blaurand.
-
-
-Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand aus, als sie der Bäuerin die
-Hand gab.
-
-Als das Mädchen aufsagte, meinte die Frau zu dem Bauern, ohne
-aufzusehen: »Sie wird uns schwer abgehen, so fix wie sie bei der Arbeit
-war.«
-
-Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr Mädchen, die arbeiten können. Wer
-fort will, den soll man nicht halten.«
-
-Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als das Nötigste mit ihr
-gesprochen.
-
-Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann durch das Dorf. Als er
-an dem braunen Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein: »Weißt
-du schon, daß der junge Herr vom Gute sich umgebracht hat?«
-
-Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?«
-
-Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es eben erzählt; er hat es gestern
-in Celle gehört. Es soll um das rote Miken gekommen sein. Mit der hat
-er es immer noch gehalten, auch nachdem er schon befreit war, oder
-vielmehr, das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem er zu
-Gelde gekommen war, und da hat sie ihm irgend eine Schweinerei gemacht.
-Schade, es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah er ja meist was
-still aus.«
-
-Abends sah Trina ihren Mann immer von der Seite an, aber fragen mochte
-sie nicht, denn sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich kam
-er von selber mit der Sprache heraus und als wenn er zu sich selber
-redete, sprach er vor sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das kommt
-von den Heimlichkeiten; ein verheirateter Kerl muß klare Bahn um sich
-haben, sonst tut das kein gut.«
-
-Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in die Augen und brachte es
-fertig, ihm die Kinder zu bringen und sich dicht bei ihm zu stellen,
-wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es bei kleinem zwischen ihm und
-ihr halbwege richtig.
-
-Aber auch nur halbwege, denn die Liebe fehlte und das Vertrauen.
-Hehlmann konnte es sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten
-konnte, aber bei Trina brachte er es nicht fertig. So blieb er im
-Grunde ganz für sich und war ärmer als der ärmste Knecht.
-
-In der hillen Zeit merkte er davon wenig, wenn die Arbeit aber
-nachließ, kam die Unruhe wieder über ihn und dann blieb ihm nichts
-übrig als zu trinken.
-
-Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug er einen gehörigen Stiefel
-voll, aber unglücklich, wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier
-und der Schnaps das Geblüt und wenn er seine Ladung hatte, dann stieg
-ihm der Ekel über sich selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um und
-dann warf er mit dem Gelde um sich und spielte bis in den hellichten
-Morgen.
-
-Am anderen Tage war ihm dann zumute, als müsse er sich in die Erde
-verkriechen und ihm wurde nicht eher besser, als bis er von neuem
-hinter dem Blaurand saß.
-
-Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten Kruge, einen gefährlich
-großen Wachtmeister mit doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen im
-Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust, wie der Hansbur sie hatte,
-dazu gehörte, daß er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas stand
-auf dem Bört über dem Tische, an dem er immer saß und kein anderer
-durfte daraus trinken.
-
-Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf dem zwischen zwei Palmblättern
-zu lesen stand: Liebe mich allein oder lasse ganz es sein.
-
-An einem schmählich kalten Dezemberabend war er nach der kalten Flage
-gegangen, um auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der Jagd auch nicht
-so viel mehr machte als vordem, er brachte doch den Abend damit hin,
-denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen und nichts zu sagen;
-denn außer über alltägliche Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in das
-Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine Art hatte. Wenn sie sich
-auch noch so viel Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte nicht
-weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus.
-
-So saß er denn in seinem Anstandsloche und sah auf den Schnee, bis es
-ihm bunt vor den Augen wurde. Ihn fror, denn der Wind kam scharf von
-Morgen, und um sich warm zu machen, nahm er ab und zu einen Schluck.
-
-Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit der Kälte und da sich der
-Wind auch gedreht hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter auf
-die Sauen paßte, und deshalb ging er nach dem alten Kruge; da saß
-schon der wilde Meyer, der rote Schmidt und der Müller.
-
-Sowie er in die Tür trat, sprang der wilde Meyer auf und hielt eine
-Rede auf Hehlmann und dann brachte er ihm ein Horüdho nach alter Art
-aus, daß ihm das Maul schäumte, und die anderen, die alle Jäger waren,
-gaben Hals wie eine vollzählige Meute.
-
-»Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote Schmidt, »jetzt wird
-Hatten Lena gespielt, daß die Haide wackelt.«
-
-Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem fort gesungen wurde: »Hatten
-Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apen mal din
-Etelschapp, min Magen bellt ganz lut; un wenn du noch wat owar hest, so
-lang man her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal
-to'n Finster rut.«
-
-Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein Krug, je nachdem, was
-getrunken wurde, und da waren mit Kreide Striche angemacht, und wer
-verspielte, mußte bis zu dem nächsten Striche trinken und ein Stück
-Geld in die Pinke schmeißen.
-
-Na, das ging dann nun los und es traf sich, daß Hehlmann fünfmal
-hintereinander trinken mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept
-vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen Schuß Wasser. So kam denn ein
-großmächtiger Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht lange, da
-hatten sie alle Köpfe wie Legehühner, vorzüglich der Hansbur, der sich
-in der kalten Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein doppeltes
-Loch riß.
-
-Als der Stiefel leer war, schrie der rote Schmidt, der mit Getreide
-handelte: »Auf einem Bein kann man nicht stehen, außer wenn 'n Adebar
-ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der ledig war, hieß es: »Aller
-guten Dinge sind drei,« und der Krüger füllte von frischem auf.
-
-Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür auf und der Sägemüller
-Vodegel kam herein, derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule
-Hehlmann eins hinter die Ohren geschlagen hatte, als sie noch Jungens
-waren, und auf den dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die
-Ohrfeige behalten mußte.
-
-Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er hatte im braunen Roß eine
-Wette mit vertrinken helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er
-seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte.
-
-Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so eigen mit dem Glase und dem Kruge
-war, langte er sich den Blaurand und den Krug von dem Bört, schenkte
-sich einen Schnaps und Bier ein und prostete die Gesellschaft an.
-
-»Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen? Du weißt doch, daß das meins
-ist!« rief der Hansbur ihm zu.
-
-»Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,« antwortete der
-Sägemüller, »das schadet dem Glase nicht und dir nicht.«
-
-Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich sage, du stellst das Glas hin,
-ich trinke nicht mit jedwedem aus einem Glase!«
-
-Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl bloß Grog?«
-
-»Das kann ich machen, wie ich lustig bin. Setz' das Glas hin!«
-
-»Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und überhaupt, befehlen lasse ich
-mir von dir nicht.«
-
-Damit setzte er das Glas an den Mund, aber ehe er zum Trinken kam,
-schlug ihm der Hansbur das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs
-auf den Estrich fiel.
-
-Er stand aber gleich auf, wischte sich das Blut von dem Munde und ging
-hinaus.
-
-Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die anderen sagten nichts, denn
-Hehlmann sah zu gefährlich aus, und als der Müller aufstand, gingen sie
-alle.
-
-Als der Hansbur allein war, lachte er vor sich hin; nun hatte er die
-Ohrfeige bezahlt.
-
-Je länger er aber ging, um so mehr schlug es in ihm um, denn die
-scharfe Luft und der Grog hatten ihn zwischen sich und als er in
-der Haide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee standen, war ihm
-hundeelend zumute.
-
-Wie ein Stromer hatte er sich benommen; ohne Not hatte er zugeschlagen,
-und einen Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und dann sah er sich
-da sitzen und saufen und bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn
-so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte.
-
-Da sah er, daß er das Gewehr bei sich hatte; es wurde ihm schwarz vor
-den Augen, er nahm es von der Schulter, zog den Hahn über, stellte den
-Kolben in den Schnee, hielt die Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit
-der Stockzwinge den Abzug durch.
-
-Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der hieß Widu und hing sehr an dem
-Bauern. Der hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht, und als er
-zurücklief, kam er unter dem Winde da vorbei, wo Hehlmann lag.
-
-Er lief hin, roch an ihm herum, und als er das Blut spürte, heulte er
-los und lief so schnell wie er konnte nach dem Hofe und bellte den
-Knecht heraus.
-
-Der verwies ihm erst das Bellen, als der Hund sich aber immer
-gefährlicher anstellte, ging er hinter ihm her und fand den Bauern im
-Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die anderen Knechte und auf einer
-Wagenleiter trugen sie den Bauern in das Haus.
-
-Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder zu sich; er hatte nur einen
-Prellschuß über dem linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief bis
-in den hellichten Tag hinein.
-
-Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach und nach alles ein, was
-sich begeben hatte, und er wünschte sich, daß er besser getroffen
-hätte, so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die Leute an ein
-Unglück glaubten und nicht daran dachten, daß er Hand an sich gelegt
-hatte.
-
-Nachmittags kam der Vorsteher und fragte, wie das mit der Schlägerei
-gekommen sei. »Der Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte er;
-»er hat ein Maul wie ein Baumaffe!«
-
-Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal abgehalten und folgender Spruch
-gefunden: »Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er angefangen
-hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung hat er nicht davongetragen.
-Item: es ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu ziehen.«
-
-Aus dieser Gefahr war der Hansbur also heraus; um so schlimmer ging er
-mit sich selbst zu Gerichte.
-
-Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so getroffen, wie er es
-vorhatte, dann lebte der nicht mehr, und weshalb? um ein lumpiges
-Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der Grog! Weswegen hätte er beinahe
-Schimpf und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn er die letzte
-Nacht das Gewehr anders gehalten hätte? Weil er angetrunken war! Warum
-quälten Trina und er sich miteinander hin? Weil er damals beim Trinken
-nicht hatte Maß halten können.
-
-Es war ein Sonntag; der Wind trug das Kirchenläuten heran. Heute war
-die Reihe an ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen; aber so, wie er
-aussah, konnte er dem Pastor nicht unter die Augen gehen. Eine Schande
-war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so aufzuführen.
-
-So dachte er, und als er allein war, schlug er die Beilade auf, um die
-Bibel herauszulangen. Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt oft
-darin. Aber das Hausbuch lag da und das nahm er sich und setzte sich
-damit in den Backenstuhl hinter den Ofen.
-
-Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen, um die Todestage der
-Eltern, seinen Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben;
-jetzt las er es von oben bis unten und immer mehr wurde es ihm
-sichtbar, daß er auf dem besten Wege war, einer von denen zu werden,
-deren Namen in dem Buche nicht mit Ehren genannt werden konnten.
-
-Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 durch den Branntwein
-zum Mörder geworden war und dem der Henker den Kopf abgeschlagen
-hatte; er stellte sich vor, wie es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe
-ausgesehen habe, und er machte einen neuen Strich in sein Leben.
-
-Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe war, hatte er stand gehalten, und
-wenn ihm auch noch so blanke Augen gemacht wurden; und so wollte er es
-hinfort auch mit dem Schnaps halten.
-
-
-
-
-[Illustration: Herzbube]
-
-
-
-
-Herzbube.
-
-
-Leicht wurde ihm das nicht und zu Zeiten meinte er, er müßte verrückt
-werden, oder etwas Schlimmes anstellen, wenn er sich nicht ab und an
-volltrinken könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem Leibe, die erst
-wegging, wenn er in lustiger Gesellschaft war.
-
-Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn Gewitterluft war oder das Wetter
-umschlagen wollte oder Vollmond war; dann hatte er dunkle Augen und
-einen unruhigen Blick und konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was
-sonst nicht seine Art war.
-
-Dann sagte er, er habe Geschäfte und ritt fort, und wenn er im Galopp
-über die Haide ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein, was er
-damals bei der Verlobungsfeier in Hohenholte über sich gehört hatte.
-
-Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen, und als er hinter der
-Hagebuchenhecke stand und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß
-die Herren über ihn redeten.
-
-»Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister gesagt; »aber glücklich
-ist er nicht. Der müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen kann.«
-
-»Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist, als ob man einen von den
-alten Longobarden sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen, sich
-die Lappen und Eskimos ansahen, die hier herumkrebsten, und sagten:
-›So, nun willt wi erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen Betrieb
-infoihren!‹ Er hat das Zeug zu einem Eroberer in sich.«
-
-Es ist wahr, dachte er, als er so über die Haide ritt; Tag für Tag
-dasselbe, heute säen, morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er nur
-einen Menschen hätte, dem er sagen könnte, wie ihm um das Herz war.
-
-An Meta dachte er nicht; das war lange vorbei. Zum Piewittskruge ging
-er nicht; da wollte der Mann sein Geld und die Frau, die war hübsch,
-aber schlecht und dabei dumm. Takelzeug war es.
-
-Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht gewesen, aber der hatte doch
-Verstand für ihn gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte die jetzt
-sein? Wenn er an den Morgen dachte, als er ihr im Stall sagte, sie
-müsse vom Hofe, dann tat ihm das Herz weh.
-
-Da hatte er einen Menschen für sich gehabt, einen Menschen treu wie
-Gold, und er hatte ihn fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand er
-da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den die anderen vom Rudel
-abgeschlagen haben.
-
-Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte sich in die Bügel und sah
-über das Bruch, das von dem blühenden Post rot und gelb war. Ihm war,
-als müsse er da einen Feind sehen und ihn über den Haufen reiten.
-
-Er ritt unter dem Uhlenbrink her und bog in den Kösterdamm ein, der in
-die Mordhaide führte; da war es kahl und leer wie in einer Bettlerhand.
-Er gab dem Fuchs die Eisen und der ging in voller Fahrt erst über das
-blanke Haidfeld und dann durch die Machangeln, die vor den Bruchwiesen
-standen.
-
-Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte und ging zurück. Er gab
-ihm ein über das andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der Fuchs den
-Kanal, sprang aber zu kurz, trat mit den Hinterfüßen in das Wasser und
-warf den Bauern über sich fort.
-
-Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß das Pferd das Gesicht
-hatte, was sie annehmen, wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die
-Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich aus. Es lag mit dem
-Hinterleibe im Kanal, schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke und
-schrie.
-
-Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut war und als er näher ging,
-fand er, daß der Fuchs sich einen Pfahl, um den altes Reet stand, tief
-in die Brust gejagt hatte, und jedesmal, wenn er schnob, flog ihm das
-Blut hellrot aus Maul und Nase.
-
-Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen war. Er faßte nach der
-Hosennaht, aber er hatte das große Messer nicht bei sich und das
-Klappmesser dünkte ihm zu klein.
-
-Aber länger konnte er es nicht mit ansehen, wie der Fuchs sich zu Tode
-quälte. Er überlegte einen Augenblick, dann trat er dicht hinter das
-Tier, holte aus und schlug es mit der vollen Faust gegen den linken
-Schlaf, und so wie der Schlag gefallen war, ließ es den Kopf hängen.
-
-Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als müsse er sich über seine
-Kraft freuen. Dann nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs die
-Schlagader am Halse durch und blieb so lange dabei stehen, bis er
-abgeblutet war.
-
-Einen Augenblick schämte er sich; er hatte das schöne Tier unnütz in
-den Tod gejagt. Aber dann bekam er blanke Augen; es war doch einmal
-etwas anderes, und wie er so dastand und das tote Tier ansah, das
-halb auf dem Ufer und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie
-einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit, wenn der Himmel über dem
-Walde rot wird, langsam über das Schlachtfeld zu reiten und auf die
-hinzusehen, die steif und kalt neben ihren toten Pferden lagen.
-
-Das war denn doch noch ein Leben; wenn man auch selbst dabei vor die
-Hunde ging, das machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte auch so
-gedacht. Der alte Pastor war beinahe umgefallen, als er Wolf fragte:
-»Was ist ein seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet hatte:
-»Kugel vor den Kopf, Herr Pastor, und Salve über dem Grabe.«
-
-Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch anders als er sich das dachte,
-aber eine Salve nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner jungen
-Frau auf sein Totenhemd; nun lag er in der Erde und fror, weil die
-Tränen nicht trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm und steif
-über den Hof und konnte nicht mehr lachen.
-
-Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann warf den Kopf in den
-Nacken: was man belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur etwas
-belebt. Und er wollte etwas beleben, koste es, was es wolle.
-
-Miken war jetzt wieder in Celle; der rote Schmidt hatte sie da
-getroffen. Er hatte Lusten, sie einmal wieder lachen zu hören. War es
-auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man bei ihr nicht sein.
-
-Hehlmann überlegte. Von hier bis zum Piewittskruge war es eine kleine
-Viertelstunde. Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn nach Celle
-fahren und auf dem Hehlenhofe Bescheid sagen lassen.
-
-Mit großen Schritten ging er durch das Bruch; die Postbüsche sahen
-in der Abendsonne so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf und
-ab und schrieen, in der Luft waren der Bewerbock zu Gange und die
-Birkhähne balzten, daß es eine Art hatte.
-
-Rund und rot kam der Mond hinter der Wohld in die Höhe; Hehlmann
-meinte, so groß und rot hätte er ihn noch kein Mal gesehen. Die Enten
-strichen hin und her, die Rehe standen im Nebel, und in der hohlen
-Grund rief der Moorochs.
-
-Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein schwarzer Strich und
-darunter noch einer, und auf einmal waren es zwei Augen und Nase und
-Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das lachte. »Das sieht ja
-putzwunderlich aus,« dachte er und dann trat er über die Straße und
-stieß die Türe zum Piewittskruge auf.
-
-Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war da und der wilde Meyer und
-Pohlmann und Schwen und Scheele und Drewes und Lühner auch. Sie saßen
-um den runden Tisch, tranken Wein und spielten Karten.
-
-Die Krugwirtin machte blanke Augen, als der Hansbur eintrat. Sie rückte
-ihm den großen Stuhl hin und daneben noch einen für ihre Nichte, ein
-hübsches Mädchen mit grallen Augen.
-
-Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in seinem Fahrwasser; er
-bestellte vom besten, was im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf
-den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie große Männer spielen und
-nicht um Bohnen und Pfennige!«
-
-»Das soll ein Wort sein,« rief der wilde Meyer, und das Spiel ging los.
-Als sie eine Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein ganzes Geld
-los. Er hatte viel getrunken, denn die Aufregung mit dem Pferd und das
-schnelle Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er dem Wirt, der
-auf einen Augenblick in die Stube kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib
-mal 'ne Hand voll Taler her!«
-
-Das tat der liebendgern, denn es war eine Ewigkeit her, daß der Hansbur
-sich dort hatte sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er ihm
-gefällig sein konnte.
-
-Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper; Hehlmann aß, wie er
-lange nicht gegessen hatte. Da die Wurst scharf und der Käse alt war,
-so trank er tüchtig dabei und es dauerte nicht lange, da hatte er die
-Alma auf dem Schoße sitzen.
-
-Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar sie noch jung war, verstand
-sie doch schon gut mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur ganz
-vergaß, daß er nach Celle zu Miken fahren wollte. Er nannte sie seine
-Coeurmadam und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als er ihr ins
-Ohr flüsterte: »Wenn die anderen man erst weg wären.«
-
-Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte, aber sie gingen erst, als er
-auch das Geld, das er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war, und da
-saß er denn mit der Alma auf der Faulbank, bis die Frau in den Keller
-ging, um Wein zu holen.
-
-Sie blieb lange aus, und als sie wieder kam, plinkte sie ihrer Nichte
-zu, und die verstand und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis eine
-Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand.
-
-Als Hehlmann einige Tage später zum Piewittskruge ging, um seine Zeche
-glatt zu machen, die alles in allem so fünfzig Taler ausmachte, gefiel
-ihm die Alma kein bißchen mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre
-Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb darum auch nicht lange und
-ließ sich nicht wieder sehen.
-
-Er hatte sich den anderen Tag weiter keine Gedanken gemacht, wie
-damals, als er Vodegel den Blaurand in das Maul geschlagen hatte, denn
-er sagte sich: Geschehen ist geschehen! Aber er sagte sich auch, daß er
-bei den Leuten keine Achtung mehr haben würde, wenn es herumkäme, wie
-er es getrieben hätte.
-
-Als seine zweite Tochter ihn eines Abends in den Arm nahm und ihm einen
-Kuß gab, da fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das Frauenzimmer
-im Piewittskruge geküßt hatte und die Wirtin auch; und die waren für
-jeden da, der Geld auf den Tisch warf.
-
-So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß in den Krug zu setzen und
-hielt Wort.
-
-Das wurde ihm nicht schwer, denn eines Abends kam der wilde Meyer
-zu ihm und sah ganz begossen aus; über den Piewittskrug war ein
-Donnerwetter heruntergegangen; der Krüger war wegen Hehlerei und wegen
-Duldens von Glücksspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei nach
-Celle gebracht.
-
-Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf dem Leibe, daß er als Zeuge
-vor Gericht müsse.
-
-Acht Tage später kam ein Mann auf den Hehlenhof und wollte den Bauern
-sprechen; da er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz nach. Es war
-Almas Vater; er war Lohndiener in der Stadt und sah wie nichts Gutes
-aus.
-
-Er redete erst lange hin und her und das Ende vom Liede war, daß der
-Bauer noch einmal fünfzig Taler herausrücken mußte, denn wie der Kerl,
-der sich groß beleidigt anstellte, sagte, war seine Tochter noch keine
-sechzehn alt und unbescholten.
-
-Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was er getan hatte, und
-eigentlich nicht wußte, was Reue war, machte hinter dem Manne ein
-Gesicht, als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war ebenso scheußlich
-zumute wie damals, als er mit Tönnes und Hein Gird im Ruhhorn Fische
-gestohlen hatte und die beiden auf die lange Bank mußten.
-
-Noch dümmer aber kam er sich vor, als er nach der Gerichtsverhandlung,
-in der der Piewittskrüger zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis
-verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte, daß die Alma erstens über
-achtzehn Jahre alt war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den roten
-Schmidt und nicht minder Scheele und Drewes ebenso geleimt hatte wie
-ihn, und er dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt geblieben war,
-Zeuge spielen zu müssen.
-
-Als er hinterher eines Abends in Celle aus dem Ratskeller kam, wo
-er mit dem Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen
-Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken daherkommen.
-
-Sie war in Sammet und Seide und sah noch viel schöner aus als früher,
-aber er trat schnell hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser
-Sorte Weibervolk.
-
-Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote Schmidt, daß er das
-Mädchen in Hamburg gesehen hatte; wie der halbe Tod hatte sie
-ausgesehen und ihn um Gottes willen um einen Taler angesprochen, weil
-sie am Verhungern war.
-
-Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze war, schüttelte sich und
-sagte: »Ich gab ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr lange
-machen konnte. Sie hatte die Auszehrung, und wenn sie hustete, kam ihr
-das helle Blut in den Mund.«
-
-Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf einmal kein Bier mehr. Er sah
-sie vor sich, wie sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war Tanz
-gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet, und sie hatte mit ihrer
-lustigen Stimme durch die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen an
-zu schrecken fingen.
-
-Was konnte sie küssen und lachen und wählig sein! Und nun war sie
-elendiglich zugrunde gegangen.
-
-Ihm wurde erbärmlich zumute.
-
-
-
-
-[Illustration: Die Moosbank]
-
-
-
-
-Die Moosbank.
-
-
-Das elendigliche Ende Mikens gab dem Bauern viel zu denken; sein Herz
-hatte er nicht an sie gehängt, aber es lief ihm kalt über, wenn er
-daran dachte, wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er einmal über die
-Haide ging und eine Schnucke husten hörte, schudderte es ihn.
-
-In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener werden und in einem Falle
-ein Urteil abgeben, das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter von dem
-Halbmeier Scheele, mit dem er so manches Mal bei Bier und Karten lustig
-gewesen war, saß auf der Armensünderbank; er war durch das Kartjen
-in Bedrängnis gekommen und hatte einen Meineid geschworen. Er wurde
-schuldig gesprochen und erhängte sich in der Nacht darauf.
-
-Das ging Hehlmann nahe, aber noch schlimmer traf ihn die Rede, die der
-Staatsanwalt gehalten hatte, denn der hatte gesagt: »Leider können wir
-die Hauptschuldigen nicht fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes
-Leben schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben verführt und
-ins Unglück gebracht haben.«
-
-Das ging auf den wilden Meyer und den roten Schmidt. Mit einem Schlage
-standen die beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich hielt, ging
-ihnen aus dem Wege.
-
-Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt Recht geben. Daß er
-damals Vodegel das Glas in die Zähne schlug und hinterher Hand an sich
-legte, und daß er wegen des liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in
-den Mund der Leute gekommen war, die beiden hatten die mehrste Schuld
-daran.
-
-Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor Heuer, der ihn ab und
-an besuchte. Der Mann gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine
-Mördergrube machte. Als er sich einmal den Hansburhof angesehen hatte,
-meinte er: »Hehlmann, Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da hatte der
-Bauer die Achseln gezuckt und gesagt: »Was hilft mir der ganze Kram, wo
-ich keinen Hoferben habe!«
-
-Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt; so etwas war dem
-Bauern noch keinmal vorgekommen, seitdem er kein Junge mehr war.
-
-Ein Wort war es besonders, das ihm zu denken gab: »Ein Mann wie Sie
-nimmt sein Leben fest in die Hand, mag da kommen, was da will.«
-
-Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei gesunde Töchter haben
-Sie! Und ich? Mein gesundes Kind wurde mir genommen, das krüpplige
-blieb mir. Soll ich deshalb verzagen? Man muß nicht an das denken,
-was man wünscht, sondern an das, was man hat. Sie sind doch kein
-Schwächling! Jedem kann es der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die
-wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden, was man hat.«
-
-Mit dem Pastor kam er von da ab öfter zusammen; der baute nicht, wie
-der alte Pastor, eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde, sondern
-hielt freundschaftlichen Verkehr mit den Bauern. Obzwar sie erst den
-Kopf darüber schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen ließ und
-sein Glas Bier trank, ohne viel danach zu fragen, wer bei ihm saß, mit
-der Zeit leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile gut war, denn
-wenn der Pastor da war, ging es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb
-langweilig wurde, denn er war von lustigem Gemüt und es kam ihm selbst
-auf eine quante Redensart nicht an.
-
-Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde Sinn für etwas anderes
-hatte, als bloß für Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die holte er
-sich so bei kleinem zusammen.
-
-Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf gespielt; mit der Zeit
-blieben die Karten vom Tische, es wurde über Politik und andere Dinge
-geredet, und zuletzt wurde so eine Art Verein daraus, in dem der Pastor
-oder der neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung hatte als der
-alte Mackentun, der schon einige Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus
-den Büchern vorlas.
-
-Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur, der auf diese Art von seiner
-Unruhe abgelenkt wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher hatte, so
-lehnte Hehlmann sich Bücher über Reisen oder Kriegsgeschichten und kam
-dadurch über seine dummen Stunden fort.
-
-Bislang war auf dem Hehlenhofe in der Ackerwirtschaft alles nach der
-alten Art gegangen und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine neue
-Einrichtung einführte.
-
-Der Pastor besorgte dem Bauern auch Bücher über Landwirtschaft und
-Viehzucht und dadurch bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen,
-und auf die Art kriegte er wieder Freude an seiner Wirtschaft.
-
-Er beschaffte sich Edelreiser und besserte seinen Baumgarten auf,
-bepflanzte den Mergelbrink, der sich an der Bullerbeeke entlang zog,
-mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran, wie sie gediehen, er
-ging zur Gründüngung über und konnte mehr Land bestellen als mit der
-Stalldüngung, und schließlich ging er sogar an den künstlichen Dünger
-und brachte es auf geringem Boden bald zu guten Erträgen.
-
-Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um so weniger hatte er unter der
-inneren Hitze zu leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den Krug
-trieb, spürte er kaum mehr. Er machte sich mit den Gutsbesitzern in der
-Umgegend und den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen allerlei ab. Bei
-kleinem sprach es sich rund, daß er ein Bauer war, der mit der Zeit
-ging, und es ging keine Woche hin, daß er nicht Besuch von Bauern oder
-Landwirten bekam, die sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten.
-
-So machte es sich ganz von selbst, daß er Beisitzer im Vorstande des
-landwirtschaftlichen Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden
-hatte, ergriff er bei den Besprechungen oft das Wort und schließlich
-ließ er sich von dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen, über
-seine Versuche auf der Hauptversammlung einen Vortrag zu halten.
-
-Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte nicht, ob er imstande war,
-einen vernünftigen Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete ihm
-seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine Uebersicht auszuarbeiten und
-riet ihm so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und so fuhr
-er getrost los.
-
-Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute, als er in den großen Saal kam
-und die vielen Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das Wort hat
-jetzt unser zweiter Vorsitzender, der Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,«
-und über vierhundert Gesichter ihn ansahen, da wünschte er, daß er ganz
-wo anders war, und als er aufstand, hatte er erst einen roten Kopf;
-aber dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine Hände auf die Lehne
-und fing an zu sprechen.
-
-»Meine lieben Freunde, ich bin man ein einfacher Bauer und kann meine
-Worte nicht so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,« fing er
-an, und da wurden die vielen Gesichter auf einmal lachend und das gab
-ihm Mut.
-
-Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst nach der Väter Art
-gewirtschaftet hatte, wie ihm das langweilig geworden war, und wie er
-dann seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge, sondern in den Büchern
-gelassen habe und bei kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung zu
-der anderen gekommen war.
-
-Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von selber zuflogen, und alle
-Augenblicke klappten die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen
-durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart gemacht hatte oder einen
-Vergleich, der zwischen seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner
-Birkenbaum auf brauner Haide.
-
-Ueber eine Stunde dauerte seine Rede, ohne daß er auch nur einen Blick
-auf die Ausarbeitung warf, die er sich gemacht hatte, und als er mit
-den Worten schloß: »Wenn sich einer aus meiner Rede etwas entnehmen
-sollte, was ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große Freude
-sein,« da gab es ein solches Händeklappen und Füßegetrampel, daß die
-Fensterscheiben beberten.
-
-Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand und hielt eine Rede, in der
-er ihm im Namen der Versammlung den Dank für den Vortrag aussprach und
-also schloß: »Doch das Wichtigste, was uns der Vortrag unseres Freundes
-gelehrt hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das alles hat er ganz
-aus sich selbst heraus!«
-
-Ueber die Besprechung des Vortrages ging noch eine Stunde hin und
-mehrere Male mußte Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der Wirt nicht
-gemahnt hätte, daß das Essen fertig wäre, dann hätte man noch länger
-verhandelt, so viel Anregung hatte die Rede gegeben.
-
-Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem ersten Vorsitzenden und dem
-Ehrenvorsitzenden Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im Trinken
-zurückhielt, hatte er doch bald einen roten Kopf, denn von allen Seiten
-wurde ihm vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich wegen der
-vielen Ehre freuen oder schämen sollte.
-
-Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit, wo er es heimlich mit
-Meta hielt, noch nicht wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam vor
-Freude nasse Augen, als er ihr erzählte, wie es ihm gegangen war, und
-sie sah zu ihm auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel.
-
-Die größte Freude aber hatte sie, als erst das Kreisblatt mit einem
-Bericht über die Rede und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit
-der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte es ihr auf das Herz, wie
-wenig sie neben einen solchen Mann paßte.
-
-Hehlmann ließ sie das aber nicht merken, und weil die Sonne nun wieder
-durch die Hofeichen schien, gediehen die Leute, und die Frau wurde
-wieder meist so ansehnlich, wie sie als Mädchen gewesen war, als sie
-sich noch um die Mannsleute Mühe gab.
-
-Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen die Leute nicht mehr
-von ihm zu ihr und meinten: »Na, er ist da auch man so dran hängen
-geblieben.« Auch bei den Mädchen war sie in Ansehen gekommen, seitdem
-sie das Schimpfen aufgegeben hatte.
-
-Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine Zufriedenheit fand, gewöhnte
-er sich auch mehr an die Kinder heran, auf die er früher wenig acht
-gegeben hatte.
-
-Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter schlachtete,
-hatte an Hausarbeit und Blumen Freude.
-
-Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von Mutterseite artete, war mehr
-für den Gemüsegarten und das Federvieh.
-
-Die eine freute sich über alles, was glatt und hübsch war, die andere
-hatte ihre Freude an dem, das etwas einbrachte.
-
-Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta war ein Mutterkind, Sophie hing
-sich an den Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie an den
-Masern zu liegen kam.
-
-Kaum war sie wieder auf den Füßen, da legte sich die älteste und die
-Bäuerin kam durch das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und als auch
-Detta wieder in der Sonne sitzen konnte, mußte sich die Bäuerin legen,
-denn sie hatte sich angesteckt.
-
-Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß der Doktor jeden Tag
-kommen mußte, aber er konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug
-zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde.
-
-Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal klar im Kopfe, sah den
-Bauern freundlich an und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte.
-
-Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber als sie nicht mehr da war,
-merkte er doch, daß sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte.
-
-Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn Detta, die sich um ihre Mutter
-sehr grämte, machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie schließlich
-zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen große Stücke hielt.
-
-Sophie aber kam bald über den Tod der Mutter weg; sie ging dem Vater
-überall zur Hand und konnte so besinnlich über das, was sie in den
-landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte, reden, daß er sich abends
-keinmal mehr allein vorkam.
-
-Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen Verein, nahm
-er sie immer mit, und es war ein harter Schlag für ihn, als sie sagte,
-sie wolle gern eine Zeit auf ein großes Gut gehen, um mehr zu lernen.
-
-Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen seinen eigenen Weg ging, denn
-sie war die erste Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter lernte,
-als sie schon aus der Schule war. Und da Detta jetzt wieder im Hause
-war und er viel um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin.
-
-Als er zum ersten Male wieder mit den beiden Mädchen zur Kirche
-fuhr, war er ganz stolz, so glatt sahen sie aus, eine ganz anders
-als die andere und beide doch so, daß die jungen Leute mehr nach der
-Hansburbank als nach der Kanzel sahen; und wenn sie abends zusammen
-in der Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten, dann ging ihm
-nichts ab.
-
-Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste der Vorsteher zu ihm
-sagte: »Hansbur, den Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und
-deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen, werden sie bald genug
-beschrieen sein. Und in die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.«
-
-Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta, die sich besser auf ihn
-verstand, wenn auch Sophie mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was
-hast du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.«
-
-Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden sollte, wenn die Mädchen
-heirateten. Wenn auch Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt,
-denn dann kam doch ihr Mann in erster Reihe.
-
-Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit sich herum; am Sonntag aber
-sattelte er den Rappen und ritt nach dem Mittag los.
-
-Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen konnte; die Haide war
-abgeblüht und sah aus, als ob Silber darauf lag. Die Birken waren
-über und über gelb und brannten in der Sonne wie Flammen und der
-Altweibersommer hing in allen Fuhrenzweigen.
-
-Der erste Mensch, der ihm in der hohen Haide in die Möte kam, war die
-Jungmagd vom Voßhofe, ein Mädchen so schier und eben, daß ihm das Herz
-im Leibe lachte. »Das ist ein guter Vorspuk,« dachte er und rief ihr
-ein lustiges Wort zu.
-
-Als er über den Knüppeldamm ritt, standen an die hundert Störche im
-Bruche: »Auch nicht schlecht!« dachte er wieder.
-
-In den Wiesen sah er einen Hasen von links nach rechts laufen. »Heute
-geht nichts verkehrt,« sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg
-entlang, daß es nur so mülmte, und als drei Handwerksburschen ihn um
-einen Zehrpfennig angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden.
-
-Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe ankam. Der Hof sah
-schnicker und ordentlich aus. Ueber der Einfahrt war ein Spruchbrett
-und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,« und auf dem Torbalken
-war zu lesen: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf der
-Deele wurde ein geistliches Lied gesungen.
-
-Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das Singen auf und der Diesbauer
-ging auf ihn zu. Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte. Er
-hatte Dettmer früher etliche Male gesehen, und obzwar er damals selber
-kein leeres und kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer mochte er
-darum doch nicht leiden. Dieser Mann hier aber war ein anderer geworden.
-
-Es wurde erst über das Wetter und die Ernte geschnackt, und dann
-sagte Hehlmann, er müßte Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er
-ganz vergessen, daß sie von seinem Vater in dem Testamente mit einer
-Stiftung bedacht war, und davon wollte er ihr die Abschrift bringen.
-
-»Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin, »sie ist nach Brinkmanns
-gegangen; da ist die Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht sie
-sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen Bett und Stuhl herum.«
-
-Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß ein Werkzeug des Herrn;
-ihm allein gebührt der Dank.«
-
-Hehlmann fragte, wann sie zurückkommen wollte, und als er hörte, daß
-das nicht bestimmt wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr
-entgegen.
-
-Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm das Herz schwer; Jahre lagen
-jetzt zwischen ihnen. Mai war es, als er sie im Grasgarten in den Arm
-nahm, und die weißen Lilien blühten, und jetzt waren die Krammetsvögel
-in den Ebereschen zu Gange.
-
-Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es hatte ihm nicht viel Gutes
-gebracht und wer weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen freiten
-wohl bald; dann war er allein und ging als alter Mann auf dem Hofe
-herum und war jedem im Wege.
-
-Er ließ den Kopf hängen und ging langsam den anmoorigen Weg fürbaß und
-riß in Gedanken den Windhalmen die Köpfe ab.
-
-So tief war er in Gedanken, daß er sich ganz mächtig verjagte, als vor
-ihm jemand seinen Namen rief.
-
-Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen, steckte sich aber rot an, wie
-ein junges Mädchen und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du bloß auf
-einmal her?« und dann wurde sie ganz weiß im Gesicht.
-
-Es war ihm warm um das Herz dabei geworden. »Meine Meta,« rief er und
-nahm sie um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen. Da faßte er
-sie um und führte sie unter eine krause Fuhre am Grabenbord, unter der
-sich die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten.
-
-Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch; dann trocknete sie sich die
-Augen: »Ich habe mich zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas
-denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach dem Dieshofe?«
-
-Er sah sie so lange an, bis sie über und über rot wurde: »Du hast dich
-gut gehalten, Meta, bloß daß du früher dünner warst.«
-
-Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch kein eines graues Haar, Göde,
-und die zwei Wirbel hast du immer noch.«
-
-»Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz so wie früher, trotz der
-vielen Arbeit.«
-
-»Und deine, Göde, die sind noch immer, wie zwei Haidbrinke,« sagte sie
-und lachte dabei.
-
-»Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist wie ein Kalb gegen die
-Kuh,« und dann lachten sie beide, denn sie dachten an den Tag im
-Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf ihrem Kleiderrocke lag.
-
-Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war nun schon so lange her und
-was lag da nicht alles dazwischen.
-
-Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er seufzte auf und sah über die
-Buchweizenstoppel, die ganz rot aussah in der Sonne.
-
-Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den Mund und hinter den Augen
-hatte sie Falten und unter der Haube sah man ein paar graue Haare. Aber
-wenn sie auch noch mehr Falten und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte,
-es war seine Meta mit den treuen Augen und dem schönen Mund und den
-guten Händen.
-
-Er holte das Papier aus der Tasche und hielt es ihr hin: »Da hatte ich
-ganz auf vergessen, Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten Willen
-aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für dich immer eine Stätte ist,
-wenn es dir wo anders nicht mehr paßt.«
-
-Sie sah in das Papier und meinte leise: »O, hier habe ich es ganz gut.«
-
-»Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast mich nicht nötig, aber ich
-habe dich nötig. Wie lange wird es dauern, und die Mädchen freien, und
-dann habe ich wieder keinen Menschen, wie so viele Jahre.«
-
-Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so ist, Göde, mich brauchen
-sie auf dem Dieshofe nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe
-ziehen.«
-
-Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor das Gesicht und weinte, daß
-es sie schüttelte, denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück, um den
-einen Mann zu sein, dem ihr Herz von Anbeginn gehört hatte, oder war
-es schrecklich, da Wirtschafterin zu sein, wo sie von rechtswegen als
-Bäuerin hingehört hätte.
-
-»Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um, »Meta, glaubst du denn,
-ich wäre so ein grundschlechter Kerl, daß ich dich bloß für meine
-Bequemlichkeit haben wollte? Ich habe die ganzen Jahre an dich gedacht,
-wo ich ging und stand, und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein,
-Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz anders.«
-
-»So alt sind wir beide noch nicht, und wenn auch, wir sind regelrecht
-versprochen gewesen und du sollst meine Frau werden, denn so haben wir
-es uns gelobt.«
-
-Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen liefen ihm über das Gesicht:
-»Göde, o Gott, Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen Tag wäre!«
-
-Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie fest an sich und mußte auch
-weinen.
-
-»Nu kiek einer an! Hat man so was schon belebt,« schrie es hinter
-ihnen. »Wir warten und warten, aber keine Meta und kein Hansbur
-will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta, schon so alt und noch so
-leichtsinnig, und Hansbur, redet lang und breit von Erbschaftssachen
-und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich, daß unser alter Bolze
-Junge kriegt!«
-
-»Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn dann könntet ihr was
-gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit und weltlicher Fleischeslust und
-dem Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt und es ist lange
-Vesperzeit. Ich will man schon vorlaufen.«
-
-Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und Meta aber hatten den Sturm
-hinter sich; er hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf gegen seine
-Schulter, und ihre rechte Hand war in seiner linken.
-
-So gingen sie langsam durch die hohen Fuhren, und es war ihnen, als
-wenn es Mai war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich.
-
-Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg standen und sich abküßten,
-sahen ihnen verwundert nach, aber keins lachte, denn der Mann und die
-Frau sahen aus, als wenn sie geradewegs aus dem Paradiese kamen.
-
-Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur nach Hause ritt; die
-Krammetsvögel zogen und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer.
-
-Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu viel Frieden war in ihm.
-
-Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die Mädchen hinter ihm her:
-
- Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen,
- Zu dem Tore reit ich hinaus,
- Schatz, du bleibst mir auserkoren,
- Bis ich wieder komm nach Haus.
-
-
-
-
-[Illustration: Das Altenteil]
-
-
-
-
-Das Altenteil.
-
-
-Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen in die Dönze: »Detta und
-Sophie,« sagte er und legte ihnen die Hände auf die Schultern, »was ich
-euch jetzt sage, wird euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien und
-dann zieht eine von euch weg von hier und die andere hat ihren Mann.
-
-Bevor ich eure selige Mutter kannte, war ich mit einer anderen
-versprochen. Wie es kam, daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier
-nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern war ich bei ihr und
-in vier Wochen wird sie meine Frau.«
-
-Er wartete einen Augenblick und sah aus dem Fenster, dann machte er es
-auf und rief hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die Schweine
-laufen ansonsten in den Blumengarten!« Dann ging er aus der Dönze.
-
-Die Mädchen standen da und sagten nichts. Zuletzt fing Sophie an zu
-weinen: »Es ist eine Schande.«
-
-Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins Wort: »Ja, das ist es,
-daß du gegen unseren Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was Vater
-tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.«
-
-Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als das Aufgebot erfolgte und es
-gab viel Kopfschütteln und Gerede nach der Kirche. Als abends im Alten
-Kruge der Sägemüller seine Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du
-hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und da lachte alles, aber
-nicht über den Hansbur.
-
-Der ließ sich wenig sehen und als er einmal in das Dorf kam und der
-Vorsteher ihm zu verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß er
-noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein guter Rat ist des
-anderen wert; paß' auf: behalte deine Meinung für dich, Burvogt, und
-wenn du das nicht aushalten kannst, so berede dich mit deiner Frau im
-Bette. Und wenn ich dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine
-Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage genug danach.«
-
-Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen und so getan, als wenn er
-bloß Spaß gemacht hätte und sich lang und breit entschuldigen wollen,
-aber der andere sagte: »Ja, sagte der Zaunigel, so bin ich nun mal:
-warum setzt du dich gerade auf mich?«
-
-Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit wäre paßlicher, aber Hehlmann
-hatte gesagt: »Nix da! Brauchen wir uns denn was zu schämen? Wenn der
-Hansbur freit, soll man es zehn Meilen in die Runde hören.«
-
-So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei Hof rund, und an die aus der
-Bekanntschaft, die zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und es wurde
-eine Hochzeit, wie man sie lange nicht belebt hatte, denn der ganze
-Vorstand von dem landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen
-gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren Frauen, so daß es alles
-in allem an die dreihundert Menschen waren; und Vodegel saß allein im
-Kruge und ärgerte sich, denn er hatte nicht angenommen.
-
-Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine großmächtige silberne
-Bowle mit einem Schilde und darauf war zu lesen, daß die der
-landwirtschaftliche Verein in Dankbarkeit seinem lieben zweiten
-Vorsitzenden zu seinem Ehrentage geschenkt hatte.
-
-Als das Essen meist zu Ende war, stand der Ehrenvorsitzende des
-Vereins, der Graf Kettenburg, auf und alle Augen wurden rund, als er
-eine schöne Rede hielt und zum Schluß im Namen des Königs dem Bräutigam
-einen Orden überreichte wegen seiner Verdienste um die Landwirtschaft,
-und als er zu der Braut ging, und ihr die Hand drückte, da sagte sich
-Meta, daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren gut machte.
-
-Wer sich aber am meisten freute, das war Durtjen; die saß auf ihrem
-Stuhle und weinte und aß abwechselnd, und ihr Hermen bekam es mit der
-Angst, denn daß seine Frau das Weinen kriegte, das hatte er noch nie
-belebt.
-
-Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta gestellt und Sophie hatte
-die silberne Bowle und die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr
-in die Augen gestochen, als daß sie noch länger die Kalte spielen
-konnte, zumal der Bäuerin die Gutherzigkeit aus den Augen sah.
-
-Außerdem war die Hochzeit für sie selber auch wichtig, denn beim Essen
-hatte der Sekretär des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen,
-und einen so klugen und lustigen Mann hatte sie ihren Tag noch nicht
-kennen gelernt und noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können.
-
-Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll und zu heiß war, gingen
-sie in den Hof und vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten in die
-Haide und hinterher wußte Sophie gar nicht, was sie von sich denken
-sollte, denn sie hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen und
-nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder geküßt und auch nicht bloß
-einmal.
-
-Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom Hofe fuhr, da winkte sie ihm
-aus ihrer Dönze nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins Bett und
-nahm sie in den Arm und weinte ganz gottsjämmerlich und sagte, sie sei
-ein schlechtes Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut und so schön
-anzusehen.
-
-Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der drei Tage anhielt, denn da
-kam ein Brief und nun war alles gut und sie lachte und sang den ganzen
-Tag und war zu ihrer Stiefmutter der reine Honig, so daß Hehlmann den
-Kopf schüttelte und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie Hermen es
-machte, wenn seine Frau verlangte, daß er lachen sollte.
-
-Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie ihrem Vater in den
-Versuchsgarten nach und sagte: »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich muß
-heiraten!«
-
-Der Bauer machte runde Augen und lachte: »Du mußt? Ich denke, ich habe
-eine feine Dame zur Tochter und nun freit sie ganz nach der alten Art!
-Bis wann mußt du denn freien?«
-
-Sophie trampte auf und gab ihrem Vater einen Schlag auf den Arm: »So
-ist das nicht, bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid weißt:
-der Sekretär Sunder und ich, wir sind uns einig und da haben wir uns
-das so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten zu der Schreiberei.
-Nun liegt am Toten Ort doch die alte Mühle. Beckmann will gern
-verkaufen; er ist zu alt und Kundschaft hat er kaum mehr. Ich habe die
-Mühle und das nötige Land schon an die Hand gekauft.«
-
-Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte aber: »Man weiter!« und
-Sophie fuhr fort: »Der Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Beeke
-erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die Wittbeeke und dann ist
-allerhand Boden da, warmer und frischer, leichter und besserer. Nun
-haben wir uns das überlegt, daß wir einen besseren Platz gar nicht
-bekommen für das, was wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft
-haben, in der Hauptsache aber Fische, Geflügel, Obst und Gemüse ziehen,
-alles nur beste Sorten.«
-
-»Karl«, sie wurde rot und Hehlmann lachte, »Herr Sunder sagt, in zwei
-Jahren spätestens bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir aus dem
-ersten Bröddel heraus. Wir wollen ganz langsam anfangen; die Brut- und
-Zuchtanlagen sollen erst aus lauter alten Brettern gemacht werden. Karl
-kriegt das alles billig.«
-
-»Einrichten tun wir uns erst ganz klein, denn unser Geld brauchen wir
-für die Wirtschaft. So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse
-und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt er noch etwas dazu.«
-
-Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine Puppe gegen ihn war, um und
-kniff sie in die Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen: dumm
-bist du nicht. Und der Karl Sunder ist mir auch nach der Mütze. Ich
-habe seinen Vater gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter Mann und
-hat aus der alten Klippmühle, die er von seinem Vater hatte, etwas
-gemacht, trotzdem daß er vier Geschwister abzufinden hatte.«
-
-»Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen habe, denn ihr wollt
-womöglich schon morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir mit der?
-Die können wir doch nicht so lange in den Backofen schieben? Na, dann
-schreibe man deinem Karl, er soll so bald wie möglich kommen, daß wir
-alles in die Reihe bringen.«
-
-Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er kommt heute Nachmittag
-schon.« Der Vater sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr habt 'n
-guten Schritt am Leibe; für euch brauch ich nicht bange zu sein.«
-
-Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf den Hof. Als Detta sah, wer
-darin war, bekam sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze.
-
-»Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann, als er sah, wer der Besuch
-war. Es war der Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch, einer der
-besten Züchter im Lande, mit dem Hehlmann gut bekannt war.
-
-Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht, der ebenso lang und ebenso
-ruhig war, wie der Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des
-landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt.
-
-Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer zu seinem Sohn: »Wenn alles
-glatt geht, kommst du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon den
-Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger Kerl!«
-
-Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht, dann kann aus der Freierei
-vorläufig nichts werden.«
-
-Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur gefiel der Freier, zumal
-Detta ihm sagte, einen anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn
-abgemacht, daß der junge Ehemann über den Hof und alles Land, was unter
-dem Pfluge war oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben sollte; das
-Unland aber behielt Hehlmann sich vor.
-
-Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit gefeiert; Mönchmeyer,
-jetzt Hehlmann genannt, trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne in
-die alte Mühle und der Altvater Hehlmann und Meta richteten sich das
-Altenteilerhaus ein.
-
-Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten genug zu tun, zumal
-Hehlmann ein Stück Haide nach dem anderen anforstete und Meta bald auf
-dem Hofe und in der Mühle Großmutter spielen mußte. Als sechs Jahre hin
-waren, da war sie sechsfache Großmutter.
-
-Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch Hehlmann war nicht mehr so
-blond wie vordem, aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd sagte zu
-ihrem Hinnerk: »Junge, wenn du mal so alt bist, wie unser Altvater, ich
-möchte bloß wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie er sich mit
-seiner Meta. Erst dacht' ich, ich sollt' darüber lachen, aber wenn ich
-denke, wie andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn sie alt sind,
-dann bedünkt mich, so ist es doch besser.«
-
-Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie die Forke wieder zur Hand
-und warf weiter Mist aus und sang dabei das Lied von dem roten Husaren,
-der sein Liebchen bis über den Tod hinaus liebt.
-
-Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde Meta krank; sie hatte
-sich schwer erkältet und wollte sich gar nicht wieder herausmachen.
-Sie behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf den Füßen und die
-Besinnung ließ zu Zeiten bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was
-zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe gelebt hatte. Aber
-sie war glücklich, vorzüglich, wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im Arm
-hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst nicht warm wurde.
-
-Gegen den Sommer wurde es besser mit ihr, so daß sie im Hause hin- und
-hergehen und Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte; des Abends
-aber kamen ihr meist die Gedanken durcheinander und dann hatte sie
-sich, als wenn sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn er sie zu
-Bett brachte, lachte sie vor sich hin und sagte: »Nicht so laut, die
-andern brauchen da nichts von zu wissen.«
-
-Als die Birken gelb werden wollten, kam Göde eines Abends nach Hause
-und fror; er hatte sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und
-in der Haide wehte eine scharfe Luft. Am anderen Tage ging es ihm sehr
-schlecht und als es am dritten Tage nicht besser mit ihm werden wollte,
-wurde nach dem Doktor geschickt.
-
-Der machte eine krause Stirn und als er an dem Kranken herumgehorcht
-hatte, sagte er: »Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir ihn
-nicht durch; er hat eine ganz gefährliche Lungenentzündung.«
-
-Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr Mann krank war, auf einmal ganz
-gesund wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen.
-
-»Heute ist mir besser, Meta,« sagte der Kranke am sechsten Morgen. »Wir
-haben doch noch schöne Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine
-Hände, die ganz mager geworden waren in den Tagen, drückten ihren Kopf
-an seine Brust.
-
-»Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er dann und ihr war, als wenn er
-sie küssen wollte. Aber er schlief schon wieder ein.
-
-Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte, lag er tot im Bette und hatte
-ein freundliches Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl neben
-dem Ofen und schlief vor Schwäche.
-
-Die Bäuerin schlug die Schürze vor das Gesicht und ging schnell über
-die Deele und winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen aufhören,
-denn sie sang wieder:
-
- Es war einmal ein roter Husar,
- Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr,
- Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,
- Die Liebe nahm kein Ende mehr.
-
-
-
-
-[Illustration: Die beiden Tauben]
-
-
-
-
-Die beiden Tauben.
-
-
-Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen bestimmt, daß er ganz nach
-der alten Art begraben werden wolle, denn damals war schon die Mode
-aufgekommen, daß schwarz getrauert wurde.
-
-Um ihn aber sollte weiß getrauert werden, auch wollte er keinen hohen
-Sarg haben und keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein Pfahl und
-kein Kreuz zu stehen kommen.
-
-Er wurde in das Notlaken eingenäht, das Meta aus selbstgesponnenem
-Flachse gewebt und genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen
-an den Sterbekittel und zog ihm die weiße Sonntagszipfelmütze über.
-
-Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der Deele und war mit dem
-Leichlaken zugedeckt, und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei alte
-hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier springende Pferde waren.
-
-Rechts von der großen Türe hingen die beiden Seelenlaken an der Wand
-herunter, damit, wenn der Tote noch einmal zurückkäme, er doch einen
-Platz für sich fände.
-
-Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause die Fenster der
-Schlafdönze nicht offen standen und daß das Bettstroh, auf dem der
-Altvater gestorben war, bis auf eine Hand voll verbrannt wurde, und
-daß der Backenstuhl, in dem der Alte neben dem Ofen gesessen hatte,
-umgestoßen wurde.
-
-Durtjen warf die Waschschale, aus der der Tote gewaschen war, entzwei
-und grub sie ein und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg, denn Meta,
-die von Detta in das Wohnhaus gebracht war, war so hinfällig, daß sie
-an nichts denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der Dönze und sang
-leise aus dem Gebetbuche, aber keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge.
-
-Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken wurde herunter genommen.
-Mit freundlichem Gesichte lag der Bauer in dem eichenen, mit Rehmenruß
-schwarz gemachten Sarge, Bibel und Gesangbuch unter dem Kinn.
-
-Einer nach dem anderen von der Freundschaft ging über die Deele,
-nickte dem Toten zu und ging nach der Dönze, wo das Frühstück stand.
-Sie sprachen alle leise, die Männer, und die Frauen flüsterten. Es war
-ihnen, als wäre dieses ein ganz besonderes Begräbnis.
-
-Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl an der Zeit.« Da gingen sie
-alle aus der Dönze; einer nach dem anderen trat an den Sarg und gab dem
-Toten die Hand.
-
-Detta und Sophie, von Kopf bis zu den Füßen in dem weißen Klagelaken,
-weinten los, denn der Tischler stellte die Leuchter bei Seite und
-schloß den Sarg.
-
-Er wurde aus der großen Tür getragen und auf das Wagenstroh gehoben.
-Durtjen reichte das Leichlaken her und Detta und Sophie, die hinter
-dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß es rechts und links lang
-herunterhing.
-
-Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine Schale Wasser aus und lief dann
-in die Dönze, um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel zuzuhängen.
-
-Der Großknecht stellte sich an den Kopf des Sattelpferdes und die
-Pferde zogen an und schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh
-mußten, das der zweite Knecht ihnen vor die Füße warf.
-
-Die Frauen aus der nächsten Freundschaft, alle in weißen Trauerlaken,
-gingen hinter dem Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die Männer,
-alle im Kirchenrock und hohem Hute.
-
-Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes Gotthard Georgius
-Hehlmann, den letzten Hansbur, den Notweg fuhren. Die Birkenbäume
-waren so gelb wie Gold und der Himmel war hoch und hell.
-
-»Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer zum roten Schmidt, »ein Tag,
-der ihm passen konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen tiefen
-Himmel.«
-
-Der andere nickte und wischte sich den Schweiß unter dem hohen rauhen
-Hute ab; er war recht alt geworden, und Meyer noch mehr und die Sonne
-war ihnen beschwerlich.
-
-»Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte Schmidt; »weißt du noch den
-Abend, als er dem Sägemüller das Schluckglas in das Maul schlug? Was
-war das für ein Kerl! So einer kommt so bald nicht wieder.«
-
-Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen, trotz der alten
-Feindschaft; das ist schön von ihm.«
-
-Als der Leichenzug meist bei der Kirche war, begab sich etwas, worüber
-sich alle wunderten. Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In ihrer
-Angst setzten sie sich auf das Leichlaken; der Stößer nahm die
-schwarze Taube und flog mit ihr fort.
-
-Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben wurde, flog die weiße Taube
-auf; sie flog steil gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Das Seelenlaken]
-
-
-
-
-Das Seelenlaken.
-
-
-Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; im Wohnhaus war bloß die Magd
-und die Witwe des Bauern zurückgeblieben; Meta war in der Dönze und die
-Magd räumte auf der Deele auf.
-
-Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, brachte der Wind das Läuten
-der Lichteloher Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke
-tat sich die Dönzentür auf und Meta kam heraus.
-
-Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, denn die Frau hatte ihre
-Sonntagsjacke an und ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und hielt
-den Kopf hoch und horchte.
-
-Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn die Frau sah aus, wie ein
-seliger Geist; ganz weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren hell
-und stetig.
-
-Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken zu, stellte sich dicht
-davor, lachte ihm zu, streichelte es und sagte mit einer Stimme, die
-sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft kam: »Ja doch, mein Göde,
-ich komme ja schon!«
-
-Und da sah die Magd, daß das Tuch sich erst langsam und dann schneller
-bewegte und sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar sie sah,
-daß eine Maus auf die Erde fiel und in den Hof lief, wurde das Mädchen
-den Schreck drei Tage nicht los.
-
-Die alte Frau ging wieder in die Dönze zurück und die Magd hörte, wie
-sie erst so sprach, als antwortete sie jemand anders; dann hörte sie
-singen und zuletzt wurde es still.
-
-Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen, war Doris noch ganz weiß um
-die Nase von dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte, was
-sie belebt hatte.
-
-Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in die Dönze und sah die Frau
-mit dem Gesangbuch auf dem Schoß im Ofenstuhl sitzen. Sie ging hinein
-und sah, daß sie tot war.
-
-Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem Erntedanklied, das sie zuletzt
-gesungen hatte, und das fing an:
-
- HERR im himmel, GOTT auf erden,
- Herrscher dieser ganzen welt!
- Laß den mund voll lobes werden;
- Da man DIR zu fuße fällt,
- Für den reichen ernte-segen
- Dank und opfer darzulegen.
-
-
-
-
-Worterklärung.
-
-
-1. Kapitel. Der Bullerborn.
-
-+Pump+, Teich. +Adebar+, Storch. +Wohld+, wilder, angeflogener
-Wald. +mülmen+, wirbeln. +Hülse+, Stechpalme. +Holder+, Hollunder.
-+Ortstein+, Raseneisenstein. +Dönze+, Wohn- oder Schlafstube.
-+Totenhuhn+, Käuzchen. +Windbrett+, Bretter, die den Dächern und
-Giebeln (bei diesen oft in Pferdekopfform) vorgenagelt sind, um zu
-verhüten, daß der Wind unter die Ziegel oder das Strohdach fährt.
-+Machangel+, Wacholder.
-
-
-2. Kapitel. Adebarstag.
-
-+Schlafbutze+, verschließbare Bettstatt in der Dönze. +Flett+, der
-Teil der Hausdiele, auf der die Herdstatt ist. +Wasserwarmbier+,
-Wöchnerinnen- und Krankensuppe.
-
-
-3. Kapitel. Der Beifinger.
-
-+Nägelchen+, spanischer Flieder. +Wigelwagel+, Pirol, Pfingstvogel.
-+Beeke+, Bach. +Rehmen+, Rauchfang über dem Herd. +Post+, ein Strauch,
-Myrica gale, auch Gagel genannt.
-
-
-4. Kapitel. Das Hausbuch.
-
-+Fuhre+, Föhre, Kiefer. +Fuhrentelgen+, Kiefernzweige. +Kartjen+,
-Kartenspielen. +Schnucke+, Haidschaf. +Beilade+, ein kleiner Kasten mit
-Deckel in Truhen.
-
-
-5. Kapitel. Das Osterfeuer.
-
-+Schmustern+, schmunzeln. +Jesuwundenkraut+, Schöllkraut, Chelidonium
-majus. +Zwille+, Astgabel. +Lüttjemagd+, Kleinmagd. +prahlen+, überlaut
-reden.
-
-
-6. Kapitel. Im Ruhhorn.
-
-+Burgfried+, befestigter Speicher. +Heermännken+, Wiesel.
-+Haidschauer+, Schuppen in der Haide. +Bracke+, lautjagender Hund.
-+Sandbrink+, Sandberg. +Bickbeere+, Heidelbeere. +Kronsbeere+,
-Preißelbeere. +Gnitte+, winzige Mücke, Gelse. +Vagelbund+, Vagabund.
-+weifen+, schlagen.
-
-
-7. Kapitel. Die Grenze.
-
-+Beiderwand+, derbes, eigengemachtes Zeug. +Adder+, Otter, Giftschlange
-(plattdeutsches Wort). +minne+, gering. +Tange+, Zange, Hundename.
-+Heidenbrink+, Hügel in der Heide, auf dem ein Hünengrab steht.
-+Fuhrendickung+, schwer zu durchdringender junger Kiefernwald.
-
-
-8. Kapitel. Am Toten Ort.
-
-+Marodebruder+, Marodör. +schlumpen+, glücken. +gnicken+, mit einem
-Gnickstich töten. +Markwart+, Eichelhäher. +Schmoorboden+, weicher,
-schwarzer Waldboden. +Schudder+, Schauer. +Celler Mascher+, Bewohner
-der Vorstadt an der Allermarsch bei Celle, wo früher allerlei Volk
-wohnte, das Zigeunerblut im Leibe hatte.
-
-
-9. Kapitel. Der Blumengarten.
-
-+hujahnen+, gähnen. +Reethalm+, Rohrhalm. +Danzeschatz+, Tanzschatz.
-+Fürtuch+, Schulter- oder Brusttuch. +Stegel+, Uebertritt in der
-Einfriedigung, +Heidbrink+, Heidberg. +Altmutter+, Großmutter.
-
-
-10. Kapitel. Die Eule.
-
-+wesen+, sein. +Trankrüsel+, Tranlampe. +hille+, eilig. +Bunter+,
-ein Tanz, der kein Rundtanz ist. +diesige Luft+, dicke, weiche Luft.
-+Morgenzeit+, erste Mahlzeit.
-
-
-11. Kapitel. Der Notweg.
-
-+Herzspann+, Magendrücken, Atemnot.
-
-
-12. Kapitel. Doppelte Liebe.
-
-+Schruthahn+, Truthahn. +Borgfarken+, männliches Ferkel. +Schatull+,
-Glasschrank. +Burmal+, Versammlung der Bauern.
-
-
-13. Kapitel. Auf der Wildbahn.
-
-+wahn+, sehr groß. +Hahnjökel+, Unsinn. +Pattweg+, Fußweg. +Duffsinn+,
-Blödsinn. +raum+, licht, lückig. +benaud+, beklommen oder verbiestert.
-+Wurfboden+, die Wurzelballen vom Sturm geworfener Bäume. +Wildpret+,
-weibliches Rotwild. +Stangenort+, jüngerer Waldbestand. +Stuken+,
-Baumstumpf. +Grauartsche+, Hänfling. +Buttervogel+, Schmetterling.
-+Kaßmännken+, Zweieinhalbgroschenstück. +Eidig+, volkstümlicher
-Wilddieb.
-
-
-14. Kapitel. Grummet.
-
-+Kaff+, Spreu. +Dietweg+, unbefestigter Fahrweg. +Leit+, Zügel.
-+Schoof+, Bund. +Fluckerhut+, Zeughaube in Helgoländerform.
-
-
-15. Kapitel. Der Blaurand.
-
-+Horüdho+, Jagdschrei. +Hatten Lena+, Herzen Lena. +Schlaf+, Schläfe.
-
-
-16. Kapitel. Herzbube.
-
-+Bewerbock+, Bekassine. +Moorochs+, Rohrdommel. +Uhlenvesper+,
-scherzhaft für eine mitten in der Nacht eingeschobene Mahlzeit bei
-Trinkgelagen. +Faulbank+, Sofa.
-
-
-17. Kapitel. Die Moosbank.
-
-+quant+, derb. +anmoorig+, mooriger Sandboden. +Bolze+, Kater. +Tüte+,
-Regenpfeifer.
-
-
-18. Kapitel. Das Altenteil.
-
-+Hahnenvesper+, ähnlich wie Uhlenvesper, nur gegen Morgen.
-
-
-19. Kapitel. Die beiden Tauben.
-
-+Notweg+, Totenweg. +Stößer+, Sperber.
-
-
-
-
-Die an den Kapitelschlüssen stehenden Hakenkreuze finden sich in vielen
-Teilen der Welt, namentlich aber auch in Nord- und Mitteleuropa (hier
-bereits etwa seit 5000 Jahren), als mythische Zeichen an Geräten,
-Waffen, Felsen usw. Man sieht in ihnen Sonnen-, Feuer-, Lebens-,
-Fruchtbarkeitssinnbilder, Glück- und Heilbringer.
-
-Ihre Auswahl geschah durch den Dichter in Anlehnung an den Inhalt der
-einzelnen Kapitel. Er folgte wohl althergebrachten oder volkstümlichen
-Deutungen bzw. Deutungsversuchen der verschiedenen Abarten des
-Hakenkreuzes (wie »Morgensonne«, »Abendsonne«, »Männlichkeit«,
-»Weiblichkeit«), oder aber er wurde zu dem Entschluß, ihnen
-den betreffenden Platz zuzuweisen, rein gefühlsmäßig durch den
-unmittelbaren graphischen Eindruck des jeweiligen Zeichens veranlaßt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Bücher von Hermann Löns
-
- aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover
-
-
-Illustrierte Ausgaben
-
-
- Sein letztes Lied
-
- Eine Auswahl der schönsten Jagdgeschichten
-
- Ausgewählt und eingeleitet von Egon Frhr. v. Rapherr. Mit über
- 50, darunter 20 ganzseitigen Bildern von Paul Haase. Des Buch
- bringt auf 300 Seiten 34 der besten Jagdskizzen des Dichters.
-
- In Ganzleinen gebunden 8.50 Mark
- In Halbleder gebunden 12 Mark
-
-
- Lüttjemann und Püttjerinchen
-
- Das Buch vereinigt die schönsten Heidemärchen von Hermann Löns.
- 68 Originallithographien von Fritz Eggers sind mit des Dichters
- Meistermärchen eine untrennbare Einheit geworden. So ist ein
- Buch von seltener innerer und äußerer Schönheit entstanden, an
- dem alt und jung wirkliche Freude haben wird.
-
- In Halbleinen gebunden 5.-- Mark
-
-
- Eulenspiegeleien
-
- Eingeleitet und herausgegeben von Traugott Pilf
-
- Eine Sammlung von 28 in Faksimile wiedergegebenen Postkarten
- mit Versen und farbigen Zeichnungen von Hermann Löns, der
- vielfach etwas Eulenspiegelhaftes im besten Sinne an sich
- hatte. Wie dem echten Till Eulenspiegel fehlt auch ihm niemals
- die Innerlichkeit des tiefen Gemütes, und so versteckt sich
- der Schmerz hinter dem Spott und die Weichheit hinter einem
- scheinbar harten Scherz.
-
-
- Goldhals
-
- Ein Tierbuch
-
-
- Aus Wald und Heide
-
- Geschichten und Schilderungen
-
- Diese beiden für die Jugend zusammengestellten Bände bringen
- eine Auswahl der schönsten Tier- und Naturschilderungen aus
- den Werken des Dichters und sind mit je 8 farbigen Vollbildern
- von Paul Haase und Erich Fricke geschmückt. Die Bücher sind
- besonders zu Geschenkzwecken geeignet.
-
- In Halbleinen gebunden je 5 Mark
-
- Von beiden Bänden gibt es eine kleine Ausgabe mit
- Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die kartoniert 1.20 Mark kostet.
-
-
-
-
- Bücher von Hermann Löns
-
- aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover
-
-
- Mümmelmann Ein Tierbuch
- Widu Ein neues Tierbuch
- Mein braunes Buch Haidbilder
- Haidbilder Neue Folge von »Mein braunes Buch«
- Da draußen vor dem Tore Heimatliche Naturbilder
- Mein buntes Buch Naturschilderungen
- Der zweckmäßige Meyer Ein schnurriges Buch
- Auf der Wildbahn Jagdschilderungen
- Kraut und Lot Ein Buch für Heger und Jäger
- Ho Rüd' hoh Jagderlebnisse
- Mein blaues Buch Balladen und Romanzen
- Dahinten in der Heide Roman
- Die Häuser von Ohlenhof Der Roman eines Dorfes
-
- In Ganzleinen gebunden 5.50 Mark
-
- Der letzte Hansbur Ein Bauernroman
- aus der Lüneburger Heide
-
- In Ganzleinen gebunden 6.50 Mark
-
- Mein niedersächsisches Skizzenbuch Aus dem Nachlaß
-
- In Ganzleinen 7 Mark, in Halbleder 9.50 Mark
-
- Gedanken und Gestalten Aus dem Nachlaß
- Für Sippe und Sitte Aus dem Nachlaß
-
- Jeder Band in Ganzleinen gebunden 4.50 Mark
-
- Preisänderungen vorbehalten
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere auch der großen
- Umlaute, wurden beibehalten.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 31: elifen → eilfen
- Er hatte {eilfen} Finger
-
- S. 45: lachen → Lachen
- und es war rein zum {Lachen}
-
- S. 49: Gnitte → Gnitten
- trotz der Mücken und {Gnitten}
-
- S. 62: sie → Sie
- daß {Sie} gestern meinen Bengel beherbergt
-
- S. 79: Fleet → Flett
- fand er im {Flett} ein Mädchen vor
-
- S. 112: steichelte → streichelte
- Göde {streichelte} ihre Hand
-
- S. 135: ganz sich → sich ganz
- Durtjen huschelte {sich ganz} fest an ihn
-
- S. 150: alle → all
- Seitdem wurde er da {all} sein Wild los
-
- S. 161: Helloh → Hehlloh
- im {Hehlloh} dicht am Königlichen
-
- S. 191: Fleet → Flett
- ganz allein mit Anna auf dem {Flett}
-
- S. 201: ihn → ihm
- und sich dicht bei {ihm} zu stellen
-
- S. 219: Reth → Reet
- um den altes {Reet} stand
-
- S. 244: Vetta → Detta
- als auch {Detta} wieder in der Sonne
-
- S. 288: Beverbock → Bewerbock
- +{Bewerbock}+, Bekassine.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR ***
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- The Project Gutenberg eBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns.
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Der letzte Hansbur
- Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
-
-Author: Hermann Löns
-
-Release Date: March 21, 2016 [EBook #51517]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="figright">
-<img src="images/illu-001.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Hermann Löns</p>
-
-<h1>Der letzte Hansbur</h1>
-
-<p class="h2">Ein Bauernroman aus<br />
-der Lüneburger Heide</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center p2">Adolf Sponholtz Verlag, G. m. b. H. / Hannover</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-Als ich damit begann, die<br />
-Geschichte des letzten Hansburen<br />
-niederzuschreiben, war ich mir darüber<br />
-klar, daß es unmöglich sei, die Gespräche<br />
-plattdeutsch wiederzugeben, da eine Erzählung<br />
-nicht in zwei Sprachen geschrieben werden kann.<br />
-Ganz von selber kam ich dann dazu, den gesamten<br />
-Text in der Denk- und Sprechweise der Haidjer zu<br />
-halten, woraus sich, wie mir scheint, eine glückliche<br />
-Einheit zwischen dem Stoffe und der Form ergab. Diese<br />
-Darstellungsweise zwang mich, vielfach Worte und<br />
-Wendungen zu gebrauchen, die manchem Leser<br />
-ungewohnt sein werden, weswegen ich am<br />
-Schlusse des Buches die notwendigen<br />
-Erläuterungen gebe. / H. L.
-</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-004.png" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center p2">Copyright 1909 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H. Hannover.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-005.png" alt="Der Bullerborn" />
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Bullerborn">Der Bullerborn.</h2>
-</div>
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-j">Es war meist noch Nacht, da warf der
-Storch den Tau von sich und flog los.</p>
-
-<p>Mitten in der Heide lag ein klarer
-Pump, der Bullerborn geheißen; da ließ
-er sich nieder.</p>
-
-<p>Die Nebelhexen verjagten sich, als der Adebar
-angebraust kam, und als ein heller Wind über
-die Heide lief und sie bei Seite stieß, und als
-die Sonne über die Wohld stieg und sie scharf
-ansah, da gaben sie das Tanzen über dem Bullerborn
-auf und machten, daß sie in das Bruch
-kamen.</p>
-
-<p>Der Storch ging um den Born herum und
-nickte mit dem Kopfe. Fische gab es nicht in<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-dem Wasser, dazu war es zu frisch, und Frösche
-erst recht nicht, denn dazu war es zu wild.
-Wer aber lange in den Born sah, in dem das
-Wasser immer um und um ging, daß der weiße
-Sand nur so mülmte, der wußte, was der Storch
-da suchte, und wenn der Pastor von Lichtelohe
-es auch einen Heidenschnack nannte, daß der
-Adebar aus dem Bullerborn die Seelen für die
-kleinen Kinder holen sollte, die Bauern wußten
-das besser.</p>
-
-<p>Als die Sonne so hoch stand, daß sie just in
-den Born hineinsehen konnte, nahm der Storch
-sich auf und flog über das Bruch und die hohe
-Heide und die Felder, bis er da war, wo er
-hergekommen war, auf dem Hehlenhof, der ganz
-allein für sich in seinem Hausbusche lag, so daß man
-vor lauter Eichen und Hülsen und Holderbüschen,
-die hinter der mächtigen Mauer aus Ortsteinen
-wuchsen, nichts von ihm sah, als den Herdrauch.</p>
-
-<p>Die Störchin stand auf, als der Storch kam;
-er aber flog über das Hausdach fort und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-sich im Blumengarten hinter dem Wohnhause
-nieder, wo der Flieder durch den Tau roch und
-der Goldregen über den Zaun hing. Er stand
-zwischen den Buchsbaumrabatten und sah sich
-um; dann ging er bis zu der Ecke, wo das
-Fenster der Dönze offen stand.</p>
-
-<p>Das Totenhuhn, das auf dem Windbrett saß
-und einen Diener über den anderen machte,
-drehte sich bald den Hals ab, aber es konnte
-nicht sehen, was der Adebar da machte, denn er
-war hinter einem der spitzen Machangelbüsche,
-die rechts und links vor der Türe standen, kam
-aber bald wieder heraus, ging bis mitten in den
-Garten und flog fort.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-009.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-011.png" alt="Adebarstag" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<h2 id="Adebarstag">Adebarstag.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-i">In der Schlafbutze der Dönze lag die Bäuerin
-und in ihrem Arme der Hoferbe und beide
-atmeten durcheinander.</p>
-
-<p>Als der Storch fortflog, schlug das Kind
-die Augen auf und meldete sich.</p>
-
-<p>Die Bäuerin seufzte den Schlaf fort, strich sich
-den Schweiß von der Stirn, sah um sich und
-lächelte, als sie das Kind sah, das mit den Händen
-nach ihrer Brust fühlte.</p>
-
-<p>Sie legte es an und sah zu, wie es trank.
-Im Flett gingen bedächtige Schritte, die Dönzentür
-ging leise auf und der Bauer kam auf Strümpfen
-herein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>Seine Augen lächelten, als er vor die Butze trat.
-Er strich mit seiner großen Hand über die Backe
-seiner Frau und mit einer Fingerspitze über den
-Kopf des Kindes, nickte und sagte: »Nötigen
-braucht man ihn nicht.«</p>
-
-<p>Im Flett kamen wieder Schritte näher, eine
-große, breite Frau mit schönem Gesicht stand in
-der Türe.</p>
-
-<p>»Komm' man her, Großmutter,« sagte der
-Bauer, »ich muß jetzt nach den Wiesen. Bei
-Uhre elfe bin ich wieder zurück.«</p>
-
-<p>Er ging, aber in der Türe drehte er sich
-noch einmal um: »Es ist eine wahre Pracht, wie
-er trinkt.«</p>
-
-<p>Die Großmutter nickte und sah zu, wie das
-Kind trank, und als es die Mutterbrust von sich
-stieß, nahm sie es hin und wickelte es aus.</p>
-
-<p>Sie lachte, als sie die breite Brust und die
-geraden Glieder des Kindes sah. »Er ist fast zu
-schön für ein Dreitagekind, Detta,« meinte sie,
-»so schier und eben. Und welche Masse Haare<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-er hat, als wenn er sechs Wochen alt wäre. Und
-hat man schon bei einem Kinde, das noch nicht
-wochenalt ist, solche festen Nägel gesehen?«</p>
-
-<p>Sie klopfte es zärtlich, aber dann nahm sie
-das rechte Händchen des Kindes zwischen ihre
-Finger: »Den alten dummerhaftigen Beifinger,
-den brauchte er nicht zu haben. Junge, Junge,
-was brauchst du elf Finger?«</p>
-
-<p>Ihre Tochter lächelte: »Ach, Mutter, das ist ja
-wohl kein Unglück! Wer lang hat, läßt lang
-hängen. Und sein Großvater hat ja sogar zwölf
-gehabt.«</p>
-
-<p>Die Großmutter machte eine krause Stirne:
-»Das ist es ja eben, das mit dem Großvater.
-Hätte er zehn Finger gehabt, dann hätte er wohl
-noch ein Enkelkind hüten können. Die alten
-vermuckten Beifinger! Alle Hehlmanns mit überzähligen
-Fingern hatten zuviel Hitze im Geblüt.
-Aber wenn man dieses Kind sieht, so hübsch, als
-wie es daliegt, mit Augen, wie der liebe Himmel,
-dann sollte man meinen, daß das bloß ein<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-dummer Aberglauben ist. Die Zukunft liegt in
-Gottes Hand; wir wollen uns darüber keine
-Gedanken machen. Wer zu lang vorausdenkt,
-macht sich zu früh Sorgen.«</p>
-
-<p>Sie legte das Kind hin, rief die Kleinmagd,
-daß sie das Wasserwarmbier bringe, und als die
-Wöchnerin die Suppe ausgelöffelt hatte, strich ihr
-die Mutter das Kissen zurecht, schloß das Fenster
-der Fliegen wegen dicht zu und mahnte: »So,
-nun schlaf' man, daß du bald wieder beinig wirst.«</p>
-
-<p>In der Tür blieb sie stehen: »Er sieht heute
-ganz anders aus den Augen, als wie die Tage
-vorher; er sieht einen heute schon ordentlich an,
-als wenn er einen kennen täte. Gestern hatte
-er noch gar keinen Blick in den Augen.«</p>
-
-<p>Ihre Tochter lächelte: »Ja, Mutter, das bedünkt
-mich auch so. Aber heute ist ja auch Adebarstag.«</p>
-
-<p>»Heidenschnack«, warf die Großmutter lächelnd
-hin, und dann ließ sie Tochter und Enkel für sich.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-016.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-017.png" alt="Der Beifinger" />
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Beifinger">Der Beifinger.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Das Kind schlief, und Detta Hehlmann sah
-es an, bis daß der gelbe Vogel draußen
-so laut an zu pfeifen fing, daß sie nach
-dem Fenster sehen mußte.</p>
-
-<p>Im Garten ging der Wind; das Weinlaub war
-rege und ein weißer Nägelchenbusch ging immer
-auf und ab.</p>
-
-<p>Der jungen Frau bedünkte es, als hätte sie das
-alles noch kein mal gesehen. Vier Tage waren es
-erst her, daß sie von den Füßen mußte, aber ihr
-war zu Mute, als wenn ein Jahr darüber hin wäre.</p>
-
-<p>Noch kein mal war ihr das Weinlaub so schön
-vorgekommen und noch nie hatte der Wigelwagel
-so süß in den Hofeichen gesungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>Ihr wurde ganz weichmütig zu Sinne und die
-Augen gingen ihr über. Ihr war so wunderlich,
-daß sie die Hände falten mußte.</p>
-
-<p>Ihren Johann hatte sie, einen guten Mann,
-und dann dieses Kind, so schön und so gesund.
-Am ersten Maitage in der Frühe war es dagewesen,
-ein Morgenkind, ein Maikind, und
-darum war es wohl so schön.</p>
-
-<p>Die Mutter hatte recht; heute hatte der Junge
-ganz andere Augen.</p>
-
-<p>Detta lächelte und dachte an die Worte der
-alten Magd: »Am dritten Tage bekommt ein
-Kind die Seele. Der Adebar bringt sie ihm.
-Bis dahin ist es nicht mehr, als ein unvernünftiges
-Vieh.«</p>
-
-<p>Das alte Mädchen steckte voll von Heidenglauben.
-Sie war manchmal nicht ganz bei sich,
-die alte Hermine; sie hatte auch ein trauriges
-Leben gehabt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Sie war mit einem Großknecht versprochen
-gewesen. Da kam der Bonaparte und nahm ihr
-den Bräutigam.</p>
-
-<p>»Ich wollte ihm etwas Gutes mitgeben,« hatte
-die alte Magd an Dettas Ehrentage erzählt, »und
-da konnte ich nicht anders, als meinem Karl
-zu willen sein. Und das ist mir heute noch
-nicht gereut.«</p>
-
-<p>Der Bräutigam blieb in Rußland; es kam
-nie wieder eine Kunde von ihm. Sein Kind aber
-wuchs auf dem Hehlenhofe zu einem strammen
-Jungen heran und kein Mensch trug es ihm nach,
-daß er ein lediges Kind war. Zwei Jahre war er
-schon Kleinknecht, da schlug ihn der Schimmel tot.</p>
-
-<p>Das arme alte Mädchen! Die junge Frau sah
-zu ihrem Kinde hinab. Das rechte Händchen mit
-dem Beifinger lag auf dem Kissen.</p>
-
-<p>Ihr trat der Großvater ihres Jungen vor die
-Augen. Der wilde Hehlmann hatte er geheißen.
-Ein Kerl, wie eine Tanne war er, mit Augen,
-die einen hellen Blick hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>Der war auch mit zwölf Fingern auf die
-Welt gekommen und sein Haar hatte im Nacken
-just solchen Wirbel, wie sein Enkelkind, das er
-nicht mehr sehen sollte, denn er lag schon einige
-Jahre neben der Kirche.</p>
-
-<p>Durch eigene Schuld war er mit sechzig Jahren
-unter die Erde gekommen, denn von Rechts wegen
-mußte er es auf hundert bringen. Aber seine
-zwölfhundert Morgen Eigenjagd waren ihm zu
-wenig; er hatte immer den Grenzstein in der
-Tasche und jagte, soweit der Himmel blau und
-die Heide braun war.</p>
-
-<p>Als er wieder einmal im Königlichen jagte,
-hatten ihn die Förster spitz gekriegt und mit dem
-Hunde seine Spur ausgearbeitet. Aber der alte
-Hehlmann hatte es gemerkt, und obzwar es
-wintertags war, hatte er sich nicht besonnen und
-war drei Male bis an die Brust quer durch die
-Beeke gegangen und hatte dann naß wie eine
-Katze im Bruch den Abend abgewartet, ehe er
-auf Umwegen nach seinem Hofe ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Acht Tage hinterher lag er steif und kalt auf
-dem Schragen; eine Lungenentzündung hatte ihn
-umgeworfen.</p>
-
-<p>»Bis auf das Letzte ist er gegen den Tod
-angegangen,« hatte die alte Hermine erzählt.
-»Er wollte und wollte nicht sterben. Noch nicht,
-noch nicht, schrie er immer; es war schrecklich
-anzuhören. Schlecht war er nicht, aber er gehörte
-hier nicht her. Er hielt den Kopf höher, wie
-ein adeliger Herr, und es war keine Frau und
-kein Mädchen, das ihm in die Augen sehen
-konnte, ohne daß ihr das Blut in die Backen
-sprang. Gegen Kinder und Hunde war er von
-Herzen gut, aber die Mannsleute kriegten gefährliche
-Augen, wenn die Rede auf ihn kam.
-Wo ein glattes Gesicht war, da war er nicht weit;
-in seinem letzten Jahre mußte seinethalben noch
-eine Magd vom Hehlenhofe. Er war kein Mann
-für geruhige Zeiten; es war ein Kerl, wie man
-sie braucht, wenn die Kriegsvölker zu Gange
-sind.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>Dettas Gesicht wurde ernst. Der Beifinger
-ihres Jungen und der Haarwirbel im Nacken
-wollten ihr nicht aus dem Sinne.</p>
-
-<p>Und dann dachte sie an das, was man von
-dem Großvater des Großvaters erzählte, von Hans
-Detel Hehlmann.</p>
-
-<p>Mit dem hatte es ein schlimmes Ende genommen.
-Er hatte den Hut aufbehalten, als
-der adelige Herr vorüberging, denn er hatte
-einmal einen Ärger mit ihm gehabt. Da hatte
-der Herr ihn mit der Peitsche über den Hut geschlagen
-und gerufen: »Mach' dich bar, Bauer!«
-Und da war der Bauer zugesprungen, und hatte
-den Ritter mit der baren Faust totgeschlagen.</p>
-
-<p>Bei Nacht und Nebel war er aus dem Lande
-gegangen und in dem Hausbuche stehen hinter
-seinem Namen die Worte: »Es kam niemals
-wieder eine Kunde von ihm. R. i. p.«</p>
-
-<p>Dettas Augen wurden wieder heller. »Die
-Welt geht jetzt einen geruhigeren Gang,« dachte
-sie. »Und ist der Junge auch an der Reihe, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-das wilde Blut bei ihm hochkommt, Johann und
-ich, wir wollen schon dafür sorgen, daß es sich
-in Zucht und Sitte hält. Alle Mannsleute sind
-zuletzt von wilder Art, die besseren wenigstens.«</p>
-
-<p>Sie dachte an ihren Jochen, der ihr anfangs
-fast zu gut vorgekommen war. Eines Tages
-jedoch hatte der Knecht den Rappen mit dem
-Forkenstiel über das Maul geschlagen; da hatte
-der Bauer aber losgelegt; wie ein Ungewitter
-polterten seine Worte über den Knecht her. Und
-da wurde der Knecht frech und machte eine
-ausverschämte Redensart. Es sollte ihn bald
-gereuen. Hehlmanns Augen wurden rund und
-blank; mit einem Griffe hatte er den Burschen
-bei der Brust, und ehe der es sich versah, lag er
-im Entenpump. Ganz voll von Entenflott kam
-er wieder heraus, nahm seinen Lohn, packte
-seine Sachen und machte, daß er weiter kam.</p>
-
-<p>Der Fink im Garten sang immer und immer
-wieder dasselbe Lied und der Wigelwagel flötete
-in einem fort auf die gleiche Art. Und immer<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-und immer wieder gingen die grünen Blätter
-und die weißen Blumen hinter den kleinen
-Scheiben auf und ab.</p>
-
-<p>Der jungen Frau fielen die Augen zu. Aber
-mit einem Male seufzte sie auf und sah wild um
-sich. Sie sah nach der Wiege und dann hinter
-dem Traume her, der eben bei ihr gewesen war.</p>
-
-<p>Da hatten auf einmal zwei Frauen bei der
-Wiege gestanden. Die eine, die mit dem braunen
-Gesicht und den Augen, so schwarz und blank,
-wie der Ruß am Rehmen, war aus dem Moore
-gekommen, denn sie roch nach Post.</p>
-
-<p>Die andere, deren Gesicht wie Milch war, mit
-Augen, so blau wie Bachblumen, war über die
-Wiesen gekommen, denn von ihren Kleidern kam
-der Geruch von Gras und Blumen.</p>
-
-<p>Sie standen bei der Wiege und besahen das
-Kind. Die Frau mit dem gelben Gesicht hatte
-gemurmelt: »Als wie ein Herr sollst du leben.«<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Dann machte sie das Hexenkreuz über dem Kinde
-und war verschwunden.</p>
-
-<p>Die andere Frau aber machte über dem
-Jungen das Zeichen, das die Bauern vom Hehlenhofe
-seit unvordenklichen Zeiten als Hausmarke
-hatten, und flüsterte: »Und dein Knecht sollst du
-sein.« Dann war sie nicht mehr zu sehen.</p>
-
-<p>Die junge Frau dachte nach. Träume sind
-Schäume, sagt der Pastor, und dann fiel ihr die
-alte Hermine ein, die so fest an Träume glaubte,
-daß sie ihr eigenes Begräbnis voraussagte.</p>
-
-<p>»Mein Karl hat mich wissen lassen, ich soll
-Sonntag bei ihm sein,« hatte sie Freitag gesagt.
-Am Sonnabend Morgen lag sie tot im Bette.</p>
-
-<p>»Wer hat recht?« dachte die junge Frau und
-sah nach dem Fenster. »Hat der Pastor recht
-oder Hermine? Der Pastor hat die Wissenschaft,
-aber das alte Mädchen hatte den Glauben.«</p>
-
-<p>Wieder lächelte sie, es kam ihr in den Sinn,
-daß sie als Schulmädchen ein Buch gelesen hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-in dem die Geschichte von der guten und der
-bösen Patenfee stand.</p>
-
-<p>Dieses alte Märchen war ihr im Schlaf wieder
-eingefallen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-028.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-029.png" alt="Das Hausbuch" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Hausbuch">Das Hausbuch.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-j.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-j">»Johannes Gotthard Georgius soll er heißen,«
-sagte der Hansbur.</p>
-
-<p>Den ganzen Sonntag Nachmittag hatte
-er in der Dönze gesessen und in dem Hausbuche
-gelesen.</p>
-
-<p>Das war ein altes Buch in Schweinsleder
-gebunden und mit einem Schlosse aus Messing.
-Auf der ersten Seite war dieser Spruch zu lesen:
-»De Mensche van ejner Frouwen geboren leuet
-ejne Korte tidt unde is vull vnrowe«.</p>
-
-<p>Allerlei war darin zu lesen, von Kriegsnöten
-und Pest, Mord und Brand, von hungrigen Zeiten
-und fetten Jahren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Fromme Sprüche waren darin aufgezeichnet
-und alte Mittel, dem Vieh zu helfen mit Kräutern
-und Besprechung.</p>
-
-<p>Unterschiedlich war die Handschrift, bald kraus
-und bunt, bald steif und steil; hier wie gestochen,
-und da krumm und schief, wie Fuhrentelgen.</p>
-
-<p>Absonderliche Belebnisse standen darin: »Die
-Wölfe haben so gehecket, dieweil keiner ist, der
-ihnen zu Leibe gehen kann, daß wir uns deren
-nicht erwehren können. Gestern sind wieder drei
-Schafe weniger in den Kaben zurückgekommen,
-als morgens herausgelassen waren. Das sind
-siebzehn Stück in diesem Frühjahre.«</p>
-
-<p>Hehlmann blätterte um, denn das war es
-nicht, was er suchte. Aber dieses hier mußte er
-doch lesen: »Der englische Schweiß geht wieder
-im Lande um. In Ohldörpe sind letzte Woche
-bei Zwanzig Leute abgestorben, die mehrsten vor
-dem dritten Tage. In Lichtelohe sind sieben neue
-Gräber bei der Kirche. Herr, halte deine Hand
-über uns!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Hehlmann blätterte zurück; da stand zu lesen:
-»Des Herrn Wege sind wunderlich. Johann Detel
-Georg Hehlmann hat uns ein Schreiben zukommen
-lassen. Zweimal zehn Jahre ist er verschollen gewesen
-für uns. Er hat mit Bravour gegen die
-Türken gefochten und ist immer mehr geworden,
-zuletzt ein hoher General und Anführer über viele
-Kriegsvölker. Der Kaiser hat ihm große Güter
-gegeben und einen Grafen aus ihm gemacht,
-so daß er jetzt Graf Hehlmann von Gollenstedt
-geheißen wird. Hier hatte er nicht taugen wollen.«</p>
-
-<p>Darunter stand: »Ohm Hein sagt, er hat sechs
-Finger an jeder Hand gehabt und sein Haar ist
-in zwei Wirbeln gelegen.«</p>
-
-<p>Hehlmann sah auf: das war der erste mit
-Beifingern und mehr als einem Haarwirbel. Der
-hatte es zu etwas gebracht, aber sein Geschlecht
-war bald ausgestorben und die Güter waren
-wieder dem Kaiser zugefallen. Ein Hehlmann
-hatte darum geklagt; die Herren vom Gericht<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-hatten aber herausgefunden, daß die Verwandtschaft
-zu weitläufig war.</p>
-
-<p>Der Bauer dachte nach. »Detel soll er nicht
-heißen,« beschloß er bei sich. »Drei Namen haben
-wir alle. Der erste ist immer der alte Name,
-wonach die Bauern solange Hansbur hießen, bis
-die Regierung befahl, daß sie sich nach einem
-Beinamen umsehen mußten. Auf den dritten
-Namen kommt es nicht an, aber auf den zweiten,
-denn mit dem wurden sie gerufen. Und Detel
-war kein guter Name.«</p>
-
-<p>Er las weiter. »Johann Hinrich Detel« stand
-da und ein Kreuz dahinter und die Worte: »Der
-Herr erbarme sich seiner armen Seele.«</p>
-
-<p>Weiter stand nichts da, aber mit anderer
-Schrift war an den Rand geschrieben: »Er hat
-im Kruge zu Eschede im Mai 1711 einen Handelsmann
-mit dem Messer beim Kartjen erstochen.
-Am 8. Juni mit dem Schwerte zu Zelle vom Leben
-zum Tode gebracht. In den Gerichtsakten steht<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-als absonderliches Merkzeichen: Er hatte <span id="corr031">eilfen</span>
-Finger.«</p>
-
-<p>Hehlmann machte die Stirne kraus. Also
-Hinrich, das ging auch nicht. Und einen neuen
-Namen wollte er nicht haben für den Jungen.</p>
-
-<p>Er schlug weiter um. Über die Frauennamen
-las er weg. Aber bei dem einen blieb er doch
-hängen. »Dorothea Hille Sophia Hehlmann, geb.
-13. Mai 1773. Gest. 13. Mai 1813. Sie hat sich
-weggeschmissen.«</p>
-
-<p>Mit roter Tinte stand in zierlicher Schrift am
-Rande: »Wir wollen keinen Stein auf ihr werfen.
-Sie soll ausnehmend schön gewesen sein und ist
-nach vielfachen Fahrten eines achtbaren Mannes
-ehelich Weib geworden. Gotth. H. Hehlmann,&nbsp;P.«</p>
-
-<p>Der Wigelwagel pfiff in den Hofeichen und
-schrie hinterher ganz unmäßig. Hehlmann war
-es so, als ob er Detel oder Hinrich schrie.</p>
-
-<p>»Nein, Detel und Hinrich sind keine Namen
-für meinen Jungen,« dachte er, »so scharf und<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-spitz, das hat keine Art. So ein Name, der muß
-sein, daß er in sich selbst Bestand hat.«</p>
-
-<p>Er blätterte wieder weiter. »Johannes Gotthard
-Hinrich Hehlmann, Pastor zu Lichtelohe. Sein
-Andenken bleibt ewiglich in Ehren. Er war ein
-frommer Knecht des Herrn.«</p>
-
-<p>Hehlmann nickte. »Gotthard hört sich vortrefflich
-an, ruhig und sinnig. Das ist ein Name,
-der einem Manne zu Gesichte steht, wie ein ehrbarer
-Rock.«</p>
-
-<p>Er schlug weiter um: »Johannes Gotthard
-Antonius. Er war ein Mehrer des Hofes und
-hat ihn aus den Schulden herausgebracht.«</p>
-
-<p>Hehlmanns Augen wurden hell. Es kamen
-zwei leere Seiten, dann vier Seiten mit frommen
-Sprüchen und Heilmitteln für das Vieh, und dann
-stand wieder da: »Johann Gotthard Hermen; ist
-über achtzig geworden und hatte noch alle Zähne
-und solche Kraft, daß er das junge Volk bei der
-Arbeit hinter sich ließ. Er hatte für jedermann
-einen Rat und ein trostreiches Wort und wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-in allen Nöten des Leibes und der Seele um
-Hülfe angegangen. Wenn einer, so ruhet er in
-Abrahams Schoß.«</p>
-
-<p>Der Bauer tauchte die Feder ein und schrieb:
-»Johannes Gotthard«, dann besann er sich eine
-Weile nach einem dritten Namen und schrieb
-»Georgius«, denn so hieß der nächstverwandte
-Hehlmann, Ohm Jürn, der die Schnucken unter
-sich hatte.</p>
-
-<p>Hehlmann scharrte Sand von den Dielen, streute
-ihn auf die Schrift, las noch einmal, was er geschrieben
-hatte und sprach vor sich hin: »Johannes
-Gotthard Georgius«, und nach einer Weile: »Gotthard
-Hehlmann«.</p>
-
-<p>Dann schlug er das Buch zu und legte es in
-die Beilade.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-037.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-039.png" alt="Das Osterfeuer" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Osterfeuer">Das Osterfeuer.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-g.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Göde riefen sie den Jungen, denn Gotthard
-nahm ihnen zuviel Zeit.</p>
-
-<p>Der Junge wuchs, daß es ein Staat
-war. Er hatte einen ansehnlichen Vater
-und seine Mutter war das glattste Mädchen weit
-und breit gewesen. So war es kein Wunder,
-daß der Junge rundumher als das schönste Kind
-galt.</p>
-
-<p>Und gesund war er und kernfest, wie die
-Eichen auf dem Hofe. Er hatte Licht und Luft
-und gute Hut, und als seine Mutter mit ihm ging,
-hatte sie ihre Augen hell und ihr Herz rein gehalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>Keinmal hatte sie beim Nähen schwarzen
-Zwirn über den Hals gehängt, nie einen Faden
-abgebissen, niemals die Leinwand gerissen.</p>
-
-<p>Eins nur machte ihr Sorge: Als sie fühlte,
-daß sie guter Hoffnung war, war der Viehhändler
-Seligmann auf den Hof gekommen. Sie hatte
-ihn nie so recht leiden können. Als er ihr auf
-so wunderliche Art die Hand gab, sie mit Augen
-ansah, als hätten sie zusammen Holz gestohlen,
-und sie schmusternd fragte: »Nun, schöne, junge
-Frau, hat der Adebar schon geklappert?« da
-hatte sie den Kopf geschüttelt. Wenn aber eine
-Mutter ihr Kind ableugnet, dann bleibt es nicht
-bei der Wahrheit.</p>
-
-<p>Aber das mochte nur wieder so ein Schnack
-sein von Mutter Griebsch, die der jungen Frau
-sagte, was sie tun dürfe und was nicht.</p>
-
-<p>Detta gab auf alle diese Dinge nicht so ganz
-viel, denn zuoft hatte der Pastor dagegen von
-der Kanzel geredet; deswegen stellte sie die Wiege
-aber doch immer fest, wenn das Kind nicht darin<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-lag, damit sie nicht taub hin und her ging und
-der Junge Kopfweh bekam. Sie sorgte dafür,
-daß keine jungen Hunde auf dem Hofe waren,
-und nahm nicht die Schere, wuchsen dem Kinde
-die Nägel über.</p>
-
-<p>Weil der Junge elf Finger hatte, zog sie ihn
-durch die Zwille einer jungen Eiche, und als der
-Finger trotzdem nicht zurückging, band sie ihn
-mit einem weißen Faden ab und tat den Saft
-von Jesuwundenkraut darauf, und es blieb nichts
-zurück, als eine kleine rote Stelle.</p>
-
-<p>Die große bunte Wiege von Eichenholz, die
-seit 1564 auf dem Hofe war, wurde zu kurz, als
-Göde ein knappes Jahr alt war, so wuchs der
-Junge.</p>
-
-<p>Durchschnittlich war er ein freundliches Kind,
-aber einmal, als seine Mutter sich verjagt hatte,
-als das Wetter in eine von den großen Eichen
-schlug und die ganze Deele voll von blauem
-Feuer war, mußte ihr wohl die Milch hart geworden
-sein, denn als der Junge trinken wollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-hatte er schnell losgelassen und ganz falsch mit
-der Hand nach der Brust geschlagen. »Du Untier,«
-hatte die Mutter gesagt, »noch nicht ein Jahr und
-schon schlägt er zu, wie ein Alter.«</p>
-
-<p>Sonst war er aber gutartig, lachte immer und
-wenn man ihn mitten aus dem Schlafe aufnahm.
-Er konnte drei Stunden allein liegen und mit
-seinen Füßen spielen oder lauthals über den
-Schatten juchen, den seine Hände gegen die Wand
-warfen. Wenn er einmal ein bißchen weinte, so
-wie einer mit ihm sprach, gleich lachte er wieder.</p>
-
-<p>Bloß wenn der Bauer vorbeiging, ohne mit
-ihm zu sprechen oder ihn auf den Arm zu
-nehmen, dann fing er ganz gefährlich an zu
-schreien, und Hehlmann lachte und sagte: »Eine
-Stimme hat er, wie ein Bullenkalb.«</p>
-
-<p>So blieb er auch; immer war er lustig und
-nie verzagt. Als er vier Jahre alt war, schnitt er
-sich zwei Finger bis auf den Knochen durch und
-kam mit Tränen in den Augen ganz still an und
-sagte: »Mutter, Lappen ummachen.« Mit sieben<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Jahren griff er den Marder, der in das Tellereisen
-getreten war, und brachte Marder und Eisen
-lachend in das Haus, und dabei hatte ihn das
-Tier durch den Daumennagel gebissen.</p>
-
-<p>Er hatte eine Art mit dem Vieh umzugehen,
-als wenn er schon ein Kerl von zwanzig Jahren
-wäre; alles, was auf dem Hofe an Getier war,
-mußte ihm untertänig sein, aber nie ging er
-hart damit um, außer, wenn eins nicht so wollte,
-wie er.</p>
-
-<p>Dann aber wurden seine Augen blank und
-seine Stimme war wie ein Peitschenklappen, und
-der Bauer und die Bäuerin sahen sich an, machten
-enge Lippen und die Mutter rief über den Hof:
-»Göde, prahl nicht so!«</p>
-
-<p>Ein einziges Mal war der Vater böse zu ihm
-geworden. Die Kinder hatten sich ein Osterfeuer
-gemacht und waren über die Flammen gesprungen,
-Göde immer vornweg.</p>
-
-<p>Bloß Ludjen Wehmeyer, ein Häuslingsjunge,
-wollte nicht, denn er war bange. Da war Göde<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-an ihm vorbeigelaufen, hatte ihn an den Ärmel
-gefaßt und war mit ihm über das Feuer gesprungen,
-das heißt, nur halb, denn weil Ludjen
-sich sträubte, fiel Göde, und nun lagen sie alle
-beide in dem Feuer.</p>
-
-<p>Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen
-um so mehr, und als Mutter Wehmeyer auf den
-Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte,
-da hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei.</p>
-
-<p>Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbetüre
-gerufen: »Doch hat er schuld, ich hab' es gesehen!«</p>
-
-<p>Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen
-und gesagt: »Warum bleibst du mit
-der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich
-das für einen Bauernsohn? Wie kann ich dir
-glauben, wenn du einmal gelogen hast? Und
-damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche
-nicht mit in das Bruch.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-046.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-047.png" alt="Im Ruhhorn" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Ruhhorn">Im Ruhhorn.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Das war ein harter Spruch.</p>
-
-<p>Schön war es auf dem Hofe unter
-den tausendjährigen Eichen; da flogen
-die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und
-es sah putzwunderlich aus, wenn sie die kleinen
-Wagen zogen, die Göde ihnen machte.</p>
-
-<p>In dem alten Burgfried, der im Giebel noch
-drei Kugellöcher aus der Schwedenzeit aufwies,
-hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war
-rein zum <span id="corr045">Lachen</span>, wenn Göde kam; denn dann
-machte sie sich ganz lang und wackelte just so
-wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er
-einen Schnaps zuviel hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken
-und wenn man sich still verhielt, liefen
-sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse.</p>
-
-<p>Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest
-und machte eine furchtbare Schande, wenn ein
-Mensch in die Nähe kam.</p>
-
-<p>Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen
-hatte, die lauter Dummerhaftigkeiten im
-Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze machte
-oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie
-verrückt in ihre Ketten gingen und die Hühner
-für unklug unter das Holz liefen.</p>
-
-<p>Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke
-oder Kiekebusch, die beiden jungen Bracken, die
-der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem
-Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so
-lange in das Untier hineinbissen, daß ihnen der
-blanke Schaum vor den Schnauzen stand.</p>
-
-<p>Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu
-jagen, und das brachte etwas ein, denn für jede
-gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Göde zum Rattenpassen keine Lust, dann nahm
-er das Pusterohr und wartete in der Laube, bis
-es im Kirschbaume knackte, und es war selten,
-daß die Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen
-die Zwiebeln warf.</p>
-
-<p>Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen
-und an die Birnen gingen, hielt Göde mächtig
-im Schach, und manch einen holte er mit der
-Pistole herunter.</p>
-
-<p>Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn
-es in die Wildnis ging. Was gab das für ein
-Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier,
-Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp!
-Heraus, Kreih!«</p>
-
-<p>Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so
-wurden Strom und Pollis und Widu hinterhergeschickt.
-Dann war Göde auf der Höhe, wenn
-er drei, vier Jungens, die Hunde und das Vieh
-unter sich hatte, und alle ihm gehorchen mußten,
-selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange
-Peitsche hinkam, da zog es Blasen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>»Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte
-der Bauer, »ich habe das mit vierzehn Jahren
-noch nicht so gekonnt.«</p>
-
-<p>Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke
-des Hehlenbruches, wo die schnelle Bullerbeeke
-mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam,
-denn da brauchte er nicht so viel aufzupassen,
-weil das Vieh nicht durch das Wasser ging.</p>
-
-<p>Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das
-schönste Teil von dem ganzen Bruche.</p>
-
-<p>Viel altes Holz stand da auf den hohen Sandbrinken,
-die vor der Beeke lagen, Eichen und
-Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten
-und Birken in Masse, und darunter wuchsen
-Machangeln, Hülsen und Haseln und wer weiß
-was alles. Erdbeeren gab es da die schwere
-Menge und später Bickbeeren, Brombeeren und
-Kronsbeeren.</p>
-
-<p>Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke
-und manchmal auch ein wildes Schwein. Der
-Habicht baute da und der Rabe und der schwarze<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der
-Beeke und im großen Moore gingen die Kraniche
-auf und ab, klappten mit den Flügeln und bliesen
-wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt.</p>
-
-<p>Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der
-Mücken und <span id="corr049">Gnitten</span> und blinden Fliegen und
-der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen
-Forellen, und wer sich darauf verstand, konnte
-sie leicht kriegen; in der Wittbeeke standen Hechte
-und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie
-es ihm Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen,
-die Kleinknechte, beigebracht hatten.</p>
-
-<p>Er ging nicht gern mit den Knechten, denn
-dann mußte er tun, was die wollten, und das
-war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er
-hinter den Kühen, weil er dann allein das Wort
-hatte.</p>
-
-<p>Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten
-eine andere Arbeit hatte, mußte er mit
-den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes
-einzige Mal etwas Neues.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen
-Setzangeln, Hein Gird aber stokelte überall herum
-und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern
-an, bald mit einem jungen Reh, und in
-der Schummerstunde brachte er das dann nach
-seiner Mutter.</p>
-
-<p>Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg,
-der Förster, sie dabei packte. Da mußten
-sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen
-heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache
-herauskam und sagte, daß Tönnes und Hein Gird
-ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und
-viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein
-junges Reh nach Hause geschleppt hatten.</p>
-
-<p>Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild
-gesehen: »Junge,« hatte er gerufen und war ganz
-rot unter den Augen geworden, »machst du mir
-solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie
-ein Vagabunde, der an fremder Leute Eigentum
-gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Beeken
-ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-kannst heilsfroh sein, daß ich mit dem Droste gut
-stehe, sonst geht es dir, wie den beiden Unduchten,
-dem Tönnes und dem Hein Gird: die sind jeder
-zu zehn Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie
-heute Abend zurückkommen, sag' ihnen, sie sollen
-dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine
-Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist
-nun aus. Vom Montag ab gehst du zum Pastor
-in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch
-her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.«</p>
-
-<p>Der Junge war weiß wie eine Wand geworden.
-Daß er nicht mehr in das Bruch durfte, das war
-schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht gern,
-und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht
-nichts; aber wenn er daran dachte, daß jetzt beim
-Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf der langen
-Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit
-dem Haselstocke, daß es nur so brummte, da
-wußte er: wäre es ihm so gegangen, er hätte
-sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Döbke, der Schneider, als er unter das Schnapsverbot
-kam.</p>
-
-<p>Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu
-Ohm Jürn, der auf der Heide bei den Schnucken
-stand und an einem Strumpfe knüttete. Der
-freute sich, als er den Jungen kommen sah, über
-sein ganzes altes faltiges Gesicht, das so braun
-wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede,
-eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist
-sprach er überhaupt nicht, höchstens brummte er
-so vor sich hin.</p>
-
-<p>»Ja, ja, Junge; laß' den Kopp nicht hängen,
-Kind, sagte die Kuh, als sie mit dem Kalb durch
-die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm.
-Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein
-Umgang für einen Hoferben.«</p>
-
-<p>Das sah Göde denn auch ein, und das Herz
-tat ihm gar nicht weh, als abends die Jungens
-mit dem Vieh vom Bruche zurückkamen und
-lauthals sangen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-056.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-057.png" alt="Die Grenze" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Grenze">Die Grenze.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Die Vormittagsschule war lange nicht so
-schlimm, wie Göde sich das gedacht hatte.</p>
-
-<p>Der alte Pastor Rotermund sah nur
-von weitem so gefährlich aus, weil er
-so lang war und so dünn und weil ihm das
-weiße Haar über den Rockkragen hing.</p>
-
-<p>So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar
-er sich da nicht so fühlte, als wie in der
-Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf
-dem Hansburhofe ging es ja auch sinnig und
-anständig zu, aber bei dem Pastor war es, als
-wenn jeden Tag Sonntag war.</p>
-
-<p>Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter
-war und Schultern hatte, wie ein Mannsbild<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-und meist Beiderwand oder Blauleinen trug
-und vor keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas
-an sich, daß Göde jedesmal rot wurde, wenn er
-sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm.</p>
-
-<p>Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht
-die erste Violine spielte, wie in der Übermittagsschule
-bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel,
-der Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es
-zwar an Kräften mit ihm auf, aber er hatte
-eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für
-den Tod nicht ausstehen konnte.</p>
-
-<p>Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren
-die beiden aneinandergekommen.</p>
-
-<p>Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er
-noch nicht einmal wußte, wer Pipin war, denn
-wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen,
-Schreiben, etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche
-und Gesangbuchverse beigebracht hatte,
-das schien ihm schon reichlich für einen Bauern-
-oder Häuslingsjungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt,
-wieviel Vieh sein Vater habe, und ihn ausgelacht,
-als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen
-keins; wir sind keine Mistbauern.«</p>
-
-<p>Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer
-schickt, muß dein Vater ihm für einen
-Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch
-beim Kinderholen helfen«, und das hatte den
-Doktorsjungen so falsch gemacht, daß er Göde
-eins hinter die Ohren schlug.</p>
-
-<p>Göde wurde es heiß und kalt; es war der
-erste Schlag seit seinem fünften Jahre; es wurde
-ihm rot vor den Augen und es war, als hielte
-ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er
-aus, daß Walter die Bank zwischen sich und ihn
-brachte.</p>
-
-<p>Es war aber auch die höchste Zeit, denn
-Göde, der an einem Stocke geschnippelt hatte,
-zischte wie eine Adder und stürzte mit dem
-blanken Messer auf Walter los.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der
-auch beim Pastor in die Schule ging, laut auf
-und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein
-Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen
-Gliedern und der Schweiß stand ihm auf der
-Stirn.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau
-bei ihnen und sagte: »Kommt mal alle mit!«
-Und als sie in der Waschküche standen, fragte
-sie: »Was war das mit euch? Erzähle mal,
-Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er immer
-gelassen blieb.</p>
-
-<p>Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen
-Worten ihr Benehmen und ließ sich von allen
-Dreien in die Hand versprechen, daß keiner
-darüber reden solle. »Mein Pastor regt sich
-sonst zu sehr darüber auf und bekommt am
-Ende sein Lungenbluten wieder«, setzte sie hinzu.</p>
-
-<p>Nach der Schule rief sie über den Hausflur:
-»Komm' mal her, Göde, du kannst deiner lieben
-Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-Junge in der Wohnstube stand, machte sie die
-Türe zu, legte ihm beide Hände auf die Schulter,
-sah ihm freundlich in die Augen und sagte:</p>
-
-<p>»Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut,
-aber einen lütjen Satan hast du in dir. Denke
-bloß, was du hättest anrichten können. Es war
-sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das
-Messer nehmen, mein Kind, das ist denn doch
-nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt
-sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht;
-besser ist es aber, er läßt den Zorn nicht über
-sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn,
-er hat schon einen Hehlmann in das Unglück
-gestürzt und Schande auf euren Namen gebracht.«</p>
-
-<p>Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter,
-streichelte ihm die Backen und erzählte ihm die
-schreckliche Geschichte von Hinrich Hehlmann, der
-im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub
-über die Heide roch, mit dem Schwerte
-vom Leben zum Tode gebracht wurde, wie es<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom
-Hansburhof aufgezeichnet war. Und sie redete
-so gut mit ihm, daß Göde die Augen überliefen.</p>
-
-<p>Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte:
-»Unter uns bleibt die Sache; ob Walter schweigt,
-soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade
-so gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!«</p>
-
-<p>Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe,
-dem er bisher etwas albern vorgekommen war,
-weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und
-immer einen Abstand zwischen sich und den
-andern hielt, obzwar jeder wußte, daß der alte
-Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich
-und seine sieben Kinder mit seiner geringen
-Pension auf dem kleinen Gute, von dem in
-schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft
-waren, durchzuschlagen.</p>
-
-<p>Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner
-Armut geneckt hatte, da hatte dieser ruhig gesagt:
-»Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch
-hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-er sich umgedreht und Christian stehen lassen,
-der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn
-wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er
-aus dem Wendischen war, hing ihm überall nach,
-und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu
-sein, als der reiche Müller.</p>
-
-<p>Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage
-nie mehr sprach und Walter ihm auch nicht gefiel,
-so schloß er sich an Göde an, zumal sie
-beide denselben Weg hatten, denn Hohenholte
-lag hinter dem Hehlenhof nach Ohlendorp zu.</p>
-
-<p>Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte,
-so machte es sich von selber, daß er
-Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges
-Wetter niederging, nahm er die Einladung der
-Bäuerin an und blieb zum Mittag da.</p>
-
-<p>Am andern Morgen kam Herr von Hohenholte
-auf den Hof geritten. Die Bäuerin fütterte
-gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel
-sprang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>»Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er
-über den Hof, »Sie sollen auch vielmals bedankt
-sein, daß <span id="corr062">Sie</span> gestern meinen Bengel beherbergt
-und verpflegt haben.«</p>
-
-<p>Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein:
-»O, da nicht für, Herr Rittmeister! Es war uns
-eine Freude.«</p>
-
-<p>Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort
-gab das andere und der Bauer lud den Freiherrn
-ein, sich das Vieh anzusehen.</p>
-
-<p>Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer
-länger, als er die Pferde, das Vieh und die
-Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um
-und fragte:</p>
-
-<p>»Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?«
-denn überall zwischen den Eichen sah man einen
-Stall, einen Speicher oder Schuppen.</p>
-
-<p>»So alles in allem an fünfundzwanzig«,
-meinte Hehlmann.</p>
-
-<p>»Donnerstag und Freitag«, rief der Rittmeister,
-»und alles wie aus dem Ei gepellt!<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-Und das nennt sich Bauer! Ach ja, wer es auch
-so hätte. Aber mein seliger Großvater konnte
-die Finger nicht zusammenhalten, dem gingen
-die Füchse immer durch.«</p>
-
-<p>Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein
-macht es nicht, Herr Rittmeister, der Name ist
-auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren
-und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter
-gewesen wären, dann wären nicht so
-tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten
-nicht dafür sorgen können, daß der Bonaparte
-zum Teufel gejagt wurde. Das soll ihnen unvergessen
-sein. Und Hohenholte kann noch einmal
-wieder werden, was es war.«</p>
-
-<p>Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und
-als der Bauer ihm sagte: »Ja, Herr Rittmeister,
-ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl;
-ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe«, lachte
-er und nahm an.</p>
-
-<p>Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen
-Besamungen zeigte, sagte dieser: »Junge, du<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst,
-zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist
-ein kleines Königreich. Und kein Deubel hat
-dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.«</p>
-
-<p>Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im
-Kopfe herum, denn wenn er auch schon seinen
-Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand,
-das wurde ihm jetzt erst klar und er sah den
-Hof und sich nun mit ganz anderen Augen an.</p>
-
-<p>Deshalb hielt er sich von den Lichteloher
-Jungens immer mehr zurück, denn das ging
-wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn
-und Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte
-und Prügeleien, weil einer sich immer
-besser dünkte als der andere.</p>
-
-<p>Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich
-nicht mehr ab, denn wenn er sie mit Wolf verglich
-und mit seinen Eltern, dann kamen sie
-ihm zu minne vor.</p>
-
-<p>Auch als Göde schon aus der Schule war und
-als Kleinknecht auf dem Hehlenhofe arbeitete<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-und Wolf auf der Militärschule war, blieben die
-Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so
-still und so sinnig war, hatte bei dem Bauern
-einen dicken Stein im Brette.</p>
-
-<p>»Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen,
-er kommt morgen wieder,« sagte Hehlmann
-zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte
-er hinzu, als er sah, daß der Junge dunkele
-Augen bekam. »Weißt du einen?«</p>
-
-<p>»Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell.
-Der beste Bock ging am Totenort, aber den
-wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe
-geht ein guter Sechser; er steht bei westlichem
-Winde schon bei hellichtem Tage draußen,« sagte er.</p>
-
-<p>»Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl
-der Bauer.</p>
-
-<p>Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit
-Tange, der hirschroten Teckelhündin, los.</p>
-
-<p>Als sie bei den alten Heidenbrinken waren,
-die rund um den Brammelkamp lagen, und sich
-bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten,<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat
-aus der Fuhrendickung und gleich darauf der Bock.</p>
-
-<p>Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als
-er sah, wie Wolf den Hahn überzog und das
-Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den
-Sinn, den Bock fortzuwinken.</p>
-
-<p>Aber da krachte es schon, der Bock machte
-kehrt und floh in die Dickung zurück.</p>
-
-<p>Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das
-Jagdfieber, zumal er meinte, daß er daneben
-gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat
-die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir
-wollen ihn erst krank werden lassen und dann
-soll Tange ihn arbeiten.«</p>
-
-<p>So vesperten die Jungens denn über den
-Daumen und als eine Stunde um war, wurde
-Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens
-durch die Dickung, über die hohe Haide bis an
-die Ohlendorper Grenze.</p>
-
-<p>Am Grenzgraben machte Göde einen langen
-Hals und dann rief er: »Da liegt er!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>So war es; zehn Schritte über den Graben
-lag der Bock vor einer rauhen Fuhre.</p>
-
-<p>»Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn
-holen.«</p>
-
-<p>Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht
-über den Grenzgraben!«</p>
-
-<p>Der andere sah ihn verwundert an: »Die
-paar Schritt? Und es ist doch unser Bock! Und
-dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht,
-und überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es
-schon gar nicht so genau mit der Grenze.«</p>
-
-<p>Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern
-ging nach Ohlendorp und kam mit dem Vollmeier
-Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick
-besann, dann aber Wolf das Gehörn gab.</p>
-
-<p>Als Göde dem Vater die Sache erzählte und
-meinte, Wolf sei ein bißchen dumm gewesen, sah
-ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan,
-was recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie
-sollte es wohl auf der Welt werden, wenn einer
-des anderen Eigentum nicht achtet!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>Und dabei dachte er an seinen Vater, den es
-das Leben gekostet hatte, weil er das Grenzrecht
-nicht gewahrt hatte.</p>
-
-<p>Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte
-zu erzählen, aber er konnte es nicht,
-da es sich um seinen eigenen Vater handelte.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-072.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-073.png" alt="Am toten Ort" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<h2 id="Am_Toten_Ort">Am Toten Ort.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch
-mit vielen frischen Quellen, der an der
-Grenze der Hehlenheide über der Hover
-Mühle lag, die dem Müller Beckmann
-zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe
-Pfeife Tabak bis dahin.</p>
-
-<p>Der Ort war verschrien, denn es ging die
-Sage von ihm, daß zu Kriegszeiten die Bauern
-von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen dort
-ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten
-und ihrer dreißig erschlagen hätten.</p>
-
-<p>Die Heide bis zu dem Busche gehört noch
-dem Hehlenhofe, der Busch selber aber war des<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd
-verpachtet hatte.</p>
-
-<p>Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem
-großen Bocke her, der im Toten Ort seinen Hauptstand
-hatte und manchen tauben Gang hatte er
-ihm zuliebe gemacht.</p>
-
-<p>An einem schönen Maitage in der Unterstunde
-schlumpte es. Göde saß noch keine Viertelstunde,
-da trat der Bock aus und stellte sich breit
-und blank vor ihn hin.</p>
-
-<p>Der Junge nahm dem Bocke das Maß und
-sah, wie er im Feuer stürzte; als er ihn aber
-gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und
-sprang in den Busch.</p>
-
-<p>Göde trat an die Grenze und hörte, daß der
-Bock nicht weit von ihm noch ein paar Male
-schlug.</p>
-
-<p>Der Junge sah sich um; es war kein Mensch
-zu sehen und zu hören. Bei der Mühle krähte
-ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein
-Buchfink schlug und laut spielten die Quellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p>Er steckte seine Büchse unter einen Machangel,
-sah sich noch einmal um und trat in den Busch.
-Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte
-sich, als der Markwart ihn anmeldete.</p>
-
-<p>Aber dann schlich er vorwärts auf dem
-Schmoorboden, der laut quatschte, wenn Göde
-den Fuß aus dem Schlamme herauszog.</p>
-
-<p>Auf einmal wurden seine Augen groß; da
-lag der Bock vor einem breiten Hülsenbusch.
-Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag,
-feuerrot in der Sonne vor dem dunklen Busche.</p>
-
-<p>Er zog ihn bis an den Rand des Busches,
-ging dann zurück und deckte jeden Tropfen
-Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm
-er den Bock auf und ging damit über die Grenze
-bis hinter einen breiten Machangelbusch.</p>
-
-<p>Als er zurückging, um seine Büchse zu holen,
-stand ein Mädchen da und lachte ihn an.</p>
-
-<p>Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken,
-die angenommene Tochter des Müllers, ein über
-ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-von allen, die in die Lichteloher Schule gegangen
-waren und von der es damals schon hieß, daß
-sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse, als
-andere Mädchen, die schon längst aus der Schule
-waren.</p>
-
-<p>Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten und fragte:
-»Na, hast'n endlich dot? Ich habe dich schon
-manchen Tag hier gesehen.«</p>
-
-<p>Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte,
-was er machen sollte. Hatte Miken gesehen,
-daß er den Bock aus dem Busche geholt
-hatte? Aber was wird das Mädchen wissen, wo
-die Grenze geht, dachte er und brach den Bock auf.</p>
-
-<p>Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig
-zu. Göde sah sie von der Seite an und
-ihm wurde ganz absonderlich zu Mute. So dicht
-war eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm
-gewesen.</p>
-
-<p>Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock,
-und kraus war es und leuchtete, wie eitel Gold.
-Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-anders, wie bei den anderen Mädchen. Und was
-sie für einen roten Mund hatte.</p>
-
-<p>Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn
-an eine Fuhre gehängt hatte, wusch er sich die
-Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer
-Schürze ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie
-so dicht bei ihm stand und seine Hände rieb und
-ein Schudder lief ihm über die Brust.</p>
-
-<p>»Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit
-kleinen Augen an. »Wollen uns noch was erzählen.
-Hier kommt meistens kein Mensch her.«</p>
-
-<p>Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich
-wundert bloß,« sagte sie und sah ihn verliebt an,
-»daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist, so
-groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du
-meist schon achtzehn wärst.«</p>
-
-<p>»Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust
-herunter und an den weißen Armen, die kaum
-ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist
-für achtzehn gelten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen lachte eitel. »Was du für
-schönes Haar hast,« sagte sie dann und ging ihm
-mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie
-Haberstroh.«</p>
-
-<p>»O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie
-fort und rückte immer näher an ihn heran, daß
-ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das
-Blut in die Backen sprang.</p>
-
-<p>»Brauchst keine Bange zu haben, daß ich
-was sage,« flüsterte sie; »dem Müller ist es gleich,
-wer den Bock kriegt und der Hauptmann soll
-ihn nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal
-weggejagt. Der tut so, als wenn ich gar nicht
-auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen.
-Hier ist es so langweilig. Lauter alte
-Leute!«</p>
-
-<p>Sie seufzte und schummelte sich immer dichter
-an ihn heran und sah ihm in die Augen.</p>
-
-<p>»Was für Augen sie hat,« dachte der Junge,
-»solche habe ich meinen Tag noch nicht gesehen.
-Grün und braun durcheinander.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Und dann ging er mit seiner Hand über ihren
-Arm, und wie Feuer lief es ihm über die Brust.</p>
-
-<p>Das Mädchen warf ihm die Arme um den
-Hals: »Komm, Junge, sei nicht dumm, du bist
-so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen
-Jungen bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.«</p>
-
-<p>Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang
-Göde nach einer Weile auf; es sauste und brauste
-ihm in den Ohren und seine Brust flog.</p>
-
-<p>Das Mädchen hing an seinem Halse: »Wann
-kommst du wieder? Komm morgen. Ich mache
-dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen
-gehen. Und wenn du kommst, dann brauchst
-du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das kannst
-du doch? Paß' auf!«</p>
-
-<p>Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der
-Pfingstvogel und gab auch das Kreischen wieder.
-»So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell
-hintereinander und dann das olle Schreien hinterher.<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-Dann weiß ich, daß du da bist. Du kommst
-doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter mir
-her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste.
-Ich hab' schon immer nach dir ausgesehen.«</p>
-
-<p>Als Göde über die Haide ging, den Bock über
-den Nacken geschlagen, wußte er nicht, ob er sich
-freuen oder schämen sollte.</p>
-
-<p>Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen
-und darum stellen sich die Jungens ihretwegen
-so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was
-ihm früher dunkel geblieben war.</p>
-
-<p>Auf einmal mußte er lachen: was wohl die
-anderen Jungens sagen würden, wenn die das
-wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als
-wenn er sich schämen müßte. Wie Wolf das wohl
-aufnehmen würde?</p>
-
-<p>Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht
-hatte, als ihnen in der Haide die beiden
-Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt
-hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Jungens! Fiken, was meinst'e, das wären so'n
-paar Aeppel für'n Durst!«</p>
-
-<p>Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und
-leise gesagt: »Pfui Deubel!«</p>
-
-<p>Als er nach Hause kam, fand er im <span id="corr079">Flett</span> ein
-Mädchen vor, das beim Feuer kniete, so daß ihr
-Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er
-eintrat, sah sie auf.</p>
-
-<p>»Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die
-Mutter; »das ist Meta Dettmer. Vertragen werdet
-ihr euch wohl.«</p>
-
-<p>Meta stand auf, wischte sich die Hand an der
-Schürze ab und streckte sie Göde hin. Der wunderte
-sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände waren
-heiß gewesen.</p>
-
-<p>Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte
-sie ansehen, denn sie war so flink und doch so
-ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen,
-sah sie nach seinem Arm und nahm ihm ein<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-langes, rotes Haar, das an seinem Aermel hing,
-fort.</p>
-
-<p>Und da steckte sich Göde rot an und ging
-schnell fort.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-084.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-085.png" alt="Der Blumengarten" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Blumengarten">Der Blumengarten.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am
-Toten Orte, sogar noch im Herbst.</p>
-
-<p>»Weißt du, Göde,« sagte Miken eines
-Abends, »du mußt anders flötjen. Der
-Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der
-Wigelwagel noch nicht fort ist.«</p>
-
-<p>Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte
-Art. »Was für Stimmen kannst du noch? Das
-beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz
-hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht
-her ist, und abends die Eule.« Sie machte den
-Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß
-es ihm heiß über den Hals lief: »Ich glaube, du<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun schläft
-auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß
-mein Kammerfenster aufzustoßen. Die anderen
-merken nichts, die schlafen alle nach vorne.
-Komm' gleich heute Abend!«</p>
-
-<p>Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er
-dachte daran, daß Miken um den Bock wußte.
-Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich
-stahl er sich wieder hinein.</p>
-
-<p>»Junge, was hujahnst du in einem Ende?«
-fragte der Bauer, als sie bei der Morgenzeit saßen.</p>
-
-<p>»Das kommt, weil daß er wächst«, sagte die
-Mutter und sah ihm nach, als er aufstand und
-dachte bei sich: »Bald ist er so lang, wie der
-Vater. Und ein ganz anderes Gesicht hatte er
-gekriegt. Ja, ja, aus Kindern werden Leute!«</p>
-
-<p>Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtigt
-auf dem Hofe stand und mit Meta sprach,
-sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz
-blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing
-ein rotes Haar von Miken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus
-dem Wege, und als sie ihm beim Frühstück gegenübersaß,
-sah er, daß sie rote Augen hatte. Er
-dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein
-Sinn war bei der anderen.</p>
-
-<p>Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner
-Dönze ging, sah er erst seine Jacke nach, ob er
-nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort,
-denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor
-Meta schämen müsse, wenn sie wüßte, mit wem
-er sich abgab.</p>
-
-<p>Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen,
-mehr als vor Vater und Mutter. Das Mädchen
-hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in
-der Sonne über den Hof ging, so leicht und so
-schnell, dann mußte er immer hinter ihr hersehen.</p>
-
-<p>Meist war sie ernst und still, denn sie konnte
-es so leicht nicht vergessen, daß sie in drei Tagen
-Vater und Mutter hatte wegsterben sehen; wenn
-sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn
-die Sonne in einen dunkelen Wald kam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>An einem Sonntag-Nachmittag, als Göde vom
-Lichteloher Kruge, wo er gekegelt hatte, nach
-Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er
-eine große Unruhe in sich und dachte immer
-daran, daß es noch mehrere Stunden hin wären,
-ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat
-ihm wieder Meta vor die Augen; er ging schneller
-und hatte dabei das Gefühl, als könne er die
-andere nicht mehr so gut leiden.</p>
-
-<p>Wenn er sie sich genau besah, so war ihr
-Haar meist unordentlich und Löcher hatte sie wohl
-immer in den Strümpfen. Meta war nun schon
-einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal
-hatte er gesehen, daß ihr Haar wild oder
-sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie
-sah immer aus, wie aus der Beilade genommen,
-und wenn sie auch beim Schweinefüttern war.</p>
-
-<p>Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich
-denken sollte, daß Meta bei ihm im Busche längelangs
-auf dem Leibe liegen und an einem
-Reethalme kauen könnte, und es war ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den
-Anfang machen werde, wenn sie einmal eine
-Liebschaft hätte.</p>
-
-<p>Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über
-die Haide, die ganz grün von dem jungen Birkenlaub
-war.</p>
-
-<p>Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er
-gehört, was der Vater mit der Mutter redete:
-»Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,«
-hatte der Vater gesagt; »ich wollte sie bliebe auf
-dem Hofe.«</p>
-
-<p>Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine
-Meinung; eine bessere Bäuerin kriegt der Hehlenhof
-nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge
-anderswo was hat; ich wüßte bloß nicht wo.
-Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er nichts.«</p>
-
-<p>Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann
-meinte er: »In den Jahren ist er. Aber wo
-sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein,
-daß er im Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen
-ist mir das aber noch nicht weiter. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-wenn aus ihm und der Meta was wird, ich
-könnte keine größere Freude haben. Nach dem
-Alter passen sie gut zusammen und sonst stimmt
-auch alles.«</p>
-
-<p>Göde ging weiter. Nein, er wollte heute
-Nacht nicht nach der Mühle. Die Geschichte
-mußte ein Ende haben.</p>
-
-<p>Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so
-gut abgelaufen war, denn wenn er sich denken
-sollte, daß er das rote Miken einmal freien
-müßte, nein, das war keine Möglichkeit. Die
-als Bäuerin da, wo seine Mutter war, das ging
-nicht.</p>
-
-<p>Da hörte ein Mädchen von einem großen
-Hofe hin, nicht so eine wie Miken, die das Magdsdenken
-nicht verlernen konnte, und die nur
-dann arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu
-gekriegt wurde.</p>
-
-<p>Ihm war zu Mute, als habe er sich weggeschmissen,
-vorzüglich, wenn er daran dachte,
-wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-dem Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die
-im Dorfe im Quartier lagen.</p>
-
-<p>Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm
-mit einmal nicht mehr schmecken. »Morgen
-darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich
-gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.«</p>
-
-<p>Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen.
-Da steckte etwas hinter. Und wenn
-er es so recht besah, bald wollte sie dies und
-bald das, heute Haubenspitze und morgen ein
-Fürtuch, und neulich hatte sie davon gesprochen,
-was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel
-habe.</p>
-
-<p>Es war ihm ja nicht um das Geld, aber
-es kam ihm doch wunderlich vor. Und jetzt
-fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letzte
-Mal in der Kirche umgehabt hatte, das hatte
-Krischan Holtmann für zwei Taler beim Krämer
-erstanden, just als Göde Balkennägel geholt
-hatte. Er mußte rein blind gewesen sein die<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem
-Allermannslottchen nichts mehr wissen.</p>
-
-<p>Er ging noch schneller; er wußte, daß außer
-Meta niemand auf dem Hofe war, denn Vater
-und Mutter waren zur Freundschaft gefahren,
-und die Leute waren im Dorfe.</p>
-
-<p>Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über
-das Stegel stieg. Die Maisonne fiel durch das
-frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange,
-der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen
-sang.</p>
-
-<p>Göde schüttelte den Pferden Futter auf und
-gab ihnen zu trinken. Gerade zog er die Stalljacke
-aus, da war es ihm, als wenn er einen
-Gesang hörte. Er trat aus dem Stall und hörte,
-daß es Meta war.</p>
-
-<p>Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen
-hören und immer ganz leise und bloß, wenn
-sie allein war. Heute aber war ihre Stimme
-klar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem
-Hause, und das Lied, das sie sang, war ein Lied,
-das die kleinen Mädchen beim Spielen singen.
-Hell kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie
-sein Herz unruhig wurde.</p>
-
-<p>Er ging nach dem Blumengarten und sah
-Meta bei den weißen Lilien stehen, die seiner
-Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und
-las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete
-in der Sonne.</p>
-
-<p>Göde wurde benaud zu Mute, als er sie so
-stehen sah, so frisch und sauber und so ruhig
-und bedachtsam.</p>
-
-<p>Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose
-bewachsen, und so vernahm sie es nicht, als er
-hinter sie kam, und erst als er den Arm um
-sie legte und sagte: »Na, Meta, ganz allein?«
-fuhr sie zusammen und wurde ganz rot im
-Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie
-schon wieder wie sonst, nur daß ihre Augen
-noch blauer waren als gewöhnlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du
-nicht wieder in den Krug?«</p>
-
-<p>Er drückte sie noch fester an sich: »Nein,
-Meta, ich will hier bleiben,« und dabei atmete
-er schwer.</p>
-
-<p>»Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr
-Brusttuch auf- und abging, und sie bald rot, bald
-weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die
-grüne Bank.</p>
-
-<p>Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta
-sagte: »Das Moos muß auch mal weg. Es sieht
-so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.«</p>
-
-<p>Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen,
-und sie lachte: »Was du für eine Hand hast,
-Göde, als wie ein Heidbrink.«</p>
-
-<p>Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht
-dagegen aus, wie das Kalb neben der Kuh.
-Aber arbeiten kann sie deswegen doch.«</p>
-
-<p>Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer
-auf der Diele gegangen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte,
-faßte er sie um, zog sie auf den Schoß, schlug
-seine Arme um sie und küßte sie ein über das
-andere mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und
-sie stöhnte: »Göde, Göde, nicht so wild; mir geht
-ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am
-Kopfe aussehe!«</p>
-
-<p>Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta;
-du siehst immer fein aus. Keine sieht so glatt
-aus als wie du,« und dann fing er wieder an,
-sie zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem
-Male die Augen überliefen und sie ihn umfaßte
-und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut
-ganz wild machte. Und dann sprang sie auf und
-ging in das Haus.</p>
-
-<p>Göde ging ihr nach und fand sie vor der
-Eimerbank stehen und aus der Schöpfkelle
-trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er
-lachend; »ich auch!«</p>
-
-<p>Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank.
-Aber dann faßte er sie wieder um, küßte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du
-glaubst gar nicht, wie gern ich dich habe. Hast
-du mich auch so gern?«</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel
-sie ihm um den Hals und ließ sich von ihm
-küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen
-Willen, und er fühlte, wie ihr Herz klopfte.</p>
-
-<p>Sie fuhren auseinander; draußen gingen
-Schritte. Der Bauer und die Bäuerin kamen
-zurück.</p>
-
-<p>»Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte
-die Mutter über die Halbtüre; »das ist ja mal
-nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im
-Kruge, Göde.«</p>
-
-<p>Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau
-ihn schnell von der Seite ansah, wußte sie, daß
-er ebensoviel gesehen hatte, wie sie, und froh
-darüber war.</p>
-
-<p>»Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte
-ihr Sohn; »der Fuchs will immer noch nicht so
-recht fressen. Wo ist denn der Wagen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p>
-
-<p>»Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,«
-antwortete der Bauer. »Er ist zu Meyers gerufen,
-die Altmutter ist schwer krank geworden;
-wir trafen ihn gerade, als er auf dem Steinbrink
-war. Dem alten Mann wird der Weg hin und
-her zu weit.«</p>
-
-<p>Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf,
-und als Göde sie anredete, wurde sie über und
-über rot.</p>
-
-<p>»Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im
-Bette lag und dabei stieß er seine Frau an, »ich
-glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh
-gekommen.«</p>
-
-<p>Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich
-erst beim Kopfe haben, das andere findet sich.
-Der Anfang ist das schwerste. Du warst zuerst
-auch so ein Stoffel.«</p>
-
-<p>Hehlmann lachte: »Ja, Detta, so dumm als
-wie ich, wird der Junge sich wohl nicht anstellen.«</p>
-
-<p>Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du
-noch damals?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke:
-»Schweig bloß still; ich schäme mich heute noch
-halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was
-willst du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den
-Arm unter ihren Hals schob, »wir sind doch reichlich
-alt genug für solche Dummheiten. Wenn das
-die Kinder wüßten!«</p>
-
-<p>Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß,
-was die jetzt tun.«</p>
-
-<p>Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem
-Bette; sie hatte die Hände gefaltet und dachte
-weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn
-habe!«</p>
-
-<p>Nebenan in der Dönze warf sich Göde in
-seinem Bette hin und her und wußte nicht, wo
-er den Schlaf hernehmen sollte.</p>
-
-<p>Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle,
-aber er scheute sich davor, und so lag er mit
-offenen Augen da, drehte sich von einer Seite<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-auf die andere und hörte immer das Lied, das
-sie im Blumengarten gesungen hatte:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ick set woll up den Breedensteen<br /></span>
-<span class="i0">Un harr min Ogen so recht beweent.<br /></span>
-<span class="i0">De annern Dirns kregen all 'n Mann<br /></span>
-<span class="i0">Un ick müß sitten und seg dat an.<br /></span>
-<span class="i0">Ick müß min Hoor up den Puckel slahn<br /></span>
-<span class="i0">Un noch en Jahr as Jumfer gahn.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-103.png" alt="Die Eule" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Eule">Die Eule.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-z.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Zwei Heimlichkeiten waren von diesem
-Maitage an auf dem Hofe.</p>
-
-<p>»Hier ist eine geheime Braut im
-Hause,« sagte die Großmagd eines Abends
-zu der Bäuerin; »es brennen drei Lampen.«</p>
-
-<p>Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz
-an der Dönzenwand: »Das große Brautlaken
-ist da auch schon.«</p>
-
-<p>Die Bäuerin lachte: »Das wirst du wohl
-wesen, Durtjen. Oder will Hermen nicht so, wie
-er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullax!«</p>
-
-<p>Meta hörte durch die offene Dönzentür das
-Gespräch und als sie in den Spiegel sah, sah sie,
-daß ihr das Blut im Gesicht stand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>»Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,«
-hatte vor ein paar Tagen der Rittmeister
-gesagt, als er sie in der Haide antraf.</p>
-
-<p>»Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah
-noch einmal in den Spiegel. Ein Wunder war
-es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer,
-wo sie auch war, Göde hinter ihr stand und sie
-in den Arm nahm.</p>
-
-<p>Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist
-etwas laurig aus und sah sie an, als wenn er
-etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen.</p>
-
-<p>Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen,
-was ihm fehle.</p>
-
-<p>Aber noch eine andere Heimlichkeit war im
-Hause. Als der Juli kam, ging der Bauer mit
-seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld
-und trieb seinen Roggen an.</p>
-
-<p>»Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr
-alles wächst. Das machen die Maigewitter. Mairegen
-bringt Wachstum.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>»Was hast du, Mutter?« fragte er dann,
-denn als er sich umdrehte, sah er, daß sie heimlich
-lachte und bis in das Haar rot wurde.
-»Worüber lachst du?« fragte er noch einmal.</p>
-
-<p>Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,«
-sagte sie, »mir fiel bloß was ein.«</p>
-
-<p>Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie
-sich nahe an ihn heran und sagte leise: »Jochen,
-ich muß dir was sagen.«</p>
-
-<p>Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so
-schüchtern und verwundert fragte er: »Na, Dirn,
-was hast du denn? Ist dir nicht gut?«</p>
-
-<p>Sie zog seinen Kopf an sich heran und
-flüsterte: »Mußt's aber auch keinem wiedersagen,
-Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt
-du noch den Maiabend, als wir die Kinder antrafen,
-wie sie sich umgefaßt hatten?«</p>
-
-<p>Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein
-Unglück wäre das ja auch nicht.«</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser:
-»Ach nee, Jochen, da nicht, aber bei uns.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf
-die Art! Ja, wer A gesagt hat, muß B sagen.
-Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe
-ist ja wohl noch Platz für ein zweites Kind.
-Man schade, daß es sich so versäumt hat, es
-konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.«</p>
-
-<p>»Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er
-dann; »denke ja nicht, daß es mir nicht recht
-ist. Es ist mir nur noch so ungewohnt.«</p>
-
-<p>Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die
-Augen und als sie immer mehr an zu weinen
-fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie,
-wie ein Vater sein Kind.</p>
-
-<p>Am andern Morgen aber, als er über den
-Hof ging, flötete er das Brummelbeerlied. Die
-Großmagd sagte zum Großknecht:</p>
-
-<p>»Was hat denn der Bauer? Den habe ich
-ja meinen Tag noch nicht flötjen hören!«</p>
-
-<p>Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich
-erst um Verlaubnis fragen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta
-eines Sonntags früh bei der Bäuerin im Flett,
-als die Frau auf einmal weiß wie die Wand
-wurde, so daß das Mädchen schnell zusprang, sie
-umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf und ihr ein
-Glas Wasser gab.</p>
-
-<p>Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta
-ihr den kalten Schweiß von der Stirn wischte,
-zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf
-die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber
-nichts.</p>
-
-<p>Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im
-Blumengarten. Meta freute sich, daß die Tante
-wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die
-Frau an:</p>
-
-<p>»Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich
-gedacht heute morgen, als mir das zustieß?«</p>
-
-<p>Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das
-kann ja wohl mal bei jedem kommen.«</p>
-
-<p>Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja
-doch wissen, darum will ich es dir lieber gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet
-kann ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf
-freien Füßen bin, und du weißt, große Hitze vertrage
-ich so schon schlecht.«</p>
-
-<p>Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach
-Tante, das ist ja schön. Bloß ein Kind, das ist
-auch viel zu wenig für einen großen Hof.
-Freust du dich denn nicht? So spät, das ist doch
-ein doppeltes Gottesgeschenk!«</p>
-
-<p>Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf,
-faßte Meta um die Schultern, drehte ihr den
-Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der
-Bauer gesagt hat, als ich ihm sagte, daß hier
-im Hause was fällig ist?«</p>
-
-<p>Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen,
-zog ihren Kopf ganz dicht an sich heran und
-flüsterte ihr ins Ohr:</p>
-
-<p>»Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne
-gehabt.« Und dann lachte sie ganz unbändig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>»Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf,
-über und über rot; Tränen standen ihr in den
-Augen.</p>
-
-<p>Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern
-zog sie wieder neben sich, nahm sie in den Arm
-und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du und
-Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit
-dem Stocke fühlen. Umsonst würd'st du nicht
-von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du
-man so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett.
-Na, uns ist es recht; eine bessere Tochter wünschen
-wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid ihr ja
-noch, aber das gibt sich eher, als einem lieb ist.
-Also, wie ist es mit euch?«</p>
-
-<p>Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter
-der Frau und sagte:</p>
-
-<p>»Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.«</p>
-
-<p>Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das
-ist schön, meine Tochter.« Dann sah sie ihr
-listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann
-müssen wir ja wohl eine neue Wiege machen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-lassen, denn eine haben wir man. Na, na,
-schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor
-auch redet, das ist sicher: zur Eingehung einer
-christlichen Ehe reicht der feste Wille aus. Das
-hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei
-Monate nach der Hochzeit da.«</p>
-
-<p>»Was hast du denn?« fragte sie ängstlich,
-als das Mädchen weiß und rot durcheinander
-wurde und ihm der Atem hin- und herging;
-»nu mal heraus mit der Sprache! So schlimm
-wird es doch wohl nicht sein, daß du zu liegen
-kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?«</p>
-
-<p>Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist,
-es ist nicht an dem. Ich bin nicht anders, als
-ich aus der Schule kam.«</p>
-
-<p>Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf
-diese Art! Darum sieht der Junge so laurig aus.
-Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich
-nicht oder was ist sonst?«</p>
-
-<p>Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen
-wollte, aber dann sagte sie nur: »Stell die<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee,
-Meta!«</p>
-
-<p>Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde,
-willst du nicht nach Plesse hin, da ist heute
-Erntebier?«</p>
-
-<p>Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee,
-was soll ich da?«</p>
-
-<p>Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was
-gehört? Was er da soll? Tanzen sollst du und
-lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt
-jetzt meist als so'n Trankrüsel aus. Steck dir die
-Taschen voll Taler und laß die Musiker spielen,
-bis ihnen die Arme runterfallen, und trinke eine
-Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken
-kommst! Und nimm Meta mit, der tut es auch
-mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr
-werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so
-krumm und schief wie die Machangeln auf der
-Haide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder
-nicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen stand vor dem Fenster und
-bückte sich, als wenn sie etwas verloren hätte,
-damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht
-aussah.</p>
-
-<p>»Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann.</p>
-
-<p>»Dirn, das hört sich ja an, als wollte ich dir
-zumuten, du solltest heute am heiligen Sonntag
-den Schweinestall ausmisten,« rief die Bäuerin
-lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an
-und denn zu! Als ich noch Mädchen war,
-brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen.
-Ich glaube, heute noch nicht!«</p>
-
-<p>Und dann lachte sie verlegen, denn Meta
-hatte ihr ein paar Augen gemacht, als wenn sie
-sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst,
-dann sage ich, was ich weiß!«</p>
-
-<p>Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe
-ankamen, war der Tanz schon im Gange
-und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen
-konnte man kaum die Musik hören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p>
-
-<p>Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta
-ankam, denn Göde machte sich seit dem Mai rar
-und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzefesten,
-trotzdem sie besser tanzen konnte als die
-meisten Mädchen.</p>
-
-<p>Aber heute konnte sie gar nicht zugange
-kommen, weil ihr unfrei zu Sinne war, und
-Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in
-die Dönze und tranken ein paar Glas Wein.</p>
-
-<p>Danach wurde ihnen leichter zu Mute. Göde
-warf den Musikanten einen Taler hin und bestellte
-einen Bunten, und hinterher einen Kontrazweitritt,
-und als sie erst einmal im Gange waren,
-kamen sie aus dem Tanzen nicht mehr heraus,
-und sogar Meta sang die Tanzlieder mit und
-trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller.</p>
-
-<p>Es war schon Nacht, als sie nach Hause
-gingen. Der halbe Mond stand am hellen
-Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren.
-Die Luft war weich und warm und kein Lüftchen
-rührte sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p>
-
-<p>Eng aneinandergedrückt gingen die beiden
-Liebesleute über die Haide, einer den Arm um
-die Lenden des anderen und die Hände ineinander.</p>
-
-<p>Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte:
-»Wie schön war es heute und wie schön ist es
-noch!«</p>
-
-<p>Göde drückte sie noch fester an sich und sagte:
-»Und wird noch schöner werden, Meta,« und
-voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf
-noch mehr gegen seine Schulter lehnte.</p>
-
-<p>Schweigend gingen sie weiter; Göde <span id="corr112">streichelte</span>
-ihre Hand und flüsterte ab und an: »Meta, meine
-liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen.</p>
-
-<p>Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen
-hatte, schreckte laut. Das Mädchen fuhr zusammen.</p>
-
-<p>»Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was
-hätte ich mich sonst verjagt. Letzte Nacht, als
-die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der
-kalten Angst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der
-diesigen Luft wird die Eule heute Nacht wohl
-wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl
-besser, ich komme in deine Kammer mit, damit
-du dich nicht wieder so verjagst. Soll ich, Meta?«</p>
-
-<p>Das Mädchen legte den Kopf gegen seine
-Brust und nickte.</p>
-
-<p>Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie
-stöhnte und sagte nur: »Meta!«</p>
-
-<p>Und von da ab trug er sie mehr als daß sie
-ging, denn ihr war, als wenn sie keine Kraft
-in den Beinen hätte.</p>
-
-<p>Als er am andern Tage zur Morgenzeit kam,
-sah seine Mutter mit einem Blick, daß er anders
-war als am Tage vorher. Als sie dann nachher
-Meta allein in der Dönze traf, nahm sie sie in
-den Arm, gab ihr einen Kuß und sagte: »Hör'
-mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er
-seit Wochen nicht getan.«</p>
-
-<p>Göde aber ging über den Hof, hatte blanke
-Augen und ein schieres Gesicht, wie lange nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-und flötete wie ein Scherenschleifer den Walzer,
-den er gestern mit Meta getanzt hatte.</p>
-
-<p>Die Großmagd sagte zu dem Großknecht:
-»Hermen, hör bloß, was er flötjet!«</p>
-
-<p>Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich
-hin, denn sie war gestern mit dem Großknecht
-auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer
-die heimliche Braut im Hause war.</p>
-
-<p>Der Großknecht aber brummte nur so vor
-sich hin, denn das Lied, das die Magd sang,
-lautete:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Eija, poleija, wo weihet de Wind!<br /></span>
-<span class="i0">Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding,<br /></span>
-<span class="i0">Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been,<br /></span>
-<span class="i0">Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-119.png" alt="Der Notweg" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Notweg">Der Notweg.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-m.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-j">Meta blühte immer mehr auf und wo
-sie ging und stand, da sang sie; die
-Bäuerin aber fiel immer mehr ab
-und man hörte sie an einem Tage
-mehr seufzen, als sonst in einem ganzen Monat.</p>
-
-<p>Sie trug eine große Angst mit sich herum und
-wollte es keinen Menschen merken lassen, vorzüglich
-ihren Mann nicht, der sich schon Sorge
-genug um sie machte.</p>
-
-<p>Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße
-geschwollen, und jede Nacht hatte sie Atemnot
-und Herzspann.</p>
-
-<p>Es war eine stürmische Nacht im Christmond,
-als der Bauer in die Dönze seines Sohnes kam<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt
-nach Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter
-ist mir eben weggeblieben.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke ging auch nebenan
-die Tür und Meta rief: »Ich komme auch schon.«
-Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das, Mädchen.«</p>
-
-<p>Als sie in die Ehedönze kamen, war die
-Bäuerin schon wieder bei sich. Meta machte ihr
-einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man
-in meinem Bette schlafen; ich will hier bleiben.
-Ich weiß besser damit Bescheid.«</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig,
-dann schoß sie in die Höhe und flüsterte: »O,
-Gott, was hab' ich für'n Herzspann!«</p>
-
-<p>Meta machte ihr einen frischen Umschlag und
-rieb ihr die Füße, aber es dauerte lange, ehe
-der Anfall fortging.</p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck
-das Licht wieder an, mir ist im Düstern angst!«
-Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte
-ganz hell.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich
-muß nun doch fort von euch. Sei still, ich weiß
-es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt
-hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr
-euch kriegt. Meta, du wirst ihm eine gute Frau
-sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle
-Hehlmanns mit elf Fingern und zwei Wirbeln
-waren so. Sie waren alle gut, bloß so wild.
-Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.«</p>
-
-<p>Sie sah mit Augen, die von der Erde fort
-waren, das Mädchen an. »Als er drei Tage alt
-war, da träumte mir, es standen zwei Frauen
-bei der Wiege; die eine gab ihm Böses in den
-Sinn, aber die andere wünschte es weg. Sei
-geduldig mit ihm, auch wenn er über die
-Stränge schlägt. Niemals schimpfen, das hat bei
-ihm keine Art; mit Güte kann man ihn hinhaben,
-wo man will.«</p>
-
-<p>Sie machte die Augen zu und lag eine ganze
-Zeit still da, bis ein neuer Anfall kam. Als der
-vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern: »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-glaube, er ist von der Art, die mehr als eine
-Frau brauchen. Eine Frau muß nicht immer
-alles sehen. Sein Großvater war auch so, und
-seine Frau hat immer gut mit ihm ausgekonnt.«</p>
-
-<p>Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen.
-Der setzte sich vor das Bett, klopfte der
-Kranken die Backen und sagte:</p>
-
-<p>»Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn
-für Dummheiten! Sie sind zu sehr aus der Gewohnheit
-gekommen. Das erste ist schon ein
-Mann und nun kommt erst das zweite! Warten
-Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.«</p>
-
-<p>Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver
-in eine Tasse und rief Meta: »So, Kind, das gib
-ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er bei:
-»Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem
-Dorfe fahren und den Pastor und die Hebamme
-holen, aber schnell.«</p>
-
-<p>Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist
-es so schlimm?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>Der Doktor wiegte den Kopf hin und her:
-»Wissen kann man es nie. Da ist etwas gänzlich
-aus der Kehr.«</p>
-
-<p>Eine knappe Stunde war weggegangen, da
-kam der Wagen zurück. In demselben Augenblicke,
-als der Pastor auf die Deele trat, wurde
-es so hell wie der Tag und ein Donnerschlag
-kam hinterher.</p>
-
-<p>Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in
-die Dönze. »Vielleicht ist Ihnen nun besser,
-Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu
-ihr nieder.</p>
-
-<p>»Viel, viel besser,« flüsterte sie.</p>
-
-<p>Der Doktor trat an die Tür und rief leise:
-»Hehlmann, Göde, kommt her. Ruhig, ruhig,
-ihr dürft sie nicht erschrecken.«</p>
-
-<p>Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr
-Atem ging.</p>
-
-<p>Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah
-klar nach der Türe. »Meta,« rief sie laut. Das
-Mädchen kam. »Gebt euch die Hände!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<p>Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau.
-Halte sie in Ehren. Sie hat ein Herz von Gold!«</p>
-
-<p>Sie drehte sich nach der Wand und atmete
-so ruhig, als wenn sie schliefe.</p>
-
-<p>Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile
-gab er Hehlmann die Hand: »Es ist vorbei,«
-sagte er.</p>
-
-<p>In demselben Augenblicke heulte draußen der
-alte Tyras auf und kratzte an der Türe.</p>
-
-<p>Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in
-den Spinnstuhl, daß der Doktor erschrocken hinging.
-Er redete auf ihn ein, aber der Bauer
-sah ihn ohne Verstand an.</p>
-
-<p>Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine
-Hände und sprach ihm Trost ein. Hehlmann gab
-einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl,
-als wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles
-vorbei.«</p>
-
-<p>Dann fiel er wieder zusammen und sah in
-das Herdfeuer, ohne zu sehen und zu hören,
-was vorging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<p>Am anderen Tage war er ganz vernünftig,
-bloß daß er aussah, als wäre er aus dem Grabe
-genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras,
-weil es ihm eine fremde Stimme schien.</p>
-
-<p>Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das
-die Frau erwartete, längst tot gewesen sei, hörte
-er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das
-seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem
-Schranke, schnitt selbst den Namen aus dem
-Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem
-Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten
-Notholze den Sarg mache, und nach
-der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten
-mit wie vordem.</p>
-
-<p>Aber eins war allen sonderbar: als die
-Bäuerin aufgebahrt war, sagte Meta: »Wie
-schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie
-lacht.« Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm;
-sie wird einen nachholen.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick trat der Bauer aus dem
-Schatten, gab der Toten die Hand und sagte:<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-»Ja, Mutter, das wirst du. Uebers Jahr bin ich
-bei dir.«</p>
-
-<p>Dabei sah er ganz zufrieden aus.</p>
-
-<p>Als die Beerdigung vorbei war, ging das
-Leben auf dem Hehlenhofe wieder seinen alten
-Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan
-hatte, Meta übernahm.</p>
-
-<p>Zwischen ihr und Göde war es anders geworden.
-Einmal hatte der Tod einen Schatten
-auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei
-ihnen, seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie
-es um sie stand, etwas genommen, und wenn
-der Vater fragte, wann sie heiraten wollten,
-dann wehrte er ab und Meta auch.</p>
-
-<p>Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war
-aus der Vormundschaft heraus und fand sich
-ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht.</p>
-
-<p>Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte
-und ihm zusagen mußte, einige Wochen zu ihm
-zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-aber sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im
-Stiche lassen, meinte sie.</p>
-
-<p>Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe;
-es ging alles nach der Reihe, weil eine
-ältliche Witwe vor der Hand die Wirtschaft führte,
-aber es fehlte die Sonne.</p>
-
-<p>Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem
-die Frau tot war, wurde er immer kleiner und
-lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen.</p>
-
-<p>Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo
-es so still war, wie in einer leeren Kirche. So
-lange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus, aber
-abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und
-ab und zu ging er nach dem Krug, wo er doch
-wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu
-hören bekam.</p>
-
-<p>So ging der Sommer hin und der Herbst kam.
-Der Bauer fiel immer mehr ab und hustete Tag
-und Nacht.</p>
-
-<p>Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen,
-hatte er gesagt: »Meta bleibt aber lange fort.«<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht abkommen,
-hat sie mich wissen lassen. Es ist da
-eine Luderwirtschaft auf dem Hofe gewesen. Und
-ihr Bruder geht ihr doch vor.«</p>
-
-<p>Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine,
-ihr seid so gut wie Mann und Frau. Und hier
-muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts
-für einen jungen Kerl, das einschichtige Leben;
-davon wird das Geblüt hart. Wenn Meta hier
-wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge
-gehen.«</p>
-
-<p>Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,«
-und von da ab war er nicht mehr nach dem
-Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig
-war. Er lebte stumpf vor sich hin und ging ab
-und zu auf die Jagd.</p>
-
-<p>Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm
-selbst verwunderlich, wie wenig bange ihm nach
-ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie
-glücklich er mit ihr gewesen war, ehe daß die
-Mutter fortstarb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er
-an sie dachte: wie ging es zu, daß sie nicht
-guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er
-lieber mochte, aber eine Frau, von der er keinen
-Hoferben haben sollte, das wollte ihm nicht in
-den Sinn.</p>
-
-<p>Als der Dezember kam, hustete der Vater
-immer hohler und eines Morgens blieb er in
-der Butze.</p>
-
-<p>Göde schickte nach dem Doktor, aber der
-Bauer sagte, der könne ihm doch nicht helfen,
-und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht
-aus, wie ein Krüsel ohne Oel; er hat keinen
-Willen zum Leben mehr.«</p>
-
-<p>Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der
-Butze des Bauern und fraß kaum mehr.</p>
-
-<p>Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte
-Göde, er solle den Advokaten holen lassen, und
-als der da war, verschrieb er Göde den Hof
-unter der Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger,
-solange Meta Dettmer leben sollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden
-und verpflegen sollten, wie es einem Mädchen
-von einem großen Hofe zukam.</p>
-
-<p>An diesem Abend ging Tyras auf den Hof,
-heulte nach dem Kirchhofe und ging nicht
-wieder in die Dönze, sondern legte sich auf
-seinen alten Platz im Pferdestall; als der Großknecht
-ihm am anderen Morgen eine Satte
-Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war.</p>
-
-<p>Am Morgen darauf lag der Bauer tot in
-seiner Butze. Sein Gesicht war ernst und streng.
-»Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau,
-als sie ihn in das Notlaken einnähte.</p>
-
-<p>Es war eine große Leiche, denn die Hehlmanns
-hatten eine weitläufige Freundschaft, und
-die Hohenhölter waren da und sogar der Droste.</p>
-
-<p>Unter den Klageweibern, die in ihren weißen
-Notlaken bei dem Sarge saßen und nebenher
-gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an
-der Lungensucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte
-sich, wie wenig traurig ihm zu Mute war. Er
-hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden,
-aber in dem letzten Jahre war dieser immer
-mehr von ihm abgerückt.</p>
-
-<p>Es war ihm so, als wenn der alte, kranke
-Mann, der jetzt den Notweg fuhr, ein ganz
-anderer war, als der, der bis zum Tode der
-Mutter auf dem Hofe war, und als bei der
-Trauerrede des alten Pastors ihm eine Träne
-über die Backe lief, da weinte er nicht um den
-Vater, da weinte er der Mutter nach und den
-hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe
-kamen und gingen.</p>
-
-<p>Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen.
-Mit düsterem Gesicht ging er durch das Dorf.
-Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei
-ihm wäre.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-133.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-135.png" alt="Doppelte Liebe" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<h2 id="Doppelte_Liebe">Doppelte Liebe.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-w">»Wenn das so beibleibt,« sagte Durtjen, die
-den Großknecht geheiratet hatte und
-jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte,
-»denn setzt er sich noch was in den
-Kopp!«</p>
-
-<p>Hermen brummte; er war kein Freund vom
-vielen Reden, aber er nickkoppte wenigstens,
-damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal,
-ihn in die Rippen stieß und sagte: »Junge, sei
-nicht so faulmäulsch!«</p>
-
-<p>»Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme
-Frau und setzte sich ihrem Manne auf den
-Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-beinahe die Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist
-doch schrecklich, wenn ein Mensch so allein ist.«</p>
-
-<p>Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm
-einen Kuß, worüber er brummte, als wenn ihm
-das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber
-gern, nur kam ihm das immer etwas dumm
-vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau hatte.</p>
-
-<p>»Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du
-Dössel,« lachte Durtjen und kitzelte ihn, daß er
-prustete wie ein Maikater; »aber es ist doch
-besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal
-was, du oller Schrapenpüster, oder ich kitzele
-dich, bis du das Elend kriegst!«</p>
-
-<p>Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor
-ihn hin und tat so, als wenn sie ihre Worte wahr
-machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit
-und je näher sie ihm mit ihren runden Armen
-kam, um so brummiger wurde sein Gesicht, bis
-er endlich die Pfeife beiseite legte und ungeschickt,
-wie ein Bär, seine junge Frau um den<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-Hals faßte. Und als er erst im Zuge war, da
-wurde er ganz rechtschaffen zärtlich.</p>
-
-<p>Durtjen huschelte <span id="corr135">sich ganz</span> fest an ihn heran:
-»Siehst du, du Hanns Taps, du bist grade so,
-wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das
-nicht mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt
-es nicht an. Aber nun wollen wir mal wie
-vernünftige Leute reden: was ist das mit dem
-Bauern? Man möcht' ja beinahe laut losheulen,
-wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal
-lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er
-die Hunde ansieht, wo er doch früher immer
-mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte.
-Nu rede doch mal, du Hammel!«</p>
-
-<p>Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal
-warm geworden war, versuchte er, seine
-Frau wieder in den Arm zu nehmen.</p>
-
-<p>Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher
-noch Zeit zu. Weißt du was: sobald ich kann,
-fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will
-doch mal sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege.<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-Ich möchte bloßig wissen, was mit den
-beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz
-einig.«</p>
-
-<p>Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann
-horchte sie auf. »Just kommt er!« sagte sie, »ich
-glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie den
-Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause
-vorüber.</p>
-
-<p>»Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem
-Kruge,« sagte die Frau. »Gut ist das auch nicht,
-aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.«</p>
-
-<p>Als sie nachher neben ihrem Manne lag,
-stieß sie ihn an: »Hermen, hast du all gehört,
-Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen,
-wie eine Gräfin. Vor Jahren soll der
-Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als er noch
-ein halber Junge war.«</p>
-
-<p>Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht
-was vorgehabt? Er war der erste nicht, und
-er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den
-ganzen Tag Mist umgewendet.</p>
-
-<p>Am anderen Tage ging der Bauer nach der
-Hehlenhaide, um nach seinen Pflanzfuhren zu
-sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte
-nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl
-abgestorben waren.</p>
-
-<p>Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel
-getrunken; der Schnaps steckte ihm noch im
-Geblüte und machte ihn übermütig, und darum
-ließ er, als er am Toten Orte war, den Wigelwagel
-dreimal pfeifen und schreien, aber dann
-lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da
-hinter ihm, und als er sich umdrehte, sah er
-Miken da stehen.</p>
-
-<p>Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er
-hatte noch nichts davon gehört, daß sie wieder
-da war.</p>
-
-<p>Er sah an ihr herauf und herunter. Das
-war ja eine vornehme Dame geworden! Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und
-hatte ein Kleid und Schuhe an, wie er es nur
-in Celle bei den herrschaftlichen Leuten gesehen
-hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker
-hatte sie.</p>
-
-<p>Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen
-sollte. Sie aber nahm ihn ohne Umstände an
-die Ohren und gab ihm ein Dutzend Küsse; dann
-lachte sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein
-Junge! Früher sahst du viel graller aus den
-Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen
-großen Hof, keine Schulden, was willst du denn
-noch mehr? Du mußt sehen, daß du eine Frau
-kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich.
-Aber hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß
-uns in den Schatten gehen!«</p>
-
-<p>Sie drängte ihn nach dem Busche hin und da,
-wo die weißen und gelben Blumen durch den
-blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin.</p>
-
-<p>Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume
-ab und warf sie in den Quellbach, der vor ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die
-gelbe trieb fort.</p>
-
-<p>»So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn
-an, und er sah, daß sie noch dieselben bunten
-Augen hatte, wie vor Jahren; »der eine muß
-in die Welt und der andere bleibt da, wo er ist.«</p>
-
-<p>Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf,
-daß ihr rotes Haar nur so leuchtete, lachte und
-sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?«
-und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an
-seiner Brust lag, und ihre Augen wurden klein
-wie an dem Tage, als er hier den großen Bock
-geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt
-wurde.</p>
-
-<p>Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er
-andere Augen als am Tage vorher, so daß
-Durtjen über das ganze Gesicht lachte.</p>
-
-<p>Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß,
-daß die ganze Deele schwamm, mußte sie
-so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank
-fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-Hermen sein Lachen vernehmen, das sich anhörte,
-als wenn der alte Schnuckenbock hustete.</p>
-
-<p>»Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,«
-sagte Durtjen zu ihrem Manne; »es
-wird gelacht, daß die Haide wackelt, wo es eben
-geht, und wenn du Ungetüm nicht mithältst,
-dann schmier dir man deine Rippen.«</p>
-
-<p>»Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!«
-schrie sie ihn an und ging mit spitzen Fingern
-auf ihn los.</p>
-
-<p>Aber Hermen machte, daß er in den Stall
-kam, und da kratzte er sich hinter den Ohren und
-sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht
-in Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die
-Frauensleute!«</p>
-
-<p>Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand,
-hörte man ihr helles Lachen, bald im Stall, bald
-auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause.</p>
-
-<p>Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein
-gewöhnliches Gesicht machte, ging es ihm hundeelend,<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-denn dann kitzelte sie ihn, daß ihm der
-Atem stehen blieb, so daß er vor lauter Angst
-zuletzt immer gleich an zu lachen fing, wenn sie
-ihn bloß ansah.</p>
-
-<p>Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine
-noch schwerere Arbeit ansah, als das Reden,
-kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm
-eines Tages sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen,
-denn ansonsten verpaßte er die besten
-Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm
-her lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus
-der Dönze kam und mitlachen mußte. Und ehe
-Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im
-Arme und küßte sie auf den Mund.</p>
-
-<p>Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich
-den Mund ab und sagte: »Ach nee, Hansbur,
-das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl
-vor Hermen bestehen?«</p>
-
-<p>Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man
-bloß Spaß, Durtjen, und Freude, daß es auf
-dem Hofe doch wieder anders ist, als bislang.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Und damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine,
-komm her, ich habe da was hingelegt,« und er
-gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine
-Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen
-Durtjen die Tränen aus den Augen; aber sofort
-lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das
-man nicht noch gereut! Aber dann kannst du
-es ja von uns lehnen.« Und nun lachten sie
-beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen.</p>
-
-<p>So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal
-wieder sein altes Gesicht hatte, lange hielt es
-nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war
-noch keine Woche dahingegangen, da hatte
-Hehlmann wieder das Gesicht, das er von dem
-Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier
-gewesen war.</p>
-
-<p>Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit
-flog ihm nur so von der Hand, und die Hunde
-gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn
-er nach Hause kam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von
-Hohenholte eines Tages angeritten kam. Der
-ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel
-sprang, und die Schruthähne fingen gefährlich an
-zu prahlen, denn der Leutnant hatte seinen feuerroten
-Rock an.</p>
-
-<p>Er war nicht mehr der stille Junge, sondern
-ein forscher Kerl geworden.</p>
-
-<p>»Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte
-mal wieder von deinem Schinken essen und
-Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen
-feiere ich meine Verlobung; da mußt du bei
-sein. Sträub' dich man nicht wie ein Borgfarken!
-Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich
-mir den Schinder wieder zwischen die Hosen und
-du siehst mich sobald nicht wieder. Donner, hier
-ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den
-Juni kannst du mir einen guten Bock kaltstellen,
-und wenn es nicht anders ist, bin ich auch mit
-zweien zufrieden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p>
-
-<p>»Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist
-wohl von 'ner alten Kuh gebissen? Hat der
-Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich
-wohl, einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer
-Bauer, als wie du bist. Häh? Und das ist ja
-wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen
-Ehestande? Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß
-ich was zu essen kriege! Ich bin mit ledigem
-Leibe heute früh von Celle losgeritten.«</p>
-
-<p>Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der
-Bauer ließ auftragen, was im Hause war, holte
-den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus
-dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge
-vom Bört und nahm die hohen Gläser mit dem
-Goldrande und den sieben Perlen im Fuße aus
-der Schatull, denn so hatte er sich lange nicht
-gefreut.</p>
-
-<p>Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner
-roten Uniformjacke mit der Narbe in der Backe,
-die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte,
-ganz prachtvoll aussah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>Und lustig war er! Als er sich die Ställe
-ansah, während der Bauer mit einem Manne
-verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es
-überall Lachen und Quietschen, und die hübsche
-Lütjemagd, die Wolf in dem Haidschauer antraf,
-hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und
-konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage nahm sich der Bauer
-doppelt so viel Zeit beim Bartabnehmen, zog
-sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte.</p>
-
-<p>Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen
-alt geworden war, freute sich über sein ganzes
-Gesicht und duzte Hehlmann wie zuvor, und die
-Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau
-habe und fragte, ob sie sich nach einer für ihn
-umsehen sollte.</p>
-
-<p>Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie
-ein Tannenbaum, und mit Backen, wie Rosen so
-rot, sprach fortwährend mit ihm, weil, wie sie
-sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der
-Bauer merkte gar nicht, daß er nicht unter seinesgleichen
-war.</p>
-
-<p>Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften
-schlafen, der Leutnant blieb mit seiner
-Braut in der Fensternische sitzen und die Herren
-gingen mit ihren Pfeifen und Zigarren in die
-große Laube.</p>
-
-<p>»Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister,
-»eine Braut, wie man sie nicht alle Tage
-findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne
-Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten
-auch. Sie haben es sich sauer werden lassen.«</p>
-
-<p>Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der
-Qualm ihm um die Ohren schlug und drehte
-sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover
-Mühle ist jetzt ein Gerenne, als wenn da eine
-heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das rote
-Miken ist wieder da.«</p>
-
-<p>Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle,
-antwortete: »So? Na, dann kann Wolf sehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-daß er ihr nicht in die Quere kommt; das
-Frauenzimmer hat den dreifach destillierten
-Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß er sich
-mit der Personage abgeben konnte. Jung waren
-wir alle einmal, aber Hohenholte ist doch aus
-den Jahren heraus, wo man nicht danach fragt,
-wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie
-müssen das Besteck ja doch auch kennen, Herr
-Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.«</p>
-
-<p>Der Bauer antwortete nicht und machte sich
-mit seiner Zigarre zu schaffen, aber er dachte
-bei sich: »Also so eine ist das! Darum die feine
-Kleedage!«</p>
-
-<p>Die anderen aber redeten weiter. Als ein
-dürrer, langer Mensch von mittlerem Alter, der
-Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten
-rauchte und ein viereckiges Glas mit einem
-goldenen Rande im Auge hielt, sagte: »Aber
-schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,«
-da redeten sie alle über Kreuz: »Schneidig, ja,
-Rasse, ja, Feuer, ja, aber ein Saumensch ist sie<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-darum doch und von Rechts wegen gehörte sie
-an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln
-vor die Hunde gegangen? Weshalb mußte der
-dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen
-diesem Frauenziefer!«</p>
-
-<p>»Nun aber Schluß!« dachte der Bauer, als
-er das hörte; es war ihm nicht so ganz sauber
-zu Mute.</p>
-
-<p>Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß
-er das Lachen wieder lernte, und es tat ihm
-doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war.</p>
-
-<p>Als er gegen Abend über die Haide ging,
-fiel ihm Meta ein, und er sagte sich, daß es
-Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe.</p>
-
-<p>Aber dann hatte er das zu tun und dann
-das, und so verblieb es, zumal er allerhand
-Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da
-im Kruge saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder
-sonst was Glattes anzutreffen war, und dann
-hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut
-vom Dieshofe fort könne, weil ihre Brudersfrau<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-sich von den Wochen gar nicht erholen
-konnte.</p>
-
-<p>»Ordentlich elend und abgefallen sieht sie
-aus,« erzählte Durtjen, »als wenn sie zehn Jahre
-älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja
-auch vor Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder
-kartjet, die Frau liegt, du lieber Himmel, ich
-war froh, als ich da wieder weg war.«</p>
-
-<p>Alles konnte Hehlmann vertragen, bloß kein
-Unglück; davon hatte er in den letzten Jahren
-mehr als genug zu schmecken bekommen.</p>
-
-<p>Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging,
-und an Gelegenheit mangelte es ihm nicht.</p>
-
-<p>Am meisten war er im Piewittskruge zu
-sehen; da war ein lustiger alter Wirt und eine
-noch lustigere junge Wirtin, mit der sich schon
-ein Wort im Vertrauen reden ließ, denn der
-Wirt sah und hörte nichts, wenn nur gut verzehrt
-wurde.</p>
-
-<p>Daß das geschah, dafür sorgte Lischen Lustig
-schon, unter welchem Ekelnamen die Wirtin<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-weit und breit bekannt war. Wenn gute Gäste
-da waren, ließ sich der Wirtsmann nicht sehen,
-und dann ging es hoch her, denn es war bald
-diese, bald jene Kusine von der Frau oder dem
-Manne da, und das Küchenmädchen verstand
-auch Spaß; so gab es manchen langen Abend
-bei Bier und Wein.</p>
-
-<p>Hehlmann war nach dem Piewittskruge gekommen,
-weil der Wirt bei ihm einmal angefragt
-hatte, ob er nicht einen Rehbock kriegen
-könne.</p>
-
-<p>Seitdem wurde er da <span id="corr150">all</span> sein Wild los, denn
-der Piewittskrüger handelte mit allem, was es
-gab, und da er dem Bauern auch seinen Wachs
-und seinen Honig abnahm und was es sonst
-gab, so hatte Hehlmann vor sich immer einen
-Grund, nach der Brücke zu gehen.</p>
-
-<p>Wenn er erst einmal da war, kam er so
-bald nicht wieder fort, denn zu Hause war es
-ihm zu langweilig den ganzen Abend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>In dem Kruge lernte er auch Klas Kordes
-näher kennen, einen jungen Bauern, der früher
-in Lichtelohe als Knecht gedient hatte. Das war
-ein fixer Kerl, und wo er war, da ging es
-hoch her.</p>
-
-<p>Er hatte nicht weit vom Kruge auf einen
-guten Hof geheiratet, der einem wahren Ungetüm
-von Frau gehörte, so groß und so breit,
-wie es rundumher keine gab, aber eine fleißige
-und herzensgute Frau, die ganz verrückt in
-ihren hübschen Kerl war, der zwölf Jahre jünger
-war als sie.</p>
-
-<p>Wenn auf dem Hofe die Arbeit nachließ,
-machte er allerlei Fuhren für den Krüger; auch
-wußte man, daß er ein gefährlicher Scharfschütze
-war.</p>
-
-<p>Er hatte sich eine kleine Jagd gepachtet, die
-vor dem königlichen Forst lag, und aus der
-er mehr Böcke herausholte, als andere aus zehnfach
-größeren Jagden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte eine Schwester, die bei ihm auf
-dem Voßhofe war, ein ansehnliches Mädchen,
-die Hehlmann mächtig in die Augen stach.</p>
-
-<p>Als im Piewittskruge Tanzefest war, tanzte
-Hehlmann nur mit Trina Kordes. Es ging lustig
-zu, denn bei dem Krüger gab es bessere Sachen
-zu trinken, als in den anderen Wirtschaften.</p>
-
-<p>Als der wilde Meyer aus Krusenhagen, der
-am Abend vorher mit dem Schweinehändler im
-Kruge hoch gespielt und gefährlich gewonnen
-hatte, drei Buddeln Schampagner ausgab, da
-war kein Halten mehr; überall knallten die
-Körke gegen die Decke und das Küssen und
-Drücken nahm kein Ende.</p>
-
-<p>Auch Hehlmann hatte ganz seine Ernsthaftigkeit
-verloren. Er hatte mehrere Flaschen Schampagner
-ausgegeben und dazwischen noch eine
-Mischung nach der anderen getrunken, die aus
-viererlei Schnaps und Likör zusammengegossen
-war und die sie doppelte Liebe nannten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>So sah er den Himmel für eine Baßgeige
-und Trina für einen Engel an, und als er sich
-vor Tau und Tag aus ihrer Kammer stahl und
-nach dem Hehlenhofe ging, war ihm, als habe
-er das große Los gewonnen.</p>
-
-<p>Er war nun öfter bei ihr, bis daß Klas ihm
-eines abends, als die Köpfe alle heiß waren
-von Bier und Grog, fragte: »Wannehr wollt ihr
-denn freien?«</p>
-
-<p>Hehlmann wurde vor Schreck ganz nüchtern,
-denn als Frau war ihm Trina nicht so recht nach
-der Mütze. Aber das half nun nichts mehr; sie
-war eine anständige Kätnerstochter, und wenn
-er sie sitzen ließ, wurde er in allen Dörfern auf
-dem Burmal unehrlich gemacht.</p>
-
-<p>Und schließlich, es war auch Zeit, daß er
-freite. So wurde denn alles festgemacht, und vier
-Wochen nachher war die Hochzeit.</p>
-
-<p>Sehr groß war sie nicht, denn von der Hehlmannschen
-Seite blieben meist alle fort, weil es
-zu offenbar war, daß er mit Meta Dettmer<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-versprochen war, und eine Kordes galt ihnen
-auch nicht für voll. Das fiel dem Bauern schwer
-auf die Seele.</p>
-
-<p>Als er am andern Morgen mit dickem Kopfe
-aufwachte, denn er hatte mehr als genug getrunken,
-und seine Frau, die noch schlief, ansah,
-gefiel sie ihm gar nicht mehr. Ihre Hübschigkeit
-lag zumeist in der Aufmachung, und wie sie
-jetzt so dalag, hatte sie einen ganz häßlichen
-Mund, und ihre Hände sahen gewöhnlich aus.</p>
-
-<p>Da fiel ihm Meta ein, die einen so schönen
-Mund und so feine Hände hatte trotz der groben
-Arbeit. Selbst wenn sie alt und krank wäre,
-würde Meta noch gut aussehen, dachte er.</p>
-
-<p>Aber diese Trina? Er mochte gar nicht daran
-denken.</p>
-
-<p>Und nun sang auch noch Durtjen im Hofe:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten,<br /></span>
-<span class="i0">Einer reichen Erbin von dem Rhein,<br /></span>
-<span class="i0">Schlangenbisse, die den Falschen quälten,<br /></span>
-<span class="i0">Ließen ihn nicht ruhig schlafen ein.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-159.png" alt="Auf der Wildbahn" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<h2 id="Auf_der_Wildbahn">Auf der Wildbahn.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-j">Wenn Hehlmann nicht die Jagd gehabt
-hätte, wäre ihm das Leben bald leid
-geworden.</p>
-
-<p>Es dauerte noch keine drei Monate,
-und es stieß ihm sauer auf, wenn er Trinas
-Stimme hörte. So scharf wie ein Messer war
-sie und so hart wie Stein. Noch schlimmer hörte
-es sich an, wenn sie lachte.</p>
-
-<p>Alles war gewöhnlich an ihr, ihr rappeliger
-Gang, ihr hastiges Arbeiten, ihr ewiges Klagen
-über die Leute. Wo Mutter Hehlmann gesprochen
-hatte, da schrie sie, und sie schimpfte,
-statt zu zeigen, wie es sein müsse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span></p>
-
-<p>Sie konnte sich keine Stellung bei den Leuten
-machen; immer kam die Kätnertochter bei ihr
-heraus.</p>
-
-<p>Auf den Bauern nahm sie keine Rücksicht;
-er war ihr Mann und damit war es gut. Mit
-wildem Haar und schmutziger Schürze setzte sie
-sich zum Essen, und das war auch danach.</p>
-
-<p>Sie kochte ohne Liebe, und die schmälzt mehr,
-als der beste Speck. Den ganzen Tag schoß sie
-im Hause hin und her und putzte hier und
-wischte da, aber rein und ordentlich sah es nie
-recht aus.</p>
-
-<p>Hehlmann ließ sie im Hause machen, was
-sie wollte, und wenn er nicht bei der Arbeit
-war oder schlief, dann war er in der Wildbahn,
-entweder in seiner Eigenjagd oder bei Klas.</p>
-
-<p>Dem ging es auch nicht besser. Mit der Zeit
-war die Voßbäuerin dahinter gekommen, daß
-der hübsche Kerl hier und da nahm, was ihm
-geboten wurde, und war die Frau bisher lauter
-Honig und Sirup, so wurde sie jetzt eitel Gift<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-und Galle. Und das schlimmste war, daß sie
-den Daumen auf den Beutel hielt.</p>
-
-<p>Auf die Art fand Klas immer mehr Gefallen
-am Freijagen, denn der Krüger war ein guter
-Abnehmer, und Kordes brauchte Geld für Bier
-und Wein, und für Brusttücher und Gürtelschnallen
-auch, »denn«, sagte er, »mit lütjen
-Happen macht man die Hunde kirre.«</p>
-
-<p>Bisher hatte er sich mit Hasen und Rehböcken
-zufrieden gegeben, und auf die gaben die Förster
-im Königlichen nicht viel, aber mit der Zeit
-ging er ihnen auch über die Hirschböcke.</p>
-
-<p>Es wurde so schlimm damit, daß von der
-Hofjägerei in Hannover ein heiliges Donnerwetter
-wegen der großen Abgänge an den Forstmeister
-kamen, und der gab es weiter.</p>
-
-<p>Tag und Nacht lagen nun die Förster im
-Holze, aber immer waren sie betrogen. Wenn
-sie hier lauerten, knallte es da, und paßten sie
-da, so ballerte es hier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>Daß Kordes der Freischütz war, daran dachten
-sie nicht; sie hatten die Celler Mascher im Verdachte,
-Völker, denen nicht recht zu trauen war.</p>
-
-<p>Dem alten Hegemeister Hagelberg schlug der
-Aerger so in das Blut, daß er sich in Pension
-gab. An seine Stelle kam ein Ostpreuße, Adomeit
-geheißen, ein langer Mann mit schläfrigem
-Gesicht, über den die Bauern lachten, weil er
-keinen Bart trug, wie es bei den Grünröcken
-üblich war, so ganz anders sprach, als wie es
-Landesbrauch war, und nichts vertragen konnte.</p>
-
-<p>Er ließ sich blitzwenig im Kruge blicken, aber
-wenn er kam, dann war er nach einer Stunde
-voll, wie ein Entendarm, denn er trank immer
-nur Grog, auch bei der wahnsten Hitze; und
-dann saß er da, lachte wie ein Unkluger und
-machte kleine Augen, so daß das junge Volk
-seinen Hahnjökel mit ihm trieb und der Forstmeister
-ihm sagte, wenn er das Saufen nicht
-ließe, könne er machen, daß er wieder in die<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Kaschubei käme. Denn er war bloß auf Probe
-angestellt.</p>
-
-<p>Nun hatte der Hansbur einen hirschroten
-Dachshund, an dem sein ganzes Herz hing, weil
-der Hund so ausnehmend klug war und so vorzüglich
-jagte. An einem Morgen schoß Hehlmann
-im <span id="corr161">Hehlloh</span> dicht am Königlichen einen
-Bock krank, der den Post annahm, so daß der
-Bauer den Hund schnallen mußte, und da jagte
-der Hund über und Adomeit schoß ihn vor den
-Kopf.</p>
-
-<p>Der Bauer rührte mittags nichts an und ging
-nachher nach dem Voßhofe, wo er Klas den Fall
-vortrug.</p>
-
-<p>Das kam dem wie gerufen, denn er hatte
-immer schon gewünscht, daß sein Schwager ihm
-beistehen solle. Er nahm ihn mit in den Krug
-und hetzte ihn so lange auf, bis Hehlmann einsah,
-besser könne er es dem Förster nicht geben,
-als wenn er ihm die Hirschböcke totschösse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Zudem freute es ihn, wenn er seinem
-Schwager helfen konnte, denn der hatte ein
-Mädchen mit einem Kinde sitzen und mußte ihr
-den Mund mit Talern stopfen.</p>
-
-<p>Sie fingen das nun ganz schlau an. Wenn
-Hehlmann im Piewittskruge oder im braunen
-Schimmel in Lichtelohe saß, dann schoß Kordes
-am Hehlloh herum, und wenn er im Kruge saß,
-dann knallte es im großen Moore, an das der
-Voßhof angrenzte, so daß die Förster nicht einen
-Augenblick daran dachten, daß der Hansbur und
-der Voßbur die Freischützen waren.</p>
-
-<p>Zudem diente bei dem Forstmeister ein
-Mädchen, das früher auf dem Voßhofe Magd
-gewesen war, mit der es Kordes immer noch
-hielt, und die ließ ihn wissen, an welchem Tage
-Försterappell oder wo Holzbeschau war, so daß
-Kordes immer wußte, wann die Luft rein war.</p>
-
-<p>Bisher hatten sie jeder für sich gewildert,
-aber als wieder einmal Försterappell angesetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-war, gingen sie zusammen, weil Klas sich einen
-guten Plan ausgedacht hatte.</p>
-
-<p>An das Hehlloh stieß nämlich eine mächtige
-Fuhrendickung, und darin steckte das Rotwild
-mit Vorliebe. Nun sollte Hehlmann ohne Gewehr
-die Dickung durchdrücken und Kordes wollte sich
-bei dem Wechsel hinter dem großen Windbruche
-anstellen.</p>
-
-<p>Sie besprachen sich das ganz genau, und als
-es an der Zeit war, ging Hehlmann los.</p>
-
-<p>Ihm war nicht ganz sauber zu Sinne, aber
-er schrieb es darauf, daß die Bäuerin ihm
-wieder wegen Durtjen in den Ohren gelegen
-hatte, denn die zeigte es ihr gerade heraus, wie
-wenig sie von ihr hielt.</p>
-
-<p>Sie hatte ihr, als die Frau über Gebühr
-Arbeit von ihr verlangte, das rund abgeschlagen,
-und als die Bäuerin ihr an die Ehre ging, war
-sie ihr mit den Fäusten unter die Augen gegangen
-und hatte gerufen: »Du alte Gaffelzange,<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-du bist doch man bloß hier auf den Hof gekommen,
-wie der Kuhdreck in die Dönze.«</p>
-
-<p>Hehlmann hatte im Halse gelacht, als er das
-anhören mußte; als ihm seine Frau aber auftrug,
-den Häusling zu kündigen, hatte er sie
-groß angesehen und gesagt: »Gewiß, wenn du
-die Arbeit machen willst.« Da hatte die Frau
-stillgeschwiegen; aber ab und an kam sie ihm
-wieder damit und nöhlte ihm die Ruhe fort.</p>
-
-<p>Der Honigbaum war am Anblühen, die
-Bienen flogen und die Luft roch süß, als Hehlmann
-über die Haide ging.</p>
-
-<p>Ein Hase sprang vor ihm auf und lief nach
-links. Der Bauer war nicht abergläubisch, aber
-er dachte daran, daß das ein schlechtes Zeichen
-sein sollte.</p>
-
-<p>Auf dem Pattwege begegnete ihm eine alte
-Frau aus Horst, die für eine Hexe beschrieen
-war und zu der die Mädchen spät abends in
-das Haus gingen, wenn sie in Nöten waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist Nummero zwei,« dachte der Bauer,
-und dann lachte er sich die Angst weg. Aber
-es fiel ihm ein, daß er in der Nacht aufgewacht
-war, weil der Hund so scheußlich geheult hatte.</p>
-
-<p>Er trocknete sich den Schweiß unter der Mütze
-ab, denn es war diesige Luft, und dabei wurde
-es ihm klar, daß das mit dem Hund der erste
-Vorspuk gewesen war, und daß noch zwei hinterher
-gekommen waren.</p>
-
-<p>»Duffsinn,« dachte er und holte die Schnapsflasche
-heraus, die er jetzt immer bei sich hatte,
-wenn er losging.</p>
-
-<p>Als er bei der Dickung war, wartete er erst
-eine Weile hinter einem großmächtigen Machangel.</p>
-
-<p>In der Forst schrie der Schwarzspecht, erst
-lang und klar wie eine Glocke, und dann schnell
-hintereinander. »Das Wetter schlägt um,« dachte
-der Bauer.</p>
-
-<p>In der Birke bei dem Grenzsteine sprang ein
-kleiner, schmaler Vogel hin und her und gab in
-einem Ende einen Ton von sich, der sich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-unglücklich anhörte, im Hehlenbruche schrie eine
-Kuh, als wenn sie zum Schlachter sollte, und
-mitten in der gewöhniglichen Haide am Grenzgraben
-stand ein Busch, der blühte weiß.</p>
-
-<p>»Das ist gerade, als wenn es nach Unglück
-riecht,« dachte Hehlmann; er nahm noch einen
-Schnaps und trat über den Grenzgraben.</p>
-
-<p>In der Dickung war es stickend heiß; es
-nahm ihm ordentlich die Luft weg. So manches
-Mal war er schon über die Grenze gegangen,
-aber so war ihm noch nie zu Sinne gewesen.</p>
-
-<p>Hin und her ging er durch die Fuhren, wo
-sie etwas raum wurden; oftmals mußte er fast
-kriechen, so rauh waren sie meist.</p>
-
-<p>Als er ungefähr in der Mitte war, hörte er,
-daß Wild vor ihm absprang, gleich dahinter
-meldete der Markwart in dem Windbruche und
-nun wartete er, daß es knallen sollte. Aber es
-knallte nicht, und so drückte er die Dickung
-durch, bis ihm der Schweiß über den Rücken lief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>Als er am Ende war, nahm er noch einen
-Schnaps, wischte sich den Schweiß und die
-Spinneweben aus dem Gesicht, holte tief Luft,
-denn von der Hitze war ihm ganz benaud geworden,
-und dann nahm er den Hut ab und
-ließ hinter den Zweigen her seine Augen über
-die Blöße gehen.</p>
-
-<p>Da war nichts, wie er erst meinte, aber
-dann sah er, daß halbrechts hinter einem Wurfboden
-sich etwas rührte; es waren die Köpfe
-von drei Stück Wildpret, einem alten Tiere und
-zwei Kälbern, die nach dem Stangenort hinäugten
-und spielohrten.</p>
-
-<p>»Warum schießt er nicht,« dachte er, »sie
-stehen so schön breit,« und er wollte gerade auf
-einen Stuken steigen, um weiteren Blick zu
-haben, da trat das Wild hin und her und bog
-dann nach links ab.</p>
-
-<p>»Sie haben eine Mütze voll Wind gekriegt,«
-dachte er, aber dann horchte er auf; drüben im
-Holze meldete der Specht und in demselben<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-Augenblicke knallte es, das Hirschkalb stürzte
-im Feuer, das alte Stück und das Wildkalb
-machten kehrt und polterten in die Dickung
-zurück.</p>
-
-<p>Hehlmann wartete und wartete, aber es
-blieb alles still. So still war es, daß er vernahm,
-wie ihm das Herz in der Brust arbeitete; unheimlich
-still war es.</p>
-
-<p>Quer über den Windbruch flog der Schwarzspecht;
-jedes Mal, wenn er einen Flügelschlag
-tat, schnurrte es laut.</p>
-
-<p>Ein Rotkehlchen setzte sich auf eine lose
-Wurzel, die aus einem Wurfboden heraus hing,
-und Hehlmann war es, als wenn es ihn traurig
-ansah.</p>
-
-<p>Und dann war über ihm in den Fuhren
-wieder der kleine schmale Vogel mit seinem
-unglücklichen Gepiepe zu gange.</p>
-
-<p>Dem Bauern wurde es bald heiß, bald kalt,
-und als drüben der Markwart meldete, verjagte<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-er sich. »Wir kriegen ein Gewitter,« dachte er
-bei sich; »ich habe es mit den Nerven.«</p>
-
-<p>Vom Hehlenbruche her zog ein Wetter herauf;
-es donnerte schon. Der Wind machte sich auf
-und stieß die Fuhrenzweige zusammen, und aus
-der großen Wolke blitzte es ein über das andere
-Mal. Immer schneller kam das Wetter herauf;
-die Kuhtauben flogen zu Holze, daß es klingelte.</p>
-
-<p>»Was das bloß ist, daß ich von ihm nichts
-höre und sehe,« dachte er, und dann überlegte
-er, ob er nicht nach der anderen Seite gehen
-sollte. Aber das war gegen die Abmachung,
-denn jeder sollte für sich seinen Weg gehen und
-bei dem Immenschauer auf der Brandhaide
-wollten sie sich treffen.</p>
-
-<p>Es wurde immer schwärzer in der Luft; aus
-dem Winde wurde ein Sturmwetter, es goß wie
-mit Mollen und blitzte und donnerte durcheinander.</p>
-
-<p>Als es gerade hell leuchtete, war es ihm, als
-ginge ein Mann über die Blöße, aber bei dem<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-nächsten Blitz konnte er nichts mehr wahrnehmen,
-und so machte er schließlich, daß er weiter kam.</p>
-
-<p>Gerade als er sich umdrehte, schien es ihm,
-als wenn er eine Stimme durch das Brausen
-hörte, und der nächste Donner klang ihm bald
-wie ein Schuß; er sah noch einmal über die
-Blöße hin, aber als da nichts war, kroch er
-durch die Dickung, sprang in guter Deckung über
-den Grenzgraben und kam gerade beim Immenzaun
-an, als das Wetter nachließ.</p>
-
-<p>Obzwar er durch und durch naß war, wartete
-er noch eine halbe Stunde, als es ihn aber gar
-zu sehr schudderte, ging er nach dem Hofe.</p>
-
-<p>Klas war nicht da. »Er wird wohl bei dem
-Wetter gleich nach Hause gegangen sein, naß
-wie er war.« Damit beruhigte er sich.</p>
-
-<p>Als er am anderen Morgen bei fünf Uhr
-nach den Ställen ging, kam der Kleinknecht vom
-Voßhofe angelaufen. »Die Frau läßt fragen,
-wenn der Bauer die Nacht über hier geblieben
-ist?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p>
-
-<p>Hehlmann lief es kalt über. »Ist er denn
-die Nacht nicht inne gewesen?« fragte er.</p>
-
-<p>Der Junge schüttelte den Kopf: »Er ging
-gestern nachmittag bei fünfe weg und sagte,
-er wäre bei elfe wieder da. Er wollte nach
-den Kartoffeln, weil da das Wild Schaden gemacht
-hatte, und darum nahm er das Gewehr
-mit. Auf dem Piewittskruge war ich auch schon,
-da ist er auch nicht gewesen, und da mußte er
-doch vorbei, wenn er vom Felde zurück wollte,
-und zumeist kehrt er da ein. Der wilde Meyer
-war gestern abend da und da hat es bis nach
-eine gedauert.«</p>
-
-<p>Der Bauer wühlte in der Krippe, damit der
-Junge ihm nicht in das Gesicht sehen sollte und
-überlegte, was zu machen war.</p>
-
-<p>Nach dem Windbruche konnte er nicht gehen;
-er hatte da nichts zu suchen, und wenn es ein
-Unglück gegeben hatte, dann machte er sich mit
-verdächtig, denn es war so gut wie sicher, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-die Förster die Blöße den ganzen Tag über im
-Auge behalten würden.</p>
-
-<p>Dreimal schickte die Voßbäuerin bis Mittag
-und ließ fragen, ob Kordes nicht da war.</p>
-
-<p>Als es bei vier Uhr war, konnte der Bauer
-sich vor Unruhe nicht mehr bergen; er hatte sich
-einen Plan gemacht. Er sagte dem ersten Kleinknecht,
-der ein Waisenkind war und an ihm
-hing wie ein Hund, weil er es noch nie so gut
-gehabt hatte, als wie auf dem Hansburhofe:
-»Tönnes, nimm die Schute mit, das Wasser hat
-mir den Abfluß bei dem Hehlloh zugeschwemmt.«</p>
-
-<p>Als sie dort waren, wies er ihn an, die toten
-Pflanzfuhren zu zählen, und er selber machte
-sich an dem Grabenkopf zu schaffen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile meinte er: »Nun geh man
-wieder nach Hause. Ich will nach dem Förster
-gehen und ihn fragen, ob er mir mit Pflanzfuhren
-aushelfen kann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>»Na, kannst auch mitgehen,« rief er hinter
-ihm her; »wir haben auf dem Kruge noch einen
-Korb stehen und das vergißt sich sonst.«</p>
-
-<p>Sie gingen den Pattweg entlang, den Hehlmann
-gestern gegangen war. Als sie an dem
-Königlichen waren, blieb der Bauer stehen: »Ich
-glaube, am besten gehen wir über den Windbruch,
-das ist ein Richteweg.« Er wandte sich
-nach links, bis er an die verwachsene Bahn
-kam, und bald standen sie auf der Blöße.</p>
-
-<p>Heute sah es da anders aus. Die Grauartschen
-sangen und die weißen Buttervögel flogen
-um die Disteln.</p>
-
-<p>»Ich glaube, so gehen wir am besten,« rief
-er laut, und schlug die Richtung nach der Stelle
-ein, wo gestern abend das Wildkalb gestürzt war.</p>
-
-<p>Aber da war nichts zu sehen. »Donnerschlag,
-was ist das hier für ein dummes Gehen,«
-rief er dann wieder laut; »wir müssen mehr
-nach links, hier füllen wir uns bloß die Schuhe<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-voll,« und damit steuerte er nach der krausen
-Fichte, von wo der Schuß gefallen war.</p>
-
-<p>»Die Fliegen sind rein zu doll heute,« rief
-er und sah sich um; »ich will mir eine Pfeife
-anstecken. Der Förster wird uns ja wohl nicht
-gleich schnappen.«</p>
-
-<p>Er faßte in die Tasche. »Den Deubel, nun
-habe ich den Kopf verloren! Das ist mir sehr
-ärgerlich, der war noch von meinem Vater selig;
-den kann ich nicht missen. Wollen mal suchen,
-ob wir ihn nicht wieder kriegen. Wenn du ihn
-findest, kriegst du ein Kaßmännken. Es ist der
-weiße Kopf mit dem Bild von Eidig darauf.«</p>
-
-<p>Sie suchten hin, sie suchten her. Hehlmann
-ging das Ende zwischen der krausen Fichte und
-dem Wurfboden, wo das Wild gestanden hatte,
-ab und ließ dabei den Pfeifenkopf fallen.</p>
-
-<p>Er sah allerlei umgebrochene Himbeerruten,
-aber das konnte das Wild auch getan haben,
-denn alte Fährten waren da genug. Aber eine<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-frische Menschenfährte oder Blut fand er nicht;
-es hatte über Nacht zu gefährlich nachgeregnet.</p>
-
-<p>Als er zum dritten Male zurückkam, sah er
-etwas Weißes im Grase liegen. Er ließ sein
-Taschentuch fallen und hob es auf. Es war ein
-Gewehrpfropfen aus Zeitungspapier.</p>
-
-<p>Er wischte sich die Stirn ab und steckte Tuch
-und Papier ein. Da hörte er den Jungen rufen:
-»Ich hab'n!« Er zwang sich zum Lachen und
-sagte: »Du bist ein ganzer Kerl! Dafür sollst
-du noch ein Glas Bier haben. Nu geh' man vor!«</p>
-
-<p>Als sie im Holze waren, holte er das Papier
-heraus und machte es auf. Es war ein Stück
-von der Zeitung, die der Förster hielt.</p>
-
-<p>Dem Bauern war zumute, als wenn er losweinen
-sollte. Also hatte er doch recht gehört;
-es war ein zweiter Schuß gefallen.</p>
-
-<p>Als er beim Forsthaus war, lief es ihm kalt
-über, aber er nahm sich zusammen und rief
-der alten Frau, die dem Förster die Wirtschaft
-führte, zu: »Is er inne?« und als sie sagte:<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-»Nee,« war er heilsfroh, denn mit dem Manne
-wollte er nicht gern zusammentreffen.</p>
-
-<p>Im Piewittskruge war es, als wenn eine
-Leiche im Hause war. Zwei Anbauern saßen
-still bei ihrem Schnaps.</p>
-
-<p>»Ist Klas noch nicht zurück?« fragte er sie.
-Die Männer schüttelten schweigend mit den Köpfen.</p>
-
-<p>»Trink erst, Junge,« sagte er dann, »und
-denn geh' mal nach dem Voßhofe, wenn der
-Bauer noch nicht da wäre.«</p>
-
-<p>Der jüngere von den beiden Gästen sah auf,
-als der Knecht fort war: »Der kommt nicht
-wieder,« und dann sprach er ganz leise: »Der
-Förster, der Pollack, alle glaubten sie, das ist
-ein dummer Kerl, weil er sich immer so anstellt.
-Ich habe ihn aber gesehen, als er dicht
-an mir vorbeiging und ich hinter dem Busche
-stand, und ich sage: der stellt sich bloß dumm.
-Und wer ihm in die Augen sieht, der weiß Bescheid:
-der hat ein Gewissen, wie ein Schlachterhund.
-Warum ist er denn gestern allein nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-zum Appell hingewesen. Die Olle, die er bei
-sich hat, sagt, er hat es im Leibe gehabt und
-hat den ganzen Tag im Bett gelegen. Na, und
-als ich bei zehn Uhr nach dem Wetter sehen
-wollte, ich müßte mich doch sehr irren, wenn
-er das nicht war, der über das Feld zu gehen
-kam.«</p>
-
-<p>Der Junge kam zurück: »Er ist noch nicht
-inne. Die Frau ist ganz von sich; sie schreit in
-einem fort nach ihm.«</p>
-
-<p>Hehlmann gab ihm das Fundgeld. »Wenn
-du ausgetrunken hast, laß dir den Weidenkorb
-geben und geh' zurück. Ich komme so bei neun,
-sag' man.«</p>
-
-<p>Die alte Kastenuhr ging hart und die Fliegen
-summten. Die Männer sahen in ihre Gläser.</p>
-
-<p>»Als ich noch Hütejunge war,« fing zuletzt
-der ältere Mann an, »da hatten wir hier einen
-Förster, der wurde der schwarze Schmidt genannt,
-weil er einen Bart hatte wie Pech. Das
-war auch so einer. Er hielt sich immer für sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-und man sah ihn nicht kommen, noch gehen.
-Wie manches Mal habe ich mich verjagt, wenn
-er wie aus der Erde gewachsen da stand.«</p>
-
-<p>Er besann sich eine Weile, trank einen kleinen
-Schluck und fing wieder an: »Damals ist ein
-Bauernsohn und ein Knecht hier fortgekommen.
-Kröger hieß der eine und der andere, wie hieß
-der doch? Timmermann, glaub' ich. Das waren
-beide Freischützen. Man hat da nichts wieder
-von gehört. Was unser Vater war, der sagte:
-Der Förster hätte sie totgeschossen und ausgezogen
-und in den dichten Busch geschleppt, für
-die wilden Schweine, und die lassen nichts von
-übrig, als die großen Knochen. So wird es mit
-Kordesklas auch sein.«</p>
-
-<p>Hehlmann schudderte es. Er trank seinen
-Schnaps aus und schenkte sich noch einen ein.</p>
-
-<p>Er saß bis neun Uhr im Kruge, aber von
-Kordes kam keine Nachricht. Am anderen Tage
-auch nicht. Und überhaupt nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p>
-
-<p>Der Gendarm fragte überall um, konnte
-aber nichts herauskriegen. Von Celle kamen
-die Gerichtsherren; es war ihnen ein Brief ohne
-Unterschrift zugegangen, worin es hieß, daß der
-polsche Förster Kordes umgebracht hätte und
-darunter stand: »Auge um Auge, Zahn um Zahn!«</p>
-
-<p>Der Förster wurde vernommen, aber er blieb
-dabei, daß er das Laufen gehabt hätte und von
-Mittag an im Bett geblieben sei.</p>
-
-<p>Am anderen Tage lagen seine beiden Hunde
-tot im Stall. Als er abends den Laden zumachte,
-wurde nach ihm geschossen. Die Haushälterin
-sagte ihm auf. Kein einer Mensch bot
-ihm die Tageszeit.</p>
-
-<p>Wenn er durch das Dorf ging, schrie es von
-irgendwo her: »Bluthund, polscher Mörder, Kain,
-wo ist dein Bruder Abel?« Wo er sich sehen
-ließ, pfiffen die Männer das Lied von dem Freischütz,
-den der Jäger totschoß, und die Kinder
-schimpften hinter ihm her.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>Die Pflanzkämpe in seinem Belaufe waren
-in einer Nacht kurz und klein getrammpt und in
-der anderen brannte der Schuppen beim Forsthause,
-und keine Hand rührte sich, um beim
-Löschen zu helfen. Der Krämer und die Wirte
-verkauften ihm nichts mehr.</p>
-
-<p>Er mußte versetzt werden. Bei Nacht und
-Nebel zog er ab.</p>
-
-<p>Kordesklas aber blieb verschwunden.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-184.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-185.png" alt="Grummet" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<h2 id="Grummet">Grummet.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Die Bäuerin hatte sich zuerst um ihren
-Bruder ganz mächtig angestellt und Tag
-und Nacht gejammert, als aber eine
-Woche um war, konnte sie schon wieder
-schimpfen und lachen.</p>
-
-<p>Dem Bauern ging es viel näher. Nun war
-er so kahl wie ein Birkenbaum vor dem Winter.
-Er war nicht mehr der lustige Mann von früher;
-er hatte einen Mund und Augen wie ein alter
-Mann. Zu keinem Menschen konnte er sich
-aussprechen, und darum fraß es so an ihm.</p>
-
-<p>Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an
-Meta. Er hatte das Korn fortgeschüttet und das
-Kaff aufgehegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem
-Mädchen nieder. Er hatte es nicht anders
-erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt,
-und dann, weil sie die ganze Zeit über so schlecht
-aussah.</p>
-
-<p>»Das habe ich davon,« sagte er sich, als er
-über die Haide ging, in der die Birken so gelb
-wie Gold waren. Der Wind riß die alten
-Blätter von ihnen ab und trieb sie über den
-Dietweg.</p>
-
-<p>»Was habe ich von dem wilden Leben
-gehabt?« Miken, die Piewittskrügerin, Trina
-und die anderen, er hatte jetzt nichts davon, als
-einen schlechten Nachgeschmack.</p>
-
-<p>Das Einzige, was sich gelohnt hatte, war die
-Zeit gewesen, wo er und Meta Liebesleute
-waren. Er war dumm gewesen, mehr als
-dumm und schlecht obendrein.</p>
-
-<p>»Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte
-er. »Eine Frau, die ich nicht sehen kann, und
-keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-kam, das wußte er, es würde auch ein
-Mädchen werden.</p>
-
-<p>So wurde es denn auch. Zwei Jahre später
-war noch ein Mädchen da. Er hatte es vorausgewußt,
-aber es war doch ein harter Schlag
-für ihn.</p>
-
-<p>Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte
-Zeit immer stiller geworden; sie hielt sich
-ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo
-sie konnte. Sie hatte einmal mit anhören
-müssen, wie die Großmagd zu Durtjen sagte:
-»Der Bauer kann einen dauern; was hat die
-Frau bloß aus ihm gemacht!«</p>
-
-<p>Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber
-ein Bild von Mensch. Wenn sie mit hochgesteckten
-Röcken nach den Ställen ging, mußte
-der Bauer hinter ihr hersehen.</p>
-
-<p>Und sie sah hinter ihm her. Es war kein
-Mann auf dem Hofe, der gegen ihn aufkam.
-Der erste Knecht war versprochen, der zweite
-gehörte zu den Stillen im Lande und sah an<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte zählten
-nicht mit.</p>
-
-<p>Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine
-schöne Stimme. Wo sie ging und stand, sang
-sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das
-bald spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens
-Liebeslieder, und wenn sie dem Bauern einen
-Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte:
-»Merkst du was?«</p>
-
-<p>Hehlmann aber biß die Zähne zusammen;
-er wollte keine neuen Heimlichkeiten, er hatte
-ganz genug an den alten; so wurde er von
-Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich
-gleich und war immer freundlich zu ihm, und
-wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte,
-es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte,
-denn trotz allem: er war doch noch ein junger
-Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für
-den Durst.</p>
-
-<p>Er war aber immer gut zu ihr, denn sie
-tat ihm leid, und er sah, daß sie alles tat, um<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie
-sich zu stellen gewußt und die war froh, daß
-es jetzt sinnig auf dem Hofe zuging.</p>
-
-<p>»Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß
-ihren Mann in die Rippen, daß er vor Angst
-an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut
-du es hast, daß ich dich genommen habe. Denk'
-mal bloß, du wärest der Bauer und hättest diese
-Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man
-kann nicht recht froh darüber werden. Es ist
-ein Kreuz und ein Elend, daß Meta damals hier
-wegmußte.«</p>
-
-<p>Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe
-gewesen; Durtjen hatte sie noch einmal besucht
-und sie wohl und munter angetroffen. Sie
-hatte das Leit in die Hände genommen und ihre
-Schwägerin, die immer noch nicht so ganz in
-die Reihe kommen wollte, war es zufrieden,
-und der Bauer war froh, daß Meta das Regiment
-führte. Von früh bis spät war sie im Gange:
-sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-an; bei der Arbeit war sie über ihre Gedanken
-weggekommen und war wieder so hübsch, wie
-früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden.</p>
-
-<p>Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie
-hörte, war nicht danach, daß sie Freude daran
-hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge
-verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die
-ein ordentlicher Mann hingehörte; dann hatte
-sie auch vernommen, daß er zu viel auf die
-Jagd gehen sollte und oft mehr trank, als es
-gut war; und mit den Karten befaßte er sich auch.</p>
-
-<p>Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da
-wurde es ihr klar, warum ihr Göde, wie sie
-ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn
-gekommen war. »Freude kann er an der
-Frau nicht haben,« dachte sie; »vorzüglich, wo
-er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.«</p>
-
-<p>Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt.
-Die beiden Kinder gediehen, aber da es keine
-Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<p>In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil
-von da aus das Unglück gekommen war; zudem
-verkehrten da jetzt meist nur Knechte und
-fremde Völker.</p>
-
-<p>Die Jagd war ihm halb und halb verleidet;
-er ging nur mit der Büchse los, wenn das Wild
-ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen
-Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er
-an den Oberförster verpachtet; er wollte damit
-nichts mehr zu tun haben.</p>
-
-<p>Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn
-er in den anderen Wirtschaften einkehrte, trank
-er, bis ihm die Augen klein wurden und ging
-dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage
-schämte er sich.</p>
-
-<p>Als er im Bruche Grummet auflud, nahm
-Anna ab. Es war ein Hauptheuwetter an dem
-Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen
-haben und das ganze Bruch voll von Lachen
-und Juchen ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<p>Jedes Mal, wenn das Mädchen das Schoof
-annahm, sah sie ihm in die Augen. Der helle
-Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre
-Arme, das war eine wahre Pracht, wie rund die
-waren und so schön braun.</p>
-
-<p>Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr
-unter einer krausen Fuhre, und es fiel ihm auf,
-wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß,
-denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften
-hatte essen sehen, war es ihm zuwider, wenn
-einer hörbar oder hastig aß.</p>
-
-<p>Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein
-süßer?« fragte sie und sah ihn aus kleinen
-Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte
-er die Flasche hin und nahm sie in den Arm.</p>
-
-<p>Hinterher war er es, der an die Folgen
-dachte, aber das hübsche Mädchen lachte und
-sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten
-mache; dafür kann ich dich viel
-zu gut leiden. Da hast du meine Hand drauf.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<p>Er nahm sie wieder in den Arm und sagte:
-»Es ist nicht wegen mir, aber du bist zu schade
-dafür.«</p>
-
-<p>Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist
-schade? Soll ich warten, bis ich alt und kalt
-bin? Was sein muß, das muß sein.«</p>
-
-<p>Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue
-Heimlichkeit nahm die alte weg, und er hatte
-jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich
-sprechen konnte.</p>
-
-<p>Seitdem das erste Kind gekommen war,
-schlief er wieder für sich und so war es ihnen
-leicht gemacht, zusammen zu sein.</p>
-
-<p>Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die
-Bäuerin etwas merkte, aber sie sagte nichts.
-Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam
-er sich schlecht vor.</p>
-
-<p>An einem Sonntag war er ganz allein mit
-Anna auf dem <span id="corr191">Flett</span> und sie saß auf seinen
-Knieen. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht
-auf die Zeit gepaßt und so kam es, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte sich
-sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh
-gleich mal nach, ob Eier da sind; wir wollen
-Pfannkuchen backen.«</p>
-
-<p>Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen
-hatte, nur daß sie den ganzen Abend nicht aufsah.</p>
-
-<p>Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen;
-er schämte sich vor seiner Frau. Hätte sie
-Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht
-nicht so aufgestunken.</p>
-
-<p>Am Morgen ging er der Magd in den Stall
-nach. Sie schlug die Augen unter sich, als er
-kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr
-ging es nicht anders, als ihm.</p>
-
-<p>»Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun
-aufhören mit uns. Kommt es rund, dann bist
-du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und
-dabei wies er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause,
-»das Herz nicht noch schwerer machen.
-Sie trägt schon schlimm genug daran, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-wir keinen Jungen haben. Du mußt fort von
-hier.«</p>
-
-<p>Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging
-auf und ab und die Tränen liefen ihr aus den
-Augen.</p>
-
-<p>»Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort,
-»du weißt, ich kann dich leiden; gerade deshalb
-mußt du gehen. Es gibt noch mehr Männer
-auf der Welt und was ich dir an dem Tage
-beim Grummet sagte: du bist zu schade für eine
-Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und
-nun nimm mir das nicht vor übel: du bist ein
-armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle
-und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse
-so viel für dich auf, daß du eine gute
-Aussteuer und noch was in der Hand hast und
-das kannst du abheben, so bald du einen ordentlichen
-Kerl findest. Schwer wird dir das ja
-nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau
-auf und siehst dich nach was anderem um.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>Er gab ihr die Hand, drehte sich um und
-ging lauten Schrittes durch den Stall, denn wenn
-er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die
-Macht über sich.</p>
-
-<p>Am Abend ging er in den Krug, trank aber
-so gut wie nichts und ging bei Dunkelwerden fort.</p>
-
-<p>Es war der erste schöne Märzabend und die
-Mädchen gingen untergehakt über die Straße
-und sangen eins von den Liedern, die der
-Pastor nicht haben wollte.</p>
-
-<p>Langsam ging er den Pattweg durch die
-Haide und dachte an die Nacht nach dem Erntebier,
-als er mit Meta hier gegangen war. Wie
-lange war das schon her! Damals sah er über
-die Fuhren weg; heute konnte er das nicht mehr.</p>
-
-<p>Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich
-um. Am Himmel stand der halbe Mond und
-alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-vor ihm und polterte in die Fuhren, und vom
-Hofe her rief die Eule; es war ganz so wie an
-jenem Abend.</p>
-
-<p>Das Herz wurde ihm schwer; nun war er
-wieder ganz allein. Aber es mußte sein; zu
-sehen, wie sich seine Frau unter die Erde
-grämte, das ging nicht. Wenn sie von Anfang
-an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er
-mit ihr ein ganz gutes Leben haben können.</p>
-
-<p>Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich
-auseinandergewöhnt. Seine Schuld war es nicht,
-aber es traf ihn mit.</p>
-
-<p>Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen
-die Deckenbalken. Sie waren so angeordnet,
-daß es wie ein <em class="antiqua">AH</em> aussah, und dem Bauern
-fiel es ein, daß das Mädchen eine Nacht, als es
-mondhell war, ihm zugeflüstert hatte: »Kiek, da
-steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das
-barsch verwiesen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p>
-
-<p>Er seufzte tief auf und warf sich hin und
-her; das Lied, das die Mädchen im Dorfe gesungen
-hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Und du bleibst bei mir,<br /></span>
-<span class="i0">schläfst bei mir,<br /></span>
-<span class="i0">schläfst die liebe lange Nacht bei mir,<br /></span>
-<span class="i0">ju, ja, Nacht bei mir<br /></span>
-<span class="i0">im dustern Kämmerlein.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-201.png" alt="Der Blaurand" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Blaurand">Der Blaurand.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-o.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand
-aus, als sie der Bäuerin die Hand gab.</p>
-
-<p>Als das Mädchen aufsagte, meinte
-die Frau zu dem Bauern, ohne aufzusehen:
-»Sie wird uns schwer abgehen, so fix
-wie sie bei der Arbeit war.«</p>
-
-<p>Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr
-Mädchen, die arbeiten können. Wer fort will,
-den soll man nicht halten.«</p>
-
-<p>Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als
-das Nötigste mit ihr gesprochen.</p>
-
-<p>Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann
-durch das Dorf. Als er an dem braunen
-Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein:<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-»Weißt du schon, daß der junge Herr vom Gute
-sich umgebracht hat?«</p>
-
-<p>Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?«</p>
-
-<p>Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es
-eben erzählt; er hat es gestern in Celle gehört.
-Es soll um das rote Miken gekommen sein.
-Mit der hat er es immer noch gehalten, auch
-nachdem er schon befreit war, oder vielmehr,
-das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem
-er zu Gelde gekommen war, und da hat
-sie ihm irgend eine Schweinerei gemacht. Schade,
-es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah
-er ja meist was still aus.«</p>
-
-<p>Abends sah Trina ihren Mann immer von
-der Seite an, aber fragen mochte sie nicht, denn
-sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich
-kam er von selber mit der Sprache heraus und
-als wenn er zu sich selber redete, sprach er vor
-sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das
-kommt von den Heimlichkeiten; ein verheirateter<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-Kerl muß klare Bahn um sich haben, sonst tut
-das kein gut.«</p>
-
-<p>Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in
-die Augen und brachte es fertig, ihm die Kinder
-zu bringen und sich dicht bei <span id="corr201">ihm</span> zu stellen,
-wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es
-bei kleinem zwischen ihm und ihr halbwege
-richtig.</p>
-
-<p>Aber auch nur halbwege, denn die Liebe
-fehlte und das Vertrauen. Hehlmann konnte es
-sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten
-konnte, aber bei Trina brachte er es
-nicht fertig. So blieb er im Grunde ganz für
-sich und war ärmer als der ärmste Knecht.</p>
-
-<p>In der hillen Zeit merkte er davon wenig,
-wenn die Arbeit aber nachließ, kam die Unruhe
-wieder über ihn und dann blieb ihm nichts
-übrig als zu trinken.</p>
-
-<p>Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug
-er einen gehörigen Stiefel voll, aber unglücklich,
-wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier und<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-der Schnaps das Geblüt und wenn er seine
-Ladung hatte, dann stieg ihm der Ekel über sich
-selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um
-und dann warf er mit dem Gelde um sich und
-spielte bis in den hellichten Morgen.</p>
-
-<p>Am anderen Tage war ihm dann zumute,
-als müsse er sich in die Erde verkriechen und
-ihm wurde nicht eher besser, als bis er von
-neuem hinter dem Blaurand saß.</p>
-
-<p>Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten
-Kruge, einen gefährlich großen Wachtmeister mit
-doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen
-im Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust,
-wie der Hansbur sie hatte, dazu gehörte, daß
-er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas
-stand auf dem Bört über dem Tische, an dem
-er immer saß und kein anderer durfte daraus
-trinken.</p>
-
-<p>Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf
-dem zwischen zwei Palmblättern zu lesen stand:
-Liebe mich allein oder lasse ganz es sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p>
-
-<p>An einem schmählich kalten Dezemberabend
-war er nach der kalten Flage gegangen, um
-auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der
-Jagd auch nicht so viel mehr machte als vordem,
-er brachte doch den Abend damit hin,
-denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen
-und nichts zu sagen; denn außer über alltägliche
-Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in
-das Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine
-Art hatte. Wenn sie sich auch noch so viel
-Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte
-nicht weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus.</p>
-
-<p>So saß er denn in seinem Anstandsloche und
-sah auf den Schnee, bis es ihm bunt vor
-den Augen wurde. Ihn fror, denn der Wind
-kam scharf von Morgen, und um sich warm zu
-machen, nahm er ab und zu einen Schluck.</p>
-
-<p>Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit
-der Kälte und da sich der Wind auch gedreht
-hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter
-auf die Sauen paßte, und deshalb ging er nach<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-dem alten Kruge; da saß schon der wilde Meyer,
-der rote Schmidt und der Müller.</p>
-
-<p>Sowie er in die Tür trat, sprang der wilde
-Meyer auf und hielt eine Rede auf Hehlmann
-und dann brachte er ihm ein Horüdho nach
-alter Art aus, daß ihm das Maul schäumte, und
-die anderen, die alle Jäger waren, gaben Hals
-wie eine vollzählige Meute.</p>
-
-<p>»Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote
-Schmidt, »jetzt wird Hatten Lena gespielt, daß
-die Haide wackelt.«</p>
-
-<p>Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem
-fort gesungen wurde: »Hatten Lena mit de
-Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apen
-mal din Etelschapp, min Magen bellt ganz lut;
-un wenn du noch wat owar hest, so lang man
-her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp,
-kiek mal to'n Finster rut.«</p>
-
-<p>Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein
-Krug, je nachdem, was getrunken wurde, und
-da waren mit Kreide Striche angemacht, und<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-wer verspielte, mußte bis zu dem nächsten
-Striche trinken und ein Stück Geld in die Pinke
-schmeißen.</p>
-
-<p>Na, das ging dann nun los und es traf sich,
-daß Hehlmann fünfmal hintereinander trinken
-mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept
-vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen
-Schuß Wasser. So kam denn ein großmächtiger
-Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht
-lange, da hatten sie alle Köpfe wie Legehühner,
-vorzüglich der Hansbur, der sich in der kalten
-Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein
-doppeltes Loch riß.</p>
-
-<p>Als der Stiefel leer war, schrie der rote
-Schmidt, der mit Getreide handelte: »Auf einem
-Bein kann man nicht stehen, außer wenn 'n
-Adebar ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der
-ledig war, hieß es: »Aller guten Dinge sind
-drei,« und der Krüger füllte von frischem auf.</p>
-
-<p>Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür
-auf und der Sägemüller Vodegel kam herein,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule
-Hehlmann eins hinter die Ohren geschlagen
-hatte, als sie noch Jungens waren, und auf den
-dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die
-Ohrfeige behalten mußte.</p>
-
-<p>Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er
-hatte im braunen Roß eine Wette mit vertrinken
-helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er
-seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte.</p>
-
-<p>Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so
-eigen mit dem Glase und dem Kruge war,
-langte er sich den Blaurand und den Krug von
-dem Bört, schenkte sich einen Schnaps und Bier
-ein und prostete die Gesellschaft an.</p>
-
-<p>»Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen?
-Du weißt doch, daß das meins ist!« rief der
-Hansbur ihm zu.</p>
-
-<p>»Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,«
-antwortete der Sägemüller, »das schadet dem
-Glase nicht und dir nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p>
-
-<p>Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich
-sage, du stellst das Glas hin, ich trinke nicht mit
-jedwedem aus einem Glase!«</p>
-
-<p>Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl
-bloß Grog?«</p>
-
-<p>»Das kann ich machen, wie ich lustig bin.
-Setz' das Glas hin!«</p>
-
-<p>»Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und
-überhaupt, befehlen lasse ich mir von dir nicht.«</p>
-
-<p>Damit setzte er das Glas an den Mund, aber
-ehe er zum Trinken kam, schlug ihm der Hansbur
-das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs
-auf den Estrich fiel.</p>
-
-<p>Er stand aber gleich auf, wischte sich das
-Blut von dem Munde und ging hinaus.</p>
-
-<p>Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die
-anderen sagten nichts, denn Hehlmann sah zu
-gefährlich aus, und als der Müller aufstand,
-gingen sie alle.</p>
-
-<p>Als der Hansbur allein war, lachte er vor
-sich hin; nun hatte er die Ohrfeige bezahlt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p>
-
-<p>Je länger er aber ging, um so mehr schlug
-es in ihm um, denn die scharfe Luft und der
-Grog hatten ihn zwischen sich und als er in der
-Haide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee
-standen, war ihm hundeelend zumute.</p>
-
-<p>Wie ein Stromer hatte er sich benommen;
-ohne Not hatte er zugeschlagen, und einen
-Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und
-dann sah er sich da sitzen und saufen und
-bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn
-so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte.</p>
-
-<p>Da sah er, daß er das Gewehr bei sich
-hatte; es wurde ihm schwarz vor den Augen,
-er nahm es von der Schulter, zog den Hahn
-über, stellte den Kolben in den Schnee, hielt die
-Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit der
-Stockzwinge den Abzug durch.</p>
-
-<p>Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der
-hieß Widu und hing sehr an dem Bauern. Der
-hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht,<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-und als er zurücklief, kam er unter dem Winde
-da vorbei, wo Hehlmann lag.</p>
-
-<p>Er lief hin, roch an ihm herum, und als er
-das Blut spürte, heulte er los und lief so schnell
-wie er konnte nach dem Hofe und bellte den
-Knecht heraus.</p>
-
-<p>Der verwies ihm erst das Bellen, als der
-Hund sich aber immer gefährlicher anstellte,
-ging er hinter ihm her und fand den Bauern
-im Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die
-anderen Knechte und auf einer Wagenleiter
-trugen sie den Bauern in das Haus.</p>
-
-<p>Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder
-zu sich; er hatte nur einen Prellschuß über dem
-linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief
-bis in den hellichten Tag hinein.</p>
-
-<p>Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach
-und nach alles ein, was sich begeben hatte, und
-er wünschte sich, daß er besser getroffen hätte,
-so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-Leute an ein Unglück glaubten und nicht daran
-dachten, daß er Hand an sich gelegt hatte.</p>
-
-<p>Nachmittags kam der Vorsteher und fragte,
-wie das mit der Schlägerei gekommen sei. »Der
-Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte
-er; »er hat ein Maul wie ein Baumaffe!«</p>
-
-<p>Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal
-abgehalten und folgender Spruch gefunden:
-»Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er
-angefangen hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung
-hat er nicht davongetragen. Item: es
-ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu
-ziehen.«</p>
-
-<p>Aus dieser Gefahr war der Hansbur also
-heraus; um so schlimmer ging er mit sich selbst
-zu Gerichte.</p>
-
-<p>Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so
-getroffen, wie er es vorhatte, dann lebte der
-nicht mehr, und weshalb? um ein lumpiges
-Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der
-Grog! Weswegen hätte er beinahe Schimpf<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn
-er die letzte Nacht das Gewehr anders gehalten
-hätte? Weil er angetrunken war! Warum
-quälten Trina und er sich miteinander hin?
-Weil er damals beim Trinken nicht hatte Maß
-halten können.</p>
-
-<p>Es war ein Sonntag; der Wind trug das
-Kirchenläuten heran. Heute war die Reihe an
-ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen;
-aber so, wie er aussah, konnte er dem Pastor
-nicht unter die Augen gehen. Eine Schande
-war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so
-aufzuführen.</p>
-
-<p>So dachte er, und als er allein war, schlug
-er die Beilade auf, um die Bibel herauszulangen.
-Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt
-oft darin. Aber das Hausbuch lag da und das
-nahm er sich und setzte sich damit in den
-Backenstuhl hinter den Ofen.</p>
-
-<p>Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen,
-um die Todestage der Eltern, seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben;
-jetzt las er es von oben bis unten
-und immer mehr wurde es ihm sichtbar, daß
-er auf dem besten Wege war, einer von denen
-zu werden, deren Namen in dem Buche nicht
-mit Ehren genannt werden konnten.</p>
-
-<p>Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre
-1711 durch den Branntwein zum Mörder geworden
-war und dem der Henker den Kopf
-abgeschlagen hatte; er stellte sich vor, wie
-es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe ausgesehen
-habe, und er machte einen neuen
-Strich in sein Leben.</p>
-
-<p>Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe
-war, hatte er stand gehalten, und wenn ihm
-auch noch so blanke Augen gemacht wurden;
-und so wollte er es hinfort auch mit dem
-Schnaps halten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-217.png" alt="Herzbube" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p>
-
-<h2 id="Herzbube">Herzbube.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-l.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Leicht wurde ihm das nicht und zu Zeiten
-meinte er, er müßte verrückt werden,
-oder etwas Schlimmes anstellen, wenn
-er sich nicht ab und an volltrinken
-könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem
-Leibe, die erst wegging, wenn er in lustiger
-Gesellschaft war.</p>
-
-<p>Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn
-Gewitterluft war oder das Wetter umschlagen
-wollte oder Vollmond war; dann hatte er
-dunkle Augen und einen unruhigen Blick und
-konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was
-sonst nicht seine Art war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span></p>
-
-<p>Dann sagte er, er habe Geschäfte und ritt
-fort, und wenn er im Galopp über die Haide
-ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein,
-was er damals bei der Verlobungsfeier in
-Hohenholte über sich gehört hatte.</p>
-
-<p>Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen,
-und als er hinter der Hagebuchenhecke stand
-und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß
-die Herren über ihn redeten.</p>
-
-<p>»Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister
-gesagt; »aber glücklich ist er nicht. Der
-müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen
-kann.«</p>
-
-<p>»Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist,
-als ob man einen von den alten Longobarden
-sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen,
-sich die Lappen und Eskimos ansahen, die hier
-herumkrebsten, und sagten: ›So, nun willt wi
-erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen
-Betrieb infoihren!‹ Er hat das Zeug zu einem
-Eroberer in sich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p>
-
-<p>Es ist wahr, dachte er, als er so über die
-Haide ritt; Tag für Tag dasselbe, heute säen,
-morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er
-nur einen Menschen hätte, dem er sagen könnte,
-wie ihm um das Herz war.</p>
-
-<p>An Meta dachte er nicht; das war lange
-vorbei. Zum Piewittskruge ging er nicht; da
-wollte der Mann sein Geld und die Frau, die
-war hübsch, aber schlecht und dabei dumm.
-Takelzeug war es.</p>
-
-<p>Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht
-gewesen, aber der hatte doch Verstand für ihn
-gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte
-die jetzt sein? Wenn er an den Morgen dachte,
-als er ihr im Stall sagte, sie müsse vom Hofe,
-dann tat ihm das Herz weh.</p>
-
-<p>Da hatte er einen Menschen für sich gehabt,
-einen Menschen treu wie Gold, und er hatte ihn
-fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand
-er da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den
-die anderen vom Rudel abgeschlagen haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte
-sich in die Bügel und sah über das Bruch, das
-von dem blühenden Post rot und gelb war.
-Ihm war, als müsse er da einen Feind sehen
-und ihn über den Haufen reiten.</p>
-
-<p>Er ritt unter dem Uhlenbrink her und bog
-in den Kösterdamm ein, der in die Mordhaide
-führte; da war es kahl und leer wie in einer
-Bettlerhand. Er gab dem Fuchs die Eisen und
-der ging in voller Fahrt erst über das blanke
-Haidfeld und dann durch die Machangeln, die
-vor den Bruchwiesen standen.</p>
-
-<p>Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte
-und ging zurück. Er gab ihm ein über das
-andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der
-Fuchs den Kanal, sprang aber zu kurz, trat
-mit den Hinterfüßen in das Wasser und warf
-den Bauern über sich fort.</p>
-
-<p>Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß
-das Pferd das Gesicht hatte, was sie annehmen,
-wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich
-aus. Es lag mit dem Hinterleibe im Kanal,
-schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke
-und schrie.</p>
-
-<p>Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut
-war und als er näher ging, fand er, daß der
-Fuchs sich einen Pfahl, um den altes <span id="corr219">Reet</span>
-stand, tief in die Brust gejagt hatte, und jedesmal,
-wenn er schnob, flog ihm das Blut hellrot
-aus Maul und Nase.</p>
-
-<p>Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen
-war. Er faßte nach der Hosennaht, aber er
-hatte das große Messer nicht bei sich und das
-Klappmesser dünkte ihm zu klein.</p>
-
-<p>Aber länger konnte er es nicht mit ansehen,
-wie der Fuchs sich zu Tode quälte. Er überlegte
-einen Augenblick, dann trat er dicht
-hinter das Tier, holte aus und schlug es
-mit der vollen Faust gegen den linken Schlaf,
-und so wie der Schlag gefallen war, ließ es
-den Kopf hängen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als
-müsse er sich über seine Kraft freuen. Dann
-nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs
-die Schlagader am Halse durch und blieb so
-lange dabei stehen, bis er abgeblutet war.</p>
-
-<p>Einen Augenblick schämte er sich; er hatte
-das schöne Tier unnütz in den Tod gejagt. Aber
-dann bekam er blanke Augen; es war doch
-einmal etwas anderes, und wie er so dastand
-und das tote Tier ansah, das halb auf dem Ufer
-und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie
-einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit,
-wenn der Himmel über dem Walde rot wird,
-langsam über das Schlachtfeld zu reiten und
-auf die hinzusehen, die steif und kalt neben
-ihren toten Pferden lagen.</p>
-
-<p>Das war denn doch noch ein Leben; wenn
-man auch selbst dabei vor die Hunde ging, das
-machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte
-auch so gedacht. Der alte Pastor war beinahe
-umgefallen, als er Wolf fragte: »Was ist ein<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet
-hatte: »Kugel vor den Kopf, Herr Pastor,
-und Salve über dem Grabe.«</p>
-
-<p>Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch
-anders als er sich das dachte, aber eine Salve
-nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner
-jungen Frau auf sein Totenhemd; nun lag er
-in der Erde und fror, weil die Tränen nicht
-trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm
-und steif über den Hof und konnte nicht mehr
-lachen.</p>
-
-<p>Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann
-warf den Kopf in den Nacken: was man
-belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur
-etwas belebt. Und er wollte etwas beleben,
-koste es, was es wolle.</p>
-
-<p>Miken war jetzt wieder in Celle; der rote
-Schmidt hatte sie da getroffen. Er hatte Lusten,
-sie einmal wieder lachen zu hören. War es
-auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man
-bei ihr nicht sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p>
-
-<p>Hehlmann überlegte. Von hier bis zum
-Piewittskruge war es eine kleine Viertelstunde.
-Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn
-nach Celle fahren und auf dem Hehlenhofe
-Bescheid sagen lassen.</p>
-
-<p>Mit großen Schritten ging er durch das
-Bruch; die Postbüsche sahen in der Abendsonne
-so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf
-und ab und schrieen, in der Luft waren der
-Bewerbock zu Gange und die Birkhähne balzten,
-daß es eine Art hatte.</p>
-
-<p>Rund und rot kam der Mond hinter der
-Wohld in die Höhe; Hehlmann meinte, so groß
-und rot hätte er ihn noch kein Mal gesehen.
-Die Enten strichen hin und her, die Rehe standen
-im Nebel, und in der hohlen Grund rief der
-Moorochs.</p>
-
-<p>Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein
-schwarzer Strich und darunter noch einer, und
-auf einmal waren es zwei Augen und Nase und
-Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-lachte. »Das sieht ja putzwunderlich aus,« dachte
-er und dann trat er über die Straße und stieß
-die Türe zum Piewittskruge auf.</p>
-
-<p>Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war
-da und der wilde Meyer und Pohlmann und
-Schwen und Scheele und Drewes und Lühner
-auch. Sie saßen um den runden Tisch, tranken
-Wein und spielten Karten.</p>
-
-<p>Die Krugwirtin machte blanke Augen, als
-der Hansbur eintrat. Sie rückte ihm den großen
-Stuhl hin und daneben noch einen für ihre
-Nichte, ein hübsches Mädchen mit grallen Augen.</p>
-
-<p>Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in
-seinem Fahrwasser; er bestellte vom besten, was
-im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf
-den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie
-große Männer spielen und nicht um Bohnen und
-Pfennige!«</p>
-
-<p>»Das soll ein Wort sein,« rief der wilde
-Meyer, und das Spiel ging los. Als sie eine
-Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-ganzes Geld los. Er hatte viel getrunken, denn
-die Aufregung mit dem Pferd und das schnelle
-Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er
-dem Wirt, der auf einen Augenblick in die Stube
-kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib mal 'ne
-Hand voll Taler her!«</p>
-
-<p>Das tat der liebendgern, denn es war eine
-Ewigkeit her, daß der Hansbur sich dort hatte
-sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er
-ihm gefällig sein konnte.</p>
-
-<p>Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper;
-Hehlmann aß, wie er lange nicht gegessen
-hatte. Da die Wurst scharf und der Käse
-alt war, so trank er tüchtig dabei und es dauerte
-nicht lange, da hatte er die Alma auf dem Schoße
-sitzen.</p>
-
-<p>Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar
-sie noch jung war, verstand sie doch schon gut
-mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur
-ganz vergaß, daß er nach Celle zu Miken
-fahren wollte. Er nannte sie seine Coeurmadam<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als
-er ihr ins Ohr flüsterte: »Wenn die anderen
-man erst weg wären.«</p>
-
-<p>Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte,
-aber sie gingen erst, als er auch das Geld, das
-er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war,
-und da saß er denn mit der Alma auf der
-Faulbank, bis die Frau in den Keller ging, um
-Wein zu holen.</p>
-
-<p>Sie blieb lange aus, und als sie wieder
-kam, plinkte sie ihrer Nichte zu, und die verstand
-und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis
-eine Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand.</p>
-
-<p>Als Hehlmann einige Tage später zum
-Piewittskruge ging, um seine Zeche glatt zu
-machen, die alles in allem so fünfzig Taler
-ausmachte, gefiel ihm die Alma kein bißchen
-mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre
-Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb
-darum auch nicht lange und ließ sich nicht
-wieder sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte sich den anderen Tag weiter keine
-Gedanken gemacht, wie damals, als er Vodegel
-den Blaurand in das Maul geschlagen hatte,
-denn er sagte sich: Geschehen ist geschehen!
-Aber er sagte sich auch, daß er bei den Leuten
-keine Achtung mehr haben würde, wenn es
-herumkäme, wie er es getrieben hätte.</p>
-
-<p>Als seine zweite Tochter ihn eines Abends
-in den Arm nahm und ihm einen Kuß gab, da
-fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das
-Frauenzimmer im Piewittskruge geküßt hatte
-und die Wirtin auch; und die waren für jeden
-da, der Geld auf den Tisch warf.</p>
-
-<p>So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß
-in den Krug zu setzen und hielt Wort.</p>
-
-<p>Das wurde ihm nicht schwer, denn eines
-Abends kam der wilde Meyer zu ihm und sah
-ganz begossen aus; über den Piewittskrug
-war ein Donnerwetter heruntergegangen; der
-Krüger war wegen Hehlerei und wegen Duldens
-von Glücksspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei
-nach Celle gebracht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf
-dem Leibe, daß er als Zeuge vor Gericht müsse.</p>
-
-<p>Acht Tage später kam ein Mann auf den
-Hehlenhof und wollte den Bauern sprechen; da
-er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz
-nach. Es war Almas Vater; er war Lohndiener
-in der Stadt und sah wie nichts Gutes aus.</p>
-
-<p>Er redete erst lange hin und her und das
-Ende vom Liede war, daß der Bauer noch einmal
-fünfzig Taler herausrücken mußte, denn
-wie der Kerl, der sich groß beleidigt anstellte,
-sagte, war seine Tochter noch keine sechzehn
-alt und unbescholten.</p>
-
-<p>Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was
-er getan hatte, und eigentlich nicht wußte, was
-Reue war, machte hinter dem Manne ein Gesicht,
-als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war
-ebenso scheußlich zumute wie damals, als er
-mit Tönnes und Hein Gird im Ruhhorn Fische
-gestohlen hatte und die beiden auf die lange
-Bank mußten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<p>Noch dümmer aber kam er sich vor, als er
-nach der Gerichtsverhandlung, in der der Piewittskrüger
-zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis
-verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte,
-daß die Alma erstens über achtzehn Jahre alt
-war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den
-roten Schmidt und nicht minder Scheele und
-Drewes ebenso geleimt hatte wie ihn, und er
-dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt
-geblieben war, Zeuge spielen zu müssen.</p>
-
-<p>Als er hinterher eines Abends in Celle aus
-dem Ratskeller kam, wo er mit dem Vollmeier
-Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen
-Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken
-daherkommen.</p>
-
-<p>Sie war in Sammet und Seide und sah noch
-viel schöner aus als früher, aber er trat schnell
-hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser
-Sorte Weibervolk.</p>
-
-<p>Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote
-Schmidt, daß er das Mädchen in Hamburg gesehen
-hatte; wie der halbe Tod hatte sie ausgesehen<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-und ihn um Gottes willen um einen
-Taler angesprochen, weil sie am Verhungern war.</p>
-
-<p>Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze
-war, schüttelte sich und sagte: »Ich gab
-ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr
-lange machen konnte. Sie hatte die Auszehrung,
-und wenn sie hustete, kam ihr das helle Blut
-in den Mund.«</p>
-
-<p>Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf
-einmal kein Bier mehr. Er sah sie vor sich, wie
-sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war
-Tanz gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet,
-und sie hatte mit ihrer lustigen Stimme durch
-die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen
-an zu schrecken fingen.</p>
-
-<p>Was konnte sie küssen und lachen und
-wählig sein! Und nun war sie elendiglich zugrunde
-gegangen.</p>
-
-<p>Ihm wurde erbärmlich zumute.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-235.png" alt="Die Moosbank" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Moosbank">Die Moosbank.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Das elendigliche Ende Mikens gab dem
-Bauern viel zu denken; sein Herz hatte
-er nicht an sie gehängt, aber es lief
-ihm kalt über, wenn er daran dachte,
-wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er
-einmal über die Haide ging und eine Schnucke
-husten hörte, schudderte es ihn.</p>
-
-<p>In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener
-werden und in einem Falle ein Urteil abgeben,
-das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter
-von dem Halbmeier Scheele, mit dem er so
-manches Mal bei Bier und Karten lustig gewesen
-war, saß auf der Armensünderbank; er war
-durch das Kartjen in Bedrängnis gekommen und
-hatte einen Meineid geschworen. Er wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-schuldig gesprochen und erhängte sich in der
-Nacht darauf.</p>
-
-<p>Das ging Hehlmann nahe, aber noch
-schlimmer traf ihn die Rede, die der Staatsanwalt
-gehalten hatte, denn der hatte gesagt:
-»Leider können wir die Hauptschuldigen nicht
-fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes Leben
-schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben
-verführt und ins Unglück gebracht haben.«</p>
-
-<p>Das ging auf den wilden Meyer und den
-roten Schmidt. Mit einem Schlage standen die
-beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich
-hielt, ging ihnen aus dem Wege.</p>
-
-<p>Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt
-Recht geben. Daß er damals Vodegel
-das Glas in die Zähne schlug und hinterher
-Hand an sich legte, und daß er wegen des
-liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in den
-Mund der Leute gekommen war, die beiden
-hatten die mehrste Schuld daran.</p>
-
-<p>Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor
-Heuer, der ihn ab und an besuchte. Der Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine
-Mördergrube machte. Als er sich einmal den
-Hansburhof angesehen hatte, meinte er: »Hehlmann,
-Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da
-hatte der Bauer die Achseln gezuckt und gesagt:
-»Was hilft mir der ganze Kram, wo ich keinen
-Hoferben habe!«</p>
-
-<p>Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt;
-so etwas war dem Bauern noch keinmal
-vorgekommen, seitdem er kein Junge
-mehr war.</p>
-
-<p>Ein Wort war es besonders, das ihm zu
-denken gab: »Ein Mann wie Sie nimmt sein
-Leben fest in die Hand, mag da kommen, was
-da will.«</p>
-
-<p>Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei
-gesunde Töchter haben Sie! Und ich? Mein
-gesundes Kind wurde mir genommen, das
-krüpplige blieb mir. Soll ich deshalb verzagen?
-Man muß nicht an das denken, was man
-wünscht, sondern an das, was man hat. Sie
-sind doch kein Schwächling! Jedem kann es<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die
-wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden,
-was man hat.«</p>
-
-<p>Mit dem Pastor kam er von da ab öfter
-zusammen; der baute nicht, wie der alte Pastor,
-eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde,
-sondern hielt freundschaftlichen Verkehr mit den
-Bauern. Obzwar sie erst den Kopf darüber
-schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen
-ließ und sein Glas Bier trank, ohne viel danach
-zu fragen, wer bei ihm saß, mit der Zeit
-leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile
-gut war, denn wenn der Pastor da war, ging
-es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb
-langweilig wurde, denn er war von lustigem
-Gemüt und es kam ihm selbst auf eine quante
-Redensart nicht an.</p>
-
-<p>Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde
-Sinn für etwas anderes hatte, als bloß für
-Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die
-holte er sich so bei kleinem zusammen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p>
-
-<p>Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf
-gespielt; mit der Zeit blieben die Karten
-vom Tische, es wurde über Politik und andere
-Dinge geredet, und zuletzt wurde so eine Art
-Verein daraus, in dem der Pastor oder der
-neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung
-hatte als der alte Mackentun, der schon einige
-Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus den Büchern
-vorlas.</p>
-
-<p>Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur,
-der auf diese Art von seiner Unruhe abgelenkt
-wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher
-hatte, so lehnte Hehlmann sich Bücher über
-Reisen oder Kriegsgeschichten und kam dadurch
-über seine dummen Stunden fort.</p>
-
-<p>Bislang war auf dem Hehlenhofe in der
-Ackerwirtschaft alles nach der alten Art gegangen
-und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine
-neue Einrichtung einführte.</p>
-
-<p>Der Pastor besorgte dem Bauern auch Bücher
-über Landwirtschaft und Viehzucht und dadurch
-bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-und auf die Art kriegte er wieder Freude an
-seiner Wirtschaft.</p>
-
-<p>Er beschaffte sich Edelreiser und besserte
-seinen Baumgarten auf, bepflanzte den Mergelbrink,
-der sich an der Bullerbeeke entlang zog,
-mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran,
-wie sie gediehen, er ging zur Gründüngung
-über und konnte mehr Land bestellen als mit
-der Stalldüngung, und schließlich ging er sogar
-an den künstlichen Dünger und brachte es auf
-geringem Boden bald zu guten Erträgen.</p>
-
-<p>Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um
-so weniger hatte er unter der inneren Hitze zu
-leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den
-Krug trieb, spürte er kaum mehr. Er machte
-sich mit den Gutsbesitzern in der Umgegend und
-den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen
-allerlei ab. Bei kleinem sprach es sich rund,
-daß er ein Bauer war, der mit der Zeit ging,
-und es ging keine Woche hin, daß er nicht
-Besuch von Bauern oder Landwirten bekam, die
-sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p>
-
-<p>So machte es sich ganz von selbst, daß er
-Beisitzer im Vorstande des landwirtschaftlichen
-Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden
-hatte, ergriff er bei den Besprechungen
-oft das Wort und schließlich ließ er sich von
-dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen,
-über seine Versuche auf der Hauptversammlung
-einen Vortrag zu halten.</p>
-
-<p>Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte
-nicht, ob er imstande war, einen vernünftigen
-Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete
-ihm seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine
-Uebersicht auszuarbeiten und riet ihm so zu
-reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war,
-und so fuhr er getrost los.</p>
-
-<p>Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute,
-als er in den großen Saal kam und die vielen
-Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das
-Wort hat jetzt unser zweiter Vorsitzender, der
-Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,« und über
-vierhundert Gesichter ihn ansahen, da wünschte
-er, daß er ganz wo anders war, und als er<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-aufstand, hatte er erst einen roten Kopf; aber
-dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine
-Hände auf die Lehne und fing an zu sprechen.</p>
-
-<p>»Meine lieben Freunde, ich bin man ein
-einfacher Bauer und kann meine Worte nicht
-so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,«
-fing er an, und da wurden die vielen Gesichter
-auf einmal lachend und das gab ihm Mut.</p>
-
-<p>Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst
-nach der Väter Art gewirtschaftet hatte, wie ihm
-das langweilig geworden war, und wie er dann
-seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge,
-sondern in den Büchern gelassen habe und bei
-kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung
-zu der anderen gekommen war.</p>
-
-<p>Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von
-selber zuflogen, und alle Augenblicke klappten
-die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen
-durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart
-gemacht hatte oder einen Vergleich, der zwischen
-seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner
-Birkenbaum auf brauner Haide.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p>
-
-<p>Ueber eine Stunde dauerte seine Rede, ohne
-daß er auch nur einen Blick auf die Ausarbeitung
-warf, die er sich gemacht hatte, und
-als er mit den Worten schloß: »Wenn sich einer
-aus meiner Rede etwas entnehmen sollte, was
-ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große
-Freude sein,« da gab es ein solches Händeklappen
-und Füßegetrampel, daß die Fensterscheiben
-beberten.</p>
-
-<p>Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand
-und hielt eine Rede, in der er ihm im Namen
-der Versammlung den Dank für den Vortrag
-aussprach und also schloß: »Doch das Wichtigste,
-was uns der Vortrag unseres Freundes gelehrt
-hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das
-alles hat er ganz aus sich selbst heraus!«</p>
-
-<p>Ueber die Besprechung des Vortrages ging
-noch eine Stunde hin und mehrere Male mußte
-Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der
-Wirt nicht gemahnt hätte, daß das Essen fertig
-wäre, dann hätte man noch länger verhandelt,
-so viel Anregung hatte die Rede gegeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem
-ersten Vorsitzenden und dem Ehrenvorsitzenden
-Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im
-Trinken zurückhielt, hatte er doch bald einen
-roten Kopf, denn von allen Seiten wurde ihm
-vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich
-wegen der vielen Ehre freuen oder schämen
-sollte.</p>
-
-<p>Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit,
-wo er es heimlich mit Meta hielt, noch nicht
-wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam
-vor Freude nasse Augen, als er ihr erzählte,
-wie es ihm gegangen war, und sie sah zu ihm
-auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel.</p>
-
-<p>Die größte Freude aber hatte sie, als erst
-das Kreisblatt mit einem Bericht über die Rede
-und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit
-der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte
-es ihr auf das Herz, wie wenig sie neben einen
-solchen Mann paßte.</p>
-
-<p>Hehlmann ließ sie das aber nicht merken,
-und weil die Sonne nun wieder durch die Hofeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-schien, gediehen die Leute, und die Frau
-wurde wieder meist so ansehnlich, wie sie als
-Mädchen gewesen war, als sie sich noch um die
-Mannsleute Mühe gab.</p>
-
-<p>Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen
-die Leute nicht mehr von ihm zu ihr und
-meinten: »Na, er ist da auch man so dran
-hängen geblieben.« Auch bei den Mädchen war
-sie in Ansehen gekommen, seitdem sie das
-Schimpfen aufgegeben hatte.</p>
-
-<p>Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine
-Zufriedenheit fand, gewöhnte er sich auch mehr
-an die Kinder heran, auf die er früher wenig
-acht gegeben hatte.</p>
-
-<p>Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter
-schlachtete, hatte an Hausarbeit und Blumen
-Freude.</p>
-
-<p>Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von
-Mutterseite artete, war mehr für den Gemüsegarten
-und das Federvieh.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p>
-
-<p>Die eine freute sich über alles, was glatt
-und hübsch war, die andere hatte ihre Freude
-an dem, das etwas einbrachte.</p>
-
-<p>Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta
-war ein Mutterkind, Sophie hing sich an den
-Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie
-an den Masern zu liegen kam.</p>
-
-<p>Kaum war sie wieder auf den Füßen, da
-legte sich die älteste und die Bäuerin kam durch
-das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und
-als auch <span id="corr244">Detta</span> wieder in der Sonne sitzen konnte,
-mußte sich die Bäuerin legen, denn sie hatte sich
-angesteckt.</p>
-
-<p>Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß
-der Doktor jeden Tag kommen mußte, aber er
-konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug
-zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde.</p>
-
-<p>Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal
-klar im Kopfe, sah den Bauern freundlich an
-und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p>
-
-<p>Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber
-als sie nicht mehr da war, merkte er doch, daß
-sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte.</p>
-
-<p>Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn
-Detta, die sich um ihre Mutter sehr grämte,
-machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie
-schließlich zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen
-große Stücke hielt.</p>
-
-<p>Sophie aber kam bald über den Tod der
-Mutter weg; sie ging dem Vater überall zur Hand
-und konnte so besinnlich über das, was sie in
-den landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte,
-reden, daß er sich abends keinmal mehr allein
-vorkam.</p>
-
-<p>Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen
-Verein, nahm er sie immer mit,
-und es war ein harter Schlag für ihn, als sie
-sagte, sie wolle gern eine Zeit auf ein großes
-Gut gehen, um mehr zu lernen.</p>
-
-<p>Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen
-seinen eigenen Weg ging, denn sie war die erste
-Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-lernte, als sie schon aus der Schule war. Und
-da Detta jetzt wieder im Hause war und er viel
-um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin.</p>
-
-<p>Als er zum ersten Male wieder mit den beiden
-Mädchen zur Kirche fuhr, war er ganz stolz, so
-glatt sahen sie aus, eine ganz anders als die
-andere und beide doch so, daß die jungen Leute
-mehr nach der Hansburbank als nach der Kanzel
-sahen; und wenn sie abends zusammen in der
-Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten,
-dann ging ihm nichts ab.</p>
-
-<p>Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste
-der Vorsteher zu ihm sagte: »Hansbur, den
-Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und
-deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen,
-werden sie bald genug beschrieen sein. Und in
-die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.«</p>
-
-<p>Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta,
-die sich besser auf ihn verstand, wenn auch Sophie
-mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was hast
-du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden
-sollte, wenn die Mädchen heirateten. Wenn auch
-Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt,
-denn dann kam doch ihr Mann in erster
-Reihe.</p>
-
-<p>Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit
-sich herum; am Sonntag aber sattelte er den
-Rappen und ritt nach dem Mittag los.</p>
-
-<p>Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen
-konnte; die Haide war abgeblüht und sah aus,
-als ob Silber darauf lag. Die Birken waren über
-und über gelb und brannten in der Sonne wie
-Flammen und der Altweibersommer hing in allen
-Fuhrenzweigen.</p>
-
-<p>Der erste Mensch, der ihm in der hohen Haide
-in die Möte kam, war die Jungmagd vom Voßhofe,
-ein Mädchen so schier und eben, daß ihm
-das Herz im Leibe lachte. »Das ist ein guter
-Vorspuk,« dachte er und rief ihr ein lustiges
-Wort zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p>
-
-<p>Als er über den Knüppeldamm ritt, standen
-an die hundert Störche im Bruche: »Auch nicht
-schlecht!« dachte er wieder.</p>
-
-<p>In den Wiesen sah er einen Hasen von links
-nach rechts laufen. »Heute geht nichts verkehrt,«
-sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg
-entlang, daß es nur so mülmte, und als drei
-Handwerksburschen ihn um einen Zehrpfennig
-angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden.</p>
-
-<p>Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe
-ankam. Der Hof sah schnicker und ordentlich
-aus. Ueber der Einfahrt war ein Spruchbrett
-und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,«
-und auf dem Torbalken war zu lesen: »Ich und
-mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf
-der Deele wurde ein geistliches Lied gesungen.</p>
-
-<p>Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das
-Singen auf und der Diesbauer ging auf ihn zu.
-Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte.
-Er hatte Dettmer früher etliche Male gesehen,
-und obzwar er damals selber kein leeres und
-kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-mochte er darum doch nicht leiden. Dieser Mann
-hier aber war ein anderer geworden.</p>
-
-<p>Es wurde erst über das Wetter und die Ernte
-geschnackt, und dann sagte Hehlmann, er müßte
-Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er ganz
-vergessen, daß sie von seinem Vater in dem
-Testamente mit einer Stiftung bedacht war, und
-davon wollte er ihr die Abschrift bringen.</p>
-
-<p>»Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin,
-»sie ist nach Brinkmanns gegangen; da ist die
-Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht
-sie sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen
-Bett und Stuhl herum.«</p>
-
-<p>Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß
-ein Werkzeug des Herrn; ihm allein gebührt
-der Dank.«</p>
-
-<p>Hehlmann fragte, wann sie zurückkommen
-wollte, und als er hörte, daß das nicht bestimmt
-wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr
-entgegen.</p>
-
-<p>Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm
-das Herz schwer; Jahre lagen jetzt zwischen ihnen.<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Mai war es, als er sie im Grasgarten in den
-Arm nahm, und die weißen Lilien blühten, und
-jetzt waren die Krammetsvögel in den Ebereschen
-zu Gange.</p>
-
-<p>Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es
-hatte ihm nicht viel Gutes gebracht und wer
-weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen
-freiten wohl bald; dann war er allein und ging
-als alter Mann auf dem Hofe herum und war
-jedem im Wege.</p>
-
-<p>Er ließ den Kopf hängen und ging langsam
-den anmoorigen Weg fürbaß und riß in Gedanken
-den Windhalmen die Köpfe ab.</p>
-
-<p>So tief war er in Gedanken, daß er sich
-ganz mächtig verjagte, als vor ihm jemand
-seinen Namen rief.</p>
-
-<p>Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen,
-steckte sich aber rot an, wie ein junges Mädchen
-und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du
-bloß auf einmal her?« und dann wurde sie ganz
-weiß im Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p>
-
-<p>Es war ihm warm um das Herz dabei geworden.
-»Meine Meta,« rief er und nahm sie
-um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen.
-Da faßte er sie um und führte sie unter eine
-krause Fuhre am Grabenbord, unter der sich
-die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten.</p>
-
-<p>Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch;
-dann trocknete sie sich die Augen: »Ich habe mich
-zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas
-denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach
-dem Dieshofe?«</p>
-
-<p>Er sah sie so lange an, bis sie über und über
-rot wurde: »Du hast dich gut gehalten, Meta,
-bloß daß du früher dünner warst.«</p>
-
-<p>Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch
-kein eines graues Haar, Göde, und die zwei
-Wirbel hast du immer noch.«</p>
-
-<p>»Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz
-so wie früher, trotz der vielen Arbeit.«</p>
-
-<p>»Und deine, Göde, die sind noch immer, wie
-zwei Haidbrinke,« sagte sie und lachte dabei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist
-wie ein Kalb gegen die Kuh,« und dann lachten
-sie beide, denn sie dachten an den Tag im
-Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf
-ihrem Kleiderrocke lag.</p>
-
-<p>Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war
-nun schon so lange her und was lag da nicht
-alles dazwischen.</p>
-
-<p>Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er
-seufzte auf und sah über die Buchweizenstoppel,
-die ganz rot aussah in der Sonne.</p>
-
-<p>Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den
-Mund und hinter den Augen hatte sie Falten
-und unter der Haube sah man ein paar graue
-Haare. Aber wenn sie auch noch mehr Falten
-und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte, es
-war seine Meta mit den treuen Augen und dem
-schönen Mund und den guten Händen.</p>
-
-<p>Er holte das Papier aus der Tasche und hielt
-es ihr hin: »Da hatte ich ganz auf vergessen,
-Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten
-Willen aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-dich immer eine Stätte ist, wenn es dir wo anders
-nicht mehr paßt.«</p>
-
-<p>Sie sah in das Papier und meinte leise: »O,
-hier habe ich es ganz gut.«</p>
-
-<p>»Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast
-mich nicht nötig, aber ich habe dich nötig. Wie
-lange wird es dauern, und die Mädchen freien,
-und dann habe ich wieder keinen Menschen, wie
-so viele Jahre.«</p>
-
-<p>Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so
-ist, Göde, mich brauchen sie auf dem Dieshofe
-nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe
-ziehen.«</p>
-
-<p>Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor
-das Gesicht und weinte, daß es sie schüttelte,
-denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück,
-um den einen Mann zu sein, dem ihr Herz von
-Anbeginn gehört hatte, oder war es schrecklich,
-da Wirtschafterin zu sein, wo sie von rechtswegen
-als Bäuerin hingehört hätte.</p>
-
-<p>»Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um,
-»Meta, glaubst du denn, ich wäre so ein grundschlechter<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-Kerl, daß ich dich bloß für meine Bequemlichkeit
-haben wollte? Ich habe die ganzen
-Jahre an dich gedacht, wo ich ging und stand,
-und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein,
-Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz
-anders.«</p>
-
-<p>»So alt sind wir beide noch nicht, und wenn
-auch, wir sind regelrecht versprochen gewesen
-und du sollst meine Frau werden, denn so haben
-wir es uns gelobt.«</p>
-
-<p>Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen
-liefen ihm über das Gesicht: »Göde, o Gott,
-Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen
-Tag wäre!«</p>
-
-<p>Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie
-fest an sich und mußte auch weinen.</p>
-
-<p>»Nu kiek einer an! Hat man so was schon
-belebt,« schrie es hinter ihnen. »Wir warten und
-warten, aber keine Meta und kein Hansbur
-will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta,
-schon so alt und noch so leichtsinnig, und Hansbur,
-redet lang und breit von Erbschaftssachen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich,
-daß unser alter Bolze Junge kriegt!«</p>
-
-<p>»Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn
-dann könntet ihr was gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit
-und weltlicher Fleischeslust und dem
-Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt
-und es ist lange Vesperzeit. Ich will man schon
-vorlaufen.«</p>
-
-<p>Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und
-Meta aber hatten den Sturm hinter sich; er
-hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf
-gegen seine Schulter, und ihre rechte Hand war
-in seiner linken.</p>
-
-<p>So gingen sie langsam durch die hohen
-Fuhren, und es war ihnen, als wenn es Mai
-war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich.</p>
-
-<p>Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg
-standen und sich abküßten, sahen ihnen
-verwundert nach, aber keins lachte, denn der
-Mann und die Frau sahen aus, als wenn sie
-geradewegs aus dem Paradiese kamen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur
-nach Hause ritt; die Krammetsvögel zogen
-und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer.</p>
-
-<p>Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu
-viel Frieden war in ihm.</p>
-
-<p>Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die
-Mädchen hinter ihm her:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen,<br /></span>
-<span class="i0">Zu dem Tore reit ich hinaus,<br /></span>
-<span class="i0">Schatz, du bleibst mir auserkoren,<br /></span>
-<span class="i0">Bis ich wieder komm nach Haus.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-261.png" alt="Das Altenteil" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Altenteil">Das Altenteil.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen
-in die Dönze: »Detta und Sophie,« sagte
-er und legte ihnen die Hände auf die
-Schultern, »was ich euch jetzt sage, wird
-euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien
-und dann zieht eine von euch weg von hier
-und die andere hat ihren Mann.</p>
-
-<p>Bevor ich eure selige Mutter kannte, war
-ich mit einer anderen versprochen. Wie es kam,
-daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier
-nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern
-war ich bei ihr und in vier Wochen wird sie
-meine Frau.«</p>
-
-<p>Er wartete einen Augenblick und sah aus
-dem Fenster, dann machte er es auf und rief<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die
-Schweine laufen ansonsten in den Blumengarten!«
-Dann ging er aus der Dönze.</p>
-
-<p>Die Mädchen standen da und sagten nichts.
-Zuletzt fing Sophie an zu weinen: »Es ist eine
-Schande.«</p>
-
-<p>Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins
-Wort: »Ja, das ist es, daß du gegen unseren
-Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was
-Vater tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.«</p>
-
-<p>Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als
-das Aufgebot erfolgte und es gab viel Kopfschütteln
-und Gerede nach der Kirche. Als
-abends im Alten Kruge der Sägemüller seine
-Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du
-hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und
-da lachte alles, aber nicht über den Hansbur.</p>
-
-<p>Der ließ sich wenig sehen und als er einmal
-in das Dorf kam und der Vorsteher ihm zu
-verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß
-er noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein
-guter Rat ist des anderen wert; paß' auf: behalte<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-deine Meinung für dich, Burvogt, und
-wenn du das nicht aushalten kannst, so berede
-dich mit deiner Frau im Bette. Und wenn ich
-dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine
-Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage
-genug danach.«</p>
-
-<p>Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen
-und so getan, als wenn er bloß Spaß gemacht
-hätte und sich lang und breit entschuldigen
-wollen, aber der andere sagte: »Ja, sagte der
-Zaunigel, so bin ich nun mal: warum setzt du
-dich gerade auf mich?«</p>
-
-<p>Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit
-wäre paßlicher, aber Hehlmann hatte gesagt:
-»Nix da! Brauchen wir uns denn was zu
-schämen? Wenn der Hansbur freit, soll man
-es zehn Meilen in die Runde hören.«</p>
-
-<p>So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei
-Hof rund, und an die aus der Bekanntschaft, die
-zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und
-es wurde eine Hochzeit, wie man sie lange nicht
-belebt hatte, denn der ganze Vorstand von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen
-gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren
-Frauen, so daß es alles in allem an die dreihundert
-Menschen waren; und Vodegel saß
-allein im Kruge und ärgerte sich, denn er hatte
-nicht angenommen.</p>
-
-<p>Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine
-großmächtige silberne Bowle mit einem Schilde
-und darauf war zu lesen, daß die der landwirtschaftliche
-Verein in Dankbarkeit seinem
-lieben zweiten Vorsitzenden zu seinem Ehrentage
-geschenkt hatte.</p>
-
-<p>Als das Essen meist zu Ende war, stand der
-Ehrenvorsitzende des Vereins, der Graf Kettenburg,
-auf und alle Augen wurden rund, als er
-eine schöne Rede hielt und zum Schluß im
-Namen des Königs dem Bräutigam einen Orden
-überreichte wegen seiner Verdienste um die
-Landwirtschaft, und als er zu der Braut ging,
-und ihr die Hand drückte, da sagte sich Meta,
-daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren
-gut machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p>
-
-<p>Wer sich aber am meisten freute, das war
-Durtjen; die saß auf ihrem Stuhle und weinte
-und aß abwechselnd, und ihr Hermen bekam es
-mit der Angst, denn daß seine Frau das Weinen
-kriegte, das hatte er noch nie belebt.</p>
-
-<p>Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta
-gestellt und Sophie hatte die silberne Bowle und
-die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr
-in die Augen gestochen, als daß sie noch länger
-die Kalte spielen konnte, zumal der Bäuerin die
-Gutherzigkeit aus den Augen sah.</p>
-
-<p>Außerdem war die Hochzeit für sie selber
-auch wichtig, denn beim Essen hatte der Sekretär
-des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen,
-und einen so klugen und lustigen Mann hatte
-sie ihren Tag noch nicht kennen gelernt und
-noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können.</p>
-
-<p>Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll
-und zu heiß war, gingen sie in den Hof und
-vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten
-in die Haide und hinterher wußte Sophie gar
-nicht, was sie von sich denken sollte, denn sie<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen
-und nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder
-geküßt und auch nicht bloß einmal.</p>
-
-<p>Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom
-Hofe fuhr, da winkte sie ihm aus ihrer Dönze
-nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins
-Bett und nahm sie in den Arm und weinte ganz
-gottsjämmerlich und sagte, sie sei ein schlechtes
-Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut
-und so schön anzusehen.</p>
-
-<p>Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der
-drei Tage anhielt, denn da kam ein Brief und
-nun war alles gut und sie lachte und sang den
-ganzen Tag und war zu ihrer Stiefmutter der
-reine Honig, so daß Hehlmann den Kopf schüttelte
-und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie
-Hermen es machte, wenn seine Frau verlangte,
-daß er lachen sollte.</p>
-
-<p>Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie
-ihrem Vater in den Versuchsgarten nach und
-sagte: »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich
-muß heiraten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p>
-
-<p>Der Bauer machte runde Augen und lachte:
-»Du mußt? Ich denke, ich habe eine feine Dame
-zur Tochter und nun freit sie ganz nach der
-alten Art! Bis wann mußt du denn freien?«</p>
-
-<p>Sophie trampte auf und gab ihrem Vater
-einen Schlag auf den Arm: »So ist das nicht,
-bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid
-weißt: der Sekretär Sunder und ich, wir
-sind uns einig und da haben wir uns das
-so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten
-zu der Schreiberei. Nun liegt am Toten Ort
-doch die alte Mühle. Beckmann will gern verkaufen;
-er ist zu alt und Kundschaft hat er
-kaum mehr. Ich habe die Mühle und das nötige
-Land schon an die Hand gekauft.«</p>
-
-<p>Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte
-aber: »Man weiter!« und Sophie fuhr fort: »Der
-Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Beeke
-erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die
-Wittbeeke und dann ist allerhand Boden da,
-warmer und frischer, leichter und besserer. Nun
-haben wir uns das überlegt, daß wir einen<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-besseren Platz gar nicht bekommen für das, was
-wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft
-haben, in der Hauptsache aber Fische,
-Geflügel, Obst und Gemüse ziehen, alles nur
-beste Sorten.«</p>
-
-<p>»Karl«, sie wurde rot und Hehlmann lachte,
-»Herr Sunder sagt, in zwei Jahren spätestens
-bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir
-aus dem ersten Bröddel heraus. Wir wollen
-ganz langsam anfangen; die Brut- und Zuchtanlagen
-sollen erst aus lauter alten Brettern
-gemacht werden. Karl kriegt das alles billig.«</p>
-
-<p>»Einrichten tun wir uns erst ganz klein,
-denn unser Geld brauchen wir für die Wirtschaft.
-So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse
-und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt
-er noch etwas dazu.«</p>
-
-<p>Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine
-Puppe gegen ihn war, um und kniff sie in die
-Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen:
-dumm bist du nicht. Und der Karl Sunder ist
-mir auch nach der Mütze. Ich habe seinen Vater<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter
-Mann und hat aus der alten Klippmühle, die
-er von seinem Vater hatte, etwas gemacht, trotzdem
-daß er vier Geschwister abzufinden hatte.«</p>
-
-<p>»Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen
-habe, denn ihr wollt womöglich schon
-morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir
-mit der? Die können wir doch nicht so lange
-in den Backofen schieben? Na, dann schreibe
-man deinem Karl, er soll so bald wie möglich
-kommen, daß wir alles in die Reihe bringen.«</p>
-
-<p>Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er
-kommt heute Nachmittag schon.« Der Vater
-sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr
-habt 'n guten Schritt am Leibe; für euch brauch
-ich nicht bange zu sein.«</p>
-
-<p>Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf
-den Hof. Als Detta sah, wer darin war, bekam
-sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze.</p>
-
-<p>»Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann,
-als er sah, wer der Besuch war. Es war der
-Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch,<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-einer der besten Züchter im Lande, mit dem
-Hehlmann gut bekannt war.</p>
-
-<p>Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht,
-der ebenso lang und ebenso ruhig war, wie der
-Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des
-landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt.</p>
-
-<p>Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer
-zu seinem Sohn: »Wenn alles glatt geht, kommst
-du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon
-den Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger
-Kerl!«</p>
-
-<p>Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht,
-dann kann aus der Freierei vorläufig nichts
-werden.«</p>
-
-<p>Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur
-gefiel der Freier, zumal Detta ihm sagte, einen
-anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn
-abgemacht, daß der junge Ehemann über den
-Hof und alles Land, was unter dem Pfluge war
-oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben
-sollte; das Unland aber behielt Hehlmann sich vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p>
-
-<p>Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit
-gefeiert; Mönchmeyer, jetzt Hehlmann genannt,
-trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne
-in die alte Mühle und der Altvater Hehlmann
-und Meta richteten sich das Altenteilerhaus ein.</p>
-
-<p>Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten
-genug zu tun, zumal Hehlmann ein Stück Haide
-nach dem anderen anforstete und Meta bald
-auf dem Hofe und in der Mühle Großmutter
-spielen mußte. Als sechs Jahre hin waren, da
-war sie sechsfache Großmutter.</p>
-
-<p>Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch
-Hehlmann war nicht mehr so blond wie vordem,
-aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd
-sagte zu ihrem Hinnerk: »Junge, wenn du mal
-so alt bist, wie unser Altvater, ich möchte bloß
-wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie
-er sich mit seiner Meta. Erst dacht' ich, ich
-sollt' darüber lachen, aber wenn ich denke, wie
-andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn
-sie alt sind, dann bedünkt mich, so ist es doch
-besser.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p>
-
-<p>Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie
-die Forke wieder zur Hand und warf weiter
-Mist aus und sang dabei das Lied von dem
-roten Husaren, der sein Liebchen bis über den
-Tod hinaus liebt.</p>
-
-<p>Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde
-Meta krank; sie hatte sich schwer erkältet und
-wollte sich gar nicht wieder herausmachen. Sie
-behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf
-den Füßen und die Besinnung ließ zu Zeiten
-bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was
-zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe
-gelebt hatte. Aber sie war glücklich, vorzüglich,
-wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im
-Arm hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst
-nicht warm wurde.</p>
-
-<p>Gegen den Sommer wurde es besser mit
-ihr, so daß sie im Hause hin- und hergehen und
-Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte;
-des Abends aber kamen ihr meist die Gedanken
-durcheinander und dann hatte sie sich, als wenn
-sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-er sie zu Bett brachte, lachte sie vor sich hin
-und sagte: »Nicht so laut, die andern brauchen
-da nichts von zu wissen.«</p>
-
-<p>Als die Birken gelb werden wollten, kam
-Göde eines Abends nach Hause und fror; er hatte
-sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und
-in der Haide wehte eine scharfe Luft. Am
-anderen Tage ging es ihm sehr schlecht und
-als es am dritten Tage nicht besser mit ihm
-werden wollte, wurde nach dem Doktor geschickt.</p>
-
-<p>Der machte eine krause Stirn und als er an
-dem Kranken herumgehorcht hatte, sagte er:
-»Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir
-ihn nicht durch; er hat eine ganz gefährliche
-Lungenentzündung.«</p>
-
-<p>Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr
-Mann krank war, auf einmal ganz gesund
-wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen.</p>
-
-<p>»Heute ist mir besser, Meta,« sagte der Kranke
-am sechsten Morgen. »Wir haben doch noch schöne
-Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span>
-Hände, die ganz mager geworden waren in den
-Tagen, drückten ihren Kopf an seine Brust.</p>
-
-<p>»Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er
-dann und ihr war, als wenn er sie küssen wollte.
-Aber er schlief schon wieder ein.</p>
-
-<p>Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte,
-lag er tot im Bette und hatte ein freundliches
-Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl
-neben dem Ofen und schlief vor Schwäche.</p>
-
-<p>Die Bäuerin schlug die Schürze vor das
-Gesicht und ging schnell über die Deele und
-winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen
-aufhören, denn sie sang wieder:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es war einmal ein roter Husar,<br /></span>
-<span class="i0">Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr,<br /></span>
-<span class="i0">Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,<br /></span>
-<span class="i0">Die Liebe nahm kein Ende mehr.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-277.png" alt="Die beiden Tauben" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_beiden_Tauben">Die beiden Tauben.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen
-bestimmt, daß er ganz nach der alten
-Art begraben werden wolle, denn damals
-war schon die Mode aufgekommen,
-daß schwarz getrauert wurde.</p>
-
-<p>Um ihn aber sollte weiß getrauert werden,
-auch wollte er keinen hohen Sarg haben und
-keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein
-Pfahl und kein Kreuz zu stehen kommen.</p>
-
-<p>Er wurde in das Notlaken eingenäht, das
-Meta aus selbstgesponnenem Flachse gewebt und
-genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen
-an den Sterbekittel und zog ihm die weiße
-Sonntagszipfelmütze über.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span></p>
-
-<p>Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der
-Deele und war mit dem Leichlaken zugedeckt,
-und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei
-alte hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier
-springende Pferde waren.</p>
-
-<p>Rechts von der großen Türe hingen die
-beiden Seelenlaken an der Wand herunter, damit,
-wenn der Tote noch einmal zurückkäme,
-er doch einen Platz für sich fände.</p>
-
-<p>Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause
-die Fenster der Schlafdönze nicht offen standen
-und daß das Bettstroh, auf dem der Altvater
-gestorben war, bis auf eine Hand voll verbrannt
-wurde, und daß der Backenstuhl, in dem der
-Alte neben dem Ofen gesessen hatte, umgestoßen
-wurde.</p>
-
-<p>Durtjen warf die Waschschale, aus der der
-Tote gewaschen war, entzwei und grub sie ein
-und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg,
-denn Meta, die von Detta in das Wohnhaus gebracht
-war, war so hinfällig, daß sie an nichts
-denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span>
-Dönze und sang leise aus dem Gebetbuche, aber
-keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge.</p>
-
-<p>Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken
-wurde herunter genommen. Mit freundlichem
-Gesichte lag der Bauer in dem eichenen,
-mit Rehmenruß schwarz gemachten Sarge, Bibel
-und Gesangbuch unter dem Kinn.</p>
-
-<p>Einer nach dem anderen von der Freundschaft
-ging über die Deele, nickte dem Toten zu
-und ging nach der Dönze, wo das Frühstück
-stand. Sie sprachen alle leise, die Männer, und
-die Frauen flüsterten. Es war ihnen, als wäre
-dieses ein ganz besonderes Begräbnis.</p>
-
-<p>Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl
-an der Zeit.« Da gingen sie alle aus der Dönze;
-einer nach dem anderen trat an den Sarg und
-gab dem Toten die Hand.</p>
-
-<p>Detta und Sophie, von Kopf bis zu den
-Füßen in dem weißen Klagelaken, weinten los,
-denn der Tischler stellte die Leuchter bei Seite
-und schloß den Sarg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span></p>
-
-<p>Er wurde aus der großen Tür getragen und
-auf das Wagenstroh gehoben. Durtjen reichte
-das Leichlaken her und Detta und Sophie, die
-hinter dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß
-es rechts und links lang herunterhing.</p>
-
-<p>Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine
-Schale Wasser aus und lief dann in die Dönze,
-um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel
-zuzuhängen.</p>
-
-<p>Der Großknecht stellte sich an den Kopf des
-Sattelpferdes und die Pferde zogen an und
-schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh
-mußten, das der zweite Knecht ihnen vor
-die Füße warf.</p>
-
-<p>Die Frauen aus der nächsten Freundschaft,
-alle in weißen Trauerlaken, gingen hinter dem
-Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die
-Männer, alle im Kirchenrock und hohem Hute.</p>
-
-<p>Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes
-Gotthard Georgius Hehlmann, den letzten Hansbur,
-den Notweg fuhren. Die Birkenbäume<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span>
-waren so gelb wie Gold und der Himmel war
-hoch und hell.</p>
-
-<p>»Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer
-zum roten Schmidt, »ein Tag, der ihm passen
-konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen
-tiefen Himmel.«</p>
-
-<p>Der andere nickte und wischte sich den
-Schweiß unter dem hohen rauhen Hute ab; er
-war recht alt geworden, und Meyer noch mehr
-und die Sonne war ihnen beschwerlich.</p>
-
-<p>»Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte
-Schmidt; »weißt du noch den Abend, als er dem
-Sägemüller das Schluckglas in das Maul schlug?
-Was war das für ein Kerl! So einer kommt so
-bald nicht wieder.«</p>
-
-<p>Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen,
-trotz der alten Feindschaft; das ist
-schön von ihm.«</p>
-
-<p>Als der Leichenzug meist bei der Kirche war,
-begab sich etwas, worüber sich alle wunderten.
-Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In
-ihrer Angst setzten sie sich auf das Leichlaken;<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-der Stößer nahm die schwarze Taube und flog
-mit ihr fort.</p>
-
-<p>Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben
-wurde, flog die weiße Taube auf; sie flog steil
-gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-284.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-285.png" alt="Das Seelenlaken" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Seelenlaken">Das Seelenlaken.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop drop-d">Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da;
-im Wohnhaus war bloß die Magd und
-die Witwe des Bauern zurückgeblieben;
-Meta war in der Dönze und die Magd
-räumte auf der Deele auf.</p>
-
-<p>Dieweil die Luft so klar und hellhörig war,
-brachte der Wind das Läuten der Lichteloher
-Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke
-tat sich die Dönzentür auf und Meta kam
-heraus.</p>
-
-<p>Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte,
-denn die Frau hatte ihre Sonntagsjacke an und
-ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und
-hielt den Kopf hoch und horchte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p>
-
-<p>Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn
-die Frau sah aus, wie ein seliger Geist; ganz
-weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren
-hell und stetig.</p>
-
-<p>Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken
-zu, stellte sich dicht davor, lachte ihm zu,
-streichelte es und sagte mit einer Stimme, die
-sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft
-kam: »Ja doch, mein Göde, ich komme ja schon!«</p>
-
-<p>Und da sah die Magd, daß das Tuch sich
-erst langsam und dann schneller bewegte und
-sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar
-sie sah, daß eine Maus auf die Erde fiel
-und in den Hof lief, wurde das Mädchen den
-Schreck drei Tage nicht los.</p>
-
-<p>Die alte Frau ging wieder in die Dönze
-zurück und die Magd hörte, wie sie erst so
-sprach, als antwortete sie jemand anders; dann
-hörte sie singen und zuletzt wurde es still.</p>
-
-<p>Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen,
-war Doris noch ganz weiß um die Nase von<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span>
-dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte,
-was sie belebt hatte.</p>
-
-<p>Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in
-die Dönze und sah die Frau mit dem Gesangbuch
-auf dem Schoß im Ofenstuhl sitzen. Sie
-ging hinein und sah, daß sie tot war.</p>
-
-<p>Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem
-Erntedanklied, das sie zuletzt gesungen hatte,
-und das fing an:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">HERR im himmel, GOTT auf erden,<br /></span>
-<span class="i0">Herrscher dieser ganzen welt!<br /></span>
-<span class="i0">Laß den mund voll lobes werden;<br /></span>
-<span class="i0">Da man DIR zu fuße fällt,<br /></span>
-<span class="i0">Für den reichen ernte-segen<br /></span>
-<span class="i0">Dank und opfer darzulegen.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p>
-
-<h2 id="Worterklaerung">Worterklärung.</h2>
-</div>
-
-<p class="center">1. Kapitel. <span class="larger">Der Bullerborn.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Pump</em>, Teich. <em class="gesperrt">Adebar</em>, Storch. <em class="gesperrt">Wohld</em>, wilder, angeflogener
-Wald. <em class="gesperrt">mülmen</em>, wirbeln. <em class="gesperrt">Hülse</em>, Stechpalme.
-<em class="gesperrt">Holder</em>, Hollunder. <em class="gesperrt">Ortstein</em>, Raseneisenstein. <em class="gesperrt">Dönze</em>, Wohn-
-oder Schlafstube. <em class="gesperrt">Totenhuhn</em>, Käuzchen. <em class="gesperrt">Windbrett</em>,
-Bretter, die den Dächern und Giebeln (bei diesen oft in Pferdekopfform)
-vorgenagelt sind, um zu verhüten, daß der Wind unter
-die Ziegel oder das Strohdach fährt. <em class="gesperrt">Machangel</em>, Wacholder.</p>
-
-<p class="center">2. Kapitel. <span class="larger">Adebarstag.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schlafbutze</em>, verschließbare Bettstatt in der Dönze. <em class="gesperrt">Flett</em>,
-der Teil der Hausdiele, auf der die Herdstatt ist. <em class="gesperrt">Wasserwarmbier</em>,
-Wöchnerinnen- und Krankensuppe.</p>
-
-<p class="center">3. Kapitel. <span class="larger">Der Beifinger.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nägelchen</em>, spanischer Flieder. <em class="gesperrt">Wigelwagel</em>, Pirol,
-Pfingstvogel. <em class="gesperrt">Beeke</em>, Bach. <em class="gesperrt">Rehmen</em>, Rauchfang über dem
-Herd. <em class="gesperrt">Post</em>, ein Strauch, Myrica gale, auch Gagel genannt.</p>
-
-<p class="center">4. Kapitel. <span class="larger">Das Hausbuch.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fuhre</em>, Föhre, Kiefer. <em class="gesperrt">Fuhrentelgen</em>, Kiefernzweige.
-<em class="gesperrt">Kartjen</em>, Kartenspielen. <em class="gesperrt">Schnucke</em>, Haidschaf. <em class="gesperrt">Beilade</em>, ein
-kleiner Kasten mit Deckel in Truhen.</p>
-
-<p class="center">5. Kapitel. <span class="larger">Das Osterfeuer.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schmustern</em>, schmunzeln. <em class="gesperrt">Jesuwundenkraut</em>, Schöllkraut,
-Chelidonium majus. <em class="gesperrt">Zwille</em>, Astgabel. <em class="gesperrt">Lüttjemagd</em>,
-Kleinmagd. <em class="gesperrt">prahlen</em>, überlaut reden.</p>
-
-<p class="center">6. Kapitel. <span class="larger">Im Ruhhorn.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Burgfried</em>, befestigter Speicher. <em class="gesperrt">Heermännken</em>, Wiesel.
-<em class="gesperrt">Haidschauer</em>, Schuppen in der Haide. <em class="gesperrt">Bracke</em>, lautjagender
-Hund. <em class="gesperrt">Sandbrink</em>, Sandberg. <em class="gesperrt">Bickbeere</em>, Heidelbeere.<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span>
-<em class="gesperrt">Kronsbeere</em>, Preißelbeere. <em class="gesperrt">Gnitte</em>, winzige Mücke, Gelse.
-<em class="gesperrt">Vagelbund</em>, Vagabund. <em class="gesperrt">weifen</em>, schlagen.</p>
-
-<p class="center">7. Kapitel. <span class="larger">Die Grenze.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Beiderwand</em>, derbes, eigengemachtes Zeug. <em class="gesperrt">Adder</em>, Otter,
-Giftschlange (plattdeutsches Wort). <em class="gesperrt">minne</em>, gering. <em class="gesperrt">Tange</em>,
-Zange, Hundename. <em class="gesperrt">Heidenbrink</em>, Hügel in der Heide, auf
-dem ein Hünengrab steht. <em class="gesperrt">Fuhrendickung</em>, schwer zu
-durchdringender junger Kiefernwald.</p>
-
-<p class="center">8. Kapitel. <span class="larger">Am Toten Ort.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Marodebruder</em>, Marodör. <em class="gesperrt">schlumpen</em>, glücken.
-<em class="gesperrt">gnicken</em>, mit einem Gnickstich töten. <em class="gesperrt">Markwart</em>, Eichelhäher.
-<em class="gesperrt">Schmoorboden</em>, weicher, schwarzer Waldboden.
-<em class="gesperrt">Schudder</em>, Schauer. <em class="gesperrt">Celler Mascher</em>, Bewohner der Vorstadt
-an der Allermarsch bei Celle, wo früher allerlei Volk
-wohnte, das Zigeunerblut im Leibe hatte.</p>
-
-<p class="center">9. Kapitel. <span class="larger">Der Blumengarten.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">hujahnen</em>, gähnen. <em class="gesperrt">Reethalm</em>, Rohrhalm. <em class="gesperrt">Danzeschatz</em>,
-Tanzschatz. <em class="gesperrt">Fürtuch</em>, Schulter- oder Brusttuch. <em class="gesperrt">Stegel</em>,
-Uebertritt in der Einfriedigung, <em class="gesperrt">Heidbrink</em>, Heidberg. <em class="gesperrt">Altmutter</em>,
-Großmutter.</p>
-
-<p class="center">10. Kapitel. <span class="larger">Die Eule.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">wesen</em>, sein. <em class="gesperrt">Trankrüsel</em>, Tranlampe. <em class="gesperrt">hille</em>, eilig.
-<em class="gesperrt">Bunter</em>, ein Tanz, der kein Rundtanz ist. <em class="gesperrt">diesige Luft</em>,
-dicke, weiche Luft. <em class="gesperrt">Morgenzeit</em>, erste Mahlzeit.</p>
-
-<p class="center">11. Kapitel. <span class="larger">Der Notweg.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Herzspann</em>, Magendrücken, Atemnot.</p>
-
-<p class="center">12. Kapitel. <span class="larger">Doppelte Liebe.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schruthahn</em>, Truthahn. <em class="gesperrt">Borgfarken</em>, männliches
-Ferkel. <em class="gesperrt">Schatull</em>, Glasschrank. <em class="gesperrt">Burmal</em>, Versammlung
-der Bauern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p>
-
-<p class="center">13. Kapitel. <span class="larger">Auf der Wildbahn.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">wahn</em>, sehr groß. <em class="gesperrt">Hahnjökel</em>, Unsinn. <em class="gesperrt">Pattweg</em>,
-Fußweg. <em class="gesperrt">Duffsinn</em>, Blödsinn. <em class="gesperrt">raum</em>, licht, lückig. <em class="gesperrt">benaud</em>,
-beklommen oder verbiestert. <em class="gesperrt">Wurfboden</em>, die Wurzelballen
-vom Sturm geworfener Bäume. <em class="gesperrt">Wildpret</em>, weibliches Rotwild.
-<em class="gesperrt">Stangenort</em>, jüngerer Waldbestand. <em class="gesperrt">Stuken</em>,
-Baumstumpf. <em class="gesperrt">Grauartsche</em>, Hänfling. <em class="gesperrt">Buttervogel</em>,
-Schmetterling. <em class="gesperrt">Kaßmännken</em>, Zweieinhalbgroschenstück.
-<em class="gesperrt">Eidig</em>, volkstümlicher Wilddieb.</p>
-
-<p class="center">14. Kapitel. <span class="larger">Grummet.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaff</em>, Spreu. <em class="gesperrt">Dietweg</em>, unbefestigter Fahrweg. <em class="gesperrt">Leit</em>,
-Zügel. <em class="gesperrt">Schoof</em>, Bund. <em class="gesperrt">Fluckerhut</em>, Zeughaube in Helgoländerform.</p>
-
-<p class="center">15. Kapitel. <span class="larger">Der Blaurand.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Horüdho</em>, Jagdschrei. <em class="gesperrt">Hatten Lena</em>, Herzen Lena.
-<em class="gesperrt">Schlaf</em>, Schläfe.</p>
-
-<p class="center">16. Kapitel. <span class="larger">Herzbube.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt"><span id="corr288">Bewerbock</span></em>, Bekassine. <em class="gesperrt">Moorochs</em>, Rohrdommel. <em class="gesperrt">Uhlenvesper</em>,
-scherzhaft für eine mitten in der Nacht eingeschobene
-Mahlzeit bei Trinkgelagen. <em class="gesperrt">Faulbank</em>, Sofa.</p>
-
-<p class="center">17. Kapitel. <span class="larger">Die Moosbank.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">quant</em>, derb. <em class="gesperrt">anmoorig</em>, mooriger Sandboden. <em class="gesperrt">Bolze</em>,
-Kater. <em class="gesperrt">Tüte</em>, Regenpfeifer.</p>
-
-<p class="center">18. Kapitel. <span class="larger">Das Altenteil.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hahnenvesper</em>, ähnlich wie Uhlenvesper, nur gegen
-Morgen.</p>
-
-<p class="center">19. Kapitel. <span class="larger">Die beiden Tauben.</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Notweg</em>, Totenweg. <em class="gesperrt">Stößer</em>, Sperber.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>Die an den Kapitelschlüssen stehenden Hakenkreuze
-finden sich in vielen Teilen der Welt, namentlich aber
-auch in Nord- und Mitteleuropa (hier bereits etwa seit
-5000 Jahren), als mythische Zeichen an Geräten, Waffen,
-Felsen usw. Man sieht in ihnen Sonnen-, Feuer-, Lebens-,
-Fruchtbarkeitssinnbilder, Glück- und Heilbringer.</p>
-
-<p>Ihre Auswahl geschah durch den Dichter in Anlehnung
-an den Inhalt der einzelnen Kapitel. Er folgte
-wohl althergebrachten oder volkstümlichen Deutungen
-bzw. Deutungsversuchen der verschiedenen Abarten des
-Hakenkreuzes (wie »Morgensonne«, »Abendsonne«,
-»Männlichkeit«, »Weiblichkeit«), oder aber er wurde
-zu dem Entschluß, ihnen den betreffenden Platz zuzuweisen,
-rein gefühlsmäßig durch den unmittelbaren
-graphischen Eindruck des jeweiligen Zeichens veranlaßt.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-293.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Bücher von Hermann Löns<br />
-<span class="smaller">aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover</span>
-</p>
-</div>
-
-<p class="center">Illustrierte Ausgaben</p>
-
-<p class="h2">Sein letztes Lied</p>
-<p class="center smaller">
-Eine Auswahl der schönsten Jagdgeschichten<br />
-</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="noind">Ausgewählt und eingeleitet von Egon Frhr. v. Rapherr. Mit über 50,
-darunter 20 ganzseitigen Bildern von Paul Haase. Des Buch bringt
-auf 300 Seiten 34 der besten Jagdskizzen des Dichters.</p></div>
-
-<p class="center smaller">
-In Ganzleinen gebunden 8.50 Mark<br />
-In Halbleder gebunden 12 Mark
-</p>
-
-<p class="h2">Lüttjemann und Püttjerinchen</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="noind">Das Buch vereinigt die schönsten Heidemärchen von Hermann Löns.
-68 Originallithographien von Fritz Eggers sind mit des Dichters Meistermärchen
-eine untrennbare Einheit geworden. So ist ein Buch von seltener
-innerer und äußerer Schönheit entstanden, an dem alt und jung
-wirkliche Freude haben wird.</p></div>
-
-<p class="center smaller">
-In Halbleinen gebunden 5.&ndash; Mark
-</p>
-
-<p class="h2">Eulenspiegeleien</p>
-<p class="center smaller">
-Eingeleitet und herausgegeben von Traugott Pilf
-</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="noind">Eine Sammlung von 28 in Faksimile wiedergegebenen Postkarten mit
-Versen und farbigen Zeichnungen von Hermann Löns, der vielfach
-etwas Eulenspiegelhaftes im besten Sinne an sich hatte. Wie dem echten
-Till Eulenspiegel fehlt auch ihm niemals die Innerlichkeit des tiefen
-Gemütes, und so versteckt sich der Schmerz hinter dem Spott und die
-Weichheit hinter einem scheinbar harten Scherz.</p></div>
-
-<p class="h2">Goldhals</p>
-<p class="center smaller">
-Ein Tierbuch
-</p>
-
-<p class="h2">Aus Wald und Heide</p>
-<p class="center smaller">
-Geschichten und Schilderungen
-</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="noind">Diese beiden für die Jugend zusammengestellten Bände bringen eine
-Auswahl der schönsten Tier- und Naturschilderungen aus den Werken
-des Dichters und sind mit je 8 farbigen Vollbildern von Paul Haase
-und Erich Fricke geschmückt. Die Bücher sind besonders zu Geschenkzwecken
-geeignet.</p></div>
-
-<p class="center smaller">
-In Halbleinen gebunden je 5 Mark
-</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">Von beiden Bänden gibt es eine kleine Ausgabe mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen,
-die kartoniert 1.20 Mark kostet.</p></div>
-
-<p class="h2">
-Bücher von Hermann Löns<br />
-<span class="smaller">aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover</span>
-</p>
-
-<table summary="Buchliste">
-<tr>
-<td class="larger">Mümmelmann</td>
- <td class="tdr">Ein Tierbuch</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Widu</td>
- <td class="tdr">Ein neues Tierbuch</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Mein braunes Buch</td>
- <td class="tdr">Haidbilder</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Haidbilder</td>
- <td class="tdr">Neue Folge von »Mein braunes Buch«</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Da draußen vor dem Tore</td>
- <td class="tdr">Heimatliche Naturbilder</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Mein buntes Buch</td>
- <td class="tdr">Naturschilderungen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Der zweckmäßige Meyer</td>
- <td class="tdr">Ein schnurriges Buch</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Auf der Wildbahn</td>
- <td class="tdr">Jagdschilderungen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Kraut und Lot</td>
- <td class="tdr">Ein Buch für Heger und Jäger</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Ho Rüd' hoh</td>
- <td class="tdr">Jagderlebnisse</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Mein blaues Buch</td>
- <td class="tdr">Balladen und Romanzen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Dahinten in der Heide</td>
- <td class="tdr">Roman</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Die Häuser von Ohlenhof</td>
- <td class="tdr">Der Roman eines Dorfes</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc tdp2" colspan="2">In Ganzleinen gebunden 5.50 Mark</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Der letzte Hansbur</td>
- <td class="tdr">Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc tdp2" colspan="2">In Ganzleinen gebunden 6.50 Mark</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Mein niedersächsisches Skizzenbuch</td>
- <td class="tdr">Aus dem Nachlaß</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc tdp2" colspan="2">In Ganzleinen 7 Mark, in Halbleder 9.50 Mark</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Gedanken und Gestalten</td>
- <td class="tdr">Aus dem Nachlaß</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="larger">Für Sippe und Sitte</td>
- <td class="tdr">Aus dem Nachlaß</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc tdp2" colspan="2">Jeder Band in Ganzleinen gebunden 4.50 Mark</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="center">
-Preisänderungen vorbehalten
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere auch der großen Umlaute, wurden
-beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 31: elifen → eilfen<br />
-Er hatte <a href="#corr031">eilfen</a> Finger</p>
-<p>
-S. 45: lachen → Lachen<br />
-und es war rein zum <a href="#corr045">Lachen</a></p>
-<p>
-S. 49: Gnitte → Gnitten<br />
-trotz der Mücken und <a href="#corr049">Gnitten</a></p>
-<p>
-S. 62: sie → Sie<br />
-daß <a href="#corr062">Sie</a> gestern meinen Bengel beherbergt</p>
-<p>
-S. 79: Fleet → Flett<br />
-fand er im <a href="#corr079">Flett</a> ein Mädchen vor</p>
-<p>
-S. 112: steichelte → streichelte<br />
-Göde <a href="#corr112">streichelte</a> ihre Hand</p>
-<p>
-S. 135: ganz sich → sich ganz<br />
-Durtjen huschelte <a href="#corr135">sich ganz</a> fest an ihn</p>
-<p>
-S. 150: alle → all<br />
-Seitdem wurde er da <a href="#corr150">all</a> sein Wild los</p>
-<p>
-S. 161: Helloh → Hehlloh<br />
-im <a href="#corr161">Hehlloh</a> dicht am Königlichen</p>
-<p>
-S. 191: Fleet → Flett<br />
-ganz allein mit Anna auf dem <a href="#corr191">Flett</a></p>
-<p>
-S. 201: ihn → ihm<br />
-und sich dicht bei <a href="#corr201">ihm</a> zu stellen</p>
-<p>
-S. 219: Reth → Reet<br />
-um den altes <a href="#corr219">Reet</a> stand</p>
-<p>
-S. 244: Vetta → Detta<br />
-als auch <a href="#corr244">Detta</a> wieder in der Sonne</p>
-<p>
-S. 288: Beverbock → Bewerbock<br />
-<em class="gesperrt"><a href="#corr288">Bewerbock</a></em>, Bekassine.</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Hansbur, by Hermann Löns
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE HANSBUR ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-
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Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-005.png b/old/51517-h/images/illu-005.png
deleted file mode 100644
index be5c2ed..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-005.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-009.png b/old/51517-h/images/illu-009.png
deleted file mode 100644
index 0e2ce80..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-009.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-011.png b/old/51517-h/images/illu-011.png
deleted file mode 100644
index 3baa951..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-011.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-016.png b/old/51517-h/images/illu-016.png
deleted file mode 100644
index 156a0a7..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-016.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-017.png b/old/51517-h/images/illu-017.png
deleted file mode 100644
index b9356b1..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-017.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-028.png b/old/51517-h/images/illu-028.png
deleted file mode 100644
index 35cd5b7..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-028.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-029.png b/old/51517-h/images/illu-029.png
deleted file mode 100644
index 7bb72a5..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-029.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-037.png b/old/51517-h/images/illu-037.png
deleted file mode 100644
index 75a7772..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-037.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-039.png b/old/51517-h/images/illu-039.png
deleted file mode 100644
index a9f670f..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-039.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-046.png b/old/51517-h/images/illu-046.png
deleted file mode 100644
index 7e2cf3c..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-046.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-047.png b/old/51517-h/images/illu-047.png
deleted file mode 100644
index 61b2870..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-047.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-056.png b/old/51517-h/images/illu-056.png
deleted file mode 100644
index f7da254..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-056.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-057.png b/old/51517-h/images/illu-057.png
deleted file mode 100644
index b2d6e01..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-057.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-072.png b/old/51517-h/images/illu-072.png
deleted file mode 100644
index 902b171..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-072.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-073.png b/old/51517-h/images/illu-073.png
deleted file mode 100644
index 8163c4f..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-073.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-084.png b/old/51517-h/images/illu-084.png
deleted file mode 100644
index 4d77f2f..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-084.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-085.png b/old/51517-h/images/illu-085.png
deleted file mode 100644
index 1865b82..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-085.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-103.png b/old/51517-h/images/illu-103.png
deleted file mode 100644
index 65f1f3f..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-103.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-119.png b/old/51517-h/images/illu-119.png
deleted file mode 100644
index 20dc15b..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-119.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-133.png b/old/51517-h/images/illu-133.png
deleted file mode 100644
index 2c04b0d..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-133.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-135.png b/old/51517-h/images/illu-135.png
deleted file mode 100644
index 6940266..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-135.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-159.png b/old/51517-h/images/illu-159.png
deleted file mode 100644
index a3d073b..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-159.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-184.png b/old/51517-h/images/illu-184.png
deleted file mode 100644
index cad2450..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-184.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-185.png b/old/51517-h/images/illu-185.png
deleted file mode 100644
index fdcb1a5..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-185.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-201.png b/old/51517-h/images/illu-201.png
deleted file mode 100644
index 0eeb33b..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-201.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-217.png b/old/51517-h/images/illu-217.png
deleted file mode 100644
index 0cc8999..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-235.png b/old/51517-h/images/illu-235.png
deleted file mode 100644
index e6410e4..0000000
--- a/old/51517-h/images/illu-235.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-261.png b/old/51517-h/images/illu-261.png
deleted file mode 100644
index 2894c3a..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-277.png b/old/51517-h/images/illu-277.png
deleted file mode 100644
index 199f263..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-284.png b/old/51517-h/images/illu-284.png
deleted file mode 100644
index a8e17a1..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-285.png b/old/51517-h/images/illu-285.png
deleted file mode 100644
index 38bbb7d..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51517-h/images/illu-293.png b/old/51517-h/images/illu-293.png
deleted file mode 100644
index b5d9734..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ